Markus Schmalzl1 THE ARCHIVES IN INTERNATIONAL COOPERATION PROJECTS. CLARIFICATION OF ARCHIVED DATA USING THE EXAMPLE OF CREATING A DIGITAL CROSS-BORDER PORTAL AND LOCAL HISTORY FOR BAVARIA AND THE CZECH REPUBLIC Abstract On an international level archives cooperate in many different ways. Frequently, im- proving archival data accessability in border regions is an important goal. A major pro- ject of this kind, based in the Bavarian-Czech border region, is the archive portal Porta Fontium. For 13 years now, this project has been and still is developed and extended by the Bavarian state archives, the state-based regional archive of Pilsen and connected archives as well as several university partner organisations by now. Based on intensive co-ordination on the archivical level, this has constructed both an approach to archived historical data for citizens without professional qualification as well as a major pillar of science data infrastructure for a core area of Europe, providing an important access to historical data for all scientific disciplines – a major step towards FAIRification of ar- chived data of the bavarian-czech border region. The next step here is configuring a dig- ital platform for local studies and the inclusion of several historical memory institutions and citizens. Keywords: Archive portals, International cooperation, Linked Data, FAIRification, FAIR-principles GLI ARCHIVI NEI PROGETTI DI COOPERAZIONE INTERNAZIONALE. CHIARIFICAZIONE DEI DATI ARCHIVIATI UTILIZZANDO L’ESEMPIO DELLA CREAZIONE DI UN PORTALE DIGITALE TRANSFRONTALIERO E DELLA STORIA LOCALE PER LA BAVIERA E LA REPUBBLICA CECA Abstract A livello internazionale gli archivi cooperano in molti modi diversi. Spesso, migliorare l’accessibilità dei dati d’archivio nelle regioni di confine è un obiettivo importante. Un grande progetto di questo tipo, con sede nella regione di confine bavarese-ceca, è il portale dell’archivio Porta Fontium. Da 13 anni questo progetto è stato ed è tuttora svi- luppato ed esteso dagli archivi di stato bavaresi, dall’archivio regionale statale di Pilsen e dagli archivi collegati, nonché da diverse organizzazioni partner universitarie. Basato su un intenso coordinamento a livello archivistico, questo ha costruito sia un approccio ai dati storici archiviati per i cittadini senza qualifiche professionali, sia un importante pilastro dell’infrastruttura di dati scientifici per un’area centrale dell’Europa, fornendo un importante accesso ai dati storici per tutte le discipline scientifiche – un passo impor- tante verso la chiarificazione dei dati archiviati della regione di confine bavarese-ceca. 1 Markus Schmalzl, Dr. phil., Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, IIAS member, Markus. Schmalzl@gda.bayern.de 15THE ARCHIVES IN INTERNATIONAL COOPERATION PROJECTS. CLARIFICATION OF ARCHIVED DATA USING THE EXAMPLE OF CREATING A DIGITAL CROSS-BORDER PORTAL AND LOCAL HISTORY FOR BAVARIA AND THE CZECH REPUBLIC MARKUS SCHMALZL Il prossimo passo qui è la configurazione di una piattaforma digitale per gli studi locali e l’inclusione di diverse istituzioni e cittadini della memoria storica. Parole chiave: portali di archivio, cooperazione internazionale, dati collegati, chiarifica- zione, principi FAIR ARHIVI V PROJEKTIH MEDNARODNEGA SODELOVANJA. RAZJASNITEV ARHIVIRANIH PODATKOV NA PRIMERU IZDELAVE DIGITALNEGA ČEZMEJNEGA PORTALA IN LOKALNE ZGODOVINE ZA BAVARSKO IN ČEŠKO Na mednarodni ravni arhivi sodelujejo na različne načine. Pogosto je pomemben cilj iz- boljšanje dostopnosti arhivskega gradiva v obmejnih regijah. Projekt te vrste, ki deluje v bavarsko-češki mejni regiji, je arhivski portal Porta Fontium. Ta projekt že 13 let razvi- jajo Bavarski državni arhiv, Državni regionalni arhiv Plsen in drugi arhivi ter več partner- skih univerz. Na podlagi intenzivnega usklajevanja arhivskega gradiva se je oblikoval pristop do arhiviranih zgodovinskih podatkov za državljane brez poklicnih kvalifikacij, kakor tudi za infrastrukture znanstvenih podatkov Srednje Evrope. Zagotavljen je po- memben dostop do zgodovinskih podatkov za vse znanstvene discipline, kar je velik korak v projektu „FAIRifikaciji“ glede na skupno arhivsko gradivo s podatki za bavarsko- češko obmejno regijo. Naslednji korak bo konfiguracija digitalne platforme za lokalne študije in vključitev več ustanov, ki skrbijo za zgodovinski spomin. Ključne besede: arhivski portal, mednarodno sodelovanje, povezani podatki, FAIRifika- cija, FAIR-načela. ARCHIVE IN INTERNATIONALEN KOOPERATIONSPROJEKTEN. FAIRIFICATION ARCHIVIERTER DATEN AM BEISPIEL DES AUFBAUS EINES GRENZÜBERSCHREITENDEN PORTALS UND EINER DIGITALEN HEIMATKUNDE FÜR BAYERN UND TSCHECHIEN Abstract Archive kooperieren auf internationaler Ebene in zahlreichen Projekten. Nicht selten, um die Zugänglichkeit archivierter Informationen in Grenzräumen zu verbessern. Ein Leuchtturmprojekt dieser Art für den bayerisch-tschechischen Grenzraum ist das Archiv- portal Porta Fontium, das seit 13 Jahren von den Staatlichen Archiven Bayerns, dem Staatlichen Gebietsarchiv in Pilsen und den diesem nachgeordneten Kreisarchiven Eger und Karlsbad sowie mittlerweile auch einer Reihe universitärer Partner auf- und aus- gebaut wird. Auf der Grundlage intensiver archivwissenschaftlicher Abstimmungen konnte so sowohl ein Angebot für Bürger*innen ohne wissenschaftliche Vorbildung als auch eine wichtige Säule der Forschungsdateninfrastruktur zu einem Kerngebiet Euro- pas errichtet werden, die für alle wissenschaftliche Disziplinen, die historische Daten nutzen, einen wichtigen Zugang bietet. Damit wurde ein wichtiger Meilenstein für die FAIRification archivierter Daten des bayerisch-tschechischen Grenzraums erreicht. Der nächste Schritt wird dabei der Aufbau einer Digitalen Heimatkunde sein und die Auf- nahme weiterer Gedächtnisinstitutionen in das Projekt. Keywords: Archivportal, Internationale Kooperationen, Datenvernetzung, FAIRifica- tion, FAIR-Prinzipien 16 THE ARCHIVES IN INTERNATIONAL COOPERATION PROJECTS. CLARIFICATION OF ARCHIVED DATA USING THE EXAMPLE OF CREATING A DIGITAL CROSS-BORDER PORTAL AND LOCAL HISTORY FOR BAVARIA AND THE CZECH REPUBLIC MARKUS SCHMALZL EINFÜHRUNG Die staatlichen Archive in Deutschland unterhalten vielfache Beziehungen zu Partner- institutionen im Ausland. Neben Wissenstransfer und archivwissenschaftlichem Diskurs etwa im Rahmen der Mitgliedschaften im International Council on Archives oder dem Institut für Archivwissenschaft in Triest und Maribor bestehen dabei auch Möglichkeiten zu gegenseitigen Praktika und Arbeitsaufenthalten, wie etwa im Rahmen der deutsch- französischen Zusammenarbeit oder der Arbeitsgemeinschaft der Alpenregionen der EU-Mitgliedstaaten. Nicht selten steht bei den Kooperationen aber auch die Verbesse- rung der Zugänglichkeit von Archivalien insgesamt im Zentrum der Zusammenarbeit oder der Fokus liegt auf bestimmten Archivaliengruppen, etwa zur Geschichte des Na- tionalsozialismus oder zu während der Kolonialzeit geraubter Kulturgüter (Bickhoff & Seidu, 2019, 24). Prominente Beispiele, an denen das Bundesarchiv beteiligt war, sind hier etwa das APEx-Projekt zum Aufbau des europäischen Archivportals und das Pro- jekt EHRI, mit dem eine Forschungsdateninfrastruktur zum Holocaust geschaffen wurde (Kemper, 2018, 147). Sofern Archivalien auch nach gemeinsamen Richtlinien erschlos- sen und online verfügbar gemacht werden sollen, spielen neben technischen Aspekten auch gemeinsame Standards der Erschließung und mithin auch archivwissenschaftliche Fragestellungen eine bedeutende Rolle. Nicht selten konzentriert sich dabei die Zusam- menarbeit staatlicher Archive auf internationaler Ebene insbesondere auf unmittelbare Nachbarländer und Archivaliengruppen mit Bezug zur gemeinsamen Geschichte. Genese, Verlauf, Herausforderungen, Chancen und Gewinn eines langjährigen interna- tionalen Kooperationsprojekts zur Verbesserung der grenzüberschreitenden Zugäng- lichmachung und Nutzung archivierter Informationen werden im Folgenden anhand der Zusammenarbeit der Staatlichen Archive Bayerns mit Archiven der Tschechischen Republik und hier insbesondere Westböhmens erörtert. Alle wesentlichen Teilstufen des Gemeinschaftsprojekts, das sich mittlerweile im dreizehnten Jahr befindet, wurden vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert. 1. GENESE UND ZIEL ARCHIVISCHER ZUSAMMENARBEIT IM BAYERISCH-TS- CHECHISCHEN GRENZRAUM Der heutige bayerisch-tschechische Grenzraum, der nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum 1989 durch einen quasi undurchlässigen „Eisernen Vorhang“ getrennt war, bildete in der Vergangenheit über Jahrhunderte hinweg einen gemeinsamen Wirtschafts- und Kulturraum, dessen biographische, familiäre, dynastische, ökonomische und administ- rative Geschichte in verschiedenen Archiven beiderseits der heutigen Grenze überliefert ist. Ausgangspunkt der Zusammenarbeit war deshalb auch der Überlieferungsbruch, den der Zweite Weltkrieg und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung auf tschechischer Grenzseite mit sich brachten. Bereits Anfang der 1990er Jahre haben die staatlichen Archive in Bayern und Tschechien auch deshalb begonnen, Kontakte mit Blick auf eine Verzahnung der Bestände zur gemeinsamen Geschichte aufzubauen und den fachlich-kollegialen Austausch zu intensivieren. Vor dem Hintergrund der EU-Ost- erweiterung formte sich daraus eine Kooperation, die dem sich nun wieder öffnenden politischen Grenzraum auch eine „wiedervereinigte“ historische Quellengrundlage zu- grunde legen sollte. Ab 2007/08 konkretisierten sich die Planungen mit dem Ziel, be- deutsame Archivbestände zur Geschichte des bayerisch-tschechischen Grenzraums, die aufgrund der wechselvollen europäischen Geschichte des 19. und v.a. 20. Jahrhunderts zerrissen worden waren, wieder zusammenzuführen und möglichst offen zugänglich zu machen. Hierzu fanden sich die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, das Bayerische Hauptstaatsarchiv und das Staatsarchiv Amberg sowie das staatliche Ge- 17THE ARCHIVES IN INTERNATIONAL COOPERATION PROJECTS. CLARIFICATION OF ARCHIVED DATA USING THE EXAMPLE OF CREATING A DIGITAL CROSS-BORDER PORTAL AND LOCAL HISTORY FOR BAVARIA AND THE CZECH REPUBLIC MARKUS SCHMALZL bietsarchiv in Pilsen und die Kreisarchive in Cheb/Eger und Karlovy Vary/Karlsbad als Projektpartner zusammen (Sagstetter, 2020, 12). 2. STUFEN DER INTENSIVIERUNG DER ZUSAMMENARBEIT UND DER „FAIRIFI- CATION“ HISTORISCHER DATEN DES GEMEINSAMEN GRENZRAUMS In einem ersten von der Europäischen Union und der Bayerischen Staatskanzlei geförder- ten Projekt konnte in dreijähriger Laufzeit unter dem Titel „Bayerisch-tschechisches Netz- werk digitaler Geschichtsquellen“ eine gemeinsame virtuelle Plattform zur Zusammen- führung relevanter Archivbestände aus beiden Ländern geschaffen werden. Das Portal „Porta Fontium“ wurde im April 2011 freigeschaltet und bis zum Projektende im Novem- ber 2012 mit Inhalten gefüllt. Von bayerischer Seite wurden mehr als 1600 digitalisierte Urkunden aus 650 Jahren des Klosters Waldsassen online gestellt, dessen reicher Besitz auch weit nach Böhmen ausgriff. Aus dem 19. und 20. Jahrhundert wurden zudem 9000 Bilder und Postkarten sowie 23 Chroniken des sogenannten Sudetendeutschen Archivs eingestellt, das seit 2007 beim Bayerischen Hauptstaatsarchiv verwahrt wird. Von tsche- chischer Seite wurden Ortschroniken, Kirchenbücher und Fotos aus dem Gebietsarchiv Pil- sen und den zugehörigen Kreisarchiven veröffentlicht (Holzapfl & Unger, 2013, 33). Mit der gemeinsamen Portallösung als technische Infrastruktur und ersten digital und online verfügbaren Archivalien aus verschiedenen Archiven beider Länder wurde ein wesentli- cher Meilenstein zur Verbesserung der Zugänglichkeit, also der accessibility, von grund- legenden Quellen zur Geschichte des Grenzraums gelegt und in den folgenden Jahren kontinuierlich ausgebaut. Damit konnte ein wesentlicher Schritt hin zu einem FAIRen Da- tenmanagement dieser Informationen erreicht werden, die entsprechend der FAIR-Krite- rien für Forschungsdaten möglichst findable, accessable, interoperable und reusable für Zwecke der Forschung bereitgestellt werden sollen (Go FAIR, 2022). Eine zweite Projektphase schloss sich ab Januar 2013 an, in der ein tschechisch-baye- rischer Archivführer erarbeitet wurde. Hierfür wurden systematisch und nach einem abgestimmten Metadatenschema diejenigen Archivbestände inventarisiert und mit einschlägigen Informationen beschrieben, die sich in tschechischen und bayerischen Beständen jeweils auf die Geschichte des Nachbarlandes beziehen. In zweijähriger Pro- jektarbeit entstanden so über 21.000 Einzeleinträge mit Archiv-, Bestands- und Archiva- lienbeschreibungen aus 90 Archiven in Tschechien und Bayern, die von den Projektmit- arbeiter*innen recherchiert, erfasst und aufbereitet wurden. Diese stehen seit Juli 2015 als durchsuchbare Online-Datenbank auf dem grenzüberschreitenden Archivportal Por- ta Fontium zur Verfügung (Holzapfel, 2015, 5; Augustin & Halla, 2022, 38). Damit wurde erstmals ein gemeinsamer, schneller und bequemer Rechercheeinstieg in die gesam- te, den bayerisch-tschechischen Grenzraum betreffende Überlieferung in den Archiven beiderseits der Grenze geschaffen, die vom Jahr 1010 bis in die jüngste Vergangenheit reicht. Da damit auch zahlreiche Archivaliengruppen erstmals digital recherchierbar wurden, hat sich zudem auch die Findability dieser für viele Forschungen nicht nur der Geschichtswissenschaften einschlägigen Daten deutlich verbessert. Ab 2017 wurde die Kooperation auf der Basis von Porta Fontium mit dem wiederum von der Europäischen Union geförderten Projekt „Moderner Zugang zu historischen Quellen“ noch einmal intensiviert und ausgeweitet. Mit dem Lehrstuhl für Mustererkennung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen und dem Institut für Informatik der Westböh- mischen Universität in Pilsen wurden hierfür zwei neue und technisch versierte Projekt- partner hinzugewonnen, mit deren Hilfe Teilprojekte zur Erschließung und erweiterten Zugänglichmachung digitalisierter Quellen umgesetzt werden konnten. Erstes Teilziel des Projektes war die erstmalige Online-Zugänglichmachung historischer Karten und 18 THE ARCHIVES IN INTERNATIONAL COOPERATION PROJECTS. CLARIFICATION OF ARCHIVED DATA USING THE EXAMPLE OF CREATING A DIGITAL CROSS-BORDER PORTAL AND LOCAL HISTORY FOR BAVARIA AND THE CZECH REPUBLIC MARKUS SCHMALZL Pläne des Grenzraums bis zum Jahre 1918 aus bayerischen und tschechischen Archiven. Diese wurden zunächst recherchiert, ggf. restauriert, digitalisiert und nach einheitlich abgestimmten Kriterien verzeichnet und verschlagwortet. Wiederum bildete also die grenzüberschreitende Harmonisierung der Metadaten sowie die Digitalisierung ein- schlägiger Quellenbestände und damit auch die Verbesserung der Interoperabiltät ei- nen wichtigen Projektanteil. Auf bayerischer Seite wurden auf diese Weise 2500 Karten und Pläne aus dem 16. bis 20. Jahrhundert bearbeitet, die im Original an unterschiedli- chen Standorten, nämlich in den Staatsarchiven Amberg, Bamberg und Landshut sowie im Bayerischen Hauptstaatsarchiv verwahrt wurden. Diese können nun erstmals zu- sammen mit entsprechenden kartographischen Quellen zum gemeinsamen Grenzraum aus tschechischen Archiven online über das Portal Porta Fontium ausgewertet werden. Zudem programmierte die Westböhmische Universität in Pilsen eine Software, die eine Georeferenzierung der zumeist handgezeichneten Karten ermöglicht und Nutzer*in- nen damit eine genaue Lokalisierung der auf den Karten abgebildeten Teile der Erd- oberfläche und einen Abgleich mit aktuellen Online-Karten erlaubt. Das Tool wurde mittlerweile auch im Rahmen der Kooperation der Staatlichen Archive Bayerns mit dem Masterstudiengang Public History der Universität Regensburg in die Lehre einbezogen und wird künftig weiterhin projektbezogen eingesetzt werden. Außerdem wurde mit- tels Bilderkennungs- und Bildanalysestrategien sowie OCR- und HTR-Technologien die Volltextrecherchemöglichkeiten der digitalisierten und über das Portal zugänglichen Quellen deutlich verbessert. Die im Teilprojekt erreichte Erfolgsquote bei der Identifika- tion maschinenschriftlicher Zeichen liegt bei 97%, bei der Worterkennung bei 90%. Die- se wird ebenso wie die automatisierte Erkennung handschriftlicher Zeichenketten und die bilinguale Recherche in Folgeprojekten noch weiter zu optimieren sein. Die Erfolge dieser Ausbaumaßnahmen und Verbesserungen im Bereich der Recherchemöglichkei- ten machten sich bereits deutlich bei den Nutzerzahlen bemerkbar. Denn die Zugriffe mit relevanter Verweildauer in den letzten Jahren zeigen, dass dieses Angebot mittler- weile gut angenommen wird. Das Portal wird täglich von etwa 1400 Forscher*innen v.a. aus Tschechien und Deutschland aber auch aus den USA und anderen Teilen der Welt genutzt. Ein besonderer Anstieg der Nutzerzahlen bis zu einer Verdoppelung der täg- lichen Zugriffe war während der Lockdownphasen der Coronapandemie zu verzeichnen und für das Jahr 2021 konnten mehr als 620.000 Besucher mit relevanten Verweilzeiten registriert werden (Augustin & Halla, 2022, 36). 3. AUF DEM WEG ZU EINER DIGITALEN HEIMTKUNDE DES GEMEINSAMEN GRENZRAUMS Seit dem letzten Jahr kann die Zusammenarbeit mit EU-Fördermitteln weitergeführt werden. In einem 19-monatigen Projekt wird ein Konzept für eine Digitale Heimatkun- de des Bayerisch-Tschechischen Grenzraums für das Portal Porta Fontium erarbeitet. Außerdem sollen Bestände digitalisiert und online zugänglich gemacht, die für die Fa- milien- und Heimatforschung von besonderem Interesse sind. Dies betrifft aus dem Ge- bietsarchiv Pilsen und seinen Kreisarchiven Eger und Karlsbad die Ratsprotokolle west- böhmischer Gemeinden, die seit Mitte des 16. Jahrhunderts bis 1945 geführt wurden, und auf bayerischer Seite die 550 Bände des Bestandes „Briefprotokolle Waldsassen“ aus dem Staatsarchiv Amberg, die von 1634 bis 1803 reichen. Um die Recherchemög- lichkeiten zu erweitern, wird für einen Teil dieser Quellen zu den in den Briefprotokol- len dokumentierten Rechtsgeschäften der „kleinen Leute“ eine Intensiverschließung durchgeführt, alle Einzeleinträge transkribiert und als Metadaten erfasst. Mit Hilfe der neuen Datensätze wird es möglich sein, in den Bänden nach einzelnen Personen oder 19THE ARCHIVES IN INTERNATIONAL COOPERATION PROJECTS. CLARIFICATION OF ARCHIVED DATA USING THE EXAMPLE OF CREATING A DIGITAL CROSS-BORDER PORTAL AND LOCAL HISTORY FOR BAVARIA AND THE CZECH REPUBLIC MARKUS SCHMALZL Orten zu recherchieren, die in den Protokollen des Land- und Pfleggerichts Waldsas- sen erwähnt werden. Auf diese Weise entsteht nicht nur ein einmaliger Datenschatz zu einer grenzüberschreitenden Region und ein best practice für die projektbezogene Tiefenerschließung von Digitalisaten in Porta Fontium, die künftig in universitären Ko- operationen auch auf andere Bestände und Archivaliengruppen ausgeweitet werden soll. Vielmehr fügt sich diese Detailerschließung auch in die Entwicklung neuer Konzep- te für die verbesserte Zugänglichmachung und persistente Identifikation von Daten un- terhalb der Archivalienebene bei den Staatlichen Archiven Bayerns ein, die in Folge von Drittmittelprojekten und aus der Mitarbeit in verschiedenen Konsortien der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur NFDI resultieren und zumindest für einige Archivalien- gruppen künftig eine Anforderung an die Bereitstellung digitalisierter bzw. digitaler Informationen aus Archiven darstellen werden (KLA Diskussionspapier, 2022, 64). Mit einer Digitalen Heimatkunde als weiterer eigener Bereich im Archivportal soll außerdem eine weitere Säule zur Verbesserung der Auffindbarkeit, Zugänglichkeit und Interoperabilität wichtiger historischer Informationen zum bayerisch-böhmi- schen Grenzraum errichtet werden. Hierfür sollen weitere historische Quellen einge- stellt werden und ortsbezogen strukturiert sowie digital durchsuchbar zur Verfügung stehen und damit quasi eine quellengestützte Orts-Enzyklopädie bilden, in der auch grundlegende Informationen zu den aktuellen bzw. historischen Orten sowie ver- linkte weiterführende Webinhalte angeboten werden. Zudem sollen künftig auch weitere Gedächtnisinstitutionen und Verbände aus dem Fördergebiet und auch einzel- ne Bürger*innen die Möglichkeit erhalten, ihre Inhalte über das Portal digital verfüg- bar zu machen und aktiv an Erschließungsarbeiten mitzuwirken. Das während dieser Projektphase erarbeitete best practice für die Briefprotokolle liefert hier einen ersten Maßstab für Erschließungsarbeiten im Rahmen von Crowdsourcing- oder universitären Projekten. Ähnliche Mustererschließungen sollen schrittweise auch für andere Archiva- liengruppen folgen. Außerdem sollen durch Einbindung geeigneter Tools auch Inhalte aus Porta Fontium für den Schulunterricht aufbereitet werden, die dann interaktiv für den Unterricht downloadbar sind. Die Ende 2022 im Konzept vorliegende Heimatkunde soll in einem Folgeprojekt technisch umgesetzt und dann durch geeignete Tools in den Unterricht eingebunden werden können. 4. RESÜMEE UND AUSBLICK Mit dem Archivportal Porta Fontium wurde in mittlerweile dreizehnjähriger interna- tionaler und interdisziplinärer Kooperation eine wichtige Säule der Forschungsdaten- infrastruktur für Wissenschaftsdisziplinen und breite nichtakademische Nutzerkrei- se geschaffen und kontinuierlich ausgebaut, die historische Daten nutzen. Durch die langjährige grenzüberschreitende Kooperation bayerischer und tschechischer Archive konnte die Auffindbarkeit und Zugänglichkeit einschlägiger Bestände und Archivalien- gruppen zum Grenzgebiet deutlich verbessert werden. Von der der erstmaligen Erfas- sung aller relevanten Bestände in den kooperierenden Archiven über die Bereitstellung einschlägiger digitalisierter Archivalien bis zur Intensiverschließung und die Nutzung von Bilderkennungs- und Bildanalysestrategien sowie OCR- und HTR-Technologien für die Volltextrecherche. Für die gemeinsame Entwicklung des Portals und die grenzüber- schreitende Digitalisierung, Onlinestellung und v.a. Erschließung einschlägiger Archi- valiengruppen musste grundlegende Abstimmungen getroffen und Konzepte entwi- ckelt werden. Hier, wie bei weiteren gemeinsame Herausforderungen, die im Rahmen der verschiedenen Projektstufen dieser grenzübergreifenden Kooperation bewältigt wurden, waren eine ganze Reihe grundsätzlicher archivwissenschaftlicher Fragen zu 20 THE ARCHIVES IN INTERNATIONAL COOPERATION PROJECTS. CLARIFICATION OF ARCHIVED DATA USING THE EXAMPLE OF CREATING A DIGITAL CROSS-BORDER PORTAL AND LOCAL HISTORY FOR BAVARIA AND THE CZECH REPUBLIC MARKUS SCHMALZL beantworten, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln und in archivfachlichen und technischen Lösungen umzusetzen. Von der Bewertung im Sinne der Auswahl von herausragenden Beständen für die Onlinestellung, über die Erschließung bzw. Tiefen- erschließung und der Abstimmung gemeinsamer Metadatenschemata auf den ver- schiedenen logischen Ebenen bis zur Entwicklung und Nutzung gemeinsamer digitaler Werkzeuge. Durch die langjährige Zusammenarbeit hat sich der fachliche kollegiale Austausch über die Grenze hinweg deutlich intensiviert und das gegenseitige Wissen und Verständnis über die Archivarbeit und die jeweiligen Bestände deutlich erweitert. So ist aus der Kooperation eine Partnerschaft gewachsen, die über die Konzeption und Umsetzung von Projekten auch in den Berufsalltag hineinwirkt (Sagstetter, 2020, 11). Mit dem Konzept für eine digitale Heimkunde, mit dem sich auch der Kreis der in- stitutionellen Projektpartner noch einmal deutlich erweitern wird und auch Citizen- science- und Crowdsourcingprojekte umgesetzt und tools für die Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien bereitgestellt werden können, findet dieser Prozess keineswegs seinen Abschluss. Vielmehr wird sich die disziplin- und länderübergreifende Zusam- menarbeit auf dieser erneuerten Grundlage noch einmal deutlich intensivieren und sich damit auch neue archivwissenschaftliche Fragestellungen und Abstimmungsbedarfe ergeben, um eine dichter werdende und möglichst FAIRe Bereitstellung historischer Daten des bayerisch-tschechischen Grenzraums zu ermöglichen. LITERATUR: Augustin M. & Halla K. (2022). Das Tor zu den Quellen als Tor zur freundschaftlichen Zusammenarbeit. Dreizehn Jahre Digitalisierung von westböhmischem und bayer- ischem Archivgut. Archivalische Zeitschrift 99, 35–42. Bickhoff N. & Seidu N. (2019). Von Stuttgart nach Windhoek. Das Landesarchiv Baden-Württemberg und das Namibische Nationalarchiv starten Kooperation. Ar- chivnachrichten Landesarchiv Baden-Württemberg 58, 24. Holzapfl J. (2013). Archivalien zu 1000 Jahren Nachbarschaft online: Tschechisch-bayer- ischer Archivführer präsentiert. Nachrichten aus den Staatlichen Archiven Bayerns 64, 5–7. Holzapfl J. & Unger M. (2013). EU-Projekt „Bayerisch-Tschechisches Netzwerk digitaler Geschichtsquellen“ erfolgreich abgeschlossen – Beginn der Arbeit am tschechisch-bay- erischen Archivführer. Nachrichten aus den Staatlichen Archiven Bayerns 64, 32–33. Go FAIR. (2022). FAIR Principles. https://www.go-fair.org/fair-principles. Kemper J. (2018). Wer suchet der findet? Oder: staatliche, regionale bzw. grenzüber- schreitende Beratungsmöglichkeiten zur Entwicklung und Gestaltung von Projek- ten. In M. Storm, E. Fritz, B. Joergens, T. Musial, M. R. Sagstetter & C. Wolf (eds.), Kompetent! Archive in der Wissensgesellschaft, 86. Deutscher Archivtag 2016 in Koblenz (pp. 140-149). Fulda: Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. KLA Diskussionspapier. (2022). Nachgefragt: Digitalisate von analogem Archivgut on- line. Professionelle Bereitstellung von Digitalisaten in archivischen Fachinforma- tionssystemen (AFIS). Der Archivar 75(1), 59–68. Sagstetter M. (2020). 10 Jahre bayerisch-tschechische Partnerschaft. Nachrichten aus den Staatlichen Archiven Bayern I, 9–12. 21THE ARCHIVES IN INTERNATIONAL COOPERATION PROJECTS. CLARIFICATION OF ARCHIVED DATA USING THE EXAMPLE OF CREATING A DIGITAL CROSS-BORDER PORTAL AND LOCAL HISTORY FOR BAVARIA AND THE CZECH REPUBLIC MARKUS SCHMALZL Summary German state archives cooperate in many ways with partner institutions on an inter- national level. Frequently, improving archival data accessability in border regions is an important goal. A major project which aims at the FAIRification of archival data related to the Bavarian-Czech border region, is the archive portal Porta Fontium. For 13 years now, this project has been and still is developed and extended by the Bavarian state ar- chives, the state-based regional archive of Pilsen and connected archives as well as sev- eral university partner organisations by now. Based on intensive co-ordination on the archivical level, this has enhanced the findability, accessability and interoperability of relevant data stored for reuse in archives in the border region. Inititated by quite a num- ber of EU-funded projects a collaborative archivical portal has been constructed. Based on coordinated meta data this/these provide/s access information for all relevant data areas and successively online access to digitalized archival data. Upgrading the project team interdisciplinary as well as using methods of machine learning and developing a geo referncing tool for historical maps during the last project level has successively added modern assessment possibilities.It thus has constructed both an approach to ar- chived historical data for citizens without professional qualification as well as a major pillar of science data infrastructure for a core area of Europe, providing an important access to historical data for all scientific disciplines. The next step here is configuring a digital platform for local studies and the inclusion of several historical memory institu- tions and citizens. 22 THE ARCHIVES IN INTERNATIONAL COOPERATION PROJECTS. CLARIFICATION OF ARCHIVED DATA USING THE EXAMPLE OF CREATING A DIGITAL CROSS-BORDER PORTAL AND LOCAL HISTORY FOR BAVARIA AND THE CZECH REPUBLIC MARKUS SCHMALZL