191 «Haben sie nicht Ehrgeiz?« »Wie alle jungen Leute, Mylord.« «Das ist keine Antwort. Was wünschten Sie wohl eigentlich zu seyn?" „Ich habe diel Rechte studiert. Eine kleine An. stellung in der Magistratur wäre das höchste Ziel meiner Wünsche." „Ah! Sie wollen Necht sprechen — das Laster verfolgen — die Rechte der Bürger schützen — Das ist ein edler Ehrgeiz, dem man Genüge thun muß — " . „Wie? Mylord, Ihre Gü'te —« „Wird Ihrer Verschwiegenheit gleich kommen. Sie verstehen mich? Ich sehe es gern, wenn ein junger Mann zurückhaltend ist, wenig spricht, und ein Geheimniß zu bewahren weiß, cs sey nun klein oder groß." „Ich werde stets Ihrem Wunsche entsprechen, Mylord.« »Also Adieu. Bleiben Sie in London und las- sen Sie mich wissen, wo Sie wohnen. Morgen werden Sie von mir hören." Am folgenden , Tage empfing FranciZ in der That das Dccret zu einer Anstellung, die hoch über seinen kühnsten Wünschen war, und drei Nillcts zu hundert Pfund Sterling unter demselben Umschlage. Er eilte, seinem Wohlthäter zu danken, aber dieser unterbrach ihn barsch bei den ersten Worten. »Sprechen Sie mir niemals von Erkenntlichkeit,« ncf Lord P.; «unter keiner Bedingung berühren wir jemals diese Saite! Die dreihundert Pfund werden jedes Vierteljahr wiederholt werden." Francis konnte vor Erstaunen und Frohlocken kaum zu sich kommen. Er erschöpfte sich in Ver- muthungen über das Wohlwollen des Lords; aber er fand sie mit der Zeit alle unbegründet. Lord P. war nur kurze Zelt Witwer gebieben und vermalte sich zum zweiten Male. Bei dieser Gelegenheit ver- doppelte er die Zeichen seiner Großmuth und sei- ner Neigung für seinen Schützling und zugleich sicherte er sein Glück, indem er ihm auf seiner amtlichen Laufbahn schnell von Stufe zu Stufe half. Nach zehn Jahren bekleidete Francis eine der höchsten Stellen im Londoner Magistrate. Lord P. wurde gefährlich krank. Als er dem Tode nahe war, ließ er Francis rufen und sprach zu lhm: Ich bin mit Ihnen zufrieden und ohne Zweifel auch Sie mit mir. Sie wcrden sehen, wie ich Sie in meinem Testamente bedacht habe. — Aber zum Danke verlange ich von Ihnen einen feierlichen Schwur, daß Sie nach mcincm Tode das Geheimniß nicht enthüllen, welches Sie während meines Lebens so getreu bewahrt haben." „Ein Geheimniß?" rief Francis, ..ich weiß nicht, was Sie sagen wollen, mein Lord!« Lord P. richtete sich vom Lager aus. «Sie wollen also," rief er, »den verlangten Eid nicht schwören? — Sie sagen, Sie verstehen mich nicht, wcnn ich von jenem verhängnißvollcn Ge- heimnisse rede! — Ach, Francis — ist dieß der Dank für die Wohlthaten, die ich Ihnen erwie- sen!« — Eine gewaltsame Crisis unterbrach das Gespräch. Lord P. gab kurz darauf den Geist auf. Francis, durch die letzten Worte seines Wohlthäters in die größte Unruhe gesetzt, stellte eine geheime Untersu- chung an, und fand endlich die schreckliche Lösung des Räthsels. Lord P. hatte eines Abends bei sei- nem Landhause seine erste Frau ermordet; bei der Ausübung des Verbrechens war er überrascht wor- den, vder glaubte wenigstens, überrascht worden zu seyn, und er hatte sich eingebildet, Francis sey die- ser Zeuge, in dessen Hand seine Ehre und scin Leben stehe. .Die Sage vvm wilden Manne. Von Ioh. Kapelle. Vor vielen Jahren, erzählt man, als die Ge- genden bei Tschcrncmbl mehr bewaldet und weniger bevölkert waren, Icblc in dem nahen Gottschccr Gc^ birge ein wilder Mann, dessen Charakter das Ge- präge des Wohlwollens, Gutmüthigkcit und Ge- meinnützigkeit an sich trug. — Sein Erscheinen im Schleier der Nacht und scin wcichin hallendes Ge- schrei aus dem Gebirge, setzte die Bewohner dieser Gegenden in freudige Bewegung; denn auf seinen Ruf erhob sich Alles aus der Schlafstätte. Die Zugthicre wurden schleunigst bespannt, und mit dem Frübesten sah man alle Hände auf dem Ackerfclde vollauf beschäftigt. Man bot Alles auf, um das Feld wohl zu bestellen, denn man durste auf eine segensreiche Ernte mit Gewißheit rechnen. Drci Mal licß der wilde Mann seincn Nuf erschallen, daß er weit und breit gehört werden konnte. „Uhu! hu! huu!" schrie er, „bestellet euer Feld, arbeitet, säet viel, euer Fleiß wird euch gute Früchte, zehnfachen Lohn tragen.« Durch mehrjährige Erfahrungen im Glauben bestärkt, daß der Rath dieses wilden Mannes von segensreicher Wirkung uud sehr wohlmeinend war, ließen sich die Bewohner jener Gegenden auch thä- 192 tigst angelegen seyn, ihre Felder in möglichst culti- virten Stand zu setzen, und sparten keine Opfer, wo es sich um rechtzeitige Bestellung des Feldes handelte. Als die Zeit der Ernte herangerückt war, muß- te Fleiß und Thätigkeit verdoppelt werden, denn die Saaten gediehen so vortrefflich, daß nichts zu wünschen übrig blieb. Ungewöhnliche Fruchtbarkeit erfolgte immer bei allen jenen Fruchtgattungen, wel- che auf den Nuf des wilden Mannes der Erde zur wuchernden Vermehrung anvertraut waren. Alle Kornkammern konnten vollgefüllt und in die Zu- kunft mit Beruhigung gesehen werden, da das Be- wußtseyn zur Seite stand, daß die vollen Kornkam- mern nicht sobald erschöpft werden können. Die Leute lebten im Wohlstande, und erfreuten sich ei- nes ruhigen, sorgenfreien Lebens. Dieß alles hat- ten sie nur dem guten Nathe des wilden Mannes zu verdanken. Um diesen Nathgeber aus ihrem Bereiche nicht zu verlieren, und sich fortwährend des Wohlstandes der Behaglichkeit zu erfreuen, keimte in den Gemü- thern der Bewohner dieser Gegenden der Gedanke auf, welchen alsbald der Wunsch verdrängte, sich des wilden Mannes zu versichern und dessen hab- haft zu werden. Sie schickten sich also an, dem wilden Mann nachzuspüren, um ihm zu Leide zu kommen; aber seine natürliche Scheu vor ciuilisirtcn Menschen, dessen verwildetes Aussehen wie auch sein rauhes abstoßendes Wesen, ließen lange den geheg- ten Wunsch, hinsichtlich dessen Habhastwerdung un- besnedigt, besonders da derselbe sehr gut zu Fuße war. Es mußte also zur List Zuflucht genommen werden. Man verfertigte zu diesem Behufe einen großen ledernen Stiefel und stellte solchen an den Ort, wo der wilde Mann oftmals gesehen wurde. Einige starke Männer besetzten zugleich diesen Ort, um im Nothfalle den wilden Mann auf andere Art zu überlisten und schlugen in einem Versteck ihr La- ger auf. Der wilde Mann kam, fand aber auch zufällig den hingestellten Stiefel, welchen er sofort anzupro- biren begann. Da der Stiefel sehr groß war und nach vielfältigen Versuchen auf keinen Fuß passen wollte, siel ihm plötzlich ein, daß beide Füße darin Platz haben dürften. Mit einiger Anstrengung brach- te er wirklich den verhängnißvollen Stiefel auf bei- de Füße. Nun konnte er sich nicht rühren, alle Vcr- suche zu entkommen waren vergebens. Diesen Au- genblick ersahen die wachthabenden Männer, eilten schnell an den Ort, wo der wilde Mann in die Schlinge kam, banden ihm die Hände fest, zogen ihm den Stiefel, der seine beiden Füße in der Haft hielt, aus, und führten ihn, triumphirend über die glücklich gelungene List, mit sich fort. — Allein sie haben sich in ihren Erwartungen ge- täuscht; dem wilden Manne behagte diese neue Stel- lung nicht, und da er sich plötzlich der Freiheit be- raubt sah, verfiel er in Schwcrmuth, zu der sich sonstige auf seine Gesundheit schädlich einwirkende Zustände gesellten. Die Lcbensthätigkeit nahm all- mälig ab, bald war er nicht mehr. Seit dieser Zeit verloren die Bewohner der ge- dachten Gegend viel des vorigen Wohlstandes, von welchem nichts als die erzählte Sage uns übrig blieb. (Adler.) Geistes - Amalgame. Iaubart sagt: „Mai, liebt heutzutage mir das Colossal - Geistreiche." — Auch ein bereits im Geschmacke abgestumpfter Feinschmecker liebt nur noch daS durch eine übermäßige Mischung von Gewürzen Piquante. — Seine Abstumpfung kommt jedoch aus zweierlei Ursachen: Ent> weder hat er gewöhnliche Kost in solchem Maße verschlun- gen, oaß er den Geschmackssinn für das Feinere verlor» ooer er hat seinen Gaumen mit dem höchsten Ne>z Dar» bietenden getitzelt, daß ein höherer Neiz nicht mehr für ihn denkbar ist. Aeltern, welche von ihren K-nderi» alles nur auf dem Wege der Strenge erzwingen wollen, würden doch nicht ganz so übel thun. die Fabel vom Phöbus, VornaS u»d dem Wanderer zu lesen, welcher letztere nicht durch das Sturmwindes Gewalt, wohl aber durch die milden Strahlen der Sonne zur Abnahme des verhöhnenden Mantels bewegt worden w>,r. — DaS jugendliche Meu< o kräf- tig aussprechen. daß eines davon rein ilolirt herrsche, sondern sie meistens als Amalgame von mehren o?er allen erscheinen, so hängt auch die Liebe deS Frauenzimmers meistens von einer Mischung der genannten Anforderungen ab. Im femigen Glänze schwebte die allbelebeude Him- melskugel herauf, und weckte die Schläfer zu neuem Thuu — Freudig sprangen die einen auf zu nützlichem Werke, prei« send das erhellende Licht. Aber die andern rieben mür- risch die geblendeten Angen. klagten über die schlummer- störenden Strahlen, und warteten die Dunkelheit ab, um erst unter deren dichtem Mantel ihr düsteres Treiben fortzusehen. (Kine alte Negel ist eß. daß man ein HauS uom Grunde und nicht vom Daäistuhle aus zu bauen beginne. Ist der Grund fest, so wird er das obere Machwerk mit sicherer Leichtigkeit und unerschütterlicher Festigkeit tra- gen. — Sollte sich diese architektonische Regel nicht viel- leicht auch mit Nutzen auf Geisteswerke anwenden lassen? Th. Naprcth. N ä t h s e l. Verfertigt ist's vor langer Zeit, Doch größtentheils gemacht erst heut. Hoch schätzbar ist es seinem Herrn, Und dennoch hütet's Niemand gern. Verleger: Ignaz Alois Edler v. Kleinmayr.