F/<^"^7^>^ Ostindische Damen und Herren^ Von Dl. I. ten Mrink. Aus dem Holländischen rrn ^Wilhelm öerg. Zweiter Theil. Antlliisiite AnsZnbe. Leipng: Ludwig Dcnicke 1868. Die unterzeichnete Verlagshandlung wird unter dem Collectiv-Titel cinc Reihe von Schriften veröffentlichen, die uns mit der Natur und Cultur jener fernen Ländergebiete näher bekannt zu machen bestimmt sind. Sie beginnt die Indische Bibliothek mit dem interessanten Werke van Hocvells Äus dem indischen Leben daran schließt sich unmittelbar Dr. I. ten Brink's Ostindische Vameu und Herren während andere Wcrke in Vorbereitung sind. So sollen alljährlich cinc Anzahl Bände zu einem mäßigen Preise veröffentlicht werden mit dem ausgesprochenen Zwecke i zu belehren und zu unterhalten. Leipzig, Verlag von Ludwig Veuicke. Inäiscke Wbliotkek. in. vr. I. ten Brink Ostindische Damen und Herren. Zweiter Theil. Autorisirte Ausgabe. Leipzig Ludwig Denicke 1868. Mmdische Damen und Herren. Vier Beiträge zur Kenntniß der Sitten und Gebräuche in der europäischen Gesellschaft von Holländisch-Indien. Von Dr. Z. ten Vrink. Aus dem Holländischen von Wilhem Berg. Zweiter Theil. Autorisirte Ausgabe. Leipzig Ludwig Denicke 1868. Inhalt. 1. In dcm die Glieder einer Familie von Breda auftreten und eine junge Dame mit rothblonden Locken einen ge-scheidtcn Entschluß faßt.............. k 2. Die Passagiere des Fregattfchiffcö: Die Amphitritc diui-rcn, plaudern und gehen ausnudab, und noch etwas Erotisches................... 15 A. Iu dem eine flüchtige Beschreibung von dem Eheglücke dcS lustigen Herru Ruyteubnrg gegeben wird...... 28 4. Junker Hettor Van Sprauckhuyzeu versucht malayifch zn sprechen, ulld fällt aus einem Erstaune» in das auderc. . 42 5. Herr Nuytcul'urg und sciue Gattiu laden dao junge Ba-tavia ei», iil ihrer ^ndl>i>j>u ;u tan;eu....... 52? VI Malt. «lite lU. Mevrouw Nuyts van Wccty empfängt den doau-monde von Batavia, und bemerkt zn ihrem Erstaunen die bci- . . 144 11. In welchem Fräulein Maria Dnnsiugcr beständig ihren Kopf auf und nicdcr bewegt, uud Iuuker Eduard Pan Sprauckhuyzcn einigc uuaugcuchmc Mittheilungen erhält 164 12. Herr August Vottermaii liefert den vollständigen Beweis, daß der Iavanc nicht unterdrückt wird, und steht feinem Freunde Outshoorn in crnstcr Lebenslage mit Rath und That bei....................181 13. Fräulein Hcnricttc Mathilde Van Hilbeect verlebt die ent« fchlichste Stunde ihres ganzen 5,'ebcnS........l^9 14. Was am Abende nach dem Balle in Concordia gcfchah . 218 15. In dem Mcvrouw Nuyts Van Wccly ein Diner giebt, und Dubois einen Toast auf eiu junges verlebtes Paar ausbringt.................. 234 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Allegro con brio. .....„Kannst Du nickn Allen gefallt», Mach' ei Wemgcn reckt; Victtn aeiallz 9 Weely. „Ich werde jeden Tag ungeduldiger, um nach Batavia zu kommen!" — „Sind Sie lange in Holland gewesen?" fragte Lieutenant Schotzer mit seinem sonntäglichsten Lächeln und etwas Affektirtem in seiner Stimme. Mevrouw Van Weely sah etwas ungeduldig auf, und sagte flüchtig: — „Anderthalb Jahre!" Es erfolgte eine Pause. Jeder merkte, daß die ba-tavische Dame einen gewissen Widerwillen zeigte, um mit Schotzer zu sprechen, und die Meisten wußten auch warum. Indessen hatte Hektor Van Spranekhuyzen einen großen Vorrath von Höflichkeiten und Gemeinplätzen an Henrietten gerichtet, ohne dabei zu vergessen, dem jungen Herrn Louis in Allem nachzugeben, ihn zu bedienen, und ihm sogar zuweilen einzuschenken. Henriette antwortete nicht mehr, als die Höflichkeit erforderte, und lieh dem Gespräche zwischen Outshoorn und Mevrouw Van Weely ein eifriges Ohr. Darum warf auch der Junker Hektor zuweilen einen schnellen Blick unverkennbarer Eifersucht auf Outshoorn, aber so unmerklich, und blitzschnell, daß Niemand besonders aufmerksam darauf wurde. Aber Jener, dem diefer Blick bestimmt war, schien sich dessen vollständig bewußt zu sein, und er schien ihn nur zu größerer Ge- 2» 2ft M fliegender Mm und klingendem Spiel. sprächigkeit anzuspornen, da er immer wieder auf's Neue anfing, sobald Mevrouw Van Weely mit einer gewissen Vornehmheit das Stillschweigen bewahrte. Wilhelm Outshoorn verstand ausgezeichnet die Kunst, ein lebendiges und unterhaltendes Gespräch zu führen. Seine Stimme hatte einen angenehmen frischen Klang, und in seinen dunkelbraunen Augen strahlte ein heller Glanz, der oft ansteckend wirkte, da selbst die Missio-naire dann und wann den Kopf in die Höhe richteten, um seinen Erzählungen zu lauschen. Das Kluge und Frische seines Wesens sprach aus jedem Zuge seines Gesichts, aus jeder Geberde, aus jeder Bewegung seiner Hände. Nicht wenig trug dazu die hohe gewölbte Stirn und die über die Schläfe zurückgestrichenen braunen Haare bei, die er immer mit einer gewissen Genialität zurückwarf, so oft sie über die Stirne vorfielen. Fräulein Henriette Mathilde Van Hilbeeck betheiligte sich rückhaltlos an dem Gespräche, und da auch Mevrouw Van Weely zuweilen einige Worte sprach, oder selbst Kapitain Rommeling, der allmählig die Roulade vergessen hatte, später seine Meinung äußerte, so daß die Unterhaltung einen mehr allgemeinen Charakter annahm, so konnte es Niemand auffallen, daß die beiden jungen Leute mit mehr als gewöhnlichem Vergnügen sich zuhörten. Das Diner ging indessen Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Zj munter voraus. Man bemerkte mit Vergnügen, daß Mevrouw Van Weely ein paar gedünstete Birnen gegessen hatte, und daß der junge Herr Louis sich beim Dessert einen hübschen Vorrath von Mandeln und Rosinen in die Tasche steckte. Kapitain Nommeling tickte nun wieder an sein Glas, um das Zeichen zum Dankgebete zu geben, das in wenigen Sekunden vollbracht war. Jeder eilte auf das Verdeck zurück, während die beiden Damen erst eine kleine Weile in der Vorkajüte zubrachten, in welcher Mevrouw Van Weely freundlich einen Platz an Henrietten abgetreten hatte. Oben erwartete ein entzückendes Schauspiel die Reisenden. Die Sonne sank langsam am westlichen Horizonte nieder, und übergoß den dunkelblauen, südatlan-tischcn Ocean mit einem Strome goldigrothen Lichtes. Jede Woge war mit einem breiten Streifen Gold und Purpur gesäumt, und bei jeder Bewegung der Wellen flössen alle diese glänzenden Farben so zauberhaft in einander, daß ein Regen von Edelsteinen auf der Oberfläche der See ausgestreut schien. Die Amphitrite durchschnitt die Wogen in schneller Fahrt; sie hatte alle Segel aufgesetzt, und wurde durch die volle Kraft des Nordostpassates fortgetrieben. Vorn bei der SchifMche saß ein Theil des Schiffsvolks auf den leeren Wassertonnen, und stimmte zuweilen ein kräftiges Lied an, dessen 22 Mit stitgtndtl Fahnt und klinglnbcm Spill. ganzer Inhalt glücklicherweise durch das Rauschen der Wogen verloren ging. Die Passagiere hatten sich nach allen Seiten hin vertheilt. Kapitain Rommeling saß auf der Kampanje und rauchte seine deutsche Pfeife mit einem außergewöhnlich glückselig dummen Gesichte, da er zum Schlüsse mit /einem Diner versöhnt war, und das Schiff zehn Knoten lief. Neben ihm befand sich der junge Herr Louis, der über die Brüstung hinweg ins Wasser sah, und sich damit belustigte, kleine Stückchen Holz an einem Bindfaden im Meere treiben zu lassen, zuweilen ein ftaar Mandeln aß, und endlich hinunter ging, um auf den Gesang der Matrosen bei der Schiffslüche zu lauschen. Auf dem Zwischendecke liefen Junker Heltor, Schotzer und der Doktor eifrig hin und wieder. Beide Herren Officiere beschäftigten sich sehr lebhaft mit den Damen. — „Mevrouw Van Weely ist unausstehlich!" — rief Schotzer. „Und was ist denn Fräulein Van Hilbeeck?" — fügte Junker Hektor hinzu. — „Aber ein verteufelt nettes Mädchen!" brummte der Doktor, ein kleines Männchen mit einem brutalen, pockennarbigen Gesichte. Im Uebrigen war er sehr kor- Nit fliegend« Fahne und klingendem Spicl. HI pulent und trug an sich keinen sichtbaren Beweis von Leinenzeug. — „Sie schwatzen Abends immer mit Outshoorn, es ist ganz augenfällig!" — fiel der Doktor wieder ein. „Im Anfang der Reise sahen sie ihn gar nicht an, aber nun sind die Herren ohne einen triftigen Grund in Ungnade gefallen." Der Doktor sagte diese Worte mit einem sehr gleich-giltigen Gesichte, aber in seinen kleinen grauen Augen glänzte ein guter Theil schlecht verborgener Schabenfreude. „Weil wir spät am Abend auf der Kampanje bei einer Flasche sitzen geblieben sind, oder weil Hektor dem Gouvernantchen vielleicht gar zu auffällig den Hof machte, — das war es!" fiel Schotzer mit einer Verwünschung ein, die sehr nach einem groben Soldatenfluche klang. — „Sie mag sich hüten!" — nahm Junker Het-tor das Wort. — „Sie kommt in Batavia zu einem speciellen Freunde meines Bruders Eduard, zu dem Herrn Ruytenburg! Wir sehen einander schon wieder!" — „Thee! meine Herren!" Es war der Kellner, der ein Präsentirbret mit kolossalen Theetasfen herumreichte, und für den Augen« Zz M ssiegcndtr Fahne und klingendem Spicl. blick die erregte Stimmung der drei Herren etwas abkühlte. Wilhelm Outshoorn stand ganz allein auf dem Hinterdecke. Das Schauspiel der untergehenden Sonne fesselte ihn so vollkommen, daß er auf seine Umgebung wenig Acht gab. Auch Mevrouw Van Weely und Henriette waren herauf gekommen und starrten schweigend in die See. Die große goldne Scheibe war noch halb über dem Horizont, sank aber mit beinahe sichtbarer Schnelligkeit. Noch einmal glänzten Ströme einer lichten, rothgoldnen Gluth über alle Spitzen der Wellen und plötzlich verschwand das letzte Fleckchen Sonnenfeuer hinter dem Horizonte. Ein sanftes Rosenroth erglänzte noch lange am Himmel, das Meer färbte sich immer dunkler, und hoch über dem Besan-mast funkelte schon ein silbernes Sternbild. — „Und wir klagen noch immer über das Einförmige unsrer Reise!" sagte Henriette, als sich die beiden Damen in den ostindischen Lehnstühlen niedergelassen hatten, die auf dem Hinterdeck bei der Kampanje standen!" — „Diesen Vorwurf verdiene ich nicht!" — fiel Outshoorn ' ein. der sich neben Mevrouw Van Weely auf einen Feldstuhl gesetzt hatte. — „Ich habe immer behauptet, daß das Meer unerschöpflich ist an reichen Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Z Z Bildern — wäre die Luft immer so hell als heute, — so würden wir öfter einen solch' herrlichen Sonnenuntergang genießen! Es gewährte mir früher in Holland großes Vergnügen, zuweilen auf dem A zu treiben, aber niemals habe ich einen Abend wie heute erlebt!"— — „Kommen Sie aus Amsterdam, Herr Outs-hoorn?" — fragte Mevrouw Van Weely. — „Ja, Mevrouw! Ich habe meine Jugend dort verlebt. Später habe ich in Delft studiert!" — „Thut es Ihnen nicht leid, Holland zu verlassen?" - ^, ,^: ^ — „Nur sehr wenig! Ich stehe ganz allein in der Welt. Schon im scchszehnten Jahre war ich Waise und mußte ganz allein für mich selbst sorgen!" — .','?:>-!- „Ist Ihre Familie aus Amsterdam?" — „Aus einem alten amsterdamschen Geschlechte. Wenn ich aristokratisch gesinnt wäre, könnte ich mich rühmen, daß einer meiner Voreltern im siebzehnten Jahrhunderte Generalgouverneur von Indien war!" — „Und nun wollen Sie auf demselben Boden Ihr Glück versuchen? Wenn Sie nicht gar zu große Erwartungen mitbringen, dann glaube ich, wird es wohl gehen!" — „Darf ich Ihnen gleich darauf erwiedern, daß Iß Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ich eigentlich gar keine Erwartungen habe, und daß es schon besonders schlecht ausfallen müßte, wenn ich mich enttäuscht sähe! Ich habe in meiner Jugend viel ersah-ren, und bald gelernt, mit Wenigem zufrieden zu sein. Bis jetzt habe ich mich immer bemüht, anständig durch die Welt zu kommen — aber ich weiß wohl, daß man noch etwas Höheres, noch etwas — Edleres erstreben muß!" Outshoorn hatte sehr lebhaft gesprochen; nur die letzten Worte klangen sanfter und schüchterner, als alles Vorherige. Sein Blick richtete sich einen Augenblick auf Henrietten, die scheinbar in tiefen Gedanken den herrlichen Sternenhimmel bettachtete, aber doch kein einziges Wort der Unterhaltung verloren hatte. Auf einmal fand Mevrouw Van Weely, daß es kalt wurde, und daß sie ihren Chäle holen, aber daß Henriette still sitzen bleiben müsse, und sie selbst in der Kajüte nachsehen wolle. Die beiden jungen Leute blieben allein. — Kapitain Rommeling saß auf der Kampanje, und trank mit den zwei Officieren und dem Doktor ein Gläschen Wein; dabei sprachen sie so angelegentlich mit einander, daß niemand Outshoorn oder die Damen bemerkte. — „Und war es Ihnen nicht schwer, Ihre Familie zu verlassen?" frug Outshoorn ein wenig zögernd. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 27 — „Ich habe mich schwer von meiner Mutter getrennt —" antwortete Henriette mit einem tiefen Seufzer. „Aber es war zum Besten Aller. Nur so kann ich das Ziel erreichen, das ich mir zum Nutzen meiner Eltern vorgesteckt habe." — „Wie ich Sie beneide, daß Sie einen solchen herrlichen Lebenszweck gefunden haben! Von meiner frühesten Jugend an habe ich immer allein gestanden, und immer mit doppelter Trauer die Liebe meiner früh verstorbenen Eltern vermißt. Liebe zu erweisen, zu erfahren, zu lieben mit der ganzen Hingebung des Herzens ist seit lange mein herrlichstes Ideal. Ich habe nur das kühle Interesse fernstehender Verwandten genossen; die vorübergehende Begeisterung einer leidenschaftlichen Studentenfreundschaft.....wann endlich wird das sich ändern.....wann?" — „Ich kann es nicht begreifen, wie sich Jemand darüber so ernstlich sorgt.....wer weiß....." — „Entschuldigen Sie, Henriette, daß ich Ihnen in die Rede falle — daß ich Ihren Namen ausspreche — aber sehen Sie, wenn Sie wollten, könnten Sie so unendlich viel thun, um mir eine selige Aussicht zu eröffnen — aber das wage ich nicht zu hoffen, das wäre zu schön---------------zu glücklich, nicht wahr?" Der Doktor hatte grade eine besonders lustige, kli- 28 M fliegender Fahne und klingendem Spiel. msche Anekdote erzählt, und das ausbündige Lachen und Jauchzen der Weintrinker auf der Kampanje verhinderte Outshoorn, ihre Antwort zu verstehen. III. In dem cine finchlige Beschreibung von dem Eheglücke dcs lustigen Herrn ÄuMnßurg gegeben wird. Beinahe zu gleicher Zeit kommen zwei schöne Equipagen an dem Gasthofe des Landungsplatzes zu Ba-tavia vorgefahren. Aus der ersten stieg ein langer, magerer Herr mit einem schwarzen Zeugrocke, weißen Pantalons und weißer Weste. Er blieb einen Augenblick im Schatten stehen und wartete, bis sein Diener ihm einen kleinen weißen Strohhut gereicht hatte. Dann befahl er demselben Diener, ihm einen großen p^'onF mit dunkelblauen Streifen über den Kopf zu halten und eilte dann schnell durch die heiße Morgensonncngluth nach dem Ufer der in einen Kanal umgeschaffenen Flußmündung, welche den Strand mit der Rhede ververbindet. Da lag, gerade dem Gasthof gegenüber, ein kleines Dampfboot bereit, das bestimmt war, Passa- Nit fliegender Fakne und klingendem Spiel. ZI giere nach den Schiffen auf der Rhede von Batavia zu bringen, oder um ankommenden Reisenden die Gele« genheit zu verschaffen, an den eigentlichen Landungsplatz ^ zu gelangen. Indessen war ein anderer Herr aus dem zweiten Wagen gestiegen; er war eben so mager und schmächtig, als der erste, aber volle zwei Fuß kleiner. Er war ganz in Weiß und trug den sonderbarm weißen Sonnenhut, der von den englischen Bewohnern Batavia's so sehr geliebt wird, und einen so sprechenden Familienzug mit einer umgekehrten Salatschüssel darbietet; doch war der Träger dieses Hutes kein Engländer, wie sich bald deutlich herausstellte, als er schnell den Weg zurücklegte, den ersten Herrn mit dem schwarzen Rocke einholte und fröhlich im reinsten holländischen Accent ausrief: — „Guten Morgen, Herr Nuyts Van Weely! Die Amphitrite hat uns schön überrascht, he?" — „Außerordentlich, Herr Ruytenburg; ich hatte sie nicht so schnell erwartet. Es ist recht angenehm für die Passagiere!" — „Sie erwarten Ihre Frau Gemahlin und Ihr Söhnchen Louis?" 1 Boom. 34) Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. — „Ganz recht, Herr Ruytenburg! Holen Sie auch Jemanden ab?". — „Einen Bruder meines Freundes Van Spranek-huyzen und eine neue Gouvernante!" Unter diesen Gesprächen waren die beiden Herren über das ausgelegte Brett an Bord des Dampfschiffes gegangen. Augenblicklich darauf wurde das Zeichen zur Abreise gegeben, und die Räder bewegten das braune schmutzige Wasser des Kanals, welcher den stolzen Namen „Hafen" trägt. Es wurde nicht viel Wichtiges zwischen dem Herrn Nuyts Van Weely und unserm alten Freunde Ruytenburg verhandelt, während sie sich unter dem Zelte auf eine Bank niedergesetzt hatten. Man schenkte der Art und Weise ein Wort der Erwähnung , wie der Bericht von der Ankunft der Amphi-trite zu Jedem von Ihnen gekommen war, und gelangte zu der Überzeugung, daß Beide ungefähr um sieben Uhr die Botschaft erhalten hatten. Man sprach abgemessen ruhig, da Ruytenburg und Herr Van Weely sich nur sehr selten sahen. Dazu kreuzte der Letztere seine Arme sehr vornehm über seiner weißen Weste und sah so eifrig nach den chinesischen Djonkm, die an der rechten Seite des Kanals am Ufer lagen, als ob er mit hochwichtigen Gedanken beschäftigt wäre und Schweigen bewahrt wünschte. Der etwas scharfe Ausdruck Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. g^ seiner Gesichtszüge, denen man übrigens einen gewissen Adel nicht absprechen tonnte, hielt überdieß schon die fröhliche Schwatzlust des Herrn Ruytenburg im Zaume. Nach einer Weile Herumdampfens in der offnen See auf der Rhede von Batavia, zeigte der Kapitain des kleinen Dampfschisses auf eine stattliche Fregatte, die in geringer Entfernung ruhig vor Anker lag. Das Dampfboot hielt an und wenige Augenblicke fpäter standen beide batavische Herren auf dem Mitteldeck. Herr Van Weely hatte sogleich seine Gattin umarmt und sein Söhnchen in die Höhe genommen — da der junge Hen Louis besonders klein war, und wohl niemals hoffen konnte, seines Vaters Länge zu erreichen — aber er that Alles mit soviel Würde und stiller Rührung, daß Kapitain Rommeling, der herzugeeilt war, um sein Kompliment zu machen, ruhig nach dem Hinterdeck zurückkehrte, um eine bessere Gelegenheit abzuwarten. Ruytenburg hatte sich indessen umgesehen und Niemanden bemerkt, als einen schmutzigen Schiffsjungen, der einen Korb mit Tellern nach der Schiffsküche schleppte — und nicht fern von diesem eine ganz europäisch gekleidete Dame mit lebhaften blauen Augen und rothblonden Locken. Es war Henriette, die jetzt ganz allein stand, und ohne Verlegenheit den Neuangekommenen I 2 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Herrn in Weiß von Kopf bis zu den Füßen musterte. Ruytenburg ging sogleich auf sie zu und fragte: — „Sind Sie Fräulein Van Hilbeeck?" — „Ja, mein Herr!" — „Willkommen in Batavia! Ich bin Nuytenburg. Wir erwarteten Sie nicht sobald, aber es ist mir höchst angenehm, daß Sie da sind. Die Kinder haben Sie sehr nöthig!.....Aber wo ist Herr Van Spranek- huyzen, er ist doch mitgekommen?" — „Junker Van Spranekhuyzen hat die Reise mit uns gemacht. Die fünf Herren Passagiere sind vor einer halben Stunde mit einem Nachen an's Land gerudert!" In diesem Augenblicke näherte sich Herr Van Weely mit seiner Gattin und seinem Söhnchen, und nun folgte eine Vorstellung, bei welcher Henriette auf sehr herzliche Weise mit dem vornehmen Gerichtsbeamten bekannt gemacht wurde, während Ruytenburg nur eine steife Verbeugung empfing. Einige Zeit nachher ging die Gesellschaft an Bord des Dampfschiffes um nach Batavia zurückzukehren. Henriette hatte auf der Bauk unter dem Zelte Platz genommen, und sah mit theil-nahmsvoller Neugierde auf die Dinge, die kommen sollten. Die Familie Nuyts Van Weely hatte sich auf die Seite zurückgezogen und sprach flüsternd mit der Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. IZ frohen Erregung des Wiedersehens. Ruytenburg war ein wenig verstimmt über die Abwesenheit des Junker Hektors Van Spranekhuyzen. Er hatte dessen Bruder Eduard versprochen, den jungen Officier zu bewillkommnen, da er mit demselben Schiffe eine Gouvernante erwartete. In einiger Entfernung auf- und abwandelnd, betrachtete er Henrietten aufmerksam. Im Geheimen freute er sich darüber, daß sie so gut aussah; solch' eine Dame wünschte er sich in sein Haus. denn er hatte einen Ekel vor düstern, häßlichen Gesichtern. Sie war zwar etwas sehr »daar8ok«i gekleidet, aber das würde vielleicht guten Einfluß auf seine Frau haben, die Tagelang in Kadaai und saronF blieb. Ob die zwei zusammen Harmoniren würden, wagte er nicht zu bestimmen, aber das Mädchen hatte etwas Frisches und Offenes, was er gut leiden konnte. Henriette hatte indessen auf den Damm geblickt, der den Kanal schon in See abgrenzt, und sie verwunderte sich über sich selbst, daß sie vor der schweren Aufgabe, der sie entgegen ging, so wenig bange war. Aber ihre Gedanken schweiften nach etwas ganz Anderem hin — nach einer frohen Hoffnung, die sie in der verborgensten Tiefe ihres Herzens trug — und dann l S. oben. Indische Vibln'chct. III. 3 I^ Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. dachte sie mit zärtlicher Rührung an die feurige Liebe, die ihr Wilhelm Outshoorn an Bord der Amphitrite bekannt hatte — dem sie ohne Zögern ihre Hand geschenkt, weil auch ihr Herz für ihn gesprochen hatte! .....Dann dachte sie auch an das freundliche Wohlwollen von Mevrouw Van Weely, der man das wichtige Geheimniß anvertraut, und welche Alles mit feinem Takte geordnet hatte. Von dieser ausgezeichneten Freundin war ihnen Beiden an's Herz gelegt worden, weder an Bord, noch in Vatavia etwas von ihren Beziehungen merken zu lassen, da Ontshoorn als Beamter der zweiten Klasse, im Anfange wenigstens, an keine Heirath denken konnte. Nicht minder ging der Rath dieser mütterlichen Freundin dahin, eifrig und fleißig zu arbeiten und zu schweigen, bis Outshoorn's Beförderung ihm das Recht geschenkt habe, sie als seine Gattin heim zu führen. Nun war das kleine Boot dem Landungsplatze genähert, und Henriette hatte ihr Auge unwillkürlich auf die fremden Schiffe gerichtet, die in dem Hafen lagen, auf das fremdartige steinerne Gebäude mit seinen Nebenhäusern , von der ihr der Herr Ruytenburg nun erzählte, daß hier die niederländische Douane gewöhnlich das Gepäck der europäischen Reisenden untersuchte. Es war ihr unmöglich gewesen, ihre Koffer gleich mit sich Mit fliegender Fahne und klingendem Spicl. gg zu nehmen. Ruytcnburg hatte kurzweg versichert, daß er sie nicht in seinen: Wagen unterbringen könne, und daß schon Maßregeln getroffen wären, um sie ohne Aufenthalt nachkommen zu lassen. Henriette war sehr wenig an glänzende Toiletten gewöhnt, und kümmerte sich nicht viel um prunkenden Putz — aber jetzt ließ das drückende Gefühl von Hitze sie doch wünschen, ein leichteres Kleid angezogen zu haben, als das geliebte Blaue, und schon längst hatte sie den weißen Chale abgelegt, den sie an Bord nach holländischer Sitte fest zugesteckt trug. Glücklicherweise hielt sie auf den Rath von Mevrouw Van Neely ihren eleganten runden Strohhut in der Hand, obschon es ihr sehr sonderbar vorgekommen war, am hellen Tage in bloßem Kopfe an's Land zu gehen. Indessen hatte das kleine Boot wieder angelegt und man ging, nicht ohne besondere Höflichkcitsbezeugungen von Seiten Ruytenburg's, an's Land. Sogleich nahten die beiden Wagen. Henriette empfing erst noch die herzlichsten Händedrücke der Van Weely's und sah dann einen Malayen in einem lilla daaäMi einen fremdartigen Sonnenschirm über ihre Köpfe halten, während Herr Ruytenburg sie einlud, ihm nach seinem Wagen zu folgen. Als Henriette saß und die Pferde in gestrecktem Galoppe dahinsausten, machte sich die Vor- 3* gß Mit fliegender Fahne und klingendem Spill. stellung von ihrem zukünftigen Wirkungskreis auf's Neue geltend. Zuerst warf sie einen Blick auf den kleinen Herrn mit dem pergamentfarbigen Gesichte, welcher an ihrer Seite saß. Es sprach nichts Furchterweckend es aus diesem Wesen, im Gegentheil, ein gutmüthiges Lächeln spielte um seine Lippen, und aus seinen kleinen grauen Augen glänzte das lebendigste Verlangen, freund-lich und zuvorkommend zu sprechen. Man hatte die Wkoo8 und Packhäuser von Altbatavia schon längst im Rücken, und fuhr durch das chinesische Viertel nach Molenvliet zu. Sie hatte, soweit es das sorgfältig niedergelassene Schirmleder des Wagens zuließ, ihren Blick auf eine Truppe chinesischer Fußgänger gerichtet, auf die chinesischen Wohnungen, auf Koeiis mit Körben voll Pisang's und Ramboetan's, und schien über das fremdartige Bild, was sich von allen Seiten vor ihr auftollte, sehr bettoffen zu sein. — „Ganz anders als in Holland, he?" — sprach Ruytenburg, der ihre Bewegung bemerkt hatte. — „Und doch lauge nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Welch' ein glänzender Sonnenschein, er blendet meine Augen! Die Männer mit den nackten Rücken müssen gewiß sehr darunter leiden!" — „Die Xoe1i8 da? Ganz und gar nicht; sie sind daran gewöhnt. Sie leiden darunter nicht. Hier in Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. I^ der Umgegend wohnen meistens Chinesen. Sehen Sie das große Haus dort mit dem Thore und dem Garten; da wohnt ein steinreicher, chinesischer Kaufmann." — „Ich finde die Chinesen häßlich mit ihren weißen Kitteln und langen Zöpfen!" — „Ein Nationalkostüm, Fräulein Van Hilbeeck! Strohhut, Zopf, weißer Kadaai und weite blaue Hose — so schwärmen sie hier seit Jahrhunderten durch Ba-tavia und haben gute Geschäfte gemacht, ausgezeichnete Geschäfte!" — „Ist das dort eine java'sche Frau?" — „Die auf dem Damme am Flusse hinläuft? Neiu, das ist eine malay'sche Frau, aber es ist nicht viel Unterschied zwischen Beiden — sie sehen Alle chokoladenbraun aus, tragen Allen lange daach'sn« und 8ar0NF8, haben Alle das schwarze Haar hintenüber gekämmt und in einem lionäek (Haarbüschel) zusammengebunden — halten Alle einen p^'on^ über den Kopf, und schleifen Alle die kolossalen braunen Füße langsam durch den heißen Sand!" — „Welch' prächtige Bäume, dort, an der andern Seite!" Henriette wies auf eine Gruppe Klapper- und Obstbäume, die auf der andern Seite neben einem langen einstöckigen europäischen Hause standen. Ruytenburg «,L M fliegender Fabnc und klingendem Spiel. vergnügte sich herzlich an dem angenehmen Klänge ihrer Stimme und an der offenen Ruhe, mit der sie zu ihm sprach — so daß er wirklich sein Möglichstes that, um sie über das Fremde, was sie umringte, aufzuklären. Der Wagen rollte indessen schnell voraus. So lag auch Molenvliet schon im Rücken, und das weißgetünchte, pseudo'klassische Gebäude der Gesellschaft „Harmonie" zeigte sich. Henriette hatte ein dunkles Gefühl, daß sie sich dem Orte ihrer Bestimmung nahe, und fühlte eine nervöse Unruhe bei dem Gedanken, daß sie bald in der Gegenwart von Mevrouw Ruytenburg, der Mutter ihrer Eleven sein sollte. Aber in demselben Augenblicke erhob sich auch aller Stolz ihres jungen, entschlossenen, unerschrocknen Mädchenherzens; und sie erwartete ohne Furcht den Augenblick, in welchem der Wagen an einer jener malerisch mit indischen Baumwert umrahmten Villa's vorfahren sollte, welche sich jetzt zu beiden Seiten des Weges zeigten. Ruytenburg besaß eine ausgezeichnet gut eingerichtete Wohnung auf Tanabang. Er wandte sich zu Hen-rietten, uin ihr anzuzeigen, daß sie zu Hause sei — der Wagen fährt rasselnd über Kiesewege in einem prächtig unterhaltenen, tropischen Garten, und steht endlich an der Vorgalerie einer ansehnlichen, batavischen Herren« Wohnung still. Der Bediente mit dem pajonF springt Mit fliegende? Fahne und klingendem Spiel. Ig schnell hervor. Ruytenburg's Gesicht nimmt eine vornehmere Miene an, obgleich er der neuen Gouvernante mit zuvorkommender Höflichkeit beim Aussteigen behilflich ist. Dann ersteigen Beide die drei marmornen Stufen der Vorgalerie und nun geht der Herr des Hauses durch einen geöffneten Eingang nach einer innern Galerie voraus, wo ras gedämpfte Licht und die vielen bequemen Ruhestühle und Sofas unwillkührlich den Gedanken an Ruhe, Kühle und Stille in Henrietten erwecken. Ruytenburg öffnet ein Glasthür und tritt in die pendoppo. Hier bot sich Henrietten ein sonderbares Schauspiel dar. Sie betrat einen glänzend weißen marmorneu Fußboden, und befand sich in einer Art weiter Halle, die an drei Seiten der Luft freien Zutritt gewährte, obgleich an der Sonnenseite breite Rouleaux niedergelassen waren, um die Hitze abzuhalten. Das Dach der Halle ruhte auf schlanken eisernen Säulen — Schaukelstühle. Ruhebänke, kleine Tische uud Blumenvasen waren überall verschwenderisch placirt. Sobald Ruytenburg einige Schritte vorwärts gethan hatte, blieb er vor einer Gruppe Personen stehen, welche die Aufmerksamkeit Henriettas im höchsten Grade in Anspruch nahm. Auf dem marmornen Fußboden waren Matten ausgebreitet, und auf diesen saßen fünf malayische «n 'Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Frauen, die eifrig beschäftigt waren, zuzuschneiden, zu nähen. In der Mitte derselben stand eine korpulente, kleine Dame mit lichtgelbem Gesichte, dicken Lippen, schweren Augen und hängendem Haare — in dem Mor-gengewande einer Indierin: dem weißen kad^i, dem gelbgeblumten sarong und den goldgestickten Pantoffeln von rothem Sammt. — „Betsy, hier ist unsre neue Gouvernante, Fräulein Van Hilbeeck!" Ruytenburg sprach diese Worte viel mürrischer, als Alles, was er bis jetzt im Wagen gesagt hatte. Die kleine, korpulente Dame wendete sich ein wenig um, besah Henrietten von Kopf bis zu den Füßen und machte eine sehr gezwungene Begrüßung. Henriette fühlte, daß eine leichte Rothe ihre Stirn bedeckte, aber sie verneigte sich, obschon kurz und flüchtig. Rnytenburg ging langsam voraus, seine Frau folgte, und Henriette schloß sich ihnen an, und verlor in Verwirrung und Erstaunen für einen Augenblick ganz den Lauf ihrer Gedanken und Betrachtungen. Aber der Herr des Hauses winkte ihr mit der Hand, und wies ihr einen Platz auf dem Sofa an, während er für sich selbst einen Stuhl herbeischob, und es ganz der eigenen Wahl von Mevrouw Ruytenburg überließ, wo sie sich niederzusetzen wünschte. Die Letztere ließ sich in einen Schaukelstuhl bei dem Sofa Nit flicgcndcr Fahne und klingendem Spiel. 41 fallen, und sah gleichgiltig auf die Ringe ihrer kurzen, dicken Finger. — „Das Zimmer des Fräuleins ist in Ordnung he?" — frug Ruytenburg noch barscher. — »806äak!«1 antwortete die dicke Dame mit etwas Scharfem und Bitterem in der Stimme. — „Nun, dann glaube ich, daß sich das Fräulein erst ein wenig uach ihrer Bequemlichkeit einrichten muß — das Fräulein wird wohl müde sein! Es ist jetzt elf Uhr, und noch überflüssig viel Zeit. Ich muß in die Stadt — um vier Uhr komme ich zurück, dann werde ich die Kinder selbst zu dem Fräulein bringen!" Mevrouw Nuytenburg schaukelte hin und her. Herr Ruytenburg stand auf, und sah Henrietten, die auch aufgestanden war, an. Dann frug er sie, ob sie die für sie bestimmten Zimmer in Augenschein nehmen wolle, und Beide verschwanden dann in einem überdeckten Durchgang an der Seite der psnaoppo. l Unübersetzlich; vielleicht hier wiederzugeben mit: „Schon-lange in Ordnung!" Der Verfasser. 42 M fliegender Falme und klingendem Spiel. IV. Junker Heklor Van SpraneklMM versucht malaljisch z» spreche», nud fiiHt aus einem Erstaunen iu das Andere. Es war ungefähr vier Uhr desselben Tages, an dem die Amphitrite auf der Rhede von Batavia angekommen war. Ein Miethwagen mit außerordentlich kleinen und mageren Pferden fuhr träge Pasar Scnen entlang der Richtung von Kramat zu. Ein einzelner Herr saß in demselben. Er trug die Uniform der holländisch-indischen Artillerie, und hatte sich so bequem als möglich in den Wagen zurückgelegt. Seine Gesichtszüge waren nicht unangenehm, sein aschblonder Schnurrbart und sein gleichfarbiges, lockiges Haar, feine frische, rothe Gesichtsfarbe, seine weitgeöffneten, lichtblauen Augen und ein gewisser Anfing von leichtsinniger Nonchalance bildeten ein Ensemble, welches zwar keinen großen Grad von Achtung und Vertrauen erweckte, aber doch auch durchaus keinen Argwohn oder gar Zwist aufkommen ließ. Er richtete sich in die Höhe, als der Wagen über die Brücke von Kramat rollte, — wir erkennen ihn augenblicklich — es ist der Junker Hektor Van Spranekhuyzen. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 43 Als die Amphitrite ihre Anker niedergelassen, hatte seine Ungeduld nicht der Versuchung wiederstehen können, sogleich mit einem Boote nach Batavia überzuruderu. Sein Freund Schotzer, die zwei Missionaire, selbst Outshoorn, hatten sich ihm aus verschiedenen Gründen angeschlossen. Er erwartete nun wohl, daß sein Bruder Eduard, der bereits sieben Monate in Indien war, ihn freudig begrüßen würde — aber faktisch war es, daß sich beide Brüder nur sehr selten geschrieben hatten, so daß Hektor nicht einmal die Wohnung seines Bruders kannte, oder in welchen Verhältnissen er ihn antreffen würde. Es war ihm bekannt, daß Eduard in der herzlichsten Weise von dem Herrn Ruytenburg aufgenommen war, daß es ihm vor der Hand gut ging, und daß er im Gouvernements-Sekretariat angestellt war. Darum hatte auch unser Lieutenant nicht gezögert, sich sogleich an's Land zu begeben, um selbst Nachrichten über seinen Bruder einzuziehen. Nachdem die Missionaire und Outshorn auf verschiedenen Wegen sich von ihm getrennt hatten, hatte er sich mit Schotzer zuerst in's Hotel der Niederlande begeben; dann hatten sie zusammen berathschlagt, was ferner zu thun sei, hatten sich bei ihren Vorgesetzten angemeldet, und dann war jeder zur Aufsuchung seiner Freunde und Bekannten ausgegangen. Er hatte glücklich Eduards Adresse ent- 44 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. deckt, und jetzt führte ihn der Wagen zu dessen Wohnung in Kramat. Junker Hektor Van Spranekhuyzen widmete den fesselnden, wildfremden Bildern, die sich zu beiden Seiten des Wagens vor ihm aufrollten, nur ein oberflächliches Interesse. Er war viel gereist, und mit aristokratischer Geringschätzung gewöhnt, sich über Nichts zu verwundern. Er fand/daß Altbatavia ein abscheulich häßlicher Ort sei; er fand ferner die malayischen Fußgänger, Männer und Frauen lächerlich plump und abscheulich — nur Nijswijk und der Waterlooplatz hatten ihn ein wenig befriedigt. Er hoffte Alles Gute von seiner Versetzung zu dem indischen Lager, da er viele Briefe von Freunden mitbrachte, und auch sehr viel auf Ruytenburg rechnete, der auch seinem Bruder fortgeholfen hatte. Sein kleines väterliches Erbtheil hatte er fchon lange durchgebracht, und da sein Gehalt als zweiter Lieutenant ihm in Holland keinen glänzenden Wohlstand versprach, hatte er beschlossen, sein Glück in Indien zu versuchen, dabei spielten natürlich die Gedanken an lipiappeu' große Reichthümer, Heirath und Protektion eine unbestimmte aber großen Rolle. Glücklicherweise hatte er keine ansehnlichen Schulden im Mutterlande zurückgelassen, wie ' liplappen — farbige Eingeborne Indiens. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 45 Eduard — aber der würde sich schon daraus retten, meinte er, gescheidt genug war er. Gerade im Augenblick fuhr der Kutscher durch ein offenstehendes Gitter, und der Wagen hielt vor einer Villa still, die äußerlich keine besonderen Merkmale von Pracht und Reichthum bot. Es war ein einfaches Ge-bäude mit einer kleinen Vorgalerie, zu der eine steinerne Treppe von fünf Stufen führte. Die Thüren der innern Galerie waren sorgfältig geschlossen. Es schien, als ob rund umher Alles in tiefen Schlaf versunken sei: eine tödtliche Stille herrschte überall. Junker Hektor blieb noch eine Weile ruhig in dem Wagen sitzen, sah sich neugierig um, ob sich Niemand zeige, und entschloß sich endlich aufzustehen, um zu untersuchen, ob er sich wirklich vor der Wohnung seines Bruders befä'ude. Da er nur einige Worte malayisch verstand — seine Studien am Bord waren aus verschiedenen Gründen sehr mangelhaft geblieben — verwarf er den Gedanken, den Kutscher um Rath zu fragen, und stieg aus dem Wagen, in der Absicht, in das Haus einzudringen. Kaum hatte cr jedoch den Fuß zur Erde gesetzt, als ein Bedienter mit hochrothem Kopftuche und dito Kabaai vor ihm stand. — „1'o^van Van Spranekhuyzen?" sagte Junker 46 Mil fliegender Fahne und klingendem Spiel. Hektor mit einer Miene, als ob er vollkommen gut malayisch spräche, mit einer Geberde nach dem Hause zu. — »8a)'a1i wt^van!«. („Ja Herr!") Aber nun wußte Hektor nicht gleich, wie er fragen mußte, ob sein Bruder zu Hause sei, und machte eine Menge sonderbarer Bewegungen mit beiden Armen, um dem Bedienten sein Verlangen begreiflich zu macheu. Der Bediente antwortete darauf mit einer Fluth ma-layischer Phrasen, von denen Hektor nichts verstand, so daß er endlich ungeduldig eine halblaute Verwünschung murmelte, und an dem Bedienten vorbei in's Haus gehen wollte. Aber der Malayer flog ihm nach, tippte ihn auf den Arm, zeigte nach der Hinterseite des Hauses, und lud ihn ein, ihm zu folgen. Beide gingen um das Haus herum, bis der Diener bei einer kleinen pLuäoppo stehen blieb. Junker Hektor sah eine Galerie vor sich, deren westliche Seite ganz offen war, und deren schräges Dach daselbst durch kurze, weiße Säulen getragen wurde. In der Mitte des Zimmers stand eine Tafel, worauf sich ein Theeservice und allerlei Schalen mit R>vee-I^v66 (indischem Gebäck) befanden. Mit dem Rücken nach ihm zugekehrt, sich langsam in einem Schaukelstuhl wiegend, faß eine Dame im indischen Morgengewande. Der Bediente winkte Hettor, einzutreten, aber dieser glaubte Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 47 beim Anblick der Dame, daß hier ein Irrthum obwalte unb wollte umkehren. Plötzlich stand die Dame bei dem Geräusche auf. Hektor machte einige Schritt vorwärts unb verneigte sich so höflich als möglich vor einer sehr korpulenten, jungen Frau, die seine Aufmerksamkeit nicht nur durch ras schwarze, loshängende Haar, sondern noch mehr durch den besondern apiomd fesselte, mit dem sie eine Manillacigarre rauchte; nicht unbemerkt blieb ihm auch die dicke Lage Reispulver, mit dem ihr gelbbraunes Gesicht bedeckt war. — „Pardon, Fräulein" — fing er an — „ich suche die Wohnung des Herrn Van Spranekhuyzen — und habe mich sehr verirrt!" — „Nicht verirrt! Herr Van Sprauekhuyzen wohnt hier!" Iuuker Hektor bezwang seine Verwunderung so viel als möglich, und fuhr fort: — „Ist mein Bruder zu Hause?" — „Sein Bruder? Ist Sie Eduard seiu Bruder? Kommen Sie näher! Setzen Sie sich! — 8i^,' aäa, 1(^881, X1088Ü" („Bring einen Stuhl!") Derselbe Bediente schoß augenblicklich hervor und stellte einen Lehnstuhl für Hektor neben die korpulente 48 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Dame, die langsam wieder Platz genommen hatte, und ruhig einige leichte Rauchwolken ausblies. — „Eduard sagt heut früh, daß Sie gekommen sind. Er kann nicht gehen nach dem Landungsplatz — zu viel zn thun, Kassmn! Aber Herr Ruytenburg wollte gehen!" — Eduard hatte sich plötzlich erinnert, daß sein Bruder in seinen seltenen Briefen einmal von einer steinreichen jungen Dame geschrieben hatte, und darum antwortete er nuu ohne Zögern: — „Ich wußte eigentlich nicht, wo Eduard in Ba« tavia wohnte, und darum bin ich ohne zu warten von Bord gegangen. Auch wußte ich noch nicht, daß mir die Ehre zu Theil würde, von einer Schwägerin empfangen zu werden!" — „Wir schon drei Monate verheirathet!" — antwortete die gnädige Frau Van Spranekhuyzen, geborne Lucy Vokkerman, während sie ihren Schwager ruhig ansah, und bei sich selbst dachte, daß er nicht so hübsch als Eduard sei. Hektor hatte zu gleicher Zeit eine Aufwallung von Neid gehabt, da er wohl begriff, daß es dem gewandten Eduard geglückt sei, eine reiche Hci-rath zu schließen. Aber gleich darauf hatte er sich über das sonderbare Äußere und die noch sonderbareren Manieren seiner Schwägerin lustig gemacht, und schnell Mit llicgcnbci Fahnc und klingendem Spiel. ^g überdacht, daß Eduards Heirath auch ihm nur Vortheil bringen könne. Lucy hatte indessen etwas auf malayisch gerufen, worauf eine weibliche Bedienung hereinlief, die nach kurzem Befehle ihrer Herrin an den Tisch ging und Thee einschenkte. Es herrschte jetzt eine augenblickliche Stille zwischen Schwager und Schwägerin, da sich Beide etwas verlegen fühlten, und sich vergebens bemühten, ein neues Gespräch zu beginnen. Im Augenblicke knarrten die Räder eines Wagens über den Sand — ein denäi hielt bei der penäoppo still, und der Herr des Hauses stieg langsam aus, indem er den Bedienten in sehr schlechtem Malayisch laut befahl, halb sieben Uhr mit Mevrouws Wagen vorzufahren. Hektor war aufgesprungen und beeilte sich seinen Bruder zu begrüßen, wobei er eine große Freude und Herzlichkeit an den Tag legte, zu welcher vielleicht die in der letzten Stunde erfahrne Neuigkeit nicht wenig beitrug. Junker Eduard Van Spranekhuyzen war noch immer der Alte. Er schüttelte seinem Bruder zuvorkommend die Hand, ließ die weiße Neihc seiner Zähne glänzen, und brachte sein durch die Wärme in Unordnung gebrachtes Haar nut einer gewissen Affektation wieder in Ordnnng. Lucy hatte sich ein wenig umgesehen, ihr Gemahl hatte leicht genickt — war aber so vertieft in Jüdisch,' Vibwtb.'t, III. 4 If) Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Ausrufungen und Fragen an Junker Hektor, daß er ihre Gegenwart ganz zu vergessen schien. Endlich, nachdem die drei schon eine geraume Zeit geschwatzt und geschaukelt hatten, stand Lucy Plötzlich auf, und wollte sich entfernen, als ihr Gemahl zu ihr sagte: — „Der Wagen fährt halb sieben vor!" — »«aal!« s„Gut) Ich habe gehört!" — „Hektor wird hier wohnen!" Lucy nickte und ließ den eigenthümlichen Kehlton hören, den man nur halb mit: „Hm! hm!" übersetzen kann, um ihre Zustimmung zu erkennen zu geben. Junker Eduard sah ihr mit halbgeschlossenen Augen eine Weile nach, während sie in cer innern Galerie verschwand; lachte dann bei sich selbst und sprach eilig zu Hektor: — „Heute Abend ist ein kleines Fest bei Ruyten-burg. Du gehst natürlich mit. Wir diniren öfters da, Lucy ist gern dort, und der alte Ruytenburg führt ein gutes Glas Wein!" . —- „Aber Eduard, ehe wir weiter sprechen, erzähle mir doch schnell die Geschichte Deiner Heirath!" — „Ganz einfach, mon oker! Vier Tage nach meiner Ankunft traf ich Fräulein Lucy Bokkerman bei einem Diner. Ich sah, daß sie eine sehr passende Par- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. H^ tie für mich war, und machte ihr den Hof. Vier Monate später heirathcten wir'." Junker Eduaro hatte flüsternd gesprochen, und blinzelte geheimnißvoll mit ren Augen. Junker Hektor lachte so vertraulich als möglich, und machte ganz einfach eine Bewegung mit dem Daumen und Zeigesinger seiner rechten Hand — was wahrscheinlich eine diskrete Frage nach dem Vermögen von Fräulein Lucy Bokker-man war, denn ihr Gatte antwortete noch leiser: — „Ziemlich — aber es hilft mir bis jetzt nicht viel. — Der alte Herr in Vuitenzorg ist nicht splendid. Er giebt uns monatlich gerade genug, daß wir hier mit. meinem lächerlichen Einkommen von dem Sekretariat leben können. Er will mich durchaus hinaushaben, um in den Kaffeeplantagcn zu arbeiten, und bietet mir dafür ein hohes Salair. Aber ich will mich nicht lebendig begraben, und dort hinter den Bergen mein Leben bei der hochachtbaren Familie Bokkerman beschließen. Es ist ein Glück, daß Lucy auch lieber in Batavia bleibt — sonst könnte die Sache sehr ernstlich werren....." — „Ja, nun erinnere ich mich sehr gut, daß Du mir von einem steinreichen Landeigenthümer aus Bui-tenzorg geschrieben hast. In jedem Falle sind Deine Aussichten ausgezeichnet!" 4* 52 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. — „Verhältnißmäßig'. — Ich habe viel nöthig... aber das arrangirt sich nach und nach'." Junker Hektor nickte zufrieden, und flüsterte nun seinerseits beinahe unhörbar: — „Du mußt meine theure Schwägerin doch daran gewöhnen, etwas verständlicher Holländisch zu sprechen." Aber Junker Eduard fiel ihm in's Wort, drohte mit der ganzen Batterie seiner Zähne und sagte i — „Ganz und gar nicht, nion cker! Das macht eben das Naive, das Amüsante, das Unbezahlbare unserer indischen Damen aus, Du wirst Dich schon daran gewöhnen. Du mußt bald mit nach Vuitenzorg gehen — es giebt noch drei Fräulein Bokkerman 2, prenärs!" Ein lautes Gelächter der Brüder unterbrach bei diesen Worten ihr Geflüster. Hektor zumal schien sich an dieser Aussicht sehr zu ergötzen, denn es dauerte geraume Seit, ehe er sich beruhigte. Etwas lauter fuhr nun der Herr des Hauses fort: — „Du mußt hier in Batavia bleiben, Hektor! Ich werde Dich bei ein Dutzend netter Familien bringen, und dann kommst Du schou von selbst bei die Anderen. ^. propo», wie ist es Dir auf dem Schiffe gegangen, und wer ist die neue Gouvernante von Rny« tenburg!" „Ich habe mich sehr mit meinem Kollegen Schotzer Mit singender Fahne und klingendem Spiel. Ig amüsirt — einem gewandten Jungen, ich werde ihn einmal hierher bringen! Und was die Gouvernante betrifft, o'68t UN6 vsrtu tout 6N re^ie!« — „Gut, aber wie sieht sie aus?" — „Sehr hübsch! Sogar ausgezeichnet gut! Glänzende blaue Augen und rothblonde Locken. Es wird mir angenehm sein, sie bei dem Herrn Ruytenburg wieder zu sehen, und zu beobachten, ob sie immer so stolz und unerträglich bleibt, als auf dem Schiffe!" — „Das verspricht etwas Abwechselung in Ruy-tenburg's Hause. War sie ganz allein an Bord?" „Nein, sie war fortwährend in Gesellschaft von noch einer andern Dame auf dem Schiffe: Mevrouw Nuyts Van Weely, eine sehr angesehene batavische Schönheit von vierzig Jahren — sehr anmaßend und unausstehlich!" „Hm! Ja, ich kenne die Leute! Steif und aufgeblasen!" Aber machte man der hübschen Gouvernante nicht den Hof?" „Von Zeit zu Zeit! Es war ein Passagier dort, der die donne» T,-äct>8 der Damen besaß — und darum ließen wir sie unbelästigt!" — „Wie heißt dcr Mann?" 54 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. — „Outshoorn! Er war Beamter zweiter Klasse — ein kolossaler «nod!« — „Merke Dir den Namen — wir können ihn vielleicht später brauchen!" Junker Hektor wollte eben seinen Bruder nach dem Grunde dieser Anmahnung fragen, als sich die Thüre der innern Galerie öffnete nnd Mevrouw Van Spra-nethuyzen, geborne Bokkerman, in Gala auf die Herren zukam. Sie erinnerte ihren Gemahl mit der größten Ruhe daran, daß er noch Toilette machen müsse nnd daß es schon ein Viertel vor Sechs sei. Dieser sprang eilig auf, und bat Hektor, Mevronw Van Svra-nekhuyzen einen Augenblick zu unterhalten. Als er verschwunden war, setzte sich Lucy auf einen Schaukelstuhl, und fing, immer hin- und herwiegend, an, mit einem prächtigen Fächer zu spielen. Junker Hektor machte bei sich selbst die Bemerkung, daß seine Schwägerin in ihrem prächtigen Ballgewande viel besser anssah, als in ihrem indischen ns^liFe. Es berührte ihn nur unangenehm, daß sie sich mit einer geschmacklosen Ueberladung von Gold und Juwelen ausgeputzt hatte, und daß ihr weißes Kleid sonderbar von ihren gelbbraunen Schultern abstach. Nach einer kurzen Weile Schweigens stand sie auf und sagte, sich Hektor nähernd: Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. HH — »I^oda,!, sagen Sie — ich muß Sie etwas fragen, Schwager....." „Nennen Sie mich Hektor, Schwester!" — „Gektor?" — frug sie mit der eigenthümlichen Verwechselung des F und des K bei Farbigen. Der Junker lachte und nickte. — „Wie ist die neue Gouvernante für Mevrouw Ruytenburg? Zusammen herausgekommen, ja?" Hektor nickte nochmals und sprach ein Paar gleichgültige Worte über die Gouvernante. Mevrouw Van Spranekhnyzen, geborne Bokkermann, schüttelte darauf leise das schön frisirte Haupt mit den Diamantnadeln, und sagte wieder: „Sie tanzen gern?" Hektor nickte zum dritten Male und gab sein großes Vergnügen an Allem, was nur einem Balle ähnlich sah, zu erkennen. Mevrouw Van Spranekhuyzen schien jetzt vollkommen zufrieden gestellt. Die Dunkelheit brach indessen herein. Der tookan I^uipos hatte gerade Licht gebracht. Langsam fuhr jetzt eiue schöne, offene Caleche mit zwei ausgezeichneten Preanger Schimmeln an der penäoppo vor. Auch der Herr des Hauses kam im weißen Pantalon und schwarzen Fracke aus sei- l Huda, Bitte. gß Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. mm Zimmer. Hettor bot seiner Schwägerin den Arm. Und während man in die Caleche stieg, raunte Junker Eduard flüsternd dem Junker Hektor die Frage zu: „Was sagst Du zu Mevromv Van Spranekhuyzen's Equipage?" V. Herr NWenbtug nnd seine Oaltin laden das junge Vaiavia ein, in ihrer Miüoppo zn tanzen. — „Mijnheer und Mevrouw Van Spranekhuyzen! Fräulein Van Hilbeeck!" Mit einer gewissen Feierlichkeit, unter der aber immer ein guter Theil wohlthuender donkomie verborgen war, stellte Ruytenbürg, unter obigen Ausdrücken, seine neue Gouvernante den Gästen vor. Die lange Tafel seiner pencloppo war mit einer Auswahl europäischer Gerichte überladen. Ein Überfluß von alabasternen Hängelampen, sowie alle andere Arten der Beleuchtung, bronzene Tischlampen und Wachskerzen verbreiteten rund umher einen fröhlichen Glanz. Die Gesellschaft war vor wenigen Augenblicken aus der innern Galerie nach Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 57 dem wohlversehenen Tisch gekommen. Ruytenbmg fand es sehr angenehm — da zufälligerweise diesen Abend eine Art Festfeier bei ihm Platz hatte — daß seine neue Gouvernante auch gerade angekommen war. So ein Dämchen konnte dann doch mit einem Male sehen, in welche vornehme Umgebung sie gekommen war. Ruy-tenburgs ältestes Söhnchen Heinrich, gewöhnlich Hein genannt, feierte seinen Geburtstag, und gegen acht Uhr waren eine Menge kleiner batavischer Herren und Frau« lein eingeladen, um den Ehrentag des ältesten Sprößlings zu feiern. So trat die neue Gouvernante gleich in Funktion, und man konnte auch gleich gewahr werden, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen sei. Mevrouw Ruytenburg hatte sich mit ungemeiner Hast zu Tische gesetzt und Mevrouw Van Spranek-huyzen, die so eben mit ihrem Gemahle und eben angekommenem Bruder die festgebenden Eltern bewilltommt hatte, folgte sogleich ihrem Beispiele. Die drei Herren schienen sich noch Manches unter heimlichem Lachen zu sagen, aber dennoch setzten auch sie sich auch zur Tafel. Nur die neue Gouvernante, Fräulein Henriette Mathilde Van Hilbeeck, stand mit den drei Kindern, und wartete, bis man sie einladen wiirde, sich zu setzen. Als sie aber bemerkte, daß der Herr des Hauses nach der förmlichen Vorstellung seinen Gästen, zumal dem 58 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Junker Hektor, mehr Aufmerksamkeit schenkte, als der neuen Gouvernante, nahm sie ohne Verlegenheit am Ende der Tafel Platz und lud die Kinder mit einem Blicke ein, sich neben sie zu setzen. Der älteste junge Herr Hein war sehr schwerfällig und sehr dick, Fräulein Klara sehr klein und sehr gewandt. Der kleine Wilhelm war erst vier Jahre alt, und von seinem Äußeren konnte man nicht viel mehr unterscheiden, als verschiedene Beulen und Schrammen, die er sich täglich beim Fallen holte. Alle drei hatten ein mehr java-sches, als niederländisches Äußere, da sie ihrer Mutter ähnlich sahen, dieselbe gelbe Gesichtsfarbe, dieselbe runde Stirn und dieselben dicken Lippen hatten. Nur das Mädchen hatte schöne schwarze Augen und wunderschönes schwarzes und glänzendes Haar. Henriette lachte den Dreien fröhlich zu und sah ohne Verlegenheit um sich her. Der Herr des Hauses, der am obern Ende der Tafel saß, legte von einer Schüssel gedämpften ikan kakad (indische Fischart) vor uud sprach aufgeräumt mit den beiden Herren Van Spra-nekhuyzen. Mevrouw Ruytenburg hatte sich in ihrem Stuhle zurückgelegt, und ihr Gesicht trug den Ausvruck, als ob sie sagen wollte: — „Ich wollte, daß die alberne 8068ak lMühe) des Essens schon vorbei wäre." Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 59 Lucy, die ihr gegenüber neben dem Wirthe saß, folgte wieder ihrem Beispiele, und nahm beinahe Nichts zu sich; beide Damen warfen oft schnelle, herausfordernde Blicke auf die Gouvernante. Junker Hektor saß neben seiner Schwägerin und erschöpfte sich in allerlei Artigkeiten, während er auch den kleinen Hein mit so viel Auszeichnung behandelte, als ob der elfjährige Knabe ein großer Herr sei. Er sah dabei triumphi--rend auf Henrietten, ohne ein Wort mit ihr zu spre« cheu. Dieß hatte ein doppeltes Resultat. Zuerst überhob es die Gouvernante von der Verpflichtung, eine Unterhaltung mit Hektor zu führen, gegen welche sie, wegen ihrer Bekanntschaft am Bord der Amphitrite, in Verbindung mit seiner neueu Eigenschaft als Gast des Herrn Ruytenburg, nicht wenig eingenommen war. Zweitens wurde der kleine Herr Hein durch alle Höflichkeiten seines Nachbars so verblüfft, daß er sich vor Verlegenheit gar nicht mehr zu fassen wußte, und oft nach dem neuen Fräulein sah, als ob er bei ihr Rath in seiner Bedrängniß holen wollte. Junker Eduard Van Spranekhuyzen war. in auffälliges Stillschweigen versunken — er ließ von Zeit zu Zeit der Wirthin seine Zähne bewundern, und frug sie flüsternd einige Einzelheiten über die neue Gouvernante. Zuweilen warf er einen flüchtigen Blick auf seine junge Frau mit ihren ßfj Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. glänzenden Juwelen, und dann schloß er seine Augen beinahe gänzlich mit unbeschreiblichem Ausdruck. Er stellte Vergleiche an. Arme Lucy! Er stellte Vergleiche an! Er fand das neue Fräulein außerordentlich hübsch. Er erinnerte sich nicht, in scincm ganzen Leben einer einzigen Dame begegnet zu sein, die schöner war, als sie — eine Einzige konnte man vielleicht neben sie stellen, Fräulein Van Weeveren Benscoop, jetzt Mevrouw Gnirault Dnbois. Darum beschloß er, die Neuangekommene so viel als möglich zu protegireu, und ihr in der indischen Atmosphäre, die ihr so ganz fremd sein mußte, zu helfen, wo er konnte — er wollte ihr auf sehr ritterliche Weise seine Sympathie zu erkennen geben, und das Resultat seiner Betrachtungen war, daß sein Bruder ein einfältiger Mensch sei, weil er eine solche Reisegefährtin nicht zu schätzen gewußt hatte, und daß seine Gattin mit ihrem Pflegma und ihrer Korpulenz jeden Tag häßlicher wurde. — „Und haben Sie eine augenehme Reise am Bord der Amphitritc gehabt, Fräulein Van Hilbeeck?" Es war eine augenblickliche Stille eingetreten, und darum hatte Ruytenburg diese Frage etwas laut an Henrietten gerichtet. — „Eine sehr angenehme Reise, Herr Ruytenburg! Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ß j Ich kann nicht sagen, daß ich mich einen Augenblick gelangweilt habe!" — „Herr Van Spranekhuyzen stimmt, wie ich glaube, darin nicht mit Ihnen überein!" — „Nein!" — fiel Hektor schnell mit so viel Schadenfreude ein, daß selbst der Ton seiner Stimme es verrieth, — „nein, ich fand es am Bord außerordentlich langweilig. Die Gesellschaft war zu klein. Der Kapitain und der Doktor waren drute» — ein paar Missionnaire lächerliche Dummköpfe, und ich hatte niemand, als Schotzer, meinen Kollegen — einen guten Kameraden, aber er spricht nicht viel!" — „Und Mevrouw Nuyts Van Weely?" frug Ruytenburg. — „Ach, Mevrouw Van Weely hielt sich immer in einer gewissen Entfernung, sie war immer mit Fräulein Van Hilbeeck, und einem andern Passagiere, dem Herrn Outshooru!" Obschon man äußerlich nicht viel davon bemerkte, so machte doch dieß Wort einen tiefen Eindruck auf alle Anwesenden. Henriette fühlte, daß die geringste Bewegung sie in ein lächerliches Licht setzen konnte. Kräftig bezwang sie die Rothe, die ihr in's Gesicht treten wollte, uud unterdrückte ein leichtes Zittern von Schreck und Zorn über die unedle Anspielung. Sie HZ Nit fliegender Faknc und klingendem Spill. sah Hettor fest in die Augen, und sagte mit ruhiger Stimme: — „Mevrouw Van Weely ist sehr freundschaftlich auf der Reise für mich gewesen. Sie gab mir einen Platz in ihrer Kajüte, und stand mir in jedem Falle mit Rath und That bei, ich bin ihr unendlich verpflichtet !" Junker Eduard strengte sich möglichst an, um ein feines, vielsagendes Lächeln zu unterdrücken, und sagte mit meisterlichem Takt: — »^ propos, Ruytenburg! War die hochedel-geborne Nuyts Van Weely auch heute früh am Landungsplatze, um Mevrouw abzuholen!" Der Hausherr hatte seine Stirne ein wenig gerunzelt, als der Name Outshoorn ausgesprochen wurde, und Henrietten forschend angesehen — jetzt wurde er durch Eduard's Frage von weiterem Nachdenken abgeleitet , gab eine kurze Erzählung von seinem Wege nach dem Schiffe, und zufällig schien er nachdrücklich dabei zu verweilen, daß er über Junker Hektor's frühes Verlassen des Schiffes etwas enttäuscht gewesen war. Ruy-tenburg war ein praktischer Mensch, und hatte bei dem Nennen von Outshoorn's Namen die Vermuthung gefaßt , daß an Bord das erste Hauptstück eines Romanes gespielt worden sei, dessen Auflösung ihn vielleicht von Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ßZ seiner Gouvernante berauben könnte. Und dann wäre es doch nicht der Mühe werth gewesen. Reise und Equipirung für die junge Dame zu bezahlen. Er wollte ihr sein Mißvergnügen darüber zu erkennen geben, und wußte nichts Besseres zu thun — als sich zu beklagen, daß es ihm mißglückt sei, den Bruder seines Freundes zu bewillkommnen. Aber Henriette schenkte seinen Worten wenig Auf« mertsamteit. Sie hatte den ernstlichen Entschluß gefaßt, den Kampf gegen alle Schwierigkeiten ihrer neuen Stellung zu wagen, und im tiefsten Herzen trug sie eine so selige Hoffnung und erstrebte ein so köstliches Ziel, daß es ihr beinahe unmöglich war, nicht zu siegen. Als sie zum Diner aufgefordert wurde, hatte sie schon allerlei eigenartige Schwierigkeiten besiegt, aber die Gegenwart ihres Reisegefährten — des Mannes, dessen Artigkeiten sie immer nur stets mit der größten reserve angenommen hatte, und dessen Charakter sie mißtraute — verstimmte sie im höchsten Grade. Jede Minute dieser Mahlzeit dehnte sich ihr unbegreiflicherweise in die Länge, und als das Gespräch den Aufenthalt an Bord betraf, fürchtete sie einen Augenblick, ihr 8anF-floiä zu verlieren. Glücklicherweise war das Diner beinahe zu Ende, und man trug mit einer gewissen Eile das Nachgericht ß4 Mit fliegend« Fahne und klingcndm Spicl. auf. Henriette richtete bald ihre Aufmerksamkeit auf die schönen, indischen Früchte und sah auf Mevrouw Ruytenburg, ob sie dem lauten Drängen der Kinder nachgeben könne. Es schien der Hansfrau außerordentliches Vergnügen zu bereiten, Lucy von Zeit zu Zeit mit in die Höhe gezogenen Schultern anzusehen, und sehr auffällig mit ihrem Fächer zu wehen. Als sie bemerkte, daß das Fräulein sie ansah, rief sie mit ihrer scharfen, kreischenden Stimme ihrem jüngsten, lautschreienden Sprößlinge zu: — »8c>6(1ak, Wilhelm! Kein manual kisanF dolek!« (Dn mußt Pisang essen!) Eilig kam nun Junker Eduard dazwischen, und bediente die Kinder so gewandt mit Pisang, daß es Niemand bemerkte, als Henriette, die ihn zum ersten Male etwas mehr in's Auge faßte, und ihn viel höflicher fand, als seineu Bruder. Indessen hatte ihr die kleine Klara zugeflüstert, daß mauFFa, so enak (lecker) sei, und hatte ihr leise eine Frucht auf den Teller gelegt, während sie in ihrem gebrochenen Holländisch fortfuhr, dem Fräulein zu erklären, wie sie die Frucht aufschneiden müsse. Henriette sah die liebe Kleine dankbar an — sie wußte bald, daß sie mit diesem Kinde einen unzertrennlichen Frcundschaftsbund schließen würde. Schon waren die Herren aufgestanden, und Me- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ßg vrouw Rnytenburg gab den Bedienten mit lauter Stimme den Befehl, die Tafel abzuräumen. So wurde nun das weite marmorne Terrain der ^enäoppo ganz und gar zur Beschickung der kleinen Welt gestellt, die bald mit lautem Jauchzen Besitz davon nehmen sollte. Henriette war mit den Kindern nach der inneren Galerie gegangen, und setzte sich auf Eins der Sofas, die sie am Morgen im Stillen bewundert hatte. Diese innere Galerie war wirklich mit untadligem Geschmack möblirt. Ein Teppich von dunkeln, ausdrucksvollen Farben lag unter einer ovalen Tafel ausgebreitet, auf welcher Ruytenburg, wie in den besten europäischen Salons, einen Schatz kostbarer, illustrirter Kunstwerke ausgelegt hatte. Prächtige vergoldete Spiegel, eine große Zahl reichbroncirter Hängelampen und ein wohlun» terhaltenes Pianino vervollständigten das Amcublement. Henrictte hatte dieß Alles mit einem Blicke übersehen, und den guten Geschmack des Ganzen alle Ehre widerfahren lassen, aber übrigens mit keinem Blicke oder keiner Miene ihre Bewunderung oder Entzücken darüber zu erkennen gegeben. Sie besaß die richtige nod1o886 und den richtigen Takt, sich niemals erstaunt zu zeigen. Für alle Erscheinungen des echt indischen Lebens, zumal der tropischen Natur, hatte sie ein unbegrenztes Interesse,, für den Luxus von Herrn Ruy- Inlischc Viblwthck. III. 5 t)ß Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. tenburg's Villa schien sie nicht die mindeste Aufmerksamkeit zu haben. So hatte sie einen Augenblick in Gedanken gesessen, als sie bemerkte, daß die Frau des Hauses und Lncy sich in einer anderen Ecke des Gemaches niedergelassen hatten. Sie nahmen durchaus keine Notiz von dem Fräulein, und sprachen flüsternd malayisch, der kleine Hein schaukelte, mit den Händen in den Taschen seines weißen Beinkleides, anf einem Stuhle hin und her, nnd dachte mit tiefer Bekümmerniß daran, daß er diesen Abend tanzen mußte, um sich zu amüsiren. Der kleine Wilhelm lag auf seinem Rücken und spielte mit den Franzen des Teppichs. Henriette hatte Niemand mit dem sie sprechen konnte, als das freundliche, achtjährige Mädchen, und obwohl sie sich sehr wohl bewußt war, daß alle Schwierigkeiten nnd Mühseligkeiten ihres neuen Wirkungskreises bereits drohend auf sie niedergefallen waren, so sprach sie doch lachend und fröhlich mit dem lieben Kinde, als ob sie sich vollkommen glücklich fühlte. Da dröhnte der dumpfe Ton des Nachtschusses aus dem Fort Prinz Friedrich zu Weltevreden, und rund umher verkündigten nun die acht Schläge auf den Block in den Kampongs nnd in den Gärten der europäischen Villas, daß die Stunde für die Feste, für die Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. g^ Empfangsabcnde, für die öffentlichen Festlichkeiten und für die Kinderbälle angebrochen fei. Es war, als ob alle kleine Gäste Ruytenburg's nur anf dieses Signal gewartet hätten, denn plötzlich fuhr eine lange, beinahe nnnnterbrochene Neihe von Wagen durch den Garten seiner Wohnung. Die Thüren der innern Galerie standen weit offen, und so konnten die Damen deutlich das Gerassel der Räder hören, und den Schein der odoi-8 (Fackeln^ bemerken, die blutrothflammend in großer Zahl hinter den Wagen von den Bedienten geWagen wurden. Mevrouw Nuytenburg warf einen Blick auf Hmriette, blieb aber selbst ruhig sitzen. Fräulein Van Hilbeeck nahm die kleine Klara bei der Hand, und begab sich mit ihr in die Vorgalerie, wo die trei Herren das Aussteigen der kleinen Gäste aufmerkfam beobachteten und leiteten. In wenigen Augenblicken war das ganze Haus voll von Kindern; von jungen Herrchen mit weißen Höschen unr gclbfeidenen Kitteln, oder schwarzen Orleansröck-chen, nnd kleinen Fräuleins in weißen Ballkleidern mit Blumen uud Fächern und den vornehmen Mienen der respcttweu Mama's oder Gouvernanten. Hmriette hatte im Anfange alle möglichen Dienste bewiesen, und die Kinder ans einer doppelt so großen Anzahl von dadoe» in Empfang genommen. Zum ersten Male beklagte sie 5* ßz Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. nun, daß sie so wenig malayisch verstand, denn die Meisten der kleinen Gäste plauderten sehr eifrig in dieser Sprache, aber blieben mit einem verblüfften Gesichte stehen, wenn sie dieselbe holländisch ansprach. Und doch übte der sanfte Klang ihrer Stimme auch hier bald seinen Zauber aus, da manche kleine Dame fortwährend nur in ihrer Nähe bleiben wollte, und ihr zuweilen flüsternd eine oder die andere Übelthat ihres Cavaliers erzählt. Der Kinderball war schon in vollem Gange. Einige malayische Musikanten, unter Anführung eines wskaii xioet (Flötenspielers) bliesen die traditionellen Tanz-melodieen, und die jungen Pärchen schwebten lustig durch die psnäoppo. Ruytenburg saß mit den beiden Herren Van Spranekhnyzen in der Vorgalerie, um KU-iNÄHt ts Zcliieteii 1 und 801)1 8kina lvjsr (Grog) zu trinken. Die Hausfrau und Lucy waren angenehm überrascht worden durch den Besuch der vier Damen Henkens, Mina, Anna, Helena und die hübsche Christine , deren schwarze Augen und glänzende krause Locken noch schwärzer und glänzender erschienen, als vor drei Monaten. Henriette führte immer die Aufsicht über i Xiimaat w gckisten, immer etwas spottend gebraucht: Nichts zu thun, auf einem Schaukelstuhlc liegend, in die Luft zu starren. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ßg das Fest, und obgleich sie zuweilen ziemlich verlegen war, wenn sie das Eine oder das Andere nicht verstand, so rettete sie sich doch bald mit gewandter Lebhaftigkeit und wurde darin auf die liebenswürdigste Weise durch ihre kleine Freundin Klara unterstützt. Von Zeit zu Zeit kamen einige der Damen Henkens, um mit ihr zu plaudern — einmal, als der wilde, kleine Herr Karl Buys mit seiner äan86N56 umgepurzelt war, und sich von dieser Seite her laute Schreie vernehmen ließen, kam sogar Mevrouw Ruytenburg herbei, nnd sprach einen Augenblick mit Henrietten, die das schreiende Mädchen beruhigte. Augenfällig war es auch, wie Junker Eduard Van Spranekhuyzeu ein so großes Interesse für einen Kin-ball zeigte, daß er seinen Grog im Stiche ließ und sich mit den Kindern abgab. Dabei sprach er von Zeit zu Zeit cm freundliches Wort mit der Gouvernante, und gab leichthin zu verstehen, daß die großen Damen doch auch einmal tanzen sollten. Ruytcnburg und Junker Hcttor, die nun auch in die penäoppo gekommen waren, schienen derselben Meinung zu sein, und man rief den Musikanten zu, einen Walzer zu spielen. Sogleich hatte sich Hcktor zu Lucy begeben, um mit ihr zu tanzen, nnr Ruytenburg fand cs im Übermaße sei-ncr donliomie für gut, Christine Henkens um eine 7y Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Tour zu bitten. Man konnte beinahe rathen, was Junker Eduard gethan haben würde, denn er sah sich nach Henriettcn um — als im selben Augenblicke eine dadoo ihr vielsagend zuwinkte nnd sich Beide nach der innern Galerie begaben. Henriette begriff zwar nicht, was man von ihr wollte, aber da die dados mit schnellen Bewegungen vorwärts zeigte, so vermuthete sie, daß ihre Gegenwart in der Vorgalerie nöthig sei. Dort angekommen, sah sie am Fuße der Verandatrepve einen Malayen stehen, der sogleich, als er sie bemerkte, eine tiefe Verbeugung-mit dem Oberkörper machte und in dieser Haltung einen Brief überreichte. Sie öffnete denselben neugierig — er war von Mevrouw Nuyts Van Weely und lautete folgendermaßen: — „Liebe Freundin'. Machen Sie uns die Freude, morgen mit uns zu diniren. Herr Van Weely hat einen Gast, den Sie sehr gut kennen. Wir werden Ihnen den Wagen schicken!" Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 71 VI. Worin noch mehr alte Vckannle auftreten, und worin ein vornehmer Herr seinc Lntnlstnng üßer den Mai Havclaarl zu erkennen giclit. — „Setzen Sie sich nun einen Augenblick zu mir, dann können wir ruhig zusammen sprechen!" Dieß sagend, zog Mevrouw Van Weely einen eleganten Schaukelstuhl näher, und lud Henrietten mit einem frenndlichm Lächeln zum Sitzen ein. Die beiden Damen befanden sich in einem Boudoir, welches von dem feinen Geschmacke und der herzlichen Zuneigung des Herrn Van Weely zu seiner Frau das günstigste Zeugniß ablegte. Das donäoir von Mevrouw Van Weely war wirklich ein reizender Aufenthalt. Drei riesige Fenster mit beweglichen pL-Ziennes gewährten am Tage die Aussicht auf den schön unterhaltenen Blumengarten, der sich rechts an der Villa hinzog. Orientalischer Comfort und europäischer Luxus vereinigten sich hier l Max Havclaar, ein so viel ich weiß auch^chon in's Deutsche übertragenes Buch von dem Pseudonym: >lu1wwU, in dem indische Zustände scharf und rücksichtslos besprochen werden. Der Übersetzer. 72 Mit fliegender Wnc und klingendem Spicl. auf die glücklichste Weise, um diesem Zimmer einen kleinen Theil der bezaubernden holländischen Häuslichkeit zu verleihen, welche die an allen Seiten offenen java'-schen Zimmer nur sehr selten bieten. Es schien, als ob sich Herr Van Weely in den anderthalb Jahren während der Abwesenheit seiner Frau ein besonderes Vergnügen daraus gemacht habe, dieses donäoir für ihre Rückkehr festlich einzurichten. Es spricht wenigstens eine so liebe Freude aus ihren lebhaften Augen, während sie sich mit ihrer Freundin niedersetzt — daß ein kleiner Antheil davon wohl den zahlreichen, schönen, mit sorgender Liebe ausgewählten Gegenständen zugeschrieben werden kann, welche ihr aus allen Ecken eine stille Huldigung darbringen. — „Sie haben sich vorzüglich gut benommen!" fängt sie an. — Ich fürchtete erst, daß Sie sich verrathen würden, als Outshoorn eintrat. Es war ein Glück, daß Mijnheer und Mevrouw Dubois schon gekommen waren!" Henriette sah sie schüchtern lächelnd an. Eine flüchtige Nöthe bedeckte ihre weiße Stirne, während sie sich halb verlegen vorwärts bog, als wollte sie ihre Rührung den freundlich scherzenden Blicken von Mcvrouw Van Weely entziehen. Sie saß gerade in dem vollen Lichte einer zierlichen Pvrzellaine-Hängelampe, die langen Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 7 g goldblonden Locken überschatteten ihre Wangen und ein sehr einfaches, hellblaues, leichtes Kleid machte ihren ganzen Putz aus — aber es mußte Jedem in's Auge fallen, wie ungemein reizend sie in diesem Augenblicke war. Auch Mevrouw Van Weely hatte im Stillen diese Bemerkung demacht. — „Lassen Sie uns nun ernstlich überlegen" — fuhr sie in sanftem, vertraulichen Tone fort — „lassen Sie uns schnell besprechen, was jetzt gethan werden muß. Sie wollen mir doch noch immer das Vorrecht gönnen, für Ihr Glück zu wachen, nicht wahr?" Henriette erfaßte die kleine, feine Hand ihrer edlen Freundin und drückte sie schnell an die Lippen. — „Nun, Sie müssen nicht so gerührt darüber sein, mein Kind! Ich habe Sie sehr lieb, ich habe Sie zu meiner Tochter erwählt, da ich meine beiden lieben Kinder in Holland zurücklassen mußte — und sind S i e auch etwas älter, Sie wissen, ich bin durchaus nicht gefallsüchtig! — Denn es ist wirklich nicht meine Schuld, daß Van Weely mein Zimmer so prächtig eingerichtet hat." Ein Lächeln der seligsten Befriedigung spielte um die Lippen der glücklichen Frau, während sie so sprach, und langsam um sich her blickte. — „Aber nun ernstlich gesprochen" — fuhr sie 74 M fliegender Fabne und klingendem Spiel. fort, — „Outshoorn hat Sie von ganzer Seele lieb — er ist auch der Mann Ihrer Wahl, aber Sie sind Beide mittellos. Hier in Batavia können Sie nicht daran denken. Ihre Verlobung bekannt zu machen — es würde vollständig lächerlich sein. Erstens würde es Ihre Stellung bei Nnytenburg sehr unangenehm machen — man würde fürchten, daß Sie sich bald verheirathc-ten, und das würde Ihnen Jeder sehr übel nehmen. Outshoorn's Aussichten als Beamter zweiter Klasse sind gut, aber er muß ganz gewiß zwei, wenn nicht drei Jahre eifrig arbeiten, ehe Sie auf. eine nnr einigermaßen anständige Weise sich verhcirathen können — es ist hier in Indien noch viel schwerer, als in Holland. Wenn er außerordentliches Glück hätte, könnten Sie vielleicht eher am Ziele sein, aber außerdem würdeu Sie sich bald in sehr drückenden Verhältnissen befinden!" — „Und meine arme Mama, der ich zu helfen versprach, zu welchem Zwecke ich eigentlich allein hierher ging. O Mevrouw'. Ich habe heute früh einen fo fröhlichen, herrlichen Brief von Mama empfangen!" Mevrouw Van Weely sah mit dem größten Entzücken in die dunkelblauen, tiefen Augen der lieben Sprecherin — es glänzte in denselben die reine Gluth einer naiven, jungfräulichen Kindesliebe, während über ^t^ Mit fliegender Mnc und klingendem Spiel. 75 ihr ganzes Wesen der reizende Duft einer lebhaften Begeisterung ausgebreitet lag, welcher bei jedem schönen, edlen Gedanken die feurige Sympathie eines schuldlosen, unverdorbenen Herzens zu verrathen Pflegt. — „Hören Sie, Henriette!" — fuhr Mevrouw Van Weely fort — Outshoorn wird vielleicht schnell sehr weit von hier versetzt. Er darf Ihnen nicht schreiben....." — „Nicht schreiben!" — „Nein, Liebste! Man könnte das vielleicht bei Ruytenburg bemerken, und das darf durchaus nicht sein. Aber ich weiß ein Mittel — Sie schicken Beide Ihre Briefe an mich, nnd so können Sie doch corre-spondiren!" — „Beste Mcvrouw, wie gut sind Sie doch für mich, die nichts thun kann....." — „Wollen Sie wohl schweigen! Nein, kein Wort mehr! Das ist also abgesprochen, nicht wahr! Sie müssen Beide tüchtig arbeiten, Er für Ihr zukünftiges Glück. Sie für Ihre Mntter! Und immer, wenn Sie betrübt und allein sind, kommen Sie hierher, wo Sie vor der Hand Ihre Heimath haben sollen und . . . ." Mevrouw Van Weely war aufgestanden, Henriette war sogleich ihrem Beispiele gefolgt. Die Erstere hatte ihre linke Hand auf die Schulter der Jungfrau gelegt. 76 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. und ordnete während des Sprechens in stiller Bewunderung mit der Rechten HcnriettcnS wunderreiche, natürliche krause Locken. Und als sie so leise von der Hcimath sprach, die sie ihr bereiten wollte — da fühlte sie sich plötzlich ehrerbietig und fcnrig umarmt, und schwieg vor Überraschung uno Rührung. Die Thüre wurde jetzt schnell geöffnet, welche aus dem boudoir nach der innern Galerie führte. Es war der kleine Louis, der schnell und laut schwatzend erzählte, daß Mijnhccr Mcvrouw und Fräulein Dnnsinger gekommen seien, und mit Papa und den Anderen in der Vorgalcrie im Gespräche säßen. Die beiden Damen beeilten sich, zur Gesellschaft zurückzukehren, welche sie gleich nach dem Diner für eine Weile verlassen hatten. Die Villa des Herrn Nuyts Van Weely lag an der Westseite des Königsplatzes, und war wegen ihres vorwiegend europäischen Charakters bekannt, dm die Bewohner jedem Zimmer zu geben wußten. Die Herrin des Hauses und Henriette näherten sich durch die weite innere Galerie, die, ausgenommen den marmornen Fnß-boden und die weißen Wänden, einem vornehmen holländischen Gesellschaftssaal sehr ähnlich sah. Sie sehen die marmorne Terrasse der Vergatterte durch einen zahlreichen Kreis von Gästen und Besuchern belebt. Bei ihrer Erscheinung haben die gewöhnlichen Ceremo- Mit fliegender Mnc und klingendem Spiel. 77 nien von Bewillkommungen und Vorstellungen Platz, bei denen die Meisten aufstehen und ein politisches Gespräch der Herren unterbrochen wird. Am Meisten fällt die lange, hagere Gestalt des Herrn Dunsingcr in's Auge, der in allen Beziehungen ein großer Herr genannt werden kann — da er eine sehr hohe Stelle bei der Regierung der Kolonien bekleidet. Er hat ein Gesicht, als ob es von Eedernholz geschnitten sei, mit einem Flecken Zinnober auf der Nase. Er formulirt feierlich einen Glückwunsch für die Hausfrau wegen ihrer wohlbehaltenen Rückkehr aus dem Vaterlande. Daranf wird dieselbe von Meorouw Dunsinger umarmt, was im Hinblicke auf die reiche Korpulenz dieser Dame eine ziemlich umfangreiche Unternehmung zn heißen verdient. Fräulein Dunsinger sieht wahrlich noch immer so böse ans, als früher. Sie hält ihren länglichen Kopf noch gebogener über den dünnen Schwanenhals, selbst auf die Gefahr, daß er einmal das Gleichgewicht verliere. Auch sie sagt etwas zu Mevronw Van Weely, aber so flüsternd, daß Niemand etwas davon versteht. Dann vertheilt sich die Gesellschaft in Gruppen. Am Theetische — die Herrin des Hauses bereitet ihn noch immer selbst — versammeln sich die meisten Damen. Henriette und Mevrouw Guirault Dubois 78 M fliegender Fahne und klingendem Spiel. sind bald in ein fröhliches Gespräch verwickelt. Me-vrouw Van Weely hatte am vorigen Tage bei ihrer Rückkehr den jungen Advokaten Dubois und seine Frau, als besonders bevorzugte Frcunoe ihres Mannes kennen gelernt und durch das viele Gute, welches ihr derselbe von ihneu erzählte, hatte auch sie dieselben sogleich mit der liebenswürdigsten Zuvorkommenheit empfangen, und mit unwiderstehlicher Freundlichkeit darauf bestanden, sie sogleich bei sich zu sehen. Aber auch sie brachte ihre Freunde mit, uud hatte Alles mit so viel Takt zn arrangiren gewußt, daß Henriette und Outshoorn sich unter - ihren Augen so schnell als möglich wiedersehen konnten. Sie selbst hat sich neben Mevronw Dunsinger gesetzt. Nicht etwa, weil sie besonders große Sympathie für die korpulente Dame hegte, da diese doch nur zwei Gegenstände des Gespräches zu behandeln versteht, ihre Tochter und — ihren Magen. Aber sie kennt ihre Pflicht als Hausfrau, uud briugt diese auch bei den weniger angenehmen Besuchen, welche der Rang ihres Mannes oft mit sich bringt, auf das Unbeschränkteste in Anwendung. Fräulein Dnnsinger bildet den trait <1'union zwischen den Herren und Damen, obgleich sich Niemand um sie kümmert, worüber sie sich aber durch eifriges Wehen mit ihrem schneeweißen Fächer und Nit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 7 g durch ein stilles Auf- uud Niedcrschaukeln mit ihrem Lehnstuhle so vornehm als möglich zu trösten versucht. Die Herren sitzen ein wenig entfernt vom Thcc-tische. Die Hauptgruppe bilden der Hausherr und Herr Dunsing er. Outshoorn sitzt neben Fräulein Duusinger, und wirft zuweilen an ihrem hängenden Kopfe vorbei einen Blick stillen Einverständnisses auf Heurietten. Er verfolgt scheinbar das Gespräch der vornehmen Herren, aber im Geheimen baut er lauter Luftschlösser — rosenroth, gold, blau, uud Orangenblüthe. An der Ballu-strade der Terrasse lehut Mr. Andre Antoine Guirault Dubois. Er nimmt eifrigen Antheil an dem Gespräche, und lächelt dabei so geistreich und glücklich, so daß Niemand zweifeln kann, daß dafür noch eine weniger auf der Hand liegende Ursa che seiner guten Laune vorhanden ist, als die apodiktischen Äußerungen des Herrn Dunsinger. Dieser war eben mitten in einer für sein Temperament sehr heftigen Auseinandersetzung: — „Und wissen Sie, was ich sage. Van Weely? Die Iavancn haben es gut! Was um Gottes Willen wollen Sie noch mehr? Mögen sie in Holland in den Kammern so viel sprechen, als sie wollen, sie werden sich wohl in Acht nehmen, daß sie nicht so viel daran verändern!" Mcwegung mit Danmen und Zeigefinger der cederholznen Hand). „Eisenbahnen, »aeäuli! Das 80 Mil fliegender Fahne und klingendem Spiel. geht mich nichts an, und ist dabei noch ein Plaisirchen für den los^an-desa^r! ' Aber wissen Sie, was ich nicht leiden kann. was ich verurtheile nnb verwünsche — .das ist so eine Zeitung, wie das Batavische Handelsblatt — neulich noch mit der Zuckerregulirung...." — „Mit Erlaubniß, Herr Dunsinger!" — fällt Dubois lebhaft ein — „das Vatavische Handelsblatt wird ausgezeichnet redigirt, und zeugt von einer ruhmvollen Vergangenheit. Es hat mehr Gutes und Nützliches zu Staude gebracht, als Mancher vermuthet. Es ist hier in der Kolonie viel Anlage zum Träumen und in Schlaf Fallen — kein wirksameres Gegengift, als eine immer wahre Opposition....." — „Opposition! Aber gegen was, — gegen was? Wir haben einen liberalen Minister uud einen liberalen General-Gouverneur, die Schreier des Batavischeu Handelsblattes bekommen in Allem ihren Willen! Sehen Sie nur zu, was nun geschieht — die Scandale von der freien Arbeit — >vat diisf je! ^ l loevAN-dezaar — Gebieter, Alleinhen'scher, hier der Gc-neral«Gvuvcrneur. ^ 'lvat diiek ^e? Unübersetzbar. Der Holländer wendet dieses Wort geradezu überall an. Wörtlich übersetzt ist es das deutsche Was beliebt? Der Holländer spricht eö in jedem Tonfalle, als jede m,r mögliche, in Holland allein verständliche Interjection aus. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. g/j Herr Dunsinger sah ruhig um sich her, als er diesen feierlichen Ausspruch gethan hatte. Er war überzeugt, daß nun das letzte Wort gesagt sei. Aber der Hausherr begann mit höflicher Mäßigung: „Ich glaube, Dunsinger, daß wir lange darüber sprechen könnten, ohne einig zu werden. Alles hängt von der individuellen Auffassung ab. Sie finden, daß schon viel zu viel in dem Regierungssysteme dieser Kolonie geändert sei — Herr Dubois will noch viel mehr daran verändern. Ich will nicht entscheiden, wer von ihnen recht habe, aber sicher ist es, daß sowohl hier als in Holland eine sehr merkwürdige Bewegung in den Ideen über Kolonialpolitik besteht, und insofern diese Bewegung gleichen Schritt hält mit dem großen und vernunftgemäßen System des Fortschritts unseres Jahrhunderts, insofern freue ich mich herzlich darüber!" — „Ich nicht, van Wcely! All das Schwatzen über Fortschritt ist Unsinn! Unser inländischer Haushalt ist gut, selbst sehr gut eingerichtet. Es sind noch keine zwei Jahre her, daß das Buch von Money über Java erschien. Da konnten sich die Engländer eine Lehre davon nehmen über die Herrschaft ihrer eigenen Kolonien. Dieser Money war ein praktischer, pintere Kerl, der unseren Staatshaushalt verstand, und ihn nach Verdienst schätzte. Und doch haben die liberalen Indische Bibliolhcl. III. l> 8Z M fliegender Fahne und klingendem Spiel. Herren in Holland allerlei Anfälle gegen das Buch gemacht, und haben interpellirt und Gott weiß was! Sie begreifen es nicht— sehen Sie, nicht so viel davon!" Und wieder bewegte der Herr Dunsinger Daumen und Zeigefinger seiner cederholzenen Hand. — „Sie sind doch in Holland in der Geld-Frage fügsam genug!" — bemerkte Dubois. — „Das vortreffliche Buch Money's erinnert mich an ein anderes Buch, den Max Havelaar....." — „Den Max Havelaar!" — fällt Dunsinger ein, während alle Züge seines hölzernen Antlitzes in Bewegung kommen. „Wer kann sich jetzt noch auf Max Havelaar berufen! Ein offener Scandal! Ein Pamphlet eines Aufwieglers, eines Schurken, der die Landescasse in Sumatra bestohlen hat, und das selbst bekennt!" Outshoorn hatte aufmerksam zugehört, und fiel jetzt lebhaft ein: — „Das Buch wird doch in Holland noch aus einem anderen Gesichtspunkte angesehen, mein Herr! Ich spreche uicht von seinem ausgezeichneten Kunstwerthe — ich spreche von seiner politischen Tendenz. Ein Alarmruf ließ sich hören, — als das Buch erschien. Eine allgemeine Theilnahme an dem Loose der Iavanen entstand — die Termen und Eigennamen des Buches wurden die Losungsworte der Partheien. Und Uit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ZI was man auch mit Recht als einseitig, als Wirkung der falschen Vorstellung von dem mehr als übervor-theilten Schriftsteller tadeln möge — so haben wir doch eine große Verpflichtung gegen Multatuli. Er hat bei der niederländischen Nation zuerst die Idee zur Geltung gebracht, daß es ihre heilige Pflicht sei, für die sittliche und materielle Entwicklung des Maschen Volkes zu wachen —und nicht nur in der Theorie!" — „Ich glaube, meiu Herr, daß Sie als Beamter zweiter Klasse hierherkommen; he?" Dnnsinger vertheilte diese Frage zwischen zwei lange Rauchwolken aus seiner Manilla. — „Ganz recht, mein Herr!" — „Dann will ich Ihnen einen guten Rath geben, bleiben Sie bei diesen Ideen, so werden Sie sicher carriers machen, — oder abgesetzt werden, wie manche für freie Arbeit begeisterte Residenten — ^at diiel^e? Glücklicherweife kam gerade der Bediente mit mi-N06man (allerlei Getränken) und Herr Dunsinger mußte sich mit dem wichtigen Fragcstücke abmühen, ob er Wein, Vier oder sapi »auia ^sr^ trinken sollte. Outshoorn war aufgestanden — er hatte nicht die geringste Lust, das Gespräch fortzusetzen. Du bois hatt l sapi 8äM2 ajol — starkes Getränk mit Wasser. 6* 84 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. sich ein wenig abgewendet, und sah nach den funkelnden Sternen am Firmamente — ohne sein geistreiches Lächeln dabei zu unterdrücken. Auch die Damen hatten ihre Plätze verlassen. Mevrouw Dubois hatte ein Wort mit Fräulein Dunsinger gesprochen, Henriette war schon einige Male Arm in Arm mit Mevrouw van Weely durch die Vorgalerie gegangen. Jetzt standen sie am äußersten Ende der Veranda bei dem Geländer und betrachteten die riesigen Waringins, die ihre wunderlichen Formen am Eingänge der Besitzung dem von Millionen Sternen glänzenden Himmel spukhaft schwarz entgegenstreckten. Wie es kam, wußte Niemand, aber bald stand Outshoorn bei ihnen, und es wurde leise und vertraulich geplaudert. An der andern Seite wurde das politische Gespräch der Herren fortgesetzt, und Dunsinger blieb bei seiner festen Behauptung, daß die Iavanen es sehr gut hätten — »-nnt diisk^s!« — ,^i2, Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. gz VII. Henriette bekommt Nesnch und einen Vlies aus Vreda. Herr Nnu» lenburg lumpst die Nase über Moßert Schumann, Es war ein drückend heißer Morgen in den Übergangstagen der beiden indischen Jahreszeiten. Oktober war halb vorbei und der schlimme luoesson noch nicht eingefallen. In der Villa des Herrn Ruytenburg auf Tanabang schien Jeder außerordentlich dur°ch die Hitze gequält. Der Herr des Hauses war sehr übler Laune nach der Stadt gefahren. Kembang, das junge, hübsche, malayische Kammermädchen Von Mevrouw, die mehr Holländisch verstand, als Jeder ahnte, erzählte Ali, dem wskan 8p6n (Bediente, der die Aufsicht über die Vorrathskammer und die Getränke hat), daß der los^van d682lir und die Xjon^a^ dssaar sich sehr heftig über die neue Gouvernante gezankt hätten, daß die ^on^a des^n- einen Ekel an dem Fräulein hätte, und sie viel zu pintsr in Allem fände, aber daß der loenan d68aar gesagt habe, daß sie nun einmal da l Njonja, Mcvrouw. 86 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. wäre und bleiben müßte, weil die anak-anak sKinder) nicht immer durch's Haus laufen sollten, sondern lernen müßten. Links von der Villa, wo sich die vornehmsten Nebengebäude befinden, ist ein großes Zimmer für die Gouvernante eingerichtet worden. Im Augenblicke sitzt Heu-riette in einem leichten Morgengewande am Tische in Mitte ihrer el6vs8. Schon vierzehn Tage lang hat sie ihr Amt versehn, und dabei einen Schatz reicher Erfahrungen gesammelt. Die Aufgabe, welche sie im Stillen so schwer hielt, scheint ihr schon weniger unausführbar. Der schwerfällige Hein kann sich schon holländisch verständlich machen, liest und schreibt für einen Jungen von zehn Jahren ziemlich gut. Klara hat sich vollständig an fte angeschlossen und ist ihr die liebste Gesellschaft in den langen Morgenstunden vor dem Frühstücke. Ihre größte Sorge ist der kleine Wilhelm, der vom Anfang an nicht viel von ihr wissen wollte. An Lernen ist nicht zu denken. Er bleibt fortwährend nnter der Aufsicht seiner eignen dadoe, die in Henrietten's Zimmer mit ihm herumläuft, oder ihm in die kleine Galerie vor den Nebengebäuden folgt, und jede seiner sonderbarer Launen sogleich befriedigt. Was Mevrouw Nuyts Van Weely ihr auf der Amphitrite voraussagte. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. z^ daß sie in vierzehn Tagen schon eine Menge malayischer Ausdrücke gelernt haben würde, bestätigte sich vollkommen. Wohl that es ihr im Anfang sehr leid, daß sie am Bord diese Sprache nicht ein wenig studiert hatte — aber da Mevrouw Van Weely mit so viel Geringschätzung davon sprach, hatte sie es für unnöthig gehalten. Während der ersten Tage hatte sich der kleine Wilhelm regelmäßig auf die Flucht begeben, sobald sie sich ihm näherte, aber Klara hatte ihr geholfen und gesagt, daß er immer in: Anfange so inaloe (bange) sei, wenn er Fremde sähe. aber daß es gewiß bald besser würde, wenn das Fräulein etwas malayisch spräche. Jetzt hörte er schon auf ihre Stimme, stellte sich schon zuweilen einen Augenblick zu ihr. und bestand dann darauf, den einen oder andern Gegenstand vom Tische zu heben, um ihn so schnell als möglich zu vernichten. Ganz gewiß war der kleine Wilhelm ein außerordentlich verwöhntes und eigensinniges Kind, das Alles was es wußte, dachte und begehrte, den Instruktionen seiner alten dadoo verdankte, da Mevrouw Ruytenburg sich nur sehr ungern mit dem meist schreienden, und — trotz der ausgezeichneten Badestube — immer schmutzigen Kinde beschäftigte. Henriette begriff bald, daß die ganze Schwierigkeit ihrer Aufgabe in der Erziehung dieses verwahrlosten, kleinen Wesens bestand. g8 M fliegender Fahne und klingendem Spiel. und es kamen Augenblicke, in denen sie an dem Erfolge verzweifelt. Diese Augenblicke traten gewöhnlich ein, wenn der vierjährige Tyrann gegen seine dadoo wüthete, ein ohrzerreißendes Kreischen erhob, und ihr Alles, was er nur in die Hände bekommen konnte, an den Kopf warf. Auch heute schien er in sehr übler Laune zu sein. Er lief in dem Zimmer hin und her, riß ein altes Bilderbuch in Stücke, und stieß zuweilen seinen Bruder Hein, der sehr langsam eine Schönschrift an Hen-riettens Seite machte. Glücklicherweise hatte die alte dados Neniiek einen guten Einfall, indem sie einen Pisang zeigte, und sich mit ihm in eine Ecke der Galerie auf eine Hecke niedersetzte. Henritte sah aufathmend umher. Ein beinah unmerklicher Seufzer drang über ihre Lippen. Sie fühlte sich noch so fremd in diesem Hause, in diesem Zimmer, — und Outshoorn sollte heute Batavia verlassen! Er hatte sich in Allem nach dem Rathe des Herrn Van Weely gerichtet, und eine Stelle bei der Kultur bekommen. Er reiste mit dringenden Empfehlungsbriefen nach Poerwakarta ab, um Kaffee- und Zimmtplantagen zu kontroliren, und so schnell als möglich zu promoviren. Man hatte ihr gesagt, daß Poerwakarta nicht weit von Batavia sei, und daß man in einem Tage von der Hauptstadt der Assi- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Z9 stenzresidenz Krawang nach Weltevreden reisen könnte. Dieses Bewußtsein hatte ihr Muth gegeben und vertrauensvoll hatte sie ihm am vorigen Abend Lebewohl gesagt unter dem fröhlichen Scherz und der muntern Laune der Mevrouw Van Weely. Und dann dachte sie wieder an ihre Mutter zu Breda, und wie viel sie noch thun mußte ehe das Loos dieser edlen Dulderin nur einigermaßen erleichtert war. Unwillkührlich ließ sie den herrlichen Lockenkopf auf die Brust sinken — die kleine Klara stand von ihrem Stuhle auf, und legte ihr Lesebuch nieder, in welchem sie mit eifrigem Ernste studiert hatte. Schmeichelnd faßte sie Henrietten's Hand und fragte flüsternd in ihrer kindlichen Sprache, ob das Fräulein Verdruß habe, ob sie an Holland denke, oder ob sie vielleicht nicht wohl sei. Henriette legte beide Hände auf das glänzend schwarze Haar der lieben Kleinen, und sah ihr mit dankbarer Freude in die großen, dunkeln Augen. So viel Einfalt, so viel Liebe, so viel naives Interesse bewährte sie in diesem Augenblicke mit wunderbarer Kraft, sie neigte sich nieder und drückte das liebe Kind begeistert in ihre Arme. Plötzlich tönte draußen ein kreischender, durchdrin- Iy Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. gen der Hilferuf. Augenblicklich darauf wurde mit scharfer, schallender Stimme gerufen: — „Kembang! .... Kembang!" Henriette erschrak. Sie hatte die Stimme erkannt und flog eilends hinaus in die Galerie, während das Hilferufen noch immer anhielt. In einiger Entfernung sah sie Mevronw Ruytenburg in Kabaai und saronF, die den kleinen Wilhelm eigenhändig vom Boden aufnahm, und seinen Kopf befühlte, um zu untersuchen, ob er sich auch wie gewöhnlich verwundet habe. Im selben Augenblick flog Kembang herbei. Mevrouw Ruytenburg wandte sich zornig um. — »vi inannali Nennet?« (Wo ist Nmneh?") fragte die Malayerin in barschem Tone. »lan!« — antwortete diese mit dem langgedehnten Zögern im Tone, welcher in der Übersetzung bedeutet: „Ich weiß es nicht!" — »^.nFkat 8ilvjo, 16^28, lekas!« (Bringe den Kleinen weg, schnell, schnell!) Dieser letzte Befehl wurde in noch barscherem Tone ausgesprochen. Kembang nahm den schreienden Jungen, der sich eine kleine Beule an der Stirn geschlagen hatte, in die Höhe und brachte ihn weg. Henriette sagt^ schnell etwas über die Ursache seines Weglaufens, und wunderte sich, daß Nenneh nicht zugegen war. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 9 > — „Fräulein Hilbeeck! der kleine Wilhelm darf nicht allein. Sie halten ihn bei sich, ja?" Mevrouw Ruytenburg sprach diese Worte mit einer gewissen nonokaianoe, während sie ein kostbar gesticktes Taschentuch, an dem ein Bund Schlüssel befestigt war, über ihre rechte Schulter warf. Sie sah die Gouvernante mit einem vielsagenden Blick an, in dem deutlich zu lesen war: „Wenn du nicht auf Kinder aufpassen kannst, warum wirst du denn Gouvernante?" — Hen-riette begegnete ihrem Blick mit offener Ruhe und sagte höflich, daß sie in Zukunft dergleichen Vorfälle zu verhüten hoffe, daß der kleine Wilhelm nur von Nenneh etwas wifsen wolle, und daß er noch viel zu jung sei, um einen ganzen Morgen im Zimmer zu spielen. Mevrouw Nuytenburg ging indessen weiter, Kopf und Rücken etwas zurückbiegend mit einem unbeschreiblichen apiomd in jedem Schritte. Man war an Henrietten's Zimmer angelangt. Hein und Klara standen auf der Schwelle, aber als sie ihre Mutter kommen sahen, begaben sich Beide schnell wieder auf ihre Plätze. Mevrouw Ruytenburg zögerte einen Angenblick und ging dann nachlässig in das Zimmer. Henriette stellte sich an den Tisch — es war zum ersten Male, daß sie einen Besuch von der Mutter ihrer Schüler empfing. Dieselbe blickte mit 'einer ge- 92 Mit fliegender Mnt und klingendem Spiel. wissen stillen Musterung umher. Das hohe Zimmer mit seinen vier weißen Mauern, seinem Teppich von Matten und seinen indischen Möbeln hatte seit Hen-riettens Verbleiben in demselben eine sichtliche Veränderung erlitten. Eine rothe spanische Wand war vor die eiserne Bettstelle gesetzt — welche dadnrch jedem Auge entzogen war. Auf einem Fueriäon vor dem großen Fenster stand ein kleiner Spiegel, umgeben von allerlei zierlichen, obgleich nicht kostbaren Gegenständen, unter denen sich eine kleine Vase mit Blumen befand, die Klara gepflückt hatte, melatties und XsmdanF-86P3.W68, lilienweiß und purpurroth. An der Wand hing ein Schränkchen mit nett eingebundenen Büchern, Henriettens ganze Bibliothek. Auf einem Tischchen daneben lag ein hoher Haufen Noten. Mevronw Ruytenburg hatte mit einem Blicke das Ganze überschaut und begriff wohl, daß man über die sorgfältige Reinlichkeit und reizende Einfachheit dieses Ganzen niemals die geringste Anmerkung machen könnte. Mit halb verlegenem, halb drohenden Lächeln bog sie sich über Hein's Schreibebuch, dieser blieb mäuschenstill sitzen und sah ängstlich auf Henrietten. Schweigend sah Mevrouw noch in das Lesebuch Klara's, die ihre Gouvernante mit beiden Händen am Kleide festhielt. Welch' ein Kontrast zwischen beiden Frauen — Nit fliegender Fahne und klingendem Spiel. gg die gebietende Herrin, klein, korpulent, unförmlich, mit dem Gesichtstypus der malayischen Race, der schmutziggelben Farbe der Farbigen und einer Lage deäak (Reispulver) auf Stirn und Wangen, die sich aber als unzureichend erwies, um die braunen Flecke derselben zu verbergen — die gehorsame Dienerin, zierlich, von schlanker Gestalt, mit nobler Haltung, mit der frischen Blüthe der Jugend auf dem fleckenlos weißem Antlitze, welches in jedem Zuge das lieblichste Ideal der germanischen Frau verkörperte. Mevrouw Ruytenburg hatte ihre Hand auf Hein's kurz abgeschnittenes Haar gelegt, und ihn mit einem Finger auf die Wange getippt. Darauf sagte sie, um sich ein »ir zu geben, halb flüsternd zu dem Jungen i — „Nicht nakal (unartig) sein, ja?" Einen Augenblick darauf ging sie langsam wieder der Thüre zu und fragte, plötzlich wieder stillstehend: — „Ist Klara folgsam, Fräulein Hilbeeck? Kann sie einmal mit mir?" Henriette that ihr Bestes, um ihre kleine Freundin zu loben, aber unglücklicherweise drängte sich das Mädchen mit aller Gewalt an sie an, und flüsterte kaum hörbar -. — „Nicht hübsch in Mama sein Zimmer!" — »8ueäa1i!« — siel Mevrouw Ruytenburg mit 94 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ihrer gewöhnlichen lauten, spitzigen Stimme ein. — „Braucht nicht, Klara! Bleib mal hier bei die Fräulein!" Henriette wandte alle Mittel an, um das Kind zur Vernunft zu bringen, dießmal blieb sie unbeweglich. — „Lassen Sie nur, Fräulein Hilbeeck!" — fiel die barfche Stimme der Mevrouw Ruytenburg wieder ein. — „Allemal tinkaas!" Und ihre Stimme ein wenig mäßigend: — „Gehen Sie hente Abend zu Van Weely?" — „Nein, Mevrouw!" — „Nun. Ruytenburg sagt heute früh, warum Sie nie Abends hereinkommen. Ruytenburg sieht gerne, daß Sie auch bei uns kommt nach dem Diner, ja? Sie spielen Piano?" — „Mit dem größten Vergnügen, Mevrouw!" — „Heute Abende kommeil ein paar junge Leute hier. Lucy und Spranekhuyzen und sein Bruder und noch ein paar Henkens und Deeselaar, wn? (wissen Sie?) Sie kommen dann etwas spielen, ja?" Mevrouw Ruytenburg warf wieder ihr Taschentuch mit dem Bunde Schlüssel über die rechte Schulter und ging mit ihrem schleppenden, nachlässigen Schritte nun wirklich zur Thüre hinaus, ohne sich darum zu bekümmern, was Henriette antworten würde, und mit einer Mit fliegend« Fahne und klingendem Spiel. gH Miene, als ob sie sagen wollte: „Gut genug für so eine Person — wenn sie nicht Klavier spielte, würde ich sie nicht einladen!" Henriette blieb erstaunt und schweigend stehen. Einen Augenblick lang fühlte sie all' ihren Stolz mit der verdoppelten Kraft der Entrüstung und des Zornes sich gegen eine solche Behandlung auflehnen, aber sogleich bezwang sie das Klopfen ihres Herzens, und dachte an die herrliche Aufgabe, welche sie sich freiwillig auf die jungen, starken Schultern geladen hatte. Und plötzlich umarmte sie die kleine Klara so feurig, daß das kluge Kind vor Freude laut aufjauchzte und die beiden Hände um ihren Hals schlug. — „Ein 806>vat (Brief), Fräulein!" — sagte auf einmal der kleine Hein. Henriette blickte auf. Ein tief sich verneigender Malaye stand am Eingänge des Zimmers :i:id bot ihr zwei Briefe an. Beide waren aus Breda, der Eine von ihrer Mutter, der Andere vom Kapitain Van Hil-beeck. Sie erstaunte über die doppelte Sendung und fand es ziemlich unangenehm, das hohe Porto zweimal bezahlen zu müssen. Doch befriedigte sie schnell den Bricfbotcn, und verschlang förmlich den Brief ihrer Mutter. Mevrouw Van Hilbeeck hatte die Nachricht von Henriettas Ankunft und von Allem dem, was während ihrer Schiffsreise vorgefallen war, noch nicht 96 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. empfangen, als sie diesen Brief schrieb. Kummer und zarte Mutterliebe hatten vier Quartseiten gefüllt, und sprachen nur hie und da von eigenem Leide, zumal von der Betrübniß, welche Henriettens Abreise hervorgerufen hatte. Heimlich die Thränen wegwischend, die unter dem Lesen nur mit Mühe zurückzuhalten waren, erbrach sie langsam das Siegel von ihres Vaters Brief und las: „Liebes Iettchen! Gestern fragte mich Deine Mama, ob ich Dir auch was zu sagen hätte, und ich sagte nein! — Es giebt hier nicht viel Neues, nur das neue Kaffeehaus auf dem großen Markte — sonst ist Breda nur ein langweiliges Nest. Nun bin ich heute Abend einmal in das neue Kaffeehaus gegangen und da traf ich gerade den Kapitain Grocx, der mit Pension aus Indien zurückgekommen ist. Er erzählte mir so ein und das Andere, was ich noch nicht wußte, und worüber ich Dir schreiben will. Aber weil ich einmal nein gesagt hatte, will ich es vor Mama nicht wissen lassen, ich bleibe gern konsequent; Ordnung und Disciplin geht über Alles. Ich sitze nun hier an meinem Tische im Kaffeehause, um an Dich zu schreiben. Es ist hier sehr gut eingerichtet — gutes bairisches Bier für zwanzig Cents. Und doch ist es viel zu theuer für so eine elende Kavitainspension, von der ich leben muß. Gott bessere Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 97 es, aber so belohnt das liebe Vaterland feine Soloa^ ten, und ich habe doch bei Löwen den Wilhelmsorden verdient. Wenn hier einmal ein Diner von den Rittern des eisernen Kreuzes ist, dann kann ich meistens nicht dabei sein — »acrebisn! Gut, daß Du nach Batavia gegangen bist — Du hast dort neunhundert Gulden mehr, als ich. Aber was ich dir eigentlich sagen wollte — das ist. daß der Kapitain Grocx mir eben eine Menge Einzelheiten von Indien erzählt hat. Eins ist mir nun ganz deutlich geworden, daß nicht viel holländische Mädchen dort sind, und daß ihr Gouvernanten dort sehr gute Partieen machen könnt. Grocx kannte eine Geschichte von einem sehr hübschen Mädchen, einer Gouvernante, wie Du — und die muß dort einen großen Herren geheirathet haben, — einen Kerl mit einer Tonne Goldes im Jahre. Du weißt, Kindlieb, daß Du ein paar verteufelt hübsche Augen hast, sei nun einmal stink bei der Hand, und packe so einen großen Hans an — willst Du'. Dann wärst Du geborgen, Iettchen, und wir auch — ^oredieu,! Nun Du weißt wohl, daß Papa Dich ganz schrecklich lieb hat, und daß er doch eigentlich nur ein armer Stümper ist, der erst durch die Herren abgenutzt wurde, als er jung und kräftig war — und nun auf die Seite geschoben ist, weil er am Podagra leidet. Und dann so Indische Nibliolhcl. NI. ? 98 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. eine elende Kapitainspension! Nun, das ist Alles was ich Dir zu sagen habe. Halte Dich gut, Kindlieb, und sei gegrüßt von Deinen alten, kränklichen Vater Ernst van Hilbeeck, pcnfionirter Kapitain dcr Artillerie. ?. 8. Wilhelm schrieb mir gestern aus Kämpen, daß er bald Sergeant wird und daß er mehr Taschengeld nöthig hast. Willst Du uns damit aushelfen? Schicke es dann an meine Adresse — willst Du?" Die Frage über den Musikunterricht war bis jetzt zwischen der Familie Ruytenburg und der neuen Gouvernante unberührt geblieben. Henriette hatte bei dem Abfassen des Contraktes in Breda besonderes Gewicht darauf gelegt, daß sie fähig sei, Musikunterricht zu geben, da das Klavier bis jetzt ihr Lieblingsstudium ausmachte, und weil Jeder, der sie bis jetzt gehört hatte, ihr außergewöhnliches Talent dafür zusprach. Einige Tage nach ihrer Ankunft hatte Ruytenburg flüchtig daran erinnert, daß Hein und Klara wohl mit Musikstunden beginnen könnten, uud Henriette hatte gefragt, ob sie des Vormittags mit den Kindern in die innere Galerie gehen dürfe, um einen Anfang damit zu machen. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 99 Mevrouw Ruhtenburg nährte indessen eine bis zur Idiosynkrasie gesteigerte Abneigung gegen Übungen und Tonleitern, und sagte, daß sie es noch näher mit dem Fräulein besprechen würde. Henriette hörte von den Kindern, daß sie schon vor einem halben Jahre ein paar Stunden von der vorigen Gouvernante erhalten hatten, welche nach Holland zurückgekehrt war, weil sie immer sakit (krank) war. Die Erzählungen Klara's über diese Dame waren ziemlich dunkel — aus Allem ging aber hervor, daß sie ein schwaches, immer unpäßliches Mädchen gewesen sein mußte, die sich sehr wenig um ihre Aufgabe bekümmerte und sich durchaus nicht mit Mevrouw Ruytenburg vertragen konnte. Indessen ruhte die Frage über die Musikstunden, da Henriette sich in den jüngstverflossenen vierzehn Tagen über zahlreiche kleine Details des Unterrichtes orientiren mußte, und da sie keinen weiteren Wink erhielt, vollauf mit der in allen Hinsichten sehr vernachlässigten Erziehung der ihr anvertrauten Kleinen zu thun hatte. Als sie jetzt, Abends nach dem Diner desselben Tages, der ihr den ersten Besuch von der Mutter ihrer ei6V68 und die zweite Nachricht von ihren Eltern in Holland brachte, nach der innern Galerie kam, auf höfliches Bitten des Innkers Eduard Van Spranethuyzen, dachte sie mit verschiedenen Gemüthsbewegungen daran, 7» ^ftf) Mit fiicgendcr Fahne unb klingendem Spiel. daß sie sich heute zum ersten Male in dem Hause Ruy-tenburg anf ihrem Lieblingsinstrument hören lassen sollte. Eine Anspielung auf ihr musikalisches Talent, die der Junker Eduard bei der Mahlzeit machte, hatte sie beinahe in Verlegenheit gebracht. Der Inuker hatte am Abend zuvor auf dem Empfangstage des hochedelachtbaren Herrn Dunsinger von Fräulein Marie mit dem Schwanenhalse und dem seitwärts geneigten Kopfe gehört, daß die neue Gouvernante Ruytenburg's sehr pintsr auf dem Piano sei, denn sie habe vor nicht langer Zeit bei Van Weely wohl eine Stunde lang an einem Stücke gespielt, und dann haben alle Herren auf einmal tüchtig in die Hände geklatscht. Der Junker hatte diese Neuigkeit sogleich der eifrig tanzenden Mevrouw Ruytenburg mitgetheilt, und sie ersucht, das Fräulein auch einmal spielen zu lassen — das war zugleich etwas Neues — und so hatte man mit einigen jungen Leuten verabredet, sich den folgenden Abend auf Tanabang einzufinden. Die arme Henriette wußte nicht, daß man ihrem Talente solch einen ^uetapens legte. Sie vertraute ihrem musikalischen Geschmacke und ihrer Fertigkeit, sie glaubte auf denselben Beifall rechnen zu können, als bei Van Weely. Als Van Spranekhuyzen sie in der innern Galerie aufsuchte, machte sie gerade ihre Musik zurecht und streifte unter Scherzen mit der kleinen Klara Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 4 n, leise mit der Hand über die Tasten des Pianino. Es war kurz nach dem Diner, und doch fand sie die Veranda schon mit Gästen gefüllt. Lucy, ihr höflicher Gemahl und dessen Bruder hatten sich schon um sechs Uhr dort eingefunden. Van Spranekhuyzen hatte vor und nach seiner Heirath meistens einmal in der Woche bei Nuy-tenburg diuirt, nnd es war ihm aus verschiedenen Gründen heiliger Ernst, diese Gewohnheit beizubehalten — und nun gerade an diesem Tage, da er für diesen Abend keine andere Anssicht hatte, als eine parti-a-trmL mit Lucy und seinem Bruder Hektor, eine Aussicht, gegen die er im tiefsten Innern seines Herzens eingenommen war. Außer diesen Dreien nun nnd der Familie Nuy« tenbnrg fand Henriette noch die Damen Henkens, und zwei außerordentlich fröhlich lachende nnd hübsche junge Mädchen, welche die schöue Christine Henkens ihr später als Fräulein Karoline und Fräulein Betsy Deeselaar vorstellte. Marie Dunsinger vervollständigte die Gruppe der Damen — sie sah in ihrem weißen mit rosenroth ausgeputztem Ballkleide noch eckiger uud geknickter aus, als eine verschmachtende Trauerweide. Das Hcrrenpersonal war zufällig nicht so zahlreich. Henriette erkannte nicht ohne kleine Regung von Antipathie den Lieutenant Schotzer, der durch Junker Hektor in den Kreis Nuytenburg — Van Spranekhuyzeu /j yZ Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. eingeführt war. Dann noch ein Lieutenant, der sich sehr höflich vor ihr verneigte, und von dem sie später hörte, daß er sehr angesehen sei, sehr großen Einfluß bei der dean-inonäs Batavia's besaß, und dessen Name Reeve war. Eigentlich bemerkte sie auch noch einen dritten jungen Mann mit einer spaßigen Baßstimme, unsern alten Bekannten Brandelaar. Es herrschte schon eine sehr fröhliche Stimmung unter den Gästen dieser halb improvisirten soiree. Ruytenburg erzählte den Damen Deeselaar und Henkens eine seiner drolligen Anekdoten, unter lautem Beifalle Reeve's und Hektors! Henrietten's Eintritt wurde sehr wenig bemerkt — wenigstens schien es so. Man reichte Kaffee herum. Mevrouw Ruytenburg faß mit Lucy und Marie Dun> zinger in vertraulichem Gespräche. Niemand sah auf die Gouvernante. Mit auffälligem Eifer richtete der Junker Eduard Van Spranekhuyzen einige höfliche Fragen an Brandelaar über die Tafel des Marine-Hotels und über die Neuigkeiten des Tags. So blieb Hen-riette in einem entlegenen Theile der Veranda allein und starrte hinaus in den Garten mit seinem phantastischen Reichthum von tropischen Gewächsen und Pflanzen, die jetzt neben der glänzenden Beleuchtung der Vorgalerie in dunkle Nacht gehüllt erschienen. Sie wußte sehr wohl, daß sie hier war, um ihren Theil zu dem Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ yg Vergnügen des Abends beizutragen, daß sie gleichsam den Dienst ihres Berufs erfüllte; aber dieser Gedanke rührte sie wenig. Sie hatte Augenblicke, in denen sie sich über jede Erniedrigung, die ihr jemals unter diesem Dache begegnen konnte, hoch erhaben fühlte, und lächelte darum still vor sich hin. Aber Plötzlich breitete sich auch ein dunkler Ausdruck über ihre feinen Züge; sie dachte an Outshoorn, an ihre liebe Mutter, an den Mann, den sie Vater nennen mußte — an so Vieles, was jetzt noch drohend und unüberwindlich vor ihr stand, bis sie endlich den Kopf tief herunterneigte, und, gau; in Gedanken verloren, nicht bemerkte, wie sich ihr jemand näherte. Junker Eduard Van Spranekhuyzen kam mit der höflichen Frage zu ihr, ob Fräulein Van Hilbeeck sich schon mit dem indischen Leben aussöhnen könne, ob sie nicht alles schrecklich einförmig fände, von dem lieben, brennenden Sonnenschein an bis zu dem Reisgerichte und den Hühnern. Der Ton dieser Fragen war so höflich bescheiden, und dabei so vollkommen mit all der verve eines echten Fsntleman ausgesprochen, daß Hen-riette ihm sehr ungezwungen antwortete, und mit erheitertem Blick das Gespräch fortsetzte. Aber Van Spranekhuyzen wußte bald eine neue schmeichelnde Anspielung auf ihr musikalisches Talent zu machen, so daß sie bald 104 2N fliegender Fahne und klingendem Spiel. vor dem Piano saß, und eins von Robert Schumann's schwersten, aber herrlichsten Werken auswählte. Sie sah noch einmal um sich her, ehe sie anfing. Mevrouw Ruytenburg und Lucy hatten sich mit Christine Heukens auf ein Sofa niedergesetzt, der Herr des Hauses stand an einem Tische und blätterte in einem illusttirten Werke. Junker Eruard stand in einer kleinen Entfernung von ihr, bereit, die Noten für sie umzuwenden; die jungen Leute scherzten in der Vorgalerie. Henriette besaß mehr als alltägliche Fertigkeit. Ihr Spiel trug eine ganz individuelle Färbung — da sie nur anfangs eine geringe und mangelhafte Anleitung der Anfangsgründe in Breda genossen, durch anhaltende Übung aber und Eifer und burch ihr außerordentlich glückliches Talent sich zu merkwürdiger Vollkommenheit entwickelt hatte. Anfangs hörte man ein wenig zu, dann fingen die Damen auf dem Sofa leise zu sprechen an. Ruytenburg lief nach der Vorgalerie zurück, nur Van Spranekhuyzen folgte dem Vortrage mit gespannter Aufmerksamkeit, und vergaß niemals im rechten Augenblicke das Blatt umzuwenden. Henriette war ganz in das Stück versunken und bemerkte nicht, daß sie nur vor einem einzigen Zuhörer spielte. Kaum war der letzte Takt des Finale verklungen, als Van Spranck-huyzen laut und beifällig in die Hände schlug, Mit fliegtndtl Fahne und klingendem Spiel. 4^5 was auch in der Vorgalerie ein schwaches Echo hervorrief. Wenige Augenblicke später kam die ganze Gesellschaft herein. Mevrouw Ruytenburg ging auf das Fräulein zu und sagte: — „Ein hübsches Stück, ja? Können Sie auch einen Walzer oder eine Quadrille?" Ruytenburg nickte Henriette unmerklich zu, und fragte, wer der Komponist bes Stückes sei. Als er es gehört hatte, sprach er: — Robert Schumann, so! Ich kenne den Herrn nicht. Sicher noch sehr jung, he? Zu meiner Zeit war viel fröhlichere Musik in der Mode. Lieben Sie nicht Opernmusik? Da haben sie die ^lustw, den liodert, die Dame 1jlano1i6, das ist meine Musik!" Und summend hob er an: — »I11u8tl'68 o!i6Vl»Ii6l8 ! « Henriettc schwieg, und lächelte so gleichgiltig als möglich. Als sie zufällig zur Seite sah, bemerkte sie, daß Junker Eduard bei Nuytenburg's Recitativ eine groteske Grimasse machte. — „Ich hoffe, daß Sie Hem und Klara so weit bringen, daß sie mir so etwas vorspielen können — das würre mir rasend viel Plaisir machen!" Und Ruytenburg wandte sich, gutmüthig nickend. ^ yß Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. von Henrietten ab, um der großen Menge seiner Gäste nach der penäoppo zu folgen. Es herrschte unter den jungen Leuten eine ausnehmende Lustigkeit — nnd es war deutlich, daß man die Absicht hatte, zu tanzen. Brandelaar sprach sehr eifrig mit Christine Henkens, und Karoline Deeselaar, deren herrliche blaue Augen noch mit der alten Gluth zu bezaubern vermochten, hatte trotz ihres kindischen Plauderns einen sehr tiefen Eindruck auf das Herz Junker Hektors Van Sprauck-huyzen gemacht. Letzterer fing an, sich in Batavia recht gut zu akklimatisiren, hatte schon Aussicht, entweder in „Weltevreden" oder in „Meester Kornelis" angestellt zu werden, und sah bald ein, daß er mit seinem Lieutenantstraktement sich keinen großen Luxus erlauben durfte. Seine Illusionen von liplap'schen Millionen waren stärker als jemals, und doch fühlte er sich außerordentlich gefesselt durch die kleine, echt europäische Brunette, welche man ihm diesen Abend als Fräulein Karoline Deeselaar vorgestellt hatte. Lieutenant Reeve und Ruytenburg standen wieder mitten unter den jungen Damen Henkens und waren unbezahlbar in der Ge-schicklichkeit, mit der sie ihre Zuhörerinnen zum Lachen brachten. Plötzlich erscholl laut eine lebhafte, entzückende Polka-Mazurka aus der innern Galerie. In einem Augen- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ ft^ blicke war die penäoppo in einen Tanzsaal umgeschaffen. Junker Eduard hatte sich unter die tanzenden Paare gemischt und mit Marie Dunsinger sehr steif und korrekt eine Tour getanzt. Darauf verschwand er Plötzlich. VIII. Junker Heklor Van Spranekyugzen verließt sich, seine Schwägerin ärgert sich tödtlich über die Höflichkeiten ihres Gemahls. In einer Ecke der penäoppo saßen wenige Augenblicke nach dem ersten Tanze einige Personen in sehr lebhaftem und geheimnißvollem Gespräche. Es war der Hausherr in eigner fröhlichlachender Person und Fräulein Marie Dunsinger. Wenn sich Jemand die Mühe gegeben hätte, würde er vielleicht bald entdeckt haben, warum diese junge Dame das geknickte Köpfchen jetzt so stolz erhob. Sie fühlte, daß sie durch das tan« zende Herrenpersonal auf die schnödeste Weise verkannt wurde — und doch waren drei Lieutenants unter denselben. Noch immer rekrutirte sie ihre feurigsten Anbeter aus den Reihen der eben angekommeneu zweiten Lieute- 1ft 8 Nit fliegender Fahne und klingendem Spiel. nants, und zum ersten Male sah sie sich aufs Bitterste enttäuscht. Sie schwur Reeve, Schotzer und dem Junker Hektor Van Spranekhuyzen eine glänzende Rache — den folgenden Samstag sollte wieder Ball in Konkordia sein, und dann.....Sie konnte durchaus nicht begreifen, warum die Mädchens Deeselaar überall das große Wort führten. Die Geschöpfe waren einige Jahre in Holland in der Pension gewesen, und gerade so dumm zurückgekommen, als sie gegangen waren. Was war ihr Papa? Ein pensionirtcr Beamter aus dem Binnenlande mit einem kleinen Vermögen. Dankbar und stolz sah Marie bei diesem Gedanken nach der andern Seite der penclonno, dort saß ihr hochedelge-strenger Vater mit seinem cederholzenen Angesichte und einem Flecken Zinnober auf der Nase. Derselbe war eben gekommen; er hatte von der reunion der jungen Leute gehört, und da er fröhliche Unterhaltung sehr liebte, hatte er sich entschlossen, auch zu erscheinen, wie er eben sehr förmlich Mevrouw Ruytenburg nnd Lucy mittheilte. Kräftig und majestätisch erklang jetzt ein Motiv aus Mozarts Don Juan vom Piano herüber. Es schien, als ob Henriette ihrem Publikum eine kleine Concession machen wollte. Maria Dunsinger erhob auf's Neue Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 4^9 das halbgeknickte Köpfchen — sie hatte ihren soutlre-äouisur gefunden. — „Und sind Sie noch zufrieden mit dem neuen Fräulein?" frug sie Ruytenburg flüsternd mit der Miene einer Herzogin, die ein Almosen austheilt. — „Was soll ich sagen! Sie ist erst vierzehn Tage hier. Die Kinder hat sie schon ganz für sich eingenommen — wie es mit Betsy geht, weiß ich noch nicht. Sie ist immer fröhlich und aufgeweckt, und unendlich besser, als das vorige kranke Fräulein Popel!" — „Ein sonderbarer Schlag Menschen, diese Gouvernanten! Fräulein Popel kam immer mit bleichem Gesichte und einer hellgeweinten Thräne in den Augen zum Vorschein. Und doch habe ich sie einmal auf einem Empfangsabend bei Andermans mit Reeve tanzen sehen, daß es wirklich entsetzlich war, so glänzten ihre Augen und glühten ihre Wangen. Fräulein van Hil-beeck scheint das Gegentheil aufführen zu wollen, sie lächelt immer und hält sich über unsere Amüsements erhaben!" Noch immer ertönte die wundervolle Musik aus der innern Galerie, aber Niemand in der penäoppo hörte darauf. Jeder sprach laut und scherzend, und Junker Eduarr van Spranekhuyzen stand in ehrerbietig bewundernder Haltung neben dem Klaviere. /j 10 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. — „Über unsere Amüsements erhaben!" — rief Ruytenburg, nach den letzten Worten von Marie Dunsinger aus — „das glanbe ich nicht, dazu sieht sie viel zu lustig und fröhlich aus. Sie geht beinahe jeden Abend zu van Weely!" — „Das habe ich auch bemerkt, und ich weiß sehr gut, warum!" Der geknickte Kopf erhob sich jetzt lothrecht auf dem Giraffenhalse — ein wahrhaft fürstliches Lächeln umschwebte die dünnen Lippen. — „Ich werde einmal offen mit Ihnen sprechen, Herr Ruytenburg! Ich sehe gar nicht ein, warum ich es Ihnen verschweigen soll. Ich kenne die holländischen Damen durch und durch; sie wissen, ich bin erst im zwanzigsten Jahre aus Holland hier angekommen. Die jungen Mädchen, die so anstandshalber Gouvernante werden, haben immer einen andern Zweck i einen Mann finden, heirathen. Man erzählt in Holland allerhand fabelhafte Geschichten von Heirathen in Indien zwischen blutarmen Damen und steinreichen Kapitalisten. So ein Fräulein van Hilbeeck will nichts Anderes, als heirathen. Sie weiß, daß sie Halbwege gut aussieht, und daß sie in Holland mit ihrer Armuth und ihren langen Locken keinen Mann findet. Darum ist sie ihre Gou- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ ^ vernante geworden. Und nun sage ich Ihnen, daß sie dazu schon auf dem besten Wege ist!" — „Schwätzereien!" — „Sie geht jeden Abend zu Van Weely, um mit einem gewissen Herrn Outshoorn zu flüstern, mit dem sie hergekommen ist und auf einem sehr intimen Fuß gestanden haben muß!" — „Unsinn! Ich habe gestern in der Stadt mit Van Weely über diese Sache gesprochen. Fräulein Van Hilbeeck war fortwährend in der Gesellschaft der Mevrouw Van Wecly, die mit der höchsten Achtung von ihrem Charakter und Manieren spricht. Herr Outshoorn unterhielt sich zuweilen aus Langeweile mit ihr — das ist Alles. Er ist ein Beamter zweiter Klasse, sehr anständig und sehr arm, voil«, lout!" — „Aber er kann sein Glück machen und dann ...." Herr Brandelaar verbeugte sich tief vor der lieben Sprecherin und berichtete, daß man eine Quadrille tanzen würde, zu welcher er mit seiner tiefen Baßstimme ihre Mitwirkung erbat. Fräulein Dunsinger wußte wirtlich nicht, ob sie mittanzen sollte — mit Klaviermusik war es sehr schwer, eine gute Quadrille auszuführen — Herr Brandelaar würde unter den anderen Damen wohl eine aiäe finden und.....Herr Brandelaar wiederholte sein Anliegen mit erneutem Drängen, HZ Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. und als sie sah, daß Ruytenburg aufgestanden war, um sich unter den tanzlustigen Gruppen durch lustige Scherze immer berühmter zu machen, erhob auch sie sich mit einem verdrießlichen Lächeln und folgte Brau-delaar, den überschweren Kopf auf die mageren Schultern geneigt. Schon wurden unter vielem Scherzen zwei Quadrillen gebildet. Hektor hatte mit seinen beiden Amtsgenossen Neeve und Schotzen den Herrn Dunsinger als vierten Mann gewonnen — welches Anliegen von Sr. Hochedelgestrengen mit feierlicher Bewegung seines cercrnholzenen Kopfes und seiner ccderholzenen Hände angenommen wurde. Aber Ruytenburg und Brandelaar wollten auch mittanzen — und bemerkten Plötzlich Junker Eduard, der sehr höflich mit Mevrouw Nuytenburg sprach. Auf seine Bitte nickte sie gewährend, uud als man sich in Reih und Glied stellte, sah man mit einiger Verwunderung, daß die Gouvernante auch unter den Damen stand, daß der galante Junker Eduard sie mit meisterlichem »anF-lroiä zum Tanze aufforderte, und raß sie dieß sehr ruhig und ohne Zögern annahm. Es schien, daß die jungen Damen der Meinung wareu, das Fräulein könne durchaus keiue Tanzmusik spielen, und darum hatte man Betsy Deeselaar gebeten, eine HU2<1ii1i6 äe» lancier» abzuspielen. So war Hen- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ ^ I riette in der penäoppo erschienen und hatte gar keinen Grund gefunden, die Aufforderung des höflichen Junkers van Spranekhuyzen abzulehnen, der mit ihr so unterhaltend und fertig über Musik gesprochen hatte. Als die Quadrille vollzählig war, vernahm man die schwachen Töne des Klaviers in der inneren Galerie, aber während sich Jeder mit feierlichem Ernste über den marmornen Boden der psnänppo bewegte, und vollständig in dem Vergnügen des Tanzes versunken war, schien in der Quadrille, in der Henriette stand, eine gewisse malade zu herrschen. Junker Eduard hatte sich plötzlich in ein lächelndes Schweigen vertieft. Ihm gegenüber stand Lucy, die aus Mangel an einem Kavalier sich mit der braunsten und unschönsten der Damen Henkens beholfen hatte. Rechts stand Marie Dunsinger, die den Kopf mit dem gebengten Stolze eines wüthenden Schwanes nach Henriette hinwandte, und links die hübsche Christine Henkens, die bei sich selbst überlegte, daß schwarze, glänzende Locken doch immer schöner wären, als das matte, rothblonde Haar des Fräuleins. Ruy-tenburg und Brandelaar schienen nicht viel um sich her zu beobachten; Junker Eduard war besonders feierlich und gemessen, während Lucy mit einer gewissen wilden Unverschämtheit auf Henrietten sah. Lucy war nicht gewohnt, tief nachzudenken, sondern beur- Indische Vibliotbtl. III. 8 1^4 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. theilte Alles in einer augenblicklichen Aufwallung des Gefühles, in Zorn oder Leidenschaft. Sie wußte nun einmal, daß ihr höflicher Gemahl beinahe niemals tanzte, nur dann und wann eine Tour, um den Schein zu haben, als ob er Theil nähme — und jetzt gar eine ganze Quadrille! Sie war sogleich der Meinung, daß es unpassend sei, mit der Gouvernante zu tanzen, und sah darum Henrietten mit einem Blicke an, in dem sich ihre Eifersucht und ihr Zorn sehr naiv kundgab. Junker Eduard hatte diesen Blick bemerkt, verstanden, und im Geheimen darüber gelacht. Aus Politik beschloß er aber die würdigste und ruhigste Haltung zu bewahren. Bei diesen Überlegungen vergaß er, daß die Reihe an ihm war, vorzutreten. — „Voraus, Spranekhuyzen! Ie pieä, yui i'mne!" rief Ruytenburg fröhlich. — „Herr van Spranekhuyzen ist ein wenig äistrait! — flüsterte Marie Dunsinger Brandelaar zu. Und Lucy, die in der yuaäriiie äes lancisi» außerordentlich stark war, und einen Fehler gegen die edle Tanzkunst unter die Todsünden rechnete, sah jetzt ihren Gemahl mit barscher Unzufriedenheit an, und sagte, sobald die Figur des Tanzes ihn ihr gegenüber brachte: Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ « « — „Hast Du wieder Zahnschmerzen, ja?" Junker Eduard besaß den Takt, jede Bewegung, jede Erniedrigung, jede Aufwallung des Zornes mit vollkommener Meisterschaft zu unterdrücken. Er ließ Lucy die doppelte Reihe seiner schneeweißen Zähne sehen, und machte eine sehr zierliche Verbeugung vor ihr, wie die Tanzregel es mit sich brachte. Es war ein unbedeutender Vorfall, den Jeder vergaß, ausgenommen Lucy. Henriette lächelte, als Junker Eduard ihr mit großem Ernste sagte: — „Man muß wirklich gut aufpassen, keinen Fehler in der Quadrille zu machen, Fräulein van Hilbeeck, das vergessen die Damen hier nicht so leicht!" Dann verfiel er wieder in sein lächelndes Schweigen, und hätte nicht Ruytenburg fortwährend seine lustigen pa» ausgeführt — und seine Dame Christine Henkens zum herzlichen Lachen gebracht — und wäre nicht dadurch die Aufmerksamkeit der Umstehenden abgeleitet worden, so hätte wohl Mancher der Umstehenden Lucy und ihrem Gemahl mehr Aufmerksamkeit geschenkt. In der andern Quadrille herrschte eine sehr lustige Stimmung. Herr Dunsinger hatte seine Hochedelge-strengheit ganz abgelegt und zeigte sich als ein eifriger Kavalier von Mevrouw Ruytenburg. Zuweilen bog er 8» 416 AM fliegender Fahne und klingendem Spiel. den zinnoberfarbigen Fleck seiner Nase nach den riesigen Blumen an dem Kopfputze der Wirthin, und sagte dann ohne Zweifel etwas Geistreiches, da diese ihren Fächer breit entfaltete, und ihn verschämt vor's Gesicht hielt. Es betraf vielleicht die jungen Leute, die mit ihm in der Quadrille standen, und sich sehr eifrig mit ihren Damen unterhielten. Junker Hektor van Sftranekhuyzen hatte besonders Fräulein Karoline Deeselaar viel zu sagen. Vor der Quadrille hatte er Reeve einen Augenblick bei Seite genommen, und diesen unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit gefragt, wie es mit den Finanzen der Familie Deeselaar bestellt sei. Reeve hatte lachend die Schultern gezuckt, gesagt, daß da gewiß viel Geld wäre, da der alte Deeselaar viele Jahre lang Kndigo in Banjoemaas gepflanzt habe — aber daß er lieber eine Schwester seiner Schwägerin wählen müßte, wenn er eine rioks keritiers erobern wollte. Junker Hektor war über diese Auskunft sehr erfreut, und bat Karolme sogleich um einen Tanz. Die liebe Brünette sah in Wahrheit bezaubernd schön aus in ihrem leichten, weißen Ballkleide mit blauen Blümchen überstreut; so daß sich Hektor sehr erregt fühlte, und gar nicht darüber nachdachte, ob er sich ernstlich verlieben würde. Unter dem Tanzen besann er sich auf auf allerlei galante Phrasen, die er hier oder da gelesen Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^7 und flüsterte so vertraulich als möglich. Karoline, die ganz andere Gedanken hatte, wie: Ballkleider, Spazierfahrten, ihre Familie und ihr Kammermädchen, hörte mit einem wohlwollenden Lächeln zu, welches ihr ungemein reizend stand. — „Wenn ich unter den Damen nmhersehe" — fuhr Hektor fort, der alle feine belletristischen Erinnerungen zusammenfaßte — „dann kommt mir wohl zuweilen der Gedanke, sie mit einer oder der andern Blume zu vergleichen!" — „Das ist wohl möglich" — flüsterte Karoline leise, während sie ihre goldne Broche, unsre alte'Be-kannte, znrechtschob — „mein Mädchen heißt ^Iß^tti!"^ — „Ich meine, die Damen dieser Gesellschaft!"" — „Anch Mevrouw Ruytenburg?" ^ — „Eigentlich mehr die jungen Damen. Da ist z. B. Fräulein Dunsinger, die möchte ich Fuchsia nennen, weil sie den Kopf immer so vornüber biegt!" — „Wie sagen Sie?" — „Eine Fuchsia, eine kleine rothe Blume mit hängendem Kelche!"' — „Ja, die kenne !ich nicht! Als ich in Holland l ^lelatti — auch der Name einer indischen Blume. ^ g Mit flizgtnbtt Fahne und klingendem Spiel. war, sah ich viele schöne Blumen, aber ich weiß ihre Namen nicht mehr!" — „Erinnern Sie sich einer Moosrose?" — „Nein!" — „Soll ich Ihnen sagen, wie sie aussieht? Es ist eine der schönsten Blumen Hollands. Aber es giebt auch welche in Batavia!" — „Wo denn?" — „Das kann ich Ihnen genau sagen. Wenn Sie zu Hause kommen, und Sie wollen wirklich eine ganz liebe Moosrose sehen, dann brauchen Sie nur schnell nach ihrem Zimmer zu gehen, sich vor Ihre Toilette zu setzen und in Ihren Spiegel ;u sehen....." Karoline brach plötzlich in ein lantes Gelächter aus, wollte etwas antworten, aber wurde durch eine Figur der Quadrille von ihrem Henn getrennt. Helene Hen-kens, welche mit Schotzer tanzte, flüsterte ihr im Vorbeigehen zu: — „Der Spranekhuyzen ist in Dich verliebt!" Als sie wieder auf ihrem Platze augekommen war, sah sie sehr schalkhaft zu Hektor auf und frug leise: — „Wie ist ihr Vorname, Herr Spranekhuyzen?" Und in dem Gewühle der Schlußpolka sah man sie noch so lebhaft sprechen, daß Herr Dunsinger eine fnn-kelneue, geistreiche Bemerkung zu Wege brachte, welche Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 419 die gute Laune von Mevrouw Ruytenburg ganz vervollständigte. Die Wirthin hatte dieß auch wohl nöthig. Lucy setzte sich neben sie, und begann sogleich ein heftiges Gespräch im Malayischen. Man beugte die Köpfe zusammen und sprach so einige Minuten. Darauf stand Mevrouw Ruytenburg auf. und ging majestätisch nach der innern Galerie, wo sie Henrietten mit den beiden Damen Deeselaar und den beiden Herren van Spranek-huyzen fand. — „Fräulein Hilbeeck! nun eine Polka, ja? Und dann einen Galopp?" — fragte sie gleichgültig befehlend; dann wandte sie sich zu Junker Eduard, und erklärte ihm, daß die Gouvernannte nur hier sei, um zu spielen, und daß es ganz verkehrt sei, soviel Notiz von ihr zu nehmen, sie wäre so schon viel zu hinter und viel zu vornehm, sie sollte wohl noch ganz verdorben werden. Danach schleppte sie ihn mit nach der pen-änppn und brachte ihn zu Ruytenburg und Dunsinger, die angefangen hatten, eine außerordentlich feine Weinsorte zu beurtheilen, und sogleich seinen Kennergeschmack zu Rathe zogen. Henriette war allein beim Piano zurückgeblieben. Sie war gerade in einer recht zufriedenen Stimmung durch die freundlichen Aufmerksamkeiten von Fräulein 1Z0 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Betsy Deeselaar, welche ihr die Mühe des Spielend leicht machte, und durch das hohe Lob, welches Junker Eruard ihrem Talente widmete — ein Lob, welches ihr in den anständigsten und gewähltesten Ausdrücken dargebracht wurde, uud ihr gegenüber der stumpfen Nn-kenntniß uud den witzelnden Bemerkungen ihrer übrigen Zuhörer willkommen war. Der Befehl von Mevrouw Ruytenburg hatte ihr eine flüchtige Nöthe auf die Wangen getrieben, nnd sie blätterte scheinbar sehr eifrig in ihren Noten, um die verlangten Stücke auszuwählen, nur um ihre Thränen mühselig zurückzuhalten. Aber sogleich besiegte sie diese Schwäche und schämte sich ihrer Eitelkeit. War es verständig, daß die Gouvernante des Herrn Ruytenburg für ihr Spiel applaudirt zu werden wünschte? Da hatte sie die Polka uud den Galopp gefunden, und schnell setzte sie sich vor das Klavier. — „Soll ich die Polka für Sie spielen?" ertönte jetzt eine sanfte Stimme neben ihr. Es war Betsy Deeselaar, die jüngere Schwester Karolinens, gleich dieser eine hübsche Brünette, aber mit mehr Gefühl und Verstand in den schönen dunkelblauen Augen. — „Soll ich die Polka für Sie spielen?" wieder- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. z Z z holte sie nochmals, da Heuriette sie einigermaßen unruhig und verlegen ansah. — „Ich weiß sehr gut, daß es nicht angenehm ist, Tanzmusik zu spielen, wenn man so weit auf dem Piano ist, wie Sie....." — „Es ist sehr freundlich von Ihnen, Fräulein Deeselaar! aber es wird, glaube ich, besser sein, daß ich es thue; ich spiele wohl auch zuweilen gern einen Tanz!" Und sie ließ die That dem Worte folgen, und griff kräftig und schnell über die Tasten. — „Etwas langsamer!" — flüsterte Betsy, die hinter ihrem Stuhle stehen geblieben war. — „Man tanzt hier sehr ruhig und langsam!" Und nach einer Pause setzte sie hinzu: — „Als ich früher in Holland in der Pension war, hatten wir auch zuweilen ein Tanzkränzchen, nur Damen unter einander, wissen Sie. Da hatten wir eine liebe, geistreiche Sckondante! Schönere schwarze bocken habe ich niemals gesehen, und liebe schwarze Augen hatte sie auch! Nun, das Mädchen mußte so den ganzen Abend spielen, bis sie Krampf in den Fingern hatte, und sie hielt nichts vom Tanzen, und auch nichts von der Musik, das wußte ich — denn sie war eine Waise und hatte ihre Mutter verloren. Zuweilen 1A2 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. stellte ich mich zu ihr, und frug, ob ich sie ablösen sollte, aber Mevrouw wollte es nicht zulassen, und unser armes Fräulein spielte nur immer weiter, K58ian!" Henriette hatte ein wenig beschämt auf die freundliche Zuspräche gehört. Sie wandte ihren Kopf nach Betsy Deeselaar, und sah sie dankbar an, während ihre Hände mechanisch die Tanzweise fortsetzten. Und darauf folgte ein munteres und fröhliches Gespräch zwischen Beiden, als ob sie schon lange gute Freundinnen gewesen wären — und Henriette spielte den Galopp und noch mehr, und die fröhliche Schwätzerin blieb an ihrer Seite, wies die tauzlustigen Herren zurück und nannte Henriettm bei ihrem Vornamen. In der psnäoppo hatte die Festfreude immer mehr zugenommen. Der Hausherr zeigte sich in seiner vollen Stärke — zuweilen erschallten förmliche Lachsalven. Man hatte einen Kreis um ihn geformt, an dessen einer Seite Junker Eduard stand; er begriff seine Stellung und gelobte sich selbst Revanche, an der andern Seite war Lucy, die mit unbeschreiblichem Vergnügen ihre Manilla rauchte, und einen Plan faßte. Die jungen Leute tanzten dann und wann, aber Marie Dunsinger hatte sich ganz von ihnen abgesondert, und lauschte auf Ruytenburg — wie eine Trauerweide im Ballge-wande. Junker Hektor und seine Kollegen beschäftigten Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ Zz sich mit den jungen Damen. Brandelaar machte viel Aufhebens von Christine Henkens und Hektor war auffällig höflich gegen Karoline Deeselaar. Außer den gewöhnlichen Witzen, welche Ruytenburg an diesem Abende zum Besten gab, hatte er auch noch eine kurze Unterhaltung mit dem langen Herrn Dunsinger geführt, welche sehr befriedigende Auskunft für ihn brachte. Es war in einem Augenblicke, daß Beide ganz allein standen, und die walzenden Paare an ihnen vorbeischwebten. Der Hausherr hatte seiner neuen Gouvernante eine Lobrede gehalten und erzählt, was die van Weelys über sie dachten. — „Die liaison mit dem jungen Manne am Bord hat Nichts zu bedeuten, wenn jemals dergleichen bestanden hat! — endigte er. — „Welcher junge Mann?" — „Ein gewisser Outshoorn, Beamter zweiter Klasse." — „Ich habe ihn einmal bei van Weely getroffen. Das ist einer, der niemals voraus kommt! Er wird niemals mehr als Kontroleur — ein Ultraliberaler — ^at diiel^?" — „So, so!" — „Ein Kerlchen, mit allerlei lächerlichen Opposi-tions-Ideen, aufgeblasen, pedantisch, unpraktisch! Er 124 Mit fliegender Mnt und klingendem Spiel. schwatzt von ölulwtuli, vom Fortschritt, von unserer Verpflichtung gegen die Iavanen — "'at dlief ^o?" Die beiden Herren waren in schallendes Gelächter ausgebrochen, und sahen einander sehr geheimnißvoll mit halbgeschlosscncn Augen an. Ruytenburg war beruhigt, ein armer Beamter mit solchen Ideen konnte niemals Glück machen! Dunsingcr hatte viel Einfluß — und so war es wohl nicht möglich, daß Outs-horn Fräulein van Hilbecck je aus seinem Hause vertreiben werde. Übrigens hatte er diesen Abend besonders viel Beifall, da zumal die Damen sehr von semen Witzen eingenommen waren, und Lucy oft übertrieben kicherte. Es war Mitternacht, als man sich trennte. Im Gedränge der Abschiedsceremonicn, Umarmuugm und Händedrücke rief Hcktor seinem Bruder zu, daß er ihm in der dendi Reeve's nachkommen würde. Junker Eduard sah den Wagen seiner Frau vorfahren, und gab Hcktor ein Zeichen. Aber die Damen Dcc-selaar hatten noch nicht Abschied genommen, nnd der junge Lieutenant wollte seine Spekulation bis zum Äußersten treiben. Als Junker Eduard van Spranek-huyzen sich neben seine Frau in den Wagen setzte, betrachtete er sie mit einem flüchtigen, forschenden Blicke. Lucy zündete eine frische Manilla an, und blies den Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ Zg Rauch derselben kräftig in die schwüle Nachtluft. Es war eine ziemlich lange Fahrt von Tanabang nach dem entferntesten Theile Kramats, und van Spranekhuyzen wartete ziemlich ungeduldig, bis Lucy sprechen würde. Er rechnete sicher darauf, daß sie mit ihrem kindischen, hitzigen und leidenschaftlichen Charakter auch sicher sehr eifersüchtig sei und begriff, daß er sie so schnell als möglich von diesem lästigen Übel heilen müsse. Die wenigen Worte, die sie ihm in der Quadrille zurief, überzeugten ihn von ihrer Wuth, und er hoffte heimlich, daß sie einmal gut ausfallen Köge, um sie sogleich tüchtig zurechtweisen zu köuucn. Man war schon ziemlich weit gefahren, der Südseite des Königsplatzes entlang, als van Spranethuyzen bemerkte, daß Lucy die Augen geschlossen hatte, aber doch langsam feine Rauchwolken ausblies: Ungeduldig neigte er sich zu ihr, und fragte ziemlich barsch: — „Warum sprichst Du nicht!" — »Iraäa mau!« (Ich will nicht.) — „Du warst doch heute Abend sehr vergnügt, Kind!" — »ßoeäali!« — „Hektor kommt sogleich in Reeves dencii. Es war eine amüsante Gesellschaft, he?" Lucy öffnete ihre Augen, und sah ihren Gemahl nüt einem Gemisch von Eifersucht und Verdruß an. ^26 Nit fliegender Fahne und klingendem Spiel. — „Amüsant?" — sagte sie — „für Dich, Eduard! Du tanzest mit dem Fräulein, Du sprichst mit dem Fräulein.....amüsant, ja!" — „Komm, sei nicht albern, Lucy. Wer soll mich hindern, mit der Gouvernante zu tanzen! Die Person spielt gut, und dann kann sie wenigstens das Vergnügen haben....." — »I'iäali!« (Nein). — „Aber das ist unvernünftig, Kind! Das geht zu weit! Bedenke doch, so ein Fräulein ist ein anständiges Mädchen, sie geht aus, sie kommt zu Empfangs-abenden....." — »I'raliak dolek!« (Das darf nicht sein!) Lucy hatte die letzten Worte in auffliegendem Zorn ausgesprochen, und während sie ihrem Manne mit siedender Wuth in die Augen starrte, schlug sie drei«, viermal mit ihrem Fächer auf den Rand des Wagens. Aber van Spranekhuyzcn ertrug ihren Blick mit einem feinen Lächeln, ergriff plötzlich ihre Hand, entriß ihr den Fächer mit roher Gewalt, und sagte, höflich flüsternd: — „Die Fächer, Mevrouw van Spranekhuyzen! sind nicht dazu gemacht, um von launenhaften, jungen Frauen auf dem Nande des Wagens in Stücke geschlagen zu werden!....." Nit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^7 IX. Worin die Geschichte nach der Ncsidenz Hrawang verlegt wird, und worin Wilhelm iIiltshoorn einen alten Freund seines Vater« wiederfindet. Mit blendendem Glänze stieg die Sonne am östlichen Horizonte in die Höhe. Die beinahe kreisrunden Bergspitzen im Süden erglühten im rosigen Lichte, aber noch durchdrang die volle Kraft von Licht und Gluth nicht ganz das zierlich gewölbte Laubdach, welches in der Tiefe eines Abgrundes den Fahrweg überschattete, der von Poerwakarta westwärts nach den Grenzen des Buiten« zorgschen Distriktes führt. Ein kleiner Zug Reiter kam langsam von der Anhöhe herab. Der Horizont war jetzt von allen Seiten durch sanft geneigte Hügelwände unterbrochen. Der Weg führte tiefer herab der Ebene zu, wo man ein kleines Bergwasser durchwaten mußte. Jetzt erhob sich der Pfad wieder mit launischer Schnelle. Derjenige, der der einzige Holländer unter dieser frühreisenden Reiterschaar war, beugte sich im Sattel vornüber und ließ den Zügel seines schnellen milchweißen Makassars los. Das muthige Roß schüttelte schnaubend ^ I8 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. die üppigen Mähnen und strebte aufwärts. Die übrigen Reisegefährten, lauter Sundanesen mit großen, runden Sonnenhüten, bemühten sich sichtbar, ihrem Führer zu folgen. Bald hatten Alle die Anhöhe erstiegen und setzten die Reise in gemäßigtem Trabe fort. Es war ein entzückendes Schauspiel, welches sich jetzt dem holländischen Reisenden darbot. Man konnte nicht zweifeln, daß er es in reichen Zügen genoß. Seine lebhaften, braunen Augen funkelten vor stiller Bewunderung, als er sie rundumher über die Berglandschaft schweifen ließ. Im Süden erhoben sich wellenförmig die kegelförmigen Bergspitzen, die das Hochland von Krawang begrenzen. Die glühenden Sonnenstrahlen waren bereits an allen Seiten durchgedrungen — das reine Lasurblau des Himmels blieb noch kurze Zeit am westlichen Horizonte, endlich verschmolz es auch dort mit dem zarten Violette der Hügelreihen und Alles verschwand vor dem glänzenden Lichtreflex des ganzen Äthers. Der Weg bot im langsamen Aufsteigen die weiteste Aussicht. Zur Seite breiteten sich überall grüne Felder und sanft aufwärts strebende Bergwände aus, die silbernen Streifen hier und dort deuteten Amphitheaters von ßÄ-lvaas i an — große Flecken dunkeln l 8»na»8, Reisfelder. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ Zg Grüns verriethen Zimmtfeleer oder Kaffeeplantagen. Hier und da erhoben sich gerade vor den Blicken unsers Reiters, im äußersten Westen, dichte Baumgruppen, in deren Schatten sich vielleicht ein volkreicher XampaiiF verbarg. Wilhelm Outshoorn — den man gewiß sogleich in diesem matineusen Reiter erkennt — sah mit außerordentlicher Befriedigung um sich her. Er fühlte sich so frei, so glücklich gestimmt in Mitten dieser herrlichen Natur. Der Gedanke, daß er jetzt als Controleur diesen Zug unternahm, um zu beobachten, ob die Befehle des Residenten in der Umgegend des kkniponF^* an den Grenzen des Buitenzorg'schen Gebiets, auch gut nachkommen würde, verlieh ihm überdieß etwas Zufriedenes, etwas Aufgeräumtes. Er war nun volle zwei Monate im Dienste, uud fing schon an, einigermaßen das Feld seiner Wirksamkeit zu überschauen. Er hatte noch nichts von seinem muthigen Sinne verloren, und versuchte, sich so viel als möglich durch Eifer unr Geschicklichkeit auszuzeichnen. Alles war ihm nach seinem Sinne gegangen. Seine Chefs begegneten ihm mit vorzüglichem Wohlwollen, wenn man sich auch stets in I'osi^vÄkln'kl in dem Abstände hielt, welcher jeden intimen Gedankenaustausch vollkommen ausschloß. Aber desto mehr erquickte er sich auf seinen Partien dnrch Indische Bibüochel. III. 9 4Zs) Mit fliegender Fahne und klingendem Spill. die südwestlichen Distrikte Krawangs, die er unternahm um die unerschöpflichen Schätze von Java's Naturschönheiten immer mehr kennen und bewundern zu lernen. Mit vollem Vertrauen ging er der Zukunft entgegen. Seine Henriette schrieb ihm lange, köstliche Briefe, in denen sie allen Reichthum ihres edeln und feinfühlenden Herzens vor ihm niederlegte — in denen sie ihn mit Muth und Begeisterung beseelte, wenn er klagte über den langen Zeitraum von Kämpfen und Warten, der noch bis zu ihrer Vereinigung verlaufen mußte — in denen sie flüchtig scherzend über die unangenehmen Augenblicke sprach, die sie unter den Befehlen der Me-vrouw Ruytenburg verlebte, nnd in denen sie stets mit dankbarer Ergebenheit die treue Freundschaft von Me-vrouw Van Weely pries, die noch immer für die sichere Absendung ihrer Briefe sorgte, und nichts versäumte um sie für die Unannehmlichkeiten ihres täglichen Berufes durch die liebreichste Sorge schadlos zu stellen. Es schien Outshoorn zumal in den letzten Monaten aus jedem Berichte heroorzugchn, daß Mevrouw Nuytenburg einen unerklärlichen Haß gegen ihre Gouvernante gefaßt hatte, obschon Henriette von ihren Schülern und von dem Herrn des Hauses mit dem unbeschränktesten Lobe sprach. Der Gedanke, daß sie vielleicht noch geranme Zeit ihren unangenehmen Beruf erfüllen müsse, ehe Vlit fliegender Fahne und klingendem Spiel. j I« eine genügende Beförderung ihn in Stand stelle, sie aus ihrer niedrigen Stellung zu erheben, konnte zuweilen das Feuer seiner Augen dämpfen und einen schmerzlichen Zug um den lachenden Mund hervorrufen. Aber dann schüttelte er langsam den Kopf, strich das lange, glänzende, braune Haar über den Hinterkopf zurück und sah so entschlossen um sich her, als ob er schon jede Schwierigkeit überwunden habe, und die ganze beseelte und unbeseelte Natur herausfordere, ihm irgend ein Hinderniß in den Weg zu legen. In solchen Betrachtungen hatte er einen Augenblick seine Aufmerksamkeit für die ihn umgebende Natur verloren, nnd bemerkte plötzlich, daß die Baumgruppen des Horizontes bereits sehr nahe vor ihm waren. Mit einem zufriedenen Lächeln klopfte er seinen Schimmel auf den schneeweißen Hals. — Man hatte die Reise schon vor Sonnenaufgang angetreten, es war recht wünschens-werth, nach dreistündlichem Ritte einmal unter dem Schatten des ^cläanFi^dan (Poststation), oder auf der dale-dale des Xapain. XaniponF Morfoberhaupt) Athem zu schöpfen. Schon fing der Weg an sich zu senken und links und rechts schoß ein Wald von dam-due auf, welcher mit seinem dünn gefiedertem Laube und lichtgrünm Halmen die Nähe eines XanixonF« anzeigte. Schon wehten von fern die zahllosen grünen 9* /j 32 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Federbüsche auf schlanken, dünnen Stämmen an dem schimmernden Blau des Horizonts, zierliche Vorboten von dem Leben und der Geschäftigkeit des Menschen. Man war gerade mitten in dem Westmoeson, der Schritt der Pferde war auf dem weichen, mit dürren Blättern überstreutem Wege beinahe unhörbar. Das Bambusgewächs wurde dichter, gerade vor unseren Reisenden zeigte sich eine weite Poststation, und daneben das schräge atapi, welches die Wohnung des Postbeamten beschattete. Während Outshoorn in schnellem Trabe den Abstand zurücklegte, der ihn noch von der Hütte trennte, bemerkte er dort eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit. Eine leichte, europäische oai^eks stand unter dem Stationsgebäude im Schatten, die Pferde wurden ausgespannt, fünf Sundanesen starrten mit einer gewissen Theilnahme darauf hin, während ein dicker Herr, in ganz weißem Kostüme, und mit einem runden Strohhute auf dem Kopfe, sehr heftig gestikulirte. Das Heranreiten Outs-hoorn's mit seinem Gefolge verursachte plötzlich eine große Aufregung. Als er abgestiegen war, kauerten sich zwei der anwesenden Eingebornen aus Ehrfurcht vor dem silbernen Streifen an Outshoorn's Mütze zur ! awz», Dach. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ Hg Erde; es war das Zeichen seiner Würde als Koutro-leur. Die übrigen schaarten sich um den dicken Herrn nnd zeigten durch ihre netten, bis an die Füße reichenden Kabaaien von dunkelblauem Stosse, daß sie zu seiner Bedienung gehörten. Dann wurde ein höflicher Gruß zwischen den beiden Herren gewechselt, und Onts-hoorn bemerkte, daß der korpulente Reisende ein Herr von ungefähr sechzig Jahren war, der ein sehr eigenthümliches Geficht hatte. Die Farbe desselben mußte man zwischen citronengelb und kaffeebraun suchen, die Züge waren abstoßend und stolz, nur die Augen glühten in diesem Augenblicke von Ungeduld und Enttäuschung, und waren auffällig schwarz. — „Ein fataler porkara (Zufall), Herr Kontro-leur!" tönte es Outshoorn nun in dem lauten, strengen Tone entgegen, der vollkommen zu erkennen giebt, daß sich der Sprecher für einen Mann von Macht und Einfluß hält. — „Ein Unglück mit dem Wagen?" fragte Outshoorn, indem er sich nochmals Höftich verneigte. „Ja, mein Herr! Früh vor Tage auf, um nach Poerwakarta zu reisen. Ich muß den Assistenten sprechen. Bei dem Hcrabfahren von einer Anhöhe, eine halbe Meile von diesem Xam^onF entfernt, stößt ein Nad gegen einen Stein und meine eaieoke fällt um. 4Z4 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Glücklicherweise sprang ich schnell, ohne Unglück zu nehmen, heraus — mein Kutscher ist sehr geschickt und hielt die Pferde im Zaume, die Teufelsthiere fingen schon an, sich zu bäumen. Als mein Bedienter die caiecke wieder aufgerichtet hatte, stellte es sich heraus, daß das Vorderrad beträchtlich gelitten hatte. Schritt vor Schritt bin ich hierher gefahren, immer in tausend Ängsten, daß ich wieder umgeworfen würde. Man muß es hier vorläufig repariren, — wenn die Kerle hier nur meinem Bedienten etwas helfen könnten!" „Darf ich Ihnen meine Dienste anbieten? — >Iali-äoer!«' Outshoorn's letztes Wort war an den Chef seines eignen Gefolgs gerichtet, das in einiger Entfernung ehrerbietig zusammen stand. Jeder war abgestiegen und hielt sein meistens ziemlich mageres und knochiges Pferd am Zaume hinter sich. Der mauäosr kam mit tiefen Verbeugungen näher, und empfing von dem wewan, Xontinisur in fließendem, aber etwas akademischem Malayisch den Befehl, den losrak (Regenten) des Xanii)0iiF zu rufen, und ihm aufzutragen, eine Anzahl tüchtiger Männer zur Reparirung res Wagens von dem fremden Herren mitzubringen. Diefer Letztere nickte darauf ' mllncluer, Aufseher. Mit fliegender Fahnc und klingendem Spiel. ^ gg zustimmend, und sah mit etwas freundlicherem Blick nach Outshoorn. Darauf kreuzte er die weißen Arme über seiner weißen Weste mit schwerer, goldner Uhrkette und blieb einen Augenblick in tiefes Nachdenken versunken. Darauf sah er Outshoorn ins Gesicht, bis es der junge Kontroleur mit gewisser Verwunderung bemerkte. Sogleich veränderte der korpulente Reisende seine Stellung, und schlug Outshoorn vor, einen Augenblick in dem Schatten der Postverwalterswohnung auszuruhen, und dort zu warten, bis der loerati käme. Vornehm und laugsam wandelte der dicke Herr dem Bambushause des Postbeamten zu. Outshoorn folgte, während seine Ehrenwache die Pferde grasen ließ, und sich sehr gemessen unter dem pasanFrÄkan niederkauerte, um sich im Stillen an einem Mund voll sirik etwas zu Gute zu thun. Der Postbeamte selbst ging hinter den Herren in demüthig gebeugter Haltung. Am Hause angekommen, traten die beiden hohen Gäste gebückt in die kleine Vorgalerie. Zwei nackte Kinder flohen eilig nach dem innern Zimmer; darauf setzten sich die Herren auf die daie-bais und Outshoorn rief um Feuer. Der Postbeamte erschien augenblicklich mit einem taii-api (Feuertau) der korpulente Herr bot dem Controleur eine Manilla an, und bald saßen Beide 136 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. schweigend und eifrig rauchend, und starrten nach der Poststation und der darunter postirten Calcche. — „Ein erbärmlicher Fall!" — ruft der Fremde aus. — „Es kann wohl eine Stunde dauern, ehe wir fortkommen, und wir bekommen heute sicher noch Platzregen. Die Wege in diesem Distrike sind so nicht ausgezeichnet!" —„Der Boden ist nicht besonders geeignet für breite Fahrwege" — bemerkte Outshoorn lächelnd. — „Warum nicht, Herr Controleur? Da müßten Sie einmal in meine Ländereien kommen. Der Boden ist da noch unbequemer, als hier. Meine Besitzungen liegen gänzlich im Berglande von Buitenzorg, auf der Greuze der Preanger Regentschaften. Und ich versichere Ihnen, daß meine Wege ausgezeichnet unterhalten sind, das ist der Stolz meiner Distriktsoberhäupter!" — „Ein Landeigenthümer kann auch mehr von seiner Bevölkerung verlangen, als einem Gouvernementsbeamten erlaubt ist!" Der Fremde sah Outshoorn mit einem sonderbaren Ausdruck von Verwunderung und Mitleiden an. — „Wie lange haben Sie dem Gouvernement schon gedient, junger Mann?" — frug er scharf und vornehm. — „Zwei Monate!" Mit fiitglnbn Fahne und klingendem Spiel. i 37 — „Dann begreife ich Sie! Aber über zwei Jahre sprechen wir einander wieder. Ein Beamter kann immer mehr von der Bevölkerung fordern, als wir Grundbesitzer je verlangen dürfen, weil wir Interesse an dem Gedeihen unserer eigenen Länder haben — verstanden?" — „Aber der Beamte hat auch Interesse an der Blüthe seines Distriktes, wenn er auch nicht auf eigenem Grund und Boden steht, wie der Grundbesitzer. Er hat die hochernste, heilige Pflicht, für das Wohlsein der ihm anvertrauten Bevölkerung zu wachen; er muß Alles, was in ihm ist ;ur sittlichen und materiellen Entwickelung der Iavanen anwenden — er tritt als Erzieher und Bildner dieser sanften und schüchteruen Nation auf, er hört alle ihre Hilferufe und Klagen, und reicht ihr gern in Glück und Leid die Bruderhand. — „Bravo, Herr Controleur! Das verspricht viel! Ich wünsche von Herzen, daß Ihr Enthusiasmus niemals abnehmen möge! Das Klima ist hier sehr ungeeignet für aufgeregte junge Beamte!" Und plötzlich ging er in einen ernsten, freundschaftlichen Ton über, und fügte hinzu: — „Ich habe Achtung vor Ihren Ideen, junger Mann! Darf ich Ihren Namen wissen?" — „Mein Name ist Wilhelm Outshoorn?" Es war merkwürdig zu sehen, welchen Eindruck 138 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. diese Worte auf den dicken Herrn machten. Eine lebhafte Freude erglänzte in seinen schwarzen Augen. Er erhob die rechte Hand, er öffnete den Mund, als wollte er sprechen, schwieg aber, und bettachtete Outshoorns Gesicht mit erueuter Aufmerksamkeit. In diesem Augenblicke nahte der manäosr mit dem luerak des Kamvong. während sich eine Menge Dorfbewohner in dem p3,8ÄNFrn.kan versammelten. Outs-hoorn beobachtete mit zunehmender Neugierde das Benehmen des Fremden. Er hatte eine duukele Ahnung, daß zwischen ihm und diesem Manne sich etwas Wichtiges zutragen müsse; denn dieser richtete so tief durchdringende Blicke auf sein Gesicht, wie Jemand, der seine Erinnerungen mit aller Anstrengung sammelt, und fruchtlos in denselben herumblättert. Bei der Au-kuuft des lom-ak stand Outshoorn auf, uud während sich das Dorfoberhaupt mit höflicher Ehrerbietung vor ihm niederkauerte, begann er sogleich die nöthigen Befehle zu geben, den Schaden am Wagen so gut als möglich wieder herzustellen, da der fremde Herr seine Reise nach Poerwakarta fortfetzen wolle. Der loerak machte noch eine tiefe Verbeugung und begab sich schnell zu seinen Leuten, die bald mit der geschickten Fertigkeit der Sundanesen etwas aufgefunden hatten, um das Nad wieder brauchbar zu machen. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. >z gy Outshoorn hatte sich wieder auf die dalö-daie niedergesetzt, der buitenzorgsche Grundbesitzer schien ganz in Gedanken versunken; ein eigenes, vielbedcutendes Lächeln umspielte seinen Mund. Auf einmal hob er den Kopf in die Höhe, und sagte schnell: — „Sie kommen aus Amsterdam, nicht wahr, Herr Qutshoorn?" Und kaum hatte Outshoorn zustimmend geantwortet, so fuhr der Andere fort: — .Ihre Eltern sind todt, nicht wahr? Und früher wohnten sie auf der Prinzengracht beim Westermarkte, he? — Haben Sie zu Hause niemals von mir sprechen hören, hat Ihr Vater niemals den Namen August Bokkerman genannt?" Outshoorn schüttelte sehr ernst den Kopf; die Erinnerung an seine Eltern berührte ihn einen Augenblick schmerzlich — den Namen Bokkerman hatte er von den Seinen niemals aussprechen hören. — „Das kann ich wohl begreifen, Outshoorn'." — fuhr Herr Bokkerman, unser alter guter Bekannter, schnell sort — „ich bin sehr schreibfaul gewesen, als ich aus Holland hierher zurückkehrte — und ihr Vater hatte damals so viel mit seiner Heirath und mit seinen Processen zu thun. Aber das macht Nichts aus, geben 1 40 Mit fliegender Fahnc und klingcudcm Spiel. Sie mir Ihre Hand, junger Mann! Ich bin immer der Busenfreund ihres Vaters gewesen." Es erfolgte ein Augenblick Stillschweigens. Beide waren durch eine eigene Rührung überwältigt. Outs-hoorn, der seit seinem sechzehnten Jahre unter der Vormundschaft ferner Verwandten gestanden, der sich gewöhnt hatte, alle persönlichen Gemüthsbewegungen in der einsamen Stille seines Herzens zu verschließen — Outs-hoorn fühlte ein unaussprechliches Glück, einen Mann vor sich zu scheu, der der Freund seines Vaters gewesen war, und der sich seiner erinnerte. So Viele hießen früher Freuude seiner Eltern, und wer von Ihnen hatte jemals Theilnahme für den beinahe in Armuth zurückgelassenen Waisenknaben gezeigt? Herr Bokkerman hatte mit völliger Vcrläugnung seiner frühern, feierlichen Manieren nnd chrfurchterweckcnden Stimme Outshoorn die Hand gedrückt. Jetzt nickte er still mit dem Kopfe und sah den gerührten jungen Mann freundlich lächelnd an. — „Ihr Vater war ein edler Mann, Outshoorn'." — fuhr Herr Bokkerman fort — „ich habe fünf Jahre mit ihm am Athenäum zu Amsterdam studirt. Es war der Gescheidteste von Allen, und machte sehr glänzende Examina. Ich selbst studirte fast nie, ich hatte kcin Genie dazu — ich sammelte Mineralien und Münzen. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. i 4 > Aber wir waren doch treue Freunde. Sie gleichen sprechend meinem braven Frennde, und es ist mir. als ob ich ihn noch vor mir sähe, so wie er sich mir vom ersten Tage an gezeigt hatte, offen, geradeaus, theil-nahmsvoll, herzlich. Ich bin ein Farbiger, und von Natur zu Schüchternheit und zu Mißtrauen geneigt. Ich glaubte, daß mich die andern jungen Männer verachteten und vermieden. Nur Ihren Vater wagte ich anzufprechen, mit ihm allein wurde ich vertraut, so daß wir täglich mit einander umgingen, und Alles mit einander theilten, Hoffnung, Furcht, Freude und Täuschung!" Wer den alten Herrn Bokkerman so hätte sprechen hören, der hätte sich sicher über die Glnth seiner Augen verwundert, über den angenehmen Klang seiner Stimme — er hatte die ganze inor^ue von seinem „altgastlichen" Großherren-Ton vergessen, er schien ein ganz anderer Mensch zu sein, als vor wenigen Augenblicken. — „Und Ihres Vaters Freundschaft hat sich wohl bewährt!" — fuhr er fort. — „Ich war fünf Jahre Student und verzehrte verteufelt viel Geld. Ich lebte darüber in offener Feindschaft mit dem Vormunde, den mir meine Eltern in Amsterdam gesetzt hatten. Es kam cm Augenblick, in welchem ich in die peinlichste Verlegenheit kam — in dem mein Vormund mir alle weitere 1 4Z Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Geldunterstützung verweigerte, wenn ich nicht wenigstens ein Examen ablegen würde. Mein alter Hochmuth hielt mich ab, selbst mit meinem besten Freunde darüber zu sprechen. Ich nahm bei Wucherern Geld auf — die Sache wurde immer ärger. Ich unterzeichnete Wechsel, und endlich kam die Stunde, in der ich meine Thorheiten mit dem Verluste meiner Freiheit, meiner Ehre und meines guten Namens büßen sollte. Das war eine entsetzliche Stunde — Leidenschaft und Verzweiflung raubten mir alle Besinnung. Aber in diesem Augenblicke, junger Mann! schickte der Allmächtige mir Ihren Vater zu, er entriß das geladene Pistol meinen Händen, und zwang mich zum offenen Bekenntniß meiner vollen Schuld, durch das Versprechen, Alles ordnen zu wollen. Er hat Wort gehalten. Aus seiueu eignen Mitteln befriedigte er meine bedeutendsten Gläubiger und trat mit meinem Vormund in Unterhandlung. Er war auf der Universität mein guter Engel!" Eine lange Pause folgte. Das leichte Geräusch naher Tritte ließ Beide aufsehe». Der lom-ak kam, um zu berichten, daß der Wagen so weit hergestellt sei. um die Reise nach Poerwakarta fortsetzen zu können. Herr Bokkerman hatte sogleich den gewöhnlichen, barschen Gesichtsausdruck wieder angenommen. Doch klang Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. s 43 seine Stimme noch immer wohlwollend, als er, langsam aufstehend, und nach den p3,8ÄNFiÄiian zurückkehrend, zu Outshoorn sagte: — „Ich bin hier in Java wieder ein vollständiger 8ili^0 'Farbiger) geworden. Da ich in Holland nicht studiren wollte, kam ich beinahe eben so dumm znrück, als ich gegangen war. Mein Vater starb Plötzlich und hinterließ mir seine fürstlichen Besitzungen. Ich hei-rathete hier eine reiche nonna sFarbige) und Habe mich nach und nach zu einem vollkommenen Klimaatschietcn« den' Altgast entwickelt. Meine Kinder sind dumm. dicke nuimaaL, wie ihre Mama, mein Leben ist ganz indisch gefärbt!" Als man bei der Poststation ankam, fand man die Pferde schon vor den Wagen gespannt. Herr Vokker-man untersuchte sogleich das zerbrochene Rad, nickte darauf den 1uer»1i zufrieden zu, und befahl einem seiner Bedienten, seine Geldcassette aus der Caleche zn holen. Und während er eine reichliche Summe unter die Dörflinge austheilte, sprach er beim Einsteigen: — „Nnd nun, Outshoorn! ich hoffe, das; wir eben so gute Freundschaft schließen werden, als ihr Vater einst mit mir schloß. Sie müssen sobald als möglich ' XUina»t8oIiietenä — siehe oben. 144 Ml fliegender Fahne und klingendem Spiel. auf mein Landhaus zum Logiren kommen, drei Stunden von hier — dann können wir die Frage über die Wege noch einmal näher besprechen!" — „Aber ich bin erst so kurze Zeit in Function, Herr Bokkerman! Ich fürchte, daß man mich in Poer-wakarta ungern verreisen lassen wird." — „Unsinn! Ich spreche den Assistenten, und werde ihm unsere Begegnung erzählen. Ich erwarte Sie binnen vierzehn Tagen in 1^ji-X«6iiin^ keine Schwierigkeiten mehr, 506<1a1i!" X Mevlouw Nuuts van Veelu empfängt den dellu-inunäe von Vata- via, und bemerkt zn ihrem Erstaunen die beiden Herreu van Spranek- ynuzen unter ihren Gästen. Der Wagen von Mevrouw van Spranekhuyzen war vorgefahren. Junker Eduards penäoppo war hell erleuchtet; das Diner war gerade zu Ende. Es saßen nur zwei Personen zu Tische, der Wirth und sein Bruder Hektor. Beide hüllten sich schweigend in die Rauchwolken ihrer Manillas, Junker Eduard leerte langsam stin Glas; Junker Hektor sah nach seiner Uhr. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 4 H.g — „Eigensinnig wie der Teufel!" — sagte der Wirth, wie zu sich selbst sprechend. — „Ich hätte sie nicht gehen lassen!" antwortete Hektor. — „Warum nicht?" — „Es wird einen üblen Eindruck in ihrer Familie hervorbringen!" — „Unsinn! Lucy hält im Grunde noch immer toll viel von mir. Sie ist erst eifersüchtig geworden, als ich vor einigen Monaten bei Ruytenburg mit der Gouvernante tanzte. Gleich bei dem Nachhausefahren machte sie mir eine kleine 8eön6, dann hat sie ein Paar Tage geschmollt — und endlich ein Spionirsystem angenommen, das mir das Leben unerträglich machte. Bei Ruytenburg hatte ich keinen Augenblick mehr Ruhe, sie stand immer hinter mir, wenn ich ein Wort mit Fräulein van Hilbeeck sprach — erbärmlich lächerlich! Gestern dinirten wir zusammen auf Tanabang — ich nahm mich zusammen und war mit Mevrouw van Spranekhuyzen auf dem besten Fuße. Wir waren Alle sehr fröhlich, bis auf die Gouvernante, die etwas Müdes und Leidendes in den Augen hatte, und fo zerstreut um sich her sah, als ob sie unsre Gesellschaft vergessen habe. Mevrouw Ruytcnburg nimmt Lucys Parthei, und hat das arme Geschöpf schon seit einem Monate Indische Bibliolhef, III. 10 146 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. so viel als möglich gequält. Ich habe sehr viel Sympathie für Fräulein van Htlbeeck, und ich weiß, daß man ihr wegen kleiner Aufmerksamkeiten, die ich ihr zufällig erwies, allerlei Quälereien zugefügt hat. Nach dem Diner saßen wir ruhig in der Vorgalerie, es waren viel Menschen da — ich ging ein wenig auf und nieder. Die Gouvernante schlug das Piano auf, und während sie anfing, fand ich Gelegenheit, ihr höflich ins Ohr zu flüstern, daß ich ihre isolirte Stellung im Kreise der Ruytenburgs vollkommen begreife — daß sie durch ihre Talente und ihre Schönheit die Eifersucht der albernen, häßlichen, indischen Damen rege mache — daß ich mich glücklich schätze, mit ihr auf demselben holländischen Standpunkte zu stehen. Erst hörte sie mir nur flüchtig zu, später lächelte sie ein wenig, und ich wäre sicherlich zu größerer Vertraulichkeit mit ihr gekommen, wenn ich nicht plötzlich durch meine liebenswürdige Lucy am Arme gefaßt worden wäre; sie sagte mir sehr gelassen, daß Ruytenburg mich als vierten Mann zu einer Quadrille nöthig habe — Gott bessere es!" — „Darin sehe ich aber kein so großes Unglück!" — „8oit! Aber wir haben gestern Abend noch die heftigste 806H6 darüber gehabt. Mevrouw van Svra-nekhuyzen hat mir auf malayisch einige dumme Ge- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ 47 hässigkeiten gesagt, und ich habe ihr so viel als möglich ihren Standpunkt klar zu machen gesucht!" Junker Eduard sprach die Worte lustig und leicht, aber wandte sein Gesicht von seinem Bruder ab, während er aus seinen halbgeschlossenen Augen einen häßlichen, drohenden Blick auf den Boden richtete. Es erfolgte eine Pause. Bei dem dröhnenden Knalle des Nachtschusses sahen die Herren noch einmal schnell auf ihre resp. Uhren, uud standen dann mechanisch auf. Junker Eduard winkte seiuem Bedienten und dieser brachte ihm sogleich seinen schwarzen Frack. Hek-tor war in Uniform uud suchte ein Paar weißseidne Handschuhe aus den weiten Taschen seines Pantalon. Langsam gingen die Bruder zum Wagen. Es war in ihrem ganzen Verhalten etwas Fremdes, Beide schienen sich- sorglos und so fröhlich als möglich zur Feier eines Festes vorzubereiten, und doch bemerkte man deutlich, daß etwas Geheinmißvolles in ihrer Seele vorging, welches sie auf das Sorgsamste vor einander zu verbergen suchten. Nachdem sie eine Weile mit einander gefahren waren, fing Hcktor plötzlich an: — „Ich verstehe Dich nicht recht, Eduard! Du hast Verdrießlichkeiten mit Lucy — aber darum braucht 10* 1 4g Mil flitgcnbn Fahne und klingendem Tpicl. sie doch nicht sogleich nach Buitenzorg zu verschwinden! War die Sache so ernst?" - „Ja!" Und Junker Eduard schloß die Augen, während er mit unbeschreiblich boshaftem Ausdrucke in der Stimme leise summte i »Oh, bei ange! Oh, ma Lucie!« — „Aber ich erkenne Dich nicht wieder, das ist sehr unvorsichtig. Denke dran, du Hängst von Deinem Schwiegervater ab, Eduard!" — „Bah! ich wiederhole es Dir, Lucy ist immer in meiner Macht, weil sie au kund rasend in mich verliebt ist — was bedeutet die Eifersucht anders? Ich Hatte sie bis jetzt geschont, aber gestern machte sie es zu arg!" — „Gerade darum Hättest Du ihr verbieten müssen, aus dem Hause zu gehen!" — „Hm! ich Hab es gethan — aber das Half Nichts. Eigentlich kümmert es mich nicht viel. Ich werde geduldig warten, bis es Mevrouw van Spramk-Huyzen beliebt, in die Wohnung ihres Gemahls wieder zurückzukehren. Indessen werde ich so gut als möglich als mari-FÄreon leben!" Junker Eduard lächelte wieder mit seinem freundlichsten Lächeln, und fuhr etwas Hastig fort: Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. i 49 — „Der vornehme Nuyts van Weely wird sich wohl einigermaßen verwundern, daß die beiden Herren van Spranekhuyzen ihm die Ehre ihrer Gegenwart auf seinem monatlichen Empfangsabende schenken. Im An« fange war ich einige Male mit ihm in Gesellschaft, später nicht mehr, obschon er mich gebeten hatte, einmal in sein Haus zu kommen. ^ propo«, Du standest nicht sehr gut an Bord mit Mevrouw van Weely, he?" — „Nicht so schlimm, daß ich nicht sehr gut dort von Dir eingeführt werden könnte!" — „Du scheinst ein außerordentliches Vergnügen an dieser Soiree zu finden." — „Und Du?" Die beiden Brüder sahen einander halb forschend, halb spöttisch an. Aber in dem Gesichtsausdrucke Beider bestand eine große Verschiedenheit. Junker Hcktor hatte etwas Verlegenes, etwas unbestimmt Furchtsames, wovon bei Junker Eduard keine Spur zu finden war. Dieser Letztere verzog seine Lippen so ruhig und vergnügt, ließ seine Elfcnbeinzähne so behaglich schimmern, daß man bei dem ersten Blick nicht daran dachte, wie in diesem Augenblicke uoch etwas Anderes sein Gemüth beherrsche als stille Zufriedenheit. Und doch fühlte Hektor einen heimlichen Widerwillen vor diesem ruhigen Lächeln, das ihm räthselhafter, als die tiefste Dunkelheit war. 1 50 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Indessen hatten Lucy's Schimmel und Lucy's oaisoks den Weg von Kramat nach der Westseite des Königsplatzes zurückgelegt, und schon fuhr man in das breite Gitterthor ein, welches den Eingang zu der Villa des Herrn Nuyts van Weely bildete. Die reichste und glänzendste Beleuchtung strömte schon von ferne aus der Veranda über einen Theil des sorgfältig unterhaltenen Gartens. Viele Equipagen rollten vor oder nach den Gebrüdern van Spranethuyzen demselben Ziele zu; zuweilen holte sie ein denäi ein, — den Weg mit feuerrothem Scheine, und einem Flammenmeere glühender Funken aus den hochaufflammenden odor» überströmend. Als Junker Eduard die ealscke verließ, uno von Hektor gefolgt die Stufen zu der marmornen Terrasse erstieg, welche nach der Vorgalerie führte, empfand er nicht die mindeste Verlegenheit. Herr Nuyts van Weely empfing wegen seiner hohen Stellung beinahe den ganzen dsau-uionäs von Batavia, es konnte ihn darum nicht verwundern, daß van Spranekhuyzen sich seiner erinnerte — das hieße sich gegen die herkömmlichen Begriffe indischer Gastfreundschaft arg versündigen. Schon wogte eine Menge Gäste hinein, und als Junker Eduard sich sehr zierlich vor dem Wirthe verneigte, und ihm seinen Bruder mit dem vollkommensten apiomd vorstellte, wußte sich Herr Nuyts van Weely Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 4 g^ kaum ihrer Namen zu erinnern, obschon er als höflicher Hausherr keinen Augenblick zögerte. Beide mit seiner gewöhnlichen, ernsten Förmlichkeit willkommen zu heißen. Aber Junker Eduard glitt augenblicklich unter zierlichen Wendungen in die innern Ränme, und schob Hektor voraus, da dieser nun seinerseits ihn mit der Wirthin bekannt machen sollte. Mevrouw Nuyts van. Weely befand sich in diesem Augenblicke in der weiten innern Galerie, in Mitte einer zahlreichen Schaar Damen. Mit genügender Gewandtheit, welche seine Verlegenheit sehr gut verbarg, stellte Hektor seinen Bruder vor. Mevrouw van Weely begrüßte ihn jedoch mit mehr Zuvorkommenheit, als er zu hoffen wagte, obschon sie sich ganz dem Junker Eduard zuwandte, und diesen nicht ohne neugieriges Interesse beobachtete. Ueber das Gesicht des Letzteren war eine plötzliche, kaum sichtbare Bewegung von halb Freude, halb Furcht, hinweggezogen. Er hatte die anwesenden Damen mit einem einzigen Blicke übersehen, und zwei derselben mit den verschiedensten Empfindungen erkannt -. Henrietten und Mevrouw Gui-rault Dubois. — „Und nun. Liebste! können wir hier ein wenig ruhig plaudern. Meine Gäste sind sicher nun Alle angekommen!" Mevrouw van Weely hatte Henrietten schnell mit 152 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. sich in ihr douäoir gezogen, nachdem sie eine halbe Stunde lang das angesehene, elegante und junge Ba° tavia mit der ungezwungensten Zuvorkommenheit bewillkomm! hatte. — „Du bist bleich, mein Kind!" — fuhr sie -fort, Henrietten einen leisen Kuß auf die Stirne drückend —> „was fehlt Dir?" — „Nichts Besonderes, liebe Mevronw'. Ich bin etwas müde von meinen Beschäftigungen. Der kleine Wilhelm ist sehr lästig, und Mevrouw Ruytenburg hatte heute solch schlechte Laune!" — „Laß nns hierher setzen! Komm hier neben mich und erzähle mir Alles!" — „Aber es wird Sie so langweilen!" — „Nein, denn du wirst ruhiger und zufriedener dadurch werden. Muß Deine zweite Mutter nicht Alles wissen?" Henriette drückte ihrer aufrichtigen Freundin die Hand — ihre Nerven mußten sicher etwas angegriffen sein, denn sie wischte beim Niedersetzen schnell eine Thräne weg. — „Wie Sie wissen, hat Mcvrouw Ruytenburg in der letzten Zeit Alles hervorgesucht, um mich in jeder Beziehung zu kränken, ohne daß ich wußte, womit ich es eigentlich verdiente. Heute habe ich sie verstanden. Mit fliegende! Fahne und klingendem Spiel. i I3 Gestern war großes Diner, und ich sollte nach Beendigung desselben wie gewöhnlich vor den Gästen spielen. Als ich in meinen Noten blätterte, sprach mich der Junker Eduard Van Spranekhuyzen an, der sich gegen mich sehr artig und mit anständiger Freundlichkeit beträgt, wie ich Ihnen schon neulich erzählte. Ich war verstimmt. Meine kleine Klara hatte diesen Morgen um meinetwillen eine schwere, ungerechte Strafe erhalten. Das Kind hat sich eng an mich angeschlossen, und wird bei jeder Gelegenheit von ihrer Mutter so heftig als möglich ausgescholten. Ich hatte ihr ohne Arges dabei zu denken, versprochen, daß sie diesen Mittag bei Tafel erscheinen dürfte. Als sie nun nm ein Uhr beim Frühstück darum bat. wurde sie rauh abgewiesen. Aber das Kind blieb beharrlich, und berief sich unglücklicherweise auf mich. Sogleich erfolgte eine heftige scsns, über welche die Kleine in Thränen ansbrach, und worauf dieselbe mit einer Fluth von Schcltworten von Tische weggeschickt wurde. Sie können sich wohl denken, in welcher Stimmung ich nun dem Diner beiwohnte. Als Van Spranekhuyzen mich ansprach, war ich noch ganz nnter dem Eindrucke des Vorgefallenen. Er sagte mir einige Artigkeiten über mein Spiel, und ließ mir sehr vorsichtig merken, daß er meine unangenehme Stellung Mevrouw Ruytenburg 154 Mil fliegender Fahne und klingendem Spiel. gegenüber vollkommen begriffe — er erklärte sich auf das Stärkste gegen die echt indifchen Grundsätze dieser Dame, und versicherte mir, daß Herr Ruytenburg selbst heimlich dagegen aufgebracht sei . ..." — „Verzeihe, Liebe; aber dieser Junker Van Spranethuyzen fait trop äe xele! Ich habe ihn eben unter unsern Gästen bemerkt, obschon ich nicht wußte, daß Van Weely ihn empfängt. Sein Äußeres gefällt mir nicht, obgleich ich nicht sagen kann, warum!" — „Ich habe ihn nie genau angesehen. Aber ich kann ruhig behaupten, daß er sehr gebildet und sehr höflich istl" — „Das kann sein, aber jetzt erinnere ich mich genau, daß Dubois und Ernestine, die ihn zu kennen schienen, sich nicht über ihn auslassen wollten — ein sehr schlechtes Zeichen, meine Liebe!" — „Aber ich werde Ihnen erzählen, was heute geschehen ist, und darum mußte ich noch einmal auf gestern zurückkommen. Heute früh um kaum sieben Uhr lief ich mit Klara in den Garten. Wir waren Beide fröhlich und aufgeräumt, aber wir follten es nicht lange bleiben. Hein saß in einem Schaukelstuhle bei der Vorgalerie, wiegte sich auf und nieder, und belustigte sich damit, den kleinen Wilhelm, der neben Nenneh auf der Marmortreppe spielte, hinter meinem Rücken mit Kiesel- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ IH steinen zn werfen. Erst hörtc ich lautes Lachen, und glaubte, daß sie friedlich spielten, plötzlich aber erklang ein durchdringender Schrei. Nenneh flog ängstlich mit dem jüngsten Kinde weg, der schwerfällige Hein war durch seinen gewandten Bruder mit einem Steine au die Stirne getroffen worden und jetzt wollte er sich in toller Wuth rächen. Ich hielt ihn glücklicher Weise auf, und so geschah nichts Schlimmeres — aber beim Frühstücke bemerkte man die Wunde . . . ." Mevrouw Van Weely hatte Henrietten bis jetzt mit Theilnahme und Bedauern zu gehört. Jetzt wandte sie den Kopf lauschend ab — die Tanzmusik hatte aufgehört. — „Wir müssen hinein liebes Kind!" — sagte sie mit graziösem Lächeln — „man hält nicht ungestraft einen monatlichen Emfangsabeni). Jetzt bin ich vor Allem Wirthin! Aber wir können doch fortplaudern — da du doch nicht gerne tanzest'." Mit sanfter Gewalt zog sie Henrietten von ihrem Sessel auf, legte ihren Arm um die schlanke Gestalt der Jungfrau, und eilte fröhlich nach der innern Galerie zurück. Sie wußte wohl, daß Henriette ein muthiges und stolzes Herz besaß, so daß es bei ihr gar nicht angewandt war, sie durch Mitleids- und Sym-vathiebeweise unnöthig weich zu machen — und doch 11ß Mit fliegender Fahne unb klingendem Spiel. mußte sie sich Gewalt anthun, um ihr nicht in einer herzlichen Umarmung die ganze Größe ihrer Bewunderung und Liebe zu zeigen. In der innern Galerie uud in der penäopp« machte sich jetzt jenes bunte Gewühl tanzlustiger junger Leute bemerkbar, welches in der Hauptstadt von Niederländisch-Indien während der ersten Phasen eines vielbesuchten Empfangsabends ein so merkwürdiges Schauspiel zu bieten pflegt. Die Hausfrau mischte sich einen Augenblick mit Henrietten unter die Menge, sprach hier und da ein freundliches Wort, grüßte und lächelte gegen Den und Jenen, und fand endlich ein Sofa, auf dem sie sich Beide unbemerkt niederlassen konnten. — „Und nun kannst dn ruhig weiter erzählen, meine Liebe!" flüsterte sie Hcnrietten leise zu — „man wird uns wohl hier einen Augenblick ungestört lassen!" Henriette neigte den schönen Lockenkopf und ergriff die Hand ihrer edlen Freundin. — „Ich muß mich eigentlich schämen" — ertönte es jetzt beinahe schüchtern von den Lippen der Gouvernante — „Sie so lange über solche Unannehmlichkeiten zu unterhalten, aber es ist nur heute etwas begegnet, worüber ich Ihren Rath einziehen muß. Als wir beim Frühstücke saßeu, frug der Herr Ruytenburg, wie Hein die Wunde empfaugeu hätte. Er war mit meiner Er- Mit fliegender Fahne und klingendem Spicl. > 57 kliinmg ganz zufrieden, aber Mevromv Rnytenburg bemerkte kühl und spitzig und immer in der dritten Person sprechend, das Frl. Hilbeeck auch besser Acht geben könne — daß Fräulein Hilbeeck doch sonst ^intsr genug wäre. — Ich wollte auf diese Grobheit etwas antworten, als plötzlich ein Wagen an der ^enäuppo stillhielt, und sogleich darauf die junge Mevrouw Van Spranekhuyzen in vollständiger Toilette erschien, — und es war erst acht Uhr!" — „Eine merkwürdige Erscheinung. Die Sache wird ernstlicher, als ich dachte, mein Kind!" — „Mevronw Van Spranckhuyzen warf mir einen Blick zu, aus dem so viel Haß und Bosheit sprach, daß ich ernstlich davor erschrak. Sie rief auf malayisch Mevrouw Ruytenburg etwas zu, uud Beide gingen darauf schnell in die innere Galerie. Herr Ruytenburg zuckte die Achseln, stand auch auf, und ließ mich allein!" — „Und weiter?" — „Beinahe nichts Wichtiges. Um zehn Uhr fuhren die beiden Damen weg. Mevrouw Nuytenburg kam gegen zwei Uhr allein zurück. Ungefähr um vier Uhr erschien Herr Nuytenburg in meinem Zimmer, und erzählte mir mit seiner gewöhnlichen Artigkeit, daß er und seine Frau heute bei Herrn Buys diniren würden — so daß ich ganz allein zu Hause bliebe. Es 1 58 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. war mir sehr auffällig, daß er fo sehr freundlich mit mir sprach, und sich wegen dieses Diner's entschuldigte, als ob mir dadurch eine Beleidigung widerführe, und mir endlich im Allgemeinen so viel Theilnahme und Wohlwollen zeigte, als ob er mir deutlich beweisen wolle, wie er das Betragen seiner Frau und Mevrouw Van Spranekhuyzens ernstlich tadele!" — „Es ist klar, meine Liebe", daß die beiden Damen große Beschwerden gegen dich zu haben glauben, und es scheint mir, als ob du in Zukunft allen Artigkeiten des Junker Eduard Van Spranekhuyzen auf das Bestimmteste aus dem Wege gehen müßtest!" Im selben Augenblicke verbeugte sich der fragliche Herr mit ungezwungener Höflichkett vor den beiden Damen, und sagte einige jener unbedeutenden Phrasen, mit denen ein höfliches Gespräch auf einem Empfangsabende vortrefflich angeknüpft werden kann. Es fiel Mevrouw Van Weely sogleich in die Augen, daß er mit seiner ganzen Erscheinung und Haltung der Type eines vollkommnen Fsntisman, zu sein schien. Doch war in seinem Lächeln, wenn er seine schönen Zähne zur Schau trug, etwas Kaltes und Trocknes, was sie in ihrem ersten, ungünstigen Eindrucke von seiner Erscheinung befestigte. Henriette fühlte keine geringe Verlegenheit. Bis jetzt war Junker Eduard in dem Kreise, Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. z gg der sich gewöhnlich in Ruytenburgs Hause versammelte, der einzige Mann von Geschmack und Talent, dessen Gespräch ihr einige Theilnahme einflößte. Sie hatte sein Lob. das er so aufrichtig und ungezwungen ihrem Talent für Klavierspiel schenkte, als die Huldigung eines Kenners hingenommen, die ihr durch die alberne Gleich-giltigkeit der Übrigen um so willkommner wurde. Noch keinen Augenblick war auch nur eine schwache Überzeugung in ihr erstanden, daß sich hinter des Junkers Höflichkeiten etwas Unedles verberge. Sie hatte gar nicht darauf Acht gegeben, wie er mit seiner Frau umging — ja sie hatte selbst nur eine sehr duukele Idee, daß diese Ehe aus finanziellen Gründen geschlossen sei. Mit der ganzen Reinheit ihres jungfräulichen Herzens hatte sie in ihm nur den wohlerzogenen Holländer von hoher Geburt, den wahrhaft gebildeten Manu gesehen, und es war Junker Eouard vorzüglich geglückt, diesen Eindruck in ihr wach zu erhalten. Das Licht, welches ihr nach ihrer Meinung die vollständig feindliche Haltung von Mevrouw Van Spranckhuyzen diesen Morgen gab, bestand in der Vermuthung, daß diese Dame mit Mcvrouw Nuytcnburg in vollkommnen indischem Geiste sich gegen Alles auftehne, was eine europäische oder holländische Färbung trug, und daß sie es ihr also sehr übel genommen haben mußte. 160 Mit sticgendci Faknc und klingendem Spiel. durch ihre musikalische Fertigkeit die freundliche Aufmerksamkeit des Junkers auf sich gezogen zu haben. Im Übrigen hatte sie dieß Alles für sehr unbedeutend gehalten. Sie war jetzt noch nicht volle drei Monate in Batavia, und ihr ganzes Streben war bisher nur auf eine treue Pflichterfüllung gerichtet — ihre ganze Befriedigung fand sie in den Briefen ihrer Mutter, deren Leben sie jetzt schon weniger unerträglich und hart zu machen begann — ihre ganze Hoffnung war Outshoorns Liebe, welchem sie mit dem unerschöpflichen Reichthum einer ersten, zarten Zuneigung anhing. Junker Eduard Van Spranekhuhzen war eigentlich gekommen, um Frl. van Hilbeeck sehr Höftich um einen Tanz zu fragen. Mevrouw Van Weely sah Henriette mit einem leisen Winke an. — „Ich werde heute Abend nicht tanzen!" — beeilte sich Henriette zu antworten. — „Gegen eine parti pris ist schwerlich etwas einzuwenden!" — erwiederte der Innker aufgeweckt und fröhlich. — „Ich hatte mir geschmeichelt, daß heute Abend ein Tanz für mich frei sein würde, weil ich gestern nicht das Glück hatte, unsre Unterredung fortzusetzen, da Ruytenburg mich so dringend an den Spieltisch rief'." — „Ist Mevrouw Van Svranekhuyzen nicht hier?" frug Henriette gefaßt. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. i ß^ — „Lucy ist heute früh nach Buitenzorg abgereist, um ihre Eltern einmal zu besuchen. Meine Geschäfte am Sekretariat lassen nicht zu, daß ich mit gehe!" Wäre hier ein Zeuge von der nächtlichen Scene zwischen den beiden Eheleuten nach ihrer Rückkehr von Ruytenburgs gewesen — er würde Junker Eduard wegen seiner unerhörten Virtuosität in der Verstellung, wegen des ruhigen Lächelns, das seinen Mund so zierlich bewegte, mit der grenzenlosesten Verwunderung angestarrt haben. Henrictte, die nichts vermuthete antwortete arglos i — „Heute früh nngefähr um acht Uhr ist Mevrouw noch auf Tanabang gewesen und gegen zehn Uhr ist N^evrouw Ruytenburg mit ihr weggefahren!" — „Ja, das war so abgesprochen! Unsre theure Wirthin von gestern wollte Lucy einen Theil des Weges begleiten — es ist eine so lange Fahrt!" Das war wieder Alles mit unverbesserlichem apiomd ausgesprochen; die Worte: „theure Wirthin von gestern" waren mit einer gewissen komischen Absicht betont. Mevrouw Van Weely, die sich ein wenig zurückgezogen hatte, und scheinbar nach dem Tanzgewühle in der psnäoppo schaute, wußte sich von ihren Empfindungen durchaus keine Rechenschaft zu geben. Flüchtig betrachtet, war in des Junkers Erzählung wenig, das Indische Nibüothcl. III. 11 1 62 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ihren Verdacht erwecken konnte, und doch hatte sie mit dem untrüglichem Takte, den nur eine lange Erfahrung im indischen Leben geben kann, instinktmäßig gefühlt, daß die Erzählung des gewandten Sprechers falsch sei. In diesem Augenblicke wurde ihre Aufmerksamkeit durch den Hausherrn selbst abgelenkt, der ihr einen spät angekommenen Gast vorstellte, so daß sie gezwungen war, sich zu erheben und einige höfliche Worte zu sprechen. Van Spranekhuyzen nahte sich jetzt schnell Henrietten, so daß diese keine einzige Bewegung der Schüchternheit oder' Verlegenheit machen konnte, da ihr schon seine Stimme flüsternd ins Ohr drang: — „Es thut mir wirklich leid, daß Sie so fest entschlossen sind, nicht zu tanzen, Frl. Van Hilbeeck. Sie wissen, baß auch ich nicht viel Theil am Tanzen nehme. Aber Sie begreifen doch, daß die Unterhaltung der edel-gebornen liplapschen Damenwelt wenig okarme8 für mich hat. Die gebornen Holländer müßten hier mehr zusammenhalten. So sprachen wir noch gestern von Mevrouw Ruytenburg. Ich begreife nicht, wie Sie Beide sich noch so gut zusammen vertragen können. Es ist, als ob sich unsre indischen Damen verabredet hätten, gegen jede Holländerin, zumal wenn sie eine Gouvernante ist, einen hartnäckigen Krieg zu führen!" Mit flicgcnbcr Fahne und klingendem Spiel. ^ ßg — „Mevrouw Ruyteuburg ist gewissermaßen meine Herrin!" — erwiederte Henriette lauter und mit ruhigem Stolze. — „Es kann also hier von so etwas nicht die Nede sein!" — „Ich bewundere Sie, Fräulein Van Hilbeeck . . . ." Doch plötzlich hielt der Junker in der Mitte seiner Rede ein. Er hatte sich so ungezwungen und elegant als möglich neben Henrietten auf das Sofa gesetzt, und nicht bemerkt, daß eine schöne Frau mit goldblonden Haaren und weißem Ballgewande schnell auf ihn zueilte. Erst, als sie mit wohllautender Stimme sagte: — „Darf ich Ihnen in die Rede fallen, Herr Van Spranekhuyzen!" sah er auf, und tonnte trotz seiner Geistesgegenwart eine plötzliche, ängstliche Bewegung nicht unterdrücken. Es war Mevrouw Dubois, Ernestine Van Weevcren Benscoop, die jetzt Heur.etten mit sanfter Gewalt von ihrem Sitze aufzog, und sie schnell in die Vorgalerie führte. 11* Ißt Mit fliegender Mut und klingendem Spiel. XI. In welchem Frl. Nlaria Hnnsinger beständig ihren Sops ans und nieder ßewegl, und Junker Eduard Van Spranekhu^cn einige unangenehm« Mittheilungen er!j«lt. Das kleine Gemach neben der innern Galerie, in welchem Herr Nnyts Van Wcely an diesem Abende für seine zahlreichen Gäste alle möglichen Erfrischungen in reicher Auswahl hatte aufstellen lassen, wimmelte fortwährend von Besuchern. Herr Dunsinger hatte eben einer Gruppe vornehmer Herren eine äußerst wichtige Geschichte mitgetheilt; zu ihnen gehörte ein dicker Obrist der Infanterie mit einem großen, schneeweißen Knebclbartc, ferner unser alter Freund Andermans, dessen kleine Augen besonders lebhaft funkelten, und endlich der alte Herr Dceselaar, ein kleiner, magerer Herr mit purpurrothem Antlitze. Der große Dunsinger beendigte eben seine Erzählung, während er den cederholzenen inäox seiner rechten Hand erhob und ihn beinahe mit dem zinnoberrothen Flecke seiner Nase in Berührung brachte. Flüsternd sagte er jetzt: — „Ich habe die Geschichte eben von Mevrouw Mit flicgcnbti Fahne und klingendem Spiel. ^ ßH Ruytenburg selbst vernommen, mit der ich heute Mittag bei Buys dinirte, aber ich rechne auf die Diskretion der Herren, weil verschiedene Personen dadurch kompro-mittirt werden. Dieser Gouvernante würde ich nie vertrauen. — „Der Junker ist ein gemeiner Schuft!" — fiel die Baßstimme des Obristen ein. — „Ruytenburg hielt früher viel von ihm!" klang jetzt die sanfte, heisere Stimme des Herrn Deeselaar. — „Wir kennen die Sache nur erst von einer Seite!" — bemerkte Andermans juridisch. — „Ich möchte wohl einmal wissen, lwie ?r die Sache erzählt, und ob Zeugen dabei gewesen sind!" — „St!" — warnte Plötzlich Dunsinger, und die Gruppe lief eilig auseinander und nach der langen Tafel mit ihren zahlreichen Reihen von Wein«, Bier-und Champagnergläsern zu, während sie beinahe gleichzeitig nach der einen oder anderen Erfrischung riefen. Gerade im selben Augenblicke war Junker Eduard Van Spranethuyzen mit dem freundlichsten Lächeln, das nur jemals die Lippen eines gebildeten Fentieman aufweisen konnte, in das Büffetzimmer getreten. Er stellte sich an den Tisch in das volle Licht der Kerzen, ulld verlangte mit vornehmer Nachlässigkeit ein Glas ^ ßß Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Rheinwein. Als er den Herrn Dnnsinger bemerkte, trat er sogleich auf ihn zu, aber dieser wandte sich zufällig ab, und kehrte ihm den Rücken. Junker Eduard schien nicht Acht darauf zu geben, wenigstens blieb fein Lächeln ebenso sonnig, und seine Zähne drohten ebenso unverzagt. — »XÄ88i 2NFFor insra!« („Schenke ein Glas rothen Wein ein'.") — tönte jetzt eine bekannte Stimme in seiner Nähe. — „Ha, mein tapferer Reeve! Immer unter den Waffen, um die elegante, junge Damenwelt zur Verzweiflung zu bringen. Ich habe einen neuen Titel für Sie erdacht, nwn oksr! ^,tti1a, 1s iiean ä68 t6ium68!" Junker Eduard ist doch in der That sehr geistreich, dachte Reeve, und Beide brachen in unterdrücktes Lachen aus. Glücklich, daß sie sich nicht umsahen, denn der dicke Obrist mit dem langen weißen Knebelbarte warf einen wüthenden Blick auf den lustigen Junker. — „Ihr Bruder schlägt mich gründlich aus dem Felde" — flüsterte Reeve — „er ist unzertrennlich von Karolina Deeselaar; ein sehr liebes Gesichtchen, aber so dumm, wie eine Gans, und kein Cent Vermögen!" — „Ich habe ihn genug gewarnt. Aber er hört nicht auf mich und schweigt. Ich fürchte das Schlimmste'." — „Kindisch verliebt, he? Eine thörichte Krankheit!" Mit slicglubn Fahne und klingendem Spiel. 4 ^7 Junker Eduard lachte flüchtig und verzog einen Augenblick krampfhaft den Mund. Schnell verlangte er mehr Wein von den eifrig hin und herlaufenden Bedienten und als die Tanzmusik laut dröhnend einfiel und Reeve mit flüchtigem Gruße wegeilte, verweilte er noch lange im Büffet-Zimmer. In der penäuppo war Alles voll Tanzjubel und Lichtgefunkel. Glänzende Farben, fröhliche Stimmen, freundlich lachende Tänzerinnen, und zierlich sich verneigende Kavaliere hatten den ganzen Raum der innern Galerie eingenommen. Seitwärts standen einige Herren, die noch keine Partie gemacht hatten, oder keine machen wollten; sie folgten den Figuren der Quadrille fehr aufmerksam und in fchweigender Ruhe: der alte Herr Deeselaar stand auch in in diefer Gruppe. Er schaute mit besonderer Befriedigung auf seine hübschen Töchter, die so reizend in ihren weißen Ballkleidern mit den rothen Rosen aussahen, und dachte darüber nach, daß er ihnen eigentlich keine große Aussteuer mitgeben könne, denn er hatte noch vier zu Hause, und zwei Söhne im Vaterlande auf der Akademie, die schrecklich viel Geld nöthig hatten. Der Lieutenant, welcher mit Karoline tanzte, sah recht gut aus — wie aufmerksam war er, und mit welch stiller Bewunderung betrachtete er sie, wenn sie nicht zusammen tanzten. Daö 168 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. konnte doch sicher kein böser Mensch sein, denn er stand so ehrerbietig an ihrer Seite, berührte kaum ihre Finger, wenn sie zusammen tanzten, und sah sie verlegen und zu gleicher Zeit so erregt an, daß Jeder sehen konnte, wie er unter der Macht von Karolinens schönen Augen stand. In derselben Quadrille stand auch Fräulein Marie Dunsinger neben Schotzer, der seine perlende Stirne mit seinem Taschentuche restaurirte und kein Wort sprach. Marie war sehr übler Laune und neigte das schmale Köpfchen auf die linke Seite. Erstens ärgerte sie sich über die Prätensionen der Damen Deeselaar, und zweitens fand sie ihren Tänzer außerordentlich plump. Er hatte sie beim Tanzen zweimal auf den Fuß getreten — und ein einziger Blick genügte doch, um Jeden zu überzeugen, daß Schotzer auf außerordentlich großem Fuße lebte. Auch hatte sie einen Abscheu vor Herren mit großen Händen, und der armer Schotzer war in dieser Hinsicht nnnbertrefflich. Sie hatte ihm nur deshalb einen Tanz zugesagt, weil er eine Uniform trug und in alle anständige Gesellschaften kam — doch uun war es aus, das hatte sie fest beschlossen. Eben war der Schlußgalopp zu Ende, und sie legte ihre magere Hand mit einem außerordentlich widrigen Zuge um die ärgerlich zusammengepreßten Lippen auf den breiten Arm ihres arglofen Kavaliers. Eine Weile Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 4 ßg folgte mau den anderen Paaren. Da faßte sie den vergnügt lachenden Herrn Deeselaar ins Auge, der mit seinen Töchtern, während sie an ihm vorbei promenir-tcn, einen fröhlichen Gruß gewechselt hatte. Plötzlich trat sie auf ihn zu, ergriff seinen Arm und ließ Schotzer mit einer Bewegung ihres überschweren Kopfes stehen, als ob sie sagen wollte: „Du kannst nun gehen!" — „Ach, Herr Deeselaar" —flüsterte sie — „erlösen Sie mich doch von diesem ekelhaften Menschen, er hat meine Füße halb zertreten!" Herr Deeselaar hielt sehr auf Form, Etiquette und Anstand — er war beinahe zwanzig Jahre lang Beamter im Innern von Kedoe gewesen — er beeilte sich also sogleich, die entrüstete Schöne einige Schritte aus dem Gedränge zu führen. Und langsam ihren Fächer auf und nieder bewegend, das Haupt stolz zurückwerfend, als wollte sie die weißen Rosen und die namenlosen blauen Blumen ihrer Coiffure gegen den hohen Plafond der penäoppo schleudern, begann sie nun die enorme Schwerfälligkeit dieses rohen Menschen umständlich zu beschreiben. Deeselaar bewahrte einen würdigen Ausdruck auf seinem dunkelrochen Gesichte, und verfolgte den Lauf seiner Gedanken, ohne ihr besondere Aufmerksamkeit zn schenken. Plötzlich unterbrach er ihre Erzählung und frug schnell: 179 Mil fliegender Fahne und klingendem Spiel. — „Wer ist doch der Herr, welcher eben mit Karolinen tanzte?" — „Ein Artillerieofficier! Junker Hettor Van Spranekhuyzen!" — „Was — ein Bruder von dem . ..." aber der Herr Deeselar schwieg plötzlich und sah sich vorsichtig um. — „Ganz recht!" — antwortete Fräulein Dunsinger, während sie ihr schüchternes Gazellenhälschen noch höher erhob — „ganz recht, ein Bruder von dem anderen Junker Van Sftranekhuyzen, der mit einem Fräulein Bokkerman aus Vuitenzorg verheirathet ist. Ich für meinen Theil glaube, daß die arme Frau genug Reue darüber suhlt. Der Officier scheint mir auch sehr verdächtig — aber der Andere ist tausendmal schlimmer. Dieser vernachlässigt seine Frau, und macht Ruyten-burgs Gouvernante den Hof, einer durchtriebenen, jungen Dame mit unglaublichen Prätensionen!" — „So!" — „Ein Geschöpf, das m jeder Bewegung die unausstehlichste Koketterie zur Schau trägt — die sich nach einer reichen Partie umsieht, und es nicht unter ihrer Würde hält, dem Manne einer Andern als Anbeter zuzulächeln — ein knrrsur, Herr Deeselaar!" Eine Purpurröthe bedeckte plötzlich die magern Vtit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 17^ Wangen von Fräulein Dunsinger. Während sie diese Worte in dem schärfsten Accente ihrer pfeifenden Stimme aussprach, wandelte Hcnriette am Arme von Mevrouw Dubois langsam durch die innere Galerie, und man begegnete sich gerade im Augenblick, als die Beschützerin der zweiten Lieutenants, die reizende Tochter des großen Dunsinger in der heftigsten Auseinandersetzung begriffen war. Die beiden Damen waren zu sehr in ihre Unterhaltung vertieft, um noch auf Jemand Acht geben zu können, und Deeselaar führte seine momentan schweigsame Dame schnell durch die innere Galerie und wartete voll Spannung, was er noch mehr hören sollte. Marie Dunsinger faßte sich schnell, der geknickte Kopf wurde aufgerichtet, sie hatte Junker Eduard gesehen, der scheinbar sehr zerstreut den beiden Damen in ziemlicher Entfernung folgte. — „Hm!" — sing Deeselaar an — „Ihr Vater hat nur eben eine sehr kuriose Geschichte von diesem Junker Van Spranethuyzen erzählt, Fräulein Dunsinger'." — „So; die hat er sicher anf dem Diner bei Buys geHort'. — Ich habe ihn noch nicht gesprochen! ^0 (wohlan) lassen Sie uns hier ein wenig ruhen, und erzählen Sie mir schnell, was sie wissen!" Man war gerade an dem Sofa angekommen, auf 172 Ml fliegender Fahne und klingendem Spiel. dem vor einer Stunde die Wirthin neben Henrietten gesessen hatte. Jetzt waren die meisten älteren Damen in die ponäoppo gegangen, um schweigend und lächelnd den jungen Leuten zuzusehen. Die Herren saßen in der Vorgalerie und in den angrenzenden kleinern Gemächern im Spiele vertieft, die innere Galerie war beinahe leer, man fand dort ausgezeichnete Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräche. Herr Deeselaar hatte keine Miene seines purpurrothen Gesichtes verzogen, ließ sich ruhig auf dem Sofa nieder, dachte einen Augenblick über die Nothwendigkeit nach, etwas mehr von dem Lieutenante zu hören, der sich so auffällig unter den Anbetern seiner lieben, ältesten Tochter auszeichnete, und begriff leicht, daß sich ihm jetzt die beste Gelegenheit dazu bot. Da Marie Dunsingcr ihn aber forschend und neugierig ansah, so verstand es sich von selbst, daß er etwas sagen mußte. „Es scheint fast" — fing er mit seiner kaum hörbaren, heiseren Stimme an — „daß die Ehe des Herrn Van Spranekhuyzen nicht besonders glücklich ist. Me-vrouw hat heute früh wüthend ihr Haus verlassen, hat den Tag bei der Familie Buys zugebracht, und bleibt bis morgen dort, nm so schnell als möglich zu ihrem Vater nach Buitenzorg zu reisen!" — „Und warum das Alles?" Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 173 Marie Dunsinger brannte vor Neugierde. Sie fühlte, daß sie auf der Fährte einer sehr merkwürdigen Geschichte war, sie faltete ihren Fächer zusammen, und zerpflückte aus Vergnügen die kleine, weißseidne Quaste, die von demselben herunterhing. Denn der Herr Deese-laar sagte: — „Alle Umstände weiß ich noch nicht, aber es muß gestern bei Nuytenburg ein Diner gewesen sein, und da muß der Junker der Gouvernante gewisse Aufmerksamkeiten bewiesen haben, die seiner Frau gewaltig zuwider waren. Nach ihrer Rückkehr von Ruytenburgs scheint eine sehr heftige »eöne ausgebrochen zu sein. Nur das kann ich Ihnen als gewiß mittheilen, daß die junge Mevrouw Van Spranekhuyzen eine Wunde am Hintcrkopfe hat, und daß ihre Arme an verschiedenen Stellen verletzt sind!" — „Xa»ian, die arme Lucy! Und wollen Sie wohl glauben, Herr Deselaar! daß ich diesen Elenden vor einigen Minuten hier herumstreifen sah!" — „Ganz recht, ich habe ihn auch gesehen. Recht klug, ha! um den Menschen weiß zu machen, daß nichts vorgefallen sei! Aber was ich Sie fragen wollte, der Bruder, welcher so eben mit Karolinen tanzte, ist sicher auch ein recht gefährlicher Mensch?" — „Ich kenne ihn nicht. Aber sie sind Beide von 174 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. demselben, hochadeligen Stamme und Junker Hektor zeichnet sich ganz besonders dadurch aus, allen jungen Damen, die nach dem Gerede der Menschen Vermögen haben, den Hof zu machen. Erst war es Christine Henkens, jetzt Ihre älteste Tochter . . . ." — »8o6nra^6l63 gebeugt! Gerade, als Fräulein Dunsinger diese letzten Worte gesprochen hatte, wurde sie zu ihrer großen Verwunderung gewahr, daß ihr treuer Kavalier, Lieutnant Reeve, auf sie zueilte, um sie zum Tanze zu führen — dort aus der penäoppo lockte die lebhafte Weise einer Polka-Mazurka. Als Beide verschwunden waren, stand auch Heer Deeselaar langsam auf, und während er sich in der Richtung des Büffetzimmers entfernte, murmelte er klanglos und heiser vor sich hin: Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 175 — „Karoline warnen — verbieten — sie ist viel zu dl-ani sfie wagt zu viel) !" Während sich die ganze Villa Nuyts Vün Weely in Strömen Lichtes badete, herrschte draußen über Garten und Hofraum die dichteste Dunkelheit. Längs der penäa^pn hattte sich eine dichtgedrängte Menge Ma-layen, meist Frauen und Kinder, versammelt. Sie starrten mit dummer Neugierde hinein — als ob sie zum ersten Male einen europäischen Ball sähen. Es war ein buntes Schauspiel, die unzähligen, gelbbraunen Gesichter auf einander gehäuft — in dem vielfarbigen dÄ3.H6N8, meist hellroth oder dunkelblau, — Alle mit einem einzigen Strome Licht übergössen, und dann in der räthselhaften Nacht sich verlierend. Auf einmal entstand unter ihnen eine gewisse Bewegung. Man sah sich um, und schien für Jemanden Platz zu machen. Aber es erschien Niemand, und die Pcrsou, die zu dieser Bewegung Anlaß gegeben hatte, zog sich schnell zurück. Diese Person war ein we wan--woila 1163, shollän-discher Herr) — das hatte die Gruppe von Frauen und Kindern wohl bemerkt. Melatti, Karoline Deeselaars Kammermädchen, die auch zufällig zugegen war. erkannte ihn. Sie hatte ihn auf einigen Bällen bei Ruy-tenburg und bei ihrem Herrn gesehen — sie kannte auch seinen Namen, aber sie sprach ihn so fremd aus, daß 176 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. es uns wenig nützen würde, denselben aus ihrem Munde zu hören. Die fragliche Person hatte sich indessen weit entfernt — den dunkeln Garten hindurch, dahin, wo sie das dichte Buschwerk gut verbarg, und starrte unbemerkt in die penäoppn. Er umschlich schnell uud vorsichtig das Haus, und durchlief unbekümmert die Wege des gut unterhaltenen Gartens — wo die vollste Dunkelheit ihn vor jeder Entdeckung sicherte. Er war in Ballkleidung, im bloßen Kopfe, trug den Fid^s-Hut mit einer Sorgfalt unter dem Arme, als ob er noch mitten unter den Gästen wäre — aber seine Züge waren entstellt, seine weit geöffneten Äugen funkelten vor Zorn und Wuth. Auf einmal stand er still — stampfte heftig mit den Füßen, und flüsterte halbunterdrückte, gemeine Flüche. Der hochedelgeborne Junker Van Spranekhuyzen war sicher nicht in der besten Laune der Welt. Zum ersten Male seit langen Jahren hatte er die meisterliche Beherrschung seiner Empfindungen verloren, welche ihn sonst beinahe niemals verließ — zum ersten Male hatte er bemerkt, daß er seine Rolle vergessen habe, und daß er sehr schlecht spiele. — Es war nicht, weil Dunsinger ihm den Rücken zukehrte, oder weil Deeselaar ihn langsam und forschend angesehen hatte, ohne seinen Gruß zu beantworten, nicht weil er deutlich sah, wie Lucy den Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 177 Tag nicht vergebens zugebracht hatte, und wie das Gerücht ihres letzten Zwistes schon mit allen seinen Nebenumständen überall bekannt war — wegen solcher kleinen Gründe würde Junker Eduard seine Rolle nicht vergessen haben. Er hatte sich selber auf einer unverzeihlichen Thorheit ertappt. Er hörte in seinem Herzen eine Stimme sprechen, die ihn in seinen eignen Augen zu einem armseligen Narren erniedrigte — er war wüthend, weil er diese Stimme nicht zu Schweigen bringen tonnte, weil sie über jede andere Empfindung, Beobachtung, Überlegung siegte und ihn mit stachelnder Ruhelosigkeit quälte, nun er sicher wußte, daß jede Aussicht auf Befriedigung dieser Begierde für immer verloren war. Junker Eduard war verliebt! Aber nicht in dem gewöhnlichen, allgemeinen Sinne des Wortes. Bis jetzt hatte er über jede sanfte, zarte Regung des Herzens gespottet — er hatte es für unmöglich gehalten, daß jemals ein solches Gefühl in seinem Herzen entstehen könne — er hatte mitleidig über seinen Bruder gelacht, der sich durch ein paar helle, blaue Augen mit einem Male von seinem mit so viel praktischer Überlegung gewählten Wege abbringen ließ. In diesem Augenblicke erinnerte er sich kaum, daß er jemals solche Gedanken gehabt hatte — er wußte Indische Äibliochct, III. 12 178 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. nur das Eine, daß eine gewaltige, Alles besiegende Leidenschaft ihn jetzt allein beherrsche, daß er lange gegen den Einfluß dieser Leidenschaft gekämpft hatte — daß er endlich unterlegen war, und daß für ihn nach menschlicher Berechnung nicht die leiseste Hoffnung bestand, jemals zu irgend einem Menschen von diesem unzerstörbaren Gefühle zu sprechen. Junker Eduard hatte vom Anfange an eine außerordentliche Theilnahme für Ruytenburgs Gouvernante gezeigt; aber niemals hatte er vermuthet, daß eine so zufällige Laune je so ernsthaft für ihn werden könne. Warum mußte auch Lucy so lächerlich eifersüchtig sein, warum war sie so unbedeutend, so dumm, so jämmerlich mittelmäßig — warum war Henriette so talentvoll, so bezaubernd, so herrlich schön? Ganz gegen seine wohlberechnete Vorsicht, trotz aller seiner Überlegungen, ungeachtet seiner ausgezeichneten Fertigkeit im Heucheln — konnte er dießmal die geheimsten Gedanken seines Herzens nicht verbergen, war es ihm mißglückt mit seinem gewöhnlichen Konversationstalente ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen — war eine rächende Gestalt zwischen Beide getreten, und hatte er zusehen müssen, daß Mevrouw Dubois die Drohung erfüllte, die sie ihm einst als Ernestine Van Weeveren so höhnend zugerufen hatte. Und wieder stampfte er in schäumender Wuth Nil fliegender Fahne und klingendem Spiel. z 79 mit den Füßen und wieder tönte ein entsetzlicher Fluch gegen sich sebst von den sonst so ruhig lächelnden Lippen. Indessen hatte er die Besitzung nach allen Richtungen durchkreuzt, und war in den schönen Blumengarten eingetreten, der sich rechts von der Villa unter den Fenstern von Mevrouw Van Weelys douäuii- ausbreitete. Hier stand er einen Augenblick still. Das Tanzgewühl und die Musik klangen ihm neckend in die Ohren. Der helle Himmel, übersät mit zahllosen Sternen, die gleich großen Diamanten an dem geheimnißvollen, tiefblauen Firmamente glänzten, das fröhliche lustige Concert der Heimchen, die ganze Bewegung und das ganze Leben der beseelten Natur, schien ihm ein Spottlied über seine Niederlage zuzujauchzen. Das Geräusch einer auseinander geschlagenen iiei-si^une ließ ihn plötzlich in den Schatten der Mauer zurücktreten. Eins der Fenster im douäoir der Hausfrau wurde weit geöffnet, und mitten in dem glänzenden Lichtmeere, das heraussiel, zeigten sich drei Damen. — „Welch eine herrliche, kühle Nacht!" — ertönte die sanfte Stimme Henriettens. — „wie entzückend schön strahlt hier der Sternenhimmel'. Wenn ich einen Augenblick hinauf schaue, dann wird mir so ruhig zu Muthe — dann ist mir, als wäre alle Sorge 125 180 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. und aller Kummer aus meiuem Herzen weggenommen!" — „Worüber betrübst Du Dich aber, meine Liebe?" — fiel die Hausfrau ein — „Du hast in allen Dingen Deine Pflicht gethan!" — „Das habe ich verfucht, es ist wahr; und ich werde es auch fernerhin thun, obwohl es mir zuweilen fehr schwer fällt. Aber dann denke ich nach Hause, an meine arme, leidende Mutter — und nur, wenn Sie Beide zuweilen meine Klagen hören wollen, wenn Sie mich so freundlich ermuthigen und trösten, dann fällt ein Sonnenstrahl auf meinen dornigen Pfad, dann bin ich schnell wieder die Alte und fühle mich kräftig und glücklich!" — „Solche Stunden habe ich auch gekannt" — sprach Mevrouw Dubois klar und laut — „ich beugte mich jeden Tag unter unerträglicher Sclaverei; aber das Bewußtsein, meine Pflicht zu thun, und teiuen Fußbreit von dem mir vorgeschriebenen Wege abzuweichen, hat mich standhaft erhalten!" — „Und dabei waren Sie betrogen" — siel Hen-riette lebhaft ein — „durch einen schlauen Abenteurer; während ich weiß, daß ein edles Herz für mich schlägt, daß ich mit der lautersten und heiligsten Verehrung geliebt werde!" In diesem Augenblicke hörten die Damen ein eigen- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ Hz artiges Geräusch, als ob Jemand leise in ihrer Nähe spräche, und sie sahen eine schwarze Gestalt, die eilends flüchtete und mitleidslos die schönsten Blumen in Me-vrouw Van Weely's Garten zertrat. XII. Hcrr August Vokkerman liefert dm possstcindigen Vewcis, dap dcr Ja- vanc nichl unterdrück! wird, und Ncljl seinem Freunde Outsljoorn in ernster Lebenslage mit Äalh und Lh«! l>ci. — „Sehen Sie die Kaffeesträucher wohl, hinter dem pl^FÄi-, l und dort die Pflanzung von Areng-Palmen — das gehört Alles dem Manne als Eigenthum! " — „Ich wußte nicht, daß so viel Energie in dem Sundanescn steckt!" — „Energie.....hm! das Wort klingt hier in den Bergstrecken Java's etwas rauh — aber Raksa hat auf alle Fälle genug Überlegung und Gewinnsucht, um sich durch Fleiß und Reichthum vor allen Bewohnern dieses Distriktes vorzuthun!" Die Sprechenden hatten bei diesen Worten ihre ' p»8ßkr—Umzäunung. 1 82 Mit flicgcndn Alme und klingendem Spiel. Pferde langsam über eine kleine Bambusbrücke laufen lassen. Sie ritten jetzt in eine schattenreiche Allee, welche hauptsächlich aus Klapperbäumen und Areng-^ Palmen gebildet war. Zu ihrer linken Seite erhob sich die paFFar, hinter der sich eine kleine Kaffecplan-tage ausbreitete. Bald schimmerte ein atap durch das Grün — man hatte das Ziel der Reise erreicht. — „Da sind wir, Outshoorn'. Abgestiegen! " Outshoorn, der seit acht Tagen zu Tji«Koening die herzliche Gastfreundschaft des Herrn Bokkerman genoß, gehorchte gern diesem Befehle, welcher von dem dicken, fröhlichen Mann mit so viel liebenswürdiger Schelmerei ertheilt wurde, daß wir ihn beinahe nicht wieder erkannt hätten. Jetzt aber, da er die durchdringenden schwarzen Augen weit öffnet, nachdem er sie vorher ge-hcimnißvoll und schalkhaft geschlossen hatte, kommt sogleich der vornehme Grundbesitzer wieder zum Vorschein — indem er seinem zahlreichen Gefolge Befehle ertheilt uud Outshoorn durch die Thüre der pa^ar nach sich zieht. Sie gingen zusammen über einen ziemlich großen Rasenplatz, der sich vor einer sundauesischeu Wohnung von Bambus ausbreitete, und wurden sogleich mit tiefen Verbeugungen von einem kleinen hochbejahrten l »renF — ein bekannter Baum, der Zucker giebt. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. j gz Sundanesen empfangen, dessen Gesicht die tiefste Un-terthänigkeit ausdrückte, insofern nehmlich die wunderbare Menge Runzeln noch einen Ausdruck zuließ. — >/Iad6i Raksa! Wie geht es? Ich bringe dir hier den w^v^n kontroisur aus Poerwakarta, der einmal sehen will, wie es der oranF kanipou^ (Dörfler) auf meinen Ländereien hat! Wir wollen deine Reisscheuern und deine Plantagen einmal betrachten!" Herr Bokkerman sprach diese Worte mit wohlwollender Würde auf Malayisch, während sich der alte Raksa zu seinen Füßen ins Gras niederkauerte. Schon manchen Morgen hatte Herr Bokkerman mit nicht geringer Selbstfriedigung und erlaubtem Stolze seinen jungen Gast an die interessantesten Plätze seiner fürstlichen Besitzungen geführt. Outshoorn hatte vom Anfange an seine Eingenommenheit über diese herrliche Berglandschaft laut und feurig ausgesprochen, aber als er später mit des Herrn Botkerman wirklich vortrefflicher Administration bekannt wurde, als er dessen fortwährende Sorge bemerkte, das Loos seiner Untergebenen auf verständige Weise zu verbessern — als er, mit einem Worte, entdeckte, daß es dem mächtigen Grundbesitzer wirtlich ernst war mit seiner günstigen Denk- l ladä — Gnlß, 184 Mit slicgcndn Fllbnc und klingendem Spiel. weise über den Iavanen. so hatte die gleiche Anschauung gar bald einen großen Theil der Kluft ausgefüllt, die trotz Aokkermans aufrichtiger Freundschaft, durch Verschiedenheit des Charakters, Standes und Alters zwischen Beiden immer noch bestand. An diesem Morgen hatten sie sich auf den Weg gemacht, um in eiuem entlegenen Kampong des südlichsten Bergdistriktes eine Specialität in der Person eines alten Sundanesen zu bewundern, der durch eignen Fleiß und eigne Betriebsamkeit sich zu dem Range eines wohlbegüterten Landmanns erhoben hatte. Outs-hoorn der viel von ihm auf dem Landgute Tji-Koening hatte sprechen hören und doch heimlich zögerte, der Erzählung des Herrn Bokkerman ohne Weiteres Glauben zu schenken, war durch diesen auf das Dringendste eingeladen, sich in Person von dem Stande der Sachen zu überzeugen. Indessen hatte der Gutsherr dem runzlichen alten Manne ein Zeichen gegeben, der sich nun ehrerbietig erhob, die Hände über der Brust kreuzte und sich noch einmal tief verneigte. Raksa ersuchte die Herren, ihm zu folgen. Darauf ging er auf seine Wohnung zu — welche größer und geräumiger war, als Alle, welche Outshoorn bis jetzt gesehen hatte — und lud seine Gäste ein, auf der da1«-da1e unter dem breiten Nit siiegenbei Fahne und klingendem Spiel. 1 83 Schirmdache des Hauses Platz zu nehmen. Sogleich kamen zwei dunkelfarbige Jungen mit rothbraunen sarong und purpurnen Kopftüchern zum Vorschein. Still und eilig stellten sie neben die hohen Gäste Schüsseln und Teller von grobem weißen Thone, auf welchen riesige Pompclnmsen, hellgelbe iiisiu^-i luljnks' uud milch» weiße Hamdl)68 2 aufgcthürmt waren. Raksa setzte sich in einiger Entfernung von ihnen wieder zur Erde nieder. Herr Boktcrman nöthigte Outs-hoorn, von den Früchten zn genießen, die nach dem anstrengenden, drei Stunden langen Nitte unter den glühenden Strahlen der tropischen Sonne wirklich sehr willkommen waren. — „Und nun werden Sie doch nicht mehr zweifeln" — fing Votterman mit zufriedenem Lächeln an — raß Naksa auf feine Weife ein reicher Mann zu nennen ist. Sehen Sie rechts und links — die Fruchtbäume, die Kaffecplantagcn, Alles ist sein Eigenthum! dort, etwas tiefer thalcinwärts, liegen seine 5a>viN8. Er erntet jährlich so viel, daß er eine hübsche 1 pisang-radjah 2 Djamboe — cinc bcsondci'S große Art Piscuu;. cinc scln' artcurcichc Frucht Indicus. Man bat Djamboe ajer mawar, djamboe ajer — djamboe bidji, djamboe mei\ih etc. 18t) Mil fliegender Mne und klingendem Spiel. Anzahl pikois ^ verkaufen kann. Er ist ein sehr pin-ter altes Männchen, er weiß sich Alles zu Nutzen zu machen!" Und früher war er nnr ein blutarmer doech'anF? (Taglöhner)? — „Während meines Vaters Leben ist er dooä-^janF gewefen. Er zeichnete sich aber so vortheilhaft aus, als ich hierher kam, daß ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte, und ihn mit einem kleinen Vorschuß ermuthigte, sich in diesem XarniiouF niederzulassen, da es hier durch verschiedene Umstände etwas entvölkert war. Sehen Sie sich nur einmal um, uud Sie werden bald noch andere Dinge sehen!" Herr Bokkerman war aufgestanden, hatte Naksa gerufen und die dreie setzten sich bald in Beweguug, um eine Insftectionstour durch das Besitzthum des sun-danesischen Landmannes zu unternehmen. Herr Bokkerman hatte wirklich nicht übertrieben. Outshoorns Verwunderung stieg mit jedem Schritte. — Es wurde ihm nicht nur klar, daß diesem unansehnlichen Taglöhner ein reiches Maaß von Willenskraft und Beharrlichkeit in« wohnte — reicher, als er je einem Kinde der zwar ' pikois ~ gewöhnlich ein Gewicht von 125 O.; aber auf vcr« schicdcnen Plätzen von vcrschicdcncr Schwcrc. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^87 gutartigen, aber listigen, malayischen Race zugeschrieben haben würde — aber es zeigte sich auch sehr deutlich, daß die milde Herrschaft des Herrn Bokkerman diese glückliche Anlage des vielleicht von Jedermann verachteten Arbeitsmannes hervorgerufen hatte. Sechs Vorrathsscheuern voll paäi (Reis), eine Heerde Büffel, fünf dakoe» (Landflächen) mit Kaffeesträuchen bepflanzt. Alles zeugte vou ungemeiner Blüthe und Wohlfahrt — Alles bewies klar, daß auf Java noch Landstriche gefunden wurden, von denen ein talentvoller, aber par-theiischer und allzueifriger Advokat niemals sagen konnte: „Der Iavane wird unterdrückt!" Auf der Rückreise nach der Villa Tji-Koening herrschte eine kurze Zeit Stillschweigen zwischen beiden Reisenden. Vielleicht fesselten Ontshoorn die entzückend schönen Berglandschaften, die sich zu seiner rechten Seite in wunderbarer Abwechselung zeigten. Links erhob sich die steile Bergwand mit phantastisch wehenden Farren-kräutcrn und alanx-aianF (hohem Grase) überdeckt, während der Fahrweg am Fuße des Berges sich wie eine mattrothe Schnur nach dem AbHange zu schlangelte. Auch Herr Bokkerman schwieg. Sein olivenfarbenes Antlitz zeigte Zufriedenheit und Fröhlichkeit. Er hatte sich ein außerordentliches Vergnügen daraus gemacht, seinem jungen, klugen, echt liberalen Gaste Alles zu zeigen. 188 Mit fliegender Falmc und klingendem Spiel. was er seit fünf und zwanzig Jahren mit wackerer Sorge und edelmüthigem Sinne zu Stande gebracht hatte zur Entwickelung von den vielen Tausenden Sundanesen, die auf seinen ausgebreiteten Besitzungen lebten. Er sah dabei zuweilen verstohlen nach Outshoorn und lächelte dann im Stillen, als ob ihn plötzlich ein angenehmer Gedanke berühre. Eben wandte der junge Mann das vor Freude funkelnde, dunkelbraune Auge auf seinen Wirth und rief begeistert aus: „Als ich in dieses herrlichschöne Land kam, hatte ich wenig Illusionen — ich darf sagen, ich hatte nur eine Illusion! Ich bin seit meinem sechszehnten Jahre Waise, und gewohnt, auf eignen Füßen zu stehen. Ich hatte einen sehr strengen Vormund — wir verstanden einander nicht, und ich lernte frühzeitig, mich in mich selbst zurückzuziehen. Mein Vormund, ein weitläufiger Verwandter, steinreich, aber geizig, nahm aus Familienstolz die Mühe meiner weitern Erziehung auf sich. Ich sann auf Mittel, dieselbe so wenig kostspielig als möglich zu machen, und kam zu der Ueberzeugung, daß ich nach vier oder fünf Jahren Studierens in Delft eine unabhängige Stellung als Beamter zweiter Klasse erwerben könne'." — „War dieß Ihre Illusion?" — „Solange ich Student war, ja. Aber ich be- Mit fliegender Mnc und klingendem Spiel. z 89 griff bald, ras; ich meine eigenthümliche Liebhaberei für Unabhängigkeit in meiner Stellung als Beamter zweiter Klasse ein wenig mäßigen müsse, was ich auch, im Hinblick auf ein unerwartetes Ereigniß in meinem Leben, bald versuchte!" — „Nun kommt sicher bald Ihre Illusion?" Herr Gokkerman hatte dieses Wort mit möglichst großer Bonhomie ausgesprochen, aber doch schlug Outs-hoorn dabei das offene Auge nieder, wie Jemand, der in Verlegenheit kommt, und eine nicht zurück zu haltende Rothe in sein Gesicht steigen fühlt. Aber er faßte sich schnell und sagte: — „Die Illusion, von der ich so eben sprach, war eigentlich nichts Anderes, als die Hoffnung einmal so hoch in der Verwaltung dieses Landes emporzusteigen, daß ich als Beschirmer und Erzieher, als Freund und Vater der mir anvertrauten Bevölkerung dastände. Ich fürchtete oft, daß dieß eine vergebliche Hoffnung sei, da ich noch manche Studentenvorurtheile gegen den Ia-vanen hegte. Heute habe ich von Ihnen gelernt, daß dieß edele, sanfte Volk jeder guten Leitung zugänglich ist, daß es sich mit wunderbarer Schnelligkeit entwickeln wird, wenn es nns mit seinem Wohl und Wehe wirklich Ernst ist!" Herr Bokkerman bewegte langsam den Kopf auf 190 M fliegender Fahne und klingendem Tpicl. und nieder und versank in ein plötzliches Stillschweigen. Unwillkürlich ließ er sein schönes Macasfarpferd langsamer gehen. Darauf richtete er den Kopf auf und frug schnell und laut: — „Outshoorn, soll ich Ihnen einmal meine Meinung darüber sagen?" Der junge Mann wollte antworten, aber schon sprach der Andere weiter: — „Sie müssen so schnell als möglich um Ihre Entlassung bitten! Ihre Ideen sind viel zu frei und auch viel zu unpraktisch. Sie werden jeden Tag mit Unannehmlichkeiten zu kämpfen haben. Möge man drüben in Holland so liberal sein wie die Mailausgabe der Neuen Rotterdamer" ^ — hier verbirgt sich noch die Orthodoxie in reichem Maaße nnter den hohen Beamten, mit denen Sie es doch zu thun haben!" Outshoorn sah seinen Wirth mit der größten Verwunderung an. Der Ton seiner Stimme klang ernst und wohlwollend, auf seinem Gesichte aber lag ein Zug scherzenden Spottes. — „Aber" — fuhr er schnell fort — „Sie sollen nicht die Hände in den Schooß legen. Sie müssen in dem Sinne arbeiten, in dem Sie sich eben ausgespro- ' Vielgelesene holländische Zeitung. Mit flicgcndci Mnl und klingendem Spiel. > 9 j chen haben. Nun trifft es sich zufällig, daß einer meiner fünf Distrikte feit einem halben Jahre ohne Controleur ist. Ich habe meinem Schwiegersöhne Van Spranek-huyzen diese Stelle angeboten, aber er und ^ucy schienen ihreu Kopf auf Gatavia gesetzt zu haben. Wollen Sie mein Controleur werden, Wilhelm Outshooru? Ich gebe Ihnen für den Anfang so viel Gehalt, daß Sie sich hier anständigerweise verheirathen können — über Ihre Zukunft sprecheu wir später! Es wäre schwer zu bestimmen gewefeu, welcher der beiden Sprechenden am Meisten gerührt war, während sie da so langsam neben einander fortritten, daß die zehn sundanesischen Diener alle Mühe hatten, mit ihren schnelltrabenden Pferden den herkömmlichen Abstand zwifchen ihnen und ten Herreu nicht zu überschreiten. Outshoorn war bestürzt, betroffen, erstaunt, überrumpelt. Anfangs wußte er sich von allen seinen Empfindungen keine Rechenschaft zu geben — er sprach schnell und ohne Zusammenhang, und vermochte in der fliegenden Eile seiner Worte kaum emeu Weg zu finden, um die Hauptgedanken, die seine ganze Seele beherrschten: Freude und Dankbarkeit, nach Wunsche auszudrücken. Endlich glückte es ihm, seine Gedanken zu ordnen, und endlich tonnte er seinen Zustand vollkommen übersehen. Ein kräftiges Bewußtfein von unverhofftem, feligen 192 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Glücke strahlte aus seinen Augen. Und in seinem Herzen erklang leise das Lied der liebsten Hoffnung nnd der herrlichsten Freude — er tonnte jetzt um keinen Preis schweigen, und bald hatte er in Worten voll Begeisterung und Leidenschaft dem Herrn Botkerman seine Liebe für Ruytenburgs Gouvernante bekannt und erzählt, warum man ihre Verlobung so sorgfältig geheim gehalten habe. Auch der vornehme Grundbesitzer hatte in diesen Augenblicken seine achtunggebietende Förmlichkeit ganz abgelegt. Vom Anfange an hatte er in Outshoorn einen sehr geeigneten Beamten entdeckt, der, mit tüchtigen Kenntnissen ausgestattet, wohl ein wenig mit gewissen Lieblingsideen schwärmte, aber nur noch Erfahrung und praktische Übung nöthig hatte, um der Mann nach seinem Herzen zu werden. Dabei sprach der alte Freundschaftsbund mit des jungen Mannes Vater laut zu seinem Vortheile, sodaß Herr Botkerman sogleich den Plan faßte, ihn anf die eine oder andere Art an sich zu knüpfen. Erst befürchtete er, daß sein feuriger, erregter Gast durch Ehrsucht beherrscht würde, daß er im Dienste des Staates nach den höchsten Würden strebte — aber als er aus seinen Gesprächen nach und nach erkannte, daß ein ganz anderes, sanfteres Gefühl ihn vollkommen beherrsche, beschloß er, ihm den lange zuvor gefaßten Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 193 Plan mitzutheilen, mit dem festen Vorsatze, wenn Outs-hoorn seinen Erwartungen entspräche, sein Loos so glücklich als möglich zu machen. Und nun ritten sie Beide unter fröhlichem und vertraulichem Geplauder heimwärts, und Outshoorn schenkte den herrlichen Bildern vor seinen Blicken gar keine Aufmerksamkeit mehr; nur der helle, glänzende Sonnenschein schien seine Lebenslust und Aufgewecktheit noch zu verdoppeln, denn aus seinen Blicken strahlte eine Gluth, welche das goldne Licht mehr herauszufordern als zu vermeiden schien. Der Vormittag war beinahe verflogen. Man hatte den ruhigen Schritt der Pferde in einen schnellen Trab verwandelt. Es war ungewöhnlich spät geworden. Hen Vokkerman ermuthigte seinen Gast mit eignem wackeren Beispiele, den letzten Theil ihrer Reise in gestrecktem Galoppe zurückzulegen. Und bald sahen sie die schneeweißen Säulen der Veranda von dem fürstlichen Land-Hause zwischen dem dichten Grün durchschimmern, und galoppirten über die weite Grasfläche, die sie noch von der Wohnung trennte. — „Ein Wagen an der Vorgalerie'." — rief Herr Bokterman auf einmal aus — „Wer kann das sein?" Im Umsehen waren Beide an der Veranda. Eine Menge Vcriente waren beschäftigt, eine leichte Reise- Iüdischc Bibliothek. 111. 13 194 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. kalesche auszupacken. Ein Theil derselben flog jetzt auf die Ankommenden zu. — »8apa poei^'a?« (Wem gehört er?) frug Herr Bokkerman, auf den Wagen zeigend. — „5hai^2 XeHil äi Vawvi!" lDer jungen Frau von Batavia!) antwortete Einer der Bedienten. Mit der größten Eile und mit dem äußersten Erstaunen eilte Herr Bokterman, von Outshoorn gefolgt, durch die Vorgalerie. Als sie in die Pendoppo traten, fanden sie die Herrin und die drei Töchter des Hauses in Kabaai und Sarong um Lucy versammelt, die ihnen sehr erregt etwas auf Malayisch sagte. Die junge Frau Van Spranekhuyzen war vor wenigen Minuten unerwartet in ihrer Mitte erschienen, und erzählte eben mit lauter Stimme und hochgerötheten Wangen die Ursache ihrer Ankunft. Die Erscheinung der beiden Herren brachte sie plötzlich zum Schweigen. Herr Bokkerman war in jeder Beziehung ein Mann der Formen, und obgleich ihm eine gewisse, instinktmäßige Überzeugung sagte, daß Lucys plötzliche Gegenwart mit etwas sehr Unangenehmen in Verbindung stehe — so war es doch seine erste Sorge, seinen Gast auf die förmlichste Weise vorzustellen. Lucy sah Outshoorn forschend an — sie erinnerte sich, daß sie seinen Namen zu wiederholten Malen von Mevrouw Ruytenburg hatte aussprechen Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 195 hören; sie erinnerte sich auch sogleich, wie und was man von ihm erzählt hatte, und beschloß darum augenblicklich in ihrer gewöhnlichen nonnaaz Förmlichkeit, kein Wort in seinem Beisein zu sprechen. Indessen hatte eine ganze Schaar Bedienter das Frühstück aufgetragen. Herr Botkerman wollte um keinen Preis das äeoorum verletzen, und gab darum seinen Damen und Outshoorn das Zeichen, zu Tische zu gehen. Es war augenfällig zu bemerken, welch sonderbarer Ausdruck über die lichtgelbcn Gesichtszüge von Lucys Mutter und Lucys Schwestern schwebte, als sie sich Alle zu Tische setzten. Auch der Herr des Hauses sah etwas besorgt auf seine Tochter aus Batavia, und wechselte ein Paar Blicke mit ihr, die ihm jedoch nicht viel Licht verschafften. Outshoorn fühlte, daß etwas Gezwungenes und Gedrücktes in dem sonst so fröhlichen Familienkreise durch die unerwartete Erscheinung der jungen Frau Van Spranekhuyzen gekommen war, aber da er von ihr und ihrem Manne gar nichts wußte, machte die Sache nur einen flüchtigen Eindruck auf ihn. Der Ritt hatte seine Eßlust erweckt, und weil er bemerkte, daß die Damen und auch sein Wirth im Augenblicke den Reisgerichten eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken schienen, folgte er ihrem Beispiele, und das Frühstück ging beinahe ohne Gespräch vorbei. Nur Lucy 13" 1 96 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. wechselte zuweilen ein Paar geflüsterte malayische Worte mit Mevronw Bokkerman — und Outshoorn versuchte einige Berichte aus Batavia zu vernehmen, aber Lucy antwortete ihm immer nur sehr unvollständig und sehr nachlässig. Als die Früchte aufgetragen wurden, stand sie sehr geräuschvoll auf, und zog ihre Mutter mit sich fort nach den innern Gemächern, indem sie Outshoorns tiefe Verbeugung nur mit einem flüchtigen Kopfnicken beantwortete. Herr Bokkerman schien zuerst die Absicht zu haben, ihr zu folgen — setzte sich aber wieder auf seinen Stuhl nieder, da das äscornni verlangte, noch kurze Zeit zu warten. Indessen verschwanden die Damen Bokkerman Nr. 2 und Nr. 4, so daß der Wirth endlich gezwungen war, mit seiner gewohnten donkomis die Hast der Damen zu entschuldigen; er selbst war natürlich auf die Nachrichteu aus Batavia sehr gespannt. Outshoorn hielt diesen Augenblick für geeignet, aufzustehen, und der Familie freies Feld zu lassen — er wechselte noch einige freundliche Worte mit seinem Wirthe, und begab sich dann in sein Zimmer in den Nebengebäuden. Es war nun wohl die Zeit der gewohnten 8i65ta, aber der junge Mann fühlte sich durch die Begebnisse des Morgeus zu erregt, um der Ruhe pflegen zu können, ^rst wechselte er seine weiße Morgentoilette gegen die Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ^ 97 leichte indische Nachtkleidung und setzte sich am Eingänge seines Zimmers auf einen Schaukelstuhl nieder, um seine Manilla zu rauchen. Seine Gedanken schwebten fern über die stattlichen Palmen des Gartens vor der Villa, weit über die schimmernde Blumenpracht, die ihn von allen Seiten umringte; er sprengte auf dem rosenfarbigen Flügelrosse seiner Illussionen nach Tanabang in Batavia und suchte seine Henriette, um ihr zuzurufen: „Du bist frei, Liebste mein! Frei und unabhängig'. Ich schließe deinen Kerker auf! Dort an der andern Seite des Gebirges ist der herrliche Fleck Erde, wo ich dir eine Wohnung bereiten darf." Und weiter eilte er auf seinem nur allzugehorsamen Rosse und das Bild vor ihm wurde immer schöner: Liebe, Treue, Schönheit, Friede, Eheglück, Seligkeit! Ein schwerer, eiliger Tritt unterbrach den Lauf seiner Gedanken. Es war Herr Bokkermau. der, noch voll« ständig angekleidet, aufgeregt mit sich selbst sprechend, und wie es schien in heftigstem Zorne, erschien. Outs-hoorn stand schnell auf, Bokkerman winkte ihm, zu bleiben, eilte schnell auf ihn zu und zog ihn in das Zimmer zurück. Dort standen Beide still, während der jüngere Mann den Älteren mit stummen Erstaunen bettachtete. Bokkcrman sah Outshoorn schweigend mit soviel Theilnahme und soviel Unruhe an, daß den 198 Mit fliegender Fabnc und klingendem Spiel. Letzteren ein unbestimmtes Gefühl von Schreck und Malaise beschlich und er angstvoll ausrief: — „Was ist geschehen Herr Bokkerman! Sprechen Sie doch, sprechen Sie!" — „Das ist geschehen, daß wir Beide betrogen sind, schändlich, feigherzig betrogen'. Sie wissen, daß Lucy in Batavia verheirathet ist mit diesem Van Spranek-huyzen — diesem gewissenlosen Schurken, diesem teuflischen Elenden! Lucy, das arme Geschöpf, hängt noch immer an ihm, Xasian! Denken Sie sich, daß der Schurke sie vernachlässigt hat, um Fräulein Van Hil-beeck. Ruytenburgs Gouvernante den Hof zu machen!" Outshoorns kräftige Gestalt erbebte von plötzlichem Zittern, eine tödtliche Blässe überzog sein Gesicht, doch blieb er äußerlich ruhig und sprach ohne Zögern i — „Man hat dem Fräulein Henriette Van Hil-beeck den Hof gemacht; nun, das ist sehr einfach, das kann ihr in keinem Falle schaden, sie vielleicht sogar ein wenig amüfiren!" — „Zu viel, bester Junge, viel zu viel! Sie hat Van Spranekhuyzen ermuthigt, ihn aus dem Kreise der Gäste gelockt, ihn Stundenlang beschäftigt — sie verdient Ihre jLiebe nicht, Outshoorn. Lucy hat mir Alles ausführlich erzählt — Lucy hat sich sehr lang-müthig betragen, viel vergeben, ist endlich hitzig ge- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 199 worden, und dann hat sich der gottvergessene Schurke nicht gescheut, sie zu schlagen — sie hat eine Wunde am Hinterkoftfe. Verfluchter Hund! Und nun ergreift sie noch immer seine Parthei — ich habe ihr geloben müssen, Nichts gegen ihn zu thun, ich muß nur sorgen, daß Ruytenburg seine Gouvernante wegschickt — das ist Alles! Aber das betrifft Sie, bester Junge — Ka8ian! Nehmen sie meinen Wagen, nehmen Sie meine Pferde! Augenblicklich nach Batavia! VIII. Fraulein Henrielle Mathilde Van Hiweeck verleßt die entsetzlichste Stunde ihre« ganzen Leliens, Mijnheer und Mervouw Ruytenburg waren eben weggefahren, um den tk6 äaninnt, den das Officier-korps den Mitgliedern der Gesellschaft Concordia gab, mit ihrer Gegenwart zu beglücken. — Todtstill ist es im Hause und im Garten. Die Luft ist trübe, es blitzt heftig, und die Atmosphäre ist drückend heiß. Im Zimmer der Gouvernante brennt helles Licht, das durch die i)6i-8i6NQ68 flimmert. Wenn aber Jemand nnbe- zyy Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. scheiden durch die Öffnungen derfelben gelauscht hätte, würde er Henrietten nicht entdeckt haben, er hätte nur die sorgfältige Vertheilung, die beispiellose Ordnung der wenigen Geräthschaften und Zierrathcn des Zimmers bewundern können. Ein leichter Schritt, der auf dem Sande des Fußwegs erklingt, das Rauschen eines faltigen Gewandes, das Öffnen der Zimmerthür verkündet indessen, daß die Bewohnerin eben eintritt. Ist das wirklich Henriette Mathilde Van Hilbeeck, die eben langsam eintritt, beinahe mechanisch nach ihrer Lampe sieht, und den Docht derselben höher hinaufschraubt, um dauu eine Weile in Gedanken versunken zu bleiben? Welch schwermüthiger, tiefer Schmerz spricht aus all ihren Zügen! Ihr Gesicht ist ernst und fest, die glänzenden krausen Locken werfen jetzt einen Schatten darüber hin, während sie den schönen Kopf etwas zur Seite beugt, und erhöhen den Leideuszug in den ausdruckslos herumschauenden Augen uud den zusammeugc-preßteu Lippen. Langsam wendet sie den Blick gen Himmel, und indem sie einen schmerzlichen Seufzer ausstößt, rollt leise eine Thräne über ihre bleichen Wangen. Sie richtet sich schnell auf und geht in dem Zimmer hastig auf und nieder. Diese Bewegung scheint ihr gut zu thun — nach kurz Zeit setzt sie sich auf Mit flugenbci Fahne und klingendem Spiel. ZH j einen Lehnstuhl nieder und bleibt dort in Gedanken versunken. Wie viel war in den letzten vierzehn Tagen geschehen! Mittwoch Abend nach dem Diner war nichts Besonderes vorgefallen, wenigstens hielt sie die kurze Unterredung mit Junker Eduard Van Spranekhuyzen ganz und gar nicht für wichtig. Der wüthende Blick, welchen ihr aber die junge Frau Van Svranekhuyzen am Donnerstag früh bei ihrem unerwarteten Erscheinen zugeworfen hatte, war nur der Anfang einer Neihe von Quälereien gewesen, welche sie bis auf diesen Augeublick hatte erdulden müsseu. Am Abende desselben Tages, auf der Soiree von Mevrouw Van Weely hatte sie die geuauesteu Berichte über den Charakter des Junkers Eduard Van Spranekhuyzen erhalten. Mevrouw Dubois hatte ihr die Geschichte ihrer Verlobung mit diesem vollkommnen ^ontlsinaii und dessen schändliches Benehmen gegen sie erzählt; hatte ihr auch mitgetheilt, wie sie ihn im Hause des Herrn Buys wiedergesehen hatte, in dem sie damals selbst als Gouvernante lebte. Ferner schilderte sie ausführlich des Junkers erstes Auftreten in Batavia, und wie er triumvhirend die Hand seiner Gattin Lucy Vokkerman erlangt hatte. Sie hatten weiter mit Frau Van Weely gemeinschaftlich überlegt, und man vermuthete nach 202 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. reiflicher Erwägung nicht ohne Grund, baß Frau Van Spranekhuyzen sowohl als Mevrouw Ruytenburg, Hen-rietten beschuldigten, den Junker zu seiner höflichen Theilnahme an ihrer Person angelockt und ermuthigt zu haben. Darauf hatte man beschlossen. Henrietten so wenig als möglich mit dem Abenteurer in Berührung kommen zu lassen, indem sie selbst jede freundliche Annäherung mit der größten Kälte abweisen, und all ihre freie Zeit in der Gesellschaft ihrer Freundinnen zubringen solle. Am folgenden Tage, Freitag, begegnete ihr Mevrouw Ruytenburg mit verächtlichem Stillschweigen, und dachte alle mögliche beleidigende Quälereien aus, von denen sie voraussetzte, daß sie der Gouvernante Verdruß bereiten konnten. Bei Tische richtete sie diesen Tag kein anderes Wort an dieselbe, als um sie iu Ge« genwart ihrer Schüler und des Lieutenants Reeve, der bei Ruytenburg en tamilie dinirte, zu fragen, ob ihr die Neuigkeit nicht sehr leid thäte, daß man den Junker Eduard Van Spranekhuyzen in Zukunft nicht mehr anf Tanabang empfangen werde. Als sie heftig erschrocken, aber äußerlich ruhig und entschlossen, fragte, warum das gerade ihr und nicht einem Anderen leid thun müsse, hatte die korpulente Dame mit dem beleidigendsten Lachen geantwortet, daß Iuforouw Hilbeeck M fliegender Fahne und klingendem Spiel. Iyg dieß wohl nicht nöthig habe, zu fragen. Der Herr des Hanfes hatte sich zwar augenblicklich des Gespräches bemeistert, und Alles gethan, um Henrietten sein Wohlwollen und seine Hochachtung zu beweisen, aber die schmerzliche Beleidigung war nun einmal ausgesprochen, — ohne daß sie ein Wort dagegen sagen durfte, ohne daß ihr tief gekränktes Herz mit aller Kraft einer natürlichen Entrüstung sich dagegen hätte änßern können. Und jetzt hatte sie wieder einen fast unerträglichen Tag verlebt. Wohl gab das Bewußtsein, daß sie unschuldig litt, daß feinfühlende, edle Freundinnen ihr zur Seite standen, und daß sie in Herrn Ruytenburg einen mächtigen Beschützer gefunden hatte, ihr genug Muth und Geisteskraft, um den Kampf zu bestehen, aber es kamen auch Augenblicke der Muthlosigkeit, wenn sie bedachte, wie lange dieser Kampf noch währen könnte. Unwillkührlich überdachte sie dann jedes Wort, was sie mit Van Spranekhuyzen gesprochen hatte, nnd sie erinnerte sich keiner Sylbe, über die sie zu erröthen brauchte. Mit der Einfalt und dem Edelmuthe eines jungen, fleckenlosen Gemüthes hatte sie die höflichen Phrasen des Junkers angehört, ohne auch nur zu vermuthen, daß dieser den geringsten heimlichen Zweck dabei verfolgen könne. Nach den Aufklärungen, welche sie über diesen Mann erhalten hatte, begriff sie sehr 204 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. wohl, daß ein solcher Mensch sich niemals ohne einen selbstsüchtigen Zweck an Jemand anschließen konnte, aber noch immer mußte sie sich selbst gestehen, daß er ihr gegenüber sich immer äußerst vorsichtig benommen habe. So saß sie lange Zeit in träumerischen Betrachtungen, und ließ den Lockenkopf in ihren feinen Fingern ruhen, während sie von Zeit zn Zeit auf ihre kleine, goldne Uhr sah. Mevrouw Dubois hatte ihr geschrieben, daß sie heute Abend nicht auf den Ball der Con-cordia ginge, sondern sie später zu einer Spazierfahrt abholen wolle. Es war jetzt ungefähr halb neun Uhr, uud Henriette hoffte sehnlich, daß ihre liebe Freundin doch bald kommen möge. Auf einmal sah sie sich erschreckt um. Ein sehr vorsichtiger Schritt erklang auf dem Kieswege vor ihrem Fenster. Sie stand auf und sah hinaus, aber Alles war todtenstille, und Niemand in der Nähe zu bemerken. Die Lichter in der P6n-äoppa brennen trübe, die Seeluft bringt einen frischen Luftstrom herein, die Fekkok Mauereidechse) wiederholt unermüdlich ihr melancholisches Lied. Henriette war durch dieß Alles etwas reizbar und nervös geworden, setzte sich aber doch mit müdem Lächeln wieder in ihren Sessel. Und jetzt überlegte sie mit gewisser ängstlichen Besorgniß, ob es nicht ihre Pflicht M fliegender Fahne und klingendem Spiel. Zyg sei. Outshoorn sobald als möglich die Ursache ihres Mißmuths zu schreiben. Aber es lag etwas Unangenehmes in dem Gedanken: Outshoorn in alle die kleinen Umstände ihres häuslichen Lebens einzuweihen...... Was war das? War das nicht ein unterdrücktes Athemholen? Mit Blitzesschnclligkeit will sie auffliegen aber bleischwer bleibt sie vor unsäglichster Angst sitzen. Dort, gerade vor ihr, in der Öffmmg ihrer Zimmerthüre, steht freundlich lächelnd......Junker Eduard Van Sftranethuyzcn. Sie wollte laut aufschreien, aber ihre von entsetzlichster Angst zugeschnürte Kehle, bringt keinen einzigen Ton hervor. Van Spranekhnyzen verbeugt sich artig, und schließt geräuschlos die Thüre hinter sich. Darauf geht er einen Schritt vorwärts und betrachtet Henrictten mit verstelltem Erstaunen. Plötzlich stützt er seine fein behandschuhte Hand auf den Tisch, und sagt mit sanfter, ehrerbietiger Stimme: — „Ich hoffe nicht, daß meine Erscheinen Sie erschreckt hat, Frl. Henriette! Ich höre, daß die Familie Ruytenburg nach Conccrdia gefahren ist; ehe ich mich ebenfalls dahin begebe, möchte ich einen Augenblick mit Ihnen sprechen. Ich habe Ihnen etwas sehr Ernstes zu sagen!" It) ß Mit flickender Fahne und klingcndcm Spiel. Junker Eduaro war wirklich in Ballkleidung, uud in so geschmackvoller und sorgfältiger Toilette wie nie. Sein Lächeln war bescheiden, seine Stimme klang sanft, voll Gefühl und Hochachtung. Aber Henricttc hatte sich mit der größten Kraftanstrengung von ihrem Cut« setzen erholt, und sagte langsam aufstehend, mit heller, klingender Stimme, indem sie ruhig die Hand erhob'. — „Erweisen Sie mir das Vergnügen, sogleich mein Zimmer zu verlassen, Herr Van Spranethuyzen'. Ich besitze vielleicht nicht die Kraft, Sie persönlich aus demselben zu vertreiben — und hätte ich sie, so würre ich mich nie dazu herablassen! Aber dort sind unsre Diener! Gehen Sie, oder ich rufe'." — „Sehen Sie wohl! da haben wir es. Man hat Ihnen allerlei thörichte Geschichten erzählt und Sie schenken denselben Glauben! Man hat mich aus den schlechtesten Absichten verleumdet. Erlaubeu Sie mit wenigstens fünf Minuten mit Ihnen zu sprechen, ich werde Ihnen Alles mittheilen, und dann augenblicklich gehen. Ich kann es nicht erlauben, daß Sie mich so von sich weisen, denn Ihr Widerwille gegen mich schmerzt mich weit tiefer, als all der Hohn, der mich in den letzten Tagen so unverdient getroffen hat!" Es war wirklich der Mühe werth, den Junker diefe Worte aussprechen zu hören. Er spielte seiue Rolle Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ZY^ meisterlich. Aus seiner Stimme sprach tiefer Schmerz, Abmattung und Leiden. Er hatte ras Haupt abgewendet. Aber ehe sich Henriette noch entschloßen hatte, ihm zu antworten, richtete er schon wieder sein Auge auf sie, trat noch einen Schritt näher und sagte: — „Hören Sie mich an. Kennen Sie das größte, unerträglichste Leiden dieser elenden Welt? Nein, hören Sie mich an! Es ist nichts, wenn uns alle unsere Freunde verächtlich den Rücken kehren! Es ist nichts, wenn uns Iedcr verkennt, falsch beurtheilt und zurückstößt! Das ist sehr alltäglich — die dummen Menschen hier können die gröbste Lüge nicht von der Wahrheit unterscheiden — so etwas verwundet mich nicht. Aber wenn edle, feinfühlende Herzen, wie das Ihre, Frl. Henriette, gemeinschaftliche Sache mit dieser erzdummen ca-naiiie machen, das schmerzt unaussprechlich. Hören Sie nur noch einen Augenblick! die fünf Minuten sind noch nicht abgelaufen! Ich bin in meinem Hause unglücklich! Ich habe mich unüberlegt mit einer Frau verbunden, deren böser Charakter eine fortwährende Marter für mich ist! Ich beschloß, männlich zu dulden und zn schweigen! Aber ich fand ein unbeschreibliches Vergnügen im Umgänge mit denjenigen, die mir geistesverwandt sind, gleich Ihnen, Frl. Henriette, und darum ist der Gedanke, daß auch Sie den ausgestreuten IY8 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Gerüchten Glauben schenken, mir noch unendlich peinlicher......" Henriette schwankte einen Augenblick; die sanfte Stimme des listigen Sprechers, die betrügerische Gewandtheit, mit der er seine Rührung zu zeigen verstand der beinahe stehend demüthige Blick, welchen er zn« weilen auf sie richtete — Alles zusammen hatte für einige Augenbicke einen gewissen Einfluß auf sie ausgeübt. Aber plötzlich kehrte ihre Besinnung zurück. Sie erinnerte sich Alles dessen, was Mevrouw Dubois ihr erzählt hatte — sie fühlte mit instinktmäßiger Sicherheit, daß dieser Mensch ein elender Schurke war, und sie unterbrach ihn mit den Worten: — „Genug, meiu Herr! — Ich will kein einziges Wort weiter hören! —Entfernen Sie sich! — Gehen Sie aus meinen Augen, — oder die Bedienten werden Sie wegjagen! — Ich kenne Sie — Sie sind ein feiger Betrüger, ich verachte Sie!" Iuuker Eduard lächelte stolz, während sie diese Worte mit keuchender Hast sprach. Langsam ging er auf die doppelten Glasthüren zu, als ob er weggehen wolle — zog aber dieselben mit Tigerschnelligkeit plötzlich zu, und verschloß sie mit dem von Innen steckenden Schlüssel. Dann ging er ebenso langsam zu Henrietten zurück, die sich am Tische fest- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. I^g halten mußte, um nicht umzufallen. Jetzt stand er dicht vor ihr, warf seinen Hut zu Boden und kreuzte die Arme über der Brust. Mit einer Stimme, die durch Leidenschaft und Wuth Plötzlich ganz heiser geworden, sagte er schnell: — „Sie verachten mich, Fräulein Van Hilbeeck! Nichts mehr und nichts weniger? — Verachten! Ich habe doch rccht gehört, nicht wahr? Wollen Sie das Wort in Ihrem eignen Interesse nicht lieber zurücknehmen? Ich warne Sie zum letzten Male!" Obschon die entsetzlichste Bestürzung Henrietten in diesem Augenblicke verstummen ließ, so brachte doch rie heisere Stimme und der wüthende Blick des jcht gänzlich verankerten Mannes sie zn plötzlicher Besinnung. Mit einem einzigen Sprunge war sie am Fenster und wollte hastig die Persiennes aufstoßen — vergebens; sie spannte alle ihre Kräfte an, es war, als ob sie von außen zugehalten würden — sie warf sich mit ihrcr ganzen Schwere dagegen, vergebens! Sie legte ihren Mund an die Öffnung, stieß einen jähen Hilferuf aus, und rief laut rie Namcn der Bedienten und der d^ues. Junker Eruard bettachtete alle ihre Versuche mit ruhiger Zufriedenheit. Erst fing er leise zu lachen an, endlich aber brach er in ein schallendes Ge- Inlischt Vibliolbtl. III. 14 21 ft M fliegender Fahne und klingendem Spiel. lächter aus, als Niemand auf das Rufen herbeikam. Henriette wandte den Kopf nach ihm um. Sie zitterte. Ein Schauer bebte durch ihre Glie« der. Lautlachend stand er neben ihr und fagte mit seiner gewöhnlichen, sammtweichen Stimme i — „Darauf hatten Sie nicht gerechnet, liebes Fräulein Van Hilbeeck! die Persiennes sind gut geschlossen, das kann ich Ihnen versichern! Die meisten Bedienten sind ausgegangen. Sie haben heute Abend Urlaub. Überdieß will ich Ihnen wohl zu bedenken geben, nicht wieder eine solche Bravourarie anzustimmen. Glauben Sie mir, wir befinden uns in einer ziemlich kritischen Lage. Nichts ist dem guten Namen einer jungen Dame nachtheiliger, als so laut zu schreien, wenn sie zufällig mit einem guten Freunde in einem wohl verschlossenen Zimmer allein ist. Seit mich Mevrouw Van Spra-nekhuyzen verlassen hat, ist es hier allgemein bekannt, daß wir Beide sehr gut zusammen stehen. Warten Sie doch, wie sagte doch Mephisto zu Faust..... richtig: „Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt!" Und Junker Eduard brach nochmals in schallendes Gelächter aus. Henriette war zurückgewichen, und hatte sich hinter einen großen Schaukelstuhl gestellt Starr vor Verzweiflung sah sie nach ihrer Uhr — der Weiser Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Z > i zeigte auf neun. Sie lauschte mit der äußersten An» strengung — nicht das mindeste Geräusch ließ sich vernehmen. Jetzt fühlte sie sich vollständig rathlos. Was hatte dieser abscheuliche Mensch im Sinne? Er schien einen Augenblick nachzudenken, während er sie mit dreisten, herausfordernden Blicken ansah. Auf einmal flog ihr ein glücklicher Gedanke durch den Sinn. Sie wich noch einen Schritt zurück, und während sie alle ihre Geistesgegenwart zusammennahm, sprach sie gemessen und ohne Zögern mit heller, scheinbar ruhiger Stimme i — „Ich irre mich vielleicht, Junker Van Svranet-huyzen! Aber bis jetzt glaubte ich, daß Sie ein Edel« mann seien! Haben Sie die Welt wirklich absichtlich betrogen, indem Sie diesen Titel unrechtmäßig führten? Oder wie anders soll ich es erklären, daß Sie den Muth haben, mich in meinem eignen Zimmer einzuschließen und mich zu bedrohen? Was ficht Sie an, haben Sie den Verstand verloren? Was hat je zwischen uns bestanden, das Sie auf den wahnsinnigen Einfall gebracht hat, mich so zu überfallen! Jeden Augenblick können meine Freunde kommen, sie werden mich suchen — sie werden Ihren schändlichen Anschlag entdecken!" Es war merkwürdig, die Wirkung dieser Worte auf Van Spranekhuyzen zu beobachten. Erst ließ er den 14* Z12 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Kopf sinken, und wäre es noch annehmbar, daß er der Schaam fähig sei, so schämte er sich sicher in diesen Augenblicken. Darauf wandte er den Blick nochmals zu Henrietten mit tiefstem Ernste, ohne die geringste Vermesscnheit: — „Henriette!" — sprach er dumpf und traurig — „schenken Sie mir noch einen Augenblick Gehör. Sie haben mich eben sinnlos vor Wuth gemacht, indem Sie sagten, daß Sie mich verachten. O, um Gottes willen, nicht mehr dieses Wort! Was je in meinem Leben vorgefallen ist, das mich verächtlich machen könnte, daß ist Ihnen sicher unbekannt. Ja, ich weiß wohl, daß Mevronw Dnbois Ihnen alles mögliche Böse von mir erzählt hat, aber sie hat ihre guten Gründe dafür. Wir waren auf die unseligste Weise mit einander verbunden — ein Augenblick von festlicher Aufregung ließ mich Worte zu ihr sprechen, die sie für das Geständniß meiner Liebe nahm — ich bemerkte es und ließ sie in diesem Irrthume. Später wurde mir diese Verbindung eine unerträgliche Last, der ich nur durch die Flucht in dieses Land entgehen konnte!" — „Aber Ihre Gläubiger, Junker Van Spranck-huyzen, die Sie durch Ihre Flucht ihres gesetzlichen Eigenthums beraubten?" — „Lügen, oder wenigstens böswillige Übertrei- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Z^ g bung! Ich habe sie Alle vollständig befriedigt. Ich flüchtete nur, weil Ernestine Van Weeveren sich mit einer Liebe schmeichelte, die ich ihr niemals schenken tonnte. Und als ich sie hier wiedersah, und sie mir mit Vorwürfen begegnete, verheirathete ich mich sogleich mit einer Anderen, die mir auch ganz gleichgiltig war — aber deren Mittel mich im Stand setzten, mich über jede Erniedrigung zu erheben. Thörichter Irrthum'. Meine Frau wurde mir vom erstell Tage unserer Ehe an immer verhaßter und unerträglicher, als es die arme Ernestine jemals gewesen war — sie quälte mich jede Stunde!" — „Aber was geht mich das Alles an, zu was muß ich das Alles höreu — machen sie es kurz, denn es ist höchste Zeit, daß Sie mich verlassen, mein Herr!" Junker Eduard mußte wohl vollkommeu Meister seiner Empfindungen sein; denn erschloß nur einen Augenblick die Augeu, preßte seine Zähne wüthend auf einander, und fuhr ehrerbietig, beinahe klagend, fort: — „Sie fragen mich? Nuu, ich werde es Ihnen sagen. Sehen Sie, ich habe in meinem ganzen Leben noch Niemanden, wer es auch sei, geliebt'. Ich bin in einer Atmosphäre von Selbstsucht und Adelstolz auf-gezogeu. Ich habe mein Herz gegen die Menschen verstockt! Ich verachtete Jeden, ohne Ausnahme! Aber 21 H. Mit fliegender Fahnt und klingendem Spill. plötzlich bemerkte ich, daß ich irrte! Ein ganz neues Leben bemächtigte sich meiner. Ich hätte an diesem Tage Thränen weinen mögen, denn ein guter, edler Gedanke beherrschte meine ganze Seele — ich liebte Jemand!" In diesem Augenblicke trat er auf den Tisch zu, an dem Henriette stand. Er nahte langsam, beinahe furchtsam, und sich zu ihr wendend, während eine tödt-liche Blässe seine Züge bedeckte, flüsterte er: — „Sie sind es, Henriette! Und wenn Sie nur das geringste Mitleiden haben, sagen Sie dann um Gottes Willen nicht noch einmal, daß Sie mich verachten '." Und Henriette sah an ihrer Uhr, wie die Zeit verstrich, aber sie hörte Niemand kommen. Sie fühlte, daß sie eine äußerste Anstrengung wagen mußte. — „Nun," sagte sie — „weiß ich Alles, und danke Ihnen für diese Mitheilung. Ich kann aber Nichts darauf entgegnen, als daß es mir leid thut, daß mein Verlobter Bräutigam, der Herr Wilhelm Outs-hoorn nicht zugegen ist, um Ihnen das Unpassende dieser Unterredung auf nachdrückliche Weise begreiflich zu machen!" Ein heiserer, entsetzlicher Schrei gellte durch das Gemach. Van Spranekhuyzen hielt sich mit beiden Händen am Tische fest und betrachtete seine Beute mit Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Z/> g fürchterlich entstellten Gesichtszügen. Er hatte die Maske abgeworfen. Sem Talent für Täufchung war erschöpft. Dann lachte er wieder ruhig. Höflich schob er den Stuhl weg und ergriff plötzlich Henrict-tens Hand. Mit einem einzigen Rucke entzog sie sich ihm. — „Nur gemach, meine spröde Schöne!" — rief er kreischend. — „Sparen Sie Ihren Zorn, Sie können mir doch nicht entkommen — ich werde mir erlauben, Ihre Aufregung gar nicht zu berücksichtigen!" Schnell tritt er auf sie zu. Sie weicht mit der Überlegung des höchsten Wahnsinnes zurück. Sie folgen einander einen Augenblick. Sie behalten einander fest im Auge. Es ist todtenstille im Gemache, draußen ertönt immer noch der Ruf der Askkok. In ihrer stummen Verzweiflung fühlt Henriette, daß ihr Zustand jeden Augenblick gefährlicher wird. Sie bezwingt das Keuchen ihrer Brust — das heftige Schlagen ihres Herzens — sie beklagt es, daß ihr keine Waffe zu Gebote steht, um den Elenden von sich abzuhalten — sie starrt ihm unaufhörlich in die falschen, wüthenden, funkelnden Augen und bringt den Tisch oder einen Stuhl zwischen ihn und sich. Aber auch Van Spranekhuyzen verdoppelt seine Gewandtheit. Langsam geht cr von der Seite auf sie zu, aber blitzschnell ver- 2 lß Mit fiicgtndtr Fahne und klingendem Spiel. ändert er die Richtung, und versucht, sie an der andern Seite des Tisches aufzufangen. Vergebens — Henriette entspringt ihm eben so schnell, nnd behält Raum genug, um sich noch bewegen zn können. Und das Alles war nicht von dem leisesten Geräusch begleitet, und rie Jagd wird in schaurigem Schweigen fortgesetzt. Auf eiumal klingt ein schwerer Fluch durch das Zimmer. Henriette ist zn weit nach der Seite zurückgewichen, wo ihr Gueridon steht. Plötzlich springt er ihr nach und treibt sie an der Wand in die Enge. Augenblicklich darauf fühlt sie eine eiserne Hand um ihre Gestalt — ein keuchender Athem berührt ihr Gesicht. Sie hat es später selbst nicht begriffen, wie es möglich war — aber es war, als ob sie in dieser entsetzlichen Stunde eine übernatürliche Kraft besaß. Sie faßt eben so unbegreiflich schnell, wie sie angefallen wurde, den Schurken am Arme und schleudert ihn nach der andern Seite, so daß er strauchelt und fällt. Eine Schleife von Henriettens leichtem Kleide blieb in seinen Händen. Knarrend erklingen mit einem Male die Räder eines Wagens, welcher an der Besitzung vorfährt. Henriette wirft ihrem Feinde einen jauchzenden Blick zu, und stellt sich noch einmal hinter den Tisch. Van Svranekhuyzen war zur Raserei gebracht. Er erholt Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. 2^7 sich schnell vou dem Stoße, der ihn umgeworfen hat, und springt in wilder, schäumender Leidenschaft auf sein Schlachtopfer. Laut und durchdringend schreiend und um Hilfe rufend flieht Henriette vor ihm im Zimmer umher. Jeden Augenblick kommt er näher. Draußen klingen Stimmen und Geräusch. Sie ruft lauter und verzweifelter — die Schritte nähern sich. Van Spranekhuyzcn hat sie wieder erfaßt. Aber noch einmal reißt sie sich los. Ihr Verfolger stößt an einen Stuhl und wankt. Da klingt vou außen eine Stimme, gerade vor dem Fenster, die ihren Namen ruft. „Hilfe'." ruft Henriette so laut, daß das Echo zwischen den hohen, steinernen Mauern des Zimmers das Wort zurückhallt. Ein Klopfen an der Thüre folgt. Man ruft, zu öffnen. Man rüttelt an den doppelten Glasthüren. Es entsteht verwirrtes Geräusch. Jetzt krachen die Thüren in den Fugen — ein dröhnender Schlag und sie springen auf. Mevrouw Dubois stürzt athemlos herein — ihr Gemahl und eine Menge Bediente folgten. Jetzt erst fiel die arme Henriette bewußtlos zu Boden. Z18 Mit Mgtnvn Falmt und klinglndcm Spitl. XIV. Wa« am Mend« nach dem Vall« in Oancardia geschah. — „Und ich sage dir, Papa, daß ich augenblicklich nach Hause will'. — »N01186N8 Marie! Ich bin mitten in meiner Partie! Ich kann meine Karten nicht weglegen! Du mußt noch Geduld haben!" — „Ich will keinen Augenblick länger hier bleiben ! Und ich bitte dich ernstlich, die Beleidigung nicht so hingehen zu lassen, die man mir angethan hat, denn sie trifft auch Dich!" — „Dummes Zeug! Die Herren warten auf mich! Geh noch ein wenig in den Saal zurück und sieh dem Tanzen zu!" — „Dann fahre ich allein nach Hause, und werde dir den Wagen zurückschicken!" — „Mir auch recht! Aber sorge nur, daß ich nicht warten muß. Nach Hause und sogleich zurück! — wat. Aber Fräulein Dunsinger gab sich gar nicht die Mit fiitgtnbtt Fahne und klingende«! Spiel. Z»i 9 Mühe, ihrem hochedelgestrengen Vater zu antworten. Mit hoch aufgerichtetem Kopfe, den Gazellenhals wie eine Senkschnur in der Mitte der mageren Büste, läuft sie weg, durch die Vorgalerie der Officiergesellschaft Concordia bis auf die Stufen der Veranda. Dort schreit sie mit eigener, schriller Stimme den Namen von des großen Dunsingers Kutscher: — »^1i! ^1i! lekas! lekas! lschnell, schnell!) Eine schöne offene Caleche mit zwei grauen Preanger« schimmeln fährt vor. Marie fällt wie eine Bombe in den Wagen und die Pferde eilen schnell links an der Societät vorbei nach Goendeng Sahari. Wir wünschen dir eine angenehme Fahrt, Fräulein Marie Dunsingcr! Wird die erhaltene Lection dir wohl etwas nützen? Wir wünschen es für dich, enttäuschte Beschützerin des zweiten Lieutenants in der ostindischen Infanterie! Daß ein flüchtiges Wort gegen den Junker Hettor Van Spranekhuyzen auch solch tiefen Eindruck auf den dummen, unbehilflichen, alten Herr Deeselaar machen mußte! Man hatte viel darüber gesprochen, untersucht und ans Licht gebracht, daß du es warst, die den Vater gegen den Junker aufhetzte! Man hatte einen großen Unterschied zwischen Junker Eduard und Junker Hektor gemacht! Man hatte eingesehen, daß die häuslichen Verhältnisse des Ersteren, die aber immer zzy Mil ssicglndti Fahne und klmglnbem Spiel. unter dem Schleier des Geheimnisses und der Welt un» aufgeklärt blieben, nicht den mindesten Einfluß ausübten auf den offenen männlichen Antrag seines Bruders. Es unterlag keinem Zweifel, daß eine Verlobung zwischen dem Junker Hcktor und der schönen Karolinc Deeselaar zu Stande kam. Aber Jeder hatte zuvor von deinem menschenfreundlichen Urtheile gehört, Fräulein Maria Dunsinger'. — und weder Neeve noch Schotzer, nein selbst nicht der ungeschickte großfüßige Schotzer, noch irgend ein anderer Lieutenant hat dich heute zum Tanze aufgefordert, und du bist den ganzen Abend sitzen geblieben und hast den ganzen Abend das todtenbleiche, spitzige Gesicht mit der größten Geringschätzung verzogen — wie eine echte, unverfälschte, aufrcchtstehende, wahrhafte Mauerblumc!' Wir haben uns schon zu lange mit dir beschäftigt — wir beklagen nur deine arme, korpulente Mutter und Deine Kammerfrau — Xasiau! Der Ball in der Concordia verlief unter größter Theilnahme aller Bctheiligten. Das Tanzprogramm war beinahe abgelaufen. Man formte eben eine riesige Quadrille, die sich in zwei Hauptabtheilungen über den weiten Raum des glänzend erleuchteten Saales ausbreitete. Das zuschauende Publikum war auch ziemlich l inuurdloeni — Mauerblume, meistens Goldlack gepannt. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ZZ^ stark vertreten. In erster Linie bemerken wir unter ihnen den kleinen Deeselaar mit seinein feuerrothen Gesichte, in ein eifriges Gespräch mit dem dicken Infan-terieobrist verwickelt, welcher seinen langen, schneeweißen Knebel anf dem Empfangsabende von Mevrouw Van Weely so sonderbar gestrichen hatte, als der große Dun« smger die Neuigkeit von den häuslichen Wirren des wohlgebornen Junkers Eduard Van Spranekhuyzen zum Besten gab. Jetzt richten sich ihre Augen cmf einen bestimmten Theil in der Quadrille, welche sie mit besonderem Vergnügen betrachten i auf Lieutenant Hektor Van Spranekhuyzen und Karoline. Die zwei jungen Leute lassen sich zweimal auf Versäunmiß ihrer Tanz-Pflichten ertappen — aber sie lachen rarüber nur noch fröhlicher, und beeilen sich, die Versäumniß einzuholen. — „Morgen frühstücke ich bei Ihrer Mama!" — flüstert Hektor, während er die reizende Gestalt seiner Tänzerin mit dem höchsten Entzücken bewundert. — „Früh kommen, ja? drani (muthig) sein, Hektor! und nicht maloe (bange) wenn Papa böse sieht!" — „Ich bin so froh, so glücklich, Karoline! Wie gut, daß sich Alles so schnell zu unserem Besten gewandt hat? Ich hätte niemals gedacht, daß Fräulein Dunsinger so gefährlich wäre!" — „Sie ist saws (ein) albernes Mädchen! Macht 22? Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. immer Ansprüche, weil ihr Vater so ein großer Herr ist! Nicht mehr von ihr sprechen, soeäak." Karoline Deeselaar sah dabei ihren Kavalier so ernsthaft au, daß es leicht zu begreifen war, wie sie ihm den reichen Schatz an Liebe, der bis jetzt still in ihrem schuldlosen, einfachen, jungfräulichen Herzen geruht hatte, ohne Rückhalt und aus freier Wahl schenkte. Und Hektor? Die Quadrille war eben beendigt — der purpurrothe Herr Deeselaar zeigte seinen Töchtern an, daß der Wagen vorgefahren sei. Wie dringend bat er den Vater der Geliebten, sie noch den letzten Tanz bleiben zu lassen! Und als dieser unerbittlich blieb, verbeugte er sich mit der bescheidensten Unterwürfigkeit, und war sogleich behilflich, die weißen Chiles der Damen aus den Seitenzimmern des Tanzsaales zu holen — und er schlug den von Karolinen mit so viel ritterlicher Sorge um ihre schlanke Gestalt und sprach so leise flüsternd und so achtungsvoll zärtlich zu ihr, daß Brandelaar und Betsy Deeselaar, die ihnen folgten, heimlich darüber fcherzten und der alte Herr den beiden Herren schmunzelnd die Hand reichte, und Hektor noch einmal an sein Versprechen erinnerte, am anderen Tage mit ihnen zu frühstücken. Als der überglückliche junge Mann wieder in die Vorgalerie trat, wurde er leife an der Schulter gefaßt. Mit ssiegenbci Fahne und klingendem Spiel. ZZI Erstaunt wandte er sich um, und bemerkte, daß ein äußerst sorgfältig gekleideter, aber todtenbleicher, junger Mann ihn höflich grüßte, während er hastig frugi — „Erkennen Sie mich nicht mehr, Herr Van Spranekhuyzen?" „Gewiß! — Herr Outshoorn— nicht wahr? Wir sind zusammen mit der Amphitrite hierhergereist. Aber ich war ihnen seitdem nie wieder begegnet, und zweifelte darum einen Augenblick....." — „Ganz recht; wir haben zusammen die Reise gemacht, und obgleich wir damals wenig mit einander verkehrten, so hoffe ich doch, daß Sie mir einige Notizen über das batavische Publikum geben werden, welches ich so wenig kenne. Ich bin bald nach meiner Ankunft nach Krawang versetzt worden, und heute früh verließ ich das Buitenzorgsche, um mich hierher zu begeben!" — „Mit dem größten Vergnügen, Herr Outshoorn! Es ist wahr, am Bord war ich immer mit meinem Kameraden zusammen, und Sie brachten ihre meiste Zeit in Gesellschaft der Damen zu. Lassen Sie uns in den Ballsaal treten, — der Ball ist gleich zu Ende!" Outshoorn folgte sehr ruhig, und wußte den Sturm von Angst und Leiden, der seit dem vorigen Tage feine Seele beengte, wenigstens äußerlich ganz zu verbergen. ZZ4 Mit fliegender Mnc und klingendem Spiel. Wohl war sein Gesicht entsetzlich bleich, und zuweilen zuckte ein krampfhafter Zug um seine Lippen, aber da ihn beinahe Niemand kannte, bemerkte es auch Niemaud. Er war am selben Tage, noch vor Anbruch des Tages von Tji-Koening weggereist, da ihm die vorgerückte Zeit am vorigen Tage nicht erlaubt hatte, sogleich zu gehn. In welcher Angst und welchem Kummer er diesen Tag verlebt hatte — wie er den Kutscher bei jeder Station zu größerer Schnelligkeit angetrieben hatte — wie er endlich beim Einbrüche der Dunkelheit im Marinehötcl angekommen war — das erschien ihm Alles in riescm Augenblicke wie ein Traum. Er zitterte unwillkürlich bei dem Gedanken, daß er seiner Henriette so nahe war, aber daß es sehr unvorsichtig von ihm gewesen wäre, dieselbe aufzusuchen. Erelmüthig und ritterlich von Natur hatte er nur kurze Zeit der Erzählung Lucys Glauben geschenkt, und nur in der Niedergeschlagenheit des ersten Augenblickes an der Treue seiner Henriette gezweifelt. Dann aber lehnte sich sein edles Herz gegen die Darstellung der Thatsachen auf, wie sie Lucy ihm gegeben hatte, und er entschied sich im Stillen dafür, durch eigne Untersuchung die Umstände zu erfahren. Die Nachricht, daß man heute Abend in Concordia tanze, ließ ihn sogleich den Beschluß fassen, dorthin zu gehen. Vielleicht war auch seine Henriette dort anwesend — viel- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ZZg leicht fand er selbst den Elenden dort, dessen bloßer Namen genügte, um den heftigsten Zorn in seinem Gemüthe zu erwecken — dessen Antlitz er niemals gesehen hatte, aber den er mit aller Kraft eines jungen, feurigen Gemüthes haßte; eines Gemüthes, daß sich in seinen liebsten Illusionen aufs Schnödeste verwundet fühlte. Durch die Vermittelung eines freundlichen Tischnachbarn an der wdie-ä'köts des Marine-Hotels, der Niemand Anders sein konnte, als unser guter Freund Brandelaar, war er zu dem Balle der Societät eingeführt worden, und hatte sich dort sorgfältig im Hintergrunde verborgen. Sehr bald überzeugte er sich, daß Henriette nicht anwesend sei — darauf suchte er den Junker Eduard. Er betrachtete alle Herren aufmerksam, er studierte die Physiognomie eines Jeden, der durch einen gewissen Luxus in der Toilette einen Anspruch auf den Namen äauä? machen konnte, und das Ende feiner Untersuchungen war ein dämmerndes Vermuthen, daß der Gesuchte auch nicht zugegeu sei. Er hatte sich wieder nach Brandelaar umgesehen, und dieser bestätigte mit einem einzigen Worte die Richtigkeit seiner Vermuthung — Junker Eduard war nicht zugegen. Er schweifte ziellos mit immer zunehmender Besorgniß umher, und erinnerte sich mit einem Male, daß er die Lieutenants Van Spranekhuyzen und Schotzer am Bord IndiM Nibliotbet, III. 15 ZA 6 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. der Amphitrite hatte kennen lernen — und da sie die Einzigen waren, die er unter der bunten Menge der Tänzer und Tänzerinnen kannte, so beschloß er, den Ersteren anzusprechen, um wo möglich einige weitere Aufschlüsse von ihm zu erhalten. Aber der junge Kriegsheld war so ernstlich mit der Erfüllung seiner Tanzpflichten beschäftigt, daß er sich ihm nicht eher nähern konnte, als bis gegen das Ende des Balles, als die reizende junge Dame denselben verlassen hatte, die fortwährend der Gegenstand von des Lieutenants chevale-resker und ehrerbietiger Courtoisie gewesen war. Jetzt betrachteten Beide die vorbeiwirbelnden Paare, welche die letzte Tour mit einer gewissen hartnäckigen Ausdauer abtanzten. Hektor zeigte Outshoorn den Einen oder Anderen seiner Bekannten, und ahnte kaum, daß Jener seinem munteren Gespräche nur halbe Aufmerksamkeit schenkte und unruhig rund um sich her sah. Plötzlich bemerkte Outshoorn mit dem gespanntesten Interesse, daß ein äußerst sorgfältig gekleideter Herr, den er den ganzen Abend noch nicht bemerkt, sich in die Reihen der Zuschauer gedrängt hatte, und jetzt nicht fern von ihm mit sichtlichem Vergnügen die tanzende Menge bettachtete. Dieser Herr hatte ein besonders feines Äußere, sein Gesicht war ein wenig bleich, aber während er lächelnd um sich her sah, leuchteten seine Augen von der herz- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ZZ^ lichsten Freude, und die Reihe seiner köstlich weißen Zähne erglänzte unter diesem Lächeln. Outshoorn faßte Hektor am Arme und fragte, indem er auf den Neuangekommenen Fremden zeigte: — „Wer ist der Herr?" — „Der dort mit dem Hute unter dem Arme? Das ist mein Bruder, Junker ^Eduard van Spranek-huyzen, Beamter bei dem Gouvernements-Sekretariat!" — „Er ist verheirathet mit . . . ." — „Verzeihung! Ich muß ihm Etwas mittheilen! Sie bleiben sicher noch eine Stunde nach dem Balle? — Trinken Sie ein Glas Wein mit uns? Auf Wiedersehen!" Outshoorn blieb einen Augenblick unbeweglich stehen. Er wandte seine Augen auf seinen Feind, sah, wie dieser von seinem Bruder angeredet wurde, und wie sich Beide unter fröhlichem Gelächter nach der Vorgalerie begaben. Aber nun verlor er sie aus dem Auge, weil die Menge am Schlüsse des Balles nach allen Seiten hin aus einander stäubte, und die bis zuletzt gebliebenen Tänzerinnen sich jetzt auch zur Wegfahrt bereit machten. Nach einer Weile Umherstreifens, während ein Strom von Gedanken sich in seinem Kopfe drängte, stieß er unerwartet auf Brandelaar und Schotzer, die ihn fröhlich ansprachen, da sie gerade am Büffet in größter Eile 15* 228 Nit fliegender Mnc und klingendem Spiel. eine Flasche Rheinwein geleert hatten. Man beschloß, sich zusammen nach der Vorgalerie zu begeben, um von den Ermüdungen des Balles auszuruhen. Um einen runden Tisch sitzen schon einige junge Herren auf bequemen Stühlen, Eduard und Hektor sind die Hauptfiguren dieses Kreises. Outshoorn setzt sich zu der Gesellschaft. Er hält die Augen fest auf den Mann gerichtet, der das Ziel seines Suchens war. Dieser selbst spricht flüsternd mit seinem Bruder, und Beide trinken mit einem gewissen festlichen Geheimnißvollthun einige Gläser Champagner. Outshoorn wendet seine Blicke hinans, wo der breite Waterlooplatz sich in der Dunkelheit der Nacht verliert. Eine große Anzahl Wagen mit hellflammenden odors eilen nach der gegenüberliegenden Seite des Platzes — unten am Fuße der Veranda ist ein lebhaftes Gewühl von fortfahrenden Familien und herbeistürzenden Bedienten. Rund umher fchallt ein lantes fröhliches Geräusch von Stimmen, aber Alles trägt nur razu bei, Outshoorns Stimmung immer trüber zu machen. Aufs Neue überfällt ihn die bange Furcht, daß Lucy Wahrheit gesprochen habe. Der Junker hatte ein angenehmes Äußere und vortheilhafte Manieren — aber er erinnert sich schnell, welche Briefe er von seiner Henriette erhalten hat, und wie sie ihm zuweilen von ihren Be- Mit fliegender Fahnc und klingendem Spiel. ZZg gegnungen mit diesem Manne erzählt hat, ohne Rück« halt, offen und gleichgiltig. In diesem Augenblicke kam ein Bedienter der Societät im feuerrothen Kabaai und bot ihm mit dumpfer Grabesstimme in Brandelaars Namen ein Glas Rheinwein an, und er sah sich da< durch veranlaßt, einen Augenblick an dem Gespräche Theil zu nehmen. Die Gebrüder Van Spranethuyzen setzen indessen ihr flüsterndes Zwiegespräch fort. — „Es freut mich, daß du so zufrieden bist Hektor! Aber darum finde ich die ganze Sache doch sehr dumm!" — „Natürlich, weil ich verliebt bin, und meine Karoline nicht so reich ist, als deine Lucy! Ich hoffe indessen, glücklicher zu sein, als du!" — „Deine Antwort ist beinahe eine Grobheit, mun. dun! Aber das will ich dir wegen deiner ausgeregten Stimmung heute Abend wohl verzeihen. — Ich habe ernstlich beschlossen, mich mit Lucy auszusöhnen!" Junker Eduard sprach diese Worte in der fröhlichsten Laune, und rieb sich die Hände mit dem Anscheine, als ob er etwas sehr Geistreiches gesagt habe. Schnell fügte er hinzu: — „Ich will dir sagen, warum. Ich habe nun wirtlich an Batavia und dem Sekretariate genug. Ich habe hier beinahe ein Jahr zugebracht, und finde eS ZIY Mit fliegender Fabnc und klingendem Spiel. nun an der Zeit, ruhig über den Vorschlag des Herrn BoNerman nachzudenken, und zu überlegen, ob ich den Entschluß fassen kann, Controleur im Binnenlande von Buitenzorg zu werden. Ich werde mich wohl dazu be-quemeu, Hektor, weil ich hier doch zu wenig Erfolg habe!" — „Was meinst du damit?" — „Ach Nichts! Früher stand ich noch ziemlich gut mit Ruytenburgs Gouvernantchen, weißt du! Nun — heute Abend ist sie wegen einer Kleinigkeit sehr böse auf mich geworden, und ich fürchte, daß wir für immer brouillirt sind!" — „Kamst du darum so spat?" — „Darum und auch aus anderen Gründen, die nichts zur Sache thun!" — „Eduard, ich müßte mich sehr irren -. — ich vermuthe, daß dieß Alles kein tkär pla) ist!" Junker Eduard runzelt einen Augenblick die Stirne, zuckt die Achselu und fragt: — „Darf ich dir noch einmal einschenken, Hektor?" Darauf schwiegen Beide und vertieften sich in den Rauch ihrer Manillas. Rund um sie her wurde indessen ein lebhaftes Gespräch geführt. Schotzer hatte das Wort und pries die Freuden des verflossenen Abends. Er hatte seine Uniform aufgeknöpft und Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Zg^ schaukelte behaglich auf und nieder. Reeve und Brandelaar nahmen eifrig Theil an der Diskussion, und zuweilen mischte auch Outshoorn ein Wort ins Gespräch, um durch sein gänzliches Schweigen nicht zu sehr die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. — „Das elegante, junge und schöne Batavia war gar nicht stark vertreten!" — meinte Reeve. — „Weil Mevrouw Buys nicht da war, he?" — fragt Brandelaar. „Nein!" — ruft Schotzer in naiver Begeisterung — „weil Christine Henkens nicht da war." Reeve schüttelt den Kopf, und bittet unter höflichem Lächeln, daß man zur Tagesordnung übergehe. Hektor, der die letzten Worte gehört hat, sagt mit dem fröhlichsten Gesichte der Welt: — „Ich fand es sehr voll und sehr belebt. Ich habe mich noch niemals auf einem Concordiaballe so gut amüsirt!" — „Sehr natürlich!" — antwortet Brandelaar langsam in seiner tiefen Baßstimme. „Aber doch behaupte ich, daß unsre schönsten batavischen Damen nicht zugegen waren. Zum Beispiel Fräulein Van Hilbeeck, Ruyten-burgs Gouvernante — ich habe sie den ganzen Abend nicht gesehen!" 23Z M fiicgtndcr Fahne und klingendem Spul. Schotzer, der eine neue Flasche Rheinwein entkorkt, fühlt eine außerordentliche Lust zum Scherzen. — „Fragen Sie einmal Herrn Eduard van Spranek-huyzen!" — rief er aus — „warum sie nicht gekommen ist?" Junker Eduard zeigt die Battene seiner Zähne und setzt sein Glas an die Lippen. — „Nein. aber wahrhaftig, Spranethuyzen'." — fährt der aufgeregte Schotzer fort — „ist es wahr, daß Sie noch immer in der dünnes Fi-aes« der jungen Dame stehen?" Outshoorn hört Alles mit fieberhafter Anstrengung. Sein Gesicht ist furchtbar bleich, aber Niemand beobachtet ihn. — „Was soll ich sagen?" — ertönt es jetzt mit der größten Nonchalance aus Junker Eduards Munde — „Ich behandele solche zarte Angelegenheiten nicht gerne in Gesellschaft -. die junge Dame gehört zu meinen intimen Bekannten, obgleich wir in der letzten Zeit ein wenig in Uneinigkeit mit einander gelebt haben!" Eine Lachsalve folgte der merkwürdigen Mittheilung des Junkers. Darauf bemerken Alle mit Verwunderung, daß Outshoorn von seinem Stuhle aufgestanden ist, und mitten in dem Lärme auf Van Spranekhuy-zen zutritt. Jedes Geräusch schweigt, denn das Gesicht des Fremden hat einen drohenden Ausdruck. Outshoorn M fliegender Fahne und klingendem Spiel. ZIg erhebt die Hand und sagt mit ruhiger, heller Stimme, die laut und deutlich spricht: — „Mein Name ist Wilhelm Outshoorn. Ich bin mit Fräulein Van Hilbeeck verlobt. Ich fordre von Ihnen, Junker Eduard Van Spranethuyzen, daß Sie im Beisein Aller dieser Herren augenblicklich diese gemeinen Lügen zurücknehmen!" Der Junker steht schnell auf. Sein Gesicht ist purpurroth. Er bettachtet seinen Feind, dem er nicht entgehen kann, mit der blinden Wuth eines Raubthieres, welches in eine Schlinge gefallen ist, und kein Entkommen sieht. — „Werden Sie augenblicklich diese feigen Lügen zurücknehmen, verfluchter Schuft! Ich gebe Ihnen noch ^eine Minute Zeit! " Outshoorn kreuzt die Arme über der Brust. Die ganze Gesellschaft erwartet in athemlosen Erstaunen die Entwirrung dieser Scene. — „Ihre Zeit ist um! Antwort, Schurke!" Junker Eduard machte eine mühselige Anstrengung, zu athmen, murmelte einen gemeinen Fluch zwischen den Zähnen, und zischte heiser vor Wuth -. — „Niemals!" Im selben Augenblicke erhebt Outshooru seine rechte Hand, und ehe es Jemand verhindern kann, giebt er 23ä> Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. dem Junker einen so heftigen Faustschlag ins Gesicht, daß er rückwärts taumelt und mit einem jähen Schrei auf den marmornen Boden niederstürzt. XV. In dem Mevrouw Nuul« Van Veelu ein Mner giebt, und Hnboi« einen Toast aus ein junge« verloblee ?aar ansßlingl. Herr und Frau Nuyts Van Weely hatten ihre besten Freunde und Bekannten eingeladen, um gerade acht Tage nach den letzten Begebnissen auf dem Balle der Concordia an einer festlichen Mahlzeit in ihrem Hause Theil zu nehmen. Die Pendoppo hatte auch wirklich ein sehr festliches Äußere, als der Abend des bestimmten Tages anbrach. Der ganze Reichthum von alabasternen Hängelampen und Kronleuchtern verbreitet ein taghelles Licht in dem ganzen Raume, aber zumal dort, wo die prächtig gedeckte Tafel stand, auf der die reichste Aus-wckhl von Kristall und Silber funkelte, auf der ein reicher Überfluß von herrlichen tropischen und europäischen Blumen prangte. Es war nicht schwer, in dem geschmackvollen Arrangement der Blumen die eigen« Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Jgg Sorge der Hausfrau zu erkennen, da sie zumal jetzt eben beschäftigt war, eine letzte Hand an ein großes Bouquet in einer weißen Porzellainvase zu legen, und dasselbe an das obere Ende der Tafel zu stellen. Alle Bediente erschienen in dunkelblauen Galakabaayen, und selbst sie schienen auf ihren braunen, gleichgiltigen Gesichtern ein Bewußtsein der bevorstehenden Festfreude zu zeigen. Mevrouw Van Weely gab ihre letzten Befehle und Anweisungen, und verschwand dann in der weiten, innern Galerie. Einige Minuten lang herrscht die absoluteste Stille in der Pendoppo. Wer in diesem Augenblicke einen verstohlenen Blick auf die geschmückte Tafel, auf die Pracht von Blumen une Silber geworfen hätte — wer Zeuge von dem glanzvollen Schmuck gewesen wäre, den die ganze hintere Galerie bis in die kleinsten Einzelnheiten zeigte, der würde sogleich zu der Überzeugung gekommen sein, daß an diesem Abend in der Villa Nuyts Van Weely ein besonders großes Fest gefeiert wurre. Ein Geräusch von Stimmen und Schritten verkündigt die Annäherung der Gäste. Das erste Paar, welches eintritt, bildet der alte Herr Bokkerman aus Buitenzorg und die Wirthin. Zweitens erscheint Herr Nuyts Van Weely mit Fräulein Maria Bokkerman, die bis jetzt in dieser einfachen Er« ZI 6 Nit flicgcndci Fahnc und klingendem Spicl. zählung stets als Fräulein Gotterman No. 2 aufgetteten ist. Dann folgt Ruytenburg mit Mevrouw Guirault Dubois, — unmittelbar darauf Outshoorn, der den linken Arm in einer schwarzen Binde trägt, an dem rechten aber--------------Mathilde Van Hilbeeck führt. Der Zug wurde durch Dubois beschlossen, der an seiner Hand ein hübsches Mädchen von acht Jahren geleitet — das kleine Fräulein Klara Ruytenburg, welche auf ihr sehr dringendes Verlangen, aber auch auf wiederholte Bitten Henriettens dem Festmahle beiwohnen darf. Außerdem war noch der kleine Herr Louis Nuyts Van Weely zugegen, der sich in die Reihe der Gäste drängte, und seine Mutter laut bat, ihn doch neben Klara zu setzen. Die Plätze der Gesellschaft waren schon im Voraus bestimmt. An der länglichen Tafel sah man auf der einen Seite die Wirthin zwifchen den Herren Dubois und Botkerman, auf der anderen Seite Outshoorn zwischen Henrietten und Mevrouw Dubois Platz nehmen. Neben der Letzteren hatte Ruyteuburg seinen Platz. Fräulein Botterman No. 2 befand sich am schmalen oberen Ende der Tafel, ihre Nachbarn waren Dubois und Ruytenburg. Am schmalen unteren Ende saßen die Kinder, Klara sehr dicht nach Henrietten zugerückt, und Louis neben seinem Vater, der sich rechts von dem Herrn Gotterman befand. Bald erfüllte der Mit fliegender Falmc und klingendem Spiel. ZI7 Ton fröhlicher Stimmen die Pendoppo — die Diener liefen servirend auf und nieder, das Diner begann. Daß in den letzten Tagen manche Veränderungen und Vorfälle Statt gefunden hatten, konnte man bald aus den Gesprächen der Gäste merken. Eben hat Du-bois einen scherzhaften Wortstreit mit Frau Van Weely und Outshoorn; der Letztere giebt wenig Aufklärung, da er nur behauptet, schon vom Anfange an eine Verlobung zwischen Heurietten und einem galanten Passagier der Amphitrite vermuthet zu haben. Mevrouw Dubois weudet sich ;u gleicher Zeit zu Ruytenburg und flüstert etwas leiser: — „Welch ein Unterschied zwischen heute und vorletztem Sonntage! Ich kann nicht ohne Beben an die Angst denken, die mich überfiel, als ich Henrietten bei dem Vorfahren vor Ihrer Besitzung so angstvoll um Hilfe rufen hörte'." — „Ein Glück, daß Sie gerade kamen, Mevrouw! der Elende wäre zu Allem im Stande gewesen. Noch niemals habe ich mich so in einem Menschen geirrt!" — „In der Verwirrung des ersten Augenblicks hatte Niemand Aufmerksamkeit für ihn, und als Dubois sich nach ihm umsah, war er schon entwischt. Daß er nur noch Lust und Kaltblütigkeit besaß, um sich noch auf dem Balle der Concordia zu zeigen!" HZH Mil fliegender'Fahne und klingendem Spiel. — »Nonne mine ä nianvais ^jeu! « — „Dort hat Outshoorn die Vergeltung begonnen! Er war der passendste Mann für seine Bestrafung!" — „Wissen Sie die Einzelheiten des Duells?" — „Nur sehr unvollständig. In dem Gedränge der letzten Tage habe ich mich meist nur mit Henrietten beschäftigt. Wir wollen Outshoorn bitten, uus Allen einen vollständigen Bericht davon zu geben!" — „Es thut mir sehr leid, daß ich wieder meine Gouvernante verliere. Meine Kinder fingen an, so vertraut mit ihr zu sein. Wie es mit Klara gehen wird, weiß ich noch nicht. Sie will durchaus mit der zukünftigen Mevromv Outshoorn nach Buitenzorg!" Ruytenburg schüttelte leise den Kopf, als er dieß sagte, und leerte seufzend sein Glas. — „Wenn Mevrouw Ruytenburg Nichts dagegen hätte," — bemerkte Dubois, der von der andern Seite der Tafel einen Augenblick auf Ruytenburgs Gespräch gehört hatte — dann könnte Alles leicht arrangirt werden, und wir würden Ihnen Alle gern zur Erlangung einer neuen Gouvernante behiflich sein!" Ruytenburgs Gesicht zeigte eine heimliche Besorgniß. Er zuckte die Achseln und schenkte einer Schüssel Spargel eine fast nervöse Aufmerksamkeit, so daß er in seiner Zerstreuung eine achtunggebietende Quantität der- — »Bonne mine ä mauvais jeu! « HZH Mil fliegender'Fahne und klingendem Spiel. Mit fliegender Fabnc und klingendem Spicl. ZIg selben auf seinen Teller lud. Fünf Minuten fpäter sagte er seufzend zu Mevrouw Dubois, indem er seine Stimme zu einem sanften Flüstern zwang: — „Als Sie noch bei Mevrouw Buys Gouvernante waren, haben Sie unsre indischen Damen kennen lernen. Unsre alten, guten, holländischen Gewohnheiten und Vorstellungen sind ihre größten Antipathien. Wer sich mit einer Indierin oder Farbigen verheirathet, mache sich nur keine Illusionen über die holländische Erziehung seiner Kinder'. " Armer, gutherziger, vergnügungssüchtiger Nuyteuburg! Du bleibst dein Lebenlang in der untersten Klasse deiner tropischen Neals äes inaiik! Indessen hatte sich Dubois eine Zeitlang mit seiner Nachbarin, Fräulein Bokkerman No. 2 unterhalten. Diese junge Dame war die gesprächigste und dickste der Familie. Sie hatte beinahe eben so viel Verstand, aber war mehr drani smuthig), als Lucy. Ihren schönen, aus wohlriechendem Holze geschnitzten Fächer auf und nieder wehend, sagt sie ernsthaft: — „Sehr gut, der Herr Outshoorn erst heirathet das schöne Mädchen mit blonden Locken, ^an^ dewel daF068! (die sehr schön sind!) So still sonst bei uns auf Tji-Koening! Aber mm Lucy wohl auch noch lange bei uns wird bleiben.....liasian Lucy!" 24t) M si.icgcndtt Mnc und klingendem Spicl. — „Weiß Mevrouw Van Spranekhnyzen etwas von dem Duelle?" — „Papa empfängt Dinstag sawo soerat (einen Brief) von Herrn Outshoorn. Papa spricht lange mit Lucy, erzählt die ganze pm-kara (Geschichte) von ihrem Manne; sie schüttelt den Kopf, sie cliam-llinm! (sehr still!") — „Ihre Schwester würde nicht viel dabei verlieren, wenn sie ihren Mann niemals wiedersähe'." — „Papa sagt auch, er 8aw6 ssiaänk (ein Schnrke). Lucy immer äiam-äiam, und spricht mit Niemand!" Auch wir, hochadlige Frau Van Spranekhnyzen ge-borne Bokkerman, auch wir überlassen dich deinem beharrlichen Schweigen. Nährst dn noch immer diesen eifersüchtigen Haß gegen Rnytenburgs Exgouveruante? Du bist sehr nakal (hartnäckig), dn wirst uns später noch genug zu thun geben! Der Wirth hat sich fortwährend beeifert, mit der größten Aufmerksamkeit auf Herrn Bokkermans Mittheilungen zu lauschen. Sie haben einander früher nie gesprochen, die Umstände haben sie zum ersten Male zusammengeführt. — „Ich kann Ihnen mein heiliges Wort geben, daß niemals etwas dergleichen vorgefallen ist'." — antwortete Herr Van Weely. Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. I41 — „Lucy und Mevrouw Ruytenburg glaubten dessen ganz gewiß zu sein. Ich selbst schenkte ihnen einen Augenblick Glauben, aber nach Outshoorns Briefe, und nach dem, was er mir gestern erzählte, sehe ich, daß meiner armen Tochter auch diese letzte Satisfaktion gebricht. Fräulein Van Hilbeeck hat sich musterhaft benommen, und nur mein panier-peree von Schwiegersohn trägt die Schuld von Allem. . . ." Hier ging des Herrn Bokkerman Stimme in ein dumpfes Murmeln über, das einem stark gewürztem Fluche sehr ähnlich klang. — „Der beste Beweis für meine Aussage" — setzte der Wirth hinzu — „ist Ruytenburgs Gegenwart. Er ist Zeuge des Vorgefallenen gewesen und theilt durchaus nicht die falsche Vorstellung seiner Frau und Mevrouw Van Spranekhuyzens. Er hat Henrietten selbst versichert, daß er sehr gerne zu ihrem Verlobungsmahle kommt, daß er sie mit großem Bedauern scheiden sieht, daß er seine einzige Tochter, das liebe Kind dort neben meinem Sohn Louis, ihr gern anvertrauen will, wenn Outshoorn seine Zustimmung giebt und Mevrouw Ruytenburg nicht zu sehr dagegen ist'." — „Was mich betrifft, so war ich sogleich für Fräulein Van Hilbeeck eingenommen, als ich nur eine Viertelstunde lang mit ihr gesprochen hatte. Ich nehme an Outshoorn großes Interesse, er ist der einzige Sohn Indische Vibliochcl. III. 1 6 Z4Z Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. eines treuen Freundes, der meine Iünglingsjahre in Holland mir für mein ganzes Leben unvergeßlich glücklich gemacht hat. Es war mir darum nicht gleichgiltig, wer seine zukünftige Frau sei. Und es ist Ihnen wohl auch bekannt, daß er als Kontroleur auf meine Ländereien kommt, und daß unsre stille Berggegend nun durch ihre Gegenwart belebt werden soll!" — „Ich glaube, daß Sie an Outshoorn einen sehr guten Beamten finden!" — „So viel ich ihn bis jetzt kenne, wird er mir ausgezeichnete Dienste leisten; denn er stimmt ganz mit meinem Systeme überein. Er hat Achtung vor den Eingebornen, er wird mit mir dahin wirken, nnsre ganze sundanesische Bevölkerung so viel als möglich zu entwickeln; er ist mit mir der Ansicht, daß der Wohlstand meiner Besitzungen nur von einer humanen und liberalen Regierung der Eingebornen abhängt!" Ein dreimaliges Bravo dir, würdiger August Bok-kerman! Unter all der Umhüllung von Vornehmheit und ehrfurchtgebietender Würde, die du einer uneingeweihten Menge zur Schau trägst, kannst du doch dein edles, vortreffliches Herz nicht verbergen. Mustergrundbesitzer von West-Java! Wir möchten dir bald wieder begegnen — auf Wiedersehen! Während dieser Gespräche, die in den allgemeinen Klängen von Fröhlichkeit und Festjubel unbemerkt von Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Z43 den Andern geführt wurden, hatten auch die beiden Hauptpersonen der herzlichen Feier durchaus nicht in ernstem Stillschweigen verharrt. Outshoorns Gesicht strahlte von aufrichtiger Freude. In seinen Bewegungen freilich war etwas Gezwungenes, weil er nur seine rechte Hand gebrauchen konnte, da die Linke in einer schwarzen Binde lag. Aber seine Augen funkelten von stolzer Befriedigung, und wenn er sich flüsternd zu Henri-etten wandte, und Beider Blicke sich begegneten, dann war es für Niemand ein Geheimniß, welch inniges Glück die beiden Seelen erfüllte. Was sie einander sagten, weiß Jeder, der aufrichtig geliebt hat, oder liebt — eine Variation über das ewig schöne Thema von Romeo und Julia! Eine kleine Mittheilung Henriettens von mehr specieller Art machte eine Ausnahme davon. Sie beugte den lieben Kopf zu Outshoorn, und es glänzte eine sanfte, wehmüthige Rührung in ihren herrlich schönen, blauen Augen. — „Etwas vergaß ich noch zu sagen, Wilhelm!" — lispelte es leise von ihren süßen Lippen. — „Heute empfing ich einen Brief aus Breda von meiner lieben Mutter. Sie kannte natürlich unser Geheimniß schon lange, und wenn ich ihr nun bald melde, wie glücklich wir sind, dann wird ein Festtag in ihrer dunkeln Wohnung sein. Denn mein Vater, du erinnerst dich doch, 16* 244 ^ll fliegender Fahne und klingendem Spill. was ich dir von meinem Vater, dem pensionirten Ka-pitain erzählt habe, mein Vater macht ihr große Sorge. Er leidet an Podagra, an allerlei andern Übeln, aber ras Schlimmste ist: er ist ganz kindisch geworden, hat die fixe Idee, daß ich mit großen Schätzen aus Indien zurückkehre, — und erkennt in jeder jungen Dame. die meine Mutter besucht, seine steinreiche Tochter Hen-riette, die eben ankommt, um den kranken Greis zum Millionär zu machen. Arme Mutter!" — „Schreibe ihr nur fröhlich und munter, Liebste mein! Wer weiß, ob wir sie nicht in bessern Verhältnissen wiedersehen!" — „Outshoorn!" — erklingt es Plötzlich von der andern Seite der Tafel. „Sie sind uns noch die Erzählung von Ihrem Duelle schuldig, wir sind noch nicht in alle Einzelheiten desselben eingeweiht!" Dubois sprach diese Worte absichtlich so laut. Die anderen Gäste schenkten neugierig und aufgeweckt diesem Vorschlage die wärmste Theilnahme. Outshoorn flüsterte Henrietten noch einige Worte zu, uud begann dann: — „Die Anleitung zu dem Duelle ist Ihnen bekannt. Ich kann mich sehr kurz mit der Erzählung der Begebnisse am folgenden Morgen fassen. Man hatte beschlossen, daß ich dem Herrn Van Spranekhuyzen Genugthuung für die Beleidigung schuldig sei, die ich ihm Mit fliegender Fahne und klingendem Spill. Z^g zugefügt habe. Sein Bruder und Lieutenant Reeve waren seine Sekundanten, während Brandelaar und Scho-tzer mir denselben Dienst leisteten. Wir machten die gegenseitige Verabredung, daß wir den folgenden Morgen halb sieben Uhr in der gemeinschaftlichen Wohnung Hektor Van Spranekhuyzens und Schotzers zusammentreffen sollten, wo in der weiten, hintern Galerie ausgezeichnete Gelegenheit zur Ausführung unsres Vornehmens war. Van Spranekhuyzen, der Beleidigte, wählte die Waffe, den Säbel. Ich fuhr dann mit Brandelaar in das Marinehötel, und begab mich ziemlich sorgenfrei zur Ruhe. Ich hatte ein so großes Vertrauen in das gute Recht meiner Sache, und fand in dem Beifalle der jMgen Leute, die Zeugen des Streites waren, solch eine wohlthuende Befriedigung, so daß ich durch keinen bangen Gedanken aus meinem Schlafe gestört wurde. Brandelaar weckte mich zeitig. Nach sechs Uhr fuhren wir zu Schotzer, der uns sehr freundlich empfing. Hektor Van Spranekhuyzen hatte sich schon mit Reeve auf den Weg gemacht, um meinen Gegner abzuholen. Da sie noch nicht kamen, fingen wir an zu frühstücken, und ich mußte zu meiner Beschämung eingestehen, daß ich sehr wenig Erfahrung im Gebrauche des Säbels hatte. Meine Spannung stieg jetzt von Minute zu Minute, ich schwieg, in verworrene Gecankm 246 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. versunken, und hörte nur mechanisch auf die Gespräche der jungen Leute. Wir warteten sehr lange. Wir sahen nach den Uhren. und bemerkten. daß es lange halb sieben, ja daß es sogar ein Viertel vor sieben war, und daß es sehr unritterlich war, so spät zu kommen. Gegen sieben Uhr fuhr ein Miethwagen vor. Zuerst stieg Reeve aus, dann Herr Eduard Van Spranekhuy-zen, cnolich sein Bruder. Die drei Herren schienen einen heftigen Streit gehabt zu haben, da sie einander mit dem vollkommensten Schweigen aus dem Wege gingen, während Reeve sehr heftig erklärte, daß es seine Schuld nicht sei, daß man so spät käme. Dann wurden die Bedingungen des Kampfes geordnet. Wir standen Alle in der ziemlich großen, hintern Galerie der Officicrs-wohnung, und da alle unnöthigen Möbel weggeräumt waren, so hatten wir reichlich Platz für ein Degeuduell. Jetzt erst betrachtete ich meinen Feind. Er sprach eben sehr vornehm und ernst mit Brandelaar — rauchte sehr schnell und nervös und lachte ziemlich gezwungen. Daß er bleich und überdieß in heftiger Erregung, fiel Jedem ins Auge. Von Beilegen oder Versöhnung konnte keine Rede sein. Lieutenant Van Spranekhuyzen erklärte sehr nachdrücklich, daß die Beleidigung, die ich seinem Bruder angethan habe, viel zu groß sei, um einen gütlichen Vergleich zuzulassen." Ein leiser Händedruck Henriettens unterbrach Outs- Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. HH/f hoorn, und Keiner der Tischgenosfen konnte es dem Erzähler übel nähmen, als er den freien Arm um die schlanke Gestalt seiner Geliebten schlug, und sie schnell und feurig umarmte. — „Ich bemerkte nun mit Befremdung" — fuhr Outshoorn fort — „daß Keiner der beiden Sekundanten ein Wort mit dem Junker sprach. Er würdigte mich keines Blickes, und zog mit einer gewissen gleichgiltigen Eleganz seinen Rock und seine Weste aus. Ich stand schon lange bereit, und wartete mit der äußersten Aufregung auf den Anfang des Kampfes. Ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß ich sehr unruhig war. Aber ich fürchtete nicht sowohl den Ausgang des Gefechtes, als die Sache selbst — daß ich einen Kampf begann, den ich in ruhigerer Stimmung sicher tadelnswerth finden würde. Nur der Gedanke beruhigte mich, daß wohl Umstände eintreten können, die ein Duell unvermeidlich machen — und Sie wissen Alle, daß dieß bei mir der Fall war. Ein Gedanke trug besonders dazu bei, um mich mit Ruhe und sittlichem Muth zu waff-nen. Henriettens Name war auf die feigste Weife verleumdet — und an mir war es, ihre Ehre wieder herzustellen. Hätte ich damals gewußt, wie viel mehr ich an diesem polirten Schurken zu bestrafen und zu vergelten habe, so wäre mein Arm vielleicht noch etwas schneller nnd kräftiger gewesen. 248 Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Das Gefecht selbst währte nur kurze Zeit. Mein fester Entschluß war, mich nicht durch den Zorn hinreißen zu lassen, sondern stets auf meine Vertheidigung bedacht zu sein. Das anfängliche Scharmützel ließ mich ruhig meinen Plan verfolgen. Mein Feind schien einige Uebung mit dem Degen zu haben. Lächelnd sprang er vor- und rückwärts, aber jede Nerve seines Gesichtes schien in ängstlicher Spannung zu sein. Plötzlich fühlte ich, daß seine Waffe meinen linken Arm traf, während ich ihn im selben Augenblicke mit der Spitze meines Degens am Halse verwundete. Schon sprangen Reeve nnd Brandelaar zwischen uns Beide, und das Blut färbte meinen Hemdärmel dunkelroth. Wir überzeugten uns bald, daß die Wunde nicht bedeutend sei, ich fühlte wenigstens keinen Schmerz und band mein Taschentuch fest darum. Junker Eduard Van Spranek-huyzen hatte nur eine kleine Verwundung, aus der nur einige Tropfen Blut zum Vorschein kamen. Bei dem Duette und in der ersten Aufregung danach hatten wir nur einige unzusammenhängende Worte gesprochen. Der Erste, der das Stillschweigen unterbrach, war Schotzer. Sehr aufgeregt lud er uns Alle ein — da jetzt der Ehre genug gethan war — ein Glas Champagner auf unsre Versöhnung trinken. Aber Reeve erklärte dagegen, daß er gern bereit sei, ein Glas auf einen Glückwunsch für mich zu leeren, aber daß er den festen Mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. ZH.I Entschluß gefaßt habe, niemals in eine freundschaftliche Berührung, wie sie auch immer heißen möge, mit dem Herrn Eduard Van Spranekhuyzen zu kommen, und daß er darum so bestimmt als möglich weigere, mit diesem Menschen ein Glas zu leeren. Nun erst fiel es mir auf, welch eine traurige Figur der sonst so gewandte Schelm jetzt machte. Niemand sprach mit ihm — selbst Brandelaar nicht. Er hatte die Lippen fest zusammen gekniffen, die Augen halb geschlossen und lehnte an einem hölzernen Pfeiler der Peudoppo, während ihm Jeder den Rücken zuwandte. Nun folgte eine leise Unterhaltung zwischen Reeve und Lieutenant Van Spranekhuyzen, und als wir wieder unter der Veranda saßen, und der Kork der Champagnerflaschen knallend in die Höhe flog, sahen wir plötzlich die beiden Van Spranekhuyzen ohne Abschied in den Miethwagen steigen und in größter Eile wegfahren. Sie sind sicher neugierig, die Ursache dieses sonderbaren Benehmens zu erfahren. Als der Champagner und die vielerlei Erregungen des Morgens uns Alle in ein sehr vertrautes Gespräch verwickelt hatten, erzählte uns Reeve mit der größten Entrüstung, daß er und Hektor darum heute so spät erschienen, weil sie beinahe vergebens an des Junkers Wohnung gewesen waren. Denn sie hatten ihn gerade im Begriffe gefunden, um mit Koffer und Bedienten eine kleine Spazierfahrt nach Buitenzorg zu 25s) Mit fliegender Fatme und klingendem Spiel. unternehmen. Er Hütte einen höflichen Brief an mich hinterlassen, in welchem er scherzend auseinander setzte, daß er als verheiratheter Mann sich schwerlich den Wechselfällen eines Zweikampfes unterwerfen könne, zumal da ihm der Streitgrund eigentlich ganz gleichgiltig sei, und er gern amenä« Korwradis für einen Ans-druck thun wollte, den er nur scherzend gebraucht habe, da es ihm niemals geglückt sei, mit Henrietten auch nur den unschuldigsten Freundschaftsbund zu schließen. Aber Hektor und Reede hatten ihn erst mit Gründen und Drohungen, endlich mit Gewalt gezwungen im Nagen Platz zu nehmen, da sie ihn aus Achtung vor seinem Namen wenigstens vor einem Schritte bewahren wollten, der ihn der allgemeinen Verachtung Preis gab. Da meine Wunde anfing, mir hinderlich zu werden, mußte ich mich bald entfernen; das Übrige ist Ihnen bekannt!" — „Auf den tapferen Kämpfer!" rief der Hausherr, als Outshoorn seine Erzählung endigte, und mit Begeisterung erhoben alle die Gläser und stießen an. Es herrschte in allen Herzen die aufgeweckteste und ungezwungenste Feststimmung. Selbst Fräulein Bokkcr-man Nr. 2 lachte aus vollem Halse und trank zwei Gläser Burgunder. Der einzige, der noch mit gewissem Ernste an den Gesprächen Theil nahm, war der Grundbesitzer von Tji-Koening, er dachte an seine Tochter und ihre unglückliche Ehe. Mit fiicgendn Fahne und klingcndcm Spiel. 251 Indessen hatte Frau Van Weely den dringenden Wunsch an Dubois ausgesprochen, nach alter, holländischer Sitte dem verlobten Paare einen Festtrunk zu weihen. Das Knallen der Champagnerpfropfen gab bald das Zeichen dazu. Mit feierlicher Erregung und glücklichem Stolze übernahm Dubois das Amt, unr Jeder lauschte aufmerksam, als er mit seiner hellen und wohllautenden Stimme also sprach 1 — „Das Leben ist ein sehr ernstes Ding, hat ein amerikanischer Dichter in seinem berühmten Lebenspsalm gesagt — wäre er in unserer Mitte, so hätte er gewiß behauptet: Das Leben in Niederländisch-Indien ist ein sehr ernstes Ding. Ernst, nicht wegen unsrer bekannten Vergnügungssucht und unsrer fortwährenden Balllust, sondern ernst wegen dem mühsamen Kampfe, der Jeden erwartet, der die ersten Schritte in dieser Gesellschaft zurücklegt, wenn er in der Blüthe seiner Jahre unser theures Holland verlassen hat! Ich habe deren gekannt, welche, obgleich mit den tüchtigsten Kräften ausgestattet, in dem Kampfe untergingen — heute sehe ich welche, die eben so reich begabt, den glänzendsten Sieg erfochten haben. Das junge Paar, deren Verlobung wir im Augenblicke Alle mit so großer Begeisterung feiern, ist der sprechendste Beweis meiner Behauptung: Das Leben ist ein sehr ernstes Ding! Verhältnißmäßig kurze Zeit waren Beide in unserer 252 Mit ssicglnbci Fabnc und klingendem Spicl. Mitte, und doch war die Aufgabe, die ihueu Beiden zu Theil geworden war, außerordentlich schwer. Outshoorn! Sie sind ein Mann, Sie haben Muth, Sie haben Energie, ich bin gar nicht darüber verwundert, daß Sie gesiegt haben. Aber was mich mit unaussprechlicher Freude erfüllt, ist der Sieg Ihrer geliebten Henriette! Ganz allein trat sie in dieser bunten Gesellschaft auf, wo beinahe Alles sie wie eine feindliche Macht umgab. Jeden Anfall hat sie siegreich zurückgeschlagen, sich die Achtung eines Jeden erworben. Jedes Freundschaft errungen! Darum fei Ihnen dieß Glas geweiht, reizende Braut, die wir ungern aus diesem Kreise scheiden sehen. Dieß Glas gilt Ihnen, herzlich geliebte Freundin; Ihnen, die so tapfer gekämpft und so herrlich gesiegt hat! Dieß Glas gilt Ihnen, mnthiges Soldatenkind! Sie haben die schönste Palme ihres Lebenskampfes errungen — und jetzt, jetzt entlassen wir Sie mit militairischen Ehren, mit fliegender Fahne und klingendem Spiele!" Juni 1864. Druck von Vltittopf und Häitel in Leipzig. Im Verlage von Ludwig Denicke in Leipzig sind erschienen : Mein Tagebuch in bewegter 3eit. Von Gustav Kühne. 8. XXI. 802 Seilen, broch. 2 Thlr. Erlebnisse und spannende Schilderungen aus der g>opcn Bc> wegungsperwde >8^7/50. Gesammelte Schriften von Gustav Kühne. 10 Bände, 8. brochirt. 10 Thlr. Inhalt: Vandl. Gedichtc. —Band II. Klosternovellen: Dic Kinder aus der Provence. — Die Ursulincrin. — Die Calvinisten von Vauclusc. — Die Jesuiten in Paris. — Dic Heimath. Band 111. Die Rebellen von Irland. Novelle. Aus den Papieren und Denkwürdigkeiten der „P cicinigten Irländei". Band IV. Deutsche Charaktere, l. Theil: Friedrich dci Große. — «cssing. — Moses Mendelssohn. — Kant. Band V. Deutsche Charaktere. 2. Theil: Kaiser Joseph. — Mozart. — Klinger. — Georg Förster. — Friedrich Hölderlin. Band VI. Deutsche Charaktere. 3. Theil: Karl August »on Weimar. — Die Dioscurcn von Weimar. — Goethe in der Tchule der Frauen. — Goethe und sein Jahrhundert. — Schiller als Prophet. — Tchillcr als Mensch und Dichter, Band VII. Deutsche Charaktere. 4. Theil: Jean Paul. —^Ludwig licck und die Romantiker, — Heinrich von Kleist, — Fichte, — ^chleicrmachci. — Arndt. — Uhland. Band VIII bis X. Die Freimaurcr. Eine Familiengeschichte aus dem vorigen Jahrhundert. Die Bände >—7 wcrden jeder einzeln zum Preise von 1 Thlr. abgegeben; die Bände 8—lu zu 3 Thlr. werden jedoch nicht getrennt verkauft. Mischt WüotlM, III. llr. I. ten Hrink. MindiSclic yiimcn und Herren. Zweiter Theil. t4u.YiMkL\lto c4w!>^ot*. Leipzig: Ludwig Vcnickc 1868. Diücl vcn Vicnlrrf und Häctt! in Leipzig.