'f}- A if. - ' i K t . S «J» \ • s. . T . . ' / r { / tr . / . ! i: ri \ Friedrich Müller. EntdecknngsfaMen in den St. Canzianer Höhlen im Jahre 1890. 10^799 Separatabdruck aiis den „Mittheiliingen des D. 11. Oe. A.-V." Jahrgang 181»1, Nr. §, 9 und 10. Druck von Adolf HolzhauRen m Wien- w ie ein Traiimbilcl, das micli in die lerne. Jugendzeit mit ihrer Mävclienwelt versetzt, wo Bergg-eistcr und Zwerg-e die gioissendcn öcliätzc im Innern der Berge gehütet, deren Herrlichkeiten nnr wenigen Glückskindern zu sehen beschieden war, so um-gaiikelt mich die Erinnerimg an iinsere unterirdischen Entdecknngsfalirten im vorigen Jahre, an die Aviinder-samen dunklen Bilder der Schattenwelt, von denen ich j'etzt berichten will. ich bin wieder mit meinen Genossen bei der Arbeit in den finsteren Schlünden. Gigantisch erhebt sich über unseren Häuptern das Gewölbe, durch-braiTst von dem Donner der stürzenden Gewässer. Die knisternden Fackeln werfen ilircn gliithrotlien Schein auf eine Gruppe abenteuerlicher Gestalten, die beschäftigt sind, mit fast übermenschlicher Anstrengung ein Fahrzeug über die Klippen der zischenden Stromschnellen zu ziehen. Durch das Geräusch des Wassers dringt das liallohgeschrei der Männer, der Tv,uf des Fübi-ers und das krachende Aufschlagen des Bootes auf den Steinen, von dem Echo dumpf und unheimlich wiederholt. Gellend mahnt von der Ferne, allen Lärm schrill übertönend, das Signalhorn zur Eile. ]\Tit Bewunderung blickt das Auge in den weiten Raum, riesengross öffnet sich der Berg zu einem weiten Thale, an dessen Höhen ausgezackte Felsen hinziehen, deren vorspringende Pfeiler nach und nach in mystischem Dunkel verschwinden. Es ist ein erhaben-düsteres Bild, so ganz verschieden von der sonnigen Landschcift des Liclites, dieses mit den dunkelsten Tinten gezeiclniete unterirdische Flussthal. Alles Lebende scheint erstarrt, schauernd umweht es uns wie Grabesluft. Nur der Fluss mit seinem Rauschen, der scliäumcnde 8ühn der Oberwelt, durchhastet die gewaltige Halle und erweckt in den zerklüfteten Wänden' den Wicderhall. Dieses nächtige Wunderland zu schauen, bringt dem Glücklichen, dem es gelingt, in sein Mysterium einzudringen, harte Arbeit, Mlihsale und Gefahr in Hülle und FlÜlc. Wir haben es in den Jahren reichlich erfahren, in denen wir uns der Erforschung des unterirdischen Kckalaufes gewidmet, die im hohen Grade im Stande ist, selbst den eifrigsten Adepten abzuschrecken von der Höhlenforschung, ihn für alle Zeiten zu heilen von der waghalsigen Unternehmung und ihn zu bestimmen, seine Thatkraft einem anderen, leichteren Felde der Touristik auf der Oberfläche der Erde zu weihen. Klein war unser Fähnlein im Anfang und ist es bis heute geblieben. Mancher, angezogen von dem unsagbaren Reiz des Beginnens, hat uns wohl ein Stück das Geleite gegeben, dann aber ist er zurückgeblieben auf dem dunklen, gefährlichen Pfade zum Hades, hat uns allein weitej- dem räthselhaften Unbekannten nachziehen lassen. Noch sind es dieselben Männer wie vor sechs Jahi-en, die unverzagt, allen Mühen und Hindernissen zum Trotz, ihrem Ziele und AVorte treu geblieben sind. Wenn ihnen auch nicht das feurige Blut des Jiinghngs in den Adern pocht, das zu neuen Thaten anspornt, so herrscht an seiner Stelle der ruhige, gesetzte Sinn der gereiften Männer, der bcwusst und nimmermüde die Bahn verfolat. Uns haben nicht das Toben der entfesselten Flutheii; nieht die finsteren, unzugänglichen Felswände abgeschreckt, in unserem Streben wankend gemacht; wir warteten, bis die Flntli sich verlaufen, die AYände mit Pulver und Eisen gangbar gemacht waren. Auf imseren Fahrten ist die stete Gefährtin, wel- / ehe sich an unsere Fersen heftet, die Lebensgefahr, deren finstere Gestalt unseren Weg verdunkelt. Gespenstisch grinst in unserem Ulicken die Gefahr einer plötzlich hereinbrechenden Hochfliith, die Verderben bringen würde. Doch mit uns ziehen unsichtbare Gefährten, welche uns schirmen, welche schützend ihren Schild emporheben und uns bisher glücklich durch alle Fährnisse geleitet haben: es ist unser Selbstvertrauen, unsere Vorsicht und der felsenfeste Glaube, dass Einer für Alle und Alle für Einen l^e-reit sind, den Gefährdeten aus Noth und Bedräng-niss zu retten. Mit diesen und durch diese Begleiter haben wir Erfolge errungen, auf welche wir in aller Bescheidenheit mit Stolz hinweisen können, — den kleinsten Anfängen ist in der Grottenerforsclning der S. Küsten-and ein kräftiges Keis entsprossen, das nicht allein ihr, sondern dcjn Gesammtverein zur Ehre gereicht. Wenn dereinst unsere Fackeln und Grubenlichter zum letzten Male verlöschen, wird uns das Bewusst-sein ein schöner Lohn sein, durch unsere Arbeiten einen ernsten Zweclv erfüllt und der Wissenschaft einen Dienst geleistet zu haben, der sich nicht mit Geld einkaufen lässt. Seit zwei Jahren war die Erforsclning des unterirdischen Laufes der lieka um keinen Centimeter vorgerückt. Einmal waren wir im Alpenvereinsdom und beim 18. Fall gewesen (siehe „Mit.theilungen" des D. u. Oe. Alpenvcrcins ^^r. 11, 1SB8), dann hatte die ewige Nacht wieder die unbestrittene Herrschaft über diese Räume erlangt. Mehr wie Tollkfilinheit wäre es gewesen, auf dem bisher betretenen Pfade weiter zu wandeln, uns den Weg in das Innere im Flussbett über Klippen und achtzelin Wasserfalle weiter zu bahnen. An den glatten, feuchten, oft überhängenden W^änden entstand nach und nach der neue Forschungsweg, eine Riesenarbeit für die Kräfte eines Privatvereins, dessen Vollendung mehr als zwei Jahre in Anspruch nahm. Dieser Pfad, ausgeführt unter der Leitung unseres erprobten Freundes und Grottenforschers Josef Marinitsch, gehört unstreitig zu / O O -den ersten vSchenswürdii>'keiten der Canzianer Höhlen. Wie oft sind Hocliwässer über ihn hingebraust und haben mühsam Gebautes wieder zerstört. Es bedurfte der Energie und der .hingebungsvollen Ausdauer eines Mannes wie Marinitsch, um nicht an dem begonnenen A¥erke zu erlahmen. Jede Hochflutli zeigte die Mängel des schon fertig hergestellten Steiges und machte Aenderungen noth-wendig, immer mussten wir bedacht sein, wenigstens auf dem Steig eine sichere Rückzugslinie zu -finden. So gedieli nach und nach der Forschungsweg bis in die Nähe des 18. Wasserfalles, ein Weg, der selbst einem Hochtouristen Achtung abgewinnen wird. Einmal wurden unsere Arbeiter vom Hochwasser bei dem Bau uben-ascht und mussten bis an die Brust im Wasser, an einem aus ahnender Vorsicht gespannten Strick tastend, sich hinaus retten. Ein anderes Mal, als Marinitsch allein zur Inspicii-ung bei höherem Wasserstande hineinging, glitt er aus und stürzte 4 Meter über den steilen Abhang hinab in das kalte Wasser. Ohne Licht, es war beim Sturz entfallen, umzischt von den Flutlien des IL Wassei'-falles, mit einem Fuss auf einem Stein unter dem Wasser stehend, Hess er den leider ungehört ver-gcllenden Hornsignah-uf ertönen. Mühsam, beim Sclieiii eines Waclisliölzcliens, das von d^er Xässe un-hesoliädigt geblieben, arbeitete er «ich an dem Ufer einige Schritte liinaiif, da — ein ernentes Ansgleiten nnd von Neuem umfangen ilin die kalten Finthen und tiefe Finsterniss. Noch einmal ist ein Wachs-hölzclien der Retter aus Lebensgefahr, langsam, langsam klettert er heraus und gelangt endlich fröstelnd an den Ort, wo die Arbeiter den "\¥eg bauen, wo er sich seiner Kleider entledigen und sie auswinden lassen kann. — Das sind Episoden, welche die Gefa-hren des Wegbaues iUustriren. In fieberhafter Eile wurde an dem Wege gearbeitet, um ihn wenigstens zur Sommercanipagne bis in den Alpen verein sdom fertigzustellen. Unsere Hoffnungen auf einen niederen Wasserstand erfüllte der Juli in ganz besonders günstiger Weise. Jetzt sollte und musste an die Ausführung unseres Vorhabens, weiter in der Höhle vorzudringen, mit Ernst gegan gen -y^'er d en. Die zu solcher Expedition nüthigen Boote, zwei Schifle und drei Fahrzeuge, aus zwei zusammenschraubbaren Kästen bestehend, waren schon längere Zeit bereit, auch an anderen Geräthschaften, wie Leitern, Stangen nnd Tauen war kein Mangel. Nun galt es, diese Sachen bis zum Ende des Weges auf ein T)—G Meter über dem Flusse liegendes Plateau zu schaffen. Wir nannten dasselbe Rifugio'-'- Lunar-delH. Zur raschen Förderung dieser mühsamen, ausserordentlich schwierigen Arbeit entschloss sich Marinitsch, schon am Donnerstag, den 24. Juli 1890, hinauszugehen und persönlich den Transport zu leiten. Wer den Forschungsweg in seinen Einzelheiten genau kennt, wer ihn begangen, weiss diese Arbeit zu würdigen. Es war eben nur unseren er- " Ital. Schutzstelle, ZutliicLtsort. probten jungen^, starlcen Grottenarbeitern möglich^ die jeden Schritt und Tritt kennen^ die selbst an den schroffen Wänden angeklebt hängend, die Stufen eingeschlagen, zu zwei Mann, auf handbreitem Weg, die 60—80 Kilo schweren Boote fortzuschleppen. Eine Hand umklammert dabei krampfhaft die eiserne Geländerstange, welche an der Wand hinläuft, die andere das Fahrzeug, so geht es langsam, ruckweise dem Ziele zu. An ein Auslassen ist dabei nicht zu denken, eisern müssen die nervigen Fäuste Eiscn-stange und Boot umfassen, loslassen bedeutet den Untergang eines oder auch beider. Die ersten zwei Tage hatte Marinitsch allein in St. Canzian gehaust. Er hatte, als die Boote an Ort und Stelle gebracht waren, der Versuchung nicht widerstehen können, einen Vorstoss auf eigene Faust auszuführen. Vom Ende des uns schon von früher bekannten 18. Wasserfalles war er mit Anwendung aller Vorsicht um einige Vorgebirge in einen neuen, grossen, 100 Meter langen, wasserreichen Canal mit dem Boot eingefahren, war endlich an einer Stelle gelandet, wo eine weitere Kahnfahrt unmöglich war, und hohe Fclstrümmer ein Vordringen ohne Leitern, vereitelten. Bei diesen Operationen hatten ihn die Gedanken an den wolkenbedeckten Plimmel am Morgen, nicht verlassen. Um sich zu vergewissern, hatte er den bekannten Führer Josef Anton sie auf die Oberwelt geschickt, Auslug zu halten, welche Absichten Jupiter Pluvius mit der Forschungsfahrt hätte. Man war schon auf dem Eückzuge, als dieser Sendbote aus lichten Höhen sich mit dem Alarmrufc nahte: „Das Wasser steigt!" Unaufhörlich ertönte dieser Mahnruf und verfehlte nicht, durch seine unvorsichtige Wieder-iolung selbst in den Herzen der Muthigen eine kleine Beunruhigung hervorzurufen, umsomehr, als ein Steigen des Wassers deutlich walirnclimbar war. Alle vier Mann waren sclion auf einem Felsen-riegcl, der quer das Flussbett theilt und 25 Meter vom IB. Fall entfernt liegt, angekommen. Marinitscli befand sicli gerade im "Scliiff, um mit unserem Vorarbeiter Juri naeli dem 18. Fall ijurüekzufahrcn. Hier war der junge Arbeiter Snidersic als Posten aufgestellt; um' d.as Boot zurilckzuzielien. Diesen nun, den kräftigsten von Allen, mussten wohl die Kassandrarufe Antonsie' etwas wirr gcmacht haben. Er übersah im Eifer, dass ein Stein, von dem man früher in das Schilf getreten, vom steigenden Wasser übertiuthet war. Durch allzu scharfes Anziehen fuhr das Boot auf diesen Stein auf, verlor, mit zwei Mann und einer Menge Material belastet und ein Stück aus dem Wasser gehoben, sein Gleichgewicht und kippte um. Marinitsch, welcher schon einige Male das Vcrgnügeii eines unfreiwilligen Bades in der Reka genossen, versank bis an den Hals, während der kleinere Juri ganz untertauchte. Theils mit eigener, theils mit fremder Hilfe kamen die Schilfbrüchigen aus dem Wasser. Die beiden Zurückgebliebenen sahen aus der Ferne von ihrem Eiland mit getheilten Gefühlen dieser Strandung zu. Auch sie Avurden bald in Sicherheit gebracht,"und Marinitsch verliess, obgleich ganz durchnässt, gleich einem pflichtgc-treuen CVapitän als Letzter das schwankende Schilllein, um endlich im kleinen Alpen verein scan al zu sicherem Hoi-t, dem Schutzplatze Lunardelli aufzusteigen. Hier wurde die nasse AVäsche an der Glut der Pcchfackeln getrocknet und ihr Weiss in ein intensives R auch grau verwandelt. Damit schloss der Bericht unseres Freundes Marinitsch. Am nächsten Morgen, Sonntag den 27. Juli, war die Witterung nicht günstig genug, einen grösseren Verstoss ins Werk zu setzen. Wenn wir aber schon iiiclit weiter forselien koinneii; so Avollten \v\v weiiig--steiis die Scliiffe in Siclierlieit, bringen^ Avelclie auf clem Flu«s ang-ebiindeii sebwajninci/niid auch noch die schon von unserem Oollegen Marinitscli s;e-machte Fahrt in dem am Vortage' neuontdeckten und befalirenen „(Brossen Alpenv'ereinscanal" miter-nelimen. Wir waren von seclis Bauern begleitet^ und zwar von unseren vier Arbeitern Jni-i Gombac^ Paul An ton sie, Jose Oerkvenik, genannt Berretta rossa^ und Sni d er sie, ferner den Führern Jose Antonsie und dem Hilfsarbeiter Svetina. Die beiden Letzten wai-en bestimmt, an dei- Schutzstelle Lunaj--delli zu bleiben und uns bei etwa herannahende]-(xetahr zu benachrichtigen, eventuell Hilfe zu leisten. Nach St. befanden wii- uns am Ende des Forschungsvvcges, dem Zufluchtsort. Nahe diesem wurde an Strickeii über eine schiefe Fläche, in welche schnell einige Stufen notlidiirftig ausgehauen wurden, zum Wasser hinabgeklettert und das Boot bestiegen. Durch den uns schon von früher bekannten kleinen Alpenvereinscanal, 90 Meter fahrend, war" bald der 18. Fall erreicht. Es ist immer eine bedeutend leichtere Sache, Avenn schon ein Anderer die Kastanien aus dem Feuer geliolt hat. So ging es auch uns bei der nun folgenden Einfahrt in den neuaufgefundenen grossen Canal. Uns, an die Bootsfahrten in der Höhle schon Vertrauten, war es dank den umfassenden Vorbereitungen Marinitsch fast eine Spazierfahrt. Erst mussten wir Alle im Kahn zu einer Meter entfernt liegenden Halbinsel geschafft werden, dem „Cap Millossovich", von dort; aus begann m einem anderen Schiffe die eigentliche Bootsfahrt. Als Ei-ste fuhren Marinitsch und Hanke ab, ich kostete indessen alle Freuden und Leiden des Zurückgebliebenen durch. Das Fahrzeuo- ver- schwand öclion nacli ka.nm 10 Meter Entfemuiig' hinter einem Felsen. Xch nnd Paul An ton sie hatten geniig zu tliun,^ das nasse, rersehlungene Tau, an dem das Sehifi-ang-eljunden war, recht raseh zu entwirren, denn besonders College Hanke entwickelt ziemlich wenig Geduld bei derlei Gelegenheiten. Daun und wann ertönt ein liornruf, eine Mahnung zur Achtung oder auch zum Schauen. Dann blitzt Magnesiumlicht gleich Wetterleuchten auf und -enthüllt momentan die Oontouren der Höhle. Nach und nach aber \yird es ruhiger da vorn, oft huscht noch ein gespenstiger Lichtscliein an den hohen AVänden dahin. Endlich nach einer halben Stunde ertönt das Signal „Zurück!" und bald darauf bin ich mit Paul in dem Kasten eingescliitft, um die längste und schönste Wasserf^irt zu" unternehmen, welche unsere Höhle bietet. Langsam treiben wir aus dem kleinen Hafen von dem Eiland und fohren um einen gewaltigen, 4—5 Meter hohen Felsblock, der mitten im Fluss liegt, herum, in die gähnende Nacht hinein, welche die vorn auf dem Schiff liegende brennende Fackel nur schwach zertheilt. Der Wasserspiegel erscheint fast ruhig ohne Stöi'ung und auch das Rauschen der fernen Wasserfälle schlllgt nur inelir schwach an das Ohr. Vorwärts rudernd, taucht links eine kleine Felseninsel im Fahrwasser empor, ein auf ihrer Spitze eingetriebenes Eisen zeigt an, dass Marinitsch hier bei seinem ersten Verstoss festen Fuss gefasst, dass ihm die kleine Insel als Stiitzpunkt zum weiteren Vorgeiien diente. So treiben wir weiter, bald in der Mitte der Reka, die hier mehr wie 10 Meter breit, bald unter den dunklen, unheimlichen AVänden, an denen das Boot bei ungeschickten Manövern knii-schend anstreift. Aus dem ungewissen Dunkel vor uns steigt geisterhaft, sich na'ch und nach zu sichtbaren Formen bildencl^ eine liolie Barriere von Felsblöcken auf^ es ist tlas Ende des 100 Meter langen Canales, und das laute Geräiiscli des lallenden Wassers kündet eine neue Stromschnelle, den Anfang des 19. Wasserfalles an. Vorsichtig riidortcn wir" nach links, damit nnser Boot nicht von dem schnell ab-fliessenden Wasser in eine Enge verkeilt werde, iind banden nnser Fahrzeug an einen liier vertical eingeklemmten Baumstumpf an. Versuche^ die Steine zu überklettern, wurden von mir vergeblich angestellt, da ich an meinem sonst so waghalsigen Gefährten Paul heute nicht ,die genügende Unterstützung fand. Derselbe stand offenbar noch im Banne des gestrigen Alarmes und rief mir immer zu: ,,Non cascare in acqua, Sior Müller!" Wieder zurückgekommen, befestigten wir unser Schiff und überliessen es seinem Schicksal, dagegen wurden die zwei wirklichen Kähne nach der Ab-ftihrtsstelle im kleinen Alpenvercinscanal dirigirt. Um diese für uns überaus werthvollcn Fahrzeuge nicht dem Zufalle zu überlassen^ wurde beschlossen, diesellien wieder an der Schutzstelle Lunardelli zu bergen. Bei diesem Aufzug und Transport der Boote über die hoch über dem "Wasserspiegel liegenden schmalen Balken an der überhängenden Felswand sah ich deutlicii, welch' haarsträubendes und gefälu'liches Geschäft diese Arbeit ist. War diesmal unser Versuch an dem drohenden Wetter gescheitert, so begann der nächste A'^orstoss unter ungleich besseren Aussichten. Es war am Sonntag des 8. August. Im Rifugio Lunardelli wnr wieder der Sammelplat^^. Entgegen dei- sonstigen Gepflogenheit, ei'st zu arbeiten und dann zu essen und" zu trinken, machten wir eine Ausnahme. Das erste jSicht ins Wasser fallen, Hen- Miiller Glas Wein ans emem kleinen, 5 Liter haltenden Fässlein, welches iinser treuer Begleiter auf allen Expeditionen ist, galt der G eneralversanimhing des Alpenvereins in Mainz, wclchc gerade um diese Stunde dort tagte. Wir hatten schon tags vorher ein Begrüssungstelegramm aus der Unter\vclt an dieselbe abgesendet. Während der vergangenen Woche liatten die Arbeiter den Weg im Alpenvereinsdom ein gutes Stück weiter gef'iilirt. Auf dem noch sehr primitiven Steig, einer Reihe loser Balken und Leitern, mussteu wir scliliesslich an einer Strickleiter 8 Meter auf einen Felsvorsprung im Wasser absteigen. Von der wagrocht liegenden letzten Leiter auf die Strickleiter war ein gar interessanter Abstieg; mein etwas umfangreicher Vordermann M a r i n i t s c h musste f(3rm-lich zwischen Leitei' und Fels hinabgedrllckt werden. Beim 18. Fall waren zur Deckung des sicheren Kückzuges über die höchsten Steine Leitern befestigt und auch auf der ganzen Länge noch ein Strick gespannt. Hanke war schon, als wir ankamen, mit Paul An ton sie von der Halbinsel Millossovich in den grossen Canal vorausgefahren, damit Letzterer mit den Arbeiten für das Vorwärtsgehen beginnen könnte. Wir hatten noch ein Kastenboot hergeführt und waren eben mit dessen Zusammenstellung fertig, als Hanke zurückkam und uns aufforderte, eine Leiter mitzunehmen, da ohne noch einiger dieser Hilfswerkzeuge es nicht möglich Aväre, vorzugehen. Unser Boot, in dem Marin itsch und ich mich befanden, bekam nun eine ziemlich grosse Leiter in das Schlepptau. Nachdem wir mühsam die Hälfte tier Strasse zurückgelegt, verkoppelten wir uns in einer Schnur und es wollte in keiner Art weiter gehen, bis wir Schnur und Leiter absclinitten und letztere mit d^ Kudorn flussabwärts stiessen. Wir fanden gleich beim Beginne des 10. Falles eine Leiter über ein paar Felisblücke gelegt, die ermöglichte^ etwas tiefer in das Steingewirre einzudringen. Auf einem hohen Block sass Paul und erwartete die von uns gebraclite Lciler. Der Stein, auf Avclclicm >vir uns nun zusammenfanden und von dem nach hinten nur mit einer Leiter abgestiegen werden konnte, Avar ein recht gefährlicher Kumpan. Kaum zum Sitzen für drei Mann ist oben Platz, dabei war der Fels spiegelglatt und dachförmig abfallend. Mit vieler Mühe wurde endlich die Leiter um eine Kante an dem Stricke festgebunden und vorsichtig abgestiegen. Beim Vordringen musste sich die ganze Aufmerksamkeit auf den AVeg richten, welcher bald über üchroffe Felsen, bald über spiegelglatte, vom Wasser umspülte Steine und Blöcke führte. Oft dient ein Stein, der handhoch vom Fluss überHuthct ist, als Stützpunkt für den Fuss, um von diesem auf einen anderen, ähnHchen Block zu springen, dessen Beschaffenheit erst mit dei' Stange sondirt wird. Wer denkt im Augenbhckc des Vorgehens an Gefahr, wer denkt daran, dass ein Ausgleiten, ein Slurz die allerbedenklichsten Folgen nach sich ziehen könnte? Vorwärts, vorwärts, die Pulse hämmern, keuchend atJimet die Brust, rastlos irrt der Blick umher, den nächsten Fels zu suchen, welcher weiter helfen soll. Durch das Wasserrausclien Iclingt das Klappern der Grubenlampen und eisenbeschlagenen Bootshaken, wenn diese Werkzeuge an die Steine anschlagen. Oefters hemmt ein riesiger, glatter, un-erstciglichcr Block das Vordringen; wie viele Mühe war dann umsonst aufgewandt! Wir müssen ein weites Stück zurück und an einem andei-en Ort, diesmal glücklicher, den Verstoss probircn. Auch Iner fehlt es nicht an tragi-komisclien Zwischenfällen: da gleitet ein allzu eifriger Forscher aus, fällt bis an die Kniee in das Wasser. Jetzt muss er pausiren, sein Licht wieder anzünden und die Stiefeln ausziehen und sie ausgiessen^, sie sind voll Wasser gelaufen. Im Vorstehenden ist der Durchgang durch eine Stromsclinelle im Fluss geschihlert; eine Arbeit; welche sich in dem vorjährig entdeckten Theil der Plöhle oft. wiederholt und je tiefer man eindringt, um so anstrengender, um so gefährlicher wird. Endlich war das Ende des Kataraktes erreicht, es sind wohlgezählte, gemessene 55 Meter, auf denen man 55mal Hals, Beine und Arme brechen kann. Vor uns dehnte und wölbte sich, immer gigantischere Dimensionen annehmend, die Höhle aus, rechts und links steil abfallende Uferwänrle, zwischen diesen ein freies Fahrwasser von ungefähr 25 Meter Länge. Ohne Schiff war keine Möglichkeit, dieses Hinderniss zu nehmen, welches unser Vordringen hemmte. Ma-rinitsch und ich hätten eigenthch hier schon Lust gehabt, für heute abbrechen zu lassen, doch besiegte unsere Bedenken Hanke's Feuereifer, welcher darauf drang, ein Boot vorzuschaffen. Im grossen Cana] liatten wir zwei Boote zur Verfügung, davon musste eines genommen werden und unser Rückzug auf ein Schiff beschränkt bleiben. Der Transport des Doppelschiffes ging über und zwischen den vielen Steinen glücklich von Statten, unsere jungen Arbeiter thaten Wunder. Ehe das Boot noch ankam, war schon durch Schwimmer / constatirt, dass ein Landen an der gegenüberliegenden Seite nicht gefährlich sein könne. Kaum war das Boot im Wasser, so fuhr ich mit Paul audi schon hinüber. Beim Aussteigen fanden Avir hier womöglicli noch grössere Blöcke und Hindernisse als in der eben passirten Stromsclinelle des 19. Falles. AVir arbeiteten uns mit gegenseitiger Hilfe durch den Avilden Wirrwarr und fanden endlich zn. unserer Freude an dem rechten Ufer kein Wasser^ sondern Sand zwi-sclien den Steinen. Ich zündete wiederholt Magnesium an und liess Freudenfanfaren mit dem Horn ertönen^ welche aus der Ferne von meinen Kameraden beantwortet wairden, deren Lichter w^eit Innten zwischen den vSteinen herumliuscliten. Mein Alleinsein benutzte ich zu einer Vorbewe-gung-, langsam stolperte und kletterte ich auf dem Ufer vorwärts. Vor mir erhob sich ein terrassenförmig-gebildeter Hügel von Sinterbecken, über Avelclie ich leicht aufstieg. Von meinem erhöhten Standpunkte aus sah ich die Lichter meiner Gfenosscn langsam herannahen. Von den Terrassen^ Avelche theils leer, theils mit Sand gefüllt waren, stieg ich steil zur Kcka ab, fand aber nun den Weg durch ein paar gewaltige Trümmer verlegt. Es waren von oben herabgestürzte Tropfsteingcbilde, lange, riesige Zacken. Unter einem, er war auf zwei Felsenhöcker gebettet, konnte ich aufrecht durchgehen; früher aber hatte ich mich aus leicht erklärlicher Neugierde überzeugt, ob der Bruch an den Enden auch alt sei. Auch konnte ich mich nicht enthalten, einen Blick nach oben zu werfen, woher die Trümmer gekommen; doch w^ar die Decke in Dunst eingehüllt und liess mich im Unklaren, ob noch mehr solche Stücke da oben zum Abfallen bereit waren. Hinter diesen Blöcken fluthet der Fluss vorbei. Ein Vorgehen auf dem rechten Ufer war nun unmöglich; die AVand senkte sich überhängend in das Wasser, die Steine, über welche ich hätte das linke Ufer gewännen können, sahen mir nicht so Vertrauen erweckend aus, um über sie allein den Uebergang zu wagen. Bald fanden sich Alle bei mir ein und Paul bewerkstelligte gegen unseren Willen, mit Hilfe eines gefundenen Baumastes den Uebergang. Er und nach ihm Cerkvenik drangen noch 20 bis 30 Meter auf dem linken Ufer vor, wurden aber dann zurückgerufen. Für lieute hatten wir Alle genug, es wurde zum Rückniarisch geblasen und blieb nur noch die notli-wendige Taufe des neuentdeckten Domes übrig. Vom Anfang des ^0. Falles bis zur letzterreichten Stelle, wo sich die Höhle etwa.s verengt und unvermittelt die Form einer Spalte annimmt, deren AVände nicht senkrecht, sondern schief geneigt stehen, ist der E,aum oOO Meter lang, bei 30 bis 50 Meter breit und 60 Meter hoch und hcisst diese Riesenhalle Einaldini-Dom zu Ehren des Herrn Statthalters vom Küstenland, Ritter von Rinaldini. Beim Zurückgehen wurden die rückwärts aiü-gestellten Posten bei dem Anfang des 19. und 20. Falles aufgehoben. Die hier postirten Männer mussten, während wir vor£>in£>'en, sich mit Wegmachen beschäf- O o 7 C tigeii, das hcisst Steine rauh schlagen, oder auch an den Wänden mit dem Spitzhammer Stufen einbauen; das nächste Mal mirdc sclion ein Strick um ein paar eingetriebene Nägel geschlungen, darüber gespannt und ein provisorischer Weg war hergestellt. Ohne weiteren Unfall entstiegen wir der tlölile. Als wir aus der Schmidlgrotte traten, schallte als erster (xruss der Oberwelt die siebente Stunde iu den Schlund herab. Wir sahen das Tageslicht diesmal nach 13 Stunden wieder zum ersten Mal. Jetzt erst hatten wir Gelegenheit, unser gegenseitiges Aussehen und den selir defecten Zustand unserer Toiletten zu bewundern. Die Gesichter, noch geisterhaft blass, waren theilweise von Fackelqualm ge-scliwärzt, an den Händen, vielfach zcrschundcn und verkratzt, schimmerte nur hie und da die ursprüngliche Farbe durch. Die Kleider waren zerrissen, nass und schmutzig. Im August und September blieb das Wetter fort- während flu- unsere Forschungen günstig. Während die Zeitungen aus allen Gregenden des Reiches Hiobs-posten von Kegcngtissen und Ueberschwemmungen brachten, blieb dem steinigen Karst selbst der leichteste Regen versagt. Die Reka führte nur noch sehr wenig Wasser. So klein jedoch, wie sie eine Notiz in der „Neuen Freien Presse" machte^ welche meldete^ der Fluss sei ausgetrocknet und bestehe nur noch aus unzusammenhängenden Tümpeln, war sie dennocli nicht, denn es war ein Wasserquantum von 8000—10.000 Cubikmeter vorhanden. Bei allen unseren Fahrten machten wir die Wahrnehmung, dass im tiefsten Innern der Höhle der Fluss mächtiger als ausserhall) auftritt. Durch genaue Messungen der Wassermenge über und unter Tag wird dieser Umstand später klargestellt werden. Uns Pfadlindern bleibt bei rlen ersten Vorstössen £eine Zeit dazu übrig, unsere Parole ist schnell vorwärts und rückwärts, und zugleich trachten, dass wir mit heilen Knochen herauskommen. Welche Arbeit, welche Mülie würde es z. B. verursachen, einen VerAvundeten aus der Höhle zu bringen, auf den primitiven Wegen durcli das Labyrinth von Stein blocken im Flussbett. Nun folgten mehrere ICxpeditionen aufeinander, und zwar an iioch weiteren 4 Sonntagen. Unser Genosse, Bergrath Hanke, vom unwiderstehHchen Forschungseifer beseelt, ging Sonntag den 10. August allein in Begleitung der vier Arbeiter in die Höhle, brach alle Brücken hinter sich ab, d. h. zwischen dem ly. und 20. Wasserfall band er das einzige verfügbare Boot auf seiner Seite .fest, und machte so ein Nachkommen unmöglich. Das Resultat seiner Fahrt wa,r ein weiteres Vordringen um 100 Meter bis zu zwei neuen Stromschnellen, dem 21. und 22. Wasserfall. Diese Strecke ist eine der wildesten Partien des 1890 aufgedeckten Theiles der Höhle, sie war würdig"^ durch die Energie und das bravouröse Vorgehen eines solchen Pionniers besiegt zu werden. Nach acht Tagen gingen Hanke und Marinitsch (ich war durch Berufsgeschäfte verhindert, an der Tour tlieil^iunehmen) von Neuem vor und waren nach den grössten Anstrengungen so glücklich, noch Aveitere 300 Meter zurückzulegen, den 22., 23. und 24. Wasserfall zu passiren und endlicli einen kleinen See zu finden, in den sich die lieka mit Meter hohem Sturz (24. Fall) ergiesst. Sie brachten die Nachricht, dass vorderhand ein Ausfiuss aus dem See nicht wahrzunehmen sei, der Fluss scheine seinen Ausgang unterirdisch zu nehmen. Mit unserem schnellen Vorrücken in der unbekannten, dunklen Welt ging die Fertigstellung eines Nothweges Hand in Hand. Im Letzteren wird überhaupt unter der Anleitung des Herrn Bergrathes Hanke schier Unmögliches geleistet.. Bei der ersten Anwesenheit ist es eine fast senkrechte Wand, die wir anschauen und uns fragen: Wie wird es da möglich sein, einen Weg anzulegen?" Bei der zweiten Ankunft ündcn wir das Unglaubliche wahrgemacht. Schleclit und recht, jeden noch so kleinen Absa,tz geschickt benützend, ist ein Vorwärtsgehen ermöglicht. Bald hoch, bald niedrig zieht sich eine R^he winziger Stufen, Balken und Leitern an der Wand hin; ein Strick, um Nägel geschlungen, ist das Leitseil und lässt uns den fast unsichtbaren Pfad finden. Wie oft v/ird da Einem zugerufen: „Wo ist denn hier eigenthch die Stufe zum Eintreten?" Diese Steige, wenn sie auch nicht für J edermann sind, helfen vortrefflich weiter und hauptsächlich Avird darauf geschaut, sie dort anzulegen, wo sich unten freies Fahrwasser befindet, um die Kahnfahrten übei-flüssig zu machen. Auf einem noch so primitiven Wege würden wir leichter der Gefahr eines plötzlichen Steigens des Wassers entrinnen als in dem stärksten BootC; ganz abgesehen von der grossen Arbeit und Mühe, welche der Transport der Fahrzeuge und ilire Sicherung beansprucht. Dank diesen Wegen konnten wir am 24. August schon trockenen Fusses den 18. Fall erreichen und ebenso noch den Abfahrtsort, 25 Meter hinter demselben, im Alpenvereinscanal. Im 19. Fall waren die glatten Köpfe der Steine rauh geschlagen und damit an vielen vStelleu ein sicheres Auftreten ermöglicht. Das freie Fahrwasser von 25 Meter Länge zwischen dem 19. und 20. Fall konnte durch einen Katzen steig am rechten Ufer umgangen werden. Am Ende des Rinaldinidomcs muss die Reka überquert werden, liart unter der AVand am linken Ufer gellt es vorwärts; in das Wasser gewälzte Steine lassen uns ohne nasse Stiefel fortkommen. Links in den Berg hinauf gähnt eine grosse Oeffnimg. Wir stossen auf Erd- und Sinterterrassen. Einige Schritte gehen noch leidlich, dann aber beginnt eine anstrengende, geradezu gefährliche Kletterei über und zwischen gewaltigen Blöcken. Plötzlich leuchten aus dem Dunkeln vorne zwei grosse weisse (TCgen-stände auf, es sind dies eigen thümliche Tropfstein-gebilde. Am linken Ufer steht Avie eine Pyramide ein 3 Meter hoher weisser, abgestumpfter Stalagmit, wohl 9—10 Meter im Umfang, am rechten Ufer, wo hoch von oben die Wände mit wundersamen Sinterbildungen bedeckt snid, die gleich riesigen Vorhängen und Teppichen den Fels bekleiden, enden diese in einem prachtvollen, weissen Baldachin, der den Eingang zu einer 6 Meter laugen kleinen (Irotte überdeckt. Zwischen den zwei weissen Gebilden, welche jeder Tropfsteingrotte zur Zierde gereiclien würden, stürzt der Fluss rauschend hinab, sie bilden gleichsam die Thorpfciler des 21. Wasserfalles. Unsere weitere Strasse wird immer inliliseligcr, immer grösser werden die Blöcke, bis endlich über sehr steile SinLerterrasscn, welche mit Wasser au-getiült sind, auf ein mehrere Meter breites Band, ca. 10—15 Meter über der Reka aiifgeklettert werden nmss. Tief unten, iinsiclitbar, rumort und arbeitet das Wasser in der Klamm. Jetzt können wir am linken Ufer nicht mehr weiter, über Absätze und eine sehr stark geneigte Fläche in ganz bedrohliche)' Nähe des wild schäumenden Flusses'^ der sich gewaltsam zwischen hohen Blöcken durchzwängt, muss der Uebergang auf das rechte Ufer ausgeführt werden. Hier ist der 22. Wasserfall. Dieser Uebergang ist eine der gefährhchsten Passagen und erheischt die grösstc Vorsicht. Bisher sind alle Tra-vcrsirungen glücklich verlaufen, nur ein paar Grrotten-hüte sind dem wilden G-eselleu zum Opfer auf ISIimmerwiedersehen gefallen. Zur grösseren Sicherheit ward über den Fall ein Strick gespannt, an und mit ilim kamen wir schwer aufathmend hinüber. Bei diesem Falle genügt ein Steigen des Wassers von 15—20 Centimeter, ihn unpassirbar zu machen, seine Traversirung wird daher, solange nicht ein anderer Uebergang gefunden, ein höchst schwieriges, ja gefahrvolles Beginnen bleiben. Nun folgt längs des i-echten Ufers, über schlüpfrige hohe Steine, die wie mit einei- Eiskruste bedeckt erscheinen, eine anstrengende Kletterei im Fluss, bis ein Erdberg erreicht und auf diesem ver-hältnissmässig leiclit aufgestiegen wird. In dem feuchten, weichcn Erdreich, das unter den Tritten abrutscht — es hat eine Steigung von 45'' — leisteten uns die mitgenommenen 2 Meter laugen Bootshaken die Dienste eines Alpcnstockes. Die ganze Durchquerung des Sandberges hat überhaupt viel Aehn-lichkeit mit dem G-ang über ein steiles Schneefeld. Hart unter den vom düsteren Fackelschein be-leiichtcton Felswänden, deren bizarre Formen in der Höhe geisterhaft in Dunst und Nebel zerrinnen^ suchten wir den Weg nach dem Inneren zu verfolgen. Hier imd dort wurden Lichter und Pech-fackelstiimpfe brennend lieg'en gelassen, auch Hölzer in die Erde gesteckt, um nachher mit weuiger Mühe die richtige Rückzngslinie zu treffen. Tief von unten herauf tönte das Rauschen der Ueka, zu der wir bald in einem caminähnlichen Rinnsal, abstiegen. In ganz ansehnliclier Breite öffnet sich unten ein mit unzähligen Trümmern und Steinen bedecktes Thal, das der Fluss durchschäumt (der 23. Fall). Dieser Punkt liegt 150 Meter vom 22. Fall entfernt. Wir benannten diesen Theil der Höhle S chad e-loock-Dom, nach unserem verehrten Vereinsmit-alied, Herrn Thomas Schadeloock. mid entrichteten C^ 7 / damitj dass wir ihn zum Inhaber einer Partie der Rekahöhleii machten, welche dnrch ihre Grossartigkeit sich auszeichnet, einen kleinen Tribut der Dankbarkeit an einen Mann, welcher neben dem grössten Interesse für nnsere Forscliungen es auch an Thaten hat nicht fehlen lassen. Am rechten Ufer findet sich nun keine Möglichkeit weiter vorzugehen, eine senkrechte Wand macht es unmöglich, wir sind genöthigt wieder den Ueber-gang auf" das gegenseitige Ufer über die vielen glatten Steine auszuführen. W'ieder beginnt das Durcharbeiten durch ein Avüstes Gewirre von Blöcken; oft linden wir Baumstämme und Wurzeln, Bretter etc. etc. zwischen denselben eingeklemmt. Endlicli nach einer Strecke von 150 Meter hemmt ein kleiner See unsere Schritte, in welchen die Reka in freiem, meterhohen Fall (den 24.) sich hinabstürzt. Die Decke, bisher nicht sichtbar, senkt sicli auf circa 20 Meter herab. Aus dem See steigt senkrecht das ■-■y IV" . ; J , ää'- Unterirdischer Rekafluss bei St. Canzian (Triest), erforscht vorn 2ß. Jnli"bis 5. Oetobor 1800. Zeiolien-Erkläruiiff. RelfiiflusE ohae Felsen , mit JJlöolceii , kiiu 2». Wasscrfoll Kclcaufer mit Felsen . mil Steioen uud BIöbIcrii t'i^g^l ^ -mit Sana und Lelim ^ Weg IV4.V+-VI Kalkdecto Xüd so JOO 11 III I Querschnitte der vinterirdiachen Bekahöhle bei: 'CL-, % Aufgenoiiiiricn und gozoiclinet von A. Hanke. \ redite Ufer auf, dagegen ist es möglich, auf dem liiv-ken, über grössere Feisliiicker, die gegenüber]iegeiule Wand zu erreichen, welche sich mnschclförmig'unter den Wasserspiegel senkt. Bei dieser Wand endet die Höhle, wenigstens will es den Ansclvein haben, duss der Fluss dieses i3ecken unterirdisch verlässt, und dass hier unsere Forschungen ein Ende hätten. Wir waren an dem Tage hauptsächlich bis hierher vorgedrungen, um durch ausgesetzte Korkstücke, auf welchen brennende Lichter befestigt waren, den Ausfluss des Wassers zu ergründen. La.ngsani trieben diese Scliwimmer herum, um endlich in der entferntesten Ecke in einen nierleren Canal einzufahren und ihn scliwaeh zu beleuchten. Wir schätzten dessen Höhe auf 2 Meter, seine Breite auf 3—4 Meter. Ein Fahrzeug hierher zu scliaften — das nächste lag 700 Meter entfernt — war für diesmal unmöglich, es musste vorläufig von der Untersuchung des engen Abflussloches Abstnnd genommen werden. Zu all den Schwierigkeiten, welche sich darboten — wir dachten schon an die Herstellung eines Flosses aus vier Balken, welche an dem Ufer des Sees lagen — gesellte sich noch die Bcsorgniss über ein plötzliches Steigen des Wassers, da der Himmel am Morgen, beim Einstieg in die Höhle, mit Wolken bedeckt war. Wir beschlossen also die Rückkehr in der festen Absicht, sobald wie möglich mit einem Boot wieder hierher zu kommen und unsere Forschungen fortzusetzen. Nach ti'^fcn wii- wohlbehalten im Grasthaus Gombač in Matavun ein. Schon am 14. September sollten Avir das Ge-heimniss dieses engen Schlupfes ergründen. Hanke war, um die Arbeit zu fördern, Samstag den 18. nach Matavun gegangen. Als Marinitsch und ich auf dem Sandberg im Schadeloock-Dom anlangten. sahen wir schon die Lichter Planke's und seiner Grenossen im Wasser des Sees sich spieg-ebi. Bei unserer Ankunft schwamm das Kastenboot und war flott zur Forschungsfahrt. Hanke ruderte auf den Schkipf vorsiclitig' zu und nach 25 Meter Falu't war derselbe erreicht. Die Einfahrt bot ein jn-ächtiges Bild, durch den Luftzug angefacht schlug die Tjohe der brennenden Fackel hoch auf^ man wähnte in ein riesiges OfenlocL zu schauen, Avahrend der Lichtschein auf den Wellen des Sees zitterte. Als Hanke tiefer einfuhr, gewahrten wir, dass das Loch bedeutend breiter sei, als wir anfänglich angenomnien, es mass 8 Meter, wovon jedoch nur 3 Meter Breite sich auf eine Höhe von IV2 Meter erheben, während der andere Theil kaum schuhhoch über den Wasserspiegel sich senkt. Hanke kehrte bald mit der Xachricht zurück, dass hinter dem Schlupf die Höhle sich erweitere, die Decke bei 10 Meter hoch sei, dass aber au.ch gleich eine ordentHche Stromschnelle beginne. Nun wurde von Hanke Marinitsch hinübergebracht und nach diesem ich. Bei der Einfahrt in den Schlupf son-dirte ich die Tiefe des Wassers mit 4V2 Meter Tiefe. Der Canal ist ca. 3—4 Meter laug. Kaum eingefahren, empfieng uns ein betäubendes Greräusch, welches der neue Wasserfall verursachte. Neben und vor uns zischte und brodelte es mächtig. Mein Freund Hess mich auf einen Stein aiissteigen und fuhr wieder retour, um unsere Arbeiter zu holen, während ich mich daran machte, meinem Collegen Marinitsch zu folgen, dessen Licht weit vorn in der Höhle schimmerte. Mein erstes Debut in dieser neuen Höhle war nicht ganz glücklich, schon nach kurzer Zeit glitt ich auf einem glatten Stein aus, stürzte, wurde nass und mein Grubenlicht verlöschte. Doch bald war letzteres wieder angezündet iind ich steuerte von Neuem vorwärts. Die neue Höhle ist fast vollständig mit Wasser ausgefüllt^ im Eingänge befindet sich die Stromschnelle, darnach freies Fahrwasser. Ein grosser Theil des linken Ufers besteht aus angen, seinnntzigweissen Sinterterrassen, die theil-weise mit Sand und Wasser angefüllt sind. Diese Terrassen hatte Marinitsch schon erklommen und beleuchtete sie mit Magnesiumlicht, was einen feen-liaflen Anblick gewährte. Während dessen hatte sich auch TT an k e mit den drei Arbeitern genaht, und wir spähten nach dem Ausgang der Reka ans der neuen Höhle. Bald gewahrten wir im TTintergrund eine 3—4 Meter breite, bei 5 Meter hohe Spalte, über welche zwei grosse Balken horizontal lagen; ein Tiochwasser Tiatte sie hierher gebettet. Dies war der AbHuss, der aber leider für diesmal unerreichbar blieb, weder die steilen Felswände, noch das freie Fahrwasser erlaubten nns, ihm zu nahen. Unser einziges T^oot im Schlupf, in dem wir hergekommen, konnten nnrl durften wir nicht nehmen, es hätte diesem ein Unfall zustosscn, es hätte fortgerissen werden können und wir hätten dann, alle (5 Mann, eine Schwimmtour im Wasser von Tv (15'3" 0.) machen müssen. Bei der Untersuchung des Ufers landen sich verschiedene Balken und starke T^aum-stämme. Als wir über die vorhin erAvähiiten weissen Sinterterrassen kamen, gähnte uns dort eine dunkle OefThung entgegen; es war ein Seitengang, dessen Boden allniälig aufsteigend, fenclite Erde bedeckte. Nach 50 Meter Avar es niclit mehr möglich, weiter vorzugehen, da ein ziemlich tiefes, krystalllielles Wasser, das den ganzen Raum ausfüllte, dies verhinderte. A^on der Ferne vernahmen wir ein Plätschern, welches entweder von einem Icleinen AVasserfall oder von einem starken Einliuss von der Decke herrühren niusste. Bei näherer Betrachtung zeigte es sich, class Thiere dieses Wasser belebten; drei kleine, helle Krebse, wahrscheinlich angelockt von den Lichtern, fielen nns znr Bcnte, und'auch ein ca. 20 Centimeter hinger FiscJi sclnvamm in unserer Nähe herum. Die Art desselben konnten wir leider bei der mangelhaften Beleuchtung nicht teststellen. Die Krebse sind von Fachgelehrten untersucht worden, doch fanden sich an ihnen keine Abweichungen von ihren in der oberirdischen Reka lebenden Stammverwandten. Weitere Forschungen konnten Avir in dem (raaig nicht anstellen, da der Fackelqualni uns zu ersticken drohte und längeren Aufenthalt unmöglich machte. Gleiclnvohl nahmen wir an, dass durch diese Seiten-grotte ein Bacli in die Eeka einmünde, und zwar der Wildbach bei dem Dorfe Dane, welcher sich Kilometer von hier in' einen vSchlund verliert. Als" ich mit Paul Anton sie später wieder auf den grossen steinen der Ha.upthöhle. herumstieg, rief dieser: „Guarda Signor che bestia!"und ich sah zu meiner grössten üebcrrasclmng einen Laubfrosch da sitzen. Neugierig glotzte das Thier uns und die anderen herbeigekommenen Genossen an; was mag es wohl gedacht haben, beim Anblick der abenteuerlich aussehenden Forsclierschaai', die ihn lachend umringte, in deren Händen die flammenden Fackeln leuchteten, welche ihm vielleicht ztim ersten Male Triebt in sein Nachtleben gebracht. Die Höhle wurde nun noch von Hanke bergmännisch vermessen; er fand sie 80 Meter lang, dO—40 Meter breit und 8—10 Meter hoch und benannte sie nach dem verdienten Triester Naturforscher Dr. Carlo di Marchesetti „Marchescttihöhle". Die Rückfahrt und Landung an dem See ging an- * Scliaueii Sie, Herr, was für ein Thier! standslos von Statten. Nacli einem kleinen Imbiss rnnssten die Arbeiter das Fahrzeug 30 Meter hoch, auf dem Erdberg, welcher sich am linken Ufer des Sees aiifthürmt, bergen; eine ganz besonders mühselige Arbeit, erschwert dui-ch die steilen, schUipl-rigen Kunscn. Bei dieser Gelegenheit wurde hier auf der Höhe eine Zinkfackel angezündet, welche gleich einer Mitternaclitssonne ihre Strahlen in den grossen Raum warf und-jetzt erst so recht seine gewaltige Ausdehnung A^or Augen führte. Wir benannten den Dom und See nach unserem berühmten französischen Collegen, dem Grottcnforscher TTerrn E. A.Martel in Paris, „Marteldom und-See'^ Der Martcldom zaubert von Lichtschein durchstrahlt dem erstaunten Blick ein gi-ossartiges Stück Unterwelt vor, kaum ein anderer Theil der Höhle übertrifft ihn an Grösse. Mau Wcähnt in eine von fahlem IMondscliimmer beschienene, weite Landschaft zu schauen. Es sind nicht melir die finsteren, trotzigen schrolli'en Felsen, die uns umstehen, die uns zu erdrücken scheinen. Zwei gewaltige Erdberge thürmen sich in ihm auf und geben dem Raum einen anderen Charakter. Weit unten glitzert der See und i^auschi die Reka, die Wände zieren Tropfsteingehänge, und interessante Steinformationen, wie Zelte, Baldachine etc., machen diesen Dom zum Prunksaal der Can-zianer Unterwelt. Der Marteldom war das Kampffeld zwischen Keka und Berg. Hier wurde der Streit ausgefochten und entschieden. jNach heftiger Gegenwehr ist der Fluss der erdrückenden Umarmung seines Gegners unterlegen und sucht durch ein kleines Loch aus der Riesenhalle seinen Ausweg. Welcher Zeit, welcher Gewalten liat es bedurft, einen solchen Raum auszuhöhlen, welche Berge von Trümmern mögen hier herabgestürzt sein? Wo sind sie hingekommen? Zerrieben, zermahlen, in Atomen wurden sie von dem Flusse hiuwegge-schwemmt. Die gebliebenen Koste versetzen uns noch in Staunen. Der 5. October fand uns bereits wieder zu neuer Forschungsfahrt gerüstet. Die Wegarbeiten waren inzwischen so weit vorgeschritten, dass nicht nur der 155 Meter lange „Grrosse Alpenvereinscanal" ohne Schiff passirt werden konnte-; sondern er führte audi noch ein weites Stück in den Einaldinidom hinein. ~Der neue Wog endete inmitten des 19. Falles, ca. 14 Meter über demselben. Zum Abstieg an der sehr steilen, unten überhängenden Wand war eine Strickleiter angebracht. Da die Anbringung der T.eiter nur provisoriscli für diese Forschungstour dienen sollte, so wiir das Steigen zur Leiter über eine spiegelglatte, 30" geneigte Schichtungsfläche ohne Stufen etwas gefälirlich und wenig angenehm. Von Matavun bis zum A¥cgcnde hatten wir, einige ganz kleine liiihepausen eingerechnet, St. ge- braucht. Nach weiteren P/^j^ St., also im Ganzen nach unserem Aufbruch von oben in o^/^ St., langten wir an dem Martelsee an. Wir hatten schon früher ein Boot herabschaffen lassen, und nachdem unser zuletzt gebrauchtes Fahrzeug vom P^rdberg herabgebracht und flott gemacht war, begann die Uebcr-fidir der Leute und Greräthe. In der Marchesetti-liölilc wurde das mitgebrachte Kastenboot zusammengestellt und auf dem freien Fahrwasser gegen den Austluss hingefahren. Hanke, welcher zuerst dort-lin gerudert, kehrte nach den einleitenden E,eco-gnoscirungen mit der wenig tröstlichen Nachricht zurück, dass der Abflusscanal 3—4 Meter breit und / ca. 5 Meter hoch, jedoch nur 15 Meter lang sei. Das Ende wäre ganz mit Heisig verstopft, zwischen und durch dieses verschwinde die Reka; ihm schien CS unmöglich^ hier weiter zukommen. Marinitsch UTifl ic]i fuhren nun auch hinüber, um uns durch den Augenschein von dem Hindernisse zu überzeugen. welches unseren Forschungen ein Ziel setzen sollte. Als wir unter den beiden über dem Eingang iegenden, machtigen Balken hinruderten, konnte ich mich des Gredankens nicht erwehren, „wenn die jetzt herunterfielen!" Am Ende des Canales landen wir Paul Anton sie, der mit Ilanke hergekommen und zurückgcbliebeu war, oben auf dem Keisig sitzen, bemüht, es zu lockern. Er wollte auch oben durch eine kleine Oeffnung zwischen den Acsten und dem Fels durchkriechen, doch erlaubten wir ihm dies nicht, da ein Fall durch irgend ein Loch in diesem natürlichen Filter nicht ausgeschlossen war. Somit waren unsere kühnen Hotthungen sehr hcrabgestimmt; sollte die Reka, nachdem sie über 2 Kilometer so stolze, gigantische Hallen durchbraust und ganze Baumstämme fortgeschleppt, in einem engen, mit Reisig verkeilten Loche endigenV Wir Icehrten bald der Stelle den Rücken, die uns eine solche grosse Enttäuschung bereitet; Gefahr war hier gar keine vorhanden, das Wasser hatte kaum ein Gfefalle. Als wir uns dem ITfer nahten, erklang plötzlich über unseren Köpfen von der Höhe der Sinterterrassen das Signal von Hanke's Horn: „Etwas Neues gefunden!" und bald rief er uns selbst zu: ..Kommt rasch herauf, hier oben geht's weiter." Thatsächlich war Hanke, während wir unsere Wasserfahrt nach dem Reisigfilz machten, in die schon früher gefundene Grotte eingedrungen, hatte im heiligen Forschereifer mit noch einem Begleiter das metertiefe Wasser, welches damals unserem Vordringen ein Halt geboten, durchwatet und gesehen, dass hinter • dem Wasser, einem Tümpel von 15 Meter Länge, die Hölile sicli weiter in den Berg bog- und auch wieder trocken wurde. Man braucht nicht geraxle wasserscheu zu sein, um vor dem Waten in einem Wasser von IQ-T" 0. (Luft 13-2" (J.) zu scheuen, neben der sicheren Aussicht, in nassen Beinkleidern dann einen vierstündigen Rückzug in der zu«ii>'en Hülile inachcn zu müssen, um nicht auf irii'cnd CO > C einen gescheidten GredanJven 7Ai kommen, wie dieses ominöse Becken, ohne nass zu werden, zu passiren wäre. Icli frug einen unserer jungen Arbeiter, ob er midi durchtragen könne, was er bejahte. Nun bestieg ich seinen breiten Rücken, und Ross und Reiter hatten anfängHch ihre hebe Noth, unter der niederen, mit spitzen Stalaktiten besetzten Decke vorzulaviren. Darnach wurde der Gang wieder höher (3—4 Meter). Hier gewahrte ich aber von meinem erhabenen Standpunkte, dass der Grund des Tümpels sehr uneben, mit scharfen Sinterbildungen durchzogen war. Auch Marinitsch folgte meinem Beispiel, während TT an k e es stolz vorzog, das Fussbad zu nehmen. Gleich wenige Schritte vom Ufer senkte sich der Gang ziemlich steil abwärts, hie und da i'agten kleine Stalagmiten aus dem ehmigen Boden auf, ein Zciclien, dass das Hochwasser hier nicht häufig eindringt. Bald stiessen wir auf einen kleinen Bach, der von links lier, aus einem niederen, dreieckigen Spalt hervorsprudelte und in unserer Kähe einen Wasserfall bildete, dessen Geräusch wir damals schon vernommen hatten. Einige krochen an allen Vieren an dem Bache aufwärts, bis nach beiläufig 20 Meter ein merkwürdigerweise in diese Grotte eingeschwemmter, dicker Balken ein weiteres Vordringen verhinderte. Während dessen hatte sich Marinitsch suchend rechts fi'ewendet und rief nach einer Weile, dass er die Reka wieder gefunden hätte. Ueber eine sehr steile, lelimige schlüpfrige Fläche nahten wir uns bald dieser neuesten, hochinteressanten Entdeckung und fanden eine Art Ideinen See von circa S Meter Breite und 20 Meter Länge, in welchem einige Balken herumschwammen, darunter ein alter Bekannter von uns, der noch seine Eisenarmatur an sich trug, ein Balken von dem Rettungsweg beim 14. Wasserfall, von wo ilm das Hochwasser im Frühjalir entfülirt hatte. Das Wasser stand ruhig und ausgesetzte Schwimmer Avurden durch die Balken nahe beim Ufer festgehalten. Wir konnten weder Ein- noch Ausiluss wahrnehmen, doch steht es nach vorgenommenenMessungeii wohl aussei' Zweifel, dass der kurz vorher von uns besuchte Canal mit dem Eeisig in diese neue Höhle mündet. Bis zu diesem Punkte beträgt der erforschte Theil der St. Canziauer Höhle Kilometer. Von dieser Strecke haben wir allein im vorigen JahrelV4 Kilometer erschlossen. Die Höhe bleibt vom Eingang bis zum Martelsee fast immer dieselbe, nur an einigen Stellen senkt sicli die Decke untei- 40 Meter heralj. Nach einer barometi-ischen Messung, die aber keinen Anspruch auf absolute Genauigkeit erhebt, befinden wir uns hier, am Ende unserer Forschungsfahrt, 70 Meter unter dem Spiegel desRekasces in der grossen Dolina unter St. Oanzian und sind circa 205 Meter über dem Niveau des Meeres. Der ganze von uns aufgedeckte Theil der Höhle ist von Herrn Bergrath Hanke bergmännisch mit dem Handcompass aufgenommen. Die vorgerückte Zeit, es war schon 2^^ nachmittags und wir bereits 7 St. in voller Thätigkeit, drängte zum Aufbruch, zur Heimfahrt; wir mussten von unserer neuesten Errungenschaft scheiden, ohne dieselbe eingehender erforschen zu können. Wer kann sagen, ob wir bald wiederkehren können? Jetzt wird die brüllende Hochfluth sich im gewaltigen Anprall an der Wand des Martelsees brechen. Dann wäre eine weitere Forschung ein wahnsinniges Unternehmen, sie ist schon schwer genug bei niederem Wasserstand. So gestaltet sich die Erforschung des unterirdischen liekalaufes zwar immer interessanter, aber auch immer schAvieriger und gefahrvoller. An ein eingehenderes Studium der letzten neuen Höhlen und Seen kann nur dann gedacht und dieselbe in Ausfüli-rung gebracht werden, wenn rückwärts der Rettungsweg so nahe wie müglich dem Martelsee geführt ist. Glücklich passirten wir den Schlupf, nm- das-Boot blieb als alleiniger Zeuge unserer Anwesenheit in der Marchesettihöhle zurück, um, geschützt in einer Felsennische, das nächste Hochwasser zu erwarten. An dem Ufer des Martelsees lagerten wir uns mit unseren Arbeitern zu einer stärkenden, frugalen Mahlzeit, ausruhend von den Mühen der letzten Stunden. Von hier erreichten wir in 3^4 St. den Rudolfdom, wo unsere Augen nach langer Zeit (12 St.) wieder der Tagesschimmer traf. Bald traten wir aus der Schmidlgrotte in das Freie, den blauen Himmel über uns begrüssend. Silberhell klingt von St. Canzians schlankem Kirchthurm das Ave Maria in die in tiefe Schatten sich hüllende Dolina hinab. In frommer Andacht entblössen unsere Arbeiter ihre Häupter und auch wir gedenken in gehobener Stimmung unserer glücklichen Wiederkelir. Müde ersteigen wir den steilen Hang und athmen oben mit vollen Zügen die frische Karstluft ein. Ferne, allmälig verhallend, ertönt das Rauschen der Reka. Ruhe und Frieden liegt auf der von den letzten Strahlen des Abendrothes vergoldeten Landschaft und langsam naht die Nacht, welche uns Erholung bringen soll von den Strapazen der wilden, abenteuerlichen Forschungsfahrt in der Unterwelt. (v: i ^ ' ^ ■• • t. 1 ■