DIE REIHENFOLGE DER UNTERMÖSISCHEN STATTHALTER (270-300) VELIZAR VELKOV Universität, Sofia Die F asten der Provinzstatthalter in den letzten dreißig Jahren des 3. Jah r­ hunderts w erfen in Bezug auf einige Provinzen auf bedeutende Probleme. Die beginnenden adm inistrativen Veränderungen, die politische Unsicherheit in den Grenzprovinzen und das spärlicher fließende epigraphische M aterial ver­ ursachen große Schwierigkeiten bei der Feststellung der chronologischen Reihenfolge der wenigen bekannten Statthalter. In der Periode Aurelian — Diokletian w urden das ganze Im perium betref­ fende adm inistrative Veränderungen vorgenommen, die aber in den Gebieten an der u nteren Donau begannen. Von der alten großen Provinz Untermösien (M oesia Inferior) w urde Skythien (heute N orddobrudža) als selbständige Provinz abgetrennt, ebenso Gebiete für die neue Provinz Dakien, die kurz darauf in Dacia Ripensis und Dacia M editerranea geteilt wurde. Die spät­ röm ische Provinz Moesia Inferior oder Moesia Secunda w ar schon verhältnis­ mäßig klein — sie lag zwischen dem Vit (ant. Utus), dem Balkangebirge (ant. H aem us), dem Istrus (Donau) und der neuen Provinz Skythien, m it der H auptstadt D urostorum (heute Silistra). Das genaue Datum der Gründung oder E ntstehung dieser Provinz ist nicht bekannt.1 W ahrscheinlich handelt es sich hier nicht um einen einmaligen Akt sondern um einen Prozeß, der m it der Aufgabe des Trajanischen Dakien, der Entstehung des neuen Dakien, das sp äter in zwei Teile geteilt w urde (um das Jah r 272),2 begonnen h atte und in den ersten Jahren nach der Errichtung der Autokratie des Kaisers Diokletian endete. Die uns bekannten Angaben über die unterm ösischen S tatt­ halter in der Zeit des Übergangs vom Prinzipat zum Dominat, d. h. in der Zeit der Entstehung Untermösiens, ergeben nach den bisherigen Untersuchun­ gen folgendes Bild : Nach A. Stein :3 M. Aur. Sebastianus Ungenannt Ungenannt Cl(audius) Natalianus — 270 oder 271. — 272 — zwischen 270 und 275 — spätes 3. Jhdt. Nach J. Fitz :4 C. Pe ... = Anonymus 113 (PLRE) — 270 — 272 M. Aur. Sebastianus — 272/273 — 275 Cl(audius) Natalianus _? Nach PLRE :5 Cl(audius) Natalianus — ( In der Zeit von Claudius, Aurelianus oder Probus) M. Aur. Sebastianus - 270/271 Anonymus 113 — 272 Anonymus 114 — 270 — 275 Bassus — 303 (hagiographische Quelle) Maximus — ? 304 (hagiographische Quelle) Nach G. Alföldy :6 Anonymus 114 — 270 sogar früher M. Aur. Sebastianus — 270 oder 271 Anonymus 113 — ab 272 Im Jahre 1975 w urden bei Bauarbeiten im Zentrum des heutigen Silistra (ant. D urostorum ) einige Inschriften entdeckt, die in Bauten aus dem 4. — 5. Jhdt. als Spolia benutzt w orden waren. Zwei davon brachten neue Daten in Bezug auf die Provinzstatthalter des ausgehenden 3. Jahrhunderts. Der Text lautet : 1. I.O .M . Sal[uta]ri | lunoni Reginae \ ceteris[que~\ \ diis inmortalibus \ [ S]ilvius Silvanus \ v(ir) p(erfectissim us) praeses p ro vin cia e ) | Moesiae In ­ fe r io r is ) I pro salute sua \ et suorum votum \ solvit. 2. I. O. M. I sacrum \ Aur(elius) Dizzo, v(ir) p(erfectissim us) \ praes(es) prov(inciae) pro | salute sua suorum que om nium \ v. I. p. Die L esart der beiden Inschriften ist klar, sie w erden von dem Heraus­ geber richtig in das 3. Jh. nach Aurelianus datiert.7 Die beiden S tatthalter gehörten dem R itterstand an — Vir perfectissim us = equestris ordinis.8 Es w urde die Meinung geäußert, daß in diesen Fällen der Titel v (ir ) p(erfectis- sim us) p(raeses) p( rovinciae) vor den Kaisern Carus und Carinus nicht vor­ kom m t.9 Die Namen des Silvius Silvanus und Aurelius Dizzo werden in der uns bisher bekannten Prosopographie aus der zweiten Häfte des 3. Jahr­ hunderts (nach Angaben von PLRE) nicht erwähnt. Aurelius Dizzo w ar seiner H erkunft nach Thraker und h atte wahrscheinlich eine m ilitärische Laufbahn hinter sich. Personen m it dem gleichen Namen sind uns aus dem ganzen 3. Jah rh u n d ert bekannt, doch keine von ihnen läßt sich m it dem in unserer Inschrift erw ähnten S tatthalter identifizieren.1 0 Aus Mangel an Angaben über den regierenden K aiser und die beiden Personen, die erw ähnt werden — Silvius Silvanus und Aurelius Dizzo — ist die genaue Datierung erschw ert. Wenn ich aber die politische Lage an der unteren Donau in den Jahren 275 — 285 in B etracht ziehe, bin ich geneigt anzunehm en, daß es sich um S tatthalter aus den ersten Jahren der Regierung Diokletians handelt, d. h. aus den ersten Jahren der adm inistrativen Stabili­ sierung der neuen Provinz Moesia Inferior. Die genaue Einhaltung der For­ mein, die H ervorhebung der G ottheiten denen die W idm ungen galten, sind fü r die heidnische Reaktion in der Zeit der Regierung Diokletians typisch. Die Inschriften stam m en aus der H auptstadt der Provinz, D urostorum , die zu­ sam m en m it den benachbarten D onaustädten Transm arisca (heute T utrakan), und Sexaginta Prista (heute R usse) sich Ende des 3. Jahrhunderts einer be­ sonderen Pflege erfreuten, die das Ergebnis der verstärkten m ilitärischen B autätigkeit in diesem Abschnitt des Donaulimes w ar.1 1 Diokletian selbst be­ suchte D urostorum in den Jahren 291, 294, 303 und 306.1 2 In H insicht auf die erw ähnten Gründe und den C harakter der epigraphi­ schen D okum entation scheint m ir folgende Hypothese bezüglich der Reihen­ folge der unterm ösischen S tatthalter in der Zeit von Aurelian bis Diokletian gerechtfertigt zu sein : Claudius Natalianus Anonymus 114 M. Aur. Sebastianus Anonymus 113 Silvius Silvanus Aur. Dizzo Bassus 3. M aximus 4. — Claudius-Probus — 270 oder früher — 270 oder 271 — ab 272 — ? 284—302 — ? 284—302 — 303 — 304 — PLRE, p. 617 — PLRE, p. 1023 — PLRE, p. 813 — PLRE, p. 1023 — Archeologia, 1976, Nr. 4 — ibid. — PLRE, p. 151 — PLRE, p. 580. 1 Über diese Reformen vgl. E. Stein, Histoire du Bas Empire 1, (Amsterdam 1968), p. 70. 2 Die Quellen über diese Ereignisse bei A. Stein, Die Legaten von Mösien (Budapest 1940), p. 109, Anm. 2. 3 A. Stein, a. a. O. p. 106—108. 4 J. Fitz, Die Laufbahn der Statthal­ ter in der römischen Provinz Moesia In­ ferior (Weimar 1966), p. 37—38, 54. Vgl. auch die kritischen Bemerkungen zur Chronologie von C. Pe ... bei E. Doru- tiu-Boila, Über einige Statthalter von Moesia Inferior, Dacia 12 (1968), p. 404 bis 408. Sie ist der Meinung, daß der un­ bekannte Statthalter — »Anonymus 113« (nach PLRE) — mit einem A óprjX iof (folgt damnatio memoriae) Staorj(ló-oat; in einer Inschrift aus Tomis identisch sein könnte. Vgl. auch E. Dorutiu-Boila, Stud. clas. 5 (Bucuresti 1963), p. 291—292. 5 A. H. M. Jones, J. R. Martindal, J. Morris, The Prosopography of the Later Roman Empire, I, A . D. 260—395 (Cam­ bridge 1971), p. 1103 und s. v. (weiter: PLRE). 6 G. Alföldy, in: Byzantinoslavica 34 (Praha 1973), p. 239—240 in einer Be­ sprechung von PLRE. 7 Die Inschriften sind von P. Do- nevski gefunden und publiziert: Novi latinski nadpisi ot Durostorum (bulg.), in: Archeologia (Sofia 1976), N° 4, p. 61 —62 8 Vgl. H. G. Pflaum, Syria 29 (1952), p. 312 ff; 34 (1957), p. 142 bemerkt, daß die Statthalter der Provinz Moesia Infe­ rior nach 270 schon dem Ritterstand ge­ hörten. Vgl. auch G. Mihailov, Kommen­ tar zu IGBulg II, N° 734. Über die Be­ deutung von Staavjiio-aio; = vir perfec­ tissimus in der Titulatur der Statthalter von Mösien nach Gallienus vgl. bei B. Gerov, La carriera militare di Marciano, generale di Gallieno, Athenaeum NS 43 (1965), p. 345, Anm. 40; Vgl. auch E. Do­ rutiu-Boila, in: Dacia 12 (1968), p. 407 bis 408 und besonders H.-G. Pflaum, Zur Reform des Kaisers Gallienus, Historia 25 (1976), p. 109—117. 9 H. Petersen, J RS 45 (1955), p. 56—57; Fitz, a. a. O. p. 38. 1 0 D. Detschew, Die Thrakischen Sprachreste II. Aufl. mit Bibliographie 1955—1974 von Ž. Velkova (Wien 1976), p. 135. Die Personen sind in Rom, Napoca, Philippopolis, Aquileia, Naissus, Nori­ cum u. a. bezeugt. Für Ostia vgl. ein Aur. Dizza (centurio vom J. 239 — ILS 2158. Ein Dizo miles ist uns aus einem Erlaß Diokletians aus dem Jahre 290 bekannt, vgl. Cod. Iust. 4, 7, 3: Dizoni militi. 1 1 J. Kolendo, Une inscription incon- nue de Sexaginta Prista et la fortifica­ tion du Bas Danube sous la tétrarchie, Eirene (Praha) 5 (1966), p. 139—154. 1 2 V. Velkov, Zu den Fragmenta Va­ ticana 315 (Durocortorum oder Durosto- rum ?), Charisteria Francisco Novotny (Praha 1962), p. 151—153. VRSTNI RED NAMESTNIKOV V SPODNJI MEZIJI MED LETI 270—300 Povzetek Doslej neznana namestnika Silvius Silvanus in Aurelius Dizzo, ki nastopata na dveh napisih, najdenih leta 1975 v Silistri (Durostorum), delno dopolnjujeta pomanj­ kljiv seznam že znanih namestnikov v Spodnji Meziji med leti 270 in 300. Avtor predlaga novo, izpopolnjeno in nekoliko modificirano zapovrstje, ki je navedeno na koncu članka.