wyw^e^ .IV" Morgenland UNd Abendland. » ilder von der Donau, Türkei, Griechenland, Acgypten, Palästina, Syrien, dem Mittelmeer, Spanien, Portugal und Süd-Frankreich. Vom Verfasser der Cartons. Zweiter V a n d. Palästina, Syrien, Spanien, Portugal, Süd, Frankreich. Zuinte Austage. Stuttgart und Tübingen. Druck und Verlsg der I. G. Cotta'schen Buchhandlung. 18 4 5. Morgenland und Abendland. Morgenland und Abendland. Bilder von der Donau, Türkei, Griechenland, Aegpftten, Palästina, Syrien, dem Mittclmccr, Spanien, Portugal nnd Süd- Frankreich. Vom Verfasser der Cartons. Z w e i t e r V a u d. Palästina, Syrien, Spanien, Portugal, Süd-Frankreich. Zweite Auflage. Stuttgart und Tübingen. Druck und Verlag der I. G. Cotra'schen Buchhandlung. 1 8 4 5. Inhalt. Zweiter V a n >. Palästina, Syrien, Spanien, Portugal, Süd-Frankreich. Seite 1. Icnlsalem........ I 2. Bethlehem ......... 21 3. Das todte Meer....... 27 4. Palästina ......... 35 5. Nazareth......... 42 6. Gang über den Jordan ..... 48 7. Damaskus........ 53 6. Christenuwlb m Damast ...... 76 9. Der Antilibanon ....... 86 10. Balbck......... 93 11. Dcr grosie Libanon ....... 104 12. Vcyrnt......... 115 13. Cypcrn und Nlwdus ...... 121 14. Das gestrandete Schiff.....- . 12? 15. Die Dampfschisse im Millclmccrc .... 134 18. Malta......... 14l 17. Die französische Berberei imd die Spitze vou Europa . 148 18. Malaga......... 16Ä 19. Die audalllsische Landkutsche ..... 173 20. Granada.........182 21. Die Alhambra....... . 199 22. Neist »ach Aranjuez...... . 219 23. Araniuez......... 227 24. Madrid......... 236 Seite 25. Das Sticraefecht...... . 260 26. Der Frohnlcichnamstag in Madrid .... 269 27. El Escorial........ 279 28. Drei Tage unter Räubern...... 288 29. Das Land der Mauren...... 299 30. Sevilla......... 312 31. Die Cigarren-Fabrik i„ Sevilla..... 327 32. Cadiz.......... 333 33. Lissabon......... 340 34. Cintra ......... 361 35. Der Phenicien ........ 371 36. Die Provence ........ 403 37. Die Mone........ 4l8 Palästina, Syrien, Spanien, Portugal, Südfrankreich. Morgenland »>nd Abendland. II. 2t, A»ft. ' 1. Jerusalem. Die Felsenmassen häufen sich zu einem chaotischen Vilde, je näher man der heiligen Stadt kommt, und der Boden ist übersäet mit unförmlichen Felsstücken, über welche die Thiere kaum weg-schreiten können. Auf einer der höchsten Höhen erblickt man plötzlich Minarets, und wenn man ihre letzte Spitze erreicht, sieht man auf einem Terrainabfall, die hohe» saracenischen Mauern, welche die ganze Stadt umschließen. Ein grüner Abhang führt zu ihr hin, und wir stiegen hier ab, um diesen einzigen Anblick besser in nns aufzunehmen. Jenseits der Stadt blickt der Oelberg herüber, und rechts von ihr auf einem fernen Bergrücken des Ichönen Thales sieht man das Kloster St. Johann, Die zusam^ mengedrängte, von grauen zackigen Mauern und tiefen Schluchten eingeschlossene Stadt ist im weitern Kreise von höhern Gebirgen umgeben, liegt aber selbst auf bedeutendem Hügel, an den sich eine Kette anderer reihet, die alle Theile des so ganz eigenthümlichen judäischen Hügellandes sind. Jerusalem hat nichts Hervorragendes, nichts Ausgezeichnetes, ich kenne viele Städte die unendlich schöner liegen, und doch ruht, abgesehen von allem historischen Interesse, ein Reiz auf ihr, ich möchte sagen ein melancholischer, rührender Reiz, der sich stets steigert, je mehr man mit ihr bekannt wird. Wir ließen die Höhen mit den über-einandergcworfenen Felsblöcken zur Linken, und folgten dem Fußpfade, der sich über Wiescngrund gegen das Thor von Bethlehem oder Jaffa hinabziebt, vor dem ein junger Soldat Schildwache saß, das Gewehr im Schooße, und auf einer Pfeife blasend. Rechts geht ein tiefes schönes Thal zwischen den hohen Stadtwällcn und dem Verge Gihon hinab, und unter den zerstreut umhcrstehcnden Olivenbäumen saßen und bewegten sich reizende Gruppen von christlichen und jüdischen Mädchen, die in 1* der uns noch fremden syrischen Tracht, unter den langen weißen Musselinschleiern manches Vathscbagesicht zeigten, das auch andern Leuten als dem König David den Kopf verrücken könnte. Die Türkinnen sind ebenfalls ganz weiß gekleidet, ihr Antlitz ist aber ganz mit schwarzen: oder farbigem Seidenzeuge bedeckt, ohne Oeffnung für die Augen, so daß mir unbegreiflich ist wie sie gehen können. Die weißen Frauengruppcn nahmen sich auf dcm Rasen höchst anmuthig aus, und dieses Thal scheint den Einwohnern eben so lieb zu seyn, wie es uns später täglich angenehmer wurde. Unsere bescheidene Karawane zog nun an dem stolzen Castell vorbei, links hinaus durch die enge Gasse nach dem lateinischen Kloster, wo wir in geräumiger Halle des neuen Pilgcrhausts, das vom Convent getrennt ist, ganz bequem untergebracht wurden. Kaum hatten wir unsere Habseligkeitcn abgeladen, so folgten wir dein ersten Dränge jedes Pilgers, und ließen uns von dem wackern alten Guardian Ellas nach dein heiligen Grabe führen. Man gelangt dahin durch schmale enge Gassen, deren letzte die Werkstätten für verschiedene Handwertölcute enthält. Von dieser schlüpft man durch ein ganz niederes Mauerpförtcheu, und steht dann vor den abgebrochenen Säulen des antiken Vestibüls, des Vorplatzes der Kirche, wo die christliche Rcliquienspeculation ihr Wesen treibt. Links steht ein schöner Glockenthurm, über die Hälfte eingestürzt, und wohl für ihn, denn keine Glocke darf im Orient die christliche Gemeinde zur Kirche rufen. Das große weitverzweigte Kirchcngebäude ist von drei Seiten von anhangenden Häusern und Straßen umschlossen, und türkische Harems, Moscheen und Stallungen sind ihre nächsten Nachbarn, Sie hatte einst sieben Pormle. Jetzt sieht man nur noch zwei nebeneinanderstehende von byzaiüiilischer Banart, umgeben von sehr schönen Säulen aus Verde antico und Porphyr, wovon eine vermauert ist. Innerhalb der Kirche, links vom Eingänge, sitzen die türkischen Wächter des Grabes unseres Erlösers, und rauchen Tabak. Sie dürfen zwar kein (intr^e mehr von den Christenpilgern fordern, denn die Politik Mehemed Ali's legt diesen andere Steuern auf, allein in ihrer Hand sind die Schlüssel des Tempels, die sie jede Nacht mit nach Hause nehmen. Will einer der Revcrendissimi der drei christlichen Secten oder ein Fremder sich die Kirche öffnen lassen, so muß cr Vackschisch bezahlen, und doch scheinen 4 5 dlese Schlüssel besser im Verwahr der Tinten als in den Händen der sich verfolgenden und anfeindenden Christen selbst. Man verdankt bekanntlich der Mntter des Kaisers Vonstantin die Errichtung der meisten christlichen Monumente in Palästina. Sie unternahm eine Pilgerreise in das heilige Land, erforschte die Stellen welche die Leidensgeschichte des Erlösers besonders bezeichnete, und errichtete dort Klöster und fromme Stiftungen. Dieses kaiserliche Vorbild wurde bald Modesache, und vieles wird der heiliggesprochenen edlen Helena zugeschrieben, was vermuthlich andern milden Händen zu verdanken ist. Obschou damals drei Jahrhunderte hingegangen waren, seit das tragische christliche Drama hier vorgegangen war, so darf man doch annehmen dasi keine bedeutenden Irrthümer in Bezeichnung der Localitaten vorgegangen seyen. Das unterdrückte Christenvolk bewahrte still in treuer Vrnst das Andenken an die Leiden und Thaten seines Erretters, und hatte gewiß durch Ueberlieferung die geheiligten Orte auf Kind und Kindeökinder vererbt. Die Macht und das Ansehen der Kaiserin besiegten überdies; leicht jede Schwierigkeit die sich der Licht-Verbreitung entgegenstellte, und die Schilderungen des Testaments sind von solcher Genauigkeit nnd örtlicher Andeutung, daß beinahe kein Zweifel über ihre Uebereinstimmung mit den gefeierten Stellen erhoben werden kaun. Ich habe sie fast alle mit der Bibel in der Hand besucht, und glaube dasi der eifrigste Skepticismus kaum Waffen gegen ihre Identität finden werde. Immerhin bleibt es ehrenvoll für ein dankbares Volk, des großen Mannes Andenken zu feiern, der ihm wahre Moral und Gottesfurcht gelehrt hat, und diese Lehre mit seinein Todc besiegelte. Möchten nur nns nur auch immer an den schlichten einfachen Sinn seines Dogma s erinnern, und uns weniger um die Eregesen seiner Priester kümmern, welche seit Jahrhunderten bemüht sind durch erfundenes Formcnwcsen den großen Geist des erhabenen Lehrers zu erdrücken und zu todten. Der Berg Golgatha, auf welchem Jesus sterben musite, lag außer den Mauern der Stadt. Seine Unebenheiten und die zerstreuten Punkte, welche durch die Leidensgeschichte bezeichnet sind, wurden bci Aufführung des Tempels sehr geschickt benützt, um sie in ein Ganzes zu fassen, das freilich den gewöhnlichen Cba> rakter unserer Kirchen dadurch verlieren mußte. Ich bewundere den Baumeister der diese Aufgabe gelöst, und uns gleichsam ein s architektonisches Vild des Verlaufs der Hinrichtung Jesu vor Augen gebracht hat, das uns die ganze Erzählung der Apostel ver-sinnbildet. Was ist nicht alles auf diesem engen Raume eines einzigen Gebäudes zusammengedrängt! Von dem Salbungsmarmor im Eingänge bis zu der tiefeu feuchten Höhle, iu welcher die drei Kreuze gefuudeu worden seyn sollen, ist jeder Fleck Erde oder Fels eine bedeutungsvolle Stelle der Geschichte. Die Rotunde welche das heilige Grab umgibt, ist hoch und von einer Nleikuppel überwölbt, deren Mitte offen steht, oder mit einem Drath-gitter bedeckt ist, das der Tageshelle freien Eintritt auf das Grab gestattet. Die ringsumstehendeu Säulen fassen die Kammern ein, in denen die Frauciscaner des Dienstes, wie in ägyptischen Grabhöhlen, ihre sparsame Nachtruhe suchen dürfen, und tragen eine ringsumlaufende Galerie. Mitten in dieser Rotunde erhebt stch ganz freistehend ein Marmorhäuscheu, mir zwanzig Fuß laug und halb so breit, uud von einer auf Säulen gestützten kleinen Kuppel geschirmt. Dieß ist unsers Herrn Grab. In der kleinen Vorhalle ist durch einen Marmorblock die Stelle bezeichnet wo der Gngel den Frauen die Auferstehung verkündete. Ein kleines Pförtchcn, nur für tief stch Beugende passirbar, führt in die Todtentammer selbst, die zur Hälfte von einem Marmoraltar ausgefüllt ist, und in deren anderer Hälfte knapp Platz für vier knieende Menschen ist. Die Wände sind ebenfalls mit Marmor belegt, und in diesem kleinen Raume breuucn unausgesetzt vierzig kostbare goldene und silberne Lampen. W sind nun mehr als dreißig Jahre baß diese Kirche, mit AuSnahme des obenerwähnten Theiles, größtentheils das Opfer einer Feucrsbrunst wurde. Guropa und der Papst waren zu sehr mit den reißenden Fortschritten des großen Korsen beschäftigt um an eine Wiederherstelluug der schönen Erbschaft der heil. Helena zu denken. Nur Rußland, das ungeachtet der ihm drohenden Katastrophe immer Mittel zu Verfolgung seiner ewigen Zwecke fand, ergriff diese Gelegenheit, seiner Glaubenssectc entschiedenen Aufschwung zu geben, und ließ unter der Firma der orientalischen Griechen den Iesustcmpel wieder herstellen. So kamen die Griechen in den Besitz dcS schönsten Theils der Kirche, die früherer Zeit stets den Lateinern oder Rönnschkatholischcn ausschließlich gehört hatte. Nnd dieß ist die Quelle nicversiegender Streitigkeiten, wodurch unsere gemeinschaftliche Religion in unwürdigen ? Sectenhaß und Parteiwuth herabgezogen wirb. Katholiken, Grie-» chen und Armenier haben zwar ihre angewiesenen Plätze wo sie ihren Gottesdienst verrichten sollen, allein keiner begnügt sich da« mit. Bestechungen aller Art werden angewendet nm mehr Raum zu gewinne», jeder Fußbreit Erde ober Stein wirb im Aufstreich verkaust, nicht selten arten die Zwistigkciten in körperliche Thätlichkeiten ans, wie es denn während unserer Anwesenheit geschah daß Mönche zweier Consessionen sich in den Hallen des (Mtts-hauses blutig schlugen. Die schlauen Türken lachen sich ins Fäustchen, denn sie ziehen Geld von allen. Tasi solches Venchmen die mohammedanische Vevölkcrung nns Christen entfremden muß, braucht keine Versicherung. Rußland aber gewinnt für seine anti-papistischen Glaubensgenossen immer mehr Fuß, im Orient durch die Glaubensafsinität, nie im Occident durch feine Politik. Wie man in Guropa Ursache hat das slavische Element zu fürchten, ft ist die griechische Secte im Orient, als Masse von zwanzig Millionen, bedeutend genug um Ncbcrgewicht zu gewinnen, ^uch ist der Glaube in Palästina verbreitet daß Rußland Jerusalem als Religionssitz fnr sich in Anspruch nimmt, um einen festen Punkt in Syrien zu gewinnen und Mchemeb Ali im Schach zu halten. So abenteuerlich dieß klingt, so wäre es doch denkbar. Die Völker sehe» oft schärfer wie die Politiker. W liegt ein ahnungsvoller Reiz über diese Kirche ausgebreitet, der selbst Menschen ergreifen müßte welchen die Deutung christlicher Ereignisse fnmb wäre. UeberaU mußte der Van dem Felsen weichen und folgen, unb von den Nischen wo bic Soldaten des Heilands Kleider verloosten, wo sie ihn verspotteten, wo ihm die Dornenkrone aufgesetzt, und von dem Säulenfragment, an dem er gegeißelt worden, steigt man hinab in die Felsenkam« mcr, wo er sich zum Tode bereitet, zu der schöne» Capelle der heil. Helena und zu der ganz tief liegenden Fclsenschlucht, wo daS Kreuz selbst gefunden und verwahrt wurde, baö ietzt in Pctri Dom zu Rom verwahrt werden soll. Und wenn man wieder heranftritt und durch das Dämmerlicht der Säulenhallen schreitet, so wirb man geblendet von dem Glanz der neuen griechischen Kirchenab-theilung, in der sich der Hochaltar befindet, dieser Schauplatz der berüchtigten Mystification mit dem heiligen Feuer, das jedes Jahr durch einen gewöhnlichen chemischen Proceß gleich einem Theaterblitz aus einer Spalte geblasen wird, und an dem Tau- z sende ehrlicher Griechen ihre Lichter und Phantasien entstammen, wobei regelmäßig einige Menschen zu Tode gedrückt werden. In bescheidener Seitenhalle, gegenüber dein Altar der die Begegnung Jesus mit Magdalenen bezeichnet, steht die katholische Orgel. Die Kirche begann leerer zu werden, das Dunkel der Abendstunde war über ihr eingebrochen, als ein kräftiger Männerchor sich erhob und die wohlgeleitete Orgel einfiel. Tie Wirkung ist unbeschreiblich, welche diese einfache rührende Musik an solcher Stätte machen nniß, während sie unter der magischen Beleuchtung der gebrochenen Sonnenstrahlen und der unausgesetzt brennenden Lampen in die Nacht hincintünt. Froinme Pilger und Pilgerinnen rauschen noch einzeln in der Dämmerung umher, und die verschiedensten Trachten der Grdc vereinen sich hier in frommer Andacht, und bedecken die bedeutungsrcichen Stellen mit ihren Küssen und rührenden Ergüssen von Anbetung und Inbrunst. Man muß diese heiligen Orte selbst besuchen, um sich eine wahre Vorstellung davon zu machen, denn schildern kaun man sie nicht, da keine andere Kirche der Welt ihnen gleicht. Der größte Eindruck kömmt aber gewiß vom Calvarienberg selbst, zu dem in der Kirche eine in den Felsen gehauene Treppe hinaufführt. Seine Spitze ist geebnet und Bögen trennen die zwei reichgcschmückten Capellen, über denen ewige Lampen brennen. Ein Mosaikboden bezeichnet die Stelle wo der Herr ans Kreuz geschlagen wurde, und ein Altar steht hinter der Ocffnung des Kreuzes, an dem unser erhabener Lehrer die größten Leiden erdulden mußte, denen ein Mensch unterworfen werden kann. Dieser höchste Punkt in der Kirche ist umgeben von Treppen und Galerien. Ich kam immer wieber dahin zurück so lange ich in Jerusalem verweilte, und erinnere mich keines Ortes, der mir ähnliche Gefühle eingeflößt hätte. Die Stelle, wo große Männer ihren Geist ausgehaucht, behält für mitfühlende Herzen immer eine geheime Anziehungskraft. Die Umstände welche hier vorwalteten, tragen aber ein so außerordentliches Gepräge, daß man sich der wärmsten Regungen der Theilnahme bei ihrem Anblicke und den sie begleitenden Erinnerungen nicht entschla-gen kann. Me diese Souterrains, Nischen, Kirchentheile, Capellcn, Tanctuarien, in drei oder vier Felsenetagen vertheilt, bieten ein wahres Labyrinth, das eine Verwirrung erzeugt, aus welcher 9 man sich beim ersten Besuch nicht zu finden vermag. Auf mich machte die Kirche den Eindruck, daß ich lieber den LcidenSberg ohne prunkenden Tempel in der Gestalt gefunden hätte wie cr Zeuge des jüdischen Fanatismus und des Mordes des edelsten Menschen war. Dieß hätte vielleicht die Kreuzzüge erspart, es würden weniger Christen nach Palästina wandern, allein die dahin pilgern, würden rein und ohne Menschenzuthun sich den Gefühlen hingeben können, welche so traurige Erinnerungen an diesen Boden knüpfen. Warum versäumt man aber jetzt den günstigen Moment, um die Christenheit in den Besitz dieser kostbaren Erinnerung zu setzen? Es kostete den großen christlichen Mächten nur eine Stnnde Einigkeit, nur ein Wort des Ernstes, um den noch zu entscheidenden künftigen Besitzer Syriens zur Abtretung Jerusalems zu bewege». W?m, noch nähre Frömmigkeit auf den europäischen Thronen herrschte, wenn noch ein Richard Löwcuherz auf ihnen zu finden wäre, so müßte man dieser Tribut-psiicht und Schmach der heiligen Stadt ein Ende machen. Was früher Millionen Menschen kostete, wäre jetzt mit ein paar energischen Noten abgethan. Ierujalem christliche Freistadt, Jaffa christlicher Freihafen, Verbrüderung der sich anfeindenden christlichen Secten, welche schöne Znknnft für wahre Civilisation, die durch Beispiel schönere Früchte verspräche, als man von gleiß-nerischen, nnter sich uneinigen Missionarien jemals erwarten darf. Studium orientalischer Sprache nno Sitte, Verschmelzung der Gesinnung, politischer Einfluß und wahre christliche Würde würden von hier aus ein Band um Morgen- und Abendland schlingen, und das grausame Vorurtheil widerlegen daß dieses arme Land auf ewig verflucht seyn soll von dem Gotte, der auf seinem unglücklichen Boden Liebe und Versöhnung predigen ließ. Wir waren kaum in Jerusalem angelangt als Unwetter eintrat, Wie freuten wir uns so glücklich durchgeschlüpft zn seyn, und wie traurig ist das Schicksal der Reisenden in diesen Ländern, wenn anhaltender Regen sie überfallt, Wir sahen uns einige Tage ganz auf unser Zimmer und den Besuch der Kirchen beschränkt, und was wir im Winter nicht empfunden, sollte nun im Frühling über uns kommen. Da saßen wir Abends, zitternd vor Frost, in Mäntel gehüllt um die Kohlpfanne, und warteten beim Glase Punsch in unserm feuchten Klostergewölbe, daß Regen und Sturm die Berge verlassen möchten. Zuweilen benutzte ich 10 Augenblicke, wo der heftige Guß sich milderte, um auf die Terrassen über unserer Wohnung zu steigen. Welcher Stoff für sentimentale Reisende zu prophetischeu Dcclamationen! Es war eine schaudervollc Decoration, wie die untern schwarzen Wolken an den Bergen des todten Meeres wie angebannt sich festhielten, und wie höhere Winde die grauen Gewölke über die düstere Stadt und ihre öden Verge hinpeitschten, gleich dem Würgengel der das Racheschwert erzürnter Götter schwingt. Diese Verfluchung der armen Stadt ist eine stehende Redensart geworden. Schicken wir fleißige Lanbbauer hin, und die Erde wird bald lachend uns entgcgengrüncn. Der Fluch liegt iu der alles vernichtenden Türkcnherrschaft, deren Hauptstadt in ihren nächsten Umgebungen weit weniger bebaut ist als das verlassene, aus-gesaugte Jerusalem. Der Vischof der Terra santa ist ein braver, aber sehr ängstlicher Mann. Er rieth uns ab nach Damaskus zu gehen, weil man einer Revolution dort entgegensehe. Von der eigentlichen Gefahr alxr, der Pest im Hauran nnd in Damaskus selbst, wußte er nichts. Es ist unglaublich wie wenig man in diesem Lande über den Zustand oft der Nächstliegenden Districts erfahren kann. Der Schutz, den der fremde Glauben hier seit der Herrschaft des Pascha von Aegypten genießt, ist nnr scheinbar, wie alles was dieser Mann thut, nur List und Trug enthält. Die Vrandscha-tzungen dieser Regierung haben nur andere Namen erhalten, und die Summe welche das lateinische Kloster bezahlen muß, belauft sich immer jährlich bis auf vierzigtausend Piaster. Die Insurgenten, welche vor einigen Jahren sich der Stadt bemächtigte», waren großmüthiger, uud ließen den gcängstigten Klöstern sagen daß sie keinen Krieg gegen Mönche führten und gar kein Geld uon ihnen verlangten. Die Unzufriedenheit über die Soldaten-Presse und die willkürlichen Auflagen ist auf hohen Grad gestiegen; eine gefährliche Erbitterung erzeugt aber die Vefcstiglmg Acr«'s, wozu alle Handwerkslente, selbst Bäcker und Fleischer, mit Gewalt weit und breit zusammengetrieben werden. Die Via dolorosa, dieser Schmerzensweg, auf dem Jesus seinen letzten Gang machen mußte, führt steil die Stadt hinauf nach dem Calvarienberg, und ist selbst beschwerlich für ganz leer-gehende Menschen. Er beginnt in der unteren Stadt, an, Hause des Pilatus, auf dessen Stelle jetzt eine Caserne steht. Eine Stufe It dcrScala santa, die man jetzt imLatevan zu Nom auf unb nceder-rutschen muß, befindet sich hier noch eingemauert. Das lateinische Convent hat seit zwei Jahren die kleine Capclle, welche in der ersten ( festiget und gegen die Saracenen lange vertheidigt hatte. M ist ein alleinstehender, konisch über seine Umgebungen hervorragender Verg, und bietet eine wunderbare Aussicht über baö todte Meer und seine Berge und die israelitischen Hügelverschlingungen. Es ist kaum einem Zweifel unterworfen daß hier die alte Felsenburg des Herobes, daß Massade des Iosephus, gestanden; die gewaltigen Snbstructioncu gehören aber wohl der Zeit der Kreuzzüge a„. Wir hatten gehofft von hier an das tobte Meer gelangen zu können, die Gegend war aber dergestalt verrufen und durch wandernde Beduinen so unsicher gemacht, daß wir davon abstehen mußten, und uns dafür nach den drci Cisternen oder Brunnen Salomons wendeten, die >,l einem abgeschlossenen Thale eine Stunde südlich von Bethlehem liegen. Wie muß es sonst hier ausgesehen haben als der große König iu seinen entrückenden Gärten residirte, und Pracht und Lurus alles um ihn athmete. Jetzt ist dieß freilich etwatz verschieden, allein seit dreitausend Jahren entfließt noch immer daß gleiche trystallhelle Wasser dem Felsen, und ergießt sich von einer Cisterne in die andere, und immer noch strömt dieser frische königliche ^abetrunr der heiligen Stadt zu, Wir wollten die noch frühe Zeit des Tages benutzen um noch das drei Stunden entfernte Kloster St, Johann zu besuchen, al-lein auf dem schlechten Wege dahin stürzte einer meiner Gefahr-ten, und beschädigte sich bedeutend. Wir mußten trachten den Verwundeten zn arztlicher Hülfe zu bringen, und zogen langsam nach Jerusalem zurück, das wir nach eingebrochener Nacht erreichten. 3. Das todte Meer. Mit dem Morgenroth verließe» wir das lateinische (^on^enl. Das Fclsenvfwster der Via dolorosa dröhnte unter dem Husschlag „„serer Pferde, und tiefe Stille lag noch über der heiligen Stadt. Vei aufsteigender Sonne standen wir a» der Pforte des heilige« Stephans, die eben ein schlaftrunkener Soldat öffnete. Wir ware» ohne Escorte, welche noch vor kurzem auf der verrufenen Straße nach Jericho, gemeinhin Vlutweg genannt, so nöthig war. Ter Fußpfad windet sich um den Oelberg herum, und steigt dann eine Höhe hinan, auf welcher das Dorf Bethany hangt. Wir zogen ohne uns aufzuhalten gerade durch, da jedeMiuute kostbar war für den vorgesetzten weiten Weg. Die Steinstufen dieses Verges wenn man oben links durchgeht, enden in einen Pfad, welcher sich durch das Thal zwischen hohen Hügeln fortschlängelt, »nd mehrere Stunden laug an ähnliche reizende Fußstegc in unseru Gebirgtll erinnert. Die Verge sind grün, und mühsam sieht man an steilen Abhängen den fleißigen Sandmann den einfachen Pflug durch die Steine ziehen. Ich hatte viele schaudervolle Geschichten von diesem Wege nach Jericho gelesen, aber nirgends hat die Sen mnentalität, die einer von dem andern copin, den Reisenden übler mitgespielt als gerade bier. Die Straße bietet nicht mehr Gefahr als jede andere die durch Thalschluchteu führt; und Gelegenheit sich in Hinterhalt zu legen, finden Räuber in allen Gebirgsgegenden, vor allem aber da wo keine Polizei vorhanden ist. Daß hier mehr wie irgendwo Gräuel verübt wnrden, rührt von der Nachbarschaft der ungezähmten Beduinen her, die rechts von dieser Straße, längs des todten Meeres hin, ihre beweglichen Lager aufschlagen, und bei Gelegenheit Reisende ausplündern. Wir legten den Weg ungehindert hin und her zurück, und freuten uns der herrlichen Vlutstraße, die beste und bequemste die wir im Lande 28 Israel gefunden. Sie führte sonst über den Jordan nach Damaskus und nach Petra, nun ist sie aber wegen der Beduinen verlassen, man begegnet niemanden, findet keine Wohnung, und glaubt in einem ausgestorbenen Lande ;n reisen. Nach dreistündigem Ritte kamen wir auf einer Höhe zu einem verfallenen großen Khan von Quadern, über dem ein ebenfalls zerstörtes Castell liegt. Von hier werden die Verge kahler, schroffe Felsen thürmen sich auf, unheimliche Veduinenwege ziehen sich durch Hohlgaffen nach dem Innern der Hügel hinein, eine alte Wasserleitung, vou welcher man nicht errathe» kann wo sie herkommt noch wo sie hinfuhrt, erscheint in einzelnen Neberbleibsel», und zuletzt in einer l^ebirgtzfchlncht, in deren Tiefe eine Castell-ruine sich über ihr erliebt, Unter dieser rauscht eine Vergquelle hervor, und aus den jähen Abgründen gähnen Felsen spalten herüber, Wohnungen el'emaliger frommer brennten, die etwas Gemsennatur besessen haben mochten um an diesen glatten Felsenwände» anf und abzuklettern, Einzelne Thalöffnlmgen gestatten bereits Blicke in die gedcimnißvolle Ties!', allein crst axs der Spitze des letzten Berges schließt sich das ganze majestätische Bild auf. Man steht auf dem Mittelpunkte eines Halbkreises von (Gebirgen welche die (?bene einschließen, einst die fruchtbarste der Welt genannt, nnd dir der lirbetrunkenc Marcus v'lntoniuö der Zauberin Kleopatra schenken wollte. Nechlü stürmn ihre Verge senkrecht ab i» das todte Meer, das sich hier in die b'bene hineinzieht und die Fl»then des Jordans in sich anfnimmt, Gsg^nüber auf der arabischen Seite erhebt sich die schwarte Wand der abgerissenen (Gebirge von Abarim, die düstern Zeugen von Moses' Tod. In dem linken Vorsprung dieses Halbcirkels erblicken wir die drei Höhlen in welchen Jesus verweilte, und übcr ihnen steht die Spitze der Versuchung, wo ihn der Satan durch den Anblick der blühende» und schönsten Reiche der Velt ^um Abfall vom Glauben an sei-mn Gott verführen wollte. Vao muß einst diefeö Thal gewesen seyn, da es noch jetzt, „„bebaut und unbewohnt, so herrlich uns entgegenlächelt? W ist eine der Stellen, denen man es ansieht daß sie Großes getragen haben müssen. Jericho war größer und reicher als Jerusalem, allein verblüht sind ftine Rosen, die es einst so berühmt machten. Jetzt steht noch ein alter Thurm bn, von einigen armseligen Hütten umgeben, und die wilden Beduinen umkreisen ihn wie die Schakals das todte Kamel, und dulden 29 nicht daß fleißige Hände der ruhenden Erde den alte» Reichthum entlocken. Klare Gewässer durchströmen diese Ebene, in welche sich die letzten östlichen Hügel von Iudäa herabscnkeu; heißer scheint hier die Sonne, und drückende Schwüle kam uns entgegen als wir den steilen Berg hinab und durch den Bach Kild ritten. Hier geschah das Wunder der Verwandlung des bittern Wassers in süßes durch den heiligen Ellas, und mein Engländer meinte, das Patent dieser Erfindung würde heutzutage theuer bezahlt werden. Von dem alten Jericho, der Schule der Pro-Pbeten, ist keine Spur mehr übrig, und jener viereckte Thurm wird ohne Beweis für die Stelle angenommen wo eö gestanden, obschon ich sie eher auf den nahegelegenen Hügeln vermuthen möchte. Das angränzende Dorf Nicha besteht aus Häusern, deren Wände aus einigen übcreinandergelegtcn Steinen gebildet find, und deren Dach aus dürrem Gesträuch besteht. Man geht in die« sem Dorfe umher, ohne zu ahnen daß man sich zwischen Häusern befindet. Ich stieg vor dem alten Thurme ab, ^u dessen Umblasen die Armee des Iosua aber nicht sehr viele Trompeter nöthig gehabt hätte, und der jetzt dem Cavallerieposten als Veste dient. Der Officier saß im Kreise seiner Leute unter einer Halle im Hofraume. Als ich das Testereh des Mutesselim übergab, erhoben ste sich alle, und im Augenblick waren fünf Reiter zu Pferde, so sehr ich protcstirte, da ich zwei Begleiter für hinlänglich hielt. Nachdem wir unsere Leute beim Zelte zurückgelassen hatten, traten wir den Marsch nach dem verhänguißvollru Meer an. Wir setzten nochmals über einen Bach, und ritten in die weite Ebene hinein, wo bald jede Vegetation erlischt. Der Boden ist mit weißlicher Salzkruste bedeckt, und die Hügel, welck'e sich in den sonderbarsten scharfe» Formen aus ihm emporheben, gleichen kreidigen Verschalungen. Die Ufer, denen man sich nach der letzten bizarren Höhenrcihc nähert, sind gegen die See hinaus wenig abfallend, und dieses große weiße Leichentuch, daö wieder einen ganz andern Effect erzeugt wie die silbergraue Wüste, steht im grellsten Contrast mit den schwarzen Gebirgswänden die sie umringen. Wir ließen die Ruinen eines Klosters uub alle Salzhohen an denen wir vorüberkamen, zur Linken, und ritten gerade durch die Ebene. Die Berge Palästina's, wovon man anfangs nur die scharfausgeschmttene Silhouette dee äußerste» rechten 30 Vorsprunges vor Auge» Hai, schieben sich gleich Coulissen in daS Wasser herein, je näher man dem See tomnit. (line Insel scheint mitten darin zu stehen, verschwindet jedoch wenn inan näher herantritt. Tas Wasser schillert ans der sserne hellgrün nie dac< vieler ander» Seen, in der Nähe gesehen ist es trübe und dnntel, und nur gan; nahe am User ist es tlar. Wir wuschen uns damit, und die Haut brannte von dem Salze. Tas Mecrwasser hat durchaus nicht diesen scharfen Geschmack. Einer meiner Reisegefährten badete sich, und sanD viele Tragkraft im Wasser, meinte aber roch man tonne ganz gut darin ertrinken. (5r hatte Abende Mühe den Geruch und das Beißen mit Qnellwajser wieder von sich zu bringen. Die Pferde machten sauere Gesichter als siezn saufen versnchten, und widerlegten dadurch die Versicherung des Muktars, daß sie diese Tour schon öfter gemacht hätten. Vögel sahen wir leine, wie dieß von vielen Reisenden schon bemerkt wurde. Ebenso sind keine Schifte am See. und ein Engländer, der voriges Jahr eine fertig gezimmerte Varle hierherbringen ließ, erkrankte über dem Versuche, und starb bald in Jerusalem. So Schreckliches finde ich nicht in den Umgebnnge» des Asrhaltseco, wie viele es schildern, und die Sudostwand des Genfersees ist weit erhabener. Allein man sieht dem See und den umgränzen-den Bergen aus den ersten Vlict an daß ihre Gestaltung eine gewaltsame muß gewesen seyn. Tie düstern Felsen sind abgerissen, uno wie in Würseln und Sternen scharf durchschnitte». Wahre Schauer schließen diese vulkanischen Masse« ein, und eiue lautlosere, verlassenere, o0erc ^egenk läßt sich kanm denten, Hei» menschliches Wesen ringsum, kein Thier, lein Vogel, tein Haus, kein Schift, alles todt wie der wellenlose See des Lothö selbst. Asphalt fanden wir nicht an den Stellen dir wir besuche teu, die Eec se!,tt ihn mehr südlich ab. Welche (5»tdeckungcn lönnte man hier aber mit l>er Taucherglocke mache», und geroiß ließen sich vo» den vier versunrcncn Städten noch einige Spuren finden. W war ein heller heißer Tag, das Vlan deö Himmels verschmolz mit dem Blau des stillen Sees, und der sonderbare Duft der ewig über diesen geheimnisivoUen bewässern schwebt, schien beide zu verbinden. Wir ritten am Ufer fort, gegen den Jordan hin, und die Pferde santen oft bis über die Knöchel in die Salzfelder ein. Hier erblickten wir in weiter Ferne den erste» Schnee, der unö 3l diesen Winter zu Gesicht kam. auf den fernen Gebirgen Ab--jelin. Ter Jordan eilt mit reißender Schnelle am arabischen Gebirge fort, und ergießt seine schönen Fluthen in das Salzoder besser Vitterfalzmeer, in dem er sich »och lange dnrch seine weiße Bahn kenntlich macht, bis er sich damit vereinigt, um es nicht mehr zu verlassen. W sind zwei Stunden bis zu der Stelle, die man als diejenige bezeichnet, wo Jesus von Johannes die Taufe empfing. Wir hätten nns gerne hier gebadet, allein die Zeit drängte und die Nacht näherte sich. Unsere tapferen Begleiter wurden unruhig, sahen sich besorgt um und drängten fortzukommen. An diese Stelle führt der Gouverneur von Jerusalem jährlich zn Ostcru alle Pilger, unter starter b's-rorte, um sie zu baden, wobei dann der reißende Jordan selten obne Opsergabc einiger Menschenleben bleibt. Der Rückmarsch norde etwas beeilt, und einer der Neiter stürzte in der Dämmerung kopfüber einen Tal;alchang hinab, kam aber unbeschädigt aus der andern Seite wieder herauf. Ich musterte unsern Zug genau. Einfacheren Anzug dürfte mau kaum bei einem Militärposten der Welt antreffen, (^s sind Freiwillige von allen Stämmen, wie sie Mehemed Ali, gleich Wallenstein, aus allen Bändern anwirbt, Neger, Vcduinen, Alba-nesen, Aegyptier. Sie kommen und gehen wann sie wollen, jeder der eintritt bringt sein Gewehr und Pferd mit, und erhält monatlich etliche zwanzig Piaster, gewiß die wohlfeilste Armee auf (5rden. Jericho ist ein gefährlicher Posten, allein die damit verbundene Freiheit reizt Viele. So verschiedenes Alter habe ick noch nie in einer kleinen Militärabtheilung bcisammmgcfunden, Knaben von fünzehn, Männcr von fünfzig Jahren bieten in jenem Thurme den Beduinen Trotz, müssen aber auch öfters von seinem eingefallenen Dache aus Zeuge seyn von den Gräueln die sie verüben. Ich ließ mir eben einige Züge dieser Art erzähle», alö einer der Soldaten vom Pferde sprang, um in der Dunkelheit einen Gegenstand nähci zu uutersnchcn, ans den er gestoßen war. Nnser Dragoman verständigte unö sogleich, eö sey ,-in Todter. Wir sprangen alle ab, und fanden den noch warme» Leichnam eines armen Arabers, der durch einen Wurs oder Hieb am Kopfe das Veben verloren hatte. Unsere Escorte gerieth in Aufruhr, und wir fühlten uns cbcn nicht berufen hier die Don Quirottes zu spielen. Es nx,r noch eine Stunde biß zum Thurme, 35 und unsere Pferde waren von drcizehnstündigem Marsche sehr ermüdet. Vier unserer Begleiter machten sich ans den Weg die Mörder ;u verfolgen, womit etz ihnen, scheint mir, nicht recht Ernst war, da sie kurz nachher zu nno zurückkehrten. Wir aber »«aschirten unserm Nachtlager zu, und fanden unser Zelt unfern des Thurmes aus einem kleinen von Feigenbäuinen und Duellen un«-schlossenen Platze aufgespannt, und der uns höchst nöthige Reispilaff, unser täglich Nrod, war bereits fertig. Unsere militärische Disposition war bald gemacht, indem fünf arabische Neiter die Wache vor unserem Zelt belogen, nnd sehr besorgt waren dnrch ihre gräßlichen Gesänge die Räuber und den Schlaf von uns ferne ^u halten. In dieses Concert stimmten die Genossen unserer Nachtlager, die llageiiden Schakals, treulich ein, und nichts tonnte sür diese Ruhestörungen entschädigen, als der Anblick deS Ster-nenhimmels, den ich heute zum erstenmal wieder in der Pracbt Griechenlands über mir fand, nachdem ich ihn in Äegypten so schmerzlich den gangen Winter über vermißt hatte. Nach einem Ritte von Vierzehn Stünden in einer Hitze von dreißig Graden siegt die Müdigkeit endlich über jede Störung, und wir schliefen in unsere Mäntel gehüllt ans dem harten Boden vielleicht besser N'ie mancher in Europa nach durchtanzter Nacht an diesem Faschingtzdienstage. Des ander»: Tages zogen wir Erkundigungen ein, ob man nicht mit den Häuptern der Beduinen jenseits des Jordans in llnterhaudlungcn treten köxne, da unsere Absicht war die Ruinen von Tscherrasch, dem alten Gerasa, zu besuchen, die nur fünf Tagreisen von Jericho entfernt liegen. Wir wollten von dort dnrch den Hauran nach Damaskus gehen, allein die Ninstände zeigten sich io ungünstig, uud es herrschte unter den dortigen Stämmen ein so rebellischer Geist, daß wir davon abstunden. Wir sollten bald erfahren dasi uns ein guter Genius von dieser Unternehmung zurückgehalten hatte. Wir verließen daher diese Stelle, welche eine der merkwürdigste» <5rdrl'volutio»eu erfahre,, hat, die von Traditionen aufbewahrt wurden. Geschichte und Natnrstndium finden hier gleich reichen Stoff zur Betrachtung, und wäbreud wir die Vergänglichkeit irdischer Macht iu dem spurloö vergangenen glänzenden Jericho erkennen, müssen wir das gransameVerhängniß blühender 33 Städte beklagen, welche durch jcnes vulcamsche Ereigniß so Plötzlich in die bisher unergründetcn Tiefen des schnckenbergenben Asphaltsees versenkt wurden. Die Höhlen in denen der erhabene Schöpfer unserer Religion sich zu seinem großen Lehramte vorbereitete, liegen hoch in dcr Wand eines Verges westlich von Jericho, von dem man eine entzückende Aussicht genießt, Wir versuchten in diese Grölten zu dringen, in die es keinen Weg gibt, als indem man sich von der Höhe des Felsens herabläßt, um an die sonst ganz unzugänglichen Felsenspalten zu gelangen. Als wir aber den Strick untersuchten, an dem einer dcr Gefährten bereits festgebunden war, fand er sich so morsch daß wir uns iym nicht vertrauen durften, und daher nnser Project aufgaben. Wir machten nns nun alls die Heimreise, und an unser kleines Hadschiconvoi schloß sich ein Hirt mit seinem Vieh, das er von Jerusalem auf die fetten Weiden Jerichos getrieben hatte. Die Furcht dieser Leute vor den Beduinen ist so groß daß sie den Weg nicht allein zu gehen wagen, Wir brachten ihn nebst Angehörigen glücklich über den verrufenen Vlutweg nach Hause. Lange blieben wir noch aus der Höhe stehen, von welcher uns der Anblick dieser Gegend so sehr aufgefallen war. Die außerordentliche Stille, der Charakter des Todes der ihr aufgedrückt ist, machte auf nils Alle tiefen Cinbrnck, und ich kenne wenige Stellen dcr (3rde, welche sich dem Gedächtnisse so unverlöschlich einprägen, wie dieses Verlorne Paradies. Kaum hatten wir unsern Rückmarsch über Judäa's Hügel an-getreten, als sechs Steinböcke au uus vorüberliefe», die so wenig erschrocken schienen, daß sie uns ganz nahe herbeikommen ließen und verwunden anschauten. Dann verschwanden sie an den Abgründen, ehe Jemand zum Schuß kommen konnte, uud sahen uns von jenseits ans der Tiefe dcr Wasserleitung vorbeiziehen. Die Hitze war heftig, und es that wohl als wir nns am Fuße des letzten Verges, übcr deu man uach Vethania hinaufsteigt, an der O-uclle der Apostel laben konnten, die unserm Heiland anf seine» Gäugen von Jericho gewiß öfter Labung spendete. In Vethania gingen wir in die Grotte hinab wo Jesus den Lazarus wieder zum Leben rief, nnd folgten nun dem Wege, auf dem er mit Palmzweigeu empfangen und in die heilige Stadt eingeführt wurde. Die schönen Abhänge, über denen Vethania schwebt/ sahen sich so malerisch Morgenland und Abenllcmd. II. ^e Auft. I 34 an, die unzähligen Mandelbämne prangten im Frühlingsschmuckc ihrer blaßrothen Blüthen, »nd Jerusalem lag so feierlich vor uns während wir nach Gethsemaue hinabrittcn, und der freundlichste Abendhimmel seinen durchsichtigen Vogcn über unserem Einzug in die hohen Saracenenthorc ausspannte! 4. Palästina. Auf dem Nil reist man mit Lmus, in der Wüste mit Bequemlichkeit, durch Syrien aber unter Entbehrungen aller Art. Der Reisende streift eine Hülle des Comforts nach der andern ab, bis er am Ende, ganz auf Ausplünderung vorbereitet, die syrische Reise beginnt. Wir hatten in Kairo unser Geräth, unsere Divans verschenkt, wir hatten in Jerusalem nnser Küchen-grschirr auf eine Casserole, zinnerne Teller und Becher beschränkt, und nnserc sämmtliche größere Bagage voraus nach Malta geschickt. So blieb uns nichts als ein Zelt, leichte Matratzen und für Jeden ein Reisesack mit etwas Wäsche, und wir gewannen hierdurch an Leichtigkeit der Bewegung und an der Ueberzeugung, daß mit unserer Beraubung kein großer Gewinn zu machen war. Wir bivouakirten immer, und dieß erhält frisch und gesund. Die Iahrszeit, in welcher wir die Reise durch Syrien machten, war indessen zu früh, nämlich ^on Mitte Febrnars bis Mitte April. Man sollte sie um die Zeit beginnen wo wir sie beendeten, oder September und October dazu wählen, denn die Frühjahrsrcgen und Aequinottialstürme wurden sehr beschwerlich und die Straßen oft beinahe ungangbar. Diese sind aber gleich denen von Kleinasien vielleicht die furchtbarsten der Welt, und man kann sich davon durchaus keine Vorstellung machen. Wenn bei uns ein Reiter eine Stcintrcppc auf- und abreitet, schreit man Mirakel. Die Neitpfade in Syrien sind aber eigentlich nichts anders als eine fortgesetzte Felsensticgc, und es erfordert solche Thiere, um nicht jeden Augenblick Hals und Beine zu brechen. Wer auö Europa in einem syrischen Hafen landet um die Reise zu machen, wird immer etwas aus der Fassung kommen, wenn er die Zumuthungen sieht^ die man hier den 3 * 3ft Pferden macht, und es ist gut die griechische Reise vor der asia» tischen zu unternehmen, »veil die Wege in Griechenland weit besser sind, und als Vorbereitung zu letztern dienen können. Wir hatten den einzigen Gewinn, beim Zug durch die Wüste dem Kamsin zu entkommen und Syrien in der ersten Entwicklung des Frühjahrs zu sehen. Wenn man aber die Reisenden aus dem Innern von Syrien in einem Küstenorte ankommen sieht, wie sie abgerissen, krank und erschöpft durch Beschwerde und Ermüdung vom Libanon herabsteigen, dann kann man leicht errathen mit welchen Mühen und Anstrengungen diese Reise verknüpft ist. Ankunft nnd Abreise tragen in Jerusalem ein eigenes feierliches Gepräge. Wir verabschiedeten uns am Morgen des Ta> ges den wir dazu festgesetzt hatten, bei dem biedern Vischofe, der uns während unseres Aufenthaltes so liebevoll behandelte, und uns Empfehlungsschreiben an alle Klöster der tei-ia santa einhändigte. Hierauf ritten wir durch das Damaskerthor ab, und der alte brave Glias gab uns noch das Geleite bis zu den Gräbern der Könige. Von hier nimmt der Weg bereits den Charakter an, der ihn später für Roß und Reiter so beschwerlich macht, und ich möchte wissen wie es die alten Könige in Israel anfingen, wenn sie mit ihren unzähligen Streitwagen in den Kampf zogen, und eben so viele Blöcke und Steine zu Passiren hatten wie wir. In Griechenland, in Asien, findet man doch noch Spuren gebahnter Wege, aber in Palästina sind Straßen und Felder gleich, das heißt mit Steinen dicht übersäet. Verg auf, bergab, geht es fortwährend über Felsen und Steingerölle, wo das Pferd sich für jeden Tritt mühsam einen Platz suchen muß. An zu Fuß gehen ist gar nicht zn denken, und zndem waren unsere Stiefel von dem steinigen Voden in und um Ieru» sale»» so schlecht, daß wir auf solchen Wegen nicht mehr wagen durften abzusteigen. Wir zogen daher langsam fort, und überließen alle weittre Verantwortlichkeit dieser Martcrritte den jetzt noch frischen Pferden. Auf den öden Vergspitzen crblickt man hie und da Ruinen christlicher Capellen, nnd in Vir, dem alten Muhmas, frühstückten wir an der historischen Quelle, die jetzt in doppelte Brunnen gefaßt ist. Gegen Abend kamen wir in Iabrud an, wo noch alte Vaureste von Gosna zu sehen sind. Eine Karawane armenischer 37 Pilger von etwa zweihundert Personen begegnete uns auf Pferden und Maulthieren, Greise, Kinder und Frauen, alles in bunten Reihen. Sie kamen von Marasch, dem Hauptquartier Ibrahim Pascha s, und zogen nach der heiligen Stadt, nach der sie alle hindeuteten und uns mit dem Zeichen des Kreuzes begrüßten. Ein aller Christ empfing uns, er »rar der einzige in Iabrud, Er warnte uns vor dem Raubgesindel dieses Orteö, und wir forderten Wachen vom Scheikh. Wir hatten uns bereits niedergelegt, als ein heftiger Sturm sich erhob, der unser Zelt mehrmals wegzureißen drohte. Hierauf folgte ein Regen, der so ergiebig wurde daß er durch das Zelt drang und uns nöthigte Zuflucht im Dorfe zu suchen. Wir mittelten in der Dunkelheit eine alte Moschee mit einer offenen Arkade ans, wo wir zu bleiben beschlossen ; unl) während meine Gefährten mit der Laterne zurück vor den Ort gingen um die Effecten beizuschaffen, blieb ich mit dem Wächter allein in dem Gewölbe zurück. Ich saß im Hintergründe auf einer Steinbank, eö war stockfinster, «nd ich konnte kaum die Bewegungen meines Gesellschafters unterscheiden, als er plötzlich über mich herfiel und heftig zu schreien begann. Ein kräftiger Stoß warf ihn zurück, ich gewann Zeit eine Pistole aus dem Gürtel zu reißen, spannte die doppelten Hahnen und seyte ihm die Mündungen auf die Vrust, als er bieder auf mich los wollte. Vr taumelte zur Seite und hielt sich ruhig, und in dieser Situation blieben wir «ber eine Viertelstunde, bis die Freunde von dem entfernten Lagerplatz ankamen. Wir mußte» nun den Wächter bewachen, und hießen ihn in einen Winkel niederkauern und still seyn, denn vor allem mußten wir jedes Geräuscb vermeiden, da man uns nie verziehen hätte in einer Moschee geschlafen zu haben. Die ganze Nacht verstrich unruhig. Unheimliche Gestalten schwebten immer lauschend aussen herum, und wenn wir nicht so sehr aus der Hut und so gut bewaffnet gewesen wären, so hätten wir vermuthlich noch einen ernstern Strauß zu bestehen gehabt, In der Sache lag unverkennbar Verabredung und <5in-verständniß, und in diesen Ländern ist es immer besser fest die Zähne zu zeigen, als Hülfe von außen zu erwarten. Der Morgen war schön, und wir machten uns zeitig auf den Weg, der sich mehrere Stunden noch eben so schlecht zeigte wie gestern. Wer der schönen Natur ;ulieb reist, vermeide diese Straße nach Nazareth. Zuweilen stößt man wohl auf Spuren nothdürf- tiger Cultur, selbst Gärten für Feigenbäume fanden wir, aus denen die Steine mühsam herausgeschafft und zur Einzäunung verwendet waren, ja einzelne liebliche Thäler verführen zuweilen zu der Hoffnung daß man in bessere Gegenden gekommen. Allein gleich beginnt jene trostlose Versteinerung und Erstarrung wieder, welche das traurige Sinnbild Palästina's bilden, und jeden ruhigen Reisegenuß verkümmern. Die rothe Erde ist sehr fruchtbar, und n?o die Steine weggehoben, keimt jede Saat rasch empor; allein wie überall fehlen auch hier die Menschen, oder vielmehr die Lust, für ein räuberisches Gouvernement zu arbeiten. Man stößt im Thale auf die Reste eineö verfallenen, festen Castells, das die Straße sperrte, und solid wie alle Gebäude in diesem Steinlande war. Der Khan Leban liegt malerisch über einem weiteren Thale, und hinter dem steilen AbHange von Kauza endet das Hügelland Iudäa'Z mit dem Gebirge Ephraim. Veim Grabe des Patriarchen Joseph betritt man das alte Samaria, und bei der raschen Beugung welche die Vergspitze macht, steht man vor der samaritanischen Quelle, dem sogenannten Iakobs-brunnen, wo Christus die rührende Unterredung mit der Sama-ritanerin hatte. Hier ist man mitten in den Gebirgen von Na-blus, das in grandiosen Nrkalkfelsen die kahle, ermüdende, ju-däische Hügellanbschaft ablöSt. Nablus ist das alte Sichem, die Hauptstadt Samaria's, eine der ältesten Städte Palästina's. Das schöne enge Thal bildet eine Wasserscheide und ist reich mit Frucht- und Oelbäumen bepflanzt. Von Quellen durchströmt, die Frische und Reinlichkeit in ihr erhalten, liegt diese Stadt eingezwängt zwischen den imposanten Vergcn Ebal und Grissim, auf denen Iosua die zwölf Stämme der Israeliten vergammelte, als sie von Jericho hergezogen kamen um das Land Lanaau mit Schwert und Trompeten zu erobern. Das Terrain zu einer Volksversammlung kann nicht grandioser gedacht wcrbeu, Sechs Stämme stunden auf Ebal, sechs auf Grissim, beide so nahe beisammen, daß starke Stimmen leicht vom einen ;um andern dringen konnten. Iosua verlas nochmals laut alle Gesetze Mosis, Die Priester auf dem einen Verge sprachen aber den Fluch über die Abgötterei lind die Abtrünnigen, die des andern den Segen über das Volk Israel aus, und das Volt rief jedesmal Amen dazu. Es war ein so classischer, antiker lihor, wie ihn vielleicht je die Welt vernommen, und man muß diese majestätisch 39 über das Thal hercinragenden Verge sehen, um die betreffenden Stellen der heil. Schrift zn verstehen. Nablus hat durch Erdbeben sehr gelitten, ist aber zum Theil wiederhergestellt. Das Haus des Gouverneurs ist durch cine Terrasse ausgezeichnet, um deren großes Bassin Orangenbäume stehen, die unter der Last ihrer schönen Frucht beinahe erliegen. Die Terrassen dieses Landes gehen alle über eine, auch über zwei Treppen, und veranschau-lichen die hängenden Gärten der Semiramis. Wir erhieltenWoh-nung bei einem braven christlichen Pfeifenmacher angewiesen, iu dessen Hanse wir die zwölfjährige Tochter des Predigers der Gemeinde bewunderten, eine vollendete Schönheit, wie im Ganzen die Vewohner von Nablus sich durch Gesichtsbildung auszeichnen. Die Stadt besteht nur ans zwei parallellaufenden Straßen, hat viertausend Einwohner, abcr einen höchst revolutionären, der Regierung Mehemed Ali's entschieden abgeneigten Geist. Man kann in diesen Ländern durchaus keine ordentlichen geographischen Notizen sammeln, und es ist immer gnt wenn Reisebeschreiber die Entfernungen nach Marschstuuden angeben. Man kann den Weg von Jerusalem nach Nazareth in drei Tagen machen, da die Wege aber so ermüdend für die Pferde sind, besonders nachdem Regen gefallen, so brauchten wir vier, uud hatten an den sechs Stunden, die man im Lande jedem Tage gibt, immer beinahe den ganzen Tag zu reiten. Am dritten Tage ritten wir nach Sebaste, dein alten Samana, der Herrscherin über zehn Stämme, daö in einem romantischen Thale auf einem einsamen Hügel sich erhob. Jetzt ist ihre einstige Pracht sehr gering, und elende Hütten bezeichnen ihre Stelle. Ucberall stehen noch Säulen umher, deren Knäufe abgeschlagen sind, und das Kloster, in dem Johannes der Täufer enthauptet worden, liegt ebenfalls in Ruinen. Die steinigen Berge ziehen bis in das Thal von Sanur hin, dessen Schloß und Dorf ans schönen Anhöhen liegen. Ncberall sprudeln klare Quellen hervor, durch welche das Thal sich versumpft. Die Oelbäume bekommen hier eine frischere, dunklere Färbung, an alten Bergen hängen gnt-gebante Dörfer umher, und auf den Straften ist Leben und Verkehr. Das Thal von Sauur fanden wir durch Regen in einen See verwandelt, nnd hatten eine äußerst schwierige Passage w^äh-rend mehrerer Stunden zu bestehen. Ans den wie Eis schimmernden Felsenplatten des Dorfes Kabadieh überfiel uns Regen, 4ft und von birr führt ein enges wie ausgshauenes Wiesendefil« an lauteren« Bache fort bis Dschennin, Auffallend fanden wir in den Dörfern die edle Gesichttzbildung der Frauen, die durch^ aus unverschlriert waren, kleine weiße oder bunte Häubchen mit Silberguirlanden trugen, und in rothe offene Tunieas gekleidet waren. Dschrnnin bildet die Gränzscheide zwischen Samaria und Galiläa, und steht auf der Stelle des alten Gienä auf eiuem sanften Porsprung des Gebirges. Man genießt hier eine entrückende Aussicht über die Hochebene von Vsdralon, umgränzt von den Gebirgen Gilboa und Hermon, und überragt von den scharfen Kanten der Verge von Kännel, die so ganz verschieben von den charakterlosen judäischeu Hügeln, und so großartig und feingeschnitten wie die Musterberge Griechenlands sind. Wir nahmen unsere Wohnung in den Ruinen rineö Hauses, auf deren Mauern, wie hier auf allen stachen Dächern, Malven und Gerste blühten. Hier sind wieder Palmen, indische Feigen und freundliche Menschen, aber es war auch eine (5avalIer!e-Abthei« lung eingetroffen, welche sich die größten Anesse erlaubte, nnd uns Nachts beunruhigte, da sie unsere Pferde wegnehmen wollte. Cs bedürfte des gangen Ansehens meines Firmanö, um sie davon abzuhalten. <3in weit schlimmerer Unstern drohte uns aber durch heftigen Regen, der gegen Morgen einfiel, und so schön die vor uns liegende Ebene aussah, so schlimm ist hier der Weg bei nassem Wetter. Wir zögerten lange den alten Palast der Könige von Israel zn verlassen, aus dem die stolze Iezabel herabgestürzt wurde, entschlossen uns abcr doch und traten den Weg unter heftigen Regengüssen an. Wir waren keine Stunde fort, als wir beim Ncbersetzen über einen angeschwollenen Vach im Morast versanken. Tcr Regen verwandelte sich in Hagel, und die großen Schlossen fielen so dicht und so heftig aus uns herab daß unsere Pferde ganz toll wurden, nach allen Seiten ausrissen, und wir uns nur dadurch helfen l'onnren daß wir einen Halbkreis bildeten und dem Hagelschauer den Rücken boten. Unter solchen schlimmen Umständen musiten wir dir sonst so reizende M'ene durchziehen, welche die Schrift ,,die große" nennt, die fruchtbarste im alten Lande Canaan, uub noch reich an Feldern und Weideplätzen, Seit den ältesten Zeiten wurde dieser schöne Voden mit Blut getränkt, auf ibm schlugen Philister, Juden, Sara- 41 cenen, Perser, Aegyptier, Drusen, Beduinen, Türken, Araber, Ritter des Kreuzes und ritterliche Franzmänner ihre Schlachten; von Nebukabnezar bis Napoleon fochten hier die größten Feldherren fast aller Nationen, und die Spitze des Tabors, der alten Vergveste des Iosephus, so wie die schneeumhüllten Hermons-gebirge, sahen die Banner jedes Glaubens auf diesen hohen Hügeln stächen flattern. Dieser Riesenkessel ist von den großartigsten Vergreihen eingeschlossen, und verdiente genauer durchforscht zu werden, aber das furchtbare Unwetter trieb unö fort ohne Nast und ließ nicht einmal Zeit zum Frühstücke. Bei Fnlah ritten wir über die schlüpfrige,, schwarzen Franzosenschanzen, und kamen im furchtbarsten Regensturm wieder in die Ebene hinab, nachdem die Pferde mehrmals von Windstößen umgewendet worden waren. Hier war alles versumpft und kein Ausweg zu finden, um an die gegenüberliegende Bergwand zu gelangen, über die der Weg nach Nazareth führt. Weit und breit kein Dorf, kein Mensch, kein Weg, unter uns Sumpf, über uns unerschöpfliche Wolken, fo standen wir rathlos um ein braves Packpfcrd, daü eben ganz versunken war, und doch, während es nur mit dem Kopfe herausschaute, das nasse Gras fraß, Uns erwartete jeden Äugenblick dasselbe Schicksal des Versinkens. sss wurde immer dunkler, und wir glaubten nicht anders als hier übernachten zu müssen. Unser Muktar, den wir nach einem Platze ausgeschickt hatten, kam mit der Erklärung zurück, daß kein Mittel bleibe als das Gebirge zn passiren. Wir hatten das Packpferd durch Abladen flott gemacht, was auch eine saubere Expedition war, wo einer nm den andern in den Morast einsank, und entschlossen uns nun der Nothwendigkeit zu weichen, und vorwärts zu ziehen. 5. Nazareth. Ein Gewitter brach mit unbeschreiblicher Heftigkeit los. Schwarze Säulen hingen gerade gleich Thürmen ans den grauen Hagelwolken herab, und der Woltenhimmel senkte sich immer liefer zur Erde nieder. Die untergehende Sonne drang zuweilen dnrch das vom Sturm gepeitschte und zerrissene Gewölke, und ihre Strahlen erlenchteten einen Augenblick fahl den alleinstehenden Verg Tabor — ein Vild von grausenhafter Wirkung. Wir näherten uns der steil sich erhebenden Wand des gnliläischen Gebirges, bei deren Anblick man gar nicht begreift wie man in oder über sie gelangen kann. Der Regen goß immer heftiger, der Sturm heulte immer gräßlicher, die Donner des Gewitters rollten in unausgesetzten Schlägen durch die Vergschluchtcn, und die Blitze allein erhellten am Ende des Tages den bedentlichl'n Weg den wir überschreiten mußten. Er beginnt sogleich mit einem tüchtigen Felsrücken, allein man merkte es den Pferden an daß sie sich mehr auf bekanntem Terrain suhlten, und die klugen Thiere rafften alle ihre Kraft zusammen, um diesen letzten Kampf zu bestehen. Als wir die Platten verließen, kamen Felsenriffe, an denen sie hinausklettcrn mußten, und auf dcreu schneidenden Kante» kein Tritt mehr sicher war, weil die Äegen- nnd Vergwasser in Strömen gleich Wasserfallen über sie herab uns entgegenstürzten. Man kommt nun a>> einen Abgrund, auf welchem Absätze von drei bis vier Fuß überschritten werden müssen, wohl bei trockene»! Welter schon mühsam, unter diesen Verhältnissen aber wahrhast halsbrecherisch. Unsere armen Pferde hatten die ganze Nacht im Freien gestanden, hatten den ganzen Tag ohne Nahrung und un-geträntt durch Schlamm und Sumpf marschiren müssen, und jetzt, als diese schwierige Stelle kam, verdoppelte sich die Wuth des Wette, stunnes. Cs wurde Nacht, der Regen goß gleich Wolken-brüchen herab, und die zackichten Älitze zeigteil unc> aUein die 43 Abgründe an denen wir hinaufritten. Die Pferde kletterten ssleich Gemsen die eisglatten, jähen Felswände hinan, gingen wie Katzen auf der änßersten Kante des Absturzes hin, und sprangen mit einem Muthe die hohen Absätze hinan, der um so erstaunlicher war, als das von allen Seiten herabstürzende Wasser jede Wegspur bedeckte. Der Reiter ist hier ganz leidend, muß das Pferd frei suchen und treten lassen, und hat für nichts zu sorgen als fest im Sattel zu bleiben. Im Augenblicke der Gefabr straucheln diese Gebirgspferde selten, denn thäten sie dieß und besännen sie sich einen Moment, so wäre der Sturz unvermeidlich, und Mann und Roß zerschmettert in den Tiefen. Arme, brave syrische Pferde, ihr werdet nie eures Lebens froh auf diesen Pfaden, die stets nur über Felsklippen oder durch Moräste führen, und euch niemals auf gutem Boden zur Erholung kommen lassen! Endlich waren wir ohne Unglücksfall durch den Engpaß gedrungen, und zogen in das Thal von Nazareth ein. Wir wurden von den Geistlichen im Kloster gut aufgeuommcn, wo alles räumlich und bequem eingerichtet ist. Leider hatten wir keine Kleider zmn Wechseln, und mußten triefend naß, wie wir waren, unser Abendbrod einnehmen, immer eine schwere, aber gutbestandene Probe für Hydrophilen. Die guten Klosterbettrn bekamen uns aber vortrefflich. Es regnete die ganze Nacht, und noch vier Tage fort, so daß wir förmlich in Gefangenschaft waren. Kaum daß eine freie Stunde uns gestattete auf die Terrassen des Klosters zu steigen. Nazareth ist von drei Seiten von Bergen nahe eingeschlossen, über welche steile Wege sich fast senkrecht und höchst malerisch an den Wänden hinauswinden. Nur Eme Seite ist offen und bildet ein anmuthigcs Thal, dessen ganze Breite das wirklich schöne Kloster mit dem dazu gehörigen geräumigen Fremdenhmise emuimmt. Zu dem Auftitthalte, den uns das schlechte Wetter verursachte, gesellten sich schlimme Nachrichten aller Art. Unser Project, von hier nach dem Hauran und Dschcrrasch zu gehen, scheiterte vor allem an der officiellen Kunde daß die Pest dort heftig wüthe. Die Straße nach Acre, wohin Fremde kurz zuvor von hier gegan^ gen waren, war durch Ueberschwemmung für Reisende gespcrn. Nach Damaskus zu gehen widerrieth man uns sehr, weil die Quarantäne gegen den Hauran alle andern Straßen in sich faßte, und über den Antilibanon konnte man des Schnees wegen uicht 44 kommen. Auf diese Art wäre uns nichts übrig geblieben als nach Jaffa ober Jerusalem zurückzukehren. Dieses Zusammentreffen fataler Umstände bildet trübe Momente im Reiseleben, und wir konnten lange keinen gemeinschaftlichen Entschluß fassen, obschon ich für meinen Theil unter keiner Bedingung dem Besuche von Damaskus entsagen wollte. Es herrscht ein finsterer Geist in Syrien, und die Landleute überlassen sich in Erwartung eines Aufstandes vielen Unordnungen, Vor einigen Tagen wurde ein junger Deutscher ganz nahe bei Nazareth ermordet, und das Ausplündern der über Dschcr-rasch reisenden Engländer ist nun eben so gewöhnlich geworden, wie die Liebhaberei dazu als Fashion gilt. Man führte uns in die Kirche, die nichts Ausgezeichnetes hat. Die Kaiserin Helena hat auch hier die Orte nach den damals noch lebenden Traditionen aufgesucht, und es ist daher nicht 5,'iel Zweifel darein zu setzen. So viel ist gewiß daß niemals den Eltern eines großen Mannes mehr Ehren widerfahren sind. Anch hier findet sich von den urfprüuglich aufgeführten Baulichkeiten keine Spur mehr, wenn wir nicht die drei Granitsäulen dafür annehmen wollen. Felsenhöhlen aber sind durch Zeit uud Erdbeben nicht so leicht zu zerstören. Die Grotte der Verkündigung Maria, deren Originalcapclle bekanuternlaßen die Engel über Meer nach ^oretto getragen, ist hier der Hauvtgegenstand der Verehrung. Die Maria mit der Krone über dem Altar, wie der Erzengel Gabriel über ihr schwebt, ist ein höchst reizendes Bild. Eine Granitsäule, welche die Türken in der Mitte entzweigebrochen, so daß sie unten in der Erde und oben an der Decke festhält, dann zwei andere Granitsäulen hinter einer Tapctenthüre sind wahrscheinlich Stützen der früheren Capelle gewesen. Die Rückseite dieser Naturgrottc diente den Eltern Jesu zur Wohnung, und einige Stufen höher gelangt man in eine andere Höhle, wo die Nachbarin wohnte, welcher Maria die Hut des Hauses übergab wenn sie ausging. Ungeachtet des entsetzlichen Wttterö machten wir uns voch anf um die Sehenswürdigkeiten des Dorfes zu besuchen, und das war keine kleine Aufgabe, Nazareth ist vom letzten großen Erdbeben halb zerrissen, und scim' ohnehin schlechten Gassen sind durch Vergqutllen und Regen förmlich untcrminirt. Die Moschee mit Cypressenumgebung ist seine schönste Partie, Die Werkstätte 45 Josephs, durch cine einfache Capellc bezeichnet, scheint besser wie seine Wohnung gelegen zu haben, Der Tisch aber von großem Kalksteinfelsen, an welchem Jesus sein letztes Mahl mit den Aposteln genommen haben soll, ist eine kolossale Erscheinung, und war jedenfalls ein höchst unbequemes Möbel. Das Interessanteste bleibt die Synagoge, wo Jesus als ganz junger Mensch den Tert des Iesaias auslegte, und dadurch den erbitterten Pharisäern so großes Aergerniß gab, daß sie ihn vom Verge herabstürzen wollten. Es bleibt immer ein besonderer Rciz an die Stellen gebunden, wo erhabene Geister die ersten Proben ihrer Entwicklung abgelegt haben. Unsern durchnäßten Kleidern und Effecten waren diese gc, zwungenen Ruhetage ganz ersprießlich, allein für unser Verlangen weiter zu kommen wurden sie bald unerträgliche Pein. Ich ließ mir vom Gouverneur ein Teskereh geben, dasi wir von keinem angesteckten Orte kamen, und da am vierten Mittage sich das Gewölk brach, so beschlossen wir abzureisen, die Straßen möchten seyn wie sie wollten. Ich benutzte den letzten Nachmittag noch zu Ausflügen, nachdem wir vier Tage ausschließlich in den Kreuz-gangen verlebt halten. Die schöne Marieuquelle entspringt gleich vor dem Dorfe in dem Verge, über welchen man nach Tiberias geht. Sie ist übermauert und vom reinsten Wasser, und gewiß dieselbe, von welcher so oft in der Schrift Erwähnung geschieht. Der Berg des Hcrabstürzens ist auf der entgegengesetzten Seite eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, und wirklich eine schauerliche Erscheinung. Senkrecht häufen stch die Felsen, und über ihnen genießt man eine weite Aussicht über daß nun gan; in Wasser stehende Thal von Esdralon, den einzeln stehenden Tabor, dic Ebene hinter ihm bis zum Jordan und die Gebirgskette hinter diesem Strome. Nazareth selbst liegt ganz am westlichen Abhangt des Gebirges. Ich folgte seinen labyrinthischen Häusern und Ruinen, die alle über Steinplatten längs des Verges hiuaufhäugen. Stünde Nazareth nicht auf Felseugrund, so wäre es längst weggeschwemmt, so hoch sind seine Verge, so enge sein Thal. Oben in den ssclseu sind vieleHöhlen, frühere Einsiedlerwohnungcn. DieHäuser sind fast durchgehends viereckte Thürme, Fenster und Thüren massw ill Spitzbögen gebaut. Am Eingang deö Ones ist ein schöner großer Khan. Das levantinische Haus, das nach dem Erdbeben ^6 von seinem Erbauer und Besitzer, einem fränkischen Consul, dem Kloster geschenkt wurde, kann von diesem nicht hergestellt werden, weil ihm die Geldmittel mangeln. Die Weibertracht in Galiläa ist sehr reizend. Blendendweißes Hemd und rothes Westchen umschließt die Brust. Gin enges Gewand, Kombasi genannt, ist eine Art orientalischer Schlafrock, bunt vonSeide oder Vaumwollenzeug, und paßt dem ganzen Leibe schließend an, nur an der Außenseite des Schenkels aufgeschlitzt. Die zierlichen langen Beinkleider reichen bis zum Knöchel, und ein Gürtel hält das Ganze. Um den Kopf ist ein farbiges Tuch geschluugen, jungeMädchen aber tragen die bekannten Kränze von bichtgeschuppten, ächten Silbermünzen. Die Haare hängen frei über den Rücken herab, und sind unten in silberne Kapseln mit Spitzen gefaßt und mit rothen Bändern durchwoben. Diese Tracht gibt eine schlanke Taille und äußerst anmuthige Bewegung im Tragen der Wasserkrüge, wie in Aegypten, auf dem Kopfe. Da bei dem lange vermißten schönen Wetter alles auf den Beinen war, so konnte ich ungestört meinen Beobachtungen nachgehen. Die Mädchen haben durchgehends lebhafte sprechende Augen, die sie mit Kkohl malen, wie in Aegypten, allein sie sind ferne von der madonnenartigcn sanften Schönheit der Bethlehemitinnen. Kinder und Erwachsene sind hier wohlgezogen, nnd die italienische Schule des Klosters scheint den ganzen Ort ergriffen zu haben; denn wo man geht, wird man mit freundlichem ,,don» «e^, eomo 5ln?" begrüßt, obschon für weitere Unterhaltung die Mitte! fehlen. Bettel ist hier selten, während man in Jerusalem dadurch sehr belästiget würd. Im Ganzen scheint hier die christliche Bevölkerung sittlich zu seyn. Auffallend ist der christliche Typus in den Physiognomien, und das hellblaue Auge, die feine Nase sind bei den Männern vorherrschend. Die Spaziergänge aus den Bergen um Nazareth sind lohnend, und wer schönes Wetter dort findet, sollte immer einige Tage in dem lieblichen Feigen- und Olivcnthalc verweilen. Würdige Mönche, wenn gleich bildungslos und einseitig, bieten alles auf um ihren Gasten den Aufenthalt angenehm zu machen, dem als wahres Stillleben eben Jeder das abgewinnen muß was man in der eigenen Brust mitbringt, man mag in einer Klosterzelle sitzen oder auf dem Throne. Ich glaube daß das wahre alte Klosterleben sich nur im Orient erhalten hat, da die Mönche hier eine 47 Familie bilden, sich aufopfernd für die Gesetze der Gastfreundschaft und wahrer christlicher Hülfeleistung, immer nur für anderer Wohl bedacht, nicht dem Müßiggang und der Bettelei fröhnend, wie bei uns häufig in Europa. Jeder Mönch ist in den Klöstern der Tcrra santa eines Handwerks kundig, überall traf ich sie im Zimmern oder unter Tischlerarbeit, Gärtnerei und Kochen an, und als ich dem Pater Superior in Nazareth meinen ersten Vesnch abstattete, fand ich ihn beschäftigt mit Zuschneiden der Chorhemden für Knaben, denn er ist zugleich der Schneider des Klosters. Dabel zeigt sich keine Spur von falscher Echam, ber ehrwürdige Manu zeigte mir im Gegentheile seine Arbeit, und wie er studiren müsse um am Stoffe Erspanmgen zu machen. Ich habe 'Achtung gewonnen vor diesen Instituten, weniger jedoch in Jerusalem als in der Levante überhaupt, denn ste enthalten wirklich nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft und der Kirche, und haben emen reellen höheren Zweck, den der Liebe für ihre Mitmenschen, mit Aufopferung eigenen Wohles und Vortheiles. 6. Gang über den Jordan. Die Welt der Wunder liegt vor uns ausgebreitet, und wir durchschreiten das Land jener Mirakel, von denen das Testament uns Kunde gibt. Das schöne Galiläa war es ja, das Jesus vor allein liebte, wo er seine Freunde und Jünger warb, wo er durch die Neberlegenheit seines Geistes das Volk seinem Glauben unterwarf. Diese Vorliebe wird erklärbar wenn mau dieses Land durchreist, und aus dem steinigen reizlosen Palästina heraustritt. Von Nazareth nach Cana sind zwei kleine Stunden, allein es ist nicht mehr jenes Cana, wo Jesus zum erstenmale die Augen der Welt auf sich gerichtet, indem er Wasser zu Wein machte, es ist nicht mehr der Ort der Hochzeit, die Paul Veroncses unsterblicher Pinsel uns mit so glänzenden Farben vor Augen gezaubert. Wenn man über die Hohen hinaus ist, nnter denen Nazareth wie begraben liegt, erblickt man bald zur Rechten wieder den Tabor, und links durch die Thalöffnung gegen das Meer hin sieht ein weißer ferner Punkt herüber, es ist das Kloster Karmcl. Sana liegt auf einem Verge, und ist jetzt gänzlich zerfallen. Ehe man den Vcrg hinanstcigt, kommt man an die beruhnue Quelle, an welcher wir herrliches Wasser tranken, und den Mädchen zusahen wie sie in ihren thönerncn Krugen zum und vom Brunnen gingen, ganz wie eß vor zwei Jahrtausenden beschrieben steht. (5mc verfallene Capcllc wird in Cana gezeigt als das Hans der Hochzeit, auch eine der vielen leicht zu verzeihenden Traditionen. Von hier senkt sich das Gebirge in das Thal von Safureh hinab; da dieses ganz überschwemmt war, so mußten wir an den Höhen fortreiten, ließen uns aber durch den Sumpf nicht abhalten anf das Kornfeld hinabzureiten, dessen Aehren Jesu Jünger abgeschnitten hatten. Die Entschuldigung, welche ihr Meister für dicse Handlung angab, gehört sicher 49 zll seinen merkwürdigsten Aeußerungen, und hat, so klar sie ist. doch zu den ungereimtesten Deutungen Veranlassung gegeben. Ter reinmenschliche, versöhnende nnd liebevoüc Sinn unseres Heilands ist mir überhaupt nie deutlicher geworden als in diesem schönen Lande, über das Friede und Glück uusgebreitet liegt, wenn die Menschen sie nur zll genießen verständen. Es ist der fruchtbarste Boden Asiens, lauter üppige vulkanische <5rde, aber unbebaut durch die Verkehrtheit der Regierungen. Hier winu melt alles von Erinnerungen an Jesus, nnd mit Entzücken be^ stiegen wir den Verg der Seligkeiten, dessen besondere Form ihm ichon eine eigene Vestimmnng anzuweisen scheint. Er ist ganz grün bis zur Spitze, und diese ist hornartig vorgebogen, wie eine Naturkanzel über drei geschlossene Thäler hineinragend, und mit Fernblick nach dcm ties untenliegenden Galiläischen See und den ihn umringenden Bergen. Hier hielt Iesnö die be^ rühmte Bergpredigt, die gleich einem elektrischen Funken in die Seele des Volkes schlug, und ich wüßte keinem großen Redner Mle passendere Stelle zu finden, um mächtig aus seine Umge^ bungen zu N'irken. Im blühenden 5 hale von Saphed, das sich edelgeformt gegen den See hinzieht, nahmen wir unser Morgen< mahl, da wo Tausende mit wenigen Broden gespeist wurden, und stiegen dann wieber nach den Höhen hinauf, über die der Weg nach Tiberias führt. Die Vergbilduug um den See ist sehr erhaben, und jetzt nach dem anhaltenden Regen schien Thal und Berg mit schimmerndem grünen, Sammet überzogen. Die tiefe Stille, welche über diesen Gegenden herrscht, stimmt die Seele weit höher wie die Aufhäufung geheiligter Reminiscenzen und der damit verbundene Pruuk in der heiligen Stadt selbst. Als wir auf der letzten Höhe ankamen, von der man noch eine Stunde hinabzusteigen hat, übersahen wir beinahe den ganzen See mit seiuem dunkelblauen Wasser, nnd den schneebedeckten Antilibanou, Zuerst erblickt man die höher über de,n See liegende Citadelle, deren Mauern und Minaret uoch ziemlich zusammenhalten, dic ganze übrige niederer gelegene Stadt ist aber ein Opfer des letzte» (^rdbebenü geworden, und Mauern, Kirchen uud Häu-ser sind wild übereinander geworfen, Welcher Contrast von damals und jetzt! In diesen gesegneten Flnren stand kein Dorf das weniger als fünfzehutausend Seeleu zählte, jetzt gibt es keine Dörfer mehr bort, und die Hauptstadt Tiberias ist ein Schutt- 5N Haufen. Welche Thätigkeit, welcher Handel und Wandel war früher an diesem See, deffen Mischer zuerst der ^ehre Iesns folgten, Jetzt sieht man nur selten ein kleines Stück Feld an-gesäet, und anf den Aeckern der Stadt trieb eine Cavallerieab-theilnng die Pferde zur Weide, als Folge der Erpropriationsan-sichten Mehemed Ali's. Wir waren nach Tiberias gewiesen, nm bestimmtere Nachrichten über die Pest nnd Revolution in der Gegend von Da-maskns zu erfahren. Nachdem wir lange in den Ruinen und am See herumgestiegen waren, fanden wir einen jungen Hebräer, der Fran , Kind und Hans durch das Erdbeben verloren hatte, nnd uns ricth nicht nach Damaskus zn gehen, da diese Straße sehr unsicher, die Pest im Hauran, und Damaskus ringsum durch Quarantänen abgesperrt sev. Dieß war nicht geeignet unsere Verlegenheit zu verringern, da ich aber erklärte mich lieber von meinen braven Gefährten lrennen zu wollen als auf Damaskus zu verzichten, so entschlossen sie sich das Wagestück zn unternehmen, und wir ritten nach dem eine Viertelstunde von der Stadt entfernten Bad Tiberias. Dieser Badetiösk Ibrahim Pascha's ist der reizendste Wasserplatz den ich im Orient gesehen. Erver-einigt mehrere gutgefaßte heiße Quellen in einem großen runden Mannorbassin, in welchem hundert Personen zugleich baden können. M ist das größte eleganteste Communbad das ich kenne, Treppen, Parquet, Säulen, Wände, Kuppel, alles von weißem Marmor, Nach der See zu, wovon der Kiosk nur wenige Schritte entfernt ist, enthält er einen räumlichen Salon, worin wir unser Nachtquartier aufschlugen, mit Vorzimmer auf der Eingangs-snte für die Diener, und Marmorbadwanne und Divan auf der andern. Die Quelle ist Eisen, Schwefel und Bittersalz, und der Dunst der dem See zulaufenden Wasser steigt ringsum und noch aus dem Scewasser empor. (5ine gute Strecke über diese Quellen-aquäducte hinaus finden sich die Neste der alten Stadtmauern, wie auch anf dem Wege dahin Tenipelspuren uud viele Granitsänlen als Beweis dienen daß die Ausdehnung der Stadt TiberiaS sehr betrachtlich war. Das Thal ist schmal, die Berge gehen beinahe bis ans Wasser, und enthalten eine Menge Grotten, Wohnungen der zahlreichen Besessenen, deren Jesus so viele zu heilen hatte. Die Wölbungen der sich über dem Bade übereinander erhebenden grünen Hügel sind so schön, und ihre Gestaltung so sonderbar, daß ich mich nur aus der Schweif ähnlich« Landschaften erinnere, wie dem, überhaupt ganz (^aliläa mit seinen reißen Hintergebirgen auffallend an jenes 5,'and erinnert. Den wahren Schiveizercharatter brückt aber diesem Vilbc der mächtige Berg Hermon, je^t Dschebel Scheikh genannt, auf, der König des Antilibauous, nnd eben jetzt ga«; mit Eic^ nnd Schnee brdeckt. Tiberias muß in der frühern Zeit sehr fest gewesen seyn, wie aber der tapfere Daher die Vela^ gerung von achtzigtauseud Mann darin abschlagen konnte, ist bei seiner tiefen, beherrschten ^age schwer z» begreifen. Das Badhaus war umringt mit einigen Hunden armenischen Pilger», welche campirten. nnd in dieser Nacht sich eben nicht sehr christlich zu dem Gange nach dem heiligen l^rabe vorbereiteten. Sie rauften sich nn, den l^nusi des Vadcs, in welchem sie, scheint es, alle die ganze stacht sitzen bleiben wollten. Da dies» nicht anging, prü« gelten sie sich ans eine so barbarische Art, das, viele Verwundete ihr Klagegeschrei hören ließen. Des andern Morgens zogen wir an» See fort zum verfallenen Dorfe Magdala, wo die Büßerin Magdalena herstammen soll. Der Weg dahin ist reibend, als wir aber in die stbene kamen die nach Geuezareth hinüberführt, fanden wir sie ganz überschwemmt, und nut dein See eine Wasser^ masse bildend. Diese Passage war schwierig und mußte halbschwimmend zurückgelegt werden, wobei die Strömung der Berg? gewasser oft Pferde umriß. Die Stelle, wo Oeiiezareth lag, wird nur noch durch einen alten .«han und MühOn bezeichnet, doch vermuthlich lag dic Stadt auf dein svitzen Vera., der sich in den See vorschiebt, und den ganzen Ein- und Ausfluß des Jordans überblickt. (?o ist die schönste Lage am See. gegenüber Kaper^ naum und dem alten Julias. 'Alles nimmt hier wieder einen sterileu Charakter au, nichts ist mehr angebaut, und mau steigt drei Stunden lang einen der unwegsamsten Felseilberge hinan, die in Syrien zu finden sind. Auf alleu Hohen genießt »,cm stufenweise eine freiere Fernsicht über den See, und auf der obersten Spihe gelangt man auf eine» großartigen aber verlassenen .>tba», eiuen der vielen Veweise wie bedeutend sonst diese Straße war, und wie ieht alles in» ^'ande zu Grunde geht. Hier sal' ich dru dritten, aber geschichtlich wahrscheinlichsten Cl-sternenbruuuen, wo?>osepb versenkt worden seyn soll. Wir fcm^ den bei unserm dort eingenommenen Mittagbrode sein Wasser noch sehr trinkbar, obschou wir es inübsam herausbrachten. Die 4» 52 Stadt Safed, eine der vier heiligen Städte der Juden, hängt malerisch zur Linken auf einer Felsenkuppe, die bisherigen Felsen-weqe verwandelten sich aber in ein wahres Sumpfmeer, das sich über die Abhänge des Gebirges fortzieht. Dieß ist der ewige beschwerliche Wechsel der syrischen Straße». Neue Pilgerschaaren und Mnktars, die wegen der Quarantäne in Damaskus nicht dahin zu gehen wagten, besonders aber ein Regierungsbeamter, der aus demselben Grunde umkehrte, alles bestätigte die Mißlichkeit der wir entgegengingen, Damaskus war abgesperrt, und eine zwanzigtägige Gefangenschaft stand uns bevor. Wir setzten unsern Weg fort. Zu dem schneebedeckten Hermon gesellt sich nun das prächtige, ebenfalls in die Farbe des Winters gehüllte Drusen gebirg, und der tief unten in engem Vctt strömende Jordan brauste uns schon von weitem gleich einem Wasserfalle entgegen. Von diesen Höhen gewahrt man zuerst den kleinen See Merom, durch den er stießt, und steigt dann steil hinab zu der soliden steinernen Jakobsbrücke, durch deren zwei gewölbte Joche sich der heilige Strom mit Heftigkeit drängt. Jenseits ist ein ruinirter Khan, diesseits cinigc armselige Hütten, und das kleine Lager einer durchmarschirenden Reiterei. Hier nahmen alle andern Karawanenzüge den weiten Weg über den Antilibanon, in der Hoffnung die Quarantäne zu vermeiden 5, wir blieben aber unserm Vorsatze getreu, die gerade Straße durch Syrien beizubehalten. Etwas Fatalist wird man leicht im Orient. Unser Zelt wurde nahe am rechten Iordanuser, unfern der Brücke, im reizenden Thale aufgeschlagen, das sich nach dem kleinen See hinzieht, eine ganz idyllische Schweizerscenerie. Allein hier sollte auch ich an Wunder glauben lernen. (5ö ging scharse kalte Ostluft, und durch die häufigen Temperaturwechfel und nasses Wetter litt ich schon länger an Halsschmerzcn, die sich hier zu einer Entzündung steigerten. Ich verlebte die Nacht in beständigen Erstickungsanfälle»', von Arzt oder sonstiger Hülfe war hier begreiflich keine Ncde und ich war darauf gefaßt hier liegen bleiben zu müssen. Wie ich aber in dieser schlaflosen Nacht dem Brausen des Jordans zuHorte, erwachte mein hydro-pathischer Glaube, und ich übergab ihm mcine Cur. Sein Wasser ist kalt wie Eis; ich schleppte mich hinans und trank es und gurgelte mich von Mitternacht bis zn Sonnenaufgang mit die- 53 sem einfachen Flnidum so anhaltend und rechtgläubig baß ich Morgens die Schmerzen gemildert nnd im Laufe des Tages ganz gehoben fand. Habe ich nun nicht das Recht an Wundercuren zu glauben? Nie erschienen unsere Nachtgefährten, die Schakals, frecher, wie hier, und weder die Helle des Mondes, noch unsere Anwesenheit hielt fke ab nnter Geheul die ganze Nacht an Kamel' cadavern zu speisen, die auf unserm Lagerplätze lagen. Um sie für diese Ungebühr zu bestrasen, gingen ihnen meine Gefährten mit Tagesanbruch ans den Leib, uud der junge Franzose war so glücklich einen der stärkste» zu erschienen, dessen Schweif als Siegestrophäe mitgenommen wurde. Wie man die Vrücke passirt, scheint sich der Traum Jakobs, der ihr den Namen gcgsben , zu bewähren, denn eine wahre Himmelsleiter von uraltem zerbröctoltem Steinpflaster zichr sich über stundeuhohe fast steilabhängige Verge hinauf, an denen wir zwar keine l^ugel, aber wohl ein Rudel Wildschweine gerade und unbekümmert vor uns vorbeiziehen sahen, die nur dem Zufall daß Niemand schußrecht war, ihre Rettung verdankten. Der Weg verliert hier alle Spur, und so geschah es mir daß ich mich ganz von der Gesellschaft trennte, und nur nach längerer Zeit einen meiner Gefährten traf, der zu Fuß war uub sich ebenfalls verirrt hatte. Wir wechselten mit dem einen Pferde das wir hatten, uud brachten den ganzen Tag mit Suchen und Fasten zu, beides in diesem Lande nicht ganz angenehm. Nachdem wir durch einen großen Vichsmvald gezogen, gelangten wir auf die Höhen, die zwischen den alles überragenden Pies von Khanzyr und Abu Nedy durchführen, und kamen auf den Al^ hangen dcS Hirschberges zu den Ruinen der Stadt Phiala. Wenn man von diesem Verge herabsteigt, öffnet sich ein unübersehbares zauberhaftes Thal zur Rechteu, die reiche aber jetzt verwaiste Ebene von Ituräa, jetzt verlassen nnd versumpft, links die ganze Schneekette des Antilibanon, ein Anblick, der für alle Entbehrungen entschädigt. Dieser Weg beträgt acht Stunden und ist sehr schlecht. Kanneytra ist von eingefallenen Mauern umgeben, eine Vauart/ die von hier an bei allen Dörfern angetroffen wird. Wir spannten unser Zelt auf einer Höhe nahe beim Orte auf, und erfuhren daß die drohende Quarantäne uns bereits einen Tagmarsch diesseits Damaskus erwarte. Nachts lullten uns die Schakals in den wohlverdienten Schlaf. 54 Diese Nacht war die kälteste die ich den ganzen Winter getroffen, und das ttiö setzte sich au die Ränder des benachbarten Vaches. Wenn man in Serien sich «ach der Vescdaf-scnheit des Wegeo erkundigt, so erhält man stels de» Bescheid du»«» »ti.-lti.i, obschon sie zuweilen znin Veinbrechen ist. Heute aber hieß es (<>l>ivil ^li.xl«, ja sogar eilt «!.>ltlv»»!,!»»» ließ sich vernehmen, und nir wußten nun lva6 wir zu erwarten hatten, obschon ich von solchen Marterwegen, unbeachtet aller vorausgegangeneil Prüfungsschulen, nur keine Vorstellung machen konnte. Tie ^beue, die so verführerisch sich v»u oben angesehen hatte, verbarg die Schlange nnter den Rosen, und es begann sogleich eine Snnipfpassagc von zwei Stunden, die alic Pferde fast zum Versinken brachte, und bei welcher der Franzose so kopfüber in ein Vock» stürbe daß wir Mann und Pferd einige Zeit nicht mehr beraussiudeu konnten. In diesen, Schlamm-oberklridc mußte der Arme dic Hagreise vollenden. 'Aus der Höhe kam eine kurze Pause etwas bessern Weges, der durch einen Eichenwald führt, aber leine deutschen, keine griechischen pichen und weit aus einander stehend. Allein nun fing eine Strecke von füns Stnuden an, die gewiß zu den furchtbarsten der Erde gehört, und welche, in Folge der starten Ueberschwemmung noch schlechter geworden war. Die Straßen von Palästina sind wahres Parallel dagegen. Der Boden scheint ein vnleanischcs Aggregat zu sevu. Zwei Nömcrstraßeu ziehen diagonal durch, und beschämen noch in ihrem Verfall die unwürdige» Nachkommen. Auch auf dieser syrischen Straße waren lange Strecken gehauener Chaussee. Dnadern , ans dem Felsboden genommen der diese trostlose Gegend bedfckt, nnd mit ihm vermengt. Durch jahrhundertlange Verwahrlosung ist alles in den Urzustand zurückgekehrt, und man glanbl in den Umgebungen eines feuerspeienden Verges zu wandeln, sis paßt kein Stciu mehr an den andern, und die Klüfte welche dadurch erzeugt wurden, stub so tief daß die Pferde liber die Knie ja bis an die Brust hinab-treten. Tas Wasser hatte alle leereu Räume dnrchdrungen, und die armen Thiere muhten sich vergebens ab sichern Tritt auf den glatten gehauenen Steinen oder auf den schneidenden Naturklippen ;u finden. Auch stürzte eines um das andere, und sic wurdeu am (^ndc eben w oerzagt, als erschürft, da st, kümmerte uns dieß wenig, denn die Furcht vor den Quarantänen ist weit größer als vor der Krankheit selbst. Wir folgten unserm Schutzengel, lng biö z»m Magischen, ivie sie w'ohl nur selten ein menschliches Auge erblicken wirb. Sie danerte noch als wir langsam in das Tl)al hinabstiegen, um der Stadt selbst zuzureiten. Solche Momente sind selten im Vebcn, nnd dieser Tag einer der reichsten in dem mcinigcn. Nach zehntägigem Nitte dnrch die schwarzfelsigen Pfade des Tartarus, welche ,»an vor einigen Monaten »nr »nter starrer Ve-deckung pasfiren tonnte, nachdem wir glücklich der Quarantäne entronnen, traten wir in ein irdisches Paradies, und vergessen war bei seinem Erblicken schon jede überstandene Mühe. Was sind doch die Genüsse und alle Güter der Welt, wenn man sie nicht mnhsam erringt? Nnr der Neisende empfindet solche Genüsse', wer stets zu Hansc sitzt, fühlt nur die ^'ast des ewigen Einerlei, des Alltäglichen, dieser größten Geißel auf (5rden. In wahrhaft feierlicher Stimmung, dxrch dankbare Rührung gehoben, näherten wir uns den, schönen Ziel unserer Reise. Nachdem wir das mitten im Olivenwalbe gelegene Dörfchen passirt, deren so viele in den herrlichen Hainen um die reizende Stadt herum versteckt liegen, ritten wir dnrck einen Vegräbnißplatz, und traten gleich darauf durch ein m> sich unbedeutendes Thor in eine sehr breite Straße, welche anderthalb Stunden lang die gan?e Stadt durchzieht, und hierdurch schon vom gewöhnten oriental«« 60 scheu Charakter abdeicht. In der Mitte ist cin breites Quader-Pflaster, worauf drei Wage» sich ausweichen könnten, wenn es deren in Damaskus gäbe, zu beiden Seiten ziehen sich breite Fußsteige an den nicht endenden Kaufbudcn hiu. Man wandert in der Stadt dnrch mehrere Orabfelder nnd pafsirt zahlreiche Thore, die wie in Kairo bei Nacht die Stadttheile von einander abschließen, und ein natürliches Hindernis; gegen jede nächtliche Zusammenrottung bilden. Die Vudendächer, so wie die engeren Straßen sind gegen die Sonnenstrahlen mit einer Art Schindcldecke gleich Strohmatten überlegt, die Häuser aber fast durchgehend^ von nn-gebrannten Ziegeln und weißlich angeworfen, wodnrch die ganze Stadt aus der Ferne einen so hellen freundlichen Anstrich erhält. Selten sieht man die ersten Etagen ganz von Stein aufgeführt, wie in Kairo, das durch Solidität seiner Bauart einzig im Orient dasteht. In einem >.'aude wo Erdbeben au der Tagesordnung sind, wie in Syrien, dürfte der Grund, nicht massiv zu bauen, allein hierin zu suchen seyn, deuu au Steinen fehlt es hier nicht. Auffallend ist schou beim ersten Einritt die Vollständigkeit und Reinlichkeit des Anzuges aller Classen, wovon man in den Morgenländern sonst lein Psifpicl fiudet, Aüeo ist gut gekleidet bis zum kleinsten Kiude herab, Bettler sind eine Seltenheit, und zerlumpte oder nackte Menschen traf ich in Damaskus nie. Zwei Erscheinungen sind mir aber hier entgegengetreten, die auf den Reisenden in diesen Bändern einen angenehmen Eindruck machen. Damaskus besitzt nämlich die schönsten Kinder die ich je in einer große»» Stadt gefunden, vollwangige, gesnndfarbige, gescheidte Kinder, mit den reizendsten Gesichtchen, die gutmüthig muthwilligen Knaben die kleinen Turbans so kokett, so schelmisch aufge« steckt, die Mädchen so zierlich, so niedlich, nnd dabei so natürlich, daß man sie auf den ersten Vlick liebgewinnen muß. Ferner hat Damaskus das Prärogativ, daß feine Frauen unverschleiert gehen, welches seit kurzem erst der Fall, da voriges Jahr eiue weitverzweigte Verschwörung entdeckt wurde, deren Thcilnehincr lange Zeit unter Frauenverkleidnng Waffen in die Stadt brachten, worauf der erzürnte Ibrahim den strengen Befehl erließ, daß kein Weib sich solle mehr verschleiert blicken lassen. Die Frauen haben hierdurch eben so viel wie die Freunde wahrer Schönheit gewonnen, denn schön sind die Damascenerinncn, wie wenige Frauen hie-nieden. St Die Menschen haben hier durchgehenbs so gute Gesichter, sie sahen uns so freundlich und aufmunternd an, als wir langsam anf unsern müden Pferden durch die langen Gassen hereinzogen, daß ich nicht begreife wie frühere Reisende solch' herzbrechende Geschichten von dem Grimm und der Intoleranz dieser Bevölkerung erzählen konnten, es müsite sich denn seit kurzem Vieles geändert haben. Das Machtwort eines Tyrannen, als den man hier Ibrahim Pascha bezeichnet, kann wohl offene Beleidigungen zurückschrecken, aber nie wohlwollende Gesinnungen gegcn Fremdlinge erwecken, die wir hier so unverkennbar, als ungezwungen, auf allen Gesichtszügen ausgedrückt fanden. Wenn man sich die Mühe glbt näher nachzuforschen, so wirb man die Ursache empfangener übler Begegnung in der Regel in den, Urbermuthe der Europäer selbst finden, denn nirgends ist man duldsamer und nachsichtiger wie im Orient, so lange nicht der Sitte oder Religion Hohn gesprochen wird. Nachdem wir über eine halbe Stunde fortgezogen waren, befanden wir uns vor dein lateinischen Convent, einem räumlichen hellen Kloster, wie es die Häuser hier im Innern alle sind. Die enge Gasse, die zur Klosterkirche führt, wurde vor einiger Zeit aus den Fonds der Terra santa mit hübschem Eteintrottoir belegt, und diente als Vorwand, eine Geldbuße von zehntausend Piaster» aufzulegen, da man nicht nm ^rlanbnisi zu dieser Neuerung nachgesucht hatte. Ich führe diesi Beispiel an, nnr eins unter Tausenden, welchen drückenden Neckereien die christlichen Institute hier unterliegen. Wir mußten mehrere Stunden auf den Superior warten, der ausgegangen war, und die Schlüssel zu den Zellen stets bei sich trägt. Endlich erhielten wir unsere bescheidenen Schlafkammern. Die drei spanischen inatres, die einzigen jetzt anwesenden, waren bei nnserm Abenddrod zugegen, unter spärlichem Lampenscheiu iu dein schwarzen hohen Refektorium, und die unselige Mvrdgeschichte des Pater Thomas, welche man den Juden beimisit, war der Gegcustaud unserer Unterhaltung, wie sie iu Damaskus selbst die Sprache der Unzufriedenheit über das Gouvernement für den Augenblick in den Hintergrund geschoben hat. Wir bedurften sehr der Rnhe, und waren alle übel zugerichtet, Verbrannt wie Araber, Hand«' und Gesicht aufgesprungen, zerlumpt au Stiefeln und Kleidern, so kamen uns die bevorstehenden Rasttage vortrefflich z» Statten, und ich zweifle 55 ob je ein Franciseanermönch besser w seiner Zelts geschlafen hat als ich in der meinigen. Damaskus ist eine der ältesten Städte der Velt, uild während das glänzende Palmyra längst in Trümmern darnicderliegt, nnd die stolze Antioehia spnrlvs von der Erdoberfläche verschu'un-dell ist, erheben die schönen Thürme und Kuppeln dieser ewigen Stadt noch herrlich ihre Häupter in den durchsichtigen Aether, und uur der jetzigen thörichten Verwaltung dieses Vandeö scheint es vorbehalteil den Untergang herbeizuführen, an welchem Jahrtausende srnchtlos gearbeitet haben. Die gütige Natur hat Damaskus mit all' ihrem Zauber nnd Segen umgeben, allein es ist llicht mehr das alte Damaskus das wir vor uns sehen, ob-schon es stets nach seinem Sturme stch schöner und blühender wieder erhoben hat. ^.ch war von Herzen froh mich einmal in einer Stadt von ganz altem Datum zu bcsindeu, die keine Alter? lhümer mehr ausweist, wo man nicht Tage lang eiuem geschwä-tzigeu (Cicerone nachrennen must, um die Stellen alle zu suchen ,ro einst etwas gestanden, uud jetzt nichts mehr steht, und wo ich ungebunden meiner Neigung folgen, uud nach Vust und Willkür ohne Gängelband herumschweifen dürfte. Damaskus bietet den Anblick eines nnermssilichen Dorfes, denn es zeigt in Veschauung seiner Straßen wenig was wir nicht in den umgebenden Ortschaften gesehen hätten. Nnansrhn-liche Häuser, von ungebrannter «rde gebaut, reihen sich in langen Gassen aneinander, vorspringende (^rker mit Holzgittern sind die einzige architektonische Zierde, und von Stein findet man selten anderes als die Grundlage und dir Fassung der Thüren. Wären die Moscheen, die Stadtmauern, die Khans uud Va^irs mchj, so könnte man die begeisterten Veinamen der „edlen" der „reizenden," welche ihr die Orientalen geben, gar »licht versieben, und ei» Fremder, der nicht Gelegenheit fand dav Innere der Häuser ^n besehen, wird stets eine ziemlich geringe Meinung von hier mitnehnlen. Hier aber entfaltet sich die gan^e orientalische Pracht, der lwchste .Vuruö nnd Komfort, den man im Morgenland? findet, nnd die (Geringschätzung, welche man beim äuslern Anblick der Wohnhäuser geschöpft, löst sich in Bewundernng auf, sobald man ihren kostbaren Inbalt kennen gelernt hat. Damaskus kommt mir vor wie ein Mensch von sehr wenig sinnehmenden Körper- 63 formen, dessen Seele und geistiges Bermögen aber entrücke»:, wenn sie sich uns erschließen. Die schönen Häuser muß man gewöhnlich in den Seitenstraßen suchen, und wie die ganze Stadt in abgeschlossene Theile sich scheidet, so sind die Wohnhäuser auch meistens durch einzelne Pforten geschützt, und aus dein so verwahrten Verstecke tritt man mittelst einer kleinen Oeffnung des Hausthoreo gewöhnlich durch einen Gang, oder auch durch hohe gewölbte stadtthorähnliche Hallen unmittelbar in das Heiligthum ein. in jenen offenen Raum, der Himmel und (^rde ;ur Verschönerung des Familien^ lebens vereinigt. Der Typus aller Häuser in Damaskns und Vagdad besteht in diesem räumlichen arabischen Hofe, der oben offen nnd von alls» vier Seiten dnrch die Wohnung selbst eingefaßt ist. Dieser Hof dient ;um Aufenthalte der Bewohner. ^l»n stmpsang nnd zum häuslichen Geschäftsverkehr. (5r ist mit edlem weißem Marmor belegt, der durch farbige Steine in schöner Zeichnung gleich einem Teppiche durchlogen und glänzend polirt ist. In der Mitte ist ein Marmorbassin mit springenden Fontänen, denn für den Bedarf des klarsten Wassers sorgen überreich acht Flüsse, die den (Eingeweiden de6 mächtigen Gebirgsnachbars entquellen, um der glücklichen Stadt beständige Fruchtbarkeit nnb Kuhle ;u spenden. Von diesem Marmorhofe führen Stnfen in eine sehr hohe, kühn in arabischen Spitzbogen gewölbte, gegen den Hof ;u gan; freie Halle, in welcher Divano mit reichen Kissen ringsumlaufen, Spiegel deu Goldplafond durchweben, und die zierlichsten Oelmalereien, Arabesken nnd Landschaftsbilder die Wände bedecken, Abbildungen der gewähltesten Bordüren der kostbarsten indischen Sl'awls ziehen rings um den offenen Hof als Manerbellridong, und offene "Arcaden führen in die Gemächer nach drei Seiten hin, Veichtc Säulen tragen die Galerien des obern Geschosses, zu welchem elegante leichte Treppen als bfqneme Verbindungswege von allen Punkten hinanffübren. Die ober» Zinnner sind für die Winterwohnung bestimmt, und deßhalb von ^rde, weil Stein ;u kühl wäre, nnd wieber andere Treppen leiten zu den obersten nnd freie» Terrassen des Hauses, die, mit Geländern umgeben, weite Blicke über Thal, Gebirg nnd Etadt gewähren, Dieß ist die Form drr kleinern und bei^ nabe aller auch nur Halbweg anständigen Hänser, die, obschon von außen iast Varracken ähnlich, im Innern allen Rei^ ara^ S4 bischer Originalität entfalten. Die größeren Wohnungen zeigen dieselbe in allen Verhältnissen, aber in weit erhöhtem Maaß-stabe. In dem verhältnißmäßig räumlicheren Hofe stehen Bassins, in denen man Schwimmunterricht nehmen könnte, Orangenbäume bilden Spaliere n»d Schattengänge, und fügen zu der reichen Pracht der frischen Malereien die Farbe ihrer goldenen Früchte. (Gegenüber dcr offenen Empfaugshalle erhebt sich »ine Marmorterrassc mit einem Springbrunnen, geziert mit den edelsten Blumen der Iahrszeit. Hinter dieser Terrasse führen Stufen von zwei Seiten durch reich vergoldete Flügelthüren zu einem geschlossenen Salon, dessen Glanz alles bisher besehene übertrifft, Alle? Täfelwerk, alle Wände sind mit der verschwenderischsten Farbenpracht ausgeschmückt, und mit Gold durchzogen, und rechts und links vom Cingange sind Estraden, worauf die ausgesuchteste» persische» Teppiche ausgebreitet sind, und die aufgeblähten Kissen von Sammet lind Seide zu schwelgerischer Ruhe einladen. Alabasterlampen, Marmorcandelaber nnd Bronzelustres verbreiten in diese» von Hold strotzenden Zaubcrhallen einen magischen Glanz, und auch aus diesem Mosaik-varket erheben sich wo möglich noch geschmackvollere Springgnelle», und verbreiten die köstlichste Kühle in den sehr hohen, doppelt-gewölbten Räumen. Mail denke sich z» diesem Äufwande der zierlichsten nnd geschmackvollsteil Architektur den Azur deS asiatischen Himmels, den Tust der Vlumcn und Pomeranzen, und man kann sich vielleicht eine Vorstellung von dem Wohlbehage» bilden, den ein solcher reizender Hauoraum den« Stillleben bilde» muß. Unsere Groszen ahmen gerne ausläudische Architektur nach, warum ist noch Niemanden eiugefallen sich ein reizendes Damasker Haus zu bauen, das allen Komfort in sich ^»-sinigl darbietet. Allein hier bewegen sich immer noch die Männer, hierher kommen alle Besuche, nnd der ganze Verkehr des äusiern Lebens, dem die Frauen fremd steheu, findet hier seine Stelle. Wenn man aber durch einen schmale», gehmuiiißvollen Gang schreitet, und in das Innerste des, profanen Auge» verschlossenen, Labyrinthes dringe» darf, so gelangt man in eine zweite Abtheilung des Hauses, welche zwischen vier hohen unübersteiglichen Mauern die weibliche Familie des Herrn einschließt. Nechts ist abermals ein offener, docli kleinerer Salon mit Marmor belegt, und mit Fon« länen nnb Freöcobilder» geschmückt, und auf den weichen Pol« K5 stern ringsum lagern sich die Frauen des Harems, und hauchen süße Liebeslieder beim schwermüthigen Klänge der Mandoline. Zu beiden Seiten dieser Marmorhatte befinden sich die warmen Väder, zur Linken aber sehen wir ein niedliches Hausgärtchen, mit den edelsten Blumen und Bäumen bepflanzt, und Ruhebänke in ihrem Schatten mn eine erquickende Fontäne gesetzt und mit frischen Sträuchern überdeckt. Die ganze jenseitige Breite dieses Gynäceums durchschneidet eine hohe offene Galeric mit Dach, von der man in den Garten herabsieht, und die zum Lustwandeln dient. Von dieser tritt man in die Gemächer der Frauen und in die innersten reizenden Mysterien des so wenig verstandenen, so wenig entschleierten orientalischen Familienlebens, dessen Bande oft und meistens fester geknüpft sind als die unseres überpolirten civilisirt verdorbenen Welttheiles. Unter den vielen Häusern, deren Eintritt mir hier gestattet wurde, konnte ich nur in einem bis zu diesem Sllnetuarium dringen, und da nur weil die ganze Familie, eben ans einer Neise begriffen, abwesend war. Nach allem was ich jedoch im Orient sah und kennenlernte, kann ich das Loos seiner Frauen nicht so sehr bedauern, wie mau ihnen dieß schuldig zu seyn glaubt, wenn es anders kein Unglück ist eine Freiheit entbehren zu müssen, deren Genusi man niemals schätzen gelernt hat, und die man daher auch nicht zu verlieren fürchten muß. Die günstigen Anspielen, unter welchen ich in die schöllen Häuser von Damaskus eingeführt wnrde, sicherten mir den zuvorkommendsten Empfang, unter denen mir der eines ehrwürdigen reichen türkischen Kaufherrn besonders eigenthümlich ersclnen. str empfing mich in einem prachtvollen Saale, worin die schönsten maurischen Neliefalabasterarbeiten in hohen Vogennischen angebracht waren. Boden uud Wände waren durchaus von Mosaik in den edelste» Zeichnungen von »reisten, schwarzen, gelben und rothen Marmorgattungt'n eingelegt, die Vordüren meistens von glänzexdpolirtcm Schiefer, und alles Schreinwert von den kostbarsten Holzarten, mit Marquetteriearbeiten und Speckstein oder Perlmutterverzierungen gesckmmckreicb verziert. Das Haus bestand aus zwei offenen Cortilcs, über denen offene schwebende Galerien herumliefen, Ich wurde vom Familienhaupt sogleich auf reiche Kissen eingeladen, von denen man gar nicht mehr anfstehen mag wenn man ihre elastische Annehmlichkeit einmal empfunden bcn, allc Anwesenden lagerten sich im Kreist um uns, und geschäftige Morgenland unt Abendland, ll. 2te Aufl. 5 1S6 Negerdiener eilten mit dem Rauchapparate herbei. Dieser besteht aber in Syrien nicht mehr in dem langen türkischen Tschi' buk, sondern im persischen Nargylö, hcr Wasserpfeife. In einer großen silbernen Capsel befindet sich eine nut Wasser gefüllte Kokusschale, aus welcher ein Cylinder emporsteigt, ans dessen oberer Höhlung der starkangefeuchtete gelbe Tabak «us Bagdav, und über diesem eine durchgeglühte runde Kohlenpaste liegt Eine zweite Röhre entsteigt der Eapsel, nnd aus ihrem silbernen Mundstücke zieht man dcn Rauch, der durch seinen Gang durch das Wasser die Kraft des sonst zu starken Tabaks mildert oder bricht, so daß man den gangen Tag Nargyl« rauchen kann, ohne die Vrust anzustrengen. Eine andere Weise das Nargyl«'> zu rauchen, ist zweckmäßig zum Schreiben eingerichtet. Das Nargyli,- steht sodann auf einem Gestelle mitten im Zimmer, und man zieht dcn Rauch durch ein langes elastisches Rohr an sich, das gleich einer Schlange sich am Boden fortringelt. Diese Operation will sehr gewöhnt seyn, da man scheinbar dazu mehr Athem bedarf als bei der gewöhnlichen Pfeife', ist dieß aber einmal geschehen, dann zieht man sie dieser gewiß vor. Alles raucht hier, selbst zu Pferde, das Nargyl«, und im Hause des Türken, wovon ich eben spreche, sah ich in einem fernen offenstehenden Gemache die Frauen des Hauses dicke Wolken von sich blasen, während sie die Fremdlinge neugierig nnd verstohlen mu-sterten. Hierbei werden nun stets Erfrischungen gereicht. Zuerst bringt ein Diener auf kleinen silbernen Teller» das vortrefflichste Eingemachte von Melonen, Quitten oder andern Früchten, wobei nur ein silberner Löffel liegt, mit dem jeder Anwesende in der Reihe ein Stück abißt. Hieraus wirb Kaffee gereicht und zuletzt der unübertreffliche Scherbet. Die Damaöker scheinen große Verehrer von Süßigkeiten zu seyn, nnd nichts fördert ihre Neigung mehr als die überreichen Obstpftauzuugen, welche sie gleich Vorstädten umringen. Zahllose Vuden finden sich in allen Straßen, wo Compots der feinsten Art gereicht werde». Vorne nach der Gasse zu stehen große offene Gesäße von getriebener damascirter Arbeit, die mit den verschiedensten süßen Flüssigkeiten angefüllt sind, und höchst einladend aussehen. Andere sind bereits in Portionen getheilt, uud es ist beinahe keine Farbennüance, die hier nicht in Süßigkeiten repräsentirt wäre. Wir traten gar oft in derlci Zuckerbuden ein, nm nns von den ermüdenden Märschen in und um Damaskus zu starren. Im Innern sind zu beiden Seiten Väute, S7 auf denen man den köstlichen Imbiß einnimmt, und im tief« sten offenstehenden Raume werden diese Leckergerichte auf eine so appetitliche Art bereitet, daß man durch Zuschauen seine Lust stets mehr gereizt findet. Von Magenverdcrben ist hier keine Rede, und von der beispiellosen Wohlfeilheit, die in allen Zweigen in dieser Stadt herrscht, kann man sich kaum eine Idee machen. So nahmen wir gewöhnlich fünf große Becher vermischten Compots von Traubensyrup der köstlichsten Art, und zwar so reichlich daß wir mehrmals damit nicht zu (5»de tominen konnten. Wenn wir aber die Nude verließen, hatten wir alle zusammen einen Piaster, will sagen sechs Kreuzer zu bezahlen. Welcher nnserer (5onfituriers will es nachmachen? Tie Levantine»' bilden cine eigene Kaste im Orient, Sie stnd hie Nachkommen europäischen Stammes, der in den Morgenländern Fuß gefaßt, und zeichnen sich in Pera, Smyrna und Aleiandrien durch den abendländischen Frack und durch nicht immer gelungene Nachahmung abendländischer Sitte aus. In Damaskus durften sie bis jetzt noch nickt wagen sick durck die Kleidung bemerkbar zu machen, und dieß trägt besonders dazu bei daß der reiuasiatische Charakter dieser Stadt vorherrschend sich erhielt, Noch ist der schöne Turbau weder dem häßlichen Tarbusch, noch dem formlosen runden Hute gewichen, und nur in Farbe und Schnitt kaini das geübte Auge einen Unterschied der Seeten bemerken. Wenn die Levantineriunen von Smyrna die schönsten Frauen des Orients sind, so folgen ihnen ihre Schwestern zu Damaskus gewiß unmittelbar nach, und stehen ihnen in Eigenthümlichkeit und Anmuth vielleicht noch voran. Ich benutzte mehrere Regentage die uns in Damaskus trafen, um auch diesen Reiz der Stadt kennen zu lernen, uub ich kann mich nicht entsinnen ungezwungnere, natürlichere und fröhlichere Weiber gesehen zu haben, Ihre Tracht im Hause ist höchst reizend. Sie tragen herrliche Kopftücher von bunter Seide, gewöhnlich grün und roth durch» wirkt, in Schleife» herabhängend oder zur Seite gesteckt, und mit Brillanten. Gold uud Perleu untermengt. Die dichten Haare hänge» mit Seidcnflechten und Goldmünzen über den Rücken herab wie in Kairo, der hellblaue oder weiße Kaftan ist aber ganz mit reichen Gold- oder Silberstickereien übersäet uud mit den kostbarsten Velzen verbrämt Alle die ich kennen lernte, waren von dem freundlichsten Venehmen, ja so zuvor- kommend daß man beinahe in Verlegenheit gerathen konnte, woran wohl die Seltenheit Fremde zu sehen und das tiefeingeprägte Gastfreundschaftsgefühl Ursache sind. Alle auch denen ich vorgestellt wurde, darf ich schön nennen, denn meine Freunde hat« ten es sich zur Aufgabe gemacht mir nur das Vorzüglichste zu zeigen; allein eine unter ihnen rechne ich unter die seltensten Erscheinungen, die man nicht wieder vergißt, und welche ttntcr dcn sie umgebenden Schreckensbilderu doppeltes Interesse einflößen mußte. Es ist eine Jüdin und Gattin des unglücklichen Pic-ciotto, den ein so grausamer Verdacht gegenwärtig von ihr ferne hielt. Als wir in das Iudenquartier traten, fanden wir Trauer und Verzweiflung anf allen Gesichtern, und in dem Hause des Angeklagten selbst eine trübe aber vertrauensvolle Stimmung, die nur aus der Zuversicht eines guten Gewissens entspringen kann. Mutter und Tochter empfingen mich mit der Würde unverschuldeten Unglücks, und erzählten mir die beiden und Mißhandlungen, welche ihr Volk seit der schrecklichen Anklage des Chri-stcnmordcö zu erdulden habe. Ich suchte sie möglichst über die Zukunft zu beruhigen, und die junge, erst fünfzehnjährige Frau überließ sich sogleich den freundlichsten Hoffnungen, ja sie versprach sogar einen Vall zu geben, sobald die Unschuld ihres Mannes anerkannt sey, und da müsse ich zuerst mit ihr tanzen. Ich konnte mich einer Regung des Mitleids nicht enthalten, wie ich die liebliche Frau in kindlicher Unbefangenbeit Plane der Freude bilden sah, die bald einer traurigen Enttäuschung Raum geben sollten. Rabenschwarzes Haar siel in Ueberfülle der Herr« lichsteu Locken über das schöne leidende Gesicht herab, und die, wie ich noch nie gesehen, dichten Augenwimpern und Vrauen wurden nur von dem Diamantenfeucr zweier Augen verdunkelt, deren Strahlen schlaflose Nächte und tummervolle Zähren nicht im geringsten zu brechen vermocht hatten. Wie die Sonne durch Gewitternacht, so brach der Vlitz deö belebten Hoffens durch das feine blasse Antlitz, und gab ihm cinen Reiz der Schönheit, im Uebergange von Kummer zur Freude, das jedes Tyranneuherz erweicht hätte, nur nicht die Schergen des geld-unb blutdürstigen Ibrahim. Die Vazars von Damaskus, dieser Brennpunkt des orientalischen Lebens, sind die originellsten im Morgenlande, Sie ziehen sich in unendliche,, Verzweigungen bedeckter Passagen um «3 die schöne Moschee herum, die ehemals dem heil. Johannes zur Kirche gedient und die höchste der Stadt ist. Hier vereint sich religiöses und commereielles Bedürfniß, und während im groften Marmorhofe des Tempels die Gläubigen sich betend niederwerfen, ertönt vor seinen zehn ehernen Pforten der laute Verkehr des Marktes, und wie ülierall in diesem Lande wird auch hier die Stelle der Vibel veranschaulichet, wie Jesus die Käufer und Verkäufer aus dem Gotteshause treiben mußte. Diese Vazars haben vor allen denen die ich kenne den Vorzug daß sie alles zum Lebensgenuß und LcbensVerkehr Gehörende in sich fassen. In ihnen finden wir die herrlichen Khans, die Waarenhauser, die Vörfe, die Schlafstättc fremder Kaufherren, Douane, Bäder, Kaffeehäuser und klare frische O-uetten, wie aller Orteu in dem wasserreichen Damaskus. Die räumliche» Vazarstraßen durchkreuzn sich in deu mannichfaltigsten Vcrschlingungen, verlieren aber nie die Verbindung mit der großen Moschee, die sie umringen. Sie sind von Stein, nnd mit hölzernem Sprengdache, das in der Mitte Spitzjalousien enthält, gegen Sonne und Negen geschützt. Die Gassen der Kanfbuden sind zum Theil breiter als die zu Konstantinopel, nnl? nicht so mühsam zu durchwandern. Die Verkaufsplätzc sind in demselben Style, nur räumlicher, und die Kaufleute sitzen hinter und unter ihren aufgehängten Waaren, nicht wie bort vorn. Die (Gegenstände desDttailhandcls sind nicht so streng in Straßen geschieden, sondern jeder legt in seinem Laben a«S waS und wo er es will. Nnr die Schuhmacher vnb Goldschmiede machen eine Ausnahme, und während Hunderttausende von rothen Stiefeln und Schuhe» gleich abgesottenen Krebsen in endlosen Reihen'leuchten, treiben die Golbarbeiter ihr lustiges Handwerk in einer alten Kirche beisammen, wo jeder in einem kleinen Verschlage arbeitet und nebenbei modern antike Gemmen feilrnst. Von hier steigt man auf Treppen und gebrechlichen Leitern auf die Terrassen der Kirche, wo man ihre herrliche Fronte mit Kuppel in der Mitte und zwei Flügelthür-men übersieht, deren einer unverkennbar ein alter christlicher Glockcnlhurm, der andere aber ein Minaret im edelsten kühn-ausgehauenen Saracenenstyl ist. Merwärts sieht man noch Kreuz und Kelch auf Stein und Vronze. Der große Khan im Bazar ist der schönste den ich kenne. Das Portal ist von der Bauart der größten Moscheen in Kairo, M dcis Innere eine Rotunds mit Marmor belegt. Oben läuft ring«« um eine Galerie, hinter welcher die Comptoirs und Cassen der Kaufleute liegen. Die Kuppel gibt Licht von oben. — Eine freundliche Stelle ist die große Foniäne, an deren Fuß ein Kaffeehaus mit gemalten Säulen steht, und auf feiner Estrade zum Nargyle einladet, Gegenüber liegt das schöne Marmorbad, das durch seine allsnrordrntliche Neinlichteit, die Galerieräume für die ruhenden Badegäste lind die zweckmäßige Steigerung der Wärmegrade die besten der Hauvtstadl überbietet. Im vierten Zimmer, wo die Badenden nackt i» eillzelnen M,ter Trusen, Arabern, Beduinen, und die Gleichgültigkeit dieser Bevölkerung, besonders aber die Abwesenheit alles europäischen Elementes, stößt bald dieselbe Sorglosigkeit ein, der man sich im ^riein so bald und willig übcrläßi. Der glänzende Rahmeu, iu welchen die Natur Damaötns gefaßt hat, gibt jedem Gegenstände ein besonderes ^icht, und je weiter ich für mich selbst »achsuchtc, desto eigcuthümlicher trat mir sein Kaleidoskopgemalde entgegen. Wenn ich in deu hellen räumlichen Ärbeitöstuben der Seidenweberei nachspürte, deren solides Gespinnst größtentheilö mit Baumwolle geinengt ist, stieß ich auf die Kellergruft, wo Ananiaö den heil. Paulus an deu Augeu opcrirte nnd durch die uoch vorhalldciie Oeffnuug im Felsen entfloh. Bei dem Besuch der Gräber der Armenier und Maro-niten, die in gemauerten Gewölben und mit Steinen bedeckten Familiengruften liegen und von blühenden Obstwäldern eingefaßt sind, tam ich aus die Stelle, wo ein vermauertes Fenster in der Stadtmauer deu Platz bezeichnet wo Paulus herabgelassen wurde, und gegenüber das Grab des heil. Georg, der ihn als Wacht-(5om-mandant entrinnen ließ, und den Kopf dafür hingeben mußte. Ich folgte den Mauern der Stadt, die in ihrem Verfalle so malerische Bilder bieten, und gelangte zum Thore von Bagdad, mit 7l seinen hohen majestätischen Hallen, deren gewölbte Decken schauerliches Dämmerlicht erhalten, und durch welche man gerade zu einer bizarrem Moschee mit lazurgrünem, schimmernden, Minaret gelangt. Im Iubenquartier war Sabbath und eine große Zahl phantastisch gekleideter, reizender Brünetten wogte ans den Straßen vor der Synagoge und an dem Loche vorbei, wo die Knochen des Pater Thomas sollten gelegen haben. In der reichen Kirche der unirten Griechen war Gottesdienst, und ans den Fenstern der Galerien blitzten dunkle Augen hernieder. Die weibliche Schönheit in dieser Stadt setzt bei jedem Schritte in Erstaunen. Damaskus ist bnrchgehends gepflastert, und seine umgebenden Spaziergänge in ziemlich gutem Zustande, Es ist die einzige Stadt im Oricut die viele Bäume hat, und diese bilden einen ringsumlaufcndenPark. Jetzt gerade, wo die Fruchtbäume in der schönsten Blüthe standen, boten die verschiedenen Farben dieser Blüthen einen zauberischen Anblick dar, besonders die Rosa-Mandel und die weißen Damascener Pflaumen, deren Duft überall hin-dringt. Von allen Seiten strömen die reinsten Flüsse durch und um die Stadt, und die unterirdische Varrada, der sogenannte Golbfluß, tränkt alle künstlichen Springquellen und die öffem-lichen Brunnen. In den Nachmittagstunden wogt ein Menschengewühl außer den Ringmauern, und ganze Züge schneeweißer Frauen bewegen sich unter den Alleen, während stattliche Reiter auf schnaubenden Nedschiö das bewegliche Gemälde beleben, und kühne Dscherridwerfer die Kräfte ihrer herrlichen Rosse auf freien Platzen üben. Man findet viele Stellen, wo die Flüsse über Abhänge herabstürzen, und um solche, oft bedeutende, Cascadellen ziehen sich überall reizende Fußsteige und Brücken hin. Einen, der hübschesten Orte findet man aber vor dem Thore des Heils, da wo man zn der Vorstadt Salahieh hingeht, Wie man aus demselben heraustritt, befindet man sich auf dem sonderbarsten Kasseeplatze der Welt, denn es ist tciu Haus, sondern ein über alte Mauern und Fclsstücke gelegter Vretterbodeu, der sich in mehreren Abtheilungen zwischen drei hier knapp umeinander herumstießende Gewässer vorschiebt. Neber die einfachen Säulen, welche sein offenes Dach stützen, sind frische Reiser als Decke ausgebreitet, eine uralte Sykomore legt sich vor der Spitze dieses originellen Caf^s quer über den Wassersturz des mittleren Va-ches, der durch Brücken mit den andern verbunden ist, und auS 72 einem alten mit Epheu überwachsenen, maurischen Vogen sein Wasser hervorströmt. Die nächsten Ulngebungen sind höchst malerisch, halb Ruinen, halb Wohnhäuser, aus welch' letzteren die Bewohner ganz bequem den silberklaren Trank in Eimern aus den vorübcrrauschendcn Quellen emporsehen. Tie einzelnen Theile dieses romantischen Plätzchens sind mit leichten Geländern eingefaßt, und Strohmatten ringsum ausgebreitet, auf denen ranchende Türken und schachspicleude Perser sich lagerten, während wir aus den kaum zlrölf Zoll hohen Stühlchen unsere langen Leiber mühsam nicderkauerten. Der herrliche Abend verging uns unter Nargyli-schinaucheil und freundlichein Geplauder, und als der blasse Mond hervortrat, nnd die orientalischen Campen sich entzündete», brauchte uian eben keiner erborgten Sentimentalität, um über den Zusammenfluß so vieler magischen Effecte in Entzücken zu gerathen. Wie wir endlich schieden, hatten wir alle zusammen für Kaffee uudNargylüs wieder nur einen Piaster zu bezahlen, ein wie es scheint stehender Preis, und gewiß die billigste Soir«'-e, die man an einem öffentlichen 5)rte hieniede» verleben kann. Als wir linv den bequemen O^uadertrottoirs des Convents näherten, bemerkten wir bereits ans der Ferne weiße Gestalten uns entgegenwallen, die sich stets vermehrten, und denen immer neue Gespenster ans der Kirche nachzusteigen schienen. (5s waren Christcnfrauen die dem Abendgottesdienstc beigewohnt hatten, und deren Erscheinung in Kleiduug und Stunde an den mysteriösen Gottesackeranfstand im „Robert" erinnerte. Der Mond übte seine volle Kraft, und ließ »ns die vielen schönen, edlen Züge, die blühenden, zarten Gesichter in wahrer Verklärung seines Lichtes sehen, Sie blieben alle stehen um die fremden Glaubensbrüder zu betrachten, und erst als wir dasselbe thaten, zogen sie sich langsam und züchtig zurück. Sie sind alle in weiße Gewänder und Schleier gehüllt, gleich den Türkinnen, und gehen eben so mühsam in der doppelten gelben Veschuhung. Allein auch sie sind, gleich diesen, in Tamaskus ohne Gesichtsmaske, und bedecken nur nach Belieben mit dem Ucbertuche, beim Anblicke von Männern, einen Theil des Antlitzes, wovon die Schöneren doch gern eine Ausnahme machen. Man scheint überhaupt in Syrien nicht so strenge in derVermummung und 73 nicht so bigott wie in Aegypien, denn auf dem Lande denken die Weiber kaum daran sich daö Gesicht zu verhüllen. Von Damaskus nach Palmyra reitet man in fünf Tagen. Seitdem Lady Esther Stanhope um fünfhundert Veutel von einem Bataillon begleitet, diesen Zug unternommen hatte, waren ihr mehrere Reisende ssefolgt, und bald gut, bald schlecht, meistens aber gar nicht durchgekommen, je nachdem die Beduinen der Wüste eben gelaunt waren. Das Vcste ist immer noch sich von ihnen selbst escortiren 5» lassen, obgleich sie ihre Verträge etwas sophistisch 5» interpretiren ansangen, und man jedenfalls Vranb-schatzungen aller Art von ihnen auszustehen hat. Das neueste Beispiel zweier Reisenden hatte aber die Regierung bestimmt Niemanden mehr Erlaubniß zu dieser Excursion zu geben. Graf Civrac und Hr. v, Beaufort hatten es nämlich auf die bloße Zusage des Scheikhs des letzten Ortes Korryzi» hin gewagt, unter seiner Begleitung den verhängnisvollen Zug zu unternehmen. Sey es mm Vcrrätherei oder Zufall, sie wurden, ehe sie ihr Ziel erreicht, von einer Beduiuenhorbe überfallen, und kamen in der traurigsten Verfassung, rein ausgeplündert, der eine verwundet, der andere gauz uaclt, nach Damaskus zurück, wo wir knrz nach ihnen eintrafen. siiuc kleine Gesellschaft Engländer, die sich iu Damaskus befanden, bewog uno diesen Zug mit ihnen zu unternehmen. Sie fandeu gerade iu der Aventure der beiden französischen Edelleute den höchsten Reiz, und wollten gerne auch in den Zeitungen paradireu, da sie sich überzeugt hielten das Nuteruehmen durchzuführen. So wird das Reifen am ftnde eine wahre Ostentations-fache, uud die abenlcuerlicheu Mane die sie mir vorlegten, als Beduinen maokirt ^u reisen, geborten gewisi zu den wenigst rath-sauien, und wurden auch balv verworseu. Meine bisherigen Gefährten rietben mir ab mich nicht in diese Expedition einzulassen, aus welcher man wahrscheinlich wieder «n ^»,0 rlimniz« zurückkehren werde. Die Vernunft und meine eigene Ueberzeugung waren auf ihrer Seite, allein die längstgehegte Neigung, jene geheimnißvolle Ruinenstadt zu fehen, siegte über alle Vedenklich-keiten, besonders da ich mich in der Verfassung befand daß an mir nichts mehr zu rauben war. Das Haupthinderniß lag jedoch im Gouverneur selbst, denn dieser wollte sich gleich bei der ersten Anfrage nur unter der Bedingung zu der Reise-Erlaubniß vcr- 74 stehen, wenn wir hundert Mann Escorte mitnähmen. Ich war persönlich an Sheriff Pascha und Vahari) Vey empfohlen, und von diesen heiteren Männern höchst freundlich empfangen worden. Auch fand ich durch sie allen möglichen Vorschub während meines Aufenthaltes in der Chalifenstabt, nur wollten sie mich durchaus nicht nach Palmyra spediren. Endlich drang ich durch, wir hatten auf dreißig Mann Begleitung herabgehandelt, uub es wurde zu dem Obersten hinausgeschickt, dessen Regiment zwei Tagmärschc entfernt auf Grasung stund, um die verlangten Reiter hereinzuschicken. Allein sey es nun dasi der Oberst sich dem Vefehl nicht fügte, oder baß die Ordre nicht gegeben war, die Cavallerie kam immer nicht, und wir schwebten in beständiger Ungewißheit. Turch dieses Warten wurde viel Zeit verloren, und als wir eines TageS spat von einer weiten Partie heimkehrten. fanden wir den braven Doctor unser warten, der ;um zweitenmale als unser Retter erschien. (5s erklärte, wir müstten sogleich fort, da die Peft stets stärkere Fortschritte mache, und täglich gegen zwanzig Menschen, besonders in der Garnison, hinraffe. Ohne Zweifel würben die Küstenstädte sich nun auch zu Lande absperren, und wir ristirtcn dort zwanzig und in Guropa dreißig Tage Quarantäne halten zu müssen. Diesi bestimmte unsern Eutschlusi, und wir reisten des andern Morgens ab. Ist der Anblick von Damaskus bezaubernd v>on den Höhen des Hauran aus gesehen, so verdient es wahrlich dcu ihm beigelegten Namen des „irdischen Paradieses/' wenn man es von den Vergkantcn des Antilibanon übersieht. Wir ritten in fast wehmüthiger Stimmung durch die so liebgewonnene Stadt hin, und begegneten aus dem Wege nach Salahieh mehrere»« hundert Frauen die ihrÄlargyll!schmauchten, Mastir kauten und fröhlich zusammcn-plaudertcn. Alles ist besonders in dieser sonderbaren Stadt, und in diesem Theil derselben ein unglaublicher Verkehr. Je höher man hinter Salahieh emporsteigt, desto öder werden die Felsen, desto steiler der Pfad. Eine ganze O'aleric von Santongrabern zieht sich, größtentheils in malerischen Ruinen, als Einfassung um das Mittelgebirge herum, und auf der höchsten Spitze, von welcher der Weg in den ^'ibanus hineinfuhrt, steht der heilige Siegesbogen mit seiner unvergleichlichen ÄnSsicht. Ein Frühlingsnebel hatte das große Gemälde bis jetzt unsern Vlicken entzogen, allein er senkte sich zur Erde nieder in dem Maaße wie wir von 7» ihr aufstiegen, «nb als wir jene Spitze erreicht, zog nur ein dun« ner Flor noch über das Thal, der jede Minute mehr den asiatischen Sonnenstrahlen welchen mußte, bis die weite Ebene mit den sie ringsum begrenzenden Hügeln nnd das prachtvolle Damaskus mit seinen weißen Moscheen und Minarets vor uns ausgebreitet lagen. Zn unsern Füßen rauschte die lebenspendende Ghrysorrhöa zwischen Fclscnspaltcn hervor, nnd sendete ihre drei Söhne in und um die herrliche Stadt, stur die Götter selbst aber konnten sich solch' einen Strauß von Blüthen binden, wie hier Millionen Obstbäumc in entzückendem Aroma ans der reizendsten Tiefe heraushusteten. Ner je auf dem hohen einsamen Camaldulcnscrkloster das Gc-sumse derMenschenwogen zu Neapel belauscht, kann sich auf diesen Höhen dahin zurückversetzt wähnen, so dringt das Getöse der belebten Straßen von Damaskus zu diesen stillen Bergen herauf. Tie Bilder sind ganz verschieden, allein beide sind einzig und unerreicht in der Schönheit des Naturreizes und in der Fülle scenischer Pracht. 8. Ghristenmord in Damaskus. Am 5 Februar 1840 verschwand zu Damaskus Dater Thomas, ein Capucinermönch aus Sardinien, welcher bereits seit dreiundbreißig Jahren medicinischc Praris in Damaskus trieb, und besonders als impfender Arzt bei Groß und Klein in der ganzen Stadt wohlbekannt war. Vr hatte sich ein Vermögen gesammelt, daö die Regel seiner OrdensdiscipUn wohl übersteigen mochte, ihn jedoch nichts weniger als freigebig stimmte. Seine Sprache war sehr frei und schonungslos, sein Vetragcn etwas keck und anmaßend, und sein Wissen gering. Sein Geld und die Klosterhabe wurden unberührt gefunden. Zugleich mit ihm vermißie man seinen jungen kräftigen Diener und beständigen Begleiter. Die Sache machte Aufsehen, und der französische Consul hielt es für seine Pflicht die Untersuchung in dieser Angelegenheit einzuleiten, da Frankreich die erste Autorität der Terra santa ist, und Schutz uud Schirmherrschaft über ihre sämmtlichen Filiale ausübt. Mehrere Israelite,, gaben an daß sie Pater Thomas in ihr Quartier haben gehen sehen, keiner aber konnte angeben daß er wieder herausgegangen wäre, und Niemand fand sich der ihn am Tage seines Verschwindens an einem andern Orte gesehen hätte. Dieß genügte um den Verdacht zu gründen daß die beiden Individuen in dem Stadtviertel der Hebräer ermordet worden seyen, und nach dieser Annahme unterließ man jede anderweitige Nachforschung. Der französische Consul forderte nun vom Schcriff Pascha, dem Gouverneur von Syrien, daß man jedes Mittel zur Entdeckung der Mörder zu seiner Verfügung stellen solle, und reclamirte vom österreichischen Consulate das Recht, Nachslichungen bei den Hebräern anzustellen, welche Unterthanen dieses Staates wären; beides wurde bewilliget, uub man begann mit (5ifer daß Geschäft. 77 Mittlerweile bot ein gemeiner Türke, Namens Mohammed el Telli, welcher wegen Staatsschulden im Gefängniß saß, dem französischen Consul seine Dienste an, und versprach die Entdeckung der Mörder für seine Freisprechung, Er wurde auf Verwendung der Haft eutlasfeu, und man verfolgte jedes von ihm angegebene Individuum. Alle von ihm bezeichneten Häuser wurden aufs strengste untersucht, und der französische Consul nahm diese Tomicilinspectionen in eigener Person mil einem Gefolge von Soldaten und Handwerkern und unter dem Zulauf des Straßenpöbels vor. llnler den ersten gesanglich Eingezogenen befand sich ein he-bräiscker Barbier, der sich in seinen Auösage» verwickelte und dadurch höchst verdächtig erschien, Er blieb jedoch standhaft in der Ve-lheuerung seiner Unkenntniß eines begangenen Mordes, und nachdem er drei Tage im französischen Consulate vergebens bestürmt wor-deu war die Wahrheit zu gestehen, lieferte man ihn dem Gouvernement aus. Weder Drohungen, noch das Versprechen dcr Unbestraftheit hatten irgend einen Eindruck auf ihn machen tonnen, und man schritt zu ernsteren Proceduren. Er wurde zweimal nacheinander heftig gepeitscht, und sodann die Tortur am Kopfe angelegt. In den Zwischenräumen dieses Gerichtsverfahren besuchte ihn brüderlicher Weife der obengenannte Türke el TeU» , dsffen eifrige Zuspräche ihn endlich verführte ein Geständnis abzulegen. Er bekannte nämlich am 5 Februar in der Abendstunde durch den Diener des David Arari in dessen Haus gerufen worden Hu seyn, wo er diesen mit sechs anderen namhaften israelitische» Kaufherren antraf, die ihn aufforderten den Pater Thomas zu ermorden, der gebunden nnd mit verstopftem Munde in einer Ecke des Zimmers lehnte. Nachdem er aber als rechtschaffener Mann diese furchtbare Zumuthung mit Abscheu von sich gewiesen, hätten ihn dis Anwesenden entlassen, indem ste ihm sechshundert Piaster eingehändiget, und um Verschweigung des Gesehenen gebeten hätten. ^mN n- Dieser Aussage folgte die Verhaftung der sieben Kaufleute. Sie wurden iuquirirt, und als sie mit den heiligsten Schwü-ren ibre Unschuld betheuerten, empfingen sie Schläge, und wurden gezwungen eine alle Kräfte übersteigende Zeit hindurch stehend auszuhalten. Mittlerweile wurde auch der Diener des David 58 Arari arretirt, und erhielt anhaltende Hiebe, während man auf den schwarzblauen zerrissenen Leib kaltes Wasser goß, um die Schmerzen zu steigern. Die Folge war daß er die Aussage des Barbiers bestätigte, ihn auf Befehl seines Herrn herbeigeholt zu haben. Indessen genügte dieses Geständuiß nicht, und gedrängt von dem Zureden des schlauen Türken, von Drohungen neuer Vastonnaden und dem Versprechen der Straflosigkeit, erklärte er ferner daß die Angaben des Barbiers durchaus wahr seyen, er selbst aber, der Diener, den Pater Thomas umgebracht habe, auf Befehl der sieben Kaufleute, und unter Assistenz des Barbiers, Er habe sodann mit diesem den Leichnam zerhackt, die Knochen und Hirnschale gebrochen, und dieß alles in eine von der Wohnung des Verbrechens ferne Wasserleitung geworfen. Der Barbier warb nun abermals unter den gewöhnlichen Drohungen und Versprechungen zur Bestätigung der Aeußerungen des Dieners aufgefordert, wozu er sich auch verstund. Der französische Konsul begab sich unverzüglich nach der angezeigten Stelle, wo man wirklich, wie die Aussage lautete, einige Gebeine vorfand, unter welchen, nach ärztlicher Besichtigung, Menschen-knochen waren. Diese wurden ohne writers für die des Paters Fhomaö angenommen, und unter üblichen Grsequie» im Hospiz der Capuciner beigesetzt. Das Blut des Fratcrs war nach Aussage des Dieners in ein kupfernes Gefäß gesammelt, und für religiöse Zwecke iu Vou-teillen abgezogen worden. Dieß erweckte im Volke den alten Aberglauben daß die Juden zu Ostern Christenblut trinken, und man verbreitete das Gerücht daß der junge Hebräer Picciotto seinem Onkel, dem österreichischen Generalconsnl Picciotto in Aleppo, eine dieser Flaschen zugesendet habe. Die sieben Kaufleute wurden abermals vorgerufen, und bei Vorzeigung der Gebeine zum Geständmß ihrer Sckuld aufgefordert. Als sie aber fortfuhren ihre Unschuld zu betheuern, so schritt man zur Tortur. (5iner von ihnen wurde uuter andern Martern mehrere Stunde» hindurch in eiskaltem Wasser festgehalten, welches ihm so grausame Schmerzen erzeugte daß er dem Wunsche der Inquirenten Folge gab, und sich niit den Aussagen des Dieners und des Barbiers schuldig bekannte. Auch die übrigen sechse folgten diesem Beispiel, nachdem sie wiederholte Geißelungen mu der Hippopotamuspeitsche standhaft erduldet hatten. 79 Allein blest Entdeckungen genügten dem französischen Consul keineswegs, und er bot alles auf um das Mut selbst ausfindig zu machen, und dadurch ein Verbrechen zu enthüllen, groß genug um auf ewig den israelitischen Namen i» der ganzen ci-vilisirten Welt mit Schmach zu bedecken, Die sieben Kaufleute und ein Rabbiner wurden aufs neue baftonnirt um sie zum Gc-ständniß zu dringen, allein vergebens, slur einer unter ihnen trat, um ferneren Mißhandlungen zu entgehen, zum Islamismus über. Man entsagte daher vorläufig dem Versolg der Nnter-suchung wegen des Vlutes, und wendete sich wieder an den berüchtigten Diener des David Arari, dem es keine große Mühe kostete fernere Indicien zur Auffindung Schuldiger ^u geben, Nach vollbrachtem Morde sey er zu Mrad Farhi geschickt worden um ihn aufzufordern, nachdem man sich des Paters entlediget, auf gleiche Weise dessen Domestiken zu ermorden, Tiesen Auftrag habe er dem Farhi in Gegenwart des jungen Picciotto ausgerichtet. Am folgenden Tage sey Picciotto mit vier andern Israe-liten zu seinem Herrn gekommen, und hätte ihm angezeigt daß sie den Diener des Paters Thomas ebenfalls abgeschlacknei. Der französische Consul forderte die Gefangennehmung des Picciotto, der alö Sohn des früheren Generalconsuls in Aleppo in österreichischem Unterthanverbande steht. Picciotto wurde im österreichischen b'onslllargcbäude zu Haft gebracht, wies die ganze Anklage als ungegründet von sich, und bewies daß er zur Zeit der Missethat sich ferne von ihrem Schauplätze in Gesellschaft befunden, Nach einiger Zeit trat aber der anklagende Diener abermals auf, und erklärte daß er nach seinem eigenen Morder,-perimcnt am Pater Thomas sich in das Haus des Meir Farhi begeben habe, und daselbst Zeuge gewesen sey wie der Diener des Paters i)on sieben Individuen gebunden und ermordet worden, und baß unter diesen sich Pirciotto befunden habe, Man ging nun so weit an das österreichische Conslllat die Forderung zu stellen, den Picciotto als Rajah behandeln, ins Serail sperren, und nach ^aiine seiner Feinde behandeln zn lassen. Die Stellung des österreichischen Consuls wurde von hier an eine sehr schwierige, indem er Gouvernement, französisches Consulal und die gereizte Stimmung der christlichen und mohammedanischen Bevölkerung gegen sich hatte. Dcn Verträgen feines Staates mit der Pforte folgend, durfte er den angeklag- 80 ten Picciotto nicht ausliefern, und erklärte standhaft baß er in seiner Verwahrung bis zu Beendigung der gerichtlichen Untersuchung bleiben werde. Mau verschmähte nun kein Mittel um biescS ehrenhafte Vetragen in übles Licht zu stellen, welches um so leichter war als die allgemeine Meinung sich gegen die Juden gewendet hatte, und den österreichischen Consul gleichsam als Mit schuldigen anzusehen geneigt war. Sein Haus war umlagert von Spionen, um auszukundschaften wer dort aus- und einging, jeder Schritt, jede Handlung wurde verdächtigt, und das scheußliche Delationshanbwerk trat in vollem Zerrbilde hervor. Selbst das Unglück und Vlenb der Regierung vergaß man über diese»» traurigen Ereigmß, die commerciellen Verbindungen stockten, allen niedern Leidenschaftcu war der Eingang erschlossen, uud eiu Vertreter europäischer Civilisation überbot Türkeuhorden in gehässiger Verfolgung und Torturjustiz. Man begnügte sich nicht mehr mit den Denunciationen des famosen Telli, sondern nahm sogar ;n den Sech oder Negromanten Zuflucht, wodurch dem Parteihaß vollends der Zügel gelassen wurde, bis man die Ueberzeugung gewinnen mußte daß alle hierdurch verdächtigten Familieu dem angeschuldigten Verbrechen gänzlich fremd geblieben waren. Um jeden Weg zu benntzeu der zum gewünschten Ziele führen konnte, wnrden dreiundsechzig Israelitenkiuder im Alter von rier zu zehn Jahren den Armen ihrer Cltern entrissen und in hartes Gefängniß gesperrt, wo sie dreißig Tage verschlossen blie ben. Cin armer Knabe, welcher in aller Unschuld angab daß er den Pater Thomas nebst seinem Diener iu einer Straße außerlmlb des Iudenquartiers grsehl'n, wurde so furchtbar geschlagen daß er vierundzwanzig Stunden darauf seiucn Geist aufgab. Nachdem mau entdeckt z» haben glaubte daß der Mord an dem Diener des Pater Thomas im Hause des Meir Farhi voll bracht worden sey, so ließ der frauzösischc Cousul die I^asserlei tuug in der Nähe dieses Hauses ausbrechen, und saud zu seiner Satisfaction barin einen Haufen Gebeine, ein Stück Leber uno einen halben Schuh, welchen der Bruder des vermißten Famulus, wohl zu merken, nachdem er mindestens dreißig Tage mußte im Wasser gelegen haben, für deu seines Bruders erkannte. Sämmtliche Reliquien wurden in eine Kiste gelegt und nach der französischen Kanzlei gebracht, allein fatalerweise fand eü sich daß bci 81 genauerer Prüfung eines zuverlässigen Arztes jene Gebeine als Schafsknochen erklärt wurden. Nachdem die Haussuchungen bei den Juden glorreich, aber, fruchtlos beende: waren, wendete sich der Eifer des französischen Consuls zu den Wohnungen der Christen, welche unter vsterrei' chischem Schutze standen. So wurde das Haus eines respectable» österreichischen Kaufmanns, Namens Airub, Nachts überfallen, und unter dem Vorwande daß Juden dort verborgen seyen, ganz durchsucht. Die armen Frauen batteu keinen geringen Strecken, als der foudroyante Herr Conful mit zwanzig Regicrungsfbirren in ihre Schlafgemächer stürmte und, so sehr gegen die Sitte des Landes verstoßend, daß Sanctuarium der Frauen durchwühlte, Als alle dirse Vcrsnchc ohne Entdeckungen blieben, wurde die Frau eines der sieben Angesagten mit ihrem Kinde vor Gericht geführt, um den Aufenthalt ihres Gatten zu erfahren. Das Kind wurde baftonnirt, allein beim dreibundertsten Streiche brach der Mutter Muth und Herz, und sie gab den Verborgenen an. Dieser wurde ergriffen und bekannte sich. eingedenk des entsetzlichen Schicksals feiner Vorgänger, sogleich schuldig. Einige Zeit nach ihrem Geständnisse nahmen die siebenKauf-leute dasselbe wieder zurück, und wie man sie auch von neuem durch Tortur und Vastonnade zur Beichte zwingen wollte, so blieben sie doch standbaft iu ihrer Weigerung und Beschwörung ihrer Unschuld. Der französische Consul drang daher beim Gouverneur auf ihre Enthauptung, und dieser erpedirte einen Courier an den in Marasch stehenden Ibrahim Paseba, um Verhaltuugsbefeble einzuholen. Dicß war die ^age der Diuge als ich in Damaskus eintraf, wo eiue Aufregung herrschte, welche selbst die Schrecken der Pest und die Unzufriedenheit mit der Regierung in den Hintergrund schob. Der französische Consul mag die besten Absichten zu Cn<-hnUung des vermutheten Verbrechens gehabt haben, allein indem er die Gewaltmittel einer barbarischen Justiz hervorrief, verkannte er offenbar seine Mission als Repräsentant einer christlichen Macht, und vergab ihrer Würde durch die Verletzung des Consularvor-rechtes im Orient, indem er den Unterthan eines europäischen Staates von den Gerichten des Landes wollte aburtheilen lassen. Zwei von den sieben alten Kaufleuten hatten unter fortwährenden Torturen das Leben eingebüßt, die Verfolgung und Aufregung Morgenland >md Mcüdwid, II. 2>e 'Aufl. sj 83 gegen die Juden nahm täglich zu, und von einem gesetzlichen Verfahren konnte hier ohnehin keine Rede mehr seyn. Wie man den schändlichen el Telli und den Barbier straflos erklärt hatte, so lonnte jeder die infamsten Anklagen machen, ja sich selbst als Mitschuldigen darstellen, ohne für sich etwas befürchten zu müssen, da die Vorbedingung jedes Geständnisses, welches eine Anklage gegen die reichen Kaufleute enthielt, in Freisprechung des An-klägers bestand. Die Regierung hatte hierbei nichts im Auge als die Confiscation des jüdischen Vermögens; der französische Consul ließ sich zu den unbegreiflichsten Handlungen hinreißen, nm den glänzenden Namen eines Beschützers der Christenheil zu erringen, die ganze Rotte schlechten Gesindels aber fischte hier im Trüben, die einen um Geld zu erwerben, die andern um für eigene Verbrechen Gnade zu erhalten, die meisten aber nm Privat-t'aß zn befriedigen. Als Seitcnstück zum el Telli trat der Diener Arari's, Marad el Fallat, auf, und gab an daß im Hause seines Herrn der Mord an dem Famulns des Paters Thomas verübt worden sey', ja nachdem man anch ihm Straflosigkeit versprochen, bekannte er daß er mit mehreren der geachtetsten israelitischen Kaufleute selbst bei dieser Ermordung Hand angelegt habe. Einer der geachtetsten Hebräer, Aslan Farhi, wurde zuerst acht Tage lang im Hause des französischen Consuls festgehalten, iromit die Procedur meistens begann, nnd sodann der Tortur und Vaston-nade in den Staalsgesängnissen überlassen, worauf er, um den unerträglichen Schmerzen zu entrinnen, sich schuldig bekannte, jedoch später Mittel fand seine Unschuld schriftlich dem Pascha von Aegypten zu betheuern. Die meisten angesehenern Israelite« hatten nach diesen Proceduren sich durch Flucht oder Versteck der Brutalität ihrer Verfolger zn entziehen gesncht, waren aber durch ein allgemein angestelltes Treibjagen großteutheils wieder aufgefangen, oder durch Tortur an ihren Familiengliedern gefunden worden. Die Gefängnisse widerhallten von dem Geschrei dieser Unglücklichen, nnd die Feder versagt den Dienst in Schilderung der Qualen, welche man ihnen auferlegte um Geständnisse zu erpressen. Der junge Picciotto benahm sich in den Verhören vor dem Sheriff Pascha am standhaftesten, und wies die persönliche Einmengung des französischen Consuls mit einer Würde zurück, die allein schon Vürgscha ft für seine Unschuld bieten konnte. Allein der Fanatismus der Christen war auf den höchsten Grad 63 gestiegen, lind GrafNattimenton unterließ nichts um die Flammen anzublasen. Wer sich ähnlicher Judenverfolgungen in unserem aufklärten Welttheile erinnert, kann sich vorstellen welchen Chc^ rakter sie in einem Lande annehmen mußten, wo alle Stände in gleich posier Ignoranz sich befinden, und wo Glaube und Aberglaube sich dunkel vermengen. Der österreichische Consul sah sich durch seine Festigkeit, mit der er die Untenbanen seines Kaisers beschützte, in eine Stellung versetzt, welche ihn beständig mit Lebensgefahr bedrohte, nnd es bedürfte der ganzen Sündhaftigkeit und des Muthes eines alten Soldaten > Merlato diente früber mit Al>s;eichnuug als Marineofficicr ^ um den unausgesetzten Angriffen seines Collegen nnd der Wuth einer blindurtheilenden empörten Bevölkerung dic Stirne zn bieten. Vergebens forderte Hr. Merlato eine unparteiische Untersuchung, ein gerichtliches Wiederaufnehmen des gangen Processes-, Hr. köchelet verweigerte beharrlich Licht über diese traurige Verhandlung zu verbreiten. Es handelte sich hier nicht mehr um ein einzelnes Factum, es handelte sich um ein Princip, um ein jüdisches Gesetz, das Chri-stenblnt verlangt, (^s handelte sich nicht nm Vestrafung und Hinrichtnng vo» dreizehn ehreinrertheil geachteten Familienhäup-rer», auf deueu speciell die Anklage beider Crmordnngen lastete, sonder» um ei»e Infamie, welcher man fünf Millionen Hebräer bezichtigen, und damit ihren Namen »licht allein auf ewig brandmarken, sondern sie auch dein Hasse aller christlichen Bänder preisgeben wollte. Denn wenn der Talmud wirklich eine Vorschrift enthielte, dafi die Oster-Mazes mit Christenblnt vermengt seyn sollen, so träfe dieß eben so gut die Juden deß Abendlandes, wie die des Orients. !)lun haben aber die Uebersehunge» der indischen Gesetzbücher zu keinem Resultate geführt, das als Beweis für diese gräßliche Anklage dienen könnte, wenn gleich der Talmud, wlsi von Christen-blut mangelt, wird es fchwer se!>n eine daraus entspringende Thatsache nachzuweisen, (5.'age, da er auf der Plattformterrasst ruht, denn in diesem Lande der Erdbeben und des Regens bedürfte es weit soliderer Arbeit als in Aegypte», dem diese beiden Zerstörnngsclemente fremd sind. Dieser Tempel ist ganz erhalten, nur das Dach der (5clla und einige Säulen des umgebenden Porticns sind eingestürzt. Der syrische Porticus umschließt den Tempel, der ägyptische dient ihm als Propyläe, als Säulenhalle nnd Eingang. Doch »niß auch hier eine doppelte Säulenreihe zum Thore geführt haben, da man die Sockel noch sieht. Jetzt geht ein Korridor ringsherum, dessen schönes gewölbtes Dach von fünfzig unübertrefflich schönen, eannelirten Säulen getragen wird, während sechzehn vor dem Pronaos stehen. Die Cornischen sind von erstaunlicher Vollendung, nnb die drei Stücke ans denen die Säulen zusammengesetzt sind, so vortrefflich gefügt, daß einige, die vom Sockel abgeglitten und sich an die Wand des Tempels lehnen, kcine Spur von Trennung zeigen. Diese Sänlen haben neunzehn Fuß im Umfang uud gegen fünfzig ssuß Höhe, auf denen die sieben Fuß hohen Cornischen stehen. Die Wölbung des Portions enthält eine Reihe von ovalcinge-faßten, vollendet kunstreich in Stein geschnittenen gigantischen Medaillons, Götter oder Helden darstellend, wahrscheinlich leb-leres eine sinnige Art von Walhalla, Alle diese äußere Sänlenpracht dient nur als Relief zu dem Innern des Tempels, das uns das erhabenste Vcispiel alter Architektur gibt, nnd womit tein anderes noch vorhandenes Götterhaus der alten Welt z» vergleichen ist. Das Portnl ist über zwanzig Fuß weit und dreißig hoch, und von der kostbarsten Morgenland ,md Meüdlans'. II. ^!« A»st. 7 98 erhabenen Sculptur eingefaßt. Der Sonncnadler mit ausge« breiteten Schwingen füllr die ganze Vreitc der Euspone und trägt auf seinen Fittigen die Fama, in seinen Krallen den Mercurstab. Graziöse Festons in Guirlandenform umschließen niedliche Figurinen, säst in gothischem Style, überdecken den ganze» Nand des Thores und sind durchwcbt mit Blnmen und Früchten in Arabcslenmanier. Der Fries ist mit zierlich gc-wnndenen Kornähren geschmückr. Es ist diese Pforte an sich selbst schon ein wahres Cabiiietsstück gleich Filigranarbeit nnd leider bedroht durch daö Herabsenten des Mittclsteines aus dem Architrav, der aber jetzt noch so fest steckt daß wir aus ihm herumgehen konnten. Mit feierlichen Gefühlen betritt man den Tempel selbst, der mit einem Reichthum vou Vildhauerarbcit übergössen ist. (5r ist hundertzwanzig Fuß lang und sirbenzig breit, und durch Säulen von dein Heiligthum der Sonne an seinem äußersten Ende abgesondert. Doppelte, auseinandergesetzte, korinthische Pilaster schließen an beiden Seitenwänden eine Reihe rüustlichcr Nischen ein, Wohnungen der Idole, und die doppelten, drei-eckiggefalzten Pilaster in den Ecken sind von eigenthümlicher, das Ganze sehr hebender Form, -Alle Entablements, die Cor-nischen, alle projectirte Architektur ist mit dem feinsten Geschmack in Hochrelief sculptirt, wie ich eö nirgend anderswo gesehen, nnd der Totalanblick dieser sinnreich geordneten, prachtvollen und doch nicht überladenen Verzierungen macht einen erhabenen Eindruck. Der Stein, aus welchem ganz Valbeck geballt wurde, ist von marmorä'hnlicher Nrralkformation, und die Zeit tonnte ihm wohl sein weißes Gewand rauben, die gelbe Alterssarbe seiner Schönheit aber nicht schaden. Im Innern des Tempels hat er dunklere Färbung angenommen. Viele Bruchstücke des rothlieben GmlNts von Assuan zeigen daß sich jede Pracht hier vereinigt hatte, und wenn man berechnet was noch unter den großen Schutt-Trümmern verborgen liegt, was nach andern Städten vc» schleppt wurde, uud damit vergleichen will welch' Herrliches die Zeit uns dennoch hier erhalten, so dürfen wir die Tempel zu Balbet unbedingt für die reichsten ober wenigstens für die elegantesten der römischen Welt halten. Vurckhardt, diese erste Autorität über den Orient, lam von Palmyra nach Balbet, und versichert daß die Ruinen der erstern zwar von größere». Um- 99 fange, aber bei weitem nicht von solchem architektonischen Werthe seyen wie die der Heliopolis in Cölesyrien. Vom Sublimen ist nur ein Schritt zum Lächerlichen. Nicht ferne von dem halbrunden Miniaturtempel, der außerhalb der großen Tcmpel-Vstradc steht, und im Kleinen allen Zauber seiner riesigen Nachbarn in sich schließt, haben die Türken eine offene Moschee errichtet, die wie die Parodie eines Porticus aussieht. Sie schleppten die kostbarsten Säulen, größtentheils verstümmelte, aus den großeu Tempeln hin, setzten korintbische Marmorcapitäle auf Porphyrcolonnen, prächtige Metopen ans Granitstumpen, legten in naiver Unschuld Architrave, Friese, Mctopen oder wieder Sänle,, oben quer über, und brachten so eine offene Säulenhalle zur Welt, die dem Adjustement und der Haltung ihrer Wacht-paraden nicht unähnlich ist. Wie man in der Nähe der größten Vauwunder noch solchen Unsinn machen kann, ist schwer zu begreifen, auch haben die Saracenen die Vorbilder besser verstanden, und ihre kleine Moschee, die sie nahe am Eonnentem-pel errichtet, ist in ihrem Genre als äußerst gelungen anzusehen. Wie sie sich die Musterbautcn zu Nutzen gemacht, zeigt sich besonders an den Festungsmanern, deren Aufführung leider die Säulen und Götterstatuen, die auf der römischen Terrassenmauer gestanden, weichen mußten. Tie Thürme, welche die Bastionen und Courtinen flankircn, und zwischen denen sich der alte Ausgang befand, sind sehr massiv und schön gebaut, obschon sie mit den antiken Grundmauern keinen Vergleich ertragen. Unter diesen Thürmen ziehen sich lange gewölbte Gauge in die innern Höfe hinein, deren Dach unverkennbar gemalt war, und die für maurisches Wert selbst beinahe zu schön gemacht sind. Jetzt dienen sie zu Stallung, Magazin und Soldatenwohnung. Nichts Vollendeteres kaun man sich vorstellen als die Substructionen der ganzen Terrasse, auf welcher die ungeheuern Bauwerke ruhen. Ich hatte bisher die Architrave» des Agamemnongrabes zu My-cenä, die der Pyramiden und des Tempels zu Ombos für die größten verarbeiteten Steine gehalten, in Valbck fand ich daß ihre Dimensionen nur so groß sind wie hier die kleinsten, und baß sich drei von einer Länge über sechzig Fuß hier in den Mauern finden, welche an mehreren Orten über dreißig Fußhoch sind. Wenn wir annehmen daß man zum Aufrichten einer 75 100 einzigen solchen Masse vierzig- bis sechzigtausend Menschen nothwendig hatte, so dürfen wir uns glücklich preisen nicht mehr in der Zeit zu leben, wo der Mensch solchen Zwecken geopfert wurde, wenn wir gleich bedauern müssen baß wir solch' Erhabenes auch nicht mehr hervorzubringen im Stande sind. Valbek und Palmyra hatten von jeher das Schicksal wenig bekannt zu seyn, so daß lange ihr Ursprung selbst aufs fabel. hafteste dargestellt wurde. Beide Städte sind aber neuern Ur» sprungs, und wenn auch Valbck schon unter den sonnenanbetenden Phöniciern eine Rolle gespielt, so sind seine jetzt noch vorhandenen Tempel doch erst unter den Antoninen, vielleicht auf den Grund älterer gebaut worden. Zu beiden Ruinen ist es lange Zeit hindurch für Reisende sehr schwer gewesen durchzudringen, und auch jetzt noch dürfte alle Vorsicht zu empfehlen seyn. Unser Plan war von Valbek über Eden, zu den Cebern des Libanons und nach Tripolis zu ziehen; als ich aber dem Gouverneur meinen Ferman brachte und diese Absicht aussprach, erwiederte er mit ächt türkischem Phlegma, daß dieß nur gestattet werden könne wenn ich fünfzig Mann Escorte mitnehmen wolle. ES war nämlich Tags zuvor die Nachricht eingetroffen daß sein eigener Bruder von den Mutualis auf demselben Wege angegriffen worden war, die ihm und dreizehn bewaffneten Begleitern die Köpft abschnitten. Es ist eine furchtbare Stimmung unter den Völkern von Syrien, besonders gegen Soldaten, die sich auch gar nicht mehr einzeln herauswagen. Ich bin überzeugt baß die fünfzig Cavalleristen, hatten wir sie mitgenommen, auf den ersten Pistolenschuß davon geritten wären. Die Mutualis sind eine wilde Kaste schismatischer Schiiten, von den Türken gehaßt und gefürchtet, und mühsam im Gehorsam zu halten. Sie werden die ersten seyn die bei einer Umwälzung dic Hand bieten, und Valbek ist ihre Hauptstadt. Als wir am Morgen unserer Abreise nochmals zu den Tempeln gingen, um mich von ihnen zu beabschieben, begegnete uns ein junger Engländer, der einsam des Weges von Damaskus herangezogen kam, und nach den ledern reiten wollte. Alö wir ihm den Vorfall erzählten, der uns abgehalten diesen Weg einzuschlagen, begab er sich mit uns zum Mutsellim, und konnte nur mit vieler Mühe von seinem Project abgebracht werben. 101 El reiste gan; allein auf ciqenem Pferde, ohne Diener noch Dolmetscher, versteht kein Wort arabisch, und war jetzt aus dem Wege nach Persien. Das ist doch ächt englisch. Er machte den Weg mit uns nach Beirut. Wo sonst nach den Inschriften eine römische Centurie gestanden, easernirt jetzt ein ägyptisches Cuirassierregünent, das sich bei der Armee befindet. Die Caserne steht nahe an den Ruinen und wenn diese Leute einen Funken von Kunstsinn besitzen, so müssen sie glücklich seln« ihre Garnison an einem so unschätzbaren funsthistorischen Punkte ^i haben. Wir trafen hier einen Rittmeister an, der früher unter Murat seinem Vaterlande gedient hatte, durch die devolution aber compromittirt, ihm den Rücken wenden mußte. (5r ist Instructionöofficicr des Regiments, ercel-lenter Reiter, hält süperbe Pferde, Huube, Negersklaven, nnb eine Georgierin mit der wir Kaffee tranken, und deren Schönheit und Liebreiz ihren leichtsinnigen Besitzer nicht abhielten mir sie nebst einem Pserde, nachdem ich mein Wohlgefallen an bei' den ausgesprochen, um eine ziemlich plausible Summe zum Kaufe anzubieten. Die europäischen Officie»e in diesen Diensten führen ein wahres (sondottierileben, sie haben um Ensten; und Seligkeit die Würfel geworfen, und wollen den Lohn so hastig als möglich verprassen. Doch sehnen sich alle die ich kennen lernte nach Hause zurück, denn was kann uns je Ersah für das Vater--land und die Erinnerlingeu der Kindheit bieten! Wir ritte« nun durch das wundcrherrliche Thal der Vekaa oder Cölesyrien hin, dem nichts fehlt als fleißige Menschen^ Hände, um es in einen Zaubergarten zu verwandeln. Eine Vier-telstunde von Äalbek liegt der kleine Tempel Durio, nur bemer kenswerth durch acht rothe dicke Granitsäulen aus S^ene, denn alles andere ist daraus gestickt. Die grüne Ebene ziebt sich mehrere Stunden trocken zwischen den beiden majestätischen Gebirgen hin, und der große Vibanon setzl seine zierlichen Füße, gleich Schmetterlingsflügeln in sanfte Farben getaucht, in runden Wölbungen von seinen starre» Eisfelsen herab in die lachen^ den Fluren. Nach vierstündigem Ritte gelangt man aber an die Wasserscheide, und eine Unzahl von Quellen, deren Lauf seit Jahrtausenden keine Menschent'and geregelt nnd gedämmt, ver-sumpfen das Thal in einem Grade daß daö Durchkommen nach Regen höchst schwierig wird. Doch nach einigen Stunde» ist 102 auch dieses Ungemach überstanden, und man kommt plötzlich in das rege Leben des Libanons, wo frenndliche, reinlich gekleidete Menschen auf Esel nnd Pferd an einem vorüberziehen, wo die Weiber mit den Kopftüchern, die weit über den Nucken hinab-fallen, unter den Häusern sitzen, oder schäkernde Mädchen in blütheweißen Hemden, mit den blauen Jacken über die Hüften reichend, den rothen Beinkleidern bis ans Knöchel, und bunten Gürteln um die reizenden Lenden geschlungen, sich herumtreiben Wir kamen gegen Abend in Malaka, am Fuße des großen Libanon an, und schlugen unser Zelt aus einer Hohe außerhalb des hübschen Dorses auf. Vor nns lag das weite Thal ausge breitet, mit den hier schon ganz anders blickenden Ortschaften, deren Häuser sich in Terrassen wie Stufen geformt au mehreren Stellen die ersten Hohen des Gebirges hinanziehen, und unmittelbar zu unseren Füßen breitete sich ein Wiesengrün aus, das in einem sanften, milden Charakter das Auge entzückt, nnd von dem sechzig Fnß langen Grab Noahtz, einer der grassesten Absurditäten, begränzt wird. Das Malerische dieses Anblickes wurde durch die über nutz aufgethürmten grotesken Felscnwände erhöht, über denen scharsausgezackte Gebirgskronen in bläulichem Dufte schwebten. Durch die üppigen Wieögrnnde zog sich ein Vach in so wunderbaren Verschlmgnngen herab, als wären auf grünem Sauunct^ brett geheunnißvoll glänzende Buchstaben geschrieben. Und immer näher rückten uns die gutmüthig neugierige» Bewohner Malaka s, die noch niemals Europäer bei sich hatten campiren sehen, da der gewöhnliche Zug nach dem benachbarten Zal>> gehl. Valb war u.lser Zelt von einer großen Versammlung nmringt, ein stattlicher Scheikh in rothem Gewände nnd Turban hieß uns willkommen, Kinder, scheu wie Gazellen, trieben ihren Sput, uud bethlehemi-tische Schönheiten wagttn sich endlich auch herbei, um das seltene Schauspiel zu genießen. Da man sah daß wir ganz zuvorkommend!! Leute waren, so verwandelte sich das Ganze bald in eine Lagerscene, und wir erfuhren daß wir uns in dem crsten Drusen-dorfe befanden. Die weiß angestrichenen Häuschen ziehen sick, über eine mäßige Höhe hin, nnd ihre Garteneinfassungen von Rosenhecken winden sich in langen reizenden Perspektiven nach de» Felsenabhängen hinauf. Gs war ein eigener, idyllischer Zauber über dieses liebliche Bild hingebreitet, eine lyrische, das Gemüth ansprechende Poesie, die man nur fühlen aber nicht be- 103 schreiben kann. Und so saßen wir, unsere Damascener Nargyli> schmauchend, vor unserm Zelte, und ein Kreis von Männern yaite sich um uns gelagert, und erzählte uns von den schreienden Gewaltthaten der jetzigen Regierung, und wie die Drusen sich gerade jetzt geweigert hätten ihre Waffen abzugeben und So^ datrn .;u stellen. Hinter ihnen in dichten Massen standen die Weiber und Kinder, erstere alle mit Stricken beschäftiget. Der Abend war herrlich, aUein es war nicht das Zauberlicht das die scheidende Sonne aussendete, es waren nicht die sanften Farben dieser lachenden Flnren, nicht die schattigen sselsenwande mit ihren schauerlichen Höhlen, duuteln Streifen und eisigen Häuptern, die sich über uns aufthürmten, noch daö duftige, Mtverschmohene Vlau deo Acthcrs, und die zackigen Berggipfel die übereinander hervorragten, wa» uns w tief ergriff-, cs ,rar ein anderer, ganz eigenthümlicher Zauber, der aus den offenen Gesichtern der uns vertrauensvoll umringenden Menschen auf uns einwirkte, ein so lieblicher stiller Neiz der Seele, den wir so lange vermißt hatten, und den wir um so überraschender in uns empfanden, als wir vor wenigen Stunden alls den erstaunlichen Behausungen der Vaalödiencr getreten, den blutdürftigen Mutualis entronnen wa^ ten, um hier einen Abend des Friedens im Schooße einer christ--ltchen Brüdergemeinde, von Wohlwollen umrungen, ^n verleben! 11. Der große Libanon. Eine Stunde vor Sonnenaufgang brach ein deftiger West-stürm ans dem Gebirge los, demontirte unser Zelt, und zwang uns zum Abmarsch. Der Himmel blieb jedoch noch heiter, und wir zogen noch eine Stunde im Thale fort, in das sich. eine Menge Bäche ergießen, große Bassins bilden und gegen Sai'da ins Meer abfließen. Südlich schließen sich und verfchmelzcn die beiden Libanons. Wir begannen das Aufsteigen auf ziemlich gutem Wege, der sich steil über den ersten Absatz des Gebirgs-ftockes beinahe in gerader Linie hinaufzieht. Dann begannen die Felspfade, die den großen Libanon so verrufen machen, und ein dichter, vom Sturm zusammengetriebener Nebel legte sich immer tiefer herab, bis er bald alle Gegenstände verhüllte, so daß wir nicht mehr unterscheiden tonnten was oben nnd was nnten war. Hier kamen wir in die Schneeregion, die bald gelöst den trü-gcrischen Sumpf unter sich verbarg, bald in harter Kruste das Klettern den Pferden höchst mühsam machte. Ich ritt voran, und debutirte mit einem fast lächerlichen Sturz, denn als ich versuchen wollte über eine Schneeftäche hinüber eine Wegspur zu finden, brach mein Pferd vorne tief ein, fiel mit Vordertheil und Kopf unter den Schnee, raffte sich jedoch wieder auf, sank aber ill dem-selben Augenblicke mit den Hinterbeinen noch tiefer ein, konnte vermuthlich keinen Grund mehr finden, und überschlug sich solchergestalt in eine tiefe Schneelage, das, Mann uud Roß den Aua/n der Nachfolgenden entfchwanden. Ich hatte micb i,n Fallen vom Sattel gemacht, und jedes krabbelte und arbeitete nun nach Kräften alis dem weichen Vager empor, wo wir bann nach einiger Zeit zur Freude meiner Gefährten wieder hervorkamen, ohne irgend eine» Schaden genommell zu haben. Lange Znge von Maulthieren zogen in verschiedenen Richtungen über das Gebirg, wahre Nebclgestalten, die sich ganz ge- 105 spenstig ansahen, und alle mit den furchtbaren Passagen mehr oder minder glücklich kämpften. Nichts war schwerer als den Weg nicht zu verlieren, und die Glätte der steilen Eisfelder steigerte sick, je nachdem wir l)öher hinaufkamen. Zli allem Unglück ging der lästige Nebel in einen ergiebigen schottischen Staubregen über, den der scharfe Wind augenblicklich in Vis verwandelte, so daß die höhern opponirtcn Punkte spiegelglatt, die Niederungen und Ginsattlungen aber zum Versinken versumpft waren — ein Wechsel, der beim Reiten nicht zu den amüsanten gehört. Man konnte bald nichts mehr auf zehn Schritte unterscheiden, von allen Seiten waren die Wasserabflüsse zu Bergströmen geschwellt, und »nachten häufig ihren Uebergang im unsichtbaren Felsenbette sel'r gefährlich. Eine horrible Snmpfpartie, die eine halbe Stunde währte, richtete uns am schlimmsten zu', die Pferde sanken bis zum Halse ein, und wir waren froh unmittelbar daraus wieder auf den glatten Eisberg hinaufreiten z» muffen. Meine Stiesel waren zerlöchert und in Lumpeu zerfallen, so daß ick selbst bei sehr titzlieben Passagen nicht einmal absteigen konnte, und mein armes Pferd, das sich bereits von seinem Stnrze auf dem Antilibanon wieder ganz erholt hatte, begann abermals lahm zu gehen. Nach sechs Stunden der äußersten Anstrengung erreichten wir, durchnäßt und mit Schlamm überzogen, eine der höchsten Spitzen des Gebirges, nachdem wir noch eine der abenteuerlichsten Frlsenparticn überschritten hatten, wo die Pferde nur auf den Spitzen der fcharfen Steinschneiden Halt zum Fortkommen finden konnten. Und wie wir nns diese letzte Kuppe hinanarbeiteten, tbeilte sich der Nebel, die Sonne drang durch, und das ganze prächtige Drusengebirge und das duu^ kelblaue Mittelmeer lagen gleich einer Karte in wundervoller Ve^ leuchtung vor nns ausgebreitet. Solche Momente sind selten, aber es find auch die entzückendsten. Wir standen am Khan el Mederisch, einer jener versteinerten Sennhütten, so unheimlich zum Aufenthalt, so trostreich jetzt fiir lins erschöpfte Wanderer. Unsere Packpfelde waren zurückgeblieben, wir hatten keinen Kleiderwechfel, und überließen uns daher ganz der Discretion der Sonne, die immer mehr Herr über die hartnäckigen Nebel wurde, und zogen Stiefel und Kleider alls, lim alles einzeln an ihren Strahlen möglichst zu trocknen, indem wir uns hinter der Khanmaner vor dem Winde zn schützen suchten. Unsere gemeinschaftliche Abgerifseuheit und Zerlumptheit gab uns W6 viel zu lachen, da keiner inehr ein gauzeö Stück am Leibe trug. Man blickt hier in sine Art Vogelperspeetive über die zirei west-lichen tieferen Gcbirgszweige hinab in den blanen Meerspiegel, und ich gestehe daft in ich sein Anblick herrlich erquickte, denn wir waren alle der syrischen Neise müde und satt. Die Thaler, in die Ulan hier hinuntersieht, sind so tief und senkrecht abfallend, daß die Dörfer an ihren Abhängen wie von Kartenhäusern gemacht aussehen. Alles trägt hier das Gepräge wildromantischer Schönheit, Wasserfalle stürben cm6 den Felsen in die unabsehbaren Tiefen hinab, nnd rings Heruni wie an den Felsenklippen hängen die Drusen- und Maromtendörfer mit ihren vielen Klöstern, denen man es schon aus der Ferne ansieht daß fleißige wackere Menschen ihre (?rde bebauen. Waö nur selbst der Schein einer größern Freiheit vermag, sieht man, wie in keinem Lande der Türkei, auf dein Libanon. Geschick und Thätigkeit haben die außerordentlichsten Schwierigkeiten des Terrains besiegt, die über--strömenden Gewässer werden in tausendfachen Windungen durch die Felscnabhänae in die Tiefen geleitet, die Erde wird durch Dämme nnd Terrassen vor dem Herabrollen geschützt, und die Bergwände, die alle aus diese mühsame Weise bebaut sind, bieten fast allerwärtö den Altblick eines Ämphitheatero, deren Stufen ofi zu Hunderten übereinander hiuaufreichen. Einzelne Klöster hängen verwegen auf einem spitzen Vergkegel, und die Dörfer grup. pire» sich so sonderbar an den schroffen Wanden, daß die Dächer der untern Häuserreihe nicht selten der obern alö Gasse dienen. Die Felsen bilden dic bizarrsten Naturspiele, bald glauben wir die schönsten Ruinen, bald künstliche Festungswerke zu sehen, und die Gefahr, welche von ihrem Auöhöhlcn durch die zahlreichen herabfUeßenden Quellen entsteht, wodurch große Massen nieder? stürzen und ganze Dörfer begraben werden, wird hier nicht geach-iet, denn es gilt ja unabhängig und frei zu leben, wie etz sonst nirgends in der Vevaute möglich ist. Daher kommt die erstaun^ liche Industrie und Cultur des Libanon, der von Stämmeu jeden Glaubens bevölkert ist, und aus dein besonders Drusen, Maroniren und Christen einen sichern Zufluchtsort gesuudeu und eine Art Republik gegründet haben. Vor allen zeichnen sich hier wie überall die letztern durch ihre Zerrissenheit in unzählige Seeten, und ihre Missionäre durch blinden Vekehrnugöeifer ane«, der sich aber mehr aus die Fractions» per eigenen, als die fremder Religionen wirft. 107 Die Maroniten batten schon im siebenten Jahrhundert Besitz vom Libanon genommen, und ibre Unabhängigkeit mn mehr oder min-derm Glück in ihren unzugänglichen Gebirgen behauptet. Sir erkennen den Papst an, wählen aber einen eigenen Vischos, und ihre Priester verheirathen sich und lesen die Messe iu der Landco spracbe, wie in der Urzeit nnserer Kirche, Jedes Torf hat seine Capelle, und jede Capelle ihre blocke, Sie haben mchrere hundert Klöster, gewöhnlich Mönche und Nonne»! nahe beisammen. Die Erziehung ist gut, alle Maronnen schreiben, und wie dir Copten in Aegypten, so dienen sie überall aus dem Libanon al6 Secretäre und Oeschästsführer. Tie Drusen sind eine der unerklärbarsten b'rschcinnngen ill der Geschichte. Sie sind arabischen Ursprungs, und wlirden von den Fatimiten ans Aegypten vertrieben, als drr Stifter ihrer imlner noch unentl'üllten Religion, ein w'ahrer Nero des Ostens, den falschen Propheten im eilften Jahrhunderte dort spiclle. Sie scheinen sich zuerst nach dem Hauran gesendet zu haben, wv noch jetzt mit Vednixen verulengt viele Drusen leben, deren Cultus in der Anbetnng der Natlir des Weibe« besteht, und die in nner großen Verwilderung geblieben sind, »nd mit ihren Slammvenvandlen des Libanon nicht verwechselt N'erdsn dürfen. Diese bewohnen die südliche Halste des Libanon unter der mäch-tigen Familie Sbahb, die noch jetzt aus dreißig (5>nirs besteht, und ihre Unabhängigkeit von der Psorte, an die sie Tribut be< zahlt, stets erhalten hat. <>o stand in der Hand ihres Hauptes, des großen Prinzen, Syrien ganz ;u emaneipircn oder sich zum Herrn dieses Landes auszuwerfen, als der tapfere Abdallah Pasck'a aus Acre vertrieben wurde, und Mebemed Ali das Land für sich ansprach, (xnnr Veschir ist ein schwacher Greio geworden, der die Größe seiner Mission nicht begriff, und eine noch selbststän^ bigere Stellung von seiner freiwilligen Unterwerfung hoffte. Er verlor, den N'sulosen Versprechungen Mehemeds vertrauend, die letzte Macht, und nmß jcht das Dreifache des Tributs bezahlen, den er sonst der Pforte entrichtete. Allein jeder Schatten davon wird bei seinem nahen Tode verschwinden, da unter seinen drei Söbuen sich keiner befindet der die alten Ansprüche durch setzen zu tonnen verspricht. Die tapfern Drusen empfinden tief die ihnen zugefügte (xrniedrigung, haben zwar einmal dem allmächtigen Pascha Soldaten gestellt, scheinen jetzt aber entschlossen «08 dieß nicht zu wiederholen, und als Ibrahim Pascha sie kürzlich aufforderte ihre Waffen abzuliefern, liesien sie ihm sagen, er möge kommen und sie holen. Der große Prinz und mehrere Stämme seines Volkes haben sich zum Christenthum bekannt, allein die Drusen sind im allgemeinen mohammedanische Ketzer, und erwarten ihren Propheten aus China — ein nm so auffallenderer Glaube, als die Chinesen keine Mohammedaner sind. Die Drusen theilen sich in zwei Classen, die der Eingeweihten und der Nichteingeweih-ten, und nur den erstern sind die Mysterien ihres Cultus bekannt, deren Entweihung mit dem Tode bestraft wird, und deren Schleier bis jetzt keine fremde Hand gelüftet hat. Die Uneingeweihten üben gar keine religiösen Gebränche, und die Indifferenz geht bei diesem Volke so weit baß sie je nach Umständen ihren Gottesdienst bald in den Moscheen, bald in christlichen Kirchen verrichten. Sie halten übrigens Jesus Christus gleich Moham^ med für Betrüger und mißbilligen Christen« wie Türkcnglanben in gleichem Maaße; ihr Glaube an ^ie Eeelenwanderung stößt ihuen aber als Grsatz für positive Religion eiue hohe moraliscl'e Würde ein, da sie ill der Erfüllung eines rechtschaffenen Lebens einer rcspectabrln Stellung jenseits entgegengehen, durch tadel^ haften Wandel jedoch ihre Seele in den Körper eines Maul thiereö oder Pferdes verbannt wird — eine Aussicht, die für Bewohner des Vibanons allerdings wenig Reize haben mag. Ich kenne kein Volk, das gastfrcnndschaftlicher und honnetter wäre nls die Drusen des Libanons, und besonders der Fremde, der unter ihnen und in ihren wildschaucrlichen Gebirgen herumzieht, muß sic in hohem Grade lieben und achten, da bei ihnen allein unter allen Stammender Levaute sich der wahre altarabische Sinn für Chre uud Gastfreundschaft erbalten hat, uud der Stolz aus ihre altadelige Mstammuug sie vor jeder Handlung bewahrt, die einen Flecken auf diesen geheimuißvollen uugeschriebeueu Staunn^ bäum werfeu könnte. In räthselhafter Herkunft, Originalität der Sitten und srap-pirender Schönheit der Kleidung könnte man die Drusen mit den Ungarn vergleichen, Vesondrrö ist die Trusentracht so unbeschreiblich reizend daß man die plumpe Negenerationsmanie Mehemed All's doppelt bedauern muß, der alles aufbietet sie die< 10» ser Kleidung zu entfremden. Der Druse trägt einen offenen Leib, ober Waffenrock, der bis zum Knie herabreicht und hinten gc-schlvssen ist. Dieses Kleid ist ohne Kragen und hat Acrmel bis zum halben Oberarm. Der Stoff ist Seide odcr Wolle von meistens hellen glänzenden Farben, besonders alle Nuancen von Roth, doch sieht man auch Schwarz, künstlich gewoben und sehr dauerhaft. In diesen Grundton sind Zicrrathen von reichem Gold verwebt, mit andern Farben, meistens grün und schwarz, verbunden, deren Zeichnung ich nur mit dem Namen gothisch bezeichnen kann, u nd die dem Gewände ein ritterliches, äußerst nobles Ansehen geben. Minder Bemittelte tragen diese Verzierungen nur vom Hals an, breit anfangs, dann in eckigen Stufen spitz gegen die Taille zu» laufend; bei Vermöglicheren sind aber die Aermel und das ganze Kleid mit diesen geschmackvollen Zierrachen bedeckt, und sehen glänzend aus. Das Hemd ist mit langen weiten Aermeln versehen, die bis über die Hand in Manschetten hinabfallen. Die Pantalons sind nur wenig weiter wie die unsrigen, sie sind m,t dem Hemd immer von gleicher Farbe, und reichen bis ans Knöchel, worauf der orientalische Schuh folgt. Besonders künstlich und geschmackvoll ist der farbige Tnrban in Flechten geschlungen oder seidene Tücher unler Tarbusch um den Kopf gewunden, und im Gürtcnshawl dürfen nie die silberbeschlagenen Pistolen fehlen. Der Anzug der Drusinnen ist noch besonderer. Sie tragen auf dem Kopf einen Aufsatz, den ich nur mit den alten russischen Orenadicrmützen vergleichen kann. Es ist eine 'Art Horn, anderthalb bis zwei Fuß lang, eine konische Haube, die ganz mit Silberblech belegt ist, und deren Spitze sich stark vorwärts neigt, welches ein ganz eigenthümlich kokettes Auösehcn gibt, wenn sie etwas auf die Seite gesetzt wird. Ueber dieses Horn ist ein weißes Musselintnch gezogen, durch welches das Silber durchglänzt, und das, nachdem es über dcm,5lopf gebunden, weit über den Rücken und die ganze Figur hinabwallt, nnd theils zum Verhüllen des Gesichts, theils zum Einwickeln der ganzen Gestalt dient, welche dann wahrhaft geisterartig erscheint. Das weiße Hemd ist als Tunica geschnitten und am Knie ringsum mit Köold gestickt. Die Brust ist unverhüllt, und das roth? Schürzchcn und die rothen Beinkleider kleiden, eben so schön, alö die leichte blaue offene Jacke bis unter die Huste» nichts von dieser malerischen Toilette verbirgt. Als t10 Uebertleid tragen Männer und Frauen Mäntel von demselben na-tioualgewirkten Zenge, meistenß schwarz, und mit denselben goldenen und farbigen Verzierungen geschmückt wie die Leibröcke selbst Tieft Uebergewänder sind ungefähr wie dic Mäntel unserer eleganten Damen, deren sie sich nach dem Balle bedienen, und der Stoff durchaus nicht schwer zu tragen, Einer meiner Gefährten kaufte einen solchen schwanen Surtout, reich mit Gold durchzogen, für seine Tochter in Paris, und ich bin überzeugt daß er dort Nachahmung finden wird. Horace Vernet, der mit «ns in Syrien war, nahm mehrere Anzüge mit, und wir sehen gewiß bald Vilder der idealsten Tracht von der Hand dieses Meisters in Europa. Die Mädchen der Umgegend von Paris und in der Normandie tragen etwas Aehnliches von Kopfputz, aber nicht so leicht und graziös Vequcm muß er aber nicht seyn, und ich bewunderte oft wie die Drusenfrauen alle Arbeit so leicht mit diesem hohen Aufsatze verrichten können, Ich sah in einem Drusendorfe zwei Mädchen hastig aufeinander zulaufen um sich zu umarmen, und da sie beide den Kopf im Laufe vorhielten, die Spitzen ihrer Hörner aber obnebin noch vorangeneigt sind, so glich ihr Begegnen cinem Turniere, wo ble Ritter mit eingelegten tanzen auf einander einrennen. Sie bemerkten unser Lachen über dieses lustige (^ m b ra ssein ent, und lachten wie alle Umstehenden berzlich mit, Deuu die Begrüßung der Frauen lvi ?er gewöhnlichsten Begegnung besteht wie bei den Veduimu in einem Am'iimndcrstoßeu dcr Stirnen, worauf ein Kuß auf die Lippen folgl — enu Operation, die bei den gefährlichen Haubenschnäbel» immer eine große Virtuosität und Uebung erfordert. Da unsere Leute nicht lanieu , so marschirtcn wir weiter, und begannen hier schon größtenthcils abwärts zu steigen, ob-schon es immer wieber große Strecken hinaufgeht, wenn man im besten Zug zum Hinunterreiten zu seyn glaubt. Tie Wege im Libanon sind wirklich über alle Beschreibung schlecht, und ich habe niemals eine bewohnte Gegend so durchaus gebirgig ge sehen wie diese Defilier», die doch der einzige Verbindungsweg von der Hauptstadt Damastuö zu ihrem Hafen Veyrut sind. Die Höhenspiken haben gar leine Flächen, sondern wenn man sie erreicht hat, muß man gleich wieder hinabsteigen. Entfernungen lassen sich hiev gar nicht bemefseu, deun von dein Khan wo wir gefrühstückt, sieht man Veyrut gerade unter sich liegen, und doch ttt hatten wir zwei Tage zu reiten um es zu erreichen. One, die man rine Viertelstunde in gerader Linie vor sich liegen sieht, erfordern zwei bis drei Stunden bis man zn ihnen kommt. Jeder Hügel, j/der Vergkegel ist isolirt, und man stößt immer wieder auf neue enge Thäler, die man von den Höhenpunkten selbst nicht ahnen kann, und die stets bieder a»f der andern Seite hin^ ausführen. Durch diese scharfen Nndulationen verschieben stch die Bilder mit erstaunlicher Schnelligkeit, und das Auge wird oft ganz verwirrt durch die malerischen Scenen, ?ic sich uuaufhalt-sam in cinanderschiebcn und ewig neu auftauchn!. Fünf Stunden sahe,: wir den Khan vor uns liegen, in welchem wir die Nacht bleiben wollten, ohne ihn früber erreichen ;u können. Man steigt ewig auf und nieder, man »reht sich, man windet sich herum, und bei diesen» beständigen Wechsel von Gang und Stellung scheint auch eine magische Kraft bei jedem Schritte die Schönheit der Landschaft zu verändern. Tie Wege die man hierbei überschreitet, sind wirtlich oft schauderhaft, und gleichen oft stundenlange mehr einer Rlippenlciter als einer Kclfenstraßc, Wenn man aber gute Maulthiere auö der Gegend hat, so wird man über diese Gefahren ganz gleichgültig, da sie sicher sind. und man sich auf ihuen uubesorgt der Betrachtung des graudio-sen Naturgemäldes überlasse» darf. uur rathe ich solche Wege nicht auf einem abgetriebenen krummen Pferde nach dreißigtägigen Märschen durch Svrien ;u machen, wodurch mir mancher tteuuß geschmälert wurde. Wir gelangten Abends au dru ,'thau el Tochau, wo wir beschlossen auf unsere Pferde zu wartrn, da die Sonne gerade in die unter uns ausgebreiteten Meeresftuthcn hinabsank. Ein purpurner Streif zog sich in sanft verwischten Tinten bio ;nm zartesten Vlaßroth fern am Horizonte über rie endlose bläuliche Fläche hill, und ich laqerte mich auf eiuem Hügel über dem Hhane lim das erhabene Schauspiel ;u genießen, dao in diesen Bändern des Lichts und der Farbe so unendlich viel strahlender erscheint wie iu unserer nördlichen Atmosphäre, Unten in den Thälern ringsum lämete» die (^locken »euAbendsegen, und ihr tiefer melancholischer ^on klang langgezogen heraof zu der Höhe, und hallte in leisen, verschwelenden (5chos von den Felsen wieder. Ich l'attc so lange leinc christlichen Glocken mehr gehört, diese Tone die so mächtig au unser Gemüth schlagen, mit denen geheimnißvoll ein Ton in unserer Vrnst anklingt, der a lie Jugend-erinnerungcn, alle theuern Gefühle wieder erweckt, und nnscre Seele weicher stimmt, und in süße, wehmüthige Träumereien versenkt. Wie herrlich klangen diese Glocken dnrch daS wilde, einsame Thal in die abendliche Stille hinein. Cs war mir als weinten bei ihren Tönen leise Stimmen im Innersten meiner Vrnst, als weinten sie über ein entschwundenes Glück, das die Krdc nimmer gibt, und das wir vielleicht vergebens vom Himmel erwarten. So ferne von den Theuren, nach denen das Herz sich mit Liebe wendet, bedarf es des geringste» Anstoßes um aUe Gefühle der Sehnsucht mit äußerster Stärke ;u erwecken, und es war mir als müßte ich die Wellenwelt da unten überspringen um die Menschen zu suchen, die wahres Fühlen mit wahrem Fühlen zu vergelten verstehen. Arme Bewohner des Libanon, über euch ist nun der Sturm losgebrochen, dein ihr so sehnend entgegengesehen ; möge er Freiheit euren schönen Bergen schenken, die ihr so fehr verdient. (5in heftiges Geschrei rief mich herab, wo meine Freunde einstweilen ausgekundschaftet hatten daß wir einen falschen Weg eingeschlagen, und daß wenig Hoffnung war unsere Leute heute noch zu sehen. Man rief übrigens fortwährend in die benachbarten Pässe hinein um ihrer habhaft zu werden, nnd wirklich erscholl nach einiger Zeit eine Stimme von der andern Seite, die wir für die unseres Muktars erkannten. Allein in der rabenschwarzen flacht ballerte es über eine Stunde biö er zu uns gelangen tonnte, lind nachdem seine Pferde uuzahligemale an diesem Tage in Schlamm und Schnee gestürzt »raren, mußten sie hier noch zwei Gebirgswasser Passiren. Alles war naß und verdorben, und wir mußten im Khan schlafen, da unser Zelt ebenfalls heilte als letztes Debut in Stücke zerrissen wurde. So ein Khan ist in zwei Theile getheilt, die durch lialbe Maller getrennt und beide vorne offen sind. Die (5intheilung ist bald gemacht! ans der einen Seite sind dic Thiere, auf der andern die Menschen. Die Einrichtung ist noch einfacher, und jedcr kann sich auf t>eu Voden setzen wo ihm beliebt, und ein Feuer und seine Küche machen wo er Platz findet, wobei begreiflich der Ranch nnd das Ungezieser eine obligate Rolle spielen. Nachte fiel Regen, uud wir brachen deo andern Morgens N3 sehr zeitig auf um in den Gebirgen herumzustreifen nnd das Innere der Dörfer, die Eigenthümlichkeit ihrer Bewohner kennen zu lernen, Was man ans dem Orient machen könnte, muß man im Libanon studiren, wo ein, leiser Hauch von Freiheit das herrlichste Leben, fröhliche, tapfere gute Menschen erzeugt. Wann werden diese schöneu Länder endlich zum Genusse eines rechtlichen Zustandes, eines ruhigen sichern Besitzes kommen! Wahrlich, der Hatti-scheriff von Gülhanä wird diese Güter der Erde so wenig herbeiführen als die Gascognaden Mehemcd Ali's. Wir zogen uns Abends in einen Khan zurück, dessen Namen ich vergessen habe, von dem man aber den Libanon nnd das Meer aufnehmen sollte. Ein Maler findet Stoff in diesen wunderbaren Gebirgtzbildungen für jahrelange Arbeit. Am folgenden Tage machten wir uns wieber auf um den letzten Landmarsch in Syrien anzutreten, allein er sollte uns noch sauer genug werden. So viele schlechte Wege ich auf dem Libanon gemacht, so übertraf sie doch gleich der Anfang dieser Tour an halsbrecherischer Romantik, und wir mußten zwei Stunden lang perpendicular überFelsentreppen hinabrciten, die /in einem mehrere tausend Fuß tiefen Abstur; sich herumwiuden, und hinlänglichen Stoff zu Betrachtungen liefern, was der Fehltritt eines Thieres ans dem Menschen in dieser schwarzen Schlucht da unten machen kann. Nachdem auch dieser Vnßgang unter einigem Herzklopfen vollbracht war, änderte sich die Scene ganz, und wir befanden uns in dem reichbepflanzten niedern Stocke des Gebirges. Zwar ist der Boden immer noch mit Steinen übersäet, allein die Erde ist höchst products, und besonders die Maulbeerzucht im höchsten Flor, Diese Väume werden hier sehr nieder gehalten, und je tiefer wir kamen, desto erstaunlicher erscheint die Vegetation. Um Mittag lagerten wir uns auf der Terrasse elneö schönen nenen Khans, zu dessen Füße» das üppige Thal von Veyrut mit seiner großen Vay, umschlossen von einem Halbkreis erhabener und mit Schnee bedeckter Gebirge, vor uns ansgebreitet lag. Man kann sich nichts Entzückenderes denken als den Aufenthalt in einer der vieleu Villas und Klöster, die in Unzahl auf den westlichen Abhängei? des Libanons herumhängcn. Alles ringsum ist bebaut, alles strahlt in Frühlingsfrische, jeder Fleck Erde ist ängstlich benützt, und die Straßen sind da Nebensache wo man mit dem kostbaren Voden geizen muß. ZwischrnGarten- Morgcnland und 'Abendland. II. '^te Ausi. ß 144 mauern, Cactnshecken und dichten schattigen Pinienwäldern zogen wir hnmb zu dem herrlichen Verytuß, das uns in Gärten vergraben und von Landhäusern umringt in seine gastlichen Hallen einlud, vie wir 'Abends betraten, und hiermit unsern ermüdenden Ritt beendeten. 1Z. Beyrut. Wer acht Monate lang auf Schiffen, in Bivouacs, m der Wüste und unter Zelten zugebracht, dem däucht jede Hütte ein Palast, und das kleine Wirthshaus von Vattista erschien uns wie eilt großes Hotel. Wie genügsam wird der Mensch wenn er lange entbehrt, und wie hoch weiß er die Bequemlichkeit nn-zuschlagen, nachdem sie ihm nur fast dem Namen nach crmner« lich ist. Für den üblen Humor, in dcn uns die geringste Ab--weichung von der gewöhnten Lebensweise versetzt, gibt es keine sichrere Radicalcur wie die Reist im Orient, man wird so zahm, so gelassen, so nachsichtig, daß es eine Freude zu sehen ist wie die gewaltigen Herren der Schöpfung alle Widerwärtigkeiten ertra-gen gelernt haben, welche sie sonst in Aerger und Grimm versetzten. Wir waren in unserem Gasthö'fchen ganz glücklich. Der kleine Salon in dem wir speisten, und die lleinen Zimmer in denen wir wohnten, mündeten in einen offeneu Hof im ersten Stockwerke aus, in dem Style der Damascener Häuser, aber ohn« Spur ihrer Eleganz. Uns waren sie elegant genug, wir behn> ten unsere müden Glieder in systematisch schwelgerischer Ruhe auf den Tivans aus, und freuten uns der hinter uns liegenden Erinnernngen. Unsere Gesellschaft bestand aus sechs Personen, Die mit ihren Bedienten das ganze Wirthshaus füllten, und wir waren nicht nur sehr gut verpflegt, sondern zahlten auch nur den bescheidenen Preis von dreißig Piastern für den Tag für Wohnung und Kost. Unsere braven Araber, die so viel Ungemach und Entbehrung mit uns getheilt, entließen wir und schenkten ihnen als besondern Lohn noch Zelt und alle Küchen-und Rciserequisiten. Wir sahen uns ja endlich Europa wieder naher gerückt, und warteten nur eine Schiffsgelegenheit ab um Cypern und Rhodus zu besuchen, und in Malta uns zwanzig Tage lang 8* !16 entoricntisiren zu lassen. Denn auch der Sorge in Vehrut Quarantäne machen zu müssen »raren wir enthuben, da es Absicht der Regierung schien die Pest in Damaskus zu verläuqucn, und durch uns die erste stachricht davon hierher gelangte, Veyrut ist eine niedliche kleine betriebsame Stadt, worin sich ein sehr gutes Quaderpftaster und eine Menge occidentalischc runde Hüte befinden. Seine Marine und die im Halbkreis vorspringenden Ufer leiden sichtlich durch die Brandung, allein noch wandelt man öfters auf dem schönen Mosaikboden der alten Stadt, die nicht ferne Von der jetzigen gestanden hat. Diese ist mit hohen Mauern umgeben, die durch die Hügelform über welche sie sich hinausziehen, höchst pittoresk N'krden. Die vler-eckigen und halbrunden Thürme m diesen Mauern dienen zu Wohnungen, und bieten entzückende Aussichten, doch werden die Stadtthore wie im ganzen Orient hier regelmäßig mit Sonnenuntergang geschlossen — eine Sitte, die mich gleich am zweiten Tage in die Verlegenheit brachte ausgesperrt zn werden, unb die um su unverzeihlicher ist, alö bier die europäische Gesellschaft vorherrschend, und der Abend in dieser reibenden Umgebung so anziehend ist. Die Landhäuser erinnern sogleich an die der Insel Chios, und sind dem Klima anpassend, hohe Thürme mit charmanten Wohnungen und Gärten ohne Zahl, aber freilich ferne von dem sar-danapalischen Lurus jener Insel. Die Natur konnte keine prächtigere Staffage zum Libanon erfinden wie die Grdzunge auf der das alte Verytus ruhte. Ueber eine Reihe flacher Hügel zieht sich die belebte neue Stadt mit ihren Sommerwohnungen hin, die sich bis in die höheren, kor den Strahlen der Sommersonne mehr geschützten frischen Abhänge der Ausläufer des Gebirges hinauf« ziehen. Von diesem ist die Stadt durch ein fruchtbares Thal getrennt, über dessen Fluß eine steinerne Brücke führt. Äufeinem hier tns Meer hineinreichenden Felsen ist das alte Fort St. Georg jetzt in die moderne Quarantäne verwandelt, deren Bewohner eine der schönsten Ansichten der Welt als Entschädigung für die Beraubung ihrer Freiheit ansehen mögen, rechts davon aber liegt die Felsengrotte, in welcher der heilige Georg den ominösen Drachen fand und erschlug. Die ganze Atmosphäre duftet paradiesisch '-'on dem Wohlgeruche der Mhrthen, Maulbeerpflanzungen ziehen sich sorgfältig in Einfassungen gepflegt im weiten Kreise rings um die Stadt, Oliven, Snkomoren, Pal- tt7 men und Cypressen halten das schone Vild des Morgenlandes fest, in vas der widerliche europäische Frack sich so störend eindrängt , und die Neben ziehen sich malerisch gruppirt über den Vaumästen fort, oder hängen in reizenden Festous, wie in Oberitalien, von ihnen zur Erde nieder. Aliein, wie alle Schönheit hienieden vergänglich, so steht auch vor den Pforten des schönen Beyruts der Tod, ohne daß sein Pochen von den lebenslustigen Einwohnern beachtet wird. Meer und Wüste, diese zwei bösen Nachbarn, haben sich die Hand geboten mn das Zerstörungswerk zu vollbringen, und besonders die letztere geht darin mit erschreckender Raschhnt zu Werte, indem sie sich von der Westsüdseit» der Stadt bereits auf eine halbe Stunde genähert hat, und jährlich einige der schönen Gärten al6 Opfer verschlingt. Zwar macht der Menschenfteiß ihr jeden Fußbreit Grde streitig, und die Gränze der bepflanzten Gärten ist immer scharf mit den drohenden gelben Sandhügelu abgeschnitten, allem die vielen nur noch mil den obersten Spitzen aus ihr hervorragenden Baumkronen zeigen nur zu deutlich was in Bälde auch den nächstgelegcnen, und in nicht weiter Ferne ohne Zweifel diesem ganzen lieblichen Crdenflecke, der Beftrut trägt, bevorstehen wird. Beyrut ist einer der schönsten Punkte des Orients. Der gegenüberstehende mächtige Libanon füllt mit seinen kühn emporstre« bendcn Massen die ganze östliche Wand des Horizonts, lind die eigenthümliche Gestaltung seiner hervorspringenden Massen, die ewig mit Schnee bedeckten Spitzen und die tief eindringende», unter ihnen hinziehenden Schatten sind vielleicht durch kein anderes Hochgebirge Asicno übertroyeu. Ein eigener unbeschreiblicher Zauber ruht dagegen aus dem Thalc, daß hier dem Äuge so zugänglich, von Berg und Fluth eingezwängt, in der concentrir-testen Schönheit vor uns liegt. Die Ufer dieses von zwei Was-strseiten bespülten Thales streben in Felszungen stufeuweise inö Meer hinaus, und ich werde den Anblick nicht vergessen, als ich eines Morgens nach einer äußerst stürmischen Nacht das aufrul" rerische Meer an dicsen Felsenhateu sein großes Spiel treiben sah. Ich stund auf der Höhe des türkischen lÄolteonckers, gewiß immer die schönstgelegene SteUc in orientalischen Städten, das furchtbare Element war noch m heftigster Gährung, während der Himmel wieder steckcnlos darauf herablächelte, und bildete alle Farbeutin-ten, vom trügerisch gefährlichen Hellgrün, zunächst den Gestaden bis zu den schwarzen wcißschäumendcn hohen Wogen in der Ferne, Mit unbeschreiblicher Heftigkeit brach sich aber die Gewalt der Brandung a>l den beiden saracenischen HafencasteUeu und unter den gewölbten Steinbrücken, die sie mit der Stadt verbinden, und der kochende Gischt schlug öfter über ihnen zusammen, wie wenn er sie verschlingen wollte. Die antiken Marmor- und Granit-saulen,aus denen derMarineguai nndderMolo erbantsind, schienen jeden Augenblick in Osfahr weggeschwemmt zn werden, und eine französische Goelette tanzte außerhalb auf der Rhede herum, während der Consnl vergebens dem kühnen Schiffer großen Lohn versprach, der ihm ihre Depeschen abholen wollte. Schiffswracke wurden an den Hafenstranb hereingepeitscht, wo sie zum zweiten-male zerschellten, und ringsum so weit das Ange reichte umspann ein hohes weißes Vand von Brandung, eiu riesiges sick, ewig er^ nenerndes Filigranbild, die felsenstachliche Küste. Veyrnt ist die einzige Stadt in der Levante die ganz gut gepflastert ist. Quellen strömen zum Theil mit Quadern bedeckt dnrch alle Straßen, und mildern die drückende Hitze durch erquickende Kühle. Aus den räumlichen Bazars bewegen sich die ver-schiedensten Trachten desLibanons, und keinen größern Contrast kann es geben als den englischen Calieot neben dem malerisch schönen Drusen. In dieser alten Drusenstadt herrschten die europäische» Consuln, eine Gattung Potentaten, welchen das Regieren leichter gemacht wird als unsern Königen in Europa, und deren ganzer politischer Trafk in einer großartigen Caquetage besteht, welche der allmächtige Pascha zur Zeit noch dulden zu müssen glaubt, so lange er die Franken braucht und sich vor ihnen fürchtet. Nun scheint aber die Zeit sür die Consnln wie für den Pascha vorüber, die lange im Verborgenen kochenden Gährungselemente Syriens sind durch das Einschreiten der Mächte zum Ausbruch gediehen, und das Bombardement von Vehrut hat den glimmenden Funken zur Flamme angeblasen. Der lange und mühsam verhaltene Grimm der syrischen Bevölkerung hat einen legitimen Stempel empfangen, und das Racheamt ist legalisirt, das der Tyrannei des Pafcha nun auf der Ferse folgt. Gegen nns, die wandernden Fremdlinge, hatten die armen Drusen und Maroniten kein Hehl über ihre tiefgefühlten Mißhandlungen und ihre Hoffnungen das Joch einst von sich abzuschütteln; weit und innig verzweigt sahen wix die geheimnißvollen Fäden der Verschwörung vor uns liegen, aber un- 11V möglich schien ihr Ausbruch in eincm Lande, dessen Bewohner so weit auseinander leben, durch fast unzugängliche Verge getrennt, ohne allen Zusammenhang, ohne Mittel der Besprechung undVerei-nigung'. und solange der gefurchtste Ibrabim mit derArmee beiMa ^ rasch stand, »rar an keine Erlösung zu denken, Mchemed Ali, der niemals inSyrieu war, hat den Geist seiner Einwohnerin vorne« herein stets verkannt. Er wollte dieselben Mittel anwenden, durch welche er die feigen Fellahs inAcg^ptcn zertreten hatte, und steigert mit der Mißhandlung die Empörung. Der Aufruhr zu Nablus war weit bedeutender als wir je in Europa erfahren, und Ibrahim ver-dankt es bloß seiner Geistesgegenwart uud persönlichen Tapferkeit baß er nicht in Jerusalem zu Grunde ging, wo er bereits gefangen und in der Gewalt des Landvolkes irar. Mehemcd steht den syrischen Völkern fremder, weil sie ihn nicht kennen, allein in Ibrahim erkennen sie blos; ihren Henker, und auf ihn fällt ihr ganzer Haß. Von diesem Hasse macht man sich aber schwer eiue Vorstellung, und das Gesicht eines Syriers verändert sich gänzlich, wenn nur sein Name genannt wird. Was auch dao Looö Syriens seyn möge, schlimmer kann es nie werden als unter jenem grausamen Soldaten; und wer dieß Land zu beherrschen hat, wird stets mit dem hochstrebenden Sinn seiner Bevölkerung und mit der Verschiedenartigkeit ihrer Bestandtheile zu kämpfen haben. Ein großes Unglück wäre es wenn Mehcmed Ali im Besitze Syriens belassen würbe, da die wechselseitige Erbitterung zu hoch gcftc,'-gen ist um jemals an eine Versöhnung und Milde zwischen Regierern nnd Negierten glauben zu könneil Ta es übrigens höchst unwahrscheinlich ist daß dieser ehrgeizige Satrap ganz von Haus und Hof getrieben werde, so kann man es im Interesse der Pacification des Orients nur wünschen daß die Gränzen welche die Natur selbst Aegyptcu gesteckt, auch durch höhere Gcwalt dem Starrsinn dieses Mannes als Dämme dienen müssen. Nur vereinte Macht nnd Ausdancr werden diesen von langen Erfolgen und dem Zerwürfniß der europäischen Schiedsrichter verwöhnten und durch Glück und Alter trotzig und kin» disch gewordenen Greis bewegen können ferneren Vergrößcrungs-planeu zu eutsage«, und sich wahrhaft um das Wohl der von ihm so tief erniedrigten und zum Thier herabgewürdigten Nilbewohner zu bekümmern. Vald werden wir sehen ob es den vereinten Mäckten redlicher Ernst war deu Orient in tiuen 1«0 bessern Zustand zu erheben', doch die Mittel welche sie bisher anwendeten, beweisen dieß keineswegs. In diesen Ländern kann nur Eine Logik gelten, dic der Uebermacht-, und wie man misse, zogcnen Kindern vor allem die physische Kraft muß fühlen las" sen, um ihnen Achtung vor der Ucbcrlegenhcit der Erwachsenen einzuflößen, so kann auch bei diesen tinderähnlichen Völkern nur apodiktische Gewalt Eingang finden, und um auf sie Einfluß zu gewinnen, muß man sie fürchten machen. Ich habe früher meine Ueberzeugung ausgesprochen daß eine entschlossene euro» pä'ische Division das ganze Heer Ibrahims auseinandersprengen wurde; baß man dicsi aber mit einer Handvoll Soldaten ver» suchen würde, wie wir dieß nun an den syrischen Küsten sahen, beweist zwar doppelt für die Wahrheit meiner Ansicht, verräth abn immcr eiuc unmilitarische Sorglosigkeit von Seite der sich einmengenden Mächte, die in der Feigheit des Feindes niemals Recht» fertigung findet. Wir leben lcider in der Epoche halber Maaß» regeln, welche die Furcht gebiert. Tic Fürsten und daS Vesitzthum zittern vor Revolutionen, allein das was man fürchtet, muß man ernsthaft angreifen, sonst wird man von ihm verschlungen. Die Revolution muß ma» aber jetzt im Morgenlande, und nicht im Abendreiche bekämpfen, denn dort ist Mehemed Ali der pnvilegirte Repräsentant der Empörung. Um aber die Revolution zu bekämpfen, muß man sie nicht vernichten woUen, sondern sich an ihre Spitze stellen, und den Strom in sichere banale leiten, denn nur Recht und Kraft fuhren zum Sirg. 13. Cypern und Nhodus. Bei dem stillsten Meer und unter dem besten Winde verlieh »ch Veyrut'. als ich erwachte, lag Cypern mit seinen schönen Berqformen vor uns. Wir steuerten auf Karnaka zu, einer der bedeutendsten Städte dieser Insel, und landeten an ihrer Scala, der Von der Stadt entfernten Hafenstadt, und beinahe eben so groß wie jene, Diese Orte erinnern an Afrika, weiße Häuser, flache Dächer, Palmen und Moscheen. Mein beute hatte das Christenthum den Vorrang, es war Sonntag, und gerade als wir die lange Hafenstraße binabwanoenen, entleerte sich eine christliche Kirche, und geputzie zierliche Herrchen, geschnürte geschminkte Dämchen, wanden sich aus ihr heraus, und die Zier-bengel stunden außen, um sie zu lorguiren, und die Holden drehten und wendeten sich so verschämt und beinahe züchtig durch die begehrlichen Massen, gan^ wie bei uns zu Lande. Das ist nun immer schwer zu verdauen, wenn man es aber sehen muß, gerade frisch von kc» natürlich seliönen orientalischen Menschen weg, die es doch noch der Mühe werth halten ihren Gott seiner selbst wegen aufzusuchen und anzubeten, dann sieht man wobl daß manche Dinge bei uns recht verkehrt angegriffen und behandelt werden, und dem levantini scheu Geschleckt muß man die Gerechtigkeit widerfahren lassen daß eö in Nachäffnng der sailim» men Seiten das Original weit übertreffen hat. Auch hier Herr-« scheu die Vonslilu, und zwar noch unbeschrankter nie i» den Ve-sitznngen des ägyptischen Pascha. Hellte hatten sie aUe Flaggen aufgehißt und empfingen unsere Besuche, die mehr ihren Weinen galten als ibnen, mit classischer Steifheit und Umständlichkeit. Denn wer könnte diese Insel besuchen, obue ibren edlen Neben-born zu schlürfen, Der unsern Vätern so köstlich mundete und jetzt durch Zufall der Mode bei unS wenig mehr. und dann in unreifen Qualitäten getrunkcu wird. Der Cyperwem muß aber 122 alt seyn um vorzüglich zu schmecken, und deßhalb kann man auch gar keinen guten kaufen, der nicht theuer wäre, da er durch das lange Liegen sich mehr als irgend ein anderer Wein ver-fiüchtiget. Ein Jahr muß er wenigstens überstanden haben, um beurtheilen zu können ob er überhaupt einschlägt. Weine von wenigen Jahren Alter kann man um Spottpreise haben, allein abgelegene Sorten von zwanzig bis fünfzig Jahrgängen sind sel' ten und kostbar. Die Weine von Naros und Marsala mögen mehr Feuer enthalten, an Adel des Bouquets übertrifft aber den alten Cyper kein Wein im Mittelmeer. Ich erhielt durch gefällige Verwendung eine Partie der ältesten Sorte aus der Hinterlassenschaft eines kürzlich verstorbenen Gutsbesitzers um mäßigen Preis. Tiefer Wein wird in kolossalen Flaschen mit Stroh umwickelt versendet, und die Passage über See soll ihm nützlich seyn. Eine Nouteille ganz alten Cyperwein muß man auf der Insel selbst immer mit vier bis fünf Franken bezahlen, Gs gibt herben und süßen. Wir machten ''Ausflüge in die Gebirge, von denen ^arnata durch eine weite Ebene getreunt ist. Es sind prächtige Formen, wahre Schweizerhacken, die »nan an dem cyprischcn Olymp und seinen Trabanten bewundern muß. aus deren Rückfeite Nikosia die Hauptstadt der Infel, liegt. Auffallend ist der Anstrich von Freiheit und Zwanglosigkeit die hier vorherrschend scheinen. Auch versicherten mir die Einwohner, welche ich befragte, daß die Wohlfeilhcit beispiellos fey! ein fettes Huhn foftct einen Piaster, ein Duzend Eier einen halben, und ein schöner Indian zwei. Aus diesem Grunde siedeln sich viele arme Menschen aus Europa hier an, obgleich vatz Klima berüchtigt ist wegen seiner Ungesundheit, und Fieber das tägliche Vrod sind. Gs war die erste türkische Vesitzuug die ich nach memer Reise durch die Zwangsanstalten des Vicekönigs von Aegypten wieder betrat, und ich hätte nimmer geglaubt daß ich türkische Unterthanen im Gegensatz zu anderen jcnnilo wiirde glücklich preisen müssen, wie es hier der Fall war. Nachts stachen wir wieder in See, nachdem der »rackere Ca-Pitän seine Geschäfte abgemacht hatte. Zwei amerikanische Missionäre mit ihren Frauen kamen an Bord, die sich die halbe Nacht bemühten mir ihr übrigens unter sich wieder verschiedenes System des Vekehruttgsgesckäftts auseinander zu setzen, wobei 123 ich bald Recrutenwerber, bald Präparanten eines anatomischen Theaters, oder chemisch? Analytiker zu boren glaubte, und noch mehr im Glauben bestärkt wurde daß solche Apostel wenige aufrichtige Bekehrungen zuwege bringen können, und daß die Am^ rikaner ihr Geld besser anwenden könnten als zu solch' nutzlosem Seelenhandcl, Nach Mitternacht wurde das Meer unruhig, und ein scharfer Westwind trieb uns rasch vorwärts, steigerte sich aber gegen Morgen zn einer besorgnißerregenden Heftigkeit. Die Misstonärsamilie hatte sich in den untern Raum begeben, um ihren E.rpectorationen noch freieren ^auf zu lassen, ich aber blieb mit dem Capitän auf dem Verdecke. Mit aufgehender Sonne brach der Sturm mit Wuth los, und Gewitter nebst Regengüssen begleiteten uns den ganze» Tag, an dem wir das große Clvpern lange noch im Auge behielten. Abends setzte der Wind plötzlich um, und es entstand nun die Bewegung von zweierlei Meerströmuug, die schlimmste die es auf dem Schiffe gibt. Alles wurde krank, und an Ruhe, oder Schlaf war nicht zu denken. Die Stöße wurden so heftig daß mau sich nirgend mehr aufhalten konnte ohne sich anzuklammern, und es geschah mir dasi ich, von einem Sopha heruutergeworfeu, das ganze Cabin entlang auf dem Boden fortrutschte, uud mich olme alles Zuthun auf dem entgegengesetzten Divan wieder fixend sand. Solche Scenen dienen auf Seereisen zur Aufheiterung fröhlicher Menschen; mürrische sollten abcr davon n^qbleiben, da der Spleen auf dem Meere wächst. Endlich am nächsten Morgen theilte sich das Gewölk, Aeolus schwieg, und wie das nun einmal hier zu Wasser und zu Lande üblich, nach dem abscheulichsten Unwetter wurde es sogleich schön und warm. Um zehn Uhr liefen wir im Hafen von Rhodus ein, und ließen uns sogleich ans Land setzen. Rbodus verdient den Namen der Noseninsel, und die Iohanniter batten wahrlich gut gewählt. Ueber ^weihnuden Jahre hatten diese Tapfern gegen die Macht des Halbmonds hier gckämpft, nnd wenn noch ein Ritter ihrer Gesinnung in Guropa zu finden, so würde der Erwerb von Jerusalem ein Kinderspiel seyn. Dieses Bollwerk des Ordens sal, die Wunder dcs christlichen Heroismus, bevor seine Vorfechter sich in ihr Grab «ach Malta zurückzogen, und wenn unsere großen Mächte den Muth hätten, der jene großen Menschen zu unstsrl'lichen Thaten trieb, so wäre das klägliche 1«4 Reformationspoffenspiel detz Orients längst würbig gelööt. Ich betrat mit ehrfurchtsvoller Scheu diese Stadt, in welcher noch alles beinahe unverändert sich erhalten hat wie zur Zeit der Braven die sie vertheidigten und mit ihr fielen. Todtenstille herrschte in der sogenannten Cavalierstraße, die sich gerade den Berg hinauf nach der Iohanniskirche zieht, und mit der Via dolorosa in Jerusalem verglichen werben könnte. Man sollte glauben die Ritter seyen erst ausgezogen in eine Fehde, und ihre kleinen einstöckigen, aber äußerst massive» Häuser warteten nur auf ihre Heimkehr, und die soliden festen Thüren könnien sich nnr ihnen wieder öffnen, die einst, ernst und stets zum Ster-ben für den klauben bereit, über ihre Schwelleu schritten, Den Stolz der Ritter, ihr Wappenschild, findet man über jedem Hallsthore in weißem Marmor unverletzt aufgehauen, und die Waffen der französischen Edlen sind die bli weitem zahlreichsten. Diese Cavalierswohnungen sind mit ValconMern verziert, und hinter iedem befindet sich ein kleines, mit Früchten des Südenö bepflanztes Gärtchen, An vielen Häusern führen Steintreppen von außen herauf, und Tourctten bilden den wohlverschlosfenen Eingang, denn alles war hier auf die äußerste Vertheidigung berechnet, und das Nittcrquartier mit eigeucn Mauern im Nm^ kreis der Stadtwallc umschlossen. Um die lvrschütterung der Erdbeben zu mildern, sind Steinbögen über die Straßen gespannt, die wie in der heiligen Stadt einen schmalen Rcitpfad in der Mitte und kleine Trottoirs auf beiden Seiten haben. Der Endpunkt einer dieser mit allen Reizen edler gefallener Ritterzeit umgebenen Gassen ist die Iohanniökirche, hoch über Stadt und Meer herausragend, und von tostbarcn Granitfänlen getragen. An diese reiht sich daß Castell des Großcomthurs, mit wundervoller Aussicht und wieder in sich selbst vertheidiget. Von hier schleuderte der letzte Großmeister bAubuisson sechs Monate lang den Tob in die Reihen der Osmaulis, bis er der stets wachsenden Uebermacht des erbitterten Suleiman erlag. Mit ihm sank die Macht der Christen im Orient, und Europa hatte andere Händel zu verfechten, alö die Eroberung der hei' ligen Erde. Die Befestigungen von Rhoduö sind gau; erhalten, oder vielmehr sie haben sich selbst erhalten, denn die Türken zerstören zwar nicht, allein sie erhalten auch nicht. Die Söhne des Pro- l«3 pheten haben hier die Stelle der Iohanniter eingenommen, und diese türkischen Staberl nehmen sicl, gar martialisch unter den mächtigen Thorhallen und auf den grandiosen Mauerwcrken aus. Die Verschanzungen sind von dcr Nordseite beherrscht, aber durch Kunst so gut vertheidiget, baß der Sturm auf die Stadt von der natürlich festern Seite, nämlich von Osten her, gemacht wurde. Imposante unerschütterliche Mauern, tiefe Wassergräben, Thürme, Vastionen und ftanfirendc Batterien, alles haucht hier einen großen Geist, würdig der edelsten Sache der Menschheit und des hingebenden Ritterthumo. Die Stadt Rhodos selbst ist 'groß und reinlich gehaltc». Sle hat zehn große Thore, durch Fallbrücken mit den Außen-werken verbunden, die Straßen sind wie die der Cavaliere, ziemlich gnt gepflastert und obe» mit Springbögen verbunden, die Hänser alle durchaus vou Stein. Die Moscheen sind in ganz eigenthümlichem Style, nicht groß, aber sehr niedlich, und von vorne mit einer Art Säulenhalle und Springbrunnen auf runder Terrasse geziert. Die Trottoirs sind mit Kanoneusteintugeln eingefaßt, imd die Vazarö gnt gebaut. Tie Umgebungen dcr Stadt wie das Innere der Insel zeigen ein wahres Paradies, und unzählige massiv und elegant gebaute Landhäuser ziehen sich im Schatten dicht bepflanzter Gärten gegen die nahen Gebirge und über den schönen unmittelbar hinter der Stadt sich erhebenden Verg hin, der steil und dicht bewachsen von allen Seiten gegen Thal und See abfällt, lind von dessen Höhe man eine entzückende Fernsicht genießt. Die Stadt hatte sonst zwei Häfen, zwar klein, aber räumlich geuug für die sonst üblichen Galeeren. Sie waren durch einen (>anal verbunden, über den der berühmte Koloß seine Veine spreizte; jetzt ist der eine verschüttet, und ler noch im Gebrauch stehende ist der sicherste im Orient, allein für größere Flotten zu klein. Der Anblick dieses Hafens und der Insel, von ihm anß gesehen, ist außerordentlich. Gin imposanter Leuchtthunn bildet den Mittelpunkt dieses Gemäldes, um deu sich die Hafenthürme und die langen Molos auf Natnrfelstn ins Meer hineinziehen, Gs gibt viele größere Häfen, aber ein pittoreskerer wird schwerlich zu sindeu jeini. Wie soll man aber die wirklich wundervolle Configuration dcr Insel selbst beschreiben. Ihre Verge sind so reizend und majestätisch zugleich, sie geben in ihrer Verschlingung und Orup. Virung so phantastische niegesehene Bilder, ihre Prosile sind so scharf und verwegen ausgeschnitten, und alle diese eigenthümlichen Formen verschmelzen doch wieder zu einem so harmonischen Gesammtbilde, daß das Auge in ihrem Anblicke bewundernd und entzückt schwelgt, nnb ewig neue Schönheiten entdeckt. Alle Höhen sind bis zu den höchsten Spitzen Hinalls grün bewachsen, und wenn man den Alten glauben will, daß in frühern Zeiten anderthalb Millionen dieses Zanbcreiland bewohnten, so dars man es nur durchwandern, um von dieser Propagationsfähigkeil, sich zu überzeugen. Noch in der lebenspendenden Epoche der Iohanniter zahlte »nan dreihunderttausend Einwohner, wovon man jetzt eine Null abziehen nuiß, und in der Stadt Rhodus selbst finden sich kaum noch sünfzchnhundert Bewohner, meistens Juden. Das Klima dieser Insel war von jeher wegen seiner Heilkraft berühmt, man schickt Menschen mit unheilbar gehaltenen Lungenlciden hierher, uud es würde ein wahres Luftheilbad werden, wenn sich ans der ganzen Insel ein Arzt befände, dessen Leitung man sich anvertrauen könnte. Ein treffendes Beispiel habe ich selbst dort erfahren. Ich war nämlich vergangenes Jahr eine Strecke den Nil hinauf mit einem jungen Manne, dem Grafen F., gefahren, der von vielmonatlichem Fieber derart angegriffen war daß sein Zustand an Auflösung gränzte. Ei hatte von Zeit und Heilmitteln vergebens Erleichterung erwartet, und da die Acrzce in andern Welttheilen so gut wie im unsrigcn das Mysterium des Verscudens unheilbarer Patienten kennen, so wanderte der arme Graf fast ohne Hoffnung nach Rhodus. Dort hörte ich nun daß er nach vierwöchentlichem Aufenthalte gänzlich genesen, blühend und kräftig wie kaum früher, kurz vor meiner Ankunft ans der Insel sie verlassen, und nichts gebraucht hatte als das Einathmen der reinsten Luft. Chios und NhodliZ, welche Paradiese müßten sie seyn, unter vernünftiger Regierung, von fleißigen Menschen bewohnt, und wie unter den Griechen das herrliche Rhodus nebenbei von drei> tausend Statue«: bevölkert. Diese zwei nun vernichteten Inseln wiegen manches europäische Königreich auf. 14. Das gestrandete Schiff. Rhodos ist vom asiatischen Festland? nur durch einen schmalen Meerarm geschieden, und die hohen schwarzen Ufer blicken gar düster und schwerun'ithlss nach der blühenden Insel herüber. Es sind die Ausläufer des Taurusgcbirgrö, d.is Kleinasien von Syrien scheidet, und an dessen Endpunkte die Besitzer von Rhodos die vortrefflichste strategische Stellung inne hatten, um nach Gefallen gegen Antiochia oder gegen Jerusalem zu vperiren. Wir fuhren durch diese Meerenge, kamen an die durch Seeräubern soust so berüchtigten Inseln, die sich rabenschwarz und ohne alle Spur von Vegetation aus der Fluth erheben, und waren bei Sinne Zeuge dcr Schwämmefischerei, von deren Mühseligkeit und Gefahr man sich kaum eine Vorstellung machen kann. Der Taucher läßt sich nämlich an einem Fuße anbinden, und stürzt sich in die Mecressisfe binab, nicht srlten fünfzehn bis zwanzig Klafter tief, bloß mit einem Messer bewaffnet, um den Schwamm los-zuschneiden, der am Felsen angewachsen ist. Wir sahen einen von ihnen über fünf Minuten unter Wasser bleiben, und doch mir mit einem Stücke znrückrommen, da ihre Lösung sehr müh^ sam war, und stets mit dem verstelm'Nsn Zellengewebe geschehen muß, an dem der Schwamm feststeckt. Auch ein Mädchen stürzte sich hinab, aber nichr so tief, und kam ba!» wieder zurück, wohl mehr als Uebung. Dicscr Handel ist allerdings gefährlich, aber belohnend, denn die Bereitung dcr Schwämme ftlbst ist einfach und ihr Verkauf eintraglich, defenders an diesen wüsten, wo die besten dcr Welt gefunden werden. Nicht selteu werden die Taucher Opfer ihres Handwerkes, und von Seethiercn angefallen und getödtet. Der Wind wurde wieder lebhafter, und wir flogen in das Inselmeer hinein, das hier seine herrlichen Vilder zu entfalten 128 beginnt. Alle Ufer wimmeln von classischen Erinnerungen, und schöne Reste erblickt man vom Tempel zu Gnidvs bis nach Pa-phos, wo der verehrteste Dienst der Liebesgottin war. Wir näherten uns gegen Mitternacht dem engen Durchgang des alten Halikarnaß, und bedauerten eben diese merkwürdige Gegend nicht sehen zu können, als unser Schiff einen furchtbaren Stoß erhielt, der alle Geräthc und uns sVlbst zu Voden warf. Gin allgemeiner Schrei tönte durch das gauze Schiff, das selbst bis in seine innersten Fugen erschüttert war. Die Bestürzung war auf allen Gesichtern, dic Schlafenden rannten aus den Betten lm Hemd aufs Verdeck, und die Rathlosigkeit der Führer war unverkennbar. Wie waren gestrandet. Die Ungewißheit ist in allen Dingen schlimmer als die schlimmste Wirklichkeit, und wir brachten den Rest der Nacht mit Conjecture« zu, ob das Schiff auf Felsen oder auf Sand säße, welch' ersteres allerdings sehr bedenklich ist. Aegyptische Matrosen wären freilich im ersten Momente über Vord gewesen, und wcnn man auch ci» großes Schiff nicht schieben und tragen kann wie eine Nilbarkc, so würden wir doch erfahren haben auf was wir aufsaßen. In Erwartung daß Licht von oben komme, während wir cs eher unten suchen mußten, wurden alle Anker ausgeworfen, damit das Schiff ja nicht mehr aus seinem bequemen Sitze verrückt würde, und cincs bürdete immer dem andern die Schuld auf, die doch ausschließlich Steuermann und Eapitän trugeu. Wir ricthen zum Frieden und zur Ergreifung energischer Maaßregeln, da wir nicht Robinson Crusoes werben wollten-, als aber die Morgendämmerung anbrach, erkannten wir erst den begangenen Fehler. Wir saßen nämlich auf einer Sandbank der Insel Stanchio fest, die sich weit ins Meer hereinzieht, und Aehnlichkeit mit einer andern Erdzungc hat, die eine Stunde später kommt, und auf welcher die Stadt oder vielmehr das Casttll Cos steht. Der Irrthum war etwas plump, und die Führer des Schiffs hatten offenbar mehr in die Cyper-stasche als auf ihre Seekarte gesehen, allein das Unglück war da, und war nicht einmal so arg als wir anfangs besorgten, denn wir befanden uns nicht ferne vom Land. Wir thaten daher Nothschüsft, und wie es Tag wurde, erblickte man unS von der benachbarten Stadt und sendete uus Leute zu Hülfe, allein es scheiterten alle Versuche das Schiff wieder flott zu machen, 129 und wir hatten nichts gewonnen als die tröstliche Ueberzeugung, in Sand und nicht auf Steinen aufzusitzen. Nun erschien eine höchst merkwürdige Person, eine Gattung Siebeneinigkeit, nämlich ein europäischer Consul, mit allen Emblemen seiner Macht umgeben, der Repräsentant von sieben Seemächten. (5r kündigte sich an als unseru Retter und zugleich als Vnvo)« illoni^otentlilii-e fast aller europäischen Staate — ein Amt, das sich seit undenklichen Zeiten in seiner Familie traditionell fortgepflanzt, und das der ictzigc Consul von seinem Vater geerbt hatte. Dieser war ei» sehr gelehrter Mann und hatte sich durch seine Amtsführung für sieben Mächte nicht abhalten lassen die Welt mit sieben Bänden Gedichten zu beschenken. Daß aus einer solchen Siebenfaltigkeit eine Menge schwieriger Confticte in Kriegszeiten entstehen mußten, ist leicht zu erachten, und die frühern Consul« diejer Art mußten als Vertreter von sich befehdenden Potentaten nothwendig in sich selbst in peinliche Spannung gerathen. Desto leichter wird die Vereinigung so verschiedener Interessen dem jetzigen Consul, und der herrschende ewige Friede enthebt ihn der Verlegenheit, die zarten Verhältnisse seiner hohen Committcnten mit Grkaufung der politischen Seelenruhe in Disharmonie zu bringen. Was würden nicht unsere europäischen Budgets durch systematische Reduction des diplomatischen Corps nach diesem einfachen Vorbild gewinnen! Mit unserer Entdeckung der Insel Stanchio war auch die des siebeneinigen Consuls verbunden, und nachdem er beim fröhlichen Mahle mis die Schwierigkeit seiner Vielseitigen Stellung erklärt hatte, ließ er uns einen Blick in die innere Maschinerie seiner Repräsentation werfen, Es ist nämlich im Morgenland Sitte daß an den großen Festen des Vairams und Ramazans sämmtliche fremde Gesandte, Consuln und Agenten dem Sultan oder seinen Stellvertretern in den Provinzen Aufwartung machen. Diese geschieht natürlich in höchster Gala, und wie hilft sich mm unser Proteus? Gr hat sieben Umformen, und da er sie begreiflich nicht über einander anziehen kann, fo steckt er sich zuerst in das Gewand der größten Macht, vor ihm geht ftiu Kawaß, und hinter ihm der Director aller seiner Kanzleien, ein linguistisches Genie, zur Zeit aber noch unbesoldetrr Schreiber. Mit ihnen macht er seineu ersten Besuch beim Mutesselim. Morgenland und Abendland. II. 2te Aufl. 9 130 Dann eilt er nach Haufe, die Uniform der Macht zweiten Ran< ges wartet bereits, die Familie zieht den Bevollmächtigten rasch aus und wieder an, und die zweite Visite findet statt, welcher die fünf andern in derselben Politischen Ordnung folgen. Vet jedem Empfang muß er eine Pfeife rauchen und eiue Tasse Kaffee trinken, bei jedem muß er die Politik seines Staates vertreten, wozu gewiß kein geringer Aufwand geistiger Gewandtheit erfordert wird. Und für alle diese Sorgen, für alle diese Mühen, worin keiner unserer Diplomaten mit ihm verglichen werden kann, empfängt er nur von Einer der Regierungen, die er vertritt, den schmalen Sold von vierhundert Franken. Mein muthwilliger Franzose fragte ihn insgeheim, warum er die englische Flagge nicht aufgesteckt, da doch Lord S. . , der mit dem königlichen Hause verwandt sey, sich auf unserm Schiffe befände. Der gute Mann wurde leichenblaß, entfernte sich so« gleich, lief über den beschwerlichen Strandweg in die Stadt, und nach einer Stunde wehte der brittische Pavillon auf der Confu-larstange. Andern Tages bei Tische kam die Rede auf Amerika, und der Siebeneinige hörte zu seinem nicht geringen Erstaunen daß er neben dem Sohnc des Präsidenten der Vereinigten Staaten saß. Abermals wurde Dessert nnb Kaffee geopfert, und nach einer Stunde wehte neben der englischen die Flagge der DankeeS. Wir verschwiegen ihm unsere übrige hohe Abkunft, um nicht alle seine Flaggen zugleich abzunützen. Für unsere Befreiung war aber keine Hoffnung, da das Schiff ganz abgeladen werden mußte, und dann erst auszumit-« teln war ob es nicht beschädigt worden. Wir beuützten daher die lange müßige Zeit zu Ausflügen, und fuhren zuerst nach dem gerade gegenüberliegenden Halikarnaß, jetzt Vudruu genannt, wohin wir zwei Stunden brauchten. Halikarnaß war bekanntlich die Hauptstadt bcs alten Kariens, Alexander eroberte sie von Memnon, und dic berühmte Artemisia errichtete hier ihrem erschlagenen Gatten Mausolus ein Grabmal, welches als das siebente Wunder der Welt bekannt ist. Die Fundamente des Mausoleums sind hier noch deutlich zu sehen, viel besser aber ein ganz mit Steinen belegtes Amphitheater zunächst der Stadt, und die verrufene Quelle der Venus, die uns Osid so lasciv schildert. Das Interessanteste nn Sarkophag seyn, der hier kürzlich aufgefunden und im Haust 131 des Kadi aufgestellt wurde. Gr zeigt Hieroglyphen, die kelne Nehnlichkeit mit den mir bekannten haben, und ist vorzüglich schön gearbeitet und erhalten. Am meisten reizte es uns aber in das Castell zu kommen, das malerisch auf einer Erdzunge ins Meer hineinließt, früher ein Iohanniterschloß, jetzt eine türkische Veste. In demselben soll ein uralter runder Thurm stehen, den ich übrigens so wenig gesehen habe wie die berühmte Vüste des Hippokrates, welcher man dort ihren Platz anweist, da wir keinen Eintritt erlangen konnten. Halikarnaß ist die Vaterstadt beö HeraMt, und dcr zwei größten Geschichtschreiber, Dionys und Herodot. Zum Herüberfahren brauchten wir einen halben Tag, da der Wind entgegen war. Die Stadt Cos ist weitläufig und wegen der in ihr liegenden Gärten mühsam zu durchgehen, da die Mauern keine Verbindung gestatten, sondern zwischen den Gärten sort jede Straße nur auf Einen Punkt hinausführt. Das Hafencastell ist noch sehr fest, und stammt von den Iohannitern her, die beinahe so schön bauten wie die Venetian«. Neberall stoßt man auf Nuincn und Inschriften, mehr römische als griechische. Eine Moschee steht am Castell, gar nicht einer Türkenkirche gleich sehend, fast wie das Rachhaus zu Payerne in der Schweiz, wo bekanntlich nach der Schlacht von Poiticrs auch Saracenen hindrangen, und vor ihr steht eine Platane, uralt und herrlich, drei« ßig Fuß im Umfang, und ringsum gestützt und getragen von antiken Marmor- und Granitsäulen, denen man keine schönere Nuhestelle anweisen konnte. Capitale und Marmoraltäre liegen hier in der Stadt selbst herum, die Wasser der Hippokrattsquelle strömen am Castell zusammen, und die Aufklärung hat Wurzel geschlagen, denn rings um eine neue Moschee sicht man Kauf-buden angebracht. Die Stadt ist aber todt und menschenleer, und die Griechen welche sie bewohnen — bekanntlich werden die Sporaben wie die Cyklaben von Griechen bewohnt — sind höchst unzufrieden über den Hattischerif von Gülhanch, dcr ihnen gleiche Rechte verspricht, wahrend man ihnen die abgeschaffte Kopfsteuer fortwährend auferlegt, und ihre einzige Freiheit im Nichtsolda< tenstellen besteht. Verstände das griechische Mutterland sein In« teresse, so würde man solche Momente benutzen, denn alle Griechen die ich in Asien sprach, wünschen in ihre Heimath zu koinmcl» trauen aber dort dem gegenwärtigen Znstand dcr Dinge nicht, I 33 Wir ritte» in das Innere der Insel, die sehr fruchtbar ist, und Citronen, Feigen, Trauben im Ueberftusse hervorbringt, Tausend Citronen kosten hier drei, höchstens vier Piaster, und werben wie Orangen gegessen. Wir stießen ans viele schone Gegenden, allein das Anziehendste dieser Insel besteht in der Quelle, welcher Hippokrates de» Namen gegeben. Er hätte sich und seinem Vaterlandc kein würdigeres Denkmal hinterlassen können. Die Quelle ist zwei Stunden von der Stadt Cos entfernt, von welcher man einen Verg zu ihr hinanreiict. Felsenpforten führen zu der heiligen Quelle, die mit Cyklopenmauern eingeschlossen ist, und aus einer schönen Grotte, in starker Bachströmung, aber ruhig und silberklar hervorbricht, ohne sich mit einer ganz nahen Mineralquelle zu vermischen. Der reizende Platz ihres Ursprungs ist von Cypressen und Platanen beschattet, und bietet die Aussicht über die Vay von Stanchio nach den hohen scharfen Ufern Asiens bis zu den Gebirgen des herrlichen Pathmos und der Spitze von Mykale. Die Hydropathie ist alt, denn sie ist die Lehre der Vernunft; Hippokrates war ihr eifrigster Verfechter, wir wähnen aber die Heilkraft des Wassers erst entdeckt zu haben. Es war der dritte Tag unserer E^cursionen. Als wir heimkehrten, war das Schiff gänzlich ausgeleert, und über hundert Menschen arbeiteten mit höchster Anstrengung an Flaschenzügcn, die an die Anker befestigt waren. Unser Consul glich dem großen Osiris, als er seine Heere gegcn den Feind führte, und es herrschte allgemeine Begeisterung, als wir die Röcke abwarfen und selbst mitarbeiteten. So viele Tugend konnte nicht unbc-lohnt bleiben, und nichts schildert das Entzücken, als das Schiff sich zu bewegen anfing. Da zugleich der Wind sich scharf erhob, so wurden alle Segel aufgespannt, um auch ihm eine» Theil des Vefreiungswerkcs zu überlassen. Und wir waren frei, leicht schwebte das schöne Schiff wieder auf dem Meeresspiegel, und der Steuermann eilte an sein verlassenes Nuder, Alles umarmte und herzte sich, und um unsern possierlichen Affe», der auf dem Verdeck am lauge» Stricke angehängt war, schlosi sich ein großer Kreis, wie wenn die allgemeine Freude einen besonderen Gegenstand festhalten müßte. Der Affe aber war in der größten Verlegenheit als er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, und tanzte bald sein Solo, bald suchte er zu cut- i33 fliehen, bald kratzte er sich und stürzte dann wieder auf diejenigen ergrimmt los, die ihn zu arg neckten. Tie Lustigkeit ist ansteckend, der Consul tanzte mit allen Unterthanen der von ihm vertretenen Mächte, und hier konnte man deutlich sehen, wie leicht der Mensch von Muthlosigkeit zum Uebermnth übergeht. Wir benutzten die Nacht um wieder aufzuladen, und fuhren Morgens glücklich durch die Klippen zwischen den Inselgruppen durch gegen das stolze Samos hin, immer wie in einem großen Landsee, und steuerten in herrlicher Mondnacht durch das zauberische jo-nische Meer in die hehre Pracht des Archipels hinein. 15. Die Dampfschiffs im Mittelmeere. Warum Hal sich Napoleon nicht zum Lhalifen des Morgenlandes gemacht, anstatt Kaiser der Franzosen zu werden? Was wäre jetzt der Orient, wenn dieser große Genius ihn aus seinem Schlafe gerüttelt und seine Kräfte geweckt hätte? Was wäre aber das Mittclmeer, wenn Napoleon Fultons große Erfindung der Dampfschiffe erkannt, und eine Seemacht ins Leben gerufen hätte, wie sie Frankreich jetzt besitzt, und die England so gefahrdrohend gegenübersteht? Die Dampfschiffe der Franzosen bedecken das Mittelmeer, sie sind faotisch die Herren darauf, und wer die Flotten in derVesicabay gesehen, muß erstaunen über die Schönheit und Größe der französischen Flotte. Wie auch die englische Journalistik dagegen eifert, so ist doch gewiß das; die französische Marine einen unglaublichen Aufschwung gewonnen, und England sehr furchtbar geworden ist. Mit bloß altem Ruhme schlägt man aber keinen Feind, und die Engländer mögen sich hüten nicht in den Fehler der Preußen vor der Schlacht von Jena zu verfallen, Louis Philipp hat Napoleons Testament wohl begriffen, und den Götterfunken der modernen Mechanik als leserliches Codicill daran gehängt. Frankreich hat durch seine Dampfschiffe beinahe ausschließlich die Verbindungen im Mittclmeere an sich gebracht, alle andern sind nur Nebensache. Frankreich beherrscht mittel-oder unmittelbar das ganze asiatisch afrikanische Littoral von Beyrut bis Tanger, und kann wohl durch seine Dampffahrzcuge in wenigen Tagen zwanzig bis drcißigtausend frische Truppen anf jeden Punkt dieser großen Linie werfen, und dadurch vielleicht jede Frage entscheiden, ehe andere Staaten nur einen Fuß in Bewegung setzen. Rußlands Macht ist nur für die Türkei, dort aber auch entscheidend. Auf Syrien und Aegypten könnten russische Truppen zu Lande nicht wirken, ohne einen zweüen l35 Vhiwa'schen Zug zu wagen. Man muh diese Länder kennen, um zu 'rissen welche Schwierigkeiten sich europäischen Heeropc-rationen dort entgegenstellen. Dieß weiß der Pascha, dieß weiß aber auch Rußland recht gut, und darin liegt der Grund daß Mehemcd Ali nicht fallen kann, so lange ihn Frankreich nicht fallen läßt. Die französischen, zum Trausport der Kriegsdepeschen verwendeten Tampfboote durchkreuzen gegenwärtig in drei Linien und zehntägigen Zwischeuräumcn das Mittclmeer. Die erste Linie geht zwischen Marseille, der italienischen Küste und Malta, die zweite zwischen Malta, Syra und Alerandrien, die dritte zwischen Syra, Smyrna, Konstantinopel und Athen. Diese Verbindungen sollen jetzt mehr ausgedehnt, die Linien verdoppelt, und ein neuer Curs von Marseille direct nach Aterandrien eingeleitet werden. Ziehen sie später noch die syrischen Küsten in ihren Vereich, so ist das Netz vollständig, Diese Dampfschiffe gehen gut, sind uon hundertsechzig Pferdekraft, vollständig bewaffnet, mit vier dreißigpfündigen Pairhans an Vord, ihrer halben Montirung. Der Capitän ist immer Ofsicier der königlichen Flotte, allein die übrigen Officiere haben in ihr keinen Rang, sondern sind aus der Handelsmarine genommen, oder haben sich, welches meistens der Fall, freiwillig zu diesem Dienste gemeldet, der ihnen doppelten Gehalt und die Aussicht auf Pension gibt. Alle Seemächte haben in den Friedensjahren große Fortschritte gemacht, Frankreich aber gewiß die größten. Sein schönster Hafen und die Gildlmgsschule seiner Seeofficiere ist Brest, und wahrend man vor zehn Jahren englische Ingenieure und Maschinisten nicht entbehren tonnte, werden jetzt alle Dampfboote und die mehrstcn Maschinen im Lande selbst gemacht, und von französischen Ingenieurs geführt. Durch den Andrang fähiger Eleven ist aber die Zahl der Secofsiciere so hoch gestiegen, baß man stets über sechö- bis achthundert derselben verfügen kann, die bis zur Einberufung auf den Handelsschiffen dienen und der Regierung nichts kosten. Das barba» rische englische Matrosenpresfen wäre in Frankreich unausführbar, weil es seine Seeleute freiwillig wirbt und gut bezahlt, dabei aber ein Supplement von Landconscription nöthig hat, welches noch der einzige Uebelstand ist. Gaffenhauen und Prügel können auf den französischen Schiffen noch verhängt werden, nur 136 scheint die unbestrittene Nothwendigkeit einer schärfern Disciplin auf dieser Flotte sich zu persönlich hart auszusprechen. Die französische Regierung hat ihre Dampfschiffe zur Verfügung des reisenden Publicmns gestellt, wofür man ihr sehr dankbar seyn muß, da erst hierdurch, nämlich seit drei Jahren, der Orient eigentlich aufgeschlossen worden ist. Sie verliert aber, obschon die Preise abermals erhöht wurden, bis jetzt zwei Millionen jährlich, eine kleine Einbuße, die durch die politischen Vortheile weit ausgewogen wird. Die Einrichtung ist sehr gut, die Restaurationen meistens vortrefflich, allein die Behandlung der Passagiere ganz von den Kriegsreglements der Schiffe abhängig gemacht, wodurch, weun der Capitän diese Härte nicht durch persönliche Liebenswürdigkeit zu mildern weiß, der Reisende wie ein transportirter Gefangener erscheint. Auch ist es möglich daß der Dienst eines Officiers sich nicht ganz mit diesem Transportgeschäft verträgt, allein dieß geht den zahlenden Reisenden nichts an, und immer ist cs unbillig, wenn er es entgelten muß daß die Officiere in falscher Stellung sind, oder sich einbilden es zu seyn. Dieses U n glückt ich thnn und Gekränkt-fühlen habe ich bei den meisten Officieren dieser Schiffe gefunden, wodurch eine so frostige Absonderung und ceremoniöse Haltung erzeugt wird, baß ich es den Reisenden nicht verargen kann wenn sie sich möglichst andere Reisewege suchen, um die französischen Schiffe zu vermeiden. Ich will indessen unter vielen erlebten nur Gin Veispicl erzählen, welches die Empfindlichkeit jener Officiere rechtfertigen dürfte. Ein junger Engländer von vornehmer Geburt, Neffe des berühmten Pitt, kommt mit mehreren Freunden an Vord eines französischen Dampfboots und erscheint an der Tafel in der Reiseblouse. Dieses Kleid ist durch Reglement bei Tische verboten, wie dieß auch der Fall auf allen englischen Kriegsschiffen. Nach der Tafel läßt der Capitän den Engländer durch einen Officier sehr höflich erinnern daß er sich anders kleiden möge; dieser setzt sich aber dessen ungeachtet in derselben Blouse wieder zu Tisch, nachdem er dem Officier erklärt hatte daß ihm Niemand seinen Anzug vorschreiben könne, wo er für sein Geld lebe. Der Capitän erschien etwas später, und als er den Engländer mit der ganzen Gesellschaft bereits essend fand, erklärte er daß er sich nicht niedersetzen werde, bevor der Engländer sich nicht nach der Sitte gekleidet hätte. Dieser 137 erwiederte ihm barsch, er könne sich setzen oder nicht, das sey ihm ganz gleich, er werde jetzt aber essen. Der Capitän rief nun einem seiner Officiere zu seine Pflicht zu thun. Der Officier geht ans den Engländer zu, und fordert ihn auf ihm zu folgen, und holte, nachdem er sich geweigert hatte, vier Mann Wache herbei, die ihn mit Gewalt von der Tafel weg in ein Cabin schleppten, wo er als Arrestant bis zur Ankunft in Konstantinopel verblieb. Veibe Theile brachten den Vorfall zur Kenntniß ihrer Gesandten, und Lord Ponsonby mißbilligte das Betragen seines Landmanns in so hohem Grade, daß er ihn mit dem nächsten Dampfschiffe nach London zurückschickte. Schöne fröhliche Tage verlebte ich auf den» Rhamseß und dem Scamandre, deren Ca-pitäne zelqen dasi die alte berühmte französische Galanterie auf ihren Schiffen noch ihren Rang behauptet. Eine zweite Gelegenheit das mittelländische Meer zu durchstreifen, bieten die österreichischen Dampfschisse, Privatunterneh-mungen, die mit vieler Umsicht geleitet werden, und wo der Reisende sich behaglicher befindet, weil er Herr und unabhängig ist. Die eine Gesellschaft von Aoyd schickt ihre Schiffe von Trieft über Ancona, Corfu, Patras, Athen nach Konstantinopel, Smyrna und Syra; die andere, die von Wien herab gerichtete Donau-Dampfschifffahrt, läßt ihre Schiffe von Konstantinopel nach Smyrna, Veyrut, Jaffa und Aleiandrien hinabgehen, jedoch nur alle drei, und im Winter alle vier Wochen. Jetzt, wo die Pest in Aleran-drien herrscht, haben sic die Fahrten dahin ganz eingestellt, und Jaffa ist bei den im Winter an den syrifchen Küsten herrschenden Stürmen so schwer zu erreichen, daß sie öfter zwei, auch drei Fahrten gar nicht hinkommen tonnen. Auch besteht ein Fehler darin daß man im Innern Syriens nicht erfahren kann, zu welcher Zeit diese Schiffe an die Kostenpunkte kommen, und daher die Reisenden weder in Palästina noch Damaskus einen Plan auf ihre Ankunft zu bauen im Stande sind. Alle diese österreichischen Schiffe haben für die harte Iahrszeit in diesen Gewässern zu schwache Maschinen. In dritter Linie stehen im Mittelmeere die Engländer. Sie haben nur Regierungsdampsbootc, die von Falmouth über Oporto, Lissabon, Gibraltar, Malta und Alerandrien in gerader Linie und äußerst rasch gehen. Früher dehnten sie sich bis Beirut aus, jetzt senden sie nur von Aleranbrien eine Corvette hin, alls 133 deren Rückkehr das Dampfboot nach England nicht wartet. Für Reisende aus Ostindien ist diese Gelegenheit sehr förderlich; da man aber niemals mit Sicherheit auf ihren Abgang rechnen kann, der ganz von der Post aus Indien abhängt, so zieht man die französischen Linien vor. Indessen wird und muß England mit diesen bald in Conmrrenz treten, wodurch die Preise auch ans einen fürs Allgemeine wünschenswerthen niedern Fuß herabgedrücki werden müssen. Neapolitanische Dampfschiffe gehen zweimal in den Sommermonaten nach Palermo und machen die Fahrt um Sieiliru, wo sie in Girgcnti, Syrakus, Catania, Messina landen. An den italieni-schen Küsten ist die lebhafteste Verbindung, und neapolitanische, toscanische und französische Privatdampfschiffe habcn das Reisen von den Häfen Neapels biö Marseille so erleichtert daß man die Woche mehreremal von einer Stadt zur andern fahren kann. Auch die französischen Dampfschiffe der königlichen Marine, welche das Mittclimer in drei Passagier-Linien durchkreuzen, finde» nun in den Häfen Siciliens, Neapels und Toscana's Eingang, ob-schon sie sich früher weigerten die vorgeschriebenen Abgaben zu bezahlen. Dieß ist nun ausgeglichen, und je mehr Concurrent desto wohlfeiler die Prcisc, die jetzt offenbar zu hoch stehen und daher viele abschrecken. Auch Spaniens Gestade sind uns aufgeschlossen, und mehrere Gelegenheiten gibt es seine Südküsten zu besuchen. Zweimal des Monats gehen die englischen Paketschiffe von Malta und Falmouih ab und berühren Gibraltar, Cadiz, Lissabon, Oporto und Vigo. Französische Privatschiffe gehen zwischen Lissabon und Marseille, und eine gute b'ompagnic ist die der spanischen Vrüber Nainaldi, die ihre Schiffe zwischen Cadiz und Marseille gehen lassen, wozu man zwar vierzehn. Tage braucht, allein die Annehmlichkeit genießt in allen Südstädten Spaniens einen Tag zu verweilen. So hat der Dampf endlich das Mittelmeer in sein Recht eingesetzt, und die Dampfschiffe die es durchschwärmen, könnten jeden Tag Heere in den entnervten Orient tragen, zahlreich genug um den morschen, gichtbrüchigen Koloß über den Haufen zu wersen. Europa steht nur noch einen Schritt vom Reich und Grab des Propheten, und es fragt sich nur, wer den Fuß zuerst aufheben will um diesen Schritt zu macheu. Nur Syrien und Algier sind noch zurück. An des ersteren Küsten geht nur 139 alle 3 bis 4 Wochen ein Dampfboot der Donaugesellschaft, und letzteres vor Frembenbesuch zu verwahren scheint bis jetzt Absicht des französischen Gouvernements zu seyn, da keine Privatdampf-schiffe dahin bestehen, und man öster Schwierigkeiten findet um Erlaubniß zur Ueberfahrt auf Regierungsbooten ;u erhalten. Für das im Mittelmeer reisende Publicum sind unstreitig dic österreichischen Schisse die angenehmsten, ivo der Capitän Herr des Schiffes, der Passagier aber Herr im Häuft ist. Die franzö« fischen Dampfboote sind zwar unverhältnißmäßig besser und reinlicher, allein den meisten Reisenden behagt der militärische Zwang nicht, nnd es kommt auch viel darauf an wie dic Officiere dieser Schiffe sich mit den Fremden stellen »vollen, Ich habe deren sehr liebenswürdig getroffen, oft aber auch sehr gespannte Verhältnisse gesehen, die ans dem engen Schiffsräume sttts auf die ganze Gesellschaft wirken. Unstreitig sind aber die englischen Dampfboote am weitesten zurück, und haben die schlechteste Einrichtung, worunter enge Cabins für mehrere Personen obenan-stehen, Ueberdien muß Jedermann der englischen Tagcseintheilnng folgen, die gewiß sehr unzweckmäßig ist, nnd es ist nicht möglich früh Morgens eine Tasse Kaffee oder Thee zu bekommen. Um zehn wird gefrühstückt, schlechter Kaffee und Fleisch, ulnzwolsqelnnscht, etwaS Salat und Schinken, um vier Mittag gegessen, um secbs Thee getrunken, bann kann mall wieder fasten bis zum andern Morgen lim zehn Nhr. Tiese tyrannische Ordnung ist unabänderlich, und hierzu kommt noch der Zirang desVorlegens, wo der Sprachunkundige am schlechtesten wegkommt, da er keine Speise verlangen kann, dann das langweilige Zutrinken, das alle Aufmerksamkeit absorbirt und jede Unterhaltung zerstört. Dabei sitzt man schlecht, mnß gewöhnlich schlecht essen, und selbst in den Ländern wo der edelste Wein wächst, diesen mit Beimischung von Vranntwein trinken, ohne welchen dein Engländer kein Rebensaft schmeckr. Sie thun sich groß damit daß sie so geschickt essen, daß sie keine Serviette be» dürfen, beschmieren dagegen das Tischtuch, an dem man täglich essen nmß, und wissen einem Unfall, der anfschwankendem Schiffe unvermeidlich, doch nicht zn begegnen. Ich wollte mich aber noch an alles gewöhnen, allein die Flegelhaftigkeit der Stewards gegen Fremde ist um so unverzeihlicher, als bei uns jeder reisende bnt-tische Schneider als Mylorb behandelt, und jeder Einheimische gc-gcn diese Spleenhelden zurückgesetzt wird. Die Unaufmerksamkeit 140 der englischen Anfwärter ging einmal gegen einige Spanier, die sich nicht anödnicken konnten, so weit daß ich es nicht länger mit ansehen konnte, lind den Steward durchwichsen wollte, der sich mit sinem Satze über die Treppe rettete. Dieß half, wir wurden von nun an trefflich bedient, und ich empfehle allen Fremden sich mit englischen Domestiken sogleich kategorisch zn stellen, und sie werden gut bedient werden. 1«. Malta. Sey mir gegrüßt, stolzes Felseueilaud, das mich dem euro> päischen Boden wiedergibt! Nie schmuck ist doch alles hier, wenn man aus dem uncivilisirten Orient l'ommt, die rothen englischen Uniformen, der englische Zapfenstreich erquicken Auge und Ohr, dcr überreiche Speisezettel und die engtischen Pfunde, alles zeigt uns daß wii wieder auf dem Boden der Cultur stehen, wo alleS seine Tare hat, der Mensch, der Porter und die Pest. Drum sey auch du gegrüßt, erhabenes Pesthospital, das mich auf zwanzig Tage in die gastlichen, luftigen Räume aufgenommen, iu deut ich Ruhe finden werde nach so vielen Beschwerden, ivo ich mich sammclu und die großen Bilder, die meiner Seele vorschweben, in lleine bescheidene Nahmen fassen kanu, um sie in deu Herben theilnehmender Freunde in der Heimath niederzulegen. Wie freundlich lächeln nns die t'ünstlichcn Steinterrassen des Wnndereilanbcö entgegen, auf dessen nackte Felsen jeder Paladin die Vrbe mitbringen oder holen mußte, und wo jetzt alles wuchernd in der üppigsten Vegetation blüht, nachdem Christen- und Türkenblut Jahrhunderte durch ihnen als Dünger gedient. Rhodos war der Schwanengesang des Ritterthnms, in Malta blüht es fort m der englischen Nobility, die so sinnig den Turnierbrief mit Mac Cullochs Handelshandbuch verflicht. Unbezwingbar steht sie da, die Felsenburg der Iohanniter und Engländer, die ersten einem frommen Wahn, die andern dcr Weltherrschaft nachjagend. Dieß feste Vollwert des ritterlichen Glaubens sieht nicht mehr die tapfern Galeeren auolaufen um lühn die zahllosen Gallionen des Halbmondes auzugreifeu, sie zu entern und die Türtenhundc zu bekehren oder in Stücke zu haueu, Nicht für den Glauben der Väter ficht (England, dafür schickt es seine Missionäre und bezahlt sie redlich per Tag und Scelc die sie herumgebracht; höhere Interessen gilt es hur zu verfechten, Opium und Schwefel entzünden 142 jetzt heilig« Kriege, und die gewandten Dampfschiffe durchzischen das Mittclmeer und schleppen die sorglosen neapolitanischen Kauf« fahrer täglich im wohlfeilen Triumphe in den Hafen von Laval-lctte. Der Handel ist eine schöne Sache, er verbindet die Völker und fördert ihre Wohlfahrt; die Handelspolitik ist aber ein Ungeheuer, das alle edleren Gefühle der Nationen erwürgt, wie der Mensch, den nur Selbstsucht und Eigennutz leitet, allem Höhern, abstirbt und der Gesellschaft eine LM wird. Kühn und dominirend erheben sich die gelben Mauern La» vaUette'S über dein blauen Meeresspiegel, und mühsam sind über die Felftnhügel am Strande die Stufen von Steinen aufgeführt, in denen Afrika's Sonne allc Früchte rcift, und die sich friedlich an die verderbendrohenden Wälle schmiegen. Nechts und links, nicht ferne abstehend, erblickt man die kleineren Häfen mit schützen« den Werken, dic hohe Stadt selbst aber spaltet das Meer, nnd uneinnehmbare Forts mit unzähligen übereinander stehenden Feuer« schlünbcn dienen 0er steil übereinander aufsteigenden flachbedcct-ten Häusermasso zum sichern Hort. Alle Gebäude stehen auf Felsen-gründ; der Palast des Gouverneurs und die schöne zweithürmige Iohanniterkirche nehmen die höchsten Punkte cm. Links durch schmale Pforte zieht sich zwischen furchtbaren Bastionen der kleine aber unangreifbare Hafen um die Stadt herum, in welchem Drei-und Vierdccker vor Anker liegen. Wir aber fuhren anfciner durch Fflsenlagcn und übercinanvergestelltc Feuersmlünde sich windenden, fchlangenähnlichen, blauen Wasserstraße in dic Tiefe des Quaran^ tänehafens hinein, und stellten uns zwischen der Esplanade von St, Florian und dem untern Vazarethe auf. Nach kurzer Pause rief mau uns zu, zn der Wohnung des Lazarethcommandanten zu kommen, und kein Gefangener ist noch so gierig seiner Haft entgegengeeilt, wie wir uns in die Barken warfen um unserer Bestimmung zu folgen, Die Barken wendeten sich um den Vor^ wrung an der untern OuarantälN' wcg, und wir laudctcn au der imposanten Steintreppe des hoch der Stadt gegenüberliegenden Forts Manuel, das mehr einem befestigten Paläste als einem Pest« spitale gleicht. Die Treppe führt im ersten Absätze zu der Vorhalle, wo dic Gränze der Bewohner gesteckt ist, und das Sprechzimmer für die von ausien Kommenden wie der ganze Verkehr mit der Außenwelt seiuc strenggeschiedene Stelle findet, Von hier spaltet sich das schöngemauerte Treppenhaus in zwei Flügel, welche beide !43 in entgegengesetzten Richtungen auf eiuen großen Platz führen, der mancher Stadt zur Zierde gereichen würde. Dieser großeRaum ist auf drei Seiten von Gebäuden eingeschlossen, schön und massiv gebaut, die obern Zimmer für die Passagiere höhern Ranges be, stimmt, die untern ringsum mit offenen Arkaden eingefaßt, die zur Promenade dienen. Vorne gegen Stadt und Meer hin ist diese Platform mit einer Terrasse eingefaßt, deren breites Steinpstaster den gewöhnlichen Spaziergang und Vereinigungsortj der Gesell» schaft auf jeder Seite bildet, denn der Hof selbst ist durch die Statue des Erbauers dieses Forts, eines Großmeisters aus portugiesischem Stamme, in zwei Hälften geschieden, und jede ocrsclben tritt zugleich ein, und verläßt zugleich die Quarantäne. Der Capitän des Lazareths empfing uns auf die zuvorkommendste Weist, und überließ zuerst die Wahl der Gemächer uusern beiden liebenswürdigen Indianerinnen, die denn auch wie billig die schönsten derselben, mit der Aussicht aufs Meer gegen Sicilien, in Anspruch nahmen. Jeder von uns wählte für sich nach Phantasie was ihm zusagte, und ich ergriff mit vier Gefährten Vesitz von einem Appartement, bestehend aus mehreren Zimmern und gemeinschaftlichem Speisesaal, vor dem cin freier Corridor unö die Au-stcht der Stadt gestattete und wir die Schiffe aus- und einlaufen sahen. Jeder richtete sich ein so gut er konnte, und wir freuten uns gleich Kindern unserer Effecten, die von Alerandrien durch Freundeöhaud herüber spedirt worden. und von denen wir so lange getrennt waren. Die Einrichtung der Quarantäne in Malta ist eine Muster-wirthschaft und verdient ihren Ruhm als erstcö Pestlazareth der Welt. Jede Abtheilung hat ihren eigenen Garkoch, und man erhält um drei SlMinge cin gutes Mittagessen, um anderthalb ein reichliches Frühstück. Weine thut man besser aus der Stadt kommen z„ lassen, doch schickt man auch ans der ^ocanda Men und wohlfeilen französischen Wein und feurigen sicilischen Marsala — bald bemerkt man kaum mehr daß man befangener ist. Die Spaziergänge sind auf den Bastionen herum so mannichfaltig, daß man sich sogar absondern kann, und cin Misanthrop umcr uns eß so geschickt einzurichten wußte daß man ihn nic zu Gesicht bekam. Hicr erfuhrcu wir Krieg und Friedensschluß Englands mit Neapel. Allein eine andere Novität beschäftigte uns viel mcyr, da sie auch auf unser Schicksal sin^uwirkcn drobte, Das euglische !44 Negierungsbampfschiff hatte nämlich die Pest an Bord mitgebracht, der Chef d'hotel, war im Hafen nach zweistündigem Krankseyn, ein anderer Kranker zwei Tage hernach gestorben, und die vierzehn Passagiere mnßten auf vierzig Tage eintreten. M war mehrere Tage ungewiß ob dieß auf uns rückwirken wurde, da aber die sämmtliche Equipage des angesteckten Schiffes in das untere, vom Fort Manuel ganz getrennte Spital kam, so blieb es bei unsern zwanzig Tagen, den des Ein- und -Austritts mitgerechnet. Bedienung muß man mitbringen oder hier nehmen. Wir hatte» zu fünf einen eigenen Bedienten, der hinlänglich war uns bei Tische zu bedienen, da die Guardians nur für den allgemeinen Dienst im Hofe, Zutragen der Services aus der Tratterie lind Handhabung der Ordnung in den offenen Räumen aufgestellt sind. Für die Wohnung wird nichts bezahlt, Betten und Möbel erhalt man aber im Vazarcth selbst äußerst billig geliehen, und so kommt dieser 'Aufenthalt gar nicht theuer, weil man nur den Guardian bezahlt, und fünf recht gut mit einem derselben auö-reichcn. Auch ans Meer tann man hinabsteigen um zu badeu, und Frauen besorgen die Wäsche. Eben so kann man sich hier ganz gut mil Kleidern versehen, die Schneider der Stadt kommen an die Schranke, die Guardians haben ihre Maaße und messen an, die Nummer schreibt der Schneider auf, und in ein paar Tagen ist man neu gekleidet. Da hier die Stoffe sehr billig und die Handwerkoleutc geschickt sind, so kommt dieß Reisenden, die abgerissen wie wir von der Reise eintreffen, vortrefflich zu Statten. Kein gräßliches Hundegebell stört hier die Nachtruhe mehr, kein näselnder Ausrufer von den Minarets beleidigt ferner unser Ohr, frei darf sich die Fran hier und unvcrschleiert dem Äuge zeigen, und prächtige Glocken tönen wieder zu uns herüber, aber ill solchem Nebcrmaaße, daß man für zehnmonatlichen Aufenthalt im Orient in drei Wochen hier hinlänglich entschädigt wird. Vs läutet iu Malta jeden Tag, wie ungefähr in der City Londons am Sonntag Morgen, und da die Thurmuhren der Stadt jedesBiertel mit Wiederholung der ganzen Stundenzahl anschlagen, so schlägt es Mittags bis ein Uhr fort, bis alle Viertel völlig die Runde gemacht haben. Von der hintern Fortification des Forts Manuel aus übersieht mau den größten Theil der Insel und das benachbarte Gozo, Allein nur lurz war uns dieser Gcnnß gegönnt, ^ord Kean tam aus Indien hier in Quarantäne, und nicht zufrie- 145 den in jenem Lande Festungen erobert zu haben, mußte er uns auch unsere schönste Schanze wegnehmen. Die Engländer beugen sich vor ihren Mylords mehr wie vor ihren Königen. Wie der Vogel seinem Käsig, entschlüpften wir unserm schö» nen Gefängniß, denn wenn auch von Gold, er bleibt immer ein Käsig. Grüne chinesische Gondeln mit Schnäbeln gleich Am-monshörnern und weißen Baldachinen brachten uns über den Meerarm an die hohe steinerne Treppe, die ins Innere der Stadt führt, denn Malta besteht nur aus Hügeln und Treppen. Vlonde nacktbeinige Schotten traten uns in martialischer Schöne entgegen, ein Gegenstück zu den einäugigen verstümmelten Soldaten Mehe-med Ali's. Reinliche Straßen, mit breiten Quadern gepflastert, hohe Paläste, die ehrwürdigen Aubergen der alten Ritterorden, so pomphaft gegen die bescheidene Cavaliersstraße zu Rhodus abstechend, Reihen freundlicher Wohnhäuser mit Fensterbalconen, bergauf, bergab, in Perspective» von einem Hafen zum andern ziehend, italienisches Ausrufen und Gesang, maltesisch-arabisches Gezänke, so bekannt ans Ohr uns schlagend, Trottoirs und Plätze mit Ketten und Kanonen eingefaßt, überall Wohlstand, überall Europa, so fanden wir Lavallette, das kaiserlichste Geschenk, den tapfersten Rittern dargebracht. Das elegante Hotel der Mad. Goubau nahm uns auf, und wir waren fast fremd in den glänzenden Zinnnern. Ohne Verzug, denn nach wenigen Tagen enteilten die Dampfschiffe dein immer bewegten Hafen, gingen wir ans Werk. Die Iohanniskirche, eine der schönsten der Erbe, ist auch eine der rührendsten, denn sie birgt die Leiber der für den Glauben gefallenen Helden Europa's, als mau dort noch etwas Höheres kannte als Geld- und Ehrsucht. Ihr Mosaikboden zeigt uns den Marmor aller Länder, wie der Waffensaal im Gouverneurspalast die Rüstungen ihrer Edlen, die Blüthe und das Vorbild wahrer Aristokratie. Ueber die Festungswerke hin, die Zeugen der unglaublichsten Thaten, klingt jetzt die heitere Musik der stattlichen englischen und maltesischen Regimenter, und Nachts zieht durch die düster vom Mond beleuchteten Gassen eine Vande harmonischer Dudelsäcke, die Schotten zur Caserne uud in wehmüthiger Erinnerung in die Heimath rufend, Nnd die Frauen! Haben wir nicht Aehnliches in Kairo gesehen, so schwarz vermummt gleich Nonnen, so unkennbar dahin schleichend? Nein, sie sind nicht mehr vermummt, und Europa hat den Schleier des Morgenland und Abendland II. ^te A„ss. 10 146 Orients gelüftet. Nie Onnella, dieses schwarz seidene Kopftuch, wer könnte die Grazie je vergessen die sie so zierlich handhabt, um diese beweglichen südlichen Gesichter, diese brennenden Allgen zu bewundern'> wie glücklich waren wir die weibliche Schönheit unverhüllt schauen zu dürfen, und wenn es auch schönere Frauen gibt wie in Lavallette, schönere Füße und Hände findet man doch schwerlich, wie hier. Die Castelle von St. Elmo, St. An-gelo und Florian sind uneinnehmbar, und wenn Malta überhaupt noch angegriffen werden kann, so ist es vom unbewachten Landungsplätze zu Corradin. Nichts Abenteuerlicheres als das Maltesische Kutschenwerk. Gleich den Amsterdamer Brummers sitzt man hier in geschlossenen Kutschen auf zwei Rädern mit einem Pferd in der Gabel, neben dem der Führer herläuft, sollte es auch durch die ganze Insel gehen. Wir zogen vor zu reiten, und durchwanderten die herrlichen Hügel, die nothbürftig mit Erbe bedeckt dieses kostbare Element in Stcinterrassen stützend zu den Höhen heben, und bei jcder Wendung wieder neue überraschende Ansichten auf das Meer geben. Der Garten des Gouverneurs St. Antonio ist fünf Meilen entfernt, eine Fülle südlicher Blumen und Aäumepracht, aber in steife Rahmen gefaßt. Weiter hinaus auf dem die ganze Insel beherrschenden Hügel die alte Stadt, Cittä vccchia , mit Festungswerken umgeben, aber unfern davon die erst kürzlich entdeckten Tempelreste bei dem Dorfe Grandy, nebst den Spuren einer Stadt, welche die Engländer Hagiar Chem getauft haben, weil man nichts weniger annimmt als daß Ham, Noahs Sohn, sie bei der damaligen Erdvertheilung nach der Sündsiuth gebaut. Sie war ganz zugedeckt, und wird jetzt ausgegraben. WerStonehcnge in England gesehen, ist ergriffen von der Aehnlichkcit der Bauart der Tempel, nur sind die hiesigen kleiner «nb in Kammern geschloffen, der Charakter aber, rohe immense Felsenblöcke als Säulen in die Erde gestellt und mit eben so plumpen Architraven überdeckt. Alle Götzenbilder, meist weibliche in etwas lüsternen Stellungen, sind ihrer Köpfe beraubt, die Altartische aber roh gehauen, und das Ganze möchte phönicische Schöpfung seyn. Viel wäre noch in Malta zu sehen, und wir verließen nach zweitägigem Aufenthalte mit Bedauern seinen prächtigen Hafen, sonst der Schrecken des türkischen Reiches, dessen Schicksal vermuthlich bald dem Richterspruche Guropa's versallen seyn wirb. 147 Was würben nun die gewaltigen Männer von Rhodos sagen, wenn, eisenumhüllt in ihren weißen rothbekreuzten Mänteln, sie auf den Mauern Lavallette's erschienen, und die feurigen Schisse im Hafen aus und einzischen hörten, die mit sicherem Laufe dieselben Meere durchstiegen, welche ihnen sonst so viele Drangsale bereiteten? Was Christoph Columbus und die kühnen Venetianer, und die stolzen Holländer, wenn sie sähen wie es keine Schranken mehr gibt für die Schiffsahrt, die gleich dem Gedanken, gleich dem Vlitze unaufhaltsam einem gewissen Ziele folgen darf? Was werden aber unsere Nachkommen sagen, wenn sie lesen daß die Hindernisse des Reisens sich bei ihren Vorfahren vermehrten, in dem Maaße als das Reisen selbst an Mitteln gewann, daß immer mehr Quarantänen sich erheben, je fester die Neberzeugung Wurzel faßte daß sie nichts nützen, und je rascher die Dampfschiffe dahinfliegen? Sie werden das goldene Zeitalter erleben, wo es keine Douanen, keine Pestburcaur, keine Quarantänen mehr gibt, wo der Mensch und der Vaumwollballen gleich schnell und schrankenlos durch die Welt stiegen können, und bis dahin werden wir uns eben noch Visitiren, Visiren und einsperren lassen müssen, sobald wir uns weiter als zwölf Stunden von unserer Hcimath wegwagcn wollen. Wer aber sein angenehmes Gefängniß in dem brillanten Fort Manuel für zwanzig Tage erdulden will, der komme jetzt nicht, denn die zwanzig Tage haben sich in fünfnnddreißig ver» wandelt, der komme aber doch bald, denn das neue Pestgefängniß ist fertig bis auf die Fenster, und so schön es auch aussieht, man wirb doch nichts so Herrliches sehen wie von den Promenaden des Forts Manuel, das bald seiner frühern Bestimmung folgen muß. 10« 17. Die französische Nerberet und die Spitze von Guropa. Malta und Gibraltar sind die Vollwerke des Mittelmeers, die Forts Moustrcs, durch welche die Engländer sich diesen „ftan» zösischen See" zinsbar erhalten. Die Carthauneuterrasseu Malta's öffnen ihren Feuerschlund nach den Küsten dreier Wclttheile, und Gibraltar, dieses Felseuschilderhaus an der schmalen Wasserstraße zwischen Afrika und Europa, sitzt wie eine Pariser Concierge hinter dem riesigen Granitbuche in das die Passanten eingetragen werden, und schlägt denen, die zu spät kommen oder nicht anständig sind, das Thor vor der Nase zu. Es sind kleine Punkte auf der Landkarte, klein und unfruchtbar an Vodcn, aber groß und furchtbar durch ihre Lage; wenn daher die Franzosen jemals dasMittel-mcer mit Recht „ihren See" nennen wollen, so müssen sie die Schlüssel dazu vor allem andern verlangen , die mehr werth sind als das ganze Algerien vor und hinter dem -Atlas. Napoleon hat das gewußt, er hat auch Malta und noch mehr ringsherum erobert; der antike Napoleon hat diesi mit ein paar Divisionen gethan, der moderne Napoleon-Thiers konnte nur eine halbe Million Soldaten auf die Veiue stellen, ohne sie zu bewegen. Mau sollte glauben in Frankreich habe Niemand die Geschichte der Römer studirt, und Niemand begriffen wie einfach ihr Colo-nisationssystem war, sonst würde ihneu das Beispiel Numidiens >ils Vorbild dienen. Die Franzosen wollen in ihren Colonien ernten ehe sie gesäet haben; sie wollen Tribute erheben ehe sie noch Unterthanen besitzen, und der Kriegszustand ist ihr einziger Rechtszustand. So machen sie sich die Colonien feindlich, und können sie nur dnrch Strenge im Zaum halten, wozu Macht und vicl Geld gehört. Wenn wir lesen, welche einfache Mittel die Alten zur Verwaltung ihrer ausländischen Provinzen anwandten, 149 so erstaunen wir über die Verblendung unserer benachbarten Staatsmänner, Abb-El-Kader ist kein Iugurtha, und Frankreich hat keinen Cäsar mehr. Aber auch Cäsar ließ den Maureu ihre eige-,'sn Könige, nachdem Mauritanien schon laugst römische Provinz geworben war. Und die Araber jenseits der Atlaskette sind keine ägyptischen Nellahs, es sind die Enkel der tapfern Mauren, die Spanien eroberten und ihre Siege nach Lusitauien und Gallien trugen, es sind die Abkömmlinge der syrischen Stämme, die sich durch die Sahara!) kämpften um das Chalifat des Westens zu gründen; es sind die gefürchtctcn Söhne jener mnnidischen Neiter der iulVoni oder Zügellosen, die auf nackten zaumloseu Pferden in finstern Nächten über die römischen Lager einbrachen, und Schrecken oder Tod in die gestählten Legionen trugen. Dieses große Land des Massiuissa lag nun vor uns ausgebreitet, es ist Algerien, die moderne ins Französische übersetzte Verberei. Malerisch lagen die Ufer vor uns' wie auf dcr Küstenkarte folgten wir ihren grü-nen Bergen, den schimmernd weißen Städten, den prächtigen Buchten. Allein die Ausdehnung ist kolossal, ein friedlicher Besitz der großen Länderstrecke beneidenswert!), ihre (frobernng und Erhal' tung dnrchs Schwert ewig problematisch. Ich verließ Malta auf einem englischen Schiffe, das bestimmt war die Küsten Nordafrika's zu befahren um Berichtigungen anf der Meerkarte vorzunehmen. Ginc gewählte Gesellschaft englischer Herren nnd Damen hatte sich zum Zweck der Neberfahrt nach London in den Cajüten eingefunden, und wenn man die Vritten angenehm finden will, mnß man ihre Gesellschaft rein national, ohne fremde Beimischung suchen, Es waren mehrere hohe Officicre, alte militärische Reputationen, reisende Edelleute und höchst liebenswürdige Frauen aus Cevlon und Madras. Ich als der einzige Ausländer genoß alle Rücksicht und Aufmerksamkeit der feinen Gesellschaft, und abgerechnet die Unbehaglichkeit, sich längere Zeit im fremden Idiom ausdrücken zu müssen, da Niemand französisch sprach, ist mir kanm eine artigere Compagnie auf Reisen vorgekommen, wie die meiner ächt englischen afrikanischen Küsteufahrts-ge fährten. Nachdem wir Gozo, das öde Eiland, passirt, wo einige Bewoh-ncr Malta's die Sommermonate zubringen, und das nur eine Viertelstunde von Malta entfernt ist, kamen wir des andern Tages zu dcr Insel Pantellaria, das die Amerikaner der sicilifchen Re- 150 gierung als Seestation abkaufen I wollen. Hierauf trat uns die äußerste Nordspitze Afrika's, das Cap Von entgegen, mit zwei fernblickenden Wachtthürmen der Varbaresken. RechtS ist die Insel Zembra, ein schroffer Felsen mit Fischcrnachen; links zieht sich die große Bucht von Tunis hinein, und die weiten Gestade der Westspitze des majestätischen Golfs von Carthago breiten sich aus mit dem schönen Inselfclscn von Mao. Von der nahen Stadt an, die mit ihren vier schneeweißen Minarets glänzend herübcrleuchtet, werden die Ufer höchst reizend nnd sind mit Gehölz und Feldern bebeckt. Wartthürmc, iheils maurische halbverfallene, theils neue türtische, werden auf allen dommirenden Höhen sichtbar, und erhöhen das Malerische der Gegend. Das Cap Zebib tritt heraus und rechts die Hundsfelsen al Kilab; der größere Felsen aber, der zunächst an der Küste stehende der beiden Brüberfclsen, steigt schwarz lind senkrecht auS der Fluth, von weitem dem Lilienstein in der Dämmerung ähnelnd. Links im Ginbuge des Uferö erblickt man auf der Anhöhe die weiße Stadt Veserba, umgeben von starken Festungswerken, und rings rückwärts von höhern Bergen umschlossen. Alle Flächeu und Höhen dieser schönen Gestade sind grünbewachsen und mit gelben Kornfeldern durchschnitten. Wir hielten uns meistens so nahe am Ufer daß wir jede Bewegung auf dem nächstgelegenen Terrain genau ausscheiden, ja sogar die Gesichtszüge der Passirenden unterscheiden konnten. Lange Kamel-und Viehzüge bewegten sich an den Gestaden hin, und die große Fischerei in Barken, welche die Mauren Tuny nennen, belebt die wechselnden Bilder, indem die Nachen in langen Reihen angebun« den einander folgen, nnd ein gemeinschaftliches Riesennetz nach« ziehen, in dem sich unglaubliche Beute ansammelt. Die Tausende von Fischen, welche auf diesen Zügen gefangen werden, tobtet man in den Schiffen sobald sie hereingebracht sind, und der Anblick dieses Fischfanges im Großen ist eben so ergötzlich als die Größe der gefangenen Fische erstaunlich, Dieß war der belebteste Tag nnserer Reise. Die Verge die man sieht, sind von unendlich feiner Zeichnung, selten tritt der Sand der Wüste über sie herüber in die grüne Ebene, und der löwensphinrähnlicheVruberfelstn bleibt bis in die Nacht stets vor Augen. Nachdem man das Cap Rosa passirt, erblickt man die große Bah von Vona, das, auf einer Höhe zwischen Meer und Felsen eingezwängt, seine weißen Wälle zeigt. Ein ehrwürdiger genue» 151 sischer Thurm bezeichnet das Cap be Garbe, hierauf kommt man an den Meerbusen von Stora mit seinen viele» den Schiffern so gefährlichen Korallen felstn. Venn nächsten Sonnenaufgang erblickten wir die Stadt Tschigelli, wo der Weg nach Constantine führt, und die höchst malerisch auf einer Felsenzunge ins Meer hineinreicht. Dann passirt man den Golf von Vndschia, und hier werden die Berge höher und sind mit Schnee bedeckt. Die Stadt selbst liegt auf einem Ginbuge auf dem westlichen AbHange des Gebirges. In der folgenden Mitternacht erreichten wir erst die Leuchten von Algier, und mit ihnen öffnete sich cine Decoration des Firmaments vor unsern Augen, die nur der Süden in solcher magischer Pracht zeigen kann. Der Vollmond hing in strahlender Pracht am klaren durchsichtigen östlichen Horizonte. Im Westen war rabenfinstere Nacht, schwarze schwere Wolken hingen in dichten Massen herab, und bildeten eine gräuliche Wand, in welcher bald ein tobendes Gewitter losbrach, und Blitz auf Blitz sie durchzuckten. Im Nordergrunde des dunkeln Gewölks, das so sonderbar und scharf mit der freundlichen Mondscene abstach, spannte sich in hohem majestätischen Vogcn ein hellschim-mernder Mondregenbogen über das ganze Himmelsgewölbe, nnd Ichien dem stets näher nickenden Gewitter als Riesenthor zu dienen, indem es einen Fuß auf Sardinien, den andern auf das Cap Collo in der Verberei setzte. Wir folgten diesem seltenen Schauspiele in stets wachsendem Erstaunen, als ein Nothruf des auf derSchiffspitze wachehaltendenMatrosen uns aufschreckte, und eine unglaubliche Verwirrung auf dem Verdeck entstand. Alle Augen waren auf das himmlische Schauspiel gerichtet gewesen, und Nie« inand hatte bemerkt daß ein großes Schiff schon so nahe an nns gerathen war daß an ein Ausweichen nicht mehr gedacht werden konnte. Die Matrosen liefen nach den Stangen, und stemmten sie gegen den höhern Vord des uns bedrohenden Schiffes, das seinerseits keine Anstalt machte unsern Bemühungen entgegen zu kommen, sondern sich mit aller Gewalt über uns legte. Der Zuruf unseres Capitäns und des Midshipman blieb ohne Erwiederung, wir hörten kein Commando, keine Stimme, und mir fiel unwillkürlich der fliegende Holländer ein. Schwarze Wolken hatten sich vor den Mond gelegt, die Nacht war ganz dunkel, und das fremde Schiff hatte kein einziges Licht an Vord. Es blieb daher kein Zweifel daß es ein Corsar sey. Man griff zum Gewehr, und lbs nachdem zwei Kanonenkugeln abgefeuert waren, die in das immer heftiger hereinbringende Schiff einschlugen, eröffnete man ein Kleingewehrfeuer, da man sich Vord an Bord befand, und die Matrosen nur mit äußerster Anstrengung das Anprallen abhalten konnten. Von dem fremden Schiffe fiel kein Schuß, wie wir noch immer keine Stimme von dort vernahmen, allein das Gewitter mit seinem Begleiter, dem Sturme, brach nun über uns los, und ein Windstoß riß die beiden Schiffe auseinander. Dem Leucht-thurmlichte folgend, warf uns der Steuermann in die Bay von Algier, und verschwunden war der nächtliche Aufdringling, ohne Zweifel ein menschen- und steucrloses Wrack, das sich hier herumgetrieben hatte. Wäre es ein Seeräuber gewesen, so konnten wir an kein Entkommen denken, da er größer und stärker war als unser Schiff, und alle Umstände sein Entern begünstigten. Mit Tagesanbruch lagen wir vor dem schneeweißen Mgier, das gleich Syra sich auf steiler Höhe in Terrassen über einen Verg hinaufzieht. Gleich allen Hafenstädten Nordasrika's, wie Vona, Stora, Vlldschia liegt Algier an den westlichen Abhängen und äußern Felsen der Gebirge, welche in der Bcrberri einen lachenden freundlichen Anstrich von Grün tragen, und besonders schön gezeichnet sind. Diese Anlage der Städte ist durch die herrschenden Westwinde bedungen. Die Stadt Algier theilt das Schicksal ihrer meisten türkischen Schwestern, sie ist schöner von außen wie von innen, und da die Sanitätsbcamten die zu uns herankamen die Versicherung abgaben daß Niemand in dem gegenwärtigen Augenblicke über die Mauern der Stadt sich hinauswagen dürfe, so entsagte ich meinem Vorsätze Algerien zu bereisen, und tröstete unch mit der Versicherung daß der äußere Anblick den Besuch der Stadt hinlänglich aufwicge. Wie mühsam erhalten die Franzosen diese kostspielige Besitzung, und wie viel Menschen und Geld wird es noch kosten um diese ausgedehnten Uftrstrecken zu beherrschen und zu behaupten, zu deren Veschiffung bei günstigem Winde wir von Tunis bis Algier acht volle Tage gebraucht hatten, Ich wünsche den Franzose« einen Scipio Africanus, und auf jeden Fall mehr Billigkeit und Gerechtigkeit gegen den jetzigen Feldherrn. Die heutige Presse wird den französischen Generale» das Kriegsführen sehr sauer machen, und Napoleon wäre vermuthlich nicht so weit gekommen, wenn er auf jeden Artikel der Opposition hätte Rücksicht nehmen müssen. lä3 Wir verließen Algler am folgenden Morgen, und nachdem wir das Gebirg Solomon umschifft, wendeten N'ir nnö gegen Scherschel. Die Landschaft bleibt stets gleich reizend, mit ihren grünen feingeschnittenen Bergen. Bereits waren wir ganz in der Nichtung der balearischen Inseln gegangen, als ein heftiger Nordsturm in einer Nacht uns auf die Küsten der Verberei zurückdarf, und uns zwang mehrere Tage gegen Orcm hin zn laviren. Endlich sprang der Wind um, und wir durchschnitten das Mittelmeer in Einer Nacht. Während wir Abends die Küsten Afrika's noch vor uns hatten, leuchteten uns am nächsten Morgen die kühnen Ufer Spaniens entgegen, in zwei prächtigen Gcbirgsreihen über-einandergethürmt. Das Cap Gata war das erste was wir von jenem Zanberlande erblickten, dann der Golf von Almeria mit einzeln auftauchenden Schneespitzen, nnd der unendlich reizenden Vergbildung von Granada und den unübertroffenen Alpnrerren. Die spanischen Berge sind fahl und nirgends a/g>'n das Meer zu so bewachsen wie die afrikanischen, allein durch ihre Höhe und etagirte Abstufung unendlich viel erhabener und reizender, Vei-nahe alle vorspringenden Höhenspitzen sind mit maurischen Wacht-tyürmen gekrönt. Bald eine alte halbverfallene Kirche, bald ein das graue Gebirge durchschneidender, in weite ssernc leuchtender weißer Marmorbruch bringen lebendige Contraste in das Gemälde, das durch einen herrlichen Tag und ein ganz stille gewor' denes Meer an Effecten gewann, die durch mehr als hundert aus allen Horizonten auftauchende Segel fortwährend gesteigert wurden. Solch wechselnde Bilder bieten einen hohen Neiz auf Seefahrten, und es ist ein eigenes Vergnügen mit gutem Fernrohre die fremden Schiffe sich näher zu ziehen, bis ihre wirkliche Annäherung es gastattet Flagge, Nation und endlich die Menschen selbst zu erkennen. Almeria liegt in, weiten Halbmondgolfe, und ihre Citadelle mit den alten saracenischen Mauern und runden Thürmen zieht sich über den Vergabhang hinauf. Die Stadt selbst aber liegt in zahlreichen Vanmgruppen halb verborgen. Die Nacht war rein und klar, und als die Sonne sich erhob, lag der Felsen von Gibraltar und ber Affenberg von Ceuta vor uns, nur noch durch den Gazeschleier dünner weißer Dunstwolken durchsichtig verhüllt, der bald bcn mächtigen Strahle» des Tages weichen mußte. Silberrein und klar lag der Naturcanal vor uns, der Europa und Afrika 154 scheidet, und die düstern Spitzen beider Welttheile spiegelten sich in seiner Krystallfluth. Der Vorhang dieser dramatischen Decoration lüftete sich immer mehr, und die Umrisse traten deutlicher hervor, zuerst die zackigen Berge von Malaga, dann die schroffen Kanten von Centa bis zu den Gebirgen von Marocco hinüber, und endlich drangen die drei Felsen der Spitze von Europa durch ihren dichten Schleier, der sich wie langsam aufgerollt in blendendweißer Draperie etwas über ihren höchsten Punkt hinaufzog, und so schwebend gleich einer Vngelsglorir, die einzige Wolke am ganzen Horizonte, einem himmlischen Sonnenschirme ähnlich über dem Gibraltarfelsen stehen blieb. Die glühende Morgensonne hatte ihre volle Beleuchtung auf den von hier aus unersteiglichen Berg gelegt, und die drei unter sich verbundenen Felsen lassen sich von hier am besten ausscheiden. Der äußerste südliche fallt in zwei große Terrassen ab, deren Höhere den Leuchtthurm trägt, die tiefere aber mit Batterien ä lloul- cl'eau garnirt ist, die gerade über der Brandung sich aus der Fluth erheben. In der zweiten Etage des Felsens stehen die crenelirten Casernen, ein festes Schloß bildend und zum Schutz der ganzen niederen Plattform dienend. Die dem Canal zugewendete höchste Spitze des Verges trägt einen höchst malerischen, ganz mit dem Naturstein verwachsenen mau-reskischen Wartthurm; auf der Mittelspitze steht das weiße Wacht-haus des Telegraphensngcanten; auf der Nordspitze aber gegen das spanische Land hin stehen Werte, und im Innern des Felsens sind jene berühmten Galerien angebracht, welche den ganzen Isthmus bestreichen. Wir fuhren durch die Meerstraße, die hier kaum zwei Stunden breit ist, und in die Bay von Gibraltar hinein, wo uns die freundlichen grünen Verge des jenseitigen Alge-siras und St. Roque entgegentraten. Die Wohnungen der Offi-ciere und reizend gruppirte Landhäuser ziehen zwischen dem starren Fels und dem Hafen von Gibraltar hin, und die zauberische Ala-meda verbindet sie mit der Stadt. Wir landeten an dem neuen Molo, da erst bewiesen werden mußte daß wir die Küsten Afrika's nach der Quarantäne nicht mehr betreten hatten. Dann eilten wir durch die labyrinthischen Gänge der Promenade nach der Stadt, die sich eine halbe Stunde lang zwischen den furchtbaren Strandbatterien und dem Felsen fort, und an diesem so steil hinaufzieht daß nur leiterähnliche Steintreppen die Verbindung mit den obern Quartieren erhalten, und die Straßen öfter über die l55 untenhängenden Häuser wegführen. Wenige Städte bieten in ihren Bewohnern solche Gegensätze, und hier sahen wir zuerst die Trachten des spanischen Südens, den Spitzhut, die braunen Jacken und Cabas, die kurzen Hosen und rothen Gürtel, die Mantillas und Schleier, und die prächtigen Augen, und alles dieß so fremd vermischt mit dem englischen rothen Soldatenrock und den gelben maurisch-arabischen ernsten Gesichtern und den seidenen malerischen Gewändern Afrika's. Doch steht man auf den ersten Blick daß spanisches Blut und Sitte hier untergeordnet und Bastarde sind. Das englische Element herrscht vor, und der größte Stapelplatz des Schmuggclns hat fast allen Physiognomien hier sein so eigenes Gepräge aufgedrückt. Glücklich wer noch Zimmer im Clubhutcl auf den Hafen hinaus findet, nm den englischen Comfort und die 'Aussicht um ein Pfund Sterling des Tages zu genießen. In Gibraltar vereinigen sich fast alle Nationen, uub in der obern Stadt sind die Bewohner nach ihren Nationalitäten in Quartiere abgetheilt. Von diesen höhern Terrassen ist die Aussicht schon sehr weit, die Vay gleicht einen, geschlossenen See, und zahlreiche Maucrnthürme zeigen sich ringsum auf allen Höhen. In dem reizenden Paseo, gewiß einer der herrlichsten und durchaus von Geraniumhecken eingefaßten Spaziergänge der Welt, begegnet man mehr Schilbwachen als Spaziergängern und mehr geschmacklosen Statnen als Schildwachen. Der gefällige Gouverneur hatte mir einen Officier als Führer gegeben, und ich machte mich ans Erklimmen des Felsens, der hier ganz durchlöchert und von Galerien durchzogen ist. Der Weg yon der Stadt hinauf führt durch zerrissene Felsenpartien, uon Kunst und Natur in hohle Gassen verwandelt. Hier liegen zerstreut und geschützt viele Häuschen für verheirathete Soldaten herum, und wechseln mit freistehenden Batterien und Casernen, Landhäusern, Orangen- und Citronengehölzen, arabischen Thür« men und modernen Bastionen ab. In der abschüssigen, steil ab-fallenden Felsenwand, welche gegen den spanischen Isthmus gewendet ist, findet man vierhundert Fuß hoch die erste, und sieben-hundert Fuß hoch die zweite Galerie eingesprengt, die von außen nur durch irreguläre Oeffnungen erkenntlich sind, aus denen die Mündungen der Vierunbzwanzigpfündcr, dem Auge von unten kaum kenntlich, herausschauen. Die Circulation zum 156 Herumgehen und selbst zum Neiten ist in diesen Felsbatterien besser hergestellt als die des Rauchs, der bei anhaltendem Feuern sehr lästig werden muß. Durch einen unglücklichen Zufall fiel kürzlich bei einer Schießübung ein Funke in die offengebliebene Pnlvertruhe, und die sirplosion war so heftig daß sieben Mann davon zerrissen, der Feuerwerker aber zum Schießloch heraus in die Tiefe geschleudert wurde. Es sind wahre Vergwerkschach-ten in denen man hier hcrumwandelt, aber wegen der erstaunlichen Höhe scheinen die Vatterien mehr zur Zerstörung allenfalls auf dem Isthmus anzulegender Werke als zum Abhalten eines rasch anmarschirenden Feindes geeignet, wozu besonders auf die stchzigpfündigen 6oronaten der Lord Granvillc's-Vatterie, zu der man auf zwei hölzernen Wendeltreppen mitten im Felsen hinabsteigt, zu rechuen ist. St. George s Batterie, die nach beiden Meeren feuert, enthält den größten Raum und dient den Offi-cieren als Salon, wo sie in Gesellschaft heiße Sommerabende zubringen. In diesen Felsengängen stehen hundert eilf Kanonen , und im Ganzen enthält diese Seite der Festung allein deren sechshundert von verschiedenem Kaliber. Von der höchsten Galerie stiegen wir auf mühsamem Pfade ins Freie hinauf zu der Signalflagge, wo der alte Sergeant uns ächt englische Leckerbissen von Chesterkäse und Porter auftischte, ein Frühstück, romantisch genug über den Küsten zweier Welttheilc und hoch über den Säulen des Hercules. Von hier gingen wir hinab in der entgegengesetzten Richtung nach der Michaelshöhle, die wir mit Fackeln erleuchteten. Die Schönheit der Natursäulen, welche das zerrissene Felsendach tragen, streift bei dem blauen Lichte ans Magische. Kein Mensch hat je die Tiefe dieser Höhle ergründet, nur der englische General O'Hara ließ sich an Stricken hinab, fand aber keinen Grund nnd hinterlegte da wo er hingekommen einen werthvollen Degen als Vcnnächtniß für seinen Nachfolger, der sich jedoch bisher nicht gefunden, Vine uralte Tradition bezeichnet von dieser Höhle aus eine unterseeische Verbindung mit Afrika, und läßt die zahlreichen Affen des Gibral-tarfelstlls, die oft wie verschwunden scheinen, auf diesem Wege nach Aprs Hügel auf der Spitze von Ceuta auswandern. Aus dieser wundervollen Grotte führt ein steil abfallender Weg cm die Küste des Mittelmeers, wo ich meine Pferde fand und wir nun auf Fußpfaden, die uns zu bald Spaniens Voden 157 bezeichneten, zuerst am Meergestade und dann auf heillosen Wegen und Stegen über das Korkgehölze, St. Roque, und einige Gewässer nach Algestras galoppirten, wo die Nacht uns ereilte, und wir in schlechter Schenke vo» dem ermüdenden Tage ausruhten, um des andern Morgens um den reiten Golf «ach Gibraltar zurück zu reiten. Der Felsen von Gibraltar, das alte Calpe, ist ein stolzes 1300 Fuß hohes Vorgebirg, uncrsteiglich vom Mittelmcer und Spanien her, und mit letzterm durch eine Landzunge in Verbindung. Dieser Isthmus, der sogenannte neutrale Grund, ist wenig über das Meer erhoben, und ein Steigen des Wassers um wenige Fuß würde hinreichen um ihn ganz unterzutauchen, Ich weiß nicht warum die Engländer diesen Isthmus nicht durchstochen und einen (5anal mit Schleußen angelegt haben. Hierdurch wären die kostspieligen Linien erspart, die Verbindung für Schiffe gesichert, die jetzt oft so lange warten müssen bis sie die stürmische Meerenge Passiren tonnen, und der grandiose Tchmuggelhanbel, den sie hier wirklich bis zur Schamlosigkeit ausüben, wäre von den Spaniern noch weniger abzuhalten. Einen VeweiS der Schwäche der spanischen Verwaltung sah ich selbst zur Zeit meines dreimaligen Aufenthaltes in Gibraltar. Die Regierung sah keine Möglichkeit mehr derNeberschwemmung englischer Fabricate vorzubeuge», da ihre Beamten selbst alle von englischem Gold bestochen waren und an der Spitze dcr (5ontre-> bandisten standen. Man übergab dahrr die Douancn dieser ganzen Provinz reichen Kaufleuten, welche am meisten dabei bethciligt sind. Das Resultat zeigte sich bald auss günstigste. Mehrere Schmuggelschiffe und Transporte wurden kurz nach einander in Veschlag genommen, tagliche Gefechte geliefert und die Ordnung in so wenig Zeit hergestellt, daß die großen SchmuggelgeseU-schaftcn zu Gibraltar alle Hoffnung aufgeben mußten ihr Geschäft einträglich fortzusetzen, und auch bereits die meisten Kaufmanns-Häuser sich anschiebten diese Stadt zu versassen, welche dadurch einer baldigen Verarmung entgegensieht. Gibraltar wird dadurch wieder wozu es dic Natur ausschließlich bestimmte, einer der stärksten Seeplätze und dcr Mittelpunkt der englischen Macht zwischen Orient und Indien. Welche Quellen England hier besitzt, sah ich bei den Rüstuugen sür den orientalischen Krieg wo von hier aus, wie durch Zauberschlag, die englische Marine l58 auf ihren complete« Felbetat und in Stand gesetzt wurde der französischen Flotte, der sie noch voriges Jahr so untergeordnet war, die Spitze zu bieten. Der tapfere Saracenengeneral Tarif baute im achten Jahr» hundert das Castell, dessen Reste wir noch als den Kern Gibraltars bewundern. Die arabischen Befestigungen mußten zum Theil den modernen Karls V reichen; Tarifa, am jenseitigen Ufer der Meerenge, erhielt seinen Namen von jenem berühmten Heerführer; der Name Gibraltar, in der Landessprache Gibilto-ren, rührt vermuthlich von Gibel-tor, Vergthurm, her, da die arabische Festungsweise vorzüglich in Thürmen bestand, und der noch stehende Maurenthurm auf der südlichen Spitze ihren Hauptpunkt gebildet haben mag. Gibraltar ist das alte Heraklea, ein Name, von Hercules abstammend oder hergeleitet. Meine liebenswürdige englische Gesellschaft, mit welcher ich die Küsten der Verberei bereist hatte, verließ mich hier, um ihren Weg nach London fortzusetzen. Der tapfere GeneralGreenwall präsentirte mich zuvor den Dignitarien der Garnison von Gibraltar; Oberst Wallace versah mich mit Briefen für die englischen Ofsiciere in den spanischen Hauptquartieren, und die vortrefflichen Vrüder Allen beschenkten mich mit spanischen Büchern. Ich nahm, gerührt von so viel Freundschaft, von all den edlen Menschen Abschied, die es mir kaum mebr vergönnt seyn wird je wieder zu sehen. Trauriges Loos der Reisenden, Vandc zu knüpfen die uns an ausgezeichnete, wohlwollende Menschen fesseln, um sie so bald wieder auf immer lösen zu müssen. Giner Erfahrung, die ich hier machte, muß ich erwähnen, da sie gewiß zu den seltensten gehört die Reisenden begegnen kann. Meine Reise hatte sich vom Orient nach Spanien ausgedehnt, ohne daß ich im Stande gewesen wäre mir sichere Credite dahin zu eröffnen. Ich begab mich in Gibraltar zu einem der ersten Großhändler, dem Hebräer Venoliet. Ich hatte nichts vorzuweisen als einen Credit brief meines deutschen Bankiers, der hier fremd war, wurde aber dessen ungeachtet mit Vereitwilligkeit empfangen, mit Anweisungen für ganz Spanien versehen, und später, als ich zur Abrechnung wieder nach Gibraltar kam, mit einer so beschämenden Großmuth behandelt, daß ich auf meinem ganzen Reiseleben kein ähnliches Beispiel von Nneigennützigkeit eines christlichen Bankiers erwähnen kann, bte ich hier bei dem mir ganz unbe- t59 kannten jüdischen Kaufherrn fand. Ich verdanke dem braven Manne die Hülfe ans allen Verlegenheiten, in welche ich später im Innern Spaniens versetzt wurde, und rathe jedem Fremden sich an dieses HauS empfehlen zu lassen, dessen Name allein hinreicht um überall im Lande gut empfangen zu werden, dessen Vorstand und Familie aber überdieß geeignet sind den Aufenthalt daselbst angenehm und reizend zu machen. Herr Venoliet warnte mich wiederholt vor der Reise ins Innere, das jetzt gerade von Räuberbanden überschwemmt war. Ich ließ daher fast meine ganze Bagage bei ihm zurück, und trat meine Reise vollständig zum Ausplündern eingerichtet, leichten Herzens nnd leich« ten Gepäcks auf dem spanischen Dampfschiffe Mercur an, das sich früh sechö Uhr langsam gegen die Meerenge in Bewegung setzte. Der Ostwind machte nnS bercns den Dnrchgang durch dieselbe sehr streitig-, als wir aber ins Mittelmeer kamen, warfen sich uns die Wellen thurmhoch entgegen, und nachdem das Schiff vier Stunden ritterlich gekämpft, zeigte sich die Unmöglichkeit die Fahrt fortzusetzen. Der Capitän wandte um, und im Fluge peischte uns der Sturm zurück auf unsern vorigen Platz im Hafen. Allein auch hier tobte schon die Bay in wildem Aufruhr, von allen Seiten flogen Segel in den rettenden Hafen herein, und die Schiffe in ihm tanzten verdächtig um ihre Anker herum. Der Haftn von Gibraltar bietet keinen Schutz gegen Nordoststürme, da der flache IsthmnS sie nicht aufhalten kann. Der Sturm steigerte sich, und die Ruderboote wurden gleich caracolirenden oder piaffirenden Pferden auf den hohen Wellen auf- und niedergeworfen, bis endlich jede Verbindung mit dem Lande abgebrochen war, und jedes Schiff die Nacht über seinem Schicksal überlassen blieb. Die Abendbcleuchtung des Felsens war wunderschön. <3r zeigte mehr als je seine Gestalt als Löwensphinr, furchtbare Räthsel in sich bergend. Auf dem Schweife liegen in zwei Stufen die gegen Afrika schirmenden Batterien. Auf der äußersten Spitze des Rückens steht der alte romantische Saracenenchurm, in seiner Mitte der weiße englische Wachtthurm, auf dem Haupte aber stehen die festen trotzigen Mauern, und die Brust schließt in ihren mörderischen Höhlen die gehcimnißvoll verhüllten Batterien ein, die jedes Angriffswerk fast schon in der Idee zerstören müßten. Das Postament aber ist ein Collier von Kanonen. Als es Nacht wurde, erleuchtete lso sich die Stadt und die Häuser, die bis fast zur Hälfte des Felsens hinaufreichen, der seine schwarzen Häupter feierlich über den heitern Lichtern des untern Lebens erhob. Ich habe schönere Felsen auf Erden gesehen, aber keinen dcr durch seine isolirte Lage und kühne Verwendung so imposant sick ausnähme. Er ist der äußerste Wachtposten unseres Welttheils, die GränzVedette unserer Civilisation, und wenn die Alten ihn für das Ende der Welt hielten, wo Hercules und Cäsar ihre siegstrahlenden Banner hintrugen, so bleibt er noch jetzt der Schlußstein wahrer Nildung und Geistesentwicklung, und blickt trauernd auf die Gräuel der Verblendung und des Bürgerkrieges herab, welcher so lange schon das herrliche zu seinen Füßen ausgebreitete Zauberland zerstört und vernichtet. Die Nacht war schrecklich, der Orkan nahm zu, und die ältesten Seeleute erinnerten sich nicht Aehnliches in diesem Hafen erlebt zu haben. Ein Sturm in fchlechtbeschütztem Hafen ist aber stets gefahrdrohender wie auf offenem Meere. Der Wind jagte heulend die Wellen gleich Schneegestöber über die weite Vucht hin, viele Schiffe wurden von den Ankern gerissen und aufeinander geworfen, und das Hülfcrufen und die Nothschüsse verhallten unter dem Donnern der Windsbraut. So ging es drei Tage und drei Nächte fort. In der dritten Nacht aber berief der Capitän seine Vertrauten und hielt Rath, und früh zwei Uhr knisterten die Kohlen und die Maschine wurde lebendig, und wir traten drin hoch aufbrausenden Elemente entgegen, das den Gischt der schäumenden Wellen weit über Vord und Felsenufer hinaufschleuderte, und in vollem Aufruhr sich befand, als wir in die ungeheure Gigantellpforte traten, von jenen wunderbaren Felsen von Ceuta und Gibraltar gebildet, wo zwei fo fern stehende Welttheile sich zusammenneigcn, wo die (5,rtreme der Civilisation und dcr Barbarei sich die Hände reichen. Hoch über den Zinnen des Christenbollwerks wehtc die stolze Flagge Albions, das hier das Mittelmeer unter Verschluß hält. Und als nun die glühende Hugcl über dem östlichen Dunstkreist emporstieg, war das Meer mit Purpur überzogen, und ein feuriger Lichtstrcif ergoß sich über die spanischen Bergspitzen von Ronda und erleuchtete noch matt die dunklen Massen der afrikanischen Gebirge von Tetuan. Welche Fluth von Ideen verbindet sich jetzt mit der Fluth der Strömung, die uns in das Mittclmeer führt, das seinem natürlichen Besitzer entrückt 161 ist, und das fremde Söldner bewachen, wie ein Pächter seinen Fischteich. Was wäre dieses schöne Meer, wenn Spanien, Frankreich nnd Italien sich yie Hand böten, nnd der Handel dieser großen Nationen nnd ihre Aufklärung mid Wisseilschaft die benachbarten Küsten von Afrika nnd Asien umfaßten, und Menschenliebe, nicht das Schwert ihre Bewohner sich zuwendeten. Allein vergebens sind solche utopische Träume, die Völker sind wie die Menschen, egoistisch, und von Haß, Neid und Eigennutz verblendet. Der Stärkste behalt Recht, und wer am kecksten zugreift, bleibt im Besitz. England ist der Hay unter den ängstlich um-herfahrcndcn Fischlein, und wer wissen will ob das Mittelmeer jetzt ein französischer oder ein englischer See sey, der gehe nach Malta und Gibraltar und sehe sich um, wcr die Schlüssel hat zu dem großen Weiher, wohin sich der große Raubfisch verloren, dem die kleinen nicht mehr entfliehen können. Morgenland und Abensland. !I. 2te ?luss. H 18. Malaga. Das Meer ist »nein Memcnt, und mir ist wohl wenn die hohen Wogen über dem Schiff zusammenschlagen, lind wenn alles ringsum braust und stürmt, und wie auch die armen Passa> giere jammern und vergehen, mir hebt sich höher dicVrust, und ich schlürfe mit vollen Zügen die Sturmluft. Der enge Canal zwischen Europa und Afrika war noch im Aufruhr, und die Fluthen, die das Mittclmeer oben hinausdrängt, waren im schwe--ren Kampfe mit der Strömung, welche ihnen der Ocean tief unten in unerforschter Tiefe cntgegensendct, wie wenn sie den Ausweg sperren wollte, den einzigen ihnen gestatteten, Wunderbares Spiel der Natur, die zweien mächtigen von hundert Strömen geschwellten Meeren eine einzige Pforte nnr zum Abfluß gelassen, und auf diefem bewegten Canalc tanzte machtlos unser schwaches Schiff, und die wachehallendcn Felsen zweier Weltthcile sahen ernst dem frevelnden Veginncn zu. Allein der Erfolg krönt den kühnen Schiffer, und als die Sonne am Horizont erschien, war die beängstigende Stelle überwunden, die Stürme verloren an Kraft, und die Verge Malaga's lagen im purpurnen Morgentleide vor uns ausgebreitet. Nm Mittag näherten wir uns der Stadt des herrlichen Weines, allo Seekrankheit war vergessen, und dic matten Patienten krochen aufs Verdeck, um Spaniens himmlische Fluren zu begrüße», das schöne Spanien wovou wir bisher nichts gesehen als das eiserne englische Wachthaus. Die erobernden Saracenen hatten die Thäler von Siellien uud Damaskus geschaut, und deu Unterschied zwischen den Saha-ras von Arabien und hinter dem Atlas kennen gelernt, Nicht lange widerstanden sie den lockenden Vergcn Andalusiens, und früh schon überschwemmteu ihre tapfern Legionen, das dortige Gothcnreich, immer verdammt unter fremden Herrschern zu schmachten. Die Männer von Damaskus nahmen Cordova, die von 1S3 Emesus Seville die von Kinisrin Iavn. die von Palästina Alge-siras und Medina Sidonia in Beschlag. Toledo und das Herz Spaniens besetzten die Stämme des Semen und Persiens, in Granada und Malaga aber siedelten sich zchntansenb syrische Neiter an, das edelste arabische Blut. Seit der Mitte des siebenten Jahrhunderts war das westliche Chalifal festgegründe!, und ihre Sprache, ihre Sitte, ihre Künste, ihre Tapferkeit, wurden Orbtheil der schonen Lande. Kaum sind vierhundert Jahre verflossen, als die letzten dieses großen Volkeö „ach harten Kämpfen die schöne Beute ausgaben; allein noch trennt sie nnr der Canal der Spitze von Europa, und es sind noch die tapfern Araber Abd-ßl-Kadcro, die verlandend nach dem nie verschmerzten l^den herüberblicken. Von dem weit in bie See hereinreichcnden Castell von Fuen-girola und der Torre be los Moliuos zieht sich ein großer Halb^ kreis hin-, an dessen Tiefen liegt die Stadt Malaga nnd breitet sich längs dieser Vucht aus. Auf ihrer linken Seite erhebt sie sich zu der alten Saracencnburg, die durch einen doppelten i»n ZickM sich herabziehenden Mauerweg und dlirch alte schwarzgraue Fe» stnngsthürme mit ihr verbunden ist. Nechts dehnt sich eine mäßig große, aber reich bebaute Ebene zu dem nahen Gebirge hin, das in seinen ersten Schichten theils malerisch verbundene Hügclreihen, theils einzelne Höhen zeigt, deren Zwischenräumc die Aussicht aus die steilen hohern Gebirge gestatten. In den dritten Neihc» erheben sich konische Spitzen, die gegen Granada hin mit Schnee belegt sind, alle vordern Abfälle tragen aber die Reben des edlen Weines,, den hier die Sonne Afrila's auolochl. Die Verge um Malaga sind incistens röthlich gefärbt, und da sie durchaus bis zu den Spitzen, wenigstens zum Theil bewachsen sind, so schillert diese Schattirung von Noth und Grün überaus lieblich ins Auge. ,Das Meer ivar noch so bewegt daß wir nur auf einem Umweg in unsern Varken ans Land gelangen tonnten, wo der Molo es vor dem Osdvinbe schützt. Nichts Schom-res als die hohen tzclsentais des Meerbusens, von den Silberstreifen der schäumen-den Brandung eingefaßt, die an mehreren Stelle» bis zu den Häusern emporschlngen und um den Leuchtthurm hinaufbrauöten. Von den peinlichen Zottmartcrn Spaniens tann man sich tanm eine Vorstellung machen, selbst wenn man Italien durchreist hat. Wir wurden gleich Gefangenen militärisch zu dem großen Douanen- 164 hause escortirt, das, wie alle ähnlichen Gebäude in Spanien, durch den Luxus seineö Vaues die elende Verwaltung nicht beschönigen kann. Wir waren um zwei Uhr ans Land gestiegen, und erst um fünf Uhr beliebte es den Mauthbeamten ihre Thore und unsere Schlösser zu öffnen. Dieselbe Operation wiederholt sich in jeder Stadt dieses Reiches; beun da die Mauthe» gleich allen andern Gefallen in diesem Lande verpachtet sind, so will jeder Unternehmer seinen Vortheil dabei haben. Eine arme bleichsüchtige, der spanischen Sprache unkundige Französin, welcher man dic Reise von Marseille nach Lissabon wie eine Promenade nach Lyon geschildert hatte,, war ganz allein diesen Vrutalitäteu allsgesetzt', angegriffen von der Seekrankheit, erlag sie diesen Prüfungen der Reisegeduld, und umßte krank fortgebracht werden. Ein solcher Empfang war eben nicht gastlich zu nennen, und die Erfahrung, welche sich unmittelbar daran reiht daß man in den Gasthöfen, wenigstens in den Seestädten, eben so geprellt wirb wie in irgend einem der industnöseu Länder Europa's, verbittert ebenfalls den ersten Eintritt in Spanien. Allein der Rei-seude darf sich durch solche kleine Widerwärtigkeiten nicht irre machen lassen, da sie am Ende nur dazu dienen ein Land von seinen schlimmen Seiten aufzufassen, und sich darnach zu richten. Da wenige Fremde in Spanien reisen, so glaubt mau sie als gute Veute ansehen zu dürfen, und ich rathe jedem uicht nach sogenannten Hotels zu fragen, sondern in eine gewöhnliche spanische Fonda zu gehen, wo man anständig und billig behandelt wird, und leicht auf ein Peso duro, gleich uuscrm Kronenthaler, Wohnung und Kost für den Tag accordiren kann. Leider ist das Metier eines Gastgebers in Spanien ungefähr ähnlich dein eines Scharfrichters bei uns angesehen, da er von den einheimischen Gästen zu den gemeinsten Verrichtungen aufgefordert und entwürdigend behandelt wird. Jeder Wirth sucht sich daher so schnell als möglich zu bereichern, um sich bald von diesem Geschäfte zurückzuziehen. So wird man in Spanien immer zuerst mit der verworfensten Classe von Menschen, den schamlosen bestechlichen Zol»^ dienern und den habsüchtigen Gastwirthen bekannt, und da sich in Malaga hierzu noch die Galeerensträflinge gesellten, die in Ketten zu öffentlichen Bauten verwendet werden, und als wirkliche Schreckensbilder der Entartung herumgehe», so bedürfte es 165 aller Kraft, um nicht von diesen ersten Eindrücken verstimmt und zur Ungerechtigkeit im Urtheile hingerissen zu werde». Jede Stadt in Spanien, selbst die kleinste, besitzt ihre Ala-meda, einen Spaziergang in Alleen, der bald in ihren Mauern, bald an einem ihrer Endpunkte angelegt ist, oder sich um sie herumzieht. Diese Alamedas sind der Zusammenfluß der Bevölkerung in den Abendstunden, ein Natursalon, in dem sich nlle Bekannten, alle Classen begegnen. Die von Malaga bildet ein Rechteck, dessen beide Enden an das Meer laufen. Stolze hohe schöne Männer, mit Spitzhüten, die ringsum aufgestülpt, mit Sammet überzogen, und mit Quasteu verziert sind, in weißem Hemde, rothem Gürtel, turzru Beinkleidern und ledernen Gamaschen, den schwarzen Mantel malerisch drapirt über eine Schulter geworfen, und die Frauen, in den unbeschreiblich reizenden Man-lillas oder schwarzen Schleiern, das schöne durchaus schwarze Haar mit Roseu geziert, mit den niedlich betlcidettn Füßchen und dem ewig beweglichen Fächer, wandeln hier mit keckem, natürlich graciösem, festem Schritte, gerader eleganter Haltung und fröhlichem Oeplander umher, muthwillige, hübsch gekleidete Kinder treiben ihr schäkerndes Spiel und durchbrechen mit Geschrei sich verfolgend die Reihen; aus den Buden blinken dieVcchcrmit dem köstlichsten Eise, und frisches O-uellwaffer wird überall zum Verkaufe geboten. Wer glaubt sich da iu dem unglücklichen Spanien, das wir uns vom Bürgerkriege zerrissen vorstellen, während hier alles in Freude und Entzücken schwelgt, und Mandolincn und Guitarre» von allen Valconen schwirren und prächtige Altstimmen aus den Fenstern tönen. Und ich biege iu riue Seitenstraße, und mein Erstauucu war groß, als lockender Zuruf mir vou den Val-conen anständiger Häuftr zutönt, und dao einladende „Caballero, Tennorito, bsit, bßt" von den feinen kippen lachender üppiger Andcilnsicrinnen herabklingt, und blitzende duntelglühende Auge» die verführerische Ginladung bestätigen, und sich diese Sirenen^ klänge in allen Straßen wiederholten. Die Andalusicriuneu sind schön, und wenn es auch schönere Weiber auf Erde» gibt, reizender hat sie die Natur gewiß nirgend geschaffen. Allein zur Ehre Spaniens muß ich gestehen daß iu keiner seiner Städte, die ich besucht, mir die Sitten der Weiber so frei, so ganz der Phantasie folgend vorgekommen si»b als in Malaga, wo seine schönsten, aber auch seine verdorbensten Frauen wohnen. Es wäre indessen l«6 ungerecht wegen einer etwas zu viel zur Schau qetrcigenen Liber^ linage, die am (^nde mehr der Polizei als einer alles beherrschenden Sittenverderbniß zugeschrieben werden muß, das Anathema über eine ganze Bevölkerung aussprechen zu wollen. Die Damen, die ich Abends in den Logen hernmsitzen sah, da keine Frau in Spanien das Parterre besucht, glänzten eben so sehr durch ihre Schönheit, wie durch den Adel ihres Benehmens und die Anmuth ihrer Bewegung, Wenn es auch wahr ist, daß die Andalusien,^ ncn frivol siud, so erscheint diese Eigenschaft in einem so reizenden Gewand? und mit so vieler Grazie und Feinheit umflossen, daß man ihrem heißen Vlute gerne diesen Fehler verzeiht. In Abendgesellschaft „nd Theater erscheinen die Frauen unverschleiert, in Haaren srisirt, die bei den lungeren gewöhnlich mit Blumen geschmückt sind, l5ß ist eben so wenig möglich schönere schwarze Haare zll sehen, als die Sorgfalt ihrer Behandlung wohl von keinen andern Frauen der Welt erreicht wird. Das glänzende Schwarz dieser Haare wird nur von dem sprühenden Feuer der Angen übcrtroffen, und die meistens schwarze Kleidung, vereinigt mit dem schwarzen Schleier oder der ebenfalls schwarzen Mantilla, bringt alö Gegen sah mit den südlichen blassen Gesichtern, auf denen selbst bei sehr jungen Mädchen ein leichter Auslug von Flaum über dem Saum der Oberlippe zu sehen, einen höchst bezaubernden Effect hervor. Die Nachahmung unserer Damen, die spanische Mantilla zu tragen, ist eine ganz verfehlte, da sie den ober« Theil, der über deu Hinterkopf geschlagen und mit dem Endschleier über dem Kamm gehalten wird, davon auöschließen. Es dürste auch schwerer seyn die Mantillas spanisch, als überhaupt spanische Mantillas zu tragen. Die Haltung des Kopfes und die ganze Behandlung dieser schönsten Tracht der Welt sind fo ächt national, so ganz imVlntund in der angebornen Grazie dieses Geschlechtes begründet daß es fremden Frauen säst unmöglich wird sie nach-znahmen, ohne Caricatur zu werden. Französinnen, die schon einige Zeit Spanien bewohnen, sind augenblicklich in der Mantilla als Ausländerinneu erkennbar, wogegen die Spanierin im Hut oder der Haube ungemein von ihrem Reize verliert. Wie so viele Ueberlieferungen aus der Araberzeit sich in Andalusien erhalten, so glaube ich ist die Mantille nichts alö das arabische Tuch, web ches den hintern Theil des Kopfes nach dem Koran bedecken muß, und die christliche Reform hat nur die Gesichtsmaske fallen lassen. 167 Der Reisende aber, dem die Geschichte Spaniens ganz fremd geblieben, müßte frappirt seyn wenn cr aus Aegyptcn hierher touimt, dieselben Augen zu finden, die ihm dort so häufig aus den vermummten Meibertöpfen eutgegenleuchteten. Nur haben die Augen der Andalusierinnen mehr Mildes, mehr Sanftes, mehr Wasser, wie das Feuer des reinen geschliffenen Diamants wahrer und angenehmer glänzt als das des ähnlichen Rheinsteines. Die Thorheit der Modenachahmung hat auch hier sich Bahn brechen wollen, allein die Versuche einiger dominirendenKleinmeisterinnen scheiterten an den: Widerhalle der vereinten Stamme aller Stände, und die Dame» welche es dennoch wagen gegen Geschmack und Nationalsinn zu handeln, werben mit marlirter Mißbillignng gesehen. Ich kenne .inch leinen grelleren Abstand als unsere form-und sinnlosen weißen, rothen, gelben »,id blauen Damenhnte, neben den lieblichen, sich den Formen des Kopfes und der Schultern so sanft anschmiegenden und ihren Bewegungen so leicht uud nur halbverhüllend folgenden Mantillas. Das Gesetz der spanischen Kirche gebietet dasi die Frauen sie nicht unverschleiert betreten dürfen, uud schon aus diesem Grunde können die Mantillas nie ganz verschwinden, da der Schleier der über ihren obern Rand lauft, nur herabgezogen werden darf, Allein der Schönheitssinn der Spanierinnen läßt auch keiner Vesorgniß Raum daß diese Tracht je von ihnen verlassen würde, und gerade jetzt ist sie mehr »vie je als Nationalkleidung durch alle Stände ver-breitet. Der schwarze, Schleier allein wird nur zu schwarzer Kleidung getragen, und ist beinahe ausschließlich auf die wohlhabenden blassen beschränkt, die darin wahren Lurus treiben. Die Gefälligkeit der Spanier übersteigt alles was andere Vänder aufweisen, und die erstaunliche Höflichkeit, welche sie unter sich selbst beobachten, dehnt sich doppelt auf den Reisenden aus. Die Straßen in Malaga sind sehr reinlich und gnt gepflastert, die Promenade mit breiten vierfachen Alleen ist von beiden Seiten nur hohen Häusern eingefaßt, die in dem neuen so gefälligen spanischen Vauftyse ausgeführt und meistens mit stachen Dächern bedeckt sind. Dce Valcons die an jedem Fenster sich befinden, sind theils offen, theils bedeckt, über alle aber wirb gewöhnlich ein großes blau und weiß gestreiftes Tuch oder eine feingeflochtene Strohdecte zum Schutze gegen die Sonne, oder um die auf den in die Straße hervorragenden Balconen sitzenden Damen den Blicken zu ent^ 168 ziehen, herabgelassen, so daß nur die schmalen Seiten zum Schauen offen bleiben. Dieß ist gewiß auch eine Ueberlieferung der arabischen Zeit, deren dichte Holzgitter den beweglichen Teppichen gewichen sind, und da die Valcone der Häuser sich beinahe berühren, so ist hierdurch der Faden der Intrigue sehr leicht fortzuspinncn, was die feinen liebedürstcnden Andalusierinnen wohl zu benutzen verstehen. Die andalnsischen Männer sind bekannt als Poltrons und leichtsinnig, und des Caracolirens auf den schönen Hengsten ist gar kein Ende, wie sie denn auch in Tracht und Wesen sehr kokett sind. Indessen ist der allgemeine Charakter gutmüthig, ob-schon Malaga wegen seiner revolutionären Gesinnung nnd Aufwallung in üblem Nuse steht. Wie wohl fühle ich mich in Spanien unter seinen: bezaubernden Himmel, in diesen ewig blühenden Gärten der Hesperiden. Alles ist mir hier so fremd, und doch so bekannt. Ich bin in Vuropa, und glaube noch in Afrika zu seyn-, ich sehe das christliche Element mit dem arabischen verschmolzen, Afrika und Europa auf kaun, merklicher Gränzscheide. Ich grhe nach dem Theater in die große Vishalle, die Mantillas rauschen aus und ein, Taschendiebe versuchen ihr Glück, Bettler hängen sich an den leicht erkennbaren Fremden, glänzende Offtciere, die kigarnettc im Munde, schlendern mit schwebenden Murillogestalten am Arme herum, und aus großem Krystallglase schlürfe ich das köstliche Sorbetto de Fräse, und eile es zu verzehren, ehe die sengenden Blicke der gegenübersitzenden schwarzen Augen es mir wegschmelzen. Leben überall, prächtiges bewegtes Leben, aber kein unnützes italienisches Geschrei, stiller im Genuß, die anbalusische Pulsader laut pochend, mit hörbaren» Schlage diese herrlichen Menschen durchbebend. Ohne Führer suchte ich am frühen Morgen den Weg „ach dem hohen Castell, und war so froh dieser Geißel der Reisenden einmal entbehren zu können. Die Lage dieser modern hergestellten Festung ist beherrschend, ich war aber kaum bel dem ersten Posten angelangt, als sich eine wegen Sprachverwirrung drollige Unterhandlung mit der Mannschaft entspann. Mit der dem Spanier eigenen Artigkeit bedeutete mir die Schildwache daß sie mich nicht dnrch das Thor einlassen dürfe. Dieß verstand ich, und verlangte den Wachtcommandanten zu sprechen, der auch erschien, nnd mir erklärte baß er Niemanden ohne Erlaubniß des Gouver- 169 neurs, der in der Stadt wohne, passire» lassen könne. Unter lauter artigen Versicherungen und Entschuldigungen waren wir auf die erste Bastion gekommen, welche bereits die vollste Aussicht gestattet. Während ich diese genoß, bat ich ihn einen Mann hinauf zu dem Hauptmann zu senden, ob er mir nicht erlauben wollte herumzugehen^ wie aber der Soldat mit dieser Mission abging, folgte ich ihm trotz aller Remonstrationen, die ich immer mit extremer Höflichkeit nicht zu begreiftn mich anstellte. So kam ich auf den höchsten Punkt, der Herr Hauptmann lag noch im Vette, und bis mau seine Resolution erholte, machte ich die ganze Runde aus diesem schönen Punkte, an dessen zauberischer Aussicht mir mehr lag als an den ohnehin nicht viel werthe» Festungswerken. Von hier überblickt man das ganze Thal längs der Küste bis los Molinos, diese prächtige Vega von Malaga, dann die Verge gegen Velez Malaga, die wie alle Verge um Malaga von Eisen strotzen. Besonders herrlich ist der Hintergrund, der aus einem undulirenden, höchst verworrenen Terrain besteht, Hügel an Hügel gereiht, alle bebaut, alle mehv oi?er minder auf ihren Seiten oder Spitzen nut glänzend weißen Sommerhäuschen besetzt, alle mit Reben und den mannichfaltigsten Vaumarten bepflanzt, deren südlich dunkle Blätter gerade jetzt in voller Blüthe prangen. Die ganze Rückseite des steilen Castellberges ist mit indischen Feigen bepflanzt, die im Fall der Noth mehr Widerstand leisten dürften wie die Besahung. Als ich mit meinen Betrachtungen zu C'nde war, brachte mir der Soldat die sehr höfliche kutsch lilbiguug, daß man mich nicht einlassen könne, während ich uur noch eine Erlaubniß zum Auslaß bedürfte, worauf ich mich, sehr zufrieden mit den Wirkungen spanischer (5ourtoisie, den Berg hinab begab, um auch das Innere und die tieferen Umgebungen Malaga's zu inspiciren. Ich stieg zuerst zu der Vittoria hiuunter, einer Vaumpro-menadr, die zu einer Kirche führt, vor der sich einer jener sonder baren Glockenthürme befindet, die nur aus ciner hohen einsamen Thurmwand bestehen, in welcher aber die Glocke u joui- hängt, wie man Aehulichcs in Holland sieht, und in diesem Lande öfters begegnet. Nach der Straße von Granada dehnen sich die Straßen weit hinaus, allein das DeM wird immer enger, und die Verge steigen nach schmalem Flächcnraum überall steil empor, und weiße Capcllen leuchten weit hin an ihnen hinauf. Hier sah ich wieder Dattelbäume, die unvergeßlichen alten Bekannten. Malaga hat das größte Arsenal Spaniens, den Vagno der ärgsten Verbrecher, eine Gisengicsicrec mit Hochöfen, die Eisen imNeberstusse, aber kein Holz zum Heizen besitzt, nnd armgekleidete Soldaten, die sich aber bei geringer Nahrung stets brav schlagen, und täglich acht Leguas, das heißt zwölf Stunden iu größter Hitze mar^ schirrn können. Als ich in die Stadt zurückkam, fand ich schon alles in Bewegung, die Buden waren geöffnet, und aus einer derselben rief mir ein Mann auf deutsch zu, ob ich nicht herein-treten wolle. Wie freute ich mich die theuren vaterländischen Klänge nach so langer Zeit wieder zu vernehmen, »nd ich nahm die Entschuldigungen des braven 5'andsmauns gar nicht an, der mir versicherte, er habe mich schon gestern beobachtet, und gedacht ich muffe ein Deutscher sehn. Der Mann war ans österreichisch Schlesien, mnßte sein Vaterland verlassen, weil er seinem Lieu tenant in der Eifersncht den Arm abgehauen hatte, trieb sich in vielen Ländern herum, hcirathete in Malaga eine Römerin, nnd hielt nnn ihren Laden von Glas- und Visderwaaren, worein sich der alte Hnsar ganz gut zu finden schien. Auch er beklagte sich über das fehlerhafte System der Gcfälleverpachtung, worunter der Handel leide, da er auf alle seine Waare fünfzig Proc. Eingangs steuer bezahlen müsse, wodurch denn eiu ganz gut organisirtes Schmuggelsystem entstanden sey, dein die Regierung theils nachsehe, theils daran Theil nehme. Zu Hunderteu brechen die Contre-bandisten bewaffnet ein, die Douaniers gehen ihnen weislich aus dem Wege, nnd die Schwäche der Regierung, die wegen des Kriegs nirgends hinlängliche bewaffnete Gewalt aufstellen kann, führt eine gränzenlose Demoralisation herbei. Er beklagte sich eben daß man ihn zwingen wolle die Kriegssteuer zu bezahlen, was er bisher, da sie ihn nichts angehe, verweigert habe, als einige Soldaten hercintratcn um ihu ins Gefängniß zu führen, wodurch die kurze Episode meiner neuen Bekanntschaft etwas gewaltsam abgeschnitten wurde. Die Kathedrale von Malaga ist ein großes, weit über die Stadt hinausragendes, fern sichtbares Gebäude im romanischen Vaustyl, der sine Thurm nicht ausgeführt, der vollendete halb eingestürzt. Das Innere ist imposant, die Fenster mit rothen Gardinen verhängt, was den Effect der gemalten Fenster hervor^ bringt, und in ver Mitte durch Gitter getrennt, steht die dop- 171 pelt? Orgel. Das Dach besteht aus kleinen cirfelförmigen Kuppeln, und nähert sich dem gothischen Style, wie auch der Schluß hinter dieser Kathedrale. Der ganze große Raum der Kirche befindet sich ohne Bänke, und ich hätte gerne die italienische Sitte herbeigeführt, wo man in den Kirchen Stühle miethen kann. Schwarze Damen knieten überall an den Scitenaltären oder in Mitte des Schiffes, und ich bedauerte die Kniee der schönen An-dalusierinnen, die ans dem harten Marmor Hühneraugen bekommen müssen. Die gewöhnliche Galanterie hat hier die Spanier ganz verlassen, da sie ihren Franen diese harte Zumuthung machen, man geht aber mm damit um Sitze in den Gotteshäusern au-zubringen, obschon der Sinn des Volkes der Mueruug widerstrebt, Prellerei des Wirthshauses, Prellerei der Postbeamten, dieß sind die ersten Drangsale die ich hier wieder empfand. Doch ich bin ja in Kuropa, und muß mich wieder mit seinen liberalen Institutionen, mit den Früchten seiner Civilisation befreunden, wozu eben die Erzählung eines Engländers, den ich hier traf, keine erfreuliche Perspcetivo bietet. Dieser Mann ist Artist, hatte sich lange in Portugal und in den letzten drei Jahren in Galicien aufgehalten, und eine werthvottc Sammlung der dortigen Alterthümer und Scenerien gemacht, die er nun zurückbringe,, wollte. Zwischen Vifillo uud dem Passe Despenapcrros wird die Diligence von weiuqen Factiosos angegriffen, nnd von den beiden Mco-Pateros nnd drei (5'scortereitern ohne allen Widerstand im Stiche gelassen. Im Wagen befanden sich zwei ältliche Frauen, drei junge Mädchen und sieben Herren. Den Frauenzimmern wurde nichts abgenommen, und einem Franzosen selbst eine brillantene Hemdnadcl gelassen, alles übrige aber in Säcke verpackt und aus die Pferde geladen, sss war früh fünf Uhr, und die Gesell schaft musite sich sogleich in Marsch nach den Gebirgen der Sierra Morena setzen, die viele Stellen haben soll welche sehr selten betreten werden. Nach einigen Stunden forcirten Marsches wurden die alten Frauen bedeutet zurückzukehren, was sogleich geschah, als absr die heißeste Stunde gekommen war, wurde eine halbe Stunde Halt gemacht, und nun einer jener Gräuel verübt, der diesem Räubcrkriege einen so gräßlichen Charakter aufdrückt, Die drei schon halbtodten und ganz willenlosen Mädchen mußten sich entkleiden, und wurden in Gegenwart der Reisenden cine Aeuu der viehischen Lust jener Barbaren, die über ihre Missethat nicht l7« einmal den Schleier der Verborgenheit zu ziehen sich bemühten. Der Britte erzählte mir, wie ihn diese Schändlichkeit dergestalt empört, daß er im Stillen seine Gefährten aufforderte den Moment zu benutzen um über die Räuber herzufallen, allein keine Unterstützung gesunden habe. Tie armen Geschändeten wurden »un zurückgelassen, und die sieben Passagiere allein fortgetrieben, ohne ihnen nur ferner die geringste Rast zu gönnen. Der Engländer hatte ein paar Schuhe au, die von den Felscnpfadcn bald zerrissen waren. Er hatte in Madrid ein dreimonatliches Fieber durchgemacht, und war vom eilfstundia.cn Marsche so erschöpft, daß er sich niedersetzte und erklärte nicht weiter gehen zu können, ,vobei cr auch blieb, obschon alle Gewehre auf ihn gerichtet wurden. Auch die übrigen Reisenden waren im traurigsten Zustande, und die Räuber begannen ihre Inquisitionen wegen Lösegelv, welches der Engländer betheuerte nicht verschaffen zu können, da er feinen Credit in Madrid besäße. Mittlerweile hatten sie Feuer gemacht und verbrannten alle Papiere, für den Künstler eiu größerer Verlust als seine Habe, da der Fleiß von drei Jahren in den Flammen aufging. Durch diese Vernichtung aufs Aeußcrste getrieben, schwor er nun sich lieber aus der Stelle todten zn lassen, als seinen Verderbern weiter zu folgen, und brachte es dahin daß man ihn nach sehr argen Mißhandlungen zurückließ und die andern Gefährten weiter trieb, Er war so entkräftet, daß er zwei Tage brauchte um durch die Gebirge die Straße zu finden, welche er in Audnjar wieder betrat, nachdem er einer Schaar ebenfalls ausgeplünderter Eseltreiber begegnet hatte. Derlei Vorfälle ereignen sich beinahe täglich, allein die Furcht vor Rache hindert selbst die Anzeige des Raubes, und jeder ist froh nur mit heiler Haut davon zu kommen, wenn cr auch alles verloren hat. 19. Die andalnsische Landkutsche. Ich kam von einem Ritte in die Umgegend Malaga's zurück, und dle Stunde des gewöhnlichen Diners war längst vorüber. Als ich in den Speisesaal trat, saß ein junger Mann an einen« der vielen herumstehenden Tischs, nnd nahm nicht die geringste Notiz von dem was nm ihn vorging. Ich trat zu ihm, und er erwiederte meine Begrüßung mit jener zutraulichen Offenheit, die bei sonst feinen Manieren so uugemein gut tleidet. Nach ren ersten Redensarten, welche zwei sich ganz unbekannte Menschen in ein Gespräch zu bringen pflegen, wurden wir sogleich zur Beleuchtung von Lebensfragen hingezogen, welche einen nicht gewöhnlichen Schatz von Denkvermögen in meinem neuen Bekannten kund gaben. Seiu Betragen war das eines Mannes von der feinsten Bildung, insofern dieß der Ausdruck edler Gefühle ist. Die Schwermuth welche auf seinen» ganzen Wesen ausgebreitet war, trat besonders rührend hervor, so lange er über die traurige Lage seines Landes sich anssprach. Meine Theilnahme brachte mich ihm bald näher, uud stimmte il'n zutraulicher, ^s lag in seinem Benehmen ein Grad von jener Freundschaft, die nicht selten zwischen zwei Fremden auf Reisen entsteht, sobald sie sich in Sympathien oder äbnlicheu Verhältnissen begegnen, und welche hervorznrufen oft ein wohlwollend Wort, ein Anrlang gleicher Gefühle hinreichend sind. Wozu im gewöhnlichen Leben Monate nickt führen, das vollbringt auf Reisen oft ein Tag, tine Stunde, l5inc solche Stunde hatte für uns beide geschlagen, ich hatte eine gleichgestimmte Seele, und zugleich einen der edelsten jungen Spanier gefuuden, der für sein Vaterland glühte, und doch noch Raum in seinem Herzen für den Fremden fand. Don Manuel war viel gereitzt. und wie es bänfig geht, so war sein Vaterland das letzte iras er kennen lernte. Er sprach geläufig französisch und italienisch, und bot sich mir alv Dol« 174 metscher an, welches ich natürlich unt Dank annahm. Wir gingen alls, um uns cine Gelegenheit nach Granada auszumittelu, fanden sie aber alle sehr schlecht, denn wo in Spanien keine Dili-gencen gehen, ist das Fuhrwerk elend. Wir hatten nun die Wahl, entweder in der sogenannten Galcra, oder in der Landkutsche zn fahren: erstere brauchte drei Tage, letztere nur zwei. Die Galeras sind das allgemeine Transportmittel in Spanien, zweirädrigc Karren, vulgo Zciselwägen, mit ciuem Segeltuch überspannt, und dienen zumWaareu- und Personenverführen, welche beide ziemlich gleich behandelt werden. Wenn sie acht Personen fassen, nimmt man ost zwanzig auf, und da diese Vehikel fast immer Schritt fahren, so treibt die Verzweiflung die meisten Passagiere, die ganze Reift zu Fuße nebelt her zu machen. Wir wählten daher die Landkutsche, eine Art Omnibus mit Cabriolet, beides kaum für spanisches Maaß eingerichtet, für große Menschen mar-tcrvoll. Um aber das Volk kennen zu lernen, muß man alls diese Weise reisen, nno überdies) bleibt auf Nebenstraßen keine Wahl, denn zu Pferde ist es Fremden bis jetzt noch nicht rathsam irgend einen Theil Spaniens zu durchziehen. Als ich aus Dromedaren die brennende Wüste durchwanderte, »der zu Pferde die asiatischen Felseuwegc aus und niederkletterte, dachte ich zuweilen daß ich mir es recht wohl schmecken lassen wolle wenn ich wieder in einem europäischen Wagen mich ausdehnen, und so recht bequem zum Kutschenschlag heraliosehen könne. Da saß ich nun im europäischen Wagen, uud sehnte mich nach den Dromedaren zurück, auf deneu man doch nicht lebeudig gerädert wird. Das Neiseu im Orieut bietet weuigcr Strapaze als das in Spanien, wo »nan nach Mitternacht aufstehen und um zwei Uhr in der Negel abfahren muß, lind nun auf den schlecht unterhaltenen Straßen, in einem nicht in Federn hangenden Wagen, iil dem man nicht aufrecht sitzen, kein Vein ausstrecken kaun, grausam herumgestosjm wird, Spanien hat vielleicht die meisten und schönst-gebauten Straßeu (niropa's, nur vielleicht zu viele und durchaus zu breit augelegt um sie alle gut im Stande erhalten zu tönneu. Der Unterbau ist durchaus vortrefflich, allein die lange Verwahrlosung hat ihn in Aufruhr gebracht, die großen Steine treten überall hervor, nnd man fährt tagelang auf solchem felsigem Terrain hin, so daß ich die spanischen Wagen wegen ihrer Dauer nicht genug bewundern kann. Acht Maulthiere werden paarweise vor- 175 gespannt, der Mayoral sitzt auf dcm niedern Kutschbock, und fährt dieses lange Gespann oder eigentlich nnr die beiden Stangen^ thiere, da für die Leitung der übrigen entweder ihr eigener Instinct oder der unermüdliche Zagal sorgen muß, der wahre Repräsentant der spanischen Unermüdlichteit, der Euryalus, der geflügelte Bote des leitenden Mayurals, neben dcm er seinen Platz einnimmt, stets auf dem Sprunge hinab, sich am rasirtcn Maulthierschweife auf- und niederschwingend, sobald ein Hinderniß kommt, ein Strick reißt, die Maulthicrc stättisch sind, oder bei Begegnung liebende Verhältnisse anspinnen wollen. UeberaU muß der Zagal helfen, der Figaro der Landstraßen, der mit gewaltigen Hieben die ermüdeten Thiere wieder in raschen Galopp bringt, sie anruft, mit Namen nennt, bald der Malvesina cincs überhängt, dann der (5arbonera einen Schlag versetzt, ober der General« einen furchtbaren Streich anf die andere Seite hinüber fpcdirt, wo sie es am wenigsten erwartete, und nun durch Erhortationen, Bitten, Dro-hnngen und Hiebe die ganze Gesellschaft in den raschesten Laus versetzt, vicrtclstundlang während dieser Verrichtung neben her läuft, und sich endlich triumphirend wieder neben den gestrengen Mayoral schwingt. Die Zagals sind ausgesucht musculöse, behende, kräftige junge Leute, und ich glaube nicht daß irgend eine Nation so vielc Menschen zu einem so erschöpfenden Tagwerke auftreiben könnte, es müßten denn Griechen seyn, die aber seit den olympischen Spielen das Neunen mit Wagen verlernt haben. Wie mail ans den Straßen Malaga's tritt, fängt ein steiler Verg an, nber den eine richtig nivellirle Straße im Zickzack, in der Art wie über das Stilfscrjoch, drei Stuudeu lang hinausführt. Als es Tag wurde, halten wir bereits eine bedeutende Höhe erreicht, und übersahen die wunderbare vulcauische Bildung, welche diese Berge so schöu macht. Tas Farbenspiel ist außerordentlich, und die ganze runde VergbUdnng ist wild und verworren durcheinandergeworfen, eine chaotisch reizende Unordnung, in einer ungeheuren Felsencinsassung. Ucberall bieten die Berge wieder Vchap-p<>s aufs Meer, und bei jedem Umbug sieht man wieder Malaga, stets in verkleinertem Maßstabe. Endlich gelaugt man auf den höchsten Gebirgsrücken, über den die Straße wie auf einer Messerschneide fortzieht. Thäler von lausend Fuß Tiefe ziehen sich zu beiden Seiten an den entgegengesetzten Höhen hinaus, und wir passirtfu eine Stelle, wo die letzte Landkutsche bei Nacht in den 476 Abgrund gestürzt war. Rebensetzlinge wechseln mit grünen, aber unbebauten Abhängen, denen wieder dichter Vaumwuchs folgt. Weiße Winzerhäuser mit Gärtchen, zu denen Fußwege mit Alleen führen, hangen pittoresk und einzeln an den Vergen, und ersetzen durch ihre Zahl den Mangel an Dörfern. In Alfarnote hielten wir unser Mittagmahl, und ich lernte hier zum erstenmal eine Venta kennen, ein einzelnes Wirthshaus, etwas besser als ein syrischer Chan, mit dem es Achnlichkeit hat. Alles ist in der Küche beisammen, und sitzt ans niedern arabischen Strohstühlchen um den Tisch-, der Mayoral präsidirt, und jeder nimmt sich aus der großen Schüssel, in der schmackhafter Neis, Erbsen und Rindfleisch ist, ganz nach Belieben, wozu man hölzerne Löffel erhält; das Messer muß jeder bei sich führen. Zuletzt kommt die Milchsuppe, wozu Zucker gegeben wird, und ich fand Mes schmackhaft und reinlich, wie denn überhaupt die Spanier, wenn gleich mäßig, doch sehr gut essen. Der Wein ist überall freier ungezwungener Anstaud, ohne alles Uebernehmen. Doch hüte sich der Fremde hier spröde ;u thun uder sich absondern zu wollen, denn so gefällig die Spanirr sind, so sehr würden sie diese Beleidigung ihres Stolzes, der sie jedem gleicht stellt, fühlen lassen. Von Alfuente werben die Hügel Getreideland, das Gebirg wird rauher, die Thäler sind aber durchqeheuds reich bewachsen. Abends halb sechs kamen wir in Loja an, einem hübschen am Tajur gelegenen Städtchen. Die dortige Posada entbehrt allen Comforts, allein die braven Wirthsleute ersetzen alles durch guten Willen, obschon es gut wäre wenn man in Spanien wie im Orient reiste, nämlich alles mit sich führte. Wir gingen sogleich auf die Alameda und in die Allee, die nach dein berühmten Thal der liebenden sühn, und bestiegen dann das alte Schloß auf der Spitze dcr Stadt, bis die Nacht uns zum Souper mit dem Mayoral rief, wo sich wieder alles bunt durcheinander um deu runden Tisch auf dem Vorplatz lagerte, und Neis mit Hühnern, dann das beliebte Gespechio, eine Mischung von lässig, Ocs, Wasser, Vrod nnd Zwiebel, uns erquickte und erfrischte. Vouteilleu kennt man nicht, und Wasser und Wein werden in Gläsern hingestellt, beides crcellent, wie daö weiße Vrod, worin kein Land mit Spanien concurriren kann. Unsere jungen Majos, drei junge Leute von guter Herkunft, welche nach der Sitte die hier herrscht, romantisch durch t77 das Land ziehen, und bereits em halbes Jahr auf der Reise waren, hatten durch ihre unversiegbare Heiterkeit schon unsern Tagesmarsch durch Guitarre und Gesang verschönert, und fingen nun ihr tolles Treiben eon mnui-o auf festem Boden an. Sie waren (?raltabos wie alle jungen Leute in Andalusien, und ob sie gleich wie unsere Liberalen nicht recht wissen was sie wollen, so parodirten sie doch die Moderirteu, die Minister, die Armee, und dieß mit einer so gutmüthigen Laune daß immer alles in lautem Gelächter war. Zuletzt mußte Fandango getanzt werben, und die schöne Majo-tracht der feingebautcn Jünglinge nahm sich hier höchst reizend ans. Welches Land, welche Menschen, und wie wird sich hier durch Zanbcrschlag alles ändern, sobald der Friede über diese gesegneten Flnren rücktehrt! Und diese starken kräftigen Naturen, so derb lind hingebend, was läßt sich von ihnen erwarten! Unter den vielen Menschen die hier beisammen waren und viel Wein tranken, war auch nicht einer der sich vergessen hätte, und sicher herrschte bci unserem Mchoralsdiner »lehr natürlicher Anstand wic an mancher dentschen Gasttafel. Das Schicklichkeitsgefühl des gemeinen Spaniers beruht auf dem Gefühl seines Werthes, den er auch an andern erkennt, und eine Nation die Adel besitzt, tann nicht zn Grunde gehen. Nachts als ich mich diesem muntern Treiben entzogen hatte, ertönten noch arabische Gesänge von Kindern unter meinem Fenster, lind Castagnetten lullten mich in den sehr benöchigtrn Schlaf, der sich auf meinem krachenden Schrägen bald einstellte, Um drei Uhr ging es wieder fort, und ein Glas Milch ist das Frühstück. Eine herrliche Landschaft zieht sich dnrch das Thal von Loja fort, dann beginnt die Hochebene von Granada, die hier nnr dnrch ihren Gebirgssaum schön ist, wodnrch die Natnr auf ihren Liebling vorzubereiten scheint. Unterwegs gesellte sich ein stattlicher Majo zn unö, ein wahrhaft ritterlicher junger Ända-luster von athletischen Formen, der ein süperbes Pferd ritt, und die Bekanntschaft unserer Eraltados machte. Alle Gespräche nahmen hier augenblicklich politische Färbung, und nachdem der Reiter, obschon selbst von dieser Partei, doch bald erkannt hatte dasi »nscre Gefährten durchans keine Rechenschaft von ihrem Glanben geben tonnten, mystificirtc er sie auf die schonnngslofeste Weise, nannte sie Laternen ohne Lichter, uud trieb diesen Scherz fort bis wir gegen die Venta von Lachao hinfuhren, unter deren offener Morgenland m,d Nbcndlmid, II. ?tt Aufl. 1^ <73 Halle ein junges Mädchen saß und sich die Haare stechten ließ, welches in Spanien meistens im Freien geschieht. Die Schönheit dieses Geschöpfes gab dem Gespräch eine andere Wendung, denn die Spanier haben von ihren Stamncherren die Laseivität des Ausdrucks in vollem Maasic geerbt. Das Mädchen lies; sich aber nicht stören, blickte keinen an, sondern gab immer ihrer Haarkräuslerin die Nadeln hinauf, und wollte sich entfernen als die Frühtoilette beendet war. Allein nun harangutrte ste der galante Reiter, von dem ich dieß am wenigsten erwartet hätte, auf eine so komische Weise, dasi Plötzlich die bisher verschlossenen Pcrlenreihen des Mädchens sichtbar wurden, und ste in die fröhliche Stimmung einging. Die Guitarren wurden gebracht, und ein Volcros getanzt, und dann alle mögliche harmlose Kurzweil getrieben, wobei ich das züchtig liebliche und doch unsteife Benehmen der beiden Mädchen unter so ausgelassenen jungen Leuten nicht genug bewundern tonnte. Man setzte sich mm an zwei Tische, die vier Majos mit dem veritable« Sancho Pansa des Ritters asien kalte Küche mit den Fingern, der Cavalier hechelte immer noch seine neuen Bekannten durch, indem er ihre Hühner heißhungrig verschlang, während der immer sarkastisch lächelnde alte Diener ihm in beidem beistnnv, alles ohne ein böses Wort, ohne Empfindlichkeit, nur von guter Laune geleitet. An unserem Tische machte der Mayoral die Honneurs, wo möglich mit noch mehr Grazie wie gestern, und die allerliebsten Haarflechterinnen servirten uns. Alles war Jubel und Scherz, und am Seitentischc nahm das Gespräch bald wieder die alte Wendung, und die unaufhörlich gebrauchten Schlagwörter „Politica" und „Carajo" gaben einen besondern Nachdruck. Diese ganze Scene spielte in einem großen Stalle, welcher Maulthiere, Küche und Speisesalon i,, sich fasite, und ein malerisches Vild darstellte. Die Tracht der jungen fahrenden Andalusier gehört zu den schönsten die ich kenne, es ist die Tracht ihres Landes, allein etwas verschönert. Die offenen Jacken sind reich mit Seide uud Silber gestickt, eine Kunst, in der Spanien sehr hoch steht. Die Gürtel sind von rothen seidenen Tüchern, die um die Lenden geschlagen das Veinkleib halten. Dieses ist bei Reitern von Tuch, eng anliegend, am Knie endend. Dann kommen die hohen gelbledernen Gamaschen, über welche der weiße Strumpf unter der feinen Kniekehle und am vollen Waden vorsieht. Sonst sind die Beinkleider von blauem oder meistens 179 braunem Sammet, etwas weiter und übers Knie hinabrcichend, ohne gebunden oder geknüpft zu werden. Die Gamaschen sind dann nicht so hoch, und das Bein mehr frei — eine Tracht, welche für die schön gewachsenen Spanier nicht vortheilhafter seyn könnte. Der ringsum aufgestülpte konische Spitzhut versteht sich von selbst, der ganze Anzug ist vollkommen idealisch, und paßt ganz zu dem leichtsinnigen aber liebenswürdigen Charakter, zu dieser muthwilligen Unbesonnenheit, wodurch die Andalusier sich gegen alle spanischen Stämme auszeichnen. Dieß ist der adalusische Majo, cine Erscheinung, die nur diesem Theile Spaniens eigen ist, das Charakterbild eines glänzenden jungen Menschen, das wir weder in England, noch Frankreich, noch sonst in einen: Lande Vnropa's wieder finden. Majo ließe sich noch am besten mit unserm deutschen „flott" übersetzen, wenu nicht die edleren Eigenschaften, die sich sonst mit dieser Benennung verbanden, in dem Verdrängen aller Ritterlichkeit und in der stets mehr um sich greifenden materiellrohen Gesinnung nnserer Jugend auch bei uns ihr Ende zu erreichen drohten. Dieses Chevalcreske findet sich aber in Spanien noch in allen Ständen, und da das Niveau der gesellschaftlichen Abstufung durchaus nicht so streng abgesteckt ist wie in andern Ländern, uud es nach den Begriffen des Landes kein gemeines Volk gibt wie anderwärts, so erzengt die adelige Gesinnnng anch adeliges Benehmen, und nian findet den Majo in den Räuberbanden wie in den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Die Kleidung des Majo ist eine phantastisch ideale Verschönerung der ohnehin so schönen andalustschcn Tracht, das erste Erfordernis; ein vollendet schöner Körper, der in diesem Lande ohnehin Gemeingut ist. Der Majo muß aber anch geistig hervorragende Eigenschaften besitzen, die sein Bestreben, die Gunst der Frauen und die Achtung der Männer zu erringen, unterstützen. Er musi ausgezeichneter Fechter, Reiter nnd Tänzer seyn, stets bereit seine Dame zn vertheidigen, seine Ansprüche geltend zu machcu, trotzig ohne Frechheit, entschlossen ohne Amuaßuug, vor allem aber stets und unter allen Verhältnissen als ächter Caballero, was die Engländer mit Gentleman bezeichnen, sich beweisen. Diese Majos bilden eine höchst ergötzliche Classe von Menschen für den Reisenden. Man begegnet ihnen überall, da sie das Abenteuerliche lieben uud stets auf der Fahrt sind. Man kann nichts Schöneres sehen als diese 12* 480 Majos auf ihren edlen andalnsischen Hengsten, Gutmüthig und mittheilend sprechen sie Jeden an, schließen sich an Jeden an, leisten Jedem Dienste, sind stets bereit Beleidigungen zu rächen, sangen überall ^iebeshändel an, überschütten die Geliebte mit Geschenken, sind freigebig bis zur Verschwendung, toll bis zur Ausgelassenheit, witzig nud unterhaltend, aber durchgchends liberaler Gesinnung, wenn gleich mit etwas dunklen Begriffen über Freiheit und Gleichheit. Vis hierher hatten wir Escorte mitnehmen müssen, da auf der letzten Fahrt unser Mayoral einen Räuber erschossen hatte, nnd man Rache fürchtete. Derlei Anständc findet mau überall, und man spricht von den gräßlichsten Schandthaten, die da oder dort passtrt sind, wo man gerade hin muß, mit stumpfer Gleichgültigkeit. Indessen ist es Sitte vor jeder Reise querst zu beichten, und seine Vagagc läßt, man mit den Militärconvois gehen, die alle vierzehn Tage von größeren Orten aufbrechen, nnd an welche sich alle Reisenden, Krämer und sonstige Händler, die nicht gerade ^ile habcn, anschließen. So ein Convoi ist aber höchst langweilig, ungefähr wie ein Karawanenzug im Orient, und nlNlt braucht vier-, fünfmal länger als auf den Diligcn-cen. Wäre erst eine disponible Macht vorhanden, oder wollte man sie gehörig verwende», so ließe sich mit mobilen Kolonnen, die Standrecht halten dürften, bald die Ordnung herstellen. Die Schwäche der Regierung schwächt aber jede militärische Erpedition, ihre Armee dient dem unbesiegten Feldherrn Vspartero als ewige Leibwache, und die Carlisten wunder» sich selbst daft man sie nicht schon lange verjagt hat. Der Name Carlistcn ist hier eben so wenig gebräuchlich wie der der Christinos, welcher auch ganz unrichtig ist, da die Königin Isabclle heißt, und man daher ihre Armee, die übrigens die Armee der Nation ist, Isabcllistcn nennen müßte. Ton (5arlos hätte sich sehr verdient um sein Vaterland machen können, wenn er seinen wenigen Gcncralcn befohlen hätte die Waffen niederzulegen, und da er sein Vaterland doch, und vermuthlich auf immer verlassen mußte, so kann er nicht verantworten daß er nicht Großmuth genug besaß, ihm auch volle Ruhe wieder zu schenken. Die ihm anhängende Faction benutzt übrigens den (5ar-listennamen nur als Deckmantel zn Räubereien. Die Spanier sind ganz verschieden von den Italienern! diese betrügen wo sie können, jene ranben wo sie stärker sind, diese schreckt die Gefahr, l8« jene lockt sic. Die Fattiosen der Mancha sind ivieder anfqeftanden, nnd haben ein verschanztes Lasier, zwanzig ^eguas von Madrid, bezogen. Diese Factiosos, die sich Soldaten Karls V nennen, sind ganz gemeine Räuber und Verbrenncr der Städte, Schänder der Frauen; Vrandschatzung nnd Fortschleppen der Reisenden sind ihre gewöhnlichen Thaten. Sind erst die Kräfte der Armee disponibel, dann kann man mit Herstcllnng der Sicherheit anfangen, hier wie in Griechenland der erste Hebel für Handel nnd Wandel. 20. Granada. Os ist nicht gut ein schönes Mädchen zum erstenmale im Vallputze zu sehen. Die Enttäuschungen sind oft so grausam, wenn Beleuchtung und Toilette wegfallen und die nüchterne Wirklichkeit uns den wahren Zustand aufdeckt. Die Vcga von Granada ist aber die reichgcschmückte Vraut, wie sie im vollsten Glanz der Schönheit mit derMhrthenkrone und dem lange über die herrliche Gestalt herabwallenden weißen Schleier zum Altar tritt, züchtig erglühend, unbewußt ihrer Reize, beneidet von allen ihresgleichen, und einzig ihrer Art auf dem weiten Erdcnrundc. Wer dieses Thal gesehen, muß Halt machen auf der Vahn der Reiselust, er muß nichts weiter suchen, weder in Spanien noch sonst in einem Lande, denn er hat das Vollendetste derSchöpfung gefunden. Drei Monate waren kaum verflossen daß ich die Ebene von Damaskus durchzogen, ich wähnte dort den Triumph der Natur gesehen zu haben, und betrat nun mitheiligerEhrfurcht das alles verdunkelnde Eden von Granada, wo jeder fernere Maaßstab zum Vergleichen aufhört. Ich frage jeden fühlenden Menschen, der Granada besuchte, was er bei diesem Zaubcranblick empfunden, und ob in ihm nicht, wie in mir, der Gedanke aus tiefer Vrnst emporgestiegen, „hier möchte ich mein Leben beschließen." Mit Recht und mit Stolz sagt der Andalusier: „ol ^n« no !,» vi8to (Fi-anaäg, NO na Vl5tu naclg." Wer Granada nicht sah, hat nichts gesehen, wenigstens kann er nicht sagen die Natur in der vollständigen Entwicklung ihrer Schöpfungskraft ans unserer Erde begriffen zu haben. Auf der Höhe des Dorfes Luchar endet die Hochebene, und beginnt die Vega von Granada. Zur Linken erhebt sich einsam ein kahler, rothbrauner Granitkegel, wunderbar geformter Felsen, der gleich einem Vorposten am Eingänge der erhabensten Ge-birgsscenerie dasteht, aus welcher, tief in den fernern Hinter- 163 gründ zurückweichend, kühne Felsenzackeu und Hörner in den abenteuerlichsten Gestalten auftauchen und, da stets neue sich wieder zeigen wohin das Auge sich wendet, kein Ende zu haben scheinen. Zur Rechten dehnt sich, die Ebene durchschneidend, das Soto de Roma gegen die Stadt hin, cineVencnnung, dessen Sinn man nicht kennt, das Eden Europa's, das schönste Gehölze der Welt, dessen glänzende wichen, Kastanien, Weißpappeln und Ulmen die nächsten Hügel bekrönen und die reichen Felder beschatten. Dieser prächtige Wald war sonst der Landaufenthalt der maurischen Könige, später besaß es der berüchtigte Friedensfürst, uud jetzt schenkte es das dankbare Spanien seinem Netter Wellington, der eine Million Realen daraus empfängt, ohne es je gesehen zu haben. Die überreifen Aehren der Kornfelder zogen in unendlich langen Streifen, gleich goldenen Vrücken, über den grünen Teppich, welchen die reichste Vegetation, der fruchtbarste Boden aus der Vega von Granada gebildet. Die zierlichsten Gruppen von Citronen, Orangen, Granaten, Feigen und Mandelbänmen bedecken die üppigblühendc Ebene, die der klare Genil gleich einem glänzenden Vandc durchströmt. Reben ziehen sich gleich Guirlanden in Lauben, Vosketc und Galerien geformt, an den hohen in Absätzen emporsteigenden Schwarzpappeln fort, und in den Taufenden von Erlen, Espen, Silberpappeln m,d Eichen vergraben, glänzen Hunderte weißschimmernder Pächter- und Winzerwohnnngen nnd Landhäuser ans dem grüne» Meere hervor. Vier Flüsse und unzählige in arabische Canälc geleitete Gcbirgswasser durchziehen diese Vega dc Granada, die dreißig Stunden im Umfang hat, und durch beständigen Ueberfluß an Wasser jenes ewig frische, blühende und glänzende Ansehen erhält, das man in der Ebene von Damaskus mit Recht so seh,- bewundert. Mitten aus dieser Ebene glänzen zwei Thürme heraus, es ist die Kirche von Sauta Fö, wo Columbus die Erlaubniß erhielt eiue neue Welt zu entdecken, und mit ihrem Golde ein reiches Land arm zu machen, wo Ferdinand der Katholische die Bulle des Papstes zum Krcuzzug gegen die Mauren erhielt, und von wo die kühne Isabella dem Reich der Ungläubigen ein Ende machte. Mit welchen Gefühlen mnß ihr letzter König Abo-Abdeli vor vierhundert Jahren aus diesem Paradiese gezogen seyn, als er anf der letzten Hohe des Ausläufers der AlpuMras mit seinen tapfern Schaaren nicderkniete t84 und den letzten Scheidegruß dem schönen Granada zurief. Wahrlich, man verzeiht anch Arabern eine Thräne, wenn sie eine solche Hcimath, daS Eldorado ihrer Väter, verlassen mußten. Hinter diesem grünen Sammctteppich, mit seinen majestäti-schen Felsenbordnren und den unbeschreiblich reizend eingewirkten Desseius, erheben sich in sanftem Ansteigen die unter sich getrennten, von Thälern durchschnittenen eigenthümlichen Verge, die das alte arabische Granada und seine (5halifenbnrg tragen. Gegen Osten schließt sich der Horizont durch eine breite Wand, die schauerliche Gebirgskette der Sierra nevada, die bis über die Alhambra hcreinragt, und gleich dem Antilibanon bei Damaskus zur Hälfte ewig mit Schnee bedeckt ist. In weiterer Ferne strecken die Gletscher ihre Cisscheitcl in den blauen Aether hinauf, und gleich einem Zuckerhut überragt sie alle der hohe unersteigbare Veleta, nnd der prächtige Cerro de l5aballo. Unter dem starren Haupte des Mulahacen, auf grünem Pergabhange tritt uns Granada entgegen, von der Gbcne aus durch zahlloses Gehölze und Vaumgruppen neckend, ewig neu und bei jedem Schritte des Wanderers anders sich darstellend, bald verhüllt, bald theilweift sichtbar, bald die neue, weifte Stadt, bald die dunkel rothgelb gefärbte, hohe Alhambra, stets über sich die weiße Schneewcmd und die tiefern, grünen Pcrgkupven zeigend, die gleich Kuppeln majestätischer Dome sich unmittelbar über ihl erheben. Es ist die vollendetste, aber eine veredelte Schweizer-alpcu-Partie, in den warmen Hauch der südlichen Zone getaucht. Vald sind es lange Reihen hochstämmiger Schwarzeichen und Cyprefsen, bald Orangen und Citronengchölze, bald einsame Palmen, überall aber Obstgärten aller Art und Nebcngewinde gleich Lianeuverschlingungen eines Urwaldes, die dem Auge des Fortschreitenden begegnen, nnd durch alle diese reibenden Hindernisse nähert man sich der Stadt, die man einige Stunden ferner viel besser übersehen kouute als in ihrer nächsten Nähe, Unbeschreiblich ist die Triebkraft dieses Bodens, stets befeuchtet von Gewässern, die Früchte und Blumen zu einer Frische getrieben, wie an keiner audern Stelle der Welt, Unbeschreiblich aber auch ist diese feine, zephyrfächelndc Luft, welche von den so naheu Gletschern herab die sengende Hitze Spaniens mildert, und das hochgelegene Grauada zum gesündesten, crqmckenbsten Aufenthalte macht. l83 Durch cine Aller lwher tllmeu gelaugl »ia» all die Vrnclc des Genil, wo die lleine Kapelle steht, dir das erste Danlgebet des frommen Königspaars für das eroberte Araberbollwerk empfing, Diesi ist der Eintritt Granada's. Vcach leichter Mauth-visitation durchzogen wir die langen, reinlichen Straßen, und hielten unsern Oinzug in der freundlichen Fonda del Comercio auf dem Theatcrplatzc. Brave Wirthsleute, bequeme Zimmer, cin vorzügliches Mittagessen waren gute Vorboten für unsern Aufenthalt. M irar Festtag und ein Slingefccht ftimc den Namenstag siner spanischen Heiligen. Wir kamen gerade noch recht, um zwei erstochene Stiere und einen halbtodten Piecador wegschleppen zu sthcn, nnd folgten dann dem Menfchenstrome, der sich aus der gedrängwoUen Arena nach dem Paseo ergost, der den schönsten Theil der untern Stadt durchschneidet und am Genil und dem Fuße der Miambra endet. Diese spanischen Wamedaö sind das vorherrschcndste Bedürfniß in diesem ^'ande, die kleinste Stadt, fast jedes Torf hat eine solche Vaumanlage, wo Abends sich die Einwohner, ohne allen merkbaren Naug^ nnlerfchied znsammenfindeu, und zwar aus aufrichtigem Dränge sich zu sehen nnd einige Stunden mit einander zu verplaudern. Granada, das in allein begünstigte, dieser schönste Juwel in Hesperiens Krone, zeichnet sich auch durch seine Alameda aus, die schönste die ich in Spanien renne. Hohe, vierfache Akazien-und Mmenalleen ziehe» bnrch die breiteste lind schönste Straße der Stadt, welche seit wenigen Jahren für diese» Zweck erwciterl N'urdc. Mc Baleone, alle Fenster waren mit Damen befetzl, welche die Vorübergehenden musterten. Am Ende dieser Straße, mit welcher auch die Stadt aufhört, ziehen sich die Alleen links fort; die drei innern Gänge sind mit steinernen Nänken uud diese mit weißen und schwarzen Mantillas besetzt, und uutcr diesen blitzen wieder die gutmüthigen, dunkeln, melaucholisch-schslmischeli Augenherans. Anfangs gehen nur Männer aus und ab, deren Sehaaren immer dichter werden, und die sich ohne Ausnahme durch sorgfaltigen Anzug auszeichnen, ohne das mindeste Geckenhafte zu verrathen. Die stehende andalusische Charartermaöte, der Majo, tritt hier nicht in seiner malerischen Tracht auf, wie denn die ganze Haltung der männlichen und weiblichen Vevölkcruug in den spanischen Städten, bis zu den niedrigsten Classen herab, voll Anstand ist. KSS Alle Männer find im runden, schwarzen Hut und französischer Kleidung; die Frauen in spanischer Tracht, und in Granada sah ich nicht Ginen Damenhut auf dem Paseo. Geistliche Kleidung erscheint nur mehr selten, seitdem die Mönche vertrieben sind, militärische Uniformen zeigen sich ungern, und offenbar strebt der ganze gesellschaftliche Zustand eine Gleichheit schon durch einfache und gleiche Kleidung auszudrücken. Der Abend nähert sich mit seinen kühlen, dämmernden Schatten, und nun erhebt sich auch die Frauenwelt von ihren steinernen Ruheplätzen und mischt sich unter die Wogen der Lustwandelnden. Die stattlichen Carrossen, deren Alter freilich nicht immer mit dem ihrer feurigen andalusischen Pferde im Einklänge steht, setzen nun ihre schöne Vürde ab, die bisher auf den beiden Fahrstraßen außen^ wie auf cinem italienischen Corso gefahren wareu, und dieser Moment ist der überraschendste des Paseo, ja ich möchte sagen der schönste in Spanien. Wenn man die fast schüchterne Zurückhaltung gesehen, womit die Frauen hier von den Männern behandelt werden, nachdem, man kanm früher zwei Blicke sich begegnen sah, denen das innere Verlangen entströmte, so wird man desto mehr entzückt von den Wirkungen der Dämmerung, wie die liebc-athmenden, holden Geschöpfe so elastisch durch dic dichten Reihen hinschweben, und wie die vollendetste Grazie über diesem fröhlichen Gewimmel, über diesem lust- und liebelechzcn-den, anmuthigen Geschlechte ihr bezauberndes Äugen- und Mienenspiel ansbreitct. Rechts von dieser Promenade sind die geschmackvollsten Anlagen vonVlumenparterres, iu zierliche eiserne Schranken gefaßt. Weiter hinaus folgt wieder dichtes, duftendes Gesträuch und Gehölze, aus dem eine alte, romantische Capelle hcrübcrblickt. Wir u.>aren von all' diesen unerwarteten Erscheinungen und Eindrücken wie betäubt. Den ganzen Tag über waren wir in Erwartung von Räubern gefahren, und Abends sahen wir uns in eine Partie des Rcgentparkes versetzt. Das Land, das wir durch Vürgcrlrieg derloreu glaubte,,, bot uns Scenen aus dem Wiener Prater. Ton Manuel weidete sich an meinem Erstaunen, das aufs höchste stieg, als wir, ohne eine weitere Ausdehnung des Paseo zu ahnen, um die Ecke der Allee bogen, und die ganz neu angelegte, »och längere vierfache Allee mit demselben anziehenden Gedränge fanden. Am Schlüsse erhebt sich über diesem Gewirre eine wirklich prachtvolle Fontäne so vortheilhaft gewählt, daß die stets neuen an-nnithigen Wilder wie in einem magischen Spiegel vor nur kamen und verschwanden, Nichts bleibt als das Verlangen dieses reizende Spiel ewig mit ansehen zu dürfen; kein Eindruck läsit sich fest halten, aber alle verschwimmen in dem wohlthnenden Gefühle nur Schönes und Liebliches geschaut zu haben. Es ist eine fremde Welt, in der man sich aber nicht fremd fühlt, denn nirgends findet sich der Fremde bäldcr heimisch, bäldcr zu Häuft, wie nnttr 193 Spaniens maurisch-andalusischen Naturkindern, unter dem wahrhaft adeligen Araberthum. Ein besonderes Vergnügen gewährt es in den Abendgesellschaften oder auf den Spazicrgängm in Spanien den Verhältnissen nachzuspüren, welche die Liebe in diesem fenrigcn Volte hervorruft. Die Liebe ist hier alles, sie erzeugt selbst Treue in der Ghe, aber es ist immer nur die Treue der Liebe, nicht die durch convcntionelle Rücksicht und Gesetz gebotene Treue, und in dieser Beziehung mit unsern Ansichten kalter Pflichtübung unvereinbar. Die Spanierin läsit sich Treue so wenig wie Liebe vorschreiben, sie kennt nur die Sprache nud Gewalt des Herzeus. Vewunderns-werth bleibt immer ihre Ausdauer in einer einmal gefaßten Neigung, und Trenebruch in der Liebe wird hier selbst in der öffentlichen Meinung harter gerichtet als irgend eine Verletzung ehelicher Pflichtübung. Die grosse Delkatesse und ehrenhafte Discretion, welche die Männer bei allen Liebesverhältnissen beobachten, sind der Achtung würdig die dieses Volk solchen Verbindungen zollt. Nie hört man ein prahlerisches Rühmm empfangener Frauengunst, ein Schleier bedeckt das Hciligthum der weiblichen Hingebung, nnd jeder Verrath würde von allgemeiner Mißbilligung gebrandmarkt werben. Die Spanierin kennt weder unsere Koketterie, noch unsere falsche Prüderie. Sie ist immer ganz was sie zu seyn scheint, und oft viel besser als sie sich zeigt. Die anßerordentliche Nngebuudenheit, ja Freiheit, welche man an diesen herrlichen Wesen so anstößig findet, bildet gerade ihren höchsten Reiz, und während ihre schöne Seele in der unendlichen Kraft ihres tiefen Gefühls stets nur Einem sich zu-weudet, gehört alle Aumuth ihrer Erscheinung, jener unbeschreibliche Zauber der Rede, des Auges uud des ganzen Umganges, die Begeisterung für Recht und Vaterland, alle Ergüsse der edelsten weiblichen Leidenschaftlichkeit, dem Ganzen, dem Allgemeinen an, und strömt in nie versiegenden QncUen wahrer Grazie und lebendiger Frische über alle ans, die sich diesen holden Geschöpfen nähern, die, einzig ihrer Art, als Muster wahren weiblichen Liebreizes dienen. Diese Erscheinung ist um so wunderbarer, als die Erziehung nichts für sie gethan hat, und sie allcö was sie sind, nur sich selbst, ihrem untrügliche« Sinn für das Schöne und Gdle verdanken. So kommt cs auch daß die Fraucu eine ungemessenc Achtung in diesem Lande gcnicf.cn, und wcun diesi einerseits ihre Ungczwungcy-Morgenland m,d Abendland. II. 2teNufl. 13 t»4 heit und Freiheit begünstigt, so dient fie auch dazu daS Benehmen der Männer im allgemeinen zn verfeinern und zu veredeln. Wenn die französische Puppe von Freiheit und Gleichheit jemals in einer ganzen Nation sich verwirklichen kann, so finden wir diese Aufgabe, aber nicht im Sinne der französischen Propaganda, in Spanien ins Leben getreten. Kastengeist und Rangstufen machen sich weder bei Männern noch Frauen in Spanien bemerkbar. Man fiudet hier kein Andrängen der niedern Stände iu die höhern Kreise, aber auch keine Gemeinheit, nicht das rohe Wesen, das bei uns eiue Annäherung an die tieferstehendcn Classen der Gesellschaft oftuumöglich macht. In der äußeren Stellung der verschicdeneu Abstufungen findet sich in Spanien kein merklicher Unterschied, und der wahre und alleingeltende Stolz, der Stolz aus iuucrn Menscheuwerth, erzeugt jene vollkommene Gleichstellung oder vielmehr Gleichheit, welche vor allem andern den Fremden beschäftiget, und ihm bei vertrauterer Bekanntschaft so ungemcin befriedigend entgegentritt. Die Würde und der Adel des Benehmens, welche eine Eigenschaft des ganzen spanischen Volkes sind, sprechen sich mit jenem natürlichen Nn-ftande aus, deu uur das Gefühl des eigenen Werthes ohne Ucber-schätzung so einstimmig hervorbringen kann, und so geschieht es daß der Fremdling bei der allgemein.gleichen Form der Höflichkeit sich ebenso behaglich an dem Tisch seines Majorats in der stallähnlichen Venta, als in der glänzenden Madrider Tertulla befindet. Wer aber iu Spanieu reist, hüte sich wohl der aristokratischen Absonderung Raum zu geben, die in uustrm Norden unerläßlich ist, wenu man nicht unaufhörlich in Verührung mit roher Plumpheit gerathen will. Der Spanier, stehe er noch so tief, duldet keine Ansprüche, keinen Hochmuth, ja selbst nicht jenes vornehme Herablassen, wodurch die höhere Stellung sich zu schützen sucht. Dagegen wirb man auch niemals ein Uebernchmen von seiner Seite erfahren, er behauptet stets die ernste gemessene Höflichkeit, die selbst der Bandit nicht bei Seite setzt, und welche die Möglichkeit gibt selbst den gcmcincu Mann wie seinesgleichen zu behandeln, Befchlshabcrischcs zänkisches Wesen, heftige Ausbrüche von Unzufriedenheit sind in diesem Lande etwas Unerhörtes, wenigstens mir nicht Vorgekommenes. Diese Erscheinungen werden von den Spaniern entweder verlacht, oder sie führen zu ernsten Verlegenheiten, und ich war einigemale in der Lage unbesonnene Fremde nur mit vieler Mühe vor Rachecmßerunge» zu schützen. l05 Vci den hier angedeuteten Verhältnissen, welche immer noch im Auslande so unrichtig aufgefaßt werden, hängt es nun immer vom Fremden ab, wie er sich in diesem Lande stellen will. Die Gleichheit der Stände nnd die wahre Freiheit der gesellschaftlichen Ordnung tritt aber noch wohlthuender iu den höheren Kreisen hervor, und erzeugt ein Wohlbehagen, das kein anderes Land in solchem Maaße bietet. Zu den Tertullas wird in der Regel Niemand eingeladen, man begibt sich in befreundete Häuser, in dem Anzüge wie man den Paseo verläßt, um ble jungen Leute tanzen zu sehen, zu plaudern und ein Glas Wasser oder höchstens eine Tasse Kaffee oder Chocolade zu trinken. Die Politik hat in neuerer Zeit auch in Spanien einen entscheidenden Vinslusi geübt, «nd alle Welt politisirt. Während aber in Frankreich fast ausschliesslich der Abend und seine gesellschaftlichen Zusammentritte den politischen Besprechungen geweiht sind, beschränkt sich dieß iu Spanien auf die Morgen - oder Mittag-stunden, und die hierzu bestimmten Plätze sind dann mit Männern aller Stände übersäet. Wenn in Paris eine Versammlung stattfände, wie wir diest täglich aus der Bibarambla in Granada oder bei der Pnerta del Sol zu Madrid sehen, so würde die Polizei Cavalleriechargcn dagegen rcquiriren, und Europa erhielte Berichte von gefährlichen Emeuten. In der Regel sind diese Versammlungen in Spanien Ergebnisse dcr Neugierde, reines Bedürfniß der Besprechung. Allein jetzt, wo die Interessen der Staatsverwaltung alle Gemüther ergriffen, dienen sie als Herde der Umwälzungen und jedem Umsturz als Grundlage. Auf diesen freien Plätzen wurden unter den Augen der Regierung alle Revolutionen berathen und ausgeführt. Hicr entstanden die Junten, hier die Regentschaft. Hier werden die Minister gestürzt, hier wird bald die Absetzung des noch allmächtig scheinenden Herzogs von Victoria erfolgen, und nur für die Anarchie, die dem schönen Spanien droht, wird hier so bald kein Mittel zu finden seyn. So saß ich in der Ecke des größten der Gissalons und musterte die so oft wechselnden Bilder und die schönen Frauen. Mein Tisch war durch einen günstigen aber bei diesem Andränge seltenen Zufall eben leer geworden, als drei junge Damen eintraten, die selbst hier allgemeines Aussehen erregten, wo Schönheit so alltäglich ist. Sie kamen auf die Stelle zu wo ich saß und 13 * 196 nahmen mit einem sie begleitenden ältlichen Herrn Platz bei mir, während sic mich mit der hier so allgemeinen Verbindlichkeit baten mich nicht von ihnen vertreiben zu lassen. Alle Augen waren auf das köstliche Kleeblatt gerichtet, und ich fand volle Muße diese Gegenstände dcr Bewunderung näher zu betrachten. So viel ich schon von spanischer Frauenschönheit gesehen, so riß mich doch dieser Anblick zum höchsten Erstaunen hin, und ich konnte mir nicht versagen dieser Ueberrafchung Worte zu geben, und sie gegen meine Nachbarin selbst anzusprechen. Mit einer Leichtigkeit und Natürlichkeit, die mir augenblicklich die etwas verlorene Fassung wiedergab, lenkte die junge Spanierin die Rede aus die Vorzüge meiner Landsmänninnen, und als ich ihr sagte daß ich Deutscher sey, ergoß sie sich in Lobfprüchcn über deutsche Frauen, wovon sie zwar.nur eine einzige kennen gelernt habe, die aber durch Sanftmnth und Lieblichkeit ihr unvergeßlich geworden scy. Wir kamen auf die Verschiedenheit der Trachten zu spreche,,, und als ich eine Vorliebe für die französische Mode bei ihr bemerkte, wie man dieß nur zu oft bei Spanierinnen findet, pries ich mit Enthusiasmus die schöne spanische Tracht, wodurch dic andernTamen aufmerksam wurden und mir beistimmten. Sie erklärten mir nun ihre Anzüge, und fügten bei daß sie selbst die altherkömmliche Vasguina, dieses duulelseidenc Gewand, das sich so vcrräthe-nsch über die vollen reichen Umrisse des Körpers spannt, beibehalten hätten, bloß weil „ihre Mutter es getragen habe/' obgleich dieser reizende, für solche vollendete Formen so passende Anzug nnn beinahe in ganz Spanien dem wettern französischen Falten-kleide Platz gemacht hat. Auch ist der hohe Haarkamm, über dem sonst Schleier nnd Mantilla hing, verbannt, und beides wird nun ans ganz niederem Kamme knapp aus der Mitte des Kopfes festgesteckt, wodurch die Erscheinung unendlich gewonnen hat. Die Mantilla ist von schwarzem, anschmiegendem Seidenstoffe, selten weiß und nur als kühner nicht gelungener Reformversuch von Nosascide. Sie fällt mit der Spitzenbordüre an der Stirne anf Nacken und Rücken herab, die Gluth des Auges bald verdeckend, bald iil vollen Strahlen hervorbrechen lassend, wobei der ewig bewegliche goldene Fächer bald als Schild gegen zn kühne Vlicke dient, bald das ganze eigene Feuer unaufhaltsam auf den ge^ liebten Gegenstand hcrvorblitzcn läßt—ein Pfeil insHcrz geseu' Yet, den keine menschliche Macht noch Kunst je wieder heraus- 197 zuziehen vermag. Anstatt der Mantillas hatten meine drei Damen schwarze Schleier, die sie eben so zierlich und anmnlhig handhabten, wie diesi mit der Mantilla schon bei den llrinfien, Mädchen zu finden ist, ja ich mochte sagen, schon mit der Muttermilch cingesogcn wird, Tie Andalusierinnen haben blendendweißen Teint, und in zauberischem Kontraste eine (Gesichtsfarbe, die ich nicht mit dem arabischen Vrann vergleichen kann, aber doch eine blaßbräuuliche 3inte, dnrch die ei» wnnderbares Noth bricht, und in derZnsammenstellnng mit den prächtig gewölbten schwarzen Vranen nnd den langen seidenen Wimpern, dnrch den Anfing schwarzen Flaums auf der Oberlippe, besonders aber dnrch die wahrhaft sengend hervorblitzenden, unbeschreiblichsprechenden Aligen eine Wirkung hervorbringt, in der eben die andalnsische Schönheit besteht^ N»sen sind der einzige Schmuck, llild jede Dame fast tragt eine Nose im Haare, eine an der Vrnst und oft noch eine dritte in der Hand, die den Fächer nicht führt. Schalkhaft wendete sich plötzlich eine der drei ferner Sitzenden zu mir, nnd sagte in lomisch-lebhaftem Affect, das; der Serun Caballero eine ganz verwelkte Rose im Knopfloch trage, daß dieß eine Schmach für Granada sey, nnd steckte mir dabei, indem sie zu mir hiiurat, eine ihrer schönen Rosen in den Noel. So sind diese prächtigen Weiber, voll Natnr, Witz und geistiger Kraft, übersprndelnd in allem was Gefühl »nd inneres Vehagen ihnen eingibt, aber ferne davon Ansprüche zn rechtfertigen, welche eitle Männer nnr zn leicht aus derlei muthwilligen Mißbrauch der Freiheit bei Francn gründen. Wo die Spanierin übermüthig und gleichsam herausfordernd erscheint, fühlt sie sich stark, eben weil sie nichts fühlt, nnd dann wird sie selbst nicht die geringste Vcrtranl ichreit gestatten, die unsere Franen ohne Anstand bewilligen. Wo sie aber suhlt, oder wo sie liebt, da dringt sicher kein fremdes Ange nnter den geheimniftvollc» Schleier, und stets gewährt sie nur da, wo sie nichts z»« versprechen scheint. Ganz gerührt verließ ich meine neuen Bekannten, die noch mit mir aus den Paseo wanderten, mir noch so herzlich die Hand drückten und zugleich das Gelübde abnahmen, wieder nach Granada zu kommen. Herrliches Granada, mit deinen herrlichen Frauen uud deiuen paradiesischen Fluren, dn liegst in deinem Rofenbette so lieblich anögestreckt, Rofen auf deinen Hütten ant deinen Palästen Rosenguirlandcn über. t08 Valconen und über Alleen, Rosen auf deinen arabischen Mauern und auf deinen maurischen Frauen, überall Wohlgeruch, Lie-besbuft, paradiesisches Fühlen. Glücklich, überglücklich sey gepriesen, wer da leben und lieben darf in dem himmlischen Granada! 21. Die Alhambra. Aus meinem Zimmer im Gasthause zu Grauada sah lch gerade auf den Verg der Alhambra, über mir hingen die rothen Araberthürme auf der Höhe des Präcipisses, das nach der untern Stadt zu abfällt. Dle Achambra ist 700 Fuß hoch, steht ganz frei und abschüssig, von zwei Flüssen eingefaßt, und trägt auf dem langen Bergrücken, der von drei Seiten steil aus der Stadt Granada emporsteigt, die alten dicken Festungsmauern und Thürme, wovon sie ihren Namen hat, nebst dem neuen Palast Karls V, dem alten Chalifenschloß, einigen hundert andern Häusern, großen Parkanlage» und Raum für vierzigtausend Menschen, die zur Zeit der Maureu dieses kostbare ReiclMeinod sollen vertheidiget haben. Von der Vibarambla steigt eine schmale Straße zu dem neuen Platze hinauf, und von diesem rechts eine Gasse zu dem großen Thore, das anö Granada in die Aihambra führt nnd dnrch hohe zwanzig Fuß dicke Mauern die FcstumMhürme der Alhambra unter sich verbindet, die jähen Abfälle des Berges stützt, und durch dessen Portal man in den Park gelangt, der die Alhambra selbst in sich in zwei Theile scheidet. Auf dem südlichen Nande des Verges überblickt mau den größten Theil der von drei Seiten an seinem Fuß sich herum ziehenden untern Stadt, ihre reiche Ebene und die Eisgebirge. Der Park auf der Alhambra wäre Englands würdig. Breite Gänge nut Rosenspalieren, Ruhebän« ken und Springquellcn ziehen sich über die hügeligen Absätze hin und dnrch einen dichten stets Schatten bietenden Wald hoher uralter Platanen, Lorbeerbäume, Castanien und Eichen, die hier gegen ihre Natur dicht beisammen stehen, und ihr ansehnliches Contingent zu den natürlichen Laubgalerien stellen. Alles ist vortrefflich erhalten und sorgsam gepflegt, und während unten auf dem Paseo der Abend das Geräusch der großen Welt aufnimmt, sammelt sich in den düstern Wegen der Alhambra ein kleineres 300 Publicum, dessen Bedürfniß mehr 'Abgeschiedenheit scheint, dessen Seelcnstinnnuug mehr Einsamkeit fordert. Schon in früher Morgenstunde, °wo ich meinen ersten Gang dahin machte, sah ich viele einzelne Damen hier lnstwandeln, freundliche Mädchen bieten Erfrischungen an, und es war mir eine gute Vorbedeutung daß sin liebliches Kind, welches mit seinen Eltern spazieren ging, auf mich zusprang und mir einen Strauß schöner Rostn schenkte: „Rostn der Alhambra, Senor, die schönsten der Erde," rief die kleine, indem sie davon sprang. AUerwärts entfließen den Felsen fröhlich plaudernde Quellen, die eiligen LaufeS dem üppigen Thale zuströmen, nachdem sie ihre ersten Gaben in den Brunnen und Fontänen der Alhambra niedergelegt, Das Grün der Väumc und Gesträuche, die Pracht und der Duft der Blumen schienen mir an Lebhaftigkeit selbst noch die der Ebene zu übertreffen. Nachdem man die letzte steile Hohe im Park hinaufgestiegen, wendet ein Weg links, und durch das hohe Araberthor und feine unbedeckten Gänge gelangt man auf die große Plattform, welche den neuen Kcuserpalast, dle alte Maurenburg uud die eastellartig abgeschlossenen Thürme zur Einfassung hat, und einen großen freien Platz mit einer erstaunlichen Aussicht bildet. ^ Von seiner halbrunden offenen Vastionenterrasse sieht man senkrecht hinab über die granen Dächer und weißen Häuser der weit über das Hügelland ausgedehnten Stadt, und über die prachtvolle sich ausspannende grüne Vcga. Links vom Eintritt in diesen Platz stehen zwei viereckige hohe Thürme, umgeben von dicken Mauern, durch Backstein nnd Fclskiestl unzerstörbar gemacht. Von dem stachen Dache ihres höchsten, der n>«'« pi-iiner», genießt man eine Fernsicht, wie ich sie nur auf den Höhen von Salahleh über das Thal von Damaskus ähnlich mich entsinne. Der Ton der Luft, das Aroma der Vegetation, die Färbung von Vcrg und Thal sind nicht zu schildern, nicht zu malen. Der Vcrg der Alhambra ist ganz isolirt, und von allen Seiten, besonders gegen die Stadt und die nördliche weit überragende Höhe, worauf das Generalise und die Veste Alcazaba stehen, steil abfallend. Neue Festungswerke, welche der nnstlige Bürgerkrieg nöthig machte, erheben sich über den alten, ohne ihrer Schönheit zu schaden. In dichtem Gebüfch reizend versteckt, durch schmale Schlucht von der Alhambra getrennt, steht oder hängt das Lustsommerschloß der Chalifcn, und weiter zurück jenstits des engen Thales, das sich von der 201 Stadt hineinzieht, erhebt sich das Campo sacro über den Felsen. Ueber die steilen Höhen des jenseitigen Berges, an wülchcnl die Stadt sich hinauf und herum ausbreitet, spannt sich in Form eines Bogens sine Snracenenmauer zu Thal und Stadt herab. Die Stadt selbst uud alle Anhöhen auf der sie liegt sind mit Bäumen durchwebt, während grosie Obstgärten ihre Gränzen bezeichnen, ganz wie zu Damaskus, Alle hintern Verge, welche sich gerade über diesem prächtigen Vordergruud erbeben, sind unbebaut, aber grün bis zu den äußersten Rändern, nnd über das ganze entzückende Bild legt sich das Diadem der Schneeregion, gleich riesiger weißer Volke ewig und unverändert den aznrncn Himmel durchziehend. Damaskus ist schön nnd herrlich wer aber von dem Signallhurmc dcr Alhanibra die Gegend von Granada überblickt, hat alle Zanbcr der Schöpfung erfaßt, nnd für ihn hat sie keine neuen Wunder mehr. Karl V empfand ein besonderes Wohlgefallen au der Al-hambra, uub würde in dem dort aus seinen Befehl erbauten Palast einen Theil der heißen Jahreszeit zugebracht haben, wenn nicht die häufigen Erbbeben die Ausführung dieses Entschlusses und die Vollendung des Schlosses verhindert hätten. Dieses bleibt immerhin ein Meisterstück damaliger Baukunst, uud ähnelt i» seiner Anlage dem Köuigsbau zu Stockholm. Es ist ganz von gelbem Sandstein, die verschieden geschnittenen Quader auf das mühsamste in Neliefpunktnr gemeißelt. Fries und Carnieß sind vollendet schön, die Portale von marmorahulichein grauem >^ava-stcin mit cannrlirten Säulen höchst imposant. Die Piedestalc und Medaillons eltthalten Basreliefs in weißem Marmor, kühne Nittev-kämpfe gegen die Mauren darstellend, Im Innern füllt diesen Palast eine elliptische SanlenhaUe, vermuthlich zu Kampffpieleu nnd Thirrhctzcn bestimmt. (5ine Galerie geht uuteu herum, die einer andern prachtvollen Säulengalerie als Piebestal dient, welche, von einer sehr reichen Balustrade mit 32 jonischen Sanlen ein-gefaßt, für die Zuschauer bestimmt war, und das Ganze uugemcin leicht und schwebend erscheinen läßt. Diese Säule» sind nur dreizehn Fuß hoch, und correspoudiren mit den nntern dorischen, Nnch sic sind aus hinein Stück und tragen die höchste k'ornische, welche die äußerste Spitze des Kreishofes bildet und das nie vollendete Dach tragen sollte. Hinter dem Cireus laufen die Gemächer herum, und große Bogencingängc, welche die verschieden- 20s ften Aussichten auf die so mannichsache Landschaft Granada's ge« ben, führen auf unvollendete Valcone. Allein ungeachtet der inajestatischen Portale, des imponirenben Aeußern l».ui<' l«5 leono» ist eines der herrlichsten Werke dieses Palastes. Der obere Theil der Säulenknänfe, auf denen diese Vögen rnhcn, ist mit arabischen Inschriften bedeckt, und über ihnen sind Lunctten und die den Bögen angehängten Nische». Die Hauptpli«!'s dieser Vögen bestehen aus Filigranvcrzierungen, die obere Wand aus cisclirtcm Stucco mit Arabesken durchbrochen, und mit vettern und Blumen bedeckt. Der erste Anblick des Innern der Alhambra ist wahrhaft betäubend, und mau erschrickt beinahe über die Fülle von Verzieruug, diesen Reichthum, diese schimmernde Pracht auf so kleinen Naum zusammengedrängt, worin gerade die arabische Banart unerreicht ist. Der Löwenhof ist ein längliches Viereck wie seine querüberlicgende Vorhalle, uud nicht um vieles größer, da er nur 123 Fuß in der Länge, 73 in der Breite hat. Ringsum führen bedeckte Galerien, deren gewölbtes Dach von 128 weißen Marmorsäulen getragen wirb, die immer zu dreien in den Ecken beisammen stehen, die übrigen abgesondert sind. Der Hof selbst ist, gleich allen saracenischen Patios, oben offen. Zwei elegante Knppelpavillons reichen auf jeder der schmalen Seiten in den Hof hinein, und sind von denselben Säulen getragen, die mit ihnen zwei vorstehende Kreise bilden. Diese Pavillonkuppeln stützen sich auf vierundzwanzig Säulen und ihre Vögen. Die Säulen sind beinahe durchgchends nur 19 Fuß hoch, und würden unter andern Verhältnissen oder einzeln unbedeutend oder doch bloß niedlich sich anöuehmen. In solcher Anzahl uud Gintheilung tragen sie ungemein zu dem Effect dieser außerordentlichen Schöpfung bei, und dieser kann vor Zeiten beinahe nicht stärker gewesen seyn, da besonders der Löivenhof gut erhalten ist, und Gold, Email und Deckenmalerei, besonders das Blau in den Bögen, wenig an ihrem einstigen Glänze verloren haben. Der Eindruck ist so 205 neu als unbeschreiblich. Cs ist ein wahres Feenschloß das nur eine glänzende Einbildungskraft in ihrem kühnsten Ausschwungs ersiuden konnte. Gewiß aber erkennen wir hier das Modell arabisch« Kunst und Ausschmückung und kein Bau in Damaskus »der Kairo ist nur entserut mit derAlhainbra zu dergleichen. Vin gelehrter Franzose den ich hier traf, gestand mir mit Bedauern daß crfünfIahrc in Afrika nach Saraeenenwerken gesucht, und erst in der Alhambra ihre Baukunst verstanden habe, Das Innere der Galeric ist mit einem Gcspinust ätherischer Filetarbeit bedeckt, und di c glänzend farbigen Fayamelambnen unter dcu Arabesken-wänden gleichen den Bordüren eines Atlaßgcwandcs, das mit den reichsten Brüsseler Spitzen besetzt ist. Es ist unmöglich mehr Grazie und Lieblichkeit in Dessins zu finde» als hier in Fülle und doch ohne Ueberladung sich auf einen Blick dem Auge darbieten, das gar uicht weiß wie es mit der Betrachtung des Einzelnen beginnen soll, da das Ganze es so gauz in Anspruch nimmt. Die Kuppeln der beiden Pavillons sind durch schwebende Bögen, Stalaktiten, Nischen und eine sie tragende, auf die Cornische gestützte Miniaturcoloimadc von höchster Eleganz ausgefüllt, und ihre Fontänenschalen gleichen denen der Galerie an Größe und Schönheit. Der überall herrschende Ucbcrfluß an klaren Quellen bringt Leben nnd Frische in die goldenen Räume des Alcazar. Vier breite Wege führen nach der Mitte des Patio, der in ebenso viele No-scn- und Olcanderfeldcr getheilt ist, die eben jetzt in der üppigsten Maipracht blühten. Wo dicsc Wege zusammentreffen, steht die große Alabastcrvase, sechs Fuß im Durchmesser, die auf dem Rücken von 12 Wasserspcienden Löwen ruht. (5me hohe dicke Fontaine erhebt sich über Säulen und Dächer, und stürzt als Staub wieder herab. Löwen und Quelle ergießen in wohlcrhaltenen Wasserspielcn daö erfrischende Element über den ganzen Garten im krystallenen Fächer. Die große Alabastervase ist zwölfseitig und trägt rmgsum Inschriften. Ncberall ist bewundernswürdige Proportion in allen Verhältnissen, und eine Harmonie des Ausdrucks, wodurch wahre Kunst den Steinen Sprache leiht. Auch die Löwen sind im Verhältniß zum Ganzen gehalten, nur in ihrer Zeichnung nicht tadelfrei, welches im Maugel an Uebung in Nachbildung lebender Wesett bei den Orientalen seine Rechtfertigung findet. So zeigt uns dieser arabische Schmuckkasten einen Schimmer von 206 Zierlichkeit, Anmuth und Leichtigkeit, welche keine bekannte Architektur je zu erreichen vermochte. Außer dem Haupteingang in den Löwenhof — findet man an seiner Galerie drei große Bögen, welche aus den drei andern Flügeln in die anhängenden Gemächer, in die Seitendivans führen, ganz wie wir diesen Styl im Araberlande des Orients finden. Gegenüber dem Hauptportale führt der SäulcnpaviNon in den Gerichtösaal, der wieder in einen tiefern Saal ausmündet, so daß die Bögen auf- nnd in einander gerichtet sind, und Per-spectiven bilden. Eine Schilderung dieser arabischen Vögcn ist schwierig, wie ihre Darstellung selbst dem fleißigsten Maler eine schwere Aufgabe bleibt. Nur dein Daguern'otyp gelang cs sie treu wiederzugeben. Der ganze obere Rand des Bogens ist nämlich in unzählige» Höhlungen durchbrochen, die ihm das Ansehen eines Biencnzellengewebcs geben. An den Vertiefungen, die scheinbar chaotisch durcheinander geworfen sind, hängen Stcin-zapfen herab, die ich nur mit der Form von Stalaktiten in Tropf-stcingrotten vergleichen kann. Häufig sind diese Formen doppelt, und dann erscheinen sie von weitem wie eine reiche Draperie über den Portalen festgemacht, Allein dieser Zicrrath erstreckt sich nicht nur auf die Bögen, sondern auch anf die sscken der Säle; ja ganze Plafonds sind auf diese Art gearbeitet, woraus ein un-gemein herrlicher, architektonischer Vorzug entsteht. Sie sind alle reich mit hellen Farben bemalt, und vorzüglich Blau und Gold tritt uns noch überall mit der ursprünglichen Frische aus diesen Tausenden von Diminutivnischen entgegen. Die Araber müssen eine Art künstlicher Paste auf die Wand getragen nnd mit einem Model die scharfen Nmrifsc ausgeprägt haben, ungefähr wie mau bei uns Kuchen backt, oder wie ein jnnger Künstler jetzt auf der Alhambra Gypsabdrücke nimmt, die man stückweise um geringe Preise haben kann, und aus denen der ferne Architekt am leichtesten diesen sonst nie erklärbaren Wandschmuck erkennen lind beurtheilen kann. Vs findet sich AehnlichcS an den Moscheenbögen zu Kairo und in vielen Häusern zu Damaskus; allein hier ist die maurische Verzierung in der höchsten und massenhaften Ausführung, hier sehen wir die veredelte Kunst dieses sinnigen Volkes in seiner ganzen Originalität. In dieser 8l,ll» ciol tridun«! übten die maurischen Fürsten täglich summarische und erecutive Justiz. Der Saal selbst besteht ans fünf offenen Abtheilungen, 207 und drückt in ssorm und Verzierung wieder einen ganz Verschiß denen Charakter aus. Die Goldverzierungen und gemalten Ara» besten zeugen von seiner erhabenen Bestimmung, die sich nnter dem zweiten Philipp dem christlichen Gottesdienst zuwandte, daher der Saal noch Santa Maria de Alhambra heißt. Ueber dem Carnieß der Mittelnische erblickt man in der ovalgewölbten Decke zehn Figuren in einer Art Berathung vereint, mit lebhaften Farben gemalt, Kleidung und Physiognomie arabisch und jede die Hand ans Schwert gelegt. Auch andere Gemälde sieht man noch in diesem Saale, nnd da sie unvertcunbar arabischen Ursprung beurkunden, so glaube ich daß sie von der Zeit der Maurenkönige herstammcu, die sich als kunstliebende Männer leichter über die Gebote des Korans hinwegsetzen tonnten. Gleich den Löwen beweisen diese Wandbilder höchstens die Unersahrenheit der arabischen Künstler in dieseu Kunstzwcigen. Zur Zeit der Vertreibuug der Saracenen war aber die christliche Kunst zu weit vorgeschritten, um ihr diese Arbeit unterzuschieben. Die fünf arabischen Vögen dieses Saals gehen aufeinander, und zeigen denselben pctrifkirten Spitzenreichthum. Goldene Stalaktiten bilden die Kuvpel und sogar die Friese. Die Springquellen welche in den Seitcnsälen wie überall augebracht sind, wo nur etwas Raum, dafür bleibt, finden ihren Abfluß durch Marmorrinnen über die abfallenden Marmorstusen zum großen Löwenbassin. Vorzüglich schön zeigt sich dieß in dem Saal zur Linken, der Saal der Schwester, äo la« clog Har» Ml»n j^ni--Vroderien von Drap d'Argcnt. Dieser Vogen stützt eine Art Cornische, welche auf Eäulcu rubt, die fine Galerie bilden. Der Mirador schliesit das prachtvolle Appartement. In seiner Mitte ist cin Agime^, oder aneinanderhäugendes arabisches Fen^ ster mit zwei sestonnirten Vögeu, der Hol^sries ist von leichter, vollendet eingelegter Arbeit, und auf daS höchst graziöse Gitter-werk des durchbrochenen Plafonds bietet der Limenhos die rei ^endste Perspective. Ans dem SchwesttrsaalV sieiqt man ;n drr vermuthlichen Wohnnn^ der Köniqill hillauf, die mit dem Garten, den Bädern nnd den »ntern Gemächern zlisammenbänsst, Ibre Jalousien qehen ln den Saal, und „ichls lieblicheres lann es ^cben als die Suffiten von Nhomboö, nüt Arabeskeu dlllchftet, die sich über dieser Köniqspracht ant'breitcu, nud mit vortrefflich qemal^ ten Sternbildern, Pfeilspitzen, ^asnr-Guirlanden »nd vergoldeten und versilberten Arabeökendraperien durchwebt sind. T'er Reicb^ thum dieses Saales dient zur (?ntnutthigunq des Malers und des Veschreibers. Ofgeuüber dein Schirestersaale tritt man a»s dein Vöiren-Hofe in den Saal der Enthauptung, oder Saal der Äben^ cerrai'eö genannt. Mit Ausnahme des Miradors ist er dem der Schwestern gan; gleich, hat aber durch eine Pulvererplosion sehr gelitten. Man versuchte später mit denselben Hol^model,,, deren sich die Mauren bedienten, die Beschädigung wieder aus-zubessern, allein dic Christenarbeit blieb stets unvollkommen gegen den arabischen Urtypus. In diesem Saale ist eine gan; erhal-tene große Marinorschalc mit Springbrunnen, nnd der gsschäft tige (Kastellan ^eigt den fremden die Vlutspllrcn der bier enthaupteten edlen Abencerrares, die als Opfer des Abenteuers eines ihrer Nitttr mit der Sultanin deö Bönigs (5hico fielen. Tie Romanen welche noch hellte iin Schivange sind, athmen die ganze feurige Einbildungskraft dieses Volkes, das ans den Kriegen Graoada's so ^kl)? Nahrung schöpfte und die Geschichte entstellte. Dasi aber W. Irving, der ein balbev Iabr die Al-hambra bewohnte, sich durch Volkslieder, Lakaiengeschwätz und Mäbrcbcntradition so arg konnte täuschen lassen, ist schwer zu begreifen und schwer ;u verantworte». Tie Vllitspuren der ta^-Pfern Abencenares sind nichts als rothe Marmorfteäei,, und Morgenland und Al'»'»dlai,d. II. '^te Aufl. 14 2ll) ihre Anrufung unsers Heilands bei der Hinrichtung spnkt in den Köpfen der Gläubigen, die schon so häufig eine Veuto dcr Phantasierelchen Orientalen geworben sind. Ich habe vierzehn Tage in dem Maurenvalaste gewohnt, war zu allen Abend- und Nachtstunden in seineu Sälen, habe sogar eine ganze Nacht im Schwestcrsaalc geschlafen, aber niemals die Geister der Abcnccr-rares gehört noch gesehen, wohl aber die zauberischen Marmor gebilbe im Mondlicht bewundert. Daß eine eraltirte Einbildungskraft übrigens bei diesen sphärischen, blendendweißen Normen sich gespenstige Vorstellungen machen kann, finde ich eben so begreiflich, als den Glauben an die von außerordentlichen und wundersamen Angaben erfüllten Romanzen von Granada, die jedenfalls mehr besingen als die Geschichte erzählt. Man bequemt sich ungern zu der Ueberzeugung, daß ein Fürst in diese» entzückenden Hallen sich solcher barbarischer Grausamkeit sollte schuldig gemacht habeu; immer aber bleibt die Geschichte der schönen Königin und die heroischen Kämpse der Nitter, die herbeieilten um ihre Ankläger zu erschlagen und ibre Ehre zu retten, höchst romantisch. Solche Legenden erzählte mir mein wackerer Castellan fast jeden Abend und einen Schock in einem Athcm. Washington Irving hat sie für rechtgläubige Seelen säuberlich zu Papier gebracht, denn das Wunderbare findet überall willig Gehör. Vin akustisches Wunder findet man indeß in der Al^ hambra, nämlich den Saal des Geheimnisses in den Souterrains des Echweftersaals. Dieser mystische Saal ist mit akustischem Gewölbe bedeckt, in den entgegengesetzten Ecken befinden sich Maueröfsnungcu, die dein Ohre, das sich an die eine legt, laut wiedergibt, was ein Mund in die andere flüstert. Der Unwissende schreit Mirakel, während das Phänomen durch die elip-tischc Form, welche die Tonbrcchnng und NefU'ttirung bewirkt, sehr erklärbar ist. Der Myrtcnsaal enthält ähnliche und noch stärkere Proben akustischer Spielerei, ist aber auf jenen Stellen wegen Vausälligkcit nicht wohl zu betreten. Die Alhambra bedarf keiner romantischen noch gespenstischen Ausschmückung. Ihr schönste Mysterium besteht in ihrer nnnachahmlichen Schönheit und ili der unglaublichen Anhäufung edler und vollendeter Vau-zl«rde». Tcr Saal des <5omaresch oder 8«!^ cll> l<>, ^ni^i.xlaroz, besteht in li»em bohen, gleichseitigen Viereck, nnd «reiingl alles 2ll was wir überhaupt in der Alhambra an Wandschmuck Merkwürdiges gesehen haben. Schon der Vorsaal zeigt eine Masse von Schönheit, zu deren wahrem Sitze er uns als bloße Vorhalle führt! ein hobes Thor mit den sich frei und zierlich selbst tragenden Vögen, Nischen und Höhlen, die Gürtel afrikanischer Schrift, die prächtige Holzschintzarbeit, die Nischen mit goldenen Avisos, die durchaus geschmackvolle Haltung der Verzierung, die Lctter»bordürcn, die Lazurtapisserien, blirckzogen mit der ewig neuen Verschlingung von Limen und geschlossen durch einen Fries, der die reichbeladene Voute trägt, mit dem ständigen muselmännischen Refrain: es ist nur Gin Gott n," Gin Cylinder-dach spannt sich über dieses große Vorgcmach, von der köstlichsten Marquetterie-Arbeit, zierliche Gebilde von Sternen, Würfeln, Hevagonen, Nhomboibcn, alles in Silber, Gold und glänzende Farben getaucht, und mit der erfinderischsten Mannichfal-tigkeit durchgeführt. Der Saal des Comaresch selbst hat eine prächtige Eintrittspforte von fünffachen drapirten Ovalbögen, welche die niedlichsten 'Arbeiten von abfallenden Muscheln, reich mit Gold, azurblau, weiß oder purpurroth ausgemalt, umgeben. Die Carreau? sind mit t'en lieblichsten und ungezwungensten Nelieflazuren belegt, und die Festons und Stuccomatrizen überrasche» schon hier durch die stets sich erneuernde Form und die jeder Einförmigkeit Trotz bietende Verschiedenheit des Ausdrucks. Immer sinden wir wieder das vaterländische, theure Lotusblatt, aber immer ist rs neu gestellt, immer reibender umhüllt und bekleidet. Durch aN diesi bunte und glänzende Steingewebe der schönsten Tapete der Welt ziehen sich die reizendsten Arabesken und die Gürtel und Bänder der goldenen arabischen Lobpreisungen des einen Gottes hin, und lachende Vlumenguirlanden verscheuchen überall den zu tiefen Crust von der steinernen Stirne. Das Znsammenströmen der Snffiten-Drnameute ist hier besonders bemertens-n erth. Sie bestehen aus vier Strahlen die in zwei Walzen oder Nundsäulen sich begegnen, uud in der Mitte ein Lampion tragen. Diese grandiose Decke ist in Holzschnitten der verschiedensten Farben markettirt, und versilberte oder vergoldete, mit Elfen-bein, Perlmutter und Specksteiu ausgelegte Krnsfvrmen stellen in Kronen, Flammen und Gestirnen das majestätische Bild des Sternenzeltes bar, Neun Fenster umgeben diesen Prunkfaal, 14* sie sind alle in der Form der arabisch?,! Aglmez oder Doppel, fenster, i>» der Mitte die zierlichen Vogen durch Marmorsäulen abgetheilt. Sie reichen bis auf denVode» und fuhren aufVal-cone, die über die schwindelnde Höbe hinausragen, Der Anblick dieses SaaleS ist wahrhaft bezaubernd, und die unendlich ver^ schlungenen arabestischen Dessins sind eben so schwer zu begreifen als nachzuahmen. Wo ist der Maler, der die Endlosigfsit dieses gordischen Knotens löst, der ohne sichtbaren Anfang und Ende ln Zickzacklinie« zu seinem ewig neue» Sternenfocuö zurückkehrt? Nnb warum senden die grosien Seiden- und Kattunfabri-canten nicht ihre Zeichner hierher um die Räthsel der Arabesken zu lösen oder mindestens zu copiren und Arabeskenstoffe nach diesen Mustern zu weben zu Kleidern ü l,Vl!!.-»,»K>.>, gcwiß der reichste Schmuck auf einem Königsballe? Der Saal dcsComaresch liegt in dem hohen Festungöthurme, der den Namen seines Erbauers trägt, und seine Mauer» würben noch heute eine Beschießung mit PairhanS aushalten. Dieser Saal ist wohl unbestritten das Schönste unter dem vielen Staunenswürdigen was wir in der Alhamdra bewundern, sowohl durch seine Lage, durch die Fülle und den Geschmack seiner Wanbverzierungen und durch den Glanz seiner emaillirten und vergoldeten Inschriften, wie durch den frische» Hauch feines leben-digen Farbenschimmers. Er diente ohne Zweifel als .'tönigs-gemach, als Empfangssaal der fremden Gesandten, und als Vreun-punkt orientalischer Pracht und lurunöser Repräsentation, woriu sich die arabischen Herrscher so schr gefielen, Eine glückliche Ver« theilung des Lichts machte bei Tage die Strahlen der Sonne auf dem Throne des Herrschers zusammenfallen, und aus den Fenstern dieses Zaubersaak's schweift der Blick in drei Richtungen über i?ie entzückendsten Partien der Vega de Granada, jede besonders in dem arabischen Vogen als eigene Landschaft abschließend. Es scheint eine Fata Morgana aus der grünen See der üppigen Flur emporzusteigen, ein Traum aus unbekannten Welten. Die Alhambra ist ein von der Natur «»gezeigter wahrer Königssitz, and die strahlende Lampenbeleuchtung aus den japanischen Favence-Candelabern, die in den sicken stshen, spielte die gan^e Erscheinung ins wirklich Feenhafte, als die Ofsicicre in Grauada hier die Einnahme vo» Morella feierten, und die ganze schöne Welt zu einem Vallc auf der Alhambra einluden. Der Löwenhos und 2l3 alle übrigen Säle waren mit farbigen Oel-Vampions erleuchtet, mir im Saale des Pomaresch, wo getanzt wurde, strahlte volles, durchdringendes Licht. Der Eindruck dieser Veleuchtung ist unbeschreiblich , uud hier konnte man sich mehr noch wie beim Tageslicht eine Vorstellung von der magischen Herrlichkeit der Arabcr^citen in diesen Marmorhatteu machen. (56 bedürfte alles Neides der Frauen von Granada, um nicht selbst durch diese stille Marmorpracht verdunkelt zu werden. Dieß sind die Haupltheilc der obern Alhambra. Die Sou« terrains fassen außer dem Garten der Lindarara die ihn um« schließenden Marmorbäbcr mit Ruhegemächcru ein, lt>n welche doppelte Reihen Orchestertribllnen in der Höhe angebracht sind. Die Badzimmcr und Wannen ftnden wir wieder gan^ von wei« ßcm Marmor, und sie erhalten matte Helle aus zellellartia. durchbrochenen Kuppeln vvu oben, wie dieß im ganzen Orient zu sehen. Hier schließen sich die Gemächer an welche Kaiser Karl für seinen Vedarf hatte herrichten lassen, und der Saal der Nymphen enthält Faune und eine säst ;u lascive Leda-Ztatue. Die Graber der maurischen Könige sind beinahe verschüttet, allein das Vijou der Alhambra möchte ich denMirador nennen, zu dein man stets zuletzt hinaussteigen sollte, um alles was Aussicht, Vage, Vemalung und zierliche Bauart vereinigen, beisammen zu finden. Warum sind wir doch so arm daß wir das schöne Wort Mirador nicht in nnscre Sprache übertragen tonnen, uud wofür die Franzosen ungenügend ihr bollevue haben? Dieses Mirador diente den maurischen und später den spanischen Königinnen als Toca dor oder Toilettenzimmer. Man gelangt Dazu durch eine Galerie, welche aus dem Saale ^omaresch über die Höhe der Fcstungsmauern führt, und deren Dach von arabischen Marmor-sänlen getragen wird. Das Mirabvr ruht auf der Spitze eineS sehr hohen viereckigen Thurmes, der sich als Vorwerf aus der Schlucht erhebt, durch die der Darro tief unten braust, <5inr niedliche offene schmale Galerie, deren Dach ebenfalls von Marmor» säulen getragen wird, fuhrt auf den Rändern der Thurmplat« form herum, und schließt das Tocador ein, das gleich seine, Vorhalle im Geschmacke der modernen Arabesken bemalt ist, durch die Raphael auch Thiere und Figuren in sie einführte, und dieß ist vielleicht der einzige Ort, wo die Arabeske, von ihrer ur> sprünglichen Verschmähung jeder Zuthat von Figuren und Alle. 3lt gorien an, in ihren tausendjährigen Ucbergangsepochen uns vollendet vor Augen steht; allein die ächten Arabesken tragen doch immer den Sieg davon durch die einfache nnd geheimnißvolle Verschlingung, ein Sinnbild des Räthsels. Etwas Zierlicheres von Damentoilette läßt sich wohl kaum mehr erfinden, und einVlick aus diesem Heiligthum der geheimsten weiblichen Reize zeigt das Xenera-Ufa, Stadt und Thal, eine der entzückendsten Aussichten unter den unzähligen der Alhambra. Das Voudoir der Sultanin ist klein und besteht aus drei Abtheilungen, die über den steilen Mauern schweben. Ringsum in diesen Gemächern sind kleine unzählige Oeffnungen angebracht zum Einströmen der Wohlgerüche, die außen verbrannt wurden. Was wir alö Zuthat sehen, hat nicht den Reiz dieser köstlichen Anlagen zu vermehren vermocht: noch geigen uns die Marmorbäder die Ueppigkeit des Morgenlandes, die katholische Capelle erinnert an den Sturz der kunstsinnigen Araberfürsten', aber wie auch christliche Kaiser und Könige in ihrem Geiste nachzuahmen und nachzubilden versuchten, sie haben die Kunstglorie ihrcr hohen Vorfahren nie zu erreichen verstanden, und was der Araberzeit entsprossen, was das Christenthum geschaffen, es zeigt sich hier aus den ersten Blick wie der Fuuke des Göttlichen in der Knnft nie vernichtet, und nur Einmal erreicht werden kann. Tiesi ist der (5haliftnpalast der Alhambra. Auf dem nächst-gelcgenen und uur durch eine schmale Schlucht getrennten höheren Verge hatten sie sich ihr Sommerschloß gebaut, das so oft besungene Xcneralifa, dessen Baumeister nichts vergessen hat was auch die glühendste Hitze erträglich machen kann. Natur-liche Terrassen mit Springbrunnen reichen schon von innen herauf erquickende Kühle nach den Valconen, die um den Vorsprung des Vcrgkamms sich herumziehen und wuudersehöne Aussicht bieten. Die offenen Galerien sind wie in der Alhambra, alles von weißem Marmor. Ein Vanal mit hohen Fontänen läuft mitten durch den Garten, und über ihm wölbt sich eine große Kuppel von Rohrgeflecht, ähnlich einem indischen Tempel, und wie der ganze Garten und Berg mit den Rosen von Grauada übersäet. Das Aroma welches sie hier ausströmen, durchdringt die ganze Atmosphäre. Die arabischen Bögen, die Basrelief-und Filigran-Desscins haben nicht wie in der Alhambra ihre schimmernden Farben gerettet, sondern durch eine barbarische 215 Uebe'tüuchung cingebüsn. Allein noch aus diesem Ueberkleile strahlt ihre Schönheit dllrch die Gewalt der reinen Form und edlen Zeichnung hervor. Tieft weiße Saracencnpracht in dem grünen Frühlingsschmuck staild vor uns, rührenr und einneh« mend wie ein schönes blassem Äiiadchen, daö im seidenen Spitze»'-gewand und Brautschleier, 6losen und Myrten durch das dichte Haar geschlungn, sittsam nnd ergeben am Altare den glück' lichen Bräutigam erwartet. l56 liegt ein so unnennbarer Reiz, eine jungfräuliche Wehmuth, in diesen arabischen (Gebäuden, uud man empfindet unwillkürlich Schmerz bet ihrer Verlassenheit, Wer wird aber diese Göttcrbraut heimfuhren? Die alte vortreff. liche Marquise vom (^ampodejar w'ird wohl Niemand mit in den Kauf nehmen wollen, denn ihr gehört jetzt die (5hal i fen lust, aus der ihre Ahnen entsprungen sind. Um ^vanzigtausend Franken könnte man jetzt, wie mein Führer versicherte, datz ganze H'cucra-lisa haben, wenn aber einst die Ruhe in Spanien hergestellt seyn wird, gewiß nicht mehr um das Fünfsache. Wer in der angenehmsten ^nst und Gegend leben will, wer romantischen Sinn und Gefühl für Natiirschönheit besitzt, der ziehe hi» und lebe unier den Vypressen der Xeneralifa dem einzigen Glück, dem Glück der Liebe und der Unabhängigkeit. (5r findet don gute alte Gesellschaft beisammen, lind rings umgeben von der hei» mathlichenLotuoblume der Afrikaner, blicken uns bekannte, stattliche, wohlcrhaltene Vilver entgegen, die Porträts der alten Vo sitzer. Friedlich hängt hier der Maurenkönig Chico neben dem stolzen katholischen Ferdinand und der liebenswürdigen Isabella, und Voabdil, der letzte der Mauren, wirst noch im Scheiden einen zärtlichen Vlick nach der schönen Tochter Don Pedro's. Tod und Malerpinsel stillen jede Feindschaft, und rücken die (Gestalten zusammen die sich im ^eben gemordet. Die höhere Galeric steht weit über den jähen Berg hervor; hier wird die Fernsicht außerordentlich, und hinten schließt sich ihr jener durch die Mysterien der Viebe so berühmte Garten an Auch hier wie überall sind springende Waffer im Ueberftusse, und gebundene und vereinigte Rosenhecken, und hohe iu Vouqnets geschlungene Lorbeersträuche. An den Wänden ringsherum erheben sich aber die ernsten weißen Stämme uralter riesig hoher Cypressen, die Zeugen der unglücklichsten Liebe. Wir brachen uns Holzsplitter ans dem Stamme der ältesten, als Erinnerung HIS an die Enthüllung und gräßliche Bestrafung verwegenen Ehebruchs. Denn hier am Fuße dieser Cyprcfse wurde die schöne Königin Sazaibe in sträflicher Umarmung mit dem edelsten der Abencerraren überrascht, und ihres Buhlen Geschlecht auf so entsetzliche Weise vertilgt. Es ist Schade dasi die Romanzen der Alhambra bei uns so wenig gekannt sind, durch deren Sammlung sich besonders Martinez dc la Rosa Verdienst erworben hat. Noch sind wir mit den Reizen unserer A'eneralifa nichr zu Ende; immer höher führen die Stufen und Terrassen, und durch überwölbte Laubgänge gelangen wir au eiuc Treppe, deren hohe Spaliere von dichtem Weinlaub gebildet sind, und auf deren Geländern offene Röhren von breiten gehöhlten Lazursteinen die frischen Ollellen von den Spitzen des Verges herab in die Vas-sins lenken. Tie ssarbenfrische aller Gewächse, die Kühle der Lust, welche durch das viele rasch bewegte Wasser erzeugt werden, sind unbeschreiblich erquickend. Endlich gelangt man aus die vorletzte Spitze, wo ein ganz moderner Pavillon von der jetzigen Besitzerin höchst passend angebracht wurde. Von hier aus ist dcr Mick nach drei Seiten unbeschränkt, die Lage selbst aber so hoch dasi man über die ganze Alhambra weg hinab in die weite Gbene Hinaussicht, auf welcher dreihundert Landhäuser, die schönsten Väumc, das glänzendste Grün von den prächtigsten Bergen umspannt dor nils liegen, Aus den Fenstern dieses wahrhaften Veluedcre kann man zu den alten maurischen Festungswerken hinaufftcigeu, welche auf der erhabensten Vergspitze des H'encra-lifa stehen oder vielmehr standen um sie zu beschützen. Jeder Schritt gebiert neue Wunder, und keinen kann man hier zu viel thun, Von dieftm Zauberberge, der uns allcs zeigt und alles bietet was die Natnr im landschaftlichen Reizendes erschaffen, von dieser beneidenöwerthen (5halifenlust steigt man tief herab in den jähen Abgrnnd, durch den sich mühsam ein Fußweg zwängt, der an den hohen Mauern der Alhambra hinanzieht. Wir fanden die Eisenpforte offen, durch welche die Saracenenfürsteu ihre Schätze, und die Snltaninnen ihre Auscrwählten verborgen nach der Xeneralifa brachten. Durch die dicken festen Mauern zieht stch ein Pfad in die Alhambra hinauf, an dem sich einige nied- 21? liche kleine Wohnungen angesiedelt haben, und der bekannte schwermüthige arabische Gesang tönte uns entgegen. der mir augenblicklich die herrlichen schwärmerischen Töne der gefangenen Almeh in Mneh ins Gedächtniß ries. Zwei Mädchen saßen am Webstuhl, und in ihren klaren schwimmenden Augen malte sich das ssnrzücken, das ihnen ihr eigener Gesang verursachte. Tas Schifflein des Webstuhls mußte aber die kleine arabische Pauke vertreten , und src warfen es so geschickt das; sein Anschlagton stets mit der Äceentnote des leidenschaftlichen Liedes zusammentraf. Ueberall dieser Gcsaug der tiefen klangreichen Stimmen, bald in seinen melancholischen Verirrungen, bald in seinen Mstasen mit Händeklatschen, überall Arabien, überall Beduine, aber auch welcher Stoff zu Betrachtungen über dic Wechselwirkung möglicher Entwicklung des Menschen, über baö Steigen und Fallen der Nationen, wenn man ans den Vcdmncuzeltcn der Wüste in den Veduincnpalast der Alhcnnbra tritt. Drei Punkte hat die Alhambra, es sind ihre schönsten, vielleicht sind es die schönsten auf Vrden. Es sind die Tone pri-miera, das H'eneralifa und die Terrasse bei der (5apelle der Märtyrer. Tie Berge Sail Miguel und Sacromontc, die Gebirge Moclin, Illora nnd Alfacar, die den Horizont gegen Nord schließen, die hohen Thürme von Omenaga und las Galinas gegen Abend, die majestätische Decoration des freistehenden Kaiser-palasts, und endlich das überhängende Eisgebirg bis zum fernen Valota mit seinem nnergründlichcn Scc auf der Spitze, alles vnlcamsch, nppigblühcnd und ihre Vewohner kaum ahnend was diesem Paradiese noch sür Umwandlungen bevorstehen mögen; all dieß liegt vor uns wenn wir ans der freien Terrasse der Märtyrer stehen oder uns dort in das Gewühl fröhlicher Menschen stürzen, die der himmlische Abend heraufgelockt. Ueberall Freude undVust, und Krystallsprndel, bald an Noftnspallerc sich schmiegend, bald in dichten Strömen den Maliern entquellend, und in kühne Fälle sich bildend. Welche Wonne einen Maimorgcn in diesen Hainen zu verleben, in denen die Sänger des Himmels sich Rendezvous zur großen Hymne geben, wo alles Liebe und Entzücken athmet, und Ruhe und Friede des Menschen Herz erfüllt. O es ist ein einziger, ein heiliger Ort diese Alhambn,, wo die Stimme Gottes lauter als anderwärts spricht, und seine Zauber uns ihm näher rücken. Wir reisen so viel, wir reisen 218 so weit. Wer hnt aber den Muth da fest zu bleiben wo er sich glücklich fühlt? Nein, nir verdienen kein Glück, dcnn wir verstehen cs nicht, wir wissen es nicht wen» wir glücklich sind, und wähnen wir es zu seyn, so sehnen wir uns schon wieder nnch einem andern Zustande. 22. Reise nach Aranjuez. Wer im übrigen Europa cinc Reise machen will, läßt sei< nen Paß visiren, zahlt einen Platz auf dem Vilwage» nnd fährt ab. In Spanien verhält sich dich ganz anders. Hier erkundigt man sich 5»erst, ob die letzte Diligence glücklich durchgekommen oder 'verbrannt worden ist; man stellt Erkundigungen an, ob Valmascda oder ei» auderer Factionschcf in der Gegend ist, welche Stellung die Facliosos eingeuommen, ob Couriere, Convois unterwegs/ ob die Poststationen von Truppeu besetzt sind. D^inn sucht man seinen Paß aus den Klauen des Herrn Alcalde zu befreien, zählt Geld und Cigarren nach, ob man deren nicht bis zur nächsten Stadt zu viel hat, vertraut seine schwere Bagage dem nächstabgehcndcn Militärtrausport, seine Seele aber unserm Hergott, lind fahrt in der Diligence, lind wenn leine vorhanden, in der Galrra ab. Mich Glückskind hatte es gerade getroffen daß nach siebenjähriger Unterbrechung dieses Curfts die erste Diligence von Granada nach Madrid gehen sollte. Zehn Tage war ich der einzig eingeschriebene Passagier, als ich aber früh drei Uhr im Coup« Posto faßte, begrüßte mich ein spanischer Oberst als Reisegefährte, die ;wölf Plätze im Innern waren abcr von zwei Mantillas eingenommen, deren Inhalt wir bei der Dunkelheit nicht dechiffriren konnten. Mit schwerem Herzen verließ ich Granada. Ich wäre so qernc dort geblieben in diesem Paradiese, das ich nie vergessen werde, nnd wo ich lange, vielleicht mein ganzes übriges Leben verweilen möchte. Auch mein scywermüthiger edler Freund hattc mich verlassen und meine Alhambrawohnung bezogen, und anstatt mir in acht Tagen zu folgen, erhielt ich später einen Vries, daß er sich nicht losreißen kouue, nnd einige Monate in Granada bleiben wolle. Möge ihm die schönste Gegend der Welt Balsam für die Wunden seines leidenden Gemüthes werden, und 220 er die Hoffnung auf die Rettung seines Vaterlandes dort wie» der finden. Die spanischen Diligence» sind Privat-Unternehmung und gingen vor dem Bürger-Kriege auf acht Straßen, dieser hat sie aber häufig unterbrochen und einige Linien ganz aufgehoben. Sie sind eleganter wie die schwerfälligen französischen, und dic spanischen Chausseen bedürfen nur geringer Hülse um mit zu den besten zu gehören, obgleich man erstanncn muß daß doch so viel für sie geschieht. Hier ist natürlich ein weit eleganteres und sichreres Fahren wie auf den ^andkutschen, und der Mayoral ist eine Art englischer Coachmen, durchaus geprüfte, solide Kutscher. Zehn Maulthiere sind vorgespannt, und es erscheint nur dem an diesen Anblick herrenloser Thiere nicht gewöhnten Rei. senden etwas fremd wie diese ganze Colonne sich regelmäßig fortbewegen könne. Auf dem vordersten Sattclpferde sitzt der Postillon der das Ganze leitet, immer Galopp reitet und von dem Mayoral die nöthigen Direttionsveränderungen zugerufen erhält. Unser geflügelter Götterbotc aber, dieser classische Zagal, erscheint hier in einer noch vollendeteren Gestalt, gleich dem Blitze trifft er unerbittlich, uud verschmäht kcin Mittel, Nitten, Drohungen, Liebkosungen uud Peitschenhiebe wechseln ohne Rast, jedes Thier kennt seine Stimme, denn für jedes hat er eine verschiedene, und wenn es gilt eine Höhe raschen Laufts hinaufzukommen, dann vereinigen sich alle seine Künste in ein unvergleichliches Ganzes, und gleich dem leichtbeschwingten Automedon, stachelt er mit rasender Hast die edlen Thiere seines Achilleus zu unglaublichen Leistungen auf. Nicht leicht kliert er je das spanische Gleichgewicht, geschweige denn wie einst einer unserer arabischen Diener, der seinem Maulthicre, nachdem eö ihn dreimal in den syrischen Sumpf geworfen, in des Zornes Uebermaaß ins Gesicht spuckte, der höchste Schimpf im Orient, Die Thiere sind hier meistens brav, die Geschirre nett und gut, gelbgefütterte Kommetdeckcl und rothe Halftern, die sämmtliche Bedienung hat spanische, gestickte Jacken an'. man fährt rasch, spannt aber langsam um wenn nicht die Factiosos unterwegs treiben, und an Ruhe und Schlaf ist nie zu denken, da das Geschrei nie aufhört, Indessen man kommt vom Flecke, sitzt ercellem, muß aber unvernünftig viel bezahlen. Die spanische Legua ist beinahe anderthalb unserer Wegstunden, un man fahrt 221 in der Regel von früh !i Uhr bis Abends 5 ober 6 Uhr mit mehreren Relais und einer Mahlzeit fort. Der Schllisi der Granada'sehen Verge ist so schön wie ihr Anfang. Vei Arenas erbebt sich eine Decoration mehrerer kurz auf einander sich eng schließender Felsen, die endlich dnrch zwei sich ganz senkrecht entgegenstehende, schwarze Verge zn einem solchen Passe sich verengen daß nur knapp ein Mißcl'en sich Vahn brechen und mühsam dlirchdringen kann. Dieses Flußbett wurde bis jetzt als Straße verwendet, die begreiflich bei anschwellendem Wasser unterbrochen war, und man hat deßhalb einen Weg durch deu linksstehenden Felsen gesprengt, und eineil Tunnel gebildet, ein Werk, das inich eben so sshr wie die ganz neu angelegte Straße in Erstaunen setzte, nicht minder die none prächtige Stein-brücke bei, Iaen >—> alles ein Beweis das; man selbst unter den ewigen Sorgen und Kämpfen das Wohl des Landes nicht ganz aus den Augen verliert. Iaen liegt am Eingang von zwei Thälern, die in eine schwarz Gebirgshinterwand führen, zackige, hohe Verge, meist isolirt. Die Stadt dehnt sich am steilen Nerg hinauf, auf dessen höchster Spitze eine Saracenenblng ruht-, links von ihr kommt man auf die schattenreiche Alameda, die zu einem heißen O-uellenbade führt. In der Hauptlirche ist das einzige wahrhafte Abbild des Gesichtes unseres Heilandes zu sehen oder vielmehr nicht zu sehen, denn es wird nur einmal im Jahre gezrigt, und diesen Tag hatten wir unglücklicher Weise nicht getroffen. Ich machte mich nun ans den etwas beschwerlichen Weg nach der Araberburg, wo ein jnnger Officier, der mit acht Mann dort postirt ist, mich sehr zuvorkommend empfing und herumführte. Hier erfuhr ich daß etliche sechzig berittene Factiosos in der Nahe seven, und als ich bei Nacht herabkam, fand ich nieine Gesellschaft in einiger Spannung, denn auch sie hatten von deu Factiosos gehört. Die beiden jungen Anda« tusicrinnen wollten, man solle nicht weiter fahren bis die Straße rein fcy, und da auch der Oberst zweifelhaft war, bat ich ihn zum Gouverneur zu gehen, um Er brachte sie, und man wollte wissen, Valmaseda habe sich mit seinem Corps nach der b'innabme von Morella in dic Sierra morena geworfen, wo jedes Durchkommen unmöglich fed, da die christinischm Posten sich zurückgezogen hätten. Mir war der Gedanke unerträglich, vier. Tagereisen von Madrid, und nun in 222 einem Landstädtchen liegen bleiben zu müssen', ich bot daher alles auf um zu einer Fortsetzung derNeise zu vermögsn, und machte begreiflich daß wir ja doch zuerst auf die Truppen der Königin stoßen müßten, weun sie w'irklich dieMancha preisgegeben. Der Kriegsrath ivurde m meinem Zimmer gehalten-, es war possierlich diese Sprachverwirrung mit anzuhören, und da der Oberst und die beiden jungen Franen etwas französisch sprachen, so wurde beschlossen mir im Spanischen Unterricht zu geben, wogegen ich reciproken französischen Unterricht versprechen mußte. Dieses Lancastrr'sche Lehrbündniü brachte alles in den besten Humor, es ist so leicht diesen bei jungen Frauen hervorzurufen; die, Spanierinnen lachten ihre Angst weg, und dachten nicht mehr an die Räuber, Schlag Mitternacht verließen wir Iaen, und machten die Passage über den Quadalquivir auf einer Flugbrücke in tiefer Dunkelheit und Stille. In dieser Nacht hörte ich zum erstenmale «nserc Führer nicht schreien, auch hatten sie die Glocken ihren Thieren abgenommen, zwei Vseopateros mit Waffen saßen aüf der Imperiale, und man war sehr auf der Hut, In der hintern Abtheilung hatten zwei junge Engländer Platz genommen, die ich früher in Malaga gesehen hatte, nnd die in Iaen mit der Galera nach Cordova gekommen waren. Hier saben sie mich, und wollten mm auch nach Madrid, litten aber die Vor-ficht gegen da6 Flundern etwas zu weit getrieben, und gar kein Geld, sondern nur Creditbriefc cinf Madrid bei sich, die der Mayoral natürlich nicht verstand. Sie wollten ich solle ihren Dolmetscher macheu, und da sie gar nichts als englisch sprachen, so war dieß wirtlich ein mühsames Geschüft, Eo kamen wir früh 5 Uhr in Vaylen an, diesem unglücklichen Schlachtfelde das den Franzosen ihren Nimbus geraubt, und noch jetzt alv Veweis der Ueberlegenheit der Spanier dienen soll. Meinen Engländern tonnte ich aber nicht helfen, eine Zahlung mit Kreditbrief war dem Administrator noch nicht vorgekommen, ich hatte genau was ich für die Neise oder für die Factiosos brauchte, und wir mußten sie zurücklassen. UnserD^je^ner nahinen wir in Carolina, einem neuen freundlichen Städtchen vom Anfange des vorigen Jahrhunderts, dessen reiche b'ultur die deutschen Ansiedler verräth, die Karl III damals tomme» ließ. um au der neuangelegten Straße der Mancha die Sierra morena zu colonisiren. Ich konnte nur einen sehr alten 223 Mann auffinden, der noch etwas deutsch verstand, sonst ist altes ganz spanisch geworden. Hier erhielten wir die Nachricht daß ein Detachement von etwa hundert Pferden diesen Morgen über die Straße in der Richtung von Toledo gezogen, nicht genug um die königlichen Posten zu vertreiben, aber immer genug um uns aus« zuplündern. Meine Gesellschaft war unerschöpflich in Erzählungen von der Grausamkeit dieser Räuber, und von den Drangsalen welche die armen Passagiere zu erdulden hatten, die sie bis zu entrichtetem Lösegelde mit sich schleppen. Die nahe Gefahr brachte uns auf den Gedanken unsere Dameu besser zu beschützen, unv es wurde beschlossen daß immer ein Cavalier bei jeder Tame bleiben sollie, und da ich die Gegend noch nicht gesehen hatte, auch das Coup« sehr liebe, so setzten sich die Frauen stationenweis? abwechselnd zu mir, der Oberst blieb aber immer mit den andern im Wagen. Keine Gegend zerstreut weniger als die Mancha, die Sprachlec-tionen meiner lieblichen Lehrerinnen hatten daher einen erwünscht ten Fortgang, und ihre Zufriedenheit war mein schönster Lohn. Man kann sich nichts Unmuthigeres denken als den Vifer welchen diese holden Geschöpfe mit ihrem Lehramt verbanden, und ob sie gleich von Grammatik uud S'.)ntar kein Sterbenswörtchen verstanden, so lernte ich doch von ihnen in wenigen Tagen mehr, als vom gelehrtesten Sprachlehrer vielleicht i>» einem Monate. Bei Carolina beginnt die Sierra morena, kein hohes, aber, wie sein Name sagt, schwarzes, malerisches Gebirge. Zwischen St. Glenn und der Venta de Cardenas ist der schauerliche Paß von Despenaperres, mit überhängenden helfen, emporstrebender Zackenbildung, tiefen Präcipissen, nebst allen übrigen Ingredienzien eines comsortablen Näuberwinkels, durch welchen indessen eine gute Straße führt. Tie alte Veuta wurde ^on den Fattio-sen verbrannt, uub der Schädel des Mordbrenners figurirt noch auf einer Stange über der Brandstätte. Vei, der Venta de Cardenas beginnt die Mancha, und eben fuhr ein Courier der Re^ qierung von der andern Seite an, der die Nachricht von der Einnahme Morella's brachte. Diese Couriere werden von dreißig bis sechzig Soldaten begleitet, welche je zu zehn bis fünfzehn auf kleinen Karren transportirt werden, auf denen sie in Körben stehen, und aus welchen sie, wie hinter Parapets, hervorfeuern können. Als wir nach Vistllo kamen, war eben die Arn^re-garbe dcr Factions von etlichen zwanzig Reiter» abgezogen, 224 wir fuhren rasch sort und passirten diese Stelle glücklich, woran hauptsächlich Ursache war daß unser Wagen beinahe keine Last trug. Hierin sind die spamschell Eilwägen den unsrigen vor;»-' ziehen, daß sie lein Gepäcke als das der Passagiere nehmen. Man tritt gan; auo dem Gebirge und in ein weites, flaches Hügelland nut großen ^itschaften, die lange, breite (lassen haben, ein vortreffliches Frucht- und Weinlaub, wo eben die gelbe Frucht des Schnitters harrte, und wo man nicht mehr in Spanien zu seyn glaubt. Es ist die Mancha, aber nicht mehr die mit den Wäldern des Don Quirote und den Fleischtöpfen des Sancho Pansa überdeckte, in welcher der Held des unsterblichen Cervantes seine Irrfahrten machte, aber auch nicht so öde, wie neuere Reisende sie schildern. Baume hat die Mancha keine, nud jetzt erst fängt man an Oliven zu pflanze», welche das beste Oel liefern, wie der Wein dieser Gegend, besonders von Valdepcnas, zu den feurigsten Spaniens gehört. Die Frauen tragen die blauen Ober-kleidcr über den Kopf gezogen, die Männer schottische Plaids, kurze braune Hosen und ditto Strümpfe, Mützen mit Katzenfellen, ungefähr wie die Pelzmützen unserer Jungen. Im Städtchen Valdepenaö blieben wir die Nacht, und man fühlt den Abstand von Andalusien sehr unangenehm. Unfreundliche, schnür tzige Menschcu, und ein so verbreiteter Vettel daß mau beinahe ausgeplündert wird, so nahe sind hier Räuber und Bettler verwandt. Wir erhielten hier Nachricht von einer in Toledo ausgebrochenen Verschwörung. Man spricht von derlei Dingen wie wenn sie in Rußland geschehen wären, so sehr ist man daran gewöhnt. Wir eilten sehr durch die Mancha zu touuncn, fuhren nach Mitternacht ab uud kamen mit Tagesanbruch nach Man^anare«, einem hübschen Städtchen, wo die Kirche, wie meisteus in der Mancha, verschanzt ist, uud wo sich eben ein großes Convoi sammelte, welches ganz das Ansehen einer asiatischen Karawane trug nnd von zweihundert Soldaten rscortirt wurde, 'Auch wir be^ kamen hier drei (favalleristen nut; die Diligence nach Sevilla, der wir begegneten, hatte sich aber von dreißig Reitern begleiten lassen. So reist man hier als Grand Seigneur oder als Staatsgefangener, wie man es nehmen will. In der Mancha findet man überall Ruinen, überall Zerstörungen ^ou dem französischen und Factlosentrieg, denn das Ränberhandwert hat in dieser Proviu; 225 seit Jahrhunderten niemals aufgehört, nnr baß die Banden sjetzt militärisch auftreten und Carlistische Firma tragen. Wenn man Oil Blas liest, liest man unsere Zeit. Justiz, Bestechlichkeit, Contrebande, Alcalden, Räuber und Bettler, alles ist noch in dem gebenedeiten Zustande, wie unter der milden Regierung Philipps III. Bei der Casa de Queseda passirt man die hier sieben Stunden lange, unterirdisch fortströmende Guadiana, und Hort an dem hohlen Rasseln des Wagens daß der Voden unterminirt ist. Der Fluß kommt erst zwei Stunden tiefer, bei Villa Runde, den sogenannten Ojos de Guabiana zum Vorschein, und zwar als breiter vollkommener Strom, womit die berühmte Perte du Rhone nicht ;u vergleicheu. In Puerto Lapiche nahmen wir unser Frühstück, einem Orte, der schwer und oft von den Faetiosen heimgesucht wurde, und wo starke Besatzung liegt. Im Gasthofe sahen wir die durch ihre castilische Schönheit berühmte, uoch sehr junge Vlasa, deren langes dunkelbraunes Haar in einer Art Chignon, nach Sitte des Landes getragen wird, was man hier Menon nennt, und wo der Chignon gegen den Nacken hinab breiter wird. Die Castilieriuuen sind mehr niedlich, haben aber auffallend kaltes, stolzes Wesen, wie überhaupt die Menschen in diesen Mittelprovinzen bei weitem nicht jo angenehm und biegsam sind wie im Süden. Nun fangen die ermüdenden, endlosen, geraden Chausseen an, wo man beim Abfahren immer den Kirchthurm der nächsten Station vor Aligen hat. Die Windmühlen, Don Qunote's gefährliche Feinde, erschienen hier, allein Toboso, der himmlischen Dulcinea Residenz, blieb uns rechts. Wir eilten durch die obere Mancha zu kommen; la Guardia hat sehr ausgezeichnete Lage, aber meistens in Ruinen, und das Terrain bildet drei große Stufen, auf denen man inö Tajothal hinabsteigt, Templaque, la Guardia und Ocana. Gin sehr heftiges Gewitter brach los, ängstlich sahen sich Escorte und Mayoral an, und der Oberst zeigte mir auf den Höhen links einzelne Reiter, von denen ich nicht weiß ob sie Vorposten oder Hirten waren. Indessen man nahm sie für das erste, und von Furcht und Gcwittcrsturm gepeitscht, flogen wir über die holprige Straße hin, und hielten unter Donmr, Blitz und Regen Abends sechs Uhr unsern Einzug in Ocana, wo den Spaniern von den Franzosen fünfzehn- 226 tausend Gefangene abgenommen wurden, und mau uoch eine alte römische Marmorquelle findet, vermuthlich früher ein Vad. Hier sandeu wir den ersten erträglichen Gasthos, und die Gesellschaft der Diligence von Madrid nach Sevilla, welche uns erwartete, um zu erfahren ob man durchkommen könne. Wie man sich auf die Nachrichten der spanischen Zeitungen und der Madrider Correspondents» verlassen kann, sah ich hier wieder recht handgreiflich. Die von Madrid kommenden Herren erzählten baß die dortigen Zeitlingen das Einrücken eines Corps von tausend Pferde» und zweitausend Infanteristen der Factiosen in der Mancha angezeigt hatten, wahrend wir von Hirten und Vauern die sic geschcn, die Versicherung erhielten baß sich daS Ganze höchstens etwas über hundert Reiter belaufe. So tragt die Journalistik, anstatt zu beschwichtigen, das Meiste dazu bei, um das arme Land in Angst und Vesorgniß zu erhalten, und man kann bei uus nicht vorsichtig genug seyn über die Madrider Nachrichten, da mau gerade dort in der Negel am schlechtesten unterrichtet ist, oder, noch häufiger, nicht unterrichtet seyn wlU. 23. Aranjuez. Wenn man über die unfruchtbaren Hügel hinter Ocana hinfährt, kann man sich nicht vorstellen das, dieser Weg in das berühmte, aber immer nicht genug erkannte Aranjuez führen soll, Zwei Stunden fährt man in dieser öden Gegend fort, welche uns die aufgehende Sonne in ihrer ganzen Nacktheit zeigte. Ein DefiU führt zwischen den Bergen durch, und plötzlich liegt Aranjuez ganz nahe schon vor uns, der Telegraphen-churm auf steil abschüssiger Höhe zur Linken, an selche sich sechs andere Hügel in abfallender Kette reihen, rechtS aber ein Verworrenes Hügelland, malerisch gruppirt und mit jungem Holze bewachsen. Als wir an dem sogenannten Meer von Antigola vorüberfuhren, fiel mir das pomphafte franzosische Bulletin ein, welches die Voltigeurs, die zu der Schlacht von Ocana inarschio ten, es durchschwimmen ließ, eine ganz nnnöthige Arbeit, da rechts nnd links breite Straften ziehen. Dieser Teich versieh! die Springwerke des Parks mit krystallhellem Wasser, jetzt aber arbeiten Hunderte von Sträflingen mit rasselnden Ketteu anein« ander gebunden au den Dämmen, nnd rings auf den Hohen stehen Posten zu ihrer Vewachnng. Ich bestieg sogleich den höchsten Punkt des Telegraphen, und genoß gierig den Anblick des Tajothales, so wohlthätig für den Reisenden der aus der Mancha kommt, so überraschend, weil solche Herrlichkeit für den ans Granada kommenden kaum mehr zu erwarte» ist. Das Thal ist schmal, aber voll zauberischer Schönheit. Es verbindet sich ober Aranjuez mit dem Thalc des Iarama, und dieser Fluß unter dem Parke mit dem Tajo. Jenseits erhebt sich die graue kahle Felsenwand, welche die Hochebene von Madrid einfaßt, der Park ;ieht sich aber Stunden lang im Thale fort; der Tajo scheidet ihn in zwei Hälften, und von einem Bergrand zum andern sieht man nur Einen, aber einen wahrhaft verzauberten Wald in allen 15* 228 Schattirungcn das Thal füllen. Der einzige freie Platz, der vom Telegraphenthurm bis zur Tajoeisenbrücke geblieben, trägt die niedliche Stadt Aranjuez, gleich Mannheim in Qnadrate getheilt, und vor seinem Vintrittc steht das neue Rondell der Stierhetze, Kirche und ein Kreis hübscher Häuser, Gärten und Alleen. Die Straßen sind rechtwinklicht und die Stadt ohne Mauer, daher man au jeder sickc eine ueue Aussicht auf die Hügelkette findet. Der Eingang in den großen Schloßplatz führt durch zwei große Halbkreiscolonnaben, in deren Mitte eine schöne Oapelle steht, und wodurch Schloß und Stadt sich scheiden, ohne abgeschlossen zu seyn. Drei Seiten dieses großen Platzes sind mit schattigen Arkaden eingefaßt, rechts erhebt sich auf einer Terrasse ein reiches Blumcnparterrc mit Standbildern uud springenden Wassern, links uud rechts sind Wohnungen von Beamten, unter denen Bogengänge lausen, und gegenüber der großen Colonnade spalten sich alle Wege, nnd drei dichte Vaumalleen führen rechts im Fächer hinauö, während links die Eiscnbrücke nach der Straße von Madrid leitet. Wie man die Brücke Pas-sirt, steht im Cinbug des Tajo ein hohcs rothcö Gebäude, englische Fabrik, das sehr au die Bauschule zu Berlin eriuuert; ehe man sie aber passtrt, kommt man links zu dem etwas zurückstehenden Palaste, vor dem sich ein sehr sorgfältig angelegter Blumenflor ausbreitet, der nebst der großen Fontäne mit der stolzen Inschrift nnn i>1ll8 nkl'.-l durch ein leichtes Vistugittcr von Platz und Strom getrennt ist. Der Tajo macht hier einen Bogen, an dessen Spitze Aranjuez liegt. Ich hatte mich von meiner Reisegesellschaft beabschiedet, der Obrist ging nach Madrid, und die beiden Damen nach Toledo zu ihren Familien. Kaum war ich in dem ziemlich guten Gasthofe etwas eingerichtet, und wollte ausgehen, um das Innere des Schlosses zu sehen, als mir meine charmanten Sprachlehrerinnen auf der Treppe entgegenkamen, und mir übrigens mit lachendem Munde erzählten, sie seyen hier gefangen, die Factiosos in den Bergen von Toledo, und sie müßten abwarten bis die Straße frei sey. Derlei Hemmnisse sind wie gesagt in Spanien so an der Tagesordnung, daß man immer darauf gefaßt ist, und nicht einmal in üble Laune kommt, wenn man mit ihnen zusammentrifft. Wer war aber froher als ich, diese freundlichen Gefährten wieder bei mir zu sehen, denn ich hatte nur in den 229 ersten Präliminarien in der Fonda das Lästige meiner Lage hinlänglich eingesehen. Wir beschlossen recht fleißig fortzustudiren, und uns die schönen Gärten recht wohl schmecken zu lassen. Was ist doch das Leben ohne die Zugabe liebreizender Frauen, und wie verschönert sich alles, wo ihr feines Gefühl, ihre leichte Ausfassung, ihr Humor frei walten können, und jedem Genuß des Schönen den Stempel ihres Gemüthes aufdrücken, das uns jede Freude doppelt genießen macht. Der Palast von Aranjuez ist unsymmetrisch, und nur der Theil gegen den Park hinaus ähnelt etwas St. Cloud. Die Appartements dcö Don Carlos und des Infantcn Sebastian sind gänzlich ausgeleert, die Zimmer der Königin aber ganz eingerichtet und sehr geschmackvoll. Der japanische Salon und der Spiegelsaal sind aus der Zeit Karls III und wirklich prachtvoll, so wie einige gute Gemälde, ein Plafond von Velasquez, Mosaik- und Krystallbilber, Bronzen- und Alabasterwerkc, einen großen Glanz verbreiten. Allein der wahre Glanz, die alte Pracht, liegt im Garten, oder eigentlich in den Gärten, denn der Part ist durch Fluß und Brücke in drei große Theile getheilt, so groß, daß wir zu jedem einen Tag verwendeten, und doch gewiß vieles unserer Aufmerksamkeit entging. Nachdem wir das Innere des Schlosses und die vor ihm liegende Terrasse mit ihren höchst kunstverständig angelegten Blumenbeeten und Fontänen gemustert, gingen wir über die steinerne Garten brücke und sahen lange dem imposanten Wassersturzc zu, den der Tajo hier in seiner ganzen Breite macht, und unten zwischen schönen Inseln ausgefangen wird, nach deren Passage er ruhig seinen Lauf zwischen den ausgemauerten Ufern des Parkes fortsetzt. Sein Arm geht links ab unmittelbar am Schlosse vorbei, und gestaltet die erste Abtheilung des Parks zur großen Insel. Die Hitze war drückend, wir flüchteten unS zuerst in die vierfache Platanenallee, welche am großen Wasserfalle hinzieht, und ließen uns auf eiuer Ruhebank nieder. Hierher verlegt Schiller den romantischen Theil seines Ton Carlos. Ich erzählte meinen Spanierinnen diese tragische Geschichte, von der sie nie ein Sterbenswörtchen gehört hatten; ich schilderte ihnen mit Begeisterung die Liebe des Prinzen zu seiner Mutter, die Grau--samkeit Philipps, und das tragische (5nde des Prinzen, zu dessen Rechtfertigung man ganz kürzlich überzeugende Belege in Madrid 230 aufgefunden hat. Allein vergebens, die holden Granen Hollen mit Andacht meine rührende Geschichte, von der sie vielleicht nur die Hälfte verstanden; als ich ihnen aber sagte das; sie bereits dreihundert Jahre alt sey, faßten slc sie etwa wie eine ihrer Legenden auf, und nahmen »veiter keine Notiz davon, was mich nicht wenig ärgerte, da ich zn gerne von Allee zu Allee daS schöne Drama verfolgt hätte. Ich bedachte nicht daß für diese südlichen Naturen alles Geschichtliche abstract ist, und daß sie nur die Liebe anerkennen, die sie selbst empfinden, oder einflößen können, kurz daß sie ihre eigene Geschichte der Liebe haben wollen, und die Kraft in sich fühlen jeder romantischen Anforderung hierin zu genügen. Von diesen breiten schattenreichen Alleen ergießen sich nun unzählige Verzweigungen von Gängen durch den ganzen Insel-park, die unendlich hohen alten Stämme sind überall mit Gpheu und Lianenpflanzcn umrankt, und die Strahlen der Mittagsonne derart gebrochen, baß wir beinahe kühl rmpfanden. Regellos durchkreuzen sich alle Wege, um wieber in ganz geordnete Partien zu führen, und Fontänen ohne Zahl, bald cin lustiger Bacchus auf dem Fasse, bald Neptun mit dem Dreizack, bald Grazien, bald Delphinen, Najaden und Flußpferdc, findet man stets umgeben von steinernen Bänken, die in der frischen Baumluft zur Rast einladen, wo ringsrum alles stille, wo kein Men-schcntritt zu hören und nur Tausende von Nachtigallen ihre Sil^ berstimmen ertönen lassen. Wir verfolgten den Weg, der am Tajo fortzieht, wo leider die Brücke zerstört ist, deren Gitterthore noch auf beiden Ufern stehen. Hohe gemauerte Tcrrassendämmc fuhren an dem reißenden Strome fort, niedliche Gartenpartien unterbrechen den Urwald, mit offenen Heckenthüren in Verbindung gesetzt, und man gelaugt nach langem Marsche zu dein großen Rondell mit einer Mannorfontänc, wo die beiden Tajo-Arme sich verbinden, und eine steinerne Vrücke die großen offenen Parktheile vereinigt, nach welcher von beiden Ufern unzählige Alleen in convergirenden Radien heranführen. Rosenhecken und Rosenbäume stechten duftende Bouquets in die düsteren Schatten der dichtgestcllten Riesenstämme, überall stößt man wieder auf Perspective«, die das Schloß in der Ferne zeigen, wenn man bereits den Ausweg verloren glaubt, und die schönen Bäume biegen ihre üppigen Zweige und Wipfel über die kühlen Wo- 231 qen der beiden Ströme hinab, alles in natürlichen Bogengängen, »,Ues dicht, alles Schatten, alles ohne Zwang, oft gleich Urwald verschlungen, aber immer wieder von neuen Gängen durchbro^ chen. Solche gewaltige Väume können nur Jahrhunderte erzeugen, sie haben das Größte nnd Herrlichste geschaut, sie haben die Könige beschattet, in deren Staaten die Sonne nie unterging, und die stille Liebe. Ein sonderbarer rother hydraulischer Thurm, ohne Thor noch Fenster, spitzig wie ein gothischer Campanile, nnd mit den raketcnähnlich in die Vuft steigenden Schwarzpappeln an Höhe wetteifernd, SänlcnpavillonS über dem Flusse, der dornausziehende Knabe von Bronne, Hingeben von vier Marmortempeln, steter Wechsel von Nnheplätzcn nnd geschmackvollen Anlagen führt endlich zum Palast zurück, zum Bassin, wo Hercules die lcrmiischc Schlange erlegt, dem größten Wasserwerk, das mit Flugbrücken überlegt ist, und zu einem Rondell unter den Schloß-fenstern führt, wo der zweite noch weit malerische Waffersturz des Tajo in drei halbrunden Abstufungen mit großem Geräusche zwischen Inselgruppen durchbricht nnd die Brücke mit Marmorstatuen über ihn vom Palais nach dem Parke hinüberführt, ein außerordentlich schöner Moment dieses schönen Parkes. Die zweite dnrch die Eisenbrückc getrennte Abtheilung des Parks zieht sich stromaufwärts aus drin linken Nfer über eine Stunde hinanf, anßen in vierfacher Allee, zwischen ihr nnd dem Tajo aber eine ganz neue Mannichfaltigkeit von Anlagen und wo möglich noch höhere Bäume. Beinahe vergraben in ihren dichtesten Partien hinter einem von Ijoscnguirlanden eingefaßten Vowlingreen liegt die liasa de Labrador, das niedlichste und reichste Grcmplar einer königlichen Parkvilla, Hier ist alles Marmor, (Hold, Malerei und Sculptur, eine großartige Kreistreppe mit vergoldetem Geländer führt in beide Etagen, und ich habe in den berühmtesten Palästen keinen überraschenderen Eindruck empfangen, als hier in diesem brillanten Miniaturschlößchen. Eine Enfilade von aufeinander gerichteten Thüren, von den kostbarsten Holzarten eingelegte Arbeit, englische Politur, bieten einen strahlenden Anblick der frischgemalten Plafonds, der seidengestickten Tapeten, der unzähligen bronze - goldnen Uhren, Vasen, Statuetten, Candelaber, Girandolen, künstlicher Musikwerke, prächtiger Mcubles, worin man es in Madrid sehr 23s weit gebracht, alle Böden, Thiireinfaffungen, Pilaster und Wanobe-tleidungen von edlem Marmor, treue Abbildungen der Theile des Es^ curials, wie man im Escurial Bilder von Araujuez sindct, so wie der stupcndeuWasserwertevon la Granja, Plafonds mit neuen Arabesken mythologischer Allegorie, pompejische Wcmdverzierungen, eine Tafel mit Musterkartevou huudertachtzig Marmorarte», die Spanien bis jetzt ausweist, vortreffliche Holzschnitte, mehrere Zimmer ganz mit Seidenbroderien tapeziert, Reliefarabesten ilnd Landschaften in Heragonbildern, der Marmorsaal mit vortrefflichen Büsten und vollendet schönen Marmorarbeiteu, dieß und tausend andere Dinge finden wir unten. Im obern Geschoß sind kleine freundliche Gemächer für Dameuarbeiieu, alles höchst reich, ohne irgend eine Ueberladung, ungeachtet der Aufhäufung kostbarer Objecte, ohne Widerspruch und alles in harmonischer Verbindung der Verzierung. Es ist eine VM» n>c>ll«!^ und dürfte wohl einzig in ihrer Art seyn. Dieser Park ist umschlossen von großen grünen Gittern, durch welche von Zeit zu Zeit hohe Portale herausführen, so daß er eigentlich mit seinen Schranken nicht endet, sondern außen stets wieder durch neue Alleen und Gehölze fortgesetzt und nur von Berg und Fluß begränzt wird. Besonders schön ist ein Teich mit zwei Inseln, auf denen ein Marmortempel und auf Felsen eine Granitpyramide neben hohen Baumstämmen steht und die durch Stcinbrückeu in Verbindung bleiben. Ce-dcrn und (iyprcssen vereinen sich hier mit Silberpappel, Eiche und Wallnuß, um eineu heiligen Hain zu schaffen, dessen Dunkel sich wieder in lichtere Räume und Alleengäuge auflöst. Marmorgruppen wechseln in den Wasserwerken mit den schönsten Gußarbeiten, Karyatiden nnd Blumenkörbe, Apoll und Hebe, alles versteckt, alles zu suchen. In einem Halbkreise stehen fünf runde Gartenhäuschcn am Ende der Alleen, die vom Haupteingange herführen. Hier haben die geschickten Gärtner sich in einen wahren Rosenwald vergraben, allein hier sind die Blumen und Farben noch gemischt, uud der eigentliche Rosengarten, das wunderlieblichste waS ich je in diesem Genre gesehen, zieht sich am Ufer gegen die Spitze an der Eisenbrücke hin. Dieses Gärt-chen ist separirt mit niedern Hecken emgesaßt, in welche Thüren, und viele eingefaßte Gange zu tauben, Bögen, Hütten uud Blumenbeeten führen, allein alle diese Blumen sind Rosen, die 233 Hütte», die Lauben, die Bögen, die Thüren, die Zäune und die Väume, alles ist Rose, rothe Rose, in Millionen über diesen kleinen Raum vertheilt, von paradiesischem Aroma getränkt, das die Vögel gierig einsangen. Es war uus nicht möglich diesen zauberischen Platz zu verlassen, und tief iu den Abend hinein genossen wir seine Reize. Am dritten Tage Morgens ging es zu frühester Stunde durch die große Allee über die Parkbrücke aufs rechte Ufer des Tajo, wo der größte Theil des Parks ist, der sich uach drei Seiten weit ausbreitet. Er ist iu mehrere Abtheilungen geschieden, und iveun man glaubt am Ende zu seyn, fangen neue dichte Vaum-massen an. So wareil wir durch die dritte Wand gekommen, da wir uns vorgenommeil bis zu Ende zu gehen, als wir den Park immer dichter werden sahen und auf ei» grosies Nondcll von grüuen Staketen eingefaßt stießen, ans dem zwölf Thore in zwölf vierfache Alleen in divergenten ebenmäßigen Strahlen führten, die überall in weiten Entfernungen Schlnßpunkte zeigten, und wovon eine die Straße von Madrid ist. Wir durchstreiften nnn diese unermeßliche Vanmmasse, durch welche vortreffliche Straßen ziehen, nnd dem Gesänge der Vogel lanschcnd, sahen wir zuweilen zärtliche Paare, die durch ferne Boskets die Einsamkeit suchten und gleich Phantomen wieder verschwanden, denn Aranjuez ist der Zufluchtsort stillen Glückes für die liebenden, die ihrem lärmenden Madrid entfliehen. Meine Begleiterinnen waren müde, und vbschon die Spanierinnen bessere Fußgängc-rinnen sind wie unsere Damen, so war doch ein sechsstündiger Marsch hinlänglich sie Ruhe suchen zu lassen. Wir zogen uns in die fast hermetisch geschlossenen Vaumhallen des innern Parks zurück, und meine fröhlichen Freundinnen wetteiferten mit ihren herrlichen Stimmen mit dem schwelgerischen, Gesänge der Nachtigallen, diesen jetzigen eigentlichen Königen von Aranjucz. Wer weiß ob die räthselhafte Cboli uieht auf dieser schönen Stelle ihre schwärmerischen Licbeöbildcr hauchte, auf diesen Bänken, wo ich das letzte Mahl mit meinen zierlichen Lehrerinnen einnahm, um meinen Marsch nach Madrid auf der Impcrialc einer Land« kutfchc bei 24 Grad Hitze nuzutrctcu. So fuhr ich nuu wieder durch diesen schölten Park hin, den ich mir nicht satt sehen konnte, voll von freundlichen Erinnerungen an dieses Eldorado. Allein die Erdengöttcr wissen so 234 selten ihr Glück zu schätzen, und dieses schöne Aranjuez sah die Laster einer verworfenen Regentenrace, sah die Schmach Marie Louisens und ihres unwürdigen Buhlen Godoy, und war Zeuge der crsteu Zuckungen Spaniens, das den elenden Friedensfürsteu mit seinem Fluche belud, und den schwachköpfigcn Karl zur Entsagung der Krone zwang. Hier begann der noch junge Ferdinand sein Ncich des Betrugs und der Cabals, wodurch er sein Land so unsäglich unglücklich gemacht, und hier wurde die Fahne der Empörung gegen die neue Gewalt zuerst erhoben. Vergebens hat, die Natur dieses Eden zu stillem Genusse erschaffen, die Thorheit der Menschen verkennt ihre Winke uud ihre Wohlthaten, und grausamer als die Tiger der Wüste zertreten ste ihr eigenes Glück, um das von Millionen mit in den Abgrund zu ziehen. Wo finden wir die Natur schöner und größer, wo solche Pracht von Platanen, Cedcrn, Zypressen, Eichen und den herrlichsten Bäumen fast aller Zonen auf einem «-leinen Fleck der Erde zusammengedrängt, wie in diesem zauberischen Tajothalc, in dem herrlichen Parke und seinen fühlenden Schatten! Wohl „sind sie nun vorüber, die schönen Tage von Araujuez," kein glänzender Hof, kein friedliches Minnespiel belebt mehr ihre dichten Haiue und Bogengänge, der Bruderkrieg hat sein Hydrahaupt erhoben, und ferne sind die Tage seiner wohl nie wiederkehrenden könig--lichen Lust. Brüder und Väter bekämpfen sich mit der mörderischen Waffe. Zerschossenen strupirteu Menschen begegnet man auf den Landstrasien, verbrannte Wägen, geplünderte Fuhrleute zeigen den Geist dieser Revolution, und Unsicherheit des Eigenthums, Furcht und Mißtrauen herrscht in allen Gemüthern. Ja, ihr seyd dahin, ihr schönen Tage von Aranjuez, allein ich vertausche nicht die glücklichen die ich dort verlebt, mit den sorgenschweren eurer königlichcu Besitzer. Wie die Gegenwart lieblicher Frauen jeden Lebensgenuß erhöht, so flochten die beiden Anda-lusiennnen Kränze in meinen Aufenthalt in diesen Gärten der Hesperiden, und das Bedürfniß dieser edlen Seelen, dem Fremdling ihr Vaterland werth zu macheu, drückte sich bald in jener anmuthigen Vertraulichkeit aus, die man sich so sehr hüten muß in Spanien zu mißdeuten oder zu mißbrauchen, Es ergötzte wich nicht wenig, mich im Schatten jener prächtigen Platanen, die den Hof der Elisabeth unter sich wandeln sahen, mit dem Namen Don Carlos ansprechen zu hören, eine den Spanierinnen 235 eigene Sitte, ihre Velanntcu ohne Ceremonie beim lanfnamrn zu nennen. Dieses Don Carlos, von so schönen kippen so süß heruorgehancht, machte mich oft lächeln wenn ich dachte wie ein ganz anderer Don Carlos hier unter ganz andern Verhältnissen geliebt nnd gcdnldct hat, nnd nie wird es meinem Gedächtniß entschwinden, wie diese Sprache mich entzückte, denn nnr ein spanischer Frauenmnnd kann dieses Don Carlos mit solchem Klang, mit solcher Seele anssprechcn, nnd einen solchen Zauber des Wohlwollens nnd Gefühls damit vereinigen. 24. Madrid. Philipp II verlegte seine Residenz von ^alladolid, wo er keine Hoffnung hatte sein jahrelanges Fieber zu verlieren, nach Madrid, das vom kleinen Städtchen plötzlich zum Centralpunkt zweier Welten emporstieg. Hätte dieser gewaltige Herrscher Sinn für Schönheit besessen, so würde er den beiden schönsten Welt-theilcn eine andere ^lönigsstadt gegeben haben, denn wo ein Granada prangt, da ist die Wahl nicht schwer. Allein Madrid liegt in Spaniens Mittelpunkt; jeue kalte Autokratenseele fragte nicht nach dein Nei^ der Gegend, ivenn es galt seinen eisernen Willen durchzusetzen, und so ist Madrid seit drei Jahrhunderten Hauptstadt, ohne zu wissen wie eö zu der <5hre kam, wie dieß bei mancher unserer .Nönigsstädte der Fall ist. Der Weg von Aranjuez »lach Madrid ist eine würdige Vorrede zu der Lage Madrids. Sobald man aus den Thalern des Tajo und der Iarema auf die Höhen gelangt, fängt ein steriles zerrissenes Terrain an, und Madrid selbst liegt auf einer wasser-und baumlosen Hochebene, ans einige ihrer kahlen Hügel zusammengedrängt, allcs was es ist, dem Starrsinn und der Kunst verdankend. Von keiner Seite, wo man sich dieser Stadt nähert, gewährt sie einen grosiartigrn Anblick; kein freundliches Dorf, keine Landhäuser, keine Väumc, nicht einmal Felder schmücken die Gegend, und nur der Hintergrund der schneebedeckten Gebirge uerleiht seiner (Erscheinung einigen Neiz. Durch eine höchst verkümmerte, halb abgestorbene Allee zieht sich der öde Weg nach dem Canal hin, dem gewöhnlich nichts fehlt als Wasser, um die pomphafte Brücke zu erklären, die lang genug ist um über den Rhein zu fuhren. So wie man diesen Uebcrgangspunkt passirt hat, führen drei Anhöhen über Dämme nach der Stadt hinauf, magere Alleen ziehen sich an den künstlichen Gräben hin, über die sie gezogen sind, und man fährt eine halbe Stunde an dcu «37 creuelirten neuen Mauern fort, die weniger als der mächtige Tajo zum Schutz gegen die Angriffe der Factiosen dieneu sollen. So kommt man endlich in Staubwirbeln an das hohe schöne Spital, das mehr einem Palaste gleicht wie die Königsburg selbst-, allein wie ändert sich hier Plötzlich die Scene! Wenn man zum Thore von Alcala hereinfährt, wogt einem das Menschenmeer des Prado entgegen, dieses Prado, einst der Vrcnnpunkt der höchsten Herrlichkeit auf Erden, und noch jetzt der Zusammenfluß von allem was Spanien Reiches und Scbönes besitzt. Man glanbt kaum in der Stadt zu sehn, die man eben von außen so unbedeutend uud reizlos gefuuden. Dreifache Reihen Equipagen durchziehen die langen Alleen in der ruhigen Ordnung der italienischen Corsos, Reiter sprengen caracolirend an ihnen auf und ab, elegante Dandies, langweilig und sich langweilend wie im gangen übrigen Europa, schlendern in den Laubgäugeu hernm, und Tauseude der rcizeudsten Mantillas verrathen die Honris Hispaniens. Und die breite steile Alcalastraße hinauf sind alle Valcone mit lieblichen Frauengestalteu besetzt; allein es ward Nacht, bis wir in die Puerta del Sol fuhren, wo die Revolutionen und die Neuigkeiten des Tages gemacht werden, uud wo ein neues Menschenmeer auf- und abbrauste. Die magische», Schatten der Dämmerung hatten den Zauberspiegel uus vorgehalten, in welchem jeder Eindruck eine freundlichere Färbuug erbält. Wir wollen sehen ob der kommende Tag diese Farbentäuschung nicht wieder zerstört. In einem Lande dessen Sprache man nicht kennt, ist die Ankunft bei Nacht immer eine Verlegenheit. Da stand ich, ganz allein und verlassen in dem PostHofe der Puerta del Sol, nnd nachdem ich meine schuldigen Trinkgelder au Mayoral, Zagal und Postillon entrichtet, mußte ich mich anschicken eine Nacht-Herberge zn finden, da sich Nicmand weiter nm mich bekümmerte. Ich lud daher meinen Nachtsack auf die Schulter eines mir zunächst stehenden Menschen, und trat meine nächtliche Recognos-ciruug durch die Menschenmassrn au, welche noch immer die Straßen füllten, denn es war Pfingstsonutag; von einer stillen sseicr dieses Tages war aber keine Rede, nnd aus allen Kaffeehäusern erscholl Musik. Nichts verwirrt mehr als der erste Gang bei Nacht durch eine Stadt, wen» man kreuz und quer in engen Straßen herumgeführt wird, und ich war herzlich froh, als nach 238 einstündigem Anfragen endlich die Nachricht aus einem Hause kam, daß ein Zimmer frei sey. Instinctartig hatte mein Packträger znerst die sogenannten französischen Fondas aufgesucht, wo eine Französin Wirthin ist, oder doch französisch spricht, und lth freute mich daß seine Versuche gescheitert waren und ich nun in ein ganz spanisches Haus kam. Es ist nicht leicht in Madrid gut unterznkommen, Fremde sind selten, die Spanier benutzen die Gasthäuser nur als Absteigquartier und nehmen sich gleich Privatwohnungen, und man ist in mehrerenStädten deß Orients gemächlicher als in der Hauptstadt des allerkatholischsten Königreichs, Die Scnora befand sich im Theater, und ich bald in einer mimisch-plastischen Unterhaltung mit der ganzen spanischen Dienerschaft des Hauses, die sich nm mich herumstellte und mir zusali, wie ich heißhungrig die übergebliebenen Reste der Fremdcn-diners verschlang. Es ist ein heiteres gemüthliches Volk, diese spanischen Mädchen, und sie erzählten mir unter vielem Lachen bah schon einmal ein fremder Ingles bei ihnen gewesen, der gar kein Wort spanisch gesprochen, viel weniger als ich. Ich bekam eine spanische s^mel-i, nd«lnli>a zum Nachtquartier, und träumte von der Macht und Herrlichkeit der alten spanischen Könige, und von den schönen Gärten von Aranjuez. Der Morgen des Pfingstmontags fand mich schon ans der Spitze des Thurmes St. Croce, der in der Mitte Madrids liegt, und dessen beste Uebersicht gewährt. Diese Stadt rühmt sich ihrer k!age, gleich der sicbenhügligen Roma', ich finde daß man sie eben so gut die hunderthüglige nennen könnte, denn es ist kein ebener Platz, keine ebene Straße da zu sehen, und sie liegt ans dem in unzählige Hügelungen zerrissenen Terrain, aus welchem die ganze sie umringende Hochebene gebildet ist. Ich hatte mich in ihrer Lage nicht getäuscht, sie nimmt sich von oben nicht vortheilhafter ans als von außen. Als ein verworrenes Häuser-convolnt unordentlich über einander geworfen und zusammengedrängt, liegt Madrid auf seinen unfreundlichen Höhen von einer nichtssagenden Gegend eingeschlossen, von drei Seiten iu größerer Entfernung durch graue unfruchtbare niedrige Verge eingeschlossen und nur im Norden etwas Grosieö zeigend, die Gebirge von Guadaramma. Mir ist uicht wohl in einer Stadt die gar keinen Reiz besitzt 239 als schöne Häuser. Diese sind hier meistens sehr hoch, mitVal-eonen verjehen, mitunter leerstehende Paläste der ausgewanderten ruinirten Granden, so daß man Madrid höchstens mit einer italienischen Stadt zweiter Größe vergleichen kann. Ich bemühte mich mehrere Tage ihr eine schöne Seite abzugewinnen, allein vergebens, und zum Ucberftuß hat man ste seit einigen Jahren mit Mauern und Erdschanzcn umgeben, die kaum hinlänglich sind gegen den Handstreich eines Feindes, der keine Kanonen mit sich führt. Die einzige Partie, welche von außen etwas impo-mrt, ist von der Straße von Estramadura, vor dem Thore von Segovia. Hier, wo man nur den Palast und das Kloster St. Francesco auf den beidenHöhen erblickt, nimmt sich die Stadt am besten ans, eben weil man von ihr nichts sieht. Auf dem entgegengesetzten Onde liegt der Prado, diese berühmten Alleen, denen nichts fehlt als schöne Väume und Schüttelt, nnd welche die Stadt östlich umgeben. Dcn Mittelpunkt der Stadt bildet die Puerta del Sol, eitle imaginäre Größe, da kein Thor bort steht, sondern ein altes hohes Gebäude, in welchem Post und Diligence« hausen. Eine nützliche Einrichtuug zum leichten Auffinden des Weges bietet Madrid, indem alle Hausnummern von dieser Sonnenpforte ausgehen, und man sich in den Straßen leicht zurecht suchen kann, da die abnehmenden Zahlen stets nach ihr zurückführen. Das Pflaster ist schlecht, allein das Streben nach Verbesserung und Verschönerung zeigt sich in Madrid wie in ganz Europa, und die neuen Häuser, welche sich auf den Trümmern der zerstörten Klöster erheben, die breiten Ouadertrottoirs, die an die Stelle der schmalen Fußpfade treten, werden Madrid bald um vieles besser uud bequemer machen. Die Spanier sind gute Fußgänger und fragen nicht viel nach der Bequemlichkeit des Fahrens. Wer sich auf die Madrider Fiaker verlassen will, muß erstens das Glück haben sie zu finde», und viclc Resignation nm sich ihnen anzuvertrauen. Als Madrid zur Hauptstadt erhoben wurde, war die Baukunst in einer Übergangsperiode begriffen, und die meisten damaligen Gebäude tragen den Stempel der Verninifchen Perückenzeit, wovon sich wenige Künstler freizuhalten wußten. Den vortrefflichsten ältern Bau, den Madrid besitzt, sehen wir meines Trachtens, und die altfränkischen Verzierungen abgerechnet, in der Vrücke von Toledo, deren thurmähnliche nmde Pfeiler und 240 die neuen Bögen den kühnsten Bauten dieser Art zur Seite qe-stellt werden dürfen. An Kirchen ist Madrid zwar reich, Schönes habe ich aber nichts gesehen, und eine Kathedrale eristirt nicht. Tie Paläste sind groß, stehen aber in den Häuserreihen, und zeichnen sich daher nicht aus. Dagegen scheint eine bessere Zukunft dieser Stadt zu blühen, denn wie überhaupt in ihrer Jugend ein sichtliches Streben nach Verbesseruug und Veredlung des Kunstbetriebs vorherrscht, so kann man alles was die neue Architektur schuf, nur lobend anerkennen. In Spanien mehr als in einem andern !^mde liegt der Lebcnstricb in der Hand der kommenden Generation, denn die jetzige ist faules Fleisch, das nicht »lehr ausgeschnitten werden kann. Die Erziehung allein kann hier helsen, und wem darum zu thun ist das Aufstreben eines lange unterdrückten und kaum zum Vebcn erwachten Volkes zu beobachten, der muß sich zuerst nach seinen Unterrichtsanstalten umsehen. Das Volk Spaniens ist schlecht erzogen, weil es von Mönchen, vorzugsweise von den Jesuiten, erzogen wurde, deren System es war die Menschen beschränkt zu erhallen. EZ bedürfte wirklich Jahrhundert lange Unterdrückung und systematisches Verfahren der Unterrichtsanstalten, um eiue so sehr begabte Nation auf so niederer Stufe der Ausbildung zu erhalten. Die Mönchs« orden müsfen aber strenge von der höhcrn, und selbst von der Parochialgcistlichleit geschieden werden, denn beide, besonders die erste, stehen in hoher Achtung, obgleich sich dieses wieder nur im Einzelnen anwenden läßt, da kein Volk geschickter ist wahres Verdienst, aber auch die Blößen an Menschen zu entdecken, als das spanische. Die Mönchsorden waren schon seit sehr lauger Zeit ganz in der öffentlichen Meinuug gesunken, uub ihre Mitglieder stets die Zielscheibe des Witzes, ja selbst der Mißhandlung. Mißbrauch des Beichtstuhls, ein sehr unordentliches, dem geistlichen Stande zuwiderlausendes Veben, ja selbst häufig nachgewiesene , aber nicht bestrafte Verbrechen, hatten das rechtlich gesinnte Publicum den Mönchen so s>'hr entfremdet daß die Aufhebung ihrer Ordcn beschlossen wurde. Die zwei großen Parteien, in die sich Spanien gegenwärtig scheidet, konnten sich über die Auöführuug dieser als nothwendig erkannten Maasircgel lange nicht verständigen, die Moderirten verlangten successives Absterbenlassen, die Eraltirten augenblickliche Austreibung der Mönche 241 und Zerstörung ihrer Wohnungen. Letztere siegten, und Spanien mußte dieselbe Erfahrung wie einstens Deutschland machen. Die Klöster wurden werthlos vertauft oder niedergerissen, dein Staat fiel die Last der Pcnsionirung zu, und die dreißigtanftnd vertriebenen Klosterbrüder, welche von achtzigtausend bei der Säcularisirung übergeblieben, verwandelten sich in bittere Feinde der Regierung, und verstärkten die Schaaren des Don Carlos und die Banden der Mancha, wo sie sich durch Grausamkeit und Blutdurst auszeichnen. So befand sich Spanien ohne Erzieher, und man darf gestehen dasi keine Erziehung immer noch besser ist als die von solchen Menschen gegebene, die noch dazu den schönen Satz unserer Kirche daß alle Menschen vor Gott gleich sind, anf eine höchst unvorsichtige Weise ins Leben einführten, und somit die ersten Veranlasse,- der Revolution wurden. Man mußte etwas cm ihre Stelle setzen, und hier zeigte sich zum erstenmale der durch so bittere Erfahrungen erzeugte Oemcinsinn der Spanier im schönsten dichte. Da die Regierung in diesem Lande rein passiv ist, nnd bei dem besten Willen nicht wagen darf eine Institution inö Leben zu rusen, welche schon deßhalb in Misieredit wäre, weil sic von der G^M dl's Neiches ausgegangen, das durch sie so oft betrogen worden, so traten edle Männer in festem Vunde zusammen nm die Vahn vvrzuzeichnen, welche man einschlagen mnßte um auf die Belehrnng und Veredlung des Volkes dauernd einzuwirken. Dasi man hier im zarteste» Alter anzufangen hatte, war einleuchtend, und was uuseren edlen deutschen Frauen erst seit wenigen Jahren gelungen, das haben junge qcreiste Männer, besonders von den diplomatischen Negationen, die sich in fremden wandern umgesehen, mit großem Geschick und mit Berücksichtigung des Nationalcharakters so glücklich nachgebildet, daß ich fast behanpten möchte, man habe hiev in kurzer Frist die Vorbilder überboten. Man führte mich anf mein Verlangen in eine Kleinkinder-anstalt, deren Madrid jekt fünf besitzt. Die Kinder sind im Alt.-r von zwei bis zum vollendeten sechsten Jahre, etwa tniudertfünszia. in jeder Schule, und ich habe nie blühendere Jugend gesehen. Vei dem frühentwickelnden Feuer dieser Nation mußte das erste Streben dahin gerichtet se^n, ihnen Lust zum Lernen einzuflößen, unb die ungeheure Demoralisation, welche alle Stände durch-Morgenland und Al'>',!dl,ind ll. ^tc ?,!. It) 54s brungen, machte es nöthig auf das Herz zu wirken und Liebe zur Religion hervorzurufeu. Beide Aufgaben fand ich hier gelöst, dic Kinder brennen vor Verlangen zur Schnle zu gehen, N'0 sie spieleud lernen, nud lernend spielen, den» Gesang, Frage, Promenade, Spiel, alles wechselt rasch und iu ganz kurzen Zivischenräumen, so daß niemals Ermüdung oder Abspannring sichtbar ist. Man muß diese reizeuden holden Kinder mit ihren glänzenden dunklen Augen auf der Estrade sitzen sehen, wie sie mit dem gewöhnlichen raschen Geiste dieses Volkes die Autwor-ten ans die Fragen des Lehrers vom Munde wcgschuappen, wie sie die biblischen Geschichten an der Wand so geschwätzig her-erzählen oder Zahlen und Buchstaben nennen, dann wieder mit komischem Ernste nach Worten mit einem gegebenen Anfangsbuchstaben sinnen, oder im Unisono die schönen christlichen Ge-säuge mit voller Kehle absinge», die ihnen Martine; de la Rosa gedichtet, und wobei der Musilsinn der Nation sich in vollem Maaße beurlundct. Kanm war diese ^eetiou beendet, als sie zum Spielen i» den Hof lind Gai'teu gelassen wurden, und darauf hatten sie längst gewartet um sich des ssremden zu bemächtigen. Wie ein Heer von Amoretten slogs» sic alls mich ;», kletterten an mir hinauf, wollten alle zugleich von mir getragen seyn, bemächtigten sich all' meiner mobilen Habe, uud rissen mir mit liebenswürdigen» Nugestüm beiuahe die Kleider vom ^eibe. (5in Mädchen von dritthalb Jahren, eiu wahres Mlirillo-^ugelstöpfcheu, faßte förmlich Posto auf meinem Arme, bis ich sie eiu ^iei? singen hörte, das sie mit mehr Reiuheit vortrug als manche unserer Operusäugeriunen es im Stande wäre. Taun fahen wir sie essen. Jedes Kind bringt Morgeus sriu Körbchen mit Speifevorrath mit, dessen Inhalt sich meistens nur aus trockenes, aber wie überall in Spameu, vortreffliches weißes Vrod beschränkt, zuweilen aber auch Gemüse, Erdäpfel uud Früchte enthäll, deun mehr braucht man hier nich! zum Veben, Wer mehr hat, gibt den andern die weniger haben, lind mir boteu sie alle »lit ächt castilischer Hospitalität ihren ganze» ^orralh au. Wie alle Neueruu-geu, so fanden auch die dcr .Klcindtiuderschusen vielen Widn^ stand iu den niederen Classe», aus denen die Kinder g/nommeu siud) jetzt hat man aber bereits eine äußerst mäßige (>itttri«!o-fumme bestimmcn müsseil, worauf der Andrang »och größcr wurde, und der Werth des IiistiNttes stieg. 2^3 Mit dem beginnenden siebenten Jahre treten diese Parvulos in die Schule der Adultos oder Erwachsenen, wo sie bis zum vierzehnten bleiben, und nach den Geschlechtern getrennt sind. Wenn etwas meine Achtung für dieses schöne Streben znr Erziehung vermehren konnte, so war es der Besuch der höheren Anstalten, in denen tüchtige Menschen zu Gewerken und Dicnstverrich-tungen aller Art erzogen werden. Die fähigen jungen Leute kommen in die Normalschule, die Mädchen in Dienst, alle aber werden wegen ihrer Sittlichkeit allgemein gesucht. Alles dieß ist noch im Wachsen, allein es muß gute Früchte tragen, und ist um so verdienstlicher, als dieses ganze Unternehmen mitten unter dem rings nmwüthenden Bürgerkriege sich entwickelte. Das Aufstei-gcn zur Hochschule hängt nun ganz von den Fähigkeiten lind dem Wunsche der Zöglinge dieser Elementarschulen ab. Die Pro-vincialuniversitäten sind jetzt wegen der Unsicherheit der Verbindungen geschlossen, die in Madrid aber in geregeltem Gange, und die chirurgisch-medimnsche Abtheilung mit ihren schönen anatomischen Präparaten und geräumigen Hörsälen in einem neuen schönen Palaste untergebracht. Das Benehmen der jungen Studirenden ist musterhaft und von wahrem Ehrgefühl geleitet, das Naufhändel und Trinkgelage verschmäht. Ill allen diesen Anstalten, die ich in Madrid besuchte, schöpfte ich die Hoffnung für ein rasches (>utwickeln und Gedeihen dieses unglücklichen Landes, sobald erst die Furien der innern Zerwürfnisse es verlassen, und die Macht des Vrssern, dessen Bedürfniß und Gefühl in der Nation liegt, durch die Nacht der schrecklichsten Zerrüttung gedrungen seyn wird. Vergebens sucht mau in oder um Madrid Schatteu. Die Hitze ist abspannend und die Madrider haben ein Sprüchwort, daß man zwischen eilf und vier Uhr Niemand auf der Straße suht als Hllndc und Franzosen, Der Vau der Häuser ist nicht vortheilhaft und bietet nicht die Znsiucht, wie die maurischen Hallen und Höfe von Sevilla und Granada. Dessenungeachtet ist das Leben auf den Straßen immer außerordentlich und nur mit Neapel zu vergleichen. So viel spazieren gehendcv müßiges Volk N'ie Madrid hat kaum eine andere Stadt auszuweisen, und man hat das Bedürfniß von schattigen Alleen endlich eingesehen, und deren eiue großc Anzahl ringsum gepflanzt, welche aber alle noch in ihrer p!onv>», diesen natürlichen und bier angebvrnen Instinct beobachtet, den ihnen das Gssttz oder der Instinct des Anmuthigen vorschreibt, ohne dasi sic scine Regeln kennen, Tic anfrcchto, senkrechte Haltung des Körpers ist das erste Kennzeichen der Spanierin, und die Elasticität il'reö Wesens und Ganges verhindert alles Eckige und Steife, welches bei den durchaus runden Formcu ibres Körpers und der so eleganten Taille, welcher die Knust nicht nachzuhelfen braucht, von sell'st wegfallt. Die Künste der Toilette, welche bei vielen unserer Damen zn Hülfe kommen müssen, werden hier, wie man mich versichert, durchaus verschmäht, und was man sieht ist Natur, Ein wahrer Cultus wird hier mit den Fußen getrieben, man sieht immer diese vor dem Gesichte an, und wendet dahcr besondere Sorgfalt anf niedliche Veschnhung. Nine frrmde Dame wit etwas großen Füßen wird immer in Madrid Aufsehen 245 machen, und die Männer gehen hierin beinahe zn »reit, indem sic cine so zufällige Gabe als Hauptbcdingung weiblicher Schönheit ansehen. Ich kenne aber auch in Europa keine ^iatiou, dcren Füße und Hände so vollendet schön gebildet sinbalö die der Spanier, und inContretänzen fielen mir die Füße einiger Pariserinnen, die hier lebe», wegen ihrer Länge unter den spanischen ans. Eine Spanierin lann ohne Fächer gar nicht gedacht werden, und hierin herrscht anch viel ^'urus, der übrigens dein unserer Damen nicht zu vergleichen ist, da durch die Mantilla aller Aufwand an kostbaren Shawls und Hüten, nebst der wechselnden Mode wegfällt und nur die Schleier allein theuer sind. Die Fächer dienen als Schutz gegen die Sonne, da die wahre Spanierin uic einen Sonnenschirm trägt, und es sieht allerliebst aus wenn diese schwarzen zierlichen Gestalten in der vollen Eonnenbeleuchnmg mit den goldenen Fächern die Strahlen ablenken, und zwischen diesem Fächer-spiel immer die glühenden Augen hervorblitzcn, welches sie so meisterhaft verstehen. Die Bewegungen mit dem Fächer sind so schnell, es ist ein so rasches Spiel von Angriff uud Vertheidigung, vou keckem Vortreten «nd schüchternem Entfliehen, daß es an das Iongleurhaftc gränzt, ewig neu und immcr lieblich anzusehen. So sitzen und gehe» sie zn Tausenden auf dem Prado herum, und wo sie erscheinen, sieht man das Bild der Grazien. Grazie ohne Würde läßt sich aber nicht denken, und die Spanierinnen besitzen einen Stolz der Weiblichkeit, der ihnen den wahren Adel der Gesinnung einflößt, ohne welchen sieh weder Grazie noch wahrer weiblicher Werth denken lassen. Kein Volk hat hiefnr ein so richtiges Gefühl, und die Verletzung des Anstandes würde in allen Classen der Gesellschaft gleich beleidigend erscheinen. Nach den Engländern darf man die Spanier in der Zartheit gegen ihre Frauen obenan stellen, und obschon Sprache und Benehmen in ihrer Gegenwart frei und ungezwungen sind, so sichert sie doch der feine Tact uud die gränzenlose Rücksicht für das Geschlecht gegen jeden Nebergriff von Seite der Männer, und eben diese allgemeine Achtung gibt ihnen auch die große Sicherheit und Ucbcrlegenheit im öffentlichen Erscheine». Obschon die Bande der Moralität inSpguien befondcrs unter dem männlichen Geschlechte sehr lar geworden sind, so bin ich doch, nach allcm was ich beobachtet, vollständig überzeugt daß wahrer Familiensinn uud Virbc für stille Häuslichkeit bei ivemgen, 246 Nationen stärker hervortreten, und wenn die Spanierin auch keine wissenschaftliche Bildung erhält, so wirb sie doch in der Regel zur tüchtigen Hausfrau erzogen. Daß hiervon, besonders in den Seestädten, viele Ausnahmen vorkommen, ist gewiß, allein man sindet in London in einer Nachtstnnde mehr sittliche Entwürdigung, als mir während meines ganzen Aufenthaltes in Spanien vorgekommen ist. Fassen wir wohl zusammen, unter welchen nachtheiligen Einflüssen diese Nation von jeher gestanden, nie sie fast ohne Ausnahme von schlechten, despotischen Regierungen erdrückt wurde, und nun seit mehr als dreißig Jahren in beständigen Zuckungen von Kampf und Ringen um Freiheit sich befindet, und wir können hohe Bewunderung einem Volke nicht versagen, das aus Knechtschaft und Bruderkrieg noch so viel Würde und Rechtssinn gerettet hat. Das Elend erzeugt stets Verbrechen, und ein Elend herrscht jetzt in Spanien, von dem schwer Rechenschaft zu geben ist. Die Regierung folgt dem unglücklichsten System der Welt, sie ist in beständigen Verlegenheiten, selten verfügend über Geldmittel und kaum im Stande die Armee zu bezahlen. Die Pensionisten sind seit mehreren Jahren ohne Gehalt, und der Mangel führt zu den schauderhaftesten Erscheinnngen, die das ganze Selbstgefühl der Nation untergraben müssen, wenn dieser Zlistand noch lange dauert. Man kennt mehrere Beispiele, daß alte verdiente Ofsi-cicrc buchstäblich Hungers gestorben sind, Mütter verkaufen ihre Töchter und leben kümmerlich von diesem Sündenlohne. Die Armee selbst ist durch die Art des Kriegführens sehr be-moralisirt, und die Officicrc sollen so furchtbar spielen, daß ihre Familien zu Hanse in Entbehrung schmachten. Alle Gegensätze berühren sich in diesem räthselhaften Lande, und deßhalb ist es auch so schwer ein Urtheil darüber ;u sällen. Die Neberzeugung stcht aber fest in mir, daß der Grundcharakttr ehrenvoll ist, daß man die Hoffnung an eine günstige Wiedergeburt durchaus nicht ausgeben darf, und daß, wenn auch das männliche Element in seinen Grundsätzen sehr verdorben und erschüttert ist, doch noch lvahrc Patrioten genug vorhanden sind um Spanien zu retten, unter denen ich die für ihr Vaterland glühenden Frauen obenansetze. Die Regierung ist Null, man hat kein Vertrauen in sie, und sie ist auch ohne Kraft. Die Spanier nlüsftn d.chcr alles für sich selbst thun, und dieß ist viel bei der Spaltung der Ansichten. 247 Wäre Espartero nicht ein eitler Geck, und vielleicht noch etwas Schlimmeres, so müßte der Bürgerkrieg längst beendet seyn, da nach der Einnahme von Morella kein militärischer Halt für Cabrera mehr eristirte, nnd ihm nnr die Flucht nach Frankreich übrig blieb. Erst jetzt wird mir klar was mir in den Zeitungen stets so unbegreiflich erschien, wie nämlich bcr Krieg in Spanien bei den geringen Mitteln der Feinde der Regierung so lange fortdauern konnte. Niemand weiß woher Cabrera diese Mittel nahm, und man vermuthet nur daß er in fremden Banken ein Privat-vermögen von etlichen Millionen besitze, die indessen für solche Anstrengungen nicht ausreichen konnten. Sein Corps bestand aus Missethätern, Galecrengefangenen, Mördern und allem schlechten Gefnidel Spaniens, daher auch der Schrecken den es einflößte, wo es immer erscheinen mochte. Die Grausamkeiten welche von ihnen berichtet werden, scheinen nicht übertrieben zu scvn, und mir haben mehrere Generale versichert daß sie es nicht vermeiden konnten Repressalien zu brauchen, um ihre erbitterten Soldaten zu beruhigen, woher die gräßliche Art dieses spanischen Krieges rührt. Die Vanden zerstreuten sich um der Verfolgung der Nationalarmee zu entgehen, und die Unermüdlichkeit der spanischen Guerillas ließ sie oft Plötzlich in Gegenden erscheinen, die man seit lange für die sichersten gehalten. Es war bloßer Zufall, wenn Reisende oder Couriere eine Zeit lang auf einer Straße ungehindert pasfirten, und die Regiernng in Madrid war oft eben so erstaunt ihre Couriere ankommen, als sie ausbleiben zu sehen. Kein Herzogshut wurde je von den tapfern französifchen Degen so mühelos verdient wie der von Morella durch Espartcro, den Löwen des Tages, allmächtig jetzt in Spanien, obgleich nicht so mächtig wie sein schlauer Secretär, der den bequemen Doppelherzog leitet wie eine Petitemaitresse. Gspartero ist vorsichtig und langsam, er besitzt gemeinen Reitermuth, und rühmt sich mit feinem Gcneralstabc allein Schlachten gewonnen zu haben, welches der spanischen Phantasie schmeichelt. Indessen suchte er seinen sseind mir auf, wenn er ihm wenigstens zehnfach überlegen ist, und wenn es wahr ist daß Cabrera nur wenige Tausende zur Verfügung hatte, wenn es wahr ist daß die Nationalarmec deren über ^veimalhunderttausend unter den Waffen besitzt, bann möchte man den Anklagen glauben, die immer lauter sich aussprechen, daß Espartero geflissentlich den Krieg in die Länge zog, um fort- 248 während unentbehrlich zu bleibe», und am Vnde, wie Viele bei« fügen, die Metatur sich anzumaßen. Cr ist nun auf den Punkt gekommen, wo ehrgeizige Männer stets gefährlich werden, denn der Swat hat ihm keine Belohnung mehr zu bieten. Nachdem mau ihm das goldene Vließ gegeben, das nur fürstlichem Geblüte gebührt, so blieb nichts übrig als ihn zum Prinzen zu erheben, oder ihm die Zügel der Regentschaft zu übergeben. Wenn mau dieses Kriegführcn der Spanier betrachtet, so möchte Ulan glauben daß es ihnen zur Gewohnheit, zum Bedürfniß geworben ist, und daß sie sich in diesem Zustande beständiger Ungewißheit und Unsicherheit wohl befinden. Die Araber brauchten nur zwei Jahre um Spanien zu erobern, die Spanier aber acht Jahrhunderte, um sie von ihrem Boden zu vertreiben. Nie waren sie einig um einen großen Zweck zu verfolgen, beständig standen sich die so verschiedenen Stämme feindlich gegenüber, uud nur zwei Momente gibt es in Spaniens Geschichte, wo das Voll Eins war, unter dem eisernen Regimentc Philipps II und in dem Kriege gegen Napoleon. Wenn man wahrhaft spanische National-momente sehen will, so gehe man nach dem Escorial und zu dem Obelisk am Prado, den Mancu der am zweiten Mai Gefallenen geweiht, deu Murats Untlugheit »nd mit ihm die Revolution von ganz Spanien hervorrief, an dem Madrid in Trauer geht, und alle dort anwesenden Spanier vor dem Obelisk knien. Sonst aber vergesse man nie daß Spanien eben so wenig je ein constitutio-ncllcr Staat seyn kann, als es niemals reine Monarchie war, denn der Aragonier, der Andalusier, der Castiliancr und der Baske, bilden jeder ein eigenes Volk, in Sitte uud Sprache sich kaum verstehend. Spanien muß seiner Natur uach ein Föderativstaat seyn, und wird zu allen Zeiten großen Auftvand von Negierungsge-mnidtheit bedürfen, um vereint zu bleiben und als Nation zu wirken. Von dieser politischen Stellung und Form war man aber kaum jemals weiler entfernt denn jetzt, und die Staatsgewalt hat kein einziges Talent aufzuweisen, das der Nation Vertrauen einflößen könnte. Tie Nation, das eigentliche Volk, ist indolent llnd möchte Ällhe, es gehört dein der zuletzt spricht, und ist eine Bellte der Führer in den Städten. Man glaube ja nicht daß dieses Volk Partei nimmt, und wie ich überhaupt ciue auffalleude Aehnlichkeit zwischen den spanischen uud griechischen Zuständen stnde, so auch in den politischen Elementen der untern Classen «49 beider Völker. Das Herz blutet Einem, wenn man in diesen Ländern herumwandert, und den vorherrschende», verberblichen Einfluß niedriger Parteileidenschaften sieht. In Spanien fehlt die kräftige, unerschrocken aber ernst "zum Ziel führende Hand des Herrschers, denn gesunkene Nationen kann nur Strenge zur Pflicht führen, und Milde darf nur das Werk krönen, wenn es vollendet ist. Ich sah die beiden Königinnen nur zweimal im Prado fahren, unter Garde du Corps-Escorte, und dann die Königin Christine allein mit einer Dame zu Pferde, ohne Begleitung. Sie ist beleibt uub freundlich, ja in dieser huldvollen Zuvorkommenheit sehr anziehend. Ihr Ausdruck ist der der Gütmüthigkeit, welche auch allgemein anerkannt ist, und sie populär und geschätzt macht. Sie ist übrigens eine rein figurirende Person, da man weiß daß sie durchaus Passiver Natur ist, und das spanische Volk zeigt daß es keine kleinliche Gesinnung hegt, weil man ihr Verhältniß zn Munoz ganzlich ignorirt. Dieser lebte zurückgezogen und in den untern Gemachern des Palastes verborgen, er erschien höchst selten im Publicum, das übrigens gar keine Notiz von diesem als reiue Privatangelegenheit betrachteten Liebesverhältniß nahm. Sein Vetter ist Intendant derCi'.'illiste, allein beide enthielten sich aller Einmengung in die Staatsverhältnisse. Die beiden Kinder, welche die Königin von ihm hat, werden in Frankreich erzogen, und obschon das Testament Ferdinands seiner Gattin weit über hundert Millionen znwics, so befleißt sie sich doch großer Sparsamkeit, um ihren illegitimen Nachkommen anständiges Vermögen zu hinterlassen. Die junge Königin Isabclle, welche uuu zehn Jahre zählt, ist stets kränklich und deßhalb oder unter diesem Vorwandc mit ihrer Mutter nach den Seebädern von Barcelona abgereist, wobei zu ihrer Begleitung sechstausend Mann ans dem weiten Wege dahin nöthig waren. Daß diese Verwendung von Truppen ill einer Zeit, n'o das ganze Land mit Factiosenbandeu überschwemmt ist, ungern gesehen wnrde, laßt sich leicht denken. Die arme Königin, wie mag sie sich aus ihrem Palaste nach dein lebcnsreichen Neapel gcschnt habcn, wie ehemals ihre unglückliche Vorgängerin Elisabeth aus den düstern Krcuzgängen des Escorials glühende Wünsche nach ihrem schönen Frankreich sendete. Um ihr von Soldaten und Kanonen umringtes Schloß wächst Korn und Unkraut, aus dem Zigeuner und Vettelvolt sich Abends aus- NA dehnt und Ungeziefer absucht, während am Gegenpole dcr Stadt der Glanz Spaniens auf demPrado leuchtet. Ohne Freund, ohne Hülfe, ohne Rathgeber, stand sie zwischen den feindlichen Parteien einer Nation eingezwängt, fremd ihrem brudermörderischen Streite, eine Fremde unter den Verbrechen des Bürgerkrieges. Von einer trunkenen Soldateska in ihrem schönen la Granja überfallen, wagte sie selbst nicht mehr ihre reizenden Landschlösser zn bewohnen, die arme Gefangene im schweren Purpur. Es ist in Madrid ein unverkennbares Streben nach geistiger Vildmig, denn man sieht ein dasi die Vorwürfe des Auslandes nur zu gerecht sind. Die politischen Journale verringern sich an Zahl, die litcrarischen Zeitschriften vermehren sich und die Reviews und andere kritische Blätter scheinen mir gediegen. Die spanische Sprache hat seit Cervantes ihre ganze Reinheit bewahrt, allein die unglückliche Nachbildnngssncht, »relche schon in politischer Beziehung so viel Unglück stiftete, wollte sich eine Zeit lang zu fremden Sprachwendungcn hinneigen. Die spanische Akademie, welche seit einem Jahrhundert über die Reinheit der Sprache wacht, setzte nun einen Preis auf die Nachweisung jeden spanischen Wortes, das durch ein fremdes ersetzt wurde, und hierin müssen wir Deutschen uns am meisten beschämt fühlen. Diese Akademie besteht länger als ein Jahrhundert, und macht es sich zur Aufgabe» die Sprache rein zu erhalten, und den Sinn derjenigen altspanischen Worte zu erläutern, die nicht mehr im Gebrauche stehen. Ihr Zireck ist Verständniß dcr alten vaterländischen Werke und die (Ersetzung der in die Landessprache sich eingeschlichencn fremden Allsdrücke durch solche, welche ihnen im Idiom dcr Ursprache am bcsten entsprechen. Von Zeit zu Zeit gibt dttse Akademie ein Wörterbuch heraus, worin alle Veränderungen, welcbc Gebrauch, Bedürfnis; und (sonvcnicnz in ihre Sprache eingeführt haben, nachgewiesen sind, und fügt zuweilen Sprachlehren und Sprachreinigungßschriftcn bci. Martinez de la Rosa, Ätavarrete, Quintana, so wie die talentvollsten Männer Spaniens nehmen an diesen Läutcrungöproclsscn Theil, und das ganze Institut genießt in Spanien der allgemeinen Achtung und Theilnahme. Seine Sprache veredeln, hcisit aber immer sich selbst auf eine höhere Stufe stellen.— Die Akademie dcr Geschichte ist bcinahc eben so alt wic die der Sprache. Mitglieder verpflichten sich zu Ausarbeitungen, welche auf Do-cumente gestützt seyn müssen, und wodurch zweifelhafte historische Angaben berichtiget werben. Diesen Akademikern stehen alle Bibliotheken und Vüchcrschätze offen, und eben jctzt werden alle Institutionen und Beschlüsse der alten Cortes bis zum dreizehnten Jahrhundert herausgegeben. Cine solche Anstalt kann nur gute Früchte tragen, und die Geschichte Spaniens ist unter denen Curopa's vielleicht die am gründlichsten erforschte. Die Regierung sorgt für Ankauf der Bücher und Erhaltung der Archive, und von jedem wichtigen Document der Zeit erhält diese Akademie eine Abschrift mitgetheilt. — Das hydrographische Cabinet veröffentlicht die Reisen der alten Spanier, immer nach Documenten aus den Archiven bearbeitet, nnd eben jetzt erschien die schlichte Erzählung des Steuermanns, welcher mit Columbus die Reise nach Amerika gemacht hatte. Dieses Instr-tut ist in Verbindung nut allen ihm verwandten Anstalten Europa's, und gibt auch See- und geographische Karten von vielem Werth für den Handel heraus. — Das Athenäum ist eine wissenschaftliche Gesellschaft, an welcher alle Personen in Madrid Theil nehmen, die durch Kenntnisse, literarisches Bedürfniß oder höhere Bildung hervorragen. Gegenwärtig zählt sie fünfhundert Mitglieder, deren jedes monatlich einen Piaster oder Kronen-thaler bezahlt. Es sind siebenzehn Hörsäle oder Lehrstühle in diesem großen Locale, wo die ausgezeichnetsten Männer unentgeltlich das wißbegierige Publicum unterrichten. Hier kann man in Einem Tage Vorträge übcr deutsche, griechische, englische, französische, arabische und vaterländische Literatur hören, einem Curs über Geographie, Geschichte, Geologie und Physik beiwohnen und nebenbei frcie Vorträge über Archäologie, poli-lische nnd sociale Ockonomie, Philosophie des Rechtszustandes, ncbst Erläuterungen der Landesgesehc mitnehmen, alles dieses mannichfaltige Wissen von Männern vorgetragen, die mit zu den erhabensten Geistern zahlen, Männer wie Galianv, Venavides, Pacheco, Vallc, Lasagre, die von den Debatten der Kammern oder den Vcrufsg» schäften in die Säle des Athenäums eilen, um ihrem Volke Weisheit uud Licht zu spenden, wo »ü'hrerc tausend Zuhörer ihrer stets ungeduldig harren. Das Athenäum hat eine schätzbare Bibliothek und jedem zugängliche Lesezimmer, wo die bedeutendsten Journale dcs Auslands, sowohl politische cils lite- 352 rarische, aufgelegt sind. Dort findet mail ferner physische und mineralogische Sammlungen, und auch die schönen Künste finden daselbst ihre Vertreter, wie denn überhaupt das mil« llulc-i des Horaz das Grunbprincip dieser interessanten Vereinigung und ihr höchstes Ziel Belehrung auf angenehme Weift scheint. Martinez be laNosa ist Präsident dieser Gesellschaft, und dieß wäre schon hinlänglich um alle ihre Vorzüge und Annehmlichfeiten zu bezeichnen, denn Martinez ist einer der geistvollsten und liebenswürdigsten Männer Spaniens. Wer aber nach Madrid kommt, lasse sich immer zuerst ins Athenäum führen, er lernt dort die interessantesten Menschen der Hauptstadt kennen, und kommt in einem Tage weiter als sonst in Monaten. — Wie nun das Athenäum sich vorzüglich zum Zweck setzt Wissenschaft und Literatur zu fördern, und das Lyceum, das wir später berühren werden, sich mit den schönen Künsten ausschließlich be-> schäftiget, so finden wir eine andere «nd ebenso verdienstvolle Gesellschaft für die Kenntniß des Nützlichen und Nothwendigen in dem fthv zahlreicheil spanischen Institut, das sich dem Fortschritt der Kunst und des Handels weiht, und mit dem Reiz der Unterhaltung den der Belehrung Verbinder. Hier finden wir Lehrstühlc für Staatswirthschaft, Geometrie, Mechanik, Zeichnen, Mathematik, Numismatik, Stenographie, kaufmännische Rechnung, die Art die Handclsbncher zu führen, französische, englische Sprache, Mnsit lind viele andere Tinge, dic heterogen scheinen, aber dem edlen Lerntrico dieser Nation alle Thore aufschließen.— Die philharmonische Gesellschaft ist aus allen Meistern und Dilettanten der Musik zusammengesetzt, deren jeder eine kleine Veistener gibt, wovon Bälle und Concerte bestritten werden, und überdieß noch unentgeltlicher Unterricht in der Musik ertheilt wird. Tie besten spanischen Compositeure, Ieceuga, Carnicer, Tradier, Saldoni, Aquado sind Theilnehmcr dieser Anstalt. Alle dic öffenllicheu und wissenschaftlichen Anstalten wetteifern mit unsern besten Instituten, die polytechnische Schule, das Naturaliencabinet sind musterhaft, in lctztcrm das einzige Lrcm-plar dcs Mastodons, des größten Thiergerippes, was alts der Vorzeit auf uns gekommen. Tas Lese-Institut des Herrn Mou-nin ist reich und besitzt alle bessern englischen und französischen Blätter, jenes Athenäum aber, als großer Privatlese-Club, würde selbst den großen Weltstädten Ehre machen. 353 Es ist erstaunlich wie viele Journale allein in Madrid herauskommen, und ich will hier, da ich diese Erscheinung noch nirgend hervorgehoben gefunden habe, nur diejenigen aufzählen die mir zu Gesicht kamen, obschon ich weiß das, ihrer noch mehrere sind. Die Regierung besoldet drei Blätter, die s^oe«.-,, das lj>»!'iu und Nnielin uüel^i. Politische Zeitungen sind der «ll?! ^«iinl?»^!«^ NenzüFM'c», s^l,zr«1^nc», ituraccln, «I i>ioset.i. Von diesen sieben Blättern sind zwei eraltirte, vier moderirte, eines halb absolutistisch-, denn dieß sind die Schattirungen der gegenwärtigen Parteien, wovon bekanntlich die erste durch die Aufhebung der Regierung gesiegt hat, die zweite aber durch den Sturz <5spar-tero's die Regentschaft vertreiben wird, weuu uicht dadurch schon der Allsbruch der Anarchie bezeichnet ist. Wissenschaftliche und literarische Blätter sind der 8emnnnv>c> ^>into,'o«ct», I'anoi'im^, Nevl5tl» clo ^l«<1>i<1, 1i> I^^ernn/n, I^ntvenct«, ^Ii»'i^o8l>, V«^n,'ia in»,il!mi,, lilltniNeto 1i!»'>nlore5«i» o^anoi«, I^N' >, ^Nnnil iNlN'inonicn. Militärzeitungen sind: l!i Vcllüvinn, Nevis!» mliitar, Uolotin wllc«, von satyrischen Blättern das sehr witzige t'i^v s^i-ilnll!«. Wer erstaunt aber uicht über solche Masse von öffentlichen Schriften in einer Stadt, die auf dem Nost des Revolutiouvulkans steht, wo keine Stunde Sicherheit siir den Bestand einer Megieningöforin bietet, und wo u«an glauben sollte daß die Furcht vor neuen Nmwälzuugen alles geistige Bedürfniß in den tiefsten Hintergrund verdrängt hätte. ssin tröstender Anblick ist es, wie die Klöster entweder zu edleren Zwecken verireudetoder;u Wohnhäuseru neu eingerichtet werden, no^ durchMadrid bereits jetzt schon bedeutende» Zuwachs an den schönsten, großen Häusern erhielt, an denen es ohnehin keinen Mangel leidet, So ist den Invaliden eines der größten Klöster eingeräumt, und es ist eine Freude den alten Marschall Palafor, ihren Chef, wie einen Ca^ meraden unter ihnen zu sthen. Ich wurde gütig von ihm aufgenou^ men und speiste mit dcu Veteranen, uuter denen ich einige Franzo^ sen und finen Deutschen traf, der es sich nicht nehmen lieh mich persönlich zu bedienen. An dieses Iuvalidenhaus stößt die berühmte Kirche vou Antochia, mit den vielen Fahnen und demManen- 354 bilde, an das die Könige von Spanien sich in allen ihren Verlegenheiten und Zweifeln zu wenden Pflegten. Die Armoria ist wie so viele andere, und man sieht Waffen aller Zeiten, Nit-ter zu Pferd, aber nicht so viele wie im Tower und in Dresden. Allein andere Schätze finden wir hier, einzig in ihrer Art, und die Degen des Cid und des großen Gonsalo dc Cordova, des Saracenen Voabdil und Ferdinand Cortez, Karls V und Philipps II, liegen hier beisammen, zunächst der Tragbahre und dem Lchnstuhl, deren Karl V sich in de» Feldlagern bediente. Auffallend ist dasi weder hier noch sonst in Madrid mericanische Waffen aus der ersten Grobernngsperiode sich finden, dagegen sehen wir die ganze Rüstung Pizarro's, und des Eroberers Jacob vollen Waffenschmuck neben den Helmen und Panzern der unglücklichen Mauren. Die meisten Granden leben im Auslande, nnd werden nicht vermißt und nicht bedauert; der Palast Olivary, wo die Königin dem ersten Balle beiwohnte, ist ein Staatsver-waltuugshaus geworden, die der Medina (5oli, Medina Sidonia, Villahcrmosa, Villafranca, Infantado, stehen leer. Der Fne-bensfnrst, an dem die Nemesis gerechtes Amt geübt, lebi in einer Pariser Mansarde iu äußerster Dürftigkeit, n»d seine Gattin, die Herzogin von Vassano, hicr zurückgezogen. Wie aber die Klöster zu wohlthätigen Zwecken verwendet werden, so auch diese Paläste, und der des Friedenöfürsteu, den ihm die Stadt geschenkt, dient jetzt mit st inen gemalten hohen Hallen der sebr guten Ingenieurschule, mit allcn Modellen, und unttr anderm der ältesten Kanone lind den rothen Fahnen des (>'ortez, die, bereits im Vesitz dcr Mericancr, ihnen wieder abgenommen wurden. Das Artilleriedevot enthält beinerkenswerth viele zwölf-pfundige Hanbizkanone», welche den Carlisten abgenommen wurden, nnd die von einem Maulthiere gezogen oder auseinandergelegt aus Maulthiere gelegt werden können, Sie sind zweirade-rig, mit geschlossener Gabel versehen, und die Armee hat dieselben von etwas verschiedener Construction, doch von demselben Kaliber, leinen Schatz aber besitzt Madrid, dem alles Aehnliche in (niropa nachstehen muß, eo ist sein Museum. Nachdem die kostbaren Gemälde aus den» ssocorial und dm Sammlungen dcr Infanten d.nnit verbunden sind, ist diese Sammlung wohl die reichste oder wenigstens die vorzüglichste der Wclt, und die herrlichsten Raphnele und Correggios haben Mühe ihren unsterblichen 853 Ruhm neben den spanischen Meistern zu behaupten. Wenn man bedenkt was der französische Krieg in diesem Lande zerstört hat, und »renn es wahr ist daß über dreißigtaustnd Bilder ins Ausland verschleppt und verkauft wurden, so muß man erstau-nen über das was man noch hier findet, und ich kenne keine Sammlung, die so durchaus Vortreffliches aufwiese, ohne alle Vermengung mit Mittelmäßigem. Der obere Theil des langen Gebändes enthält vier große Säle die ihr Licht von der Seite, und einen Mittelgang der es von oben erhält. Wenn dieß letztere überall der Fall wäre, so dürfte man das Madrider Museum mit der hierin uuübertrofscnen Müncheuer Pinakothek vergleichen. Der Eingang ift von der linken Seite vom Prado auf, und ein Portikus führt in eine kreisförmige GntrHalle, deren Kuppel von acht Granitsäulen getragen wird. Hier sehen wir in den Seitensälen die spanischen Vilder, wovon nns kaum einige Namen bekannt sind, in jener ihnen eigenthümlichen, tiefen Färbung, so unbegreiflich in dem Lande lachender Tinten. Welche Wirkung müßten diese dunklen Formen erst hervorbringen, wenn die spanischen Meister die Danae und Venus hätten malen bür' fen. Welche Contraste der alten Meister berühren sich hier rmd führen dennoch zu einem großen Zweck! Wie hat sich dagegen die ganze Gluth des spanischen Südens in den Formen und irdischen Reizen ihrer ätherischen Madonnen ausgegossen, während die Italiener ihre Schönheit nnr iu den verklärten Gesichtszügen ausdrückten. Wie stechen aber auch diese mit der höchsten Macht andalusischer Neize ausgeschmückten spanischen Marienbildergegen die hier im Ueberstuß besludliehen üppigen Fleischmassen Nnbens ab, wie die brauttgefärbten Schönheiten von Sevilla und Granada's glühende Modelle gegen die weißen Gesichler uud gelben Haare Guido Reni's, ja selbst gegen Correggio'o herrliche Bilder, obschon Ausdruck von Seele und irdischer Siunenmacht bei Vergleich» ng stets die Wagfchate auf die Seite der Spanier herab-drüclt. Allein wie man sich immer von den Meisterwerken der Velasquez, Murillo, Morales, Ribera, Iuaius, Rizi, Nibalta, Zurbaran und so vieler Andern hat hinreißen lasse», so kehrt man doch immer wieder zum Triumphe Ülaphaels, zu der Herr-licheu Perle der heiligen Familie lind der so überaus rührenden Virgen del Pe; zurück, gewiß eine der vollendetsten Arbeiten des größten Meisters. Auch das untere Geschoß ist mit Gemälden, 236 besonders ein Saal ganz mit Rubens auffüllt, und der Neberstuß ist so groß, daß Treppen und Corridors mit ausgezeichneten Bildern mußten behängen werden, bis oben Raum gemacht ist. Der Antikensaal enthält nichts Hervorragendes, allein Aufstellung und Arrangement sind ganz ausgezeichnet. Tie rasche Aufhebung der Klöster hat keine guten Früchte getragen, allein ihre Kunstschätze flössen in die Nationalsamm-lungen, und jede größere Stadt hat nun deren angelegt. In Madrid ist das Kloster S. Trinidad mit kostbarenBitdern angefüllt, worunter sich besonders ein Murillo auszeichnet, wie ich keinen schönern im Museum gefunden. Der liebenswürdige Director Madrazo, der mich mit Güte überhäufte, zeigte mir mm auch seine Privatsammluug, die einem Königspalast Ehre machen würde, und er hätte vor allem eiuen Palast nöthig, nm sie würdig aufzustellen. So sehen wir aber bald einen unschätzbaren da Vinci hinter einer Thüre, bald finden wir in der Dunkelheit einen herrliche» Vau Dyk, oder einen Tizian in einer Vebientenkammer, welches Niemand mehr bedauert als ihr Besitzer, der die Hälfte seiner Schätze gar nicht aufstellen kann. Madnizo besitzt mehrere der ersten Van Dyks, die mir je zu Gesichte gekommen, und Tiziane aus der besten Zeit. Seine Guidos, da Vincis, Correggios geboren zn den besleu, nnd die spanische Schnle ist hier dnrch Zeresi, Vares, Murillo und Velas-ques »nd viele andere ersten Ranges repräsentirt, die uns kanm dein Namen nach bekannt sind. Der englische Maler West, mit den» ich diese Sammluug besuchte, war uicht wenig erstaunt, hier Meisterwerke zu finden, deren Verfasser er nie früher hatte nennen hör,'n. Gan; ausgezeichnet sind die zahlreichen Thirrstneke Snvders, und lines der schönsten Bilder Rnbens, der Triumph der Religion; allein die Krone der Sammlnng ist die heilige Familie des Correggio, ein Vilb, wie ich schöneres von diesem Meister nichl glühen. Welche Kunstffl'älu' stbließl Madrid in sich, nnd wie reich sind hier die Privatsaminlnngen, besonders die Galerien der Herzogin S, Fernando, und d,'5 v'rascn Altannra. Die alte schöne Kunstzeit erwacht jetzt wieder in ganzer Stärke, und mitten unter den Gräueln dcö Kriegis entsteht hierein Konservatorium, wo jeder Künstler sein Werk ausstellen kann, und es repräsentirt der erste Künstler Spaniens, Carderera, das Lyceum, eine Art Künstlervercin im buchstäblichen Sinne des Wortes, 357 da sie dort in den stolzen Grandenhallen brüderlich zusammenleben, eine wahre Kunstrepublik, und jeden Fremden ächt spanisch, daß heißt mit der größten Herzlichkeit bei sich aufnehmen. Dieses Lyceum ist ein Verein von mehr als sechshundert Personen, unter denen sich sehr viele Damen befinden. Auch hler wird monatlich ein Thaler bezahlt, und alle Beiträge dienen zur Förderung der Kunst. Das Lpceum hat den Palast Villahermosa ssemiethet, der einer der vorzüglichsten Madrids, und durch seine Lage am Prado und nahe beim Museum jedem Theilnehmer bequem ist. Am Donnerstag versammeln sich allc Mitglieder zu einer sogenannten Competenzsitzung oder Schiedgericht, und hier sieht man Männer und Frauen mit Orl- und Aquarellmalen beschäftigt, die Bildhauer arbeiten an ihre» Modellen, die Graveurs in Kupfer und Holzschnitten, und während alle Künstler thatig sind, wechseln Musiker und Dichter unlcr sich ab, indem die einen ihre eigenen (Kompositionen, die anderen ihre Dichtungen vortragen. Ich tatle nie fvüber etwas Aehnliches gesehen, und da alle diese Pro-ductionen, wie alles in Spanien, ohne die mindeste Ostentation gegeben werden, so erscheint diese Ansprnchlosigkeit eben so entzückend, wie die gleichsam von selbst gegebene Ordnung und Harmonie, in dnen Schranken sich dieser Zusammeusluß von Menschen bewegte. Dort sang eine reizende Frau mit der sonoren Metallstimme, wie sie fast alle Frauen dieses Üandeö besitzen, und mk jener Grazie nnb seelenvollem Aliodruck, die hier so allgemein sind', hier brach ein begeisterter junger Poet in improvisirte vor-irefflichc Verse aus jene Schönheit aus, und riß durch sein Feuer und die Melodie seines herrlichen Organs alles zumBeifalle hin; ringsum sitzen und stehen arbeitende, bewundernde und kunstrich^ tenbe Küustler oder Kunstverständige, und über alles legt sich der unbeschreibliche Reiz, den die spanische Frauenwelt verbreitet, sie mag erscheinen wo sie will. So bietet diese Versammlung einen Anblick mib Genuß, die gleich fremd und entzückend wir-ken. Zuweilen werden kleine Schauspiele ans einem kleinen Ge-Mschaststheater aufgeführt, und gewiß sind dieß die besten, die inan in Madrid zu sehen bekommen kann. (^,s vereinigen sich im Lyceum alle Künste, die das Leben veredeln, Malerei, Sculpiur, Kupferstecherci, Musik, Architektur, Declamation, alles zielt darauf hin die Lust dazu in der Nation zu erwecken, lind den wahren Weg zum Schöne» zu zeigen. Alle Leistungen der Künstler müssen 958 original seyn, Tonwerfe, Verse, Schaustücks Statuetten, Zeichnungen werden den Gerichtshöfen unterworfen, streng geprüft, und gewiß nicht gut geheißen, wenn sie es nicht sind. Es ist außerordentlich, welchen Vinstusi diese Gesellschaft auf die Kunst-bildung der Nation übt, und ich nenne gern die Männer, welche den meisten Vinstuß auf diese edle Richtung üben. Auch hier ist irieder Martinez dc la Rosa an der Spitze der guten Sache, und nebst ihm für die schöne Literatur Breton de los Herreros, Es-Pronceda, Torilla, Villalta, Mesoncro. Als Maler finden wi> den herrlichen (3arderera, Esqnival, Villaamit, Madrazo, Alenza, Tegeo. Als Architekten den vortrefflichen Ogarrio, Alvarez, Mariategui, besonders Gomez de la Fuente, kurz die vorzüglich-sten jeden Faches haben sich hier die Hände geboten, um ihr Volk wieder auf die Sonnenhöhe der Kunst zu heben, auf der es vor so lange geleuchtet hat. Ich habe nun die ausgezeichnetsten Männer genannt, und da man in den Galerien die schönsten Vilder aufzählen darf, warum sollte es nicht gestattet seyn anch dle schönsten lebenden Frauen einer Stadt zu nennen, wo Schönheit ein Gemeingut ist, und wo das Schönste ans Wunderbare streift. Wo findet man aber Frauen auf dem weiten (5rdenruube, die sich messen könnten mit den Zauber-gestalten der Pepa Parcent, den Schwestern Veruete, aus Alba's Geschlecht entsprossen, der (5oncha l5arrion, den Argucllas, der Susaua Paloiuares, der Eucarnacion Camarasa und ihrer Schwester der Gräsin Torcno, der Maruja Magallon und Maruja Ro-zas, der Suuta Cruz del Viso und so vieler andern, in denen die Natur den vollendetsten Kranz der höchsten weiblichen Schönheit geflochten, und die mit Stolz Madrid die Seinen nennt. In Spanien gibt es nur Eine Gewalt, nnd diese ist in der Hand der Armee. Alle Revolutionen der neuern Zeit hat die Armee gemacht, und Cfpartero ist nicht mächtig durch seine Siege über die wenigen Factiosos, sondern durch seinen Einfluß aus das Heer, das allein pünktlich bezahlt wird, und das für den glücklichen Feldherrn begeistert ist, weil er ihm glänzendes Avancement verschafft; denn man sage was man wolle, der Geist der Heere liegt nur in der Hoffnung aufzusteigen; wo diese verschwindet, sehen wir überall die moralische Kraft mit der physischen erlahmen. Die Cortes in Madrid waren längst nur ein eitles Schatten,piel fln der Wand, das ein Hauch des SI n„-o, klingt es von allen Tribunen, der Stier wird ausgepfiffcn, verhöhnt, allein die Picabores kennen ihren Feinde und bleiben anf ihrem Posten. Der Stier kommt zurück, da er keinen Ausweg findet, brüllt laut, und lauft gcrade ans den dritten Picadvr los, der ihn am wenigsten erwartet. Hicr spießt er das unglückliche Pferd hinter der Sattelgurte, hebt Roß und Reiter in die Höhe, läßt den Reiter in dieser furchtbare« Stellung, wie wenn er ihn dem Pu-blicum zeigen wollte, und schleudert dann beide zu Voben daß der Picador unter dem Pferde, wie todt liegen blieb. Dann wendet er sich mit Gebrüll zum zweiten, spießt das Pferd mit einem Horn, wirft es um, und der Reiter schwingt sich in di> stm Augenblick zur Seite, uud entkommt mit einein Satze in die Galerie. Mittlerweile hatte sich der erstangegrissene Picador un- 263 ter seinem Pferde aufgearbeitet, und dieses wieder auf die Beine gebracht. Es war gräßlich anzusehen wie die Eingeweide dem armen Thiere bis zum Vodcn herabhingen, allein dessenungeachtet wurde es wieder bestiegen, und mit Spornstichen zum Gehen genöthiget. Vergebens bot aber sein Reiter dem Stier den neuen Kampf an, und menschlicher als die spanische Nation, blc solchem scheußlichem Schauspiele zujauchzte, wendete er sich jedes» mal ab, sobald sich das bluttriefende Pferd schwankend unter der Last des Reiters ihm nähere. Er hatte es ja besiegt, und verschmähte das sterbende zum zweitenmale anzugreifen. Allein wie empört durch die Schamlosigkeit der rohen Menge, die ihn durch ihr Zurufen der Feigheit bezichtigte, stürzte er sich plötzlich in zwei Sätzen auf den noch unversehrten Kämpfer, warf Mann und Reiter nieder, und würde den Reiter getödtel haben, wenn nicht in diesem furchtbaren Augenblicke alle Banderillcros in die Arena gesprungen, und durch ihre Tücher seine Aufmerki,amkeit auf sich gelenkt hätten. Lautfchallcnde Applaudissemcnts krönten jetzt den tapfern Toro, und nun begann ein kleiner Krieg, der mit zu deu schönsten Erscheinungen dieser gefährlichen Spiele gehört. Leicht, gewandt und keck umschwärmen zwölf gleich Figaro in weißseidenen Strümpsen, rothem oder blauem kurzem Veinklcibe, und reich in Silber gestickten anbalusischen Jacke» gekleidete Van-derilleros deu immer rasender werdenden Stier und necken ihn «lit ihren bunten Tüchern, die sie bald über den Kopf werfen, bald vor ihm hinlegen, und sich rasch über die Schranken retten wenn er sie verfolgt. Oft fehlen nur Zolle daß er einen erwischt, und er nimmt dann gewöhnlich Revanche an dem zurückgelassenen Tuch, daö er grimmig zerstampft, oder mit den »Hörnern gegen die Bretterwände rennt, und sie demolirt. Nun versehen sich die Vanderilleros mit ihren Nurfpfeilen, von denen sie den Namen haben, und die mit weiße» Bändern umflochten uub mit Widerhaken an den Gnden versehen sind. Diese nun dem Thiere in den Nacken zu schlagen, erfordert die größte Gewandtheit, und ist, glaube ich, die schwerste Aufgabe im ganzen Kampfspiele. Der Banderillcro laust gerade auf deu Stier zu, der ihm, der Beute endlich sicher, entgegenstürzt. Schon hält er ihn zwischen den Hörnern, schon senkt er den Kopf um ihm den Todesstoß zu versetzen, da empfängt er den Pfeil auf den Hals geschlagen, »nd der kühne Thäter entschlüpft mit einer unbe« 264 greiflich raschen Wendung. Ein Zoll, ein Haarbreit entscheidet hier über Leben und Tod, allem schon umschwärmen alle andern Vanderilleros das schnaubende Thier, und hängen ihm von beiden Seiten ihre Pfeile ein, bis es ganz außer sich vor Schmer; und Wuth ein wahres Löwengebrüll ausstösit, und ganz rasend auf seine Peiniger losstürzt. Von nun an wird der Kampf sehr gefährlich, und der Stier, von den anhängenden Haken gestachelt und in der Nnmöglichkeit sie abzuschleudern, noch wüthender gemacht, kennt keine Furcht mehr, jagt die Vanderillcros in der Arena herum, und folgt endlich einem derselben mit einem Satze, dessen, glanbc ich, kein anderer Stier in Europa fähig wäre, über die Barril-rc in die Galerie. Aber das Opfer seiner Nache war entflohen und alle Toreros und das nnten sitzende erschreckte Pu-blicum schlugen nun auf den unglücklichen Stier los, dessen Leiden indessen noch kein Ende nehmen sollte. Durch eine Doppclthüre wieder in die Arena geschoben, betrat er, am ganzen Leibe mit Blut bedeckt, zum zweitenmal den Kampfplatz, und schien »ncht wenig verwundert sich wieder hier zu finden. Es war ein feierlicher Augenblick, wie der Stier sich überall umsieht, nnd nun gleichsam die nahende Katastrophe ahnet, als die Trompeten schmettern, und ihm gegenüber der Matador erscheint, den bloßen Degen unter dein purpurrothcn Mantel bergend, den er allein tragen darf. Er firirt seinen Feind, und sie stehen eine Weile Aug' in Alig' gegenüber. Dann scharrt er nut den Füßen, bückt sich, nimmt seinen Anlauf, und überrennt seinen (Gegner, der seinen Stoß nicht gut angebracht, und nur durch die Geistesgegenwart der umflatternden Vanderilleros gerettet wird, die durch ihre Tücher ihn ablocken, und durch ihre» ganz eigenthümlichen Zuruf seine Aufmerksamkeil auf sich wenden. Der Matador hatte sich ungeschickt benommen, und wurde ausgezischt. Er suchte seinen Fehler gut zu machen, allein scy es nun daß der Stier durch Vlnt-rerlust schon zu schr erschöpft war, oder seinen (Gegner verachtete, er konnte nicht mehr zum Angriff gebracht werden bis der Matador ihn so sehr reizen und stacheln ließ das; er nochmals, aber matt, aus ihn einrannte, wobei er den Todesstoß ins Genick empfing, wit dem aufstehenden Schwerte im Nacken noch einigemal wie Rettung suchend herumlief, sich dann seinen Platz zum Sterben aussuchte, niederfiel und mit einem brüllenden Seufzer verschied. So endete der erste Auftritt dieses Drama s, unter dsm Toben 565 und Schreien der Menge, würdig einer Tragödie Victor Hugo's oder Alercindcr Dumas' für die Porte St. Martin zu Paris. Drei elegant ausgeputzte Maulthicre kamen angeschirrt aus den Coulissen und schleiften zuerst die beiden todten Pferde und bann den tapfern Stier davon, und die Diskussionen im Publicum begannen. Die Verhandlung der folgenden Acte gleicht der ersten, allein sie sind natürlich in der Ausführung, die Niemand berechnen kann, sehr verschieden. Auffallend ist es daß die Stiere nie den Reiter, sondern stets das Pferd angreifen, und ein großes Glück das; sie nicht den vollen Gebrauch von ihrer furchtbaren Waffc machen, dessen diese fähig ist, auch niemals oder selten ihren Sieg verfolgen, welches eine großmüthige Folge ihrer Kraft ist. Desihalb gehen auch viele Pferde, aber selten Menschen zlt Gnlnde, und diese sind in der Regel Schuld an ihrem Unglücke, au dem das Publicum deßhalb auch wcuig Theil nimmt, denn hicr hat nur der Sieger Recht, er mag Sticr oder Mensch seyn. Von der geschickten Handhabung des Tuches hängt vieles ab, allein das Studium der gewöhnlichen und mechanischen Bewegungen der Thiere ist ein Haupterfordernisi für den Torero, und dieß ein besonderer Gegenstand des Unterrichts in der Tau-romachie. Aber auch Stiere haben ihre Launen, keine Regel ist vhue Ausnahme, aber jl'de Ausnahme von der Regel ist hier der Tod eineS Menschen. Die Toros und Toreros hatten durch fünf Gauge mit abwechselndem Glücke gesümpft, als ein kleiner Stier mit gewaltigen Sätzen in die Vahu sprang, sogleich den ersten Picador an die Wand schleuderte, uud das Pferd an ihr todt drückte, dem zweiten Pferde das Herz durchstieß, uud dem dritten die Eingeweide herausriß. Alles dieß war das Werk eines Augenblicks, die Reiter hatten sich mühsam gerettet, die drei Pferde lagen sterbend umher, und der Stier rannte, nach neuen Opfern suchend, wie besessen umher. Die Vlniderilleros sollten schon längst herunterseyn, aber es war wie wenn alles über diesen tollen Angriff erschrocken wäre. Das Publicum lärmte und stampfte mit den Stocken, und hätte wohl gern den tapfern Toro von Gavina, der besten Race Spaniens, im Triumvhe herumgetragen, wenn er sich nicht so unsinnig gebärdete. Da that sich die Thür auf, und qanz allein trat cm im>fr Matador herein, dm Scharlachmantel Wß so malerisck) auf dem linken Arm drapitt, das blanke Schwert so spielendkräftig tragend, und in seiner ganzen Erscheinung so leicht, so fest, so sicher, daß man sich Außerordentliches von ihm versprechen mußte. Ein weder diesen Abend, noch ich glaube je in meinem Leben gehörter Beifallssturm brach los, der schönste Willkommgruß für einen tapfern Ritter, und ein aus tiefer Brust mit tiefer Altstimme hervorgestoßenes ,,äiv!n« Munteg" einer neben mir sitzenden Dame belehrte mich wem der Empfang galt. In der That, Monies verdient die Anerkennung der schönen Spanierinnen, uud die Aufgabe, die er sich heute gesetzt, war schon allein im Stande eine große Reputation zu verschaffen. Monies konnte dem Publicum nicht danken, denn der Stier nahm sogleich seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Gleich einem Löwen brüllend und Sprünge machend, fuhr er vor dem ihm entgegengehaltenen Mantel des Matadors herum, der anfangs stehen blieb, und das Thier strirte, denn das Auge spielt hier wie bei schlimmen Pferden eine Hauptrolle. Es ist dieß stets ein höchst kritischer Moment, wo alles in Spannung schwebt, hier aber war Montcs allein, ohne alle Hülse in der großen Arena, nnd seine Lage höchst gefährlich. Der Toro setzte an auf ihn einzubringen, und machte anch den Angriff so rasch daß Montes überrannt werden mußte, wenn er nicht so außerordentlich gewandt war, und nun entstand ein förmlicher Zweikampf, wobei die List des Mannes stets die unbändige, noch ganz ungebrochene Kraft des wilden Thieres zu paralysircn wußte. Dieses furchtbare Spiel dauerte vielleicht fünf Minuten, allein was lag in dieser kurzen Zeit für eine Ewigkeit, woran hing hier ein Leben, das ein Fehltritt, eine nicht berechnete Bewegung des Stiers, auf der Horuspitze endet, wie dieß das Schicksal seines großen Vorgängers Romero war. Die Znschauer verlangten daß man Montes nicht mehr länger allein lasse, allein in diesem Augenblicke hatte dcr Stier den ihm übergeworfenen Mantel durchbrochen, und Montes in dem Augenblick, wo er ihm den Degen einrennen wollte, umgeworfen. Ein Schrei des Entsetzens flog durch den Circus, denn Montes war verloren, eben durchbohrte ihn der Toro mit einem Horn. Allein Montes gab sich nicht; eine mir noch jetzt unbegreifliche Wendung des schon liegenden Körpers brachte ihn anßcr dem Stoße, »nd nun ergriff er ein Mittel, wohl das einzige was ihm überblieb, aber auch 267 das verzweifeltste von allen. Unfähig zu entfliehen, faßte er den Stier an einem Horn, begegnete dem Versuche desselben ihn da» mit in die Luft zu schleudern dadurch, daß er sich selbst einen möglichst lebhaften Schwung gab, und auf den Rücken des Stieres niederfiel. Er warf sich rückwärts von diesem hinab, und wäre nun doch am Ende zu Grunde gegangen, wenn nicht die Ban-derilleros, feinen Befehl ihn allein zu lassen nicht länger respec-tircnd, sich von allen Seiten her auf die nun vollends in höchsten Aufruhr gerathene Vcstie geworfen hätten, die aber bald einen uon ihnen im Sprung über die Vallustrade erreichte, und ihn derart am Vein quetsche, daß er sogleich ins Spital gebracht werden mußte. Montes trat nun wieder zum Kampfe hervor, und hatte das Glück auf den ersten Angriff des Thieres so sicher den Degen auf die rechte Hcrzstellc zu bringen, das; der Stier augenblicklich todt umfiel. Das Entzücken des Publicums kannte keine Gränzen, und ich glaube daß dich wirklich großartige Scene hätte den Schluß bieten sollen. Allein die Spanier können nicht satt bekommen, und es wurde fortgearbeitct, obschon die Nacht bereits hereinbrach. Ein Stier aus Estremadura sollte heute seine ersten Pro-» ben machen, man hatte die Erwartungen hoch gespannt, und die Dilettanten betheuerten er würde Wunder üben. Das Wunder-thicr erschien, uud tamn hatte cr dio Lanzen gesehen, als er sich wegmachte nnd zu fliehen trachtete, worauf ein unauslöschliches Gelächter folgte, um fo mehr, als man ihn so hoch gepriesen hatte. Alle Reizmittel der Vanderilleros waren erschöpft, man konnte ihn nicht ercitircn, nnd der Ruf ,,^e,-ro5, pei-rozl" donnerte durch das Haus. EZ ist der größte Schimpf der einem Stier widerfahren kann, wenn die Hunde auf ihn gehetzt werden, u»d man fchreitct ungern zu diesem ertremcn Mittel. Iu-erst wurden nun die Hakenpfeilc brennend in dcn Rücken des Thieres geschlagen, ein Stimulanzmittel, das freilich die zahmste Natur aufregen muß. Er fuhr ganz verwirrt herum, suchte sich die feurigen Dornenkronen abzustreifen, und in diesem Moment stürzte ein Duzend englischer Bulldoggs herein, uud mit höllischem Klaffen auf das brennende Thier ein. Menschen hatte er nicht zu bekämpfen gewagt, aber von Hunden wollte er sich nicht besiegen lassen, und das Morden, das jetzt entstand, hatte den ganzen Abend noch nicht ähnlich stattgefunden. Die großen «68 Doggen flogen in der Luft umher, etwa wie die Kugeln des Jongleurs, wovon immer drei bis vier in der Luft tanzen, und die Hälfte lag schon todt niit heraushängenden Eingeweiden auf der Walstatt umher, mehrere rvaren kampfunfähig, und nur einer hatte sich dem Stier an ein Ohr gehängt, den er aber an der Wand todt drückte. Eo blieb dieser anfangs so verspottete Toro Sieger; da er aber aus vielen Wunden blutete und gleich einem Betrunkenen hcrumtaumelte, so sendete man ihm den Cachetcro, der ihm den Knickfang gab, »romit denn die ganze Verhandlung ein Ende nahm. Das letzte Gefecht, war schauerlich anzusehen, da die Pfeile immer auf dem gehetzten Thiere fortbrannten, und der Scene jenen blutrolhen Anstrich gaben, den ein Niederländer Maler bei Lichteffect so gut darzustellen wußte. Allein dem spanischen Publicum kann nichts zu blutig gemacht werben, und ob ich gleich gestehen muß wenige Damen vom Stande in dieser Versammlung bemerkt zu haben, so sah ich doch eine Menge Kindsmägdc, und ein kaum zwei Jahre altes Kind, das hinter mir auf dem Schooße einer Fran saß, äußerte seine ächt spanische Theilnahme au den cm-pörendsten Scenen durch fortwährendes Stampft» und Trommeln auf meinen Schultern. Es ist ein Vorrecht der Versammlung ein Stuck der gleich geschlachteten Stiere mit nach Hause zu nehmen, wo es mit größter Andacht von der Familie verzehrt wird — gewiß ein wahrhaft heidnischer Leckerbissen. 26. Der Frohnleichnamstag in Madrid. Feierlich tönen bei uns beute die Glocken zum festlichen Morgen, die Procession des Corpus Christi entwindet sich in unabsehbaren glänzenden Reihen den Portalen der Kathedrale, durchziehend die blumenbcdeckteu Straßen, «nd in stiller Feier verlebt die andächtige Bürgerschaft den Nest des Tages, kaum einer Promenade um die Stadt oder in die Gärten sich hinge bend. Wie ganz anders ist dieß in der Hauptstadt der katholischen Könige, welch' verschiedenes Bild bietet uns an diesem Tage Madrid! Um zehn Uhr Morgens sind die acht Bataillone National' garden in den Spalieren aufgestellt, und die breiten langen Straßen, die Callc Ma^or, Carretas und andere, durch welche der Zug geht, sind hoch über den dritten Etagen mit blauen und weißen Decken überspannt, um vor den mörderischen Strahl len der Inninssonne zu schützen. Alle Valeonc bis zum Dache sind mit buntfarbigen seidenen Tüchern umschlungen, durch die sich silberne Draperien winden, und jedes Fenster ist mit eben so geziertem Dache bedeckt, was den größern Altanen das An-seheu reicher orientalischer Zelte gibt. In buntem Gemenge drängt sich die Masse des Volkes durch die Reihen der Soldaten, die mit ächt spanischer Courtoisic den hübschen Mädchen muntere verfängliche Nedcn zusenden, und des Lachens und Muthwillens ist reine Ende. Auf d,n Valeonen aber strahlt alles was Madrid Schönes besitzt, und hier sah ich zum erstenmale im vollen Sonueuglanzc seinen ganzen Reichthum entfaltet. Man schwärmt in den Straften, man bewundert die Sterne des Volkes, man bleibt von Erstaunen gefesselt an jedem Hause stehen, nm den Inhalt seiner Fenster zu mustern, deren stets einer den andern zn überbieten scheint, und die Freunde zogen mich endlich über die steinerne Treppe des großen Palastes Onate hinauf, der den Prcnnpnukt dieses Tages bildete, von dessen 27tt Valcouen mächtige Gobelintapeten herabhingen, dessen Fenster-decoration in Vlau und Silber gleich dem Firmament Gestirne erster Größe unter sich barg, ein Neberströmen weiblicher Schönheiten in einem Hanse hier zusammengedrängt, wie sie vielleicht in ganz Paris zusammen nicht aufzutreiben wären. M war eine Tertulla am vollen Tage, man sang, man spielte, man scherzte, die Anmuth der Frauen bringt Jeden in die behaglichste Stimmung, man ist zu Hause, und die Last des bei uns nöthigen Präsentationszwanges fällt hier bereits beim Eintritts weg, da man jcde Dame in Gesellschaft ansprechen darf, ohne st> selbst je gesehen zu haben. Nirgends lann der Fremde sich gleich behaglicher fühlen, wie unter den spanischen Damen, die so viel Natur, so viel richtigen Sinn und eine so unbeschreibliche Art besitzen Jedem angenehm zu seyn. Ihr Bedürfniß der Unterhaltung läßt sie nicht rnhen, bis sie nicht Alle zu diesem Zwecke vereinigt, und dabei ist es wirklich unmöglich anspruchloser und genügsamer zu seyn. Tie jungen Personen beider Geschlechter und auch ältere Vekannte uenncn sich schlechtweg bei den Vornamen, und es gehört die ganze Feinheit der Gesiunuug und des Umgangs dazu, um hiednrch nicht eine das Maaß übersteigende Vertraulichkeit herbeizuführen, die bei wenigerzartfüh< lendcn Menschen stets zu Mißbrauch leiten müßte. Tic zierlichen Frauen und Mädchen lagerten in ihren malerischen Trachten an den Valconen umher, und welche magische Wirkung diese weißen und schwarzen Schleier hervorbringen, begriff ich erst heute ganz. Tas Spiel des Fächers, der in beständiger Bewegung ist, scheint kein a,auz zufälliges, es ist die Vewegung des Herzens die er ausspricht, und man fann errathe!« was jener junge Man» dort dem Mädchen in der Ecke zuflüstert, wenn mau dcr Falten ilnes Fächers folgt, man lanu errathen was der Fächer jcncr Tame sagt, die ihre Vlickc auf den ferne uub stumm stehenden Caballero heftet, wenn man so glücklich war diese bewegliche Hieroglyphen Hcrzenssprache z» durchdringen. Es stnd viele Damen die fremde Sprachen sprechen, doch noch mehr solche, die nur die des Herzens verstehen, Als mir einige der reizendsten (Geschöpfe, deucn ich mich in einer Fcustcrblüstuug genähert hatte, mit der ihnen eigenen Verbindlichkeit ihr Bedauern ausdrücken ließen, daß sie sich nicht mit mir unterhalten könnten, wagte ich e5 in sehr gebrochenem Spanisch die S7l Versicherung zu geben, daß die Spanierinnen, falls die Natur ihnen auch den Gebrauch der Zunge versagt hätte, in ihren Augen und Mienen Mittel genug besäßen sich verständlich zu machen, worauf ein allgemeines Gelächter erfolgte, und eine Dame als unser permanenter Dolmetscher aufgestellt wurde. Die Leichtigkeit womit diese reibenden Frauen auffassen, und schon auf halbem Wege errathen was man ihnen sagen will, ist wirklich erstaunlich, und wenn es wahr ist daß sie wenig unterrichtet sind, so verliert dadurch ihr Umgang bei der großen Veweglich-keit und Lebhaftigkeit ihres (Geistes durchaus nichts, und ich flir meinen Theil verleihe ihnen den Mangel an Gelehrsamkeit gerne. Wie könnte ich aber einen solchen Znsammenfluß von weiblicher Schönheit schildern, der sich mir in wenigen Stnnden in diesen: Ahalifenharem darbot, Schönheiten sublimer Natur, denen das Siegel der edelsten Abkunft so sichtbar aufgedrückt ist, daß ich fürchten müsitc der Uebertreibung beschuldigt zu werden, wenn ich eine solche Aufgabe lösen zu wollen versuchte. Ich begreife nun wo die großen spanischen Meister ihre Modelle gefunden, ich würde aber nicht begreifen wie anch nur der mittelmäßige Maler hier keine überirdischen Engelskövsc malen könnte. Der Schönheitssinn des Menschen, dem diese Gabe nicht ganz versagt, feiert ein großes Freudenfest; ich glaubte mich in eine Galerie lebender Mnrillos versetzt, und es bemächtigte sich meiner Seele eine Art Trunkenheit, die wir empfinden wenn eine Masse wohlthätiger überraschender Eindrücke unsere Sinue namenlos entzückt. Die Trompeten der Procession zerstörten etwas empfindlich mcincn schönen Traum, und wie konnte ich diesen schmutzigen Waisenknaben und alten Männern einen Geschmack abgewinnen, welche die Avantgarde bildeten, und seit kurzem erst dem Straßen^ bettel entzogen waren, wie diesen alten gebeugte»« Geistlichen mit ihren goldenen Standarten, wie dem mühsam unter dem Thronhimmel sich hinschleppenden moribunden Vrzbischo f, und der silbernen Monstranz, und der silbernen Garde du Corps, und den Natlonal-garden, die mit Musik und die Tschakos auf dem Nucken vorbeizogen. Glücklicherweise war die ganze venerable Colonn e sehr kurz, es war auch nur die Nebensache, diese Procession, und das Leben der Stadt schien in ihr nichtö zu sehen, als einen kurzen Auffchub ihrer Freude, denn nun entleerten sich die Häuser, und das Gewühl von Hunderttausenden begann sich in den Straßen zu entfalten — eine 272 Scene, der man kaum den römischen Carneval an die Seite setzen darf. Jedoch der Anstand des spanischen Volkes hindert jeden lauten Allsbruch der Freude, der dem Italiener Bedürfniß ist, und ruhig zieht man die so dicht gefüllten Straßen auf und ab, welche oft Viertelstunden lang sich ganz sperren, und begnügt sich zn sehen, und gesehen zu werben. Allein was ist hier ancli alles zu sehen und welche neue Wunderwelt erschloß sich mir in den drei Stunden, wo das Gedränge sich nicht einen Augenblick verminderte, und wo die Hitze von fünfundzwanzig Grab Reaumur die weibliche Schönheit auf eine Probe setzte, der nur Spanierinnen siegreich Trotz bieten dürfen. Die Bevölkerung von Madrid ist aus dem ganzen Reiche zusammengesetzt, und jetzt in diesen kritischen Verhältnissen ist sie ausnehmend gestiegen, da alle Familien, die nur einigermaßen es vermögen, sich dahin ziehen, und ohnehin von einem Landaufenthalte keine Rede seyn kann. Madrazo, der geistreiche Vor-stand des Museums und Kenner classischer Schönheit in Bild und Natur, hatte sich unserer kleinen Gesellschaft angeschlossen, und machte sich anheischig mir die cclatantcsten Schönheiten der Residenz herauszusuchen- -eine Aufgabe, die, wie er selbst meinte, nicht klein sey. Er lehrte mich den Unterschied der verschiedenen Provinzen kennen, die so auffallend verschieden im Aeußern wie in ihren Sitten sind. Ta sahen wir die stolze hochbusige Arra^ gonescrin, die blendendweiße mit Nosen überzogene Valencianerin, die stämmige feste untersetzte Vaslin, die liebliche geschwätzige Castilianerin, aber wir sahen immer nur eine Gattung, dieses himmlische Geschlecht der Andalusierin, das mir die Bilder lind Erinnerungen von Malaga und Granada im Zaubcrspiegel vorhielt. Dieser Adel der Bewegung, dieses Tragen des lieblichen Köpfchens, dieses brennende Verlangen im großen breiten Auge, diese feurige Vlässe des Gesichtes mit deu feine» langen Vraueu, dem in dichten Scheiteln die antike Stirne bedeckenden rabenschwarzen Haare, dem Nosenmundc mit den Pcrlenzähncn, diese Taillen, diese Fülle der Form, diese Füßchen, dieser schwebende Gang, nein, so schön die andern Frauen Spaniens und Europas seyn mögen, wahre Grazie, wahren Liebreiz haben doch nur i?ie Andalusierin neu. Cs ist auffallend wie viele Pikante Gesichter man hier sieht, wozu besonders das überall gleich lebhafte Auge und die Beweglichkeit der Mimik beiträgt. Ich bin auch vielen 273 ächt deutschen Gesichtern begegnet, so zart, so sinnig, so beschel. den. wie wir unsere dentschen Mädchen so gerne sehen. Wenn sie aber das Äuge aufschlugen, da glänzte der südliche Himmel, lind es entströmte ihnen unfreiwillig die afrikanische Gluth. Wie die Sonne dcS Orients andere Früchte reift, so schafft sie auch andere Augen. Ein besonderer Reiz der hiesigen weiblichen Welt besteht in dem Auslug des Flaumes auf der obern Lippe, den man an den Italienerinnen nur zuweilen, nicht wie hier in der Regel findet. Was bei uns Eigenheit alternder Frauen, müssen dort die jüngsten Mädchen tragen, allein es liegt ein unbeschreiblicher Reiz in diesen kleinen schwarzen Schnurrbärtchen, wenn der Ernst der gewöhnlichen Erscheinung des spanischen Mädchens sich bricht, die Purpurlippen sich spalten und den weißen Zähnen Raum geben, wenn über diese frischen Farben der schwarze Flau-menrand sich legt, wie der Schleier oder die Blonden der Mantilla über dem leuchtenden Feuer des Augcnpaares. Diesen Morgen war die Nachricht eingetroffen, daß ein Streifcorps der Faetiosos durch die Escorte der Königin angegriffen und ihm über tausend Gefangene nach langem Widerstände abgenommen worden seyen, Es war sichtlich darauf abgesehen, die Königin auf ihrer Etappenreise nach Saragossa gefangen zu nehmen, das Gefecht aber hatte die Escorte der Monarchin glücklich bestanden, »nd es wurde nur dreißig Stnnden von der Hauptstadt entfernt geliefert. Heute traf überdies; das Constitutions-fest, wozu die ganze station eingeladen worden war. Allein was kümmert sich Madrid um Constitution, Krieg und Königin, es will tanzen, und ganz Madrid strömt vor die Thore und tanzt. Wer glaubt hier in dem katholischen Spauien zu sehn, am Frohn-leichnamstag, ringsum die Gräuel des Bürgerkriegs, die Monarchin in Gefahr? Alles dieß rührt den Spanier nicht: er genießt sein Leben, und ohne Tanz ist für ihn krin Genuß. Wer aber ein Volk kennen lernen will, muß es tanzen sehen, und wenn ich in den Mittagsstunden die höhere Welt bewundert hatte, so sah ich Abends die Verschiedenheit der Stämme noch deutlicher; und um zu begreifen, daß die Spanier nicht Ein Volk sind, muß man den Unterschied ihrer Tänze sehen, so verschieden wie ihre Trachten, Sitten und Denkweise. Um fünf Uhr schloß ich mich mit den unzertrennlichen Freun« den den Zügen fröhlicher Menschen an, die in allen Straßen Morgenland und Abendland. II. 2te Aufl. Itz M nach dem Tummelplatz ihrer Freude» wanderte«, und vor den Thoren angelangt, fanden wir alle Plätze dicht mit Menschen gefüllt, denn die noch nicht gemilderte Hitze des Tages war dem Spanier keine Abhaltungsursache des Tanzes. Einer der schattigsten Plätze ist die Promenade der Virgen del Puerto, in der Tiefe zwischen dem Königspalast und dem Flüßchen gelegen, und dichter von Linden nnb amerikanischen Akazien beschattet, wiePrado und Retlro. Auf dem hohen Ravin und oben auf der Straße hatten sich Taufende von Zuschauern gelagert, andere Tausende bildeten sich unten in stets wechselnden und wachsenden Kreisen zu den verschiedenen Nationaltänzen; Orangen, Wasser, Kuchen und Brod wurden au kleinen Tischen ringsum feil geboten, soust aber war von irgend einer Bequemlichkeit ober Ruhebänken keine Rede, denn die Spanier tanzen sechs Stunden fort, ohne einmal an Sitzen oder Ausruheu zu denken. Von einem Orchester oder Vereinigung von mehreren Iustrumeuteu ist ebenfalls keine Rede, sondern die Manipulation der Musik ist die einfachste der Welt. Ein Tamburin, von einer Zigeunerin geschlagen, uud ihr Gesang, sind hinlänglich den Tact zu bezeichnen-, eine Guitarre ist schon Lunls. Diese beiden Instrumente ersetzen die arabische Pauke, und der Gesang bewegt sich gewöhnlich in denselben Weifen nnd Tonarten. Die jungen Leute, worunter sich die hübschen Soldaten auszeichnen, cngagiren nun die Mädchen, und ich war erstaunt über die Artigkeit mit der hier alles sich behandelt, da man sich unter der niedersten Classe von Menschen befindet, welche die Hauptstadt in sich schließt. Ueberall Schcrzrcden, freuudliches Lachen uud Geschwätz, nirgeuds Rohheit, nirgends freches Anfassen nnb Betasten des weiblichen Geschlechtes. Ich sah hier bis zu dreißig Kreisen zugleich tanze», jedes uach seiner eigenen Musik, jedes in Staubwirbel gehüllt, und uirgends eine Unordnung, nirgends die geringste Verletzung der Sitte die bei uns im gemeinen Volke so häufig hervortritt. Die beste Musik war Guitarre und Mandoline, welche letztere in ihren Staccatos bewundernswürdig fertig gespielt wurde, während die erstere ohnehin das ganz allgemeine Iustrumcut hier ist. Der Guitarre-spieler singt dann gewöhnlich die Tanzmelodie dazu, nnd die Musikauteu stehen oder sitzen auf einem schlechten Schemel. Der Platz auf dem die Tänzer sich bewegen ist unbegreiflich be-schxänft, und wird durch die den Kreis bildenden Zuschauer im- «75 mer mehr eingeschlossen. Die Manchega ist der allgemeinste Tanz, und eine Abart des Boleros, aber mit äußerster Passion und Lebhaftigkeit ausgeführt. Die Castagnetten werden von allen Tänzerinnen geschlagen, und das Tragen und Verschlingen der Arme, die raschen Pas der durchaus niedlichen Füsichcn, die man bei den hier üblichen sehr lurzen Kleidern deutlich sehen kann, sind oft von plastischer Schönheit. Die Tänzerinnen wechseln ihre Caoaliere ganz durch, und wem, die Tour vollendet, faßt man sich bei der Hand und geht wie im Cotillon herum, worauf die Castagnetten nieder beginnen. Diese Manchega wirb an Feuer nur durch den Fandango unterbrochen, den bic Castilier vorzugsweise elegant tanzen, während die Manchcga (^igenihum der Mancha ist. Tas bekannte graciöse Anziehen und Abstoßen, die herrliche Pantomime erotischer Liebe, welche der Fandango so lebendig ausdrückt, habe ich in diesen Kreisen eben so reizend aber natürlicher tanzen sehen wie auf den spanischen Theatern, und wenn ma» diesen gemeinen Menschen die reichen dramatischen Costüme gäbe, so würden sie sie nicht selten durch die Elasticität und Anmuth ihrer Bewegungen beschämen. Die aufrechte Haltung der Spanierinnen schreibt sich gewiß von ihren Tänzen her, dic gan; auf Gleichgewicht beruhen, und durch die schwebende hohe Haltung von Arm und Hand die Schultern zurückdrängen, während die Brust hervorkommt, und der Körper eine ungemein degagirtc Haltung gewinnt. Wer die Cachucha und RondenaS in der abscheulichen Verzerrung der Pariser Grisetten gesehen, kann sich von der Züchtigkeit, von der Zierlichkeit, mit der diese so unwiderstehlich lockenden Tänze hier ausgeführt werde», kciue Vorstellung bilden. Nur in der Zeguidillas fand ich cineAehnlichteit »lit dem lasciven Tanze der arabischen Ghewazihs, dieses Hüftenverdrehen und andere obscöne Bewegungen des Körpers, denen sich die jungen Mädchen mit ungeheurer Leidenschaft und verschlossenen Augen hingeben. Allein doch bringt auch hier die spanische Grazie durch, so daß es nie so anstößig herauskommt wie in Aegypten, wo man sich oft mit Mcl abwenden muß. Ja das mindeste Zuwcitgehen, namentlich bei einem jungen Soldaten, erfuhr hier eine augenblickliche Zurechtweisung vom Publicum. Unter allen spanischen Tänzen aber, die ich hier sah, möchte ich den Iota obenanstellen. Vr ist oberarragonestschen Ursprungs, 18-»° 276 und faßt alles i»l sich, was liebliche Musik lind graziöse Aussiih-führung leisten können; die beiden Sänger tragen eine Art Romanze vor, nach deren schwärmerischen Molltönen eine Tänzerin um die andere sich in den anmuthigstcn Bewegungen durch die Paare schlingt, nnd so ein ganz neues Vild gibt. Ich möchte diesen Tanz und seine Musik eine idyllische nennen, und jedenfalls gibt es nichts Ausdruckvolleres, keine kindlichere Sprache eines fröhlichen, sich ganz dem Vergnügen hingebenden Gemüthes als diesen Iota. Allein gleich neben diesem zierlichen Kreise schließt sich eine Erscheinung, die eben so sehr damit contrnstirt als sis durch ihren Pathetischen Grnst komisch erscheint. Es ist die Danza primera, der Tanz der Aswrier und Gallegos, bekannt als Packträger und Kohlenführer, und durch ihre Körperkraft den trägen weichlichen Castiliern so unentbehrlich geworden. Sie tanzen hier oder singen vielmehr den Tanz ihrer tapfern Väter, den alte Jahrhunderte auf unsere Zeit, übertragen haben. Zu Hunderten stellen sie sich enggepreßt, nur Männer in einen großen Cirkel, jeder hat einen langen Stock in der Hand, jeder faßt den Nachbar am kleinen Finger. So bewegen sie sich stundenlang im Kreist herum, indem stets die eine Hälfte im Chor singt, und die andere im Chor antwortet, feierliche, ernste, aber monotone Gesänge, etwa wie die aus Lumpaci Vagabundus, wobei sie immer tactmäßig den Kopf senken und zugleich die Stöcke vorstrecken. Ich laugne nicht daß diese Scene am Ende eine sehr lächerliche Wirkung hervorbringt, und der Witzworte und Stichelreden von allen Seiten ist auch kein Ende, welche die feststämmigen Asturier und Gallizier lange mit unerschüttcrtcm Gleichmuth hinnehmen. Endlich scheint aber bei den Anzüglichkeiten einiger Gardecuirassiere ihre Geduld auf zu harte Probe gesetzt worden zu seyn, denn ich sah plötzlich den ganze» narkotischen Zauberkreis in Aufruhr, und Säbel und Stöcke in der Lust. Alles stob aus einander und flüchtete aufdenVerg, und unter die Alleen, allein kaum hatte man die Störung bemerkt, so war sie auch schon ausgeglichen, und das asturische Mühlrad begann von neuem seinen gleichförmigen Umlauf. Indessen tanzen diese ernsten Männer auch wirklich, und ich sah noch die Muneira oder Gallegada von ihnen ausführen, wozu sie sich mit einem sonderbaren Instrumente, der Gaita Gallega begleiten, einer Art italienischer Zampogna. Die Nacht macht diesen Vergnügungen kein Gnde, wir zogen aber mit ihr in die Stadt ein. und fanden auf der großen Plaza mayor dasselbe Leben bei wenig zureichender Beleuchtung. Große Gruppen sangen die Riego- und Espartcrolieder, ohne daß auch hier die mindeste Unordnung vorgefallen wäre. Um aber die Gegensätze zu verbinden, traten wir nun den weiten Marsch in den Prado an, wo noch die große nachtwandelnde Madriderwelt sich herumtrieb, und gingen in den an seinem Cnde gelegene» Garten de las Deliciaö, ein lühner Name, der wenigstens die schimmernde ^ampenbeleuchtung rechtfertigte. Auf drei Terrassen erhebt sich diese hübsche Anlage mit Statuen und Fontänen, und auf einem freie» Platze wurden Vontretänze getanzt, die in Paris eben so gut Anerkennung gefunden hätten, und worunter besonders die amerikanische Quadrille sich Hervorthal. Hicr sind die Mittelklassen repräsentirt, denn hier zahlt man Entree, hier ißt man Gefrornes am Crcdenztische, hier tanzt man in Handschuhen und eleganter Parure. Allein hier sieht man auch die meisten Pariser Hüte, noch mehr wie heute aus dem FrohnleichnamZ-Corso, dieser lio?« ll'l>ov,v,'o,«l in Madrid, vor denen der gütige Himmel und ihr guter Geschmack die Spauierinncn ewig bewahren mögen. Spa-ter zog man sich in den Salon zurück, wo gewalzt wurde. Das Walzen ist eine schöne Sache, eö ist der Tanz der liebenden, aber die Spanierinnen sollten ihn so wenig annehmen als die Mantillas ablegen. Sie tanzen unsere Walzer zu langsam, und die niedlichen Füßchen sind zu sehr an die elastischen Nessorts ihrer Sprungtänze gewöhnt, um sich je in das Schleifen des Walzers zu finden. Allein die Töchter Vva's sind überall dieselben, und Fremdes nachzuahmen ihre größte Lust, wenn gleich das Eigene unendlich viel schöner ist. So verlief dieser für mich so reiche Tag, der Frohnleichnams-tag zu Madrid, wo ich viel gesehen, alle Phasen der Madrider Gesellschaft und Bewohner durchlaufen, allein al'ch von Hitze, Schauen, Staub und Marschiren recht müde geworden war. Es war Morgen als wir nach Haust gingen, und aus weiter Ferne tönte über den Prado her ein Chor von Weiberstimmen, die so gut zusammenklangen daß wir ihnen zu folgen beschlossen. W war eine Schaar munterer Mädchen, die von einem benachbarten Dorse in die Stadt zurückkehrten, und mit einer unerschöpflichen Lungen-kraft ohne anözusttzcn dnrch die ganze Stadt fortsangen, während ein einziger Mann der voran ging , sie auf der Mandoline be- 279 gleitete. Diese spanischen Volkslieder haben einen ganz eigenthümlichen Rhythmus, bewegen sich meistens in Mollarten, und sind durch bizarre und überraschende Absätze und Vorschläge gewiß für jede andere Nation schwer auszuführen. Unser Mädchenchor bestand aber meisterhaft, und obschon sie sich oft mit schallendem Gelächter unterbrachen, so fielen sie doch stets im ganz richtig ergriffenen Tone wieder ein. Die tiefsten und die höchsten Organe verbanden sich hier um einen wirklich ergreifenden Effect hervorzubringen, und wer diese spanischen Stimmen einmal gehört, sey es nun von der netten Kammerzofe welche die Thüre öffnet und einen freundlichen Willkomm ausspricht, oder von der reizenden arabischen Chalifenenkelin welche den Kreis um sich bezaubert, überall begegnet er diesem Wohllaut, diesem Metall, diesem frischen Klänge der kräftigen Vruststimme, die zum Herzen den Weg nie verfehlt, und die man, einmal gehört, nie mehr vergißt. Alles war och Tanz und Gesang als wir die Straßen durchwanderten, und so wie in Madrid gibt es wohl kein Corpuschristi-Fcst in der christlichen Gemeinde. 27. Gl Gscorial. Früh 3 Uhr wanderte ich mit meinem Bedienten durch die endlich leeren Straßen von Madrid. Tie Hitze des Iuniustages lag noch in den lallen Morgenlüften; Nachtwächter mit den großen Laternen an den Ecken Mache haltend, riefen uns guten Morgen zu, lustige Familien zogen singend unter Guitarreklang an uns vorüber nach Hause. Es war das Fest des hl. Antonlus, dem wohl nirgend so reichliche Opfer wie diese Nacht vor Madrid gebracht wurden. Gauze Spaliere vou beleuchteten Vuden zogen sich längs den Alleen hinter dem Palast hinunter, und vor dem Thore bei der b'apellc des Gefeierten war ein Lagerplatz mit buntem Vivouac aufgeschlagen, ein romantisch belebtes Vild toller Volkslust, und die Götter mögen wissen, welche Libationen in dieser Nacht dem Heiligen dargebracht wurden. Taumelnd von bacchantischer Lust entwanden sich die Uebelcchzendcn Antoinctten den kaum vollbrachten Orgien, und die mnthwilUgen determinirten Attaquen der ausgelassenen Töchter der Freude auf unsere respectable Land-tutschc brachten einigemalc die an derlei frivole Auftritte nicht gewöhnten Maulthiere ans der Fassung. Daß Bacchus hier keine untergeordnete Nolle gespielt, war selbst in denNcbeln dcrMorgen-dämmerung unbPei deu ersterbenden Lagerlampen leicht zu erkennen; das Volk von Madrid wird aber selbst im Rausche des Entzückens niemals frech, und da besonders der weibliche Theil stets nett und sorgfältig gekleidet ist, so zeigte ble ganze vorübergehende Erscheinung eher einen munter uud ausgelassen, aber nicht ohne Witz uud Haltung durchgeführten Faschinksspuk. Nach dieser phantastischen nächtlichen Iubelscene traten wir in eine nüchterne Wirklichkeit, uud fuhren zuerst stundenlang über unbebaute Hügel hin bis wir anf einen cbcuso langweiligen bewachsenen Fclsengruud kamen, der sich mit Haidekraut und verkümmertem Gehölze ebenfalls wieder stundenlang hinzieht, Den 26ft majestätischen Escurial fleht man oft um ihm gleich wieder aus dem Auge zu verlieren, immer imposanter tritt er hervor wenn er wieder von neuem bei Ersteigung einer Höhe auftaucht, (kr ist sieben Lcguas von Madrid entfernt, wozu wir achtStundenbrauchten. Ich war der einzige Fremde, und befand mich zum erstenmal in einer spanischen Stadt ohne alle dolmetschende Vermittlung, welches begreiflich nicht ohne Verlegenheit ablief. Die zuvorkommende Höflichkeit der Spanier erleichtert jedoch eine solche Lage mit möglichster Schonung, und ich fand mich mit der Wagengc-fellschaft, so wie in dem kleinen Stadtchen bald zurecht. Cine ganz anständige Fonda nahm mich auf, und der Administrator des Schlosses, an den ich Befehle von Madrid brachte, ohne welche sich scinc Pforten nicht öffnen, empfing mich nebst seiner liebenswürdigen Familie äußerst gefällig. Er stellte mir einen Lanciersvc-teranen von Castanos' Heere zur Verfügung, der mir mehr von den gewonnenen Schlachten seiner Landslcute als von Philipps Todtenburg erzählte, und das vortreffliche Wert Napiers ist ganz verwerflich, wenn man ihm und so vielen seiner Kriegsgenossen Glauben schenken darf. Wenn aber die Sonne so heiß auf mich herabbrcnnt, fällt mir immcr die südliche Phantasie ein, die sie auskocht, und ich lasse es bewenden. Der (5'scurial macht einen schwermüthigen Eindruck, und wer nicht schwcrmüthig ist, kann es dort leicht werden. Er steht von drei Seiten von Vcrgen eingeschlossen auf einer leichten Höhe, und sieht mit seiner freien Seite über das dunkelbewachscnc Thal und die Hochebene weg nach Madrid. Gr besteht aus 4 großen Fronten, und aus jeder Dachecke ragt ein spitzer Thurm empor. Die Kirche erhebt sich überragend in der Mitte, mit schöner Kuppel und Glockenthürmen, worin aber das wundersame harmonisch gestimmte Glockenspiel von dreinnddreißig Glocken verschwunden ist. Es gibt viele Schlösser in Europa, dir mehr imponiren, aber keines das ganz von Granit erbaut ist. Der Escurial ist von den Fundamenten bis zum Kuppelkreuze von grauem, filberschimmerndem Granit, und was nicht Granit, ist edler Marmor zu Verzierungen. Der finstere Geist der dieses seltsame Gebäude erzeugt, hat ihm seinen vollen Stempel aufgedrückt. Man glaubt in Kerker-gangen oder Inquisitionshallcn herumzuwandeln bis man in die oberen Wohnräume gelangt; die Terrassen, welche sich als Plat-formen vor dem Schloß erheben, gleichen steinernen Rebouten, und 28! die Vcamtenwohnunge», welche ebenfalls von Granit sich außerhalb herumziehen, sind durch gewölbte Vrückengänge mtter sich verbunden, unter deren Bögen die Wege durch und nach dem Palaste führen. Sie sehen aus wie solide Fabrikgebäude, und das große Wohnhaus welches die Infanteu ihren Familien beinahe vor dem Escnrial errichten ließen, aber nie vollenden tonnten, gleicht von weitem ciner Caserne. Die langen monotonen Fcnsterreihen so großer Paläste kommen mir vor wie ein Regiment gut alignirter Soldaten, und hier sind überdies? Fenster und Thore offenbar zu klein, und außer aller Symmetrie mit dein schweren Vaue. Die Verge hinter dem Palast sind ganz kahl, und die Natur hat hier eben so wenig dem tyrannischen Menschcnwille» die Hand geboten wie zu Madrid. Doch gibt es mehr Gründe den Bau des Escurials zu rechtfertigen, als die Erhebung Madrids zur Hauptstadt, hier sind doch schöne Formen, und die Granitbrüche ganz nahe, ohne welche ein solches Riesenwerk kaum möglich gewesen wäre. Der ganze Vau soll nur sieben Millionen Gulden gekostet haben, aber Philipp war Kenner und guter Rechner, und bezahlte die Künstler nicht so unmäßig, wie dieß in unsern Tagen der Fall ist. Es ist vor und nach Philipp II wohl wenigen Herrjchern der Erde eingefallen, ihre Wohnung mit Mönchen zu theilen, oder eigentlich mit ihrem Hofe in einem Kloster zn wohnen. Vs war eine fromme Zeit wo die Mönche herrschteil und die armen Mauren, Juden und Ketzer verbrennen ließen, und wo man die Tortursalons der Inquisition besuchte, wie jetzt die Foyers der großen Oper. Die Autodafes find vorüber, aber die Mcnfchen die sonst nur Philipp und Alba würgte, würgen sich uuu selbst, deun dieß Geschlecht hat nicht Ruhe noch Rast, und was der Pfaffe nicht schlachtet im Namen Gottes, das schlachten die Laien im Namen ihres Geldbeutels, unter irgend beliebter Firma verwitterter Dynastien. Im Gscurial besteht die «ttönigswohnung nur in einem der vier Flügel, uud die Herren und Damen des Hoses mögen oft gar sehnsüchtige 'Allgen ans den kleinen Fenstern nach Madrid gerichtet haben. Alles übrige war Kloster und Collegium, Der Hof hielt sich hier gewöhnlich in den letzten Monaten des Jahres auf, bezog dann Madrid, ging im Frühjahr nach Aranjuez, im Hochsommer in das kühle gebirgige la Granja, und im Herbst nach Pardo. Wenige Könige haben eine solche Auswahl ihres Aufenthaltes 28s nach dell Jahreszeiten, keiner aber solche prächtige Landsitze. Was muß das für ein Hin- nnd Herziehen gewesen seyn, wenn der große Hof wieder übersiedelte, und wie hat es hier ausgesehen in den Zeiten, wo das Füllhorn der Macht nnd Peru's Gold überströmte, wahrend jetzt der Hof wie ein Gefangener zn Madrid lebt, und seine Feenschlösser nur mühsam imStande erhalten kann. Da stieg ich nun herum in der ausgestorbenen Mönchsresidenz, und jeder Tritt, jedes Wort hallte wider an den Felfenwänden, diesen stummen Zeugen so vieles Großen, Herrlichen, aber auch allcr Schrecken die Menschen geben nnd empfangen können. Wenn sie sprechen könnten diese grauen schönen Nngethüme, so würden wir erfahren, wic der Geyer des Prometheus in die Eingeweide des Religionstyrannen, in die Seele des Mörders der Glaubensfreiheit, furchtbar rächend die Krallen geschlagen. Ich sah die Stelle wohin der Unglückliche vor den Enmeniden sich flüchten wollte, als die letzte Stunde kam und er sich hinabtragen ließ in seine Vetlogc am Altare, um von dem Gotte Gnade zu erflehen, dessen Namen cr so oft mißbraucht, dessen Gebote von Liebe nnd Duldung cr so wenig verstand, so wenig befolgte. Wie muß das Ende eines solchen Menschen seyn, wenn der Todtenengel die Fackel in die grause Mordnacht wirft lind die Gestalten der hingeopferten Hnnderttausende erscheinen läßt, die nichts verbrochen hatten als ihren Gott auf andere Weift verehren zu wollen. Solche Plätze siud reich an Betrachtungen, allein die Geschichte predigt vergebens, denn des Menschen Wahn ist ewig, und der Nebel größtes ist, daß jedes Uebel sich wieder neu gebären mnß. Ich konnte diesen Stuhl lange nicht verlassen, auf dem der bethörte nnd gewiß nie glückliche König in seinen letzten Stnnden nach Trost rang. Wie ernstmild, wie resignirt blickt dagegen das goldene Vild des knienden Vaters herab, der die Kraft befaß die Kronen abzulegen, als er sie nicht mehr tragen konnte, nnd der, wenn gleich vom selben Irrwahn verführt, doch stets Mensch und Vater seiner Völker blieb. Ja, es ist schön, ein großer König seyn, ein guter Mensch aber wiegt gewiß mehr in der göttlichen Wagschale. Im ersten Stocke wohnten die Infanten Carlos und Sebastian. Ihre Habe ist wic von Landesverräthern überall confis-cirt, die Zimmer wie ausgeplündert, uud die schönen Bilder ins Museum nach Madrid geschickt. Nie hat das Verhängnis; noch so arg mit Kronen gespielt. Im zweiten Geschoß wohnten König nnd Königin. Ich für meinen Theil habe keine Freude an den Schlössern der Großen, die gewöhnlich mehr Prunk als Bequemlichkeit zeigen. Im Gscurial sind die Zimmer alle auffallend klein, selbst die Säle des Handkusses und des Speiscus, und überdieß das Ganze höchst unwohnlich eingerichtet, Drei Dinge aber verdienen volle Aufmerksamkeit, weil sie eben so selten als schön sind. Die gewobenen Seidentapeten in den meisten Zimmern sind prachtvoll, und die Fabrik aus der sie hervorgegangen, besteht noch in Madrid. Arbeiten von Jahrhunderten haben noch die Frische der Farbe, gleich den heutigen, die Zeichnung von Figuren und Landschaft ist untadelhaft, der Preis aber sehr hoch. Es gibt wohl kaum eine reichere elegantere Wändebekleidung. Die vier Zimmer des Königs sind dagegen ganz mit eingelegtem Holze von den edelsten Arten bekleidet, und von einer Politur die man kaum in London jetzt schöner macht. Diese Art von Verzierung kleidet ausnehmend gut, und ist in solcher Profusion vielleicht ohne Beispiel. Das Merkwürdigste aber ist der Schlachtcnsaal, cin langer breiter Corridor nut gewölbten! Dache, deren Wände durchaus mit Fresken bedeckt sind, die drei Jahrhunderte hindurch ihre gleiche Lebhaftigkeit erhalten haben. Die e«ne Wand ist gau.^ mit Sara-cencnkampfen gefüllt, wornnter der Sturm auf die Alhambra das Hauptmotiv bildet. Die Schönheit der Rüstungen, die Zartheit der edlen Pferde, die Streitweisc der verschiedenen Nationen, das Lager- nnd Verschanznngssystem, dann die Porträts der ausgezeichnetsten Heerführer, die an der Spitze ihrer Abtheilungen heranziehen oder im Schlachtgewühl hervorleuchten; obgleich die damalige Zeit keine Pcrspectivzeichnuug kannte, so sind die Grup-Pirungen doch von unnachahmlicher Schönheit uud klar auseinander gehalten. Mehrere Darstellungen der Bereunnng und Eroberung St. Qnentins, des ersten Sieges Philipps II, den seine Truppen über die Franzosen erfochten, und zn dessen Gedächtniß der stolze Gscurial gebaut wurde. Daun folgen die Schlachten von Lepanto und von Pavia, wobei jedoch ein patriotisches Garde du Corps des Herzogs von Augonlöme den gefangenen König Franz aus den Händen der Spanier befreite, indem er sein Bild auskratzte und ihn sonnt unsichtbar machte. Als Napoleon im Wcurial sich aufhielt, waren sechzehntauseud Garden in diesen 284 Gängelt aufgestellt, aber keinem fiel es ein, solche Heldenthaten zu verüben. Dort gab es aber auch noch mehr zu thun, als Wände zu bekriegen. Feierlich hallte der tieft Gesang aus der Kirche herüber, sie blieb mir aber auf den folgenden Tag zu besuchen, und ich ging aus der großen Terrasse zwischen den steifen französischen Parterres, und durch die Granithallen, bis mich die leblose traurige Palastpracht von sich stieß, und ich mich hinaus gezogen fühlte, um freundlichere (Zudrücke von der Natur zu empfangen. Ueber den großen Platz vor dem Kircheuportale tritt man auf einen regellosen, mit Väumen bewachsenen Platz, und eine Allee führt in die Vergschluchten hinein, die wildgcformt hier entgegenschauen. Ich giug noch eine Stunde bergauf, und war reich belohnt und versöhnt mit dein kalten Cscurial und seiner ewigen Winterluft, Die südlichen Lichter veredeln alles, und die schwarzblauenGebirge von Guadarama, die Schneebergs von la Granja mit ihren so sonderbar und kühn ausgeschnittenen Zackenkanten, legten sich «m das cnggeschlosftuc Thal. Tie Sonne war hier längst untergegangen, düster blickte der Esmrial aus der Tieft herauk, hinter dem sich das neue Städtchen mit seinen rothen Dächern gar sonderbar abstechend steil den Verg hinauf zieht- alles wurde hier schon dunkel, als die letzten Strahlen der hier verschwundenen Sonne durch dichte Wolken nur noch cineu ferneu hohen Punkt durchdringend hell beleuchteten, und auf diesem Hügel lag Madrid, Ich konnte mich nicht satt sehen, allein ich war in Spanien und durfte nicht trauen. Der Vollmond war in seine Rechte getreten, als ich zurückkam, und legte sein mildes ,Vicht auf den Escurial, der sich wie eiu graues Gespenst .nlö den blassen Schlagschatten der Nacht erhob. Es war eines der Bilder die ein unwillkürliches Frösteln abnöthigen, grausig und doch so erhaben, wie die nn-heimliche Gestalt des Erbauers. Trommel und Pfeife tobte »och bis spät durch die Straße», und erneuerte sich des anderu Morgeuo, um wieber den ganzen Tag fortzuarbeiten. Es war eine Procession zu Ehren der Maria, Spaniens Schutzpatrouin. Ein Tambour in Hemdärmeln, ein Oboist von unerschöpflicher Lungen- und Cvloraturfertlgkeit traten voran, dann kamen gewöhnliche Staudarteu und endlich die Inngsrau selbst in einem Prächtigen, unten weit abstehenden und ganz mit Nosen bedeckten hellblauen Kleide, auf dem Kopfe Krone 285 und Heiligenschein, alles znsammen konvulsivisch hin und herwackelnd, je nachdem die Träger feinen egalen Schritt hielten, welches sich bei dein schlechten Pflaster sehr häufig ereignete. Nur alte Personen und Geistliche folgten dem Zuge, der Diensteifer der beiden Musikanten muß aber rühmend anerkannt werden. Ich fand hier so wenig Andacht wie in allen Kirchen, die ich in Spanien besuchte. Junge Personen sieht man wenige, Kinder rennen herum, die Frauen machen Conversation und haben einen Ausweg für das in die Dauer höchst ermüdende Knien gefunden, indem sie sich türkisch niedersetzen, und die Veine kreuzweise unter sich ziehen. Wie haben die Alte» daö Vergolden der Bronzen verstanden! Die herrlichen knienden Gruppen der beiden Kaiser mit ihren Frauen zu beiden Seiten des Altars glänzen noch eben so strahlend in Gold, wie die erst unter dem vorigen Könige gefertigten Predigtstühle. Es sind herrliche Gruppen, voll königlicher Würde und wahrer Andacht. Jaspis und Marmor sind hier verschwendet, gemengt mit Statuen und Gemälden, allein die edelsten Originale sind dieses Frühjahr nach Madrid gewandert, wo sie vielleicht weniger sicher sind als in dem castellfesten Gscurial. Diese prächtigen Iaspissäulcn welche das Tabernakel tragen, kommen aus Spanien, und so heillos ist die Minenwirthschaft, wie jede andere in diesem Lande, dasi man selbst nicht mehr die Stelle zu bezeichnen weiß, >vo diese Quellen vergraben waren. Der Chor ist groß genng, nm ein paar hundert Fratres zn placiren, die sonst hier wohnten, ein herrlicher Chor, voll akustischer Wirkung. Gr ist erhaben, und unter ihm die Eingangsthore, allein ganz im letzten Winkel desselben ist ein Eckplatz, gleich allen andern von edlem Holz geschnitzt, und hinter ihm eine nun vermauerte Thür, die in die obere Sakristei führt. Dieß war die Stelle wo Philipp II dem Gottesdienste beiwohnte, hier versteckte sich der Herrscher zweier Welttheile, lind wollte wenigstens ungestört und unbeobachtet seinem Gotte allein v!5 5 v!» seyn. Wie schwer müssen schon damals die Kronen zu tragen gewesen seyn, und doch stechten sich immer weniger Rosen hinein. Die Aussicht auf der Knppel zeigt Madrid und die Blei-, dächer des Escnrials, die an Venedig erinnern. Das schönste aber was diese Kirche enthält, vielleicht einzig in der Welt, ist ihre Königsgruft. Man sollte glauben, die Idee dazu se!> den «86 alten Pharaonen abgeborgt, so sehr wird man hier an die Gräber von Bab el Melek erinnert. Eine Pforte aus der Kirche führt in die Tieft, und »vie in den Gräbern der Aegyptier ist der Abgang steil, nnr hier die Treppen, Wände und Gewolbdach von Marmor und Jaspis, während die Osmyaniden fich mit den Bildern des Lebens umgaben. Auf diesen glänzenden Stufen begegnet man zwei Thüren, die zu den Begräbnissen der Infante» führen; unten aber angelangt, tritt das Auge einer schauerlichen Todtenpracht entgegen, reicher als alles was oben der Lebenden Palast schmückt. Ein runder Tempel mit Kuppel, ganz mit Marmor eingelegt, zeigt nns ringsum Nischen, in denen vierschichtig schwarz marmorne Särge ans goldenen Löwentatzen ruhen, so baß sie in der Wand selbst stehen. Es sind wahrhaft königliche Todten^tag^rcn, die Objecte aber Leichname, die in sargähnlichen Marmorurnen ruhen, Sarg und Deckel jedes ans einem Stücke. Ein goldener Schild nennt in schwarzen Lettern den hier Rnhenden, und so sehen wir auf einer Gtagürc oben Kaiser Karl V, und herab Philipp II, III uud IV — welche große Verschiedenheit, und hier im Tode so nahe vereint. Ent-gegengesetzt liegen die Königinnen die selbst regiert, und noch viele Freiplätze sind vorhanden. Ich ließ den Kronleuchter, eine der schönsten Krystallarbciten anzünden, uud war erstaunt über diese düstere Vcrwcsungsherrlichkeit. Der Altar besteht aus Antico-verdc-Säulen und Iaspiopilastern, die ganze Hinterwanb aber aus einem Stücke gleich Spiegel geschliffenem Porphyr, vor dem sich ein schwarzes Marmorkrcuz mit goldenem Cnmsir erhebt, einfach und schön, »nd alles von vergoldeten Bronzen umgeben. Ich liebe diese alte Pracht, in der die Könige sich Götter dünkten, und dic Völker uoch daran glaubten. Dieses Marmorgrab der Vchcrrscher Spaniens hcisitPaittheon, gewiß ein schöner Name für die Legitimität der Vergötterung. Hier werden sich stets Bewohner finden, so lange die Eraltados nicht siegen. Siegen sie aber, dann wird daö spanische Pantheon bald die Verlegenheit des französischen erfahren, denn die kompetenten der Unsterblichkeit verlieren sich, sobald alle unsterblich seyn wolle,,, Der (^eisiel selbstgeschaffencr Etiquette zn entfliehen, schuf der unglückliche aber schwache Karl IV ein Sommerhaus, ganz im Sinne der Casa Labrador zu Aranjuez. Das Haus ist niedlich, und wieder voll Marmor »nd anderer Kostbarkeiten, beson- 287 bers die schönsten Bilder von dem nberfruchtbaren Iordaen, einem prächtigen Murillo, Albrecht Dürer, Rubens und den besten Spaniern, als Gegensatz aber nicht zu übersehen in ächt andalnsischer Schöne die heil. ssäcilia und heil. Katharina von Ribera, nnd baneben die wahrhaft engelschönc goldblonde heil. Katharina Raphaels. Hier ist ein ganzer Salon mit gemalten Originalstudien Raphaels behängt, unversiegbares Vorbild für alle Künstler, meistens im Architektur - nnd Arabesleilfache. (fs ist ein freundliches, abgeschiedenes Plätzchen, ganz zur Einsamkeit geschaffen; hier feierte Marie Louise ihre unreine Liebe mit dem Fricdensfnrsten, aus dem kleinen Eckzimmer des Escnrials leitete Philipp über vierzig Jahre die Fäden der europäischen Geschicke, hier widerrief Karl IV seine Entsagung von Aranjuez, dort mordete Philipp seinen Erstgebornen, und dingte Meuchelmörder für den edelsten Oranien. Dort lebte der König als Mönch, und die Mönche als Könige, und dort starb der größte Despot, der größte Vgoist den je die Welt getragen, von Insccten und Gewissensbissen lebendig aufgezehrt, uachbcm er vergebens getrachtet Me Kronen auf seinem Haupte zu vereinigen, nnd seine Völker durch das Gold Amerika's, durch seinen Religionshaß und durch scine Hypokrisie zu Grunde gerichtet hatte. Dieß ist die Granitburg Philipps II, die Vlelropoliö der spanischen Könige, das größte Kloster der Erde mit seiner Kirche, deren Himmclöbögen Iorbacns prächtige Vilder verklären, mit ihren fünfundzwanzig Fuß dicken Mauern die jede Festung beschämen, mit ihrem Vabyrinth von schwebenden Gängen, die bei jedem Schritte neue Wunder enthüllen, mit dieser Bibliothek, mit den vergoldeten Bibeln bis zum neunten Jahrhundert hinauf, deren Illustrationen kein typographisches Institut überboten, »lit den arabischen Mannscripten, dic noch der enthüllenden Hand harren, mit seinem Todtentcmpfl und den Schätzen der Sakristei. Allein gleich den Pyramiden m die Wüste gepflanzt, haben es jctzl, seine Könige nnd seine Mönche verlassen, nnb der (5scurial steht nur noch als ewiges Denkmal der altcn Macht nnd Größe Spaniens, unzerstörbar wie der Fels aus dem er geschaffen, allein auf immer vernichtet durch den Etnrz seiner Bewohner: denn nicht sür den Glanz des Hofes, sondern für die Herrschaft der Mönche war er gcborcn, und weder diese noch jencr werdcn je wieder seine grauen Prachthallen bewohnen. 28. Drei Tage unter Naubern. GS gibt m Spanien nur zwei Classe!« Menschen, nämlich Räuber nnd Beraubte, man spielt bort Wolf und Schaf im Gro ßen. Sonst machte man gar subtile Unterschiede unter der be^ raubendeu Classe und die Rotarillos oder die kleinen Diebe, die sich hängen lassen, standen bei weitem nicht so hoch als die spanischen Highwaymen, die Salteadores, die bereits zur Zeit des Cervantes in großen Truppen aglrten, nnd deren Glanz wieder vor jenen chevaleresken Banden erlosch, die aller Justiz in Spanien offen den Krieg erklärten, woran sie beiläufig gesagt ganz recht thaten. Das war eine poetische Zeit, wo Räuber noch edel-müthig waren, und in die Städte und Dörfer hineinritten, wenn Theuerung und Beamte daS Volk zur Verzweiflung brachten, uud diese zwangen, den Hunger der Dürftigen zu stillen und die Speicher ihnen preiszugeben. Unsere steifleinene Politik, dieses Unding unserer Tage, dieser Popanz hon dem jeder schwätzt, und den feiner versteht, er hat sich auch der edlen uud unedlen Räuberbemächtiget, und sie habcu zu den Fahnen Karls V geschworen, und nennen sich seine Armee, Bei Gott, man muß sehr lüstern nach Kronen seyn, wenn man sie «lit solchen Mitteln zn erkanfen nicht verschmäht. Nun also diese romantischen Räuber haben sich in Factiosos verwandelt, denn wie gesagt, von unsern schönen Carli-sten und Chnstinos weiß mau in Spanicu nichts, nm so mehr als der letzte Name ganz uncigentlich ist, und man höchstens Isabel-listen sagen köuutc. sss gibt aber hier uur königliche Truppen, die zehnfach überlege» sind, und Factiosoo die alles zu gcwiuuen haben, und durch Uebung und Bedürfniß vollendete Parteigänger geworden sind. Nebenbei gibt es noch ein spanisches Volk, das sind die Schafe, die sich vom Wolfe ruhig abwürgen lassen, bei alle dem aber nicht höher schwören als auf ihre Nationalarmee, deren Tapferkeit sie vor allem durch die Schlacht bei Naylen beweisen, wo durch den einzigeu unfähigen französischen «89 General sin Corps sich ergab, weil es keinen Rückzug mehr hatte, und durch die Ginnahme von Morella, welches die Factiosos freiwillig räumten, und wodurch dem Helden des Tages, Vspartero, der zweite Herzogstitel zu Theil wurde. Wie es nun mit den va-lorosen Eigenschaften dieser beiden kämpfenden Parteien sich eigentlich verhält, sollte ich in einen: ganz unbedeutenden ab.er charakteristischen Miniaturbild nur zu bald persönlich erfahren. Niemand spreche mir aber mehr über die militärischen Vorzüge der königlichen Soldaten, und von der Uebcrlcgenheit der angreifenden Car-listen factiosos, denn alle diese Mährchen sind eitel Lug und Trug. Die Wahrheit ist daß Land und Heer die Räuber fürchtet, und daß die orientalisch-spanische Phantasie wie weiland dem edlen Senor Don Ouirottc dc la Mancha so auch dem jetzigen Volke mit Räuberspuk und Kopfabschneiden arge Possen spielt. Nachdem ich Madrid hinlänglich kennen gelernt, und die Hitze eine solche Höhc erreicht daß man es schwer in seinen schlechtbe-schütztcn Häusern aushalten konnte, mußte ich an die Abreise denken, allein das „wohin" war nicht leicht zu finden. Die deban-dirtc Armee Cabrera's schweifte durch alle Provinzen, täglich kamen von allen Seiten Nachrichten von überfallenen 'Postkutschen, verbrannten Dörfern und durchaus unterbrochenen Communicationen. Ich hatte daher nur die Wahl entweder zu Pferd über Nadajoz nach Lissabon zu gehen, was aber allein unausführbar war, oder die Straße nach SeviUa einzuschlagen, wohin der große escortirte Convoi fünfzehn, die Diligence aber fünf Tage verwendet. Hier konnte ich nicht lange im Zweifel seyn, denn die Convois stehen den Kamelkarawanen darin nach daß sie sich stets im eigenen Staube fortwälzen, und ich hatte das Glück, noch einen Eckplatz im Coup« der Diligence zu erhalten. Ginc Stunde vor der Abfahrt war an der Puerta del Sol die Nachricht eingelaufen daß Valmaseda ein ganzes königliches Bataillon gefangen genommen, und die Diligence von Granada fehle, welches hier stets so viel heißt als sie ist anfge-fangen worden. Die Aussichten waren fchlccht und meine Reisegefährten w ängstlicher Spannung, die jedem andern Gespräche den Zugang verweigerte, das nicht die Factiosos zum Thema hatte. Wir waren sechs Herren und sechs Damen in der Kntsche, und ob es gleich wie ich glaube unmöglich ist auf einem öffentlichen Wagen in Spanien kein Frauenzimmer zu finde», so war mir eine solche Zahl doch noch nicht vorgekommen. Wir kamen Abends in Morgenland »md Abendland. II. 2teÄufl. 19 S00 Ocana an, wo der gedeckte Tisch und schlimme Nachrichten unserer Harrten, und indem ich es meinen besorgteren Gefährten überließ die letzteren gehörig auszubeuten, stieg ich durch die Stadt zu dem schönen römischen Quellenbad hinab, das uns noch jetzt zeigt wie dieses kluge Volk die edelste Gabe der Natur zu schätzen verstand. Muntere Mädchen füllten ihre ägyptischen Kruge an den Krystallbassins, singend zogen die Aguatores herbei, den kostbaren Trunk für den Hausbedarf zu holen, nackte Buben plätscherten auf der anderen Seite des banales herum, und oben über den hohen Brüstungen war alles voll Guitarren- und Liebesspiel, denn die Nacht war eingebrochen, und mit ihr geht dem Spanier die Sonne heiterer Lust auf. Lange sah ich diesem anmuthigen Treiben zu, und kehrte dann durch die steilen Gassen zu der Fonda zurück, wo ich meine verehrte Compagnie in den heftigsten Debatten fand, in die stch selbst die zarten Frauen mengten, nnb wovon ich lange beinahe nichts verstand. Escorte oder nicht Gscorte, das war die Frage. Die Aengst-lichen wollten sich nnt einer ganzen Mcadron nmgcbcn, die Sorgloseren sich mit einer bescheidenern Zahl begnügen, ich aber stimmte dafür, gar keine Bedeckung als die von der Compagnie den Diligencen bestimmte zu nehmen, da es immer nobler war sich ohne als mit Escorte ausplündern zu lassen, und es übrigens gewiß schien daß die Fac-tiosos bei ihrer so oft erwähnten Ueberzahl sich durch keine Soldaten würden abhalten lassen, ihren Plan ins Werk zu setzen. Ich wurde jedoch gänzlich überstimmt als ich einige leise Zweifel über die Zuverlässigkeit unserer armirten Vegleiter laut werden ließ, da der Glaube an die Nnüberwindlichkeit der Königlichen zu feste Wurzel in der Einbildung gefaßt hatte. So fuhren wir also des andern Morgens um ^Uhr in die Mancha hinein, die ein nothwendiges Uebel für die Reisenden von Madrid nach dem Süden ist. Die kargen Sitze der Imperiale nahmen unsere gewöhnlichen Esco-pateros mit ihren wcitschsündigen Trabucos ein, über unserm Gepäcke lagerten sich in malerischer Gruppe sechs formidable Königliche, die wir bezahlen mußten, und vor dem Wagen her immer einer weit voraus über die Hügel spähend, galoppirten die Cavalierc des Freicorps, zum Theil stnnnpflos mit verrosteten eisernen Schwertscheiden und friedlichen Carabincrn ohne Stein auf der Batterie. Die Gesellschaft war froh und guter Dinge, denn wir befanden uns ja unter dem Schutze der Tapfern, die das Land schon so oft 29l befreit; ich aber fing au besorgt zu werden, als ich bei aufgehen-der Sonne unsere Umgebung näher mustern konnte. In Madridejo wurde es wirklich Ernst mit den Besorgnissen; verstümmelte Mensche»! ware» hereingekommen, und ich sah einen armen Vauer, dem die Hand frisch abgehauen worden. Ich rieth unS selbst Waffeu geben zu lassen, allein anstatt dessen lud man acht Königliche aus der Station aus die Imperiale, fünf Reiter galopplrten voran anstatt dreien, und mm konnte uus unter dem Schutze von 15 Bewaffneten deuu doch gewiß kein Unglück Passiren. Ich befand mich unter denen welche die rastlose Nacht in deu Schlaf gewiegt hatte, als ein Ruf des Postillons mich aufweckte. Er beutete auf den Olivenhain, der rechts von der Straße, etwas über eine Stunde von Madridcjo, sich an der Straße die Höhe hinaufzieht, und wollte sein Maulthicr herumwerfen. Da wir alle aber uichts erblicken konnten, und unser Freicorps immer lustig weit vorausritt, so zwang ihn das kräftige „^.nda" des Mayoral fortzureiten, und der Zagal peitschte kräftig darauf loS um den Rand des Hügels zu erreichen. Allein die sechzehnjährigen Augen des Vorreiters hatten richtig gesehen, und au Entkommen war nicht mehr zu denken. Wie ein Staubwirbel brach eine Abtheilung Reiter aus dem Wäldchen hervor, uud ehe wir unS versahen, ragten zu den Kutschschlägen Mußketons herein, ein Reiter zwang den Postillon mit der Pistole auf der Vrust zu halten, und Mayoral und Zagal wurden herabgcrissen. So war die Aventure fertig, und ich wartete nur auf die Entwicklung, aus deu dramatischen Effect, den die Königlichen und das Freicorps durch ein furchtbares Blutbad unter den Räubern glänzend heben würben. Allein die tapfern Noyalisten hatten sich nebst den Es-copateros weislich und mit ächt spanischer Behendigkeit über den steilen Rand der Kutsche herab und aus und davon gemacht, und die edlen Söhne der Mancha, diese Ritter der traurigen Gestalt, sah ich in Staub gehüllt über die Stoppelfelder jagen, dahin, dahin wo keine Räuber blühen. So waren wir nun allein mit unsern neue» Bekannten, und die große Schlacht von Madridejo ohne Schuß und Vlut beendet. Wer schildert aber mein Erstaunen als ich aus meinem Coup<5 hcrabstieg, uud die feindliche Annce überblickte, die sich accurat auf neun Reiter erstreckte, alle in einem so zerlumpte«, abgerissenen und erbärmlichen Zustande, daß sie eher Mitleid alü Furcht einzuflößen geeignet wann. 19* 292 Mechanisch griff ich nach meinem Schlüssel, um wie auf her heiligen Douane meinen Nachtsack auszuschließen, und bot ihn so den Räubern an. Kein Spanier ist unempfindlich gegen Anstand und Aufmerksamkeit, und ich kann versichern daß ich öfters auf europäischen Gränzen unhöflicher visitirt als von diesen Leuten ausgeplündert wurde, auch fehlte nicht viel daß sie um Entschuldigung ihrer Gewaltthat gebeten hätten. Indessen wurde beinahe gar nichts gesprochen, dagegen aber alles Werthvolle mit einer solch' unglaublichen Geschwindigkeit herausgefunden und zusammengemacht, daß kaum eine Viertelstunde zu dem gauzen Geschäft nothwendig seyn mochte. Vine Vedette stand auf dem Hügel vor uns, ein Reiter patrouillirte gegen Madridejo, das war alle Vorsicht, und diese Factiosos scheinen ihre Gegner so gut gekannt zu haben, daß sich nirgends eine Sorge aussprach, diese doppelt überlegenen Feinde könnten zurückkommen und ihre Veute wieber abnehmen. Dieß ist im Kleinen der große Krieg gegen die Carlisten, die jetzigen Factiosos, die, in allen Mühen des Krieges abgehärtet, vortreffliche Parteigänger geworden sind, unerschöpflich in Mitteln, ohne Rast noch Ruhe, stets auf dem Pferde, kiihu beim Angriff, stets rasch in der That. Daher ihre Ueberlegenheit, daher die Furcht vor ihnen, die alle ihre Expeditionen übertreibt und Schreckbilder aufstellt, welche alle Gemüther ängstigen und selbst auf die Truppen der Regierung mächtigen Einfluß üben. Sie sind so gewiß auf keinen Widerstand zu stoßen, daß sie eine solche Verwegenheit nur in dieser langerprobten Ueberzeugung gegen solche Uebermacht finden können. Vis jetzt hatten sich die Räuber keine Handlung zu Schulden kommen lassen, die irgend einen von uns persönlich verletzen konnte, wenn anders das Ausplündern selbst nicht für eine Beleidigung gilt. Nachdem aber nun dieses Geschäft beendet war, näherte sich einer von ihnen, der commandireudcn Haltung nach vermuthlich der Chef, den Damen, die theils weinend, alle aber tief gebeugt sprachlos beisammen standen, und erklärte ihnen mit Nuhe und Manier, daß sie in den Wagen steigen sollten. Während dieß geschah, wollte einer unserer Gesellschaft, ein junger Spanier, in den Olivenhain entlaufen, wurde aber blitzschnell eingeholt, und sehr unsanft mit Kolbenstößen zurückgetrieben, welches die erste Mißhandlung war die ich bis jetzt gesehen hatte. IV3 Als die Damen Posto gefaßt hatten, wurde dem Mayoral bedeutet fortzufahren, und es entstund nun eine herz;erreißende Scene, als wir einsahen daß man dcn Frauen die Freiheit geschenkt, uns aber fortfuhren werde, und die schmerzlichen Ab-schiebsrufc der Gatten, Töchter nnd Eltern wurden nur durch die möglichst rasche Entfernung des Wagens unterbrochen. Da standen wir nun unseres Schicksals gewiß, nnd ich läugne nicht daß dieser Moment zu sehr ernsten Betrachtungen führte. Ich hatte zwar keine Verluste erlitten, wie die meisten meiner Gefährten, allein ihr Leiden hatte mich tief ergriffen, uud ich begriff ganz das Mißliche nnd Herbe unserer Stellung. Die üblichen Erpressungen von Lösegcld legen jedem durch Spanien Reisenden die Pflicht auf einen Ort zu bestimmen, wo man auf seine Anweisung Geld erheben kann 5 da aber Teutschland in Madrid nicht vertreten ist, so hatte ich keine Aussicht von einer Gesandtschaft reclamirt zu werden, welches bei einigen englischen Officieren die sich früher in meiner Lage befanden, augenblickliche Wirkung hatte und respectirt wurde. Dcnn so sonderbar ist die Stellung der Parteien in Spanien, daß sie völkerrechtlich mit einander unterhandeln, Gefangene ausliefern, deren die Car> listen freilich immer eine weit größere Anzahl hatten, und den Räubern die Forderungen fremder Machte insinuiren. Oben so wurden die Orte, welche bisher von den Räubern zur Dcpo-nirung des Lösegeldes bezeichnet wurden, niemals benutzt, um auf ihre Spur zu kommen, und durch alles dieß eine Gleichstellung der kriegführenden Theile herbeigeführt, welche wenigstens die Schwäche des einen hinlänglich nachweist. Man trat d.'n Marsch an, die Räuber hatten sich aufgesetzt, nnd die Sonne brannte mit unbeschreiblicher Heftigkeit. Wir verließen sogleich die Straße, und zogen bis gegen Abend über Felder, Bäche nnd weglose Haidcn hin, wo wir denn i)ie Gebirge von Toledo erreichten und sie erklimmen mußten, bevor die Sonne über sie hinabstieg. Es war ein furchtbarer, durch die Sonnen-gluth fast unerträglicher, durch das Terrain aber höchst erschöpfender Tag, und wir mochten acht Stunden marschirt seyn, als man zum erstenmale an einer Quelle Halt machte und lagerte. Ich war so müde daß ich sogleich einschlief, allein das Nachtquartier war noch nicht gekommen, und wir mußten noch mehrere Stunden die Verge Hinaufmarschiren, welche am Ende so 294 ftlsicht wurden, daß die Reiter abstiegen und ihre Pferde führten. Das Peinliche dieser Lage wurde dadurch besonders ssehoben, daß Niemand sprach, und alles nur beschäftigt war möglichst rasch vom Flecke zu kommen; dazu kam meine geringe Kenntniß der Sprache, wenn auch mein Stolz mir nicht verboten hätte diese Menschen, die mich eben ausgeraubt, ohne Veranlassung anzusprechen. Gudlich durften unsere mürbe marschirten und gebrannten Knochen ausruhen, eine Felsenhöhle, räumlich genug, diente uus als Gefängniß, und die Räuber lagerten sich außerhalb. Sie hatten sich hier mit einem Posten von sieben Mann zu Fuß vereiniget, welche über die gemachte Veutc sehr erfreut schienen, und am hochlodernden Feuer sogleich die Cöna für die kecken Eameraden bereiteten. So abgespannt und ruhebedürftig wir waren, konnten wir doch bei dem Getöse, Geschrei und Gesang keinen Schlaf finden, zu dem unser Lager und unsere Lage auch gar nicht einladend waren. Der Wcinschlauch ging lustig im Kreise herum, uud ich werde diese rothbraunen Gesichter nicht vergessen, wie sic in toller Lust nm das Feuer lagerten, wilde Salvatorköpfe, die mich stets au das herrliche Vild im Mnseum zu Madrid erinnerten, ich glaube von einem Niederländer, lustige hälbtrunkene Gesichter beim Scheine eines Lichtes. „Sie sprechen von Ihnen," flüsterte mir einer meiner Nnglücks-gefährten zu, und zugleich erschien einer der Fußräuber, um mich herauszuholen, da Ihre betrunkenen Herrlichkeiten lüstern waren den Fremden kennen zn lernen. Ich setzte mich zu ihnen, was ihnen zu gefallen schien, und nun eutstanb ein Eramen, das gewiß zu den unverständlichsten gehört, welche je aus einer spanischen Inquisition hervorgegangen sind. In der Tasche meines Rockes befand sich mein Paß, den ich ihnen übergab, allein der einzige Professor des saubern Paßburcau's erklärte sogleich, daß er diese barbarischen Schriftzügc nicht lesen könne, und man ging zum Procös-verbal über. Sie hatten mich bisher für einen Inglese gehalten, als ich aber erklärte, daß ich Aleman sey, verbreitete sich eine wirklich komische Ungewißheit auf ihren Zügen, da sie doch nicht fragen wollten wo das Land liege, denn keine Nation fürchtet das Lächerliche so sehr wie die spanische. Endlich docirte einer der ältern Räuber mit dem diesem Volke eigenen Pathos, Memania seh das Land, welches die Christina nicht anerkenne, keinen Gesandten in Madrid habe, und überhaupt carlistisch sey, worauf ein 395 lautes Viva ClN'ioz yuinw«, und hierciufViv» 1'H.iemanIa erscholl, und mir der Weinschlauch gereicht wurde, den ich bedeutend erleichtert zurückgab, uud mich von dem starken Weine plötzlich wieder hergestellt fand. Sie gaben mir meinen Paß zurück, und ich benutzte die gute Stimmung, meine neuen Freunde um die Gefälligkeit zu bitten, auch mein Tagebuch wieder herauszugeben. Sie fanden es sehr lustig daß ich Papier anstatt Geld verlange, ließen mich selbst nachsuchen, und so konnte ich meine Papiere alle wieder zu mir nchmcn. Hierauf wurde die geraubte Männergarderobe herbeigebracht und anvrobirt, was zu wirklich lustigen Metamorphosen Anlaß gab. Sichtlich war es hier auf die Eroberung von den höchst nöthigen Kleidern abgesehen, denn ich habe nicht leicht schlechter gekleidete Menschen gesehen; allein wie konnten sie von unsern Gehröcten und Pantalons Abhülfe für ihr Bedürfniß erwarten! Ein possierlicher Zufall führte zuerst einen auffallend kleinen Kerl, der sich aber bei der ganzen Affaire brav benommen, an meine Garderobe. Er zog einen schwarzen Rock an, der ihm eher als Caba oder Mantel dienen konnte und bis zum Knöchel reichte, dann setzte er meinen Strohhut auf, der ihm über die Ohren herabfiel, uud in dieser Trave« stinmg tanzte er am Feuer herum — eine Erscheinung von höchst drastischer Wirkung. Ich platzte zuerst in ein helles Gelächter los, dem bald der ganze Chor einstimmte, und ich entsinne mich keiner Caricatnr von II. «., die mich so ergötzt hätte, wie diese Uffmgcstiilt, dieses schwarze wilde Gesicht unter dem weißenStroh-hute, und die kleine Gestalt in dem herumbaumelndcn weiten langen schwarzen Talar. Er ließ es sich aber nicht nehmen in diesen Kleidern zu bleiben, uud meine Carlistenreputation erstreckte sich durchaus nicht bis auf die Rettung meiner Effecten. Möge es ihm wohl gehen im leichten deutschen Gehrocke, gewiß stund ihm aber seine zerrissene andalusische Jacke und der grobe Spitzhut weit besser an, wie diese Mißgeburt unserer Zeit. Sie tranken immer mehr, sangen lallend, und kamen noch in heftiges Zanken unter sich, das aber in einer selbst meinen Gefährten unverständlichen Sprache sich verhandelte, und worin ich sehr bekannte Worte, die ich oft von den Zigeunern in Aegypten gehört, zu erkennen glaubte. Offenbar war die Rede von unserm Schicksale, und der Streit würde wahrscheinlich eine schlimme Wendung genommen haben, wenn nicht Müdigkeit und Trunk MS über die Zoruesgeister gesiegt und die ganze Vandc in Schlaf versenkt hätte. Merkwürdig genug hatte die Wache vor unserer Höhle weder an Trinken noch Disput den geringsten Antheil genommen, uns aber desto fester im Auge behalten. Ich hatte mich schon beim Anfang des Streites in die Höhle znrückge-zogen, wo die Natur bald ihr Recht auch von uns forderte, so elend auch unser Lager seyn mochte. Des andern Morgens erweckte mich Pferdegetrappel, und ich trat vor die Höhle. Die Räubercavallerie war zu Pferd gestiegen und im Begriffe abzureiten, der Chef ritt auf mich zu, bot mir als präsumtivem Carlistcn die Hand, gab mir ciue Papiercigarre, und ritt von der Fußarmee ab, ohne sie eines Grußes oder Abschiedswortes zu würdigen. Entschieden war daher die alte Freundschaft noch nicht wieder hergestellt, und meine Gefährten wollten durchaus ausgemittclt haben daß die Frage des Lösegeldes der Apfel der Zwietracht gewesen sey. Mir wurde dieß nun immer gleichgültiger, denn es bemächtigt sich oft in solchen Lagen eine Art Stumpfsinn des den Schicksalsmächten Verfallenen, und ich freute mich des zauberisch schönen Gebirges, an dessen Hauptspitze, dem Cerro de Buny, wir die Nacht zugebracht hatten, und den ganzen Tag verbleiben sollten. Unsere Fußräuber stellten sich auf sehr anständigen Fuü mit uns, sobald die Reiter uns verlassen hatten, allein auch sie gcriethen den Tag über öfter in Streit mit einander, und fochten ihn immer in ihrer Spitzbubensprache aus, so daß wir, als dcr Abeud kam, um kein Haarbreit weiter waren, als Tages zuvor. Sehr auffallend blieb es uns immer, daß wir noch nicht wegen Adressen um Lösegeld angesprochen wurden, und wir verlebten die langsam bcchinschleichendcn Stunden voll banger Erwartung. Meine braven Compagnons bewiesen sich hier als wahre Spanier, kein Laut der Klage entschlüpfte ihren Lippen, und wir versprachen uns als Männer, uns nicht zu verlasse», es möge geschehen was da wolle. So kam die Nacht, und zum zweitenmale mußten wir sie in der Höhle zubringen, deren mangelhafte Einrichtung jetzt erst recht fühlbar wurde, nachdem das Bedürfniß des Schlafes gewichen war. Indessen, die Stunden haben das Gute daß sie vorübergehen, gleichviel wie zugebracht, dem Glücklichen zn schnell, dem Leidenden etwas langsamer, allein jede ist noch gekommen, jede gegangen, bis die letzte geschlagen hat. 297 Der dritte Morgen brach an, und sendete schon seine ersten Strahlen brennend in unsere dunkle Kammer. Ich trat hinaus unter die bereits wachen Räuber, die ich in besonderer Aufregung fand. Zwei davon waren auf höhere Spitzen gestiegen, um Kundschaft zu halten, nach einigen Stuudcn kamen sie zurück, und nun entspann sich eine grelle Scene, wo die ganze spanische Leidenschaft alle ihre Phasen durchspielte und ich jeden Augenblick den Allsbruch erwartete. Diese Entwicklung konnte uns nur günstig seyn, allein der junge Mensch, der schon beim Neberfall zu entfliehen suchte, hätte uns bald all.es verkümmert. Er hatte feine Vrant im Wagen verlassen, und war die ganze Zeit unserer Haft wie verschlagen und unfähig jeder Aeußerung. Jetzt aber, als die Räuber auf dem Punkte standen handgemeng zu werden, ergriff er die Gelegenheit, wo alle Aufmerksamkeit sich von uns abgelenkt hatte, und war mit wenigen Sprüngen über die Felsen uns ans den Augen. Es verlief geraume Zeit, bis die Ränbcr diese Flucht bemerkten, dann wurden sie aber gauz wüthend, drängten uns in die Höhle zurück, und hielten die Gewehre hinein, um Standrecht zu halten. Der älteste von ihnen, ein graues Sündergesicht, riß sie zurück, und sie gingen nochmals in Deliberationen über, welche einen viel rnhigereu Charakter trugen, und in Folge deren wir den Befehl erhielten, uus zum Aufbruch bereit zu halte,:, welcher eben nicht mit vielen Schwierigkeiten verknüpft war. Wir marschirtcn ab, und zogen uns eine Stunde weiter ins Gebirge hinein, das hier immer malerischer aber auch beschwerlicher wird. Plötzlich wendeten wir links, zogen auf einem cntgegenlanfendcn Fußsteige gegen Osten, und da ich aufmerksam der Himmels- und Gebirgsgegend folgte, so theilte ich leise den Freunden eine Vermuthung nut, die sich bald bestätigen sollte. Nach einigen Stuuden traten wir in die Ebene, und Abends lag ein kleiner Ort vor uns, vor dem wir 'deutlich eine bedeutende aufmarschirtc Abtheilung königlicher Soldaten erblickten. Was daraus werden sollte, konnte uns nicht klar werden, um so mehr als uujcre sieben Begleiter unter steten Vivaz <^n,'1o8 cin!mo5 gegen die Königlichen hinzogen. Diese legten sich auf Schußweite in Anschlag, allein unser grauer Retter von diesem Morgen trat auch hier versöhnend ins Werk, und ging ganz allein nach abgelegtem Gewehre auf die Truppen zu, indem er „inäulw, Inllult«," rief, welches Amnestie bedeutet, Der 298 Officier des Detachements nahm nun die Räuber in Beschlag und berichtete nach Madrid, was damit anzufangen sey, wir aber eilten auf die Post, um ein Mittel zum Reisen auf Credit zu finden. Wer schildert aber unser, namentlich unserer Gefährten Entzücken, als wir einen großen Diligenccwagcn im Hofe der Venta Lapiche stehen sahen, und der freundliche Mayoral und die «berseligen Frauen uns entgegenstürzten — ein Augenblick, dem nichts in der Welt an die Seite zu setzen ist. Der glückliche Zufall hatte einen so bedeutenden Schaden an einem Rade entdecken lassen daß man es repariren lassen mußte, und ob es gleich bereits seit vorigem Tage fertig geworden, so gab der brave Mann doch den Bitten der Damen nach, die nächste Nacht noch abzuwarten. Liebende Frauen fühlen und ahnen so richtig daß sie hier das rechte Mittel getroffen hatten. Man kann sich vorstellen, mit welchen: Heißhunger wir unser gutes Souper verschlangen nnd wie leichten Herzens wir die Reise fortsetzten. Nichts fesselt die Menschen mehr aneinander, als gemeinschaftlich überstnnbene Gefahr, und ich bin überzeugt daß die braven Spanier noch oft des deutschen Gefährten gedenken werden, der ihnen so treulich beigestanden in den drei Tage» unter den Räubern. 29. Das Land der Mauren. Die große Kunstperiode, deren Flor und Untergang die schönen Länder von Granada, Iaen und Sevilla gesehen, hat fünf Denkmale hinterlassen, die uns in das Leben ihrer Schöpfer einführen. In dem Schlosse der Alhambra und dem Generalise finden wir die Kraft und das paradiesische Minnespicl der saracenischen Ritter und Frauen-, in dem festlichen Paläste des Alcazars zu Sevilla und seinen Zaubergärten die Herrlichkeit der Chalifen des Abendlandes-, in der Giralda den Morgenschmuck des heiligen Minarets; in dem Marktplatze zu Ecija das ganze Bild des arabischen Wandels und Verkehrs; in der Moschee von Cordova aber, diesem Mecca des islamitischen Occidents, ihren schönsten Tempel den dieser Glanbe jemals besessen. Neberall tritt uns in diesen andalusischcn Ländern der Typus des Morgenlandes entgegen, und um Spanien zu verstehen, muß man aus den Zelten der Beduinen, aus den Moscheen von Kairo, ans den Fccndivans von Damaskus geraden WcgeS nach Andalusien wandern, und man hat nurseine Reise in demselben Lande, unter denselben Menschen zu vollenden. Wenn auch tief durch Jahrtausende von Sklaverei gebeugt, herrscht doch ein hoher Geist iu dem ganzen arabischen Elemente; wir sehen dieß wo es sich nur einigermaßen entfalten kann, uud werden vielleicht noch manches Beispiel erleben, das dem nun durch Abdcl-Kadrr gegebenen zur Seite stehen darf. Es ist ein edles Blut, das arabische, denn Vater Abraham war ein Beduine, und die Natur hat ihren Adelsstempel nicht vergebens auf dieser reinen Race erhalten, wenn sie nicht zu Großem noch aufbewahrt wäre. Die Spanier haben daher Unrecht, lieber auf ihren gothischen Ursprung zurückzugehen, denn die Gothen waren Wilde, die verschwanden wie sie gekommen waren, die Beduinen aber sind Edelleute mit dreitau-sendjührigen Pergamenten, nie bezwungen, nie unterjocht, und 300 selbst des gewaltigen äghptischen Pascha spottend wie ihre spanischen Brüder der Macht des Siegers der Erde trotzten. Ich hatte gerühmt, keinen unartigen Spanier getroffen zu haben, und jetzt, nachdem ich den Händen der Räuber entgangen, kann ich dieß nur wiederholen. Vs ist nicht möglich dieses schlechte Metier »lit mehr Anstand, ja Verbindlichkeit und gutem Humor zu betreiben, und wenn in Spanien jemand unartig ist, so sind eS die Bettler. Als ich aufgebracht über die ewig wiederkehrende Zudringlichkeit einem ganz gut conbitionirten Almosen-forderer es verwies, und ihn ermähnte lieber zu arbeiten als andere Leute zu brandschatzen, erhob er sich stolz und sagte mir: „Senor, ich habe Geld von Ihnen verlangt, aber keine Belehrung", und wendete sich von mir ab. Dieß ist auch arabisch daß nie ein Bettler dankt, man mag ihm so viel geben als man will. Sonderbares Volk, dessen Bettler gleich Räubern, die Räuber wie Ritter auftreten. Nachdem ich nun die höchste Ausbildung der obern Stände und den rohesten Zustand der niedersten Gesellschaft in Spanien kennen gelernt, steht die Ueberzeugung in mir fest daß keine Nation einen unabhängigeren moralischen Charakter besitzt als die spanische, und daß dieser das Land retten muß, sobald die verjährte Verdorbenheit nnd Entwürdigung der Verwaltung aus der Wurzel gehoben seyn werden. In diesem Lande des Paradorcn ist allerdings ein hoher Grad festen Nationalcharakters erforderlich, um dem Reiche des Betruges nnd der Schlechtigkeit ein Ende zu machen; allein wie der große Geist Napoleons dieses Volk zu seinem Ruine mißkannt, so begegnet man immer noch falschen Beurtheilungen, welche die Moralität der Regierung mit der des Volkes so unbarmherzig verwechseln. Man kann nicht oft genug wiederholen daß die Regierung in diesem Lande nichts ist, und daß sie bei der jetzigen Richtung der Geister ihr unwiderruflich und gewiß in kurzer Zeit wird folgen müssen. (5s ist schwer die guten Eigenschaften des spanischen Charakters alle aufzuzählen, und kaum dürfte ein Volk im Ganzen mehr das Prädicat „liebenswürdig" verdienen wie das spanische, das den Ernst und die Heiterkeit des Britten mit der Leichtigkeit des Franzosen und dem tkscn Gemüthe des Deutschen verbindet. Oft wenn ich durch die Straßen der Städte schlenderte, nahm ich Anstand mich an einen der Vorübergehenden zu wenden, deren fast 301 trotziges Wesen so wenig zur Hülfe bereit scheint. Kaum hatte ich aber mein Anliegen auögcsprochen, als auch Dienstleistungen aller Art folgten, und zwar reell, nicht mit freundlichen Worten allein, denn es ist mir mehrmals geschehen daß Männer die ich ansprach, Stunden lang mich herumführten, obgleich die mangelhafte Unterhaltung ihnen eben nicht sehr erbaulich seyn konnte. In einem noch viel höhern Grade ist dieß der Fall, wenn man in das Haus von Spaniern eingeführt ist, und die Versicherung des Wirthes daß sein Haus das seines Gastes sey, ist keine Redensart wie bei uns das permanente Convert bei Tische, das gewöhnlich für den Geist Vanco's reservirt bleibt. Ich habe nie-mals Menschen kennen gelernt die natürlicher, anspruchloser und offener sind wie die Spanier, und es ist hinlänglich, fremd zu seyn um Jeden zur Unterstützung zu verpflichten. Vs ist hier gar nichts Gesuchtes, nichts Affectirtes, es ist das wahre Bedürfniß gefällig zu seyn, und ich mußte öfter, besonders gegen meine Freunde in Madrid, andere Beschäftigungen vorschützen, um ihre Güte nicht zu sehr zu mißbrauchen, und nicht das Opfer ihrer ganzen Zeit in Anspruch zu nehmen. Dasselbe uneigennützige Zuvorkommen fand ich in allen Berührungen, besonders aber auf den Diligence«, und meine Gefährten wachten ängstlich darauf daß ich in keine Verlegenheiten gerieth, daß ich nicht übervortheilt würde, und sahen immer zn ob ich bei Einkäufen oder Zeche nicht betrogen würde, was übrigens in Spanien zu den großen Seltenheiten gehört. Das feine, biedere Benehmen das die Spanier gegen Fremde beobachten, üben sie auch unter sich selbst, und es ist nicht möglich, geschwinder sich behaglich zu fühlen als unter Spaniern. Sie haben das Bedürfniß der Mittheilung im höchsten Grade, und die ganze Gesellschaft einer spanischen Lanbkutsche ist in einer Stunde besser mit ihren allerftitigen Verhältnissen, Schicke salen und Ideen bekannt als es die einer englischen in vielen Tagen nicht werden kann. Die Rücksichten der Höflichkeit überbieten hier alle Rangverhältnisse, und man spricht seinen Diener wie seinen Vorgesetzten mit U8i«ä an, das gleich unserm Sie, und eine Verkürznng von Vuestra Merced, buchstäblich Euer Gnaden ausdrückt. Dieser Sprachgebrauch darf nie geändert werden, und wäre allein hinlänglich die Ausbrüche des Zornes zu lahmen die ich sehr Mm gesehen habe, und welche so höflich aus- 30s gesprochen, lächerlich klingen und machen würden. Imponi-ren kann man dem Spanier nicht, und ich habe Reisende gesehen die ihren Unwillen laut werden ließen, und desto weniger zum Ziele kamen, aber für Artigkeit hat diese Nation das feinste Gefühl, und der Fremde, welcher stets Ruhe und Anstand behält, hat gute Tage in Spanien zn erwarten. Ich mußte oft das Gleichgewicht der Spanier bewundern, und ich habe sie niemals klagen oder unanständig heftig werden sehen. Wer hätte mehr das Recht, seinem Unwillen Luft zu machen als eine eben ganz ausgeraubte Gesellschaft, und doch hörte ich keine der Aeußerungen, welche bei solchen Vorfällen so sehr gegründet sind. Als ich mich mißbilligend darüber aussprach daß die Mannschaft welche auf den Stationen vertheilt ist, nur zur Escorte der Conricre und nicht auch zur Sicherheit der Diligenccn verwendet würde, wurde diese Bemerkung stillschweigend hingenommeu, ohne eine Gegenbemerkung hcrvorzurufeu, denn diese erste Bedingung guter Lebensart, Achtung vor jeder Aeußerung und ruhigeö Aussprechenlassen, besitzen die Spauier im höchsten Grade. Das Unglück war aber nun einmal geschehen, und übrigens die Freude über den guten Ausgang von allen Seiten zu groß um sich in weitere Grübeleien einzulassen, und die ganze spanische Plauderhaftigkeit trat wieder in ihre Rechte, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre. Das Thema der Räubergeschichte wurde bald beseitigt, und die alten Possen kamen wieder zum Vorschein, in denen die Spanier einzig sind, wie wir an ihren unvergleichlichen Sayuctes jeden Abend in den Theatern sehen können. Gine weitere arabische Aehnlichkeit ist die erstaunliche Freiheit der Sprache, allein da die Franen hier daran gewöhnt und gar nicht zimperlich sind, und da diese Zwei-deutisskriten stets mit gutmüthiger Laune und mit sehr viel Witz vorgebracht werden, so habe ich nie ein Aergerniß, wohl aber ewige Heiterkeit daraus entsvringcn sehen, denn der Anstand darf weder in Worten noch Handlungen jemals verletzt werden. Freilich unsern Anstand, diese doppelsinnige Prüderie, dieses Hciligthun und Keuschscheiuen, kennen südliche Naturen, besonders Andalusicrin-nen durchaus nicht, sie lachen über Anspielungen die sie verstehen, uud übergehen andere welche ihrem Erfahrungsbereiche fremd sind, uud hierin liegt der Grund daß die Frauen so anmuthig und liebreizend sind, weil sie Wahrheit und Natnr nicht vcrläugnen, und sttttz ft sich zeigen wie es ihnen ums Herz ist. 303 Eine besondere Eigenschaft der Spanier ist das Gedächtniß, Wenn ihnen keine Kindereien mehr einfallen, recitiren sie Gedichte, und der Seecapitän, der lange in Portugal war, declamirte dem Canonicus die ganze Lusiade,bis der Zuhörer beim letzten Capitel gestand daß er kein Wort portugiesisch verstehe. Dieser Capitän war überhaupt ein Original und improvisirte eine Menge dramatischer Scenen, wobei ihn ein Paar junge Männer unterstützten, und die in der Regel Apotheose», Vorzüge des Cölibats und die Schattenseiten des Ehestandes hervorhoben, wobei die blitzschnellen Riposten der jungen Frauen, das stille Verhalten der Ehemänner und das selige Schmunzeln dcs Paters prächtige Seitenstücke lieferten. Die Iuliushitze, der Staub, die schlechten Straßen machen das Reisen höchst beschwerlich, und dieses Löwengebrüll, Hundegekläff?, Schakalsgewinsel und arabische Vadenzenform der rasenden Zagals, dient in die Länge nicht dazu diese Fahrten angenehmer zu machen. Dabei saßen wir sehr gepreßt, und der dicke CanonicuS, welcher oft vom Schlaf überrascht wurde und nirgends einen Stützpunkt fand, baumelte wie der Schwengel einer großen Thurm-glocke hin und her, und schlug bald an mir bald am Capitän an, während wir nicht dagegen zu Protestiren wagten, obschon wir fast wie Butter schmolzen. Der alte Mann dauerte mich, und ich räumte ihm meinen Platz ein, allein die Hitze wuchs ^eden Tag, und er blieb endlich zurück, da erste nicht länger ertragen konnte, wodnrch wir freilich sehr gewannen. Ueberall wurde auf den geschnittenen Feldern das Korn durch Pferde ausgetreten, ganz wie bei den Arabern oder kleiue Kinder klopften es mit Stöcken. Der Ertrag ist außerordentlich und man sieht bei jedem Schritte was Spanien seyn könnte und was es ist. Die verhaßten Zehnten zieht man nur von deucn ein, die ste freiwillig bezahlen, gewöhnlich gcht aber nur die Hälfte ei», überalt Palliativmittel, nirgi-nds vernünftige durchgreifende Reform, »nd wo diese stattfand wie bei Aufhebung der Klöster, zcigeu sich die Folgen der Ungerechtigkeit. Diese armen Mönche haben all' ihr Gut mit ins Kloster gebracht als sie für ihre Lebenszeit in dasselbe traten, sie waren die einzigen guten Wirthschafter der Felder, eine Stütze der Armen, eiu Re-positorium für Kunst und Gelehrsamkeit. Jetzt hat man sie hinausgestoßen aus ihrem friedlichen Asyl, und fremd der Welt, fremd der Arbeit, siud sie meistens zu alt um neue Geschäfte zu lernen, 304 und da die Regierung treulos ihr Wort gebrochen und ihre versprochenen Pensionen nie bezahlt hat/ so vermehren die armen Menschen die große Masse der spanischen Bettler, während die Rüstigeren sich dem Räuberhandwerke aus Verzweiflung ergeben. Dieß ist eine der Folgen wenn die Leidenschaft regiert, denn jetzt hat Spanien vielmehr von seinen fanatisch-liberalen Eraltados als von den räuberischen Factiosos zu befürchten. Diese plündern nur Reisende, jene stürzen den Staat in den Abgrund. Von Vaylen an ist man im Lande der Mauren, im König« reich Iaen, wo die Natur ihre Zauber ausschließt. Rechts zieht sich die Sierra Morena, in langen schwarzen Linien die Mancha abschneidend, gegen Portugal hin; und wir kamen mit der Dämmerung in dein langen maurischen Städtchen Andujar an, das so reizend sich am Ouadalquivir ausdehnt. Hier ist schou ganz arabischer Vau, die Fenster auf der Straße sind mit Gittern versehen und reichen beinahe bis zur Grde herab, die cisenbeschlage-nen Thüren mit dem Hammer anstatt der Klingel waren bereits geöffnet, und Licht in allen Erdgeschossen, die gleich den Straften voll Leben und Bewegung bei Nacht sind. Wir sou-pirteu gut uud mau beschloß um Mitternacht abzureisen, bis wohin nach dem lustigen Mahle nur noch eine Stunde Zeit war, welches aber meine Gesellschaft nicht abhielt sich noch niederzulegen, so sehr ich davon abrieth, da ich wohl wußte daß sie bann nicht herauszubringen wäre. Deuu dieß ist der einzige Unterschied zwischen dem Urstamm und der europäischen Descendenz, daß ersterer sehr früh, letztere möglichst spät das Lager verläßt. Mich zog das prächtige Leben des Städtchens zu sehr an um an Schlaf zu denken, und ich wanderte herum in den engen Gäßchen, wo bald ein Liebender sein Rendezvous mit der vergitterten Schönen feierte, bald Andere Guitarren unter einem Valcone erklingen ließen, dessen reizende Besitzerin man nur errathen mußte, dann wieder lüsterne Jünglinge durch Jalousien der Nachttoilctte sorgloser Mädchen zuschauten, dort aber in der breiteren Straße eine Pcchpsannc loderte, und ein Räthselgeber einen Kreis von Frauen, Männern und Jungen auf Strohsesselchen um seinen kleinen Zaubertisch versammelt hatte, und durch blitzschnelle Lösungen mehr Verlegenheit empfand als verursachte. Alle diese Vilber ließ ich an mir vorüberziehen, es sind die Vorstellungen eines heitern, liebelcchzenden Volkes, das die Nächte 305 zum Vergnügen benutzen muß, da die Tageshitzc jede Bewegung lahmt. Nun schallten mir aber die tactmäßigen Castagnetten und die arabischen so wohlbekannten Tanzmelodien aus Seitenstraßen entgegen, uud ich folgte einem matten Lampenschcine, der von einer Hanswand aus das ganze Tanzvergnügen erleuchtete. Es waren nur Mädchen die hier tanzten, die Männer bildeten den Kreis, und es war der herrliche Fandango, dessen üppige Vcrschlingungen nud Körperwindungen hier von ganz jungen Mädchen, die man bei uns Kinder nennen wurde, mit einer Passion, Elasticität und einer solchen Fülle von Grazie in der runden Haltung der Arme und Hände, worin die Spanierinnen gewiß nicht übertroffen werden, ansgeführt wurde, baß ich in Madrid nichts Aehnliches gefunden habe. Da keine Jünglinge mittanzten, so konnten sie die ganze Wärme ihres Gefühls auSsprecheu, und hier verstund ich diese Körpersprache zum erstenmale vollständig. Sie tanzten alle ohne Mantillas, hatten nichts au als leichte, lil'fausgeschnittene, furze Musselinkleidchen ohne Vasqnina noch Vusentuch, und da die Aermel bis uutcr die Achsel hinaufgestreift wareu, so sah mau die schöne volle Form des,Armes, wie überhaupt den ganzen bewundernswürdigen Körperbau, worin wohl keine andere Nation in die Schranken treten kann. In der Leidenschaft und Verwirrung des Tanzes wurden bier Reize bloßgestellt, dic jeden Bildhauer und Maler in Ekstase bringen mußten, allein es war dieß stcts und offenbar zufällig oder eigentlich unbewußt und unabsichtlich. Indessen war es keine kleine Aufgabe diesem sinne-reizenden Spiele gleichgültig zuzuschauen, nnd die umstehenden jungen Andlilusier gaben so heftige Zeichen des Beifalls nnd der Ueberraschung, daß ich jeden Augenblick einem Sabinerraub entgegensah. Allein in diesem Lande ist auch das gewühulichstc Mädchen vor brutalen Handlungen geschützt, und bei mehreren Kreisen die ich diese Nacht noch tanzen sah, war überall dieselbe Passion, überall dieselbeDceenz. Vergebens rief der selbst noch schlaftrunkene Mayoral seit 1, Uhr sein „al Codje", meine Gefährten waren nicht aufzurütteln, und wir passirten erst um 2 Uhr bei klarem Mondlicht die lange Brücke. Zum zweitenmale kamen wir über den Strom bei der durch eine Schlacht berühmten Puertc de Ercolc, und hielten um ll) Uhr unsern Ginzug in Cordova, wo ich sogleich erklärte daß ich uun auch auf eigene Rechnung eine Ver-Morgcnland und Abendland. II. 2tc Anf?- 20 306 fäumniß machen, und vor Abend nicht abreisen wolle. Die Hitze war gransam und mein Vorschlag durch sie unterstützt, denn wo hätte man diese Mittagsstunden besser zubringen können als in den Marmoralleen der Chalifenmoschee, in die nie ein Sonnenstrahl gedrungen, und wo ewige Kühle uud Dämmerung herrscht. Cordova liegt mitten in Olivenwaldungen, rechts an der Sierra Morena hängen die weißen Vinsiedlerhäuschen, in der Stadt ist aber alles maurisch, Marmorsäulen in Masse am rechten und unrechten Platze verwendet, und maurische Portale, Friese und Vögen überall den ersten Ursprnng verrathend. Die Straßen sind enge, und die Häuser haben arabische Vorhallen und schattige PatioZ, Die Moschee zn Cordova ist der größte mohammedanische Tempel, der ans unsere Zeit ganz unverändert übergegangen ist, und entschieden die außerordentlichste architektonische Erscheinung Europa's. Sie steht ganz frei über den Ufern des Quadal-quivir, ist rings von hohen saracenisch garnirten Mauern umgürtet, um welche außen hohe, breite Quadcrtrottoirs herumführen. Der Haupteingang führt dnrch einen isolirtcn, im Style der Giralda gehaltenen Minaretthurm, dessen riesige Vronzeflügel-thore bereits mit Grstannen und Ahnung erfüllen. Der Vorhof ist mit Cypresscn und Orangen dicht bepflanzt, in deren Mitte eine große Marmorfontäne steht, ringsum lanfen hohe Arkaden mit doppelten Marmorsa'nlenreihen. In die Moschee selbst führen hohe Portale, deren Vögcn in der so ganz einzigen arabischen Hnfeisenform geschnitten sind. Schon der Gindrnck, welchen diese großartige Ginfassung und Nmgebung hervorrnft, ist sehr mächtig, verschwindet nberbeim Eintritt in das Heiligthnm vor der erstaunlichen Massenpracht welche hier herrscht, und die von den ägyptischen Tempeln wohl an Größe aber nicht an Großartigkeit übertroffen wird, denn hier finden wir eintausend und achtzehn Säulen ans einer Stelle beisammen. Die Moschee selbst besteht ans einem Porticus von achthundert und vierunddreißig Säulen, alle von den edelsten und verschiedenartigsten Marmorartcn ans einem Stücke geschliffen, mit großer Mannichfaltigkcit der Capitale, und von arabischen, ganz frei in der Luft sich wölbenden Gnirlandenbögen überzogen uud verbunden, welche das Dach von dem berühmten aber leider verloren gegangenen Alercebaum tragen, das von schöner einge- 307 legier Arbeit gefügt jetzt die Farbe alten Eichenholzes angenommen hat. Tic Säulen sind bald schwarz, weiß, grau, gelb, rosa, bläulich, viele gefleckt, und erzeugen durch den Wechsel der Farben einen über-^ naschenden Total-Effeet. Nc-unundzwanzig Reihen werden durch neunzehil Reihen durchschnitten, und wo man stehen mag, bieten sich unzählige Pcrspecti^en in geraden und Diagonallinien dar, welche bei dem feierlichen Halbdunkel endlos zu seyn scheinen. Hätte man diesen größten Porticuö der Welt ohne Zugabe gelassen, und höchstens die christliche Kircbc auf die Etelle des Patio gebaut, so würde bierans das erhabenste Bauwerk, ein zlvciter salomonischer Teulpel entstanden ftyn, da der Porticns über dem O.nadalqnivir liegt wic die ^>alhalla über der Donan, Allein die Architekten verkannten von jeher und bis zu unserer Zeit die stufende (vrschcinung der arabischen Bauweise, und man beschuldigte sie geradezu eines kleinlichen Styles, da die Säulen außer Proportion zu dem Gewicht stehen das sie gewöhnlich tragen müssen, und daher nicl't geometrisch richtig st'>tn. Die Säulen der Älhambi-a und die Säulen der große» Moschee tragen ihre Last nun gegen lausend Jahre, und kein,' hat noch gewankt, die nicht Menschenhand verrückt, fest nnd zierlich stehen ste noch in ihrem ursprünglichem Glänze, und köni'en noch ein Jahrtausend den Elementen trotzen, wahrend die T>!nvel der Römer, nnd beinabe alle Tempel der Griechen zusammengestürzt und verschwunden sind. Die gleiche Vertheilung des Ojewichteö und die Berechnung und Brechung des eigentlichen Stützpunktes waren die Hebel der arabischen Kunst, denn nicht die Masse macht stark, sondern die Benützung wahrer Kraft. Es ist eben die Leichtigkeit, nnt welcher diese schlanken zartgebantcn Kolonnen tragen, welche ihnen die-sen Neiz verleiht, der jeden Unbefangenen entzückt. (5s ist ein gauz anderes Gefühl das wir empfinden, wenn wir vor dem Tempel von ^tarnat und vor dem von Cordova stehe». Veide erfüllen uns mit Vewnnderung und <5rstaunen, allein der Freund wahrer Schönheit wird rben so entzückt vom Anblick drr vollen^ deten Körpcrform eines Athleten, als bei den zarten Rei;eu einer Venus. So mußte aber in dies; Heiligthum der Kunst gepfuscht werden, die Seitengänge wurden mit Kapelle» ausgefüllt, nnd ein christlicher Altar erh^l, sich mit ächt gothischem Pomp in seiner Mitte, wodurch sein höchster Neiz, die Perspective der Sänlengänge, unterbrochen wurde. Hier wie in dem Alcazar 20* 308 zeigte sich die Unfähigkeit christlicher Künstler, etwas der arabischen Kunst Würdiges hervorzudringen, und wje auch der Chor und die Capellen von Gold, Scnlptur und silberner Tabernakel-glorie strahlen, sie treten doch weit zurück vor dem einzigen Zan-carron der Moschee, wozu drei Eisengitterthore führen, und das alles in sich schließt, was Gold- und Lasnrmosaikkuppel, reichgemalte Steinbroderie, Arabesken-Phantasie und geschmackvolle Säulenverzierung jemals in der großen Araber-Kunstperiode an reichen und doch so einfachen, ja ich möchte sagen kindlichen Effecten hervorgebracht. Dieses Heiligthum der Moschee hat ein guter Genius beschützt, und es steht hier mitten unter Crucifixen und Altären, aber fest an seiner alten Marmorwelt sich haltend, und ruft in seinen Inschriften das Lob des Propheten, während ringsum christliche Hymnen ertönen. Diese Vereinigung beider Religionen in Vinem Tempel findet man nnr in der Moschee zu Cordova, es ist der Triumph der Kunst über das Vorurtheil. Wenn aber einst ein spanischer Herrscher das Auge auf die Kunstschätze der Maureu richlet, wenn er sich entschließen kann die Moschee in ihrer ursprünglichen Schönheit herzustellen uud von fremder Zuthat zu befreien, dann wird man erstaunen über diese miraculose Schöpfung, in ihrer Idee so einfach, in ihrer Ausführung so ungeheuer, und die Tausende welche jetzt in Syriens und Acgyptens fernen Araberländern diesen erstaunlichen Architektnren nachreisen, finden im benachbarten Spanien im Umkreise weniger Tagereisen das Höchste beisammen, was jenes stolze, menschliche, kunstglühcnde Volk jemals hervorgebracht har, Bauwerke die mit den edelsten Erzengnissen griechischer und römischer Vaukuust ohne Bedenken verglichen werden können. Tic Vewohncr deö heißen Cordova haben den Werth dieser kühlen Hallen längst erkannt, und in der Mittagszeit lagern sich hier die Gruppen aller Stände in den Arkaden des Patio, man macht in den Marmorallccn feine Geschäfte lustwandelnd ab, und Hunderte der reizenden Andalu-sieriuueu lagern auf den Marmorböden herum, und wehen sich mit Fächern ^uft zu, und vertreiben müßig schwatzend die Stunden bis die Abcndkühle sie aus der Schattcnpracht des Säulen-waldes in ihre Olivenhaine lockt. Auch uns lockte der Mayoral, der unten an der Brücke mit der Kutsche schon lange wartete, und fort ging es nun über 309 die neuen Anpflanzungen von Carlotta, ihrer Hauptstadt, wo Pferde- und Stierzucht und Feldbau so blühend sind, nnd zwischen der Sierra Morena und den ferneren schönen Bergen von Ronda flogen wir rastlos hin, nm noch bei vollem Tage den Punkt zu erreichen, der einen würdigen Stein in der maurischen Kunstpentarchen-Krone bildet. Es ist Ecija, tief im Thal des Genil verborgen, den Granada hier nach dem Duadatquivir sendet, rings von Hügeln eingeschlossen, der heißeste Ort Spaniens. Ueber die Brücke hin kamen wir am schönen, schattenreichen Paseo vorbei, und fuhreu durch die promeuirende Welt nach dem nahen Gasthofe. Keiner meiner Gefährten war mehr zum Ausgehen zu bewegen, kein Vuch, kein Wegweiser hatte mir gesagt was hier zn finden, aber kein Reisrnder sollte sich abhalten lassen immer selbst zu suchen, wenn er auch uoch so häufig unterrichteter Dinge zurückkehrt. Schon der ganze äußere -Anblick dieser Stadt hatte mich im höchsten Grade frappirt, und diese vielen Thürme, halb gothisch, halb arabisch, dort gleich der Giralda ü jour durchbrochen, hicr eine aufgesetzte Glockenspitze, bort maurische Lasurmosaik, hier gothische Schnörkelformeu, alles gemalt und wunderbarlich das Minaret überall mit den kleinen Säulenvcrzierungcn, mit dem Ernst des christlichen Campanile verbunden. Nud diese arabischen Moscheenbögeu und Säulen-gange, dann alle Häuser, selbst die allerkleinstcu, mit dem niedlichen Patiogitter, nnd das orientalische Leben, alles an den Gitterfenstern, in den Fontäneuhöfen^ und wieder diese Man-tillaS, diese Augen, diese Schönheit, wodurch Gcija selbst in Andalusien berühmt ist, alles eigenthümlich, alles reizend, so daß ich ost sinnend stehend blieb, ob ich mich denn wirklich in Europa befände. So zog ich fort dnrch die lange Hauptstraße, als ich mich Plötzlich auf dem Marktplatze der Stadt fand, der so ganz, aber anch in allen Theilen maurisch ist, daß ich mich nicht erinnere selbst im Orient etn'aö Aehnliches gefuudeu zu haben. Hier kann man sich eine vollständige Vorstellung von dem Leben der ehemaligen Besitzer machen, nur sind die Schranken des Harems gefallen, und die meistens dreistöckigen Häuser zeigen ihre Alkaden offen, die durchaus von arabischen weißen Marmorsäulen getragen werden, und als Vorhalle nnd Schutz sür die hintenliegcuden Zimmer dienen. Man kann sich keine Idee von der Zierlichkeit machen, welche diese unzähligen Säulchcn, 310 diese Vögen, die vielen noch sehr gut erhaltenen gemalten Wände und Vovedas, und die hübschen Arabesken dem ganzen reich belebten Vilde verleihen. Ganze Schaaren Mantillas und Schleier saßen ans diesen offenen Valconen, und ließen Angen und Fächer frei walten, unten aber war der sehr große Markt übersäet mit Menschen, die theils kauften und verkauften, theils auf den Stein-bänkcn herumsaßen. Vier jener hohen, durchbrochenen und gemalten Thürme glänzen mit ihrer Scherbenmosaik herab, und eine alte Moschee sieht ganz feierlich unter einem von arabischen Porphyrfäulen eingefaßten Hciliqenbilde hervor, neben aber brennt die christliche ewig? Lampe unter einem saracenischen Vogen. Selbst in DamaskuS weiß ich keinen Platz, der jenes Veben so deutlich ausspräche, denn dort ist alles nach innen, hier aber nach außen gewendet. In der Mitte steht ein goldener Heiliger über einer Marmorquellc, und sieht sich ganz verwundert nntcr der Moscheen- und Schleicrwclt um. Wenn ich nicht schon gesehen hätte daß die Sonne hier die schönsten Kinder des Lnnbes ausbrütet, so sollte mir ein Zufall, dieser Gott der Reisenden, dazu verhelfen. Es war spat und Nacht geworben, alö ich mich endlich dem Zauber des Marktplatzes entriß, nm in die Fonda heimzukehren. In einerhubscyen Straße blieb ich an einem auffallend schönen Hause stehen, trat in die beleuchtete Vorhalle und sah durch das vergoldete Gitter in den Patio, wo zwischen Orangenbäumen eine große Anzahl Menschen herumsaßen, nnd eiuigc Damen sangen, einige arbeiteten, alle aber sich unter der sanften Veleuchtuug höchst an-lnuthig ausnahmen. Ohne daß ich mich ,mehr zurückziehen konnte, öffnete mir der Herr des Hauses den Neja, und bat mich einzutreten, was ich denn auch ohne Nmstände annahm. Es war ein Marques, einer der ersten Adeligen der Stadt, und viel gereist, wodurch wir begreiflich sogleich in nahe Berührung kamen. Nachdem er mich seiner Familie vorgestellt, schilderte ich meine Ncberraschung beim Anblicke dieser Stadt, nnd versicherte daß Damaskus feinen ähnlichen Markt auszuweisen habe. (5s bedürfte einiger geographischer Erläuterungen, nm den Ve-griff Damaskus festznstellen, dann aber schmeichelte es dem spanischen Stolze nicht wenig den Vorrang zu verdienen, nnd ich mußte nun meine Parallele fortsetzen, zn welchem Behufe mir denn auch alle innern Räume gezeigt wurden. Meinc Idee, 311 diese orientalischen Häuser wie in Damaskus einzurichten, fand Veifall, ich schilderte alles genau, zeichnete ihnen möglichst treu einen inuselmännischen Divan, und es wird sich nun zeigen ob diese weise Lehre Früchte trägt, wodurch Spanien wieder arabisch werben kann. Von dem Liebreiz, der Schönheit und der Artigkeit der Damen schweige ich. Wer aber in Andalusien gereist, weiß am besten wie schwer es fällt, nicht immer wieder auf dieses Thema zurückzukommen. 30. SeviUa. t^nien nn 1,N8 vi«to ^l:vi!!ll, no I,a vlglo inaivlviü.'l. Der Cerro de Cannona ist fin isolirt stehender Felsen, auf dem mau> rische Castellreste noch ziemlich erhalten die weiten Thäler beherrschen, nnd durch eine scharfe Einsattlung dieses Verges führt ein schönes Thor zncrst in die weiten Festnngsmauern und dnrch diese in die Stadt herab, Wie überall in Adalnsien sieht man hier die Entwicklung einer zu erwartenden Zeit vorangeeilt, und von dem hübschen Städtchen Aleala an ist die ganze Ebene gc-gen Sevilla hin mit Hundcrttauscndcn von Oelbäumen übersäet. Von hicr sieht man zum erstenmale die Spitze der Mralda, und wie man aus dem Olivcnwalde tritt, öffnet sich das weite Thal des Quadalquivir, der sich schlangenartig um die Stadt windet, und bis zum Meere durch kcine Höhen mehr unterbrochen wird. In dieser weiten Fläche finden sich nur einzelne weiße Maier-Höfe, die mit ihren Gärten gleich Oasen aus den eintönigen Stoppelfeldern heraustreten, jenseits aber zieht sich auf dem rechten Ufer des großen Stromes eine Hügelreihc hinab, die von großen Ortschaften und ihren Waldungen bedeckt ist, und nn^ zählige Kirchen und Thürme ragen ans der weitcn, schönen Stadt hervor. Wir fuhren eme halbe Stunde an dem arabischen Nquäduet fort, der von Mala das Wasser hereinschafft, und die andere Seite der Straße ist von Häusern eingefaßt. Die prächtige, schwarze, gothische Kirche schant über alles herans; wir snhren an den alten Saraeenenmauern herum, nach dem Thor der Cigarrcnfabrik, wo man uns den Eintritt verwehrte, so wie nach dem Flusse hin und durch alle die Alleen fort, welche sich hier um die Stadt ziehen, in die Stadt hinein, wo die Lebhaftigkeit des Verkehrs, besonders aber die reizenden Patios, die man beinahe durch jede offenstehende Hansthüre und 313 das Gitterthor erblickt, wieder alle orientalischen Grittnerungen in mir erweckten. Nengstlieh warteten viele Personen im Dill--gencenhofe auf die Bekannten, deren Schicksal man durch die Verzögerung geahndet zn haben scheint, nnd des Umarmens, Glückwünschens und Bedauerns war kein Gnde. Da mich aber Niemand ambrassiren wollte, auch die hier wartende Touane wegen Mangel an Vffecten kein Geschäft an uns machen konnte, so warf ich mich in die Arme eines barmherzigen Samariters, der sich anerbot mir den Weg zn zeigen, und gelangte bald m die Fonda del Turco, in deren Patio über der Marmorfontäne ein schwarzer Napoleon steht, der vielleicht den Türken vorstellen soll, jedenfalls aber in einem spanischen Gasthause cine auffallende Erscheinung ist. Im Patio selbst stehen Tische und Stühle für Kaffeetrinker und Zeitungsleser, die Arkaden sind abgesondert durch spanische Wände, hinter denen Billards nnd Speisetische siguriren, im zweiten Hofe aber, von großem Reben-laubdache bedeckt, sitzen die Domino- nnd Kartenspieler. Anf dem obern Gange, der ebenfalls ans offenen Säulcnbögen besteht, und als Promenade dient, erhielt ich mein Zimmer angewiesen, das daher zwischen den beiden von Menschen gefüllten, Höfen lag, nnd mir wenig Hoffnung zum Schlaf blicken ließ. Allein die Spanier lieben zwar die Nacht, verbringen sie aber sehr ruhig, nnd so konnte ich denn zum erstenmale wieder seit Madrid mich wenigstens mit dein Bewußtseyn niederlegen, das; an nur nichts mehr zn plündern sieh vorfand. Mein erster Gang des folgenden Tages war zn dem Bankier, defsen Namen ich im Gedächtniß behalten und welcher die Großmuth hatte mir auf das in Betreff meiner erhaltene Aviso Geld auszubezahlen, worauf ich dann die dringendsten Einkäufe machte, um meine Blößen zn decken. Dann trieb es mich aber hin zu jenen Wunderbauten, die Sevilla so berühmt, wie Amerika's Gold reich gemacht haben — und wo hatte ich besser anfangen können, als auf dein Grabe des großeil Columbus, das über dem Grab arabischen Nittcrthums errichtet wurde— deren Name länger gedauert als jene unglückschwangeru Schätze. Was jetzt München für Deutschland, was früher Florenz für Italien, das war einst SeviNa für Spanien, die Wiege der schönen Künste und ihrer größten Meister. Man muß die Bilder der großen Spanier, besonders Murillo's, hier auf ihrem Vaterboden be- 314 trachten, um sie ganz zu verstehen, wie man Tizian nur in Venedig, Raphael nur in Rom ganz begreifen kann. Wie sich der Campanile des heil. Marcus allein und rä'th-stlhaft auf Pfeilern aus dem dunkeln Meeresgrunde erhebt, eben so wunderbar und allein trägt hier die Giralda ihr Zackenhaupt im blaueu südlichen Aether, so schön, so herrlich, daß selbst die spätere Zugabe eines christlichen Aufsatzes ihr nicht schaden tonnte. Was die Mauren in ihren Königspalästen eifersüchtig dem profanen Auge entzogen, das steht hier frei und kühn in den Lüften, und zeigt was arabische Kunst vermochte, so zart, so sinnig und doch so grosi, und doch so wenig verstanden und erkaunt. Diese Giralda ist das Sinnbild wahrer Schönheit im passenden Schmucke, und so steht sie allein, gleich der stolzen Frau des Landes, fest im Innern, uuerschüttert von der Zeiten Schwanken, aber umringt von dcr Zierrath, welche selbst Grazien nicht verschmähen. Sechsunddreisjig Stufeuabsätze fuhren auf breiter Vahn hinauf in diese viereckten Thürme, zugänglich selbst dem schlechtesten Steiger, würdig des Bergpfades eines englischen Parkes, aber den Reitern verschlossen, weil die ihr Hciligthum ängstlich bewachenden Araber die Eingangspforten so nieder uud verschlungen gebaut, daß lein Einfuhren der Pferde möglich ist. Wie viele Jahrhunderte steht nun diese herrliche Giralda, wie viele wird sie uoch stehen, in ihrem reizenden Spitzenkleide, nur wenig vom Einflüsse des afrikanischen Himmels gedunkelt. Von weiter Ferne ert'amtte ich in ihr. dio bekannten Formen und Zierrathen, die mich iu der Alhambra entzückt, ewig gleich, ewig uen, vom Geiste wahren Knnstgenies erfunden und ge-schaffeu, dem keine Zeit zum Muster gedient, und die kein Künstler nachzubilden verstanden, ein Triumph göttlich-schöpfe-rifcher Kraft, das .Nind des vollendetsten Geschmackes. Allein auf der weilen Galerie, wo einst die Mnlesselim die Gebote Mohammeds ausriefen, waren uuu Knaben beschäftigt die enormen Christenglocken in Vewegung zu setzen, deren heller Klang über Andalusiens Fluren hiuaustöut, und aus dcr rosenrothen neuen Thurmspitze, die gleich einem Conftturaufsatze über einer Tafel von Goldservice hinausragt, erblickten wir die herrlichen Fluren der maurischen Reiche, und die Verge Portugals und das Meer. Schöne Giralba, du hast andere Zeiten geschaut als diese Verworrenheit des Vrndertampfes, uud deine stolzen Ritter 3l5 kämpften nur für das Erbe ihrer Väter, nur gegen die Macht religiösen Fanatisinns und gegen den Unverstand mißdeuteter Religion. Ich betrat das Innere der Kathedrale, von außen schon so imposant durch Masse, obfthon niemals vollendet, in dem heiligen Dunkel ihrer süns Schiffe aber vou einer Wirkung, die ich kaum jemals in einer ihrer gothischen Schwestern empfunden. Araber-thum und Christenthum hier so nahe beisammen, auf den Höhen des schönsten Minarets des Islamismus die klingenden Glocken, während unten hundert Vaß- und Sopranstimmen die schwarze christliehe Versammlung zum Gebet rufen; wer stünde nicht sinnend hier an den Schwellen zweier Religionen, die sich so lange mörderisch bekämpft, um hier aus kleiner l5rden seh olle Vincm Zwecke, Einem Gotte zu dicuen? Arme Sterbliche, wie thöricht müht ihr euch ab um eitlen Hirngespinnsten nachzujagen, während das Göttliche stets siegend über ench schwebt, und den Irrwahn eurer Glaubens-formcn selbst unsichtbar in sphärische Harmonie auflöst! Die Kathedrale von Sevilla ist eine große section dasi man seinen Schöpfer verehren kann, sey es in: ägyptischen Tempel oder im gothischen Gotteshause, iu der griechischen Säulenpracht wie im Tempel der Hindus. Die gothischen Kirchen Spaniens haben durchaus nicht das Leichte, Durchsichtige der deutschen und belgischen, weil in ihnen eine ganz verschiedene Eintheilung stattfindet, uud Altar und Chor in Mitte der Kirche stehen, nur durch einen ein-gefaßten Naum getrennt; allein die Wirkung, welche namentlich die Kathedrale von Eevilla hervorbringt, ist besonders in ihrer Höhe, in der beinahe vollständigen Quadratform und in den sehr hoch angebrachten Fenstern zu suchen, die mitunter die besterhaltenen Malereien enthalten, uud ein Dämmerlicht verbreiten, das die Seele höher spannt. Nichts gleicht der Pracht des spanischen Ritus, in welchem alle profanen Instrumente verbannt sind, und nur die majestätischen Orgeln und Menschenstimmen wirken. Wir kamen zu einer Kircheufcier, wo huudert Chorherren in ihren Stühlen Herumsasien, und Bässe wie ich sie in derSirtina nicht starker gehört, großartige Weisen in gehaltenen Noten vortrugen, während der Netablo, diese, auch Spanien ausschließliche Verzierung der Altäre, dann die rings nm ihn laufenden hohen vergoldeten Eiscngitter oder Rejas, durch den Nester der unzähligen Wachslichter glänzend durch das schauerliche Dunkel der 316 Kirchenschiffe heraustrat. Die Art des Kirchenbesuches erinnert eben so sehr an die islamitische Moschee, als er eine Andacht ausspricht, die vielleicht eben so wenig im Innern begründet ist wie in den einein Couversationssaal gleichenden italienischen und französischen Kirchen, wo aber die Haltung der Gemeinde eine so gänzliche Demuth und Prosternation ausdrückt, dasi gewiß in keinem christlichen Lande der Welt ein solch ergreifender Effect daraus hervorgeht. Alle Frauen, welche die Kirche an Festtagen besuchen, sind schwarz gekleidet, und der schwarze arabische Schleier, das anfängliche Knien, nnd das ihm bei längerer Dauer folgende Niedcrsitzen auf die kreuzweise untergeschlagenen Veinc sind so ganz orientalisch nnd erhalten durch das beständige goldene Fächerspiel einen so besondern Reiz, daß ich mit dem Mangel an Stühlen mich ganz aussöhnte, und mich an dieser religiösen Hingebung nicht satt sehen konnte. Die Männer knien während des Gottesdienstes ebenfalls, allein die Toleranz gegen Fremde geht hier sehr weit, und es schien Niemanden aufzufallen wenn ich mich Stunden lang an diesen Herrlichen Gruppen weidete, oder mich von den lebenden zu den gemalten Madonnen wendete, mit denen diese Kirche so reich bedacht ist. Ich weiß nicht weß-halb die Franzosen nur Nibera's heil. Thomas nach Paris geschickt nud zwanzig der schönsten Murillos hier gelassen haben; so viel ist aber sicher 0aß keine Kirche eristirt, wo der Maler nnd Kunstfreund solche Schätze beisammen fände, wie denn Se-villa, die Mutter andalusischcr Kunst, anch am reichsten mit den Prodnctcn der größten spanischen Meister versehen ist. Die Aufhebung der Klöster hat zu einer ebenso übereilten Verwendung ihrer Gemälde geführt, wie sie selbst übereilt vorgenommen wurde, und auch hier wie in Madrid ist eine Provincialsamm-lung ans den Kunstschätzen der Klöster gebildet worden, welcher aber wie cs scheint die besten Werke, welche früher bei den Ca-pncinern nnd Franciskanern waren, entzogen und nach Madrid geschickt wurden. Die Kirchen selbst hat man niemals gewagt ihres Schmuckes zu berauben, und die berühmten VilderMuril-lo's, die Vrodvertheilung und der auf den Felsen schlagende Moses, besonders aber S. Juan de TioS in der kleinen Kirche der Caridad, sind meineö Wisscus ohue Gleichen im Madrider Museum. Auf meinen selbständigen Promenaden kam ich in die jenseits des Quadalquivir gelegene Vorstadt Triana. wo die 317 Zigeuner wohnen, etwas besser logirt als ihre ägyptischen Vrü-der, dem Handel und Wandel ergeben wie bei uns die Inben, die hier zn Lande zwar nicht mehr verbrannt, aber doch auch, Herrn v. Rothschild ausgenommen, nicht geduldet werden. In dieser großen Vorstadt steht eine kleine Kirche, St. Anna genannt, und hier finden sich Bilder von Campana, dem Stifter der ersten andalusischen Schule, schön wie Cimabues und Giottos, und selbst meinem Lohndiener unbekannt. Es machte mir große Freude diesen Schatz gleichsam entdeckt zu haben, und die würdigen Geistlichen zeigten mir alles, worunter ich besonders die heil. Katharina hinreißend herrlich fand. Zwischen der Kathedrale und dem Alcazar stcht die Lonja, hie berühmte alte Vörsc, in welcher jetzt Archive, alte Bibliothek und indische Vureaur einquartiert sind, ein großes Gebäude, das man unter die über die gothische Baukunst errungenen Triumphe rechnet, worin ich aber nichts Besonderes finden kann als eine sehr schöne Treppe und eine wirklich nachahmungswürdige Eintheilung des Innern; nach meinem Gefühl stcht die Kathedrale von Sevilla weit hoher in der Kunst als alle die spätern gepriesenen Werke der großen Meister, höher als die prächtigen Kirchen von Granada, Iacn, Malaga, die Lonja, der neue Palast der Alhambra, ja selbst der stolze Oscurial. Allein wie das nun zu gehen Pflegt in fremden Städten, ich folgte gelassen dem Herrn Cameraro, und hatte schon mehrere Tagreisen mit ihm zurückgelegt, als er mich fragte, ob ich die Gärten des Alcazar sehen wolle. Ich wußte wie jeder andere daß der Alcazar die Residenz des westlichen ChalifM ,rar, hatte aber niemals meine Aufmerksamkeit ans ihn besonders gelenkt erhalten, und betrat sein unscheinbares Thor, das durch den Platz der Lonja von der Kathedrale getrennt ist, ohne alle Erwartung. Ein zweites Thor führt iu eiuen von Wohngcbäudcu umschlossenen Hof, die, in doppelt etagirte arabische Bögen gelegt, die Haupt-farade des Alcazar umgaben, dessen hohes Thor auf den ersten Blick den ganzen unerschöpflichen Reichthum jenes maurischen Bau- und Nerzierungsstyles enthüllt. Ich bezähmte meine Neugierde, diese so unerwartet grandios sich ankündigenden Hallen zu betreten — so unerwartet sage ich, denn die Alhambra hat ihre große Eingangspforte durch das neue Palais eingebüßt — und folgte durch Seitengänge und lange Säulencorridorc dem bereits bestelllen Aufseher über die Gärten, welchen in der neuesten Zeit wieder 3l8 uiele Sorge zugewendet wird, und die sich in einem sehr guten Zustande befinden. Sie sind weitläufig, zur Hälfte au Primaten ver^ pachtet; der innere Raum aber, der durch einen maurischen Säulengang geschieden ist, nach orientalischer Sitte in mehrere Abtheilungen abgesondert, alles reich mit den edelsten tropischen Bäumen, Stauden uud Blumen beschattet, uud überall klares Wasser im Neberflusi aus den Wasserleitungen, die jetzt wieder ganz hergestellt sind, und wo der gefällige Führer durch den Druck einer hydraulischen Schraube alle Terrassen zugleich durch Tausende kleiner, reizend springender Fontänen überschwemmte, ein eben so schöner Anblick, als die Hitze dadurch augenblicklich gebrochen und in frische Kühle verwandelt wurde. Unterirdische Väder, offene Vadc-bassins, Temvel und Lauben in den schönsten Formen sind über diese grosien Garteuaulagcu ausgestreut, und ziehen sich gegen den Strom iu Terrassen hinab, die sonst bis zu seinen Ufern reich ten, wo noch jetzt der zwölscckige Thurm del Oro die Gränzen beider bezeichnete, während die hohen arabischen Mauern, welche den Alcazar einschlössen^ nur zum Theil abgebrochen wurden um den Cigarrenpalast zu erbauen. Gleich der Alhambra hat der Aleazar von der Seite der Gärten nichts Ausgezeichnetes, und ein Bogengang führt in sein Inneres, wo ich die so liebgewonnene Alhambra wieder fand, zum Theil iu größcrm Maaßstabe, grö'ßteutheils aber durch Zeit und Unverstand ziemlich zerstört. (5s sind dieselben arabischen Vögen, derselbe Reichthum au Phantasie in ihrer Verzierung, dieselbe Vekleidnug der Wände, allein die Farben fehlen, deuu man hat all' diesen herrlichen Schmuck mit Gyps übertüncht, und die Nachahmungen, welche moderue Künstler versuchten, sind so buntscheckig, so klecksig geworden, daß man es kaum mehr wage» wird einen zweiten Versuch zu unternehmeit, Der Patio der Jungfrauen mit doppelten Säuleuhallcu uud übcreincmderlaufendcn offenen Corridors führt unten und oben in den Saal der Gesandten, der zwar das einzige ganz großartig Uebergebliebeue des Al^ cazars ist/ aber an Höhe und Goldpracht selbst die Schwesterfälc der Alhambra überbietet. Die Kuppel füllt jene Art Firmament die keine Sterne malt, aber doch so gläuzcud anspricht. Dann folgen die bekannten arabischen Stalaktitverzierungeu von Gold strahlend, und nuu die so Mau war ungeschickt genug in diese sublimen Arabeskcuvccoratioueu die 3!9 Porträte der spätern spanischen Könige und Königinnen zu malen, denen man es ansieht daß sie sich im fremden Haust nicht wohl fühlen. Oben sind vier Valcone mit eisernen Gittern, unten drei groste arabische Vögen, die in Seitengemächer führen; das Hauptthor vom Patio hat prächtige Vogeureliefs nnd riesenhafte Thüren voll dem Holze eines unverwüstlichen, seit Jahr« Hunderten in Spanien ausgestorbenen Vaumes, der nur noch in der Vcrberei, den Naturkennern unter dem Namen i'u^ «,-Hofes gelagert fand, und wovon einer sich seiner orientalischen Sieste entwand, um mir den Weg durch diese Labyrinthe zu zeigen. Ich habe viele dieser Institute gesehen, allein keines das an Großartigkeit der Anlage mit diesem imposanten Gebäude in die Schranken treten könnte, dessen gewölbte Hallen selbst die der Kanonengießerei an Größe erreichen, an Verzweigung und Zahl aber weit übertreffen. Der ganzen Anlage nach sollte man vet-nulthen hier die beste Verarbeitung des Tabaks zu finden, der hier in unzähligen Fässern aus Westindien aufgespeichert steht, allein diese Blätter sind verdorbene Waare, und Spanien könnte auf feinen unermeßlichen culturlosen Feldern sicher viel bessern Tabak erzeugen, als es hier seinen schwankenden Colonien ab- 33ft kaufen muß, die ihm als schlechtem Schuldner natürlich nur schlechte Waare geben. Ich habe in ganz Spanien keine gute Cigarre gesehen als die sogenannten lü^arrog r«2l«8, deren die indischen Gcbietstheile nach alten Verträgen jährlich hunderttausend als Tribut an das Hoflager von Madrid senden müssen, und die jetzt von den Lakaien desselben unter der Hand verkaust werden. Sie sind lang und dick, und vielleicht das beste Product das die Havauuah jemals geliefert, werden aber von der Königin Christine bei Unruhen gebrauch^ um die Gemüther zu beschwichtigen und die eigenen Anhänger durch ^oll«>v oder ün« d,'«wn Kistchen zu fesseln. Die untern Räume des Riesengebäudes werden zur Herrichtung der Blätter, zu deu Gährungsprocessen, zum Schneiden und Stampfen des Schnupftabaks gebraucht, und alle Handwerke, welche hierher einschlagen, finden sich in der Fabrik selbst. Hier werden die großen cisenbeschlagcnen Fässer zur Versendung in die Provinzen, hier die eleganten Kistchen zu Abschcidung der trügerischen Cigarren verfertiget. Hier macht man die blechernen Büchsen um den Nap^ aufzubewahren, und klebt gleich Wappen und Inschrift auf, und unter allem was hier fabricirt und verdorben wird, scheint der Schnupftabak noch das beste, deun er wird an die selbst monopolisirendcn Gouvernements von Portugal und Frankreich abgegeben. Der ganze Vetrieb wird mit exquisiter Ordnung und Pünktlichkeit getrieben, es ist eine große Maschine, die geht und steht wie man es haben will, und auf ein Zeichcu der Glocke snSpeudirt alles die Arbeit, selbst die Maulthiere in den Gängen bleiben stehen, wahrend ein anderes Zeichen Menschen und Thiere wieder in Bewegung setzt. Dieß ist alles schön und löblich, aber die schlechten Cigarren, die find desto unverantwortlicher. Die schönsten Mume stehen nun wegen reducirter Arbeit leer, und man sieht hier, und zwar ganz gut erhalten, die edelsten Marmormühlsteine, welche den größten Säuleu als Tamboure dienen würden. Merkwürdig ist ein unendlich großer Saal, von einer Masse dctachirtcr Sänlen getragen, die in der Art der Moschee von Cordova sich nach allen Theilen hin in Perspective spalten, und auch ein akustisches Lispelspiel wie in den Souterrains der Alhambra besitzen, welches aber wieder keinen Einfluß alls die Cigarren übt. Oben ist eine große Terrasse zur Erholung der Ar- 331 beitcr, auch führt um den Patio oben eine Galerie zum Lustwandeln herum, sowie offene Gänge die verschiedenen Abtheilungen des Gebäudes verbinden. In dem einen Theile sind die männlichen, in dem andern die weiblichen Cigarrenverfertiger, die ersteren in einem Saale von zweiFlügeln, die andern in einem von dreiSeiten-gängen, immer zu acht oder zehn um einen Tisch sitzend, auf dem die Cigarren gewalzt werden. Schon bei den männlichen Arbeitern fiel mir dic Reinlichkeit der Kleidung und die fröhliche Haltung der ganzen Gesellschaft aus, ihre Jacken uud Spitzhüte hängen an den Wänden nach Nummern, uud alle arbeiten in frischen weißen Hemden, welches dieser großen Anzahl beschäftigter Menschen ein änßerst gefälliges Ansehen gibt. Jeder verdient was er arbeitet, und es sind viele die es des Tages bis ans sechshundert Cigarren bringen, indessen zieht man die Fabrication der weiblichen Hälfte vor, da sie zwar langsamer aber sorgfältiger zn Werke gehen. Mit Erstaunen betrat ich diesen ins Kreuz gespaltenen Saal der von Säulen in der Mitte gestützt ist, und daher vom Mittelpunkt aus den Vlick über alle Abtheilungen gestattet. Schon von ferne war mir das Gesumse und Geschwirr dieses Bienenschwarmes entgegengekommen, als ich aber den Saal betrat, waren alle Augen nach dem Eingang gerichtet, und ein Ausruf „Iuglese" lief von Mund zu Mund, denn andere Nationen kennt man hier kaum in der reisenden Welt. Drcitansend arabisch-andalnsischo Augenpaare auf sich gerichtet zu scheu, ist eine besondere Aufgabe und so wenige dieser Mädchen ich bei näherer Musterung vorzüglich hübsch sindeu konnte, so ist doch die Wirkung dieser schwarzen sprühenden Altgen so außerordentlich, daß ich eine Zeitlang ganz verwundert stehen blieb. EZ liegt ein Feuer, eine Sprache in den maurischen Augen die frappiren, selbst wenn kein schöner Kopf ihnen als Ginfassuug dient, uud dazu diese Mimik, diese Lebendigkeit der Züge, diese verschiedenen Eindrücke, welche ihnen die fremde lange Gestalt machte, so daß die zierlichen spanischen Händchen die Arbeit fallen ließen um dem langsam durchwandelnden Gaste, gleich der Fronte eines Regimentes dem inspicirenden General, mit den Blicken zu folgen — die interessanteste Augen-vevue. Gndlich war ich in dn Mitte angelangt, und nachdem ich einige Mädchen angesprochen., löste sich dieser ganze Knäuel in laute Vcmerkllngen, muthwillige Ncden, unzweideutige Einladungen Mb Posstn aller Art auf, so daß die gravitätische Anssehcnn Mühe 33s hatte ihr ?vie ich glaube zu allen Zeiten mühsames Amt hier zu üben und etwas Ruhe herzustellen. Die Mädchen sind durchaus sehr nett gekleidet, aber freilich der großen in diesem vollgepfropften Saale herrschenden Hitze wegen größtentheils beinahe zu viel entblößt. Die weibliche Koketterie erstreckt sich bis hierher, wo ihr so weuig Nahrung blüht, leichte mnsselincne Kleidchen ohne alle weitere Zuthat, die schwarzen Haare entweder in Zöpfe geflochten oder bis auf den Boden hcrabwallcnd, ein vergoldeter Kamm, eine Rose, überaus niedliche Chanssure, so saß dieses formidable Regiment schwarzer Schnurrbärtchen beisammen und alle schwätzten, schäkerten, sangen und arbeiteten, oder einzelne Paare nahmen ihre Mantillas und promenirtcn, alle nickten mir aber freundlich zu und die meiste» sagten einige Worte dazu. Wer sollte nuu glauben daß diese harmlosen Geschöpfe sich erst vor ein paar Monaten zu wahren Hyänen umwanbelu und eine Revolution machen tonnten! Man hatte sie mehrere Monate nicht bezahlt nnd sie kündigten Arbeit und Gehorsam anf, trieben alle Männer zum Tabak-Tempel hinaus, besetzten diesen und die vorlaufende Straße, warft» alles mit Steinen was sich näherte, und erzwängen wirklich ihren rückständigen Sold. Ich musterte dieses Amazonenregiment mit doppelter Neugierde, als man mir dieß erzählte, ricth aber einigen ihre Kräfte eher gegen die Carlisten anzuwenden, wogegen sie indeß feierlich protestirten. Sevilla ist Carlistisch gesinnt, und diese Tabakfabrik ist nun verschanzt und mit Kanonen gegen einen Anfall gesichert. Mehrere dieser Tabatdamen gaben mir das Geleit bis an die Thüre, und entließen mich mit komischen Knicksen, indem sie sehr zierlich um Wiederholung des Besuches baten. 32. Cadiz. Die Spanier schlagen sich wie die Löwen gegen die Franzosen und Carlisten, wie man hier täglich hört, allein in den Di-ligencen und Dampfschiffen haben sie große Angst, Was war das für ein Deliberiren und Consultiren, ob man bei einem bißchen Levante es wagen soll über San Lucar hinaus die paar Schritte burchs Meer zu machen, der Capitän wußte es nicht, die Passagiere wußten es nicht, und die Hälfte der letztern stieg wirklich in der Nähe aus, um den Rest des Weges zu Lande zu machen. Ich will den Spaniern nicht zu nahe treten, allein ihre Fanfaronnaden gehen doch zu weit, und Vspartero ist der famoseste Vulletinfabricant. So lese ich in den Journalen vou Cadiz, baß man dem Valmaseda ein Bataillon gefangen genommen, während gewiß das Gegentheil stattgefunden, und er nicht viele Bataillone zum Wegnehmen hat. Nun zieht der Ober-Feldherr und doppelte Herzogshut mit den glänzenden Divisionen gegen jenen „Tiger" zu Felde, verschmäht es aber nicht die ganze Population von Castilien und Cuenca zu den Waffen zu rufen, um ein paar tausend verwegene Räuber zu Paaren zu treiben. So wird es noch eine Weile fortgehen, und das große Gebrechen liegt stets in den Anführern, denn die Soldaten, glaube ich, schlügen sich brav, wenn es den Generalen Ernst wäre, und wenn die Officiere einige Erfahrung hätten. Waö in unsern Armeen zu alt, das ist in Spanien zu jung, denn die Officiere erhalten ihr Patent bereits in der Wiege, die Armee wird von Kindern geführt, und die spanischen Generale sind höchstens im Alter unserer Lieutenants. Ich verließ das schöne Scvilla mit anbrechendem Morgen, und da das Dampfschiff erst um fünf abgeht, so schlenderte ich noch in den Delicias herum und musterte die milchtrinkenden Frauen. Die Hitze war ill den letzten Tagen bis auf 38° Reaumur im 334 Schatten an der Luft, und 30" in den Patios gestiegen, was selbst in Aeg!)pten selten ist, und wer nicht musitc, ging nicht aus als Nachts nnd Morgens. Die Frauen haben eine eigene Lebensweise, sie gehen zwischen acht und neun Uhr Abends auf die Ala-meda und in den Straßen, sonpiren nach Mitternacht, gehen früh gegen vier wieder ans den Paseo nm Milch zu trinken, bleiben über Tag zn Hanse, schlafen von zwölf bis drei, »nd essen dann zn Mittag. Wer im Sommer in Spanien ist, thut wohl dieser Sitte zu folgen. Das kleine Dampfschiff war gedrängt voll, und an den Usern drängten sich viele Menschen zusammen, nm die scheidenden Freunde zu begrüßen, nud das Abschiednehmen bot dem Znschauer eine eigene Erscheinung, da sich hier das ganze spanische Temperament entwickelte. Ich habe niemals Frauenzimmer sich so leidenschaftlich ambrassiren sehen, und diese unzähligen Küsse, welche die feinen Lippen sich geben, schallten noch lange gleich KnaUkugeln in meinen Ohren nach, ei» Zeichen der enormen Passion dieses Geschlechtes. Die Sitten im innern Spanien sind durchaus nicht so leichtfertig als man sie oft schildert, und ob es gleich nicht schwer ist Zusammenkünfte zn erhalten, so werden diese doch stets hinter den Fenstcrgittcrn oder an den Rejas gehalten, nnd führen zu nichts als liebendem Geplauder, das in der Negel nur der grauende Morgen unterbricht. Mir versicherten mehrere meiner spanischen Freunde daß sich derlei Bekanntschaften acht bis zehn Jahre fortsetzten, ohne etwas anders alS Gitter-Rendezvous zu erzielen, wozu nun eine ächte spanische Loguacität erforderlich ist, da unseren Liebhabern wohl grö'ßtentheils Geduld und Diseurs im ersten Jahre schon ausgingen. Nie oft sah ich diese acharnirten Spanier an den Gittern stehen und hängen, und wen» ich nach Stunden des Weges kam, immer noch ihren schönen Posten behaupten, was doch wieder den wahren orientalischen Romantis-mus ausspricht, ohne den jede Liebe trivial bleibt. Unsere Schiffsequipage bestand zur Hälfte aus Mantillas, und reizende Kinder trieben sich gleich Schmetterlingen auf dem Verdeck herum. Es ist erstaunlich wie) rasch sich hier daS weibliche Element entwickelt, wie gescheidt und lebhaft die jüngsten Mädchen hier antworten, wie sie denn auch mit zwölf Jahren ihre ersten Gitter-Nendezvous geben, mit vierzehn Jahren heirathen, und zuweilen im dreißigsten Jahre Großmamas sind. Ich hatte hier recht Gc- 335 legenheit die unübertrefflichen griechischen profile, dieses Brillantwasser der arabischen Augen und diese unübertroffenen Augenwimpern zn betrachten, die schwarz und dicht sich über dem blanlichschwimmenden Krystall der Augäpfel hereinziehen nnd in ihrem schwelgerischen Dämmerlichte stets das „Mnero" zu rufen scheinen, das diese» himmlischen Geschöpfen die höchste Ekstase entreißt. Die kurzen Aermel zeigten den wundervollen Ban des Armes, und die Erleichterung, welche die Hitze des Tages nothwendig machte, gestattete noch manche naturhiftorisch merkwürdige Betrachtung, die stets reicher wird, je mehr man sich dem Süden nähert. Die Einrichtung der spanischen Dampfschiffe ist ganz auf den Nationalcharakter berechnet, m,d da dieser jedem Zwange abhold ist, so speist Jeder wenn es ihm beliebt ,— eine Einrichtung, die ich unsern Rhein- nnd Donauschiffen wünschte, wo man in der heißesten Stunde des Tages zum Essen zusammengeholt wird, sehr unbequm sitzt und oft die schönste Gegend versäumen musi. Weniger bequem ist die Entbehrung ber Sophas, an deren Stelle kleine Lehnenfcmteuils an den Wänden dicht gereiht herum befestiget sind, gleich den l^horstühlen einer Kirche. Man legt die Fahrt von Sevilla nach Cadiz in einem Tage zurück, die Ufer des Quadalquivirs siud aber hier stach und bedeutungslos, zeigen wenige Dörfer, aber viel prächtiges Vieh, welches alles Aehülichkeit mit einem holländischen Canale gibt. Allein bei San Lucar erheben sich Hügel, dieses Städtchen selbst liegt sehr anmnthig, der Hafen und die Mauth sind mit Lurus gebaut, nud der Strom, welcher von hier an gleich der Seine gegen Havre sich mächtig ausdehnt, ist in Meer-und Flnßwasser sichtlich getheilt. Der ominöse Salzgeruch verfehlte nicht seine gewöhnliche Wirkung, die zwanzig kindnähtt-lichen Conscribirten, die das zweite Verdeck als erste Etappe nach der Havannah aufgenommen, verstummten in den arabischen Gesängen, Manchego und Händeklatschen erstarbcn unter jenen Wirkungen, die sich rings um mich auf eine selten gesehene Weise ausdrückten. Die schönen Kinder nnd die schönen Frauen sanken eines ums andere todtenähnlich nieder, und wenn gleich diese Probe der Seekrankheit fast durchaus mit dem Triumph wahrer Schönheit geparrt war, so wurde doch die Nachlässigkeit in Entfernung der häufigen Erpectorationen am Ende sehr lästig, und ich war froh nls die große Vay von Cadiz sich von Nota 336 aus vor mir aufrollte, und die weiße Inselstadt, vott der Abendsonne hell beleuchtet, aus der schönen blauen Fluth sich immer mehr erhob. Die Lage der Stadt Cadiz ist unter den Seestädten, die mir bekannt, eine der schönsten. Sie liegt auf einer Insel zusammengedrängt, die durch den Fluß Arillo sie von der Insel Leon trennt, und hängt mit dem Fcstlandc durch eine sehr lange Grdzunge zusammen. Wo die Natur solche Fingerzeige gegeben, taun ein gänzlicher Untergang einer Handelsstadt kaum gedacht werden, obschon durch die Treulosigkeit der Regierung, welche Cadiz zum Freihafell machte und dieß Privilegium wieder entzog, der meiste Handel sich nach Sevilla wendete. Das spanische System ist aber iu Bezug auf Handel so verwerflich wie das Mehemed Ali's, es ist das System des Monopols, der Erpressung und deö Betruges. Cadiz wird zu allen Zeiten, wenn die Regierung nicht ganz verblendet, ein Verbindungspunkt zwischen beiden Welten seyn, und taun bald nebst den schonen Städten, die seine große Bay zieren, wieder zu seiner alten Wichtigkeit emporsteigen. Es hat sckwn mehr allgemein Europäisches angenommen, und wie mau sich sehr erleichtert fühlt, wenn man seine frische Seeluft und kühlenden Winde statt der drückenden Hitze des Innern einathmcn kann, so würde man sich auch kaum mehr in Spanien glauben, wenn nicht die Mantillas daran erinnerten. Die arabischen Vögen und die Mauern mit Zinnen sieht man selten mehr, die Rejas vor den Patios haben sich in massive eisenbeschlagene Thüren verwandelt, und in diesen gra-ziösen Marmorhöfen sieht man Schncllwage und Waareuballen anstatt der Marmorfontäueu und lieblichen Bewohnerinnen. Dagegen thürmeu sich die Häuser viele Etagen, hoch auf, bilden gerade, schöne, enge Straßen, und sind mit einer solchen Zahl eiserner grün angestrichener Valcone und Galerien versehen, daß der Verkauf dieses Eisens allein große Summen abgeben würde. Die Balcone sind mit Blumen reich besetzt, die Häuser aber durchaus weiß angestrichen, und haben Terrassen mit Giscncin-fassungen und häufig noch viereckte Thurmaufsätze, auf deren Spitzen arabische Santontempel mit Kuppeldach stehen, eine originelle Art von Belvederes, die der Stadt ein besonderes pittoreskes Ansehen geben. Die Festungswerke sind ringsum hoch aus dem Meere aufgemauert, und die Attillerle-EtMissements, Cnserneu „nd Easematten gehören zu den ersten der Welt. 337 Allein man vernachlässigt sie ganz, die Brücke nach dem Thurm-Vorwerk S. Sebastian ist zerstört, nnd wenn die Mauern sich nicht selbst hielten, wären sie es anch. Die Insel Leon ist umgeben von Werken und Salinen, die ihren Schntz bildeten, und sie vielleicht stärker machten wie Cadiz. Jetzt zerfällt alles, die Carraca, das berühmte Arsenal, einen Kanonenschnß von S. Fernando entfernt, ist fast ganz aufgegeben, nnd der Troeadero, der nie etwas Bedeutendes, sondern bloße Erdschanze war, ist dein Beispiel des Helden- gefolgt, der von ihm seinen Namen erhalten, und Nuinc. So sieht es mit den Inseln Cadiz und Leon aus, die Napoleons Waffen nie überwinden konnten, von denen die Constitutioncn dicseö lindes hervorgingen, und die jetzt leichten Kaufes zn h^ben sind. S. Fernando ist eine kleine Stadt alls der Isla ^con, wie Pnerta Mari«, der Hafen des benachbarten ^'eres, wo die Engländer ihren Schnappswein Sherry herbeziehen, Nach Fernando gehen täglich Omnibus, nach Sta. Maria Dampfschiffe, die Unsicherheit ist aber so groß dasi vor kurzem drei Wägen von Naubern ausgeplündert wurden, welche in großen Convois zurückkamen. Von eigentlichen Merkwürdigkciten hat Cadiz nichts anfzuwei feü, da die Kathedrale eine zwar großartig angelegte, aber auf falsche Stylmischungen gegründete Stcinmasse, ist, die erst seit wenigen Jahren durch die Opfer des würdigen Orzbischofs so weit vollendet wurde daß nun Messe darin gelesen wird, Allein die vielen kleinen rei-chcn Kirchleiu der Klöster sind größtentheils demolirt; wo die prächtigen Conventc stuudcu, führen nnn schöne Alleen in Carries und Kreisen nm die Plätze des Mina und des heil. An-tonius, und die ansgetriebenen Mönche sallcn die Vorübergehenden auf der Straße an, oder bieten in schmutzigen Tüchern Contrcbandc-Cigarren feil, oder kämpfen in den Neihen ihres Bruders, des Sacristan Cabrera. Cadiz hat kein trinkbares Wasser, und man kann sich dorstellcn wie cö mit diesem Artikel aussieht, da es von Sta. Maria, also drei Stunden weit, auf Eseln hierher geschafft werden muß. Noch schlechter sieht es aber mit dem Postwescn aus, und wer uicht von den Räubern in Spanien cmsgeplüudert worden, wird es von Mauth- und Postbeamten. In jeder Stadt wird man visitirt, nnd die Paßunterschriften Uttlß man den Gesandten, den Consuln, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten, den Polizeibehörden und Al-Morgenland und Abendland II. ^te An ff. 22 SW caldes bezahlen. Italien ist hierin übelberufeu, aber gegen Spanien weit zurück, denn dort zahlt man doch nur von Land zn ^and, hier von Ort zn Ort, nnd wird dabei noch so verdächtig herumgezogen daß ich mir oft wie einer jener unglücklichen Champions des jungen Deutschlands vorkam, die so unendlich viele Drangsale von unserer heiligen deutschen Hermanbad und ihren Sbirrcn auszustehen hatten. Die Erdzunge ist gesperrt dnrch hohe dreifach sich deckende Mauerwerke, auf deren Terrassen man, wie auf der Torea alta, eine freie Aussicht über die ganze sonderbare Lage des mitten ins Meer hineingeschobcncn Cadiz, iibcr dic Ma Galidane hinaus bis an die schönen Verge der Sutcras nnd Gaznles hin genießt. Auf diesen Festungswerken zieht sich mm iinOcnrc der Wiener Va-stei eine breite Stcinpromenadc rings »nn die Stadt, innen von hohen schönen Häusern, anßen von der Meerbrandung eingesäumt, und führt durch die neue und alte Alameda, die hier viel zahlreicher besucht werden wie in Scvilla. Die Damen von Cadiz haben die Reputation der kleinsten Füße, nnd in der That ist es kaum möglich daß die Chinesinnen noch kleinere haben, obschon es mir aufsiel daß diese weibliche Zierde sich meist in den niedersten Ständen vorfindet, Während dic Spazicrgängerinnen der Alamcda die so unnatürliche Mode der überlangen Kleider erst jetzt angenommen, sieht man die Mädchen gemeinen Schlags in fast unbegreiflich furzen Nocken, vermuthlich nm ihre netten Füßchen zn zeigen, die meistens vortrefflich chaussirt sind und wozu sie eine Art durchbrochene Strümpfe tragen, die sehr gut kleiden. Den Gang der Damen fand ich hier weniger graziös, nnd das ohnehin den Spanierinnen eigene Sichgshenlassen führt hier zu einem auffallenden Hin- und Herschiebeu der Hüften, wovon die stets gerade Vüste ganz unabhängig scheint, was übrigens bei den vollendeten Körperformen immer nicht ohne Anmuth seyn kann. Classisch schön ist hier die so unnachahmliche Haltung des Kopfes, welcher durch das Schleier- und Mantillatragen jene graziöse Biegung bekommt, die man nicht beschreiben kann, und die durch die Abschaffung der großen Kämme noch unendlich an Anmuth gewann, da die Blonden sich auf den kleinen Kamm gesteckt mehr der Form von Kopf und Nacken anschmiegen. Die Schwärze der prächtigen Haare, der Augenbrauen, Schnnrrbärt-chen, scheint mir beinahe noch die von Malaga und Granada zu 339 übertreffen. Allein auch die Leichtigkeit der Sitten scheint sehr von den Städten im Innern abzustechen, und die allgemeine Verarmung, die Gelegenheit des Seehafens, undderLurns der Kleidung erzeugen nächtliche Angriffe, wie in den Straßen zu London, oft schwerer abzuwehren wie die der Ladrones, die indessen auch nicht fehlen, da man täglich von Meuchelmorden hört. Cadiz hat außer den liebenswürdigen Menschen die es bewohnen, und in deren Hausern man mit der höchsten Freundlichkeit empfangen wird, noch den großen Vorzug guter Gasthöfe, und ich habe hier zum erstenmale in Spanien ganz gut, billig und höchst rein-lieh logireu können, wobei ich freilich bemerken musi daß der Gastgeber ein Franzose ist, denn die Spanier werden noch lange brauchen bis sie die Verbesserungen anderer europäischen Länder begreifen und annehmen. 22* 33. Lissabon. Voote ohne Zahl ruderten in die weite Cadizer Vay herein, wo das englische Tampfboot weit außen unter den Schiffen angelegt, um ja den unverschämten Forderungen der Varcarolen jenes Hafens freieren Spielraum zu geben. Eine Mnsterkarte vonNationen wimmelte bald amVord, allein die schönen Spanierinnen blieben zu Hanse, und schöne Engländerinnen nahmen ihre Stelle ein. Wcnn einmal ein Congreß in Europa zusammentritt, nm über die Schönheit seiner Frauen zn entscheiden, so wäre dieser Congreß erstens unstreitig interessanter als irgend einer unserer politischen Congresse, und dann könnte er sein Amt nicht sicherer üben als auf einem Schisse während bewegter See, wo Schminke und Toilette nichts mehr frnchten, wo die fnrchtbarc Krankheit alle Zuge verändert, alle Verstellung unmöglich macht, und wo nur wahre Schönheit den Kampf bestehen kann. Ich habe nun ein Schiff voll andalusischer, ein anderes voll brittischer Damen gesehen, fast alle im vomirenden gänzlich aufgelösten Zustande, und wenn ich als Deputirter zu jenem Congresse gerufen werde, so ist mein Votum schon gegeben. Dort Natnr und Grazie, die selbst in den bittern Stunden des Meerverhängnisscs ihre Anmuth nicht verlieren, hier zimperliches Gespreiztthnn, falsche Ehrbarkeit, verschrobenes Festhalten unrettbarer Form. Ich habe die schönen Vrittinnen in ihren Routs, in ihrer italienischen Oper bewundert, finde aber daß eine junge Spanierin mit ihrem geschlossenen Kleide selbst in der Seekrankheit noch züchtiger ist als die junge Vrittin in ihrem fashionable» halbnackten Znstande vor einem Pnblicnm von mehreren tausend Menschen. Dasselbe ist im Betragen der Männer sichtlich. Das manierirte, in Fesseln falscher Convenienz geschmiedete steift Wesen der Engländer ist mir nie mehr aufgefallen als hier, wo ich es mit dem natürlichen, wohlwollenden, warmen Herzenstonc der Spanier 34l zusammenhalten konnte, denen cs in dieser kleinlichen Formenwelt auf den Brettern unseres Verdecks auch nicht recht munden wollte. So steuerten wir nun gegen heftigen Nordwind hinaus, der unsere Fahrt sehr verzögerte, und Nachmittags ereignete sich ein Fall, der große Consternation erzeugte. Unter den blonden und schwarzen Damen war nämlich auch ein Mädchen aus Schottland an Vord gekommen, die ihr ängstlich besorgter Bruder, ein Advocat, zur Herstellung ihrer Gesundheit nach Nizza begleitet hatte. Da dieses Ncttungsmittel ohne Erfolg geblieben, so kamen sie zusammen wieder, längs der französischen nnd spanischen Küste langsam fortschreitend, nach Cadiz, in der Absicht ins Vaterland zurückzukehren. Die junge Dame war sichtlich sterbend, eitle jener transparenten brittischen Complerionen, deren ätherisches Wesen nur in jenem Lande zu finden ist. Der Capitän war nicht am Vord als sie herausgetragen wurde, sonst hätte er sich ihrer Einschiffung widersetzt; nach sechsstündiger Fahrt gab sie in den Armen ihres verzweifelnden Bruders den Geist auf. Der Capitän verschwieg uns die Nacht über seine Besorgnisse, die sich an diesen traurigen Fall knüpften, da er aber die Übeln Gesinnungen der portugiesischen Beamten gegen die englischen Schiffe kannte, so ließ sich das Schlimmste erwarte», und dieses bestand in einer Quarantäne von fünfzehn Tagen in dem ersten Hasen des Bandes das wir betreten wollten. Des andern Morgens berief er die männlichen Passagiere an Vord zu einer Berathung, was mit dem Leichnam a«zufangen sey, und obgleich mehrere es für gerathener hielten ihn mitzunehmen, um die Ueberzeugung zu geben daß von einem Pestfalle hier keine Rede sey, so wurde dieß doch durch die Mehrzahl überwogen, die sür Versenkung ins Meer stimmte, welches znfolge englischer Marinegesetze nach vierundzwanzig Stnndcn geschehen kann. Das Schwierigste war nun dem Bruder die Einstimmung hierzu abzua/winncn, und die Scene, welche bei seiner Vorruf»n,a, entstand, war herzbrechcud. Er erklärte sich endlich bereit, nachdem man ihm vorgestellt hatte wie so viele Menschen durch seine Verweigerung leiden müßten, und zur selben Stunde, wo der Todesfall am verflossenen Tage sich ereignet hatte, wurde die in Tücher gewickelte Leiche, auf ein Vrett gebunden, mit der Flagge Englands umschlungen, durch vier Matrosen aufs Verdeck gebracht. Die ganze Gesellschaft bildete einen Kreiß, der SchiMieutenant hielt eine kurze aber 342 passende Rede, und als er Amen sagte, riß der Wind dem zusammenbrechenden Vrnder den Hut ins Meer, und er wäre ihm wahrscheinlich gefolgt, wenn wir ihn nicht zurückgehalten hätten. Das Brett rauschte hinab, eine Woge deckte die Leiche, der Schaum der Räder goß einen Bogen über sie, nochmals tauchte die Fahne Albions ans den Fluchen, um nie wieder zu kehren aus dem tiefen unerforschten Wellengrabe. Ich habe schon viele Menschen ertrinken sehen, aber nie einen ähnlichen Eindruck empfunden wie beim Versenken dieser unglücklichen Schottin. Am andern Morgen früh fünfpassirten wir das Cap Vicente, der Nordwind blies immer heftiger, die Spanier wickelten sich in ihre malerischen ^abas, die Engländer zogen ihre groben blauen Jacken an und die Damen vertrieben sich die Zeit mit Erbrechen. Das Stammschloß der Palmellas leuchtete ans nns herab, wir Passirtcn das Cap Wpichel, mit seinem hohen Kloster do Cabo, und die reizende Bay von Setubal mit ihren schönen Bergen. Das Vorgebirge sieht wie abgehackt und von Fnrchen durchzogen aus, bald folgen den Felsen aber Sanddnnen wie in der Wüste; die Dämmerung trat ein, und vorsichtig fuhren wir zwischen den beiden Leuchtlhurmen in den weiten Schlund dcsTagus. (5's war zehn Uhr als wir am Thurm von Velem vor Anker gingen, der eine Stlinde vom Hafen entfernt, schwarz und ehrwürdig hier weit ill den Strom hereinragt. <5ine Rakete, ein Kanonenschuß zeigten nnsere Ankunft an, nnd bengalisches Feuer beleuchtete die Dienstbarke, welche vom Lande abstieß und einen Officier und zwei Beamte brachte, die Nachts bei nnS blieben. Wir waren in großer Sorge was nns der ksmmende Tag bringen würde, und die Furcht vor Quarantäne hatte sich aller Passagiere bemächtiget. Der Portugiese sprach französisch, wir hüteten uns aber wohl den Todesfall am Bord zu berühren, Reisende vergleichen gerne, mir kommt dieß aber immer vor wie wenn ich eine neue Oper höre, nnd es sitzt einer neben mir, der bei jeder schönen Stelle eine Reminiscenz citirt. So wird Lissabon bald mit Neapel, bald mit Konstantinopel, bald Mit Stockholm verglichen, wovon ich, ausgeuommeu dasi es auch auf Vergen liegt, nichts finden konnte. Lissabon dehnt sich von Velcm an mehrere Stunden aus, und mir schien es als führe ich durch die schönsten Partien des Bosporus, wie wir gegen die Douane hinfuhren, wo der Meerstrom sich am meisten verengt, 343 um dann sogleich wieder in weite Vuchtcn sich zn spalten und zu enveiten. Die Sonne ging auf als wir uns bei dem Thurm von Velcm bcabschicdeten, allein sie ging hinter der Stadt auf, und dieß mußte den Eindruck schwächen, den ich bei Abendfahrten weit lebhafter einPfand. So viel glaube ich behaupten zu dürfen daß Lissabon im Totalanblick keine so erhabene Wirkung hervorbringt wie die drei obenerwähnten Städte, woran die Schuld trägt daß es fast keine Thurme besitzt, nnd seine höher» Punkte nicht vortheilhaft gekrönt sind. Die Schönheit Lissabons ist mehr von innen als von außen zu suchen, denn es ist eine der schönsten Städte die ich kenne, und die Echapp^s aus seinen Straßen auf Wasser, die Verge der Otrabanda und die Hügel der Stadt selbst sind einzig und wundervoll in ihren perspec-tivischen Wirkuugen, ja ich glaube daß hierin Lissabon unerreicht dasteht. Wir gingen zum zweitenmale dem Börsenplätze gegenüber vor Anker, aus dem die Equestcrstatue steht. RiugZ mit Arkaden umgeben, erinnert er an die venezianische Piazctta, und an seinen Quais stehen die Mauth und das Arsenal, ein Ganzes bildend, was kaum eine Seestadt ähnlich auszuweisen hat. Allein in dem schönen Arsenal liegt seit zehn Jahren nur ein Schiff auf der Werfte, das nicht vollendet werden kann, weil das Geld dazu knapp für die Besoldung des Ingenieurs reicht, der es bauen soll,, und vor dem Hafen stehen zwei drohende brittische Linienschiffe, und überwachen sein regelloses Treiben, und die schöne Donane winkte uns zu der gewissenhaftesten Visitation, die je ein europäisches Land sich an Fremden erlaubt. Nnser schlauer Capitän hatte uns gerettet, denn auf die übliche Frage „ob alles gesund au Vord" hatte er bejahend geantwortet, mittlerweile aber ein englisches Memoire übergebe»», worin der Fall mit der Verblichenen auseinandergesetzt war. Niemand der Anwesenden las englisch; das Memoire wurde daher in das Amt geschickt, und hier rettete uns der Sonntag, die Herren Vcamten waren aufs Land gefahren, und als es endlich Lärm gab, waren wir längst die breite Stnntrcppc hinauf nach der Manth geeilt, und hatten uns m die Stadt zerstreut. Später hörte ich daß man uns richtig ins Lazareth wollte bringen lassen, und ohne die Schlauheit des Capitäns hätten wir jedenfalls viele Verzögerungen erlitten. 844 Hier saß ich nun bci der freundlichen Madame Langlot im Hotel dc France, und aus meinem eleganten Appartement genieße ich eine jener entzückenden Aussichten, die einem beinahe alles weitere Suchen ersparen, und die das Reisen so glücklich macheu. Unter mir ist das frische Stadtleben des lsaes do Sodr>?, mit seiner Flnßtreppe, Bäume», Hütels, ein Hauptpunkt der Stadt. Vor mir aber dehnt sich der Tajo aus, den ich wieder begrüße als alten Bekannten, als Zeugen meiner schönen Tage in Aranjuez, allein dort ist er Kind, hier kräftiger Mann, weit sich cnisdehnend, halb Meer, halb Fluß, an der schmalsten Stelle von meinem Fenster bis nach dem gegenüberliegenden CasilliaS eine Legua breit. Rechts schwelst der Blick über den Thurm von Belem und den Fanal von S. Julian hinaus in den atlantischen Ocean, links die große MeerbcN) mit den vielen weißen Törfern gleich emem Saume eingefaßt, und in blauer Ferne die Gebirge S. Luiz, der majestätische Formozinho nnd das pittoreske Palmella, gerade gegenüber aber die Landzunge, an deren Spitze Casillias liegt, und auf den Höhen der Otrabanda fort, die fast schöner wie Lissabon selbst gestaltet, ragt zuerst das h'astcll Almada und dann eine Reihe von Dörfern und Landhausern fort hinaus bis ans Meer hin. Hier ist der Anblick bezaubernd und wie gesagt, von innen heraus muß man Lissabon sehen, denn da vervielfältigt sich seine Schönheit ins Unendliche. Es war Sonntag, erst acht Uhr, die Toilette eines Geplünderten rasch gemacht, und ich bald auf der Straße, um den Fcst-putz und die Kirchen zn sehen. Welch fremde ßrscheinnng, welch neue Welt! Nein, Portugal paßt nicht zu Spanien, das sieht man auf den ersten Ntick, denn hier ist alles anders, aber nicht ein Zoll breit Spanien. Die Physiognomie der Männer hat nicht entfernt den Adel, die Ruhe, die Würde, was den vorherrschenden Charakter der Spanier bildet. Man begegnet überall unstätcilt lauerndem Blicke, ja wenn ich mich so ausdrücken darf, etwas Spitzbübischem in den Gesichtern. Nnd nun die Frauen, welche himmelweite Kluft öffnet sich hier; wo sind die noblen Profile, die graziösen Gestalten, die stclenvollen Angcn, und wo sind die Mantillas? Wenn diese beiden Völker von den Arabern abstammen, so ist das portugiesische entweder Von gemeinerer ^traction, oder sehr degenenrt. Schwarze buschige Augenbrauen, wolliges Negerhaar, fahle gelbbraune Gesichter, gemeine 345 Figuren, so haben die Portugiesinnen nur die arabischen Augen behalten, alleiu auch ihnrn fehlt der elektrische Götterfunke«, das Zeichen des ächten Edelsteins, und sie sind stechend ohne Feuer, brennend ohne Seele. Unter Tausenden von Frauen aller Stände habe ich nur eine hübsche gefunden, ein Verhältniß, das man in Andalnsien kühn umkehren kann. Was aber den Portugiesinnen an Schönheit und Grnzic abgeht, das besitzen sie an Gutmüthigkeil, die hier iu allen weiblichen Physiognomien ausgedrückt ist. M liegt sehr viel Gemüth in den kleinen chiffon-nirten Gesichtchen, und dieser Zug wiegt oft die größte Schönheit auf. Was man aber hier mehr vermißt, wenn man aus Spanien kommt, das ist die Tracht der Frauen, und es ist unbegreiflich daß zwei Nationen, die durch Sprache, Angranzung und Ursprung so verwandt scheinen, hierin so entgegengesetzter Richtung folgcu. Die Damen höheren Nauges tragen in Lissabon durchaus französische Mode, scheinen aber hierin etwas zurück, und sind auf eine Weise gemustert, die selbst eine Grisettc an der Varrii-re de l'Etoile dem allgemeinen Gelächter preisgeben würde. Die afrikanischen Vrouzegesichter nehmen sich überdieß unter den weißen und rothen Hüten eben auch nicht sehr erbaulich aus, und da diese noch hier ganz aus dem Kopfe zurückgetragen werden, so gehen die Farbeucoutraste oft bis ins Äffen-ähnliche über. Eine ganz eigenthümliche Tracht ist die der Frauen des Mittelstandes, welche zu allen Jahreszeiten in großen blauen oder brannen Männer-Tuchmänteln mit Krägen gehen, selbst in den heißen Hundstagen, wodurch nur eine uumäßige Transpiration und eben so große Unreinlichkeit befördert werden kann, da man die Kleidung unter den Mänteln niemals zu sehen bekommt. In den Haaren stecken hohe Vcinkämme, und über diese ist ein steifeö weißes Tuch gebogen, das mit einem Zipfel über die Capucincrkuttc fällt, über der Stirne aber durch den hohen Kamm einen Abstand vom Kopfe bildet, der den gelb-leberuen Gesichtern einen fast unheimlichen Relief gibt. Ich kenne keine unschönere Tracht, uud die Damen erster und zweiter Qualität in Lissabon könnten nichts Besseres thun als ihren schönen Halbinselschwestern die Mantillas abborgen, wodurch ihr rehbrauner Teint weniger schreiend hervortreten würde. In den Kirchen Lissabons dürfen die Leute sitzend beten allein wie diese große Stadt nur wenige und unbedeutende 84S Thürme besitzt, so har sie auch keine ausgezeichnete Kirche, und die in Ruinen verfallenen waren die schönsten, wie sie auch die höchsten Punkte einnahmen. Tie Bettler an den Kirchthüren sind besonders unverschämt lind nehmen dem Passirenden Geld oder Sacktücher aus der Tasche, wenn man ihnen nicht gutwillig gibt. I?ic Verbindung in der Stadt ist dnrch Omnibusse erhalten, die rasch fahren und na»'!' Art der Pariser gebaut sind. Sonst sieln man hier beinahe nur ganz eigenthümliche Fuhrwerke, theils auf zwei, theils auf vier Rädern, in denen der Grandseigneur so gut fährt wie jeder schlichte Bürger, da sie als Fiaker auf den Plätzen vertheilt und für das bergige Terrain dieser Stadt ganz geeignet sind. Diese zwcirädrigen Wägelchen nennt man Segcs, die vierrädrigen Tranquitanes, welche beide für zwei Personen in einem hohen Kutschkästchen Raum haben, das in Riemen hängt, nud nur die Unannehmlichkeit hat daß der Schwung nach vorne beim jähen Abwärtöfahren so stark wird, daß man leicht kopfüber heranöfalleu kann, wenn man sich nicht festhält. Viersitzige Wägen heißen Carriage«,, und alle diese Behikel zieht ein Pftrd in der (^abel, während der Postillon zu seiner Vinken reitet und somit alle Gewalt über sein Fuhrwerk hat, das man die jähesten Berge im Trabe auf-und abfahren sieht. Tas Pflastcr ist beinahe durchgehends vortrefflich, die Trotloirs von Quadersteinen, und die Straßen schön und gerade, ohne in den Perspectiven zu ermüden. Man kann stundenlange in den prächtigen Quartieren am Flusse herumwandeln ohne einen Berg zu steigen', wie man aber nur ein wenig in die obern Straßen hinanfkommt, so stößt man auf Punkte, die sich ewig erneuern. Hier wirb aber auch die Schönheit Lissabons bewundernswürdig, denn da die Straßen gerade ziehen, so bietet jede ein anderes Vild im Rahmen dar, welche besonders dadurch mann ichfaltig werden daß die Hügel der Otra-bande einen großen pittoresken Reichthnm enthalten, und das Auge, das der tief ins Meer absinkenden Straße folgt, über dem Wasserspiegel weg in jeder neuen Richtung auch wieder ein neues Tableau erblickt, jedes der Meisterhand eines Malers würdig. Oder wenn man sich nach innen wendet, so gehen die Perspective» auf die siels wechselnden Gruppen der wundervollen Hügelbildung, auf welcher die Stadt ruht, und da hier alles vermengt ist, große Plätze mit Alleen, Fruchtfeldcr, Karten. 347 Landhäuser, Castelle, Kirchen, alles auf, an und unter dcn Ver-qe» hängend, und an den abschüssigen Höhen ausgemauerte Terrassen mit Nebendächern überspannt, oft mitten in den glänzendsten Straßen, die selbst London und Dnblin Ghre machen würden, so entsteht daraus der wohl kaum wieder zu begegnende Charakter einer großen Stadt, deren Cnde man beinahe nicht bezeichnen kann, da Garten und Feld sich mitten in ihr einschließt, und die Gränze von Land- und Stadthäusern hier gar nicht gefunden werden kann. Im Frühjahr, wenn die frische Saat diese Berge grün färbt, muß der Anblick unendlich reizender seyn-, allein selbst jetzt bilden die Stoppelfelder eine» überraschenden Contrast, da sie überall in it Bäumen durchwoben sind, Auch Lissabon nennt sich eine Siebenhügelstadt, allem an dein hohen beschwerlichen Steigen merkt man bald daß man Verge und keine Hügel zu überschreiten hat, und die Thäler, welche zwischen diesen Vergen durchführen, gleichen oft tiefen Schluchten. Daß hieraus malerische Bilder entstehen, erklärt sich leicht, allein die Bauart Lissabons ist auch an sich eine ausgezeichnet schöne, und die Paläste und Wohnhäuser, welche diese unzähligen Straßen bilden, verdienen als Muster von Solidität und reiner Form anfgestellt zu werden. In der Negel haben hicr nur die ersten Stockwerke Valcone, dann wieder die vierten, obschon diese Etage znfolge eines Gesetzes für den Wiederaufbau der Stadt nach dem Erdbeben, das sie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zerstörte, untersagt worden ist. Vorzüglich schön angelegt ist der Passeio oder der Spaziergang imThale am Fuße des Castellberges, der sich in vier großen Stufen am jenseitigen Verge hinaufzieht, und jenseits oben für den andern Stadtthcil die Promenade bildet, Man versteht hier sehr gut das Hügel-terrain zu benutzen, uud überall auf schönen hohe» Punkten sind kleinere oder größere Ruhe- oder Spazierplätze angelegt, so wie man es für Konstantinopel wünschen möchte. Nicht ferne vom Passeio ist der nene Platz Dom Pedro's angelegt, der mit eisernen Kettenguirlanden umgeben ist, und um den breite Straßen unb Trottoirs an einem hohen Häufer-Oblongum herumführen, dessen eine Seite der abgebrannte Palast der Schatzkammer einnimmt, dessen vordere Wand unversehrt geblieben, da cs hier nicht um die Zerstörung der Mauern, sondern um Vernichtung unbequemer Papiere zu thun war. Seitwärts dieses Palastes 3M wird ein anderer Platz frei gemacht, der die Statue Camoens tragen soll, ein stummer Betrachter der Entartung seines Geschlechtes. Das Stiergefecht in Lissabon kann am besten beweisen ob die beiden Nachbarvölker wirklich so verschieden sind, als hier jeder Schritt es ansspricht, und ich ging es zu sehen. Auf einem unebenen Platze, von dem die Verge des Castells am schönsten stch ansnahmen, erblickt man eine runde hölzerne Var-rake, wie sie bei uns für englische Reiter improvisirt werden, und aus diesem Sticrtempcl schallte eine wahrhaft bestialische Musik heraus. Das Innere gleicht einigermaßen den Ställen von Spitfield, schmale schmutzige Bretter ziehen sich steil über einander hinauf, und hier sitzen die Zuschauer. Die untern Reihen sind von den Elegants, von den Amateurs der Hauptstadt gefüllt, die sich in Nachahmung Verschiedener Thierstimmen, wozu die portugiesische Sprache sich so bereitwillig hergibt, üben, uud diese Grunzen- und Vrüllrn-Solos, sympathisircnd unterstützt von den gegenüber sitzenden Gassenjungen, werden zuweilen durch ein Unisono von Stockpochen unterbrochen, womit mau auch der großen Trommel stets kräftig zu Hülfe kommt, um den Musitsinn der Nation zu beurkunden. Vndlich werben die energischen Stoßseufzer der portugiesischen Iugeudblüthe erhört, und acht Afrikaner, die aber als Me.ricanrr gekleidet sind, bringen eine Art Vundeslade herein, die an einer Wand des Circus aufgestellt wirb, und die Pfeile für die Vandarilleros enthält. Vor diesen mar-schirten in altspanischem Costume acht Trabanten auf, die anstatt Hellebarden Mistgabeln in der Hand hielten, und, wie ich später bemerkte, verkleidete Metzgerknechte waren. Auf einem dicken Ganle kam ein spindeldürrer spanischer Ritter herein, die erbärmlichen Gebeine aus Holbeins Todtentanz in engrs weißes Beinkleid gcwickclt, mit a/lbseidrncm flatternden Mantel umhängt, ohue alle Kopfbedeckung, eine Art Kreiswärtel, der mit einem unbeschreiblich albernen Gesichte die Runde machte und allgemein ausgelacht wurde. Nach diesem tncehomo kam der Piccador, im Habit habill«, grünem gesticktem Fracke, dreieckigem hohem Hut mit Federu querüber aufgesetzt, der anstatt der Lanze dünneStäbe mit eisernen Spitzen handhabte, die bei jedem Stoß abbrachen, die er aber mit großer Gcschicklichkeit dem Stier applicirte. Dieß war die Sonne des Tages, er ritt gute Pferde, war selbst gewandter 349 Reiter, allein es mir stets derselbe, denn der Kreiswärtel war stets auf der Flucht, wie ein Stier sich ihm näherte, obgleich ihn, da er sein feistes Pferd weder führen noch halten konnte, einer der Stiere zuweilen aufhob, und im Kreis herumjagte. Die Stiere sind hier außerordentlich rasch und gewandt, da man ihnen aber die Hörner auspolstert, so fällt begreiflich alle Gefahr weg. Die Vandarilleros sind elegant eostümirt, allein bei weitem nicht so kühn wie. die spanischen, denn dort ist Mord, hier Scherz, dort Tragödie, hier Farce. Die ganze Geschichte kam mir vor wie eine Parodie der Schuld, und wie der Spanier seinen Feind mit den Waffen in der Hand an hellem Tage angreift, der Portugiese aber nur Nachts meuchelmordet, so zeigt sich dieser (Charakter ^H in ihren Spielen. Das Finale ist jedesmal eine idyllische Scene, indem die ritterlichen Metzger sich über de» Stier herwerfen um ihn zu bändigen, wobei dann freilich oft ein possierliches Vall-werfen entsteht, oder wenn ihnen dieß nicht gelingt, kommt eine ganze Hccrdc großer zahmer Ochsen herein, die mit il'ren großen Schellen viel Spectafel machen, die ganze Versammlung in eine Staubwolke hüllen, nnd den von den eingehackten Pfeilen blutenden Freund mit nach Hause nehmen. Hier ist keine Gefahr, 'also auch kein Reiz, und die beständigen Wiederholungen werden sehr langweilig. Als Episode kommen zuweilen Faschingspossen, wozu die Afrikaner gebrancht werden. Eine hohe bewegliche rothangestrichene Tonne wird mitten in die Arena gestellt, in ihr steckt ein Afrikaner, ein anderer ist außen, beide mit Spießen bewaffnet. Der Stier rennt herein, stürzt auf die rothe Tonne zu, wird aber durch Stöße abgewiesen, und greift wieder an, bis er das Faß umwirft. Man macht die Afrikaner meistens betrunken um ihnen Muth einzustoßen, und da sie hiedurch schwer nnd ungelenk werben, so geschah es hier baß der Stier denjenigen ans die Hörner nahm, wie er eben aus dem Fasse kroch, nnd ihn min auf dem Boden schlimm verarbeitete. Die (5ameraden kamen zu Hülfe, allein der Stier trieb lange Spiel mit ihnen, schleuderte sie in die Luft, stampfte sie am Voden herum, und es würde doch noch Unglück geschehen seyn, weun die Pastorale Heerbe den Ergrimmten nicht in den Stall abgeholt hätte. Dann wurde ein Carroussel im Circus errichtet, mit vier hölzernen Pferden, auf welche sich wieber betrunkene Verbern mit Spießen setzten. Der Stier stürzt darauf ein, da sich aber der Kreis schnell bewegt,, so weiß er nicht 350 wo er angreifen soll, und diese Verlegenheit ist sehr komisch. Endlich aber verliert er die Geduld, bricht^ ein, ivirft alle Iieiter ab, und richtet große Zerstörung an, alles aber höchst friedlich und ohne Verletzung. Die Söhne dcr Wüste hatten am Ende noch den Triumph ihren schwarzen Feind zu bezwingen und zogen ihn eben an den Hörnern heraus, als cr sie anf einmal abschüttelte, und nun böse zurichtete, da sie in ihrem betrunkenen Znstaude nur sehr langsam und unbeholfen über die Varriine entfliehen tonnten. Fast alle diese Stiere sprangen über die Schranke, und zwar mit einer Leichtigkeit, die ich in Spanien selten gesehen habe. Tiese Staberliade zeigt den Poltronsinn des Portugiesen, gegenüber dem tapfern Nitterspiele des Spaniers. Tas Theater Sau Carlos ähnelt etwas seinem großen Vorbilde in Neapel, und die italienische Oper welche in Lissabon spielt, verdient ihren alten Nuhm. Daö Orchester und die Chöre sind untadelhaft, die Sänger mit von den besten Europa's, und ich habe hier Lucrezia Vorgia und Marino Faliero so vollendet geben sehen, wie es kaum ein Theater in Italien vorzüglicher vermag. Auch das Vallet ist ausgezeichnet, und es that mir wohl nach mehrjähriger b'ütbehrung wieder diese schönen Fruchte unserer Civilisation zu ernten, n»d ill den Genüssen Nossinischer Melodien und Portugiesischer Terpsichoren zu schwelgen. Tas arabische Element hat sich mehr in deu Hunden )vie in den Menschen fortgepflanzt, sie haben meistens die morgenläu-dische Nace, sind eben so todtenahnlich fanl den Tag über, wie Nachts lebhaft, und in Stadt theile registrirt, wie in den orientalischen Städten. Den Zweck der Frauentracht fand ich hier schon in den ersten Tagen meines Aufenthaltes im Temperatur-wechsrl der L»ft begründet, und wie Sitten und Charakter der beiden Gränznationcn himmelweit verschieden sind, so anch ihr Klima. Ich befand mich in Lissabon während der Hundstage, und hatte nicht wenig bange auf die, damit verbundene Hitze. Anstatt diese zn finden, erkaltete ich mich gleich am ersten Abend, denn einige Stunden der Mittagszeit ausgenommen, wo die Männer dcu sehr zu empfehlenden Gebrauch habe» Regenschirme zu tra« gen, habe ich in Lissabon nie über Wärme zn tlageu gehabt, im Gegentheil, die Morgen und Abende so kühl gefunden daß ich die lustwandelnden Frauen oft um ihre Capuzen beneidete. Die Nähe deö Meeres, besonders aber die beständigen Luftströmungen, 351 die diese Wasserstraße mit dem Bosporus gemein hat, erzeugen Winde, welche die Lufttemperatur oft bis zur Kälte herabstim-men und sehr gefährlich werden, da iu deu geraden Strasicu der Zug freies Spiel treibt. Wer von Madrid und Sevilla kommt, wird durch diefe scharfe Luft fast unangenehm berührt, und hieraus entspringt auch die Verschiedenheit der ,V>'benöweise, da man iu Spanien nur bei Nacht Menschen auf den Strasien findet, hier aber um zehn Uhr Nachts alles stille wird, mit Auk-nähme der Mitternachtstunde, wo die Leute aus dem Theater nach Hause gehen. Seit lauger Zeit konnte ich hier wieder zum erstenmale ruhig und behaglich Nächte durchschlafen, ja man kann sich hier zudecken, was die spanische Hitze selten gestattet. Auch die Trabanteil der Hitze, Muötitos und Ungeziefer, sind lucr nicht zu finden, wenigstens nicht in dem vortrefflichen Hötel das ich bewohnte, und wenn man sich nur einigermaßen mit der Kleidung in Ächt nimmt, so ist das Klima ^on Lissabon gcwisi eines der besten im Süden. Das Castell liegt auf einem der höchsten Vrrge der Stadt, hat Kanonen nnb Soldaten und trägt nnverlennbarc Spuren arabischer Fundamente, sieht aber von außen nicht eastellähnlich, wenigstens nicht malerisch aus. Seine Umgebungen haben aber alles in sich aufgeuommen, was man so mühsam ails der neuern Stadt Verbanut hatte, jenen Schinutz der menschlichen (^rcrements, welcher dem Lissabouer so theuer ist wie dein Spanier der Duft der Rosen, in dem er lebt, liebt und stirbt, ja der ein Haupt-iugredicn; seines Lcbensgluckcs bildet. Ich glaube Don Pedro war deßwegen weniger geachtet, weil er diesen portugiesischen Hautgout verbannen, und seinen getreuen Unterthanen begreiflich macheu wollte daß iu einem eonstitutlonellen Staate alles öffentlich seyn kaun, nur nicht die menschlichen Entleerungen. IebeS Haus enthält beim Eintritt eine höchst liberale Anstalt für diesen Zweck, und dennoch sind die Straßen oft nicht breit genug um die Ströme dieser ^rpectorationen zu fassen, so daß ich glaube, die Portugiesen müssen in diesem Auöscheidnugsprocesse besonders gütig von der Natur bedacht wordcu seyn. Wehe dem der Nachts durch entlegene Straßen wandelt, obfchon es auch in den Hauptstraßen und am hellen Tage geschieht dasi die aromatischen Gewässer aus den Nachttöpfen dem erschrockenen Wanderer den Lieblingsgeruch dieses Volkes als Andenken auf den Weg geben. 352 Und in diesen Vcrgdefileen, deren Treppen und steile Gänge mit dem höchst materiellen Menschenkoth bedeckt sind, stehen die reizenden Lissabonerinneu in weißen Rleidchen auf durchsichtigen Valconen, und harren der Stunden des Liebespiels, während der Parsum ihres Leibes unter ihnen hinfließt, auftrocknet, und am Ende, das heißt am Ende des Winters, wenn die Sonne heißer scheint, von der Luft consnmirt wird, denn der Himmel des Südens macht am Ende alles gut, selbst die Pchatmosphäre des Lissaboner Schweinstalles. Indessen sind glücklicherweise nur noch wenige Theile der Stadt, wo diese alte böse Liebhaberei getrieben wird, obschon ich glaube daß alle wahren Portugiesen sich in jene Quartiere geflüchtet habe», um den gesährlichm Neuerungen zu entgehen, und das Glück, in ihrem eigenen Schlamme zu stecken, ungestört genießen zn lönnen. Cine portugiesische Tame, deren Familienverhältnissc sie nöthigten in London zn leben, war trostlos über die Entbehrung ihres schönen Himmels, besonders aber über den Abgang der Wohldüfte Lissabons, (5in freund ihres Hauses in England kam nach Portugal, fand aber anstatt der Ambradüfte die gräßlichste (vrhalallvn, und erhielt noch überdieß eine Ladung Pot de chambrc übergegossen, als er Nachts zu Hause ging. (vr besahl scinem Bedienten eine leere .«ö'lnischwas-serflasehe mit einem Ertraet der besten Lissaboner Jauche zu füllen, siegelte sie hermetisch, und schickte sie nach London an seine portugiesische Freundin als ächten Lissaboner Parsum und Entschädigung für diese in (^ugland nicht zu sindenden Wohlgerüchc. Vor dem (5astcll steht die gothische, aber nie volli'ndete Kathedrale. Tie hiesigen Baumeister müssen zu allen Zeiten eine große Virtuosität im Bauen nm Berge besessen haben, und gerade dicsts Stufenweise in Häusern und Kirchen gibt einen besondern architektonischen Reiz. Tas Gefängniß, welches auch in diesem Theile steht, ist neuerbaut, und höchst zweckmäßig eingerichtet, da die Gefangenen unmittelbar mit der Straße in Berührung stehen, nur durch eiserne Stäbe von den Ansiengehcn-den getrennt, allein durch nichts verhindert sich mit ihnen zu besprechen. Man zeigte mir hier Menschen, die über zwanzig Mordthaten begangen, das heißt Meuchelmorde, denn das ist die Sitte dieses chevalcrcsken Volkes, nnd wahrscheinlich nicht gerichtet, sondern freikommen werden, Wir leben im Zeitalter der Humanität, oder eigentlich der Schwäche der Regierungen, 353 denn keine Gewalt verdient das Regiment, die nicht Verbrechen zu bestrafen und Verbrecher unschädlich zu machen die Kraft hat. Einen schönen Anblick gibt S. Vincenz, eine Kirche auf dem Verge zunächst dem Castell. Hier ist das Begrab» iß der alten Könige von Portugal, allein man bilde sich keine Monumente ein, bescheiden liegen hier die alten Herren beisammen in einer Rumpelkammer, nicht Gewölbe, nicht Capellc, in armen Sargen, und unter ihnen Don Pedro, der dem Volke die Freiheit gab, und August von Veuchtenbcrg, der es ihrer würdig machen wollte; Kronen von Blech und Goldsiitter stehen auf ihren Todlenbahren. Allein hinten am Meere erhebt stch das schöne Kloster Santa Clara, halb verfallen, aber schön als Ruine; hier wollten die Männer der neuen Constitution des Jahres 1838 sich unsterblich machen, hier wollten sie sich ein Pantheon bauen, und hier sollten die Heroen der neueu Freiheit ihre Göttersitze einnehmen. Vermuthlich haben sie vorgezogen das Geld für ihre Apotheose in die Tasche zu schieben, denn bis jetzt ist das Pantheon noch nicht erbaut. Die Entfernungen, iu Lissabon sind sehr beträchtlich, allein die schöne Partie auf das jenseitige Ufer macht man mit Dampfschiffen, die alle halbe Stunde über den Tajo fahren. Vom Ca-stell der Otrabaude übersieht ma» Lissabon i» seiner ganzen Ausdehnung, welche wirklich erstaunlich ist. Die Barken auf dem Tajo führen Segel, beinahe wie die auf dem Nil, nur nicht so erstaunlich hoch. Ich fuhr nach Velem hinab in zehn Minuten, wahrend der Omnibus eine Stunde zu fahren hat. Velem ist eigentlich ein großes stadtahnlichts Dorf, welches aber eine sehr schöne Quinta des Königs enthält, wo der junge Fürst im Parke zu reiten Pflegt. Die einzige merkwürdige Kirche Lissabons steht in Vclem. Sie ist gothisch, ohne Thurm, aber von vollendet schönen Sculpturwerken am Portal und im Eingang. Die Kirche selbst erinnert an arabische Bauweise, drei große süperbe Bögen führen in das Hauptschiff, deren hoch gewölbtes Dach von reich verzierten schlanken Säulen getragen wird. Der Erbauer dieser merkwürdigen Kirche, König Alonzo, hat sich ganz angekleidet unter dem Altare seines schönen Werkes zur Ruhe begeben, und hier ist so vortrefflich aller Verwesungsproceß aufgehalten baß die berühmten Leichen bei Palermo weit zurückstehen müssen. Morgenland und Abendland. II. 2te Aufl. tzH 354 Auch das Kloster neben der Kirche ist in bemerkenswerthem Style, nnd jetzt für gefundene Kinder bestimmt. Von Velem steigt man sehr steil die Höhe hinan, auf welcher der Palast Ajuda liegt. Die Fronte mit zwei Flügeln nnd stantirenden Thürmen ist gegen die Stadt gerichtet und sehr schön, das Innere aber plump wie eine Frohnvcste. Wie in diesen Ländern alles auf zn großem Fuße angefangen und dann wegen Mangels an Geld nicht vollendet wird, so wurde auch der Palast Ajuda nur zum dritten Theile ansgebant, nnd dient bloß zu großen Äcceptionen, wofür in dem unermeßlichen Lissabon kein Raum ist, Ueber endlose Gassen, stets auf Pflaster, zieht man sich mm zu den sogenannten Stadtmauern, deren Thore keinen Zweck haben als nnmäßige Accisen zu erpressen. Ein tiefer Ravin, nnd hinten ein großes ödes Feld, find die Umgebungen des königlichen Palastes der Necessidades, der ans einer Höhe mitten in einem der unbedeutendsten Stadtviertel und selbst mit beschränkter Aussicht aufs Meer liegt, während der neue Palast Ajnda eine vollendet schöne Lage hat. Es scheint daß die Beherrscher der iberischen Halbinsel den Getreidebau besonders begünstigen, denn wie vor dem Madrider Schlosse, so wächst auch hier Korn rings um den Palast, dessen Avant-Corps in einem kleinen Kirchlein, oder eigentlich das Kirchlein im Schlößchen steckt, beides klein nnd armselig. Gin Gang führt über die Straße weg ins Hinterhaus dieses Palastes, das wie Goliath zum David sich verhält, und seinen Vordermann weit überragt, hoch wie ein Fabrikgebäude zu Manchester, allein bei weitem nicht so schön, alles aber blutroth angestrichen, schauerlich. Wieder zieht man endlose Straßen fort, nnd tommt nach dem Stadttheile Buenos Ayres, wo sonst alle Engländer wohnten, wo noch Graf Pombal und der englische Gesandte restdircn, eine Namensverwandtschaft, für die sich übrigens die schöne Amerikanerin wohl bedanken dürste, und nun wieder fort bis zum einfachen Hotel der Kaiserin, anspruchslos wie diese hohe Frau selbst, überall das Gepräge der höchsten Decenz, das einzige Haus glaube ich in Lissabon, die Necesstdades nicht ausgenommen, wo richtig bezahlt wird. Eine Fronte dieses kaiserlichen Hauses geht gegen das Wasser und wird dort erweitert, die andere nach der Straße; bis hierher nichte das Erdbeben, und hier fängt der neuere Theil der Stadt an, mit den hohen Hau- 355 sern, Prächtigen (lassen, und wunderbarer Vergverbindung durch Treppen, Terrassen und Steinbrücken, uuter denen stets wieder andere Straßen durchziehen. Der merkwürdigste Van Lissabons ist sein Aqnäduct, und das große Wasserreservoir auf der Höhe, von wo alles Wasser aus Cintra in Lissabon vertheilt wild, gehört mit zu den erstaunlichsten Bauwerken. Es enthalt ein sehr weites Quadvat-bassin, welches seinen Zufluß von oben erhalt, indem über eine mit Muscheln bedeckte Wand das klare Wasser unaufhörlich darauf herabströmt. Alles ist in Stein, das Vassin sehr tief, nnd die Reinlichkeit musterhaft, allein die Aussicht auf der 3er-raffe über diesem großen Wasserpalaste gibt die erstaunlichste Ansicht von Lissabon, und von hier sollte man ihr Panorama aufnehmen. ^ange suchte ich den Eingang in dieses große Werk, das vielleicht nicht seines Gleichen hat, als man mich durch eine kleine Pforte wies, die mehr einer Portiersthüre ähnlich sieht, und welche den einzigen und wahrhaften Eingang desAqnäducls bildet. Sonst b^saß Lissabon das Monopol des brasilischen Handels, und ob diesi gleich jetzt aufgehört hat, so sind doch von jener Zeit große Reichthümer aufgehäuft, und die Vaulust außerordentlich. Durch das Abtragen der Klöster sind ganz nenc Straßen entstanden, und alle neuen Hänser mit viel Geschmack aufgeführt, dabei die Miethzinse enorm, nnd man läßt die Wohnungen kaum vollenden, so werden sie schon bezogen. Der Garten des Grafen Farrobo auf dem Wege nach (5intra würde jeder grösiern Stadt zur Zierde gereichen, und dieser reiche Mann verwendet feine Reichthümer mit viel Geschmack. Gr ist an der Spitze der wirklich ausgezeichneten Oper und Vallets, und hat voriges Jahr sür beides ein (5ouservatorium nach Art des Mailänder errichtet. An diese seine Lieblingsverwaltung knüpft sich die Tabakregie, oder vielmehr die Verpflichtung, cine sehr große Anzahl ihrer überflüssigen Beamten zu bezahlen, denn in Portugal sind die Aemter wegen der Menschen da. Wie es hier aber eine Akademie ohne Wissenschaften gibt, in dieser Art pflegt Herr und Madame Farrobo die Akademie der Künstler, womit sich auch seine Töchter lebhaft beschäftigen sollen, so daß die süperben Paläste als wahre Kunsttempel erscheinen, wo die Kunst eon amoi'e betrieben wird. Die älteste Capelle Lissabons, Nostra Senhora da Monte, 23 * 356 aus dem vierzehnten Jahrhundert, steht auf dcm Verge neben der Vergkirche da Gracia, ist in Bäume malerisch eingehüllt, und bietet wieder eine andere erstaunliche Ansicht, wie der Valcon im Kloster Carmo, das mit seinen weiten ^ocalitäten einem deutschen Geistlichen eingeräumt worden, der es aber nicht zu benutzen verstand. Ansiedlungeu dieser Ärt sind ungestört, und eine bayerische Bräuerei verträgt sich hier sehr gut neben einem spanischen Pro-selytenmacher zur portugiesisch-protestantischen Kirche, die sehr viele Mitglieder zählt. Hier ist weniger wahre Toleranz, aber mehr religiöse Indolenz wie in Spanien. Die Mosaikmpelle in der Kirche San Nocca ist häufig beschrieben, allein neben ihr besteht eine Anstalt, welche mit zu den wohlthätigsten gehört die ich weiß. Es ist ein großes Findelhans, an dessen Pforten jedes Kind aufgenommen wird, ohne nach Herkunft und Namen zu fragen. Die Kinder werden zu verschiedenen Bestimmungen geschickt gemacht, und die Mädchen sogar ausgesteuert, wozu bedeutende Fonds vorhanden, und unter anderm die Gefalle des Lotto verwendet werden. Der Saal dcr Cortes ist einer der schönsten Europa's, und das Kloster S. Vcnno schloß seine prächtigen Räume dieser Versammlung auf. Man kann sich kaum etwas Unangenehmeres denken als den Ton der portugiesischen Sprache, die nur durch die Nase ihren Weg finden kann, die einzige, glaube ich, die im Munde der Frauen nicht gewinnt. So macht denn auch die Repräsentantensprachc keinen Eindruck, und wenn man die Sprache nicht versteht, treiben einen diese grunzende« Töne bald hinaus. Meine physiognomistischcn Bemerkungen fanden hier volle Genugthuung, und es ist kaum möglich eine Vers«mmlulig so vieler zweifelhaften Gesichter zu finden, wie die der Deputirten, die aber größtcntheils schon Vcamtc waren, und den großen Spitz-bubenstampf ausgedrückt erhalten haben. Cs ist wirtlich ein wahres Glück daß die Fremden-Colonien, die hier angesiedelt, das Princip der Rechtlichkeit repräscntiren, denn sonst ginge Lissabon auch durch ein moralisches Erdbeben unter. Die Deutschen und Engländer sind hier die Stammhalter würdevollen merrantilischen Betriebes, und die Männer, welche ich hier kennen lernte, gehören zu den ehrenwerthesten die mir jemals bekannt geworden. Die Gastfreundschaft übt hier ihr schönes Amt im Vollsten Sinne des Wortes, ich erhielt Einladungen von Häusern, 357 in denen ich gar nicht eingeführt war, und man ist bort auch gleich zu Hause, wenn man sie betreten hat. Allein wohl gemerkt, dieß sind die Fremden, die sich von der gränzenlosen Demoralisation und dem schamlosen Leben der Einheimischen ganz fremd halten, sss ist nicht die Unsicherheit im Reisen oder auf den Straßen Lissabons, was Portugal unangenehm macht, und Fälle sind allerdings vorgekommen, wo Menschen gemcuchelmor-det wurden'^ wo sind sie es aber nicht? So wenig ich hier auf dem Fischmarkte reibende Mädchen gefunden, die englisch sprechen — man müßte denn ein paar Worte, welche englische Matrosen eingeimpft, dafür halten, so wenig als es mir vorkam, mit bloßem Degen ans dem Theater „ach Hause zu gehen, oder mich von nvei derben Gallegos bedecken zu lassen, wie wir dieß in einem neueren Reisewerke über Portugal lesen, so bin ich dennoch hinlänglich in Lissabon ausgeplündert worden, um den spanischen Räubern einen ehrenvollen Vorrang vor den portugiesischen Beamten einzuräumen. In eiuem Lande wo Niemand arbeiten, und Jedermann angestellt seyn will, wo jede Anstellung als Mittel zum Raube dient, und daher jeder Beamte ein Räuber ist, wo die armen Soldaten Jahre lang keinen Sold beziehen, weil ihre Chefs das Geld in die Tasche schieben, wo die Beamten eben so lange bloß mit papiernen Bons bezahlt werden, die sie ums halbe Geld wieder an die Agenten des Finanzministers verkaufen, und deßhalb aufs Stehlen angewiesen sind, weil der Minister sie selbst bestiehlt, nm Landhäuser bauen zu können; in einer Gesellschaft, wo das Hazardspiel eine solche Hohe erreicht daß mancher Angestellte in einer Stnnde den Iahresgehalt verschleudert; in einem Staate, der seit sechs Jahren die rechtlichen Forderungen von sechstausend Braven nicht befriedigt, die ihm die Freiheit erringen halfen — in diesem Lande, an den äußersten Gränzen Europa's, wo der Sklavenhandel blüht, nnd die Civilisation auf der Höhe des Orients steht, in diesem Lande des Betruges, des Raubes und der Undankbarkeit, ist freilich so bald kein Heil, keine Rettnng zu erwarten, und die Art wie hier Fremde behandelt werden, mag als geringer Beitrag seiner Sittengeschichte dienen. AlS ich aus Spanien hier ankam, mußte ich den Polizei-beamtcn, noch ehe ich ans Land gestiegen, bloß für die Ansicht meines Passes bezahlen. Als ich Lissabon verlassen nullte, wurde 358 ich persönlich auf das Polizeiamt gerufen, dort von einem brutalen Beamten in einer Durchgangöstnbc unter einem Gcsindel von Bauern und Gallegos empfange«, und Stunden lang hingehalten, bis ich die Geduld verlor und dem saubern Pasicom-missar mit Prügeln drohte, vorauf er mich crpedirte. Dieß kostete fünf Franken. Ein hungriger Consul, dcr mich ebenfalls viermal schicken ließ, nachdem ich ihn selbst besucht hatte, nahm mir weitere fünf Franken ab, und der Tribut der Regierung kostete zwölf einen halben Fransen, so daß dcr Paß in Lissabon allein mit sechsuudzwanzig cinen halben Franken ausgelöst werden mnßte. Dies; übertrifft doch alle Prellerei, die man in Italien uud Petersburg au Reisenden verüben sicht. Ein wohlhabender Engländer kommt in ein Bureau des großcu Mauthpalastes, verhandelt dort seine Geschäfte und entfernt sich. Kaum auf dcr Straße angelangt, vermißt er scine Schrcibtasel, in welcher stch Vankuoten zum Werthe vou zweitausend Pfund befanden und die er, wie er sich entsann, auf dem Tische deS Mauthbureau'ö hatte liegen lassen. Nr kehrt sogleich dahin zurück, fiudet dieselben Personen dort beisammen, erklärt den Fall, uud fordert Untersuchung, welcher man sich nicht entziehen kann. Es wnrde alles visitirt und nichts gefuudcn, nur der Schrank des Mauthdirectors blieb noch übrig, und der Engländer fordert auch diesen zu öffnen. Nach langen Protestationen mußte man Folge geben, und das gestohlene Portefeuille lag in der Schatulle des Herrn Directors. Dieser kam iu scheinbare Untersuchung, wurde von diesem Amte entfernt, aber nie bestraft, vermuthlich weil man glaubte der Verlust der schönen Banknoten sey Strafe genug. So geht es hier durch alle Rubriken. Die herrlichen Na-tioualgütcr, welche durch die Aufhebung dcr Klöster entstanden, wurden an die Heroen dcr Zeit, Saldanha, Palmella und andere verschleudert, die zurückgekehrten Gmigrirten mit ungeheuren Summen indemnisirt, und dem Staate bleibt nichts als eine Armee bettelnder und stehlender Mönche, uud die Nothwendigkeit immer neue Anlchen zu machen, während man mit dem Vrlöse die sämmtliche Nationalschuld hätte bezahlen können. Nirgends in Europa macht der Fremde so unangenehme Erfahrungen wie in Portugal, aber in wenigen Bändern entschädigt ihn die herzliche Gastfreundschaft dcr Laudsleutc in so hohen: 339 Maaße, und der unuerlöschliche Eindruck meines Empfanges in Lissabon wird stets cine meiner liebsten Reiseerinuerungen bilden. Ich erhielt Aufforderungen in Stadt und Land. und von Familien, deren Namen mir stets heilig bleibcn wird. Ohne Ceremonie, ohne Steifheit findet man sich hier leicht heimisch, und meine dankbare Erinnerung wird mich stets nach Lissabon zurückführen. Allein das ist das Herbe des Reifens daft man liebe Menschen nur kennen lernt, um sie desto schmerzlicher zu verlassen. Meine Stunde hatte geschlagen uud ich mußte einen Kreis von Menschen verlassen, der unserem deutschen stamen so viele Ehre macht. Um 4 Uhr fuhr ich an Vord der Nraganza, eines der besten englischen Dampfschiffe die ich kenne, und hatte noch eine Stunde volle Muße, von der Mitte des Hafens die Wunder seiner Umgebungen zu reeapituliren, diese ungehenre Stadt, die daS eine Ufer bedeckte, und die jenseitigen Hügel der Otrabande bis zn den schönen Vergkuppeu hin, die das Schloß Pamella und das alte MaurencastellSezembni tragen. Unvergleichlicher Anblick, von ewig gleichem Himmel bedeckt. Endlich brauste das Dampfschiff, wir schwenkten nns durch die vielen Schiffe durch, und bald passirten wir den alten Velemthurm arabischen 'Andenkens, der so kühu uud trotzig mitten im Prächtigen Tajo steht, und von dem die Mauern der Stadt aufsteigen, die sie Meilen weit umspannen. Tie ganze Seenerie der gespalteilen Flusihügel mit den unzähligen Landhäusern, Boskets, ausgemauerte Terrassen, die von Pfeilern getragene Mstenstraße, das Grün der Dörfer, so anmuthig von den gelben Höhen abstehend, überall schöne Wellenform, alles erinnert an den Bosporus, der bei der Ausfahrt noch lebhafter mir ins Gedächtniß trat. Es sind dieß gewiß die zwei schönsten Wasserstraßen, und der herrlichste Strom wird hier immer breiter, bis die beiden Leuchtthürmc ihn kaum mehr zu dämmen vermögen, wo er dem Oeean entgegenstürzt, um die gänzliche Vermählung mit ihm zu feieru. Windmühlen, Telegraphen, Thürme, glänzen von allen Höhen herab, nnd rcchts tritt nun auf einmal die Gebirgswand von Cintra hervor, vom Abendlichtc bereits in schauerliches Schwarz gekleidet, und ihren Namen Sierra, gleich den meisten Gebirgen der Halbinsel, durch die fägezähnahnliche Zackenform verdienend. Links, aber etwas ferner, thürint sich gerade gegenüber die Sierra Arrabida auf, und was dort die Saracenenburgen in die luftigen Räume des Acthers erhoben, das 360 faßt hier der dunkle Fels in seinen Eingeweiben, die romantischen Höhlen der Arrabiden, jener räthselhaften Mönche, arm nnd schweigsam wie die Trappistcn, die aus ihren Felsenzellen dieser Sierra in die Marmorhallcn von Mafra zogen, um jetzt den Wendepunkt ihres grausamen Schicksals zn erfahren, und dem Hungertod zu verfallen. Tief noch in der Dämmerung stunden die schwarzen Kolosse vor uns, und schienen uns zm» Abschied zu begrüßen, bis die Nacht alle Umrisse verlöschte, und der Mond die schroffe Wand von Espichcl allein noch matt erleuchtete. 34. Eintra. Vine Quinta in Cintra! Das war einst der höchst zu erreichende Punkt der portugiesischen Fashion. Cintra ist das Eden Portugals, es ist das portugiesische Granada, drm Natur und Araberzeit ihr schönstes Siegel aufgedrückt haben. Dort verlebten die Großen und Mächtigen den Rest ihrer Tage, die sie mit Eroberung fremder Welten zugebracht, dort vereinte sich Lurus und Geschmack, und das Gold dreier Welttheile floß hier zusammen, um sardanapalische Genüsse zu schaffen. Eine Quinta in Gntra galt mehr wie der älteste Pergainentstannnbaum, allein die schönen Quintas sind mit ihren Besitzern zu Grunde gegangen, uud diesem Paradiese ist nichts geblieben als die unveränderliche Natur und die Erinnerung maurischen Ritterthums. Nach Cintra sind es von Lissabon drei Stunden, und der Weg dahin ist die einzige fahrbare Straße Portugals. Es ist immer noch besser gar keine Straßen zu haben, alö solche wie wir in Holstein und der Picardie finden, auf denen man fahren muß, während hier im Lande, wie im Orient, alles Reisen zu Pferd oder Maulthier vollbracht wird, wornach denn anch die Einrichtungen und Gebräuche sich regulireu. Ich wurde früh fünf Uhr von der Diligence abgeholt, dcnn hier besteht, wie zu Neapel, die löbliche Ginrichtung daß jeder Passagier vor seinem Hause aufgenommen wird. Ich war der erste; an dem zweiten Hause aber, wo der Wagen hielt, mußten wir eine volle Stunde warten, bis die Erwarteten aufgeweckt und ihre Habseligkeiten gepackt waren, welche aus einer solchen Ueberzahl von Kisten, Kästen, Hutschachteln und selbst Vctten bestanden, daß ich mich an dem sich hinter mir auf-thünnenden Verge bequem anlehnen konnte, denn ich hatte mir den Outsideplatz neben dem Kutscher gewählt. Glücklicherweise waren alle vier Personen die den innern Raum füllen sollten, in diesem Haust beisammen, denn wären sie vertheilt gewesen, so 362 hätten wir vermuthlich bei jedem eine Stunde warten müssen. Die Omnibus, welche auch auf dieser Straße fahren, mögen wohl manchmal einen halben Tag verwenden bis sie ihre werthen Gäste in dein großeu Lissabon zusammengeholt, und hier ist gleich eine entschiedene Reminiscenz des Orients, wo man auch nie fortkommen nnd abreisen kann wcnn man wünscht. Gndlich setzte sich die merkwürdige Kutsche in Bewegung, in welche die Insidc-passagierc auf Leiter steigen mußten, ich aber so hoch oben saß daß ich ans die Banquettes einer französischen Diligence hätte herabsehen können, nnd die gespannteste Sorge darauf wenden mußte daß ich mir den Kopf nicht beständig an den Laternen in der Stadt und an den Bäumen außer der Stadt anstieß. Die Straße nach (5intra führt über Ncrg und Thal, nnd ist größtentheils gepflastert. Tie erste Stunde hat man zu fahren bis man aus der Stadt nut ihren Garten und Feldern heraus ist, in der zweiten kommt man durch eine Reihe von Landhäusern und Pachthöfen, nnd überall taucht wieder der majestätische Aquä-duct auf, reizender und mannichfaltiger als selbst der Konstantinopels, besonders da wo mau unter seinen gewaltigen Vögcn durchfährt, die über einem Orangcnwalde hervorragen. In der dritten Stunde sieht man plötzlich eine hohe graue Waub vor sich, die vom Meer heraufzieht, sich wild und zackig quer über die Landschaft legt, und wieder steil absenkt, so daß das Land vor, hinter nnd neben ihr feinen leichten Hügelcharakter bei-behalt, und man nicht absehen kann wie diese starrende Felsenpartie so ganz allein hierhergeworfen wurde. Je mehr man sich nähert, desto nnerklärbarer wird diese wunderbare Erscheinung, und nachdem man über einen jähen Abschliß dieses grauen Kolosses sich heraufgearbeitet, hat man die Fernsicht über das jenseitige Thal mit allen feinen unzähligen Hügclwogen bis zum Meere, uud das düstere Mafra liegt in seiner obligaten Langweile vor uns. Hinter uns, vor uns, sehen wir glänzende moderne Ansicdluttgen und Parte, die sich an den grünen Fuß der Felsen lehnen, uud auf der Seite gegen Lisbon steht die Todtenburg Don Pedro's, auf dcr Seite gegen Mafra liegt abcr Cmtra, dieses unbeschreibliche l5intra mit seinen unzähligen Qnintas, wenigstens versicherte mir mein Führer, daß es nicht möglich sey sie zu zählen. Zwischen diesen blühenden Thälern erheben sich die schauerlichen Felsen, ein Haupt ums andere in die blauen Nä'ume 363 emporstreckend, spitz und einzeln alle, nur fur des Adlers Horst bestimmt, unv dennoch von den kühnen Arabern in Castelle verwandelt, lvahre Himmeloburgen, der Stolz menschlicher Ausdauer und Willenskraft. Die Schönheit dieses Gebirasfragmentes besteht besonders in seiner Form und Abscheidnng. Von den tiefsten Thä,-ll'rn, nelche die untern Hügel spalten, bis gegen die Mitte desselben ist vollendeter Anbau, und die edelsten Bäume aller Zonen erzeugen jenen Schatten, weschalb Cintra so gesncht nnd berühmt nar. Dann aber schneidet alle Vegetation Plötzlich ab, ein furcht--bares Chaos beginnt, Felsen von Häusergröße hängen übereinander aufgethürmt wie vom Himmel herabgrreguet, ohne Verbindung, ohne Zusammenhang, so lose scheinend dasi inan ieden Augenblick ihren Herabsturz befürchten lann, oft nnr an einzelnen Flächen, ost in kleiucn GrasFayal ist bekanntlich der Sohn Pamella'ö, und Gatte der jungen Povoa, deren Vatcr sich durch Licfcrungsgcschäfte in den Kriegen unermeßlichen Reichthum erworben. Ich weiß nicht ob das jungePaar lange die Früchte der romantisch gewaltsamen Verbindung genießen wirb, da sie beide ziemlich schwächlich ausseheu, der Herzog aber hat alle Processe durch Vergleiche mit der Familie niedergeschlagen, welches ihm mittelst Auszahlnng großer Summen aus dem kolossalen Vermögen seiner Schwiegertochter leicht wurde, da die Pamellas selbst arm sind. Der portugiesische Adel ist zum Unglück für dieß Land beinahe ausschließlicher Besitzer des Bodens, 365 den enMls Indolenz nicht bebaut, und sich lieber in Schulden steckt. I» der Hand dor Particnlicrö wäre das Terrain besser cnltivirt, bisher haben aber nur einzelne Fremde es gewagt unter den unsicheren Verhältnissen Anlänfczn machen, und so sind denn auch mehrere der schönsten O-nintas in fremden Vesitz gekommen, deren schönste unstreitig die von Campo dc Santiais, Monserrat, Saldanha, Far-robo, Pombal, besonders aber Penha Verd ist, wo Don Juan de Castro begraben liegt, und welche alle Aussichten nach dem Meere, Mafra und den drci Castellen am schönsten auf Einem Punkte gibt. Auf dem Wege am AbHange des Gebirges sort, welches die meisten Qnintas trägt, gelangt man nach einstündigem Nitte zum Dorfe Colares, das unstreitig schöner liegt wie Cintra, vor Hessen reizender Allee den Liebenden die ganze See ausgebreitet ist, wo aber nur zwei Landsitze zu finden, weil es eben nie Mode geworden sich dort anzusiedeln. Der Nesuch dieser Q-uintas ist äußerst liberal, eine Tugend, die sich in Portugal beim Vesuche aller öffentlichen und Privatbcsitzc ausspricht. Der Portier schliesst auf, und kümmert sich dann nicht weiter um die Besucher, die nach Belieben in den Vergparks herumrlettern können. Man sieht überall Spuren der alten Größe und Pracht, allrin nur bie Bäume bezeugen sie, während die meisten Häuser versallen, und viele schon Ruinen bilden. Indessen ist Cintra der LieblingZauf-enthalt der Fremden geworden, mehrere Engländer haben Quin-tas gekauft und werden sie vermuthlich wieder herstellen. Crcnr-sionen dahin sind hanfig, und ich begegnete zwei Eselßcavalcaden von etlichen zwanzig Herren und Damen, welche in ihren europäischen Kleidern gar sehr von den Frauen Kairo's abstachen, die nur noch im Gedächtniß waren. Drei kleine, aber dem Ve-dürfniß und dem kleinen Städtchen entsprechende Hotels genügen hinlänglich, und man verbindet uiit der Annehmlichkeit des schönsten Landanscnthlilts gutes Leben und Unterkunft. Alle diese Herrlichkeit ist unten, und zwar in einem Kessel, möchte ich sagen, wenn das Hügelthal nicht auf einer Seite offen stünde. Von allen Punkten dieser Tiefe richtet sich der Blick mit stets wachsendem Erstaunen nach oben, denn die (5astelle scheinen immer höher zu werden, sie schweben gleich Aaren in der Luft, und die Berge, welche sie krönen, sind so zugespitzt daß man nicht abnehmen kann wie man zu ihnen gelangen wird. Am höchsten liegt Penha selbst, sehr richtig im Portugiesischen der 36K Felsen ssenannt, denn die Mauern sind mit dem Felsen verwachsen, und ich stieg den alten Fnß»veg in den Felsen hinauf, der aber in der Mitte sich mit einem neuangelegten Sträßchen verbindet, das ziemlich bequem nach der Spitze führt. Wenn man sich oft mühsam frischen den Felsenblöcken durchivinden muß, so komint inan in Verlegenheit zu begreifen, >rie diese lose übereinander hängenden nnd nirgend verbundenen Granitmassen, ans denen das ganze Cintragebirge besteht, Gebäude tragen können, die ihnen selbst entnommen sind. Es sind wilde Schauer, die hier die Natur zusammengeworfen, und die Manren sanden volle Muße ihrer Liebhaberei des Isolirens und beherrschende Punkte zu befestigen reiches Spiel zu geben. Ich kenne kein Ritterschloß, das auf solch abschüssiger Vergspitze getragen wäre, und keines der Rheinschlösser erreicht auch nur entfernt diesen kühn-romantischen Ban, der eine äußerst glückliche Nachbildung arabischer Architektur ist, undvermulhlich bald nach ihrerVertreibuug cntstuud. Die Peuha war Kloster, und es gereicht dein Geschmacke des jungen Königs zur Ehre daß er es zu einem schöneren Zwecke, nämlich zur eigenen Benützung, wieder herstellen läßt, welches mit viel Ginsicht, allein wie mir scheint mit Verkennnng des arabischen Styles geschieht. Hier wäre die Gelegenheit gegeben ein rein maurisches Castell herzustellen, denn alles ist erhalten, die starken Mauern sind fast mit den Felsen verwebt, und der Granit durch die Zeit petrisicirt. Man kann sich kaum vorstellen wie keck diese Qnadern auö dem (5haos heraufgearbeitet sind, wie geschickt die Araber das ihnen wohl bekannte Ternnu benutzten und möglichst sicherten, denn ob es auch sicher ist daß diese so wenig vereinigten Felsen immer den schweren Van tragen werden, wie sie uun seit vielen Jahrhunderten gutwillig thun, erregt einigen Zweifel, wenn man die Stürme in den Wintermonaten hier brausen hört, dic See und Land gleich ungebrochen nach diesen Felsen senden, denn hier ist ewiger Wind, und die Damen der Eselscavalcade, die ich hier traf, hatten unendliche Mühe ihre Kleider in Ordnnng zu halten, als sie aus diese Höhen kamen. So in Felsen geklemmt, kühn und künstlich, erhebt sich das alte massive Klösterlein mit seinen maurischen Zacken, seinen Filigran-cornischen, niedlichen Grauitsäulchen der Doppelfenster, den ächten Saraccnenbögen, den schönsten der Vantunst, uud dem vier-cckten Thurme, mit ringsnmlaufenden arabischen Zinnen, eine 367 doppelte Galerie und Platform einschließend. Der Palio ist ganz vollständig erhalten, doppelte offene Corridors mit Granitsäulen, Vögcn, Mosaikboden wie in der Alhambra, nur was dort von weißen: Marmor, hier von Granit. DieserPatio bedarfkeiner Aenderung, wcixl man aber einen geschickten Architekten die Ara-beskcnverzierung der Wände versnchen ließe, wie sie in G!)psabdrü-cken von der Alhambra leicht zu verschaffen, wenn man die klösterliche Einrichtung in die einer Königswohnung, und die ringsuni-laufenden Seitengemächer in orientalische Divans venvandelte, zu denen hohe arabische Vögen aus dem Patio führten, wie in den Saal der Abeuccrragen und der Schwestern in der Alhambra, dann wäre die Vahn gebrochen znr Wiederherstellung der zierlichsten Vanweisc, und Spanien müßte diesem Beispiele folgen und seine maurischen Königsburgen zum alten Glänze bringen. Hier läßt der König alle Arbeiten mit so viel Einsicht betreiben, daß es wohl nur eines Fingerzeiges seines Architekten bedarf, um die arabische Metamorphose der Penha der europäischen vorzuziehen, wozu man vielleicht nicht nach Granada zu reisen braucht, da Portugal in seinem manrischcn Aleubacar das besterhaltene Werk jener Zeiten besitzt. Das Aeußen dcö Penhaschlosses wird gran gehalten, die Farbe des Gesteins, auf dem es rnht — eine sehr glückliche Idee, da aus der Ferne Verg und Schloß aus Ginem Gusse scheinen. Den meisten Geschmack beweist man hm- in Veuützung der umliegenden, oder besser gesagt, herumhängenden Felsenpartien, durch welche hübsche Fußwege sich stets wieder nach den höchsten Spitzen ziehen, überall Vaumpflanzungcn durch aufgetragene O'rde, Ruhebänke, Monolithtempel, Riesenfelsentische, alles dem Felsen abgezwungen, sich um die starre Granitburg winden, sie in emem Netze umspinnend. Die abenteuerlichsten Formen werden hier dnrch die Natur geboten, in den chaotisch übereinander gethürmten Felsklötzen sieht man die frappantesten Gestalten, bald menschlichen Rnmpf, Vüste, Köpfe, liud die Wege führen nuten zwischen an-einandergelehnten, oder übereinanderhängendcn Felsen durch, die gerade Nalim z»r Passage lassen, und stets Lust zeigeu diese seiner Zeit zu sperren. Treppen führen in Tiefen, Wege zu den Höhen, und diese Parkanlage gehört gewiß zu den originellsten der Welt. Nnr cincs vermißte ich noch, die Verbindung mit den alten Mau-rcncastells, dic etwas tiefer liegen, allein noch steiler sind, und 368 wovon dasVessererhaltene den Vorzug dcr Aussicht vor der Peuha besitzt — da man von ihm ganz Cintra mit seinen QuintaZ überblickt — ein Anblick, welcher der Penha eben durch das dazwischen liegende Castello dos Moiros versperrt ist. Dieses Maurencastell ist von bewundernswürdigem Van, und die Art dcr Fügung der Schutt- und Fclseninauern in abwechselnden Schichten, und ihre Verbindung mit dem nackten Felsen ist ein Studium dcr neueren Architektur geworben. Die Thürme und Wäude sind cyklopisch und von erstaunlicher Festigkeit, bald eckig, bald rund, alles den chaotischen Felsengruppen angeschmiegt, die bald ober, bald nnter den Mauern hervortreten. Wie erhaben ist diese Araberzeit, und wie solid haben diese Menschen ihre Bauten angelegt und durchgeführt. Vange gleich Granitobelisken geschnittene Felsen bilden eine Seite des überall scharf escarpirten Verges, und hängen nun wohl schon seit Jahrtausenden, obschon die schräge Richtung jeden Augenblick ihr Herabglciten erwarten läßt. Nachdem man das erste Thor passirt, kommt man zur kleinen Moschee, deren Wände und Thorbogen mit Epheu überwachsen sind, bann kommt man zu der fließenden Cisterue die überwölbt ist, und deren Merklarc Quelle unweit davon entspringt und in «och benutzten bedeckten Röhren der Stadt Cintra das Wasser liefert. Die Aussicht auf dem obern kleinen platten Raume ist entzückend, man sieht Lissabon, das Meer bis zu Cap Espichel, das Palmella-Gebirge, den Vans des T'ajo gegen Santarem, und das Thal von (5intra und Mafra. Obschon aber diese Felsen an sich selbst fast unangreifbar sind, so ist doch jede mögliche Vlößc hier genau ausgemittclt und beschützt. Damals konnte man noch feste Burgen bauen, jctzt weiß der Commandant der stärksten Festung beinahe die Stunde anzugeben wann er sich wird ergeben müssen. Ueberall wo man in Cintra sich bewegt, sey es oben, sey es unten, sieht Ulan auf der Höhe gegen Norden drei hohe Thnrm-spitzcn emporragen, es ist Mafra. Wenn es wahr ist dah dieses Zwitterding von Schloßtloster gebaut wurde um den Escurial zu übertreffen, so ist dieß vielleicht nur erreicht worden, indem man eine wo möglich noch ödere, reizlosere Gegend aufgefunden hat, und hier der (Contrast, wenn man aus dem grüne» blühenden Cintra kommt, höchst auffallend ist. Der Weg nach Masra ist eben so schlecht alö uninteressant, und man legt ihn auf Maulthieren in drei Stunden zurück. Die Fronte Mafra's ist 369 imposanter wie die des Escurials, allein dieser macht dennoch schon als Granitschlosi einen tiefern Eindruck, er ist das Original, Mafta Copie, es ist der ticft finstere Ernst des sechzehnten gegen die Frivolität des Vigottisinus des achtzehnten Jahrhunderts. Mafta zeigt eine nngehcnre Vcrschoendnng, und ist ebenfalls in Königsschlosi, Kirche und Kloster abgetheilt. Schwarzer, weißer, bläulicher, gelber, röthlicher Marmor ist hicr in Sänlen und Verzierungen angebracht, großer Schcidesaal und Kuppel sind ausgezeichnet, Hähne auf Kreuz und niederländisches Glockenspiel höchst erbaulich, allein dieses trostlose unermeßliche Gebäude steht nun ohne allen Nutzen, sci»c 1552 Zimmer sind leer, die armen Mönche aus den 282 Zellen verjagt, nnd ü8 camrische Statuen, 232 Marmorsäulen, 8^> Fontänen und 154 Marmortreppen sind die einzigen Ueberbleibsel, während in dem vier Stunden grosten Park Hirsche und Wildschweine ihr Wesen treiben. Pombal hatte die schöne Idee, in dieser großeu Königscaserne die schönen Wissenschaften einzuquartieren, und Philologie wurde hier während dreißig Jahren mit Orfolg getrieben. Allein die Mönche nahmen später wieder ihren Platz ein, bis nun der Tempel von allem gänzlich gcränmt n?ld leer steht. Einige Stunden weiter kommt man zu den Linien vou Torres vcdras, eiue militärische Reputation, die vielleicht niemals ihren Nuhm verdient, nnd ihn jedenfalls nun verloren hat. Gc-wisi würde-in ihrem gegcnw'ärtigcn Znsland weder Massena noch ein anderer General vor ihnen umweuden, und im Kriege der Halbinsel geschah dieß auch nur wegen Wellingtons Uebcrmacht und nicht wegen Unüberw'indlichleit der Linien. Diese nahmen die ganze Landstrecke zwischen dein Tajo und dem Meere cm, deren Mittelpunkt Torres vcdras bildet. Es sind einzelne Erdschanzen, dic sich wechselseitig unterstütze,:, und durch das unbu-lirende Terrain immer die Spitzen der dominirenden Hügel benutzend, auf das einfachste der Vefestignngsart hingewiesen sind. Jetzt sind sie fast alle verfallen, doch Portugal wird keiner Festungen noch verschanzter Linien mehr bedürfen, da seine Wege stets impracticablcr werden, nnd jeder feindlichen Invasion dieselben Schwierigkeiten entgegenstellen, wie Asien und Syrien. Für Rci^ sende die uicht übers Meer wollen, ist es sehr interessant in Europa ein Land zu finden, das gar keine Straßen besitzt, aber auch so wenig dafür thnt, daß die Regierung nicht einmal erlaubt die Morgenland und Abendland. II. -te Aufl. H4 370 herrlichen Ströme die cs besitzt, schiffbar zu machen, und so we-nigstenS durch Wasserstraßen die Verbindung durchs Land herzustellen. Als ich durch Cintra zurückkehrte, sah ich über einen Hügel eine Dame hcraufreitcn, wohlbeleibten Anblickes, runden behaglichen Gesichtö, weißen Teints und blonder Haare, die niederländische Frau von Van Dyk. Ich grüßte sie, wie n»an begegnende Wanderer zu grüßen Pflegt, hinter ihr aber kamen zwei jener gelb-ledernen schmächtigen portugiesischen weiblichen Gestalten herauf, wie man sie so häufig in Lissabon begegnet, und bildeten ein starkes Gegenbild zn der vorgehenden hellfarbigen wohlbeleibten Reiterin, der man ansah daß Nahrungssorgcn sie uicht drückteu, während die beiden andern eher die theure Zeit vorstellen konnten, welche der Neid hinter der Göttin des Ueberflusses hertrieb. Lachend sah mich die erste, grämlich die anderen an, und ich wußte nicht welcher fremden Nation ich dieses heterogene Kleeblatt einverleiben sollte, als eine größere Anzahl von Cavalieren herankam, unter denen eine hoheIünglmgsgcstalt mir freundlich zunickte, und der Troß von Lakaien und ein paar schließende Lanciers mir das Räthsel löste. Ich war 'natürlich ärgerlich über mich daß ich diestu hohen Häuptern so wenig die schuldige Achtung bezeigt hatte, indessen war da nicht zu helfeu. Der junge Monarch ist eine jener schönen männlichen Erscheinungen, womit das Haus Coburg die Throne Europa's versorgt, und hier im Lande sehr beliebt, wenn anders die Portugiesen lieben können. Vr hat den gesunden Sinn sich nicht in die heillose Verwirrung dieses Landes zu mischen, lebt wie ein Privatmann, und läßt Herrn v. Diez walten, der etwas kräftig in die Speichen der Adminiftrationsräder greifen zu wollen scheint, die allerdings einer starken Hand bedürfen, um sic vonrst zu rcparir.en, und sie dann in regelmäßige Bewegung zn setzen. Als ich die kleine blonde Niederländerin sah, fiel mir unser unvergeßlicher August von Leuchtenberg ein und seine armselige Gruft im Kloster des heiligen Vincenz. 35. Der Ph<5nicien. Unter bei! Dampfschiffen, welche in der zweiten Hälfte des Jahrs 1840 den Dienst an der Südrüstc Spaniens machten, nahm der Ph^nicien den ersten Nang ein. Wie die Spanier, abgesehen von ihren patriotischen Gefühlen, in allem was Mode betrifft eine entschiedene Vorliebe für daö Französische zeigen, so gehörte auch das Reisen auf diesem Marseillcr Schiffe zu den Moden des Tages, wenn gleich vielleicht eben so wenig Grund znm Vorziehen dieses Schiffes zu sinden ist, wie es nie einen geben wird, der den Vorzug des Pariser Tamenhnts vor der spanischen Mantilla rechtfertigte. Man verlegte gerne die Zeit der Abreise nm einige Tage, nur um auf den Ph^nicicn zu kommen, nnd da häufig die ganze Verbindung in den Südproviuzcn auf die Küstenfahrt beschränkt war, so fand bei dieser Vorliebe die Unternehmung bessere Rechnung, als die meistens dicht auf einander gepfropften Passagiere. Die Verbindungen im Inuern Spaniens sind in der Regel unterbrochen, und es erfordert immer eine Art Berechnung, auf welcher Straße man hoffen darf mit heiler Haut durchzukommen, obgleich auch diese sich oft als trügerisch ausweist. Die Konigin Christine selbst konnte es bekanntlich nicht wagen ihren Zug nach Barcelona auf geradem Wege zu machen, und während sie bort verweilte, mußten die Couriere von Madrid nach Valencia gehen und sich von da nach Barcelona einschiffen. Tiefe Erscheinung gehört zu den alltäglichen, über die in Spanien Niemand mehr ein Wort verliert, es sey denn, um zu fragen, wo dic Räuberbanden sich aufhalten. Es wird noch lange Zeit brauchen bis ein sicherer Zustand in diesem Lande hergestellt ist, und die Reisenden sind längst gewöhnt stets dic zunächstgelegcnen Häfen als Ucbergaugspunkte zu benutzen um dann auf den zufällig offenen Wegen das Ziel ihrer Reise, wenn es im Innern liegt, zu erreichen. Daher gedeihen die Dalnpfschiff'Unternehmungsn in diesem 24* 37« Lande am besten, da man iiberdieß auf dem Dampfschiffe nichts !)on Seeränberei zu fiirchten hat. Der Ph<'nicicn hat in einem Jahre das Dreifache seiner Ausrüstungskosten gewonnen, und die Gesellschaft, selche ihn baute, schickte kürzlich ein viel größeres Schiff in die See, das hingegen auch bereits mit neuen spanischen Concurreuzeu kämpfen muß. So lauge aber die Verbindung im Innern nicht frei, oder wenigstens gefahrlos ist, werden alle Unternehmungen gedeihen, wenn sie auch noch so zahlreich sind, uud für den fremden Reisenden, der es scheut sich jenen Wechselfälleu des Ausplündernd preiszugeben, gibt es kaum eine angenehmere Reiscart als vou Cadiz bis Portveudre, also die ganze Breite der südlichen Ufer Spaniens entlang, auf eiuem bequemen eleganten Dampfschiffe abzufahren, die prächtigen Gestade immer vor sich zu sehen, und in die bedeutendsten spanischen Haftn des Mittclmecres einzulaufen. Eilfahrten sind dieß freilich nicht, da überall Aufenthalt gemacht wird, allein mau ist dadurch in der Möglichkeit die Seestädte mit Muße zu betrachte», oder kann, um weitere Ausflüge zu machen, fein Schiff verlassen, nm auf dem nächstfolgenden die Reise fortzusetzen, was bei den vielen Unternehmungen in sehr kurzen Zwischenräumen der Fall ist. Das englische Schiff, auf dem ich von Lissabon kam, erreichte den Hafen von Cadiz erst als der Kanonenschuß, die Sperruug der Stadt verkündend, bereits vorüber war, wefthalb wir auch nicht mehr ans Land konnten. Es war noch ganz hell, eine herrliche Sommersccnerie, bei deren freundlichen Lichtern und dem sanften Feuer der Abendröthe das ohnehin immer glänzend aussehende Cadiz doppelt festlichen Anstrich annahm. Vei dem Anblick dieser schönen Inselstadt gewinnt die abendliche Gluth des Himmels noch mehr durch das Widcrspiel der kahlen schmucklosen Natur welche sie umgibt, und die Fracht des Sommers bricht sich nur an den hohen kühnen Bergen, die sich von Xercs gegen Ronda hinziehen. Magisch wurde das Ineinanderfließen der Luft-Tinten in ihren Uebcrgängeu zu Dämmeruug und Nacht, und selbst als diese hereingebrochen, bildete der Mond einen eigenen, höchst -reizenden Ton über dieser wunderbaren weiten Vay, um welche die vielen Städte und Dürfer gleich weißen Pnnlten hervorragten, während die weiße Stadt noch lange wie ein Diamant aus der dunkelblauen Fluth auftauchte, bis ihre strahlenden Mauern 373 in bcn Schatten sich schwarz färbten und endlich mit der blassen Himmclskngel verschwanden. Früh schon wogte am andern Morgen das reiche Leben in den langen reinlichen Gassen der Stadt, und imHafen regte es sich aller, wärts, und Hundertc schimniernder Segel spannten sich auf, um den günstigen Landwind zu, benutzen, siin Voot durchschnitt mit mir du leicht sich kräuselnden Wellen, und bald befand ich mich am Vord des PlMicien, dcr bereits die Anker lichtete um seine Reise anzutreten, Aus einer ganz englischen Gesellschaft sah ich mich plötzlich in eine ganz französische versetzt, doren Mehrzahl ans der Classe der ^<»n,>>l5 vn^igmn^ bestand, der unausweichlichen Qual auf Reisen. Wie aber die natürliche Politur der Spanier alles Leben feiner nnd anständiger macht, so hat der Aufenthalt in diesem Lande der guten Lebensart auch auf die fremden Mnsterreisenden wohlthätigen C'inftusi, nnd ich fand sie hier weit weniger fad, gespreizt und abgeschmackt, als bei uns in Deutschland, wo sie in Postlaleschcn herumfahren, Champagner trinken, das grusic Wort an den Gasttafeln führen, sich aber vor jedem Dorflrämer demüthig beugen nnd nicht feltcn hart aus den Krambuden gewiesen werden, Lange noch sahen wir das herrliche Cadiz über dem Meeres^ spiegel glänzen, die einstige Beherrscherin Amerika's, die Wiege der spanischen Constitution; nnd ihr Grab neben der Gcburts-statte! Die Mittagssonne leuchtete über dem dunkelblauen Schlachtfeld von Trafalgar, dessen trügerische Wogen die Seemacht Frankreichs verschlangen, und das Testament, das Nelson mit seinem Blute unterschrieben, trägt reichere Früchte denn je. Was dort Schlachten gewannen, hat in unsern Tagen ruhige, feste Haltung allein schon vermocht, und Englands Macht ist nun größer als sie je früher war, ohne daß cs anderer Mittel bednrftr als eine Handvoll seiner Seeleute an die syrischen Küsten zu werfen. Dem entgeht selten dcr Sieg, der den rechten Augenblick für die That zu finden weiß. Ein altersgrauer Maureuthurm auf der Höhe, ein neuer weißer Fanal am Ufer, bezeichnen das weit ins Meer heremragcnde Vorgebirge von Trafalgar, von dessen Spitze bei acht Stunden westlich Nelsons Gichcnherzen ihr stolzes n,ü« ü,-i. tannw sangen, als ihr uusterblicher Führer auf die vereinten Flotten losgiug mit dein spartanischen Motto: ^i^lancl ox^ecls «ve,^ man w clo !i'»5 «^7. Mächtiger und übermüthiger als damals 374 durchstiegen Albions Flaggen diese Gewässer, und kein Mittel ist denkbar ihnen den Dreizack zu entreißen, als eine Verbrüderung der französischen und amerikanischen Flotten, die über kurz oder lang eine Folge der jetzigen unhaltbaren Politik seyn wird. Wir näherten uns der Meerstraße von Tarifa, die in südlicher Farbenpracht uns cntgegenstrahlte, in jener ätherischen Beleuchtung, die nur der gemäßigte Süden spendet. Schon thürm-ten sich die gewaltigen Verge des afrikanischen Caps Spartel auf, mit den abgerissenen, sonderbar gebildeten Felsen spitzen, und Tanger sah ans blauer Ferne zu uns herüber. Näher drangen sich beide Wclttheile zusammen, uud nachdem man die Punta Ma-labatc in Afrika vorbeigeschifft, liegt das alte Tarisa vor Augen, mit seinen verwitterten Mauern und Thürme», die Heldenburg des spanischen Don Guzman und des englischen Charles Smith. Hier wird der Canal am sehmälsten, hier auf den Feldern gegen Algesiras, welche Hundcrttausende tapferer Mauren mit ihrem Vlute düngten, nm wenigstens auf dem theuren Vaterboden zu sterben, der ihnen anf ewig entrissen wurde. Ringsum erheben sich hohe schöne Verge, uud scheinen den Mcerstrom einzuschließen, so daß ntan iu einem weiten See zn fahren glaubt, bis endlich das amphitheatralisch an seinem Felsen sich hinaufziehende Gibraltar vor uns lag, in dessen Hafen wir uns unter unzähligen Fahrzeugen aufstellten. Kaum hatteu uusere Anker Voden gefaßt, als wir ein Schauspiel eigeucr Art beginnen sahen, wie wenn man mit der Vorstellung bis zu unserer Ankunft gewartet hätte. Gin spanischer Schooner machte mitten im Hafen Jagd auf ein Schmugglerfchiff, das mit einer Gewandtheit und Kühn-» heit ihm auswich, welche einer bessern Sache würdig gewesen wären. Neber eine Stunde blieb der Erfolg zweifelhaft, und auf den englischen Schiffen war Unruhe und Theilnahme nicht zu verkennen, da der Contrcbaudist eiu englisches Schiff führte, und seine Lanbslcute ihm nach den Verträgen keinen officiellen Vorschub leisten durften. Endlich gewann der Spanier den Wind, drängte das Schmuggelschiff zwischen zwei Felsen und feuerte eine Kanone darüber ab, als Aufforderung sich zu ergeben. Die Schmuggler begannen nun ihrerseits zu feuern, und es entspann sich ein sehr hitziges Gefecht, das mit Gntcrn endete, während dessen die Schmuggler in der Varke zu entfliehen suchten. Kaun» ans Land 375 gestiegen, wurden sie jedoch von spanischen Zollsolbaten in Gm-. pfang genommen und nach Algesiras gebracht. Am Bord des Phönicien begann es von Menschen zu wim> meln, und immer stießen wieder neue Barken vom Land ab, um neue Passagiere zu bringen. Vald wurde das Gedränge fast lästig, denn die Einrichtung für die Unterkunft, die Versorgung der Effecten, die Unterbringung der grösiern Vagagen, die Wahl der Schlafstellen und die ewigen Reklamationen, welche von der Anhäufung so vieler Menschen und ihrer Habseligkeiten unzertrennlich sind, steigerten sich bald zu bedenklicher Höhe, da die Offtciere dcg Schiffes sehr leicht über alle diese Beschwerden weggingen, und sich viel mehr um den Empfang der Damen alS den der männlichen Passagiere bekümmerten. Auffallend war schon von Anfang der gute Humor, der auf diesem Dampfschiffe sich später unausgesetzt in der stets wechselnden und zahlreichen Gesellschaft erhielt, und was unter andern Verhältnissen bittere Reden und alle jene Anhängst! der Reise-Verstimmung hervorruft, glich sich hier augenblicklich in dem milden Tone aus, der als stehender Charakterzng dieser heitern Schisssgesellschaft angenommen war. So verliefen die Nachmittagstnnden, und die Verdecke des geräumigen Schiffes boten eines jeuer Vildcr, die man nur in der Nähe fremder Welttheile, wo Menschen und Trachten sich in ihren Cvntrasten berühren, so auffallend zusammengestellt findet. Die verschiedenartigen Nationen und Costüme, welche schon in den Straßen Gibraltars so sehr auffallen, drängten sich hier in malerischen Gruppen auf den schmalen Räumen zusammen, und ein Reisender, der direct aus einem englischen oder französischen Hafen hier landet, kann sich auf einen costümirteu Vall versetzt glauben. Am hervorragendsten sind die athletischen Gestalten der Mauren, die der Handel von den Küsten der Verberei herübertreibt, einige in den großen langhaarigen SchaffeU-Ueberwürfen, die ihnen gegen Hitze und Frost dienen, die Reichen in den schönen schwarzen oder weißen Burnussen, jeder durch besondere Farben sich vom andern unterscheidend, und alle in den gelben Sasian-Pantoffeln mühsam herumschleifcud, da sie immer für die kleinen Füße zu weit sind. In ehrwürdigem Silberbarte saßen einige Kaufleute aus Marokko in ihren rothen Talaren, mit den gelbseidenen Unterkleidern, gleich Patriarchen in einem Kreise 376 herum, und schmauchten ihre langen Pfeifen, ohne sich durch den ganzen Schiffstumult im mindesten berühren zulassen. Als Gegensatz und Seitenstück dieser stabilen afrikanischen Gruppeu bewegten sich im bunten, glänzenden Oewirre die Enkel dieser arabischen Stanuncltern, die kräftigen jungen Spanier in ihren knappen eleganten Majotrachtcn; und dieMantillas, nnd dieSchlcier, und die Augen, verriethen wieder ganz Andalusien, zauberische Vlicke, zauberisches Wesen, Hanch der Ammich nnd Grazie der Bewegung über alles ansgegossen, überströmend im Valsam der afrikanischen Zone, ringsum die wilden, schönen, grünen Verge, alles Wonne, Minne, Musik, Freude; welch' n'nnderbarer Wechsel von den englischen Ncbel- und Splccngcstalten in dieses überseligc südliche Leben hinein, Arabien und Andalusien auf wenigen Brettern zusammengedrängt! Die Hunderte von Passagieren, die sich hiergröß-tentheils zum erstenmale begegneten, schienen sich schon Jahre lang zu kennen; man kam sich wohlwollend nnd herzlich entgegen, und die allgemeine Verwirrung loste sich unter Scherz und Lachen durch allgemeines Nachgeben und Dienstfertigkeit nach wenigen Stunden in einen wohlthuenden Zustand von Behaglichkeit auf. Mittlerweile ward der Abcndwind dringender, die Wellen gingen höher, das Anfahren der Nachen wurde schwieriger, und schon ließen sich Zeichen der Unzufriedenheit mit der verzögerten Abfahrt vernehmen, als reiche große Gondeln vom Lande abstießen, uud rasch eiugrcifcnde, tempomäßig die Nuder hebende englische Matrosen einen ganzen Gencralstab herüberbrachten. Bald mengten sich die rothen und blauen Uniformen mit den seidenen Gewändern der Vcrbern, und die wallenden Federbnsche mit den osmanischcn Turbans; ein junger, schlanker, hoher Mann stieg herauf und begrüßte frellndlich die ihn umringende Menge. Vesonderö angelegen ließen es sich die schönen Spanierinnen seyn den hübschen Fremdling zu sehen, und erst als ich die mir zunächst Stehenden nach seinem Namen fragte, erfuhr ich daß dieß der künftige Gemahl der Königin Isabellc, der Erbprinz von Coburg sey, der von London komme und nach Barcelona gehe, um König von Spanien zu werden. Denn damals war diese Meinung allgemein in Spanien verbreitet, und ich konnte den jungen hoffnungsreichen Fürsten nicht ohne Theilnahme betrachten, wenn ich die zweifelhafte Zukunft seiuer Wahl mir vor Augen rückte. 377 Die Nacht brachte nnö nach Malaga, wo der Prinz mil gebührenden Ehren am andern Morgen empfangen wnrde nnb uns verliest, nm das schöne Granada zn besuchen. Die Reihen nnserer Schiffsgesellschaft lichteten sich, nnd es trat, ein etwas bequemerer Znstand ein, der eine freiere Uebersicht nnd ein näheres Bekanntwerden gestattete. Wir hatten den Tag in Malaga zu verweilen, nnd alles eilte ans Land, nm die Bekannten aufzusuchen oder in der lieblichen Stadt herumzuschlendern. Das Contingent, welches wir von nnserer Schiffscompagnie Abends anf dcr Alameda stellten, erregte selbst hier, an dem Sitze schöner Frauen, großes Anfsehen; als wir nns aber wieder anf unserm Phlwicien zusammengefunden, war wieder viel Neues zu lins gestoßen, und die Reize der Gesellschaft, steigerten stch bei jeder neuen Etape. Es ist wirklich schwer die den Spaniern eigenthümliche Art zu seyn einigermaßen anschaulich zn machen, da sie von der nnsrigen so sehr abweicht. Die Spanier sind wenig unterrichtet, das heißt sie sind nicht von Kindesbeinen angepfropft mit Gegenständen des Wissens, welche bei nns einen intcgrirenden Theil der eingebildeten geistigen Vildnng ausmachen. Sie lernen weniger, abcr sie denken mehr, und während wir in der Negel viel, sehr viel lernen, lun fast eben so viel wieder zu vergessen, geht bei ihnen das wenige Erlernte in Fleisch und Vlnt über, und hält ihren Geist frisch und kräftig. Diese Gei-stesfrische, verbunden mit dem dieser Nation eigenen derben Humor und ihrem unversiegbaren Witz, macht den Umgang mit Spaniern höchst anziehend und abwechselnd, und ihr Sinn für das Wahre und Edle, ihre Wißbegierde und erstaunliche Fassungs-gabc, ihre poetische Einbildungskraft und kräftige Sprache, besonders abcr das unverkennbar aufrichtige Wohlwollen, und der in jedem Spanier so tief ausgeprägte Sinn für Würde nnd Anstand, wodurch jede Gemeinheit unmöglich wird, verleihen der spanischen Unterhaltung einen Reiz, eine Sicherheit und eine Elasticität, deren Abgang jeder Fremde schmerzlich vermißt, nachdem er Spanien wieder mit andern Ländern des Continents vertauscht hat. Wir sehen wie befangen häufig die Engländer im Umgang mit Franzosen sind, weil sie sich bewußt sind an Leichtigkeit der Formen von diesen überflügelt zu werben. Dagegen finden wir die Franzosen nnter den Spaniern entweder beengt, oder sich Ms gebend, die ebcn so wenig das innnc Miß- 378 behagen verbergen, als sie dieser einfachen, natürlichen Nation zu imponiren vermögen. Der wahrhaft ritterliche Sinn, dieses antik chevalcreske Benehmen, das die Franzosen einstens besessen, nnd heutzutage nnr noch zu besitzen sich einbilden, hat sich rein nnb unverfälscht in dem ganzen spanischen Volk erhalten. Wie ich diese Wahrheit, die Erkenntniß dieser adeligen Volkstümlichkeit nie früher in dem Maaße begriff als in den engen Räumen desSchif^ fes, auf dem ich mehrere Wochen beinahe ausschließlich im Verkehr nlit Spaniern, wie in einer fortwährenden Tertulla verlebte, so wurde mir anch die Verschiedenheit des spanischen nnd des französischen Charakters niemals so deutlich, wie in diesem gedrängten Zusammenleben, wo kein Entfliehen^ kein Verstellen möglich, und wo jeder sich am Gnde geben und zeigen musi wie er wirklieh ist. Die falsche Prüderie, die Geziertheit und Unnatur der anwesenden Französinnen stach zn sehr gegen die Unbefangenheit, Natürlichkeit nnd Seelenwärme der zahlreichen Spanierinnen ab. Eine ganz besondere Erscheinung aber bildeten die drei französischen Offtcierc, welche das Schiff befehligten. Es waren junge Leute, ans den Seeschulen gezogen, dcnen der romantische spanische Sinn, die Lecture des Cid, besonders aber die andalusischen Augen eine eigene Richtung gegeben hatten, so dasi sie sich offenbar mehr mit den Pflichten der Galanterie als mit denen der Schiffslei tu ng befaßten, so zwar daß oft der Steuermann als der einzige Rettungseugel erschien, wenn nicht überhaupt ein specieller Genius über dem PlMncien schwebte. Der Capitan trug die langen schwarzen Haare hinten in Locken herabhängend, gleich unsern teutonischen Studiosis; der eine Schiffslieutcnant sang den ganzen Tag süße provenl-alische Lieder, nnd spielte als Troubadour die Guitarre dazu, der andere Lieutenant aber hatte offenbar die Rolle des Don Juan übernommen, dieses abgenützten Operncharakters, den mcm nirgends weniger findet als in seinem Vaterlande Hispanien. Indessen wenn er auch nicht tausend und drei dort eroberte, so fehlte es doch nicht an reizbaren Spanierinnen, die für so viel Gifcr und Aufmerksamkeit sich dankbar erzeigten, denn kein Geschlecht ist empfänglicher sür den Tribut, den ächtes Rittcrthum wahrem Liebreiz zollt, als die Frauen dieses Landes. Unsere drei Befehlshaber waren ganz Spanier geworben, deren erste Pflicht es ist die Damen zu unterhalten, während diese nie satt werden sich unterhalten zu lassen. 379 Das Beispiel steckt an, und eS gab kein Geschäft mehr an unserm Vord als das Bestreben die reizenden Geschöpfe »u amüsircn. Den heißen Tag über verbrachte man nnter den dichten Zelten, die über die Verdecke gespannt waren, man lag auf den Divans oder Vän-ken herum, einige sangen, andere mnsicitten, überall war Gespräch und bald auch einzeln sich absonderndes Liebesgcflüster. Wenn der Abend kam, führte man die Damen auf und ab, einige Paare begannen zu tanzen, die jungen Befehlshaber probucirtcn sich in cquilibristischen Schwingungen am Seile, oder hielten die lieblichen andalusischen Köpfchen, wenn die Seekrankheit sie überwältigte und ihre Opfergaben abforderte. Und wenn die Nacht kam, suchte jedeS scin Lager, ungenirt legten sich Französinnen und Spanierinnen auf denSophaö im Salon herum, oder in die Lieger-stättcu der Cabinctte im untern Naume, deren Thürcnwcgen dcrHitze offen blieben; die Mehrzahl aber breitete Matratzen auf dem Verdecke aus und brachte dort die Nacht zu. Neber diesen wunderbaren Bildern verbreiteten Mond und Lampen einen fahlen aber doch deutlich zeigenden Schimmer, nnd ich war oft noch lauge in Betrachtung dieser ungezwungenen Gruppen vertieft, wie die prächtigen Geschöpfe so sorglos hernmlagen, hier ein verräthcrisches Füßchen, dort ein himmlischer Nacken hcrdorsah, wie die goldenen Fächer die letzte Gluth des Abends von den schon halb geschlossenen Augen wehten, und nur noch einzelne Paare in den dnnkleren Schiffsecken herum saßen um sich der Himmel weiß was in die Ohren zu flüstern. So war uuser Leben auf dem Plxwicicn täglich dasselbe, und doch täglich neu. Wie oft ging ich an den Tisch um Notizen aufzuschreiben, wie oft nahm ich mein Glas um die herrlichen Küsten zu betrachten, es gelang nichts — der weiße Bogen, die grünen Berge, sie verschwanden vor dem Glanz der spanischen Augen, vor der Auziehuugskraft ihrer Besitzerinnen. Cö war nicht möglich etwas anderes zu denken als Andalusien und seine herrlichen liebeglühendelt Geschöpfe. Die Spanier haben wie die Türken die wahre Taktik im Reisen auf Dampfschiffen gefunden, uud ich bedauerte es diese nicht früher gekannt zu haben. Das Verdeck ist besäet vou in-ländischm Passagieren, die mit der diesem Lande eigenen Genügsamkeit sich nach Thunlichkeit einrichten, und die Nächte über unter dem stets klaren Sternenzelt campiren. Freilich läßt dieß nur der südliche Himmel ungestraft wagen, »vo Regen zur Selten- 380 heit gehört, und wo cine kleine dünne Matratze hinreicht um die Härte des Bodens zu mildern. So lagern sich die Kinder Hcfpe-riens auf den Bänken und den Planken der Verdecke, malerisch hüllen sich die kräftigen Majogestalten in ihre weiten Cabas, und die Mädchen decken sich nothdürftig mit leichten seidenen Decken zu. Die Spanier sind ökonomisch und wissen wohl daß sie hierdurch „lehr als zwei Drittheile am Preise ersvaren. Sie lümmeru sich indeß noch weniger nie die Türken nm das Reglement der Dampfschiffe, das den Deckpassagieren jeden Vintritt in die Salons verbietet. Höchstens sind sie ausgeschlossen vom untern Raume, und gewinnen dnrch diese Entbehrung, da die Hitze in den abgesonderten tiefen Schlafstellen meistens unerträglich ist. Dagegen nehmen sie keinen Anstand sich der gepolsterten Divans in den allgemeinen Cajüten als Lager zu bedienen, und die galanten französischen Osficiere fordern gewöhnlich selbst die Damen auf ihr Nachtquartier daselbst aufzuschlagen, oder sie räumen ihnen bei großer Usberfüllung ihre eigenen Zimmer ein. Nnd dennoch gewinnen diese Unternehmimqcn ansierordentlich, da wegen dieser Nachgiebigkeit die französischen Schiffe vorzugsweise gesucht sind, und der PlMicien in der Regel zwischen ein- und dreihundert Passagieren zählt. So hatte ich zum drittemuale das schöne Malaga besucht, und zum drittenmal fuhr ich an seiner wnnderbarcn Bergbilduug hin, bei den alten Maureskenthürmen von Velez Malaga und Motril vorbei, dein eigentlichen Hasen von Granada, von wo die neue Straße nun vollendet ist, welche mit Vermeidung der beschwerlichen Gebirge direct und angenehm in einem Tage nach Granada hinführt. Alle Höhen längs der Küste sind mit Reben, bewachsen, so weit das Auge reicht, bis zu den Schneespitzen der Nevada ist die ganze Landschaft in glänzendes Grün getaucht, aber die ssrdc birgt hier mehr Schätze in ihrem Vusen als auf der schönen Stirne, und zwischen Malaga und Almeria liegen die Alpujarras, reicher an Erzen aller Art als selbst die Minen von Potosi. M ist hier noch rein jungfräulicher Voden, und seit wenigen Jahren erst sing man wieder an ihn aufzudecken, nachdem dieß seit der Eroberung Amerika's beinahe aller-wärts versäumt, und selbst die Kenutnisi der erzreichen Stellen verloren gegangen war. Ningsnm ist alles vulkanisch, so weit die Gebirge sich ausdehnen. Von den Oisennnmn bei Malaga 38! bis zu dm Diamantgruben bei Vidoa sehen wir hier einc- -Ausgrabung an der andern, welche Industrie, Unternehmungsgeist und Schutz der Negierung hervorgerufen. Vei Almcria sind Silberwcrkc von erstaunlicher Ergiebigkeit, und die ncncntdeckten Minen der Virgcn del Carmen und der Observation sind von so Mencr Zeugungskraft daß man täglich bei tausend Arrobas Mineral aus jeder derselben zieht. Man zeigte mir kürzlich hervorgebrachte Stücke die etwa 26 Unzen Silbererz auf 100 Pfd. Mineral geben, also das Verhältniß von 45 zu 100 Pfund. Dieses Ergebniß ist selbst in den Annalen sämmtlicher amerikanischer Bergwerke ohne Beispiel, Als ich in dieser Gegend mich befand, waren über 1600 Minen aller Art im Betriebe, nnd Fremde nnd Ginheimische wetteiferten in verständigem Vearbei-ten. Die Regierung hat sich bisher bloß mit Abgabeerhöhnng begnügt, nnd bei der Käuflichkeit nnd Unzuverlässigkeit ihrer Beamten thnt sie weise Privatleute sür sich arbeiten zu lassen nnd dcn Gewinn zu theilen. Almeria ist der Sitz der wahren Maurcnrace, die sich bis über Lorca und Mnrcia hinaus unverfälscht erhalten hat. Noch sieht man die ehemalige Größe nnd Ausdehnung der Hafenstadt, die im Mittelpunkte einer weiten Bay sich auiphitheatralisch an den Uferbergcn erhebt. Höchst malerisch liegt das Alcazaba, das alte Maurcncastcll, zu wclchcm Mauern hinaufführen. Die Ebene rechts am Ufer fort ist mit einem Wald von edlen Fruchtbämnen bedeckt, so nothwendig um die dort herrschende furchtbare Hitze zn mäsiigeu. Der festeste Punkt der Südknste Spaniens, und vielleicht der sicherste Hafen der Wclt ist l>arlagena. Hohe steile Felsen bilden seinen schmalen thovähnlichen Eingang, den kühn angebrachte Batterien, fünf hohe Kastelle und einzeln«.' Thürme, alles in und cmf Felsen der Ewigkeit trotzend, schirmend umgeben. Die Stadt selbst liegt in nnd über Felsen gezogen, tief in dcn schwarzgrauen Fclsenkcssel eingesenkt, mitten in diescm erstaunlichen Hafen, wo die Schiffe wie in einem Gewölbe vor Anker liegen. Als wir durch die Hafenpforte einliefen, donnerten die Geschütze von den Strandbatterien, ein dichtes Menschengcwirr war am Ufer sichtbar, und eine Menge elegant aufgeputzter Nachen stieß ab um uns entgegenzufahren. Ein Mißverständnis; bereitete nns diesen festlichen Empfang, dcr dem Prinzen von Cobnrg gelten sollte, nnd bald stieg General Morales, dcr Arsenalcommandant, mit einer Menge 362 golbbordirter Flottenofficicrc an unser» Vord, wo er zwar keinen Prinzen, aber Mi liebenswürdige Töchter fand, die Zierde unserer Gesellschaft, welche er grausam genug uns entführte. Die Anwesenheit eines originell buckeligen Gendarmerieofficiers und seiner zahlreichen Sbirren verhinderte nicht daß eine Menge elegante Damen, die unter dem Vorwande unser Schiff zu besehen, herübergekommen waren, zu unförmlich dicken Matronen venvan-delt, uns wieder verließen, denn dies: ist eine allgemein bekannte, aber wie es scheint aus Achtung für das schöne Geschlecht geduldete Art von Contrebande. Auch verschmähten einige nicht ihre Mantillas mit französischen Hüten zu vertauschen, nud es gehörte Viel Galanterie oder Blindheit der Mauthwldatcn dazu um das so Handgreifliche nicht zu begreifen. Uns machten diese in jedmn Hafen sich wiederholenden Travestien vielen Spaß, und wir halfen dazu, so viel es in unsern Kräften lag. (5s wurde Nacht und die Beleuchtung der Felsen durch den Vollmond von magischem Effect. Die Hitze in Cartagena war furchtbar und stieg gleich am ersten Tage den wir dort zubrachten bis auf vierzig Grade. Tiefe Stadt liegt tief und ist rings von hohen Vergcn umschlossen, so daß man wie in einem Kessel dort gesotten wird. In fn'ihesterStuude stiegen wir ans das halbverfallene Castell, dessen Mauern dnrch ihre Dicke bemerkenswertl) sind. Der auf dieser Höhe stehende Leucht-thnrm gibt die Aussicht auf die Gebirge vou Lorca und Murcia. Vier kahle Felsenjpitzen umschließen die Stadt in ihrem Innern, und regelmäßige starke Mauern ziehen sich außen herum, wodurch (iartagena auch von der Bandseile fest wird, obschon seine Stärke nnr gegen einen Seeangriss hinlänglich scheint. Zwischen der Stadt und den hohen Hafenbergen liegt das -Arsenal, nicht so groß wie die Carrcica bei Cadiz, aber das schönste im Mittel-mecr. Seine Gebäude schließen ein tiefes oblongeS Bassin ein, ähnlich den Londoner Docks, das durch Schleusicn mit dem Hafen der Stadt verbunden ist, und im Viereck mit breiten Quais umgeben ist. In diesem Arsenalbecken können hundert Linienschiffe bequem ankern, da es überall gleiche Tiefe zeigt; auch wird es durch sich selbst vertheidigt. Die eine Seite ist ganz von eiucr bedeckten, drcizchnhundcrtsechzig Fuß langen Seilerbahn begränzt, dann .folgen dic jetzt leer stehenden Werkstätten, die enormen Hebmaschiuen, dic Kauoucu - und Ankerhöfe, die 383 prachtvollen vergoldeten Gondeln und Galeeren, gleich demVu-ccntaur ans der guten alten Zeit, die großen Holzlager, dic abgesonderten Bassins, wo eine Masse amerikanischen Eederholzes seit 50 Jahren sich im Seewasscr versteinert, nebst einem vierundsechzig Fuß langen uralten Vambusmast. Außer den zahl-> reichen offenen Werften befinden sich am Bassin auch fünf bedeckte für Linienschiffe, wie Toulon bis jetzt nur zwci besitzt. Sie sind nun über hundert Jahre alt, und schon damals schloffen diese grandiosen Werftc, wie gegenwärtig das Arsenal zu Portsmouth, alle Handwerke in sich, die zur Vollendung der Schiffe in Anspruch genommen werden. Obgleich scit c'mcin halben Jahrhundert nichts mehr erhalten oder selbst ausgebessert wurde, so sindet man doch alle Gebäude und Werkstätten in vollkommen brauchbarem Zustande, und wenn Spanien je wieder zum freien Gebrauch seiner unerschöpflichen Hülfsmittel gelangt, so wird es nur seines -Arsenals zu Cartagena bedürfen, um eine Flotte auszurüsten, die mit jeder im Mittelmeerc in vie Schranken treten kann. So ist aber hier alles Elend uud VerfaN, und kein Mensch denkt ans Arbeiten. Und diese Stadt liegt von Bergen umschlossen, die in einem Jahre hinlänglich Silber abgeben könnten um Flotte uud Haftn herzustellen, wenn man sie systematisch ausbeutete. Die Mauern, welche sie umgeben, bieten einen schönen Spaziergang, und die innere Alameda, die vom Arsenal bis zum Thore von Murcia führt, ist durch ihre Spaliere von Lorbeerrosen und Oleandern eben so angenehm wie die äußere nene auf der Straße nach Murcia durch ihre reichen Alleen. Denn alles kann in Spanien vergehen, nur nicht die schattigen Paseos. Die Kathedrale hat eine Cintheilnug wie ich noch keine ähnliche gesehen, da sie ganz aus einer Galerie ringsumlaufender offener Kapellen besteht, in welchen der Raum der eigentlichen Kirche fast ganz aufgeht. Die Tracht der Mnrcianer ist höchst malerisch, und die Männer besonders sind von athletischen Körpcrformcn, Auch sie tragen das Haar in Netzen, brelträndrige Spitzhüte und die allgemeine spanische rothe Leibbinde oder Faja als Gürtel, übrigens weiß leinene, bis zum Knie reichende weite Beinkleider, die von ferne der griechischen Fustanclla gleichen, und weiße Hemden. Diese Tracht ist die nämliche im Sommer und Winter, und der Plaid von schottisch quadrillirtem Zeuge wird nach Bedürfniß dcr Luft um den Leib geschlungen odcr über dcm Arm 384 getragen, oder als llnterlage gebraucht, nie die Araber den Vuruus verwenden, H'eide Geschlechter sind am untern Beine nn be kleidet, nur die Waden von weißen oder blaueil Strümpfen bedeckt; auch tragen sie leichte leinene Sandalen, die ihren Halt zwischen dem großen Zehen und am Fusigelcuk gebunden finden. Die Aufmerksamkeit der müßigen Menschen auf das Fremde fand ich bier auffallender denn irgendwo anders, nnb es genügte dasi ich ein paar vorwitzig mich fragenden Männern geheimnißvoll vertraute, der Prinz sey ineognito mit uns gekommen um die Zeit unseres Aufenthaltes die halbe Stadt hinter uns her auf den Fersen zu haben. Ein junger hübscher englischer Gardeofsicier, mit dein ich meistens herumging, spielte diese Rolle mit viel Geschick und Eleganz; als er aber unter die Jungen Geld auswarf, wurde der Andrang und die Verehrung so lüstig daß wir uns in eine jener zierlichen Eisbuden retten mußten, die mit Vlnmen und natürlichen Gesträuchen von außen und innen geschmückt sind. Dort mußten wir beim Genuß kühlender Orgeadcn nnd vortrefflichen Vack-werkes eine mehrstündige regelmäßige Velagerung ausstehen, nnd geduldig abwarten bis die Menge sich noch mehr langwciltc als wir, und endlich auseinandcrging, Es war eine lähmende windlofc Atmosphäre, und ein heftiger Kopfschmerz nöthigte mich während der Mittagstuuden Nuhc und Kühlung zu suchen. Die Zimmer in der Fonda, wo wir abgestiegen, fanden sich alle besetzt, und die freundliche Wirthin wußte leinen bessern Nath, als mir das ^ager eines fremden Mädchens zuzuweisen, deren Kleider im Zimmer herumlagen. Eine Thüre mit Fenstern und Vorhängen führte in ein anderes Gemach, und ohne im mindesten zu ahnen welches Unheil ich veranlassen würde, faßte ich Posto auf der mir angewiesenen Matratze, uud mein Kopfweh wich bald einem erquickenden Schlummer. Ich mochte eine Stunde geschlafen haben, als das Knarren der Thüre mich erweckte, und ein weibliches Wesen hereintrat, das ich, noch halb im Schlafe und das Gesicht vom Eingang abgewendet, nicht genau ins Auge fassen konnte. Offenbar war sie, überrascht von dem unerwarteten Anblicke, stehen geblieben, als ich aber keine Bewegung machte und mich fortwährend schlafend stellte, hörte ich sie ihre Habseligkcitcn zusammenraffen, vermuthlich in der Absicht sich anderwärts Unterkunft zn suchen. Wie ich eben mit mir zu Nath ging, ob ich nicht besser thäte 385 sie zu beruhigen und wieber in den alleinigen Vesitz ihrer Kammer zu setzen, öffnete sich die entgegengesetzte Glasthüre und ein Mann stürzte mit Heftigkeit herein, bei dessen Anblick das Frauenzimmer einen so durchdringende» Schrei ausstieß daß ein längeres Verharren in meiner SchlafroUe höchst nnwahrschcin-lich zil werden drohte. Ich drehte mich daher um, und nun ward ich Znige von einem der leidenschaftlichsten Auftritte, die mir je vor Augen gekommen. Der junge bildschöne Cortcjo stand in seiner malerischen Majotracht mitten im Zimmer, wie sprachlos vor Wuth und Entrüstung, und sein Blick rollte, vcr-hängnißvolle Funken sprühend, über mich und das Mädchen hin. Ihm gegenüber stand eine hohe schlanke Gestalt, das rabenschwarze Haar über dem blassen Antlitz dicht gescheitelt, den festen sichern Vlick auf den Mann geheftet, wie wenn er abwarten wollte woher oder weßhalb der Angriff kommen werde. Und der Angriff erfolgte, wie ein Orkan durch gewittcrschwere Wolken bricht, und eiue Fluth von Schmähungen, Verwünschungen und Anklagen ergoß sich über das schweigende Mädchen, die nicht von der Stelle wich und diese Ausbrüche mit der Ruhe des guten Gewissens ertragen zu wollen schien. Stumm und starr wie eine Niobe, im Schmerz des Vcrkanntseyns stand sie vor dem rasenden Menschen, den die eigene Wuth immer zu neuein Wüthen fortriß, so daß das Toben seines herrlichen Organs am Vndc gleich dein Rollen des fernen Donners klang. Ohne irgend eine Erwiederung sah sie dem gereizten Liebhaber ruhig in die von Zorn flammenden Gebärden, aber ihre Mienen begleiteten jedes seiner Worte, oft dnrchzuckte ein Vlitz des Unwillens und beleidigter Weiblichkeit die reinen Züge, doch immer höher färbte die Gluth der Beschämung ihre Wangen, und wie der unbändige Strom sich Vahn durch Felsen bricht, so entleerte sich endlich die fast hörbar pochende Vrust des empörten Mädchens, und in wahrhaft begeisterten Worten glühend und aufgelöst vor Entrüstung verletzter Ehre, verwies sie dem ungerechten Geliebten feine thörichten Anschuldigungen, und erklärte ihn unwürdig ihrer Liebe, weil unwürdig der Verdacht sey den er auf sie wälzen wolle. Die Ekstase ging mehrmal in das Hochtragische, cS war ein Wetteifer des höchsten Ausdruckes der Leidenschaft, allein nie wurde die Heftigkeit unedel, stets blieb Stellung, Gebärde und Ausdruck reizend und plastisch selbst bei den Morgenland und Abendland. II. LteAufl. 25 386 heftigsten Ausbrüchen, die beinahe keine Gränze des Schicklichen mehr erwarten ließen. Ich war verloren in Betrachtung und Bewunderung dieses wahrhaft erhabenen Vorganges, worin der Adel der Naturen sich keinen Augenblick vcrläugnete, und woraus Mademoiselle Rachel eine große Lection hätte schöpfen können. Da ich aber aus den Vorwürfen des Spaniers wohl herausgefunden daß mein unschuldiges Mittagschläfchen auf dem Lager seiner Geliebten die Veranlassung zu diesen heftigen Ausbrüchen gegeben hatte, so mußte ich mich bequemen dieses endlich zu verlassen, nm so mehr als ich den Augenblick nicht abwarten wollte, wo das Krplieircn an mich kommen würde. Ich erhob mich daher, und »lein Anblick, wie ich iu meiuer ganzen Leibesgröße vor diesem so lochend sich gegenüberstehenden Paare mich aufrichtete, erzeugte ein momeutaues Stillschweigen, daö ich mit einer rasch zusammenstudirten Phrase unterbrach, „daß ein Schlafender unmöglich im Staude seyn könne die Eifersucht eines Liebhabers rege zu machen." Ein schallendes Gelächter des Majo und ein verschämtes Lächeln der Maja zeigten mir daß ich wenigstens etwas sehr Ungeschicktes gesagt hatte. Indessen der Zweck war erfüllt, der Friede wieder hergestellt, das versöhnte Paar reichte mir die Hände, nud ich kleidete mich an, um meine Gesellschaft anfzuslichcn. Hier erzählte ich mein Abenteuer, und die Wiederholung meiner spanischen Phrase erzeugte hier dieselbe Heiterkeit wie bei dem Liebespaar. Vine Zweideutigkeit, an welcher diese reiche Sprache Ueberfluß besitzt, die ich indeß hier uicht wiederholen kann, war Veranlassung zu jener Hilarl-tät gewesen. Herr Cabrera, K'efe Politico von Madrid, der sich wie die meisten vornehmen Spanier unserer Gesellschaft an das Hoflager der Königin nach Varceloua begab, führte mich Abends in einc Tertulla, wo mehrere junge Leute saugen, und besonders die Töchter des Hauses mir die herrlichen Concerte bei Catalano in Neapel ins Gedächtniß riefen. Die italienischen Kehlen sind vielleicht ausgebildeter, die Kunst steht jedenfalls in jenein Lande der Musik höher, und der Dilettantismus geht dort fast überall in Virtuosität über; nllein die spanischen Frauenstimmen sind Nachtigallentöne, und ihre Tiefe, ihr Metallklang, ihr melodischer Reiz, gehen unmittelbar zum Herzen, und berühren alle Fibern empfanglicher fühlender Seelen. 387 Gin sthrecklickics Ereiguiß sollte unsere freundliche Erinnerung an Cartagena trüben. Als wir Nachts zehn Uhr abfuhren, und der Phönicieu im Hafen schwenkte, erscholl ein Schrei unter uns, w'oranf sogleich tiefe Siille folgte. Wir waren bei der klaren Mondnacht alle anf dem Verdecke, und nur dänchte, das Schiff wäre im Augenblick des gehörten Schreies über irgend cinen Gegenstand weggestrcift. Ein Moment allgemeinen Schreckens flog über das gan^e Schiff, jeder fühlte das; elwas Unglückliches geschehen, und Niemand konnte errathen worin es bestehe. Es war eine furchtbare Spannung, um so rascher zunehmend, als nirgend eine Spur zu finden die auf ein Unglück deutete. Der Capitän war üben, und auch er konnte nicht fassen was geschehen seyn mochte, doch gab er Befehl zu halten, und das Schiff stand. In diefem Aligenblick hörten wir eine winfelnde Stimme unter uns, allein Niemand fand heraus wo sie herkam. Endlich rief es! „ich bin im Nade", nnd mit wahrem Entsetzen sahen wir die Räder immer noch im Umschwung, wie dies; bei bereits stillliegcnden Dampfschiffen uoch eine Weile der Fall ist. Die Gefahr war dringend, das Hinablafs>n der Rettungsboote dauerte zu lange, und mein Gefährte, der junge Engländer, vergaß so ganz die vor knrzem gespielte Prinzenrolle daß er über Vord sprang uud den armen Geräderten, dessen Stimme ganz hohl aus dein Iläderd«che hervorklang, herauszog. Es brauchte geraume Zeit bis wir den übel zugerichteten Menschen znm Spreche» bringen konnten, obgleich er selbst nicht angeben tonnte ob er etwas gebrochen habe, da der Schrecken ihn lahmte. Endlich erfuhren wir daß er mit drei Männern und einer Frau quer über den Haftn gefahren sey, um zu fischen, daß sie dem Dampfschiffe haben ausweichen wollen, aber gerade in die Schwcntuug gerathen und von ihm gefaßt worden seyen. Er wisse nun nichts mehr, als daß er sich plötzlich mitten im Rade befunden nnd sich an seinen Speichen festgeklammert habe, bis man ihn gerettet hätte. Ein wahres Grausen durchzuckte uns alle als wir dieß hörten, denn die andern vier Menschen mnßtcn unter unserem Schiffe seyn. Die Vootc wurden ausgesetzt, Officicre nnd Matrosen überboten sich im Suchen nach den Verunglückten. Eudlich trieb die Fluth Trümmer deS zerschmetterten Vootes hervor, allein nach den Menschen forschten wir vergebens; sie waren sämmtlich ein 25^ 388 Opfer ihrer Unvorsichtigkeit geworden. Mit schmerzlichen Gc« fühlen umschifften wir Nachts das Vorgebirge von Palos. Das Castcll von Alicante ist das stärkste, besterhaltene in Spanien, und einer der wenigen Punkte welche im siebenjährigen Befreiungskriege nie von Franzosen besetzt wurden. Der Anblick dieser Festung ist imponircnd, sie liegt auf einem ganz steilen spitzen Kegel und ringsum thürmcn sich kahle schauerliche Verge auf, deren Nacktheit mit der üppigen Vegetation der Huerta sonderbar im Widerspruch steht. Die Aussicht auf dem Castell ist erstaunlich: man übersieht eine der wundervollsten Gebirgsformen, die Sierra del Cid, einen mehrere Stunden sich ausdehnenden Palmenwald, und dic mit Orangen und Citronen bedeckte Huerta. Die nächste Umgebung der Stadt ist nicht bebaut, in dieser aber viel Leben und Handel, obgleich der Hafen offen und unsicher ist. Alicante, Cartagena und Cadiz wurden nie eingenommen. Die Alameda ist auf gemauerter Terrasse mitten in der Stadt, den Toros dient ein antikes Amphitheater. Die Kathedrale ist unbedeutend, dagegen die Gemäldesammlung des Marquis b'Algorfa eine der reichsten in Spanien, besonders in fiammänbischen und deutschen Bildern. Tie Huerta, jener künstliche Garten, zieht sich längs der Mecrgestade durch Valencia fort, und ist mit der so berühmten Huerta der Stadt Valencia in Verbindung, beide noch durch dieselben künstlichen Wasserleitungen befeuchtet, welche sich seit den Zeiten der Araber vollständig erhalten haben. Dieser Zaubergarten zieht sich über San Juan di Alicante mitten zwischen kahlen hohen Bergen hin, deren hohe Spitzen in seltsamen Formen übereinander hinaufstreben. Es ist die Sierra de Alcoy, nut dem prächtigen Grün unter den starren Felsen, in klimatischer Vermählung von Afrika und Europa. Die Bewässerung dieser fruchtbaren Ebene folgt eigenen Gesetzen, ihre Bewohner bilden ihr eigenes Schiedsgericht, und wie unter den Arabern gibt es auch hier keine höhere Instanz, keine Appellation gegen den Spruch der stlbst gewählten Richter. Lange noch blitzt der steile Pic der Citadelle herüber, während man an den schönen Ufern der Huerta gegen Valencia hinfäbrt, und vierfache Vergterrassen thürmen sich über dem reichsten Nodcn Spaniens auf, es sind die Parallclgebirge der Sierra Morena. An einem heißen Sonntagmorgm landeten wir bei Va- 389 lencia. Man kann sich keinen freundlicheren Anblick denken als den Valencia gibt, mit seiner weiten Vay, mit dem unermeßlichen Garten, dieser berühmten Huerta, die sie in beständiger Frühlingsschönhcit umgibt, aus welcher unzählige weiße Häuser und Thürme heraussehen, die mit den zahlreichen Kirchen der Stadt verbunden scheinen, und cm großes dem Auge wohlthuendes Vild bieten. ANein die weite Meerbucht hat keinen Hafen, und der Molo ist ohne Nutzen, daher das Landen am Grao ober der Rhcde selten gefahrlos. Der leiseste Wind regt hier die Wellen zunächst dem Landungsplätze auf, und ob ich gleich nicht aus Erfahrung sprechen kann, da bei unserer Ankunft die See ganz stille war, so erzählen die Einwohner doch viel von den sich stets wiederholenden Nnglücksfällen, und daß es zwei Dritthcile des Jahrs hindurch fast unmöglich ist sich diesen trügerischen Gestaden zu nähern. Valencia liegt eine halbe Stunde vom Meer entfernt, und ist mit seiner Hafenstadt, dem Grao, durch Alleen und Parkanlagen verbunden. Die Tartanen, welche den Fahrdienst zwischen beiden Städten besorgen, sind zwcirädrige bedeckte Karren, in denen vier Personen sich gegenüber sitzen, und von einem Pferde in der Gabel gezogen werden. Gs ist ein holpriges, unangenehmes Fuhrwerk, das kein anderes Verdienst hat, als die Kürze des Weges, den man darin zurücklegt. Die Tartanas verrichten auch den Fiakcrdienst im Innern der Stadt, die glücklicherweise nicht gepflastert, sondern makadamisirt, da sonst das Stoßen dieser Wägen unerträglich seyn müßte. Das erste was man in Valencia zu thun hat, ist das Besteigen des hohen M-gliclcta, des Thurmes der Kathedrale, der nach dem Mnster der Giralde zu Sevilla in arabischem Style gebaut ist. Hier überblickt man die Stadt mit ihrer lachenden ewig grünen Huerta bis Murvicdro, dein alten Saguntum, das auf einem hohen steilen und schmalen Bergrücken liegt, für die Zeit der Römer unangreifbar oder doch leicht zu vertheidigen, für unsere Ve-lageruugsmittel ohne Schutz, da die hinten liegenden Höhen das Fort bestreichen. Die alte Stadt liegt noch enge zusammengepreßt auf ihrem Sattel, und feste Mauern umschließen sie. Die neue gewcrbsame Stadt lagert sich am Fuße des Berges. Sobald wir vom Migueleta herabgcstiegen, ritten wir durch die Huerta hinaus, um dic selbst für unsere Zeit erstaunlichen ara- 390 bischen Wasserleitungen zu sehen, die in ssemauerten Canälcn die Ebene oft in zwei alich dreifach übercinanderliegenden Bergen nnd Gängen durchziehen, und in ihrem Fall nnd Aufstauchung s» richtig berechnet sind, baß tausend Jahre in ihrem Gebrauche keine Aenderung erzeugten. Ehe man nach Mur^iedro kommt, stößt man auf das berühmte Kloster des heil. Michaels, wo Jakob II in großer Wasscrnoth durch den Huftritt seines PfcrdcS eine Duelle springen machte, uud damit seine Armee rettete. In Saguntum stlbst findet sich noch das antike Amphitheater, der Circus, und täglich werben Fragmente, Cornischcn und zuweilen ganz erhaltene Statuen aufgefunden. Wie die Staffage von Valencia unbeschreiblich gefällt und voll Leben ist, so ist sein Hintergrund voll malerischer Schönheit, und das große Gebirg des Monte mayor legt sich gleich einer erhabenen Schlusi-dccoration über den Horizont, der Valencia's glänzende Fluren abschließt. In Valencia ist von dem unsterblichen Cid, der es so lange und kühn vertheidiget, nnr ein Degen und dic Vencnnung des in Mitte der Stadt stehenden Thurms übriggeblieben; von seiner heroischen Frau aber, welche dic Stadt nach seinem Tode übergeben mußte, lebt nur noch die geschichtliche Ueberlieferung. Die Kathedrale enthält vortreffliche Werke von Inannes, und die Sammlung welche aus den aufgehobenen Klöstern hier zusammengebracht wurde, ist eine der werthvollstcn des reformirten Spaniens. Diese Stadt, welche sich so lange dadurch auszeichnete daß ihre Bischöfe keine Stiergefechtc gestatteten, hat nun auch ihre Toros, und huldigt somit der in Spanien nicht zu vertilgenden Nationalliebhabcrei für dieses gefährliche Spiel. Das neue Theater faßt achttausend Menschen und ist somit eines der geräumigsten in Guropa. Die .Vonja, das Schicdsrichtcrtti-bunal der Huerta, sind von gan; arabischer Vauart, in Thoren, Säulen, Fensterbögen und Höfen. Die große Kirche besteht aus sieben Schissen, ist aber für ihre Verhältnisse zu niedrig. Die Geistlichkeit trägt hier schwarzscidcue Mantel mit Noth ausgeschlagen, und auch hier hörten wir wieder den ergreifenden Choral von tiefen Bässen vorgetragen. Die Tracht der Frauen weicht hier schon ab, und besteht aus schwarzen Schleiern nut ganz kurzen Mantillas, während die Anbalusicrinncn MantNlaS mit Blonden tragen. Hier hängt der Schleier auch hinten vom 391 Haarkamm herab, zeigt aber Kopf und Taille weit unverhüllter. Die Valencianerinnen zeichnen sich durch einen blendendweißen Teint aus, auch fiudet man auffallend viele blonde Haare, die man in Andalusien nie sieht. Der Kirchcndienst hat hier eine besondere Feierlichkeit, nnd wir benutzten den Festtag um ihn in mehreren Kirchen aufznsnchen. Die Art das Kren; auf der Vrust zn machen weicht, hier ganz von der gewöhnlichen ab, und nach der Messe bildet sich die ganze Gemeinde in eine Procession, welche unter Vortragung des Sanctuarinms in allen Räumen der Kirche herumwandelt, und wobei die unzähligen Mantillas mit den goldenen Fächern nicht die unbedeutendste Abtheilung ausmachen. Die stets wachsende Hitze trieb uns in eine Eisbude, wo ich mit General O'Donnell bekannt wnrde, der kürzlich hierher als General-Capitän der Provinz gekommen war. Wenn man die spanischen Officiere hörte, so war der Bürgerkrieg immer beendigt, ov dieß gleich durch die Flucht Cabrera's keineswegs der Fall ist. Die gefährlichsten Feinde Spaniens sind die Nänber-bauden, welche den Keim der Auflösung und Demoralisation im Lande verbreiten, und das arme gcängstigte Land nie zum Genuß der Rnhe oder eines gesicherten Rcchtsznstandes kommen lassen. Hier muß Espartero zeigen ob er den Namen „Retter des Vaterlandes" verdiene, gegen die Räuber muß die Armee jetzt auftreten, anstatt an die Pyrenäen oder in die Basken zu marfchi-rcn, und dein thörichten Haß gegen Frankreich Nahrung zu geben. Die Großsprecherei der Spanier verdunkelt alle ihre schönen Eigenschaften, und so brav ihre Armee immer seyn mag, so erzeugen die Fanfaronnaden ibrer Officiere doch häufige und nicht immer unbegründete Zweifel an ihrer Tüchtigkeit. Die Abcndbelcnchtnng zeigte uns noch die Huerta und das Thal Iafu bei Murviedro in ihrer ganzen Schönheit, und der andere Morgen die wirklich prächtige Landschaft von Rens, das mitten unter vierzig Ortschaften auf seiner Höhe hervorragt, alles reich bebaut, und der Industrie überall der Weg gebahnt, große Fabrikgebäude, Hochöfen, und Wohlstand unverkennbar der ganzen Gegend aufgedrückt. Wir sind in Catalonim. Tarragona ist eine hohe, halb in Ruinen verfallene Stadt, deren Hafen eben so unzuverlässig ist wie der von Valencia, wovon einc vor kurzem darin gescheiterte englische Fregatte, deren Wrack nahe am Ufer liegt, hinlänglich Zengschaft gibt. Die Festungswerke sind MI stark, und wenn ich mcht irre, von den Franzosen angelegt. Der eine Stunde entfernte sogenannte Scipiothurm, nnd die beiden großen gemauerten Arkaden-Wasserleitungen sollen römischen Ursprungs seyn; das Interessanteste was Tarragona besitzt, ist aber unstreitig ihre Kathedrale, die älteste gothische Kirche Spaniens. Sie steht ans dein höchsten Punkte der Stadt, und eine sehr breite Treppe führt von dein untenliegenden Marktplatz, von zwei Fontänen eingefaßt, zum prachtvollen Portale hinauf, vor dessen großen in gothischer Vollendung ausgearbeiteten Rosettenfenstern zwanzig schön gearbeitete Steinstatuen, in der Mitte die Jungfrau, aufgestellt sind. Das Llaustrum fasit ein arabisches Patio in sich, von mehreren hundert Marmorsäulen getragen, dessen Inneres nut Cypresscn nnd Oleandern in sorgfältiger Gartenanlage gefüllt ist. In dem Klostergange, der rings um diesen lieblichen Hof führt, findet man Verewigungen ihrer frühern militärischen Bewohner, die Nummern der campirendcn französischen Compagnien, und das Maaß eines acht Fusi hohen Cuirassiers. Wer erklärt die wunderbare Wirkung, welche gothische Kirchen auf uns hervorbringen. EZ liegt ein tiefer idealer Sinn, eine mystisch architektonische Physiognomie in diesen Tempeln, und die träumerische, sich selbst unklare religiöse Poesie der damaligen Zeit drückt sich in diesen langen schattigen Säulenhallen, in den schwermüthigen Perspective!!, in der dämmernden Ver-thcilung von Schatten und Licht, welche die gemalten Fenster erzengen, in dem gehcimnißvoll auf die Sinne wirkenden Helldunkel, ihrem ganzen Charakter nach aus. Es ist eine höhere Geisterwelt, die uns in diesen majestätischen Räumen umschwebt, Wände und Nischen, Blumen und Schnörkel scheinen Sprache zu haben, jede Säule, jede Statue wird zum belebten Körper, dem ein höhcrcr Geist Leben einflößt, und aus jedem Vogen, aus allen diesen tiefeingegrabenen, düstern Capcllen weht der Hauch göttlicher Begeisterung. Wie mögen die hart gedrängten Christen hier zur Zeit der Chalifenhcrrschaft ihren Gott um Rettung angefleht, mit welch heißer inbrünstiger Verehrung sich an die stummen Tröster in ihren Nöthen, an die Bildsäulen ihres Heilandes und ihrer Heiligen gewendet haben. Es ist ein großer, ein hoher Glaube, der die Meuschen in diese Tempel zieht, denn sie bedürfen ihn, und es stünde gut um die Völker, 393 wenn sie noch fest daran hielten, und Trost nnd Beruhigung fänden, indem sie vor den Altären ihres Gottes beten. Und wenn selbst der Glaube uns irre führte, er heilt doch die Krankheiten der Seele, den Schmerz der zerrissenen Vrnst, die Qualen getäuschter Liebe. Und wie wir auch immer den Verstand erheben, er gibt uns nimmer Ersatz für den Glauben, denn ewig stehen wir unter dem Einflüsse höherer Mächte, zu denen uns namenlose Sympathie unwiderstehlich hinzieht, der Verstand mag ihr Daseyn noch so lange bestreiten. Das Gefühl täuscht nicht, nlir der Verstand, uud kein Mensch, kein Volk wird je ganz unglücklich seyn, wenn sie die innere Sprache der Seele und des Gefühls verstehen und an den Glauben glauben können. Man nennt die Gothen Barbaren, dnrch welche der gute Geschmack verdrängt wurde, allein nichts ist ungerechter. Alles was von den Zeiten der Gothen «ms uns übergegangen, zeugt von einfachem großem Charakter, uud ihre Architektur ist eben so originell als imposant. Als die Gothen anfingen im südlichen Europa ihre christlichen Basiliken auf den Trümmern der römischen Tempel zu errichten, war die Kunst der Alten bereits ausgeartet und unverständig überladen. Die griechische Schönheit und Grazie hatten die letzten Römer längst verkannt und verunstaltet, uud an ihre Stelle trat nun ein ganz neuer wunderbarer Vaustyl, in dem blumige Kindheit mit hoher Manneskraft sich paarte. Ucberall, wo die Gothen hindrängen, drückten sie der Architektur diesen wunderbaren Stempel anf, und schufen Gotteshäuser, die mehr als irgend andere geeignet sind die wehmüthigen Klagen des innern Seelenleidens mit Gebeten zu beschwichtigen, und Trost und Veruhiguug durch die Religion zu sinden. Ein Volt aber, das seinein Gott solche Tempel erbaute, kann nicht der Verbreiter von Unwissenheit und Barbarei gewesen sehn. Die Gothen verdienen im Gegentheil die volle Achtung der Geschichte und eine glänzende Anerkennung ihres wahren Werthes. Sie haben den morschen Körper des römischen Kolosses zerstört, das Reich der Grausamkeit, Niederträchtigkeit und Auflösung aller sittlichen Vande gestürzt, und an die Stelle des römischen Marasmns die jugendliche Frische des Christenthums gesetzt, das sie aus Skandinavien mit herübergebracht. Sie haben aus der griechischen und römischen Civilisation das Brauchbarste herausgehoben^, und mit der ihnen eigenen Kraft, 394 und ohne ihre Volkssitten zu gefährden, zu neuein Leben erweckt. Diese sogenannten Barbaren haben die Kunstschätze Athens und Roms beschützt, in Spanien und Italien die Wissenschaften gehoben, und durch ihre männliche Tapferkeit, den Adel ihrer Gesinnung und ihre majestätischen Bauwerke die Bewunderung ihrer Zeitgenossen, uud selbst die Anerkeunung der sie befehdenden Nationen errungen. Ihrer regelmäßigen, und durch griechische Elemente verbesserten Sprache verdankt man das erste literarischc Monument des Mittelalters, die Bibel des Ulfilas, wie ihnen die Wiederherstellung der Schrift als Verdienst zufällt. Bei diesem hochherzigen Volke finden wir die ersten reinen Spuren der alten ritterlichen Poesie, eine Dichtart, die unter dem Himmel Andalusiens und der Provence sich nur veredeln und an romantischem Geiste gewinnen konnte. Wahrlich, die jetzigen Spanier dürfen mit Recht stolz seyn auf das Blut das sie erzeugte, denn welches kann edler genannt werben als das der germanischen Visigothcn nnd der Männer von Damaskus und Granada? Unser Phenicien glich bald einem Sklavenschiffe, so vollgepfropft waren seine Räume, seit wir Valencia verlassen. Jede Stadt lieferte neuen Zuwachs, um dem nun bald verbleichenden Gestirn der phantasmagorischen Künigsglorie vor seinem Unter-gange zu huldigen. Gegen dreihundert Spanier, meistens edler Abkunft, befanden sich auf unsern Verdecken, und die ohnehin peinliche Sommerhitze steigerte sich täglich durch das stets wachsende Gedränge. Bei Scges nahmen wir noch mehr Menschen auf, so daß man sich buchstäblich nicht mehr regen konnte, und jeder an die Stelle gebannt blieb die er gerade ciunahm. Ein Orangenwald zieht sich an der Küste fort, er führt zum Fort Monjouy, das gleich dem Fels von Gibraltar sich weit ins Meer hinein erstreckt und hoch und herrlich aus seiner Fluth emporsteigt. „Barcelona!" rief es aus allen Kehlen, als wir um den Vorsprung von Monjouy herumfuhren, und nun die schöne große Stadt, um den Fels gelagert, vor uns lag. Hohe, altersschwarze Kirchthürme, weiße Paläste traten uns ans dem Häuscrmecr entgegen, und eine Unzahl von Masten ragte hinter dem Molo hervor, der mit seinen Krcbsschceren den stolzen Monjony einzuklammern scheint. Es war Nachmittag vier Uhr als wir Anker warfeu, allein es dauerte noch drei Stunden, bis das nament- 395 liche Verlesen, die Mauthuntersnchung und Pässercgulirung zli Ende kam. Der Weg führt über den Damm von Varcelonette durch zivci breite Thore in die Stadt, und unmittelbar auf den großen Platz, anf dem rechts dcr Palast der Mauth, und ihm gegenüber der des General-Capitänö steht. Hier hatten die Königinnen seit längerer Zeit ihr Abstcigqnartier genommen, und zahlreiche Wachen zu Fusi nnd zu Pferd standen inner- nnd außerhalb der Schranken, welche die Königswohnung wie einen Turnierplatz umgaben. Rechts zieht sich ein neuer Spaziergang in breiten Alleen fort, zunächst dem Palaste steht eine Neihe unansehnlicher Häuser, ihm gegenüber aber die Vonja oder Vörse, mir allerlei lächerlichen Emblemen. Diesen Platz schließt der große Palast eines Amerikaners, dessen Arkaden mit Vis- und Kaffeebnden, den elegantesten Spaniens, besetzt sind, Hier wohnte Espartcro, der Herzog des Siegs, nnd sein Valcon war dein seiner Königinnen gerade gegenüber, siine breite schöne Straße zieht sich vom Platze über die Bastionen sort, welche am Hafen gegen den Monjouy fortziehen, nnd bald befindet man sich anf der Nambla, dcm Foeus des Vareelouer Lebens, eiue herrliche Allee, welche die Mitte dcr Stadt durchschneidet, zwischen schönen Häuserreihen und unzähligen Kaffee- und Eisbuden hinführend. Wir stiegen in einem bereits überfüllten Gasthanse auf dieser vielleicht einzigen Promenade ab, die ich jedenfalls nur mit einem Pariser Boulevard vergleichen kann. Vareelona ist eher eine italienische als eine spanische Stadt, wie man denn überhaupt den eigenthümlichen spanischen Reiz in Catalonien vergebens sucht. Große Paläste mit herrlichen Eingängen, solide massive Vauart, reiche Kaufläden, alles beschäftigt, Fabriken, Handel, überall Thätigkeit nnd Erwcrbfleiß, aber nirgend mehr Spanien. Die Männer sind großer Statur und sehen mit ihren langen rothen Mutzen rauh und trotzig darein. Die Frauen sind von etwas derber Schönheit, hoch, voll, üppig, aufrecht, aber steif nnd ohne das Elegante und Graziös-Elastische, was die Andalusiertn so unwiderstehlich inacht. Hier sieht man nicht mehr das unvergleichliche Tragen der zierlichen Köpfchen, nicht mehr das unbeschreibliche Augen- und Fächerspicl, wenn gleich MantillaS nnd Fächer anch hier Nationaltracht sind. Die Mädchen des Mittelstandes haben hier eine Art nltdclltschen Kleiderschnittes, den ich ähnlich spater inSüdfrankreieh fand, und der ungemcin vor- 396 theilhaft kleidet. Es ist ein knapp die Taille umschließender Spenser, mit ganz kurzeil Aermeln und kleinem Manchettenrande. Die Haare sind chinesisch ans dem Gesicht gestrichen, und enorme Ohrringe, oder besser gesagt Ohrgehänge, meistens von Gold, dienen dein subalternen Lurus. Dieser Anzug paßt vortheilhaft zu den vollgebautcn Körpern der Catalonierinncn, allein sie haben plumpe Füße, und wenn gleich schöne Augen, doch nicht den Blick ihrer südlichen Schwestern, der stets Liebe athmet und Gnt-zücken einflößt. Barcelona ist bekannt durch seine Arbeiten in Gold, und man sieht hier ganze Straßen mit Goldschmieden besetzt, in deren Läden die reichsten Goldarbeiten und geschliffene Edelsteine ausgestellt sind. Auf der Bastion sahen wir noch Abends ein allegorisches Feuerwerk zu Ehren des Siegers von Morella, das eben so armselig, als die gefeierte Waffenthat wohlfeil erkauft war. Hierauf vertheilte sich die Menge auf die Rambla, die mit dem Leben und Glanz ihrer beleuchteten Kauf- und Kaffeeläden ein großstädtisches Ansehen gewann, obschon man sehr Unrecht hat Barcelona mit Madrid vergleichen zu wollen. Denn hier ist mehr Kaufmannswelt, und auffallend weniger Form des höhcrn Lebens. Die Königinnen fnhrcn mit der Herzogin de la Victoria über dic Rambla, und der kolossale Gouverneur van Hc,-len schritt mit dem schmächtigen Cspartero durch die Massen, wie wenn er einen Sohn an der Hand führte. Allein trotz der großen Manenescorte der Königinnen klangen doch die meisten Vivas dem kleinen Helden von Morella, dein Löwen des Tages, der Puppe der Nation. Die Hitze war fast unerträglich, uud ich machte mich früh vier U,hr schon auf den Weg nach dem steilen Monjouy. Auf der Spitze angelangt, verweigerte mir die Schildwache den Eingang, welcher eben in diesen Tagen, wo man einen Handstreich auf das Castell und selbst gegen die Königin besorgte, streng verboten war. Ein Officicr, dein ich mich zu erkennen gab^ nahm sich meiner an, und führte mich selbst durch die interessanten Werke dieser berühmten Bergveste. Alles ist hier casemattirt und bombenfest, besonders schön gebaut aber die einzelnen Batterieforts , gegen die westliche Abdachung des Verges hin die sie be-streichen, während sie sich unter sich wechselseitig beschützen, decken vnd bedrohen, und durch geheime Ausfallthüren verbunden sind. 397 Diese Fortificationsidce ist eine der bestduvchgeführten inGnropa und jede Schanze ist unabhängig von der andern. Das Castell hat eine der sichersten Cisternen, welche eiskaltes, reines Wasser stets im Ucberftusse bietet. Weinbau ist ans diesem wie ringsum alls allen Bergen, der hohe Ueberblick zeigt aber daß man schon ferne von den so ungemein malerischen Gcbirgsformen Murcia's und Andalusiens ist. Die Gegend um Barcelona ist matt, allenfalls wie die Gebirgspartie von St. Gallen. Ich stieg herab nach dem Dorf Graffa, einem Lieblingsspa;icrgang der Bewohner von Barcelona, und von da durch die schöne Allee, welche zwischen Landhäusern hinführt, nach der Stadt znrück. Die Stadt ist mit gnten Festungswerken umgeben. Die Kathedrale ist dunkel und von ätherischem gothischen Vau. Sie ist enge von Gebäuden umstellt, und zwei hohe durchbrochene schwarze Thürme zeigen weithin den Mittelpunkt der Stadt. Die gemalten Fenster, die Chorstuhle, auf deren jedem noch ein Rit-ternamc Karls des Fünften eingegrabcn, vorzüglich aber der Patio ist bemerkcnswerth, der mit hohen Oleandern und Springbrunnen geschmückt ist, und anstatt der arabischen Säulen von freien gothischen Pfeilern getragen wird. So schlenderte ich in dem weitläufigen Barcelona umher, kam durch Zufall während der heißen Tageszeit in die kühlen Gemächer eines Lesecabinets, von da in eine einladende Eisbndc, wo die Dame des Comptoirs manche Pariser Camcrädin beschämte, als mich der Hunger zu meinem Hotel auf der Rambla zurücktrieb, die ich von einer auffallend bewegten Menschenmenge bedeckt fand. Besonders dicht war das Gedränge bei der hölzernen Triumphpforte, die man für den Einzug Gspartcro's mitten auf der Rambla improvisirt hatte. Trotzige Gruppen drängten sich hier immer näher zusammen, und bereits hörte man drohende Ausrufe wo die brillanten Officiere der Garde sich blicken ließen. Vald zogen Reiter-Patrouillen schweigend durch die Massen, und endlich erschienen im Wagen die Königinnen, welche laut und frech insultirt wurden, und durch den sich anstemmenden Menschenknäncl lange keine Bahn brechen konnten, so daß die hohen Damen den fortwährenden rasenden Anreden und Aufforderungen einzelner Volkssprecher ausgesetzt blieben. Gs war ein höchst Peinlicher Augenblick, und in einem Lande wo der weibliche Charakter so hoch gestellt ist, erschien diese cmtifpanische Brutalität um so unbegreiflicher. End- 398 lich kau: der Held von Morella im Galopp hcrbeigcfprcngt, doch auch er mußte Zischen und Vorwürfe unter den Vivas für sich hinnehmen. Auf allen Punkten der breiten langen Nambla entwickelten sich Militäreolonnen, deren Spitzen ans den in sie einmündenden Seitenstraßen hervorbrachen. Bald glich Barcelona mehr einem Feldlager als einen: Hoflager, alle Verbindung in der Stadt war aufgehoben; es tam zu derben Zusammenstößen, und von mehrern Seiten fielen Schüsse, Dieß war die Revolution von Barcelona, von der die Zeitungen so uunützen Lärm gemacht haben. Ich hatte gleich anfangS vergebens getrachtet mich dem Gedränge zn entziehen, und war so höchst nnfreiwillig genöthigt diesen ganzen anarchischen Act mit durchzuspielen. Kanm kann mau diesen Aufstand für mehr als eine (5mcnte ausgeben, wie sie Paris seiner Zeit gleichsam als Divertissement so häufig am Börsenplatz aufspielte. Cin einziger Soldat ward verwundet, und die meisten Menschen die sich hier zusammenge-fundcn, wußten kann: von was die Nede war. Größere Caval-lerieabthcilungrn lichteten endluh die Reihen der Aufwiegler, oder vielmehr der Aufgewiegelten-, mau zerstreute sich in die Häuser, die sich wieder geöffnet hatten, in die Straßen, die wie< der von Soldaten befreit waren, und ich fand in meinem ^iasl-hanse eine Menge Officiere uud bürgerliche Personen, die gleich mir, nach vollbrachter Revolution, sich das Abendessen wohl schmecken ließen. Allmählich erhitzten sich aber auch hier die so verschiedenen Fractionen der spanischen Gesinnung, und mehr als je fand ich diese Meinnngsspaltung scharf hervortreten. I» Spanien ist längst von Absolutismus uud Carlismus so wenig mehr die Nede, wie man überhaupt die Idee der Republik hier niemals in der Art aufgestellt findet, wie dieß in Frankreich selbst auf der Tribune so häufig und verwirrend der Fall ist. Zwei große Classen trennen die spanische Nation, die Craltirten fordern den Fortschritt auf guten: Wege nnd Sicherung der Constitution, die Modcrirten sinnen auf Rückschritt im monarchischen Sinne und Beschränkung der Constitution. Was man auch sagen möge, es siud nur diese beiden Elemente die sich gegenüber stehen, und daß es hierbei an Extremen nicht fehle, läßt sich von einer so innerlich gährenden leidenschaftlichen Nation nicht anders erwarten, obgleich alle öffentlichen Aufregungen nnm weit ehrenhafteren Charakter tragen, als wir dieß bei den 399 maßlosen Galliern in so beunruhigendem Grade täglich sehen. Eine eigentliche Hofpartci, die man früher mit dem Namen der Servilen bezeichnet, eristirt nicht mehr, oder ist in dem Begriff der Moderirten aufgegangen. In Spanien handelt es sich nicht um einen gänzlichen Umsturz des Throns, allein die Negentin war eine Unmöglichkeit geworben, da sie ihre selbstständige Stellung mit Ghre nicht zum Opfer bringen konnte. (5s gibt vielleicht wenige Frauen die von der Natur mehr Vorzüge verliehen bekamen wie die unglückliche Christine, uub alles was Grazie des Geistes, Anmuth der körperlichen Erscheinung und seltene Talente in den schönen Künsten Bestechendes für Einzelne und das Publicum in einer Fran vereinen können, paarte sich hier mit männlichem Charakter und einer Entschiedenheit der äußern Form, die selbst den Spaniern impomrte, denn ihre Königin zeichnete sich selbst nnter den besten Fechtern und Pistolenschützen des Reiches aus. Man kannte ihre Eigenschaften. man liebte sie, man verzieh ihr die geheime Ehe mit Muno;, und doch fühlte Jedermann daß sie nicht Königin bleiben könnte. Das Gesetz der Ayuntamientos mnßtc diesen Ausspruch zur Reife bringen. M handelte sich hier ganz einfach um das wichtigste Princip der Volksfreiheit, die Ernennung der Ortsvorstände, die ein uraltes Vorrecht der Spanier ist. Die Nation konnte sich diesi heilige Necht nicht nehme» lassen, und die Regierung tonnte nicht länger bestehen, ohne dieft Recht für sich zu gewinne». Die Königin sah schärfer als ihre schwachen Minister, und bereitete sich vor ein 5,'and zu verlassen, wo der letzte Schatten der Macht von ihr gewichen war. Als sie nach Barcelona ging, war ihre Flucht auS Spanien bereits beschlossen, und man fühlte dieses Creigniß so gewiß voraus daß wir Fremden selbst nur ihre Abreise abwarten wollten, um uns mit ihr einzuschiffen. Selbst mit der besten Meinung von dein Charakter der spanischen Nation konnte man nicht voraussehen daß diese Krisis ohne eine heftige, den ganzen Staatskörper durchzuckende Reaction sich vollbringen würde. Nnd dennoch blieb Spanien ruhig. Die Juntas, diese natürlichen Repräsentationen der verschiedenen Provinzen, traten an die Stelle der verschwundenen Negierung, und an die Stelle der Juntas die Regentschaft Espartcro's, in welche Niemand Vertrauen setzt, weil man die Haltlosigkeit und Schwäche des Siegesherzogs kennt. In dem spanischen Volke liegt dasselbe Streben nach -inem andern 400 Zustande, dasselbe Bedürfniß die faulen Krebsschäden der Staatsmaschine ausznschneiden, wie im französischen, ohne daß das eine oder das andere angeben könnte, welchen Zustand es eigentlich an die Stelle des jetzigen setzen wolle, Spanier wie Franzosen gehen einer Anarchie entgegen, wahrscheinlich finden aber die Spanier mit wenigen Opfern eine nene Staatsform, weil sie mehr sittliche Würde nnd mehr wahre Vaterlandsliebe gerettet haben als ihre Nachbarn. Daß Gspartero nicht der Mann ist der Spanien über diese gefahrliche Klippe wegführt, scheint sicher. Wir leben überhaupt nicht in der Zeit, wo einzelne Menschen die Geschicke der Nationen lenken, denn nnr die Fnrcht regiert, lind die Sorge des Verlustes. Es geht eine unsichtbare Gewalt durch die Welt, die Niemand kennt, Niemand faßt, und welcher Niemand entgegenzutreten wagt. Dieses Gespenst legt sich als Alp auf die Vrnst unserer Staatsmänner, uud erscheint den Völkern als Freihcitsgöttin im Trauine. Noch hat es seinen Schleier nicht abgezogen, noch ist es nicht Körper geworben, nnd noch wäre es vielleicht Zeit den Kobold der Anarchie zu bändigen, allein dazugehören in Svanien wie überall andere Männer als Espartcro. Dazu gehört ein Geist der die Ereignisse voraussieht, und sich nicht an ihre Ferse heftet; dazu gehört eine Kraft, die nicht vorIournalhelden undHandwcrkerverschwörun-gen zurückbcbt, sondern Katastrophen hcrbeisührt, anstatt sich von ihnen verschlingen zn lassen. (5'spartero ist ein Zeichen unserer Zeit, übermüthig und unbesonnen so lange sein Glücksstern glänzt, verzagt und unentschlossen wenn es gilt entschiedenen Krisen zu begegnen. Espartero befiehlt in diesem Augenblicke diejenige Armee des Continents, die unstreitig die meiste Kriegsübung besitzt. Was tonnte er mit diesen Truppen wagen, wenn es ihm Grnst wäre sein unglückliches Land zu befreien, nämlich die Sicherheit des Eigenthums herzustellen. Man muß diese Soldaten sehen, um schon durch ihren Anblick zu begreifen daft man Soldaten vor sich hat, nnd nicht inastirte Vaucrnbursche, wie dieß fast in ganz Enropa der Fall ist. Ich habe Compagnien von Luchana über eine Stunde lang mit Gewehr und Tornister in vollem Laufe einen Angriff machen sehen, dem ich Mühe hatte zu Pferde zu folgen. Das sind Infanteristen, die einen (5hoc gleich der Cavallcrie machen können, denn der entschlossene Choc einer geschlossenen Truppe ist stets unwiderstehlich, und nur die Schnelligkeit siegt im Angriffe. Espartero weiß dieß recht gut, allein der Kopf schwindelt ihm 401 Von seinem Glücks wie allen Menschen mittelmäßiger Fähigkeit, lind wenn er Linage nicht bei sich hat, fehlt dcrKopf ganz. Linage ist ein finsterer, unangenehmer und grober Mann, den Jedermann haßt, den aber Espartero nicht entbehren kann. Ejpar-tcro's ganze Politik besteht im Hinhalten, Abwarten und Benutzen der Umstände, dic ihm bisher immer günstig schienen. Einen unverantwortlichen Mißgriff machte er aber noch in der Nacht des obenerwähnten Ansstandcs in Barcelona. Das Volk, das überall gerne zusammenläuft, wo Stoss zur Unrnhe sich findet, hatte in dcr Nacht sich vor dein Palaste der Königin zusammengerottet und forderte Dinge, aus denen Niemand klug ward. Espartero sah diesem Strastenlärm eine gute Weile zu, olischon ss ihm leicht gewesen wäre ihn mit einer Compagnie zn beenden. Endlich nach Mitternacht erschien, er als I)«n5 «x mueU.na mit einem seiner hier beliebten ThcatcreoupS, setzte sich an die Spitze der Canaille, die er harangnirtc und entstammte, und begab sich endlich zu seiner Königin, die er aus dem Bette vor sein Tribunal fordern ließ. Es war die Wiederholung von la Granja, nnr dasi hier der commandirende General verübte, was dort Brutalität betrunkener Sergeanten gcthan hatte. Das Resultat dieser ucuen Heldenthat konnte nicht zweifelhaft seyn. Vine hülflost, von allen verlassene Frau, einer Armee und dem uie-drigsten Pöbel gegenüber, war bald überwunden. Trnnkcn von seinem ucnen Triumphe trat der Siegcöhcrzog auf den Platz hcrvor, nnd verkündete die Absetzung des Ministeriums. Die armen Herren (^rministcr retirirten sich eiligst an Vord des Phü-nicien, und bald füllten sich aufs neue seine Verdecke mit einer Ueberzahl vou Flüchtlingen, die ihrem undankbaren Vaterlaude den Rücken wandten, um Cabrera's Schaarm zu folgen auf Frankreichs gastlichen Voden, die besiegten Sieger den siegreichen Besiegten. Perez dc Castro, sin alter freundlicher Mann, uud General Cleonard, den: Namen und Wesen nach Franzose, waren unter den hervorragendsten Erscheinungen dieser Enlirten, und welcher Meinung man auch huldige, der Anblick von Landes-vertricbcnen ist stets traurig, uud ich werde den Aussprnch eines reichen edlen Spaniers uicht vergessen, der mir vor mehreren Jahren schon in London versicherte, für sein Land sey kein Heil und kein Rettnngsweg vielleicht in hundert Jahren zu hoffen, und er werde niemals dahin zurückkehren, so schmerzlich ihm Morgenland m,d Abendland, il. 2te Aufl. 26 40s auch die Verbannung aus seinem schönen Lande falle. Es war ein herzzerreißender Anblick, alle diese Menschen beisammen auf einem fremden Schiffe zu sehen, die vielleicht auf immer ihren Theuren Lebewohl sagen mußten. So weit das Auge reichte, war der Molo und die Ufer schwarz übersäet mit Menschen, nud kein Laut hörbar als das Schluchzen der Scheidenden. Eß war Abend, als wir aus der stolzen Vay von Barcelona abfuhren, nud weit noch in die rosige Dämmerung hinein wehten die weißen thränenschweren Tücher uns nach. Der kommende Morgen zeigte uns RosaZ, mit seinem alten Araberfort, nnd seine rings mit Ortschaften umgebene Bucht, nnd hinten die lange Fläche des Ampurdan und die Pyrenäen und Figueras. Von hier werden die Ufer nngemcin malerisch, kühne Felscubildungen, mit Weinbergen und schänmendcr Brandung. Ehe man zu dem Dorfe Vagnols kommt, ist die spanisch-französische Gränze durch einen scharfen Gebirgscinschnitt bezeichnet. Mittags kamen wir nach Port Vendre, mit seinen hohen Saracenenthürmen, und dem neuen Leuchtthurm, und dem Fort St. Helena. ES ist ein kleiner Hafen, tief im Lande, und neu angelegt. Die spanischen Excellenzen, alle meine theuer gewordenen Reisegefährten und die unvergeßlichen Mantillas verließen mich und den Phönicier!, um anf den Diligence« nach Pcrpignan zu fahren. Ich aber stieg anf französischen Boden, um von der Spitze der majestätischen Pyrenäen der göttlichen Halbinsel mein letztes Valet zuzurufen. Von diesen schneebedeckten Scheitelpunkten schweift das Auge über die gesegneten Flnren zweier Nationen, die sich selbst feindlich gegenüber stehen, ohne zu wissen warum, und die in dumpfer verhängnißvoller Gährung unterirdisch kochen, ohne baß ein Menschengeist noch errathen kann lvohin der Vnlcan seine Steine und Asche schleudern wird. Thorheit der Menschen, du bist so groß, wie die Nachsicht der Allmacht unermeßlich! 36. Die Provence. Ein ,^euchtthurm steht allein, weit ins Meer vorgeschoben. Kahle Felseninftln umgeben das berühmte Chateau d'If, die Quarantäne für Menschen links, für Schiffe rechts. Im Halbmond spannen sich Gebirge um die Vay von Massaroun, und ein Mecrcanal führt zwischen den Inseln hinüber. Festungswerke thürmcn sich über den Ufern auf, rechts das hohe Fort NicolaS, Ludwigs XIV furchtbare Bastionen. Die Ginfahrt in den Haftn ist schmal, fast wie ein großes Stadtthor, »nd dicht vermummt und vertheidigt durch Strandb^tterien, die sich stufenförmig auf den Felsengcstaden erheben. Der Handelshafen ist vielleicht einzig in seiner Art, da er mitte» in der Stadt, oder doch von drei Seiten in ihr eingeschlossen liegt. Seinen Eingang bestreicht ein alter viereckter Thurm, und wenn man sich durchgezwängt, so befindet man sich sogleich in einem Riesenbasstn, das Tausende großer und kleiner Fahrzeuge bedecken, während auf den breiten Quais der ungeheure Verkehr der größten Handelsstadt am Mittelmecr wie Ebbe und Fluth sich drängt. Mühsam schiebt sich ein Schiff ums andere in die gleich Regimentern aufmarschirtcn Schiffslinicn, zwischen denen eine schmale Durchfahrt für die Ein- und Auslaufendcn gelassen worden. Auch wir faßten Posto unter ciuer großen Anzahl der elegantesten nnd reichdccorirten Dampfschiffe, und wir waren in Marseille. Land der wahren Aufklärung uud Freiheit, sey mir gegrüßt! Alles beeilte sich den heiligen Voden zu betreten, doch die Früchte des Paradieses sind nicht so wohlfeil zu erHaschen, und wir sollten noch manche nüchterne Stunde verleben, ehe wir zu ihrem Genuß gelangten. Agenten der Dampfschiffgefellschaft brachten unsere Effecten in Varken und unter Aufsicht nach der nahegelegenen Douane, und schon belobte ich diese ächtfranzösische Höflichkeit, als ein Mensch auf mich zukam, und Anstalt machte 26* 404 meine Kleider zu durchsuchen. Gin Stoß auf die Vrust belehrte ihn daß sich dieß Geschäft nicht so leicht abmachen würde, und ich erklärte, mir auf keine Weise gefallen zu lassen, was mir noch in keinem Lande je wäre zugemuthet worden. Auf die Versicherung daß es Vorschrift sey die Passagiere am Leibe zu Visitiren, fragte ich, was sie eigentlich an mir verborgen wähnten, und nachdem sie ehrlich gestanden daß sie bloß nach Cigarre,« suchten, zog ich ein sehr zusammengeschmolzenes Paket derselben hervor und warf es ins Meer. Ihren Mißmuth über diesen Verlust stillte ich mit dem Rathe, Passagiere aus Spanien in Zukunft nicht nach Cigarren zu fragen, da sie gerade in diesem Lande am schlechtesten seyen. Uebrigens empfahl ich ihnen mehr Rücksicht gegen Fremde, die man gewiß nirgends schamloser behandelt wie in Marseille. Anf der Donanc angelangt, wurden wir in eine Ärt Keller, der in zwei Theile getheilt war, in der Manier, die man bereits auf dem Schiffe begonnen hatte, und wie man bei uns Vagabunden allenfalls auf einein Landgerichte einsängt, zusammengetrieben. In der einen dieser Höhlen wurden unsere Vagagen, in der andern wir selbst aufgespeichert, Gitterthüren schlössen sich von allen Seiten, und ließen uns in Ermanglung von Fenstern nur nothdürftigc Tageshclle. In dieser Lage, unter erstickender Hitze, warteten wir eine Stunde, vermuthlich ein Zeitraum der den Passagieren vergönnt wird um sich von Seekrankheit zu erholen, und anf die französischen Douanenqualen vorzubereiten. Endlich erschien keuchend und schwitzend ein sehr dicker Mann, der sich auf den hölzerneu Stuhl niederließ, woraus das ganze Meublemcnt bestand, und die Inquisition begann. Eine Dame, die in ihre Vaterstadt Marseille zurückkehrte, kam znerst ins Treffen. Eine Matratze, die sie vor acht Monaten von Hause mitgenommen, wurde confiscirt, da sie keinen Beweis besaß daß sie französisches Fabricat sey, obschon sie den Verfertiger in Marseille nannte. Sodann folgten niedliche thönerne Puppen aus Malaga, die sie ihren Kindern mitbrachte, und welche zu ernsten Diskussionen Anlaß gaben, da das französische Gesetz diesen kritischen Fall nicht vorgesehen hatte; sie wurden endlich doch in Beschlag genommen. Dasselbe Schicksal hatte das Porträt ihrcs Schwiegervaters, da es im Rahmen eingemacht war, und schließlich folgten sechs Flaschen edlen Val-depenas, hie der dicke Herr besonders freundlich schmunzelnd in 405 Empfang nahm, und somit die heftig weinende Landsmännin entließ, jährend ich sie mit der Vetheuerung tröstete, daß mich die spanischen Räuber bei weitem nicht so systematisch ausgeplündert hätten als die Mandarinen des civilisirtesten Landes in Europa. Mehrere Stunden wurde dieses edle Geschäft mit derselben Gewissenhaftigkeit fortgesetzt, ohne baß man irgend ein darauf bezügliches Gesetz weder vor- noch nachher bekannt gegeben hätte, so daß wrr Fremde alle erst erfuhren was hier verboten ist, nachdem es bereits confiscirt war. Die Neihe kam an mich. Der SchiWcapitän hatte mich aufmerksam gemacht, meinen edlen Aburiccatabak, den ich von Emir Veschir zum Geschenk erhalten und mit meiner in Gibraltar gelassenen Bagage wieder übernommen hatte, wohl zu verstecken. Ich hatte ihn in ganz kleine Pakete vertheilt, und in Rocktaschen und Felleisen falten derart kunstreich vertheilt, daß ich ganz ruhig meine Schlüssel hingab, nnd mich während der Durchsuchung mit Andern unterhielt. „Vo'liil lw lalilie!" scholl es plötzlich hinter nur, und einer der Cannibalen reichte den wohlduftcndm syrischen „König des Geruchs" dem bedenklich darein schauenden Douanenkönig hin. Ich that wie wenn es mich nicht anginge, man suchte weiter, und ein zweites Donnerwort ,,vu>lä onc- gehcimnißvollen Fensterüberwürfe, hinter denen Karfunkelaugen hervorblitzen. Nur Ialonsieläden, Tag und Nacht buchstäblich geschlossen, geben der Stadt das Ansehen dcr verlassenen oder unbewohnten, wenn in den Straßen nicht gerade das gewöhnliche Menschenmecr wogt, und selten öffnet sich ein solcher Laden, und dann nur auf Augenblicke. Diesem Entbehren frischer Luft muß man die abgestorbene Lederfarbe der Marseillerinnen zuschreiben, denn tin türkischer Harem hat mehr Licht ,md Luft 407 als diese Hnlbinncn der Provence genießen. Um nichts zu arbeiten, mag diese Sitte vortrefflich sehn, man müßte denn beständig Lichter brennen. Nein, Marseille ist eine prächtige Stadt, ich ziehe aber die kleinste spanische Stadt vor, wo Leben, Luft, Poesie und Liebe herrschen. Ich hasst das gemeine Scharwerken dieser Kaufmannsstädte, dieses materielle Fortschieben am Geschäftskarrcn durch die ganze Gcschäftswochc, wo am Sonntag der Prineipal und die Commis mit ihren Maitrcssen und Grisettcn auf die Vastiden fahren, während die Frau Principalin und die Fräulein Principalinnen die ganze Woche hinter den Holzgittern hcrvorlaucrn, um endlich am Sonntag Abend mit schweren Lyoner Stoffen behängt sich in die Alleen zu wagen, oder sich im Prado bewundern zn lassen. Ich hasst diese steifleinenen Zahlenmenschen, diese Calculphysiognomien, bei denen das Ginmaleins die Stelle des Herzens einnimmt, und die jedes Gefühl nach dem möglichen Gewinn in Nrutto und Nettoertrag tarircn. Und diese Weiber, mit ihrer schamlosen Verschämtheit, diese papierne Tugend, die mühsam unter dem Flittergold der Convenienz das nackte Laster verbirgt, diest jesuitische Frömmelei, diese scheinheilige Ostentation, diese Unnatur und stete Furcht den wahren innern Menschen zn zeigen, wozu leider unsere armen Frauen von Kindesbeinen an drcsstrt oder kunstgerecht abgerichtet werden. Ein Mann ohne Wahrheit, ein Weib ohne Würde sind werthlose Gestalten, und wenn das Volk Spaniens über seine europäischen Brüder den Vorrang verdient, so ist dieß im Adel der Gesinnung zu suchen, der besonders iu Frankreich beinahe ganz erloschen ist. Der Prado ist eine der jungen Anlagen, wodurch Marseille bald den Platz unter den schönsten Städten Vuropa's einnehmen wird. Er ist größtentheils Unternehmung reicher Kaufleute, welche ihre am Gebirg gelegenen Landhäuser durch einen großen Park zu verbinden suchten, der zwischen Meer, Stadt und Bergen sich ausdehnt, und die dortige kleine Ebene ausfüllt. Vom Obeligk an ziehen breite Alleen nach den Villas hin, nnd Gebüsche von Pinien, Tamarinden, Maulbeeren und Zuckerrohr sind allerorten schon zu bedeutender Höhe gediehen, Tempel und Pächterwohnnn-gen erheben sich in ihren schattigen Voskets, nnd die öden Berge von Altmarstille sind von romantischen Grotten durchlöchert, mit den interessantesten Versteinerungen, und alle mehr oder minder halsbrechend zu besuchen. Die Höhle des Roland zieht sich un- 408 ter das Meer hinein, und ist jetzt die am bequemsten zu durchwandernde, da man die Knnst zu Hülfe nahm um diese Naturwunder zugänglich zu machen. Regelmäßige Omnibuscurse, deren Trompeter die Gäste in der Stadt zusammenblasen, Cabriolets und Tapecus, besorgen den Transport der Pradobesucher um geringes Geld, wie denn überhaupt das Leben in Marseille und der ganzen Provence zu den wohlfeilsten hieniedcn gehört. Vorzüglich reizend liegt am Kndc des Prado eine Restauration gerade über der donnernden Brandung desMcereZ, von wo man cine entzückende Aussicht genießt. Ich nchm nach vollbrachtem Frühstück eine Varke und durchschnitt die schöne klare Vny, um nach Chateau d'If hinüber zu fahren, au dessen Gefänguißwänden mau noch die Handschrift der unglücklichen eiserneil Maske, des natürlichen Bruders des unnatürlichen LudwigsXIV, eingegraben findet. Die beiden Ouarantäneinseln sind durch einen Damm verbunden, an deren äußerer trostlos uud einsam ein gestern angekommenes verpestetes Schiff vor Anker lag, das hier gänzlich aussterben mußte. Die Kathedrale liegt auf der höchsten Spitze der alten Stadt, über dem Felsenhalbkreis, den diese ums Meer bildet; sie ist die älteste Kirche Frankreichs, obgleich dieß uicht hindert daß im Gottesdienst dieselbe Frivolität herrscht, die in diesem Lande so allgemein geworden, die mau aber in seiner bigottesten Stadt nicht vermuthen sollte. Schon das ewige Geräusch der Strohstühle stört jene heilige Stille, welche von wahrer Andacht unzertrennlich ist, uud wenn man aus den spanischen Tempeln in einen französischen kommt, so glaubt man sich in ein Estaminet versetzt. Hier ist alles gemacht oder singirt, und in der französischen Kirche, wo die Gemeinde abwechselnd singt, wird man mehr zum Schlaft als zum Beten dadurch aufgefordert. Die Alameda und die Alleen der obern Stadt sind wirklich wunderschön, so wie der ganz neue Stadttheil, durch den sich Long-champs hinzieht. Es ist ein moderner und dem Klima glücklich angepaßter Vaustyl mit Gärten durchwebt, das Klima in Marseille erfordert aber eben so viel Schutz gegen Hitze als Frost, da eisige Kälte oft plötzlich die afrikanische Gluth empfindlich genug unterbricht. Die schönste Partie dieser Stadt ist wohl unbestritten der Cours de Bonaparte, clue Allee, welche die neue Stadt längs zweier Reiheu eleganter Häuser durchschneidet, und in die breite Treppe auMnft, dir nach der steilen Höhe mit der Kaisersäule 409 hinauffuhrt, deren Büste von untcn wie cin Stecknadelknopf sich ausnimmt. Ueber der Säule erhebt sich die höchste Höhe, auf der das Fort Notre Dame de la Garde und ein .ttirchlcin steht, worin dankbare Schiffer ihre oft höchst rührenden Votivtaftln für Rettung ans schweren Gefahren aufzuhängen pflegen. Das Panorama von dieser Höhe ist erstaunlich, man übersieht das Meer und die Stadt mit ihren unzähligen stachen Dächern und den duftenden über ihnen hängenden Orangengärten. Dieß ist das heutige Marstille, dessen Aushängeschild Prosperität ist, und das sich vergrößert wie keine andere Provinzstadt Frankreichs. Der grosie und kleine Cours, die Alleen von Long-champs nach St. Madelaine, der botanische Garten, die Stadt-promenadcn von Meilhan und der Capucincr, der Prado, die breiten Straßen mit frischem Wasser, die schöne la Canobiöre, die prächtigen Quais, die Stadt in Quadraten, die großen Gasthöft, das Leben in den vortrefflich gepflasterten Straßen, und sechstausend glänzendweiße Vastideu, welche die große Stadt umgeben und so einladend an den Bergen herumhängen, alles dieß läßt sich höchstens mit der Großartigkeit von Paris vergleichen. Aber wir finden hier nicht das Leben von Paris, und der gute König Ren« ist so gnt vergessen wie der gute König Louis Philipp verkannt. Man steht nur die Bewegung des Geschäftes, und die nächtliche Lustbarkeit in den Straßen besteht in Matrosenorgien, in welche sich nur zu viele wohlgekleidete Menschen mischen. Die Frechheit der Dirnen ist nur mit der Unverschämtheit der Bettler zu vergleichen, und der romantische Licbcohauch, der d!c spanischen Abende verschönert, drückt sich hier in bacchantischer Lust, in abscheulicher Musik aus, die vor und aus den Cafts betäubend erschallt, während das glänzende Gaslicht das unzüchtige Bild nur zu deutlich entschleiert. Marseille, das sich einst die Schwester Roms, die Nebenbuhlerin Carthago's nannte, ist auf dem besten Wege sich wenigstens den zweiten stolzen Namen zu verdienen, wenn nicht die Metamorphose der Levante einen kleinen Strich durch die französische Rechnung macht. Ein Miniaturdampsschiff brachte mich nach Toulon. Ich habe nie ein kleineres unbequemeres Dampfschiff gesehen, und der fatale Nordwcst übtc unbeschränkt seine Tücke an der über-zahlreichen Gesellschaft. Gin ganzes Collier von Putzmacherinnen, welche ringsum die Bänke des Verdecks einnahmen, um ihr 4W Heil an Mauritaniens gastlichen Ufern zu sllchctl und die bekehrten Araberiunen zu coiffiren, verfielen auf eine wirklich erbar-menswürdigc Weise der Seekrankheit, und ihre abgelebten, von Sünde durchfurchten Gesichter glichen bald den kahlen aschgrauen Felsen, an dcnen wir hinfuhren. Uebcrall gewinnt der Blick durch die Inselgruppen noch Aussichten nach dem freundlichen Prado, allein alle Lust zur Betrachtung verlor sich unter der Zerstörung die auf dem schmalen Schiffe herrschte, die blassen Französinnen wurden immer blasser und fielr» um wie todte Mücken. Noch halbsterbcnd warfen sie zärtliche gebrochene Blicke auf die reizenden Ströme ihrer Magenerpcctorationcn, welche bald das Schiffsparket wie ein Sce bedeckten, an dessen Anötrock-nung kein Mensch dachte. So kämm wir langsam genug gegen den Wind steuernd nach la Ciutad, das zwischeu dunkelbraunen Pergen liegt, dcren hintere Wand sonderbar abstechend aus lichtgrauen Felsen besteht, und wo die Natur iu einzelnen Vaum-gruppeu ein (^periment gemacht ;u habeu scheint, wie sie auf solchem Vode» Vegetation schaffen könne. Veim letzten Vor-sprung des Gebirges erheben sich zwei ein;elnstehcndc Pyramidal-felscn aus dem Meere, nach dcren Umschiffung man den ersten Blick aufToulon gewinnt, das aber hinter der großen hohen Land-zuuge, die ihren Hafen bildet, gleich wieder verschwindet. Die tiefe breite Bay ist von Vcrschanzungeii eingeschlossen, links das ssort Napoleon, rechts das von la Malgue, hinten aber das unscheinbare kleine Gibraltar, jenes berühmte Gguillctte, wo Napoleon seine erste hervorragende Waffenthat verrichtete. Näher kommt man nun im äußern Hafen an das neue prächtige Hospital von St. Mandricn, das schloß- oder tempelähnlich herüber-sieht, und fährt nun durch den schmalen Kingang der Arsenalmauern in den innern Hafen, der gleich einem großen Saal eingefaßt, und au der Nordseitc von der Stadt begränzt ist. Links sehen wir hier den Arsenalhafen, rechts die Werften. Die Stadt scheint von hier klein zu seyn, ob sie gleich vierzigtauseud Einwohner zählt. Unser ungeschickter Capitän fuhr au mehreren Schiffen an, und zertrümmerte am Ende noch eine Varke, fo daß wir unter allgemeinen Verwünschungen ans Land stiegen und uns Gasthäuser aufsuchten. Aus dem Bureau major erhielten wir Erlaubnißkartcn und Begleiter, um das Arsenal zu sehen. Den Hintergrund Toulons und scineS Arsenals bilden schroff ringsum aufsteigende silbergraue Verge, die eiue prachtvolle Staffage geben. Dreitausend Formts oder Galeerensklaven, dieser Auswurf Frankreichs, repräsentireu die Bevölkerung des Arsenals. Sie werden sehr gut gehalten, und beuüyen ihre Freistunden, um durch Holzschuih - und Aloöarbeiten Geld zu verdienen, die sie öffentlich in den Höfen feilbieten. Alte Schiffe dienen den Matrosen uud Forcats zur Wohnung, und die Omnibusse, in denen sie hierhergebracht werden, sind zwar von außen elegant, innen aber viel härter als das härteste Gefängniß, da die Sträflinge einzeln in einem ganz engen kurzen Raume, mit untergezogene» Vciuen sitzen müssen, welches bei viertägigem unausgesetztem Fahren von Paris nach Toulon zu den größten Torturen gehören mag. Iu reinlichen Küchen bereiten die grauen Schwestern eiu sehr gutes Essen, uud der Zustaud dieser Vagno-Oefangenen gehört zu den sehr erträglichen, sobald sie nur einigermaßen Spuren der Besserung zeigen. Zwei domähnliche gemauerte Ouaderchautiers dienen zum Schiffsbau unter Dach, und sind für die Folge zu Magazinen bestimmt, da neunundzwanzig ähnliche auf den änßeren Werften von Mourillou, dem zweiten Arsenal, im Vaue sind. Sehr reich ist die Instrumenten-sammluug, Voussolen uud Lauge- und Vreitemesser jeder Gattung. Die zwei Etagen hohe, scchzehnhuudert Fuß lange und dreifache Seilerwerkstätte ist uoch ein Werk Ludwigs XIV. Der Waffcnsaal ist aber nicht mit deuen zu Wieu zu vergleichen, uud mit höchst dürftigen Rittcrgestalten ausgestattet. Die Vorräthe ^on Pairhans und sonstigen Kanonen sind nicht entfernt deuen zu Woolwich an die Seite zu stellen, auch ist der Modellsaal zwar elegant, aber unbedeutend. Wo die Vclle Poulc vor kurzem abgegangen um Napoleons Leiche abzuholen, liegt nun die ehrwürdige Fregatte Muiron, die den Kaiser aus Acgypten herübertrug, und ungeachtet aller pomphaften Schilderungen der französischen Alättcr konnte ich keine erhöhte Thätigkeit in diesem Hafeu bemerken, so zwar daß selbst die Officiere sich beschwerten, seit langer Zeit uicht so wenig Arbeit gehabt zu haben. Der Sou-vcrain war das einzige im Vau begriffene größere Schiff. Im Arseualhafen liegen große Pontons für Damen, um dem Lanciren der Schiffe ins Wasser, und den berühmten Toulouer Schisser-stecheu zuzusehen. Wer übrigens Portsmouth und Plymouth besucht hat, kann über die Parallelen beider Schiffsmächte nicht in Verlegenheit seyn, und England hat in wenigen Monaten der schon bezweifelten Rüstungen gezeigt, wie es noch immer den Flotten von ganz Europa ohne Sorge die Spitze bieten darf. Hyüres gehört zn den Orten, die sich durch Klima und als gesunder Aufenthalt eine gewisse Berühmtheit erworben haben, vbschou ganz mit Unrecht, Dieses kleine Städtchen, das zwei Stunden von Toulon entfernt ist, verdiente eher eine Reputation wegen seiner Unsauberkcit, als wegen seiner Heilkraft. Fast das ganze Jahr hindurch herrschen dort Fieber, welche wohl durch die Lage in der Niederung, anderthalb Stunden vom Meer entfernt, erzeugt werden. Die Umgebung von Hy<>rcs ist dagegen höchst anmuthig, und der wahre Obstgarten und Obstmarkt der Provence, da sie mit Orangenbäumen ganz übersäet ist. Einzelne Landhäuser liegen vorthcilhast und stnd gegenwärtig an englische Familien vcrmiethet. Die Inseln von Hy^rcs, von denen man auch viel Aufhebens macht, sind nichts als drei Felsen, der erste ganz unbewohnt, der zweite von einer Fabrik besetzt, der dritte Residenz einer Fischerfamilic. Hy«res und seine Inseln sind übrigens ein Licblingsausftug der Toulouer, undhiczu wohl mehr geeignet als zum Rettungsanker für aufgegebene Brustkranke, wofür es die französischen Aerzte ausgeben. Wer vor zehn oder zwölf Jahren in der Provence gereist ist, wird viel im Diligencenwcsen verbessert finden, denn damals war es eine große Seltenheit, einen Tag zu fahren ohne umgeworfen zu werden, es befanden sich keine Conducteure bei den Wägen, das Geschirr war aber wie in Polen aus Stricken zusammengestickt. Wer aber aus dem nördlichen Frankreich, wo alle administrativen und gesellschaftlichen Verhältnisse mehr vorgeschritten sind, i» die Provence kommt, glaubt sich nicht mehr iu demselben Lande, so schlecht sind noch immer die unbequemen Kutschen, so liederlich das Spann- und Umspannwerk, und so leichtsinnig wird gefahren. Ich verließ Hyeres in einer solchen Diligence, wo ich glücklich noch einen Coup<>platz erwischte, da im Innern eine ganz betrunkene, aber ganz harmlos tobende Gesellschaft sich eingenistet hatte. Der Verkehr zwischen Toulon, Air und Marseille ist außerordentlich, und wir begegneten Omnibussen und Diligence» ohne Zahl. Die Gorges d'OMole sind wohl eines der schönstgcbildc-ten kleinern Gebirgstableaur, besonders die Partie mit dem alten Schlosst, wo der Paß am schmälsten und in militärischer Beziehung 4l3 bedeutend wirb. Von Marseille fuhr ich in einer ähnlichen Diligence ab, uud meiu Nachbar i:n Coup« wand sich mit gravitätischer Nühruug aus den Armen einer zahlreichen Familie, deren Abschicdsküsse ich zum Theil sehr gerne für ihn eincassirt hätte. Ich begann von dieser erschütternden Seenc mich ergriffen zu fühlen, und als mein thränenschwerer Nebenmann endlich Posto gefaßt nnd die Klitsche ihren Lauf begonnen hatte, fragte ich ihn theilnehmend, ob er an den Mississippi oder nach Novazcmbla reiste. Der französische Kleinhändler sah mich etwas verblüfft an, antwortete aber ganz kleinlaut daß er blos; zur Messe nach Van-caire gehe, aber zum erstenmal von Marseille abreise. Cs ist eine angenehme Fahrt durch die vielen Gartenanla-gen und Vastidcn, die Marseille gleich einem unermeßlichen Park umgeben. Gegen Abend kamen wir nach Air in Provence, die nette Stadt, die den großen Thiers erzeugte, dessen Schwestern hier im Dienste der Venus cloacina standen oder noch stehen. Das Thal von Air ist äußerst lieblich, Cypresscn und Maulbecr-bäume kröne» die gefälligen Höhen, im Osten erbebt sich eine hohe graue Fclsenwaud, und dichte Alleen laufen in den breiten Corso der Stadt hinein, dic, halb Land, halb Stadt, sehr einladend sich ausnimmt. In Vaucaire war Messe, und hunderttausend Fremde drängten sichln den erbärmlichen, schlecht gepflasterten Straßen einerStadt, welche höchstens zehntausend Einwohner zählt, die eilf Monate im Jahre von dem Gewinne des zwölften leben. Niesenaffichen waren über die engen Gäßchen gespannt, ähnlich den Teppichen an Frohnlcichnamssesten, die dunklen Gewölbe wimmelten von Menschen, aber das Hauptleben zog sich begreiflich wegen Mangels an Raum ins Freie. Die Alleen an den Rhoncufern waren dicht mit Vuden, Zelten, Rcstanrationcn gefüllt, cine nnab-sehbare Wagenburg hatte sich etwas weiter zurück aufgestellt, und die zahlreichen Bivouacs gaben dem Ganzen ein äußerst belebtes Aussehen, halb Jahrmarkt, halb Lager. Drei Felsen steigen senkrecht aus dieser sonderbaren Stadt empor. Der zunächst der Rhone ist das Castcll der Montmorency, ein achteckiger Thnrm mit Mauern; der zweite trägt eine Windmühle, der dritte eine Wallfahrtstation. In Vaucaire mündet der Canal Langncdoe, in die Rhone, nnd Postschiffe, von vier Pferden gezogen, kommen in zwei Tagen von Toulouse hierher. Der Jahr 4l4 markt von Vaucaire konnut immer mehr in Verfall durch das Umherreisen der Musterreitcr, oder vielmehr Musterfahrer, die es den Städten und Dörfern ersparen ihre Ginkanse auf den fernen Messen zn besorgen, da sie ihnen ihren Bedarf ins Haus liefern. Tarascon liegt auf dem linken Nhoneufer und ist mitVancaire durch eine dreizehnhundcrtfünfzig Fuß lange Drath-brncke verbunden. Das alte Schloß der Grafen von Provence liegt hart am Strom und dient jetzt als Gefängniß. Die Kathedrale ist bemerkenswert!). Arles hat cin römisches Amphitheater, das nie vollendet war, nud jetzt zu Stiergefechten benutzt wird, denen aber spanische Nomantik fehlt. Cin alter Dianentempcl findet sich noch in einer christlichen Kirche, so wie ein über sechzig Fuß hoher Monolithobelisk von Granit, so viel ich weiß der einzige in Guropa gefertigte. Die Schönheit der Frauen in Arlcs ist sprüchwörtlich, es sind die schönsten Frankreichs, aber —< ich hätte sie gewiß schöner gefunden, käme ich nicht aus Andalusien. Die Weiber scheinen mir hier alle so derb, so ^.'lump, so viel Fleisch, so grobe Glieder, nnd so wenig Grazie. Nimcs liegt vier Stunden von Vaucaire, und auf der Eisenbahn fliegt man in dreißig Minuten hin. Die Vahn wurde nun nach Montpciller verlängert, von wo sie schon längere Zeit nach Cettc besteht, das dadnrch zn einem der wichtigsten Seehäfen Frankreichs erhoben wird. Die Bahn nach Arles und Marseille soll anch bald begonnen werden. Das alte Nimes ist enge nnd schlecht gebant, man bietet aber alles auf um es zu erweitern nnd zn verschönern. Noch stehen die altrömischcn Thore, wie überhaupt Nimes reicher an erhaltenen Nömerwerken ist wie selbst Nom. Tie rings um die Stadt führenden Von-levards sind vielleicht die interessantesten Europas, denn sie winden sich in höchst geschmackvollen Anlagen durch prächtige Neber-bleibsel des classischen Alterthums, und was Römerhand erzeugt, ist nirgend so vollständig erhalten wie zn Nimes. Das Äugn-stusbad, hier Ia toinain« genannt, ist cin großes Bassin, dessen Decke von hundert Säulen getragen wird, zwischen denen durchsichtig klares Wasser anf Marmorboden das einladendste Schwimmbad bildet. Es ist halb offen, halb bedeckt, rings in weitem Quadrat ummauert, aus der Mitte erhebt sich eine Insel mit Urnen und Statuen geschmückt, alles vollständig erhalten. Vor 415 zwei Jahren wurbeu die Röhren entdeckt,, durch welche die Quelle zu- und abstießt, allein leider ist dieses herrliche Vad nur mehr eine Zierde des Parks, da es den Vlicken zugänglich in seiner Mitte liegt, und unsern Sitten und der Schicklichtcit folgend seinem ursprünglichen Zweck entfremdet werden mußte. Die an-muthigc Promenade zieht sich über die Quelle den angränzenben Vcrg hinauf, und schließt oben die berühmte Tourmagnc in sich, einen wahren Thurmkoloß, und jetzt noch in seinem halben Verfalle und gleich einem Greise gebrochen, ans allen Fernen sichtbar und stauncnswürdig. Man besteigt ihn auf hundert Stufen, und genießt auf ihm eine entzückende Aussicht. Nenn es wahr ist daß er früher als Leuchtthurm diente, so hat das Meer, das jetzt sieben Stunde» entfernt ist, viel Terrain verloren. Unten nahe beim Vade steht der Tempel der Diana, mit einem noch wohlerhaltenen Gewölbdach und kühnen Quaderbögen. Das Amphitheater ist eines der besterhaltmcn, wenigstens besser als eines in Italien. Es steht aber in sichtlicher Gefahr, wenn man nicht große Opfer zu seiner Stützung und Erhaltung bringt. Das Oval der Arena ist wunderschön, wie auch die großen Hauptthore, Arkaden und Galerien sind in inristerhaftcr Vanart, und das Ganze mißt zwölfhundert Fuß im Umkreis und mochte leicht über zwa »zig tau send Zuschauer fassen. Wie haben die Alten für die Givigkcit geballt, da ihre Werke alle Erschütterungen der Länder überstände», und bald Gothen, bald Arabern als Festung dienten. Das besterhaltene römische Gebäude aber, und überhaupt der in alleu Einzelnheitcn constrvirtestc korinthische Tempel ist der des Jupiters in der Stadt, welcher den Mittelpunkt des lm-mn ^u^uswm bildete. Er ist ganz unversehrt, hat vorne sechs, an jeder Seite cilf Säulen, und seine Cclla dient als Museum, n'orin sich freilich die modernen Scnlp-turen und Gemälde, die nackten Venus- und Danaebilder, über den classischen Marmorfragmenten hängend, etwas störend ausnehmen. Ein langer Mosaikboden, der auf dem Forum gefunden und ausgehoben wurde, dient noch ganz erhalten der Cella als Parket. Das hohe Eingangsthor ist in vollendeten Verhältnissen und die Verzierungen werden nur von denen des Sonnen-tempcls zu Valbec an Reinheit der Form und Zeichnung nbcr-troffen. Jedenfalls ist der Tempel zu Nimes eine Mustcrüber-lieferung der römischen Architektur, wie es der Theseustempel zu 416 Athen vou der griechischen ist. Beide glnchcn sich auch in Form, Größe und Schönheit. Die Esplanade bildet Anfang nnd Ende der schönen Voulcvards, welche die 8 Vorstädte von Niines scheiden. Der Eindruck von Nimes mit seinein zauberischen Hügelthal ist höchst erquicklich. Vier Stunden entscrnt steht der berühmte Pont de Gard, der mich auf den ersten Anblick durch seine Aehulichkeit mit dem Aqnäduct hinter Smyrna überraschte. Er erhebt sich in drei Etagen über einem Thale das er gänzlich ausfüllt, indem er die beiden Verge verbindet. Sechs mächtige Bögen bilden das Fnudament, durch dessen Fclstnbett der Strom sich durchzwängt. Die zweite Tracht besteht aus zwölf kühnen breiten und hohen Bögen, welche das hier schon viel breitere Thal überspannen, und an deren Fnß die alte Straße nach Auignon hinzieht. Das oberste Stockwerk besteht aus W kleineren Bögen, welche die Wasserleitung besorgten, in deren Lanälen man anfrccht durchgehen kann. Diese oberste ätherische Bogcnreihe verbindet die beiden Spitzen der Verge, welche den Gard einschließen, und noch geht man bequem auf ihrer Oberfläche von einer Hohe zur andern, denen sie einstens als Verbindungspfad diente. Die ganze übrige Wasserleitung bis Nimes war unterirdisch, und man findet von Zeit zu Zeit noch Spuren ihres Ganges. Jetzt hat man die Straße nach Avignon abgekürzt, und sie führt nun durch eiue Drathbrücke bei Nemoulin über dcu Gardon. Hier endet die südliche Provence, die schönste Provinz der alten Gallier, um welche Römer, Gothen, Araber und Franken kämpften. Wie ist aber alles verändert, seit die mächtigen Grafen von Provence hier herrschten, denen fast der ganze Süden Spaniens nnd Frankreichs gehorchte. Damals erklangen die Kriegs- uud Minnelieder der Troubadours, die Llcbcöhöfc entschieden über Werth und Reiz der herrlichen Frauen, die tapfern Ritter besangen ihre Damen, und bekämpften die Zweifler ihrer Schönheit, und von hier zogen dic romantischen Eroberer des heiligen Krenzes zuerst aus nach Jerusalem. Allein die reizenden Can-zonettcn und die tragisch-schwärmerischen Tcnsonö, diese Ideali-strung des zarten Fraucuthnms, haben sich jetzt iu erotischen Materialismus eines Hugo und Dumas verwandelt, die idyllische Anbetung der Frauen findct ihre Folie im Proceß einer Lafarge und in den Zerrbildern einer Dudevaut, das edle Nitterthum mußte einem skeptischen Ehrgefühle Raum geben, und die sonst 417 als Modell dienende romanisch-proven^lische Sprache hat sich in dem abscheulichen Jargon von Marstille aufgelöst. Die heitere Poesie des Südens ist dem egoistischen Treiben nnsercr Zeit gewichen, und während vormals die Franzosen jenseits der Loire den Proven^anr diesseits der Loire als Barbaren erschienen, haben die Bewohner der jetzigen Provence gültigere Ansprüche auf diesen Titel erworben, denn wenn gleich bieder und offen, findet man doch schwer in Gnropa mehr Unhöflichkeit nnd rauhere Sitten wie in dem Lande zwischen den Mündungen der Rhone und der wilden zersto'rungssüchtigcn Durance. Morgenland und Abendland II. Ite Auff. tz? 37. Die Nhone. Auf der vaterländischen Donau hatte ich meine Reise begonnen, auf der wilden feindlichen Rhone beschloß ich sie. In einem weiten Vogen hatte ich drei Wettheile berührt, ich hatte die Länder alle durchwandert, die min die Gräucl des Krieges über sich hereinbrechen sahen, nnd Morgenland nnd Abendland fand ich angestanden nm mit dem Schwert Dinge zu verfechten, wofür man noch keinen Namen gefunden. -Als die frommen Ritter des Mittelalters auszogen nach dem Morgenlande, hatten sie ein hohes Ziel vor Augen, sie wollten die Nrstättc ihreö GlaubcnZ erobern; die Ritter unserer Zeit scheinen von weniger edlen Absichten beseelt, sie rüsten sich zum Kampfe weil es ihnen zu Hause zu enge wird, nnd sie verlassen die Hcimath, weil die Leidenschaft und die Unzufriedenheit sie vom eigenen Herde treibt, ohne daß sie anzugeben vermögen was sie Besseres suchen, und ob sie Anderes finden werden. So sah ichFrankreich wieder, ringend nach namenlosen Gutern, und so betrat ich die brausende Rhone, das Vild des Charakters ihres Landes. Während die stolze Donau rnhig, fest und besonnen ihren majestätischen Lauf vollbringt, und die Segnungen ihres Daseyns allen Bändern spendet die sie durch-" strömt, bricht tollkühn, regellos und heftig die gefährliche Rhone aus den finstern Schluchten deö Fnrkagebirgcs, und reißt alles mit sich fort was ihrem Lauf entgegentritt. Es ist der deutsche und der französische Charakter die wir in ihren beiden Hauptströ-men ausgeprägt finden. Der eine voll Würde und Kraft sich äußern Eingriffen entgegcnstcmmcnd nnd jedes Hinderniß besiegend, das fremde Anmaßung in sein Recht seinem Gange in den Weg legt', der andere tobend und überströmend von dem Gärungsstoff des leicht verflüchtigten Gasweincs, ähnlich der Lawine die sich losbricht von schwindelnder Höhe, ohne Fall und Richtung bemessen zu können. Gleich dem gallischen Menschen- 419 meere, das die reichen Fluren unseres Landes zu überschwemmen droht, ist der französische Fluß ans seinen Ufern getreten, wie wenn er uns zeigen wollte was Uüs bevorsteht, wenn die ungebändigte, gesctz- und herrenlose Fluch sich einst wieder über unsere reichen friedlichen Gauen ergießen, und sie nüt ihrem Schlamme und dem Koth der Revolution düngen winde. Dann mögen unsere herrlichen Ströme uns als Vereinigungspnnft uud Ginigkcitspanier, und in ihrer unerschütterlichen Kraft, in ihren» Festhalten und Verfolgen der ursprünglichen Gränzen und regelrechten Bahnen als Lehre dienen wie wir ausdaueru sollen gegen Unrecht und Uebergriff, nnd licbcr fallen und das schone Vaterland verlieren als dem Servilisuuis der Ncvolution, dein Henkerbeil der schändlichen Propaganda den Nacken beugen. In der gangen englischen Marine findet sich wohl kein Matrose der sich inUnhöflichlcit die an Grobheit gränzt, in Unreinlichst die Abscheu erregt, mit dem Capita« des Dampfschiffes messen dürfte, das ich in Vancaire bestieg um die Rhone hinauf uach Lyon zu fahren. Dieser Mann und seine zerlumpte Equipage war ein Mnstcr provenzallscher Sitten, nnd das Schiff das er führte glich dem Befehlshaber auf ein Haar. La Coini-te, unvergeßlichen Andenkens, verdient ihren Namen durch die Unzuvcrlässigkeit ihrer Nahncn und durch die schwierige Vcrechnnng ihres Laufes. Der ganze schmutzige Salon war mit Seidenbauen vollgepfropft, und ohne alle Bequemlichkeit für die Reisenden. Hier war kein Platz nieder zum Sitzen, Liegen, Schlafen noch Speisen, nnd die Recla-mationcn der überzahlreichen Passagiere verwandelten sich in Drohungen und Verwünschungen, als wir gewahrten daß keine Abhülfe zu hoffen war, und der Capitan taub dafür blieb. Die meisten waren nur bis Avignon eingeschrieben, wo das Schiff sich beinahe ganz entleerte. Ob aber gleich hier wie noch vielmals sich Gelcgenhcitbot anf andere rascherfahrende Danipfbootr überzugehen, so wollte ich doch beinahe allein bleibend keinen Gebrauch davon machen, da mein Zweck die Ufer kennen zu lernen auf diesem Schildkrötcudampfbootc leichter zu erfüllen uud die Zeit mir nicht ängstlich zngemessen war. Zur Ehre der zahlreichen Dampfgesellschaften auf der Rhone muß ich indeß gestehen daß mich der Zufall auf das schlechteste Schiff dieses Flusses geführt hatte. Denn welchen gerechten Grund man auch immer findet mit der Lebensart der Veroohmr Südftankreichö unzufrieden zu sehn, so muß man 27* 420 doch immer ihrer Industrie und ihrer erstaunlichen kaufmännischen Thätigkeit Gerechtigkeit widerfahren lassen. Vlosi von Vaucairc bis Lyon führen fünfzehn herrliche Eisenbrücken über die Rhone, und Dampfschiffe jeder Form nnd Schnelligkeit bedecken den rasch dahineilenden Strom. Wic lange wird es noch brauchen bis wir die Vedenklichkeiten alle ablegen, die uns abhalten diese ätherischen Verbindungsmittcl anzuwenden, bis wir alle Küstenpunkte des Rheins und der Donau durch Drathbrücken verbinden, und freie Concurrcnz in ihrer Vcfahrung gestatten, diesen einzigen Hebel großartiger Verbindungen, wobei dein Staate nur Vortheil, nie Schaden erwachsen kann, und wo die ängstlichen Rücksichten für das Gedeihen von Privatunternehmungen auf Rechnung der Specnlantcn kommen, die doch nie fehlen werden. Da wo die wilde Durance in die Rhone tritt, und die Alpinen sich von Picmont herüberziehen um die südliche von der nördlichen Provence zu scheiden, liegt Avignon, einst römisch, bann saracenisch, bald Freistaat, bald Papstgut, und erst durch die Revolution französisch. Gs trägt großartige Spuren seiner frühern Bauart, und sein ganzer Anblick ist antik, ja classisch romantisch. Das große Hospital ist beinahe so prächtig wie das zu Lyon, das Invalidcnhütel dem Pariser in manchen Stücken vorznzieheu, allein das vielthürmigc Schloß, erst Residenz, dann Gefängniß und endlich Grab der Päpste, diese interessante hierarchische Reliquie, ist nun in Prison und Caserne verwandelt. Auf hohem Felsen schwebt über der Rhoue eine Capclle, eine antike Steinbrücke steht noch bis auf ein fehlendes Joch, und der ganze Anblick Avignons hat einen Reiz der Form, der augenblicklich an diese Stadt fesselt. Alte Thürme, alte Castelle, überall Seigneurialreste, Zeugen der kräftigen provcnzalischen Feudalherren, mischen sich mit den modernen hängenden Vrückcu, dicscr Zierde der Flüsse. Das ebenso antik ausschauende Villeneuve jenseits des Stromes erhöht das Romantische dieses Vildes, und Maicrhöfe und Landhäuser, gläuzende Dörfer, und Weinreben bis auf die höchsten Verge, und die benachbarte Fontäne von Vaucluse gießen einen unbeschreiblichen Reiz über diese Gegend. Es ist ein reiches, glückliches Land, und schon hier beginnen die Ufer der Rhone den Reiz zu entfalten, der sie mit Recht so berühmt macht. Allein trügerisch sind die hellgrünen Fluthell dieses gewaltsamen Flusses, und Sandbänke und Klippen machen die Fahrt stets unsicher. Die herrliche Staffage der Uferpartie von Montfaneon ließ uns ein Diner ohne Anfang noch Ende, ohn» Suppe noch Dessert verschmerzen, nnd die wenigen Franzosen, die mit nur aushielten, nnd cine junge liebenswürdige Polin machten die unzähligen Mängel uuserer 6thonegaleerc uur durch ihre unerschöpfliche Heiterkeit vergessen. Von Lagerstätte», Matratzen oder derlei Luxusartikeln war hier keine Rede, und wir richteten uns Nachts so gnt es ging unser Vett aus und zwischen den Scidenballots in der Cajüte cin, ohne deßhalb schlechter zu schlafen. Die Berathungen ob und wie wir früher nach Lyon kommen lönnten, verschwanden immer mehr, je näher wir uns kennen lernten, nnd wir beschlossen unser Geschick zu theilen, so lange la Comite nicht ganz stecken bleibe, welches ihr nur zu häufig zustieß. Am zweiten Tage beim Grauen des Herbstmorgeus stand der Pont St. Esprit, eine lauge schöne Brücke von dreiundzwanzig Steinbögcn, wie die bei Buffalora, vor uus. Pine Citadelle erhebt sich malerisch über ihr, allein ihr Erbauer, der heil. Lud-wig, hat nichts für Erleichterung der Passage gethan, die durch die schmalen Vögcn gegen eine so heftige Strömung höchst mühselig ist, Das Schiff wurde hier wie auf dem Nil gezogen, allein alles verrieth die erbärmliche Verfassung unseres Kometen, und der Capitän rieth nnö selbst eine andere Gelegenheit zn suchen. Der Bourg St. Andcol enthält nebst einem gallischen Tempel ein ausgezeichnetes Fräuleinpcnsionat, nnd bietet nut seiner Drath-brückc einen der schönsten Punkte der Rhone. Hier lreuuteu sich doch einige Reisende um ein anderes Schiff zu erwarten. Bei Donzi-rc erheben sich die Ufer zu einer Art Felftnpyramidc, wunderbare schroffe Formen, bald rechts, bald links abgerissen, wie durch cntgegenstrebcüdr, durch den Strom getrennte Erderschüt-tcrnngcn. Auch hier ist dic Auffahrt durch die Krümmnngen des Flußbettes schwer zu erzwingen, und während wir uns damit abmühten, umflatterten uns Legionen weißer großer Naben gleich Habichten. Ueber Niviers hängt das Schloß des Erzbischoss und eine gothische Kirche höchst malerisch auf einem Felsen gegen die Rhone herein, und in dem sich dahinter ausbreitenden wundervollen Thal erhebt sich ein großes Seminar. Die Höhen gegenüber sind mit alten CasteUthürmen und Mauern bekränzt. Auch das folgende Schloß von le Theil nnd die gegenüberliegende Stadt 422 Montelimart bieten einen schönen Vlick, aber einen der frappi-rendsten Punkte der Nhone bildet eine ganz schwarze Lava-Zinnenburg, anf der konischen Spitze eines dunkeln Vasaltkegels gleich einem Adlerneste schwebend, schauerlich, gespenstig anzuschauen, wie der etwas tiefer stehende Lavathurm. Nebenan sieht man den Krater eines Vulcans, nnd diese Thürme, wie ganz Rochemaure, sind von seiner Lava erbaut, und geben eine wahrhaft bezaubernde Aussicht über die contrastirenden lachenden Weinberge und das Grün des Thals, nus dem diese Todtenburg sich erhebt. Hier brachten wir die Nacht zu, und lange nach uns abgegangene Dampfschiffe, namentlich der stolze Sirius, flogen unö vor. Am dritten Tag passirtcu wir Vaix, und fortwährend hatten wir gegen heftigen Nordwind zn kämpfen. Das alte Schloß Ludwigs XIII, la Voulte, liegt über dem Einfluß der Dröme, nnd in einem malerischen Vergkcsftl die Väder von Salles, erst kürzlich entdeckt, nothdürftig eingerichtet und voll französischer Aristokratie, die sich hier Rendezvous gegeben zu haben scheint. Zwei Damen kamen von dort an uusern Vord, die Aermsten kannten nicht die gichtbrüchigc Beschaffenheit unsers irrenden Gestirns. Hier erlahmten alle unsere Dampfkräfte, und wir wurden aus Erbarmen von dem uns voreilcnden Aiglc in Remor--que genommen und über die Stromschnelle bugsirt. Gegen Valence wird die Gegend immer unmuthiger, es ist ein Zaubergarten mit Nninen geschmückt, der in eine Felsendecoration endet, auf deren schwindelnd steiler Spitze eine alte Ritterburg thront. Am Fuß der Verge prangen die Reben des glühenden St. Peray, und gegenüber liegt Valence, die alte Stadt der Römer und der Concilien, die einstige Residenz der mächtigen Grafen von Provence und Toulouse, mit ihrer schönen Kathedrale nnd der berühmten Artillerieschule, mit ihren vollendet pittoresken Umgebungen, und dem unendlichen Schmutz ihrer Straßen, diesem Kennzeichen des französischen Südens. Hier zeigen sich die Verge der Dauphin»'- in voller Pracht, sie erinnern durch ihre Hörnergestalt an die Gebirge Griechenlands. Die Schweizer und Pie-monteser Alpen rücken naher, nnd von Valence nimmt die Rhone einen regelmäßigeren Lauf an. Allein auf unsere Haus- oder Schiffhaltung wirkte diese Ordnung der Elemente nicht ein, und die Menage in unsern Cajüten blieb gleich originell, da Kellner, Koch, Chef he Euifine und Maitn d'hölel mit uns nßen, rauch- 423 ten, Pfiffen, sangen, und cine wahrhaft Graechus'sche Güterge-mein sch a ft v orh crrfchte. Chateaubourg ist w'iedcr eines der Felsenschlösser, an denen die Ufer der Rhone so reich sind wie die des Rheins; Thour-non war das Schloß der Herzoge von Soubise, nnd Tain ist die Geburtsstä'tte des edlen Ercmitageweius. Hier entstand die erste Kettenbrücke über die Rhone, welcher in unglaublicher Schnelligkeit so viele andere folgten. In Dauphin« sind weniger Ritterbnrgen, aber reizender gelegene Ortschaften wie in der Provence, das rechte Ufer ist hier immer mit Reben bedeckt, anf dem linken ziehen die Ausläufer der Alpen hin. Wir verließen Tournon am vierten Tagr früh zwei Uhr, sahen den schönen Punkt von St. Vallicr, und das Schloß anf Felsen im Flußbette bei Sarras. Dann kommt An-dance, von wo die Straße nach Annonay. der Vaterstadt Mon-golficrs, nnd St. Etienne abgeht. Der Gegenwind wurde stets heftiger, nnd wir stiegen in Vondrieu ans Land, nm uns in den vortrefflichsten Weinen Südfrankreichs gütlich zu thun. Hier wächst der Chateaugrillu, sin weißer, höchst lieblicher und un-gemcin feuriger Wein, den man hier, oder selbst von Lyon aus, um fünfnnddreißig Sous die Vouteille in erster Qualität liefert. Der L6te rüti wächst eine halbe Stunde entfernt bei Ampuis, ist etwas herber und muß abgelegen seyn. Vienne ist eine der ältesten und schönst gelegenen Städte Frankreichs, wo man unter andern antiken Vaurcsteu die römische Pyramidal-Nadcl, Wasserleitungen, Naumachie uud einen prächtigen gothischen Dom findet. Einzelnstehendc Verge mit Burgrninen umgeben die Stadt in malerischen Gruppiruugen, allein hier riß unsere Geduld, da wir auch die vierte Nacht auf der Rhone zubringen sollten, und wir flüchteten nns auf die Sylphide, die eben wie so viele andere an uns vorüberschlüpfen wollte. Unter den stchsnndzwanzig Dampfschiffen ist dieß eines der flüchtigsten auf der Rhone, und wir waren ganz glücklich wieder reinliche Schiffsräume zu finden. Oivors ist dcr Hafen von St. Gtienne und der Mittelpunkt der Eisenbahn von Lyon. Valb öffnete sich nun dcr Blick ans diese prächtiggelegene Stadt, die in purpurner Abcndbclenchtung vor nns lag, als wir gegen die Grdspitze hinfuhren, an der sich Rhone und Saone vereinigen. W ist ein imposanter Anblick, dieses große Lyon, wie eS sich über den beiden cs umarmenden schiff- 424 und brückenreicheu Strömen in steilen Terrassen hinaufzieht, und gleich Konstautinopel durch Wasser und Felsen in drei Städte abgetheilt wird. La Guillotine liegt auf der stachen Ebene des linken Nhoncnfers, la Croi? Ronssc über die Höhen hinter der Hauptstadt hinaus, Lyon selbst aber von den beiden Strömen auf malerischer Landzunge umfangen, malerisch aber todbringend durch das treulose Element. Prachtige Quais nnd Alleen dienen beiden Ufern als Randeinfassung. Wir landeten unfern der prächtigen Place Velcour, wo Ludwig XIV sein Perückcnhaupt schüttelt, nnd ich zog noch in der Nacht dnrch die vielen engen hellerlcnchteten Strassen nach dem Platz Terreanr, wo Lyon einen seiner edelsten Männer aus der Guillotine verbluten sah, nnd wo ich im Hi>lel Milan das beste Quartier in Frankreich, jedenfalls besser als auf der Comite fand. Ein Sonntag in Lyon ist eine wahre Schmlausstellung einer wandernden Modehandlung. Eine sinnlosere Anhäufung von Putzgsgenständen habe ich nicht leicht anf weiblichen Körpern beisammen gefnnden, und ich mochte in der Messe oder anf die Spaziergängc wandern, überall trat mir diese lururios, aber geschmacklos aufgeputzle Welt entgegen. Tie Kathedrale auf dem rechten Saoneufer mit ihrer schönen gothischen Facade war vollgepfropft mit solchen überschwänglich behängten Damen; von dort ging es am Iustizpalast vorbei, mit dessen Säulenfrontc man drei griechische Tempel hätte ausrüsten können, über alle die reizenden Quais, nach der Chartreuse hinauf, wo die französische Kirche wieder ein anderes Publicum zeigte, dessen ohrenzerreißen-der Gesang mich sogleich wieder hinaus zu den Varrii'ren der erhabenen Eroir Nonsse, nnd nach ihren obersten Spitzen trieb, ans denen uralte Cisterncn und Gefängnisse hervorgähneu, und von deren halbverfallenen Fcstungstnaiiern eine der schönsten Aussichten Lyous ist. Von dort stieg ich am Pulvermagazin hinab zu den Varrii-ren der Saone, diesem zarten ruhigen Fluß mit seinen paradiesischen Ufern, der gleichsam seinen Lauf zu verzögern scheint, um nicht zu rasch zur Vermählung mit seinem wilden Gatten zu kommen. Hier war das Leben des Volks, und Vier und Tanz in allen Gärten, und niedliche fröhliche Mädchen ringsum. Prächtige Felsenpartien begrcmzen diese Uferdämme, auf denen man wieder nach Lyon und in eine andere Welt zurückkehrt. Der Platz Velcour hatte alles in den Abendstunden vereinigt, was M5 Fashionables in der Stadt zn findeni einige tausend Strohstühle n'aren nntcr den achtfachen Alleen aufgestellt, um die müßige schöne Weltzn empfangen, nnd ein Lesecabinet, diese Zeit tödteude Uner-läßlichkeit unserer Zeit, bildet den Mittelpunkt dieses glänzenden Zusammenflusses. Geputzte Herren und Damen saßen sich angähnend in endlosen Spalieren nntcr den schattigen Bäumen, denn hier N'ie überall langweilt sich die Societät, und nur dieVourgeoisie hat das gemeine Vorrecht sich zu vergnügen. Die tödtende Leere, die anf allelt Gesichtern geschrieben war, und die antispanischen falschen Mantillas der Damen trieben mich fort nach den Quaiö, anf die herrlichen Brücken, wo doch Bewegung und Leben war. Processionähnlich kamen die Meuschenströme zn allen Barrieren herein, und bis zur entferntesten von St. Clair, in der Länge von zwei Lienes, drängte sich der Menscheukna'nel endlos fort, nnd in die tiefste stacht hinein war keine Abnahme, kein Abflnsi merkbar, obscho» die unzähligen Kaffeehäuser bereits eine Unzahl von Gästen an den Tischen im Freien angezogen hatten. Anch ich licsi mich bei gefälliger Gesellschaft zum Abendessen nnd Ausruhen von dem ermüdenden Tagwerke nieder, allein die berühmte französische Heiterkeit, jene Lust und Lustigkeit, die uns an unsern Nachbarn in früherer Zeit so sehr entzückte, fand ich nirgend mehr. Gs hat sich eine Nnznfriedenheit, ein dumpfes Brüten der meisten Franzosen bemächtiget, das ihnen wenig ansteht, und ihnen jedenfalls ihre hervorragendste liebenswürdigste Eigenschaft, jenen unnachahmlichen leichten Champagnersinn, raubt. Lyon hat nicht den lachenden Anblick von Paris. Seine Hänser sind grau und traurig, die Jalousien wie in Marseille stets verschlossen, nnd ihm fehlt das Kokette der Pariser Wohnungen. Die kriegerische Stimmung und Haltung welche ganz Frankreich in diesem Augenblick angenommen, trägt freilich viel dazu bei das Düstere des Vilbcs zu erhöhen; alle Straßen wimmeln von Soldaten, überall hört man die Trommel und den Ruf nach Krieg, obgleich Niemand angeben kann mit wem man ihn eigentlich führen will. Die schönen Alleen des neuen t^onr» <1n Niäi enthalten mehr Geschütze als Väume, und der schöne Grcr-cicrplatz anf der Spitze der Flüsscvereimguug wird nie leer von Truppen. Es war eine Zeit, wo der elektrische Geist des Cor-fen-(5äsars in Frankreichs Rüstungen jenen Hauch des heroischen Zeitalters trug, den wir zn alle»! Zeiten bewundern müssen. 42« Diese Zeit ist vorüber. Was die Franzosen uns geben konnten, haben wir dankbar von ihnen empfangen; was sie uns weiter bringen wollen, wissen sie so wenig wie wir selbst/ und somit werden ihre kostspieligen Ausrüstungen wohl eben so nutz- als wirkungslos vorübergehen. Nur große erhabene Zwecke können den Enthusiasmus in einer Nation hervorrufen, der andern Völkern seine Ueberzeugung mittheilt. In dem kalten, speculative« Lyon kamen nur die martialischen Auswallungcn geschraubt und unnatürlich vor, nnd ich verließ den Mummenschanz des Sol-dateuspiels, wie ich die Toilettenparade auf der I'InL« lieleour verlassen hatte, nm Lyon da aufzusuchen, wo es allein den Namen einer der reizendsten Städte der Welt verdient. Der Thurm de Fourvi«res ist ein Observatorium, wo man aber nicht die Sterne des Himmels, sondern den Anblick der Erde aufsucht. Eiu reicher Privatmann hat ihn vor einigen Jahren auf eigene .dosten erbaut, in der naiven Mcinnng, wie man mir wenigstens sagte, von seiner Spitze den größten Theil von Frankreich, selbst bis Paris zn übersehen. Diesi ist ihm nun zwar nicht gelungen, aber einen der schönsten Landstriche Frankreichs sieht man gewisi auf diesem Thurm, der auf dem günstigsten Punkte für das Panorama Lyons, über den steilen Höhen des rechten Saoneufers sich erhebt. Von hier aus gesehen ist die Lage Lyons eine der erstaunlichsten die mir bekannt sind, und die Gruppen, in welchen seine fiustcren Steinmassen, diese oft acht bis zehn Stockwerke hohen Häuser, mit ihren hohen zinnenartigen Kaminen über die scharfabfallenden Höhen ausgebreitet sind, erscheinen von oben eben so überraschend als großartig. Von dieser Thurmplatte überblickt man die ganze Alpenfette vom Montcenis bis zum Montblcine, und zwischen ihnen lind Lyon dehnt sich eine Ebene aus, aus deren grünen Fluren Tausende von Dörfern, Städtchen und Landhäusern hervorragen und sich zu den schönen Höhen über den beiden Flüssen hinaufziehen. Der Iarbin des Plantes liegt auf der Höhe von Croi^ Nousfe, gleichsam halben Weges zwischen der Vergstadt und der Flußstabt, die er durch seine hügeligen Anlagen verbindet. Vei der heftigen Hitze Lyons ist dieser Spaziergang eine große Wohlthat, und man findet hier stets Menschen und Musik, obgleich auch hier die Langeweile vorherrschend scheint. Dem ganzen französischen Süden fehlt die Grazie und Eleganz der Pariser Form, und je länger «7 und weiter mau in diesem Lande reist, desto sicherer wird die Ueberzeugung, daß Frankreich nur in Paris ist, diesem wahren Centralpunkt der französischen Gesittung. Lyon sucht diese nachzuahmen und wird Caricatnr. Dabei wirkt die religiöse oder besser gesagt bigotte Orziehuug nachtheilig auf die Frauenwelt, deren gespannt-ängstliche Reserve sich in jener traurigen Prüderie ausspricht, welche auch bei uns immer mehr um sich greift, nnd als das Grab aller Lebensfreude, alles Humors und alleS frohen unbefangenen Umgangs zwischen beiden Geschlechtern angenommen werden darf. Besser noch wie die Tracht der höhern Stände erscheint die der Mädchen der mittleren und untern Classen, die in ihren enormen Strohhüten oder sonderbaren schwarzen Hauben gar niedlich nnd neckisch dreiusehen. Allein die Männer sind hier wahre Soll- und Habcngesichter, ferne von dem reizenden Sichgehcnlasscn der Pariser. Alles ist beschäftigt oder thut wenigstens so, wahrend man in Paris meint dasi gar Niemand etwas zn thun habe. Dieses geschäftige Wesen ist das Kennzeichen der Handelsstadt. Marseille mag mit seinen kosmopolitischen, leichtsinnigen nnd lebeuslnstig-kccken Menschen weniger solid seyn, in Lyon herrscht aber durch Aufgeblasenheit und eckige Anmaßung ein Krämergeist vor, dcr selbst bei kolossalem Reichthum, und wenn die Krämer Millionen besitzen, stets lästig genug den Geist in Fesseln schlagt. Lyon hat eben so viele Omnibusse mit Trompetern wie Marseille, schwerfällige Fiacres und Cabriolets, und zum Ucberstuffe die schweizerischen Cliln-5 ü >'ou'>, in denen man nur auf Einer Seite sieht. Dagegen steht man auffallend wenig Equipagen, wie überhaupt das gesellschaftliche Leben hier keinen Schwung zu haben scheint. Das Pflaster ist schlecht, aber in Lyon sieht man keine Vettlcr, und die Anstalten der Wohlthätigkeit sind vortrefflich, besonders das Hospital auf dem Rhone-Ouai, vielleicht einzig in seiner Art. In Lyon spricht man besser wie in Marseille, und weniger gut als in Dijon. Immer aber kennt man den Pariser hier aus allen Kreisen der Gesellschaft heraus. Die berühmte Nachcl spielte in Lyon, uud es war billig daß ich ein Billet für acht Frauken kaufte, um sie zu sehen, aber sehr unbillig daß ich dafür keinen Platz fand, sondern zuerst in die Coulissen und dann in den fünften Rang gewiesen ;vnrbe. Das Lyoner Theater ist klein nnd häßlich, und bereits drei Stunden vor dem Anfange drängten sich jeden Abend dip 423 aufgeputzten Damen und Herren vor den Laufständcn des Cin-gangs, um zu rechter Zeit an der Queue anzustehen — eine Sitte, die mit zu den unsittlichsten Guropa's gehört. Die Rache! ist ohne alle körperlichen Reize, eine lange hagere Gestalt, schmales ausdruckloscs Gesicht, kleine sprachlose Augen, die Mimit fast Grimasse, wie von Nervenzuckungcn hervorgerufen. Mit so wenig bestechenden Vorzügen verdankt sie alles ihrem herrlichen Organ und der aus ihrer Seele fast unbewußt geschöpften Leidenschaft ihres Spiels, welche selbst den, besonders im Beginnen, fühlbaren Maugel höherer Würde nicht vermissen lassen. Die Berechnung ihrer Effecte möchte ich fast iustiuctartig genial nennen, und die undankbaren Bilder Racine's verkörpern sich unter diesem geistigen Hanchc zn den edelsten Gestalten. So weiß sie die Wuth verschmähter Liebe, diese Klippe der Tragödie, meisterhaft in den Schranken der Weiblichkeit zn halten, und die Rorelane im Vajazcd würde Racine selbst entzückt haben. Gegenwärtig ist die Rachel noch der einzige Repräsentant des classischen Drama's, cs ist der weibliche Talma, uud durch sie werden die Reime und die rythmische Monotonie der alten französischen Tragödie allein noch genießbar erhalten. Die Hörner der Jäger von Vinccnnes klangen früh drei Uhr aus meinem Platze, und riefen auch mich hinauszumDampf-schiffe, das mich ans Ende meiner Reise tragen sollte. Es waren mehr Damen als Männer auf den Verdecken, nnd Stunden lang sahen wir noch auf den Schlangenwindungen der Rhone die schönen Hügel von Lyon und Croir Roufse, und folgten den wechselnden Bildern, in denen sich Vorstädte, dctachirte Forts, Dörfer und Villas an einander reihen, und stets nur Eine Stadt zu bilden scheinen. Dann vereinzelten sich die Gebäude, einzelne Schlösser tauchten auf dichtbewachscnen Höhen auf, uud Ruinen, Eisenbrücken boten auch auf der obern Rhone die Sinnbilder der alten nnd neuen Zeit. Schmaler wird hier die Rhone, und die Ufer treten sich näher, nachdem über die Santc dn Rhone rcmorquirt worden, diese Katarakten, deren Passage Kraft nnd Geschicklichkeit erfordert. Reizend tritt uus Mazarins Schloß Gröle entgegen, und plötzlich erweitert sich wieder der trügerische Fluß zum See, und wir saßen mehrere Stunden auf Sandbänken fest, rings unigeben von ebenfalls angezauberten Fahrzeilgen. Rechts thürmten sich immer näher die herrlichen Verge 429 der Chartreuse von Grenoble, mit dem berühmten Pont du Vcauvoifin, den EchelleS und denl Felscntunncl von la Iaille. Die Passagen des Stromes werden stets enger und gewundener, und man verläßt die Rhone nnd Frankreich bei Chanad, der picmontesischen Gränzmauth, um über den reizenden azurblauen See von Vourgct, diese liebliche großartige Gebirgsscenc, zu steuern. Man hatte eben glückliche Versuche gemacht mit den Dampfschiffen bis Seysscl zu fahren, der höchste zu erreichende Punkt, da bei Laclusc bekanntlich die Rhone eine Strecke von sechzig Fuß ganz unter den Felsen verschwindet. So wird man künftiges Jahr in Ginem Tage von Genf nach Lyon, und am zweiten von Lyon nach Avignon, vielleicht auch mit Hülfe der Nacht nach Marseille gelangen. Welche Fortschritte, welche Verbindungswege sehen wir iu unserer Zeit entstehen, und wie thöricht sind die Menschen, auf Eroberung fremder Länder zu sinnen, während bei den Fortschritten der Wissenschaft so unendlich viel im eigenen Laude zu erobern und zu gewinnen ist! Wenige Zeit nachdem ich die gesegneten Provinzen der Provence und der Dauphins durchvilgert, wurden sie von der gräßlichen Wafserkatastrophe ereilt, deren Wunden lauge uoch bluten werden. Allein Frankreich ist unermeßlich reich, an Geld wie an Menschen, und blühender werden sich die zerstörten Fluren, glänzender die Wohnorte erheben, und Frankreich hat für die Zukunft keine Sorge als die Verwendung seiner Bevölkerung und seiner Capitalien. Vald wird Algier, das kostbare Algier, eine unerläßliche Nothwendigkeit werden, um beiden Abfluß und Nutznießung zu bieten, und verblendet müßte Regierung und Volk seyn, wenn sie nicht erkennten was ihnen vor allem noth thue. Nicht ein paar Länderstriche am Nhein sind es deren sie bedürfen, denn Land hat das große Frankreich genug, und wird es von uns nicht mehr so wohlfeilen Kaufes erringen. Das Meer ist es wohin Frankreich seine Augen richten muß, gegen das stolze übermüthige Albion soll es sich rüsten, um sei-» nen Platz im Mittelmecrc wieder einzunehmen, ohne den es nur ein ringsum abgeschlossenes Binnenland bleiben wird. Die französische Marine ist auf eine früher nie erreichte Höhe gediehen, man schaffe sich auch Matrosen nnd folge Clauzels Rath, zweihundert Dampfschisse zu bauen, die weniger kosten und besser rentiren werden als die chinesische Mauer um Paris. Dcunpf-Myrgcmand m,d Abendland. II. 2te Aufl. 28 M fiottm werden in zehn Jahren die Welt beherrschen, und Frankreich kann sie bauen, weil es Geld und Mechaniker genug dazu besitzt. Dieß ist der Ehrenpnnkt Frankreichs, nicht die Rheingränze, das Hirngespinnst verbrannter Phantasien. Man frage alle Franzosen die ein Eigenthum haben — und bei dem zerstückelten Voden rechnet man eilf Millionen Besitzende — und man wird überall diese Ansicht hören. Es ist ein Fehler, und vielleicht ein Unglück dasi wir nichts von der Stimmung Frankreichs erfahren, als was wir von der Pariser Presst lesen. Zu keiner Zeit aber ist diese fanatische Ausgeburt eraltirter Parteiführer isolirter in Frankreich gestanden wie eben jetzt, und wenn man Stimmen sammeln wollte, aber pünktlicher als bei des Kaisers Wahl, so würde die große Mehrzahl gewiß für die wahren Interessen sich aussprechen. Um die Franzosen kennen zu lernen, muß mau nicht nach Paris gehen, so wenig man die Russen kennt wenn man in St. Petersburg sitzen bleibt. In großen Städten schleifen sich die Menschen aneinander ab, wie die Kieselsteine in den Flüssen, und die Physiognomie aller Hauptstädte Europa's sieht sich deßhalb so ziemlich ähnlich. Paris hat hierin noch den traurigen Vorzug der Centralisinmg, und dieß ist vielleicht das gefährlichste Vermächtnis; Napoleons. Alle Partciuugen und politischen Spaltungen finden hier freies Feld, und die Stimme des Landes verhallt unter den sophistischen eigensüchtigen Einflüsterungen rasender Journalisten. In die Provinzen muß man wandern, ferne von diesem alles Nationale verschlingenden Cen-> tralpunkte, dort nur erschließt sich dem Beobachter der wahre das Volk durchdringende Grundton. Die Franzosen unserer Zeit sind für uns nicht mehr die Franzosen des vergangenen Jahrhunderts, sobald wir ihre Einwirkung aufs Ausland ins Auge fassen. Dieser Einfluß ist negativ geworden, wirkt aber deßhalb nicht minder, mächtig auf alle äußern Verhältnisse ein. Früher waren ihr Besitz uud ihr Umgang eine Nothwendigkeit, und wer erinnert sich nicht wie Franzosen, unter allen Formen, vom Minister bis zum Tanzmeister, von der Maitresse des Fürsten bis zur Bonne der Prinzessinnen, vom Fechtlehrcr bis zum Hciar-kräusler herab, sich an allen Höfen Europa's, von Friedrich dem Großen bis zum kleinsten deutschen Neichsfürsten, als unentbehrliche Hebel des feinern Lebens eingenistet hatten. Jetzt ist ihre 431 Entbehrung cine Pflicht geworden, denn die Gesinnung, die man sonst liebte weil sie liebenswürdig war, fürchtet man jetzt, weil sie verabscheuungswürdig ist und alle Grundfesten der menschlichen Gesellschaft zu untergraben droht. Vine Nation, die ihren Nachbarn mit Entfesselung aller niedern Leidenschaften droht, und durch die Bewohner der VagnoS die propagandistische Freiheit in die Welt schicken will, ist um kein Haar besser als Nostopschiu, der seine Hauptstadt durch losgelassene Verbrecher in Vranb stecken ließ, um sie dem Feinde zu entziehen. Und doch sind die Fran-, zosen selbst nicht anders geworden, denn ihre Revolutionen liegen nicht im Bedürfniß, sie liegen im Charakter der Nation. In her Form haben sie sich geändert, nicht in der Sache. Dieselbe Wetterwendigkeit der Gesinnung tritt allcrwärts hervor, nur mit ungeschickten! Formen. Anstatt der überschliffencn Feinheit der frühern Noucrie, finden wir ein plumpes Haschen nach Geld und Stellen, anstatt der Verschmitztheit des Maitressenboudoirs das rohe Spiel materieller Vörsenmänncr. Patriotismus ist ein Nonsens, und Egoismus einc Tugend geworden. Das Königthum erscheint als Fratze, die Volksvertretung als Komödie. So ist diese Nation, die Voltaire halb Affe, halb Löwe nennt, dieses eitle wandelbare Franzosenvolk, so tändelnd in Lanne und Vorurthcil, so kräftig im Handeln und Verstand, bald rasender Roland, bald Pasquin, spottend deS Todes, und glühend für den Ruhm, ohne Anhänglichkeit an Herrscherstamm uud an Religion, und ohne zu wissen was an ihre Stelle zn setzen, ewig gährend, und stets dem ersten Impulse folgend, wenn er nur zur Größe und Glorie des Vaterlands führt. Worin besteht aber nun diese Glorie, und droht sie nicht ein Spottbild, cine Parodie der furchtbaren Katastrophen der frühern Revolution zu werden? Tort gab es nur große Tugenden und große Verbrechen, edle Hingebung und politischen Wahnsinn, höchste Selbstverleugnung und zerstörenden Fanatismus. Jeder setzte alles für alles aufs Spiel, und ganz Frankreich spielte va Kan^no. Jetzt machen sich die Revolutionen leichter, Niemand wagt mehr sein Leben, und Jeder denkt zuerst an die Erhaltung seines Vermögens. Die Anstrebungen dieser Zelt tragen jenen matten, farblosen, skeptischen, habgierigen Charakter, der eben das Sinnbild unserer Zeit ist. Es sind keine Marats und Dantcns mehr, die nach Sceptern greifen, es sind nur Robert Macaires, Scapius uud Thiers, Ohne Treue und Gewiss 28* 432 sen, ohne Redlichkeit und hochherzige Vaterlandsliebe, sehen wir diese geschickten Taschenspieler die gährcnden Massen des leichtgläubigen französischen Volkes lenken, und ohne Achtnng bei dem ticferblickendcn Theil der Nation entzünden sie die verworrenen Hansen durch Geschmeidigkeit der Rede nnd dnrch eine Tribünengewandtheit, die alle Saiten der ehrsüchtigen Gemüther zugleich anschlagen. Ohne politisches Gewissen im Staat und ohne moralisches Gewissen im Leben läßt sich aber kein großes Volk in die Dauer lenken, höchstens auf Momente hintergehen. Wir sind todt in Europa, ausgctrocknrt wie die Mnmicn, durch das vollständige Absterben aller selbständigen Männlichkeit, dnrch diese chimärische Wollust der Ueberschwänglichkeit des Besitzes, durch diese gänzliche Entblößnng von allen öffentlichen Interessen. Festes aber kann ewig nur nnter Festem gedeihen. Mensch wie Volk müssen einen Halt nnd eine Stütze in sich selbst finden; die einzig denkbare Stütze aller menschlichen Zustände ist aber Charakter, und jene unerschütterliche Moral, welche allein die materiellen Interessen eines Volkes geistig befruchtet nnd zum Gedeihen leitet. Tcr Drang nach Besserem, nach Höherem liegt tief in der Natur unserer Zeit begründet, und wie auch der große Haufe in unserm Nachbarlande sich geschmeichelt findet, durch die seiner Mitte entsprossenen Eharlatcme alle socialen Größen in den Staub gezogen, und selbst den Thron uutcr ihren Fcchtcr-künsten wanken zu scheu, so wird das Bedürfniß individueller und absoluter Einheit in dem aufgeklärten Theil der Franzosen doch siegreich burchdringen, nnd die Betrüger entlarven, die mit denHeiligthümern seineö Herzens freventlich spielen, uud eine Welt bauen wollen ohne Unten uud Oben, uud nicht fürs Leben in seiner innersten Hülflosigkeit erbaut. Leichtsinniges Volk, solchen Händen überträgst du das heilige Pfand deiner Ehre und Unabhängigkeit! Stolzes Frankreich, wie tief bist du gesunken! Piemont ist das Land, das zuerst den Handschuh aufnahm, den jetzt Frankreich ganz Europa vor die Füsie warf, und sich rüstete um den unvermeidlichen Kampf für Gut und Ehre zu bestehen. In der gothischen Kirche zu Haute combe liegen sie beisammen in ihren schönen Gräbern, die alten todten savoyischen Könige, und halten Wache am See von Vourgct. ob der Erbfeind bald die Krallen nach den Thälern und Bergen des Landes ausstrecke. Die Eisenbahn führte von Vourget nach Chambery, haß 433 so reizend verborgen im tiefen Fclscnkesscl liegt, und cin steiler Pfad hinauf zu der stl. Frau v. Warens, nach dem hohen Char-mettes, wo Rousseau's Geist sich zuerst entfaltet. Die Säule des edlen Grafen de Voigne und seine Villa, und die alte kleine Schloßkirche mitten über der Stadt sind die einzigen sehenswerthen Punkte, und eine Lustspielvorstellung im Theater, von Amateurs in erbärmlichem Französisch vorgetragen, konnten wir uns ersparen. Von Chambcry aus sieht man noch keine Gletscher; das Land von Sa-voycn wäre gut, wenn dk schlechte Regierung die Bewohner nicht an Benützung semes Bodens hinderte. Auch die Straßen sind schlecht, und man fährt in fortwährenden Alleen und Gärten über den Vergsattcl hin, der den See Bourget von Chambery und Aw trennt. Ganz Savoyen besteht aus Baum und Verg. Airles Vains ist ein großes Dorf, das man aber hier Stadt nennt. Es ist an hohe Hügel gelehnt, und besteht eigentlich bloß aus einem Marktplatz auf dem ein theures Hutcl sich befindet, uud sehr langweilige Vadgäste herumsaßen. Das Pflaster ist ebenso mangelhaft wie die Fußwege über die Verge beinahe impracticabel. DKTer-rasscngärtcn über der Stadt sind schön angelegt, aber ebenso verwahrlost wie die unsauberu übelriechenden Schwefelbäder. Ein Vall zeigte uns Abends prätensiöse Toiletten der zahlreichen Französinnen, und die derbe Race der vollleibigen savoyardischen Landfräuleins. Ein junges Pariser Ehepaar, das ich bereits von Lyon auf der Rhone begleitet, schloß sich mir auch nach Genf an, und gewann solches Zutrauen in meine Rcisepraktik daß es mich gar nicht mehr verlassen wollte, Die Gegend bleibt unbedeutend bis Annecy, hier wird sie aber ungemein lieblich und die Umgebung erhaben. Ein frischer Boulingrecn zieht sich außerhalb der neuen Stadt um das alleinstehende Theater, von dem eine Allee sich bis ans Gebirg hinzieht, Bekannt sind die Wunder des hier begrabenen St. Franciscus des Sales, weniger die vortreffliche Ginrichtung des Gestüts, uud die gcheimnißvolle unterirdische Verbindung zwischen dem männlichen und weiblichen Kloster. Die Alpenform, hinter welcher der Leman sich noch verbirgt, beginnt hier wundervoll zu werden, und zwei Stunden nach Aunecy führt die Eisenbrücke von la Caille über einen Abgrund weg, den cin von der Brücke hinabgcworfener Stein nur nach sieben Secunden erreicht. Unten liegt ein Vad in der Tieft wie Leuck in der Höhe, die Brücke selbst ist aber nicht so lang wie die beiden zu Freiburg, und die Umge< 434 bung weniger anziehend. Wenn man auf die letzte Höhe von Sa-voyen, die Gränzstation St. Julien, kommt, schließt sich auf einmal das Zauberthal von G c n f auf, und es war mir als beträte ich schon den vaterländischen Voden, wie der Wagen hinabrollte nach der befreundeten Schweiz, die hier an ihrem schönsten See ihr reichstes Leben entfaltet. Nochmals trat mir die Rhone entgegen, und als ich ihre Brücke überschritt die mich znm wohlbekannten Vergueshutel führte, sagte ich Frankreich Lebewohl und fühlte mich wieder heimisch, und meine weite Reise beendet. Wie wohl that es mir bic alten treuen Freunde an die Vrust zu drücken, die so glücklich seyn dürfen die paradiesischen gastlichen Gestade des fmeslen europaischen Sees zu bewohnen. Den Rhein entlang tönte mir das Geräusch der Kriegsrüstung entgegen, und gleich einem Ameisenhaufen rührt sich ganz Frankreich. ,,Uon8 .-,Uan5 von« noiter la lülvNi^lion!" „I^eg lrontliü-ez v«l!. 1o,- Ie clilu, f^lll äorr," rief ein Deutscher an einer Gasttafel zu Straßburg, als don der Unthätigkeit Deutschlands die Rede war. ,,Uon, ii laut tuor 1« ek»t <^ll «1«,^" donnerte ein kriegslustiger Officier ihm entgegen. Es ist strafbare Täuschung wenn wir die jetzige Stimmung Frankreichs verkennen. Seine unklugen Staatsmänner haben die unselige Pandorabüchse erschlossen, der Gedanke an Kampf und Sieg hat sich aller Gemüther der thatenlustigen Jugend bemächtiget, und keine Gewalt wirb sie in dieVahnen der Ordnung zurückführen, kaum aufgemessene Augenblicke, nimmermehr aber auf lange Zeit. So erwache denn mein schönes Vaterland, und sammle deine Banner um die gefährdeten Penaten! Nie hat ein Land gerechtern Kampf geführt als du, dem man nun ohne Fug ""d Recht 435 seine schönsten Glieder, seine edelsten Brüder abreißen will. Nie hatte Deutschland mehr Grund ein Deutschland, ein einiges Deutschland zu seyn als jetzt, wo man cS zum erstenmal als Deutschland angreift. Nicht Lieder wollen wir singen bei Vier und Champagner, nicht abhängig darf länger die Politik unserer Fürsten von jedem Zeitungsartikel, von dem neuesten Cnrszettel seyn; Deutschland muß und wird seine Kraft und Würde in dem ungerechten Angriffe finden den man ihm bereitet, und komme die Gefahr von West oder von Nord, Deutschland ist groß und stark genug um jedem oder beiden vereint entgegenzutreten. Drum sey wach mein tapfereö Volk, öffne den langverschlossenen Schrank der die treuen Waffen birgt, hol' es hervor das alte wohlerprobte Schwert, und laß es nimmer rosten noch rasten bis der freche Hohn bestraft, und die große deutsche Schlacht siegend geschlagen ist.