Im Zweite, durchgeschene Auflage. Preis, geheftet 2 I< 40 gebnn-en 2 K 70 I>. Wien. Kaiserlich-Königlichen Schulbücher-Verlage 41986 für die 1. und 2. Klasse gemischtsprachiger Mittelschulen und verwandter Lehranstalten. Kerausgegeken von Anton Atrritos. Deutsches Lesebuch für die 1. und 2. Musse gemischtsprachiger Mittelschulen und verwandter Lehranstalten. Keransgegcöcn von Anton Strntof. Zweite, durch gesehene Auflage. Preis, geheftet 2 L 40 h, gebunden 2K 70 b. Wien. Lm kaiserlich-königlichen Schulbucher-Verlage 1906. Dre in einem k. k. Schulbücher-Verlage herausgegebenen Schulbücher dürfen nur zu dem auf dem Titelblatte angegebenen Preise verkauft werden. Alle Rechte Vorbehalten. 3 1. Im Namen Gottes. Im Namen Gottes fang' ich an, Mir helfe Gott, der helfen kann! Wenn Gott mir hilft, wird alles leicht; Wo Gott nicht hilft, wird nichts erreicht. Drum ist das Beste, was ich kann: Im Namen Gottes fang' ich an. Alter Spruch. Aus Kummer-Branky-Hofbau er s Lesebuch. 2. Sprüche. 1. Aller Anfang ist schwer. 2. Frisch gewagt, ist halb gewonnen. 3. Übnng macht den Meister. 4. Was du heute kannst besorgen, Das verschiebe nicht auf morgen! 8. „Morgen, morgen, nur nicht heutest' Sprechen immer träge Leute. 3. Der kluge Slar. Ein durstiger Star wollte aus einer Wasserflasche trinken; er¬ kannte aber das Wasser darin mit seinem kurzen Schnabel nicht erreichen. Er hackte ins dicke Glas, vermochte es aber nicht zu zerbrechen. Er stemmte sich gegen die Flasche, sie umzuwerfen; aber dazu war er zu schwach. 5 Nach längerem Nachdenken siel ihm ein, Steinchen zu sammeln und sie in die Flasche zu werfen. Dadurch stieg das Wasser bald so hoch, daß er es erreichen und seinen Durst löschen konnte. Nach Gleim. t* 4 4. Der sprechende Star. Der alte Jäger Moritz hatte in seiner Stube einen abge¬ richteten Star, der einige Worte sprechen konnte. Wenn znm Beispiel der Jäger rief: „Stärlein, wo bist du?" so schrie der Star allemal: „Da bin ich!" 5 Des Nachbars kleiner Karl hatte an dem Vogel eine ganz besondere Freude und machte demselben öfters einen Besuch. Als Karl wieder einnial hinkam, war der Jäger eben nicht in der Stube. Karl fing geschwind den Vogel, steckte ihn in die Tasche und wollte damit fortschleichen. w Allein in eben dem Augenblicke kam der Jäger zur Tür herein. Er dachte, dem Knaben eine Freude zu machen, und rief wie gewöhnlich: „Stärlein, wo bist du?" — und der Vogel in der Tasche schrie, so laut er konnte: „Da bin ich!" Also kam der Diebstahl an den Tag. Nach Chr. Schmid. 6. Was kostet das Füllen? Ein Wolf traf von ungefähr eine Stute mit ihrem Füllen an. Der Wolf fragte die Stute, ob sie ihm das Füllen nicht verkaufen wolle und um welchen Preis. „O ja," antwortete sie, „ich verkaufe das Füllen. Der Preis 5 steht unter den: Hufe meines rechten Hinterfußes geschrieben. Kannst du lesen, so sieh nach!" „Ich bin ein gelehrter Mann und kann lesen," sprach der Wolf. Die Stute hob den Fuß auf. Der Wolf kam nahe herbei, um die Schrift zu suchen. Da gab ihm die Stute einen solchen Schlag w vor die Stirn, daß ihm die Sinne vergingen und er wie tot zu Boden fiel. Grimm. 6. Die Fliege und ihre Jungen. „Kinder," sagte eine alte Fliege zu ihren Jungen, „vor dem Honig, vor dem Wein und vor einem brennenden Lichte nehmt euch in acht!" 6 10. vkr Dkau uucl clsr Llabu. Linst spraob clsr Ltan -:n äsr Dsnirs: „8itzli simnal, rvis boobmübiA unck trot^iZ äsin Dabu sinbsrkritt! llnä ckooli sgAen dis Noirsobsn niobt: dsr stvDs D^bn, soucksrir uur immer: äor stolze Dckau." „Das maobt," suZts dis Henns, „veil dsr 5 Nsnsoli einen ASAründstsn 8kol2 übsrsisüt. Der Dabu ist Lnt seine ^aobsamirsib, Lnt seine Nnnniieit, sboD; absr vorg,nt du? — Lnt Larbsu und Lodern!" I-essiuZ. 11. Die Henne und ihre Küchlein. Eine Helme sah in der Luft den Habicht schweben. Da rief sie ihre Küchlein zusammen. Diese sprangen eilig herbei und die Mutter barg sie unter ihre Flügel; nur eines fehlte noch. Dieses stand am Ufer eines Teiches und sah dem Plätschern der Enten zu. Die Henne 5 lockte immer ängstlicher; aber das Küchlein rief: „Ich mag nicht kommen, hier ist es schöner als unter deinen Flügeln!" „Ach, Kind," rief die Mutter, „komm schnell! Siehst du den Habicht über dir?" — Das Küchlein sah empor; aber schon schoß der Habicht herab, faßte es mit seinen Krallen und trug es fort. Vergebens schrie io das Küchlein; der Habicht fraß es auf. Schulze-Steinmann, Deutsches Lesebüchlein. 12. Was ich liebe. 1. Ich liebe die Blnmen, Ich liebe das Spiel, Ich liebe die Schule, Ich liebe gar viel. 2. Ich liebe die Vögel, Sie singen so schön. Ich liebe die Wiesen, Die grünenden Höh'n. 3. Ich liebe das Bächlein, Den Fluß und den See, Die blühenden Bäume, Den glitzernden Schnee. 4. Die Erde, den Himmel, Die Sonne, den Stern; Ich liebe das alles, Ich hab' es so gern. 5. Ich liebe die Menschen, Den fröhlichen Mnt: Ich liebe herzinnig. Was schön ist und gut. Staubs Kmderbuch. — l — 13. Sprüche. 1. Bete und arbeite! 2. An Gottes Segen ist alles gelegen. 8. Der Mensch denkt, Gott lenkt. 4. Wer aus Gott vertraut, hat wohl gebaut. 5. Mit Gott fang an, mit Gott hör' auf. Das ist der schönste Lebenslaus. 14. Spotte nicht über Unglückliche! Ein armer Mann, der einen Stelzfuß hatte, ging durchs Dorf. Da bemerkte ihn eine Schar mutwilliger Knaben. Einer unter ihnen machte sich über ihn lustig und hinkte ihm nach. Der Mann wandte sich um und schaute wehmütig auf den Spötter. Dann sagte er zu ihm: „Knabe, ich habe als Soldat sürs Vaterland gestritten; mein s Bein verlor ich in der Schlacht durch eine Kugel. Dieser Stelzfuß verdient also deinen Spott nicht." — Diese Worte gingen allen zu Herzen, die Knaben zogen ehrerbietig ihre Mützen und der Spötter schlich schamrot zur Seite. Schulze-Steinmann, Deutsches Lesebüchlein. /.7. D«« ^u,-ei L/äAcie, Ani^itte Mn/ AMAen cien su nnet /ecie tnuA eiae/r so^wenen Aonö no/i Oöst au/ cisM ^oA/e. Ausritte munnte uuei seu/rte bestäneiiA, aöe-' iao^ts nnci serenste. Knie/itte «ar ist 5 /a so so^wsn wie cien msi-riAS unci ciu öist nm nie/rts stäi^sr' a/s ie/i." HaixnnA» .s/nnae/r: ,,/e^ äabs ein gewisses /taäutiei-r sun ^Äncie AöteAt, „Es ist schlimm," sagte der Zimmermann; „unter zweihundert Kronen kann ich Euch den Schaden nicht gutmachen." Als der erste Ziegel fehlte, wär's mit einigen Hellern abgetan gewesen. Merket euch: Sorglosigkeit schadet. Rankwitz. 18. Sprüche. 1. Durch Schaden wird man klug. 2. Lerue Ordnung, liebe sie: Ordnung spart dir Zeit und Müh'! 3. Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen. 20. Herbstlied. Bunt sind schon die Wälder, Gelb die Stoppelfelder Und der Herbst beginnt; Rote Blätter fallen, Graue Nebel wallen, Kühler weht der Wind. S a l i s. 21. Ols Loroäbrso. Mn Danämann ZinZ mit soinom bioinon 8obno lob ins aal äon ^.obor binaus, uw su sobon, ob äas Xorn baiä roll soi. „8iob, Vator," saAto äor unortabrono Linabo, „rvio autroobt oiniAs Haimo äon Lopt traZon! Dioso müsson roobt vornobm soin; äio anäorn, äio siob so tisk vor ibnon büobon, siuä Zovik visi 5 sobloobtor/ Dor Vator ptiüobto oiu paarchbron ab unä spraob: „8iob äioso ^br6 bior, äio siob so stoi^ in äio Döbo stroobt, sio ist §an2 taub unä ioor; äioso abor, äio siob so bosoboiäon nochts, ist voll äor sobönston Xörnor." w Nräch oinor Aar 2U boob äon Xopsi 8o ist or v^obi oin oitior Iropt. Ns.eli 6 Ii i'. 8 e Ii in i ä. 22. Die Erd schwämme oder Pilze. Die Mutter schickte einst die kleine Katharina in den Wald, Schwämme zu suchen, weil sie der Vater sehr gern aß. „Mutter," rief das Mädchen, als es znrückkam, „diesmal hab ich recht schöne gefunden! Da sieh nur!" sagte sie und öffnete das Körbchen, „sie L 10 5 10 5 10 sind alle schön rot wie Scharlach und wie mit weißen Perlen besetzt. Es gab wohl noch von jenen braunen und unansehnlichen, von denen du neulich brachtest; sie waren mir aber zu schlecht und ich ließ sie stehen." „O du einfältiges, törichtes Kind!" rief die Mutter erschrocken. „Diese schönen Schwämme sind trotz Scharlach und Perlen giftige Fliegenschwämme und wer davon ißt, muß sterben. Jene braunen aber, die man Herrenpilze nennt und die du verschmähtest, gehören, ungeachtet ihres schlechten Aussehens, unter die besten." Chr. Schmid. 23. Die Euelle. An einem heißen Somuiertage ging ein Knabe über Feld. Seine Wangen glühten vor Hitze und er lechzte vor Durst. Da kam er zu einer -Quelle, die im Schatten einer Eiche hell wie Silber aus dem Felsen hervorbrach. Wilhelm, so hieß der Knabe, hatte wohl gehört, daß man nicht trinken solle, wenn mau erhitzt ist. Allein er achtete nicht darauf, trank sogleich von dem eiskalten Wasser und sank fast ohnmächtig zur Erde. Mit Mühe kam er nach Hause und verfiel in ein gefähr¬ liches Fieber. „Ach," seufzte er auf seinem Krankenbette, „wer hätte es jener Quelle angesehen, daß sie ein so schädliches Gift enthalte!" Allein Wilhelms Vater sprach: „Die reine Quelle ist an deiner Krankheit wohl nicht schuld, sondern einzig deine Unvorsichtigkeit und Unmäßigkeit." Nach Ehr. S ch m i d. 24. Die Suppe. „Die Mittagsuppe ist doch gar zu mager, ich kann sie nicht essen!" sagte die kleine Gertrud und legte den Löffel weg. „Nun wohl," sagte die Mutter, „ich will dir dafür eine bessere Abendsuppe vorsetzen." Die Mutter ging hierauf in den Krautgarten, grub Erdäpfel aus und Gertrud mußte, bis die Sonne untergiug, die Erdäpfel aufleseu und in Säcke sammeln. ll Nachdem beide nach Hause gekommen waren, brachte die Mutter endlich die Abendsuppe. Gertrud kostete sie und sagte: „Das ist freilich eine andere Suppe, die schmeckt besser." Sie aß das ganze 10 Schüsselchen voll aus. Die Mutter aber lächelte und sprach: „Es ist eben die Suppe, die du heute mittags stehen ließest. Jetzt schmeckt sie dir aber besser, weil du den Nachmittag hindurch fleißig gearbeitet hast." Chr. Schmid. 26. Sennerlied. 1. Ihr Matten, lebt wohl, Ihr sonnigen Weiden! Der Senne muß scheiden, Der Sommer ist hin. 2. Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder. Wenn der Kuckuck ruft, wenn erwachen die Lieder, Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu. Wenn die Brünnlein fließen im lieblichen Mai. 3. Ihr Matten, lebt wohl, Ihr sonnigen Weiden! Der Senne muß scheiden, Der Sommer ist hin. Schiller. 26. Der Esel als Salzträger. Ein Esel war mit Salz beladen. Er kam an einen Bach, strauchelte und fiel ins Wasser. Als er wieder ausstand, fühlte er, daß seine Last um vieles leichter geworden war; denn ein großer Teil des Salzes war geschmolzen. Das merkte er sich mit Freuden. Als er später wieder des Weges kam und mit Badeschwämmen 5 beladen war, ließ er sich absichtlich in das Wasser nieder, indem er hoffte, daß es mit der Last ebenso gehen würde wie früher. Aber die Schwämme wurden durch das eindringende Wasser so schwer, daß der Esel nicht wieder aufstehen konnte und unter der Last ertrank. Riede rgesäß, Deutsches Lesebuch. 12 M'l7 AMA «A/ 67ue-u »§t6A6 rlösT' 67'776» uuc^ tvUA 6M ^srs6^ E ck/a-Ti/e. /iic^SM 67" UV77 7777u serneu Mcrekt. 5 2)su lpirneteusmann «den setrrte rknr ser'ne Aanse ^ua/t entASAsn unct Loo eten ll/antst /ester' «n. 22 Da ^/rmA c?r's nrr'?c?6 äonns «n su nn7 ev/nMs Mr'ik r7ne» Ktna^ien 7a? a/rc? LüAe?. Li??te /«D? cien 1« l-Uan^erer s,H trc/e,- M c?s-r Mrnte? srn? — L> w«,/ r'/ra «S,- Venu (Ioob nur immer die 8OMI6 sebiene!" süßten die Kinder an einem trüben, stürmiseben IteZ-sntuA-e. Ibr V^unsob sebien bald in XrtüIIunA xu Aeben; denn mebrere soeben lunA- erb liebte man kein IVölkoben um Himmel. Dio lunZe s 'troolrenbeit riebtete über Arollen Lobuden uut Xelrern und IViessn an. Im 6lurten vervvelirten Illumen und Xrüutsr und der llluobs, und den 8ieb dis Nüdoben so sebr Askreut butten, -wurde kaum dnZsrluuA. „Lebt ibr nun," spruob die Nutter, „dull der liefen ebenso io not-wendiZ ist-wie der Lonnensobein? ^.Ilss ist sveise Xinriebtun^ 6ottes! ^.ueb tür uns Nenseben svare es niobt Aut, svenn -wir lauter beitere, trobe NuZe bütten. Xs müssen uueb trübe NuZe, OrunASuIe und beiden von Zeit su 2eit über eueb kommen, damit ibr -m Autsn Nensoben berunwuebset." 6ür. 8oümid. 27 63. Der Wolf auf dem Totenbette. Der Wolf lag in den letzten Zügen und schickte einen prüfenden Blick auf sein vergangenes Leben zurück. „Ich bin freilich ein Sünder," sagte er, „aber doch, hoffe ich, keiner von den größten. Ich habe Böses getan; aber auch viel Gutes. Einstmals, erinnere ich mich, kam mir ein blökendes Lamm, welches sich von der Herde verirrt s hatte, so nahe, daß ich es gar leicht hätte würgen können; und ich tat ihm nichts. Zu eben dieser Zeit hörte ich die Spöttereien und Schmähungen eines Schafes mit der bewunderungswürdigsten Gleich¬ gültigkeit an, obwohl ich keine schützenden Hunde zu fürchten hatte." „Und das alles kann ich dir bezeugen," fiel ihm Freund Fuchs, u> der ihn zum Tode bereiten half, ins Wort. „Denn ich erinnere mich noch gar wohl aller Umstände dabei. Es war zu eben der Zeit, als du dich an deni Beine so jämmerlich würgtest, das dir der gutherzige Kranich hernach aus dem Schlunde zog." Lessing. 64. Todesgefahren. Eines Bürgers Sohn ging über Feld. Es fügte sich, daß sich ein Schiffsmann zu ihm gesellte, und sie redeten von allerlei Sachen. Die Rede kam auch auf ihre Eltern und der Schiffer sprach: „In diesem Jahre ist mein Vater ertrunken und vor fünf Jahren ist mein Großvater ertrunken." Jener fragte: „Wie ist denn dein Ahn und s Urahn gestorben?" Der Schiffer erwiderte gelassen: „Sie sind alle ertrunken." Erschrocken rief des Bürgers Sohn: „So würde ich nicht Schiffer bleiben. Fürchtest du dich denn gar nicht, wenn du in deinem Schiffe bist, daß du auch ertrinkest?" Der Schiffer sprach: „Wie ist denn dein Vater gestorben?" — „Er ist auf natürliche Weise im Bette w gestorben." — „Und dein Großvater nnd Urgroßvater?" — „Sie sind alle im Bette gestorben." — Da sprach der Schiffsmann lächelnd: „Fürchtest du dich denn nicht, wenn du dich ins Bett legst, daß du auch darin sterbest?" Nach Pauli. 28 68. Sprüche. 1. Der Schein trügt. 2. Heute rot, morgen tot. 3. Unverhofft kommt ost. 4. Glück und Glas, Wie leicht bricht das! 66. Käksel. Im Sommer muß es fasten, Im Winter wird's gespeist; Im Sommer kann man's betasten, Im Winter ist's hitzig und beißt. Schulze. 67. Der brave Fähnrich. Ein österreichischer Fähnrich wurde in einer Schlacht schwer verwundet und blieb am Rande einer Pfütze liegen. Nach dem Kampfe bemühten sich die feindlichen Krankenwärter, ihn auf einen Wagen zu heben, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. Er aber bat und 5 flehte dringend, sie möchten ihn doch liegen lassen; denn durch das Wasser könne er seine Wunden kühlen. Die Krankenwärter gingen weiter. Ans der Rückkehr sahen sie den Fähnrich noch an derselben Stelle; er war aber bereits verschieden. Sie hoben die Leiche auf und sanden unter ihr — die Fahne, die der brave Fähnrich mit seinem w Leibe bedeckt hatte, um sie nicht in die Hände des Feindes gelangen zu lassen. K u m m e r - B r a n ky - H o f b a u er, Lesebuch. 68. hr'Kuor» Fru 8otctat, cteu au/" pou^-osteu stauest wuucte M er'ueu ctunstteu Fac^t uuueuse^eus uom Feructe übe-statteu, e/vma/stet AestauAM AeuvM-ueu. Die ster'ucttrosteu 8otctatsu ua^ureu Äu r'u etr's Mr'tts, ur'e/rtetsu etre Za/ouette au/ Äu uuct Ast-oteu r'stm, 5 sr'e soAterct^ LUM /.«Asu su /üstreu. „Tust ctu ctres," saAteu sr'e, „so sott etru ctas /.et-so. Asso^eu^t seru/ t-erm. AeuruASteu /iarrte 29 «Fen vo-r <Ä7' LU Asöe-r waAtest, wenden unn cüro^ «tt/ <^67- Ke^e ^Ane^öo^T-su." De»' Ko^«t AMA wr^/rA -uÄ, wu^ts «öe-- vi <-/r ^amerr r»ra! 67° A^auberr ^o/ruts, c/«/> e-' Ae/<67-t rvsu^s, se^ure 67° 10 7m't /«utsT" ^«-ue7'Kc^6u, Hren SM<^ ^6ML^e/^ /M AuAeuö^'o^s wau c/«s AauLS D«Asn ar«/' c^eir ^elueir uirc/ c^sT- i^öen/Ä^ -Mun^n vöT-eite^/ c^eu tneueu ^v^«tsu «den /air<^ m«7r, vou ure/eu /Nlo^en. c^UT-o^öo/rT't, «,7t/ cieuse?bs7r Ke?/e entsee^ ^'eASTi, wo ei' ser-re-r ll^rnuMASnu^ ausALSto/ieu ^«tte. Oasxa»-i. 15 69. Das Vaterland. Ans Vaterland, aus teure, schließ dich an. Das halte fest mit deinem ganzen Herzen! Hier sind die starken Wurzeln deiner Krast, Dort in der fremden Welt stehst du allein. Ein schwaches Rohr, das jeder Sturm zerknickt. Schiller. 70. Vaterlandsliebe. In einem schweren Kriege, den Österreich gegen Frankreich führte, wurden dem Kaiser Franz von seinen treuen Untertanen viele Gaben zugeschickt, damit er sie zur Verteidigung des Vaterlandes verwende. Einst kam auch ein schlichter Bauer in die Hofburg und verlangte, den Kaiser zu sprechen. Es war eine schöne Eigenschaft 5 dieses edlen Fürsten, daß er auch die geringsten seiner Untertanen freundlich vor sich ließ. Der Bauer wurde also vorgeführt. Der Kaiser fragte ihn freundlich, was er wünsche. „Ich bringe Euch etwas," sagte der Bauer und legte einen Beutel mit tausend Gulden aus den Tisch. Staunend über das ansehnliche Geschenk eines so unansehnlichen io Mannes, fragte der Kaiser gütig: „Wie heißt du und woher bist du?" „Das soll niemand wissen," antwortete der Bauer kurz und entfernte sich rasch. Den Kaiser freute diese Anspruchslosigkeit. Er schickte eilig Leute nach, die den Bauer nochmals um Namen und Wohnort fragen 15 sollten. Aber der Bauer antwortete lachend auf ihre Fragen: „Meint ihr, daß ich es euch sagen werde, da ich es dem Kaiser nicht gesagt habe?" Nach Pustkuchen-Glanzow. 30 71. Vaterlandsliebe. Einst drangen Feinde gegen die Stadt Wien vor. In der Dunkelheit der Nacht wollten sie einen wichtigen Plan ausführen; aber sie wußten den Weg nicht genau. Da trafen sie einen Bauer an und verlangten von ihm, er solle ihr Wegweiser sein. 5 „Gott bewahre mich," sagte der Bauer, „das tu' ich nimmer!" Heftig drang der Offizier, der den Vortrab führte, in ihn. Aber der Bauer blieb ruhig bei seiner Weigerung. Der Offizier bestürmte ihn mit Versprechungen, er bot ihm einen vollen Beutel mit Gold an; alles vergebens. io Inzwischen langte der Hauptzug der Feinde an und ihr General war sehr erzürnt, den Vortrab noch hier anzutreffen. Als er erfuhr, daß der einzige des Weges kundige Mann sich durchaus nicht bewegen lasse, ihr Wegweiser zu sein, ließ er den Bauer vorsühren. „Entweder," rief er ihm zu, „du zeigst uns den rechten Weg oder ich lasse dich is totschießen." — „Ganz gut!" erwiderte der Bauer, „so sterb' ich als rechtschaffener Untertan und brauche nicht Landesverräter zu werden." Da bot ihm der erstaunte Generäl die Hand und sprach: „Geh heim, wackerer Mann! Wir wollen uns ohne Führer behelfen." Nach Petiscus. 72. Mein Vaterland. 1. Treue Liebe bis zum Grabe Schwör' ich dir mit Herz und Hand; Was ich bin und was ich habe. Dank ich dir, mein Vaterland! 2. Nicht in Worten nur und Liedern Ist mein Herz zum Dank bereit. Mit der Tat will ich's erwidern Dir in Not und Kamps und Streit. 3. In der Freude wie im Leide Ruf' ich's Freund und Feinden zu: Ewig sind vereint wir beide Und mein Trost und Glück bist du. 31 4. Treue Liebe bis zum Grabe Schwör' ich dir mit Herz und Hand; Was ich bin und was ich habe, Dank' ich dir, mein Vaterland! Hoffmann von Fallersleben. 73. Die Mücke und der Löwe. Als der Löwe einst den Wald durchtobte uud alle Tiere vor ihm erschrocken flohen, forderte ihn eine kühne Mücke zum Zweikampfe heraus. Mit Hohngelächter nahm der Löwe denselben an; aber rasch flog die Mücke in seine Nasenlöcher und zerstach ihn hier dergestalt, daß er sich voller Wut mit seiner eigenen Klaue zerfleischte. Nach s langem, fruchtlosem Sträuben mußte er doch endlich gestehen, er sei überwunden. Nicht wenig stolz auf ihren Sieg, schwang sich nun die Mücke empor und eilte, diesen Trinmph ihren Gespielen oder womöglich dem ganzen Walde zu verkünden. Doch in dieser Eile sah sie das Gewebe io einer nahen Spinne nicht. Sie ward verstrickt und mußte einen schmerz¬ lichen Tod erleiden. Der Tod war ihr um so schmerzlicher, je verächtlicher der zweite Feind gegen den ersten, überwundenen, war. Nach Meißner. 74. Der Megenbogen. Nach einem furchtbaren Gewitter erschien ein lieblicher Regen¬ bogen am Himmel. Der kleine Heinrich sah eben zum Fenster hinaus und rief voll Freude: „Solche wunderschöne Farben hab' ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Dort bei dem alten Weidenbaume am Bache reichen sie aus den Wolken bis auf die Erde herab. Gewiß 5 tröpfeln alle Blättleiu des Baumes von den schönen Farben. Ich will eilends hingehen und alle Muschelschalen in meinem Farben¬ kästlein damit füllen." Er sprang, so schnell er konnte, dem Weidenbaume zu. Allein zu seinem Erstaunen stand der arme Knabe nun im Regen da und io ward nicht das geringste von einer Farbe gewahr. Durchnäßt vom Regen und traurig kehrte er zurück und klagte sein Mißgeschick dem Vater. 32 Dieser lächelte und sprach: „Diese Farben lassen sich in keine 15 Schalen auffassen; es sind Regentropfen, die nur im Glanze der Sonne so schön gefärbt erscheinen. So, mein liebes Kind, ist es auch mit aller Herrlichkeit der Welt; sie dünkt uns etwas zu sein, ist aber nur eitler Schein." Chr. Schmid. 78. Der Widerhall. Der kleine Georg wußte noch nichts vom Widerhalle. Einmal schrie er aus der Wiese: „Ho, hopp!" Sogleich rief's im nahen Wäldchen auch: „Ho, hopp!" Er rief hierauf verwundert: „Wer bist du?" Die Stimme ries auch: „Wer bist du?" Er schrie: „Du bist 5 ein dummer Junge!" und — „dummer Junge!" hallte es aus dem Walde zurück. Georg ward ärgerlich und rief immer ärgere Schimpfnamen in den Wald hinein. Alle hallten getreulich wieder zurück. Er suchte hierauf den vermeinten Knaben im ganzen Wäldchen, um sich an iv ihm zu rächen, konnte aber niemand finden. Hierauf lief er nach Hanse und klagte es der Mutter, wie ein böser Bube sich im Walde versteckt und ihn geschimpft habe. Die Mutter sprach: „Diesmal hast du dich selbst angeklagt. Du hast nichts vernommen als den Widerhall deiner eigenen Worte. i5 Hättest du ein freundliches Wort in den Wald hineingerusen, so wäre dir auch ein freundliches Wort zurückgekommen." Chr. Schmid. 76. Ich habe es vergessen. Klara war ein gutes und fleißiges Kind; aber sie war sehr vergeßlich. Wenn die Mutter sagte: „Kind, geh zum Kaufmann und hole Zucker und Kaffee," so sprang das Mädchen gleich fort; sie brachte aber nur den Zucker, den Kaffee hatte sie gewiß vergessen. 5 Wenn Klara in die Schule kam, so fehlte ihr entweder die Feder oder sie hatte ihr Schreibheft oder gar ihr Lesebuch nicht mit¬ gebracht. Wollte sie zu Hause eine Aufgabe machen, so wußte sie oft nicht, was der Lehrer über dieselbe gesagt hatte. io Die Reden der Mutter halfen nichts. 33 Emst setzten sich die Kinder zur Jause. Da war sür Klara keine Schale aufgestellt und die Mutter sagte: „Etz die habe ich vergessen." Klara bekam diesmal keine Jause. Ein andermal erhielten die Kinder Kuchen, nur Klara erhielt keinen und die Mutter sagte zu ihr: „Für dich, mein Kind, habe ich is den Kuchen vergessen." So ging's auch, wenn die Kinder Äpsel bekamen. Klara schämte sich und weinte. Sie sagte zur Mutter: „Liebe Mutter, ich weiß, warum ich wieder nichts bekomme; ich werde mich aber bessern." — Das Mädchen hielt dieses Versprechen und wurde 2» nicht mehr wegen Vergeßlichkeit bestraft. Nach Franz Hoffmann. 77. Armes Bäumchen . . . 1. Armes Bäumchen, dauerst mich: Wie so bald Bist du alt! Deine Blätter senken sich. Sind so bleich, Fallen gleich Von des kalten Windes Wehn Und so bloß dann mußt du stehn. 2. Bäumchen, nicht so traurig sei! Kurze Zeit Währt dein Leid; Geht ein Jahr gar schnell vorbei. Bist nicht tot, Grün und rot Schmückt dich wieder übers Jahr Gottes Finger wunderbar. 78. Rätsel. Im Lenz erquick' ich dich, Im Sommer kühl' ich dich, Im Herbst ernähr' ich dich, Im Winter wärm' ich dich. Leseb. f. slow.-utraquist. Mittelsch. 1. u. 2. Kl. (N) Hey. S i m r o ck. 3 34 79. Das vsrlorsss XslioDsIlsrstüob. Lin blsmss Nädobsn stan 6 Lili' dsr 8tral.,o nnd weint,8 bittsrliob. Da ging ein Herr vorüber. Hs er das Lind stsbsn sali, trat er boran und Magts es, warum. es weine, „Mob," sagte das Nädobsn, „meine Nnttor will das Nittagniabl Mr 5 den Vater boobsn nnd dasu sollte lob lnr ein ^ebnbsllerstüob etwas bsim Xautmann bolen ; da babs iob das Oold verloren." Dal)ei suobte das Kleins Nädobsn immer aut der Drde umbsr nnd weinte. Da grilk der tremds Nanu in die Hasede nnd sprael): „Lei rubig, mein Xind, liier bast dn ^wanriig Heller io statt des ^sbnbellerstüokes; datnr Kaule beim Xautmann, was dir deine Nutter gesagt bat, nnd dis übrigen Deller bebältst dn tnr diob." Da ward das Meins Nädobsn wieder rubig, nabm das ^wan/igbellerstüok nnd danlrte bölliob. Danin al>er war der Dreinds einige Loliritte tortgegangsn, 15 so kam ibm das Xind mit trendigem Ossiobt naobgesprungsn nnd riet: „Dior, lieber Derr, sind die riwanNg Deller wieder; iob babe mein ^isbnbsllerstüok getundsn." Da trente sieb der Dann, dal) das Xind so gut nnd ebr- liob war. Dann aber grill' er noob einmal in die Vasobe, gab 2v dein Xinds einen blanken Lilbergnlden nnd spraeb: „Dn bist ein braves Nädobsn. Bleib innner so ebrliob! Den Lilbergnlden aber lege in deins Lparbüobse nnd bringe dsinsr Nntter einen Drnlä von dein tremdsn Nanns, der ibn dir gegeben nnd der sieb über diob getrsut bat!" Med I)g,n8vli. 80. Gott stehl es. Jakob und Anna waren einmal allein zu Hause. Da sagte Jakob zu Anna: „Komm, wir wollen uns etwas Gutes zu essen suchen und es uns recht wohl schmecken lassen!" Anna sprach: „Wenn du mich an einen Ort hinführen kannst, 5 wo uns niemand sieht, so gehe ich niit dir." „Nun," sagte Jakob, „so komm mit in die Milchkammer, dort wollen wir eine Schüssel voll süßer Milch verzehren." — 35 Anna erwiderte: „Dort sieht uns der Nachbar, der auf der Gasse Holz spaltet." „So komm mit mir in die Küche," sagte Jakob wieder, „in i« dem Küchenkasten steht ein Tops voll Honig, in diesen wollen wir unser Brot eintunken." Anna antwortete: „Dort kann uns die Nachbarin sehen, die an ihrem Fenster sitzt und spinnt." „So wollen wir drunten im Keller Äpfel essen," sagte endlich 15 Jakob, „dort ist es so stockfinster, daß uns gewiß niemand sieht." Anna sprach: „O mein lieber Jakob, meinst du denn wirklich, daß uns dort niemand sehe? Weißt du nichts von jenem Auge dort oben, das die Mauern durchdringt und ins Dunkle sieht?" Da schlug Jakob die Augen nieder und sagte: „Du hast recht, 20 liebe Schwester, Gott sieht uns auch da, wo uns kein Menschenauge sehen kann." Und er nahm sich vor, bei jeder Versuchung zu denken: Gott sieht mich. Nach Chr. Schmid. 81. Die Glieder des menschlichen Körpers. Die Glieder des menschlichen Körpers wurden einmal überdrüssig, einander zu dienen, und wollten es nicht mehr tun. Die Füße sagten: „Warum sollen wir allein euch andere alle Pagen und fortschleppen? Schafft euch selbst Füße, wenn ihr gehen wollt!" — Die Hände sagten: „Warum sollen wir allein für euch andere arbeiten? Schafft s euch selbst Hände, wenn ihr welche braucht!" — Der Mund brummte: „Ich müßte wohl ein großer Narr sein, wenn ich immer für den Magen Speise kauen wollte, damit der nach seiner Bequemlichkeit verdauen möge; schaffe sich selbst einen Mund, wer einen nötig hat!" — Die Augen fanden es gleichfalls sehr sonderbar, daß sie allein für den 10 ganzen Leib beständig Wache halten und für ihn sehen sollten. Und so sprachen auch alle die übrigen Glieder des Leibes und eins kündigte dem andern den Dienst auf. Was geschah? — Da die Füße nicht mehr gehen, die Hände nicht mehr arbeiten, der Mund nicht mehr essen, die Augen nicht 15 mehr sehen wollten: so sing der ganze Körper in allen seinen Gliedern an zu welken und nach und nach abzusterben. Da sahen sie ein, daß 3 * 36 sie töricht gehandelt hatten, und wurden einig, daß es künftig nicht wieder geschehen sollte. Da diente wieder ein Glied dem andern und ro alle wurden gesund und stark, wie sie vorher gewesen waren. Eampe. 82. Sprüche. 1. Eintracht bringt Macht. 2. Friede ernährt, Unfriede verzehrt. 3. Der Klügere gibt nach. 4. Wer Wind säet, wird Sturm ernten. 83. April! April! Hermann war leichtgläubig und wurde deswegen oft von seinen Kameraden geneckt. Des Nachbars Fritz kam einmal gesprungen und rief: „Hermann! Hermann! Drüben beim Schulhaus haben die Knaben einen großen Schneemann gemacht mit Augen, Nafe, Mund und s Schnauzbart und ihm einen Hut aufgesetzt, eine Tabakspfeife in den Mund und einen Stock in die Hand gegeben." Hermann lachte und sagte: „Das muß hübsch sein." „Ja, denke nur," sprach der schlimme Fritz, „als der Schneemann fertig war, so fing er an zu tanzen und grüßte dabei alle Leute mit dem Kopfe. Er tanzt noch io immer auf dem Platz vor dem Schulhaus herum. Wenn du ihn sehen willst, so lauf." Und Hermann lief, so schnell er konnte. Es war aber beim Schulhans kein Mensch zu sehen. Er ging heim und klagte es der Mutter, wie Fritz ihn mit dem Schneemann geneckt habe. Und die Mutter sagte: „O törichter Knabe! Brauche doch deinen Verstand is besser und glaube nicht, was unmöglich ist." Staub's Kinderbuch. 84. Kind und Buch. l. „Komm her einmal, du liebes Buch! Sie sagen immer, du bist so klug. Mein Vater und Mutter, die wollen gerne, Daß ich was Gutes von dir lerne; Drum will ich dich halten an mein Ohr, Nun sag mir all' deine Sachen vor. 37 2. Was ist denn das für ein Eigensinn? Und siehst du nicht, daß ich eilig bin? Möchte gern spielen und springen herum Und du bleibst immer so stumm und dumm? Geh, garstiges Buch, du ärgerst mich. Dort in die Ecke werf' ich dich." Her,- SH. Lrz/sr'ss-r. n K«U668ur«M AMA M.Ä 86M6M. Ko^»6 7^0M.«8 Äöeu ^6^. c^eu Uerteu rtutsruosAS, ,/7« ^'gAt ern Ktüc/c von «MSM Art/srssu au/' c76U Ktua^e/ ^sö S8 «u/ uuc^ 8tso^ 68 sr'u/" 8«Ak6 MourK8, „c7«8 r'8t AK moHt <^6U W6ut, uran 8re/r c^auuM Der Uateu ^oö (7«8 K78su 8tr^86^werAeuc^ 5 uu8r!. /)« «!su U»t6U M6 uou UUAö/«/»' 6M6 7iÄ'86^6 /«//6U. 27^0MK8 ^oö 8r6 ö6Ar'6urA au/i K^s W«U6 826 <7»mr't 80A^6r'o^ 86^6/»^6>r7^om«8 öüe^te 8r'o^ 6öe»80 86^usi!^ <^«UUKL^. IS Ko ?26/? Ä-r c^6U l^at6U u«6^ uae/t «^6 ^U86^6N «u/^6ö6U. ^1^8 UM 7^0M«8 c^ie ?6^Lt6 U6-"L6^Ut ^«tt6, MKU^t6 8r6^ c^6U U«t66 /«c/r6/n<7 U7U 8I>U«6^.' „Kre/^, M6M lord. ^Vio seid Ilir wu dein klordo Kokommou?" Xurt snKto, er babo es Kokault; alloiu von xvom er es Kokault bube, konnte er uiobt bestimmt avKobou. llr kam in weitere Unter- L5 suoliunK, vurdo des Diobstabls iiborv'iesou und als ein Kokdieb bestralt. Oku Lekraicl. 96. Das gestohlene Pferd. Einem Bauersmanns wurde bei Nacht sein schönstes Pserd aus dem Stalle gestohlen. Er reiste fünfzehn Stunden weit auf einen Pferdemarkt, ein anderes zu kaufen. Aber sieh — unter den feilen Pferden auf dem Markte erblickte er auch sein Pferd. Er ergriff es sogleich bei dem Zügel und schrie 5 laut: „Der Gaul ist mein, vor drei Tagen wurde er mir gestohlen!" Der Mann, der das Pferd feil hatte, sagte sehr höflich: „Ihr irrt, lieber Freund. Ich habe das Roß schon über ein Jahr. Es ist nicht Euer Roß, es sieht ihm vielleicht nur gleich." Der Bauer hielt dem Pferde geschwind mit beiden Händen die 10 Augen zu und rief: „Nun, wenn ihr den Gaul schon so lange habt, so sagt, auf welchem Auge er blind ist?" Der Mann, der das Pferd wirklich gestohlen, aber noch nicht so genau betrachtet hatte, erschrak. Weil er indes doch etwas sagen mußte, so sagte er aufs Geratewohl: „Auf dem linken Auge." 15 44 „Ihr habt es nicht getroffen," sagte der Bauer, „auf dem linken Auge ist das Tier nicht blind." „Ach," ries jetzt der Mann, „ich habe mich nur versprochen! Aus dem rechten Auge ist es blind." 20 Nun deckte der Bauer die Augen des Pferdes wieder ans und rief: „Jetzt ist es klar, daß du ein Dieb und Lügner bist. Da sehet alle her, der Gaul ist gar nicht blind! Ich fragte nur so, um den Diebstahl an den Tag zu bringen." Die Leute, die umherstanden, lachten, Naschten in die Hände 25 und riesen: „Ertappt, ertappt!" Der Roßdieb mußte das Pferd wieder zurückgeben und wurde zur verdienten Strafe gezogen. Chr. Schmid. 97. Das gerettete Blümchen. 5. Und pflegt' es wieder An stillem Ort- Nun zweigt es immer Und blüht so sort. Goethe. 98. Die Pflaumen. Eine Mutter besuchte einmal nut ihren vier Kindern den Gro߬ vater in seinem schönen Garten. Der Großvater brachte auf einem Nebenblatte vier Pflaumen, die gelb wie Gold und so groß wie Eier waren. Er bedauerte, daß ihrer nicht mehr reis seien. „Ihr mögt 5 indes selbst zusehen," sprach er im Scherze, „wie ihr vier Pflaumen unter fünf Personen austeilt, ohne daß in der Rechnung ein Bruch vorkommt." 45 „O, das will ich," sagte Leonore, die älteste Tochter; „nur bitte ich mir aus, daß ich gleich- und ungleichbenannte Zahlen ein wenig untereinander mengen darf." io Sie nahm die vier Pflaumen und sprach: „Wir zwei Schwestern und eine Pflaume machen zusammen drei; meine zwei Brüder und eine Pflaume machen auch drei; diese zwei Pflaumen und die Mutter sind zusammen abermals drei. So geht alles gerade und ohne Bruch auf." Leonorens Geschwister waren mit dieser Teilung sehr zufrieden. Die erfreute Mutter aber bestand darauf, jedes der Kinder solle eine Pflaume bekommen, und der Großvater brachte Leonoren noch über¬ dies einen schönen Blumenstrauß. „Denn," sagte er, „Lorchens sinn¬ reiche Rechnung macht ihrem Witze sehr viel, ihrem kindlichen Herzen 2» aber noch mehr Ehre." Chr. Schmid. 99. Die Mübe. Ein armer Taglöhner hatte in seinem Garten eine ungemein große Rübe gezogen, über die sich jedermann verwunderte. „Ich will sie unserm gnädigen Herrn verehren," sagte er, „denn es freut ihn, wenn man Feld und Garten wohl bestellt." Er trug die Rübe in das Schloß. Der Herr des Schlosses s lobte den Fleiß und den guten Willen des Mannes und schenkte ihm drei Dukaten. Ein Bauer im Dorfe, der sehr reich und sehr geizig war, hörte das und sprach: „Jetzt verehre ich dem gnädigen Herrn auf der Stelle mein großes Kalb. Gibt er für eine lumpige Rübe schon drei Gold- w stücke, wie viel werde erst ich für ein so schönes Kalb bekommen." Er führte das Kalb an einem Stricke in das Schloß und bat den gnädigen Herrn, es zum Geschenke anzunehmen. Der Herr merkte wohl, warum sich der geizige Bauer so sreigebig anstellte, und sagte, er wolle das Kalb nicht. is Allein der Bauer fuhr fort zu bitten, die geringe Gabe doch nicht zu verschmähen. Endlich sprach der kluge Herr: „Nun wohl; weil Ihr mich denn dazu zwingt, so nehme ich das Geschenk an. Da Ihr aber so besonders freigebig gegen mich seid, so darf ich mich auch nicht karg finden lassen. Ich will Euch daher ein Gegengeschenk 20 46 machen, das mich wohl zwei- bis dreimal mehr kostet, als Euer Kalb wert ist." Und mit diesen Worten gab er dem erstaunten und erschrockenen Bauer — die ihm wohlbekannte große Rübe. Chr. Schmid. ZOO. MKSSS/». Zu er'-re-rr Da-^/e ieZte s--r--ra/ er'-r ZZ-raZe / Ze»' staZi, was r'Zur Ag/^ei rr-rZ was e»" Lrr sr'eZ stechen saunte, oZA-tsreZ ei' rvr«/6te, Za/? ,8'teZie-r errre ä'ü-rZe ser. Zorrrmat -raZ-r?. 67- sru /-aa-' >ÄrreZe rr-rAsiäseZte-r ZZaiZes. Dr'e ve-estee/ete ei", wer? Zr'e ZaseZe-r soZo-r 5 »rrr't OZst Ae/rriit roa^e-r, ante-' Ze?" l-lZests. t/ter'eZ Zana«/ Ze^eA-rete -Zur er-r /i'arrrenaZ, Ze»' sroer Z^e^Ze rrr Zr'e ä'cZ-ve-rrure »ZK. ZraseZ seZ.rean/ sr'eZ Ze»" Z)r'eZs/rr-rAS ar»/' Zas anZens Z/e^Z -r-rZ urr-r Ar-r^'s »'m e otten ZaA-e-r -raeZ Ze»- ä'eZ-rreurnre. Mitten »'m ll^asser- aZs»' /rst's Zern Zs/er^Ze er», sr'eZ srr iöAS-r, rr-rZ Zs»' Zier-re Dr'eZ /ret 10 Zenrr-rte-". Zu- seZroa-rr-rr sroai' er'-re Zter'-re ä'tueeZe ^/?--"t, aZee arr/' er'-r-rrat ^--A eu a-r, ^a-rr-ue-ZreZ srr seZuere-r- „Ztst/t, Zet/t, r'eZ eenZuen-re / Z)re Zerrte -uer'-rte-r, e^ Zaös sre rirr-n, Zeste-r, rver'i /a Zaites lPZrsse»' -rr'eZt d-'s-r-re. Z-rZir'eZ AeiarrA es -Zur, srcZ a-r Zas Zs/ei' srr seZieMe-r, reo e»" «»"--rattet ireoeu Zir'eZ. ^lis ser'-r ZamenaZ »5 Zre Zer'Ze-r Z/ieuZe -urrZsa-n arrs Ze-u krassen AeZeaeZt Zatte rrnZ mr't er'-rrAS-r -VaeZZae-r Zer-ZerZam,, /anZe-r sre, Za/? ureZt Zta/? Zr'e ZZe-Ze--, so-rZe-'-r arreZ Zr'e ZZarrt Zes ZZraZerr von Zeur arr/Aeiesterr rrrrZ ZaZrrueZ Zer/? Aervor-Ze-re-r ZZaiZ se»ZZ'esse-r rear-e-r. W?as -rr'eZt Zer'-r rst, Zas r-äZ-'e -rreZt a-r, Ze-r-r es Zr-s-r-rt — so rve-rrAste-rs arr/ Zem tZerersse-r. Dittman. 101. Rätsel. Das Feuer löscht sonst Wasserflut, Mich setzt Wasser erst in Glut. S i m r o ck. 102. Mschlrin. 1. „Fischlein, Fischlein, du armer Wicht, Schnappe nur ja nach der Angel nicht! 47 Geht dir so schnell zum Halse hinein. Reißt dich blutig und macht dir Pein. Siehst dn nicht sitzen den Knaben dort? Fischlein, geschwinde schwimme sort!" 2. Fischlein mocht' es wohl besser wissen. Sah nur nach dem selten Bissen, Meinte, der Knabe mit seiner Schnur Wäre hier so zum Scherze nur. Da schwamm es herbei, da schnappt' es zu. Nun zappelst dn, armes Fischlein du. Hey. 103. Der Zaunkönig. Die Vögel wollten einmal einen König wählen. Sie versammelten also in einem Eichenwalde einen stattlichen Reichstag. Da waren sie alle zugegen, von dem Adler an bis zum Goldhähnchen, und schrien, pfiffen, sangen, schnatterten und schwatzten vom Morgen bis zum Abend, wer unter ihnen König sein sollte. Sie wurden aber lange 5 nicht einig. Nachdem sie sich endlich müde geschrien und geschnattert hatten, kamen sie miteinander überein, daß derjenige unter ihnen König sein sollte, der sich am höchsten in die Lüfte zu schwingen vermöchte. Es wurde also ein Tag zu dem Wettstreit festgesetzt und zur bestimmten Stunde erhob sich der ganze Haufen in die Luft, io Jeder suchte es dem andern zuvorzutnn. Da es aber fast keinem Zweifel unterlag, daß der Adler den Sieg davontragen und König fein werde, so gedachte ihn der Zaun¬ könig durch eine Lift zu überwinden. Was tat er? Er versteckte sich in dem Gefieder des Adlers, ohne daß dieser es merkte. So ließ er is sich in die Lüfte mit hinauftragen. Als nun der Adler meinte, er habe gesiegt und sei König, da flog der Zaunkönig aus des Adlers Gefieder hervor und über ihn hinauf, so daß alle Vögel ihn als ihren König anerkennen mußten. Weil er aber eine gar so kleine Gestalt hatte, wurde er von allen Vögeln verfolgt und geneckt, so 20 daß sich der kleine König zuletzt in die Zäune, Gebüsche und Holzstöße verkriechen mußte, um nur Ruhe zu haben. Und da treibt er denn fein Wesen bis auf den heutigen Tag. Nach Grimm. Aus Niedcrgesäß, Deutsches Lesebuch. 49 oben und ziehe dann mit leichter Mühe dich nach. Also festgehalten, Freundchen! Eins, zwei, drei!" — Husch! stand das Füchslein oben und grinste durch die Mündung des Brunnens schadenfroh auf den betrogenen Bock hinab. Anfangs hielt dieser es für Scherz; doch is nur zu bald erkannte er, daß es Ernst sei, schrie, jammerte, schalt den Fuchs wortbrüchig, aber umsonst! — „Besäßest du," spottete der Arglistige, „nur halb so viel Verstand als Bart, so wärest du nicht hinabgestiegen, ehe du daran gedacht, wie du wieder hinaufkommen magst." 20 Ein kluger Mann denkt früher nach, wo etwas hinaus will und wie es enden wird, dann erst unternimmt er es. Seidl. 106. Pferd und Sperling. Sperling. Pferdchen, du hast die Krippe voll; Gibst mir wohl auch einen kleinen Zoll, Ein einziges Körnlein oder zwei; Du wirst noch immer satt dabei. Pferd. Nimm, kecker Vogel, nur immer hin, 5 Genug ist für mich und dich darin. Und sie aßen zusammen, die zwei, Litt keiner Mangel und Not dabei. Und als dann der Sommer kam so warm, Da kam auch manch böser Fliegenschwarm; io Doch der Sperling fing hundert auf einmal, Da hatte das Pferd nicht Not und Qual. Her- 107. Das wohlfeile Mittagessen. In einem Landstädtchen kam einst zum Löwenwirt ein wohl¬ gekleideter Gast. Kurz und trotzig verlangte er für sein Geld eine gute Fleischsnppe. Hierauf forderte er auch ein Stück Rindfleisch und ein Gemüse für sein Geld. Der Wirt fragte ganz höflich, ob ihm nicht auch ein Glas Wein beliebe. „O freilich ja," erwiderte der s Gast, „wenn ich einen guten haben kann für mein Geld." Nachdem Lcseb. f. slow.-Utraquist. Mittelsch. I. u. s. Kl. (U) 4 50 er sich alles wohl hatte schmecken lassen, zog er einen abgeschliffenen Sechser aus der Tasche und sagte: „Hier, Herr Wirt, ist mein Geld." Der Wirt sagte: „Was soll das heißen? Ihr seid mir ja einen 10 ganzen Taler schuldig!" Der Gast erwiderte: „Ich habe für keineu Taler Speise von Euch verlangt, sondern nur für mein Geld. Hier ist mein Geld. Mehr hab' ich nicht. Habt Ihr mir zu viel dafür gegeben, so ift's Eure Schuld." „Ihr seid ein durchtriebener Schalk," erwiderte der Wirt, „und hättet wohl etwas anderes ver- is dient. Aber ich schenke Euch das Mittagessen und hier noch ein Kronenstück dazu. Nur seid stille zur Sache und geht zu meinem Nachbar, dem Bärenwirt, und macht es mit ihm ebenso." Das sagte er, weil er mit seinem Nachbar, dem Bärenwirt, aus Brot¬ neid in Unfrieden lebte und einer dem andern jeglichen Schimpf 20 gern antat und erwiderte. Aber der schlaue Gast griff lächelnd mit der einen Hand nach dem angebotenen Gelde, mit der andern vor¬ sichtig nach der Tür, wünschte dem Wirt einen guten Abend und sagte: „Bei Eurem Nachbar, dem Herrn Bärenwirt, bin ich schon gewesen und eben der hat mich zu Euch geschickt und kein anderer." ss Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Nach Hebel. 108. Der Pilger. In einem schönen Schlosse, von dem schon längst kein Stein auf dem andern geblieben ist, lebte einst ein sehr reicher Ritter. Er verwandte sehr viel Geld darauf, seiu Schloß recht prächtig auszu¬ zieren, den Armen aber tat er wenig Gutes. s Da kam nun einmal ein armer Pilger in das Schloß und bat uni Nachtherberge. Der Ritter wies ihn trotzig ab und sprach: „Dieses Schloß ist kein Gasthaus." Der Pilger sagte: „Erlaubt mir nur drei Fragen, so will ich weiter gehen." Der Ritter sprach: „Auf diese Bedingung hin mögt ihr immer fragen. Ich will Euch gerne io antworten." Der Pilger fragte ihn nun: „Wer wohnte doch wohl vor Euch in diesem Schlosse?" „Mein Vater," sprach der Ritter. Der Pilger fragte weiter: „Wer wohnte vor Eurem Vater da?" „Mein Gro߬ vater," antwortete der Ritter. „Und wer wird wohl nach Euch darin — 51 — wohnen?" fragte der Pilger weiter. Der Ritter sagte: „So Gott will, 15 mein Sohn." „Nun," sprach der Pilger, „wenn jeder nur seine Zeit in diesem Schlosse wohnt und immer einer dem andern Platz macht — was seid ihr denn anders hier als Gäste? Dieses Schloß ist also wirklich ein Gasthaus. Verwendet daher nicht so viel, dieses Haus so prächtig 20 auszuschmücken, das Euch nur kurze Zeit beherbergt. Tut lieber den Armen Gutes, so baut Ihr Euch eine bleibende Wohnung im Himmel!" Der Ritter nahm sich diese Worte zu Herzen, behielt den Pilger über Nacht und wurde von dieser Zeit an wohltätiger gegen die Armen. 25 Die Herrlichkeit der Welt vergeht. Nur was wir Gutes tun, besteht. Ehr. Schmid. 109. Seltsamer Spazierritt. Ein Mann ritt auf einem Esel nach Hause und ließ seinen Buben zn Fuß nebenher laufen. Da kam ein Wanderer entgegen und sagte: „Das ist nicht recht, Vater, daß Ihr reitet, Euren Sohn aber laufen laßt; Ihr habt doch stärkere Glieder." Da stieg der Vater vom Esel herab und ließ den Sohn reiten. — Wieder kam ein 5 Wandersmann und sagte: „Das ist nicht recht, Bursche, daß du reitest und deinen Vater zu Fuß gehen lassest; du hast jüngere Beine." Da saßen beide auf und ritten eine Strecke. — Ein dritter Wanders¬ mann kam und sagte: „Was ist das für ein Unverstand, zwei Kerle auf einem schwachen Tiere! Sollte man nicht einen Stock nehmen io und euch beide hinabjagen?" Da stiegen beide ab und gingen zu Fuß rechts und links von dem Esel. — Es kam aber ein vierter Wandersmann und sagte: „Ihr seid drei kuriose Gesellen! Jst's nicht genug, wenn zwei zu Fuß gehen? Geht's nicht leichter, wenn einer von euch reitet?" Da band der Vater dem Esel die vorder» Beine is zusammen und der Sohn band ihm die Hintern Beine zusammen; sie zogen einen starken Baumpfahl durch, der an der Straße stand, und trugen den Esel auf der Achsel heim. So weit kann's kommen, wenn man es allen Leuten recht machen will. H eb el. 4* 62 110. Truthahn mrd Trulhähnchrn. 1. „Hört, Kinder, das will ich euch sagen: Ihr müßt euch artig betragen, Das Kollern und Zanken schickt sich nicht; Macht gleich auf der Stelle ein freundlich Gesicht! Das Lärmen laßt, das Schrei'n und Getös! Sonst, Kinder, das merkt, sonst werd' ich bös." 2. Da kam auf den Hof von ungefähr Ein Knabe mit roter Mütze her: Da wurde so bös der Truthahn dort Und lärmte und schrie: „Die Mütze fort!" Der Knabe sprach lachend: „Herr Pulerhahu, Was hat dir denn meine Mütze getan?" Hey. 111. Oie golclsrrs Ooss. Din Oberst -leiste den Olll-üeren, die bei ibm speisten, bei Disobe oino nene, sebr soböne Zoldens Dose. biaob einerseits wollte er eine Driss Dabab nsbmen, snobte in allen lasoben nncl saAts bestürmt: „1!Vo ist meins Dass? Leben sie doob 5 einmal naob, meine Herren, ob sie niobt etwa einer von ibnen in Oedanbsn einAsstsobt babe!" ^lle stunden soAleiob nut und wendeten die Dasoben nm, ebne daü die Dose -mm Vorsolioin bam. llnr der Däbnriob blieb in siobtbarer Verle^snbeit sitzen und sa^ts: „lob wende io meine Dasoben niobt nm; mein Dbrenwort, dal) iob die Dose niebt bube, sei §enup." Dis Olll^iers ZinASn boplsobnttslnd anssinander nnd feder bielt ibn tnr den Dieb. ^.m andern Normen liek ibn der Oberst rnten nnd spraob: „Die Dose bat sieb wieder Astnndsn. Ds war in meiner Dasobs is eine blabt antASAanAen nnd da bei sie /.wisoben dem Dntter binab. binn sa^sn 8ie mir aber, warnm 8ie Ibre Dasobe niobt LsiZen wollten, was doob alle nbriZen Herren OKi-iiere Aetan baben?" Der Däbnriob spraob: „Ibnen allein, llerr Oberst, will 20 iob es Aern bebennen. blsine Dltorn sind arm. lob Aobe ibnen 54 113. Der Eichbaum und der Kürbis. In den Tagen des Sommers rankte eine Kürbispflanze an dem bejahrten Stamme einer Eiche empor und erreichte in wenigen Wochen deren Gipfel. Dort rankte sie noch etwas höher in die Luft, bog sich dann wieder abwärts und sprach, indem sie stolz umherschaute: „Was 5 denkst du, Freundchen, ist das nicht seltsam, starke Eiche? Du wächst nun, wie du mir selbst eingestanden, schon über hundert Jahre; ich aber, ich habe dich in wenig Wochen überwachsen. Sieh, wie ich schon aus dich hinunterblicken kann!" „Es ist wahr," antwortete die Eiche, „du bist schnell groß geworden; nur schade, du wirst auch io gar bald wieder welken und verdorren." „Oho," rief erschrocken die Kürbisstaude, „woher weißt du denn das, du Unglücksprophet?" „Ach," antwortete die Eiche, „seit ich hier stehe, sind schon viele Kürbispflanzen an mir oder neben mir ausgewachsen und alle rühmten sich ebenso wie du ihres schnellen Wachsens. Kam aber der Winter, i5 so verwelkten sie alle wieder, sosehr sie auch vorher geprahlt hatten!" Was lange währt wird gut. — Eile mit Weile! Kellner. 1« 114. Der Hahn. In der Sonne steht der Hahn, Redet seine Hennen an: „Seht mich an! Wo ist der Mann, Der mit mir sich messen kann? Seht dies Auge, groß und mächtig, Meine Federn, golden, prächtig. Meines Kamnies Majestät, Diese rote Krone seht! Meine Haltung, stolz und schlank. Meines Rufs Trompetenklang Und mein königlicher Gang, An den Füßen diese Sporen, Alles zeigt euch einen Alami, Der wahrhaftig sagen kann. Daß zum Helden er geboren!" 58 Also spricht der stolze Hahn, Kräht, so laut er krähen kann. — Plötzlich kommt ein kleiner Mops, Springt und bellt mit lust'gem Hops Nur zum Spaß den Helden an ro Und — — o seht! der kühne Mann Läuft, was er nur laufen kann. — Ach, du jämmerlicher Hahn! Reinick. 115. Gib uns heute unser tägliches Brot! Großvater: Jetzt sollst du eine Prüfung bestehen, Ernst; ich will sehen, ob du brav antworten kannst. Woher nehmen wir das Brot? Ernst: Wir kaufen es vom Bäcker. Großvater: Aber woher nimmt es der Bäcker? Ernst: Ei, der bäckt es aus Mehl. 5 Großvater: Ganz recht, von wem bekommt er aber das Mehl? Ernst: Er kauft sich's beim Müller. Großvater: Und weißt du auch, woher der Müller das Mehl hat? Ernst: Er macht es aus Korn. 10 Großvater: Du weißt ja alles recht hübsch; aber kannst du mir auch sagen, wer dem Müller das Korn gibt? Ernst: Das gibt ihm niemand, er kauft sich's beim Landmann. Großvater: Und woher nimmt es der Landmann? Ernst: Dem wächst es aus dem Acker. is Großvater: Wer aber läßt es wachsen? Ernst: Das kann kein Mensch, das tut der liebe Gott. Großvater: Siehst du, der Landmann könnte nicht verkaufen, der Müller nicht mahlen, der Bäcker nicht backen und niemand hätte etwas zu essen, wenn der liebe Gott nichts wachsen ließe. Darum 20 bitten wir ihn auch: „Gib uns heute unser tägliches Brot!" Lausch. 116. Der Menschenfresser. Zwei Knaben aus der Stadt verirrten sich in einem großen Walde und blieben dort in einem einsamen Wirtehause über Nacht. 56 Um Mitternacht hörten sie in der nächsten Kammer reden. Beide hielten sogleich die Ohren an die hölzerne Wand und horchten. Da 5 vernahmen sie deutlich die Worte: „Weib, stelle morgen früh den Kessel zurecht; ich will unsere zwei Bürschlein aus der Stadt schlachten." Die armen Knaben empfanden einen Todesschrecken. „O Himmel, dieser Wirt ist ein Menschenfresser!" sagten sie leise zueinander und sprangen beide zum Kammerfenster hinaus, um zu entlausen. Allein 10 zu ihrem neuen Schrecken fanden sie das Hoftor verschlossen. Da krochen sie zu den Schweinen in den Stall und brachten die Nacht in Todesängsten zu. Am Morgen kam der Wirt, machte die Stalltür auf, wetzte sein Messer und rief: „Nun, ihr Bürschlein, heraus; eure letzte Stunde ist gekommen!" js Beide Knaben erhoben ein Jammergeschrei und flehten auf den Knien, sie doch nicht zu schlachten. Der Wirt wunderte sich, sie im Schweinstalle zu finden und fragte, warum sie ihn für einen Menschen¬ fresser hielten. Die Knaben sprachen weinend: „Ihr habt ja heute Nacht selbst so gesagt, daß Ihr uns diesen Morgen schlachten wollt." Allein der Wirt rief: „O ihr törichten Kinder, euch habe ich nicht gemeint. Ich nannte nur meine zwei Schweinlein, weil ich sie in der Stadt gekauft habe, im Scherze meine zwei Bürschlein aus der Stadt. So geht's aber, wenn man horcht. Da versteht man vieles unrichtig, hat andere 25 leicht in falschem Verdacht, macht sich selbst unnötige Sorgen, gerät in Angst und zieht sich manchen Verdruß zu." Ehr. Schmid. Deen Drro/es «Et? e/ee.<» Letzten. AZ wan se/en /catt ctnare^em. Das //äs teter suchte etn weerto /tto/t,' ctseru es war /reuAntA. Da Ham, ctsn Dae/s a»ct s^-naebr „Däster'u, wts Aetrt's, wr'e sebmee^t'«?'' „AD/,," antwortete etas Daststn, „//reerAsn reuet //ar-rnren, rare Aarrrr's etnsnr eta wobt L Ae/eert" „/l/oennr mtt -ntn," s^enaeb «Du t^eebs, „r'eb wett Asnn cttn terteu, etenu 'mtete ^'anrrnent etetn." „Daer/ee seflöu," antwontete eten Dass, „reb Haun /a etoeb nte/t nett cttn an etnenr Drsele s^etsent" „Da tast /a, ats ob ctte/r /nö'ne," saAte werten eten Due/r.s 10 nnct tnat ctabet ctnet Keflnttts näben. „Dast etn etenn etstnen 87 illr-rtsuz-e/L -web -r-'sbt a-rASL0AS-r„Das wcM/ eurvic/suke <7«s Oäs/sr-r uns/ wr'eb c/«bs/ c/uer^-A Ksburt/s Muüs^,' „«öen bisu wsbl sÄ /c«/te-' 1ll---c/. „0, bes/s--/ /eo-rr--r »rr«7- M Mer/rs Oöb/s,^ s«Ats c/eu Ousbs, „ tsr/sn ; c/s-r-r rÄ/7est?" M-iMs?-. 136. Die Grille und der Schmetterling. Eine kleine Grille saß im Grase und sah einen niedlichen Schmetterling auf der Wiese von Blume zu Blume fliegen. Wie sehr beneidete sie den Schmetterling um seine Schönheit und um das herrliche Farbenspiel auf seinen Flügeln! „Ach," seufzte sie, „warum bin ich denn nicht so schön wie er? Warum muß ich ihm in allen 5 Stücken so weit nachstehen und so ganz unbekannt und verachtet sein?" Da kam über die Wiese daher eine ganze Schar von Kindern, Knaben und Mädchen. „Heida!" schrien sie, als sie den Schmetterling erblickt hatten, „seht doch den schönen Vogel, den müssen wir haben!" Gleich ging's mit Hüten, Tüchern, Netzen und Händen hinter dem 10 Schmetterlinge her, der endlich gefangen wurde, sosehr er auch zu entwischen sich bemühte. Ein Knabe brach ihm beim Zugreifen unvor¬ sichtig die Flügel ab und ein anderer drückte ihni das Köpfchen ein. Die Grille hatte alles mit angesehen. „O, wie gut ist es," sprach sie jetzt, „daß ich unbekannt und im Verborgenen lebe!" is Nach Löhrs Fabelbuch. 68 137. Einkrhr. 1. Bei einem Wirte wundermild, Da war ich jüngst zu Gaste; Ein goldner Apfel war sein Schild An einem langen Aste. 2. Es war der gute Apfelbaum, Bei dem ich eingekehret; Mit süßer Kost und frischem Schaum Hat er mich wohl genähret. 3. Es kamen in sein grünes Haus Viel leichtbeschwingte Gäste; Sie sprangen frei und hielten Schmaus Und sangen auf das beste. 4. Ich fand ein Bett zu süßer Ruh Auf weichen, grünen Matten; Der Wirt, er deckte selbst mich zu Mit seinem kühlen Schatten. 5. Nun fragt' ich nach der Schuldigkeit, Da schüttelt' er den Wipfel. Gesegnet sei er allezeit Von der Wurzel bis zum Gipfel! U h l a n d. 138. Der Fuchs und der Hahn. Ein hungriger Fuchs kam einstmals in ein Dorf und fand einen Hahn; zu dem sprach er also: „O mein Herr Hahn, welche schöne Stimme hat dein Herr Vater gehabt! Ich bin zu dir hieher gekommen, daß ich deine Stimme höre. Darum bitt' ich dich, daß du mir 5 laut singest, damit ich höre, ob du eine schönere Stimme habest oder dein Vater." Da schwang der Hahn sein Gefieder und mit geschlossenen Augen fing er an, auf das lauteste zu krähen. Indem sprang der Fuchs aus, fing ihn und trug ihn in den Wald. Als das die Bauern gewahr wurden, liefen sie dem Fuchs nach io und schrien: „Der Fuchs trägt unseren Hahn fort!" Als der Hahn 69 das hörte, sprach er zum Fuchs: „Hörst du, Herr Fuchs, was die groben Bauern sagen? Sprich du zu ihnen: Ich trage meinen Hahn und nicht den euern!" Da ließ der Fuchs den Hahn aus dem Maule und sprach: „Ich trage meinen Hahn und nicht den euern!" Indem flog der Hahn aus einen Baum und sprach: „Du lügst, Herr Fuchs, 15 du lügst; ich bin der Bauern, nicht dein!" Da schlug der Fuchs sich selbst mit den Pfoten aufs Maul und sprach: „O du böses Maul, wie viel schwätzest du! Wie viel redest du Unnützes! Hättest du jetzt uicht geredet, so hättest du deinen Braten nicht verloren." 20 Nach Simrock. 139. Der Fuchs und der Hahn. Ein hungriger Fuchs hörte in einer kalten Winternacht einen Hahn auf einem Baume krähen. Ihn gelüstete es nach dem Schreier; da er aber nicht auf den Baum steigen konnte, besann er sich auf eine List. „Ei, Hahn," rief er unter dem Baume, „wie magst du in einer s kalten Winternacht so schön singen?" „Ich verkündige den Tag!" antwortete der Hahn. „Was? den Tag?" fragte der Fuchs mit erkünstelter Verwunderung. „Es ist ja noch finstere Nacht." „Ei, weißt du denn nicht," antwortete der Hahn, „daß wir den io Tag schon zum voraus fühlen und seine Nähe verkünden?" „Das ist ja gar etwas Göttliches!" rief der Fuchs aus, „das können nur Propheten! O Hahn, wie muß ich dich bewundern um deinen Gesang!" Der Hahn krähte zum zweiten Male und der Fuchs fing an, 15 unter dem Baume herumzutanzen. „Warum tanzest du denn?" fragte der Hahn. Der Fuchs sprach: „Du singst und ich tanze vor Freuden. O Hahn, du bist der Fürst der Vögel: du fliegst durch die Lüfte; du singst schöner als alle andern Vögel; du sagst sogar künftige Dinge voraus — und ich sollte mich 20 nicht freuen, daß ich einen so weisen Propheten kennen gelernt habe? Wäre ich nur würdig, immer um dich zu sein, du königlicher Vogel, du weiser Prophet! Komm doch herunter, daß ich mich bei meinen Freunden rühmen kann, ich habe das Haupt eines Propheten geküßt!" - 70 - 25 Dem Hahn gefiel das Lob des Schmeichlers so wohl, daß er sogleich herunterflog und ihm das Haupt zum Kusse darbot. Da faßte ihn aber der Fuchs und rief spottend: „Nein, nein, du bist kein Prophet; du hättest sonst gemerkt, was ich wollte!" und damit biß er ihm das Haupt vom Rumpfe. Grimm. 140. Nach geben stillt den Krieg. Zwei Fuhrleute begegneten einander in einem Hohlwege und es war nicht leicht, wie der eine dem andern ausweichen sollte. „Fahre mir aus dem Wege!" rief der eine. „Ei, so fahre du mir aus dem Wege!" schrie der andere. „Ich will nicht," sagte der eine; s „und ich brauche es nicht," sagte der andere; und weil keiner nach¬ gab, kam es zu einem heftigen Zank und zu Scheltworten. „Höre du," sagte endlich der erste, „jetzt frage ich dich zum letzten Male: Willst du mir aus dem Wege fahren oder nicht? Tust du's nicht, so mache ich's mit dir, wie ich's heute schon mit einem io gemacht habe." — Das schien dem andern doch eine bedenkliche Drohung. „Nun," sagte er, „so hilf mir wenigstens deinen Wagen ein wenig beiseite schieben; ich habe ja sonst keinen Platz, um mit dem meinen auszuweichen." Das ließ sich der erste gefallen und in wenigen Minuten war die Ursache des Streites beseitigt. is Ehe sie schieden, faßte sich der, welcher aus dem Wege gefahren war, noch einmal ein Herz und sagte zu dem andern: „Höre, du drohtest, du wolltest es mit mir machen, wie du es heute schon mit einem gemacht hättest; sage mir doch: Wie hast du es mit dem gemacht?" „Ja, denke dir," sagte der andere, „der Grobian so wollte mir nicht aus dem Wege fahren, da — fuhr ich ihm aus dem Wege!" Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz. 141. Das Mittagessen im Hof. Eiu Bedienter konnte seinem Herrn manchmal gar nichts recht machen und mußte für vieles büßen, woran er unschuldig war. So kam einmal der Herr sehr verdrießlich nach Hause und setzte sich zum Mittagessen. Da war die Suppe zu heiß oder zu kalt oder keins von s beiden; aber genug, der Herr war verdrießlich. Er faßte daher die 71 Schüssel mit dem, was darin war, und warf sie durch das offene Fenster in den Hof hinab. Was tat der Diener? Kurz besonnen, warf er das Fleisch, das er eben auf den Tisch stellen wollte, mir nichts, dir nichts der Suppe nach in den Hof hinab, ebenso das Brot, dann den Wein und endlich das Tischtuch mit allen:, was w darauf war, auch in den Hof hinab. „Verwegener, was soll das sein?" fragte der Herr und fuhr mir drohendem Zorn von dem Sessel auf. Aber der Bediente erwiderte kalt: „Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihre Meinung nicht erraten habe. Ich glaubte nicht anders, als Sie wollten heute im Hofe speisen. Die Lust ist so heiter, der is Himmel so blau und sehen Sie nur, wie lieblich der Apfelbaum blüht und wie fröhlich die Bienen ihren Mittag halten!" Der Herr erkannte seinen Fehler, heiterte sich im Anblick des schönen Frühlingshimmels auf, lächelte heimlich über den schnellen Einfall seines Aufwarters und dankte ihm in: Herzen für die gute 20 Lehre. Diesmal die Suppe hingeworfen und nimmer wieder! Nach Hebel. 142. Eintracht. Ein Vater schied von seinen Söhnen; Doch eh er schied, sucht' er durch ein Symbol Zur Eintracht ihre Herzen zu gewöhnen. „Ich scheide," sprach er, „Söhne, lebet wohl! Jedoch zuvor zerbrecht mir diese Pfeile, Gebunden, wie sie sind!" — In größter Eile Will jeder den Befehl vollziehen. Jedoch umsonst ist ihr Bemühen. Der Vater löst hierauf das Band, Gibt jedem einen Pfeil besonders in die Hand. „Zerbrecht mir den!" spricht er mit trüben Blicken Und schnell war jeder Pfeil in Stücken. „Merkt, Söhne," rief er, „am zerbrochenen Geschoß: Die Eintracht nur macht stark und groß, Die Zwietracht stürzet alles nieder. Lebt wohl nnd liebt euch stets als Brüder!" Gellert. — 72 — 143. Die Tannenzapfen. Herr Sommer ging an einem heißen Tage spazieren. Als er an einen Berg kam, begegnete ihm eine alte Frau mit einem schweren Korbe aus dem Rücken; sie lehnte sich eben an einen Banin, um ein wenig auszuruhen. „Mütterchen, Mütterchen!" sagte Herr Sommer, 5 „Ihr habt zu viel geladen. Was habt Ihr denn in Eurem Korbe?" „Tanneuzapsen, mein lieber Herr," antwortete sie mit einem tiefen Seufzer. Da hob Herr Somnier den Korb und sprach: „Mein Gott, die Hälfte wäre für Euch schon genug!" „Ach," klagte das Mütterchen, „so wenig hülfe mir nichts. Das würde zu wenig io Geld einbringen und ich kann den weiten Weg zur Stadt doch nur einmal des Tages unternehmen und dann nur bei gutem Wetter." Das rührte den Herrn gar sehr und er sprach zu der Alten: „Ich will Euch Euren Korb doch ein wenig abnehmen." Sie wußte nicht, ob das sein Ernst oder nur sein Scherz war; sie blickte ihn i5 fragend an und zuckte die Achsel. Weil er aber ein so gutmütiges Gesicht zeigte, so gewährte sie es ihm. Da schlüpfte Herr Sommer schnell unter die Achselbänder, hatte im Nu den Korb auf seinem Rücken und schritt damit so heiter dahin, als habe er sein lebelang Tragkörbe auf seinen Schultern gehabt. Vor dem Dorfe, wo die Alte so wohnte, nahm Herr Sommer den Korb herunter und drückte ihr obendrein noch ein Stück Geld in die Hand. Sie nahm es unter vielen Danksagungen an; er aber kehrte, ohne von seiner guten Tat zu reden, heiter und vergnügt zur Stadt zurück. Spieß. 144. Der Ziegenbock. Eine reiche Frau sagte eines Morgens zu ihrer Magd: „Katharina, ich gehe jetzt in die Kirche. Gib auf alles gehörig acht, und wenn du zum Brunnen oder in den Garten gehst, so schließe nur ja die Haustür zu, damit sich kein Dieb einschleiche. 5 Ich habe dir das schon oft befohlen und erwarte, daß du mir doch endlich einmal gehorchen wirst." Die Frau ging. Nach einer Weile niußte Katharina Wasser holen und ließ richtig wieder alle Türen offen. „Es ist ja die ganze Straße hinauf und hinab kein Mensch zu sehen," sagte sie und lachte 73 über die allzuängstliche Sorgfalt der Frau. Allein während sie mit 10 einer andern Magd am Brunnen plauderte, lief ein Ziegenbock in das Hans, stieg die Treppe hinauf und kam in das Zimmer der Hausfrau. Dort hing ein großer Spiegel, der bis auf den Boden des Zimmers hiuabreichte. Der Bock sah sich im Spiegel und meinte, da sei noch ein Bock. Der Bock im Zimmer drohte dem Bock im 15 Spiegel mit den Hörnern; der Bock im Spiegel tat auch dasselbe. Da sprang der rechte Bock auf den Bock im Spiegel los und traf — nicht den vermeintlichen Bock, sondern den Spiegel, der sogleich in tausend Stücke zersprang. In demselben Augenblicke kam die Magd mit dem Wasserkübel zur Tür herein, hörte das Klirren der Glas- so scherben, lief eilends ins Zimmer und sah mit Schrecken, was geschehen war. Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und trieb den Bock mit vielen Streichen aus dem Hanse; allein davon wurde der Spiegel nicht wieder ganz. Als die Frau nach Hanse kam, wurde die leichtsinnige, nngehor- r5 same Dienstmagd sogleich entlassen. Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz. 146. Die Schwalben rächen sich. Nicht weit von einer großen Pfütze stand ein Haus. Da baute seit mehreren Tagen ein Schwalbenpaar. Sie arbeiteten vom Morgen bis zum Abend und bald war das Nest fertig. Schon trugen sie Wolle, Heu, Moos und andere weiche Sachen hinein und wollten dann Eier legen und brüten. s Da kam ein grober Spatz, der lugte ins Nest hinein und ihm gefiel das Nest. Er setzte sich drauf und dachte: „Bis ich wieder gehe, Halls Zeit." — Da kamen die Schwalben zurück. Wie erschraken sie, als sie deu fremden Gast in ihrer Wohnung fanden! Sie baten, er möchte nun wieder fortgehen. Der Spatz rührte sich nicht. Sie 10 baten noch einmal, aber der Dickkopf regte kein Glied. Jetzt baten sie den Unverschämten gar dringend, er möge ihnen ihr Häuschen nun wieder geben. Der Sperling wich nicht von der Stelle. Da flogen die Schwälbchen zurück und klagten ihr Unglück den Kameraden. Alle betrübten sich mit ihnen und sagten: „Wir wollen 15 euch rächen!" Und in der Luft entstand ein Flattern und Zwitschern. - 74 — Und Tausende von Schwalben flogen von der Pfütze zum Neste und andere Tausende wieder vom Neste zur Pfütze. Und eine jede brachte einen Schnabel voll und tat's an die Öffnung des Nestes. Und sie so mauerten fort bis der Abend kam. Und als der Abend kam, da war das Werk vollbracht. Das Nest war zugemanert und der Bösewicht mußte fein Vergehen mit dem Leben büßen. Schulze-Steinmann, Deutsches Lesebuchlein. 146. Vom Lpätslsin, äas anäors laadon wollte. Ooob oben uuterm Oaob im luttiZou bleste sobliet siu armes 8pät2leiu. Ouä als es so sük uuä so tost äa sobliet, batte 68 auob einen Traum, Os sab siuou Laum null äaraut viole, violo Vö§el. Oie batten Koläeue 8obuäbel unä waren s wuuäersobön, rosenrot unä bimmslblau unä Alänriten wie äer Oäelstein. Oa sa^te mein 8pät2loiu: „Ou liebe Oeit, wie sobäme iob mieb! ^Venn iob äoeb au ob so reieb unä sobön wäre!" Ouä bäum batte es äie Vierte Zosproobsu, äa wuräs sein Oeäerbleiä rosenrot unä bimmelblau unä sein 8obnabel war io eitel Oolä. Oa llatterte es bin unä ber unä truK sein bläslein so boob, äal) es niemanäsn mebr sab. Onä als es so äabin büptts unä nur an sein Koläeues Loiinäblein unä Lieiälsin äaobte, äa aut einmal — rwA äer VoAslsteller äas blet^ ^u unä äas Vöglein war AstauZeu. „Lot^tauseuä! wie sobön bist 15 äu!" riet äer böse Nensob; „ei, äu Ksbörst ins Lauer!" Onä so truA er es naob Hause. Oas 8pätrrleiu aber saü unä blaZte: „0, bätt' iob mein graues Löoblein noob, säl)' iob äoob noob äroben im bleinen bleste, wär' iob äoob noob arm unä trei!" ^.Is es so sak unä blaute unä weinte, sobau! äa tubr es aut 20 einmal Zusammen unä — srwaobto aus seinem testen 8oblat. Onä es kioA bin ?um Laob unä luZts binein unä sali sein Araues Löoblein unä laobto unä laobte unä war von Oerzen trob. btbob 8 etui 2 s - 8 ts inrnnnn, Dsntsoliss DsZsdNeblsi». 147. Der Strohmann. Ein Landmann hatte einen schönen Weizenacker. Da kamen die bösen Spatzen und fraßen die halbreifen Körner aus den vollen Ähren. Da ging der Mann des Morgens hinaus, um die Spatzen zu schießen; 75 aber als er hinkam, waren sie schon fort; denn die Spatzen stehen sehr früh auf. Jetzt saßen sie eben auf des Nachbars Kirschbaum und 5 zwitscherten lustig. Der Landmann aber sprach bei sich selbst: „Wartet, ich bin doch klüger als ihr." Und als er nach Hause kam, nahm er einen großen Stock, wickelte Stroh darum und machte ihm zwei Arme. Darauf zog er ihm einen alten Rock an, setzte ihm einen Hut auf, gab ihm eine 10 Peitsche in die Hand und der Strohmann schaute gar grimmig drein. Als die Spatzen schlafen gegangen waren, trug der Bauer den Strohmann auf den Weizenacker. Am andern Morgen flogen die Sperlinge aus, um nach ihrem Weizen zu sehen. Aber Huh! da stand schon der Bauer mit der is Peitsche. Da sagte ein alter Spatz: „Wir müssen noch früher auf¬ stehen." Darum kamen sie am folgenden Morgen, als es noch ziemlich dnnkel war. Aber siehe! der Bauer war schon wieder im Weizen und drohte mit der Peitsche. Da es so gefährlich aussah, getrauten sie sich nicht herbeizufliegen, sondern lauerten in der Nachbarschaft, ob denn 20 der Peitschenmann gar nicht nach Hause gehen würde. Aber er ging nicht, sie mochten warten, solange sie wollten. Endlich flogen die Spatzen mit hungrigem Magen nach Hause. Nach Curtmau. Aus Kummer-Branky-Hofbauers Lesebuch. 148. Tn nichts Böses! 1. Tu nichts Böses, tu es nicht! Weißt du, Gottes Angesicht Schaut von, Himmel auf die Seinen, Auf die Großen, auf die Kleinen, Und die Nacht ist vor ihm Licht. 2. Sind auch Vater, Mutter weit, Er ist bei dir allezeit; Daß du ja kein Unrecht übest Und sein Vaterherz betrübest! Ach, das wär' dir künftig leid! H e y. 76 149. Dir Sonnenstrahlen. Die Sonne war aufgegangen und stand mit ihrer schönen, glänzenden Scheibe am Himmel; da schickte sie ihre Strahlen aus, um die Schläfer im ganzen Lande zu wecken. Da kam ein Strahl zu der Lerche. Die schlüpfte aus ihrem Neste, flog in die Luft hinauf 5 und sang: „Liri, liri, li! schön ist's in der Früh'." Der zweite Strahl kam zu dem Häslein und weckte es auf. Das rieb sich die Augen nicht lange, sondern sprang aus dem Wald iu die Wiese und suchte sich zartes Gras uud saftige Kräuter zu seinem Frühstück. io Und ein dritter Strahl kam an das Hühnerhaus. Da rief der Hahn: „Kikeriki!" und die Hühner flogen von ihrer Stange herab und gackerten in deni Hose, suchten sich Futter und legten Eier in das Nest. Und ein vierter Strahl kam an den Taubenschlag zu den Tänbchen. Sie riesen: „Ruckediku! die Tür ist noch zu." Und als is die Tür ausgemacht ward, da flogen sie alle in das Feld und liefen über den Erbsenacker und lasen sich die runden Körner auf. Und ein fünfter Strahl kam zu dem Bieuchen. Das kroch aus seinem Bienenkorb hervor, wischte sich die Flügel ab und summte dann über die Blumen und den blühenden Baum hin und trug den 20 Honig nach Hause. Da kam der letzte Strahl an das Bett des Faulenzers und wollte ihn wecken. Allein der stand nicht aus, sondern legte sich auf die andere Seite und schnarchte, während die andern arbeiteten. Curtnia». 180. Kaiser Franz Josef als Lebensretter. Von einem Adjutanten begleitet, durchschritt unser Kaiser eines Tages eine gefährliche Gebirgsgegend, den Rettenbachgraben im Salz¬ kammergute. Da glitt ein vierjähriger Knabe, der Beeren pflückte und einen s steilen Abhang erklettert hatte, in die Tiefe hinab. Nur eine vor¬ stehende Baumwnrzel rettete das Kind vor dem Sturze in den reißenden Gebirgsbach, der am Grunde der engen Schlucht dahinschießt. Auf das Geschrei des Knaben setzte der Kaiser, der ein gewandter Gebirgsjäger ist, über ein Felsenriff von etwa fünf Meter Breite, 77 erfaßte das über dem Abgrunde hängende Kind und ließ es durch 10 seinen Begleiter in die nächste Mühle bringen, wo sich gerade die Mutter des Knaben, das Weib eines Salzarbeiters, befand. Angst und Freude erfaßte die arme Frau, als sie von der großen Gefahr hörte, in der ihr Kind geschwebt hatte, und wie es durch die Hand des Landesvaters gerettet worden war. is Als der Kaiser selbst nach wenigen Augenblicken an der Mühle vorüberschritt, stürzte ihm die Frau zu Füßen, uni ihm zu danken; der Kaiser aber ermahnte sie, das Kuäblein künftighin nicht wieder einer so großen Gefahr auszusetzen. Nach d'Albon. Aus Kummer-Branky-Hofbauers Lesebuch. 181. Das Vogelnest. Franz fand in einer Hecke des Gartens ein Vogelnest. Da lief er vor Freude zu seinem Vater, nahm ihn mit in den Garten und zeigte es ihm. „Sieh nur, Vater," rief er, „das weiche Nestchen von Moos und mit Wolle ausgefüttert und darin die drei kleinen, rotgesprenkelten k Eierchen! Ich möchte sie gar zu gern herausnehmen und damit spielen. Darf ich's Vater?" „Nein, lieber Franz," antwortete der Vater, „laß sie nur darin liegen! Du wirst dann noch mehr Freude haben." Franz gehorchte. 10 Nach vierzehn Tagen gingen sie zusammen hin zu dem Nestchen. Da lagen anstatt der drei Eier drei kleine nackte Vögelchen darin, die sperrten ihre Schnäbel auf und wollten etwas zu fressen haben. Schnell kam die Mutter der Kleinen, hatte Würmchen im Schnabel und fütterte sie damit. Das machte dem Franz viel Vergnügen. n> „Siehst du?" sagte der Vater, „hättest du das Nestchen aus¬ genommen, so würdest du jetzt diese Freude nicht haben." Nun besuchte Franz das Nestchen öfter, bis die kleinen Vögel endlich flügge wurden und fortflogen. Im nächsten Frühling kamen die alten Vögel wieder und bauten 20 ihr Nestchen an dem nämlichen Ort und so hatte der Knabe seine Freude noch manches Jahr. Spieß. 78 /.7>Ä. Ls-- «tts LES. Li» «/te,- Löws taA Hro/ttos vou sei/re»- LöH.te uirct ei-wautets «eittstt Loci. Lie 7'iei-e, ctie sonst irr /LHvssHe'tt Ae»-iete-r, we/rtt sie i/tttt saHsn, Hectaas»»tsn iH/r tttcHt ,- ctsn-r wett Heti-nöt sicH wo/ct äHe»- cte» Loct eines Lriectenstöi-ers, vo»' ctem man nie »-ttH?jes Boeli in den Loden, tund uker ?u in einew Verdrusse keinen ein^iZen dulden. ^ls der biuokkur uw Normen das Boek suk, luokts er, dull er sioli beide Leiten kielt, und suAte: „0 du eintültiAsr Nensok, so wur es niokt Zeweint! lok will dir über .jetrd einen ^nnAen 20 Birnkuuw sokenken; den set^e in dus Book, dus du Asinuokt kust, und nueli einigen dukren werden die dulden sokon 2nw Vorsokein kowmen." lok setzte den ^junAsn Ltnww in die Brde; iw nüoksten Brnk^ukr xkroxtte ikn der Huokkur. Das Büuweken wnoks und 25 wurde init der 8eit der Zroke, ksrrlieke Lunw, den ikr liier vor ^.uAsn sekt. Dis köstlioksn Brüokte, die er nun seit vielen dukren ker AstruZen kut, kruokten wir sokon weit wekr uls Kundert dulden ein und nook imwer ist er ein Xuxitul, dus reioklioks Zinsen trü^t. lok kuke dsskulk das Dsiksxrüoklein so des kluAsn kiuokkurs niokt vergessen; werkt es euok uuok: „Den siokersten dswinn Bringt Bleit) und kluger Linn." OKr. Loliinlä. 86 164. Des Knaben Verglied. 1. Ich bin vom Berg' der Hirtenknab', Seh' auf die Schlösser all' hinab. Die Sonne strahlt am ersten hier, Am längsten weilet sie bei mir. Ich bin der Knab' vom Berge! 2. Hier ist des Stromes Mutterhaus, Ich trink' ihn srisch vom Stein heraus; Er braust vom Fels in wildem Lauf, Ich fang' ihn mit den Armen auf. Ich bin der Knab' vom Berge! 3. Der Berg, der ist mein Eigentum. Da zieh'n die Stürme rings herum; Und heulen sie von Nord und Süd, So überschallt sie doch mein Lied: Ich bin der Knab' vom Berge! 4. Sind Blitz und Donner unter mir. So steh' ich hoch im Blauen hier; Ich kenne sie und rufe zu: Laßt meines Vaters Hans in Ruh'! Ich bin der Knab' vom Berge! 8. Und wenn die Sturmglock' einst erschallt. Manch Feuer auf den Bergen wallt. Dann steig' ich nieder, tret' ins Glied Und schwing' mein Schwert und sing' mein Lied: Ich bin der Knab' vom Berge! Uhland. 168. Die vergoldeten Nüsse. Am heiligen Weihnachtsabend standen die Kinder vor dem Christbaume. Dem kleinen Peter stachen besonders die vergoldeten Nüsse in die Augen und er wollte sie durchaus haben. 87 Die Mutter sagte: „Diese Nüsse zieren den Baum gar schön: wir wollen sie deshalb hangen lassen. Sieh, da hast du andere Nüsse!" 5 Allein Peter rief heulend: „Ich mag keine braunen Nüsse; ich will goldene haben!" Die Mutter dachte, inan könne gar oft eigensinnige Kinder nicht besser strafen, als wenn man ihnen ihren Willen tut. Sie gab ihm daher die vergoldeten Nüsse und teilte die braunen unter die übrigen 10 Kinder aus. Peter war sehr erfreut und klopfte die schönen Nüsse begierig auf. Allein zu seinem großen Verdruss« waren alle hohl und seine Geschwister lachten ihn aus. Nach Chr. Schmid. 166. Der Weihnachtsabend. Eines Tages, kurz vor Weihnachten, plauderte die kleine Karol ine mit Minchen, ihrer guten Freundin. Karoliuens Eltern waren reiche Leute, die viel Geld, ein schönes Haus und Wagen und Pferde besaßen; Minchens Eltern aber waren arm und wohnten in einer kleinen Hütte. „Minchen," sagte Karoline, „bald kommt der Weihnachtsabend s und da bringt mir das Christkindl viele, viele wunderschöne Sachen, Kleider und Hüte und Spielzeug eine ganze Menge. Weißt du denn, was es dir bringen wird?" „Ach, ich werde wohl nichts bekommen," sagte Minchen traurig; „meine Eltern sind arm, also können sie mir keine Freude machen." io Minchen sah dabei so traurig aus, daß Karoline recht Mitleid mit ihr hatte und sich heimlich vornahm, ihr eine Freude zu machen. Als nun der Weihnachtsabend kam, wurde Karoline von ihren Eltern reich beschenkt. Sie jubelte und tanzte und freute sich; aber in ihrer Freude dachte sie doch an Minchen, die jetzt zu Hause gewiß is im Dunkeln saß und recht betrübt war. Sie fiel ihrer Mutter um den Hals und sagte: „Ach, liebe Mutter, ich habe noch eine große Bitte. Minchen sagte mir neulich, ihr Vater sei so arm und könne ihr nichts geben; erlaubst du mir wohl, daß ich ihr von meinen vielen Geschenken etwas hinübertrage, damit auch sie sich des heutigen Abends freuen könne?" 2« „Gern, von Herzen gern erlaube ich es dir," sagte die Mutter und küßte das gute Kind. „Suche dir aus, was du willst, und schenke es Minchen." 88 Da nahm Karoline ein schönes Kleidchen und eine niedliche 25 Mütze, legte beides in einen Korb, tat noch Nüsse, Äpfel nnd Honig¬ kuchen dazu und eilte damit zu Minchen. Ach, da hättet ihr die Freude sehen sollen, die das arme Mädchen hatte! Karoline ging fröhlichen Herzens nach Hause und war noch nie so glücklich gewesen wie den Tag. Nach Fr. Hoffmann. 167. Kaiser Josefs Entscheidung. Von einem Goldarbeiter in Wien hatte ein vornehmer Edelmann ein Kästchen mit Juwelen gekauft und es abholen lassen; als er aber den Schmuck bezahlen sollte, leugnete er, das Kästchen empfangen zu haben. Der Goldarbeiter wurde nun klagbar. Aber auch der Richter s konnte den Edelmann zu keinem Geständnisse bringen; der Kläger wurde also abgewieseu. In seiner Not wandte er sich an den Kaiser Josef. Dieser ließ beide Parteien vor sich kommen, und als der Edelmann bei seinem Leugnen blieb, befahl ihm der Kaiser, sich zu setzen und zu schreiben, was er ihm diktieren würde. Der Kaiser aber io diktierte also: „Liebe Frau! Wir sind verraten, der Kaiser durchschaut alles; gib augenblicklich das bewußte Kästchen dem Überbringer dieses Briefes, dem kaiserlichen Bedienten, sonst sind wir verloren/' Der Edelmanu zitterte und konnte kaum zu Ende schreiben, und ehe noch der Kaiser den Brief absandte, warf er sich ihm zu Füßen und ib gestand sein Unrecht ein. Der Brief aber wurde abgeschickt und in einer Stunde hatte der Goldarbeiter sein Eigentum wieder in Händen. Rudolph. 268. 2-6/- ernr /»ao/rs. Tir/r //rr'se/r tvauck «ns er'ueru /ctsMeu tTewasseu euötr'e^ts ctauru seru 2?r'tct. „TlLurvaHu/' ure/ eu, „ctr's Aatuu -uerute es ur'e^t öö'ss rurt -ur'u, weurASteus urr't urer'uern ur'e/rt/ ppr'e ^>uäc/rtr 10 7-rc^ö7n en sr'e^ MS Dre^'o^t netten wottke, ö^'eö en Ek c^em t?ewe?^ »7t c^en Asten ernes ^?«U7nes ^«UAen. D^'e Äuncts ^«Tuen Sender unct nassen i^n nreeien. „Ae^," seu/ste 67", 7nc^em 67- vense^r'ect, „76^ 1/nAtüe^^o^en /r siehe, das sind deine Verbrechen! höre sie sorgsam! Zuerst bist du schuld am Tode des Pferdes, dessen Verpflegung dir der König auf¬ getragen hatte. Du mußt also sterben. Fürs andere bist du schuld, daß der König, mein Herr, sich so entrüstet hat, daß er selbst Hand an dich legen wollte. Siehe, das ist ein neues Verbrechen, größer als is das vorige. Endlich muß es das ganze Land mit allen umliegenden Gegenden erfahren, daß der König, mein Herr, um eines Pferdes willen einen Menschen getötet hat; dadurch verliert er seinen guten Namen. Siehe, du Unglücklicher, das ist dein größtes Verbrechen. Erkennst du es?" „O, laß ihn gehen!" ries der König; „um en seinetwillen will ich meinen guten Namen nicht verlieren. Ihm sei vergeben!" H erd er. 174. Kindesdank. Ein Fürst traf aus einem Spazierritte einen fleißigen und frohen Landmann beim Ackergeschäfte an und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. Nach einigen Fragen erfuhr er, daß der Acker nicht sein Eigentum sei, sondern daß er als Taglöhner täglich um zwei Kronen arbeite. 93 Der Fürst, der freilich mehr Geld brauchte und zu verzehren hatte, 5 konnte es in der Geschwindigkeit nicht ausrechnen, wie es möglich sei, täglich mit zwei Kronen auszureichen und noch so frohen Mutes dabei zu sein, und verwunderte sich darüber. Aber der brave Mann im Zwilchrocke erwiderte ihm: „Es wäre gefehlt, wenn ich so viel brauchte. Mir muß ein Dritteil davon genügen; mit einem Dritteil m zahle ich meine Schulden ab und das übrige Dritteil lege ich auf Zinsen an." Das war dem guten Fürsten ein neues Rätsel. Aber der fröhliche Landmann fuhr fort und sagte: „Ich teile meinen Verdienst mit meinen alten Eltern, die nicht mehr arbeiten können, und mit meinen Kindern, die es erst lernen müssen; jenen vergelte ich die 15 Liebe, die sie mir in meiner Kindheit erwiesen haben, und von diesen hoffe ich, daß sie mich einst in meinem Alter auch nicht verlassen werden." War das nicht artig gesagt und noch schöner und edler gedacht und gehandelt? Der Fürst belohnte die Rechtschaffenheit des wackern Mannes ro und sorgte für seine Söhne. Der Segen, den dem Landmanne seine sterbenden Eltern gaben, wurde ihm im Alter von seinen dankbaren Kindern durch Liebe und Unterstützung reichlich entrichtet. Hebel. 178. Der Bär als Spielkamerad. Es war in einem kleinen Landstädtchen. Drunten in der Wirts¬ stube saß der Bärenführer und verzehrte sein kärgliches Abendbrot; draußen im Hofe stand der Bär, au die Holzlege angebunden, der arme Petz, der keiner Seele etwas zuleide tat, obgleich er grimmig genug aussah. Oben im Erkerzimmer spielten bei Hellem Mondschein 5 drei kleine Kinder, das älteste war höchstens sechs Jahre alt, das jüngste nicht mehr als zwei. Da kam es klatsch! klatsch! die Treppe herauf; wer konnte es sein? Die Tür sprang auf — es war der Bär, der große, zottige Petz! Es war ihm langweilig geworden, drunten so einsam zu stehen, er hatte den Strick abgerissen und nun 10 den Weg die Treppe hinauf gefunden. Die Kinder waren so erschrocken über das große, zottige Tier, daß jedes in einen Winkel kroch, aber er fand sie alle drei, beschnüffelte sie mit der Schnauze, tat ihnen jedoch nichts. „Das ist sicher ein großer Hund," dachten sie, krochen wieder hervor und streichelten ihn. Er legte sich auf den Fußboden, 15 94 der kleinste Knabe wälzte sich über ihn und spielte Versteck, indem er sein goldlockiges Köpfchen in seinem dicken, schwarzen Pelze verbarg. Nun holte der älteste Knabe seine Trommel, schlug darauf, daß es dröhnte, und der Bär erhob sich auf seine beiden Hinterfüße und so begann zu tanzen, daß es eine Freude war. Jeder von den Knaben nahm sein Gewehr, der Bär bekam auch eines und er hielt es ordentlich fest; es war ein prächtiger Spielkamerad, den sie bekommen hatten. Und nun hieß es: „Eins, zwei! eins, zwei!" — Da griff etwas an die Tür, sie ging auf, es war die Mutter der Knaben. 25 Ihr solltet sie gesehen haben, gesehen ihren lautlosen Schreck, das kreideweiße Antlitz, den halboffenen Mund, die stieren Augen! Aber der kleinste der Knaben nickte ganz vergnügt und rief laut in seiner Sprache: „Wir spielen Soldaten!" — Und dann kam der Bären¬ führer. Nach Andersen. 176. St. Leonhard. Wo jetzt in Kärnten St. Leonhard liegt, weidete vor Jahr¬ hunderten ein Hirte seine Rinder. Eines Tages bei Sonnenuntergang sah er einen Schleier, der sich vom blauen Himmel auf die Erde herabließ. Als er am anderen Morgen sein Vieh wieder dort weidete, 5 grub eines seiner Tiere an derselben Stelle, wo sich der Schleier Herabgelaffen hatte, ein Loch und plötzlich sprudelte eine klare Quelle hervor, aus der das Tier von nun an täglich trank. Es zeigte, nachdem es getrunken hatte, immer eine besondere Lebhaftigkeit. Dem Hirten fiel dieses auf und er ahnte eine Wunderkraft. Weil er immer io einen leidenden Fuß hatte, so benutzte er diese Gelegenheit, trank das Wasser und badete einige Male. Der Fuß wurde gesund und aus Dankbarkeit wählte der Hirt jene Stelle als Betört. Eines Tages bemerkte er zwischen den Ästen einer uralten Buche ein halbverwittertes Bild. Er zeigte es dem is Pfarrer an; der erkannte das Bild des heil. Leonhard und schloß es in die Kirche ein. Allein das Bild kam immer wieder auf die Buche zurück, bis man an dem Orte eine Kapelle erbaute; und als ein ungarischer Graf, der schon mehrere Jahre blind war, durch das Waschen mit diesem Wasser sehend wurde, so baute er dem 20 heil. Leonhard aus Dankbarkeit eine Kirche. Daher stammt auch der Name des Ortes. Vernaleken. 95 177. Rescheidrnheil siegt. 1. Die Lerche singt, der Kuckuck schreit, Krieg führt die ganze Welt. Es fängt nun an ein großer Streit In Wald und Wies' und Feld. 2. Die Blumen streiten heftiglich. Wer wohl die schönste sei; Und nur die Rose denkt für sich: „Das ist mir einerlei." 3. Und auch die Vögel streiten sich Um ihren Sang und Schall. „Was aber soll das kümmern mich?" So sagt die Nachtigall. 4. Da mischet sich der Frühling drein. „Was," spricht er, „soll der Krieg? Der Nachtigall und Ros' allein Gebührt der Preis und Sieg." 5. So laßt uns wie die Rose sein Und wie die Nachtigall! Bescheides Herzen, schön und rein, Die siegen überall. Hoffmann v. Fallersleben. 178. Die drei Freunde. Ein Mann hatte drei Freunde. Zwei derselben liebte er sehr, der dritte war ihm gleichgültig, obgleich es dieser am redlichsten mit ihm meinte. Einst ward er vor Gericht gefordert, wo er unschuldig, aber hart verklagt war. „Wer unter euch," sprach er, „will mit mir gehen und sür mich zeugen? Denn ich bin hart verklagt worden und s der König zürnet." Der erste seiner Freunde entschuldigte sich sogleich, daß er wegen anderer Geschäfte nicht mit ihm gehen könne. Der zweite begleitete ihn bis zur Tür des Richthanses; da wandte er sich und ging zurück aus Furcht vor dem zornigen Richter. Der dritte, auf den er w 96 am wenigsten gebaut hatte, ging hinein, redete für ihn und zeugte von seiner Unschuld so srendig, daß der Richter ihn losließ und noch beschenkte. Drei Freunde hat der Mensch in dieser Welt; wie betragen sie is sich in der Stunde des Todes, wenn ihn Gott vor Gericht fordert? Das Geld, sein bester Freund, verläßt ihn zuerst und geht nicht mit ihm. Seine Verwandten und Freunde begleiten ihn bis zur Tür des Grabes und kehren wieder in ihre Häuser. Der dritte, den er im Leben am meisten vergaß, sind seine wohltätigen Werke. Sie allein 20 begleiten ihn bis zum Throne des Richters; sie gehen voran, sprechen für ihn und finden Barmherzigkeit und Gnade. Herder. 170. Kaiser Franz und sein Enkel. Am 18. August 1834 waren die Großeltern unseres geliebten Kaisers, Franzi, und Karolina Augusta, in dem schönen Parke von Laxenburg, wo sie sich an dem kindlichen Spiele ihres Enkels Franz Josef, der seinen vierten Geburtstag feierte, erfreuten. 5 Der kleine Prinz saß in einem Gartensaal, umgeben von Spiel¬ sachen, die ihm zum Festtage beschert worden waren. Am Eingänge stand eine Schildwache. Der Mann warf zuweilen einen Blick inniger Teilnahme auf das spielende Kind. Aber auch der Knabe schien an dem Soldaten Gefallen zu finden, denn er betrachtete ihn öfter auf- io merksam. Plötzlich unterbrach er sein Spiel und fragte den Großvater: „Nicht wahr, der Mann da ist recht arm?" „Woher vermutest du das, mein liebes Kind?" entgegnete der Monarch. „Nun, weil er Wache stehen muß." 15 „Mein Kind, das müssen auch reiche Leute, selbst kaiserliche Prinzen; aber bei dem Manne hast du es erraten, er ist arm. Drum geh zu ihm und gib ihm diese Banknote!" Das ließ sich der Prinz nicht zweimal sagen; er lief zu dem Soldaten und hielt ihm die Banknote freudig hin: „Da, armer 20 Mann, das schenkt dir der gute Großpapa." Die Schildwachen haben aber strenge Vorschriften und der Posten schüttelte ernsten Gesichtes den Kopf. 97 Der Prinz blickte verlegen bald auf die Schildwache, bald auf den Großvater. Dieser betrachtete mit Wohlgefallen das reizende Bild und sagte dann lächelnd: „Steck' ihm das Geld in die Patrontasche; rs in die Hand darf er es nicht nehmen/ Der kleine Prinz versuchte es; da aber die Patrontasche zu hoch hing, konnte er selbst mit ausgestreckteu Armen sie nicht erreichen und stand wieder ratlos. Da näherte sich der Kaiser, hob den Enkel empor, die Kaiserin so half den Deckel der Patrontasche öffnen und der kleine Prinz steckte jubelnd die Banknote hinein. Dann begab er sich wieder zu feinen Spielsachen und rief vergnügt: „Nicht wahr, Großvater, jetzt wird der Soldat nicht mehr arm sein?" „Wir wollen's scholl machen," antwortete der Kaiser, über das ss gute Herz seines Enkels erfreut. Am andern Tage forderte der Kaiser Auskunft über das Ver¬ halten des Infanteristen. Da diese höchst vorteilhaft lautete, sorgte der Kaiser für die Zukunft des Mannes. Nach Bermann. Aus Kummer-Branky-Hofbauers Lesebuch. ISO. Der Dssl Eä älö ärsi Lrüäsr. Diu uriuor Luuor bosak ubbts als oiuon Dsol, äsr iiuu trouliob äiouto unck iiun muuobou Orosoben voräiouou bult. .4.1.8 äor Lluuu tuläte, äut> sr bulä storbou everäo, riot or soiuo äroi 8öbuo au soiu Lobt, uuä spraob: „lob buuu ouob boiuo Drbsobutt biutoriussou als msiusu Dsol; vouu ibr ibu Aut bolluuäeit, virä 5 er ouob ubiou äiouou böuuou, bouto äsm siuou, mor^ou äoiu uuüsru, übormorZou äom ärittsu. 8oiä vortrü^liob uutoroiuuuäor uuä billig K6K6U äus Vieb!" — Deu Vater starb, aber äie 8öbuo vorAU^ou soiuor DrmubuuuA. Dor ültoro äuobto: „(lostoru bub äor Dsol uoob iu moiuos Vutors 8tu1I Zotrossou, mor^ou w värä ei' bei lueiuem Lruäor Hou ZouuK- brioZou; beute buuu er rvobl oiumul obuo Dntter urboitou." 8o mul.ite äus arme Hier viorauä^-vrau^i^ 8tuuäou buuZoru. .4_m uuäoru NnrZ-eil bolto ibu äor rr^oito, uuä äu äor Dsol sobou mutt vor bluuAer ^vur uuä uiollt mebr rvobt tort polito, so moiuto äor burtbor^iKo Nousob: !5 „Du tbuler Dsel bust /.u viol boi moiuom Druäor Astrossou, Lefeb. f. slow.-utraquist. Mittelsch. I. u. 2. Kl. (N) / 98 dssüaU) willst du uioüt in ans oll so so. l^uu Zut, so inuZst «in denn bsi mir tastsn, da6 dir dis BroZüsit vsrASÜt!^ drittem BuZs war der Bssl ssüon üulbtot vor BrmKsr; aber der jünAsts 2v Bruder, der illr diesen Ba§ rur bsnut^sn üatts, niaolrts es uioll besser als seine Brüder und suoüte darob BrüZel 2u ersetzen, was an Butter cksblts. Voob lävAsr Ironnte es das ZexluAte Bisr niolrt ausbaltsv. Biis der vierte Normen anbraob, laA der Bssl vor der isereu Xripps und war tot. 25 blan üutten die Brüder Zur nicllts und ^anütsn siob nur darum, wsr sobald an dein Bode des Bsels Aswsssn sei. Der Bsel wurde über von dem 2anbs niobt lsbsndi^ und dis Brüder küsnsoweniZ dadarob rsiob. OurtinLil. 181. Der Regenschirm der Kaiserin. Eines Tages erging sich die Kaiserin Elisabeth ihrer Gewohnheit gemäß ohne jede Begleitung in den herrlichen Anlagen des kaiserlichen Lustschlosses Miramar. Da fing es plötzlich an zn regnen und bald darauf in Strömen zu gießen. s Die Kaiserin, die sich anfangs durch den Regen in ihrem Spaziergange nicht beirren ließ, suchte endlich vor der Unbill des Wetters Schutz in einem der Grottengänge des Parkes. Als sie eintrat, bemerkte sie, daß in demselben Gange ein kleines Schulmädchen bereits Unterstand gesucht hatte. Das Kind wollte sich vor der vor- w nehmen Frau, die es nicht kannte, anfangs schüchtern verstecken. Als aber die hohe Frau das Kind freundlich ansprach, wurde das Mädcheu bald zutraulich und stand auf die Fragen der Kaiserin tapfer Rede und Antwort. Da es aber gar nicht aufhören wollte zu regnen, sagte die is Kleine ängstlich, es werde wohl besser sein, nach Hause zu gehen, da die Eltern über ihr langes Ausbleiben leicht in Sorge geraten könnten. Da sprach die Kaiserin: „Da hast du ganz recht, mein Kind; man darf seinen Eltern niemals Sorge machen, und weil du so artig bist, werde ich dich selbst mit meinem Schirme nach Hause begleiten." 2v Und so geschah es. Die Kaiserin begleitete das glückliche Kind im strömenden Regen bis zum Bahnhofe, in dessen Nähe die Kleine zu Hause war. Dort angekommen, reichte die Kaiserin ihrem Schütz- 99 ling den Schirm mit den Worten: „So, den behalte, damit du für alle Fälle einen Schirm hast; denn man trifft nicht immer Leute, die einen nach Hause begleiten." 25 Überglücklich eilte das Mädchen in sein Heim und erzählte, was ihm begegnet war; als aber die Eltern auf den Bahnhof eilten, um der unbekannten, vornehmen Frau zu danken, war diese nicht mehr da; allein die Bahnbeamten wußten ihnen zu sagen, daß es die Kaiserin gewesen war. so Der Regenschirm der Kaiserin aber wird in der Familie wie ein Heiligtum ausbewahrt. Nach Thomas. Aus Kumrner-Branky-Hofbauers Lesebuch. 182. Die Schatzgräber. Ein Winzer, der am Tode lag, Rief seine Kinder her und sprach: „In unserm Weinberg liegt ein Schatz; Grabt nur darnach!" „An welchem Platz?" Schrie alles laut den Vater an. 5 „Grabt nur!" — O weh! da starb der Mann. Kaum war der Greis zu Grab gebracht. So grub man nach aus Leibesmacht; Mit Hacke, Karst und Spaten ward Der Weinberg um und um gescharrt. io Da war kein Kloß, der ruhig blieb, Man warf die Erde gar durchs Sieb Und zog die Rechen kreuz und quer Nach jedem Steinchen hin und her. Allein da ward kein Schatz verspürt is Und jeder hielt sich angeführt. Doch kaum erschien das nächste Jahr, So nahm man mit Erstaunen wahr, Daß jede Rebe dreifach trug. Da wurden erst die Söhne klug 20 Und gruben nun jahrein, jahraus Des Schatzes immer mehr heraus. Bürger. 7* 100 183. Das Butterbrot. Karl bekam an jedem Nachmittage um vier Uhr ein Butterbrot zur Jause. Er begnügte sich damit und verlangte in der Regel nie mehr. Seit einiger Zeit jedoch lief er alle Tage mit seinem Butterbrote weg, kam aber nach einer Weile wieder und erbat von der Mutter 5 noch ein Stück trockenes Brot. Anfänglich achtete die Mutter nicht darauf, gab ihm, was er verlangte, und dachte: „Karl hat jetzt guten Appetit." Weil er aber immer wieder ums trockene Brot kam, fiel es ihr endlich auf und sie gab eines Tages acht, wohin er mit feinem m Butterbrote lief. Er lief aber in des Nachbars Stübchen. Die Mutter ging ihm nach, sah durch das Fenster und bemerkte in der Stube einen kranken Knaben. Dem legte Karl sein Butterbrot auf das Bett und lief wieder fort, ohne den Dank des Kleinen abzuwarten. Die Mutter ging schnell nach Hause, damit Karl sie nicht sähe, denn sie wollte ihn auf die Probe stellen. Als er kam und sich noch ein Stückchen trockenes Brot erbat, verstellte sie sich und sagte hart: „Geh, Karl, du erhältst nichts mehr! Wer wird so unbescheiden sein und alles doppelt verlangen!" Karl wandte sich schweigend nach der Tür und entfernte sich, so Aber nun konnte sich das Mutterherz nicht mehr bezwingen. „Karl," rief die tiefgerührte Mutter, „Karl, komm her und umarme mich, du bist mein lieber, guter Sohn und sollst Brot haben, so viel du willst." Karl war ganz erstaunt; als er aber hörte, daß die Mutter 25 seine Wohltätigkeit kannte, schämte er sich. „Schäme dich nicht," sagte die Mutter, „du hast es nicht nötig. Aber warum erzählst du uicht, wem du dein Butterbrot bringst?" „Unser guter Lehrer," sagte Karl, „hat uns gesagt, man solle die Linke nicht wissen lassen, was die Rechte tut. Darum schwieg ich." Zo Karl ging hinaus auf die Straße zu seineu Gespielen, die Mutter aber erflehte Gottes Segen über ihn und rief: „Wahrlich, ein gutes Kind ist des Vaters Ehre und der Mutter Freude!" Nach Franz Hoffmann. 102 7^,5. T>rs E DDn. Am, DLö^uav 76'62 ör'ae^ ttösv H^-is-r er» A^o/ss DuAZüek ^er'er'u. Dre Douau üöei^/u/ete Äre D/eT' uuc/ a//e tr'e/er' AsZsAeusu td'/aä/Zer/s sorere 6er> _/>a/e-' stanken uute-' blDsse-". Dr'e Ms-rso^eu mu/teu mer's/eus r'/rv Da/- u?r<7 Dut Du uir'/c/su HDZZeu ^-rersAedeu 5 uuc/ /couuteu sr'e^ se/ösZ uu-' c/uvo^ so^ueZ/e DZuo^t nettem. Am Auö/Neu mau aZ-eu De Ds/«^u /uu De Dervo^ueu c/eu DurA-7/euau / Du/ s/auäeu äamaZs /«st uuu mieD'^s, ZröDs/eus e-'us/öe^rAe Däuser'. DZo7sZrcä Z-uacDu De d-'auseuäe-r /7?-/eu Z/eueru uuc/ duerteteu sr'D sDueZZ uae/r aZZeu Dr'e^tuuAeu 7-ru aus. 16 Da kouu/eu De Deute r^ue Däuser' rrr'e^k ms^u ueuZasseu,- srs ^/üe^teteu cZa/mu r'rr DuseZbeu immeu D-Du, euc/Zr'D Aar- Zirs au/ De Dao^ööDu Zr/uau/"/ /a vr'eZe DeuseDu muMeu vou cZa aus äuue/r De DaeZr/eusteu au/ Du Dr'rD äes DaeZres ^/e^ter'u, uru uur° äas uac/cke Deöeu su rDteu. Dorä sa/eu sr'e äuuAsr'uä uuä j5> /Der'euä unä ^auk /am,Msräsu De Dr'rräer'. IP'o/^ sauDe ru.au DettuuAs/eä^ue ua<7t äeu DuA^üe^/re^eu aus. Dre Duäler'er' ^ourri(eu a6sr- De r-er/errDu Me^eu ur'e^^ öesu-ruAeu uu<7 mu/teu uuDDr'eu. 7u Deser- /täe^säeu Dot er-sDDu uuser- ruutrAer- /^arser- c^eu l^eDasssrreu a/s Detter-. Dr7 seruem DeuDe, äem D/^er-soae 20 Dar'/ Duc/rvrA, öes/r'eA er' r'ase/r er'uerr Da/ar, c/e?' uou /üe/är/eu §o?cia/eu Aer>uDr7 rvur'äs. Dr7 uusäA/re/rer' MÄ/re uuä uu/sr' auAeu- se/teru/re/zer' De/a7r' er//e ei' äa/a'u. reo De Do/ am r". Di« 77«uimse-7j/'«w/cr/-D-/öuue»'8 T^s.ssdue/t. 186. Der alte Mantel. Einige Soldaten kamen zur Zeit des Krieges in ein Dorf und verlangten einen Wegweiser. Ein armer Taglöhner sollte mit ihnen gehen. Es war sehr kalt und es schneite und wehte entsetzlich. Er bat die Bauern flehentlich, ihm einen Mantel zu leihen. Allein sie gaben 5 ihm kein Gehör. Nur ein fremder, alter Mann, der durch den Krieg aus seiner Heimat vertrieben worden war und in dem Dorfe sich 103 kümmerlich als Schmiedknecht nährte, erbarmte sich des Tagwerkers und gab ihm seinen alten Mantel. Die Soldaten zogen sort und sieh! am späten Abend kam ein junger, schöner Offizier irr prächtiger Uniform und mit einem Ordens- 10 kreuz an der Brust in das Dorf geritten und ließ sich zu dem alten Manne sühren, der dem Wegweiser den Mantel geliehen hatte. Der gutherzige Greis tat, als er den Offizier erblickte, einen lauten Schrei. „O Gott, das ist ja mein Sohn Rudolf!" rief er, eilte auf ihn zu und umfaßte ihn mit beiden Armen. is Rudolf hatte vor mehreren Jahren Soldat werden müssen und war wegen seiner vorzüglichen Geistesgaben, wegen seiner Recht¬ schaffenheit und Tapferkeit Offizier geworden. Er hörte nichts mehr von seinem Vater, der vormals in einem angesehenen Marktflecken Schmiedemeister gewesen war. Allein der Sohn hatte den alten 20 Mantel erkannt und aus der Erzählung des Wegweisers sich über¬ zeugt, daß sein Vater nunmehr in diesem Dorfe sich aufhalte. Vater und Sohu weinten vor Freuden und alle Leute, die umherstanden, weinten mit. Rudolf blieb die ganze Nacht bei seinem Vater, unterredete sich mit ihnr bis an den frühen Morgen, gab ihm, 25 bevor er weiterritt, viel Geld und versprach, ferner für ihn zu sorgen. Die Leute aber sagteu: „Weil der alte Mann so barmherzig war, so hat sich auch Gott seiner erbarmt und ihn seinen Sohn wieder finden lassen, der ihn aus aller Not errettete." Ehr. Schmid. 187. Die Singvögel. Ein freundliches Dörfchen war von einem ganzen Walde frucht¬ barer Bäume umgeben. Die Bäume blühten und dufteten im Frühlinge auf das lieblichste; im Herbste aber waren alle Zweige reichlich mit Äpfeln, Birnen und Zwetschken beladen. Auf den Ästen der Bäume und in den Hecken umher nisteten 5 und sangen allerlei muntere Vögel. Die Eltern ermahnten ihre Kinder öfter und sagten: „Tut doch diesen Vögelchen nichts zuleide und rührt ihre Nester nicht an; denn das würde dem lieben Gott, der die Blumen kleidet und die Vögel nährt, sehr mißfallen. Auch uns zuliebe gab Gott den Blumen die schönen Farben und die erquickenden Wohl- 10 gerüche und den Vögeln den lieblichen Gesang." 105 So trabten sie hungrig miteinander fort. Da sahen sie von weitem ein Bauernmädchen kommen, das trug einen Handkorb und aus dem Korbe kam dem Fuchse und dem Hasen ein angenehmer Geruch entgegen, der Geruch von frischen Semmeln. 10 „Weißt du was?" sprach der Fuchs zum Hasen, „lege dich hin der Länge nach aus den Schnee und stelle dich tot! Das Mädchen wird seinen Korb hinstellen und dich aufheben wollen; derweil erwisch ich den Semmelkorb, trag' ihn fort und wir speisen dann den duftigen Leckerbifsen miteinander." 15 Gesagt, getan. Der Hase fiel hin, streckte alle Viere von sich, zuckte nicht und muckte nicht und stellte sich mausetot. Der Fuchs aber duckte sich hinter eine Windwehe von Schnee. Das Mädchen kam heran und wie es den Hasen liegen sah, rief es aus: „Armes Häslein, bist gewiß erfroren! Ich will dich ein 20 bißchen wärmen; vielleicht wirst du wieder lebendig." Es stellte richtig den Korb hin und wollte den Hasen aufheben. Jetzt schlüpfte der Fuchs hinter der Windwehe hervor, nahm den Semmelkorb zwischen die Zähne und sort ging's damit ins weite Feld hinaus. Der Hase aber, der Schelm, schlug mit seinen Hinterfüßen r; auf den Schnee, daß das arme Bauernmädchen erschrak und ihm mit offenem Munde nachschaute, wie er dem Fuchse nachlief. Dieser aber stand gar nicht still und machte keine Miene, die Semmeln mit dem Hasen zu teilen, sondern lief und der Hase ihm nach, bis sie beide keinen Atem mehr hatten. Da standen sie mit so einemmal vor einem Teiche. Der Hase sagte zum Fuchs: „Wie wäre es, wenn wir uns eine kleine Mahlzeit Fische verschafften? Wir haben dann Weißbrot und Fische wie vornehme Leute. Häuge deinen Schwanz ein wenig ins Wasser, so werden die Fische, die jetzt auch nicht viel zu beißen haben, sich daran hängen und dann speisen wir ss sie. Aber du mußt schnell machen, sonst friert der Teich zu." Das schien dem Fuchs nicht schlecht. Er ging hin an den Teich, der eben zufrieren wollte, und hängte seinen langen Schwanz hinein; und eine kleine Weile — so war der Schwanz des Fuchses fest ein¬ gefroren und der Fuchs konnte nicht von der Stelle. 40 Da nahm der Hase den Semmelkorb, fraß die Semmeln vor den Augen des Fuchses ganz gemächlich eine nach der andern, machte ein lustiges Männchen und sagte: „Warte nur, bis es auftaut, 106 warte nur bis ins Frühjahr, dann kommst du wieder los!" Sprach's 4s und lief davon. Der Fuchs aber bellte ihm nach wie ein böser Hund an der Kette. Rach Grimm und Bechstein. 190. Die Bärenhaut. Zwei Jägerburschen hatten von einem großen, starken Bären gehört, der sich im Walde anfhalteu sollte, und freuten sich schon im voraus über den schönen Pelz, den sie ihm abziehen wollten. „Wenn ich den Bären schieße," sagte der eine, „so lass' ich mir aus 5 seinem Pelz einen Mantel machen, der soll mich im Winter hübsch warm halten." „Nein," sagte der andere, „ich schieße den Bären und verkaufe den Pelz. Der Kürschner zahlt mir zehn Taler dafür, die sollen mir schön in dem Beutel klingen." Unterdessen war es Zeit geworden, in den Wald zu gehen. Als w sie aber so allein darin waren und von ferne den Tritt des Bären hörten, da wurde es ihnen doch ein wenig bange. Als dieser nun gar näher kam und ein schreckliches Brummen hören ließ, da warf der, welcher den Pelz des Bären verkaufen wollte, seine Flinte weg und kletterte so schnell als möglich auf einen Baum. Der andere aber, iü der sich nun doch auch nicht zu bleiben getraute, konnte sich nicht mehr flüchten. Zum Glück fiel ihm ein, daß die Bären keine toten Menschen anrühren. Er warf sich also auf den Boden, hielt den Atem an und streckte sich hin, als wenn er tot wäre. Der Bär kam grimmig auf ihn zu; als er aber sah, daß dieser kein Glied rührte, glaubte 2« er, der Mensch wäre tot. Er beroch ihn also ein wenig, und als er gar keinen Atem merkte, lief er weiter, ohne dem Burschen ein Leid zu tun. Als nun der Bär weit genug fort war, erholten sich die beiden Jägerburschen von ihrem Schreck; der eine stieg vom Baume herunter, der andere stand vom Boden auf. 25 Da fragte der, welcher von oben zugesehen hatte: „Hör' einmal, was hat dir denn der Bär ins Ohr gesagt?" „Ja," sagte der andere, „alles hab' ich nicht verstanden; aber eins hat er mir deutlich ins rechte Ohr gesagt, nämlich: Man darf die Haut des Bären nicht eher verkaufen, bevor man den Bären hat/ Und in das linke so Ohr hat er mir gesagt: ,Wer seinen Freund in der Not im Stiche läßt, der ist ein schlechter Kerl/" Curtman. 107 191. Kaiser Rudolf als kluger Richter. Rudolf sah es gern, wenn jedermann bei ihm Zutritt suchte und ihm mitteilte, was er aus dem Herzen hatte. Einst brachte ihm ein Kaufmann folgende Klage vor: Er war bei einem Gastwirt eingekehrt und hatte diesem einen ledernen Geld¬ beutel mit einer bedeutenden Summe zur Aufbewahrung übergeben. 5 Als der Kaufmann bei seiner Abreise das Geld zurückhaben wollte, leugnete der betrügerische Wirt den Empfang desselben. Und nun bat der Kaufmann, der Kaiser möge ihm zu seinem Eigentume wieder verhelfen. Rudolf erfuhr, daß unter den Personen, die an demselben Tage bei ihm ihre Aufwartung machen wollten, auch der Wirt sich io befinde; darauf baute er seinen klugen Plan. Er ließ den Kaufmann einstweilen abtreten und sich bereit halten, wenn er gerufen würde. Als der Wirt erschien, erkundigte sich Rudolf mit großer Freundlichkeit nach dessen Familie und Gewerbe und sprach dabei scheinbar ganz ohne Absicht: „Ihr habt einen schönen Hut! Wollt >5 Ihr nicht mit dem meinigen tauschen?" Der Wirt war stolz darauf, des Kaisers Hut zu tragen, und willigte sogleich ein. Rudolf setzte den neuen Hut mit Wohlgefallen aus und trat einen Augenblick aus dem Zimmer. Draußen rief er einen Bürger herbei und übergab ihm den Hut, indem er sagte: „Geht schnell zur Frau des Wirtes und sagt, ihr 20 Mann verlange unverzüglich den ledernen Beutel samt dem Gelds des Kaufmannes und zum Wahrzeichen sende er ihr seinen Hut." Die Frau gab arglos das Geld her und der Bürger brachte es dem Kaiser, der es zu sich steckte und den Kaufmann herbeirief. Dieser trug seine Klage in Gegenwart des Wirtes nochmals vor, und als 25 jener hartnäckig leugnete, zog Rudolf den Beutel plötzlich aus der Tasche; der Wirt wurde seines Betruges überführt und zu einer bedeutenden Strafe verurteilt. Hauff. 192. Sprüche. 1. Fürchte Gott, tue recht, scheue niemand! 2. Ehrlich wahrt am längsten. 3. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. 4. Unrecht Gut gedeiht nicht. 8. Gut Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. 108 193. Die Sage vom Plattensee. Am Ufer des Plattensees lebte vor langer Zeit eine Bäuerin, die eine ausgezeichnet schöne Ziegenherde besaß; keine andere in der ganzen Umgebung trug so schöne Haare, keine gab so gute Milch wie diese. Das kam daher, daß sie eine Wiese am Ufer des Sees s besaß, auf der ein Kraut wuchs, das den Ziegen diese Schönheit verlieh. Die Bäuerin war aber auch stolz auf ihre Herde und behauptete stets, es gebe im ganzen Lande keine schönere als die ihrige. Um aber Gewißheit darüber zu erlangen, ging sie zu einer Hexe und befragte sie. Die Hexe antwortete, es gebe nur eine Herde, welche die iv ihrige au Schönheit übertreffe. „Diese Herde," sprach sie, „hat sogar goldene Klauen und gehört einem Mädchen, das mit ihr noch heute in diese Gegend kommen wird. Und zwar wird sie aus deiner Wiese am See ihre Herde weiden lassen." Darüber war die Bäuerin so ausgebracht, daß sie beschloß, 15 das Mädchen ums Leben zu bringen und sich der Herde zu bemächtigen. Am andern Morgen ging sie hinaus zu der Wiese auf die Landzunge, die tief in den See hineinragte; da sah sie die Herde mit den goldenen Klauen nahe am User weiden und das in Ziegen- 2« selle gekleidete Mädchen auf der äußersten Spitze der Landzunge stehen. Von Habgier und Eifersucht getrieben, holte sie jetzt schnell ihren Pflug, bespannte ihn mit vier Ochsen und begann, zwischen dem Mädchen und der Herde eine tiefe Furche zu pflügen. Als sich darauf ein Sturm erhob, wollte das Mädchen zurückeileu, aber das eindringende 25 Wasser versperrte ihm den Weg und überflutete die Wiese, so daß es in deu Wellen umkam. Nun wollte die böse Bäuerin die Herde wegtreiben, aber die Ziegen liefen, wie sie den Tod ihrer Herrin sahen, unaufhaltsam in den See ihr nach, so daß alle ertranken. 3« Alsobald versank auch die ganze Wiese und das Wasser schlug über der Bäuerin zusammen. Noch heutzutage findet man an den Ufern des Sees viele kleine Muscheln, welche die Form von Ziegenklauen haben; das sind die versteinerten Hufe der Herde. 109 In stürmischen finstern Nächten sieht mau die böse Bäuerin 35 hinter einem glühenden Pfluge, vor dem vier Ochsen mit feurigen Augen gespannt sind, die Wellen des Sees pflügen. Und das muß sie bis zum jüngsten Tage tun, zur Strafe für ihre Missetat. Vernaleken. 194. Wälsel. 1. Von Perlen baut sich eine Brücke Hoch über einen grauen See; Sie baut sich auf im Augenblicke Und schwindelnd steigt sie in die Höh'. 2. Der höchsten Schiffe höchste Masten Ziehn unter ihrem Bogen hin; Sie selber trug noch keine Lasten Und scheint, wie du ihr nahst, zu fliehn. 3. Sie wird erst mit dem Strom und schwindet. Sowie des Wassers Flut versiegt. So sprich, wo sich die Brücke findet Und wer sie künstlich hat gefügt? Schiller. 196. Wie Till Eulenspiegel denen zu Magdeburg riue feine Lektion gab. Till Eulen spiegel kam einst nach Magdeburg und trieb daselbst viel Gaukeleien, wovon sein Name zuerst bekannt wurde, daß man von ihm zu sagen wußte. Da ward er von den vornehmsten Bürgern aufgefordert, er solle ihnen ein recht abenteuerliches Stück zeigen. Eulenspiegel war dazu bereit und erklärte, er wolle aus dem s Rathause von der Dachlaube herabfliegen, und machte ein Geschrei in der Stadt, daß sich jung und alt auf dem Markte versammelten, um solches zu sehen. Da stand Eulenspiegel auf dem Rathaus und bewegte die Arme, als ob er fliegen wollte. Die Leute sperrten Augen und Mäuler auf 10 und meinten, er werde herabfliegen. Eulenspiegel lachte und sprach: „Ich meinte, es wäre kein Narr mehr in der Welt als ich; nun sehe 110 ich aber wohl, daß hier schier die ganze Stadt voll Narren ist. Und wenn ihr mir alle sagtet, daß ihr fliegen könntet, ich glaubte es nicht. w Ich bin doch weder eine Gans noch sonst ein Vogel; so hab' ich keine Flügel und ohne Federn kann niemand fliegen. Darum seht ihr wohl offenbar, daß es erlogen ist." Hiemit lief er von der Laube und ließ das Volk stehen, das teils fluchte, teils lachte. „Das ist ein Schalksnarr," sprachen sie; „dennoch hat er wahr gesagt." Baßler. 196. änölas. ^18 änäus nooll oin Xnullo wuv, 8vllonllk6 86111 Vukov illw nnä soinsv doZollwiskorn soäow oin Lünwollon, äow oinon oin IkoiKonllünwollon, äow uiiäorn oin Nunäolllünwollon, äow ävikkon oin Olllünwollon, null owpkulll äon Xinäorn, 816 voollk 211 plloZon. 5 I>U8 kukon 816 äonn unoll: 816 lluollkon äon Iloäon unk, sükokon äu8 Ilnllrunk UN8, 1u86N äio Uunpon ab nnä l)6ZO886I1 äio Lünwolltzn wüllvonä 6.6V Onrro wik Vu886r. Ilnä 80 lliuAON äunn äio Uünwollon iw H6vll8ko voll äor 8ollöii8kon lkrnollko nnä clio Xinäor kronkon 8iolc unk äon 1uZ, wo äio86 roik soin wnräon. 10 „Unn,^ kruZko äor Vukov, „wu8 wollk illr äonn wik onvow Ob8ks wuollon?^ Du unkworkoko clio 8unkko Hunnu: „Vukov, ioli 8Uwwlo woino Voi^on in oin Xörllollon nnä soäon Norton, wenn wir krnll8knollon, llrin§6 iolc wein Xörllollon unk äon ällsoll. I)unn niww8k cln oino, clio Nnkkor oino, soäor von woinon 15 Urnäovn oino null ioll oino. Ioli llullo un8A6v6ollnok, äuk woino VoiZon unk äi68S ^rk uolik lu^o lunZ unbroiollon." Ou8 Zotlol Ü6W Vukov wollt; nncl 6V kruZko Hukllun NW 86N16 Nunäoln. „Dino Uunävoll will iolc wir rmrnollllollulkon," 8UZko clio8or, „nncl 68 äuwik wuollon wio Hunnu, <1is nllviAvn 20 ullor will wir Lrnclor llnclu8 ullllunkon. llr 8UAk, clu8 6ol«l 86i ll688or ul8 äio Nunäoln." „UllllunkonkruAko clor Vukor orZkunnk, „wollor niwnwk lln äu8 6lolä clurin, llnäu8?« unkworkoke cli686v, „ioll vorllunks woino Olivon an clon Xunkwunn, Hebel. 201. Kaiser Josef als Arzt. Kaiser Josef war ein weiser und wohltätiger Monarch, wie jedermann weiß; aber nicht alle Leute wissen, daß er einmal der Doktor gewesen ist und eine arme Frau kuriert hat. Eine arme kranke Frau sagte zu ihrem Büblein: „Kind, hol nnr einen Doktor, sonst kann ich's nimmer aushalten vor Schmerzen." 5 Das Büblein lief zuni ersten Doktor und zum zweiten; aber keiner wollte kommen, denn in Wien kostet ein Gang zu einem Patienten einen Gulden und der arme Knabe hatte nichts als Tränen, die wohl im Himmel für gute Münze gelten, aber nicht bei allen Leuten auf der Erde. Als er aber zum dritten Doktor auf dem Wege war, u> fuhr langsam der Kaiser in einer offenen Kutsche an ihm vorbei. Der Knabe hielt ihn wohl für einen reichen Herrn, aber er wußte nicht, daß es der Kaiser war, und dachte: Ich will's versuchen. „Gnädiger Herr," sagte er, „wolltet Ihr mir nicht einen Gulden schenken? Seid so barmherzig!" Der Kaiser dachte: Der macht's kurz und denkt, u> wenn ich den Gulden auf einmal bekomme, so brauch' ich nicht sechzigmal um den Kreuzer zu betteln. „Tut's denn ein Zwanziger nicht auch?" fragte der Kaiser. Das Büblein sagte: „Nein" und erzählte ihm, wozu er das Geld nötig habe. Also gab ihm der Kaiser den Gulden und ließ sich genau sagen, wie seine Mutter heiße und 2« wo sie wohne. Während das Büblein zum dritten Doktor sprang und die kranke Frau daheim betete, der liebe Gott wolle sie doch nicht verlassen, fuhr der Kaiser zu ihrer Wohnung und verhüllte sich ein wenig in seinen Mantel, daß man ihn nicht leicht erkennen konnte. Als er 25 aber zu der kranken Frau in ihr Stüblein kam, worin es recht leer und betrübt aussah, meinte sie, es sei der Doktor, und erzählte ihm ihren Umstand und wie sie noch so arm dabei sei und sich nicht pflegen könne. Der Kaiser sagte: „Ich will Euch denn jetzt ein Rezept 8* — 117 - ertönte es bald allerorten nnd in allen Gassen sah man gleich darauf die ängstlichen Dorfbewohner rennen. Ach, dasselbe Haus, um dessen Giebel schon so mancher Sturm getobt hatte, das man im frommen Aberglauben für bewahrt und beglückt hielt wegen der darauf i5 nistenden Störche, nm dessen Giebel wirbelt jetzt eine rote Flammen¬ säule! Schon stürzen die Balken ein nnd kaum rettet man das Eigen¬ tum der schwer getroffenen Bewohner. Auf einmal sieht man eine Störchin von der Wiese herüber¬ fliegen. Es ist die Mutter der Kleinen, die auch schon in ihrem Neste 20 von Feuersglnt und Rauchwolken umgeben sind. Mehrere Male kreiset sie ängstlich um die Qualm- und Glntmassen. Endlich durchdringt sie dieselben und bald darauf erscheint sie, ein Junges im Schnabel, und legt dieses am Fuße eines Baumes unweit der rettenden Bauern nieder. Dann erhebt sie sich wieder, dringt von neuem in die immer 25 stärker werdende Glut und kommt abermals, ihr zweites Kindlein im Schnabel, mit versengtem Gefieder zurück. Rasch legt sie es zu dem zuerst Geretteten und unaufhaltsam bahnt sie sich znm dritten Male den Weg durch Rauch und Feuer, nm auch die übrige Brut zu retten.-Vergebens erwartet man sie zurück: sie hatte neben :;o den beiden letzten ihrer Jungen den Tod in den Flammen gefunden. Ein mitleidiger Bauer nahm sich der beiden geretteten Störchlein an, fütterte sie auf und noch lange nachher sah man die beiden gezähmten Sumpfvögel auf dem Hofe des Landmannes zwischen dem Federvieh klappernd einherschreiten. 35 Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz. 203. Das Wasserhuhn. Eine Taube hatte ihr Nest auf einem hohen Baume gebaut und brütete daselbst ihre Eier aus. Sobald aber die Jungen flügge waren, kam immer ein Fuchs und drohte ihr, er werde hinaufkommeu und sie mit de»l Jungen aufzehren, wenn sie ihm dieselben nicht gutwillig gebe. So brachte er sie immer dahin, daß sie ihre Jungen selbst - herabwarf, damit nur sie selbst sicher fein könnte. Einst saß sie auf ihrem Neste und brütete traurig auf ihren Eiern. Da kam ein Wasserhuhn, das im nahen Schilfe sein Nest hatte und sich von dem Samen der Wasserpflanzen und allerlei Gewürm 119 204. Das Niesenspielzrug. Im Elsaß auf der Burg Niedeck, die an einem hohen Berge bei einem Wasserfall liegt, waren die Ritter vorzeiten große Riesen. Einmal ging das Riesenfräulein hinab ins Tal, wollte sehen, wie es da unten wäre, und kam fast bis nach Haslach auf ein vor dem Walde gelegenes Ackerfeld, das gerade von den Bauern bestellt ward. 5 Es blieb vor Verwunderung stehen und schaute den Pflug, die Pferde und die Leute an, das ihr alles etwas Neues war. „Ei," sprach sie und ging herzu, „das nehm' ich mir mit." Da kniete sie zur Erde nieder, spreitete ihre Schürze aus, strich mit der Hand über das Feld, fing alles zusammen und tat's hinein. Nun lief sie ganz vergnügt nach Haus, w den Felsen hinaufspringend; wo der Berg so jäh ist, daß ein Mensch mühsam klettern muß, da tat sie einen Schritt und war droben. Der Ritter saß gerad am Tisch, als sie eintrat. „Ei, mein Kind," sprach er, „was bringst du da? Die Freude schaut dir ja aus den Augen heraus." Sie machte geschwind ihre Schürze auf und i-> ließ ihn hineinblickeu. „Was hast du so Zappeliges darin?" — „Ei, Vater, gar zu artiges Spielding! So was Schönes hab' ich mein Lebtag noch nicht gehabt." Darauf nahm sie eines nach dem andern heraus und stellte es aus den Tisch: den Pflug und die Bauern mit ihren Pserden, lief herum, schaute es an, lachte und schlug vor Freude in 2» die Hände, wie sich das kleine Wesen daraus hin- und herbewegte. Der Vater aber sprach: „Kind, das ist kein Spielzeug, da hast du was Schönes angestiftet! Geh nur gleich und trag's wieder hinab ins Tal!" Das Fräulein weinte, es half aber nichts. „Mir ist der Bauer kein Spielzeug," sagte der Ritter ernsthaftig, „ich leid's nicht, 25 daß du mir murrst; kram' alles sachte wieder ein und trag's an den nämlichen Platz, wo du's genommen hast. Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so haben wir Riesen auf unserni Felsennest nichts zu leben. Brüder Grimm. 20Z. Das Wiesenspielzrug. 1. Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekaunt. Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand; Sie selbst ist uun verfallen, die Stätte wüst und leer; Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr. 120 2. Emst kam das Riesenfräulein ans jener Burg hervor, Erging sich sonder Wartung nnd spielend vor dem Tor Und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein, Neugierig zu erkunden, wie's unten möchte sein. 3. Mit wen'gen raschen Schritten durchkreuzte sie deu Wald, Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt. 4. Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschant. Bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut; Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar, Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar. 8. „Ei, artig Spielding!" ruft sie, „das nehm' ich mit nach Haus." Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus Und feget mit den Händen, was da sich alles regt. Zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammenschlägt, 6. Und eilt mit freud'gen Sprüngen — man weiß, wie Kinder sind — Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind: „Ei, Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön! So Allerliebstes sah ich noch nie ans nnsern Höhn." 7. Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein, Er schaut sie au behaglich, er fragt das Töchterlein: „Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei? Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei!" 8. Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an. Den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann; Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut. So klatscht sie in die Hände und springt nnd jubelt lant. 9. Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht: „Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht! Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin! Der Bauer ist kein Spielzeug; was kommt dir in den Sinn? 122 25 Aöstsllt linden! Odno -IN 2ÖA6rn, eilte er mit dis8kr dÜZtern ^.diiun§ tort, kund die 8te1le, ivo er den Hund ni6d6rK68edo886n datte, 8ud aber 86111611 ^.poll Iiielit insdr, Zviidsrii dlok 6111611 §roken Lluttleod und 61116 dliiti§6 8xur den ^6§ -mrüod. lür tollte feuer 8pur und kund bald den NunkslZuolr lind neben iliin 3» — d6ii Zkorbonden kupoli. Og,8 nnAdüelrliobo lior erdunnks 86in6n Herrn, lrroed idin enk^eAen und 8turd. 8etiLl2S-8ksinivnnn-ItisI, Linäsrsvk-UL. 207. Die Ameisen. Die Ameisen sind ein gar sinniges Tiervölklein. Ein berühmter Mann, namens Franklin, erzählt nns folgende wahre Tatsache, die er selbst beobachtet und ausgeschrieben hat. Er hatte von ungefähr ein irdenes Gefäß mit Sirup in einem 5 Schranke stehen. Eine Menge Ameisen waren hineingeschlichen und verzehrten diesen Sirup; denn sie lieben besonders Süßigkeiten. Sobald er dies wahrgenommen, schüttelte er sie heraus und band den Topf mit einem dicken Faden an einen Nagel, den er mitten in die Decke des Zimmers schlug, so daß das Gefäß an der Schnur herunterhing, w Zufällig war eine einzige Ameise darin zurückgeblieben. Diese fraß sich satt. Da sie aber weg wollte, befand sie sich in einer nicht geringen Verlegenheit. Sie lief lange unten am Boden des Gefäßes und fast überall herum, allein vergebens. Endlich fand sie doch nach vielen Versuchen den rechten Weg an dem Stricke hinauf bis an die Decke. 15 Nachdem sie diese erreicht hatte, lief sie längs derselben hin und so weiter die Wand hinunter bis auf den Boden. Kaum war eine halbe Stunde verflossen, so zog ein ganzer Schwarm Ameisen die Decke hinauf und gerade auf die Schnur zu. An dieser krochen sie weiter in das Geschirr und fingen wieder an zu fressen. ro Dies setzten sie so lange fort, als noch etwas vom Sirup da war. Indes lief der eine Haufen am Stricke hinauf und der andere herunter und dies währte den ganzen Tag. Wunderbar allerdings und doch wahr! Oken. 123 208. Ein abscheulicher Mensch unter ehrlichen Leuten. Em gewisser Prinz ging einmal auf eine Galeere, um die Elenden zu sehen, die daselbst wegen ihrer bösen Taten an Ketten gelegt waren. Es jammerte ihn, daß er so viele Menschen erblickte, die nur halb mit elenden Lumpen bekleidet waren und Tag nud Nacht schwere Ruder führen mußten. Er nahm sich also vor, wenigstens 5 einem davon die Freiheit zu schenken. Damit er aber doch auch erführe, wer unter diesen vielen Schurken noch der ehrlichste sei und die Freiheit am ersten verdiene, so fragte er einen nach dem andern, warum man ihn denn hieher gebracht hätte. io Da ging es an ein Lamentieren und Wehklagen. Jeder sagte, er sei ein ehrlicher, unschuldiger Mensch, sei aber durch böse Leute bei der Obrigkeit verleumdet worden, die ihn auf eine höchst ungerechte Art hieher hätte bringen lassen. Und jeder bat, der Prinz möchte sich doch seiner erbarmen und ihm die Freiheit schenken. m Endlich kam der Prinz auch zu einem jungen, zerlumpten Menschen nnd fragte ihn: „Was hast du denn getan, daß man dich hieher gebracht hat?" „Gnädiger Herr!" antwortete er, „ich bin ein abscheulich gott¬ loser Mensch. Ich habe meinem Vater nicht gehorchen wollen, bin 20 ihm davongelaufen, habe ein schlechtes Leben geführt, habe gestohlen und die Leute betrogen; ich müßte ein paar Stunden haben, wenn ich alle bösen Streiche erzählen wollte, die ich mein Leben lang begangen habe. Gern will ich meine Strafe leiden, denn ich weiß, daß ich sie verdient habe." 25 Da lächelte der Prinz und sagte: „Wie kommt denn so ein abscheulicher Mensch unter diese ehrlichen Leute? Geschwind, macht ihm die Ketten los und jagt ihn fort, daß er nicht etwa diese ehrlichen Leute auch austecke!" Sogleich wurde ihm die Kette abgenommen und er in Freiheit .20 gesetzt. Vermutlich wird er sich von dieser Zeit an gebessert haben. Denn auch bei einem Bösewicht ist noch Hoffnung auf Besserung da, wenn er seine Vergehungen bereut und nicht leugnet. Salzmann. — 124 — 209. Die Äxte. Ein armer Holzhauer sollte Weiden fällen, die dicht am Rande eines tiefen Flusses standen. Gleich beim ersten Baume tat er eineu Fehlhieb, die Axt glitt vom Stiele und fiel ins Wasser. „Ich unglück¬ licher Mann," rief er aus, „womit soll ich nun sür meine hungrigen 5 Kinder Brot verdienen!" nnd weinte bitterlich; denn wiedersnchen konnte er sie nicht, so tief und reißend war der Strom. Als er noch so stand und mit Tränen in den Augen auf die Stelle sah, wo seine Axt untergegangen war: da rauschte plötzlich das Wasser, ein Greis mit langem, weißem Barte nnd himmelblauen Augen kam bis an die io Brust empor und fragte mitleidig: „Was weinst du? Ich habe deinen Jammer gehört, rede!" „Meine Axt," stammelte der Holzhauer, „meine Axt! meine armen Kinder! womit soll ich nun Brot schassen!" und wies aufs Wasser und war sehr erschrocken. „Hier nuten?" fragte der Wassermann, „sei ruhig, die wird sich finden." Er tauchte is unter und hob eine glänzende silberne Axt aus dem Wasser empor. „Ist das deine?" fragte er. „Ach nein!" jammerte der Holzhauer, „das ist nicht die rechte." Da tauchte schnell der Greis zum zweiten Male unter und langsam schob er eine goldene Axt aus dem Wasser, die blitzte im Sonnenschein wie ein Spiegel. „Das ist wohl die so rechte?" „Nein, ach nein!" schluchzte der Holzhauer. Da tauchte der Greis zum dritten Male unter und hob die eiserne Axt empor. Als die der arme Mann sah, rief er voll Freude: „Das ist meine, das ist die rechte!" Da sprach der Greis: „Weil du so ehrlich bist trotz deiner Armut, so sollst du alle drei haben," und warf ihm die 25 eiserne samt der silbernen und goldenen ans Ufer und verschwand. Hoch erfreut rannte der Holzhauer nach Haus und erzählte, wie es ihm ergangen sei; von seiner Ehrlichkeit aber sagte er kein Wort. Da lief in aller Eile ein anderer Holzhauer an den Fluß, warf mit Willeu seine Axt hinein nnd jammerte und wehklagte laut 30 um dieselbe. Der Greis brachte sogleich eine goldene hervor und fragte: „Ist das deine?" „Ach ja!" rief er vergnügt und wollte schon danach greifen, als Axt und Wassermann im Nu verschwand. Er weinte nun alles Ernstes nnd wäre gern zufrieden gewesen, wenn ihm der Greis nur die rechte wieder gebracht hätte; aber es war zu ss spät. Das hatte er von seiner Unredlichkeit. S chul z e - S t e i n m a » n - K iel, Kiiü erschatz. 125 210. Strohhalm, Kohle und Bohne. In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau; die hatte ein Gericht Bohnen zusammengebracht und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herde ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zündete sie es mit einer Handvoll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schüttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf s dem Boden neben einen Strohhalm zu liegen kam; bald darnach sprang auch eiue glühende Kohle vom Herde zu den beiden herab. Da fing der Strohhalm an und sprach: „Liebe Freunde, von wannen kommt ihr her?" Die Kohle antwortete: „Ich bin zu gutem Glück dem Feuer entsprungen; und hätte ich das nicht niit Gewalt 10 durchgesetzt, so war mir der Tod gewiß, ich wäre zur Asche verbrannt." Die Bohne sagte: „Ich bin auch noch mit heiler Haut davongekommen; aber hätte mich die Alte in den Topf gebracht, ich wäre ohne Barm¬ herzigkeit zu Brei gekocht worden wie meine Kameraden." „Wäre mir denn ein besseres Schicksal zu teil geworden?" sprach das Stroh, >5 „alle meine Brüder hat die Alte in Feuer und Ranch aufgehen lassen; sechzig hat sie ans einmal gepackt und ums Leben gebracht. Glücklicher¬ weise bin ich ihr zwischen den Fingern durchgeschlüpst." „Was sollen wir aber nun anfangen?" sprach die Kohle. „Ich meine," antwortete die Bohne, „weil wir so glücklich dem Tode entronnen sind, so wollen 2» wir als gute Gesellen zusammenhalten, und damit uns hier nicht wieder ein neues Unglück ereilt, gemeinschaftlich answandern und in ein fremdes Land ziehen." Der Vorschlag gefiel den beiden andern und sie machten sich miteinander aus den Weg. Bald aber kamen sie an einen kleinen 25 Bach, und da keine Brücke oder Steg da war, so wußten sie nicht, wie sie hinüber kommen sollten. Der Strohhalm fand guten Rat und sprach: „Ich will mich querüber legen, so könnt ihr auf mir wie auf einer Brücke hinübergehen." Der Strohhalm streckte sich also von einem Ufer zum andern und die Kohle, die von hitziger Natur 30 war, trippelte auch ganz keck aus die neugebaute Brücke. Als sie aber in die Mitte gekommen war und unter sich das Wasser rauschen hörte, war ihr doch angst; sie blieb stehen und getraute sich nicht weiter. Der Strohhalm aber sing an zu brennen, zerbrach in zwei Stücke und fiel in den Bach; die Kohle rutschte nach, zischte, wie sie ss 126 ms Wasser kam, und gab den Geist aus. Die Bohne, die vorsichtiger¬ weise noch auf dem Ufer zurückgeblieben war, mußte über die Geschichte lachen, konnte nicht aufhören und lachte so gewaltig, daß sie zerplatzte. Nun war es ebenfalls um sie geschehen, wenn nicht zu gutem Glück 4« ein Schneider, der auf der Wanderschaft war, sich an dem Bache ausgeruht hätte. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so holte er Nadel und Zwirn heraus und nähte sie zusammen. Die Bohne bedankte sich bei ihm auss schönste; aber da er schwarzen Zwirn gebraucht hatte, so haben seit der Zeit alle Bohnen eine schwarze Naht. Brüder Grimm. 211. Das arme Vöglein. 1. Ein Vogel ruft im Walde, Ich weiß es wohl, wonach: Er will ein Häuschen haben. Ein grünes, laubig Dach. 2. Er rufet alle Tage Und flattert hin und her Und in dem ganzen Walde Hört keiner sein Begehr. 3. Und endlich hört's der Frühling, Der Freund der ganzen Welt, Der gibt dem armen Vöglein Ein schattig Laubgezelt. 4. Wer singt im hohen Baume So froh vom grüneu Ast? Das tut das arme Vöglein Aus seinem Laubpalast. 5. Es singet Dank dem Frühling Für das, was er beschied. Und singt, solang es weilet. Ihm jeden Tag ein Lied. Hossmann von Fallersleben. 127 S/L. Ikrtetot/ vorr rr-ret et«7> D/te^tM'. Den st 7-itt Dr'«/" Dnetot/ von ÄaösönvA, nae^mats etentse^e/' DonrA, mit seinen Dienern are/ ctis ./«Aet. --Its e?" M eine ^1n t^aen, a/tein mit seinem //"svet, te o/'te 67' ein Dtoetctein ^tinASN. M' 7'itt eteM Done naetr, AM LA en/ateven, A,-a.s etas wäve. 7)a /"anet e/' einen Dr'iesteT' mit eten ^eitiAsn H^ee/Le^vneeA nnet einern 5 L/esnev, eter' Mit etenr Dtöe^tein tantete. -a/ Dnctot/ stieA von seinem Dienet, tcniete nieeten nnct beseiAte (tem treitiAen Ka^namente seine Der-e^ANA. /Vnn MM' 68 «A eineM IPAsser'tsin nnet eten Dniesten stettts etas De/a/? mit cteM elttenteeitiAsteer neben sieb, ^-?,A an, seins Kebnbe ansLULietren, nnct wottte ctnneb eten Daeb r« waten, cten sebe' anAesebrootten w«n nnet eten KteA /ontAenissen batts. Den Dna/" ^/naAte cten Dniesten, wosn en eties tne. Den Dniesten antwontete.' ,,/ete tna^e cten Deib ctes Dennn sn sinem Kieeben, eten in «e^wenen /L>an/e^er't /reat, nn^ cta re/« an <Äe8 117r88en ^vMMs, i8t <7en KteZ- Lsn8tönt. ^1^8» mn/? -'c/r /ttnc^nne^- 15 waten, c^aMrt c^en Anande Aetnö8tet wen<7e." Da ^r'e/§ t^na/ 7^ncio//' c7en D^'rssten m-rt <^6M ^oc^wÄ7'ctrA8ten Ka^'aMent ar«/ sern T^e/ct srtLen nnct sn ctern /<7'an/cen 7'er'ten, etamrt 67' nre/rt AST-sanMt wöT-cte. Dn «ett-st öestreA et as et e s Dten.67'8, cte,' öatct ^e7't»srA6^c>MMen WÜT', nnct nrtt cteM H^erctweT'^ nae^. 2l> ^7s nnn eten DntesteT- 'wr'ecteT' ticten e/et!omenen war-, bT'ae^te eT' sstbst eteM De'a/en Dnetot/ ctas T^tenet M7'N6^. Da spT'ae^ ctsT- D7"a/.' „Das wotte tnott MMT-ren, eta/ ^'e wrecteT" ctas //enct öesterAe, wete^es mernen Dennn nnct ä'e^öp/eT' Aet7"KAen ^at/ H^ottt tt/7' es nrotrt /nT" Dne^ öe^atten, so wr'ctMet es «nnr Dienste 25 Lottes,- ctenn rete te «t-e es et e m, A-6Aeöen, von etern tete /§eete nnct Derö nnet D^e nnct tan et es Dnstetse/eo/s von Main« nnet öe-'te/etete cttessM an et anetei'en DeT'T'en so a/t von cteT' DnAenct nnet Mann^a/trAtesit etes DT-a/en Dnetot/, et«/? ctessen TVame rm Aansen Dereks begannt nnct t-67'ri/eMt wKT-ct. DaT-nm wnnets 67" tee/'naete Lnne T^ünte/e e/ewä^tt //27'?/. Dnetot/s Koten, slt/7-ee/et, 67-tete/t ette östenT'etetetscteen Danets 35 128 «nc? ssML ^ae^^oM7ns>r vek/reuke-r non nun §o lsk /?«c/o// non ÄaösönnA a,ne/< von den Zöglingen er am besten zufrieden sei. „Eure Majestät," antwortete dieser, „ich kann über keinen Klage führen; jeder beträgt sich so, daß man gute Erwartungen haben kann. Doch sollte ich einen vorzugsweise nennen, so muß ich sagen, daß Vukasovic, der Sohn eines alten Offiziers aus iv Dalmatien, der bravste ist." Dieses bezeugten auch die anwesenden "Lehrer und der Fechtmeister erklärte noch besonders, daß dieser Kadett im Fechten seinen Mann suche. „Bravo, junger Dalmatiner!" rief die Monarchin; „aber ich möchte ihn fechten sehen; nehm' Er einmal das Rapier!" is So bescheiden und schüchtern der junge Vukasovic vorher vor der Monarchin gestanden war, so fenrig trat er mit dem Rapier hervor, als wenn ihn auf einmal ein kriegerischer Geist belebte. Er nahm eine feste Stellung, machte mit mehreren der Geübtesten einige Gänge und trug über alle den Sieg davon. Bescheiden trat er 20 wieder in seine Reihe zurück und fühlte sich glücklich, in Gegenwart der allgeliebten Monarchin eine Probe seiner Geschicklichkeit abgelegt nnd sich dadurch empfohlen zu haben. Die Kaiserin lächelte ihm Beifall zu und schenkte ihm zwölf Dukaten. Nach einigen Tagen kam die erhabene Frau wieder in das 25 Kadettenhaus und fragte gleich nach dem jungen Vukasovic. Dieser wurde gerufen; er erschien zitternd, mit zur Erde gesenkten! Blicke und sehr verlegen. Lächelnd fragte ihn die herzensgute Kaiserin: „Warum so bestürzt, wackerer Fechter? Befürchtet Er vielleicht, daß ich Rechnung so über die Dukaten fordere? Wie hat Er die Dukaten verwendet?" 130 214. Der Frühling. Der schöne Frühling ist wiedergekommen. Nun scheint die Helle Sonne wärmer und die Bäume des Waldes werden grün. Wohin ich blicke, sehe ich bunte Blumen. Die Vögel im Walde singen ihr munteres Lied und bauen künstliche Nester. Der Landmann besäet 5 wieder den Acker. In dieser schönsten Zeit des Jahres spielen wir Kinder gar gern draußen im Schatten der Bäume oder auf blumigen Wiesen. Wir brauchen dann nicht mehr Handschuhe vou Pelz, wie wir sie im Wiuter hatten; denn die liebe Sonne scheint warm genug. O, wie io schön ist der Frühling! Wir wollen unserm Vater im Himmel danken, der ihn zur Freude der Menschen geschaffen hat. Kellner. 218. Der Frühling. Es war Frühling geworden; die Sonne hatte den Schnee von den Bergen weggeschienen, die grünen Grasspitzen kamen aus deu welken Halmen hervor, die Knospen der Bäume brachen aus und ließen schon die jungen Blättchen durchscheinen; da wachte das s Bienchen aus seineni tiefen Schlafe auf, worin es den ganzen Winter gelegen hatte. Es rieb sich die Augen und weckte seine Kameraden und sie öffneten die Tür und fahen, ob das Eis und der Schnee und der Nordwind fortgegangen wären. Und siehe, es war überall Heller nnd warmer Sonnenschein. Da schlüpften sie heraus aus dem iv Bienenkorb, putzten ihre Flügel ab und probierten wieder zu fliegen. Sie kamen zum Apfelbaum und fragten: „Hast du nichts für die hungrigen Bienchen? Wir haben den ganzen Winter nichts gegessen." Der Apfelbaum sagte: „Nein, ihr kommt zn früh zu mir; meine Blüten stecken noch in der Knospe und sonst habe ich nichts. Geht is hin zur Kirsche!" Da flogen sie zn dem Kirschbanm und sagten: „Lieber Kirschbaum, hast du keine Blüten für uns hungrige Bienen?" Der Kirschbaum antwortete: „Kommt morgen wieder, heute sind meine Blüten noch alle geschlossen. Wenn sie offen sind, sollt ihr willkommen fein!" Da flogen sie zu der Tulpe, die hatte zwar eine große, farbige 2v Blume, aber es war weder Wohlgeruch noch Süßigkeit darin, die Bienchen konnten keinen Honig darin finden. Da wollten sie schon 132 Noch umstanden Tausende von Kindern und Erwachsenen die Hosburg, als plötzlich ein Hofwagen sichtbar wurde. Darin saß der glückliche Vater, Erzherzog Franz Karl. Er war in der Burg gewesen, 15 um seinem Vater, dem Kaiser Franz, persönlich von dem frohen Ereignisse Kunde zu geben. Kaum war der Wagen sichtbar, als die Wiener ihn umringten. Durch lauten Zuruf gaben sie ihre Freude zu erkennen, und nach allen Seiten sreundlich dankend, fuhr der Erzherzog durch die wogende Menschenmenge. Die Erwachsenen wichen ehrfurchts- 20 voll zurück; doch die Schuljugend lief rechts und links neben dem Wagen einher und mit hochgeschwnngeuen Mützen gab auch sie ihrer Freude Ausdruck. Dies rührte den Erzherzog aufs tiefste. In seiner gewohnten, gewinnenden Weise erwiderte er die Zurufe der Kinder. Da viele unter ihnen von ihrer Begleitung nicht abstanden, fürchtete 25 er, sie könnten an ihrer Gesundheit Schaden nehmen. Er rief daher dem Kutscher zu: „Fahr doch nicht so schnell, sonst laufen sich die armen Kinder noch die Lungensucht an den Hals!" So fuhr er eine weite Strecke langsamen Schrittes durch die Gassen, umgeben von einer Schar jubelnder Kinder. Es war ein 3« herzerhebender Anblick, der den beteiligten Kindern lebenslang im Gedächtnisse blieb. Auch die Erwachsenen, welche das seltene Schauspiel von ferne beobachtet hatten, waren voll des Lobes über die Milde und Menschenfreundlichkeit, die der Vater unseres geliebten Kaisers dadurch neuerdings bewiesen hatte. Kummer-Branky-Hofbauer, Lesebuch. 218. Der Nbend. Es wird Abend; die Sonne sinkt an den Rand des Himmels; die Wolken in ihrer Nähe färben sich rot. Die Hitze hat aufgehört, es weht ein kühles Lüftchen, über dem Wasser erhebt sich Nebel, das Gras wird von dem Tau befeuchtet. In der Luft spielen Mücken in 5 zahllosen Schwärmen, die Vögel in den Büschen singen ihr letztes Lied, die Bienen kehren zu ihren Stöcken zurück und alle schicken sich an zu schlafen. Desto munterer quaken die Frösche in den Pfützen, die Maikäfer schwirren, Fledermäuse flattern umher und Glühwürmchen leuchten in der Dämmerung. Die Arbeiter find vom Felde zurück- iv gekehrt und die Viehherden von der Weide. Alles ist müde und sehnt 133 sich nach Ruhe. Aber Menschen und Tiere sind auch hungrig und warten auf ihr Abendbrot. Die rauchenden Schornsteine und die heim¬ kehrenden Wagen mit Futter zeigen, daß dafür gesorgt wird. Bald werden alle satt sein und sich dem Schlafe überlassen. Curtman. 219.Freiherr vmr Münchhausen erzählt einige Abenteuer. I. Auf meiner Reise nach Rußland ritt ich einst im tiefen Winter, bis mich Nacht und Dunkelheit überfielen. Nirgends war ein Dorf zu hören noch zu sehen. Das ganze Land lag unter Schnee und ich wußte weder Weg noch Steg. Des Reitens müde, stieg ich endlich ab und band mein Pferd 5 an eine Art von spitzigem Baumstumpf, der über den Schnee hervor¬ ragte. Zur Sicherheit nahm ich meine Pistolen unter den Arm, legte mich nicht weit davon in den Schnee nieder und tat ein so gesundes Schläfchen, daß mir die Augen nicht eher wieder aufgingen, als bis es Heller, lichter Tag war. Wie groß war aber mein Erstaunen, als io ich fand, daß ich mitten in einem Dorfe auf einem Kirchhofe lag! Mein Pferd war anfänglich nirgends zu sehen; doch hörte ich's bald darauf irgendwo über mir wiehern. Als ich nun emporsah, so wurde ich gewahr, daß es an den Wetterhahn des Kirchturms gebunden war. Das Dorf war nämlich die Nacht über ganz zugeschneit gewesen; das is Wetter hatte sich auf einmal umgesetzt; ich war im Schlaf nach und nach, sowie der Schnee zusammengeschmolzen war, ganz sanft herab¬ gesunken; und was ich in der Dunkelheit für den Stumpf eines Bäumchens, der über den Schnee hervorragte, gehalten und daran mein Pferd gebunden hatte, das war das Kreuz oder der Wetterhahn 2g des Kirchturmes gewesen. Ohne mich nun lange zu bedenken, nahm ich eine von meinen Pistolen, schoß nach dem Halfter, kam glücklich auf diese Art wieder zu meinem Pferde und verfolgte meine Reise. II. Als ich Rußland wieder verließ, herrschte über ganz Europa ein außerordentlich strenger Winter. Ich reiste mit der Post. Als sich's nun fügte, daß wir an einen engen, hohlen Weg zwischen hohen 134 Dornhecken kamen, so erinnerte ich dell Postillon, mit seinem Horn 5 ein Zeichen zu geben, damit wir in diesem engen Passe nicht etwa gegen ein anderes, entgegenkommendes Fuhrwerk sestfahreu möchten. Er setzte an und blies aus Leibeskräften in das Horn; aber alle seine Bemühungen waren umsonst, nicht ein einziger Ton kam heraus, was uns ganz unerklärlich schien. Bald stieß zu unserm Unglück eine lv andere, uns entgegenkommende Kutsche auf uns, vor welcher nun schlechterdings nicht vorbeizukommen war. Da sprang ich aus meinem Wagen und spannte zuerst die Pferde aus. Hierauf nahm ich den Wagen sanit den vier Rädern und allen Packereien auf meine Schultern und sprang damit über Erdwand und Hecke, ungefähr neun is Fuß hoch, auf das Feld hinüber. In Rücksicht auf die Schwere der Kutsche war dies eben keine Kleinigkeit. Durch einen andern Rück¬ sprung gelangte ich, nachdem die fremde Kutsche vorüber war, wieder in den Weg. Darauf eilte ich zurück zu unseren Pferden, nahm unter jeden Arm eins und holte sie auf die vorige Art, nämlich durch einen so zweimaligen Sprung hinüber und herüber, gleichfalls herbei, ließ wieder anspannen und gelangte glücklich zur Herberge. — Nun hört, ihr Herren, was geschah! Auf einmal gings: Tereng! tereng! teng! teng! Wir machten große Augen und fanden nun auf einmal die Ursache, warum der Postillon sein Horn nicht hatte blasen können. 25 Die Töne waren in dem Horn festgefroren und kamen nun, sowie sie nach und nach auftauten, hell und klar zu nicht geringer Ehre des Fuhrmanns heraus; denn die ehrliche Haut unterhielt uns nnn eine ziemliche Zeit lang mit den herrlichsten Melodien, ohne den Mund au das Horn zu bringen. Mit dem Abendliede: „Nun ruhen alle »o Wälder" endigte dieser Tanspaß. III. Ein andersmal stieß mir in einem ansehnlichen Walde von Rußland ein wunderschöner schwarzer Fuchs auf. Es wäre jammer¬ schade gewesen, seinen kostbaren Pelz mit einem Kugel- oder Schrot- schusse zu durchlöchern. Herr Reineke stand dicht bei einem Baume. 5 Augenblicklich zog ich meine Kugel aus dem Lause, lud dafür einen tüchtigen Brettnagel in mein Gewehr, feuerte und traf so künstlich, daß ich seinen Schwanz fest an den Baum nagelte. Nun ging ich ruhig zu ihm, nahm mein Weidmesser, gab ihm einen Kreuzschnitt 135 übers Gesicht, griff nach einer Peitsche und karbatschte ihn so artig aus seinem schönen Pelze heraus, daß es eine wahre Lust und ein w rechtes Wunder zu sehen war. IV. So leicht und fertig ich im Springen war, so war es auch mein Pferd. Weder Gräben noch Zäune hielten mich jemals ab, überall den geradesten Weg zu reiten. Einst setzte ich darauf hinter einem Hasen her, der querfeldein über die Heerstraße lief. Eine Kutsche mit zwei schönen Damen fuhr diesen Weg gerade zwischen mir und dem 5 Hasen vorbei. Mein Gaul setzte so schnell und ohne Anstoß mitten durch die offenen Fenster der Kutsche hindurch, daß ich kaum Zeit hatte, meinen Hut abzuziehen und die Damen wegen dieser Freiheit untertänigst um Verzeihung zu bitten. V. Wir belagerten, ich weiß nicht mehr welche Stadt, und dem Feldmarschall war ganz erstaunlich viel an genauer Kundschaft gelegen, wie die Sachen in der Festung stünden. Es schien äußerst schwer, ja fast unmöglich, durch alle Vorposten, Wachen und Festungswerke hineinzugelangen; auch war eben kein tüchtiges Subjekt vorhanden, 5 wodurch man so etwas hätte glücklich ausrichten können. Vor Mut und Diensteifer fast ein wenig allzu rasch, stellte ich mich neben eine der größten Kanonen, die soeben nach der Festung abgefeuert ward, sprang im Hui auf die Kugel in der Absicht, mich in die Festung hineintragen zu lassen. Als ich aber Halbwegs durch die Luft io geritten war, stiegen mir allerlei nicht unerhebliche Bedenklichkeiten zu Kopfe. „Hm!" dachte ich, „hinein kommst du nun wohl, allein wie hernach wieder heraus? Und wie kann's dir in der Festung ergehen? Man wird dich sogleich als Spion erkennen und an den nächsten Galgen hängen." is Nach diesen und ähnlichen Betrachtungen entschloß ich mich kurz, nahm die glückliche Gelegenheit wahr, als eine Kanonenkugel aus der Festung einige Schritte weit von mir vorüber nach unserm Lager flog, sprang von der meinigen auf diese hinüber und kam, zwar unverrichteter Sache, jedoch wohlbehalten bei den lieben Unserigen 20 wieder an. Nach Bürger. 136 220. Der kluge Kichter. Em reicher Mann im Morgenlande hatte eine beträchtliche Geldsumme, welche in ein Tuch eingenäht war, aus Unvorsichtigkeit verloren. Er machte seinen Verlust bekannt und bot, wie man zu tun pflegt, dem ehrlichen Finder eine Belohnung, und zwar von s hundert Gulden an. Da kam bald ein guter und ehrlicher Mann dahergegangen. „Dein Geld habe ich gefunden. Dies wird's wohl sein. Also nimm dein Eigentum zurück!" So sprach er mit dem heitern Blick eines ehrlichen Mannes und eines guten Gewissens und das war schön. Der andere machte auch ein fröhliches Gesicht, aber iv nur weil er sein verlorenes Geld wieder hatte. Denn wie es um seine Ehrlichkeit aussah, das wird sich bald zeigen. Er zählte das Geld und dachte unterdessen geschwind nach, wie er den treuen Finder um die versprochene Belohnung bringen könnte. „Guter Freund," sprach er hierauf, „es waren eigentlich achthundert Gulden in dem is Tuch eingenäht, ich finde aber nur noch siebenhundert Gulden. Ihr werdet also wohl eine Naht aufgetrennt und Eure hundert Gulden Belohnung schon herausgenommen haben. Da habt Ihr wohl daran getan. Ich danke Euch." Das war nicht schön. Aber wir sind auch noch nicht zu Ende. Ehrlich währt am längsten und Unrecht schlägt so seinen eigenen Herrn. Der ehrliche Finder, dem es weniger um die hundert Gnlden als nm seine unbescholtene Rechtschaffenheit zu tun war, versicherte, daß er das Päcklein so gefunden habe, wie er es bringe, und es so bringe, wie er es gefunden habe. Am Ende kamen sie vor den 25 Richter. Beide bestanden auch hier noch auf ihrer Behauptung: der eine, daß achthundert Gulden seien emgenäht gewesen, der andere, daß er von dem Gefundenen nichts genommen und das Päcklein nicht versehrt habe. Da war guter Rat teuer. Aber der kluge Richter, der die so Ehrlichkeit des einen und die schlechte Gesinnung des andern im voraus zu kennen schien, griff die Sache so an: er ließ sich von beiden über das, was sie aussagten, eine feste und feierliche Versicherung geben und tat hierauf folgenden Ausspruch: „Demnach, wenn der eine von euch achthundert Gulden verloren, der andere aber nur ein 35 Päcklein mit siebenhundert Gulden gefunden hat, so kann auch das 137 Geld des letztem nicht das nämliche sein, worauf der erstere ein Recht hat. Du, ehrlicher Freund, nimmst also das Geld, welches du gefunden hast, wieder zurück und behältst es in guter Verwahrung, bis der kommt, welcher nur siebenhundert Gulden verloren hat. Und dir da weiß ich keinen Rat, als du geduldest dich, bis derjenige sich meldet, 40 der deine achthundert Gulden findet." So sprach der Richter und dabei blieb es. Hebel. 221. Die drei Brüder. Es war ein Mann, der hatte drei Söhne und weiter nichts im Vermögen als das Haus, worin er wohnte. Nun hätte jeder der Söhne gern nach dem Tode des Vaters das Haus gehabt; dem Vater war aber einer so lieb wie der andere. Da wußte er gar nicht, wie er's anfangen sollte, daß er keinem zu nahe trete. Verkaufen wollte 5 er das Haus auch nicht, weil's von seinen Voreltern war, sonst hätte er das Geld unter sie geteilt. Da fiel ihm endlich ein Rat ein und er sprach zu seinen Söhnen: „Geht in die Welt und versucht euch und jeder lerne ein Handwerk! Wenn ihr dann wiederkommt, soll derjenige das Haus haben, der das beste Meisterstück macht." 10 Die Söhne waren damit zufrieden und der älteste wollte ein Hufschmied, der zweite ein Barbier, der dritte aber ein Fechtmeister werden. Hierauf bestimmten sie eine Zeit, wann sie wieder daheim zusammenkommen wollten, und zogen fort. Es traf sich auch, daß jeder einen tüchtigen Meister fand, wo is er was Rechtschaffenes lernte. Der Schmied mußte des Königs Pferde beschlagen und dachte: „Nun kann dir's nicht fehlen, du bekommst das Haus." Der Barbier rasierte lauter vornehme Herren und meinte auch, das Haus wäre schon sein. Der Fechtmeister bekam manchen Hieb, biß aber die Zähne zusammen und ließ sich's nicht verdrießen, denn 20 er dachte bei sich: „Fürchtest du dich vor einem Hiebe, so kriegst du das Haus nimmermehr." Als nun die gesetzte Zeit um war, kamen sie bei ihrem Vater wieder zusammen; sie wußten aber nicht, wie sie die beste Gelegen¬ heit finden sollten, ihre Kunst zu zeigen, saßen beisammen und rat- 25 schlagten. Wie sie so saßen, kam auf einmal ein Hase übers Feld dahergelaufen. „Ei," sagte der Barbier, „der kommt wie gerufen," 30 35 40 45 50 138 nahm Becken und Seife, schäumte, bis der Hase in die Nähe kam, dann seifte er ihn im vollen Laufe ein und rasierte ihm auch im vollen Laufe sein Stutzbärtchen und dabei schnitt er ihn nicht und tat ihm an keinem Haare weh. „Das gesällt mir," sagte der Vater, „wenn sich die anderen nicht gewaltig anstrengen, so ist das Haus dein." Es währte nicht lange, so kam ein Herr in einem Wagen dahergefahren in vollem Jagen. „Nun sollt Ihr sehen, Vater, was ich kann!" sprach der Hufschmied, sprang dem Wagen nach, riß dem Pferde, das in einem fort jagte, die vier Hufeisen ab und schlng ihm auch im Jagen vier neue wieder an. „Du bist ein ganzer Kerl," sprach der Vater, „du machst deine Sache so gut wie dein Bruder; ich weiß nicht, wem ich das Haus geben soll." Da sprach der dritte: „Vater, laßt auch mich einmal meine Knnst zeigen!" und weil es anfing zu regnen, zog er seinen Degen und schwenkte ihn in Kreuz¬ hieben über seinem Kopfe, daß kein Tropfen auf ihn siel; und als der Regen stärker ward und endlich so stark, als ob man mit Kannen vom Himmel gösse, schwang er den Degen immer schneller und blieb so trocken, als säße er unter Dach und Fach. Wie der Vater das sah, erstaunte er und sprach: „Du hast das beste Meisterstück gemacht, das Haus ist dein." Die beiden anderen Brüder waren damit zufrieden, wie sie vorher gelobt hatten. Weil sie einander so lieb hatten, blieben sie alle drei zusammen im Hause und trieben ihr Handwerk; und da sie so gut ausgelernt hatten und so geschickt waren, verdienten sie viel Geld. So lebten sie vergnügt bis in ihr Alter zusammen. Nach dm Brüdern Grimm. 222. Schützrnkivd. 1. Mit dem Pfeil, dem Bogen Durch Gebirg und Tal Kommt der Schütz gezogen Früh im Morgenstrahl. 2. Wie im Reich der Lüfte König ist der Weih, Durch Gebirg und Klüfte Herrscht der Schütze frei. 3. Ihm gehört das Weite; Was sein Pfeil erreicht. Das ist seine Beute, Was da fleugt und kreucht. Schiller. 139 223. Der "Wolf uricl äsr Luolis. Der Volk bntte äen Lnobs bei sieb, nnä vns äer Volk volite, äns nrnkte äsr lknobs tnn, veil sr äsr sobväobsre vnr, nnä äer Lnobs värs Aerne äss Herrn 1o8 Asvoräsn. Ls trnZ sieb, ^n, änl) sis beiäe änrob äen Vnlä ZinAsn, än sxrnob äer Volk: „llotknobs, sobntk inir vns 2u krsssen oäer 5 iob krosse äiob selber nnk/ Da nntvortsts äerlknobs: „leb veik einen Dnnsrnbok, vo ein DnnrjnnAe Dännnlsin sinä; bnst än Dnst, so vollen vir eins bolen/ Dein Volk vnr äns reobt, sie AinASn lrin nnä äsr lknebs stnbl äns Dännnlsin, brnobte es äern 'Volk nnä rnnobts sieb kort. Dg, krnk es äer Volk nnk, vnr >v nber änrnit noob niebt rinkrisäen, sonäern volite äns Liniere än2n bnben nnä §inA, es xn bolen. Veil er es aber so nnASsobiobt rnnobte, vnrä es äis Nnttsr vorn DLnnnlein Asvs.br nncl bnA nn, entsetxliob 2N sobreien nnä ^n blöben, änk äie Dnnsrn bsrbei- Aelnnken bnrnen. Dn knnäsn sie äsn Volk nnä soblnAen ibn so rs erbärnriieb, änk er binbenä nnä benlsnä bei äenr lknobs nnbs-in. „Dn bsst inieb sobön snAsknbrt," s^raeb er; „iob volite äss snäers Dsrnrn bolen, äs bnben rnieb äis Ds-nern srvisobt nnä veieb Assebls-Asn/' Der Lnobs sntvortets: „Vnrnin bist än so ein Liininersntt?" 20 ^ni g-näern 1s,AS AinAgn sis vieäer ins Lelä nnä äsr ZieriAS Volk sxrs-ob nberinnls: „Dotknobs, sebs-lk inir vss 2n kressen oäsr ieb krosse äiob selber snk/ Ds, nntvortete äer Lnobs: „lob voik ein Ls.nernbnns, än bäobt äie Lrsn bent sbenäs Dknnnbnoben; vir vollen nns äsvon bolen/ Lis AinZen bin nnä 2s äsr Lnobs sobliob nrns llsns bsrnin, Anobte nnä sobnntkslts so InnAe, bis er snslinäiA ninobts, vo äie Lebnssel stnnä, LOA äsnn ssobs DkLnnbnoben bersb nnä brsobte sie äein Volk. „Ds, bnst än r?n kressen/' s^rnob sr 2n ibin nnä AinA seiner VkAS. Der Volk bntte äis Dknnnbnoben in einein ^.nAenbliob binnnter- uv Assoblnobt nnä sxrnob: „Lie sobineoben nnob rnebr," ZinA bin nnä rik Asrnäerin äie Annss Lobnssel bsrnnter, änk sis in Ltnobe ^ersprnnA. Da. Znb's einen ZevnItiAkn Därrn, änk äie Lrnn bernnsbnin, nnä nls sie äen Volk ssb, risk sis äis Dsnte; äie eilten borbsi nnä ZolilnAsn ibn, vns ^enA bnltsn volite, änü er 35 140 mit 2wsi laOmsn Lsiusu, laut Osulsud, r:um DuoOs in dsn ^Valä OiuausOam. ,,^Ä8 Oast du mioO Zarsti^ anZsIuOrt!" risi sr, „dis Lauern OaOsn mioO srwisoOt und mir dis Ilaijt ZSAsrOt." Dsr DuoOs aOsr antwortsts: „'Uarum bist du so siu Mmmsrsatt?'^ 4« ^Is sie um drittsu LaZs Osisammsn drauKsu waren uud dsr ^Volt nur mit ÄlüOs ckortOiuOts, spraoO sr dooO wieder: „DottuoOs, soOatk mir wa8 r:u Irs8ssu odsr ioO trssse dioO ssIOer aut!^ Dsr DuoOZ antwortete: „IoO weik siueu Nanu, dsr Out KesoOIaoOtst uud das §esaDsuk DlsisoO iis§t iu einem Dal) 45 im Xsilsr; das wollen wir Oolsu/' Dsr IVolt spraoO: „^.Osr ioO will AlsioO mitAsOsn, damit du mir Oiickst, wenn ioO uioOt ckort- Oann." „NeiustwsAsu," saZte dsr DuoOs uud irsiAts iOm dis 8oO1ioOs uud ^SKS, aut wsloOsu 8is eudlioO iu dsu Xsllsr AsiauZtsu. Da war uuu LloisoO im IlOsrtlul) uud dsr Volt so maoOts sioO ZleioO darau uud daoOts: „8is ioO auckOörs, Oat's 2sit." Dsr DuoOs lisl) sioO's auoO §ut soOmsolren, OlioOts übsrall Osrum, list aOsr ockt 2u dsm DooO, duroO wsloOss 8is Asicommsu warsu, uud vsrsuoOts, oO 8siu DsiO uooO soOmal §suuA ^värs duroO^u8oOIüxtou. Dsr ^oit Oouuts uioOt OsKrsitsu, ^varum dsr sr Duoii8 da8 tat, uud 8xrao0: „DisOsr Duoii8, 8aZ mir, varum rsuu8t du 80 Oiu uud Osr uud 8priuZ8t 0iuau8 uud Osrsiu?" „IsO mul.1 dooO 8s0sn, oO uismaud Oommt," antwortete dsr DistiAg, „trik nur uioOt rru visl!^ Da 8a^ts dsr ^olD „loO ZsOs nioOt IrüOsr tort, aD Oi8 da8 La6 1s sr i8t." Indsm iram dsr 6v Lausr, dsr dsn Darm von dss I^uoO3S8 LprünAsn AsOört Oatts, iu dsu Xsllsr. ^Vis dsr DuoOs iOu 8a0, war sr mit sinsm 8atx rrum DooOs drauksn; dsr ^VoII wollts uaoO, aOsr sr Oatts 8io0 80 dioir Astrs88su, dak er uioOt msOr duroOOonuts, 8oudsrn stsoOsu OlisO. Da Dam dsr Bansr mit sinom Luüxpsl uud 8oO1u§ 65 iOu tot. Dsr Duo08 aOsr sprang- in den ^Vald und war troO, dati sr den alten Üimmsr8att los war. Lrüäer 6nimm. 224. Die Sladtmaus uird die Landmau». Eine Stadtmaus, die in dem großen Speisegewölbe eines reichen Mannes wohnte, ging einst hinaus auf das Feld, um ihre Freundin zu besuchen. Diese Freundin war ein kleines braunes Feldmäuschen, das in einem Loche auf dem Kleeacker wohnte. 141 Wie sehr freute sie sich, als sie ihre Freundin kommen sah! s Nachdem sie dieselbe begrüßt hatte, schleppte die kleine Feldmaus das Beste, was sie nur hatte, herbei, um den vornehmen Besuch zu bewirten. Da gab es ein kleines Stückchen von einer sastigen Rübe, einige Körnchen Hafer, ja jetzt brachte sie gar ein paar Krümchen vertrocknetes Schwarzbrot, die der Bauer am Morgen von seinem u> Frühstücke hatte liegen lassen. Das war schon ein seines Mahl für das Feldmäuschen. Aber die Stadtmaus schnüffelte verächtlich daran herum. Nur von dem Brote aß sie ein klein wenig; das übrige ließ sie alles stehen. „Warum issest du denn nicht?" fragte die Feldmaus. „Die 15 Gerichte schmecken nur nicht," antwortete die Stadtmaus; „komm morgen zu mir in die Stadt; da will ich dir bessere Speisen vorsetzen!" Den andern Tag kam dann richtig die Feldmaus in die Stadt. Ja, da sah es freilich anders aus als bei ihr auf dem Kleeacker! Im Speisegewölbe, wo die Stadtmaus ihr Loch hatte, standen große 20 Schüsseln mit herrlicher süßer Milch. Daneben lag schöner weißer Zucker und am Haken hing eine große dicke Wurst. „Das muß ein herrliches Leben hier sein," sagte die Feldmaus und lief zu dem Zucker hin, um ihn zu kosten. „Halt!" rief ihre Freundin, „rühre den Zucker nicht an, das ist 25 Gift! Das haben die Menschen bloß hieher gestellt, damit wir davon fressen und dann sterben." Erschrocken sprang die Feldmaus in einen andern Winkel. Da hing an einem kleinen Häkchen ein Stück gebratener Speck, der roch sehr einladend. 30 „Halt!" rief wieder die Stadtmaus, „komm dem Speck nicht zu nahe, das ist eine Falle! Wenn man nur ein klein bißchen daran trifft, fällt sie zu und schlägt uns mausetot." „Das ist ja entsetzlich," sagte das braune Mäuschen; „sind denn alle diese schönen Gerichte Gift und Fallen?" 35 „Bewahre," tröstete die Stadtmaus; „komm, wir wollen von dieser süßen Milch trinken, die ist nicht vergiftet." Kaum hatten die Mäuschen den Rand der glatten Schüssel mit Mühe erklettert und den ersten Tropfen Milch geleckt, so flog die Tür des Gewölbes auf und die Köchin kam herein, einen großen »o Besen in der Hand. 143 sich vor ihm; hat er uns gedient, so hat er auch sein gutes Fressen dafür bekommen: jetzt taugt er nichts mehr und da kann er abgehen." w Der Hund, der nicht weit davon lag, hatte alles mit angehört. Er erschrak nicht wenig und war traurig, daß morgen sein letzter Tag sein sollte. Nun hatte er einen guten Freund, das war der Wolf; zu dem ging er abends hinaus in den Wald und erzählte, was für ein Schicksal ihm bevorstehe. is „Mach dir keine Sorgen," sprach der Wolf, „ich weiß einen guten Rat. Morgen in aller Frühe geht dein Herr mit seiner Frau ums Heu und sie nehmen ihr kleines Kind mit. Das legen sie bei der Arbeit hinter die Hecke in den Schatten; da leg dich daneben, als wolltest du es bewachen. Dann will ich aus dem Walde kommen 20 und das Kind rauben; du mußt mir nachspringen mit allen Kräften, als wolltest du mir's abjagen. Ich lass' es fallen und du bringst es wieder. Dann glauben sie, du hättest es gerettet, und sind viel zu dankbar, als daß sie dir ein Leid antun sollten; im Gegenteil, du kommst in völlige Gnade und es wird dir an nichts fehlen." 25 Der Anschlag gefiel dem Hunde, und wie er ausgedacht war, so wurde er auch ausgeführt. Der Bauer schrie, wie er den Wolf mit seinem Kinde durchs Feld laufen sah; als es aber der alte Sultan wieder zurückbrachte, da war er sroh, streichelte ihn und sprach: „Dir soll nichts Böses widerfahren, du sollst das Gnadenbrot haben, solange 30 du lebst." Dann sagte er zu seiner Frau: „Geh gleich heim und koche dem alten Sultan einen Brei, den braucht er nicht zu beißen und mein Kopfkissen schenke ich ihm auch zu seinem Lager." Von nun an hatte es der Sultan so gut, wie er sich's nur wünschen konnte. Der Wolf besuchte ihn und freute sich, daß sein Zs Anschlag so wohl gelungen war. „Hör, Landsmann," sprach er, „du wirst doch ein Auge zudrücken, wenn ich deinem Herrn ein fettes Schaf wegholen komme? Es wird einem heutzutage schwer, sich durch¬ zuschlagen." „Nein," antwortete der Hund, „meinem Herrn bin ich treu; das kann ich nicht zugeben." Der Wolf indessen meinte, das 40 wäre nicht sein Ernst, und kam in der Nacht, den guten Bissen abzu¬ holen. Aber der treue Sultan hatte dem Herrn alles augezeigt, so daß dieser in der Scheuer aufpaßte und dem Wolf mit dem Dresch¬ flegel garstig die Haare kämmte. Grimm. - 144 - 226. Das geraubte Lind. In den hohen Schweizergebirgen lebte vor vielen Jahren ein braver Landmann. Der hatte zwei Söhne, Bernhard und Wälty, von denen der eine zwölf, der andere aber kaum drei Jahre alt war. In der Mitte des Sommers gingen einst Vater, Mutter, Kinder, 5 Knecht und Magd ins Feld an die Arbeit und selbst Tyras, der große Hofhund, zog es vor, sich im Felde zu bewegen, anstatt daheim auf dem Stroh zu liegen. Die Arbeit begann und der älteste Knabe bekam nächst dem treuen vierbeinigen Wächter den Auftrag, den kleinen Wälty nicht aus den Augen zu verlieren. Bernhard ver- i« sprach alles und hielt nichts. Eine halbe Stunde später fliegt ein großer schöner Schmetterling bei dem Knaben vorüber. Bernhard ruft: „Ah!" und schickt sich sogleich an, ihn zu verfolgen. Bald glaubt er, ihn zu haben; aber der Schmetterling ist schneller als er, lockt ihn von Blume zu Blume, w von dem Felde nach der Wiese, von der Wiese in den Wald. Während er hier, von Schweiß triefend, dem bunten Dinge nachläuft, arbeiten die Eltern mit ihren Leuten, daß es eine Art hat, und entfernen sich immer mehr und mehr von dem Orte, den sie ihren Kindern ange¬ wiesen haben. Der kleine Wälty sitzt im Grase und singt leise vor 2y sich hin: „Auf dem Berge bin ich gesessen. Hab' den Vöglein zugeschaut; Haben gesungen, haben gesprungen, Haben Nestlein gebaut." 25 Armes kleines Knäblein! Du singst so fröhlich, ahnest nichts Böses und doch schwebt die Gefahr schon über deinem Haupte! Möge der liebe Gott dir beistehen! Der Himmel war heiter und mir kleine Schafwölkchen zogen dann und wann vorüber und verbargen das schöne Blau desselben, so Wälty weidete sich an den Schäschen und ganz besonders an einem fortwährend kreisenden Punkte, den sein scharfes Auge hoch oben in den Wolken erspähte. Aber dieser Punkt wird immer größer und größer und schießt pfeilschnell herab auf die Stelle, wo der treue Tyras allein den Liebling seines Herrn bewacht. Er bellt, er heult; — 35 vergebens! — der Wind führt den Schall weit, weit fort, nur nicht zu den Landleuten. Mutig greift Tyras das geflügelte Ungeheuer, 145 einen großen, großen Adler, an; aber ach! bald ist dem treuen Tiere das ganze Gesicht zerkratzt und zerbissen. Der Adler schlägt seine Krallen in Wältys Kleidung und Fleisch und saust mit ihm durch die Lüfte seinem Horste zu. Dort wirft er ihn seinen Jungen vor und fliegt w wieder davon. Die Reise durch die Luft und die Krallen des Untiers haben unserm Wally Betäubung und Blutverlust zugezogen. Er erholt sich aber bald wieder und wundert sich nicht wenig, als er beim Erwachen nicht mehr Bruder Bernhard und den guten Tyras, sondern zwei junge, kaum flügge Adler sieht. Auch die Räuberkinder sitzen 4s verwundert da, als der vorher unbeweglich daliegende Klumpen plötzlich anfängt, sich zu regen, und schnappen mit den krummen Schnäbeln nach ihm. Aber Wälty, der wieder zu sich gekommen ist, ballt seine Fäuste und wehrt die scharfen Bisse durch tüchtige Hiebe von sich ab. — Mit den beiden Spitzbübchen scheinst du, kleiner Schelm, es so aufnehmen zu können; aber wehe, wehe dir, wenn der grimmige Alte zurückkommt! Dann ist's um dich geschehen. Während das alles sich zutrug, war der treue Tyras zu seinem Herrn gelaufen und dieser ahnte, als er ihn so zugerichtet erblickte, ein großes Unglück. Wie der Blitz flog der erschrockene Vater nach 55 der Stelle, wo Tyras mit dem Kindesräuber gekämpft hatte. Dort lagen Federn, die er für Adlerfedern erkannte. Auf einmal wurde ihm alles klar. Er eilt dem nahen Dorfe zu, ergreift die geladene Büchse und macht sich dann allein auf den Weg ins Gebirge zu einer Felsen¬ masse, wo schon seit Jahren Adler gehorstet hatten. Wie die Gemse «o klettert er von Felsen zu Felsen, springt über die furchtbarsten Abgründe und eilt vorwärts, als habe er Flügel, da es die Rettung seines lieben Sohnes gilt. Endlich kommt er am Ziele seiner Wünsche an und hört schon in der Feme die Stimme des geraubten Lieblings. „Er lebt noch," «5 ruft er aus, „Gott sei gelobt und gedankt!" Bald vernimmt er, wie das Kind mit den jungen Vögeln spricht und streitet, und noch einige Augenblicke, so hält er es geschützt in seinen Armen. — „Verruchter Räuber!" ruft er, jetzt könnte ich Gleiches mit Gleichem vergelten, dir in deiner Abwesenheit deine Kinder rauben oder sie am gegen- w überliegenden Felsen zerschmettern. Aber ich kann's nicht, ich will's nicht; meine Freude ist zu groß, da Gott mir mein liebes Kind lebendig und wohlbehalten wieder geschenkt hat." Lesob. für slotv.-utraquist. Mittelsch. 1. u. 2. Äl. M.) 10 147 zu bemächtigen. Da kam unverhofft der alte Falke schreiend und kreischend herangeflogen, bemerkte die Gefahr, welche seine Jungen so bedrohte, flog wütend auf Gustav los, packte mit seinen Krallen dessen Schultern und hieb mit dem Schnabel nach seinem Gesichte. Er verwundete den Knaben stark, riß ihm ein Auge aus und ließ nicht eher von ihm ab, bis Gustav die Flucht ergriff. Seine Wunden heilten nur langsam, sein Auge war dahin und ss er blieb entstellt sein Leben lang. Da war er endlich klug geworden und ließ die Vogelnester in Ruhe. Franz Hoffmann. 7. Am lPauctenöunse^, urr't ctsru ,8'tab r'u ctsn 7/auet, Ao-nrut wr'ecten /«er'ur aus eteur /neructeu 78auct. 2. ä'eru 7/«ae> r'st öestäuöt, seru Auttrts venbnauut/ Asu wem wrnct eten Aunse^ wo/«t suenst en/cauut? — A. /8'0 tnr'tt en r'us i8'täctte/«eu etune/«s atte 7dn, Aur /§e^taAöauur te/^ut ^'ust cten Aö'ttuen etauon. 7. 7)en A«rttuen, eten wan Äur em treösn Usuuct, 0/7 /«atte cten Aee^sn etre öercteu venerut. §. 7)oe^ «re?«, /Heuuet Aottruauu sn/ceuut r/«u ure/«t / Au se/«n /rat etre -8ouu' r'/tur venbnauut «tas Oesre/rt. — 6. Ouet werten wauctent uaet« Dunsern 6nu/? 7- en /tunse/«e uuct seMttett eteu Ktauö r-o-u 7r«7-se^su Arust. ^2. pprsse^T' auo/^ <Ä'e Kcurue ser» A-rt^rtL vö'uöuuuut, Das Mutteuaua' ^at r'^u c^ao^ o/ere^ e^Kirut. ^Set. 229. Der Fuchs und der Lrrebs. Ein Krebs kroch aus seinem Bache hervor aus das grüne Gras einer Wiese, wo er sich gütlich tat. Da kam ein Fuchs daher, sah den Krebs langsam kriechen und sprach spöttisch zu ihm: „Herr Krebs, wie geht Ihr doch so gemächlich? Wer nahm Euch Eure 5 Schnelligkeit? Oder wann gedenkt Ihr über die Wiese zu kommen? Aus Eurem Gange merke ich wohl, daß Ihr besser hinterrücks als vorwärts gehen könnt!" Der Krebs war nicht dumm, er antwortete alsobald dem Fuchs: „Herr Fuchs, Ihr kennt meine Natur nicht. Ich bin edel und wert, io ich bin schneller nnd leichter und laufe rascher als Ihr und Eure Art, und wer mir das nicht gönnt, den möge der Kuckuck holen. Herr Fuchs, wollt Ihr mit mir eine Wette laufen? Ich setze gleich ein Pfund zum Pfände." „Nichts wäre mir lieber," sprach der Fuchs; „wollt Ihr von ir, Bern nach Basel laufen oder von Bremen nach Brabant?" „O nein," sprach der Krebs, „das Ziel wäre zu fern! Ich dächte, wir liefen eine halbe oder eine ganze Meile miteinander, das wird uns beiden nicht zu viel sein!" „Eine Meile, eine Meile!" schrie der Fuchs eifrig und der 20 Krebs begann wieder: „Ich gebe Euch einen hübschen Vorsprung; ohne daß Ihr den annehmet, mag ich gar nicht laufen." „Und wie soll der Vorsprung beschaffen sein?" fragte der Fuchs neugierig. Der Krebs antwortete: „Gerade eine Fuchslänge soll er beschaffen sein. Ihr tretet vor mich und ich trete hinter Euch, daß 25 Eure Hinterfüße an meinen Kopf stoßen, und wenn ich sage: ,Nun wohl hin!" — so fangen wir an zu laufen." Dem Fuchs gefiel die Rede wohl; er sagte: „Ich gehorche Euch in allen Stücken." Und da kehrte er dem Krebse sein Hinterteil zu mit dein großen und starken haarigen Schwänze, in den schlug 149 der Krebs seine Scheren, ohne daß der Fuchs es merkte, und rief: M „Nun wohl hin!" Und da lief der Fuchs, wie er in seinem Leben noch nicht gelaufen war, daß ihm die Füße schmerzten. Und als das Ziel erreicht war, so drehte er sich geschwind herum und schrie: „Wo ist nun der dumme Krebs? Wo seid Ihr? Ihr säumt gar zu lange!" Der Krebs aber, der dem Ziele jetzt näher stand als der Fuchs, ries :;s hinter ihm: „Herr Fuchs! Was will diese Rede sagen? Warum seid Ihr so langsam? Ich stehe schon eine hübsche Weile hier und warte auf Euch! Warum kommt Ihr so saumselig?" Der Fuchs erschrak ordentlich und sprach: „Euch muß der Kuckuck hergebracht haben!" zahlte seine Wette, zog den Schwanz w ein und strich von dannen. B c chstei n. 230. Wettlauf Mischen dem Hasen und dem Igel. Es war einmal an einem Sonntagsmorgen in der Herbstzeit, just als der Buchweizen blühte. Die Sonne war golden am Himmel aufgegangen, der Morgenwind ging frisch über die Stoppeln, die Lerchen sangen in der Luft, die Bienen summten in dem Buchweizen und die Leute gingen in ihren Sonntagskleidern in die Kirche; kurz, s alles war vergnügt und der Igel auch. Dieser stand vor seiner Tür, hatte die Arme übereinander geschlagen, guckte dabei in den Morgenwind hinaus, trällerte ein Liedchen vor sich hin, so gut und so schlecht, als es nun eben am lieben Sountagsmorgen ein Igel zu singen vermag. Indem er nun w noch so halbleise vor sich hin sang, fiel ihm auf einmal ein, er könne wohl, während seine Frau die Kinder wüsche und anzöge, ein bißchen im Felde spazieren und dabei sich umsehen, wie seine Steckrüben ständen. Die Steckrüben waren das Nächste bei seinem Hause und er pflegte mit seiner Familie davon zu essen, deshalb sah er sie denn w auch als die seinigen an. Der Igel machte die Haustür hinter sich zu und schlug den Weg nach dem Felde ein. Er war noch nicht sehr weit vom Hause und wollte just um den Schlehenbnsch, der da vor dem Felde steht, hinaufschlendern, als ihm der Hase begegnete, der in ähnlichen Geschäften ausgegangen 20 war, nämlich um seinen Kohl zu besehen. Als der Igel des Hasen ansichtig wurde, bot er ihm einen freundlichen guten Morgen. Der 150 Hase aber, der nach seiner Weise ein gar vornehmer Herr war und überaus hochfahrend dazu, antwortete nichts auf des Igels Gruß, LS sondern sagte zu ihm, wobei er eine gewaltig höhnische Miene annahm: „Wie kommt es denn, daß du schon bei so frühem Morgen im Felde herumläufst?" „Ich gehe spazieren," sagte der Igel. „Spazieren?" lachte der Hase, „mich dünkt, du könntest deine Beine anch wohl zu besseren Dingen gebrauchen." Diese Antwort verdroß den Igel über so alle Maßen; denn alles kann er vertragen, aber auf feine Beine läßt er nichts kommen, eben weil sie von Natur schief sind. „Du bildest dir wohl ein," sagte nun der Igel, „daß du mit deinen Beinen mehr ausrichten kannst?" „Das denk' ich," sagte der Hase. „Nun, es käme auf einen Versuch an," meinte der Igel, „ich wette: wenn wir 35 laufen, ich komme dir zuvor." „Das ist zum Lachen, du mit deinen schiefen Beinen!" sagte der Hase, „aber meinetwegen mag es sein, wenn du so übergroße Lust hast. Was gilt die Wette?" „Ein Goldstück und eine Flasche Branntwein," sagte der Igel. „Angenommen," sprach der Hase, „schlag ein und dann kann's 40 gleich losgehen!" „Nein, so große Eile hat es nicht," meinte der Igel, „ich bin noch ganz nüchtern; erst will ich nach Hause gehen und ein bißchen frühstücken. In einer halben Stunde bin ich auf dein Platze." Darauf ging der Igel, denn der Hase war es zufrieden. Unterwegs dachte der Igel bei sich: „Der Hase verläßt sich auf 45 seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er dünkt sich zwar ein vornehmer Herr zu sein, ist aber doch ein dummer Kerl und bezahlen muß er doch." Als nun der Igel zu Hause ankam, sagte er zu seiner Frau: „Zieh dich eilig an: du mußt mit ins Feld hinaus." „Was gibt es denn?" sagte die Frau. „Ich habe mit so dem Hasen uni ein Goldstück und eine Flasche Branntwein gewettet; ich will mit ihm um die Wette laufen und da sollst du dabei sein." „O mein Gott, mein Mann!" schrie des Igels Frau, „bist du nicht klug, hast du den Verstand verloren? Wie kannst du mit dem Hasen um die Wette laufen wollen?" „Sei still, Weib," sagte der SS Igel, „das ist meine Sache. Zieh dich an und dann komm mit!" Was wollte des Igels Frau machen? Sie mußte wohl folgen, sie mochte wollen oder nicht. Als sie nun miteinander unterwegs waren, sprach der Igel zu seiner Frau also: „Nuu pass' ans, was ich dir sagen werde! Sieh 15t auf dem langen Acker dort wollen wir unfern Wettlauf machen. Der uo Hase läuft nämlich in der einen Furche und ich in der andern und von oben fangen wir an zu laufen. Nun hast du weiter nichts zu tun, als du stellst dich hier unten in die Furche, und wenn der Hase auf der andern Seite ankommt, so rufst du ihm entgegen: Ich bin schon da!" 65 Damit waren sie beim Acker angelangt; der Igel wies seiner Frau deu Platz an und ging nun den Acker hinauf. Als er oben ankam, war der Hase schon da. „Kann es losgehen?" sagte der Hase. „Ja wohl," erwiderte der Igel. Und damit stellte sich jeder in seine Furche. Der Hase zählte: „Eins, zwei, drei!" und los ging es wie ro ein Sturmwind den Acker hinunter. Der Igel aber lief nur ungefähr drei Schritte, dann duckte er sich in die Furche nieder und blieb ruhig sitzen. Als nun der Hase im vollen Laufe unten ankam, rief ihm des Igels Frau entgegen: „Ich bin schon da!" Der Hase stutzte und 75 verwunderte sich nicht wenig. Er meinte nicht anders, es wäre der Igel selbst, der ihm das zurief; denn bekanntlich sieht des Igels Frau gerade so aus wie ihr Mann. Der Hase aber meinte: „Das geht nicht mit rechten Dingen zu." Er rief: „Noch einmal gelaufen, wieder herum!" Und fort ging so es wieder wie der Sturmwind, so daß ihm die Ohren am Kopfe flogen. Des Igels Frau aber blieb ruhig auf dem Platze. Als nun der Hase oben ankam, rief ihm der Igel entgegen: „Ich bin schon da!" Der Hase aber, ganz außer sich vor Eifer, schrie: „Nochmals gelaufen, wieder herum!" „Mir recht," antwortete der Igel, 85 „meinetwegen so oft, als du Lust hast." So lief der Hase dreiund¬ siebzigmal und der Igel hielt es immer mit ihm aus. Jedesmal, wenn der Hase unten oder oben ankam, sagte der Igel oder seine Frau: „Ich bin schon da!" Znm vierundsiebzigsten Male aber kam der Hase nicht mehr zu so Ende. Mitten auf dem Felde stürzte er zur Erde und blieb tot auf dem Platze. Der Igel aber nahm sein gewonnenes Goldstück und die Flasche Branntwein, rief seine Frau aus der Furche ab und beide gingen vergnügt nach Hause. B e ch st e i n. 152 231. Die Koken des Todes. Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese ans der großen Landstraße; da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen und ries: „Halt! keinen Schritt weiter!" „Was?" sprach der Riese, „du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du s willst mir den Weg vertreten? Wer bist dn, daß du so keck rede» darfst?" „Ich bin der Tod," erwiderte der andere; „mir widersteht niemand und auch du mußt meinen Befehlen gehorchen." Der Riese aber weigerte sich und fing an, mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer, heftiger Kampf; zuletzt aber behielt der Riese die Ober- io Hand und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, daß er neben einem Steine zusammensank. Der Riese ging seiner Wege und der Tod lag da besiegt und war kraftlos, daß er sich nicht wieder erheben konnte. „Was soll daraus werden," sprach er, „wenn ich da in der Ecke liegen bleibe? Es stirbt niemand mehr aus der Welt und sie wird i5 so mit Menschen angefüllt werden, daß sie nicht mehr Platz haben, nebeneinander zu stehen." Indem kam ein junger Mensch des Weges, frisch und gesund, sang ein Lied und warf seine Augen hin und her. Als er den halb Ohnmächtigen erblickte, ging er mitleidig herzu, richtete ihn ans, sv flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trank ein und wartete, bis er wieder zu Kräften kam. „Weißt du auch," fragte der Fremde, indem er sich aufrichtete, „wer ich bin und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?" „Nein," antwortete der Jüngling, „ich kenne dich nicht." „Ich bin der Tod," sprach er, „ich verschone 25 niemand und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst, daß ich dankbar bin, so verspreche ich dir, daß ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will, bevor ich komme und dich abhole." „Wohlan," sprach der Jüngling, „immer ein Gewinn, daß ich weiß, wann du kommst und so lange so wenigstens sicher vor dir bin!" Dann zog er weiter, war lustig und guter Dinge und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus; es kamen Krankheiten und Schmerzen, die ihn plagten. „Sterben werde ich nicht," sprach er zu sich selbst, „denn der Tod sendet erst seine Boten; ich wollte nur, so die bösen Tage der Krankheit wären vorüber." 153 Sobald er sich gesund fühlte, fing er wieder an, in Freuden zu leben. Da klopfte ihm eines Tages jemand aus die Schulter; er blickte sich um und der Tod stand hinter ihm und sprach: „Folge mir; die Stunde deines Abschiedes von der Welt ist gekommen!" „Wie?" antwortete der Mensch, „willst du dein Wort brechen? 4v Hast du mir nicht versprochen, daß du mir, bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? Ich habe keinen gesehen." „Schweig!" erwiderte der Tod; „habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? Kam nicht das Fieber, stieß dich an, rüttelte dich und warf dich nieder? Hat der Schwindel dir nicht den 45 Kopf betäubt? Zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? Brauste dir's nicht in den Ohren? Nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? Ward dir's nicht dunkel vor den Augen? Über das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? Lagst du nicht in der Nacht, als wärest du schon 5» gestorben?" — Der Mensch wußte nichts zu erwidern, ergab sich in sein Geschick und ging mit dem Tode fort. Brüder Grimm. 232. Dio Wichtelmännrr. Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, daß ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er den nächsten Morgen in Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und 5 schlief ein. Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit uiedersetzen wollte, da standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er verwunderte sich und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er nahm die Schuhe in die Hand, nm sie näher zu betrachten; sie waren so sauber gearbeitet, daß kein Stich daran io falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte. Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür und der Schuster konnte von dem Gelde Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln. Er schnitt sie abends zu und wollte den nächsten Morgen mit w frischem Mut an die Arbeit gehen; aber er brauchte es nicht, denn 154 als er aufstand, waren sie schon fertig und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, daß er Leder zu vier Paar- Schuhen einkaufen konnte. Er fand frühmorgens auch die vier Paar so fertig. Und so ging's immerfort: was er abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, also daß er bald wieder sein ehrliches Aus¬ kommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward. Nun geschah es eines Abends nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeschnitten hatte, daß er vor dem Schlafengehen es zu seiner Frau sprach: „Wie wär's, wenn wir diese Nacht aufblieben, um zu sehen, wer uns so hilfreiche Hand leistet?" Die Frau war's zufrieden und steckte ein Licht an; darauf verbargen sie sich in den Stubenecken hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren, und gaben acht. Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine, niedliche, nackte 80 Männlein, setzten sich vor des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und singen an, mit ihren Fingerlein so behend und schnell zu stechen, zu nähen, zu klopfen, daß der Schuster vor Ver¬ wunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, Zs dann sprangen sie schnell fort. Am andern Morgen sprach die Frau: „Die kleinen Männer- Haben uns reich gemacht, wir müssen uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? Ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für u» sie näheu, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken; mach du siedem ein Paar Schühlein dazu!" Der Mann sprach: „Das bin ich wohl zufrieden." Und wie sie abends alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mitanzusehen, wie sich die Männlein 45 dazu anstellen würden. Um Mitternacht kamen sie hereiugespruugen und wollten sich gleich an die Arbeit machen; als sie aber kein zugeschnitteues'Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke sanden, verwunderten sie sich erst, dann aber zeigten sie eine gewaltige Freude. Mit der größten 50 Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schönen Kleider am Leib und sangen: „Sind wir nicht Knaben, glatt und sein? Was sollen wir länger Schuster sein!" 155 Dann hüpften und tanzten sie und sprangen über Stühle und Bänke. Endlich tanzten sie zur Türe hinaus. Von nun an kamen sie S5 nicht wieder; dem Schuster aber ging es wohl, solang er lebte, und es glückte ihm alles, was er unternahm. Brüder Grimm. 233. Das Kätzchen und die Stricknadeln. Es war einmal eine arme Frau, die ging in den Wald, um Holz zu lesen. Ms sie mit ihrer Bürde auf dem Rückwege war, sah sie ein schwarzweißes Kätzchen hinter einem Zaune liegen; es schrie jämmerlich und war ganz abgemagert. Man konnte leicht sehen, daß es krank war, denn sein Fellchen war nicht glatt und glänzte nicht, s Die arme Frau streichelte es mitleidig, nahm es auf in ihre Schürze und trug es nach Hause. An der Haustüre sprangen ihre beiden Kinder auf sie zu, und wie sie sahen, daß die Mutter etwas in ihrer Schürze trug, freuten sie sich; denn sie dachten, es würden süße Beeren aus dem Walde sein. Als sie aber in die Schürze hineinguckten w und das schwarzweiße Kätzchen sahen, freuten sie sich noch mehr und wollten es gleich haben. Die mitleidige Frau gab es aber nicht her; denn ihr war bange, die Kinder könnten es quälen; sie legte es zu Hause aus alte, weiche Kleider und gab ihm warme Milch zu trinken. Das tat dem Kätzchen sehr wohl, es labte sich, wurde ganz munter is und leckte sein struppiges Fellchen mit der kleinen, roten Zunge so lange, bis es wieder glatt und glänzend geworden war. Nun freuten sich die Kinder schon darauf, mit ihm zu spielen, aberchui! auf einmal war es fort und verschwunden und keiner wußte, wo es hingekommen sein könnte. 20 Nach einiger Zeit ging die arme Frau wieder in den Wald, und als sie mit ihrer Bürde Holz auf dem Rückwege wieder an den Zaun kam, wo das kranke Kätzchen gelegen war, stand auf derselben Stelle eine ganz vornehme Dame, in weißen Atlas gekleidet, der mit schwarzem Samt verbrämt war; alles an ihr glänzte, besonders die 2; kohlschwarzen Augen, mit denen sie der armen Frau zuwinkte. Die Frau blieb stehen und vor Verlegenheit rollte sie ihre Schürze. Als ihr die vornehme Dame nnn aber auch mit der Hand winkte, trat sie näher und, sieh da! die Dame warf ihr mit einem Male fünf Strick¬ nadeln in die Schürze, dann war sie weg. 30 157 durch seine gescheiten Antworten olle übrigen übertraf. Der Kaiser ließ den Knaben aus der Bank treten und fragte ihn: „Wie heißest du?" „Franz." — „Wer ist dein Vater?" — „Er ist Bergmann." — 20 „Willst du auch ein Bergmann werden?" — „Nein, ich möchte am liebsten Soldat sein und auch so brav kämpfen wie die Helden, die da unten ein Denkmal haben." Diese Antwort gefiel dem Kaiser. Er erkundigte sich bei dem Lehrer um die näheren Verhältnisse der Familie. Als er hörte, daß 25 der Knabe arm, aber sehr fleißig und brav sei, ließ er sich den Namen des Kleinen aufschreiben. Dann verließ er die Schule. Da kam die Weihnachtszeit. Die hohen Berge um das Dörflein herum waren dicht mit Schnee bedeckt. Die Post mußte oft mehrere Pferde vorspannen, um die steile Straße befahren zu können. Am heiligen Abend bewegte sich der Postwagen gleichfalls langsam die Straße hinauf. Lustig klang das Lied des Postillons durch das stille Dörfchen. Auf einmal hielt der Postwagen an. Der Postillon sprang vom Kutschbocke und lud eine große Schachtel ab. Sie war vielfach versiegelt und trug in jedem der Siegel den kaiserlichen Adler. Sie war für den braven Franz bestimmt. Als dieser mit zitternden Händen den Deckel abhob, fand er eine Menge Spielsachen, Bilderbücher und Soldaten darin, außerdem auch einen Brief, in welchem geschrieben stand, daß der Kaiser selbst dem bravsten Knaben des kleinen Gebirgsdorfes dieses Christgeschenk 40 sende. Man kann sich leicht denken, welchen Jubel diese kaiserliche Spende im ganzen Dorfe hervorrief! Alles segnete den guten Kaiser und zahlreiche Gebete stiegen zum Himmel empor für das Wohlergehen des gnädigen Monarchen. 45 Franz hat dieses Weihnachtsgeschenk nie vergessen. Er lernte von nun an noch fleißiger als vordem. Nachdem er die Dorfschule verlassen hatte, kam er in eine Militärschule, wo er sich durch Fleiß und gutes Betragen vor allen Kameraden auszeichnete und zu einem tüchtigen Offizier herangebildet wurde. »0 Kummer-Brankp-Hofbauer, Lesebuch. 158 238. Die Jahreszeiten. 1. Frühlingszeit, schönste Zeit, Die uns Gott der Herr verleiht! Weckt die Blümlein aus der Erde, Gras und Kräuter für die Herde, Läßt die jungen Lämmer springen. Läßt die lieben Vöglein singen. Menschen, eures Gottes denkt. Der euch so den Frühling schenkt! 2. Sommerzeit, heiße Zeit! Sonne brennt wohl weit und breit; Aber Gott schickt milden Regen, Schüttet alles Feld voll Segen, Schenkt dem Schnitter volle Ähren, Brots genug, uns all' zu nähren. Menschen, merkt es: Gott ist gut, Daß er so am Sommer tut! 3. Herbsteszeit, reiche Zeit! Gott hat Segen ausgestreut. Daß sich alle Bäume neigen Mit den sruchtbeladnen Zweigen; Schaut nun her mit Vaterblicken, Wie sich alle dran erquicken. Menschen, nehmt die Gaben gern, Aber ehret auch den Herrn! 4. Winterzeit, kalte Zeit! Aber Gott schenkt warmes Kleid, Dichten Schnee der kahlen Erde, Warmes Wollenfell der Herde, Federn weich den Vögelscharen, Daß sie keine Not erfahren; Menschen, Haus und Herd auch euch! Lobt ihn, der so gnadenreich! Her,. 159 236. Die Mühle. Mein Weg führte mich am Fuße eines waldigen Hügels durch eine blumige Wiesenflur. Ich verfolgte den Bach, der sich in mancherlei Windungen durch dichtes Erlengebüsch dahinschlängelte. Da plötzlich vernahm ich ein Geräusch wie das Brausen eines Wassersalles. Der Weg bog um den Hügel herum und vor mir lag mitten im Gebüsch 5 die Mühle. In ein eng gemauertes Bett eingeschnürt, beschleunigte der Bach seinen Lauf und rauschend stürzte sein Wasser auf die Schaufeln eines gewaltigen Rades, das sich in schnellen Kreisen lustig drehte. Aus der Mühle aber erscholl lautes Geklapper der Mehlkasten und dumpfes Tönen der Mühlsteine. Auf dem Hofe war ein buntbewegtes w Leben der Enten, Hühner und Tauben, die sich an reichlich gestreutem Futterkorn gütlich taten. Vor der Mühle hielten Bauernknechte mit schwer beladenen Eseln; mehlbestaubte Müllerburschen halfen die Frucht¬ säcke abladen. In der Türe des Hauses aber stand der Müller und schaute, zufrieden lächelnd, auf den sonnigen Hof und die geräumigen 15 Scheunen und Ställe, welche die Mühle umgaben. Zu seinen Füßen lag ein zottiger Hund und schlief. Buschmann. 237. Heldenmut. „Herr Kapitän," sagte Maxwell, der Steuermann, „Herr Kapitän, mir kommt's vor, als röche ich Feuer; aber ich kann nicht finden, wo es ist." Der Kapitän zieht den Atem au sich und riecht's auch; aber bald ist's ihm wieder, als wär' es nichts, bald riecht er's wieder. Er sucht alles durch und kann nichts finden. Aber mit der 5 Zeit wird der Brandgeruch ärger und endlich in der Nacht, da schon das ganze Dampfschiff voll des angsterregenden Qualmes ist, ruft er: „Maxwell, ich hab's gefunden; die Flammen brechen bei dem Rade durch!" „Dann wende ich das Schiff dem Ufer zu," rief dieser entgegen, w denn er erkannte deutlich die furchtbare Gefahr. Aber er faßte sich. Als er sich allein sieht, blickt er zum Himmel auf und betet: „O all¬ mächtiger Gott, verleihe mir Stärke, jetzt treulich meine Pflicht zu erfüllen, und werde du selbst Tröster meiner Witwe und Vater meiner acht Waisen!" u; 160 Darauf steht er unbeweglich am Steuerruder, das Angesicht der nächsten Landspitze zugekehrt, und das Schiff fliegt darauf los wie ein Pfeil. Die Matrosen wenden alle ihre Kräfte an, das Feuer zu dämpfen; aber die Wut der Flammen wächst mit jeder Minute und treibt die 20 Maschine mit grausenerregeuder Gewalt und das Schiff schießt durch die Wellen hin wie ein Sturmvogel. Alle Reisenden hatten sich auf dem Vorderteile zusammengedrängt; denn der gewaltige Luftzug ließ keinen Rauch dorthin kommen, sondern trieb denselben rückwärts. Da stand nur der arme Maxwell an feinem Steuerruder in dem erstickenden 25 Qualme. Der Kapitän und die Matrosen taten zwar, was sie konnten, um den Hintern Teil des Schiffes mit Wasser zu begießen; aber das tat dem wütenden Brande keinen Einhalt. Schon fängt der Boden unter Maxwells Füßen an, sich zu entzünden; aber der Brave 3<> weicht nicht von seinem Posten; denn in seiner Hand liegt jetzt das Leben von achtzig Personen. Immer geradehin nach dem Lande sieht sein Blick, immer gleich fest hält seine Hand das Ruder. Die Leute am Ufer sehen das brennende Schiff und richten Feuerzeichen auf, um den Unglücklichen zu zeigen, wo sie landen sollen. 35 Maxwell versteht's; er ist in größter Gefahr zu verbrennen, aber er bleibt. So sturmschnell das Schiff dahinsaust, er möchte ihm noch Flügel dazu geben; denn er merkt, es kann kaum einige Minuten mehr dauern, so sinkt es; und jetzt — jetzt isUs daran-da rückt er sein Steuerruder und — rutsch, rutsch! — da sitzt das brennende 4v Schiff auf dem Sande. Alle werden gerettet und Maxwell wird auch ans Land getragen; aber wie sieht er aus! Seine Kleider fallen ihm wie Zunder vom Leibe, seine Füße sind verbrannt. Gott segnete die Hand des Arztes und nach wenigen Wochen konnte Maxwell das Bett wieder verlassen. Er, der so viele Menschen 45 gerettet hatte, wurde auch den Seinen erhalten. Stern. 238. Das Tränenkrüglrin. Es war einmal eine Mutter und ein Kind und die Mutter hatte das Kind, ihr einziges, lieb von ganzem Herzen und konnte ohne das Kind nicht leben und nicht sein. Aber da sandte der Herr eine große Krankheit, die wütete unter den Kindern und erfaßte 161 auch jenes Kind, daß es auf sein Lager sank und zum Tod erkrankte. » Drei Tage und drei Nächte wachte, weinte und betete die Mutter bei ihrem geliebten Kinde, aber es starb. Da erfaßte die Mutter, die nun allein war auf der ganzen Gotteserde, ein gewaltiger und namenloser Schmerz und sie aß nicht und trank nicht und weinte, weinte wieder drei Tage und drei Nächte lang ohne Aufhören und 10 rief nach ihrem Kinde. Wie sie nun so voll tiefen Leides in der dritten Nacht saß an der Stelle, wo ihr Kind gestorben war, tränenmüde und schmerzens- niatt bis zur Ohnmacht, da ging die Tür auf und die Mutter schrak zusammen, denn vor ihr stand ihr gestorbenes Kind. Das war w ein seliges Engelein geworden und lächelte süß wie die Unschuld und schön wie in Verklärung. Es trug aber in seinen Händchen ein Krüglein, das war schier übervoll. Und das Kind sprach: „O lieb Mütterlein, weine nicht mehr um mich! Siehe, in diesem Krüglein sind deine Tränen, die du um mich vergossen hast; der Engel der 2« Trauer hat sie in dieses Gefäß gesammelt. Wenn du nur noch eine Träne um mich weinest, so wird das Krüglein überfließen und ich werde dann im Grabe keine Ruhe haben. Darum, 0 lieb Mütterlein, weine nicht mehr um dein Kind; denn dein Kind ist wohl ausgehoben, ist glücklich und Engel sind seine Gespielen." 25 Damit verschwand das tote Kind und die Blutter weinte hinfort keine Träne mehr, um des Kindes Grabesruhe und Himmels¬ frieden nicht zu stören. B e ch st e i 11. 239. lili Blulsuspisgsl clis Lranksu Irr sirism Lxdtsls gesund. raÄoUts. Dinst lcam Lnlenspiegel. naoh blnrnherK nnd seldnA N'ol.Ü! lkriete uv die Xirelitnren. Darin Zah er sieh tnr einen berühmten t^rrü in allen Xranlrheiten ans. lblnn v^aren eben viele Xranlre in dein nenen spitale nnd der spitalmeister väre Zern eines Beiles derselben los gewesen 5 nnd hätte ihnen ihre Oesnndheit lierMeh gegönnt. Der Fpital- meistsr ging also -m hlnlenspiegsl, dem ^rrite, nnd kraute ibn ^vegen seiner lkrieke, die er angeselUagen hatte, oh er den Xranhen aneh v^irhlioh also Helten hönne; es sollte ihm dies Leseb. f. slow.-Utraquist. Mittelsch. I. u. 2. Kl. (Isl) 11 162 10 volil lrololral voräoa. Daloiis^io^ol aalvorlolo, or väräo iliia Zoiao Lraalioa solroa §osaaä araolrea, vorn or iliia 2voiliaaäorl Daläoa Aokoa volilo. Dor 8xilalaroislor saZlo iliia äas 6olä ^a, solora or äoa Xraalroa lrollo, aaä DaloasxioAol villiAlo äaroia, äaü or iliia, Falls or äio Xraakoa aiolil Aosaaä araolrlo, is aiolrl oiaoa llollor Aokoa solilo. Das §oüol Zora 8xilalaioislor volil aaä or Aal) iliia 2vaa2iZ 6aläoa äaraal. ^.Iso Aia§ DaloaspioAol iir äas 8pilal aaä aalua 2voi Xaoolilo aril sioli. Dr lraZlo o,kor ^'oäoa Draakoa oin2ola, vas iliiii lolrlo, aaä kosolrvor iliir 2alol2l, otio or voilor iaäoia 2« or saZlo: „'Vas roli Zir olloakaroa veräo, äas sollsl laoli äroi DaZoa lraaroa äio Xraalroa allo vioäor las 8^ilal aaä lzolrla^loa sioli aber ilrro lDraalrlroil. Da s^raolr äor 8xilal- 45 aioislor: „Vie Aolrl äas 2a? Ioli lia6o oaolr äoolr orsl oiaoa Zro6oa Neislor Zobraolil, äor oaolr Aolrolloa Kal, äal) ilrr allo 163 änvon lauton üonntst!^ Da, ontäsobton 816 ibm, vio ibvou LulmmpikAsI Zöärobt bätts, rvor clsr 2ur Nüro binuu8 v-'äro, «Ion ivoblts er 211 bnlvor verbrennen. Da inerbte äer Lpitalmoi^tkr, er betrogen >var. Oer ^.r^t aber ivar ve§, s« clis Xraubön blieben vaob ^vie vor im Lpitalo nml äs,8 Oelä VLr verloren. L 8, k I s r. 240. Der Herbst. Die Tage werden immer kürzer und der Herbst naht .heran. Das Laub der Bäume wird gelb und fällt nach und nach auf die Erde. Die muntern Singvögel ziehen in wärmere Länder und kommen erst im Frühlinge wieder. Nur wenige Blumen blühen noch: das Gras auf den Wiesen ist längst abgemäht; die Blätter aller Kräuter 5 verwelken und verdorren. Die Menschen sammeln die Gaben, die ihnen Garten, Feld und Wald bieten. Äpfel, Birnen, Nüsse und anderes Obst werden geerntet. Der Winzer sammelt die reifen Tranben. Hafer und Gerste sind gemäht worden und der rauhe Wind 10 weht über die Stoppeln. Hie und da pflügt ein Landmann oder säet Korn und Weizen fürs künftige Jahr. Auf verborgenen Wegen schleicht der Jäger, um das sorglose Wild zu überraschen. 15 Der Mensch soll Gott für alles danken, was er ihm so reichlich wachsen ließ. Nach Kellner. 241. Der Weinstock. Am Tage der Schöpfung rühmten sich die Bäume gegeneinander und jeder frohlockte über sein eigenes Dasein. „Mich hat der Herr gepflanzt," sprach die erhabene Zeder; „Festigkeit und Wohlgeruch, Stärke und Dauer hat er in mir vereinigt." — „Jehov ah's Güte hat mich zum Segen gesetzt," sprach der umschattende Palmenbaum; s „Nutzen und Schönheit hat er in mir vermählt." — Der Apfelbaum sprach: „Wie ein Bräutigam unter den Jünglingen prange ich unter den Bäumen des Waldes." — Und die Myrte sprach: „Wie unter tt * 164 den Dornen die Rose stehe ich unter den niedrigen Gesträuchen." — 10 So rühmten sich alle, der Ölbaum und der Feigenbaum, selbst die Fichte und Tanne. Nur der Weinstock schwieg und sank zu Boden. „Mir," sprach er zu sich selbst, „scheint alles versagt zu sein, Stamm und Äste, Blüten und Früchte; aber so, wie ich bin, will ich hoffen und warten." — Er sank darnieder und seine Zweige weinten. Nicht lange wartete und weinte er, da trat freundlich der Mensch zu ihm. Er sah ein schwaches Gewächs, ein Spiel der Lüfte, das unter sich sank und Hilfe begehrte. Mitleidig erhob er es und schlang den zarten Strauch an seiner Laube hinauf. Froher spielten jetzt die Lüste mit seinen 2« Reben; die Glut der Sonne durchdrang seine harten, grünenden Körner und bereitete in ihnen den süßen Saft, den Trank für Götter und Menschen. Mit reichen Trauben geschmückt, neigte bald der Weinstock zu seinem Herrn sich nieder; dieser kostete seinen erquickenden Saft und 25 nannte ihn seinen Freund, seinen dankbaren Liebling. Die stolzen Bäume beneideten ihn jetzt; denn viele standen fruchtlos da, er aber freute sich voll Dankbarkeit seines geringen Wuchses, seiner ausharrenden Demut. Darum erfreut noch jetzt sein Saft des traurigen Menschen Herz, erhebt den gesunkenen Mut und erheitert den Betrübten. Herder. 242. Rätsel. Die Sonne kocht's, die Hand bricht's. Der Fuß tritt's, der Mund genießt's. Sim rock. 243. Rätsel. Vier Brüder gehn jahraus, jahrein Im ganzen Land spazieren; Doch jeder kommt für sich allein, Uns Gaben zuznführen. Der erste kommt mit leichtem Sinn, In reines Blau gehüllet. Streut Knospen, Blätter, Blüten hin. Die er mit Düften füllet. 165 Der zweite tritt schon ernster aus Mit Sonnenschein und Regen, Streut Blumen aus in seinem Laus, Der Ernte reichen Segen. Der dritte naht mit Überfluß Und süllet Küch' und Scheune, Bringt uns zum süßesten Genuß Viel Äpfel, Nüss' und Weine. Verdrießlich braust der vierte her. In Nacht und Graus gehüllet. Sieht Feld und Wald und Wiesen leer. Die er mit Schnee erfüllet. Wer sagt mir, wer die Brüder sind, Die so einander jagen? — Leicht rät sie wohl ein jedes Kind, Drum brauch' ich's nicht zu sagen. S chille r. 244. Der gerettete Hsndwerksbursche. Ein Handwerksbursche wanderte mitten im Winter aus Preß- burg zu und war nur noch eine Stunde von der Stadt. Aber die Kälte war grimmig, seine Kleider dünn, seine Strümpfe zerrissen; er¬ kannte vor Frost und Müdigkeit kaum fortkommen. „Lieber Gott," seufzte er, „weit und breit kein Dorf und keine Stadt und keine Hütte! 5 Ich werde erfrieren auf dem Wege. Ach, was wird meine arme Mutter ansangen, wenn ihr einziger Sohn nicht mehr heimkommt!" Er weinte und die Hellen Tränen froren ihm an den Augenwimpern. Er wollte laufen, aber seine Glieder wurden steif; er konnte sich des Schlafes nicht erwehren, legte sich in den Schnee auf sein Bündel w und schlief ein. Gleich darauf ritt ein Postknecht des Weges, sah den Menschen wie tot in dem Schnee liegen, gab seinem Gaule die Sporen und in Preßburg am Tore klopfte er ans Wachthaus und rief hinein: „Hört, da draußen auf der Heide links am Wege liegt ein Mensch, u-> der ist wohl erfroren!" „Was ist da zu helfen!" sagten die Leute 166 da drinnen; „ist er nicht schon tost so ist er doch gestorben, ehe wir hinauskommen, und überdies ist es schon finstere Nacht." Dabei machten' sie das Fenster zu wegen des starken Luftzuges und der so Postknecht ritt nach seinem warmen Stalle. Aber indem ging im Wachthause die Tür aus und ein starker Mann trat still heraus und ging mit rüstigen Schritten in die Nacht hinein. Und wie eben die Soldaten in der Wachtstube sagten: „Wo ist denn auf einmal der Taglöhner hingekommen, der sich eben am L5 Ofen gewärmt hat?" — war der schon weit vom Wachthause auf der Landstraße und dachte: „Wenn Gott hilft, so rette ich ihn vielleicht; haben mich meine Eltern doch so gewöhnt, daß ich mich vor Frost und Nacht nicht fürchte." — Und der arme Taglöhner fand den unglücklichen Burschen, der starr und ohne Leben war, lud ihn auf so seinen Rücken, schleppte ihn ins nächste Dorf, rieb ihn mit Schnee, brachte ihn nach und nach in ein warmes Bett und — auf einmal schlug der Bursche die Augen auf. Am andern Tage konnte ihn der Taglöhner weiter in die Stadt führen. „Ich habe gerade auch nicht viel zu essen und zu Heizen," sagte er; „aber aus ein paar Tage reicht's Zs für uns beide, bis Ihr wieder stark genug seid und in Eure Heimat wandern könnt." Diese Geschichte mußte der Kaiser Josef gehört haben; denn als er im Sommer darauf nach Preßburg ritt und der Taglöhner gerade aus seinem Häuschen heraussah. nahm der Kaiser seinen Hut 4« vor ihm ab und sagte: „Seid Jhr's, braver Mann?" Hat auch nachher ein Röllchen mit Talern ins Haus geschickt. — Aber der Postknecht und die Leute im Wachthause ließen sich nicht sehen vor dem Kaiser. Bartels-Wirth, Deutsches Lesebuch. Ziosr 'wsrMiÄs ^uoKz>eu «rt/ AvÄNLU KeuAsüu erstrobeu sre/r üöeu Äsn Hohnes. Dau uuMe sr's Jücü- au «str's söeu ua-r ststaucDuuuA auAe/rmuMMS DaoD sts^s cD'e öer<^ se^ nnc7 mre^/msr-t,' wenn r'oH NA^ srn Mnnss H«tte, mre/r ernZn/rü^en/" „ 77H müssen es er^KAen," s/)7'«s^ <7re /§e^weste7'„vrs?- /ere//7 we^t nns <7e?' 777'nc7 srn D/att oc7er' ern /7 era,?' /7«7me L». D«/? nns Aeär^ärA ö^er'ösn/^ k7n<7 es /so s ss^r- s^crs/e rn e/e?' 7^«e^/ ASAen L/or-Aen rv«r' t^re 7i7ä^e c^Me^c^^rnylencü nn<7 Kösr-LOA <7en Acrnssn D^n/§ wrec7sr' 15 mÄ <7r'6Lsm. Dr's. /§e^wes^e-'," s/»-ae^ <7«s srne D^So/se^en <7«, „wrV müssen ste^öen. ^«r-nm srn<7 wr'n sc> /»'ü/r «ns ^er- so^ütLsnc7en Di'cie Ae/commen? /e^ sr-^crAe es nre?rt/ re-^ /n^?e se/tvn, Me re/r A«W stas-' nnc7 sn Drs rse^e." D«s an^e^e antwortete: „Dnr- Destntct, Dectntct/ Ds weset nre^t Atere^ sc> 20 se^trmm wesctsn/ Ds rvrnct nns Aewr/§ Drt/e /eommen.^ Ds w«-'(7 7ÄA. DeT' TNmme^ w«-' ös-Mö^<, <77e i§e?rne ^am nre/^t «ns <^en <7M^e??r, so^rve^en 717) ^en ^e-'vo-'/ es ^re^ e^rv«s /§e^nee M<7 ^sAike sre^ nm <7re /^erme nm e7re L^nmen ^rei' M<7 <70^^ „^e^, rvre se^M^ ciernAt mr> <7ee /9e^nee 7ns (7esre/ri »'re/ 2z <7« <7«s srne 6^^öe7ee^sn rvrec^er'/ „c?crL« rveU t/er' sc> ^«u/r rrn /wn»en MS se/Iöst nre^t ^s^/sn,' aber- c7r's 77r'i/e rer^ nro^t ?a»Ae «n/ srs^ realen lassen/' 30 ^rn 71rA ve-'Ar'nA «nc/ neeü srn 71rF,' <7re Kae/ts^e/se /?eA vor-üöen rrnc7 r're/'.' „ITTrs so^ c^crs roe^sn?^ Dre De-'s^s, <7r'e se^on IssnnFSN H«tts, s«nA nre^t ms^,- <76^ Do^a-nmer' Lonnte sr'e^'s A«-' nreüt s7'/e^«esn nne7 «SAS-^s sre/r »'«s rmmer' <7ai"üösn, <7«/)' c^re Ai'o^sn Äaösn «ns <7sm 777r/c7 /e«men /e<7es Küs^ nnc^ 35 ^'s<7ss D/erss^ wsAN«/^men, c7as ^rncrnsAervoi^/en wcrr'c^. D« ««/" ernm«^ rvs^ts t7en TTrnci! /ene^t nn-7 ro«-'m/ ern mr/c^ee De wollten sie nicht müßig sein, solange sie noch Kräfte hätten, arbeiteten fort und fort uud beteten. Also geschah es, daß ihr Licht sieben Jahre brannte und ihr kleines bißchen Brot, von dem sie tagtäglich aßen, ging auch nicht aus, sondern blieb ebenso groß und sie meinten, die sieben Jahre wären nur ein Tag. Doch da sie sich nicht 20 ihr Haar schneiden und den Bart abnehmen konnten, waren diese ellenlang gewachsen. Die Weiber hielten unterdessen ihre Männer für tot, meinten, sie würden sie nimmermehr wiedersehen, und dachten daran, andere zu heiraten. Nun geschah es, daß einer von den dreien unter der Erde so 25 recht aus Herzensgrund wünschte: „Ach, könnt' ich noch einmal das Tageslicht sehen, so wollt' ich gerne sterben!" Der zweite sprach: „Ach, könnt' ich noch einmal daheim mit meiner Frau zu Tische sitzen und essen, so wollt' ich gerne sterben!" Da sprach auch der dritte: „Ach, könnt' ich nur noch ein Jahr friedlich und vergnügt »o mit meiner Frau leben, so wollt' ich gerne sterben!" Wie sie das gesprochen hatten, so krachte der Berg gewaltig und sprang voneinander. Da ging der erste hin zu dem Ritz nnd schaute hinaus und sah den blauen Himmel, und wie er sich am Tageslicht gefreut, sank er augenblicklich tot nieder. Der Berg aber tat sich immer mehr 35 voneinander, also daß der Riß größer ward; da arbeiteten die beiden - 169 — andern sort, hackten sich Treppen, krochen hinans und kamen endlich heraus. Sie gingen nun fort in ihr Dors und ihre Häuser und suchten ihre Weiber, aber die wollten sie nicht mehr kennen. Sie sprachen: „Habt ihr denn keine Männer gehabt?" „Ja," antworteten jene, 40 „aber die sind schon sieben Jahre tot und liegen im Kuttenberg begraben." Der zweite sprach zu seiner Frau: „Ich bin dein Mann," aber sie wollt' es nicht glauben, weil er den ellenlangen Bart hatte und ganz unkenntlich war. Da sagte er: „Hol mir das Bartmesser, das oben in dem Wandschrank liegen wird, und ein Stück Seise 45 dazu!" Nun nahm er sich den Bart ab, kämmte und wusch sich, und als er fertig war, sah sie, daß es ihr Mann war. Sie freute sich herzlich, holte Essen und Trinken, so gut sie es hatte, deckte den Tisch und sie setzten sich zusammen hin und aßen vergnügt mit¬ einander. Wie aber der Mann satt war und eben den letzten Bissen 5« Brot gegessen hatte, da siel er um und war tot. Der dritte Berg¬ mann wohnte ein ganzes Jahr in Stille und Frieden mit seiner Frau zusammen; als es aber herum war, fiel er zu derselben Stunde, da er aus dem Berg gekommen war, tot hin und seine Frau mit ihm. Also hatte Gott ihre Wünsche ihrer Frömmigkeit wegen erfüllt. 55 Brüder Grimm. 247. Das Bergwerk. Fritz ging einmal zum Bergmanns und sagte: „Lieber Berg¬ mann, ich möchte sehen, woher das Silber kommt." Da antwortete dieser: „Liebes Kind, das Silber steckt in Erzen, die aus der Erde gegraben werden." Fritz versetzte: „Dann will ich mit dir in die Erde steigen." Der Bergmann aber sagte: „In der Grube ist es dunkel s und sie ist tiefer als ein Brunnen. Wer da hinabfällt, kommt nimmer heraus." Fritz aber hatte guten Blut und sprach: „Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit und vor der Tiefe; ich will mich festhalten, damit ich nicht falle." Das freute den Bergmann und er sagte: „Wenn es so ist, will ich dich mitnehmen. Komni, zieh einen Bergmannskittel w an und binde dir eine Lederschürze hinten auf, so wie ich, nimm ein Lämpchen in die Hand und folge mir nach!" Dann setzten sie sich in einen großen Eimer und Fritz hielt sich an der Kette fest. Der Eimer wurde Hinuntergelaffen und es wurde 170 ts nun immer dunkler über ihnen, man sah die Sonne nicht mehr und von dem Himmel nur ein kleines Stück. Endlich war der Eimer auf dem Boden angelangt und sie stiegen aus. Hätten sie keine Lampen gehabt, wär' es wohl schlimm gewesen; denn da unten war es stock¬ finster. Da sagte der Bergmann: „Jetzt sind wir durch den Schacht, so nun müssen wir durch den Stollen gehen." Sie schritten durch einen langen, dunkeln Gang, welcher der Stollen heißt; dieser war so niedrig, daß der Bergmann sich bücken mußte; Fritz konnte zur Not aufrecht gehen. Endlich kamen sie zu den andern Bergleuten; die hatten Kittel an und Schürzen um wie 2"> Fritz und der Bergmann. Mit spitzigen Hacken hieben sie in den Felsen und sprengten große Stücke von einem glänzenden Steine ab; das war Erz. Einer aber lud das Erz in einen Karren und führte es zum Stollen hinaus bis unter den Schacht, wo Fritz herabgekommen war. Dort tat es ein anderer in den Eimer und die Bergleute, die 3v oben standen, haspelten diesen hinauf. Da fragte Fritz den Bergmann: „Wo ist denn das Silber?" „Ei," sagte der Bergmann, „das steckt in dem Erze! Wenn das ins Fener kommt, so schmilzt das Silber heraus; das geschieht aber nicht im Stollen, sondern oben im Schmelzofen." 35 Fritz betrachtete nun noch einmal die Bergleute in ihrem dunkeln Stollen, wie jeder sein Lämpchen an die Wand gehängt hatte und wie sie fleißig Erz abklopften und in den Karren luden. Auf einmal läutete die Abendglocke; da legten sie ihr Werkzeug beiseite und riefen: „Glück auf!" Das ist Bergmanns Gruß. Hierauf gingen sie an den 4ü Schacht und ließen sich nacheinander in dem Eimer hinaufwinden; Fritz nahmen sie auch mit. Wie freute er sich, als er wieder am Tageslichte war! Curt man. 248. Der zornige Towe. In einer großen Wildnis lebten viele und mancherlei Tiere ruhig und friedlich beisammen. Es ließ sich aber ebendaselbst auch ein großer, furchtbarer Löwe blicken, der ihre Ruhe störte; denn er raubte sich täglich etliche Tiere zur Speise. Sie lebten daher seinet- 5 wegen in beständiger Furcht und man beratschlagte hin und her, wie man doch den Löwen auf eine gute Art wegschaffen könnte. 171 Sie dachten her und dachten hin; die Furcht war groß und die Hoffnung, die Gefahr abzuwenden, war klein. Sie liefen umher so traurig und verscheucht: der Esel senkte seine Ohren rückwärts, der Hahn ging gar nicht mehr ans Tageslicht, der Hirsch hielt sich 10 verborgen, das Reh floh, kurz es war eine Verwirrung unter dem ganzen Tiergeschlechte, so daß keins mehr seine vorige Fröhlichkeit hatte, seit man gemerkt, daß ein Löwe in der Nähe sei. Nur der schlaue Fuchs hatte nicht allen Mut verloren. Heimlich war er schon dem Löwen nachgeschlichsn und hatte seine Wohnung is ausgekundschaftet; Tag und Nacht hatte er mit seinen Freunden beratschlagt; endlich war ihm ein Gedanke gekommen, den er gut ausführen zu können glaubte und der sie alle von ihrer Furcht erretten konnte. Sogleich machte er sich auf den Weg nach der Löwenhöhle. 20 Unterwegs nahm er einen grünen Zweig ins Maul, damit der Löwe sähe, daß er als Abgesandter komme. Am Eingänge der Höhle blieb er stehen, neigte zitternd den Kopf zur Erde und sagte mit bebender Stimme: „Vor allem bitte ich dich, Herr Löwe, du wollest mich wenigstens nur so lange leben lassen, bis ich ausgeredet 25 habe und bis du meinen Antrag gehört hast. Hernach magst du über mich beschließen, was dir beliebt; denn ich bin ja schon in deiner Gewalt." Eben hatte der Tierkönig sein Mittagsschläfchen gehalten und lag noch auf seinem Lager von Moos und Erde. Neben sich hatte er ::<> noch eine schöne Hälfte von einem jungen Reh liegen, das er heute erlegt hatte. Er war gerade bei guter Laune; deswegen ward er auf des Fuchses Anrede neugierig, was er wohl vorzutragen habe, und nickte ihm ganz gnädig zu, er sollte nur reden. Das ermutigte den Fuchs; er ging noch einen kleinen Schritt 35 vorwärts und redete ihn schon mit mehr Mnt an: „Ich bin von allen Tieren, die hier in der Gegend herum wohnen, zu dir gesandt. Ich soll dir sagen, wie wir alle deine Macht über uns anerkennen, dich zu unserm König wählen nnd dich bitten, du mögest uns gegen andere mächtige Feinde verteidigen und schützen. Zur Belohnung für 40 deine königliche Regierung sollst du auch in Zukunft keine Nahrungs¬ sorgen haben. Wir wollen täglich einen von uns durchs Los erwählen, den ich dir dann alle Morgen zur Speise bringen werde." - 173 - guckte er hinunter und rief den Löwen: „Komm, komm, da nuten steht er, da steht er!" Da ging der Löwe hin und guckte hinab, der Fuchs aber stellte sich zwischen seine Beine und sagte: „Sieh, sieh, er hat meinen Kameraden noch unversehrt zwischen seinen Füßen!" Und der Löwe sah 85 sein Bild und des Fuchses Bild abgespiegelt im Wasser und meinte, das sei der andere Löwe. Er schrie brüllend einen Schimpfnamen hinunter und hörte denselben Schimpfnamen wieder dumpf heraus¬ hallen; denn das Echo gab seine Stimme zurück. Und er meinte, der andere Löwe wolle seiner spotten. Da konnte er sich nicht mehr halten. oo Er sprang hinab und — lag im Wasser nnd konnte sich nirgends heraushelfen, denn der Brunnen war zu tief und die Wände umher bestanden aus lauter glatten, senkrechten Felsenplatten. Der Fuchs ries aber noch etliche Tiere aus der Nähe zusammen und nun warfen sie schnell Holz und Steine und, was sie fanden, aus den betrogenen »5 Löwen, bis er ertrunken war. Aber jetzt war Freude und Jubel im ganzen Tierreich und alles dankte dem Fuchse für die große Wohltat, die er dem Lande erwiesen hatte, und weit und breit rühmte man seine List. Auch bekam er von allen Geschenke, bald ein Huhn, bald eine Gans, bald wo Eier, bald Honig, bald Krebse, wie eben jedes so etwas in seiner Haushaltung erübrigen konnte. Und er führte ein herrliches Leben und pflegte sich in seinem Alter. Nach Grimm. 249. Gottes Fürsorge. 1. Weißt du, wieviel Sterne stehen An dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wieviel Wolken gehen Weithin über alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählet. Daß ihm auch nicht eines fehlet An der ganzen großen Zahl. 2. Weißt du, wieviel Mücklein spielen In der Hellen Sonnenglut? Wieviel Fischlein auch sich kühlen In der Hellen Wasserflut? 175 allerorts lernen, zufrieden zu sein mit seinem Schicksale, wenn auch nicht viele gebratene Tauben für ihn in der Luft Herumfliegen. Aber auf dem seltsamsten Umwege kam ein deutscher Handwerksbursche in 5 Amsterdam durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis. Als er nämlich in diese große und reiche Handelsstadt voll prächtiger Häuser, wogender Schiffe und geschäftiger Menschen gekommen war, fiel ihm sogleich ein großes und schönes Haus in die Augen, wie er auf feiner ganzen Wanderschaft noch keines gesehen hatte. Lange betrachtete er io mit Verwunderung dies kostbare Gebäude, die sechs Kamine auf dem Dache, die schönen Gesimse und die hohen Fenster, größer als an des Vaters Haus daheim die Tür. Endlich konnte er sich nicht enthalten, einen Vorübergehenden anzureden. „Guter Freund," redete er ihn an, „könnt Ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunder- 15 schöne Haus gehört?" Der Mann aber, der vermutlich etwas Wichtigeres zu tun hatte und zum Unglücke gerade so viel von der deutschen Sprache verstand als der Fragende von der holländischen, nämlich nichts, sagte kurz: „Kannitverstan!" und eilte weiter. Dies war nun ein holländisches Wort oder drei, wenn man's recht betrachtet, 20 und heißt auf deutsch so viel wie: Ich kaun Euch nicht verstehen. Aber der gute Fremdling glaubte, es sei der Name des Mannes, nach dem er gefragt hatte. „Das muß ein grundreicher Mann sein, der Herr Kannitverstan," dachte er und ging weiter. Gasse aus, Gasse ein kam er endlich an den Hafen. Da stand 25 nun Schiss an Schiff und Mastbaum an Mastbaum und er wußte anfänglich nicht, wie er es mit seinen einzigen zwei Augen durchsechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genau zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schiss seine Aufmerksamkeit auf sich zog, das vor kurzem aus Ostindien angelaugt war und jetzt eben ausgeladen so wurde. Schon standen ganze Reihen von Kisten und Ballen aus- und nebeneinander am Lande. Noch immer wurden mehr herausgewälzt und Fässer voll Zucker und Kaffee, voll Reis und Pfeffer. Als er aber lange zugesehen hatte, fragte er endlich einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraustrug, wie denn der glückliche Mann heiße, dem s5 das Meer alle diese Waren an das Land bringe. „Kannitverstan!" war die Antwort. Da dachte er: „Haha, kein Wunder! Wem das Meer solche Reichtümer an das Land schwemmt, der kann gut solche Häuser bauen." 176 40 Jetzt ging er wieder zurück und stellte eine recht traurige Betrachtung bei sich selbst an, was er für ein armer Mensch sei unter so vielen reichen Leuten in der Welt. Aber als er eben dachte: „Wenn ich's doch nur auch einmal so gut bekäme, wie dieser Herr Kannitverstan es hat!" kam er um die Ecke und erblickte einen großen Leichenzug. 45 Vier schwarz vermummte Pferde zogen einen ebenfalls schwarz über¬ zogenen Leichenwagen langsam und traurig, als ob sie wüßten, daß sie einen Toten in seine Ruhe führten. Ein langer Zug von Freunden und Bekannten des Verstorbenen folgte nach, Paar um Paar, verhüllt in schwarze Mäntel und stumm. In der Ferne läutete ein einsames so Glöcklein. Jetzt ergriff unfern Fremdling ein wehmütiges Gefühl, das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht, und er blieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis alles vorüber war. Doch machte er sich an den letzten vom Zuge, ergriff ihn sachte am Mantel und bat ihn treuherzig um Entschuldigung. 55 „Das muß wohl auch ein guter Freund von Euch gewesen sein," sagte er, „dem das Glöcklein läutet, daß Ihr so betrübt und nach¬ denklich mitgeht?" „Kannitverstan!" war die Antwort. Da fielen uuserm guten Handwerksburschen ein paar große Tränen aus den Augen und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums oa Herz. „Armer Kannitverstan!" rief er aus, „was haft du nun von all deinem Reichtume? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch." Mit diesen Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bis ans Grab, sah den ver¬ meintlichen Herrn Kannitverstan hinabsenken in seine Ruhestätte und 65 ward von der holländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt als von mancher deutschen, auf die er nicht achtgab. Endlich ging er leichten Herzens mit den andern wieder fort, verzehrte in seiner Herberge, wo man deutsch verstand, mit gutem 7o Appetit ein Stück Limburger Käse, und wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab. Nach Hebel. 177 262. Me Eisenbahn. Laßt uns jetzt in den Bahnhof gehen und sehen, wie ein Wagen¬ zug mit dem vorgespannten Dampfwagen, der Lokomotive, dahergebraust kommt! Beim Fahren auf der Eisenbahn spürt man kein so starkes Rumpeln und Rütteln, wie dies bei anderen Wagen der Fall ist; denn die 5 Räder der Eisenbahnwagen laufen auf glatten Eisenschienen. Die Wagenkasten liegen nicht auf den Achsen wie bei dem Leiterwagen, sondern werden von starken Federn aus Stahl getragen. Das Gewicht der Lokomotive ist sehr bedeutend; denn sie besteht aus großen Teilen von Eisen, Kupfer und Messing. Sie hat ein u> Feuerloch, das dem eines Kochofens gleicht. Über dem Feuer befindet sich ein großer Wasserkessel, der ringsum verschlossen ist. Dort wird Dampf entwickelt, der die Lokomotive in Bewegung setzt. Der Mann, der sie leitet, heißt Lokomotivführer. Er kann den Dampf durch eine Pfeife herauslassen, die oben am Kessel angebracht t» ist; das gellt so laut, daß es in den Ohren sanft. Manchmal muß eine Lokomotive dreißig und noch mehr Wagen ziehen mit schweren Gütern und Hunderten von Personen. Nun wollen wir uns an der Kasse Fahrkarten nehmen und in einen Waggon des Zuges steigen. Aber fürchtet euch nicht, wenn wir 20 durch den Tunnel fahren; so nennt man einen durch einen Berg ge¬ grabenen Stollen, durch den der Eisenbahnzug seinen Weg nimmt. Eine Zeitlang fährt man da ganz im Finstern. Umso größer ist nachher die Freude, wenn der Zug aus dem Tunnel herauskommt und es auf einmal wieder hell wird. r.-> Nach Feix und Jung. Aus Ku mm er - Bran ky -H o fb au er s Lesebuch. 263. Eine Geschichte von Rübezahl. Eines Tages sonnte sich Rübezahl, der schelmische Geist des Riesengebirges, an der Hecke seines Gartens. Da kam ein Weiblein daher und erregte durch ihren sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit. Sie hatte ein Kind auf dem Arme, eines trug sie auf dem Rücken, eines leitete sie an der Hand und ein etwas größerer Knabe trug s einen leeren Korb nebst einem Rechen; denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Leseb. f. slow.-utraquist. Mittelsch. 1. u. 2. Kl. (N) 42 178 „Eme Mutter," dachte Rübezahl, „ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf! Schleppt sich da mit vier Kindern, wartet dabei ihres Berufes w ohne Murren und wird sich noch mit der Bürde des Korbes belasten müssen!" Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutmütige Stimmung und er war geneigt, sich mit der Frau in eine Unterredung einzulasfen. Die Frau setzte ihre Kinder auf den Rasen und streifte Laub von den Büschen; indessen wurde den Kleinen die Zeit lang und sie 15 fingen an, heftig zu schreien. Alsbald verließ die Mutter ihr Geschäft, spielte und tändelte mit den Kindern, wiegte sie in Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit. Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer und sie fingen ihren Gesang von neuem an; die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig, sie lief ins Holz, pflückte Erdbeeren 20 und Himbeeren und brachte sie den Kindern. Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rücken ritt, wollte sich durchaus nicht befriedigen lassen, war ein eigensinniger, störriger Junge, der die Erdbeeren, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf und dazu schrie, als wenn er gespießt wäre. Darüber riß ihr doch endlich die Geduld. 25 „Rübezahl," rief sie, „komm und hole den Schreier!" Augenblicks erschien Rübezahl in Köhlergestalt, trat zum Weibe und sprach: „Hier bin ich, was ist dein Begehr?" Die Frau geriet über die Erscheinung in großen Schrecken; da sie aber ein herzhaftes Weib war, sammelte sie sich bald und faßte Mut. „Ich rief dich nur," 30 sprach sie, „meine Kinder schweigen zu machen; nun sie ruhig sind, bedarf ich deiner nicht. Habe Dank für deinen guten Willen!" „Weißt du auch," entgegnete Rübezahl, „daß man mich hier nicht ungestraft ruft? Ich halte dich beim Worte, gib mir deinen Schreier!" Darauf streckte er die rußige Hand nach dem Knaben aus. 85 Wie eine Gluckhenne mit dem stärkeren Feinde einen ungleichen Kampf beginnt, so fiel das Weib dem schwarzen Köhler wütend in den Bart und rief: „Das Herz mußt du mir erst aus dem Leibe reißen, ehe du mir mein Kind raubst!" Eines so mutvollen Angriffes hatte sich Rübezahl nicht versehen; 4v lachend wich er zurück. Das Weib, das sich bald beruhigt fühlte, raffte nun das Laub in den Korb und band oben darauf den kleinen Schreier. Weil aber die Bürde allzufchwer war, half ihr Rübezahl den Korb aufnehmen. Darauf ging sie ihres Weges. 179 Je weiter sie ging, desto schwerer wurde der Korb, so daß sie 45 unter der Last schier erlag und alle zehn Schritte ausschnaufen mußte. Das schien ihr nicht mit rechten Dingen zuzugehen; sie wähnte, Rübezahl habe ihr einen Possen gespielt und Steine unter das Laub gelegt; darum setzte sie den Korb auf den nächsten Rand und stürzte ihn um. Doch es fielen nur Laubblätter heraus und keine Steine. Also 50 füllte sie ihn wieder zur Hälfte und raffte noch so viel Laub ins Vortuch, als sie darin fassen konnte; aber bald wurde ihr die Last von neuem zu schwer und sie mußte nochmals ausleeren. Die rüstige Frau hatte gar oft Graslasten heimgetragen, doch solche Mattigkeit noch nie gefühlt. Dessenungeachtet besorgte sie bei ihrer Heimkunft den Haushalt, warf 55 den Ziegen und den jungen Zicklein das Laub vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie in den Schlaf, betete ihr Abendgebet und schlief fröhlich ein. Die Morgenröte weckte das geschäftige Weib zu ihrem Tage¬ werke aus dem gesunden Schlafe. Sie ging zuerst mit dem Melkfasse «>» ihrer Gewohnheit nach zum Ziegenstalle. Welch ein schreckenvoller Anblick! Das gute Haustier, die alte Ziege, lag da, starr und steif, hatte alle Viere von sich gestreckt und war verschieden; die Zicklein aber verdrehten die Augen gräßlich im Kopfe, streckten die Zunge weit heraus und gewaltsame Zuckungen verrieten, daß sie der Tod o; ebenfalls schüttelte. So ein Unglücksfall war der guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betäubt vom Schrecken sank sie auf ein Bündlest: Stroh hin, hielt die Schürze vor die Augen und seufzte tief: „Ich unglückliches Weib, was fang' ich an?" Wie sie die Augen aufschlug, lag vor ihren Füßen ein Blättlein, 70 das schimmerte und blinkte so hell und hochgelb wie gediegenes Gold; sie hob es auf, besah's und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie auf, lief damit zu ihrer Nachbarin und zeigte ihr den Fund. Diese erkannte das Blatt für reines Gold und zählte ihr dafür fünf Gulden bar auf den Tisch. Vergessen war nun alles Herzeleid. Solchen Schatz 75 an Barschaft hatte das arme Weib noch nicht in ihrem Besitze gehabt. Sie lief zum Bäcker und kaufte Brot und Semmeln. Wie zappelten die Kleinen der fröhlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat und ihnen das Frühstück austeilte! Sie überließ sich ganz der mütterlichen Freude, die hungrige Kinderschar zu sättigen, und nun war ihre nächste Sorge, 80 das tote Vieh beiseite zu schaffen. Aber ihr Erstaunen ging über t2* 181 Schmutz und die großen, hängenden Ohren verdecken beinahe ihre Augen. Sie sehen gar unsauber aus und doch wird uns der Schweine- »o braten wohlschmecken. Ihre Borsten wird der Bürstenbinder zu Bürsten verwenden." „Kikeriki!" rief es lustig. Das war der Haushahn. Er stand auf einem Düngerhaufen und streckte den Hals mit den glänzenden Federn gar stolz in die Höhe. Dann nickte er mit dem Kopfe, auf dem »s er den roten Kamm wie eine Krone trug. Gern hätte ich ein paar Federn aus seinem Schwänze gehabt; aber die läßt sich der Hahn nicht nehmen. „Gluck, Gluck!" rief ängstlich die alte Henne. Da kamen die Küchlein herbei und krochen unter die Flügel der Mutter. 4g Gänse und Enten, große und kleine, schwammen auf dem Teiche umher; sie tauchteu kopfunter ins Wasser und reckten ihre Beinchen in die Höhe. Der Truthahn im Hof kollerte, der Pfau schrie. Was für schöne Federn sah ich in seinem Schwänze, als er ein Rad schlug! 45 Aber seine Stimme klingt doch gar nicht schön. Auf hoher Säule stand das Taubenhaus. Friedlich flogen die zierlichen Tauben aus und ein. Als die Sonne unterging, kamen die Knechte mit den Pferden vom Felde. Der Bauer hob mich auf den großen Rappen und auf so dem ritt ich in den Stall. K u m m e r - Br a n ki) - H o fb a uer, Lesebuch. 255. lbieä eines ^.rnien. 1. lob. bin so Aar oin arwor Nanu lluä Kobo Ag,n2 allein; lob inöobto v/obl nur einmal uoob llsobt lroben lckntes sein. 2. In meiner lieben Litern Haus ^Var iob ein trobes Land; Oer bittre Xnmmer ist mein Doil, Leit Zis begraben sind. 182 3. Der lloioliou (lartM soli' ic:Ii. dlülin, lolr soll die Aoläns 8aut; Nein ist der untruolatbars lV^oZ, Don 8or§' und Nülro trat. 4. Doolr ^oil' iob. Korn mit stillsm lVsu In ckroliou Nonsolron 8oliveunm UM 'nmusolro sodom Anton 1'uA 8o doNLlioli und so vrarm. 5. 0 roioiior Dott! Du lioüost dood i^ioirt AÄmr mioie tnoudouloor! Din sükor Drost lür allo lVsit DnAis6t siola Dimmollior. 6. Ilooli steift in sodom Dörlioin su Dein lioili^ Daus empor; Dio OrZol und der OlrorAosunA Drtönot sodom Odr. 7. Hood. louolrtot 8onno, Nond und 8toru 8o liotzsvoli uuolr mir, lind vonn die ^.dondKloolro lruilt, Du rod' iod, Dorr, mit dir. 8. Diust ötlnot Modern 6-ntsn sieii Ooin iioiior DrondonsLÄl; Dann Minin' Lnoir ioii im Doiorlcioid lind sot^o mioli ans Ngld. 286. Hans im Glück. Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient, da sprach er zu ihm: „Herr, meine Zeit ist herum, nun wollt' ich gern wieder heim zu meiner Mutter, gebt mir meinen Lohn!" Der Herr antwortete: „Du hast mir treu und ehrlich gedient; wie der Dienst war, so soll s der Lohn sein," und gab ihm ein Stück Gold, das so groß wie Hansens Kopf war. Hans zog sein Tüchlein ans der Tasche, wickelte den Klumpen hinein, setzte ihn aus die Schulter und machte sich aus den Weg nach Haus. 183 Wie er so dahinging und immer ein Bein vor das andere setzte, kam ihm ein Reiter in die Augen, der frisch und fröhlich auf einem 10 muntern Pferde vorbeitrabte. „Ach," sprach Hans ganz laut, „was ist das Reiten ein schönes Ding! Da sitzt einer wie auf einem Stuhl, stößt sich an keinen Stein, spart die Schuhe und kommt fort, er weiß nicht wie." Der Reiter, der das gehört hatte, rief ihm zu: „Ei, Hans, warum läufst du auch zu Fuß?" „Ich muß ja wohl," is antwortete er, „da habe ich einen Klumpen heimzntragen; es ist zwar Gold, aber ich kann den Kopf dabei nicht grad halten, auch drückt mir's auf die Schulter." „Weißt du was," sagte der Reiter und hielt an, „wir wollen tauschen: ich gebe dir mein Pferd und du gibst mir deinen Klumpen." „Von Herzen gern," sprach Hans, so „aber ich sage Euch, Ihr müßt Euch damit schleppen." Der Reiter stieg ab, nahm das Gold und hals dem Hans hinauf, gab ihm die Zügel fest in die Hände und sprach: „Wsun's nun recht geschwind gehen soll, so milßt du mit der Zunge schnalzen nnd hopp, hopp! rufen." Hans war seelensroh, als er auf dem Pferde saß und so frank 25 und frei dahinritt. Über ein Weilchen fiel's ihm ein, es sollte noch schneller gehen, und er fing an, mit der Znnge zu schnalzen und hopp, hopp! zu rufen. Das Pferd setzte sich in starken Trab, und ehe sich's Hans versah, war er abgeworfen und lag in einem Graben, der die Äcker von der Landstraße trennte. Das Pferd wäre auch M durchgegangen, wenn es nicht ein Bauer aufgehalten hätte, der des Weges kam und eine Kuh vor sich her trieb. Hans suchte seine Glieder zusammen und machte sich wieder auf die Beine. Er war aber verdrießlich und sprach zu dem Bauer: „Es ist ein schlechter Spaß, das Reiten, zumal wenn man ans so eine Mähre gerät wie diese, 35 die stößt und einen herabwirft, daß man den Hals brechen kann; ich setze mich nun und nimmer wieder auf. Da lob' ich mir Eure Kuh; da kann einer mit Gemächlichkeit hinterher gehen und hat obendrein seine Milch, Butter und Käse jeden Tag gewiß. Was gab' ich drum, wenn ich so eine Kuh hätte!" „Nun," sprach der Bauer, „geschieht w Euch ein so großer Gefallen, so will ich Euch wohl die Kuh für das Pferd vertauschen." Hans willigte mit tausend Freuden ein, der Bauer schwang sich aufs Pferd und ritt eilig davon. Hans trieb seine Kuh ruhig vor sich her und bedachte den glücklichen Handel. „Hab' ich nur ein Stück Brot, und daran wird 45 184 mir's doch nicht fehlen, so kann ich, sooft mir's beliebt, Butter und Käse dazu essen: hab' ich Durst, so melke ich meine Kuh und trinke Milch. Herz, was verlangst du mehr?" Als er zu einem Wirtshause kam, machte er halt, aß in der großen Freude alles, was er bei sich 5« hatte, sein Mittag- und Abendbrot rein auf und ließ sich für seine letzten paar Heller ein halbes Glas Bier einschenkeu. Dann trieb er seine Kuh weiter, immer nach dem Dorfe seiner Mutter zu. Die Hitze wurde aber drückender, je näher der Mittag kam, und Hans befand sich in einer Heide, die wohl noch eine Stunde dauerte. Da wurde 55 es ihm ganz heiß, so daß ihm vor Durst die Zunge am Gaumen klebte. „Dem Ding ist zu helfen," dachte Hans, „jetzt will ich meine Kuh melken und mich an der Milch laben." Er band sie an einen dürren Baum, und da er keinen Eimer hatte, so stellte er seine Ledermütze unter; aber wie er sich auch bemühte, es kam kein Tropfen 6v Milch zum Vorschein. Und weil er sich ungeschickt dabei anstellte, so gab ihm das ungeduldige Tier endlich mit einem der Hinterfüße einen solchen Schlag vor den Kopf, daß er zu Boden taumelte und eine Zeitlang sich gar nicht besinnen konnte, wo er war. Glücklicher¬ weise kam gerade ein Metzger des Weges, der auf einem Schubkarren 65 ein junges Schwein liegen hatte. „Was sind das für Streiche!" ries er und half dem armen Hans auf. Hans erzählte, was vorgefallen war. Der Metzger reichte ihm die Flasche und sprach: „Da trinkt einmal und erholt Euch! Die Kuh will wohl keine Milch geben? Das ist ein altes Tier, das höchstens noch zum Ziehen taugt oder 7o zum Schlachten." „Ei, ei," sprach Hans und strich sich die Haare über den Kopf, „wer hätte das gedacht! Es ist freilich gut, wenn man so ein Tier fürs Haus abschlachten kann, was gibt's für Fleisch! Aber ich mache mir aus dem Kuhfleisch nicht viel, es ist mir nicht saftig genug. Ja, wer so ein junges Schwein hätte! Das schmeckt 75 anders, dabei noch die Würste!" „Hört, Hans!" sprach da der Metzger, „Euch zuliebe will ich tauschen und will Euch das Schwein für die Kuh lassen." „Gott lohn' Euch Eure Freundschaft!" sprach Hans, übergab ihm die Kuh und ließ sich das Schweinchen vom Karren losmachen und den Strick, woran es gebunden war, in die so Hand geben. Hans zog weiter und überdachte, wie ihm doch alles nach Wunsch ginge; begegnete ihm ja eine Verdrießlichkeit, so würde sie doch 185 gleich wieder gut gemacht. — Es gesellte sich darnach ein Bursche zu ihm, der eine schöne, weiße Gans unter dem Arme trug. Sie wünschten einander einen guten Tag und Hans fing an, ihm von seinem Glück 85 zu erzählen und wie er immer so vorteilhaft getauscht hätte. Der Bursche erzählte ihm, daß er die Gans zu einem Kindstaufschmause bringe. „Hebt einmal," fuhr er fort und packte sie bei den Flügeln, „wie schwer sie ist! Die ist aber auch acht Wochen lang genudelt worden. Wer in den Braten beißt, muß sich das Fett von beiden so Seiten abwischen." „Ja," sprach Hans und wog sie mit der einen Hand, „die hat ihr Gewicht, aber mein Schwein ist auch keine San." Indessen sah sich der Bursche nach allen Seiten ganz bedenklich um, schüttelte auch wohl mit dem Kopfe. „Hört," fing er darauf an, „mit Eurem Schwein mag's nicht ganz richtig sein. In dem Dorfe, ss durch das ich gekommen bin, ist eben dem Bürgermeister eins aus dem Stall gestohlen worden. Ich fürchte, ich fürchte, Ihr habt's da in der Hand. Sie haben Leute ausgeschickt und es wäre ein schlimmer Handel, wenn sie Euch mit dem Schweine erwischten: das geringste ist, daß Ihr ins finstere Loch gesteckt werdet." Dem guten Hans 100 ward bang. „Ach Gott," sprach er, „helft mir aus der Not! Ihr wißt hier herum bessern Bescheid; nehmt mein Schwein da und laßt mir Eure Gans!" „Ich muß schon etwas aufs Spiel setzen," antwortete der Bursche, „aber ich will doch nicht schuld sein, daß Ihr ins Unglück geratet." Er nahm also das Seil in die Hand und ivs trieb das Schwein schnell auf einem Seitenwege fort; der gute Hans aber ging, seiner Sorgen entledigt, mit der Gans unter dem Arme der Heimat zu. „Wenn ich's recht überlege," sprach er zu sich selbst, „habe ich noch Vorteil bei dem Tausche: erstlich den guten Braten, hernach die Menge von Fett, die herausträufeln wird, das gibt 110 Gänsefettbrot auf ein Vierteljahr; und endlich die schönen, weißen Federn, die lass' ich mir in mein Kopfkissen stopfen und darauf will ich wohl ungewiegt einschlafen. Was wird meine Mutter für eine Freude haben!" Als er durch das letzte Dorf gekommen war, stand da ein 11s Scherenschleifer mit seinem Karren, sein Rad schnurrte und er sang dazu: „Ich schleife die Schere und drehe geschwind Und hänge mein Mäntelchen nach dem Wind." 186 is» Hans blieb stehen und sah ihm zu; endlich redete er ihn an und sprach: „Euch geht's wohl, weil Ihr so lustig bei Eurem Schleifen seid." „Ja," antwortete der Scherenschleifer, „das Handwerk hat einen goldenen Boden. Ein rechter Schleifer ist ein Mann, der, sooft er in die Tasche greift, anch Geld darin findet. Aber wo habt 125 Ihr die schöne Gans gekauft?" — „Die hab' ich nicht gekauft, sondern für mein Schwein eingetauscht." — „Und das Schwein?" — „Das hab' ich für eine Kuh gekriegt." — „Und die Kuh?" — „Die hab' ich für ein Pferd bekommen." — „Und das Pferd?" — „Dafür hab' ich einen Klumpen Gold, so groß wie mein Kopf, gegeben." — 130 „Und das Gold?" — „Ei, das war mein Lohn für sieben Jahre Dienst." — „Ihr habt Euch jederzeit zu helfen gewußt, sprach der Schleifer; könnt Jhr's nun dahin bringen, daß Ihr das Geld in der Tasche springen hört, wenn Ihr anfsteht, so habt Ihr Euer Glück gemacht." „Wie soll ich das anfangen?" sprach Hans. „Ihr müßt 135 ein Schleifer werden wie ich; dazu gehört eigentlich nichts als ein Wetzstein, das andere findet sich schon von selbst. Da hab' ich einen, der ist zwar ein wenig schadhaft, dafür sollt Ihr mir aber auch weiter nichts als Eure Gans geben; wollt Ihr das?" „Wie könnt Ihr noch fragen?" antwortete Hans, „ich werde ja zum glücklichsten 140 Menschen auf Erden; habe ich Geld, sooft ich in die Tasche greife, was brauche ich da länger zu sorgen?" reichte ihm die Gans hin und nahm den Wetzstein in Empfang. „Nun," sprach der Schleifer und hob einen gewöhnlichen schweren Feldstein, der neben ihm lag, auf, „da habt Ihr noch einen tüchtigen Stein dazu, auf dem sich's 145 gut schlagen läßt und Ihr Eure Nägel gerade klopfen könnt. Nehmt ihn und hebt ihn ordentlich auf!" Hans lud die Steine auf und ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine Augen leuchteten vor Freude. „Ich muß in einer Glückshaut geboren sein," rief er aus, „alles, was ich wünsche, trifft 150 mir ein wie einem Sonntagskind!" Indessen, weil er feit Tages¬ anbruch auf den Beinen gewesen war, begann er müde zu werden; auch plagte ihn der Hunger, da er allen Vorrat auf einmal in der Freude über die erhaltene Kuh aufgezehrt hatte. Er konnte endlich nur mit Mühe weitergehen und mußte jeden Augenblick Haltmachen, 155 dabei drückten ihn die Steine ganz erbärmlich. Da konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, wie gut es wäre, wenn er sie gerade jetzt 187 nicht zu tragen brauchte. Wie eine Schnecke kam er zu einem Feld¬ brunnen geschlichen, wollte da ruhen und sich mit einem frischen Trunk laben; damit er aber die Steine im Niedersitzen nicht beschädigte, legte er sie bedächtig neben sich auf den Rand des Brunnens. Darauf wo setzte er sich nieder und wollte sich zum Trinken bücken: da versah er's, stieß ein klein wenig an und beide Steine plumpsten hinab. Hans sprang, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hatte versinken sehen, vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott mit Tränen in den Augen, daß er ihm auch diese Gnade erwiesen und w.'> ihn auf eine so gute Art, und ohne daß er sich einen Vorwurf zu machen brauchte, von den schweren Steinen befreit hätte, die ihm allein noch hinderlich gewesen wären. „So glücklich wie ich," rief er aus, „gibt es keinen Menschen unter der Sonne!" Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner so Mutter war. Brüder Grimm. 257. Der brave Bauersmann. In dem schönen Lande Italien liegt an dem Flusse Etsch eine Stadt, die heißt Verona. Über den Fluß führte vor Jahren eine schöne Brücke, auf deren mittelstem Pfeiler ein Häuschen stand. In diesem Häuschen lebte ein Mann, der den Brückenzoll von Vorüber¬ gehenden oder -fahrenden einnahm und deswegen von den Leuten s kurzweg der Zöllner genannt wurde. In einem strengen Winter war der Etschfluß dick zugefroren, und weil plötzlich starkes Tauwetter eintrat, so schmolz der Schnee in den Gebirgen und Ströme Wassers stürzten herab und schwellten den Fluß so sehr an, daß er die Eisdecke zerbrach, ehe man sich io dessen versah. Das Eis schwamm in mächtigen Stücken gegen die Brücke und riß, ehe der Zöllner mit Frau und Kindern flüchten konnte, hüben und drüben die Brückenbogen nieder, so daß er nirgends mehr einen Ausweg fand. Das Eis drang immer zerstörender und gewaltiger heran, zertrümmerte nach und nach das übrige feste 15 Gemäuer der Brücke und nach wenigen Stunden war nichts mehr davon übrig als der einzige Pfeiler, auf dem des Zöllners Häuschen stand. Der Unglückliche, der seinen eigenen und seiner ganzen Familie Tod vor Augen sah, jammerte händeringend nach Hilfe. Aber obwohl 188 2« viele Menschen an beiden Ufern des Flusses standen und auch Nachen zur Hand waren, so hatte doch niemand den Mut, den Kahn durch die rollenden Eisschollen zu zwingen, um den verzweifelnden Zöllner mit seiner Familie zu erretten. Ein reicher Graf sprengte heran, hielt einen mit Gold gefüllten 2L Beutel in die Höhe und rief: „Dies zur Belohnung dem, der es wagt, die unglückliche Familie des Zöllners zu retten!" Die umstehende Menge vernahm die Worte des edlen Grafen; aber keiner fand sich, das Wagestück zu versuchen, so lockend auch der Preis in den Ohren erklang. so Schon gab man alle Hoffnung für die Bedrängten auf; da schritt ein schlichter Landmann durch die Menge an das Ufer, löste einen Nachen, sprang hinein und zwängte mit starkem Arme und hohem Mute den Kahn durch das krachende Eis und durch die rauschenden Wogen. Mit bangem Herzen schaute ihm die Menge nach, s.-> mit baugem Herzen erwartete der Zöllner seinen Reiter. Glücklich kam dieser an; aber der Nachen war zu klein, die ganze Familie zu fassen. Und dreimal wiederholte der Landmann sein kühnes Beginnen, dreimal fuhr er an den Pfeiler und wieder zurück und ruhte nicht, bis ihm die edle Tat ganz gelungen war. 40 Die Geretteten überhäuften ihn mit Danksagungen und der Graf überreichte ihm den Beutel mit Goldstücken. Aber diesen wies der Landmann zurück. „Nicht für Geld," sagte er, „Habs ich mein Leben gewagt. Schenkt es dem armen Zöllner, der all sein Hab und Gut verloren hat!" 45 Ohne eine Antwort abzuwarten, zerteilte er die Menge der Umstehenden und verschwand in der Ferne. Lauter Beifallsruf folgte ihm uach. Sein Name ist nicht bekannt geworden, aber der liebe Gott im Himmel kennt ihn und wird den schlichten Landmann segnen für so seinen Edelmut. Franz Hoffmann. 288. Das Wauprnnest. Henriette machte einmal des Abends mit ihrer Mutter einen Spaziergang in das Feld. Sie war von ihr dazu gewöhnt, alles mit Aufmerksamkeit zu betrachten, was um sie her war. Dieses tat sie 189 auch jetzt. Auf einmal blieb sie stehen und rief: „Mutter, Mutter, komm geschwind her und sieh, was das ist!" 5 Die Mutter kam und siehe, da war ein Nesselbusch, der ganz mit Raupen bedeckt war — lauter häßliche, schwarze Tiere mit stachlichtem Rücken und grünen Streifen zwischen den Stacheln. „Soll ich die Raupen tottreten?" fragte Henriette. „Nein," sagte die Mutter, „denn wie du siehst, nähren sie sich von den Nesseln und 10 sind also nicht schädlich. Wenn sie aber auf einem Kirschbaume oder aus einer anderen nützlichen Pflanze säßen, dann dürstest du sie als schädliche Tiere tottreten. Höre, wie du dir mit diesen Tierchen eine recht große Freude machen kannst. Nimm sie mit nach Hause und füttere sie!" 15 „Ach ja," sagte Henriette, „das will ich tun." — Sie griff hastig zu, zog aber sogleich schreiend ihre Hand zurück, denn sie hatte nicht bedacht, daß die Nesseln brennen. „Kannst du denn die Nesseln nicht abreißen, ohne daß sie dich brennen?" fragte die Mutter. Jetzt besann sich Henriette, zog das Schnupftuch aus der Tasche, wickelte 20 es um die Hand und riß nun behutsam die Nesseln ab. Freudig trug sie die Raupen nach Hause, steckte sie mit den Nesseln in ein großes Glas, das ihr die Mutter dazu gab und band ein Papier darüber. „Aber willst du denn, daß deine Raupen ersticken sollen?" fragte die Mutter. „Nein, das will ich nicht," antwortete Henriette. „Nun, 25 so mußt du kleine Löcher in das Papier stechen, damit frische Luft in das Glas kommt." — Dies tat Henriette und hatte ihre Freude daran zu sehen, wie die Raupen ein Blatt nach dem andern absraßen. Als am anderen Tage Henriette ihr Frühstück verzehrt hatte, fragte die Mutter: „Hast du denn auch an die Raupen gedacht und so ihnen ihr Frühstück gegeben?" „O," sagte Henriette, „die Raupen haben noch das ganze Glas voll Nesseln." „Aber sieh sie an," sagte die Blutter, „ob sie nicht ganz vertrocknet sind! Dürre Nesseln können doch die armen Tiere nicht fressen. Da du die Gäste einmal angenommen hast, so ist es auch deine Pflicht, ihnen alle Tage frische »K Nesseln zu holen und sie gut zu ernähren; denn sie selbst können es nun nicht mehr, da ihnen die Freiheit genommen ist." — Dies merkte sich Henriette und vergaß ihre kleinen Gäste nicht weiter. Fünf Tage hatte sie ihnen nun reichlich Futter gegeben und fröhlich zugesehen, wie sie es verzehrten. Am sechsten Tage wollte sie 40 190 ihnen auch Futter geben; aber, o Wunder! da sie das Papier weg¬ nehmen wollte, hatten sich alle Raupen darangehängt. Mit den Hinterfüßen saßen sie teils am Papier, teils am Glase so fest, als ob sie angeleimt wären. Geschwind lief Henriette zur Mutter und 45 zeigte ihr die aufgehängten Raupen. Besorglich fragte sie: „Aber was fehlt ihnen denn, liebe Mutter? Ich habe sie alle Tage so reichlich gefüttert und nun werden sie mir doch sterben." „Sei ruhig," antwortete die Mutter, „sie werden nicht sterben, sondern dir noch viele Freude machen. Laß sie nur ungestört hangen!" — Das tat so Henriette und machte ganz behutsam das Glas wieder zu. Kaum war sie am folgenden Tage aus dem Bette, so lief sie nach dem Glase und siehe, da gab es schon wieder etwas Neues. Die Raupen waren verschwunden und nun hingen lauter länglichrunde Püppchen da mit einer kleinen Krone auf dem Kopfe. Sie lebten und bewegten sich hin 55 und her. Henriette machte große Augen, schlug die Hände zusammen und wußte nicht, was sie dazu sagen solle. Endlich rief sie: „Blutter, Mutter, komm geschwind herbei und sieh, was aus meinen Raupen geworden ist!" „Habe ich dir nicht gesagt," antwortete die Mutter, „daß sie dir noch viele Freude machen würden? Betrachte sie nur »o genau; sie haben ihre Häute abgestreift, die du hier hangen siehst, und haben sich verwandelt in Dinger, die man Puppen nennt. Laß sie nur haugeu und sieh alle Tage nach dem Glase; vielleicht erblickst du etwas, das dir noch mehr Freude macht!" Henriette vergaß nicht, alle Tage' nach dem Glase zu sehen; «5 aber ihrer Ungeduld währte es zu lange, ehe sie wieder eine Ver¬ änderung benierkte, und beinahe hatte sie schon alle Hoffnung auf¬ gegeben. — Einige Wochen waren schon vergangen, als Henriette auch einmal wieder uach ihrem Glase sah und was erblickte sie? Da war alles in dem Glase voll schöner, bunter Schmetterlinge. „Ach, 7a sieh doch, liebste Mutter," rief sie, „was in meinem Glase ist!" Lächelnd kam die Mutter, und als nun beide genauer zusahen, erblickten sie ein neues Wunder. Ei» Schmetterling, der in einer Puppe steckte, drückte mit seinen zarten Füßchen die Pnppe voneinander und kroch heraus. Seine Flügel waren ganz klein und zusammengerollt 75 wie ein Stück Papier. Er lief geschwind am Glase hinauf und hängte sich an das Papier. Die Flügel wuchsen fast sichtlich und nach einer Viertelstunde hingen sie vollkommen da. So ging es nun den ganzen 192 befolgte nicht, was ihm die Ärzte anrieten nnd befahlen, sondern sagte: „Wozu bin ich ein reicher Mann, wenn ich wie ein Hund leben soll? und der Doktor will mich für mein Geld nicht gesund machen!" Endlich hörte er von einem Arzte, der hundert Stunden entfernt 3v wohnte, aber so geschickt wäre, daß die Kranken gesund würden, wenn er sie nur recht anschaue, und der Tod ginge ihm aus dein Wege, wo er sich sehen ließe. Zu diesem Arzte faßte der Mann ein Zutrauen und schrieb ihm über seine Krankheit. Der Arzt merkte bald, was ihm fehle, nämlich nicht Arznei, 35 sondern Mäßigkeit und Bewegung, und sagte: „Wart, dich will ich bald geheilt haben!" Deshalb schrieb er ihm ein Brieflein folgenden Inhaltes: „Guter Freund! Ihr habt eine schlimme Krankheit; doch wird Euch noch zu helfen sein, wenn Ihr folgen wollt. Ihr habt ein böses Tier im Bauche, einen Lindwurm mit sieben Mäulern. Mit dem Lindwurm muß ich selber reden und ihr müßt zu mir kommen. Aber zunächst dürft Ihr weder fahren noch reiten, sondern müßt auf des Schusters Rappen zu mir kommen; sonst schüttelt Ihr den Lindwurm und er beißt Euch die Eingeweide durch, sieben Därme auf einmal. Sodann dürft Ihr nicht mehr essen als zweimal 45 des Tages einen Teller voll Gemüse, niittags ein Bratwürstleiu dazu und abends ein Ei nnd am Morgen ein Fleischsüppchen niit Schnitt¬ lauch darauf. Was ihr mehr esset, davon wird nur der Lindwurm größer, also daß er euch die Leber erdrückt, und der Schneider hat Euch dann nimmer viel anzumesfen, wohl aber der Schreiner. Dies so ist mein Rat, und wenn Ihr mir nicht folgt, so hört Ihr im andern Frühjahr den Kuckuck nimmer schreien. Tut, was Ihr wollt!" Als der Patient diesen Brief gelesen hatte, ließ er sich sogleich den andern Morgen die Stiesel wichsen und machte sich aus den Weg, wie ihm der Doktor befohlen hatte. Den ersten Tag ging es sr so langsam, daß wohl eine Schnecke sein Vorreiter hätte sein können, und wer ihn grüßte, dem dankte er nicht, und wo ein Würmchen auf der Erde kroch, das zertrat er. Aber schon ani zweiten nnd am dritten Morgen kam es ihm vor, als wenn die Vögel schon lange nicht so lieblich gesungen hätten wie heute und der Tau schien ihm «o so frisch und die Kornblumen im Felde so blau und alle Leute, die ihm begegneten, sahen so freundlich aus und er auch; und alle Morgen, wenn er aus der Herberge ging, war's schöner und er 193 ging leichter und munterer dahin. Und als er am achtzehnten Tage in der Stadt des Arztes ankam und den andern Morgen aufstand, war es ihm so wohl, daß er sagte: „Ich hätte zu keiner ungelegeneren «s Zeit gesund werden können als jetzt, wo ich zum Doktor soll." Als er zum Arzte kam, nahm ihn dieser bei der Hand und sagte: „Jetzt erzählt mir noch einmal von Grund aus, was Euch fehlt!" Da sagte er: „Herr Doktor, mir fehlt gottlob nichts; und wenn Ihr so gesund seid wie ich, so soll mich's freuen." Der Arzt w sagte: „Das hat Euch ein guter Geist geraten, daß Ihr meinen Rat befolgtet. Der Lindwurm ist jetzt abgestanden. Aber Ihr habt noch Eier von ihm im Leibe; daher müßt Ihr wieder zu Fuß heim¬ gehen und daheim fleißig Holz sägen und nicht mehr essen, als Euch der Hunger ermahnt, damit die Eier nicht ausschlüpfen; dann könnt 75 Ihr ein alter Mann werden," und lächelte dazu. Aber der reiche Fremdling sagte: „Herr Doktor, Ihr seid ein feiner Kauz, ich versteh' Euch wohl!" Und er folgte dem Rate und lebte 87 Jahre, 4 Monate und 10 Tage so gesund wie ein Fisch im Wasser. 80 Nach Hebel. 260. Zufriedenheit. 1. Was frag' ich viel nach Geld und Gut, Wenn ich zufrieden bin! Gibt Gott mir nur gesundes Blut, So hab' ich frohen Sinn Und fing' aus dankbarem Gemüt - Mein Morgen- und mein Abendlied. 2. So mancher schwimmt in Überfluß, Hat Haus und Hof und Geld Und ist doch immer voll Verdruß Und freut sich nicht der Welt. Je mehr er hat, je mehr er will; Nie schweigen seine Klagen still. 3. Da heißt die Welt ein Jammertal Und dünkt mir doch so schön, Hat Freuden ohne Maß und Zahl, Läßt keinen leer ausgehn. Äekeb. f. slow.-Utraquist- Mittelsch. l. u. 2. Kl. (N) t3 194 Das Käferlein, das Vögelein Darf sich ja auch des Maien freun. 4. Und uns zuliebe schmücken ja Sich Wiese, Berg und Wald Und Vögel singen fern und nah. Daß alles widerhallt. Bei Arbeit singt die Lerch' uns zu, Die Nachtigall bei süßer Ruh. ö. Und wenn die goldne Sonn' ausgeht Und golden wird die Welt Und alles in der Blüte steht Und Ähren trägt das Feld, Dann denk' ich: „Alle diese Pracht Hat Gott zu meiner Lust gemacht!" 6. Dann preis' ich Gott und lob' ich Gott Und schweb' in hohem Mut Und denk': „Es ist ein lieber Gott Und meint's mit Menschen gut! Drum will ich immer dankbar sein Und mich der Güte Gottes freun." Miller. 261. Sprüche. 1. Zufriedenheit ist der größte Reichtum. 2. Strecke dich nach der Decke! 3. Wer den Heller nicht ehrt. Ist des Talers nicht wert. 262. Frau Holle. Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber und die andere mußte alle Arbeit im Hause tun. Das arme Mädchen mußte sich r> täglich auf die große Straße neben einen Brunnen setzen und so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. 195 Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war; da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es heftig 10 und war so unbarmherzig, daß sie sprach: „Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf!" Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht, was es ansangen sollte, und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte is und zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese; da schien die Sonne und waren viel tausend Blumen. Aus dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der voller Brot war; das Brot aber ries: „Ach, zieh mich heraus, zieh mich heraus, sonst verbrenn' ich; ich bin schon längst ausgebacken!" so Da trat es nut dem Brotschieber herzu und holte alles heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel und rief ihm zu: „Ach, schüttle mich, schüttle mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif!" Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte so lange, bis keiner mehr oben war; es und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es auf dem Pfade weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Hause, daraus guckte eine alte Frau; weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihn: nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir; wenn du alle M Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir s gut gehen; nur mußt du achtgeben, daß du mein Bett sorgsam machst und fleißig ausschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle!" Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in 3» ihren Dienst. Es tat auch alles zu ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf, daß die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gutes Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle; da ward es 40 traurig und wußte anfangs selbst nicht, was ihm fehlte. Endlich merkte es, daß es Heimweh war; und obgleich es ihm hier viel tausendmal besser war als zu Hause, so hatte es doch ein Verlangen t3* 196 dahin. Endlich sagte es zu ihr: „Ich habe Heimweh bekommen, und 45 wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinaus zu den Meinigen." Die Frau Holle sagte: „Es gesällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinausbringen." Sie nahm es daraus bei der Hand und führte es vor so ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen und alles Gold blieb an ihm hangen, so daß es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du fleißig gewesen bist," sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen ss gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Hause, und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief: „Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie!" Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, 6« ward es von ihr und der Schwester ganz gut ausgenommen. Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war; und als die Mutter hörte, auf welche Art es zu dem großen Reichtnme gekommen war, wollte sie der anderen häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte sich au den Brunnen «s setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam wie die andere auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: 7« „Ach, zieh mich heraus, zieh mich heraus, sonst verbrenn' ich; ich bin schonlängstausgebacken!" Die Faule aber antwortete: „Da hätt' ich Lust, mich schmutzig zu machen; bleib sitzen, bis du schwarz wirst!" und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: „Ach, schüttle mich, schüttle mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif!" 7s Sie antwortete aber: „Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen!" und ging weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tage tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn 8v sie ihr etwas sagte; denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr 197 schenken werde. Am zweiten Tage aber fing sie schon an zu faulenzen; am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht ausstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich's gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Des war die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Damit war die Faule 85 wohl zufrieden und meinte, nun werde der Goldregen kommen. Die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor; als sie aber darunter stand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste!" sagte die Fran Holle und schloß das Tor zu. So kam die Faule heim und war ganz mit Pech bedeckt, oo und als sie der Hahn auf dem Brunnen sah, ries er: „Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie!" Das Pech blieb aber au ihr hangen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen. Brüder Grimm. 263. Dir Kreuzspinne. „Kinder, heute habe iMein wunderbares Kunstwerk im Garten gesehen und auch die Bekanntschaft der Künstlerin gemacht. Kommt und folgt mir, denn es gibt etwas zu lernen!" Neugierig folgte mir das kleine, wilde Heer. Als wir im Garten waren, rief ich: „Nun sucht! Wer das Kunstwerk zuerst entdeckt, 5 erhält eine Belohnung." Die Kinder zerstreuten sich nach allen Seiten, suchten und suchten, kehrten aber unverrichteter Sache zurück. Da führte ich sie zu zwei nahe beieinander stehenden Obstbäumen, zwischen denen eine große Kreuzspinne ihr kunstvolles Netz aus¬ gespannt hatte. „Hier habt ihr das Kunstwerk und in der Mitte w desselben seht ihr die Künstlerin sitzen," sagte ich, auf die Kreuz¬ spinne deutend. „Pfni! eine häßliche Spinne," rief das kleine Ännchen. „Nun, häßlich ist sie wohl nicht," entgegnete ich; „seht nur, wie schön ihr rötlichbrauner Leib mit weißen Punkten geschmückt ist 15 und wie die zierliche Zeichnung ein Kreuz bildet!" „Aber sie ist giftig!" rief die Kleine wieder; „vor den giftigen Tieren fürchte ich mich." „Du irrst, liebes Kind," belehrte ich die Spinnenfeindin, „in unseren Ländern gibr es nicht eine einzige giftige Spinne. Freilich kann sie mit ihren Beißzangen dich beißen so und der Biß schmerzt wohl auch ein wenig, aber nicht mehr als ein 198 Nadelstich und hat nicht die geringsten Folgen." „Es gibt aber doch auch eine giftige Spinne," sagte Fritz, der seine Schulweisheit gern auskramte. 25 „Weißt du auch, wo diese lebt?" fragte ich. „Aus der Insel Cnrarmo," war die Antwort; „sie sieht dunkelbraun aus und lebt unter der Erde; sie ist so giftig, daß man an ihrem Bisse sterben kann." „Da hast dn wohl recht," entgegnete ich; „aber da wir hier und nicht auf den Antillen leben, haben wir uns vor keiner Spinne so zu fürchten. — Seht euch unsere Künstlerin und ihr Netz genau an! Mer unter euch vermag es, ohne Lineal und Zirkel ein so regelrechtes Netz auch uur zu zeichnen? Jeder Faden für sich ist wieder ein Kunstwerk; die stärkeren Fäden sind aus mehreren Tausenden feiner Fäden zufammengesponneu." 85 „Woher nimmt denn die Spinne die Seide zum Spinnen?" fragte wieder das kleine Ännchen. „Seide?" lachte Fritz, „das wär' mir schöne Seide! Das ist ein zäher, klebriger Stoff, den die Spinne in ihrem dicken Hinterleibe trägt und aus den Spinnwarzen am Hinterleibe, an denen kleine Röhrchen sitzen, ausdrückt oder ausspritzt. 4« Die einzelnen Fädchen sind so fein, daß man sie ohne Vergrößerungs¬ glas gar nicht wahrnehmen kann, man kann mit bloßen: Auge nur den zusammengesponnenen Faden erkennen." „Du hast dein Pensum gut gelerut," sagte ich und versprach den Kindern, den Spiunapparat der Künstlerin unter dem Mikroskope 45 zu zeigen. „Die Spinne," fuhr ich fort, „hat an: Kopfe acht Angen, von denen vier in der Mitte und zwei auf jeder Seite sitzen, die wir aber nur als kleine schwarze Punkte wahrnehmen können." Hierauf machte ich sie noch auf die hornartigen, fein zugespitzten nnd beweglichen Fangklauen aufmerksam, die wie die Giftzähne der 5« Schlangen vorn eine kleine Öffnung haben und ans denen, wenn die Spinne ihren Raub packt, ein Saft fließt, der aber nur auf die kleineren Insekten als Gift wirkt. „Und jetzt," rief ich, „fangt niir eine Fliege, aber drückt sie nicht tot!" Es dauerte nicht lange, so kehrten die Kinder mit gefangenen 55 Fliegen zurück; sie waren ins Haus geeilt, wo deren genug an den Fenstern summten. „Wer hat die größte gefangen?" fragte ich; das war natürlich Fritz, der sich eine große Schmeißfliege auserlesen hatte. „Nun 199 merkt aus!" rief ich, nachdem ich den Brummer an den Flügeln gefaßt hatte, „jetzt wollen wir unsere Künstlerin futtern." Ich warf W die Fliege in das Netz: im Nu eilte die Spinne aus der Mitte herbei, packte den Brummer, wie er auch zappeln mochte, verwirrte ihn in die Fäden und sog dann behaglich ihren Raub aus. Die Kinder wollten nun noch mehr Fliegen in das Netz werfen; dem aber wehrte ich, denn die Spinne hatte an ihrem Brummer 65 genug. „Laßt uns das Netz schonen," sagte ich, „die Spinne kann uns noch gute Dienste leisten, denn sie ist auch eine treffliche Wetter¬ prophetin. Wenn sie ihr Netz so groß gewebt hat wie hier, können wir ans gutes Wetter rechnen; putzt sie geschäftig an ihrem Netz, so soll Schwüle und Windstille folgen; fängt sie an, die Fäden einzu- w ziehen, so nimmt man an, daß es einen windigen Tag gibt; verkriecht sie sich aber in einen Winkel, dann wollen wir fein zu Hause bleiben, denn es könnte uns leicht ein Regen tüchtig auswaschen. Merkt nur auf unsere Prophetin: sie sagt das Wetter sicherer voraus als ein Wetterglas." 75 Reinhold. 264. Rotkäppchen. Es war einmal eine kleine, süße Dirne, die jedermann lieb hatte, der sie nur ansah, am allerliebsten aber die Großmutter; die wußte gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand nnd es nichts anderes mehr tragen wollte, hieß es nur das 5 Rotkäppchen. Da sagte einmal seine Mutter zu ihm: „Komm, Rot¬ käppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring's der Großmutter hinaus; sie ist krank nnd schwach und wird sich daran laben. Geh aber ordentlich und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas, dann hat die kranke Großmutter nichts, io Sei auch hübsch artig, guck nicht gleich in allen Ecken herum, wenn du in die Stube kommst, und vergiß nicht, Muten Morgen" zu sagen!" Rotkäppchen sagte: „Ich will schon alles gut ausrichten," und gab der Mutter die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Walde, eine halbe is Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rotkäppchen aber wußte nicht, was das für ein böses 200 Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rot¬ käppchen," sprach er. „Schönen Dank, Wolf." — „Wo hinaus so 2v früh, Rotkäppchen?" — „Zur Großmutter." — „Was trägst du da unter der Schürze?" — „Kuchen und Wein. Gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke, schwache Großmutter etwas zu gute tun und sich damit stärken." — „Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?" — „Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, 25 unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen," sagte Rotkäppchen. Der Wolf dachte bei sich: „Das junge, zarte Mädchen, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte; du mußt es listig ansangen, damit du beide erschnappst." Da ging er ein Weilchen 3« neben Rotkäppchen her, dann sprach er: „Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen; warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule gingest, und es ist so lustig hier draußen im Walde." 3s Rotkäppchen schlug die Augen aus, und als es sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin- und herhüpsten und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: „Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, wird er ihr Freude machen; es ist so früh am Tage, daß ich doch zur rechten Zeit ankomme," sprang in den 40 Wald und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es, weiter hinaus stünde eine noch schönere, und lies danach und lies immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradewegs nach dem Hanse der Gro߬ mutter und klopfte an die Tür. — „Wer ist draußen?" — „Rot- 45 käppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach' auf!" — „Drück nur auf die Klinke!" rief die Großmutter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen." Der Wolf drückte auf die Klinke, trat hinein und ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade an das Bett der Großmutter und verschluckte sie. Da nahm er ihre Kleider, tat sie an, setzte ihre 5« Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor. Rotkäppchen aber war derweil nach den Blumen gelaufen, und als es so viel hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, daß die Tür offen stand. Und wie es in die Stube 201 trat, so kani es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte: „Ei, du 55 mein Gott, wie ängstlich wird mir's heut zu Blute und ich bin sonst so gerne bei der Großmutter!" Es sprach: „Guten Morgen!" bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gezogen und sah so wunderlich aus: „Ei, Großmutter, was hast du e,o für große Ohren!" — „Daß ich dich besser hören kann." — „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände?" — „Daß ich dich besser packen kann." — „Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!" — „Daß ich dich besser fressen kann." Und wie der Wolf das gesagt hatte, tat er einen Satz aus dem Bett 65 auf das arme Rotkäppchen und verschlang es. Wie der Wolf fein Gelüst gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlies ein und fing an zu schnarchen. Der Jäger ging eben vorbei und dachte bei sich: „Wie kann die alte Frau so schnarchen? Du mußt einmal nachsehen, ob ihr etwas fehlt." Da trat er in die ?o Stube, und wie er vor das Bett kam, so lag der Wolf darin. „Finde ich dich endlich, alter Graukopf," sagte er, „ich habe dich lange gesucht." Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben und sie wäre noch zu retten; er schoß nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolfe 75 den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief: „Ach, wie war ich erschrocken, wie war's so dunkel in dem Leibe des Wolfes!" Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen, ro Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolfe den Leib, und wie er aufwachte, wollte er aufspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich totfiel. Da waren alle drei vergnügt. Der Jäger nahm den Pelz vom Wolf, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rot- 85 käppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rotkäppchen aber dachte: „Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir's die Mutter verboten hat." Brüder Grimm. 202 265. Lis ?ur (ZusIIs. ^Ikert var ans der 8tndt 2n seinem Onkei nnfs Dnnd Kgkommsn. Das Dorf, in v/elokem Osi' Onkel Moknte, lnA in sinem Dnls, dnrok dns siok sin Aroksr Lnok in vielsn lVindnnZsn 20A; mekrsre koDsrns 8tsg'k nnd sins stsinerns llrüoke tukrten 5 nker densslken. Von der Lrnoke Iwrnk s n k Vi k eri oft in dns Kells lVnsssr, vorin viels Disoklsin ikr 8xiel trisksn. Vlksrt kLtts §srn Asssksn, ivoksr der Lnok komme, nnd auf seins Ditte nntsrnnkm der Onksl mit ikm eins lVnndernnA' on Osni Lnoke nntv^ärts. iv ,, Vnf ^veloker 8eits dss Dnokes lisZt ni sin Dnns, ant der rsoktsn oder der linken?" frnZto ikn der Onkel, On sie liker (lis Lrnoks §in§sn. „Vnf Osr reokten," nnt^ortste Vlkert. „8teken xvir nnf einer Lrlioke ninl seken dsm Dg-nfs des lVnsssrs nnok, ds,nn 15 knken ivir 2nr reekten Dnnd dns reokte liter nncl 2nr linken Unnd das links. 0, dg,s knke iok sokon gelernt ?^n1' dein lV6§e dnrsk das Dort lisk i^lkert dsn llLok niokt ans den ^.nAen. Hier sak sr sins lldnsrin lVs-sser sskö^ten nnd mit einer Oiskkkinns die lVäsoke nnt dem IlnsenplLtLe am Laoks 20 kstenoktsn. Dort vnedsr snk er ULdeksn lVnsser 2nm LsAieüsn der Illnmen nnd HiolisnAswneliss in einen Onrtsn trnZen. .let^t vsrnÄkm .er dns lnnte Xln^xsrn einer Uiiids, nnd nls sie nn dieser vorksi^inAen, ketrnoktste sr das Aroüe V^nsssrrad, iiker dns sin nkAsleiteter i^rm des Lnskes rnnsokte. liins 8trseke v/siter 25 oken wurden sie von einem törmlieksn kint^rsAkn iiksrrnsskt, der liker dns l)nol> eines kleinen Ilnnsss kerknm; es vmrde nämliek iiinter dem 8xrit26nknnsoksn die Oemsindösxritrie vsrsnokt. ^.m okeren linde dss Dorfes teilte siok dns Dni. Dier dok der Lnok nns ^wei kleinern llnoksn -insnmmen. Die keiden so 8pN2isrKNNAer kielten siok nn dns stärkere Läoklein nnd soklnZen eine östlioks llioktnnZ sin. llieo lnZ kinter dem letzten Lnnern- knnse ein leiok. „Do ist dis Hnslls!" vigf ^lkert nns, als sr dsn Dsiok srkliokts. Dr dnokts nämliok, dis (^nslls eines Lnokes müsse sin Aroiäsr V^nsservorrnt sein. Dsr Onkel risiAte ikm — 203 — aber vom Damm aus äss Läoblein, äss xvisobon 8obilf unä »5 Binsen in äen Beiob ilok. Bun gingen äie beiäen vom Wege ob über eine feuobte Wiese, äie von äem Bäobloin äurobsobnitten war. Hinter äer Wiese iiob sieb «Ion Loäen unä vuräe trookensr. llier vnobsen 8träuober, Brombeer- unä Bimbeerbeeken. Bas Wanäern vuräe io ^'et^t für äie beiäen immer besobvsrliober. 810 stiegen einen bevaläoten ^bbang binan. 2uveilen mukten sie über Belsen- stüoks klettern unä ^ulst^t in einer engen 8palte emporklimmen. Bäuüg benetzte sie äss Bäobloin, äas bior einige Wasserfälle biläete, mit seinem 8prülcreg6n. Baob mübevollem 8teigen ge- 45 langten sie auf eine Bläobe, äie V.1bert als sine lcleine Iioc.Il- ebene erklärte. Hinter äieser boobgelegenen Bläobe ging 68 steil rm einem 6-ipfgl empor. „blüssen vir auob äs. noob binauf?" fragte Albert, äer sobon etvas müäe gevoräen var. ..Wir veräen nn8sr 2isl so noob auf äieser 8tnte erreioiien,^ tröstete äer Onicel; „äie ^neile entspringt liier s.nt äer iOerrnsse äes Lerg68.' Ilnä rioiitig, äort, vo sioli sn äen Iiintern ksnä äer 8tnte äer oberste leii äos Berges snset^te, bsm ans äem (iiestein äss Icisre Wasser Iiervor. ^.n seiner ^.nsgsngssteiie sammelte es sieb in einer kleinen 55 Vertiefung äes Boäens, äie mit Blumen unä Xrsntern umgeben vsr. Bss vsr äer Brsprung äss Bsebleins, äie gesuobts Quelle. „^.eb, ist äie klein!" riet Albert vsrvunäert aus; „äie könnte msn ^s mit einem breitkrsmpigen blute veräsoksn unä äss Wssserlein, äss sus ibr tliekt, vermöebts iob mit meinem herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinaus und gelangte zu einer kleinen Tür. In dem Schlosse steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es ihn umdrehte, sprang die Tür ans und in einem kleinen Stübchen, da saß eine alte Frau mit einer 35 Spindel und spann emsig ihren Flachs. „Gnten Tag, du altes Mütterchen," sprach die Königstochter, „was machst du da?" „Ich spinne," sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?" sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel 40 angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung und sie stach sich damit in den Finger. In dem Augenblicke aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlafe. Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König 45 und die Königin, die eben heimgekommen und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein und der Braten hörte 50 auf zu brodeln und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, an den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich und auf den Bäumen vor dem Schlosse regte sich kein Blättchen mehr. Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, 5s die jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und 206 darüber hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu seheu war, selbst nicht die Fahne aus dem Dache. Es ging aber die Sage im Lande von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die e« Königstochter genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen hielten fest zusammen, als hätten sie Hände, und die Jünglinge blieben darin hangen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes. «5 Nach langen, langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine wunder¬ schöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und niit ihr schliefe der König und die Königin und der 7v ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die Dornhecke zu dringen: aber sie wären darin hangen geblieben und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen!" 75 Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte. Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königsohn sich der Dornhecke näherte, waren es lauter große, schöne 8<> Blumen; die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbe¬ schädigt hindurch und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhofe sah er die Pferde und die scheckigen Jagd¬ hunde liegen und schlafen, auf dem Dache saßeu die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus 85 kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das gerupft werden sollte. Da ging er weiter und sah im Saal den ganzen Hofstaat liegen und schlafen und oben bei deni Throne lag der König und die Königin. Da ging »e er noch weiter und alles war so still, daß einer seinen Atem hören konnte, und endlich kani er zu dem Turme und öffnete die Tür zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte 207 sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz »5 freundlich an. Da gingen sie zusammen hinab und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hofe standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und wo flogen ins Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brodeln; und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie; und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohnes mit dem Dorn- too röschen in aller Pracht gefeiert und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende. Brüder Grimm. 268. Der Nordwind. Der Nordwind ging einnial spazieren; da er aber ein wilder Geselle war, so trieb er allerlei Unfug. Als er in den Garten kam, da zauste er die Rose an den Haaren, knickte der Lilie den Stengel, brach die reifen Aprikosen ab und warf die Birnen in den Kot. Im Felde trieb er es noch ärger. Da blies er die Ähren in den Staub, » schüttelte die unreifen Äpfel ab, riß die Blätter von den Zweigen und streute sie in der Luft umher, ja einen alten, schwachen Baum stürzte er ganz um, daß die Wurzeln in der Höhe standen. Da gingen die Leute klagen zu dem Windkönige, der in seinem Luftschlosfe die Winde nach Belieben gefangen hält oder losläßt, io Und sie erzählten ihm, was der wüste Nordwind angerichtet hatte und wie der Garten und das Feld trauerten über das Leid, das er ihnen zugefügt hätte. Da ließ der König den Nordwind kommen und fragte ihn, ob es wahr sei, was die Leute klagten. Er konnte es nicht leugnen, denn der zerstörte Garten und das zerstörte Feld lagen w vor aller Augen. Da fragte der König: „Warum haft du das getan?" Der Nordwind antwortete: „Ei, ich habe es nicht böse gemeint; ich wollte spielen mit der Rose und mit der Lilie und der Aprikose und mit den übrigen. Ich habe nicht gedacht, daß es ihnen weh tun würde." Da sagte der König: „Wenn du ein so grober 20 208 Spieler bist, dann darf ich dich nicht mehr hinauslassen. Den ganzen Sommer über muß ich dich eingesperrt halten; in: Winter, wenn es keine Blumen, keine Blätter und Früchte mehr gibt, dann magst du hinausgehen und spielen. Ich sehe, du passest nur für das Eis und 25 den Schnee, aber nicht für Blumen und Früchte." C urt m a n. 269. Der Winker. Jni Winter ruht die Erde und sammelt neue Kräfte für den künftigen Frühling. Sie macht es wie der Mensch. Auch dieser legt sich am Abend zur Ruhe und schläft während der Nacht. Gestärkt erwacht er dann am Morgen. Z Die Bäume haben jetzt ihren Schmuck verloren und stehen entlaubt da; die Blumen sind verblüht; das Gras der Wiesen ist verwelkt und alles ist still. Kein Singvogel läßt mehr seine Lieder erschallen und kein Hirte treibt seine Herde mehr ins Freie. iv Kalt, sehr kalt ist es oft während des Winters und die Leute hüllen sich tiefer in Kleider und Pelze. Jetzt kann man den Ofen nicht entbehren. Man heizt fleißig ein, daß es in der Stube warm werde. Manche armen Leute haben aber weder Holz noch Kleidung und müssen daher frieren. Könnte ich 15 ihnen doch helfen! Das Wasser gefriert vor Kälte und verwandelt sich in Eis. Flüsse und Teiche sind im Winter gar oft mit Eis bedeckt. Schnee fällt und bedeckt die Felder, die Straßen und Dächer. Unter dem Schnee wächst aber die junge Wintersaat empor, da sie durch ihn 2v vor der Kälte geschützt wird. Auch der Winter bietet uns Kindern viele Freuden. Wir fahren auf Schlitten, gleiten mit Schlittschuhen auf dem glatten Eise dahin oder machen bei etwas milderem Wetter einen Schneemann. Während der langen Winterabende bleiben die Kinder zu Hause. 25 Sie spielen oder lesen in nützlichen Büchern. Auch das schöne Weihnachtsfest wird im Winter gefeiert. Kellner. 209 270. Der Grimm des Winters. Der Winter hatte sich einmal vorgenommen, alle Menschen und alle Tiere auf der Erde auszurotten. Deshalb kam er mit einer so grimmigen Kälte, daß alle Flüsse und alle Seen mit dickem Eise belegt wurden. Das ganze Feld war von tiefem Schnee bedeckt und die Fensterscheiben waren jeden Morgen mit so dicken Eisblumen s überzogen, daß sie den ganzen Tag nicht austauen konnten. Allein der Winter hatte sich doch ein wenig verrechnet. Zwar ging es den armen Vögeln gar übel, weil sie wegen des hohen Schnees draußen nichts zu fressen sanden; allein sie kamen in die Städte und Dörfer und es streute ihnen gar manches mitleidige w Kind einige Körnchen und Brotkrümchen hin, so daß die meisten am Leben blieben. Auch waren schon vorher große Scharen von Zug¬ vögeln in wärmere Länder gewandert, wo der Winter nicht viel aus¬ richten kann. Auch die übrigen Tiere erfroren nicht. Der liebe Gott hatte ihnen einen dickern Pelz wachsen lassen und die Hasen und 15 Rehe scharrten sich einiges Kraut und einige Knospen unter dem Schnee heraus, so daß sie zwar ein wenig Hunger litten, aber doch nicht umkamen. Die Haustiepe aber standen in warmen Ställen, deren Türen und Fenster mit Stroh verwahrt waren. Und da ihnen alle Tage Heu und Hafer in die Krippe gebracht wurde, so hielten 20 sie es aus und kamen nicht um. Die Menschen aber hatten sich Öfen verfertigt und machten Feuer hinein. Je ärger es der Winter mit seinem Froste machte, desto mehr Holz und Tors und Steinkohlen brannten sie in den Ösen. Und wenn schon das Trinkwasser in die Wohnstube gebracht e.> werden mußte, damit es nicht zu einem Eisklumpen wurde, und obgleich hier und da einem ein Finger oder gar die Nase erfror, so blieben doch die Menschen am Leben. Da merkte der Winter, daß er nicht Kraft genug besaß, die Tiere zu vertilge» und ebensowenig die Menschen, weil diese Vernunft genug haben, um sich vor dem Grimm des Winters zu schützen. Er¬ ließ nach und die Sonne besiegte ihn alle Tage mehr und bald sangen die Vögel wieder und die Wiesen wurden grün. Cu rtman. Leseb. f. slow.-Utraquist. Mimisch. I. u. 2. Kl. (U) t4 IN 15 2« 25 3» 35 210 22V. Mu ./uu^e?" ^r'e^ src/t er'u 7>aa?" 2/?aa)e? M -wau er'u 27«2e^ uu?2 seru <§o^u. 2)e?" ^uuAe, uaureus 27ru^a^ou, l^eeitursö Zenr 22euee^eu Mauere Ktuua!e. M 2:ouu!ie tauseu, H^ao^e ste^u, Den HMr'eöHauu'u »rs^u, r'us Ukasse?" Ae^u 22u<2 a^es Freses aus Veru (2?"uu<2e. De?" se^^aue 2>'Vu7L, <2es VäAeus M'u<2, H^a?" 2/e/rue?" uuse?"8 22uu<2s Aereeseu 22u<2 c^rsse?" ^6?"?r?"c^e?^/ri/§e ?rr'ec267'. 2t/au ?'u/6t c^6u 2^-o/ssso?" 2^-rts, ^.ra?^ <2e?" e?"86^öx?/et seüueu I^As/ kTursous^, es uro^t As^UAeu, 2)eu a^eu ^e^ü^e?" su kssMUAe-r. ^re/?er6^t," s/??-a6^ 2^-"?)L:e, <2e?" /ro/^ <2s» ^oc/i:, Mau ^uüae^i! ä'L^uui'ueu/ 2Voc^ e?" suac^ <2e?' a?"M6 2)"o^-/, „2/??- we?"?2e^ Msr'ueu Auaueu 22««/' 2)ee^ urMmeuMe^u MM 2)e2)!to?" 8 Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen." Der Jäger gehorchte und führte es hinaus, und als er den Hirschfänger gezogen hatte und Schneewittchens unschuldiges Herz durchbohren wollte, fing es an zu weinen und sprach: „Ach, lieber Jäger, laß mir mein Leben; ich will in den wilden Wald laufen und nimmermehr wieder Heimkommen!" 45 Und weil es so schön war, hatte der Jäger Mitleid und sprach: „So lauf hin, du armes Kind!" „Die wilden Tiere werden dich bald gefressen haben," dachte er und doch war es ihm, als wäre ein Stein von seinem Herzen gewälzt, weil er es nicht zu töten brauchte. Und als gerade ein junger Frischling daher gesprungen kam, stach er ihn 5« ab, nahm Lunge und Leber heraus und brachte sie als Wahrzeichen der Königin mit. Der Koch mußte sie iu Salz kochen und das boshafte Weib aß sie aus und meinte, sie hätte Schneewittchens Lunge und Leber gegessen. Nun war das arme Kind in dem großen Walde mutterseelenallein 55 und es ward ihm so angst, daß es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wußte, wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu lausen und lief über die spitzen Steine und durch die Dornen und die wilden Tiere sprangen au ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief, solange nur die Füße noch fort konnten, bis es bald Abend o« werden wollte; da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein, um auszuruhen. In dem Häuschen war alles klein, aber so zierlich und reinlich, daß es nicht zu sagen ist. Da stand ein weißgedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Lösfelein, ferner sieben Mefserlein und Gäblein und sieben Becherlein. An der Wand «5 waren sieben Bettlein nebeneinander aufgestellt und schneeweiße Lein¬ tücher darüber gedeckt. Weil Schneewittchen so hungrig und durstig war, aß es von jedem Tellerlein ein wenig Gemüse und Brot und trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein; denn es wollte nicht einem allein alles weguehmen. Hernach legte es sich, weil es so u» müde war, in ein Bettchen, aber keins paßte; das eine war zu lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente recht war: und darin blieb es liegen, befahl sich Gott und schlief ein. 213 Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Häuslein, das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und gruben. Sie zündeten ihre Lichtlein an, und wie es nun 75 hell im Häuslein ward, sahen sie, daß jemand darin gewesen war; denn es stand nicht alles so in der Ordnung, wie sie es verlassen hatten. Der erste sprach: „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?" Der zweite: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?" Der dritte: „Wer hat von meinem Brötchen genommen?" Der vierte: „Wer hat 8» von meinem Gemüschen gegessen?" Der fünfte: „Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?" Der sechste: „Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?" Der siebente: „Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?" Dann sah sich der erste um und sah, daß auf seinem Bett eine kleine Eindrückung war; da sprach er: „Wer hat in meinem Bettchen 8.7 gelegen?" Die andern kamen gelaufen und riefen: „In meinem hat auch jemand gelegen." Als aber der siebente in sein Bett sah, erblickte er Schneewittchen, das lag darin und schlief. Nun rief er die andern; die kamen herbeigelaufen und schrien vor Verwunderung, holten ihre sieben Lichtlein und beleuchteten Schneewittchen. „Ei, du mein Gott! «0 ei, du mein Gott!" riefen sie, „wie ist das Kind so schön!" und hatten so große Freude, daß sie es nicht ausweckten, sondern im Bettlein fortschlafen ließen. Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum. Als es Morgen war, erwachte Schneewittchen, und wie es die sieben 95 Zwerge sah, erschrak es. Sie waren aber freundlich und fragten: „Wie heißt du?" „Ich heiße Schneewittchen," antwortete es. „Wie bist du in unser Haus gekommen?" sprachen weiter die Zwerge. Da erzählte es ihnen, daß seine Stiefmutter es hätte wollen umbringen lassen; der Jäger hätte ihm aber das Leben geschenkt und da wäre es den ins ganzen Tag gelaufen, bis es endlich ihr Häuslein gefunden hätte. Die Zwerge sprachen: „Willst du uusern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, nähen und stricken und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so kannst du bei uns bleiben und es soll dir an nichts fehlen." „Ja," sagte Schneewittchen, „von Herzen gern!" und blieb bei ihnen. 10.7 Es hielt ihnen das Haus in Ordnung: morgens gingen sie in die Berge und suchten Erz und Gold, abends kamen sie wieder und da mußte ihr Esseu bereit sein. Den Tag über war das Mädchen allein; da warnten es die guten Zwerglein und sprachen: „Hüte dich vor — 214 - "» deiner Stiefmutter, die wird bald wissen, daß du hier bist; laß ja niemand herein." Die Königin aber dachte, nachdem sie Schneewittchens Lunge und Leber gegessen zu haben glaubte, nicht anders als, sie wäre wieder die die erste und allerfchönste, trat vor den Spiegel nnd sprach: "5 „Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die schönste im ganzen Land?" Da antwortete der Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die schönste hier. Aber Schneewittchen über den Bergen Bei den sieben Zwergen Ist noch tausendmal schöner als Ihr." Da erschrak sie, denn sie wußte, daß der Spiegel keine Unwahrheit sprach, und merkte, daß der Jäger sie betrogen hatte und Schneewittchen noch am Leben war. Und da sann nnd sann sie aufs neue, wie sie es 125 umbringen wollte; denn solange sie nicht die schönste war im ganzen Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe. Und als sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht und kleidete sich wie eine alte Krämerin und war ganz unkenntlich. In dieser Gestalt ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe iso und rief: „Schöne Ware feil! feil!" Schneewittchen guckte zum Fenster heraus und rief: „Guten Tag, liebe Frau, was habt Ihr zu verkaufen?" „Gute Ware, schöne Ware," antivortete sie, „Schnürriemen in allen Farben," und holte einen hervor, der aus bunter Seide geflochten war. „Die ehrliche Frau kann ich hereinlassen," dachte Schneewittchen, riegelte 135 die Tür auf und kaufte sich den hübschen Schnürriemen. „Kind," sprach die Alte, „wie du anssiehst! Komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren!" Schneewittchen hatte kein Arg, stellte sich vor sie und ließ sich mit dem neuen Schnürriemen schnüren; aber die Alte schnürte geschwind und schnürte so fest, daß dem Schneewittchen der 14» Atem verging und es für tot hinfiel. „Nun bist du die schönste gewesen!" sprach sie nnd eilte hinaus. Nicht lange darauf, zur Abendzeit, kamen die sieben Zwerge nach Haus; aber wie erschraken sie, als sie ihr liebes Schneewittchen auf der Erde liegen sahen; und es regte und bewegte sich nicht, als wäre es i45 tot. Sie hoben es in die Höhe, und weil sie sahen, daß es zu fest geschnürt war, schnitten sie den Schnürriemen entzwei; da fing es 215 an, ein wenig zu atmen, und ward nach und nach wieder lebendig. Als die Zwerge hörten, was geschehen war, sprachen sie: „Die alte Krämerfrau war niemand als die gottlose Königin; hüte dich und laß keinen Menschen herein, wenn wir nicht bei dir sind!" "o Als aber das böse Weib nach Hause gekommen war, ging es vor den Spiegel und fragte: „Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die schönste im ganzen Land?" Da antwortete er wie sonst: wz „Frau Königin, Ihr seid die schönste hier, Aber Schneewittchen über den Bergen Bei den sieben Zwergen Ist noch tausendmal schöner als Ihr." Als sie das hörte, lies ihr alles Blut zum Herzen, so erschrak wo sie; denn sie sah wohl, daß Schneewittchen wieder lebendig geworden mar. „Nun aber," sprach sie, „will ich etwas aussinnen, das dich zu Grunde richten soll," und mit Hexenkünsten, die sie verstand, machte sie einen giftigen Kamm. Dann verkleidete sie sich und nahm die Gestalt eines andern alten Weibes an. So ging sie hin über die i65 sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Tür und rief: „Gute Ware feil! feil!" Schneewittchen schaute heraus und sprach: „Geht nur weiter, ich darf niemand hereinlaffen." „Das Ansehen wird dir doch erlaubt sein," sprach die Alte, zog den giftigen Kamm heraus und hielt ihn in die Höhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, no daß es sich betören ließ und die Tür öffnete. Als sie des Kaufes einig waren, sprach die Alte: „Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen." Das arme Schneewittchen dachte an nichts und ließ die Alte gewähren; aber kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel. 175 „Du Ausbund von Schönheit," sprach das boshafte Weib, „jetzt ist's um dich geschehen!" und ging fort. Zum Glück aber war es bald Abend, wo die sieben Zwerglein nach Hause kamen. Als sie Schneewittchen wie tot auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die Stiefmutter in Verdacht, suchten nach und fanden den giftigen Kamm und kaum wo hatten sie ihn herausgezogen, so kam Schneewittchen wieder zu sich und erzählte, was vorgegaugen war. Da warnten sie es noch einmal, auf seiner Hut zu sein und niemand die Tür zu öffnen. 216 Die Königin stellte sich daheim vor den Spiegel und sprach: iss „Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die schönste im ganzen Land?" Da antwortete er wie vorher: „Frau Königin, Ihr seid die schönste hier, Aber Schneewittchen über den Bergen wo Bei den sieben Zwergen Ist doch noch tausendmal schöner als Ihr." Als sie den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn. „Schneewittchen soll sterben," rief sie, „und wenn es mein eigenes Leben kostet." Darauf ging sie in eine ganz verborgene, einsame i9.-> Kammer, wo niemand hinkam, und machte da einen giftigen, giftigen Apfel. Äußerlich sah er schön aus, weiß mit roten Backen, daß jeder, der ihn erblickte, Lust darnach bekam; aber wer ein Stückchen davon aß, der mußte sterben. Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das Gesicht und verkleidete sich in eine Bauersfrau und so ging sie über 200 die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an, Schneewittchen streckte den Kopf zum Fenster heraus und sprach: „Ich darf keinen Menschen einlasfen, die sieben Zwerge haben mir's verboten." „Mir auch recht," antwortete die Bäuerin, „meine Äpfel will ich schon los werden. Da, einen will ich dir schenken." „Nein," sprach Ar, Schneewittchen, „ich darf nichts annehmen." „Fürchtest du dich vor Gift?" sprach die Alte, „siehst du, da schneide ich den Apfel in zwei Teile; den roten Backen iß du, den weißen will ich essen." Der Apfel war aber so künstlich gemacht, daß der rote Backen allein vergiftet war. Schneewittchen gelüstete es nach dem schönen Apfel, und sw als es sah, daß die Bäuerin davon aß, so konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Munde, so fiel es tot zur Erde nieder. Da betrachtete es die Königin mit grausigen Blicken und lachte überlaut und sprach: „Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie 215 Ebenholz! Diesmal können dich die Zwerge nicht wieder erwecken." Und als sie daheim den Spiegel befragte: „Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die schönste im ganzen Land?" so antwortete er endlich: 22» „Frau Königin, Ihr seid die schönste im Land." 217 Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann. Wie die Zwerglein abends nach Hause kamen, fanden sie Schnee¬ wittchen auf der Erde liegen und es ging kein Atem mehr aus seinem Munde und es war tot. Sie hoben es auf, suchten, ob sie 225 was Giftiges fänden, schnürten es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb tot. Sie legten es auf eine Bahre und fetzten sich alle sieben daran und beweinten es und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben; aber es sah noch so frisch 22.0 aus wie ein lebender Mensch und hatte noch seine schönen roten Backen. Sie sprachen: „Das können wir nicht in die schwarze Erde versenken," und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, daß man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein und schrieben mit goldeneu Buchstaben seinen Namen daraus und daß es eine 235 Königstochter wäre. Dann setzten sie den Sarg hinaus aus den Berg und einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Schneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen. Nun lag Schneewittchen lange, lange Zeit in dem Sarg und 240 verweste nicht, sondern sah aus, als wenn es schliefe, denn es war noch so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz. Es geschah aber, daß ein Königssohn in den Wald geriet und zu dem Zwerghaus kam, um da zu übernachten. Er sah aus dem Berge den Sarg und das schöne Schneewittchen darin und las, 245 was mit goldenen Buchstaben daraus geschrieben war. Da sprach er zu den Zwergen: „Laßt mir den Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt!" Aber die Zwerge antworteten: „Wir geben ihn nicht um alles Gold in der Welt." Da sprach er: „So schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben, ohne Schneewittchen zu sehen, ich will 250 es ehren und hochhalten wie mein Liebstes!" Wie er so sprach, empfanden die guten Zwerglein Mitleid mit ihm und gaben ihm den Sarg. Der Königssohn ließ ihn nun von seinen Dienern ans den Schultern forttragen. Da geschah es, daß sie über einen Strauch stolperten, und von dein Schütteln fuhr der giftige Apfelgrütz, den 25,5 Schneewittchen abgebissen hatte, aus dem Halse. Und nicht lange, so öffnete es die Augen, hob den Deckel vom Sarg in die Höhe und 218 richtete sich auf und war wieder lebendig. „Ach Gott, wo bin ich?" rief es. Der Königssohn sagte vor Freude: „Du bist bei mir," und 2ku erzählte, was sich zugetragen hatte, und sprach: „Ich habe dich lieber als alles aus der Welt; komm mit mir in meines Vaters Schloß, du sollst meine Gemahlin werden." Da war ihm Schneewittchen gut und ging mit ihm und ihre Hochzeit war mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet. 265 Zu dem Feste wurde aber auch Schneewittchens gottlose Stief¬ mutter eingeladen. Wie sie sich nun mit schönen Kleidern angetan hatte, trat sie vor den Spiegel und sprach: „Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die schönste im ganzen Land?" 27» Der Spiegel antwortete: „Frau Königin, Ihr seid die schönste hier. Aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr." Da stieß das böse Weib einen Fluch aus und es ward ihr so angst, so angst, daß sie sich nicht zu fassen wußte. Sie wollte zuerst 275 gar nicht auf die Hochzeit kommen; doch ließ es ihr keine Ruhe, sie mußte fort und die junge Königin sehen. Und wie sie hineintrat, erkannte sie Schneewittchen und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt und wurden jetzt mit Zangen hereingetragen 28« und vor sie hingestellt. Da mußte sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel. Brüder Grimm. 273. Haushshn und Henne. Das Kind schläft noch ruhig im Bette, da ist der Haushahn schon munter. Er weckt die Hennen mit lautem Krähen. Dann spaziert er selber zuerst heraus, schlägt mit den Flügeln, ruft laut sein Kikeriki! und wünscht damit allen Leuten im Hause einen guten Morgen. 5 Findet der Hahn ein Körnchen, einen Wurm oder ein Käferchen, so frißt er es nicht etwa gleich selber; er ruft seine Hennen herbei und gibt es ihnen. Erst wenn sie alle versorgt sind, denkt er auch an seinen eigenen Schnabel. Kommt ein fremder Hahn vom Hofe des Nachbars herzu und i« will den Hausfrieden stören, so geht der Haushahn mutig und tapfer 219 aus ihn los. Er bekämpft ihn mit Flügelschlägen, Sporen- und Schnabelhieben und achtet es nicht, wenn er selber dabei Federn lassen muß oder ihm der Kamm blutig gehackt wird. Es ist ein wackerer Herr, der die Seinen gegen den Feind zu verteidigen weiß und sein Hausrecht gehörig gebraucht. 15 Die Henne besorgt ihre Geschäfte ebenfalls pünktlich, wie fich's gehört. Sie möchte gern Küchlein ausbrüten und großziehen, darum sucht sie in aller Stille das Nest auf und legt ein Ei. Nachher ver¬ kündet sie es mit lautem Freudengeschrei aller Welt. Läßt ihr die Hausfrau die Eier, bis das Nest voll ist, so setzt sich die Henne daraus. 20 Sie brütet auf den Eiern drei Wochen lang Tag und Nacht und nimmt sich kaum Zeit zum Fressen. Die Küchlein führt sie in den warmen Sonnenschein und lehrt sie die Erde auskratzen und Körnchen suchen. Kommt des Nachbars große Katze aus den Hof, nm Küchlein wegzuhaschen, so sträubt die 2s Henne die Federn und fährt zornig auf den Feind los. Sie hackt tapfer ans die Katze ein, bis diese die Flucht ergreift. Sobald es am Abend kühl wird, nimmt die Henne ihre Kindlein alle unter ihre Flügel und wärmt sie und schützt sie bis an den Morgen. »0 Wagner. 274. Dir Bremer Sksdtmuflkanken. Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen; aber der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf 5 den Weg nach Bremen; dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der keuchte wie einer, der sich müde gelaufen hat. „Nun, was keuchst du so, Packan?" fragte der Esel. „Ach," sagte w der Hund, „weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde und auf der Jagd nicht mehr fortkann, hat mich der Herr totschlagen wollen, da hab' ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?" „Weißt du was?" sprach der Esel, „ich gehe nach 220 ir Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen! Ich spiele die Laute und du schlägst die Pauken." Der Hund war's zufrieden und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. „Nun, was ist dir in 20 die Quere gekommen, alter Bartputzer?" sprach der Esel. „Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht?" antwortete die Katze; „weil ich nun zu Jahren komme, meine'Zähne stumpf werden und ich lieber hinter deni Ofen sitze und spinne, als nach den Mäusen herumjage, hat mich meiue Fran ersäufen wollen; ich habe mich 25 zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer. Wo soll ich hin?" — „Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nacht¬ musik, da kannst du ein Stadtniusikant werden!" Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, so da faß auf denr Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. „Du schreist einem durch Mark und Bein," sprach der Esel, „was haft du vor?" „Da hab' ich gutes Wetter prophezeit," sprach der Hahn, „weil unserer lieben Fran Tag ist, wo sie dem Christkiudlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen 35 zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wolle mich morgen in der Suppe essen, und ich soll mir heute Abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei' ich aus vollem Hals, solange ich noch kann." „Ei was, du Rotkopf," sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort nach 4o Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muß es eine Art haben." Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen und sie gingen alle vier zusammen fort. Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tage nicht erreichen 45 und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis auf die Spitze, wo es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um; da deuchte ihn, er sehe 5o in der Ferne ein Fünkchen brennen, und er rief seinen Gesellen zu, es müsse nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Da 222 lebendige Kohlen ansah, hielt er em Schwefelhölzchen daran, daß es so Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht und spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertür hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biß ihn ins Bein; und als er über den Hof an dem Miste vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem 95 Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab: „Kikeriki!" Da lief der Räuber, was er konnte, zu feinem Hauptmann zurück und sprach: „Ach, in dem Haus sitzt eine gräuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mir mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt; io« und vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen; nnd auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen; und oben auf deni Dache fitzt der Richter, der rief: ,Bringt mir den Schelm her!" Da machte ich, daß ich fortkam." Von nun an getrauten sich die 105 Räuber nicht weiter in das Haus; den vier Bremer Musikanten gefiel's aber so wohl darin, daß sie nicht wieder herauswollten. Brüder Grimm. 276. Mein Vaterland. 1. Mein Vaterland, mein Österreich, Du Land an Kraft und Ehren reich, Wie schloß ich tief ins Herz dich ein. Wie bin ich stolz, dein Sohn zu sein! Wenn Gott vom Himmel spräch' zu mir: „Welch Land der Welt erwählst du dir?" Ich säumte nicht und sagte gleich: „Mein Vaterland mein Österreich!" 2. Mein Österreich, mein Vaterland, Wo Schönes sich zum Guten fand: Der Alpen Schnee, des Meeres Blau, Der Saaten Gold, der Wiesen Tau, Der Berge Schatz, der Reben Saft, Der Frauen Fleiß, der Männer Kraft; Wo ist das Land wie du so reich. Mein Vaterland, mein Österreich? 223 3. Mein Österreich, mein Vaterland, Sag' an, was dich so sest verband! Du zählst der Völker mancherlei Und bist doch eins in Lieb' und Treu' Und bist doch eins in Tat und Wort! „Vereinte Kraft — das ist mein Hort!" Drum, Brüder, reicht euch all die Hand: Heil Öst'reich, unserm Vaterland! Wurth. 276. Die Hauskatze. Habt ihr die schöne, weiße Katze gesehen dort oben auf dem Dache? Sie sitzt schon eine Viertelstunde im warmen Sonnenschein und putzt ihr weiches Fell, indem sie sich am ganzen Körper mit ihrer kleinen, rauhen Zunge beleckt. Doch fetzt erhebt sie sich und steigt in das Fenster. Gewiß hat die kleine Näscherin Hunger und 5 sucht sich in der Speisekammer ein Töpfchen Milch oder eine Wurst. Man kann ihr aber doch nicht böse sein. Mit den Samt¬ pfötchen tritt sie sehr behutsam auf: sie schmiegt sich an dich, macht einen großen Buckel und schnurrt behaglich, wenn du ihr ein wenig das Fell streichelst. Nur darfst dn sie nicht unsanst berühren oder io necken. Das bestraft sie gleich. Sieh, hier an den Pfötchen sind sehr spitze, krumme Krallen! Beim Gehen werden dieselben in passende Scheiden zurückgezogen, im Kampfe und beim Klettern streckt sie dieselben hervor. Wie eifrig die alte Katze beim Mäusefangen ist, kannst du jeden i- Abend beobachten. Stundenlang sitzt sie vor dem Mauseloch und wartet, bis ein unvorsichtiges Mäuschen sich herauswagt. Im Nu hat sie es im Sprunge erhascht. Oft spielt sie noch eine Zeitlang mit der armen Maus, läßt sie wieder laufen und hascht sie nochmals. Du könntest dich über das possierliche Spiel freuen, wenn dich nicht 20 das Mäuschen dauern müßte, das gewiß viel Angst leidet. Du darfst ihm aber nicht helfen; denn es hat im Hause schon vielen Schaden angerichtet mit seinen scharfen Zähnen und der Vater hat die Katze zum Mäusefangen in das Haus gebracht. Die Katze liebt ihre Jungen sehr. Die jungen Kätzchen können 25 anfangs nicht sehen; die alte bewacht sie daher sorgfältig und verbirgt 224 sie auch vor dem Kater; denn dieser würde sie aufsressen, wenn er sie fände. Nach neun Tagen öffnen die Jungen ihre Augen. Im Lichte siehst du den Augenstern der Katzen zu einem schmalen Spalte sich ver- 3« engen; im Dunkeln erweitert er sich und wird fast kreisförmig. Rothe. 277. Das Paar Pantoffel. Zu Bagdad lebte ein alter Kaufmann, namens Abu Kasem, der wegen seines Geizes sehr berüchtigt war. Seines Reichtunis ungeachtet waren seine Kleider nur Flicken und Lappen, sein Turban ein grobes Tuch, dessen Farbe man nicht mehr unterscheiden konnte. Unter allen seinen Kleidungsstücken aber erregten seine Pantoffel die größte Aufmerksamkeit. Mit großen Nägeln waren ihre Sohlen beschlagen, das Oberleder bestand aus so vielen Stücken als irgendein Bettler¬ mantel; denn in den zehn Jahren, seitdem sie Pantoffel waren, hatten die geschicktesten Schuhflicker von Bagdad alle ihre Kunst erschöpft, w diese Stücke zusammenzuhalten. Davon waren sie so schwer geworden, daß, wenn man etwas recht Plumpes beschreiben wollte, man die Pantoffel des Kasem nannte. Als dieser Kaufmann einst auf dem großen Markte der Stadt spazieren ging, tat man ihm den Vorschlag, einen ansehnlichen Vorrat w von Kristallgeräten zu kaufen. Er schloß den Kauf sehr glücklich. Einige Tage nachher erfuhr er, daß ein verunglückter Salbenhändler nur noch Rosenwasser zu verkaufen habe und sehr in Verlegenheit sei. Er machte sich das Unglück dieses armen Mannes zu nutze, kaufte ihm sein Rosenwasser für die Hälfte des Wertes ab und war M über diesen Kauf sehr erfreut. Es ist die Gewohnheit der morgen- ländischen Kaufleute, die einen glücklichen Handel gemacht haben, ein Freudenfest zu geben. Dies tat aber unser Geiziger nicht. Er fand es zuträglicher, einmal auch etwas an seinen Körper zu wenden, und so ging er ins Bad, das er seit langer Zeit nicht mehr besucht e.< hatte, weil er sich vor der Ausgabe fürchtete, die dadurch nötig wurde. Indem er nun in das Badehaus kam, sagte eiuer seiner Bekannten, es wäre doch endlich einmal Zeit, seine Pantoffel abzu¬ danken und sich ein Paar neue zu kaufen. „Daran denke ich schon lange," antwortete Kasem; „wenn ich sie aber recht betrachte, so sind — 225 — sie doch so schlecht nicht, daß sie nicht noch Dienste tun könnten." 30 Damit begab er sich ins Bad. Während er badete, kam auch der .Kadi von Bagdad dahin, und weil Kasem eher fertig war als der Richter, ging er zuerst in das Zimmer, wo man sich ankleidete. Er zog seine Kleider an und wollte nun wieder in seine Pantoffel treten, aber ein anderes Paar stand 35 da, wo die seinigen gestanden hatten, und unser Geizhals überredete sich gern, daß dies neue Paar wohl ein Geschenk des Freundes sein könne, der ihn vorher erinnert hatte, sich ein Paar neue zu kaufen. Flugs zog er sie an und ging voll Freude aus dem Bade. Unglücklicherweise aber waren es die Pantoffel des Kadi. Als w dieser nnn gebadet hatte und seine Pantoffel begehrte, so fanden sie seine Sklaven nicht, wohl aber ein schlechtes Paar andere, die an eine andere Stelle verschoben waren und die man sogleich für Kasems Pantoffel erkannte. Eilig lief der Türhüter hinter ihm her und führte ihn, als auf dem Diebstahle ertappt, zurück zum Kadi. Dieser, über 45 die unverschämte Dreistigkeit des alten Geizhalses ergrimmt, hörte seine Verteidigung gar nicht einmal an, sondern ließ ihn sogleich ins Gefängnis werfen. Um nicht wie ein Dieb mit öffentlicher Schande bestraft zu werden, mußte er nach orientalischer Art reichlich zahlen. Hundert Paar Pantoffel hätte er für die Summe kaufen können, die so er erlegen mußte. Sobald er nach Hause gelangte, nahm er Rache au den Urhebern seines Verlustes. Zornig warf er die Pantoffel in den Tigris, der unter seinem Fenster vorbeifloß, damit sie ihm nie mehr zu Gesichte kämen. Aber das Schicksal wollte es anders. S5 Wenige Tage nachher zogen Fischer ihr Netz auf und fanden es ungewöhnlich schwer. Sie glaubten schon einen Schatz an den Tag zu bringen. Statt dessen aber fanden sie die Pantoffel Kasems, die noch dazu mit ihren Nägeln das Netz so zerrissen hatten, daß sie lange daran flicken mußten. Voll Unwillen gegen Kasem und seine Pantoffel, «0 warfen sie diese gerade in seine offenen Fenster. Aber in eben diesem Zimmer standen unglücklicherweise alle die Kristallflaschen, voll von dem schönen Rosenwaffer, das er gekauft hatte; und als nun die schweren, mit Nägeln beschlagenen Pantoffel auf dieselben geworfen wurden, so wurde der Kristall zertrümmert und das herrliche Rosen- «5 wasser floß auf den Boden. Leseb. f. slow.-utraquist. Mittel!-!,. 1. u. S. Kl. (N) t» 226 Man stelle sich Kasein vor, als er ins Zimmer trat und die Zerstörung erblickte. „Verwünschte Pantoffel!" rief er aus, „ihr sollt mir ferner keinen Schaden anrichten!" Sofort nahm er eine Schaufel und lief mit ihnen in den Garten. Hastig grub er ein Loch, um seine Pantoffel darin zu vergraben. Als er aber damit beschäftigt war, sah einer seiner Nachbarn, mit dem er seit langer Zeit in Feindschaft lebte, zum Fenster hinaus und bemerkte das hastige Graben Kasems. Unverzüglich lief er zum Statthalter und meldete ihni insgeheim, daß 75 Kasein in seinen« Garten einen große«: Schatz gefunden habe. Es war umsonst, daß Kasein beteuerte, er habe nichts gefunden, sondern vielmehr etwas hineingelegt, nämlich seine Pantoffel. Vergebens grub er sie wieder aus und legte sie selbst vor Gericht als Beweis vor: der Statthalter glaubte, daß Kasein den gefundenen Schatz 8<> verheimlichen wolle, und dieser mußte sich abermals mit einer großen Summe lösen. Voll Verzweiflung ging er vom Statthalter weg, seine teuer» Pantoffel in der Hand, und verwünschte sie von ganzem Herzen. „Warum," sprach er, „soll ich sie noch mir zum Schimpf in dell «5 Händen tragen?" Mit diesen Worten warf er sie, nicht weit von des Statthalters Palast, in eine Wasserleitung. „Nun werde ich," sprach er, „doch weiter von euch nichts hören, nachdem ihr mich so viel gekostet habt." Aber die Pantoffel wurden gerade in die verschlämmte Röhre der Wasserleitung hineiugetrieben. Nur noch dieses Zusatzes so bedurfte es. Nach einigen Stunden stand der Fluß still, die Wasser traten über und sogar des Statthalters Gewölbe ward überschwemmt. Überall war Angst und Verwirrung und die Brunnenmeister wurden zur Verantwortung gezogen. Diese untersuchten die Wasserleitung und zu ihrem Glücke fanden sie die Pantoffel in dem von ihnen vernach- «5 lässigten Schlamme und hatten sich damit genug gerechtfertigt. Der Herr der Pantoffel ward in Haft genommen, und weil dies eine bos¬ hafte Rache gegen den Statthalter schien, so mußte er mit einer noch größeren Geldstrafe, als die beiden vorigen waren, büßen. Seine Pantoffel aber wurden ihm sorgfältig wiedergegeben. wo „Was soll ich nun mit euch tim," sprach Kasem, „ihr ver¬ wünschten Pantoffel? Allen Elementen habe ich euch gegeben und ihr kommt immer mit größerem Verluste für mich wieder; jetzt ist mir nur noch eins übrig, die Flamme soll euch verzehren." 227 „Weil ihr aber/ fuhr er fort und wog sie iu feinen Händen, „so ganz mit Schlamm erfüllt und mit Wasser getränkt seid, so muß ich nu> euch noch das Sonnenlicht gönnen und euch auf meinem Dache trocknen; denn euch in mein Haus zu bringen, werde ich mich wohl hüten." Mit diesen Worte» stieg er auf das platte Dach seines Hauses und legte sie daselbst nieder. Aber das Unglück hatte noch nicht auf¬ gehört, ihn zu verfolgen; ja der letzte Streich, der ihm ausbehalten no war, war der grausamste von allen. Ein Hund seines Nachbars ward die Pantoffel gewahr. Er sprang von dem Dache seines Herrn auf das Dach Kaseins und spielte mit ihnen, indem er sie umherzerrte. So hatte er den einen bis an den Rand des Daches geschleppt und es bedurfte nur noch einer kleinen Berührung, da fiel der schwere ns Pantoffel einer Frau, die eben unter dem Hause vorbeiging und ein Kind trug, gerade auf den Kopf. Sie fiel selbst nieder und das Kind stürzte aus ihren Armen auf die Steine. Ihr Mann brachte seine Klage vor den Richter und Kaseni mußte härter büßen, als er je gebüßt hatte; denn sein unvorsichtiger Pantoffel hatte beinahe zwei 120 Menschen erschlagen. Als ihm dies Urteil verkündigt ward, sprach Kasein mit einer Ernsthaftigkeit, die den Kadi selbst zum Lachen brachte: „Richter der Gerechtigkeit, alles will ich geben und leiden, wozu Ihr mich verdammt habt; nur erbitte ich mir auch den Schutz der Gerechtigkeit gegen die unversöhnlichen Feinde, welche die Ursache 125 all meines Kummers und Unglücks bis auf diese Stunde waren. Es sind diese armseligen Pantoffel. Sie haben mich in Armut und Schimpf, ja in Lebensgefahr gebracht und wer weiß, was sie noch im Schilde führen? Sei gerecht, 0 edler Kadi, und fasse einen Schluß ab, daß alles Unglück, welches ohne Zweifel noch diese 1Z0 Werkzeuge der bösen Geister anrichten werden, nicht mir, sondern ihnen zugerechnet werde!" Der Richter konnte ihm seine Bitte nicht versagen. Er behielt die unglücklichen Störer der öffentlichen und häuslichen Ruhe bei sich. Dem Alten aber gab er die Lehre, daß die rechte Sparsamkeit nur wL in der richtigen Anwendung des Geldes, nicht aber in dem Zusammen¬ scharren desselben bestehe. Liebeskind. 228 278. Der Sommer. Im Sommer scheint die Sonne heißer als im Frühling. Die vielen Blumen, das Gemüse in den Gärten und alles auf dem Felde schmachtet dann oft nach Regen. Alles bedarf der Erquickung. Da verdunkelt sich der Himmel, Blitze blenden das Auge, der 5 Donner rollt und ein wohltätiger Regen erfrischt die durstigen Bäume und Kräuter. Aber die Hitze wird noch größer; es rötet sich die Kirsche und das Getreide reift. Die Stachelbeere reift mit der Johannisbeere; die Kinder pflücken sie jubelnd ab und löschen damit ihren Durst. Das iv Gras auf den Wiesen ist hoch genug gewachsen, daß es mit. der Sense gemäht werden kann; die Sonne trocknet es zu Heu uud der Landmann bringt es als Wintervorrat in seine Scheune. Nach und nach wird das Laub der Bäume dunkler, das Korn wird gelb und der Schnitter wetzt seine Sichel, um es zu schneiden. is Bald liegt es abgeschnitten da uud der Bauer fährt es nach Hause, um es zu dreschen. Wie gütig ist der Sommer! Er schenkt den Kindern süße Früchte und durch seine Wärme reift das unentbehrliche Getreide! Nach Kellner. 279. Das, Tamm im Walde. Mein Weg führte mich in der heißen Mittagstunde durch die kühlen Schatten eines luftigen Buchenwaldes. Unter den Bäumen wuchs kein Gesträuch und kein Gebüsch; der Boden war mit langen Gräsern und mit reinlichem Moose bewachsen; nur den Fußpfad !> entlang bildeten dichte Haselstauden eine Art von Verzäunung. Ich wollte eben um eine Krümmung des Weges biegen, da begegnete mir ein niedliches Lamm, dessen Wolle in das weiße Licht der Sonne getaucht zu sein schien. Das Tierchen kam in eiligen Schritten gelaufen uud seine Augen machten sehr ängstliche Blicke. io Um den Hals trug es ein rotes Band. Es sah mich furchtsam au und sprang dann rasch über die untern Zweige der Stauden an mir vorüber. „Ach," dachte ich, „du haft dich gewiß von deiner Herde verirrt; wüßte ich nur den Aufenthalt derselben, auf meinen Schultern 229 wollte ich dich wieder zum Hirten tragen; so aber möge dich der Trieb deiner Natur auf den rechten Weg führen!" 15 Das gute Lämmlein war kaum aus meinen Augen, da kam ein großer Fleischerhund herangetrabt; die rote Zunge hing ihm aus dem Munde. Hinter ihm her kam der Metzger selbst; er hatte ein Strickchen in der linken Hand und fragte mich, ob nur nicht ein Lamm begegnet sei. Bones Lesebuch. 20 280. Das Gewitter. Wenn es im Sommer längere Zeit heiß gewesen ist, so entsteht gewöhnlich ein Gewitter. Dicke, schwarze Wolken steigen auf und breiten sich am Himmel aus. Dian hört von ferne den Donner rollen. Es erhebt sich von Zeit zu Zeit ein leiser Wind, der immer heftiger wird. Staub aufjagt und dann plötzlich wieder nachläßt. Indessen 5 kommt der Donner immer näher; es fallen Regentropfen. Gezackte Blitze fahren durch die Luft, immer häufiger und immer kürzer vor den Donnerschlägen. Wenn Blitz und Donner fast zu gleicher Zeit erfolgen, so ist das Gewitter ganz nahe; fährt der Blitz in einen Gegenstand auf der Erde, so sagt man: es schlägt ein. In der Nacht, w wo man den Blitz besser sieht und wo oft der ganze Himmel ein Feuer zu sein scheint, find die Gewitter am furchtbarsten. Beim Gewitter soll man in die Mitte der Stube treten; man kann die Tür oder ein Fenster offen lassen, doch darf kein Luftzug entstehen. Im Freien soll man nicht unter hohen Bünmen Schutz suchen, weil w der Blitz gern in hohe Gegenstände einschlägt. Die Gewitter reinigen und kühlen die Luft und erquicken Menschen, Tiere und Pflanzen. Lauck Hard. 281. Heimkehr des Hirten. 1. Noch glänzt der letzte Abendschein, Da treibt der Hirt die Herde ein. Der Knabe singt, das Mädchen lacht. Der Hund nach allen Seiten wacht. 2. So ziehn sie froh dem Dorfe zu. Rings liegt die Welt in stiller Ruh' Und überm Berge klar und rein Hebt sich der Mond mit Hellem Schein. 231 8ie bisltsn dssbalb einen Arol)sn Lat nnd besoblossen endliob, den ^.lken da^n 211 sr^väblsn, 5veil dieser dein blsnsobsn LIN äbnliobstsn 5var; denn sr batte SIN ssbr ernstes nnd V/SISSS 45 Lesiobt, ZinA anlrsobt anl 25vei Leinsn nnd var mit mensobliobsn Länden versebsn, mit densn er Aesobiobt 2N bantieren 5vnl)te. Lamit er siob nun 2N sinem 80 boben l^mts erst 5vobl vorbsrsits, sobiobtsn 8is ibn aut siniAS ^eit in dis Labs der blsnsobsn, damit er von diesen allerlei Lünsts srlsrne nnd sie LU den vieren dann mittsilsn bönns. Lsr ^.lks 5var anob soAlsiob da^n bereit nnd §in§ bin, 5vo ^dam nnd Lva mit ibrsn Hindern vmbnten. Dort setzte er sieb ant einen ^.xtslbanm nnd sab dein Treiben der Nsnsobsn 2N. V/sr ibn da so init seiner vüobtiASn Niene sitzen sab, innkte 25 denben: „^Venn dsr's niobt lernt, so» lsrnt's bsinsr." In der ersten b^oobs 5var seins ^.ntZabs, den Nsnsobsn es ab^nseben, 5vie sie ibrs Hütten bantsn; denn dis Biere ivolltsn anob vor dsr bösen INittsrnnK Kssobütrit sein. La sab er von seinem Lanins bernntsr, 5vis ^.dam ein Zo Lei! nabm, damit AsZsn dis Länme soblnA, bis sie nmbelsn, vis er disss dann ^nreobt baobte nnd ans dsn Laiben nnd Ltostsn sine soböns Lütte Lnsammensteilts. Lanm batte dsr ^üe das alles nnr ein blein 5vsni§ beobaobtst, so sxraob er tür sieb: „Lobo! venn's ^vsitsr niebts ist, das vbil Z5 iob anob sebon maeben!^ nnd list xn dsn lisren Lnrüob. Lort anAsbommen, risi sr sie alle Zusammen nnd sxraob: „Lommt, bommt! Ostrit sollt ibr in mir dsn ersten Baumeister von derzeit geben!" Damit nabm sr den ersten besten Lnüttsl nnd bieb 5vis närrisob ASKSn alle Länms, rsebts nnd linbs, bren2 4« nnd c^ner, dal) die Biers ibm ans dsm ^VsA-s listen, ^.ber dis Länms bliebsn alle rnbiA stsbsn nnd rübrtsn siob niobt nnd die Ibers laobten ibn ans. Las ärgerte dsn L. den nnd er sobnitt ibnsn ArimmiZe Lesiobter. ^.ber bei sieb selber daobts er-. „Laü sie nnr lasben! 45 lob bin doob blÜAsr als sie, nnd -wenn iob erst Lorr bin, sollen sie's sobon tüblen." In der 25vsitsn "Woobe ^volite sr lernen das Leid bestellen; denn ss Zsbraob dsn Bisrsn an butter. 233 duruut bünZts Ovu sinsn irdensn Xesseltoxt über dem Osuer aut, tat dsn Xobl binsin und nuob einsr 8tunds vur dis 8ux^>s tsrti§. „Xobo!" sxraeb der ^.lts, „das ist uuob beine Xsxsrei!^' sxranZ vom Laums, rill einen brsnnsndsn 8xan aus dem Oouor, !iv und sbs ^.dam Liu nuobsetrisn bonnte, vur er damit über alle VsrZe KssxrunAen. „Outen ^.xxetit!" riet sr den 3'ioron sobon aus der Osrns sntKe^en. „Xeuts sollt ibr etvus 2u ssssn bekommen, vonuob ibr alle Ototon lssken vordet! ldodo., ibr lluudo, bolt mir rusob 95 trosksns Xsiser riusummen, du vsrdst ibr etvus srlsbsn!" Die Hunds axxortisrten sobnell das XsisiA, der l^lte steobte den Orund binein und dis Olamms lluolrerte und xrusselte lustiZ iu dis Outt. Ould utor lisk das lteusr nuolr. „Das vollen vir sobon bskommsn/ riet dsr L.lts und blies mit vollsn Ouoksn ioo iu dis ^solis, doll dis ltunksn iluu und dsn Oi oren in den OeX tlo^en und dis ldaure verbrannten. „8obudst niobts," riet sr, „keins ltrsud' obns Osid! Nabt nur Osduld; Onde Kut, slles Aut!" Ouruut liolts sr sin Arokss luattiolidlutt, liänZts es an svsi 8tübsn ütsr dsml^susr s-ut, sodoxtts mit der tolilsn Hund 'lVusssr 105 uns dsm nüolistsu lluslis liiusin und vurt in dissss Lrsnnssssln und ullsrlsi Ilnlcruut, vus Zsruds um 'V/sAö stund. „Ous vird uus solimselrsn!" rist sr dsn Ilundsn 2u, denen solion dus ^Vusssr vor ^.xxetit uus dem Nuule list, ^.tsr lruum tutts sr's ASSUAt, so solirumxtts dus lduttisirblutt vor ullsr^u^su i u) Unsummen, die IrünttiAS 8uM6 list ins ll'susr und lösolrte es uus und mit dem Xoolren var's tur immer vorbei. Ou lluAsn die liers sebr un 2u brummen, besonders dis Osbssn, und beinsr volite mebr von der 'lVeisbeit des ^.lksn stvus vissen. Oer über spruob: „8obümt suvb, ibr Oiers! ^sr iu> vird denn Aleieb den Nut verlieren! Osrnen vir es nisbt, so lernen es unsre Xinder. l^ber die müssen Keböri^ bsbunclslt und darin srrioAen vsrden. Daber vili iob vor allen OinKSn Ostrit erst dis Xindsrer^iebunK von den Nsnssben lernsn. Ous vollts den Oobsen Kur nisbt iu dsn 8inn und sis 120 brummten noob visi mebr als rmvor; aber dis Oterds und Xunds, die sobon mebr Oust um Oernsn butten, tundsn den VorsebluA niobt so übel. 8is überredeten du^u uuob die anderen Oiers - 284 - und in der vierten ^Voolm 88,6 der ^lle wieder ant seinem 12L Daums. Lben sokrisn die kleinen Linder der Dva nnd weinten, 6.8,6 68 niolit 2nm lknkörsn war. Da kam dis Nntter kerans. wiokedts 816 in ein Dnok, IsKts sie in sin6n runden Lord, nnd wie sie diesen mit dem Dn6e anstie6, da6 er sioli bin nnd Ker wietzte, i3<> wurden die Linderolien Aanr: still und soklieton 6in. Die Krö6ersn Linder aber Kn6te sie, -wenn sie artitz, und ^üolititzte sie mit 8oli1ätzsn, wenn sie untolZsam waren. Laum Katts der ^.lke das Zeseken, so sxraok er: „Das LindsrerLieKen verstell' iok ^jet^t aus dein Drunde; aber da^n iss gekört anok ein Duok, wie die Nensoksn da Kaken." dV^sil nnn gerade ein solokes in derLäke aut dem^ptelkaumo ^umDrooknen autAekänAt war, so stakl er es keimliok wsZ, kand es dann wie eine Dakns an einen 8took nnd kam damit ^nkelnd ^n den Dienen snrüok. IW „Lun bringt mir einmal eure sämtlioken Linden kerkei, sie sollen in einen 8tunde er^oASn sein!" 8o riel' en den Dienen entsetzen. Diese drnolnten denn eili^ g,11e i^re ^nn^en LLlden, Diillen, Däininsr, ^ielrelolien, Lnndelien nnd Lät^olisn nnd nood viele, viele ^ingn Dienolien, eines iinnien niedliolier als iis das andere. Die Lällien solirien, die Dnllen wielierten, dis Dnininsr blölrlsn, die 2iolrsloli6n ineolrsntsn, dis Dnndelwn winssllen, dis LätLolien nNÄnten, von allen aber solirien nnd c^nielrlen die ^'nnAsn Derlrelolisn ain ineisten. iso ^Din 8elin6iliälss solll solion still wenden!" sxraoli der Like, nalun ant eininal seelis DenDel, die ain Ärgsten solirien, IsAte sie ins Dnod, solninnte es rinsannnen, wie inan ein Dnndsl ^Väsolis solinnnt, nnd letzte das Zan^e Daok in das Dank ant einen soli wank enden Daninast. Darant s^rantz en ssllist ant den 8tannn iss nnd stie6 niit deni Dn6e an den ^.st, um ilnn lnn nnd lisr 2N wisAsn. ^.litzr — klatsoli! — laZen die ssolis 8^ant6nke1 mit ilirem Dnolie ant der Dnds nnd waren mänsolienstill. „8sli.t ilir," sxraoli der ^.ile, „allmälilioli komm' ioli sokon dakinten. detxt aken will iok mein klsisterstnok maoken an ennen älteren i«v Lindern, da werdet ikr Lesxekt vor mir bekommen!« 236 weißen Stein, Christoph Lambergar ist sein Name!" „So schickt um ihn!" sagte Pegam, „er lasse zu Hause alles stehen und komme eiligst herbei, um es mit mir aufzunehmen!" Da ward ein Brief geschrieben und ein junger Bursche enteilte » damit auf flinkem Rosse ins schöne Kram, allwo im bergigen Ober¬ lande auf grauer Felsspitze Ritter Lambergar hauste. Herr Lambergar stand eben am Fenster seiner Burg, neben ihm saß sein trautes Mütterchen. „Ein Wiener Bote sprengt heran! Was mag er uns wohl für Neuigkeiten bringen?" sagte der Sohn und ra eilte dem Boten entgegen. Auf der Treppe traf er ihn, die eine Hand bot er ihm zum Willkomm, mit der anderen langte er nach dem Brieflein. Rasch durchflog er den Inhalt des Schreibens und sprach, zum Mütterchen zurückgekehrt: „Lieb Mütterchen, ich soll nach Wien, der Kaiser schickt nach mir, daß ich mich mit dem bösen Pegam 25 messe." Da sprach das Mütterlein: „Du hast ein Rösselein im Stall, flink wie ein Vögelein; sieben Jahre ruht es an der Krippe und hat das Sonnenlicht noch nicht gesehen, hat nur goldene Weizenkörner gekaut und süßen Wein getrunken. Das nimm und reit nach Wien. Doch höre mich weiter, mein Sohn, und merk' es wohl, was ich dir M jetzt sage: Dem Pegam stehen zwei Teufel bei! Laß dich nicht irre¬ führen, wenn du plötzlich drei Häupter am Ungeheuer erblickst. Die beiden äußem laß stehen, sie schaden dir nicht, nur das mittlere nimm auf die Klinge! So besiegst du den Riesen." Rasch flog Christoph zur Rüstkammer und nahm daraus den 85 Panzer und das Schwert und den Spieß. Dann grüßte und küßte er das Mütterchen und schwang sich auf das Roß. Er schoß dahin wie ein Donnerkeil und hielt nicht eher Rast, als bis er zur Stelle war. Mittag war's in Wien. Herr Lambergar sprengte die Straßen entlang, daß die Fensterscheiben in Splitter gingen und dem Pegam 4o beim Essen der Löffel entfiel. Wie der Riese von der Ankunft Lambergars erfuhr, lud er denselben höhnisch zu Tische ein, daß er sich stärke für den Kampf. Doch Lambergar erwiderte: „Ich bin nicht zu dir zu Gaste gekommen, ich bin gekommen, dein braunes Haupt zu treffen, deine weiße, goldumrandete Feder in den Kot zu 45 treten." „Eilt's dir denn gar so sehr, deinen Kopf zu verlieren?" sagte Pegam hämisch und fuhr fort: „Wo willst du also den Kampf, ini Hose der Kaiserburg oder in den Straßen Wiens?" „Auf 237 freiem Felde, daß ganz Wien zuseheu könne, geziemt sich der Kampf für Helden!" versetzte stolz der Kramer. Und man wallte hinaus in die Ebene. ->o Der Kampf begann. Gewaltig rasselten die beiden gegeneinander; doch beim ersten Gange litt keiner Schaden, sie ritzten nur einander kaum merklich hinter den Ohren. Da nahm Pegam wieder das Wort: „Mich dauert nur das Rößlein, das noch heute, feinen Herrn suchend, allein im Felde herumirren und um den Toten bittere Zähren 55 weinen wird." Darauf erwidernd sprach Christoph: „Und mich jammert dein Weib, das, so jung und so schön, noch heute zur Witwe bestimmt ist." Da sprengte Pegam wutschnaubend zum zweiten Stoß heran — umsonst, Lambergar wurde nur leicht verwundet. Und wieder zum dritten Male packten sie sich, grimmiger denn je, und dem Pegam «o standen jetzt beide Teufel bei, daß er dreiköpfig dem Lambergar erschien. Doch dieser zielte, eingedenk der mütterlichen Weisungen, nur auf das mittlere Haupt und ließ sich durch die beiden äußeren nicht täuschen. Gewaltig sauste sein Schwert nieder — und Pegams Kopf flog weithin vom Rumpfe. Da jauchzte das Volk, daß der «5 Himmel erdröhnte. Der Sieger spießte das Haupt des Riesen auf seinen Speer und trug es vor den Kaiser. Posaunen bliesen die Siegeskunde in alle Lande des Reiches und groß war der Ruhm des wackeren Kramers. Štritof. 284. Achte auf deine Gesundheit! Mancher denkt nicht daran, was sür ein unschätzbares Gut die Gesundheit ist. Viele verderben sich dieselbe schon in ihrer Jugend; andere machen sich durch eigene Schuld zu krüppelhaften, elenden Menschen oder müssen frühzeitig sterben, weil sie unachtsam und leichtsinnig waren. Willst du dich vor Krankheit und Schmerzen be- 5 wahren, so beachte folgendes: Schlucke die Speisen nicht gierig hinab, iß nie zu viel; zu viel ist ungesund. Iß kein unreifes Obst; es verursacht schmerzhafte Krank¬ heiten. Geuieße nichts von Beeren, Kräutern oder andern Gewächsen, die du nicht kennst; manche davon sind giftig. io Trink nie, wenn du erhitzt bist! Geistige Getränke sind für Kinder schädlich. > 238 Lege die Oberkleider nicht ab, wenn dn schwitzest! Im Frühlinge nnd im Herbste, wenn die Tage warm, die Nächte kalt sind, habe n-, acht, daß du dich nicht in der Frühe oder am Abend erkältest! Geh nicht von der Kälte zum heißen Ofen; bleib nie zu lange oder zu nahe an demselben! Habe Sorge, daß du dir die Zähne und Augen nicht verderbest! Die Zähne nehmen Schaden durch süße Näschereien, oder wenn man 20 mit denselben harte Sachen auf- oder abbeißt, wenn man mit Nadeln Messern oder Gabeln darin stochert, wenn der Mund nicht rein ge¬ halten und nicht fleißig mit frischem Wasser ausgewaschen wird, wenn man sogleich nach dem Genüsse heißer Speisen Kaltes trinkt. Den Augen ist es nachteilig, wenn man frei in die Sonne 25 schaut; wenn man liest, während grelles Licht in die Augen fällt, oder gar, wenn es zu dunkel ist. Kummer-Branky-Hofbauer, Lesebuch. 288. Cornelia. Cornelia, eine edle Römerin, war eine treue Mutter; sie lebte nur für ihre Kinder und war bemüht, sie zu braven und tüchtigen Menschen zu erziehen. Einst kam eine Freundin zu ihr, die mit Gold und kostbaren Edelsteinen beladen war und sich nicht wenig aus s dergleichen Schmuck einzubilden schien. „Ei," rief die eitle Frau der einfach gekleideten Cornelia zu, „liebe Freundin, wo hast dn denn deinen Schmuck? Deine Kleidung ist doch gar armselig für eine edle Römerin!" — Cornelia ließ ihre Kinder hereinkommen und sagte lächelnd: „Hier ist mein bester Schmuck! Kann eine Mutter größere io Kostbarkeiten haben als gute Kinder?" Lahrssen. 286. Zeus und das Schaf. Das Schaf mußte von allen Tieren viel leiden. Da trat es vor Zeus und bat, sein Elend zu mindern. Zeus schien willig und sprach zu dem Schafe: „Ich sehe wohl, mein frommes Geschöpf, ich habe dich allzu wehrlos erschaffen. Nun wähle, wie ich diesem Fehler 5 am besten abhelfen soll. Soll ich deinen Mund mit schrecklichen Zähnen und deine Füße mit Krallen rüsten?" „O nein," sagte das 239 Schaf; „ich will nichts mit den reißenden Tieren gemein haben." „Oder," fuhr Zeus fort, „fall ich Gift in deinen Speichel legen?" „Ach," verfetzte das Schaf, „die giftigen Schlangen werden ja fo sehr gehaßt!" — „Nun, was soll ich denn? Ich will Hörner auf w deine Stirn pflanzen und Stärke deinem Nacken geben." — „Auch nicht, gütiger Vater, ich könnte leicht stößig werden wie der Bock." — „Und gleichwohl," sprach Zeus, „mußt du selbst schaden können, wenn sich andere hüten sollen, dir zu schaden." „Müßt' ich das?" seufzte das Schaf. „O, so laß mich, gütiger Vater, wie ich bin! Denn das Vermögen, schaden zu können, erweckt, fürchte ich, die Lust, schaden zu wollen; und es ist besser Unrecht leiden als Unrecht tun." Zeus segnete das fromme Schaf und es vergaß von Stund' an zu klagen. Lessing. 287. Euklid von Megara. Des jungen E u k li d e s Vaterstadt war Megara; doch hielt er sich lieber in Athen auf, um daselbst von dem weisen Sokrates Lehren der Weisheit zu hören. Einst aber wurden die Athener den Bewohnern von Megara feind und ließen daher bekannt machen, daß der erste Megaräer, der sich wieder in Athen werde ertappen lassen, sein Leben 5 verlieren sollte. Das war nun eine recht traurige Nachricht für den jungen Euklides; denn gar zu gern hätte er den weifen Sokrates ferner gehört, aber seinen Kopf daran zu wagen, das war ihm doch auch bedenklich. Endlich aber siegte doch die Lust und Liebe zur Weisheit w über die Liebe zum Leben. Er beschloß, sich an das Verbot nicht zu kehren, sondern sich alle Abende heimlich in die Stadt Athen zu schleichen. Alle Abende gegen Sonnenuntergang zog er Weiberkleider an und ging in diesem Aufzuge von Megara nach Athen, was ein Weg von wenigstens zwei Meilen war. Sobald er in Athen angekommen is war, begab er sich nach dem Hause des Sokrates und brachte einige Stunden der Nacht bei ihm zu, und noch ehe der Tag anbrach, ging er wieder nach seiner Vaterstadt zurück. So wagte dieser edle lern¬ begierige Jüngling alle Tage sein Leben und ließ sich einen täglichen Gang von vier Meilen nicht verdrießen, um von Sokrates zu lernen, e» weise und gut zu werden. Campe. 241 289. IkZrr-rZrrr«. Zm 8//»'aZms am/ Zs-' /»«e/ KsrZrem ZeöZem Lwsr Z-tMAZrmAe, Z)amrom mmZ ZZr'mZr'as. ZZrmZras ^/eZ öe? Ze-m ZÄmsZsm Z)rom?/s r'm ZZmAmaZe mmZ wm-'Zs rrm-m ZtzZe memmmterZZ. Z)mmeZ ser'm §üZem sm/sieZt ei' ermrAö ZimAe Zmrst, mm Lmmam macZ ZZamse mersem mmZ Z»Zm^emZe ZdmrrZremamAeZeAem^er'Zem rm OmZmmmA ömr'mAem sm Zö'mmem. 5 wa^memZ Ziese»' sZeZZte srm// ser'm ZZemmZ Z)amom a/s /ZmmAS mmZ wamZemZe am 8ZeZZe Zes Z^Zr'mZr'as rms (Ze/amAmr's. Z)em Zdc/, am rvsZoZerm Zas Z/mZer'Z amsAö/mZrmZ roemZem soZZZe, ma^Zs Zremam mmZ moe^ Zre/ sr'eZi ZNrmZr'as mr'e^Z se^em. 8o^om ZaZeZZs mam Damrom, Za/? ei' er'me so Zo'mr'c/Zs ZZmmAse^a/Z er'm- w ASAamAem ser' mmZ sr's^ am/ Zre ZVems sermes Z>emmZes memZassem Haöe. Aösm Z)amrom memZmamZe /esZ am/ Zas Ärm vom ZZrmZr'as Aeoeöeme WorZ mmZ em^ZämZe, ei' wemZe mom Zr'esemr (ZZamöem mr'e/Z Zassem, seZösZ wemm em/mm ser'mem ZVemmZ sZemöem -mmsse. Dr's KmmZe Zamr, rveZe^s mom Dr'omr/s «mm ZoZZsre^mmA Zes 15 ZdZesmi-ZerZs/esZAesZeZZZ wam. Kc^om mmi'Zem Zre ^.msZaZZem AöZi't^Zem, Zem ZZmi'Aem am 8ZeZZs Zes Z/mZmrr'o^emem sm-m Fre^Z^ZaZL W Zm Zreserm ^MAömöZr'eZe sZÄi'sZe Z'Zr'mZr'as, cZei- Zui-e/t mmeo-Zei'- Aese^eme M'erAnr'sse »mi'meZtt/eZ^aZZem rvo-'Zem roam, «ZeimZos ^emöer, Zi'äm^Ze sr'eZ ZmmcZt Zre rlZemse^emmremAe, roar^/ sreZ rm Zre ^4i'-me 20 sermes ZZemmZes mmZ mZiemAaZ» sreZ Zem ZZrememm Zes ZZeseZries. ^4Zs Z)r'omr/s Zr'esem Z/ereer's Zmemem ZZemmZseZa/Z sa/r, rommZe em so emamr/Zem, Za/ em öe/a^Z, öer'Zem ZmmAZr'mAsm Zas Z/eöem sm so^em^em. Z/siZ. 290. Nndroklus und sein Löwe. Vor alten Zeiten lebte in der Stadt Rom ein Herr, der viele Sklaven hatte und dieselben hart behandelte. Einer von diesen Sklaven hieß Ändroklus. Dieser wollte sich die schlimme Behandlung nicht mehr gefallen lassen und entlief. Er kam ans Meer und ein mitleidiger Schiffer führte ihn hinweg weit über die See nach Afrika. Aber auch 5 dort war er in den bewohnten Gegenden noch nicht sicher vor Nach¬ stellung; denn die Römer hatten auch hier ihre Soldaten. Darum floh Audroklus in die Wüste. Er fand eine Höhle und suchte Schutz Lesebuch f. slow.-utraquist. Mittelsch. 1. u. 2. Kl. (bl) t6 242 darin vor den brennenden Sonnenstrahlen. Aber, o weh! plötzlich 10 erschien ein Löwe im Eingänge der Höhle. Diese mochte seine Wohnung sein; nun sand er einen Fremden darin. Wie wird es dem armen Androklus ergehen! Der Löwe brüllt dnmps. Androklus zittert; er muß sterben, nichts kann ihn reiten! Da sieh! Der Löwe blickt sanster, die gesträubte Mähne senkt sich! Er naht sich dem menschlichen Gaste, 15 aber langsam und hinkend, und hebt eine Psote zu ihm aus. Androklus gewinnt Blut. Er besieht die Psote und entdeckt einen starken Dorn in ihr. Nun merkt er, was der Löwe will. Vorsichtig und geschickt zieht er den Dorn heraus. Und sieh! Als der quälende Dorn entfernt ist, legt sich das dankbare Tier zu seines Wohltäters Füßen und so leckt ihm die Hände. Fortan lebten Androklus und der Löwe in Freundschaft in der¬ selben Höhle. Wenn der Löwe Wildbret gefangen hatte, so brachte er auch seinem Freunde davon; und wenn dieser ausging, so begleitete ihn der Löwe wie ein treuer Hund. 25 Es geschah aber, daß der Kaiser von Rom viele Soldaten in die Wüste schickte, damit sie ihm wilde Tiere für seine Schauspiele fingen. Da wurde auch unser Löwe gefangen. Aber auch Androklus wurde gefunden und mitgenommen. Und weil man ihn als entlaufenen Sklaven erkannte, so schickte man ihn nach Rom zurück. Er wurde so wieder seinem grausamen Herrn überliefert. Wie wird's nun dem armen Androklus ergehen! Damit kein Sklave wieder Lust bekäme zu entlaufen, so bestimmte der Herr dem Androklus die entsetzlichste Strafe. Er befahl, daß er öffentlich den wilden Tieren vorgeworsen werde. Um einen ebenen Platz saßen aus erhöhten Sitzen der Kaiser und 35 das Volk von Rom, um zu sehen, wie der arme Androklus uebst anderen Sklaven mit den Löwen und Tigern kämpfe und zerrissen werde. Als Androklus auf den Platz geführt war, wurde ein großer Löwe aus Afrika aus seinem Käfig losgelassen. Mit gewaltigem Satze und furcht¬ barem Gebrüll springt er hervor und sieht sich um. O weh dem armen 40 Sklaven! Gleich wird ihn das grimmige Tier zermalmen! Doch, o Wunder! was sieht man! Kaum hat der Löwe den Androklus ins Auge gefaßt, so ist sein Grimm verschwunden. Freudig stürzt er auf ihn zu, legt sich ihm zu Füßen und leckt und wedelt. Die Freunde aus der Wüste hatten sich wiedergefunden! Ein tückischer Leopard 45 naht jetzt von hinten dem Androklus. Aber der Löwe bemerkt ihn. 243 Mit einem Spränge hat er in erfaßt und ihm Nu zerrissen. Dann kehrt er liebkosend zu seinem Freunde zurück. Mit Staunen hatten alle Zuschauer das seltsame Schauspiel gesehen. Jetzt riefen sie: „Gnade, Gnade für Androklus!" Der Kaiser ließ Androklus vor sich kommen und fragte ihn, wie das zugehe, daß 5« ihm der grimmige Löwe so freundlich und untertänig sei. Androklus erzählte seine Geschichte. Darauf schenkte ihm der Kaiser die Freiheit und den Löwen dazu. Der Löwe aber blieb bei seinem Herrn und Freunde wie eiu treuer Hund und niemand wagte fortan, demselben etwas zuleid zu tuu. 55 Menke. 291. Dorf und Stadt. Es ist nicht gut, daß die Menschen allein sind; darum leben sie gern beisammen in Haus und Familie und darum wohnen sie auch am liebsten in Dörfern, Flecken und Städten beieinander. Zwar wohnen auch einzelne Familien ganz allein, wie der Förster und Köhler draußen im einsamen Wald und der Landmann in seiner Meierei oder s seinem Weiler mitten im weiten Felde oder wie einzelne reiche Leute oder Familien in ihrem prächtigen Schlosse. Die allermeisten Menschen wohnen jedoch in Dörfern und Städten. Und wie schön und lieblich sind nicht unsere Dörfer! Sieh, da schaut aus einem Kranz von Bäumen und lieblichem Grün die Kirche 10 mit ihrem Türmlein hervor! Rings uni dieselbe liegen meist unregel¬ mäßig die Wohnhäuser der Landleute nebst ihren Scheunen und Ställen, deren Dächer häufig noch mit Stroh bedeckt sind. In den Scheunen lagert das Getreide und das Heu; hier wird gedroschen. In den Ställen sind die Haustiere: die Pferde, die Kühe, die Schafe, die Schweine, is die Ziegen und die Kaninchen, die Gänse, die Enten und die Tauben. Und um Wohnungen und Wirtschaftsgebäude zieht sich der Obst-, Gras- und Gemüsegarten, während eiu kleines Ziergärtlein vor dem Hause liegt. Die Straßen sind gerade oder krumm, wie's eben gepaßt hat, und nicht gepflastert wie in der Stadt. so Die Hauptbeschäftigung der Dorfbewohner ist Ackerbau und Vieh¬ zucht, auch Fischerei und Jagd. Doch fehlt's auch nicht an Hand¬ werkern. Einen Zimmermann und Maurer, einen Schmied, einen 16* 244 Schuhmacher und Schneider, einen Müller nnd einen Binder findet s» man fast in jedem Dorfe. Nicht selten ragt über die Häuser des Dorfes ein stattliches Schloß empor, in dem der Gutsbesitzer wohnt, oder hohe Dampfschornsteine deuten an, daß hier in Zuckerfabriken die Rüben des Feldes in Zucker verwandelt oder in Brennereien aus Kartoffeln Branntwein bereitet oder in Ziegeleien die Bausteine aus so Lehm zum Häuserbau für Stadt und Land gebrannt werden. In den Straßen des Dorfes ist es still. Nur wenn vom Früh¬ jahr an bis zum Herbst der Hirt mit seinem Horn die Herden zusammen- rnft und die Schafe oder Rinder oder Schweine durch die Gaffen treibt, dann gibt's Leben und Lärmen. Abends aber ist alles still und 35 dunkel in den Gaffen, wenn nicht grade der Mond sein bleiches Licht über das Dörflein ausgießt. Anders ist's hingegen in der Stadt. Da liegt sie mit ihren hohen Türmen, um welche viele größere nnd kleinere Häuser gebaut sind. Die Dächer sind alle mit Ziegeln oder mit Schiefer- oder Zinkplatten 4v gedeckt. Die großen, schmucken Häuser stehen dicht beisammen und bilden lange, gerade Straßen, die mit Steinen gepflastert sind. Mitten in der Stadt ist der Marktplatz, auf dem sich der Markt¬ brunnen befindet. Da steht auch das Rathaus, in dem der Bürger¬ meister, die Stadträte und die Stadtverordneten das Wohl der 45 Stadt beraten. Die Bewohner der Städte sind Handwerker und Gewerbetreibende, Künstler und Kaufleute, Beamte und Gelehrte. In der Stadt wohnt auch der Doktor oder Arzt und der Apotheker, der den Kranken die Arznei bereitet. In den Städten wohnen auch in Friedenszeiten die 50 Soldaten. Die Straßen der Stadt find immer belebt von Menschen, Fuhr¬ werken, Kutschen und Reitern, besonders an den Markttagen und den Jahrmärkten und zumal in den Städten, in denen sich Bahnhöfe der Eisenbahnen befinden. Durch die Straßen der Stadt marschieren 55 die Soldaten, rasseln die Rollwagen nach dem Bahnhofe und abends sind dieselben wie auch die großen freien Plätze durch viele Hunderte von Laternen erleuchtet. Nach Dieile in. Aus Nied ergesäh, Deutsches Lesebuch. 245 292. Die beiden Wächter. Zwei Wächter, die schon manche Nacht Die liebe Stadt getreu bewacht, Verfolgten sich aus aller Macht Auf allen Bier- und Branntweinbänken Und ruhten nicht, mit pöbelhaften Ränken 5 Einander bis aufs Blut zu kränken. Denn keiner brannte von deni Span, Woran der andre sich den Tabak angezündet, Aus Haß den seinen jemals an. Kurz, jeden Schimpf, den nur die Rach' erfindet, io Den Feinde noch den Feinden angetan, Den taten sie einander an. Mau riet und wußte lauge nicht. Warum sie solche Feinde waren; Doch endlich kam die Sache vor Gericht. is Da mußte sich's denn offenbaren. Warum sie seit so vielen Jahren So heidnisch unversöhnlich waren. Was war der Grund? Der Brotneid? War er's nicht? Nein! Dieser sang: „Verwahrt das Feuer und das Licht!" ro Allein so sang der andre nicht; Er sang: „Bewahrt das Feuer und das Licht!" Aus dieser so verschied'nen Art, An die sich beid' im Singen zänkisch banden, Ans dem „Verwahrt" und dem „Bewahrt" 2- War Spott, Verachtung, Haß und Rach' und Wnt entstanden. Gellert. 293. Hektors Abschied von seiner Gemahlin Nndrvmachr. In alten Zeiten lag an der Küste Kleinasiens eine Stadt, die Troja hieß. Sie hatte ringsum eine hohe, feste Mauer und in der Mitte eine starke Burg. Ihr König Priamus gehörte zu den glücklichsten Menschen. Denn sein Reich war groß und mächtig und er hatte eine Schar trefflicher Söhne und Töchter, die zu herrlichen s 246 Männern und Frauen heranwuchsen. Unter seinen Söhnen strahlte aber vor allen der gewaltige Hektor hervor. Da brach ein langer und blutiger Krieg über die Trojaner herein, den sie mit den Griechen, die auch Argiver oder Danaer 10 genannt wurden, zu führen hatten. Diese waren nämlich von Paris, einem Bruder des Hektor, der die Helena, die Gemahlin eines griechischen Königs, geraubt hatte, aufs schwerste beleidigt uud kamen auf ihren Schiffen und belagerten die Stadt Troja zehn Jahre laug. In diesem Kriege war Hektor der Trost und Hort der Seinen. Fast kein Tag verging, wo er nicht in dem furchtbaren Kampfe, der gegen die Manern der Stadt tobte, den Seinen voraustritt. Einmal nun verließ er den heißen Kampf auf einige Zeit und ging zur Stadt, damit seine Mutter zur Göttin Athene um Ab¬ wendung der furchtbar vordringenden Griechen flehe. Als er dies so vollbracht hatte und nun wieder hinaus wollte, begegnete ihm am Tore feine sittsame uud verständige Gattin Andromache mit einer Sklavin, die ihr das kleine, unmündige Knäblein nachtrug. Das zärtliche Weib vergoß Tränen bei seinem Anblick, uahm sauft seine Hand und sprach zu ihm: „O mein Trautester, dich tötet noch dein r.-> Mut! Bleib doch einmal bei uns und erbarme dich des unmündigen Kindes und deines elenden Weibes! Ach, wenn ich dich verliere, wer soll mich schützen? Meine Mutter ist gestorben, meinen Vater und sieben Brüder hat Achilles in Cilicieu erschlagen und du gehst nun auch von mir, da die Griechen schon unsere Mauern bestürmen. 30 O, bleib doch hier auf dem Turme!" „Liebes Weib," versetzte Hektor, „wie kann ich? Ruht nicht auf mir die Errettung der Stadt und sieht nicht alles Volk auf mich? Müßte ich mich nicht vor den Weibern schämen, wenn sie mich zuschauend auf der Mauer erblickten? Freilich wird auch mein 35 Bemühen wohl fruchtlos sein; denn mir sagt es mein Geist: ,Kommen wird der Tag, da Troja in Asche versinkt und Priamus' edles Geschlecht erlischt/ Und dann wehe dir, armes Weib, wenn ein stolzer Argiver dich als Sklavin wegführt, daheim in Argos für seine Frau zu weben oder aus der fernen Quelle Wasser zu holen, und die Leute 4o dich neugierig anschaueu und sagen: ,Das war Hektors Gemahlin, die hochgeehrte Trojauerfürstin, als jene berühmte Stadt noch stand/ — Ach, das zu hören! Unglückliches Weib! Und ich kann dich nicht aus 248 zu versuchen, damit dem grausamen Kriege ein Ziel gesetzt werde. Der schlaue Odysseus hatte folgendes Mittel ersonnen: „Wißt ihr s was, Freunde?" rief er freudig. „Laßt uns ein riesengroßes Pferd aus Holz zimmern, in dessen Versteck sich die edelsten Griechenhelden einschließen sollen. Die übrigen Scharen mögen sich inzwischen mit den Schiffen zurückziehen, hier im Lager aber alles Zurückgelasfene verbrennen, damit die Trojaner, wenn sie dies von ihren Mauern aus w gewahr werden, sich sorglos wieder über das Feld verbreiten. Von uns Helden aber soll ein mutiger Mann, der keinem der Troer bekannt ist, außerhalb des Rosses bleiben, sich als Flüchtling zu ihnen begeben und aussagen, daß er sich der Gewalt der Argiver entzogen habe. Er habe sich nämlich unter dem künstlichen Rosse, welches der is Feindin der Trojaner, der Göttin P a ll a s A t h e ne, geweiht sei, versteckt und sei jetzt, nach der Abfahrt seiner Feinde, eben erst hervorgekrocheu. In der Stadt soll er darauf hinarbeiteu, daß die Trchaner das hölzerne Pferd in die Mauern hineinziehen. Geben sich dann unsere Feinde sorglos dem Schlummer hin, so soll er uns ein Zeichen geben 20 und die Stadt mit Feuer und Schwert zerstören helfen." —- Als Odysseus ausgeredet, priesen alle seinen erfinderischen Verstand; aber der Sohn des Achilles erhob sich unwillig und sprach: „Tapfere Männer pflegen ihre Feinde in offener Feldschlacht zu bekämpfen; dadurch müssen wir beweisen, daß wir die bessern Männer sind." 2k Odysseus bewunderte den hochsinnigeu Jüngling und erwiderte: „Du siehst wohl, wackerer Mann, daß selbst dein Vater, ein Halbgott an Mut und Stärke, diese herrliche Feste nicht zerstören konnte und daß Tapferkeit in der Welt nicht alles ausrichtet." Der Vorschlag wurde nun ohne Säumen ins Werk gesetzt. Die so tapfersten Helden begaben sich durch eine Seitentür in den Bauch des hölzernen Rosses und die übrigen zogen sich zurück. Voll Freuden strömten die Trojaner herbei, und indem sie das Wunderroß anstaunten, berieten sie sich darüber, ob sie es in die See werfen oder ver¬ brennen sollten. Denen im Bauche des Pferdes wurde bei solchen 35 Reden ganz unheimlich zu Mute. Eiu trojanischer Priester sprach warnend: „Meint ihr, eine Gabe der Danaer verberge keinen Betrug? Trauet dem Tiere nicht!" Mit diesen Worten stieß er eine eiserne Lanze hinein und aus der Tiefe ertönte ein Widerhall wie aus einer Kellerhöhle. 249 Während dies vorging, kam der schlaue Grieche herbei und 40 spielte seine falsche Rolle und alle glaubten dem Heuchler, welcher sprach: „Von jeher war alle Hoffnung der Danaer auf die Hilfe der Göttin Athene gebaut. Seitdem aber aus dem Tempel, den sie bei euch zu Troja hat, ihr Bild, das Palladium, entwendet worden, wurde die Göttin erzürnt und das Glück hatte die Waffen der 45 Danaer verlassen. Sie sind nun geflohen, um das Bild wieder herbei¬ zuschaffen. Zuvor aber erbauten sie noch dieses hölzerne Pferd, das sie als Weihgeschenk für die beleidigte Göttin zurückließen, um ihren Zorn zu versöhnen. Man ließ diese Maschine darum so hoch bauen, damit ihr Trojaner sie nicht durch eure Tore in die Stadt bringen so könntet, weil auf diese Weise der Schutz der Athene euch zu teil werden würde." Darauf rissen die Trojaner die Mauern ihrer Stadt nieder, um dem unheilvollen Gaste den Weg zu bahnen; sie fügten Räder an die Füße des Rosses und zogen es jubelnd in ihre heilige Burg, nicht ss achtend auf die Warnungen der Seherin Kassandra. Die Trojaner überließen sich die halbe Nacht hindurch der Freude bei Schmaus und Gelage. Unterdessen schlich sich jener Betrüger zu den Toren und ließ als verabredetes Zeichen eine lodernde Fackel in die Lüfte wehen; dann pochte er leise an den hohlen Bauch des 60 Pserdes und die Griechen kamen zum Vorschein. Mit gezückten Schwertern verbreiteten sie sich in die Häuser der Stadt und ein gräßliches Gemetzel entstand unter den schlaftrunkenen und berauschten Trojanern. Feuerbrände wurden in ihre Wohnungen geschleudert und bald loderten die Dächer über ihren Häuptern. Zu gleicher Zeit e>s stürmten die andern Griechen in die Stadt, die sich nun mit Trümmern und Leichnamen anfüllte. Die Danaer bemächtigten sich unermeßlicher Schätze und schleppten Weiber und Kinder an den Strand des Meeres. Menelaus führte seine Gemahlin Helena weg. Priamus und seine Söhne waren niedergestoßen. Die Königin nebst ihren Töchtern wie auch 70 die edle Audromache wurden als Sklavinnen unter die Sieger verteilt. Troja selbst wurde dem Erdboden gleichgemacht. Mit kostbarer Beute und vielen Gefangenen schifften nun die Griechen nach ihrem Vaterlande zurück, von dem sie zehn Jahre lang entfernt gewesen. 75 Nach Schwab. 251 flohen. Jetzt trieb er die Schafe und Ziegen, die er melken wollte, in die Felfenkluft, während er die Widder und Böcke draußen ließ; dann setzte er einen gewaltigen Felsen vor den Eingang der Höhle, den kaum zweiundzwanzig vierrädrige Wagen hätten fortschaffeu können. Als der Riese seine Herde gemolken und an der Milch sich gelabt hatte 4v und die übrig gebliebene in die Geschirre gefüllt war, zündete er ein Feuer an. Da bemerkte er die Fremdlinge und sprach zornig also: „Wer seid ihr und warum durchschifft ihr die Wogen des Meeres? Seid ihr ein Raubgeschwader und wollt ihr fremde Völker anfeinden?" 45 Bei dem rauhen Gebrüll seiner Rede und bei dem Anblick de Scheusals erbebten die Griechen; doch Odysseus redete, sich schnell ein Herz fassend: „Wir sind Griechen vom Heere des Königs Agamemnon und auf der Heimfahrt von Troja, das wir zerstörten, durch den Sturm in unbekannte Gewässer verschlagen; flehend nahen wir jetzt so deinen Knien, um ein Gastgeschenk dich bittend. Du aber scheue die Götter, denn Zeus schirmt die Fremdlinge st' Der grausame Zyklope erwiderte: „Ein Tor bist du, 0 Fremd¬ ling, daß du mich die Götter scheuen heißest; was kümmern wir Zyklopen uns um Zeus und die seligen Götter, da wir viel vor- ss trefflicher sind als sie! Aus Scheu vor den Göttern werde ich weder dich noch einen deiner Gefährten verschonen. Doch sage mir, wohin du dein Schiff gesteuert hast, ob es sich nah oder fern von hier be¬ findet?" Odysseus antwortete hierauf, schnell eine List ersinnend: „Unser Schiff ist an den Klippen gescheitert und wir allein sind dem «0 Verderben entronnen." Ohne noch etwas zu sagen, packte jetzt das Ungeheuer zwei der Gefährten des Odysseus, schlug sie wie junge Hündlein aus den Boden, daß Blut und Gehirn nmherspritzte, nud verzehrte sie. Darauf sank er in liefen Schlaf. Nun hätte ihm Odysseus das Schwert in die Brust es gestoßen, wenn nicht der Gedanke ihn zurückgehalten hätte, daß doch alle Griechen nicht ini stände wären, den gewaltigen Fels vom Eingänge fortzuwälzen. In der Höhle eingeschlossen, hätten sie alle eines schmach¬ vollen Todes sterben müssen. Den andern Morgen packte der Zyklope wieder zwei Griechen?o und verzehrte sie zum Frühstück; dann hob er ohne Mühe den Fels¬ block weg und setzte ihn ebenso wieder vor den Eingang, wie wenn 252 jemand einen Deckel auf den Köcher setzt; dann trieb er die Herde auf die Trift. Jetzt sann Odysseus auf Rache, ihm seine Freveltaten 75 zu vergelten. In der Höhle lag, dick und lang wie der Mast eines zwanzigrudrigen Schiffes, die Keule des Zyklopen, vom Stamme des Olbaumes. Diese ließ nun Odysseus von seinen Gefährten glätten; er selbst schärfte sie oben spitz zu, brannte die Spitze au und verbarg die Keule sorgfältig. Dann wählte er durch das Los vier seiner s« Gefährten, um mit ihnen dem schlummernden Zyklopen die Keule ins Auge zu stoßen. Diese Riesen hatten nämlich nur ein Auge und das saß mitten auf der Stirn. Am Abend kam der grausame Zyklope zurück, verrichtete wie sonst seine Geschäfte und schlachtete wieder zwei Griechen, die er zur 85 Nachtkost verzehrte. Jetzt nahete ihm Odysseus und reichte ihm eine Kanne voll Wein. Mit Entzücken leerte sie der Riese, ließ sie sich dreimal füllen und leerte sie dreimal, ohne etwas Arges zu ver¬ muten. Auch den Namen des Odysseus verlangte er zu wissen, um ihm wieder ein Gastgeschenk geben zu könne». »v „Meinen Namen sollst du erfahren," sprach der kluge Odysseus, „doch gib mir dann auch das Gastgeschenk. Niemand, so nennen mich Vater, Mutter und Geschwister. Niemand ist mein Name." Darauf erwiderte der tückische Riese: „Nun denn, so will ich Niemand zuletzt verzehren — das soll dein Gastgeschenk sein!" Mit i>5 diesen Worten sank der Zyklope zurück und verfiel in einen so tiefen Schlaf, daß sein Schnarchen dem grollenden Donner glich. Jetzt war Odysseus bereit; er nahm den Ölstamm, hielt ihn ins Feuer, bis seine Spitze eine glühende Kohle war, nnd dann faßten die vier Gefährten mit an und bohrten den Stanim mit aller wo Kraft in das Auge des Riesen. Der brennende Pfahl versengte dein Riesen Wimpern und Augenbrauen; siedend heiß quoll das Blut auf und das Auge zischte, als wenn ein glühendes Eisen in kaltes Wasser getaucht würde. Der Zyklope erhob ein so grauenhaftes Geheul, daß die Wände der Höhle erzitterten. Tobend und unsinnig vor Schmerz, w5 rief der Geblendete die anderen Zyklopen zu Hilfe; die kamen vor den Eingang der Höhle und fragten: „Was schreist und brüllst du so, Polyphem? Hat man dir Herden geraubt, oder tut dir jemand etwas zuleide?" „Niemand," schrie Polyphem, „Niemand will mich töten, Niemand hat mich überlistet." 253 Die Zyklopen, die diese Antwort nicht verstanden, meinten, iw Polyphem sei wahnsinnig geworden, und zogen wieder ab. Odysseus lachte aber in seinem Herzen und sreute sich der gelungenen List. Mit den Händen tappend, nahm nun der Riese den Felsblock vom Ein¬ gang, setzte sich selber in die Pforte und wollte die Schafe heraus¬ lassen, um dann besser die gefangenen Fremdlinge auffpüren zu iw können. — Odysseus jedoch band je drei dichtwollige Widder zu¬ sammen und unter dem mittleren verbarg er einen Griechen. Für sich wählte er den größten und stärksten Bock der Herde und hing sich ihm unter den Leib, indem er mit den Händen in der langen Wolle sich festhielt. So trabten die Widder mit den Griechen hinaus wo und Polyphem, der jedes Schafes Rücken betastete, merkte nichts vom Betrug. Zuletzt kam sein Lieblingsbock, der den Odysseus trug, und zu dem sagte er: „Bäckchen, was trabst du so hinter der Herde? Du warst ja sonst der erste beim Ausgange auf die Weide und auch der erste bei der Heimkehr. Gewiß betrübt dich das Auge deines Herrn, 125 das mir der tückische Mann geblendet hat. Könntest du mir sagen, wo er sich versteckt hat, dann sollte bald sein Gehirn den Boden bespritzen." So ließ er ihn hinausgehen. Die Griechen aber band Odysseus, als sie eine Strecke von der Höhle entfernt waren, los und nun eilten sie rasch an das Ufer, wo iso die Genossen sie freudig empfingen. Die Widder wurden auf das Schiff gebracht und dann fuhren sie ab. Als sie ein wenig von dem Ufer weggerudert waren, rief Odysseus dem Zyklopen die höhnenden Worte zu: „Ha, Polyphem, du fraßest die Genossen keines ver¬ ächtlichen Mannes, aber Zeus hat durch mich deine Freveltaten ws gestraft!" Da schleuderte der Riese ein ungeheures Felsenstück in das Meer, daß die von dem Falle brausende Woge das Schiff wieder dem Gestade zutrieb; doch durch eifriges Rudern kamen die Griechen von dem Zyklopenlande wieder fort und Odysseus rief abermals: „Polyphem, wenn dich jemand fragt um deines Auges Blendung, so 14» sag' ihm: Der Städteverwüster Odysseus, La orte s' Sohn von Ithaka, hat mich blind gemacht!" Da erinnerte sich Polyphem einer alten Weissagung und rief: „Wehe mir! jetzt gedenke ich des Sehers, der mir einst verkündigte, ich würde durch einen Griechen mit Namen Odysseus mein Auge verlieren. Doch glaubte ich immer, dieser Feind iw sei ein großer, gewaltiger Mann, noch stärker als ich — und nun 254 muß so ein kleines Ding, so ein Wicht kommen, der mich berauscht und betrügt! Komm doch herein zu mir, ich will dir alles verzeihen und meinen Vater Poseidon bitten, daß er dir eine glückliche Fahrt iso verleihe." Doch Odysseus hütete sich wohl. Da flehte Polyphem zu Poseidon, dem mächtigen Beherrscher des Meeres, daß er die Beleidigung seines Sohnes rächen und dem Odysseus eine schlechte Fahrt verleihen möchte. Und nochmals schleuderte er ein Felsenstück iss ins Meer, daß der Schaum aufspritzte, aber Odysseus und seine Gefährten ruderten nach der Insel hin, wo der andere Teil der Mannschaft zurückgeblieben war. Dort opferte Odysseus deu Lieblings¬ bock Polyphems dem Zeus. Grube. 296. Flutz, Strom und Meer. Wenn dem rauschenden Flusse unterwegs das Bächlein begegnet, so ruft es ihm zu: „Nimm mich mit, Bruder!" Und er öffnet ihm sein Bett und sagt: „Komm her, Brüderchen, fließe an meiner Seite!" Und das Wasser des Flusses und das Wasser des Bächleins fließen s nun friedlich zusammen zwischen den Blumen des Ufers. Die Fische schwimmen darin und die kleinen Fischlein spielen an der Oberfläche. Da kommen die Fischer mit ihrem Nachen; den treiben sie mit ihren Rudern und werfen eins Netz aus und fangen die Fische und die Fischlein. io An den Ufern des Flußes.stehen weite Wälder. Aus diesen bringen die Leute lange Baumstämme herbei und verbinden sie zu Flößen; die hat der Fluß zu tragen. Nun kommt er an die Stadt mit den hohen Türmen, den schönen Häusern und den vielen Menschen; die haben eine Brücke über ihn is her gebaut und gehen herüber und hinüber. Der Fluß aber darf sich nirgends aufhalten, er muß wandern ohne Rast und Ruhe. Und wie er weiterfließt, nimmt er immer mehr Bäche und kleine Flüsse auf, die er auf feinem Wege trifft. So wächst er an Fülle und Kraft und wird zu einem Strome, der große Ruder- 20 schiffe und brausende Dampfer tragen kann. Jetzt ist er in eine weite Ebene getreten. Hier mäßigt er seinen schnellen Lauf, umschließt mit seinen Armen manche grüne Insel und 256 20 30 35 4» 45 „Das," sprach der Vater, „nimmt mich wunder, Wiewohl ein jeder Ort läßt Wunderdinge sehn. Wir, zum Exempel, gehn itzunder Und werden keine Stunde gehn. So wirst du eine Brücke sehn — Wir müssen selbst darübergehn — Die hat dir manchen schon betrogen; Denn überhaupt soll's dort nicht gar zu richtig sei«. Aus dieser Brücke liegt ein Stein, An den stößt man, wenn man denselben Tag gelogen. Und fällt und bricht sogleich das Bein." Der Bub' erschrak, sobald er dies vernommen. „Ach," sprach er, „lauft doch nicht fo sehr! Doch wieder auf den Hund zu kommen. Wie groß sagt' ich, daß er gewesen wär'? Wie Euer großes Pferd? Dazu will viel gehören. Der Hund, jetzt fällt mir's ein, war erst ein halbes Jahr; Allein das wollt' ich wohl beschwören, Daß er so groß wie mancher Ochse war." Sie gingen noch ein gutes Stücke; Doch Fritzen schlug das Herz. Wie könnt' es anders sein? Denn niemand bricht doch gern ein Bein. Er sah nunmehr die richterische Brücke Und fühlte schon den Beinbruch halb. „Ja, Vater," fing er an, „der Hund, von dem ich red'te. War groß, und wenn ich ihn auch was vergrößert hätte, So war er doch viel größer als ein Kalb." Die Brücke kommt. Fritz! Fritz! Wie wird dir's gehen! Der Vater geht voran, doch Fritz hält ihn geschwind. „Ach, Vater," spricht er, „seid kein Kind Und glaubt, daß ich dergleichen Hund gesehen; Denn kurz und gut, eh wir darüber gehen: Der Hund war nur so groß, wie alle Hunde sind." Gellert. 257 298. Solon und Krösus. Solon war einer von den sogenannten sieben Weisen Griechen¬ lands und Gesetzgeber der Athener. Sein Zeitgenosse war der König Krösus von Lydien. Dieser zeichnete sich nicht bloß durch Macht und Gelehrsamkeit aus, sondern besaß auch so große Reichtümer, daß er sür den reichsten Fürsten seiner Zeit galt. 5 Auf einer seiner Reisen fand sich Solon bei ihm ein. Der reiche König saß, als der griechische Weise eintrat, auf einem schön¬ geschmückten Throne und war mit Purpur, Gold und Edelsteinen bedeckt. Solon ließ sich durch solche Pracht nicht blenden, ja er achtete kaum darauf und benahm sich gegen den reichsten König so w ungezwungen wie gegen seine Mitbürger in Athen. Da fragte ihn Krösus: „Kennst du wohl einen Menschen auf der Erde, der glück¬ licher zu schätzen ist, als ich es bin?" Ohne sich lange zu besinnen, nannte er Tell ns, einen Bürger aus Athen, der zwar arm an irdischen Gütern, aber reich an der Liebe seiner Mitbürger war, is dabei still und zufrieden lebte und in hohem Alter auf dem Schlacht¬ felde den Tod fürs Vaterland starb. Als Krösus weiter fragte, wen er nach Tellus für den glücklichsten unter den Sterblichen halte, nannte er Kleobis und Biton. „Die beiden Jünglinge" — erzählte er — „waren die Söhne einer Priesterin und spannten sich einst, da 20 ihre Mutter zum Tempel fahren wollte, aus kindlicher Liebe und aus Furcht vor den Göttern selber vor den Wagen; als sie im Tempel angekommen waren, schliefen beide, von der Anstrengung ermattet, in inniger Umarmung ein und erwachten nie wieder. Sie starben nach der schönsten Tat, die sie im Leben verrichtet hatten." 25 „Sonderbar," entgegnete Krösus, „du rechnest also auch die Toteu zu den Glücklichen? Mag sein! Aber unter den Lebenden, dächte ich, ist doch gewiß niemand glücklicher als ich." „Nicht gern möchte ich dir diesen schmeichelhaften Wahn nehmen," erwiderte Solon, „aber meiner Meinung nach ist es mit dem Glücke eine eigene Sache. Kein Tag so ist dem andern gleich; was der eine an sogenannten Glücksgütern gebracht hat, nimmt der andere, und solange der Mensch lebt, muß er, wenn er solche Güter besitzt, jeden Tag fürchten, sie zu verlieren oder auf andere Weise unglücklich zu werden; daher ist vor dem Tode niemand wahrhaft glücklich zu preisen." Zs Leseb. f. slow.-utraquist. Mittels»,, l. u. s. Kl. (U) 17 258 Die Folge hat gezeigt, wie wahr Solon gesprochen hatte. Um dieselbe Zeit lebte Cyrus, der sich schon manche Länder unter¬ worfen hatte. Mit ihm geriet Krösus in einen Krieg, hatte aber dabei ein Unglück ums andere. Sein Heer wurde geschlagen, seine »v Residenz eingenommen und er selbst fiel den Feinden in die Hände. Er verlor nicht nur alle seine Schätze, sondern wurde auch von dem übermütigen Sieger verurteilt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Der Holzstoß war bereits errichtet und das Feuer wurde angelegt; da erkannte Krösus, wie wahr Solon gesprochen hatte, und 45 rief, wie die Sage berichtet, bedeutungsvoll aus: „O Solon! Solon' Solon!" Cyrus, der nahe am Scheiterhaufen stand und diese Worte hörte, ließ sogleich anhalten und fragte, was dieser Ausruf bedeute. Krösus erzählte seine Unterredung mit Solon und fügte hinzu, er erkenne nun, daß niemand vor dein Tode vollkommen 5« glücklich zu preisen sei. Der glückliche Sieger wurde durch die Erzählung gerührt; er befahl, dem Krösus sogleich die Bande zu löseu, und schenkte ihm nicht nur das Leben, sondern nahm ihn auch als Freund und Ratgeber an seinen Hof. Beide lebten fortan . vereint, bis auch Cyrus die Unbeständigkeit des Glückes erfuhr und 55 in einem Kriege getötet wurde. S ch e i n p f l u g. 299. Ols LxurtÄHör in Itiermopzrlg,. Lebvmr und lunAsum bum die bersermuobt bsrunAeriOAtzn, obne widerstund xu linden, bis rmm LnZpusse von bbermop^lü, der in 6us Herr: von (ürieebenlund tubrt, llmr, v/o dus Neer von der einen und dus steile Otu^ebir^e von der anderen Leite nur 5 einen sobmulen LteZ gelassen buben, bielt der spurtunisebe KöniZ b e o n i d us init 300 Lpurtiuten nnä einiZen verbündeten bruppen. Xsrxes luobte überlaut, als er börte, dui.> dieses lbüutlein seins Dunderttuusende uutbubulten Ktzdenbe und sieb xuin Lumpte v/ie 2u einem beste sobmüobe. br sobiobte Loten bin mit dem io Letebl, ibm sotort die Butten uus^ulistern. ..Komm und bole sie!" vur die Xntveort. bind uls den Drieoben ZesuAt cvnrds, der btzinde seien so viele, duO ibre bteile die Lonne verlinstern würden, erv/idsrte ein Lpurtunsr bult: „Desto besser, so werden vir im Lobutten teebttzn!" 289 Xoob LiÖKerte Xerxes mit äsm VnZritt. Dr bonnte 68 sieb is niolit als mö^liob äenben, äal?> äiese Danävoll blensobsn virbliob ^iäerstailä leisten vüräen; 80 liek er ibnen äenn vier laZe 2eit -;ur Lssinnnn^: vielleiolit — so meinte er — vüräen sie von setzst nmbebren nnä abriieben. Dann aber lisk er seine Asiaten ZeZen äen DoblveA losstürmen. Hier stanäen äie Orisoben, rn äi eilt Aesoblosson, Nann an Nann, in äer Dinben äen Lobilä baltsnä, vas einer ebernen Nauer Altob, von äer äie Dteile äsr Barbaren blirrenü ^nrüobäoAsn; mit äsr Beobten stressten sie einen alä innrer Danken vor sieb bin. Lobar aut Lobar stürmte beran nnä snolits äen Wlä ^n änrobbrsoben; aber immer vüräen 25 sie über äie Dsiobsn äer Ibri^en rmrüobAovorten. Xerxes lieü ^'st^t äie lautersten seines Heeres, äie „nnstsrbliobe Lebar" genannt, vorrüobsn. Vnob sie treten. Xein lerssr moobte mebr äen ^NAritk va^sn. ^nveilen Asbranobten äie Lxartaner eine XrieAsIist nnä (loben; äie u^rsisebon lteiter varen bintsrärein; 30 aber plöt^iieb vanäten sieb äie laxtsrn nnä stavben Ito6 nnä Nann nisäer. Xerxes sxranA ott von seinem Litxe ant, venn er seins besten XrisZer lallen sab; er vütets nnä tobte nnä lielL seine Lobären mit (teiüsln in äen NoblveA xeitsoben, vo ibr sioberss (trab bereitet var. Hier värs viel lei obt sebon äie Kan^e 35 Uersisobe Naobt an äer laxterbeit von ein xaar bnnäert beläen- mütiKsn (trisoben Assobsitsrt, värs niobt ein Verräter Avvssen — ist sein Xame — äsr äsm usrsisoben Volälierrn einen Asbeimen Vnkutaä über äas (tebir^e sntäeolrte. Xnn sebliobsn äie lsrser in aller Ltills an äsm LerZ 4o binant, überstiegen äie absobüssiAen Höben nnä tlelen äen ver¬ ratenen (trisoben in äen ltüoben. Diese seben ibren nnvermsiä- lieben loä vor VnZen, aber sie vollen äas Deben anob teuer verbauten. ^Vütenä stürmen sie sieb in äie lteinäs, äie vis (tras unter äer Lense äss Lebnitters unter ibren Ltrsioben lallen. Vls 45 äie Danken äsr Luartaner ^srbrooben sinä, Asben sie mit ibren bürgen Lobvsrtsrn äen Deinäen 2m Deibs. Da tal.lt Deoniäas im DanäZemsnAk, naebäem er beläenmütiZ Zebämutt, nnä mit ibm viele tüobtiAö Luartaner; über seinem Deiobnam entstsbt ein ZrolLes (teäränAS äer Dsrser nnä Da^säämonier, bis äie (trisoben 50 ibn änrob ibre laxterbeit tortbrinAen nnä äroimal äie Dsrser in 17* 260 dis Kluobt soblugsu. ^kbsr nun driugsu von ullsu 8sitsu dis Osinds nut das immsr klsiusr wsrdsuds Orisobsuirssr siu uud dis Vuptorstsu müssen dsr Öbsrmuobt erlisten. 55 Von ssusu 300 8purtuusrn sturbsu uils dsu Osldsutod, bis unk siusu, Aristo d6 m n 8. Oisssr war bsi sinsm uudsru 8purtuusr, namens Our^tus, der wegen einsr soblimmen ^ugenkrunkbeit von Osonidas bortgssobiekt worden war. ^.ls sie nnn bürten, duO dis Osrser über den Oerg gegangen seien, tordsrts Our^tus seins 60 küstung, legte sie un und bstubl ssinsin Oisnsr, ibn naeb dem Xumptplutrie riu tübren. Hier ungekommen, stürmte er sieb in den teindliobsn Hauten und ward ersoblugen; ^.ristodsmusubsrrsttsts ssin kisbon durob dis Oluobt. Ooeb in 8purtu erklärten ibn ulle Bürger Mr sbrlos, keiner spruob mebr mit ibm, keiner durtte 65 ilirn ein Veuer unxünden. 8olobs 8ebmueb vernioob.be er niobt xu ertrugen; er 20g nuebber in Oie 8ob1uobtbei Blutüü nnä bielt sieb du so tupter, du6 er seine 8obmuob mit dem lode lösebte. 8oloberg68tu1t wur der Xumpt der (trisoben bei Vbermop^lü im ,luli 480 v. Olir. bluob der 8obluebt besub Xerxss die Ooiob- 70 nume, um! uls mun den Iisiobnum des bisonidus Sekunden, liel) er demselben den Xopt ubsobneiden und ibn sobmuobvoll uns Xrsu-ü sobluAen wider 8itt,s und Iteebt. Oie (trisollen über lis.Osn nuobber un der 8teI1e, wo Oeonidus ^stullsn wur, einen steinernen Oöwen und eine Osnbsüule srriobten, welebe die Insobritt trüZt: 75 „^Vnnderer, kommst dun8,sb8xurtu, verkündige dorten, du Imbest lins In er liegen gesebn, wie dus (besetz es belubl!" 6 r u d e. 300. Demosthenes. Demosthenes war der größte Redner unter den Griechen. Er hatte seinen Vater verloren, als er kaum sieben Jahre alt war. Als Knabe hörte er einst einen Redner und war ganz entzückt von der schönen Rede. Er faßte sogleich den Entschluß, auch einmal ein solcher 5 Redner zu werden. Von der Zeit an nahm er an keinem Spiele niehr teil, sondern verwandte alle Zeit auf Lesen, Schreiben und Sprechen. Als er nun erwachsen war und eine schöne Rede ausgearbeitet hatte, hielt er diese vor dem versammelten Volke. Aber er wurde ausgepfiffen und alle Mühe schien vergeblich gewesen zu sein. Betrübt 261 schlich er nach Hause. Ein Freund aber ermunterte ihn zu einem 10 zweiten Versuche. Diesmal arbeitete er viel sorgfältiger und übte die Rede geläufiger ein. Aber ach! er wurde wieder ausgelacht; das Gesicht in seinen Mantel hüllend, ging er wie vernichtet nach Hause. Darauf besuchte ihn ein anderer Freund und machte ihn aufmerksam auf seine Fehler beim Reden. 15 Demosthenes hatte aber als Redner drei Hauptfehler: erstlich sprach er zu leise, weil er eine schwache Brust hatte; dann sprach er undeutlich, denn einige Laute konnte er gar nicht hervorbringen, z. B. das R; endlich hatte er die üble Gewohnheit, daß er mit der Achsel zuckte, sooft er einen Satz ausgesprochen hatte. so Wie sollte er aber solchen Gebrechen abhelfen? Demosthenes verzweifelte nicht. Was der Mensch will, das kann er. — Nm seine Brust zu stärken, ging er täglich die steilsten Berge hinan; oder er trat an das Ufer der Meeres, wo die Wogen ein großes Gebrause machten, und suchte mit seiner Stimme das Getöse zu übertönen, ss Um das R und einige andere Laute herausznbringen und der Zunge die rechte Lage zu geben, legte er kleine Steine unter die Zunge und so sprach er. Das häßliche Achselzucken sich abzugewöhnen, hängte er ein Schwert über der zuckenden Achsel auf, das ihn jedesmal verwundete, wenn er in die Höhe fuhr. Dann ließ er sich die Haare Zo kurz abscheren, damit er eine Zeitlang gar nicht ausgehen durfte, sondern alle Zeit auf seine Kunst verwenden mußte. Nach solchen Vorbereitungen trat er endlich wieder auf und hielt eine so schöne Rede, daß das athenische Volk ganz entzückt war und seinen Ohren nicht trauen wollte. Demosthenes wurde nun mit ss Lob und Veifallsbezeugungen überschüttet; dadurch aufgemuntert, fuhr er nur noch emsiger fort, an seiner rednerischen Ausbildung zu arbeiten. Ost hat er mehr gewirkt als der beste Feldherr. Walter. 301. Sprüche. 1. Wer ausharrt bis zum Ende, wird gekrönt. 2. Der Wille macht den Menschen groß und klein. 3. Die Tauben fliegen einem nicht gebraten ins Maul. 4. Mut verloren, alles vorloren. 5. Ende gut, alles gut. 262 302. Nus dem Leben Nielanders des Großen. Einer der merkwürdigsten Männer der alten Geschichte ist Alexander der Große, König von Mazedonien. Aus seinem Leben werden uns viele anmutige und lehrreiche Geschichten erzählt, von denen hier einige folgen mögen. I. 5 Alexander hatte ein Pferd, das ihm über alles lieb war und dem er wegen der eigentümlichen Gestalt seines Kopfes den Namen Bucephalus, d. h. Ochsenkopf, gegeben hatte. Auf folgende Weise war er in den Besitz desselben gekommen. Alexander war ein Jüngling von etwa siebzehn Jahren, als seinem Vater Philipp ein wildes i« Pferd um einen ungeheueren Preis augeboten wurde. Das Pferd war schön, von der edelsten Art, von herrlicher Geschmeidigkeit der Glieder; nur einen Fehler hatte es au sich, nämlich den, daß es keinen Reiter aufsitzen ließ. Die geschicktesten Stallmeister des Königs versuchten ihre Kunst vergebens an ihm. Unmutig befahl der König endlich, es is wegzuführen, da es doch kein Mensch brauchen könne. Da bat Alexander seinen Vater, auch ihm einen Versuch zu erlauben. Er hatte nämlich bemerkt, daß das Pferd vor seinem eigenen Schatten sich fürchte. Er ergriff es nun am Zügel, führte es gegen die Sonne, streichelte es eine Zeitlang, ließ dann unvermerkt seinen Mantel fallen und so schwang sich rasch hinaus. Blitzschnell flog das Pferd mit seinem Reiter davon und mit Staunen und Zittern blickten alle dem jungen Alexander nach. Als sie aber sahen, daß er wieder umlenkte und das Roß nach Willkür bald links, bald rechts tummelte, da jubelten alle und mit Freudenträneu rief der König aus, indem er den lächelnden 25 Jüngling umarmte: „Lieber Sohu, suche dir eiu anderes Königreich, Mazedonien ist für dich zu klein!" — Von da an war Bucephalus der unzertrennliche Begleiter Alexanders auf allen seinen Zügen und Alexander ritt es in allen Schlachten. II. In dem großen ruhmreichen Kriege, den Alexander mit den 3v Persern führte, kam er einst bei großer Hitze, ganz mit Staub und Schweiß bedeckt, am Flusse Cchdnns an. Das klare, frische Wasser und die schattige Einfassung des Stromes luden den König zum Baden 264 nicht mehr leben würde, wenn er nicht gewesen wäre. Diese Reden erzürnten den König aufs äußerste; nur um so heftiger schrie Klitus. 7« Man brachte ihn weg, weil man den König glühend vor Zorn auf¬ stehen sah. Aber Klitus war so unbändig, daß er durch eine andere Tür wieder in den Saal kam und aufs neue Schimpfworte gegen Alexander ausstieß. Da hielt sich dieser nicht länger. Durch seine Adern schoß kochend das Blut; glühend sprang er auf, riß einer 75 Wache die Lanze weg und stach den Klitus nieder. Aber kaum war dies geschehen, so war's, als ob Ransch, Zorn und Wut von ihm geflohen wären. Starr blickte er eine Zeitlang auf die veratmende Leiche; mit einem durchdringenden Geschrei warf er sich auf den gemordeten Freund, umklammerte ihn mit seinen Armen, benetzte ihn mit seinen so Tränen, rief ihn verzweiflungsvoll bei seinem Namen, als wolle er ihn wieder ins Leben zurückrufen. Drei Tage lang wollte er weder essen noch trinken; in dumpfem Schmerz stöhnte er nur den Namen Klitus. Nur die Tröstungen seiner Freunde und der Drang der Geschäfte konnten ihn allmählich wieder beruhigen. Nach Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz. 303. Der afrikanische Wechtsspruch. Alexander von Mazedonien kam einst in eine entlegene, gold¬ reiche Provinz von Afrika; die Einwohner gingen ihm entgegen und brachten ihm Schalen dar, voll goldener Äpfel und Früchte. „Eßt ihr diese Früchte bei euch?" sprach Alexander; „ich bin nicht gekommen, 5 eure Reichtümer zu sehen, sondern von euren Sitten zu lernen." Da führten sie ihn auf den Markt, wo der König Gericht hielt. Eben trat ein Bürger vor und sprach: „Ich kaufte, o König, von diesem Manne einen Sack voll Spreu und habe einen ansehnlichen Schatz in ihni gefunden. Die Spreu ist mein, aber nicht das Gold; io nnd dieser Mann will es nicht wieder nehmen. Sprich ihm zu, o König; denn es ist das Seine." Und sein Gegner, auch ein Bürger des Ortes, antwortete: „Du fürchtest dich, etwas Unrechtes zu behalten und ich sollte mich nicht fürchten, ein solches von dir zu nehmen? Ich habe dir den Sack verkauft is nebst allem, was drinnen ist; behalte das Deine! Sprich ihm zu, o König!" 268 Der König fragte den ersten, ob er einen Sohn habe. Er ant¬ wortete: „Ja." Er fragte den andern, ob er eine Tochter habe und bekam „Ja" zur Antwort. „Wohlan!" sprach der König, „ihr seid beide rechtschaffene Leute; verheiratet eure Kinder untereinander und so gebt ihnen den gefundenen Schatz zur Hochzeitsgabe! Das ist meine Entscheidung." Alexander erstaunte, da er diesen Ausspruch hörte. „Habe ich unrecht gerichtet," sprach der König des fernen Landes, „daß du also erstaunest?" „Mit nichten!" antwortete Alexander; „aber in 2s unserem Lande würde man anders richten." „Und wie denn?" fragte der afrikanische König. „Beide Streitende," sprach Alexander, „verlören ihre Häupter und der Schatz käme in die Hände des Königs." Da schlug der König die Hände zusammen und sprach: „Scheint denn bei euch auch die Sonne? und läßt der Himmel noch auf euch so regnen?" Alexander antwortete: „Ja." „So muß es," fuhr jeuer fort, „der unschuldigen Tiere wegen fein, die in eurem Lande leben; denn über solche Menschen sollte keine Sonne scheinen, kein Himmel regnen." Herder. 304. Der Sperling. Wer hat wohl noch keinen Spatzen gesehen? Das wäre mir ein merkwürdiger Mensch ! — Der Spatz gehört zu den Gassenbuben unter den Vögeln. Er sieht auch gerade so aus. In seinem dicken Kopfe stecken ein Paar rohe, freche Augen, denen man sogleich ansieht, daß er sich um keinen Menschen bekümmert und daß es ihm einerlei sei, 5 was man von ihm denke. Zu seinem dicken Kopfe paßt ganz sein plumper Schnabel und sein freches Geschrei. Er gibt sich nicht die geringste Mühe, anständig zu sprechen, sondern schreit in den Tag hinein, wie es ihm in die Gurgel kommt. Der Anzug paßt ganz zu seinem Wesen. Gewöhnlich trägt er io eine grobe, graue Jacke, auf der man nicht leicht Schmutzflecken sehen kann; darum treibt er sich auch damit auf dem Miste, im Kote, in Lachen und auf den Feldern herum. Händel hat er mit seinen Kameraden alle Augenblicke und dabei gibt es ein Geschrei, daß man es im ganzen Dorfe hört. — Vor den Menschen hat er nicht die 15 geringste Scheu und Achtung. Er drängt sich überall herbei und macht M; sein Nest, ohne dich lange um Erlaubnis zu fragen, zwischen den Laden und das Fenster deines Zimmers und blickt frech hinein und sieht zu, womit du dich beschäftigst. Bei seiner Unverschämtheit treibt 2v er die Schwalbe aus ihrem Neste und legt seine gesprenkelten Eier hinein. Jeder Platz ist ihm zu seinem Neste recht, ein Palast oder eine Strohhütte; und zu dem Bau desselben kann er alles gebrauchen: alte Lunipen und seidene alte Läppchen, Papierstreifen, kurze und lange Hälmchen, Fäden und Federn, alles weiß er zu benützeu. 2s Unglaublich ist seine Gefräßigkeit. Wann siehst dn einen Spatzen nicht fressen? Lecker ist er aber nicht, er frißt alles, was ihm vor den Schnabel kommt, und verdaut so herrlich und leicht, daß er von Magendrücken und Leibschmerzen nichts weiß. Überall hat er seine Augen, wo es etwas zu fressen oder zu naschen gibt. Hält ein Fuhrmann so mit seinen Pferden vor einem Wirtshanse und bringt der Hausknecht den Futtertrog, so ist auch der Spatz schon da und holt sich sein Teil Hafer. Kommt die Köchin mit einem Teller voll Brot, das sie mühsam in zierliche, viereckige Stückchen geschnitten hat, oder mit andern Leckerbissen, um damit ihre lieben Hühner zu sütteru, so läßt der 35 Spatz gewiß nicht auf sich warteu. Jagt sie ihn weg, so fliegt er kanm einen Schritt beiseit und man merkt ihm nicht die geringste Verlegenheit an. Kanm hat sie den Rücken gewendet, so ist er wieder da, und indem er aus Leibeskräften hineinwürgt, sagt er zu deu Hühnern: „Ihr dürft nicht glauben, daß dies Fressen für euch allein 4« da ist! Ich will auch etwas haben! Versteht ihr mich?" Die guten Hühner lassen sich in keinen Streit ein, sondern eilen nur, damit der Spatz mit seinen Kameraden nicht alles erwische. — Kaum fangen die Kirschen an, sich zu färben, so holt sich der Spatz eine Probe davon und es fällt ihm nicht ein zu sagen: „Erlauben Sie gütigst!" 45 Ei bewahre! Er nimmt sich, als ob die Kirschen für ihn allein gewachsen wären. Sind sie erst reif, so kennt er von: frühen Morgen bis zum späten Abend gar keine andere Beschäftigung als Kirschen fressen. Pfeift, klatscht in die Hände, schreit euch die Kehlen wund und macht mit Klappern einen Höllenlärm, werft mit Steinen und Prügeln 50 nach ihm, schießt, sooft ihr wollt: das nützt euch alles nichts, der Spatz lacht euch nur aus und frißt seine Kirschen doch und ist es nicht auf diesem Baume, so ist es auf einem andern und ihr müßt am Ende noch froh sein, wenn ihr noch einen kleinen Rest retten könnt. Auch 267 diesen gönnt er euch nicht einmal. Laßt nur ein Fenster offen, wo ihr sie verwahrt, bald werdet ihr merken, daß ein Dieb da gewesen ist. ss Ebenso unverschämt treibt er es auf den Feldern, wenn die Frucht reis wird. Fragt nur die Bauern, die können euch Stückchen erzählen, die alle das Zuchthaus verdienten. Selbst aus ihren Kornböden können sie ihr Getreide nicht sichern; der Spatz holt sich sein Teil selbst und das alle Tage. — Vom Reisen ist er kein Freund, er bleibt «o im Winter da und denkt: „Ich kann mir ja mit Stehlen Helsen!" Ist das nicht arg? Walther. 7. D/-' rmmsn Dnsrr DerMe^er't Dr's an <7er'n 7ü/rDs Dnaö Dn<7 mereDe lernen DmAen önert Don Lottes bDeAsn aö/ Dann rvr'nst cln wr'e an/ Annnen ^In'n Dnne^s 7^'ZA-enleben Ae^n/ Dann kannst ctn sonnen D'nno^t nn<7 Dnann Dem Do 7 7-rs ^.ntlr'tL se^n. 2. Dan» nir'nct clr'e Drösel nncl eüen 7/nA /n <7er'nen Dan7 so lerel-t / Dann sr'nA-sst r/u. öer'm kDassen^rmA, ^ckls wän ck'n kDer'n Aenere^t. Dem Do'sennrDt rvrnct alles se^roen, De tue, was en tn'/ Das Dasten tneröt r7rn Z-rn nnel D-n DneZ lä/t rZ-m. Zcerne ZZ-t/r. A. Den se^öns DnMlr'nA Zae/rt r'^m nre/^t, 7/»n. ^ae/tt Zeer/r Z/i-'e-r/s/o! / Dn rsl an/ DaA a,rcZ DnnA enpre^t Dn<7 tvMse^k sZe/i ML^ks als Delel. Den lk7/r<7 7m Dar'n, clas Daul- am Daum Darrst r/rm Dntsetsen Dn ^rrcket »ae/r cles Deöens Daum 7m Dnade ^errre Dult. 5 10 15 20 25 268 Äs N sr« U-Ä /7s<7/26^/,'srt _8r's «ir c/eru /cs/i/ss 67ua,^ k/ttÄ wero^s ^sr'ueu FHysu öusr't l^cur Lottes lÄs'Asst «ö / />«su sue^su c/s-'-rs 77/'u/i l/ut/ MöMSK l/lrÄueu c/s«r Doch das Hauptgeschäft der Römer schien bald der Krieg zu sein. Sie führten unaufhörlich Krieg mit ihren Nachbarvölkern und hatten unter anderen besonders hartnäckige Kämpfe mit den Samnitern, einem kriegerischen Volke in Mittel-Italien, zu bestehen. Nach deren endlicher Besiegung machten sie sich nach und nach zu Herren von 15 ganz Italien. Vergeblich riefen die Tarentiner in Unter-Italien den König von Epirus, Pyrrhus (280 v. Ehr.), zu Hilfe; auch er unter¬ lag endlich trotz seiner mazedonischen Kriegskunst und seiner früher in Italien noch nie gesehenen Elefanten der Tapferkeit der Römer. Während die Römer ihre Herrschaft über Italien immer mehr so ausbreiteten, hatte sich Karthago, eine phönizische Pflanzstadt an der Nordküste von Afrika, da, wo jetzt Tunis liegt, durch ausgebreiteten Handel zu einem reichen Staate und zur Beherrscherin des Mittel¬ ländischen Meeres erhoben. Die Fortschritte der Karthager auf der Insel Sizilien erregten die Besorgnis der Römer. Ein furchtbarer 25 Kampf erhob sich zwischen Rom und Karthago in drei aufeinander folgenden, den sogenannten Punischen Kriegen. In dem zweiten dieser Kriege brachte der große Feldherr der Karthager, Hannibal (218 v. Ehr.), der aus Spanien über die Pyrenäen und Alpen 270 so nach Italien gezogen war, Rom in große Gefahr und würde es nach der Schlacht bei Cannä, in der 40.000 Römer fielen, erobert haben, wenn feine Landsleute ihn gehörig unterstützt hätten. Der dritte dieser Kriege, in dem Karthago den Kampf der Verzweiflung kämpfte, endigte mit der gänzlichen Zerstörung dieser Stadt (146 v. Chr.). Mit 35 Wehmut sah der römische Feldherr Scipio die große, von 700.000 Menschen bewohnte Stadt in Asche sinken. In demselben Jahre, in welchem Karhago fiel, wurde auch Korinth, die damals reichste Stadt in Griechenland, von den Römern erobert und Griechenland unter dem Namen Achaja eine römische Provinz. 4« Durch diese Siege wuchs die Eroberungssucht der Römer und sie verfolgten nun offen ihre Absicht, zur Weltherrschaft zu ge¬ langen. Gallien, Spanien und Griechenland wurden ihnen untertan; dann dehnten sie ihre Herrschaft auch weiter in Afrika und Asien aus und unterwarfen sich in Asien alle Länder bis an den Euphrat, auch 45 Palästina. Durch diese Siege flössen ungeheure Reichtümer nach Italien. Die herrlichsten Schätze griechischer Kunst und Wissenschaft wurden aus Syrakus, der Hauptstadt von Sizilien, aus Korinth und aus anderen Städten Griechenlands nach Rom gebracht, wo nun Künste und Wissenschaften aufblühten; aber die Sitten verloren immer 5« mehr ihre alte Reinheit und Einfachheit und wichen der Üppigkeit und Prachtliebe, dem Gefolge des Reichtums. Rom wurde fortan der Schauplatz blutiger Parteikämp fe. Es erhob sich eine Partei nach der andern, von Herrschsüchtigen erregt; ganze Armeen waren den Reichen käuflich und Bestechung war der Weg zu obrigkeitlichen 55 Würden. Herrschsüchtige, die nach der Obergewalt strebten, verschwendeten Millionen, um das Volk zu gewinnen, dem sie Geschenke, Gastmähler und Schauspiele gaben. .In diesen Parteikämpfen der Herrschsüchtigen erhob sich endlich nach blutigen Kämpfen Julius Cäsar (50 v. Ehr.), ein Mann von großem Geiste und vielleicht der größte Feldherr vo Roms, aber rühm- und herrschsüchtig wie Pompejus, sein Neben¬ buhler, zum Oberherrn von Rom. Er regierte mit Milde; dennoch fiel er (44 v. Chr.) unter den Dolchen derer, welche die Freiheit Herstellen wollten. Antonius und Octavianus verbanden sich, Cäsars Tod zu «5 rächen, kämpften aber bald selbst miteinander um die Oberherrschaft. Octavianus behielt den Sieg, errang die Herrschaft über das ganze 272 2. Wo sich See an See in den Bergen reiht Und die Donau Feld und Au durchrauscht; Wo der Obstbaum prangt, edler Wein gedeiht Und der Hochwald Gottes Odem lauscht — Dieses schöne Reich, einem Garten gleich, Ist mein Vaterland, mein Österreich! 3. Wo der Adler thront hoch im Felsenhorst, Über Stock und Stein die Gemse springt. Wo der Weidmann birscht durch den grünen Forst Und die Älplerin zur Zither singt — Dieses schöne Reich, einem Garten gleich. Ist mein Vaterland, mein Österreich! 4. Wo ein freies Volk an die Arbeit geht. Seinen Mut bewahrt in Glück und Not; Wo der Liebe Hauch jedes Herz durchweht Für den Landesvater und für Gott — Dieses große Reich, stark und schön zugleich. Ist mein Vaterland, mein Österreich! W enh art. 273 Das Kaisrrlied. (Österreichische Volkshymne.) Gott erhalte, Gott beschütze Unfern Kaiser, unser Land! Mächtig dnrch des Glaubens Stütze Führ' Er uns mit weiser Hand! Laßt uns Seiner Väter Krone Schirmen wider jeden Feind: Innig bleibt mit Habsburgs Throne Österreichs Geschick vereint. Fromm und bieder, wahr und offen Laßt für Recht und Pflicht uns stehn; Laßt, wenns gilt, mit frohem Hoffen Mutvoll in den Kampf uns gehn! Eingedenk der Lorbeerreiser, Die das Heer so oft sich wand: Gut uud Blut für uusern Kaiser, Gut und Blut fürs Vaterland! Was des Bürgers Fleiß geschaffen, Schütze treu des Kriegers Kraft; Mit des Geistes heitern Waffen Siege Kunst und Wissenschaft! Segen sei dem Land beschieden Und sein Ruhm dem Segen gleich: Gottes Sonne strahl' in Frieden Auf ein glücklich Österreich! Leseb. f. slow.-Utraquist. Mttelsch. I. u. 2. Kl. (8) 1g 274 Laßt uns fest Zusammenhalten, In der Eintracht liegt die Macht; Mit vereinter Kräfte Walten Wird das Schwerste leicht vollbracht. Laßt uns, eins durch Brüderbande, Gleichem Ziel entgegengehn: Heil dem Kaiser, Heil dem Lande, Österreich wird ewig stehn! An des Kaisers Seite waltet, Ihn: verwandt durch Stamm und Sinn, Reich au Reiz, der nie veraltet, Unsre holde Kaiserin. Was als Gluck zuhochst gepriesen, Ström' auf Sie der Himmel aus! Heil Franz Josef, Heil Elisen, Segen Habsburgs ganzem Haus! Seidl. 275 Inhaltsverzeichnis. (Die mit * bezeichneten Lesestucke sind Gedichte.) Nr. Seite 1. *Jm Namen Gottes. (Alter Spruch. Aus Knmmer-Branky-Hofbauers Lesebuch) 3 2. Sprüche.3 3. Der kluge Star. (Nach Gleim).3 4. Der sprechende Star. (Nach Chr. Schmid) ..4 8. Was kostet das Füllen? (Grimm) . 4 6. Die Fliege und ihre Jungen. (Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschah) ... 4 7. "Wie soll es sein? (Kletke) .5 8. Die faulen Mägde. (Nach Chr. Schmid)..8 9. Der Sperling und die Taube. (Niedergesäß, Deutsches Lesebuch) .... 6 10. Der Pfau und der Hahn. (Lessing).6 kl. Die Henne und ihre Küchlein. (Schulze-Steinmann, Deutsches Lesebüchlein) . 6 12. "Was ich liebe. (Staubs Kinderbuch).6 13. Sprüche.7 14. Spotte nicht über Unglückliche! (Schnlze-Steinmann, Deutsches Lesebüchlein) . 7 15. Das kostbare Kräutlein. (Chr. Schmid).7 16. Der große Krantkopf. sNach Chr. Schmidi .8 17. Wenn. (Simrock).8 18. Sorglosigkeit schadet. (Rnnkwihs.8 19. Sprüche .... 9 20. *Herbstlied. (Salis).9 21. Die Kornähren. (Nach Chr. Schmid).9 22. Die Erdschmämme oder Pilze. (Chr. Schmid).9 23. Die Quelle. (Nach Chr. Schmid).10 24. Die Suppe. (Chr. Schmid).10 25. *Sennerlied. (Schiller).11 26. Der Esel als Salzträger. (Niedergesäß, Deutsches Lesebuch).11 27. Der Hund mit dem Fleische. (Nach Meißner).12 28. Der Wolf und das Lämmlein. (Nach Äsop).12 29. Der Wassertropfen. (Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschah).13 30. Sprüche.13 18 276 Nr. Seite 31. *Arbeit und Armut. (Reinick).13 32. *Gott ist ewig. (Lausch).13 33. Die beiden Ziegen. (Nach Grimm).13 34. Mitleid. (Josef Heinrichs Lese- und Sprachbnch).14 35. Die bescheidene Nachtigall. (Engelien).14 36. Sprüche.15 37. Der Distelfink. (Cnrtman).15 38. Rätsel. (Simrock.) (Tag und Nacht).16 39. Der Kürbis und die Eichel. (Chr. Schmid).16 40. Enlenspiegel und der Fuhrmann. (Campe).16 41. Der Löwe und der Hase. (Lessing).17 , 42. *Der Wettstreit. (Hoffmann von Fallersleben).17 43. Der Specht und die Taube. (Grimm).18 44. Der Löwe und die Maus. (Meißner) . . . 18 45. Die kluge Maus. (Grimm). . 19 46. *Mäuschen. (Hey).19 47. Die kluge Versammlung. (Brandauer).20 48. Der Frosch und der Aal. (Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz) . . . .20 49. Der lügenhafte Hirt. (Nach Chr. Schmid).21 50. Sprüche.21 51. Sonne und Wind. (Herder). .... 21 52. *Wind und Sonne. (Herder).22 53. Sperling und Pferd. (Staubs Kinderbuch).22 54. Die drei Räuber. (Chr. Schmid).23 55. Der Besitzer des Bogens. (Lessing).23 56. *Der gute Kamerad. (Uhland).24 57. Hans in der Stadt. (Staubs Kinderbuch).24 58. Fleiß und Ausdauer. (Kummer-Branky-Hofbauer, Lesebuch).25 59. Sprüche.25 60. Die Kuh, das Pferd, das Schaf und der Hund, (gollikoffer) . . . .25 6 t. *Kind und Lerche. (Reinick).26 62. Sonnenschein und Regen. (Nach Chr. Schmid).26 63. Der Wolf auf dem Totenbette. (Lessing).27 64. Todesgefahren. (Nach Pauli).27 65. Sprüche.28 66. *Rätsel. Schulze.) (Der Ofen.). 28 67. Der brave Fähnrich. (Kummer-Branky-Hofbauer, Lesebuch).28 68. Ein braver Soldat. (Caspari).28 69. *Das Vaterland. (Schiller).-.29 70. Vaterlandsliebe. (Nach Pustkuchen-Glanzow).29 71. Vaterlandsliebe. (Nach Petiscus).30 72. *Mein Vaterland. (Hoffmann von Fallersleben).-30 73. Die Mücke uno der Löwe (Nach Meißner).31 277 Nr. 74. Der Regenbogen. (Chr. Schmid) 78. Der Widerhall. (Chr. Schmid) 76. Ich habe es vergessen. (Nach Franz Hoffmann) 77. *Armes Bäumchen . . . (Hey) 78. *Rätsel. (Simrock.) (Der Baum) 79. Das verlorene Zehnhellerstück. (Nach Lansch) 80. Gott sieht es. (Nach Chr. Schmid) 81. Die Glieder des menschlichen Körpers. (Campe) 82. Sprüche 83. April! April! (Staubs Kinderbuch) 84. *Kind und Buch. (Hey) 86. Das Hufeisen. (Chr. Schmid) . . 86. Der Rabe und der Fuchs. (Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz) . 87. Des Affen Vorwitz. (Grimm) 88. Der kluge Pudel. (Staubs Kinderbuch) 89. *Knabe und Hündchen. (Hey) 90. Die Sterutaler. (Brüder Grimm) 91. Sankt Martin. (Niedergesäß) . . 92. Die Edelsteine. (Chr. Schmid) . 93. *Wenn am Abend . . . (Hey) 94. Der Schweinedieb. (Chr. Schmid) 95. Das schöne Reitpferd. (Chr. Schmid) 96. Das gestohlene Pferd (Chr. Schmid) 97. *Das gerettete Blümchen. (Goethe) 98. Die Pflaumen. (Chr. Schmid) 99. Die Rübe. (Chr. Schmid) . . « <00. Feuriges Wasser. (Dittmar) . . tOt. Mätsel (Simrock.) (Ungelöschter Kalk) t02. *Fischlein. (Hey) 103. Der Zaunkönig. (Nach Grimm. Aus Niedergesäß, Deutsches Lesebuch) 104. Die Fliegen und die Spinnen. (Chr. Schmid) 105. Der Fuchs und der Bock. (Seidl) 106. *Pferd und Sperling. (Hey) ....... 107. Das wohlfeile Mittagessen (Nach Hebel) 108. Der Pilger. (Chr. Schmid) 109. Seltsamer Spazierritt. (Hebel) 110. *Truthahn und Truthähnchen (Hey) 111. Die goldene Dose. (Chr. Schmid) 112. Der Regen. (Chr. Schmid) 113. Der Eichbaum und der Kürbis. (Kellner) . . . . . 114. *Der Hahn. (Reinick) - 115. Gib nns heute unser tägliches Brot. (Lausch) 116. Der Menschenfresser. (Chr. Schmid) Seite 31 32 32 33 33 34 34 35 36 36 36 37 37 38 38 39 39 40 41 41 42 42 43 44 44 45 46 46 46 47 48 48 49 49 50 51 52 52 53 54 54 55 55 278 Nr. Leite 117. Der Fuchs und das Häslein. (Schulze-Steinmann, Deutsches Lesebüchlein) . 56 118. "Mutterliebe. (Kaulisch).57 119. Der Fuchs und die Katze. (Brüder Grimm).57 120. Der Hufnagel. (Brüder Grimm) ..58 121. "Rätsel. (Simrock.) sl. Der Reiter und sein Pferd. 2. Der Schnhnagels . 59 122. Das seltene Gericht. (Junker).59 123. Das betende Kind. (Chr. Schmid).60 124. "Der weiße Hirsch. (Uhland).6t 125. Vergißmeinnicht. (Cosmar).61 126. Wo nichts ist, kommt nichts hin. (Hebel).62 127. Sprüche.62 128. "Rätsel. (Schiller.) (Der Sternenhimmel).62 129. Der alte Großvater und sein Enkel. (Brüder Grimm).63 130. Thngnt. (Niedergesäß).63 131. Wie Maria Theresia das Alter ehrte. (Kummer-Branky-Hofbauer, Lesebuch) . 64 132. "Die Kapelle. (Uhland).65 133. Uneigennützigkeit. Nach Köhler-Seidel, Buch der Erzählungen) . . . .65 134. Die Freunde in der Not. (Aurbacher).66 135. Der Prüfstein der Freundschaft. (Meißner).67 136. Die Grille und der Schmetterling. (Nach Löhrs Fabelbuch) . . . .67 137. "Eiukehr. (Uhlaud).68 138. Der Fuchs und der Hahn. (Nach Simrock).68 139. Der Fuchs und der Hahn. (Grimm).69 140. Nachgeben stillt den Krieg. (Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz) . . .70 141. Das Mittagessen im Hof. (Nach Hebel).70 142. "Eintracht. (Gellert) . . . . * .71 143. Die Tannenzapfen. (Spieß).72 144. Der Ziegenbock. (Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz).72 145. Die Schwalben rächen sich. (Schulze-Steinmann, Deutsches Lesebllchlein) . . 73 146. Vom Spätzlein, das andere Federn haben wollte. (Nach Schulze-Steininaun, Deutsches Lesebüchlein).74 147. Der Strohmann. (Nach Curtman. Aus Kummer-Brauky-Hofbauers Lesebuch) 74 148. "Tn nichts Böses! (Hey).75 149. Die Sonnenstrahlen. (Curtman).76 150. Kaiser Franz Josef als Lebensretter. (Nach d' Albon. Aus Kummer-Brauky- Hofbauers Lesebuch).76 151. Das Vogelnest. (Spieß).77 152. Der alte Löwe. (Lessing).78 153. "Der Blinde nnd der Lahme. (Gellert).78 154. Das Donnerwetter. (Chr. Schmid).79 155. Der Blitz. (Kellner).80 156. "Rätsel. (Simrock.) (Die Kirsche).80 157. Der Pappelbaum und der Blitz. (Curtman).81 279 Nr. Seite- 488. Die Herde. (Baues Lesebuch).81 4.89. ^Wanderlied. (Eichendorfs).82 160. Die Mütze. (Franz Hoffmann).82 461. Die Sperlinge unter dem Hute. (Curtman).83 462. Der Schäferjuugc. (Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz) . . . .84 163. Der große Birnbaum. (Ehr. Schmid) . 83 164. *Des Knaben Berglied. (Uhland).86 465. Die vergoldeten Nüsse. (Nach Ehr. Schmid).86 466. Der Weihnachtsabend. (Nach Fr. Hoffmann).87 467. Kaiser Josefs Entscheidung. (Rudolph).88 168. Der Hirsch ani Bache. (Meißner).88 169. Das Hirtenbüblein. (Brüder Grimm).89 170. *Die wandelnde Glocke. (Goethe).90 171. Sprüche.... -.91 172. Das Wunderkästchen. (Ehr. Schmid).91 173. Das Pferd und der König. (Herder).92 174. Kindesdank. (Hebel).92 175. Der Bär als Spielkamerad. (Nach Andersen).93 176. St. Leonhard. (Vernalcken).94 177. ^Bescheidenheit siegt. (Hofsmann v. Fallersleben).95 178. Die drei Freunde. (Herder).95 179. Kaiser Franz und sein Enkel. (Nach Bermann. Aus Knmmer-Brauky-Hof- bauers Lesebuch).96 180. Der Esel und die drei Brüder. (Curtman).97 181. Der Regenschirm der Kaiserin. (Nach Thomas. Aus Knmmcr-Brankp-Hof- bancrs Lesebuch).98 182. *Die Schatzgräber. (Bürger).99 183. Das Butterbrot. (Nach Franz Hoffmann).100 184. Der Hahn, der Hund und der Fuchs. (Curtman).101 185. Die Überschwemmung in Wien. (Nach dem „Kaiserbüchlsin". Aus Kummer- Branky-Hofbauers Lesebuch).102 186. Der alte Mantel. (Chr. Schmid).102 187. Die Singvögel. (Chr. Schmid).103 188. *Das Grab. (Salis).104 189. Der Hase und der Fuchs. (Nach Grimm und Bechstein).104 490. Die Bärenhaut. (Curtman).106 491. Kaiser Rudolf als kluger Richter. (Hauff).107 492. Sprüche.4 07 193. Die Sage vom Plattensee. (Vernalekeu) - . 108 194. *Rütscl. (Schiller) sDer Regenbogen).109 195. Wie Till Euleuspiegel denen zu Magdeburg eine seine Lektion gab. (Bähler) 109 496. Judas. (Curtman).110 197. Der Wolf und der Mensch. (Brüder Grimm).111 280 Nr. Seite 198. Die Wolfsgrube. (Nach Hille).112 199. "Versuchung. (Reinick).113 200. Das seltsame Rezept. (Hebel).114 201. Kaiser Josef als Arzt. (Nach Hebel).118 202. Das Storchnest. (Schnlze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz).116 203. Das Wasserhuhn. (Grimm) . . . . 117 204. Das Riesenspielzeug. (Brüder Grimm).119 205. "Das Riesenspielzeug. (Chamisso).119 206. Der treue Hund. (Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz).121 207. Die Ameisen. (Oken).122 208. Ein abscheulicher Mensch unter ehrlichen Leuten. (Salzmanu) . . . .123 209. Die Arte. (Schulze-Steinmaun-Kiel, Kinderschatz).124 210. Strohhalm, Kohle und Bohne. (Brüder Grimm).125 211. "Das arme Vöglein. (Hoffmann v. Fallersleben). .126 212. Graf Rudolf von Habsburg und der Priester. (Nach Tschudi) .... 127 213. Maria Theresia in der Militär-Erziehungsanstalt in Wiener-Neustadt. (Nach Petiscus. Aus Kummer-Branky-Hofbaners Lesebuch).128 214. Der Frühling. (Kellner).130 215. Der Frühling. (Curtman).130 216. "Frühlingsbotschaft. (Hofsmann v. Fallersleben).131 217. Leutseligkeit des Erzherzogs Franz Karl. (Kummer-Branky-Hofbauer, Lesebuch) 131 218. Der Abend. (Curtman).132 219. Freiherr von Münchhausen erzählt einige Abenteuer. (Nach Bürger) . .133 220. Der kluge Richter. (Hebel).136 221. Die drei Brüder. (Nach den Brüdern Grimm).137 222. "Schützculied. (Schiller).138 223. Der Wolf und der Fuchs. (Brüder Grimm).139 224. Die Stadtmaus und die Landmaus. (Michael).140 225. Der alte Hofhund. (Grimm).142 226. Das geraubte Kind. (Schulze-Steinnian-Kiel, Kinderschatz) . - . .144 227. Der Edelfalk. (Franz Hoffmann).146 228. "Das Erkennen. (Vogl).147 229. Der Fuchs und der Krebs. (Bechstein).148 230. Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel. (Bechstein).149 231. Die Boten des Todes. (Brüder Grimm).152 232. Die Wichtelmänner. (Brüder Grimm).153 233. Das Kätzchen und die Stricknadeln. (Bechstein).155 234. Kaiser Franz Josef in der Schule. (Kummer-Branky-Hofbauer, Lesebuch) . 156 235. "Die Jahreszeiten. (Hey).158 236. Die Mühle. (Bnschmauu).159 237. Heldenmut. (Stern).159 238. Das Trünenkrüglein. (Bechstein) . 160 239. Wie Till Enlenspiegel die Kranken in einem Spitale gesund machte. (Baßler) 161 281 Nr. Seite 240. Der Herbst. (Nach Kellner).163 241. Der Weinstock. (Herder).163 242. "Rätsel. (Simrock.) (Die Weintraube).164 243. "Rätsel. (Schiller.) (Die vier Jahreszeiten).164 244. Der gerettete Handwerksbursche. (Bartels-Wirth, Deutsches Lesebuch) . . 163 245. Zwei Schneeglöckchen. (Friedrich Hofsmann).166 246. Die drei Bergleute im Kuttenberge. (Brüver Grimm).168 247. Das Bergwerk. (Curtman).169 248. Der zornige Löwe. (Nach Grimm).170 249. "Gottes Fürsorge. (Hept.173 250. Der Hund. (Lüben).174 251. Kannitverstan. (Nach Hebel).174 252. Die Eisenbahn. (Nach Feix und Jung. Aus Kummer-Branky-Hofbauers Lesebuch) 1 77 253. Eine Geschichte von Rübezahl. (Nach Muskins).177 254. Die Haustiere. (Kummer-Brankp-Hofbaner, Lesebuch).180 255. "Lied eines Armen. lUhland).181 256. Haus im Glück. (Brüder Grimm).182 257. Der brave Bauersmann. (Franz Hoffmann).187 258. Das Raupennest. (Salzmann).188 259. Der geheilte Patient. (Nach Hebel).191 260. "Zufriedenheit. (Milleri.193 261. Sprüche.194 262. Frau Holle. (Brüder Grimm).194 263. Die Kreuzspinne. (Reinhold).197 264. Rotkäppchen. (Brüder Grimm).199 265. Bis zur Quelle. (Ernst).202 266. "Das Bächlein. (Rudolphi). 204 267. Dornröschen. (Brüder Grimm).204 268. Der Nordwind. (Eurtmau). 207 269. Der Winter. (Kellner).208 270. Der Grimm des Winters. (Cnrtman l .... ... 209 271. "Die zwei Hunde. (Psesfel).210 272. Schneewittchen. (Brüder Grimm).211 273. Haushahn und Henne. (Wagner).218 274. Die Bremer Stadtmnsikanten. (Brüder Grimm).219 275. "Mein Vaterland. (Wnrth).222 276. Die Hauskatze. (Rothe).223 277. Das Paar Pantoffel. (Liebeskind > .224 278. Der Sommer. (Nach Kellner).228 279. Das Lamin im Walde. (Baues Lesebuch).228 280. Das Gewitter. ILauckhard).229 281. "Heimkehr des Hirten. (Reinick).229 282. Die Fabel vom Affen. (Reinick).230 Leseb. f. slow.-utraquist. Mittelsch. 1. u. 2. Kl. (8) ^9 282 Nr. Seite 283. Lambergar und Pegam. (Slowenische Volkssage. Štritof) .235 284. Achte auf deine Gesundheit! (Kummer-Branky-Hofbauer, Lesebuch) . . . 237 285. Cornelia. (Lahrssen).238 286. Zeus und das Schaf. (Lessing).238 287. Euklid van Megara. (Campe).238 288. "Der Faule. (Reinick).240 289. Dämon und Phintias. (Pfeil).241 290. Androklus und sein Löwe. (Menke).241 291. Dorf und Stadt. (Nach Dietlein. Aus Niedergesäß, Deutsches Lesebuch) . . 243 292. "Die beiden Wächter. (Gellert).245 293. Hektors Abschied von seiner Gemahlin Andromache. (Becker) .... 245 294. Trojas Fall. (Nach Schwab).247 295. Odysseus bei den Zyklopen. (Grube).250 296. Fluß, Strom und Meer. (Nach Curtman. Aus Kummer-Branky-Hofbauers Lesebuch).254 297. "Der Bauer und sein Sohn. (Gellert).255 298. Solon und Krösus. (Scheinpflug).257 299. Die Spartaner in Termopylä. (Grube).258 300. Demosthenes. (Walter).260 301. Sprüche.261 302. Aus dem Leben Alexanders des Großen. (Nach Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz).262 303. Der afrikanische Rechtsspruch. (Herder).264 304. Der Sperling. (Walther).265 305. "Der alte Landmann an seinen Sohn. (Hölty).267 306. Romulus nud Remus. (Walter).268 307. Das Reich der alten Römer. (Nsener).269 308. "Mein Österreich. (Wenhart).271 "Das Kaiserlied. (Österr. Volkshymne. Seidl) . 273 Druck von Karl Gorischek. Wien v. 5 „Ei," sagte eine junge Fliege, „der Honig ist ja so süß!" Sie aß und blieb mit den Füßchen daran hangen. s „O," sagte die andere, „der Wein ist ja so gut!" Sie nippte, ward berauscht und ertrank im Glase. „Aber das Licht," sagte die dritte, „ist doch so schön und weder Speise noch Trank!" Sie flog gegen die Flamme und verbrannte. Wer nicht hören will, muß fühlen. n> Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz. 7. Wie soll es sein? Ein Kindesherz soll sein: Wie die Lilie so rein, Wie der Tau so klar. Wie der Spiegel so wahr, Wie der Quell so srisch, Wie die Vöglein im Gebüsch. Kletke. 8. Die faulen Mägde. Eine fleißige Hansmntter weckte ihre zwei Mägde alle Morgen zur Arbeit, sobald der Haushahn krähte. Die Mägde wurden über den Hahn sehr zornig und brachten ihn nm, damit sie länger schlafen dürften. Allein die alte Hausmutter konnte nur wenig schlafen und wußte jetzt gar nicht mehr, wieviel Uhr es war; darum weckte sie die 5 Mägde von nun an immer noch früher, ja oft schon um Mitternacht. Nach Ehr. Schmid. 9. Der Sperling und die Taube. Ein Knabe hatte einen Sperling gefangen und sah dann auf dem Dache eine Taube. „Die ist besser," dachte er, ließ den Spatzen wieder fliegen und stieg auf das Dach, um dafür die Taube zu fangen. Die aber wartete nicht, sondern flog davon. Da saß der Knabe ohne Sperling und ohne Taube traurig auf dem Dache und sagte bei sich: 5 „Besser ein Sperling in der Hand als eine Taube auf dem Dache." Niedergesäß, Deutsches Lesebuch. 48 104. Die Fliegen und die Spinnen. Ein junger Prinz sagte öfters: „Wozu hat wohl Gott die Fliegen und Spinnen erschaffen? Dergleichen Ungeziefer nützt ja keinem Menschen etwas. Wenn ich nur könnte, ich würde sie alle von der Erde vertilgen." 5 Einst niußte sich der Prinz im Kriege vor dem Feinde flüchten. Ermüdet legte er sich im Walde unter einem Baume nieder und entschlief. Ein feindlicher Soldat schlich mit gezücktem Schwerte auf ihn zu, um ihn zu ermorden. Allein in eben diesem Augenblicke kam eine Fliege und stach den Prinzen so heftig in die Wange, daß er io erwachte. Er sprang auf, zog sein Schwert — und der Soldat entfloh. Der Prinz verbarg sich nun in einer Höhle des Waldes. Eine Spinne spann während der Nacht ihr Netz vor dem Eingänge der Höhle. Am Morgen kamen zwei feindliche Soldaten, die ihn suchten, vor die Höhle. Der Prinz hörte sie miteinander reden. „Sieh," rief is der eine, „da hinein wird er sich versteckt haben!" „Nein," sagte der andere, „da drinnen kann er nicht sein; denn im Hineingehen hätte er ja das Spinngewebe zerreißen müssen." Als die Soldaten fort waren, rief der Prinz gerührt und mit aufgehobenen Händen: „O Gott, wie dank ich dir! Gestern hast du so mir durch eine Fliege und heute durch eine Spinne das Leben gerettet. Wie gut ist alles, was du gemacht haft!" Chr. Schmid. 105. Der Fuchs und der Vock. Der Fuchs und der Bock stiegen, um ihren Durst zu löschen, in einen Brunnen hinab. Nachdem beide sattsam sich erquickt hatten, drehte der Bock den Kopf bedenklich nach allen Seiten und schaute, wie er wohl wieder herauskommen möchte. Der Fuchs bemerkte dies s und sprach: „Nicht verzagt, Freundchen! Der Fuchs denkt an alles, ich habe schon ein Mittelchen ausgedacht, ein unfehlbares, das uns beiden aus der Klemme hilft. Stelle dich aufrecht — so! Stemme die Vordersüße an die Wand — gut! Jetzt neige den Kops und setze die Hörner nach vorne zu fest ein — brav! Nun bildest du mit Rücken io und Hörnern eine schiefe Fläche, über die ich ganz bequem bis fast an den Rand des Brunnens komme. Ein Sprung — und ich bin — 53 — ckaü8voit8 in äor 1a8olis — unä cla lrätÜE iolr mioü sa 8oliäin6u INÜS8SN, vsuu dsim lliuwsucksu äsv ^g,8vüs sin 8tüotz: solr^arLW Lrot uuä sine ^Vurst lrorau^staU.sn. rvärsu." ss Osr Odsrst 8UAts Asrüürt: „8is 8inä öin 8öüv Autor 8olm! Daruit 8io Ib.ro Eltern cks.8to loiolrtor uutsr8tüt20u lröirnou, 8ollou 8io uuu täAliolr bei wir 8p«i8ou." Dr luä allo Otö^ioro 2U oiuow to8tliolrou 6la8twablo Ein, bo^suAts vor ilruou allen äis Iln- 8oliulck äo8 Däburiob.8 nn<1 üborrsioüto ilrm 2NIN VorvkÜKS 8öiuor 3g DoobaobtuuA ckio Aolckouo Dose als 6lo8obonü. ^or seine Dltoru liobt unä sirrt, Dt Dott nnä Nen8olisn üob nnä rvort. 6Ur. 8oki»iä. 112. Der Kegen. Ein Kaufmann ritt einst vom Jahrmarkt nach Hause und hatte hinter sich ein Felleisen mit vielem Gelde aufgepackt. Es regnete heftig und der gute Mann wurde durch und durch naß. Darüber war er unzufrieden und klagte sehr, daß Gott ihm so schlechtes Wetter zur Reise gebe. s Sein Weg führte ihn durch einen dichten Wald. Hier sah er mit Entsetzen einen Räuber stehen, der mit einer Flinte auf ihn zielte und sie abdrückte. Er wäre ohne Rettung verloren gewesen; allein von dem Regen war das Pulver feucht geworden und die Flinte — ging nicht los. Der Kaufmann gab dem Pferde die Sporen und 10 entkam glücklich der Gefahr. Als er in Sicherheit war, sprach er bei sich selbst: „Was für ein Tor bin ich gewesen, daß ich das schlechte Wetter verwünscht und es nicht als eine Schickung Gottes geduldig angenommen habe! Wäre der Himmel heiter und die Luft rein und trocken gewesen, so is läge ich jetzt tot in meinem Blute und meine Kinder warteten ver¬ gebens auf meine Heimkunft. Der Regen, über den ich murrte, rettete mir Gut und Leben." Chr. Schmid. 59 Eurem Pferde fehlt am linken Hinterfuß ein Hufeifen. Soll ich s zum Schmied führen?" „Laß es fehlen!" antwortete der Herr, „die paar Stunden, die noch übrig find, wird das Pferd wohl aushalten. Ich habe Eile." ls Er ritt fort; aber nicht lange, so fing das Pferd zu hinken an. Es hinkte nicht lange, so fing es an zu stolpern und es stolperte nicht lange, so fiel es nieder und brach ein Bein. Der Kaufmann mußte das Pferd liegen lassen, den Mantelsack abschnallen, ihn auf die Schulter nehmen und zu Fuß nach Hause gehen, wo er erst spät so in der Nacht anlangte. „An allem Unglück," sprach er zu sich selbst, „ist der verwünschte Nagel schuld." Eile mit Weile! Brüder Grimm. 121. Rätsel. 1. Zwei Köpfe, zwei Arme, Sechs Füße, zehn Zehen — Wie soll ich das verstehen? 2. Was ist das für ein armer Tropf, Der die Stiege hinauf muß auf dem Kopf? S i m r o ck. 122. Das seltene Gericht. Ein Kaufmann hatte seine Freunde in der Stadt auf sein Landgut am Meere eingeladen, um sie mit seltenen Meerfischen zu bewirten. Es wurden mehrere Speisen aufgetragen und am Ende kam eine große verdeckte Schüssel, in der man die seltenen Fische vermutete. Allein als man den Deckel abnahm, fanden sich statt der 5 erwarteten Fische einige Goldstücke darinnen. Der Kaufmann aber sprach: „Meine Freunde! Die Fische, die ich euch vorzusetzen ver¬ sprach, sind in diesem Jahre dreimal teurer, als ich dachte. Es kostet einer ein Goldstück. Da fiel mir denn ein, daß in dem Dorfe ein Taglöhner krank liegt und mit seinen Kindern Hunger leiden muß. io Von dem, was dieses einzige Gericht kosten würde, könnten die armen 61 hat. Kinder, so dankt denn alle Gott, seid fröhlich und vergesset in eurem Leben nicht den schönen Spruch: Vertrau' aus Gott und laß ihn walten; so Er wird dich wunderbar erhalten." Chr. Schmid. 124. Der Weiße Hirsch. Es gingen drei Jäger wohl aus die Birsch, Sie wollten erjagen den weißen Hirsch. Sie legten sich nnter den Tannenbaum, Da hatten die drei einen seltsamen Traum. „Mir hat geträumt, ich klopft' auf den Bnsch, s Da rauschte der Hirsch heraus, husch, husch!" „Und als er sprang mit der Hunde Gekläff, Da brannt' ich ihm auf das Fell, piff, paff!" „Und als ich den Hirsch an der Erde sah. Da stieß ich lustig ins Horn, trara!" w So lagen sie da und sprachen die drei — Da rannte der weiße Hirsch vorbei. Und eh die drei Jäger ihn recht gesehn. So war er davon über Tiefen und Höhn. Husch, husch! piff, paff! trara! 15 Nh land. 128. Vergißmeinnicht. Als der liebe Gott Himmel und Erde geschaffen und alles, was auf der Erde ist, da benannte er auch die Pflanzen. Und es kamen Blumen von mancherlei Art, die der Herr bedeutungsvoll mit Namen nannte. „Aber," fügte er hinzu, „gedenket des Namens, den euch der Herr, euer Gott, gegeben!" 5 Sieh, da kam bald darauf ein Blümlein, angetan mit der Farbe des Himmels, bläulich schimmernd und gelb, und fragte: „Herr, wie hast du mich genannt? Ich habe meinen Namen vergessen." Und der Herr sprach: „Vergißmeinnicht." — Da schämte sich das Blümchen und zog sich zurück an den stillen Bach in das dunkle w Gebüsch und trauerte. Wenn es aber jemand sucht und pflückt, dann ruft es ihm zu: „Vergißmeinnicht!" Cosmar. 66 ich mir nicht bezahlen. Darf ich aber nm eine Gnade bitten, so möge das Geld für meinen fleißigen nnd redlichen Nachbar verwendet 15 werden, der so arm ist, daß er sich das nötige Handwerkszeug nicht kaufen kann, um sich als Tischler redlich zu ernähren." Mit Freuden erfüllte der Kaiser diese Bitte. Seinem Retter zu Ehren aber ließ er eine goldene Denkmünze prägen. Nach Köhler-Seidel, Buch der Erzählungen. 134. Die Freunde in der Not. In Not und Tod werden auch Feinde zu Freunden, wenn sie anders Menschen sind. Das zeigt folgende Geschichte. In einem der früheren französischen Kriege fiel, als nach der Schlacht bei Nebel und Wetter alles durcheinander ging, ein Franzose 5 in ein tiefes Loch, eine ausgetrocknete Zisterne, woraus er sich nicht mehr heraushelfen konnte; und bald nachher plumpste auch ein Deutscher hinein und blieb auch darin stecken. Der Franzose schrie: „Kiwi!" und der Deutsche: „Wer da!" und jeder merkte nun, wen er vor sich habe und daß sie sich als echte Patrioten gemächlich den Säbel w durch den Leib rennen konnten. Sie bedachten sich aber eines andern, beide, und sie gaben sich in gebrochenem Deutsch und Französisch, so gut es gehen mochte, zu erkennen, es sei besser, einer helfe dem andern, als daß sie sich beide massakrierten. Also schrie bald der eine, bald der andere um Hilfe, jeder in seiner Sprache. Endlich hörten Deutsche des Deutschen Ruf und sie machten sich sogleich daran, den Kameraden zu retten. Als der Deutsche ans Licht gekommen war, sagte er ganz trocken: „Es ist noch einer drunten, ein guter Kamerad." Der wurde also auch heraufgezogen. Wie sie nun sahen, daß es ein Franzose sei, wollten sie ihn niederhauen. Das litt aber der Deutsche nicht, M sondern er sagte: „Wir haben einander versprochen, daß einer den andern rette; er hätte es auch getan, wenn mich die Spitzbuben, die Franzosen, bekommen hätten." Diesen Vertrag, den die Freunde geschlossen, respektierten die Feinde; und er wurde zwar als Gefangener nach Kriegsrecht fortgeführt, aber wie ein Kamerad von den Kameraden 25 gehalten. A u r b a ch e r. 80 so „Ja, ja!" sagte Franz mit Tränen in den Angen, „Gott hat sich Eurer Stimme bedient, um mich zu retten. Ihr habt zwar gerufen, aber die Hilfe kam dennoch von Gott!" Chr. Schmid. 186. Der Blitz. Gustavs Mutter war krauk und lag am Fieber darnieder. Der Arzt hatte der Kranken kühlende Früchte empfohlen. Daher beschloß Gustav, in den Wald zu gehen, um seiner Mutter Erdbeeren zu pflücken. Es war ein heißer Sommertag. Emsig suchte der Knabe und freute 5 sich sehr, wenn zwischen dem dunkeln Laube ein rotes Beerchen ihn anlachte. Wohl preßte die Hitze seiner Stirne Schweißtropfen aus; allein er achtete es nicht und pflückte fort, um seiner Mutter Freude zu bereiten. Endlich war das Körbchen voll der schönsten Erdbeeren. Lächelnd blickte der glückliche Knabe auf seinen Schatz und setzte sich io endlich nieder, um im Schatten einer Eiche auszuruhen. Aber er hatte sich müde gesucht und bald verfiel er in Schlaf. Da erhob sich am Himmel ein Gewitter: dunkles und schweres Gewölk zog heraus, Blitze leuchteten und der Donner rollte immer lauter und lauter. Plötzlich brauste der Wind in den Ästen der Bäume, is Regen stürzte hernieder und der Knabe erwachte. Das Gewitter verwandelte seine frühere Freude in Schrecken; er blieb weinend unter der Eiche sitzen. Da fiel ihm ein, daß sein Lehrer gesagt habe, man dürfe bei Gewittern nie unter Bäume treten. Rasch sprang daher Gustav auf, nahm sein Körbchen und eilte fort. Da leuchtete ein 20 heftiger Blitz, laut krachte der Donner gleich darauf und erschreckt sah der .Knabe sich um. Die Eiche, unter der er eben gesessen, hatte der Blitz zerschmettert. Durchnäßt kam Gustav zu Hause an. Die Eltern hatten ängstlich auf ihn gewartet und freuten sich sehr, als sie ihn unverletzt sahen. 25 Die kranke Mutter erquickte sich jetzt und dankte ihrem Gustav. Kellner. 166. Rätsel. Erst weiß wie Schnee, Dann grün wie Klee, Dann rot wie Blut: Schmeckt allen Kindern gut. Simrock. 84 is hinter ihm herging: „Sieh doch einmal, ob dem Burschen dort der Hut augeleimt ist!" Der Gemeindediener ging hin und sprach: „Hör' einmal, Michel, der Herr Bürgermeister möchte einmal sehen, wie dein Hut inwendig aussieht. Flugs zieh ihn ab!" Der Michel aber zögerte immer noch und wußte nicht, wie er es machen sollte. Da riß ihm 20 der Gemeindediener den Hut herunter und brrr! flogen die Spatzen heraus nach allen Ecken und Enden. Da mußte der Bürgermeister lachen und alle Leute lachten mit. Der Michel aber hieß von der Stunde an der Spatzenmichel; und wenn einer seinen Hut oder seine Kappe vor Fremden nicht abzieht, so sagt man noch heutigen Tages: 25 „Der hat gewiß Spatzen unter dem Hute." Curtman. 162. Der Schäferjunge. Im Siebenjährigen Kriege raubte ein Soldat einem Schäferjungen einen Hammel von der Weide. Der Knabe fiel dem Soldaten zu Füßen und bat ihn, er möchte ihm seinen Hammel lassen. Umsonst, sosehr der Knabe sich flehend an ihn drängte, der Soldat schleppte den s Hammel fort. Der Knabe ging zu dem Obersten des Regiments. „Kannst du mir den Dieb angeben, so soll er seinen Lohn haben," sagte der Oberst. „Wenn ich ihn sehe, erkenne ich ihn gewiß wieder," antwortete der Knabe. — „Gut, diesen Mittag versammelt sich das ganze Regiment, dann komm und zeige mir den Dieb." io Als nun die Soldaten alle in Reih und Glied standen, kam der Schäferjunge, lief hinter den Soldaten hinunter und rief auf einmal: „Hier hab' ich den Dieb!" Er zeigte aber auf den Rücken des Soldaten. „Was?" sagte der Oberst, „wie kannst du den Dieb an dem Rücken erkennen? Da sehen sie ja alle gleich aus," und is lachte. Aber der Schäserjunge sprach: „Sieht der Herr Oberst hier den roten Strich? Der ist von meinem Rötel, womit ich sonst die Schafe zeichne. Als der Soldat sich durch mein Flehen nicht rühren ließ, klammerte ich mich an ihn und machte dabei den Rötelstrich an seine Degenkoppel." 2« Der Oberst wunderte sich über den Einfall des Knaben und beschenkte ihn, daß er sein Schaf vergaß; dem Soldaten aber gab er seinen Lohn, wie ihn ein Dieb verdient. Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz. 101 184. Der Hahn, der Hund und der Fuchs. Ein Hund und ein Hahn schlossen Freundschaft und wanderten zusammen in die Fremde. Eines Abends konnten sie kein Haus erreichen und mußten im Walde übernachten. Da sah der Hund eine hohle Eiche, worin für ihn eine vortreffliche Schlafkammer war. „Hier wollen wir bleiben," sagte er zu seinem Kameraden. „Ist mir auch recht," sagte der s Hahn, „aber ich schlafe gern in der Höhe." Damit flog er auf einen Ast, wünschte dem andern gute Nacht und setzte sich zum Schlafen. Als es nun Tag werden wollte, fing der Hahn an zu krähen; denn er dachte: „Es ist bald Zeit zum Weiterreisen." — Das Kikeriki hatte der Fuchs gehört, dessen Wohnung nicht weit davon war, und io schnell war er da, um den Hahn zu fangen. Denn ihr wißt ja, daß der Fuchs ein Hühnerdieb ist. Da er aber den Hahn so hoch sitzen sah, dachte er: „Den muß man durch gute Wörtlein herunterlocken; denn so hoch kann ich nicht klettern." Gut; mein Füchslein macht sich ganz höflich herbei und spricht: „Ei, guten Morgen, lieber Herr is Vetter; wie kommen Sie hieher? Ich habe Sie gar zu lauge nicht gesehen. Aber Sie haben sich da eine gar unbequeme Wohnung gewählt, und wie es scheint, haben Sie auch noch nichts gefrühstückt. Wenn es Ihnen gefällig ist, mit in mein Haus zu kommen, so werde ich Ihnen mit ganz frisch gebackenem Brote aufwarten." so Der Hahn kannte aber den alten Schelm und hütete sich wohl hinunterzufliegen. „Ei," sagte er, „wenn Sie ein Vetter von mir sind, so werde ich recht gern mit Ihnen frühstücken; aber ich habe noch einen Reisegefährten, der hat die Tür zugeschlossen. Wollen Sie so gefällig sein, diesen zu wecken, so können wir gleich miteinander gehen." s.-> Der Fuchs, welcher meinte, er könne noch einen zweiten Hahn erwischen, lief schnell nach der Öffnung, wo der Hund lag. Dieser war aber wach und hatte alles angehört, was der Fuchs gesprochen hatte, und freute sich, den alten Betrüger jetzt strafen zu können. Ehe der Fuchs es sich versah, sprang der Hund hervor, packte ihn an der oo Kehle und biß ihn tot. Dann rief er seinen Freund vom Baume herunter und sagte: „Wenn du allem gewesen wärest, so hätte dieser Bösewicht dich um¬ gebracht. Aber laß uns eilen, daß wir aus dem Walde kommen!" Curt man. 104 Allein einige böse Buben fingen an, die Nester auszunehmen und zu zerstören. Die Vögel wurden dadurch verscheucht und zogen nach und nach ganz aus der Gegend hinweg. Man hörte in den is Gärten und aus der Flur kein Vögelein mehr singen. Alles war ganz still und traurig. Die Bosheit dieser Buben hatte aber noch eine andere traurige Folge. Die schädlichen Raupen, die sonst von den Vögeln hinweg¬ gefangen wurden, nahmen überhand und fraßen Blätter und Blüten 20 ab. Die Bäume standen kahl da wie mitten im Winter und die bösen Buben, die sonst köstliches Obst im Überflüsse zu verzehren hatten, bekanien nicht einen Apfel mehr zu essen. Chr. Schmid. 188. Das Grab. 1. Das Grab ist tief und stille Und schauderhaft sein Rand; Es deckt mit schwarzer Hülle Ein unbekanntes Land. 2. Das Lied der Nachtigallen Tönt nicht in seinem Schoß; Der Freundschaft Rosen fallen Nur auf des Hügels Moos. 3. Verlassene Bräute ringen Umsonst die Hände wund. Der Waisen Klagen dringen Nicht in der Tiefe Grund. 4. Doch sonst au keinem Orte Wohnt die ersehnte Ruh': Nur durch die dunkle Pforte Geht mau der Heimat zu. 5. Das arme Herz, hienieden Von manchem Sturm bewegt. Erlangt den wahren Frieden, Nur wo es nicht mehr schlägt. Salis. 189. Der Hase und der Fuchs. Ein Hase und ein Fuchs reisten beide miteinander. Es war Winterszeit; es grünte kein Kraut und auf dem Felde kroch weder Maus noch Laus. „Das ist ein hungriges Wetter," sprach der Fuchs zum Hasen, „mir schrumpfen alle Gedärme zusammen." „Ja s wohl," antwortete der Hase; „es ist überall Dürrhof und ich möchte meine eigenen Löffel fressen, wenn ich damit ms Maul reichen könnte." 116 M verschreiben." Und sie sagte ihm, wo des Knaben Schreibzeug sei. Also schrieb er das Rezept und belehrte die Fran, in welche Apotheke sie es schicken müsse, wenn das Kind heimkomme, und legte es auf den Tisch. Als er aber kaum eine Minute sort war, kam der rechte Doktor S5 auch. Die Fran verwunderte sich nicht wenig, als sie hörte, es sei der Doktor und entschuldigte sich, es sei schon einer da gewesen und habe ihr etwas verordnet und sie habe nur aus ihr Büblein gewartet. Als aber der Doktor das Rezept in die Hand nahm und sehen wollte, wer bei ihr gewesen sei und was sür einen Trank oder 4v was sür Pillen er ihr verordnet habe, erstaunte er auch nicht wenig und sagte zu ihr: „Frau, Ihr seid einem guten Arzte in die Hände gefallen; denn er hat Euch fünfundzwanzig Dukaten verordnet, beim Zahlamt zu erheben; und darunter steht „Josef". Kennt Ihr ihn? Eine solche Arznei hätte ich Euch nicht verschreiben können!" Da tat die Frau 45 einen Blick gegen den Himmel und konnte nichts sagen vor Dankbarkeit und Rührung. Und das Geld wurde hernach richtig und ohne Anstand von dem Zahlamte ausbezahlt. Der Doktor aber verordnete ihr eine Mixtur. Und durch die gute Arznei und durch die gute Pflege, die sie sich jetzt verschaffen konnte, stand sie in wenigen Tagen wieder 5o auf gesunden Beinen. Also hat der Doktor die kranke Frau kuriert und der Kaiser die Arnie. Nach Hebel. 202. Das Starchurst. Auf dem Strohdachs eines alten, ehrwürdigen Bauernhauses, das von frommen Bauersleuten bewohnt war, erblickte man stets in den ersten Tagen des Frühjahres ein schneeweißes Storchenpaar. Sie saßen dann da und klapperten, gleichsam als bewillkommneten sie 5 den alten lieben Ort, wo sie so manches Störchlein aufgezogen hatten. An einem schwülen Sommertage, als fast das ganze Dorf aus¬ gewandert war, um das Getreide zu mähen, und meist nur die wachsamen Hunde uni die ihnen anvertrauten Wohnungen schlichen: da erscholl auf einmal vom hohen Kirchturme herab der dumpfe Ton w der Sturmglocke und das Feuerhorn verkündete durch seine kurzen Stöße den beschäftigten Landleuten die Gefahr. „Feuer! Feuer!" - 118 - io nährte. Dieses fragte die Taube, warum sie so traurig wäre, da sie doch ihre Jungen bei sich habe. „Ach!" antwortete die Taube, „was können mich meine Jungen freuen? Sobald ich sie ausgebrütet habe, kommt ja immer der Fuchs und droht mir, bis ich sie hinabwerfe." n-> Da sprach das Wasserhuhn: „Kennst du den betrügerischen Fuchs noch nicht? Laß ihn nur drohen, so viel er will, und behalte deine Jungen. Denn er kann doch sicher nicht auf deinen hohen Baum zu deinem Neste. Laß dich nur nicht von ihm schrecken!" Das merkte sich die Taube, und als der Fuchs kam und ihr 20 wieder ihre Jungen abdrohen wollte, sagte sie ganz gelassen: „Ja, ja, wenn du Lust hast, mich und meine Jungen zu fressen, so komm nur herauf!" Und so höhnte sie ihn lange. Endlich fragte er sie, wer ihr geraten habe, es so zu machen. Die Taube sagte es ihm und zeigte ihm auch die Wohnung des Wasserhuhns, das er gleich aufsuchte, 25 nm ein Gespräch mit ihm anzufangen. „Ei," fragte er, „du bist hier ja dem Winde und dem Wetter ausgesetzt; wie machst du es denn, wenn der Wind geht?" „Wenn der Wind geht?" sagte das Wasserhuhn. „Ei, kommt er von der rechten Seite, so wende ich mein Haupt gegen die linke; za kommt er von der linken, so wende ich es gegen die rechte Seite." „Das ist wohl gut," sagte der Fuchs, „aber wie machst du's, wenn es von allen Seiten her stürmt?" „O, auch dann hat's keine Not," antwortete das Wasserhuhn, „dann stecke ich meinen Kopf unter den Flügel." 35 Da hob der Fuchs an: „O, selig seid ihr Vögel vor allen andern Geschöpfen! Ihr flieget zwischen Himmel und Erde, und das so schnell, wie andere Geschöpfe unmöglich laufen können. Und dazu habt ihr noch die Gnade, daß ihr eure Häupter zur Zeit des Sturmes unter den Fittichen verbergen könnt. Das dünkt mich aber beinahe unmöglich. -io Wie kannst du denn deinen Hals so Herumbeugen? Wie machst dn das wohl? Zeige mir das doch einmal!" Das Wasserhuhn wollte es jetzt dem Fuchse zeigen und steckte seinen Kopf unter den Flügel. Diesen Augenblick hatte der Fuchs erwartet. Er erhaschte jetzt den unvorsichtigen Vogel und verzehrte 45 ihn, indem er sagte: „Andern hast du raten können, dir selbst aber nicht." Grimm. 121 10. Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot; Denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot; Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor; Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!" 11. Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt. Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand; Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer, Und sragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr. Chamisso. 206. Der trsus Hunä. Dbsn ötknete äor Diörtner dis lDüAkl. dss Ltadttorss. Da erssbien ein Reisender aui sinom blanken Lobimmel, vor ibm spranA munter ein koblsobwar^er Rudel und bellte laut vor IlnAsduld und Rroude. Vor Rsiseuds war ein Dauimann. Da sein ^OA ibn oit durob unsiobers DsAkndsn iübrte, so ptlsAto er stets 5 viu Raar Auts Ristol.su am 8attel xu baben und seinen treuen ^poll mitriunebmen. Dieser war ibm überdies durob seins kurx- wsiliKsn ZprüuAo ein auZenebmer DsssUsobaitsr und er bätte lieber ein sobönes 8tüok Osld als dies kluZe Dior verloren. lind doob sollte er selbst dursb einen unAlüoklioben Irrtum der io Norder desselben werden. Nittsn in einem N^alde, dureli den die DandstraDe iübrte, tinF der Hund plöt-diob an xu bellen und sab iortwäbrend xu seinem Derrn bin aut. Der Derr wandte das Rterd um, aber er bemerkte niobts. Der Dund tulrr kort r.u bellen, wart sieb n> endlieb vor das Risrd, bellte lauter, lärmts immer beltiZer, so dal) sein Derr aut den Dedanken kam, der arme ^.poll. wäre toll Keworden. Der Dsitersmann moebte mit den Dsnn^siobsn der Doll beit niebt wo b l bsbannt gewesen ssin. In seiner ^.nZst Zritk er naob einer Ristols und drüobte sie ab aut den Dund. 2» ^poll stürrits nieder und ssin Derr ritt trauriZ davon. Im näobsten Doris, wo er anbislt, sein Risrd. rm iüttsrn, bemerkte er aut einmal, dal) ibm ssin Nantslsaok keblts. ^.ob Dott, daebts er, sollte der Dund sieb deswegen so unZebärdiA 129 Vukasovic wurde verlegener und blieb schweigsam. „Spreche Er die Wahrheit!" sagte die Kaiserin etwas ernster; „wo hat Er das Geld?" „Eure Majestät!" antwortete der Knabe mit bebender Stimme, „ich — ich habe es — meinem Vater geschickt." Eine Träne trat zs ihm ins Auge. „Wer ist denn Sein Vater?" „Mein Vater war Leutnant in Eurer Majestät Diensten; er ist verabschiedet und lebt nun sehr kümmerlich in Dalmatien. Ich glaubte, von Eurer Majestät Gnade keinen bessern Gebrauch 40 machen zu können, als wenn ich meinen armen, alten Vater unterstützte." „Braver Junge!" versetzte die gute Monarchin, indem sie ihm auf die Schulter klopfte; „nehm' Er Tinte, Feder und Papier und schreib' Er!" 45 Der Kadett gehorchte und die Kaiserin diktierte ihm folgenden Brief: „Lieber Vater! Den Brief, den ich Ihnen hier schreibe, diktiert mir die Kaiserin. Meine Aufführung, mein Fleiß und besonders die so kindliche Liebe zu meinem guten Vater haben der Kaiserin so wohl gefallen, daß Sie von dieser Stunde an eine jährliche Pension von zweihundert Gulden bekommen werden und daß ich soeben wieder ein Geschenk von viernndzwanzig Dukaten erhalten habe." ss Der Kadett fiel der guten Fürstin zu Füßen. Tränen der Rührung und des Dankes glänzten in seinen Augen; er versprach, durch Fleiß und Eifer sich dieser Gnade würdig zu machen und sich so auszubilden, daß er einst der Monarchin und dem Vaterlande wichtige Dienste leisten könne. «0 Der Kadett hat Wort gehalten. Vukasovic trat als Offizier zum Regimente und zeichnete sich durch Kenntnisse, Diensteifer und Tapferkeit so sehr aus, daß er von Stufe zu Stufe bis zum Feldmarschall-Leutnant stieg. Nach Petiscus. Aus Kummer-Braukp-Hofbauers Lesebuch. Leseb. f. slow.-Utraquist. Mittelsch. 1. u s. Kl. (U) 9 181 wieder traurig und hungrig nach Hause zurückgehen, als sie ein dunkelblaues Blümchen an der Hecke stehen sahen. Es war das Veilchen; das wartete ganz bescheiden, bis die Bienchen kamen, dann aber öffnete es ihnen seinen Kelch; der war voll Wohlgeruch und 2s voll Süßigkeit und die Bienchen sättigten sich und brachten noch Honig mit nach Hause. Curtman. 216. Frühlingsbotschafi. 1. „Kuckuck! Kuckuck!" rnft's aus dem Wald. Lasset uns singen, Tanzen und springen, Frühling, Frühling wird es nun bald! 2. Kuckuck, Kuckuck läßt nicht sein Schrern: „Komm in die Felder, Wiesen und Wälder, Frühling, Frühling, stelle dich ein!" 3. Kuckuck, Kuckuck, trefflicher Held! Was du gesungen, Ist dir gelungen: Winter, Winter räumet das Feld. Hofsmann v. Fallersleben. 217. Leutseligkeit des Erzherzogs Franz Karl. Es war am 18. August des Jahres 1830, als in Wien plötzlich Kanonenschüsse gehört wurden. Sie verkündeten den Bewohnern der Hauptstadt, daß dem Erzherzog Franz Karl in Schönbrunn ein Sohn geboren worden sei. Es war dies unser geliebter Kaiser Franz Joses. s Alsbald entstand eine freudige Bewegung unter der Bevölkerung Wiens. Aus allen Häusern eilten die Leute auf die Straße, um ihrer Freude Ausdruck zu geben. Insbesondere in der Nähe der kaiserlichen Burg wogte das Volk auf und nieder. Auch die Schuljugend fehlte bei diesem freudigen Anlasse nicht. Sie hatte kurz vorher die Schule w verlassen und wußte bald, was die Kanonenschüsse bedeuteten. 9» 142 „Sind denn die gefräßigen Mäuse schon wieder da?" ries sie und schlug mit dem Besen nach ihnen. Die Stadtmaus huschte schnell in ihr Loch, aber die arme Feldmaus wußte nicht wohin und rannte 45 im ganzen Gewölbe herum, die Köchin mit dem Besen hinterdrein. Endlich fand sie einen Winkel hinter dem großen Ölfaß, da drückte sie sich hinein und konnte vor Angst kaum atmen. „Wartet nur, dem Ding soll ein Ende gemacht werden," rief die Köchin und warf die Tür hinter sich zu. so Jetzt kroch die Stadtmaus behutsam aus ihrem Loche und sagte zu ihrem Gaste: „Komm, nun wollen wir aber eine gute Mahlzeit halten, denn die Köchin kommt nun nicht so bald wieder." Zitternd kam das Feldmäuschen hinter dem Fasse hervor und sie kletterten alle beide nach der fetten Blutwurst hinauf. 55 „Schnell, schnell!" rief da plötzlich die Stadtmaus, „ins Loch, ehe sie uns sieht!" Im Nu waren die Mäuschen wieder herunter und in dem Loche. „Nun müssen wir schon warten," sagte die Stadtmaus, „bis die böse Katze eingeschlafen ist; denn jetzt dürfen wir nicht hinaus, sonst «o srißt sie uns. „Nein, ich danke dir," sagte die Feldmaus, „ich habe vor Angst den Hunger verloren. Ich will so schnell als möglich wieder nach Hause laufen auf mein Kleefeld. Viel lieber will ich dort in aller Ruhe meine Haferkörnchen und Rüben fressen als hier diese Sachen unter es Angst und Furcht!" Damit nahm sie von der Stadtmaus Abschied und hat sie niemals wieder besucht. Michael. 228. Der alle Hofhund. Es hatte ein Bauer einen treuen Hund, der Sultan hieß. Dieser war alt geworden, so daß er nichts mehr recht packen konnte. Da stand der Bauer einmal mit seiner Frau in der Haustür und sprach: „Den alten Sultan schieße ich morgen tot; der ist zu nichts s mehr nütze." Der Frau tat der Hund leid und sie antwortete: „Er hat uns so lange Jahre gedient, daß wir ihm wohl das Gnadenbrot geben könnten." „Ei was," sprach der Mann, „du bist nicht recht gescheit; er hat keinen Zahn mehr im Diaule und kein Dieb fürchtet 146 So entfernt er sich, sein Kind im Arme, geht mit dem sichern 75 Schritt der Bergbewohner denselben gefährlichen Weg zurück und erscheint eine Stunde später im heimatlichen Dorfe. Erstaunt strömt ihm jung und alt entgegen, um das Wunder der Rettung zu schauen und dem lieben Gott mit ihm gemeinschaftlich zu danken. Schulze-Steinmann-Kiel, Kinderschatz. 227. Der Gdelfalk. Gustavs Vater und Mutter waren schon längst gestorben und der Kleine wurde bei seiner Tante erzogen, die sich leider nur wenig um ihn bekümmern konnte. Sie war nämlich eine arme Frau, die sich durch Waschen und Nähen außer deni Hause nur kümmerlich ernährte. .-> Nun kannte Gustav kein größeres Vergnügen, als zur Zeit, wo die Vögel im Walde ihre Nester bauen und Eier legen, den Wald von frühmorgens bis zum späten Abend zu durchstreifen, Nester zu suchen und die Eier herauszunehmen. Kein Baum war ihm zu hoch, er erkletterte ihn, kein Felsen zu steil, er kloinm hinan, wenn ein w Nest seine Begierde reizte. Oft kam er von solchen Ausflügen mit zerrissenen Kleidern nach Hause. Die Tante schalt ihn dann aus und verbot ihm ein für allemal, wieder in den Wald zu gehen. Aber wer nicht gehorchte, war unser Gustav. Kaum war die Tante ihrem Geschäfte nachgegangen, so lief er wieder wie ein Wetter in den 15 Wald hinein und suchte Nester nach wie vor. Die erbeuteten Eier verkaufte er und das Geld wurde vernascht. Aber der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht, und wer nicht hören will, muß fühlen. Gustav marschierte eines Tages trotz des strengen Verbotes der so Tante in den Wald. Er hatte etwa vor einer Woche in einer Fels¬ spalte das Nest eines Edelfalken entdeckt, war den Felfen hinan¬ geklommen und hatte statt der Eier halbflügge Junge im Neste gefunden. „Die will ich erst noch wachsen lassen, bis sie hinlänglich groß geworden sind," hatte er zu sich gesagt, „später bekomme ich 25 wohl sür jeden Falken einen Taler." Heute wollte er nun die jungen Raubvögel holen. Keck erstieg er, keine Gefahr achtend, den Felsen, erreichte das Nest, fand die jungen Falken gerade groß genug und war im Begriffe, sich ihrer 156 Die arme Frau wußte nicht recht, was sie denken sollte; als ein Geschenk bäuchte sie diese absonderliche Gabe doch gar zu gering. Sie ging heim und legte die fünf Stricknadeln auf den Tisch, indem sie dachte: „Ja, hätte ich Garn oder Geld, mir Garn zu kaufen, 35 dann wären die Nadeln gut; denn Strümpfe könnten wir alle wohl brauchen!" Als die Frau am nächsten Morgen ihr Lager verließ, tat sie vor Erstaunen einen Freudenschrei; denn neben den Nadeln lag ein Paar fertig gestrickter Strümpfe auf dem Tisch; sie wunderte sich über alle 4» Maßen und am nächsten Abend legte sie die Nadeln wieder auf den Tisch und am Morgen darauf lagen neue Strümpfe da. Jetzt merkte sie, daß das Kätzchen eine verwandelte Fee gewesen war, die ihr zum Lohne für ihr Mitleid diese fleißigen Nadeln beschert hatte, und ließ dieselben nun jede Nacht stricken, bis sie und die Kinder genug hatten. 45 Dann verkaufte sie Strümpfe und bekam dafür Geld genug, so daß keine Not mehr ins Haus kam und sie mit ihren Kindern glücklich war bis an ihr seliges Ende. B e chst ei n. 284. Raiser Franz Josef in der Schule. In demselben Jahre, als Erzherzog Karl den herrlichen Sieg bei Aspern erfocht, fanden auch im Süden unsers Vaterlandes gegen die Franzosen heiße Kämpfe statt. Insbesondere zwei Männer haben sich dort durch ihren heldenmütigen Kampf für das Vaterland hohen 5 Ruhm erworben, die Hauptleute Hermann und Hensel. Ein einfaches Denkmal bezeichnet dem Wanderer die Stätte, wo beide mit ihren Kameraden gefallen sind. Einst unternahm unser erhabener Kaiser Franz Josef eine Reise dahin, um dieses Denkmal zu besichtigen. Dabei besuchte er auch w das kleine Dorf P redil, welches sich unweit des Denkmales befindet. War das eine Freude und ein Jubel, als der Kaiser dort ankani! Die armen Leute hatten ihre Hütten mit Fähnlein und Reisig geziert, die Kinder standen vor dem Schulhause und saugen mit Heller Stimme das herrliche Lied: „Gott erhalte!" 15 Nachdem der Kaiser an mehrere Personen leutselige Fragen gerichtet hatte, trat er in das kleine Schulhaus, um dort einer Prüfung beizuwohnen. Da fiel ihm ein kleiner, aufgeweckter Junge auf, der 172 Dieser Vorschlag gefiel dem Löwen sehr; denn er war schon 45 betagt und kam jetzt in die Jahre, wo man die Ruhe liebt. Mit den Jahren hatte auch seine Kraft schon abgenommen, daß er nicht mehr jagen und kämpfen konnte wie ehemals. Darum nahm er mit Freuden den Vorschlag an. Gleich am andern Morgen machte sich der Fuchs sehr zeitlich so auf die Beine. In der Nähe der Löwenhöhle hielt er sich verborgen. Als der Löwe nun aufwachte und die Sonne schon so hoch am Himmel stehen sah, ward er ungeduldig, daß seine Speise so lange ausblieb. Er richtete sich auf und brummte. Kaum hörte das der Fuchs, so lief er schnell hin, stellte sich, als käme er eben erst weit hergelaufen, ss warf sich keuchend vor dem Löwen nieder und leckte ihm die Klauen. „Wo bleibst du so lange?" fuhr ihn dieser zornig an; „was säumst du so lange, mir meine Speise zu bringen, die ihr mir doch freiwillig zugesagt habt?" „Ach, Herr König," antwortete der Fuchs, „meine Schuld «o ist es nicht. Zu rechter Zeit ging ich diesen Morgen aus, um dir einen andern, recht fetten Fuchs zu bringen, den das Los getroffen hatte. Aber unterwegs — ich war noch ein gutes Stück von deiner Wohnung — da kam ein anderer Löwe und fragte uns, wohin wir gingen. Ich sagte ihm, ich wollte dir, meinem Herrn, deine Speise os bringen. ,Was?" schrie er, ,dem? und ich bin doch euer König, kein anderer außer mir. Mir gehört die Speise/ Und so nahm er mir denn deine Speise weg. Ach, es tat mir gar leid; es war wohl der fetteste von meinen Brüdern, den ich niemandem gegönnt hätte als dir." Der alte Löwe war aber von einer gar zornigen Natur. Kaum hatte er diese Worte vernommen, als er wild von seinem Lager auf¬ sprang und brüllte und hastig fragte, ob denn der Fuchs wisse, wo der andere Löwe wohne. „O ja!" antwortete der listige Fuchs, „folge mir nur nach, ich 75 will dich zu seiner Höhle führen." Er ging voraus und mit zusammengezogenen Stirnrunzeln folgte ihm der Löwe, der unterwegs schon seine Klanen wetzte, wenn er an einem Steine vorbeikam, und knirschend seine Zähne probte. Endlich blieb der Fuchs zwischen Felsen und Bäumen auf einem 8« ziemlich freien Platze stehen. Da war ein tiefer Brunnen. In den 174 Gott der Herr rief sie mit Namen, Daß sie all' ins Leben kamen. Daß sie nun so fröhlich sind. 3. Weißt du, wieviel Kinder frühe Stehn aus ihren Bettlein auf. Daß sie ohne Sorg' und Mühe Fröhlich sind im Tageslauf? Gott im Himmel hat an allen Seine Lust, sein Wohlgefallen, Kennt auch dich und hat dich lieb. H ey. 260. Der Hund. Das Pferd nützt uns durch seine Körperkraft, die Kuh durch ihre Milch, das Schaf durch seine Wolle, der Hund aber durch seine Klugheit. Klugheit ist ost mehr wert als Wolle und Milch. Darum genießt der Hund auch die Ehre, den Menschen begleiten und mit L ihm in demselben Zimmer sein zu dürfen. Diese Auszeichnung vergilt er durch wichtige Dienste und standhafte Treue. Der wachsame Hofhund läuft während der Nacht unermüdlich im Hofe umher; der Schäferhund verliert vom Morgen bis zum Abend keine Minute lang die Herde aus den Augen und der Jagd- io Hund holt das geschossene Wild auch aus dem Wasser und- bringt es freudig seinem Herrn. Und für all diese Dienste verlangt der Hund nichts weiter als einige Reste von unserer Mahlzeit und eine liebevolle Behandlung. Redet man den Hund freundlich an und streichelt ihn, so springt er freudig an uns empor, liebkoset uns und leckt uns die 15 Hand. Zeigt man ihm dagegen ein unfreundliches Gesicht oder schilt man ihn gar, so läuft er furchtsam aus dem Wege, duckt sich nieder und sucht sich zu verbergen. Fremde Hunde darf man nicht anfasfen; denn der Biß eines Hundes kann oft sehr gefährlich werden. Lüb en. 261. Lannitverstan. Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und kann 180 alles, als sie von ungefähr in den Futtertrog sah und einen ganzen Haufen goldener Blätter darin erblickte. Daher schärfte sie geschwind das Küchenmesfer, öffnete den Ziegenleichnam und fand im Magen 8.-> einen Klumpen Gold, so groß wie ein Apfel und so auch nach Ver¬ hältnis in den Magen der Zicklein. Nun war das Weib mit den Kindern vor Not geborgen. Rach Musäns. 284. Die Haustiere. Franz ist bei einem Bauersmann gewesen, der ihm seinen Hof gezeigt hat. Hören wir, was Franz erzählt! Dicht am Tore stand eine Hütte, in welcher der große Haus¬ hund lag. Die Sonne schien ihm ins Gesicht; darum blinzelte er mit 5 den Augen. Manchmal schnappte er nach den Fliegen, die seinen Futtertrog umschwärmten. Bei Tage muß er ein wenig schlafen; denn er wacht die ganze Nacht. Der Packan ist ein gar treuer Wächter. Still auf dem Boden lag die Katze. Plötzlich spitzte sie die Ohren und ringelte den Schweif; dann machte sie einen Sprung und io richtig hatte sie die Maus erwischt. Nun führte mich der Bauer in den Stall. Da standen Kühe, Kälber und Ochsen; wir waren im Rinderstall. Der Bauer sagte: „Da sind meine Milchkühe und da meine Zugochsen. Draußen auf dem Felde sind die Pferde, die ziehen den Pflug.' Der Esel, der i5 träge Gesell, hat einen Sack Korn in die Mühle tragen müssen. Kommt er heim, so soll er einen Leckerbissen haben! ich habe ihm Disteln vom Felde mitgebracht. Jetzt komm zum zweiten Stalle! Dort sind meine Schafe. Aus der weichen Wolle, die sie tragen, wird der Tuchmacher seines Tuch en weben und der Schneider soll dir einen schönen Rock daraus machen. Die Schafe sind sgar nützliche Tiere. Da im Garten siehst du die genäschige Ziege. Sie würde lieber auf den Bergen umhersteigen und im Walde ihre Nahrung suchen. Hier muß ich sie mit einem langen Stricke an den Pflock binden. 25 Wenn ich sie frei gehen ließe, würde sie meine jungen Obstbäume verderben. Hörst du es in dem niedrigen Stalle schnaufen und grunzen? Das sind die Mastschweine. Mit ihren Rüsseln wühlen sie im 191 Vormittag. Immer ein Schmetterling nach dem andern kroch aus seiner Puppe heraus. Nach Tische wareu sie alle ausgekrochen. „Nun kannst du dir noch eine Freude machen," sagte die Mutter. „Stelle 80 das Glas in den Garten, mache es auf und gib den Schmetterlingen die Freiheit!" Dies tat Henriette und freute sich unbeschreiblich, als sie sah, wie die Schmetterlinge herausflatterten und von einem Baume zum andern flogen. — Wenn sie hernach im Garten umhergiug und einen braunen Schmetterling mit schwarzen Flecken sah, freute sie sich 85 allemal und dachte: „Du bist gewiß auch aus meinem Glase!" Salzmann. 269. Der geheilte Patient. Reiche Leute haben trotz ihres Vermögens doch manchmal allerlei Lasten und Krankheiten auszustehen, von denen der arme Mann nichts weiß; denn es gibt Krankheiten, die nicht in der Luft stecken, sondern in den vollen Schüsseln und Gläsern und in den weichen Sesseln und seidenen Betten. Dies lehrt uns folgende Geschichte von einem 5 reichen Amsterdamer. Den ganzen Vormittag saß er im Lehnsessel und rauchte Tabak, wenn er nicht zu träge war, oder sah müßig zum Fenster hinaus, aß aber zu Mittag doch wie ein Drescher und die Nachbarn sagten manchmal: „Weht's draußen, oder schnauft der Nachbar so?" io Den ganzen Nachmittag aß und trank er ebenso, bald etwas Kaltes, bald etwas Warmes, ohne Hunger und Appetit, aus lauter Lange¬ weile, bis an den Abend, so daß man bei ihm nicht recht sagen konnte, wo das Mittagessen aufhörte und das Abendessen anfing. Nach dem Nachtmahle legte er sich ins Bett und war so müde, als is wenn er den ganzen Tag Steine abgeladen oder Holz gespalten hätte. Davon bekam er zuletzt einen dicken Leib, der so unbeholfen war wie ein voller Sack. Das Essen wollte ihm nicht mehr schmecken; er konnte nicht recht schlafen und er war lange Zeit, wie es manchmal geht, nicht recht gesund und nicht recht krank. Wenn man aber ihn 20 selber hörte, so hatte er 365 Krankheiten, nämlich jeden Tag eine andere. Alle Ärzte, die in Amsterdam waren, mußten ihm raten. Er verschluckte ganze Flaschen von Mixturen und ganze Schachteln Pulver und Pillen und man nannte ihn zuletzt scherzweise nur die Zweibeinige Apotheke. Aber alle Arzneien halfen ihm nichts; denn er 25 221 sprach der Esel: „So müssen wir uns aufmachen nud noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht." Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch dran täten ihm auch gut. Nun machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen 55 es bald Heller schimmern und es ward immer größer, bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel als der größte näherte sich dem Fenster und schaute hinein. „Was siehst du, Grauschimmel?" fragte der Hahn. „Was ich sehe?" antwortete der Esel, „einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken und Räuber sitzen daran und eo lassen es sich wohl sein." „Das wäre was sür uns," sprach der Hahn. „Ja, ja, ach, wären wir da!" sagte der Esel. Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müßten, um die Räuber hinaus¬ zujagen, und fanden endlich ein Mittel. Der Esel mußte sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken «5 springen, die Katze auf den Hund klettern und endlich flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie dies geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen insgesamt an, ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte; dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, das; 70 die Scheiben klirrend niederfielen. Die Räuber fuhren bei dem entsetz¬ lichen Geschrei in die Höhe, meinten nicht anders, als ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war, und aßen, als wenn sie vier Wochen 75 hungern sollten. Als die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus nud suchten sich eine Schlafstätte, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich ans den Mist, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd und in die warme Asche und der Hahn 80 setzte sich auf den Hahnenbalken, und weil sie müde waren von ihreni langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, daß kein Licht mehr im Hause brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: „Wir hätten uns doch- nicht sollen ins Bockshorn 8.-» jagen lassen," und hieß eineu hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche, wollte ein Licht auzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für 230 3. Da spricht der Knabe: „Vater, schau, Gleicht nicht der Himmel einer Au? Drauf gehn wie unsre Schafe dort Die Wolken auch von Ort zu Ort." 4. Der Vater spricht: „Hast recht, mein Kind; Die treibt als Hund der Abendwind, Und daß sich keins davon verirrt, Wacht dort der Mond, der gute Hirt!" 5. So sprechen sie noch vieles mehr; Draus kommt vom Dors die Mutter her; Das Kindlein, ihr ans Herz gedrückt, Das lacht, wie es die Herd' erblickt. 6. Doch als den Vater es gewahrt. Da jauchzt es recht nach Kindesart Und streckt die Arme nach ihm aus Und alle gehn vergnügt nach Haus. 7. Dort essen sie ihr Abendbrot Und denken nicht an Sorg' und Not Und danken Gott und gehn zur Ruh' Und schlafen süß dem Morgen zu. R e i n i ck. 282. Ois vom ^lls äie Viere naoll äein KünäenckaUe äer ersten Niensellen äas Varaäies verlassen mnkten nnä mit äissen in ll'einäsollal't geraten rvaren, 20§en äie rviläesten nnä bösesten unter illnen, äer Vöcve, äer Vig-sr, äer llV<ät', äer Lär nnä mellrere anäere, 5 in äie llVäläer nnä Dinöäen nnä lebten äort vorn llaiille uuä Noräe, inäem sie äie sollrväolleren Mors veickolgteil nnä anck- ckraüen. Dio meist,cm von äiesen llollen äallsr in äio entlegensten Zolänpckcvinllel nnä blieben in ckortvrällrenäer ^.ngst nnck Kellen, rvie 2nm Beispiel äie Ilirselle, ckio Hasen nnä Uelle; aber äie 10 sanütsren nnä ürennäliobersn Ollere,, äie Oellsen, äie 8oi>atll, äie Unnäe nnä nooll viele anäere, rvoUtsn Zern rvisäer einen Herrn llaben, äer rvie äer Nensob tnr sie sorgen nnä sie pkiegen möellte. 232 50 Da seb sr von sein ein ^.ptelbenine, wie ^äein einen 8peten nebin, ibn A6A6N äen Roäen steinints, init äer Renä tiiobti§ äeZeZen ärnobts nnä in äen Loäen bineinZrnb. ^.neb seb er ibn später einen Rentei sieb nin äen Reib binäen, worens er allerlei Lörner in äie entAeZrebsne Lräe wart, äeinit bnntti§ 55 äerens äes Rstrsiäe emporweebse. Der ^.ike äeebte: „Leb! äes ist beins Xnnst, äes wollen wir sobon ineoben!" Rnä weil er reebt seblen sein wollte, stellt er äein ^äein bsiinlieb äen 8petsn nnä clen Retrsiässeeb we§ nnä list äeinit Ln seinen vieren 2nrnob. 60 „Xoinint, boinint!" riet er ibnen entZSASn, „jet^t sollt ibr eininel seben, wes ivb tbr ein l^obersmenn bin!" Renn nebin er äen 8petsn, stennnte ibn ^sZen äie Lräe nnä ärnobts init äer Renä ens Rsibesbretten äeA6Ke,n. ^.ber stett ibn init äein Lisen neeb nnten s:n beiten, bielt er ibn ninAöbsbrt, äes Rnterste neeb «5 oben, nnä wie er nnn so init eiter 6-ewelt äeZSAenärnobte, sobnitt er sieb en äer soberten Lebneläs äie Zenr:« Renä entzwei, äel) er lent eutsebrie nnä äen Lpeten we^wert. (Rnoblioberwsise wer ein llnnä in äer Rebe, äer leobts ibin äie ^Vnnäe ens, so äell äer 8obinsrr: belä vornberAinK. 70 Re spreob er: ^,^.eb wes! äes ännnne Rreben ist Rsbenseebs; äie Renptseobe ist äes Leen!" 8o nebin er äenn äen Retrsiäe- bentsl, nnä weil niebts inebr äerin wer, tiillte er bleine Lteinoben nnä 8enä binein, benä ibn nin äen Reib, ZinA init wicbtiZer Niens nnä AeweltiKein Liter liin nnä ber nnä ent nnä nieäer 75 nnä strente äen 8enä neeb eilen 8eiten nin sieb ber nnä iin Liter selbst äen Rieren ins Resiobt. bleobäeni äisse siob eber äie ^nKsn ensKewisobt, inerbtsn sie wobl, äek äer weise Herr l^obersinenn ibnen eitel 8eini in äie ^ngen Ksstrsnt, ens äein sein RebteZ bein Lutter weebsen bönnte. Re 80 sebnttelten sie beäenblieb äen Xopk nnä bebrtsn ibin äen Lneben. In äer äritten ^Voebs nebin äer ^ite sieb vor, äes Xooben 2N lernen; äenn es ünA en, beit 2n weräen, nnä sr Zlenkte, wenn er äen Heren erst sine werine 8nppe bereitet bette, bönnten sie ibn Zar niebt inebr entbebren. 85 Re seb er, wie ^.äein troebenes IleisiA rinseminentrnA, ens seiner Rntts einen Rrenä bolte nnä äes Reisig äernit en^nnäets; 235 lisk sr slls äis fuuAsu I^isrs um sisb bsr iu siusii Xrsis trsbsu. Ilrst, bstrnsbtsbs sr sis lnu^s mit Aslsbrbsn mul rviobbiZsr Nisus, äuuu AiuZ sr biu mul bükbs mul lsobbs sin fsäss vou ibusu mit ssiusir ZursbiAsu!8ippsu Luks Lllsrnürtliolists ; 2ulst2t sbsr sprnsb sr: „I>Lkt nuk, ssb^t: lrommt äis HnuptsLobs!" i«5 uuä bsi äisssu Borisu bolts sr mit ssiusu brsitsu, sllsulsuASu ^rmsu aus, so^sit sr uur lrouuts, uuä tsilts usob sllsu Lsitsu Obrksi§su uus, änk äis Tisrob.su laut brülltsir uuä lmultsu uuä äis fuuKSu lküllsu uussobluKSu uuä äs-voulisksu. Ilutsrässssu liutts susb äis slbs Lau äns Tusb, iu äsm ibrs 170 I'srleslsbsu so stills äs, InZsu, sukZsvüirlt uuä nukAsrviolrslt uuä äs, knuä sisb, äsk sis nlls sssbs sisb. mLusstot Askullsu listtsn. Das vuräs äsu Tisrsu äsuu äoob 2u toll. 8is subsu siu, äuk äsr ^.tks siu äummss uuä sitlss Tisr ssi, äns sllss bssssr rvisssu sollte nls suäsrs, aber rvsäsr lklsiü uoob Imst lis-tts, 775 stv^LS Oräsutliolss rsslt aus äsm druuäs ^u srlsrusu. Oabsr snAtsir sis äsu blnrrsu kort, Isärtsu xum Nsussbsu rmrüsb, äsr siumnl 2U ibrsmüsrru bestimmt -^vsr, uuä vr^räsu ssiusüuustisrs. Der ^.lks äsubt uusli ^'st^t uoob immer, äis Ksrrsolig,kt über äis Hers siumul 2U srluuAsu; äsber mssbt er uoob kortMÄbrsuä i8s äsu Nsusobsu usob, 5vs,s sr vou ibusu uur ir^euä s-bssbeu buuu. Dosb -weil sr sllss nur bslb LnküuAt uuä 2U ssiusm siZsusu 8^>s,sss trsibt, so ist uuä bleibt sr ssiu lbsbsu luuA —- siu ^.lls. Rslniek. 283. Tambergar und Pegam. (SlowenischL Volkssagr.) Mitten in Wien lag vorzeiten ein Grasplatz, darauf sproß ein mächtiger Lindeubaum und verbreitete kühlenden Schatten. Im Schatten saßen einst um einen gelben Tisch viele große Herren, unter ihnen der Kaiser selbst. Man sprach von der Schönheit und Größe des Reiches, das seinesgleichen nicht hat. Da trabte 5 der Riese Pegam stolz heran und spottete: „Was prahlt ihr? Habt nicht einmal eiuen Helden, der sich mit mir im Kampfe messen könnte!" Rasch versetzte der Kaiser: „Halt ein mit dem Spotte! Ich weiß einen Manu, der dir gewachsen ist und dich aus dem Sattel hebt: er lebt im fernen Krainerland und wohnt auf der Burg am u> 247 der Knechtschaft erretten; denn ich vernehme deine Klage nicht mehr und meine Asche deckt der Totenhügel!" Jetzt wandte er den wehmütigen Blick von der Gattin auf den 4s zarten Knaben im Arme der Dienerin. Als er aber die Arme nach ihm ansstrcckte, fürchtete sich das Kind vor dem Helmbusch und drückte sein Köpfchen fest an den Busen des Mädchens. Da nahm der Vater den Helm ab und setzte ihn auf die Erde und nun schante er dein Knäblein freundlich ins Gesicht und es folgte ihm willig in seine 5« Arme. Da wiegte er es auf und ab mit herzlicher Vaterfreude, küßte es und wandte inbrünstig flehend den Blick znm Himmel. „Gütige Götter," rief er, „erfüllt mir das eine: laßt dies mein Knäblein stark und brav werden, daß es mächtig vorstrebe vor anderen und seinem Volke ein tapferer Hort sei, daß die Männer, wenn er vom 55 Treffen heimkehrt, sagen: ,Der übertrifft noch den Vateft, und daß sich daun des die gute Mmter erfreue!" Er sprach's und gab das Kind der weinenden Gattin, die es sanft an ihren Busen drückte, lächelnd in Tränen. Auch ihn ergriff unbezwingliche Wehmut. Er streichelte das gute Weib mit der Hand 60 und sagte tröstend: „Arme Frau, du mußt auch nicht gar zu traurig sein. Des Menschen Leben ruht in der Hand der Götter und keiner wird mich wider mein Geschick zu den Toten hinabsenden. Wem aber das Los einmal fällt, der muß folgen, er sei edel oder gemein. Geh nur jetzt 65 an deine Geschäfte! Besorge Spindel und Webstuhl und halte die dienenden Weiber zum Fleiß an! Der Krieg ist das Geschäft der Männer und mir gezienit er unter allen Trojanern am meisten." Er nahm seinen Helm auf und eilte von dannen. Auch sie ging mit dem Kinde, doch stand sie oft still, ihm nachzusehen. Erst in ihrem 70 Gemach ergoß sich der volle Strom der Tränen und mit ihr schluchzten die Sklavinnen; denn sie liebten sie und den edlen Hektor; es ward viel von ihm gesprochen und den Frauen ahnte nichts Gutes; sie betrachteten ihn als einen, der schon gestorben wäre. Becker.. 294. Trojas Fall. Nachdem die Griechen schon zehn Jahre die Stadt Troja erfolglos belagert und bestürmt halten, riet ein Seher, es nunmehr mit List 250 296. Odysseus bei den Zyklopen. Als Odysseus nach der Zerstörung von Troja init seinen zwölf Schiffen der Heimat zusegelte, verschlug ihn ein Sturm an das Land der Zyklopen, der ungeschlachten Riesen, die weder pflanzten noch säeten; ohne alle Arbeit erwuchs ihnen Weizen und Gerste und die s edle Rebe, nur von Zeus' Regen befruchtet. Sie kannten weder Gesetze noch Versammlungen des Volkes zu gemeinsamer Beratung; sie wohnten einsam in gewölbten Felsgrotten des Gebirges. Vor dem Lande der Zyklopen lag eine kleine Insel voll Wälder, in denen zahllose Herden wilder Ziegen umherstreiften. Dahin kamen die Schiffe des Odysseus io in dunkler, mondloser Nacht; mit Anbruch des Tages machten sich die Griechen auf und durchwanderten das Eiland, mit ihren Pfeilen wilde Ziegen zu ihrer Nahrung erlegend. Da sie noch Weins die Fülle hatten, verbrachten sie bei fröhlichem Mahle den Tag. Bald erkannten sie an deni aufsteigenden Rauche und an den w Stimmen des Volkes das nahegelegene Land der Zyklopen und den folgenden Morgen machte sich Odysseus mit einem Teile seiner Genossen auf, nach dem Lande hinzusegeln, um zu erforschen, was für Menschen es bewohnten. Als sie am Gestade landeten, sahen sie eine von Lorbeerbüschen umschattete Felsenhöhle, nm die sich lang- 20 stämmige Fichten und hochgewipfelte Eichen erhoben. In der Höhle hauste eiu Mann von Riesengestalt, der, einsam seine Herde weidend, niemals mit anderen umging, sondern für sich allein auf frevelhafte Taten sann. Odyssens erwählte zwölf seiner Gefährten und gebot den anderen, 2.-> bei dem Schiffe zu bleiben. Nun wanderte er niit seinen Freunden weiter, die Wein in einem Schlauche und auch Reisekost trugen. An der Höhle angelangt, sanden sie den Riesen nicht daheim, denn schon hatte er seine Herde auf die Weide getrieben. In seiner Abwesenheit betrachteten die Griechen neugierig die Höhle. Darin standen ringsum so Körbe mit Käsen; Lämmer und Zicklein waren in den Ställen; auch fehlte es nicht an Geschirren, Butten und Kübeln zur Aufbewahrung der reichlich vorhandenen Milch. Die Griechen zündeten ein Feuer an und aßen von den Käsen. Bald erschien der Riese mit einer gewaltigen Ladung trockenen Holzes, das er mit lautem Gekrach auf die Erde 3ü warf, so daß die Griechen vor Schrecken in die Winkel der Höhle 255 blickt verlangend nach den schönen Feldern und Fluren au seiner Seite. Da schmilzt der Schnee und der Regen fällt vom Himmel; die Gewässer des Stromes steigen, bis sie über den Damm dringen, der sie zurück- 25 halten sollte. Sie überfluten die Felder und Fluren und die ganze Ebene gleicht einem See. Doch es dauert nicht lange, da kehrt der Strom in sein Bett zurück und zieht wieder in ruhigem Lauf durch das Land. Endlich gelangt er au ein unabsehbares Gewässer; — das ist so das Meer. Hier hat der Strom das Ziel seiner Wanderung erreicht. Er sagt dem Lande Lebewohl und mündet in die ungeheure Salzflut. Da kommen riesige Schiffe mit bunten flatternden Fähnchen und mit großen Segeln, die der Wind aufbläht. Hurtig klettern Männer in farbigen Jacken an den Seilen der Mastbäume empor und spannen 3s die Segel; es sind die Matrosen. Das Meer trägt die Schiffe auf seinem Rücken und der Wind oder Dampf treibt sie bei Tag und Nacht. Bald find sie auf hoher See, wo nichts mehr zu sehen ist als Himmel und Wasser. Nach Curtmau. Aus Kummer-Branky-Hofbauers Lesebuch. 297. Der Bauer und sein Sohn. Ein guter dummer Bauernknabe, Den Junker Hans einst mit auf Reisen nahm Und der trotz seinem Herrn mit einer guten Gabe, Recht dreist zu lügen, wiederkam. Ging kurz nach der vollbrachten Reise 5 Mit seinem Vater über Land. Fritz, der im Gehn recht Zeit zum Lügen fand. Log auf die unverschämtste Weise. Zu seinem Unglück kam ein großer Hund gerannt. „Ja, Vater," rief der unverschämte Knabe, 10 „Ihr mögt mir's glauben oder nicht, So sag' ich's Euch und jedem ins Gesicht, Daß ich einst einen Hund bei — — Haag gesehen habe, Hart an dem Weg, wo man nach Frankreich fährt. Der — ja, ich bin nicht ehrenwert, 15 Wenn er nicht größer war als Euer größtes Pferd!" — 63 129. ver alts OroQvg-tsr nnä sein Dnlrsl. Ls war sinroal sin sslir albsr Nanu, äsn Iraiira lusbn Aslisn konnte; seins Xnis Littsrtsu, er börts nnä sab uiobt visi uuä babts Irsins ^älins rasbr. ^Vsnn sn nnn la-i lisolis sak nnc! äsn lüillsl kiinin lialtsn bonnts, soliättsts sv äis 8nxxs ank äas Disob- tnob nnä ss tloü iiirn ansli manolnnal stwas ans äsin Nnnäs. L Lsinsn 8obn nnä ässssn Dran sbelts ss äavor nnä ässwsZsn innlLts siob äsn alks OroÜvatsv enällob bintsr äsn OMn in äis Dsüs sstrisn. 8is gnbsn iliin ssin Dsssn in ein iväenss 8obnsssl- «bsn nnä änrin nisbt sininal Asnn§. Da 8 ab sr bstrübt nasb äsin Disobs nnä äis ^enASn wnräsn ibin nak. Dinin al bonntsn w seins ^ittsvnäsn Dänä« anob äas 8obn8S6lobsn niobt ässtbaltsn; ss bsl 2nr Dväs nnä ^srbraob. Dis snnAs Dran sobalt; äsn DroiZvatov absr saZts nisbts nnä ssnMts nnn. Da banbtsn sis ibm ein böDsrnss 8obn8sslobsn Mr sin paar DsIIer; änrnns rnnkts sn ssssu. 15 ^Vis sis nnn sinss InZss in äsn 8tnds sitzen, so tnn^t äsn irlsins Dni