J/rtss:jr4& i^^ Ostindische Damen und Herren. Von Hi«. I. ten Brink. Aus dcm Holländischen von Wilhelm Berg. Diiltct Theil. Autorisilte AnZynbc. Leipzig: Ludwig Venickc 1868. ^, Die unterzeichnete Perlagshandlung wird unter dem Collectiv-Titel AndiGr GibliMtK eine Reihe von Schriften veröffentlichen, die uns mit der Natur und Cultur jener fernen Ländergebicte näher bekannt zu machen bestimmt sind. Sie beginnt die Indische Bibliothek mit dem interessanten Werke van Hoevells Äus dem indischen Leben daran schließt sich unmittelbar Dr. I. ten Brink's Oftindische Damen und Herren während andere Werke in Vorbereitung sind. So sollen alljährlich eine Anzahl Bände zu einem mäßigen Preise veröffentlicht werden mit dem ausgesprochenen Iwecke: zu belehren und zu unterhalten. Leipzig, Verlag von Ludwig Deuicke.. IntliZcke Mbliotkek. IV. vr. I. ten Brink Ostmdische Dolmen und Herren. Dritter Theil. Autorisirte Ausgabe. seipjig Ludwig Deuickc 1868. Windische Ämnen und Herren. A us r e m Holländische n Wilhelm Berg. Dritter Thcil Autorisirte Ausgabe. Leipzig V, u b w i g D c n i ct c 1868. Vier Beiträge zur Kenntniß der Sitten und Gebräuche in der europäischen Gesellschaft von Hollandisch-Indien. Fr. I. ten Brink. VI Malt. 7. Wol'ill das l,cldcmmltl,lgc ssrälik'in Tcvpcnstcyu ^läü^eud über ihren Fcind tl,ii»ipl,irt luid ilncul Fvculidc cin>: Pri' vatunterhaltung vcrgmlnt............. ><"'> 8. In wclchcr Van SpraucthuyM ciuc tl.iue Täuschull^ cr-lcbt. uud P.'nuvot ciuc .qroße Mcnge Vcrwünschuugcn zuin Bcstc» ^ibt................... 12»l 9. Won» cin Trininph dcv tlciucu Klara Ruytenbmg beschrie- dcn wi,d.................... 14« M Krug geht so lange zu Nasser, bis er zerbricht. 8c)i61'20. ^Vu,nt Iii ontüull«!- Iiaräe vele Indische Vibüothcl, IV, I. Es lreteu zwei »cue ?>'t!ancn aus. Vrandelaar gibt eine Oesessschasl, und Waiimilil»! improvisirt, Mohann Wilhelm Brandelaar war noch immer erster Commis in einem großen Handelskomptoir der Stadt M-Batavia^. Sein Gesicht war noch immer todten-bleich, — seine Stimme klang noch immer so hohl, und sein Leben floß noch immer ohne heftige Gemüthsbewegungen ruhig und zufrieden dahin. Wenn gegen vier Uhr Mittags seine Berufsgeschäfte zu Ende waren, rollte seine Bendi mit ernster Würde in den Vorhof des Ma-rinehötels. Dort stieg er stets mit einer gewissen Feierlichkeit aus seinem Wagen und gab dem Kutscher, der schnell von seinem Sitze hinten auf der Bendi, abgesprungen war, seine Befehle für den Abend, worauf derselbe das Pferd am Zügel in den Stall führte. Dann trat Freund Brandelaar in sein Zimmer, — in dasselbe Gemach, welches er schon sieben Jahre lang als daolieior bewohnte. Hierauf machte er sich's bequem. 4 Dcr Klug geht so lange und öfters beliebte es ihm, ein Schläfchen auf seinem Sofa zu machen. Gegen fünf Uhr nahm er ein Bad, brachte seine Toilette in Ordnnng, nm gegen sechs Uhr einen kurzen Spaziergang über ^loienviiet sn Itijt,->vi^K zu machen, und verfügte sich eine halbe Sttmrc später zu den Habitues und den übrigen Gästen des Mannehütels. Niemals trank er dort etwas, das thaten nur die daron. Auch war er sehr einsylbig und sprach nur sehr wenig. Wurde zum Diner geklingelt, so blieb er meistens noch ein Weilchen in der hinteren Galerie, und nahm dann erst mit der größten Nonchalance seinen Platz ein, indem er mit gemessenem Kopfneigen diejenigen der Gäste begrüßte, die er bis jetzt noch nicht gesehen hatte. Bei Tafel wurde Brandelaar von den Tischgenossen als eine Autorität im Lobe oder Tadel der Speisen gehalten; sprach er, dann folgte seinen Worten ein einstimmiger Chor, der ihm laut Beifall zurief. Aber das betraf nur die Fragen: Ob die Suppe gut war, ob der Fisch richtig bereitet sei, ob das Fleisch pasfabel genannt werden könnte. Ueber diesen Kreis hinaus erstreckte sich Brandelaars Autorität nicht. Mit seinen Tischnachbarn, die, mit einer einzigen Ausnahme, seit Iahreu dieselben waren, fing er nicht früher zu sprechen an, als bis die Früchte aufgetragen wurden. Wenn aber die Cigarren zum Vorschein zu Nasser, bie cl ztibricht. g kamen, und man den noch übrigen Wein langsam ans den Flaschen leerte, dann schob Brandelaar seinen Stnhl etwas zurück, lehnte sich hintenüber und ließ von Zeit zu Zeit seine Baßstimme hören. Einer seiner Nachbarn führte meistens die Oberstimme dazu. Derselbe hatte ein sehr anständiges Äußere, war sehr fein in Weiß gekleidet und trug eine Extra-specialität von t'aux-coi8 und eine höchst elegante Cravatte. Er trug sein schlichtes, blondes Haar mitten über den Kopf gescheitelt und ließ immer sehr auffällig seine glänzend weißen Zähne sehen. Er sprach schneidend und hart, aber sehr gebildet, und hatte die Gewohnheit, bei jedem nur halbwegs gewichtigen Ausdrucke die Augen halb zu schließen. Im Allgemeinen tonnte man wahrnehmen, daß seiner Unterhaltung gerade nicht mit großer Achtung zugehört wurde, da man ihm oft ohne Entschuldigung in die Rede fiel, oder über etwas ganz Anderes ein neues Gespräch anknüpfte. Einige der Gäste hingegen schenkten ihm volle Aufmerksamkeit, und thatsächlich war cs, daß er auf sehr „distinguirte" Weise raisonnirte, und daß seine ganze Persönlichkeit sehr „distinguirt" war. Doch war etwas in den Antecedcn-zeu dieses Herrn, was noch Manchen der Anwesenden im Gedächtniß war, und ihnen eine gewisse Antipathie gegen ihn einflößte. Es war allgemein bekannt. d»iß er ß Dn Krug gchl so langl ein halbes Jahr nach seiner Ankunft aus Europa sich mit der Tochter eines reichen Grundbesitzers in Buiten-zorg verheirathet hatte, daß etwas Besonderes zwischen ihm und einer sehr hübschen Gouvernante vorgefallen war, baß ein Duell Statt gefunden hatte, bei rem wieder etwas sehr Sonderbares vorgefallen, und bei welchem der Verlobte der genannten hübschen Gouvernante sein Gegner war. Darauf war eine Scheidung zwischen den jungen Eheleutcn erfolgt, und der elegante Herr mit den glänzenden Zähnen war unter die Habitues des Marinehötcls aufgenommen worden. Und Brandelaar, der ihn kannte, hatte ihn protegirt uud über das Vorgefallene das tiefste Stillschweigen bewahrt. Er war zweiter Schreiber des Gouvernement-Sekretariats nnd hieß — man wird es längst vermuthet haben — Junker Eduard van Spranethuyzen. Man trug gerade die Früchte auf. Branrelaar nahm einige Mangistans und schenkte sich ein Glas Wein ein. Darauf sah er ziemlich aufgeweckt um sich her und nickte Einem seiner Nachbarn, einem jungen Menschen mit langem, schwarzem Haare unr einer spitzen Nase, ohne besondere Veranlassung zu. — „Still! He! Nicht wahr?" — sagte Brandelaar — „da Van Starrenborg abgereist ist!" Mit diesem Van Starrenborg meinte der Sprecher zu Nasser, bis ci zcrbncht. 7 einen sehr lebhaften und sehr lebenslustigen Advokaten, der früher ein Tischgast im Marinehötel gewesen und vor Kurzem in das Vaterland zurückgekehrt war, um sich zu verheirathen. — „Ja wohl, still!" antwortete der Angeredete.— „Ich finde es auch wirklich recht verdrießlich und weiß gar nicht, was ich mit meinen freien Abenden anfangen soll!" — „Und er hat Dich doch tüchtig geneckt, Max!" — sagte Brandelaar dagegen. — „Unsinn! Er machte Scherz und veranlaßte mich, Verse zu recitiren! Ein kapitaler Kerl! Alles ist wie tort, seit er weg ist!" — „Holla, mein Bester! Man amüsirt sich noch ziemlich gut in unserem lieben Batavia. Gestern warst Du zum Beispiel noch ziemlich lebhaft bei Buys. Und Samstag ist wieder Ball in Concordia — dann kannst Du Mevrouw Dubois, Mevrouw Buys, Mevrouw Ruytenburg und Frl. Serpensteyn den Hof machen. . ." — »soeäak! Loeällk!« — rief Max, der eilig nach kpi» rief, um die allgemeine Aufmerksamkeit abzulenken, und dann hinzufügte: — „Ist denn heute Abend nichts los, Van Spranekhuyzen?" l »pi — Feuer. « Dcl Kiug geht so lange Junker Eduard blies erst eine dicke Rauchwolke in die Luft und sagte dann sehr ruhig: — „Ich weiß es nicht!" — „Mittwoch ist niemals viel los" — bemerkte Brandelaar — „ich gehe auf mein Zimmer und erwarte einen Besuch von dem lange nicht genng anerkannten Pönurot! Kommt Ihr auch?" — „Was thust Du nur mit dem Narren?" — frug Van Spranekhuyzen. — „Schwatzen!" — „Bah! Dann sehe ich, ob ich nicht irgendwo eine Partie machen kann!" — „Aber ich komme!" rief der junge Mann, den die Anderen Max nannten. — „Brav!" — brummte Brandelaar, — „sieh', daß Du noch ein Paar zusammenfindest, die mitkommen. Ich kenne Penurot gar nicht. Ich sah ihn gestern bei Buys zum ersten Male und habe ihn in der Aufregung des Festes für heute Abend eingeladen. Na! eine schöne Geschichte!" — „DaS muß sich erst herausstellen, Pmmrot ist manchmal sublim..." Hierauf schwiegen die Herren, während Van Spra-nethuyzen seinen Stuhl auf dem marmornen Fußboden zurückschob und sich eilig aus der Pendovpo entfernte. zu Wasser, bis er zcibrM. a Anderthalb Stunden nach diesem Gespräche finden wir Brandelaar's Zimmer glänzend erleuchtet. Die Thüren sind weit geöffnet und Brandelaar's Diener Ketjil liegt halb schlafend mit dem wii-api auf der Schwelle und wartet der Dinge, die da kommen sollen. Im Zimmer selbst sitzt der Wirth noch ganz allein, in seinem Schaukelstuhle sich hin und herwiegend, gähnend und rauchend. Da erklingt ein schneller Schritt auf dem steinernen Getäfel der kleinen Vorgalerie. Brandelaar blickt auf und sieht mit nicht geringer Verwunderung, daß Junker Eduard Van Spranekhnyzen eintritt. Ketjil ist aufgesprungen und trägt einen Lehnstuhl für den augekommenen Gast herbei. — „War Niemand in der Harmonie?" — fragt Brandelaar. — „Kein einziges erträgliches Wesen! Neeve saß mit seinem Club da, aber Du weißt, daß wir sett dem Duelle..." — „Hin, hm'." — läßt sich der Wirth mit jenem unbeschreiblichen, malayischen Kehlton vernehmen, der eine kühle Zustimmung ausdrückt. — „Dieser Reeve ist ein anmaßender troupisr, und mein Bruder Hektor ist nicht viel besser'." — „Wie stehst Du jetzt mit Deinem Bruder?" — „So, so! Einige Monate nach jener Geschichte 1 y Der Krug gcht so lange hat er mich wieder aufgesucht, um sich selbst zu überzeugen, wie ich wohl den Zorn von einigen allzu gewissenhaften batavischen Damen ertrage. Er sprach nur von seiner Karoliue und seiner bevorstehenden Hochzeit. Aber es scheint, daß der kleine, feuerrothe Papa Dee-selaar nicht gerade viel thun kann, denn die Sache geht nicht vorwärts. Hektor erwartet alle Tage Versetzung nach den auswärtigen Besitzungen, wie man auf dem Sekretariat sagt." — „^ promos, kommst Du zu Deeselaars?" — „Neulich bin ich einmal dort gewesen, aber die Leute waren sehr kühl. Glücklicherweise traf ich Mev-rouw Ruytenburg dort, mit der ich mich immer sehr gut stehe, wie Du weißt. Von ihr hörte ich auch manche Neuigkeit!" — „Aus Buitenzorg?" — „Natürlich! Das höchst tugendreiche Ehepaar, Herr und Fran Ontshoorn sind nach dcn fernsten Bergdistrikten von Bokkermans Ländereien geschickt worden, weil Lucy und die anderen Damen sich mit der jungen Frau nicht vertragen tonnten. Lucy verbleibt in ihrer üblen Laune und spricht mit Niemandem, denn Du weißt, daß sie einfach: „Nein!" sagte, als Papa Bok-kerman sie frug, ob sie geschieden zu sein wünschte. Sie will nach Batavia, aber Ruytenburg scheint nicht zu Nässn, bi? ei zelbncht. 4 ^ daran zu denten, sie.in seinem Hause zu empfangen. Der dumme Kerl will Outshoorn und seine Fran haben, und es ist wahrscheinlich, daß wir dies liebenswürdige Pärchen bald hier erscheinen sehen. Mevrouw Ruyten-burg klagt schon jetzt über die ßoesak. Es besteht jetzt ein sonderbares Vernehmen zwischen ihr und Nuyten-burg! Glücklicherweise wird sie von der Gouvernante soviel als möglich unterstützt!" Brandelaar lächelte flüchtig und sagte: — „Das ist eiu Kapitalmärchen, dieses Fräulein Serpensteyn, aber besonders hübsch finde ich sie nun nicht." — „Das gebe ich zu, Brandelaar! Aber ich kenne hier Niemanden unter den batavischen Damen, die so durch und durch gebildet wäre." Brandelaar schwieg nnd warf seine Cigarre weg. Nach einer kleinen Weile sagte er: — „Und haben Deine diplomatischen Depechen an Mevrouw Van Spranekhuyzcn keinen Erfolg gehabt?" — „Sei doch um's Himmels willen diskret und sprich mit keinem Menschen darüber!" — „Immer ruhig bleiben, umioe! Ich bin kein Freund von hin nnd wieder reden! — Wie ist die Sache abgelaufen?" — „Mevrouw Ruytenburg vermuthet, daß der 1Z Dcr Klug geht so langt alte Bokkerman die Briefe unterschlagen hat. Keine Zeile Antwort!" — „Lucy ist eigensinnig, he?" — „Ja, aber au lonä hält sie doch viel von mir. — Und die Geschichte hat mm auch lange genug gedauert . . ." Junker Eduard schloß bei diesen Worten die Augen. Er beugte sich näher zu Vrandelaar, machte eine ganz unzweideutige Bewegung mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und flüsterte: — „Ich würde Mevrouw Van Spranekhuyzcn mit großem Vergnügen wieder bci mir aufnehmen!" Es erfolgte eiu momentanes Schweigen. Eilige Schritte in der Galerie kündigten einen neuen Besuch an. Nach wenigen Augenblicken trat auch der junge Mann mit den schwarzen Haaren und der spitzigen Nase herein, den man bei Tafel Max genannt hatte. — „Ist der unsterbliche Pönurot noch nicht gekommen?"— fragte er sogleich mit der ihm eigenthümlichen und ihn charakterisirendcn Aufregung. — „Nein! Nehmen Sie Platz! — Ketjil'. Ninva minoemkn!« (Bring' Getränke.) Max nahm Platz auf dem Stuhle, den Ketjil gewandt herbeigeschoben hatte, uud warf seinen sonderbaren grauen Banditenhut von Filz in eine Zimmerecke. zu Nässn, bis cr zerbricht. ^ g Max hieß eigentlich Maximilian, und sein weiterer Name war Maaning Scheinman. Er war wegen seiner allgemein bekannten Fertigkeit in den indischen Sprachen zum zweiten Schreiber am Gouvernements-Sekretariat, ernannt worden, suchte aber jetzt mit der ihn persönlich kennzeichnenden Veränderlichkeit eine Anstellung auf einem Handelskomptoir, obschon er sehr wenige Eigenschaften besaß, welche ihn für den Kaufmannsstand besonders geeignet erscheinen ließen. Er war von mittlerer Große und bis zur Magerkeit schmächtig an Gesicht und Körper, außerdem besaß er lebendige braune Augen, welche in ihrer eigenthümlichen Zusammenstellung mit seinem bleichen Gesichte und seiner spitzigen Nase seinem ganzen Äußern etwas sehr Charakteristisches verliehen. Maximilian war unter den jungen Leuteu und unter den Damen Batavia's sehr angesehen i erstens, weil er eine unverwüstliche Munterkeit besaß und seine Neigung für Lust und Gesellschaftsleben nie verläugnete; zweitens, weil er Dichter war und zuweilen in inspirirten Augenblicken komische Verse improvisirte; und drittens, weil er an einem chronischen Verliebtheitsübel laborirte, das von einer Schönheit zur andern schweifte, und zwar mit der vollen Übereilung eines launischen, allzu gefühlvollen Gemüthes, obgleich jung verheirathete Frauen zu seinen besonderen Protegees gehörten. Aber im Grund /, i Der Krug gebt so lange seiner Seele war Maximilian Maauing Scheinman ein ausgezeichneter junger Mann von chevalereskem Sinne und vortrefflichen Grundsätzen', auch befaß er ein eoeur ä'm-, wie Jeder gern eingestand. — „Herrliche Neuigkeiten!" — begann er, während Van Spranckhuyzcn uud der Wirth sich mit größter Ruhe ein Glas Arrack mit Wasser zurecht machten. — „Was für Neuigkeiten?" — frug Brandelaar. — „Die beiden Damen Nuyts Van Weely sind mit der Thetis angekommen. Reeve hat sie gesehen und ist ganz bezaubert von ihrer Schönheit und ihrer elegance. Ich war eben in der Harmonie und sprach dort den Advokaten Dubois, der sie schon begrüßt hat. Er ist voller Lob über den Geist uud die Liebenswürdigkeit der beiden Damen!" — „Ich wußte nicht, daß Van Weely schon erwachsene Töchter hat!" — rief Junker Eduard aus. — „Ich hatte davon gehört!" — ertönte des Wir< thes Stimme. — „Es ist noch kein Jahr her, daß Mevrouw Van Weely zurückkehrte, und damals sagte sie gleich, daß ihre Töchter ihr in kurzer Zeit nachfolgen würden, vorher aber noch ein Jahr ungefähr in der Pension bleiben sollten. Hektor weiß das auch, Van Spranekhuyzen'. Er hat die Reise hierher mit ihr zusammen gemacht!" zu Nasser, bis cr zerbricht. ^ H — „Wir kommen nicht mehr zu Van Weely's" — war des Junkers Antwort. — „Die Leute protegiren die Outshoorns und die Dubois und deren ganze cö-tsris von höchst achtungswerthen und hochgeehrten Christemnenschen — tont e6 yu'il >' a äe pws — „Und ich komme viel zu Van Weely's !" — rief Maximilian. — „Ich kann wohl behaupten, daß nicht Eine Familie in der Stadt mit soviel Takt und Geschmack ihre Gesellschaften giebt, als eben sie! Sie sind zuweilen ein wenig hochmüthig und ceremoniell, aber das bringt die Stellung des Hausherren mit sich. Heute über acht Tage ist Empfangstag bei ihnen — es wird famos werden, famos!" Junker Eduard starrte mit einem Blick voll stiller Wuth hinaus und leerte in langsamen Zügen sein Glas. Darauf summte er leise eine Melodie aus einer französischen Oper und warf sich in seinem Lehnstuhle hin und her, ohne weitere Notiz von Maximilians Antwort zu nehmen. Brandelaar schwieg, ohne für den Einen oder den Anderen Parthei zu nehmen und forderte Maximilian auf, w-anäi-LHma-aier (Arrack mit Wasser) zu nehmen. Und während dieser unter ausgedehnten und fortgesetzten Lobeserhebungen der Van Weely's sein Glas ^.5 j 6 Der King gcht so laugc Ketjil reichte, um es mit Wasser zu füllen, näherte sich ein schwerer Tritt der Schwelle, und der längst erwartete Gast, der Herr Penurot trat ein. — „Höchst erfreut, die Herren zusammen zu finden!" — rief er sogleich mit lauter, obgleich etwas gebrochener Stimme aus, während er Jedem sehr emsig die Hand schüttelte, bei welcher Operation Junker Eduard eine schmerzliche Grimasse machte. Dann ließ er sich neben dem Wirthe nieder, wo Maximilian ihm sofort den Platz einräumte, und gleich darauf rief er: — »I<,a88i niinioen!« ^Gieb zu triukeu!) Ketjil staud schon mit einem Korbe bereit, aus dem allerlei Flaschenhälse, Bierflaschen, Weinflaschen und Arrackflaschen in die Höhe schauten. Ponurot folgte dem Beispiel der Übrigen und versah sich reichlich mit Arrack; dann sah er die ganze Gesellschaft sehr befriedigt an und rieb sich die Hände. Herr Jean Jacques Guillaume Penurot hat etwas sehr Auffälliges und Fremdartiges, welches gleich beim ersten Blick in die Augeu fällt. Sein Gesicht ist mattgelb und hat unzählige Fältchen; dabei besitzt es jene charakteristische Färbung, welche man mit einem französischen Ausdruck: chiffonirt nennen könnte. Seine Augen sind klein, grau, eingefallen. Sein kurz verschnittenes, schwarz und grau gemischtes Haar steht aufrecht in die Höhe. Sein An« zu Nassci, bis cr zcrbiichl. z»v zug ist höchst sonderbar. Er trägt auf militärische Weise eine hohe, schwarze Halsbinde und einen Rock von blauem Tuche mit metallnen Knöpfen und von sehr altmodischem Schnitte. Seine Weste ist von schwarzem Atlas, hochzugeknöpft, und glänzt von langem Gebrauche unr vieljährigcn treuen Diensten. Sein Pantalon ist von grauem Stoffe, aber auch iu keinem besseren Zustande, als die Weste. Dieses Ensemble vervollständigen einige ziemlich auffällige Sonderbarkeiten. Herr Penu-rot macht einen fehr häufigen Gebrauch von Rappe aus einer kolossalen silbernen Dose, und bestreut seine Oberlippe, seine Weste und die zweifelhaften Spuren von weißer Wäsche, die aus derselben zum Vorschein kommen, mit eiuer reichlichen Quantität Schnupftabak. Dabei zieht er fortwährend einen schmutziggelben Foulard aus seiner Tasche, vor dem Van Spranekhuyzen schauderud die Augeu schließt. Endlich läßt er zuweilen eine unförmliche Brille von Schildpatt bewundern, wenn er nämlich etwas mit besonderer Aufmerksamkeit ansehen muß, oder wenn er im Feuer der Unterhaltung durch irgend eine Attitüde seine Erregung bemerklich machen will. Er bildete mit den ganz weißgekleideten jungen Männern einen sonderbaren Kontrast, obschon auch Maximilian einen leichten Rock von schwarzem Orleans Indische Vil'Iu'lhcl, IV. H 1 g Der Krug gtht so lange truA. Und doch war Herr Jean Jacques Guillaume Penurot kein Baar^ trotz seines europäischen, altmodischen Kostüms. Vielleicht war Niemand auf Batavia so durch und durch Altgast' als gerade er. Er war jung nach Batavia gekommen, man wußte nicht woher und auf welche Weise, hatte ein abenteuerliches Leben geführt und viele Ämter nach einander bekleidet. Im Dienste der holländischen Regierung hatte er allerlei Rangstufen durchlaufen, hatte sich durch vielerlei kleine Geschicklichkeiten unentbehrlich zu machen gewußt, und war endlich bis zum Geschäftsführer auf einer der ausländischen Besitzungen emporgestiegen. Schon zwei Mal war er nach Europa zurückgekehrt, aber müde des Aufenthaltes daselbst kehrte er jedesmal schnell wieder nach Batavia heim, um dort von Neuem sein unruhiges, abenteuerliches Leben zu führen. Gegenwärtig hatte er ehrenvollen Abschied aus den Diensten des Landes erhalten und schwärmte nun ziemlich zwecklos durch Batavia. Eine Eigenschaft dieses sonderbaren Mannes war ferner, daß er stets Mangel an disponiblem Gelde hatte, obschon ihm eine ziemlich anständige Pension ausgezahlt wurde; und ferner, daß er ' Vaar — unerfahrener Matrose, bildlich von Neuangekommenen in Indien gebraucht. zu Nasser, vis ci zerbricht. ^g unter den angesehensten Männern der Hauptstadt viele Beschirmer nnd Freunde hatte. Seine Unterhaltung bestand in einer Kette von Fluchformeln, französischen, englischen und holländischen Verwünschungen aus der Fischhalle und der Kaserne. Cr rieb sich einige Augenblicke höchst aufgeregt die Hände, Dann wandte er sich zu Branrelaari — „Ein netter Abend gestern bei Buys, he? (englischer Fluchs .... ich war so recht ü, mon aise!" — „Buys führt einen ausgezeichneten Champagner!" — ließ sich der Wirth vernehmen. — „Rheinwein, Champagner, Brandy, Alles ist verteufelt lecker! Cin ausgezeichneter Kerl, dieser Buys'. Gäbe es nur mehr dergleichen....'. Aber da waren auch von den lumpigen Kerlen da, so als der ver- t.....te Dunsiuger, der immer behauptet, daß die Ia- vanen es gut haben. Ich wünschte nur, daß ich ihm die Wahrheit sagen könnte .... (holländischer Fluch) Iv58i la^i minoeni! lNoch ein Glas!" Der Reichthum von P6nurots Verwünschungen ist so groß, daß wir, um Irrthum zu vermeiden, sie lieber ganz weglassen oder vielleicht nur Gedankenstriche an ihre Stelle treten lassen wollen. — „Dunsinger'. O! da« ist der Papa von jener VH Der Krug gebt so lange reizenden Dame!" — rief Junker Eduard aus. — „Kannst Du kein consist auf sie machen, Max?" Maximilian lehnte sich hintenüber und deklamirte mit komisch-melancholischer Stimme i „Wie cm Schmetterling, cm c Gazelle, lieb Kind ! Schwebst Du behende im wiegenden Reihn, Abcr mciit Äug' sucht vergebens cin Vlickchen von Dir, Mit Deinem magern Hals muß zufrieden ich sein," — „Vortrefflich, aniice!" — rief Pönurot, indem er eine reichliche Prise nahm. — „Erlauben Sie mir, Ihnen mit diesem Glase meinen Dank auszusprechen! Was Tausend, ist das hübsch!---------geistreich! Ich habe seiner Zeit auch Verse gemacht, als ich auf der Westküste Borneos lebte, aber ich habe mein dichterisches Talent ganz vernachlässigen müssen, um die Interessen der Eingeborenen — derEingeborenen, meine Herren, zu beherzigen!" — „Sie waren ein Vater für Ihre Untergebenen, Herr Penurot!" — sagte Maximilian. — „Das behauptet man überall. Unter Ihrer Verwaltung herrschte Wohlstand und Niemand wurde gequält oder bedrückt!" — „Danke, lieber Junge! Ich habe mein Möglichstes gethan und meine Alfuren nie bestohlen, als ich Assistent in der Minahassa war. Ich habe keine drückenden Steuern aus eigner Machtvollkommenheit zu Nasser, bis cr zerbricht. Z z vorgeschrieben, — so wie Dunsinger und die anderen Kerle es trotz ihres Geschwätzes über aäat und Frohn° dienste thun würden, und wie das Satanszeug noch heißen mag---------!" — „ „ Die Iavanen Haben's recht gut, mein Herr! Das Saldo der Rechnung stimmt zu! Es fehlt nichts an der Verwaltung — X^ian! Laßt mir doch die Herren in Ruh'!"" Und Maximilian warf sich wiederum in seinen Stuhl zurück und hüllte sich in die Rauchwolken seiner Manilla. Pnmrot setzte seine schildpattne Brille auf und applaudirte. Brandelaar ließ Ketjil den Flaschenkorb umher reichen, und Maximilian verlangte Wasser und Wein — ein Beweis, daß cr nicht nöthig hatte, seine poetische Stimmung durch Brandy aufzuwecken. — „Ich ziehe Deine Liebesgedichte vor, lieber Max!" — sprach Van Spranekhuyzen. — „Die Politik langweilt mich nun zwei Jahre lang!" — „8oel1ali! Keine Politik!" — rief Penurot dazwischen. — „Laßt lieber den Herrn Manning Schein-man ein Histörchen in Versen erzählen!" - ..Die Welt ist schlecht und die Damcu sind schlecht: Zum Beispiel: die Vlniv« (^litiuut! Erzählen Sie selber was ^ust'gcS geschwind, Mein werther Hcrr P^uurot!" — „Bravo, Max!" — jubelte der Hausherr. — 22 Dtt Kiug gehl so lange „Du bist 6n veine, Junge! Soll ich eine halbe Flasche Hloette et (^anäon für Dich bestellen?" — „1r6niÄk288i! Danke!) Ich will meine Dichterader nicht vertrinken! Ketjil, Xas^i la^i anFFor 8l^m^ lijer! 'Bringe mehr Wein mit Wasser^ ! Unser hochverehrter Penurot hat das Wort!" — „Ich weiß beim T.....nichts! Aber gebt mir ein Messer und ein Paar Karten, so will ich Euch etwas vorzaubern." Es gehörte nämlich auch zu den kleinen Talenten des pensionirtcn Assistenten, daß er allerlei Kunststück-chen mit Münzen, Karten, Messern und Cigarren ausführte ; — einige seiner vertrauten Frcunrc behaupteten freilich, daß er immer dieselben Wunder anstanncn ließ. Dasselbe war auch der Fall mit seinen langen Erzählungen, die gewöhnlich ein langweiliges Gemisch von außerordentlicher Kraftanstrengung, von außerordentlicher Iägergewandtheit und außerordentlicher Rohheit mit außerordentlichen Flüchen in sich faßten. Brandelaar unterstützte ihn sehr bereitwillig bei seinen Taschenspielerstückchen, und Junker Ecuard sang noch lauter als vorher. Bei allen möglichen guten Eigenschaften des Junkers gebrach ihm doch noch die Eine — viel Arrack in Wasser trinken zu können. Maximilian bewunderte Pönurots Künste, und Brandclaar entkorkte zu Nllssli, biß er znbiicht. Zg die Champagnerflaschen. Die festliche Stimmung der Gefellfchaft stieg dadurch zu einer recht anständigen Höhe, und Maximilians Verse flössen immer reichlicher. Mit einem gefüllten Champagnerglase in der Hand — welches er bis zur Gesichtshöhe erhob, und auf welches er mit der ernstesten Aufmerksamkeit schaute — fing er jetzt an, eine Reihe von Toastvcrsen zu recitiren, welche mit jubelndem Beifalle aufgenommen wurden. — ,Hhr blonden Töchter vom kalten Und seuchten Abendland! Enre mattblauen Augen zengen Zumeist von.....gesundem Verstand! Euch mein' ich, holländ'sche Damen! Euch britische Schönen zumal! Mit den deutschen, werthe Herren, Ist es zuweilen ein anderer Fall! Ich deut' an die V e i l ch e n a u g e n Und das marinorblcichc Gesicht Der Damen, von denen Heine So höhnisch saryrisch spricht. Ein Toast aus die blonden Kinder Vom feuchten Abendland! Ach, wären sie minder sehnsüchtig, Gern reichten wir ihnen die Hand!" Das Vergnügen Pl>mirots grenzte an Ausgelassenheit. Er licf in dem Gemache aufgeregt hin und her und recitirte Verse von seiner eigenen Poesie, auf die 24 ^ci Krug geht so lange aber Niemand hörte; Brandelaar und Van Spranel-huyzen unterhielten sich flüsternr. Maximilian lag nachdenklich in seinem Stuhle. — „Und jetzt ein Lied für die schwarzäugigen n^n-naa8 von Javas gesegnetem Boden!" — rief Penurot dem Improvisator zu, der aber schnell eine abwehrende Bewegung machte. — „Aber warum nicht?" — „Sie begeistern mich nicht!" — „Mangel an gutcm Geschmack!" — „Herr Pönurot!" — „Herr Manning Scheinman!" Und die beiden Sprecher standen einander komisch drohend gegenüber, brachen in frühliches Lachen aus und Penurot fuhr dann fort: — „Das verstehst Du nicht, mein Junge! Die iKinlma» von Java setzten schon ganz andere Saiten in Bewegung, als die, welche auf Deiner Lyra gespannt sind!" — „Danke, Herr Penurot. Ich denke nur an das holländische Volkssprüchwort: ungekannt macht ungeliebt!" — „lant, pis pour wi! Du warst noch niemals in meinem Hause, he?" — „Nein, warum?" zu Nasser, bis er zerbricht. IH — „Weil Du dann mein Pflegekind, meine Haushälterin kennen gelernt hättest, — — ich bin ganz sicher, auf die würdest Du ein Lied machen! Sie ist verteufelt hübsch!" — „So, Herr Ponurot?" — „Ja, Herr Maaning Scheimnan! Komm', sieh' auf und fahr' mit, dann will ich Dich ihr vorstellen! Gehen die anderen Herren auch mit?" — „Wohin?" -- frug Vrandelaar, der in seinem eifrigen Gespräche mit Junker Eduard den fröhlichen Wortwechsel der beiden Herren überhört hatte. — „In meine Wohnung in der Berendrechtslaan, um meine neuen Kupferstiche und Bilder zu betrachten!" — erwiederte P6runot schnell. — „Ich gehe mit!" — rief Maximilian. — „Mein Wagen ist bereit!" — fügte der ExAssistent hinzu. Brandelaar sah Van Spranethuyzen an. Beide standen dann ohne Zögern auf und folgten den beiden Anderen, die schon vorauseilten. aß Dtl Krug gtbt so lange II. Eine Innggescll'mwirlhfchaft wird aussliftrsich lieschlicben, Aaximisian wird zornig imd wirsl fich zum Vcschiitzcr der Unschuld auf. Ein Palankm mit geöffneten 8tore8 rollte in größter Eile Noordwijk entlang. Die Herren, welche darin saßen, waren ziemlich lärmend. Man hörte sie laut singen und disputiren. Es war gegen Mitternacht. Alles war still und schien in tiefste Ruhe eingewiegt. Das schimmernde weiße Licht des vollen Mondes fiel über die Baumgruppen und Wohnungen und ließ anf alle hervortretenden Linien und Ecken undurchdringliche Schlagschatten fallen. Der Wagen war indessen eine Strecke über Noordwijk dahingefahren, hatte dann einen Seitenweg eingeschlagen und nahte jetzt nach kurzer Fahrt der Bercndrechtslaan. Aus dem Palankm ertönte die dumpfe Baßstimme Brandelaars, der etwas zu behaupten schien, was der heisere Ton Penurot's verneinte. Endlich stand der Wagen still und die vier Herren .sprangen mit tomischer Eile heraus. Der Kutscher erhielt den Befehl, zu warten. Darauf ;u Nasscr, bis ci zerbricht. »>7 eilten Alle über die vier steinernen Stufen der Vorgalerie, und der Herr des Hauses versuchte, mit seinem Schlüssel die Thüre zu öffnen; dieß glückte ihm aber nicht, wenigstens ließ Penurot allerlei Fluchworte hören, und probirte, wiewohl vergebens, ob er nicht durch heftiges Rütteln an der Thüre sein Ziel erreichen könnte. Endlich stand er still, schlng mit dem Schlüssel an die Thürpfosten und rief so laut er mit seiner gebrochenen Stimme vermochte: — »8icliu! doekak lekas, doekaii!......' Darauf schwieg er einen Augenblick, die Herren warteten lautlos, und kein anderes Geräusch unterbrach die Stille, als der klagende Gesang der Grillen. Aber bald begann der erzürnte Ex-Assistent aufs Neue zu schreie», worauf ihm Van Svranekhuyzen den Schlüssel aus der Hand nahm, und sehr gewandt im Verlaufe weniger Sekunden die Thüre öffnete. Es war räthselhaft duukel iu dem inuereu Gemache. P6nurot giug den Anderen voran, tastete im Dunkeln um sich her, und steckte endlich unter lauten Verwünschungen ein Zündhölzchen an. Schnell brannten auch einige Wachskerzen, und der Hausherr setzte noch verschiedene Lampen auf einen Tisch, welche Junker Eduard und Bran- ' 8iäin, Mach schnell auf, öffne! Z>8 Der Krug geht so lange delaar anzündeten. Jetzt konnte man deutlich wahrneh. men, in welcher Art von Zimmer man sich befand. Ein flüchtiger Blick genügte schon, nm zn beweisen, daß der Bewohner jedem einzelnen Geräthe den Stempel seiner abenteuerlichen Sonderbarkeiten aufgedrückt hatte. In den Ecken standen Zimmer- und Drehorgeln, sowie Spieldosen in buntem Gewirr durch einander. Eine auffallende Menge kleiner Tische, alle mit feurrothen Deckchen verziert, verfverrten den Eintritt in das Zimmer, während in jede freie Ecke ein Lehnstuhl und ein Tabouret geschoben war. Die wunderbarste Verwirrung aber herrschte in den Sachen, welche der Besitzer zur Verzierung seiner Wohnung angebracht hatte. Auf den Tischchen und den Orgeln waren allerlei kleine porzellaine Figürchen aufgestellt, und wo diese nicht zugereicht hatten, standen kleine Spiegel, Riechfläschchen von jeder Form mit bunten Etiketten, allerhand Toilettengegenstände bis auf Zahn- und andere Bürsten. Ueber einer Thür, gegenüber dem Eingänge, hing ein lebhaft gemaltes Portrait von Garibaldi in breitem vergoldeten Rahmen. Etwas tiefer an der Wand befand sich eine Reihe ebenso buntgemalter Frauenportraits, deren lebhaftes Inkarnat und glänzende Augen im Verein mit ihren sehr entblößten, makellos weißen Schultern einen schreienden Kontrast gegen den rußigen Hinter- zu Nasser, bis cl zerbricht. yn gründ dieser Bilder bildeten. Weiter war jedes Fleck« an der Wand mit einem oder dem andern unbedeutendem Bildchen orer mit einer Photographie bedeckt. Hier und da hing eine Trophäe von Jagdgewehren, Reitpeitschen, Revolvers und Krißen. Kaum bemerkte Penurot, daß das Licht hell brannte, als er auch schon eme der Spieldosen zur Hand nahm und das Schlüsselchen suchte, um sie aufzuziehen. In der Zwischenzeit öffnete er aber auch eine Zimmerorgel, die gedreht werden mußte und rief: — „Herr Van Spranekhuyzen, wenn Sie nun — eine schöne Arie aus der I^vnrits hören wollen, so drehen Sie einen Augenblick, he? I^cid», ! kommen Sie) drehen Sie ein wenig!" Junker Eduard gab ihm keine Antwort, und betrachtete die Bilder an der Wand. Penurot setzte indessen seine Bemühungen eifrig fort, und bald ließ eine Spieldose einen schmerzlich tickenden Walzer ertönen. — „Was wollen die Herren zu sich nehmen? 8a.- Brandelaar und Maximiliau machten ihm schnell begreiflich, daß ihr erster Durst bereits gelöscht sei — und Jeder warf sich in einen Stuhl an der Wand, He, ihr da hinten, bringt Getränke!" Hft Der Krug gckt so lange aus bloßer Furcht, cine der vielen Zierrathen des Zimmers zn beschädigen. Penurot war aber dadurch nicht zur Nnhe zu bringen, denn durch all den Lärm, den eben zwei Spieldosen hervorbrachten, hörte man immer die Stimme des Hausherrn, der eine Thüre geöffnet hatte, und zornig rief: Und er schrie immer lauter und heftiger, und immer komischer war der Kontrast zwischen seiner Stimme und den klingenden Walzern der Spieldosen. Brandelaar und Maximilian brachen in lautes Gelächter aus, und Van Spranekhuyzen blickte neugierig durch die geöffnete Thür, durch welche Pönurot verschwunden war, und dessen Rufen in der hintern Galerie man hörte. Auf einmal trat Junker Eduard einen Schritt zurück. Der pensionirte Assistent stieß eine seiner Dienerinnen herein. Ein eigenthümliches Lachen spielte um Maximilians Lippen. An der Stelle der hochgepriesenen Nonna erschien eine alte, malayische Frau, die das malerischste Beispiel von Armuth und Verfall darbot, welches sich nur je die kühnste Phantasie ersinnen konnte. ' Sidin! Sidin! Ncnnch! Schnell, schnell! Ali! Wo Teufel bist du? zu Nasser, bis er zerbricht. I^ Bestürmt von Drohungen, blieb sie in der Thüröffnung stehen, und richtete den starren, verglasten Blick auf die drei Fremden. Ihr dünnes graues Haar hing in losen, langen Fäden über die Runzeln ihrer braunen, eckigen Stirn bis über die knochigen Schultern herab. Ihre ganze Figur schien aus scharfen Ecken zusammengesetzt zu sein. Sie hatte ihre rechte Hand schützend aufgeboben, und zeigte dadurch ihreu bis auf die Knochen abgemagerten Arm. Voll stiller Furcht blickte sie auf ihren Herrn, und keuchte vor Schreck und Entsetzen. In den beweglichen Falten ihres Mundes lag jedoch ein Zug, der von machtloser Wuth sprach. Penurot legte seine Hand hart auf ihre Schulter und sagte: ^- „Meine hochbetagte und sehr geachtete Haushälterin, meine Herren! Nenneh kannte mich, als ich nur ein Paar Schuhe besaß und für zwei Deute' na^ in der ^vai-un^ kaufte! Nk Xazi tadek sama tos- Aber Maximilian war aufgestanden und hatte dem heftigen Sprecher etwas in's Ohr geflüstert. Darauf l Deut - alte holländische Münze. " nasni — gekochter Reis. u vaion^ — inländische Garküche. 4 Komm, sage den Herren Guten Tag. gy Der Krug M so langc jagte dieser die Alte mit Scheltworten weg, und erfüllte nochmals die Wohnung mit lautem Rufen. Endlich kamen zwei aus dem Schlaf aufgejagte Bedienten zum Vorscheine, die schnell ihre Kopftücher festbanden, und sogleich mehrere Vier- Wein- und Rhum-flaschen entkorkten. Nur Brandelaar nahm ein Glas Wein, um die Bedienten nicht nmsonst sich abmühen zu lassen. Pönurot hatte sich entfernt, man hörte seine Stimme schon lauge nicht mehr. Die drei jungen Männer, die wohl begriffen, daß er verlegen war, das nicht halten zu können, was er versprochen hatte, — Maximilian hatte den Anderen den Zweck dieser nächtlichen Fahrt mitgetheilt — machten sich über seine Verlegenheit sehr lustig. Plötzlich ertönte ein lauter Schrei, den eine helle Frauenstimme ausstieß. Die Gesellschaft in dem vorderen Gemache ließ Zeichen der gespanntesten Neugierde bemerken. Darauf folgte eine lange Stille; und wiederum erklang Penurots lantbefehlende und vor Zorn bebende Stimme. Im selben Augenblicke erschien cr selbst, und zog ein junges Mädchen am Arme ins Zimmer. Er stieß sie vorwärts, bis sie im vollen Lichte der Lampen stand, und blieb dann mit über der Brust gekreuzten Armen an der Thüre stehen. Die Neuangekommene stand da mit vor die Augen zil Naffcr. biö cr zcidrichl. Hg gehaltenen Händen und gebeugtem Kopfe. Aber bald hob sie den Kopf wieder auf, und sah ohne Furcht auf die Gesellschaft. Ihre großen schwarzen Augen waren voll Thränen, das prächtige, schwarze Haar stoß gelost und verwirrt herab. Die kleine Hand hielt mit ängstlicher Sorge den Kabaai am Halse fest. Verrieth schon rie gelbe Farbe des Gesichtes, daß sie eine Farbige war, noch deutlicher wurde rieß für den aufmerksamen Beobachter durch die etwas aufgeworfenen Lippen, die beweglichen Nasenflügel und die aufwärts laufenden Augenwinkel. Aber auf alle Fälle war sie schön, ausgezeichnet schön, in diesem Augenblicke vielleicht doppelt schön, während ihre ganze Figur Leid und Schämn in der eigenartigsten Mischung ausdrückte. Sie schien eilig von ihrem Lager aufgestauten zu sein, der kleine, nackte Fuß lauschte sehr zierlich unter dem Rande ihres Sarong's hervor, und die linke Hand versuchte vergebens, die Wellen des rabenschwarzen Haares hinter die Obren zurückzustreichen. Der Eindruck dieser Erscheinung auf die drei jungen Männer war sehr verschieden. Van Spranethuyzen stand langsam auf, nnd betrachtete von Neuem rie kleinen Bilder an der Wand. Vrandelaar blieb ohne merkliche Bewegung sitzen. Maximilian flog auf, und sah Pünurot fragend an. Jüdisch« Vibliolbel. IV. 3 Z« Der Krug gckt so lange — „Habe ich zu viel versprochen?" — sagte der Letztere. — „Werden wir nun auch ein Gedicht zu hören bekommen? Dieses kleine Märchen habe ich ange« nommen, als sie ein kleiner Wicht von fünf Jahren war; — Eltern mir allein bekannt und längst todt. Sie folgt mir wie ein Hund nach, meine Herren! Ich habe ihr auch oas Eine und das Andre gelehrt: Schreiben, Holländisch sprechen und so weiter. Komm, Sophie, flink, sag dem Herren mit der fpitzigen Nase etwas!" Maximilian nahm nicht Theil an dem lauten Gelächter der drei anderen Herren. — „Laßt sie in Ruhe!" — bat er. — „Albernheiten!" — rief Penurot. Und er fügte die That zu dem Worte, trat an die Farbige 'heran, und packte sie von Neuem fest am Arme. — »^äoe!«^ — rief das Mädcheu. — „Schnell! Sprechen! I^ka»! (schnell) Sprichst doch sonst genug, he?" Und der Sonderling schüttelte sie heftig hin und her. Die Farbige vertheidigte sich so gut als möglich, und stieß endlich einen lauten Schmerzensschrei aus. — .„Lassen Sie sie los, Herr! Sogleich, sage ich Ihnen! Sie sind kein ^entieinan. Sie sind ein Feig- Unübcrsetzllch — Ein Schmerzensrus. zu Nasser, bis n zerbricht. g « ling! Eine Frau schlagen! Schämen Sie sich, Herr! Noch war mir ein wenig Achtung für Sie geblieben; — aber jetzt kenne ich Sie! Ich dachte, daß Alles ein Scherz sei, denn ich glaubte nicht an Ihre Worte, aber da es Ernst wird, Herr Pönurot, so werde ich auch sorgen, daß es Ernst bleibt'. Gehen Sie zu Bette, und schlafen Sie aus; — dann können Sie morgen weiter mit mir sprechen!" Es folgte eine entsetzliche Scene. Penurot schrie eine Fluch von Verwünschungen heraus, und flog auf Maximilian zu. Brandelaar versuchte sie zu trennen. Die Farbige war, sobald sie frei wurde, hinaus geeilt. Im selben Augenblicke war auch Junker Ednard verschwunden. III. In dem vielc alle Vekannle vorkommen, neßst einer sehr nislkwnldigen Hoiwcrnantü mit noch zwei nciüingckoninmien jungm Manien. Donnerstag Abend. Alle Lampen in der Societät Harmonie sind angezündet. Man giebt heute eine soi-r<^o nin8icm1o. Die Musik rauscht fröhlich nach außen. Nuud um das Gebäude ist cm lebhaftes Gewühl <><» Dtr Kruc; gcbt so lanqe von jungen Mitgliedern und NichtMitgliedern der beliebten Gesellschaft. Eine Menge Wagen sind in einiger Entfernung aufgefahren. Ein großer Theil der eleganten Damenwelt von Weltevrcdm ist anwesend, um, nach dem gebräuchlichen Damenausdruck, zu nl»n-tonnen. ' Die drückende Hitze des Tages war ein wenig gewichen, die Sterne funkelten wie Glück und Lebenslust, der Weg nach Rijswijk war mit Fußgänger« und Wagen besät. Aus der Ferne klingt der kreischende Ruf des malayischen Warongbesitzer's Das Dröhnen der Wagen und Pferde über die Brücke, welche nach Noordwijt führt, vervollständigt das Concert von wirren Tönen und tobenrem Geräusche. Die Equipage von Mevrouw Ruytenburg steht in einiger Entfernung von den Anderen. Sie selbst liegt nachlässig auf dem plaos ä'konneui-, an ihrer Seite manoeuvrirt eine lange, magere, junge Dame mit ihrem Fächer. Diesen Beiren gegenüber sitzt eine Dame von mittleren Jahren, die fest in einen l Verstümmeltes Wort, vom Zeitwort nontonni abgeleitet: eine Staatsvisite bei einer Braut machen, wird in Batavia bei dem Zuhören dcr Musik von Damcn zu Wagen und der dabei gebräuchlichen Begrüßung von Freunden angewendet. zu Ncissrr, die cr zndricht. ^ I^s dunkeln Chale eingepackt ist, und allem Anscheine nach schläft. Mevrouw Ruytenburg ist noch immer so indisch in ihren Ideen und ihren Sympathien. Das häusliche Zusammenleben mit ihrem Manne und ihren Kindern ist in der letzten Zeit womöglich noch unangenehmer geworden, als es schon früher der Fall war. Ihre mürrische Stimmung nahm von der Zeit an noch mehr ;n, als ihre vorletzte Gouvernante Fräulein Van Hilbeeck ihr Haus verlassen hatte, um ihre Haud den, Herrn Outshoorn zu reichen. Sie war noch immer der Überzeugung, daß diese junge Dame ein intriguantes Geschöpf voll häßlicher linkup, und die einzige Ursache sei, weshalb der junge Van Spra-nekhuyzcn vom Sekretariat mit seiner Frau in Unannehmlichkeiten gekommen war. Aber Mevrouw Nuy-tenburg wollte das nicht so ruhig ansehen, und hätte gern wissen mögen wie Lucy — Mcvrouw Van Spra-nekhuyzen — eigentlich dachte, kllsian! Jetzt hatte sie selbst eine Gouvernante gewählt, welche ihre volle Sympathie hatte, Fräulein Serpeusteyn, die ihr gegenüber faß, und mit geschlossenen Augen über allerhand Dinge nachdachte. Mevrouw Nuytmburg hatte eben in dem Sinne, wie oben angedeutet, cm Gespräch über Van Sprauethuyzm mit Fräulein Dunsinger geführt, welche vollständig ihrer Meinung war, und natürlich die Be« Hz Dcr Krug M so lange merkung nicht unterlassen konnte, daß sie im Allgemeinen nicht sehr eingenommen für die Herren Van Svra-nekhuyzen sei, daß aber rer beim Sekretariat Angestellte noch der Beste sei. Das dachte auch Fränlein Serpensteyn, unr weiter auch noch. daß die Van Spranethnyzens zn den angesehensten Familien Hollands geborten. Darmn öffnete sie auch ihre Augen bei der Untcrbaltnng der Damen so weit als möglich, und bewies dadurch deutlich, daß sie stets ein nreilie sn campaFno gehabt hatte. Das Gespräch wurde nun sehr lebhaft, und Fränlein Ser-pensteyu trug das Ihrige redlich dazu bei, um dasselbe recht interessant zu machen. Sie ließ ihren Chäle etwas loser hängen, nnd da im Augenblick der volle Mond über den Häusern gegenüber der Societät erschien, war es sehr leicht, ihre Gesichtszüge zu unterscheiden. Es war sehr schwer zu bestimmen, welches Alter sie hatte, sie konnte acht und rreißig Jahre alt sein; es konnten aber anch acht und vierzig sein, dachten etliche unbescheidene junge Leute. Von ihrem Änßern konnte man nicht mehr sagen, als daß es sehr alltäglich war, ihre Augen waren lebhaft, mattblau, ins Graue spieleud. Um ihren Mund waren gewisse Falten und Grübchen, welche durch ein beständiges, wohlwollendes Lächeln so gut zu Nllssli, bi« cr zerbricht. gy als möglich maskirt wurden. Die Bänder ihrer Kopfbedeckung waren sehr breit, und ihr spärliches, dunkelbraunes Haar war so sorgfältig als möglich an den Schläfen glatt gestrichen. Hätte sie einen Hut tragen können, wie in Holland, so wäre derselbe vielleicht ein geeignetes Mittel zu Verschönerung ihrer werthen Person gewesen. Ihre Haltung war sehr bescheiden, so bescheiden, als es mit ihrer nicht gar zu auffälligen Korpulenz möglich war. Immer mit den Fächern wehend hatten die drei Damen die Köpfe zusammengesteckt nnd eifrig geplaudert. — „Und ich glaube sicher," — fuhr Fräulein Scr-penstcyn fort — „daß sie Alles übertrieb, denn Herr Van Spranethuyzen ist ein sehr gebildeter Mann, — und ich begreife nicht, wie dieser Herr und diese Mev« rouw Dubois gerade so ü. pi-opuZ kommen mnßten, — und ich weiß sicher, daß Niemand von den Bedienten oder Mägden etwas gehört hat!" — „Dann kommt noch dazu," — fuhr Mevrouw Ruytenburg fort — „die porkiu-u' mit Bottcrman! Du weiß wohl, Marie?" ' perkar» — Sachc. 4Y Der Krug gebt ft lange Fräulein Dunsinger nickte. — „Spranekhuyzen will nach Buitenzorg, er sagte mir selbst, daß er mit seinem Gelde nicht auskommen kann. Aber Botkcrman spricht mit diesem Outshooru, ja? Qutöhoorn muß Kontroleur werden, soeäaii!« — „Und darum glaube ich, Mevrouw!" — fiel Fräulein Serpensteyn in die Rede — „daß intriguirt wird, und ich möchte wohl einmal selbst mit der jungen Mevronw Van Spranekhuyzen sprechen, dann wußten wir bald, was sie eigentlich über die Sache denkt!" Warum tritt Fräulein Serpensteyn so muthig für unsern Freund Van Spranekhuyzen in die Schranken? Aus vielen Gründen. Erstens, weil sie gern in Allem mit Mevrouw Ruytcnbnrg übereinstimmt, ferner aber noch aus einer andern sehr wichtigen Ursache. Endlich — aber wir werden das bald erfahren, da im Augenblicke sich eben einige Besucher an den Wagen der Mevrouw Ruytenburg zeigen. An der einen Seite ist es Reeve, der Musterlicntcnant, der seinc ^ourwi^is Fräulein Duusingcr beweisen will, inrem er ihr einige Bemerkungen über das Klima nnd die Hitze in passend höflichem Tone zuflüstert. Auf der andern Seite zeigte sich Brandelaar und Junker Eduard. Der Erstere hat sich bald mit Mevrouw Ruytcnburg in weltläufige zu Nasser, bik cl zerblicht. « Z Auseinandersetzungen über die batavischen Neuigkeiten vertieft, die ungefähr in folgender Weife ihren Anfang nahmen: — „Haben Sie am Empfangsabende bei Buys gut amü'sirt?" :c. darauf folgte die tiefbrummende Antwort Brandelaars, der über die Auslassung der Fürworte gar nicht erstaunt zu sein schien. Van Spranekhuyzen hatte sich mit höflicher Verbeugung zu Fräuleiu Serpensteyu gewandt, uud sie mit der größten Auszeichnung und reu ausgesuchtesten Worten begrüßt. Aus ihren: Gespräche entnehmen wir folgendes: „Mevrouw Ruytenburg hat mir gesagt, daß man Sie mit großem Vergnügen wieder bei uns empfangen wird, aber daß es besser ist, abzuwarten, bis die junge Mevrouw ans Buitcuzorg wieder zurückgekommen ist, da Mijnheer durch die Iutriguen der Dubois und der Van Weelys noch immer gegen Sie eingenommen ist. Wollen Sie aber an einem stillen Abende kommen, wenn keine Gesellschaft ist, so geht das sehr gut, denn Mijnheer ist des Abends beinahe immer aus!" — „Und das Alles habe ich sicher Ihrer freundlichen Fürsorge zu danten? Ich kann Ihnen taum sagen, Fräulein Serpensteyn, welch' große Freude es mir 4Z Der Krug gebt so langt macht, daß Sie meine Interessen so gnt vertreten'. Es giebt hier iu Batavia eine Menge Parvcnüfamilien, mit denen ich wegen ihrer wirtlich lächerlichen Art und Weise bronillirt bin, so daß es für mich eine wahre Erholung ist, einmal eine wahrhaft gebildete Fran begrüßen können!" — „Nicht schmeicheln, Herr Van Spranekhuyzen!" — „Erweisen Sie mir das Vergnügen, erweisen Sie mir rie Ehre, mich einfach bei meinem Namen zu nennen!" — „Ich will ras überlegen; — aber ich habe Ihnen noch etwas Anderes mitzutheilen. Ich habe gestern sehr lange mit Mevrouw Buys gesprochen, die nicbt begreifen kann, warnm Sie nicht mehr zu ihren Empfangsabcnden kommen. Sie ist vollständig nnscrer Meinung, daß die Dnbois nnd die Van Weely's die Sachen so haben darznlcgen gewußt, als ob das Unrecht ganz anf Ihrer Seite unv Fränlcin Van Hilbecck ein wahrer Unschnldscngcl wäre, Kasian'. Mevronw Buys steht mit Buitcnzorg in Korrespondenz....." — „Mit Lucy?" — „Mit Lucy! Und was das Beste ist. wenn Alles gnt geht, so kommt Lucy bald hierher, nnd wird bei Mevronw Bnys logiren." Die beiden Sprechenden steckten sehr vertraulich die zu Nasser, bis ci zerbricht. ^I Köpfe zusammen, und das Gespräch wurde nun so flüsternd geführt, daß Keiner der Umstehenden nur ein einziges Wort davon verstehen konnte. Nachdem sie so eine geraume Zeit leise gesprochen hatten, wurde Van Spranekhuyzen dnrch cine Frage der Mevrouw Ruy-tenbnrg aufgeschreckt, und bemerkte, daß Brandelaar verschwunden war. Er blieb noch ein Weilchen, schied aber dann von seiner Beschützerin, um sich nnter die Spatziergänger zu mischen. Wenige Schritte weiter stieß er auf Vrandelaar und Maximilian; der Letztere bestürmte ihn sogleich über sein sonderbares Verschwinden am vorigen Abende während des Streites mit Penurot —, ein Gegenstand, den er beim Diner nicht gern berührt hatte. Junker Eduard erklärte gelassen, daß er die erschreckte Nonna eine Zeitlang getröstet, und dadurch nicht bemerkt habe, wie die Anderen weggefahren seien. Die beiden jungen Leute sahen ihn darauf sehr fragend und durchdringend an, hörten aber nichts Näheres von ihm, und erklärten lnui ihrerseits, daß der Zwist mit Pönnrot durch die llmeiiäe koiiorgdie des merkwürdigen Exassistenten beigelegt worden sti. Man ging weiter, aber das Gespräch wollte durchaus nicht lebhaft werden. Van Spranekhuyzen war in tiefe Gedanken versunken, und schied bald mit knrzen Gruße von der Gesellschaft. 44 Dll Krug M so lange Brandelaar schüttelte beinahe unmertlich den Kopf. und eilte die Treppen zum Societätsgebäude hinauf. Maximilian stand ganz allein, fchien aber plötzlich etwas zu sehen, was seine Aufmerksamkeit in hohem Grade fesselte. Er wandelte an den Equipagen auf und nieder, verweilte aber doch meistens in der Nähe einer Kalesche, welche außerhalb des Kreises, reu die anderen Wagen bildeten, im Schlagschatten eincs Nebengebäudes rer Gesellschaft stand. Nach der Ucberlegung von einigen Augenblicken, wagte er endlich, feine Schritte rorthin zu richten, und bewillkommnete dann mit einer tiefen, etwas gezwungenen Verbeugung Mevrouw Nuyts Van Wcely und die beiden Damen, die eben aus Europa zurückgekehrt waren. Mcvrouw Van Wccly stellte ihn ihren Töchtern Luise und Anna freundlich vor. Max war sehr um ein Gespräch verlegen, und schwatzte in nervöser Hast über einige unbedeutende Dinge. Die Damen antworteten ihm höflich, sprachen abcr meistens mit Mevrouw Dubois, die neben ihrer Mutter saß. Schließlich zeigte Mevrouw Van Wecly dem höflichen Improvisator an, daß sie den Platz verlassen wollte, und er blieb allem stehen, erstaunt, beunruhigt, etwas Unbefriedigtes in seinem Herzen, das er sich durchaus nicht erklären tonnte. Er hatte die beiden Damen Nuyts Van Weely gesehen! Armer Maximilian! Er zu Nasser, biß er zcrbrickt. ^« war in Gefahr, seine Specialität zu verlieren — sein sporadisches Verliebtheitsfieber war vollkommen gewichen — er war ravon genesen, total genesen, aber es drohte rem armen daoiiolai- ein anderes, schweres Leiden'. Die Kalesche von Mcvrouw van Weely führte indessen die Gesellschaft über den breiten Fahrweg längs des Kö'nigsplatzes nach Hause. Das glänzende Licht des Mondes ließ nun die beiden Neuangekommenen Damen deutlich unterscheiden. Alles was Jugend, Gesundheit, Schönheit und Geschmack nur vereinigen konnten, um zwei reizende Iungfraueu zu schaffen, war in dieseu beiden Schwestern vereinigt. Luise hatte die regelmäßigsten Züge, tief dunkle Augen und etwas besonders Geistreiches in ihrem Lächeln, das fie leider nur sehr selten zeigte. Anna war fröhlicher, lebhafter, kinolicher, sie lachte zuweilen hell anf; — ihre frische Stimme hatte cinen Klang, daß man rabei unwillkürlich an eine silberne Glocke denken mußte. Ihre Augen waren sanft blau und freundlich, — so freundlich, daß sich Maximilian zweimal sehr albern versprach, als er sie ansah. Mcvrouw Nuyts Van Weely erschien durch die Gegenwart ihrer Töchter jünger unr aufgeweckter, als früher. Mevrouw Dubois fah so glücklich und bezaubernd aus, wie eben die junge Gattin res Mr. Anor« 4ß Dcr Kiug gebt so lange Antoine Guirault Dubois seit ihrer Heirath immer aussah. — „Mama!" — sagte Anna jetzt. — „ich wußte mich an Nichts mehr in Batavia zu erinnern, aber den Königsplatz hatte ich doch nicht ganz aus dem Gedächtnisse verloren. Welch ein prächtiger Sterncnhimmel! Alles schwimmt im Silber des MondeMichtes'. Ich bin recht froh, daß ich wieder bei Dir bin!" — „Liebes Kind!" flüsterte die Mutter, und drückte ihr sanft die Hand. — „Und was sagt meine Luise?" frug sie ein weuig neugierig. — „Ich kannte Batavia nicht mehr!" — antwortete diese — „aber ich kann kaum sagen, wie sehr mich Alles fesselt und interessirt. Alles ist hier so groß, so weit, so passend eingerichtet! Keine engen Straßen und beschränkten Hänser! Sieh nnr diese stolze Kokospalme, ihre gefiederten Zweige bewegen sich kaum im N'acht-winbe; wie ruhig schön, wie elegant ist viescr Baum! Nur über Eins verwundere ich mich. . . . " — „Nun?" — „Daß die meisten Menschen, die wir heute Abend wieder gesehen haben, so wenig mit der großartigen Natur übereinstimmen, welche sie nmringt. Was stößt ihnen Interesse ein, über was sprechen sie? Über Bälle, Empfangsabende, öffentliche Musikaufführungen zu Nasser, bis cr;crbrichi. l^ .....Immer Vergnügnngen! Besteht renn hier ein so dringendes Bedürfniß nach Vergnügungen?" — „Vielleicht mehr als in Holland, mein liebes Kind! — Aber da sind wir gerade am Hanse. Dubois, den ich in der Vorgalerie sehe, soll Dir das sogleich erklären!" — „Glücklicherweise ist kein anderer Besuch da, ich habe kein Bedürfniß an Vergnügungen, wenn ich meine lieben Eltern nach so langer Trennung wiedersehe!" Die Kalesche hielt still, zwei Herren eilten die Verandatreppe herab, um den Damm bei dem Aufsteigen behülflich zu sein. IV. Fräulein Sclprlijleu» gielil sich sehr viel Mühe mit ihrer Voilclle. aln-r die kleine Hsara stört sie. Es war gegen fünf Uhr, als die Thüre von Frau« lein Serpenstcyns Zimmer vorsichtig geöffnet wurde, und die kleine Klara Nuyteuburg leise hereiuschlich. Das Zimmer war nicht viel verändert, seit Henriette Van Hilbeeck es ihrer Nachfolgerin eingeräumt hatte, und 48 Der Krug gcbl so lange doch erschien auf den ersten Blick Alles anders. Es war, als ob die Persönlichkeit der neuen Gouvernante jedem Gegenstande eine eigenartige Färbung verliehen hätte — so daß jetzt Alles im Vergleich mit früher einen ganz anveren Einrruck anf oen Besucher machte. Zu Henriettens Zeit stand anf einem kleinen Tische vor dem großen Fenster des Gemaches ein kleiner Spiegel, neben welchem sich allerlei geschmackvolle Zierrathen befanden; man war sicher, auf diesem Tischchen immer eine kleine Vase mit tropischen Blumen zu finden — jetzt stand dort ein kolossaler Toilettenspiegel, der beinahe den ganzen Tisch einnahm, und nur weuig Platz für eine sehr vollständige Sammlung von Puderdosen, Kämmchen uud anderen Toilettenartikeln übrig ließ. An der Stelle von Henriettens Bücherbrett lagen auf einem Tischchen in einer runkeln Ecke des Zimmers eine Menge neuer französischer Romane von Paul de Kock, von der Gräfin Dash und von dem Marquis Foudras. Überall standen kolossale Schachteln mit Damenkleidern, und über einigen Stühlen hing das vollständige Zubehör eines Ballkostüms. Die ganze Stube glich einem Modemagazine — kleine Stückchen Gaze und Tüll flogen über dem Fußboden, ein Carton mit künstlichen Blumen stand geöffnet anf dem Tische. Eben saß Fräulein Serpensteyn vor dem Spiegel, zu Nasser, bis er zerbricht. l a während ihr Kammermädchen Melatti sich abmühte, aus den Ruinen ihres früher vielleicht sehr schönen, dunkelbraunen Haares eine Haartour zu verfertigen, welche von dem Erfindungstalente der Eigenthümerin und von der Geduld der Dienerin ein glänzendes Zeugniß ablegte. Fräulein Serpensteyn hatte eben ihre Siesta beendigt und ein erquickendes Bad genommen, jetzt bestand ihre Beschäftigung in Scheltworten über Me-lattis Ungeschicklichkeit, Schwerfälligkeit und dergleichen wenig preiswürdige Eigenschaften mehr, welche nach der Behauptung der Herrin der armen malayischen Dienerin im hohen Grade eigen warm. Melatti war wohl nicht jung und reizend, aber schwerfällig war sie sicher nicht. Sie frisirte ihre Herrin mit einer Geschicklichkeit, die wohl mancher Haarkünstler von Profession beneidet hätte — aber es gehörte nun einmal zu Fräulein Ser-pensteyns Systeme, Niemanden von ihren Untergebenen zu loben. Das ganze Zimmer war in ein angenehmes Helldunkel gehüllt, da die Thüre geschlossen war, und die Persiennes der Fenster nur einen kleinen Strifen Lichte durchließen. Die Figur von Fräulein Serpensteyn zeigte sich jetzt ganz anders, als damals, als sie am obenerwähnten Donnerstagabende sich flüsternd mit dem Herrn Van Svranekhuyzen unterhielt. Ihre Korpulenz Indische Vibliolhtl. IV. 4 5t) Der Krug gebt so langt trat in Kabaai und Sarong deutlicher hervor, als in der Abendtoilette. Auch war der Ausdruck ihres Gesichtes viel älter und schärfer, als an dem bewußten Donnerstagabende — obschon seitdem nur zwei Tage verflossen waren. Aber Fräulein Serpensteyn hatte auch ihre Toilette noch nicht beendigt. Ihr fünf und vierzigjähriges Angesicht wurde jetzt mit einer dicken Lage daälck bedeckt, uud dabei kamen, wenn sie entrüstet mit Melatti sprach, gewisse Züge um ihren Mund zum Vorschein, welche einen sehr eigenthümlichen Kontrast mit dem bescheidenen Lächeln bildeten, das sie in der Öffentlichkeit so wohlwollend auszutheilen Pflegte. Fräulein Serpensteyn behandelte, wie schon gesagt, ihre Untergebenen sehr unfreundlich, und besonders des Morgens und des Nachmittags bei ihrer Toilette. Heute schien sie in außergewöhnlich übler Laune zu sein, und stieß eine Fluth von Verwünschuugen und Scheltworten aus, die sie wo anders wohl ungern hätte hören lassen. Das Geheimniß von Fräulein Serpensteyns schlechter Laune lag nur in dem Mißglücken des einen Theils ihrer Balltoilette. Es war diesen Abend Ball in Con-cordia, und Mevrouw Ruytenburg hatte sie sehr „ani-mirt" mitzugehen. Nun hatte Melatti diesen Morgen den Auftrag erhalten, ein neues, rosenfarbenes Band auf zu Nasser, bis ci zerbricht. « Z ein weißes Gaze-Ballkleid zu heften, und hatte es so vollkommen verkehrt gethan, daß die hochgeehrte Fräulein Serpensteyn den Fehler eigenhändig hatte verbessern müssen. Melatti verhielt sich darum auch so still, und blickte sehr demüthig auf die kolossalen Schultern und den eckigen Hinterkopf ihrer Herrin nieder. Zuweilen lächelte das arme Mädchen mit recht schmerzlichem Ausdrucke, wenn sie den Augen der erzürnten Dame im Spiegel begegnete. Und dann ging sie immer mit doppeltem Eifer an die Vollendung der Coiffüre. Gerade in diesem Augenblicke knarrte die Thüre, und in der Öffnung zeigte sich die kleine Klara, während sie schalkhaft lachend sagte: „«oiLk, Fräulein?"' — „Hm, Hm!" — murrte die erzürnte Gouvernante, welche die innere Überzeugung hatte, daß sie doch wahrlich die Kinder genug um sich habe, und riß Melatti einen Kamm aus der Hand, mit einem Blicke, der nichts weniger als einnehmend war. Die kleine Klara sah erschreckt auf, als sie bemerkte, daß Fräulein Serpensteyn schlechter Laune war. Das Kind hatte ein sehr feines Gefühl und wollte sogleich wieder fortgehen, blieb aber noch unentschlossen stehen, da auch dieses Dars ich, Fräulein? 4» 52 Der Krug geht so lange Fortgehen das Fräulein vielleicht erzürnen konnte. Ob-schon Klara noch nicht neun Jahre alt war, so wußte sie doch schon ausgezeichnet gut zu unterscheiden, wenn ihre Mutter oder ihre Gouvernante übler Laune war. Ausgescholten zu werben, war ein Greuel für ihr kindliches Gemüth. Überdieß hatte sie Zuneigung, sanfte Behandlung nöthig — und doch stand sie seit ihrer zartesten Jugend mit Furcht und Zittern ihrer Mutter gegenüber. Ihre alte Baboe war das erste Wesen, dem sie mit lindlichem Vertrauen hatte begegnen tonnen — später war ihre Zofe Kembang ihre Freundin geworden. Sie dachte stets mit geheimem Schauer daran, wie oft sie versucht hatte, eine Liebkosung von ihrer Mutter zu erlangen, und wie oft diese das arme Kind nur kalt auf die Stirne geküßt hatte, wenn sie vor dem Diner in ihrer zierlichen Toilette für einen Augenblick in ihr Zimmer kommen durfte. Die Stimme ihrer Mutter erweckte stets ein ängstliches Herzklopfen in ihr, und oft verfank sie geraume Zeit in tiefes, kindliches Nachdenken und überlegte, was sie thun müsse, um diese Gleichgiltigkeit zu besiegen. Aber seit ihre Erziehung einer Gouvernante anvertraut worden war, fing ein ganz neues Leben für sie an. Die erste Dame, welche bei dem Herrn Ruyten-burg als solche fungirte, war ein gewisses Fräulein zu Nasser, biß er zerbricht. gg Popel — ein sehr gutherziges, bleiches, junges Mädchen von zwei und zwanzig Jahren, die das Heimweh bekam und sich fortwährend unglücklich fühlte. Aber sie war mit Klara sehr sanft umgegangen, hatte sie niemals ausgescholten, ihr in Allem den Willen gegeben, und ihr nichts gelehrt; dann war Fräulein Van Hilbeeck gekommen, und sogleich hatte sich Klara an dieselbe angeschlossen. Zum ersten Male in ihrem Leben hatte sie eine Freundin gefunden. In sehr kurzer Zeit lehrte ihr diese Freundin lesen, schreiben und einige Handarbeiten — sie verlor die müde und matte Farbe, die zuweilen früher über ihr ganzes, kleines Gesicht ausgebreitet war — es begann für sie ein glückliches Leben. Aber Fräulein Van Hilbeeck war verheirathet, und Klara war in der ersten Zeit vollkommen trostlos gewesen. Dann war wieder eine neue Gouvernante gekommen, Fräulein Serpensteyn. Und diese war sehr ruhig und gemessen aufgetreten, und hatte den Kindern mit ihrem schulmeisterlich strengen Gesichte Furcht eingejagt. Dann hatte sie mit derselben Gemessenheit ihre Stunden begonnen und Klara gesagt, daß sie noch nichts Gutes gelernt habe. Das kindliche Gemüth wollte sich mit argloser Freundlichkeit auch an diese neue Autorität anschließen, aber die eiskalte Gemessen-heit der vielerfahrenen Gouvernante, die schon zwanzig H^ Dll Krug qcftl so langt Dienstjahre zählte, schreckte sie ängstlich zurück. Glücklicherweise hatte sie seit der letzten Zeit recht vertraulich mit ihrem Vater sprechen können. Herr Ruytenburg hatte sehr über Mevrouws Launen zu klagen, seit er es für gut gefunden, in Übereinstimmung mit seinem Freunde Bokkcrman als Beschützer des jungen Outs-hoorn und dessen Gattin aufzutreten. Darum beschäf-igte sich Ruytenburg zuweilen mit seinen Kindern, und dieß war hauptsächlich nach einem langen, steifen Diner der Fall gewesen, als seine Frau im Neglige erschien und Kopfschmerzen vorschützte, nur um das Recht zu haben, Jeden so kurz als möglich abzufertigen. Das Geplauder seiner kleinen Klara, als sie ihn mit süßem Lächeln ansprach, und ihm mit ihren großen schwarzen Augen liebevoll ins Gesicht sah, hatte ihn je länger, je glücklicher gemacht, und endlich war ein freundschaftlicher Umgang zwischen Vater und Tochter daraus entstanden, wie er früher nie existirt hatte. Klara war gewöhnlich schon früh mit ihrer Abendtoilette fertig. Kembang mußte sorgen, daß sie um halb fünf Uhr angekleidet war, wenn ihr Vater vielleicht früher als gewöhnlich nach Hause käme. Noch immer stand Ruytenburg an der Spitze der hochgeachteten Firma, aus welcher er fortwährend sehr ansehnlichen Gewinn zog. Wenn nun Klara angelleidet war, begab sie sich zu Nasser, bis ti znbiicht. « « allemal in das Zimmer der Gouvernante, und wartete dort, bis sie das wohlbekannte Knarren der Räder über den Kies hörte, wenn ihres Vaters Kalesche in schnellem Trabe vor der Besitzung vorfuhr. Heute war sie kind» lich aufgeweckt und heiter, sie hatte ihren schwerfälligen Bruder Hein ausgelacht, weil er kein Bad nehmen, und sich nicht anziehen lassen wollte, und dabei fortwährend gähnte. Und jetzt stand sie am Tische und sah in die geöffnete Blumendose und warf seitwärts einen Blick auf ihre Gouvernante, welche mit verschiedenen Haarnadeln im Munde, wenn möglich noch strenger und barscher aussah, als gewöhnlich. Auf einmal hieß es: — „Bleib von der Dose weg, Klara!" Das Kind hatte nur den Finger ausgestreckt, ohne die Schachtel anzurühren. Augenblicklich darauf fuhr die Gouvernante fort: — „Was thust du hier so früh? Du gehst an Alles mit deinen ungezogenen Händen! Du bist ein ekelhaftes, lästiges Geschöpf!" Klara legte ihr Köpfchen auf den Arm und lehnte am Tischrande, ohne etwas zu erwidern. Man hatte sie schon oft ungerecht ausgezankt, so daß sie ein hartes Wort gewöhnt war und sich nicht viel daraus machte, wenn eS nur nicht ärger wurde. Fräulein Servensteyn Hß Dtt Krug gtbt so lange mußte sich in diesem Augenblicke mit einer sehr wichtigen Frage beschäftigen. Ihre Coiffure war vollendet, und nun sollten die Blumen und Bänder zur weiteren Verzierung ausgedacht werden. Melatti lief in der Kammer hin und her, um allerlei Dinge herbeizubringen. Klara blieb sinnend stehen und lauschte, ob der Wagen ihres Vaters sich noch nicht hören ließ. Als es Fräulein Serpensteyn endlich geglückt war, einen Kopfputz aus einer sonderbaren Zusammenstellung von hellgelben Kornähren und dunkelrothen Moosrosen von unmöglicher Karmoisinfarbe zusammenzustellen, sah sie sich flüchtig nach ihrer Schülerin um, und sagte: — „Hänge nicht so, Klara, Du wirst deine reine, weiße Schürze zerknittern!" Klara richtete sich auf und fragte fanft und schüchtern : — „Ist es schon über fünf, Fräulein?" — „Gerade fünf Uhr! Warum?" — „Papa bleibt so lange aus!" Aber Fräulein Serpensteyn war zu sehr mit der Anordnung ihres Kopfputzes auf ihrem dünnen, dunkelbraunen Haare beschäftigt, um dem Kinde noch weiter zu antworten. Klara stellte sich etwas näher zu ihrer Gouvernante und folgte mit möglichster Aufmerksamkeit der Arbeit der alten Jungfer, welche sich die größte zu Nasser, di« cr znbncht. g^s Mühe gab, um sich selbst so hübsch als möglich zu machen. Endlich frug sie- — „Gehen Sie aus, Fräulein?" — „Ja, Klara!" — „Papa und Mama auch?" — „Ja, Klara!" — „Nicht hübsch, pfui!" — „Warum?" — „Sonst spricht Papa immer mit mir. Fräulein! nach Tische! Papa erzählt zuweilen hübsche yeritaa« (Geschichten) für Klara! Sehr hübsch erzählen!" — „Dann geh nur bald zu Bette, Kind! Und dann gieb auf Wilhelm Achtung, daß er nicht nakai (unartig) gegen Kembang ist, ja?" — „Gut, Fräulein! aber wohin geht Papa?" — „Nach Concordia!" — „Tanzen sie da, Fräulein?" — „Natürlich! Warum? — „Weil Mama auch mitgeht! Mama sagte neulich bei Tische: sie niemals mehr tanzt!" — „soeäaii! Was geht das Dich an. Klara? Geh weg mit der Hand! Gieb Acht!" Klara hatte eben ihre Händchen nach einem Zweig hochrother Moosrosen ausgestreckt, den Fräulein Serpen-steyn bei Seite gelegt hatte, weil sie ihn nicht gebrau- 58 Der Krug gtkt so langt chen konnte. Kaum hatte die Gouvernante die Bewegung ihrer Schülerin bemerkt, als sie dieselbe roh wegstieß, indem sie kreischend die obenangeführten Worte ausrief. Klara trat erschreckt zurück, und lauschte durch die Öffnnng der Persiennes hinaus. Fräulein Ser-pensteyn hatte indessen einen neuen Gegenstand des Interesses in einem Karton mit weißen Handschuhen gefunden, aus denen sie ein Paar auswählte, welche zwar nicht mehr den Glanz der Neuheit besaßen, aber für den bevorstehenden Ball doch noch ihre Dienste leisten konnten. Klara beobachtete sie aufs Neue, und rief auf einmal arglos aus: — „Tanzen Sie auch heute Abend, Fräulein?" — „Ja, Klara!" — „Nicht hübsch, tanzen!" — „Warum?" — „So warm, ja? Und dann Fräulein Henriette — das andere Fräulein — wissen Sie — Fräulein Henriette mir immer sagte, sie nicht begreift von all den alten Damen — noch tanzen — immer tanzen! Fräulein Henriette noch sehr jung, Fräulein!" Die alte Jungfer sah das Kind einen Augenblick mit zornig drohenden Augen an. Aber weil sie ein Paar neue goldne Ohrgehänge zumachen mußte, vergaß sie das harte Wort auszusprechen, welches ihr auf zu Nasser, bis er zerbricht. Hg den Lippen schwebte. Nach einigen Augenblicken sah sie Klara durchdringend an, und sagte mit drohender Freundlichkeit : — „Warum sprichst du immer von dem Fräulein, Klara?" — „Weil Klara sie sehr lieb hat! Sie detoei (wirklich) sehr lieb mit mir, Fräulein, dewsi! Sie immer bei mir blieb, und sprach mit mir — und so eine liebe Stimme, Fräulein! Wenn ich Abends im Bett, sie immer kam und spricht so leise, so leise!" — „Und wenn du nakai warst, was sagte sie dann, he?" — „Ich niemals nakal mit Fräulein Henriette — niemals, Fräulein!" — „So! Und mit mir wohl, he? Du bist ein ungezogenes Kind, ein verwöhntes Geschöpf! Ich gehe nie wieder mit dir aus, hörst du? Bist du schon wieder an den Blumen! Bleib davon, du böses Kind!" Und Fräulein Serpeusteyn bog sich vorwärts, und gab dem Kinde einen tüchtigen Schlag auf die Finger. Klara schrak zusammen und flüchtete in eine Zimmerecke. Dort lehnte sie ihr Köpfchen an einen riesigen Wäschschrank und schluchzte leise. Die Gouvernante drehte sich zornig nach ihr um, und flüsterte einige drohende Worte, während sie sich niederbückte, um ein ßy Dci Krug geht so lange Paar goldlederne Ballschuhe mit schwarzen Rosetten anzuziehen. Jetzt erklangen dranßen eilige Schritte über den Kies. Man blieb vor Fräulein Servensteyns Fenstern stehen. — „Ist Klara hier, Fräulein Serpensteyn?" Es war Herrn Ruytenburgs Stimme. Die Gouvernante antwortete in sehr freundlichem Tonfalle, daß Klara hier sei. und winkte zugleich dem Kinde sehr gebieterisch zu, das Zimmer zu verlassen. Aber die Kleine hatte es anders im Sinne. Sie war noch zu tief in ihrer Betrübniß versunken, und ihr Gesichtchen war zu sehr mit Thränen überflössen, als daß sie sogleich auf den Ruf ihres Vaters hätte fortspringen können. Darum näherte sich ihr Fräulein Serpensteyn und wollte sie eben leise hinaus schieben, als ungeduldig an der Thüre geklopft wurde. Melatti öffnete sogleich. Herr Ruytenburg stand auf der Schwelle, neben ihm eine elegante, junge Dame, die fröhlich lächelnd um sich her schaute. Im Augenblicke hatte Klara die Dame erkannt; — mit einem Satze, und mit einem lauten Ausrufe flog sie vor und riß ein frischgebügeltes weißes Mullkleid von Fräulein Serpensteyn auf den Fußboden nieder. Aber Klara bekümmerte sich wenig zu Nasser, bis cr zcrbnckt. a< um den Zorn der Gouvernante. Mit einem Schrei, in dem der erlittene Schmerz noch nachzitterte, und in dem sich zugleich ihre ungestüme Freude kund that, flog sie auf die eben angekommene Dame zu, die sich schnell niederbeugte, um das heftig erregte Kind in ihren Armen aufzufangen. Der Ausbruch von Freude, von Rührung und von Entzücken, der nun erfolgte, war nicht zu beschreiben. Das Kind bedeckte das Gesicht, die rothblonden Locken und die Hände ihrer Freundin mit feurigen Küssen, stieß verwirrte Schreie aus und lächelte durch Thränen. Alle schwiegen. Alle sahen aufmerksam auf das Kind. Ruytenburg wunderte sich über die Thränen seines Töchterchens, und sah fragend auf die Gouvernante. Fräulein Serpensteyn spielte in diesem Augenblick eine unglückliche Figur. Kopf und Füße im Ballstaat, sonst aber in Sarong und Kabaai, stellte ihre korpulente Figur ein sehr groteskes, ein sehr komisches Bild dar. Sie war wüthend, daß man so unbescheiden war, an ihrer Zimmerthür stehen zu bleiben, dennoch wagte sie nicht, dieß merken zu lassen. Sie vermuthete, wer die Dame sei, und haßte sie jetzt vollkommen. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte, um die Betrübniß ihrer oiövs zu erklären, da sie wohl bemerkte, daß die Neuangekommene sehr besorgt um das Kind war, und sie nicht gern den Ver- ßZ» Dn Krug gtht so lange weis hören wollte, daß sie barsch gegen ihre Schülerin gewesen sei. Sie näherte sich deßhalb mit einem gezwungenen freundlichen Lächeln, das vielmehr ein verlegenes Grinsen genannt werden mußte, und murmelte, daß Klara unartig gewesen sei und sogleich zu weinen anfange, wenn sie ausgescholten werde. Die junge Dame war indessen aufgestanden und hielt Klara an der Hand. Ruytenburg stellte Mevromo Outshoorn Fräulein Scrpensteyn vor. Die alte und die neue Gouvernante verbeugten sich vor einander. Ruytenburg trat einige Schritte zurück und sagte hastig: — „Wir wollten Klara gern sehen, Fräulein! Me« vrouw Outshoorn war beinahe ein Jahr lang an Ihrer Stelle — damals waren Sie aber oben (in Buitenzorg) bei der Familie du Sart, und deßhalb haben sich die Damen früher nicht gesehen. Aber Klara hat Ihnen gewiß viel von der vorigen Gouvernante erzählt; nicht wahr, Kind?" Klara sah Fräulein Serpensteyn an, und die Gouvernante schlug vor ihrer neunjährigen Schülerin die Augen nieder. „Ich glaube, daß wir das Fräulein stören, Liebe!" — sagte Mevrouw Outshoorn, indem sie sich tief verneigte, dabei aber die Kleine fest an der Hand behielt. zu Nasser, bis er zerbricht. ßg — „Ich darf sie sicher für kurze Zeit mit mir nehmen, Fräulein" — „Gewiß, Mevrouw!" — „Und an der Tafel kommen wir wieder zusammen!" — fügte Ruytenbnrg hinzu. — „Vielleicht gehen Mijnheer und Meorouw Outshoorn auch nach Concordia, dann können die Damen nähere Bekanntschaft mit einander machen!" Wieder verneigte man sich gegenseitig. Ruytenburg eilte voraus, Mevrouw Outshoorn und Klara, die laut und eifrig schwatzte und schon längst ihre Thränen weggewischt hatte, folgten. Fräulein Servensteyn machte sogleich ihre Thüre wieder zu, und zwar so lant, daß Jeder in der Nähe es hören mußte. Dann verschloß sie dieselbe wüthend von innen, so daß die arme Melatti nach dem großen, rothen Schirm zurückwich, welcher vor der eisernen Bettstelle stand. Die erzürnte, alte Jungfer lief eine Weile lang mit gekreuzten Armen und funkelnden Augen hin und her. Dann stand sie endlich vor Melatti still und flüsterte i — nXsuapn, las doekad sii?« (Warum hast Du aufgemacht, he?) Melatti senkte demüthig den Kopf und stotterte eine Entschuldigung. Als Entgegnung erhielt sie Schelt- H4 Dtt Krug M so lange »orte und Verwünschungen, die sich sicher unglücklicherweise in den baufälligen Mund von Fräulein Serpen-steyn verirrt hatten. Darauf folgte die Drohung, sie sogleich wegzusenden. Dann lief die Herrin zu ihrer Uhr, um zu sehen, wie spät es sei. Halb sechs Uhr vorbei, und also Zeit, an die Vervollständigung der Toilette zu denken. Melatti empfing neue Befehle. Fräulein Serpensteyn hat eine besondere Liebhaberei für Putz und empfindet also jetzt den beruhigenden Einfluß einer Lieblingsbeschäftigung, welche alles Ärgerniß voll-kommen verbannt. Doch denkt sie unaufhörlich an das Erscheinen der Mevrouw Outshoorn. Die Dame war unerwartet angekommen. Würde sie bei Ruytenburg logiren? Mevrouw hatte keine besondere Lust dazu und erwartete sie auch nicht. Was sollte ihr Erscheinen bedeuten ? Und Herr Outshoorn war auch mitgekommen! Der alte Herr Bokkerman war wirklich gut, seinen Beamten so leicht Urlaub zu geben! Nun wußte sie sicher, wer die hochgepriesene Mevrouw Outshoorn war, nun hatte sie die Beweise, daß diese Dame ein intriguantes Geschöpf war. Sie kam nur, um die Kinder gegen ihre gegenwärtige Gouvernante aufzuhetzen, das war klar! Fräulein Serpensteyn konnte wohl begreifen, daß solch ein Geschöpf allerlei unerlaubte Dinge gethan hatte, zum Beispiel, Van Spranekhuyzen an sich zu zu Nässn, bis ll zirbiicht. HH locken und Zwist zwischen diesem und semer Frau zu erwecken. Aber sie wollte nun schon sorgen, daß die Sache eine andere Wendung nähme. Sie wollte nun aufs Neue untersuchen, was eigentlich mit dieser lieben Person geschehen sei, welche die Kinder so gegen sie eingenommen habe. Warum würde auch Mevrouw Ruytenburg immer Van Spranekhuyzens Parthie nehmen? Es war doch sicher, daß Van Spranekhuyzen ein sehr anständiger Mann war — ein vollkommen anständiger Mann. Fräulein Serpensteyn lachte leise bei sich selbst, als diese Gedanken in ihr aufstiegen, und saß einen Augenblick unbeschäftigt, ohne an ihre Toilette zu denken. Dann verfolgte sie den Lauf ihrer Gedanken weiter. Die Welt im Allgemeinen, die Familie Van Weely im Besonderen war sehr gegen den Junker eingenommen. Aber einzelne Damen ergriffen seine Parthie, und mit den meisten jungen Männern war er auch auf gutem Fuße. Dies sprach sehr zu seinem Vortheil. Und Fräulein Serpensteyn wußte von ihm selbst, wie sehr er es beklagte, mit der Familie Bokkerman in Unfrieden zu leben. Seine heftige Frau wollte auch bald herunter (nach Batavia) kommen, und dann wollte sie wohl untersuchen, wie die Sache stand. Und Fräulein Serpensteyn hob drohend die Faust gegen die Per- Indische Vibliolht», IV. 5 ßß Dn Krug geht so lange sieunes in der Richtung von Ruytenburg's Pen-doppo. — „Gieb Acht!" — murmelte sie — „liebes Fräulein Henriette! Wir wollen Deine Intriguen schon aufdecken. Wir sind noch nicht miteinander fertig, liebes Fräulein! Gieb Acht.... sei vorsichtig, Du mit Deinem scheinheiligen Gesichte — ich will Dich lehren, meine Kinder zu verderben!" V. I« welchem Verse gemacht, Frenndschastoßande geschlossen, hatt« Vsrte g<< sprachen werden und viel getanzt wird. Die Kalesche der Damen Nuyts Van Weely eilte in schnellem Trabe dem Waterlooplatze entlang und hielt vor dem Gesellschaftsgebäude Concordia. Die lange Figur des Henn Nuyts Van Weely, welche durch den schwarzen Frack noch länger und schmaler erschien, sprang schnell heraus, um seinen drei Damen beim Aussteigen behilflich zu sein. Auf der Verandatreppe sahen sie einen dichten Haufen junger Leute, welche Alle mit einer gewissen Feierlichkeit warteten — die officiellen Beglei- zu Wasser, bis er zerbricht. ß<7 ter der Damen. Zwei junge Herren mit einem Band im Knopfloch flogen eiligst herbei, um die Damen Luise und Anna Van Weely nach dem Ballsaale zu führen, während ihre Eltern unter einer Fluch von Begrüßungen und Verbeugungen schon eintraten. Ob es nun ein besonders günstiger Zufall war, oder ob nicht vielmehr eine Absicht dabei mitwirkte — kurzum. Maximilian Maaning Scheinman bot Anna seinen Arm. — „Es ist, glaube ich, das erste Mal, daß Sie einer Soiree in der Concordia beiwohnen?" — sagte er, während sie mit ceremoniöser Hallung den Ballsaal betraten. — „Zum ersten Male, mein Herr, ja!" antwortete Anna. — „Ich hatte am Donnerstage das Vergnügen, Ihnen von Ihrer Frau Mama vorgestellt zu werden!" — „Ganz recht, mein Herr!" Anna war ein wenig verlegen, da sie diesen Umstand schon vollkommen vergessen hatte. Darum war sie recht froh, ihren Cavalier nach seiner Behauptung „glücklich" mit einigen Tänzen machen zu können, um welche er sie sehr bescheiden bat. Als die Familie Van Weely am oberen Ende des Saales Platz genommen hatte, mischte sich Maximilian wieder mit einem von Zufriedenheit strahlenden Gesichte unter die officiellen 5' ßß Del Krug geht so langt Führer der Damen, und lächelte sehr geheinnnßvoll, so daß ihn die jungen Leute anstießen nnd ihn aufmerksam machten, daß er seine Pflichten vernachlässige und die Damen allein eintreten ließe. Das Erscheinen der jungen Damen Nuyts Van Weely machte ein sehr großes Aufsehen in dem Ballsaale. Alle jungen Damen hatten sich hinter den Fächern sehr viel mitzutheilen. Es war sehr charakteristisch, daß die Meisten eine oder die andere Anmerkung über die Toilette der Damen machten. Anna und Luise waren eben aus dem Mutterlande angekommen, sie brachten neue Moden mit! Und es war thatsächlich, daß Beide sehr einfach und geschmackvoll gekleidet waren, und daß sie gegen den lächerlichen, überladenen Putz mancher altgastlichen und lichtgelb gefärbten Ballbe-sucherin vortheilhaft abstachen. Die Damen Henkens, selbst die hübsche Christine mit den krausen, schwarzen Locken, und Fräulein Marie Dunsinger unterhielten sich sehr eifrig über dieselben. Sie fanden die Neuangekommenen Damen Van Weely nicht so besonders hübsch, wie man sonst allgemein sagte. Die kleine Blondine mit der hellgrünen Garnirung an dem weißen Kleide war nicht übel, dachten sie; die Brünette mit der großen Stahlschnalle an ihrem rosenfarbenen Gürtel sah zu stolz aus — die gefiel ihnen nicht. zu Nasscr, bis cr zcibricht. ßg Die Musik einer fröhlichen Ouvertüre rauschte von der äußern Galerie her. Die Mehrzahl der tanz« ober schwatzlustigen Damenwelt war anwesend — die Herren beeilten sich, Engagements abzuschließen, so weit sie sich eben auf dieß Feld zu begeben wagten, die steifen Herren unterhielten sich steif, sehr steif über die Politik und über eine Spielparthie, doch bei den meisten Grup« pen bemerkte man eine lebendige und aufgeweckte Stimmung, namentlich fast ohne Ausnahme bei dem jüngeren Theile der Gesellschaft. Am oberen Ende des Saales sitzt neben den Damen Nuyts Van Weely die Gemahlin des Herrn Karl Heinrich Buys, die keine einzige Gelegenheit zum Tanzen unbenutzt vorbeigehen läßt. Diese außerordentlich modern gekleidete Dame führt ein sehr vertrauliches Gespräch mit der kleinen, dicken Me-vrouw Ruytenburg und ihrer nicht weniger dicken Gouvernante. Frl. Serpensteyn. Ihr Gespräch dreht sich um die große Neuigkeit i die Ankunft von Mijuheer und Mevrouw Outshoorn aus Buitenzorg, die ganz gewiß die Absicht hatten, bei Ruytenburgs zu bleiben; trotz des Ärgers der achtbaren Hausfrau, Kasian! Sie haben wohl auf Tanabang dinirt, aber sie kommen nicht auf die Concordia .... Weiter tonnte Fräulein Serpensteyn dem Gespräche nicht folgen, denn sie wurde in diesem Augenblicke sehr höf- ^H Dn Krug gebt so langt lich von einem Herrn angesprochen, der all ihre Aufmerksamkeit und all ihre Polkas in Anspruch nahm. Dieser fragliche Herr war Niemand anders, als Junker Eduard Van Spranekhuyzen. Wie er so lächelnd dastand, mit seinen weißen Zähnen manö'vrirend und Höftich grüßend, war äußerlich etwas sehr Angenehmes und Anständiges in seiner Erscheinung, wofür auch die so anständige Gouvernante durchaus nicht unempfindlich blieb. Sie bewilligte fehr gern sein Anliegen und gönnte ihm selbst einen Platz neben sich auf dem Sofa, als der erste Walzer anfing, und Niemand kam, um sie zum Tanzen aufzufordern. Ihr Gespräch war sehr merkwürdiger Art. Der Junker begann: — „Fräulein Serpensteyn, darf ich gerade heraus und vertraulich mit Ihnen sprechen?" — „Natürlich, Herr Van Spranekhuyzen." — „Ich befinde mich in einer fehr delikaten Lage. Sie kennen meine Geschichte. Ich bin mehr oder weniger das Opfer von oaneau» oder Gehässigkeiten, welche die Van Weelys für gut befunden haben, auf meine Kosten auszustreuen. Aber ich will mich », tout prix mit Frau Van Spranethuyzen versöhnen. Ich schäme mich nicht, den ersten Schritt zu thun, wenn sie mich auch früher durch ihre ungegründete Eifersucht und ihre ,u Naffn, bis tr zcrbiicht. 74 auffliegende Hitze beleidigt hat. Aber ich muß sie selbst sprechen. Wann kommt sie nach Batavia?" — „Das weiß ich nicht gewiß. Ich will sogleich Mevrouw Buys fragen. Es ist besser, daß ich dieß thue." — „Ganz recht! Es muß nicht den Schein haben, als ob ich die Sache gar zu eifrig betriebe. Lucy muß auch das Ihrige thun, und dann ist die apparent gerettet!" — „So meine ich auch! Mevrouw van Spranek-huyzen wird nun wohl einsehen, daß sie zu rasch gewesen ist — und sich durch gewisse Freunde hat aufhetzen lassen, Kasiaii!" — „Fräulein Serpensteyn, ich kann Ihnen unmöglich sagen, wie tief ich Ihnen für Ihr gütiges Interesse verpflichtet bin!" — „Ich kenne die Familie Botkerman »seit Jahren, und es sollte mir leid thun, wenn zwischen zwei jungen Eheleuten ohne Grund eine Entfremdung Statt finden sollte; Beide, Mann und Frau, schienen doch so sehr mit einander übereinzustimmen!" Nun folgte ein unbeschreiblicher Blick, der zwifchen beiden Sprechenden mit einer Geschwindigkeit und einer solchen Bedeutung gewechselt wurde, daß er für Uneingeweihte vollkommen unverständlich blieb. Der Walzer HH Dir ^rug gtbt so langt war indessen geendigt — die Damen kehrten nach ihren Sitzplätzen zurück, und Spranekhuyzen nahm mit seinem reizendsten Lächeln Abschied. Wer in diesem Augenblicke oen Ballsaal verlassen hätte, um sich zur Erholung nach der Vorgalerie ;u begeben, der hätte dort auf dem Vorplatze des Gebäudes einen jungen Mann gesehen, der eifrig hin und her wanderte und sich kurze Ausrufungen erlaubte. Es war Maximilian, der sich mit der größten Aufregung auf das alcherordentliche Glück vorbereitete, mit Fräulein Nuyts Van Weelh eine kran^se zu tanzen. Einen Augenblick lief er hastig auf und nieder, als er plötzlich am Rockärmel gefaßt wurde. Er kehrte sich schnell um; — es war Pönurot. — „Warum laufen Sie hier so allein herum und halten Selbstgespräche? (Holländischer Fluch.) Ich muß Sie sprechen, Mensch l" — „Stören Sie mich nicht, aufgeregter, aber darum nicht minder edeldenkender Penurot! wie ein guter Freund zu sagen pflegte. Ich bin in höchst aufgeregter ^Stimmung: Mich däucht, ich trag' eine Königstron' Unb Scepter von Gold und Juwelen, Und einen Mantel von Purpur und Hermelin Oder von Zobel — tonnte ich wählen. zu Waffel, bi« ri zclbrilbt, 7, Und neben mir geht ein Königslinb. Die filhrc ich heim voll Freude, Die Jungen jauchzen: Hosianna! Juchhe! Wie stolz die Braut ich geleite! Maximilian hatte mit rer äußersten Aufregung de-tlamirt. Penurot schüttelte den Kopf. Darauf seufzte der Ex-Assistent sehr laut. — „Nun. was sagt man von diesen Couplets? Nichts? Ich glaube, daß der Herr Pönurot ein wenig traurig ist, he?" — „Sehr rraurig .... traurig bis in das tiefste Versteck meiner unsterblichen Seele. Komm, Max, laß uns hineingehen und rabei vertraue ich Dir mein Leid!" Die beiden Freunde eilten die Verandatreppe hinauf und saßen bald in einer Ecke der Vorgalerie, eifrigst beschäftigt mit Rheinwein und vertraulichen Mittheilungen, so daß sie nicht bemerkten, wie Eduard Van Spranekhuyzen, der in der Nähe an einem Tische mit hombrenden Znckcrbaronen stand, sogleich wegschlich, als er ras Gesicht Penurots erkannte. Die Mittheilungen res Letzteren waren sehr wichtig und so fesselnd, daß Maximilian beinahe den wichtigen Augenblick der ilansHise darüber vergessen hätte. Als er aufstand, «im hinwegzueilen, detlamirte er mit Feuer: 74 Der Klug geht ft lange „Kein Zuckerbaron, lein Kaffeelord, Kein toe^an desaar l Zann's ändern, Das romantische Leid Deiner Seelcnwund' Heilt kein Professor aus fernen Ländern." Penurot lächelte und seufzte. Er setzte sich wieder bequem in seine Sofaecke, bestellte sich neuen Wein und dachte über seinen Kummer nach. Er hatte sein Pflegekind, Holing, Sophie, verloren. Fünfzehn Jahre lang hatte er alles Mögliche gethan, um das arme, elternlose Geschöpf zu erziehen, zu versorgen und an sich zu knüpfen, und nun war sie mit einem Male verschwunden, weil er ein wenig härter als gewöhnlich gewesen war — ein wenig härter, voila Wut! Und Penurot seufzte wieder. Maximilian eilte nach dem Tanzsaale, wo die lang erwartete kranhaiss beginnen sollte. Er widmete Pe, nurot ein gemüthliches Kazian, dachte über das Verschwinden der nouns, nach und über ein Wort Spra-nekhuyzens in Beziehung auf den vergangenen Donnerstagabend und eilte zu seiner Tänzerin. Fräulein Nuyts Van Weely stand unter der sehr begreiflichen Nothwendigkeit, jede Tour zu tanzen. Die jungen Herren, l toevan des2»r — wörtlich der große Herr, — der General-gouverneur. zu Nasser, bis cr zerbricht. 75 höfliche Lieutenants, schwarz befrackte daokolurs von den großen Komptoiren der Stadt, junge Advokaten oder vielversprechende Regierungsbeamte, die noch mittanzten, um den Frauen oder Töchtern von einflußreichen großen Herren allerlei ausgesuchte Schmeicheleien zu sagen — die ganze Schaar lächelnder Kavaliere hatte sie und ihre Schwester umringt und um Tänze gebeten. Die beiden Damen brachten auf das ganze Herrenpersonal einen lebhaften Eindruck hervor, und die allgemeine Bewunderung sprach sich oft ziemlich laut aus. Anna lachte fröhlich darüber und flüsterte ihrer Mutter allerlei spaßige Bemerkungen zu. Als sich Maximilian ihr näherte, that sie ihr Möglichstes, um eine förmliche Haltung anzunehmen. Mit sichtlichem Stolze führte sie der Improvisator in den Kreis der Tanzenden. Lieutenant Reeve mit Marie Dunsinger bildeten ihr vis-k-vis; die Letztere neigte ihr schmächtiges Hälschen wieder so melancholisch vornüber, gerade wie ein junger Klapperbaum, dessen Wipfel der Athem des Sturmwinds bewegt. Sie war über die albernen Manieren der Damen Van Wecly sehr entrüstet. Sie war eben so gut eine holländische Dame, wie diese Geschöpfe, aber sie hätte nie geglaubt, daß man solche affektirte Haltung annehmen, solch schrecklich hohe Coiffüren und so entsetzlich große Gür- >)ß Der Krug gtht so lange telschnallen ttagen könne. Sie machte Reeve zu ihrem Pertrauten. Vergebens! Reeve lächelte nur und zog mit den Spitzen seiner weißbehandschuhten Finger an den langen, zierlich gedrehten Enden seines Knebel« bartes. Maximilian versuchte, so aufgeweckt als mög« lich zu sprechen. Fräulein Van Weely antwortete ihm Höftich und mit einem gewissen Gefühl jungfräulicher Würde, welches ihr vi^K-vi» Affektation nannte. — „Man muß die Sache von zwei Seiten betrachten!" — fuhr Maximilian fort. — „In Holland, das gebe ich zu, herrscht ein viel ernsterer Geist, als hier. Man ist dort in jeder Hinsicht ernst; ernst im Hause, ernst nach außen, in der Kirche, in Gesellschaft, im Theater, überall ernst bis zur Förmlichkeit. Man spricht dort einen gewissen ^ar^on, den ich vielleicht oant nennen sollte, den man aber dort den guten Ton nennt! — Den guten Ton! — darüber habe ich einmal ein Epigramm gemacht." — „Machen Sie denn Verse, mein Herr?" — „Zuweilen, Fräulein Van Weely! Meistens im-provisire ich sie zum Vergnügen meiner Freunde und Bekannten." — «Ich bin auf Ihre Epigramme neugierig!" — „Ja, aber nun möchte ich es kaum wagen. Ich zu Nässn, bis er znbncht. 77 habe es auch wirtlich wieder vergessen. Ungefähr aber hieß es so: Zuweilen denk' ich an Niederland, Ja, traurig gedenke ich scin! Tann seufz' ich, dann gähne ich überlaut Und gähnend schlafe ich ein!" — „Zuviele Beweise beweisen Nichts, Herr Schein-man! Vou8 iaites trap 6,6 xsle!« — „Opposition erweckt das Verlangen, sich so scharf als möglich zu vertheidigen. Sie urtheilten so hart über Indien!" — „Ich sagte nur, daß ich es sehr sonderbar finde, nur immer über Tanzvergnügen sprechen zu hören. Sehen Sie nur die Damen und Herren an. Alle dem Genusse des Tanzes hingegeben, einem Genusse, der ihnen mindestens alle zwei Tage zu Theil wird." In diesem Augenblicke machte eine Figur der lian-eai86 eine enge Annäherung der tanzenden Paare nöthig. Maximilian verbeugte sich vor Fräulein Dunsinger mit einem sehr fröhlichen Ausdrucke im Blicke, was diese junge Dame noch mehr aufbrachte und Anleitung gab, Reeve znzurufen, daß er ganz distrait sei. Anna Van Wecly sah den tapfern Dichter an und sagte halblachend : — „Aber, Herr Schcinman! Ich habe doch einmal «7ß Der Klug geht so lange behaupten hören, daß es nicht gut sei, in Indien Verse zu machen. Man ist hier sehr praktisch, sehr positiv, sehr geldsüchtig! Ihre Poesie wird, wie ich glaube, nicht dazu beitragen, Ihre gesellschaftlichen Aussichten zu verbessern!" — „Nun habe ich wahrlich mein Plaidoyer gewonnen. Wenn reizende junge Damen, wie Sie, Fräulein Van Weely, die heilige Dichtkunst mit dem praktischen Standpunkt des Nutzens in Verband bringen, — dann scheint mir erstens, daß man in Holland eben so praktisch ist, als hier, und zweitens glaube ich Sie ernstlich bitten zu müssen, wenn dieses Übel auch in diesem schönen Paradiese bestände, dasselbe so scharf als möglich zu bekämpfen! Wir tanzen hier wohl viel, das ist wahr! Wir gehen hier nicht gar zu viel in die Kirche, das ist auch wahr! Aber es besteht hier doch ein unbeschränkter, gesunder Sinn, um zu arbeiten, wo es Ehre und Wohlergehen gilt, um die natürlichen Aup Wallungen von frischer Lebenslust nicht durch einen konventionellen Begriff — weil es sich so gehört — zu unterdrücken. Wir sind hier freier, als in dem alten Europa, Fräulein van Weely, und darum bin ich auch so unbegreiflich vermessen. Ihnen fortwährend zu widersprechen !" — „Haben Sie über diesen Gegenstand auch ein Epigramm gemacht?" zn »äffn, bis er znbricht. 7 a — „Verschiedene Epigrammen!" — „Die möchte ich wohl sehr gern hören!" — „Ihnen zu dienen. Erstes Couplet: „Ein Lachen, froh und laut und frisch, Frisch wie der lichte Sonnenschein, Von heller Lebenslust gepflegt — Wird das wohl recht anständig sein?" — „Bravo, Herr Scheinman! Und nun das zweite?" — „Sogleich! Ein improvisawre darf sich fünf Minuten bedenken. — Richtig, da habe ich es. Zweites Couplet: O Sonnenschein, o Sonnenschein! Wie kannst du so vermessen sein? O wenn ihr doch mehr praktisch wär't, Wie euch der „Sanfte Heinrich" lehrt! Aus Ärger bindet steif und fein Die Form ihr Halstuch ganz verkehrt!" DerGalopp am Schluß der trances machte Maximilians Improvisationen ein gezwungenes Ende. Anna Van Weely hatte mit dem größten Interesse einem Gespräche zugehört, das größtentheils der Einfluß ihrer reizenden Persönlichkeit hervorrief. Maximilian war so glücklich gewesen, sich nicht verlegen zu fühlen, und hatte ganz muthig gesprochen, so muthig, daß er sich später selbst darüber verwunderte. Als die Musik schwieg, eilte Anna nach dem Sitzplatze ihrer Mutter zurück, so tzy Dci Krug gebt so langt sehr auch Maximilian die oauseiie noch weiter ausdehnen wollte. — „Der junge Mann hat ein sehr tomisches Äußere!" — lispelte Luise leise, als er mit tiefer Verbeugung Abschied genommen hatte. — „Und doch hat er vielleicht mehr Geist, als die Hälfte der hier tanzenden Herren zusammen genommen!" flüsterte Anna ebenso leise. Luise lächelte bedeutungsvoll, und Anna wendete ihren Blick einigermaßen verlegen zur Seite. Doch der glückliche iinprovisawre, unbekannt mit der ihm zu Theil gewordenen Ehre, streifte fröhlich durch die Gruppen der wandelnden und schwatzenden Paare, die noch immer das Tanzterrain durchkreuzten, und stand endlich bei einer Gruppe junger Damen still, in der Marie Dunsinger Alles mit ihrer Entrüstung und ihrem Entsetzen erfüllte. Sie hatte Reeve schnell entlassen, denn der sah auch unaufhörlich nach den Van Weely's — und sie fand ihn rasend schwerfällig, ja? das dachten auch die Damen Henkens, aber Christine bemerkte doch, daß die beiden Mädchen sehr hübsch wären. Das könnten sie wohl sein, aber schrecklich kokett, versicherte Marie Dunsinger, während sie das überschwere Köpfchen so weit hintenüber warf, daß eine Falte in ihrem Schwanenhalse beinahe wie ein Doppelkinn aussah. zu Naffci, bis er zcibricht. gZ — „So, Herr Scheinman!" —rief Christine aus, indem sie ihre schönen, schwarzen Augen fröhlich drohend auf Maximilian richtete — „Sie tanzen nur immer mit dem schönen Fräulein Van Weely, ja? Ich glaube. Sie sind detoei verliebt in sie!" Das Lächeln, welches in diesem Augenblick um die dünnen Lippen Marie Dunsingers spielte, war wirtlich sehr drohend für den armen Maximilian. Er versuchte sogleich, der hübschen Christine eine scherzende Erwiderung zuzurufen — aber endigte nur mit dem Preise Anna Van Weely's: — „Meine letzte Tänzerin ist wirklich eine sehr geistreiche Dame! Sie ist noch durch und durch holländisch, aber darum um so gemüthlicher, um so sanfter, um so liebenswürdiger! Ich wette, alle Damen werden sie bald unter ihre liebsten Freundinnen zählen!" — „Mäßigen Sie Ihre Begeisterung, mein Herr! Wir haben gar kein Verlangen nach neuen Freundinnen!" Es war Marie Dunsinger, die ihm diese Worte sehr spitzig zurief. Maximilian sah erschreckt auf und erinnerte sich, daß der Name der erzürnten Jungfrau für die folgende Polka auf seiner Balltarte stand. Schon erklang die Introduktion. Darum wandte er sich jetzt etwas verlegen zu ihr und sprach: Indische Nibliolbtl. IV. 6 gH Dcr Krug gebt so langc — „Ich habe die Ehre, diese Polka mit Ihnen zu tanzen, nicht wahr, Fräulein Dunsinger?" — „Nein, Herr Scheinman! Ich werde nicht tanzen. Fordern Sie nur die Damen Van Weely auf, mein Herr, die passen sehr gut für Sie — auch so poetisch, so sentimental, so affektirt!" — „Meinen Sie mich. Fräulein Dunsinger?" — „Ich meine Jeden, der es auf sich beziehen will!" „So ist denn, o Schönc, Dein Herzchen von Stein, Und siehst Du nicht meinen Verdruß? Gleich nehme ich Ärmster den mordenden Stahl, Oder spring' aus Verzweiflung in den Fluß!" Die Damen Henkens lachten hellauf. Maximilian hatte sein Couplet mit der größten Emphase recitirt, gerade im Augenblicke, als die Umstehenden dachten, daß er sich ernstlich mit Marie Dunsinger verfeinden würde. Und während er sich unter einer tiefen Verbeugung entfernte, bewegte Fräulein Dunsinger im heftigsten Zorne ihren Fächer, indem sie sich auf einmal zufällig erinnerte, daß ihr edelachtbarer Vater großen Einfluß auf dem Gouvernements-Sekretariat befaß. Der Ball hatte indessen seinen höchsten Glanz erreicht. Während alle möglichen Damen und Herren in allen möglichen nach ihrer Ansicht reizenden page» ;u Naffcr, bis cr zerbrich!. o-, durch den weiten Marmorsaal poltten, zeichnete sich doch ein Paar durch ruhige und gesetzte Tanzmethode aus; ein Paar, von dem der Herr viel jünger war, als die Dame. Es schien, als ob sie bloß zum Scherz der Bewegung der großen Menge folgten; — wenige Augenblicke später finden wir sie in einer der Seitengalerien in lebendigem, vertraulichem Gespräche. — „Ich habe Mevrouw Buys gefragt!" — sagte die Dame. — „Ich versichere Ihnen, daß sie mit der größten — Achtung von Ihnen spricht. Sie erwartet Lucy in ein Paar Tagen — wir werden schon ein Mittel finden, um Ihnen zufällig eine Unterhaltung mit ihr zu verschaffen l" — „Und dann werden endlich die feigen Gehässigkeiten der Van Weelys und meines vortrefflichen Freundes Ruytenburg aufs Glänzendste wirerlegt! Ich weiß gewiß, daß Lucy die angebotene Hand nicht zurückstoßen wird!" — „Und der alte Herr Bokkerman wird ohne Zweifel den Willen seiner Tochter thun. Wir haben immer gesagt, daß Lucy wegen ihrer Gesundheit oben war; es ist also nicht auffällig, wenn sie nach ihrer Herstellung wieder in ihre Wohnung zurückkehrt." — „Ich habe den alten Herrn Bokkerman ebens» 6* gz Der Krug gebt so lange nöthig, als seine Tochter, Fräulein Serpensteyn! Meine Frau darf mit ihrer Familie nicht brouillirt fein!" Junker Eduard Van Spranekhnyzen wußte fehr gut. was er da fagte. Er hatte weit mehr Ausgaben gemacht, als ihm feine fehr mäßige Einnahme gestattete. Eine Versöhnung mit feiner Frau, eine Herstellung feiner Vermögcnsumstände war alfo eine gebietende Nothwendigkeit für ihn. Fräulein Serpensteyn fah ihn flüchtig lächelnd an. Schnell erwiederte sie: — „Wissen Sie wohl, Herr Van Spranekhuyzen, daß wir nun eine große Verbindung zur Vertheidigung unserer Interessen gegen die albernen Anmaßungen der Cöterie Van Weely-Dubois-Outshoorn geschlossen haben? Ich rechne auf Ihre Hülfe!" — „An der foll es Ihnen nicht fehlen! Es ist mir wirklich schon ein besonderes Vergnügen, Fräulein Serpensteyn, Ihnen zur Seite zu stehen. Wir verstehen einander vollkommen. Darf ich mir auch schmeicheln, daß ich immer auf Ihre mir unentbehrliche Hülfe rechnen kann?" — „Immer, Herr Van Spranekhuyzen!" — „Wird denn niemals die Zeit kommen, in welcher Sie das officielle „Herr" für immer weglassen?" Fräulein Serpensteyn sah Van Spranekhuyzen an. zu Naffcr, bis cr znblichl. o« Sie war alt genug, und hatte genug Erfahrung, um sich durch ein Wort oder einen Blick eines höflichen jungen Herren nicht gar zu tief rühren zu lassen. Jetzt aber klang in der Stimme ihres Bundesgenossen soviel ehrerbietige Hochachtung und heimliche Sympathie, daß sie ihr „Altjungfernauge" mit schüchterner Sittsamteit niederschlug, und etwas sehr leise flüsterte, das begierig von Van Spranekhuyzen aufgefangen wurde. Eine Viertelstunde später eilte unser höflicher Edelmann mit sehr fröhlichem Gesichtsausdruck durch den Ballsaal nach der Vorgalerie. Plötzlich sah er Psnu-rot kommen. Er wich schnell zur Seite aus, ging auf das Büffet zu und mischte sich dort unter eine Gruppe durstiger Tänzer. Dann schlich er leise weg, und eilte die Verandatreppeu hinab. Auf dem Vorplatze statio-nirten eine Menge von Equipagen, Vendies und Miethwagen. Mit gedämpfter Stimme ruft er den Namen eines malayischen Bedienten. Nach kurzem Rufen setzt sich der Kutscher des Miethwageus aus dem Marine-hütel in Bewegung. Er steigt halbschlafend von seinem Sitze, weckt seine Pferde und fährt nach Van Spranekhuyzen zu. Junker Eduard springt schnell in den Wagen und ruft: — »I)i Xramat!« (Nach Kramat!) Während des Fahrens singt Van Spranekhuyzen laut 2ß Dtt KlUg gtbl so lange und lauter, schweigt aber Plötzlich, als der Wagen über die Brücke von Kramat fährt. Dort steigt er aus und befiehlt dem Kutscher, zu warten. Er eilt über die Brücke und wendet sich rechts dem Wege zu, der nach Kampong Kwitang führt. Nun wendet er sich links und schlägt den schmalen Fußpfad ein, der in die Mitte des Kampongs führt. Nach kurzem Hin- nnd Herlaufen steht er vor einem kleinen Bambnshäuschen still. Ein Licht flimmert durch die Spalten. Auf seinen Zehen naht er sich der Wohnung und klopft plötzlich laut an. VI. <8in sl'AWent-Nefident wird getrollel »nd verkündigt zu unrechler Zeit seine lißeralen Ornndsttze. Jean Jacques Guillaume Peuurot war in den letzten vierzehn Tagen keinen Augenblick zu innerer Ruhe gekommen. Er suchte sein Pflegekind, nonna Sophie, die seit jenem bewußten Abendbesuche der Herren Scheinman, Brandelaar und Van Spranekhnyzen aus zu Nasser, bis er zcrbncht. H^ seiner Wohnung verschwunden war. Er setzte alle Hebel in Bewegung, ihm bei der Aufsuchung behülflich zu sein, — vergebens'. Das Mädchen war seinem Hause entflohen, weil er dasselbe mishandelt hatte, — sie war sehr eigensinnig, das wußte er; sie kam wahrscheinlich nie wieder zurück. Der Letzte, der sie gesehen hatte, war Van Spra-nekhuyzen. Dieser erklärte jedoch, daß er sie nur einen Augenblick gesprochen, und sie sich darauf schnell entfernt habe, daß er ihr ferner eine Strecke nachgefolgt sei, aber sie nicht hätte einholen können! Penu-rot schenkte dieser Erklärung keinen Glauben. Er sann auf Mittel, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, und sandte eine Menge Spione aus, welche Van Spra-nethuyzen aufpassen sollten; aber nicht Einer kam mit einer zufriedenstellenden Nachricht zurück. Sie schwärmten wohl in der Nähe des Marinehötels herum, schienen aber durchaus nicht herausfinden zu können, wohin der Junker mit seiner Kalesche fuhr. Pönurot hatte mehreren Freunden seine Vermuthung mitgetheilt, — aber Niemand konnte ihm mit Rath und That beistehen, obgleich Manche von ihnen im Geheimen seine Vermuthung theilten. Pönurot hatte gerade sein einsames Mittagsessen zu sich genommen. In früheren Tagen saß sein Pfle« gg Dcr Krug gcbl so lange getind ihm gegenüber und plauderte kindlich fröhlich und neckte ihren Pflegevater mit komischem Muthwillen. Penurot hatte sehr rauhe äußere Formen, aber er besaß ein sehr feines Gefühl, wenn es eine Sache der Zuneigung oder der Freundschaft galt. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen wir hier beifügen, daß nonng. Sophie wirklich nur seine Pflegetochter war. Er hatte sie als Waise von fünf Jahren auf die abenteuerlichste Weise gefunden. Mit unleugbarem Großmuth hatte er das reizende Kind zu sich genommen und durch seine eingebornen weiblichen Bedienten erziehen lassen. Überall hatte er sie mitgenommen; aus dcr Minahassa nach den Lampongs und von da nach Be-" zoekie; nur nicht nach Europa: er wollte sie eine vollkommene noun» bleiben lassen, und vermied jeden Einfluß der europäischen Bildung. Als er zurückkam, war Sophie erwachsen und sehr schön geworden. Sie schenkte Pönurot die Ehrerbietuug, die er als Vater erwarten konnte — er verehrte sie als seine Tochter. Dadurch entstand eine Beziehung zwischen Beiden, wie sie nur sehr selten in solchen Fällen vorkommt. Penurot beschloß, sie ganz als sein eignes Kind zu betrachten; in seinen guten Stunden unterrichtete er sie selbst so gut als möglich — hatte er aber schlechte Laune, so schickte er sie weg, aus Furcht, sie zu betrüben. Sophie war zu Nasser, bi« ei zerbricht. ßg eine heilige Person für ihn geworden, für deren Lebensglück er wachte, deren dankbare Verehrung ihm genug war. Daß er in einem Augenblick der Erregung, in halbem Weintaumel, mit ihr vor jungen Männern glänzen wollte, die seine Beziehung zu ihr nicht kannten, war jetzt für ihn eine Quelle unaufhörlicher Selbstvorwürfe. Er kannte die Entflohene zu gut und wußte recht wohl, daß sie nicht ohne die äußerste Noth zu ihm zurückkehren würde. Er hatte ihr von Zeit zu Zeit Geschenke an Gold und Silber gemacht. Sie war sehr sparsam, fast geizig, wie die meisten Farbigen, und trug ihren kleinen Schatz stets bei sich, hatte also für den Anfang keine Noth zu befürchten. Aber wenn Van Spranekhuyzen einen günstigen Eindruck auf sie hervorgebracht hatte, wenn sie sich erst in die Arme dieses höchst manierlichen Schurken geworfen hatte..... Penurot ballte die Faust und sah wüthend um sich herum. Ach, wie war Alles verändert! Weder Garibaldis Portrait, noch die Bilder der cirkassischen Damen auf dem rußschwarzen Hintergrunde, noch die Drehorgeln, noch die zahlreichen Verzierungen an Möbeln und Wänden tonnten ihm irgend ein Interesse einflößen. Penurot hatte noch niemals bei-irgend einem unangenehmen oder empfindlichen Ereignisse seines Lebens geweint 'Z Hft Der Krug M so lange — jetzt aber fühlte er sich so weich, so betrübt, daß er sich schwermüthig auf sein Sofa von Matten warf und sein Gesicht in den Händen verbarg. Das Rädergeräusch eines nahenden Wagens, welcher an seiner Besitznng vorfnhr und an seiner Vorgalerie still hielt, weckte ihn aus seinen Träumereien. Maximilian Manning Scheinman eilte die steinernen Stufen hinauf und betrat schnell das Zimmer. — „Holla, Pönurot!" — rief er laut. Der Ex-Assistent erhob sich langsam von seinem Sofa, und ging mit sehr verdrießlichem Gesichte auf Maximilian zu. — „Noch immer in Sack und Asche? Hören Sie mal, unsterblicher P^nurot, das dauert zu lange! Ihr Pflegkind ist sehr undankbar, sehr schlecht — Sie müssen sie vergessen!" — „Das kann ich nicht, zum--------!" — „Sehr sonderbar, sehr eigenthümlich!" — „Nein,--------das ist nicht sonderbar, Max! Wissen Sie wohl, wer Sophie ist? Sophie ist ein anständiges Mädchen, so anständig als Ihre Schwester, wenn Sie eine haben! Ich bekam sie aus den Händen eines ersten Lieutenants, eines armen Teufels, der zu Gorontalo eiue Handvoll Soldaten kommandirte, und dort der Dyssenterie erlag. Der Mann hatte eine schöne zu Nasser, bis tt znblicht. 9 z n^'ei ^Haushälterin), die Mutter des Kindes. Ich nahm mich Beider an, denn ich war dort Assistent, aber es dauerte nicht lange, so lief die Mama von mir weg — (englischer Fluch). Damals habe ich mir vorgenommen, für das Kind so gut als möglich zu sorgen, und das habe ich gethan! Ich habe ihr Manches gelehrt, sie gnt im Zaume gehalteu, und kann Ihnen mein Ehrewort geben, ich hätte für meine eigene Tochter nicht sorgfältiger wachen können, als für sie. Sie weiß es sehr gut, die eigensinnige Kanaille!" Maximilian kreuzte die Arme über der Brust, und warf seinen zusammengedrückten Gibushut auf den Tisch. Seine Toilette bestand in einem blauen Tuchfrack mit Metallknöpfen; überhaupt war er vollständig für eine Tanzparthie gekleidet. Theilnehmend und schweigend schaute er Pönurot an. Endlich sagte eri — „Ich habe Sie demüthig um Verzeihung zu bitten, Pl'nurot, für Alles, was ich früher gesagt und gerächt habe. Wer tonnte aber auch deuten, daß Sie im Stilleu eine solche ideale Pflegevaterrotte spielten! Penurot, es'verbergen sich Perlen auch zuweilen in gemeinen Austerschalen! Geben Sie mir die Hand, bester Freund! Ich würde gern ein Gedicht darauf machen, aber es ist noch so früh — und wahrlich, Ihre Erzählung hat mich sehr gerührt!" QZ Dcr Krug geht so lange Die Herren drückten einander warm die Hand. Dann nahmen sie schweigend auf dem Sofa Platz. Penurot rief laut nach Sidin, der sich, nachdem er den Tisch abgeräumt, entfernt hatte. Als er erschien, wurde ihm der Befehl zugerufen: — »Xaßsi koppi 8llM9, 80pi inanis! « (Bring Kaffee und Wein'.) — „Ja, aber ich habe keine Zeit, mein Bester! Ich wollte Ihnen nur zwei Dinge sagen, die Sie fchnell wissen müssen!" — „Nun?" — „Zuerst das für Sie am wenigsten Interessante! Was ich Ihnen neulich vertraulich mittheilte, über....." — „Über eine gewisse, blonde Dame? — Geniren Sie sich nicht!" (Holländischer Fluch). — „Nun ja! Ich habe viel Hoffnung, Pönurot! Ich sah sie an fünf Empfangsabenden, und sie war immer gleich freundlich, eben stehe ich im Begriffe, in eine große Gesellschaft zu Van Wcely zu gehen, und will heut ernstlich mein Glück versuchen: Mein Herz ist bang und klopft so laut. Da drinnen wohnt cine Königsbraut! Du silße Sphynx gicb selige Kunde Mit Deinem lieben Rosenmunde!" — „Es ist noch so früh, sagten Sie eben, Max! zu Waffcr, bis cr zerbricht. a I Aber fahren Sie fort, Schatz'. Ich habe Ihren Enthusiasmus gern!" „Begeisterung für jene hohen Dinge, Die zwar Verstand und Prosa achten g'ringe, Für die jedoch die Edlen, Schönen, Guten, Auf dieser Erde schwärmen, leiden, bluten!" Maximilian sprach diese Zeilen leiser, als gewöhnlich. Aber gleich darauf sagte er lauter: — „Pardon, mein bester Freund! Die Erinnerung an einen großen, deutschen Dichter, dem ich sehr zu Danke verpflichtet bin, bewog mich zum Recitiren dieses Verses. Ich sprach mit Ihnen über Fräulein Van Weely, und weil ich Sie einmal ins Vertrauen gezogen habe, so will ich Ihnen auch anzeigen, daß ich nun ernstlich daran denke....." — „Holla! Damit müssen Sie noch warten. I"« cosui- li'nno ^onne KUß N6 86 prenä 1)58 ^ 1'as-saut! « — „Das werden wir sehen, Penurot! Ich wage lieber etwas, als daß ich lange warte! Aber ich wollte Ihnen noch etwas Wichtiges erzählen: Ich vermuthe, daß Van Spranekhuyzen weiß, wo Sophie ist!" Mit einem lauten Fluche sprang der Ex-Assistent in die Höhe, und rief: — »8ap aäa? « (Ist Jemand da?) a« Dcr Kru>l gcbl so langc Che Maximilian weiter sprechen konnte, zeigte sich Sidin. und Ponurot rief ihnt entgegen: — »8U6106 pasllnF Xarettlll.c (Laß den Wagen anspannen!) — „Alle Teufel, das soll er büßen '." — rief Penu-rot. — „Ich schlage ihn mit meinem Stocke todt!" — „Aber hören Sie doch erst. Sic wissen ja noch gar nicht, was au der Sache ist. Hcntc Mittag bei Tafel wurde zufällig über nnnnaa8 gesprochcu — der Eine erzählte dieß, der Andere Jenes. Endlich machte Van Spranekhuyzcn die Bemerkung, daß er niemals eigensinnigere und unangenehmere Geschöpfe gesehen habe, als diese iionnaa8. Die einzige Triebfeder ihrer Thaten, fügte er hinzu, sei eine zufällige Abneigung oder eine zufällige Sympathie. Ich habe Ursache, zu glauben, daß für ihn keine Sympathie besteht, denn er preßte seine Lippen zusammen, als er diese Worte sprach, und sah mit finstern Blicken vor sich nieder. Weiß er. wo Sophie ist, so behandelt sie ihn, wie er es verdient, das scheint mir klar!" — „Es ist möglich! Aber ich will ihm doch sogleich nachspüren nnd---------dann mag er sich vor mir in Acht nehmen! Das versichere ich ihm!" ä I'assaut! Nein, Penurot, denken Sie jetzt an den zu Raffer, bis ci zcibricht. g ^ Rath. den Sie mir selbst gegeben haben. Sie kennen Van Spranekhuyzen nicht. Wenn er Ihnen Alles ableugnet, so nimmt er Ihnen jede Waffe aus der Hand; denn wir wissen nichts Bestinuutcs, wir haben nur Vermuthungen. Darf ich Ihnen einen freundschaftlichen Rath geben?" — „Sprechen Sie, bester Junge!" — „Folgen Sie dem Junker auf Tritt und Schritt, machen Sie Anspielungen in seiner Gegenwart, stellen Sie Kreuz- und Querfragen und treiben Sie ihn so in die Enge. Er ist listig; — seien Sie darum doppelt listig, und sehen Sie, ob Sie ihn überrumpeln können: das ist mein Rath!" — „Ausgezeichnet! Aber dazu ist ein alter--------- Lump, wie ich bin, zu ungeschickt. Aber ich will es versucheu; ja, was noch mehr ist, ich will ihn sogar im Auge behalten. Habe ich ihn erst aufgespürt, so werde ich ihn nicht mehr verlassen! Still und geheim schleiche ich ihm nach, und endlich werde ich doch herausbringen, wo er mein Kind hingeschafft hat. Dann aber sei ihm Buddha und Siva gnärig!" Pönurot sprach ganz gedämpft und ballte drohend die Faust. Maximilian war aufgestanden, nahm seinen Hut wieder zur Hand. verweilte aber noch einen Augen- Qft Der Klug gedt so langc blick, da ihn die Wirkung seiner Worte noch nicht sehr befriedigt hatte. — „Hören Sie mein Bester'." — sagte er endlich schnell — „ich muß nun fort, sonst komme ich zu spät zum Feste!" Sidin trat in diesem Augenblicke mit Kaffee und Liqueuren ein. — „Nehmen Sie erst noch eine Tasse Kaffee!" — sagte Pönurot. Maximilian ergriff fchnell die dargebotene Erqnick-ung. Er wollte gern noch etwas sagen, aber wußte nicht, wie er es anfangen sollte. — „Es versteht sich von selbst," begann er endlich, „daß Sie Van Spranethnyzen meinen Namen nicht nennen. Ich will nichts mit der Sache zu thun haben, — ich will Sie nnr warnen!" — „Wie Sie wollen! Nehmen Sie ein Gläschen Kirschwasser? Nicht? Wie Sie wollen; und nun eilen Sie, daß Sie zu Van Weely's kommen! Gut Glück!" Maximilian war schon auf der Verandatreppe, um in den Wagen zu steigen, als ihn Penurot noch einmal zurückrief. Ehe er aber umkehren konnte, stand der Ex-Assistent auch schon neben ihm. — „Max. wo ist der Junker heute Abend? Sie haben ihn heute Mittag gesehen?" zu Nasser, bis er zerbricht. 97 — „Er sprach davon, zu Buys zu gehen! Vielleicht treffen Sie ihn dort!" — „Danke, Kerlchen! und nun, seien Sie gesegnet in allen Ihren Unternehmungen — kommen Sie als Sieger zurück, und Allah und sein Prophet nehme Sie in seinen heiligen Schutz!" Maximilian war schon in seine Bendi gestiegen, während Penurot diesen Segen mit großem Pathos aussprach. Man sah deutlich an dem Gesichtsausdrucke res Ex-Assistenten, daß er trotz seiner schwierigen Lage neuen Muth gefaßt hatte. Maximilian übernahm die Zügel aus den Händen des Dieners, beugte sich zu Pönurot und antwortete ebenso pathetisch: „Zwei Pairs von Karl dem Großen Zwei Diener von Jan be Witt! Hussah! Voraus nach dem Königsplatz In tollem, fliegenden Ritt! „Mein Muth ist groß. und dein Herz ist gut, Wir werden Beide triumph ircn! Und hol ich ein Körbchen, so kannst du mir dann Recht gemüthlich condolircn." Ein Peitschenschlag knallte durch die Luft, — Maximilians Bendi flog pfeilschnell dnrch die Berendrechts-laan. Pv»t diiel ^je? « Penurot. — „Kaffee! Immer Kaffee! Hellerpflanzungen, wie Multatuli sagen würde!" Buys.— „Keine gute Autorität, dieser Multatuli!" Penurot. Das weiß ich wohl, aber wenn die großen Henen nichts davon wissen wollen, dann beginnen die Parias, dann beginnt die äußerste Linke, wie zu Nasscr, bis er zerbricht. ^y^ Multatuli und sein Klub, zu dem auch ich gehöre. Die großen Herren treiben Kaffeepolitik, Zuckerpolitik, Indigopolitik! Kaffee, Zucker und Indigo! Das sind ihre Stichworte. Wissen Sie, was wir ihnen entgegen halten? Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit'. Das klingt scharf und hart, he? Aber wir gewinnen unsre Sache, meine Herren, und überdieß bald!" Der große Dunsinger rauchte immer fort, sah Buys vielbedeutend an, und zuckte die Achseln. Der Wirth fand die Wendung des Gespäches sehr unangenehm; er rief deshalb den Bedienten, Getränke zu bringen, wodurch Penurot von seinem Thema abgebracht wurde und dem Geplauder der Damen, an welchem auch Fräulein Servensteyn lebhaften Antheil nahm, seine Aufmerksamkeit schenkte. Es drehte sich zumal um die Prätensionen der eben angekommenen Damen Van Weely, um die Mühseligkeiten, welche Mevrouw Ruytenburgs Gäste, die Outshoorns aus Buitenzorg, ihrer Wirthin verursachten, um den schlechten Geschmack des Herren Ruytenburg, der seine Gäste auf das Fest der Van Weely's begleitet hatte, lc. Mevrouw Buys wiegte sich leise hin und her und wehte unaufhörlich mit ihrem kostbaren Fächer. Endlich sah sie mit schmachtendem Blicke auf, und sagte leise, während sie kaum die Lippen bewegte: I HZ» Dn Krug gtht so lange — „Morgen kommt mein Gast, die junge Me-vrouw Van Svranekhuyzen'." — „Das ist mir sehr angenehm!" rief P6nurot laut aus. — „Warum, Herr Pennrot?" — „Nun. dieser Junker ist mir jetzt sehr im Wege!" Fräulein Serpensteyn horchte scharf auf und blickte wüthend auf den Ex-Assistenten. Alle Damen sahen P6nurot fragend an, unr schienen wissen zu wollen, worin dieses „im Wege sein" eigentlich bestände. Penu-rot fuhr fort: — „Lassen Sie sich erzählen, meine Damen! Ich stehe ganz allein in der Welt, ohne Verwandte, ohne Familie. Vor dreizehn Jahren nahm ich ein kleines Kind von fünf Jahren zu mir. Ich war damals zu Gorontalo Assistent, und das Kind war mir von ihrem sterbenden Vater anbefohlen worden; er war mein Freund, ein brayer Junge, den die Dyssenterie dahinraffte. Es war ein schönes Mädchen, meine Damen; und ich fand es so angenehm, ein Kind zu erziehen, um Jemand bei mir zu haben, für den ich sorgen konnte. Das habe ich nach Kräften gethan — und nun ist sie vor vierzehn Tagen aus meinem Hause weggelaufen. Ich hatte einige junge Leute bei mir — zu Wasser, bis ci znbiicht. 4 Yg Herrn Van Spranekhuyzen und Scheinman und Brandelaar! Ich wollte gern haben, daß sie sich den Herren zeige. Es war wohl etwas spät, und sie wollte nicht — sie ist verdammt eigensinnig und wenn sie sich einmal etwas in den Kopf setzt, so ist nichts daran zu ändern. Ich faßte sie darum am Arme und schleppte sie ins Zimmer, worauf sie erst zu weinen anfing und spater zur Thüre hinauslief, als ich mit Scheinman über die Sache einen Wortwechsel hatte. Ganz zufällig war Herr Van Spranekhuyzen auch verschwunden, als sie zur Thüre hinausging, und seit der Zeit habe ich sie nicht wiedergesehen! Ich fragte ihn selbst darüber, aber er lachte mich aus. Heute Mittag an der Tafel des Marinehutels sprach er aber zufällig über eine noniia, die er kenne, und die sehr eigensinnig sei! Da haben Sie wieder ein neues Stückchen von dem Junker!" Alle Damen schwiegen und blieben ohne Erwirerung unbeweglich und still sitzen. Penurot sah erstaunt um sich her. Die beiden großen Herren hatten ein flüsterndes Gespräch geführt und sich deshalb während seiner Erzählung etwas von ihn: abgesondert. Da gerade ein Bedienter mit Getränken an seinen Stuhl trat, machte er sich sehr gemessen ein Glas Arrack mit Wasser zurecht, und sagte endlich: — „Und darum bin ich recht froh, daß Mevrouw 1 y 4 ^ci ^"^ seht so lange Van Spranelhuyzen zurückkommt. Ich hatte ganz vergessen, daß der Junker verheirathet ist!" Fräulein Serpensteyn bewegte sich ungeduldig in ihrem Schaukelstuhle hin und her. — „Darf ich auch ein Wörtchen mitsprechen, Herr Penurot?" — frug sie ziemlich laut. Der Ex-Assistent erhob sein Glas, und verbeugte sich sehr förmlich. — „Ich glaube, daß hier ein Mißverständniß obwaltet! Herr Van Spranekhuyzen wird hier von vielen beschränkten Menschen verläumdet, und es scheint, daß Sie diesen Gerüchten Glauben schenken. Ich versichere Ihnen, daß er niemals zu solch einer Handlung, deren Sie ihn beschuldigen, fähig wäre. Ich habe die Ehre, ihn sehr genau zu kennen, und erkläre Ihnen, daß er es sehr beklagt, in dieser unangenehmen Spannung mit der Familie seiner von ihm getrennten Frau zu leben! Aber dieses Unangenehme wird bald aus dem Wege geräumt sein, und dann wollen wir wohl sehen, wer noch etwas gegen ihn vorzubringen wagt!" — „Van Spranekhuyzen ist ein sehr anständiger, junger Mann!" — flüsterte Mevrouw Buys. — „Die Familie Van Wecly" — zischte Fräulein Serpensteyn wieder — „hat es für gut befunden, das Eine oder das Andere über ihn auszustreuen, weil ihm zu Nasser, bis tr zerbricht. ^^ die Gouvernante von Mevrouw Ruytenburg avancsg machte!" — „Er kommt immer sehr viel in unser Haus!" fügte diese letztere Dame hinzu; — „er ist sehr pin-ter sgescheidt) und immer angenehm! Aber das Fräulein Hi lbeeck verdirbt Alles, dswsi iwirtlich)!" Diesem Sturme war Penurot nicht gewachsen. Er sah klar, daß die Damen gegen ihn eingenommen waren. Nur Marie Dunsinger hatte noch nichts gesagt, darum sah er sie fragend an. — „Sind alle Damen derselben Meinung?" frug er enttäuscht. Da erhob Marie Duusinger ihr Giraffenhälschen und sagte so schnell und scharf, wie immer: — „Ich bin nicht sehr gut auf den Herrn Van Spranekhuyzen zu sprechen, Herr Penurot'. Aber wenn ich meine Meinung sagen darf, dann glaube ich, wie die Damen, daß hier ein Mißoerständniß herrscht! Es waren an jenem Abende mehr junge Männer bei Ihnen, die ihre Pflegetochter entführen konnten....." — „Zum Beispiel?" — „Herr Scheinman! das ist gerade eine solche Persönlichkeit, die Ihnen mit einer Menge freundlicher Worte Sand in die Augen streut. Fragen Sie doch diesen Herrn, Herr Penurot, was er von der Sache weiß! >« lyß Dci Krug M so langc Und Fräulein Dunsinger bewegte ihren Kopf mit einem plötzlichen Rucke nach hinten, und sah sehr erregt um sich her. Warum auch hatte ihr Maximilian auf der letzten «uiroe der Concordia mißfallen! Das Geräusch eines heranrollenden Wagens brachte Alle zum Schweigen. Eine Miethtalesche fuhr an der Besitzung vor, und blieb in einiger Entfernung stehen. Ein junger Mann in schwarzem Rocke nud weißem Beinkleide sprang heraus und begab sich in die Vor« galeric. Kein Zweifel, es war Van Spranekhuyzen! Fräulein Serpensteyn beobachtete scharf den Assistenten. V1I1. Vorm da» heldcnmulyige Fräulein Serpenlleun glänzend übel ihren Feind lriumphirl und ihrem Freunde eine T'rilMlnlilcrhaNilng vergönn«. Herr Karl Heinrich Buys hatte viel zu wichtige Geschäfte auf dem berühmten Advokatenkomptoir von Buys und Andermaus, er hatte viel zu wichtige Interessen wahrzunehmen, um sich um die üblen 'Nachreden und Verleumdungen bekümmern zu können, welche in den gebilreten Kreisen cirknlirten, oder daß es für ihn von Wichtigkeit sein könnte, was man hier unv da zu Wasser, bis cr zerbricht. ^ n»? zum Nachtheile dieser oder jener Persönlichkeit aus der bSÄu-lnoiiäe flüsterte. Er stand darum sogleich auf, als sich Van Spranekhuyzen an der marmornen Verandatreppe zeigte, schüttelte ihm die Hand mit dem gewissen Grade von Freundlichkeit, mit welchem er junge Leute ohne eine sehr hohe Stellung zu begrüßen pflegte, und überließ es ihm dann, den Damen sein Kompliment zu machen. Die Letzteren empfingen ihn mit besonderer Freundlichkeit, indem ihm jede die Hand zur Begrüßung reichte. Fräulein Serpcnsteyn machte ihm Platz, unr ein Schaukelstuhl wurde zwischen Mevrouw Ruyteuburg und ihre Gouvernante für ihn herbeigeschobcn. Van Spranek-huyzen verbeugte sich sehr elegant und schüttelte Pönu-rot herzlich die Hand; aber während dieser Operation funkelten drohend die Augen des Ex-Assistenten. Als er sich gleich darauf setzte und mit dem Gibushut in den weißbehandschnhten Fingern einige Gemeinplätze über die Hitze in der Übergangszeit und über den Ball der Van Weely's angebracht hatte, sah ihn Mevrouw Buys mit einem vielsagenden lächeln an, und sagte mit einer so einnchmenr freundlichen Stimme, wie sie dieselbe nur bei wenigen außergewöhnlichen Gelegenheiten anzuwenden pflegte: — „Sehr gut, daß Sie gerade kommen, Herr Van 1y8 Der King geht so lange Spranekhuyzen! Wir haben Sie sehr tapfer gegen diesen Herrn vertheidigt!" — und sie zeigte dabei mit einer Bewegung ihres Fächers ziemlich unhöflich auf Penn-rot. — „Jetzt können Sie sich selbst vertheidigen und werden es sicher besser thun, als wir!" — „Mevrouw Buys hat Recht!" — sagte Prnurot so ernsthaft, daß Fräulein Serpensteyn ihren herausfordernden Blick senken mußte. — „Ich erzählte, daß ich Sie in Verdacht habe, meine Pflegetochter heimlich aus meinem Hause entführt zu haben, und daß Sie dieselbe bis heute versteckt halten, um das arme Kind rettungslos zu Grunde zu richten!" Junker Eduard Van Spranekhuyzen wurde sehr bleich, als Penurot diese herausfordernden Worte an ihn richtete. Er preßte die Zähne fest auf einander, damit sie nicht vor Schreck zusammenschlügen, aber veränderte doch keineswegs den fröhlichen, unerschrockenen Ausdruck, den sein Gesicht seit seinem Eintritte trug. Darauf erwiederte er mit vollkommener Gewalt über seine Stimme: — „Ich begreife wohl, daß es sehr unangenehm für Sie ist, mein guter Herr Penurot, wenn ihre Haushälterin davonläuft, aber ich begreife erstens nicht, wie es Ihnen in den Sinn kommt, mich mit dieser Geschichte in Zusammenhang zu bringen, — und zweitens z^ Naffcr, bis cr zcrblicht. ^ftg nicht, wie Sie solch vollkommenen Mangel an Takt an den Tag legen können, indem Sie Ihre ini^ie hier in Gesellschaft der Damen zur Sprache bringen!" — „Unverschämte Brutalität beweist nichts, Junker Van Spranekhuyzen! Sie waren es, den mein Kind zuletzt gesprochen hat, der mein Haus zu gleicher Zeit mit ihr verlassen hat. Und noch heute Mittag haben Sie bei Tafel nicht undeutlich über eigensinnige nan,-naa8 gesprochen!" — „Wiederum bewundere ich Ihren Takt, mein verehrter Herr! Ich habe zu viel Achtung vor dieser Gesellschaft, um hier auf die Einzelheiten jenes Abends eingehen zu können, auf welchen Sie hinweisen. Aber hauptsächlich bewundere ich das Treffende Ihrer Folgerungen. Weil ich in einem bestimmten Augenblicke Ihr Haus verließ, weil ich bei Tafel über nonnaas, über eigensinnige nomiaa8 sprach, — deshalb bin ich es, der Ihr „armes Kind versteckt hält, um es rettungslos zu Grunde zu richten!" Es ist prächtig! Darf ich fragen, wer Sie so ausgezeichnet gut über die Gespräche im Ma-rinehätel unterrichtet?" Und während die Damen mit großer Befriedigung von Van Spranekhuyzen nach Penurot sahen, siel auf einmal Fräulein Serpensteyn ein: — „Das will ich Ihnen sagen, Herr Van Spra- ^ft Dci Klug gtht so lange nekhuyzen! Fräulein Dunsinger sagte soeben, daß Herr Pönurot an jenem bewußten Abende noch andere junge Herren außer Ihncn in seinem Hause empfangen hat — und daß sie Herrn Scheinman der That beschuldigt, weil man von ihm so etwas erwarten kann. Nun versichere ich Ihnen, daß dieser Herr, der mit Ihnen im Marinehütel dinirt, der Berichterstatter des Herrn Penurot ist!" — „Das habe ich nicht gesagt!" — fiel Pänurot schnell in die Rede. — „Das stimmt also ganz gut!" — bemerkte Me-vrouw Buys mit ihrer sonntäglichen Stimme. — „Es ist klar, daß Herr Pänurot sich geirrt hat!" Der Er/Assistent hatte sich erhoben. Seine Stimme und Haltung war in der letzten Stunde sehr ernst und würdig gewesen. Nicht einmal einen einzigen Fluch hatte er ausgesprochen. Er nahm seinen grauen Castor« Hut in die Hand und sagte ruhig i — „MevrouwBuys wird mich entschuldigen, wenn ich mich entferne. Ich möchte jeden unangenehmen Wortwechsel vermeiden. Fräulein Serpensteyn gratulire ich zu ihrem neuen Klienten, und wir, Junker Van Spranekhuyzen, wir sehen einander noch, nicht wahr?" Die Gesellschaft war aufgestanden. Van Spranek-hiiyzcn verbeugte sich gemessen. Als sich Pänurot zu zu Nasser, bis cr zerbricht. jj ^ dem Herrn des Hauses wenden wollte, bemerkte er, daß dieser Arm in Arm mit Dunsinger nach der andern Seite der Veranda gegangen war, so daß die beiden großen Herren gar nichts von dem Konflikte bemerkt hatten. Deshalb nahm er von Beiden nur einen flüchtigen Abschied, ohne weiter mit ihnen zu sprechen, und stieg in seine Bendi, indem er einen langen, unheildrohenden Blick nach der Gesellschaft in der Vorgalerie warf. Es war, als ob seine Entfernung das Zeichen zu allgemeiner Fröhlichkeit gewesen wäre. Jeder machte eine Bemerkung über den tollen Penurot. Selbst die großen Herren ließen sich erzählen, was die Ursache seines schleunigen Aufbruchs sei, und Van Spranekhuyzen gab ihnen darüber ganz genügende Auskunft. Man setzte sich wieder zu einer gemüthlichen Plauderei nieder. Mevrouw Buys war über alle Maaßen liebenswürdig, und gab dem Junker deutlich zu verstehen, daß er in ihr eine warme Freundin besaß. Dasselbe that Fräulein Serpensteyn, um so mehr, weil Van Spranekhuyzen ihr mit gewandtem Takt zu schmeicheln verstand und ihr zuweilen etwas ins Ohr flüsterte, worüber die tugendhafte Gouvernante alle mögliche zarte Erröthungs-versuche machte. Marie Dunsinger hielt sich ganz neutral und schaukelte gähnend auf und nieder. Nur Eins machte ihr große Freude, daß sie nämlich etwas gegen n 2 Dtt Krug gtbl so lange Maximilian hatte aufbringen können, dessen Untergang sie im Stillen beschlossen hatte. Die großen Herren tranken dabei manches Gläschen dranä? 8ama ajer, während Van Spranekhuyzen eben so tüchtig dem weißen und rothen Weine zusprach. Die Unterhaltung wurde dadurch sehr lebhaft und zuweilen ertönte eine förmliche Lachsalve, wenn der geistreiche Junker einen oder den andern Witz erzählte. Später ging man in die innere Galerie, und Fräulein Serpen-steyn klimperte ein leichtes Stück aus Donizetti's I'a-vorite. Dann akkompagnirte sie Van Spranekhuyzen, der zwei Töne zu tief einsetzte: — »Un ange, une ferame inconnue a genoux, priait pres de moi!« 'Dabei sah er zuweilen von der Seite auf die Klavierspielerin mit dem Blicke eines ^eiine premier. Und Fräulein Serpensteyn klimperte nur immer fort — auch sie sah zu dem Sänger auf — und Beide schienen außerordentlich glücklich zu sein. Natürlich setzte sich Marie Dunsinger auch an das Klavier, und spielte eine reverie, die so einschläfernd wirkte, daß die gute, dicke Mevrouw Ruytenburg leise auf einem Divan einnickte. Als die würdige Dame mit großem Schrecken erwachte, sprach sie aus Verlegenheit vom Fortgehen und ließ ihre Kalesche vorfahren. Dann wurden die gewöhn- zu Nasser, bi« ei zerbricht. ^ H lichen Abschiedsumarmungen ausgetauscht. Van Spra-nekhuyzen empfing sehr herzliche Händedrücke. Buys beeiferte sich, seinen korpulenten Gast an den Wagen zu führen. Van Spranekhuyzen folgte mit Fräulein Serpensteyn. — „Spranekhnyzen, Sie bringen uns nach Hause, ja?" — frug Mevrouw Ruytenburg. Der Junker beeilte sich, seinen Kutscher wegzuschicken, und setzte sich den Damen gegenüber. Als man den Garten verlassen hatte und den breiten Weg am Königs -platze einschlug, beugte er sich zu der Gouvernante und flüsterte, während er ihre Hand leise berührte: — „Ich muß Sie sogleich sprechen!" Übrigens wurden nur einige sehr alltägliche Bemerkungen gewechselt. Als man am Hause des Herrn Nuyts Van Weely vorbeifuhr, klang eine rauschende Tanzmusik nach außen. Mevrouw Ruytenburg versuchte etwas Scharfes zu sagen, aber es mißglückte vollständig .... Van Spranekhuyzen sah einige Male während des Fahrens über die Köpfe der Damen hinweg nach dem zurückgelegten Wege. Es kam ihm vor, als ob ihnen eine Kalesche mit aufgeschlagenem Schirmleder fortwährend folgte. Als man endlich Tanabang erreicht hatte und an Ruytenburgs Villa vorfuhr, ver« Indische BibNolbt!. IV. K /! ^ Z Der Krug gcbl so lange lor er die Bendi aus den Augen und vergaß dieselbe zuletzt. Mevrouw Ruytenburg war, wie sie sagte, sehr müde vom Schwatzen, sie wollte nur schnell nach ihrem Boudoir gehen, sonst müßte sie vielleicht noch mit den von dem Van Weely'schen Feste zurückkehrenden Gästen sprechen, und das war doch zu viel snesak, ja? Van Spranet-huyzen empfing einen herzlichen Händedruck und sollte noch ein wenig bleiben, um mit dem Fräulein zu plaudern. Als sie weg war, schlug der galante ^enne premier vor, einen Augenblick in dem angenehmen Nachtschatten der großen Allee von Kanarienbäumen zu spazieren — so konnte man sich ruhiger und ohne Gefahr vor unwillkommener Störung durch den einen oder andern Bedienten sprechen und überlegen, was bei dcr nahen Ankunft Lucys zu thun sei, und welche Maßregeln man gegen den tollen Pönurot nehmen müsse. Die Gouvernante erfüllte sogleich das Verlangen ihres „Klienten", und langsam wandelten Beide durch die große Kanarienallee, welche sich rechts an der ganzen Besitzung hinzog. Van Spranekhuyzen beugte sich zu der Gouvernante und sagte endlich mit erkünstelter Rührung: — „Alphonsine! Darf ich Dir Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe?" zu Nasser, bi« n znblicht. ^ I — „Natürlich, Eduard! Ich hoffe, daß Du mir nichts verheimlichst!" Die Nomenklatur und Titulatur war zwischen beiden Freunden seit der letzten Zeit sehr verändert. — „Höre mich an! Ich will Dir Alles sagen! Glaubst Du an das, was der alte Nan heute Abend erzählte?" — „Nichts! Ein Edelmann kann so etwas nicht thun!" — „Ich danke Dir! Das tröstete mich auch und ich fand glücklicherweise Worte genug, um den Burschen zurecht zu setzen! Also soeäak davon! Nun muß ich Dir etwas Anderes sagen. Aber zuerst frage ich Dich wiederholt: darf ich Dir Alles sagen, was ich über die baldige Rückkehr meiner hochgeschätzten Gemahlin denke?" — »Eh bien!« — „Ich bm sehr dagegen, AlpHonsine! Ich muß mich mit ihr versöhnen, das steht fest, um dadurch unserer Verbindung eine gehörige Stütze zu geben. Wir Haben Bejde dieselben Feinde, dieselbe Feindin, muß ich sagen, die HochwoHlgeborne Mevrouw OutsHoorn, geborene Van Hilbceck!" — „Ausgezeichnet, Eduard!" Die Gouvernante legte ihren fleischigen Arm auf 8» Hß Dci Krug geht so langc des Junkers Rockärmel und lehnte sich vertraulich auf seine Schulter. — „Aber ich habe bei meiner Versöhnung noch eine andere Absicht!" — fuhr er fort. — „Ich muß mit Vokkerman auf guten Fuß zu stehen kommen. Ich kann nicht mehr ohne ihn bestehen. Du begreifst mich, nicht wahr?" — „Ich begreife es sehr gut, Eduard!" Fräulein Serpensteyn antwortete mit sehr gerührter Stimme. Sie beklagte den unglücklichen Edelmann, der aus Mangel an Vermögen sich aufs Neue unter ein gehaßtes Ehejoch beugen mußte. — „Höre weiter, Alphonsine! Daß ich mich mit Lucy versöhne, nur um die Segnungen einer glücklichen Ehe zu genießen, mag immerhin die Meinung äe o68 äaruss 6t äs 068 meZsisurs sein — wir wissen es besser. Ich werde Lucy mit gemessener Höflichkeit behandeln, so wie es sich gehört, enkn. Du verstehst mich! Brauche ich noch hinzuzufügen, daß Geist und Bildung einen viel größeren Einfluß auf mich ausüben, als die diamantnen Haarnadeln meiner umfangreichen Gattin?" Fräulein Serpensteyn antwortete Nichts. Wäre es nicht fo dunkel in der Kanarienallee gewesen, so hätte man bemerken können, wie sie ihr künstlich frisirtes zu Nässn, bis cr zerbricht. ^ H ^ Haupt senkte, um ihre Rührung zu verbergen, und wie sie Van Spranekhuyzens Hand faßte und feurig drückte. Die Gouvernante war ganz von ihm eingenommen, und das war es gerade, was der geistreiche Junker wünschte. — „Darum," — fuhr er fort, — „wird meine Haltung zu Lucy nur eine Maske sein. Das ist unser Geheimniß. Du weißt, daß es zu unserem Vortheile geschieht. Wir ziehen die Bokkermans auf unsere Seite, und das ist sehr bedenklich für Outshoorn und seine Frau. Ist Lucy erst gewonnen, dann muß Papa nachfolgen. Und dazu rechne ich auf Dich, Alphonsine!" — „Schön,, aber was muß ich thun?" — „Hörtest Du noch nichts von der Zeit und von der Art und Weise, wie Lucy ankommen wird?" — „Der alte Herr bringt sie selbst, morgen im Laufe des Tages!" — „Das dachte ich. Ich mache es Dir zur Aufgabe, den alten Mann für unsere Interessen zu gewinnen, ohne . . . ." Plötzlich stand Van Spranekhuyzen unbeweglich still. Ein heftiger Schreck bemächtigte sich feiner. Er hatte eine dunkele Gestalt gesehen, welche vorsichtig durch die Bäume schlich, und welche ihn in dem kurzen Augenblicke ihres Erscheinens an die Figur Penurots erin« HH Dcr Krug gebt so lange nerte. Aber die Dunkelheit war zu groß, um nicht eine Täuschung vermutheu zu lassen. Die Gouvernante war ebenso erschrocken. Sie hatte von derselben Seite ein Geräusch vernommen, auf welcher der Junker die Gestalt gesehen. Beide schwiegen eine Weile. — „Wer kann es sein?" — frug sie bebend. — „Still, beweg' Dich nicht — wir werden belauscht!" — „Aber laß uns sehen..." — „Still, Alphonsine, horch!" Aber still war es rund umher. Nur das melancholische Rauschen des Nachtwindes, ' das einförmige Singen der Heimchen — und endlich, nicht fern von ihnen, der laute Ruf eines Tokkeh, der unsern Kavalier und seine Dame aufs Neue erschreckte. Nach einer geraumen Zeit. in welcher Van Spranekhuyzen das ängstliche Klopfen seines Herzens bezwang, sagte er mit beinahe uuhörbarem Flüstern: — „Ich dachte, raß es der Schurke, der Pönurot, sei! Aber es scheint, daß wir uns getäuscht haben! Laß uns auf alle Fälle in den Garten gehen, Alphonsine!" Die Gouvernante war noch zu sehr erschrocken, um zu antworten. Van Spranekhuyzen bewies ihr aber zu Nasser, bis «zerbricht. ^ g aus verschiedenen Gründen, daß sie sich geirrt hätten, — daß es nur eine optische Täuschung gewesen sei. Fräulein Servensteyn faßte sich wieder. Sie wandelten langsam durch die breiten Gartenwege, wo der mit Sternen übersäete Himmel etwas mehr Licht verbreitete. Der galante Junker umfaßte mit feinem rechten Arme die breite Gestalt der Gouvernante, um sie zu unterstützen und sie vor jeden möglichen Anfall zu beschir« men. Dann setzten sie das Gespräch weiter fort. — „Wenn der alte Bokkerman angekommen ist, dann versuchst Du sogleich, ihm die Überzeugung beizu-bringen, daß man mich falsch beurtheilt, daß Lucy immer meine Parthie genommen hat, daß es nicht möglich ist, uns länger getrennt leben zu lassen, aber daß natürlich eine allgemeine Versöhnung zu Stande kommen muß u. s. w. Du wirst das schon zu machen wissen, nicht wahr, Alvhonsine?" — „Ich will gewiß alles Mögliche thun!" — „Damit erreichen wir zwei wichtige Resultate. Erstens werde ich mich hier mit allem Nachdruck geltend machen und allen meinen Gegnern furchtlos unter die Augen treten. Die Rückkehr Lucys in mein Haus und das Gelr des alten Herren werden mir hierzu behilflich sein. Zweitens richten wir unsere Waffen gegen die Outshoorns. und wir wollen Papa Bokkermau ihre 1 Hy Dn Krug gcdl so langc vollkommene Unbrauchbarkeit so überzeugend darlegen, daß er sie endlich wegschicken muß." — „Dann wird die prätentiöse Dame wohl dazu gezwungen werden, ihre ^ranä» air8 ein wenig abzulegen ..." Das Geräusch eines Wagens ließ sich in ihrer unmittelbaren Nähe hören. Kaum konnte Van Spranek-huyzen sich mit seiner Dame hinter ein dichtes Strauchgewächs flüchten. Die „prätentiöse Dame", Mevrouw Outshoorn, wandte ihre Augen auf die Stelle, auf der kurz vorher unsere beiden Verschworenen wandelten. Auch sie glaubte Etwas zu sehen; auch sie überzeugte sich, daß es nur eine optische Täuschung gewesen sei. Als Van Spranekhuyzen eine Stunde später zu Fuß den Weg von Tanabang nach dem Marinehötel zurücklegte, fuhr bei Rijswijk eine Bendi in fliegender Eile an ihm vorbei. Der Schirm war niedergeschlagen unv der Herr, der die Zügel hielt, fuhr so dicht an ihn heran, daß er fluchend zur Seite springen mußte. Der Mann in der Bendi lachte laut auf. Van Spranekhuyzen erkannte ihn und erbebte auf's Neue vor Schreck, denn dießmal unterlag es keinem Zweifel — es war Penurot. Lautlachend fuhr der Ex-Assistent den Weg nach Molenvliet zu. Er hatte das Geheimniß von Fräulein ;» Naff«, biS ti zerbricht. ^ Z» z Serpensteyns Feindseligkeit entdeckt; er hatte die nächtliche oausei-ie belauscht, wußte aber noch nicht recht, was er davon deuten sollte. Da der galante Junker sich jetzt in sein Hotel begab und solche vielumfassende Pläne mit der Gouvernante des Herrn Ruytenburg or-ganisirte, so wurde es Penurot immer wahrscheinlicher, daß sein Anschlag auf das Lebeusglück der nunna nicht gelungen sei. Aber auf jeden Fall wußte Van Spra-nethuyzen, wo diese verborgen war, und er mußte so lange belauscht — also auch geschont werden — bis das Geheimniß entdeckt war. Deshalb fuhr er fröhlich und voll neuer Hoffnung seiner Wohnung zu. Im selben Augenblicke, als er bei seiner Besitzung ankam, rollte auch eine zweite Bendi von der anderen Seite herbei. Die zwei darin sitzenden Personen saugen und sprachen laut. Pmmrot stand schon auf seiner Treppe, als auch diese Bendi stillhielt. Zwei junge Männer sprangen heraus — Maximilian und Brandelaar. — „Unsterblicher Freund!" — rief der Erstere — „Schlachte das gemästete Kalb, zünde Deine Lampen an, gieb alle Deine Champagncrflaschen zum Besten und drücke mir die Hand!" — „Gute Geschäfte gemacht?" — „Ausgezeichnete! Ich werde Dir Alles erzäklen! j 22 Dcr Krug geht so lange Brandelaar weiß es auch. Nir wollen einen Augenblick bei Dir schwatzen, nach all den Ermüdungen des Balles!" In wenigen Augenblicken hatte Pönurot, dessen gutes herz stets innigen Antheil an dem Glücke seiner Freunde nahm. seine Zimmer festlich erleuchtet und bald waren alle Bediente au ^rancl oompiet und der Champagner floß in Strömen. Maximilian hatte schon einige Epigramme zum Besten gegeben und war so ausgelassen, daß der Wirth sich Alles von seiner Erzählung versprach. Eben wollte er ihn danach fragen, als jener gemessen aufstand, um in seiner gewöhnlichen Haltung, das Glas in der Hand, also zu beginnen: — „Viel tausend Kerzen glänzen, Laut schlägt manch' Her; in junger Brust, Aus Paulcn und tiirt'schc Trommeln Schlägt der braune Maestro voll Lust. Viel tausend Augen funkeln, Viel Lippen flüstern ein Flammenwort, Lacklcdcrne Füße bewegen Sich taktfest nach dem Akkord. Viel tausend Schmerzen leid' ich, Sie schwebt vor mir hin und sieht mich an! Ihr seclcnvoll Aug' kaun nicht lügen, ES ist um mich gethan! ;u Nasser, bis er zerbricht. ^ a» g — „Halt!" rief der Wirth. — „Du weißt, Max, daß ich Dich sehr gern improvisiren höre, aber in diesem Augenblicke bin ich außerordentlich neugierig, welchen Bericht Du nach so viel ausgelassenem Enthusiasmus bringst!" Maximilian setzte sich gelassen nieder, rieb sich die Hände und sah seine beiden Freunde sehr zufrieden an. — „Eigentlich ist Nichts vorgefallen, vortrefflicher Penurot!" — sagte er. — „Urtheile nur selbst. Es war ein ausgezeichnetes Fest bei Van Weely, Brandelaar sagt es auch. Die Vorgalerie und der Garten vor dem Hause waren glänzend illuminirt. Das Übrige kann ich übergehen, wenn Du nur so gut bist, Dir die geschmackvollste, reichste und amüsanteste noires vorzustellen, die je in Batavia gegeben worden ist. Außer dem Balle hatten wir noch chinesisches Feuerwerk uud ein Souper. Du weißt, es war Mevrouw Van Wee-ly's Geburtstag. Wir waren Alle sehr förmlich auf gut Holländisch eingeladen. Alles, was Batavia nur Angesehenes, Schönes und Jugendliches hat, war anwesend. Und doch, das versichere ich Dir ohne Uebertreibung, die wahren Königinnen des Balles waren die beiden Töchter des Hauses: Luise und Anna!" — „Die Damen Van Weely gefallen sehr!" — bestätigte Brandelaar. 4 24 Dcr King gcdt so large — „Gut, aber laß Maximilian jetzt sprechen, und-zwar diesmal ohne Verse!" — bemerkte Penurot. — »Nn6n! Die Herren wissen doch mehr oder weniger um mein Geheimniß!" - fuhr der Improvisator fort. — „Ich litt seit etlichen Tagen am großen ma-1ai86. Ich habe die Ehre, Ihnen zu erklären, meine Herren, daß dieser jetzt vollkommen gewichen ist!" — „Ausgezeichnet, aber wir können noch nicht beurtheilen, ob diese Mittheilung sich auf solide Gründe stützt!" Penurot machte diese Bemerkung nur, um Maximilian zu weitläufigeren Mittheilungen zu bewegen — aber das schien jetzt nicht im Sinne des glücklichen Gelegenheitsdichters zu liegen. Er versicherte in allgemeinen Ausdrücken, daß er sich schmeichele, durch die jüngste der Damen Van Weely nicht gar zu ungünstig betrachtet zu werden. Er erzählte, daß er heute Abend zwei Male mit Anna getanzt, daß er auch beim Souper neben ihr gesessen habe — aber für das Weitere zog er sich hinter eine Wolke von Geheimnißthucrei zurück. Penurot begriff sogleich, daß eine gewisse Verlegenheit ihn hindere. Alles zu erzählen. Er ließ ihm deshalb sein Glas ziemlich oft füllen und theilte so viel von seinen eigenen Erlebnissen an diesem Abende mit, als er cbcn für den Augenblick erzählen konnte. Die beiden zu Nasscr, biß er zerbricht. ^ IH jungen Männer waren aufs Höchste aufgebracht über die liFue zwischen Van Spranekhuyzen und seinen Beschützerinnen, und bezeugten ihrem Wirthe ihre volle Sympathie für sein Verhalten gegenüber dem geistreichen Junker. Dann suchte man wieder Maximilian zu ausführlicheren Mittheilungen anzuspornen, aber dieser blieb in Gedanken versunken, wiegte sich auf und nieder und murmelte leise vor sich hin: — „Viel tausend Kerzen glänzen, Laut schlägt manch' Herz in junger Brust, Auf Pauken und tiirt'sche Trommeln Schlägt der braune Maestro voll Lust!" Plötzlich rüttelte er sich aus seinem Nachsinnen auf und rief: — „Wohlan, ich will Euch nun die ganze, glückliche Geschichte dieses Abends erzählen'. Ich kann der Versuchung nicht länger widerstehen!" j Iß Dcr Krug M so langc VIII. ^?n welchtr Van Spranekhuzjzen ein« kleine Täuschung erleßt, und ?!!NNlol eine glosie Meng« V«wunschimgcn zum Atfien giebt. Maximilian traktirte seine Freunde an der Tafel des Marinehütels. Die Fremden und Logirgäste waren schon aufgestanden. Brandelaar, Van Spranekhuyzen und noch zwei Habitues waren sitzen geblieben, um einige Flaschen extrafeinen Bordeaux mit dem glücklichen Maximilian zu leeren. Denn der lebhafte Improvisator erschien heute zum ersten Male bei Tafel in seiner neuen Eigenschaft als Verlobter des Fräulein Anna Nuyts Van Weely. Drei Tage lang hatte er gefehlt, und immer war sein Glück der Gegenstand des Gespräches gewesen. Man behauptete schon, daß Maximilian sein Amt als zweiter Beamter am Sekretariat niederlegen, und daß sein zukünftiger Schwiegervater ihm eine sehr gute Stellung bei einer Landspekulation verschaffen würde. Bis jetzt hatte man diesen Punlt noch nicht berührt, sondern nur fröhlich und erregt geplaudert. Der gezwungene Ton, der anfänglich zu Naffcr, bi« er zerbricht. >s 27 herrschte, hatte vertraulicheren Gesprächen Platz gemacht, als erst unsere Gesellschaft allein bei Tische saß. Zumal Van Spranethuyzen glänzte durch frohe Laune. — „Die Tafel wird nun bald ein Paar Habitues verlieren," — sagte er. — „Ein Paar?" — frug Brandelaar. — „Ja, erstens Maximilian, wenn er sich verhei-rathet, und dann meine Person, denn ich ziehe in Kurzem nach Buitenzorg — zu Bokkermans..." — „Wieder ein Platz vakant im Sekretariat!" — rief Einer der Habitues. Brandelaar erhob sein Glas und stieß sehr geheimnißvoll und sehr vielbedeutend mit dem geistreichen Junker an, und allgemein folgte man diesem Beispiele. Man begriff sogleich, daß Van Spranekhuyzen sich mit seiner Frau und deren Familie versöhnt habe. Maximilian stand auf und wartete den Moment ab, in dem er eine Improvisation vortragen konnte. In diesem Augenblicke wurde Van Spranethuyzen sehr ehrerbietig und schüchtern am Arm getippt. Ein Malayer mit einem langen, rothen Kabaai stand hinter seinem Stuhle und verbeugte sich sehr tief, indem er ihm einen elegant zusammengefalteten Brief überreichte. Van Svra-nekhuyzcn stand sogleich auf, ohne auf Maximilian's Epigramme zu hören. Er ging bis an das andere Ende 4 28 Dcr K iug gebt so lange der Tafel, überlegte dort einen Augenblick unr erbrach dann den Brief. Derselbe enthielt nur wenige Zeilen und lautete folgendermaßen: — »klon oker Näouarä! Viktoria! Viktoria! Der Eigensinn Deiner umfangreichen Ehehälfte ist schließlich nur ein heimliches Interesse an Deiner Person. Dann haben wir den braunen Pflanzer bearbeitet und ihm deutlich bewiesen, daß die Ursache alles Unheils an meiner Vorgängerin lag. Lucy hat gerade heraus erklärt, daß sie Dich wiedersehen will, und der alte Herr hat zögernd zugestimmt. Pass' nur gut auf! Komm morgen, Sonntag, znm Frühstück zu Buys — dann kannst Du Dich einstweilen mit den Leuten versöhnen! Ich werde auch mit Mevrouw Ruytenburg hinkommen, — so können wir doch die erste Steifheit Eurer Unterhaltung etwas moderiren. ^.äieu! a la vie et a 1a mart! Alphonsine." Van Spranekhuyzen nickte zufrieden und winkte den Malayen in dem Augenblicke zu sich, als gerade die schallende Stimme Maximilians ihren höchsten Schwung zur Improvisation nahm. Er begab sich in sein Zimmer uud schrieb eilig eine Antwort in folgenden Ausdrücken : — »Zla ekere ^.Iplionziue! Du bist eine außergewöhnlich gescheidte Dame! Unsere Sache ist gewon- zu »affer, bis er zclbrlcht. 4 29 nen! Und dann verspreche ich Dir, dann kommt Me-vrouw Ontshoorn an die Reihe. Bis morgen! Ion Wut äevoue V. Sp." Leise singend warf er dies Billet dem sich tief verbeugenden Bedienten zu und eilte dann schnell wierer nach der Pendopvo zurück, um dem Feste Maximilians noch ferner beizuwohnen. Gerade als er sein Zimmer verließ, quakte der Tokkeh laut über seinem Kopfe, und er erschrack heftig. Aber er lächelte bald darüber und begriff den Grund dieses Schreckens nicht. Als er zu der Gesellschaft zurückkehrte, stand man gerade auf dem Punkte, auseinander zu gehen. Maximilian hatte vorgeschlagen, nach der Concordia zu fahren und die Musik zu hören. Er fügte hinzu, daß die Damen Nuyts Van Weely dort auch nonwnnen würden — und daß man ihn dort erwarte. Jeder der Herren sah ein, daß man ihn schon zu lange aufgehalten habe. Brandelaar frug Van Spranekhuyzeu, ob er mitführe, — und dieser stieg auch sogleich in die bereitstehende Bendi. Braudelaar bemerkte, daß der Junker außerordentlich laut und fröhlich war, — aber auch, daß er sich zuweilen über den zurückgeschlagenen Schirm des Wagens umsah, als ob er erwartete, daß ihm Jemand folge. Wirtlich meinte Van Spranekhuyzen, daß man ihn seit einigen Tagen eifrig verfolge, und eine fortwährende Indische Äidlk'tl'ck. IV, !) 1 IH Der Krug gM so langt Angst bedrückte ihn, wenn er an die Verwegenheit des tollen P6nurot dachte. Unter einer Fluth von Witzen fuhren beide Freunde nach dem Waterlooplatze. An der Concordia wurden sie durch die fröhlichen Töne der Stabsmusil begrüßt und fanren in der Nähe des Societätsgebäudes eine große Menge Menschen versammelt. Van Spranet« huyzen dachte daran, daß ^ucy und Mevrouw Buys auf dem Platze anwesend sein könnten, aber er überlegte auch, daß der alte Bokterman fie vielleicht begleite. Darum benachrichtigte er Brandelaar, daß er eine Tour durch die Wagen machen wolle, daß er aber sogleich zurückkommen werde, um eine Parthie zu machen. Er schlich sich nun in die Allee an der Seite des Gebäudes, und sah sich vorsichtig um. Bald hatte er die Equipage der Van Weelys entdeckt und Maximilian an der Seite seiner Braut — er zuckte die Achseln. — „Scheinman ist ein halber Narr und die Damen Van Weely sind ganze," — murmelte er bei sich selbst, — „und der Herr Van Weely ist nichts, als ein hochaufgeschossener Christenmensch." Er sprach diese Worte mit der größten Geringschätzung aus und eilte weiter. Vollkommen verborgen durch den Schatten eines dicken Baumstammes, setzte er jetzt eine Weile seine Beobachtungen fort. Lang« zu Nasser, biS c? zcrbiichl. ^ g z sam fuhr ein Wagen vorbei. Er beugt sich vor und erkennt, soweit es in der Dunkelheit geht, den alten Herrn Bokkermann. Die beiden Damen, welche ihm gegenüber sitzen, müssen Mevrouw Buys und Lucy sein. Der Wagen hält still. Van Spranekhuyzen hält es für das Beste, sich nicht zu bewegen und sich gar nicht zu zeigen. Es scheint, daß man in dem Wagen sehr wenig spricht. Endlich unterscheidet er deutlich Lucys Stimme: — „Ich mich wundere, ich ihn nicht sehe!" — „Herr Van Spranekhuyzen wird in der Societät sein!" — flüsterte die Stimme von Mevrouw Buys. Dann wurde das Gespräch kurze Zeit lang in sehr leisem Tone fortgesetzt. Auf einmal sagte Herr Bot« terman: — „Ich will einmal sehen, ob ich RuytenburA, Buys oder sonst Jemand in Concordia finde — auf Wiedersehen, meine Damen!" Und die vierschrötige, schwere Figur des buitenzorg-schen Grundbesitzers stieg aus dem Wagen, ging schnurstracks an Van Spranekhuyzen vorbei und verschwand zwischen Wagen und Fußgäugern. Jetzt hält der geistreiche Junker den Augenblick für geeignet, sich den Damen vorzustellen. Er geht eine Strecke Weges zurück und zeigt sich plötzlich seiner erstaunten Gattin. 4 I2 Der Krug geht so langt — »^staFFk! (Ausruf der Verwunderung' Eruaro, Du stehst hier, und ich denke. Du bist in äoncorvia'." Van Spranethuyzen grüßte mit viel Aplomb, während Lucy diese Worte sehr laut ausrief. Mevrouw Buys winkte ihm, und in einer Sekunde saß er den Damen gegenüber. Darauf befahl man dem Kutscher weiter zu fahren, und bald entfernte sich die Kalesche aus der Menge. Lucy lachte nervös laut und ergriff endlich in ihrem Entzücken beide Hände ihres höchst gebildeten Gatten, und hielt sie mit sichtlichem Vergnügen fest. Eine Viertelstunde später stieg Van Spranekhuyzen unter heimlichem Flüstern der Damen aus derselben Kalesche, als diese wieder am Gesellschaftsgebäude angelangt war. Die Versöhnung war vollkommen. Me-vrouw Buys gab ihm zu verstehen, daß der alte Herr sich auch wohl fügen würbe, da man ihm so viel Gutes von seinem Schwiegersohn gesagt habe, und all das früher Vorgefallene hauptsächlich auf Rechnung der frühern toquetten Gouvernante Ruytenburgs geschoben hatte. Nur müsse Van Spranekhuyzen die äußerste Vorsicht gebrauchen und dem alten Herrn ja nicht widersprechen, da dieser noch nicht ganz mit seiner Tochter übereinstimme, welche sich so bald als möglich mit ihrem Eduard versöhnen wollte. Den folgenden Mor- zu Nässn, biö cr zerbricht. ^ g, gen sollte sich die Sache entscheiden, und man erwartete ihn deswegen in der Villa Buys. Es war natürlich, daß Van Spranethuyzen kein Wort von seiner Korrespondenz mit dem vielgewandten Fräulein Serpensteyn verlauten ließ, — von dieser Verbindung durfte selbst Mevrouw Buys nichts wissen. Sehr vergnügt, und womöglich noch erregter, als vorher, suchte er jetzt Vrandelaar auf, um diesem seine Begegnung zu erzählen. Es traf sich gerade, daß Brandelaar sehr übler Laune war, da er keine dritte Person für eine Hombreparthie auftreiben konnte, — die zweite hatte sich bereits in der Person des Lieutenants Schotzer gefunden. Nun war die Sache sogleich in Ordnung, und Van Spranethuyzen sandte die Bedienten laut befehlend nach dranä)'-8ilina-^6!' und Wein aus. Brau« delaar und Schotzer waren bald ins Spiel vertieft. Van Spranethuyzcn sah sich fortwährend um, und ttank mit ungewohnter Hast. Brandelaar und Schotzer verwunderten sich sehr über seine Ausgelassenheit, und noch mehr über das seltene Glück, mit welchem er alle Spiele gewann. — „Habt Ihr Pönurot heute schon gesehen?" — fragte der glückliche Junker. — „Pönurot ist krank!" — antwortete Schotzer. — „Ich war vor dcm Diner bei ihm, er hat tüch- 1I4 Der Krug M so lange tigen Rheumatismus und Schmerzen in den Gliedern. Van Spranckhuyzen ließ in gewohnter Eile alle seine Zähne in einem fröhlichen Lachen sehen. Dann gewann er zum fünften Male ein prächtiges sans-I'reliäre. Verschiedene junge Herren standen um den Spieltisch herum, und Jeder erstaunte über das außergewöhnliche Glück des Junkers. Dieser trank dabei in Einem fort, ohne aber eine beunruhigende Wirkung an den Tag zu legen. Da sein Glück ihm selbst lästig wurde, schlug er vor, ein anderes Spiel zu machen. Seine Partner stimmten diesem Vorschlage gleich bei, und noch einige andere junge Leute schlössen sich den Spielern an. Man fing mit Ian8^usn6t an. Auch dabei begünstigte das Glück den Junker. Bald lagen ganze Haufen Silbergeld vor ihm auf dem Tische, und die Zahl der Zuschauer nahm immer mehr zu. Ungeachtet seiner guten Laune schien der Junker doch nicht viel Vergnügen an dem Interesse zu finden, welches seine Person einflößte, denn man hatte schon zuweilen behauptet, daß er nur allzu geschickt mit den Karten umgehe. Auf einmal wandte ihm aber das Glück den Rücken. Er mußte nun selbst große Summen wieder zurückbezahlen. Daher erklärte er, daß er nun genug Vergnügen von den Karten gehabt habe, und noch einen zu »asscr, bis li znbnchc. >>ZH Augenblick draußen sitzen wolle. Die Herren zuckten die Achseln, und Schotzer sagte mit unzweideutiger Deutlichkeit: — „Haben Sie zu tief ins Glas gesehen, he?" Die Anderen waren derselben Meinung, und Einige dachten, daß es recht gut sei, wenn er aufhöre, da seine veine vielleicht wieder zurückkehren könne. Der Gegen« stand ihrer Bemerkungen hatte sich indessen eine Manilla angesteckt und sich langsam durch die Vorgalerie entfernt. Die Musikausführung war zu Ende — die Menge hatte sich meistens schon zerstreut. Van Spra-nethuyzen sang bei sich selbst eine lustige Melodie. Er taumelte ein wenig, aber ging doch munter voraus. Eine außergewöhnliche Freude beherrschte ihn. Er tr i« umpHirte. Schon einmal hatte ihn die Gesellschaft ausgcstoßen — jetzt konnte er muthig wieder auftreten, denn jetzt hatte er Bundesgenossen gefunden. Er wußte sehr gut, daß ein Theil der batavischen deau-inuuäo ihn verachtete, daß ihn aber der andere Theil heimlich beschirmte. Seine Eitelkeit war sehr groß, und sein feurigster Ehrgeiz erstrebte nichts weiter, als ein einflußreiches Mitglied jener Welt zu werden inmitten derer, die ihn ausgestoßen hatten. Jetzt war er sicher, daß seine Pläne glücken würden! Er wollte den alten Herr Botkerman bald für sich gewinnen — dauu wollte er j g« Der Klug gcht so langc für einige Wochen nach Buitenzorg ziehen und dort erst seine Stellung befestigen. Er hoffte anf die Zeit. Später wollte er nach Batavia zurückkehren, denn auch Lucy war lieber in der Hauptstadt, und der Schwiegersohn des steinreichen Bokkerman würde wohl auf die eine oder andre Weise zu einer guten Stellung in der Welt kommen. Er fühlte sich außerordentlich vergnügt und lachte laut, während er vorausschritt. Auf einmal stand er still, und überlegte eine Weile. Er lachte nun lange und leise, denn er hatte eine sehr gute Idee. wie er meinte. Schnell ging er in der Richtung von Pasar Senen voraus. Auf dem ganzen Wege sang er leise sein ganzes repertoire französischer Arien durch. Immer eiliger ging er fort; sein Schritt war wohl ein wenig unsicher geworden, doch wankte er durchaus nicht. Aus Gewohnheit sah er sich noch zuweilen um, aber Penurot war krank — wer sollte jetzt noch seine Schritte ausspionircn? Aber sobald eine Gcndi oder ein Wagen an ihm vorbeifuhr, trat er vorsichtig auf die Seite in den Schatten. Eben näherte er sich der Brücke von Kramat. Schnell überschritt er dieselbe. Dann wandte er sich rechts. Es war ziemlich dunkel runr umher. Wohl funkelten die Sterne über seinem Haupte, aber doch verbarg ihn der Schlagschatten links an den Bambnswoh- zu Nafftl, bis er zerbricht. ^ I^ nungen unter dem hohen, tropischen Laubdach vollkommen vor jeder Beobachtung. Sein vorsichtiger Schritt erklang auf dem Kieswege an den Häusern entlang — die Hunde klafften laut, wo er vorbeiging. Beim ersten Bellen erschrak er wieder, einige Augenblicke später sah er zornig nach der Stelle, von welcher der Ton kam, und ballte wüthend die Faust. Endlich schlägt er links einen schmalen Fußweg nach dem Kampong Kwitang ein. Er ging einem Zaune entlang, über den die großen gelblichen Pisangblättcr wehten. Der Weg wurde breiter, er kam auf eine Art Kreuzweg, auf dem einzelne Klapperbäume ihre Gipfel verflochten. Eben tritt ihm ein Malayer mit einer Fackel entgegen. Schnell will er ausweichen, strauchelt aber, und taumelt gegen den pa^ar. Er stößt einen kräftigen Fluch aus, erholt sich aber sogleich wieder, da ihm aus einem der nächststehenden Häuser breite Lichtströme entgcgenfluthen. Das Geläute eines Gamelang ertönt in der Wohnung. Man feiert irgend ein 86<1ekak (Fest). Er schlüpft schnell vorüber, denn er hegt eine besondere Geringschätzung vor malayischen oder javaschen Eigen-thümlichkeitcn. So schnell wie möglich sucht er dem Lichtstrahle zu entgehen, und wählt nun cineu noch schmäleren Fußpfad, auf dem ihn Äste und Sträuche beinahe den Weg versperren. Lene nähert er sich einer ^HH Der Krug gcbt so lange Bambushütte. Zwei Klapperbäume erhebeu sich loth, recht vor dem schräg abfallenden Dache. Leise schleicht er herbei und lauscht eine Zeit lang. Alles ist still, unbeweglich und geräuschlos. Wieder kreischt plötzlich der Tokkeh. Und wieder schnürt ein unwillkührlicher Schreck ihm die Kehle zu. Aber schnell richtet er sich wieder auf und nähert sich geräuschvoll der Thüre. Es scheint, daß man ihn erwartet. Sogleich öffnet sich die Thür vor ihm. Ein mattes Licht dringt heraus. In der Öffnung zeigt sich eine junge Frau. Van Spranekhuyzen naht schnell und legt die Hand auf ihre Schulter. Aber sie weicht eilig zurück — der geistreiche Junker folgt ihr. — „Guten Tag. Sophie! aäa baai?« (Geht es gut?', sagt er. — „Vaai toe^an!» (Ja, Herr) antwortet Jene. — Van Spranekhuyzen wirft seinen Rohrstock und seinen Sonnenhut auf eine da16-d»1ö und sieht sich fröhlich um. Das frühere Pflegekind Pmmrots stand an einem kleinen Bambustischc. auf welchem eine Handarbeit lag. Eine Lampe mit drei Flammen beleuchtete vollkommen ihre ganze Gestalt. Sie hatte den Kopf etwas gebeugt, und folgte mit einem Seitenblicke allen Bewegungen ihres unerwarteten Gastes. Ihre Lippen bebten, und hätte Van Spranethuyzen sie aufmerksamer be- zu Nasser, bis cl zclbiicht. . /« Ja trachtet, so hätte- er wohl sehen können, daß dies aus Zorn geschah. Jetzt setzte er sich auf die daie-daiö und starrte sie neugierig an. — „Bist Du böse, Sophie?" — frug er. — »liäati!« (Nein). — „Warum bist Du denn immer so betrübt? Du weißt, daß ich es gut mit Dir meine, daß ich Dir helfen will, wenn der Schurke, dieser Penurot, Dich wie» der wegholen will — denn das wird er thun, sei überzeugt!" — »Xenapa?« Marum?) — »Xenapa?« Weil er wüthend ist, und weil er Dich für Dein Weglaufen strafen will! Aber heute ist er glücklicherweise krank!" — „Ist er traut?" Und die nonna trat näher — ein Schmerzenszug zeigte sich auf ihrem Gesichte. — „Ja, er ist trank, und er wird Dich nun wohl einige Zcit in Ruhe lassen!" — „Pater krank, Xasian!« — murmelte Sophie, und versank in trauriges Nachdenken. Van Spranekhuyzen erhob sich behutsam und näherte sich ihr. Scherzend wollte er ihre Gestalt umfangen. Mit einem lauten Aufschrei lief sie ihm aus dem 1 4y Dn Krug geht so lange Wege. Bald aber faßte sie sich wieder und sagte scheinbar ruhig i — „Du bleibst da auf der daie-daiö und stehst nicht auf — oder ich laufe weg, wie neulich, ja?" Van Spranekhuyzen blickte wüthend umher. Er kannte den unbeugsamen, stolzen Charakter des Mädchens. Ihre unerschütterliche Tugend reizte seinen Zorn bis zum Äußersten. Ueberdieß war er gar nicht in der Stimmung, sich Befehle vorschreiben zu lassen. — „Weißt du was, Sophie" — sagte er zornig, während seine Augen Funken sprühten — „cS muß nun ein Ende mit dieser Narrheit haben. Das dauert zu lange. Meine Geduld ist zu Ende; wenn du mir wieder so etwas sagst, gehe ich augenblicklich selbst zu Penurot und sage ihm, wo Du bist!" Die nnnna wies mit dem Finger nach der dale-dale, und Van Spranekhuyzen, der wohl einsah, daß mit Gewalt oder Drohung nicht der mindeste Einfluß auf sie zu gewinnen sei, setzte sich außer sich vor Wuth nieder, that aber sein Möglichstes, ruhig zn scheinen. Einen Augenblick lang überlegte er. Dann lachte er mit verzogenem Gesichte. Sein Kopf begann zu schwindeln. Es war zum Ersticken schwül nnb drückend im Zimmer. — „Höre mich an, Sophie!" — sagte er jetzt zu Waffcr, bis ei zcibricht. 1 z ^ mit sanfter und einschmeichelnder Stimme, — „das ist nun wirtlich sehr undankbar von Dir! Als Du von Penurot wegliefst, habe ich Dir gerathen, hierher zu gehen, und Dir versprochen, bei meinem Ehrenworte versprochen, dem alten Schurken nichts von Deinem Aufenthalte zu sagen!" — „Mein Vater kein alter Schurke — tläaii! « — „Das ist mir einerlei! Aber Du fürchtest Dich vor ihm und Du haßest ihn. Der Mann verfolgt mich — nur weil er vermuthet, daß ich weiß, wo Du Dich verborgen hältst, — und ganz gewiß kommst Du schlecht weg, wenn er Dich auffindet! Sei also freundlicher mit mir, oder ich gehe!" Sophie antwortete nichts, hielt aber ihre rechte Hand fest unter ihrem blauen Kabaai verborgen. Ihre schönen, schwarzen Augen starrten düster nach dem Ausgange der Hütte. Einen Augenblick zeigte sich etwas Glänzendes in ihren Augenwinkeln — aber bale erhob sie wieder stolz den Kopf und sah VanSpranek-huyzen mit der größter Geringschätzung an. Darauf sagte sie schnell: — „Es ist wahr! Dn hilfst mir in inik rosinak (dieses Haus)-. Ich glaube, Du sawe (ein) braver Mensch — aber Du kommst her, um mich quälen, immer quälen. Du saws «laälck 'ein Schufy !" ^ HÄ 5tr Krug gtbt so langt Van Sprauekhuyzen lachte laut auf, war aber bald wieder still. Er hatte sich auf der daic-daiö ausgestreckt mir lehnte mit seinem Kopfe auf seinem linken Arme. Er fühlte sich immer schwerer von dem Weine und immer gereizter zur Rache. Langsam ergriff er sein Cigarrcnctui und holte eben so langsam einc Manilla heraus. Er zeigte Sophien alle icinc glänzend« weißen Zähne und fragte scheinbar glcichgiltig: — »Nk, Sophie, gieb mir etwas api, ja?" Die Nonna überlegte einen Augenblick, dann entfernte sie sich. Als sie zurückkam, hatte sie ein brennendes taU-api Feuertau) in der linken Hand. Van Spranekhuyzen beobachtete sie aufmerksam, als sie sich ihm näherte. Sie trat furchtlos auf ihn zu und reichte ihm das taU-api. Der Junker nahm es an, aber blitzschnell faßt seine andere Hand den Arm der Nonna. Diese schien vollkommen darauf vorbereitet zu sein, denn eben so schnell schwingt sie den Kriß, den sie unter ihren Kabaai verborgen hatte. In einem minutenlangen lautlosen Ringen siel Van Spra-nekhuyzen hintenüber auf die dale-dalö. Die Nonna hielt ihren Kriß krampfhaft fest und eilte dem Ausgange zu. Van Spranekhuyzen richtete sich mühsam auf, und schleuderte das brennende Tau nach dem Kopfe der Nonna, die gerade durch die Thüre enteilte. Mit ei- zu Nasser, biS n zeibiicht. ^ i I nem heiseren Schrei stiegt er von seinem Sitze auf. Er wirft sich gegen die Thür. Zu spät. Sie ist von außen geschlossen. Mit aller Kraft, welche Wuth und Rachsucht dem halbbetrunkenen Elenden verleihen, rüttelt er jetzt an der Thüre. Einen Augenblick steht er still, um nach Athem zu ringen. Sein Gesicht ist schrecklich entstellt. Er keucht, und zittert am ganzen Körper. Er ballt die Fäuste, und stößt einen Schrei aus. — der nichts Menschliches mehr hat. Dann eilt er plötzlich auf die andere Seite der Hütte, schiebt eine Gardine zurück, welche den Eintritt zu einem zweiten Zimmer bildet, und sucht die Thüre. Jetzt hat er den Ausgang gefunden! Aber wieder versperrt! — keine Macht der Welt kann ihm helfen. Die Hütte bleibt geschlossen. Erschöpft von seinen erfolglosen Versuchen taumelt er wieder nach dem vorderen Zimmer, und sinkt dort auf der dalö-dai« zusammen. — „Sie muß zurückkommen!" — stöhnt er mit einem entsetzlichen Fluche. Ein Gefühl von Mattigkeit und Ermüdung bemeistert sich seiner ganz gegen seinen Willen. Er schließt die Augen. Aber das tali-api war auf die Seite in eine Zimmerecke gefallen, wo Bambusspäne und allerlei Leinwandfasern aufgehäuft lagen. 1 44 Der Krug gebt so langt Als die Nonna das Häuschen verließ, verschloß sie eilig von außen die Thür. Auch sie hatte ihren Vergeltungsplan gebilret. Dieser manierliche Schürte drohte ihr stets, sie an Penurot auszuliefern. Im Anfange hatte sie diese Drohung erschreckt, da sie vor der Idee zurückbebte, zu ihrem Pflegevater zurückzukehren. Dazu betrug sich Van Spranekhuyzen im Anfange auch sehr höflich und sanft gegen sie, als wollte er sie nur aus reinem Interesse gegen die Rohheit Pönurots beschützen. Aber bald waren ihr seine Besuche lästig geworden, und er hatte seinen Ton gegen sie verändert. Dann dachte sie oft daran, wie gut und sanft ihr Pflegevater meist gegen sie gewesen sei — und zögernd beschloß sie, zurückzukehren, obschon eine heimliche Scheu sie bis jetzt noch davon zurückhielt. Aber nun war ihr Beschluß vollständig zur Reife gediehen. Jedoch sie wollte sich auch rächen. Sophie war eine Farbige, aber sie besaß allen Stolz der stolzesten Weißen. Die dünkelhafte Mißachtung, welche in der Handlungsweise des Junkers lag, hatte sie am Meisten verletzt. Sie war in ihrer jungfräulichen Ehre tief beleidigt durch die vermessene Dreistigkeit des nier-rigen Schelmes. Absichtlich hatte sie ihn in die Bambuswohnung eingeschlossen, um Penurot seinen Aufenthalt zeigen und Mt ihm vereint Rache ausüben zu können. zu Nasser, bis er zerbricht. > H. g Jetzt lief sie pfeilschnell fort, durch den Kampong nach Parapattan, und durch einen Seitenpfad nach dem Kafernenwege. Sie eilte, so schnell sie konnte, und sah weder zur Seite, noch rückwärts — immer nur gerade vor sich hin — sie keuchte und rannte zuweilen so schnell als möglich vorwärts, zuweilen blieb sie einen Augenblick stehen, um Athem zu schöpfen. Immer noch hielt sie den Kriß in der Hand. Die wenigen Vorübergehenden, meistens Malayer, sahen ihr verwundert nach, aber sie kümmerte sich um Nichts. So erreichte sie den Waterlooftlatz, und immer schneller wurde ihr Schritt, als sie Bazar Baroe vorbeieilte und Noordwijk erreichte. Ihre rothsammtnen Pantoffeln entfielen oft ihren Füßen bei dem schnellen Laufen, dann hielt sie einen Augenblick ihren fliegenden Schritt auf. Als sie den Gang PatMongan erreicht hatte, entschlüpfte ihr ein tiefer Seufzer der Befriedigung. Nur noch wenige Augenblicke, und sie war in der Berendrechtslaan. Jetzt sing sie langsamer zu laufen an. Sie bemerkte, daß ihr üppiges Haar in großer Verwirrung über Rücken und Schultern hing, und verweilte einige Augenblicke, um ihr Äußeres etwas in Ordnung zu bringen. Es war gegen Mitternacht, als sie die Wohnung ihres Pflegevaters erreichte. Alles war dunkel und geschlossen. Kein Licht brannte mehr in der Vorgalerie. Indische Viblwlhct. IV. 19 1 ^ß Dcr Krug qckt so lange Sie schlich um das Haus nach der Pendoppo. Die Thüre der innern Galerie stand offen. Leise trat sie näher. In Pönurot's Zimmer brannte Licht. Bebend streckte sie die Hand danach aus. Sidin, der Diener ihres Vaters, sprang aus dem Schlafe auf, als sie sich näherte. — »viam, äiani« sStill, still) — flüsterte sie. Sidin trat zurück und stieß einen eigenthümlichen Schrei der Verwunderung aus. Aber Sophie drängte voraus und stand schnell in dem hellerleuchteten Zimmer Pönu-rots. Der Ex-Assistent war unwohl, litt an Schmerzen in allen Gliedern und tonnte nicht schlafen. Er lag mit einem großen Vorrathe französischer Romane auf seinem Sofa und trank Wein mit Wasser. Als er Sophien bemerkte, sprang er schnell auf, mußte sich aber wegen heftiger Schmerzen am Tische festhalten. Seine Pflegetochter warf sich vor ihm auf die Kniee und bat leidenschaftlich um Vergebung. Und nun sing ein Dialog voll verwirrter Ausrufe und Fragen an, bei welchem zwei große Thränen über die braune Wange Penurot's rollten, und die glückliche Nonna in ungestümes Weinen ausbrach. Penurot hatte ihr schon Alles vergeben, und beschuldigte sich selbst, die Ursache zu ihrer Flucht gewesen zu sein. Als Sophie etwas ruhiger war, setzte sie sich neben ihren Pflegevater auf das Sofa und fing eine lange Erzähl- zu Nasser, bis cr zerbricht. ^ 47 ung ihrer Erlebnisse seit ihrem Verschwinden an. Pö-nurot hörte zu, und seine Aufmerksamkeit steigerte sich, sobald der Name Van Spranekhuyzens genannt wurde. Seine Augen funkelten, und er bewegte sich unruhig hin und her. Endlich kam sie an die Geschichte der letztverlebten Stunden. — „Und nun ist er eingeschlossen?" — „Hm. hm!" — murmelte Sophie. — „Sidin, lekas, lekas!« (Schnell, schnell!) — »loewaii panßßil?« lHat Mijnheer gerufen?) — stammelte der schlaftrunkene Sidin. — »8061-06 pÄLanF karstta!« (Laß den Wagen anspannen'.) Penurot richtete sich auf. Er fühlte seine Schmerzen nicht mehr. Er war gänzlich hergestellt. Er hatte seine Tochter wieder und konnte den leichtsinnigen In-triguaut strafen — der ihn während der letzten drei Wochen so geschickt angeführt, und so unverschämt in Gegenwart der Damen Buys und Ruytenburg, des Fräulein Serpensteyn und der Marie Dunsinger verspottet hatte. Aber die meiste Freude gewährte ihm der Gedanke, daß sein Pflegekind die bösen Anschläge des Schurken stolz und muthig zu Nichte gemacht hatte, — daß sie in jeder Hinsicht gerettet war, daß sie noch die Freude und die Stütze seines Alter sein konnte. 10' ».« 148 Dtr Krug gcht so lange — „Vater!" rief auf einmal Sophie — »^.pn. itoe?« (Was ist das?) Penurot lauschte. Ein ungewohntes Geräusch war draußen zu hören. Die Faräoes (inländische Polizei« ageuten) schlugen auf den Block. Ein lautes Rufen von Stimmen klang durch die Luft. Auf einmal stürzt Sidin in's Zimmer, und ruft: — »^.pi, ws^an, api!« (Feuer, Herr, Feuer!) Pönurot eilt mit seiner Tochter hinaus, dem Haus entlang in die Vorgalerie. Dort angelangt, sehen sie eine jähe Feuersgluth im Südosten. Eine Menge Menschen eilen an dem Hause vorbei. Das Schlagen des Blockes in den Wachthäuschen, das Rufen der Far-äo68, der Lärm, der von fernher klingt, erfüllt sie mit Schrecken. ' — »vi inana api?« (Wo ist das Feuer?) rief Pe« nurot einem Eingebornen zu, der schuell vorbeilief. — »vi XainpunF I^itan^!« (In dem Kam-pong Kwitang!) lautet die Antwort. Ein Zittern schauerte über den ganzen Körper der Nouna. Sie richtete sich in ihrer ganzen Länge auf, und faßte Penurot krampfhaft am Arme. Sprachlos zeigte sie nach der Feuersbrunst, und endlich brach sie in den Schrei aus: — „Das taii-api! das taii-api!« Und bewußtlos siel sie zu seinen Füßen nieder. zu Nasser, bi« er zerbricht. 1 zg IX. ' Won« ein Triumph der klemm Hlara ?tnglenßnrg beschrieben wird. Sonntag Morgen, zwölf Uhr. Herr Ruytenburg sitzt in seiner kühlen, innern Galerie auf Tanabang. Sein Töchterchen Klara ist bei ihm. Er blättert in einem illustrirten, französischen Prachtwerke. Klara spielt mit einer Anzahl schön gekleideter Puppen. Herr Ruytenburg langweilt sich ein wenig. Seine Frau hat heftige Kopfschmerzen und wird nicht erscheinen. Die Outshoorns, auf deren Gegenwart vor dem Frühstücke er rechnete, sind nach Van Weelys gegangen, wo die Verlobung der jüngsten Tochter des Hauses mit dem Herrn Maximilian Maaning Scheinman gefeiert werden soll. Diesen Abend wirb ein großes Fest deswegen sein, Ruytenburg hat zugesagt, findet es also besser, jetzt nicht dort zu erscheinen, uud überläßt den Morgen lieber den intimen Freunden und Bekannten. — „Klara!" — sagte er — „wo ist das Fräulein?" ' l Im Holländischen ist hier immer der Ausdruck Hif" ange» wendet, eine Benennung, mit der untergeordnete, unverheirathete Damen zum Unterschiede von„Infvrouw", dem Fräulein des Hauses, angeredet werden. Doch ist der Ausdruck auch als sehr vertrauliche Anrede gebräuchlich. ^ «H Dcr Krug geht so lange — „In Fräulein sein Zimmer, Pal Sie geht aus — denn Kembang bestellt ein karstta (Wagen.)" — „So, dann gehe ich auch aus, und du gehst mit mir, Kind!" — »Nnak 6nak!« (Herrlich, herrlich!) rief die Kleine — „mit Papa aus!" Wenige Augenblicke später saß Ruytenburg mit seinem Töchterchen in seinem schönen coupe, und fährt nach dem Königsplatze, — nach der Villa Buys. Er will seinen alten Freund Bokkerman aus Buitenzorg besuchen, weil er gehört hat, daß dieser bald abreist. Während des Fahrens sagt Klara: — „Pa, darf ich mit, wenn Fräulein Henriette wieder nach Vuitenzorg geht?" — „Möchtest du nach Vuitenzorg, Klara?" — „Hm, hm!" — „Willst Du mich allein lassen?" — „Nein, denn Klara kommt bald wieder — aber Fräulein Henriette sagt, ich muß nur fragen!" — „Und Fräulein Serpensteyn?" — „Pfui, Fräulein Serpensteyn! Sie immer nakai (böse) mit mir! Sie zankt mich immer! Ach, Pa, schicke sie fort, ja?" zu Nasser, bis er znbrichl. > Ii Ruytenburg lachte. Er hatte öfters bemerkt, daß sein Töchterchen und Fräulein Serpensteyn nicht auf dem besten Fuße standen; hatte aber die Sache ihren natürlichen Lauf gehen lassen, und gehofft, daß das Kind sich wohl bald an ihre neue Gouvernante gewöhnen würde. Aber täglich mehr stellte es sich heraus, daß dieß nicht der Fall war. Fräulein Serpensteyn fchien-Klara weder leiten, noch leiden zu können. Und das Kind hegte einen natürlichen Widerwillen gegen ihre korpulente Gouvernante, und jemehr sich diese an ihre Mut« ter anschloß, desto mehr klagte Klara, daß das Fräulein sie täglich reize und quäle. Ruytenburg, der auf alle Fälle eine gewisse Achtung vor der „herrschenden Macht" hegte, Ruytenburg hatte bis jetzt den revolutionairen Sinn seines Kindes noch nicht unterstützt. Jetzt aber sah er Klara lachend an und sagte: — „Schön, ich werde Fräulein Serpcnsteyn wegschicken, aber dann geht Klara nach Europa — zu Tante Mina in Amsterdam!" — „Nicht hübsch, nach Amsterdam!" — „Gut, aber dann muß das Fräulein auch bleiben'." Das Kind sah seinen Vater mit flehenden Blicken an, und da sie gegen seine Argumente nicht aufkommen tonnte, warf sie sich fleheno in seine Arme. Das coupe rollte eben an der Besitzung des Herrn Karl 1H2 Der Krug gcht so lange Heinrich Buys vor, und das Gespräch wurde abgebrochen. Als Ruytenbura. mit seinem Töchterchen in der innern Galerie erschien, fand er daselbst nur die Hausgenossen mit ihren Gästen, dem alten Herrn Bokkerman und seiner Tochter Lucy. Die beiden Herren cmpfin--gen ihn sehr herzlich, die beiden Damen aber zeigten eine auffällige Zurückhaltung. Man hatte ihn nicht erwartet. Mevromv Buys schien überdieß nicht viel von Kinderbesuch zu halten. Klara wurde nach der Pendoppo gesandt, wo sie mit dem wilden Junker Karl herumspringen sollte. Lucy schob ihren Schaukelstuhl etwas näher zur Frau des Hauses heran. — „Warum kommt Fräulein Serpensteyn nicht mit?" — fragte sie leise. — „Sie wird wohl noch kommen!" — flüsterte Mevrouw Buys hinter ihrem Fächer. — „Aber ich begreife nicht von Eduard, er versprach sicher......es wird viel zu spät." Und Lucy schüttelt ihren kolossalen Kopf sehr entrüstet hin und her, sodaß man die diamantnen Haarnadeln ihres koiiäeii (Haarknoten) deutlich schimmern sah. Die beiden Damen beschränkten nun ihr Gespräch auf Ausrufungen über die Hitze, und überließen die Herren sehr gleichgiltig ihrer politischen Unterhat- zu »affcr, bis cr zerbricht. /> gg wng. Herr Buys bietet ein Glas Champagner als Morgenwein an; die Unzufriedenheit Lucys steigt mit jeder Minute. — „Toewan Penurot!" — meldete ein Bediente. Leider hörte es Mevrouw Buys nicht, und der Herr des Hauses nickte zustimmend. Als der Angemeldete eintrat, wurde die Frau des Hauses roth vor Arger. Pännrot war Van Spranekhuyzens Feind, und wenn sie sich hier trafen, konnte vielleicht eine unangenehme Scene zwischen Beiden stattfinden. Sie wandte sich ohne Begrüßung von ihm weg, und Lucy, die ihn nicht kannte, aber wieder ihren renigen Gatten erwartet hatte, folgte ihrem Beispiele. Pönurot hatte etwas sehr Gcheimnißvolles im Gesichte, etwas Bedeutungsvolles, welches Ruytenburgs Neugierde bald rege machte. Dazu kam noch, daß das Benehmen der Damen seine Aufmerksamkeit erweckte, und daß Buys sehr zerstreut war, so daß Herr Bokkerman allein das Wort führte. — „Heute Abend ist großes Fest bei-Van Wcely!" — sagte dieser. — «Es ist die Verlobungsfeicr der einen Tochter mit einem jungen Menschen hier. he?" — „Mit meinem Freund Scheinman," — fiel Ps-nurot ein. — „Ein ausgezeichneter junger Mann mit großem Talente, der es weit bringen wird!" tzz Der Krug gtht so lange — „Gehen Sie auch hin?" — fragte Buys. — „Ich bin eigentlich noch ein wenig invalid, Herr Buys! Gestern war ich noch sehr krank — und wenn ich Mevrouw Buys nicht etwas Wichtiges zu erzählen hätte, wäre ich auch heute nicht gekommen." Die Damen und Herren sahen Pönurot bei diesen Worten verwundert an. In diesem Augenblicke wurde ein neuer Besuch angemeldet. Mit einer Miene voll Triumph und Befriedigung schwebte Fräulein Serpcnsteyn in die Galerie. Die Bänder und künstlichen Blumen ihrer Coiffüre waren möglichst vielfarbig, und ihr hellseidnes Kleid war sehr auffällig grasgrün. Auf einmal veränderten sich ihre Züge. Anstatt Van Spranethuyzen fah sie Pönurot. Auch Herrn Ruytenburg hatte sie nicht erwartet. Aber bald saß sie bei den Damen und flüsterte sehr lebhaft mit denselben. Da die Aufmerksamkeit von der Erklärung des Ex-Assistenten abgelenkt war, fing Bokkerman wieder an: — „Ein entsetzlicher Lärm diese Nacht mit dem Feuer, he?" — „Ich habe glücklicherweise Nichts davon gehört!" — sagte Ruytenburg. — „Nein, so glücklich bin ich nicht gewesen!" — rief Penurot aus. — „Ich habe selbst sehr viel damit zu Nasser, bis ei zerbricht. 1 g5 zu thun gehabt, und die Neuigkeit, welche ich den Damen mittheilen will, steht auch damit in Verbindung!" Klara kam jetzt leise herein und flüsterte ihrem Vater ins Ohr, daß Karl Buys sie so langweile. Fräulein Serpensteyn lächelte ihr sehr freundlich zu, aber das Kind ging nicht zu ihr, sondern blieb hinter dem Stuhle seines Vaters stehen. Fräulein Serpensteyn erbleichte vor Angst und Ärger. Penurots Blicke waren sehr spöttisch. — „Nun, Penurot, was haben Sie denn eigentlich?" — fing Buys wieder an, den die Sache nun auch endlich amüsirte. — „Erinnern sich die Damen noch, Mevrouw!" — sagte der EpAssistent sehr Höftich zu der Wirthin, — «daß ich bei einem Besuche, welchen ich die vorige Woche die Ehre hatte, hier abzustatten, einen sehr heftigen Wortwechsel mit dem Herrn Van Spranekhuyzen hatte?" — „Ich erinnere mich dessen vollkommen gut'." — sagte die Angeredete trocken und scharf, mit unverhohlenem Zorn in der Stimme. — „Aber ich hätte niemals erwartet, daß sie selbst aufs Neue davon sprechen würden'.'' Die Aufmerksamkeit aller Zuhörer war jetzt bis aufs höchste gestiegen-. Alle sahen Penurot erwartungsvoll an. j Hß Der King gebt ft lange __ „Es wird Ihnen nicht unbekannt sein," — fuhr dieser fort, — „daß Herr Van Spranekhuyzen sich heute früh hier befinden sollte, wegen eines Versöhmmgs-versuchs mit seiner Gemahlin," — hier verbeugte sich Penurot höflicher als jemals gegen Lucy — „und mit seinem Schwiegervater!" — Neue Verbeugung vor dem Herrn Bokkerman. — „Davon wußte ich nichts!" — fiel dieser ein. — „Wie ich die Ehre hatte, Ihnen mitzutheilen!" — fuhr der Ex«Assistent stets zu Mcvrouw Buys gewandt fort, die vor Entrüstung ihren schönen Fächer mit den Marquischen auseinander riß. — „der Besuch des Herrn Van Spranekhuyzen war eine abgesprochene Sache zwischen Ihnen und Frau Van Spranekhuyzen." — Neue Verbeugungen. — „Ich glaube selbst, daß Fräulein Serpensteyn nicht unbekannt mit dieser Sache war!" Und immer gemessener verbeugte sich Penurot. Fräulein Serpensteyn verfolgte seine Auseinandersetzungen mit der äußersten Wuth. Plötzlich fiel sie ein: — „Ich glaube nicht, Herr Penurot, daß Junker Van Spranekhuyzen Sie um Erlaubniß zu fragen hat, wenn er dem Herrn Buys einen Besuch machen will, he?" — „Das glaube ich selbst! Aber ich bin der Meinung, daß er seine Besuche in Zukunft ruhig einstellen kann. Er ist ein ehrloser Schelm, den ein anständiger Mann nicht mehr in seinem Hause empfangen kann!" zu Nasser, bis cr zerbricht. 1 I 7 — „Hüten Sie sich!" — zischte die Gouvernante. — „Er wird augenblicklich kommen, und dann werden wir sehen, was Sie gegen ihn aufzubringen haben!" — „Er wird nicht kommen, Fräulein Serpensteyn! Es ist unmöglich, daß er kommt, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil cr schwer verwundet in seinem Hütel liegt — an Brandwunden, die er diese Nacht in dem Kampong Kwitang bekommen hat!" Das Erstaunen, der Schreck und die Wuth eines Theils der Anwesenden ist nicht zu beschreiben. Me-vrouw Buys lachte aus Verlegenheit und Zorn, Lucy starrte Penurot sprachlos an, Fräulein Serpensteyn schien sehr ruhig zu sein, und zeigte auf ihre Stirn, um anzudeuten, daß der Ex-Assistent plötzlich verrückt geworden sei. Die Herren sahen einander fragend an und warteten ab, was noch kommen solle. — „Vielleicht begreifen mich die Herren nicht," — fuhr Penurot fort, — „und deshalb werde ich Ihnen nähere Erklärungen geben!" Er gab nun eine kurze Erzählung von seinen Beziehungen zu seiner Pflegetochter — von dem Abende, an welchem sie seine Wohnung verließ — von seinen vergeblichen Bemühungen, sie aufzufinden — von seinem Verdachte gegen Van Spranekhuyzen — von seinem Zwist mit diesem und den anwesenden Damen, der vor Kurzem in der Vorgalerie der Villa Buys stattgefunden /158 Der Krug geht so lange hatte — von seinem Nachspioniren, und was er von dem Dialoge zwischen dem Junker und der Gouvernante gehört — von der Rückkehr seiner Pflegetochter, und was sie ihm erzählt hatte. — „Meine erste Sorge," — fuhr Psnurot fort, — „war nun, zu untersuchen, ob der Schuft bei dem Brande umgekommen sei. Ich habe mit Sophien selbst das Terrain untersucht. Von dem Hause war beinahe nichts übrig, — aber keine Spur von einem verbrannten menschlichen Wesen war zu entdecken. Dann eilte ich nach dem Marinehotel, obschon es tief in der Nacht war, und ging auf sein Zimmer. Er war dort!" Ein lauter Schrei des Fräulein Serpensteyn unterbrach hier die Erzählung. Mevrouw Buys hatte aus der Erzählung sogleich herausgefunden, daß Van Spra-nekhuyzen rettungslos verloren war. Auch Lucy sah mit dem vollen Scharfsinn einer Farbigen sogleich ein, daß er mehr als schuldig sei, sie schüttelte ihren Kopf hin und her, und zeigte nicht die geringste Rührung. Nur Fräulein Serpensteyn konnte ihre Erregung nicht bezwingen — sie lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit und stieß unwillkührlich den Schrei aus, welcher die Erzählung des Ex-Assistenten unterbrach. — „Beunruhigen Sie sich nicht!" — sagte dieser sogleich. — „Der Schuft lebt noch. Seine Hände und sein Gesicht sind durch Brandwunden fürchterlich ent- zu Wasser, bis cr zcibncht. 1 g 9 stellt, aber ich glaube nicht, daß er in Gefahr ist. Er selbst hat mich heulend gebeten, ihn zu schonen, und hierher zu gehen. Sie sehen, daß ich seinen Wunsch erfülle!" — „Und ich war im Begriffe, mich mit ihm zu versöhnen!" — sagte der alte Herr Bokkerman. — „Er hat durch seine Intriguen endlich seine eigene Schande herbeigeführt!" — fügte Ruytenburg hinzu. — „Glücklich, daß er gestern so ankam!" — „Eine harte Lehre für ihn!" — schloß Buys. Hierauf erfolgte ein längeres Stillschweigen. Me- vrouw Buys uud Lucy hatten sich unwillkührlich aus Fräulein Serpensteyns Nähe entfernt. Aus Penurots Erzählung wurde es Allen klar, daß sie die Fäden der Intrigue in Händen gehabt hatte. Man stellte sie in eine Linie mit dem geistreichen Junker und betrachtete sie mit Entrüstung. Ihre Lage war in der That nicht beneidenswerth. Sie sah alle Versammelten nach einander an, und hoffte doch von Jemand Beistand zu finden — aber da war Niemand, der nach ihr sah. — „Pa!" — rief jetzt die kleine Klara, — „sieh das Fräulein einmal an! Sie wird so roth, ja? Fräulein wieder nakal (böse), Pa!" Das war zu viel für die Gouvernante. Sie sprang auf und sagte mit unverschämter Kopfbewegung: 160 Dtr Krug geht so lange — „Sie begreifen, Herr Ruytenburg, daß unser Kontrakt zu Ende ist! Ich will mich von Kindern nicht beleidigen lassen, mein Herr! Ich habe Freunde genug, die mich beschützen! Die Zeit wird noch kommen, in welcher das Geschwätz eines Narren, wie Herr Pö-nurot, nicht mehr Glauben finden wird — und dann hoffe ich, daß die Damen und Herren sich nicht kom-promittirt haben!" Sehr gemessen verließ sie die Galerie. Ihr grünes Seidenkleid rauschte vornehm hinter ihr her. Sie öffnete selbst die Thür der Galerie und warf der Gesellschaft einen verächtlichen Blick zu. Dann verschwand sie unter dem Gelächter der Herren. Die kleine Klara hatte sich auf ihres Vaters Kniee gesetzt. Sie lehnte schmeichelnd ihr Köpfchen an feine Brust und sagte leise: — „Nun darf ich doch mit Fräulein Henriette gehen, — ja, Pa?" Ruytenburg seufzte und nickte schweigend. — „Sehr lieb von Dir, Pa!" — antwortete die Kleine, — „und ich werde bald zu Dir zurückkommen, denn das Fräulein ist weg!" (F06H0QF sakHli, März 1865. Piuck v«n Nltitlopf und Häittl in üe«pz^! Im Verlage von Ludwig Denicke in Leipzig sind erschienen : Mein Tagebuch in bewegter Zeit. Von Gustav Kühne. 8. XXI. 802 Seiten, broch. 2 Thlr. Erlebnisse und spannende Sckilderungen aus der großen Be> Wegungsperiode l847/50. Gesammelte Schriften von Gustav Kühne. 10 Bände. 8. brochirt. 10 Thlr. Inlmlt: Band 1. Gedichte. — Band II. Klosternovellen: Die Kinder aus der Provence. — Die Ursulincrin. — Die dalvinisten von Vaucluse. — Die Jesuiten in Paris. — Dic Hcimatk. Band III. Die Rel'ellen von Irland. Novelle. Aus den Papieren und Deniwüidigtcitcn der „Vereinigten Irlänter". Band IV. Deutsche Charaktere. 1. Tbeil: Friedrich dei Große. — Lessing. — Moses Mendelssohn. — Kam. Band V. Deutsche Charaktere. 2. Theil: Kaiser Joseph. — Mozart. — Kling«. — Geolg Förster. — Fiicdiich Hölkilin. Band VI. Deutsche Charaktere. 3. Theil: K.n> August uon Weimar. — Dic Dioscuicn von Weimar. — Goethe in der Echulc der Frauen. — Goethe und sein Jahrhundert. — Tchiller als Prophet — Tchillcr a!i Mensch und Dichter. Band VII. Deutsche Charaktere. 4. Theil: Jean Paul. — Ludwig üccl und dic Romantitei. — Heinrich von Kleist — Fichte. — >3chleicimacher. — Ärntl. — »bland. Band VIII dis X. Die Freimaurer. Eine Familiengeschichte aus dem vorigen Jahrhundert. Die Bände >—7 wcrden jeder einzeln zum Preise von I Thlr. abgegeben; die Bände ^—!U zu 3 Thlr. werden jedoch nicht getrennt verkauft. Indische Mlicht!!, IV. ^ lll-. I. ten Drink, OZtindiche Dümen und Verren. Dritter Theil. Leipzig: Ludwig Vcnickc 1868. Diuck von Vicitkopf unt Hälttl in Leipzig.