Lehrbuch der Geschiclite fiir die oberen Klassen der Gymnasien von Andreas Zeehe k. k. Gymnasial-Direktor in Villaeh. Erster Teil: I> ;i s /V 1 t e r t u m. Fiinfte, im wesentlichen ungeanderte Anflage. Mit ErlaB des h. k. k. Ministeriums fiir Kultus und Unterricht vom 22. Oktober 1906, Z. 37.681, als zum Unterrichtsgebrauche allgemein zulassig erklart. Gebunden Preis 3 K 8 0 h. Laibach 1906. K K Rr«if- EA I- OTHfiK, ) Z l 030052400 Druck und Verlag von Ig. v. Kleinmayr & Fed. Bamberg. Vorwort. I)ie 5. Auflage meines Lehrbuches des Altertums weist nur \venige Veranderungen und Zusatze auf; die letzteren betreffen die orientaliscbe Geschichte (neue Funde, Bemerkung iiber die Ilettiter), die mvkenische Kultur (Ausgrabungen auf Kandia) und die romische Kaiserzeit. Der grofiere Umfang (263 Seiten der 5. gegen 255 Seiten der 4. Auflage) ist hauptsachlicli die Folge des weiteren Satzes. Bei der orientalischen Geschichte wurden absichtlich keine Anderungen in der Chronologie vorgenommen, damit die Bentitzung der 5. neben der 4. Auflage um so weniger Scliwierigkeiten bereite. Seit dem Erscheinen der 4. Auflage wurde das Altertum in die niederlandische und die italienische Sprache iibersetzt. Die erstere Tjbersetzung erscbien unter dem Titel: Leerboek der ouden Geschiedenis, bearbeitet von Dr. J. H. Holwerda, bei S. C. van Doesburgli in Leiden 1903; die zweite unter dem Titel: Manuale di storia L, bearbeitet von Professor A. B., bei G. B. Monauni in Trient 1905. Die neue Auflage sei der wohlwollenden Beurteilung der Herren Facbgenossen empfohlen. Villach, im Mai 1906. A. Zeehe. Inhalt, Einleitung Seite 1 Geschichte der orientalisehen Volker. Seito Die hamitischen Agypter .... 4 I. Zur Geographie Agyptens . 4 II. Geschichte der Agypter . . 5 A. Quellen.5 B. Uberblick liber die iigyp- tiscbe Geschichte (3200 bis 525).6 C. Kultur.8 Die Semiten.12 I. Die Babylonier und Assyrier 12 A. Zur Geographie Babyloniens und Assyriens ... 12 B. Geschichte der Babylonier und Assyrier .... 13 1. Quellen.13 2. Das Altbabylonische Reich (3000 bis 1900) . 14 3. Geschichte Assyriens (1900 — 607) .... 15 4. Das Neubabylonische Reich (607 — 535) . . 16 C. Kultur.16 II. Die Phonizier.19 A. Zur Geographie Phoniziens 19 B. Geschichte der Phonizier (seit 1400). 19 C. Kultur.20 III. Die Israeliten.22 A. Zur Geographie Syriens und Palastinas ... 22 B. Geschichte der Israeliten (2000 — 586) .... 23 C. Kultur.26 Die Indogermanen.29 L Die Inder.29 A. Zur Geographie Indiens . 29 B. Geschichte der Inder (2000 bis 500). 30 C. Literatur.33 D. Kunst..34 II. Die Iranier.34 Zur Geographie Irans ... 34 A. Die Baktrer.35 B. Die Meder.36 C. Die Perser.36 1. bis 5. Geschichte der Perser (558 —334) . . 36 6. Kunst.41 WiederhoIung und AbschluB . . 41 Geschichte der Griechen. Zur Geographie Griechenlands . . 43 I I. Name und horizontale Gliede- rung.. • • 43 II. Vertikale Gliederung ... 44 III. Hydrographie.45 IV. Klima und Produkte ... 45 V. Einfliisse des Landes auf das Volk.46 VI. Zur Topographie .... 47 Erster Zeitraum (bis 1000).’ I. Name und Einteilung des Volkes.48 II. Anfange der griechischen Ge¬ schichte .49 III. Religion.50 IV. Heldensage.55 V. Scliliemanns Ausgrabungen und die neuesten Funde auf Kandia (Kreta) .... 58 VI. Einwirkungen des Orients . 60 VII. Wanderungen.61 VIII. Kultur.63 Zweiter Zeitraum (1000-500). I. Verfassungsformen .... 65 II. Sparta.66 A. Geographie Lakoniens . 66 B. Geschichte Spartas ... 66 1. Die Lykurgische Ver- fassung(9.Jahrhundert) 66 VI Seite 2. Die ersten zwei Messe- nischen Kriege ... 69 3. Spartas Hegemonie . 70 III. Atlien.71 A. G-eographie Attikas . . 71 B. Geschiclite Athens ... 72 1. Athen vor Solon . . 72 2. Die Solonische Gesetz- gebung (594) .... 74 3. Die Tyrannis (560 bis 510).78 4. Klisthenes(509und508) 79 IV. Die Kolonisation der Griechen 80 V. Nationale Einiguugsmittel . 82 VI. Literatur und Kunst ... 84 Dritter Zeitraum (500 — 338). Erster Abscknitt (500 — 431). I. Die Perserltriege (500 — 449) 88 A. Aufstand der Jonier (500 bis 494). 88 B. Die Griechen in der Ver- teidigung (492 — 479) . 89 C. Die Griechen im Angriffe (479 — 449) .... 92 II. Das Zeitalter des Perikles . 94 A. Die aufiere Politik des Perikles.94 B. Die innere Politik des Perikles.95 C. Literatur und Kunst . . 98 D. Hebung der materiellen Kultur.102 Zweiter Abschnitt (431 — 338). I. Der Peloponnesische Krieg (431—404) .. 103 Seite A. DerzehnjahrigeKrieg(431 bis 421).104 B. Bis zum Ausgange der Unternehmung gegen Sizilien (419-413) .106 C. Der DeceleischeKrieg(413 bis 404). 108 II. HegemonieSpartas(404-379) 110 A. Allgemeine Lage . . .110 B. Herrschaftder30Tyrannen in Atlien (404 und 403) 110 C. Einflub der Perser auf die griechischen Angelegen- heiten (401 — 386) . .111 III. EmporkommenThebensjSturz der spartanischen Hege¬ monie .113 IV. Begriindung d. mazedonischen Hegemonie (362 — 338). . 116 A. Geograpbie Mazedoniens 116 B. Pliilipp II. (359 — 336) . 116 V. Literatur und Kunst . . . 120 Vierter Zeitraum(338 —146). I. Alexander der Grobe (336 bis 323). 125 A. Seine ersten Regierungs- jabre (336 — 334) . . 125 B. Der Alexanderzug (334 bis 325). 126 II. Das Zeitalter der Diadocben (323 — 301). 129 III. Das Zeitalter der Epigonen (301 — 146). 130 IV. Kultur.131 Scbluflbetracbtung.138 Geschiclite Zur Geograpbie Italiens .... 140 I. Name und Lage Italiens . . 140 II. Horizontale Gliederung . .140 III. Vertikale Gliederung . . . 141 IV. Hjrdrographie.143 V. Klima und Vegetation . . . 143 VI. Einfliisse des Landes auf das . Volk.144 VIL Zur Topographie .... 144 Vlil. Geograpbie Latiums . . . 145 IX. Rom.146 X. Die ethnographischen Ver- lialtnisse im alten Italien 148 der Homer. Erster Zeitraum. Rom unter Konigen (753 — 509). Quellen und neuere Darstellungen 149 I. Romiscbes Religionsivesen . 150 II. Die traditionelle Geschichte . 153 A. Die Griindungssage . .153 B. Die romischen KOnige . 154 III. Die geschichtliche Entwick- lung bis zum Sturze des K5nigtums.156 A. Der latiniscbe Stadtebund und die Griindung Roms 156 B. Bestandteile und Gliede¬ rung der Bevolkerung 156 VII Seite C. Die altesten Verfassungs- zustande.157 D. DiereformierteVerfassuiig 158 E. Fremde Kultureinflusse . 160 Zweiter Zeitraum. Rom als Republik (509 — 30). Erster Abschnitt. Bis zu den Puni- schen Kriegen (509 — 264). I. Begriindung der neuen Ver- fassung.161 A. Die obersten Beamten . 161 B. Der Senat.162 C. Die Volksversammlungen 163 II. Auflere Gescliicbte .... 163 A. Kampfe mit den Sabinern, Aquern und Volskern; Verhaltnis zum latini- scben Stammesbunde . 163 B. Kampfe mit den Etruskern 164 C. Kriege mit den Kelten . 165 D. Der letzte Latinerkrieg (340 — 338) .... 166 III. Innere Gescliichte .... 167 Fortentwicklung d. Verfassung (Standekampf) . . .167 A. Gescliicktlicher Teil . . 167 1. Bis zum Ende des De- zemvirats (494 — 449) . 167 2. Bis zur Durcbflibrung der vollen Gleichberech- tigung (449 — 300) . . 169 B. Systematischer Teil . .171 1. Die Magistraturen . .171 2. Volksversammlungen . 174 IV. Ausbreitung der romischen Herrschaft iiher die ganze Halbinsel (338 — 264) . . 175 A. Die Samnitenkriege (327 bis 290). 175 B. Der Krieg mit Tarent und Pyrrhus (282 — 272) . 176 C. Die letzten Kampfe um die Herrschaft liber die ganze Halbinsel (269 bis 265). 178 D. Kultur.178 ZweiterAbschnitt. Bis zumAuftreten des alteren Gracclien (264 — 133). I. Begriindung d. Weltherrschaft 182 A. Kriege im Westeu, Rom und Karthago (264 bis 201).182 1. Aus der alteren Ge- schichte Karthagos . . 182 Seite 2. InnereVerhaltnisseKar- tkagos.183 3. DererstePunischeKrieg (264 — 241) .... 184 4. Erwerbung Sardiniens, Korsikas, Illyriens und des cisalpinisch.Gallien (241—218) .... 186 5. Der zweite Punische Krieg (218 — 201) . . 187 B. Kriege im Osten mit Maze- donien und Syrien (200 bis 149) . . . . . 193 1. Die Lage im Osten und dasVerhaltenderRomer 193 2. Die Kriege .... 193 II. Erweiterung d.Weltkerrscbaft 196 A. Erwerbungen im Osten . 196 B. Erwerbungen im Westen . 197 C. Die inneren Verhaltnisse (Kultur).199 Dritter Abschnitt. BiszurErrichtung des Kaisertums (133—30). I. Zeit der beiden Gracclien (133 bis 121).206 A. Ti. Sempr. Graechus (133 und 132). 206 B. C. Sempr. Graechus (123 und 122). 207 II. Zeit des Marius und Sulla (113 — 78). 209 A. Krieg gegen Jugurtka (111 bis 106). 209 B. Krieg mit den Cimbern und Teutonen (113 bis 101).210 C. Marius auf dem Hohe- punkte seiner Macht (101 und 100) . . .211 D. DerMarsische od. Bundes- genossenkrieg(91—88) 213 E. Ausbruch d. Biirgerkrieges zvdsehen Marius und Sulla (88 und 87) . . 214 F. Erster Krieg gegen Mitkra- dates (87 — 84) . . . 214 G. Revolution in Rom nach dem Abgange Sullas und ikre Niederwerfung (87 — 82). 215 IT. Sulla als Alleinherrscher (82 — 79). 217 III. Zeit des Pompeius und Časar (78 — 44). 219 A. Der Fechter- und Sklaven- krieg (73 — 71) . . .219 VIII Seite | B. Beseitigung d. Sullanischen Reformen durch Pom- peius (70).219 C. Kriege gegen die Seerauber (78 - 67). 219 D. Letzter Krieg gegen Mithra- dates (74 — 64) und die Einriclitungen des Pom- peius in Asien (64—61) 220 E. Versclrw8rung des Gatilina (66-62). 222 F. Das erste Triumvirat (60) 224 G. Eroberung Galliens durch Časar (58—51) . . .226 H. Zerfall des Triumvirats (53 — 50). 228 J. Der zweite Burgerkrieg (49 - 45). 229 K. Časar als Alleinherrscher (45 und 44). 230 IV. Zeit des Antonius und Octa- vianus (41 — 31) .... 233 A. Die Wirren nach der Er- mordung C&sars (44 und 43). 233 B. Das z\veite Triumvirat (43) 234 C. DieSchlacht beiActium (31) 235 V. Die romische Prosa-Literatur im letzten Jabrhundert der Republik.235 Dritter Zeitraum. Rom unter Kaisern (30 v. bis 476 n. Chr.). Erster Abschnitt. Die Zeit des Prin- zipats (30 v. bis 284 n. Chr.). 236 I. Von Augustus bis auf Vespasi- anus (30 v. bis 69 n. Chr.) 237 Seite A. Časar Augustus (30 v. bis 14 n. Chr.).237 B. Die Klaudier (14 — 68) . . 242 C. Verfassung, soziale Zu- stande u. Romanisierung 243 II. Von Vespasianus bis auf Sep- timius Severus (69—193) . 245 A. Die Flavier (69 — 96) . . 245 B. DieAdoptivkaiser(96 — 180) 247 III. Von Septimius Severus bis auf Diocletianus (193 — 284) . 250 A. AUgemeine Zustande des Reiches.250 B. Einzelne vvichtigere Kaiser dieses Abschnittes . . 253 Zweiter Abschnitt. Die Zeit der absoluten Monarchie (284 — 476). 254 I. Diocletianus (284 — 305) und dieThronkampfe nach seiner Abdankung (307 — 324) . . 254 II. Constantinus der GroBe (324 bis 337). 256 III. Vom Tode Konstantins bis zum Tode des Theodosius (337 — 395). 258 IV. TJntergang des vvestromischen Reiches (476). 259 V. Kultur.260 VI. Ende des Altertums; Fort- leben der Antike .... 263 LDinleitving. 1. Begriff der Geschichte. Die Geschichte erzdhlt die wich- tigsten Ereignisse aus dem Leben des Menschengeschlechts in ur- sdchlichem Zusammenhang nnd zeitlich geordneter Reihenfolge. BeschrSnkung des Stoffes. Das Menschengeschlecht, dessen Entwicklnng der Gegenstand der Geschichte ist, zerfallt in pliysi- scher Beziehung in Rassen, iiber deren Zalil die Anthropologen nicht einig sind, nnd in sprachlicher Beziehung in Sprachstdmme und Volker. Kur diejenigen Volker iver den eingehender beliandelt, vvelche selbst Geschichte gemacht, d. h. auf den Gang der mensch- beitlichen Entvvicklung in hervorragender Weise eingewirkt liaben. Diese Volker nennen wir KuUurvolher; die kulturlosen Volker (Fischer- und Jagervolker, Komaden) werden nur dann beriicksich- tigt, wenn sie die Kreise der Kul tur volker gestort liaben. Da die Volker des ostasiatischen KulturTereises (Chinesen, ■Fapaner) auf die Entwicklung der abendlandischen Kultur keinen EinfluB geiibt haben, werden sie in unserer Darstellung der Ge¬ schichte , die sich nur mit der Entvvicklung der abendlandischen Kultur befaBt, iibergangen. Aber auch aus dem Leben der iibrigen Kulturvolker konnen nur diejenigen Ereignisse beriicksiehtigt wer- den, die unsere staatlich-gesellschaftlichen Verhaltnisse dauernd oder doch fiir langere Zeit bedeutsam beeiniluBt haben. 2. Begriff des Kulturvolkes. Die Kennzeichen eines Kultur- volkes sind: aJ geordnete staatliche Verhaltnisse (Monarchie oder Republik) ; b) der Betrieb von Viehzucht, Ackerbau, Gewerbe, Ilan- del und geistiger Tatigkeit; c) die Gliederung der Bevolkerung in Stiinde (Bauern, Gewerbsleute, Beamte u. s. w.); d) hoher ent- wi okel te religiose Anschauungen; e) mehr oder vveniger bedeutende Leistungen in der Literatur und Kunst. 3. Quellen; historische Kritik. 1 Ungleich dem Katurforscher, dem die eigene Beobachtung den Stoff seiner Untersuchungen bietet, 1 E. Bernheim, Lehrbuch der historisclien Methode, 4. Aufl., Leipzig 1903. ^eehe, Geschichte des Altertums. 1 2 Einleitung. ist der Gesehichtschreiber fast durcliaus auf fremde Berichte und auf Uberreste aus vergangenen Zeiten (z. B. Bauten, Gerate, Miinzen, TTrkunden) — beide werden Quellen genannt — an- gewiesen. Seine Darstellung hangt von dem mehr oder weniger er- giebigen FlieBen dieser Qiielleii ab. Bevor der Iiistoriker die gescliichtliche Darstellung auf Grund der vorhandenen Quellen beginnt, muB er sich iiber deren Glaub- wlirdigkeit Klarheit verschafft haben. Die Untersucbung der Glaub- wiirdigkeit der Quellen heiBt historische Kritik. Hiebei kommt z. B. in Betracht, ob der betreffende Schriftsteller die erzahlten Er- eignisse wissen und bericbten komite, ob er sie wahrheitsgetreu dar- stellen wollte, ob eine Urkunde echt oder gefalscht ist, welche von mehreren Quellen, die abweichende Berichte geben, mehr Glauben verdient u. s. w. 4. Beginn des geschichtlichen Lebens der Volker. Die geschichtlichen Anfange aller Volker sind dunkel; im besten Falle haben wir dariiber Sagen. Die beglaubigte Geschichte eines Volkes kann erst mit seiner Kenntnis der Schrift beginnen, wenn nicht ein fremder Beobachter, wie z. B. Tacitus beziiglich der Germanen, uns dariiber Mitteilungen hinterlassen hat. Die Zeit vor der Kenntnis der Schrift gehort, von dem er- wahnten Ausnahmsfall abgesehen, nicht der Geschichte an und wird nur durch die Ethnographie und die vergleichende Sprachforschung beleuchtet. Die erstere bestimmt die groBere oder geringere Ver- wandtschaft der Volker nach Haiitfarbe, Schadelbildung und Kopf- haar, die letztere nach der Verwandtschaft der Sprachen unter der Voraussetzung, daB Volker, die sich venvandter Sprachen bedienen, auch untereinander verwandt sind. Die vergleichende Sprach- forsehung ist eine Wissenschaft des 19. Jahrhunderts; sie wurde von dem deutschen Gelehrten Franz Bopp begriindet. Durch diese Studien wurde z. B. die einstige Existenz eines indogermanischen Urvolkes festgestellt. 5. Einteilung der Geschichte. Man teilt die Geschichte ein: a) Kach Z eitabschnitten in a) das Altertum, das von d en altesten Zeiten bis zum Untergange des westromischen Beiches wahrt (476 n. Ohr.) ; der Schauplatz sind damals hauptsachlich die Kiisten- lander des Mittelmeeres; /SJ das Mittelalter , bis zur Entdeckung Amerikas (1492) ; der Schauplatz erweitert sich iiber ganz Europa; y) die Neuzeit , bis zur Gegenwart; alle zivilisierten Bander treten Einleitung. 3 in den Kreis der geschichtlichen Betrachtung ein. 1 — b) Xach dem Inhalt in a) politische Geschichte, welche die staatliclien Verande- rungen darstellt, und fi) Kultur geschichte, welche die Zustande und geistigen Errungenschaften der Vollcer behandelt. — c) Wach dem Umfang in a) Vniversalgeschichte, welche die geschichtliche Ent- wicklung aller Volker (in der oben angegebenen Beschrankung) und $1 Spezialgeschichte, welche die Geschichte eines einzelnen Volkes, Landes u. s. w. darstellt. 1 Die se Einteilung stammt erst aus dem 17. Jahrhunderte; friiher wwde die Geschichte nach Weltmonarchien (die assyrisch-babylonische, mediseh-per- sische, griechisch-mazedonische und romische Weltmonarehie) gegliedert. l* Die Geschichte der orientalischen Volker. Der Haupttrager der historischen Entwicklung ist die mittel- Idndische Rasse, die in drei groBe Sprachstamme: den hamitischen, ■semitischen nnd indogermanischen, zerfallt. In der genannten Reihenfolge treten sie in die Geschichte ein. Wiihrend der hamitische Sprachstamm, dem hentzutage besonders die Berber 1 2 3 angehoren, ein einziges Kulturvolk, die alten Agypter, aufzuweisen hat, zer- fallen die beiden anderen in mehrere Kulturvolker. Das dSTil- und das Enphratland sind, von China abgesehen, die beiden Ausgangspunkte der Kultur; in beiden Gebieten hat sicli, soviel wir wissen, die Kultur selbstandig entfaltet. Entscheidend fiir die friihe Kulturentivicklung in diesen Landern war ihre iiberajis groBe Eruchtbarkeit, wodurch friihzeitig Verdichtung der Bevolke- rung, Teilung der Arbeit und Gliederung in Stande veranlaBt wurde. Dasselbe gilt fiir die Gebiete am Hermus und am Maander in Klein- asien, fiir das Pandschab und das Gangesland in Indien. Die hamitischen Agypter. I. Zur Geographie Agyptens. 1. Lage und allgemeiner Charakter des Landes. Agypten hieB und heiht das Kiltal mit den begleitenden Bergziigen vom letzten Katarakte bei Assuan an bis zur Miindung des Stromes. Zwischen der Libyschen und der Arabischen Wiiste, dem Meere und dcmi letzten Katarakte gelegen, hat es die denkbar abgeschlossenste Lage; deshalb hat sich hier auch eine ganz eigenartige Kultur ent- wickelt. 1 E. Met/er, Geschichte des Altertums, 5 Bde., Stuttgart und Berlin lSSt bis 1902 (reieht bis zuni Tode des Epaminondas); W. Onckens Sammehverk: Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen, Berlin 1877 u. ff.; C. Wachsmuth, Einleitung in das Studium der alten Geschichte, Leipzig 1895; H. Kiepert, Lelir- lmch der alten Geographie, Berlin 1879. 3 Berber ist die arabisehe Umbildung des Wortes barbari. So nannten die Komer die Bewohner des nicht agyptischen Afrika, die Libyer. Wie in der altesten Zeit, trennt das Mittelmeer auch in der Gegenwart noch die drei Sprachstamme voneinander. Die Agypter. 5 2. Physische Beschreibung und Einteilung des Landes. Agypt§n, das schmalste Land der Erde, hat im allgemeinen ein nur 15 bis 18 km breites Kulturgebiet, das au Flachenraum Tirol (Belgien) gleicbkommt. Da das Land, in der Zone der Passativinde gelegen, nnr sebr wenig Kiederschlage erhalt, beruht seine Fruclit- barkeit einzig und allein auf dem Nil , der es infolge der tropischen Regengiisse alljahrlicb iibersehwemmt und dadureh befruchtet. Herodot (5. Jahrh.) nennt dalier mit Redit Agypten ein Geschenk des Nils. Der Strom spaltet sich unterbalb Kairo in mebrere Arme, die ein groBes Deltaland einschlieBen; von diesen Armen sind lieut- zutage infolge Versandung nur zwei: die von Bosette und von Damiettte, von Bedeutung, ivahrend im Altertume sieben groBere Miindungsarme untersdiieden wurden. Das Land zerfiel in Ob er- und Unterdgypten, jedes wieder in eine Anzahl Gaue; das erstere reiebte nordlicli bis unterhalb des Fajums , des einzigen frucbtbaren Landstriches abseits des jSTiltales. Die Hauptstadt Oberagyptens war Theben, die Dnteragjptens Memphis 3 im Delta gewann Sais die hervorragendste geschiditliche Bedeutung. II. Die Geschichte der Agypter. A. Die Quellen. DaB die Gesdiichte der Agypter bis ins vierte Jalirtausend vor Christus zuriick verfolgt \verden kann, ist durck ihre friihe Kenntnis der Sclirift sowie durch die Erbaltung zahlreicher Denkmaler be- dingt. Die Kacbrichten der Griecben werden erst seit dem 1 . Jabr- hunderte wertvoll. 1. Die agyptische Schrift. a) Ilir Charakter. Den Agyptern verdanken rvir die Erfindung der Buchstabenscbrift, eine der groBten menschlicben Taten liberhaupt. Ihre Schrift, die wir mit gnecbischem Worte Hieroglyphen nennen, finden wir schon auf den altesten Denkmalern als Buchstaben schrift ausgebildet. Ibrem Ur- sprunge nach ist sie ivabrscheinlicb eine Bilderschrift (auf diesem Standpunkte steht noch jetzt die chinesische Schrift), indem man anfangs den Gegenstand, den man meinte, durch das entsprechende Abbild bezeichnete. Eine Erinnerung daran ist wol)l der Umstand, ei Xen. Anab.I, 7, 3; II, 5, 38. 42 Wiederholung und AbsehluB. diesen Landern aus hat sie sich immer Aveiter verbreitet. Jede Schrift ist urspriinglich \vahrscbeinlich eine Bilderschrift gewesen (S. 5, 14, 28). 4. ) Die Anfange kiinstlerischer Ausschmiickung finden Avir in der Weberei und Topferei. Der Avichtigste Fortschritt in der Ge- schichte der Kunst ist, daB sie in den Dienst der Religion tritt, indem sie Tempel und Gotterbilder schafft. 5. ) Die Baukunst entAvickelt sich friiher als die Plastik und Malerei; ihre Formen sind durch die Art des Baumaterials be- dingt (S. 10, 17, 34). 6. ) Die Ausgangspunkte unserer Kultur sind Tieflander an groBen Fliissen geAvesen (S. 4, 12) ; dagegen ist in Amerika die Kultur ein Kind des Hochlandes (Mexiko, Peru). 7. ) Der Priesterstand, der aucli Trager der Bildung und des Wissens Avar, hatte im Orient einen sebr groBen EinfluB (S. 9, 17, 31, 38). 8. ) Minder entAvickelte (nomadische) Volker iiberfallen nicht selten Kulturvolker und maclien sie auf langere oder kiirzere Zeit von sich abhangig (S. 7, 14, 24). 9. ) Die Geschichte des Orients zeigt uns besonders die Ab- hangigkeit eines Volkes von dem Bande, das es beAVohnt (S. 9, 11, 12, 19, 30, 31, 35). 10. ) Kulturnationen beeinflussen sich gegenseitig (S. 7, 11, 18, 21, 22, 27, 37, 40, 41). 11. ) Bei allen Volkern des Altertums findeiiAvir die Sklaverei; sie ist in der Hegel durch UnterAverfung der besiegten Bevolkerung entstanden. 12. ) Aus Asien stammen die meisten unserer KulturgeAvachse und IBaustiere; so a) Weizen, Gerste, Reis, Hiilsenfriichte, Flachs, Agrumi (Limone, Orange), Kirsche, Aprikose, Pfirsich, Olbaum, Mandel, Dattelpalme; h) Ilind, Schaf, Ziege, Esel, Kamel, Huhn, Taube, Fasan, Pfau. 13. ) Die eigentliche Vernichtung der orientalischen Kultur er- folgte erst durcli die Mongolen im 13. Jahrhunderte. 14. ) Die Summe der materiellen Kultur des Orients iiber- nahmen die Griechen; auch ihre geistige Entvricklung Avurde vom Orient nicht unbedeutend beeinfluBt. Sie sind die Trager der fer- neren geschichtlichen EntvuicMung. Die Griechen. Zur Geographie Griechenlands . 1 I. Name mul horizontale Gliederung. 1. GroBe des alten Griechenland. Als Griechenland (EU.dg) in geographischem Sinne bezeichneten die alten Griechen den siid- lichen Teil der Balkanhalbinsel (im allgemeinen siidlicb vom 40.° n. B.), in ethnographischem, Sinne alle von Griechen bewohnten Landschaften nnd Inseln. Hellas reichte im Norden etwas weiter als das hentige Griechenland und umschloB bedeutend mehr Inseln; es war etwas groBer als Galizien. 2. Horizontale Gliederung. a) Allgemeiner CharaJder. Grie¬ chenland ist das reichsl gegliederte Land der Erde; hiebei ist zu be- merken, daB der Osten nnd Siiden reicher gegliedfert sind als der Westen und jSTorden. Im Gegensatze zu Agvpten, Mesopotamien und Indien ist Griechenland das aufgeschlossenste Land der Erde: kein Punkt des Peloponnes ist iiber 52, keiner in Mittelgriechenland iiber 60, keiner in Nordgriechenland iiber 102 hm vom Meere entfernt. Ben Griechen war daher das Meer ein vertrautes , kein gefurchtetes Element. b) Natiirliche Dreiteilung des Landes. Dadurch, daB zweimal von beiden Seiten her unter gleicher Breite das Meer Einschnitte bildet, zerfallt Griechenland von Natur in drei Teile: Nord-, Mittel- und Sudgriechenland oder Peloponnes (Morea). Die beiden ersteren Teile werden -durch den Ambracischen und Malischen Meerbusen (Golfe von Arta und Zeituni), die beiden letzteren durch den Ko- rinthischen und Saronischen Meerbusen (Golfe von Lepanto und Agina) voneinander getrennt. Ber Peloponnes hing durch die 6 Jem breite Landenge von Korinth mit dem iibrigen Griechenland zu- sammen und zerfallt wieder durch den Argolischen , Lahonischen und Messenischen Meerbusen (Golfe von Nauplia, Marathonisi und Koron) in vier Halbinseln, was ihm die Gestalt eines Maulbeerblattes verleiht. Bie tief einschneidenden Meerbusen sind dadurch ent- 1 Hauptsfichlich naoh K. Neumann und J. Partsch, Physikalische Geographie von Griechenland, Breslau 1885; A. Philippson, Das Mittelmeergebiet, Lei]>zig 1904. 44 Die Griechen. standen, dab ein grober Teil des Landes seit der Tertiarzeit in die Tiefe gesunken ist. Die zahlreichen Erdbeben an fast allen Kiisten des Mittelmeeres beiveisen, dab daselbst die tektonischen Be- wegungen noch nicht abgesclilossen sind. II. Vertikale Gliederung. 1. Allgemeiner Charakter. Griechenland ist fast durchaus ein felsiges Gebirgsland, das groBtenteils ans Ivalkstein besteht. Da es, vom 01ymp abgesehen, in den hochsten Teilen nur 2400 bis 2500 m erreicht, geliort es fast ganz dem Mittelgebirge an. Infolge zalil- reicher, sich kreuzender Gebirgsziige zerfallt es in eine IVIenge ab- gescblossener Landscbaften von meist geringer Ausdehnung. Die Ivarsterscheinungen, wie unterirdiscbe Flublaufe, abflublose Ploch- ebenen, periodische Seen und Dolinen, sind dem Lande eigentiimlich. 2. Die grieehisehen Gebirge. Wie in der Balkanhalbinsel iiber- liaupt, unterscheiden wir auch in Griechenland zwei Kichtungen der Gebirge: eine, nnd zwar weitaus iiberwiegend, zieht von Vordwesten nacli Siidosten und eine, mehr in kurzen Querziigen, von Westen nach Osten. Die erstere Bichtung bildet die Fortsetzung des Dinari- scben Daltengebirges; sie ist besonders im Westen vertreten und fiillt den groberen Teil Griechenlands aus. Aber auch an der Ost- seite finden wir eine mit dem 01ymp beginnende, nach Siidosten ziehende Gebirgsbildung, die jedoch durch Meerbusen ofter unter- brochen wird. Die wichtigsten einzelnen Gebirgsziige sind: a) In Nordgriechenland. Ungefahr am 40. Breitengrade be- ginnt der Pindus, der mit Gipfeln bis 2300 m als Wasserscheide zwischen dem Adriatischen und dem Agaischen Meefe nach Siiden zieht. An seinem nordlichen Ende setzt sicli das Kambunische Ge¬ birge an, das in nordostlicher Bichtung streicht und mit dem schluchtenreichen Olymp (fast 3000 m, hochster Berg Griechen¬ lands) in Verbindung steht; an ihn schlieben sich Ossa und Pelion an. Vom Siidende des Pindus zieht der Othrys in ostlicher Bichtung bis ans Meer. b) In Mittelgriechenland. Hier finden wir einzelne, lose mit- einander zusammenhangende Bergziige, der en ivichtigste sind: a) der Oeta, parallel mit dem Othrys; er endet nahe dem Meere mit einer steilen Eelswand, zwischen welcher und dem Malischen Golfe der Engpab der Thermopylen lag, der infolge von Elubanscluvemmungen Geographie Griechenlands. 45 nicht mehr existiert; /J j der doppelgipflige ParnaB (hochster Gipfel 2460 m), an den sich die niedrigen Ziige des y) Helikon, d j Citharon und e) Parnes anschliefien. c) Im Peloponnes. Mit Ausnahme von Argolis gehort er ganz dem Dinarischen Gebirge an. Die Mitte des Peloponnes nimmt die Landschaft ArTcadien ein; sie fallt nach Vesten und Norden stufen- formig ab und entsendet nach Siidosten zwei parallele Kettengebirge, den Taygetus und den Parnon. In Argolis streichen die Bergziige von Vesten nach Osten; es gehort daher dem ostgriechischen Systeme an. d) Die Inseln. Auch die Inseln, die schon nach der Richtung ihrer Aneinanderreihung als losgerissene Teile des Festlandes er- scheinen, sind durchaus gehirgig. hioch in der Tertiarzeit war Griechenland iiber die Cykladen hin mit Kleinasien verbunden. 3. Das Tiefland. Es ist in sehr geringer Ausdehnung vor- handen. Die groBte Ebene ist die thessalische, ihr folgt an Aus¬ dehnung die lootische, die teilweise vom Kopais-See ausgefiillt war. Beide Ebenen sind wichtige Schlachtfelder. III. Hydrographie. Griechenland besitzt Tceine groBen Flusse. Dies ist durch die geringe Ausdehnung des Landes, die zahlreichen Bergziige, welche die Entwicklung langerer FluBlaufe hindern, und den Karst- cbarakter der Kalkgebirge bedingt. Each starken Gewittergiissen schwellen die griechischen Flusse rasch an und iiberfluten die Ufer, versiegen dagegen im regenarmen Sommer; sie sind mehr ein bTach- teil als ein Gewinn fiir das Land. Die sechs wichtigeren Fliisse sind: der Peneus in Thessalien mit dem wegen seiner uppigen Viesen und Valder beriihmten Durchbruchstale Tempe zwischen 01ymp und Ossa; der Achelous im westlichen Mittelgriecbenland; der Cephisus in Bootien; der Eurotas in„Lakonien; der Pamisus in Messenien und der Alpheus in Elis. IV. Klima uud Produkte. 1. Das Klima. Das Klima Griechenlands ist, wie das Mittel- meerklima iiberhaupt, durch eine TiohereJahrcstemperatur und einen duBerst trochenen Sommer gekennzeichnet. 1 In allen Teilen des 1 Das gilt nur ftir das Tiefland nahe am Meere; auf diese Striche ist daher auch die eigentliehe Mittelmeerflora besehritnkt. Die Trockenlieit des Sommers wird durch das Vorherrschen der Nordivinde veranlaBt. 46 Die Grieehen. Landes fallt Scknee, er bleibt aber nicht einmal auf dem 01ymp das gaeze Jahr liber liegen. Der bedeutende Hohenunterschied im Innern bewirkt selbst bei geringer Entfernung sehr merkliche klima- tische Verschiedenheiten; so ist zu derselben Zeit in der Entfernung einer TagreiseWinter im siidlicken Arkadien, Friihling am Eurotas, Beginn der Ernte in der Messenischen Kiistenebene. Die regen- reicbste Zeit ist der Herbst und ein Teil des Winters, nnd zwar erhalten die westlichen Landscbaften wegen der herrscbenden West- winde viel mehr Niederschlage als die ostlichen. 2. Die Produkte. Griechenland erfreut sich Jceiner hervor- ragenden Fruchtbarheit; denn da der Kalk nicht leicht verwittert, ist der Boden iiberwiegend wenig ergiebig. Am fruclitbarsten sind wegen der Schlammablagerungen diejenigen Gegenden, die einst von Seen ausgefiillt waren, wie die Tieflandschaften von Thessalien und Bootien, ferner die Miindungsgebiete der Fliisse, soweit sie nicht versumpft sind, dann die Alluvialebenen von Eleusis, Athen und Marathon und ein Teil des Peloponnes. a) Das Mineralreich. Im allgemeinen ist der griechische Kalk- boden an mineralischen Schatzen arm; nur im Osten kommen Metalle und namentlich Marmor vor. b) Das Pflanzenreich. Das Band war auf die Einfuhr von Getreide angewiesen. Der vorherrschende Kulturbaum war schon im Altertume der Olbaum, daneben waren besonders der Weinstock und die Feige wichtig. Die feineren Obstsorten, wie Pfirsich, Aprikose, die Agrumi, wurden den Grieehen erst spater oder gar nicht bekannt. Schon Alt-Griechenland liatte Mangel an Wald, weshalb namentlich Schiffbauholz eingefiihrt wurde. Die haufigsten Wald- baume sind mehrere Arten immergriiner Eichen und die Buche; grof) ist die Zahl der Straucker und des Gestriippes. c) Das Tierreich. Infolge des mageren Bodens waren von jeher Schaf- und Ziegenherden besonders wichtig, dagegen trat die Zucht des Rindes und des Pferdes mehr zuriick; das Meer war sehr er¬ giebig an Fischen. V. Einfliisse des Landes auf den Charakter und die Entwicklung des Volkes. 1.) Die reiche Kiistengliederung und die zahlreichen Inseln lenkten friih die Blicke des Volkes auf das Meer und begiinstigten die groBartige griechische Kolonisation. Geographie Grieehenlands. 47 2. ) Die chirch die zahlreichen abgeschlossenen Landschaften bedingte Schwierigkeit des Landverkehres und die leicbte Verteidi- gungsfahigkeit ersterer rief den Geist des Partilcularismus (vgl. die Schweiz) und d as Entstehen zahlreicher kleiner Staatswesen hervor. 3. ) Die.gr ofie Abvuechslung der Bodenformen und die Mannig- faltigheit der Erzeugnisse auf engem Raume, bei ganzlicliem Mangel an Wiisten und ausgedehnten Hochebenen, steigerten die von Natur lebbafte Phantasie des Volkes. 4. ) Der vvenig ergiebige Boden erzog die Griechen zu einem arbeitsarnen und geniigsamen Volke (Hauptnahrung waren Gersten- brot und Oliven). 1 Der strenge Gegensatz der Jahreszeiten liartet den Siidlander uberhaupt mehr ab; bei geringeren Bediirfnissen bleibt ibm mehr MuBe fiir Nichtstun, Spiel und Geselligkeit. 5. ) Da der Osten Grieehenlands mehr begunstigt ist durch das Vorkommen von Marmor und Metallen, die bessere Iviistengliede- rung, den Reichtum an guten Idafen 2 und die groJBere Anzahl von Inseln, so sind die eigentlich historischen Landschaften im Osten gele g en. 6. ) Der EinfluB der Natur auf die verschiedene Ausgestaltung der Gotterbegriffe in den einzelnen Landschaften wird bei der Re- ligion besprochen werden. VI. Zur Topographie. 1. Das Festland. Nordgriechenland enthielt zwei durch den Pindus voneinander getrennte Landschaften: das fruchtbare Thessalien und das rauhe, uberwiegend von Illyriern bewobnte Epirus, das die ILellenen gar nicht zum eigentlicben Griechenland rechneten. In Mittelgriecbenland lagen neun Landschaf¬ ten: Akarnanien, Atolien, das ivestliche Lokris, Doris, Phozis, das ostliche Lokris, Bootien, Attika und Megaris. Der Peloponnes zerfiel in die sechs Landschaften: Achaia, Elis, Messenien, La¬ komen, Argolis und Arkadien. 1 Das griechische Festland war in der Bliitezeit des Volkes etwa von 4y 2 Mil- lionen, also doppelt so stark wie heutzutage, bewohnt; sie konnten nur durch den eifrigen Betrieb von Gewerbe und Handel ernahrt werden. (70 auf 1 hm 2 -) Aus Brot, allenfalls mit Zvriebel oder Knoblaueh, besteht auch jetzt noch haufig die ganze Mahlzeit des Armen im Mittelmeergebiete. 2 An der Westkuste haben nur Patra und Pylos gute Hafen; der Westen hat auch Klippen, Lagunen und ein weniger gesundes Klima. 48 Die Griechen. Bi s um 1000. 2. Die Inseln. Im Westen liegen die Jonischen Inseln, im Osten im AnschluB an die Richtung von Euboa, Attika und Argolis die Gykladen, ihnen gegeniiber an der asiatischen Ernste die Sporaden und im Horden die Inseln des Thrazischen Meeres. Abgeschlossen wird der Archipel durch das langgestreckte Kreta. Erster Zeitraum . 1 Von den altesten Zeiten bis zum Schlusse der Wanderungen, etwa Ms 1000; das Heroenzeitalter. I. Name und Einteilung des Volkes. 1. Naine und Eimvanderung des Volkes; die Pelasger. Die Griechen hatten in der altesten Zeit, in der sie in zahlreiche Vollcer- schaften zerfielen, leeinen Gesamtnamen. Bei Homer, der altesten und wichtigsten Quelle fiir diesen Zeitraum, heiBen die Griechen iiberwiegend Achder, nach dem machtigsten Stamme, oder Argiver, nach den Bewohnern des bedeutendsten Beiches (Argos), oder Danaer, nach dem mvthischen Stammvater der Argiver. Der Hame Hellenen war urspriinglich nur auf einen Teil der Bevolkerung Thessaliens beschrankt und ging erst allmahlich (nicht vor dem 7. Jahrhundert) auf das ganze Volk iiber. Die Homer nannten das Volk Graeci (daher Griechen), wahrscheinlich nach einem einzelnen Zweige der Hellenen, der um Dodona wohnte und ihnen deshalb friih bekannt wurde. Die Griechen sind in vorgeschichtlicher Zeit in die Balkan- halbinsel eingeiuandert. Sie waren damals im wesentlichen noch Hom a den und besaBen als indogermanisches Erbe eine Natur- religion, d. h. die Haturkrafte und ihre Tatigkeiten Avurden als AuBerungen gottlicher Wesen aufgefaBt. Den Hauptbestanclteil dieser Beligion bildeten die Kampfe der Lichtgotter gegen die Machte der Einsternis. 2 1 E. Curtius, Griechische Geseliichte (3 Biinde), 6. Aufl., Berlin 1887 ff.; A. Holm, Griechische Geschichte (4 Bande), Berlin 1888 ff.; E. Meyer (S. 4). 2 Als die beiden Wurzeln der heidnischen Religionen gelten jetzt die Scheu vor den Naturmacliten und die Verehrung der Seelen der Abgestorbenen (Almenkultus). Die erstere fiihrte dazu, alle Maturgegenstande, wie Baume, Steine, Tiere, gottlich zu verehren; so ivurde z. B. die argivische Hera als Kuh verehrt (Fetisehismus). Eine Erinnerung an diese Friihzeit der Religion be- rvahren die Attribute »eulenaugig«, „kuhaugig“ bei Atliene und Hera sowie der Umstand, daB den einzelnen Gottern verschiedene Tiere lieilig waren. Der Almenkultus ist jtinger als die Beseeluug der ganzen Natur (Animismus). Aus beiden TVurzeln ist erst die Annalime uberirdiseher, in den Naturkraften virksamer Wesen her^'orgegangen. Anfange ihrer Geschichte. 49 Die Griechen erzahlen, daB vor ihnen iiberall Pelasger gewolmt liaben; vermutlich waren sie ein griechischer Stamm. 2. Einteilung der Griechen in vier Stamme; ihre Wohnsitze. D as alieste Zeugnis uber Ursprung und Wesen eines Volkes ist nebst der Religion die SpracJie , die stets in Mundarlen zerfallt. In der griechisclien Sprache unterscheiden wir zwei Hauptdialekte, den doriscJien und den jonischen. Diejenigen Stamme, welche nicht dorisch und nicht jonisch sprachen, bezeichneten die Griechen als dolischj als ein Zvveig der Aolier werden die Achder angesehen. Wahrscheinlich erst im 7. Jahrhundert entstand die Deukolionsage, mn die nahe Venvandtschaft aller hellenischen Stamme zn erweisen 'und deren Namen zu erklaren. Dieser mvthische Stammbaum ist: Deukalion und Pyrrha Ilellen (Ileros eponymos Amphiktyon (Heros eponymos des griechischen Volkes) der Ampliiktyonien) Aeolus, Dorus, Xuthus Jon, Achaeus. Die Aolier nebst den Achdern bewohnten Thessalien, Mittel- griechenland, mit Ausnahme von Doris und Attika, ferner Achaia, Elis, Arkadien und die nordwestliche Kriste Kleinasiens; die Jonier Attika, die meisten Inseln des Archipels und die mittlere Westkiiste Kleinasiens; die Dorier den Peloponnes, sorveit er nicht aolisch war, die siidlichen Inseln des Archipels nebst Kreta und die siidwest- liche Kiiste Kleinasiens. II. Die Anfange der griechischen Geschichte. 1. Unsieherheit der altesten Geschichte. Auch die alteste griechische Geschichte ist sehr unsicher (S. 2), um so mehr, als wir die Verbreitung der Schreibkunst bei den Griechen kaum weit liber das Jahr 800 hinaufriicken- diirfen. Am meisten Licht fallt auf diese dunkle Zeit durch die Religion , die Sagen, sorveit sie urspriing- lich sind, und die Ausgrabungen Schliemanns, Homer gehort erst der Mitte des 9. Jahrhunderts an. 1 2 . Allgemeiner Charakter dieser Zeit. Die Priihzeit des grie¬ chischen Volkes miissen rvir uns als eine Zeit fortrviihrender Fehden and Kdmpfe zu Lande und zur See vorstellen. Aus diesem Grunde 1 E. Drerup , Homer, Miinchen 1903; Ch.IIarder, Homer, Ein Weg\veiser zur ersten Einfiihrung in die Tli as und Odyssee, Leipzig und Wien 1904. Zeehe, Geschichte des Altertums. 4 50 Die Griechen. lagen auch fast alle alteren Stadte Griechenlands auf oder an Iliigeln und Bergen. Eine Erinnerung an die allgemeine Unsicher- heit zu Lande diirfen wir wohl in der Erwahnung von Riesen und Unholden (vgl. Theseussage ) erkennen; der TJnsiclierlieit zur See machte angeblich Minos, Konig von Kreta, durch Aufrichtung eines groben Seereiebes im Agaischen Meere ein Ende. III. Die griecliische Religion. 1. Zusammenhang mit der indogermanischen Zeit. Mit voller GewiBkeit laBt sich nur beziiglicli zweier Gotter behaupten, daB ihre Namen aus der Urzeit stammen; es sind dies Zeus (— sanskr. Djaus = Jovis = Ziu) und Uranos (= sanskr. Varuna). TTnsere IIauptquelle fiir die Kenntnis der griechiscben Religion ist Ilomer; er wird vielfach erganzt durcb den zweitaltesten Dicbter Hesiod (um 800). 2. Grobe Mannigfaltigkeit der religiosen Anscliauungen nach Zeit und Ort. Aucb die griechisehe Religion hat eine Ent- ivicldung durchgemacht; es dauerte lange, bis an Stelle der Natur- bedeutung der Gottbeiten die von moralischen Wesen trat, die einen machtigen EinfluB auf das Leben der Menscben ausiiben. Mit der Entwicklung des Volkes erhielten die Gotter einen reineren, sitt- licben Charakter; anderseits traten Gotter, die in der alteren Zeit besonders verehrt worden waren, zugunsten jiingerer mebr zuriick. In den einzelnen Landscliaften wurdc der eine oder der andere Gott ganz besonders verehrt. Auf die verschiedene Auffassung eines und desselben Gottes iibten die klimatischen und meteorologischen Ver- haltnisse der einzelnen Landscbaften einen sehr bedeutenden Ein- lluB aus. So erscheint Zeus im Kultus des regenreichen Dodona als ein gewaltiger Gewittergott, im trockenen ostlichen Griechen- land aber, z. B. in Atben, als ein verschlingender Gott der Diirre. 1 A. Die Entstehung der Welt und der Gotter; die Bedeutung des Epos fiir die Religion. Mach Ilomer entstand die Welt aus dem Okeanos, „dem Ur- sprunge der Gotter und alles Daseins“; 2 nach Hesiod aus dem Ohaos, dem allumfassenden Raume. Bei ihm finden wir zuerst die Mytbe vom goldenen u. s. \v. Zeitalter. 1 In Mitteldeutschland reeimet man jahrlieli 10 bis 14, in Athen 79 wollten- lose Tage. 2 11. XIV, 201. Ikre Religion. 51 Vom Okeanos stammen die finsteren Machte, die Titanen, ab, unter denen Kronos und Rhea als Eltern des Zeus, Poseidon und Hades besonders zn erwahnen sind. Diese drei Briider haben die Herrschaft im Himmel, im Meere und in der llnterwelt unter sich geteilt. Der lichte Himmelsgott Zeus stoBt die finsteren Titanen ins Reich der Finsternis, den Tartarus, hinab (S. 29) ; ebenso werden die frevelhaften Giganten, urspriinglich vielleicht die vulkanischen Krafte, wegen ihrer Frevel vernichtet. In diesen Kriegen ist die Erinnerung an die uralten Kampfe zwischen den lichten und finsteren Gottern erlialten, aber bei dem Mangel von iiberwaltigen- den Uaturereignissen in Griechenland (im Gegensatze zu Iran und Indien) wesentlich gemildert, der Kampf selbst fiir immer beendet. Von Zeus und seiner Gemahlin Hera stammen die wichtigsten iibrigen Gottheiten als Sobne und Tochter ab. Die Feststellung dieses Verwandtschaftssystems enthalt die Theogonie Hesiods. Da der Ileldengesang die Gotter ins menschliche Treiben hin- einzog, muBten die Dicbter die friiber mebr unbestimmten Gotter, deren urspriinglicbe Uaturbedeutung nocb teilweise in den ihnen von Ilomer beigelegten Attributen zu erkennen ist, zu scbarf be- grenzten Wesen mit bestimmten Eigenschaften umgestalten. Das von ihnen ent\vorfene Bild blieb den Gottern im \vesentlichen in der ganzen Folgezeit. 1 B. Die Hauptgottheiten. Die Griechen teilten ibre Gottheiten nach dem Wohnort ein in solcbe des Ilimmels (ol Oi odvim, ’ OhUunoi, ol arco, ibr Sitz ist der 01ymp), desWassers (ni d-alaooim) und der Erde nebst derUnterwelt (ni yt)onoi v.a l Y.axa%d6noi). Aus der unbegrenzten Zalil von Gott¬ heiten hoben sie nach Homer secbs Gotter und sechs Gottinnen als die hochsten hervor; es sind dies: Zeus und Hera, Apollo und Arte- mis, A res und Aphrodite, Hermes und Athene, Hephaestus und llestia, Poseidon und Demeter. 1. Die Gottheiten des Hiinmels. Unter ihnen ragen Zeus, Athene und Apollo ganz besonders hervor (haufige Gebetsformel bei Homer: „II6re mich, Vater Zeus und Athene und Apollo!“). a) Zeus. Physische Bedeutung. Er ist der allgemeine Himmels- und Wettergott. Bei Homer heiBt er der Wolkensammler (vscpeXriye- Q£ra), der Schwarzumwolkte (v.elcuvtcprjc;) etc. „ 1 v gl- Her. TI, 23: 8 { (Ilomer und Ilesiod) etat ot 7tot7jaavie? a'EOYovtr]V 52 Die Griechen. Ethisclie Bedeutung. Er ist der oberste der Gotter (Vecov vnazog mi «^tffrog),Yater der Gotter und Menschen (nazr^ dvdgdiv ze Aecdv zt). Die wichtigsten Einriclitungen des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens stehen unter seinem Schutze. Die Konige heiBen „von Zeus entstammt“ (dioyeve1g) ; er schiitzt die Rats- und Volksversamm- lungen (Zevg ftovlaiog, dyoQcdog), er ist Dl er Hiiter des Hauses (igmiog), der Scbirm der SchutzfLehenden (r/Jaiog) und der Fremd- linge (igtviog), er entscheidet im Kriege ( zauiceg notegoio). Verehrung. Eine uralte Kultusstatte des Zeus war Dodona, wo eine alte Eiche, an deren FuB eine Quelle entsprang, den Mittel- punkt seiner Verehrung bildete. Im Kauschen der Blatter dieses heiligen Baumes glaubte man die Stimule des Gottes zu vernehmen, der damals noch im Freien, ohne Abbild, verehrt wurde. Damit war auch das alteste Orakel, ein Zeichenorakel 1 , verbunden. Hauptfest- feier zu seinen Ehren waren die olympischen Spiele. Ihm war der Adler, der Konig der Vogel, heilig. Darstellung des Gottes. ISTaclidem man sich liingere Zeit jnit einem Symbole des Gottes, z. B. einem Steine oder Pfahle, beholfen liatte, schritt man zur bildlichen Darstellung, deren beriihmteste die Gold-Elfenbein-Statue des Phidias (5. Jahrh.) in Olympia war. Wir kennen sie nur durch elische M/iinzen. Der Gott war als Konig dargestellt, auf einem Throne sitzend, mit dem Zepter in der Hand, voli Erhabenheit und Kuhe. 2 Das schonste erhaltene Zeusbild ist die Biiste von Otrilcoli (im Vatikan), etwa ein Jahrhundert naeh Phidias geschaffen, die in einer romischen Hachbildung auf uns ge- kommen ist. Seine Gemahlin ist Hera, die regenspendende Himmelskonigin und Beschiitzerin der Ehe; das beriihmteste Bild dieser Gottin ist der Kolossalkopf der Hera Ludovisi in Rom. b) Pallas Athene. Sie ist ursprlinglich die Gottin der Geiuitter- ivolke und insbesondere des Blitzes (IJallag = die den Blitz Schwingende). Deshalb kampft sie mit den bosen Geistern, denen sie den Kegen entreifit, und tragt die Agis, das Bild der Gewitter- wolke, das von Sehlangen (— Blitzen) umringelt ist. Da das Gevitter bei den Indogermanen iiberhaupt als Kampf zwischen den lichten und den finsteren Machten aufgefaBt wird, wurde sie zur Gottin des Krieges (deshalb ist sie auch die Vor- 1 0(1. XIV, 327 u. 328. — 2 I). I, 528—530. Ihre Religion. 53 kampferin == 7VQogaypg), die den Eeldherrn mit Geistesgegemvart ausriistet. Entsprechend der Anschauung, dafi die Wolken Gespinste seien, faBte man sie auch als Gottin des Spinnens und Webens und schoner, iveiblicher Handarbeiten im allgemeinen ( eQydvr /) auf. End- lieli ward sie die Gottin der Weisheit. Sie wurde besonders als Schutzgottin der Stadt Athen verehrt (nohag). Bas Fest der gr o Ben Panathenden, bei dem der Gottin in feierlicher Prozession ein Peplos dargebracbt wurde, war die groBte religiose Feier in Atlien. Ihr waren der Olbanm und die Eule geiveiht. Sie wurde hauptsachlich als Kriegsgdttin mit Lanze, Scliild und Helm dargestellt. Die beiden beriihmtesten Bilder der Gottin schuf Phidias; die bekannteste erbaltene Statue heiBt Athene Ciiustiniani (im Vatikan). c) Apollo. Urspriinglicb ein Schutzgott der Iiirten und Herden, \vurde er spater ein Sonnengott, wie sein Beiname {(polbog — leuch- tend) beweist. Aucb er bekampft die Machte der Einsternis (Anollwv= Abwehrer), die er durch seine Pfeile, d. h. die Sonnein strahlen, besiegt. Ein solcber finsterer Geist war auch der Dracbe Pvthon, von dessen Bezwingung er den Beinamen „der P_ythier“ bat. Etbiscb aufgefaBt, ist er der Gott der geistigen KTarheit und sittlichen Reinheit. In ersterer Beziebung blickt er sogar in die Zukunft und wird daber der Gott der Weissagungj da die Dichter auch als Seber galten, ist er der Gott der DichtTcunst und des Gesanges, der Eiihrer der Alusen. In sittlicber Beziebung haBt und verfolgt er das Moralisch-Einstere, das heiBt das Verbrechen; des- balb verlangt er Siihne (vgl. Orestessage) und straft die Scbuldigen (vgl. iš iobe, die Seuche im Griecbenlager am Beginne der Ilias). Die Ilauptstatte seiner Verehrung war Delphi, wo aucb ein Spruchorahel des Gottes^ das berubmteste der alten Welt, bestand. Ihm zu Ehren wurden die delphiscben Spiele gefeiert, ertonten Saitenspiel und Gesang. Der'"Lorbeer war ibni heilig. Er wird als jugendlich-kraftiger Gott dargestellt; das berubmteste Bild von i hm ist der Apollo vom Belvedere im Vatikan. Die iibrigen Ilauptgottheiten konnen nur kurz erwahnt werden. d) Ilephaestus; pbjsiscbe Bedeutung: das Feuer, wesbalb er zum kunstreichen Schmiede wird. e) PLestia; physische Bedeutung: das Feuer, daber Mittelpunkt des hauslichen (Ilerd-)Kultus. f) Ar- temis, die Mondgottin; sie durcbzieht gleicb den Mondesstrahlen als kubne Jagerin die Walder. g) Ares, ursprunglich ivabrscheinlicb 54 Die Griechen. der finstere Gewitterhimmel, wird der Gott des Kampfgewiihles. h) Aphrodite, die Gottin der Schonheit und Liebe. i) Hermes , der Geist des Windes, wird spaterhin als der schnelle Gotterbote auf- gefaBt. 2. Die Gottheiten des Wassers. Unter ihnen ist der machigste Poseidon, der Gott des Meeres. Da in Griechenland Erdbeben iiber- aus haufig sind und das Meer iiberall tief eindringt, wurde er, wenn er sich regte, zum Erderschutterer ( tvvooipcuog ), weshalb er mit dem Dreizacke abgebildet wurde. Seine Gemahlin hieB Amphitrite. Seine Kultusstatten lagen besonders am Meere. Da die Phan- tasie der Griechen die Meereswellen mit hiipfenden Pferden ver- glich, wurde er, z. B. bei den isthmischen Spielen, durcb ritterliche Wettkampfe gefeiert. Ihm war das Pferd heilig. Die Griechen verehrten bei jedem Plusse und jeder Quelle eine Gottheit; der angesehenste EluBgott war Achelous. 3. Die Gottheiten der Erde und der Unterwelt. Da die Erd- gottheiten das Gedeihen der Pilanzen bedingen und diese ihre Wur- zeln in den SchoB der Erde senken, stehen die irdischen und unter- irdischen Gottheiten in engem Zusammenhange. Besonders wichtig sind: a) Demeter. Erspriinglich bedeutete sie die fruchtbare Erde, spaterhin wurde sie die Gottin des Ackerbaues und der damit ver- bundenen hoheren Gesittung (ihr Beiname tleopocpogog — Gesetz- geberin). b) Dionysus (Bacchus), der Gott des vegetativen USTaturlebens iiberhaupt, des Weines insbesondere. c) Ilades (Pluton), der Herrscher in der Unterwelt, nacli Homer 1 der verhaBteste aller Gotter. Das Leben in der Unterwelt erschien den Griechen als ein Schatten- oder Traumleben, so daB die Abgeschiedenen Schatten (Hdcola) genannt wurden. In diesem Scheinleben setzt der Tote seine Lieblingsbeschaftigung fort. Unter agyptischem Einflusse bildete sich die Vorstellung von drei Bichtern in der Unterwelt aus, die den Schuldigen an den Ort der Qual, den Tartarus, verweisen, wahrend die Guten ins Elysium gelangen. Wie wenig begehrenswert aber den Griechen das Leben im Elysium im Vergleiche mit dem irdischen Leben erschien, zeigt uns die Odyssee , 2 wonach Achilles lieber ein geringer Knecht auf der Obervvelt, als Herrscher iiber samtliche Schatten in der Untenvelt sein mochte. 1 n. IX, 159. — 2 XI, 490 u. ff. 55 Ileldensage. G. Allgemeine Auffassung der Gotter und ihre Verehrung; Stellung des Priesterstandes. Entsprecliend ihrem Volkschar akter und der Natur des Landes (S. 51) f akten die Griechen ikre Gotter als heitere Wesen, deren Leben als ein verklartes Abbild des menschlichen Treibens auf.. Dem- gemafi lebt Zeus im 01ymp mit den iibrigen Gottern, wie ein Konig auf Erden; minder wichtige Angelegenheiten entscheidet er selbst, wichtigere werden dem Rate der versammelten Gotter vorgelegt. Die Gotter essen Ambrosia und trinken Nektar, erfreuen sick an Gesang und Scherzen, vverden von menscklicken Leidensckaften bewegt, sind also keine sittliek-reinen Gestalten. Von Alter und Tod bleiben sie unberuhrt, docli ist ihre Wirksamkeit durck das Sckicksal (uoloa) besckrankt. Diesem Ckarakter der Gotter gemafS war auck ihre Verehrung, die hauptsachlich in Gebet, Opfern und Eestspielen bestand, heiter. Eine Ausnahme kievon machten die eleusinischen Oeheimnisse (Mysterien), die seit dem 7. Jahrhunderte zu Ekren der Demeter, Persepkone und des Dionvsus gefeiert wurden. Sie bestanden in Darstellungen aus dem Leben dieser Gottkeiten und in sjmbolischen Gebrauchen von teilweise dusterem, Ckarakter, die den Teilnehmern ein gliickliches Eortleben nack dem Tode in Aussicht stellten. Im Gegensatze zu den orientalischen Staaten haben bei den Griechen die Priester Jceine selbstdndige Stellung eingenommen, sind auck nicht Trager der Bildung geworden. Sie waren im wesentliclien Verwaltei‘ desTempelgutes und Hiiter des Gotterbildes; alle priester- lichen Amter standen unter der Aufsicht des Staates. IV. Die griechische Ileldensage; Tiitigkeit der Heroen. In innigem Zusammenhange mit der Religion stehen die altesten Bestandteile der grieckisclien Ileldensage; denn zahlreicke, allmahlich unverstandlick gewordene Beinamen von Gottern wurden zu selbstandigen Ilelden (Heroen). umgestaltet, z. B. Perseus, die Dioskuren u. a. Diese Sagen sind iiberaus zaklreich; sie gehoren ihrem Drsprunge nack verschiedenen Landschaften an und werden erst all¬ mahlich infolge des gesteigerten Verkehres Oemeingut des Volkes. Der Zeit nach sind uralte Bestandteile und solclie aus spateren Jahr- hunderten zu unterscheiden (S. 49); so erscheint z. B. die Zwolf- 56 Die Grieehen. zalil der Arbeiteu des Herakles erst im 7. Jahrhundert abgeschlossen, ivabrend Homer 1 nur das Abenteuer mit dem Hollenhunde kennt. Aus allen diesen Sagen gewinnen wir das Bild einer wilden Zeit voli Kampf und Raub, kiilmer Oeivalttaten und Untei'- nehmungen. Die bedeutendsten Sagenkreise sind: 1. Die Sagen Thessaliens. a) An den 01ymp versetzten die Griechen die Sagen von Orpheus und anderen heiligen Sangern, die Homer nocb nicht kennt. b) Die Kampfe der Lapithen (in der Ebene) mit den Cen- tauren, die am Ossa wohnten und halb als Mensch, lialb als Pferd gedacbt wurden — ein Lieblingsstoff der Plastik. c) Die Argonautensage. Hm Jolkus am Pagasaischen Meer- busen (jetzt Golf von Volo) saBen die aolischen Minyer, die miter der Leitung des Konigssohnes Jason auf dem Scbiffe Argo die gefabrvolle Fahrt nacb dem goldenen Vlies im fernen Sonnenland, an dessen Stelle man spater Kolchis setzte, unternahmen. Der Sage liegt die Vorstellung zugrunde, daB die Damonen der Diirre die wertvolle (goldene) Hegemvolke entfiihrt haben und die Licbtgotter zu ibrer Wiedergewinnung ausziehen (S. 29). 2. Die Sagen Attikas. Am wichtigsten ist die Sage von Tkeseus, dem Sobne des Konigs Ageus. Es wird ilirn besonders die Totung mebrerer Rauber und, Unholde, die Erlegung des Mino- taurus, eines ktenscben mit einem Stierkopf, auf Kreta und der Kampf mit den Amazonen in Attika zugeschrieben. Das erstere kann als Erinnerung an die Geivalttatigkeiten jener Zeit gelten, wogegen einzelne Manner schiitzend auftraten; die Erlegung des menschen- fressenden Minotaurus im kretiscben Labyrintbe kann als Ver- drangung des pbonizischen Baal-Molochdienstes, die Vertreibung der Amazonen aus Attika ebenfalls als Beseiligung eines asiatiscken Kultus aufgefafit iverden, insofern die Amazonen, welcbe bei Homer 2 als ein kriegeriscbes Frauenvolk im nordlicben Kleinasien erseheinen, auch als Priesterinnen im Dienst einer asiatiscben Gottin betrachtet werden, die zu Ebren dieser Gottin in Waffenriistung Tanze auffiibrten. Die Sage von der Eimvanderung des Kekrops nach Attika ist sehr jung, da sie nicht einmal den attischen Tragikern des 5. Jalir- hunderts bekannt ist. 1 II. VIII, 308. — 2 II. III, 189. Heldensage. 57 3. Die Sagen von Argos. a) Die Heraklessage. Herakles, den die Dorier zum Aknherrn ihrer Ivonige machten, stammt aus deni Geschlechte des Danaus; des letzteren Tochter, die Danaiden, stellen die Natur von Argolis dar, dessen durchlassiger Boden das Wasser immer wieder ver- schwinden lieB. Herakles faBten die Griechen als das Ideal eines Helden auf, der uniibertroffene Werke des Mutes ausfiihrte und sich zur Siilme fiir seine Freveltaten (z. B. die Ermordung seiner Kinder) freiwillig in den Dienst seines verachtlicken Vetters Eurystheus, des Konigs von Mjkena, begab, auf dessen Befehl er die zwolf Taten ausfiilirte, die ihn mit anderen Sagenkreisen in Beriihrung bracbten. Einige seiner Taten gestatten eine Erklarung durcli die Natur des griechisclien Landeš. Beim Orte Lema steht ein Karstberg, der Waser einschliirft. An anderer Stelle breclien infolgedessen machtige Quellen kervor, die das Land versumpfen und, wenn sie auch an einer Stelle verstopft werden, doch an einer anderen wieder hervor- sprudeln.Das sind die stets nachwachsendenHaupter Aev Lerndischen Hijdra. — Das Gebiet von Stymphalus wird ofter iiberschwenimt, wodurcli todliche Fieberluft entsteht (die mensehenfressenden Stym- plialischen Vogel, die Herakles totet, d. b. er entsumpft das Tal); noch jetzt zielit der dortige fischreicbe See zablreiche Wasservogel an. — Der Kampf mit dem FluBgotte Achelous deutet darauf kili, daB man dem Flusse durch miihsame Kampfe frucbtbares Land abgewann. b) Die Pelopssage. An Stelle der Herakliden traten spater als Her ren in Mykena die Pelopiden, die ihren Ursprung von Pelops, dem aus Kleinasien eingewanderten Sobne des Tantalus, ableiteten. Dieses Gescbleclit ist durch seine Greueltaten beriichtigt. Aus ibm stammt Agamemnon; sein Sohn Orestes ist sein Nachfolger in Mykena. Die Einzelheiten dieser Sage sind erst von den groBen attiscben Tragikern des 5. Jahrhunderts ausgebildet worden; dasselbe gilt von der Odipussage. 4. Die Sagen von Theben. In Bootien entstanden die beiden alI testen Staatswesen in Orchomenus (Sitz der Minjer) und in Theben (angeblich gegriindet von dem Phonizier Kadmus). In letzterer Stadt regierten die Kadmeonen, denen auch Odipus an- gehorte, der Morder seines Vaters und Gemabl seiner Hutter, der 58 Die Grieehen. das Ratsel der Sphinx loste. Nachdem er sich zur Strafe fiir seinen zweifachen Frevel geblendet hatte, fand er im Haine von Kolonus bei Athen Entsiihnung. Gleichwohl lastete der Gotterfhich auf seinen Nachkommen; seine beiden Soline toteten sich gegenseitig, seine Tochter Antigone wurde lebendig begraben. 5. Die Sage vom Troianischen Kriege. Im nordwestlichen Kleinasien entstanden friih zwei kleine Staaten der den Grieehen nahe verwandten Dardaner und Troer mit den Hauptstadten Dar- dania nnd Ilios oder Troia. Mit den Troern gerieten die Grieehen wegen der Entfiihrung Helenas, der Gattin des spartanischen Konigs Menelaus, in einen zehnjahrigen Krieg. Die Eiihrung des Heeres lag in den Handen Agamemnons, des Bruders des Menelaus. Die Stadt wurde endlich zerstort. 6. Odysseussage. Von den Helden, die nach der Zerstorung Troias der Sage zufolge zurliekkehrten, bestand die zahlreichsten Abenteuer der kluge Odgsseus, der er st nach 20jahrigen Irrfahrten in sein Inselkonigreich Ithaha zuriickkam. An seinen Namen kniipften die Grieehen alle moglichen Schiffermarchen; dariiber be- richtet die Odyssee, die aus einer Zeit stammen muh, in der den Grieehen die westlichen Teile des Mittelmeeres noch fast ganz un- bekannt waren. Mit Ausnahme der Odysseussage spielen alle diese Sagen, soweit das europaische Eestland in Betracht kommt, auf der Ostseite Griechenlands in fruchtbaren Talern oder Ebenen, wo wir demnaeh die altesten griechisehen Staatswesen anzunehmen haben. Die Existenz dieser alten Staatswesen ist eines der wichtigsten Resultate der Sage; es wird durch die Ausgrabungen Schliemanns bestatigt. V. Schliemanns Ausgrabungen und die nenesten Funde auf Kandia (Kreta). 1 1. Die Ausgrabungen in Troia. Schliemann suchte die ver- schollene Statte des Ilomerischen Troia an der S teile des spateren Neu-Ilion und deckte beim Hiigel Hissarlik (tiirkisch — Burgruine) neun Ansiedlungen auf, von denen jede folgende auf den Triimmern der alteren erbaut war. 2 Der merkwiirdigste Eund daselbst war ein Schatz von Gold: Diademe, Gefahe, Armbander u. s. w. 1 Nach K. Schuchhardt, Schliemanns Ausgrabungen, 2. Aufl., Leipzig 1891; M. Collignon, Geschichte der griechisehen Plastik, tlbersetzt von E. Thraemer und F. Baumgarten. 2 Bde. StraBburg 1897 u. 1898; Drerup, Homer. 2 Die altesten fiinf Ansiedlungen gehoren der vorgeschiehtliehen, die jiingsten drei der griechisch-romischen, die sechste der mykenisclien (Homerischen) Zeit au. Schliemanns Ausgrabungen. 59 2. Die Ausgrabungen in Mykena. Hier wurden sechs Graber mit 19 Leichen aufgefunden. Yor allem ivichtig ist ein reicher Fund von Goldgegenstanden, darunter sieben Gesichtsmasken; aufierdem wurden besonders Dolche aus Bronze mit eingelegten Goldornamen- ten (Lowenj agd, FluBlandschaft mit Papyrusstauden) ausgegraben. 1 3. Die Ausgrabungen in Orehomenus. Von dieser Stadt, die Homer als die reichste der Griechen bezeichnet, ist das sogenannte Schatzhaus des Minyas vorhanden, ein Rundbau, ahnlich dem ,,Schatzhause“ des Atreus in Mykena. Beide waren Konigsgraber. In der inneren Grabkammer fand Schliemann den Rest der Dečke aus Stein mit einem aus Bosetten und Spiralen gebildeten Belief- Ornamenie, das Wandgemalden in Grabern des agyptischen Theben 2 sehr ahnlich ist. Im „Schatzhause“ des Atreus waren die Wande mit Bronze-Ornamenten, teilweise auch mit skulptierten Alabaster- platten geschmiickt (S. 18). 4. Die Ausgrabungen in Tiryns. Die Burg dieser Stadt war von einer Mauer umschlossen, die aus fast unbehauenen, gewaltigen Steinblocken gebildet ist (sogenannte cylclopische Mauer; die cyldo- pische Burgmauer von Mykena besteht aus regelmabigen Blocken). Ilier legte Schliemann einen Palast bloB, dessen GrundriB, wie der mvkenische, mit den Hauptbestandteilen des Homerisclien Konigs- palastes iibereinstimmt. Als Wandschmuck entdeckte er in der Vor- halle des groBen Mannersaales (Megaron) einen mit blaugefarbtem Glasflusse gesclimiickten Alabasterfries (vgl. den Palast des Alki- noos 3 4 ) und ein Wandgemdlde, das der Steindecke vom Schatzhause des Minvas sehr ahnlich ist. 5. Die Ausgrabungen auf Kreta (Kandia). Die Ausgrabungen, ivelche in den letzten zehn Jahren auf Kandia vorgenommen wurden, haben eine iiberaus groBe Fulle von Bauresten, Wandgemalden und Werken der Kleinkunst (Gemmen, Vasen) zutage gefordert. Siid- lich von Kandia wurde an der Stelle des alten Knosos, der angeb- lichen Residenz des Minos/ ein groBartiger Palast aufgedeckt, dessen Wande mit Alabasterplatten geschmiickt waren. Dieser Palast mit seinen zahlreichen Gemachern ist vielleicht das Labyrintli der Sage; sehr oft ist an den Wanden der Stier dargestellt (vgl. Mino- 1 11. XI, 46 u. Od. III, 304 : 7;oluy pu(TO[o l]'jxr’jvrc. 2 Das hunderttorige, II. IX, 380 u. ff. Der Gebrauch von Gesiebtsmasken stanamt aus Agypten. 3 Od. VII, 87. 4 jjDie grobe Stadt« in Od. XIX, 178; vgl. auch 11. XVIII, 591. 60 Die Griechen. taurus). Aus der hohen kulturellen Bedeutung Kretas in der mv- kenisciien Zeit darf man schlieBen, daB die Insel damals aucli in politischer Beziehung eine groBe Rolle gespielt hat (vgl. Minos). Ergebnisse. 1.) Die vier zuletzt genannten Statten zeigen uns die gleiche „myhenische“ Kulturperiode; Troia ist viel alter und nahert sicli ihr erst in den jiingeren Ansiedlungen. 2.) Die Aus- grabungen beweisen nns in tlbereinstimmung mit der Sage die Existenz alter Reiche an den betreifenden Stellen. 3.) Die gefun- denen Gegenstande zeigen, daB Einfliisse der agyptischen und asiatischen Kultur auf die altesten Bewolmer der beiden Gestade des Agaischen Meeres stattgefunden liaben. 4.) Da Spuren der mykenischen Kultur an der ganzen Ostseite Griechenlands, auf den Inseln rmd auch in Kleinasien gefunden wurden, so muB kier eine gleichmaBige Kultur verbreitet gewesen sein. 5.) Die gewaltige Burg imd die groBen Schatze der Graber in Mykena beweisen die lange Dauer der dortigen Herrschaft, flir die man, wie fiir die mykenische Kultur iiberliaupt, etwa die Zeit von 1500 bis 1000 wird ansetzen diirfen. 6.) Diese Kultur ist vielfach im Einklange mit der Homeri- sehen Dichtung, die teilweise noch dieser Periode angeliort. VI. Einwirkungen (les Orients auf die driecheu. Die altesten Griechen uuirden von der iiberlegenen Kultur des Orients vielfach beeinjluBt ; die agyptische Kultur wurde ihnen durch die Phonizier vermittelt, die babylonisch-assyrische entweder ebenfalls durch sie oder durch die Bewohner Kleinasiens (S. 2'2 und 37). Die Griechen selbst waren sich dieses Sachverlialtes bewuBt und faBten ihre Meinung iiber die Einwirkung der Phonizier in der Sage vom phdnizischen Konigssohne Kadmus zusammen, den sie iiber Kreta, Rhodus, Thera und Melos, also Stationen der Phonizier, nacli Bootien gelangen lieBen. Die wichtigsten orientalischen Einwirkungen betreffen die Religion, Sage, Buchstabenschrift, Kunst und materielle Kultur. 1. Die Religion. Da die Inder und Iranier Menschenopfer nicht kannten, weisen die bei den Griechen erwahnten, z. B. die beab- sichtigte Opferung Iphigeniens in Aulis, auf fremden (semitisclien) EinfluB hin. Hieher gehoren auch die Kampfe des Theseus mit dem Minotaurus und den Amazonen. 1 1 Ob in der friihesten Zeit bei groBer ISTot wirklieh Menschen geopfert wurden, liiBt sicli liicht eriveisen. Wanderungen. 61 2. Die Heldensage. Am wichtigsten ist der EinfluB des Melkart (S. 21) auf die Ausgestaltung der Ileraklessage (Kampf mit dem nemeischen Lowen, dem kretischen Stiere, die iveiten Wanderungen). 3. Die Buchstabensehrift. Herodot 1 leitet die K en n trii s der Schrift von der Eimvanderung des Kadmus ab. DaB das griecbisclie Aiphabet aus dem phonizischen stammt, beweisen auch die altesten auf uns gekommenen Inschriften, die dem 7. Jahrhundert angehoren. Von den Griechen erhielten das Aiphabet die Komer, von diesen die Deutschen, die Slawen unmittelbar von Griechenland aus, so daB alle heutigen Alpbabete Europas auf dieselbe Quelle zuriickgehen. 4. Die Kunst. In der Baukunst ist wichtig die Verwendung kolossaler Quadern zum Mauerbau (Mykena) und die Bekleidung der Wande mit Alabasterplatten, z. B. in Tiryns. 2 Auf dem Gebiete der Plastik zeigen den orientalischen EinfluB zahlreiche Eliigel- gestalten, wie Sphinxe, Greife, Vogel mit Menschenkopfen (S. 17 und die Dodwellsche Vase), und das Lowentor beim Eingange zur Burg von Mykenii (S. 18). In der Malerei beweisen die Ausgrabun- gen von Kjiosos, daB die Wande im Ivonigspalaste nach agyptischen und babylonischen Vorbildern ausgeschmiickt waren. Im Kunst- gewerbe verdient Erwahnung, daB die-Blatter der Palme und die Bliite des Lotos, die beide dem Oriente angehoren, das wichtigste Motiv der griechischen Elaehendekoration sind. 5. Die materielle Kultur. Die Griechen lernten viele Haus- tiere und Kulturpflanzen (S. 42), den Bergbau, die Metallarbeiten, Webereien u. s. w. der Orientalen kennen und vertauschten das altere Wollenkleid (jkatva der Manner und ivenlog der Frauen) mit dem linnenen yuwv (semitisches Lehnwort). Aus der orientalischen Kultur nahmen die Griechen fiir die Dauer nur dasjenige auf, was ihrer Eigenart entsprach, das Fremd- artige stieBen sie wieder ab. Dieser Vorgang ist um den Beginn der Perserkriege abgeschlossen. VIL Die griechischen AVanderungen. Die Ursachen von Volkeruanderungen. In der Geschichte rverden nicht selten Wanderungen von Volksstdmmen erwalxnt; teils gehen sie von Steppenvolkern aus, z. B. den Ilunnen, teils von Kulturvolkern in der Fruhzeit ihrer Entwicklung, wo sie sich noch ‘V, 58: Ypaji|j.aia otvixrJia. 2 Vgl. Od. IV, 72 und VII, 86. 62 Die Griechen. Jeiclit Tom Boden losreiBen. Die Hauptgrunde fiir Wanderungen sind Mangel an Lebensmitteln, Verdrangung durch Fremde, endlieh Eroberungs- und Raublust. Das Ziel solcher Wanderungen sind in der Regel mildere, also sudlicher gelegene Gegenden. Die Zeit der griechischen Wanderungen ist ganz unsicher; es kann nur fiir ihr Ende mit einigerWahrscheinlichkeit das Jahr 1000 angenommen werden. Sie setzten das ganze Volk in Bewegung und erfaBten das eigentliclie Grieclienland, die Inseln und Kleinasien. Mit den Wanderungen beginnt das hellenisclie Mittelalter. 1. Die Wanderungen in Grieclienland selbst. Sie zerfallen in drei, nach der TTberlieferung voneinander abhangige Abschnitte; es sind dies der Einbruch der Thessaler in Thessalien, die Wanderung der Booter und der Zug der Dorier in den Peloponnes. Die Thessaler, ein wildkraftiger Volksstamm, drangen aus Illyrien uber die Passe des Pindus ins fruchtbare Peneusbecken ein (daher Thessalien) und machten die achaisch-aolischen Booter des Landes zum groBeren Teile zu Leibeigenen. Dadurch wurde das Schicksal Thessaliens fiir immer bestimmt; unter dem harten Drucke des Adels kam liier ein freier Biirgerstand nicht empor und das Land wurde der griechischen Bildung dauernd entfremdet. Ein Teil der Booter entzog sich der Eremdherrschaft durch die Auswanderung ins fruchtbare Beclcen .des Kopais-Sees, das sie unterwarfen. Von den beiden Staatswesen der heroischen Zeit verlor Orchomenus seine Bedeutung fiir immer; Theben behauptete sie und suchte sich in fortgesetzten Kampfen ganz Bootien unterzuordnen. Die Dorier, deren Hame in der heroischen Zeit gar nicht genannt wird, wurden, wahrscheinlich durch den Einfall der Thessaler, aus ihren Wohnsitzen in der Kahe des 01ymp auf- gescheucht, lieBen sich voriibergehend in dem kleinen Doris nieder und zogen dann, mit Atolern verstarkt, von Naupaktus aus liber den Korinthischen Golf, um sich nach zahlreichen Kampfen des groBten Teiles des Peloponnes zu bemachtigen. Die Sage faBt alle diese Ivampfe in die einzige Niederlage des Tisamenus, des Sohnes des Orestes, zusammen. So tritt im Peloponnes an Stelle der Plerrschaft der Achiier die der Dorier, an Stelle. der Pelopiden treten die Hera- kliden, unter deren Fiihrung die Dorier eimvanderten. Weil das Geschlecht, dem Herakles entstammte, vor den Pelopiden in Mykena regiert hatte, nennt die Sage die Eimvanderung der Dorier die Ruckkehr der Ilerakliden. Kultur der heroischen Zeit. 63 Nachdem sich die Atoler an der Westseite des Peloponnes niedergelassen und hier den Staat E lis begriindet batten, errichteten die siidlich vordringenden Dorier drei Staatswesen in den drei fruchtbaren Talebenen des Pamisus, Eurotas nnd Inachus, namlich Messenien, Lakonien nnd Ar goliš. Die Sage erklart dies damit, daB die Dorier unter der Eiihrung von drei Heraklidiscben Briidern eingewandert seien. Die einheimische achdische Bevolkerung wurde teils unterworfen, teils drangte sie sich in der Landschaft Achaia zusammen, deren friihere jonische Bevolkerung sich hauptsachlich nacb Atlilca duchtete. Arlcadien blieb in seinen alten Verlialtnissen nnd nahm auf die Entwicldung der Hellenen keinen EinfluB. 2. Die Besetzung der ostliehen Inseln und des westlichen Klcinasien. An die Wanderung von ISTorden nach Siiden schloB sich die von Westen nach Osten, die iibrigens schon in der mykenischen Zeit begonnen hatte. Hiedurch wurden die Inseln des Agaischen Meeres und die ganze IVestkiiste Kleinasiens, die im Gegensatze zum Innern der Ilalbinsel griechischen Charakter und daher anch immer eine eigene Geschichte geliabt hat, in griechisches Band ver- vrandelt. Die kleinasiatischen Kolonien lagen den Landschaften des betreffenden Stammes in Europa gegeniiber, daher sind im ISTorden die dolisch-aclidischen, in der Mitte die jonischen nnd im Siiden die dorischen Kolonien zu suchen. Die ivichtigsten Folgen der Wanderungen. 1.) Die Wohnsitze der griechischen Stamme wurden fiir alle Zukunft festgestellt; 2.) die heiden Trager der geschichtlichen Entwicklung, die Dorier und die Jonier, traten von nun an in den Vordergrund; 3.) die gewaltigen Erschiitterungen machten vielen Einriclitungen der heroischen Zeit ein Ende; 1 4.) durch die achaisch-aolische Koloni- sation ist die Erinnerung an die alteren Kampfe um Troia wieder aufgefrischt und dadurch Inhalt und Charakter der Ilias wesentlich bestimmt worden. VIII. Die Kulturverliiiltnisse am Ende dei* heroischen Zeit. Homer gibt kein erschopfendes Bild der damaligen Zustande, da er wohl das Leben der hoheren Kreise, nicht aber das der breiten Volksmasse eingehend behandelt. In dieser Beziehung wird er von 1 Namentlieh auch der mykenisehen Kunst mit Ausnahme derjenigen Gegenden, die nach der Uberlieferung von den Wanderungen nicht in Mitleiden- schaft gezogen wurden. So halt der attisehe Dipylonstil der Vasenmalerei bis um 700 mykenische Motive fest. 64 Die Grieehen. Ilesiod erganzt, der die Gotter des bauerlichen Lebens (Demeter, Dionysus) und das Treiben derVolkskreise besonders beriicksichtigt. 1. Die Verfassung. Die zahlreichen Staaten der Grieehen werden von Konigen regiert, 1 die eine patriarchaliscJie Gewalt aus- iiben. Sie nelimen eine dreifache Stellung ein, denn sie sind oberste Richter, Feldherren und Priester. Ihre Gewalt ist erblich, riihrt von Zeus her 2 und ist durch den Eat der adligen Geschlechter (avaxreg, yionvceq) beschrankt. Die Gemeinfreien (drjgog) Averden wohl ver- sammelt (dj/oga), aber nur, um die Beschliisse des Konigs und des Pates zu vernehmen. Die Einkiinfte des Konigs bestehen in dem Ertrage seiner Giiter, in Ehrengaben aus der Beute und Spenden des Volkes. 2. Die Religion. Heben dem alteren Gottesdienste (S. 48) findet sich der jiingere mit Bildern und Tempeln nur vereinzelt. 3 Erwahnt Averden die Orakel von Dodona und Delphi; Priester deuten die Zukunft aus der Beobachtung A r on Himmelszeichen, aus dem Vogel- flug oder den EingeAveiden der Opfertiere. Religiose Scheu ist all- gemein verbreitet; als das schAverste Verbreehen gilt die Verletzung der von den Gottern bestimmten Ordnung {vdqiq). 3. Das Recht. Z\var urteilt der Konig nach dem Rate der Vornehmen; aber der Staat ist noch niclit verpflichtet, gegen Verbreehen, z. B. Totschlag, einzuschreiten, vielmehr haben die VerAvandten des Getoteten die Pflicht der Blutrache, die den ersten Versuch zur Begriindung eines Rechtsschutzes gegen die schranken- lose Ereiheit des Einzelnen bildet. In der Regel begniigt man sich aber mit einer entsprechenden Buhe in Rindern und Schafen („Wergeld tc bei den alten Germanen). 4. Die Sitte. Wahrend die Konige in befestigten Burgen Avohnen, lebt das Volk auf dem Lande zerstreut. Es beschaftigt sich fast ausschliefilich mit Viehzucht, Acker- und Weinbau, daneben tinden Avir auch die Anfange des GeAverbes. Die liauslichen Geschafte Averden von Sklaven besorgt, die sich milder Behandlung erfreuen. Wegen des herrschenden Seeraubes sind AA^eite Reisen zur See ge- fiirchtet; der Ruf, ein grofier Rauber zu sein, verleiht noch bei Homer Ehre und Ruhm. Das Leben hat einen heiteren Charakter; es herrscht Freude an frohlichen Mahlzeiten, bei denen durch wan- 1 II. II, 204: £t; zofpavoc 2 II. II, 196 (S. 52). 3 Bei Homer AA r ird ein einziges Gotterbild, das der troisehen Athene, ervvahnt (VI, 302). 65 Verfassungsformen. dernde Sdnger die Heldentaten der Vorfahren gepriesen werden. Das Epos riihmt an mehreren Stellen die aus Phdnizien stammenden Kunstwerke (schone Riistungen, kostbare Vasen, reichgestickte Stoffe). 1 Ergebnis. Wir finden demnacli ein unverdorbenes, beiteres Volk in einfachen Verhaltnissen, die mehrfach an die Zustande bei den Germanen vor der Volkervranderung erinnern. Z'welter Zeitra/u.m. Vom Abschlusse der Wanderungen Ms znm Beginne der Perserkriege, , Um 1001' etwa von 1000 bis 500; Zeit der Aristokratie und der Tyranms, big B00 Hegemonie Spartas, Emporkommen Atbens, Kolonisation. I. Die verschiedenen Verfassungsformen der griecliischen Staaten. 1. Die Aristokratie. Infolge der Wandernngen wurden die alten Stammesverbande aufgelost und es entwickelte sich allmahlich der Stadt-Staat und damit die groBe Zersplitterung des Volkes. Daneben trat der Aclel immer bedeutsamer hervor und engte das Konigtum/durch Beseitigung der Erbliclikeit^ Bes chrankung der Amtsdauer auf eine gewisse Zeit und ? V erm inderung der Gewalt ein. So wurde der Konig allmablich ein Beamter des Adels, d. h. die AristoJcratie war begriindet. Diese ging meist in die Herrsebaft der Reiehen, Oligarchie, d. h. weniger bevorrechteter Eamilien, liber. Die Blutezeit der Adelsherrschaft ist das 8. Jahrbundert. 2. Die Tyrannis. Da die Oligarcben in der Begel das Volk bedriickten, verlangte dieses geschriebene Oesetze zum Schutze gegen die Willkiir des Adels; baufig gaben die herrscbenden Geseblecbter nach und gewannen aucli die reicheren Mitglieder des Volkes durcb Anderung der Verfassung in timohratischem Sinne, d. h. die politi- scben Becbte waren nicbt rpelir an die Geburt, sondern an ein geivisses Vermogen geknupft. Gaben die Geschlechter nicbt nacb, so kam es zu einer Erhebung des Volkes unter der Eubrung eines Tgrannen, d. b. eines Mannes aus dem Volke oder auch aus den berrschenden Gescblecbtern, der, auf das Volk und haufig auch eine Eeibv/ache gestutzt, die Geschlechterherrschaft stiirzte und seine eigene Alleinherrschaft begriindete. Die Blutezeit der T ( yrannis ist 1 II. IV, 615; VI, 289; XI, 19. — Xach Homer war Odysseus ein iiberaus tiichtiger Seemann, verstand zu pfUigen und zu mahen, stellte sein Bett selbst ber und zimmerte das Gemaeh, in dem es stand. ^ e eh e, Geschichte des Altertums. 5 66 Die Grieclien. das 7. Jahrhundert. Besonders beriihmte Tyrannen waren Periander in Korinth, Pisistratus in Athen und Polykrates auf Samos. Meist endete die Tyrannis infolge MiBbrauches der Gewalt scbon in der ziveiten Generation. 1 Die Tjrannen sncbten ibre Stellnng durch gegenseitige Unterstiitzung zu befestigen und forderten die mate- riellen Interessen sowie die Kunst; dadurch untergruben sie aber ihre eigene Stellung, denn ein Vollc, das reich geworden ist , verlangt auch politische Freiheit. 3. Der Sieg der Oligarchie und der Demokratie. Nach dem Sturze der Tyrannis folgte entweder wieder eine, in der Regel ge- maBigtere, Oligarchie oder die Herrschaft des Volkes, die Demo¬ kratie. Diese beiden Verfassungsformen wurden fiir die Dauor die wichtigsten; die erstere finden wir hauptsachlich bei den Doriern, die letztere bei den Joniern. Die Demokratie mirde zur Odilo- kratie, wenn sie zur Herrschaft des Pobels ausartete. Der Fortgang der griechischen Geschielite kniipft sich im wesentlichen an die Entivicklung Spartas und Athens. II. Sparta. A. Zur Geographie Lakoniens. Das Land (griecliisch ylav.mviy.rj, spatlateiniscli Laconia) ist nur 4700 km? grofi. Es ist weitaus iiberwiegend Gebirgsland; zwei par- allele Kettengebirge durclizieben es: der Taygetus (bis 2400 m hoch) im Westen und der Parnon (bis 1900 m hoch) im Osten. Beide enden in schmalen, felsigen Halbinseln, die den Lakonischen Golf umschlieBen. Die geschichtliche Bedeutung der Landschaft beruht auf der fruchtbaren Ebene des Eurotas, die durch einen Hohenzug, der die beiden Gebirge etwa in der Mitte der Landschaft verbindet, in zwei Teile zerfallt; vori diesen heiBt der nordliche Lacedaemon in engerem Sinne. Hier lag Sparta, das aus fiinf Dorfern bestand und erst im 2. Jahrhundert ummauert wurde. B. Gesehichte Spartas. I. Die Lykurgische Verfassung. Die Zeit, welche dem Einbruche der Dorier in den Beloponnes unmittelbar folgte, ist hochst ungenau bekannt und namentlich die Chronologie bis um das Jahr 500 vollig unsicher, da die Griechen lange keinen allgemein anerkannten Ausgangspunkt fiir ihre Zeit- 1 Ai-istoteles (Pol. 5, 9) nennt die Tyrannis desivegen oltfo^pdvto?. Sparta. 67 rechnung liatten. Es ist sogar ziveifelhaft, ob Lykurg, der ins 9. Jahr- himdert gesetzt wird, eine historische Personlichkeit oder ein sparta- nischer Heros ist. Aucb laBt sich nicbt angeben, welche Einrich- timgen er schon vorfand, ivelche von ihm selbst lierriiliren und ivelche der nacblykurgischen Zeit angehoren. Man kanu dalier nur die ausgebildete spartaniscbe Verfassung im Zusammenbange dar- stellen, wobei bemerkt werden mufi, daB aucli sie eine Entwicklung geliabt liat. Bei der spartaniscben Verfassung liandelt es sicb um die Be- vdlkerung, die politischen Einricbtungen und die Zucbt. a) Die Bevolkerung. Sie zerfiel in die herrscbenden Dorier und die unterworfenen Achder; die letzteren waren teils Perioken, teils IIeloten. Die Dorier. An Zalil den Achaern bei weitem nacbstehend, bildeten sie den einzigen politisch berechtigten Teil der lakonisclien Bevolkerung. Sie liatten. infolge einer Art von Zusammensiedlung {ovvoiv.Logog) ihren Sitz in Sparta und bieBen deslialb Spartiaten. Ilire Zabl nalim stetig ab; wahrend fiir die Zeit der Perserkriege 8000 angegeben werden, waren sie um die Mitte des 3. Jahrlnmderts auf 700 herabgesunken. Von jeder Arbeit befreit, widmeten sie sicb ausscblieBlich dem politischen Leben und dem militarischen Dienste. Die Perioken („Umwobnende“) bildeten den Nahrstand und bescliaftigten sicb mit Ackerbau, Handel und Gewerbe. Sie waren personlicli frei, aber politiscb recbtlos, muBten Abgaben zablen und Kriegsdienste leisten. Mit den Spartiaten zusammen wurden sie dem Auslande gegeniiber als Lacedamonier bezeicbnet. Die Heloten waren Staatssklaven, die an die Scbolle gebunden v r aren. Sie muBten von dem ibnen zur Bebauung zugewiesenen Ackerlande den Spartiaten bestimmte Abgaben liefern. Ibre Zahl war sebr grofi, ibre Behandlung scblecht, die Dorier unternabmen mitunter formliclie Iiriegsztige (^/.gvmeicu) gegen sie. Ereilassung tlurcli den Staat kam vor; diesem dienten sie auch als Leichtbewaff- nete, seit dem Peloponnesiscben Ivriege selbst als Hopliten. b) Die politischen Einrichtungen. Sie sind eine Eortbildung der Homeriscben Zustande; es kommen daber, wie in jener Zeit, Ivonigturn, Bat und Volksversammlung in Betracht. Hiezu kommt noch das Ephorat. a) Das Kdnigtum. Eigentiimlich ist fiir Sparta die Einricbtung des Doppelkdnigtums, das sich am besten als Folge der Einigung 5 * 68 Die Griechen. zweier Herrschergeschlechter, die friiher zwei einzelnen Staatswesen im Eurotastale vorstanden, erklaren labt (vgl. das Doppelkonigtum des Romulus und Titus Tatius in Kom). Die Stellung des heroischen Konigs als obersten Richters, Priesters und Heerfiihrers war in Sparta durch den groben Ein- fluJ3 des Kates und der Ephoren so beschrankt, daJ3 sich der Konig nur als Eeldberr verhaltnismaBig selbstandig bewegen konnte. /3) Der Bat der Alten (ysQova la). Er bestand auber den Konigen aus 28 iiber 60 Jahre alten Spartiaten, die durch den Zuruf des Volkes auf Lebenszeit gewahlt wurden. Der Kat hatte politische und richterliche Befugnisse; erstere bestanden in der Vorberatung der Antrage fiir die Volksversammlung und im Vereine mit den Konigen und Ephoren in der Regierungstatigkeit, letztere in der obersten Strafrechtspflege. y) Die Volksversammlung (drvsila). Zu ihr hatten alle iiber 30 Jahre alten Spartiaten Zutritt; sie trat jeden Itfonat einmal zusammen. Die Volksversammlung entschied ohne AVechselrede iiber Krieg und Erieden, wahlte die Geronten sowie die Ephoren und hatte wohl auch die Gesetzgebung. Die Abstimmung erfolgte durch Zuruf. d) Das Ephorat. Die fiinf auf Jahresfrist von dei’ Volks¬ versammlung gevrahlten 'Ephoren (— Airfseher) erscheinen seit dem 5. Jahrhundert als die entscheidende Behorde, neben der das Konig- tum, die Volksversammlung und der Rat zuriicktreten. Ihre ^vich- tigsten vier Rechte waren: Sie leiteten die Volksversammlung und den Rat, deren Beschliisse sie ausfiihrten, hatten das Aufsichtsrecht iiber die Jugenderziehung, konnten die Konige zur Verantwortung ziehen sowie ins Gefangnis werfen und iiberwachten die Gebarung mit den Staatsfinanzen. Das Ephorat wur demnach der eigentliche Hort der bestehenden Ordnung. Allgemeiner Gharakter dieser Einrichtungen. Diese Verfassung hat das Konigtum in Sparta dem Namen nach aufrecht erhalten, es aber in Wirklichkeit der Mehrzahl der Gesamtbevolkerung gegen- iiber (bei den Spartiaten selbst gab es keinen x\del) in eine Olig- archie umgestaltet. c) Die Zucht {dycjyri). Ihr Ziel war, die Spartiaten korperlich moglichst stark und ivaffengeubt zu machen, damit sie durch ihre Dberlegenheit ersetzten, was ihnen den Achaern gegeniiber an Zalil abging. Deshalb war das ganze Privatleben vom Staate geregelt und Die Messeniscken Kriege. 69 strenge iibervacht, was nur durch den Sjnozismus der Dorier in Sparta ermoglicht wurde. Die geistige Bildung trat dagegen zuriick; bloB der Chorgesang vurde eifrig gepflegt. Schvachliche Kinder wurden ansgesetzt; vom siebenten Jahre an vurden die Knaben ihrer Familie entrissen und vom Staate er- zogen. Vom zvolften Jahre an sehliefen sie auf Streu. Alljahrlich vurden sie gegeiBelt; wer es am langsten aushielt, galt als Sieger. Vom 18. bis zum 20. Lebensjahre leisteten die Jiinglinge im Innern militarischen Dienst. Vom 20. Jahre an geliorte jeder Spartiate einer Zeltgenossenschaft (cpsičiuov) von ungefahr 15 Mitgliedern an und muBte in seiner ganzen Lebensveise die groBte Einfachheit ein- halten. Das IJauptgericht war die beriichtigte „schvarze Suppe“, ein in Blut gekochtes und mit Salz und Essig gewiirztes Schveine- fleisch. Der Staat duldete bis zum Ausgange des 4. Jahrhunderts nur Eisengeld, der Besitz von Gold oder Silber war bei Todesstrafe verboten. Dieselbe Strafe war auf die Auswanderung gesetzt, denn sie galt als Desertion, da der Spartiate vom 20. bis zum 60. Jahre kriegsdienstpflichtig war. Ihre Lieblingsbeschaftigung im Frieden var die Jagd (vgl. die alten Germanen). Beurteilung. Sparta glich auch im Frieden einem Kriegslager, kein Wunder, daB die Spartaner bis zur Schlacht bei Leuktra (371) als unbesiegbar galten. Niemals liat eine Verfassung zugunsten des Siaates so ruclcsichtslos ins Familienleben eingegriffen. Wahrend die Pflege der Wissenschaften und Kunste das Werk der Jonier (Athener) var, hat sich Sparta dadurch vesentliche Verdienste um Griechenland erworben, daB es durch seine militarische Erziehung und stramme Staatsordnung die Widerstandskraft der Griechen be- deutend starkte. Einen solchen Staat drangte es zu Eroberungen, Messenien fiel ilnn zum Opfer. 2. Die ersten zwei Messenischen Kriege. Die Ursache beider Kriege var die Eroberungslust der Spar¬ taner. Die Veranlassung zum ersten Kriege gaben verschiedene Streitigkeiten zvischen den beiden jSTachbarlandern; beide Kriege sind von der Sage verherrlicht, die Chronologie steht nicht fest. a) Zur Geographie Messeniens. Messenien ist die fruchtbarste und mildeste Landschaft Griechenlands, in der schon Datteln von geringerer Giite reifen.. Das Band besteht teils aus niedrigen, 70 Die Grieclien. vereinzelten Berggruppen , teils aus der Ebene des Pamisus; die letztere zerfallt durch einen vortretenden Hohenzug, auf dem die Fes tun g Ithome lag, in einen nordlichen und siidlichen Teil (vgl. Eurotastal). Pylos mit seinem vorziiglichen Hafen galt als Herrschersitz Nestors; Messene wurde erst im 4. Jahrhundert erbaut. b) Der erste Messenische Krieg (8. Jahrhundert). Kadi ztvei unentschiedenen Schlachten zogen sieh die Messenier auf die Berg- festung Ithome zuriick, deren Eroherung den Ausgang des Krieges entschied. Viele Messenier \vanderten aus, die iibrigen wurden zu Perioken herabgedriickt; eiu groJBer Teil des Landes wUrde ein- gezogen und in moglichst gleiche Ackerlose fiir die Spartiaten ge- teilt. Daraus šcheint sich die Sage entwickelt zu liaben, daB Lykurg den Spartanern durchaus gleiche Ackerlose zugewiesen habe. 1 c) Der zweite Messenische Krieg (7. Jahrhundert). Eine Niederlage der Spartaner im Ivampfe gegen Argos ermutigte die Messenier, die Walfen fiir ihre Ereiheit zu ergreifen. Unter der Eiihrung des Aristomenes, nach dem die Alten den Krieg benennen, behaupteten sich die Messenier liingere Zeit, unterstiitzt durch Zu- ziige aus Argos und Arkadien sowie begiinstigt durch Streitigkeiten in Sparta. Letztere beendete der Dichter Tgrtdus, der die Spartaner zur Eintracht und zu neuer Kampfeslust entflammte, wahrend die Messenier durch den Abfall der Arkadier schweren Schaden litten. Sie zogen sich daher auf die Bergfestung Ira zuriick, mit deren Ein- nahme infolge von Verrat der Krieg endete. Abermals wanderten zahlreiche Messenier aus, die zuriickbleibenden wurden zu Ileloten gemacht. Ergebnis. Sparta hat zuerst unter den griechischen Landschaf- ten den Weg der Eroberung betreten; es legte dadurch den Grund zu seiner Machtstellung. Die Bliite Messeniens war dahin, die bedriick- ten Messenier aber sannen wiederholt auf Abfall. 3. Die Kriege Spartas mit Argos und Arkadien; die Hegemonie Spartas im Peloponnes. Wiederholt fiihrten die Spartaner Krieg mit Argos , dem ITerrschersitze der Herakliden in Argolis; hiedurch dehnten sie ihr Gebiet im Osten bis ans Meer aus. Fortwahrend herrschte aber zwischen beiden Machbarstaaten Feindschaft. 1 Im 4. Jahrhunderte liatte mu 1 mehr ’/, der Spartiaten Ackerlose. Athen. 71 Der Versuch, Arfcadien zu unterAverfen, sclieiterte an dem Widerstande Tegeas, das damals die machtigste Stadt der Land- schaft war. Deshalb suclite Sparta auf andere Weise. seine Macht- stellung zu erhohen. Wie zuerst mit Tegea, schlofi namlich Sparta auch mit den iibrigen Stadten des Peloponnes Vertrdge , denen zufolge sie die militarische und diplomatische Fuhrung (Hegemonie) Spartas an- erkannten und sich zu bestimmten Leistungen an Geld und Truppen verpflichteten. Ein Bundesrat entschied mit Stimmenmehrheit; in der Hegel setzte freilich Sparta seinen Willen dureh. In ihren inneren Angelegenlieiten waren die Bundesmitglieder frei, doch unterstiitzte Sparta iiberall die Oligarcliie, lialf daher bei der Ver- treibung der peloponnesischen Tjrannen mit. ISTach Sparta war Korinthj die groBte damalige Seestadt Griecbenlands, die bedeu- tendste Stadt des Bundes. ISTur Ar gos und- Achaia hielten sicb ferne. Zu einer umfassenderen Form der nationalen Einigung als der Hegemonie haben es die alten Griechen niemals gebracht. Ergebnis. So stand Sparta seit der Mitte des 6. Jabrbunderts an der Spitze des Peloponnes; es galt als die einzige griecbiscbe GroBmacM, wesbalb in den Perserkriegen die Griecben aucb auBer- lialb des Peloponnes die spartaniscbe Hegemonie anerkannten. III. Athen. A. Zur Geographie Attikas. 1. Die Beschreibung der Landschaft. Attika, 2500 hm 2 grofi (Vio von Steiermark), enthalt eine Menge einzelner, dureh kleine Ebenen gesonderter Gebirgsglieder von sehr verschiedener Richtung. Im ETorden sebliefien es die bewaldeten Ziige des Cithdron und Parnes, beide 1400 m hoch, ab. Alle iibrigen Berggruppen \verden nacb Siiden bin immer niedriger; es sind dies der marmorreiche Pentelikus, der honigreiche Hgmettus und das silberreiche Laurium- gebirge. Von den Ebenen kommen hauptsachlich die von Athen und die von Eleusis in Betracbt; die erstere ist vom Ilissus und Cephisus bewassert, die im Sommer das Meer nicht erreiclien. Atben hat sehr wenig Niederschlag, -da es im Regenschatten des atolischen und arkadischen Berglandes liegt; deshalb betrieb es besonders Wein-, Oliven- und Feigenbau und mufite Getreide vom Auslande, namentlich aus den pontiselien Gevdissern, beziehen, Avahrend Eleusis mit seinem reicher bewasserten Boden ergiebigen 72 Die Griechen. Aekerbau betrieb. Damit hangt die besonders eifrige Verelirung der Athene in Athen und der Demeter und des Dionvsus in Eleusis zusammen. Attika ist fiir die Aufnahme Fremder von der Seeseite lier selir giinstig gestaltet, denn seine Kiisten sind hafenreich nnd die frucht- barsten Ebenen gegen das Meer geoffnet. 2. Die Hafen Athens. Der alteste Hafen war der offene von Phaleron, an dessen Stelle spater die bergige Halbinsel des Piraus 1 mit der alten Festung Munychia zum Kriegs- und Handelshafen Athens umgestaltet wurde. Zwei lange Mauern fiihrten zum Piraus und eine zum Phaleron. 3. Zur Topographie Athens. Deu altesten Kern der Stadt bildete die Burg Akropolis (150 m hoch) mit ihrer nachsten Um- gebung; auf ihr standen die altesten Heiligtiimer sowie die Wohnung des Konigs. Urspriinglich war nur die Akropolis befestigt; die erste feste Ummauerung der Stadt riihrt von Themistokles her. Der Markt (ayo()d), der nur ausnahmsweise fiir A^olksversammlungen beniitzt wurde, lag im Kord en der Burg, nordwestlich davon der sogenannte Theseus-Tempel. Die Volksversammlung wurde entweder auf die Pnyx, eine Hohe westlieh von der Burg, oder, was spater das Ge- wohnliche \var, ins Theater berufen. Der Hiigel des Areopag lag zwischen der Pnyx und der Akropolis. B. Die Geschichte Athens. Die Geschichte Athens in diesem Zeitraume zerfallt auf Grund der Verfassungsentwicklung in vier Abschnitte: 1.) die Zeit vor Solon; 2.) die Solonische Verfassung; 3.) die Tjrannis des Pisi- stratus; 4.) die Begriindung der Demokratie durch Klisthenes. I. Athen vor Solon. a) Die Herrschaft der Konige. Die Einigung des Landes und Gliederung der Bevolkerung. AuBer Sparta war Athen die einzige Stadt, der die Einigung einer ganzcn Landschaft, und z\var durch Waffengewalt, gelang; daher bezeichnet der Ausdruck: ni 'Adrjvcuoi in staatsrechtlichem Sinne die Bevrohner von ganz Attika. Die Erhebung Athens zur Hauptstadt des Landes, dessen Bevolkerung teihveise nach Athen iibersiedeln 1 Man muB die Halbinsel und den Hafen Piraus auseinanderUalten. Geschichte Athens. 73 muBte, war nach der tlberlieferung das Werk des Theseus. Athen ist daher, ahnlich wie Sparta mid Rom, aus seinem Synozismus (S. 67) envachsen (daher die Pluralform *A$r t vaC). Der tlberlieferung nach war die freie Bevolkerung in 4 Phylen (Stamme), 12 Phratrien (Sippen), 360 Geschlechter und in 10.800 Familien gegliedert (vgl. in Rom tribus, curiae, gentes, familiae). Der Fortschritt in der staatlichen Entwicklung bestand darin, daB diese ursprunglich auf der Verwandtschaft beruhende Gliederung den Zruecken der Staatsverivaltung dienstbar gemacJit ivurde. Wahrend Attika von den Stiirmen der dorischen Wanderung verschont blieb, versuchten spater die Dorier nach der Besetzung des Peloponnes, sich auch dieses Landes zn bemachtigen. Der tlber- lieferung zufolge wurde dies aber durch den freiwilligen Opfertod des Konigs Kodrus verhutet. Mit ihm endet die Konigsherrschaft. b) Die Herrschaft des Adels (der Eupatriden). 1. Die Begriindung der Aristokratie. Rirgends erfolgte der tTbergang zur Adelsherrschaft so allmahlich wie in Athen; es re¬ gi erte niimlich zunachst das ganze konigliche Geschlecht und der jeweilige Herrscher, fiir den spater der Rame cxqxiov iiblich wurde, war an dessen Zustimmung gebunden, so daB aus dem Konige der lebenslangliche Prdsident einer aristokratischen Republik wurde, den die Eupatriden einsetzten. Spaterliin wurde die Dauer des Archontats auf zehn Jalire beschrankt und endlicli nach Abschaffung des Vorrechtes des koniglichen Hauses die jahrliche Einsetzung von neun Archonten aus dem Adelsstande festgestellt. Von diesen standen im Range am hochsten: a) ag%iov Iniiivvgog, so genannt, weil sein Rame an der Spitze verschiedener Beamtenverzeichnisse stand; er hatte die Entscheidung in Fragen des Familienrechtesj fi) dq%wv fiaoilevg, der spater in der aibu aailtiog Recht sprach; auf ihn ging mit dem Ramen die priesterliche Stellung des Konigs liber, er hatte namlich die Oberaufsicht uber die Tempel und die religibsen Einrichtungen; y) doyg»- noUpagjog, der Verwalter des Militdr- ivesens. So 'vvaren die wesentlichsten Rechte des Konigs unter die ersten drei Archonten verteilt. Die sechs iibrigen, Thesmotheten ge¬ nannt, hiiteten das miindlich fortgepflanzte Recht, das sie auch fort- bildeten. Allmahlich sank die Bedeutung des Archontats; in der Zeit des Perikles \var es cine bedeutungslose Ehrenstelle. 74 Die Griechen. Da auch der Rat (dovlp) nur aus Eupatriden gebildet Avurde, war der Sturz des Konigtums ausschlieBlich dem Adel zugute ge- lcommen. 2. Die Opposition des Volkes; Kylon und Drakon. Gegen diese unbeschrankte Adelskerrschaft erhob sich eine Opposition seitens der nichtadligen Bevolkerung, die teils politischer, teils ivirtschaftlicher Art war. Die erstere hatte iliren Grund in der Rechtlosigkeit des Volkes und in der Tlnsicherheit des Rechtes, die letztere in der materiellen Rot der Landleute, die infolge des Kriegs- dienstes und der Getreideeinfubr aus den Pontusgegenden z\\ Pach- tern oder Taglohnern herabgesunken waren, wahrend der Grund und Boden, Avenigstens groBtenteils, den Adligen gehorte. 1 Das Volk zerfiel damals in die Geomoren (Bauern), die in Rot geraten und durch das strenge Schuldrecbt sowie die Zinsenlast (mindestens 10 %) kart gedriickt Avaren, die Diakrier (die ar men Viehziichter im Berglande) und die Paraler, die durch Seehandel reich geworden waren. Auf die IJnzufriedenheit des Volkes gestiitzt, bemachtigte sich Eylon (um 630) der Akropolis, wurde aber von den Bauern, die in die Stadt gestromt Avaren^ und dem Adel verdrangt. Wahrend er selbst sich rettete, Avurden seine Anhanger auf Betreiben des Alkmao- niden Megakles an den Altaren der Gotter ermordet. Wegen dieses Frevels Avurde das ganze Geschlecht verbannt; von den Eupatriden preisgegeben, trat.es zum Volke liber. Durch den Versuch Kylons erschreckt, lieBen sich die Eupa¬ triden zur Aufzeichnung des bestehenden strengen Bechtes herbei, 624 . A\ T omit sie den Archonten Drakon beauftragten (um 624). Weil aber dieser das Recht nicht milderte 2 und die soziale Erage nicht beriick- sichtigte, bestand die IJnzufriedenheit des Volkes fort, so daB eine Revolution auszubrechen drohte; da Avurde Solon der Retter des Staates. 2. Die Solonische Gesetzgebung. Der 'Kodride Solon, ein Kaufmann, hatte durch ausgedehnte Reisen seinen geistigen Horizont erweitert und durch seine bisherige Tatigkeit sich das Vertrauen seiner Mitbiirger erworben. Er ver- 1 Da ahnliche Verhaltnisse auch in den meisten iibrigen griechischen Staaten herrsehten, so ist der Standekampf eine allgemeine Erseheinung in der griechischen Geschiclite des 7. Jahrliunderts. 2 Plut. Sol. 17: oi i 6t’ o«|jiaro;, ou Sta p.4Xavo; rol; v<5;j.ou; 6 Apaxjx« tooov v.odcog, oaaov hzaQ*s~i. Vgl. dazu seinen Wahlspruch: Mrjdiv ayav.J) ie Solo- nische Verfassung war der feste Rechtsboden, auf den die Athener nachvoriibergehendenErscbiitternngen inuner wieder zuriickkehrten. e) Solons letzte Lebensjahre. Wie den Anfang, so bezeicknet anch das Ende seiner Tatigkeit eine Tat der Versohnung: die Alkmaoniden durften zuriickkehren. Die neuen Gesetze wurden auf holzerne Pfeiler aufgeschrieben, die auf derBurg aufgestellt \vurden, und Solon lieJB seine Mitbiirger schworen, zehn Jalire lang an ibnen nicbts zu andern. Sodann begab er sich ins Ausland (Sage iiber sein Zusammentreifen mit Erosus ). 1 Die Zumutung, die Tyrannis an- zunehinen, wies er mit Entscbiedenheit zuriick, gegen Pisistratus ergrilf er selbst nocli die Waffen. Bald darauf starb er. 560 — 510. 3 _ Dj e Tyrannis, 560 bis 510. Die gemaBigten Keformen Solons stellten keine vollige Befrie- digung in Attika her; am unzufriedensten waren die Diahrier. An diese schloB sicb Pisistratus, ein Verwandter Solons, an, um sicli der Tjrannis zu bemacbtigen. Gegen ihn verbanden sich die GroJ3- grundbesitzer mit den Paralern und vertrieben ihn. Gleichwohl ge- lang es ihm, sich spater endgiiltig der Alleinherrschaft zu bemach- tigen und sie bis zu seinem Tode (527) zu behaupten. Pisistratus ist der Begriinder der atlienischen Seemacht. Seine Herrschaft zeigt die typischen Ziige der Tyrannis: durch Biindnisse mit anderen Tyrannen befestigte er seine Stellung, durch Forderung von Handel und Gewerbe hob er die Einkiinfte des Staates, er begann den Bau des Zeus-Tempels in Athen und begiinstigte die Dichtkunst (der Lyriker Anakreon lebte an seinem Hofe). Die Solo- nische Verfassung lieB er bestehen, doch buBte dieVolksversammlung alle Bedeutung ein und besetzte er s_elbst die Amter. Thucydides rhhmt an ihm, daB er seine Gewalt mit Tugend und Verstand gebraucht habe. Der Erbe seiner Machtstellung wurde sein Solin Hippias, der sich Willkiir und IJngerechtigkeiten zuschulden kommen lieB. Gegen ihn und seinen jiingeren Bruder Hipparchus bildete sich eine Ver- 1 Her. I, 30 u. ff. Klisthenes. 79 schivorung, an deren Spitze Ilarmodius und Aristogiton standen. Hipparchus wurde am Feste der Panatkeniien getotet, Hippias, der nun seine Harte nocli steigerte, vier Jakre spater gestiirzt (510) ; er fkicktete sick ins persisclie Reich. Hiemit ivard die Tgrannis in Athen fur immer beseitigt. 4. Die demokratischen Reformen des Klisthenes (509). Klisthenes , das Haupt der Alkinaoniden, stellte die Soloniscke Verfassung wieder ker und kildete sie weitei' fort, wodurck die Demolcratie begriindet wurde. Seine Reformen sind: 1.) Er zerlegte Attika in 30 Teile und verekiigte durck das Los je drei derselben zu einer Phyle; kiedurck wurde die altere Einteilung der Bevol- kerung in vier Phylen, die bisker Grundlage der Verwaltung war, beseitigt. Wahrend in den alten Phylen die verwandten Geschlechter vereinigt waren, wurden j etzt einander fremde Gesckleckter zu einer Pliyle vereinigt, so daB das tlbergewicht der adligen Gesckleckter gebrochen wurde. 2.) Als Folge liievon wurde der Rat auf 500 llit- glieder (50 aus jeder Pkyle) erkokt; die Vertreter jeder Pkyle bekleideten abwechselnd, also 35 bis 36, in Sclialtjahren 38 bis 39 Tage 1 lang, das Amt der Prgtanen. 3.) Er fiihrte das Los statt der Beioerbung um die Ratsstellen ein, um den EinfluB der Adligen bei den Waklen zu beseitigen. Wakrscheinlick vvurde damals auck das Arckontat beschrankt und ein neues militarisckes Amt, das der zelin Strategen (einer aus jeder Phyle), eingefiikrt. 4.) Die Ein- flihrung des Scherbengerichtes (natQaMOf.tog). Wenn ein Mann des Strebens nacli der Tyrannis verdacktig sckien, solite er durck eine Volksversammlung, an der mindestens 6000 Burger teilnekmen muBten, auf zekn Jakre aus Atken verbannt werden. Spater wurde diese Einricbtung aucli dazu verwendet, daB das Volk zwischen zwei sick belcampfenden Parteikauptern entsckeide. Ergebnis. Durch diese MaBregeln ivurde die Demolcratie gegen Tgrannis und Aristokratie geschutzt. Vergebens versuchten die Eupatriden, im Bunde mit Sparta diese Reuerungen zu beseitigen; es blieb nur eine Gereiztheit zwiscken den Atbenern und den Spar- tanern zuriick und des inneren Feindes, der oligarchischen Partei, ist Athen niemals Herr geworden. 1 Die Athener hatten Mondjahre von 354 und zur Ausgleiehung Sehaltjahre von 384 Tagen. 80 Die Griechen. IV. Die Kolonisatiou v acoTrjpa? jevecrO' ca Trj? ’EXXaSo? oux av aptapravoc TaX7j5'EO?. Die Perserkriege. 89 Ein solcher Tyrann war auch Histiaus von Milet , der zum Danke fiir die Errettung des Darius ein Stiick Land in Thrazien erhalten hatte, dann aber infolge Verdachtigung an den persisclien Iiof berufen worden war, wo er in einer Art ehrenvoller Gefangenschaft lebte. Von hier aus beredete er Aristagoras, semen Schwiegersohn und Hachfolger als Tjrannen in Milet, die Jonier zum Abfalle von den Persern aufzureizen. Wahrend die Jonier, an die sieli die aoli- schen und dorisclien Stadte groBtenteils anscblossen, die Tjrannen vertrieben, wandte sich Aristagoras an die Grieclien des Mutter- landes um Hilfe; in Sparta wurde er 'abgewiesen, dagegen steli te Athen, das damals selbst nur 50 Kriegsschiffe besaB, 20 und Eretria, das die erste Stadt auf Euboa war, 5 Schiffe. Vaclidem die Jonier und die Athener Sardes niedergebrannt hatten, zogen sie sicli vor den verfolgenden Persern gegen die Kiiste zuriick und wurden zu Pande bei Ephesus geselilagen; zur See vvurden die uneinigen Auf- standischen im Golfe von Milet vollstiindig besiegt, naclidem die europaischen Griechen bereits abgesegelt waren. ISTun wurde Milet erstiirmt und samt den Tempeln niedergebrannt, seine Bliite war fiir immer dahin. Histiaus ward von den Persern gekreuzigt, Arista¬ goras fiel im Karnpfe gegen die Thrazier. Die Aufstandischen \vurden bald wieder vollstšindig unter- vorfen; Darius bescliloB nun, sicli an den europaischen Griechen .zu rachen. 1 B. Die Griechen in der Verteidigung, 492 bis 479. Der erste Kriegszug der Perser (492). Die Perser unternahmen den ersteji Kriegszug zu Lande durch Uirazien und Mazedonien unter der Anfiihrung des koniglichen Scliwiegersohns Mardonius. Er erreichte sein Ziel iiberhaupt nicht; das Landheer erlitt im Karnpfe mit den Thraziern grofie Verluste, die begleitende Flotte scheiterte am Berge Athos. Der einzige Ge- winn war die Unterwerfung der Kiisten Thraziens und Mazedoniens. Der zweite Kriegszug der Perser (490); Miltiades. Vorerst schickte Darius an die einzelnen griecliischen Staaten Gesandte, die von ihnen Erde und Wasser als Zeichen der IJnter- werfung verlangen sollten. Wahrend die meisten sich fiigten, \vurden in Sparta und Athen die Boten des Konigs getotet. Um dem MiB- 492 — 479. 492. 490 . 1 Iler. V, 105: Skjjmt«, [j.^(xveo tSv ’A3-rjvaiwv. 90 Die Griechen. 480 u. 479. geschicke des ersten Zuges zu entgehen, wurde der zweite unter der Anfuhrung von Datis und Artaphrenes zur See unternommen sie hatten den Befehl, die Inseln im Agaischen Meere zu unter- rverfei Athen und Eretria zu zuchtigen unqb Hippias zuriickzu- fiihren. Uachdem Naxos und Eretria genommen waren, schiffte die Flotte nacb Attika und landete bei Marathon. Hier wurden die Perser trotz ihrer tlbermacht von 9000 Athenern und 1000 Plataern (die Spartaner hatten die erbetene Hilfe nicht geschickt) unter der Fuhrung des Strategen Miltiades besiegt und zum Abzuge ver- anlaBt. Da der Versucli, Athen von der Seeseite her zu iiberrumpeln, miBlang, trat die persische Flotte die Ruckfahrt an, auf der Hippias starb. Miltiades, damals der einfluBreichste Mann in Athen, unter- nabm mit der Flotte, die ihm seine Mitbiirger zur Verfugung stellten, einen Zug gegen Paros, das sicb auf Seite der Perser ge- schlagen hatte; der Zug miBlang , Miltiades wurde schwer verwundet und starb im Staatsgefangnisse, weil er den Ersatz der Kriegskosten (50 Talente), wozu ibn das Volk verurteilt hatte, nicht leisten konnte. Der dritte Kriegszug der Perser (480 und 479). 1. Die Vorbereitungen zum Krieg in Athen und im Pelo- ponnes; Themistokles und Aristides. FTach dem Tode des Miltiades ■varen in Athen die angesehensten Manner der kiihne, an Pat und Erfindung unerschopfliche Themistokles und der edelgesinnte, kon- servative Aristides. Wahrend der letztere an der bisherigen Ent- Avicklung Athens festhieltj betrieb ersterer, der groBte griechische Staatsmann, mit allem Eifer die Einrichtung des Pirdus an Stelle des offenen Phaleron zum Kriegshafen sowie die Vermehrung der Kriegsflotte und siegte nach zehnjahrigem Kampfe iiber seinen Gegner, der durch das Scherbengericht verbannt wurde. Da die Burger das Ertragnis der Laurischen Silbergruben fiir die Flotte bestimmten, hatten die Athener beim Wiederbeginne des Krieges verhaltnismaBig die meisten Trieren (etvva 180). Vachdem Xerxes J der FTachfolger des Darius, einen Aufstand in Agvpten unterdruekt hatte, fiihrte er ein starkes ITeer, das aber die Zahl von 100.000 Mann nicht iiberschritt, iiber den Hellespont durch Thrazien und Mazedonien, wahrend es eine gewaltige Flotte in der Xtihe der Iviiste begleitete. Unter dem Eindrucke der groBen Die Perserkriege. 91 Gefalir vereinigten sich trotz d er abratenden Mahnung des delphi- schen Orakels die Spartaner und Athener zur gemeinsamen Abwehr des Feindes und beschlossen, alle Fehden beizulegen und die iibrigen Griechen zur Teilnahme ani Ivampfe aufzufordern. Athen, durch Themistokles vertreten, unterstellte sich freiwillig dem spartanischen Oberbefehle. 2. Die Kampfe in den Thermopylen und bei Artemisium; Leonidas. Wegen der UnverlaBlichkeit der thessalischen und mittel- griechischen Bevolkerung wurde der erste BeschluB, den TempepaB zu verteidigen, aufgegeben, iind erhielt der spartanische Konig Leo¬ nidas den Befehl, den ThermopylenpaB , ebenfalls eine vorziigliche Verteidigungsstellung, zu halten, bis in seinem Riicken die Griechen ein groBeres Ileer aufgestellt hatten. Mit etvra 7000 Hopliten, unter denen sich 300 Spartaner, 700 Thespier und 400 Thebaner, die letzteren als Geiseln wegen der Perserfreundlichkeit Thebens, be- fanden, verteidigte Leonidas den EngpaB drei Tage lang gegen die \viederholten Angriffe der Perser, bis sie ihm infolge des Verrates des Ephialtes auf einem Gebirgssteig iiber den Ota in den Riicken kamen. Um unniitzes BlutvergieBen zu vermeiden, entlieB er den groBten Teil seines Heeres, zu dessen Deckung er mit seinen Spar- tanern und den Thespiern den Ileldentod starb, wahrend die The¬ baner zuletzt zu den Persern iibergetreten \varen. 1 Infolge des Ver- lustes der Tliermopylen verlieB die griechische Flotte ihren Stand- platz bei Artemisium , >vo ebenfalls die Perser gesiegt hatten, und zog sich in die Bucht von Salamis zuriick. Die persischen Streit- krafte ruckten nunmehr zu Wasser und zu Lande gegen Attika vor. 3. Die Seeschlacht bei Salamis. Die Athener raumten in groB- artiger Entschlossenheit ihre Stadt und brachten die nicht waffen- fahige Bevolkerung samt ihrer beweglichen Habe nach dem Isthmus, wahrend sich die Waffenfahigen auf die Flotte begaben, die Themi¬ stokles als „die holzerne Mauer“ des Orakels deutete. Athen wurde zerstort. Angesichts der erdriickenden feindlichen Ubennacht waren die Griechen nahe daran, aus Rleinmut sich in den Peloponnes zuriickzuziehen. Da veranlaBte Themistokles, der sich jetzt mit Ari- stides versohnte, durch die Mitteilung, daB sich die Griechen zer- streuen wollten, den Perserkonig zum Angriffe, den dieser mit der Besetzung der schmalen Ausgange zu beiden Seiten der Insel Salamis 1 Epigramm in der Anthologie: tu Sjeiv’, ayystAov Aa/soatuoviois, otc ”7)8e TOt? KEtVtOV prj(J.aCK 77£O C Ma£V0t. 480 . 480 . 92 Die Griechen. 479. 479 — 449. begann. In den engen Gewassern waren die kleinen, leichtbeweg- liehen Schiffe der Griechen im Vorteile, dazu kam die iiberlegene Leitung und die Begeisterung der Griechen, die in den Einzel- kampfen, in welche sich die Seeschlacht aufloste, vollstandig siegten. Xerxes trat mit einemTeile des Heeres den Riickzug an; doch wnrde Mardonius zuriickgelassen, um mit Beginn des nachsten Friihj ahres den Kampf zu erneuern. 4. Die Sehlachten bei Plataa und am Vorgebirge Mykale. Eachdem die Athener die persische Zumutung, ihre Sache von der der iibrigen Ilellenen zu trennen, entschieden zuriickgewiesen hatten, begann Mardonius den Krieg mit dem zweiten Einfall in Attika, das er ganzlich verwiistete, und der abermaligen Zerstorung Athens , das notdiirftig aufgebaut und von seinen Bewohnern wieder ver- lassen vrorden war. Jetzt riickten aucli die Spartaner mit dem Bundesheer unter der Anfiihrung des Kdnigs Pcvusanias heran, rvahrend sich Mardonius nach Bootien zuriickzog. Hier besiegten die Griechen bei Plataa das doppelt so starke feindliche Heer, dessen Anfiihrer getotet wurde. Es ist der eigentliche Bettungstag der griechischen Freiheit. Fach det Schlacht bei Salamis war die griechische Flotte nach Joni en gefahren, dessen Bevolkerung abermals zum Abfalle geneigt war. Angeblich an dem Tage der Schlacht bei Plataa siegten die gelandeten Griechen bei Mykale, \veshalb diePerser Jonien raumten, das sornit befreit war., Ergebnis. Durch den bisherigen Verlauf des Krieges waren die Griechen so stark, daB sie nunmehr zum Angriff iibergehen konnten. O. Die Griechen im Angriffe, 479 bis 449. 1. Die Eroberung von Byzanz; Pausanias. Da die Griechen unmoglich daran denken konnten, die Perser zu Bande anzugreifen, muBte die Bedeutung der Kriegsflotte und damit die der Athener steigen. Zunachst handelte es sich fiir die Griechen darum, sich in den thrazischen Gevrassem und im siidlichen Kleinasien oder auf Cypern festzusetzen, um den Persern den Weg nach Griechenland zu versperren. BTachdem Pausanias den groBten Teil Ogperns gewonnen liatte, eroberte er auch das wichtige Bgzanz (418). Als er sich aber in hochverraterische Unterhandlungen mit dem persischen IBofe ein- lieB, um sich mit dessen Hilfe von der tlbermacht der Ephoren zu Die Perserkriege. 93 befreien, \vurde er von diesen abberufen und fand bald darauf in Sparta ein gewaltsames Ende. Die Fuhrung der griechischen See- macht ging nun auf die Athener iiber, die damals von Aristides und Oimon, dem Sobne des Miltiades, geleitet wurden, wahrend sich die Spartaner, unwillig iiber die steigende Macht Athens, das durch , die Fiirsorge des Themistokles befestigt mirde, von der' weiteren Teilnahme am Kriege ganzlich zuriickzogen. 2. Die Begriindung der athenischen Hegemonie zur See; die Schlachten am Eurymedon und bei Salamis; Cimon. Die jonischen Inseln und Kiistenstadte schlossen sich an Athen an und anerkannten dessen Hegemonie (476). Der Mittelpunkt des neuen 476 . Bundes, einer Art Amphilctgonie , wurde das Apollo-Heiligtum auf Delos, wo der gemeinsame Bundesschatz hinterlegt wurde. Der gerechte und maBvolle Aristides ordnete die Beitrage der einzelnen Bundesglieder an Geld, Schiffen und Mannschaft, der tapfere und freigebige Cimon setzte den Kampf gegen die Perser fort, die er aus dem Agaischen Meere vertrieb imd am Eurgmedon vollstandig besiegte. jSTunmehr versuckten die Athener die ganzliche Verdran- gung der Perser aus Cgpern. Aber bei der Belagerung der Stadt Citium fand Cimon den Tod; gleich darauf siegten die Athener zu Wasser und zu Bande bei Salamis (449) ; es war der letzte groBe 449 . Kampf im 50 jahrigen Bingen. Zwar fanden auch spater noch kleine ZiisammenstoBe zwischen den beiden Volkern statt, doch sind wir dariiber ebensowenig wie iiber einen FriedensschluB niiher unter- richtet. 3. Die wiehtigsten Folgen der Perserkriege. 1.) Die klein- asiatischen Griechen waren frei; 2.) Athen wurde durch die Auf- richtung der Hegemonie zur" See die zweite GroBmacht Griechen- lands; 3.) Griechenland erreichte den Hohepunkt seines-geistigen und kiinstlerischen Schaffens und Athen wurde die geistige und wirtschaftliche Hauptstadt der Hation; 4,) die Eifersucht der Spartaner gegen Athen war eiuvacht und bestimmte den Fortgang der politischen Ereignisse; 5.) in Athen kommt die schrankenlose Demokratie zum Siege. Die Zeit, in der diese Folgen der Perserkriege zutage traten, nennen wir das Zeitalter des Perikles. 94 Die Griechen. 467—429. II. Das Zeitalter (les Perikles, 467 bi.s 429. Charakter und Stel lun g des Perikles. In der groben Zeit der Perserkriege verfiigte Athen auch iiber grobe Manner, die zwar be- ziiglich der inneren Politik verschiedene Anschauungen hatten, aber doeh einig waren in dem Bestreben, Atlien grob zu machen und den Krieg gegen die Perser mit aller Kraft fortzusetzen. Aristides und Themistokles waren in den 60er J ahren gestorben; der erstere im Besitze des Vertrauens seiner Hitbiirger und der athenischen Bundesgenossen, der letztere als Gast des persischen Konigs, nach- dem er wegen seines Prahlens aus Athen verbannt, auBerdem von den Spartanern wegen Medismus verdachtigt und verfolgt worden • ■vvar. 1 Die konservative Bichtung des Aristides setzte Gimon, die demokratische des Themistokles aber Perikles fort. Dieser vereinte mit dem Adel der Geburt auch hohen geistigen Adel, der namentlicli in der begeisterten Pflege der Literatur und Kunst zum Ausdrucke kam. Ein ausgezeichneter Staatsmann, bedeutender Feldherr und grober Bedner (wegen der Buhe und Eindringlichkeit seiner Beden wurde er von seinen Ereunden der Olympier genannt), widmete er seine reichen Geistesgaben dem Wohle seiner Vaterstadt, die unter seiner vieljahrigen Leitung ihre groBte Bliite erreichte. A. Die aufiere Politik des Perikles. 1. Die Beziehungen zu Sparta; der dritte Messenische Krieg (464 — 455) . Wahrend Gimon trotz der zwischen Athen und Sparta bestehenden Spannung auf ein Biindnis mit diesem Staate liin- arbeitete, war Perikles geneigt, fiir die Forderung der athenischen Interessen auch den Kampf mit Sparta nicht zu scheuen. Die Spannung zwischen den beiden griecliisclien GroBmachten kam im dritten Messenischen Kriege zum Ausbruche. Eben wollten die Spartaner Thasos, das vom athenischen Bunde abgefallen war, durch einen Einfall in Attika unterstiitzen, als sie durch ein heftiges Erdbeben, das Sparta in einen Schuttliaufen ver- wandelte und die Messenier und Heloten zur Erhebung reizte, in die groBte Kot versetzt wurden. Da wandte sich Sparta an Athen um Bundeshilfej die ihm auch auf Anraten Cimons, der in Athen und Sparta das Zweigespann von Griechenland sah, gewahrt \vurde. 1 Da Themistokles den Kampf mit Sparta voraussah, war er spiiter gegen die Fortfiihrung der Perserkriege, was zu seiner Verleumdung miBbraucht wm'de. Zeitalter des Perikles. 95 Cimon selbst fiihrte Hilfstruppen nach Messenien; docli wurden sie von den Spartanern aus MiBtrauen wieder zuriickgeschickt. Dariiber entstand eine groBe Aufregung in Athen und Cimon wurde verbannt (nach fiinf Jahren wurde er auf Anregung des Perikles \vieder zuriickberufen); die demolcratische Partei unter Perikles’ Fuhrung errang das Ubergevuicht und Athen schloB sich den Sparta feind- lichen Staaten an. Als sich die Messenier endlich ergeben muBten und freien Abzug erhielten, wurden sie von den Athenern in Nau- paktus angesiedelt; die Thasier waren nach langerem Kampfe be- siegt worden. 2. Die Ausbreitung der atlienischen Hegemonie. Wahrend die Versuche Athens, seine Hegemonie auch zu Lande auszubreiten, an dem bewaffneten Widerstande der Spartaner und Thebaner scheiterten, war es um so gliicklicher in der Festigung seiner Stel- lung zur See. Dies wurde dadurch erleichtert, daB die Bundes- genossen lieber Geld als Schiffe stellten, weshalb Athen die Sorge fiir die Kriegstiichtigkeit der Flotte iiberriahm. Auf Betreiben der demokratischen Partei wurde 1.) der Bundesschatz von dem offenen Delos nach Athen iibertragen, so daB er diesem zur Verfiigung stand; 2.) die Jahresbeitrage der Bundesmitglieder erhdht; 3.) die Bundesgenossen immer mehr der Gerichtsbarkeit der athenischen H.eliasten unterstellt. Dadurch sanken die Bundesgenossen (m'ggaynt) fast zu Untertanen {vnr^ooi) herab und erhielten die Bundesbeitrage geradezu den Charakter eines Tributes; auch wurde hiedurch Athen stark genug, um einzelne widerstrebende Bundesglieder zu unter- werfen. Uber den Begrijf der Stadtherrschaft kamen die Griechen nicht hinaus; zu unserem Begriffe des Staates mit der Gleichberech- tigung sdmtlicher Teile brachten sie es nicht. B. Die innere Politik des Perikles. I. Die Verfassung Athens. a) Perikles’ Stellung. Perikles mirde 15 Jalare hindurch zum er sten Strateg en gewahlt, neben dem die iibrigen neun wenig Ein- fluB hatten; als solcher leitete er die auBere Politik und hatte das Ilecht, die Volksversammlung zu berufen. Dieses Ani t war die eigentliche Grundlage seiner Stellung und machte ihn zum Prasi- denten der Republik. Er bekleidete ferner in der Regel das Amt des Scliatzmeisters, das in der Oberaufsickt iiber die Staatskasse 96 Die Griechen. und samtliche Finanzbeamten bestand. Als Leiter der offentlichen Bauten forderte er die Herstellung der Prachtbauten auf der Akro- polis und leitete die groben Biirgerfeste. So nahm Perikles dank dem Vertrauen des Volkes, das ihm wegen seiner iiberlegenen Bil- dung und staatsmannischen Einsicht willig folgte, eine fast mon- archische Stellung ein. 1 b) Die Vollendung der Demokratie. Perikles vollendete den demokratischen Ausbau der Verfassung. Die wichtigsten hieher gehorigen MaBregeln, welche die Volksversammlung unter seinem Einflusse beschlob, sind folgende: a) Dem Areopag wurde das politische Vetorecht genommen, seine Tatigkeit demnach auf die Blutgerichtsbarkeit bescbrankt. Erst seitdem konnte die Rechenschaftsablegung ernstlicli durch- gefiihrt werden. fi) Die Einfuhrung des Heliastensoldes. Da infolge der zu- nehmenden Geschafte die Geschwornen j eden Tag, mit Ausnahme der Eest- und Volksversammlungstage, Gerichtssitzungen hatten, konnten die armeren Burger nur dann daran teilnehmen, wenn sie fiir ihren Zeitverlust entschadigt -vrurden. Dies geschah durcb die Einfuhrung des Richtersoldes 2 Obolen = 30 h, nachdem schon friiher den armeren Biirgern das Theatergeld und Kornverteilung auf Staatskosten bewilligt worden war. Spater kam noclr der Sold fiir die Teilnahme an den Verhandlungen des Rates und der Volks¬ versammlung hinzu, wodurch dem Staat eine schwere Last auf- gebiirdet wurde. 2 So fiel die Entscheidung im Bat, im Gericlit und in der Volksversammlung dem Demos zu. 2. Die Verwaltung Athens. a) Die Bestandteile der Bevolkerung. Diese setzte sich aus Biirgern, Metoken und Sklaven zusammen. a) Die Burger. Die Zakl der waffenfahigen Burger betrug damals ungefahr 60.000, was einer Gesamtzahl von etwa 180.000 Kdpfen entspricht. Bis zum 16. Jahre lernte der heranwachsende 1 Thucyd. II, 65: £yi yv£"o te X6y a) usv Srjfj.o/.&aua, s evro Se 6 -'o to D ttoojtoo avSpo? apyrj. 2 Trotz dieser MaBregeln konnten aber die meisteri armeren Burger, welche auBerhalb Athens rvohnten, anr offentlichen Leben nicht Anteil nehmen; ebenso bekleideten die Amter in der Regel nur die Wohlhabenderen, weil die anderen arbeiten muBten. Zeitaltcr des Perikles. 97 Biirger die Elementargegenstiinde und besuclite die Palastra, dami zvvei Jahre lang ein Gymnasium; mit dem 18. Jahre vvurde er Ephebe und tat Waffendienste im Innern, mit dem 20. Jahre erhielt er Zutritt zur Volksversammlung und leistete Kriegsdienste bis zum 60. Lebensjahre. Die Metoleen. Es waren Fremde, die sicli langere Zeit in Athen aufhielten und besonders mit Gevverbe, Industrie und Handel beschiiftigten. Sie muBten Kriegsdienste und Steuern leisten, durf- ten aber keinen Grundbesitz ervvdrben. y) Dia Sldaven. Sie waren teils in der Familie, teils im Ge- schafte des Herrn tatig, nur ausnahmsweise wurden sie als Ruderer auf Kriegsschiffen vervvendet. Ihre Lage vvar verhaltnismaBig giinstig. Das ganze Geschdfts- und politische Leben des Altertums ist durch die Sklaverei bedingt ; denn die Sklaven besorgten die mechanische Arbeit, namentlich fiir die Ausfulir von Industrie- ivaren, und ermoglichten ilirem Herrn die haufige Teilnahme an den Staatsgeschaften sowie die Bewerbung um die Amter, die zum Teil unbesoldet waren. Doch gab es auch zahlreiche freie Hand- vverker, Verkaufer und Arbeiter, die sich keine Sklaven halten konnten. b) Die Staatseinkiinfte. Die vviclitigsten sechs regelmaBigen Einkiinfte waren die Zolle, die Steuer bei jedem Kaufe, die Erwerb- steuer der Metoken, der Ertrag aus den verpachteten Bergvverken und Grundstucken, die Strafgelder und die Tribute der Bundes- genossen. Iliezu kamen gewisse halb freivvillige, halb pfliclitgemaBe Leistungen der vvohlhabenden Biirger, die sogenannten Liturgien , von denen die Choregie und Trierarchie am vviclitigsten vvaren. Die erstere bestand in der Ausstattung und Einiibung der Chore, die letztere in der Erhaltung eines Kriegsschiffs und seiner Geriite. Fiir Kriegszivecke vvurde eine aufierordentliche Vermogenssteuer eingehoben, die vvieder besonders die Reicheren traf. Am Beginne des Pelopomiesischen Krieges betrugen die Jahres- einkiinfte Athens reichlich 1000 Talente. c) Das Miinzvvesen. Das griechisclieGevvichts- undMiinzsystem ist vom babylonischen abhiingig; die Griechen lernten es im 7. Jalir- hunderte kennen. Das sclnvere dginetische Talent — 36 kg vvar das altere, das leichtere euboische = 26 kg, das unter Solon auch in Athen eingefiihrt vvurde und deslialb gevvohnlicli das altische hieB, das jiingere. Das attische Talent = 60 Minen vvar, vvie die Mine, Z e e[h e, Geschichte des^AItertums. 7 98 Die Grieehen. nur Rechnungsmiinze und galt ungefahr 5500 K. Die Mine zerfiel in 100 Drachmen zu 6 Obolen. Die Athener hatten, wie die Grieehen iiberhaupt, Silberivahrung. Die gewohnlichste Miinze war die Drachme. G. Die Literatur und Kunst im Zeitalter des Perikles. Die Zeit des Perikles ist das goldene Zeitalter der griechischen Poesie und Kunst. Perikles zog die groBten Dichter, Kimstler und Gelehrten in seine Mahe und machte dadurch Athen zur geistigen Hauptstadt der Mation, 1 so daB der attische Dialekt allmahlich Gemeinsprache der Gebildeten und der Literatur wurde. Moch herrsehte die gute alte Sitte und die Scheu vor den Gottern, der Aschylus, Sophokles, Herodot und Phidias herrlichen Ausdruck gaben. Perikles selbst riihmte von den Athenern: „Wir lieben das Schone mit MaB und die Weisheit ohne Verweichlichung.“ - I. Die Literatur. a) Die Poesie. Die Blutezeit der attischen Demokratie ist auch die Blutezeit des griediischen Dramas; da es epische und lyrische Bestandteile enthalt, konnte es erst nach der Ausbildung des Epos und der Lyrik zur Entwicklung gelangen. Das griechische Drama kniipft ari die Beligion, und zwar an die Chorgesange zu Ehren des Dionysus an; zu diesem lvrischen Bestandteile gesellt sich als epischer Teil eine Erzahlung aus dem Leben des Gottes. Den Stoff lieferte auch fernerhin die Gotter- und Ileldensage; nur vereinzelt wurde damals ein weltlicher Stoff der Gegenwart beniitzt. Die groBten Tragodiendichter sind Aschglus, Sophokles und Euripides, von denen der zweite den Gipfel bezeichnet. Von den beiden ersteren sind uns je sieben Dr amen erhalten, sie gehoren zum Sclionsten und Erhabensten aller Poesie; dagegen zeigt Euripides, von dem 17 vollstandige Tragodien auf uns gekommen sind, bereits mehrfache Spuren des Verfalles. Die Auffiihrung der Tragodien, die unser Trauer- und Schau- spiel umfaBten, war mit Musik und Tanzbewegung verbunden; sie stellte bedeutende Anspriiche an die Ausdauer der Zuschauer, da sie 1 Perikles nennt Athen f EXXaSoi; TjatSsuaiv. Andere Ehrentitel Athens waren: TcavTtov avS-ptDTroiv T:a'8£u::7jptov, rcpuTaveiov z aoota;, ioria zr t c, f EXXaSo?. Zeitalter des Perikles. 99 seit Aschjlus in der Form der Trilogie stattfand, d. h. es wurden nacheinander drei Tragodien desselben Dichters aufgefiihrt, denen noch ein erlieiterndes Satyr-Drama folgte, in dem Satyren den Chor bildeten; ein einziges solches Stiick hat sicli erhalten. Das bedeutendste attische Theater war das des Diongsus am siidostlichen Abhange der Burg. 1 Es war in den Felsen gehauen und bestand aus drei Hauptteilen: der Biihne, der Orchestra (dem Iiaume fiir den Chor nnd die Scliauspieler) und den lialbkreisformig iibereinander 'angelegten Sitzreihen fiir die Zuschauer. Das best- erhaltene griecliische Theater ist das von Epidaurus. bJ Die Prosa. In dieser Zeit kommen besonders die Philo- sophie und die Geschichtschreibung in Betracht. a) Die Philosophie. Sie fand zuerst Pflege und tVar anfangs aucli mit Mathematik und Astronomie verbunden, da sich erst bei fortschreitender Entiviclclung die einzelnen Wissenschaften von- einander sondern . 2 In der Mathematik und Astronomie waren mehrere Philosophen Schiiler der Agypter (S. 9). 1. ) Die j o n i s c h e Naturphilosophie. In Jonien traten zuerst einige Manner auf, die sich mit den Anschauungen Ilomers und Ilesiods iiber die Entstehung des Alls nicht begnugten, sondern selbstandig nach dem Stoffe forschten, aus dem alles ent- standen sem lconnte (erstes Erwachen des Zweifels und der Kritik). An ihrer Spitze steht Tliales (um 600), der diesen Stoff im Wasser erkannte; er war der erste Grieche, der den Eintritt einer Sonnen- finsternis bestimmte. Dieser Geist der Forschung dr ang zur Zeit des Perikles auch in Athen ein. 2. ) Pjthagoras aus Samos, ein Zeitgenosse des Pisistratus, war ein Mann von groJBartigem ethisch-politisehen EinfluB. Er glaubte an die Unsterblichkeit der Seele. Die von ilim in Unter- italien begriindete ScJmle, eine religios-politische Genossenschaft, \vurde durch die Bekampfung der Demokratie wichtig; sie ver- anlaBte auch die Zerstorung des iippigen (S. 81) demokratischen Sybaris durch das aristokratische Kroton. FTach dem Vorgang ihres Stifters, der bereits die Kugelgestalt der Erde lehrte, betrieb sie 1 W. DSrpfeld und E. Tteiseh, Das griechische Theater. Athen 1896. Erst im 4. Jahrhunderte ivurden in Griechenland steinerne Theater erbaut. 2 Ahnlieh sind auch in der itltesten Poesie episehe, lyrisehe und dramatische Bestandteile vereint enthalten. 100 Me Griechen. besond-ers Musik, Mathematik und Astronomie; infolge der Zer- sprengung des Bundes im 5. Jahrhunderte verbreiteten sich diese Studien auch im Mutterlande. 3.) Die sogenannten sieben Weisen Griechenlands, durch- aus groBe Staatsmanner, lebten im 6. Jahrhunderte; sie stellten keine philosophischen Systeme auf, sondern wurden Lehrer und Ratgeber des VolJces durch praktische Lebensweisheit und Pflege der Tugend. Sie zeigen, daB die Griechen eine hochstehende Moral ausbildeten, deren Wesen das MaBhalten (oiocpaoovvrj) war. Vgl. Solon. /5) Die Geschichtschreibung. Als das Epos im Abbliihen war, begannen seit der Mitte des 6. Jahrhunderts die Logogmphen die Sagen iiber die Heroenzeit und die Griindung der jonischen Stadte sowie ihre geographischen Kenntnisse — Geographie und Geschichte sind noch ungetrennt — aufzuzeichnen. Um 450. Der Vater der Geschichtschreibung ist Herodot (um 450) aus Kleinasien. Er stellt den Kanipf zwischen den Griechen und Persern bis zum Jahre 478 dar und legt als Episoden die Geschichte der Lydier, Perser, Agypter, Babylonier und Scythen ein. Er sieht in den Ereignissen den AusfluB des gottlichen Willens. Seine Walir- heitsliebe haben die Ergebnisse der Assyriologie bestatigt. Auch er lebte eine Zeitlang in Athen und lieB sich zuletzt in Thurii nieder. 2. Die Kunst. ISTachdem schon Oimon durch die Erbauung des Theseus- Tempels, des besterhaltenen griechischen Tempels, und die Aus- malung der „Bunten JIalle“ (prod noiv.ihf) auf dem Markte mit der kiinstlerischen Aussclimuckung Athens begonnen hatte, erreichte diese unter Perikles iliren Hohepunkt. Niemals sonst hat ein Staat einen verhaltnismdBig so groBen Teil seiner Einhunfte (iiber em Drittel) fiir Ziuecke der Kunst verwendet. a) Die Baukunst. Am Avichtigsten sind die Bauten auf der AJcropolis. Wenn man auf der Westseite zur Burg emporstieg, gelangte man durch das tempelartige Prachttor der Propglaen auf die Ilohe, die mit Tempeln, Statuen und Gartenanlagen bedeckt war. Von den ersteren sind besonders der Parthenon und das Erechtheum bemerkenswert. Der dorische Parthenon ist ein Amphiprostylos, Peripteros mit S .Saulen an den Sclimal- und 17 an den Langseiten (die Ecksaulen ZAveimal gezalilt). Er war 70 m lang, 31 m breit und 26 m hoch. Zeitalter des Perikles. 101 gekorte dalier zu den groBeren griechischen Tempeln. Im Grund- risse bestelit er aus vier Teilen; es sind dies: der ostlicke Pronaos (fiir Weiligescheake), der Haos (Cella), der Partkenon im engeren Sinne (das Sckatzkaus) und der westliche Pronaos (Opistkodom, vielleiekt das Amtslokal der Sckatzmeister). Erst am Ende des 11. Jakrkunderts wurde der bis dakin tvoklerkaltene Tempel dnrch eiue Bombe in zwei Teile zerrissen. Das joniscke Erechtheum, benannt nach Erecktkeus, einem Beinamen Poseidons, umfaBte die groBten Heiligtiimer der Stadt: den Olbaum, welcken Atliene, und die Quelle, welcke Poseidon im Kampfe um den Besitz der Burg katten entsteken lassen. Der kleine Tempel ist durcli seine Zierlickkeit ausgezeicknet; das Ge- balke der einen Halle wird von kerrlicken Karjatiden (Korbcken tragenden Madcken) gestiitzt. AuBerhalb Attikas sind am beriikmtesten der Tempel der ISTjmpke Apliaia auf Agina aus der Zeit Cimons und der Zeus- Tempel in Olgmpia aus der Zeit des Perikles, beide im doriscken Stile. b ) Die Plastik. Sie erreickte zur Zeit des Perikles in der Ausbildung der Gottertgpen, der groBten Tat der Griecken auf diesem Gebiet, ikren IToliepunkt. Diesen erstieg sie nack langerer Entwicklung infolge der Tatigkeit des Phidias, des vertrauten Preundes des Perikles. Pkidias bringt das Hokeitsvolle, Majestii- tiscke, Rukig-Gottlicke zum Ausdruck, er liebt deskalb die Dar- stellung des Zeus und der Athene. Seine wiclitigsten drei Werke smd: a) die Aihene Promachos, das 9 m hoke Erzbild der Gottin auf der Akropolis; ft) die plastische Ausschmiichung des Parthenon und zwar: das Goldelfenbeinbild der Atkene im Innern des Tempels, etwa 12 m kock, die Gruppen der beiden Giebel, die Iteliefs der dlctopen 1 und die 160 m lange Kelief-Darstellung des Zuges der Panatkenaen auBen an der Cella, von der drei Viertel erlialten sind, das groBte und sckonste Relief des Altertums. Die erkaltenen Teile des Partlienonsckmuckes befinden sick in London; J die Goldelfen- beinstatue des Zeus in Olgmpia (S. 52), 14 m hock, die beriikmteste grieckiscke Statue. Es galt den Griecken als Ungliick, dieses Meister- werk nickt geseken zu kaben. 1 Im Oatgiebel war die Geburt der Athene, im Westgiebel ihr Wettstreit mit 1 oseidon, auf mehreren Metopen waren Centaurenkiimpfe dargestellt. 102 Die Griechen. Der zweitgroBte griechische Plastiker ist der Peloponnesier Poly1det, der besonders durch das Kolossalbild der Hera im Tempel zu Argos beriihmt war. Aus seiner Schule gingen viele Statuen von Siegern bei den Kationalspielen bervor; er vertritt daher gegeniiber dem attischen Idealismus den Realismus (S. 87). c) Die Malerei. Bis in die Zeit Oimons war die Malerei nur kolorierte UmriBzeichnung olme Modeli iernng nnd Schattierung. Der erste groBe Maler war Polygnot, Cimons Freund, der die „Bunte ]Ialle“ mit groBartigen Bildern schmiickte. Znr Beurteilung der griechischen Malerei sind wir auf die Berichte der Schriftsteller und der handwerksmaBigen Erzeugnisse der Keramik (Vasen) an- gewiesen. Die Vasen zerfallen in zwei Gruppen: die alteren (bis um 500) zeigen schwarze Piguren anf rotem Grande, die jiingeren rote Figuren auf schvrarzem Grunde. D. Die Hebung der materiellen Kultur. Wahrend Athen auf die Einfuhr von Rohprodukten, nament- ]ich Oetreide (S. 74), angewiesen war, konnte es auBer 01 ver- scbiedene Industriegegenstande ausfuhren, was den vielbeneideten Wohlstand der Stadt zur Folge hatte. Kamentlieb geschatzt waren die athenischen Vasen. Im Piraus, der damals neben Kartliago der Haupthafen des Mittelmeeres war, herrschte ein sebr lebhaftes Treiben, das der Staat durch strenge Ilandliabung der Polizei und Erbauung von Lagerhausern regelte. Arinere Burger Avurden ofter als Kleruchen angesiedelt, zahlreicbe freie Geschaftsleute und Ar- beiter 1 fanden bei der Auffiihriing der groBen Staatsbauten Ver- dienst. Perikles, unter dessen Begierung Thurii und Amphipolis gegriindet wurden, machte Athen, das nacli den Perserkriegen aus einem Ackerbaustaat ein Gewerbe- und Ilandelsstaat wurde, zur groBten und reichsten Stadt Griechenlands. Athen war die erste Stadt, in der Armenarzte angestellt und Versorgungsanstalten fiir alte Leute errichtet wurden. 1 Der Taglohn betrug meist eine Drachme, was bei der Geniigaamkeit der Bevolkerung fiir eine Familie ausreichte. — Das Gesamtvermogen der Athener soli zur Zeit des Demosthenes bloB 6000 Talente betragen haben; allerdings bat man auch berechnet^ daB ein Haushalt von vier Personen zur Zeit des Sokrates fiir Kleidung und Nahrung nur etwa 350 K benStigte. Der Peloponnesische Krieg. 103 Zweiter Abschnitt: Vom Beginne des Peloponnesischen Krieges bis zur Schlaeht bei Charonea, 431 bis 338. Niedergang Athens und der Griechen iiberhaupt, Hegemonie Spartas undThebens; innere Kampfe. I. Der Peloponnesische Krieg, 431 bis 404. 431—404. 1. Die Ursache des Krieges. Sie lag im Gegensatze zivischen Sparta und Athen , der besonders in folgenden Punkten zum Aus- drucke kam: a) Sparta war konservativ, Athen fortschrittlich gesinnt; b) Sparta vertrat daher die Aristokratie, Athen die Demo- kratie; c) Sparta war arm, Athen reich; d) Sparta war die groBte Pand-, Athen die groBte Seemacht; e) Sparta kiimmerte sich wenig um Wissenschaft und Kunst, Athen war die geistige Ilauptstadt des Volkes. Audi war fiir zwei Grofimachte Grieehenland zu klein; fast ganz Hellas wurde in den Kampf hineingezogen. 2. Die Veranlassungen. Diese bildeten die Streitigkeiten im Jonischen Meere, der Abfall Potidaas vom athenischen Bunde und das Vorgehen Athens gegen Megara. a) Die Streitigkeiten im Jonischen Meere. In die Streitigkeiten zivischen dem Volke und den Adelsgeschlechtern von Epidamnus ivurden auch die Korinther und die Athener hineingezogen. Iliebei siegten die letzteren iiber die ersteren, deren Ilandel hiedurch schiver getroffen ivurde. h) Der Abfall Potidaas vom athenischen Bunde. Deslialb reizten die Korinther Potidda zum Abfalle von Athen, das die ab- trunnige Stadt erst nach einigen J ahren wieder unteriverfen konnte. c) Das Vorgehen Athens gegen Megara. Alter Groll gegen den kleinen Kachbarstaat veranlaBte die Athener, den Megareern den Ilandel mit den athenischen Bundesstaaten zu untersagen, um sie zum AnschluB an Athen zu notigen. Da durch Megara drei leicht zu sperrende Passe in den Peloponnes fuhrten, konnte Sparta dieses Vorgehen Athens nicht dulden, ohne seiner GroBmachtstellung etwas zu vergeben. Als nun die Korinther und Megareer den Krieg gegen Athen betrieben, ivurde er von der Bundesversammlung auch beschlossen. Die offentliche Meinung war entschieden auf Seite der Spartaner, da Athen darnals vvegen der Tributforderungen (S.95) als Tyrannen- stadt verhaBt war. Die beiden Gegner ivaren einander ebenbiirtig. Der spartanische Bund konnte 60.000 Ilopliten ins Peld stellen; 104 Die Griechen. Athen hatte eine Landmacht von nur 30.000 Mann, dagegen be- herrschte es mit 300 Trieren die See und verfiigte iiber einen groben Scliatz. Freilich waren die atbeniscben Bundesgenossen weit ver- streut und teihveise zum Abfalle geneigt. 431 — 421. A. Der Zehnjahrige Krieg, 431 bis 421. 1. Die ersten Kriegsjahre bis zuin Tode des Perikles (431 bis 429). Eachdem die Thebaner das mit Athen verbiindete Platcia iiberfallen liatten, aber zum groBerenTeile gefangen und hingerichtet worden waren (wilder Charakter des Krieges), fielen die Spartaner in Attika ein. Auf Perikles’ Rat hatte sich die Landbevollcerung innerhalb der Langen Mauern in Zelten niedergelassen, da er es auf die Ermattung des Gegners abgesehen hatte. Vor den Augen der Athener verwiisteten die Spartaner das Land, 1 dem sie nament- lich durch das ISTiederhauen der Olbaume, die erst vom 16. Jahre an ertragfahig werden, schweren Schaden zufiigten. Deshalb wurde die Bevolkerung auch iiber Perikles unwillig. Dieser schickte inzwischen die Flotte zur Pliinderung der lakonischen Kiiste aus und suchte den Mut des Volkes durch begeisternde Reden aufrecht zu erhalten (in der beruhmten Leichenrede pries er unter dem Jubel des Volkes die GroBe Athens). So kam es jahrelang zu keinem entscheidenden Schlage. Da brach in Athen eine verheerende Pest aus (430)., die drei Jalire lang mitete, 2 die sittlichen Bande lockerte und die Be¬ volkerung entmutigte (beriihmte Beschreibung bei Thucyd. II, 47 ff.; Typus der WirJcung einer solchen Seuche). Audi Perikles starb an den Folgen der Pest. Gleichwohl behaupteten sich die Athener hinter den Mauern ihrer Stadt. 2. Vom Tode des Perikles bis zur Besetzung von Pylos durch die Athener (429 bis 425). Die Spartaner anderten nun ikre Taktik und bekampften die athenischen Bundesgenossen (so Platdd ) oder unte^stiitzten deren Abfallsversuche (so Mytilene). Letzteres ge- \vannen aber die Athener zuriick, worauf die besonders schuldigen Oligarchen hingerichtet wurden. Dagegen fiel Plataa infolge der gemeinsamen Belagerung durch die Thebaner und Spartaner; der Rest der Verteidiger wurde getotet. 1 Der attisehe Bauernstand hat sich von diesem Schlage nicht mehi" erholt. s Der beriihmte Arzt IiippoJcrates stand damals den Athenern aufopfernd zur Seite. Del' Peloponnesisehe Krieg. 105 Wichtiger war der Wandel im Innern , da sicli nacli dem Tode des Perikles die Stellen des Volksfiihrers (d ppajco og) und des Stra- tegen, die er vereinigt katte, scliieden. Kiclits kat dem Staate mehr gesehadet, als der fortwakrende Hader zwiscken den Rednem in der Vo lks ver s arnmlung und den P eldkerren. Ekrgeizige Manner, denen die Besonnenkeit und TJberlegenkeit des Perikles felilte, iibernakmen die Leitung der Yolks ver s ammlung, in der jetzt kaufig nickt das Gevieht der Grande, sondern nur die Mekrlieit der Stimmen den Ausscklag gab; gevrerbsmaBige Angeber (Svkoplianten) reizten die keidenschaften der Menge auf. Es begann die Ochlokratie. Da die Demagogen, deren einfluBreickster damals der Lederfabrikant Kleon war, den Launen der Menge sckmeickelten, 1 rissen Mangel an Oberlegung, leicktfertige Behandlung der Staatsgesckafte, Willkiir und Bestecklickkeit der Ideliasten, Recktsunsickerkeit und ge¬ li assige Anfeindung der Reiclieren ein, die sicli von diesem Treiben unwillig abvrandten, wakrend die IJnnackgiebigeren sogar mit dem Eeinde in Unterhandlungen traten (Typus der Massenherrschaft). Dieser innere Hader lahmte fiir alle Zukunft die Krafte Atkens. 2 3. Ton der Besetzung der Stadt Pylos Ms zum Friedens- schlusse (425 bis 421). Eine Wendung in den Gang des Krieges braehte der atkeniscke Feldherr Demosthenes, indem er Pylos be- setzte, rvodurck er die Spartaner an ikrer empfindlicksten Seite traf. Als diese auf der gegeniiberliegenden Insel SphaTete-ria landeten, v/urden sie von den Atlienern eingescklossen, so daB die Spartaner k riedensunterkandlungen einleiteten; allein diese sclieiterten an den koken Forderungen des von Kleon geleiteten Volkes. Als die Spartaner auf Spkakteria in Kriegsgefangensckaft fielen, katte das Gliick der Atkener den Idokepunkt erreiclit. Denn jetzt rafften sick die Spartaner unter der Anfukrung des tiicktigen Brasidas auf und 'folgten dem Hilferufe der von Atlien abgefallenen tliraziscken Kiistenstadte. Gegen Brasidas wurde Kleon abgesekickt; es kam zur Seeschlacht bei Am.phipolis (422), in der die Atkener vollstandig gescklagen wurden. Da beide Feldkerren den Tod fanden, gewann in beiden Staaten die Friedenspartei die Oberkand; deren Haupt war in Atken der maBvolle Nicias, der den nach ikm benannten Frieden zum Abscklusse braclite. Die drei 1 r lhucyd. II, 05: hpinovzo f;8ovi; ™ SjJ[jlw. ttber den Gharakter der Volksversammlung vgl. Sokrates bei Xen. Mem. III, 7, 6; iiber die Ausbeutung des Staates Anab. IV, 6, 16. 422 . 106 Die Griechen. Bedingungen waren: Der Friede dauert 50 Jahre, der Zustand vor dem Ausbruche des Krieges wird wiederhergestellt, die Gefangenen und die besetzten Orte werden herausgegeben. B. Vom Wiederausbruehe des Krieges bis zum Ausgange der 419 — 413 . Unternehmung gegen Sizilien, 419 bis 413. Die Veranlassung zum Wiederausbruche des Krieges gaben gegenseitige Klagen iiber Verletzung der Friedensbedingungeu (Sparta behielt Amphipolis, Athen Pylos) und die Kriegslust des Alcibiades. Alcibiades, ein Schiiler des Sokrates, \var von der Natur mit Gaben des Geistes und Korpers verschwenderisch ausgestattet; er war aber niemals an Gehorsam gewohnt worden und lernte auch als Mann nicht, sicli selbst zu beherrschen. Die Sucht, um jeden Preis zu gliinzen und sich als unentbehrlick zu erweisen, war die Trieb- feder seines Handelns, das Wohl der Vaterstadt galt ihm weniger als sein eigener Ruhm. Fiir seine Stellung sind die Wort.e des Aristoplianes bezeichnend: „Das Volk liebt und hafiti ihn, aber es will ihn haben.“ Er \var ein politischer Gegner des Nicias. Das Scherbengericht war jedoch damals bereits abgeniitzt; denn statt eines dieser beiden Fiihrer wurde ein unbedeutender Mann verbannt — letzier Ostracismus. 1. Die Schlacht bei Mantinea (418). Unter dem Einflusse des Alcibiades unterstiitzte Athen die Argiver im Kampfe gegen die Spartaner, die aber bei Mantinea siegten und dadurch ihre Stellung im Peloponnes kriiftigten. Obwohl unter solchen Verhaltnissen der baldige Wiederausbruch des Krieges wahrscheinlich \var, unter- nahmen die Athener doch einen Zug nach Sizilien, um im Interesse ihres Handels den Korinthern den sizilischen Markt zu entreiben. 415 — 413 . 2. Die Unternehmung gegen Sizilien (415 bis 413). a) Die Veranlassung. Der erbitterte Krieg, in den das ganze Mutterland und die jonischen Kolonien hineingezogen worden waren, ergriff endlich auch die sizilischen Stddte. Als Gesandte der Stadt Segesta Athen um Hilfe gegen Sgrakus baten, beschlossen die Athener auf Betreiben des Alcibiades eine groBartige Unternehmung zur Er- oberung der Insel und betrauten mit der Fuhrung Alcibiades, Lamachus und Nicias. b) Der Verlauf. Koch vor der Abfahrt der Flotte \vurde ein Religionsfrevel veriibt und bekannt, indem in einer Nacht zahlreiche Der Peloponnesische Krieg. 107 Marmorhermen 1 beschadigt vurden. Obvohl Alcibiades, der von seinen Gegnern als Urheber des Frevels bezeichnet vurde, sofortige Untersuchung verlangte, vurde sie doch verschoben und die Flotte — mit 35.000 Mann, von denen gut drei Fiinftel SchifEsmannschaft varen •— lief aus. Die Untersuchung gegen Alcibiades vurde in seiner Abwesenheit wieder aufgenonnnen und ihm auch eine Ent- vveihung der eleusinischen Geheimnisse zur Last gelegt. Er wurde infolgedessen zuriickberufen und dadurch dem ganzen IJnternehmen die Seele geraubt. Da er die Verurteilung durch seine Feinde ( Oligarchen, Demagogen und religiose Fanatiker — selbst einander faindliche Parteien vereinigen sich nicht selten gegen einen gemein- samen Feind —) fiirchtete, entfloh er nach Sparta und ward zum Tode verurteilt, obvohl der Frevel, den vielleicht seine Feinde ver- Llbt hatten, nicht aufgeklart vorden var. Das Ilauptergebnis des ganzen Unternehmens var die vergeb- liche Belagerung von SgraTcus , das nach der Herrschaft liber ganz Sizilien strebte. Schon hatten die Athener die Stadt der TTbergabe nahe gebracht, als die Spartaner auf Anraten des Alcibiades ihren Stammesgenossen unter Gglippus Hilfstruppen schichten. Diesem gelang es, in die Stadt zu dringen, wodurch die Dinge eine voll- standige Wendung nahmen. Zvar erhielten auch die Athener unter Demosthenes ansehnliche Verstarkung; da aber der aberglaubische iSTicias infolge einer Mondesiinsternis den Abmarsch verschob, vurde die Flotte im Hafen eingeschlossen und konnte trotz der heftigsten Kampfe den Ausgang nicht erzvingen. Deshalb traten die Athener den Riiclczug zu Lande an, auf dem sie von den Syrakusiern ver- folgt wurden. Hiedurch sovie durch den Mangel an Lebensmitteln erlitten sie groBe Verluste. Der Resi des Heeres ergab sich endlich und vurde von den Siegern.„grausam behandelt; die meisten Ge- fangenen vurden Sklaven oder fanden einen qualvollen Tod in. den Steinbriichen. Demosthenes und FFicias vurden hingerichtet, Lama- chus var schon vahrend der Belagerung gefallen. Ergebnis. Die stolzeste Macht, velche die Athener jemals aus- geriistet hatten, var vernichtet, die finanziellen und militarischen Hilfsmittel des Staates schver geschadigt. Es war die entscheidende Wendung im groBen Kriegc. 1 Es waren vierecliige, auf den Wegen aufgestellte Pfeiler mit dem Kopte des Gottes Hermes. 108 Die Grieehen. 413 — 404. C. Der Deceleische Krieg, 413 bis 404. 1. Vom Wiederausbruehe des Krieges bis zur Riickkehr des Alcibiades (413 bis 411). Auf den Hat des Alcibiades besetzten die Spartaner noch vor der Entscheidung auf Sizilien Decelea und be- drangten dadurch Athen. Wahrend die jonischen Bundesgenossen, von Alcibiades aufgereizt, von Athen ahfelen, sclilossen die Spar¬ taner unter Mitwirkung des Alcibiades mit dem kleinasiatischen Sa- trapen Tissaphernes ein Biindnis, demzufolge dieser den Spartanern Geldmittel beliufs Bemannung einer Flotte zur Verfiigung stellte. Als aber Alcibiades, der sich inzwischen in, Sparta verhaBt gemacht hatte, am Hofe des Satrapen erschien, wuBte er ilm zu bewegen, die Unterstutzungsgelder fiir Sparta nur sparsam, flieBen zu lassen, da er es als im persisclien Interesse gelegen erklarte, daB keiner der beiden griechischen Staaten einen vollen Sieg davontrage. Sodami unterhandelte er mit reichen Athenern wegen seiner Zuriichberufung und stellte persische Hilfe in Aussicht, wenn die Demokratie ge- stiirzt wiirde. Wirklich erfolgte ein oligarchischer Staatsstreich. Aber die Flotte unter der Anfiihrung des elirlichen Thrasybulus weigterte sich, den Verfassungsbruch anzuerkennen, und unterlian- delte mit Alcibiades, der sich inzivischen mit den Oligarchen wieder zertragen hatte ; die Demokratie wurde wiederhergestellt und Alci¬ biades zuriickberufen (411). 2. Alcibiades als Anfiihrer der athenischen Flotte (411 bis 407). Wahrend die Spartaner diese Verhaltnisse unbeniitzt ge- lassen hatten,'fuhren sie nun in die pontischen Gewasser, da sich der Satrap des nordlichen Kleinasien, Pharnabazus, auf ihre Seite gestellt hatte und sie den Athenern die Getreidezufuhr abschneiden ivollten. Aber die Athener erkampften unter der Anfiihrung des Alcibiades und des Tkrasybulus einen groBen Seesieg bei Gyzicus 410. (410) — es war der glanzendste Sieg im ganzen Kriege, 1 — wo- durch die Zufuhr wieder frei wurde. Im folgenden Jahre nalimen die Athener auch Byzanz. Als zwei Jahre darauf Alcibiades im Piraus landete, ivurde er mit groBern Jubel empfangen. 1 Die Stimmung bei den Spartanern kennzeiclmet der Bericht, welchen der Unterfeldherr (der Feldherr Mindarus war gefallen) an die Ephoren schickte: „Das Gliielc ist voriiber, Mindarus tot, die Leute hungern, wir \vissen nicht, vas wir tun sollen." Hell. I, 1, 23. Der Pelopoimesische TCx-ieg. 109 Aber balcl anderten sich die Verhaltnisse. An Stelle des Tissa- phernes vrarde Cyrus der Jungere mit der Statthalterschaft des siid- lichen Kleinasien betraut, der durch bedeutende Geldunterstiitzung den Spartanern die Ausriistung einer tiiclitigen Kriegsflotte ermog- lichte, an deren Spitze der gewalttatige und verschlagene, aber tatkraftige Lysander trat. Gegen den Befehl des Alcibiades lieB sieli in seiner Abwesenheit sein Unterfeldherr in einen Kampf mit der feindlichen Flotte ein und wurde geschlagen; infolgedessen ward Alcibiades abgesetzt. 3. Von der Absetzung des Alcibiades bis zuin Ende des Krieges (407 bis 404). Der Rachfolger Lvsanders, der edle Kalli- hratidas, schloB den athenischen Feldherrn Konon, den FTachfolger des Alcibiades, in Mytilene ein. Kun riisteten die Athener noclimals cine bedeutende Flotte aus, der es durch den glanzenden Sieg bei den Arginusen gelang, Konon zu befreien (406). Da bereitete die 406 Pobelherrschaft Athen den Untergang. Die Anfiihrer der Flotte ■\vurden namlich falschlich angeklagt, daB sie es unterlassen hatten, die Leichen der Gefallenen nach Kraften zu sammeln, Oligarclien und Demokraten vereinigten sich (nur Sokrates uddersprach) zur Verurteilung der Feldherren und sechs von ihnen wurden hin- geriehtet. 1 Schnell brach nun iiber Athen das Verderben herein. Lysander, der abermals das Kommando iiber die Flotte erhielt, iiberfiel die Athener am Ziegenflusse (Aigospotamoi , 405) und vernichtete ohne 405 BlutvergieBen die feindliche Flotte; nur Konon rettete sich mit neun Schiffen. Athens Widerstandskraft im offenen Kampfe war ge- brochen. Lysander beraubte Athen aller Bundesgenossen, stiirzte iiberall die Demokratie und iibergab die Regierung oligarchisch ge- sinnten Mannern. Dann sperrte er mit der Flotte den Piraus, wahrend der spartanische Konig Pausanias Athen zu Bande be- lagerte. Infolge Mangels an Lebensmitteln muBte sich die Stadt ergebenj die harten Friedensbedingungen lauteten: a) Auflosung des athenischen Seebundes; b) Anerkennung der spartanischen Hegemonie; c) Auslieferung der Kriegsflotte; d) KiederreiBung der Langen Mauern; e) Zuriickberufung der Verbannten. Ergebnis. Die politische Machtstellung Athens war gebrochen, Sparta vurde das alleinige Haupt Griechenlands und drangte die 1 Vgl. Xenoph. Hell. I, 7: to oe £(3<5a , Setvov sTvoa, zl p.rj tt§ eaast tov ~paTT£iv o av (Boi3XrjTat. 110 Die Grieehen. 404 — 379. 404. Demokratie iiberall zugunsten der Oligarchie zuriick. Der nahezu 30jahrige Krieg hatte die sittliclien Grundlagen des Volkes zerstort und die verderblichen Streitigkeiten der Griechen untereinander horten hinfort nicht mebr auf. II. Die Hegemonie Spartas, 404 bis 379. A. Allgemeine Lage. Sparta legte zum Schutze seiner Einrichtungen in viele Stiidte Besatzungstruppen unter der Anfiibning von Harmosten (Kriegs- vogten), die den Ephoren allein verantwortlich waren und sicli durcli ihre driickende Herrschaft bald verhaBt machten. 1 Wegen der spartanischen Gevvalttatigkeiten, die selbst die eigenen Bundes- genossen nicht schonten, trat auch jetzt in Griechenland keine .Buhe ein. Die fernere Entwicklung ist wesentlich durch drei TTmstande bedingt: durch den Umschwung der offentlichen Meinung zugunsten Athens, das weniger tyrannisch geherrscht hatte als jetzt Sparta; 2 durch die Eifersucht der spartanischen Konige und Ephoren auf Lysander; endlich durch den Univillen der Mittelstaatenj nament- lich Korinths und Thebens, deren Wunsch, die Zerstorung Athens, Sparta nicht erfiillt hatte. B. Die Herrschaft der 30 Tyrannen in Athen und ihr Sturz dureh. Thrasybulus, 404 und 403. 1. Die Herrschaft der 30 Tyrannen (404). Vor ihrem Abzuge aus Attika stellten die Spartaner 30 Oligarclien, die spater als die 30 Tyrannen bezeichnet ^vurden, an die Spitze der athenischen Staatsverwaltung und lieBen eine spartanische Besatzung auf der Burg zuriick. Die Oligarchen, unter denen Kritias und THeramenes den meisten EinfluB hatten, regierten von Tag zu Tag willkurlicher; die Solonischen Gesetze wurden beseitigt, dem Areopag die Blut- gerichtsbarkeit entzogen, die Beamtenstellen nur mit Parteigenossen besetzt, alle Burger bis auf 3000 enBvaffnet, miBliebige oder gefahr- liche Personen durch parteiische Rechtsprechung aus dem Wege 1 Den tlbermut selbst spaitaniselier PrivatmUnner zeigt uns das Beispiel des Klearehus (Xen. Anab. II, 6). 2 Selbst Xen. Hell. III, 5 sagt liber die von Athen abgefallenen Stadte: i) t:6 ts yccp Ttov ap;j.oaTo3V vUpavvouvirat. Wachsender EinfluB der Perser. 111 geraumt, das Vermogen der mitunter nur aus Habgier Hingericli- teten eingezogen. Die Oligarchen veranlaBten auch die Ermordung desAlcibiades, der sicli damals in Kleinasien aufhielt, aus Furcht, er konnte ihnen gefahrlich werden. (Typus der Schrechensherrschaft.) Allmahlich trat unter den Oligarchen selbst eine Spaltung ein. Wahrend Kritias, der tatsachlich das Haupt geworden war, auf dem Wege der Gewalt fortschreiten wollte, trat Theramenes infolge ver- letzter Eitelkeit fiir eine Milderung des Terrorismus ein; er mulite aber anf GeheiB seines Gegners den Giftbecher leeren (vgl. die demo- kratisehe Schreckensherrschaft in der franzosischen Revolution, Robespierre und Danton). Athen fand nun in ganz Griechenland Teilnahme und die athenischen Fluchtlinge \vurden trotz des spar- tanischen Verbotes in Theben aufgenommen. 2. Der Sturz der 30 Tyrannen (403). Von Theben aus unter- nahmen die fluchtigen Demokraten unter der Eiihrung Thrasgbuls, den die DreiBig verbannt hatten, den Angriff auf die Tyrannen. In Munijchia kam es zum Kampfe, in dem Kritias fiel. Zwar erhielten die DreiBig Unterstiitzung durch Lysander, doch der Konig Pau- sanias und die Ephoren vermittelten aus Eifersucht gegen jenen ein tlbereinkommen zwischen den Verbannten und der Stadt Athen, dessen wichtigste Bestimmungen lauteten: a) Wiederkerstellung der Solonischen Verfassung, die nun im wesentlichen bis auf AIexander den GroBen bestehen blieb; b) Erteilung einer all- gemeinen A.mnestie , von 'der nur die DreiBig ausgenommen vrarden — die erste in der griechischen Geschichte. G. Waehsender Einflufi der Perser auf die griechischen Angelegenheiten, 401 bis 386. 1. Die innere Zerriittung des Perserreiches und der Riickzug der 10.000 Griechen. Der'"jiingere Gyrus suchte seinen Bruder Artaxerxes II. vom Throne zu stoBen und zog zu diesem Zwečke ein groBos Barbarenheer zusammen, das er durch 13.000 griechische Soldner verstarkte. Mit diesem Ileer iiberschritt er den Euphrat und stieB mit seinem Bruder beim Dorfe Kunaxa zusammen (401). Ob- wohl die Griechen auf dem rechten Fliigel siegten, kamen sie doch, weil Cyrus im Kampfe fiel, in die groBte Bedriingnis, zumal da sie infolge der Tiicke des Tissaphernes ilirer Anfiihrer beraubt wurden. Auf den Rat Xenophons, der als Redner, Eeldherr und TTnter- handler die eigentliche Seele des Riickzuges war, wahlten die 10.000 103. 401 . 112 Die Griechen. Griechen neue Anfiihrer und gelangten nach t)berwindung groBer Schivierigkeiten, welche ihnen die Besclnverden des Marsches, die Ungunst des Klimas und die feindselige Gesinnung der Bevblkerung bereiteten, noch 8000 Mann stark, bei Trapezunt ans Meer; von da retteten sie sich nach Bgzanz. Dieser Zug ist ein schoner Beweis von der Bberlegenheit der Griechen gegeniiber den Persern; wenn diese gleichwohl jetzt einen entscheidenden EinfluB anf die Geschicke der Griechen ausiibten, so ist dies dem verderblichen Hader der letzteren nntereinander und dem Buhlen um die Gunst des GroBkonigs zu- zuschreiben. 2. Die Kampfe der Spartaner mit den Persern in Klein- asien (400 bis 393). Nach der Schlacht bei Kunaxa wurde Tissa- phernes nach Kleinasien geschickt, um die jonischen Stddte wieder zu unterwerfen. Infolgedessen rvandten sich diesean$parčaumHilfe, die ihnen auch gewahrt wurde. Der Rest der 10.000 Griechen trat in den Dienst der Spartaner, die namentlich seit der Bbernalnne des Oberbefehles durch den Konig Agesilaus den Persern empfind- liche Verluste beibrachten. Deshalb trachteten diese, die Spartaner ans Asien zu entfernen, was ihnen durch Ankniipfung von Ver- bindungen mit den Sparta feindlich gesinnten Stadten Griechen- lands gelang. - 895 — 386 . 3. Der Bootiseh-korinthische Krieg (395 bis 386). Sparta hatte sich durch seineWillkiirherrschaft allgemein verhaJBt gemacht; deshalb schlossen Theben, Korinth und Athen unter Beiziehung von Argos einen Bund gegen Sparta, den der persische Konig durch Geldzahlungen unterstiitzte. Als Lysander im Kampfe gegen die Thebaner bei Haliartus geschlagen und gefallen war (395), riefen die Spartaner Agesilaus aus Asien zuriick. Wahrend dieser auf dem Wege des Xerxes nach Griechenland vordrang, wurde die spartanische Flotte von der persischen unter der Anfiihrung Konons bei Knidus vollstandig geschlagen (394). Infolgedessen ging Jonien an die Perser verloren und brach die spartanische Ilegemonie im Archipel zusammen. Konon baute nun die Verbindungsmauern zwischen Athen und dem Piraus mit per- sischem Gelde wieder auf. Zwar bahnte sich Agesilaus durch den Sieg bei Koronea (394) den Weg nach dem Peloponnes; die Verbiindeten suchten nun aber durch die Besetzung der Isthmuspdsse bei Korinth — daher der Name des Krieges — Sparta auf den Peloponnes zu beschranken Das Emporkommen Thebens. 113 und brachten ihm daselbst imter der Anfuhrung des Atheners Iphikrates , dessen Truppen teils Hopliten, teils Peltasten kvaren, 1 bedeutende Verluste bei. Deshalb schickten die Spartaner den ge- wandten TJnterhandler Antalcidas, einen zweiten Ly sander, zum per- sischen Konige wegen Abschlusses des Friedens, dessen Bedingungen der Konig feststellte (386). Der Friede heiBt daher auch der Konigs- friede (g paoiltcog tlorjn ;■). Die wichtigsten Bestimmungen des Antalcidischen Friedens waren: a) Die griechiscben Stadte in Kleinasien bleiben beim per- siscben Reiche; b) alle Hegemonien in Griechenland werden auf- gelost, so daB alle Stadte voneinander unabhangig sind; c) Sparta iibernimmt dieAusfiihrung des Friedens. Durch die letztere Be- stimnrung war die Entscheidung im einzelnen Sparta iiberlassen. 2 Ergebnis. 1.) Die sittliche Verwilderung der Grieclien liat neue Fortsehritte gemaebt; 2.) nvmmehr breitete sieh das Soldner- \vesen, ein bedenkliches Zeichen gesunkener Biirgertugend, imrner mehr ans, 3 so daB sie.h die Begriffe „Blirger“ und „Soldat“ trenuten; 3.) die Freilieit der -Tonier war vernichtet; 4.) das persische Keich hatte trotz seiner Schwache auch in Griechenland die Entscheidung gegeben; daher war hier das Sprichwort verbreitet: sv fiaotfai ra ziu v ‘Ehhjriov. III. Das Emporkommen Thebens ; der Storž der spartanischen Hegemonie, 387 bis 362. Zur Geograpliie Bootiens. Bootien ist teilweise von ver- cinzelten Berggruppen (Helikon, Cithiiron) ausgefiillt. In der Mitte des Landes liegt eine Ebene, die groBtenteils vom Kopais-See ein- genommen war. Wegen der bedeutenden Ausdehnung des ebenen Landes ist Bootien wiehtig fiir die Pferde- und Binderzucht(Bot«-nof = Rinderland), fiir die Ausbildung der Reiterei und als Schlacht- feld. Die starke Verdunstung in dem durch Gebirge rings um- 1 A. Bauer, Die grieehischen Kriegsaltertiimer in Miillers Handbuch. Den Hauptunterschied der Bervaffnung bildete der kleine Schild der letzteren (7tdX-n)). 2 Plut. Ages. 23: 6 \lr;8o; Xax(ovf£et. Der Wortlaut des Friedens bei Xen. Hell.V, 1. 3 Die ersten Soldner verrvandte Sparta im Peloponnesischen Kriege; damals bereits verlockte Lysander durch eine Solderliohung auf der spartanischen Flotte viele Athener zur Desertion. Seit dem Korinthischen Kriege rvurden die Burger - aufgebote fiir Besatzungen. die Soldner fiir den Krieg verwendet. 386 . 387 — 362. 8 114 Die Grieclien. schlossenen Lande, namentlich in den versumpften westlichen Teilen des Kopais-Sees maclit die Luft ungesund, feuclit und schwer; im Zusammenhange damit wird den Bootiern Schwerfalligkeit zu- geschrieben (Gegensatz: attisches Klima nnd athenische Elastizitat). Die wichtigsten Stadte waren: Theben, Orchomenus, Platdd und Tcmagra. Die Kampfe der Thebaner gegen die spartanische Ubermacht. 1. Die Veranlassung. Als einige Stadte auf Chalcidice die Spartaner um Hilfe gegen die Versuche Olynths, sie in Abhangig- keit zu bringen, baten, schickten sie die erbetene Unterstiitzung. Auf dem Wege daliin besetzten sie im Einvernehmen mit den tlie- banischen Oligarelien die Kadmea und veranlaBten die Haupter der demokratisehen Partei zur Flucht. Durch die Demiitigung 01ynths wurde der TJbermut Spartas noch gesteigert, so daB die Thebaner keine Genugtuung erhielten. Infolgedessen kam es zivisclien Sparta und Theben zum Kampfe. 379 — 371. 2. Theben in der Verteidigung (379 f)is 371). In Thebeiis;/ . \varen damals die Fiihrer der demokratisehen Partei edle Manner, die ikre Kraft und ihr Leben dem offentlichen Wohle widmeten. TJnter ihnen standen obenan die beiden Freunde Epaminondas und PelopidaSj von denen namentlich der erstere durch Vaterlandsliebe, Bildung, sittlichen Ernst und Feldherrentalent hervorragte. Von den Miinnern, die diesem Kreise angehorten, ging die Befreiung Thebens aus. In Athen fanden nach und nach 300 bis 400 tkebanischeEliicht- linge, an deren Spitze Pelopidas stand, gastliche Aufnahme. Im Ein¬ vernehmen mit Epaminondas verliefi jener mit einigen anderen Fliichtlingen Athen und begab sich nach Theben. Die Haupter der oligarchischen Partei, die hier eine Ilerrschaft fiihrten, ahnlich der des Kritias in Athen, wurden von den verkleideten Versclrvvomen iiberfallen und getotet. Das Volk schloB sich an die demokratisehen Fiihrer an und zwang die Spartaner zum Abzuge, worauf die Athener mit Theben ein Schutz- und Trutzbiindnis schlossen. Wah- rend die Athener einen neuen Seebund aufrichteten und die Spar¬ taner mehrmals besiegten, wiesen die Thebaner die wiederholten Einfiille der letzteren zuriick und delmten ihre Ilegemonie uber einen groBen Teil Bootiens aus. Infolgedessen erwachte die Eifer- sueht der Athener, \veshalb sie sich den Spartanern naherten. Kun Die Hegemonie Thebens. 115 ivurde ein FriedenskongreB nacli Sparta berufen, auf dem der Antal- cidische Friede erneuert wurde. Da aber Epaminondas, der Ver- treter Thebens, den Anspruch auf die Hegemonie seiner Vaterstadt iiber Bootien nicht aufgab, brach der Krieg zivischen den Thebanern und Spartanern von neuem aus. Als die letzteren in Bootien ein- fielen, wurden sie von den Thebanern unter der Anfiihrung des Epaminondas, der die schiefe Schlachtordnung erfand, 1 bei Leuktra zuin erstenmal vollstandig geschlagen (371). Hun war Theben stark genug, um zum Angriff iiberzugehen. 3. Theben im Angriff e (371 bis 362). Epaminondas und Pelo- pidas strebten nacli der Aufrichtung der thebcmischen Hegemonie iiber ganz Griechenland, die aber nur im Kampfe gegen Sparta zu- stande kommen konnte. Epaminondas iibernahm die Erschiitterung der spartanischen Hegemonie im Peloponnes, Pelopidas die Auf¬ richtung der thebanischen Hegemonie in Thessalien. a) Thessalien. Hier ivar die bedeutendste Stadt Ph>era, deren Tvrannen nach der Einigung der ganzen Landschaft strebten, was die Thebaner zu verhindern suchten. Daher unternahm Pelopidas drei Ziige gegen den Tvrannen von Phera. Zwar errang er be- deutende Erfolge in Thessalien und schliclitete auch Thronstreitig- keiten in Mazedonien; da er aber auf dem dritten Zuge fiel, brach das kaum begriindete tlbergeivicht Thebens im Horden wieder zu- sammen. b) Der Peloponnes. Zum Sturze Spartas unternahm Epami¬ nondas im Einvernehmen mit den Argivern, Arlcadern und Eleern vier Ziige in den Peloponnes. Vergebens versuchte er zweimal, Sparta durch Hberrumplung zu erobern; dagegen schivachte er es fiir immer dadurch, daB er die Arkader zur Griindung der groSen Stadt (fj gsydlq mihg) vereinte und die IJnabhangigkeit Hesseniens, das. in Messene eine selbstiindige Hauptstadt erhielt, wiederher- stellte. Auf dem vierten Zuge siegte zwar Epaminondas bei Man- tinea (362), doch fiel er in der Schlacht; die Thebaner folgten seinem Rate und schlossen Frieden. Ergebnis. Die sparianische Hegemonie war fiir immer ge- stiirzt. Die Machtstellung r l hebens war das Werk weniger begeister- ter Manner, mit deren Tode Theben in die friihere Bedeutungs- 1 Ilell. VI, 4, 8 ff. — Die schiefe Schlachtordnung bestand in der Ver- starkung eines Flugels als Angriffsflugels. 371. 371—362. 362 . 8 * 116 Die Griechen. losigkcit zurueksanK ; die Griechen katten ihre Krafte neuerdings geschrvacht und ermoglichten dadurch die Einmischung Maze- doniens. 362—338. IV. Die Begriindung der mazedonischen Hegeinonie, 362 bis 338. Zur Geographie Mazedoniens. a) Das Land. Mazedonien erstreckte sich von Epirus nnd Thessalien bis an die Westgrenze Thraziens und im Siiden bis ans Meer. Im Westen und Osten hat es Gebirgsziige als natiirliche Grenzen, im ETorden fehlt eine solche. Es ist iiberwiegend Gebirgslandj das Tiefland im Elorden des Ther- maischen Busens ist der politische Mittelpunkt des Landes. Zwei bedeutendere Fliisse, Axius (Vardar) und 8trymon (Struma), ge- horen dem Lande an; zwischen ihren Miindungen lag Clialcidice, ganz besetzt mit griechischen Kol oni en, die hier Mazedonien vom Meere abschnitten. Die Residenz war seit Philipp II. Pella. h) Die Bevolkerung. Die Mazedonier waren urspriinglich den Griechen stammvenvandt, wurden ihnen aber durch Vermischung mit illyrischen Stammen, die von Elorden her iiber das Amselfeld becpiemen Zugang fanden, mehr und mehr entfremdet. Elur das konigliche Geschlecht und der kriegerische Adel nahmen die grie- c-hische Bildung in sich auf; die Masse des Volkes, Jager und Bauern, hielt sich von ihr ferne. In den Zusammenhang der welt- geschichtlichen Entwicklung trat das Land erst seit Philipp II. 359 — 336. Philipp II., 359 bis 336. • s fc* - J S ' A. -Seine Taten bis zur Einmischung in die griechischen Angelegenheiten, 359 bis 357. Charakter und Bestrebungen Philipps. Als Pelopidas die Streitigkeiten im mazedonischen Konigshause schlichtete, nahm er als Geisel den Prinzen Philipp nach Theben mit, wo dieser die griechische Bildung, aber auch die griechische Uneinigkeit an der Quelle kennen lernte. Im Jahre 359 gelangte er auf den Thron. Er besaB groBe slaatsmdnnische Begabung, wuJ3te durch Tauschung und Ilinterlist seine Feinde zu trennen, scheute Gewalt und Bestechung nicht und war ungemein umsichtig und tatig. 1 1 Demosth. 2. olvnth., 24: lOjSšva -/.atpov p.so’ oj pav ~apaA£i'“ojv • Chers. 13.: p.cTa rXs la-r^ fjcu/iac čtraviV oaa ( I>;)a7:7:o; oiov/.rpzzv.'.. Philipp XI. 117 Seine ivichtigsten Bestrebungen waren die Ausbildung dei' Wehrkraft seines Volkes, Erweiterung der Grenzen Mazedoniens, Erwerbung der Hegemonie iiber die Grieelien und mit ilirer Hilfe Unterwerfung des Perserreiclies. 1. ) Hachdem er die allgemeine Wekrpflicht eingefiihrt hatte, verbesserte er die Phalanx, die, mit 6 m 1 angen SpieBen bewaffnet,. ein festgesclilossenes Ganzes bildete, das nnr schwer zersprengt \verden komite. Die Reiterei, die mir aus Adligen bestand, maclite er ganz von sicli abhangig; endlich scbuf er auch eine Jvriegsflotte. 2. ) Bei dem Bestreben, die Grenzen Mazedoniens zu erweitern, hatte er am meisten Athen, Amphipolis und Olynth zu fiircbten. Er wuBte sie aber iiber seine Absichten zu tauschen und dadurcli aucli zu trennen, so daB sie ihm keinen geeinigten Widerstand ent- gegensetzten. Dann eroberte er das westliche Thrazien, Amphipolis, Pydna und Potidda, vrodurch 01ynth mit dem von ihm gebildeten Stadtebunde isoliert war. Athen konnte ihm um so weniger entgegen- treten, als sich infolge abermaliger Bedriickung der Bundesgenossen auch der zweite Seebund aufgelost hatte. 3. ) ITierauf suchte er Gelegenheit zur Einmischung in die grie- chAchen Angelegenheiten zu geivinnen, um dadurcli seine Hege- monie iiber die Grieelien zu begriinden; ihre fortwahrenden Streitig- keiten erleichterten ihm die Erreichung seines Ziels. B. Philipps II. Einmischung in die grieehisehen Streitigkeiten, 355 bis 338. - . • . J 66 I. Der Phocisehe oder Heilige Krieg, 355 bis 346. a) Die Veranlassung. Die Phocier wurden auf Betreiben der Thebaner, deren Hegemonie sie sich nicht unterwerfen wollten, \vegen Benutzung des dem d.elphischen Gotte geweihten Gebietes von Cirrha (S. 75) von den Amphiktyonen zu einer sehr hohen Geld- strafe verurteilt, iveshalb sie sich zum Kampfe entschlossen. b) Der Verlauf des Krieges. Die Phocier pliinderten die Tempelschatze von Delphi, um die Soldner bezahlen zu konnen, mit denen sie einen waliren Vernichtungskrieg gegen Theben begannen. Die Entscheidung fiihrte endlich Philipp herbei. Von den The- banern zu Hilfe gerufen, riickte er in Phocis ein, zerstorte daselbst samtliche Stadte und machte dem zehnjahrigen Kriege ein Ende. Durch BeschluB der Amphiktvonen iviirden die Phocier aus dem 118 Die Griechen. 348 . Bunde ausgesclilossen und ihre beiden Stimmen an Philipp iiber- tragen. Selbst Demosthenes riet den Athenern zum Frieden und ivarnte sie, „wegen des delphischen Schattens“ {rceqi trjg sv dslcpolg atuag) die Waffen zu ergreifen. 2. Philipp II. und Athen unter der Leitung des Demosthenes. a) Die Zustande in Athen. Athen hatte sich nach dem Pelo- ponnesischen Kriege in finanzieller Beziehung rasah wieder erholt, doch der friihere Biirgersinn und die Begeisterung fiir die Grobe der Stadt, in der viel geredet, aber wenig gehandelt wurde, waren geschwunden. Auch die Athener fiihrten nun ilire Kriege mit Sold- uern; Luxus und Wohlleben, namentlich Befriedigung der Schau- lust diirch Peste und Theater, waren eingerissen und die verderb- licheProzeBsucht der Athener bestimmte nicht selten gerade die treff- lichsten Manner, sich vom Staatsleben zuriickzuziehen und sich der Kunst oder Wissenschaft zu widmen. Infolge der Auflosung des zweiten Seebundes war die Macht Athens auf Attika und Euboa beschrankt. b) Charakter und Bestrebungen des Demosthenes. Der Vater des Demosthenes war Pabrikant und liinterlieb seinem unmundigen Sohne ein bedeutendes Vermogen, das aber dieser infolge der Ge- wissenlosigkeit seiner Vormiinder grofitenteils verlor. Obwohl ilm die Katur nicht zum Kedner bestimmt zu haben scliien, iiberwand er doch durch eisernen FleiB und unerschiitterliche Ausdauer alle entgegenstehenden Schivierigkeiten, so daJ3 er der ersie Redner seines Volkes und des Altertums wurde. Feste sittliche tTberzeugung, gliihende Vaterlandsliebe, unbeugsamer Mut und hoher idealer Schmmg zeichnen ihn aus; keine Schwierigkeit und keine Verdach- tigung hielt ihn ab, auf dem als richtig erkannten Wege zu beharren. Er suchte seine Mitbiirger aus dem verderblichen GenuBleben her- auszureiBen und sie wieder mit idealem Sinn zu erfiillen. Der rote Faden seiner Tatigkeit ist, den Athenern liber die wahren Absichten Philipps die Augen zu offnen, ihn als den groBten Feind der Grie¬ chen hinzustellen und seine Mitbiirger zu Vorkampfern der grie- chischen Freiheit zu machen. Zuerst lenkte er deren Aufmerksam- keit auf die Lage Olvnths. c) Die Eroherung OIynths durch Philipp (348). Olynth, das Haupt von 32 chalcidischen Stadten, war damals das einzige wider- standsfahigeAuBemverkAthens. Demosthenes veranlaBte durch seine Philipp II. und Demosthenes. 119 drei Olvnthischen Reden, daB die Stadt ins athenische Biindnis auf- genommen und, als sie Philipp angriff, auch unterstiitzt wnrde. Da aber die geschickte Hilfe nicht ausgiebig genug \var, so erlag 01ynth und mirde samt den 32 anderen Stadten von Philipp zerstort. d) Der Philokrateische Friede (346). Nach dem Palle 346. Oljnths Ajar auch Demosthenes fiir den Frieden, der auf Grundlage des damaligen Besitzstandes abgeschlossen werden solite. ISTachdem die Athener den Eid geleistet liatten, wurden Gesandte an Philipp abgeschickt, damit auch er den Frieden beschwore. Diese Trug- gesandtschaft (7caga7rQ£Op£la), an der Aschines und Philohrates teilnalnnen, zog ilire Aufgabe in verrateriscber Weise hin, so daB Philipp neue Eroberungen machen und die Entsclieidung im Phoci- schen Kriege herbeifuhren konnte. Seit dieser Zeit war der beriihmte Redner Aschines ein entschiedener Parteiganger des Konigs und daher politischer Gegner des Demosthenes. e) Der siebenjahrige Seheinfriede zwischen Philipp und Athen (346 bis 339). TVahrend sich in Athen die Friedens- und die 346 — 339. Ivriegspartei bekampften, setzte Philipp sein Bestreben, Athen zu isolieren, mit Erfolg fort. Als er aber auch Byzanz, das fiir Athen wegen der Getreidezufukr besonders Avichtig \var, belagerte, brach auf Betreiben des Demosthenes der Krieg Avieder aus. Athen zwang im Bunde mit den Persern, die jetzt Griechenland nicht mehr ge- fahrlich werden konnten, den mazedonischen Tvbnig, die Belagerung von Byzanz aufzuheben (339). f J Der Heilige Krieg gegen Amphissa (339 und 338). Die 339 u. 338. delphisclie Amphiktyonie beschloB, Amphissa , das sich ein Stiick des Tempelgutes angeeignet hatte, zu bekriegen und Philipp zum Bundesfeldherrn zu bestellen. Dieser riickte rasch dureli die Thermo- pvlen vor, wandte sich aber nicht sogleich gegen Amphissa, sondern besetzte zunachst Elatea, das den Zugang zu Bootien belierrschte. hnter dem Eindrueke dieser ISTachricht riB Demosthenes seine Mit- biirger zum AbschluB eines Bundes mit Theben hin ; es war seine letzte groBe Tat fiir die Freiheit seines Volkes, das ihm in Aner- kennung seiner Verdienste einen goldenen Kranz Avidmete. Als Philipp nach der Zerstorung Amphissas in Bootien einriickte, kam es zur Entscheidungsschlacht hei Charonea (338). Hier siegte das 338. stehende Ileer liber die ungeschulten Milizen, der einheitlich ver- Avaltete Staat iiber die lockeren Bundesgenossenscliaften, die Mon- archie iiber die Republiken. Theben, Chalcis, Korinth und Ambracia 120 Die Griechen. erhielten mazedonische Besatzungen, Athen, das Philipp nicht reizen wollte, einen billigen Erieden. Hierauf riickte Philipp in den Pelo- ponnes ein und berief eine V ersammlung der Griechen nach Korinth die mir von Sparta nicht beschickt wurde. Hier wurde beschlossen. daB alle griechischen Stadte frei sein und ein Bundesrat iiber die Einhaltung der neuen Ordnung wachen solle. Ergebnis. Infolge der fortwahrenden inneren Kampfe waren die Griechen unfahig geworden, ihre Angelegenheiten selbst zu ver- walten. Sie konnten nur durch eine starke Obergewalt von der Gefahr, sich selbst zu vernichten, befreit \verden und wurden von llazedonien abhangig; ihre politische Freiheit mar zu Ende. V. Die Literatur und Kunst. Im Gegensatze zur Zeit. der Perserlcriege tragt die Kultur dieses Abschnittes einen entsohieden meltlichen Gharahter. Dies zeigt sich auf religidsem Gebiet in der Zunahme des Un- und Aberglaubens und findet auch Ausdruck in der Literatur und Kunst. 1. Die Literatur. a) Die Poesie. Kunmehr gelangte auch die Komodie in Athen zur Bliite. Sie hat ihren Ursprung in den mit JSTeckereien und Spottgesangen (xwpoi) verhundenen' Maskeraden an den Dionysus- festen, hat also dieselbe Wurzel wie die Tragodie. Sie zerfallt nach ihrem Inhalt in die alte ; mittlere und neue Komodie. Die alte Komodie verspottete die ungesunden Verhaltnisse in Staat, Gesellschaft, Literatur und Kunst sowie hervorragende und offentlich tatige 11 ari n er der Zeit (Kleon, Euripides, Sokrates). Ihr Um 430. groBter Meister war Aristophanes (um 430), ein Gegner der unum- schranktenDemokratie, deren Schattenseiten er riicksichtslos angriff. Sie endete mit dem Regierungsantritte der dreiBig Tyrannen. Die mittlere Komodie verspottete infolge des Verbotes, die offentlichen Verhaltnisse satirisch zu behandeln, Stdnde, die keinen politischen EinfluB hatten, wie die Eedner und Philosophen, oder Gotter, wahrend sich die neue im wesentlichen mit unserem Lustspiele Um 320. deckt. Ihr beriihmtester Vertreter war Menander (um 320). Ein vollstimdiges Stiick der neuen Komodie ist nicht erhalten, wir kennen sie aber durch romische Kachdichtungen. b) Die Prosa. Damals erreichten die Geschichtschreibung, Philosophie und Beredsamkeit ihren Hohepunkt. Literatur und Kunst. 121 a) Die Geschichtschreibung. 1.) T h u c y d i d e s , der im Gegensatze zu Herodot die Ereignisse aus den Oharakteren und Ab- sichten der handelnden Personen zu erklaren sucht (weltlicher Charakter), ist der Begriinder der historischen Kritik (S. 99) und der groBte Geschichtschreiber des Alterturns. Er schrieb die Ge- scbichte der ersten 21 Jahre des Peloponnesischen Krieges, der er die Darstellung des Ursprungs der atheniscben Hegemonie voran- stellte. 2.) X e n o p h o n verfaBte die Anabasis, eine der wichtigsten L’rkunden des Alterturns fiir die Kenntnis des Orients und des griechisohen Charakter?, ferner eine griechische Geschichte (1'vvta^ig zcov ‘Ellrjvr/.ojv), die im AnschluB an Thucydides die Zeit von 411 bis 362 darstellt, endlich die Ggropadie. Wegen der Klarheit seines Ausdruckes wurde er stets als mustergiiltiger Scliriftsteller geschatzt. P) Die Philosophie. 1.) Die S o p h i s t e n {aocpLarrjg — oocpog) Die Aufkliirung (S. 99) verbreitete sich in Athen zur Zeit des Peloponnesischen Krieges in immer \veiteren Kreisen. Die Keligion konnte vom Geiste der• Kritik um so weniger verschont bleiben, als nach dem Sinken des Ansehens Delphis keine oberste Autoritat in religiosen Angelegenheiten’ vorhanden war. Den Hobepunkt erreiclite der Geist der Kritik in der Sophistik, die in Atlien iliren Mittel- . punkt fand. Die Sophisten haben zwar in wissenschaftlicher Be- ziehung vielfache Anregungen gegeben, so z. B. die Grammatik und die Logik begriindet, aber auch den alten Glauben und die alte Sitte untergraben. Pur ihre Anschautmgen ist besonders bezeichnend das Wort des bedeutendsten Sophisten, des Protagoras: „Der Mensch ist das M.aB der Dinge”. 1 Diesern Satze entsprechend verwarfen sie alle Autoritat und belcampften die religiosen, politischen und gesell- schaftlichen Einriclitungen. Hiebei war es ihnen jedoch weit melir um Gewandtheit im Disputieren als um Ermittlung der Wahrkeit zu tun. Aus ihrem vielseitigen, aber oberflachlichen Wissen machten sie ein Geschaft, 2 indem sie gegen gute Bezaklung ihre Kenntnisse schulmaBig lehrten. Ihr groBter Gegner war Sokrates. 2.) A usdem L ebendes Sokrates (4 69 bis 39 9). 469-399. Sokrates lieB sich in ztvanglose Gesprache mit Vertretern der ver- scliiedensten, am liebsten der unteren Stande ein und suchte sie durch fortgesetztes Fragen (Sokratische Methode) zu belehren. Im 1 7cav“) II i p p a r c h u s , um 150 v. Chr., der groBte Astronom des Um 150. Altertums, behandelte die mathematische Geographie und fiihrte die Ortsbestimmung nach geographischer Lange und Breite ein. 134 Die Griechen. y) S t r a b o , ein Zeitgenosse des Augustus, schrieb im An- schlusse an Eratosthenes eine aligemeine Ldnder- und VolkerJcunde der drei den Alten bekannten Erdteile, clas groBte derartige Werk des Altertums. d) P t o 1 e m a u s , im 2. Jahrh. n. Chr., der letzte bedeutende Geograph, schuf ein astronomisches System, das nach ihm benannt und erst seit Kopernikus (im 16. Jahrh.) allmahlich beseit.igt wurde. Er lehrte, daB die Erde Kugelgestalt habe (S. 99), daB sie der un- bewegliche Mittelpunkt des Alls sei und daB sich der ganze Sternen- himmel in der Richtung von Osten nach "VVesten um sie drehe. Die nach ihm gearbeiteten Landkarten wurden erst im 18. Jahrhunderte vollstiindig beseitigt. c) Die Philologie. Man nannte diese Wissenschaft damals Grammatik. Die Pliilologen liaben durcli kritische Ausgaben der Werke der iilteren Schriftsteller, durch die Abfassung von Ein- leitungen iiber deren Leben und Werke, durch die Aufstellung eiues Kanons mustergiiltiger Schriftsteller u. s. w. der spateren Eorschung den Roden bereitet. Am meisten uuirde iiber Homer gearbeitet; mit Homer beschaftigte sich auch besonders Aristarch (um 150 v. Ohr.), der groBte Krit.iker des Altertums. d) Die Philosophie. Aristoteles. Die Philosophie \vurde damals besonders deshalb betrieben, um einen Hali fur das sittliche Leben und dadurch auch Gludcseligkeit zu gewinnen. Der groBte griechische Philosoph nach Plato und zugleich de?' g?'6Bte griechische Gelelirte ist Aristoteles , der beriihmteste Schiiler Platos. Er gehort noch dem Anfange der alexandrinischen Zeit an. Als Alexander die Eroberung des Perserreiches begann, begab er sich nach Athen, dem Mittelpunkte der philosopliischen Studien, und eroffnete eine Schule im Lyceum, der er zwolf Jahre lang vorstand. Er starb ungefahr in demselben Jahre ude Demosthenes. Aristoteles hat nicht nur alle Teile der Philosophie behandelt, sondern auch auf fast allen Gebieten der Geistes- (I.ogik, Psycho- logie, Poetik, Rhetorik, Politik) und Natwwissenschaften (Zoologie, Botanik, Astronomie, Phvsik) mit groBem Erfolge gearbeitet.; seine Philosophie umspannt den gesamten Inhalt des damaligen Wissens. Bei seinen Forschungen ging er von der ErfaLrung aus, so daB er den Standpunkt des Empirismus einnimmt im Gegensatze zu Plato, der, von der Erfahrung absehend, nur auf dem Wege des Denkens das Wesen der Dinge zu erforschen suclite (Idealismus). Kultur. 135 Die wichtigsten philosophischen Schulen der alexandrinischen Zeit varen, von der Akademie abgesehen: a) Die peripatetische Schule des Aristoteles, so genannt, tveil ihr Stifter bei seinenVortragen auf- und abzugehen {ns^maTsUv) pflegte. In seinem Sinne betrieb diese Schule hauptsachlich die A aturgeschichte. (!) Die epikureiscbe Schule, begriindet von Epikur (um 300), welche, an die cyrenaische Schule ankniipfend, in der Er- Um-300. reichung der Lust ( fjdovi) ) die Vollendung des menschlichen Gliickes erblickte. Wahrend Epikur, selbst ein sittlich reiner Mensch, die Lust als Freisein von Leid und Ungliick auffaBte, wurde sie von spateren Anhangern als grober SinnengenuB gedeutet. y) Die stoische Schule wurde von Ženo (um 300) im An- Um 300. schluB an die cynisclie Schule begriindet. Er lehrte, die Gliickselig- keit bestehe in der Tugend und die Unterdriickung der Leiden- schaften erzeuge Seelenruhe, die ain besten in der Einsamkeit ge- deihe. Der Stoiker scheidet lieber freiwilig aus dem Leben, als daB er die Seelenruhe preisgabe. Alle Menschen sind ilun im Grunde Burger eines Staates; 1 so sind die Stoiker die ersten Verkiinder des Weltbiirgertums. Ženo lehrte in der „Bunten Halle" (ur oa nombj). e) Die Mathematik und Physik. Die Leistungen des Altertums in diesen Wissenschaften stehen denen der Heuzcit bei tveitem nach. Als Mathematiker ragen besonders hervor: Euklides in Alexandria (um 300), derVerfasser des ersten streng systematischenLehrbuches Um 300. der elementaren Mathematik, und Diophantus von Alexandria (um 300 n. Chr.), der groBte griecliische Arithmetiker. Der beriihmteste Physiker var Archimedes in Svrakus (3. Jahrh.), der Begriinder der tvissenschaftlichen Mechanik. Auf seine Ivenntnis der Wir- kungstveise der Hebelverbindungen deutet sein Motto ; 2 er ist ferner beriihrnt durch die Auffindung des nach ihm benannten hydrostati- schen Prinzips und durch die Herstelkmg von Brennspiegeln. Heron (um 100) ist der Erfinder des Heronsballes, des- Saughebers und der Dampfturbine. Bis zur Eroberung Agj r ptens durch die Araber bildete die alexandrinische Schule den Mittelpunkt der mathematischen Studien. 1 Vgl. gegeniiber dicser Abkekr vom Staate die Bestimmung Solons (S. 77). 2 A6; jjLOt kov ttoo xal xivrJato yrjv. 136 Die Griechen. C. Die Kunst. Die griechische Kunst zeigt seit der Beriilirung mit dem Oriente Streben nach Prunk und Kolossalitat. 1. Die Baukunst. Damals gelangte der korinthische Stil zu immer allgemeinerer Anwendung, entsprechend der gesteigerten Prachtliebe, die auch in der reiclien Bemalung und verschwenderi- schen Vergoldung der Bauteile Ausdru tk fand. Der GrundriB der Tempel wurde mannigfaltiger; auBer dan rechteckigen wurden auch Kreis- und Vieleckbauten beliebt. Da sich die groBartigen Bauten Alexanders und der Diadochen nicht erhalten haben, kennen wir die Baukunst dieser Zeit hauptsachlich aus den Nacliforschungen, die auf Samothralce von osterreichischen und in Pergamum von preuBischen Gelehrten veranstaltet Avurden. Dort wurden auBer einem propjdaenartigen Zugangstore drei Tempel, darunter ein Rundbau, aufgedeckt, hier wurden besonders GrundriB und Triim- mer eines groBartigen Zeusaltars bloBgelegt. 2. Die Plastik. Die beriihmtesten Schulen waren damals die von Pergamum und Bhodus. Die bedeutendsten erhaltenen Werke sind die Laokoon- utid die Gruppe des Farnesischen Stieres, beide vermutlich Werke der rhodischen Schule; ferner der Gigantenfries vom Zeusaltar in Pergamum, der den gewaltigen Unterbau der jonischen Halle, die den Altar umgab, schmiickte. Etwa 125 m lang und iiber 2 m hoch, steli t er den Kampf der Gotter gegen die Giganten dar in einem stellemveise fast zu Rundbildern hervor- tretenden Relief. Besonders beriihmt daraus sind die Zeus- und die Athenegruppe. Durcli die iiberlebensgroBe Hohe, das Heraustreten der Statuen und die leidenschaftliche Bewegtheit der Darstellung bildet dieser Pries ein en lehrreichen Gegensatz zu dem Parthenon- friese, dessen Gestalten 1 m hoch und 5 cm erhaben sind. Die her- vorragendste Idealgestalt der Zeit (4. Jahrh.) ist der Apollo vom Belvedere, der in einer Hachbildung aus der romischen Kaiserzeit auf uns gekommen ist. Der groBte Plastiker der Zeit ist der Peloponnesier Lgsippus, von dem allein sich Alexander plastisch darstellen lieB. Er ist ein Vertreter des vollendeten Realismus und schuf gerne Kolossal- gestalten. Von ihm stammt das Urbild des Farnesischen Herhules; die unter diesem Kamen erhaltene Statue gehort der ersten Kaiser¬ zeit an. Der KoloB von Rhodus, eine 32 m hohe Statue des Sonnen- gottes, stammte vielleicht aus seiner Schule. Kultur. 137 Die Zunalmie des Realismus in der Plastik beweisen ferner erstens der Umstand, daB das Portrat jetzt zurVollendung gelangte; die SopKoklesstatue im Lateran ist das schonste derartige Werk des Altertums. Zweitens, daB das Relief einen Hintergrund von Baumen, Gebiiuden, Felsen u. dgl. erlialt; solclie Reliefs wurden gerne nacli orienialischer Weise an den Wanden der Gemacher angebracht. Zwei schone derartige Bildwerke besitzt das Hofmuseum in Wien. 3. Die Malerei. In der alexandrinischen Zeit erweiterte sicb das Stoffgebiet der Malerei liber das ganze geschichtliche und wirk- liche Leben; nur die Landscliaftsmalerei gehort erst der romischen Zeit an. Das Streben nach Praclit auBerte sicli besonders in der Vorliebe flir das Mosaik, d. h. die Ilerstellung von Bildern aus farbigen Steinchen oder gefarbten Glasstiften, die in eine weicbe Masse gesteokt mirden. Das beriihmteste Mosaik ist das groBe Bild der AlexandersclilacM (bei Issus), das in Pompei gefnnden mirde und nacb einem hellenistischen Vorbilde gearbeitet ist. Der groBte Maler der Zeit ist Apelles , von dem allein sicli Alexander in Farben darstellen lieB. Wegen der Verganglichkeit des Stoffes sind fast alle Gemalde der alexandrinischen Zeit zugrunde gegangen; die Forscbung ist fiir ihre Beurteilung auf die liandwerksmaBigen Gebilde der Vasen- technik (S. 102) und die pompeianischen Wandgemalde angewiesen. D. Die materielle Kultur. In den persiscben Residenzen fand Alexander ungeheure Mengen von Gold und Silber, die an seine Generale und Soldaten verteilt rvurden und dadurcb in den Verkehr kamen. Infolgedessen enttvickelte sicli ein groBartiger Luxus, der besonders in der auBer- ordentlich regen Pflege der Iliinste sowie in der massenbaften Ver- tvendung von Edelsteinen 1 und reicb gescbmiickten Gewandern Ausdruck fand. Die gesteigerten BSdiirfnisse riefen auch einen auBerst lebhaften Idandel hervor, der namentlicli nianche Gewiirze des Orients nach Europa bracbte. Die groBte Ilandelsstadt war Alexandria, das diese Stellung im Osten auch noch im romischen Ilaiserreiche behauptete; nur Rhodus und Kartliago konnten mit ihm wetteifern. Immer mehr schied sich die Bevolkerung in eine 1 Edle Sterne lieferten auch den Stoff fiir die beriihmte SteinscJmeidekunst, deren gi-o6ter Meister Ptjrgoteles war. ■— Aus Assvrien bezog man Seide. 138 Die Griechen. geringe Anzahl Reicher und eine groBe Menge Ar mer, was fort- wahrende biirgerliche Zvvistigkeiten und Kauflichkeit der Unbemit- telten in der \ r olksversammlung hervorrief. 1 D as Kapital, das nicht, wie heutzutage, in Aktien angelegt werden konnte, wurde zum An- kaufe von Grundbesitz verwendet und die verhaBten Hypotheken- steine, die Solon beseitigt hatte, werden seit dem 4. Jahrlrundert wieder haufig erwahnt. Die Bedeutung der alexandrinischen Kultur. Wenn auch die Werke der Literatur und Kunst dieser Zeit nicht den hohen Wert derjenigen der Perikleischen Zeit erreiehen, so besitzen sie doch in ihren besseren Erscheinungen eine groBe Bedeutung an sich. Dazu kommt die auBerordentlich hohe geschichtliche Bedeutung dieser Kultur; denn: 1.) sie ist die Grundlage der ganzen romisehen Kultur; 2.) \vahrend in der klassischen Zeit der freie Grieche im Burger aufgegangen war, kam jetzt das Recht des Individuums, sein Leben nach freiem Ermessen zu gestalten und sich auch vom Staatsleben abzuwenden, zum Durchbruche; 3.) diese Kultur hat die nationale Abgegrenztheit der einzelnen Volker iiberwunden, wo- durch auch der Gegensatz zwischen den Griechen und den Barbaren, namentlich in den groBen Handelsstadten mit ihrer bunt gemischten Bevolkerung, gemildert wurde. Daher bezeichnet dasWort„LIellene“ nach Isokrates weniger eine Kationalitat als eine gewisse Bildung; 4.) durch jene Kultur ist auch der Boden fiir die Weltreligion des Christentums bereitet rvorden. SchluBbetrachtung. 'Die Griechen sind das Normalvolk der Geschichte, d. h. sie haben sich nach Aufnahme einiger orientalischer KultureinfLisse am Beginn ihrer Geschichte, unbeirrt durch fremde Eintliisse, ihrer eigenen Geistesanlage gemaB entwickelt. (Die Romer haben die griechische Bildung in sich aufgenommen, die heutigen Kultur- volker haben durch die Bekehrung zum Christentum einen Bruch mit ihrer friiheren Entwicklung erfahren.) Die Bedeutung der Griechen auf dem Gebiete der Ver- fassung, Literatur und Kunst. Die Griechen sind das erste Volk. 1 Nach Polybius hatte der reichste Grieche seiner Zeit em vermogen von mehr als 1 iiillion Kronen. SehluBbetrachtung. 139 das den Begriff der Freiheit ins politische Leben eingefiihrt hat. Sie haben alle im Rahmen der stadtischen Verfassung denkbaren Staatsordnungen ansgebildet; der moderne Gedanke der Reprasen- tativ-Verfassung ist ihnen fremd geblieben, da sie iiber den Begrifi der stadtischen Verfassung nicht binausgekommen sind. Sie baben alle dichterischen Gattungen und fast alle Wissenschaften, die noch iieute die Gelehrten beschaftigen, gepflegt. Die Werke Homers, Pindars, Sophokles’ gehoren zum Wertvollsten, was die Poesie iiber- haupt gescbaifen hat; Tlmcjdides ist einer der groBten Geschiclit- sehreiber, Demosthenes einer der groBten Redner, Plato und Aristo¬ teles sind zwei der groBten Philosophen iiberhaupt. So wie in der Literatur, sind auch in der Kunst alle folgenden Kulturvolker Schiiler der Griechen geworden. ISToch heute schmiicken wir unsere Prachtbauten mit den griechischen Saulenordnungen und Phidias gilt, uns noch inimer als einer der groBten Plastiker aller Zeiten. So haben die Griechen fiir alle folgenden Volker gelebt. Die Rijmer. Zur Geographie Italiens . 1 I. Name und Lage Italiens. Der Name Italien, ans Vitalia = Rinderland entstanden, liaftete urspriinglich auf der siidwestlichen Halbinsel Unteritaliens, spater umfaBte er die ganze Halbinsel mit EinschluB der ober- italienischen Ebene. Augustus debnte die Grenzen Italiens nocb weiter ans; seit ihm reiclite es vom Var bei Nizza iiber den Haupt- kamm der Alpen bis zum Montblanc und den Walliser Alpen, sodann ging die Grenze iiber den St. Gotthard, das Stilfser Joch, den Karnm der Karnischen Alpen und den Predil zur Arsa in Istrien. Einst liing Sardinien mit Korsika, Sizilien mit Italien, Afrika mit Sizilien zusammen; noch jetzt ist das Meer zwiscben Sizilien und Afrika seicht und enthalt mehrere Inseln. Von der Balkanhalb- insel ist Italien durch die 70 km breite StraBe von Otranto getrennt (diese Strecke wurde im Altertume bestenfalls in fiinf Stunden zuriickgelegt) ; im Siidwesten nahert es sich durch die Insel Sizilien Afrika, von dem es erst in der quarternaren Zeit getrennt wurde, bis auf 150 km, wodurch das Mittelmeer in ein westliches und ein ost- liches Becken zerfallt. Diese zentrale Lage machte Italien zum Sitze eines Mittel-. meerreiches geeignet. II. Horizontale Gliederung. 1. Die Umrisse Italiens iin allgemeinen. Unter den drei groBen siidlichen Ilalbinseln Europas nimmt die apenninische beziig- lich ihrer Gliederung einen mittleren Rang ein; in liber obi¬ stim rrixm g mit der Balkanhalbinsel nimmt die Gliederung nach Siiden zu, im Gegensatze zu ibr ist die Westseite mehr gegliedert. Von der Steilkiiste am sinus Ligusticus (Golf von Genua) abgesehen, sind die Golf e der Westseite Bach bogenfonnig gestaltet; hervor- 1 Hiiuptsachlich nach H. Nissen, Italische Landeskunde, 2 Bde. Berlin 1883—1902. Geographie Italiens. 141 zuheben sind der sinus Gumanus (Golf vonNeapel) und der sinus Paestanus (Golf von Salerno). Im Siiden bewirkt der tief ein- schneidende sinus Tarentinus (Golf von Tarent) die Auflosung in zwei kleinere Halbinseln (vgl. Skandinavien). Diese Golfe sind durch teilweises Versinken des Festlandes von Italien entstanden (vgl. Griechenland), das einst bis nach Sardinien und Korsika ge- reicht hat. Die Lagunenkuste im Kordosten reicht fast bis zur Steil- kiiste des sinus Tergestinus (Golf von Triest). 2. Die Veranderung der Umrisse Italiens seit dem Alter- tume. Durcli die Anschtvemmungen des Arno (Arnuš) und anderer Apenninendusse sind die im Altertume bogenformig gestalteten Strandlinien Toskanas flacher geworden. Viel groBer ist die Ver- schiebung der Strandlinie an der nordostlichen Lagunenkuste in- folge der groBen Menge von Sinkstoffen, die Po, Etsch, Piave u. s. w. mit sich ftihren. Durch die Schuttablagerungen des Po und der iibrigen oberitalienischen Pliisse ist iiberliaupt die Alluvialebene Oberitaliens entstanden (vgl. Babvlonien) ; Ravenna, einst ein romi- scher Kriegsbafen, liegt jetzt fast 10, die ehemalige Seestadt Adria gar 22 lem von der Kiiste entfernt. 1 III. Vertikale Gliederung. I. Das Hochland. Die Halbinsel wird ihrer ganzen Erstreckung nacli vom Apennin, einem 1600 km langen Paltengebirge, durch- zogen. Er hat mit einer einzigen Ausnahme Mittelgebirgs-Charakter und zerfallt in geognostischer Beziehung in zwei Teile: in den lioheren Iiauptapennin, der aus Kalk und Ton, und den niedrigeren Subapennin, der aus vulkanischem Gesteine besteht. a) Der Hauptapennin. Er lost sich im ISTorden des Golfes von Genua von den Alpen los, zielit in siidostlicher Richtung nahe der Ostkiiste Italiens, verlauft sodann eip.e Strecke lang parallel mit der Kiiste und wendet sich zuletzt dem Tgrrhenischen Meere (mare Tyrrhenum, Tuscum, inferum) zu, das er am Golfe von Policastro erreiclit, wo er in geognostischem Sinne endet. Doch wird auch die Eortsetzung, die den Sudvvesten ITnteritaliens durchzieht und aus kristallinischem Gesteine besteht, in geographischem Sinne zum Apennin gerechnet. Diese Kette setzt sich im nordlichen Sizilien fort. 1 Das Amvachsen der Sinkstoffe ist eine Folge der Abnahme des Waldes. 142 Die Romer. Der Apennin zerfallt in einen nordlichen (ligurischen uncl etruskischen), mittleren (romischen) und siidlichen (neapolitani- schen) Teil; der erstere reicht bis zur Arno-, der zweite bis zur VoUurnoguelle. Ein Teil des mittleren Apennin ist das schwer zu- gangliche Hodiland der Abruzzen, in dem der Gran Sasso iiber 2900 m emporragt, die einzige Hochgebirgsstelle des ganzen Sjstems (vgl. 01ymp). b) Der Subapennin. Der Kaum, der sich im Westen des ITaupt- apennin vom unteren Arno bis zum Golf von Policastro ausdehnt, ist, mit Ausnahme der Tieflandstreifen, vom hiigligen Hochlande des Subapennin ausgefiillt. Die Unterlage bildet liier Ton, der zur Zeit, als das Land nocli vom Meere iiberflutet war, durch vulkanische Ausbriiche mit Tuff, d. h. einem mecbanischen Gemenge von Asche, Sand und Schlacken, iiberdeckt wurde. An der Stelle ebemaliger Krater haben sich Seen gebildet. Koch jetzt hat Italien mit den zugehorigen Inseln fiinf tatige Vulkane; es sind dies auber drei Vulkanen auf den Liparischen Inseln der Vesuv, ungefahr 1300 m, und der Atna, iiber 3300 to hoch. 2. Das Tiefland. a) Die lombardisch-venetianische Tiefebene. Sie ist das groBte Schlachtfeld Europas, stellemveise, wie z. B. bei den Hiigeln im Siiden des Gardasees (Custoza, Solferino u. s. w.), ist fast jeder Ort aus der Kriegsgeschichte bekannt. b) Auf der Halbinsel. Auf der begiinstigteren Westseite liegen drei Tieflandstreifen am Unterlaufe von Eliissen; es sind dies die tosJcanische oder etrurische Ebene am Arno, die romische Campagna an der Tiber und die neapolitanische Campagna am Volturno. Wah- rend die erstere durch T]berschwemmungen leidet, die Ebene um Bom allmiihlich verodete, ist die kampanische („Garten Italiens a ) infolge der reichlichen Bewasserung, des lieiBen Klimas, der kiihlen- den Seewinde und des durch die leichte Verwitterung des Tuffs be- dingten sehr ergiebigen Erdreiches noch jetzt iiberaus fruchtbar und sehr dicht bevolkert. AuBerdem liegen im Westen die Maremmen. Man versteht dar- unter schinale Kiistenstreifen, die sich vom Miindungsgebiete des Arno mit geringen Unterbrechungen bis Keapel hinziehen und von Eieberluft (Malaria) aushauchenden Sumpfen erfiillt sind. Diese Maremmen, die siidostlich von Kom Pomptinische Siimpfe heiBen, sind durch die Ablagerungen der Apenninenfliisse entstanden. Den siidostlichen Teil Italiens nimmt die hiiglige Ebene von Apulien ein. Geographie Italiens. 143 IV. Hydrograpliie. Wahrend antike Schriftsteller die GroBe und Menge der scliiff- baren Fliisse Italiens riihmen, besitzt jetzt die Halbinsel keinen ein- zigen schiffbaren FluB, da selbst der grofite, die Tiber, nur bis Rom fiir Boote fakrbar ist. Die Ursacke hievon liegt in der Abnalime der Niederschlage, die infolge der Entwaldung des Apennin eintrat. Gegenwiirtig ist in Italien nur ein Achtel der Flac-he mit Wald be- deckt, die Mehrzahl der Italiener kennt den Wald gar nieht. Die wichtigsten fiinf "Fliisse Italiens sind: 1 .)Padus,(Po). Er entspringt am MonteViso in den Cottischen Alpen, flieBt im allgemeinen nach Osten und bildet ein weit ver- zweigtes Delta. Sein groBter HebenfluB ist der Ticinus (Ticino) ; da dieser ein bedeutendes Ilindernis bildet, kam es bei ilim wieder- holt zu Schlachten; aus dernselben Grunde eignete er sich zur poli- tisclien Grenze zwischen Osterreich und Sardinien (bis 1859). 2. ) Athesis (Etsch). Sie betritt bei Verona die Tiefebene (die letzten Hiigel daselbst veranlaBten die starke Befestigung der Stadt), flieBt zuletzt parallel mit dem Po und miindet in einem mit diesem gemeinsckaftlichen Delta. ■—• Der eigentlichen Halbinsel ge- horen an: 3. ) Arnuš (Arno), 4.) Tiberis (Tiber) und 5.) Volturnus (Volturno ). Da der Kamin des Apennin nalie der Ostkiiste zielit und diese iiberdies im Regenscbatten liegt, konnten sich hier lceine groBeren Fliisse entwickeln. Die zahlreichen parallelen kurzen Quertaler ver- laufen von Slidwesten nach Kordosten. V. Klima und Vegetation. 1. Das Klima. Das Klima der italischen Halbinsel unter- scheidet sich von dem mitteleuropaischen durch grdBere Warme und regenarme Somrner (S. 45). An der'ganzen Westkiiste herrscht ein gleicbmaBig mildes Winterklima; Froste sind in der Ebene im siid- lichsten Teile und auf Sizilien unbekannt. Der "VVesten empfangt mehr Hiederschlage als der Osten; sie gehoren hauptsachlich dem Herbste und dem Friihling, im Siiden nur dem "VVinter an. Durch diese Verhaltnisse ist die jetzige Vegetation der Halbinsel bedingt. 2. Die Vegetation. Italien besitzt den fruchtbarsten Boden im ganzen Mittelmeergebiet. Es uiecliselte im Laufe der Jahrhunderte dreimal sein Pflanzenlcleidj es war in der vorgeschichtlichen Zeit 144 Die RSmer. ein Waldlandj wurde in der Zeit der romischen Konige und der Republik erst ein Acker-, dann ein Weinland, endlich in der Kaiser- zeit ein Gartenland. Am wichtigsten fiir diesen Wandel der Vege- tation wurde die griechische Kolonisation; denn die Griecben macbten Unteritalien und Sizilien zu einem bliihenden Ackerland und pflanzten daselbst Olbaum, Feige, Mjrte, Lorbeer, Pinie, Zvpressen u. s. w. an. Die Romer brachten spater aus Asien mehrere Obstbaume (Kirsche, Aprikose, Pfirsich, Kastanie) naeli Italien. VI. Einlliisse der geographischen Verhaltnisse Italiens auf die Geschichte des Landes. 1. ) Im Gegensatze zu Griechenland ist in Italien der Schau- platz der gescbichtlichen Entwicklung die Westseite, weil sie eine bessere Gliederung, fruchtbare Tiefliinder, groBere Fliisse, reicli- lichere A iederscldage sowie zalilreichere und grobe Inseln besitzt. 2. ) Der einheitliche Bau der Halbinsel war eine giinstige Vor- bedingung fiir die Aufrichtung eines einzigen Staatswesens; nur in Mittelitalien begiinstigte die Abgeschlossenheit einzelner Land- schaften politischen Partikularismus. 3. ) Durch die Anderung der Achsenrichtung des Gebirges in Unteritalien wurde der siidostliche Teil der Halbinsel fiir grie- ehiscbe Kolonisten zuganglich. 4. ) Der Gegensatz zwischen dem rauhen Innern und den milden, immergriinen Uferlandschaften veranlaBte die wiederholten Einfalle und das auf dauernde Niederlassungen daselbst gerichtete Vordringen der Be\vohner des Innern in die Kiistengegenden (S. 6, 41). 5. ) Apulien und Kampanien sind die ivichtigsten Schlacht- felder in Suditalien; namentlich waren die beiden vorgestreckten Halbinseln mit den zahlreichen Buchten und Hafen zu allen Zeiten fremden Einfallen ausgesetzt. « 6. ) Wahrend der Grieche vor allem Seemann ist, ist der Italiker vorwiegend Ackerbauer. VII. Znr Topographie Italiens im Altertume. Wahrend Italien in physikalischer Beziebung in die ober- italienische Tiefebene und die Halbinsel der Apenninen zerfallt, gliedert es sich in historischer Beziebung in Ober-, Mittel- und Unteritalien. Von Venedig und Livorno abgesehen, waren die groBen Geograpliie Latiums. 145 Stadte des heutigen Italien alle schon im x\ltertume vorhanden und haben im wesentlieben ibre jST amen behauptet. Oberitalien reichte von den Alpen bis zu den FliiBchen Macra und Bubico und zerfiel in vier Landschaften, namlich: in Gallia cisalpina, Liguria, Venetia und Istria. — Mittelitalien , bis zum Silarus und Brento, zerfiel auf jeder Seite in drei Landschaften. Im Westen lagen: Etruria (Toskana), Latium und Campania; im Osten : Umbriaj Picenum und Samnium. — In Unteritalien lagen auf jeder Seite zwei Landschaften , im Westen: Lucania und das Gebiet der Bruttier (ager Bruttiorum) ; im Osten: Apulia und Calabria. Von den Inseln war am ivichtigsten Sizilien , dessen Inneres Kom mit Gfetreide versorgte, wabrend die Kiisten ein bliihender Kranz reieber Handelsstadte schmiičkte. VIII. Geograpliie Latiums insbesondere. Das alte Latium (L. antiquum) reichte von der Tiber bis Circei und landeinwarts bis zu den Vorhohen des Apennin; in dieser Aus- dehnung war es etwas kleiner als Attika. Spater, unbestimmt wann, wurde es in siidostlicber Riebtung bis iiber den Liris (Garigliano) binaus erweitert. Das Land zu beiden Seiten der Tiber von Bom bis zur Miindung war der ager Bomanus. 1. Orograpliie. Latium ist teils Tief-, teils Ilochland. a) Das Tiefland (Campagna di Roma) baben zahlreiclie Bache vielfacb zer- kliiftet, so daB nur ein Funftel Talboden, vier Fiinftel aber Hugel simi. Wahrend es im Altertume bluhendes Kulturland war, ist es heutzutage ein odes Weideland, was durch ungunstige geschichtlichc Ereignisse, namentlich vielfache Kampfe im Mittelalter, und die Zunahme der Malaria herbeigefiihrt wurde. b) Das Hochland. Das Land erhebt sich vom flacben Strande bis gegen das Gebirge allmahlich’" zu 200 bis 300 to, mit hoher emporragenden Bergen. Unter letzteren ist am bedeutendsten die ringformige Gruppe der Albaner Berge, die im Mons Albanus (M. Cavo) 950 m erreicbt. Im Osten der Landschaft zieben die Sabiner Berge bis zum Anio (Teverone), die HemiherBerge bis zum Liris und die Volslcer Berge westlich von den letzteren. 2. Hydrographie. Der bedeutendste FluB ist die Tiber. Sie entspringt in der Rabe der Arnoquelle und bildet in einem siid- ostlicb gericbteten Langstale die Grenze zwiscben Etrurien und Zeehe, Geschichte des Altertums. 10 146 Die Homer. Embrien. Kurz oberhalb Roms wendet sie sich nach Siiden und nimmt bald darauf den Anio auf. Sie miindet bei Ostia, das sclion am Ende der Republik infolge der Ablagerungen des Flusses verfiel. Durch Ebersclnvemmung der Kampagna richtete sie wiederholt groben Schaden an und trug zu ihrer Versumpfung bei. 3. Bedeutung der Landschaft fiir die Geschichte. Latium bildet die zentrale Ebene der Halbinsel, wie eine solche Grieclienland nicht besaB; es besitzt nacb Kor den und Siiden bequeme Verbindun- gen mit den beiden anderen Ebenen und durch das Tal der Tiber auch mit dem Gebirgslande. So war Latium zur Einigung der Halb- insel berufen und konnte Gegner, die sich im Kor den und Siiden erhoben, leicht auseinanderhalten. IX. Rom. Eberschwemmungen, Versumpfungen und Fieberluft machen die Stelle, an der Rom erbaut wurde, sclieinbar fiir die Entwicklung einer groBeren Stadt ungeeignet. Dennoch wurde das Emporbluhen dieser Stadt durch mehrere Umstdnde begunstigt ; es sind dies: 1.) die Lage an der Westseite, in der zentralen Ebene und am groBten Elusse der Halbinsel, an dessen Miindung der einzige be- deutende Ankerplatz der latinischen Kiiste liegt; 2.) die leichte Verteidigungsfahigkeit, da hier die letzten Hiigel (Tuff ablagerungen vom Albaner Gebirge) emporragen; 3.) die Sicherheit vor den See- raubern. 1 In mehrfacher Beziehung erinnert die Lage Iioms an die Athens. 1. Die Baugeschiclite der Stadt. Aus Sicherheitsrucksichten erfolgten die ersten Kiederlassungen in Latium auf Hiigeln (S. 50). Die alteste Ansiedlung, Roma quadrata genannt, wurde der Eber- Jieferung zufolge von Romulus auf dem Palatin erbaut; daselbst wurde auch die Griindungssage lokalisiert (Eicus ruminalis, Tenipel des Juppiter Stator, časa Romuli). Rom entwickelte sich, wie andere GroBstadte, in konzentrischen Kreisen um diesen Kern; die ein- zelnen Hiigel wurden der Sage zufolge durch die Konige besiedelt. Der sechste Konig, Servius Tullius, umschloB den Palatinus, Capi- tolinus, Quirinalis, Viminalis, Esqnilinus, Caelius und Aventinus mit einer Mauer, von der sich noch Reste erhalten haben. 1 Vgl. Liv. V, 54: salubei-rimos colles, flumen opportunum, mare vicinum, regionum Italiae medium locum. Vgl. auch Cie. Rep. II, 11. Topographie Roms. 147 In der Zeit der Republik dehnte sicli die Stadt des Handels ivegen zunachst an der Tiber aus, es wurden mehrere Briicken iiber den FluB gebaut und das Janiculum (80 m , der hocliste Punkt bei Rom) befestigt. Zur Zeit Sullas eriveiterte sicli die Stadt an allen Seiten iiber die Servianische Mauer liinaus, Augustus teilte sie in 14 Regionen und schmiickte sie mit marmornen Prachtbauten. Kaiser Aurelian (um 270) befestigte die Stadt mit einer neuen Mauer (im wesentlichen die heutige Stadtmauer), wodurch nament- lich das Marsfeld, ein groBer Teil des Tiberufers und das Janiculum in die Befestigung einbezogen ivurden. Bald nacli Konstantin begann der Verfali der Stadt. 2. Zur Topographie. Nacli dem gallisclien Brande (um 390) wurde Rom rascli ivieder aufgebaut; die Erinnerung daran (enge, winklige Gassen) blieb Rom nocb in der Kaiserzeit, nachdem es mit zalilreiclien Prachtbauten geschmiickt war. Daraus erklaren sicli aucli die haufigon verheerenden Brande, von denen der unter Kaiser Nero der bekannteste ist. Die wichtigsten Arten von Bauten waren: Tempel, Theater und Amphitheater (letztere fiir Gladiatoren- und Tierkampfe), Thermen, Basiliken (drei oder fiinfschiffige Ver- kaufs- und Gerichtshallen), Palaste, Grabdenkmaler, Triumphbogen, Kloaken (Kanale), Wasserleitungen. Von den Pldtzenund einzelnen Gebauden sind besonders hervorzulieben: a) Das Forum, seit der Kaiserzeit auch Forum Romanum (Magnum) genannt, mit dem nordlich sich anschlieBenden Comitium, wo die Curia fiir die Senats- sitzungen stand, seit dem 2. Jalirhunderte der Mittelpunht des offent - lichen Lebens. b) D i e K a i s e r f o r a (Fora Caesarum) schlossen sich im Norden ans Forum Romanum an und fiihrten zum Mars- felde. c) Der k a p i t o 1 i n i s c h e H ii g e 1. Auf seiner nord- liclien Kuppe erhob sich die Burg, auf der siidlichen der Tempel des kapitolinischen Juppiter; die Einsenkung zwisclien beiden Kuppen hieB Asylum, der tarpeisclie Fels lag auf der siidostlichen Seite des Iliigels. d) D a s A m p h i t h e a t r u m F 1 a v i u m (Colosseum), das etwa 50.000 Zuschauer faBte, jetzt die groBte Ruine des Alter- tums. e) Z w i s c h e n P a 1 a t i n u n d A v e n t i n lag der C i r c u s M a x i m u s. f) C a m p u s M a r t i u s , den seit Časar viele Prachtbauten schmiickten. g) Trans Tiber im mit dem Grabdenkmale des Kaisers Hadrian (moles ITadriani, jetzt die Enj elsburg). 10 * 148 Die Romer. X. Die ethnographischeii Verhaltnisse im alteu Italien. Alt-Italien war von vielen Volkerschaften bewohnt, die seclis verschiedenen Volkern angehorten; es sind dies die Ligurer, Ita¬ liker, Etrusker, Illyrier, Griechen und Kelten. Die ethnographisclie Stellung der Ligurer und Etrusker ist nicht bekannt; die iibrigen gehoren dem indogermanischen Spracbstamme an. Die Ligurer waren der Rest eines vor der Ausbreitung der Indogermanen im siidwestlicben Europa Weit verbreiteten Volkes; sie blieben kulturlos. Die Etrusker oder Tusker (griechisch Tyr- rhener) ivurden durcli die Gallier und die Romer auf Etrurien be- sehrankt. Zwischen 600 bis 500 erreichten sie den Ilohepunkt ihrer Macht, geboten iiber Rom und beherrscbten das Tvrrhenische Meer, wurden aber spater von den Romern unterworfen. Beriibmt waren ihre Metal larbeiten. Zu den Illgriem geborten die Veneter und Istrer; beide wurden romanisiert. Die Griechen griindeten zahl- reiche Rolonien in Unteritalien. Die Kelten (Gallier) drangen etwa seit 400 in Italien ein und setzten sicb im Polande fest; nach wieder- liolten blutigen Kampfen erlagen sie endlicli den Romern. Weitaus der \vichtigste Stamm waren die Italiker, da sie die Trdger der geschichtlichen Entwicklung in Italien sind. Diesem Stamme gehoren die zalilreichen Volkerschaften Mittel- und IJnter- italiens an, deren Dialekte sich mindestens so nalie standen wie die griechischen; sie wurden allmahlich latinisiert. Die Italiker zer- fallen in zwei groBe Ziueige: den latinischen im Westen und den umbrisch-sabellischen im Osten und im Innem. Der latinische Z w e i g wohnte urspriinglich siidlich von den Etruskern an der ganzen Westseite Italiens; ihm gehorten unter anderen auch die Romer an. Der umbrisch-sabellische Z weig nahm einen weit groberen Raum ein, da er mehr als 20 Volkerschaften, wie die IJmbrer, Sabeller (Sabiner), Samniten, Volsker, Aquer, Marser u. a., uinfaJ3te. Den Grundstock fiir diese zalilreichen Volkerschaften bildeten die Sabiner in den ertriignisarmen Abruzzen. Bei ilmen bestand die Ein.richtung des- Ver sacrum, 1 derzufolge sie in Zeiten groBer Not die Menschen und Tiere, welch'e im niichsten Friihlinge geboren 'vviirden, dem Mars weihten. Wahrend das Vieh geopfert wurde, 1 Zum letztcnmal envahnt im Jalire 217; vgl. Liv. XXII, 10, und Uhlands „Ver saerum". Quellen. 149 muJBten die geweihten Menschen, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht hatten, auswandern; aus ihnen bildeten sicb angeblicli in den abgescblossenen Gebirgslandschaften Mittelitaliens eigene Volkerschaften, Diese Einrichtung ist vrahrscheinlich an Stelle alter Menschenopfer getreten. Die Eimvanderung der Griechen und Kelten erfolgte in ge- schicbtliclier Zeit, beziiglich der iibrigen Volker fehlt jede Kunde. Beim Beginne der romischen Geschichte haben sie scbon ihre spateren Wobnsitze; wir konnen daber die Gescbicbte der Komer nicht einmal in eine verhaltnismaBig so friihe Zeit ihrer Entwick- Inng zuriick verfolgen, wie die der Griecben (dorische Wandenmg), vielmehr bestebt bereits beim Beginn unserer Kunde der latiniscbe Stadt-Staat. 1 Erster Zeitraum. Rom unter Konigen, 753 bis 509 v. Chr. 2 1. Die Quellen. a) Annales maximi. Sie waren trockene Ver- zeichnisse von wichtigeren Ereignissen, die bis in die Zeit der Graccben binein voin Pontifex Maximus jahrlich auf einer Tafel aufgeschrieben nnd offentlicb aufgestellt wurden. Die alteren gingen im gallisehen Brande zugrunde und wurden spater aus dem Ge- diicbtnisse wieder bergestellt. Sie sind vollstandig verloren; Livius erwalmt sie nicht. b) Die Annalisten. Aus den Priester-Annalen liaben seit dem 3. Jahrh. die A nnalisten geschopft, welche die romiscbe Geschichte von der iiltesten bis auf ihre Zeit schrieben. Zu ilmen gehoren Ennius und Naevius, die in Versen, Cato Gensorius, der in Prosa schrieb. Ihre Werke sind bis auf durftige Bruchstiicke verloren gegangen, doch von spateren Geschichtsclireibern, z. B. Livius, beniitzt worden, leider nicht in der urspriingliehen Eassung, sondern in einer Bearbeitung aus der Sullanischen Zeit, die den damals herr- schenden Anschauungen Eingang gewahrte. c) Die Geschichtschreiber. TTnter solchen IJmstanden sind wir fiir die altere Zeit wesentlich auf die Berichte der Geschichtschreiber 1 Naeh Nissen kann man etwa das 6. Jahihundert als die Zeit der plan- mšiBigen Stadtegriindung in Italien annehmen. 2 Das Griindungsjahr Eoms wurde sehr versehieden angesetzt; herrsehend wnrde die Annahme des Jahres 753. Das Griindungsjahr der Iiepublik sehwankt 2 wischen 510 bis 508. 150 Die Homer. Livius und Dionysius von IlalikarnaB, die in der Zeit des Augustus le trten, angewiesen. Livius ist unsere Hauptquelle fiir die Kenntnis der Konigszeit, der alteren Zeit der Republik und des zweiten Puni- sclien Jvrieges. Von Dionysius ist uns ein zusainmenhangender Bericht bis zum Jalire 443 erhalten; er ist zwar ein sehr sorgfaltiger Scliriftsteller, doch felilen ihm die riclitigen Vorstellungen iiber die altere romisehe Geschicbte. Infolge dieses- Standes des Quellenmaterials ist die altere romisehe Gescliichte bis weit ins Jahrhundert herab hochst un- sicher und venvorren, zumal da, im Gegensatze zur griecbischen, alte Volkssagen fehlen und die einheimische Religion uns selir ungenau bekannt ist. 2. Neuere Darstellungen. Grundlegend wurde das Werk Nie- buhrs, dessen dreibandige romisehe Geschichte bis zur Einigung Italiens reiclit. Der grobte Kenner der romischen Geschichte war Theodor Mommsen (f 1903); die ersten drei Bande seines Werkes schlieBen mit der Schlacht von Thapsus (46 v. Chr.), der fiinfte behandelt die Zustiinde des romischen Reiches in den ersten drei Jahrhunderten der Kaiserzeit, der vierte Band ist nicht erschienen. 1 2 I. Das romisehe Religionsivesen . 3 1. Die Gottheiten. Die alteste Grundlage der romischen Reli¬ gion \var eine einfaclie Naturreligion (S. 48) ; da die Romer Bauern waren, trat friih besonders die Verehrung der Ackerbau-Gottheiten liervor. Die phantasiearmen Romer haben weder eine reiche ]Vlytho- logie noch scharf abgegrenzte Gottercharaktere ausgebildet; daher sind ihre Gottheiten sch\ver auseinanderzuhalten und ^vurden spiiter auf beiden Gebieten die griechischen Vorstellungen lieriiber- genommen. Drspriinglich besaB man nur Symbole der Gotter, z. B. das Peuer der Vesta, den Speer des Mars, den Kieselstein (Abbild des Donnerkeiles) des Juppiter (S. 87). 1 Die romisehe Geschichte ist hauptsaehlieli nacli TU. Mommsen (Itiimisclie Geschichte, 8. Auf L, Berlin 1888 ff.), K. W. Nitzsch (Geschichte der rdmischen Republik, Leipzig 1884/85) und B. Niese (in Jliillers Handbuch) dargestellt. 2 INacli L. Preller, Rom. Mythologie, 2 Biinde, 3. Aufl., Berlin 1881 ff.; J.Marquardt, Rom. Staatsverrvaltung, 3 Bande, 3. Aufl., Leipzig 1887, einzelnen Artikeln in TF. II. Eoschers Lexikon der griechischen und romischen Mythologie und (7. T Vissotva (in Miillers Handbuch). Religion. 151 Es sind besonders zivei Gruppen von gottlicben Wesen zu unter- scheiden: die personlich gedachten Gotter (dei, dii, divi = Lichte, Himmlische) und die geisterliaft ivirlcenden Damonen (Genien). a) Dei. In der altesten Zeit genoB besondere Verehrung Januš, der Sehutzgott aller Eingange, dessen auch spater bei allen Opfern zuerst gedacht vvurde. Man stellte ihn als Doppelkopf dar. Er v/ur d e auch als erster Konig von Latium gedacht, zu dem Saturnus, urspriinglich ein Gott der Saaten, als Lehrer des Acker- baues gekommen sei. Juppiterist ein Licht- und Wettergott, der durch Begen und Sonnenschein Gedeihen spendet und durch Ilimmelszeichen seinen Willen andeutet. Er ist der oberste der Gotter und der hochste Schirmgott des romischen Staates (Juppiter Optimus Maximus). Neben Juppiter tritt besonders der Kriegsgott M a r s hervor, auf den die Homer und viele sabellisclie Stamme (S. 148) ihren Ursprung zuriickfiihrten. Jun o ist die weibliche Himmelsgottheit, die neben Juppiter oder auch allein auf Bergen verehrt vvurde. Minerva vvurde friih in geistigem Sinne als Gottin des Denkens und Empfindens aufgefaBt. V e n u s ist ur- spriinglich eine Gottin der Blumen, Neptun gelangte als Meer- gott erst durch griechischen EinfluB zu einiger Bedeutung, die Gottheiten des Feuers waren V o 1 c a n u s und Vesta. Wahrend friiher Juppiter, Mars und Quirinus (urspriinglich Avahrscheinlich ein Beiname des Mars) die vvichtigsten Gottheiten gewesen varen, vurden es seit der Erbauung des kapitolinischen Juppiter-Tempels in der Zeit der Tarquinier (6. Jahr.) die hier ver- ehrten Gottheiten Juppiter, Juno und Minerva; sie vurden bei jedem feierlichen Gebete gleich nach Januš genannt, neben ihnen hlieb immer Mars der vvichtigste Gott. b) Die Damonen, d. h. gottliche Wesen, die erst dadurch eine eigene Personlichkeit gevunnen, daB sie an bestimmte Individuen, Ortlichkeiten oder Handlungen gebunden sind. So glaubte man z. B., daB jedem mannlichen Mesen ein Genius, jedem veibliclien eine Juno zugrunde liege. Diese Geister, die spater als Genii bezeichnet Avurden, spielen im Kultus eine sehr bedeutende Rolle. Enter ihnen sind vieder besonders vichtig: a) die Laven, vvelche gevohnlich als verklarte Geister der Verstorbenen betrachtet und am Herde, wo ihre Ilolzbilder standen, verehrt vvurden; /9) die Larven oder Lemuren, unter denen man die Geister der bosen Menschen ver- stand, zu deren Beruhigung gevisse Gebrauche verrichtet vvurden; 152 Die Romer. y) die Penaien, deren Verehrung in inniger Beziehung zu dem Vestadienste stand; sie sorgten namentlich fiir die Vorrate des Hauses (penus). 2. Der Gottesdienst. Die alten Romer warcn ein sehr frommes Volk, das sich in ali en Dingen von den Gottern abhangig fiililte und die Kultusvorschriften (caerimoniae) mit peinlicher Genauig- keit befolgte, dafiir aber aucli die Erfiillnng seiner Wiinsche von den Gottern geradezu verlangte. Den klittelpunkt jeder heiligen Handlung bildete ein Opfer. Am haufigsten vrarden Gaben der Land- und Hausivirtschaft, wie Friichte, Speisen etc., dargebracht; Tiere wurden in alterer Zeit wohl nur bei besonderen Anlassen ge- opfert, Menschenopfer sind der altromischen Zeit ganz fremd. Die Gotter wurden urspriinglich in beiligen Hainen verebrt. 3. Die Priestertumer. Die Priester unterstanden jederzeit den Staatsbeainten, in deren Auftrage sie liandelten (S. 55) ; ihr Amt war in der Regel lebensliinglicb nnd nnbesoldet. Die mchtigsten drei Kollegien waren: a) Pontifices. Ilir Haupt war der Pontifex Maximuš (das war in der Konigszeit der Konig selbst), die iibrigen Mitglieder standen ihm nur beratend und ausfiihrend zur Seite. Er hatte die einfluB- reicliste Stellung, da er den gesamten hiiuslichen und offentlichen Gottesdienst iiberwacbte und mehrere priesterliche Elirenstellen be- setzte, auch selbst viele Kultushandlungen verriclitete. Eine wicbtige Aufgabe der Pontifices war aucli die Ordnung des Kalenderwesens. b) XV viri sacris faciundis. Ihre Tatigkeit ist mit den sibylli- nischen Buchern verkniipft, die aus Troas stammten und unter dem letzten Konig Eingang fanden. Diese Biicber enthielten hauptsacli- lich Siilmmittel fiir Prodigien, d. li. naturwidrige oder doch unerklar- licbe Vorfiille, wozu sie in der Regel eine Supplikation anordneten oder die Einfiibrung neuer (griechisclier) Gotter empfalilen. c) Augures. Sie stellten die Auspizien an, d. h. die den Romern eigentiimliche Divination, bei der es nicht auf die Enthiillung der Zukunft, sondern, vue bei den Griechenj auf die Zustimmung der Gotter zu einer beabsiclitigten Handlung ankam. Da die wichtig- sten politiscben Ilandlungen die Genehmigung der Gotter voraus- setzten, so hatten die Auguren einen sehr bedeutenden EinfluB. Ihre urspriingliche Aufgabe war die Beobachtung der Vogelzeichen (daher ihr Hame) ; spatere Auspizien \varen die ex caelo (Blitz) und ex tripudiis (Fressen der heiligen Hiihner). Griindungssage. 153 AuBerdem sind nock kervorzulieben: Die Vestalinnen (virgines A^estales) hatten besonders fiir die Erkaltung des heiligen Feuers auf dem Staatsberde (im Vesta- Tempel auf dem Forum) zu sorgen; aucli beteten sie taglick fiir das Wohl des Volkes. Die Earuspices , die stets Etrusker \varen, ver- standen sick auf die Einge\veideschau der Opfertiere und die Siik- nung der Prodigien. Die Fetiales vollzogen die Zeremonien, die mit der Ankiindigung des Krieges oder dem Abseklusse eines Biindnisses verbunden waren. Die Salier standen im Dienste des Mars, dem zu Eliren sie im Marž einen Umzug mit Tanz auffiihrten. Die Flamines bildeten kein Kollegium, sondern waren Finzelpriesler, die zu Ehren des Juppiter, Mars und Quirinus taglick Opfer darbrachten. II. Die traditionelle Geschichte. A. Die Griindungssage. Inhalt, Ursprung und allgemeine Verbreitung der Sage. Die Erzaklungen von den Irrfakrten des Aneas , seiner Ankunft in Latinm zur Zeit des Konigs Latinus (Heros eponvmos der Latiner), der Griindung Laviniums durck ikn, Alba Long as durch seinen Sokn Ascanius, der koniglichen Herrschaft der Silvier in Alba Longa sowie von der Abstammung des Romulus (Heros eponymos der Stadt Rom) und des Remus vom dreizehnten Silvier Numit or, endlich die Erzahlung von der Griindung Roms selbst entkalten gar Tceinen geschichtlicJien Kern. Urspriinglich gab es zwei Eormen der Griindungssage, die romische kniipfte an Alba Longa, die griechische an Aneas an; in unserer tTberlieferung sind bereits beide miteinander versckmolzen. Die griechisehe ist ein Auslaufer der Sage vomTroianischen Kriege; wie so viele grieckiscke Stadte, liek man aucli Rom von einem der auf der Riickfahrt verschlagenen Ilelden dieses Krieges gegriindet werden. Diese Form der Sage kat in Rom selbst erst im 3. Jalir- hundert Eingang gefunden. Kacli der romischen Fassung war Aneas der Vater oder Sckwiegervater des Romulus; spater, als man die Unvereinbarkeit dieser Annakme mit der Ckronologie des Erato- stkenes erkannte, scliob man die albaniscke Konigsliste ein, die erst aus der Zeit des Augustus stammt. DaB die Erzaklung in Rom scklieBlich allgemein geglaubt wurde, erklart sich aus folgendem: 1.) Die Ankniipfung an einen beriikmten ILomeriscken ILelden sckmeickelte den Romern; 2.) die 154 Die Komer. Sage wurde namentlieh durch den groBen EinfluB des Julischen Geschlechtes, dem Časar angehorte und das so seinen Ersprung bis auf Venus, die Mutter des Aneas, zuriickfiihren konnte, \veiter ausgebildet. B. Die romisehen Konige. Die traditionelle Geschichte der Kdnigszeit besteht uber- iviegend aus dtiologischen Sagen und Relconstruktionen. Enter erstcren versteht man Erzalilungen, die eine Einriclitung des spateren romisehen Staates erkliiren oder begriinden sollen. So wurde z. E. der Raub der Sabinerinnen erdichtet, um die romisehen IToch- zeitsgebrauche, denen zufolge die Braut scheinbar aus dem Eltern- bause geraubt wurde, zu erklaren; um den spateren Gebrauch, daB Staatsverbrecher vom Tarpeischen Felsen hinabgestiirzt wurden, zu begriinden, wurde die Erzablung von der treulosen Tarpeia er- sonnen; ebenso wurde die Abstammung des Konigs Targuinius aus r l’arquinii und die des Servius Tullius von einer Sklavin zur Er- klarung der beiden Eamen erfunden (etvmologisehe Sage). Enter Relconstruktionen versteht man Ruckschliisse aus den Einrichtungen der historischen Zeit auf die friihere; so wurde z. B. die Zalil der Senatoren und ihre Berufung durch den Konig nach den spateren Einrichtungen angenommen, dasselbe gilt fiir die angebliclien Reehte der Volksversammlung seit Servius u. s. w. Ob, von Komulus abgesehen, alle oder einzelne Kdnigsnamen liistorisch sind, \vissen wir nieht. Die Gesamtdauer der Konigslierr- schaft wird auf 240 (oder 243) Jalne berechnet. Diesem Ansatze liegt die romische Berechnnng nach Geschlechtern zugrunde, der-. zufolge drei Geschlechter auf ein Jahrhundert, sieben also auf rund 240 Jahre entfallen. Die ivichtigsten Taten, welche die Eberlieferung unter die ein- zelnen Konige verteilt, sind: 1.) Griindung und Befestigung der Stadt; 2.) Cntervverfung der benachbarten Ortsehaften; 3.) Glie- derung der Biirgerschaft; 4.) Feststellung der politischen und mili- tarischen Einrichtungen; 5.) Ordnung des Tvultus und Einsetzung der Priesterschaften; 6.) Erriclitung der altesten offentliclien Ge- baude; 7.) Ausbreitung der romisehen Ilerrschaft iiber Latium. Diese Taten iverden auf die einzelnen Konige so verteilt, daB jedem von ihnen eine bestimmte Beziebung zur Stadt, zum Staate und zur Landschaft zugeschrieben ivird. 155 Die Konige. So wird den ersten vier Konigen die Begrilndung, den letzten drei die Abanderung der Verfassung zugeschrieben. 156 Die Romer. III. Die geschichtlielie Entwicklung von der Besetznng Latinms durch die Latiner Itis zmn Sturze des romisclien Konigtums. A. Der latinische Stadtebund und die Griindung Roms. Die alteste Ansiedlung der Latiner erfolgte nach GescTilechtern, indem sich die vervrandten Familien nebeneinander niederlieBen. 1 Bei tfberfallen hatten die Geschlechtsgenossen, die Bewohner eines Ganeš (pagus), der ans mehreren Dorfern bestand, eine gemeinsame ZuflucMsstatte auf einem Berge, Kapitolium oder Arx genannt. Gewiil wurde zuerst das isolierte ATbaner Gebirge , die natiirliche Burg Latiums, besetzt. Hier lag Alba Longa , das als Haupt aller iibrigen lati ni soben Gemeinden, also aueb Roms, galt. jSiaheres dar- iiber ist nicht bekannt, ebensowenig wie iiber die Zerstorung des Vorortes. Die einzelnen Gane tvaren in altester Zeit vollig unab- hangig voneinander, jeder wurde von einem Fiirsten nnter Mitwir- kung des Rates der Alten und der Volksversammlung (vgl. die Ho- inerischen Zustande) regiert. Alle latiniscben Gemeinden zusammen bildeten einen Bund, an dessen Spitze Alba Longa stand. Der Alittel- punkt dieser Vereinigung war ein gemeinsames Fest (feriae Latinae) im Albaner Gebirge zu Ehren des latiniscben Stammgottes Juppiter Latiaris (vgl. die griecbiscben Amphiktjonien).. Als eines der hochsten Staatsfeste wurde es bis zum Untergange des lleiden- tums gefeiert. Rom entstand der Eberliefernng zufolge durch die Verbindung (Synozismus, vgl. S. 69 und 73) der drei Gemeinden der Ramnes, Tities und Luceres. Die Ramnes waren auf dem Palatin, die Tities auf dem Quirinal, die Luceres auf dem Caelius angesiedelt; die gemeinsame Burg lag auf dem kapitolinischen Hiigel. B. Bestandteile und Gliederung der Bevolkerung . 2 Die Bevolkerung zerliel in adlige (patres, patricii) und gemein- freie (Plebei) Burger, in Klienten und Sklaven; nur die Adligen, 1 Die geschlossene Ansiedlung, die Taeitus im Gegensatze zur zerstreuten der Germanen als romiseh bezeichnet, reieht in Italien so weit wie die geschieht- liehe Kunde zurfick. 2 Th. Mommsen, Rbmisches Staatsrecht, 3 Biinde, 3. Auf]., Leipzig 1887, und Mommsen, AbriB des romisclien Staatsrechts, Leipzig 1893. Nach Mommsen sind die Plebeier diejenigen friiheren Klienten, die durch die Servianisclie Reform zum Kriegsdienste verpflichtet ivurden; erst seitdem seien die Altbiirger zu Adligen geworden. Ein Teil der Klienten sei im alten Verh<nisse verblieben; die Iilientel rvurde niemals ausdriicklich abgesehafft. Alteste Verfassung. 157 die auch groBeren Grundbesitz hatten, konnten in den Senat ein- treten nnd Amter bekleiden. Die Klienten waren Piichter und Tag- lohner, die den Adligen Frondienste leisteten und Abgaben dar- brachten, wofiir sie von ihnen gescbiitzt wurden (patroni). Die Iiauptbeschaftigung der Burger war der AcJcerbau; besonders zu erwahnen ist die groBe Macht des Vaters (pater familias), der un- bedingt Herr war iiber Frau und Kinder und nur durch Sitte und Beligion beschrankt \vurde. Die Burgerschaft (populus) bestand aus einer Anzalil von Ge- schlechtern (gentes), deren Mitglieder sicli als Kachkommen eines gemeinsamen Ahnherrn betrachteten. Aus der Vereinigung dieser Geschlechter zu einem Ganzen entstand die Volksgemeinde, die nach der tJberlieferung schematisch gegliedert erscbeint (S. 73). Diese Gliederung war ahnlich wie in Atben: 1.) 3 Tribus (cpvlal), namlicli die Bamnes, Tities und Luceres; 2.) 30 Kurien (ffoaTglcu) 3.) 300 Gentes (yevrj). ISTaeh Tribus ist die Verwaltung (das Heerwesen), die Besetzung der Priesterstellen und die Bildung des Senates ge- regelt (vgl. die Bedeutung der Phjden, S. 73 und 79). C. Die altesten Verfassungszustande. Wie bei den Grieclien, ko m m en Kdnig, Bat und Volksver- sammlung in Betraclit: 1 . Der Kdnig. Der Konig besitzt militarische, richterliche und priesterliche Gewalt (S. 64). a) Er ist der Fiilirer des Heeres; es besteht in der altesten Zeit nacli der tJberlieferung aus 3000 Mann Fufivolk (legio) und 300 Beitern (celeres). b) Er besitzt die ganze Strafgewalt. Ilir Symbol sind die Easces, Butenbiindel mit je einem Beile, welehe die zwolf Liktoren dem Konige vorantrugen. Die Blut- rache besteht nicht mehr. c) Er ist der hochste Priester und ernennt alle ubrigen. Der Kdnig \vurde geviahlt, und zwar von der Volksversamm- lung, die Wahl vom Kate bestatigt, ivorauf die erstere ihm das Im- perium libertrug (lex curiata). Seine Gewalt ist, wie die des Familienvaters, nur durch das Herkommen, nicht aber rechtlich beschrankt. 2. Der Bat der Alten (senatus = yeqovoia). Er ist wohl ur- sprungMch, eine Vertretung der Geschlechter, von denen jedes ein Mitglied entsandte; die tJberlieferung kennt aber nur mehr seine 158 Die Riimer. Zusammensetzung durch den Konig. Die Zalil der Senatoren wird auf 300 angegeben. Der Senat konnte mir iiber solcbe Gegenstande verliandeln,, die ihm der Konig zur Beratung vorlegte; eine be- schliefiende Behorde war er niclit. 3. Die Volksversammlung (comita curiata). Ilire Rechte kennen wir nickt; zugeschrieben werden ihr: a) Wahl des Konigs und Erteilung des Imperiums; b) Anderung der Verfassung; c) Erklarung eines Angriffskrieges. — Die Abstimmung erfolgte nach Kurien, einfaeli mit Ja oder Kem. D. Die reformierte Verfassung. Kacini eni bereits Tarquinius Priscus eine Reform der Ver¬ fassung angebahnt hatte, fiihrte sie Servius Tullius durch. Die reformierte Verfassung bestelit aus der Tribus- und der Zenturien- ordnung. 1. Die Tribusordnung. ITnter Tribus („Viertel“) verstehen die Komer einen territorialen Bezirk. 1 Servius teilte die Stadt (niclit auch die zugehorige Feldmark) in vier Tribus. Jedes einem romi- sclien Burger gehorige Grundstiick war, wie jeder Besitzer selbst, in einer Tribus eingeschrieben. Diese Einteilung diente der Ver- waltung ; denn nach Tribus wurde die Steuer ein- und das Heer aus- gehoben. Die einzige allgemeine Steuer ist das Tributum , das nur bei Geldmangel eingehoben und, wenn es die Einanzen erlaubten, wieder zuriickgezahlt wurde. Die Besteuerung begann bei einem gewissen MaBe von Grundbesitz und war nach dessen GroBe ab- gestuft. 2. Die Zenturienordnung. Wie Servius Tullius die romischen Burger geographisch in Tribus, so teilte er sie militarisch in Klassen, politisch in Klassen und Zenturien. 1 Es ist demnaeh die altere Bedeutung des Wortes „Tribus“ (S. 157) von der jiingeren ebenso verschieden, rvie in Athen die altere von der jiingeren Be¬ deutung des Wortes „Phyle“ (S. 79). Von den 17 Tribus, \velche Rom samt dem Landgebiet am Beginne der Republik umfaBte, haben 16 ihren Namen nach Ge- selilechtern; daraus erliellt, daB in Rom, wie in Athen, die Verwaltung auf-den Geschlechtem beruhte. Klassen- und Zenturieneinteilung. 159 Ubersicht iiber die Klassen- und Zenturieneinteilung. Die Gesamtzahl der Zenturien betrug 193. Bemerkungen zur Tabelle. 1. ) Centuria war miliiarisch eine Abteilung von 100 Mann in der Keiterei nnd von 120 Mann 'Im EuBvolke, politisch (bei der Abstimmimg) von wechselnder Starke. 2. ) Das Vermogen v^nrde durcb den census (Scliatzung), der jedes fiinfte Jalir vorgenommen mirde, ermittelt (S. 75). 3. ) Die Zensnsansatze stammen friiliestens aus der Zeit des ersten Puniscken Krieges, in dem der altere schwere (librale) As = einem romischen Pfund (ungefalir x /s kg) Kupfer auf ein Seclistel herabgesetzt wurde. Die urspriinglichen Ansatze waren wahrscbeinlieh in AckermaB gegeben. 160 Die Komer. 4. ) In jeder Klasse war die eine Halfte der Zenturien des EuBvolkes dem zahlreicheren ersten Aufgebote (iuniores), die andere der Reserve (seniores) zugewiesen; dem ersteren gehorte man vom vollendeten 17. bis znm vollendeten 46. Lebensjahre an. 5. ) Der eben angegebene Umstand, die Einteilung der Zen¬ turien in solclie der Reiterei und des FuBvolkes sowie die Beriick- sicbtigung der Werk- und Spielleute zeigen, daB der Ausgangspimkt der Reform der militarische Gesichtspunkt, d. h. die Heranziehung der Plebeier zum Kriegsdienste, war. Fiir die Abstimmung in der Volksversammlung (comitia centuriata) trat die Zenturienordnung wabrscbeinlich er st mit dem Beginne der Republik in Wirksamkeit. Beurteilung der Zenturienverfassung. Sie bat einen timo- kratisclien Charakter; denn urspriinglich waren nur die grund- besitzenden Burger in die Klassen aufgenommen und die erste Klasse liatte in Verbindung mit den Bittern die Entscheidung, ob- wohl sie die Minderzahl der Burger umfaBte. — Es lassen sich mebrere Ahnlichkeiten mit der Solonischen Verfassung erkennen. E. Fremde Kultureinfliisse. Scbon in der Konigszeit machten sicb etruskiscbe und grie- chische Einfliisse bemerkbar. Yon den Rimskem, die im Zeitalter der Tarquinier Bom belierrscliten, wurden entlehnt: 1.) die Ab- zeichen der koniglicben IViirde, namlich Purpurmantel, elfen- beinernes Zepter und Stubl (sella curulis); 2.) die Haruspicin, die iibrigens vor dem zweiten Puniscben Kriege nur selten angewendet wurde; 3.) die Amvendung des dem dorischen verwandten etruski- scben Stiles; 4.) die Verwendung der IVolbung bei den Kloaken. Griechische Einfliisse fanden namentlicli von Kuma (S. 80) ker Ein- gang; zu enviihnen sind: 1.) die Buchstabenschrift, die im Zeitalter der Tarquinier in Bom bekannt wurde; 2.) die Darstellung der Gotter in menscblicher Gestalt, die Aufnahme griechisclier Gott- heiten, wie des Apollo oder Hermes, die Einfiihrung der sibvllini- schen Biicher; 3.) das MaB- und Geudchtssystem; 4.) die Ein¬ fiihrung des Zensus nach dem Beispiele Solons; 5.) die Verbreitung von Haustieren und Gartengeviichsen (S. 42). Begriindung der Republik. 161 Z^elter Zeitraum. Rom als Republik, 509 bis 30 v. Cbr, Erster Abschnitt. Von der Begriindung der Republik bis zum Anfange der Punischen Kriege, 509 bis 264. Ausbreitung der romisehen Herrschaft iiber Italien, Zeit der Aristo- kratie, Standekampf. I. Die Begriindung der neuen Verfassung. .Der Sturz des Konigtums (regifugium), der aucli die Absčhiitt- lung der etruskischen Fremdherrschaft zur Folge hatte, war in Rom wie in Griechenland (S. 65 und 73) das WerTc des Adels, der Pa- trizier, dem auclr die Friichte der Verfassungsanderung zugute kamen. Dem Konigtume folgte daher die Aristohratie; auch in der neuen Verfassung kommen die obersten Magistrate (an Stelle des Konigs), der Senat und die Volksversammlung in Retraclit. A. Die obersten Beamten (magistratus). 1. Das Konsulat. Die hochsten Beamten waren die beiden Kon- suln („Mitspringer“). Sie wnrden von den Zenturiat-Komitien aus den Patriziern gewahlt. Im wesentliclien besaBen sie die militdrische und richterliche Geivalt (imperium) des Konigs; aufierdem beriefen sie den Senat und leiteten die Zenturiat-Komitien. Das priesterliche Amt des Konigs wurde dem Iiex sacrorum (vgl. Čiqxcov fiaoilev g) iibertragen, der vom Pontifex Maximus auf Lebenszeit aus den Patriziern ernannt wurde; er war diesem untergeordnet, hatte gewisse Opfer zu vollziehen, durfte aber kein politisches Amt bekleiden. Fiir den Fali der Abrvesenheit beider Konsuln setzten sie einen Stellvertreter (praefectus urbis) ein. Die Gewalt der Konsuln war beschrdnkt: a) durch das Prinzip der Kollegialitat; b) durch die einjahrige Dauer des Amtes und die Verantwortlichkeit; c) durch die Einfiilirung der Provohation, d. h. der Berufung des vom Konsul zum Tode oder zu einer Leibesstrafe (spater auch einer hoheren Geldstrafe) verurteilten Verbrechers ans Volk; d) durch die Abtrennung der priesterlichen Befugnisse des Konigs. 2. Die Diktatur. Sie ist ein auBerordentliches Amt, steht iiber dem Konsulate, ist nicht durch die Provokation beschrankt, dauert aber hochstens sechs Monate. Der Diktator wird, gewohnlich infolge Zeehe, Geschichte des Altertums. 11 509 — 30 v. Chr. 509 — 264 . 162 Die Homer. Senatsbeschlusses, von einem der beiden Konsuln, und zwar immer zu einem bestimmten Zwecke, namentlich bei Kriegsnoten, ernannt (daber dictatorem dicere, aber consulem creare). Die Absicht dabei war, die Einheit der obersten Gewalt fiir eine kurze Zeit wieder- herzustellen. Unter dem Diktator stand der Befehlshaber der Reiterei (magister celerum), den er ernannte. B. Der Senat. 1. Seine Zusainmensetzung und Berufung. Bei der Begriin- dung der Republik rvurde die Zahl der Senatoren durcli die an- geblicbe Aufnahme von Plebeiern auf 300 erhoht und diese bis auf Sulla beibebalten. Der patriziscbe Teil wurde als patres , der ple- beiscbe als patres conscripti bezeichnet, wesbalb der Senat im ganzen als patres (et) conscripti angesprochen wurde. Die fernere Ergdn- zung fand durcli den Eintritt der hoheren Beamten nach Ablauf ihres Amtsjabres statt, so dab die Yolksversammlung ein mittelbares Wahlrecht batte. DieAufsicbt und Erganzung (lectio senatus) stand urspriinglicb den Konsuln zu. Da die Mitgliedschaft lebenslanglich war, entwickelte sicb im Senat eine standige Politik (S. 76). Das Recht, den Senat zu berufen (cogere, spater vocare), besaBen die lioheren Beamten, d. h. urspriinglich die Konsuln und der Diktator, spater auch der Prator und die Volkstribunen. 2. Seine Befugnisse. Der Senat wurde allmablicli die oberste Verwaltungs- und Regierungsbehorde (vgl. S. 68), ivahrend er in der Konigszeit nur eine beratende Beborde gewesen war. Seine Macbt erreicbte ihren Hobepunkt im zweiten Puniscben Kriege; er entschied damals iiber die gesamte innere und auJBere Politik. Seine Befugnisse zerfallen in patrum auctoritas und senatus consultum; die erstere ist die Bestatigung eines Besclilusses der Zenturiat- Komitien, die letztere bezeicbnet alle anderen Senatsbeschliisse. Diese betreffen besonders: a) das Sakralwesen, b) das Kriegswesen, c) die Finanzen und d) die auswartigen Angelegenbeiten. a) Das Recbt des Senates erstreckte sicb auf die Aufnahme neuer Gottheiten, Vornahme auBerordentlicher gottesdienstlicber Handlungen, Beaufsichtigung der Auspikation und des ganzen Kultus. b) Der Senat verfligte die Aushebung der Wehrpflichtigen. Friih schon wies er den beiden Konsuln ihren Amtsbereich (pro- vincia) zu, und namentlich wichtig wurde, dah er seit dem zweiten Puniscben Kriege das Recht besaB, den Feldherren das Kommando Volksversammlungen. 163 zu verliingern (prorogare): c) Ihm kommt die Verwertung des Ge- meindelandes (ager publicus) , die Entscheidung iiber die Abgaben der Provinzen und die Verfiigung iiber die Staatskasse (aerarium) zu; das letztere Becht ist die wesentlicliste Grundlage der Senats- herrschaft. d ) Der Senat vertrat den Staat dem Auslande gegeniiber, so dafi er Gesandte empfing, Boten ins Ausland scliickte, Ereund- schaftsvertrage schloB u. s. w. G. Die Volksversammlungen. 1. Comitia centuriata. In ilinen kam die Volkssouveranitat zum Ausdrucke, weshalb sie fiir jede offentliche Handlung berufen \vurden, zu deren Vornahme die Magistrate nicht bereelitigt waren. Ilire fiinf Befugnisse waren: das Becht der Gesetzgebung, die Er- klarung eines Angriffskrieges, die Wahl der hochsten Beamten mit Ausnahme des Diktators, das Provokationsrecht und (spater) die Bestatigung der Staatsvertrage. Alles ging militarisch kurz, ohne Debatte, vor sich. Der Versammlungsort der Zenturien war in der Begel das Marsfeld. 2. Comitia curiata. Sie entschieden unter dem Vorsitze des Pontifex Maximus iiber gentilizische Fragen, z. B. den Austritt aus einem Gescblecht oder dem Patriziate. Politische Bechte batten sie seit der Errichtung der Bepublik niclit mehr. Ilir Versammlungsort war das Kornitiuin. Die neue Verfassung hat einen streng aristohratischen Cha- rakter. Die Patrizier hatten die Entscheidung im Senat und das tlbergewicht in den Zenturien; sie allein konnten zu politiscken, militarischen und priesterlichen Amtern gelangen und kiiteten das ungeschriebene Becht. II. Aullere Geschiclite. Die Ausbreitung der romischen Herrsehait iiber Latium und die angrenzenden Gebiete, 509 bis um 338. 509 bis um 338. A. Die Kampfe mit den Sabinern, Aquern und Volskern; das Verhaltnis zum latinisehen Stammesbunde. Die Annalen berichten aus den ersten Jahrhunderten der Be¬ publik zahlreiche, im einzelnen ganz unsichere Kampfe mit den Ngchbarvolkern, namentlich den Sabinern, Aquern und Volskern. Diese Kampfe, die als oft wiederholte Grenzuberfdlle aufzufassen u* 164 Die Komer. 496. sind, lassen sich nur in ilirem Ergebnisse erkennen: sie hatten eine langsame, aber bestandige Ausbreitung der romischen Herrscbaft und die friihe Romanisierung dieser Stamme zur Folge. Hbrigens ist die Ansicht von ewigen Kampfen Roms, wesbalb der Janus- Tempel in alterer Zeit niemals geschlossen gewesen sei, nnricbtig; erst um 400 beginnt die entschiedene Ausbreitung der romischen Herrscbaft. Zur Erklarung der MachtentfaltungRoms in alterer Zeit dienen besonders folgende zwei ITmstande: 1.) daB den Romern die Krafte des latinischen Stammesbundes zur Seite standen; 2.) dah die Romer die Burger der besiegten Gemeinden zur Rbersiedlung nacli Rom notigten und dadurcli ihre eigene Kraft verstarkten. Schon in der Konigszeit fiel Rom die Leitung des latinischen Bundes zu. Fiir die erste Zeit der Republik wurde der Vertrag maBgebend, der nach der Schlacht am Kratersee Regillus (496) abgeschlossen wurde. Diese ist nacli dem Vorbilde des Troianischen Krieges mit dem Eingreifen der Gotter (Dioskuren) und mit Einzel- kampfen ausgesclimiickt; hiemit endet die romische Sagengeschichte. Der Vertrag bestimmte ein Biindnis auf dem EuBe der Gleich- berechtigung (aequum foedus), indem er gegenseitigen Rechtsschutz, Oonubium und Commercium ? d. h. Ehe- und Handelsgemeinschaft, und gleichen Anteil an dem Kriegsgewinne (Beute und Bandereien) zwischen Rom und dem Bunde festsetzte. Gleichwohl werden auch spater noch Kampfe zwischen Rom und einigen latinischen Stadten berichtet. B. Die Kampfe mit den Etruskern. Zur Zeit der Griindung der romischen Republik stand die Macht der Etruslcer, die mit den Earthagern das Tyrrhenische Meer beherrschten, noch auf ihrem HdhepunTcte, so daB der erste ZusammenstoB zwischen beiden zu Hngunsten Roms endete. 1. Der Krieg mit Porsena. P ovsena, Lar s (d. h. Stadtkonig) von Clusium, wollte wohl die Verwirrung in Rom beniitzen, um die etruskische Macht iiber Latium auszudehnen; die Angabe, daB er den Krieg zur Wiedereinsetzung des vertriebenen Tarquinius unter- nommen habe ; ist v/ertlos. Der Krieg ist vielfach sagenhaft, da die Romer spater dureh Erdichtung von Heldentaten (Horatius Cocles, Mucius Scaevola) denAusgang fiir sich riihmlicher gestalten wollten. Kriege mit den Etruskern und Galliern. 165 Rom wurdc erobert und die Romer muBten geloben, das Eisen nur mebr fiir Ackergerate (nicbt aucb fiir Waffen) zu verwenden. Einige Jahrzehnte spater tvurden die Etrusker von den Syrakusiern in einer groBen Seeschlacht bei Kuma besiegt; seitdem gaben sie ihr Streben nach der Herrschaft iiber Italien fiir immer auf. 2. Die Kriege mit Veii. Mit Veii 1 2 3 hatten die Romer zwei groBere Kriege (im ganzen angeblich vierzehn) zu fiihren.. a) Der Krieg in den Jahren J77 bis Jf7J. Dieser Krieg ist durch die Kiederlage bekannt, welche die Eabier an der Gremera erlitten. Hiebei fand das ganze Fabisehe Geschlecht, mit Ausnahme eines einzigen in Rom zuriickgebliebenen Knaben, den TTntergang. Ein 40jahriger Waffenstillstand beendete den Krieg. h) Der Krieg in den Jahren J/.06 bis 396. Da die Etrusker im Kor den damals von den Galliern bedrangt wurden, wurde Veii nur von einigen siidetruskischen Stadten unterstiitzt. Die lange Belage- rung der Stadt, die durch mancherlei sagenhafte Zutaten aus- geschmiickt ist (TlberflieBen des Albaner Sees in der trockensten Jahreszeit, Vollendung eines Opfers im Juno-Tempel zu Veii durch die Romer), fiihrte endlich unter der Anfiihrung des Diktators M. Furius Camillus zur Eroberung Veiis. In diesem Kriege wurde, da das Ileer auch im Winter im Felde blieb, die Soldzahlung 2 ein- gefiihrt. Ein Jahrzehnt darauf nahmen die Romer das gewonnene siidetruskische Gebiet in vollen Besitz, wodurch die erste groBere Enueiierung des romischen Landes erfolgte. G. Die Kriege mit den Kelten (Galliern). 1. Eroberung Roms durch die Gallier (387). Auf ihrem Vor- dringen aus dem Polande kamen die Gallier 8 nach Etrurien und belagerten Clusium, dessen sich dip Romer annahmen. Infolgedessen zogen die Gallier gegen die Romer und schlugen sie an der Alia (18. Juli, dies Aliensis ) bis zur Vernichtung; die Stadt ward er¬ obert und zum Teile niedergebrannt, nur das Kapi tol wurdebehauptet. 1 In conspectu prope urbis (Liv. V, 4), urbs opulentissima Etrusci nominis (Liv. V, 22); Veii lag 11 lem von Rom entfernt. 2 TSglich 3 1 /« As, ungefalir 1 K 14 h; ein Sehaf kostete damals 10 Asse. In Solons Zeit bezahlte man fiir ein Sehaf oder einen Seheffel Gerste 1 Drachme, in der Zeit des Perikles fiir ein Sehaf 10 bis 20 Drachmen. 3 Liv. VII, 23genus ferox et ingenii avidi ad pugnam. 387. 166 Die Komer. Auf die Kachricht, daJ3 andere Volker in ihr Gebiet eingefallen seien, zogen die Gallier gegen Bezahlung von 1000 Pfund Goldes ab. Es ist der schiuerste Schlag, den Rom je erlitten hat. (Scbone Sehilderung des TTngliicks bei Liv. V, 42.) Gleichwohl hat die Bberlieferung auch diesem Kriege eine fiir die Romer giinstige Wendung gegeben. Darnach vvurden die Gallier von Camillus 1 vertrieben, in einer Schlacht besiegt, ihr Anfiihrer Brennus getotet und das gezahlte Gold ihnen vvieder abgenommen. Dem Drangen der Eiihrer der Plebs, nach Veii zu iibersiedeln, trat Camillus erfolgreich entgegen; Rom wurde in Eile, daher un- regelmaBig und unschon, vvieder aufgebaut. 2. Spatere Kampfe mit den Galliern. Koch wiederholt ver- suchten die Gallier, sich in Latium festzusetzen, jedoch ohne Erfolg. Die tJberlieferung berichtet die sagenhaft ausgeschmiickten Zwei- kampfe des T. Manlius Torcjuatus und M. Valerius Corvus, welche fiir die Romer riihmlich ausgingen. Im Jahre 334 schlossen sie mit den Galliern Frieden und Ereundschaft. Ergebnis. Die Kampfe mit den Galliern waren die eigentliche Kriegsschule fiir die Romer. Wie die Athener nach der Abwehr der Perser, gingen sie jetzt zur Errichtung einer machtigen Bundes- genossenschaft iiber, deren Bildung durch den letzten Krieg mit den Latinern voriibergehend in Erage geste!It wurde. D. Der letzte Latinerkrieg, 340 bis 338. Wie in Athen (S. 95), entwickelte sich auch aus der romischen Hegemonie iiber Latium naturgemaB eine Herrschaft, so dah die Latiner sicli iiber Yerletzung des Vertrages beschwerten und, als ihre Bitte um Zulassung zum Konsulat und zum Senat abgewiesen wurde, die Waffen gegen Rom ergriffen. Da die Latiner den Romern durch aus gewachsen waren, bedurfte es der strengsten Mannszucht und des groBten Opfermutes seitens der Romer, bei denen damals T. Manlius Torguatus und P. Decius Mus besonders hervorragten. Der erstere lieJB seinen eigenen Solin hinrichten, weil er sich gegen seinen Befehl in einen Zweikampf mit einem Latiner eingelassen 1 Liv. VII, 1: vir unicus in Omni fortuna; Liv. V, 49: dictator .... Romulus ac parens patriae conditorque alter urbis haud vanis laudibus appellabatnr. Vgl. die Worte des Camillus bei Liv. V, 51: patriae deesse, quoad vita suppetat, aliis turpe, Camillo etiam nefas est. tlber seine Bedentung vgl. auch Liv. VI, 6 — 8. StiindekampJ. 167 hatte; der letztere entschied durch seine frehvillige Todesv/eihe 1 die Schlacht am Vesuv zugunsten der Komer. Der latiniselie Bund wurde aufgelost, die einzelnen Stiidte verschieden beliandelt; einige erhielten das romische Biirgerrecbt, andere wurden untertanig oder blieben unabhangig. 2 Gleichzeitig unterwarfen die Romer die Volsker und scblossen mit Capua, der groBten Handelsstadt Mittelitaliens, sowie mit den Kampanern , die Scbutz gegen die Samniten sucbten, ein inniges Biindnis; Roms ilacht wurde dadurch so bedeutend erbobt, daB es den Kampf um die Herrsehaft iiber Mittelitalien aufnehmen konnte. III. Iimere Gesclii elite. Die Fortentwicklung der Verlassung (Standekampf). Der Hauptinhalt der folgenden Geschichte ist der Stande¬ kampf , d. h. das erfolgreiche Bestreben der Plebeier, zuerst Rechts- schutz gegen die patrizischen "Obergriffe und dann auob politische Gleichberechtigung mit den Patriziern zu erringen. Leider sind wir iiber den Gang der Entwieklung schleclit unterriebtet (Liv. II—X). A. Geschiehtlielier Teil. !. Vom Beginne des Standekampfes bis zum Ende des Dezemvirats, 494 bis 449. 494 — 449. a) Die Einsetzung des Volkstribunats (angeblich 494); Um 494. Coriolan. Zur politischen Recbtlosigkeit der Plebs war ein scliwerer sozialer Dbelstand gekommen. Die Zerriittung des Staates beim Sturze des Konigtums hatten namlich mehrere benacbbarte Volker- schaften zu Angriffen auf Rom beniitzt, wodurch gerade die kleinen plebeischen Bauern hart getroffen worden waren, zumal da der RutzgenuB des Gemeindelandes (ager publieus, d. h. das durcb Er- oberungen gewonnene Gebiet) gegen Abgabe des Zehnten nur den Patriziern gestattet war. Weil sicli die Burger iiberdies selbst aus- riisten muBt§n, waren sie in Schulden geraten (der ZinsfuB war aucli in Rom sehr hoch) und den Bestimmungen des auBerst strengen Schuldrechtes, wonach der Schuldner (nexus) und seine Angehori- gen Sklaven des Glaubigers wurden, preisgegeben (vgl. S. 74). Da 1 Bei der Devotion wurde der devotus nicbt geradezu geopfert, sondern den unterirdisehen Gottern iiberantwortet. - Die Romer betrieben in den friiheren Jahrhunderten die Auflosung der italiscken Stilmme und vernichteten, vertrieben, verpllanzten infolgedessen einige Millionen Bewolmer Italiens. 168 Die Komer. 451 u. 450. 449 . der Senat die Beschwerden der Plebeier abwies, verlieBen sie Rom und begaben sich auf den Heiligen Berg in der Absicht, aus Rom auszuwandern (erste secessio plebis). Hun sahen sich die Patrizier zu TTnterhandlungen genotigt und muBten den Plebeiern bedeutende Zugestdndnisse einraumen; diese waren: 1.) Beivilligung einer Amnestie; 2.) Beseitigung der driickendsten Schuldgesetze; 3.) Ein- setzung plebeischer Schutzbeamten (tribuni plebis), denen zwei aediles plebei als Gehilfen untergeordnet wurden; 4.) Berechtigung der Plebeier, sich nach Tribus zu versammeln und Beschliisse zu fassen (concilia plebis). Vergebens versuchte bald darauf, wie berichtet wird, Ooriolan 1 gelegentlich einer Hungersnot, den Plebeiern gegen dasVersprechen, ihnen auf Staatskosten billiges Getreide zu verabfolgen, das Tri- bunat zu entreiBen. Von der Plebs zum Tode verurteilt, muBte er fliehen und starb im Auslande. b) Das Dezemvirat (451 und 450). Zehn Jahre lang beantrag- ten die Tribunen die Aufschreibung der Gesetze, die, bisher miind- lich fortgepflanzt (S. 74), von den patrizischen Magistraten nach Willkiir ausgelegt werden konnten. Endlich gaben die Patrizier nach und willigten in die Wahl von zehn Mannern (decemviri con- sulari imperio legibus scribendis), unter gleicbzeitiger Einstellung der Wahl von Konsuln und Tribunen. Die Dezemvirn des Jahres 451 stellten zehn eherne Gesetzes- tafeln auf dem Porum auf. Zum Abschlusse des Werkes wurden fiir das nachste Jahr abermals Dezemvirn gewahlt, unter denen auch Plebeier waren; sie fiigten noch zwei Gesetzestafeln hinzu. Nach der tlberlieferung miBbrauchten aber die Dezemvirn des Jahres 450, deren Haupt der stolze Appius Claudius war, ihr Amt, verletzten die Gesetze und traten am Schlusse des Jahres nicht zuriick. Als Appius Claudius Verginia, die Tochter eines Biirgers, einem seiner Klienten als Sklavin zusprach und der Vater, um ihre Ehre zu retten, sie mit eigener ITand totete, brach die Revolution aus. Abermals zogen die Plebeier auf den Heiligen Berg (zweite Sezession) und wieder muBten sich die Patrizier zu Verhandlungen und Zugestiindnissen herbeilassen. c) Die Leges Valeriac-Horatiae (449). Haclidem die Dezem¬ virn ihr Amt niedergelegt hatten (Appius Claudius starb im Gefang- 1 Liv. II, 33: mara et consilio promptus. Standekampf. 169 nisse), vermittelten die beim Volke beliebten Konsuln L. Valerius und M. Iioratius einen Ausgleich , der angeblieh folgende Bestim- mungen enthielt: 1.) Die Besch.liisse der Tribut-Komitien sollen auch fiir die Patrizier Geltung liaben; 1 2.) es soli kein Magistrat gewahlt werden, dem gegeniiber das Provokationsrecht nicht galte; 3.) die Todesstrafe soli denjenigen treffen, der einen Volkstribunen, einen Adil, Richter oder Dezemvir verletzt. liiemit ivar die bleibende Grundlage des romischen Bechtes geschaffen 2 3 nnd das StrafausmaJB der Willkiir der Richter entzogen. 2. Vom Sturze des Dezemvirats bis zur Durchfiihrung der vollen Gleichberechtigung, 449 bis 300. Die Patrizier versuchten den Bestrebungen der Plebeier durch mancherlei Aushunftsmittel entgegenzntreten; die wichtigsten waren: 1.) Gewinnung eines Tribunen, da jeder drrrch sein Veto die Annahme eines Antrages verhindern konnte; 2.) Weigerung des Senates, einen VolksbeschluB zu bestatigen; 3.) gewaltsame Stornng der Tribut-Komitien; 4.) Einsetzung eines Diktators; 5.) mifi- brauchliche Ausniitzung der Auspizien (Auflosung der Volksver- sammlung infolge angeblicher Wahrnehmung eines Blitzzeichens) ; 6.) Einsetzung neuer, patrizischer Amter; 7.) kleinere Zugestand- nisse, wie Vermehrung der Tribunen von zwei auf zehn u. a. Gleichwohl ruhten die Tribunen nicht, bis die volle Gleich¬ berechtigung der Plebeier mit den Patriziern errungen war. Sie \vurde besonders durch die lex Canuleia, die leges Liciniae und die lex Ogulnia herbeigefiihrt. a) Lex Canuleia (445, Liv. IV, 1). Sie wurde von dem Tri¬ bunen C. Canuleius und seinen Genossen eingebracht und bestand aus zweiTeilen : 1.) Zwischen Patriziern und Plebeiern sollen rechts- giiltige Ehen abgeschlossen werden konnen; 2.) einer der Konsuln soli aus den Plebeiern gewalilt werden. Den ersten Antrag, von dessen Annahme die Patrizier „Verwirrung der Auspizien“ fiirch- teten, muJBten sie nach hartnackigem Widerstande genehmigen, dem zweiten wichen sie durch dieEinsetzung einer neuenMagistratur aus. Bisher •vvaren bei Mischehen die Kinder dem Stande der Plebeier verfallen, von nun an folgten sie dem Stande des Vaters. 1 Diese Bestimmung diirfte erst dem Anfange des 3. Jahrhunderts angehoren und sich auf die patriziscli-plebeischen Tribut-Komitien beziehen. 3 Liv. III, 34: fons omnis publici privatique juriš. 449 — 300. 445. 170 Die Romei'. Die Patrizier bildeten bis dabin niclit nur eine geschlossene poli- tische, sondera auch eine streng abgegrenzte religidse Gemeinschaft ; sie gestatteten der Plebs die bffentliche Verehrung der romischen Staatsgotter (jus sacrornm) nicbt. Von nun an komite aucb sie daran teilnebmen. Hinsicbtlicli des zweiten Antrages setzten die Patrizier durch, daB j ahrlich ein SenatsbeschluB dariiber entscheide, ob Konsuln oder Kriegstribunen mit konsulariscber Geivalt (tribuni militares con- sulari potestate) geivahlt werden sollten; zu letzterem Amte er^ hielten aucb die Plebeier Zutritt. Das Militartribunat umfaBte aber nicht das ganze konsulariscbe Imperium, da fiir die Vornahme des Zensus eine eigene patriziscbe Magistratur, die Zensur, eingefuhrt 443 . wurde (443). 367 . b) Leges Liciniae (367, Liv.VI, 35). DieTribunen G.Licinius Štolo und L. Sextius Lateranus setzten nacli zehnjahrigem Kampfe unter Vermittlung des M. Furius Camillus drei Rogationen durch; von diesen sollten zwei die uSTot der armeren Plebeier lindern, die dritte den Ehrgeiz der reicheren befriedigen. Sie lauteten: 1.) Die Schulden sollen nacli Abzug der bereits gezahlten Zinsen in drei gleicben Jahresraten getilgt werden; 2.) jeder romische Burger soli Anteil am verteilten Gemeindeland erhalten, keiner aber mehr als 500 jugera okkupieren diirfen; 3.) es sollen wieder Konsuln ge- wablt und einer von ilinen den Plebeiern entnommen iverden. Die Patrizier konnten scblieBlicb die Annabme dieser Kogationen nicht mehr hindern, trennten aber von der Konsulargewalt die biirgerliche Gerichtsbarkeit ab und setzten hiefiir ein eigenes patriziscbes Amt, die Prdtur , ein (367). Auch wurde damals zur prachtigeren Feier der groBen Festspiele (ludi Romani) die Tcurulisclie Adilitdt, ein patrizisches Amt, eingefuhrt. JSTach der Wahl des L. Sextius zum Konsul er hielten die Ple¬ beier allmahlich auch Zutritt zu den iibrigen biirgerlichen Amtern. 300 . c) Lex Ogulnia (300, L iv. X, 6). Zuletzt wurde die Gleicli- berechtigung auch auf religidsem Gebiete hergestellt, indem durch die Tribunen Q. und Cn. Ogulnim den Plebeiern die politisch ein- fluBreichen Kollegien der Pontifices und der Auguren zuganglich ge- macht wurden. Kur die Stellen des Eex sacrorum, der Flamines, Fetiales und der Salier, die bedeutungslose Ehrenamter waren, blieben stets den Patriziern vorbehalten. Die Magistraturen. 171 Charakter und Ergebnis des Standekampfes. Der Stande- kampf ist ein schones Beispiel dafiir, wie eiir politisch rechtloser Stand atif gesetzmaBigem Wege, durch Ausdauer und Einigkeit, seine Stellung verbessern kann. Die Erreichung ihres Zieles wurde den Plebeiern besonders durch die vielen Kriege erleichtert, da diese die Patrizier notigten, jenen immer wieder entgegenzukommen (Ein- wirkung der auBeren Politik auf die innere). Die Plebeier besaBen nun volle Gleichberechtigung mit den Patriziern, ja sie waren insofern besser daran, als das Volkstribunat und auch eine Konsulstelle ihnen unbedingt vorbehalten waren. Die Sicherung der Volkskraft durch die Sicherung des freien Grund- besitzes und der Ausgleich der Gegensatze durch die Licinischen Gesetze waren die Vorbedingungen fiir die weiteren Eroberungen der Homer. B. Systematischer Teil. I. Die Magistraturen. Uber dic Magistratur im allgemeinen. ITnter Magistratur (magistratus) verstanden die Romer das ordentliche politische Anit und auch den Inhaber dieses Amtes, das unbesoldet und in der Regel einjahrig war. Da damals die bhrgerliche und die militarische Lauf- bahn (Beamten- und Offiziersstellen) ebensowenig getrennt waren wie die Verwaltung und die Rechtspflege 1 , waren die Befugnisse der Magistrate ausgedehnt. Ilire Ehrenzeichen waren die Liktoren mit den Fasces, der Amtsstuhl (sella curulis) und der Purpursaum auf der tveiBen Toga (toga praetexta). Die wielitigeren einzelnen Magistraturen. Da das Konsulat, die Diktatur, das Reiterfiihreramt und das Konsulartribunat bereits besprochen \vorden sind, bleiben nocli die Zensur, Quastur, Pratur, Adilitat und das Volkstribunat zu erortern. a) Die Zensur. Ihre Bedeutung ist im Laufe der Zeit so ge- stiegen, dafi sie nach dem Eingehen der Diktatur als das hochste Amt galt. 2 Die beiden Zensoren wurden auf 18 Monate gewahlt, ihre Amtshandlungen galten jedoch fiir fiinf Jahre. Ihre \vichtigsten drei Befugnisse waren: 1 Venvaltung und Rechtspflege waren im ganzen Altertume nicht getrennt; die politische und die militarische Laufbahn wurden erst in der spateren Kaiser- zeit ganzlich voneinander geschieden. 2 Cie. pro Sestio 25, 53: sanetissimus magistratus. 172 Die Romei'. 1. ) DieAufstell u ng der Biirger liste (census po¬ puli). Bei der Vornahme des Zensus mufi ten die Biirger das gesamte steuerpflichtige Vermogen angeben. Die Zensoren wiesen den Biir- gern die Stellung in den Servianischen Klassen und die Tribus zu; von dieser Stellung hing die Steuer- und WehrpfUcht sowie das StimmrecTit der Burger ab. 2. ) Die Aufstellung der Senatsliste. Sie zer- fallt in die Revision der Senatsliste, d. h. die Aussclieidung un- wiirdiger Senatoren, und in die Erganzung der Liicken, die, soweit die hoheren Wiirdentrager nicht ausreichten (S. 162), der Willkiir des Zensors iiberlassen war. 3. ) Einanzielle Rechte. Mit Ausnahme der Staats- kasse unterstand den Zensoren das ganze bewegliebe und unbeweg- liche Staatsgut; sie verpachteten die Staatslandereien und vergaben die Staatsbauten. Weitaus die meisten groben Staatsbauten der Republik, z. B. die Strafien, waren ihr Werk. Die Zensoren waren tatsachlich von jeder Verantivortlich- keit frei. b) Die Qudstur. Die Quastoren \varen entweder stadtische oder Feldherrn-Qudstoren. Die ersteren waren Untersuchungsrichter (das Wort kommt von quaero), untergeordnete Beamte der Konsuln, an deren Statt sie die Strafgerichtsbarkeit ausiibten. Schon friihe hatten sie auch die AufsicM iiber die Staatskasse und besorgten die Ein- hebung der Steuern. Die Feldherrn-Quastoren waren"die Gebilfen der Oberfeldberren; ihnen lag besonders die Venvaltung der Kriegs- kasse ob. c) Die Pratur. Dem Prator kam die Zivilrechisprechung unter Privaten, d. h. die Entscheidung iiber Recbtsstreitigkeiten, zu. ITr- spriinglich gab es nur einen Prator, der als praetor urbanus bezeicb- net wurde; bald nach der Mitte des 3. Jahrhunderts wurde ein zvoeiter Prator zur Schlichtung der Streitigkeiten zwischen Richt- Biirgern oder einem Burger und einem JTicht-Burger gewab.lt, der in der liiaiserzeit praetor peregrinus genannt wurde. Der Prator entschied nicbt nur den einzelnen Recbtsfall, son- dern gab auch durcb sein edictum grundsdtzliche Rechtsbestimmun- gen (vgl. die Themotheten S. 73). d) Adilitat. IJrspriinglich wurden jahrlich zwei aediles plebeii gewahlt, die unverletzlicb waren und den Tribunen bei der Rechts- pfiege halfen; die Aufsicht iiber den GetreidemarJct und die polizei- Die Magistraturen. 173 liche Geivalt sclieint spateren Ursprungs zu sein. Im Jahre 367 kamen zu den beiden plebeiscben nocb zwei patrizische aediles curules binzu, so dab jabrlich vier Adilen gewablt wurden; doch bald mirde es iiblich, abtvecbselnd zwei Patrizier und zwei Plebeier zu kuruliscben Adilen zu wahlen. Beide Arten von Adilen batten groBenteils dieselben Geschafte zu besorgen; ibre Hauptaufgabe wurde die Veranstaitung der Volksfeste. e) Bas Vollcstribunat. Die Volkstribunen wurden von den Plebeiern auf ein Jabr gewahlt; kein Patrizier konnte zu diesem Amte gelangen. Die Gewalt der Tribunen wird als potestas sacro- sancta bezeiclmet, da bei der Einsetzung des Tribunats samtlicbe Plebeier den Eid (sacrum) scbwuren, jeden Angriff auf die Tri¬ bunen mit dem Tode zu bestrafen. Seit dem Jabre 367 galt die Wiederwalil zum Tribunen als revolutionar. Die Tribunen waren anfangs nur plebeische Beamte, denen folgende vier, mehr negative Rechte zukamen: kJ Jus a u x i 1 i i , d. h. der einem einzelnen Plebeier erteilte Schutz gegen die Zu- fiigung eines Unrechtes durch den Konsul; es ist der Ausgangs- punkt der tribuniziscben Gewalt iiberhaupt. /3) Jus inter- c e d e n d i , das ist Scbutz der ganzen Plebs gegen ein magistra- tisches Dekret oder einen Senatsbescblufi. Im Gegensatze zur sonst notigen Einstimmigkeit der Tribunen geniigte fiir die Interzession ein einziger. y) Jus agendi c u m p 1 e b e, d. h. das Recbt, die Plebs nach Tribus zu versainmeln; dadurch rvurde die Agitation unterbalten. 1 d) Strafrecht. Die Tribunen konnten jeden, der sich an der Plebs vcrgriff, verbaften und an Geld, ja sogar an Leib und Leben strafen. Seit dem 3. Jahrhundert erlangten die Tribunen aucb groBeren EinfluB auf die Beamtenvvahlen und die Gesetz- gebung sowie das Recbt, im Senate zu erscbeinen und in Ausnabms- fallen ibn sogar zu berufen. Durcb das Tribunat fand die-Unzufriedenbeit der Plebs ge- setzlichen Ausdruck, es verhinderte die Tyrannis und, solange es innerhalb gewisser Schranken blieb, die Revolution, gab aucli den wicbtigsten AnstoB zur Fortentwicklung der Verfassung. Es zeugt fiir den gesunden politischen Sinn und die stramme Zucbt der Romer, daB das Tribunat trotz der TJnverletzl ichkeit und Unver- antwortlichkeit seiner Inhaber so lange nicbt ausartete. 1 Ein wichtiges Agitationsmittel wui’de den Tribunen durch die Einfiihrung des Soldes genommen (vgl. Liv. IV, 5 9 und GO). 174 Die Romei - . 2. Die Volksversammlungen. a) Die Zenturiat - Komitien. Sie erfuhren, ahnlich wie die Solonische Verfassung (S. 79 imd 96), wahrend und nach dem Standekampf eine Umgestaltung in demokratischem Sinne; diese erfolgte durch: 1.) Aufnahme der niclit grundbesitzenden Burger in die Zenturien; 2.) Ilerabsetzung des Mindestvermogens fiir die Aufnalime in die Klassen auf 4000 Asses; 3.) Zuweisung der gleicben Anzahl von Stimmabteilungen, namlich 70, an jede Klasse. b) Die Tribut-Komitien. Von den plebeischen Sonderversamm- lnngen nach Tribus sind die patrizisch-plebeischen Tribut-Komitien zu unterscheiden, die im Laufe des Standekampfes eingericbtet wurden. Ihr Ausgangspunkt war die Bestimmnng, daB jeder grund- besitzende Biirger in einer Tribus eingetragen sein muBte. Mit der Ertveiterung des romischen Stadtgebietes wurde die Zabl der Tribus allmahlich bis auf 35 im 3. Jahrhundert erhoht. Doch waren schon friiher aueh diejenigen Biirger, die keinen Grundbesitz batten (aerarii) mit EinschluB der Armsten (capite censi) und der Frei- gelassenen (libertini), d. h. der Sohne und Enkel von freigelassenen Sklaven, 1 2 in die Tribus aufgenommen, jedoch auf die vier stddti- schen beschrankt worden. Seitdem umfaBten die Tribus alte Burger? Die Bedeutung der Tribut-Komitien nahm immer mehr zu, da ihnen die Oesetzgebung zum weitaus groBten Teile zufiel; die boberen Gemeindebeamten wurden aber stets von den Zenturien und nur die niederen, z. B. die Quastoren, von den Tribus gewahlt. Ergebnis. Da die Kuriat-Komitien politiscb bedeutungslos waren, die Zenturien in demokratischem Sinne umgestaltet wurden und die Tribut-Komitien an sich einen demokratischen Charakter batten, endete der Standekampf mit dem Siege der Demokratie. Doch blieben die Amter, da sie unbesoldet waren und die Adilitat groBe Kosten verursachte, nur den reicberen Biirgern zuganglich (S. 96). 1 Die Urenkel wurden sehon zu den Freien (ingenui) gerechnet. Da sick in einer stadtischen Tribus mehr Burger befanden als in einer liindlichen, war die einzelne Stimme in den ersteren rveniger \vert. 2 Die Verschiedenheit der Rechte der Burger in den Zenturiat- und Tribut- Komitien erinnert an den Unterschied, der bei uns beziiglich des Wahlrechts der Burger fiir den Landtag und Reichsrat besteht, sowie an die Einriehtung der Wahlkorper fiir die Gemeindewahlen. Die Samnitenkriege. 175 IV. Ausbreitung der rdmischen Herrschaft iiber die ganze Halbiusel, 338 bis 264. A. Die Samnitenkriege, 327 bis 290. 1. Das Verliiiltnis der Machtmittel. An Volkszahl waren die Samniten 1 den Eomern mindestens gewachsen, dagegen standen sie ilmen an politischer Organisation und militarischer Ausbildung riacli. Denn sie hielten noch an dem lockeren Gauverbande (S. 156) fest, demzufolge sie er st im Kriege einen gemeinsamen Fiibrer ein- setzten, und konnten sich hinsichtlich der Bewaffnung nnd Taktik mit den Eomern nicht messen. Es waren zwei fast gleich starke Gegner, daher wechselte der Erfolg wiederkolt. 2. Die Ursache. Die Komer standen nack der Auflosung des Latinerbundes und dem Abschlusse des Vertrages mit den Kam- panern an der Spitze einer machtigen Eidgenossenscliaft, die im weiteren Vordringen iiber Kampanien begriffen war. Anderseits liatten bereits seit der zweiten Halfte des 5. Jahrliunderts die Sam¬ niten begonnen, sicli iiber Kampanien und Lukanien auszubreiten (S. 144); ein ZusammenstoB zwisehen beiden war somit unver- meidlich. Die tJberlieferung ist mit zahlreichen sagenbaften Zutaten aus- geschmiickt, ein Beweis von der Bedeutung dieser Kriege, die iiber die Herrschaft in Mittelitalien entschieden. 3. Der erste Krieg mit den Samniten (327 bis 304). Der Krieg bradi aus, als die Eomer nach Fregellae Kolonisten schickten und die Doppelstadt Keapolis-Palaeopolis, die allein nocb in Kam¬ panien von den Eomern unabhangig war, angriffen und eroberten. Die Kriegsschauplatze waren besonders Apulien und Kampanien, um deren Besitz es sich handelte. Das hervorragendste Ereignis im Felde war die EinschlieBung eines rdmischen Heeres in den Kau- dinischen Pdssen (furculae Caudinae, 321). Die Konsuln lieBen sicb lierbei, den Samniten einen billigen Frieden zu gewahren, docb mulite das romische ITeer unter dem Jodie abziehen. Da der Senat den abgeschlossenen Vertrag nicht bestatigte, wurde der Krieg fort- gesetzt. Fiir die Komer war besonders giinstig, dafi sich nun die Apulier und Lukaner an sie anschlossen, was sie zur Anlegung der Kolonie Luceria im Kiicken der Samniten beniitzten. 1 Liv. VII, 29: gens opibus armisque valida. 176 Die Romei\ Im Jahre 310 traten die Etrusker als Bundesgenossen der Samniten auf den Schauplatz, wurden aber von den Rbmern nacb zwei gliicklichen Feldziigen zum Frieden genotigt. Kachdem hierauf die Samniten wiederholt besiegt worden waren, baten sie um Frieden, den die Homer unter Erneuerung des friiheren Biindnisses geAvahrten (304). Da sich bis zum Ende des Krieges die Umbrer, mehrere sabelli- scbe Stamme sowie die in den Abruzzen seBhaften Volkerschaften an die Homer anschlossen, war deren Gebiet bedeutend erweitert. Sie sicherten es durch Kolonien, d. h. Festungen mit romischen Biirgern, die im politischen Verbande mit Hom blieben (Gegensatz zu den griechischen Kolonien). 4. Der zweite Krieg mit den Samniten (298 bis 290). Die Veranlassung zum Wiederausbruche der Feindseligkeiten ist un- gewiB. Der Krieg, den die Komer mit einem erfolgreichen Angriff auf Samnium begannen, wurde fiir sie gefahrlich, als sich die Etruslcer, Gallier und Umbrer an ihre Feinde ansclilossen. Doch schlugen sie die Samniten und Gallier, wahrend die Etrusker und Umbrer zum Schutze Etruriens abgezogen Avaren, in der blutigen 296 . Schlacht bei Sentinum (295), wo der Konsul P. Decius Mus (der Sohn) durch seine Todesweihe den Romern den Sieg verschafft haben soli. Wahrend die Samniten weiterkampften, griindeten die Romer an der Grenze von drei Landscbaften Venusia, worauf der Konsul M/ Curius Dentatus den Krieg im folgenden Jahre beendete. Die Samniten muBten wahrscheinlicb Gebietsteile abtreten, be- hielten aber ihre Selbstdndigkeit. Die Romer vollendeten noch im 290 . Jahre 290 die Unterwerfung der Sabiner und brachten bis zum 280 . Jahre 280 ganz Etrurien in Abhangigkeit. Ergebnis. Die romische Bundesgenossenschaft erstreckte sich nunmehr uber ganz Mittelitalien. 282 — 272 . B. Der Krieg mit Tarent und Pyrrhus, 282 bis 272. 1. Die Ursache und Veranlassung. Die Ursache war das MiB- trauen Tarents gegen Rom, das durch die Anlage von Venusia Tarent nahegeriickt war, die Veranlassung, daB die Romer dem ITilfe- gesuche der griechischen Kolonie Thurii gegen die sabellischen Lukaner Folge gaben. Der Konsul Fabricius besetzte die Stadt, was bei den Tarentinern Umvillen und Besorgnis hervorrief. Deshalb griffen sie eine romische Flottenabteilung an, als sich diese mit Krieg mit Tarent und Pyrrhus. 177 Verletzung eines alteren Vertrages, demzufolge romische Kriegs- schiffe nicht liber das Vorgebirge Lacinium hinausfaliren sollten, Tarent naherte, und entrissen Thurii den Bomern. Als eine romische Gesandtschaft, die Genugtuung verlangen solite, in roher "VVeise be- scliimpft rvurde, erklarten die Eomer den Krieg. Tarent, die groBte und reichste Industrie- und ITandelsstadt Unteritaliens, konnte zwar iiber 30.000 Mann aufstellen und fand Bundesgenossen an den Lukanern und Samniten, war aber trotzdem der romischen Macht nicht gewachsen, zumal da in der Stadt infolge des Beichtums Ver- iveichlichung herrschte (S. 81). 2. Der Verlauf des Krieges. Da die ersten ZusammenstoBe mit den Eomern ungliicklich ausfielen, wandten sich die Tarentiner umHilfe an den kiilmen und ritterlichen Konig Pyrrhus vonEpirus, einen der briihmtesten Heerfiihrer aus der Zeit der Epigonen; 1 dieser landete mit 20.000 Mann EuBvolk, 3000 Eeitern und einigen Kriegselefanten in Italien. So kam es zum ersten ZusammenstoBe Iioms mit der griechischen Phalanx. Die Eomer griffen Pjrrhus, der sich mit tarentinischen Hilfs- truppen verstarkt hatte, bei Heraklea (280) an, \vurden aber ge- schlagen und muBten Unteritalien raumen. Pyrrhus zog nach Latium, kehrte aber um, nachdem er bis in die K ah e Eoms vor- geriickt war, weil die Eomer daselbst ein neues Ileer aufstellten. Auch die Unterhandlungen, die Pjrrhus durch Cineas in Eom an- knupfte, fiihrten zu keinein Ergebnisse, weil die Eomer auf ihre Erwerbungen in Unteritalien nicht verzichten \vollten. Im Jahre 219 eroffnete Pvrrhus den Feldzug mit einem An- griff auf Apulien, zu dessen Schutze die Eomer herbeizogen; sie \vurden jedocli in der zweitagigen Schlaclit bei Asculum (279, Todes- \veihe des P. Decius Mus, des Enltels) von Pyrrhus mit groBem eigenen Verluste besiegt. Hierauf folgte Pvrrhus dem Hilferufe der Syrakusier gegen die Karthager und fuhr nach Sizilien liinuber. VVahrend Pvrrhus mit Hilfe der Sizilier den Karthagern fast alle sizilischen Besitzungen entriB, dann aber, wegen seiner Gevvalt- taten von seinen Bundesgenossen verlassen, nach Unteritalien zuriick- kehrte, hatten die Eomer die Samniten bedrangt und sich mehrerer Stadte in Lukanien und bei den Bruttiern bemachtigt. Als Pyrrhus 1 Plut. Pyrrh. 8.: *Avvt{3a<; Se auuTravTfov tojv (j-paTTjf-ov Tepčkov u.ev iuizd- pta xat Setv(5~rj-c IPJppov, Sx7]7;(cova Se Seuuepov, eauirov Se “prrov. — 13.: aSciTcep 6 , AyiXXeu? oux e/ 72 ‘les romischen Pfundes. Kultur. 181 3. Das Finanzwescn. a ) Die Einnahmen. Solange Kom um den Besitz Italiens kampfte, muBte es seine finanziellen Krafte bis aufs auBerste anspannen. Die Einnahmen des Staates zerfielen in vectigal (die Haupteinnahme) and tributum. Enter ersterem verstand man samtliches Einkommen vom $čaačseigentume, das damals nnr im Pachtertragnisse vom ciger publicus bestand. Eber das Tributum s. S. 158. b) Die Ausgdben. Diese betrafen damals hauptsachlich die Kosten fiir den Kultus, das Bauwesen (SiraBen, Wasserleitungen) und den Sold der Truppen; die Ehrenamter waren unbesoldet und den Unterricht iiberlieB der Staat ganz der Privaterziehung (S. 77). 4. Beschaftigung, Sitten und Charakter der Komer. Die Grundlage der Volkswirtschaft war der AcTcerbau, der nebst der Viehzucht auch spiiter allein als des vornehmen Ereien wiirdige Arbeit galt; 1 Handwerk und Lohmgewerbe war hauptsachlich in den Handen der Sklaven und Freigelassenen. Die Romer dieser Zeit zeichnet groBe Einfachheit und Recht- schafferiheit aus; Beispiele hiefiir sind nach der Bberlieferung: L. Quinctius Cincinnatus, der vom Pfluge weg in einem Kriege gegen die Aquer (Mitte des 5. Jahrhunderts) zur Diktatur berufen wurde; M.’ Curius Dentatus, der am Herde Riihen verzehrte, als die Samniten des Friedensschlusses wegen zu ihm kamen; O. Fabricius, den Pvrrhus weder durch Versprechungen noch durch Drohungen fiir sich getvinnen konnte. Die Einfachheit iiuBerte sich damals auch im TJnterridile, der wohl nur die Kenntnis des Lesens, Schreibens und Rechnens vermittelte; die Gymnastik bildete keinen wesent- lichen Teil der Erziehung. Fiir das Staatsleben wurde der romische Jiingling durch den Besuch des Eorums und der Gerichtsverhand- lungen herangebildet, der mit der Annahme der toga virilis im la. oder 16. Lebensjahre begann. „ Im Gegensatze zu dem leichtlebigen Griechen ist der Romer ernst (gravis) und etivas schwerfallig, iiberaus angstlich in reli- giosen Dingen, in politischer Beziehung konservativ nach Bauemart. Den \ errat am Vaterlande, der die griechische Geschichte wieder- holt befleckt, kennt er kaum. Ein Volk von ITelden, verstanden es die Romer, zu gehorchen und zu befehlen und durch die Aufrichtung 1 Cic.de oiT. I, 42, 150: opificea omnes in sordida arte versantur; nec enim f|uidquam ingenuum habere potest officina. Vgl.dagegen S. 102. 182 Die Komer. 264 — 133. 264 — 201. 9. Jahrh. eines macHtigen imel wolilgeordneten Staates den liolien Wert eines solchen fiir alle Zukunft festzustellen. Die Kehrseite dieser guten Eigenscliaften ist, daJ3 sie keine Anlage zur Poesie und Kunst be- saJ3en; anf diesen Gebieten tvurdep sie daher vollig von den Griecben abhangig. 1 Zweiter Absehnitt. Vom Beginne der Punischen Kriege bis zum Auftreten des alteren Gracchen, 264 bis 133. Bliitezeit der Republik, Ausbreitung der romischen Herrschaft iiber das Mittelmeer. I. Die Begriindung (ler Weltherrschaft. A. Die Kriege im Westen, Rom und Karthago, 264 bis 201. I. Aus der alteren Geschichte Karthagos. a) Die Griindung Karthagos. Kacli der Sage floli im 9. Jahr- hunderte die Konigstochter Dido aus Tvrus und grlindete in der Nahe des jetzigen Tunis Karthago = Keustadt. Dank ihrer vortreff- lichen Lage (nalie der friiheren Miindung des Bagradas, in der reichsten Getreidelandschaft Kordafrikas, mit dem besten natiir- liclien ITafen im Goife von Tunis, gegeniiber Sizilien) bliihte die Stadt rasch auf und wurde die erste Seemacht im ivestlichen Becken des Mittelmeeres. h) Die Ausbreitung der Macht Karthagos. a) In A frika. Die Ivarthager dehnten allmahlich ihre Herrschaft iiber die ganze Nord- hilste Afrikas von der Westgrenze Cyrenaicas bis zur Meerenge von Gibraltar aus und gewannen aucli die Herrschaft iiber die Westkiiste Afrikas bis iiber die Kanarischen Inseln. Die Libyer (S. 4) mirden zinspflichtig gemacht und landeinwarts die kartbagische Herrschaft iiber das Gebiet von Tunis ausgedehnt. Audi die teils von den Phoniziern selbst, teils von denKarthagern an der Kordkiiste Afrikas gegriindeten Kolonien vvurden unterworfen; nur Utika bewahrte eine geivisse Selbstandigkeit. d) AuBerhalb Afrikas. Wie die Plionizier des Mutterlandes, legten aucli die Karthager uberseeisclie Kolonien an und breiteten dami ihre Herrschaft iiber Sardinien, Korsika, das vuestliche Sizilien , einige kleinere Inseln des ivestlichen Mittelmeeres (z. B. 1 Cie. Tusc. disp. I. fiihrt als Eigenscliaften der Homer an: gravitas, con- stantia, magnitudo animi, probitas, fides, exccllens in omni genere virtus. Die inneren Verhiiltnisse Karthagos. 183 Malta ) und das sudliche Spanien aus. IhrStreben, sich ganz Siziliens zu bemachtigen, verwickelte sie in Kriege mit den Oriechen daselbst. c) Die Kampfe mit den Grieehen. Auf Sizilien war die mach- tigste Stadt das dorische Si/rahus. Durch die gliiekliche Abwehr der Athener in seinem SelbstbewuBtsein gehoben, strebte es nicbt minder nach der Seeherrschaft als Karthago. Es iibernahm die Fiibrung der sizilischen Grieehen gegen die Karthager, als diese im Jahre 480, zur selben Zeit, da die Grieehen des Mutterlandes den Angriff der Perser abzuwehren hatten, den Kampf mit jenen eroffneten. Diese Kriege , die mit zwei langeren Unterbrechnngen bis zum Jahre 275 (Eingreifen des Pyrrhus) dauerten, wurden mit ivechselndem Erfolge gefiihrt, doch belianptete Syrakus im 4. Jahrhnndert unter der Anfiihrung des Tyrannen Dionysius des Alteren, dann des Korinthers Timoleon, der den Tvrannen Dionvsius den Jiingeren gestiirzt hatte, das tTbergewicht. Dagegen versuehte Agatliokles, der sich einige Jahrzehnte vor Pyrrhns zum Tyrannen von Syrakus emporgesehwnngen hatte, vergebens, Karthago zn erobern und nach dem Abzuge des Pyrrlms kam Sizilien, mit Ausualime der Gebiete von Messana und Syrakus, in die Hande der Karthager. 2. Die inneren Verhaltnisse Karthagos. a) Die politischen Zustande. Die Verfassung war oligarchisch, da die reichen Kaufherren den Staat fast unbeschrankt regierten. Die laufenden Geschafte erledigte der Bat der Alten, der einschlieB- lieli der beiden jahrlicli gewahlten Konige (Suffeten = Kicliter, S. 24) 30 Mitglieder zahlte. Die eigentlich entscheidende Behorde abei' war die Korperschaft der Hundert Manner , die zur Beschran- hung der koniglichen Gewalt eingesetzt worden war; sie bildete die ^ ertretung der adligen Eamilien, erganzte sich selbst und komite sogar die Konige mit dem Tode bestrafen. Das Volk scheint selir wemg EinfhiB gehabt zn liaben. Wie jede Oligarchie, war aucli die karthagische selu- eifersiichtig auf ihre Macht, sie mihtraute dalier dem \ olke \vie den Beamten, namentlich einem siegreichen Feld- herrn, und scheute sich, im Kriege die aufiersten AnstrengungerLzu ivagen. Orientalisch war die grausame Kriegfiihrung, die Aus- saugung der Untertanen, die harten Strafen, die Menschenopfer; alles galt das Geld. o) Die militarischen Einrielitungen. Karthago war im Gegen- satze zn Rom eine Seemacht, die eroBte der damaligen Zeit. Die 480 184 Die Romer. Landmacht bestand aus leicliten libyschen Reitern, balearischen Schleuderern und auslandischen Soldnern, da die Karthager dem Kriegsdienst abgeneigt varen. c) Die finanziellen Verhaltnisse. Wahrend in politischer und militarischer Hinsicht die Romer den Karthag'ern entscbieden iiber- legen varen, iibertraf das Einkommen des karthagischen Staates das des romischen bei weitem. Freilich muBte im Falle eines langeren Krieges die Haupteinnahmsquelle, die Schiffszolle, nahezu versiegen. So waren Rom, das damals noch iiberwiegend ein Ackerbau- staat war, und Karthago, in dem der Handel die wichtigste Rolle spielte, einander ebenbiirtige Gegner (vgl. Athen und Sparta im Peloponnesischen Kriege). 3. Der erste Punische Krieg, 264 bis 241. a) Die Ursache. ISTaclidem die Romer ihre Herrschaft liber ganz Italien ausgedelmt hatten, gerieten sie mit Karthago, auBer Rom dem einzigen selbstandigen imd machtigen Staate im west- lichen Mittelmeer, infolge gegenseitiger Eifersucht in Widerstreit. Rom vertrat die abendldndische, Karthago die orientalische Kultur; die letztere war bereits von den Griechen stets bekiimpft worden. b) Die Veranlassung. Die Veranlassung zum ersten Punischen Kriege (punisch der romische Ausdruclc flir phonizisch) bot die Bewilligung des Hilfegesuches der Mamertiner (vom oskischen Mamers — Mars) durch die romische Volksversammlung. Diese kampanischen Soldner waren aus dem syralcusischen Dienste ent- lassen worden und hatten sich Messanas bemachtigt; da sie nun von dort aus Beuteziige unternahmen, wurden sie von dem Konige Iliero von Svrakus bekriegt und in Messana eingesclilossen. In ihrer Be- drangnis wandten sie sich an die Romer um Hilfe, u T elche diese gewahrten, damit die Stadt nicht in die Hande der Karthager falle; doch besetzten die letzteren noch vor dem Eintreffen der romischen Unterstiitzung Messana. Der Schauplatz des Krieges war haupt- sachlich Sizilien, dessen Besitz schon wegen der Lage der Insel fiir eine italische wie fiir eine am afrikanischen Gegengestade herr- schende Macht von der groBten Wichtigkeit var. c) Der Verlauf des Krieges. a) Landkrieg auf Sizilien, 26lf. bis 260. Kach der Eroberung Messanas durch die Romer schlug sich Hiero auf ihre Seite; er blieb ihnen zeitlebens ein treuer Bundesgenosse. Da die Romer keine groBere Seemacht besaBen, Der erste Punische Krieg. 185 \vurde der Krieg zu Lande gefiilirt. Das wichtigste Ereignis war die Einnahme Agrigents, der starksten karthagischen Stadt auf der Insel; doch behaupteten die Karthager ihre Seefestungen, Aveshalb die Komer sich zur Erbauung einer Kriegsflotte entschlossen. fi) Landkrieg auf und Seehrieg bei Sizilien, 260 bis 256. Die Komer erbauten mit bewunderungswurdiger Tatkraft in 60 Tagen eine starke Flotte, die sie besonders mit Bundesgenossen, spater mit Sklaven bemannten. Da die Taktik zur See damals vor allem im TIberrudern der foindlichen Schiffe bestand, hatten die Kriegsschiffe viel mehr Ruderer als Soldaten (S. 10'7). Der romische Konsul C. Duilius erfocht bei Myld 260 mit ITilfe der Enterbriicken (corvi) den ersten romischen Seesieg. Da aber der Landkrieg auf Sizilien keinen besonderen Erfolg hatte, beschloB der Senat, Karthago in Afrika anzugreifen. Deslialb fuhr der Konsul M. Attilius Regulus naeh Afrika, von wo jedocli der grofite Teil des Heeres auf Befeld des Senates sogleich wieder zuriickkehrte. y) Landlcrieg in Afrika, 256 und 255. JSTacbdem die Versuche der Karthager, den Erieden zu erlangen, an den liohen Forderungen der Komer gescheitert waren, riisteten sie sich mit: aller Ivraft und \varben den tiichtigen spartanischen Soldnerfiilirer Xanthippus an. Dieser siegte in der Ebene bei Tunes, dank seiner TIberlegenheit an Keiterei, liber Regulus, der vermutlich in karthagischer Ivriegs- gefangenschaft starb; die Erzahlung von seinem qualvollen Todeist erdiehtet. JŠTur 200 Mann retteten sich an die Kiiste und wurden von einer romischen Flotte abgeholt, die aber auf der Riickfahrt infolge eines Sturmes grofitenteils zugrunde ging. d) Sizilien wieder der Schauplatz des Land- und Seekrieges, 25J f bis 2Jj.l. Die Komer erfochten zwar zu Lande vor Panormus (Palermo) einen glanzenden Sieg, dagegen scheiterten ihre Ver¬ suche, den Karthagern ihre letzten .Stiitzpunkte Drepana und Lily- baum zu entreiBen. jSTaclidem sie vier groBe Flotten verloren hatten, entsaglen sie dem Seelcrieg und beschrankten sich auf die Beobach- tTing der feindlichen Festungen. Auch die Karthager begniigten sich nun — zu ihrem Verderben — mit dem kleinen Krieg; diesen leitete der tiichtige Hamilcar Barcas, der die beiden Berge Heirkte und Bryx besetzte und von da aus Streifziige in die ITmgegend unter- nahm. Da der Senat untatig blieb, entschloB sich eine Anzahl patrio¬ ti scher Manner, eine neue Flotte zu bauen und sie dem Staate zur 260 . 186 Die Romei'. Verfiiguhg zu stellen. Der Konsul G. Lutatius Gatulus schlug damit 241 . dle karthagische Flotte bei den Agatischen Inseln (241), worauf der Friede miter folgenden Bedingungen zustande kam: Die Kar- thager muBten auf Sizilien verzicliten (Hiero beliielt sein Gebiet), die Gefangenen obne Losegeld ausliefern und 3200 Talente 1 Kriegs- kosten zahlen. Ergebnis. Die Rom er getvannen die erste iiberseeische Be- sitzmig oder Provinz nnd brachen das tlbergeivicht der Karthager zur 8ee. 4. Die Erwerbungen der Romer in der Zeit zvvischen dem ersten und zweiten Punischen Kriege, 241 bis 218. a) Die Erwerbung Sardiniens und Korsikas. TJnmittelbar nach dem Ende des ersten Punischen Krieges brach in Karthago wegen Biickstandes des Soldes ein Soldnerkrieg aus, der mit groBer Grausamkeit gefiihrt und nur mit harter Miihe von Ilamilcar Barcas imterdriiekt wurde (40.000 Soldner lieBen die Karthager von Ele- fanten zerstampfen). Die Verlegenheit der Karthager beniitzend, 238 . bemachtigten sich die Komer Sardiniens und Korsikas (238), be- schrankten sich aber, wie die Karthager, auf die Besetzung der Iviistengegenden (zweite romische Provinz). h) Die Besetzung einiger Punkte Illyriens (= Dalmatien, Bosnien,Albanien). Infolge eines zweimaligen siegreichenKampfes 229 u. 219 . gegen die seerauberischen Illgrier (229 und 219) besetzten die Romer einige Stadte und Inseln Illvriens, namlich Apollonia, Epi- damnus und Corcvra, und legten dadurch den Grund zur spateren Provinz Illvrien. Durch diese Kriege wurde die angestrebte Sicherung der Kusien Italiens erreicht. 225 — 222 . c) Die Erwerbung des eisalpinisehen Gallien, 225 bis 222. Die Gallier bevvohnten das Land zwischen den Apenninen und den Alpen. Sie begannen den Kampf, um dem Vordringen der Romer Einhalt zu tun. Diese entschieden den blutigen Krieg durch die Erstiirmung von Mediolanum und sicherten sich den Besitz der Provinz Gallia cisalpina durch die Anlage der starken Kolonien Placentia und Cremona. Es war fiir die Romer sehr wichtig, daB Oberitalien bereits in ihren Handen war, als Hannibal daselbst erschien. In der romischen Gesehiehte sind stets attische Talente gemeint. Der ziveite Punische Krieg. 187 5. Der zweite Punische (Hannibalische) Krieg, 218 bis 201. 218 — 201. a) Die Veranlassung. Z um Ersatze fiir den Verlust Siziliens und Sardiniens begann Hamilcar Barcas die Eroberung Spaniens, das reich an Bergiverks- sch&tzen war und dessen abgehartete Bevolkerung tiichtige Soldaten Heferle. Was er gliicklich begonnen, setzte nach seinem Tode sein Sclnviegersolm Hasdrubal fort, der Carthago nova griindete und die Eroberungen bis an den Iberus (Ebro) ausdehnte. Zu jener Zeit schlossen die Homer mit Saguntum ein Biindnis und ver- standigten liievon Hasdrubal, der bereits versprochen liatte, die Eroberungen nicbt liber den Ebro auszudehnen. Als er durch Meuchelmord gefallen war, wurde im Jabre 221 sein Schwager, der 29jahrige Hannibal,Boms groBterFeind, vomHeere zu seinemHach- folger gewahlt. Sehon als Knaben liatte ibn sein Vater ewigen IlaB gegen die Komer schworen lassen. Er war von Jugend auf ans Lagerleben .gew6hnt, der Liebling der Soldaten, gleicli Alexander dem GroBen iiberaus kiihn und besonnen, abgebartet, einer der groBten Eeldlierren der Gescbicbte, unerscliopflicli an Ivriegslisten aller Art und nicbt minder bedeutend als Staatsmann. 1 Als er nacli aclitmonatlicher Belagerung Sagunt eroberte (Koma deliberante Saguntum periit) und die Kartbager seine Auslieferung veriveiger- ten, erJeldrten die Bomer den Krieg. Sie besclilossen, die Kartbager in Spanien und in Karthago anzugreifen; die erstere Aufgabe er- liielt der Konsul P. Cornelius Scipio 2 , die letzt-ere der Konsul Ti. Sempronius Longus. Hannibals schnelles und erfolgreiches Yor- gelien vereitelte jedocli diesen Kriegsplan; es ist einer der groBten 1 Liv. XX, 4: plurimum audaciae acl pericula capessenda, plurimum eousilii inter ipsa pericula erat. 2 P. Cornelius Scipio, Konsul 218 P. Corn. Scipio L. Corn. Scipio Africanus Maior Asiatieus Cornelia P. Corn. Scipio (Gemalil: Ti. Sempronius (adoptierte Gracehus) den Solin des | Siegers v. Pydna 'i i. Gracehus, C.Gracehus, Sempronia L. Aemilius Paullus f 21G L. Aem. Paullus, Sieger y. Pydna P. Corn. Scipio Aemilianus (Gemahlin: Sempronia, Schivester der Gracchen) 188 Die Romer. 218 - 216 . 218 . strategisclien Erfolge, die je errungen worden sind. Der Ausgang des Krieges muBte iiber das Schicksal des Westens und Ostens ent- scheiden; es ist ein iveltgescliicMliclier Krieg ersten Ranges. 1 b) Der Verlauf des Krieges. I. Hannibals Siegeszug, 218 bis 216. 1. Der Ubergang iiber die Pyrenaen und Alpen. Im Friih- j a lire 218 brach Hannibal, nacbdem er seinen Bruder Hasdrubal zum Befeblshaber in Spanien bestellt hatte, mit einem fast ganz aus karthagischen TJntertanen (nicht mehr Soldnern) gebildeten Heere von Cartbago nova auf, iiberschritt den Ebro und unterwarf die Volkerschaften bis zu den Pjrenaen, die er nahe ihrem Ostende mit 50.000 Mann FuBvolk und 9000 Keitern iiberstieg. Teils durcli Unterhandlungen, teils durch Kampfe bahnte er sich den Weg durch das siidliche Gallien. Indem er die Gallier tauschte und dem Konsul P. Cornelius Scipio, der erst nach seiner Landung in Massilia von IPannibals Zuge Kenntnis erhalten hatte, zuvorkam, iiberschritt er bei Avignon die Rhone, iiberstieg unter groBen Schivierigkeiten (Eeindseligkeiten der Bewohner, Unbilden der Witterung — es \var schon September, — Mangel einer gebahnten StraBe) in fiinfzehn Tagen die Alpen 2 und erschien mit noch 20.000 Mann FuBvolk, 0000 Reitern und einigen Elefanten, fiinf Monate nach seinem Abmarsche von Carthago nova, in Oberitalien, wo sich mehrere keltische Stamme ihm anschlossen. Die Romer muBten nun den Krieg defensiv fiihren. 2. Der Krieg bis zum Jahre 216. P. Cornelius Scipio hatte seinen Bruder Cnaeus mit dem groBeren Teile des Heeres nach Spanien geschickt, mit dem Reste kehrte er nach Italien zuriick, um Hannibal entgegenzutreten. Bevor noch der vom Senate zuriick- berufene Ti. Sempronius Longus eingetroffen war, lieB sich Scipio mit Ilannibal am Ticinus in ein Reitertreffen ein (218), wurde aber besiegt und schwer vermmdet. Der Rest seines Heeres vereinigte sich mit den inzwischen eingetroffenen Truppen des zvreiten Kon- suls; dieser lieB sich jedoch durch Hannibal verleiten, die ange- schivollene Trebia zu durchschreiten, und ivurde hier noch in dem- 1 Liv. XXI, 1: bellum maxime omnium memorabile, quae unquam gesta sunt. 2 Es ist unentschieden, ob Hannibal den Klemen St. Bernhard, den Mont Ceniš oder Mont GenCvre beniitzt hat. liber den letzteren lieB Pompeius, iiber den Kleinen St. Bernhard Augustus eine StraBe bauen. Der ziveite Punische Krieg. 189 selben Jahre vollstandig geschlagen. Die Gallier schlossen sich jetzt allenthalben dem Sieger an; der Vormarsch nach Mittelitalien war ermoglicht. Die beiden KunststraBen, die vonRom aus nachHorden fiibrten und von denen die westliche (via Cassia) damals bei Arretium, die ostliche (via Flaminia) bei Ariminum endete, suchten die Konsuln des Jahres 217, C. Flaminius und Cn. Servilius, zu decken. Hanni- bal umging aber die Stellung des ersteren, zog mit groben Ver lušten nahe der Westkiiste Etruriens vier Tage und drei Kaclite lang durch das iiberschwemmte Arnotal und kam so dem Flaminius in den Riicken. Dieser eilte Hannibal nacli und lieB sich, von ihm in einen Hinterhalt gelockt, noch bevor sein Kollege hatte zu Ililfe kommen konnen, am Trasimenischen See in eine Schlacht ein (217), in der er vollstandig geschlagen wurde und den Tod fand. Etrurien war verloren. Hannibal zog jetzt nicht nach Rom, wo die Zenturiat- Komitien Q. Fabius Maximus zum Diktator vuahlten, sondern nach Apulien , um die romischenBundesgenossen zumAbfalle zu bewegen, freilich zunachst ohne Erfolg. Wahrend Hannibal damach trachtete, durch neue Siege das feste Gefiige der Bundesgenossenschaft zum Wanken zu bringen, vermied der Diktator jede Hauptschlacht, be- gleitete aber Hannibal, wenn dieser in der Ebene marschierte, auf den Hohen, um ihn womoglich einzuschlieBen. Hannibal rettete sich emmal am Volturnus, wohin er, um das machtige Capua zu ge- winnen, gezogen war, mir durch eine List. Den Winter muBte er in Apulien im Freien zubringen. Aber die richtige Strategih des Fabius, der als KunJctator verspottet wurde, erregte in Rom, wo trotz der groBen Bedriingnis der Hader zwischen Senat und Volk nicht ruhen wollte, Hnzufrie- denheit und das Volk wiinschte eine entscheidende Schlacht. Flir das Jahr 216 \vurden L. Aemilius Paullus und C. Terentius Varro zu Konsuln gewahlt, von denen der letztere, der Kandidat desVolkes, zur Entscheidung driingte. Aber Hannibal, 50.000 Mann stark, ver- nichtete das 86.000 Mann starke romische Heer bei Cannd (216) vollstandig; der weitaus groBte Teil des ITeeres fiel, darunter auch Aemilius Paullus. 1 Kun traten die meisten Stadte der Bruttier und Lukaner, die Samniten und die Stadt Capua zu Hannibal iiber, Karthago schickte Hilfe nach Spanien gegen die beiden Scipionen, 1 Liv. XXII, 50: pugna Cannensis, Aliensi cladi nobilitate par. 190 Die Komer. Philipp III. von Mazedonien und 8yrakus, wo Hiero gestorben war, schlugen sich auf die Seite des Siegejs. In Rom liorte der innere Ilader auf, dank dem versohnlichen Auftreten des Senates, der das Friedensangebot Hannibals ablelmte. 1 'Freilieli verleitete damals die Aufregung und der Aberglaube die Romer, Menschen zu opfern; ein Gallier und eine Gallierin, ein Grieclie und eine Griechin wurden auf Grund griecliiscber Orakelspriiclie auf dem Forum boarium lebendig begraben. Hannibal beherrschte nun den Siiden Italiens bis zum Volturnus und Mons Garganus. Seine Streitkrafte reiebten jedocli nicht aus, um dieses Gebiet zu decken, sicli gegen die romi- schen Festungen zu schiitzen und den Offensivkrieg weiter zu fiihren; auch waren die Romer jetzt klug genug geworden, um ihre tiichtigsten Feldherren, M. Claudius Marcellus („das Sclrvvert Roms“) und Q. Fabius Maximus („den Scliild Roms“), bis zu ihrem. Tode an der Spitze der Heere zu lassen. 216 —211. II- Die Zeit des schwankenden Kriegsgliickes, 216 bis 2X1. 1. Der Krieg in Italien. Hach der Schlaclit bei Canna zog Hannibal nach Kampanien, besetzte Capua und iiberwinterte da- selbst. Es gelang jedoch Marcellus, Hannibal ztveimal bei Nola zu 216 u. 215. schlagen (216 und 215), worauf dieser nach Apulien zog, um die zu ilim abgefallenen Bundesgenossen zu schiitzen. So wurde Hannibal, der vergebens auf Unterstiitzung von auBen lier wartete, in die De- fensive gedrdngi, der Krieg in Italien loste sich in Festungskampfe und Streifziige auf und trat an Bedeutung hinter den Ereignissen in Spanien, Griechenland und Sizilien zuriick. Der bedeutendste Erfolg Hannibals war die Erwerbung Tarents (212), liingegen er- oberten die Romer Capua, damals die zweitgroBte Stadt Italiens, seinen IIauptwaffenplatz (211), nachdem Hannibal vergebens die Stadt zuerst durch den AngrifE auf das romische Belagerungslieer, dann durch einen Zug gegen Rom (Hannibal ante portas!) zu ent- setzen versucht hatte. Capua wurde iiberaus strenge bestraft; der ganze ager Campanus -vvurde eingezogen und die Stadt als Gemeinde vernichtet. 2 Da um dieselbe Zeit Svrakus erobert \vurde, so \var die 1 Wieder siegte die Ausdauer der Romer im Ivainpfe mit einem groBen Feld- herrn (S. 178). a Liv. XXVI, 16: Confessio expressa hosti, quanta vis in Romanis ad expe- tendas poenas ab infidelibus socdis et quam nihil in Hannibale auxilii ad receptos in fidem tuendos esset. Das jetzige Capua liegt an der Stelle des alten Casilinum. Dor zweite Punische ICrieg. 191 groBte Grefahr fiir Ilom voriiber, die militarische Lage fiir Kom und Karthago jetzt gleich. 1 Dieses Kesultat wurde hauptsachlich durch den Verlauf der Dinge auf den Nebenschaupldtzen herbeigefiihrt. Der Krieg wurde jetzt ein \Veltkrieg. 2. Die Kriege auf den Nebenschauplatzen. a) In Sizilien er- oberte M. Olaudius Marcellus das von Archimedes verteidigte Syrakus (212), die machtigste Festung des griechischen Altertums; es \vurde gepliindert und seiner Kunstschatze teilweise beranbt. Im Jalire 210 kam die ganze Insel in den Besitz der Komer. b) Philipp III. von Mazedonien fiihrte den Krieg mit den Komern (215 bis 205) in lassiger Weise. Fiir die Komer bekampfte hauptsachlich der atolische Bund den Konig, der deshalb niclit dazu kam, Hannibal zu nnterstiitzen. c) Am wiclitigsten waren die Kampfe in Spanien, der kartlia- gischen Kiistkammer, die den Oharakter eines endlosen Streif- scharen- und Festungskrieges liatten. Die beiden Scipionen drangten Hasdrubal immer weiter nach dem Siiden zuriick, so daB er trotz der karthagisclien Unterstiitzung niclit nach Italien ziehen konnte, und eroberten fast ganz Spanien, fielen aber im Kampfe, nachdem sie ihre Streitkrafte geteilt hatten. Hierauf erhielt der 2Yjahrige gleichnamige Sohn des P. Cornelius Scipio, ein liochbegabter, edler und gebildeter Mann, durch BeschluB des Volkes, das mit einer religiosen Scheu 2 zu ihm aufblickte, den Oberbefehl in Spanien. Dieser vollendete die Eroberung des karthagisclien Spanien (206), nachdem es Hasdrubal gelungen war, iiber die Westpyrenaen zu entkommen. III. Hannibals Niedergang, 211 bis 207. Hannibal, friiher der stiirmische Angreifer, zeigt jetzt die gleiche Meisterschaft in zaliester Defensive gegeniiber M. Olaudius Marcellus, der nach Beendigung des Krieges auf Sizilien in Unter- italien befehligte, und Q. Fabius Maximus, der dem Hannibal Tarent durch Verrat entriB. Der letztere zog sicli hierauf in das Oebiet der Bruttier zuriick, -vvohin ihm die Karthager Ililfstruppen geschickt hatten. Wahrend demnach Kom in militarischer Beziehung 1 Liv. XXVI, 37: Ita aequante fortuna suspensa omnia utrisque erant Integra spe, integro metu, velut illo tempere primum bellum inciperent. 2 Liv. XXVI, 9: pleraque apud. multitudinem aut per nocturnas visas species aut velut divinitus mente monita agens. Vgl. dagegen C. Flaminius. 212 . 211 — 20 192 Die Romcv. 207. 207 — 201. zweifellos das Ubergevvicht erlangt hatte, war der Staat finanziell sehr herabgekommen; das ganze Land war verwiistet und der Sold konnte nicht mehr regelmaBig ausgezahlt werden. Viele latinisclie Gemeinden erklarten dem Senate, daB sie keine Truppen mehr stellen und keine Steuern mehr zahlen konnten. Da verhreitete sich die Schreckensnachricht, dah Hasdrubal nach Italien geJcommen sei. Die Homer riisteten 23 Legionen aus unter dem Oberbefehle der Konsuln C. Glaudius Nero und M. Livius Balinat or , deren Hauptaufgabe war, die Vereinigung der beiden Briider zu verhin- dern. Hannibal, der von der Ankunft seines Bruders in Italien .Kunde erhalten hatte, riickte ihm nach Apulien entgegen; Nero lieJB daselbst Hannibal von einem Teile seines Ileeres beobachten, wah- rend er mit dem Keste zur Yerstarkung Seines Kollegen nach Norden zog. Hasdrubal, dessen an Hannibal entsandte Boten von den Bo¬ rnem gefangen vrarden, verirrte sich in Umbrien, wurde von den beiden Konsuln am Metaurus (207) angegriffen und verlor Schlacht und Leben. 1 Hierauf zog Nero wieder nach Apulien, wo Hannibal, nichts ahnend, stehen geblieben war. Als er den Ausgang der Schlacht erfahren hatte, 2 zog er sich wieder ins Gebiet der Bruttier zuriick. Rom ivar gerettet. IV. Der letzte VViderztand Hannibals in Unteritalien und die Entscheidung in Afrika, 207 bia 201. Yon nun an war Hannibal ganz auf die Yerteidigung ange- wiesen; es ist ein Beweis seiner groBen Begabung, daB er sich in Bruttien noch vier Jahre hielt. Aber die Unterstiitzung, die ihm seine Yaterstadt schickte, kam zu spat und war auch nicht ausgiebig genug. So geriet der Krieg ins Stocken, bis P. Cornelius Bcipio aus Spanien zuriickkehrte. Fiir das nachste Jahr zum Konsul gewahlt, erhielt Scipio vom Senate die Erlaubnis, nach Afrika uberzusetzen, um dort den Krieg zur Entscheidung zu bringen. Nach seiner Lan- dung in Afrika schloB sich der ostnumidische Konig Masinissa, den die Karthager seines Gebietes beraubt hatten, an ihn an, wahrend der westnumidische Konig Syphax auf Seite der Karthager stand. Naclidem Scipio zweimal gesiegt und Syphax gefangen geno m m en hatte, beriefen die Karthager Hannibal zuriick, der gliicklich in Afrika landete. Vergebens suchte er bei einer Zusammenkunft mit 1 Schone Schilderung der Angst und dann der Freude bei Liv. XXVII, 50. 2 Das Haupt Ilasdrubals wurde den Vorposten Hannibals zugeworfen; Liv. XXVII, 51: agnoscere se fortunam Carthaginis fertur dixisse. Kriege mit Mazedonien und Syrien. 193 Scipio giinstige Eriedensbedingungen zu erlangen. Es kam zur Schlacht bei Žarna (202), wo das schwachere Ileer Hannibals ver- nichtet \vurde. Die Karthager muBten sich nun den harten Bedin- gungen der Homer fiigen. Die Eriedensbedingungen. Die Karthager muBten: 1.) Spanien und die Inseln im Mittelmeer abtreten; 2.) das Reich des Syphax an Masinissa iibergeben; 3.) 10.000 Talente Kriegskosten zahlen; 4-.) die Gefangenen, die Flotte und die Elefanten ausliefern; 5.) sie durften von nun an auBerhalb Afrikas gar nicht, in Afrika nur mit Bevvilligung der Komer Krieg .fiihren. — Scipio erhielt einen glan- zenden Trimnpli und den Ehrennamen Africanus (Maior). Ergebnis. Karthago war als GroBmacht vernichtet und die latinische Nationalitiit nalim. einen bedeutenden Aufschwung auf Kosten alleriibrigep Volkerschaften Italiens. So waren die Kelten geradezu dem Untergauge geweiht, die Bruttier wurden rechtlos gemacht, d. li. sie ve-rloren die kommunale Ereiheit und das Waffen- recht, die wilden Ligurer wurden nach wiederholten Kampfen unter- worfen, die Veneter fiigten sich der romischen Herrschaft ohne Widerstand und wurden durch die Griindung des festen Aguileia, das damals in den Lagunen lag, gegen die Einfalle der keltischen Alpenstamme geschiitzt. V on V enetien aus unterwarfen die Komer auch Istrien. Rovi beherrschte nun das ivestliche Bechen des Mittel- meeres, das bis zum Einbruche der Araber von Italien abhangig blieb. Hingegen war Italien weithin verwiistet, der Bauernstand schwer geschadigt und die Bevolkerung durch das lange Lagerleben entsittlieht (S. 110). 1 Der Janus-Tempel wurde damals geschlossen. B. Die Kriege im Osten mit Mazedonien und Syrien. Die Erriehtung von Klientelstaaten, 200 bis 149. I. Die Lage im Osten und das Verhalten der Romer. Da sich die drei' hellenistisclien GroBmachte Mazedonien Syrien und Agigpten. wiederholt bekampften, erleichterten sie den Romern die Einmischung in ihre Streitiglceiten und hiedurch die allmahliche Unterwerfung des Ostens. Die kleineren hellenistisclien Staaten Pergamum, Bithynien, Rhodus hielten sich im Interesse ihrer Sicherheit iiberwiegend zu Kom und reizten es wiederholt zur Bekampfung der GroBmachte auf. 1 Es dlirften im zweiten Punischen Kriege standig 400- bis 500.000 Italiker unter den Waffen gestanden sein. Zeelie, Gesehichte des Altertums. 13 202 . 200—149. 194 Die Komer. Ohne daB die Komer eigentlich eroberungslustig waren, wurden sie im Streben nach Sicherung ihrer Herrschaft in Kriege mit dem Osten verwickelt, wobei sie sich der hleineren Staaten gegen die GroBmachte annahmen. Die Schonung des italischen Bauernstandes erheiscbte die Erhaltung des Friedens, weshalb auch das Volk den Kriegen abgeneigt \var. Solange Scipio lebte, begniigte man sicli im wesentlichen damit, diese Staaten zu romischen Klientelstaaten herabzudriicken, d. h. sie der romischen Politik dienstbar zu machen; spater aber wurden sie in Provinzen umgewandelt, was dem itali¬ schen Bauernstande zum Schaden gereichte, iveil wenigstens in einigen von ihnen zu ihrer Sicherung Truppen unterlialten werden muBten. 2. Die Kriege. 200 — 197. a) Der zweite Krieg mit Mazedonien (200 bis 197). Als Philipp III. Agypten seiner Besitzungen in Kleinasien und auf den Cvkladen zu berauben versuchte, erklarten die Komer dem verhaBten Konige (S. 191) den Krieg. Die Entscheidung fiihrte T. Quinctius 197. Flamininus durch den Sieg bei Gynoscephala (197) herbei, infolge- dessen Philipp Frieden schloB. Er mulite 1.) alle auswartigen Be¬ sitzungen abtreten, 2.) sein Heer auf 5000 Mann beschranken und die Kriegsflotte ausliefern, 3.) die Kriegskosten zalilen und 4.) sich verpflichten, ohne Genehmigung des romischen Senates keinen Krieg zu fiihren. In Ausfiihrung des ersten Punktes erklarte der Griechenfreund Flamininus bei den isthmischen Spielen die Griechen fiir frei. Allein die Freiheit maehte die Griechen ivehrlos, denn nur in Mazedonien konnten sie noch eine Stiitze gegen Rom finden. 192 — 189. b) Der Krieg gegen Antiochus III. von Syrien (192 bis 189). Antioclius, einer der tiichtigsten Seleuciden, versuchte, iihnlich wie friiher Philipp III., Agyptens Besitzungen in Cilicien und Syrien zu erobern, und bedrohte auch Pergamum und Rhodus. An seinem Hofe lebte damals TLannibal, der nach dem Ende des zweiten Puni- schen Krieges an die Spitze der Verwaltung Karthagos getreten war und denStaat in militarischer und finanziellerBeziehung wieder gehoben hatte, weshalb die Romer nicht ruhten, bis er seine Vater- stadt verliefi. Er und die Atoler, die mit dem Ausgange des Krieges gegen Philipp unzufrieden waren, drangten zum Kampfe. Die Komer schlugen das Ileer des Antiochus, der, im Ver- trauen auf die Angabe der Atoler, daB ganz Griechenland zum Kriege mit Mazedonien und Syrien. 195 Kampfe gegen die Homer bereit sei, nacli Grieclienland iibergesetzt war, in den Thermopylen vollstandig. Hierauf setzten sie unter der Anfiibrung des L. Gornelius Scipio , den sein Bruder Afrieanus be- gleitete, nach Kleinasien liber und besiegten den Antioclius trotz seiner zweifachen Tjbermaclit bei Magnesia ganzlich (19D). Infolge dieser Kiederlage bat der Konig um Frieden, den die Homer gegen Abtretung Kleinasiens westlich vom Halys und nordlich vom Taurus gewahrten. Dieses Gebiet teilten die Homer miter ilire Bundes- genossen Hliodus und Pergamuni so, daB ersteres den kleineren siid- lichen, letzteres den groJBeren nordlichen Teil erhielt. Kie melir lieB sicb Syrien in einen Krieg mit Hom ein. Audi die Atoler muBten sich der romischen Oberliobeit unterordnen. Der Tod Hannibals und Seipios (um 183). Trlannibal, der nach dem Friedensvertrage hatte ausgeliefert werden sollen, floh nach Bitliynien und vergiftete sich daselbst, als die Homer auf seine Auslieferung drangen. Scipio wurde von M. Porcius Cato der Unter- schlagung von Staatsgeldern im syrischen Kriege angeklagt. Da zerriB er vor dem Volke seine Rechnungsbiicher und forderte es auf, mit ihm den Jahrestag des Sieges voh Zama im Juppiter-Tempel zu feiern. Das Volk folgte ihm und gab dadurch seinem Unvvillen iiber die Anklage Ausdrucli; dennocli verlieB Scipio unmutig Roni und starb bald darauf in Kampanien. c) Der dritte Krieg mit Mazedonien (171 bis 168). Perseus , der Solin und Haclifolger Philipps, kniipfte Verbindungen mit den Rom feindlichen Stadten in Grieclienland sovvie mit dem Konige Gentliius des sudlichen Illyrien an und begann zum Kriege zu riisten, was die Komer als Bruch des Friedens vom Jahre 197 be- trachteten. Nachdem wegenUnfahigkeit der Anfiibrer und schlechter Zucht im Ileere die ersten Jahre fiir die Homer erfolglos geblieben waren, beendete der tiichtige und feingebildete Konsul L. Aemilius Paullus, der Solin, des bei Cannii gefallenen Konsuls, den Krieg rasch durch den entscheidenden Sieg bei Pydna 168 (letzte groBe Schlacht der Phalanx). Audi Genthius ivurde bald besiegt, beide Konige wurden gefangen genommen. Die Friedensbedingungen ivaren; 1.) Mazedonien wurde in vier Republiken aufgelost, die kein Commercium und kein Conubium unter sich liaben durften und jahrlich 1000 Talente, die Halfte der bisherigen Abgaben, nach Rom entrichten sollten; 2.) Illyrien wurde in drei Republiken 13 * Um 183. 171 -1G8. 168 . 196 Die Homer. geteilt, womit tatsachlich die Provinz Illyrien beginnt, die in fort- gesetzten Kampfen allmahlich bis zur Arsia ausgedehnt wurde. Damalige Stellung Roms. Von der Scblacbt bei Pydna rechnet Polybius die Vollendung der romischen Weltherrschaft. Die ganze zivilisierte Welt anerkannte jetzt im Senat ihren obersten Gerichts- liof, dessenGesandtscbaften anftaueliende Streitigkeiten entschieden. Das Klientelverhaltnis mnBte notAvendig zur vollstandigen Unter- Averfung fiihren. II. Die Ervveiterung der romischen Weltherrschaft. 149 — 133 . Umwandlung der Klientelstaaten in Provinzen, 149 bis 133. A. Erwerbungen im Osten. 148 — 146 . 1- Der vierte Krieg mit Mazedonien (148 bis 146); die 146 . Unterwerfung Griechenlands (146) . a) Der Krieg mit Mazedonien. Da die Mazedonier mit den Bestimmungen des letzten Friedens un- zufrieden waren, fand ein Abenteurer, der sich fi.ir einen Solin des Perseus ausgab, bei ihnen Anhang, so daB es ihm gelang, sich in Mazedonien und einem Teile Thessaliens festzusetzen. Die Romer beendeten den Krieg rasch und machten nun Mazedonien zu einer 146 . romischen Provinz (146). h) Die Untenverfung Griechenlands. Die Komer liatten die Griechen fiir ihre Ilinneigung zu Perseus im dritten Mazedonischen Kriege schiver bestraft. In Epirus hatte L. Aemilius Paullus auf Befehl des Senates 70 Stiidte (Reichtum an Stiidten gegeniiber der Gegenwart) pliindern und 150.000 Eimvohner in die Sklaverei ver- kaufen lassen; ungefahr 1000 Amrnehme Achaer (darunter Polybius) waren als angebliche Anlianger des Perseus nacli Italien abgefiihrt worden,yon wo der iiberlebende Rest nach Aviederholten Bitten der Achaer endlich nach Ilause entlassen \vurde. Diese schiirten nun den IlaB. der Achaer gegen die Romer und hetzten zum Kriege. In der entscheidenden Schlacht auf dem Islhmus Avurden die Achaer vom Konsul D. Mummius besiegt, AA r orauf sich alle griechi- schen Stadte, auch das feste Korinth, ergaben. Es teilte das Schick- sal Karthagos; zahlreiche griechische KunstAverke AAmrden nach Rom geschlejApti, Griechenland Avard als ein erobertes Land in Besitz genommen und bildete einen Teil der Provinz Mazedonien. Die Romer losten alle Stadtebiindnisse auf und schufen in allen Stiidten timokratische Einrichtungen. Obwohl sie das Land Enverbungen im Westen. 197 mit Wohlwollen behandelten, schv/and doch mit dem Verluste der Freiheit auch die materielle Bliite, so daB in den meisten Stadten Gras wuchs nnd das Yieh weidete. Dagegen leisteten die Grieclien auf dem Gebiete der Literatur (S. 132 ff.) und Kunst auch unter der romischen Herrsehaft nocli ILervorragendes. 2. Die Erwerbung der Provinz Asia (129). Von der Ilerr- i schaft der Seleuciden war zuerst Pergamum abgefallen, wo die Attaliden die K6nigswiirde erwarben. Sie zeiclmeten sicb besonders durch Pflege der Wissenscbaften und Kunste aus. Ein Denkmal ilires Kunstsinnes ist der Gigantenfries (S. 136) der zur Verherr- licliung der pergamenischen Siege iiber die Galater bestimmt war. Als die Komer auf die Geschicke des Ostens EinfluB zu gevvinnen begannen, schlugen sich die Konige von Pergamum auf ihre Seite. Attalus III. setzte durch ein Testament 1 die Romer zu Erben seines Keiches ein; diese machten es unter dem Kamen Asia zu einer Provinz. B. Erwerbungen im Westen. 1. Der dritte Punisehe Krieg (149 bis 146). a) Die Ver- 149 anlassung. Masinissa entriB den Karthagern durch wiederholte Uberfalle einzelne Gebiete, weshalb sich die Karthager um Abhilfe an die Romer wandten; da ihnen diese aber Unreclit gaben, griffen sie endlich in der Verzweiflung zu den Waffen. Dar in erblickte der Senat, in dem M. Porcius Cato Oensorius die Seele der Kriegspartei war (ceterum censeo, Carthaginem esse delendam), einen Bruch des letzten Friedens. Deshalb mirde an Karthago der Krieg erklart, zumal da es durch sein neues Aufbluhen den Keid der Romer erregte. b) Der Verlauf des Krieges. Die Romer hatten es auf den Untergang Karthagos abgesehen; dah er lieBen sie sich, wahrend sie den Eeind mit Eriedenshoffnungen tauschten, zuerst Geiseln stellen rmd, nachdem ein starkes romisches Heer in Afrika gelandet war, alle Kriegsschiffe und Waffen ausliefern. Als aber die Romer ver- langten, daB die Karthager ihre Stadt, die zerstbrt werden solite, raumen und sich landeimvarts niederlassen sollten, begannen sie mit dem Aufgebote aller Ivrafte einen Verzweiflungsleampf, infolge- dessen die befestigte Stadt zwei Jahre lang dem romischen Heere 1 Die viel angefoehtene Eclitheit des Testamentes ist durch eine perga- nienische Inschrift sichergestellt. 198 Die Romer. Aviderstand. Erst als P. Cornelius Scipio Aemilianus, der Solin des Siegers von Pydna und Adoptivenkel des Siegers von Zama, den Oberbefehl iibernommen und die Zucbt im Heere iviederhergestellt batte, erreichte Kom sein Ziel. Rachdem niimlich Scipio die Stadt zu Lande und zur See aufs engste eingeschlossen hatte, trat bald der groBte M angel an Lebensmibteln ein und so gelang es ilun endlich, die Stadt zu erohern. Audi jetzt noch muBte seebs Tage lang StraBe um StraBe und Haus um Ilaus erkiimpft AA’erden, bis endlich mit der Einnahme der Burg der letzte Widerstand der Bevolkerung schAvand, die im Verlaufe des Krieges von 700.000 Kopfen auf 50.000 lierabgesunken ivar. Im Auftrage des Senates Avurde die Stadt ganzlich zerstort und der Pflug iiber die St.elle gefiihrt, auf der sie gestanden ivar. Scipio feiertc einen glanzenden Triumpli und erhielt den Beinamen Africanus Minor. Ergebnis. Das karthagische Gebiet wurde eine romische Pro- \ r inz unter dem Kamen Africa und Kom war die einzige Seemacht im Westen. 2. Kriege in Spanien. a ) Die Veranlassung. Durcb den zweiten Punischen Krieg hatten die Komer den Osten und Siiden Spaniens geivonnen, ivoraus sie zAvei Provinzen, Hispania citerior und ulterior, bildeten, deren Grenze die Sierra Morena AA r ar. Die kriegerische Be- Amlkerung des Innern, AA^elche die Griechen Keltiberer nannten, Aveil sie durch Mischung vonlberern und Kelten 1 entstanden Avar, machte iviederholt Einfdlle ins romische Gebiet , so daB bier der Krieg selten rubte und die beiden ProA r inzen fiir die Komer mehr eine Last als ein GeAvinn AA^aren. Keben den Keltiberern traten die Lusi- tanier, die BeAimhner des heutigen Portugal, am meisten hervor. Diese Kriege fiilirten die Romer mit groBer Treulosigkeit und Grau- samkeit, Aveshalb sich ihre Feinde auch aufs iiuBerste Avebrten. Anderseits Avaren diese Kampfe in Kom so gefiircbtet, daB sich Offiziere und 'Mannscbaft ihnen zu entziehen sucbten. b) Der Verlauf der Kriege. c <) Ge gen die Lusitanier, 14-9 149 — 140 . bis 11/.0. Diese leisteten unter der Anfiihrung des tiichtigen und kiihnen Viriatlius. eines ehemaligen II ir ten, den Romern im kleinen Kriege, Airnzu das gebirgige Land besonders geeignet ist, erfolg- 1 Die Iberer waren die iilteste Bevolkerung der Halbinsel; ibre Nach- kommen sind die Basken. — Kelten waren uber die westliclien Pyrenaen ins Land eingedrungen. Kultur. 199 reichen Widerstand. Als Viriathus auf Veranlassung der Romer durch Meuchelmord aus dem Wege geriiumt worden war, muBten sich die Lusitanier ergeben. ft) Gegen Numantia, US bis 138. Der Krieg mit den Kelti- 143 berern, die sich an Viriathus angeschlossen hatten, beschrankte sich bald auf den Widerstand des festen Numantia, das infolge der Un- fahigkeit der Peldherren, der Ziigellosigkeit der Truppen und des verzweifelten Widerstandes der Einwohner erst nach zehnjahriger Belagerung von dem jiingeren Scipio durch Hunger bezwungen \vurde. Die Stadt fiel den Romern als ein Triimmerhaufen in die Hande, der Rest der Bevolkerung wurde verkauft, Scipio erhielt den Beinamen Numantinus. So war nunmelir die ganze Halbinsel, mit Ausnahme eines Teiles der Nordkiiste, der erst unter Augustus erobert mirde, romisch. 3. Ronis politische und finanzielle Stellung zu den Mittel- meerstaaten. Indem so ein selbstandiger Staat nach dem andern dem romischen Reiche einverleibt wurde, vollzog sich eines der groBten iveltgeschichtlicJien Ereignisse, die je' vorgekommen sind. Da ferner die noch nicht unmittelbar unterworfenen Bander Numi- dien, Aggpten und Syrien keine selbstandige auBere Politik mehr befolgten, konnten sich die Romer als Ilerren des ganzen Mittel- meerbeckens betrachten. Dieses Gebiot beherrschten sie auch finan- ziell, seitdem Capua verniclitet, Syrakus tributpflichtig, Karthago und Korinth zerstort waren. C. Die inneren Verhaltnisse (Kultur). I. Die Provinzialverwaltung. a) Die Einrichtung der Provinz. Die Romer iibertrugen die Grundziige der italischen VerwaUung auch auf die Provinzen und stiitzten daher deren Vervvaltung auf die Stddte. Somit wurde jedes neu erworbene Band zunachst in., eine Anzahl von Verwaltungs- bezirken zerlegt, die ihren Mittelpunkt in einer Stadt hatten, von der aus der ganze Bezirk venvaltet wurde. Die Stddte zerfielen in: a) abgabenpflichtige (civitates vectigales und stipendiariae), die ent- weder eine Naturalabgabe (vectigal) oder eine bestimmte Steuer (stipendium) zu entrichten hatten; sie bildeten die IVIehrzahl; S) begiinstigte (civitates liberae), unter denen die verbiindeten (foederatae) am besten gestellt waren; sie tvaren nur zu denjenigen Beistungen verpflichtet, die das Biindnis bestimmte, in der Regel zur Stellung von Truppen oder Schiffen; y) Stadte mit italischer 200 Die Homer. Verfassung. Die letzteren entstanden in denjenigen Landern, in denen das stadtische Leben erst unter romischer Yerwaltung zur Entwicklung kam, somit nur in nichtgriecliischen und nichtphoni- ziscben Landern. Sie wurden als Kolonien, Munizipien und Sttidte mit latinischem RecMe eingerichtet. In ilirer Verfassung waren sie der betreffenden Art italischer Stadte gleich, unterschieden sich aber von ihnen dadurcb, daB sie abgabenpflichtig waren, vvahrend Italien vom Tributum seit dem Jahre 167 befreit war. b) Der Statthalter und seine Beamten. Lis auf Sulla wurde fiir jede Provinz ein eigener oberster Beamter, Prator, erwahlt, dem die erforderlichen TTnterbeamten beigegeben wurden. Letztere waren ein oder mehrere Legaten, ein Quastor und zalilreiche nie- drigere Beamte. Der Statthalter war der hochste Beamte der Provinz in jeder Beziehung, er hatte daher: a) den Oberbefehl iiber die dortigen Truppen; (j) die oberste Gerichtsbarkeit, beschrankt durch das Provokationsrecht der in der Provinz lebenden Biirger; y) die oberste Venvaltung. c) Die Lage der Provinzialbewohner. Die Bedeutung der Provinzen fiir den Staat berubte in iliren Abgaben , von denen Pom lebte, wie ein GroBgrundbesitzer vom Ertriignisse seiner Giiter. Daher suchten die Statthalter die Abgaben so hoch als moglich hinaufzuschrauben; und da sie haufig durch Bekleidung eines Amtes in Rom in Schulden geraten waren, strebten sie darnach, sich wah- rend der einjahrigen Dauer ihrer Stellung finanziell zu erholen, wes- halb sie die Bewohner schonungslos aussaugten. AuBerdem wurden die Provinzen noch ausgebeutet durch die Pdchter der Staatsein- ndhmen (publicani), 1 welche die Steuern in mehrfachem Betrage einhoben, und durch die romischen Kaufleute (negotiatores), die den einheimischen ILandel an sich zu ziehen wuBten, und die Be- volkerung durch Wuchergeschafte zugrunde richteten. Zwar wurde gegen die Erpressungen der Statthalter ein Gerichtshof (de repe- tiindis) eingesetzt, doch konnten die Provinzialbewohner in den seltensten Eallen ihr Recht durchsetzen; erst die Kaiserzeit anderte diese Verhaltnisse zu ihren Gunsten. Die Religion, Sitten und Ge- brauche der ITnterworfenen tasteten die Romer im allgemeinen nicht an, nur die entehrenden Menschenopfer unterdriickten sie. 1 Wo ein Steuerpiicliter ist, sagt Livius, gibt es fiir die Bervohner weder Keeht noch Freiheit. Vgl. auchi}Livius XXV, ;3. Die^ausfiilirliche ttbergabsformel der Unterworfeneu s. bei Livius I, 38 und VII, 3J. Kultur. 201 2. Die Verhaltnisse in Rom und Itaiien. a) Die politischen Zustande. 1. Die Nolrilitiit und der Senat. Seitdem der Geburtsadel des Patriziates seine Bedeutung verloren hatte, entstand ein neuer, der Amtsadel (nobilitas). Diesen bildeten die Angehorigen derjenigen Pamil ien, deren Vorfahren eines der kurulischen Amter (kurulische Adilitat, Pratur, Konsulat, Zensur) bekleidet liatten. Die dSTobiles (Optimates) schlossen sich den iibrigen Biirgern, Ignobiles, gegen- iiber ab und gewannen dadurch das Kennzeichen des Adels. IšTur selten gelang es einem Ignobilis, einem sogenannten homo novus (bekannte Beispiele sind Mummius, Marius, Cicero), in den Kreis der Robiles einzudringen, da diese fest zusammenhielten, um die hoheren Staatsamter nur Bewerbern aus ilirer Mitte zuganglich zu machen. Die Plauptstiitze hatte die Robilitat im Senate, der aus den ehemaligen hochsten Wiirdentragern, also den Piobiles, durch den Zensor erganzt wurde. Seine PIcrrschaft setzte sich im Verlaufe des zweiten Punischen Krieges fest. Ihm verdankte der Staat einerseits die Stetigkeit in der Piihrung der auswartigen Geschafte (S. 162 ), vor allem die strenge Einhaltung des Grundsatzes, daB nur der Staat-svorteil der Leitstern der Politik sein diirfe; anderseits waren damit schwere tlbelstande verbunden, denn es begann eine formliche Familienherrschaft (der Scipionen, Flaminier u. s. w.). So gewann die Verfassung nicht rechtlich, aber tatsachlioh den Charakter einer Oligarchie, ahnlich der karthagischen, \velche die hoheren Beamten mit MiBtrauen beobachtete und die Rechte des Volkes moglichst zu sehmalern suchte. 2. Die Magistraturen. Die herrschende Partei driickte die Beamten immer rnehr zu Gehilfen des Senates herab und suchte ihre eigene Stellung durch mehrere MaBregeln zu sichern und zu erhohen. Dahin gehoren: a) die Bestimmung, daB die Zensur nur von Konsularen und nur einmal bekleidet werden solite; b) lex Villia annalis ( 180 ), die eine bestimmte Reihenfolge und ein be- stimmtes Alter fiir die Bewerbung um die hoheren Amter vor- schrieb; c) die tatsachliche Beseitigung der Diktatur im zweiten Punischen Iiriege. 3. Das Volk. In der Theorie Trager der Souveranitat, muBte das Volk von den Magistralen und dem Senat immer mehr abhdngig iverden , da jene zugleich Zivilbeamte und Offiziere waren, der Senat sich aus ihnen zusammensetzte und der Menge, je mehr der Staat 202 Die Komer. anwuchs, desto mehr das Verstandnis fiir die politischen Fragen abhanden kam. Da das Altertum die Reprasentativ-Verfassung nicht kannte, solite, obivohl roinische Biirger liber ganz Italien zer- strent wohnten, immer nur die eben in Rom anivesende und stim- rnende Menge iiber alle ivichtigen Angelegenheiten, und zwar ohne vorhergehende Debatte, entscheiden! 4. Das VerMItnis zu den Bundesgenossen. Es ware billig und im Interesse des Staates gewesen, ivenn den Bundesgenossen, die starker als die romischen Biirger zum Kriegsdienste herangezogen wurden und ihre Truppen selbst besolden muBten, das volle Burger- recht zuerkannt worden ware. Dies strebten die Bundesgenossen auch an, doch wollte weder das Volk noch die Vobilitat etwas davon wissen. b) Die sozialen Verhaltnisse. t. Das Aufkommen der Latifundien und der Verfall des Bauernstandes. Das unverteilte, nicht verpachtete, sehr ausgedehnte Gemeindeland war durch Okkupation in die Hiinde verhaltnismaBig weniger, hauptsachlich der JSTobilitafc angehoriger Burger gelangt, da die betreffende Bestimmung der 'Licinischen Gesetze (S. 170) bald in Vergessenheit geraten war. Auf diesen ausgedelmten Giitern (latifundia) betrieben die Reichen besonders Ol- und Weinbau oder unterhielten groBe Ilerden, beides mit Hilfe von SMaven, die in immer groBeren Scharen aus dem Ausland eingefiihrt ivurden. Maneher kleine Bauer wurde mit Gewalt seines Besitzes beraubt, die meisten gingen aber zugrunde: a) weil die Provinzen ganze Getreideflotten nach Rom schickten, die den Preis des heimischen Getreides so herabdriickten, daB der Bauer nicht mehr konkurrieren komite (vgl. S. 74 und die heutige amerikanische Konkurrenz), und b) iveil sie auf den Giitern der Reichen nicht mehr Arbeit fanden, da die Sklaven billiger zu stehen kamen. Die Bauern zogen nach dem Verlust ihres Besitzes nach Rom, wo sie die Menge des neue- rungssiichtigen Proletariats vermehrten; denn sie konnten sich nicht, wie. heutzutage, dem Gewerbe zuwenden, da dieses in den ' TTanden der Sklaven und Freigelassenen war, die es fiir ihre Herren betrieben, und iiberdies als entehrend galt (S. 181). Da der Bauern- stand die Starke des romischen FuBvolkes bildete, nahm dadurch auch die militarische TuchtigTceit Roms ah. 1 1 Vgl. Sall. Jug. 41, 7 : populus militia atque inopia urgebatur, und Plin. liist. nat. 18, 0: latifundia perdidere Italiam. Kultur. 203 2. Der Ritterstand. Er ist aus der Biirgerreiterei hervor- gegangen, die gegen Ende des 2. Jahrhunderts einging. Die Ange- horigen der ritterlichen Familien begannen, wie die Kobil itat, sich als ein eigener Stanci (ordo equester) abzuschlieBen. Da ihnen die Amter im allgemeinen unzuganglich waren, vrarfen sie sich auf die Geldgeschafte und pliinderten als Publicani und Regotiatores die Provinzen. So bildeten sie dem Amtsadel der USTobilitat gegeniiber den Geldadel. 3. Die Zunahme von Luxus und WohlIeben. An Stelle der alten Einfachheit und Biederkeit rissen immer mehr Geldgier, GenuB- und Prunksucht ein, \vogegen alle Luxusgesetze nichts halfen. Fiir die mit der Bekleidung der Ehrenamter verbundenen Kosten entschadigten sich die Robiles in den Provinzen, so daB nichts zur Vergiftung des romischen N ationalcharrikters mehr beigetragen hat, als die schrankenlose Stellung der Statthalter. Bestechlichkeit der Beamten und Stimmenkauf bei Wahlen waren damals allbekannte Bbelstande. Die Alten selbst rechnen den sittlichen Verfall vom zweiten Punischen Kriege an (S. 193). 4. Die Schaulust der Menge. Je rechtloser in politischer Hin- sicht und je iirmer die ilenge tvurde, desto mehr schwanden Opfer- tvilligkeit und Liebe zum Vaterlande. Das Volk vviinschte vor allem billiges Getreide und gianzende Spiele. Damals gab es zwei Arten von Staatsspielen: a) die zirzensischen Spiele, die im Circus Maxi- mus oder im Circus Elaminius abgehalten \vurden und besonders in Pferderennen und "VVagemvettfahrten bestanden (S. 83) ; b) die szenischen Spiele, die in holzernen Buden aufgefiihrt wurden, bis Pompcius das erste steinerne Theater erbaute. Die aus Etrurien ein- gefuhrten Gladialorenspiele und die Tierhetzen, deren Auffiihrung im Amphitheater stattfand, wurden erst im letzten Jahrhunderte der Republik allgemeiner. Man imterschied sie als munera von den eigentlichen ludi. 5. Die Hellenisierung der romischen Kultur. Der EinfluB der Griechen auf die Romer tvurde so machtig, daB ihre Religion, ljiteratur und Kunst hellenisiert ivurden. Durch besonderen Eifer fiir die griechische Bildung zeichneten sich die Scipionen, Flami- ninus, Aemilius Paullus u. a. aus; im Ilause des ersteren verkehrte auch Polvbius. Vergebens suchten anfangs konservativ denkende J\fanner, wie M. Porcius Cato, dem Tlellenismus entgegenzutreten. 1 1 Die Ausdrilcke „graecari“, „congraecare“ haben bezeiehnenderweise einen miBbilligenden Sinu. 204 Die Komer. c) Die Religlo . Im Anfange des zweiten Punischen Krieges beginnt die vollige Hellenisierimg der romischen Religion (S. 150), indem man damals zum erstenmal zwolf Gottheiten 1 nacli griechischem Muster zu- sammenstellte, die seitdem als „Vereinigte Gotter“ (dii consentes) verelirt wurden. Die Erklarung fiir diese Hellenisierimg liegt darin, dali die religiosen Vorstellungen der Griechen und Romer, wie die beiden Vollier selbst, miteinander nabe verwandt waren; wesentlich gefordert wurde sie durch die Hellenisierung der Literatur. Nadi dem zweiten Punischen Kriege begann der Verfall der romischen Religion durch d as Eindringen der griechischen PJiilosophie und die politische Entwicklung des Volkes. Die erstere war namlich in religioser Beziehung unglaubig, weshalb auch ein SenatsbeschluB die griechischen Philosophen aus Rom auswies. Infolge des Zuriick- tretens des religiosen Interesses hinter das politische wurde der Opferkonig (S. 161) auch zu Staatsamtern zugelassen und miB- brauchten die Auguren ihre Stellung zu politischen Zwecken. In ali en Schichten der Bevolkerung verbreitete sich Aberglaube. d) Die Literatur. 1. I)ie Poesie. Die Anfange einer selbstandigen romischen Poesie, die iiberwiegend einen derben Oharakter zeigen, wurden durch die machtig eindringende Literatur der Griechen beseitigt und es trat die Nachahmung der griechischen Dichter an ihre Stelle. So kommt es, daB sich bei den Romern, abweichend von den Griechen, gleichzeitig mit dem Epos auch das Drama und wenig spater als die Poesie auch die Prosa entivickelte. Am meisten wurde das Drama, besonders die Komodie, bearbeitet, die aber bei den Romern einen derberen CharaMcr annahm. Die Hellenisierung der romischen Literatur begann mit der Tatigkeit des Tarentiners T. Livius Andronicus in der Mitte des 3. Jahrhunderts, der griechische Dramen und die Odjssee iiber- setzte. In der Tragodie hielten sich die Romer an Euripides, in der Komodie an Menander, die damals die griechische Blihne beherrsch- ten. Zeitgenossen des Andronicus waren die Romer Naevius und Ennius, die griechische Dramen bearbeiteten, sich aber auch in: nationalen Drama und im Epos (auch hi er nach griechischen Vor- bildern) versuchten. Der begabteste Komodiendichter war Plautus, 1 Liv. XXII, 10; vgl. S. 51. Kultur. 205 der Zeitgenosse jener, der eigentliche romische Volksdichter. Da- gegen mirde der dem 2. Jahrhundert angehorige Lustspieldichter Terentius der Liebling der vornehmen Stande. AVie die Scliauspieler, entstammten meist auch die Dichter den unteren Volksschichten. 2. Die Prosa. Ani meisten pflegten die Eomer diejenigen AVissenschaften, tvelclie fiir den Staatsmann besonders ivichtig waren, namlich die Geschichtschreibung, Beredsamkeit und Rechtsivissen- schaft. Die Beredsamkeit erreichte ihre Bliite im letzten Jakr- kunderte der Republik, die Eecktswissenschaft erst in der Kaiser- zeit; liber die damalige Geschichtsclireibung sieke S. 149. e) Die Kunst. Bis zu dieser Zeit kommt in Rom eigentlich nur die Baukunst in Betracht (S. 42). Račk dem eigenen Gestandnisse der Eomer war bei iknen in der Kunst anfangs alles etruskisch, spater alles griechisch. Den Etruskern felilte die pkantasievolle Anlage der Grieeken, dalier iibertvog bei ikren Bauten die Nutzlichkeit. Das von den Etruskern entlelmte Prinzip des Geivolbebaues entwickelten die Eomer in der grokartigsten AA^eise iveiter. Die ivicktigsten Bau- werk,e dieser Zeit sind die Tempel. 1. Der romische Tempelbau unter etruskischem Einflusse. Da sick kein etruskiscker Tempel erkalten kat, sind wir auf die Be- sckreibung des Arckitekten Vitruvius, der um Cliristi Geburt lebte, angewiesen. Račk ikm besteht der etruskische und demnach auck der alteste romiscke Tempel aus zwei gleichgroBen Teilen: der mit Saulen versekenen tiefen Vorhallej zu der eine Treppe kinauffuhrte, tmd dem eigentlichen Ileiligtume, das zuiveilen in drei Eaume geteilt ivar. 2. Der romische Tempelbau unter griechischem Einflusse. Als die Eomer mit der griechischenKunst bekannt wurden, behielten sie teils die etruskischen Anlagen bei, bedienten sick aber fiir den Aufbau der griechischen Formen, teils nahmen sie auck den grie¬ chischen GrundriB an; besonders beliebt ivurden Peripteros und Prostylos. Daneben bauten die Eomer weit mehr Rundtempel als die Griechen in der hellenistiscken Zeit. Mit Vorliebe ivendeten sie den konnthischen Stil an, der gerade damals in Griechenland am meisten gepflegt wurde und ihrer Prunksuckt am besten entsprach. Hinsichtlich der Plastik und Malerei ist fast nur das eine zu erwahnen, daJB die Eomer damals ikre Stadte mit den geraubten Schiitzen der griechischen Stadte schmiickten. 206 Die Romer. SchluB. In d en pgtitiscken und militariscken Einrichtungen Roms einerseits und in der griecbischen Kultur anderseits erkannte sehon Polybius die beiden Machte, auf denen die Entwicklung der Menschheit in der Eolgezeit berulite (S. 133 )d Dritter Abschnitt. Vom Auftreten des alteren Gracchen bis 133 — 30. zur Errichtung des Kaisertums, 133 bis 30 v. Chr. Verfall der Republik, Zeitalter der Biirgerkriege. 133- 121 . I. Die Zeit (ler beiden Gracchen, 133 bis 121. Die oppositionellen Bestrebungen. Gegen die ungesunden Verhaltnisse, welche‘ die Ilegierung nicht, wie es ikre Pfliclit ge- wesen ware, verbesserte, erhob sick eine ziveifache Opposition , eine gemaBigtere und eine scliarfere. Das Iiaupt der ersteren Partei \var der ehrenwerte M. Portivs Cato , 2 ein Anlianger der guten alten Sitte, der mit Ililfe der Bauernsckaft die friiheren einfacken Zu- stande wiederkerstellen wollte — ein vergeblickes Beginnen. Da- gegen strebte die Partei der scharferen Opposition, die sick beson- ders auf den Stadtpobel stiitzte, Beschrankung der Senats- und Steigerung der Volksgewalt an. Da dies aber nur Mittel zum Zwecke und dieser selbst die Besserung der elenden Lage der meisten romi- schen Burger war, so ist dieTJrsache der Revolution, die durck dieses Bestreben kerbeigefiihrt wurde, keine poiitische, sondern eine soziale. Den Weg der Revolution betraten die beiden Gracchen. 133 u. 132. A. Ti. Sempronius Graechus, 133 und 132. Ti. Sempronius Graechus war der Solin der edlen, liochgebilde- ten Komelia, einer Tochter des alteren Scipio, die sick nacli dem Tode ihres Gemalils ausscklieBlick der Erziekung ilirer Kinder widmete, und der Sclnvager des jiingeren Scipio. Im Jahre 134 wurde er zum Vollcstribunen gewa!ilt. 1. Die Erneuerung des Lieinischen Ackergesetzes. Gleick nach dem Antritte des Tribunats erneuerte er das in Vergessenkeit geratene Liciniscke Ackergesetz, das einzige Mittel, den verarmten Biirgern aufzuhelfen, demzufolge vom Gemeindelande niemand melir als 500 Jugera okkupieren solite, mit dem Zusatze, daB es 1 Vgl. Hor. epist. II, 1, 156 u. 157: Graecia eapta ferum vietorem cepit et artis Intulit agresti Latio. Vgl. auch die selionen Verse bei Verg. Aen. IV, 847 — 853. 2 Liv. XXXII, 27: sanctus et innooens. Die beiden Gracclien. 207 gestattet sei, fiir zwoi Soline ebenfalls 500 Jugera zu besitzen; der Rest solite berausgegeben und in Losen von 30 Jugera den v er armt en Burgern als unveraufierliches Pachtgut zugemešen werden. Die -NTobilitat gewann den Tribunen M. Octavius, der dagegen Ein- sprache erbob und sieb auch durch wiederliolte Bitten des Antrag- stellers nicht umstimmen lie!3. Desbalb wurde er auf Befebl des letzteren unter Zustimmung des Volkes von der Tribunenbank ent- fernt (erster revolutionarer Scbritt des Gracclien), das Ackergesetz angenommen und ein AusschuB von drei Mannern eingesetzt, der entscbeiden solite, \vas Eigen- und was Staatsland sei, und aucli die Aufteilung vorzunebmen batte. 2. Weitere Antrage und Erinordung des Ti. Gracehus; Tod des jiingeren Seipio. Gracehus stellte \veitere volkstiimliclie Antrage in Aussicht, so die Verteilung der Schatze des Attalus III. unter das Volk zur Anschaffung von Ackergeraten und Vieh (zweiter revo¬ lutionarer Scbritt, Eingriff in das linanzielle Recht des Senates), um auch fiir das nacliste Jabr zum Tribunen gewalilt zu werden (dritter revolutionarer Scbritt, S. 173). Als die Mehrzahl der Tribus ihm gesichert scliien, storten die ETobiles die Komitien; Gracehus wurde auf der Flucbt vom Kapitole getotet, mit ihm wurden iiber drei- hundert seiner tvebrlosen Anhanger mit Ilniitteln und Brettern erscblagen. Wenige Jabre darauf (129) starb Seipio Aemilianus, der sicli ivegen seiner grofien militarischen Verdienste und seiner Uneigen- niitzigkeit des groBten Ansehens erfreute. Er batte zwar ein Ilerz fiir das Elend des Volkes, war aber jeder gewaltsamen Verletzung des Gesetzes und der Ordnung feind, so daB ihm die AuBerung zu- geschrieben ward, sein Schwager sei mit Recht getotet worden. Als das den Latinern geliorige Staatsland aufgeteilt werden solite, baten ihn diese um die Verteidigung ifirer Reclite. In der Racht vor der Volksversammlung, in der er zugunsten der Latiner spreclien wollte, ivurde er tot aufgefunden. Wabrscbeinlicb wurde er ermordet; der ProzeB ward niedergeschlagen. B. C. Sempronius Gracehus, 123 und 122. Der jiingere Gracehus, begabter und riicksichtsloser als sein Bruder, ein feuriger Redner, bisher Quiistor in Sardinien, wurde fiir die Jahre 123 und 122 zum Tribunen gewablt. AuBer dem Ilasse gegen die Herrschaft der Nobilitiit trieb ihn auch die Rachšucht 129. 123 u.122. 208 Die Romer. zum Kampfe. Er griff in die verschiedensten Zweige der Senats- gewalt ein, wodurch er im Falle des Sieges den Sturz des Senates iierbeigefiilirt hatte. Die wichtigsten seiner Antrage, deren Reihen- folge sich nicht mehr feststellen laBt, \varen: 1. ) Lex frumentaria. Jeder arme Biirger, der sich in Rom meldete, solite monatlich vom Staate ein ge\visses M.aB Getreide un- gefahr um den halhen Preis bekommen (S. 96). Dadurch muBte die Zahl der hauptstadtischen Proletarier nocli steigen und der Staat schwer belastet werden. 2. ) Lex judiciaria. Die Mitglieder der standigen Gerichtshofe (quaestiones perpetuae) 1 waren Geschvvorne, die bisher dem Sena- torenstand entnommen worden waren. Gracchus setzte durch, dah sie in Zukunft aus Angehorigen des Ritterstandes gebildet w ur d en. wodurch auch dieser Stand polit.isclie Pedeutung gewann. Er be- zeichnete selbst den Antrag als einen Dolch, mit dem sich die beiden Adelsparteien zerfleischen sollten; wirklich hat auch der Kampf um die Geschwornenstellen bis zum Ende der Republik nicht geruht. 3. ) Auf Grund der lex agraria setzte O. Gracchus die Aus- fiihrung von Kolonien in Italien fort und dehnte sie auch auf auBer- italische Ldnder, z. B. auf Karthago, aus, wodurch mit dem bis- herigen Grund satze, daJS auBerhalb Italiens keine romischen Burger standig wohnen konnten, gebrochen wurde. Alle diese Antrage wurden angenommen. 4. ) Lex de civitate sociis danda. An sich war dieser Antrag billig und auch im Interesse des Staates, dem dadurch frische Krafte zugefiihrt worden waren, anderseits muBte er die Macht des Tri- bunen erhohen. Der Antrag war aber den Biirgern nicht genehm, vveil sie ihre Vorrechte nicht mit neuen Biirgern teilen wollten. Als am Tage der Abstimmung dariiber der Tribun M. Livius Drusus sein Veto dagegen einlegte und Gracchus beim Volke nicht die notige Unterstiitzung fand, lieB er den Antrag fallen. Dies beniitzte der Senat zum Sturze des verhaBten Tribunen. Drusus beantragte namlich im Gegensatze zu Gracchus, der eben zur Errichtung der lieuen Kolonie in Afrika weilte, die Anweisung von 36.000 Ackerlosen in Italien selbst. Obwohl dies unmoglich war, 1 Z. B. de repetundis, de ambitu, de maiestate (Hoehverrat). Sie wurderi in der Mitte des 2. Jahrliunderts erriehtetj ihre Vorsitzenden waren Pratoren, so da8 diesen aucli die Leitung der Strafgerichtsbarkeit zufiel. Krieg gegen Jugurtha. 209 da das verfiigbare Ackerland daselbst bereits aufgeteilt war, lieB sich die Menge doch iiberlisten und ivalilte Gracchus nicbt mehr zum Tribunen fiir das Jahr 121. Als nun der Senat vorsclilug, daB die Griindung der Kolonie an der Stelle Karthagos unterbleiben solle, entstand ein Auflauf. Die Senatspartei stiirmte den Aventin, auf dem sicli die Anhanger des Gracciius versammelt liatten, und Caius fand dabei den Tod, auBerdem angeblich 3000 seiner Gesin- nungsgenossen. I)as Andenken der Gracclien blieb geachtet, ihre Mutter durfte nicbt einmal Trauerkleider anziehen, der Konkordia wurde ein Tempel erbaut! Ergebnis. Nadi dem Untergange der beiden Gracchen gewann der Senat seine erscbiitterte Herrscbaft wieder zuriick, raffte sicli aber auch jetzt noch zu keiner Reform auf. Nacbdem die Ackerlose fiir freies Eigentum erklart worden waren, verkauften sie die Be- sitzer wieder oder wurden daraus vertrieben, so daB die vorgracchi- scben Zustande zuriickkebrten. Es blieb nur der Zwiespalt zwischen der Nobilitat und den Rittern sonde der verscliarfte Gegensatz zwi- scben dem Senat und dem Volke zuriick; die Nobilitat liatte aus Eigennutz den StraBenkampf nicbt gescbeut und das Volk gewohnte sicli an den Gedanken, daB fortan das Scliwert und die Faust, nicbt aber das Gesetz zu entscheiden babe. Die ganze Jammerlicbkeit der Senatsregierung zeigt aber erst der Krieg gegen Jugurtlia. II. Die Zeit des Marius und Sulla, 113 Ms 78. 113 — 78. A. Der Krieg gegen Jugurtlia, 111 bis 106. 111 — 106 1. Die Veranlassung. Micipsa, der Solin und Nachfolger Masinissas, setzte zu Erben seines Reicbes Numidien („Numider“ romisehe Umgestalt.ung des AVortes „Nomaden“) seine Sobne Ad- licrbal und Iliernpsal sowie seirien Nefferi Jugurtlia ein und stellte das Testament miter die Biirgscbaft Roms. Da sich die Erben liber die Gesamtregierung nicht einigen konnten, kam es zu Unterhand- lungen wegen einer Teilung, ivalirend der Jugurtha den Hiempsal toten lieB. Daraufhin lloli Adberbal nacb Rom und die Romer schickten eine Gesandtscbaft nacb Numidien, die von Jugurtha be- stochen ivurde und ihm den fruchtbaren Westen des Reicbes zuwies, tvahrend sicli Adberbal mit den Wiisten des Ostens begniigen muBte. Gleiclnvobl griff ibn Jugurtha an, belagerte ihn in Cirta, lieB ibn Zeehe, Geschichte des Altertums. U 210 Die Rorner. nach Eroberung der Stadt unter Mar ter n to ten und die erwach- senen mannlichen Bewohner, darunter viele Italiker, Idnrichten. Nun muBte auf Betreiben des zum Tribunen erwahlten C. Memmius der Senat an Jugurtha den Krieg erkliiren. 2. Der Verlauf des Krieges. Als der bestoeliene romische Befehlshaber dem Jugnrtha das Beich tvieder zuerkannte, erliob sich in Bom groBer Unwille und aiif Memmius’ Verlangen kam Jugurtlia nach Bom, um sich daselbst zu verantworten. Als aber jener die erste Erage an den Konig richtete, legte einer seiner Kollegen sein Veto dagegen ein, und als ein Enkel Masinissas in Bom Anspriiche auf Numidien er h ob, lieB ihn Jugurtlia ermorden. Deshalb wurde er aus Bom ausgetviesen 1 und der Krieg gegen ihn erneuert. Da aber die Zucht im Heere schlecht war und mehrere Feldherren sich besteehen lieBen, nahm der Krieg anfangs einen fiir die Komer ungiinstigen Verlauf. Eine Wendung zum Besseren trat erst mit der tlbernahme des Oberbefehles durch Q. Metellus ein. Nachdem ganz Numidien in die Ilande der Bomer gefallen war, floh Jugurtha zu seinem Sclrvviegervater Bocchus, dem Konige von Mauretanien. Der Nachfolger des Metellus, G. Marius, konnte trotz mancher Er- folge das Ilauptziel, die Gefangennahme Jugurthas, nicht erreichen. So rnachte erst sein Quastor L.Cornelius Sulla dem Kriege ein En de, indem er es wagte, sich zu Bocchus zu begeben, Jer ihm Jugurtha auslieferte. Marius feierte einen Triumpli und lieB wenige Tage dar auf Jugurtha hinrichten. Ergebnis. Das westliche Numidien wurde zu Mauretanien geschlagen, das ostliche einem Enkel Masinissas iibergeben. B. Der Krieg mit den Cimbern und Teutonen, 113 bis 101. 1. Die Veranlassung. Die Bomer hatten die barbarischen Volker, welcke nordlicli von Italien in den Alpen (Kelten) und ostlich auf der Balkanhalbinsel (Illyrier) wohnten, wiederholt be- kiimpft und teilweise untervorfen, gleichwohl horten deren Einfalle in Italien und in Illjrien selten auf. Bei diesen Kampfen unter- warfen die Bomer auch die Karner und schlossen mit den Tau- riskern in Karnten Gastfreundschaft. Als die letzteren von den ger- manischen Cimbern und den keltischen Teutonen, die aus ihrer 1 Sall. Jug. 35 legt dem Konige die Worte in den Mund: urbem venalem et mature perituram, si emptorem invenerit. Marius auf dem Hohepunkte seiner Macht. 211 Heimat im nordlichen Deutschland aufgebrochen waren und nun in den Alpcn erschienen, angegriffen wurden, nahmen sieli die Homer ihrer an, wodurch der ZusammenstoB ztvischen ilmen und den Germanen erfolgte. 2. Der Veri auf des Krieges. Die Germanen siegten infolge ihrer Menge und Tapferkeit bei Morda, zogen aber dann westlicb durcli die Alpenlander nacli Gallien, wo sie noch vier romische Ileere schlugen, die zum Sclrutze der kurz vorlier gewonnenen Provinz Gallia Narbonensis erschienen waren. Die wiederholten Bitten der Germanen um Land wiesen die Homer ab. Wiihrend nun die Teutonen Gallien verheerten, zogen die Cimbern iiber die west- lichen Pvreniien nach Spanien, wurden aber von den Keltiberern zuriickgedrangt. Hierauf vereinigten sich wieder beide Volker und fielen nochmals in Gallia Harbonensis ein. Jetzt erinnerte man sich in Hom des Tages an der Alia (alle waffenfahigen Manner mufiten sclnvoren, Italien nicht zu verlassen) und wahlte fiinf Jahre liin- durch (104 bis 100) Marius zum Konsul, der sich sofort nach Gal¬ lien begab und zunackst die ganz zerruttete Zucht im Heere wieder- herstellte. Unterdessen trennten sich die heiden Volherschaften zu ihrem Verderben und besclilossen, einzeln in Italien einzufallen, die Cimbern iiber die Ost-, die Teutonen iiber die AVestalpen. Deshalb trafen die letzteren zuerst mit Marius zusammen, der sie bei Aquae Sextiae (Aix) vollstandig besiegte (102). Inzwischen zogen die Cimbern iiber den Brenner gegen Trient; das hier aufgestellte romische Ileer lief aus Angst vor den gewaltigen Gestalten, die mit \vildem Geschrei heranstiirmten, auseinander, so daJB sich die Cim¬ bern olme AA^iderstand uber die Po-Ebene ergossen. Aber Marius schlug auch sie im folgenden Jahre bei Vercelld ganzlich aufs Ilaupt (101). So siegten die Homer beim erstcn ZusammenstoBe mit den Germanen infolge ihrer iiberlegenen Kriegskunst und besseren Be- waffnung. Die Cimbern und Teutonen waren vernichtet. C. Marius auf dem Hohepunkte seiner Macht, 101 und 100. 1. Charaltter und bisherige Tiitigkeit des Marius. C. Marius, der Sohn eines armen Bauern, setzte als A^olkstribun die lex Maria gegen AVahlunitriebe der ISTobiles durch, zeichnete sich im Jugur- tliinischen Kriege aids und wurde wegen seiner Siege iiber die Ger¬ manen als dritter Romulus und zweiter Camillus gepriesen. Sallust (Jug. 63).schreibt ihm besonders Ehrgeiz, Ivriegstiichtigkeit, Hecht- 14 * 102. 101 . 101 u. 100. 212 Die Romer. 100 . lichkeit uncl Einfaclilieit zu. Er war wegen seiner Uneigeunutzigkeit uncl Derbheit beim Volke beliebt, cler jSTobilitiit hingegen als Homo novus verhaBt. Ilobere allgemeine und politische Bildung fehlte ihm; seine militariscben Erfolge beruhten zum Teile auf der von ibm vorgenommeneu Heeresreform. 2. Die Veranderungen im Heervvesen. Marius gestattete wahr- scheinlich infolge der Massenausliebungen fiir den Cimbrischen Krieg jedem freigebornen Burger den Eintritt in das Heer. AVah- rend sicli die Reicberen dem Heeresdienste zu entzielien suchten, drangten sicli die Armen (capite ceusi) in Menge heran (Sall. Jug. 86), so dali unter ilmen ausgesucht werden muBte, und macliten nun aus dem zivanzigj ahrigen Solclatendienste, der reiche Beute ver- spracb, einen Beruf; cleslialb gingen von nun an die Begriffe ,,Burger" und „ Sol d at" auseinander und das Biirgerheer \vurde formlich ein Sbldnerheer, das dem siegreichen Feldherrn unbedingt ergeben war und sicli um den Staat wenig kiiimnerte (S. 113). Hin- siclitlicli der Aufstellung wurde jeder IJiiterschied nacli dem Dienst- alter beseitigt und die Legion in zehn Kohorten eingeteilt, jede in der Regel 600 Mann stark, so daB jetzt die Legion, obwohl die Velites \vegfielen, gewdhnlich 6000 Mann FuBvolk zabite, die Marius in ununterbrochener Front aufstellte. Iliese Umgestaltung wurde cvahrschoinlicli durch die Rampfesweise der Cimbern veranlafit, die den Feind ungestiim anzugreifen und die Zwischenraume zwischen den Manipeln zur Verwirrung der romischen Heere zu beniitzen pflegten. Marius fuhrte fUr die Legion ein gemeinsames Feldzeiclien, den silbernen Adler, ein, das seitdem blieb, und maclite das Pilum zur Waffe der ganzen Legion; es ist die AVaffe, die wesentlich zur AVelteroberung beigetragen liat. Die Reiterei gehorte damals schon zu den auxilia, d. b. man verwendete dazu fremde Volker- scbaften. 3. Marius und die Revolution des Jahres 100. Auf ein solcbes Ileer gestutzt, schien Marius berufen, die isTobilitšit zu stiirzen, doch fehlte ihm dazu die politische Gewandtbeit, wie sicli in seinen Be- ziehungen zu den damaligen Fiihrern der Volkspartei zeigte. Als sicli namlicb diese Ausschreitungen zuscbulden kommen lieBen, muBte Marius im Auftrage des Senates gegen sie einscbreiten, so daB es zu einer formlicben Bchlacht in Rom kam, ivobei Ritter und Robilitiit gegen den gemeinsamen Feind zusammenbielten und die Volksfiihrer den Untergang fanden. Marius war politisch vernichtet. Der Marsisehe oder Bundesgenossenkrieg. 213 D. Der Marsisehe oder Bundesgenossenkrieg, 91 bis 88. 1. I)ie Veranlassung. Der Volkstribun M. Livius Drusus, der Sohn des gleiclinamigen Gegners des C. Gracchus, sicherte den Bundesgenosscn zn, daJ3 er ilinen zum Biirgerrechte verlielfen wolle; denn aucli ein Teil der Robilitat war jetzt mit Riickšicht auf das Staatsivohl (S. 202) dafiir. Er wurde aber ermordet und damit die Hoffnung der Bundesgenossen vereitelt; sie griffen dalier zn den Waffen. Den 400.000 waffenfahigen Biirgern standen et\va 500- bis 600.000 Bundesgenossen gegeniiber. Die Marser kiindigten zuerst die Feindseligkeiten an; die latinischen und griechisclien Stadte blieben im ganzen Rom treu, anfangs- aucli die Etrusker und Umbrer. 2. Der Verlauf des Krieges. Die Bundesgenossen ivollten sicli niclit mit der Errichtung eines eigenen Staates begniigen, sondern Bom selbst vernichten. Eiir sie war ungiinstig, daB die romischen Eestungen in ihrem Gebiet eingeschlossen iverden muBten, fiir die Romer, dab sie den Aufstand in einem so \veiten Gebiete zu be- kampfen hatten. Da sich infolge der geringen Fortschritte der Romer aucli umbrische und etruskische Gemeinden erhoben, gaben jene nach und nahmen im Jahre 90 die lex Julia (nach dem Iionsul L. Julius Časar benannt) an, derzufolge alle Bundesgenossen, die noch niclit offen abgefallen waren, das Biirgerrecht erlialten sollten. Dadurch wurde die \veitere Ausbreitung des Aufstandes verhindert und die Umbrer und Etrusker legten die Waffen nieder. Da aber bereits der Krieg mit Mithradates drohte, gewahrten die Romer im folgenden Jahre allen Bundesgenossen siidlich vom Po das Biirgerrecht, die sicli innerhalb ziveier Monate bei einem romi¬ schen Prator meldeten. Die Neubiirger mir den jedoch auf acht 4'ribus beschrankt, ivodurch ihr Recht auf ein Scheinrecht herab- gedriickt ivurde. Gleichwohl horte der Krieg auf; nur die Samniten kampften noch weiter. Ergebnisse. 1.) Durch das Aufgelien der Bundesgenossen in den romischen Staat wurden romische Sprache und romisches Redit in ganz Italien herrschend; 2.) das romische Munizipahvesen fand damals seine Ausbildung. Da die Romer auf den Gedanken der Repriisentativ-Verfassung niclit kamen, fanden sie kein Mittel, den entfernteren Gemeinden die Ausiibung des Stimmrechtes in Rom zu ermoglichen. Sie gestatteten ilinen daher als teiliveisen Ersatz hiefiir eine eigene Volksversammlung, einen Gemeinderat, Gerichts- und 214 Die Romer. Verwaltungsbeamte und setzten sie auf Grund von leges municipalcs in ein bestimmtes Abhangigkeitsverhaltnis zu Rom, wahrend der Unterschied in der Stellung der einzelnen Stadte verschwand. E. Der Ausbrueh des Blirgerkrieges zwiscben Marius und Sulla, 88 u. 87. 88 und 87. 1. Die Veranlassung. Der Tribun P. Sulpicius setzte es durch, daJ3 die Keubiirger und Freigelassenen in alle 35 Tribus verteilt werden sollten, was an sich billig und zudem geeignet war, die Machtstellung der Tribunen wesentlich zu erhohen. Da sicli der Konsul L. Cornelius Sulla, dem bereits der Oberbefebl gegen Mithradates iibertragen worden war, dagegen erklarte, wurde er ihm vom Volke abgenommen und dem Marius iibertragen. 2. Der Anfang des Biirgerkrieges. Als Sullas Truppen von diesem .Beschlusse verstandigt worden waren, forderten sie ihn auf, sie gegen Rom zu fiihren (S. 212). Sulla war damit einverstanden (von den hoheren Offizieren folgte ihm ein einziger) und nahm die Stadt ohne besondere Schwierigkeiten ein. Ilm fiir die Zeit seiner Ab\vesenheit die Senatsherrschaft zu sichern^ setzte er die Sulpici- schen Gesetze auBer Kraft, Sulpicius und elf Gesinnungsgenossen, darunter Marius, wurden geachtet, d. h. zum Tode verurteilt (Ver- letzung des Provokationsrecbtes) und die demokratische Umformung der Zenturiat-Komitien (S. 174) wieder beseitigt. Tlierauf lieB Sulla noch die Konsuln fiir das Jahr 87 wahlen, setzte aber nur die Wahl eines Gesinnungsgenossen durch, neben dem der entschiedene Demokrat L. Cornelius Cinna gewahlt wurde. Er lieB beide Konsuln schworen ; an den bestelienden Verhaltnissen wahrend seiner Ab- wesenheit niehts zu andern, und schiffte sich sodann nach Asien ein. 87 — 84. F. Der erste Krieg gegen Mithradates VI. von Pontus, 87 bis 84. 1. Die Veranlassung. Von den Staaten, die im nordwestlichen Asien von Svrien unabhangig wurden, waren die bedeutendsten die Konigreiehe Pontus und Armenien. Ersteres gewann unter Mithra¬ dates VI. eine groBe Ausdebnung, da dieser grausame, echt orien- talische Konig seine Herrschaft fast liber alle Eaistenlander des Sch\varzen Meeres erweiterte. Als er auch den Konig von Bithgnien vertrieb und dieser die Romer zu Hilfe rief, begann Mithradates den Krieg. Revolution in Kom und ihre Niedenverfung. 215 2. Der Verlauf des Krieges. JSFach der Besetzung Bithyniens riickte Mithradates in die Provinz Asia ein, wo er als „rettender Gott“ gegen die romische Ausbeutung aufgenommen wurde. Daber wurde auch sein Auftrag, alle daselbst anvvesenden Italiker, Sklaven und Freie, Manner und Frauen, an einem Tage zu toten, ausgefiihrt; so fanden 80- bis 150.000 Menschen den Tod. Ilierauf verlegte er den Ivrieg nach Griechenland (S. 195), maclite Athen zu seinem Stiitzpunkt und besetzte ganz Griechenland sowie einen Teil Mazedoniens. Inzwischen landete Sulla in Griechenland, nakm nach vvieder- holten Stiirmen Athen, das gepliindert vvurde, doch seine Preiheit behielt, schlug noch im Jahre 8G das pontisclie Heer bei Charonea und im folgenden Jahre ein zvveites bei Orchomenus trotz dessen siebenfacher tTbermacht. Daraufhin lieB Mithradates Griechenland raumen und zeigte sich, als Sulla am ITellespont erschien, zum Prieden geneigt. Dieser wurde zu Dardanus abgeschlossen (84) und bestimmte, dah Mithradates alle Eroberungen herausgeben, die Kriegskosten zahlen und die Kriegsilotte ausliefern mufite. 3. Die Bestrafung der Bcvrohner Asias. Die bedeutendsten Anluinger des Mithradates und die ITrheber des Massenmordes wurden getotet, die Bevvolmer muBten die seit fiinf Jahren riick- standigen Zolle und Zehnten nachbezahlen, auBerdem vvurden der Provinz 20.000 Talente als Kriegskosten - Entschadigung aufge- biirdet. Das Land wurde dadurch finanziell vernichtet, zumal da die 20.000 Talente infolge des Wuchers der Ritter bald auf 120.000 ansclrvrollen. G. Die Revolution in Rom nach dem Abgange Sullas und ihre Niederwerfung, 87 bis 82. 1. Die Vorgange in Rom und in Italien wahrend Sullas Ab- wesenheit (87 bis 83). Cinna betrieb sofort die Wiederherstellung der Sulpicischen Gesetze sovvie die Amnestierung der Geachteten, wurde aber von der Kobilitat in Rom in einer formlichen Schlacht, in der 10.000 Mann gefallen sein sollen, geschlagen, vvorauf er aus Rom floh und geachtet wurde. Er fand aber Unterstiitzung seitens der Bimdesgenossen, als deren Vorkampfer er erschien. Auf seine Einladung war Marius, der sich unter manchen Abenteuern auf eine In sel in der kleinen Syrte gerettet hatte, in Italien gelandet; er brachte bald 6000 Mann zusammen, indem er die Zvvinger der Peld- 86 . 85 . 84 . 87 - 82 . 216 Die ROmer. sklaven erbrechen lieB und ihnen um den Preis des Emtrittes in sein Heer die Freiheit zusicherte. Bald verband er sicli mit Cinna und beide belagerten Rom, das sicli ergeben mulite. Nun begann die Blutherrsckaft des Marius, indem auf seinen Befehl fiinf Tage und fiinf Nachte lang geniordet wurde, wobei die Haupter der Nobilitat den Tod fanden. Ilierauf ernannte ihn Cinna zu seinem Ivollegen, doch starb er sclion wenige Tage nacli dem Antritte seines siebenten Konsulats; seine entmenschte Horde mulite niedergebauen werden. Cinna blieb nun drei Jahre lang Konsul und ernannte audi seine Kollegen, oline das Volk zu fragen; als er sicli aber zum Heer e begab, um Sulla entgegenzuziehen, wurde er von den meuternden Soldaten erschlagen. 2. Die Beendigung des Biirgerkrieges durch Sulla (83 und 82). a) In Italien. Obwolil Sulla noch vor seiner Landung liatte erklaren lassen, daB er die Verteilung der Neubiirger in alle Tribus niebt beseitigen wolle (es blieb auch in der Folgezeit dabei), schlugen sicli doch viele von ilmen , namentlich die Samniten und Etrusher , auf die demokratische Seite, ivalirend sicli die Keste der Nobilitat, darunter der junge Cn. Pompeius, an Sulla anschlossen. Nacli zahlreichen Kdmpfen fiel die letzte Entscheidung bei Franestej daselbst wurde der 20jahrige Konsul C. Marius, der Sohn des Siegers bei Ver celi a, von Sullanischen Truppen belagert, olme daB die Samniten, die zum Entsatze herangezogen waren, ihn befreien konnten. Als aber diese gegen Kom zogen, eilte Sulla herbei und vernichtete das feindliche Heer in der Schlacht am Kollinischen Tore, 82 (letzte Kraftanstrengung der Samniten). Damit war der Krieg entschiedenj Priineste mufite sich ergeben und wurde ge- pliindert, Marius totete sich selbst, die mannlichen Bewolmer wur- den hingerichtet. Samnium ward systematiscli veriviistet und hat sich nie mehr vollig erholt; auch andere Teile Italiens verodeten. 1 b) In den Provinzen. Da Asia durch Sulla zu Boden gevrorfen war und Mazedonien sowie Illyrien d:em Senate treu blieben, kommen nur die westlichen Provinzen in Betracht. In Sizilien und Afrika machte Cn. Pompeius im Auftrage Sullas der Kevolution 1 Den HaB der Samniten auf Rom beweisen die Worte ihres Fiihrers Pontius Telesinus: „Die Wdlfe, welclie Italien die Freiheit raubten, werden imaner iviederkehren, solange der Wald, in dem sie ihre Zuflucht finden (Rom), von der Axt versehont bleibt." — Jetzt war der 300 Jalire lange Kampf ziviachen Stadt und Land, iviiste und Gebirge, Einheit und Freiheit entschieden. Sulla als Alleinherrseher. 217 rasch ein Ende. Ani langsten liielt sieli die demokratische Partei unter der Fiihrung des tiichtigen und ehremverten Sertorius in Spanien, wo endlich Pompeius im Auftrage des Senates den Krieg beendete, nachdem Sertorius von einem seiner Unterfeldherren er- mordet worden war. So ward die Senatsherrschaft im ganzen Reiche vnederhergestellt. H. Sulla als Alleinlierrseher, 82 bis 79. 1. Sullas Charakter und bisherige Wirksamkeit. Sulla trat zuerst als Quastor im Jugurthinischen Ivriege auf, zeiclmete sicli unter Marius in der Sclilaclit bei Vercella aus, wurde Prator und das Jahr darauf Proprator in Cilicien 1 und verdunkelte durcli seine Erfolge im Bundesgenossenkriege die alteren Verdienste des Marius. Die beiden personlich verfeindeten Mdnner ivaren auch die Fuhrer der entgegengesetzten Parteien, da Sulla nacli Geburt, Bildung und Gesinnung auf Seiten der Aobilitat stand. Seinen Charakter schil- dert uns Sallust (Jug. 95), der nebst seiner Bildung, seinem Ehrgeiz und seiner Beredsamkeit besonders seine GenuBsucht hervorhebt. Die Zeitgenossen sagten von ihm, daB er lialb Fuchs, lialb Lowe, und daB der Fuchs in ihm gefahrlicher sei als der Lowe. Auf der Hohe seiner Erfolge nahm er den Beinamen „Felix“ an. 2. Die Sehreckensherrschaft. Auf Antrag des Senates wurde Sulla vom Volke die Diktatur „legibus scribendis et reipublicae constituendae“ auf unbestimmte Zeit iibertragen. Er begann sein Werk mit einer sjstematischen Sehreckensherrschaft (S. 111). Nachdem er die in der Schlacht am Kollinischen Tore Gefangenen hatte hinrichten lassen, wurden zahlreiche Oegner der Nobilitdt gedehtet, ihr Vermdgen zugunsten desStaates eingezogen, ihre Kinder von jedem Amte ausgeschlossen. Er stellte ganze Proskriptions- listen auf, in denen die Namen der Geachteten verzeichnet waren; ihre Anzahl betrug jedenfalls mehrere Tausende. Zahlreiche An- hanger Sullas bereicherten sich liiebei und gaben sicli einem iiber- triebenen Luxus hin, der die sittliche Entartung steigerte. Seine Vete ranen stattete er mit Ackerlosen aus und schenkte 10.000 Sklaven der Geachteten die Freiheit; dadurch gewann er ergebene Anhanger. 3. Neuordnung des Staatswesens. Seine MaBregeln betrafen: <0 den Senat selbst, b) die hoheren Magistrate, c) das Tribunal und d) die Volksversammlung. 1 Im Jahre 102 als Provinz eingeriehtet. 218 Die Romer. a) Der Senat wurde durch Aufnahme von etwa 300 Mitgliedern erganzt, die Zensur beseitigt, so daB die Senatoren unabsetzbar wurden, die Geschwornengerichte ihnen wieder zuriickgegeben; in Znkunft sollten scbon die Qnastoren, deren Zahl auf 20 erhoht \vurde, nacb Ablauf ihres Amtsjabres die Bereelitigung zum Ein- tritt in den Senat haben. b) Das Konsulat und die Pratur \vurden beschrankt. Da die Zalil der Beamten nicbt in entspreehender Weise vermehrt worden war, hatte sicli der Senat bisher gewohnlich in der Weise geholfen, daB er den Konsuln und Priitoren das Imperium auf ein zweites Jahr verliingerte, in dem sie als Prokonsuln und Proprdtoren eine Provinz verwalteten. Sulla macbte diese Gepflogenheit zum Gesetze, so daB von nun an die zelin Inhaber der hochsten Gewalt (zwei Konsuln und acht Pratoren) im er sten Amtsjahre nur biirgerliche Gesehafte (die Konsuln die Verwaltung, die Pratoren die Rechts- pflege) in Rom und Italien besorgten, im zweiten Amtsjahr aber eine der zehn Provinzen verwaltet,en. So wurde in Italien die biirger- liche von der militarischen Geivalt getrennt und letztere dem Senat infolge seines Rechtes, die Provinzen zuzuweisen, untergeordnet. c) Das Tribun at, das der Haupthebel der Revolution gewesen vvar, beschrdnlde Sulla dadurch, daB er den Verkehr der Tribunen mit dem Volke von der Erlaubnis des Senates abhangig macbte und daB er bestimmte, es diirfe sich niemand, der Tribun gewesen, um ein hoheres Amt bewerben. Dadurch sollten die fahigeren und ehr- geizigeren Manner vom Tribunate ferngehalten werden. d) Ob Sulla die Zenturienverfassung wieder anderte, ist nicbt bekannt. Doch bestimmte er ; daB Gesetzesantrage nur nach voraus- gegangener Zustimmung des Senates ans Volk gebracht \verden diirften. So gab Sulla dem Senate wieder diejenige Stellung zuriick, die er vor dem Auftreten der Gracchen innegehabt hatte, und suchte demnach eine fiinfzigjdhrige Vergangenheit ungeschehen zu machen. Das konnte aber um so weniger gelingen, als es den Mitgliedern des Senates durchaus an der notwendigen sittliclien Gesinnung gebrach. 4. Sullas Tod. Als Sulla den Staat geordnet hatte, zog er sich ins Privatleben zuriick (79). Im folgenden Jahre starb er; sein Leichenbegangnis wurde mit groBem Geprange abgehalten. Kriege gegen die Fechter im d Seerauber. 219 III. Die Zeit des Pompeius und Časar, 78 Ms 44. 78—44 A. Der Fechter- und Sklavenkrieg, 73 bis 71. 73 — 71 Ida der Senat die Polizei schlecht kandhabte, waren schon Tviederholt in Italien Sklavenaufstande, in Sizilien sogar zwei Sklavenkriege ausgebrochen, die den Bornem melirere Jahre zu tun gaben. Dasselbe geschah auch jetzt, als eine Anzahl Gladiator en, die in eigenen Schulen erzogen wurden, aus einer solchen Anstalt in Capua entkommen waren; bald schloB sich ibnen eine groB.e Zakl SJclaven an, so daB sich endlicli mindestens 40.000 Bewaffnete zu- sammenfanden. Unter der Anfuhrung des Thraziers Spartacus durchzogen sie siegreich fast ganz Italien und erfiillten Bom selbst mit Angst. Da erhielt der Pratoi' M. Licinius Grassus (Pompeius bekampfte damals den Sertorius) auBerordentlicherweise den Ober- befehl und es gelang ihm, Spartacus in Luhanien zu besiegen. Dieser Bel, tapfer kampfend; 6000 Gefangene wurden ans Kreuz ge- schlagen. B. Die Beseitigung der Sullanisehen Reformen durch Pompeius, 70. Pompeius war ein ehrlicher Mann und tapferer Soldat, aber kein Feldherr und Staatsmann ersten Banges, besonders fehlte ihm rasche Entschlossenheit. Da ihm der Senat den verlangten Triumph und das Konsulat sowie Landanweisungen fiir seine Soldaten nicht bewilligen wollte, schloB er sich der Volkspartei an, mit deren Hilfe er seine Forderungen durchsetzte. 1 Dafiir machte er dem Volke Zu- gestiindnisse durch die Beseitigung der einschneidendsten MaBregeln Sullas, und zwar: 1.) Das Tribunat erhielt seine friihere Bedeutung zuriick; 2.) die Geschwornenlisten wurden aus Senatoren, Bittern und den Spitzen der iibrigen Biirgerschaft gebildet; 3.) die Zensur wurde wiederhergestellt. So waren im wesentlichen dieZustande vorSulla zuriickgefiihrt. C. Die Kriege gegen die Seerauber, 78 bis 67. 78 — 67 1. Die Veranlassung. Vodi mehr als die Band- hatte der Senat die Seepolizei vernachlassigt, ja die Kriegsflotte war nach der Ver- nichtung Ivarthagos sogar eingegangen. Da nun die zahlreichen 1 Damals spielten die pcrsonliclien Bestrebungen eine groBere Rolle als zur ^ieit Sullas. Von den bedeutenderen Staatsmiinnern nach Sulla sagt Sall. Cat. 38: pi o sua quisque potentia oertabant. 220 Die Romer. Kri ege und Umwalzungen (Zerstorung Korintlis und Karthagos, die Biirgerkriege in Italien) viele Burger und Provinzialen um Hab und Gut gebracht hatten, sucbte sich so mancher durch Seeraub einen neuen Lebensunterhalt zu verschaffen. Die Seerauber be- herrschten damals das ganze Mittelmeer samt den Kiistengegenden und bildeten einen formlichen Staat mit fester Organisation. Ihre Schlupfwinkel hatten sie an den buchtenreichen Steilkiisten von Mauretanien, Dalmatien (vgl. Illvrien), Kreta und Cilicien, wo sie sich mit ihren kleinen, schnell segelnden Schiffen leicht ver- bergen konnten. 2. Der Veri ant' der Kriege. X achdem der Senat mehrere IJnternehmungen gegen die Seerauber oline besonderen Erfolg aus- geriistet hatte, brachte das Volk, dem sogav die langst unentbehrlich gewordene Getreidezufuhr abgesperrt war, die Angelegenheit zur Entscheidung. Es nahm ndmlich den vorn Tribunen A. Gabinius 67. (67) gestellten Antrag an, dah der Senat einein Konsular die un- umsehrankte militarische Gewalt iiber das Mittelmeer und die Kiisten sowie das Keclit, iiber die Staatskasse bis zu einem sehr hohen Betrage zu verfiigen, auf drei Jahre iibertrage. Trotz des Widerstrebens der Senatoren erliielt Pompeius das auherordentliehe Kommando, das eigentlich den Sturz der Senatsherrschaft bedeutete, weshalb auch die Scliriftsteller von der Errichtung einer monarchi- schen Gewalt sprechen. Pompeius begann im auhersten Westen des Mittelmeeres und schritt immer Aveiter nach Osten vor, so dah er ungefahr in einem Vierteljahre dem Seeraubenvesen ein Ende mačhte. 74 — 64. D. Der letzte Krieg gegen. Mithradates, 74 bis 64, und die 64—61. Einriohtungen des Pompeius in Asien, 64 bis 61. 1. Der Krieg gegen Mithradates. a) Die Veranlassung. Als der Konig A r on Bithynien die Romer zu Erben seines Reiches ein- setzte und diese das Erbe antraten, erklarte Mithradates den Romern den Krieg und begann ihn mit dem Einfall in Bithjmien. b) Der Verlauf des Krieges. »J Enter dem Ober- b e f e h 1 e des L. Licinius Lucullus (74 bis 66). Lucullus vertrieh den Feind aus Bithynien, flel in Pontus ein und drangte Mithradates zur Flucht nach Armenien, dessen Konig Tigranes, der Schwiegersohn des Mithradates, damals der macli- tigste ITerrscher in Asien war. Da Tigranes die Auslieferung seines Letzter Krieg gegen Mithradates etc. 221 Schwiegervaters verweigerte, riickte Lucullus in Armenien ein, schlug das 20facli iiberlegene Heer des Gegners bei Tigranocerta , der neuerbauten Hauptstadt Armeniens, und verfolgte den armeni- schen Konig, weil er niclit Frieden schlieBen vvollte, bis nacli Arta- xata, der alten Hauptstadt, wo er das pontisch-armenische Heer abermals besiegte (68). Ilier zvvang ihn jedoch eine Meuterei seiner Soldaten, die wegen der langen Dienstzeit und des strengen Winters unzufrieden waren, zur Thnkehr, wahrend Mithradates Pontus wieder besetzte. So gingen alle Erfolge des Lucullus verlorenj kaum ein anderer romischer Feldherr hat mit so geringen Mitteln soviel geleistet wie er. Gleiclrvvohl wurde er hauptsachlich infolge des Hasses der Ritter, deren Erpressungen in Asien er entgegengetreten war, abberufen. /?) U n t e r dem Oberbefehle des C n. Pompeius (66 bis 64). Pompeius erhielt durch die lex Manilia , die C. Julius Časar und M. Tullius Cicero unterstiit.zten, im Jalire 66 auch den unumschrdnTcten Oberbefehl gegen Mithradates mit dem Reehte, nach Belieben Biindnisse und Frieden zu schlieben. 1 Es war somit kaum ein Stiick Landes im Reiche, das damals niclit dem Pompeius gehorcht hatte; die Senatsherrschaft war tatsachlich beseitigt. Pom¬ peius verdrangte den Mithradates rasch aus Pontus, dieser floli wieder zu Tigranes, der ihn aber, da er selbst von den Parthern bedroht ivnrde, fallen lieB. Hierauf verfolgte Pompeius den ponti- schen IConig, der sich auf die Ilalbinsel Krim fliichtete, bis an den Kaukasus, dessen Bevolkerung er der rbmischen Oberhoheit unter- warf. Wegen der groben Terrainschwierigkeiten aber zog er dem Mithradates nicht weiter nach, so dab am Kaukasus die romische Herrschaft ebenso ihre Grenze fand, wie die persische und die hellenische. Als sich Mithradates auf allen Seiten verlassen šali, gab er sich selbst den Tod. 2. Die Eroberung Syriens und Neuordming der asiatischen Verhaltnisse durch Pompeius (64 bis 61). Kach der Beendigung des ICrieges zog Pompeius nach Sgrienj auf diese Landscliaft war die Herrschaft der Seleuciden schon lange beschriinkt. I)a Sgrien unter fortwahrenden inneren Feliden litt, machte er es mit geringer 1 Nach der Annahme der lex Manilia sagte der Optimatenfiihrer Catulus, man werde jetzt in die Walder und auf die Berge fliehen miissen, wenn man frči tdeiben wolle. 222 Die Romei . 64. Muhe zur romischen Provinz (64). Einigen Widerstand fand er bei den Juden. Diese hatten sich wegen der Bedriickungen seitens der Um 200. Ptolemaer um 200 den Seleuciden untenvorfen, waren aber von den ]etzteren unter der Fiihrung der Makkabder um die Mitte des 2. Jahrhunderts abgefallen, weil der Konig Antiocbus IV. Epi- phanes den Jehovahdienst ausrotten wollte. Die Juden waren damals in zwei grobe Parteien gespalten: die Sadducaer , welclie die grie- cliischeBildung begiinstigten und denmosaischenVorschriften gegen- iiber sich freier hielten, und die Pharisder, deren Anscbauungen in der Priesterschaft und in der Volltsmenge ihre Stiitze hatten. Pompeius erkannte das Haupt der Pharisaer als Ilohenpriester an, legte eine romische Besatzung nach Jerusalem und machte Palastina zinspflichtig. IJierauf ordnete er noch die Verhaltnisse in Klein- asien, wo er die Provinzen Asia und Cilicien erweiterte, Bithynien neu einrichtete und das iibrige Kleinasien unter Klientelfursten stellte. Ergebnis. Die Homer sicberten den neu gewonnenen Gebieten den Frieden und steigerten ihre eigenen Einkiinfte um die Halfte der bisherigen Summe. — Es war nicht leicht zu erwarten, dab sich Pompeius, der im Orient iiber Kronen verfiigt hatte, in Bom wieder in die Bolle eines einfachen Biirgers hineinfinden werde. 66 — 62. E. Die Versehworung des Gatilina, 66 bis 62. 1. Die Veranlassung. Die Demokratie, deren Haupter damals Crassus und Časar waren, fiirchtete, dab sich Pompeius nach seiner Riickkehr aus Asien, wie einst Sulla, der Herrschaft bemachtigen komite; deshalb besclilob sie, die Nobilitat zu stiirzen, die Gewalt an sich zu reiben und, wie es scheint, Crassus und Časar die Militdr- Diktatur zu verschaffen. In dieser Absickt lieBen sich die Demo- kraten in eine Verschwdrung mit herabgekommenen und darum anarchistisch gesinnten Sullanern ein, die gerne ihre Schulden los geivorden waren. Das Haupt dieser Leute war der ehemalige Prator L. Sergius Gatilina , ein Mann von hervorragenden Eigenschaften des Ilorpers und Geistes, dem aber jeder sittliche Halt fehlte. 1 Dank der Wachsamlceit der regierenden Kreise wurde aber der Ausbruch der Verschvrorung zweimal vereitelt. 1 Catilinas Charakter scliildern Sall. Catil. V, 3 und Cie. in Catil. III, 7. Er hatte wahrend der Proskriptionen Sullas seinen eigenen Bruder und Schwager ermordet. VerschivSrung des Catilina. 223 2. Der Verlauf der Verschworung. I)ie Yerschwornen be- sclilossen nun, das Konsulat fiir das Jalir 63 Catilina zu verschaffen, mit dessen Unterstiitzung die Demokraten die Militargewalt zu ge- winnen hofften. Aber infolge der Vereinigung der Nobilitat, der Ritter und der Anhanger des Pompeius wurde M. Tullius Cicero gewahlt. Um so mebr waren die Yerscbwornen dariiber einig, die Wakl Catilinas zum Ivonsul fiir das Jakr 62 durch Ermordung des die \Yahl leitenden Konsuls und der unbequemen Mitbeiverber durchzusetzen. Cicero erfubr dieses Vorliaben durcli seine Spione, die sicli unter die Yerschwornen gemischt hatten, daher erscbien er am Waliltage mit einer Leibwache, so daJB jene keinen Angriff \vagten. Auch wurde der Yersuch, Cicero bald darauf in seiner Wohnung zu erinorden, vereitelt, da er rechtzeitig die Waclien ver- starkt hatte. Nun berief Cicero den Senat zu einer Sitzung, in der er die er ste seiner vier „Catilinarischen Reden“ hielt. Unter dem Ein- drucke dieser Rede begab sich Catilina nach Etrurien, wo die Yer- scliwornen Truppen zusammengezogen hatten, nackdem er mit den zuriickgebliebenen Gesinnungsgenossen vereinbart hatte, dah Cicero ermordet, Rom an zwolf Stellen angeziindet und seinem heran- ziehenden Heere die Tore geoffnet werden sollten. Dieser Plan wurde aber dadurch vereitelt, daB Cicero schriftliche Beweise von derScliuld der in Rom zuriickgebliebenen Verschwornen in die Hand bekam, die er dem Senate vorlegte; schon vorher hatte er fiinf ihrer Ilaupter verhaften lassen. Uber deren Schicksal erhob sich im Senat eine stiirmische Debatte. Časar suchte durch Drohungen ihr Leben zu retten, M. Porcius Cato, ein Urenkel des alteren Cato, drang ent- schieden auf ihre Ilinrichtung. Die Mehrheit des Senates verurteilte sie zum Tode und beauftragte Cicero mit der Ausfiihrung des Urteiles; dieser lieB sie in der Nacht erdrosseln, worauf ihn die Volksmassen jubelnd begrliBten und der Senat ihn „Vater des Vaterlandes“ nannte. Es war der Hohepunkt im Leben Ciceros. 1 Infolge der Nachricht iiber diese Yorgange loste sich das Heer Catilinas zum groBten Teile auf. Der Rest wurde bei Pistoria ver- nichtet; Catilina war unter den Getoteten (62). Ergebnis. Der Senat trug seinen letzten Sieg iiber die Demo- kratie davon und fiihlte sich so befestigt, daB er den Anspriichen des Pompeius entgegentrat. 1 Cie. pro Sulla 31: patriam demersam extuli. 224 Die Romer. 3. Charakter und friihere Wirksamkeit Ciceros. M. Tullius Cicero kani friih nacli Rom, wo er durcli griechische Lelirer eine wissenschaftliche Rildung erhielt, die er durcli Studien in Athen und Rhodus erganzte. Er verdankte sein Emporkommen besonders seiner glanzenden Rednergabe. Diese verwertete er zuerst als Rechts- amvalt, ging dann als Quastor nach Sizilien, veranlaBte die Ver- nrteiluug des Verres, der als Statthalter Sizilien ausgesaugt hatte, befiiiuvortete als Prator durcli die Rede de imperio Cn. Pompei, seine erste Staatsrede, die lex Manilia und verwaltete im Jalire 63 das Koristi lat. Seine EitelTceit trieb ihn dazu, eine hervorragende politisclie Rolle spielen zu vollen, zu der ikm aber die Charakter- festigkeit fehlte. Er war ein treuer Anhanger der Republik, deren Sieg er fiir siclier liielt, weil sie die Grundlage des bestehenden Recbtszustandes war; doch bewarb er sich auch um die Gunst der jeweiligen Machth aber. Ihn zierten Vaterlands- und Ereundesliebe, edler Sinn und Liebe zu den Wissenschaften. 4. Charakter und friihere Wirksamkeit Casars. C. Julius Časar, aus sehr vornehmem Geschlechte, hTeffe des Marius, Schwiegersohn des Cinna, fiililte sich friih zur demokratischen Partei hingezogen. Sulla achtete ihn, doch retteten ihn die Fiirbitten seiner Vemvandten. 1 Durcli Rhetoren sehr sorgfaltig unterrichtet, unternahm er eine Studienreise nacli Griechenland, wobei er von Seeraubern gefangen wurde, unterstiitzte die lex Gabinia und Manilia, maclite die iibliche Beamtenlaufbahn durcli, nahm an der Catilinarischen Verschworung teil und venvaltete das jenseitige Spanien, nachdem Crassus den Glaubigern Casars fiir dessen Schulden (ungefahr 5 Millionen Kronen) Biirgschaft geleistet hatte. Er ist Roms groBter Eeldlierr und Staatsmann, ein liervorragender Redner und Schriftsteller, ausgezeichnet durcli besondere Klarheit desVerstandes, voli Selbstbeherrschung und rascher Entschlossenheit. F. Das erste Triumvirat, 60. 1. Die Veranlassung zum Ahschlusse des Triumvirats. Als Pompeius in Italien ankam, loste er gegen die allgemeine Erwartung sein Ileer auf und begab sich mit nur geringem Gefolge nacli Rom, wo er ein en glanzenden Triumph feierte. Als er aber vom Senate 1 Sullas angeMiche AuBenmg bei Sueton (im 2. Jahrhunderte n. Chr.), Ciis. 1: Caesari multos Marios inesse. Da s er ste Triumvirat. 225 a) die Bestatigung seiner Einrichtungen in Asien, b) das zweite Konsulat und c) Landanweisungen fiir seine Soldaten verlangte, wurde er abgewiesen. Deshalb naherte er sich dem Fiihrer der Volkspartei Ciisar, der eben ans Spanien zuriickgekehrt war, wo er sich Kriegsruhm erworben liatte und seiner Scbulden ledig geworden var. Da die Ritterpartei sicb gerne auf Seite der Machtigen schlug, schloB sich auch. M. Licinius Crassus, der reichste Mann des damaligen Rom, 1 dem Bunde an. Diese Verbindung ist als das erste Triumvirat bekannt, das Cato mit Redit als Anfang vom Ende der Republik bezeichnete und dessen Teilnehmer Cicero in den Briefen an seinen Freund Atticus „Tyrannen und Dynasten“ nennt. 2. Casars Konsulat (59). Der Vereinbarung der drei Macht- 59 haber gemaJB erhielt Časar fiir 59 das Konsulat und setzte durch die lex Julia die Landanweisung an die Veteranen des Pompeius gegen den Willen des Senates beim Volke durch, worauf der Senat die acta Pompei in Asien bestatigte. Ebenfalls vom Volke erhielt Časar nach Ablauf seines Amtsjahres das diesseitige Gallien, das Cato die Akropolis von Italien nannte, und Ilhjrien auf fiinf Jahre zugewiesen, auBerdem auf Antrag des Pompeius vom Senate noch das jenseitige Gallien, wahrend Pompeius selbst in Italien bleiben wollte, um die Durchfiihrung des Ackergesetzes zu uberwaehen. Die Beziehungen zwischen beiden Mannern wurden dadurch noch in- niger, daB Pompeius Casars Tochter zur Gemahlin nahm. Mit Hilfe des Tribunen P. Glodius setzten sie noch die Entfernung der beiden einfluBreichsten Senatsmitglieder Cato und Cicero aus Rom durch. Der erstere erhielt den Auftrag, Cvpern zu besetzen, der zweite begab sich infolge eines V r olksbeschlusses, der denjenigen mit der Verbannung bestrafte, der mit Mifiaclitung des Provokationsgesetzes einen Burger hingerichtet hatte, nach Thessalonice. Ilierauf ging Časar in seine Provinzen ab. 3. Zusaminenkunft in Luca (56). Pompeius, dessen altere 56 Kriegslorbeern gegeniiber den ruhmvollen Taten Casars in Gallien zu welken begannen, naherte sich zwar dadurch, daB er die Zuriick- berufung Ciceros betrieb, der Senatspartei, begab sich aber, da der Senat die lex Julia beseitigen wollte, zu Časar nach Luca, wo sich 1 Plut. Crassus 2 gibt das Vermogen des Crassus auf 7100 Talente an. Nach Cicero galt dem Crassus nur derjenige als reich, der aus seinem Einkommen ein TTeer erhalten konnte. Er liatte sich bei den SullanisclienProskriptionenbereichert. Zeehe, Geschichte des Altertums. 15 226 Dis Romer. audi Crassus einfand. Die drei IVlachthaber teilten nun die Gewalt fur die ndchsten fiinf Jahre: Pompeius und Crassus sollten zn Konsuln fiir das Jahr 55 gewahlt iverden, nach Ablauf ihres Amts- jahres ersterer die beiden Spanien, letzterer Syrien als Provinz auf fiinf Jahre erhalten, vrogegen Časar die Verlangerung des Imperium 49. in Gallien bis En de des Jahres 49 zugestanden vmrde. Der Senat war nicbt imstande, diesen Beschliissen entgegenzutreten. 58_5i G. Die Eroberung Galliens durch Časar, 58 bis 51 . 1. Die Verlialtnisse in Gallien vor Ciisars Ankunft. Gallien, das Hauptland der Kelten, reichte im Osten bis an den Kkein (Rhenus). Es erfreute sich damals einer erheblichen materiellen Bliite, die im guten Stande von Aekerbau, Viehzucht, Bergbau, Industrie und Handel ihren Ausdruck fand. In politischer Be- ziehung stand es mit dem Volke schlimm. Bei der geringen Ent- vficklung des stadtischen Wesens lebte das Volk in Gauverbanden. Seine friiheren Eechte waren durch das Emporkommen eines fehde- lustigen Adels vielfach eingeschrankt worden; auBerdem lastete auf ihm der Druck des Priesterstandes der Druiden, die zugleich die Hiiter des Wissens waren und hauiig auch politische Vorrechte be- anspruchten. Die hochste Form politischer Einigung, -welche diese Eation erreichte, war die Hegemonie. So bildeten die Stamme zwisclien Rhein und Seine (Sequana) den Bund der Belgen, die Stamme in der Vormandie und Bretagne den aremorilcanischen Bund, im mittleren Gallien rangen die Aduer und Seguaner um das Ebergewicht. Den Siidosten des Landes hatten die Romer als Gallia Narbonensis im Besitze, den Siidwesten zwischen Pyrenaen und Garonne (Ganunna) die iberisclien Aquitanier. Als CharaMereigenschaften der Kelten bezeiclmet Časar Eitel- keit, Leichtglaubigkeit, Abenteuer- und Kriegslust. Ihre Tapferkeit fand unbedingte Anerkennung, doch vermiBte man an ihnen Aus- dauer, Zucbt und Gemeinsinn (Bell. Gali. IV und S. 165). Als Časar nach Gallien kam, waren die Germanen im Vor- dringen gegen Gallien begriffen; einzelne germanische Volker- scliaften hatten sich bereits in Gallien niedergelassen und der deutsclie Ileerfiihrer Ariovist hatte den Sequanern die Hegemonie in Miftelgallien verschafft. 2. Die Unterwerfung Galliens. Gerade zur Zeit der Ankunft Casars brachen die keltischen Helvetier, die von den Germanen Časar in Gallien. 227 bedriingt vrarden, in Gallien ein. Entschlossen, ilire Niederlassung daselbst niclit zu dulden, riickte er ihnen entgegen, sclilug sie (58) 58. bei Bibracte und zvrnig sie, nacli Helvetien zuriickzukehren und die romische Oberhoheit anzuerkennen. Bald darauf kam die Keihe an Ariovist, der die Aduer wegen Yerweigerung des Tributs angriff. Stolz lehnte er das Ansinnen Casars, vor ilim zu erscheinen, ab und riihmte sich, daB sein Ileer 14 Jahre lang nicht unter Dach ge- kommen sei. Časar besiegte ihn in der Kake von Kolmar; Ariovist entkam nur mit wenigen seiner Leute. So war Mittelgallien unter- worfen. Nun stellte der belgische Bund ein iiberlegenes Iieer gegen Časar insFeld; da sicli dieser aber auf dieVerteidigung beschrankte, ging es zuin groben Teile wieder auseinander, wie Časar ricktig vorausgesehen liatte (Mangel an Ausdauer). Infolgedessen gelang es ihm, das nordliche Gallien bis gegen die Kriste hin zu erobern (57). Im nordivestlichen Gallien leisteten am meisten Widerstand 57. die seetiic-htigen Veneter. Dec. Brutus, Casars Unterfeldherr, sclilug sie zur See trotz ikrer Tiberiegenheit an Scbiffen (56); sie muBten sich ergeben und wurden alle in die Sklaverei verkauft. Daran schloB sich die Besiegung der iibrigen Vdlkerschaften bis zur Seine. Zuletzt unterwarf das sudiuesiliche Gallien Casars Legat P. Grassus, der Solin des Triumvirn, wom.it die Eroberung Galliens im Jahre 56 56. vollendet war. 3. Sicherung Galliens gegen die Germanen und Briten (55 bis 53) . Časar zog zweimal liber den Khein, um die Germanen 55 — 53. von weiteren Einfallen in Gallien abzuschrecken. Da sie sich vor ihm in die Walder zuriickzogen, kehrte er beidemale nach mehr- tagigem Verweilen auf germanischem Boden wieder zuriick. Auch die beiden Ziige nach Britannien fuhrten zu keinem weiteren Erfolg, als daB die dortigen Volkerschaften ilire festlandischen Stammes- genossen nicht untersttitzten. 4. Die Unterdruckung der keltischen Aufstande (53 bis 51). 53 — 51. Nachdem zuerst einige vereinzelte Aufstande unterdriickt worden waren, begann (52) der leizte Aufstand der Kelt en, an dessen Spitze der Arverner Vercingetorix trat. Als Časar beim Angriff auf Gergovia, das auf einer der vulkanischen Felskuppen des Lan des lag, geschlagen vrarde, erhoben sich auch die Aduer und Belgen, so daB ganz Gallien unter den Waffen stand. Die Entscheidung fiel bei Alesia, wo Vercingetorix von Časar eingeschlossen und belagert vrarde. Zwar zog ein starkes Entsatzheer heran, doch wurde es von 15 * 228 Die Roraer. Časar mit Tlilfe germanischer Reiterei geschlagen, worauf sich die 52 . Stadt ergeben muBte (52) ; Vercingetorix wurde gefangen und hin- gerichtet. (Antikes Kriegsrecht.) Deu letzten vereinzelten Auf- standen wurde im Jahre 51 ein Ende gemacht. Ergebnisse. 1.) Das romisehe Reich erhielt am Rhein eine sichere und bleibende Grenze; 2.) die Komer gewannen neues Land fiir Aclceraniveisungen; 3.) Gallien wurde ein romanisches Land, das die Kultur des Altertums aus den Stiirmen derVolkerwanderung ins Mittelalter hiniiberleitete; 4.) der Eintritt der Volkerivanderung wurde um mehrere Jahrhunderte hinausgeschoben; 5.) Časar er- warb sich groBen Rultm, ein tiichtiges lieer sowie viele Schatze und erstarkte dadurch zum Kampfe mit Poinpeius. 53 — 50 . H. Der Zerfall des Triumvirats, 53 bis 50. Da sowohl Časar als Pompeius nach der Alleinherrschaft strebten, muBten sie miteinander in Kampf geraten. Den Ausbruch der Feindseligkeiten beschleunigten: 53 . 1. Der Tod des prassus (53). Schon vor seiner Ankunft in Asien war der Krieg mit den Parthern ausgebrochen. Bei Carrhd kam es (53) zur er sten Schlacht zwischen ihnen und den Romern, die nur Triimmer ihrer Armee retteten. Hier fand, ivie die grie- chische Bildung, auch die romisehe Macht auf die Dauer ilire Grenze. Crassus wurde bei einer Zusammenkunft mit dem feind- liclien Eeldherrn ermordet. So loste sich das politische Verhiiltnis zwischen Časar und Pompeius, naehdem sich kurz vorher durch den Tod der Julia bereits das personliche gelost hatte. 2. Des Pompeius Annalierung an den Senat. Als der Kon- sulatskandidat Milo mit seinem Eeinde Clodius und dessen be- waffnetem Gefolge in der jSTahe von Rom zusammenstieB, fand der letztere hiebei den Tod. Da es infolgedessen in Rom selbst zu Kampfen kam, ernannte der Senat Pompeius zum consul sine collega (dem Wesen nach zum Diktator, 52) ; in dieser Eigenschaft stellte Pompeius die Ruhe wieder her, worauf er die Diktatur niederlegte. 3. Initium tumultus. Pompeius drang im Senate darauf, daB Časar vor SchluB des Jahres 49 das Kommando niederlege. Der letztere erklarte sich hiemit unter der Voraussetzung einverstanden, daB auch Pompeius, der sich seine Statthalterschaft vom Senate neuerdings hatte verlangern lassen, auf seine Stellung verzichte. Pompeius verweigerte dies aber trotz eines ihn dazu auffordernden Der zweite Biirgerkrieg. 229 Senatsbeschlusses. Als sich nun das falsche Geriicht verbreitete, daJ3 Časar iin diesseitigen Gallien Truppen zusammenziehe, begann Pompeius eigemnachtig mit Kriegsriistungen, der Senat erklarte das Vaterland in Gefahr und rief die gesamte Biirgerschaft unter die Wajfen (initium tumultus). Da iiberschritt Časar an der Spitze einer einzigen Legion den Rubico (49), den nach der Sullanischen 49. Staatsordnung kein Feldherr ohne Genehmigung des Senates mit seinen Truppen uberschreiten durfte. „Der Wiirfel war gefallen.“ I. Der zweite Biirgerkrieg, 49 bis 45. 49 — 45. I. Der Krieg bis zum Tode des Pompeius, 49 und 48. 49. u. 48. a) Der Krieg um den Besitz Italiens, Spaniens und der Inseln (49). Časar drang, ohne Widerstand zu finden, mit grofier Schnelligkcit bis Picenum vor und verstarkte sein Iieer teils durch Aushebungen im durchzogenen Gebiete, teils durch Heranzieliung seiner gallischen Legionen. Auf die TTachricht davon schiffte sich Pompeius in Brundisium zur tTberfahrt nach Illjrien ein. Ohne ein ernstliches Gefecht hatte Časar nach zwei Monaten eine Armee von zehn Legionen beisammen und mar im Besitze von ganz Italien samt Rom, wo ihm auch die Staatskasse und alle Kriegsvorrate in die ITande gefallen waren. Sodann zog Časar uber die Ostpyrenaen nach Spanien, um die Legaten des Pompeius zu bekampfen. Er schlug sie bei Ilerda, wor- auf sich ihm das jenseitige Spanien, wo er einst Proprator gewesen war, freiwillig anschloB. Weil Pompeius die Getreidezufuhr ab- schneiden wollte, lieB Časar durch seine TJnterfeldherren Sardinien und Sizilien besetzen. So war er am Schlusse des ersten Kriegs- jahres unzweifelhaft der Sieger. b) Die Entscheidung in Mazedonien (48) . Časar fuhr nun trotz der Tlborlegenheit des Feindes zur See mit grofier Kiihnheit nach Illyrien und suchte Pompeius in Dgrrhachium einzuschlieBen, v/urde aber daselbst geschlagen. Deshalb beschloB er, um der Flotte jede Mitwirkung unmoglich zu machen, nach Thessalien zu ziehen, wohin ihm Pompeius, von den siegesgewissen Senatoren ge- drangt, folgte. Ilier wurde er aber mit 54- gegen 23.000 Mann von Časar bei Pharsalus (48) vollstandig geschlagen; infolgedessen 48. delen Mazedonien und Grieclienland dem Sieger zu. Pompeius floh nach Aggpten, wurde aber im Auftrage des Konigs bei seiner Lan- dung ermordet. Bald darauf erschien Časar vor Alexandrien. 230 Die Homer. 48 — 45. 48 u. 47. 47. 46. 45. 45 u. 44. 2. Die Kampfe Casars in Afrika, Asien iind Spanien, 48 bis 45. a) Der Krieg in Agypten (48 und 47) . Als Časar den Thron- streit zwischen Kleopatra und ihrern Bruder-Gemahl zugunsten der ersteren schlichtete, entstand in Alexandrien ein Aufstand, der ihn eine Zeitlang in groBe Gefahr brachte. Er verschanzte sich in der koniglichen Burg und im benachbarten Theater und steckte die agjptische Flotte in Brand, wobei auch eine Bibliothek (S. 132) in Elammen aufging. Aus der Gefahr wurde er erst durch das Ent- satzheer des Mithradates von Pergamum, eines angeblichen Sohnes des friiheren Konigs von Pontus, befreit. b) Der Krieg gegen Pharnaces (47). Rachdem Časar die Verhaltnisse in Agvpten geordnet hatte, zog er gegen Pharnaces, den Sohn des Mithradates. Dieser hatte von der Halbinsel Krim aus einige Gebiete in Kleinasien an sich gebracht. Časar riickte in Pontus ein und schlug ihn nach ftinftagigem Feldzuge bei Žela; 1 die Krim erhielt Mithradates. c) Der Krieg in Afrika (46). Kach der Schlacht bei Pharsalus fliichteten sich die meisten Republikaner in die Provinz Afrika, da sie am Konige von Numidien einen Riickhalt hatten; dagegen fand Časar an den beiden Konigen von Mauretanien Bundesgenossen. Bei Thapsus siegte er vollstandig; es ist die letzte groBe Schlacht, in der Elefanten verivendet wurden. Cato totete sich selbst, die beiden Sohne des Pompeius entkamen nach Spanien. Das westliche Kumi- dien wurde zu Mauretanien geschlagen, der groBte und fruchtbarste Teil mit dem iibrigen „Afrika“ vereinigt. d) Der letzte Kainpf in Spanien (45). Die Legaten Casars hatten das Land nicht beruhigen konnen, die Bevolkerung lud daher die Pompefaner ein, nach Spanien zu kommen. So erfolgte die letzte Entscheidung in diesem Bande, und zwar bei Munda in einer auBerst blutigen Schlacht, in der Časar nur mit der groBten Anstrengung den Sieg davontrug. 2 Časar war nun Alleinherrscher. K. Časar als Alleinherrscher, 45 und 44. 1. Die WiederhersteIIung (ler Ordnung. IJngleich Sulla begann Časar seine Alleinherrschaft nicht mit Schreckenstaten, 1 Deshalb schrieb er einem Freunde: veni, vidi, vici. 2 Uber den Charakter der Schlacht vgl. den Ausspruch Casars bei Plut., Ciis. 50 : 7rpo<; tou; &T77SV, 7coXXaxi^ pev ajtovicatco ttsoI w/.r \<;, vuv Sc —o£o tov 7rep't Časar als -Alleinherrscher. 231 sondern verzieh vielen seiner Gegner und erlieB eine allgemeine Amnestie. Er rechtfertigte weder die Befiirchtungen der gestiirzten Nobilitat, noch erfiillte er die Wiinsche eines groBen Teiles seiner Anhanger, welcbe Vernichtung der Schuldbiicher und Giiterein- ziehungen erwarteten; vielmehr suchte er die hervorragenderen Manner aller Parteien an sieli zu ziehen, um mit ilirer Hilfe den Staat zu ordnen und zu verwalten. 2. Casars Steli img als Alleinherrscher. Seit dem Ausbruche des Biirgerkrieges wurden ihm allmahlich die hochsten Ehrenstellen der Republik iibertragen. Er wurde wiederholt Konsul, lebens- liinglicher Zensor und Diktator, erhielt die tribunizische Gewalt auf Lebenszeit und auBerdem durcb Senats- und Volksbescbliisse noch auBerordenttiche Vorrechte , so: die Entscheidung iiber Krieg und Frieden, freie Verfiigung iiber das Ileer und die Finanzen, das Kecht der Ernennung der Statthalter, die Leitung der Beamten- walden u. s. w.; iiberdies wurden ihm allerlei Ehren zuteil: er erhielt den Titel „Vater des Yaterlandes“, der sechste Monat wurde nach ihm Julius benannt u. dgl. Zum Ausdrucke der Alleinherrschaft nannte er sich standig Imperator und lieB das Bild der Roma auf den Miinzen durch sein eigenes ersetzen. Seine Macht umfaBte im Avesentlicheri. die des alten Kdnigtums, doch lehnte er die Krone wiederholt ab, da sie beim Volke hochst unbeliebt war. Seine Stel- lung beruhte auf dem Vertrauen des Volkes; sie erinnert in dieser Beziehung an Perikles. 3. Casars Taten als Alleinherrscher. Auch als Alleinherrscher suchte er das demokratische Programm des C. Gracchus durchzu- fiihren. Er strebte demnach an: a) die soziale Hebung des romischen Volkes, b) die Herabdruckung des Senates zu einer beratenden Be- horde und c) die Ausgleičhung der Rechtsverschiedenheit der ver- schiedenen Staatsangehorigen. a) Časar suchte die Not des Volkes moglichst zu mildem. Giesem Z\vecke diente die Herabsetzung der Schulden, die Ein- schrankung der Zahl der Getreideempfanger von 320.000 auf 150.000, die Auffiihrung von groBen Bauten, die Bestimmung, daB die groBen Viehziichter mindestens ein Drittel ihrer Iiirten aus er- Avachsenen Freien zu nehmen hatten, die Abschalfung der Verpach- tung der direkten Steuern in den Provinzen. Besonders Avichtig aber 232 Die Komer. wurde die Ansiedlung zahlreicher verarmter Burger in den Pro¬ vinzen, namentlicli in Gallia Karbonensis, Karthago 1 und Korinth. b) Die letzte Entscheidung in allen Staatsangelegenheiten nahm er fur sicli selbst in Anspruch nnd driickte dadurch den Senat wieder zu einer beratenden Behorde lierab (S. 158). Da er die Idalf te der Beamtenstellen, deren Bekleidung zrnn Eintritt in den Senat berechtigte, selbst besetzte, iibte er einen entscheidenden Ein- fluB auf seine Zusaminensetzung aus. Die ganze ausubende Geivalt bebielt er in seiner Hand. Er verwaltete die Finanzen, bestellte die Provinzial-Statthalter, die er streng beaufsichtigte, ordnete das ver- fallene IIeerwesen u. dgl. Bei seinem Tode binterlieJS er iiber 200 Millionen Kronen, eine Summe, die den hochsten Kassenstand in der Bliitezeit der Republik um das Zelinfache iibertrifft. c) Mit dem Grundsatze, daB Italien das herrschende Land und die Provinzen Unfertanengebiete seien, bracb er vollstandig und strebte Gleichstellung der Provinzen mit Italien an; es entsprach dieser Anscbauung, daB er auch Niclit-Italiker in den Senat auf- nahm. Um jenes Ziel zu erreiehen, forderte er iiberall die italische und griechiscke FTation, deren Kraft und Kultur die Grundlagen des Reiches bil den sollten; deslialb erhielt das ganze diesseitige Gallien das Biirgerrecht und demselben Zwecke dienten die aus- vvartigen Biirgerkolonien. 2 In der griechisch-romischen Religion und Literatur war bereits ein Teil der gemeinsamen Kultur gegeben; Časar schuf eine neue Reichsgoldmiinze (Aureus = 25 Denaren) und fiihrte an Stelle des friiheren Mondjabres von 355 Tagen das agjptiscbe Sonnenjalir ein (S. 9). Zum erstenmal umschlossen ein Reich und eine Kultur das Becken des Mittelmeeres; der Islam hat diese Einheit fur immer verniclitet. Ergebnis. Durch diese Mafiregeln strebte Časar eine Staats- verwaltung an ; die sich unseren modernen Einrichtungen nahert; er ist tatsachlich der er ste Kaiser . 3 4. Casars Ermordung (44) . Personliche und politische Beweg- griinde fiihrten zur Ermordung des Diktators. G. Cassius, dem Časar die gewiinsclite stadtische Pratur nicht gegeben batte, wird als 1 Diese Kolonie war naeh dem Sturze des C. Gracchus wieder eingegangen. 2 Vor Ciisar war Narbo Martius fast die einzige Biirgerkolonie auBerhalb Italiens. 3 Die Worte „Kaiser“ und „Zar“ stammen vom Worte „Casar“. Die Wirren nach der Ermordung Casars. 233 Anstifter der Yerschworung bezeichnet. Er gewann den beliebten M. Junius Brutus, einen begeisterten Anlianger der Republik, fiir seinen Plan. Allmahlich erweiterte sich der Kreis der Yerschwornen auf ungefa.hr 60; von 23 Dolchstichen durchbohrt, sank Časar im Senat an der Statue des Pompeius nieder. 1 IV. Die Zeiten des Antonius und Octavianus, 44 bis 31. 44 — 31 . A. Die Wirren nach der Ermordung Casars, 44 und 43. 44 u. 43. 1. Die La ge in Rom. Casars Ermordung rief zunachst Bchrecken und Venuirrung liervor. Zwar glaubte der Senat, daB seine Zeit wieder gekommen sei, aber in Wirklichkeit beherrschten bald der Konsul M. Antonius , der ergebenste Anlianger Casars, und C. Octa- vianus, des Ermordeten GroBneffe und Universalerbe, die Lage. Der erstere, melir Feldherr als Staatsmann, war sehr begabt, aber leicht- sinnig und genuBsiichtig, der letztere benalnn sich trotz seiner groBen Jugend (er war erst 19 Jahre alt) sehr vorsichtig und gewandt. Auf Antrag des Antonius bestatigte der Senat samtliche Verfiigungen Casars und erteilte aucli den Mordern Amnestie: zwei einander geradezu widersprechende Beschliisse. Gleiclnvolil entflammte An¬ tonius die Erbitterung des Yolkes gegen die Yerschworer durch die difentliche Verlesung des Testamentes Casars, der die Burger reich- lich bedacht hatte, sowie durch die Rede beim feierlichen Leichen- begangnisse des Ermordeten und zwang dadurch die Yerschwornen zur Elucht. 2. Der Mutinisclie Krieg (44 umi 43). Als Antonius vom 44 u. 43. Senate die Verleihung des diesseitigen Gallien verlangte, wurde er abgewiesen und, als er sich mit Waffengewalt in den Besitz dieser Provinz setzen wollte, ihm vom Senat auf Betreiben Ciceros (die beriihmten 14 Philippischen Reden) der Krieg erhldrt. Diesen fiihrten im Auftrage des Seriates die beiden IConsuln und der Pro- prator Octavian. Die Entseheidung erfolgte bei Mutina; Antonius wurde geschlagen und begab sich ins jenseitige Gallien, mit dessen Statthalter M. Aemilius Lepidus er schon seit einiger Zeit in Bnter- handlungen stand. Da sich Octavian durch mehrere Yerfiigungen des Senates, der ihn beiseite zu schieben suchte, verletzt fiihlte und erkannte, daB er nicht gleichzeitig Antonius bekampfen und den 1 Cie. schreibt an Atticus (XIV, 21) iiber die Eimordung: aeta res est animo vhili, consilio puerili. 234 Die Rorner. Rachekrieg gegen die Versclnvornen beginnen konne, beschloB er, sicli mit Antonius, mit dem ihn die Abneigung gegen den Senat und der IlaB gegen die Morder verband, zu verstandigen. 43. B. Das zweite Triumvirat, 43. 1. Die Griindung des zweiten Triumvirats (43). JSTachdem sich Octavian gegen den Willen des Senates das Konsulat erzAvungen batte, schloB er mit Antonius und Lepidus das ziueite Triumvirat, das iiber zehn Jahre lang die Schicksale des Reiches bestimmte. Die drei Manner verstandigten sich hiebei iiber folgende Punlcte: a) Die Regierung des Staates fiihren sie fiinf Jahre gemeinsam, bestimmen fiir diese Zeit im voraus die Besetzung der Amter und teilen unter sich die Provinzen des Westens (der Osten war in den Handen der Verschvrornen) ; h) sie fiihren gemeinsam den Krieg gegen die Ver- schivornen; c ) um die Gegner zu vernichten und die Mittel zum Kriegfiihren zu erlangen, werden umfassende Proskriptionen ver- anstaltet; d) die Veteranen werden durch tTberlassung von 18 der reichsten italischen Landstadte zufriedengestellt. Die Zahl der Ge- achteten wird auf 130 Senatoren und 2000 Ritter angegeben; das bekannteste Opfer war Cicero. Die angemaBte Gewalt lieBen sich die Triumvirn vom Volke bestiitigen. 42 . 2. Der Philippensische Krieg (42) . Brutus und Cassius hatten sich nach dem Osten gefliichtet; ersterer ubernahm mit Genehmi- gung des Senates die Verwaltung Mazedoniens, letzterer die Syriens. Sie wurden aber bei Philippi in zwei Schlachten besiegt, worauf sich beide Fiihrer selbst toteten. Die Sieger trenuten sich. Octavian iiber- nahm es, den Veteranen die versprochenen Giiter zu verschaffen, was mit der groBten Hiirte und Grausanikeit geschah. Antonius hatte die Aufgabe, den Osten zu unterwerfen, was er auch vollstandig durchfiihrte. Der unbedeutende Lepidus, der mit Afrika abgefunden Avurde, spielte keine Rolle mehr. 3. Die Auflosung des Triumvirats. Obwohl Octavians Schwester, die edle Octavia, des Antonius Gattin wurde, kam es doch bald zwischen den beiden Machthabern zu Gegensatzen. Wahrend Antonius am Hofe der 3£leopatra ein scliAA T elgerisches Leben fiihrte, besiegte Octavian den S. Pompeius, der das Mittelmeer unsicher machte. Octavia vermittelte hierauf eine Verstandigung ihres Gatten mit ihrem Bruder, derzufolge das Triumvirat, dessen Dauer bereits abgelaufen Avar, auf Aveitere fiinf Jahre verlangert Avurde. jSTachdem Die Sclilacht bei Actium. 235 sodann Octavian die Truppen des Lepidus geivonnen und ihn dadurch Afrikas beraubt hatte, sicberte er nocli durch gliicklicbe Kampfe gegen die Dalmater und Pannonier die Kordgrenzeltaliens. Antonius unternahm inzwischen mir einen miBlungenen Krieg gegen die Partber. C. Die Sehlaeht bei Actium und die endgiiltige Erriehtung der Monarchie, 31. 1. Die Veranlassung. AVahrend sich Octavian durch seineTaten den Dank des Senates und des Volkes erwarb, schadigte Antoniu? den Staat-aufs schwerste, indem er an Kleopatra und ihre Kinder die asiatischen Provinzen verschenkte. Kachdem er auch noch Octavia verstoBen hatte, veranlaBte Octavian den Senat, an Kleo¬ patra den Krieg zu erhlaren. 2 . Die Sehlaeht bei Actium. AVie einst bei Pharsalus und Philippi, standen sich auch bei Actium der Osten und der AVesten gegeniiber. Antonius, der seinem Gegner iiberlegen war, entschied sich auf AVunsch der Kleopatra fiir eine Seeschlaclit; es ist die letzte grobe Seeschlaclit fiir viele Jahrhunderte. Octavians Flotte befeliligte der groBte romische Admiral M. Vipsanius Agrippa ; er schlug die feindliche Flotte vollstandig. Als Kleopatra floh, verlieB Antonius den Kampfplatz noch vor der Entscheidung; sein Land- heer ergab sich erst, nachdem es vergebens sieben Tage lang auf die AViederkehr seines Feldherrn gewartet hatte. Octavian verfolgte die Fllichtigen nach Aggpten; nach seiner Landung toteten sich An¬ tonius undKleopatra. Agvpten wurde einTeil des romischenBeiches. Ergebnis. Octavian machte den lOOjahrigen inneren Kampfen ein Ende, gab dem Reiche den Frieden zuriick und errichtete end- giiltig die Alleinherrschaft. V. Die romische Prosa-Literatur im letzten Jahrhunderte (ler Republik. Damals gelangte bei den Romern die Prosa zu klassisclier Vollendung (S. 205). 1. Die Beredsamkeit. In der alteren Zeit war die Beredsamkeit bei den Romern eine natiirliche ; als besonders hervorragende Redner werden Scipio Aemilianus und G. Gracchus geriihmt. In den AVirren der Biirgerkriege spielte die Beredsamkeit eine groBe Rolle, wie denn auch Cicero seine politische Bedeutung der Macht seines AVortes verdankte. Seit der "Mitte des 2. Jahrhunderts eignete man 236 Die Romer. sich kei griecliischen Rhetoren die notige allgemeine Bildung an und ]ieJ3 sieh liber Satzbau, Vortrag, Haltung, kurz alle rketorischen Kunstmittel unterricliten (S. 124). Der erste hervorragende Ver- treter der schulmdBigen Beredsamkeit in Bom war Ilortensius , der altere Zeitgenosse Ciceros. Der letztere bezeichnet den Hohepunkt der romischen Beredsamkeit. Er ist der grofite romische Stilist, der Ilauptvertreter der klassischen Prosa. Ein Bedner ersten Banges war aucli Časar. 2 . Die Gescliichtschreibung. Im 1. Jahrhundert v. Chr. beginnt die kunstmdBige Darstellung der romischen Geschichte. Cornelius Nepos schrieb Biographien beriihmter Feldlierren und Staats- rnanner, Sallust verdanken wir die Alonographien liber die Cati- linarische Yerschworung und den Krieg gegen Jugurtha, Časar die Berichte iiber seine Taten in Callien und im Burgerkriege, die mit groller Schlichtheit und Iilarheit abgefaBt sind. 3. Die Philosophie. Die Romer hielten sich sklavisch an die philosophiscken Leistungen der Griechen und beschaftigten sich fast nur mit der EthiTc, die nach dem Yerfalle der Religion den Gebil- deten eine Stiitze fiir ihr moralisches Yerhalten bieten solite. Des¬ kali) pilegten die Romer besonders die epilcureische und die stoische Philosophie. Das groBte Verdienst um die Verbreitung der Philo¬ sophie bei den Romern erwarb sich Cicero , der in seinen letzten Lebensjahren seine Landsleute durch mehrere Schriften mit den Hauptergebnissen der griecliischen Philosophie bekanntmachte. 30 y. bis 476 n. Chr. 30 v. bis 284 n. Chr. Erster IDritter Zeitraum, Rom unter Kaisern, 30 v. Ms 476 n. Chr. 1 Abschnitt. Die Zeit des Prinzipats (von Augustus bis au! Diocletianus), 30 v. bis 284 n. Chr. Die Quellen. Die wichtigsten literarischen Quellen sind Tacitus (um 80) und Dio Cassius (3. Jahrhundert). Sie werden erganzt und vielfach auch berichtigt durch den Inlialt des corpus inscriptionum Latinarum , herausgegeben von Th. Mommsen, das eine eingehende Darstellung der Kulturverhaltnisse in den Provinzen ermoglicht. 1 O. Hertzberc/, Romische Kaiserzeit (bei Oncken); H. Schiller, GešcTiielile der romischen Kaiserzeit, 2 Bande, Gotha 1883 — 87; Th. Mommsen, Romische Ge- schiclite, 5. Band, und Duruij-Hertzberg, Geschichte des romischen Kaiserreiclies bis zum Einbruehe der Barbaren (bis zum Jahre 395), 5 Bande, Leipzig 1885 ff.; V. Gardthausen, Augustus und seine Zeit, 6 Bande, Leipzig 1890 — 1904. Augustus. 237 I. Von Augustus bis auf Vespasianus, 30 v. bis 69 n. Chr. Die Kaiser aus dem Julisch-Claudischen Hause; Begriindung und Fortbildung des Prinzipats, Bliitezeit der romischen Poesie und Kunst. A. Časar Augustus, 30 v. bis 14 n. Chr. 1. Die Begriindung der neuen Verfassung. Im Jahre 27 legte Octavianus die auberordentliche Macht, die er noch immer auf Grund des zweiten Triumvirats innehatte, nieder und begriindete, unterstiitzt von seinen Freunden Agrippa und Mdcenas, die neue Staatsordmmg. Diese kann nicht als Monarchie bezeichnet werden, da die staatsrechtlich geregelte Kachfolge feblte und Octavianus die Faktoren der republikanischen Verfassung nicbt beseitigte. Rich- tiger nennt man' sie Diarčhie, weil die Gewalt zwischen Augustus und dem Senate geteilt war. Fiir seine neue Machtstellung ge- brauchte Augustus gerne den Ausdruck Princeps (sc. civium), wes- balb man die von ihm begriindete Verfassung auch als Prinzipat bezeichnet. Einen eigentliclien Amtstitel fiihrt jedoch der neue Herrsclier nicht; denn das Wort Imperator wird seit Augustus zum Vornamen der Kaiser an Stelle des bisher gebrauchten Pranomens und der Ausdruck Augustus bezeichnet cine religiose Weihe. Die Voraussetzung fiir die neue Staatsordnung bildete das grobe Friedensbedurfnis der Volker nach dem lOOjahrigen Biirgerkriege. a) Die Stellung des Princeps. Die Stiitzen seiner Macht waren die prokonsularische und die tribunizische Gewalt. Die erstere ver- lieh ih m den Oberbefehl iiber samtliche Truppen sowie das Recht, alle Offiziere zu ernennen und alle Soldaten zu entlassen; sie bildete den eigentlichen SchwerpunTct seiner Macht. In den nicht vollig beruhigten Landern und in den Grenzpro- vinzen wurden stehende Truppen unterhalten, deren Gesamtzalil (unter Augustus etwa 300.000 Mann, zur Ilalfte Kichtbiirger) mit Riicksicht auf die Grobe des Reiches (iiber 5% Millionen km 2 ) 1 sehr klein war. Dadurch war von vornherein eine Angrijfspolitik aus- gesclilossen. Auch in Italien gab es stehende Truppen, und zwar: a) die kaiserliche Leibwache (cohortes praetoriae) unter dem Be- fehle von zwei praefecti praetorio ; p) die stlidtische Polizeimann- schaft '(cohortes urbanae), an deren Spitze der praefectus urbi 1 Das Reich hatte ungefahr die gleiche Ausdelmung wie das Alexanders des GroBen; seine Bevolkerung wird auf 55 bis 100 Millionen geschiitzt. Die Bevolkerung Koms diirfte unter den ersten Kaisern, in der Zeit der hdchsten Bliite der Stadt, 1 bis 1 'L Millionen betragen haben. 30 v. bis 69 n. Chr. 30 v. bis H n. Chr. 238 Die Ilomer. stand; y) die militarisch organisierte Eeuerwekr (coliortes vigilum) imter dem praefectus vigilum. Augustus rief aucli eine standige Kriegsflotte ins Leben, deren Stalionsplatze Misenum und Ravenna waren. Die tribunizische Gewalt bedeutete wegen der mit ihr verbun- denen Unverletzliclikeit, des groben Einflusses auf die Gesetzgebung und des fast scbrankenlosen Vetorechtes die hochste burgerliche Maeht. Dazu kamen, abnlicb wie bei Časar, an dessen Beispiel sich Augustus im vresentlicken liielt, zalilreiche Einzelreckte, so: Beein- fiussung der Beamtenwahlen, Tlberwachung des Senates, Oberauf- siclit iiber die Provinzen, Entscheidung iiber Krieg und Erieden; der Kaiser erlieb aucb rechtsgiiltige Verfiigungen, ernannte die Ge- scbwornen, die dem Ritterstande entnommen wurden, und galt als oberste Appellationsinstanz fiir alle Burger. b) Die Stellung des Senates. Der Senat \vurde vom Kaiser zusammengesetzt und berufen; dieser gab auch gewobnlicb zuerst die Stimme ab und beeinflubte dadurch das Kollegium. Die Mit- regierung des Senates auberte sich besonders auf dem Gebiete der Vemvaltung. a) DieProvinzialverwaltung. Die Provinzen teilte Augustus in kaiserliche und senatorische. Die ersteren wurden an Stelle des Kaisers von den legati Augusti pro praetore verwaltet, die der Kaiser ernannte. Seit 11 v. Chr. wurde jedes neu eroberte Gebiet kaiserliche Provinz. Die senatorischen Provinzen \vurden durcb Prokonsuln verwaltet, deren Ernennung dem Senat oblag; docli kam dem Kaiser ein Beaufsichtigungsrecht aucli iiber sie zu. Alle Statt- halter wurden dem Senatorenstand entnommen. Augustus fiilirte in den meisten Provinzen Landtage (com- munia) ein, die aus den Abgeordneten der sich selbst venvaltenden Stadte gebildet \vurclen und das Recht hatten, Wiinsche und Be- schwerden zur Kenntnis der Regierung zu bringen. tlberliaupt haben die besseren Kaiser der Venualtung der Provinzen ihre besondere Aufmerhsamheit zugeivendet, sie vor den Bedriickungen der nun be- soldeten Beamten geschiitzt und die \veitere Ausgleicbung zwischen Italien und den Provinzen durch Verleihung von Biirgerreclit, Griindung von Kolonien u. s. w. angebalmt. d) D i e F i n a n z v e nv a 11 u n g. Anfangs scliied das Prin- zipat scbarf zwiscben der Privatkasse des Herrschers (fiscus) und Augustus. 239 der Staatskasse (aerarium). Die Verwaltung der letzteren stand dem Senate zu; erst Hero scheint die Verfiigung iiber sie fiir sich bean- sprueht zu kaben. Die Kaiser bestritten den Sold der Truppen sowie die Kriegsausgaben und sorgten fiir wichtige Zweige der haupt- stiidtischen Yerwaltung. Ihrellaupteinkiinfte bestanden imErtragnis ihrer Latifundien und im Tributum der kaiserlichen Provinzen. 2 . Die Kriege unter Augustus. Diese liatten einen defensiven Charakter und bezweckten besonders die Gewinnung der Donau- und die Sicherung der Rheingrenze. Kaclidem Augustus selbst die Besiegung der illyrischen Panno- nier begonnen hatte und Bulgarien und Serbien (P.rovinz Mosien) unterworfen worden waren, lieB er durch seine Stiefsohne Drusus und Tiberius in den Jahren 15 und 14 die denEtruskern verwandten 15 u. 14 ratischen und die keltischen Volkerschaften der Alpenlander unter- werfen, vrorauf Ratien mit Vindelicien , Noricum und Pannonien dem Reiche einverleibt wurden. Zur Sicherung Galliens fiihrten Drusus und Tiberius erfolgreiche Kampfe gegen die Germanen des nordwestlichen Deutschland. Schon schien es, dah dieses dauernd der romischen Herrschaft einverleibt werden solite, als der Sieg des Cheruskerfiirsten Armin iiber den unfahigen Statthalter P. Quinc- tilius Varus im Teutoburger Walde (9 n. Chr.) 1 Augustus be- 9 n. Chr stimmte, die Reichsgrenze an den lihem zuriickzuverlegen und da- selbst eine Art Militargrenze zu errichten, in der Castra Vetera (bei Xanten) und Mogontiacum (hlainz) die beiden Ausfalltore gegen die Germanen waren. Die Eomanisierung findet daher an Donau und Rhein ihre Grenze. 3. Die Eeligion. Infolge der Ausbreitung der romischen Herr¬ schaft iiber den Osten und der Einwanderung von Orientalen nach Rom drangen im letztcn Jahrhunderte der Republik orientalische Gottheiten in den Kreis der,_griechisch-romischen ein, so daJB all- mahlich eine formliche Gottermischung eintrat. Namentlich ver- breitete sich die Verehrung der Isis und des Serapis , von denen die erstere als Schutzgottheit bei Seereisen, der letztere als Heilgott verehrt wurde, und die des Mithra (S. 132). Wahrend Augurat und Iiaruspicin ihre Bedeutung verloren, gewann in den vornehmen Kreisen die Astrologie der Magier immer rnehr EinfluB, so daB ihnen Augustus bei Todesstrafe das Weissagen verbot. Die 1 Die Ortlichkeit der Sehlacht sucht man bei Detmold, Osnabruck und Paderborn. 240 Die Romer. alte Religion suchte er durcli die Wiederherstellung der verfallenen Priestertiimer und Tempel sowie durcli die Forderung des Kultus der Laren zu heben; denn- diese waren bei den unteren Standen so beliebt, dab sie ihnen eigentlich die ganze Gotterwelt ersetzten. Besonders wichtig wurde seit Augustus der Kaiserhultus, d. h. die Verehrung des kaiserliclien Genius (S. 151), den er durcli den Bau des Tempels des vergofterten Časar (Divus Julius) auf dem Porum einleitete. Jede Stadt batte einen eigenen Flamen des Augustus und in allen Provinzen erhoben sicb Altare des Augustus und der Roma, so dab dieser Kultus der eigentliche Ausdruck der Reichsreligion wurde. 4. Die Literatur, a) Die Poesie. Von Augustus und Miicenas vielfach gefordert, erreichte damals die Poesie ibren Hohepunkt; dankbar stand sie auch auf der Seite des Kaisers. Sie ist dem Inlialt und der Form nach vom Hellenismus abhangig, so daJ3 sie besonders Ijriscbe und epische Werke schuf und sicb nacb der metriscben und poetischen Technik der Griecben ricbtete. a) D i e L y r i k. Der Lyrik geboren die bedeutendsten poeti - scben Leistungen der Romer an. Die Elegie erreichte ibre grobte Vollendung in den Werken des Ovidius, Tibullus und Propertius. Der bervorragendste Odendichter ist Horatius; er ist auch der be- deutendste Vertreter der Satire, der einzigen dichterischen Gattung, welcbe die Romer von den Griecben unabhangig ausgebildet baben. 0) D as Epos. Das 1ŠTational-Epos der Romer war die Aneis Vergiis, der sich in den Irrfabrten des Aneas die Odysee und in den Kampfen um die Herrschaft uber Latium die Ilias zum Muster nahm. Auch O vid gehort durch seine Metamorphosen denEpikern an. y) DasDrama. Die Biiline der Kaiserzeit beberrscbten der Mimus und der Pantomimus. Der erstere war eine Posse, die ibren Inbalt dem verderbten bauptstadtischen Leben entnahm; im letz- teren \vurde ein dramatiscber Gegenstand durcli Tanz und rbytb- mische Gebarden von einem einzigen Schauspieler dargestellt. b) Die Prosa. Damals schrieb Livius die rbmische Geschichte von der Griindung der Stadt bis zum Tode des Drusus; aus seiner Darstellung spridit hingebende Vaterlandsliebe und varme Be- geisterung fiir die groben Taten seines Volkes. 5. Die Kunst. Unter Augustus entstanden zahlreiche und her- vorragende Banvoerlce. Er selbst stellte 82 Tempel wieder ber, schuf das erste der prachtigen Kaiserfora (S. 147) und vollendete die von Augustus. 241 Časar begonnene Basilika Julia; von Agrippa wurde das Pantheon erbaut, ein groBartiger zjlindrischer Bau von 42 m Durchmesser und innerer Ilohe, von einer Knppel in Form einer Ilalbkugel bedeckt — das sclionste romische Baudenkmal. Das Beispiel des Kaisers rief eine lebhafte Kunsttatigkeit bervor, so daB er sich riihmen konnte, er hinterlasse Kom, das er als eine backsteinerne Stadt kennen gelernt, als eine Marmorstadt. 1 Audi in anderen Stadten wurden damals hervorragende Bauten geschaffen, so z. B. in Pola der Tempel des Augustus und der Koma. Kach des Kaisers eigener Aussage hat ihm Rom etvva 80 silberne Statuen gesetzt; eine der schbnsteh romisclien Portratgestalten ist die Marmorstatue des Augustus im Vatikan. In den kaiserlidien Kunstsammlungen in Wien befindet sidi die beriihmte Onyxgemme, ivelche die Apotheose des Augustus darstellt (S. 137). 6. Die niateriellen Verhiiltnisse. Die Landjvirtschaft und Gartenlcultur 2 waren damals weit vorgescbritten (S. 144), infolge des Friedens hoben sich Industrie und Handel, der letztere wurde durch ein groBartiges StraBennetz und die Einheit von Miinze, 3 4 MaB und Geivicht gefordert. Augustus legte ungefahr 60 Kolonien an, nahm die Versorgung Roms mit Lebensmitteln 1 (cura annonae) selbst in die Fland und richtete eine Reiehspost ein, die jedoch nur Staatsauftrage und Staatsbeamten beforderte. So iibte er \virklich die auBerordentliche Tatigkeit aus, ivelche die neue Verfassung vom Ilerrscher verlangte. 7. Der Cliarakter und Tod des Augustus. Augustus war ein ruhig denkender Verstandesmensch ohne hervorragende militarische 1 Ira letzten Jahrh. v. Chr. wurden die Marmorbriiche von Carrara er d line t. Nie wieder hat eine Stadt so viele Prachtbauten und Kunstiverke besessen wie Rom in der Kaiserzeit. 2 Den Romern verdanken Deutsehland, England und Frankreieh die Anfange ihrer Gartenkultur, Europa die Verbreitung des Pflaumen-, Mandel-, Kirsehen- und Aprikosenbaurnes. 3 Der Aureus war die einzige Gold-, Denar und Dracbme waren die einzigen Silbermiinzen und auch die Kupfermunzen hatten liberall Geltung. Ungefahr 29 StraBen gingen in der Kaiserzeit von Rom aus; fiir Reisen von Privatpersonen war durch Unternehmer gesorgt. 4 Tac. Ann. I, 2: militem doniš, populum annona, cunetos dulcedine otii pellexit. Das Getreide wurde von den italisehen.Inseln, aus Sudspanien, Afrika und Agypten eingefiihrt. Italien war damals etwa in gleichem MaBe auf die Ein- fuhr uberseeisehen Getreides angewiesen, \vie Griechenland seit dem 5. Jahr- hundert und England heutzutage. Zeehe, Geschichte des Altertums. IS 242 Die Romcr. Begabung. Durch seine vielfach ersprieBliclie Tatigkeit und sein Uuges, entgegenkommendes Verhalten gewohnte er die Homer an seine Herrschaft. Er unterstutzte die Kunst und die Wissenscliaften und zog bedeutende Dichter und Schriftsteller in seine Kahe. Wahrend er sonst durchaus vom Gliicke begiinstigt war, liatte er in seinem Eamilienleben viel Ungluck; seine Sehvviegersohne Marcellus und Agrippa, seine Enkel L. und C. Časar, sein Stiefsohn Drusus starben vor ihm; sie alle hatte er lieber zu Nachfolgern gehabt als Tiberius, den er zuletzt adoptierte. Stammtafel des Julisch-Claudischen Hauses. G. Julius Časar (Gemahlin: Aurelia) G. Julius Časar f 44 Julia (Gemahl: M Atius Balbus) Atia (Gemahl: C. Octavius) Octavia Antonia, vermahlt mit L. Domitius Ahenobarbus Augustus, vermahlt mit a) Clodia, JJScribonia, c) Livia (erster Gemahl: Ti. Claudius Nero) Drusus Julia, vermahlt mit Tiberius Cn. Domitius "normi,a Lepidu Marcellus, i; Agrippa, ^ Tiheriu s bermamcus' claudius ' G. Časar, L. Časar, Agiippina I. (Gemahlin: (Gemahlinnen: (verm. mit Germanicus) Agrippina I., Messalina u. Ahenobarbus (verm. mit Agrippina II.) Nero (verm. mit M. Valerius Messalla) Messalina Čaligula, Agrippina II. Nero Tochterdes Agrippina II.) Agrippa u. der Julia) Britannicus B. Die Claudier. 14 — 37. 1. Tiberius (14 bis 37). Die Eurclit vor einer Revolution und die Enttauscbung, die ilim Seianus bereitete, steigerten sein verschlossenes und miBtrauisches Wesen zu MenschenhaB und Grau- samkeit. Der Gardeprafekt Seianus versuchte namlich nach dem friiken Tode des Germanicus, des Sohnes des Drusus, durcb Mord- taten sicli selbst den Thron zu verschaffen; so vergiftete er Drusus, den Sobn des Kaisers, und bereitete der Witwe des Germanicus und ihren Sohnen den Untergang. Wahrend er Tiberius zur tlber- siedlung nach Capri bestimmte, von wo dieser nicht mehr nach Rom zuriicldiam, herrschte er daselbst mit der groBten Willkiir; als er aber eine Verschworung gegen den Kaiser wagte, wurde er in dessen Auftrage vom Senate zumTode verurteilt und liingerichtet. Zwar veranlaBte das M.iBtrauen des Kaisers in Rom zahlreiche Prozesse \vegen Majestatsverbrechen, deren Begriff auch auf Schma- hungen des Kaisers durch Wort und Schrift ausgedehnt wurde, und das Unwesen der Delatoren (Spione), die reichlich belohnt wurden, Die Claudier. 243 dabei zeichnete sicli aber Tiberius durcli strenges Pflicktgefuhl, Sparsamkeit un^d musterhafte Verwaltung der Provinzen aus, so daB er in dieser Beziebung einer der besten Kaiser gewesen ist. 2. Caiigula (3 7 bis 41) und 3. Claudius (4 1 37 — 41 b i s 5 4). Kach der schmahlichen Regierung des waknwitzigen und 41 — 54 tvrannischen Caiigula folgte der unselbstandige, von Freigelassenen und seinen sittenlosen Gemahliunen Messalina und Agrippina be- herrschte Claudius, unter dem Mauretanien, das siidliche Britannien und Thrazien romische Provinzen wurden. 4. Ker o (54bis68). Die ersten fiinf Jalire, solange er sicli 54 — 68 vom Stoiker Seneca leiten lieB, regierte er wohltatig. Als ilim aber seine herrschsiichtige Mutter Agrippina drohte, den Sohn des Claudius, seinen Stiefbruder Britannicus, auf denThron zu erheben, lieB er diesen, spater sogar seine eigene Mutter und seine Gemahlin Octavia toten; sein Lehrer Seneca gab sich in seinem Auftrage selbst den Tod. Er schandete femer seine Stellung dadurcli, daB er in Ttalien und Griechenland als Wagenlenker im Zirkus, als Sanger und Zitherspieler im Theator auftrat. Der Brand, der einen groBen Teil Roms einasckerte (64), ist Avolil nicht ihm zur Last zu legen. 64 . Aus Rucksicht auf das erregte Volk lieB er damals Ckristen auf- greifen und hinrichten; mehrere dienten als „lebende Fackeln“ bei den Festen, die er dem Volke gab. Die schmahliche Ausartung seiner Regierung fiilirte endlich seinen Sturz herbei, indem die Legionen Galba, den Statthalter in Spanien, als Gegenkaiser auf den Tliron erhoben; auf der Fluclit vor ihm totete sich Kero selbst, ivahrend Galba bald darauf von den Pratorianern ermordet wurde. So fanden auBer Augustus alle bisherigen Kaiser ein gewaltsames Ende. C. Verfassung, soziale Zustande und Romanisierung. 1. I)ie Verfassung. Eine Fortbildung des Prinzipats erfolgte dadurch, daB Tiberius die Kriminalgerichtsbarkeit, Gesetzgebung und Wahl der Beamten dem Senat iibertrug; damit horte die Be- deutung der Volksversammlung ganzlich auf, der Vertreter der Volksrechte war der Kaiser. Im Vergleiche mit der sckleckten Provinzialverwaltung des Senates war das Prinzipat ein groBer Fortschritt, anderseits traten schon damals zwei Scliattenseiten zutage, namlich: a) die Mit regierung des Senates. Indem dieser von den stolzen Erinnerungen der Vergangenheit zehrte, kampften die ganze Zeit der Claudier hindurch die senatori- 16 * 244 Die Romer. sclien Geschlechter mehr oder weniger offen gegen die Kaiser, die dadurch mit MiBtrauen nnd Eifersucht gegen den Senat erfiillt wurden; b) derMangeleinergesetzlichenBestim- mungiiber dieNachfolge. So kam es, daB schon damals einzelne Kaiser von Pratorianern, bezw. den Legionssoldaten, erlioben vvurden; das letztere war z. B. bei Vespasianus, dem Nach- folger Galbas, der Fali. 2. Die sozialen Zustande. Es kommen besonders die Gliederung der Freien in Stande, der Luxus und die Spiele in Betracbt. Gegeniiber der Masse des Vollces (plebs) bildeten die Senatoren und Ritter, die durch Keichtum hervorragten und die hoheren Amter bekleideten, adlige Stande. 1 Das Volk bestand groBtenteils aus Proletariern und verlangte vor allem Brot und Spiele (panem et circenses). Es fand teilweise Beschaftigung beim Ackerbau und Gewerbe, besonders aber driingte es sich zum Heeresdienste. Der Plebs gehorten aucli die zahlreichen Freigelassenen an, von denen einige unter Claudius zu groBen Beiclitiimern und hochst einlluB- reichen Stellungen gelangten; da die Freigelassenen den verschie- densten ISTationen entstammten, zersetzten sie immer mehr den nationalen Cliarakter des romisclien. Volkes. . Die Zeit des groBten Luxus recbnet Tacitus von der Schlacbt bei Actium bis auf Vespasian, die Mittel biezu boten die Reichtiimer, die sich im SchoBe einzelner Familien ansammelten. Das groBte Vermogen der Kaiserzeit wird doppelt so grofi als das des Crassus angegeben, ist also immerliin klein im Verhaltnisse zu den groBen Vermogen der Gegenwart. Der Luxus auBerte sich besonders als Tafel- und Bauluxus (Kostbarkeit des Materials und Pracht der inneren Ausstattung), bei Totenbestattungen (Leichenzug, Ver- brennen verschiedener Gegenstande, Gladiatorenkampfe) und als Sklavenluxus; die Zalil der Sklaven betrug nicht selten mehrere Tausende. Die Zalil der Tage, an denen offentliche Spiele abgehalten wur- den, stieg von 66 unter Augustus auf 175 um die Mitte des 4. Jahr- hunderts. Am beliebtesten waren die Gladiatorenspiele und Tier- 1 Die Bevolkerung Eoms zerfiel ungefiihr in 600 Senatoren, mindestena 5000 Ilitter, hoehstens 800.000 Plebeier und 300.000 Sklaven. Die Senatoren waren Milliondre, der Ritterzensus betrug wenigstens 400.000 Sesterzen (100.000 K). Naeh dem Tode Neros nimmt die Zahl und der Wohlstand der hauptstadtischen Bevolkerung ab. Die Flavier. 245 hetzen; wiederholt wurden mehrere hundert Baren und Lowen auf einmal gegeneinander gehetzt. Wurde die Arena des Amphitheaters unter Wasser gesetzt, so konnten Schiffskampfe aufgefuhrt werden. 3. Die Romanisierung. iSTach dem Vorgange des Augustus forderte das Prinzipat auch weiterhin dureh die Griindung zahl- reicher Stadte (vgl. Alexander) im ganzen Westen des Reiches die Romanisierung. Besonders stark romanisiert wurden Spanien (Cor- duba, Ciisaraugusta, j. Cordova und Zaragoza), das stadtereiehie Gallien (Lugdunum, Augusta Treverorum, j. Lyon und Trier), das romische Germanien am linken Rheinufer (Oolonia Agrippina, j. Koln, die alteste deutsche Stadt),Britannien (Eboracum, j.York), Roricum mit Celeia (Cilli), Virunum (bei Klagenfurt), Juvavum (Salzburg), die Kiiste Dalmatiens (Salona, j. Spalato), das west- liclie Pannonien (Poetovio, Vindobona, Carnuntum, j. Pettau, Wien und Petronell). — Im Osten begiinstigten die Romer die Helleni- sierung. II. Von Vespasianus bis auf Septimius Severus, 69 Ms 193. 69 — 193 . Die Flavier und die Adoptivkaiser. Umbildung des Prinzipats zur Monarehie. A. Die Flavier. 1. Vespasianus (6 9 bis 7 9). a) Der Aufstand der 69 — 79 . Juden (66 bis 70). Časar hatte an die Spitze Palastinas ein idu- maisches Geschlecht gestellt, das bei den Juden verhaBt war; aus ihm stammte Ilerodes. Wenige Jalire nach seinem Tode wurde das Land eine romische Provinz. Aus TlaB gegen die Fremdherrschaft und den Kaiserkultus, den Caligula auch in Jerusalem einfiihren wollte,' erhoben sicli die Juden, wurden aber von Titus nach der Er- stiirmung und Zerstorung Jerusalems unterworfen. Zur Verherr- lichung des Sieges wurde der Triumphbogen des Titus erbaut; auf ihm erscheint bereits das romische oder Komposita-Kapitdl , die un- schone Verbindung des jonischen und des korinthischen Kapitals. b) Die Regierung im Innern; Quintilian. Vespasian trat den groBten Ausschreitungen des Luxus entgegen, ordnete die Finanzen und stellte die zerriittete Zucht der Soldaten wieder her. Im Gegen- satze zur bisherigen Gepflogenheit (S. 181) sorgte er von Staats vvegen fiir-das hohere Enterrichtswesen, indem er die Lehrer der Rhetorik. besoldete. Die Kunst der Rede galt namlich damals als der Tlauptbestandteil der Bildung, Aveshalb sich die vornehme Jugend 246 Die Homer. 79 — 81 . 79 . 81 — 96 . in die Rhetorenschulen drangte, in denen sie eine enzyklopadische Bildung erhielt. Ereilich wurde in diesen Schulen auch vielSchrvulst nnd tlieatralisclies Wesen gepflegt, rvas die Literatur bis zum Ende des Altertums ungiinstig beeinfluBt bat. Der beriihmteste lateinische Elietor var damals Quintilianus, der ebenfalls von Vespasian an- gestellt rvurde; seine Institutio oratoria ist das Meisterwerk der antiken Redekunst. Endlich erbaute Vespasian das Kolosseum, dessen Liingsachse 188 m nnd dessen Querachse 156 m lang ist; es war in vier Stockwerken aufgebaut, von denen die drei unteren mit ILalbsaulen, das oberste mit Pilastern, d. h. ilacben Wandpfeilern, geschmiickt war. Ihm folgte sein milder Sohn 2. Tit us (7 9 b i s 8 1). Im Jahre 79 fand der erste bekannte Ausbruch des Vesuv statt, bei dem die Stadte Pompeii,Herculaneum und Stabiae zerstort wurden. Aus den tlberresten des zuin groBeren Teile ausgegrabenen Pompeii konnen wir auf den damaligen Wobl- stand und die lebbafte Kunstpflege schlieBen, da selbst in diesem kleinen Stadtcben die Wohnungen kiinstleriscb ausgeschmiickt vvaren. Bei diesem Ausbruche fand auch der altere Plinius den Tod; er ist der Verfasser einer Enzyklopadie (historia naturalis), die Ausziige aus vielen naturwissenschaftlichen Werken entbalt und im Mittelalter ein wicbtiges Lebrbucb war. Des Titus Bruder 3. Domitianus (8 1 bis 9 6) war einer der groBten Tyrannen auf dem Kaiserthron. Unter ihm vollendete Agricola, der Schrviegervater des Tacitus, die Eroberung Englands (S. 243) und unterrvarf auch Schottland bis zu den Meerbusen des Forth und Clvde. Domitian begann den Grenzwall (limes) gegen die Germanen zu bauen, der die romischen Besitzungen dstlich vom Rhein und nordlich von der Donau bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts gegen die Germanen schiitzte. Der Limes war teils ein Erdwall, teils eine Mauer, die durcli Pfahlwerk, Wach- tiirme und Kastelle verstarkt waren. Von der Zeit der Elavier an fallt fast 200 Jahre hindurch die Geschichte der Germanenkampfe mit der des Limes zusammen. Wahrend der charakterlose Martialis, der groBte romische Epigrammendichter, dem Kaiser schineichelt, schildert sein Zeit- genosse, der Satiriker Juvenalis , die verderbten Zustande mit auf- richtigem Ilasse gegen das Laster. Ebenso atmen sittliche Ent- riistung die Werke des Tacitus, der in seinen Annalen und Historien die romische Geschichte vom Tode des Augustus bis zum Tode Die Adoptivkaiser. 247 Domitians darstellte; als Anhanger der Republik wird er den Be- strehungen der Kaiser, so besonders des Tiberius, niclit gerecht. In der Germania liinterlieJB er uns die Hauptquelle fiir die Kenntnis der politischen und sozialen Zustande bei den Gerraanen. B. Die Adoptivkaiser. 1 96 — 193. 1. Rerva (96 bis 98), ein hoclibejahrter, \vohlwollender 96 — 98. Senator, wurde nach der Ermordung Domitians eingesetzt. 2. Traianus (98 bis 117) ist der einzige erobernde und 98—117. der erste nicht-italisehe Kaiser (er stammte aus Spanien). a) Die Kriege mit den Daciern und den Parthern; die Er- iverbung Arabiens. Mit den thrazischen Daciern oder Geten 2 kampf- ten die Romer zuerst unter Domitian, der sicb zu Geldzahlungen an sie herbeilieB. Traian unterwarf sie durch zwei Feldziige 3 (101 101 — 107 . bis 107), worauf sie zum groBten Teile ausgerottet wurden; die Romer siedelten sich besonders an der mittleren Maros an und be- trieben mit Erfolg Bergbau auf Gold. Die Provinz Dacien umfaBte Siebenbiirgen, die Walachci, die angrenzenden Teile von Ungarn, der Bukowina und Moldau. Den Parthern gegeniiber hatte Pompeius vertragsmaBig den Euphrat als Grenze des Reiches festgesetzt. Erst Traian eroberte drei neue Provinzen jenseits des Flusses: Mesopotamien, Armenien und Assyrien, nachdem schon friiber in seinemAuftrage der syrische Statthalter die Provinz Arabia, d. h. den nordwestlichen Teil der Halbinsel Arabien und die Sinaihalbinsel, dem Reiche einverleibt hatte. So geivann unter ihm das Reich seine groBte Ausdehnung. b) Traians innere Regierung. Traian regierte mit Umsicht, Kraft und Milde, so daB das Reich damals den Ilohepunkt seiner iiuBeren Macht erstieg. Mit dem Senate stand er in gutem Einver- nehmen, das Volk erhielt er durch Tierhetzen und Gladiatorenspiele in guter Laune, die Dnterstiitzung der Armen delinte er derart auf Italien aus, daB arine El tern in den Landstadten aus den Alimentar- stiftungen behufs Erziehung ilirer Kinder Beitrage erhielten. Be¬ sonders wichtig ist seine Bautdtigheit. In Rom legte er das prachtige 1 Die Kaiser von Traian bis einschlieSlieh Marc Aurel erhielten den Thron durch Adoption seitens des Vorgangers, nur boi Hadrian ist sie zweifelhaft. 2 Naeh Miillenhoff, Deutsche Altertumskunde, III, 149 ff. waren Daeier und Geten nur stammvervvandt. 3 Von den Pfeilern der beriihmten steinernen Brucke, \velche fiir den zrveiten Feldzug unterhalb Orsova ei-baut wurde, sind noch Eeste erhalton. 248 Die Komer. Forum, Traiani a n; 1 auf diesem wurde die Traianssaule mit den beriilimten Relief s zur Verherrlicliung seiner dacischen Siege auf- gestellt, die nebst dem Schmucke des Titusbogens den Hohepunkt der romischen Reliefbildnerei bezeichnen; ftir die Provinzen sorgte er durch Anlegung von StraBen, Erbauung von Briicken und Wasser- leitungen. In dankbarer Erinnerung an ihn rief der Senat seinen ISTachfolgern zu: Eelicior Angusto, melior Traiano! 117 — 138 . 3. Iladrianus (117 bis 13 8). a) Die MciBregeln zur S-icherung der Beichsgrenzen; der Aufstand der Juden. Als Grenzen des Reiehes wurden Rhein, Donau und Euphrat f estgehalten ; auf die Eroberungen Traians jenseits des Euphrat verzichtete Hadrian in kluger Selbstbeschriinkung. Im iibrigen schiitzte er das Reich durch Grenzbefestigungen; so vollendete er den deutschen Limes, legte im ostlichen Dacien Befestigungen an und erbaute in Bri- tannien den Hadrianswall zwischen dem Solwaybusen und der Tyne- miindung, gab also die nordlichsten Eroberungen Agricolas auf; unter seinem Hachfolger aber wurden diese wieder zum Reiche ge- schlagen und durch das vallum Antonini zwischen den Meerbusen des Forth und Clvde gegen die wilden Kaledonier, die gewohnlich Pikten (Tatowierte) genannt wurden, geschiitzt. Wahrend iiberall im Reiche Friede herrschte, erhoben sicli die Juden, \veil Hadrian an der Stelle des zerstorten .Terusalem eine romische Kolonie an- legen wollte. Der Aufstand wurde niedergeworfen und die politiscTie Bedeutung der Juden fiir immer vernichtet. b) Uadrians innere Begierung. Hadrian war ein sehr eifriger, friedliebender, in allen Wissenschaften und Kiinsten bewanderter Ilerrscher, der besonders den Provinzen seine Aufmerksamkeit zu- wandte und sich durch j ahrelange Reisen von deren Zustanden iiber- zeugte. Am wichtigsten ist seine Tatigkeit auf dem Gebiete des Bech-tsioesens, . der Staatsverfassung und der Baulcunst. a) Hnter ihm traten zum erstenmal die Juristen bedeutsam in die Verwaltung ein, indem ihm juristisches Studium bei der Be- werbung um die Amter ftir gleichwertig mit der Offizierslaufbahn galt. Durch Salvius Julianus, den groBten Juristen der Zeit, lieB er das edictum perpeiuum abfassen, das der herrschenden Rechts- unsicherheit ein Ende machte und den spateren Gesetzbiichern als Grundlage diente. 1 Aus Traians Zeit stammt der Triumphbogen des Sergius in Pola zu Ehren der Familie der Sergier. Die Adoptivkaiser. 249 /9) AVenn er aucli die Mitregierung des Senates niclit gesetzlich beseitigte, so drangte er sie doch dadurch in den Hintergrund, daB er die wiclitigsten Angelegenheiten mit Zuziehung eines engeren, aus Juristen gebildeten Staatsrates (consilium principis) entschied. y) Seine Bautatiglceit erstreckte sich besonders auf Rom (nebst Tibur) und den grieebiscben Osten. In Rom erriehtete er fiir sich und seine Familie ein Grabdenkmal, das prachtigste des Altertums, nnd sčhuf in seiner Yilla in Tibur durch Rachbildung der beriihm- testen Denkmaler, die er auf seinen Reisen kennen gelernt hatte, eine Art AVeltmuseum. In Athen lieB er einen neuen Stadtteil an- legen und den Tempel des Zeus (S. 78) vollenden. Sein Liebling Antinous, der im Ril ertrank, wurde durcb zalilreiche Statuen ver- herrlicht, in denen die romische Kunst, die sonst durchaus prak- tische Zwecke verfolgte (Pracht- und Kutzbauten, Verherrlichung beruhmter Taten und Manner),ihre einzige idealeGestalt ausbildete. 4. Antoninus Pius (138 bis 16 1). Er regierte mit 138 — 161. Kraft und Weislieit, war allgemein beliebt und hinterlieB einen groBen Schatz. 5. Marc us Aurelius (161 bis 18 0), der letzte be- 161 —180. deutendere Vertreter der stoischen Philosophie, deren Grundsatze er in seinen „Meditationen“ darstellte. Unter ihm wurde das Reich durch die Germanen an der mitt- leren und unteren Donau in seinen Grundfesten erschiittert. Die Kampfe mit den Germanen von den Tagen der Cimbern an bis auf Traian hatten bereits Tacitus (Germ. 37) den Schmerzensruf aus- gepreBt: tam diu Germania vincitur! Alle bisherigen Kriege waren aber unbedeutend im Vergleiche mit dem MarTcomannenkriege (167 lgQ bis 180). Die Markomannen (in Bohmen), die Quaden (in Mahren) und andere Volkerschaften von teilweise unbekannter Abstammung iiberschritten die Donau voh" der Grenze Riitiens bis Dacien und belagerten sogar, freilich vergebens, Aquileia. Die GroBe der Gefahr laBt die Angabe ermessen, daB liber 300.000 Romer gefangen wur- den; nur mit Aufgebot aller Krafte gelang es dem Kaiser, die Feinde zuriickzuwerfen; doch starb er noch vor dem Ende des Krieges. 1 1 Von Carnuntum aus, wo Marc Aurel seine Meditationen schrieb, wurde der Angriff auf die Feinde eroffnet; hiemit beginnen die Rcliefs der Marc Aurel- siiule in Kom. Beim Beginne des Krieges berief der Kaiser Priester der ver- schiedensten Religionen nach Rom und beauftragte sie, ihre gottesdienstlichen Verrichtungen fiir das Wohl des Reiches vorzunebmen. 250 Die Romer. In diesem Kriege siedelte Marc Airrel zahlreiche Germanen innerhalb der Reichsgrenze an, vrodurch die Zersetzung der Grenz- bevolkerung eingeleitet mirde. Die Ansiedler erliielten Grund und Boden, vraren frei, aber an die Sclrolle gebunden nnd muBten Kriegs- dienste leisten; diese MaBregel beweist das Sinken der militarischen und \virtschaftlichen Kraft des Reiches. 180 — 193 . 6 . Oommodus (18 0 bi s 19 3), der erste Kaiser, der seinem Vater folgte. Er war ein furchtsamer und dabei grausamer Herrscher, der sogar als Gladiator und Tierkampfer auftrat. Im Frieden mit den Markomaimen verzichtete er auf die Ervverbungen, die sein Vater jenseits der Donau gemacbt liatte. 193 — 284 . III. Von Septimius Severus Ms auf Diocletianus, 193 his 284. Ubergang zur absoluten Monarchie, Zeit der Soldatenkaiser, Verfall des Reiches. A. Die allgemeinen Zustande des Reiches. 1. Die Kampfe mit den Germanen und Persern; Einsetzung der Soldatenkaiser. In dieser Zeit ruhten die Kriege an den Grenzen selten. Der gefahrlichste Eeind waren die Germanen, bei denen seit dem Anfange des 3. Jahrhunderts an Stelle der zahl- reichen Vdlkerschaften groBere Verbande, die Stdmme der Ala- mannen, Franken, Sachsen und Gotpn, getreten waren, die immer unaufhaltsamer iiber die Grenzen drangten. In zweiter Linie mach- Um 226 . ten die Perser dem Reiche zu schaffen. Um das Jahr 226 \vurde namlich das partliische Konigshaus der Arsaciden von den Sassa- niden, die bisher als Satrapen die Landschaft Persien verwaltet hatten, gestiirzt und dadurcli das neupersische Reich begriindet, das im Gegensatze zum parthischen eine religiose und nationaleReaktion gegen das griechisch-romische Wesen begann; diese Reaktion fand in der Erneuerung des Ormuzddienstes und in Angriffen auf das romische Reich ihren Ausdruck. Am schlechtesten erging es diesem um die Mitte des 3. Jahrhunderts. Damals waren die Perser in Syrien eingefallen, pliinderten die Goten von SiidruBland aus die Balkanhalbinsel, die Eranken vom Kiederrhein her Gallien sowie Spanien und drangen die Alamannen aus Siiddeutschland bis nach Ravenna vor. Wahrend so das Reich um seine Existenz kampfte, warfen sich die Legionen in den Provinzen als seine Herren auf und setzten ohne Riicksicht auf den Senat ihre Befehlshaber zu Kaisern Allgemeine Zustande des Reiches. 251 ein; diese regierten durchschnittlich nur vier Jahre und wurden fast alle ermordet. Um 260 gab es 19 Provinzialkaiser, die sich teil- -vveise gegenseitig bekampften. 2. Die materiellen Zustande; Bliite der Reehtswissenschaft. Unter diesen Umstanden sank der Wohlstand tief berab und ging die Romanisierung zuriick; bald nach dem Ende des Markomannen- krieges wird schon von verodeten Gegenden (agri deserti) ge- sprochen und die Latifundienbesitzer 1 macbten Kleinbauern zu Kolonen , d. h. Erbpachtern, die an die Scholle gebunden waren, um die Bewirtschaftung des Bodens zu sicliern. Hiezu kamen eine zwolf Jahre lang wiitende Pest, Plungersnot und wiederholte Miinzver- schlechterungen durch die Kaiser; diese konnten namlich die Be- soldung der Truppen nicbt mehr bestreiten, zumal da viel Edelmetall nach Ostasien zur Bezahlung der teuer erkauften Waren (Seide, Wohlgeriiehe, Perlen, Edelsteine) abstromte. Literatur und Kunst verfielen, nur die Rechtsivissenschaft erreichte in der ersten Halfte des 3. Jahrhunderts ihre hochste Bliite. Damals lebten die beriihm- ten Juristen Papinian, Paulus, Ulpian, die als Gardeprafelcten an der Spitze der gesamten Yerwaltung standen; sie erklarten die Bechtsquellen, sammelten Kechtsfalle und verfabten sjstematische Lehrbiicher des Rechtes. Auf dem Gebiete des biirgerlichen Rechtes forderten sie unter dem Einflusse der Philosophie (S. 135) imrner mehr den Geist der Billigkeit, 2 auf dem des offentlichen Rechtes die kaiserliche Machtvollkomnienheit.. .Die Reclit,s\vissenschaft ist das echteste Erzeugnis der Romer, deren Sinn fiir Ordnung und Zucht darin seinen schonsten Ausdruck fand. Damals erschiitterte den Staat auch der Kampf mit dem Christentume. 3. Der Staat und das Christentuin. a) Die Ausbreitung des Ghristentums. Den Boden fiir die Lehre Jesu Christi, die von ihren Anhangern unbeschrankte Ndchstenliebe verlangt, schuf die helle- nistische Zeit (S. 138); ihre rasche Verbreitung wurde durch auliere und innere Griinde gefordert. Zu jenen gelioren die weit ver- breitete Ilerrschaft der griechischen und der lateinischen Sprache, 1 Der griiBte Latifundienbesitzer war der Kaiser. Schon Plinius (S. 202) klagte. daB die Latifundien auch die Provinzen zugrunde richten; halb Afrika, sagt er, gehorte zu seiner Zeit seclis Herren. 2 Sie nahmen sich der Provinzial-Bewohner an, bezeichneten die Aussetzung der Kinder als Mord, verbesserten die Stellung dei' Frauen und Sklaven u. s. iv. 252 Die Romer. die guten Verkehrseinrichtungen des Reiches, die zahlreichen Juden- gemeinden, an die sich die Christen anlehnen konnten, und die Zer- storung Jerusalems, welclie die Zerstrenung der ersten Christen veranlaBte. Viel wiclitiger sind die inneren Griinde. Das Christen- tum ivirkte namlich durch seine Betonung der Menscheniviirde erlosend flir die Sklaven, machte die Erau dem Manne ebenbiirtig nnd verhieB allen Bekennern im Diesseits eine giitige Vorsehung, im Jenseits eine gerechte Vergeltung. Der letztere TJmstand kam dem Streben nach Versohnung mit der Gottheit entgegen, das damals im Heidentum im Kultus nnd in der Literatur Ausdruck fand. In ersterer Beziebnng ist das Eindringen von diisteren orientaliscben Kulten, wie der Taurobolien und Kriobolien, bedeutsam, bei denen ein Stier oder Widder geopfert wurde, mit dessen Blute sich der Einzuweihende wusch oder wovon er trank; in letzterer Beziehung ist das Auftauchen der neuplatonischen Philosophie wiclitig, die viele orientalisch-phantastische Anschauungen enthal.t und als das hochste Ziel des Menschen die Vereinigung mit der Gottheit in der Verziickung oder Elcstase erklarte. Daneben lebte in den unteren Standen auch jetzt noch das Heidentum fort; es ware falsch, auf Grund der Spottscliriften, die Lucian, der geistreichste der griechi- schen Khetoren des 2. Jahrhunderts, gegen den Gotterglauben ver- faBte, das Gegenteil anzunehmen. b) Die Entstehung der Seieten und die TcircMiche Organisation. Ein gefahrlieher Feind entstand dem Christentume durch das Auf¬ tauchen zahlreicher Irrlehren, die iibrigens im groJBen ganzeu auf den griechischen Osten des Beiches beschrankt blieben, da der romanische Westen philosophischen Spekulationen abhold war. Der best-e Schutz gegen die Sekten war die Organisation der Kirche. Ahnlick der Verwaltung des Reiches leiteten die kirchlichen An- gelegenheiten in den Stadten die Bischofe imd in den Mutterkirchen die Erzbischofe, deren Sprengel im ganzen den Provinzialgebieten gleich waren; liber allen diesen aber stand, dem Kaiser ahnlich, der Papst als hochste Autoritat. c) Die Christenverfolgungen. Wahrend die Romer im allge- meinen tolerant waren, gerieten sie mit dem Christentum in er- bitterte Kiimpfe. Daran war nicht der Monotheismus an sich schuld, denn das Judentum behandelten die Romer durchaus nicht feindselig. Wahrend sich aber dieses den anderen Volkern gegen- iiber abschloB (S. 131), trat das Christentum mit dem Anspruch Einzelne wiclitigere Kaiser. 253 auf, daB es die Weltreligion zn werden berufen sei. Damit war der Kampf gegen den antiken Staat, mit dem die Religion innig ver- flochten war (S. 204), ausgesprochen. Dazu kamen mancherlei Ver- leumdungen, * 1 welche iiber die Christen trotz ihres sittlich-reinen Lebens ansgestreut wurden und teilweise in deren Abneigung gegen den Heeres- und Verwaltungsdienst iliren Gr und hatten. Gleicbwohl blieb das Cliristentum, von den auf Rom beschrankten Verfolgungen unter Nero und Domitian abgesehen, im ganzen bis auf Traian un- behindert. Dieser veranlaBte die erste groBere Verfolgung, nament- licli weil die Christen sich n&ch heidnischer Auffassung einer Ver- letzung der romischen Gotter und dadurch einer Beleidigung der herrschenden Kation schuldig machten. Bis auf Decius waren die Verfolgungen gewohnlich das Werk einzelner Statthalter und daher auf die eine oder andere Provinz beschrankt. Die erste allgemeine Verfolgung leitete in der Mitte des 3. Jalirhunderts der Kaiser Decius ein, der hiezu besonders durch die Riicksicht auf das Heer bestimmt wurde, das dem Ausspruche der Priester glaubte, daB die Kot der Zeit der Duldung der Christen zuzuschreiben sei. Aber das Blut der Martyrer wurde zum Samen fiir das Evangelium. B. Einzelne wichtigere Kaiser dieses Abschnittes. 1. Se p timi us Severus (193 bis 21 1). Er gelangte er st durch aufreibende Kampf e gegen z\vei Kebenbuhler zur Allein- herrschaft; Senat und Volk errichteten ihm zur Eeier der Wieder- lierstellung des Reiches einen Triumphbogen. Die Pratorianer loste er auf und setzte aus allen Legionen auserlesene Truppen an ihre Stelle; er nahm zuerst die prokonsularische Gewalt auch iiber Italien, wo er einer Legion Standquartier gab, in Ansprucli. 2. Sein Sohn Caracalla (2 11 bis 217) verlieh zur Steigerung der Eiunahmen 2 durch die constitutio Antoniniana allen freien Bewohnern der Metropolen das Biirgerreeht (212), wodurch ein mehrhundertjahriger Entwicklungsgang seinen AbschluB fand. Er erbaute die thermae Antoninianae, eines der schonstangelegten und prunkvollsten Gebaude aller Zeiten. 1 Tac. Ann. XV, 44: exitiabilis superstitio, odium humani generis, Christiani per flagitia invisi. 1 Wiihrend die alten Steuern fortbestanden, mufiten die Neubiirger auch die Abgaben der Altbiirger zahlen, namlich die Erbschaftssteuer und die Gebiihr bei der Itreilassung der Sklaven. 254 Die Romer. 3. Aurelianus (2 7 0 b i s 2 7 5) war einer der tiiclitigsten Soldatenkaiser. Er muBte zwar Dacien den Goten iiberlassen, be- siegte aber die hochgebildete Zenobia von Palmyra, vrelche, gestiitzt auf die Erfolge ihres verstorbenen Gemahls gegen die Perser, die Errichtung eines selbstandigen Beiches in Vorderasien anstrebte. Endlieli sicberte er Kom durch eine neue Befestigung (S. 147). 284 — 476. Zweiter Abschnitt. Die Zeit der absoluten Monarehie, 284 bis 476. ISTachdem schon Iladrian, Septimius Sev er us, Aurelian und andere Kaiser sich wenig oder gar nicht mehr um den Senat ge- kiimmert hatten, wurde die absolute Monarehie durch Diocletian begrundet und durch Konstantin vollstiindig ausgebildet, olme daB die Einrichtungen beider im einzelnen genau geschieden werden kormen. Der Absolutismus war eine Kotwendigkeit geworden, da die Diarchie sich nicht bewahrt und die von Septimius Severus be- griindete Militarherrschaft durch die Erhebung der Provinzialkaiser den Staat an den Kand des Abgrundes gebracht hatte. 284—305. I. Diocletianus, 284 bis 305, und die Thronkampfe nach seiuer 307 — 324. Abdankung, 307 bis 324. Diocletian, der Sohn eines Freigelassenen, war Befehlshaber der Leibgarde, als ihn der Bat der Offiziere nach der Ermordung seines Vorgangers zum Kaiser erhob. Die von ihm begrundete Ver- fassung ist durch die Teilung des Beiches in vier groBe Verwaltungs- gebiete, die Einsetzung zahlreicher Beamten, vrodurch die person- liche Begierung des Kaisers (S. 241) zuriiektrat, und die Trennung der Živil- und Militdrgeivalt gekennzeichnet. 1. Das Kaisertum. Um die Buhe und Sicherheit des Beiches gegen die Erhebung von Provinzialkaisern und die Einfalle der Barbaren leichter erhalten zu konnen, nahm Diocletian seinen alten Waffengenossen Maximianus mit dem Titel Augustus zum Mit- regenten an; dieser leitete von Mailand aus die Yerwaltung des Westens, er selbst von Kicomedia aus die des Ostens. Jeder Augustus hatte in seinem Gebiete die volle Gewalt, ohne daB deshalb eine formliche Teilung' des Beiches beabsichtigt war. Spater setzte Dio- cletian noch zwei untergeordnete Gehilfen der beiden Kaiser, Časar en genannt, ein, Galerius im Osten, Constantius, den Vater Konstantins, im Westen, und wies jedem von ihnen einen eigenen Verwaltungsbezirk zu. Diocletianus. 255 Diocletian nahm die Bezeichnung dominus und deus dauernd an, fiihrte das orientalische Hofzeremoniell ein (S. 39), verlangte, daB jeder, der sich ihm nalite, das Knie beuge, und trng um die Štirne das Diadem, d. h. eine seidene, mit Perlen gestickte Binde. Seit Konstantin kam der Begriff der Erblichkeit des Kaisertums auf, die einstigen Mitbiirger sind ZJntertanen geworden, der TJnter- schied von Piskus und Ararium hat aufgehort. 2. Der Senat. Kicht einmal mebr als Staatsrat fand der Senat Verwendung. Von den friiheren Kecbten blieb ihm bloJB die Er- nennung der Quastoren und Pratoren, die, nacbdem Adilitat und Tribunat eingegangen waren, fast nur fiir die Spiele zu sorgen batten; die Konsuln ernannte der Kaiser. 3. Die Verwaltung des Staates; das Finanz- und Militiir- wesen. Das Reich wurde in 12 Diozesen und 96 Provinzen ein- geteilt, jene verwalteten vicarii, diese praesides; letzteren unter- standen aueb die Gemeindebeamten. Von der Entscbeidung des niederen Beamten konnte man an den hoheren appellieren. Die Beamten sprachen infolge der Beseitigung der Geschwornen selbst das Recht und besorgten die Verwaltung. Die Bezalilung der vielen Beamten und die Besoldung des stark vermebrtenHeeres erforderten eine bedeutende Erhohung der Steuern (Grund-, Vermogens-, Ge- werbesteuer, Zolle und verscbiedene Katuralleistungen) ; auch Italien ward jetzt der Grundsteuer unterworfen (S. 200). Fiir die richtige Bezahlung der Steuern liafteten die Dekurionen, d. h. die Mitglieder der stadtischen Senate (S. 213), deren Stellung eine schwere Last geworden war, so daB sicb ihr viele durcb die Flucht zu entziehen suchten. Bald nacli Diocletian gingen die Alimentar- stiftungen ein. Den Oberbefehl iiber das Heer fiihrte der Kaiser selbst oder die magistri miliium, denen duces unterstanden. So trat an Stelle der Militarregierung ein Beamtenstaat (S. 6), der die alte Gemeinde-Autonomie bald fast vollig beseitigte. All- mahlich liorten auch die Landtage auf. 4. Diocletian und das Christentum. Da sich viele Christen weigerten, als Soldaten oder stadtische Beamte Dienste zu leisten, beschloB der Kaiser, der ein fanatischer Anhanger des Heidentums war, gegen die Christen mit Gevvalt vorzugehen. So begann die heftigste und langste aller ChristenverfoIgungen (303 bis 311), die aber ebensowenig ihr Ziel erreichte wie alle friiheren. 256 Die Romer. 312 . 324 . 324 — 337 . 313 . 325 . 5. Charakter und Abdankung Diocletians. Er zeichnete sich durch sorgfaltige tlberlegung, scharfe Menschenkenntnis, riicksichts- lose Entschlossenheit und groBe Sparsamkeit aus; anderseits wird ihm Ehrgeiz und Verstellungskunst vorgetvorfen. Seine Gegner ver- folgte er mit unerbittlicher Harte. Er machte den argsten Tlbel- standen in der Verwaltung ein Ende und fiihrte zahlreicbe Bauten auf, so z. B. die prachtigen Thermen auf dem Quirinal, die fiir 8200 Badende Baum boten. JSTacli seiner Thronentsagung, die wahr- scheinlich wegen Krankheit erfolgte, lebte er in Salona, wo er sicli einen groBartigen Palast erbaute, dessen wesentlicbe Teile noch erhalten sind. 6. Die Thronkampfe. Das Svstem der Auguste und Casaren bewahrte sich nicht. Bald nach Diocletians Abdankung entstanden namlich zwischen diesen blutige Kampfe um die Herrschaft, wah- rend welcher einmal sechs Auguste die bochste Wiirde in Anspruch nabmen, bis Konstantin durch den Sieg bei Saxa rubra (312) 1 im \Yesten, dann durch einen zweimaligen Krieg mit dem Augustus des Ostens, seinem Schwager Licinius, die Alleinherrschaft im ganzen Beiche gewann (324). II. Constantinus der drofie, 324 bis 337. 1. Konstantin und das Christentum. Schon im Jahre 313 hatte er durch das Mailander Edikt die freie Ausiibung des Christen- tums gestattet. Er erbaute Kirchen und Tempel, blieb Pontifex Maximus und betrachtete die Bischofe als einen neuen Stand von Beamten, die von ihm abhangig seien. Zur Schlichtung des Streites liber die Natur Christi, dessen Gottheit der alexandrinische Pres- byter Arius leugnete, berief er das erste allgemeine Konzil nacb Nicaa (325), das unter seiner Leitung den Arianismus verwarf. Wahrend er selbst erst auf dem Totenbette die Taufe nahm, lieB er seine Sobne in der christlichen Lehre erziehen. 2. Die Griindung von Konstantinopel; der Ausbau der absoluten Monarchie. Konstantin erbaute sich durch Erweiterung des alten Byzanz eine neue Ilauptstadt, Konstantinopel, das sich beziiglich der Wichtigkeit der Lage mit Alexandrien vergleichen 1 Auf dem Zuge dahin lieB Konstantin auf den Schilden seiner Soldaten die beiden Anfangsbuehstaben des Namens Christi anbringen. Raffaels Freskobild im Vatikan. Konstantin der GroBe. 257 laBt. Im Jahre 330 wurde die Stadt eingeweiht, der Kaiser stattete sie mit einem Senat aus und lieB sie mit zahlreichen Statuen, Tempeln und Kirchen ausschmiicken. Sodann schritt er an den Ausbau der Verfassung. Den richtigen Gedanken Diocletians, die Teilung des Reiches in vier grobe Verwaltungsgebiete, behielt Konstantin bei, beseitigte aber die Auguste und Casaren und teilte das Keicb in vier Prd- fekturen , an deren Spitze je ein praefedus praetorio die oberste Verwaltung und Gerichtsbarkeit besorgte. Diese Prafekturen waren der Orient (Asien, Agvpten, Thrazien), Illprien (die Balkanhalb- insel), Italien (Italien, die Donaulander, Afrika und Kumidien) und Gallien (der Westen des Keiches) mit den Kegierungssitzen in Konstantinopel, Sirmium, Mailand und Trier. Diese Prafekturen bestanden bis zum Ausgange des Altertums. • • Seit Konstantin tibten die sieben hohen Ilofbeamten (sie leben noch jetzt in allen Ilofstaaten fort) auch einen sehr bedeutenden politischen EinfluB aus; namentlich gilt dies vom Hofmarschall, der zum Teile auch die auBere Politik leitete. Konstantin fiilirte eine strenge Rangordnung der Beamten ein, die iibrigens wegen ihrer Besteclilichkeit verhaBt waren. Perner ordnete er das zerriittete Geldwesen durch Wiederhersteliung der Goldwahrung, und zwar derart, daB der Solidus , der an Stelle des Aureus trat und 1 / 7i Pfund (S. 159) wog (ungefahr 15 K), die Grundlage bildete. Die Steuern, deren Hohe durch Ausschreibung (indictio) 1 auf 15 Jahre fest- gestellt vrarde, waren driickend, auch war es verhangnisvoll, daB Konstantin wegen Abnahme der Wehrfahigkeit der Untertanen die kriegerischen Bewohner der Donaulander und die Germanen in Menge ins Heer aufnahm, so daB allinahlich, wie bei den Bauern an der Grenze (S. 250), die hTicht-Komanen auch im Heere das Dbei’- gewiclit bekamen. 3. Charakter und Tod des Kaisers. Konstantin war herrsch- siicktig, prachtliebend, verschwenderisch (die Kaume der Hofburg lieB er mit Goldsand bestreuen), anderseits ein eifriger Forderer der Wissenschaften und Kunste, namentlich der Baukunst, ein hervor- ragender Staatsmann und Feldherr. Ein sittlich lauterer Charakter war er nicht; mehrere seiner nachsten Verwandten lieB er aus MiB- i Seit dem Ende (les 5. Jalirhunderts wurde die Jalireszahlung nach Indik- tionen liblich, wobei das Jahr 312 als Ara angenommen \viirde. Zeehe, Geschichte des Altertums. 17 258 Die Romer. 337 — 395 . 353 — 361 . 357 . 361 — 363 . 364 — 375 . 375 . trauen hinrichten. Den Beinamen „der GroBe“ verdient er deshalb, weil er die beiden weltbewegenden Krafte, die bis dahin sich be- kiimpft hatten, das Kaisertum und das Ghristentum, miteinander versohnte — eines der groBten Ereignisse der Weltgeschichte. m. Vont Tode Konstantins Ms zum Tode des Theodosius, 337 bis 395; der Sieg des Christentums und des Germanentums, die lileibcnde Teilung des Reiches. Konstantin teilte das Reich wie ein Privatgut unter seine drei Soline; aus den Thronkampfen, die zwischen ilinen ausbraehen, ging Constantius als Alleinherrsclier bervor. 1. Constantius (353 bis 361). Er wa.r ein eifriger Arianer, so daB damals der Arianismus im Osten des Iieiches seinen Hohepunkt erreichte. Als sein Vetter Julian die Alamannen bei StraBburg (357) vollstandig scblng und deslialb von den Trnppen zum Kaiser ausgerufen mirde, verhinderte nur der Tod des Kaisers den Ausbruch eines neuen Thronkrieges. 2. Ju lian u s (361 bis 363). Er war der erste griechi- sche Kaiser. Der Besueb der Rhetorenschulen, die damals das -wicb- tigste Bolhverk der heidnischen Religion vraren, und der AnscbluB an die neuplatonische Philosophie, welche die Volksgotter \vieder aufgenommen hatte, hatten ilin mit Begeisterung fiir das ITeidentum erfiillt, so daB er seine beste Kraft dem Versuehe opferte, das Ileidentum wieder zu beleben. I)ies wollte er durcb die Kacbabmung der gemeinniitzigen Einricbtungen und der Kircbenzucbt des Christentums sowie durch das Ver bot erreichen, daB Christen die Stellen von Rhetoren bekleiden; durcb dieses Verbot solite das. Cbristentum auf die ungebildeten Kreise beschrankt werden. Aber es hatte bereits zu feste Wurzeln gefaBt, aucli fand er bei den lieid- nischen Priestern nicbt die erwartete Opferwilligkeit. 3. Valentini anus I. (3 64bis37 5), ein strenger und harter ITerrscher, nahm seinen Bruder Valena zum Mitregenten im Osten an. In dieser Zeit brach infolge des Einfalles der Ilunnen in Europa (375) die Volkerivanderung aus. Im Westen sicherte Valentinian durch gliickliche Ivriege gegen die Alamannen, sein Eeldherr Theodosius gegen die Pikten und Skoten in Britannien sowie gegen die Mauren in Afrika, den Bestand des Reiches. Wah- rend sich Valentinian, obvvohl eifriger Katholik, in religioser Untergang des westromischen Beiches. 259 Beziehung neutral verliielt, begiinstigte Valens den Arianismus, der jedocli mit dem Falle des Kaisers bei Adrianopel (378) im Kampf e gegen dieWestgoten seinem Ende im romischen Reiche entgegenging. 4. Theodosius d er Gr o Be (3 7 9 bi s 3 9 5). W ahrend im Westen Gratianus und Valentinianus II., die Sohne Valen- tinians I., folgton, iibernahm die Eegierung im Osten Theodosius, der Solm des gleichnamigen Eeldherrn, der den Kampf mit den Goten beendete. Enter ihm tragen bereits fast alle Generale germa- nische Kamen. Besonders wichtig ist seine Kirchenpolitik. Er erliob namlich (380) den Katholizismus zur Staatsreligion / womit der Kampf gegen den Arianismus und das Heidentum eroifnet wurde. Kach der Ermordung Valentinians II. vereinigte Theodosius y nm letztenmal das ganze Reich, teilte es jedoch bei seinem Tode unter seine Soline Arcadius und Honorius; der erstere erliielt den Osten, der letztere den Westen, die Grenze bildete eine Linie vom meridionalen Laufe der Donau bis zur groBen Syrte. Diese Tei- lung, die durch die Verschiedenheit der Kulturspraclien in bei den Reichsteilen (S. 252) vorbereitet war, blieb von nun an dauernd. IV. Der Untergang des ivestromischen Reiches, 476. Der Sieg des Christentums bedeutete die Auflosung des antiken Staates im Innern, bald folgte auch seine Zertriimmerung durch die Germanen. Dem unfahigen Honorius (395 bis 423), der in Ravenna residierte, folgte nach einer kurzen Zwischenregierung zum letzten¬ mal ein Sprosse des Theodosianischen Tlauses, Valentinian III. (425 bis 455). Eachdem inzwischen Spanien, der groBte Teil Galliens, Afrika und Britannien von Germanen und die Donau- lander von den ITunnen besetzt worden waren, war das Reich tat- sachlich auf Iialien beschrankt, wo die Eiihrer der germanischen Soldner, zuletzt der Romer Orestes, die Kaiser ein- und absetzten. Kaurn hatte der letztere seinen Sohn Romulus Augustus zum Kaiser erhoben, so riefen die Soldtruppen, denen die begehrte Landamvei- sung in Italien venveigert worden war, den Odovachar (Odoaker) zu ihrem Fiihrer aus; dieser setzte Romulus ab, nannte sich selbst „Konig der Germanen in Italien“ und machte damit dem letzten Reste des Reiches ein Ende. So schlieBt auch die romischeGeschichte mit dem Zerfalle des Universalreiches (S. 40 und 130). 1 Deshalb erhielt er von der Kirehe den Beinamen , 3 der Grio6e“. 17 * 378 . 379 — 395 . 380 . 476 . 2G0 Die Rorner. 529 . V. Die Kultur. 1. Die Religion. Schon seit Valentinian I. wird das Heidentum als Paganismus bezeichnet, da es, von Rom abgeselien, fast nur mehr auf dem Lande verbreitet war. Bald verstummten die Orakel (um 400 wurden die sibyllinischen Blicber verbrannt) und verfielen die Tempel; der letzte Apollo-Tempel wurde (529) in ein Kloster ver- wandelt und in demselbenJahre die letzten sieben heidnischen Pliilo- sophen aus Atben ausgewiesen. Durcli den Sieg des Obristentums Avurden die sittlichen Zustande gebessert, die Ehe wieder geheiligt, die Eechterspiele allmahlich beseitigt; eine griindliche sittliche Er- neuerung fiibrte aber erst der Bund des Christentums mit dem Ger- manentum herbei. Anderseits wurde die Kirche durch den AnschluB an den Staat zum Teile verweltlicht ; was mancbe eifrige Christen veranlaBte, sich in die agjptiscbe Wiiste zuriiekzuziehen. So entstand das Monchsivesen. Em die Mitte des 4. Jabrliunderts vereinigte Pachomius die Einsiedler (Mhnachi, Eremiten) zu klosterlich- gemeinsamem Leben auf Grundlage der Geliibde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams gegen den Oberen. Ihre Lebens- aufgabe erblickten diese Monche ausschlieBlich in Gebet und Be- schauung. Auf diesem Standpunkt ist das Monchswesen des Orients bis heute geblieben ; wahrend es im Abendlande durcli den heiligen j Benedikt ein kraftiger Kulturhebel geworden ist. 2. Die Literatur, a) Das Heidentum. Wahrend die Poesie durcbaus verfallen ist (bezeichnend ist das Aufkommen der Cen- tones oder Flickgedichte, die aus Versen alterer Dichter zusammen- gestellt wurden), finden wir noch einige beachtenswerte Erschei- nungen auf dem Gebiete der Gescliichtschreibung und Philosophie. .Der bedeutendste damalige Geschichtschreiber war Ammianus Marcellinus, dessen Werk die ivicbtigste Quelle fiir den Beginn der Volkerwanderung ist. In der Philosophie herrschte der ETeu- platonismus. b) Das Christentum. Die christliche Literatur zeigt im ganzen ein erfreulicheres Bild; die vorziiglicheren Werke gehoren auch hier der Prosa an. IIieronymus, der die Bibel aus dem hebraischen Brtext ins Lateinische iibersetzte (Vulgata), machte an Stelle des Griechisclien das Lateinische zur Kirchensprache. a) Die Apologetik. Seit dem 2. Jahrhunderte fingen die Vorhampfer der Christen unter Verwertung der antihen Bildung an, Kultur. 261 das Christentum gegen die literarischen Angriffe der Iieiden durch apologetische Schriften zu verteidigen. Die Blutezeit der Apologetik beginnt mit der zweiten Halfte des 4. Jahrhunderts; ihr gehoren an Ambrosius und Hierongmus im Westen, Athanasius und Basilius im Osten und der groBte aller Kirchenvater, Augustinus, Bischof von Ilippo (f 430), der eigentliclie Philoeoph des Christentums. (}) Die Geschiclitschreibung. Am wichtigsten ist Eusebius, der eine Kirchengeschichte und eine Biograpliie Kon¬ stantine, seines Zeitgenossen, verfaBte, und zwar beide in griechi- scher Sprache. Er scbrieb die Geschichte vom Standpunkte des Christentums, dessen volliger Sieg ihm unzweifelbaft war, und tvurde dadurch das Muster fiir die mittelalterliche Geschicht- schreibung. 3. Die Kunst, a) Das Ileidentum. Es schuf nocb immer be- deutende Werke der Baukunst, dagegen konnten sich die Plastik und Malerei von dem tiefen Verfalle seit dem Ausgange des 2. Jahr- hunderts nicht mebr erholen. Die Vorliebe fiir schwer zu be- arbeitendes Material, z. B. Borpbyr, und kostbare Stoffe (Mosaik) schadigten den inneren Wert dieser Kunste; hiezu kam die Er- schopfung der antiken Welt aucb auf diesem Gebiete. So scbmiickte man den zu Ehren des Siegers von Saxa rubra erricbteten Kon- stantinsbogen mit Beliefs von alteren Gebauden (vgl. Centones). b) Das Christentum. Es machte in der Kunst von den Er- rungenschaften der heidnischen Zeit Gebrauch; mit Unrecht tvurde den Christen mitunter vorgetrorfen, daB sie die Kunst veracbtet hatten. a) Baukunst. Dem 4. Jahrhunderte gehort die Entstehung des christlicben Kirchenbaustiles an. Die altesten Kirchen werden Basiliken genannt; als ihr Vorbild dienten vielleicht die den offent- lichen Basiliken ahnlichen Baume in den Palasten reicher Romer, in denen dieCiiristen anfangs nicht sel ten zumGottesdienste zusammen- kamen. Der GrundriB der Basiliken, an dem die Kirche im wesent- lichen festgebalten hat, umfaBt: 1.) die balbkreisformige Apsis mit Sitzen fiir den Bischof und die anderen Geistlichen; 2.) den Raum fiir die Aufstellung des Altars; 3.) das Langsschiff, durch Saulen- reihen in drei oder fiinf Baume geteilt, fiir die Laien. Die flache Dedce tvurde aus IIolz hergestellt, bistveilen tvar der offene Dach- stuhl sichtbar. Die bekanntesten Basiliken sind St. Paul und St. Clemens in Bom. 430 . 262 Die Homer. (j) Die Plastik und kfalerei. Die Plastik trat im Christentume friih zugunsten der Malerei zuriick. Die Anfiinge der Malerei zeigen uns die Katakomben von Rom, die in den ersten vier J ahrhunderten Begrdbnisstdtten, niclit aber, wie man vielfach ge- meint hat, Versammlungsorte flir die Abhaltung des Gottesdienstes waren. Sie bestelien aus engen, hochstens 1 m breiten Gangen, zu deren beiden Seiten die Leicben in Nischen, die man mit einer Platte verschloB, geborgen wurden. An einigen dieser Platten findet man Basreliefs und Fresken obne kiinstleriscben Wert. Besonders haufig wird Christus als guter Hirte dargestellt; eines der schonsten Katakombenbilder zeigt ihn in der Gestalt des Orpbeus. Wenn liier noch die Symbolik, z. B. der Fiscb als Zeichen fiir Christus, liberwiegt, so zeigen uns die Basiliken einen bedeutsamen Fortschritt. Namentlich die Apsis wurde mit groBen Mosaikbildern auf Goldgrund geschmiickt, deren Inhalt der heiligen Geschichte entnommen ist. 4. Die materielle Kultur. Die materiellen Zustande waren im allgemeinen trostlos. Die vielen Kriege rafften einen groBen Teil der Bevolkerung hinweg; bald nach dem Tode Iionstantins war der achte Teil Kampaniens verodet, Apulien entvolkert, in Etrurien griff die Malaria um sich, in Oberitalien gab es nach dem Zeugnisse des hi. Ambrosius nur mehr „Leichen von Stadten“. Landwirtschaft, Idandel und Gewerbe sanken immer tiefer herab; dadurch und durch die Abnahme der Bevolkerung wurde wieder die Finanz- irnd Wehr- kraft des Keiches geschwacht. Besonders kennzeichnend ist eine kastenartige Abgeschlossenheit der Stande, indem auBer den De- kurionen und Bauern (Kolonen, S. 251) seit Konstantin aucli ver- schiedene Gewerbsleute, die unteren Beamten und Soldaten erblich an ihren Stand gefesselt waren. Der Hauptgrund hiefiir war ein finanzieller; die Dekurionen hafteten namlich fiir den Eingang der Steuern (S. 255), die Mitglieder der Gewerbsgenossenschaften fiir die diesen auferlegten Geldleistungen, die Einrichtung des Kolonats sicherte dem. Staate die Grund- und Kopfsteuer, denn die letztere muBte der GroBgrundbesitzer fiir seine Kolonen entrichten; dagegen waren die Beamten, Veteran en, Sehiffskapitane u. a. steuerfrei. Jeder lebte auf einen kleinen Itaum beschrankt, der geistige Hori¬ zont Avurde immer enger/ die Vaterlandsliebe horte auf und die 1 Noch im 4. Jahrhunderte gab es in Hom 28 offentliche Bibliotheken, seit 450 wohl keine einzige mehr. Ende des Altertums; Fortleben der Antike. 263 Germanen muBten als Befreier erscheinen, auch wenn sie sich einen Teil des Ackerlandes abtreten lieBen. So geht auch auf materiellem Gebiete die Lebenskraft des Altertums zu Ende. VI. I)as Ende des Altertums; Fortleben der Antike. Mit dem Zusammenbruclie des romischen Reiclies und der Auf- losung der antiken Welt vollzieht sich eines der ivicktigsten Er- eignisse der Weltgeschichte. Erklarungsgriinde hiefiir sind besonders der Druclc der Militar- und Beamtenlicrrschaft, die militarische Schwache des Reiches, die kastenartige Gebundenheit, die Abnahme sowie der korperliche und sittliche Verfall der Bevolkerung. Christentum und Germanentum wurden die Trager der fer- neren geschichtlichen Enttvicklung. Was die griechisch - romische Kultur auf dem Gebiete des Staates, des Rechtes, der Literatur und Kunst geschaffen hatte, ging jedoch nicht verloren, sondern wurde durch die Kirche den neu- bekehrten kraftigen Germanen vermittelt und ward dadurch ein Ilauptbestandteil der Kultur aller folgenden Zeiten. Probe der Hieroglypheri. Uberschrift des sogenannten Totenbuches nach dem Turiner Exemplare. _n ha ki? em ro. u en per em haru s. tcs jM 1 se-chu . 2 A A H <=> H I' 5 keras ■v ' 1 n ^ jl s i ak emehet per an usiri Die tlbersetzung lautet: „Anfang von den Kapiteln ttber das Herausgehen am. Tage, iiber die Erhebung der Verklarten in der Untervvelt. Sie vverden ge- sprochen am Tage des Begrhbnisses, (fiir) das Eintreten nach dem Herausgehen des Osiris (d. h. des dem Osiris gleich gewordenen Verstorbenen)." Determinative. d. h. erklarende Zusatze, die nicht gelesen werden, sind: 1. Sehreitende Beine, auf Bewegung deutend; 2. Sonnenscheibe, allgemeines Zeit- determinativ; 3. Kran mit 1 zur Erklarung des Begriffes „erheben“; 4. Deter- minativ zu „verklUrt“; 5. Pluralzeichen; 6. Determinativ ftir „Land“; Sarko- phagdeckel und Mumienbinde determinieren „Sarg“. Probe der Keilschrift. Anfang der groBen dreisprachigen Behistaninschrift. Die ersten beiden Zeilen geben eine Probe der persischen Keilschrift und Sprache, die dritte Zeile gibt die susische, die vierte die babylonische Ubersetzung. fff Tr -m v tf frr et k- -te S k s a j a) th i j (a) vfa) 5 r(a) kfa) = adam Darajavus ksajathija 2 vacraka »ich Darius der machtige Konig« HTT Btr -TTT< m < -IT W trn V Sm ^ u Da ri ja ma u ush sunku(?j ir sha ar ra = u Darijavush sunku;?) irsharra »ich Darius, der machtige Konig« T m y^T