LL6VL an die akademischen Inngiinge, ,Fber den Verein der Herzensveredlnng mit Ser Verstandesbildnng,'» gehalren in der Kirche des deutschen am neunten Sonntage nach Pfingsten, »um AchlH'e des AchLrljaßres 4842. — - — Lis bleibendes Verinsvkiniss Ner Liebs ei ^oss^U IHssnilr. Text: „Gott meiner Väter! gib mir die Weisheit." Buch der Weish. ix i —4. f 8S6V1 "Anbeute stehen wir am Ziele der diesjährigen akademischen Laufbahn, und da dringt sich uns Allen vie wichtige Frage auf: «Ob wir den Endzweck derselben glücklich erreicht haben? den Endzweck: Bildung des Verstandes und Veredlung des Herzens, oder Verstandes- und Herzcns- kultur, oder Wissenschaft vereint mit Tugend, oder wahre Weisheit, die zum Heile führt — nach dem Vorbilde Les göttlichen Heilandes.» Jesus Christus, Gott von Ewigkeit, ist in der Fülle der Zeit durch die Annahme der menschlichen Natur unser Bruder, in Allem unser Muster und Vorbild geworden, und hak uns ein Beispiel hinterlassen, dem wir nachfolgen sollen. Er zeigte bei jeder Gelegenheit nicht nur seinen allumfassenden Verstand, sondern auch sein liebevolles Herz: Dort, wo er weinet über die geheiligte Köuigsstadt Jerusalem und über den Untergang des auserwähltcn Volkes Israel; dort, wo er den einzigen Sohn einer trauernden Witwe aus den Armen des Todes in die Arme seiner freudigen Mutter zurückfübrt; dort, wo er dem trostlosen Jairus seine todtbeweinte Tochter wieder schenkt; dort am Grabe seines Freundes Lazarus, dem er selbst zuvor ein Thräncnopfer darbringt, ehe er ihn in's Leben zurück führt; dort in Gethsemane, wo er seinen Vcrräther mit dem schönen Frcundesnamen begrüßt; dort im hohenpriesterlichen Vorhofe, wo er einem treulosen Jünger sein Vergehen nur mit einem drohenden Blicke verweiset; dort auf Golgatha, wo noch von seinen sterbenden Lippen ein Gebet für seine Mörder tont. Das sind nebst tausend andern Zügen im Leben Jesu eben so viele Beweise, daß er mit seinem allumsassendcn Verstände auch das liebcvolleste Herz vereinte. Akademische Freunde! Wir als Christen haben den hohen Beruf dem Muster nachzuahmen, welches uns Jesus im Leben und Sterben aufgestellt hat; daher müssen auch wir, wenn wir uns seines Beifalles erfreuen wollen, mit der Verstandesbildung zugleich die Hcrzensvcredlung verbin¬ den, worin eben der Endzweck der akademischen Laufbahn besteht. Diese Wahrheit ist wichtig für alle Stndirendcn, und besonders wichtig für jene aus Ihnen, die nun bald von der philosophischen Lehranstalt scheiden und sich den höher» Berufsstudien widmen werden. Ihnen sowohl, denen ich heute zum letzten Male das Wort Gottes verkünde, als auch Ihnen, denen ich es, wenn uns Gott Leben und Gesundheit schenkt, nach zweimonatlichen Ferien noch verkünde» werde. Ihnen Allen, was könnte ich Ihnen Allen heute beim Abschiede Wichtigeres und Wohlthuenderes zum bleibenden Vermächtnisse cnibicthen, als die Wahrheit: «Sie sollen in Ihrem ganzen Leben mit der V er sta n d csb i ld uu g immer zugleich Her¬ zensveredlung verbinden oder »ach wahrer Weisheit streben, die zum Heile führt.» Die Wichtigkeit dieser Wahrheit empfiehlt sich von sich selbst Ihrer Aufmerksamkeit und Beherzigung. Wer Ohre» hat zu hören, der höre; wer ei» weiches Herz hat zu fühlen, der fühle; wer kräftige» Willen hat zu handeln, der befolge treu diese Lebensmarime! Schon die Bestimmung, welche Sie, meine Freunde! zu den höher» Ständen haben, weiset bi» auf die Wichtigkeit der akademischen Laufbahn, die Sie betreten habe». Sic sind für die höher» Stände in der menschlichen Gesellschaft bestimmt und sollen schon jetzt den Entschluß fassen. 4 dem Stande, welchem sie sich widmen werden, zu seiner Zeit genau zu entsprechen, sich selbst und demselben Ehre zu machen, und zwar Jene, welche Priester werden wellen, durch wahren Geist des katholischen Priesterthums, durch solide philosophische und theologische Kenntnisse, durch einen unbescholtenen Charakter und gottesfürchtigen Lebenswandel, — Jene, welche zur praktischen Ju¬ risprudenz übergehen, durch unbestechliche Gerechtigkeit, durch rastlosen Eifer für Wahrheit und Reckt für jeden, auch den Gemeinsten im Volke, und durch männliche Standhaftigkeit, die in allen Stürmen gegen grobe und feine Rcchtsverdrehungen anshält, — Jene, welche sich in der Heilkunde dem Dienste der leidenden Menschheit weihen, durch stetes Fortschreiten in den nöthi- gen Kenntnissen, durch unverfälschte Menschenliebe und durch Bereitwilligkeit auch mit Gefahr der Gesundheit und des Lebens, wenn es nöthig ist, dem Kranken beiznspringen, — Jene, welche Beamte zu werden sich entschließen, durch gewissenhaften Diensteifer und Treue, durch Religiosität und gutes Beispiel, damit sic Gott leisten, was Gottes ist, und dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt. Wenn sie das thun, so werden Sie sich selbst und dem Staude, welchen Sie wählen, Ehre machen, und in Ihrem Berufe zur Ehre Gottes, zu Ihrem eigenen Glücke und zum Segen vieler Andern wirken und leben. Zu solch' einer segensreichen Wirksamkeit ist Verstandesbildung eine nothwendige Bedingung, von welcher jede freie Handlung abhängt: «Nichts wird gewollt, nichts gethan, was nicht vorher erkannt wird» (h. Augustin). Gleich einem guten Acker, der nur daun Früchte trägt, wenn er gehörig angebaut wird, muß die Erkenntnißkraft angcbaut, gebildet und immer besser ausgebildet werden, damit sie durch alle Klippen des Jrrthums sicher in den Hafen der Wahrheit gelange: «Kenntnisse bilden dieJugend, unterhalten das Alter, zieren den Glücks stand, geben im Leiden Zuflucht und Trost, übernachten, reisen und arbeiten mit uns» (Cicero). Jeder Wahrheitsliebende freuet sich, wenn er einen forschenden Jüngling gewahrt, der das Feld seines Verstandes mit uothwendigen und nützlichen Zweigen des menschlichen Wissens bereichert, den der Sonne erstes Morgeuroth schon bei den Quellen der Wahrheit findet, der im heißen Durste hinabsteigt in die Tiefen derselben, und dann freudig auflächelt, wenn er rufen kann: «Ich habe gefunden, entschleiert die Wahrheit.» Allein, ist dieser forschende Jüngling durch sein feuriges Streben nach Wahrheit oder durch seine Verstandesbildung schon das, was er seyn kann, seyn soll? Entspricht er schon vollkommen der Absicht seines Schöpfers, wenn er nur Wahrheiten für den Verstand suchet und ein kalter, thatenloser Denker bleibt? Hat er nicht auch ein fühlend' Herz, ein empfänglich' Gemüts) erhal¬ ten, das er veredeln soll, und welches von Natur aus dem sittlich Guten sich zuwendet, wie der Verstand der Wahrheit sich zuwendet? Wäre er mehr, als ein Halbmensch, wenn er zufrieden mit der Kultur des Verstandes die Kultur seines Herzens kaum einer Aufmerksamkeit würdigte? Nur dadurch kann er sich auf die höchste Stufe menschlicher Vollkommenheit erheben, wenn er diese beiden Erundkräfte der menschlichen Seele harmonisch entwickelt und gemeinsam bildet; nnr dann nähert er sich dem Ideale der sittlichen Vollkommenheit, welches uns in Christus erschienen ist, wenn das, «was der Verstand des Verständigen sicht, auch in Einfalt übet sein kindlich Gcmüth.» Darum steht ja auch Er, der Einzige, der Gottessohn, auch als Mensch auf der höchsten Vollendnngsstufe; darum spricht von ihm mit Begeisterung der Greis, preiset ihn der feurige Jüngling und huldiget ihm in Einfalt das lallende Kind, weil Verstand und Herz in gleicher Vollendung gebildet waren: «Er nahm zu an Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen.» (Luc. 2, 5o.) Weisheit ist Wissen und Handeln in Einem. Der Kirchen- und Staatsbeamte soll Mitar¬ beiten zur Ausführung des großen Zweckes der Menschheit, er soll handeln, er kann aber nur handeln, wenn er weiß oder Erkcnntniß besitzt. Derjenige, welcher handelt, aber kein Wissen bat, gleicht dem Blinden mit verjüngten Füssen; er lünft muthig vorwärts, führt aber sich und die erführen soll, in den Sumpf. Wer hingegen vieles weiß, aber nicht nach seinem Wissen handelt, gleicht dem Menschen mit gesunden Augen, aber gelähmten Füssen, er sieht das Ziel, und erreicht cs nie, gleicht dem Meilcnzcigcr, der dem Wanderer die rechte Strasse weiset, sich selbst aber nie von der Stelle bewegt. Nur Wissen und Handeln zugleich ist wahre Weisheit, die zum Heile führt, — und um diese flehete Salomon: «Gott meiner Väter! — gib mir die Weisheit». Ein gebildeter Verstand im Bunde mit einem edlen Herzen war in allen Zeiten ein herr¬ licher Scgcusbaum, der die heilsamsten Früchte trug; was bewirkte er aber ohne ein Herz rwll Liebe? Immer war und ist Verstandeskultur ohne Herzensgütc äußerst gefährlich und verderblich für eigenes und fremdes Wohl. Mau pflegt öfters zu sagen: Schade, daß der Mann bei einem so offenen Kopfe ein so verdorbenes Herz bat! Welch' ein Segen könnte er für seine Mitmenschen seyn! — und jetzt ist er ihre Geißel! Wenn seine Aufklärung rechter Art wäre und er sie recht verwendete, würde er nicht ein wahrer Wohlthäter der menschlichen Gesellschaft werden? Und nun ist er ein Satan, der die Fähigkeiten seines gebildeten Geistes wider den kehret, der sie ihm gegeben; er untergräbt mit seinem Witze und Spotte die Grundfesten des Glaubens und der Sittlichkeit, zerrüttet die Wohlfahrt ganzer Familien und mißbraucht alle Vorfälle, alle ihm vor- tbeilhaft scheinenden Anlässe, sie mögen recht oder unrecht seyn, so lange, bis sich für ibn der schändliche Zweck ergibt, den er erreichen will, Sättigung seiner Lüste oder seiner Gewinnsucht oder Befriedigung seines Egoismus. Was heißt aber dieses anders, als: «Der gute Kopf ohne gutes Herz ist zerstörend für die menschliche Gesellschaft. Einen überzeugenden Beweis für diese Behauptung finden wir in der Erfüllung der Weis¬ sagung Jesu im heutigen Evangelium. Jerusalems Bewohnern fehlte es weder am Verstände, noch Scharfsinne, sie wußten die Gesetze Mosis und die Worte der Propheten genau gegen einan¬ der abzuwägcn, und was sie noch nicht wußten, hörten sic von dem Eingebornen des Vaters, aus dem Munde der ewigen Wahrheit; aber ihre Herzen ohne Liebe spotteten der Wahrheit und ver¬ höhnten den göttlichen Lehrer; und wie die Hirten dachten, so auch die Herde, bis endlich Alle, Hirten und Volk unter Jerusalems Mauern, den Mißbrauch ihres Verstandes, ihren starren Wahnsinn büßen mußten. Aehulichcs wiederholte sich im Strome der Zeiten leider noch mehr, als Ein Mal. Oder was hat das Gebäude alter Staatsverfassuugen gewaltsam erschüttert und umgcstürzt und Tausende unter seinen Ruinen begraben, was hat friedliche Völker unterjocht, was hat Reiche zerrissen und verwüstet, was hat selbst im moralischen Reiche Gottes auf Erden traurige Spaltungen gestiftet? Jene Unterdrücker der Völker, jene Verführer der Unschuld, jene siegenden Prediger des Lasters, jene Verdreher des Rechtes, jene Urheber der Ketzereien, die der wahren Kirche, ihrer Mutter, Tausende, Millionen der Kinder in verschiedenen Zeiten und Ländern entzogen haben; cs waren immer Menschen von einem gebildeten Verstände, wodurch sic eine gefährliche Ucberlcgeuheit über Andere zu erringen wußten; aber sic mißbrauchten ihren Verstand, und mißbrauchten ihn darum, weil ihnen ein gebildetes, liebevolles Herz mangelte. Und das geschieht noch immer, man kann das Rechte wissen, und das Unrechte thun. Ach, meine Freunde! daß wir es bekennen müssen: Der Mensch kann das Beste wissen, und doch das Böseste thun — wissen und uuweise scpn — ein Wisser und ein Tbor seyn. Man kann das Gebot der Nächstenliebe wissen, rind doch den Bruder vor der Hausthüre schmachten lassen, also wissen und doch unweise seyn. Man kann die Wahrheit, daß ohne herrschende Ord¬ nungsliebe kein Haus, keine Bilduugsaustalt, keine Stadt und kein Staat bestehen kann, wissen und doch Unordnung aurichten, also wissen und unweise seyn. Man kann wissen, daß das jugend¬ liche Alter ohne Beherrschung seiner glühenden Triebe weiter nichts sey, als ein wilder, allver- 6 zehrender Fenerstrom, der zuerst den Jüngling selbst, und durch ihn die Nachbarn verheeret, zu¬ erst das Hans, in dem das Feuer zum Ausbruche kam, und daun die benachbarten Häuser ver¬ wüstet; man kann das wissen und einsehen, und doch Oehl in die Flamme schütten oder schütten lassen, also wissen und unweise seyn. Das Wissen ist als Wissen im Kopfe, der das Wahre ein¬ sieht und ordnet — die Weisheit im Willen, der das Gute liebt und vollbringt. Die Furcht des Herrn vereiniget Kopf und Herz, Gedanken und Entschluß, macht den Wisser zum weisen Manne; sie ist es, die unser Wissen in Weisheit verwandelt — und diese Weisheit ist der End¬ zweck der akademischen Laufbahn. Welchen Werth hätte auch der Jüngling, der seinen Verstand bildet und über alle Gegen¬ stände des menschlichen Wissens eben so gründlich, als angenehm zu sprechen weiß, wenn aber alle Wissenschaft sein Herz zn veredeln und seine Sitten zu mildern nicht vermöchte? Was würde Ihnen, meine Freunde! all' ihr bisher mühsam errungenes Wissen für einen Werth geben, wenn dabei Ihre Herzen kalt und öde, unempfänglich für's Gute und Edle bleiben, nicht auch für das Heilige und Göttliche in frommer Begeisterung erglühen könnte? — Bewundert könnten sie wohl werden und Staunen dürften Sie vielleicht erregen, wenn Sie die Tiefen des menschlichen Wissens zu erspähen das Glück hätten; aber auf moralischen Werth würden Sie verzichten müssen, wenn durch Ihre erworbenen Kenntnisse nicht auch Ihre Herzen veredelt würden. Mag der Mensch durch seines Geistes wunderbare Macht das Wilde bezähmen, das Schnelle fesseln, das Listige überlisten und Alles für seine Zwecke benützen können; mag er dem Blitze seine Bahn vorzeichnen und die Gewalt des Giftes durch Gegengift zu brechen wissen, wenn er alle diese Mittel nicht aus guter Gesinnung zu höhcrn Zwecken verwendet und dabei sein Herz zn veredeln vernachlässigt, so hat er sich keinen moralische» Werth erworben. Wüßte auch irgend Einer all' die Millionen Sterne bei ihren Namen zu nennen und hätte alle Gesetze erforscht, nach welchen die leuchtenden Welten am Firmamcnte ihre gehcimnißvolle Bahn dahin wandeln; wäre ihm von der hohen Ceder bis zum Afvp, von der Eintagsfliege bis zum Seeuugeheuer in der ganzen Schöpfung kein Gegenstand unbekannt; hätte er auch gelesen und behalten, was alle Dichter der Vorzeit und Mitwelt gesungen und was all' die Weisen in Hellas und Latium gründlich und scharfsinnig gedacht und geschrieben; wäre er in jeder Knust und Wissenschaft bis auf ihre letzten Gründe eingedrungcn, und am Verstände — selbst den En¬ geln gleich geworden; er könnte doch ein Satan seyn, wenn er nicht auch ein edles, liebevolles Herz im Busen trüge, — und um so gefährlicher für die Menschheit, wenn sein Verstand in eben dem Grade aufgeklärt, als sein Herz verwildert wäre. Erst ein cdelgebildetcs Herz gibt dem aufgeklärten Verstände seinen vollen Werth, wie der heil. Panlus lehret (t Korinth. i3. i—4): «Wenn ich alle Sprachen d e r M e n s eh c n u n d d e r Engel redete, m i t h o h c r Begeisterung lehrte, alle Geheimnisse wüßte, alle Kenntnisse besässe, und den stärksten Glauben hätte; hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.» Wollen Sie, akademische Jünglinge! der menschlichen Vollendung höchste Stufe ersteigen; so streben Sie immerfort durch eine harmonische Bildung Ihrer sämmtlichen Kräfte für Ihren künftigen Beruf sich die höchste Tauglichkeit zu erwerben. Wie in Gott Vernunft und Wille, Weisheit und Heiligkeit nur Eins sind; so muß auch bei Ihnen Vernunft und Herz immer nur Eins seyn; — während die Vernunft die Bahn des Rechtes und der Tugend erkennt, darf daö Herz keine schiefe Richtung sich erlauben; während jene das Licht spendet, darf dieses die uöthige Wärme niemahls versagen^ Sie werden einst in Berufskreise treten, wo man an Geist und Herz zugleich große Forderungen machen wird, und wie werden Sie diesen genügen können ohne all- seitige harmonische Bildung? Auf Sie wird man hiudeuten, wenn das Vaterland oder einzelne Familien, wenn Staat oder Kirche ins Gedränge kommen; wie würden Sie den Erwartungen - ? - entsprechen, den Bedürfnissen abhelfen und die Gefahren bekämpfen können, wenn es Ihnen ent¬ weder an Geisteskraft oder an Herzenskraft mangelte? Nie möge sich Ihrer der Dünkel bemächtigen, daß der Mensch alles Wahre und Gnte auS sich selbst schöpfen könne. Nie mögen Sie sich dem Wahne bingcbcn, daß Sie schon am Ziele stehen; wohl gezeigt und angebahnt ist Ihnen der Weg zum Tempel der Wahrheit, ins Innere des Heiligthums sollen Sie erst noch treten, den Urquell des Lichtes werden Sie erst schauen, wenn dieses Lebens Vorhang sinkt. DeS Wahren und Guten und Schönen haben Sie bisher wohl schon Manches gesehen, und Manches auch geübt; aber vollkommen wahr und gut ist keiner, der noch in diesem Erdenlcben zum Vatcrlande pilgert. Vergessen Sie nie in Ihrem Leben, daß es ein menschliches Interesse gibt, welches heiliger ist und höher liegt, als alles Forschen und Grübeln, ich meine das ewige und unvcrtilgbare Be- dürfniß des Herzens nach Tugend und Seligkeit; — und dieses ewige, unvertilgbare Bcdürfniß kann nur durch wahre Geistesbildung und Herzeusvercdlung nach Anleitung der Vernunft und Offenbarung befriediget werden — kann nur befriediget werden durch Jesus Christus den An¬ fänger und Vollender unsers Heiles. «Es ist in keinem andern Heil, als in Jesus, denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, wodurch wir sollen selig werden.» (Apostelgeschichte 4. 12.) Sie, meine Theuern! sind bestimmt einst im Staate oder in der Kirche an der Bildung, Veredlung und Beglückung des menschlichen Geschlechtes zu arbeiten. Dazu sollen Sie sich bisher nach den Ihnen verliehenen Kräften und Mitteln gebildet haben und noch fernerhin fortbilden. Sie sind aus der großen Schaar Ihrer Altersgenossen herausgenommen und genießen die Mittel zu einer höhern Kultur, welche Eltern, Lehrer und Wohlthäter Ihnen zuwenden. O so erkennen Sie hierin den Ruf Gottes, und benützen Sie, was Ihnen gegeben ist, damit Sie, wenn Ihre Vorbereitungszeit vorüber ist, nur Segen unter Len Menschen verbreiten. Der Beruf Ihres jugendlichen Alters ist: in die wahre Wissenschaft immer tiefer einzu¬ dringen, das Wahre und Giue fleißig und eifrig zu erforschen, und dadurch Ihren Geist über das, was in Zeit und Ewigkeit das eine Nothwendige ist, aufzuklären. Der Beruf Ihres jugendlichen Alters ist auch: alle Ihre Gesinnungen und Handlungen mit den Gebothcn der christlichen Sitteulehre in vollen Einklang zu bringen, oder das erkannte Wahre und Gute in einem wohlgeordneten Leben darzustellen. Der Beruf Ihres jugendlichen Alters ist ferner: bei den Gefahren und Forderungen einer höhern Bildung sich desto tiefer im christlichen Glauben und in der Liebe, in Sclbstverläugnnng und Andacht fest zu gründen. — Festgegründet in wahrer Wissenschaft, im christlichen Glauben und in der Tugend werden Sie die Berufung zu der besonder» Wirksamkeit im Leben, über welche sie sich etwa »och nicht entscheiden können, gewiß um so richtiger vernehmen und treuer fcsthalten können, je entschiedener Ihr Streben nur auf Gott und seinen heiligen Willen gerichtet und Ihr Gemüth mit Gott vertrant ist. Glauben Sie es: Mangel an Wissenschaft, Tugend und Frömmigkeit ist das größte Hin¬ derniß, welches manchem studireuden Jünglinge die Wahl seines Berufslebens so sehr erschwert, und dann gewöhnlich der Grund einer unglückseligen Wahl und eines unzufriedenen Lebens ist. Aber wenn Sic, meine Theuern! ganz der Wissenschaft und Tugend leben, dann wird Gott, der für alle seine Kinder väterlich sorgt, und Alles nach seiner unerforschlichen Weisheit 8 lenket, und den Sie um seine Leitung kindlich anflehen, Ihnen den Weg zeigen, auf welchem Sie durchs Leben gehen, zu seiner Ehre, zu Ihrem eigenen und Ihrer Mitmenschen Heile wirksam seyn sollen. Sie aber, meine Lieben! welche sich schon für Ihren künftigen Lebensbernf entschieden haben, sollen öfters überdenken die Forderungen, die derselbe an Sie macht; arbeiten Sie im vertrauens¬ vollem Aufblicke zu Dem, der das Gedeihen gibt, unermühdet an Ihrer Bildung und Veredlung zu dem Berufe, der Ihnen von Gott angewiesen wird. Je treuer Sie jetzt in der Vorbereitungs- Periode an Ihrer Bildung und Veredlung zu Ihrem Lcbensberufe arbeiten, desto treuer und segensreicher werden Sie dann in demselben wirken, und desto ruhiger und freudiger einst entge¬ gen blicken dem großen Feierabende, wo jeder treue Arbeiter seinen verdienten Lohn empfangen wird! Darum, Akademiker! muß ich Ihnen zur Nealisirung Ihres Berufes eine Freundin und Lebensgefährtin jetzt in der Trcnnungsstnnde vorzüglich anempfehlen. Diese wird überall Ihren Verstand bilden, Ihr Herz veredeln, Ihrem Gemüthe Trost und Frieden geben. Es ist jene Freundin und Lebensgefährtin, für welche ich, so oft ich diesen Ort bestieget,, so gerne Ihren Verstand und Ihre Herzen gewinnen wollte, — und, wie ich hoffe, bei Manchem unter Ihnen wirklich gewonnen habe für Zeit und Ewigkeit. Ich meine die heiligende und beseligende Religion Jesu, die er, der Gottmensch, in seiner heiligen, apostolischen, katholischen Kirche hinterlegt hat. Lernen Sic ihren himmlischen Ursprung, ihren göttlichen Werth, ihre siegende Kraft und ihre un¬ vergängliche Schönheit immer besser kennen und würdigen, und ihre Gcbothe immer treuer befolgen. Sie — diese Tochter des Himmels — bewahret Ihnen das Kleinod des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe, damit es Ihnen keine Weltgestalt, kein Zeitlauf, kein Lcbensstrudcl raube; denn nur der Glaube an Gott, Christus und Ewigkeit hat noch einen Standpunkt — da, wo die Wcltgcstalt verschwindet; nur die Hoffnung auf Gott, Christus und Ewigkeit hat noch einen Ruhepnnct da, wo der Zeitkauf in steter Umdrehung des Rades immer nur eine andere Seite der Unruhe heranftreibt; nur die Liebe zu Gott, zu Christus und zum ewigseligen Leben bat noch einen Haltungspnnck da, wo der Lebensstrudel alles Zeitliche und Irdische im Abgründe verschlingt: «Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber u n t e r J h n e n i st d i e L i e be.» (l. Kor. i3, >5.) Großer Gott! wir loben Dich und preisen deine Güte für Gesundheit und Leben, für intellektuelle und moralische Kräfte, für alle Wohlthaten, die im Laufe dieses Studienjahres zu unser Bildung und Veredlung aus deiner väterlichen Hand uns zugeflosscn sind.— Erhalte un fern frommen Kaiser Ferdinand, dessen laudessiirstlicbc Sorgfalt über Schulen, Lehrer nnd Zöglinge wachet; unter Dessen mächtigem Schutze alles Rechte gedeihet nach dem Wahlsprnche: reott» tuen; unter Dessen friedliebender Negierung wir ungestört den Wissenschaften obliegen, ein friedliches und ruhiges Leben führen können in aller E h r b a r kei t u nd Gottseligkeit.» (i. Timoth. 2, 2.) — Segne diese Zöglinge des L a i b a ch e r-L y c en in s, und laß' sie, die jetzt noch beisammen sind als Schul-und Jugend¬ genoffen, als Freunde und Brüder, auch künftighin verbunden sepn durch das heilige Band der Liebe zu Dir, zum Kaiser und zum Baterlande. — Segne uns Alle und deine Gnade seh über uns;— «Dir geziemt Dank und Lobgesang!»