* Kleine gewählte Bibliothek Seelsorger. Zweiter Band. Mit hoher Bewilligung der kais. kö». Zofcensnr. § i l l i, V-y Franz Joseph Jenko, l 7 S 4. Georg Aloys Dietls Pfarrers zu Berg Homilien über die sonntäglichen Evangelien. Mit hoher Bewilligung der k. k. Hof- Censirr. C i l l i, bey Franz Joseph Jenko. 1 7 9 4- --5V. Am letzten Sonntage nach Pfingsten, nr^tth. 24. is. — Zs. heutige Evangelium handelt voll der Zer- störnng Jerusalems, und vom Untergänge der Welt. Es bedarf aber einer umständlicheren Erklärung, und man muß bis zu der Veranlassung zurückgehen, wenn es recht gefaßt werden soll. Jesus hat im Tempel gelehret ; hatte den Juden ihre Widersetzlichkeit verwiesen , und mit der T whung geschlossen: Sieh, euer HauS wird euch wüste gelassen! und ihr werdet mich nun bald nicht mehr sehen , bis ihr sprechen werdet: Hoch¬ gelobt sey, der da kömmt im Namen des Herrn .! — Mit diesen Worten hatte er sich aus dem Tem¬ pel entfernet. Uns sind diese Worte sehr deutlich. Die Ge¬ schichte hat ihren Sinn zum Theile schon enthüllet; und auch die andere Hälfte, die noch in ferner Ankunft liegt, ist uns hinlänglich aufgekläret. Wir stehen zwischen den zwo vocgesagten grossen Begebenheiten gleichsam in der Mitte — sehen zu- A 2 rück - (4) - rück auf den Schutt deö verfallenen Staats der ^uden; und sehen hinaus auf die Wiederkunft Jesu am Ende der Well, da das ungläubige und verstockte Israel noch wird gerettet werden. Rom. i i. Aber die Rede Jesu war für seine Jünger ein Räthsel. ES war damal noch nichts in die Er¬ füllung gegangen. Und sie waren Inden, und Lachten jüdisch. Nach ihrer Mcynung sollte der Tempel und die Stadt bis ans Ende der Welt ste¬ hen. Und dennoch hatte Jesus gesagt, beyde wür¬ den nach seiner Entfernung in den Staub gelegt werden, und als öde Trümmer, bis zu seiner Wiederkunft liegen bleiben. Nichts war natürli¬ cher , als daß sie in ihren Gedanken mit dem Un¬ tergänge Jerusalems das Ende der Welt verban¬ den. — Um ihnen nun diese irrige Meynung zu benehmen, redete Jesus zuerst von der Zerstörung Jerusalems, und dann von dem Untergänge der Welt, als von zwo verschiedenen Begebenheiten. Doch zeigte er beyde hintereinander gleichsam in Einem Prospekte, ohne die Zwischenzeit zu bestim¬ men , die vom Umstürze deö jüdischen Staates bis zu seiner Ankunft zum allgemeinen Weltgericht ab¬ laufen würde. Nach dieser Vorerinnerung lasset uns nun zur Sache selbst kommen. Wann wird dieses geschehen? fragten die Junger. Welches ist das Zeichen deiner Ankunft, und deS Endes der Welt ? Jesus trennte diese Fra¬ gen, und gab ihnen einen verschiedenen Sinn, oh sie gleich wahrscheinlicher Weise in dem Munds der der Jünger gleichbedeutend waren. Wann wird dieses geschehen ? heißt, aus der Antwort Jesu zu schliessen, soviel, als: Wann wird der Tem¬ pel und dis Stadt zerstöret werden? Und diese Frage wird in der ersten Hälfte unserS Evange¬ liums beantwortet. Nämlich, wenn während grossen Gährungen und Revolutionen im Staate das Evangelium vom himmlischen Reiche hinlänglich wird ausgebreitet seyn, dann kömmt das Ende dieser Stadt. Sehrt ihr dann , wie Jerusalem von einem feindlichen Heers eingsschlossen wird; so wisset, daß alsdann die Zeit der Verwüstung da sey, wovon ich geredet habe, und welche längst vor mir Daniel weißge- saget hat. Jesus ermahnet die, welche die prophetische Stelle lesen würden, zur Aufmerksamkeit, um den Sinn derselben rechtzu fassen— EineErmahnung, die alle Schriftleser angehtMan muß da forschen, und sich bemühen, in den Geist des Ganze» einzu- -ringeu , um jede Stelle recht zu verstehen. Mi߬ verstandene Schriftstellen zeuge» falsche Grund¬ sätze ; falsche Grundsätze find die Quellen unrechter Handlungen, und oft der verabschcuungöwürdig- sten Verbrechen. Eine Wahrheit, die man mit vielen Bcyspielen belegen könnte! Jesus machte indes nicht bloß einen kalten Unglücksprophetcn. Er gab auch das Mittel an, wodurch die Unglücklichen fich «och retten könnte» — Flucht, ungesäumte schnelle Flucht! Er beklag¬ te mitleidig diejenige» , die nicht im Stande sey» wurden, schnell dem einbrechenden Sturme zu ent- A Z fließen — ( 6 ) - fliehen- O lernet von ihm, Unglücklichen einen Ausweg aus ihrem Elende zu zeigen, wenn ihr es könnet; und , wenn ihr s nicht könnet, sie wenig¬ stens aufrichtig zu bedauern — auch dann zu be¬ dauern — wenn sie selbst ibr Unglück sich zugezv- gen haben; wenn sie euerVcysid verschmähen, und euer anteS Herz verkennen. Zwar es thut dem Menschenfreunde wehe, wenn er gern retten möch¬ te , und nicht retten kann — nicht kann wegen der Widersetzlichkeit eben derer, die ,m Begriffe sind, im Elend? zu versinken. Dennoch hat er, wenn alle Versuche zur Rettung fehlgeschlagen haben, wenigstens noch eine Thräne für die Unglücklichen übrig. Jesus sah noch kurz vorher die Stadt an, ,»nd weinte über sie. Jesus warnte ferner vor Betrügern , die sich für Meffiasse auSgebcn würden. Es hat von jeher Betrüger in der Welt gegeben , welche die Leicht¬ gläubigkeit des Volkes mit erlognen Weissagungen tiud gekünstelten Wundern täuschten. Je unwissen¬ der und abergläubischer ein Volk ist, je kritischer und hilfbedürftiger die Zeiten sind; desto leichter finden sie Eingang. Kein Wunder, daß sie dazu¬ mal von der jüdischen Nation so willig ausgenom¬ men wurden. Aber wie der Betrug immer das Lichtscheuer, und nicht gern auf offener Schau¬ bühne handelt; so machten es diese Schein - Mes- siasse. Sie hielten sich ju der Wüste, in heimli¬ chen Gemächern auf, und zogen das wundersüchti¬ ge , gedankenlos staunende Volk an sich, das voll grosser Erwartungen von ihnen wegstürmte, und in gedrängteren Haufen zurückkam. „ Wenn sic „ euch — (7 ) — „ euch dann sagen , sprach Jesus, sehet, in der „ Wüste ist er! In den Gemächern ist er! gehet ,, nicht hin!" Der wahre Vlessias, wenn er wie- öerkonlmt, wird nicht im Verborgenen sich auf- halken. Hier geht Jesus zum zweyten Theil der Frage über — zu seiner.Wiederkunft am Ende der Welt, und zu den Zeichen, die vorangehen wer¬ den. Wie ein Blitzstrahl von einer Himmelsgegend ausfährt, und bis zu der andern hinglänzt, so die Wiederkunft des Messias! Von dieser Wiederkunft will ich am nächsten Sonntage reden; und itzt noch einen Blick auf die Ruinen Jerusalems werfen. Wir sehen da ein schreckbares Strafgericht über ein ganzes Volk. Wenn wir die Geschichte aller Zeiten durchgehen, so finden wir immer, daß Völker und Reiche untergiengen, wenn sie bis zur Unverbefferlichkeit ausgeartet waren. Das älteste Geschichtbuch stellet uns gleich in den ersten Perio¬ den der Welt, Beyspiele von dieser Wahrheit auf. Sobald das Sittenverderbniß, wie eine Seuche, alle Menschen angesteckt hatte, fanden alle unter einer grossen Mafferfluth ihr Grab. Sodom, und die benachbarten Städte wurden im Feuerregcn vertilget, als die Einwohner in den Pfützen der Immoralität versunken , und bis zu den unnatür¬ lichste» Wohllüsten ausgeartet waren. — Das jüdische Volk war zu dieser Zeit in jeder Absicht ein auögcartetes Volk, und reifte täglich mehr dein Gerichte entgegen. Einheimische Faktivnen, und Kriege gegen Auswärtige; bitterer Ketzereifer gegen die Sammariter, Intoleranz, Verachtung A 4 und — ( 8 ) — und Haß gegen die Heyden; Aberglaube des Vol¬ kes, Unglaube der Saducäer; pharisäische Heu- cheley, und herodianische Politik — dies alles gährte durcheinander, und machte den ganzen Staat zu einen faulen Körper, der nicht mehr konnte geheilct werden. Von der Fußsole bis zum Scheitel des Hauptes war nichts Gesundes an ihm. Selbst die eifrigsten Bemühungen Jesu wa¬ ren nicht zureichend den Strom des Verderbnis- ses aufzuhalten. Er betheuerte, Tyrus, Sydom, Ninive, Sodom wären ehe zu retten gewesen. Das Resultat dieser Betrachtung muß jedem selbst einleuchten. Es ist nämlich kein anders, als jenes, welches Salomo in zwey Worte zusammen¬ gefaßt hat : Gerechtigkeit erhöhet ein Volk; die Sünde aber ist der Volker Verderben. Laß mich noch einmal zu dir zurückkommen, grosser Menschenfreund und Erbarmer Jesus! laß mich von dir Mitleid und Barmherzigkeit lernen — als du mit thränendem Auge standst, und zu Jerusalem sprachst: O daß du die Zeit deiner Ret¬ tung erkenntest— als du wehmuthvoll ausrie¬ fest : Jerusalem! Jerusalem! wie oft Hab' ich deins Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Jungen unter ihre Flügel sammelt; und du wolltest nicht! — als du , da die Kinder der Pco- phetenmörderinn das Maß ihrer Väter vollgemacht Hatten, vom Kreutze zu deinem Vater bathest: Verzieh ihnen! sie wissen nicht, was sie thun. Am .. ..... Am ersten Sonntage im Advent. Luk. 2r- 2s — zg. <^Hn dem heutigen Evangelium wird die Wieder¬ kunft Jesu zum Weltgericht beschrieben. — Der beßte Kommentar zu diesem Evangelium liegt in verschiedenen Schriftstellen, die ich ausheben wer¬ de, um eine deutliche, wiewohl sehe pathetische Erklärung darüber zu geben. Die Sprache ist dem Gegenstände angemessen. Zuerst werden die Zei¬ chen beschrieben, welche dem grossen Tags der Entscheidung und Vollendung vorangehen werden — Schrecklichen au den Himmelskörpern, Er¬ schütterung der Weltkräfte, Streit der Elements gegen einander, Zerrüttung all-r Theile der Na¬ tur, Auflösung der ganzen Maschine, Umschaffung des Alten in Neues. Schon ist, sagt der Apostel, sehnet die ganze Schöpfung sich ihrer Erneuerung und Verschönerung entgegen. Sie seufzet, und schmachtet, wie eine Schwangere in Geburts- schmeczen bis auf jenen Tag, da der auf dem Throne sprechen wird: Sieh, ich mache alles neu! — Johannes sah schon in jenem wunderbaren Ge¬ sichte , welches seinen Blicken dis Zukunft enthüll¬ te , den neuen Himmel, und die neue Erde. Wie Herrlich! Eins Wohnung Gottes bey -en Men¬ schen — wie Gott ehemal im Paradiese zum Um¬ gang mit den Menschen sich herabließ; wie er ehedem mitten unter Israel im heiligen Gezelte wohnte! Doch A s ( 10 ) Doch ehe noch die Verwandlung vorgeht, wird das dazumal lebende Menschengeschlecht bey de« fürchterlichen Himmelszeichen , und bei dem Austritte der brausenden Meereswvgen zittern. Athemlos werden sie hinsinken, und in Todesangst liegen vor Erwartung dessen, was über den Erd¬ boden kommen wird. Nämlich schreckbar müssen die Signale von der Ankunft desjenigen seyn , der Welten wie dürres Laub pflückt, und die Himmel wir ein Tuch zusammenrollt. Johannes sah Ster¬ ne vom Himmel auf die Erde fallen, wie von dem Feigenbäume unzeitige Feigen fallen, wenn der Sturmwind ihn schüttelt. Er sah ferner einen grossen lichten Thron , und auf ihm den Richter. Vor seinem Angesichts flohen die Erde und der Himmel. Die Todten standen alle vor dem Thro¬ ne. Das Meer gab seine Todten, und das Grab gab seine Todten. Bücher wurden aufgeschlagcn. Die Todten wurden alle gerichtet »ach dem , was in den Büchern stand — ein jeder nach seinen Werken! Ich darf keine Erklärung über Stellen ma¬ chen /die selbst eine Erklärung unsers Textes seyn sotten. Sonst — wie vieles hätt' ich hier zu sagen! Welch eine Vorstellung! wie sinnlich und wie er¬ haben! Der entfloh'ne Himmel, und diecntfloh'- ne Erde, und in der grossen Leere der Richter und das Gericht ! Zahllose Schaaren stehen, und er¬ warten den Ausspruch. Eg bedarf keines weitläu- stgen Verhöres; eS taugt keine Entschuldigung: die Bücher sprechen ; die Werke zeugen; der Rich¬ ter entscheidet nach eines jeglichen Thun, unwider¬ ruflich. — ( n ) — ruflich. Der chemal verkannte Menschenfohn, der verachtete Nazaräer, mit welcher Macht , und in welcher Herrlichkeit erscheinet er da! Schon seine Ankunft, wie majestätisch ! auf einer glänzenden Wolke, von Myriaden der Engel umgeben ! Doch er hatte cs ja vor dem Hohenpriester Kaiphas gesagt: Ihr werdet einst den Mensche«- fohn zur Rechten der Majestät sitzen, und auf den Wolken des Himmels kommen sehe». Und eben dieses hatten auch die Engel den Jüngern Jesu nach seiner Himmelfahrt bezeuget: Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel ausgenommen ward, wird so, wie ihr ihn in den Himmel anf- fahren sähet, mit Pracht und Majestät wieder- kommen. — Er, der ehemal vor dem Richter- stuhle des Pilatus stand, und seinen Mund aus- that; der so oft von Ungläubigen, denen er Thor- heit und Aergerniß war, gerichtet und verdammet wurde — der erscheinet nun als Richter der Leben¬ digen und der Todtrn ; spricht zu dem einen Hau¬ fen : Weichet, ihr Verwünschten l und sie werden gehen zu ewigen Peinen; und zu dem andern: Kommet ihr Gesegnetenund sie werden «ingehrn ins ewige Leben. Jenes Weichet! und dieses Kommet! wie wichtig , wie für die ganze Ewigkeit entscheidend.' Jenes macht unaussprechlich elend; dieses unaus¬ sprechlich glüklich. In jenem liegt die Hölle, m diesem der Himmel. — Welches wird ernst unser Loos seyn? Sehet, unser Loos liegt in unsrer Hau- ! Es steht bey uns, welche Strasse wir wandeln wollen — ( 12 ) — wollen — jene breite -ort, die ins Verderben führt; oder diese schmale, die zur Seligkeit leitet. Gehen wir mit einiger Selbstverläugnung den Weg der Rechtschaffenheit, so werden wir mit Freude und Zuverficht unfern Herrn und Erlöser vom Himmel erwarten, wohin er vorausgegangen ist, uns einen Ort zu bereiten. Freudig werden wir unsre Häupter dem Wiederkommenden empor heben; denn mit ihm naht sich unsre Erlösung; die Erlösung von so mancherley Uibeln, die uns in diesem Erdcnleben drücken. Wenn ich hinge¬ kommen bin, und euch einen Plag zubereitet habe, so will ich wieder kommen, und euch z» mir neh¬ men , damit ihr auch da scyd, wo ich bin. Dies hat er gesagt. Himmel und Erde werden verge¬ hen ; aber sein Wort wird nicht vergehen. Am zweytm Sonntage im Advent. Matth. 11. 2- IO. ^Manchem dürfte das Betragen des heiligen Jo¬ hannes befremden , der seine Jünger zu Jesu sen¬ det, und ihn fragen läßt, wer er sey. Ex, berufen war, die Nation aufJesum aufmerksam zu machen; der schon mit Fingern auf ihn gedeu¬ tet , und gesagt hatte: Sehet das göttliche Lamm, welches der Welt Sünden hinwegnimmt! der jene Stimme: Dies ist mein geliebter Sohn! vom Himmel gehöret hatte — wie läßt er denn Jesum noch fragen, wer er sey? Nämlich - ( IZ ) — Nämlich Johannes lag im Gefängnisse, wo¬ hin Herodcs ihn hatte bringen lassen. Und es war nun der Zeitpunkt da, wo Jesus wachsen , Johan¬ nes aber abnehmen, nnd wie die Morgendämme¬ rung vor der Sonne verschwinden sollte. Denn er war nicht das Licht; er war nur der Zeuge, der Vorbothe und Auküuder des Lichtes. Er sollte das Volk Hinweisen zu den, der grösser als er war — zu Jesus Messias. Und gerade daS that er bey dieser Gesandtschaft seiner Jünger. Er schikte sie zu Jesu, damit sie von nun an an ihm anhängen möchten. Und er hätte sie zu keiner glücklicheren Zeit schicken können. Gerade dazumal machte Je¬ sus viele gesund von mancherley Krankheiten; und den Jüngling aus Nain hatte er eben auch erst vom Tode erwecket. Die Werke, die er vor den Augkn der Gesendeten that, beantworteten ihre Frage hinlänglich. Gehet, sagte Jesus, und mel¬ det dem Johannes, was ihr gesehen und gehöret habt! Wenn ihr das mit de« prophetischen Weis¬ sagungen Zusammenhalten werdet, so werdet ihr es wohl herauskriegcn, wer ich scy- Nun hatte aber Jesaias von dem Messias weißgrsaget: ,, Gott selbst wird kommen, und „ uns erretten. Alsdann werden die Augen der „Blinden geöffnet, und die Ohren der Tauben „ aufgethan werden. Der Lahme wird wie ein ,, Reh springen; und die Zunge der Stummen „ wird aufgelöset seyn." Jesus thut diese nämli¬ che« Thaten — die Blinden sehen , die Lahmen gehen, die Tauben hören. Da ist Weissagung und Erfüllung im Einklänge: Wort wir-That: der Bx- - (14) - Bezeichnete steht da mit allen Kennzeichen, die kei¬ nen Augenblick zweifeln lassen, daß er eS ist. Selig, setzte Jesus hinzu, der sich an mir nicht ärgert! Ungeachtet der Wunderwerke, die Jesus that, war doch auch so Manches an seiner Person, welches Anlaß geben konnte, ihn zu ver¬ kennen. Solch ein Aergerniß gab zuerst seine scheinbare Niedrigkeit, welche den hohen Begrif¬ fen, und den grossen Erwartungen, welche die Juden von dem Messias hatten, so gar nicht ent¬ sprach. Aber war Jesus denn wirklich so niedrig? Ich denke, nein. Weise und tugendhaft seyn, und andere glüklich machen; dies ist doch die höch¬ ste Würde des menschlichen Charakters. Und wenn die Gottheit in menschlicher Gestalt erscheinen wollte, so konnte sie in keinem edlern und liebens¬ würdiger» auftretteu. Auch gehörte diese Entäus¬ serung Jesu, diese seine Herablassung bis zu der untersten Klaffe der Menschen, mit zu dem Plan Gottes. Hier hatte Jesus den ausgebreitetsten Wirkungskreis. War nicht das Volk wie eine Heerde ohne Hirten ? Mußte nicht diesen Armen das Evangelium geprediget werden, da die lohn¬ süchtigen Pharisäer nur den Reichen und Vorneh¬ men dienten ? Hier konnte Jesus auf den grossen ljchtbedürftigen Haufen wirken; konnte im eigent¬ lichsten Verstände Volkslehrer und Wohlthäter seyn. Wie konnte doch diese Herablassung, diese Menschenfreundlichkeit Jesu den Juden eine Ur¬ sache seyn , seine Person und seine Lehre zu verach¬ ten ? Ist er nicht emes Zimmermannes Sohn? Glaubet auch irgend rin Vornehmer und Pharisä¬ er e n sc tl et n, bc zu A gc E be V ze he H he au dai hei der ter boi ^oi wt Zü «>.i 'chi - (Is) - «k an ihn ? So sagten sie. Warum sagten sie aber nicht vielmehr mit Nikodemus: Meister, wir wis¬ sen , daß du als ein Lehrer von Gott gekommen bist; denn niemand kann die Zeichen thuv, die du thuft; es sey denn Gott mit ihm? -— — So geht es noch heut zu Tage. Man findet dem Scheine nach bald etwas an Jesu, wodurch man sich für berechtiget hält, seine Gottheit zu läugnen, und zu sagen: Ist er nicht eines Zimmermannes Sohut Aber diese Urtheile werden immer nur von solchen gefallet, die die Sache nur einseitig betrachten. Sie betrachten Jesum, wie er hungert; aber sie betrachten ihn nicht, wie er tausende mit wenigen Broden speiset. Sie sehen den Menschen am Kreu¬ ze sterben; aber sie wollen den Göttlichen nicht se¬ hen, wie er aus dem Grabe hervorgeht; nicht den Himmlischen, der dahin wieder zurückkehret, wo¬ her er gekommen ist — zum Vater im Himmel. Es giebt, leider! Vornehme und Gelehrte auch in unfern Tagen, von denen es bekannt ist, daß sie eben keine eifrigen Christen sind. Gleich heißt es : Glauben auch diese an ihn? Und man denkt nicht daran, daß gelehrte Männer auch ir- ten können ; und daß eine hohe Geburt, und ein vornehmer Stand nicht allemal mit Weisheit und Wahrheitsliebe verbunden sind. Jene werden oft - !wn Leidenschaften irregeführct; diese von Vor- . wtheilen. Jene hindert Stolz, diese Sinnlichkeit, - Hunger des Meisters zu seyn, welcher Geheimnisse - «>.d Sclbstverläugnung lehret. — Das ist sine > schwere und dunkle Rede, sagten die Juden; wer - uöchte da länger zuhören? Das ist eine schwere uny — ( l6 ) — und dunkle Rede, sagt auch unser Zeitalter, und denkt eben so wenig daran , als die Juden daran dachten, daß ein göttlicher Lehrer aus einer höher» Welt nothwendig auch solche Dinge offenbaren müsse, die über unfern Gesichtskreis hinaus sind. Wozu brauchten wir sonst einer Offenbarung? Oder hat etwa unser Verstand keine Gränzen? Wenn er sie aber hat, so ist nichts richtiger, als daß cs Wahrheiten geben müsse, die jenseits der Linie liegen, welche seine Gränzen bezeichnet. Ja, hätte die Lehre Jesu keine Geheimnisse, so dürften wir nur um so viel leichter wähnen, sie wäre bloß menschlich. Es hätte alsdann nur Menschenver- ! stand gebraucht, sie zu erfinden. So aber find eben diese Geheimnisse ein Siegel ihrer Göttlichkeit, welches zugleich die himmlische Abkunft desjenigen beurkundet, der sie vortrug. Niemand, als der Eingeborne, des Vaters innigst Vertrauter, konn¬ te sie lehren. Selig, wer sich nicht daran ärgert! Am dritten Sonntage im Advent. Joh. i. 19. — 28. (§ine Gesandtschaft, welche der jüdische Rath an Johannes abschickte, macht den Inhalt des heu¬ tigen Evangeliums aus. Die Glieder des hohen Rathes, besonders die Pharisäer, waren längst mißvergnügt über das Ansehen, in welchem Johannes bei dem Volke stand: Und, was sie ihm gar nicht vergeben konn¬ ten, - (17) - ten, er hatte ihre Laster mit der Freymüthigkeit eines Propheten getadelt. DaS Volk ehrte ihn auch als einen Propheten. Denn seine Lebensart war strenge, und groß sein Eifer, die Sitten dec Nation zu verbessern. Von Gefälligkeit und Menschen¬ furcht gleichweit entfernt drang er mit unermüde¬ ter Standhaftigkeit auf Recht und Tugend. Es hielt schwer, ein solches Ansehen zu ver¬ dunkeln. Sie nahmen ihre Zuflucht zu einer List. Sie schickten eine Gesandtschaft an ihn ab, die ihn öf¬ fentlich fragen mußte, für wen er sich ansgebe. Giebt er sich für einen Propheten ans, dachten sie, so fordern wir die Creditive seiner Seudung. Ein Prophet muß sich durchWunder legitimiren; bisher aber that ec keines, und wird auch mit diesem Be¬ weise nicht aufkommen können. Verneint er aber sein Prophetenamt; nun so sieht das Volk in seiner Erwartung sich getäuscht, und das Ansehen dieses unS so lästigen Mannes fällt von sich selbst. Man muß gesteh'», -aß die Sache ziemlich gut projektiret war, und so ganz nach der Metho¬ de, nach welcher Leute von dem Zuschnitte, wie die Pharisäer , und die meisten Glieder des Ra- thes waren, gemeiniglich zu Werke gehen. Wenn sie die, welche ihnen im Wege stehen, nicht durch offenbare Gewalt auf die Seite schaffen können, so legen sie ihnen Fallstricke, in welche sie sich ver¬ wickeln sollen. Sie entwerfen listige Plane, und lauern dann, wenn sie ihr Gewebe ausgebreitet haben , im Hinterhalte auf ihre Leute. Ein anderSmal stellen sie verfängliche Fragen an V den tziv Redlichen, und führen ihn mit der feinste» Schlauheit bis auf den Punkt, da er etwas sage» y-sr thun muß, welches sie mißdeuten, und durch eine geschickte Wendung zum Grunde ihrer Anklage oder Verdammung machen können. Können sie «och dazu ihre Ränke unter dem Scheine der Fröm¬ migkeit , oder unter der Würde ihres Amtes ver¬ bergen , so werden sie'S gewiß nicht versäumen. So ließ der Nach in unsrem Evangelium den Jo¬ hannes Von Amts wegen fragen, und die abge- ordueten Priester und Leviten schienen die Sach« der Religion zu führen. Relizion! wie oft mußtest du deinen ehrwür¬ digen Mantel bekleiden, um schändliche Absichten zu verhüllen ! Und wie mancher hat die Macht, die sein Ame ihm gab, dazu mißbrauchet, Unschul¬ dige , die seinem Interesse gefährlich schienen, zu unterdrücken! Wer bist du ? wofür gi.chst du dich aus? —« Ares war die Frage der Schlangrnklugheit, di« sich krümmet und windet, und alle Farben, die ihre Absicht fodert, spielen läßt. Der Täufer be¬ antwortete sie mit Taubeneinfalt, mit der kürzeste« Bestimmtheit, mit einem geraden Ja und Nein. >, Bist du Elias? " Nein! „ Bist du der Prophet? " Nrn! Der redliche— „nd ich darf auch sagen, dev grosse Mann wrll niemal mehr scheinen, als er ist; und eignet sich nie Würden und Vorzüge zu , dis kk nicht besitzt. Er widerspricht, wenn man ih« für — ( 19 ) — für was gröffers hält, als er ist. Wird er abev aufgrfodert, seinen Charakter anzuzeigen, so thut er es mit Bescheidenheit — mit Worten, die von aller Prahlhaftigkeit weit entfernt find. Lon, Mie¬ nen und Gebärden zeigen nicht die mindeste Prä- tension, noch minder Zierekey. Kann er andere für sich reden lassen; so wird er sich auf sie beru¬ fen, und schweigen. Eine Delikatesse, die nicht übertrieben, und der Bescheidenheit eigen ist, wel¬ cher es eben so schwer wird, eigene Würde, als eigenes Lob selbst auszusprechen. Go machte es Johannes. Er berief sich auf Jefaias, als die Abgesandten auf eine Antwort drangen. „Ich bin ,, eine Stimme eines Rufende» in der Wüste: ,, Ebnet dem Herrn den Weg — wie es bey EsaiaS „ steht. " Bescheidner und treffender könnt' ec nicht antworten. Er war die wichtige Person, die nach prophetischer Sage vor der Ankunft des Mes¬ sias erscheinen, in der Wüste die Buff« predigen, und die Nation zum göttlichen Reiche deS Messias vorbereiten; folglich diesem die Woge ebnen, und gleichsam in die Hände arbeite» sollte. Also doch kein Prophet, schlossen die Abge¬ ordneten. Dieser Schluß war übereilt, und grundlos; sie hätten vielmehr aus Johannis Redö -as Gegentheil folgern sollen. Uber daun hätten sie ihn nicht fragen können: Warum taufest du denn ? Und mit dieser Frage glaubten sie ihn eiv- getrieben, beschämt, und stumm gemacht zu haben. Doch der Stein, den sie in die Höhe gewor¬ fen hatten, fiel auf ihr eigenes Haupt. Sie selbst standen beschämt und stumm, als Johannes zu B L einer — ( 2Q ) — einer höhern Person apvellirte, die nun bald auf- trete«,und seine Taufe rechtfertigen würde. Man mußte nun dir Ankunft dieser Person abwartcn. Jesus erschien auch bald darauf, und rechtfertigte den Johannes, und seine Taufe dadurch, daß er sich selbst von ihm taufen ließ, und ihn für den größten aus allen Propheten erklärte, die je von einem Weibe geboren wurden. Wenn man das Betragen der Abgeordneten überhaupt betrachtet; so wird man unwillig, zu sehen, wie sie mit so viel Unbescheidenheit, und mit so wenig Schonung, und mit so sichtbarer Be¬ gierde zu schaden, immer mit neuen Fragen dem Täufer zusetzten, um etwas heraus zu kriegen, das ihn um sein Ansehen bringen könnte. Sie hatten kein Gefühl für die Hoheit seines Geistes; keine Ehrfurcht für seine strenge Tugend. Doch eben diese strenge Tugend war ihnen unausstehlich. Sie trugen zwar auch ihre Larve, aber man weis, wie weit die Larve von dem wahren Gesichte übertrof¬ fen wird. Und seine Geisteshoheit-- Man muß selbst wenigstens etwas von Adel und Grösse der Seele besitzen, wenn man fähig seyn soll, das Edle und Grosse an einem andern zu fühlen und zu schätzen. Und daran mangelte cs diesen Abge¬ ordneten ; denn, was dec Evangelist nicht umsonst anmerkt — sie waren Pharisäer. Am ( 21 ) Am vierten Sonntage im Advent. Luk. z. i — 6. ^aS heutige Evangelium enthält die Berufung Johannis, und seine Sendung an das jüdische Volk. Lasset uns zuerst den Endzweck dieser Sen¬ dung betrachten. Was alle Propheten vor Johannes gewesen stud — Herolde und Ankünder des Messias; das sollte er auf eine vorzügliche Art seyn. Aber nicht b/oß ankünden sollte er ihn, er sollte ihm auch Vorarbeiten. Die Nation mußte zu der grossen Um¬ änderung , die JesuS begann, durch ihn vorberei¬ tet werden. Die Absicht Jesu war, ein göttliches Reich , ein Reich der Wahrheit und der Tugend zu errichten — unter einem Volke, das lange irre- geführet, und so ganz verdorben war. Da war ein Mann, wie Johannes, uöthig, der mit dem Gei¬ ste und Feuereifer eines EliaS zuerst die Nation aus dem tiefen Schlummer weckte, in welchem sie lag; und ihre Denkart bis aufden Punkt umstimm¬ te , daß sie der Lehre Jesu empfänglich wurde. Diese Lehre, die mit der Lehre der Pharisäer, und mit den herrschenden Sitten so sehr kontra- stirte, würde keinen Eingang gefunden haben, wem, nicht Johannes mit dem Ansehen eines Pro¬ pheten zuerst aufgetreten, scharf an die Gewissen gesprochen, und alle Stände zur Sinnesänderung und Besserung des Lebens aufgefodcrt hätte. Zwar B z war — ( 22 ) kvar die Erwartung deS Messias «m diese Zeit aS- gkmeiu. Aber -ie Begriffe, die man sich von ihm und seinem Reiche machte, waren zu sinnlich. Die erhabene Bildersprache der alten Propheten ward längst mißverstanden, und auf eru irdisches Kö¬ nigreich gedeutet. Von diesem Vorurtheilr mußte dir Nation vorläufig wenigsten- iu etwas abgezo¬ gen, auf die Spur der Wahrheit, und bis an die Gränze geführet rücrdcn, von welcher sie das Reich Les Messias richtiger bnirthkilrn konnte. Ein Mann nun, der ein Kleid von Kamelhaaren, und einen ledernen Gürtel um sciur Lenden hatte, und sich von Heuschrecken, und wildem Honig nährte — der konnte doch wohl nicht der Vorbothe und Ankünder eines sinnlichen Reiches seyn? So rechtfertigest du dich, göttliche Weisheit, in allen deinen Planen ! Trifft überall die besten Anstalten , und wählst die schicklichsten Mittel zum Endzwecke! Zu diesem wichtigen Amte ward Johannes in der wüste berufen, wo er größtenthetts rin einsames und abgesondertes Leben führte. — Alls grossen Männer haben sich in der Einsamkeit ge¬ bildet. In der Einsamkeit sind sie groß, und zu grossen Geschäften geschickt geworden. Selbst der gesellige und Menschenfreundliche Jesus wuchs im stillen Schatten eines geräuschlosen Privatlebens ans, und nahm zu, wie am Alter, so au Weisheit und Gnade. Ehe er seinem hohen Berufe sich-un- terzog, gicng er in die Einsamkeit; und dahin kehrte er zurück, so oft er konnte; wenn gleich übrigens fein Tagewerk mitten im Kreise der Welt lag. Ihr, ( 2Z ) — Ihr , die ihr euch so gerne i» den Wirbel des Welt bmeinjiehen lasset, woihr unaufhörlich euch selbst entrissen werdet, und unter beständigen Zer¬ streuungen nie weder auf den Grund eures Her¬ zens , noch anfdie Bahn eures Berufes sehen kön¬ net— vergebet mir, wenn ich nie was Grosses von euch erwarte! In der Einsamkeit bekömmt die Seele gleich¬ sam Flügel, auf denen sie sich über die Vornrthei- le, Jrrthümcr und Laster im nieder« Thale der Welt erhebet. Da sammelt sie ihre Kräfte; und s der Funke von verborqenemFeuer wird augefacht. Mutbig und mit himmlischem Sinne geht ein sol¬ cher Mensch hervor in dir offene Welt, wirkt mäch¬ tig aulganze Nationen ; giebt ihrer Denkart eins neue Wmdm'g, höher« Schwung, und — thut Wunder. Sehet, er spricht! mit welcher Voll¬ macht! ohne Ansehen der Person; und, nachdem Zeitbrdürfuisse, im rauhen Tone! „Natterzucht! „ Bessert euch! Schon ist die Axt an die Wurzel „ deS Banm' s angeschlagen. " Man staunt feine Geistesgrösse an; fühlt seine Supcriorität; dr- müthiqet sich, und läßt sich von -hm leiten, wohin ec will. Zöllner, KriegSleute, Sadducäer und Pharisäer liessen sich von Johannes taufen, und legten das beschämende Brkenutniß ab, daß sie der Besserung bedürftig wäre«. Solche Manner erweckt die Vorsicht allemal, wenn sie grosse Dinge aussühren will. Sie sind immer die Vorgänger grosser Revolutionen, die Epoche machen. Und wahrlich, wenn je eine Re¬ volution groß und wichtig war, so warS die, wel- V 4 che — ( 24 ) — che nun durch Jesus von Nazareth geschehen sollte. Der Götzendienst und der Aberglaube sollte von -er Erde vertilget, und reine Gotteöerkenntniß, Anbethung im Geiste, und in der Wahrheit sollte an ihre Stelle kommen. Varbarey, Nationalis¬ mus und Eigennützigkeit sollte durch eine allge¬ meine Menschenliebe verdränget, und die Mensch¬ heit im Ganzen zu einer höheren Stufe hinaufge- rücket werden. Wiegroß mußte der Mann sey» , der zu einer solchen Anstalt die Vorbereitung machte! aber wie ungleich grösser der, welcher sie ausführte! Johannes erfüllte treylich seinen Beruf. Strenge gegen sich, selbstlos , eifrig, demüthig , ausdauern bis zu einem blutigen Tod — eine leuchtende und zündende Flamme; ein reinigendem Sturmwind in der Wüste l! Am Sonntage nach Weihnachten. Luk. 2. zz —40. Stück der evangelischen Geschichte, welches am heutigen Tage verlesen wird, erzählet Simeons und Annens Weissagungen von dem Kinde Jesus, als es im Tempel dargestellet wurde. Simeon, ein ehrwürdiger Greis, ein recht¬ schaffener Verehrer Gottes, voll heiligen Geistes — einer von den wenigen, die unter -ec Menge kleinlicher Ceremvnien, und unter dem Buchsta¬ ben des Gesetzes das Grosse und den Geist der Re¬ ligion — ( 2s ) — ligion nicht verloren hatten. Erwartete mit Sehn¬ sucht auf den Tröster Israels — sah ihn, und er¬ kannte in ihm nicht nur die Ehre seiner Nation, sondern auch ein Licht zur Erleuchtung aller Völ¬ ker der Welt. Aber Schade! Siehe, dieses Kind, zum Segen gegeben — es wird auch vielen zum Fall gereichen ! Ein Ziel des Widerspruches wird eS seyn. Euch nämlich gereichte JcsuS zum Fall, die ihr irdischen Sinnes und verdorbenen Herzens wäret ! Euch Hartherzigen, euch Feinden der Wahrheit, die ihr euch dem heiligen Geiste wider¬ setzet! Ihr widersprachet allem, was in feinen Lehren und Thaten auffallend göttlich war. Aber so mußt' es wohl geschehen. Es sollten die Gedan¬ ken vieler Herzen ans Taglicht kommen. Nicht alle, hje von Abraham abstammen, sind ächte Israeli¬ ten. Diese Schein-Israeliten mußten von den wahren geschieden werden, wie man unreinen Zu¬ satz von reinem Golde scheidet. — Und so nur konnte ein Reich achter Gottesverchrer aufgerich¬ tet werden. Sieh, sagte Johannes von Jesus; sieh, ersteht, eine Wurfschaufel in der Hand , seine Tenne zu durchsäubern! Die gute Frucht wird er auf seine Scheune sammeln; aber die Spreu wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen. Der wahre Israelit, der den Geist seiner Religion noch hatte, nahm gern die Lehre Jesu an. Denn sie war ihm nicht neu. Sie war nur Ent¬ wicklung dessen, was in dem Gesetze, und in den Propheten eingewickelt war, und nur dürfte auf- gerollet werden. Hinweisung auf ältere Schriften, B; Erklärung ( 26 ) — Erklärung deS rechten Sinnes, Zurechtweisung , wo man davon ab gegangen war. 7, Habt ihr nicht „ gelesen?s' — Wie leset ihr im Geftge? ' — ,, Ihr irret, und verstehet die Schriften nicht. " Wo er was neues lehrte, da schloß er gena» an das Alte an. IesnS führte überhaupt nicht ft fast ein neues Gebäude auf; er säuberte das Alte, baute fort, erhöhte, verschönerte. Was wcgsiel — eS war bloß die Fortschaffung eines entbehrli¬ chen Gerüstes ; oder es waren verunzierende Schnörkeln, von pharisäischen Meistern ange¬ bracht. Aber eben diese Dinge warens, die der Pharisäer anprieS, und die das Volk kindisch ver¬ ehrte. Kein Wunder, wenn der, dec sie wollte weggeräumt wissen, Widerspruch fand. Wer den Aberglauben bestreitet, der wird gewöhnlich zir letzt das Schlachtopftr sowohl der Dummheit deS Volkes , als dec Bosheit derer , weiche meinen , die V.eligis» sev ei» Gewerh. Und bepde sind, lei¬ der ! so groß, daß man jene Nicht belehren, und diese nicht bessern kann. Von eben diesem Kinde sprach auch im Geiste der Weissagung d-.e Prophetin» Anna. Sie war eine W'ttwe, vier und achtzig Jah¬ re alt. Di s ist -aS Alter höherer Frömmigkeit; die Zeit, da man sich a >S dem Gewirre der Ge¬ schäfte losmachen, und aus dem Geräusche dec Welt in die Stille und Einsamkeit zurückziehen soll. Anna war lange Zeit cine enthaltsame Jung¬ frau , und sieben Jahre eine treue Gattin» , «nd eine liebreiche Gehilfin» ihres Mannes gewesen. Sie hatte der Welt gedienet, und des Tages iftst und — ( 27 ) — stttd Hitze getragen. Nun heiligte sie Ken Abend ihres Lebens den Uibungen -er Gottseligkeit in dem kühlen und ruhigen Schatten des Heiligthumes; denn sie entfernte sich nie vom Tempel, und diente Gott mit Fasten und Bethen Tag und Nacht. Wahrlich , wo der Strem des Lebens schon so tief gesunken ist, da ist eS Zeit, sich zum Uiber- ganq in eine höhere Welt, nn- zur Gesellschaft Vollkommnerer Wesen vorzubcresten. Zwar ist es nicht allen gegeben, sich ganz von der Welt zu tren¬ nen. Die Einsamkeit hat überdies für diesen etwas Trübes, für jenen etwas LeereS ; und die wenig¬ sten sind fähig , sich beständig mit den Uibungcn der Religion — mir ununterbrochenem Gebethe, und mit anhaltendem Fasten , wie Anna , zu be¬ schäftigen. Allein diese, wenn sie nicht alle Ver¬ bindungen mit der Welt aufheben, sollen doch die Bande immer loser machen, den Umkreis ihrer Geschäfte enger zufammenziehen, und von Ver¬ gnügungen , die für ihr Alter sich nicht mehr schi¬ cken , sich absöndern. Dafür öffnet sich ihnen ein anderes Feld, wo sie nützlich scyn können. Sie sollen Jüngeren ihre langen Erfahrungen mitthei¬ len , vor -en Klippen auf dem Meere des Lebens warnen, und Rechtschaffenheit mit Worten und Thaten empfehlen. Weisheit und Tugend in grau¬ en Haaren sind überall ehrwür-jg; sie bringen den Schamlosesten zum Erröthen, und den Leichtsin¬ nigsten zum Nachdenken. Aber freylich mürrischer Eigensinn, übertriebene Strenge, finsterer Ernst, von keinem freundlichen Blicke gemildert — die verderben alles, und erwecken Eckel und Unwillen. Vor Wx» ( 28 ) Vor einem solchen grauen Haupte wird keinJüng- ling ehrerbietig aufstehen, und begierig auf die Lehren seines Mundes horchen. ,, Nachdem sie nun alles nach dem Gesetze des „ Herr» beobachtet hatten, reisten sie wieder in „ Galiläa zurück, in die Stadt Nazareth, ihren „ Wohnort." Lasset uns die Weisheit Gottes bey der Ein¬ führung seines Sohnes in die Welt betrachten. Groß und vielversprechend war die Ankün- -ung desselben. Ein Sohn des Allerhöchsten, ein Thronerbe Davids , ein König zu ewigen Zeiten ! Es ward ihm auch ein bedeutender Name vom Himmel gegeben. Seine Geburt ward von Engeln als eine Begebenheit kund gemacht, worüber Him¬ mel und Erde sich zu erfreuen hätten. Der pro¬ phetische Geist zeiget einem frommen Simeon in dem Kinde das künftige Licht der Welt. Ein himm¬ lisches Phänomen weiset auch Ausländer zu seiner Wiege. Diese Bekanntmachung war hinlänglich, daß er von denen , die ihn kennen wollten , nicht konnte verfehlet werden. Allein itzt mußte er eine Weile in Dunkelheit gehüllet werden. Er dürfte nicht prächtig erzogen werden, der einst sagen soll¬ te: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Er muss¬ te in einem nieder« und arbeitsamen Stande abge¬ härtet werden zu einem künftigen Leben voll Plage und Mühe; und da er erst im männlichen Alter als Messias auftreten, und vor der Zeit keine Wunder verrichten sollte, so mußte er von dem grossen Schauplatze entfernet leben, wo der täg¬ liche Umgang sein Ansehen nur verringert Hätte. Aergerte« — < 29 ) — Aergerten sich nicht die Einwohner von Nazareth auS eben dieser Ursache wirklich an ihm ? Treffen¬ der, frappanter, göttlicher wars, wenn er so auf einmal mitten in seinen grossen Gcschäftskreis hin- eingeführet, durch eine himmlische Stimme als Sohn Gottes erkläret, und als solcher durch Zei¬ chen und Wunder bekräftiget wurde. Voll Gnade und Wahrheit stand er nun da, und mit einer Herrlichkeit, die dem eingebornen Sohne des Vaters ziemte. Am ersten Sonntage nach der Erscheinung Christi. Luk. 2. 42 — 52. cx^esus, ein zwölfjähriger Knabe, im Tempel zu Jerusalem. Joseph und Maria hatten ihn mit dahin ge¬ nommen.— Dies ist das Alter, ihr Aeltern! da ihr eure Kinder zur Gottes Verehrung aufühcen müsset. Ihre wachsweichen Herzen öffnen sich ger¬ ne den Eindrücken dec Religion, und sind from¬ mer Empfindungen am meisten fähig. Lehret sie al¬ so frühzeitig den Urheber ihres Wesens, den Vater -er Geister, und den Schöpfer aller Dinge erken- nen, lieben und anbethen. Führet sie hinaus in die freye Natur, in welcher Gott sich so herrlich offenbaret! Die Himmel erzählen seine Herrlich¬ keit , und die Erde ist voll von seiner Güte. Leh¬ ret — c 30 ) — ret sie »n dre Schöpfung, wie in einem heilige« Tempel, wandeln. Mit heiligem Schauer muss« des Allgegenwärtigen Geist sie umschweben, durch, dringen, emporheben. Ehrfurcht, Friede, Lreb' und Freuds muffe ihre Seelen erfüll m, wenn sie so hinwallen durch Goldfelder, Auen und Hayns. — Bringet sie zu bestimmten Zeiten m die gottes¬ dienstlichen Versammlungen, und in das Haus des GebctheS; daß sie den Tribut der Anbethung, welcher dnn höchsten Wesen geziemt, öffentlich zinsen, und andere erbauen, wenn sie unschuldige Hände zu Gott aufheben, und aus reinem Herzen Gebethe und Danksagungen darbringm. Glaubet mir, dadurch werden sie eines sanften und empfind¬ samen Charakters, und bekommen Sinn für alle-, waS gut ist, und unsere Natur veredelt. — Ma¬ chet sie überdies mit der Schrift bekannt; denn in ihr finden sie das Leben. Laternen sie erst recht den grossen Vater, der im Himmel ist, und den Eingebornen, den er aus Lieb? in die Welt gesen¬ det hat, kennen und lieben. Da finden sie Regeln ihres itzigen Verhaltens, und Ausschlüsse für di» Zukunft. Das Lesen und Forschen in dec Schrift war frühe das Geschäft Jesu. Damit gab er sich auch im Tempel ab. Denn daselbst fanden ihn Maria und Joseph, indem er unter den Lehrern saß, ih¬ nen zuhörte, und sie fragte. Gewiß that er das mit aller Bescheidenheit, mit der liebenswürdig¬ sten traulichsten Unschuld, Einfalt, und Lernbe- girrde— nicht mit Prahlhaftigkeit, feine Weis¬ heit zur Schatt tragend, den gesammelten Vov- rgth — ( ) — rath seines Wissens mit Großthun anSkramend^ und nach Bewunderern begierig sich umsehcnd. O rnir will die Seele vor Unmuth enifliegen, wenn ich Jünglinge sehe, die sich mit erng; bildetrr Weis¬ heit brüsten, mit der Miene der Allwissenheit über alles raisoniren, nnd im Tone der Untrüglichkrit über alles absprechen. Da den?' ich dann allemal an Salomons Spruch: Wenn du einen jungen Menschen siehst, der sich weise dünkt — da ist ar» einem Narren mehr Hoffnung, als an ihm. Das Betragen Jesu im Tempel, und die Antwort, die er seiner Mutter gab, waren Winke auf seinen künftigen Beruf, und auf das Verhält- niß, in welchem er mit seinem himmlischen Vater stand; das viel enger war, als jenes, welches ihn an Maria und Jostph, oder an irgend eine Verwandtschaft auf Ecd.n anschloß. Immerhin mochten sie diesen Wink ist nicht ganz verstehen. Später hin erklärte er sich deutlicher; denn „da s, er einst mit dem Volke redete, standen seine ,, Mutter und seine Brüder draussen, und suchten ,, ihn zu sprechen. Man sagte eS ihm ; er aber er- „ wiederte: Wer ist meine Mutter, und wer sind „meine Brüder? Und — indem er mit ausge-- „ streckter Hand auf seine Jünger deutete, sagte „ er : Sieh da, meine Mutter und meine Brü- ,, der! denn welcher imm.r den Willen meines „ himmlischen Vaters thut, der ist mir Bruder, „und Schwester und Mutter. " Doch itzt war die Zeit noch nicht da , daß er aus der Verbindung mit seiner Familie Herausga¬ ben sollte. „Er reiste also mit ihnen ab, kam nach „ Naza- — ( Z2 ) „ Nazareth , und war ihnen gehorsam." Gehor¬ sam und Abhängigkeit kommen der Jugend zu; und sind auch der Probierstein vom innern Gehal¬ te eines Kindes. Ein folgsames Kind ist allemal auch ein gutes Kind , und wird immer besser und weiser; und folglich auch immer liebenswürdiger. So nahm Jesus zu, wie an Alter, so auch an Weisheit und Liebenswürdigkeit vor Gott und Menschen. S ehet da den Inbegriff seiner Jugend- geschichte! aber auch alles, was man Grosses zum Ruhme eines Kindes sagen kann. So Vieles in so wenige Worte zusammengefaßt! Er nahm zu, wie an Alter, so an Weisheit und Liebenswürdigkeit vor Gott und Menschen. Q daß ich dies unauf¬ hörlich Kindern und Jünglingen zurufen könnte! daß ich diesen güldenen Spruch in Marmor etzen, und in allen Schul - und Erziehungöhäusern auf- stellcn könnte! Warum kann ich ihn nicht wenig¬ stens in ein jedes Hand - und Lesebuch unserer Ju¬ gend einschreibcn, und zum ewigen unvergeßliche» Denksprnch für sie machen? — Jünglinge, die ihr an Weisheit, wie an Alter wachset ? mit wel¬ cher Wonne weilet unser Auge auf euch! welche Aussichten gewährt ihr unfern Blicken; zu welchen Hoffnungen erhebet ihr unsere Herzen! Wie lieben wir euch! wie tragen wir euch in unsrem Busen, und bewahren euch, ach wie sorgfältig! Unsren Augapfel lieben und bewahren wir nicht so ! Gott selbst liebet, und schützet euch, und sendet seine Engel, daß sie euch, wie auf den Händen tragen. Wenn ihr in Unschuld und Liebenswürdigkeit auf hem Pfade dec Weisheit einhergehet, dann segnet euch euch die Erde, und der Himmel lächelt euch Gnade. 0 wandelt immer darauf! Ihre Wege find liebliche Wege; zur Rechten ist langes Leben, und zur Lin¬ ken Reichthum und Ehre vor Gott und Menschen. Lasset uns itzt noch einen Blick auf die Erzie¬ her Jesu werfen! Joseph, ein Mann , schlecht und recht; ein wahrer Israelit ohne Falsch; in seinem Berufe treu und fleissig, aufmerksam auf /eden Wink der Gottheit, und sogleich bereit ihn zu vollziehen, ohne sich auf Grübeleyen über das Wie ? und Warum? einzulassen. Maria, die sanfteste und dcmüthigste Weib¬ lichkeit , voll Unschuld, Einfalt, Hablosigkeit, und stillen häuslichen Fleißes; dabcy eines männ¬ lich starken Glaubens, und eines hohen bis zum prophetischenGesang sich aufschwingenden Geistes. In den Händen solcher Erzieher — wie soll¬ te Jesus nicht zugenommen haben, wie an Alter, so an Weisheit und Liebenswürdigkeit vor Gott und Menschen? Am zweyten Sonntage nach der Erscheinung Christi. Joh. 2. l.—n. §)as Wunder, welches in dem heutigen Evan¬ gelium erzählet wird, war das erste, wodurch Je¬ sus seine Herrlichkeit öffentlich zu erkennen gab. Dietls Zomil. C Er — ( Z4 ) — Er hatte eben die ersten Jünger berufen; und dm sollten durch dieses Wunder fest an ihn gezogen, und völlig überzeuget werden, daß ste wirklich den gefunden hätten, von welchem Moses im Gesetze, und die Propheten geschrieben haben. Diese Ab¬ ficht ward auch glüklich erreicht; denn, sagt das Evangelium, seine Jünger glaubten nun desto mehr an ihn. Eben die Absicht hatte JesuS bey allen seinen Wundern — Er wollte Glauben an sich erwecken. Alle Propheten hatten sich durch Wunder legitimi- ret. Wenn der Herr seinen Knechten Creditive ih¬ rer Sendung mitgab, so hat der Vater auch den Sohn mit Vollmacht versehen, solche Thaten zu verrichten, die noch kein anderer verrichtet hat; und die nur der Sohn verrichten konnte. In der That haben die Wunder Jesu etwas Eigenthümliches, welches sie von den Wundern der Propheten unterscheidet. Diese sprachen und handelten im Namen des Jehova : „ Also spricht „ der Herr! Sie fichten zu Jehova um Veyftand. Elias bath zu Gott, daß das Feuer sein Opfer verzehren möchte. Elisa rief zum Herrn, als er den todten Knaben seiner Wlvthin wieder ins Le¬ ben erwecken wollte, Jesus war selbst das Wort Gottes, und die Kraft Gottes. Er handelteigen¬ mächtig , und als Sohn, der alles mit dem Va¬ ter gemein hat; dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist. Ich willS; sey rein ! Steh auf, und wandle! Sehet ihn bey dem Grabe deS schon faulenden Lazarus! da steht er, bittet nicht, dankt nur für das unfehlbare Mitwirken des Va¬ ters. " — ( Zs ) — ters. " Komm hervor ! rief er itzt mit der Macht¬ stimme , die einst alle, die in den Gräbern sind - hören, und auf'den Ruf derselben hervorgehen werden — wie Lazarus sie hörte, und hervorgieng. Das Unmittelbar-Göttliche zeichnet ihn über¬ all aus. Nie bringt ihm ein Engel einen Auftrag; nie bedarf er einer belehrenden Erscheinung. Der Sohn thut, waS er den Vater thun sieht, mit dem er in der innigsten Verbindung steht. Und wie der Vater unaufhörlich in Einem fortwirkt, so der Sohn. Die Wunder Jesu waren eine lange Kette, die sein ganzes öffentliches Leben umschlang. Vom Anfänge bis zum Ende desselben gehen gött¬ liche Thaten in ununterbrochener Reihe fort; für ihn war kein Sabbath, kein Ruhetag. DieWnn- derkraft floß ohne Aufhörcn aus ihm, wie aus ihrer eigentlichen Quelle, und heilte alle, wenn sie auch nur den Saum seines Kleides berührten — indeß die Wunder d"r Propheten einzeln, ab¬ gerissen , und, wie ihr Wissen, Stückwerk waren. Der Geist des Herrn wehete sie an, wann er woll¬ te. Es kam; und sie wußten nicht, woher: Er fuhr wieder von dannen; und sie wußten nicht, wohin. Auf Ihn aber hatte Johannes den Geist herabkommen, und bleiben gesehen. Den Sohn hat der Vater mit heiligem Geiste für immer ge- salbct; und wie vom Vater alles Leben entspringt, so hat er auch dem Sohne gegeben , Urquelle des Lebens zu seyn. Daher wie der Vater die Tobten erweckt, und neu belebt; so machte auch der Sohn lebendig, welche er wollte; und heilte, welche er C L wollte; - ( z6 ) - wollte; den das Leben war in ihm. — (Man lese das ste Haupftück des Evangeliums Johannis.) Uibrigenö ist es auch merkwürdig, daß Je¬ sus sein erstes Wunder auf einer Hochzeit, und zum Besten des Brautpaars, verrichtete. Erbe¬ ndes dadurch Achtung gegen den Ehestand; der auch in der That aller Achtung werch ist. Gott hat diesen Stand gleich anfangs eingtfttzet, um durch ihn das menschliche Geschlecht auf die schicklichste Art fortzupflanzen, und das Leben der Menschen zu versüssrn. ES ist ein grosses Verdienst, Kinder zu zeugen, und sie zu ihrer eigenen Glückseligkeit, und zum Wohl der Welt heran zu ziehen. Es hat was Weitauösrhendes , nach dem Tode in seinen Kindern noch fortzuleben, und in späten Enkeln noch Einfluß auf den Wohlstand der Welt zu ha¬ ben. Und die engste Verbindung mit einer innigst vertrauten Person, wie verschönert sie den Genuß jeder Freude; und wie erleichtert sie den Druk je¬ der Mühseligkeit deS Lebens ! Eine Person, mit so engen und heiligen Banden an euch angefchlos- sen, nimmt an eurem Glücke und Unglücke den wärmsten Anthcil. Durch diese Theilneh^ uung wird das Unglück erleichtert; man trägt nur die eine Hälfte desselben: Und das Glück wird doppelt süsse, weil man es mittheilen kann. Mitleide und Mitfreude sind doch immer das, was der Mensch in trüben und heiteren Stunden sucht. Itzt sieht er sich nach jemand um, der sich mit ihm freuet; itzt fühlet er heilenden Balsam in dm Trost¬ worten einer Person, die ibn bedauert. — Wo kann aber Mitleid und Mitfreude inniger ftyn, — ( Z7 ) — als zwischen zwo Personen, die beyde nur Ein Fleisch sind? Freylich, ich weises, wenn wir ein weniz in die Welt hinaussehen, und den Instand man¬ cher-Familien untersuchen, so finden wir da und dort Auftritte, welche eben keinen geschickten Be¬ weis von der Glückseligkeit des ehelichen Lebens abgeben. Allein die Schuld des Unheils liegt auf den Eheleuten, nicht auf dem Ehestände. Dieser Stand hat, wie jeder andre, seine Pflichten, die man beobachten muß, wenn man die Glückseligkeit desselben geniessen will. Die Hauptpflicht des Mannes ist — Liebe; und die des Wecheö Nach¬ giebigkeit. Mangel an Liebe, und Mangel an Nachgiebigkeit, macht unglückliche Ehen. Wo aber die Liebe in jede Gesinnung und Handlung des Mannes Einfluß hat, wo der sanfte Geist bescheid¬ ner Nachgiebigkeit das Betragen des Weibes durchaus leitet, da ist derEhcstand gewiß die Wür¬ ze des irdischen Lebens, und ein Vorschmack des Himmels. DaS Haus solcher Eheleute — wärs auch eine niedere bemooste Hütte, eS ist ein Tem¬ pel der Liebe, und des Friedens. Und der Gott der Liebe und des Friedens wohnt gerne darin, und sein Segen ruhet auf ihnen , und auf ihrer Familie ewiglich. „ Ich kann aber die Person, mit der ich mich „in eheliche Verbindung eingelassen habe, un- möglich lieben." Nun so steckt der Fehler gewiß in der Wahl der Person. Eine Person, die keine von den lie¬ benswürdigen Eigenschaften an sich Hal, welche C z den c z8) den Umgang angenehm machen, und den häusli¬ chen Wohlstand gründen und erhöhen können, eine Person ohne Geist und Herz, ohne Sanftheit und Freundlichkeit, die weder Geschicklichkeit, noch Fleiß noch Frugalität besitzt, die noch überdies mit unsrer ganzen Denkart kontrastirt — eS laßt sich begreift» , daß man einer solchen Person satt und überdrüssig werden kann. Wenigst wird die Liebe zu ihr keine andere, als eine pflichtmässige seyn. Man hätte sie aber auch nicht wählen sollen. Frey- lich werden die meisten von ihren Leidenschaften betrogen. Die Leidenschaft erhitzt die Einbildungs¬ kraft ; und diese legt dem Gegenstände Vorzüge bey , die er nicht hat. Man greift zu; glaubt mit einer Rachel zu Bette zu gehen des Morgens aber, wenn der Taumel vorüber ist, und der Gegenstand in seiner wahren Gestalt erscheinet — sieh, da ist eS Lea!! Am dritten Sonntage nach der Erscheinung Christi. Matth. 8- l — l3- ^csus hatte auf -em Berge Menschenliebe und Wohlthätigkeit geprediget; und nun, da er den Berg herunter steigt, übet ec sie auch aus. Denn sieh , ein Aussätziger kam , siel vor ihm nieder — welche Demutb.' und sprach : Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen — welches Vertrauen' Glaube, — ( 39 ) "° Glaube , mit -emüchiger Bitte gepaaret, war die rechte Disposition, in welcher Jesus mit Nutzen auf der Stelle helfen konnte. Er entsprach auch sogleich der Bitte, fast mit den nämlichen Worten des Bittenden: Ich wills; sey rein ! O die zaudernden Wohlthäter , die sich lan¬ ge , lange bitten, und endlich kaum erbitten las¬ se», zu helfen; da sie doch oft nur Wollen, oft nur ein Wort sprechen oder niederschreiben dürf¬ ten! Einmal, der ist kein gittmükhiger Mensch, der, eö sey aus Trägheit, oder Fühllosigkeit, oder Eigennützigkeit, die Leidenszeit eines Unglücklichen verlängert, da es in seiner Macht steht, sie abzu¬ kürzen, und den Hilftschmachtenden zu erquicken. Die Thränen, die indeß vom Auge des Elenden fliessen, werden von Gott gezählet, und dir, Un¬ barmherziger, angercchnet. Die Seufzer, die er mehmuthövoll zum Himmel schickt, sind dort deine Ankläger; und die Angst, die itzt auf feiner See¬ le liegt — glaub es nur, sie wird dich einst auf dem Sterbebette zehnfach drücken, und dir den Abschied von der Welt sauer machen. — Darum „ wenn du eS hast, und gleich geben kannst, so ' „ sag nicht, geh hin, und komm morgen wieder, ,, da will ich dir geben." Die Gabe, die gleich , und zu rechter Zeit gegeben wird, hat gemeiniglich einen doppelten Werth. Späterhin, wenn die Zeit der Noch oder der Rettung vorbey ist, wird sie un¬ nütze. Habe Acht, sagte Jesus zu dem Aussätzigen, dgß du eS njimand sagest! C 4 Er — ( 40 ) — Er that Grosses ohne Großthun — das cha¬ rakteristische Zeichen, woran man den grossen Mann von dem kleinen wegkennen kann! Dieser möchte immer gern seiner Länge eine Elle zusetzen. Wenn er was Grosses rhut, oder zu thun meynt, da giebt er sich auch ein grosses vollwichtiges Anse¬ hen , und posaunet die That laut schmetternd gegen alle vier Winde aus. Der grosse Mann handelt mit durchsetzender Kraft, aber ohne Geräusch; je stiller und verborgener , desto lieber. Er spielt die Hauptrolle des Stückes, wie wenn er nur eine Nebenperson machre, mit der bescheidensten Miene; und tritt ab, wenn er merkt, daß man ihm lauten Veyfall zuklatschen will. Oft — da¬ mit ich in dem Gleichnisse bleibe — steht er hin¬ ter der Scene, läßt andere, die von ihm unter¬ richtet sind, statt seiner sprechen und handel»; und sieht nicht scheel, wenn sie das Lob und die Ehre davon tragen, die ihm gebühret. — Eden diese Bereitwilligkeit zu helfen bewieß JesnS auch gegen den kranken Knecht eures römi- jck-en Hauptmannes. Kaum trug ihm dieser die Birte vor: Herr ! mein Knecht liegt zu Hause am Schlagfluße, und leidet heftige Schmerzen — als Jesus sogleich erwiedcrte: Ich will kommen, und ihn heilen. Man erlaube mir nun auch, daß ich Christen einen Heyden zum Muster der Nachahmung auf¬ stellen darf. Hat ihn doch auch Christus den Ju¬ den «»gepriesen; und selbst die jüdischen Vorste¬ her, diese erzverächter der Heide«, gaben ihm das Zeug- — ( 41 ) — Zeugnjß, er sey es werth, daß ihm von Jesus willfahren werde. Gewiß, er war eö werth! Kein Israelit hat dem Herrn eine so granzlose, in die fernste Ferne hin wirkende Kraft zugetraut, wie dieser Heyde ihm zutrautc. Er bath nicht, wie jener Vorsteher einer jüdischen Synagoge, daß Jesus itt sein Haus kommen möchte; als oh er abwesend nicht eben so gut heilen könnte. Ich bin nicht werth, daß du in mein Haus kommest. Sprich nur ein Machrwort, so wird mein Knecht gesund ! Was für eine Spra¬ che des Glaubens und Vertrauens ! Welch unge¬ heucheltes , dcmüthiges Bekenntniß eigener Un- würdigkcit, die er innigst fühlt! Wer einen so de- müthigen, und so viel umfassenden Glauben hat, von dem läßt sich mit vieler Zuverlässigkeit anneh- mcn, daß er durchaus gut, und ein Mann von Rechtschaffenheit seyn müsse. Der Grund, in wel¬ chem die Dcmuth so tief wurzeln , und der Glaube so himmelan wachsen kann, muß überhaupt ein guter Grund seyn , auf welchem jede Tugend ge¬ deihen mag. Wir sehen auch hier Mitleid und Wohlthätigkeit zugleich mit anffpcossen , blühen, und Früchte tragen ; denn der Hauptmann nahm m nschenfreundlich an dem Schicksale seines Knech¬ tes Antheil; und die Krankheit desselben scheinet die angelegentlichste Angelegenheit seines Herzens gewesen zu styn. Und in diesem Stücke kann er wirklich viele christliche Herren beschämen, die ih¬ re Knechte nicht einmal ihrem Viehs gleich achten; denn wenn dieses krank ist, so wenden sie alle Mit¬ tel an , ihm wieder anfznhelfen; indeß sie jene irr C s ihren — (42) — ihren Krankheiten hilflos schmachten, und ver¬ schmachten lassen. Wie ? ist denn ein Stück Vieh mehr als ein Mensch , daß ihr für jenes sorget, und diesen versäumet ? — So machte cs der Hry- de nicht! Es ist aber auch wahr — Man kann christlich glauben, und heydnisch leben : lind ein Heyde handelt oft menschlicher, als ein Christ es thut. „ ES werden viele vom Aufgange und Nie- Hergänge kommen , und im himmlischen Reiche „ bey Abraham, Isaak und Jakob Plag nehmen; „ aber die geborncn Reichsunterthauen werden ,, hinaus in die Finsterniß verstossen werden. ' Diese Rede Jesu ist seit 1720 Jahren in Er¬ füllung gegangen. Abrahams Stamme — er war ein von Gott gesegneter Stamme, und trieb Jahr¬ tausende schöne und edle Zweige; sie wurden aber endlich Unglaubens wegen vom Stamme abge- fchnitten ; und die Schosse eines wilden Selbau- meö, die Heyden sind an ihre Stelle gepftopftt worden — ihres Glaubens wegen. Am vierten Sonntage nach der Erscheinung Christi. iUatth. 8- 2Z — 27. Äls Jesus mit seinen Jüngern über die galliläi- sche See fuhr, übersiel sie ein Sturm. Er schlief MH--; aber die Jünger zitterten vor Angst, und wir - (4Z) - »vil' der Sturm tobender wurde, so wurde auch ihre Furcht grösser; banger ihre Erwartung. Nun konnten sie es länger nicht auShalten; sie weckten ihren Lehrer auf: Sieh doch, welch ein Sturm! Wir sind verloren, wenn du uns nicht rettest. „Da stand er auf, geboth den Winden, ,, und dem Meere — und es war eine grosse „ Stille.- Unser Leben ist einer Seefahrt sehr ähnlich. Da ist nirgends ununtcrbrochne Ruhe: Stürme sind unvermeidlich. Doch lasset uns nicht ängstlich zagen; lasset uns zu Jesus rufen, der dem Stur¬ me gebiethen kann I Er lebt noch, und hat ver¬ sprochen bey unö zu seyn bis ans Ende der Welt. Wenn er mit und für uns ist, wer kann wider uns seyn? Und auch der Vater hat uns lieb. Er hält seinen schützenden Arm über uns, und bewahret uns, wie seinen Augapfel. Die Haare unsers Hauptes sind alle gezählet: Keines fällt von dem¬ selben ohne sein Wissen. Was sorgen wir? Glaube an Gottes allwaltende Vorsicht, Vertrauen auf Christi Mittleramt — die sind ein fester Grund der Seelenruhe bey allen Widerwär¬ tigkeiten des Lebens. Wo diese Grundlage ist, da hat man das Haus auf Felsen gcbauct. Mögen Platzregen fallen, und Wafferftröme anlaufen! Lasset Winde brausen , und auf das Haus zustür¬ men ! es fällt nicht; denn sein Fundament ist ein Fels. Aber Sandgebäude ist jedes andere Lehrst)- stem. Vey geringen Anfällen eines widrigen Schick¬ sales mag die Philosophie noch Trostrunde an die Hand — ( 44 ) — Hand geben, die den Menschen eine Zeitlang auf¬ recht halten können: Wenn aber der Sturm to¬ bender wird; da ists vorbcy mit aller Philosophie, und mit allem Apparat von Weisheit, wie sie im¬ mer heissen mag. Kein Sylogismus wird dem gepreßten Herzen Luft machen können ; und der hochgepriesene Stoizismus wird dahmsinken unter dem Uibergewichte des natürlichen Gefühls der Schmerzen. Oder wo hat die Philosophie ein Ka¬ pitel, welches, wenn es dem Leidenden vorgcleseu wird, ihn beruhiget, so, daß der Sturm, der sein Herz und seine Vernunft empöret und ver¬ wirret hat, sich legt, und Heiterkeit in seine See¬ le zurückckehrt? So fein und scharfsinnig auch manche ihrer Gründe ftyn mögen, wenn man sie in guten Tagen liest; so kraftlos sind sic gemeinig¬ lich , wenn man sie in bösen Tagen durch die An¬ wendung prüfet. Es ist mit ihnen fast gerade?o wie wenn ein Arzt dem Kranken eine schöne Disser¬ tation über seine Krankheit verliest. Wird sei» Zustand dadurch besser? Seneka und Epiktet, sie deklamiren zierlich. Aber ihre Deklamationen kommen fürs erste aus dem Kopfe, nicht aus dem Herzen. Wie könnten sie das Herz treffen und be¬ ruhigen? Und da sie zweytens den Leidenden nicht zu einem gütigen, weisen und mächtigen Regierer der Welt, und der menschlichen Schicksale hinauf sehen lehren; da sie seinen Blick nicht über den gewöhnlichen Umschwung dec Dinge untrem Monde hinüberleiten — was könnten sie Trösten¬ des für -en sagen, dem diese Welt ein Iammer- thal, und dieses Leben Plage ist? In ihren schön¬ sten — ( 45 ) — sten Lektionen sagen sie zuletzt dennoch nichts, als; man müsse mit Geduld leiden, was man nicht än¬ dern kann. O da möchte man ihnen eben daS er- wiedern, was Hiob seinen leidigen Tröstern er¬ widerte : Was ihr wisset, das weis ich auch. Möchtet ihr nur stille schweigen ! Ganz anders verhält es sich mit den Lehren der Religion. Der Schatten des Elendes mag noch so weit in die Welt hinein sich erstrecken; die Wol¬ ke, die über daS menschliche Leben hängt, mag noch so finster seyn; dennoch wird alles durch den Gedanken aufgehcitert, daß ein unendlich weises, liebevolles und allmächtiges Wesen diese Welt ge¬ macht , und daö Ganze so eingerichtet hat, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Vesten gereichen; daß Trübsale nothwendig sind, um unsre Tugend zu prüfen, und zu stärken; daß jede Thrä- ncnsaat zu einer reichen Aerndte künftiger Freuden heranwächst; und daß nach diesem Leben ein weit besseres übrig ist, zu welchem wir in dieser ersten Periode unsers Daseyns erzogen und zubereitet werden. Und so verliehret selbst der Tod, den die Weltweisen für dasSchrckbarste unter allen schrek- baren Dingen hielten, all sein Widriges und Un¬ angenehmes. Der Christ fürchtet ihn nicht. Er weis, daß das Schiss nicht scheitert, nicht unter¬ geht. Nein, es verliert sich nur denen, die uns nachsehen, auö den Augen; indem es uns über -ie See hinüber an das jenseitige Ufer bringt. Dort landen wir in einer Gegend, voll unaus¬ sprechlicher Anmuth; in einem Lande der Ruhe, wo keine Trauer noch Mühe ist; wo ewige Wonne über — ( 46 ) - über unfern Häuptern schwebt. Wer sollte nun, nm in dieses Land der Glückseligkeit zu kommen, ängstlich die Uiberfahrt fürchten? Am fünften Sonntage nach der Erscheinung Christi. Matth, iz. 24 — ZO. ^as heutige Evangelium enthält die Parabel vom Unkraute unter dem Weisen. Da dies die erste Parabel ist, von der ich zu reden habe; so erlaube man mir, zuerst ein Wort über diese Lehrart Überhaupts zu sagen. Parabeln waren morgenländischen Lehrern sehr geläufig. Sie haben auch wirklich ihren Werth. Sie geben dem Vorträge Anmuth, unterhalten die Aufmerksamkeit, und erwecken das Nachdenken. Jesus hatte überdies noch besondere Ursachen, sich dieser Lehrart zu bedienen. Fürs erste hatte er es oft mit Leuten aufzu¬ nehmen , bey denen der nackten Wahrheit alle Zu¬ gänge zum Herzen ein für allemal versperret wa¬ ren. Da ließ sich nun nichts weiter thun, als daß er ihnen rin treffendes Bild vochielte, in welche»» sie sich zulezt selbst erkennen konnten — wie Na¬ than es mit David machte. Hernach bedürfte seine Hauptlebre, die Leh¬ re vom Reiche des Messias, eine Hülle. Dieft Lehre war längst in ein falsches Licht geftellet. D,-. Vorur- . — ( 47 > — Vorurtheile de? Inden mit eintmmakc- u»kstük- zen, hieß sic erbittern, hieß sie gegen sich und ge¬ gen die Wahrheit nur aufbringen. Da blieb nichts übrig, als die eigentliche Beschaffenheit dieses Reiches in Bildern zu zeigen. Derer Aug böse war, die die Wahrheit nicht sehen wollten, denen blieb sie verdeckt. Derer Ang zwar gut, aber zu schwach, war, in das volle Licht der Wahrheit zu schauen; die sahen sie im gemilderten Scheine, und gleich¬ sam unter einem Schleyer, wie einst ihre Väter Mosis Angesicht sahen. Der scharfsüchtige Wahe- heitSfrcund aber konnte sie vollends nicht verfehlen. Und ihm hob Jesus gern die Decke ganz weg; wenn cr , wie Nikodemus, kam, und fernere Beleh¬ rung suchte; oder über den rechten Ginn der Pa¬ rabel nachfragte, wie die Jünger eS thaten. Endlich konnte auch das nicht wohl deutlich gesagt werden, was noch in ferner Zukunft lag. Sein Tod, seine Auferstehung und Erhöhung, die Ausbreitung seiner Lehre, die Schicksale der christlichen Kirche — von dem allen sollte zwar ge¬ sprochen werden, aber nur in prophetischen Win¬ ken , in Bildern und Gleichnissen, Die Zeit sollte vollen Aufschluß geben ; und ein jeder solcher Auf¬ schluß sollte neue Stärkung des Glaubens werden. Bey Johannes finden wir ein auffallendes Bcy- spiel. Zerstöret diesen Tempel, hatte Jesus zu den Juden gesagt; in drey Tagen will ich ihn wieder aufrichten. ,, Allein der Tempel, wovon er sprach, „ war sein Leib. Erst nachdem er vom Tode cr- „ standen war, erinnerten sich seine Jünger dar- „an ( 48 ) „ an, daß er dieses gesagt hätte, und glaubten „ der Schrift, und dem Worte Jesu. " Joh. 2. So hatte er unter der Hülle der Parabel manches deponiretzumGcbrauche künftiger Zeiten. Wie der Gang seines Schicksales sich entwickelte, so löste sich das Räthselhafte, das Paradoxe man¬ cher Lehre auf: und was weder seine Jünger, noch die Juden vorhin , wcnns deutlich wäre ge¬ sagt worden, hätten tragen mögen; was den einen Thorheit, den andern Aerg-rniß gewesen wäre -— dies diente ihnen nachher zur Überzeugung,,, daß „ er alles vorhinein wußte, und daß er von Gott „ hergekommen sey. " Lasset uns nun auf die Parabel des heutigen Evangeliums kommen! Sie bedarf keiner Auslegung Jesus hat sie selbst den Jüngern erkläret. Aber die Weisheit der Lehre, welche darin liegt, verdienet näher be¬ trachtet zu werden. Duldung der Vosen unter den Guten, wie weise und nützlich ist sie! Da werden die Bösen durch die Frommen gut; und die Guten werden durch die Böse« immer besser. Ohne böse Men¬ schen könnten die Guten nicht vollkommen gut wer¬ den ; und so manche Tugend würde ganz Wegfällen. Sanftmuth, Geduld, 'Versöhnlichkeit, Groß- muth im Vergeben, Feindesliebe — sie können eigentlich nur gegen unwürdige und böse Menschen ausgeübet werden. Im Kampfe gegen das Laster sammelt die Tugend ihre schönsten Lorber; und das Böse erhöhet das Gute, wie der Schatten das Licht in einem Gemälde. Wenn man, ferne von dem - (49) - Kem Verderbnisse, unter lauter Guten selbst auch gut ist, ist das wohl was Grosses ? Aber ein Loth in einer wollüstigen Stadt, ein Tobias unter abgöttischen Landeöleuten, ein Noah in einem auögearteten Zeitalter — die glänzen wie Sterns am nächtlichen Himmel; und das Lob der Recht¬ schaffenheit ist für sie um so ehrenvoller, je allge¬ meiner und ansteckender die Seuche der bösen Verspiele war. Da irret ihr euch nun gar sehe, die ihr euch in euch selbst verschliesset, weil euch jede Gesell¬ schaft böse, oder doch nicht gut genug scheinet. Las¬ set vielmehr euer Licht vor ihnen leuchten , daß sie eure guten Handlungen sehen, und zur Nachah¬ mung derselben gereiget werden. Mächtig wirken die Vcysviele, und dre Lehren der Frommen auf die Lasterhaften. Was ihre Lehren betrift, so kann man ihnen fürs erste nicht crwiedern: Arzt, heile dich selbst! oder zieh erst den Balken aus deinem Auge, ehe du aus dem meinen den Splitter ziehst. Ihr Unterricht hat zweytens den Lehrton nicht, nicht das AmtS - und Pflichtmässige; ist weder an Zeit noch Ort gebunden; ist nur gelegenheitlich angebracht, und eben deswegen einschleichend, und überredend. Die Klugheit hat den schicklichsten Zeitpunkt gewählet, die Behutsamkeit Hal mit schonender Hand die Wunde aufgedeckt, und die Güte hat zu dem Wein eine solche Portion von Oel gegossen, daß das Herbe und Scharfe gar sehr gemildert , und fast unmcrklich gemacht ward. Und dann erst die Veyspiele der Frommen ! Wer kennt die Macht der Beyspiele nicht ? Wie weit DierteZomil. D nach- — ( so ) — nachdrücklicher lehret ma» durch Handlungen als Lurch Worte! Es jft etwas, jemand auf den rech¬ ten Weg Hinweisen; aber besser ists , vor ihm auf dem Wege einhergehen , und ihm statt aller Be¬ lehrungen und Vorschriften sagen: Folg mir nach! Weg mit den Klagen über verderbte Zeiten und böse Sitten! „Sag nicht, wie kömmtS, daß z, die vorigen Zeiten besser waren , als die ge- ,, genwärtigen ; denn das ist Thorheir. " Leider hats zu allen Zeiten schlimme Menschen gegeben; nnd die Geschichtbücher zeugen, daß sie, je weiter wir hinauf gehen, nicht nur roher und wilder, sondern auch lasterhaft waren. Und wenn die Sit¬ ten sich wirklich verschlimmerten, wenn Gottes¬ furcht und Glaube an die Neligionswahrheiten immer weniger würde — was nützt alles Klagen und Zettergeschrey? Die ihr über Sittenlosigkeit, Freygeistercy und Unglaube ingeheim seufzet oder laut schreyet — habt Glaube und Tugend , und hütet euch , daß ihr nicht vom Strome mit fort¬ gerissen werdet. Wer steht, der habe Acht, daß er nicht falle! Uiberlasset übrigens den Gang der Cultur, oder des Verfalls der Menschheit dem, -er den Plan einer Welt, in welcher Gute und Böse untereinander vermischt sind , gut befunden Hat. Wie er den Aufruhr des Meeres und das To¬ ben seiner Wellen stillet, so stillet er auch daü To¬ ben der Völker, und die Ausschweifungen des La¬ sters, wenn sie verheerend würden. Dringt dec Bösewicht zu weit vor, so legt der Allmächtige ihm einen Ring an die Nase, und ein Gebiß ins Maul; «nd führet ihn -en Weg zurück, den er hergekom- men — ( sl ) — men ist. Arme Sterbliche! was vermöget ihr - Wollet ihr dem Laufe des Lasters Einhalt thun? Ihr möget eben so leicht denStnrmwind aufhasten. Und dann — urtheilet gerecht, und richtet nicht nach dem Scheine! Mancher scheint nur böse, oder ungläubig; und ist es nicht. Darf man sichS z. B. erlauben, einen zu verketzern und zu ver¬ dammen, der unwesentliche, zufällige und gleich¬ gültige Dinge in der Religion nicht mitmacht? „Werseyd ihr, würde Paulus sagen, daß ihr „ einen fremden Knecht richtet? Er steht oder fällt „ja feinem Herrn: Und fällt er, so hat Gott „ Macht genug, ihn wieder aufzurichten. Der eine „hält einen Tag für heiliger, als den andern; „ einem andern sind alle Tage gleich. Der eine ißt „ von allen Speisen; der andre nur Gemüse. Je- „ ner verachte diesen nicht; und dieser verurtheile „jenen nicht." (Röm. 14.) Laufet nicht gleich hin, ihr feurigen Zeloten, um auszuraufen, und zu verbrennen! Geduld! Jede Pflanze, welche der himmlische Vater nicht gepflanzet hat, wird von selbst verdorren. Es erhält sich in die Länge nichts, als die Wahr¬ heit; und sie erhält sich immer nur durch sich selbst. Meynungen und Jrrthümer gehen auf und unter, wie Lufterschcinnngen. Stecket euer Schwert in die Scheide, wartet auf den Tag , da Wahrheit nnd Irrthum, Gutes und Böses auf immer wird geschieden werden, und lasset indeß die Fahne des Friedens wehen .' Man bat sich oft und lange genug über Redensarten und Ceremo- nien entzweyet, gehasset, verfolget, getödket, selbst D 2 an — ( 52 ) — au den Altären des, der allgemeine Liebe lehrte, und sterbend für seine Mörder bath. Gott! du weißt es, und dir hat man es oft mit Thränen ge¬ klagt — die Christen seyn wollten, die waren nicht einmal Menschen! Am sechsten Sonntage nach der Erscheinung Christi. Matth, iz. gl — Zs- Das Gleichniß vom Senfkorn hat Jesus vorge- tragen , um das Schiksal seiner Lehre und seines Reiches zu bezeichnen. Die christliche Religion war im Ursprünge so klein , als ein Senfkörnchen; aber im Fortgänge groß, wie ein Baum. Die Schnelligkeit, mit welcher sie sich ausbreitete, ist ein grosses Wunder, und ein Beweis , daß sie nicht ein Werk der Men¬ schen , sondern ein Werk Gottes ist. Man denke der Sache einmal ernsthaft nach. — Eine Leh¬ re, die an sich so strenge ist, die keinem Jrthume, keiner Leidenschaft, keinem Laster schonet; deren Stifter, wie ein Miffethäter, am Kreutze starb; die von Männern geprediget wurde, die kein An¬ sehen, keine Gelehrsamkeit, keine Reichthümer, keine Zwangsmittel hatten; der sich die Wuth des Pöbels, der Witz der Philosophen, die Habsucht der Götzenpriester, und die Macht -er Fürsten widersetzten — diese Lehre siegt über alle Hinder¬ nisse, — ( sz ) — Nisse , wird in einer kurzen Zeit fast allgemein an¬ genommen , und blühet bis diese Stunde unter allen kultivirtcn Völkern der Erde! Jesus vergleicht seine Lehre auch mit einem Sauerteige. Ein wenig davon genommen, und unter drey Theile Mehl gemischet, giebt drmGan- zen eine angenehme Säure, Geschmack und Kraft. So thcilte auch die Lehre Jesu den Menschen bes¬ sere Gesinnungen mit. Durch sie wurde die Masse der Menschheit gleichsam durchgewürzet, und be¬ kam was Himmlisches und Göttliches. Die Jr- dischgrsinnten wurden allmählig von der Erde ab¬ gezogen , und dem Himmel näher gebracht. Sie sahen sich als Fremdlinge auf dieser Welt, und als Bürger des Himmels an; verachteten die zeitlichen Güter, und strebten nach j-nem , waö droben ist. Wenn wir diese beyden Gleichnisse von dec moralischen Seite betrachten wollen, so lehret uns jenes vom Genfkörvchen, daß nichts, was klein scheinet, zu verachten sey. Aus dem Senf¬ korn wird ein Baum; und aus kleinen Fehlern werden grosse Laster. Wer den bösen Baum, und die böse Frucht hindern will, der ersticke den Gau¬ men. Ein böser Gedanke steigt in deiner Seele auf; du unterdrückest ihn nicht — er keimt zur Begierde; reift zur That. Ein lüsterner Blick hat denDavidzumEhebrecherundTodschläger gemacht. Eben so istö auch mit dem Guten. Wer zur Vollkommenheit in der Tugend kommen will, der schmetchle sich ja nicht, als könnte er die höchste Stusse mit Einem Schritte erreichen. Die höchste kann nicht anders erreichet werden, als wenn man D z erst - (54) - erst die unterste, hernach die zwote, dritte hinan- steigt. Man fängt mit dem an, was leicht ist; und durch öftere U-bungcn lernt man auch das Schwere thun. In der ganzen Natur, wohin ihr sehet, geht alles vom Kleinen aus ins Grosse; so in menlchlichenHandlungen! Ein liebreiches Wort, zur Aufmunterung eines Schüchternen gesprochen, eine Thräne, zum Beyleide eines Trauernden ge- weinet, ein kleiner Beytrag zur Verpflegung ei¬ ner Waise — noch mehr, ein guter Gedanke, ein menschenfreundlicher Wunsch, eine Erhebung des Herzens zu Gott — dies alles scheint klein zu seyn; aber es stimmt unser Herz zum Guten; und je öf¬ ter wir so was thun, desto mehr Geschmack am Guten gewinnen wir. Wir erlangen nach und nach eine Fertigkeit, gute Handlungen auszuüben, und edle Gesinnungen werden nnS gleichsam natürlich. AuS kleinen Saamenkörnern wächst eine reiche Aerndte. DaS Gleichniß vom Sauerteige lehret uns, daß die Lehre Jesu ganz in uns übergehen, und mit unser« Gesinnungen, wie der Sauerteig mit dem Teige, sich vermischen mässe. Der ist kein Christ, der den Geist Christi nicht hat, den Geist, der in seiner Lehre lebt. WaS nuyt.es, wenn seine Lehre, der tvde Buchstabe, der nicht wirkt, in deinem Gedächtnisse haftet? Geist und Leben muß sie dir werden; aus dir athmen; aus deinem Her¬ zen , wie aus einer Quelle, in alle deine Gesin¬ nungen und Handlungen einflicffen! Daraus fol¬ get nun offenbar, daß man diese Lehre oft und aufmerksam anhören, lesen, überdenken, ver¬ dauen , (ss) — bauen , und in Saft und Blut verwandeln muffe; sonst wird sie nie unsre Denkart, nie unser» Cha¬ rakter bestimmen; wird nie das Leben unsrer Em¬ pfindungen , und die Seele unsrer Gesinnungen werden; wird nie fruchtbar an guten Werken seyn. Dec heilige Jakob verlangt ausdrücklich : „ daß „ man tief hineinblicke ins Gesetz, dabey verweile, „ und nicht bloß zum Vergessen höre; sonst gleicht „ man einem Menschen, der sein Angesicht im ,, Spiegel beschaut. Er beschauts einen Augenblick, und geht leichtsinnig fort, und vergißt, wie er ,, aussah. " Wahrlich, der Fehler steckt bcy den meisten Christen nicht so fast darin , daß sie zu wenig wissen; sondern daß sie über das , was sie wissen, zu wenig nachdenken. Sic geben sich keine Mühe, den Geist des Evangeliums aufzufaffcn, und das Ganze zu übersehen. Ihr Wissen ist Stück¬ werk, einzelne Wahrheiten ohne System; oder ein System ohne Beweisgründe, ein Glaube ohne Uiberzeugung. Wie könnte ein solcher Glaube aufs Herz wirken, und fruchtbar an guten Werken seyn? Am Sonntage Septuagesima. Matth. 20. i. — iS. Das Gleichniß von den Arbeitern im Weinberge. — Wenn man dieses Gleichniß mit dem, was vorangebt, und die Veranlassung dazu gab, zu¬ sammenhält ; so kann man den Sinn desselben nickt leicht verfehlen. D 4 Jesus — ( s6 ) — Aesils hatte denen , die zur Ausbreitung sei« ncs Reiches Mitarbeiten würden, grosse Beloh, nunqen verbeissen. Und nun geht er in diesem Gleichnisse einem dopvclten Vorurtheile entgegen, wovon feine Jünger damal noch eingenommen wa¬ ren. Diese waren zuerst der Mcynung, das Reich VeS Messias würde durch eine schnelle Revolution mit einemmale in seinem vollen Glanze erscheinen. Wie konnten sie sich da vorstcllen, daß sie in der Ausbreitung und Gründung desselben Nachfolger und Mitarbeiter haben sollten? Sie hielten sich also auch für die einzigen, welche an den verheis¬ senen Belohnungen Theil haben würden. Wie sanft wurden sie nun zurechtgewiesen durch die Ar¬ beiter im Weinberge, deren immer einige später den ersten nachgeschickt werden, und wovon die letzten den nemlichen Lohn empfangen! Da kömmts nicht darauf an, wer zuerst, wer zuletzt gesendet wird: Unter den vielen, die zur Verkündung des Evangeliums berufen werden, werden höch¬ stens ermge wenige scyn, die grösser» Lohn em¬ pfangen werden — ncmlich die, welche fleissiger; nicht die, welche eben nur früher, als andere, ge¬ arbeitet haben. Dies ist der eigentliche Sinn des Gleichnisses. Jndeß gewähren fast alle Gleichnisse unsers Herrn eine doppelte Aussicht — eine nähere und bcgränz- tcre; in so ferne sie sich auf gewisse Zeiten, Perso¬ nen und Begebenheiten beziehen; und eine, die sreyer, offner, ferner ist, und sich in das Gebieth -er Moral hinein erstreckt. Lasset uns aus den engern Schranken der buchstäblichen Auslegung in dieses — ( s7 ) — dieses Feld hinausgehcn, mrd daselbst einige Blu¬ men, wie wir sie finden, abpflücken. Das Murren der Arbeiter gegen den Haus¬ vater zeiget nicht undeutlich die Unzufriedenheit der Menschen mit Gott an — in Ansehung der Art, wie er die Guter dieser Welt anstheilet. Immer ist ihnen ihr Tbeil zu klein , und der andern ihrer zu groß. Immer schmeicheln sie sich , mehr als an¬ dere verdummt zu haben ; und da sie nicht mehr , oft weniger als andre empfangen, so murren sie. Aber wie ungerecht ist dieses MurrenFürs erste geschieht ihnen kein Unrecht. Sie empfangen das, was ihnen gehört, den nothwendigen Unter¬ halt , das tägliche Brod. Wenn sie Nahrung und Kleidung Haden, so sollen sie zufrieden seyn. Gott giebt andern mehr; gm ! die Gnadenbezeigungen gegen die einen, sind sie denn Ungerechtigkeiten gegen die andern? — Aber ihr verdient sie viel mehr, als jene. Nemlich nach eurem Urtheist! Ich fürchte aber, ihr seyd allzuparthcyliche Ruh ter, wenn ihr über eigene Verdienste urtheilct. Wie wenig sind wir überhaupt geschickt, über ei¬ genes und fremdes Verdienst zu entscheiden! Kömmt nicht alles auf das Innere des Herzens an? Und wer sicht in diese Tiefen hinein? Die glänzendsten Handlungen find oft Flittergold, das rauscht und blendet, aber keinen inner« Werth hat. D«e Tugend hingegen geht immer in dem Mantel der Demuth; wie leicht wird sie verksnE Da wir nur das Gute, welches wir thun, kennen; jenes aber, was andere thun, uns meistens ver¬ borgen bleibt; so setzen wir «ns fast immer weit D s über — ( 58 ) — über sie hinauf, wen« wir gleich tief unter ihnen zu stehen kommen. Seyd ihr aber wirklich tugend¬ hafter als jene; ists wahr, daß ihr gut seyd, und daß ste böse sind — nun so besitzet ihr ja auch wirk¬ lich mehr, als jene besitzen. Ihr besitzet wahre Güter; sie besitzen Scheingüter. Sie haben Gold und Silber; ihr habt Gottes Gnade. Sie haben Ehre bey den Menschen; ihr habt -en Veyfall -es Himmels. Sie herrschen über einen klei¬ nen Haufen ihrer Mitmenschen; ihr herrschet über euer Herz; eine Herrschaft, die edler ist, und grösser macht, als wenn einer über Städte und Lander gebiethet! Ihr böses Gewissen ver¬ gällt ihnen jedes Vergnügen; ihr aber habt Frende zu Gott in -em Vewußtseyn eurer Recht¬ schaffenheit. Sie empfangen ihr Gutes in diesem Leben; ihr erwartet es in jenem. Ferner, spricht der Hausvater zu den mi߬ vergnügten Arbeitern, hab' ich nicht die Freyheit mit dem Meinigen zu schalten, wie ich will? — Ist Gott nicht unumschränkter Herr, der seine Güter nach Belieben austheilen kann? Welcher Hausbedientcr darf zu seinem Herrn sagen : So viel sollst du mir, so viel magst du andern geben? Er muß nehmen , was der Herr ihm giebt, und zufrieden seyn. Das kann er um so mehr, wenn er versichert ist, daß sein Herr nicht nach Laune, Eigensinn und Parthcylichkeit, sondern nach den Regeln der Weisheit und Gerechtigkeit verfährt. Eme solche Herrschaft ist die Herrschaft Gottes , dre durchaus von Weisheit und Gerechtigkeit gelei¬ tet wird. Es geschah nicht ohne Ursache, daß er jenem — ( 59 ) — /enem vieles , diesem wenig gab. Wär's ihm gut; wär's dem Ganzen vortheilhaft — er hält' ihm eben so viel und noch mehr gegeben. Allein der Reichthum würde ihn üppig, stolz, und lasterhaft gemacht haben; indeß die Acmuth ihn vor Aus¬ schweifungen schützet. Und diese Welt, so wie sie einmal ist, fordert selbst die Ungleichheit dec Glücksgüter. Wenn einer des andern nicht bedürf¬ te , so würde das Band der menschlichen Gesell¬ schaft Viel schlaffer und lockerer seyn; Handel, Industrie und Künste, diese mächtigen Triebfedern der Maschine, diese vorzüglichen Mittel der Ver¬ feinerung und Aufklärung der Menschheit, wür¬ den danieder liegen. Die Tugend selbst würde da- b:y leiden. Ist nicht die Armuth eine Mutter vie¬ ler Tugenden? Würden wir ein Muster der Ge¬ duld an Hiob haben, wenn er immer auf dem weichen Polster der Allgenügsamkeit, und nicht auch auf dem Düngerhaufen gelegen wäre? Mäs¬ sigkeit, Genügsamkeit an wenigem, Zufriedenheit mit allem, wie's kömmt — ruhige Gottergcbcn- heit bey dem drückendsten Mangel, stille Duldsam¬ keit bey den eingreifendsten Schmerzen — wer lehret dies besser, und nachdrücklicher, als so mancher Lazarus, der vor unsren Augen dürftig, und voller Geschwüre durch eine inhofpitale Welt schleicht, und um die Brosamen bettelt, die von den Tischeir der Neichen abfallen ? -- Ihr Menschen, die ihr so gerne reich werden möchtet, ihr wisset wahrlich nicht, was ihr begeh¬ ret ! Ihr kennet einmal das wahre Glück deS Le. bens viel zu wenig. Der Reichthum macht nicht glücklich! Ferne - (6o) - Ferne fey es von mir, daß ich mit cynischer Unverschämtheit den Rcichthum mit Küssen treten sollte. Er ist GotteS Gabe; doch glaubet es, er ist cine gefährliche Gabe. Vesser ist sogar die Ar- inuth; aber wünfchenSwerther, als beyde, ist der Mittelstand; da man genug hat; nicht so hoch steht, -aß man den Neid gegen sich rege macht; und nicht so tief, daß andere uns auf den Köpfen Sehen. Wenn ich in dieser Anliegenheit zn Gott bethen soll, so will ich nie anders berhen, als wie Salomo bath: Herr.' gieb mir weder Rcichthum, noch Armuth. Rcichthum dürfte mich übermüthig, Armnth unredlich machen. Am SonnLaze Sexagesima. Luk. 8- 4 — is. ^AesuS vergleicht seine Lehre mit einem Saamen- korn ; und die, welche ße hören , mit dem Grun¬ de, worauf es gesäet wird. Das Gleichniß ist treffend. Wie aus dem Saamenkorn allmählig die Frucht entsteht, so keimt auS der Lehre Jesu das Gute, und entwickelt sich immer mehr, biö es zu völliger Reife gedeiht. Aber da kömmt nun alles auf den Grund an. Keine Frucht, wenig, viel, sehr viel — das hängt lediglich von der Beschaffen¬ heit deS Bodens ab. Der Saame, der äusser dem Acker auf die nahe Strasse fällt — zertreten wird ec, und von den Vögeln aufgefressen. Wo keine Aufmerksamkeit ist, wo das Wort Gottes nicht fest fest gehalten wird; wo der Zuhörer unter Zer¬ streuungen dasitzt, wie auf einer offenen Land¬ strasse , auf welcher ihm alle Augenblicke eiu an¬ derer Gegenstand auffällt — da kann keine Sylbe haften; da redet der Lehrer in den Wind.- Was auf Fclsengrund fällt — es geht wohl auf, aber eö verdorret bald wieder, weil es keine Nah- rungösäfte hat. Wo das Herz nicht weich und em¬ pfänglich genug ist , da kann die Lehre Jesu nicht tiefe Wurzel schlagen. Sie wird also auch keine dauerhafte Kraft, keinen bleibenden Einfluß ha¬ ben; sie wird nur auf eine kurze Zeit wirken. Ei¬ ne vorübergehende fromme Empfindung , ein schneller Entschluß der Besserung , der aber nicht reif wird, das iftS alles. Eine Weile magS wohl gehen; kleine Schwierigkeiten mögen auch wohl überwunden werden; wird aber die Versuchung stärker, grösser die Gefahr, drückender die Noch; so sinkt ihr Glaube, und der Much fällt; wieder Baum, der nicht tief genug gewurzelt ist, vor dem Wehen des Sturmwindes. —> — Was in die Dor¬ nen fällt, wird von den Dornen erstickt. Ein Herz, das voll irdischer Sorgen ist, dessen Dichten und Streben nur auf Rcichthümer und Wollüste geht, das läßt keinen guten Gedanken aufkommen. Ein so ganz irdischer und fleischerner Mensch hat keinen Sinn für das, was des Geistes ist. Er kriecht wie ein Insekt auf der Erde, und nährt sich vom Stau¬ be. Wer will seiner Seele Flügel geben, sich in höhere Regionen aufzuschwingen ? Wer Geschmack an geistigen Freuden ? Nur c 62) * Nur in einem guten Grunde, in einem edlen Herzen, bringt das Wort Gottes selige Früchte. Wo eS aufbchalten, betrachtet, verdauet, eigen gemacht wird,- wo man darin ließt, wie der Kran¬ ke, dem eS um Genesung zuthunist, in einem Arzneybuche ließt; wo man eS hört, wieder wi߬ begierige Schüler den Unterricht seines Lehrers, wie der rechtschaffene Unterthan die Gesetze und Verordnungen seines Regenten anhört; wo man eS zur Richtschnur aller Handlungen annimmt, auf alle Fälle und Umstände deö Lebens anwendet, und sein Betragen am Abende eines jeden Tages darnach prüfet — da nur erfährt man seine geseg¬ nete Fruchtbarkeit. Wer das Wort Gottes nach dieser Methode ftudiret, und mit der Theorie zu¬ gleich das Praktische verbindet, der wird immer einsichtsvoller, weiser, edler, rechtschaffener. Er bekömmt von Tag zu Tag Aufschlüsse über das Ge- heimnißvolle, Lichtblicke über das Dunkle der göttlichen Wege. Seine Einsicht scheidet, und läu¬ tert sich immerzu. Lücken werden ergänzet, neue Gründe entdecket; sein Glaube wird fester, sei» Wissen vollkommnec; der Geist des Evangeliums geht in ihn über; und je mehr er hat, desto mehr wird ihm gegeben. Isis nicht mit jeder Pro- fanwissenschaft eben so ? Aber wie viele hören und lesen so ? Von den meisten läßt sich sagen , was Jesus von dem jüdi¬ schen Volke sagte: Mit offenen Ohren hören sie nicht, sehen nicht mit sehenden Augen. Es ist, als ob ihnen die Lehre vom Himmelreiche nicht wich¬ tig genna wäre. Wenn man ihnen das Gehcimniß Gold — ( 6Z ) — Gold zu machen offenbarte; wenn man ihnen ein Buch brächte, welches die Kunst lehret, verbor¬ gene Schätze zu entdecken, und heranszukriegcn ; ;a dann ! Allein, ist nicht die Lehre Jesu selbst ein Schatz der in einem Acker verborgen liegt ? Frey- lich verborgen; aber nicht so verborgen, daß man ihn nicht finden könnte ; nein , gerade nur soviel verborgen, -aß er will gesucht werden. Suchet, so werdet ihr finden! Wer im Evangelium nur, über die Oberfläche weglicßt, der wird den Schatz gewiß nicht finden. Er liegt ja nicht auf der Ober- flache — da dürften ihn die Schweine zertreten ; erliegt ein wenig tiefer, und ist der Preis des Forschers. — Man muß erst Erde nnd Schutt wegräumen, ehe man zum Gold - und Silbererz kömmt. Aber gemeiniglich sehen es die Mensche» die¬ sem alten , und nach dem Acußerlichcn so unan¬ sehnlichen Evangelium nicht an, wie viel darin liegt. Viele find mit Vorurthcilen und Gering¬ schätzung gegen dasselbe und feinen Urheber ein¬ genommen — fast wie einst Nathanael. Kann auch was Gutes von Nazareth kommen? fragte Natha¬ nael den Philippus, als dieser ihm sagte: Wir ha¬ ben den gefunden, von dem Moses im Gesetze, und die Propheten geschrieben haben; Jesus, Josephs Sohn von Nazareth, ists. Kann auch waS Gutes von Nazareth kommen? Komm, und fieh , erwic- -erte Philippus. Und gerade das antwort' ich euch auch, -ie ihr fraget: Kann auch so viel Gutes im Evangelium stecken ? Kann auch in diesem kleinen Buche ein so grosserSchatz verborgen liegen? Kom met» ( 64 ) met, und leset! Leset und vrüfet — mit Uupar- rheylichkeit, mit Wahrheitsliebe, mit Aufmerk¬ samkeit , als ob ihr das erstemal läset; und seyd versichert , der Geist der Wahrheit wird euch an¬ weben ; die Erhabenheit der Lehre wwd euch ent¬ zücken , und die Heiligkeit und Göttlichkeit Jes» wird euch, w ralitär — ( 90 ) — ralität unter -en Menschen zu verbreiten, welches auch in der Thal nur stufenweise, und nach und nach geschehen kann. Jesus zündete das Licht in Judäa an; die Apostel sollten cs in ferne Länder tragen ; überall sollte es durch das Lehramt erhalten und vermehret werden. Und dieses Evangelium, diese Lehre, die sich durch ihreWohlthätigkeit,und durch ihre Kraft als göttlich erwiesen hat, wollten wir wcglegcn ? Woher nun der Haß gegen die Wahrheit? Warum hat die Lehre Jesu Feinde? Fraget dis Häßlichkeit, warum sie nicht gerne in den Spiegel sieht, oder unwillig ausruft: Der Spiegel lügt! Jeder, der Böses thut, hasset das Licht, und mag nicht anS Licht hervorkommen, aus Furcht, seine Thaten möchten dadurch beschämt werden. Die Leh¬ ren des Evangeliums sind schön, göttlich schön: Scyd vollkommen, ihr Kinder Gottes, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist! Alles, was ihr wollet, daß die Leute euch thun mögen, das thut ihr auch ihnen! So hat noch kein Weiser gesprochen; dieß gestehen auch seine Feinde. Aber nun hören sie vom Ausreissen des Auges, vonSelbstverläugnung, von Unterdrückung der Begierlichkeiten. Dieß ist ein hartes Wort l sagen sie, und — treten zurück. So hörte einst Felix den Paulus lange mit Beyfall. Da aber der Apostel von der Gerechtigkeit, von der Enthaltsamkeit, und vom künftigen Gerichte zu re¬ den kam, erschrack Felix, und wollte nichts weiter hören. Nämlich eine reine Religion, und ein un¬ reines Leben können nirgends in einer gemein¬ schaftlichen Hütte wohnen; und wenn sie je aus Mangel — c Hi) — Mangel der Erkenntniß Zusammentreffen, so wer¬ den sie über kurz oder lang wieder auseinander zie¬ hen, um vor einander Ruhe zu haben. „Wer aus Gott ist, giebt Gottes Worte Ge- „hös. Darum also gebt ibr kein Gehör, weil ih'r „nicht aus Gott seyd. — Wäre Gott euer Vater, „ihr hättet den Sohn lieb, und kenntet ihn an der „Sprache." Am Palmsonntage. Matth. 2r. l.— 9. 28ie? Eben der Jesus , der sonst entwich, wenn man ihn zum König machen wollte, zieht heute, wie im Triumphe, in die Hauptstadt ein; das Volk huldiget ihm als dem Sohne Davids, und dem Kö¬ nige Israels unter lautem Zurufe; und er billiget es ? Wenn diese schwiegen, würden selbst die Stei¬ ne es ausrusen, antwortete er den Pharisäern, die ihm Vorstellungen machten. Jesus wußte zum voraus, was geschehen wür¬ de. Mit eben der Weisheit, mit welcher er sonst den hinftürzendcn Strom der wogenden Volksmenge aufzuhalten, oder zu zertheilen gewußt hatte, wenn er eine gefährliche Richtung zu nehmen begann, ließ er ihm nun freyen Lauf, da er die Wendung, die er machen, und den Ausgang, den er haben wür¬ de , wohl vorfah. Dieser fcyerliche Einzug diente bloß dazu, seinen Tod zu beschleunigen, dessenStun- de herannahte. Und ( 92 ) Und einmal mußte er sich doch der ganzen Na¬ tion als den darstrllen, der er war. Warum sollt' er itzt, da sein Geschäft so gut als vollendet, da al¬ les zur letzten Trauerscene und zur Entwicklung des Ganzen vorbereitet war, noch an sich hat en? Was er itzt durch seinen Ernzug. bewiest, bezeug¬ te er auch bald darauf vor seinen Richtern; und starb über dem Bekenntnisse, daß er der König Is¬ raels , der Sohn Gottes, und der künftige Welt¬ richter sey. Aber sein Reich war nicht von dieser Welt. Es ist ein Reich, das über die Gränzen dieses Le¬ bens hinausgeht, seine Unterthanen einer höher« Welt, und einer endlosen Glückseligkeit entgegen führt, und sie schon itzt durch Wahrheit und Tugend so glücklich macht, als sie es im ersten Zustande ih¬ res Daseyns werden können. Das Volk hatte ihn von Bethanien herein be¬ gleitet , wo er unlängst den Lazarus vom Tode er¬ weckt hatte. Es hatte düs lebende Denkmal seiner großen Macht gesehen, gesprochen; und nun wur¬ den alle seine übrigen Thaten erzählet; und der gros¬ se Wunderthäter konnte kein anderer als -er ver- heistne Sohn Davids seyn; konnte als solcher nicht laut genug gepriesen, nicht hoch genug geehret wer¬ den. Palmschosse in der einen Hand, streuten sie mit der andern blatterreiche Zweige vor ihm hin, und breiteten auch wohl ihre Kleider aufdieStras- sc; gerade, wie man ankommendeFürsten empfieng- Jesus aber saß stille, ernst nachdrnkend, und mit -er besche«deusten Gebärde auf seinem duldsamen Lhirre; und da er die Stadt sah, und ihr Schick- — ( 9Z ) """ sal dachte, floß die Thräne des Mitleides von feix mm Auge. Der Weise und der Tugendhafte läßt sich den Kopfvon keinem Lobe, und von keinen Ehrenbezeu¬ gungen schwindlicht machen. JstS doch auch so ein zweydeuttges Ding um den Ruhm, besonders jenen, den das Volk giebt! Ein Haufe ohne Grundsätze, der fast niemal die Vernunft gebraucht, und nur nach dem äußern Scheine urthrilet; eine vermisch¬ te Menge, die meist durch Laune gestimmet, durch das allgemeine Geschrey geleitet, und von jedem Winde umgeweudet wird; die in ihren Meynungen irrig, sich selbst ungleich, und mit jedem'Tage ver¬ änderlich ist; heute, Heil demSohne Davids! und morgen, kcrutzige ihn! ruft! Aber da nehme man alles, wie eS kömmt; ge- He mit festem Tritte, ohne die Urtheile der Menge zu achten, durch Ehre und Unehre, durch gute und böse Gerichte den Weg fort, den uns unser Beruf und unser Gewissen vorzeichnen. So gehr die Son¬ ne ihren Strahlengang, wenn auch die niedere At¬ mosphäre Nebel aufdünftet, und ihren Schein eins Weile verdunkelt. Du also, wenn hier ein Haufe dir das Haupt neigt, und dort einer Mine macht, mit Steinen nach dir zu w erfen, sieh dich weder zur Linken noch zur Rechten viel um; thu, was recht ist, behalt ein gut Gewissen, und sprich zu dir selbst: Mein Zeuge und Richter ist im Himmel. Dee Christ kann sogar, wie sein Meister, unter Spott und Lä¬ sterung ins Grab sinken; aber sein Ruhm wird Mer kurz oder lang aus dem Hügel, der sein Gebein — ( 94 ) Gebein deckt, hcrvorlcuchten, und sein Name wird scyn, wie ein Stern am Firmamente. Jesus geht seinem Leiden und seinem Tode mit Großmuth und Entschlossenheit entgegen. Er wußte alles, was ihm begegnen würde. Sehet, sprach er kurz vorher zu seinen Jüngern, wir ge¬ hen hin nach Jerusalem; da wird alles , waS die Propheten geschrieben haben, an dem Menschen- sohne in Erfüllung gehen. Er wird an die Abgöt¬ tischen auögelicfert, muthwillig verspottet, ans- gehöhnt, bespeyet werden; man wird ihn geißeln und tödten. Doch es war ja der Wille des Vaters, daß er durch Leiden in seine Herrlichkeit eingehen sollte. Unter diesen Willen schmiegte er sich auch in den dunkclstenAugenblickcn, da seinHerz wie rinnendes Wachs zerfloß; da er dürre, wie eine irdene Scher¬ be an der Erde lag ; da er , von Gott verlassen, blutig und lechzend vom Kreutze herabhieng. Va¬ ter , dein Wille geschehe! unter diesem Gebethe harrte er ans , bis alles vollbracht war; neigte fein Haupt, und starb. Vorhin war er oft den Nachstellungen seiner Feinde ausgcwichen. Sobald seine Stunde gekommen war, lieferte er sich selbst jn ihre Hände. Wer ein Jünger Jesu ist, der folge ihm nach! Er wache über die Erhaltung seines Lebens^ so lange höhere Pflichten die Geringschätzung und Aufopferung desselben nicht verlangen : Ist aber dieß; so müssen wir auch das Leben für die Brü¬ der , und für Wahrheit und Tugend lassen. Und wer so sei» Leben verliert, der wird es in die E- wigkeit — ( 95 ) — tvrgkeit erhalten. Ein edleres, glückseligeres, ewig währendes Leben in einer bessern Welt wird ihm reicher Ersatz für den Verlust dieses Erdenlebens seyn. Man lerne Lebe» und Tod nach ihrem wah¬ ren Werthe schätzen. Das Leben ist das wichtigste Geschenk Gottes, welches uns allezeit theuer seyn muß. Wir find verbunden, es durch alle rechtmä¬ ßige Mittel zu schützen, und, so viel es in unserer Macht steht, zu verlängern, um ja recht viel Gu¬ tes an der Stelle, wohin uns die Vorficht gesetzt hat, wirken zu können. Jeder Tag, jede Stunde des Lebens kann die Stimme des Guten, das in der Welt gewirket werden soll; kann das Maß unsrer eignen Vollkommenheit und fremder Glück¬ seligkeit vermehren. Wenn aber unser Tagewerk vollendet ist; wenn der Wille Gottes, wenn Tu¬ gend , Religion, und das allgemeine Wohl unS zum Tode auffordern; so lasset uns nicht zaghaft zurückbeben. Sehet, jenseits des Grabes dämmert uns aus fernen Höhen der Morgen eines ewigen Tages herüber ! Diese Ausficht giebt dem Christen Muth gegen die Schrecken des Todes; einen Muth, der von jener gedankenlosen Gleichgültigkeit, und von jener stoischen Unempfindlichkeit, womit eini¬ ge Nichtchrjsten prahlen, gleichweit entfernet ist. Der Tod ist in jeder Rücksicht eine wichtige Bege¬ benheit , sowohl für den, der ein künftiges Leben glaubt; als für jenen, der keines glaube Diesem ist er das Ende seiner Existenz; er hört auf zu seyn, und nach langer mühsamer Arbeit des Le¬ ben- beschließt die melancholische Stille, und die grauen- — ( 96 ) —> grauenvolle Dunkelheit des Grabes die Scene auf immer; was für ein Zei'tprmktJenem ist er der feyerliche Uibergang in höhere Welten zu den Gei¬ stern vollendeter Gerechten , und zur nähern Ge¬ meinschaft Gottes; was für ein Auftritt; und welche Vorbereitung fodert er! — Wmn man auf diese Art alles erwägt, so ergiebt sich, daß der tugendhafte Christ wohl Ursache habe, dem Tode mit heiterm Muthe entgegen zu gehen; daß aber niemand ein Recht habe, ihn zu verachten, und wie über eine Kleinigkeit sich wegzusetzen. Am -Oster tage. Matth. 16. i — -7. wichtigste aller Begebenheiten in der Lebens- geschichte Jesu , das entscheidendste aller Wunder, auf welches er selbst lange zuvor, ehe es geschah , den wundersüchtigen Juden verwies, ist seine Auferstehung. Und in der That, wenn mit dem Tode Jefn feine Geschichte sich endete, so möchte man ihn wohl in Rücksicht auf seine Lehre den größten Weisen, und in Betracht seines untadelhaften Wandels den Tugendhaftesten der Sterblichen nen¬ nen , die jemal die Welt gesehen hat. Richtete» wir unsre Aufmerksamkeit auf die Größe und Menge seiner Wunder, so wäre er der Größte al¬ ler Propheten; ein Unschuldjgleidendcr, ein Schlachtopfer der Bosheit und des Aberglaubens wenn ( 97 ) wenn wir fein Schicksals und das Ende seines Le¬ bens betrachteten. Dreß alles wäre Jesus; aber wofür er sich ausgab, daS wär'er nicht. Er sprach von einer Hoheit, in der man ihn lebend nicht sah; von einem Reiche, das in der Folge der Zei- ten über alle Nationen der Welt sich verbreiten würde. Die himmlischen Bothen, die seine Ge¬ burt angekündiget hatten, und die Weißagungcn, die der Vorwclt seinetwegen geschehen waren, wie¬ sen eben so weit vorwärts in die glänzendsten Aus¬ sichten. Wenn nun von seinem Tode an nichts wei¬ ter folgt, so ist seine Geschichte Anlage ohne Er¬ folg ; eine Reihe von vielversprechenden Auftrit¬ ten ohne Entwicklung; der Faden ist wie mit ei- nemmale abgerissen. Doch sehet, die Evangelisten erzählen weiter! Bey dem Tode Jesu ist nur der grosse Nuhepunkt in der Geschichte; nun kömmt die Fortsetzung; der zweyte Theil, wenn ich so sagen darf, fängt mit der Auferstehung , mit dem neuen Leben des Ge¬ kreuzigten an; es erfolgen neue Auftritte, die Lu¬ kas unter allen Evangelisten in der Apostelgeschich¬ te am weitesten fortführet. Aber ist Jesus auch wirklich auferstanden ? Er mußte wohl auferstanden seyn; denn er war sowohl den Aposteln, als auch vielen anderen lebend erschienen. Diese Erscheinungen waren mit einer bewun¬ dernswürdigen Weisheit für die jedesmalige Si¬ tuation , und für den besonder« Charakter der Personen, die derselben gewürdiget wurden, ein¬ gerichtet, und d;e Evangelisten erzählen sie, zwar Dietls Zomil. G jeden — ( 98 ) — sider nach seiner Art, jeder mit -cn Umstanden, die i!un die auffallendsten waren; der eine führt diese Erscheinung an, der andere jene ; jeder ge¬ rade die, welche für ihn die merkwürdigste und überzeugendste war ; aber alle erzählen die Haupt¬ fachs , so sorglos , so srey und simpel, und dabey so anziehend für das Herz, mit so feinen Zügen und wichtigen Kleinigkeiten, daß jeder unbefange¬ ne Leser seinem Verstände und Herzen Gewalt an- thun müßte, wenn er ihnen seinen Beyfall versa¬ gen wollte. Lasset uns diese Erscheinungen umständlicher betrachten. Jesus erschien zu Wiederholtenmalen; jetzt einzelnen Jüngern und Jüngerinnen besonders, dann mehreren zugleich , zuletzt einer Menge von mehr als fünf Hunderten. Er kam mit dem Gruße -eS Friedens, und stand in sanfter Milde unter ihnen. Kein Schauer gieng von ihm aus ; und wenn die Junger über sein plötzliches Daftehen be¬ troffen waren, sprach er ihnen mit einem auf- munterndcn, Fürchtet euch nicht! Muth ein; ließ sie vom Erstaunen zurückkommen; hieß sie seine Wundmahle befühlen; und , indeß er für die Ui- berzeuqung ihrer Sinne sorgte, führte er auch ih¬ ren Verstand sanft zur Erkenntniß , da er ihnen die Anlage und Entwicklung des göttlichen Planes, den ganzen Gang seines Schicksales, und die Ui- berelnstimmung desselben mit den prophetischen Orakeln dec frühesten Zeiten wies — wie das alles, was geschehen scy, so habe geschehen müssen. Von — ( 99 ) " Von der andern Seite hatten seine Erschei¬ nungen wieder etwas Außerordentliches, Über¬ irdisches , Geistiges; wie ehcmal die Engel den Erzvätern erschienen. Sie kamen in ihre Hütten,- liessen sich in Gespräche ein, aßen und tranken in i ihnen, und — wurden unsichtbar. So die Er¬ scheinungen Jesu. Es waren plötzliche Darstellun¬ gen seiner Person, und eben so plötzliche Entzie¬ hungen derselben. Die Jünger wissen nicht, woher er mit Einemmale kömmt; noch wo er im Nu hin« geht; sie fragen ihn auch nicht; genug „sie wissen, daßesderHerr ist.' Von seinem Tode an schwebt alles in einer höheren Welt, aus welcher uur kur¬ ze Erscheinungen, und lehrreiche Stimmen herü¬ ber kommen. Aber warum zeigte sich JesuS nicht dem gan¬ zen jüdischen Volke? Gottes Gedanken sind nicht unsre Gedanken. Nie sollten wir darüber grübeln, warum Gott dieses oder jenes, das er nach unsrer Meynung hätte thun sollen, nicht gethnn hat. Aber mit red¬ licher Wahrheitsliebe von dem, was er gethan hat, Uiberzeugung suchen; dies? sollte der Zweck unsres Forschens und Strebens sey». Wenn Jesns sich öffentlich der Nation dar- gestellet hätte, was wär' es nun gewesen? Dem Pöbel ein Spektakel des gedankenlosen Staunens, demPharisäer ein Werk der Zaub erey, dcmSchrift- weisen eine nichtsbeweisende Erscheinung aus dem Todtcnreiche, etwa wie dort der Schatte Samu¬ els vor dem betrognen Saul heraufzusteigcn schien. Oder hätten sie billiger geurtheilrt, so würde doch G 2 ihr — ( ico ) — ihr erster Gedanke der gewesen styn : Nun wird er denn doch das Reich Israels aus dem Schutte heben ! So wäre seine Erscheinung wohl das Sig¬ nal zur Empörung wider die Römer, aber gewiß kein Prüfstein desHerzenS und der Liebe zur Wahr¬ heit, noch ein moralischer Beweggrund des Glau¬ bens gewesen. Nein; Jesus erschien -en Jüngern; und die¬ se sollten es der Nation bezeugen, und ihr Zeugniß mit Wundern, und mit ihrem eignen Blute versie¬ geln. Ihr Zeugniß war auch von einer andern Sei¬ te höchst glaubwürdig. Es stimmte mit dem zusam¬ men, was Jesus vorgesagt hatte, und was allge¬ mein bekannt war — daß er am dritten Tage auf- erftehen werde. Sein Leichnam war wirklich in dem scharf bewachten Grabe nicht mehr gefunden; die unsinnige Nothlüge, er wäre gestohlen worden, widerlegte sich durch sich selbst; und die Feinde dec Wahrheit getrauten sich nachher selbst nicht, die Zeugen der Auferstehung dieses Diebstahls zu be¬ schuldigen ; sie konnten ihr Zeugniß nicht widerle¬ gen ; sie konnten nichts, als — Stillcschweigen ge- biethen. Wie reichhaltig ist übrigens diese Lehre auch von der moralischen Seite betrachtet, und wie vie¬ les zur Erbauung und zum praktischen Unterricht wissen die Apostel, besonders -er fein allegorisiren- -e Paulus, daraus herzuleiten! Wie Jesus durch seines Vaters Kraft von Todten ist auferwecket worden; so müssen auch wir ein neues Leben füh¬ ren, und unfern alten Menschen, denSitz der Sün¬ de, als zerstört und gekreutziget ansehen. Der von Todten — ( IOI ) — Todten auferweckte Messias stirbt nicht mehr. Daß er ftarb, geschah nm der Sünde willen ein für alle¬ mal ; daß er lebt, lebt ec für Gott. Genau so sollet ihr euch auch anschen , todt für die Sünde, lebend für Gott l — Seyd ihr mit dem Messias auferstan- den; so suchet, was droben ist, wo er in göttlicher Majestät herrscht.' Ein göttlich Leben, wie in dem Messias, wenn auch noch verborgen, rege sich in euch!-Die Lehre von unsrer künftigen Auf¬ erstehung wird überall von den Aposteln eben auch auf die Auferstehung Jesu gcbauet. Sollten sie eine der Hauptsehren des Ehri- stcnthumes auf falschen Grund gcbauet haben? Sollten so fruchtbare Wahrheiten der Moral, soll¬ ten solche lebendige Hofnungen auf einem todten Stamme gewachsen seyn? Am ersten Sonntage nach Ostern. Ioh. 2O. 19. — ZI- Das heutige Evangelium stellet uns einen Jün¬ ger des Herrn dar, den man, weil er die Auferste- hm-g Jesu lange nicht glauben wollte, gewöhnlich den Ungläubigen nennt. Doch die Benennung ist zu hart; oder man müßte die Apostel alle deS Unglaubens beschuldi¬ gen. Maria und die übrigen, die Jesum zuerst ge¬ sehen hatten, erzähltens den Jüngern; und — sie glaubtens nicht, bis sie ihn selbst sahen. Nun sie ihn gesehen haben, erzählten sie eS dem Thomas; G z und — ( 502 ) — und — er glaubte nicht, bis er mit eigenen Augen sah. Aber kaum sah er den lebenden, und fühlte das warme Klopfen des Herzens unter der prüfenden Hand; kaum zückte, wie ein Blitz, der Lichtstrahl der Gewißheit durch die Nacht banger Zweifel — tiefe Trauer um den geliebtenTodten, und das Me¬ lancholische seinesTemperamentS hatten sie mit un¬ durchdringlichen Finsternissen geschwärzet — so sank er bin zu den Füßen desErstandenen, und rief: Mein Herr, und mein Gott! Mehr könnt' er nicht sagen. Entsetzen und Freude flutheten in dem vol¬ len Herzen. Er konnte nichts, als im Staube lie¬ gen, und im Drange unaussprechlicher Empfindun¬ gen anbethen, nachdem der Mund in kurzen geflü¬ gelten Worten bekennet hatte, was das Herz glaub¬ te. Welche Scene! Wer entschuldiget nicht derIünger Nichtglau¬ be ? Ihr Lehrer hatte zwar alles vorgesagt; aber sie verstanden damal nichts davon : Und sein Tod — er hatte sie in ihrem Innersten erschüttert, und alles in Dunkelheit emgehüllet. Sie vermochten sich keinen Gedanken zu denken , als den: Er ist todt! Wer kennt das menschliche Herz so wenig, daß er nicht weis, wie geneigt es ist, in einer traurigen Lage immer das Schlimmste zu vermu- then, und das Gute, ob wir es gleich wünschen, nicht zu glauben ? Und wenn uns andre unerwar¬ tet eine gute Nachricht bringen, widersprechen wir ihnen nicht fast immer; wär's auch nur , um die Freude zu haben , sie noch einmal und mit völliger ^Überzeugung zu hören ? Nicht möglich.' Ich kann ; s nicht glauben! rufe» wir, wenn uns jemand sagt: —- ( IOZ ) — sagt : Der Herzensfreund, den du als todt bewei¬ net hast, sieh, der lebt! Wer verdammet aber einen solchen Unglauben? Eben so wenig wollen wir so manchen unsrer Mitmenschen verdammen, welcher zweifelt, oder nicht glaubt — weil ihm die Sache zu hoch, mensch¬ lichen Erwartungen zu übersteigend ist. „DerSohn „ Gottes ein Mensch ? Jsts möglich? — Um uus- ,, rer Sünden willen gekreuziget ? Ich kann cs ,, nicht glauben!" — Brüder, vergebet dem Zweif¬ ler! Habt Mitleid mit dem Nichtglanbeudcn! Er meynts vielleicht gut, und hat ein redlich Herz; wünscht, und kann sich nicht überzeugen ; wandelt mühsam in den krummen Wegen des dornichten Grübelns, und forscht ängstlich den Ausgang. Lasset ihm Zeit, bis er sich aus dem Labyrinthe heraussindet; reichet ihm brüderlich die Hand, wenn ihr könnet; oder wartet, ob es dem Herrn in Knechtögestalt nicht etwa gefällt, ibn auf diese oder jene Art zum Gehorsam des Glaubens zu bringen. Aber freylich die Zeiten des Sehens sind vvr- bey. Selig sind, die nicht sehen, und dennoch glauben! Wer nur glauben will, was er sieht, der muß mit der Bibel zugleich die Gcfchichtbücher der Griechen und Römer verwerfen; und die Nach¬ richten von deu Lehren und Thaten eines Sokrates und Antonius sind minder glaubwürdig, als jene, die von Jesus auS Nazareth aufgczrichnet sind. Jesus ertheilre den Aposteln semen Geist. Der war ihnen noll-wendig, wenn sie sein ange- fangenrö Werk fortführen, die Menschen zur Glück- G 4 seugAit — ( 104 ) — seligkeit anwcisen, und Sünden vergeben sollten, wie er that. Ohne in seine Gesinnungen einzutret- ten, ohne von einer höher« Kraft sich unterstützet zu fühle»/ hätten sie das nicht thun können. Aber Jesus nimmt nicht, wo er nichts hingelegt hat; er schneidet nicht, wo er nicht grsaet hat. Er Hauchte sie an; und sprach: Empfanget den heili¬ gen Geist! Sein lebendiger Hauch war Symbol der lebendigen Kraft, die sie zu ihrem Beruf tüch¬ tig machen sollte. Was für ein hoher Beruf! Er sandte sie, wozu er war gesendet worden; zuerst zu den zerstreuten Schafen Israels; dann zu allen Völkern der weiten Welt, um sie alle auf dem Wege der Wahrheit und Rechtschaffenheit zur Glückseligkeit zu führen. Wie gotteswürdig ist diese Anstalt! Wie wichttg erscheinet nun der ehe¬ malige Lehrumgang des Herrn mit seinen Jün¬ gern ! Er erzog in ihnen die Erzieher deS Men¬ schengeschlechtes. Ec selber war die Urquelle himm¬ lischer Weisheit; von ihm floß sie auf die Jünger; in jedem derselben sammelte sie sich, und ward zu einem neuen Strom, dec wieder auf andere sich ergoß, bis auf unsere Zeiten lebendiges Wasser Herabströmte, und in Ewigkeit nicht versiegen wird. Wen dürftet, der komme, und trinke! Aber ach! wie mancher sitzt an der Quelle, und ver¬ schmachtet vor Dürft! und wie viele trinken lieber aus schlammichken Sodbrunnen, als aus dem rei¬ nen Quellwaffer, das in krystallner Fluth vom Himmel auf die Erde floß! Am ( lOs ) — Am zweyten Sonntage nach Ostern. Joh. IO. II.—16. EincS der schönsten Bilder, unter denen man einen Lehrer vorstellen kann, ist daS Bild eines Hirten. Und dann gar bey dem Sohne Davids, des Hirten und Königs, wie treffend ist das Bild ! wie war er ein so guter Hirt, der die verlaßnen Schafe des Hauses Israel mit dem Stabe der Mil¬ de lenkte, und ans den fruchtbaresten Auen unter dem himmlischen Thau seiner Weisheit weidete.' Seine Stimme war leicht von jeder andern weg- znkenncn; und die sie einmal kannten, hörten sie gerne; hielten sich zu ihm, und niemand konnte sie ihm entreissen. Sie liebten ibn; und er liebte sie wieder, und gab sein Leben für die geliebte Heerde. Betrachtet dagegen die lohnsüchrigenMieth- knechte, die Pharisäer ! Ferne von dem Gedanken, sich für die Heerde aufzuopfern , mästeten sie sich von ihrem Fette, und kleideten sich von ihrer Wol¬ le. Was sie thaten, thaten sie des Lohnes we¬ gen. Und da bey dem nieder«, Volke wenig zu hof¬ fen war, so war dien auch meist eine Heerde ohne Hirten. Aber höret nun ihre Stimme, und haltet sie mit der Stimme Jesu zusammen! Welche Verschie¬ denheit! Tradition der Väter, fleißiges Fasten , gesetzliche Reinigung, sorgfältiges Waschen der Hände und der Geschirre, Unterschied der Spei¬ sen, Sabbath -und Neumondenfeycr, reiche Op- G s fer, — ( io6 ) — ftr, Zehend von Annis und Kümmel, Vorzug des Israelitischen Volkes vor allen Völkern der Welt; sehet da die Hauptkapitel ihres Lehrvortrages! —- „ Bey -em Tempel schwören, das hat nichts zu ,, sagen; wer aber bey dem Golde des Tempels „ schwört, der hat sich verbindlich gemacht." Se¬ het da ihre Distinktionen ! — „ Wenn einer zu Vater oder Mutter sagen kann: Was dir sonst „ von mir zu gut kommen könnte, hab'ich schon „ zur Opfergabe gcbeiliget; so darf er sich seines „ Vaters oder seiner Mutter in ihrer Noth nicht ,, annehmcn." Sehet, so entkräften sie die Gebo- the Gottes! — Welche Theologie und Kasuistik! Wahrhaftig sie waren insgesammt Räuber und Mörder, die nur gekommen waren, zu nehmen , zu schlachten , und nicderzumachen! Wie ganz anders lehrte Jesus ! Bey ihm geht alles inS Große, ins Wesentliche, ins Innere ; indes;-er Pharisäer am Aenßerlichcn hängt, zu¬ fällige Nebendinge mit einem Scheine von Wich¬ tigkeit behandelt, Worte klaubt, und überall ei¬ nen kleinen Geist vcrräth. — Menschenliebe, nicht Opfer; ein reines Herz, nicht gewaschene Hände fodert Jesus. Was durch den Mund eingeht, spricht er, verunreiniget den Menschen nicht; wohl aber , was aus dem Munde geht; denn dieß kömmt aus dem Herzen. Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatze seines Herzens Gutes her¬ vor , der böse Böses. Auch Gottesverehrung «st eine Herzenssache. Der vollkommenste Gerst kann nur im Geiste würdig angebethet werden , recht¬ schaffene Gesinnungen allein könne«» ihm gefallen; und — ( 127 ) — und wer ein Kind Gottes ftyn will, der sey voll¬ kommen, wie er es ist. — Liebe aus reinem Herzen ist die Erfüllung des Gesetzes. Q ihr Lehrer der Christen, haltet euch an die Lehre eur^s Meisters, und hütet euch vor pOr risätschem Sauerteige! Dringet in eurem Lehr¬ vertrage aus Gerechtigkeit und Wohlthätigkeir; denn diese Opfer gefallen Gott! Lehret die Men¬ schen die geselligen und häuslichen Tugenden, die auf rbr tägliches Betragen, und auf die allgemei¬ ne Glückseligkeit Einfluß haben. Lehret einen die Bürde dcS andern tragen, die Niedern den Hö¬ heren gehorsam , alle Eines Sinnes und Herzens seyn. Lehret sie Ganftmuth, Gefälligkeit, Freund- ttchkeit, Dicnftfertigkcit, Großmuth, Mäßigkeit, Arbeitsamkeit, Zufriedenheit. Präget ihrem Her¬ zen tiefe Ehrfurcht vor dem höchsten Wesen, kind¬ liche Liebe zu den Besten aller Väter, und Dank¬ barkeit gegen ihren größten Wohlchäter ein. Sa¬ get ihnen , daß seine Gcbothe halten, ihn lieben und verehren heisse; daß eine treue und gewissen¬ hafte Erfüllung seiner StandeSpflichten besser sey, als in heiligem Müssiggänge selbstgemachte Feste feyrrn; besser ein reines Herz, als einen leeren und hungrigen Magen haben. Warum weilet ihr immer bey kleinen unwesentlichen Dingen? predi¬ get beinahe jahraus jahrein von --Sehet selbst eure Predigten nach! Wahrlich, ihr habt es zu verantworten , wenn das Volk Kleinigkeiten für- wichtige Dinge ansieht; das Unwichtige thut, und die Hauptsache versäumt; oder sich einbildet, d,s Erstattung kleiner Pflichten spreche von großen ms. 0 > — ( io8 ) - O Männer , Brüderwas könnten wir thun, wenn wir ans dem Schatze heiliger Wahrheiten itzt Altes, itzt Neues hervornehmen, und nach dem Be- Lürfniße unsrer Zeit, und nach der Empfänglichkeit unsrer Zuhörer mittheilen wollten! Wenn wir uns¬ rem Völklein sagen wollten, wie gnädig Gott gegen sie gesinnet fry; wie wenig er von ihnen, und das mir ihres eignenBcstens wegen, fordere; und wie viel er verspreche; wozu sie in dieser und in der künf¬ tigen Welt bestimmet ftyen ; waS sic thun müssen, um ihreBeftimmung zu erfüllen, und das zu werden, was sie einst seyn sollenWelche Wohlthäter uns¬ rer Gemeine könnten wir werden , wenn wir sie lehrten, die manichfaltigen Freuden des Lebens, die Schönheiten und Annehmlichkeiten, die der gütige Schöpfer für alle Menschen in dec Natur bereitet hat, mit unschuldigem und frohem Her¬ zen zu geniessen; und die Beschwerlichkeiten, die mit ihren Berufsarbeiten verbunden sind, mit Geduld und Hinsicht auf Gottes weise Anordnung z-u ertragen ! Wenn wir uns Mühe gäben, unsre Zuhörer zu brauchbaren Bürgern, liebevollen Ehe¬ gatten , guten Hausvätern, redlichen Freunden , friedsamen Nachbaren zu machen! wenn wir dahin strebten , sie zum öfteren Nachdenken, zum besse¬ ren Gebrauch ihrer Vernunft zu bringen ; schädli¬ che Vorurtheile, gefährliche Irrthümer zu entfer¬ nen , gesunde Grundsätze und gemeinnützige Kennt¬ nisse zu verbreiten; und das alles in einer eben so reinen als verständlichen Sprache; mit eben so einleuchtenden als ehrwürdigen Beweggründen; mit dem Nachdrucke, den die Würde unsres Am¬ tes — ( lOA ) -- tos unsren Morten giebt! Wie weit ist «nser Wir¬ kungskreis, und wie beneidenswert- unser Beruf« Wie ermunternd d-e Ehre, ein Mitarbeiter an dem Werke Gottes feyn; das Reich des MkffiaS Jesus auSbreiten, die Menschen auf-em Wege der Erkenntnis und Tugend für Zeit und Ewigkeit glücklich machen Und wenn S darum zu thun ist — wie einladend der Lohn, der uns dafür wird ! „ Glänzen werden sie einst, dieTugendleh- „ rer, wie Sterne, von Ewigkeit zu Ewigkeit. ' Am dritten Sonntage nach Ostern. Joh. 16. 16 — 22. ^as heutige Evangelium ist, so wie die nächst¬ folgenden , aus der Abschiedsrede genommen, die Jesus vor seinem Leiden an die Jünger hielt. Herzlicher, als hier, spricht er nirgends. Es spricht der Freund an die Freunde, der Liebende an die Geliebten in der Stunde der Trennung. Jedes Wort, aus der sanftesten Seele im sanftesten Tone gesprochen, war ein Hauch der Liebe, ein Süßlaut der Freundschaft. Nur ein zärtlicher Johannes konnte nacherzählen; und nur ein Leser von gleich¬ gestimmter Seele kann nachempfinden. Aber es spricht auch die Stimme -er sorgfäl¬ tigsten Klugheit. Wie kritisch war die Lage der Jünger.' Wie groß die Versuchung zum Abfall l Des JudaS Treue hatte schon gescheitert, und Pe¬ trus selbst schwebte in Gefahr. Dennoch dürften die Trauer- Trauersecven, die itzt folgen sollten, nicht verbor¬ gen werden. Jesus enthüllte sie also, aber mit wel¬ cher Weisheitl Auf jedem Schatten der Angst ließ er wieder einen Strahl der Freude fallen. Er wer¬ de sich Zwar auf eine kurze Zeit entfernen; aber sie werden ihn bald wieder sehen. Während seiner Ent¬ fernung werden sie zwar tief tranren; aber dis Wonne, die darauf folgen wird , werbe ungleich größer, als ihre Traurigkeit, ftyn; und niemand werde sie ihnen mehr nehmen können. Wenn er gleich zum Vater hingehe, worüber sie sich mit ibm freuen sollten ; so werde er sie dennoch nicht als Waisen zurücklaffen; er werde ihnen einen Tröster geben, der ihnen statt feiner beyftehen, und bey ih¬ nen bleiben soll. Er selbst werde wieder kommen , und sie zu sich nehmen ; damit auch sie da scyen, wo er ist; denn in seines Vaters Hause seycn viele Wohnungen. Dies; alles wechselt in so mildenSchat- ticrungen ; die Aussicht wird immer wieder so Hel¬ le , daß die Jünger durch das , was er ihnen vor- ansfagts, mehr anfgerichtet, als niedergedrückt wurden. Jas Ganze mußte ihnen wie ein kurzer Sturm imFrühlinge Vorkommen. Schnell zieht er herauf, und umhüllet alles mit Dunkel; aber eben so schnell tritt die Sonne wieder aus dem Saums her Wetterwolke, strahlt Freude auf die bangsWclt ,n frischerem Lichte; und bildet einen Bogen des Friedens in siebenfachem Farbenspicle selbst in der Gewitterwolke. Aber freylich in der Stunde der Trübsal ver¬ schwand den Jüngern die frohe Aussicht, die ihnen shr Lehrer geöffnet hatte. Wohin sie sahen, sahen sie — c ur ) — si? Finsterniß und Tod: Was sie dachten, war Grab und Verwesung. Doch harrten sie ans, und blrebew standhaft bis ans Ende. Ihr Glaube war ein schwa¬ ches Flämmchen, daö traurig am nahrungslosen Docht Hieng 5 und erloschen wollte; doch erlosch cs nicht; es loderte hoch ans, als sie de» Herrn wieder sahen. Und dieß war dem Herrn für einmal genug. Wenn ich nicht irre, so ists Mcnschenlooö,sich von Freunden nnd Geliebten zu trennen : Freylich ost nur auf eine kurze Zeit; und da versüßt der Ge¬ danke deS Wiedersehens daö Herbe der Trennung. Dennoch blutet ein empfindsames Herz auch hier¬ aus tiefen Wunden. Aber wer auch das seltene Gluck genießt, sein Leben im Cirkel derer, die er lwbt, hinzubringen, ohne auch nur einmal eine Ab- schiedsthrane zu weinen - er wird doch, wenn er nicht leichtsinnig ist, manchmal an sein Ende den¬ ken, und sagen müssen: „Noch eine keine Weile, so „sehet ihr mich nicht mehr!" Was ist unser Leben ? Ein Schatten, welcher flieht! Siebenzig, achtzig Jahre sind, wie der gestrige Tag, der vorüberge- gangen ist. — Der kalte Händedruck des sterbelu- den Freundes, das letzte Lebewohl von der blassen Lippe ist oft so nahe! Indessen ist gleichwohl auch dieses Scheiden nicht ohne Hofnung deS Wiedersehens. Der Allva¬ ter im Himmel will alle seine guten Kinder aus hem Thale des TodeS zu sich versammeln. Der Tod ist also nichts weiter, als „ein Hingehcn zum Va¬ ter." Der eine geht früher, der andere spater hin; jeder, wann der Vater ihn ruft. Aber alle finden sich wieder, und genießen, von irrdischen Schwach¬ heiten — ( 112 ) —. Heiken entkleidet, jn reinerem Geistesumgange ein seligeres Dascyn. „Mit dieser Lehre tröste ein „Christ den andern; und betrübet euch über den „Tod derer, die unter euch sterben, nicht so, wie „Leute, die keine Hoffnung Haben." Uibrigens was Jesus seinen Jüngern vor¬ sagte, trift mehr oder weniger jeden von uns. Freude und Schmerz, Glück und Unglück wechseln in unsrem ganzen Leben, und, mich däucht, sehr weise, ab. Das Glück macht übermäthig, das Unglück muthlos: Wir sollen aber weder dieß, noch jenes seyn. Sollten wir also zwischen beyden in einer glücklichen Bilance bleiben , so müßte nothwendig in die eine Schale Gutes, und in die andere Böses geleget werden. Es hängt zwar größ- tentheils nicht von uns ab, welches Gewicht in die eine und in die andre kommen soll; aber es liegt doch meistens bey uns, wie hoch diese steigen, und wie tief jene sinken soll. Unter gewissen Vorstel¬ lungen wird auch das schwerste Gewicht leicht. Vernunft und Religion allein können uns diese wohlthätige Erleichterung verschaffen, und sind uns ausdrücklich dazu gegeben, um jede Last leicht, und jede Bitterkeit des irdischen Lebens süße zu machen. Wer sie nicht Höret, ist sem eigener Feind; und wird überdieß niemal in Glück und Unglück einen gleichen Charakter behaupten , welcher dem Menschen eine so vorzügliche Würde giebt, und den großen Mann von dem kleinen unterscheidet. Am ( HZ ) Am vierten Sonntage nach -Ostern. Joh. 16.1 — 14. ^?suS versickerte die Jünger, es sey ihr Vor- tbetl, daß er hingehe zudem , der ihn gesendet hat. Dennoch erfüllte Traurigkeit ihr Herz. Wa¬ rum ? Sie sahen nur auf die gegenwärtige Tren¬ nung , und nicht auf die seligen Folgen , die sie in der Zukunft für sie haben würde. Ist nicht gerade dieß die Ursache, warum auch wir bei) einer wid¬ rigen Begebenheit oft unmäßig traurcn? Ein Blick auf das Gute, welches daraus entstehen wird, könnte uns aufhcitern. Freylich liegt dieß Gute meist zu ferne, zu tief, als daß wir es ent¬ decken könnten; oft ists auch zu groß, als daß wir es nur ahnden dürften. Da Joseph in der Cister¬ ne und im Kerker lag, dachte er wohl nicht, daß dieß der Weg zu der höchste» Ehrcnstelle in einem fremden Reiche wäre. Aber doch der Gedanke, daß eine weise Regierung GotteS alle Dinge zum Besten derer lenkt, die ihn lieben — sollte der nicht überhaupt unser Gemüth bey allen widrigen Vorfällen dieses Lebens beruhigen? Offenbar zeigt sich dem Ange des Forschers ein durch die physische und moralische Natur durchgeführter Plan der Weisheit und der Güte. Zwar ist er zu groß, zu weit hinausgehend, zu viel umfassend, als daß wir ihn in seinem ganzen Umfange übersehen könn¬ ten. Es ist uns unmöglich , überall zu entdecken , wie jede einzelne Begebenheit ins Ganze eingewe- Dierls Komik, H bet — ( H4 ) — bet ist ; wie weit ihr Faden reicht, welche andre Fäden er im Durchlaufe berührt, und an welche er angesponnen ist. Folglich können wir auch dieWir- kuugen nicht voraus wissen, die jeder einzelne Fall Haben wird. Aber was schadet das unsrer Ruhe, wenn der Plan gut, und von einer Weisheit ange- leget ist , die aus der Finsterniß Licht, aus Ver¬ wirrung Ordnung, aus dem, was böse scheint, Gutes hervorbringen kann? Wie sie dieses schöne große Gebäude der Natur von manichfaltigen mit¬ einander streitenden Elementen aufgeführet, und zum Feftstehen gebracht hat, und es in dauerhaf¬ ter Harmonie erhält; so hat sie auch die individuel¬ len Handlungen, selbst die verschiedensten Leiden¬ schaften, und die so vielfältig sich durchkreuzenden Interesse der Menschen so künstlich zusammenge¬ setzt, so genau gegeneinander abgewogen, so zweck¬ mäßig dahin dorthin gerichtet, daß sie alle zusam¬ men das allgemeine Veste der Geschöpfe, und die Ehre des Schöpfers forthin befördern. In diesem allgemeinen Entwürfe, in welchem alles einen guten Ausgang gewinnt, sind auch mei¬ ne Schicksale enthalten: Der über alles wacht, wacht auch über mich. Eine allgemeine Vorsicht, -ie sich nicht auf das Einzelne erstreckt, ist keine Vorsicht. Es läßt sich überall keine Erhaltung , Regierung, und Ordnung eines zusammengesetzten Ganzen denken, ohne Aufsicht und Sorge für alle einzelne Tbeile, aus welchen das Ganze besteht. Darum ist auch die Geschichte eines jeden Menschen wieder eitt eigenes zusammenhängendes Ganzes. Wer nicht gedankenlos durch das Leben geht, muß Anlage — ( us ) — Anlage und Uibereinstimmung bemerken, wenn er auf den Weg, den er bereits gegangen ist, znrückö steht. Zwar giebt es auch hier, wie im allgemei¬ nen Plan des unabsehbaren Ganzen, Räthsel, die stch in diesem Leben oder gar nicht, oder erst spät auflosen. Aber auch das kann nicht anders seyn, wenn unser gegenwärtiges Leben mit einem künf¬ tigen zusammenhängt, und sich zu denselben, wie die Aussaat zu der Aernte , wie Kindheit zum männlichen Alter verhält. Genug für uns, daß alles, was wir unter Thränen und Stürmen säen, früher oder später zu einer Aernte der Freude rei¬ fen wird. Was daö Kind aus Mangel der Einsicht tadelt, wird der verständige Manu einst dankbar lobpreisen. Lasset uns also die glückliche Zeit ge¬ duldig abwarten, da alle Mißtönc in die Akorde eines harmonischen Lobes der Gottheit übergehen werden; und uns indeß an dem geosfenbarten Trostworte, wie an einem festen Stabe, aufrecht halten: „Denen, die Gott lieben, gereichen alle „ Dinge zum Vesten." Die alückliche Folge, welche die Entfernung Jesu für die Jünger hatte, war die Sendung des heil. Geistes. Wie wohlthätiz für die Apostel, und wie wichtig für die Sache Jesu ! Durch ihn sollten sie hincingeführet werden in die ganze Wahrheit, in den ganzen Entwurf, den Gott von jeher zur Be- seligung der Menschen durch Jesum gemacht hatte. Aber erst mußte die ganze Geschichte Jesu entwi¬ ckelt werden; erst mußte er wieder hingehsn, woher er gekommen war; und dann brauchte es weiter nichts, als auf den Weg, den er gegangen war, un- H 2 ter - ( H6 ) - ter dem von oben herab leuchtenden Eichte deS Gei¬ stes hinzuschen. Bey dieser Hinsicht mußte ihnen alles deutlich werden , was sie vorhin nicht fassen konnten. Das eigentliche Reich Gottes, die wahre Königswürde Jesu mußte ihnen nun einleuchten. Die Schicksale Jesu dürften ja nur mit den Weis¬ sagungen der Vorzeit zusammcngehalten werden, so war Uibereinftimmung desAltenundN-ucn,pünkt¬ liche Entwickelung der frühesten Anstalten Gottes unverkennbar. Und so, wie sie mit einem richtigen Blicke einmal das Ganze übersahen, so waren sie auch eben dadurch im Stande, die Sache Jesu zu führen, die jüdischen Vorurtheile zu widerlegen, und in Hellstem Lichte zu zeigen, wo der Jrrthum, und wo die Wahrheit lag, und für welche Parthey sich Gott selbst erkläret habe. Die Nation batte all¬ zusinnliche Erwartungen, und durchaus falsche Be¬ griffe von dem Messias, und glaubte es Jesu nicht, -aß er es sey — und dieß war der Jrrthum. Jesus behauptete, sein Reich sey nicht von dieser Welt ; er müsse wieder in den Himmel zurückkehren, und von dort aus das Reich Gottes beherrschen — das war die Wahrheit; welche Gott auch , wie durch einen feyerlichen Urtheilsspruch,als Wahrheit bestättigkt hat, eben dadurch, daß er ihn vom Tode erweckte, auf den Thron eines ewigen Reiches erhöhte, und ihm die ganze Welt, die bis dahin unter der Macht dec Aögötterey und des Aberglaubens schmachtete, unterwarf. „Du bist mein Sohn," hatte längst der Psalmfanger seinen Jehova zu dem Messias sagen lassen, „Völker sollen dein Erbtheil feyn; und dw äußersten Gränzen der Trde dein Besin." D«e hei¬ ligen — ( 117 ) — kigenSchriften und dieGeschichte Jesu liefen durch¬ aus gleich neben einander fort. Sie dürften nur, wie sie waren, von den Aposteln hingestellt wer¬ den ; undUibereinftimmung und Wahrheit mußten jedem redlichen Hörer wie von selbst entgegen springen. Aber eben diese Darstellungsgabe mit einleuchtender Überzeugung, dieß Anbringen der Wahrheit mit Würde und Einfalt — es gieng über die Kräfte der Apostel; und nur -er Geist Gottes, welcher beydes, Weisheit undStärke, giebt, konnte sie dazu fähig machen. Ich schließe mit einer Anmerkung , die mir wichtig scheint. .Hat nun der Geist Gottes die Apo¬ stel in die ganze Wahrheit hineingeführct; ist die¬ ser Geist der Wahrheit nach der Verheißung Jesu bey ihnen forthin geblieben — fo muß das, was sie gclehret und geschrieben haben, Wahrheit seyn; ihre zurückgclasfenen Schriften haben also wirklich rine göttliche Authorirät, und sind ein sicherer Grund unsers Glaubens. Am fünften Sonntage nach Ostern. Joh. 16. 2Z.— zo. „ Äbas ihr immer den Vater in meinem Namen ,, bitten werdet, das wird er euch geben." Es ist zwar hier die Rede vorzüglich von hö¬ heren Geistesgaben, und von außerordentlichen Kräften, außerordentliche Dinge zu thun. Im Na¬ men Jesu, das ist, als Gesandte Jesu, die von ihm H Z öevoll- — ( n8 ) — bevollmächtiget und gefchicket waren, feine Lehre fort;» pflanzen, dürften sie von Gott begebrcn,was sie wollten — so groß, und übernatürlich es auch ftyn möchte, es würde doch gewähret werden, wenns zur Bestätigung ihres Wortes , und zur Unterstü¬ tzung ihres Ansehens nöthig wäre. Jndeß hat Jesus auch dem Gebethe überhaupt Erhörung versprochen , und eS allen Menschen als ein Mittel empfohlen , das zu empfangen , waö sie bedürfen. Umsonst wendet man ein: Gott hat den Lauf der Natur von Ewigkeit her geordnet; und wie er ihn geordnet bat, so geht er unabänderlich feinen Gang.— Wie nun? hat denn Gott nicht auch von Ewigkeit her, da er den Lauf der Dings ordnete — hat er dazumal nicht auch das Gebeth der Menschen vorhergesehen ? Und wenn er es vor¬ her gesehen hat; wenn der vertrauensvolle Vether seinem unendlichen Verstände gegenwärtig war — wird er nicht solchcElnrichtungen getroffen haben, wodurch seinem Bitten zu rechter Zeit entsprochen wird? Warum hat Jesus uns gelehret zu bcthen : Gieb uns unser täglich Brod — wenn die Natur allein nach ewigen Gesetzen, die kein Gebeth ahan- dcrn kann, uns Brod verschaffen muß ? Weg mtt einer Philosophie, die uns das Vertrauen zu Gott wsqraifonirt, der Schrift und der Erfahrung wi¬ derspricht, und uns eines der vortrefflichsten Mit¬ tel , zur Tugend und Vollkommenheit zu gelangen, entzieht! Die Schrift ist voll von Beyfpiclen er¬ hörter Gebcther; nnd wer von uns hat es nicht schon selbst erfahren, daß Gott nicht umsonst sprach: Rase mich an in -er Noth, so will ich dich erhören, und — ( H9 ) — und du wirst mich preisen? Wie oft, wenn wir mit Herzklopfen, und mit dürrer Zunge zu Gott riefen, kam uns unerwartet, von einer Seite, und zu einer Zeit, da wir es am wenigsten Höften, Hülfe wie vomHimmel? Ein kleiner Umstand, die Gesinnung einer Person änderte sich, und mit diesem unsre ganze Lage. Nun geschieht aber in der Welt nichts von Ungefähr. Unsre Rettung war also auch kein Werk des Zufalls, es war die Wirkung unsers Ge- beths , welches Gott erhöret hatte. Und wie segen- voll sind nicht die Einflüsse des GcbethS auf dis Veredlung uuserS moralischen Charakters ! Schott der Umgang und die Unterredung mit guten Men¬ schen bat große Vortheile für unsre Tugend und Rechtschaffenheit; wie weit größere muß der Um¬ gang mit dem vollkommensten und heiligsten We¬ sen haben! Wie muß er das Herz zu allen sanfte« Tugenden stimmen ! welche edle Gesinnungen, wel¬ chen Heroismus der Tugend unsrer Seele mitthei- lcn ! Wir bewundern die Größe Abrahams, der be¬ reit war, den einzigen Sohn seiner Liebe demHerrn zu schlachten: Wir staunen über Assaph, dem Gott Trost und Stärke ist, wenn ihm gleich Leib und Seele verschmachten; über David, der nicht zittert, wenn auch Berge aus der Wurzel gerissen, und mit¬ ten ins Meer geschleudert werden; über Hiob, der auf Gott vertraut, wenn er ihn auch tödten sollte. Lasset uns nur eben so oft im Gebethe Umgang mit Gott pflegen; und wir werden eben so groß, eben so edelgesinnet werden, wie sie es waren. Schmilzt aber dein Herz nicht oft in frommen Empfindun¬ gen -er Andacht; steigt deine Seele nicht oft wie H 4 eine — ( 120 ) — eine leichte Flamme aus dem nieder« Dunstkreis? dieser Welt himmelan; so wirft du ein Mensch von grober Sinnlichkeit, und ohne Gefühl fcyn,der für keinen Menschen ein Herz, und an reineren Gei- steSfreuden überall keinen Geschmack hat; und wahrlich, es wird kein edler Mann deine Freund¬ schaft suchen, oder auch nur unter einem Dache mit dir wohnen wollen Und ich möchte niemand in der Welt um irgend eine Wohlthat bitten, der nicht auch gewohnt ist, sich Wohlthaten von Gott zu er¬ bitten. Der Vater selbst hat euch lieb, vcrsichecteJe- sus die Jünger. Warum ? „Weil ihr mich liebet, „und es glaubet, ich sey von Gott hcrgckommen.' Das sicherste Mittel, die Liebe des Vaters zu erwerben, ist— den Sohn lieben, und an ihn glauben. Da denkt nun die Modeweishcit unsrer Zeit wieder ganz anders. Sie hat genug an dem Vater, und kann den Sohn entbehren; ob es gleich im Evangelium ausdrücklich heißt: Niemand kömmt zum Vater, als durch den Sohn. Wer die¬ sem nicht Ehre giebt, versagt sie auch jenem: Wer den Sohn lüugnet, hat auch den Vater nicht. Lieben Brüder ! lasset uns nicht trennen, was Eines ist; lasset uns den Vater in dem Sohne eh¬ ren, in welchem er sich geoffenbaret hat. Wie gött¬ liche Weisheit sich in seinen Reden äußerte, so äußerte sich göttliche Macht in seinen Thaten; und so war er ja überall das sichtbare Bild des unsicht¬ baren Gottes. Wer ihn sah, sah den Vater. Darum sollten auch alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Dieß thaten die Apostel nach seiner Erhö¬ hung. — ( 121 ) — hung. Sie nennen ihn überall den Herrn; danken ihm für alles gerade so, wie dem Vater der Gei¬ ster ; wünschen ihren Gemeinen von ihm eben so wohl, als von Gott dem Vater, Gnade und Frie¬ de ; und erflehen ihnen, wie von Gott, so auch von ihm Friede, und Liebe, und Glauben. — Denken wir wohl apostolisch, wenn wir nicht im Herzen glauben, und mit-em Munde bekennen, daß Jesus der Herr sey? Am sechsten Sonntage nach Ostern. Joh. i s. und t6. R. ^ssus sagte den Jüngern eine Zeit harter Ver¬ folgungen vor. ,, Es wird eine Zeit kommen, „ sprach er, da ein jeder, der euch das Leben ,, nimmt, meynen wird , er bringe Gott ein Qp- „ fer." Schrecklicher Wahn! Menschenblut ver¬ giessen in den Tempeln des Vaters der Menschen; des Gottes der Liebe! Und woher diese tolle Wuth, dieser blutlcch- zcnde Verfolgungsgeist? Daher, weil sie weder den Vater kennen, noch den Sohu, den er gesen¬ det hat! Falsche Begriffe von Gott, und von der Religion Jesu , die haben den Verfolgungsgeist der alten und neuen Zeit gezeuget, und genahrer — ein böser Geist, der schnaubend von Rache und Mordsucht, über die Erde hin zog, um zu verder¬ ben , und zu Grunde zu richten — -em Geiste Je¬ su ganz entgegen, der gekommen war, zu retten z H s und ( !22 ) Und umhergieng, wohlzuthun! Wisset ihr nicht, aus was für einem Geiste ihr handeln sollst; hät¬ te man mit der verweisenden Miene, und im ern¬ sten Straftone des Erlösers sagen sollen — zu je¬ nen fanatischen Zeloten, die aus dem entweihten Heiligthume die Fackel hinwegnahmen, um Schei¬ terhaufen anzuzünden, und— zu jenen betroge¬ nen Schaaren irrender Ritter, die in ferne Län¬ der zogen, das Kreuz auf dem Kleide, und in der Hand das Schwert, um niederzumachen, was nicht glauben wollte, wie sie glaubten. Wie, um des Himmels willen! ist dieß die Methode, Ir¬ rende zu belehren ? Heißt die Religion Jesu diesen harten blutigen Weg einschlagen — die Sanfte, Milde, die nur Friede und Barmherzigkeit predi¬ get ; am Seile der Liebe zieht, nicht mit eisernem Stabe treibt; Gründe für die Wahrheit ihrer Lehre vorträgt, aber kein Rachschwert zückt? Kann auch wohl das Reich GottcS , kann das Gebieth der Wahrheit mit dem Schwerte erweitert, kann der Glaube durch Zwangsmittel befördert werden? Nein , kein Machtspruch , keine Formel mag ihn bezwingen: Und steigt gleich eine ihm ähnliche Ge¬ stalt wie im Dunkeln herauf; so ists Phantom ; ein todtes Trugbild, nicht der lebendige Glaube, den Jesus verlangt, und der nur allein auf dem Hellen Gange der Uiberzeugung kömmt. Wen man also nicht überzeuge« kann, den dulde man. Dul¬ dung ist eine Frucht der Liebe. Wie wir schuldig sind , alle Menschen ohne Unterschied der Religion zu lieben; so sind wir auch schuldig, sie alle zu dul¬ den : Und wie die Liebe gerne entschuldiget; so die Duldung. — ( I2Z ) — Duldung. Und wie vieles läßt sich immer zue Enk schuldigung derer, die anders denken und glauben, vorbringen! Ihr Standpunkt ist vielleicht zu tief: Der Strahl der Wahrheit fällt vielleicht zu schief, zu gebrochen in ihr Auge: Die Wolke von Vorur- theilen ist zu dicke, als daß ihre Vernunft sich durcharbeiten könnte. Ist nicht der Glaube, in -em man gebohren und erzogen ward, wie ein vä¬ terlich Erbgut, das man sich nicht gerne nehmen laßt? Oder vielleicht denken sie einerley mit uns, und drücken sich nur anders aus; und wie leicht ist dieses bey gelehrten Kunstwörtern, die auS einer alten Philosophie hergenommen sind, und bey Glaubensformeln, die vor Jahrhunderten in ei¬ nem Dialect abgcfaßt wurden; der uns unverständ¬ lich geworden ist! Sind doch die Wörter, selbst ßn den lebendigsten und kultivirtesten Sprachen, schwankend und unbestimmt; und der Unterschied zwischen dem Zeichen und der Sache, die dadurch soll bezeichnet werden, ist fast immer sehr groß. Wie leicht sind da die MißverständnisseSollten wir uns aber wohl darüber hassen, verfolgen, tödten? Und wenn die Mißverständnisse vollends nur Nebendinge — keine wesentliche NeligionS- lehren, sondern bloß theologische Meynungen; keine von den Wahrheiten, die ins menschliche Le¬ ven einen wichtigen Einfluß haben; sondern eitle Subtilitäten, unnütze inS Unendliche gehende Grü- -eleyen betreffen — ifts da auch nur dec Mühe werth, mit Heftigkeit zu disptttiren? Christus duldete alle, Pharisäer und Sad- hucäer; so viel auch Bosheit manchmal mit unter¬ lief. - ( 124 )' — lief. Er griff keine Sekte geradezu au , und ließ jeden Rabbi und seine Schule unangefochten. Er stellte die Wahrheit mit Einfalt und Würde dar, und ließ sie durch ihre eigene Kraft wirken, wo und was sie wirken konnte. Nur wenn er aufgs- fordert ward , vertheidigte er sich und seine Lehre wider seine Gegner. Eine kurze treffende Antwort, die keine Ausflucht übrig ließ; eine unerwartete Gegenfrage, die ihren Plan verrückte; dieß war alles , was er zu seiner Rechtfertigung, und zur Ehre -er Wahrheit that. Paulus duldete nicht nur alle, er ward auch allen alles — sprach mit dem Juden aus seinen heiligen Büchern, und mit dem Heyden ans sei¬ nem Dichter. Er warf zu Athen die Tempel und Altäre nicht um; lehrte aber die Einwohner den unbekannten Gott kennen, so gut es die Umstände znliessen. Petrns dachte anfangs jüdischer; war- aber auch bald überzeugt, daß bey Gott kein Ansehen der Person gilt; sondern in jedem Volke, wer ihn vor Augen hat, und thut, was Recht ist, ihm wohlgefällt. In diesem Geiste lasset uns wandeln; aber auch dafür sorgen, daß unsre Toleranz nicht Jndi- ferentismus werde! Jedem wollen wir das Recht lassen, mit eigenen Augen zu sehen, alles zu prü¬ fen , und die Wahrheit zu untersuchen; wir wol¬ len -en Irrenden dulden, aber an seinem Jrrthu- me nicht Theil nehmen. Am Am Pfingstsonntage. Joh. 14. 2Z. bis Ende. den Jesus den Jüngern verhieß, ist wirklich gekommen; und durch ihn ward daS Werk, welches Jesus angefangen hatte, vollendet. Nur im Senfkorn sollte er sein Reich sichtbar Pflanzen ; das übrige sollte sein unsichtbarer Geist daraus erziehen. Alle Anstalten Gottes geben aus dem Kleinen ins Große, aus einem Moment -er Zeit in Reihen von Jahrtausenden. Heute eben, ftyern wir das Andenken des Tages, an welchem die verheißene Feuer - und Geistestaufe vom Himmel über die Jünger deS Herrn herabfloß. Auf ihn selbst war ehemal am Jordan der Geist ohurMaaß hcrabgekommen. Die Himmel öffneten sich, und der Geliebte des Vaters stand im allverbreitenden Lichtstrome. Uiber die Jünger streute ec nur zertheilte Flammen, einzel¬ ne , verschiedene Geistesgaben in eingeschränktem Maaß, nach eines jeden Empfänglichkeit; doch «mpfiengen alle von seiner Fülle, und keiner gieng teer aus. Die Wirkungen des Geistes bey den ersten Jüngern waren außerordentlich, und höchst wun¬ derbar. Das forderte der Zustand der aufblüheßi den Kirche. Da vertrat der Geist in den Gemei¬ nen die Stelle der Lehrer, die noch nicht gebildet waren; da bewies der Geist durch göttliche Tha- ten, daß die neue Religion ein Werk Gottes sty. Dietls Zomil. I Wie — c l26 ) — Wie aber bas Vedürfniß aufhörte, hörten auch die außerordentlichenGeiftesgaben auf. DieSpra- chengabe, die Gabe derWeißagung und der Ge¬ sundmachung , die bergeverseüende Wunders ast, das alles vergieng: Und was blieb? Glaube, Hoff¬ nung , Liebe — drey grosse Gaben , worunter die Liebe die größte ist ! Auch nennt der Apostel noch andere Früchte des Geistes, diebleibend, und zu allen Zeiten die Merkmale sind, an denen man die ächten Jünger Jesu kennen kann — Liebe, Freund¬ lichkeit, Friede, Geduld, Gefälligkeit, Güte, Reue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. Sehet da! istdieß nicht offenbar der Geist Jesu, der Geist der Liebe «nd Sanftmuth , in welchem er wandelte? Mit Scheltworten überhäuft, schalt er nie wieder; mißhandelt, drohte er nicht Rache; that allen Gutes, niemanden Böses; starb aus Liebe für sem Brudergrschlecht, die Menschen. Diesen Geist ath- met auch seine Religion ; in diesem, und in keinem, andern , müssen die Bekenner derselben wandeln. Darum , schrieb Petrus an die Christengemeinen, da ihr bey der Annahme des Christenthumes durch den Geist , den ihr empfangen habt, zur ungeheu¬ chelten Bruderliebe seyd eingeweihet worden, so gebet auch einander aus reinem Herzen die stärk¬ sten Prv.ben dieser Liebe. Man kann unmöglich ein Jünger Jesu seyn, wenn man nichts von feinem Geiste hat. Allo Schosse haben etwas von der Natur und Beschaf¬ fenheit des Weinstockes ; und derChrift sollt nichts von Christus haben? Nein, wer den Geist Christi nicht — c 127 ) -° nicht hat, der ist nicht sein. Wer nicht g-stnnet ist, wie er es war , der ist kein Christ. Aber wo soll ich dissenGeist heenedmen? Bit¬ te darum, so wirst du ihn empfangen ? Gerne, wie ein irdischer Vater seinem Kinde Brod giebt, giebt ihn der Allvater im Himmel dem Viltcnden.Jst er doch reich genug für alle- die ihn anrufen. — Lies die Reden undThalcn Jesu : Lies die Schriften sei¬ ner Jünger , die den Geist empfangen haben ! da lebt und webt er; von da aus wird er leichtschwe¬ bend , wie du athmest, in dich übergehen — wird durch seinen Hauch jede in dir verborgeneKraft er¬ wecken ; jede edlere Empfindung, die in dir schlum¬ mert, beleben; von seinem Lichte Licht in deine See¬ le strahlen; dich in jede Wahrheit leiten, wenn Jrrthümec zur Rechten und Linken dir die führen¬ de Hand biethen ; dich zum Gebeth und zur Tä¬ tigkeit im Guten treiben, wenn die Trägheit des Fleisches dich fesselt, verdrossen, schlaff, und un- thätig hinhält; wird bald leiser, bald merkbarer, bald sanftleitend , bald mächtighinreißend in dir wirken. Frage nicht, wie dieß geschieht. Du hö¬ rest wohl das Sausen des Windes , und empfin¬ dest seine Wirkung : du weißt aber den Weg nicht, den er nimmt; und kennst die Kraft nicht, welche diese Wirkung hervorbringt. — Der vollkommen¬ ste Geist wird doch wohlauf die Geister, dw er schuss, und erhält, wirken können? —— Lasset uns nun , da wir am Ende der Lebens¬ geschichte Jesu sind — denn was in den Evangeli¬ en ferner vorkömmt, das sind entweder Sittenlch- I 2 ren, — ( 128 ) — ren, oder Gleichnißre-en, oder Wunderwerks — lasset unS nun einen Blick zurückwerfe» , und das Ganze übersehen! Wie ist alles so einfach, so untccnnbarEjnes l Dom Himmel herab aus dem Schooße des Vaters kam er, das ihm aufgetragene Werk zu thun. Ec thats ; und kehrte wieder zu dem zurück, der ihn gesendet batte. Mit dem Arme der Allmacht hob ec das versunkene Menschengeschlecht herauf; zer¬ störte das Reich der Dämone — die Gösen stürz¬ ten , die Orakel verstummten , Magie, Wahrsa- gerey, Traumdeuterey , und jede Art des Aber¬ glaubens verschwand — richtete ein R- ich der rei¬ nen Gotteöverehrung , -er Tngend und Wahrheit auf, das «mmer weiter durch diejenigen, die er bcym Weggehen bestellte, und durch den Geist, den er sandte, sollte ausgebreitet werden. Noch greift dieses göttliche Reich immer weiter um sich, und wird zuletzt die Erde erfüllen. Jesus sitzt indeß zur Rechten Gottes als ewiger Könlg dieses Reiches, erhöht über alle Höhen, und über alle Klaffen himmlischer Wesen; in der Herrlichkeit, die er, ehe die Welt war, bey dem Vater hatte; ist durch den Geist unsichtbar bey den Seinen bis ans Ende der Welt; wo er in göttlicher Majestät wieder kommen, Gericht halten, und sie mir sich ins ewi¬ ge Leben einführen wird. Lasset den Unglauben zur Linken , und den Aberglauben zur Rechten die em¬ pörende Hand wider Gott und seinen Gesalbten erheben ; lasset sie das Reich des Messias mit List und Gewa.t, mit Spott und Lästerung, in ge¬ heim und öffentlich , in allen Sprachen und Zun¬ gen — ( 129 ) — gen bestürmen — Wen Gott zum Herrn und Kö¬ nig gemacht hat, der wird Herr und König blei¬ ben ; und alle seine Feinde werde» zum Schemmel seiner Füsse gcleget werden. Was weder KajphaS noch Hannas , weder Herodes noch Pilatus , we¬ der Jerusalem uoch Rom — waS siebzehn Jahr¬ hunderte nicht zu Grunde richten, nicht einmal er¬ schüttern konnten , das wird keine Zeit, keine Be¬ redsamkeit, und keine Schreidkunst Umstürzen ken¬ nen — am mindesten der seichte oberflächliche wi¬ tzelnde Schöngeist unfers leichtsinnigen Zeitalters. Am ersten Sonntage nach Pfingsten. ll.uk. 6. z6. — 42. Scyd barmherzig, wie euer Vater auch barm¬ herzig ist. Dieß ist die große Anweisung zur Ge¬ lindigkeit und Milde nach dem höchsten Muster, welches einzig «nd allein ganz vollkommen, wenn gleich nicht ganz ei reichbar ist. Und nun wird die allgimcine Vorschrift so¬ gleich aufeinzelneFälleangewendet: Richtet nicht! Verzeihet! Gebet! Richtet »ich ! Denn ihr seyd cs nicht im Stande, ein billiges Urthefl von eurem Mitmen¬ schen zu fällen.Unwissenhelt undPartheylichkeic hin¬ dern euch , ihm Gerechtigkeit wiedersahren zu las¬ sen. Das menschliche Herz ist em tiefer Abgrund ; wer mag es erforschen ? Wie verwickelt ist der Charakter auch d.s einfachsten Menschen! Wie J Z NN- — ( IZO ) — ungleich sind sich selbst Leute, die nach Grundsänen handeln wie vielseitig , wie verschieden in ver¬ schiedenen Umständen , wie sich selbst widerspre¬ chend ist ein und eben derselbe Mensch ! Was für eine seltsame Mischung von Frömmigkeit und Hru- chelcy , von Redlichkeit »nd Tücke, Fceyzebigkeit und Geitz, Rechtschaffenheit und Bosheit wird oft in der nämlichen Person angetroffcn ! Kann man da sobald absprechen? aus einer einzigenHandlung aufden ganze» Charakter schließen , wie es fast im¬ mer geschieht ? Und wonach urtheilen wir? Ge¬ meiniglich nach dem, was in die Angen fällt, nach dem äußeren Scheine; die Absichten und die Be¬ weggründe sind uns größtcntherls unbekannt; und doch bestimmen diese allein den Werth oder Un¬ werth , die Güte oder die Bosheit des Menschen «nd seiner Handlungen. Und dann stimmen uns nicht unsre Leidenschaften zurPartheylichkeit? Wrr besehen andere ipimer durch ein gefärbtes Glas. Wem wir gut sind, der ist gut; und alles, was er thut, ist vortreflich. Wem wir abgeneigt sind, der taugt nichts; und er mag thun, was er will, so trifft ihn unser Tadel. Wir sehen den Splitter jm Auge des Feindes; und den Balken im Auge deS Freundes sehen wir nicht. Auch messen wir an¬ dere gar zu gerne nach unS selbst, und finden eine Art des Trostes in dcm Gedanken , daß sie nichts besser, als wir sind; daß unsre Schwachheiten, Fehler und Thvrheiten , die Schwachheiten Feh¬ ler und Thorhcitcn aller Menschen find. Der Pre¬ diger sagt: Der Thor hält alle, die ihmaufsei- nem — (-rzi ) — nem Wege begegnen, für Thoren : Und ich möch¬ te hinzufetzen : Der Schalk alle für Schälke. Verzeihet! Wer sollte sich williger dazu fin¬ den lassen, ein Mensch , dem der Vater im Himmel so mcl zu verzeihen hat? Du, ein Mensch voll Schwachheiten, Fehler und Sünden, der du täglich die Barmherzigkeit Gottes anfleheft , und ihn bittest, daran zu denken , -aß du Staub bist; deine Missthaten dir nicht so genau anzurechnen; der zu vergeben , wie auch du deinen Schuldnern vergiebst— du kannst unversöhnlich seyn, Haß und Rache im Busen nähren ? Sich , das Gebeth um Barmherzigkeit, welches du zu Gott schickest , kömmt als Fluch über dein Haupt; und du sprichst inie eigenem Munde das Urtheil der Verdammung über dich aus. — Aber Unversöhnlichkeit ist auch an sich selbst häßlich, und man sollte sich dieses Lasters um so mehr schämen, da es allemal das Kennzeichen einer kleinen niederträchtigen Seele ist , die nicht so viel Kraft in sich selbst findet, als dazu gehört, das erlittene Unrecht zu verschmer¬ zen, und über empfangene Beleidigungen sich weg- zusezcn. Aber alles , was gut, groß und edel lst, verzcnst gern. Der allmächrigc Herr und Ncglerer derWelt ist zugleich voll inniger Erbarmung, lang- müthiz bcy der Menschen Bosheit , und der Mss- selhat nicht mehr eingedenk, sobald sie bereuet und gebessert wird. Da sein Sohn in Menschengestalt unter Menschen wandelte, gab er sowohl in seinem Leben als bey seinem Tode die bewunderungswür¬ digsten Veyspiele der Versöhnlichkeit: Und von jeher haben Menschcn, an welchen das Bild der I 4 Gott- — ( IZ2 ) — Gottheit am reinsten sich abspiegelte, welche hex Stolt «nd die Ehre ihres Zeitalters waren, durch dibse Tugend sich ausgezeichnet. Gebet! Hat nicht derSchöpfekdeu Trieb zur Wohlthätigkeit tiefin unser Herz gepflanzet, und ' mit demselben die reinste Freude verknüpfet? Fra¬ get einen Menschen, der allezeit bereit ist, zu geben — wann ist er froher , als da er andere er¬ freuet ? wann glücklicher, als da er andere glück¬ lich mächt ? wann mit sich selbst , und mit der gan¬ zen Welt harmonischer, als in den seligen Augen¬ blicken, da er Gutes thut? Auch fein thierischrr Theil befindet sich dann im behaglichsten und gesün¬ desten Zustande, wenn er zu wohlthatigen Hand¬ lungen am meisten aufgelegt ist; wie es im Ge- gentheile Zerrüttung des Körpers anzeigt, wenn er Mürrisch , engherzig , in sich selbst verschlossen da¬ fist , nichts als seine eigene Bedürfnisse sieht und fühlt, und cs nicht wissen mag , -aß es seliger sey zu geben, alö anzunehmen. Einmal, Gott hat den Menschen gut, weichherzig, wohlwollend, und eenen für den andern gemacht. Jede Härte ist un¬ menschlich, unnatürlich jedes Anrücktreten des Menschen von dem Menschen; Sünde wider die Natur, sich einemGeschöpfe in derNoth entziehen, das Fleisch von unserm Fleische ist. „Darum brich „ du dein Brod dem Hungrigen ; und wenn du ei- ,, nrn Nackte« siehst , so kleide ihn, und verachte ,, dein Fleisch nicht. " Wie die Wohlthätigkeit die natürlichste Tugend eines Menschen ist, so ist sie auch unter allen die erste und schönste. Wenn wir tziescti Augenblick aufgefordert würden, einen recht edlen edlen und liebenswürdiger, Charakter zu schildern; ich wette, derZug dec Güte würde der erste seyn , . den wir in unsecmGemälde anbrächtsn. Wie ver¬ schieden auch dieTugcnden seyn möchten, mit denen wir unfern Helden ausschmückten; darinn würden wir alle Zusammentreffen , daß wir ihn zum Men¬ schenfreund und zum Wohlthäter seines Geschlech¬ tes machte». Wir würden ihn malen, wie derPsal- mist den Flttß Gottes malt — über dürstende Flu¬ ren sich ergiessend, Segen, Urberfluß und Freude Verbreitend , so wert er strömt. Ich weis nicht, ob eS noch nöthig ist, der» Beweggrund beyzusetzen, welchen daS Evangelium anführet — die Wiedervergeltung. Dre Menschen betragen sich überall gegen uns , wi wir uns ge¬ gen sie verhalten. Der Barmherzige findet überall Barmherzigkeit. Wer kennt die Unbeständigkeit irdischer Dinge, und erdreistet sich zu sagen : Ich werde fremder Hilfe nimmermehr bedürfen? Wie schnell dreht sich oft das Rad um ! Wie plötzlich macht dec Aeichthum sich Flügel, und ist in einem Nu dahin ! Deßwegen sollte den Selbstsüchtigen sein eigenes Iutresse dahin vermögen, zu geben, um zur Zeit der Noch , die er nicht vorher sehen kann , wieder zu empfangen. Amzweytett Sonntage nach Pfingsten. Luk. 14. 16 — 24. bewunderungswürdig ist die Lehrmethode des Heilandes auch von der Seite, daß er jede Gele- I s genheit, — ( IZ4 ) — genheit, die sich darboth, eine wichtige Wahrheit zu sagen, so vortreflich zu nützen wußte: Und da kleidete er denn seine Lehre meist in das Gewand einer Parabel, die sowohl der Sache, die er vor¬ trug , als den Umständen, in denen er sich eben befand , ganz angemessen war. Eine Mahlzeit, die er bcy einem Pharisäer mit Pharisäern hielt, gab ihm Anlaß von einem Manne zu reden , der ein großes Gastmahl berei¬ tete , und Viele dazu einlud. Aber die Geladenen wollten nicht kommen. — Ein treffendes Gemälde von dem Betragen der Juden, da sie aufgefordert wurden , sich zu der Glückseligkeit, die ihnen in dem Reiche des Messias zubereitet war , anzuschi- cken. Alle Anstalten waren bereits getroffen : Und nun wurden Bothen auögefendet — zuerst Johan¬ nes : ,, Das Reich GotteS ist nabe! " rief er — dann die Jünger Jesu : „ Das Reich GotteS ist „ gekommen! " riefen auch sie; kommet, und wer¬ det glücklich! Aber sie kamen nicht. Der eine hat¬ te einen Acker , und der andere fünf Joche Ochsen gekauft; und wieder einer hatte sich ein Weib ge¬ nommen. Die irdisch gesinnten, die fleischlichen ^Zuden mochten nicht fassen, was des Geistes war; sie hatten keinen Sinn für die geistlichen Güter , die ihnen im Reiche des Messias angebothen wur¬ den : Ihr Reich war von dieser Welt; das Fett der Erde ihre Nahrung ; Wohllust ihr Vedürfniß. Sinnlichkeit, Eigennützigkeit — Weltsinn im ei¬ gentlichsten Verstände, und ein gewisser kaufmän¬ nischer und ökonomischerGeist hatte die Juden strt langer Zeit niedergedrückt, hatte allen Geschmack am — ( !Zs ) — am Schönen , alles Gefühl des Grossen in ihnen ausgelöschet. Sie affen und tranken; kauften und verkauften ; pflanzten und bauten; nahmen zur Ehe, und gaben zur Ehe — in diesem Zirkel dreh¬ te sich ihr Leben; dahin gieng ihr Dichten und Sterben von Jugend a if. Bey einer solchenDenk- art, unter solchen Beschäftigungen, wie hätten sie da an der himmlischen Lehre Jesu Geschmack fin¬ den können? Sinnlichkeit ist noch immer das große Hin¬ derniß religiöser Erkcnntniß und Tugend. Sie schwächt und verfinstert den Verstand , zerstreuet die Gedanken, und zieht die Aufmerksamkeit von Dingen ab, die nicht in die Sinns fallen. So wer¬ den die Wahrheiten der Religion erst dunkel, und schweben wie Nachtgestalten in einem finsteren Hintergründe, bis wir sie endlich gar aus dem Ge¬ sichte verlieren. Auf diese Art verlor die Welt ehe- mal die ersten Grundwahrheiten von Gott, von einem vernünftigen Gottesdienste, von Tugen!» und Ncchtfchafftnhett. Der Apostelwenigstens lei¬ tet diesen Vorfall aus der Sinnlichkeit her. So wie sic immer sinnlicher wurden , ward ihr Ver¬ stand auch finsterer , und eS ward ihnen endlich zu schwer, ein geistiges Wesen zu denken , und den unsichtbaren Schöpfer in seinen Geschöpfen, wie in einem Spiegel, zn sehen. Da schweiften sie mit ihren Gedanken in Unsinn aus, und verfälschten die Herrlichkeit des Unvergänglichen in Bildnisse vergänglicher Menschengestalten , gar der Vögel, und vierfüßigen Thiere und des Gewürmes. Und nun verlohren sie mit der Erkeuntniß GotteS zu¬ gleich — ( IZ6 ) — gleich alles Gefühl von Religion und Tugend, und sanken tief hinab in die Lasterhaftigkeit — so tief, daß auch die besten und weisesten Menschen durch alle Jahrhunderte bis zu den Zeiten Christi herab, nicht im Stande waren , ihnen den unbekannten Gott , und die verlorne Tugend wieder zu geben. Die Geschichte aller Zeiten beweiset, daß Ir¬ religiosität und Sittenverderbniß immer mit der Sinnlichkeit im V.'rhälturße standen. Werfen nur einen forschenden Blick aufunstr Leben! Wenn wir uns nur einige Tage mehr , als sonst, sinuli- chenVergnüzen überlassen, was für eitle und leicht¬ sinnige Geschöpfe werden wir sogleich ! wie wenig fühlen wir uns aufgelegt zu allen , was ernsthaft, groß und wichtig ist! wie sind wir feiner Empfin¬ dungen , edler Gesinnungen und großmüthiger Handlungen so unfähig! wie fremd wird uns gleich der Gedanke an Gott, wie traurig die Erinnerung an unsre Pflicht! wie schwer die Uebung der Tu¬ gend , besonders wenn sie, wie es oft der Fall ist, Selbstverleugnung, und manch anders Opfer, fordert, welches nur eine starke Seele bringen kann ! Wenn wir uns nicht bald wieder zurücke ziehen , so werden wir ganz und gar die Beute der Sinnlichkeit und der Zerstreuung ; werden durch Wohllust entnervt, aller Anstrengung feind, und träge zur Cultur des Geistes. Alle Thätlgkeit ist dahin; nur verhalten uns bloß leidend ; lassen uns in den Wirbel der Weltlust hineinziehe«, uud in demselben , wie in einem ewigen Zirkel, von vor¬ übergehenden» d wiederkommenden Vergnügun¬ gen Heromtkeiben. Unser Lebe« vergeht in einem Zu- — < IZ- ) — Zustande derBetäubung; und unsrrKräfte vsrbrau- sen untereinander im Schaume sinnlicher Wohllü- sie. Unsrer höhern Würde uneingrdeak, mit un¬ srer gegenwärtige» Bestimmung unbekannt, und für die Zukunft unbesorgt, taumeln wir , wie Be¬ trunkene , dem Grabe entgegen , und haben am Rand- desselben kein andres Verdienst aufzuwei- sen , als daß wir den rosenbekränzteo Becher der Freude bis auf die letzten Hefen ausgetrunke« ha¬ ben . — Und dieß nennen wir Genuß des Lebens !! Am dritten Sonntage nach Pfingsten. Luk. is. i — io. Auch Zöllner und Sünder nahten sich zu Jesu , um ihn anzuhören. DaS Sanfte, Einladende in Mienen und Gebärden , wie hätt es Menschen nicht anziehen sollen, die von den Juden ihres fteyeren Wan¬ dels halber eben so verachtet , als wegen ihrem Amte gehastet wurden Wie hart und zurückscheu¬ chend betrug sich der Pharisäer und Schriftweise gegen sieUnd dennoch waren sie in.einer glückli¬ cheren Disposition , sich belehren, und bessern zu lassen, als Leute, die von ihrer Gerechtigkeit und Weisheit viel zu schmeichelhaft dachten , als daß sie zu einer Reform ihres Wandels ein williges Herz, und zu besserer Belehrung rin offenes Ohr haben konnten. Wenn diese kamen, Jesum zu hö¬ ren , so geschah es bloß, ihm Fallstricke zu legen, und -- ( iz8 ) — und ihn in derNede zu fangen. Kein Wunder, daß Jesus mit Leuten von der ersten Art lieber um- gieng ; und daß auch sie an den menschenfreundli¬ chen Lehrer sich hindrängten , der kein Derdam- mungsurtheil; der nur Worte des Friedens und der warnenden Liebe sprach , die aus einem Her¬ zen voll Mitleid gegen die Verirrten kamen. Dieß ist der sicherste, wo nicht der einzige Weg zu den Herzen der Menschen , den alle, dis an der Besserung ihrerVrüder arbeiten, billig ein¬ schlagen sollten. Herzen werden überall nur durch Liebe und Sanftmuth gewonnen. Und wie viele Ursache haben wir, den Fehlenden mit Güte zu behandeln! Wenn ein unglücklicher Wanderer irre gebt, verdient er unfern Unwillen , oder unser Mitleid? Was ist edler , dem Gefallenen seinen Fall strenge und bitter verweisen , und ihn wäh¬ rend dem im Kothe liegen lassen; oder ihn mit herzlicher Erbarmung aufrichren, vom Kochs säu¬ bern, und ihm etwa mit einem Händedruck sagen : Geh hin im Frieden, und gieb Acht, daß du nicht wieder fallest ? Dieß war die Manier, mit welcher Jesus die Sünder behandelte: Und wenn er so be¬ handelt wird; siehe, da schmilzt sein Herz vor Reue; da schämt er sich seiner bisherigen Thorhei- ten und Ausschweifungen ; macht Vorsätze für die Zukunft, und wandelt mit größerem Eifer denWeg der Rechtschaffenheit. Und wahrlich! himmlisch schön ist das Angesicht, welches über begangcneFeh- ler schamroth ist ; liebenswürdig daS Herz, wel¬ ches entschlossen ist , sie nicht wieder zu begehen. Die — ( rZ9 ) — s)ie Eilgeldes Himmels haben Freude an einem solchen Büsser , und jeder gute Mensch freuet sich mit. „ Aber gewiß kein muckenseigender Pharisäer, kein viclbetbender Frömmler, kein andächtiger Meißner mit breiten Denkzetteln , die mit stolzer SelbstznfriedcnheitGott danken, daß sie nicht sind, wie andere Leute; und aus der Glanzwolke ihrer Scheinheiligkeit mit Abscheu auf die Ungerechten niedersehen, zu denen sie sich nicht herablassen kön¬ nen, ohne durch ihren Umgang verunreinct zu wer- — Nämlich der geistliche Stolz zeugt überall Verachtung anderer , Härte und Verdammungs¬ sucht. Die Pharisäer giengen so weit, daß sie dem Heilande seinen Umgang mit Zöllnern , und sein leutseliges Betragen gegen sündhafte Leute zum Verbrechen machten. Er aber bewies durch Gleich¬ nisse und Parabeln , daß eben diese Gemeinschaft dem Zwecke seiner Sendung angemessen sey. Soll der Hirt das irrgelaufene Schaf, soll das arme Weib die verlorne Drachme nicht suchen ? Und ist nicht der Sohn des Menschen gekommen, dasVer- lornezu suchen , und dem Verderben zu entreissen? Ans den angeführten Gleichnissen lassen, sich folgende Lehren für uns ableiten: i. Gott sucht die Sünder. Er hat verschie¬ dene Mittel, den Menschen, welcher der Tugend entflohen war, in ihre Arme zurück zu führen. Jüt zieht er ihn sanft durch Wohlthaten ; ist weiset er ihn durch Züchtigungen zurecht. Ein anderömal spricht er durch sein Wortzu dem Verstände, der außerordentlich erleuchtet; und zu dem Herzen, das f I ? tzas tief gerührek wird. Er verseyst ihn in eine neue Lage , trennt die vorigen Verbindungen , be¬ schäftiget ihn mit andernGegsnständen. Ließ giebt -er Seele einen Stoß ; ihre Neigungen bekommen -«durch eine andere Richtung; -er Mensch wir- Hkändert, und eö beginnt eine neue Epoche seines Lebens.—Meistens aber wird diese moralische Re¬ volution nach und nach bewirkt, und kömmt, nach¬ dem sie lange vorbereitet war, endlich zu Stande. Der Mensch sieht den schlimmen Zustand , und die Zerrüttung seinerScele vonZeitzn Zeit rin; ec füh¬ let Mißbehagen daran, und Unzufriedenheit mit sich selbst; fängt an zu wünschen, und sehnt sich nach dem Glücke der Tugendhaften; er macht Entwür¬ fe , faßt Entschlüsse, und — fühlt sich zu schwach, sie arrszuführen.Endlich kömmt aber doch der glück¬ liche Zeitpunkt, da alle Triebfedern in seiner See¬ le mit vereinigter Kraft Zusammenwirken, und ihm -en Muth geben, alle Hindernisse zu überwinden. 2. Buffe ist von Seite des Sünders noth- wendig. Nur über den Sünder, der Buffe thut, freuen sich die Engel des Himmels. Busse thun, heißt aber nichts anders, als — sich bessern. Dieß ist der Begriff, der in dem Evangelium gegeben, und durch das ganze neue Testament fortgeführct wird. Die Bußpredigten des Täufers waren Auf¬ forderungen zur Besserung des Lebens , zur Sin¬ nesänderung. Zu derselben Zeit Heißts Matth, z. trat Johannes auf, und predigte »n derWüste, und sprach: Bessert euch ! Zöllner sollten ihre Un¬ gerechtigkeiten unterlassen , und nichts mrhrers von — ( 14! ) — Von de« Leuten fordern, als ihnen bestimmst wä¬ re. Kriegsleute sollten niemanden mehr, wie bis¬ her, Gewalt anthun, und mit ihremSolde zufrie¬ den seyn, ohne daß sie ferner dahin strebten, ihn durch Betrug und Erpressungen zu erhöhen. Jeder sollte vom Bösen ablassen, und thun, was Recht ist. -— Bald darauf fieug selbst Jesus an zu pre¬ digen, und zu sagen: Bessert euch.' (Matth. 4. K.) Und als er die Welt wieder verließ; sandte er sei- noJünger, und trug ihnen auf, allen Nationen in seinem Namen Besserung und Vergebung der Snuden zu predigen. (Luk. 24.) Diese thaten, was ihnen der Herr befohlen hatte, und blieben genau dey der gegebenenVorschrift -. Werdet andernSin- pes, sprachen sie überall, und bekehret euch, daß eure Sünden getilget werden. (Apostg. 2. u. z.K.) Sehet, so wird durchaus Besserung, Sinnesände¬ rung als eine nothwendige Vediugniß zur Sün¬ denvergebung gefordert; aber auch nichts weiter. Nirgends lesen wir von den sogenannten Bußwer- k?n. Nur ein leidenschaftlicher despotischer Herr rann Gefallen haben an den Geißelhieben, womit ein fehlerhafter Knecht zerfleischt, aber »icht gebes¬ sert wird. Nirgend von Furcht uud Bangigkeit, die die Seele niederdrückt, und sklavisch gestnnet macht. Nirgends von Zerknirschung und Schwer- m«lh, vom Tragen der Missethat, und vom Ab büf¬ fln der Strafe, welches alles oft bis an -en Rän¬ der Verzweiflung führt. Durch diese Hammer- - schlage mußte der hartherzige Jude zerknirschet werden. Wir haben den frohen vertrauensvollen Kindersinn empfangen, und stehen in einer Ver- Diefl, r-msi. K fassung , — ( 142 ) — faffung mit Gott , wie ein Kind mit seinem Vater, -er Fehler vergebt, sobald das Kind sie bessert. Das Band, welches uns an ibn knüpfet; derGeist, in welchem wir wandeln sollen, ist Liebe; „nun ist „aber Furcht «jcht bey der Liebe; die vollkommene „Liebe schließt alle Furcht aus; denn die Furcht ist „der Vorbothe der Strafe; wer sich fürchtet, bey „dem ist die Liebs noch nicht vollkommen." — Wir lebe« in einer geistigen Religion, wo der vollkom- mensteGeist imGeiste will verehret werden. Wenn es da nun darum zu thun ist, das Wohlgefallen Gottes wieder zn erlangen, so kann das gewiß nicht anders geschehen, als durch innere Sinnesände¬ rung, durch Erneurung des Geistes. Der christliche Büßer mißbilligt daher aller¬ dings sein bislwriges Verhalten, und empfindet auch wohl Neue und Schaam über feine Thorheit und Lasterhaftigkeit; aber er überläßt sich nicht einer zügellosen Traurigkeit, die den Tod wirkt; er heitert sich durch die frohe Aussicht in eine glück¬ lichere Zukunft auf, da er seiner Bestimmung treu, des Beyfalls Gottes gewiß, und in sich selbst ruhig ftyn wird. Nun ergreift er Maßregeln, die seinem Vorhaben angemessen sind, und trifft Anstalten, die ihn dahin bringen, wohin er will. Sich immer mehr von allem, was in seinen Gesinnungen nie¬ drig, in seinen Handlungen unedel ist, zu reinigen; mit jedem Tage weiser und tugendhafter zu wer¬ den , das Bild der christlichen Vollkommenheit, welches seinem Geiste vorschwebt, in seiner Denk¬ art , und in seinem Betragen auszudrücken; darin lebt und webt er; und „das ist nun feine Haupt» sorge, c 14? ) -- sorge, daß sein GeisteswachSthum auffallend wer¬ den möge." Am vierten Sonntage nach Pfingsten. Luk. s. I — II. j^> ^Hesus hatte die Jünger bereits berufe«; und sie hatten auch die Einladung angenommen; doch, da er sie mit dem ganzen Endzwecke ihres Berufes «ichr gleich auf einmal bekannt machte, so verhiel¬ ten sie fick, anfangs gegen ihn, wie andre Schüler gegen ihreLehrer sich verhielten. Sie hiengen ihm an, um aus seinem Umgänge Unterricht undWeiS- heit zu empfangen; und blieben dabey in ihren häuslichen Verbindungen, und bey den Geschäf¬ ten, die sie bisher getrieben, und womit sie sich und den Ihrigen Unterhalt verschaft hatten. In dieser Situation traf sie Jesus an, da er von Nazareth «ach Kapernaum kam. Sie waren eben mit einem Fischzuge beschäftiget. Er war weit entfernet, sie darüber zu tadeln — er, der selbst das Handwerk Josephs geübet, und im Privatstande des häusli¬ chen Lebens bey dreyßig Jahre gelebt hatte. Und in der Thar gewähret das häusliche Le¬ hen eben so viel Vergnügungen, als eine ehrbare und ordentliche Berufsarbeit Nutzen schäft. Lasset uns beydes näher betrachten. Wer Einfalt der Sitten besitzt, durch Kün- stelry und Ueppigkeit nicht verwöhnt, und vom Flitter der Ehre nicht geblendet ist, dem ist das K s stille — ( l44 ) — stille ruhige Daseyn in einer kleinen Gesellschaft von offenen redlichen Leuten, dre es alle herzlich gut mit einander meinen, der süßeste Lebensgenuß. Hat ec die Last des Tagvg and der Hitze getragen, so findet er unter seinem freundlichenDache Schat¬ ten »nd Erquickung. Die AVendkühle kann dem müden schwrißbeträufelnden Wanderer nicht an¬ genehmer seyn, als ihm die Erholung ist, die er im Schooße seiner Lieben genießt. Hier sieht und fühlt er, für wen er gearbeitet hat, und freut sich -er Werke seinerHände, um so inniger, je werther ihm diejenigen sind, welche die Frucht dersejhen genies¬ sen werden.— Hat er außer feinem Hause mit Leuten zu lhun, die ihn verkennen, und schief beur- theilen; in der Mitte der Seinigen gilt er so viel, als er werth ist, und ehe noch darüber. Rath chm die Klugheit, gegen andre das Herz zu verschlies¬ sen ; so darf er es hier frey öffnendarf all« seine Gedanken und Empfindungen, wie sie sind; alle Wünsche und Hoffnungen, sie mögen wichtig oder unbedeutend, vernünftig oder unklug sey«, ohne Scheu mtttheilen. — Hängt bey dem Eintritte in den kleine« Zirkel eine Wolke über seiner Stirne; sie wird aufgeheitert durch den frohen Willkomm, mit welchem er ausgenommen wird. Hier höret al¬ le Neckerey, alle Eifersucht auf. Alle streben dahin, einander das Leben zu versüßen; eines macht -em andern Freude, und ist aufmerksam, ihm jene klei¬ ne Gefälligkeiten, die einen so großen Werth ha¬ ben , und das häusliche Vergnügen so angenehm würzen, zu erweisen. Jedes giebt gerne, was es Kat; und empfängt mit Dank und ohne Ziererry, was — ( 145 ) — waS ihm gegeben wird. Da ist kein Beweist der Güte, der nicht erwiedert, keine, an sich noch so un¬ wichtig scheinende Dienstleistung, die nicht vergol¬ ten würde. Da freut sich der Gatte des Gatten; d-r Vater des Heranwachsenden Sohnes, dessen Verstand er frühe zur Weisheit, das Herz zur Tu¬ gend in leichtem Gespräche bildet; indest die Mut¬ ter mit süßem Lächeln über dem Unmündigen hängt, und es mit aufmerksamer Sorge pflegt. — Mit solchenTischgenossen nun ißt sichs schmackhaft; mit solchen Gesellschaftern lebt sichs vergnügt. Und dieses Vergnügen erneuert sich täglich, und ver¬ vielfältiget sich ins Unendliche. Es bedarf keiner mühsamen und künstlichen Zurüstung, keines kost¬ spieligen Aufwandes; ist in keine bestimmte Zeit eingeschränkt, an kein eigensinniges Etiquette, an keine barbarische Wohlstandsregeln gebunden; ein Vergnügen, wahr wie dis Natur des Menschen; dauerhaft und innig, wie sein Leben; rem, wie die Unschuld im Paradiese. Doch , lasser uns aus dem Hause heranstee- ten, und au die Geschäfte des Lebens gehen. — Wie viel Nunen stiftet cm geschäftiges Leben in der Welt! Jeder arbeitsame Mann, so tief er un¬ ten stehen, mit welchen unansehnlichen Geschäften er sich immer abgeben mag — ec befördert den Wohlstand der meuschlichen Gesellschaft, und schast Tausenden, Nahen und Fernen, Bekannten uud Unbekannten, Nutzen, Bequemlichkeit und Vergnügen. Und nichts ist billiger, denn tausend Hände sind auch wieder für ihn geschäftig. Er ver¬ gilt als» Dienste mit Gegenständen, wie es seine K z Pflicht —-- ( 1^.6 ) —- Pflicht ist. Der Geschästslose istem ungerechter^ ein undankbarer, ein niederträchtiger Mensch, der immer empfängt, und niemal giebt — ein böser Schuldner, der seine Schuld täglich häuft, und nie daran denkt, sie abruzahlen. Und dann kömmt ,'a diese Einrichtung der Welt von Gort. Er bat die verschiedenen Stände angeordnet; hat den einen Menschen zu diesen, den andern zu jenen berufen; hat jedem dicKräfte und Fähigkeiten gegeb :n, die sein Posten erforderte Verrichtet der Mensch nun die Arbeiten seines Standes , so fügt ev sich unter den Entwurf Got¬ tes, erfüllt seine Bestimmung, und macht den rech¬ ten Gebrauch von dev Talenten, die er empfangen hat. Ist das nicht ein großer Gedanke, und ein süßer Trost für das Herz eines edlen Menschen, er lebe in einem hohen oder niedern Stande: Ich bin, was ich nach der Absicht meines Schöpfers feyn soll. Ich übe meine Kräfte und Fähigkeiten an den Geschäften, die er mir angewiesen hat. Ich weiß, daß er mit Wohlgefallen auf mich herabsieht, während dem ich semen Willen thu; und ich kann versichert feyn, wenn ich »8t bey diesem Wenigen treu bin, so werde ich einst über Vieles geseyet wer¬ den. Je sorgfältiger und genauer ich in dieser Haushaltung Gottes das thu, wozu er mich bestel¬ let hat; desto wichtigere Dinge werden mir in dem höheren Gebieths seines Reiches anvertrauet wer¬ den : Und je ausgcbreiteter , je wohlthätiger mein Wirkungskreis ist; je wichtiger das Gute, welches durch mich geschieht; je größer die Zahl derer, die durch mich glücklicher werden — um so vollkomm- ncr, ( 147 ) ster, froher, und glücklicher werde ich selbst seyn. Ich wüßte nicht, was man Größeres sagen könnte, ein geschäftiges Leben zu empfehlen. Judeß war gleichwohl bey den Jüngern Je¬ su dcrFall, daß sie, zwar nicht ganz, aber doch so ziemlich aus ihrem Familien und Geschäftskreise mußten hcrauSgeführet werden. Ihre Bestim¬ mung forderte das. Sie sollten fast immer um ihn scyn, Nicht nur, um seine Lehren zu hören, sondern auch seine Thaten zu sehen, nnd sein Betragen zum Muster des ihrigen zu machen. Nun machte aber Jesus immerzu kleine Reisen. Wie hätten sie ihn auf denselben begleiten, und doch zugleich ihre HauSgeschafte mit der bisherigen Anhänglichkeit besorgen können? Ein Geschäft mußte nochwm- -jg dem andern aufgeopfert werde». Damit sie nun nicht durch die Nahrungsfor- gen von der Nachfolge Jesu zuräckgehalten wur¬ den , so bewiest er ihnen durch einen wunderbaren Fischfang, daß er Macht genug habe, alle ihrs Be¬ dürfnisse zu befriedigen. Für Fischer war rin sol¬ cher Fischfang ein überzeugender Beweiß, und war sowohl ihrem itzigen, als ihrem künftigen Berufs so ganz angemessen: Er wollte sic zu Mensche,'si- scheru machen; auch mußte er denen , die weiter hinausdachten, eine glückliche Vorbedeutung von dem gnten Erfolge seyn , welchen ihre Bemühun¬ gen , die Menschen ins Reich des Mesft-rs zu sam¬ meln, einst haben würden. — Das Reich des Mes¬ sias, sagte Jesus ein andereömal, ist einem Neue gleich, welches man ins Meer wirft, und, wenn es mit Fischen aller Art angeflilftt ist, ans Land zieht. K 4 Marr — ( 148 ) — Man lese die Apostelgeschichte, und sehe, Mit welchem Glücke Petrus gleich am Pfingsttage das Netz auswarf; und wie der Erfolg überall der Vorbedeutung entsprach! Nm fünften Sonntage nach Pfingsten. Matth, s. 2O — 24. ^Hesiis forderte von seinen Jüngern eine Tugen-, dis jene der Pharisäer weit übertreffen sollte. Kein Wunder! Dieses war nur äusserliches Wesen, Ceremonienwerk; einzelne Handlungen, die Aufsehen machten; und eine gewisse Fertigkeit, Worte und Thaten in einen Schein von Religio¬ sität zu hüllen, um die Verdorbenheit des Herzens zu verberge». Jesus drang überall auf innere Rechtschaf¬ fenheit, auf Reinigkeit des Herzens, auf Vollkom¬ menheit der Seele. Die Tugend, die er lehrte, wirkt im Stillen, und unaufhörlich, wie Gott wirkt; unbekümmert um den Beyfall der Men¬ schen, und eben darum sich nicht zur Schau ausstel¬ lend ; ihr Zeuge ist imHimmel, und sieht ins Ver¬ borgene. Die Sittenlehr« der Pharisäer theilte sich zwar auch in zwey Hauptäste: Meide das Böse, und übe das Gute! Aber sie war mangelhaft; weil sie das Gute beynahe uur auf gottesdienstliche Ge¬ bräuche, und das Vos» bloß auf Handlungen ein- fchränkty. Böse Begierden, wenn sie nicht in T-a- ten ten auSbrachen; Zorn, Verunglimpfung,Zank und Verwünschung, wenn kein Mord erfolgte, wurden eben nicht für strafbar geachtet. Dieser unvollkommenen Moral setzte JssuS in jenem Unterrichte, aus welchem das heilige Evangelium genommen ist, eise bessere entgegen. Die hat eS überall nur mit dem menschlichen Her¬ zen zu thnn. ZaS sieht sie als die Quelle von Gu¬ tem und Bösem an, aus welcher die mannigfalti¬ gen Bäche von Tugenden und Lastern fließen. Wie die Quelle, so der daraus fließende Bach. Der gu¬ te Mensch bringt aus seinem guten Herzen Gutes , der Böse aus feinem bösen Herzen Böses hervor. Es kann einer vor den Menschen einen unbe¬ scholtenen Wandel führen, in so ferne niemand wi¬ der ihn aufstehen, und zeugen kann , daß er einen Diebstahl, euren Mord, eine« Ehebruch begangen Habe; und er kann doch ein verruchter Bösewicht sm Herzen scyn. Die böse Begierde schändet das Herz des Menschen, wie die böse That seinen Na¬ men. Umsonst hält er seine Hände vom Menschen- blute rein, wenn er sein Herz nicht auch von ver¬ derblichen Leidenschaften, von Zorn, Gchmähsucht, und Rachgier rein hält. Dee, welcher zürnt, schimpft, und verdammt, ist eben auch strafbar vor Gott, wie einer, welcher tödtet, strafbar vor den Menschen ist. Die Menschen sehen , wen» sie ein Urtheil fällen, auf die That; Gott sieht auf S«B Herz. U«d waS die Uebung des Guten betrifft, s» ist «s ferne, daß alles in gottesdienstlichen Hand lnn-e«, in Ceremonierr und Opfern besteht. Hie K s Pflichten — ( ) — Pflichten der Menschlichkeit sind jenen noch vorzu- ziehen. Barmherzigkeit ist besser als Opfer. Ohne Bruderliebe hat die reichste Opfergabe keinen Werth. Gott will sie von deiner Hand ehe nicht annebmen, bis dp dich mit deinem Bruder ausge- söhnet hast. Gott wird am würdigsten in seinem lebendigen Ebenbilde , in dem Menschen geehrct. Er bedarf deiner Gaben nicht; vielmehr ist er es selbst, der allen alles giebt. Aber was du delnem Bruder thust, das thust du ihm. Die Werkheiligkeit der Pharisäer bestand ferner in einzelnen gesetzlichen Handlungen. Ss oft sie eine solche Handlung verrichteten, thaten sic groß, und hielten sich für tugendhaft. Allein, die Tugend ist nicht Stückwerk; sie ist ein Ganzes, und in allen Theilen immer dieselbe; nicht Außenwerk; ihre Wurzel liegt tief im menschlichen Herzen, und von da a»S verbreitet sie sich durch den ganzen Menschen, und verwcbr sich in Eins mit seiner Natur. Sie ist dis rechtschaffene Gesinnung , dis den Menschen belebt, und seinen Charakter aus¬ macht: Sielst der eigentliche Mensch selbst. Ist -er gut, so sind auch seme Handlungen gut: Ein guter Baum bringt gute Früchte. Wie das Angs allen Tbeilrn des Leibes Licht giebt, so giebt sie al¬ len Handlungen Würde. Diese sind vorübergehend; sie bleibt immer, und äußert sich, wo sie sich äußern kann. Sie treibt -en Menschen zu allen an, was gut, schön, groß und edel ist; was seine eigene Vollkommenheit und fremde Glückseligkeit beför¬ dert. Sie leitet ihn vom Morgen bis zum Abend, durch alle Veränderungen des Ortes und der Zeit, — ( Ist ) —- in der Gesellschaft und in der Einsamkeit, bey Ge- schäften und Vergnügungenund verbreitet sich über alles, was er thnt,über das Kleinste, wie über daS Größte. Sie knüpft das gegenwärtige Leben an das künftige , geht mit dem Menschen aus die¬ ser Welt in eine höhere über, und macht ihn auch dort noch vollkommner und glücklicher.— Ließ ist wahre Tugend, und keine andre verdient diesen ehrwürdigen Namen. Wie wett ist die Pharifäertugend zurück! Gleichwohl kann sie eben auch nicht ohne Mühe be¬ hauptet werden. Der Schein der Tugend mückt sehr oft mehr Arbeit, als die Tugend selbst. ES ist schwer, einer Lüge den Credir der Wahrheit zu ver¬ schaffen ; und es kostet viele Anstrengung, etwas vorzustellen, das man nicht ist. Man muß immer auf dcrHut scyn, um die affectirten Manieren der Tugend, die ernste Falte, dis andächtige Miene, den abgemessenen Gang — kurz, die Maske der Tugend nicht zur Unzeit fallen zu lassen. Selten spielt der Heuchler seine Rolle aus : Und dann ist Schande sein Antheil. Wenn er aber auch so glück¬ lich ist, die Menschen durch einen lügenhaften- Schein zu täuschen; so täuscht er doch dich nicht, Richter der Welt! der du ins Verborgene siebst, und Herzen und Nieren prüfest. Ernst am Tage des Gerichtes wirst du den Heuchler vor aller Welt entlarven, und ihn in seiner Blöße und Häßlich¬ keit zur Scharr stellen. Aber dem Redlichen wirst dn Gnade zulächeln, und das Haupt des Tugend¬ haften mit Ehre krönen. Am ( Is2 ) Am sechsten Sonntage nach Pfingsten. Mark. F. i — 9- ^esuö hatte schon einmal ein ähnliches Wunder unter ähnlichen Umständen gethan. Er hatte mehr dann sOQo Menschen mit fünf Broden gespeiset; und itzt waren flehen Brode zureichend, mehr als 4222 zu sättigen. So oft ich der Sache nachdenke, und mir den Heyland bey dieser Handlung vergegenwärtige, wie er dafteht, voll Güte und erhabner Würde, und den Jüngern das in seiner Hand sich vermch- rendeVrod reicht, um es unter das hungrige, sehn¬ lich wartende, auf ihn hmschauende Volk auszu- thrilen; so fallen mir die Worte Davids bey, mit denen er Gottes allgemeine Vorsorge preiset: „Mer Augen sind nach dir hingrrichtrt, und du „giebst ihnen Speise zu rechter Zeit. Allmilde öff- „nest du die Hand, und sättigest, was da lebt, mit Wohltbun." Güte, und Macht, und Weisheit, di« liebens¬ würdigsten Eigenschaften Gottes, sind hier in ho¬ hem Grade vergesellschaftet. Jesus stellt« auf Er¬ den so ganz den Vater im Himmel vor. Allmilde öffnete er die Hand — ihn jammerte des Volkes; sättigte, die auf ihn vertrauten, mit Speise; und zwar zu rechter Zeit: da sie ihren kleinen Vorrath bereits anfgezehret hatten, und Gefahr liefen, auf dem Wege zu erliegen, wenn flö ohne Speise wä- ss« entlassen worden. Was — ( Is? ) — Was Jesus gethan Hai, war ei» großes Wun¬ der. Uber ist wohl das weniger wunderbar, was Gott täglich thut ? Er speiset tagtäglich Millionen Menschen. Wenn man bedenkt, welch eine Strecke Landes dazu gehört, nur einen einzigen Menscher; eia ganzes Jahr hindurch zu nähren; so sollte man in Besorgmß gcrathen, und mit den kleingläubi¬ gen Jüngern sagen Wo sollen wie Vrod herneh¬ men für so viele? Aber eben der, welcher in der Hand Jesu das Vrod vermehrte, vermehrt es auch auf dem Felde. Er läßt aus einem einzigen Körn¬ chen drcy, vier bis sieben Halme ; auf jedem Hal¬ me eine Ashre; und in jeder Aehre vierzig bis fünf¬ zig Körner wachsen. Welche Macht, welcher Segen Er läßts überdieß fast unter allen Himmelsstri¬ chen wachsen; und hak jede Getreidart so bestellet, daß sie Hitze und Kälte in einem ziemlich hohen Grade ertragen, auf fettem und dürrem Boden fortkommen kann. Selbst der Van der Halme und der Aehren, wie vortrefflich ist er eingerichtet! Wären die Halme höher, so würde-er Nahrungs¬ saft nicht so leicht hinansteigen, und die Erde wür¬ de zu sehr ausgesogen, und erschöpfet werden. Wä¬ ren sie niederer, so würden allerley Thiere und Un¬ geziefer die Aehren erreichen. Schwächer, würden sie von jedem Winde und Regen eingeknicket; stär¬ ker, dienten sie den Vögeln der Luft, die sich dar¬ auf seven, und die reifenden Körner vor der Zeit verzehren würden. Schlank also und dünn, aber mit Absätzen, deren einer den andern trägt und stützt, läßt Gott sie wachsen; und den Aehren giebt er Stacheln zum Schutze. Welche Weisheit! Auch das — ( 154 ) Las ist Weisheit, Laß er die Feldfrüchte zu rechter Zeit, und in gehörigem Maaße gi-bt. Geschähe eS nicht zu ordentlicher Zeit, so würden wir Nicht im Stande seyn , eine kluge Vertheilung derselben zu machen, und vernünftige Maßregeln für die Zu¬ kunft zu nehme«. Gäbe er sie zu überflüssig; so würde die Wohlthat nicht genug geschasst werden. Erst, da das Volk feinen Vorrath verzehret hatte, Verschaffe ikm Jesus Brod. Eben so, wenn die Fruchtbarkeit eines Jahr-s fast anfqcgessen ist, reift unS ein neuer Gegen anf dem Felde. Und die Güte Gottes äußert sich vorzüglich dadurch, daß er unS immer so viel giebt, als wir brauchen. Auch in den unfrnchtbaresten Jahren wächst noch immer genug. Bringt aber auch ein Jahrgang zu wenig Früchte ein, so wird dieser Mangel von den vor¬ hergehenden oder nachfolgende« Jahre« reichlich ersetzet. Haben Mißwachs, Schauer, Ueberschwem- mungen unglücklicher Weise die Saat in einem Lande zu Grunde gerichtet, so blühet sie gleich in dem benachbarten nm so viel schöner. Nur Wucher und Lieblosigkeit erzeugen manchmal einrHungers- noth. Die kömmt aber nicht von Gott; sie ist Men¬ schenwerk. Jesus dankte, als er die Brode vertheilte. Dieß war so seine Art. Allemal, wenn er Speise austheilte, und wenn er Speise nahm, dankte er. Aus dem Danke bey dem Brodbrechrn konnte er gekannt werden. — Jndeß giebt es Leute, die sich schämen, vor und nach dem Tische Aug und Hand zu dem zu erheben, von dem jede guteGabe kömmt. Uber möchten sie nur da« Herz dankbar zu ihm er¬ heben , ( Iss ) -- Heben, wen» sie sich zu Tische setzen, oder durch dis jegenvollen Fruchtftldcr gehenUnd was ist billi¬ ger ? Wodurch unterscheiden wir uns sonst von dem Thiers, weiches graset, weil Weid« da ist; und freylich nicht daran denkt, woher sie kömmt. Zwar der Ochs kennt die Krippe seine- Herrn, und der Hnnd leckt die Hand, die ihn füttert. — Dankbar¬ keit ist wahrer Menschenverstand. Der Undankba¬ re denkt bey dem Genüsse entweder gar nicht, oder er denkt unrichtig, und schreibt sich selbst, seinem Fleiße und seiner Geschicklichkeit zu , was er Gott znschreiben sollte. Oder wer gicbt unS wohl Kräfte und Gesundheit zur Arbeit ? Wer theilt dem Men¬ schen Klug- und Weisheit Mit? Wie vieles gehört z. B. zur Fruchtbarkeit der Erde und zum Wachs¬ tum der Früchte, welches keines Menschen Fleiß und Kunst verschaffen kann ? Kann er den Elemen¬ te« grbiethen ? Wolken, Winde hin und her füh¬ ren ? Sonnenschein und Regen z» rechter Zeit ge¬ ben ? Stürme, Güsse, und Hagel entfernen ? Nein, lasset es nur bekennen — Weder der, welcher pflanzt, noch der , welcher begießt, ist etwas, son¬ dern Gott, der Wachsthum und Gedeihen giebt. Jesus gab endlich dem Volke nur Brod, und einige wenige Fische. Eine sehr frugale Mahlzeit! aber sie war hinreichend, das Bedürfniß der Na¬ tur, die nur was Weniges und Einfaches verlangt, zu stillen. Auch ließ er die übergebliebenen Stücke sorgfältig aufbewahrcn. Wie ist hier alles von Mppigkcit und Verschwendung so ferne! — Man sage nicht, das war eins Mahlzeit fürs VolkIch läugne nicht, daß die Verschiedenheit des Standes und ( !s6 ) — Nüd des Vermögens nicht auch einen Unterschied in Speis* und Trank gestatte. Aber Mäßigkeit ist gleichwohl Pflicht für jedermann; und Lecksrhaf- tigkeit ist— wenigstens nicht schon. Durch die Le-- «kerhastigkeit, Unmäßigkeit und Verschwendung der Vornehmen und Reichen wird der Antheil der Niederen und Armen verschmälert. Man hat bey emer sehr wahrscheinlichen Berechnung gefunden, daß Ein Landmaun so viel erarbeitet, als zum Un¬ terhalte von vier Menschen znreicht. Man würde also in der Welt nicht wissen, was Mangel fty, wenn es nicht Raubmenschen gäbe, deren einer mehr verzehrt, als zehn andre mtt allem angewen- detev Fleiße kaum herbeyschaffen können. Wie vie¬ le Menschen müssen ihre Kräfte und Gesundheit zusetzen, um ein leicht entbehrliches Gerücht auf unsre Tafel zu liefern! Der Bisse» Brodes, den wir mit der kälteste» Gleichgültigkeit, und mit al¬ ler möglichen Gedankenlosigkeit zum Munde füh¬ ren— sehet, er ist von tausend Schweißtropfen unsrer Mitmenschen beträufelt! - Sollten uns derley Gedanken nicht Mäßigkeit lehren ? Am siebentenSomrtage nachPfingsten. Matth. 7. ls — 2t. Es gab ehemal bey den Juden wahre von Gott erleuchtete Propheten, dis ein frommes und stren¬ ges Leben führte». Sie giengeu größteuthsils in Schafsfelleis umher, und lehrten das Gesetz i» sei¬ ner — ( Is7 ) ner Neinigkeit. Bald aber trafen auch falsche Pro¬ pheten auf, die von den wahren nichts, als das Klei-, den äußerlichen Schein hatten; im Grunde waren sie Jrrl-Hree und Verführer. Unter dem Gchafsfelle steckte ein räuberischer Wolf. Solche waren zu den Zeiten Christi die Pharisäer und Saddueäer. Beyde verfälschten die mosaische Re¬ ligion. Die einen thatcn willkürliche Nebendinge Hinzu; die andern nahmen wesentliche Lehren hin¬ weg. Jene glaubten zu viel; diese zu wenig. Aber¬ gläubige und Ungläubige, Frömmler und Freygei- ster! Jene hicnqen den Schild der Rechtgläubig¬ keit aus, und das Volk war auf ihrer Seite. Die¬ se prahlten mir einer syrisch - griechischen Philoso¬ phie ; und die Großen, vorzüglich die Herodianer, hieltens mit ihnen. Volksreligion und Hofreli- giou; aber keine war die rechte! Beyde hatten ih¬ re Propheten ; aber es waren falsche Propheten. Auch unter der Saat, die Jesus ausgestreuet hat, wuchs bald das nämliche Unkraut— Aber¬ glaube und Unglaube. Die christliche Religion war in ihrer Anlage göttlich vollkommen; ihre Grundlehren waren göttlich lauter; und ihre ersten Verkünder göttlich erleuchtet. Aber es konnte nicht anders seyn; es mußte nach und nach etwas Menschliches hinzu kom¬ men. So wie immer mehrere Nationen zum Chri¬ stentum übergiengen, so brachte auch jede etwas von ihrer Sitte und Denkart mit. Man war nach¬ giebig und gefällig, so viel man es seyn konnte, um ste nicht zurück zu stoßen. Und da Juden «nd Hey¬ den an viele Feste, und an prächtige Ceremonien Dietl« Zomil. L gewöhnt — ( !^8 ) — gewöhnt warm, so vervielfältigte ms» diese ueiH jriie , um allen alles zu werden, und Juden und Heyden zu gewinnen. — Man machte- ferner dis heydnischeu Philosophen und Redner bald nach ih¬ rer Taufe zu Bischoffen. Diese führten die rhetori¬ schen Kanzelreden mit allem eitel« Prunk einer künstlichen Beredsamkeit ein; /ene verwebten ihrs Systeme ins Christenthmn. Daher dieDemosthe- «e und Cicerone aufdem Stuhle Jesu und seiner Apostel; daher die PlatoZ und Aristotelesse in de« christlichen Schulen; daher der sophistische nnd fpeculircnde Geist der griechischen Wrltweisheit in den moralischen und dogmatischen Abhandlun¬ gen über verschiedene Artikel der einfachen Sitten- und Glaubenslehre des Evangeliums. Allein, Ceremoniendienst ist nicht Anbethmrg im Gerste, die Jesus lehrte; und griechische Phi¬ losophie, sagt Paulus, ist nicht göttliche Weisheit. Ceremonien, wenn der Gottesdienst zu sehr damit überladen wird, haben gewiß sehr schädliche Fol¬ gen. Das Volk sieht und staunt, und glüht von einer dummen Andacht, wvbey es nichts denkt. Oder wo soll der Einfältige die Scharfsinnigkeit hernehmen, den Sinn der Ceremonien zu finden, die oft tief in den alten Geschichten und Gebräu¬ chen liegen , die so viel Räthselhaftes und Hiero- glyphischrs haben? Unter der Menge von Cersmo- men verliert er den Geist und dis Wesenheit der Religion, und vergißt, daß Gott nur durch Liebe, durch Vertrauen, und durch Erfüllung seines Wil¬ lens würdig gcehrct wird. Eben -- ( r.ss ) — Eben so gefährlich für die Religion Md dis Zusätze verschiedener Lehren, die nicht ausdrücklich ür dem Evangelium enthalten sind. Diese sinh Weisheit eines gewissen Aeüaltsrs, die ihre Blös¬ sen bat, und wandelbar ist. Wenn nun diese Blös¬ sen bcy dem kelleren Lichts der Zeit sichtbar wer¬ den ; wenn das Irrige Ser Lehren , dre man unter die RelkgivnSlrh'ren ausgenommen hat, der gesun¬ den Vernunft in di? Augen fällt — flehe, so wird man dre Religion überhaupt als falsch und irrig verwerfen, und gar nichts glauben. .Gott, Vor¬ sicht , Moralität, Zukunft — alles wird nun ge- läugnct. Mit ihnen fallen die Grundpfeiler der menschlichen- Glückseligkeit. Die Tugend hat kein» Stütze, das Laster hat keinen Zaum mehr. Gott bewahre unS vor falschen Propheten, dis unS Aberglauben und Unglauben vorpredigen! Wer sich vor ihnen hüten will, der lerne sie kennen. Aus ihre« Früchten kann man sie erkennen. Ihr Wandel ist der Probierstein ihres Glaubens. —> Aeußerliches Andachtsqeprang ohne innere Recht¬ schaffenheit, ein Herr-Herr-lagen, ohne den Wil¬ len des Vaters zu thun, Brüderschaften ohne brü¬ derliche Liebe, Litaneycn zn alten Heiligen, ohns eines einzigen Tugend nachzuahmen,öfteres Beich¬ ten ohne Beherrschung der Leidenschaften ; au ge¬ wissen Tagen keine Fleischsprrsen genießen, ohne sich von den Gelüsten , und von den Werken des Fleisches zu enthalten ; sich mir geweihtem Wasser besprengen , ohne für die Neinigkeit deS Herzens zu sorgen'— daran erkennet ihr de« Abergläubi¬ gen, D?r Angläubigr ist noch leichter zu kennen, L L Er — c i6o ) — Er lebt ohne Gott und ohne Gesetz. Sein Bauch ist sein Gott; und was ihm schmeichelt, fein Ge¬ setz. Alles ist Materie, Nothwendigkeit oder Zu¬ fall; und der Mensch eine Maschine. Er lacht, und spottet über alles, was ehrwürdig und heilig ist. Ein ehrlicher Mann, ein Selbstdcnker, darauf thut er groß ; ist aber gemeiniglich keiner von bey- den. — „Darum sollet ihr sie an ihren Früchten „erkennen." Wenn man nun weder -emAberglauben noch dem Unglauben zur Beute werden will, was hat man zu thun ? Man halte sich an das Evangelium? War die Lehre Jesu etwa unvollständig ? Oder hat der Geist den Aposteln nicht alles ins Gcdächtniß gebracht, waS JesuS ihnen aufgelragen hat? Und gehört denn mehr zur Religion, als was JesuS und dis Apostel gesehret haben ? ihre Lehre — Lie¬ he Gotteö und des Nächsten aus reinem Herzen — wird nie den Unglauben erzeugen. Die Religion der Bibel ist durchaus vernunftmäßig, und wider¬ spricht der natürlichen Religion nirgends. Nur sind ihre Gründe Helle, und ihre Forderungen dringender DaS Gesetz der Natur bat durch die göttliche Offenbarung eine größere Deutlichkeit, und eine höhere Sanction bekommen, und —- mehr Gewißheit. Wo uns die Vernunft verläßt; wo sie zweifelt, nur ahndet; da erscheint die Reli¬ gion , wie ein Engel vom Himmel, und giebt uns Hoyern Unterricht— spricht vernehmlicher, als der gesunde Menschenverstand; bestimmter, als die philosophische Vernunft; gewisser, dls irgend ein Orakel der Welt. Am — ( l6r ) Am achten Sonntage nach Pfingsten» Luk. i6. I — 9. Der rechte Gebrauch irrdischer Güter und Rrich- thümer ist die erste Grundlchre der Parabel, die in dem heutigen Evangelium vorgrtragen wird. Der Reichthum, so sehe die cynifch« Philoso¬ phie ihn verschrieen hat; so hart auch selbst das Evangelium davon spricht , in so ferne er nämlich gleich bey der Grundlegung deö ChristenthumcS ein großes Hindrrniß desselben war, und in so fer¬ ne er noch immer die Menschen in Fallstricke, und in mancherlry thörichte und schädliche Gelüste ver¬ wickelt , — hat gleichwohl einen großen Werth, wenn er Wohl angewrndrt wird.-Schon die Erwer¬ bung desselben ist für deu Menschen vortheilhast. Die Geschäfte, die er in dieser Absicht treibt; die Versuche, dir er macht; die unvermutheten Wen¬ dungen, die seine Sachen nehmen; die Verbindun¬ gen, die er mit andern eingeht; die öfteren Ab¬ wechslungen des Glückes, und die vielseitigen Cha¬ raktere der Menschen — dieß alles erzeugt Auf¬ merksamkeit, Nachdenken, Vorsichtigkeit, Gegen¬ wart deS Geistes, Muth, Menschen- und Welt¬ kenntnis Er wird dabey weiser, scharfsinniger; nachgiebig und standhaft, beydeSzu rechter Zett. 'Und wie viele Gelegenheiten hat er, sich in Red¬ lichkeit und Treue, in Mäßigkeit und Geduld, in Großmuth und Menschenliebe, in Fleiß und Ver¬ trauen auf Gott zu üben! L z Hat -— s 162 ) Hat nun Gott seine Bemühungen gesegnet ; M er wirklich zum Besitz eines Vermögens gekom¬ men ; so verschaff ihm dasselbe manche Bequem¬ lichkeit und manches Vergnügen,- wodurch sein Le¬ ben gewürzt und verschönert wird ; und setzt ihn in sine jMMchx Unabhängigkeit von andern Men¬ schen. Er hat nicht Ursache anders Zs schmeicheln ; kann überall mit männlicher Frrymüthigkeit spre« chen; beherzt sich dem Mißbrauche der Macht, den Ränken der List, dcn Thorheiten und Vorurkhei- leu der Zeit sich widersetzen. Was aber das Grö߬ te und Beneidenswürdegste ist — er kann seinen Mitmenschen Gutes thun, des Blinden Auge, des Lahmen Fuß, des Schwachen Stütze seyn. Er kann die Arbeitsamkeit der Menschen ermuntern, hier mechanische Künste, dort geistige Kräfte wecken; kann b'cytragen zrrx Bkärbeitmrg verschiedener Na¬ turprodukte, und zur Vermehrung und Ausbrei¬ tung nützlicher Kenntnisse, wodurch das Wohl der menschlichen Gesellschaft so sehr vermehret wird. Go ein Mann war einst Hiob in den Tagen feines blühenden Glückes. „Neffen Ohr von ihm „hörte, der pries ihn selig; wessen Ange ihn sah, „der'rübmte ihn. Denn er rettete den Armen, der „schrie; und den Waisen, der keinen Helfer hatte; „und nahm sich der Rechtssache auch deö Fremden „an. Der Segen dcß, der verderben sollte, ttn» „über ihn." Allein diesen edlen Gebrauch hat der Verwal¬ ter in unferm Evangelium nicht gemacht. Er ver¬ schwendete die Güter feines Herrn, Vermnthlich hatte er den schwelgerische«! LebenSplan jene; res¬ chen — ( lüg ) -- cheu Mannes gewählet, der sich prächtig kleidete, und Tag für Lag in glänzenden Lustbarkeiten lebte. Hätte er bloß so viel Aufw and gemacht, als sein Character und der Wohlstand forderten, so ver¬ diente er keinen Tadel. Hätte er das Geiuige ver- schlemmet, osme einen Hungrigen davon zu spei¬ sen ; so wäre dreß fteylich lieblsS genug, aber noch immer verzeihlich gewesen. Aber daß er die Güter rrneS andern verpraßte; daß er, um der Pracht und der Sinnlichkeit zu opfern, in fremde Gelder griff; das war Gunde, grobe Sünde der Ungerech- tigkert; und, was unsre Aufmerksamkeit ver¬ dient — eS war Verführung zu fernerem Betrug und zu neuen Ungerechtigkeiten. Er hatte sich auf die Kosten seines Herrn gute Tage gemacht; Nun er in Derlegrnh-it ist, giebt er dem Gedanken Ge¬ hör, von fremdem Gute sich auch Freunds für die Zukunft zu machen, um bey ihnen noch ferner gute Tage zu haben. So leitet rine Untreue zu der an¬ dern. Die erste zu verbergen, begeht man die zwo- re; diese macht die dritte nothweudig; und man hat vom Glücke zu sagen ,wenn man bey der vier¬ ten den Fuß noch zurückzirhen, und sich von dem Abgrunde, an dessen Nauds man steht, retten kann. Hunderte konnten es nicht mehr; und der erste Schritt schien so unbedeutend! Aber , warum schlug der Verwalter nicht «inen Weg ein, der ihn auf sine ehrliche Art durch Sic Welt bringen konnte? — Was sollte er th«n? Des BrtteluS schämte er sich — xx hstt- groß und yoruchm getharr: Und zur Arbeit hatte er weder L 4 Lu st — ( i64 ) Lust noch Kraft — er war ein vegetirender Müs¬ siggänger, und ein entnervter Wohllüstling. Ich fürchte, die Geschichte des ungerechten HauSbälters wird nur gar zu oft und bis diese Stunde auf der Schaubühne der Welt gespielt. Aber der Ausgang wird nie anders, als tragisch fey»; wenn gleich in dem Evangelium der Herr dem Haushälter das Lob giebt, er hatte seins Sa¬ che klug gemacht — nämlich m so ferne er vorsich¬ tig für die Zukunft war. Und dieß ist dst andre Hauptlchre dieser Pa¬ rabel : Die Weülrute sind in ihrer'Art, dis frxy- lich oft böse und ungerecht ist, klüger, alö dieSöh- ne deS Lichts. Jene behandeln fast immer ihre zeit¬ lichen Anliegenheiten mit mehr Klugheit und Vor¬ aussicht ins Künftige, als diese die Sache der Tu¬ gend und der Ewigkeit. Und fürwahr, wenn ein Mensch in irrdischen Dingen solche Thorheiten be- gienge, wie er in Geistlichen begeht; er würde kei¬ nen Anspruch auf Menschenverstand machen dür¬ fen. Es ist z. B. eine bekannte Regel der Klugheit, daß man den größer« Vortheil dem kleinern vor¬ ziehen mässe. Wer nun den Schau eines guten Ge¬ wissens gegen einen zeitlichen Gewinn, den er durch List und Betrug erwirbt, dahingirbt, handelt dec klüger als emer, der, um einen Gulden zu verdie¬ nen , all sein Habe verliert? Wer Gift nimmt, weil es im Munde einen Augenblick süße schmeckt, ist der kein Thor? Ist- aber der weniger, der srne kurze Freude genießt, die einen Stachel in seinem Herzen zurück.'äßt, der ihn lebenslange sticht; und einen Wurm, der nie stirbt ? — Wer etwas thut, wovon - ( 16, ) - wovon er MN voraus weiß, daß es ihm das Mi߬ fallen seine-Monarchen zuziehen wird, in dessen Hand sein Glück und Unglück ruht; der beträgt sich gewiß wie ein Thor. Und eS sollte Klugheit seyn, etwas zu unternehmen, was Gott mißfallt, und uns seine Gnade entzieht, der nicht nur zeit¬ lich , sondern ewig unglücklich machen kann? Die Klugheit fordert von denWeltkmdcrn, alle Mittel anzuwenden, um da- Ziel, welche- sie sich vorgese- yet haben , zu erreichen. Aber der Christ darf die Hände in denSchooß legen,und weiter nichts thun, um das Ziel seines DaseynS, die Seligkeit zu er¬ langen ? Jesus -Lebt denen, die ihn hören, eineKlug- heitsregel, die sich auf die Umstände der Parabel bezieht— Sie sollten sich aus ihrem eiteln Neich- thume Freunde machen; Arme und Elende damit erquicken, welche sie einst in einer bessern Welt wieder an ihrem Glücke würden Theil nehmen las¬ sen. Gerade da-, wozu er ein andersmal die Leuts ermahnte — Schätze für den Himmel zu sammeln, wo weder Schaben noch Rost verzehren, noch Die¬ be einbrechen und stehlen! Am neunten Sonntage nach Pfingsten. Luk. 19. 41—47. und Verstocktheit der jüdischen Nation , und das traurige Schicksal, welche- sie bald treffen würde, das wars, was dem Auge Jesu L § rhränen - (166) - Dränen und seinem Herzen den Wunsch entlockte« baß sie, wenigstens itzt, da er zum letztenmal inth- rs Hauptstadt kam, erkennen möchten, was zu ih- rem Heil di'ente. Ließ war für sie die annehmliche Zeit, Ließ waren die Tage des Heils. IesuS wen¬ dete sie auch ganz dazu an, die Natron von seiner göttlichen Sendung und von der Nothwendigkeit ihrer Besserung zu überzeugen. Er lehrte täglich >« dem Tempel. Aber nmsonst. Es war ein Bolk mit einer eisernen Stirne, und mir einem steiner¬ nen Herzen. Eins Decke Hieng über ihren Augen; rind sie kreuzigten den Herrn der Herrlichkeit, der ihnen zum Erretter gegeben ward. Noch girbt es sowohl ganze Völker, als ein¬ zelne Menschen, welche die Zeit ihrer Heimsuchung, und die Anstalten Gottes zu ihrer Rettung nicht erkennen. Allein, da sie deuReichthum seiner Lang- muth, Güte und Nachsicht verachten, häufen sie sich Strafe zusammen, und reifen dem Gerichte mit sedem Tage entgegen, das im Sturme über sie endlich hereinstürzt, wie eS einst über die Juden Hinstürzte: „Sie sind daßm gefallen, wie einBlatt; „und ihre Sünde» haben sie, wie ein Sturmwind, „hrnweggefuhret." IesuS war disßmal feyrrlich, als Gesandter GstteZ , als Messias, als König Israels in die Stadt emgezogen; und der Zug gieng durch die Straßen nach dem PaLast des höchsten Königs, «ach dem Tempel. JmHause deS Vaters mußte der Sohn, rmd der Erbe des Reichs absteigen. Aber Las war längst aufmancherley Art, und nun auch Lrrrch Handel, Wucher, und Betrug, der in rinem — ( .167 ) l kr' Vorhöfe gstrrcben ward, schändlich entweihet. 5 rsuS trieb hinaus, die da kaufte», und verkauft trn ; und wollte durchaus nichts dulden, was der Heiligkeit deS OrteS und feiner VestiwMlMg wi¬ dersprach. Heiliger, als der jüdische Tempel, sind unse¬ re Kirchen; und vielfacher ist ihre Bestimmung. Hiev wird Gott nicht h-sß in Bildern und Cere- monieu mit Ranckwerk und Opfer, sonder« im Geiste und in der Wahrheit angebrchet. Hier wer» den nicht bloß die Sinne dcS Menschen auf eine religiöse Art beschäftiget; es wird auch sein Geist gnrähret, sein Verstand aufgekläret, sei» Herz ge¬ bessert. Da ist der vernünftige Gottesdienst, den Paulus cmostcbll; der sich auf Wahrheit, auf rich" Lige Vezriffe von Gott und seinem Wille», von un- ferm Verhältnisse gegen ihn und gegen die Men¬ schen grüudct. Durch das Lehramt unterscheidet sich der christliche Gottesdienst von jedem andern auf die vocrhkilbaftestr Art. Wie viel Licht ver¬ breitet sich von dem christlichen Lehrstuhle durch alle Stände und Klassen der MenschenHier wird der eine an das, waS ec schon weiß, erin.nert; der andre bekömmt Aufschlüsse über jenes, was ihm «och verborg?« war; oder sieht es in einem helle-- reu Lichte, von einer neuen Seite, in anderen-und mannigfaltigeren Verbindungen. Dem einen wird ein Zweifel, dem andern em Jrrthum benommen. Dieser wird vom Laster M'äckgebracht, jener in der Tugend gestärkt. Der Glückliche lernet Mäßi¬ gung , der Unglückliche empfängt Trost, und Bc- rmhrgmrg. Ferner — ( 168 ) — Ferner wird durch unsere gottesdienstlichen Versammlungen dir Andacht mehr, als irgendwo erweckt, und unterhalten. Schon die Heiligkeit des OrteS flößt Ehrfurcht ein. Er ist der Unbethung deS höchsten Wesens geweidet — ein Haus des Gebethö ! Der Anblick so vieler Personen, die sich zu diesem Ende verrammelt haben; alle in stille Betrachtungen vertieft, oder ans vollem Herzen überströmende Gebethe hersagen- — sich demüthi« gend vor dem Ewigen, dessen Thron der Himmel, dessen Fußschemmei die Erde ist; der allen Lebe», Odem und alles giebt; wie rührend ist dieser An¬ blick, und wie auffordernd selbst für den Leichtsin¬ nigsten undGleichgültigstrN.' Wie müssen da from¬ me Empfindungen, gleich einem eleetrischenFeuer, von einem in den andern dringen, und durch die ganze Versammlung Geist nnd Leben strömen! Undmun erst die feyerliche Erinnerung an den Tod Jesu, diesen erstauneuSwürdigen Beweiß der Lie¬ be GotteS gegen unS Mansche», dieses zuverläßige Certificat unsrer Begnadigung — der Genuß des Abendmahls, diese innige Vereinigung mit ihm, wodurch stin Geist, und seine Kraft, wie der Nah- rungSsaft aus dem Weinstocke in die Rebe, in uns überfließt-welchen hohen Schwung muß das «nsern Gedanken, welche Starke unfern Empfin¬ dungen, welche Würde unsererNatur geben! Endlich bringt nichts die Menschen einander so nahe, und unterhält das Gefühl der nätürlichen Gleichheit so stark, als der christliche Gottesdienst. AlleS erinnert uns hier an unfern qemcinschaftli- I,chen Ursprung, an unsre gemeinschaftlichen Be¬ dürfnisse, — ( l69 ) — dürfnisse , und a« unsre gemeinschaftliche Vestim- mung. Hier erscheinen wir alle, der Hohe und der Niedrige, der Gelehrte und der Unwissende, -er Reiche und der Arme als schwache Geschöpfe, die von Gott abbange», die Belehrung und Hülfe, Er¬ barmen und Gnade bedürfen. Alle essen, als Kin¬ der Eines Vaters, au Einem Trsche, von Einem Brode. Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe ver¬ einigt alle zu Einem Vrudergeschlecht; alles beför¬ dert die Sache der Menschlichkeit und der gegen¬ seitigen Liebe. Und wie alle an der nämliche» Leh¬ re, an eben denselben Sakramenten, an dem näm¬ lichen Genüsse eben derselben geistlichen Güter Theil haben; so sollen sie einstens auch an einer gemeinschaftlichen Glückseligkeit in -em Himmel Therl nehmen, und inögesammt Erben des nämli¬ chen Reiches werden. Wenn man den christlichen Gottesdienst aus diesem Gtstchivpunkce betrachtet, wie ehrwürdig und wichtig wird er! wie wohlthätig dieReligio», die ihn einführte! Am zehnten Sonntage nach Pfingsten. Luk. 18. 9 — 14. Evangelium stellst uns eine« demüthigen Sünder und einen stolzen Gerechten vor. Wir wol¬ len zuerst den demüthigen Sünder betrachten. Seine Stellung schon zeiget Demuth an. Er stcht im Tempel von ferne, al- einer, der fich für unwürdig —° ( i?o ) — unwürdig Hält, dem 'Heiligthume näher zu freien i die Augen auf die Erde niedergeschlagen, das Herz Voll Rene, und das Angesicht voli Scham. Fr'eyÜch, wer von sich bekennen muß, ein Sünder zu seyn, der hak Ursache, Reue und Scham zu fühlen. Betrachtet der Sünder sich selbst; so muß er zu sich sagen : Ich bin das nicht , was ich nach der Bestimmung meines Schöpfers ftyn sol? ; und es ist meine eigene Schuld, daß ich es nicht kirr. Meise Bestimmung ist, mich von Gott leiten zu lassen, wie alle, auch vrrnmrftlofe Geschöpfe von ihm sich leireu lassen. Meine Ehre und mein gau- zer Werch besteht darin, daß ich Las Lhrrs, waK recht und gut ist. So lange ich das thu, erfülle ich meine Bestimmung, und behaupte dis Würde mei¬ ner Natur. Ich gefalle Gott, und kann mit mir selbstzufrieden seyn. .Ruhr und Heiterkeit um- schweben meiue Seels, welche gleichsam ihr Ele¬ ment sind, in welchem sie Gesuudheit athmet. — Aber sobald ich das nicht thu; so «»erde ich i» dett Schöpfung Gottes ei« Unding, das seine angewie¬ sene Bestimmung verläßt, seine Natur ernisdrzzet, und sich selbst entehret. Wie könnte da dre Seele noch Ruhe haben, und mit sich zufrieden seyrr ? Der Anblick ihres zerrütteten und unuatnrlichett Zustandes must ihr nothwendig Mißvergnügen, tiefschlnerzende Nene und brennende Scham ver Ursachen. Richtet er ferner die Angs» auf Gott; so weiß er, daß dieser ein Regierer der Welt, und ein Richter der Menschen ist. Elender! wie wird Gott daS ansehen, daß du dich unterwindest, seiner höch¬ sten — ( 17* ) — strti Herrschaft dich zu entziehen, ihm -en Gehör- iam zu entsagen, wider seine Gesetze zu handeiu, Ruhe, Ordnung und Glückseligkeit in seinem Rei¬ che zu stören! Aber wo eine weise Regierung ist, da must auch eine Handhabung der Gerechtigkeit seyü; es müssen Strafen denjenigen bestimmet seyn, welche die Gesetze übertreten, Gesetze, dis auf die Beför¬ derung deS allgemeine» Wohsts abzielen. Dies: gilt um so mehr von der Negierung Gottes, welche die weiseste und heiligste ist- So hast du Sir denn auch Strafe zngezogen , und wirft über.kurz oder lange in die Nothwendigkeit gesegst werden sie ab¬ zutragen. Er, der ein Zeuge deiner Unterredungen war, wird frühe oder spat dein Richter styn; ein unbestechlicher Richter, bey welchem kein Ansehen der Personen gilt, der jedem nach seinen Verdien¬ ste« daü Urtheil spricht. Nicht genugDieser Gott, gegen welchen du dich empöret hast, ist auch deinWohlthäter. Alles, was du hast, hast du von ihm. Selbst zu der Zeit, da du Böses thatest, that er dir Gutes. Er erhjelt dir Gesundheit,Leben,Glücksgüter,Ehre; dieSeg- iiungcu der Religion. Er trug schonende 'Rachsicht gegen deine Schwachheiten, und erbarmcude Ge¬ duld mit deinen Ausschweifungen. Er arbeitete in- drß beständig an deiner Bekehrung, warf oft Strahlen seines Gnadcnlichtes durch die Dunkel¬ heit, die deinen Verstand umgab, und rührte dein Herz. Wenn der Sünder noch einer guten Empflu- dir>!g fähig ist, so muß der Gedanke an einen bc« leidig' n — (172) — lleidigten Wohlthäter sein Herz brechen, daß er mit -em Zöllner aufruft: Gott, sty mir Sünder gnädig! Der Heyland versichert, daß der reuige Zöll¬ ner gcrechtferttget hinweg gegangen sey. Ach! Gott verzieht ja gerne dem Reuevollen , dems ernstlich um seine Lebensbessernng zu chun ist. Er will den Tod -eS Sünders nicht, sondern seine Bekehrung. Warum willst du sterben ? O Haus Israel! kehre um, und lebe! Aber so gnädig ist er nicht gegen einen stol¬ zen, selbstzufriedenen, gerecht sich dünkenden Heuchler. Lastet »ns den Pharisäer betrachten! — Schon seine Stellung zeiget von d-.m Stolze seiner Seele. Er steht aufrecht uvd steif, und nahe amHeiligthnme; gerade das Widcrspiel vom Zöll¬ ner, der gebeugt, und von strne stand. Welche schlimme Eigenschaft eines Vethsn- den; wenn er mit Hochmuth sich Gott naht! Ein stolzer Bettler, welcher Widerspruch! Wie wird er bethen können.' Höret ihn nur! „Gott, ich dan- „ke dir, daß ich nicht bin, wie dir übrigen Leu¬ ste!"— Welch ein Gebeth! welche Sprache! Wenn er doch wenigstens sagte: Ich bin nicht, wie viele! — Er nennt einige Laster , von denen er fcey ist. Aber ist er von andern Lastern eben so schuldlos ? Vielleicht enthielt er sich von diesen La¬ stern , weil sein Naturell nicht dazu geneigt war; weil er keine Gelegenheit hatte, sie zu begehen. Und ist -ieß den» ein so großes Bcröttnst, daß er darauf stolz seyn darf ? — Er erblickt indeß den Zöllner; -°- ( 77Z ) — Zöllner: Und sogleich vergleicht er sich mit ibm: Wie auch dieser Zöllner ein Sünder ist. Der Ver¬ messene ! wußte er denn, öl' Gott nicht in eben dem Augenblicke ihn begnadiget, in welchem er lieblos ihn verdammet? Und weiß er gewiß , daß er ein Sünder ist; und gerade ein so großer Sünder, als er sichs einbildet? Die Schwierigkeit der Versu¬ chung ; die Stärke der Leidenschaft, die ihn hinriß; der Widerstand, den er that; der Grad der Er- kenntniß des Bösen, den er hatte — müssen alle diese Dinge nicht mit in die Rechnung gebracht werden? «nd kann er das? Nun fangt er an, seine vermeintlich guten Werke hsrzuzählen: Ich faste zweymal in der Woche; und verzehende alles, was ich besitze. — Ist es das alles, worauf er so groß thut ? Heuch¬ ler ! was steht im Gesetze ? Wie liesest du ? Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, und deinen Näch¬ sten , wie dich selbst! Dieß ist die Hauptsache und der Inbegriff der Religion. Aber von diesem schweigt er , und beruft sich auf unwesentliche Ne¬ bendinge, und auf unwichtige Kleinigkeiten. Ein wahres Bild falscher Andächtler, und pharisäischer Frömmler ! Sie rechnen ihre Rosenkränze, Brü¬ derschaften , Scapuliers, ihre Novennen, und Samstagandachten her, und sehen dabey mit ver¬ ächtlichem und mitleidigem Blicke auf diejenigen Hin, die das nicht so genau nehmen. Betrogene! wenn ihr nicht Heuchler seyd ! Was steht im Ge¬ setze ? Wie leset ihr ? Du sollstGott und den Näch¬ sten lieben. Dieß ist das Wesentliche. Nach diesem müsset ihr euch unpartheylich untersuchen. Und Dierle Svmil. M wenn — ( 174 ) — wenn ihr bey dieser Untersuchung mit euch selbst zufrieden ftyd; alsdann— dürfet ihr noch nicht stolz feyn; ihr müsset sagen: Ich bin ein unnützer Knecht; was ich that, war meine Schuldigkeit. Ey, saget mir nun, was hat denn der Phari¬ säer gedeihet ? Er hat sich gelobet und andere ver¬ achtet ! Ec hat sich heilig gesprochen, und andere verdammet! — mußte er deswegen in den Tempel, m das Haus des Gebeths gehen? Ferne sey von euch die stolze sich selbst erhö¬ hende Gesinnung des Pharisäers — oder ihr wür¬ det, wie er , von Gott erniedriget werden. Werin ihr euch aber mit dem Zöllner vor ihm demüthiget, so wird er euch auch mit ihm erhöhe» und begna¬ digen. Am eilften Sonntage nach Pfingsten. Mark. 8> Zi — 57- ^Hesus heilte einen Menschen, der taub und stumm war; und gab ihm Gehör und Sprache wieder. Die moralische Taubheit und Stummheit ist noch viel allgemeiner, als die physische. — Wohin wir unser Auge richten, so müsse» wir bekennen , daß Gott alles wohl gemacht habe. Er selbst fand nach vollendeter Schöpfung die Werke seinerHän- de alle sehr gut; und sie zeuge» bis diese Stunde von der Weisheit des großen Baumeisters, der sie gebildet hat. „Die Himmel erzählen die Ehre Got- „teS; ein Tag strömt eS dem andern zu, eine Nacht „verkün- — ( 175 ) — i-vsrkundet es der andern. Ihre Stimme schallt ssiiber den ganzen Erdkreis, und dringt biS an dis >>,äußersten Grunzen der Welt.'' Aber der Mensch vernimmt sie nicht, ist taub key dem lauten Rufe der Natur; und stumm bey dem harmonischen Lvbgesange, mit welchem alle Geschöpfe den Schöpfer preisen! Woher dieß? Daher, weil.er Gottes Werke zu wenig kennt, und keine Aufmerksamkeit auf das hat , was ihn um- giebt, und was er selbst ist. Er hat einen Verstand, und begreift nicht; ein Herz, und empfindet nicht-. Einige Betrachtungen über die weiseEinrich- tung der Welt können hier nicht am «»rechteu Or-- te stehen. Heben wir zuerst dasHaupt zu dem Himmel empor!— Was für eine Mengs von Welten! Welch ein unendlicher Verstand muß der seyn, der alle diese unzähligen und ungeheuren Körper in dem unendlichen Raums so vertheilte, und ihnen solche Richtungen und Bewegungen gab, daß sie insgesammt ihren Lauf in ununterbrochener Ord¬ nung nach den einfachsten Gesetzen vollbringen, und sich nie einander stören — auch dann nicht, wenn sie sich in ihren Bahnen durchkreuzen ! Wie genau ist ihr Gewicht, ihre Entfernung, ihreGte!« lung gegen einander abgemessen! — Unsere Er¬ de — um aus den Gegenden, die uns größteuthrils noch unbekannt sind, dem mütterlichen Lands, das wir bewohnen, nahe zu kommen — unsre Erde, sage ich , könnte in unzähligen Graden der Sonne «ährr oder ferner seyn. Aber wurde sie alsdann auch daS Maaß von Licht und Warnte bekommen, M - . welches — ( i?6 ) — welches ihrer Fruchtbarkeit und der Natur aller jhr'cr Geschöpfe am angemessensten ist? JhreStel- lnng gegen die Sonne könnte ebenfalls vielmal an¬ ders seyn. Aber würde alsdann auch diese Abwechs¬ lung der Jahreszeiten, und diese Verschiedenheit der Klimate seyn können? llnd wären diese nicht; würden wohl Geschöpfe,Früchte und Products von so verschiedener Natur und Art, deren emige Käl¬ te, andere Wärme fordern, möglich seyn ? Die sphärische Gestalt der Erde, ihre innere und äuße¬ re Struktur; die Thäler und Berge; die Flüsse, die sie durchwässcrn ; das große Meer, das sie wie ein Gürtel umfaßt; wie weise ist das alles einge¬ richtet, wie augenscheinlich auf den doppelten End¬ zweck, auf Nutzen und Vergnügen, hjnzielend ! — Im Eingeweide der Erde ist noch alles roh und ungebildet. Hier ist gleichsam die große Vorraths¬ kammer der Natur; hier liegt der Stoss, den sie in unzählige Formen verarbeitet — zuerst in Steine, Salze und Metalle, die größtentheils ihren inner» Reichthum ausmachcn; dann in Kräuter, Blu¬ men, und Bäume, die ihre Oberfläche zieren. Wie lebt und gedeiht im Pflanzenreiche alles, von der Zeder bis znm Mopp ' jedes an Gestalt, Farbe, Geruch und Geschmack verschieden ; in seiner Art einzig und vollkommen ; zu seiner besondern Jah¬ reszeit blühend und welkend ; und in der schönsten Ordnung auf einander folgend ! Unsre Bewunderung wird größer, wenn wir iuS Thierreich übergehen. Hier bemerken wir Be¬ wegung, Empfindung, Jnstinct. Die Organisatio¬ nen sind auch feiner, und die Gestalten zufammen- gesetzter — ( l77 ) — gesetzter und mannigfaltiger. Einige dieser Thirre stnd groß, wie wandelnde Berge; andre klein, un¬ endlich klein; ein Sandkorn ist eine Welt für tau¬ fende derselben Abey bey allen entspricht der Ban des Körpers, und das Maaß der Kräfte dem Zwe¬ cke, wozu sic da sind; der Nahrung, der sie bedür¬ fen ; dem Elemente, worin sie leben. Keine Gat¬ tung stirbt ans ; alle pflanzen sich in einer richti¬ gen Proportion fort. Und wie bewunderungswür¬ dig ist ihr Instinkt! Jedes kennt seinen Gatten, seinen Freund und Feind; weiß, was ihm gut, und was ihm schädlich ist, und sorgt mit eben so viel Fleiße als Geschicklichkeit für feine Erhaltung. Einige sammeln sich m ircu fortführet, und den Gang ihrer Erziehung, und alle Anstalten Gottcö zu ihr.r Bildung entwickelt, und dab y manche Geheimnisse, die vielleicht ewige Näthftl geblieben »raren, anfschließt. Doch lasser uns wieder zu unscrm Evange¬ lium zurückkehren. „Suchet zuerst das Reich Gottes , und die Gerechtigkeit." — Man hat es oft der christlichen Religion vocgeworfen, sie mache schlechte Weltbür¬ ger ; weil sie die irrdischen Güter verachten, und nur d,e himmlische» suche« lehre; und den Men¬ schen mit der Tugend zu sehr beschäftige, ,als daß er noch Zeit und Lust genug zu den gewöhnlichen Geschäften des Lebens haben könnte. Doch die Be¬ schuldigung ist falsch. Die christliche Gtttenlehrs stellt das Reich GotteS nur als den Hauptgegen¬ stand unsrer Bemühungen, und di. Zubereitung zu denselben als das wichtigste und uothwendigste al¬ ler Geschäfte vor. Sie hebt aber die Thäligkeit in zeitlichen Dingen so wenig auf, daß sie eS vwlmehe jedem ( !9Z > jedem zur Pflicht macht , daS Seins zu schaffen; und die Tugend , die sie empfiehlt, befördert das allgemeine Wohl der menschlichen Gesellschaft eben so sehr , als sie jeden , der sie übet, gut und voll¬ kommen und höherer Glückseligkeit fähig macht. Sie will nur, daß der Christ seiner künftigen Be¬ stimmung stets eingedenk sey; nicht alle seine Zeit und Kraft mit Berechnung feines Gewinnstes, und mit Anlegung neuer Entwürfe zur Vermeh¬ rung seines Reichthumes verschwende, ewig in ei¬ nem Kreise kleiner Geschäfte, und im Aufsuchen kleiner Vortheilc herumtrrr, nur für diese, und nicht vielmehr für eine bessere Welt lebe, für wel¬ che er eigentlich geschaffen ist. Und ist dieß was anders, als was die philosophische Moral auch lehret -— das Geistige dem Sinnlichen, daS Dau¬ erhafte dem Vergänglichen , daS Ewige dem Zeit¬ lichen vorziehen? Darum noch einmal — Suchet zuerst das Reich Gottes und die Gerechtigkeit l Macht die Nebensache nicht zur Hauptsache; zeitliche Anlie¬ genheiten , Entwürfe zu einem glücklichen und be¬ quemen Leben möget ihr wohl zuweilen im Kopfe, aber immer müsset ihr etwas Besseres und Höhe¬ res im Herzen haben. N z Am ( ) 5) 25 S? S) 99 Zuge fosgen? Salomo behauptet, es sey besser, ins Klaghaus zu gehen, als in das Trinkhaus. Denn, sagt er, durch Traurigkeit wird das Herz gebessert, und der Lebende nimmts zu Herzen, was das Ende aller Menschen sey. Und fürwahr, so ists. Unser Herz wird weich bey fremden Leiden. Und wie nur unsre TSräneu mit den Thränen der Unglücklicher? vermische», so wird unser Charakter sanfter. Wir werden überdieß von Leichtsinn und Zerstreuung zum ernsten Nachdenken gebracht, auf die Eitelkeit irdischer Dinge aufmerksam gemilcht, und an unsre Sterblichkeit mächtig erinnert. An der Bahre des Freundes, am Grabe deS frühe verblühte» Jünglings, da ists, wo sich dem Leicht¬ sinnigsten der Gedanke aufdringt: O Gott! Was ist derMsnsch? Ein welkend Gras! und alle Men¬ schenherrlichkeit wie des GraseS Blüthel Ich selbst — ich bin vielleicht der Verwesung näher, als ich denke! vielleicht fordert man mir diese Nacht mein Leben ab; und wenn mau morgen nach mir fragt, bin Am fünfzehnten Sonntage nach Pfingsten. Luk. 7. ir — 16. Aehetda, einen Leichenzug! „DaJesus, von vielen Schülern begleitet, in eine Stadt gieng, die Nain hieß, und sich dem Thore näherte, ward eine Leiche herausgetragen, der einzige Sobu einer Wittws: Und viels Leute aus dec Stadt giengen mit." Wollen wir nicht auch dem ( 19z ) — bi» ich nicht mehr da; und übermorgen — ver¬ gessen ! Wie ist doch alles miter der Sonne so ee- Lel! eitel die Gorge für unfern Leib; jeder Hauch zerstöhret ihn ! eitel die Sorge für unser Vermö¬ gen , wie geniesten das Wenigste davon, und ar¬ beiten immer für die Zukunft, in der wir nicht le¬ ben ! Unsere Ehre ist eitel, weil sie uns nach dem Tode nicht mehr fühlbar ist, und auch die besten und reinsten Verbindungen der Welt sind eitel; die Liebe verraucht oft, ist oft sehr bitter, und st-rbt immer mit dem Alter; die Freundschaft ist selten; und wem derHimmclFreunde giebt, dem verdoppelt er Leiden durch das Leiden dec Freun¬ de, und läßt ibn am Sterbebette derselben die Bitterkeit des Todes zum voraus schmecken. -- So denkt er. Und wer vcrmags, die Reihe der Gedanken anznfttzen, welche noch folgen ; und die Entschlüsse anzuführen, die er für die Zukunft macht? Nicht selten nehmen hier seine Neigungen und Bestrebungen eine andere Richtung, und es fängt sich eine neue Epoche seines Lebens an. Aber er muß nicht forthin an der Hand der Melancholie über Gräber wandern, und sich stets mir TobeSgcdanken beschäftigen. Wenn es gut ist, zuweilen ins Klaghaus zu gehen, so ists doch nicht gut, beständig in demselben zu bleiben. Gott hat uns nicht in die Welt geschickt, daß wir sie durch¬ weinen sollen. Er will steber Thränen abtrocknen, als welche ohne Noth auspressen; wie Jesus dis Thränen der gebeugten Wittwe übtrocknete. „Da er sie sah , erbarmte er sich ihrer, und sagte: rstWrine nicht r" N 4 Weine — ( ) — Weine nicht!! Ich gestehe es, hier, wo er zur Wittwe spricht: Weine nicht! und dort, wo re vor der Felsengruft des todtcn Freundes selbst weint, da scheint mir Jesus am liebenswürdigsten. O er fühlte so menschlich, derMenschenfthn; hat¬ te das beste Herz, die zärtlichste Liebe zu seinem Brudeegcschlecht, und das iunigsO Mitleid mit menschlichem Elend ! Aber er handelte auch gött¬ lich , und half, wo kein Mensch helfen konnte. „ Er girng hin zum Sarg, berührte ihn , „und rief: Jüngling, ich sage dir, steh auf! „und der Verstorbene saß ans, und ficng zu rs- „den an; da führte er ihn seiner Mutter zu." Ich ftne nichts hinzu, um den Eindruck des Einfachen und Hohen in That und Erzählung nicht zu schwächen. Ich gehe aber zu einer Sache über , die unsere Aufmerksamkeit verdient. Jesus hatte ehemal gesagt: „ Es kömmt ei¬ ne Zeit, und sie ist bereits vorhanden, dadisTod- ten den Ruf des Sohnes Gottes hören, und , dis ihn hören, auflebrn werden." Wie genau stimmt Lehre und That übereinwie wird jene durch die¬ se so augenscheinlich bewiesenMenn nun Jesus noch hmzusttzt: „ Einst werden.alle, die in den „ Gräbern find , ftmen Ruf hören, und hcrvoc- „ kommen; wer Gittes gethan hat, zur Seligkeit; „ wer Vöfts gechan hat, zur Straft" — dürfen wir noch an einer künftige» Auferstehung dec Tob¬ ten , und an einem allgemeinen Gerichte zweifeln? Jesus kann Todte auftrwccken, denn er hat sie wirklich auftrwccket, und wie er einige auferweckt hat, so will ec einst alle auftrwecken. Darin« be¬ steht — ( 197 ) steht eben der Vorzug des Evangeliums, daß Leh¬ ren , die äusser dem menschlichen Gesichtskreise lie¬ gen; Di«ge,die dnrchVernunftschlüsse entweder gar nicht, oder nur dem kleinsten Theile der Menschen, die in scharfsinnigem und abgestraktem Denken gr¬ übet sind, können bewiesen werden — durch That- beweise einleuchtend gemacht, und unwidersprech- lich erprobet werden. Wenn Jesus dort spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben; so be¬ weist er das sogleich, indem er dem Todten zürnst: Komm hervorUnd der Verstorbene kam. Um zu zeigen, daß er gesendet sey, die Sünde und dis Folgen der Sünde aufzuheben, hebt er sie wirklich auf; spricht: Deine Sünden sind dir vergeben; Steh auf und wandleUnd da sieht man dann die genaue Beziehung seiner Wunder auf seine Lehre, und auf sein Amt. Wenn er wirklich Erretter, Helfer, Wohlthäter der Menschheit war, so mu߬ te er ja erretten und helfen; mußte herumgehen , und wohlthnn, heilen, und befreyen von Sünde und Elend. Er konnte also dec Wunder nicht zu viele rhun; sie gehörten mit zu seinem Tagewerk , wie gewöhnliche Handlungen zum Tagewerk ge¬ wöhnlicher Menschen gehören. Was übrigens die Auferstehung der Leiber betrifft, so wird sie am faßlichsten durch das Gleick- niß vom Gaamkorn erklärt. Christus und Pau¬ lus haben sich dieses Gleichnisses bedienet; nnd em neuerer Lehrer hat es in ein solches Licht gesetzt, haß es jedem billigen Leser genug thun wird. „So wie ein Saamkorn erstirbt und verweset, und doch der darinn enthaltene Keim eben hiedurch zu sei- N s ner — ( l-)8 ) — ,;er neuen Entwicklung geschickt gemacht wird, s» füll auch nach der Zerstöhrung unseres groben Kör- perS der darin» schon liegende Grundstoff;» einem neuen Empfindungswerkzeuge eine weitere Aus¬ bildung erhalten. Wie nun die Anschwängerung des Grundleimes zu dem gegenwärtigen Körper durch die Zeugung denselben zu einem geschickten Werkzeug gemacht hat, viele Erkenntnisse von au¬ ßen cinzusammeln, nnd auf die uns umgebende gröbcrn Körper zu witkcn; so wird die abermali¬ ge neue Anschwängerung und Entwicklung dessel¬ ben uns in den Stand fenm, auf eine leichtere und ausgcbreitetere Art Erkenntnisse einzusam- meln, und mit mehrerer Schnellkraft äusserlich thätig zu seyn." ... M!I Am sechzehnten Sonntage nach Pfingsten. Luk. 14. 1 — n. ^esuS war am Sabbathe bey einem Pharisäer z» Gast. Sehet da wieder die Menschenfreundlichkeit Jesu , und das Sanfte seiner Tugend ! Es ist ein grosser Fehler, die Tugend strenge, finster, mür¬ risch und ungesellig zu denken, oder andern in die¬ ser traurigen Gestalt darzustellen. Wie kann sie da gefallen, und für sich einnehmen; muß sie nicht vielmehr abschrecken, und Widerwillen einflössen? Lausende fliehen mir abgewandtem Angesichte von ihr, — ( 199 ) — ihr, weil ste glaube», ste müßten in ihrem Dien¬ ste allen Freuden des Lebens entsagen. Nicht doch! Betrachtet das Muster der reinsten Tugend ! Wie war alles an ibm so heiter und sanft, so frey «nd gerade, so menschlich und alltäglich, möcht' ich sagen! Er nahm an allen Freuden des geselligen Lebens Tsteil; erschien jetzt b-y einer Hochzeit, jetzt bey einem Gastmahle. Der Mensthensohn ast und trank , und war in keiner Sache, was auch der Tugendhafte nicht styn darf— Sonderling. Die Pharisäer lauerten auf ihn — auf jede Miene, jedes Wort, jede Handlung, ob sie auch was senden möchten, das sie tadel» könnten. Gehr unfreundlich bey einem frrnndlichen Mahle! Aber sie batten ein versauert Herz, und eben darum ein Gchalksaug; hielten mehr auf Opfer und Gab» bathfeyer , als auf Gerechtigkeit und Menschen« liebe, die nicht eifersüchtig ist, und kein Arg hat. — Ihr edlen und gutmüthigen Socken, die ihr Nicht wisset, was es heißt, nach fremden Fehlern zu spähen, die ihr andere nur beobachtet, um guS ihren Worten Weisheit, und ans ihren Handlun¬ gen Rechtschaffenheit und Anstand zu lernen; die ihr, wenn ihr Blössen entdecket, sie gerne ver¬ hüllet, und Schwachheiten entschuldiget oder ver¬ gebet , die ihr den Schatten im inenschlichen Cha¬ rakter des reineren Lichtes wegen, welches dadurch erhöhet wird, wohl leiden möget; und es wohl wisset, daß die feinste menschliche Komposition, Wie das feinste Poreellänstück, einen Mackcl hu¬ sten , und dem ungeachtet von der größten Kost barkejt seyn kann — o warum ist euer Geschlecht — ( 20D ) — NufErden nicht zahlreicher! Und der Saurer, Fch- lcrhäscher, Tadler und Gplitterrichter sind ft vie¬ le ! Aber eben dieses verpflichtet uns auch, bestän¬ dig auf der Hut zu seyn, keine Blössen zu geben , und nicht nur innerlich gut zu seyn , sondern auch eine schöne Aussenseite zn haben ; damit der Aus- laurer sich schämen müsse, wenn er uns nichts Böses nachsagen kann. So beschämte Jesus die Pharisäer durch sein untadelhaftes Betragen. Er war ikuen durchaus unantastbar; und jeder V wsuch, ihm was abzu- horchen oder abzufthen, das ihn anzuschwärzrn Sroff geben könnte, war vergebens gemacht—- wie auch der, deu das heutige Evangelium er¬ zählet : „ Da stand ein wassersüchtiger Mensch " — vielleicht von den Pharisäern au diesem Orte und auf diese Stunde bestellet, vielleicht auch vom Ge¬ fühle seines Elendes und vom Vertrauen auf dis Macht und Güte Jesu getrieben. Genug, er stand da. Er wird ihn heilen, dachten sie, und heilen darf man heute nicht, den» es ist Sabbath. Die¬ ser Gedanke der Arglist war es, der ihr Herz ein¬ nahm , und keinem andern den Eingang gestattete. Sie -achten nicht: Wie ist doch dieser Mann so elend! wie nahe dem Grabe, und scheint noch kaum die Hälfte des gewöhnlichen Menschenalters gelebt zn haben! Vi.lleichl vertiert eine tugendhafte Gat- tinn, leider zu f ühe ! die Freude und die Stuss ihres Lebens mir ihm , und eine zahlreiche kleine Familie ihr täglichBrod. Wie, wenn er vor unsren Augen gesund würde! Aber nein; kein solcher Ge¬ danke — ( 2Q1 ) — danke fand Raum bey ihnen. Ihr Herz hatte En¬ ge , und — war überhaupt auf diese» Ton nicht gestimmet. „Isis erlairbt, am Sabbath e gesund zu ma¬ chen ? " fragte Jesus. Oder mit andern Worten: Darf man am SabbathcGutes thun ? Wer getraut sich die Frage mit Nein zu beantworten, ohne den gesunden Menschenverstand zu beleidigen? Ließ fühlten die Pharisäer, und — schwiege». So viel kömmt darauf an , den Fragepunct genau zu be¬ stimmen ; und etwa auch, wo es angeht, den zwei¬ felhaften Fall auf einen gewöhnlichen Fall des ge¬ meinen Lebens, der keinem Zweifel unterworfen ist, zurück zu führen -- wie JesuS that. „Wem ,;aus euch, sagte er, fallt ei» Esel oder Ochs in „einen Brunnen, daß er ihn nicht, auch am Sab- „bathe, herauszöze?" Ein Thier vom Untergän¬ ge retten, entheiliget den Sabbath nicht: Abcv einen Menschen retten, das entheiliget ihn? Oder ist das Thier mehr, als der Mensch ? Sie schwiegen; und schienen doch ihrer Sa¬ che so gewiß, «nd von der Uuzulaßigkeit der Hand¬ lung so überzeugt zu sey» — Wahrlich, wir sollten unsre Schulweisheit öfter an den Prüfstein der ge¬ sunden Vernunft bringen, und Lurch die Probe der Anwendung gehen lassen! Sabbathfey -r !! — Wozu ist der Ruhetag, als zur Ruhe des Menschen ? Der Sabbath ist für den Menschen, sagte Jesus ein anderSmal, nicht der Menfch für den Sabbath. Der Sabbath muß ihn nicht drücken z es soll ihm am Sabbathe wohl seyn. Jedes Gest«, das Weisheit und Güte gab, ist zum ' Wohl ----- s 202 ) ----- B)ohl des Menschen gegeben. Dieß ist der Geist der Gesetze; der G-stst, der oft feey macht, wo der Buchstabe bindet. Wer ibn kennt, handelt frcy und zuversichtlich; wandelt am Tage, und stößt nicht an: Mer ihn nicht kennt, ist ängstlich , verwirrt, und abergläubisch bey allem , was er thut. Nur immer in den Geist und in die Absicht des Gesetzes hin¬ ein gegangen, wenn über die Verbindlichkeit oder Nichtverbindlichkeit, über Erlaubtes oder Uner¬ laubtes die Frage ist! Jesus traf einst einen Men¬ sche« an, der am Sabbathc arbeitete. Glücklich bist du, sagte er , wettn du weißt, was du thuft; un¬ glücklich, wenn du es nicht weißt. Er selbst heilig¬ te den Sabbath auf die würdigste Art, da er uner- leuchtete» Vuchstäblsrn cm Sabbathschänder hieß. Da kömmt alles auf den Geist dcs Gesetzes an- Wer diesem genug thut, thut dem Gesetze genug, auch wenn er vom Buchstaben abweicht. Wer aber dem Buchstaben entgegen handelt, ohne den Geist zu kenne«, ist ein strafbarer llcbertreter des Gese¬ tzes ; denn er handelt ohne Einsicht und UeberM- gung: Und was nicht Mit Ueberzpugung getisim wird, spricht der Apostel, ist Sunde. (Las 14. st. an dieRömer verdient hier nachgelesen zu werden.) Nachdem Jesus den Wassersüchtigen grheileL Hatte, trug er eine praktische LebenSregel, eine Leh¬ re der Bescheidenheit vor. Er batte bem rkt, wie die Pharisäer nach den ersten P!ätz-.ü strebten. Sie waren überhaupt Liebhaber vom -Übenausitzem „Wenn du zu einem Mahl geladen bist, sagte er , „so nimm nicht sogleich den vornehmsten Platz ,,ein; — sondern geh, und nimm die letzte Stells ein." — s 2LZ ,s> M? — Die letzte Stelle? Soll ich mich selbst er? niedrigen? Ja , damit du erhöhet werdest! Diesi ist der sicherste Weg , zur Ehrs zu gelangen. Da kommt dann gemeiniglich der Gastgeb, und spricht: --Freund, rück hinauf! Alsdann wird es dir vor --den Gäste» eine Ehre seyn." Und so gehts über¬ all im menschlichen Leben. Wer sich hervordrängt, wird zurückgestoßen. Man darf nur seine Absicht merken, um ihm den Weg zu vertreten, oder ein Bein unterzuschlagen. Dem Bescheidenen hinge¬ gen, dem Manne ohne Pratensis», hilft man ger¬ ne vorwärts. > Es versteht sich, daß diese Bescheidenheit,von her die Rede ist, dicß Zurückstehen und Untenan- sigen, nicht Ziererey oder Verstellung seyn darf. Man kennt die Demuth und ihre Maske, die na¬ türlichen Handlungen, und die angenommenen Grimassen der Bescheidenheit. Wenigstens sicht der Weise durch den Nebel hindurch, und verachtet euch; wenn euch auch der vom Scheine getäuschte Haufe selig spricht, und in den Himmel erhebt. Am sieberrzehnten Sonntage nach Pfingsten. Matth. 22. Zs — 46. §)a Jesus einst die Sadducäer von der Auferste¬ hung der Todten, und von einem künftigen Leben aus einer Schriftstelle überwiesen hatte, deren Sinn ein wenig tief lag; fy merkte ein Pharrsaer der — ( 224 ) — der bessern Art wohl, daß Jesus tief in -en Geist ihrer göttlichen Schriften eindringe. Er legte ihm daher die Frage vor: „Lehrer, welches Geboth ist „im Gesetzbuchs das vornehmste? " Jesus gab mehr, als gefordert wurde. Nicht nur daS vornehmste Geboth — er gab die Summe aller Gebothe in einer einzigen Vorschrift; den Geist, der durch ihre ganze religiöse Verfassung hinwebte! Alles, was im mosaischen Gesetze, und in den Schriften der Propheten weitläufig enthal¬ ten ist, faßte er in zwey Worte zusammen — in Gortes- und Menschenliebe! „Du sollst denHerrn, „deinen Gott, von deinem ganzen Herzen, deiner „ganzen Seele, und mit deinem ganzen Gemülhe „lieben; und deinen Nächsten, wie dich selbst. An „diesen beyden Gebothen hängt das gaüze Gesetz „und die Propheten." Und eben dies? ist auch die Summe des Chri- steuthulnes. Betrachtet die einfachste Religion der Welt; — Alle Menschen werden als eine einzige große Familie dargeftellet. Gott ist der Vater al¬ ler ; und sie sind insgesammt seine Kinder; und — Erben. Denn sie sollen in einer bessern Welt auch wieder eine Familie zusammen ausmachen. Nichts wird ihnen gebothen, als was sie hier und dort glücklich macht— Liebe! Liebe deS Vaters, un¬ dec Brüder.' Die Kinder solle» des Vaters Art haben, und vollkommen seyn in der Liebe, wie er «S ist, und wie es Jesus Christus, der eigentlichste Sohn, das sichtbare Bild des unsichtbaren Gottes, auf Erden war. Sehet — ( 2vs) — hetzet da den Inbegriff des neuen Gesetzes) hon welchem es heißt: „ Liebe ist des Gesetzes Er- ^>, füllunq !" Wir sollen daher Gott lieben — Freude an ihm haben, wie ein Kind seines Vaters sich freu¬ et; ihm für alles Gute danken, seiner Führung uns ruhig überlassen, und seinen Willen thun auf Erden, wie die seligen Geister denselben im Him¬ mel thun; nämlich Freude und Glückseligkeit Ver¬ breiten , so viel und so weit wir können. Dieß ist fein Wille , wie es sein Geschäft ist segnen, wohlthun, erfreuen ! Da er nun selbst nichts be¬ darf , so sollen wir wohlthätig gegen den Menschen seyn. Was wir diesem thun , das thun wir ihm; denn er ist sein Bild , sein Aepresentant auf Er¬ den. Wer seinen Bruder nicht liebt) den er „ sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht ü, sieht? ' Hier ists , wo die Liebe Gottes in die Menschenliebe übergeht, oder Schwärnrebey wird. Wie macht diese Liebe den Menschen so gut und groß! Sie macht ihn rein von Haß und Neid, Non Kaltsinn und Eigennutz; friedfertig m-d lang- Müthig , edel und großmüthig. Er hat für f deck — Nath in Verlegenheit, Trost in Vekrübniß § Hilfe im Unglücke. Mit dem Fronen freut er sich) Und weinet mit dem Weinenden. Er giebt lieb-r > als et empfängt, läßt sich beleidigen, und belei¬ diget nie; crwiedert Bosts mit Gutem, kann sich für das Wohl seiner Brüder, und wennS nöthig ist, auch für seine Feinde aufoxfern. Wiewohl er wird wenig oder gar keine Femde haben. Denn wer liebt, wird wieder geliebt. Die Menschen sind Dietls stvmis. O durch- — ( 206 ) durchaus so beschaffen, daß durch Freundlichkeit, Nachgiebigkeit und Wohl-vollen ihre Herzen ge¬ wonnen werden. Wer mit ihren Fehlern Geduld hat, darf darauf rechnen , daß sie auch für seine Schwachheiten Nachsicht haben werden. Dienster¬ weisungen werden fast immer mit Gegendiensten erwicdert, und jede kleine Gefälligkeit wird ver¬ gütet. So ist der Liebende glücklich, und macht glücklich. Und da unser künftiges Leben nur eine Fortsetzung des gegenwärtigen auf einem höheren und größeren Schauplatze ist, so ist er auch -er beste und geschickteste Bürger in jenem neuenStaa- te. Denn dort leben all: in seliger Eintracht und in süßer Harmonie zusamm m. Jeder, in sich selbst glücklich, nimmt Theil an fremder Glückseligkeit, freut sich derselben-, wie seiner eignen, und ver¬ mehrt durch Wohlwollen Liebe und Freundschaft, und durch Miklh'ilung jeder Art die Summe des allgemeinen Wohlseyns. Wer also nicht sanfte, liebevolle , wohlwollende und theilnrbmende Em¬ pfindungen mit hinüber bringt, -er kann sich nicht freueii mit den Frohen; kann Freude weder ge¬ hen, noch nehmen; weder glücklich seyn, noch glücklich machen; kurz — er taugt nicht für den Aimmel. Go wahr ifts, -aß man ohne Liebe weder in diesem, noch in jenem Leben glücklich seyn kann! Wenn aber die Religion da ist, die Menschen glück¬ lich zu machen, was konnte sie anders, was vor allen andern lehren , als Liebe? Nachdem — ( 207 ) -- Nachdem Iesuö die Frage von dem vornehm ¬ sten Gcbothe beantwortet hatte, stellte er eine Gegenfrage. Unter allen Fragen war dre vom MessiaS den ^nden die wichtigste; aber keine hatte die Schule ärger gedreht, verwirrt, und gehudelt, als eben -ie. DerMeffiaS war ihnen nichts weiter, als — Davids Sohn, ein irdischer König, wie sein Va¬ ter David war; der, wie jener, dis Feinde Is¬ raels besiegen, das verfallene Reich ans seinem Schutte aufrichten, und zu einer unzcrstöhrbaren Weltmonarchie machen würde. Jesus wollte sie auf einen höhern Begriff sowohl von seiner Per¬ son , alS von seinem Reiche, führen, und fragte sie: „ Was denkt ihr von dem Messias? wessen „Sohn ist er? "Davids! antworteten sie. Wenn aber , erwicderte Jesus, der Messias nichts wei¬ ter als ein Nachkömmling Davids ist — warum nennt ihr denn David selbst mit Nachdruck, und mit Wahl dcS Wortes seinen Herrn ? und laßt ihn zur Rechten des Herrn der Heerschaaren sitzen? Denn im Geiste sprachs David : „ Der Herr sag¬ te zu meinemHerrn: (der ewige Vater zumSohne von Ewigkeit) Setz dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde dir zum Schemel deiner Füsse lege." ^Psalm. no.) Und keiner könnt' ihm Antwort darauf geben. Q 2 Am ( 208 ) Am achtzehnten Sonntage nach Pfingsten. Mrtth. y. i — 8« ^)ffus saß im inner» Hofe eines HauseS, lehrte und heilte. als vier Männer, die einen Schlag- flüßigen auf einem Teagbette herbeybrachten/ver¬ gebens durch die gedrängte Menge durchzukommen sich bemühten. Sie stiegen daher auf daS flache Hausdach, und liessen den Kranken in seinem Bet¬ te durch eine Oeffnung in den Hof hinunter, ge¬ rade vor Jesu hin. Betrachtet hier die Dienstfertigkcit dieser Leute für einen Kranken, die uns billig zur Nach¬ ahmung aufmnntern sollte. Nie ist der Mensch fremder Haft bedürftiger, als wenn er krank ist. Da ist der Stärkste schwach und ohnmächtig. Hier hat also die Liebe ein weites Feld , thätig zu seyn, und gute Werke zu thun , die einst der W> strich- ter öffentlich anrühmen, und mit ewiger Selig¬ keit lohnen will. Ich war krank, und ihr habt mich besucht, und erquicket. — Ach wie oft schmach¬ ten und verschmachten Arme auf dem Krankenbet¬ te , weil sie keinen Menschen zur Pfleg», keine Arzney zur Genesung, keine Speise zur Wieder¬ herstellung verlohrner Kräfte haben! Wie oft könnte das Leben eines Mannes , der ein nützli¬ ches Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ein zärtlicher Gatte, ein guter Vater vieler und noch unerzogener Kinder ist, mit einer kleinen Geld¬ summe ( 2S5 ) summe gerettet werden! Aber die bat er zum Un¬ glück? nicht. Er aß sammt seiner Famrlie von sei¬ ner Hönde Arbeit daö lägl-che Brod, und satte gerade ein hinlängliches Auskommen , um einfach und schlecht und recht zu leben ; konnte aber für die Zeit der Krankheit und der Noth nichts zurück¬ legen. Gütiger Gott! Oft istö aber auch übertriebene Sparsamkeit und schmutziger Geitz, der die Leute abhält, den Aufwand zu machen, der zu Wiederherstellung der Gesundheit nöthig ist. Wie ? sollte man ihnen sagen, ist denn das Geld mehr, als das Leben? Wenn aber alle Mittel angcwendet werden , und cs dem Kranken dennoch ehe schlimmer als besser wird, so wirds Pflicht, auch für seine See¬ le zu sorgen, und ihn zu Jesu zu bringen, der die Bitterkeit des Todes versüßen, die Sünden ver¬ geben , und das ewige Leben erthcilen kann. Und welch süßes Geschäft ifts nicht für den Menschen¬ freund , die letzten Stunden eines trüben Kran¬ ken aufzußeitcrn; Worte des Friedens in seine trostbedürftige Seele zu sprechen; ihm den glück¬ lichen Ausgang vorübergehender Leiden, und die bleibende, weit überwiegende Herrlichkeit, die darauf folgt, zu zeigen — ihn dahin zu bringen, daß er wünscht, anfgelöset zu werden, um bcy Christo zu seyn — daß er Sterben für Gewinn hält! Ich komme wieder zur evangelischenGeschich- te zurück. Da Jesus den Elfer und das Vertrauen der Träger, das Elend und die Niedergeschlagenheit Q z d?S — ( L!2 ) — des Kranken sah, sprach er zu diesem: „Sey ge» „tröst, mein Sohn ! deine Sünden sind drr ver- „geben." Der Schlagflüssige hatte sich seine Krankheit durch Sünden zugczogen; darum war er auch trüb¬ sinnig , und im Gewissen unruhig Daher sprach ihm Jesus Muth zu : Scy getrost! und griff dis Krankheit in ihrem Sitze an, um das Uebcl aus der Wurzel zu heben : Deine Sünden sind dec ver¬ geben. Nur gar zu oft sind wir selbst die Urheber unsrer Krankheiten. Eine unordentliche Lebensart,, zu viel Ruhe des Körpers oder allzugroße Anspan¬ nung der Kräfte, Unmäßigkeit im Genüsse der Speise und des Getränkes, die Leidenschaften der Wollust, des Zorns, und der Traurigkeit, die sind es, welche unsre Gesundheit untergraben, uud, wie Salomo sagt, unsre Gebeine ansdorren machen. Wenn nun aber Krankheiten schon an sich selbst peinlich und schmerzhaft sind, so schmerzen sie gewiß doppelt, wenn man sich selbst als die Ursache der¬ selben ansehen, und gestehen muß: Ich irage dre Strafe meiner Ausschweifungen , und leide, was ich verschuldet habe. Aber groß, unaussprechlich groß ist dann auch der Trost eines beruhigten Gewissens, wenn der Mensch von seinen Ausschweifungen mit Reue und Scham zurückgekommen ist, es im Innersten der Seele fühlt, und, wie eine Stimme Gottes auS dem Allcrheiligsteu, hört: Deine Sünden sind dir v rgeben ! Nun darf er nicht mehr mit Abscheu an sich selbst, und mit Zittern an Gott denke». Er kann — ( 2H ) — kann von den väterlichen Gesinnungen Gottes ver¬ sichert ftyn , mW alles Gute von jener Hand er¬ warten, die so gerne Glück und Freude verbreitet, und nicht mehr straft, wenn Strafe zur Besserung nicht mehr nöthig ist. Sogar die natürlichen Fol¬ gen der Sünde, die Verschlimmerung des Men¬ schen und seines Zustandes, werden theils durch die Abstellung der Sünde, und durch die Besserung des Menschen selbst wieder gut, und seinem wah¬ ren Glücke unschädlich gemacht, theils durch eins uns unbegreifliche Verknüpfung der Dinge von Gott so weise geleitet, daß sogar aus dem Bösen Gutes erfolgt. Ist nur einmal dieQuelle verstopft, so versiegt auch das Unheil, welches daraus h,er- stoß. AlS dem Schlagflüjftgen die Sünde» verge¬ ben waren, könnt' er auch aufftehen, und wandeln. So hatte Jesus wirklich die Macht, Sünden zu vergeben? Die Pharisäer und Schriftlehrer konntens nicht glauben. Jesus bewieß es aber da¬ durch , daß er die Folge" der Sünde wegnahm: „Hsteh auf, sprach er zum Gchlagflülsigen, nimm „dein Bett, und geh nach Haase l Er stand auf, „und gieng nach Hause.' Wer mit Erfolg sagen kann; steh auf, und geh; der kann auch mir Erfolg sagen: Deine Sünden sind dir vergeben ! Wie hoch über die Propheten der Vorzeit steht Jesus wieder da, deren keiner je die Voll¬ macht hatte, Sünden zu vergeben! Aber „dem „Sohne hat der Vater das Gericht übergeben, da- „mit alle den Sohn ehren sollen, wie jft den Va¬ tter ehren. Wer dem Sohne nicht Ehre giebt, Q 4 „versagt — ( 2IL ) „versagt sic auch dem Vater, der ihn bevollmäch- „tiget bat." Dieß war eben die Gunde dec Pharisäer, G«e hatten schon oft Beweise der Vollmacht Jesu gesehen; gleichwohl ehrten sie ihn nicht, als den Golm Gottes, und dachten, da er Sünden vergab : Dieser lästert Gott! — So geneigt ist man , lie¬ ber das Schlimmste zu urthcilen , als von vorge¬ faßten Meynungen abzugehcn. Haben wir uns ein¬ mal eine gewisse Idee von einem Menschen in den Kopf gesetzt, und über seinen Character entschei¬ dend abgesprochen; so ist nichts gewisser, als daß wir all sein Reden und Thun schief beurtheilen werden. Was denket ihr Arges in euren Herzen ? sag¬ te Jesus zu den Schriftgelehrten. --- Gedanken ge¬ hören mit vor das Gericht Jesu, und werden einst eben so gut, als unsre Handlungen, offenbar wer¬ den. U"d gehören sie denn nicht eben sowohl zu un¬ ferm Ich, als unsreHandlungen ? Oder sindHand- fturgen was anders, als Gedanken, die zur Festig¬ keit und Selbstständigkeit gereifet sind? Die grö߬ ten Revolutionen in der Welt haben durch das Denken ihren ersten Stoß bekommen. Der Mensch muß daher mit strenger Aufmerksamkeit über seine Gedanken wachen, und sich der bösen mit allem Flciße entschlagen, als solcher, die sein Herz befle¬ cken, seinen Character schänden, und die noch dazu, wenn sie zu Thaten reifen, viel Unheil in der Welt anrichten können. Wenn wir uns eines Gedan¬ kens zu schämen hätten, falls ihn ein weiser und ehrwürdiger Mann, etwa unser Vater oderFreund, wüßte — — ( LIZ ) — ivüßte — sollten Wik uns desselben nicht vielmehv Vor Gott schämen, der daS Herz prüft, und inS Verborgene sieht? Tborichte und unnütze Gedanken, eitlePhau- tasicn und chimärische Träume sind eben auch eines Vernünftigen Menschen unwürdig, und führen gak oft in die Nachbarschaft vcrbothener Gegenden. Sie nähren üb rdieß eine schwindelnde und leicht¬ sinnige Art zu denken; und Leute, die sich ihnen frey und ohne Einschränkung überlassen, befinden sich wie auf zwecklosen Wanderungen ohne Leitfaden. Da ist nirgends Plan und Ordnung, Unreihung, Folge und Zusammenhang. Jede Sache schwimmt abgesondert, und ohne Haltung auf der Oberfläche ihrer Seelen — wie Blätter , die auf der Fläche deS Wassers hie und da zerstreuet sind. Was aber das Schlimmste ist, so machen derley schwärmeri¬ sche G danken den Menschen ungeschickt, sich mit Eifer und ThätigkeiL vernünftigen und standeSmä- ßigcn Bestrebungen zu ergeben, und ein ruhiges und zufriednes Leben zu führen. Von idealische» Welten und romantischen Glückseligkeiten Voll, haben sic Ekel an der wirklichen Welt, sind schlaff, und kraftlos zu ihren Berufsgeschäften , kalt un- ungesellig gegen ihre Mitmenschen, und unfähig? hie Freuden des Lebens zu genießen. O s Am ( 214 ) Am neunzehnten Sonntage nach Pfingsten. Matth. 22. i — 14. Gleichniß vom Hochzsitmahle hat Jesus einige Tage vor scimm Tode vorgctragcn. Er malte mit treff' »den Zügen das Betragen und das Schicksal sowohl der Juden, als der Heyden in Ansehung ihres Berufes zum Christenthnm. Jene weigerten sich zu kommen, und gierigen samt ihrer mörderischen Stadt ihres Unglaubens halber zu Grunde. Diese kamen, und wurden Christen; strebten aber nicht alle «ach christlicher Vollkom¬ menheit; wandelten nicht im Lichte; rhaten noch immer, wie im Hcidenthume, Werke der Finster¬ niß ; und wurden zuletzt binausgestoßcn in die Fiu- sterniß, wo ihr unglückliches Loos ist, im Schat¬ ten des Todes zu sitzen, und über den Verlust der Seligkeit zu trauern. Nämlich es ist nicht genug, einChristzu seyn; man muß auch mit christlicher Tugend, wie mit einem köstlichen Kleide, sich schmücken. „Oder was „hälfe es, wenn einer sagte, er habe Glauben; er „hat aber nicht That; kann ihn denn der Glaube „selig machen? " Und doch, wie mancher prahlt mit Nechtgläubigkeit, und läßts an Rechtschaffen¬ heit des Lebens und an Reinheit der Sitten man¬ geln ! Fürwahr, wenn einst Jesus zum Gericht wiederkommen wird, so wieder sich nicht Glau¬ bensartikel anfsagen lassen. Aber unser Thun und Lassen — ( 21s ) — Lassen wird er untersuchen, und jeden nach seinen Werken vergelten. Ob man dem Hungrigen Spei¬ se, dem Nackten ein Kleid, dem Fremdlinge einOb- dach gab, oder nicht; ob man den Willen desVaterS im Himmel that, oder nicht; darauf wirds ankom¬ men. Herr, Herr sagen, blindlings glauben, und einGlaubensbekenntniß in abgemessenen und schul¬ gerechten Ausdrücken recitircn — dieß alles macht keinen Menschen selig. Da ist der Samarit, der Barmherzigkeit thut, besser, als der Priester und Levit , der mit der orthodoxesten Lehre, und mit -er frömmsten Amtsmiene unthätig vorübergeht. „ Viele sind berufen, aber wenige sind aus- „erwählt." Dieser Spruch bezieht sich ans das, was gleich im Anfänge des Gleichnisses gesagt wird: Der König ließ viele zum Hochzeitmahle be¬ rufen. Abrabams Geschlecht war zahlreich, wie der Sand am Meere, wie die Sterne am Himmel, und alle wurden zum Reiche des Messias gerufen. Aber von dieser Menge folgten nur wenige dem Rufe; und eben darum waren auch nur wenige aus¬ erwählt. Diese Schriftstelle hat zu zwo sehr subtilen Spekulationen Anlaß gegeben, über welche vieles ist gesagt und geschrieben worden — über Präde¬ stination, und über die Zahl der Auserwählten. Ich berühre sie nur. Die Gäste waren darum zumGastmahle nicht auserwählt, weil sie nicht kamen. Nicht aber: Sie konnten nicht kommen, weil sie nicht auserwählt waren. ES stand bey ihnen, ob sie kommen wollten, oder nicht. - Die Anwendung ist leicht zu machen. Was — ( 216 ) — WaS die Zahl der Auserwählten unter den Christen bctrift, so muß fke, nach diesem Gleichnis¬ se zu urtheilen, ungleich größer seyn, als die der Verworfenen. Denn unter den Hochzeitgästen war nur einer, der hinausgestoßcn ward. Dreß sagt »ns auch die Vernunft. Entweder erkennen wir überall den Plan Gottes nicht, oder wir müssens erkennen, daß es kein andrer sey, als — die Men¬ schen selig zu machen. Dazu schuf er sie; und in die¬ ser Absicht schickte er seinen Sohn in die Welt. Zum Glücke ist unser Zeitalter den Spekula¬ tionen nicht mehr günstig. Wozu nützen sie auch ? Erwecken sie Empfindung deS Edlen, Schönen , Großen? Machen sie die Menschen zufriedner, ih¬ re Sitten milder, ihre Herzen reiner? Klären sie die Vernunft auf? Führen sie nicht diese vielmehr irre, u»d verschlagen sie meist auf einen Weg ohne Ende? Wer, wenn er sich aufdenOcean der Spe¬ kulation hinauswagt, weis sich zuletzt mehr zu pcicnkiren, und festes Land zu gewinnen? Wozu leitet z. B. die Lehre von Prädestination , wenn man in ihre Tiefen hineingeht? Zur Verzweiflung, oder zum ausschweifendsten Leichtsinn! Oder was werden wir weiser und besser, wenn wir über die Zahl der AuSerwählten nachgcübeln ? Welche Kom- municationslinie kann man von da aus zur mensch¬ lichen Glückseligkeit ziehen ? — Lasset uns Gottes weise Güre dankbar preisen, die uns gerade nur s» viel offenbarte, als geschickt ist, uns für dieses und das kü -ft'ge Leben glücklich zu mqchen hingegen einen verhüllenden Schleyer über Dinge liegen Keß, die mehr den Vorwitz unterhalten, als prak¬ tischen ( 217 ) üschen Einfluß auf unsre Gesinnungen und Haud- kunqen haben können. Mag eS für einige Köpfe Bedürfnis für andre, ich weis nicht, welches Be¬ hagen seyn, zu speculiren, und in unbekannten Ne gionen, auf den Flügeln einer erhitzten Ernbil dungskraft getragen, umher zu schweifen. Gott, leite du sie, daß sie sich nicht verfliegen! Wir wol¬ len lieber in den fruchtbaren Gegenden der pvak tischen Religionswahrheiten verweilen, di-' dem Verstände einleuchtend, und dem Herzen erfreu¬ lich sind; die insgcsammt dabin gehen , unsre Na¬ tur zu veredeln, und das Wohl der Welt zu beför¬ dern — überzeugt, daß metaphisische Spitzfindig¬ keiten nicht Chriftusreligion sind. Am zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten. Ioh. 4. 46 —- sz- §)er Sohn des königlichen Hofbedienten war krank. Der Saame zu allen Krankheiten liegt in unsrem Körper , und wird oft von uns selbst in Gähruug gesetzt, und zum Ausbruch gebracht. Nichts ist gewöhnlicher, als daß Leute, besonders Jünglinge , selbst die Urheber ihrer Krankheiten sind, indem sie durch eine unordentliche und wilde Lebensart, durch Uumäßigkeit und Ausschweifung jeder Art ihre Gesundheit allmählig untergraben , und endlich zu Grunde richten. Mancher Jüngling welkt — ( 218 ) — welkt in dem ersten Alter ab, wie ein Baum in dür¬ rem Erdreiche. Niemand sage, ich schade mir selbstWer kann seine Gesundheit zcrstöhrcn, ohne andern dadurch zu schaden? Der Jüngling vernichtet die Hoffnung seines Vaterlandes , das sich einen ar¬ beitsamen und brauchbaren Bürger versprach- Der Hausvater raubt seiner Frau und seinen Kin¬ dern einen Beschützer und Näbrcr. Der Mann, der ein öffentliches Amt in der Kirche oder im Staate begleitet, macht sich zu seinen Berufsqe- schäften unfähig. Ist das kein Schade für andre? Wenn aber auch dieß nicht wäre, wird nicht die erste und wichtigste Pflicht, die der Mensch gegen sich selbst hat, die Pflicht der Selbsterhaltung, dadurch verletzt? wird nicht jede Freude und aller Genuß des Lebens dadurch hinweggenommen? Wenn -em Gesunden die ganze Natur in rosigem Lichte erscheint, wenn der heitere Himmel und die schön geschmückte Erde sein ganzes Herz erwei¬ tert , wenn er im süßen Selbstgefühle innerer Zu¬ friedenheit und stiller Freude, voll wirksamer un¬ männlicher Kraft, dasteht wie ein Gott, so liegt der Kranke iu einem peinlichen Gefühle von Schwachheiten und Schmerzen, und alles zeiget sich ihm in finsterem Gewände. Seine Sinne stel¬ len ihm verfälschte Abdrücke -er Gegenstände -ar; das Licht seines Geistes selbst wird trübe, un¬ fein Urtheil von dem Werthe der Dinge verhält sich zum Urtheil einesGesunden wie Sonnenschein zum düstern Schein der sterbenden Lampe in einer Todtrngrnft. Doch, ( 219 ) -- Doch , wenn wir auch allen Fleiß und alle Behutsamkeit anwenden, die Gesundheit zu er¬ halten , so sind Krankheiten gleichwohl oft unver¬ meidlich. Sie gehören mit zu den Gebrechlichkei¬ ten unsrer Natur, die von ihr unzertrennlich sind, und die alle Menschen treffen, so wie sie alle aus einem Fleische gemacht sind. Kein Stand hat hier etwas zum Voraus. Der Hohe ist dem Niedern, der Reiche dem Armen gleich. Der Fürst wird weinend zur Welt gebohrcn , bedarfsowohl in der Kindheit, als daS ganze Leben hindurch, fremder Hilfe, wird im Alter schwach und kraftlos, stirbt unter Schmerzen und Aechzen, und modert zu Staub und Asche, wie der Geringste seines Vol¬ kes. „ Alles Fleisch ist wie Gras , und alle irdi- „ sche Menschenherrlichkeit wie des Grases Vlü- „ the. Das Gras verwelkt, und seine Blüthe fällt „ab." Auch der »Lohn des königlichen Hofbedienten neigte bereits sein Haupt in den Tod hin, wie line vom sengenden Qstwinde gedörrte GraSblume. Ec fieng an zu sterben , sagt das Evangelium. Da machte sich sein Vater eilends auf, und reiste zn Jesus, daß er mit ihm hinabkommen , und seinen Sohn gesund machen möchte. Herr, sprach er, komm doch, ehe mein Knabe stirbt! Ihn hatte also die Krankheit seines Sohn-S zu Jest, gebracht, wie noch immer viele, von U» glück oder Todesfurcht getrieben, zu ihm kommen, die vorhin seiner nicht achteten, und kein Bedürf uiß seiner Gotteökraft fühlten. Jesuö ( L2Q ) — Pestis verwieß ihm , oder vielmehr Kek füdis schen Nation, bcy dieser Gelegenheit ihre WuN- dersucht. „Wenn ihr nicht Zeichen nnd Wunder „ sehet, so glaubet ihr nicht." Immer giengen sie nvr aufWunder aus, dis Geräusch machten, und sahen nicht auf die innere Güte des Herzens, und auf die stille Hoheit des Geistes Jesu, nicht auf das Wohlthätige und Göttliche seiner Handlun¬ gen,das sie eigentlich hätte rühren, für stinePersott kinmhmen, von seiner himmlischen Sendung, und von der Wahrheit seiner Lehre überzeugen sollen. Auch in unsren Tagen ist die Wundersucht ein grosses Hinderniß der Weisheit nnd der Tu¬ gend. Nichts zu sagen, daß sie so Manchen unsin¬ nigen und gottlosen Aberglauben zeugt, und nährt; so unterhält sie überhaupts eine sinnliche Denkart, und läßt immer noch eine Lücke offen , wo das La¬ ster einen Ausweg findet, wenn es in die Enge getrieben wird. Giebt es nicht Leute, die in einem schändlichen Bündnisse mit sündhaften Leidenschaf¬ ten , und in bösen Gewohnheiten fortleben , bloß weil sie eine wunderbare Rettung durch irgend ein ausserordentliches Gnadcnmittel, wärs auch noch in der Todesstunde, erwarten? Leute, von der Wundersucht angesteckt, werden ferner durch nichts gerühret , als was ausserordentlich ist. Die Kräf¬ te und Wirkungen der Natur, die Harmonie deg grossen Ganzen reiyen sie nicht zu stillen Betrach¬ tungen über Gottes Weisheit, Güte, und Macht. Und gleichwohl sind sie nicht weniger wunderbar. Oder ists an sich wunderbarer, Blinden das Ge¬ sicht , Tauben das Gehör, Stummen die Spra¬ che, — ( 22l ) — che, Lahmen die geraden Glieder durchritt Work, oder durch blosse Berührung zu geben, als den menschliche» Körper mit allen Gliedern und Werk¬ zeugen der Sinne im Mutterleibe zu bilden? ge¬ hört eine höhere Macht dazu, lebendige Mesen durch den ordentlichen Weg der natürlichen Fort¬ pflanzung hervor zu bringen, als Todten das Le¬ ben wieder zu geben? Wirkt Gott nicht ohne Auf- höven durch die Natur? Er ist es ja, der /edem Geschöpfe beständig und innigst gegenwärtig ist, in welchem alle Wesen bestehen, der sie alle so un¬ tereinander verbunden , und mit solchen Kräften versehe» hat, daß durch eine« geraden und ordent¬ lichen Gang alles erfolgt, was zur Erreichung sei¬ ner Absichten und zur Beförderung der Glückse¬ ligkeit seiner Geschöpfe am dienlichsten ist. Und diese schöne Ordnung sollte Gott so schlechterdings unterbrechen? Ehemal, da es darum zu thun war, den Gesandten Gottes Ansehen, und, hren Lehren Ausnahme zu verschaffen , waren Wunder gewiß ein sehr schickliches Mittel zum Zweck. Aber nun da die Religion gegründet und ausgcbreitet ist? Vielleicht die Ungläubigen, deren es noch viele giebt, ob sie sich gleich äusserlich zum Christenthum bekennen, oder die Lasterhaften zu bekehren? Al¬ lein sie haben Moses und die Propheten, sie haben die Evangelien und die apostolische» Schriften, die mögen sic anhören.' Dieß ist dermal der ordent¬ liche Weg zur Belehrung und Besserung. Wer ihn nicht einschlagen will, wer das Wort Gottes nicht hört, und durch alle Merkmale seiner Wahrheit und Göttlichkeit sich nicht in die Parthey der Re- T >ötlr Homil. P ligivN — ( 222 ) — ligis» ziehen läßt, der würde nicht glauben, wenn auch Paulus selbst aus der andern Welt herüber käme, uuv das Evangelium von neuem predigte: Und wer auf dis innere Stimme des Gewissens nicht hort, der würde auch auf die läutere Stim¬ me der Wunder nicht achten. Was wärs , wenn z.B. ein Verstorbener erschiene? Täuschung der Einbildungskraft! würde der eine schreyen, Zau¬ deret)! der andre. Der Mann hat geträumt, und giedt seine Träume für Visionen auS, würde der dritte sagen; und der vierte: Er hat das Traum- gestcht erdichtet, und wnS wohl warum. Hütet euch vor dem schlauen Betrüger! So ungefähr würde man raisoniren. Und was hätte nun dis Religion und die Tugend gewonnen ? Nein, „wenn sie Moses und die Propheten nicht hören, so „ werden sie auch nicht Gehör geben, wenn gleich „ einer von den Todten auferstünde. " — Doch noch einen Blick auf unser Evangelium zurück ! Jesus, seiner Macht bewußt, und überzeugt, daß sie auch in die fermste Ferne hinwirke, heißt den Höfling allein fortgehen : Geh nur, sprach er» dein Sohn ist gesund! Und genau zu eben der Z-it, da Jesus disß sagte, ward dec Sohn mit einunmals gesund. Das konnte kein Ungefähr ge¬ wesen seyn. Darum glaubte auch der Höfling und sein ganzes Haus. Nämsich nach dem Hausvater bildet sich die Familie. Ist er ein Verehrer Jesu, so sind es auch seine Kinder und seine Dienstbothen. G«e werden aber diesen Namen lästern, wenn er ihn lästert. Am — ( 22Z ) — Am em und zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten. Matth. 18° 2Z — z-s. ,^u der heutigen Gleichnißrede gab Petrus Gels« lstnheit. Jesus hatte die Lehre von Vergebung der Unbilden vorgetragen, hatte von brüderlicher Nachsicht gegen Fehlbare ohne Einschränkung ge¬ redet. Nun däuchte es dem Petrus , eine solche Nachsicht könnte unmöglich überall Statt finden , und es könnte Beleidigungen geben, die so oft wiederholet, und von so auöstudirter Bosheit wä¬ ren , daß Verzeihen mehr Schwachheit als Tugend wäre. Herr, fragte er, wie oft mag mein Bru¬ der mich beleidigen, daß ich ihm verzeihen soll? Bis auf siebenmal? Jesus antwortete: Nicht sie¬ benmal , sag' ich dir, sondern siebenzigmal sieben. Das heißt, allemal, so oft du beleidiget wirst. Die Ursache ist: Gott vergiebt uns auch oh¬ ne Ausnahme, und er vergiebt uns weit mehr als wir vergeben können. Wir sollen aber barm¬ herzig seyn, wie unser Vater im Himmel barm¬ herzig ist. Dieß ist die Lehre Jesu in ihrer Nacktheit. Wir wollen sie nun in dem schönen Gewände der Parabel sehen, in welches er sie eingekleidet hat. Ein Diener war seinem Herrn zehntausend Talente schuldig. Wahrlich eine grosse Schulden¬ last ! Gleichwohl wenn wir die Vergehungen un¬ seres Lebens, die dadurch angezeiget werden, zu- P 2 summen- — ( 224 ) — sammenrechnen , so ists offenbar, daß die Summe nicht zu hoch angesetzt fty. Man prüfe nur an je¬ dem Abende alle Gesinnungen, Worte und Hand¬ lungen des Tages , wie vieles, worüber man Ur¬ sache hat, unzufrieden zu seyn, wird man da an¬ treffen ! Wie viel Gutes, das man hätte thun kön¬ nen, ist unterlassen worden, und dasjenige, wel¬ ches geschehen ist, wie unvollkommen, wie feh¬ lerhaft ! Nun berechne man die Sünden eines Monatheö , eines Jahres — setze Jahre zu Jah¬ ren, bis zu drcyßig, fünfzig, achtzig! Gott, wel¬ che Liste! welche Verschuldung! Und dieß alles vergiebt Gott, sobald der Mensch ihn aufrichtig um Vergebung bittet. Als der Diener vor dem Könige niederstes, erbarmte sich dieser, und schenkte ibm die Schuld. Welche glückliche Wendung bat nicht mit einemmal der Zustand dieses Dieners durch die Großmutb sei¬ nes Herrn genommen! Schon sollte er in dieSkla- verey verkauft, und aus der Freyheit, dem Ele¬ mente eines glücklichen Lebens, in einen Zustand versetzet werden, der schlimmer als der Tod ist. Und wenn sich noch was Schlimmers hinzu denken läßt, so istS dieses, daß er auch diejenigen Perso¬ nen mit in fein Elend hineinzog, die er vielleicht mehr , als sich selbst, liebte — sein Weib und sei¬ ne Kinder. Denn ,y der Herr hatte befohlen, ihrr sammt Weib und Kindern, und allem, was er hatte, zu verkaufen, damit er bezahlet würde." Welche Bangigkeit mag da seine Seele gedrückt haben! W«e ttef muß ein Blick auf die Seinen, oder der Gedanke an ihr trauriges Schicksal sei» Herz —— s 22s ) — Herz verwundet haben! Wie ängstlich mochte er zwischen Freyheit und Sklaverry , zwischen Leben und Tod schweben ! Und nun erschallt die Stimme der Gnade. Alles ist geschenkt! nachgelassen die ganze Schuld! Zehntausend Talente ans einmal! Welche gütige Behandlung! wie unvergeßlich wird ihm dieser Auftritt seyn ! wie sanft und mit¬ leidig gegen andre wird er sich nun betragen! Und sehet, so eben biethct sich ihm eine Gelegenheit an, die Güte, die er gerade in diesem Augenbli¬ cke erfahren hat, zu erwiedern. Denn da er von seinem Herrn weggieng , traf er einen feiner Ne¬ bendiener an , der ihm hundert Denarien schuldig war. Eme Kleinigkeit! die er ihm um so leichter schenken, oder die Bezahlung derselben desto wei¬ ter hinaussetzen kann, da ec selbst, nach der Erlas¬ sung einer ungleich grösser« Schuld, von keinem Gläubiger mehr gedrängt wird. Aber nein, er fiel ihn ungestüm an, würgte ihn , und sprach : Be¬ zahle mir, was du mir schuldig bist! Da fiel ihm sein N chendiener zu Füssen, und bath ihn : Habe Geduld mit mir, ich will dir al¬ les bezahlen! — Er selbst war eben in der nämli¬ chen Stellung vor dem Kömge gelegen, hatte mit eben der Angst- und in -en nämlichen Ausdrücken um Barmherzigkeit gestehet. Und doch — er ließ sich nicht erbitten , und lieferte seinen Ncb^nöic- ner ins Schuldgefängniß. Wahrlich eine niederträchtige Seele! Man kann sich des Unwillens nicht enthalten, wenn man so einen Hartherzigen sieht, der nichts zu verge¬ ben weis, und bey allen Vckte« unerbittlich blribt- P z Aber — ( LL6 ) — Aber da verrath er auch sein Herz. Ein kleiner Geist — daran erkennt man ihn eben — verzeiht niemal; denn er besitzt weder Stärke , der Rache, die ihn hinreißt, zu widerstehen , uoch Erha¬ benheit genug, Beleidigungen, die ec empfan¬ gen hat, zu vergessen. Es streitet mit feiner Na¬ tur , groß zu denken, und edel zu handeln. Es gehört eine starke Seele dazu, wenn man von Un¬ bilden nicht soll erschüttert, und aus seiner ruhi¬ gen Fassung geworfen werden. Nur der grosse Mann bleibt bey den Anfällen der Bosheit und der Verläumdung unbewegt, und sieht ehe mit ed¬ lem Mitleiden, als mit Zorn, auf das unwürdige Betragen derer nieder, die ihn mißhandeln, und, indem sie ihn zur Rache reinen § gern bis zu sich herabwürdigen möchten. Die übrigen Nebendienrr, die diesen Vor¬ fall gesehen hatten, wurden unwillig, nnd hinter¬ brachten die Sachs dem Könige, der seine Güte gegen den Unbarmherzigen zurücknahm, und ihn -en Gerichtsdienevn auslieferte, bis er ihm die ganze Schuld erlegen würde. Eben so, setzt Jesus hinzu, und schließt die Parabel: eben so wird mein himmlischer Vater auch mit euch handeln, wenn ihr nicht einer dem andern von Herzen vergebet. VonHerzen! nicht bloßmnt dem Munde, und auf den Schein, auch nichtmit einer gewissen — wie nenn' ich es ? Prahk- haftigkeit? Bitterkeit? Rechtfertigung feiner selbst? da man sagt: Ich vergebe die Beleidigung meiner Seits wohl, und wünsche nur, daß der, so mich beleidiget hat, fähig sryn möge, es sich selbst zu vergeben. — ( 227 ) — vergeben. Ich überlasse ihn übrigens Gott und fei¬ nem eignen Gewissen. Dieß ist nicht die Art, mir welcher der himmlische Vater Beleidigungen ver¬ gabt. Diese besteht in einem völligen Vergessen derselben. Sie sind dahin, wie eine Wolke, die der Wind weggeführet hat. Es bleibt keine Bitterkeit in seinem Vatcrherzsn zurück; er übcrhänft den Reuigen mit Wohlthaten , wie zuvor, und erwie- derl so recht das Böse mit Gutem. Am zwey und zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten. Matth. 22. is — 22, ic Pharisäer gierigen überall darauf aus, Is¬ sum zu unterdrücken. Allein das galt Mühe. Mit Gewalt war b- y der großen Menge seiner Vereh¬ rer nichts auszurichtcu. Sie nahmen daher ge¬ wöhnlich ihre Zuflucht zu List und Trug. Sehet hier ein Beyspicl, das sich auszeichnet! Sie schickte» eine Gesandtschaft an Jefus , Und ließen ihn fragen: ob man dem Kaiser Tribut geben soll, oder nicht? Die Frage war sehr verfänglich. Ja, oder Nein ! in beyden Fällen war Jesus verloren. Hieß er den Tribut gut, so verdarb er cs bey dem Vol¬ ke, das ihn ungern bezahlte. Und wie abgeneigt mußte eS werden , den Nazarener für seinen Mes¬ sias anzunehmen, da es von diesem nichts Gerin¬ geres erwartete, als daß er es von der Herrschaft P 4 der — ( 228 ) — der Römer , und von der Nothwendigkeit, ihnen Tribut zu zahlen, befreyen würde.' Erklärte er sich ober wider den Tribi t, so beleidigte er die Römer; und rn-htß war gewisser, als daß sie ihn ergreifen, und als erneu Rebell n mit dem Tode bestrafen würden. Darr m wußte auch die Gesandtschaft aus zwcy Nart-nyen bestehen, aus pharisäischen Lchr- jüngern, die es mir d m jüdischen Volke hielten; und aus Hcrodian-rn , die dm Könige HerodeS , und den Römern zugethan waren. Gegen welche Parthcy Jesus immer sprach, so waren Ankläger und Zeugen da. Man muß gestehen, die Schlinge war fein ge¬ legt. Und doch verwickelte sich Jesus nicht darin. Er, der große Menschenkenner, der überall tief ins menschliche Herz sah , wußte wohl, was für Leute er vor sich hätte — Schälke und Heuchler, die durchaus keiner Schonung werth sind. Was versuchet ihr mich, ihr Arglistigen! sprach er. Zei¬ get mir die Münze des Tributs l Sie reichten ihm einen Zehner. Da fragt' er sie: Meß ist dieß Bild und die Umschrift? Eine feine Gegenfrage, die pharisäischen Lehrjüngern wohl verständlich seyn mußte! Wessen Bild und Name ist der Münze aufgepräget ? „^.'cs Kaisers ! " Nun so gebet ihm, was sein ist! denn was sein Bild und seinen Namen trägt, das gehört ihm zu. Aber ihr — ihr nennet euch Volk Gortes ; traget also seinen Namen; und auch sein Bild glänzt von eurem Angesichte ab. Aber seyd ihr nicht ausgcartct? und hat euch Gott nicht deswegen un¬ ter ( 229 ) ter die Herrschaft fremder und abgöttischer Natio¬ nen gegeben ? Werdet wieder, was ihr seyn sollet; lasset euch zu euren eigentlichen Qberhcrrn ver¬ sammeln, gebet Gott, was Gottes ist — euch selbst! WennS aber auch nicht so verstanden ward — denn freylich liegt dieser Sinn ein wenig tief — so war doch in der Mftrtignng Jesu immer viel Zurechtweisendes für die Jud n. Er lehrte sie nicht nur die höchste Oberherrschaft Gottes, sondern auch die Majestät irdischer Regenten verehren, wie er sie selbst bey alten Vorfällen feines Lebens ehr¬ te— Was auch seine Jünger den Christen zu al¬ len Zeiten einschärften „Gott zu fürchten, und den König zu ehren." So viel von der Hauptsache. Aber es liegen noch einige feine Züge von Verschmitztheit und Bosheit in dem Betragen der Pharisäer, die verdienen ausgchoben, und ins Licht gesteüet zu werden. Sie giengen nicht selbst zu Jesu; sic schickten andre. Nämlich wer selbst keinen Credit mehr hat, bedienet sich der Unterhändler. Ein Unterhändler! was für eine garstige Rolle spielt ein Mensch , der sich zu einemWerkzeug des Betruges brauchen läßt.' Billig fällt eben so viel Schande auf ihn, als auf den, der ihn gedungen, und unterrichtet hat. Er hat aber auch noch überdies' das Böse, welches er stiftet, zu verantworten, und den Schaden, den er verursacht, zu ersetzen. Eie ließen dem Heylande sagen: „Wir wis¬ chens , du bist wahrhaft, und fragst keinem nichts „nach; denn du siehst nicht auf Menschengunst. " — P s Wer — ( 2ZS ) — Wer die Pharisäer kennt, der wird leicht denken können, daß dieß ihr Ernst nicht war. Es war al¬ so Schmeichelei geheucheltes Lob, wodurch sie ihn zu gewinnen, nnd treuherzig zu machen suchten. Durch dieses Lob, dachten sie, wird sein Herz auf- fchwellcn, und überflirßen; wie ein volles Waffer- geschirr überfließt, wenn es in Bewegung gesetzt wird. Sie rühmte» seinen geraden Sinn, sein Nichtachten der Personen, seine Wahrheitsliebe; und hosten, er würde sogleich eine Probe davon ge¬ ben wollen. Er gab sie auch, aber ganz gegen ihre Erwartung : Ihr Heuchler! was leget ihr mir da für eine Schlinge? Das war in der That offenher¬ zig, ohne Achtung der Person, und recht gerade ins Gesicht hineingesagt. DiePharisäer machten dießmal gemeinschaft¬ liche Sache mit den Herodianeru — mit Leuten, die dem Kaiser zugethan waren, den sie haßten. Aber freylich der König der Wahrheit war ihnen noch unausstehlicher. Ich fürchte, derley Auftritte sind in der Welt noch immer sehr frequent. Leute, die erst heftig ge¬ gen einander aufgebracht waren, werden gute Freunde, und verbinden sich unter einander, wenn eS darum zu thun »st, einen dritten , der ihnen im Wege steht, mit vereinter Macht zu stürzen. Unter den süßesten Schmeicheleyen , und mit den glatte¬ sten Worten führen sie ihn immer tiefer in das Ge¬ webe ihrer Ränke hinein; lauren mit gespannter Aufmerksamkeit auf alles, was er spricht; legen jedes Wort unter das Vergrößerungsglas; wen¬ den es so und so, und geben ihm bald diese», bald jenen — ( LZl ) — jenen Ginn, rpie er ihrer Absicht entspricht. „Vo« „Trug und Arglist, spricht David, der sie auch auS „Ei fahrung kannte, ist ihr Mund, die Sprach» ,glatte Heucheley. Sie liegen im Hinterhalte, und „lauschen im Verborgenen , wie ein Löwe im Di- „ckigt; ziehen ihrNetz, und Haschen -enRedlichen!" Am drey und zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten. Matth. 9,18-— 27. E^ey den zwey Wundern, die im heutigen Evan¬ gelium erzählet werden, sieht man sogleich wieder, daß Glaube und Vertrauen die nochwendigen Ve- dingnisse waren, dieJesus forderte, wenn er Wun¬ der that. Vertrauen war gleichsam die Hand, wel¬ che die Feuerkette faßte, und den clcetrischcn Fun¬ ken seiner alldurchdringenden, allbelebenden Got¬ teskraft sprühen machte. Mit diesem Vertrauen rührte ein Weib , welches zwölf Jahre lang den Vlutfluß gehabt hatte, Jesum an, und ein Strom heilender Kräfte floß in sie über, und sie ward von diesem Augenblicke an gesund. — Mit eben diesem Zutrauen näherte sich der Vorsteher einer Syna¬ goge zu Jesus : „Meine Tochter, sprach ec, ist eben „im Sterben; aber komm , leg ihr die Hand auf, „so wird sie leben." Und Jesus machte sich auf, gieng hin, und rief die bereits Verstorbene ins Le¬ hen zurück- — ( 2Z2 ) — Wer glaubt, wird nimmermehr zu Schau- Leu; wer mit Vertrauen kömmt, wird nicht leer zncückgcwiesen ; wer mit Zuversicht bittet, der em¬ pfängt ; dem wird das, was er bedarf, und wünscht, gegeben. „Der Mensch, sagt der heil. Jakob, bitte „mit Glauben, und zweifle nicht! Wer zweifelt, ist „-iner Meereswelle gleich , die vom Winde her- „umgetrieben wird. Ein solcher Mensch denke „nicht, daß er etwas von dem Herrn empfangen „werde.' Ein Zweifler tranetGott entweder zu we¬ nig Macht, oder zu wenig Güte zu- Er kann oder will mir nicht helfen — dieser Gott entehrende Gedanke sitzt tief in seiner Seele, und macht ihn der göttlichen Hülfe unwerth. Nicht so, ihr Lieben ? Menschlicher Macht mögen wir wohl Gränzen se¬ tzen , und Mißtrauen auf ihre Güte haben; aber der Macht dessen, der den Himmel ausspannt wie ein Tuch, und ihn mit glänzenden Welten besäet, wie ein Sämann den Acker mit Weitzen; und der Güte, dessen, der die Menschen so sehr liebte, daß er seinen eingcbornen Sohn für sie hingab — die¬ ser Macht, und dieser Güte dürfen wir in keinem Falle Gränzen setzen. Doch lasset uns das Betragen Jesu umständ¬ licher betrachten. Zuerst seins Bescheidenheit, mit der er alles, was ihm Ehre machen konnte, von sich ablehnte. Dein Glaube hat dir geholfen! sagte er zum Wer¬ be. Sie schläft nur! sprach er von dem todten Mädchen. Das nachdringende Volk, das sich schon mit allem Gelüste kindischer Neugierde auf ein Wun¬ der — ( 2ZZ ) — Der freute, ließ er nicht mit in das innere Gemach hinein; und die, welche darin waren, und Trauer¬ musik machten, trieb er hinaus. Nur die drey ver¬ trautesten Jünger, und die Aeltern des Kindes be¬ hielt er zu Zeugen der Herrlichkeit, die ihm dec Vater gegeben. Wie beschämend wieder für uns. Wir suchen bey unser» Handlungen Zuseher und Bewunderer; und er entfernte sie! Und nun seine stille Größe im Handeln— Feyerliche Stille herrscht in dem Gemache, und Aller Blicke sind mit odemhaltender Erwartung auf ihn gerichtet. Er aber steht mit der heitersten Ruhe, und voll Gotteskraft da; tritt itzt an das Bett, auf welchem die Tobte lag; ergreift ihre kal¬ te Hand, und spricht, wie der Herr des Lebens und des Todes: „Kind steh auf!" Und sieh, sein Wort war Geist und Leben! Kaum wars ausgesprochen, so richtete sich die Tob¬ te in die Höhe— recht so, als wenn sie nur vom Schlafe aufstünde. Wer kann das Freudenschrecken, den Won¬ neschauer, und den anbethenden Dank der Aeltern ; wer das Staunen und die herzerschütternden unt> großen Empfindungen -er Jünger sich vorstellen t Welche Scene! Und der Held des Stückes, der göttlich gehandelt hat, tritt ab, indem er ihnen verbiethet, es auszusagen! Gott im Himmel, möcht' ich hier ausrufen k was hast du dem Menschengeschlechte in Jesus für ein Geschenk gegeben! Welchen Menschenfreund, -er überall hingieng, wohin ihn menschliches Elend rief! Welchen allmächtigen Retter, gerade wie die — ( 2Z4 ) "" Lir Menschheit einen bedurfte, -cm kein Elend zu groß, keine Schwierigkeit unüberwindlich war selbst der Tod nicht! Und was für ein Muster un¬ serer Aufführung ! welche Aufforderung, in wirk¬ samer Liebe, und in stiller Größe zu wandeln, wie er wandelte — geräuschlos, und im Wohl* thun durch die Welt zu gehen ! Aber leider! — dieß ist daS Kennzeichen un¬ serer Zeit. — Hunderte schreiben- , Tausende schwatzen davon, und — Einer thme ihm nach! - j : ' ' - - ' " '.' «-' ! - * 7 . « ' . ' . . ' . ' . . ," . '. . ' . ' . V i' HAU O ,"v O »O Sv <2 O 0 2 QV O j für milir».