Josef Mati Z U R F R A G E D E R SE M AS I OL O G I SC H-K U L T U R - H IS T O R I S C H E N E R F O R S C H U N G D E R L E H N - U N D F R E M D W Ö R T E R IM S L O V E N I S C H E N Das Hauptinteresse und der Hauptteil der slavistischen sprachwissenschaftlichen Forschungsarbeit war bisher neben der Auffindung und kritisch-philologischen Sich- tung des sprachlichen Grundmaterials auf die Klarstellung und die Analyse der Herkunft und der Veränderungen der Laute und Formen, also auf die Laut- und Formanatomie bzw. -physiologie gerichtet. Auch die Wendung von der isolierenden positivistischen Betrachtungsweise zur strukturalistischen, von der genetisch dia- chronistischen zur synchronistischen, bedeutet, wie der neue Versuch einer Typo- logie der slavischen Sprachen von A. V. Isačenko1 zeigt, noch immer den Schwerpunkt des Interesses an der Lautphysis, allerdings bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Sprachrhythmik. Ich selbst glaube, daß an der Klassifikation Isačenkos sehr viel kritisch auszusetzen ist und zwar gerade unter Berücksichtigung der Innovations- erscheinungen urslavischer sprachlicher Tendenzen, auf deren Auftreten in räumlich weit entfernten slavischen Sprachbereichen R. Nahtigal in seinen »Slovanski jeziki« hingewiesen hat. Da ich mit W. von Humboldt, J. Grimm, K.Vossler in der Sprache in erster Linie ein geistiges Phänomen sehe,2 glaube ich, belehrt und angeregt durch die Erkenntnisse der Arbeiten eines H. Hirt, K. Vossler, H. Hatzfeld, E. Struck, G. Rohlfs, daß es an der Zeit ist, auch in der Slavistik sich mehr dem Problemkreis S p r a c h e u n d K u l t u r zuzuwenden. In diesem Sinne sollen die nachfolgenden Bemerkungen eine kleine Anregung darstellen. Unser Jubilar Ramovš hat bei souveräner Beherrschung des Materials und der Methode einen vor der strengsten internationalen Kritik bestehenden Bau der slo- 1 Linguistica Slovaca I/II 1939—40, Bratislava. 2 W. von Humboldt: »Die Sprache ist tief'in die geistige Entwicklung der Menschheit eingedrungen. Sie begleitet dieselbe auf jeder Stufe ihres lokalen Vor- und Rückschreitens und der jeweilige Kulturzustand wird in ihr erkennbar.« — Vossler (1904): »Aufgaben der Wissenschaft ist, den Geist als die allein wirkende Ursache sämtlicher Sprachformen zu erweisen.« venischen Laut- und Formenlehre sowie der slovenischen Dialektologie geschaffen. Von dieser gesicherten Grundbasis ist auszugehen. Außerdem ist durch die Arbeiten eines F. Miklosich, K. Štrekelj, A. Breznik u. a. die Wortkunde, der Wortschatz des Slovenischen, sowohl in volkssprachlicher als auch in literatursprachlicher Hinsicht im Wesentlichen geklärt und damit eine Voraussetzung gegeben für eine systema- tische Auswertung und Ausweitung des sprachlichen Materials auch auf die phraseo- logische, stilistische, syntaktische Seite hin, wie auch vor allem auf die volkssprach- liche Metaphorik hin,2"' zwecks Beantwortung der Frage, wie weit spiegelt die slovenische Sprache die äußere und innere Entwicklung des slovenischen Volkes, seine Lebensformen, sein Weltbild und Weltgefühl, seinen zivilisatorischen Entwicklungs- gang, sein Verhältnis zur Natur, zur Pflanzen- und Tierwelt, seine gesellschaftliche Entwicklung und Erfahrung, seine Auffassung des Religiösen, sein Verhältnis zu Gott und Schicksal. Gerhard Rohlfs (München), der nebenbei bemerkt vor kurzem eine auch für die balkanologische Sprachforschung methodisch sehr fruchtbare Untersuchung .»Griechischer Sprachgeist in Süditalien. Zur Geschichte der inneren Sprachform«3 gegeben hat, hat schon 1928 in seiner Schrift »Sprache und Kultur« an Hand von Beispielen darauf hingewiesen, daß bei der Feststellung der inneren Spiegelung des kulturell-zivilisatorischen Entwicklungsganges in der Sprache gerade der Weg der Lehn- und Fremdwörter sehr aufschlußreiche Ausblicke bietet. Auf südslavisches Gebiet übertragen gibt uns das Material an Lehn- und Fremdwörtern sowie Lehn- übersetzungen, das wir für das Slovenische K. Štrekelj und A. Breznik,4 für das Serbokroatische T. Maretic,5 F. Kurelac,6 M. Trivunac,7 für das Bulgarische B. Conev* verdanken, die nötigen Voraussetzungen. Gerade Conev bietet uns (S. 352 ff) sehr interessante Beobachtungen über Bedeutungsveränderungen bei Wortentlehnungen bzw. Lehnübertragungen aus dem Russischen und zwar in der Richtung vom Ab- strakten zum Konkreten z. B. bei pelalb, prikaz, pristav, prevrat, pust, presledvam, raven, razehoždam, suša, svčštb, slog, složen, skazka, suchar, stan, spor, tovar, uprava, urok. M. E. müßte auch das von Breznik gebotene Material an Lehnüber- tragungen hinsichtlich der semasiologischen Weiterentwicklung n,och näher verfolgt werden. 2"5 Vgl. für das Serbokroatische den Versuch J. Jurkovič, O metafori našega jezika. Rad 31 ; für das Bulgarische das Material bei M. E. Dabeva, Epiteti v b'blgar- skata narodna pësen'. 1939. 3 Sitzungsberichte d. Bayr. Ak. d. Wissenschaften, phil. hist. Kl., Jg. 1944/46 H. 5, München 1947. 4 Jezik naših časnikarjev in pripovednikov. 1944. Ruske i češke riječi u kniževnom hrvatskom jeziku, Rad 108. " Vlaške riječi u jeziku našem. Rad XX (21). 7 Nemački uticaji u našem jeziku. 1937. " Istorija na b'blgarski jezik T. II. Wir haben auszugehen von der auf dem Gebiete der klassischen, der germa- nischen und romanischen Sprachen gewonnenen semasiologischen Erfahrung,9 daß bei jedem Wort bzw. bei jeder Phrase das Bedeutungsfeld nach Umfang und Inten- tioniertheit, der Assoziationsradius, die Kontextbedeutung, der Bedeutungsumfang und die Veränderungen des Verhältnisses von Hauptvorstellungen und Nebenvor- stellungen und Affektwerten, die charakteristischen Metaphern und Metonymien, beobachtet werden müssen. Es handelt sich also bei der von uns geforderten Be- trachtungsweise nicht nur um die Klärung der Übernahme eines Wortes in lautlicher Hinsicht, also um die Klärung der Frage, ob das Wort genuin ist, sondern ebenso sehr um die systematische Beobachtung der Kategorie der übernommenen Wörter und Phrasen, wie weit Dingwörter der verschiedenen Lebensgebiete, soziale Be- griffe, Abstrakta, Interjektionen (z. B. bogati im Friaulisch-dalmatinisch-italienischen, isteši im Istro-čakavischen, kontinoma im Kajkavischen), um die Art des Hinein- wachsens und Weiterlebens in den neuen Sprachkörper und zwar nicht nur der lautlichen Seite nach (z. B. in der Vojvodina: idem na vandrok < Wanderung, idem na fremd). Außerdem sind nicht nur die herkunftsmäßig schwer erkennbaren Wörter von Interesse wie z. B. kurent oder vagan oder jedrik (bei Štrekelj) oder mar (Gra- fenauer) oder cala (Štrekelj) u. a., die im Sprachbewußtsein gar nicht mehr als fremd gefühlt werden, sondern ebenso auch diejenigen Wörter, deren fremde Her- kunft offen liegt wie z. B. die häufigen (Slov. nar. pesmi) joger, jogrc, forman, rajžati, puilec u. a. T. Maretič unterscheidet (Rad 108, S. 68) eine naturale Übernahme von Wör- tern von Volk zu Volk und eine künstliche Übernahme durch Literaten und zeigt an Beispielen ihr verschiedenes Schicksal im Leben der Sprache auf. Die ersten werden vom Volk als eigen empfunden und ohne Purismus gebraucht (ich habe im Belgrader Serbischen schon in den 20er und 30er Jahren beobachtet, daß Alltagswörter wie moler, glancbigleraj, cuger ( = Zubehör) vollständig als genuine Wörter empfunden werden), dagegen werden die von Schriftstellern eingeführten Wörter gemieden (der slovenische Bauer aus der Umgebung von Marburg fühlte adjunkt als genuin, pri- stav dagegen als fremd) und so weit als möglich durch eigene Wörter ersetzt oder häufig bedeutungsmäßig oder volksetymologisch umgewandelt. Die von Conev ange- führten Beispiele der Umdeutung übernommener russischer Wörter sind sehr auf- schlußreich. Wie weit ähnliche Erscheinungen auch im Slovenischen und Serbokroa- tischen in der neueren Volks- und Literatursprache systematisch beobachtet wurden, ist mir nicht bekannt. Für die russische Umgangssprache hat mein Hörer K. Klein " Für die europäischen Sprachen vgl. die Auswertung von O. Meisinger, Ver- gleichende Wortkunde. 1932. in seiner Dissertation über die Initialkürzungen in der heutigen russischen Sprache sehr interessante Belege von Umdeutungen gebracht. T. Maretič hat auch ferner (ibid. S. 69—70) m. E. mit Recht an Hand von Entlehnungen aus dem Türkischen und Magyarischen wie burgija, kazan, komšija, konak, beteg, tolvaj u. a. gegen die These Stellung genommen, daß nur Ausdrucksnot als Ursache der Entlehnung in Betracht komme, und gezeigt, daß auch Entlehnungen für res vorkommen, für die in der eigenen Sprache ein genuines sprachliches signum vorhanden ist. Das Gleiche können wir bei Durchsicht des von Štrekelj u. a. ge- sichteten und gesammelten Lehnwortmaterials im Slovenischen wie auch in den be- nachbarten steirisch-kärntnerisch deutschen und friaulisch-triestinisch-italienischen Dialekten konstatieren. Die Entlehnung aus Ausdrucksnot ist in den Fällen von sprachlichen signa der zivilisatorischen, religiösen, sozialen oder militärischen oder volkstümlichen Brauchtums- oder psychischen Begriffe dann gegeben, wenn eben eine neue res mit dem n e u e n aus einer anderen Sprache stammenden signum in das sprachliche Bewußtsein eintritt. Also z. B.10 bei den res für zivilisatorische Ding- bezeichnungen der Feld-, Wald-, Vieh-, Haus-, Kleidung-, Nahrung-, und Arbeits- kultur z. B. golida, tamar, menih; becidva, intemela, rašpet; camer, kontenina, ošpe- telj, cik, evil, kozulja; birja, u. a. oder bei den als res neu in Erscheinung tretenden sozialen Funktionen z. B. lizman, dežman, pronar, vojd, barder, hertar, gleštati, kertes, nemešnjak u. a. oder bei den res der religiösen Sphäre zusätzlich zu den von Miklosich (Die christliche Terminologie) angeführten Beispielen eiperes, jašprišl, pilun; oder der militärischen Sphäre z. B. soldak, golombiš, vezer u. a. oder im volkstümlichen Brauchtum z. B. camar, /tarant, prajtelj u. a. (abgesehen von den durch die Volkskundler Schneeweis und Kretzenbacher untersuchten volkstümlichen Bezeichnungen). Das Gleiche gilt ferner für die Bezeichnungen von Maßen und Spielen. Dagegen taucht schon die Frage auf, ist die wenig einleuchtende häufige Übernahme von Pflanzen- und Tierbezeichnungen z. B. dragoneelj, grana, grint, jedri/i, regrat, robida u. a.; jers, klokar, kotoma, modras, šterna, iirgee, iiba u. a. auf Ausdrucksnot zurückzuführen oder wurden genuine Bezeichnungen verdrängt oder hat die res nur mit Erscheinungen der slovenisch-deutsçhen bzw. slov.-itali- enischen bzw. slov.-magyarischen Sprachmischung zu tun. Das Gleiche gilt für die Übernahme von Verba (z. В. biinliati, bontati, bezgati, baglati, brüliti, basati, klju- kali, lajbati, marnjati u. a.), von Eigenschaftswörtern (lemi, klebern, vanek), von Abstrakta (sikešina, šktimpa, štrit, don u. a.). Zur Klärung des Eindringens und der Übernahme all dieser und ähnlicher Wörter wie auch von Lehnphrasen z. B. to mi 10 Die im folgenden gegebenen slovenischen Beispiele entstammen K. Štrekelj, Zur slavischen Lehnwörterkunde 1904 (Denkschriften Wien. Ak. phil. hist. Cl. Bd. L); derselbe, Prinos k poznavanju tujih besed v slovenščini (LMS 1896); derselbe, Slo- vanski elementi v besednem zakladu štajerskih Nemcev (ČZN V, VI). mi je šlo v lehet (hier kann der reine Fall der Sprachmischung vorliegen) ist wohl die semasiologische Grunderkenntnis heranzuziehen, daß es primär nicht darauf an- kommt, ob für die betreffende res schon ein genuines signum vorhanden ist, sondern um die besondere Bedeutungsintentioniertheit und um den besonderen Affekt- bzw. emotionalen Wert, der bei dem übernommenen Wort im Gefühl des betreffenden Fremdwortes als feiner oder gewählter oder als treffender, als ausdrucksbetonter z. B. bei Schimpfworten empfunden wird. Gerade die beliebte Übernahme und der Gebrauch von Schimpfwörtern z. B. baraba; bezjak, lola, tere, lutljek u. a. bzw. von Bezeichnungen, die pejorativ zu Schimpfworten entwickelt wurden wie z. B. flaka, cundra, cafudra, iblajtar, serbokroatisch jlinta, frajla, lacman u. a. sind in dieser Hinsicht besonders aufschlußreich. Die pejorative oder meliorative Umdeutung von Volksbezeichnungen im Slavischen wie švabo, german, latin, arnautin, tatarin, cerkez, vlah, grk u. a. wäre noch Gegenstand einer eigenen Untersuchung, die uns interes- santen Aufschluß über die Entwicklung der intraethnischen Beziehungen geben würde. In den meisten Fällen können wir ja die psychische, die apperzeptive, die emo- tionale Situation bei der Übernahme eines Wortes oder einer Phrase nicht beobach- tend feststellen, sondern versuchen sie nur zu rekonstruieren. Immerhin kann uns, wie die bisherige Forschung zeigte (M. Murko, K. Bulat, M. Vlajinac, О. Balzer, H. F. Schmid u. a.) die Heranziehung des volkskundlichen, des rechts- und sozialge- schichtlichen Quellenmaterials wertvolle Anhaltspunkte und Stützen bieten. Daß man mit dem Versuch der rein lautlichen Erklärung der Übernahme vollständig versagen kann, möchte ich an einigen unmittelbar beobachteten Beispielen illustrieren: In der Belgrader Umgangssprache während des letzten Krieges war die Phrase zu hören to je donela letita štuka, eine euphemistische Bezeichnung dafür, wenn jemand sich durch Plünderung gelegentlich von Kriegsereignissen wie z. B. Bombardements Möbel etc. angeeignet hatte. In Athen boten 1941/42 Schuhputzer- jungen auf den Plätzen ihre Kunstfertigkeit mit folgendem Ausruf an: tschtuka рис extra fain«. Wir sehen also in zwei Sprachen bei gleicher allgemeiner Situation die semasiologisch vollständig verschiedene Übernahme und verschiedene Umdeutung eines und desselben Wortes Stuka ==> Abkürzung für »Sturzkampfflieger«. In dem ersten Falle eine Personifizierung der Ursache der Plünderungsmöglichkeit, im zweiten Falle Stuka als Qualitätsbegriff des Superlativischen, zusätzlich zu den bei- den superlativisch verwendeten Worten extra fain. In Banjaluka war vor einigen Jahrzenten folgende Phrase zu hören: danas sam ciglik in dem Sinne »heute bin ich (angeregt durch Alkohol) in einer gehobenen Stimmung«. Erklärung: in Banjaluka lebte in Pension ein alter Hauptmann der k. u. k. Armee, ein gebürtiger Tiroler. Wenn er abends im Wirtshaus in eine weinselige Stimmung geriet, so sang er das Lied »Tirol, mein einzig Glück«. Die Anwesenden 21 Slav, rovija 517 heimischen Slaven assoziierten nun, ohne den Wortlaut zu verstehen, die weinselige wehmutsvolle Stimmung mit (ein)zig Glück > ciglik und so trat ci g lik als Adjektivum in den ob gezeichneten Sinne in ihr sprachliches Bewußtsein. Daß bei derartigen Übernahmen auch ausgesprochene Verkehrungen der Bedeu- tung ins Gegenteil vorkommen, zeigt das von M. Trivunac angeführte Beispiel aus der Belgrader Sprechweise klaj, klaj (< gleich, gleich! des österreichischen Kellners) in dem Sinne von »langsam, es dauert noch eine Weile«. Oder ein anderer Fall, den mir mein Vater im heimatlichen Dorf an der steirischen deutsch-sloveni- schen Sprachgrenze erzählte: »Als in unserem Dorf ein Brand ausbrach, rief der Nachbar, der in der Jugend aus den Windischen Büchein zugewandert war, also muttersprachlich Slovene, ,Gsegns Gott' (Segne es Gott), beim Nachbar brennts.« Er hatte also die Phrase »Gsegns Gott« in dem Sinne г Hilf Gott« sprachlich assoziiert. Für das Slovenische, ebenso für das Serbokroatische, hat das aus der siedlungs- geographischen und geschichtlichen Entwicklungssituation der jahrhundertelangen friedlichen slovenisch-(serbokroatisch-)deutschen bzw. slovenisch-(serbokroatisch-) italienischen bzw. slovenisch-(serbokroatisch-)magyarischen Symbiose sich ergebende Problem der Sprachmischung eine außerordentlich große Bedeutung und zwar nicht nur im Wortschatz, sondern auch in der Phraseologie, in der Syntax (z. B. ver- änderte Reflexivkonstruktion, Verlust des präpositionslosen Instrumental), aber auch im Lautlichen, in der Artikulationsbasis (z. B. Verdumpfung des a zu o, Diphton- gisierungstendenz, Vibration sli, ell, z / i im Dalmatinisch-Cakavischen usw.), ebenso im Sprachrhytmus (vgl. die Bemerkungen J. Keleminas, Slov. nem. kult. odnosi. 12). H. Schuchardt hat in seiner Festgabe für F. Miklosich »Slavo-Deutsches und Slavo-Italienisches« die Erscheinungen der slavisch-deutschen und slavisch-italieni- schen Sprachmischung und Doppelsprachigkeit sowohl im sprachlichen Tatsachen- bestand als auch ihrer grundsätzlichen sprachwissenschaftlichen Seite nach behandelt und damit eine auch heute noch brauchbare und richtungweisende, wenn auch materialmäßig zu ergänzende Grundlage für die Erkenntnis dieses sprachlichen Phänomens geschaffen. Das von Strekelj gesammelte und untersuchte Lelm- und< Fremdwortmaterial romanischer, germanischer und magyarischer Herkunft oder Vermittlung im Slove- nischen sowie das Lehnwortmaterial slovenischer (slavischer) Herkunft in den deutsch-österreichischen Dialekten von Steiermark und Kärnten sowie im Friauli- schen, im Gebiet von Triest und Istrien, beweist, daß wir den kulturgeschichtlichen Tatbestand einer ethnischen Symbiose durch Jahrhunderte, nicht aber den Tatbestand einer Überschichtung vor uns haben. Denn die Entlehnungen tragen sowohl auf dem Gebiete der materiellen Lebenskultur der Zivilisationstermini wie auf dem Gebiet der übrigen Kultur nicht einseitigen, sondern wechselseitigen Charakter. Wenn wir im Slovenischen, wie die vorhin erwähnten Beispiele, die nur eine kleine Auswahl darstellen, zeigen, Entlehnungen für Nahrung, Kleidung, Wohnung, Arbeit- und Wirtschaftsgerät, wirtschaftliche Arbeitstätigkeit aus dem Germanischen bzw. Roma- nischen bzw. Magyarischen finden, so finden wir aus den gleichen Lebensgebieten auch relativ zahlreiche Entlehnungen aus dem Slovenischen in den österreichisch- deutschen Dialekten z. B. Krenn, Gubanitze, Jause, Vochnitze; Kasekin, Kontusch, Kepenek, Gati; Kaluppe, Keusche, Durnitz, Fesslitz; Kosch, Krachse, Kummet, Startin, Manschetter, Zwitschker, Gotschel, J aar, Karabatsch, Tafernitz; G raglach, Gramatel, Drosger u. a., ebenso im Italienischen.11 Wenn wir andrerseits im Slo- venischen zahlreiche Entlehnungen aus dem Gebiet der belebten Natur (Pflanzen- und Tierbezeichnungen) aus den Nachbarsprachen antreffen, so finden wir das Gleiche auch in den österreichisch-deutschen Dialekten z. B. Pleschke, Puran, Tabol- habaum, Heische, Kapper, Tscliunkel, Girlitz u. a. Das Gleiche bei den Bezeich- nungen für Spiele. Aber auch auf dem Gebiet der kulturgeschichtlich interessanten affektbetonten Schimpfwörter finden wir die Wechselseitigkeit, so einem flaka mit der bedeutungsmäßig pejorativen Weiterentwicklung »Fetzen« > »Schlampe«, einem bersa ebenso mit pejorativer Weiterentwicklung »verdorbener Wein« > »verdorbener Mensch, einem cundra, drajna, haja, iblajtar u. a. stehen in den steirisch-kärntne- rischen deutschen Dialekten die aus dem Slovenischen stammenden Schimpfwörter Tschuri, Zaucke, Istritze u. a. entgegen, abgesehen von verschiedenen Rückentiehun- gen wie Lola u. a., die ich selbst in meinem heimatlichen Abstalerdialekt beobachtet habe und die bei Štrekelj noch nicht verzeichnet sind. Die wechselseitige Entlehnung geht auch auf das Gebiet der militärischen, der Waffen- und Kampftermini, denn wir finden in den steirisch-kärntnerisch deutschen Dialekten Wörter wie Pusikan, Ter- schinke, Taber, Tschardak, Tachetter, Tscherga, Dusak, Haramien u. a. H. Schuchardt (о. c. p. 21 ) betont, daß Feldlager und Kaserne stärkere sprachliche Wirkungsfaktoren darstellen als Schule und Amt. Das gilt allerdings nur für die Verkehrssprache, nicht aber für die Hochsprache. Ich will hier nicht auf weitere Details, auch nicht auf die kulturgeschichtliche Auswertung der einzelnen Fälle näher eingehen. Jedenfalls zeigt uns das Lehnwort- inaterial eindeutig, daß auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Arbeit in Haus, Feld, Wald, Weingarten, in der handwerklich-gewerblichen Tätigkeit der lang dauernde Zustand der organischen, intraethnischen friedlichen Symbiose gegeben war. Ich bin überzeugt, daß die weitere Untersuchung und Auswertung des Lehn- und Fremd- wortes Suwie des Lehn-Phrasenbestandes in kulturgeschichtlicher semasiologiacher Sicht uns vertiefte Einsicht nicht nur in die äußere zivilisatorische, sondern auch in die innere Geschichte des slovenischen Volkes und seiner Beziehungen zu den Nach- barvölkern zu bieten imstande ist. Komparativ erweitert auf das gesamte Slaventum 11 Vgl. die Beispiele bei K. Štrekelj A. f. sl. Ph. 25, S. 407 ff und 31, S. 203 ff. 21* 319 — auf Grund des von A. Brückner, A. Matzenauer, O. Hujer, G. Korbut, A. N. A. Smirnov, R. Smal-Stockyj, St. Mladenov, B. O. Unbegaun, A. Stender-Petersen u. a. gesammelten und untersuchten Lehnwortmaterials — zu einer vertieften Kenntnis des kultur-zivilisatorischen Entwicklungsganges der Slaven im Rahmen der euro- päischen bzw. eurasischen Kulturentwicklung. Graz, August 1950. P o v z e t e k Avtor meni, da se je slavistika doslej ukvarjala predvsem z anatomijo glasov in oblik, da pa bi se morala sedaj izraziteje obrniti k jezikovno kulturnim problemom. Jubilant Ramovš je ob suverenem obvladovanju snovi in metode ustvaril stavbo slo- venskega glasoslovja in oblikoslovja in slovenske dialektologije, ki zdrži tudi naj- ostrejšo mednarodno kritiko; to je trdno izhodišče. Razen tega so Miklošič, Štrekelj, Breznik i. dr. že dovolj pretresli ljudsko in knjižno besedišče, da se vse to sistematično uporabi in razširi tudi v frazeološkem, stilističnem in sintaktičnem pogledu, da se prouči zlasti ljudska metaforika, dožene, koliko odsevajo iz jezika slovenskega ljud- stva njegove življenjske oblike, podoba sveta, izobraževalni razvoj, razmerje ljudstva do narave, živalskega in rastlinskega sveta, do božanstva in usode, njegov druž- beni razvoj. Poudarja Maretičevo ločitev med neposrednimi ljudskimi prevzemi in literarnim posredništvom, da je neposredno prevzeta tujka ljudstvu kljub tuji osnovi bolj do- mača kakor posredni literarni izrazi z domačo jezikovno osnovo; tako je kmetom v mariborski okolici bolj domača tujka adjunkt kakor literarni pristav. Poudarja z Maretičem, da prevzemanja tujk ni zmeraj odločala resnična potreba, da je bila prevzeta marsikaka tujka ob enako dobrem domačem izrazu, včasih z novo stvarjo, včasih s civilizacijskimi pridobitvami, včasih po resničnem jezikovnem mešanju na mejah, velikokrat pa iz hlastanja po modi. Za vse to navaja zglede po Štreklju. Kako nič ne pove samo glasovno preiskovanje besede, pojasnjuje s samosvojo in čisto različno uporabo nemške okrajšave štuka (Sturzkampfflieger) v Beogradu (donela je štuka => dobil sem pri bombardiranju; blago dobljeno ob bombardiranju) in v Atenah (štuka pue extra fajn = Super la t iv , s kakršnim se ponujajo snažilci čevljev po cestah) med zadnjo vojno. Drug tak zgled je ciglik v Banjaluki po pesmi opitega častnika »(Tirol mein ein)zig Glückt v izrazu: danas sam ciglik = »dobre volje«. Podobno Trivunčev zgled klaj klaj iz natakarjevega Oleich gleich v Beogradu. Podoben primer je nemški Gsegns Gott namesto Hilf Gott ob sjovensko-nemški ineji, ko je začelo goreti pri sosedu. Schuchardtove smernice, ki jih je napisal v počastitev Miklošiča v Slavo-Deutsches und Slavo-Italienisches, so še zmeraj veljavne, treba bi jih bilo le po gradivu razširiti in po vsebini poglobiti. To tudi z nemške strani, zakaj tudi obmejna nemška narečja na Koroškem in Štajerskem so marsikaj prevzela iz slovenščine, kakor je pokazal že Štrekelj. To pojasnjuje ob nekaterih medsebojnih izposojenkah, zlasti ob sramotilnih besedah in zmerjanju.