^?/^ ^ <( ^ H b e n d l a n d. Morgenland und Bilder von dcr Donau, Türkei, Griechenland, Aegppten, Palästina, Syrien, dem Mittclmeer, Spanien, Portugal und Süd-Frankreich. Vom Versasser der Cartons. Erster V a n b. Türkei, Griechenland, Aegypte», ZwtUe Auflage. Stuttgart und Tübingen. Druck und Verlag der I. G. Cotta'schen Vuchhandlu,.g. 1 8 H 5. Morgenland und Abendlan d. Bilder von dcr Donan, Türkei, Griechenland, ?lcgyptcn, Palästina, Syrien, dcm Mittclmccr, Spanien, Portngal nnd Süd-Frankreich. Vom Verfasser der Cartons. s5 , st f r P (1 ,1 d. Türkei, (Griechenland, Aegypten. Stuttgart nnd Tubingen. Druck und Verlag drr I> G. Cotla'schcil Vllchhandllüi.q. 1 8 4 5. Morgenland und Abendland. Inhalt. Erster V a n d. Türkei, Griechenland, Aegyptcu. Set« 1. Reiselust ......... 3 2. Die Donaurcise ........ 9 3. Konstantinopel ........ 35 4. Der junge Sultan ....... 60 5. Die Derwische ........ 65 6. Türkische Vadcscenc ....... 70 7. Türtische Reform....... . 75 8. Die Caserne»........ 81 9. Misccllcn über die Türtenarmle..... 86 10. Der Scraslicr........ 96 11. Europäische Kleidung im Orient ..... ll)3 12. Die Dardanellen mid Troja ..... 107 13. Smyrna....... . .114 14. Chios....... . . 1l9 15. Quarantäne des Piraeus ...... 125 Ui. Athen......... ,3l) 17. Der Konig und sein Haus ...... 143 18. DaS Ncist,, i„ Oricchcnlano ..... 152 19. Das Land der Vdotier...... . jZy 20. Vwouac zn Delphi....... ^ 21. Korinlli.....' . . . 172 22. A^olis........ . 179 2!j. Sparta.......... 188 24. Messeue und Phigalia . . . . . . ,9g 25. Olympia......... 206 26. Patras......... 2l5 Movgcnl.nid und Abendland. I. 2>e Älust. -^ Seit« 27. Die Griechen....... . 222 28. Griechische Zustände...... . 229 29. Die Phaakeninsel........ 243 30. Alcrandrien ........ 253 81. Mehcmeb Ali .....'.. 2li2 32. Acayptischc Vrsteuerung und Justiz .... 270 33. Eiuricht»u>i zur Mlreisc...... 277 31. Die Nilbavlc........ 281 35. Neisc nach Kairo ........ 286 36. Die Kalifcnstadt...... . 294 37. Ibrahim Pascha ........ 310 38. Acgyptischc Lehranstalten ...... 314 3!). Die Pyramiden........ Z21 40. Nilfahrt nach Theben...... 33y 41. Theben, die große Diospolis...... 350 42. Hermontis und Ombos ...... 358 4^. PHUä und die Katarakten ...... Iß5 44. Das Beduinenlager ....... 37I 45. Felsengräber .'...... I77 46. Nüclreise nuf dcm Nil ...... 383 47. Tcntyra ......... 390 4s. Das Sklavenschiff....... 402 49. Der Pascha und die Alterthümer ..... 4(17 50. Die schduc Tafic..... .411 51. Nitt durch die Wüsic ....... 421 Türkei und Griechenland. Morgenland und Abendland. I. ^te Nuss. 1 1. Neiselnst. Seit Peter der Einsiedler das fromme Europa zu den Waffen rief um die irrgläubigen Moslims aus dem heiligen Lande zu vertreiben, hat Niemand so viele Menschen nach dem Orient geschickt, wie Chateaubriand und Lamartine. Es ist, wie wenn alle Phantasie, welche wir in den Dichtungen der Perser bewundern, auf unsere christlichen Landsleute übergegangen wäre. Ich werde aber die langen Gesichter so vieler Franzosen nicht vergessen, die mit den Werken ihrer Dichter nnter dem Arm von ihrem modernen Kreuzzuge heimkehrten, um eben so gewaltig iu die Posaune des Entzückens zu stoßen. Denn wer gesteht gerne daß er sich hat täuschen lassen? Wer kennt nicht die Anekdote jenes Schlaukopfs, der ein gewisses Thier zu besitzen behauptete, das den Kopf da hätte wo sonst der Schweif angesetzt ist? Er bestimmte sein Eintrittsgeld, uud die Menge kam, das Mirakel zu schauen. Das —> denn es war eins — stand im Stalle, aber verkehrt, also buchstäblich die Ankündigung erfüllt. Keiner der Znschaucr wollte nun offenbaren daß er so grob hinter das Licht geführt worden, und schilderte das Wunder mit noch lebhafteren Farben. Und so gingen immer mehr Leute in den Stall. Sind aber nicht die meisten Reisenden in den Ländern des Südens iu ähnlicher Lage? Sehen sie sich nicht in ihren, meisten Erwartungen getäuscht? Gin weiser Mann, der lange unter den Moslims gelebt, sagte mir vor meinem Abgänge von Wien: „wenn Sie den Orient lieb gewinnen wollen, so streifen Sie dort alle europäischen Vedürfuisse und Neigungen ab." Nie habe ich bessern Rath erhalten. Wären die Neisebeschrciber ehrliche Leule, so würden sie gestehen, wie oft sie die Entbehrungen, die Beschwerden und Unannehmlichkeiten verwünscht haben, welche von einer Reise in jenen Ländern unzertrennlich sind; sie würden nicht läuguen daß sie 1* oft sehnlich ihrem Ende entgegengesehen, und häufig getäuscht, selten befriedigt wurden. Gs ist gewiß eine falsche Schani, die den Schriftsteller abhält die Dinge zn schildern wie sie sind, und nicht wie man sie gerne gefunden hätte. Das Reisen ist eine Mode, eine Leidenschaft, eine Manie geworden. Eine geistreiche alte Dame versicherte daß sie sich nun oft recht albern vorkomme, weil sie gar nichts von Reisen zu erzählen wisse, während bereits die jüngsten Menschen ganze Welttheile durchstogcn hätten. Allein das Reisen hat seine poetische Seite verloren, man reist nicht mehr aus edler Wißbegierde, aus Drang sich zu belehren, fremde Völker, Sitten zu studireu, deu Grad der verschiedenen Culturstufen zu vergleichen, und die Stätten der Geschichte zu erforschen. Man reist um gereist zu seyn, man eilt durch die schöne Welt gleichsam mit verschlossenen Augen, und nur wer die größte Anzahl von Meilen zurückgelegt, ist der wahrhaft gereiste Mann. Ich war eine Zeitlang mit eiuem sonst ganz gescheidtcn Engländer zusammen, von dein ich mich trennte, weil er alles, wenn ich mich so ausdrücken darf, mitnehmen wollte. Er besuchte alle Ruinen, die auf den Karten standen, wenn auch kein Stein mehr davon zu fiuden war. Wenn ich ihn aber fragte, weßhalb er sich diese unnütze Mühe mache, erhielt ich jcdesmal zur Antwort: ,,j')' vaig poru' ^ avuir 6l<5." Es ist nicht mehr so leicht, die Welt über ferne Länder zu täuschen, eben weil alle Welt jetzt reist, und fast kein Hinderniß mehr im Wege steht mit eigenen Augen zu sehen. Mit welchen Mühen und Gefahren war noch vor zwanzig Jahren das Reisen im Orient verknüpft, welchen Reiz verbreiteten die Schilderungen unternehmender Männer über die Kreise der müßigen Gesellschaft oder des lesenden Publicums! Das Verlangen zu unterhalten führte immer weiter, geschmeichelte Eitelkeit ließ die Farben des Gemäldes immer stärker auftragen, und das Bedürfniß mehr amüsirt als belehrt zu werden, welches der großen Masse eigen ist, verleitete selbst edle Geister einfachen Thatsachen den Anstrich des Wunderbaren zu geben. Allein auch der Reisende selbst täuscht sich so gern, und je kahler die Wirk« lichkeit, desto mehr ist er geneigt ihr durch Färbung Interesse zu verleihen. Man vermißt ein Land, das man so oft gewünscht hat verlassen zu können, und Widerwärtigkeiten und unange- 5 nehme Empfindungen brücken sich ganz anders aus, nachdem sle durch die Zeit in den Hinlergrund geschoben wurden. Der Mensch vergißt ja so leicht überstandenes Unglück und jeden Schmerz. Das Gefühl, Bitteres überwunden zu haben, stimmt ihn dankbar und verleitet ihn nur die bestechenden Lichtseiten der gemachten Erfahrungen hervorzuheben. So wird er betrogener Betrüger, indem er nns Wahrheiten verbirgt, über deren harte Eindrücke sein eigenes Vergessen den Schleier gezogen hat. Dieß ist die gutmüthige Art von Henchlern, die nur täuschen, nachdem sie sich selbst getänstht haben. Gefährlicher sind dagegen die Reiseschilderer, deren lockende Darstelluug alle Dinge im prismatischen Spiegel zeigt, nnd denen es mehr darum zu thnn ist durch die Form als durch die Wahrheit zu gewinnen. Dahin gehören die geschickten Erzähler, welche alles dem Glanz und Reiz des Pikanten opfern. Die Welt hat eine große Vorliebe für Witz, Lannc und leichte Darstellung, daher auch der entschiedene Erfolg, welchen Mährchenersindcr und Geschichten-fabrieanten stets davon tragen. Das größte Talent des Modeschriftstellers besteht darin, seinen Leser zu fesseln, sey es nun für seine eigene Person, ober für die Sache, die er ausmalt. Wie das Leben der Frauen eine Kette kleiner Entbehrungen, Entsagungen nnd beständiger Selbstverläugnung bildet, aus deren engem Kreise sie sich nicht loswinden und deren Beschrä'n-kung sie nur uüt dem ihnen verliehenen Gleichmuth ertragen können, so finden wir die Beschwerde des Reiselebens nicht in den gewaltsamen Katastrophen, aus denen Muth und Entschlossenheit uns befreien, sondern in dem unausgesetzten Vermissen theuer gewordener Veqimnlichkcit,, im beständigen Fügen und Schmiegen in fremde Menschen nnd Verhältnisse, nnd vor allem in dem Abgänge theurer Freunde, der geliebten Familie und in der drückenden Last des Niebeisichznhauseseyns. Wenn man der folternden Seekrankheit verfallen, wenn man in das schmnle Cabin des Dampfschiffes eingesperrt ist — schmal genug, um bei jeder heftigen Bewegung herauszufallen, und kaum für eine ruhige Mumie räumlich; wenn man auf Segelschiffen eine Beute der Winde ist und, wenn man nach Süden steuern will, der Wind nach Norden geht; wenn das Geschrei der Matrosen, das Heulen der Orkane, das Getöse der Segelmanövers, das Brüllen der Wogen, das Krachen der Wände, jede Arbeit, jede Ruhe, jeden Schlaf unmöglich machen; wenn man in beständiger Gefahr schwebt vom Sturme umgeworfen, von den Wellen über Bord gespielt, an eine Felsenklippe geschlendert, oder von den Untiefen des schäumenden Meeres verschlungen zn werden, während man über sich, unter sich, nm sich, nichts mehr erblickt als den Alisruhr zweier sich bekämpfenden Elemente, denen man ans zusammengefügten Brettern oft lange, ewig dünkende Stunden, ja ganze Tage Trotz bieten muß: dann hört man oft klagende Stimmen, die sich nach ber Hcimath, oder wenigstens nach dem fcsten Boden sehnen, nnd das Neifen verwünschen. Wenn man ans schwacher Nilbarle dcm brausenden Strome entgegentritt, der zwei Wüsten scheidet-, wenn man die kärglichen Mittel dieser Schifffahrt, den ungeschickten Steuermann betrachtet ; wenn man vom glühenden Chamsin mit dem Sande Afrika's überdeckt, -von Hitze ermattet ist, und nun ein Windstoß die Barke umlegt, das Wasser eindringt, und jeder sich zur Rettung anschickt; wenn man vergebens die Nachtruhe sucht, gemartert von allem Ungeziefer der Welt; wenn Windstille und Gegenwind die Reise zu Monaten ausdehnt: dann sehnt sich Mancher in die Vänder znrück, wo er sein Herz theilnehmenden Menschen ausschütten kann, uud gäbe gern die Tempel des Oman-dyas für eine Loge im italienischen Opernhause hin. Wenn man aber auf erschöpften Rossen die furchtbaren Felsenpfade des Libanon, des Parnassus oder des Taurus durchzieht, wo Thier und Reiter oft sinnend stehen, wie sie über einen Abgrund wegschlüpfen sollen ; wenn man auf hohen Dromedaren in die beweglichen Düuen der Wüste hincintrabt, ,md die scheuen Thiere den Reiter in den Sand schleudern, oder wenn man auf wiuzigen Gselein Wege reiten muß, die für die schwachen Thiere fast ungangbar scheinen; wenn man, vom Kopf znr Sohle bewaffnet , Nachts Wache stehen, nnd bei Tag jedcn Angenblick gewärtigen nmß ausgeplündert und abgeschlachtet zu werden; wenn man zu allem diesem für viel Geld wenig genießt, für viele Erwartung mit wenig Erfolg belohnt würd: dann fühlt man sich oft geneigt, die glänzenden MMficationen der Reise-beschreibungen zn verwünschen. Allein die Neise ist vollendet, man kommt nach Hause, und hütet sich weislich die herben Er- 7 fahrungen zu erzählen, cs müßte denn zu romantischen Ausschmückungen dienen. Und dessen ungeachtet, warum soll mcm nicht das Glück auf Reifen suchen dürfen? Es gibt viele Leute, welche die Liebe zum Reisen nicht begreifen, und, billig gesagt, kann man einem Menschen, der ein Diener seiner häuslichen Bequemlichkeit geworben, nicht verargen, wcnn cr cs unverständig findet dem ruhigen spießbürgerlichen Lebensbctrieb den Rücken zu wenden, um allen Entbehrungen und Gefahren uuter fernen Zonen cnt-gegenzuwandern. Man nennt es Chimäre, einem erträumten, nie zu erreichenden Glücke nachzujagen. Was ist aber das Glück? Wir armen Erdenkindcr ringen ja unser ganzes Ephemenden-leben nach diesem unnennbaren Zustande. Jeder sucht es auf anderem Wege, und wer hat es noch ganz gesnude»? Ohne Rast stürmt jeder seinem erträumten Paradiese zu; hat er es aber errungen, so wendet er sich verwirrt ab, denn das Glück selbst findet man nur iu seiner Erstrebung, im Besitze aber liegt seine Vernichtung. Arme Sterbliche, das Gefühl innern Wohlbehagens genügt euch nicht, und so bleibt eure Sehnsucht, euer Verlangen ewig vergebens! Benutzt jeden Augenblick, spornt, eure Kräfte zum ersehnten Ziele, suchet das himmlische Gut auf den Bergen, in den Thalern, in den Hütten, in Palästen, auf den Schlachtfeldern oder im Purpur, am Busen der liebenden Gattin, oder in fremden Welttheilen, ihr findet es nirgends, ihr findet nicht das Glück, ihr findet höchstens die Einbildung, es zu besitzen! In der Illusion allein besteht unser Glück, und wie wenig gehört dazu, die Täuschung in dcs Menschen Brust zu erschüttern, und das mühsam errungene Traumbild zu zerstören. Ich habe schon vielfach des Neisens Lust und Leid empfunden, und ich habe überall warme Herzen, manche edle Seele, viel Wohlwollen, und viel weniger Schlechtigkeit gefunden als mall uns so ost glauben machen möchte. Ich habe das »verbildete Europa durchwandert, und unter den wilden Stämmen des Ostens gelebt, und ich finde daß wir grausam handeln, wenn wir unsere sogenannte Civilisation diesen Naturkindern aufdringen wollen. Wir wähnen uns frei, allein wahre Freiheit und Gleichheit habe ich mehr in deu des Orients getroffen, wo »nan von ängstlichen Rangverhältnissen nichts weiß, und wo Gott und die Sonne noch über alles gelten. Um 8 was braucht man sich auch in jenen Ländern noch zu kümmern, wo die Natur für jedes Bedürfniß sorgt, wo der ewig lächelnde Himmel jedes Ungemach vergessen macht, und wo der Schöpfer so vortrefflich für die Reiseliebhaber gesorgt, daß er eine eigene Winterstation für die Morgenlandsfahrer schuf, wo es nie regnet, und wo die Tageshitze von der Kühle der Nacht gemildert wird, zu einer Zeit wo ganz Europa mit Vis oder Koth überdeckt ist. Man gönne uns daher immer unsere Lust zum Reisen, es wird nichts schlimmer dadurch, denn Reisen macht tolerant, und den vielgereisten Menschen erkennt man überall an inenschen-freundlicheren Gesinnungen, an wahrer Nächstenliebe, an der Nachsicht mit den Schwächen und Fehlern der ihn umgebenden Menschen. Ich aber wüßte keine Freude zu bezeichnen, welche sich damit vergleichen ließe, nach glücklich überstandenen Stürmen wieder in den befreundeten Hasen einznlanfcn, und nach den wohlthuenden Erschütterungen des bewegtesten Lebens alle Gegenstände seiner Neigung und seiner Sehnsucht wieder zu erreichen. MeZ ist dann Seligkeit und Genuß, das ftische Leben umgibt uns mit erneutem Nciz, uud jahrelange Beschwerden, die unsere Reiselnst erzengte, macht die eine Stunde des Wiedersehens unserer Lieben reichlich wieder gut. Wer aber nicht entbehren gelernt, wird der Liebe und des Wiedersehens Reiz nie verstehen. 2. Die Douaureise. Einer meiner schönsten Iugendtränme war stets die Reise cms der Donau. Mein Vater hatte nur so viel davon erzählt, wie er sich in Nlm ein Schiff hätte zimmern lassen, und mit einer fröhlichen Gesellschaft auf dem herrlichen Strom hinab-geschwominen wäre nach der Kaiserstadt, wo damals noch der lichtspendende große Joseph alle edlen Geister an sieh zog. Die Vorbereitungen zu dieser Reift waren beiläufig wie für die heutige Nilfahrt; daß man aber auf diesem Schneckenwege weiter als Wien oder Pesth gelangen könne, siel damals selbst dem Kühnsten nicht ein. Jetzt sieht das ehrwürdige Münster der alten lebenskräftigen Reichsstadt den Dampf des brausenden Steamers zu sich emporsteigen, und von diefem Schlüssel des NiesenstromZ bis zu dem Pontus Vurinus hinab findet er keine Schranke mehr. Nnsere herrliche vaterländische Donau hat ihre große -Aufgabe gelöst, sie hat Europa mit dem Morgenland? verbunden, und was die Kriege der übermüthigen Römer, die regellosen Kreuzheere nicht vermochten, das haben die Künste des Friedens uns gewonnen. Stolz beugt sie ihre schönen Wellen unter den sie durchfurchenden Rädern, denn sie fühlt das; sie ihr den Platz einräumen, den die Natur ihr bestimmt hat. Welche Hemmnisse, welche Schwierigkeiten stellen sich ihrem kühnen Lanfe entgegen, und wle muß sic kämpfen um das Ziel ihrer großen Bestimmung zu erreichen! Von ihrer Wiege, dem Scknvarzwalde, bis zu ihrem Grabe, dein schwarzen Meere, durchströmt sie 700 Stunden des mühsamsten Weges. Weder die sich entgegenthür-menden Karpathen, noch der gewaltige Balkan vermögen sie aus ihrer Vahn nach Osten zu drängen, denn gleich dem Manne, der festen Sinnes einen großen Zweck verfolgt, dessen Leben aber durch Widerwärtigkeiten jeder Art verbittert wird, genießt 10 auch sie nur wenige Freuden, und vollbringt ihre kurzen Tage muer Kampf und Torge. Jetzt ist ihr ^ichtmoment gekommen, ihre Macht ist gleichsam erst entdeckt, und wohl dem, der sie zuerst benützt und die Hcrzader Europa's mit der großen Arterie Asiens, dem eben so mächtigen Euphrat, zu verbinden weiß, um Asien mit Europa im erhabensten Geistes- und Handelsaustausch in ein Band der Größe und Eintracht zu verflechten. Die Geburtsstätte der schönen Donau, das anmuthige Schwaben , ist dem Bosporus jetzt näher gerückt, als es früher von Ungarn entfernt war; überall eröffnen sich neue Wege der großartigsten Verbindung, des großen Karls größtes Project nähert sich der Vollendung, und während die Alten sich mühsam durch Karawancnzüge näher rückten, durchfliegen wir mit unscru Schiffen Asien und Europa, und bringen uns unsere Producte in Taacu z>,>, wo^.l sonst Monate nicht hinreichten. Was haben N'ir nicht in den wenigen Jahren gelernt, seit die Dampfschiffe den Schleier gelüftet, der Jahrhunderte uusere Ideen verwirrte. Die Zustände Ungarns wurden klarer, die Politik Nußlands in den Fürstcnthümcrn ist enthüllt, das türkische Neich liegt in seiner Unmacht vor uns, und das Gaukelspiel des ägyptischen Pascha wird nicht lange mehr die verblendeten Zuschauer täuschen. Man. muß die Donau bereisen, um den Zusammcnflnß von Völkern der verschiedensten Racen zu begreifen, die sich wechselseitig erkennen, krläutcrn und die sich verstehen lernen. Alle Interessen besprechen sich hier, und die Wünsche der Menschen vmchmclzeu in der Wohlfahn dcr Bänder. Dicse Ver-binouugen erzeugen einen wahren Natioualcvngreß der Wclt, und wenn die Menschheit wahren Friedens, freien Handels und der Entwicklung und Vereinigung ihrer materiellen uud geistigen Kräfte sähig ist, so stehen wir jetzt oder nimmer an der Schwelle grußer Begebenheiten. Die Menschen gefallen sich in Vergleichen, und die Reisenden, welche dcm Rhein und die Donau hinab und hinauf ziehen, stellen bis zur Parteisache diese Parallelen an, die ein Zeichen unserer Zeit sind. Kaun denn ciuc Fran nicht schön seyn, und eine andere neben ihr eben so schön, ohne ihr im mindesten ähnlich zu sehen? Und ist es nicht begreiflich daß em schöner Strom, der nur dreihundert Stunden durchläuft, mehr Reize vereinigt als sein größerer Bruder auf einer Strecke tt von siebenhundert? Der Rhein hat mir Cine Stelle, die schön, wundervoll schön ist, aber man durchstiegt sie in cinem Tage, und das Auge sättigt sich auf einmal bis zur Ermüdung. Dic Donau weiß mehr hauszuhalten, und ihre schönen Puutte sind auf der gangen Länge ihres Laufes vertheilt. Der Reiz eines Flusses besteht in den Uscru, und überall wo wir die schwäbischen, böhmischen, steierischen Alpen oder dic Gebirge Ungarns und Bosniens an den Strand unserer Donau trete» sehen, beleben sich ihre Bilder, die sich oft zur hohen malerischen Schönheit steigern. Hat der Nhein Herrlicheres auszuweisen, wie die Walhalla bei Negenöburg oder das wundcrerfüllte Passau, wie das völkerscheidcndc Belgrad oder das kaiserliche Peterwardein uns zeigen? Und die Wasserstraße von Linz nach Wien, diese Galerie der Nibelungen und Richard Löwenherzens, hält sie nicht jeden Vergleich mit dcm Rhein aus? Dem Donaubette muß geholfen werden, und das? hier nicht rascher Hand angelegt wird, beweist die geringe Aufmerksamkeit, die man bisher der großen Erscheinung zollte. Mögen die wackern Patrioten Bayerns und Württembergs vor den Schwierigkeiten und Verlusten nicht zurückschrecken, welche ihnen bisher das Flußterraiu bereitete. Die Wahrheit wird hier wie überall durch-driugen, und die Nationen werden dein großen Impulse folgen, der uns nach dem Oriente hinweist. Möge aber auch endlich das Alles hemmende Vorurtheil aufhören, daß s5oncurrenz schädlich sey. Es ist längst durch die That besiegt, die Verbindungen steigern sich mit den Verbiubungsmittcln, und ist erst die Wasserbahn hergestellt, so lasse man Schiffe darauf fahren, so vicl da wollen, sie werden alle ihre Rechnung sindcn. Wien hat in Brechung der Donaustraße den Anfang gemacht, Wien gebührt also die Palme. Wann wird die ungerechte Beschuldigung erkannt werden daß Oesterreich die Verbindungen hemmr, da außer Belgien kein Staat aus dem ganzen Kontinent so entscheidend für ihre Gröffinmg gewirkt, als gerade Oesterreich? Wie man aber in London und Paris aus dem Mittelpunkt der Stadt auf Eisen- und Flußbahnen abfahren kann, so sollte Wien auch trachten die Mündungen seiner Dampfanstalten in sein Centrum zu verlegen. Um zum Hahnhose der Ferdinandsbahn zu gelangen, muß man eine Stunde Weges machen ; um mit dein Dampfschiffe abzureisen, muß man vor drei ts Uhr aufstehen, und von der Verwirrung, die beim Landen an dem zwei Stunden entfernten Nußdorf herrscht, bis alles visi-tirt nnd in Wagen untergebracht ist, um an der Barriere nochmals visitirt zu werden, nachdem man bereits in Linz die halbe Nacht bis zum Ueberdruß durchsucht worden ist, kann sich besonders der Unglückliche einen Begriff machen, dem diese Trübsale an einem Regentage vorbehalten sind. Wie aber Bayern durch seinen Ludwigcanal die Donau mit dem atlantischen Ocean in Verbindung bringt, so wird sie durch die Eisenbahnen Oesterreichs der Nordsee näher gerückt, und die Eisenbahnzüge der österreichischen Monarchie gehören zu den größten weltgeschichtlichen Unternehmungen, Man glaubt sich auf eiue cuglische Eisenbahn versetzt, wenn man mit dem endlosen Wagenzug die 4l) Stunden nach Brüu n in eieren zurücklegt, und bequem wieder in Wien zu Abend rsseu kann. Ich traf dort ein während der -Anwesenheit eines kaiserlichen Prinzen, und das freundliche Prünn gewann noch ungemein durch seinen festlichen Aufputz. Tiefe Stadt ist wie durch einen Zauberschlag zu einem höhern Range erhoben, und man sieht es seinen freundlichen Bewohnern, denen das Fremde noch fremd erscheint, leicht an daß sie noch nicht zu dem vornehmen Gleich-gültigkeitspuni't großer Städte gekommen ist, zu dem Zerstörer häuslicher Freude. Ich konnte nicht auf den berühmten Spielberg kommen — dieses Aggregat ^ou alten und neuen Gefängnissen, dieses Register von Grausamkeiten und Gnabenacten, wo jetzt nur noch Polen und Ungarn sitzen. Dagegen sah ich die Beleuchtung der Stadt, und wahre herzliche Thnlnahme der treuherzigen Bevölkerung, wie sie sich in Oesterreich bei allen Festlichkeiten ausspricht. Nach einem einfachen Mittagsmahle in Ganserndorf nahm ich einen Wagen um nach Ungarn hinüber zu fahren, das mit Oesterreich im Visitationsprocesse würdig in die Schranke tritt, denn ich wurde in Neudorf beinahe bis aufs Hemd ausgezogen. Wird denn dieses Drangsal niemals aushören, und wird es bei der stets wachsenden Zahl von Reisenden nicht am Ende sich selbst aufheben, da die Zahl der hierzu aufgestellten Beamten in demselben Grade vermehrt werden muß, nnd ein reeller Geroinn nur dabei gar nicht denkbar ist? 13 In Preßburg fand ich die Stände des Reichs versammelt, ein? der ältesten Repräsentationen Europa's. Alles ist wieder ungarisch, und der Fehler, den Kaiser Joseph beging, indem er das große Werk Maria Theresia's, die Germanisirung Ungarns, mit ;n heftigen Mitteln betrieb, springt durch die Ent-fremdnng und Kluft, welche daraus entstanden sind und stets fühlbarer hervortreten, deutlich ins Auge. Die Ungarn lieben die Dynastie, bekämpfen aber die Regierung. Das erste ist unzweifelhaft, und das Gerede von dem Project einer Losreißung oder Emancipation ein reiner Unsinn; das letzte scheint aber gegenwärtig in einen zu weit greifenden patriotischen Eifer überzuschlagen. Die Regierung darf nur Vorschläge machen, und sollten sie noch so sehr anf das Interesse des Landes selbst sich gründen, so werden sie doch oft verworfen, bloß weil sie von der Regierung ausgehen. Ein schlagender Beweis ist die Regulirung der Donau, welche nach der Pestber Katastrophe von den Ungarn dringend gefordert ward, wozu aber jetzt die Sub-sidien Von ihnen verweigert werden, weil die Regierung das Gesetz dazu eingebracht hatte. (7^ l'entant ^iä. Dasselbe geschah mit den Necruten, die alle 10 Jahre gestellt werden sollten, so daß die ungarischen Regimenter nicht mehr ihren Nachtdienst bestrciten tonnten. Ostentation und Linus kann man den ungarischen Repräsentanten nicht vorwerfen, wenn man die Säle ihrer Versamm-luug gesehen. Auf einer Estrade, wie in der Erown- und An-chor-Tavcrn, sitzen die beiden Präsidenten, die alle Wochen wechseln und die Ordnung überwachen, welches gewiß keine geringe Arbeit ist. Zwei lange Tafeln und Sessel nehmen die Depu-tirten auf, die an ihre Plätze gebunden sind. Zuschauer tonnen unten und oben ans der Galerie seyn, wo die schönen Ungarinnen nicht wcilig Antheil am Wohle des Vaterlandes zu nehmen scheinen. Ich wurde in eine sogenannte Eirenlarsitzung geführt, eine präliminarische Besprechung, bei der es sehr ungemrt zugeht. So fern von Zwang ich aber diese Versammlung fand, so wenig gerecht scheint mir die Anklage daß sie sich außer den Schranken des Änstandes bewege. Die Ungarn sind ein äußerst leicht zu entstammendes Volt, das diese Eigenschaft, wie das Phlegma, mit seinen orientalischen Nachbarn gemein hat. Das parlamentarische Talent ist hier in hohem Grade ausgebildet, t4 und Redner wie Teak, Clauzal, Pulszky, und selbst der übrigens immer verspottete Zsedeny, besonders aber Iosica und Desscwffy, würden selbst im englischen Parlament Aufsehen erregen. Solche Mischung von sehr alten nnd sehr jungen Deputirten dürfte man kaum bei, einer andern Volksvertretung antreffen, sie nennen sich alle Du, nnd stehen, wenigstens scheinbar, auf dem herzlichsten Fuß miteinander, so daß im öffentlichen und im Privatleben gar keine Spannung zwischen den verschiedenen politischen Schattirungen zu bemerken ist. Die Ungarn werden den österreichischen Staatsmännern noch manches Kopfbrechen verursachen. Wenn die Dampfschiffe auf der Donau einstens täglich gehen, so wird das schöne Ungarn auch leichter zu bereisen seyn. Ich machte einen Ausflug zu Lande nach Na ab: einförmiger Weg, aber große Dörfer, mit freundlichen weißen Häuschen, vor denen Väume stehen. Vorne haben sie die Fruchtgruben, in trockener Grde, mit Stroh ausgelegt, hinten die Tristen, Getreideschober, die aber vor dem Winter ausgr-droschen werden muffen, weil sie sonst von den Naben aufgezehrt werden. In Wieselburg bekommt man ganz gutes Mittagsessen, und Abends trifft man in Raab ein, und kann noch seine angenehme nene Promenade sehen, auch indie mit Manern umschlossene Stadt und auf ihren schönsten Punkt, den Klostergarten, hinaufsteigen, um den Znsammenftusi der Raab und der Donauarme zu fehen. Zwischen diesen lag früher ein Dorf, das von den Stromaustretungen viel zu leiden hatte, und daher eines Morgens von seinen Bewohnern aufgepackt, über den Donauarm getragen, und in Form eines Kreuzes dort wieder hergestellt wurde. Dann kann man noch ins Theater gehen ; man hüte sich aber vor den Prellereien der sogenannten Briefträger, die in Ungarn das Fuhrwerk besorgen. Vabolna ist sechs Stunden von Naab entfernt und das beste Gestüt Oesterreichs, das mit Officieren und Mannschaft nus den Reiterregimentern versehen wird. Major Varon Herbert empfing mich fthr artig, und ich fand dort Officiere von Kaiser-Husaren, die Pferde aus Rußland geholt hatten, was um so befremdender scheint, alü der Pferdereichthum Ungarns frcmde Ankäufe entbehrlich machen sollte. Major Herbert war vor 4 Jahren in Syrien, wo er Hengste, und in der Wüste, von Da- 45 maskus aus, wo cr Stuten kaufte, Die Einrichtungen sind des Zweckes würdig, möglichst cdle Hengste mit orientalischem Blut? zu erzeugen. Die Abkömmlinge stehen nach dem Alter beisammen: große Zucht, die höchstens besorgen käßt daß die Race ausartet. Vis jetzt gedeihen sie vortrefflich, und sind der englischen Descendenz weit vorzuziehen. Abends fuhren wir auf die Weiden, und ich habe niemals frommere, liebenswürdigere Pferde beisammen gesehen, wie die Kinder des Orients. Ungarn hat kein reguläres Landgestüt, iu Vabolna stehen aber vierzig, in Mezzöhögyes sechzig Landbeschäler, die in die Comitate gehen. Sie haben aber zahlreiche Defecte, und sind durchaus nicht ausreichend. Die Oekonomie ist beim Gestüt, und überdieß siebentausend Joch herrlicher Triften und Waldungen, womit der Major seit acht Jahren auch höchst geschmackvolle Anlagen mit jungem Holze verbunden hat. Er hat einen einsamen, aber, was die auf eigenes Wissen begründete Thätigkeit betrifft, bencidens-werthen Posten, dem er sich mit ganzer Seele widmet. Ich brachte einige angenehme Tage inBabolnazu. Morgens wurden die Hengste geritten uud dann die Stuten vorgeführt. Eine Dreschmaschine, die von selbst drischt, wird von stämmigen Vurgunderpferden gezogen, und in allem herrscht treffliche Ordnung, Ruhe und Gintheilung. Ich nahm endlich Abschied von meinem gütigen Wirth, uud zwei arabische Schimmel fuhren wie die Windsbraut mit meinem Pha^thon nach der Donau, wo ich in Alt-Sonny bei Komorn die Vancrnpost nahm. Da ich keinen eigenen Wcigen hatte, mußte ich mich mit einem gewöhnlichen Leiterwagen begnügen, ans den ich nebst meinen Effecten auf Stroh gelegt wurde. Und nun ging es in einem Jagen unter den furchtbarsten Staubwirbeln sechs Stationen fort, wobei mein Felleisen, meine Hutschachtel und ich selbst in einem höchst lächerlichen Pas de trois auf- und abtanzten. Diese sogenannten Rittbauern fahren zwei, auch vier Posten iu einem Zuge fort, mit vier sehr raschen Pferden, schärfer, wenigstens ausdauernder, als die in England nnd Schweden. Solides, glänzendes Geschirr, englische Peitschen, tüchtiges Knallen, bei dem die raschen unermüdlichen. Pferde im Carriere Anbohen hinaufrennen, und Muth, fast mehr als nöthig, zeichnen die Kutscher aus, die übrigens so sicher fahren daß wir, als wir mit Staub bedeckt Abends iu Pefth ankamen, den schmalen lS Rank in das Portal der Königin von England auf Haarschärfe im Galopp abschnitten, nnd ich in diesem Anzug nicht wenig von den eleganten Kellnern abstach, die mich an der Treppe empfingen. Pcsth ist die eigentliche Hauptstadt Ungarns, Ofen war es vor Zeiten, und das dentsche, aber charakterlose Prcßburg hat cs nie verdient zu seyn. Von den Höhen Ofens übersieht mau die weiten Ebenen, die Arpad nut seinen unbezahmten Neiterir vor neunhundert Jahren als fette Neiden in Besitz nahm. So weit das Auge reicht, ziehen sich die unermeßlichen grünen Steppen längs den Ufern der Donau hin, ohne Dörfer, ohne Wälder, ohne irgend Spuren von Alterthum, denn ihre Denk-zcichen haben die Ungarn auf ihre Schlachtfelder gegraben. Ofen repräsentirt die alten ritterlichen Erinnerungen, Pesth die liberalen Reformideen. Ofen impouirt durch den Adel seiner Gebäude, feine herrschende, erhabene Lage, Pesth blendet durch seine moderne Architektur. Es ist die gute alte und die strebende neue Zeit, durch den gefährlichen Strom getrennt uud m»n bald durch Clarke's Eisenbrücke verbunden, wenn anders die Magnaten cs nicht länger vorziehen einige Menschenleben jeden Winter in den Visschollen geopfert zu sehen, um ihren Glanz durch Ersparung eines Brückenzolls zu bewahren, Weßhalb hat man die schönen vor Wasser geschützten Hügel Ofens nicht weiter mit Häusern besetzt? warum hat man Pesth da unten gebaut, ober vielmehr warum hat man Pesth nicht uach Ofen hinausgebaut, da es doch stets in den Niederungen der Donau gefährdet bleiben wird? Diese Fragen konnte mir Niemand beantworten. Pesth ist in den Augen der Ungarn bereits fchöner als Wien; wer aber auf den Blocksberg und die Sternwarte zu Ofen hinansteigt, wer berechnet was man an die Stelle der so malerisch in Terrassen hinausgezogenen Raizenstadt setzen könnte, oder wer die Promenade in Pesth aus dein Damm bis zur Caserne hinabgeht, und die prächtige Färbung der Ofener Verge in der Gluth der Abendsonne betrachtet, dem wird es tein Geheimniß bleiben, wo Ungarns Hauptstadt ganz und ungetrennt hingehört. Indessen Pesth steht nun einmal da, freilich ohne Väume, ohne Gärten, ja fast ohne Kirchen, nur mit ein Paar Reihen hübscher Häuser geschmückt, welche aber auch nicht lang? dem Sturm der Zeit und den Wogen der Donau 17 trotzen zu wollen scheinen. Um nun diese Paläste vor neuen Zerstörungen des nachbarlichen Elementes zu retten, hat man Sand- ober Kothdämme vor ihnen aufgeworfen, hinter denen sich Pfützen stehender Jauche sammeln, und die bci den zahlreichen ungarischen Negen sich in Schlammströme verwandeln, auf denen die Victualienwagen zum Marktverkehr stehen, und die sich mühsam genug ihrem trügerischen Voden wieder entwinden. Pesth konnte sehr schöne Quais haben, wenn es den herrlichen rothen Marmor in der Nähe dazu verwenden wollte, allein in diesem Lande baut man gerne Luftschlösser, schölle Phrasen auf den Landtagen, und Häuser in Pesth, die wieder zusammenfallen. Venn Granen des Tages wandelten schon die meisten Passagiere gleich Ncbelgestaltcn auf den Verdecken des Zriny umher, Waaren wurden aufgeladen, schwere eingepackte Carrossen hcreingeschoben, und als cs Tag wurde, waren gegen zweihundert Personen beisammen, wovon sich jede so gut als möglich postirte. Ich gu>d stellt vor daß die Ofsiciere zilm erstenmale in diesen: Lande, die Sitten desselben ihnen fremd sind, und daß sie zu den besten Familien Englands gehören, während jene Mädchen feile Dirnen seyen. Vergebens. Der allmächtige Minister erklärt daß allein in diesem Punkte er durchaus nicht einschreiten könne, und daß mit Sonnenuntergang die Ofsiciere vermuthlich gehangen sehn werden; dcr Capitän aber gibt sein Wort daß, wenn sie bis Mittag nicht befreit zu ihm an Vorb gebracht werden, er das Arsenal in den Grund schießen werde. In großer Spannung erwartet er die Antwort, die nicht kommt. Nun setzt er die Voote aus, läßt seine Fregatte den Haftn hinauf vor die Admiralität bugsiren, legt sich quer vor ihr über, läßt die Kanonen laden und die Artilleristen mit brennender Lunte dabei stehen. Dreißig Kanonen auf einen Fleck gerichtet sind immer eine überzeugende Nothwendigkeit; dcr Kapudau Pascha, der Commandant des Arsenals, verliert den Kopf und gibt die Of-ftciere aus dein Vagno frei. Chosrew soll hierauf einen schweren Verweis vom Sultan erhalten haben, welcher wollte man hätte sie vor der Hand nicht todten, aber gefangen halten sollen, um das türkische Gefühl nicht zu verletzen. Ich frage nun, was hätte dcr Fregattenccipitän gethan, wäre dcr Kapudan Pascha ein Mann von Energie gewesen? Er wußte wohl daß er mit Türken zn thun hatte. Die VazarZ, oder vielmehr Vesestans, da Vazar offener Markt heißt, was aber selbst in der Türkei öfters verwechselt wird, sind große Vierecke, von langen sich überall kreuzenden Straßen durchschnitten, die stets wieder in einander laufen. Hier herrscht ganz freie Concurreuz, jeder Verlagsartikel ist in derselben Straße feilgeboten, und das Aussuchen dcr gewünschten Waare dem Käufer eben so erleichtert, wie die ssrziclnng billiger Preise. Diese Galerien oder Passagen sind mit gewölbtem Dache bedeckt, nnd empfangen ihr Licht dnrch Fenster von oben. Sie würden außerordentlichen Effect machen, wenn sie gleich ihren Nachbildern zu Paris und London Nachts mit Gas erleuchtet wären, allein davon weiß man in Konstantinopel 41 nichts, wo selbst die Straßen ohne Beleuchtung bleiben. Der Neichthum der hier aufgespeicherten Schätze ist nicht so groß, wie man es ;u schildern pflegt, lind manche kleine europäische Stadt hat eine w'eit glänzendere Anslegnng von Waaren. Die irahren Kostbarkeiten drs Orients verkaufen sich mehr im Private verkehr, und dic theuern Shawls von Angora und Caschmir, die Diaulanten von Oolconda, die Perlen von Bahrein, die prächtigen Goldstickereien der kunstsinnigen Armenierinnen findet man nicht auf den Vazars. Die Verkäufer dieser Märkte sind die gefälligsten in der Welt. Signor, Signor, schallt es aus allen Vudcn dem Franken zu, und man darf nnr an eine derselben treten, um mit Blitzesschnelle eine Unzahl der köstlichsten Gegenstände und Stoffe vor sich ausgebreitet zu sehen, ohne je ein Wort der Unzufriedenheit ;n höre», wenn man, ohne zu kaufen, sie wieder verläßt. Die Einrichtung »st sinnreich und zweckmäßig, Der Kaufmann sitzt in dem offenen Verschlage, der sein Magazin bildet, und die Damen setzen sich auf denselben von außen, nm bequem die Objecte prüfen zu lomien, hallptsächlich aber nm den halben Tag außer dein Hanse hernm^nschlendern, stine ganz kleine offene Thür führt in den innern Naum, ivo das Comptoir und allenfalls arbeitende Leute ;u sehen sind, die sich mit Appretiren und schließlichem Zurichten beschäftigen. Viele arbeiten anch in den offenen Vuden', es herrscht ein gewaltiges Leben und Treiben, und da die Waaren alle öffentlich ausgestellt sind, so gibt dieß ein höchst farbenreiches Vild des Verkehrs. Mitten durch diese hohen Gassen läuft ein tieferer Weg für Reiter und Wagen, und diese Vazarö sind ein Zufluchtsort, n?enn der Negen in Strömen herabgießt. Man setzl sich dann nchig auf den Nand der nächsten besten Vude, und kann beim Anblick des rasch durch diese Hohlwege herabstürzen^ den Wassers Vergleichungen mit dem menschlichen Veben an^ stellen, das von Ueberstnsi umgeben oft eben so spurlos im Meer der Vergessenheit sich versenkt, wie diese Vächc in der Propontis sich raschen Laufes verlieren. Die an beiden Seiten der Magazine hinlaufenden Trottoirs sichern den Fußgänger vor dieseu Wasferftuthcn, und sind gepflastert, aber freilich in dem saubern Genre, wie die ganze buckelige Siebenhügelstadt. Drei Wunderwerke besitzt Konstantinopel, es sind die Zen-gen seiner alten Größe, jetzt seiner Unmacht. Byzantinische 4s Kaiser und der prächtige Suleiman traten in die Schranken, um das Werk der Wasserleitung zu vollenden, das allein das Leben der Bewohner Stambuls sichern kann. Vom herrlichen Eichenwalde Belgrads bis über die süßen Waffer in die unzähligen Canäle der Riesenstadt strömt die ungeheure Waffermasse aus den soliden Vends iu Aquäducte, die an Kühnheit den größten Römerwerkeu verglichen werden dürfen. Breite Thäler sind mit ihren zwei- und dreifach übercinanderschwcbenben Bo-genstockwerken gefüllt, und tragen bald durch Berge, bald durch Nöl)ren die Vebensquelle nach der meerumftossenen Hauptstadt der Osmancn. Wird diese Quelle aber nie versiegen, wirb der Lebensfabcn nicht zerstört werden vom nächsten Feinde, der sich nähert, um das morsche Reich des Halbmonds in seinem Herzen anzugreifen, und der, ohne das Schwert zn ziehen, nur die Mauern der alten Wasserbögen zu zertrümmern braucht, um des Sieges gewiß zu seyn? Wohl begriffen dieß die Gründer der hülflosen Stadt, und dir Cistcrncit gcben Kunde, wie sie für diesen verzweifelten Fall, daß die Wasser abgeschnitten würden, Mittel bereit zu halten verstanden, In drei großen, weit unter der Stadt verzweigten Souterrains tragen viel Hunderte schlanker Säulen die gigantische Decke, auf welcher Tausende uon Menschen in ihren Häusern sicher wohnen, uud diese Katakomben konnten Wasser genug in sich fassen, um Monate lang die Hnnderttauscnde der großen Stadt vor Verderben und Uebergabe zu retten. Jetzt aber kennen die Großen des Reiches kaum die Existenz dieses letzten Ausweges, und Strick- und Silber-spinner treiben hier ihr Handwerk, während mancher Fremde Konstantinopel verläßt, ohne einen Van gesehen zu haben, der so ganz den Stempel antiker Herrlichkeit trägt. So gigantische Säulenhallen, mitten unter dem Leben einer großen Stadt, tief in die Erde gegraben, machen größeren Eindruck als der pracht> vollste Porticus, den der Boden trägt, welchen jene stützen. Wo sind aber ähnliche Mauern, die solchen Stürmen getrotzt, wie die, welche Konstantinopel einschließen. Sie haben hinlänglich bewiesen, was sie zu leisten vermögen, und wie oft sie auch Erdbeben und Menschenzerstörungen unterlagen, jederzeit erhoben sie sich wieder mächtiger schirmend. Welche Stadt der Welt kann eine solche Reihe von Belagernngen aufzählen, lind unter vienmdzwanzig Stürmen erlag sie nur sechsmal. 43 Grieche» und Römer, Perser und Araber, Vulgären und Slaven, Venetianer und Franzosen, Avaren und Osmancn haben an diesen Bollwerken gerüttelt, deren Dicke und Festigkeit so viele menschliche Anstrengung brach. Gegen Meer, Hafen und Land umgürten sie das Dreieck der großen Stadt, diese grandiosen Schutzwehrcn der Grä'nzveste zweier Veltthcile, wovon au einigen Stellen noch die dreifache Linie steht, häufig von edlem Material erbaut, ein Mosaik von antiken Grabsteinen, Capitalen, Säulen, Friesen, alles vermengt sich hier brüderlich in unauflöslichen Bindemitteln, und bald mußten heidnische Tempcl, bald christliche Kirchen die Mittel zum Ausbessern hergeben. Romantisch zieren jetzt diese Riesengürtel die Stadt, die sie sonst schützten; viele der rundeu oder achteckigen Thürme sind mil Epheu überdeckt, andere hat der auf ihnen thronende Feigenbaum mit seiner tiefen Wurzel gespalten, und das Schloß des Konstantin sieht von der Hohe seiner malerischen Nuine von einer Seite auf das Leben der am Abgrunde taumelnden Kaiserstadt, nach außen auf die trauernden Cypressenhainc der Grä-berwclt. Hier herrscht Grabesruhe, die Stille und Einsamkeit mahnt an die vergangene Roma, und ich sah mich wieder uach der Villa Mills versetzt, die auch das Leben vom Tode scheidet. Die türkische Bastille, die sieben Thürme, haben, wie so manches im Türkcnlande, ihren mysteriösen Schleier abgelegt, man sperrt jetzt keine Gesandten mehr hinein; sie wurden mit neuem weißem Kleide überzogen, und dicuen weniger als unbestürmbarc Veste denn als Punkt der schönsten Aussicht, so schön aus Westen, wie vom Vulgurlu aus Osten. Die Macht dieser Giganten ist gebrochen, gleich der moralischen des Volkes, und das Anstreben des Occidents wird auch diese letzten Schranken barbarischer Zeiten umstürzen, oder er wird diese erhabenen Denkmale als Nuincnscencrie in dem herrlichen Stambul erhalten, wenn eZ ihm gelingt, das Reich selbst und dessen Sultansstadt in seine conservative Liebhaberei zu ziehen, uud auf bessern Grundlagen zum Bedürfnis; der Zeit zu erheben. Groß wäre dieß Reformwerk, wie das Werk der griechischen und römischen Kaiser, der Paläologrn und Komnemn, der Genueseu und der Osmanen groß war, die an diesen Mauern gearbeitet, wohlbe-rcchnend welchen Fanatismus der Türke in die Vertheidigung seines Herdes setzt. Jetzt ist diese Kraft zerstört, und wie der 44 letzte der Byzantiner srin sinkendeZ Reich nlir im Ulnfreis dieser Mauergürtel gegen die Osmanen llnl? Gen liefen nnihsam vertheidigte, so ist auch in linsern Tagen die Herrschaft des-Sultans beinahe cms ihren Umkreis beschränkt, und die glän« zendstc Aufgabe sür unsere Staatsmänner ist unstreitig die friedliche Reform nnd Verbesserung des socialen Zustandes dieses morschen Reiches. Ich weiß nicht ob es im Sinne Rußlands liegt, den Nest des türkischen Reiches aufznspeisen. Die Ansgabe wäre nicht schwer, der Appetit scheint nicht zu fehlen, nnd seiner Befriedigung stehen kleine oder keine Hindernisse im Wege. Wenn ich aber in diesen trostlosen ausgebrannten Theilen der unermeßlichen Stadt herumwandere, oder das feile ehrvergessene Treiben in den belebten Quartieren beobachte; wenn ich die traurigen Einöden, diese dürre Wüste der schönen Hügel um die Stadt herum betrachte, die keine Menschenhand zu bepflanzen wagt, weil die Frucht nicht dem Pflanzer gehört; nenn ich die zauberischen Ufer deß Vosporns durchschiffe, und mir das Leben dort vorstelle; wenn längd seiner schäumenden Wogen breite räumliche Quaderwege sich hinzögen nach dem zauberischen Vujukderc und zum schwarzen Meere hin; wenn sich stattliche Paläste an diesen Quais längs des Hafens, in Galata, Topchana, Sentari erhöben, und räumliche Hotels die herbeiströmende Fremdenmasse mit europäischer Sitte in sich beherbergten; wenn ein Nechtszu-stand in diesen Fcenlandern, ein Schütz des Eigenthums, eine Ächtung vor Menschenwerth auf diesem reichen Vodcn eingeführt würde; kurz wenn der Hattischeriff von Oülhaneh eine Wahrheit, und keine gleißnerisch jesuitische, aller Rechtlichkeit einer Staatsverwaltung hohnsprechende Mystification wäre -dann möchte ich das schöne Stambul wieder sehen, und mit Lust und Behagen in seinen Strasml herumschlendern', dann verschwände in weniger als einem Jahrzehnt London und Paris gegen diese Stadt der Wunder, in der alle Zauber der Natur, alle Bedingungen des Welthandels sich die Hand bieten. Sey es Russe, sey es Muselmann, dem dieseö Paradies gehört, gepriesen seh, wem es gelingt ihm sein Recht zu verschaffen, und ihm deu Glanz auch im Innern zn verleihen, womit sein äußerer Anblick unsere Sinne fesselt und entzückt. Wie weit sind wir aber von der Erfüllung dieses Traumes 45 entfernt! Die genuesischen Kaufleute übten zur Zeit der größten Macht des Halbmonds mehr Einfluß in Konstantinopel, wie jetzt alle Gesandten der vereinten europäischen Staaten zusammen. Was könnten aber diese Mächte nicht von der entnervten Pforte erlangen, wenn sie vereint das Vefsere verlangten? Ist es jetzt noch an der Zeit daß die Unduldsamkeit gegen Europäer sich täglich in dieser elenden Bevölkerung aufsprechen darf? Welche Demüthigungen lassen sich selbst die Gesandten von den türkischen Großen gefallen, und wie wenig mächtig erscheinen sie, wenn es sich davon handelt Privatinteressen der Europäer zu vertreten! Mehemed Ali, der sich für die Stütze der Prophctcnreligion ausgibt, hat den Fanatismus seiner Völker und ihre Vorurtheile gegen Europäer längst gebrochen, und wenn er dem alten Haß jetzt wieder mehr den Zügel läßt, so ist dieß eine der Springfedern des alten Reinecke, die er nach Gefalle» spannt oder nachläßt, nachdem es ihm in seinen fein angelegten Kram taugt. In Kairo kann man ungestört in europäischer Tracht iu die Gräber und Moscheen gehen, in Konstantinopel muß man ein paar tausend Piaster für diesen Besuch bezahlen, und ich sah selbst wie ein armer Raya, der die Gelegenheit benutzen wollte »lit uns in die Moschee zu treten, von den Stöckelt der Kawaffe niedergeschlagen, von Vlut übergössen auf der Schwelle liegen blieb und, von den Türken verspottet und beschimpft, ohne Hülfe gelassen wurde. Derlei Fälle ereignen sich oft; beweisen sie aber nicht die Unmacht des enropäifchcn Einflusses, der es nicht einmal dahin bringen tonnte daß Europäer in Konstantinopel wohnen oder auch nur eine Nacht dort verweilen, wahrend die Gesandten mit den übrigen Giaurs in dem elenden Pera gleich Gefangenen abgesperrt gehalten werden? Iu dem großen Konstantinopel macht sich alles zu Pferde ab, und es ist immer noch besser daß diese, als ihre Reiter, die Beine auf dem gräßlichen Pflaster abnützen. Die Mieth-kleppcr sind dieß übrigens gewöhnt, und man darf ohne Sorge im Galopp alle Straßen auf- und abreiten. Ich war jedoch immer sehr froh, wenn cm solenner Ritt auf der Tagesordnung stand, wo die herrlichen Hengste des Großherrn oder Halil Pascha's mit reichgestickten Schabraken unserer am Vagsche Kapussi harrten, und wir aus diesen flüchtigen Arabern durch die gaffenden Menschenmasscn sprengten. So kam nun auch 46 der Tag für die Paläste und Moscheen, und man muß gute Verdauung besitzen, um von diesem Besuch nicht einen Rausch oder eine arge Verwirrung mit nach Hause zu bringen. Das Serail hat seinen Nimbus verloren, seitdem es zugänglich geworden, nnd die überirdischen Vorstellungen, die man sich von diesem Feenpalaste sonst machte, lösen sich, wie hier nocl' vieles andere, in nüchterne Wirklichkeit auf. Von weitem zeigt es dem Auge eine Masse von Gebäuden, die unter reizenden Vaumgruppen sich Übereillander erheben, ohne Plan und Symmetrie: hier ein Kiosk in Platanen gehüllt, dort ein Pavillon von Cypressen umschattet, über alleö die großen und kleinen glänzenden Domkuppeln herausragend, alles barbarisch reich decorirt, geschmacklos, plump, aber durch Aufhäufung imponi-renb. Tie innern Säle sind meistens im alten Style verziert, überladen und, von der längst entweihten Fahne des Propheten bis zu den Boudoirs der Damen in den Sommer- und Winter-Harems, mit den neuen Palästen am Bosporus, wenn wir Kostbarkeiten nnd Teppiche ausnchmen, nicht zu vergleichen. Ein breiter Quai führt außen am Meere herum, und die neue Wohnung des Sultans qeht bis zu dieser Spitze vor, die Haftn und (5anal übersteht, und vielleicht die schönstgelegene Fürstenwohnung auf Erden ist. Das Serail ist so groß wie die ganze Stadt Wien ohne Vorstädte; die hohe Pforte, die jetzt anf des Großwessiers Palast übergetragen wurde, führte in den ersten Vorhof, durch den jeder Laie, und noch bis zum zweiten, um das mäßige (5'ntr<'>e von zwanzig Piastern gelangen kann, obgleich die abgeschlagenen Köpfe in Ungnade gefallener Paschas jetzt nicht mehr dort angenagelt werden. Unsere Gencralinspection begann nun mit den Moscheen, und wenn ich gleich Feind aller solcher hastigen (5'rperimenle bin, wo ein Eindruck den andern schwächt, so mußte ich mithalten, wem: ich nicht für jede Moschee allein zwanzig Louisd'ors bezahlen wollte. l5S ist wirklich nubegreiflich daß man die Türken nicht zwingt den (5hnsten freien Eintritt in ihre Moscheen zu gestatten; es wäre der erste Schritt zur Civilisation und Duldung, und iu Wien fällt es Niemand ein, den dortigen Türken den Stephantzdom zu verschließen. Die Sache hat eine tiefgehende Seite, und die empörenden Mißhandlungen gc- 47 gen unberechtigt oder unbezahlt Eindringende, die wir bei jeder nenen Moschee mitansehen mußten, zeigten die ganze brutale Rohheit der Gesinnung dieses durch Schmach noch nicht hinlänglich gebeugten VolkeS. Das Schmerzgeheul der Geprügelten wiederholte sich an jeder Moscheenpforte, und als ich es in diesen leeren Hallen nur nachtönen hörte, erkannte ich nenerdings das blinde Streben der Menschen nach unbekanntem Genusse. Wer einmal in türkischen Moscheen war, verlangt sie nicht wieder zu sehen, wenigstens läßt er sich gewiß dafür keine Schlage verabreichen. Nichts entspricht den Erwartungen weniger alö das Innere der Moscheen. Die türkischen Tempel entbehren ganz des idealen StylS, jener Vertheilung von Schatten und Licht, der Poesie her Vankunst, wodurch nnftre Dome so rührend zum Herzen spreche». Sie erzeugen keine höhere Stimmung, machen nicht entfernt den Eindruck von maurischen oder italienischen Kirchen, und ich ziehe die großen Vorhallen, die sich in offenen majestätischen Galerien, mit aneinandergereihten Kuppeln und besonders schönen Säulen und Marmorböden um ihren Hauptciugang ziehen, dem nackten, nichtssagenden innern Nanm weit vor. Wir wurden überall von der hohen Geistlichkeit empfangen, durften zwar an den schönen Fontänen der Vestibules Hände und Füße nicht abwaschen, mnßten aber dafür beim Eintritte Ueberpantofseln anziehen. Die Osmamje datirt aus dem vorige»: Jahrhundert. Sie ist hell, geschmackvoll mit gefärbtem Glase, eleganten Vronzegittcrn nnd Mussivarbcit verziert, nnd wenn gleich ohne architektonischen Wcrth, doch niedlich und freundlich anzuschauen. Die Moschee Sultan Achmeds ist die schönste von außen. Auf dein Hippodrom gelegen, faßt ihr ummauerter Vorhof dessen ganze Länge ein, und eine Reihe uralter hochstämmiger Platanen, deren Laub so viele Achnlich-leit mit dem unserer Vichcn hat, schmückt die großartigen Halle». Im Innern ist diese Moschee ganz ohne Zierde, sie ist aber die einzige, welche sechs himmelanstrebende glänzcndwciße Minarets besitzt, da alle andern nur vier, zwei, auch nur einen Thurm haben. Das Turl^ des verstorbenen Sultans erhebt sich unfern, noch nicht vollendet. Die am herrlichsten gelegene Moschee ist die Soleimanije, ein hohes Denkmal der Architektur des sechzehnten Jahrhunderts) sie beherrscht ganz Konstantinopel 48 und seinen Hafen, ist regelmäßiger als die Sophientirche gebaut, und zeigt überraschend schöne Verhältnisse. Ganz enttäuscht sand ich mich in der berühmten Aja Sofia. Sie ist die älteste Kathedrale der Hauptstadt, von Constantin erbaut, von Instinian nach ihrem Einsturz wieder hergestellt, war fünfzehn Jahrhunderte hindnrch allen Virlnugen und Stürmen der Elemente und des Vanbalitzmus preisgegeben, und verdient in dieser Beziehung unsere höchste Beachtung. Vald dnrch Brand, bald durch Erdbeben zerstört, erhob sich dieser Tempel jederzeit wieder zn neuem Glänze, nnb welche orienta lische Pracht in ihm geherrscht, sehen wir noch jetzt in den achl vollendet schönen Porphyrsäulen, die dem Sonnentempcl zu Vaalbec, und in den acht grünen Säulen, die dein Dianentempel zu Ephesus entnommen sind. Tas ist aber anch alles was übergeblieben, und die lctztcrn haben eine so hinfällige Wen dung genommen baß ein dritter Einsturz beim nächsten Erdbeben nicht unwahrscheinlich ist. Die höchste bis jetzt unerreichte Schönheil dieses Tempels ist die Kuppel, die sich, wunderbar ftachgespannt, tühn in die Lufträume erhebt, und den auf ihr schwebenden goldenen Halbmond, Byzanzens altes Stadtwappe», weit über die Propontis und den Bosporus in den Sonnen^ strahlen erglänzen läßt. Hundert Baumeister, deren jeder huu-dcrt Maurer befehligte, leiteten diesen Bau, der nur durch Bei' hülse von Engeln, die Geld da^u brachten, möglich wurde. Der erste Eindruck beim Eintritt in diese Kirche gleicht dem bei», Anblick eines schönen, aber etwas verwachsenen Menschen, denn die Verwandlung ill eine osmanische Moschee mußte ihrem Mihrab die Nichtuna, nach Südost gca,en die Kibla zu Metla geben, während unsere Altäre ^egen Osten stehen. Hier wurden die Kaiser gekrönt, hier die Eoncilien gehalten, und hier wüthete die ganze Naserei theologischer Streite, denen Mo^ hammed ein Ende machte, als er zu Pferd durch die erstürinle Stadt unter die mit Flüchtlingen gefüllte Kirche und auf ihren Hochaltar sprengte, und mit dem Rnfe'. „es ist kein Gott alö Gott, und Mohammed ist sein Prophet," das Signal zur Schän> duug der heiligen Jungfrauen und zur Plünderung der Stadt gab. Und auf der obern Galerie rechts sieht man eine ver^ mauerte Thüre, mit den Spuren stets mißglückter Versuche sie wieder ;u öffuen, und es ist ein Glaube im Türkendolke daß 49 beim Sturme Mohammeds ein betender Priester am Altare niedergehauen worden, und wenn die Christen die Stadt wieber einnehmen, so werde diese Thüre sich von selbst öffnen, und der Priester am Altare sein Gebet vollenden. Die guten Leute halten also ihren Aufenthalt in Gurofta selbst nur für provisorisch. Welche Erleichterung für unsere Diplomaten! Ich übergehe weitere Moscheenschilderungen. Sie haben alle durchauslaufenbe dichte Reihen von Lampenguirlanden und gleiche Einthcilung in drei Quadrate! das erste die Ablutionen-hallc, das mittlere Raum zum Gebete, das dritte die Grabstätte des Erbauers und seiner Familie enthaltend. Diese Mausoleen tragen stets denselben Typus: Särge mit Gold und reichen Shawls bedeckt, bei jedem ein permanenter Vorleser des Korans. Der allen Völkern eigene sympathetische Glaube, daß au der Stelle der Religiousübnng der Todte die beste Ruhestätte finde, wird bei jedem durch andere Verzierungen nach der Beschaffenheit der umgebenden Natur ausgedrückt, uud während wir in den gothischen zarten weichen Geflechten die Nachbildung der zierlichen vaterländischen Birke erkennen, drückt sich in den wundervollen Arabesken der saracenischen Bauweise der edle Charakter der gespaltenen und feiugeforntten Palmblätter und des auf der Spitze dieses herrlichen Baumes wachsenden Kohles in den kühnsten Steinmeißelungen aus. Die Moscheen in Konstanti-nopel haben den Vorzug, auf den schönsten herrschenden Höhen zu stehen, und alle Moscheen, scheint mir, haben vor unsern Kirchen den freien innern Nanm voraus, der, von hohen Granitsäulen getragen, durch keine Nebenschiffe oder Unterabtheilungen gestört ist. Reizender als die Wohnungen der Lebenden sind die der Todten, und kein Volk ehrt die Verstorbenen so hoch, wie die Türken. Wälder von Cypressen dehnen sich hinter Scutari und Pera aus, und nehmen in ihren dunklen Schatten die Rechtgläubigen vieler Generationen auf. Scutari ist die vaterländische Erde, es ist Asiens Voden, näher der heiligen Stadt, und hierher sucht jeder Türke zu kommen, um der Mhe der Ungläubigen wenigstens im Grabe zu entfliehen. Auf den Höhen von Pcra liegen Franken und Türken, Griechen und Armenier brüderlich beisammen. Hier auf diesen paradiesischen Fernsichten wo alle Schönheit der Gewässer und der dreifachen Stadt in Morgenland und Abendland. I. 2te Aufl. 4' Einen Vlick zusanlmenströmt; hier, wo die Christenstadt allein ihre würdige Ausdehnung finden könnte, erheben sich die weißen gespenstigen Todtenmale, der Turban neben dem leiseklagenden Epitaph der in weiter Ferne, vom Vaterland? getrennt, dahin gegangenen Christen, und hier liegen so viele getänschte Hoffnungen, so bitter bereute Entfernung vom Heimathlande, im großen Kreise beisammen. Allein die Heiterkeit des Lebens ist auf der düstern Stätte des Moders einheimisch geworden, Tod und Leben gehen hier Hand in Hand, und lachend und schäkernd sitzen die türkischen Frauen auf den Grabsteinen ihrer Verwandten, und kein Schein von Trauer trübt die heitern Gruppen. Die goldenen Inschriften und die phantastische Ausschmückung der Gräber scheinen diesem Saal der Lust und Freude als bezeichnende Decoration zu dienen. So wird man vertraut mit dem Tode, und er verliert seine Schrecken-, denn der fürchtet nicht Schwert noch Pest, der an das Verhängnis) nnd an die Stunde glaubt, die aufgezeichnet ist als seine letzte auf Erben. Und die hohe Gesellschaft in Pera ist auch dem Fatalismus verfallen, denn tief in die kühle Mondnacht hinein sitzen die leicht in Musselin gekleideten Perotinnen auf der Terrasse vor dem Casino, und athmen den Hauch des Todes aus den unter Cypressen heraufsteigenden Gräbern, während sie sich ängstlich den Tag nber vor der Pest einschließen. Was aber die Grabeswelt der Türken Schönes in sich jchließt, findet sich in Gjub, der größten Vorstadt Konstantinopels, zusammengedrängt. Die Moschee enthält das Grab Ejnbs dcs Fahnenträgers und die Fußstapft Mohammeds. Nie hat ein Christ dieses Heiligthum betreten, und es ist ringsum von zierlichen reichen Gräbern hinter Gittern umgeben-, denn es ist Fashion, sich hier begraben zu lassen. Hier schlummern oic Großen und Mächtigen des Reiches, und hier erst muß sich der Großherr mit dem heiligen Schwerte umgürten, bcdor er das Regiment antritt. Ich kenne wenige rührendere Stellen. Stille feierliche Wehmuth ergreift den Wanderer an dieser dein Volksglauben theuren Stätte. Die Gräber sind mit vergoldeten, oben ausgehöhlten Monmnentalsteinen nnd mit goldenen Inschriften bedeckt, zwischen denen sich hlmdertjähriger Epheu heraufrankt, und aus deren Einsenkungen Rosen und andere duftende Gewächse des Orients ewig blühend hervorsprossen. Prächtige Platanen, das friedliche Nest des Steinadlers und der Turtel« taube, auch uralte Ahornbäume überschatten diese reiche, reizend schauerliche Todtenruhe, und mit Ehrfurcht schreitet der Fuß über die Asche großer Menschen hin, die der Staub der Vergänglichkeit deckt, und das dankbare Vaterland in so einfach prächtigen Denkmälern verewiget. Die reinste Luft herrscht hier, wie auf allen orientalischen Gottesäckern, woran wohl die Art des Vegrabens die Schuld trägt. Der Türke wird ganz nackt, nur in ein leinenes, oben uud unten zusammengeknüpftes Tuch gewickelt, und so in die Grube gelegt. Jede Oeffmmg am Leichnam wird zuerst sorgfältig mit Baumwolle verstopft, sodann Bretter in der Art schräge über ihn gelegt, daß Luftzugang möglich ist, und das Ganze leicht mit Erde überworfcn. Hierdurch gewinnen die Würmer leichter Eingang, der Vcrwefungs-proeeß und die Verflüchtigung der modernden Theile wird erleichtert, ja der Scheintodte kann leichter aufstehen und nach Hause gehen, wie bei uns. Giue Bahre dient aber auf diese Art Hunderten von Leichen zum Transport. Ganz Konstantinopel ist von Holz gebaut; die Feuersbrünste daselbst sind zum Sprüchwort geworden, und die Türken selbst nehmen an daß kein Haus über 7 Jahre steht. Der Grund liegt in dem Gesetze, das nicht gestattet Wohnungen von Stein zu bauen — ein Gesetz, das ans alter Zeit herrührt, wo man befestigten Häusern in der Stadt vorbeugen wollte. Die armen Einwohner schweben in beständiger sseuersgefahr, und es ist bekannt wie viele tausend Häuser oft Ein Brand allein wegrafft, obschon man im Orient häufig das ein Haus nennt, was bei uns nicht für einen Kälberstall gelten würde. Wohlhabendere haben daher den Ausweg ergriffen, ein Gemach in ihrem Hause von Stein aufzuführen, um wenigstens nicht lebendig verbrennen zu müssen! In den bessern Häusern sah ich oft große eiserne Kiste» stehen, und auf mein Befragen erhielt ich jedesmal die Auskunft daß sie zu Rettung der Vffecten bestimmt seyen. Wer einen Garten am Hanse hat, mauert eine Grnbe ein für denselben Zweck. In Konstantinopel ließ man das Feller fortwüthen so lange es wollte, und da der Türke nur im Kriege zerstört, im Frieden aber das Zerstörte nicht wieder herstellt, so sahen wir mehr als die Hälfte der Stadt in Schutt liegen. Ich kam unmittelbar nach dem letzten großen Feuer in Pera an, und noch 4« rauchte und glimmte die ungeheure Brandstätte, als ich durch das ausgebrannte Thal ging, wo Griechen ihr provisorisches Leben unter Zelten fristeten, oder in den Ruinen ihrer Häuser nisteten und dabei jubelten und tanzten. Bei der Mäßigkeit dieses Volkes wird ihm der Erwerb überall leicht. Dieser Brand machte übrigens doch aufmerksamer, ein Pompicrcorps wurde errichtet, tragbare Spritzen verfertiget, da man nicht überall hinfahren kann, und ich war selbst noch einigemal Zeuge von ihrem raschen Erscheinen auf dem Vrandplatze. Konstantinopel hat keine Keller, und muß seine Bedürfnisse, selbst seineu Wein von eben ankommenden Schiffen beziehen. Die vielen Feuersbrünste vertheuern aber Häuser und Miethen, und wer ein Haus baut, muß schon die Mittel bereit haben, um es nach dem nächsten Brande wieder auf; mich ten. Für ein ganz gewöhnliches kleines Häuschen muß man aber 10,000 Piaster Miethe bezahlen, und mancher ^egationsrath gibt hier jährlich mehr für seine Wohnung aus, als ein Minister in Wien. Um diesen und noch manchen andern Nebelständen vorzubeugen, hat nun die Regierung erlaubt steinerne Häuser zu baucn, und es fehlen nur die Steine, die hier ungemein theuer kommen, wic das russische Gouvernement bereits beim Bau seiner Gesandtenburg mag erfahren haben. Gine Commission wurde ernannt, um das abgebrannte Quartier rechtwinkelig europäisch wieder herzustellen, und somit iväre immerhin schon ein bedeutender Schritt zum bessern Bauen gemacht, da man einsehen muß wie schön sich die langen breiten Straßen, nach dem Meridian gezogen und sich durchkreuzend, ausnehmen werden. Die bereits angelegte Fahrstraße durch Pera und über die malerische Vrücke nach Konstantinopcl hiu-über soll auch vollendet werden, und die Gesandten können dann sehr bequem von Vujukdere nach dem Serasticrspalastc und selbst zur hohen Pforte fahreu. Oesterreichs Gesandter bewohnt den schönen Palast der alceu Venezia; die neuen Hotels ^ou Rußland und Frankreich, eine künftige Zierde der Stadt, erheben stch stolz aus der Masse sie umringender Häuser, massiv in Stein gebaut; nur Englands Gesandtschaftshaus steht noch mit ausgebrannten Mauern und wartet aus ein neues Ministerium, das es wieder aufrichten soll; sein Repräsentant verschmäht es aber nicht, seit sieben Jahren in dem Hause eines Armeniers zu Therapia zu wohnen, den das Gouvernement daraus vertrieben hat, um 53 Sr. Ercellenz eine comfortable und wohlfeile Sommerwohnung zum Geschenk zu machen. Die neue Wohnung des jungen Großherrn, der Tschiragan-Serai am Bosporus, liegt unter dem Dorfe Veschiktasch, und blendet auf den ersten Anblick durch seine weiße Farbe uno feine Pracht, Er ist aber nach Gesetz und Sitte, ebenfalls ganz von Holz erbaut, und nur die Säulen der Fronte und das Getäfel sind den benachbarten Marmorinstln entnommen. Die Treppen sind plump, die Eiscngußthüren ans England aber vollendet schöu. Die Gartenanlagen sind steif, die Einrichtung des Palastes hat Europa geliefert, und die Etntheilttng ist etwas kleinlich. Der Harcmsaal ist ganz weift, mit eingelegtem Plafond, schönem Wandlack, ohne Malerei-, das einzige Großartige besteht in einer großen ssmpfanghalle von Stuckluster und Gold, die aber auch in ihren Verhältnisse» verunglückt ist. Das Ganze steht da als eine neue Zierde des schönsten Canals der Welt, und seine fast ägyptische Bauart bildet eine Vaumasse der reizendsten Art zu dem orientalischen Kaleidoskop, das sie umringt. Die wunderbare Verschiedenheit dieser großen Staffage spricht sehr anmuthig an, und der Tschiragan Palast tritt als glänzende Zugabe in die riesenhafte Feenscenerie, welche bnrch die sich hinter ihr erhebenden Höhenanlagen noch an Zauber der An- nnd Aussicht gewinnt. Welchen Wechsel bieten diese ewig sich verschiebenden und ewig sich neugebärenden Ansichten, die bei jedem Schritte, bei jedem Nuberschlag neue Bilder barstellen. Wer war lange genug in Konstantinopel, um behaupten zu können baß er der Natnr jede schöne Stelle abgelauscht hat, und wie befriedigend ist es auf jenen Höhen herumzuschweifen, einen Tag in Asien, den andern in Europa, die Schönheit der Natur zu genießen, oder auf dem grünen Spiegel des Bosporus in einer schlanken Ca'i'que ausgestreckt der Süßigkeit dieser Betrachtungen sich zn überlassen! Wie oft ging ich an den Strand hinab und schlürfte diese Götterlust, in den blauen goldenen Abend hm-einrndernd, mit berauschenden Zügen in mich ein, wahrend zwei heitere Greise die Barke leicht durch das Gewühl hinleiteten nnd den behaglichen Fremden nicht scheuend das schweißtriefende Hemd über die nackten muskelstarken Arme aufstreiften, die nur zu deutlich den Ianitscharenursprung verriethen. Die letzten Strahlen der fcheidenden Sonne fallen auf Asiens 54 Verge und reflection von den unzähligen Fenstern Scutari's und seiner palastähnlichen Soldatenburg. Die bunte Geschäftigkeit und das chaotische Durcheinander des Hafens gehen nach und nach in die Ruhe der Nacht über, die allein im Stande ist den gordischen Knoten zu lösen. Gleich Bewohnern einer geistigen Welt, aus feinerem Stoff erzengt, schweben die noch in Purpur glühenden Spitzen der goldenen Minarets in den hohen Lufträumen, während in düsterer Größe und hehrer Majestät die tiefern Bilder zu einer südlichen Magie verschwimmen, und die lärmende Lust uuter den ernsten Gebeten verstummt, welche die Muezzins mit klarer Stimme über die drei Städte herabrufen. Das herrlichste Farbengewebe, das in solchem Schmelz und Reichthum nur dem Süden eigen ist, stießt immer mehr in einander, und die verschiedensten Tinten lösen sich in fortwährendem Wechsel in die trauliche, lautlost, wohlthuende Farbe der Nacht auf, in welcher die Contouren der ringsum emporsteigenden Vcrgstädte fabelhaft, gleich skandinavischen Geistergestalten, sich über uus aufthünnen. Wie bezaubernd wird dann dieser Anblick, wenn die Lichter im Palast des Sultans sich entzünden, in dem Palast, über den die gräßlichsten Zuckungen der Geschichte, die blutigsten Gräuel der Empörungen hingegangen sind, ohne daß man dort je an ihre Wiederholung denkt, und wenn zu diesem Glanz des inneren Palastes sich die Beleuchtung der Minarets gesellt, deren Strahlentronen in der dunkeln Nacht gleich feurigen Phantomen schweben. Die unzähligen Lichtpunkte verschmelzen mit den Sternen des Firmaments, und gleich einem Gürtel umschlingt die Milchstraße das magisch-ätherische Bild. Die Türken sind wohlthätig, sie haben große Anstalten zu Abhülfe jeder Noth; an den Moscheen bereiten geräumige Küchen der Armuth das tägliche Mahl, aber an denselben Moscheen liegt der Nerstandesberaubte in Ketten geschmiedet, und nicht ferne der Osmanije treibt der Sklavenmarkt sein freches Geschäft. Mein stattlicher Kawaß, dieser türtische Genbarme mit Pistolen, blauem Kleide und rothen Pantoffeln angethan, theilte gravitätisch mit dem allmächtigen Stocke die ehrerbietige Menge, und ich trat in den Löwenzwinger an der Soleimanije, die dem Irrenhause als Vorizmmer dient, und wo das Geschrei der Unglücklichen sich im Brüllen der Bestien auflöst. Um den inneren offenen Hof laufen ringsum Säulengänge, unter denen die Ge- 55 fängnißhöhlen der armen Wahnsinnigen sich befinden, die hinter Gittern auf den Gesimsen der fensterlosen Kreuzstücke sitzen, und somit außer Berührung mit den in den Galerien Herumgehenden sich befinden. Dieß mag als Zerstrcuungsmittel besser dienen wie Absperrung, besonders da man ihnen öfter Musik macht, die unverkennbar günstig auf sie wirkt. Mein die Art wie sie gehalten werden ist ächt türkisch, und ich werde die Erinnerung au diese abgemagerten, blassen, zerrissenen Gestalten nie aus dem Gedächtniß verlieren. Die meisten bedecken ihre Blößen nothdürftig mit dem Ueberwurfe zerlmupterTeppiche, mehrere liegen ganz nackt auf dem Voben, alle aber sind mit einem großen eisernen Ninge, der mit Ketten an Vodcn oder Wand befestigt ist, um den Hals gefesselt — ein Anblick und eine Behandlungsart, die gleich abscheulich sind. Die meisten rauchen Tabak, und der Türke muß den Verstand verlieren, um gesprächig zu werden, n>ie es hier sich zeigt. Ich fand cinen rückgefallcncn Renegaten, der nach verläugnetem Glauben seiner Väter wieder zu ihm zurückgekehrt war. Wie die Engländer ihre Königsmörder als wahnsinnig erklären und lebenslang in New-Veblam einsperren, weil sie annehmen daß solches Beginnen nur von verstandcsberaubtcn Menschen ausgehen kauu, eben so, und mir däucht aus noch menschlicheren Rücksichten erklärt der türkische Mufti, den Glaubensabtrünnigen zum Timaristan reif, während er sonst den Verrath am Propheten mit dcm Strange büßen müßte. Die Logik des Sklavenhandels ist überall dieselbe, und die Engländer hatten früher dieselben Gründe zu seiner Vertheidigung, wie jetzt noch die Amerikaner, Portugiesen und Türken. Die Sklaven sollen glücklicher werden, wenn sie gute Herren bekommen, und nach gewisser Zeit sind sie frei, und dk'fe So-phistik paßt jedenfalls besser für den Orient, wo die Sklaven nicht wie in dün freisinnigen Freistaaten zu Tode gegeißelt werden, sondern wirklich einem bessern Schicksale, ja den Würden des Staates und den Freuden ehelichen Glückeö entgegengehen, wenn sie dessen würdig sind. Obgleich diese Sklavenmärkte einen peinlichen Eindruck machen, so entspringt dieser nicht sowohl aus dcm sichtbaren Elend der hier aufgespeicherten Menschenwaare, alö aus der damit verknüpften Ioee der Entwürdigung des Mcnschcnwerthes. Eine fanatische Echildwache verweigerte uns den Eintritt, bis der Ferman sie zur Nachgiebigkeit zwang, 8S denn die religiösen Gesinnungen der Soldaten kommen Hier sehr in die Wagschale, da überhaupt Christen keine Sklaven kaufen sollen. Ich fand hier keinen Stoff zu der trübfarbigen Schwärmerei, in der sich Reisebeschreiber über diesen traurigen Gegenstand gefallen. Schon der Eingang ist würbig, in die Höhle des Jammers zu führen, statt dessen man nichts als lachende Gesichter und Possen der schwarzen Kinder findet. Gin großer Hofraum wird durch ringsumlaufende erhöhte und halb verfaulte Holzgalericn eingefaßt, auf denen die feilgebotenen Menschen aufgespeichert umhcrkaueru, während ihre Näuber und Händler in den innnern Gemächern Rechnung führen und den Sündenlohn durch die Finger gleiten lassen. Die schwarzen Körper der jungen Mädchen sind fürs unerläßlichste mit weißen Tüchern bebeckt, die sie stets abzustreifen snchen, da sie an das Nackte gewöhnt sind. Ihr Anblick gränzt in jeder Hinsicht an das Thierische, und nur die weißen Zahnrcihen sind schön. So häßlich aber die Physiognomien der Schwarzen, so vollendet schön sind meistens die üppig strotzenden Formen ihres Leibes. Sie sind alle jung, viele beschäftiget die Küche zu bereiten, Wasser beizutragen und Feuer zu machen. Ich sprach mit mehreren, wobei sich doch eine blöde Schamhaftigkeit in der ungewohnten Gegenwart des Europäers kund gab. Im Durchschnitt sind sie gar nicht traurig, plaudern und lachen viel, und von Thränen habe ich nirgends eine Spur gesunden. Auch sie verstehen das Vetteln recht gut, diese Geißel Konstantinopels. Ich verließ diese schmutzigen Hallen mit den widrigsten Empfindungen, denn es gibt kanm etwas Traurigeres als den Anblick der zur Thierheit und zum Stumpfsinn herabgcsunkenen Menschen. Pera ist immer noch dasselbe Pera, wie die unübertroffene Meisterhand Hammers in seinem classischen Werke es uns schildert. Eckiges, anmaßendes, verschrobenes Männergeschlecht, müßige, unwissende, am Fenster lauernde Weiber, dieß ist die Charakteristik der Levantiner. Allein man verzeiht der Schönheit so gerne, und schön sind die Levantinerinnen meistens. Wer aber weiblichen Reizen nachspürt, der gehe eines Sonntags hinab zu der Spitze des goldenen Horns, und wage sich unter das Kreuzfeuer der griechischen Augen , der Frauen, wie sie Hellas nicht, wie nur Smyrna und der Fanar sie noch erhalten haben. Dann gehe er weiter gegen die sieben Thürme zu, wo die lieblichen »5 Armenierinnen, halbvermummt, die Gränze zwischen Türkcn-und Christenthnni halten, ohne die Reize des christlichen Antlitzes dem türkischen Schleier ganz zu opfern, oder er suche die Vornehmeren dieser seltenen Race Abends in den Gärtchen an der Perotischen Promenade, wo sie in ihrcu langen knappen seidenen Schlafröcken so idyllisch einfach gegen den europäischen Pfauentand der hcrumstolzirenden t^hristeudamen abstechen, oder er durchwandere am Sonnabend die jüdischen Quartiere, um den Urtypus orientalischer Weiberschönheit zu ergründen, uud will er das Reizendste finden, so steige er an festlichem Abend zu den Höhen von St, Dimitri hinauf, und er wird schwer von dort in das geschniegelte Pera zurückwandern. An Nichts gewöhnt man sich schwerer, als an den Abgang weiblichen Liebreizes, und wer die Reise im Orient mit Konstantinopel be-alnnt, begreift anfangs gar nicht, was ihm so sehr abgeht, was er so schwer vermißt. Die Vennnmmung der weiblichen Gesichtszüge, ja selbst des weiblichen Körpers biö zur Nngestalt, ist für das fremde Auge die härteste Entbehrung, und es thut doppelt wohl, wenn man die frischen lebhaften Gesichter der Herr-' lichen Griechinneu mit ihrem graciösen Kopfputz, Goldflitter, Guirlanden und Vlnmen phantastisch durch das lange Haar geflochten, ans dem ewig gleichen Mummenschanz der weißen türkischen Frauenmasken hcrausglänzcn sieht. Wenn eine Dame in Pera anf den Vall geht, denn in Konstantinopel gibt es keine VäNe, so muß sie eine große Papierlaterne, vor sich hertragen und Bediente mit Prügeln neben sich gehen lassen. Das erste ist durch die Polizei und den Trieb znr Selbstcrhaltnng, das zweite durch die Hunde geboten. Ohne Laterne Nachts in Pera anszngehen, habe ich nur nach der Uebung mehrerer Wochen gelernt, und den Stock kann man niemals entbehren, selbst wenn man noch so lange mit ihnen bekannt ist, mit diesen orientalischen Nachtwächtern. Bei Tage schlafen sie, diese Legione», «nd liegen in den Straßen herum, wie wenn sie nicht fünfe zählen könnten-, Nachts ist aber das wilde Herr los, und so gutmüthig sie am Tage thun, wo man über sie wegschreiten, ja sie treten kann, ohne daß sie es übel nehmen, so ganz wechseln sie die Art bei Nacht, Die Verehrung gegen sie muß hier sehr weit gehen, und es ist ein äußerst zartes Verhältniß, in welchem Mensch und Vieh in diesem Falle zu 5b einander stehen, da man sie zwar für unrein hält, aber doch nicht todtschlagen darf, und sie zwar nicht im Hanse aufnimmt, ihnen aber desto mehr auf der Straße zn fressen gibt. Dessen ungeachtet kommen die armen Thiere nicht zu Leibe, woran wohl die üble Gewohnheit des Nachtwachens die Hauptschuld ist. Sie bilden eine große Republik, die in kleine Staaten sich vertheilt. Diese halten unter einander so fest zusammen, wie die alten griechischen und die neuen amerikanischen Vundestheile, denn wehe dem Hunde, der sich in ein fremdes Quartier verirrt, er wird von allen Seiten mit äußerster Wuth angefallen, und gewöhnlich umgebracht, wenigstens schlimm genug fürs ganze Leben gezeichnet, daher auch die meisten mit Wunden bedeckt sind. Sie kennen die Bewohner ihres Stadtviertels genau, schon von ferne am Tritt, und lassen sie passircn. So lange man ihnen aber fremd ist, hat man Angriffe auszuhalten, besonders wer Nachts in andern Theilen dieser Frankenstädte zu thun hat. Sie sind feig, die Bewegung als hübe man einen Stein auf, jagt sie schon in die Flucht, uud ihre Macht sitzt nicht in den Zähnen, sondern in ihren unermüdlichen Lungenflügeln, die ihnen gestatten die ganze Nacht fort unter allen Fenstern zu bellen und zu keifen, woran ich mich beinahe so schwer gewöhnte, wie an die verschleierten Fraucnwangen. Wer mit einem Blicke die Hanptstadt des Ostens überschauen will, besteige den Thurm des Seraskiers, und ihm rollen sich die Geschichtsblätter aller Völker und Königreiche auf, ihm enthüllt sich die schönste Natur. Wo ist ein Panorama, das solche Bilder entfaltete, wo überblicken wir anderswo zwei Welttheile, nur durch schmalcn Mcerann geschieden, der eine die Wiege unseres Geschlechtes und der Künste die es veredlcn, der andere der Sitz der Civilisation, der Ausbildung des menschlichen Geistes? Wo erblicken wir auf einer Stelle die Thaten der Wölker, durch Klio's Griffel mit Flammenlapidarschnft auf die herrlichste Schöpfung geschrieben, den Uebergang der Myriaden des Darius, der Zehntausenbe des Venophon, und der wilden Horden der Kreuzfahrer, die Großthaten der Doriaö uud der Duckworth — alles auf dem malerischen Theater des Bosporus? Gegenüber erhebt sich das alte Chrysopolis und Chalcedonia, die Schule der Weisheit, beides die Schlüssel Asiens; unter uns breiten sich die Hügel von Vyzanz aus, und die festen Mauern 59 und Burgen des Serails, die Mysterien der Lust und Verbrechen von zwanzig Sultanen in seinem Innern bergend, jenseits die alten Werke der Genucstn in Galata, einst das Emporium des Welthandels, jetzt kleiner Krämer Werkstätte, und vergebens sucht das Auge ein Ende des ungeheuern Häusermeeres, aus dem die Moscheen gleich Inseln auftauchen, und die sich gegen den Balkan und das schwarze Meer hin in graue Fernen verlieren, um sich alle an ihrem erhabenen Schlußpunkte, dem goldenen Haftn und dem schifftbcladenen Bosporus, auf der Karte des Lebensverkchrs zusammenzufinden. Unaufhaltsam schweift der entzückte Blick über die strahlenden Spitzen des Sophicntempels hinaus, zu der silberglänzenden See von Marmora und den Zauberinseln der Prinzen, dieser Zuflucht der Macht und des müßigen Reichthums; er findet keine Gräuze, als an den violetgcfärbten Hügelketten, aus denen sich thronend in die Räume des Aethers der schneebekrönte Olympoö erhebt. 4. Der junge Sultan. Um cilf Nhr donnerten die Kanonen, der Sultan fuhr aus dem Bosporus ab ins Serail. Tie Moschee der Sultanin Valide war heute zum Gebete des Hofes bestimmt-, nur wenige Stunden früher erfährt man dieß, und wie in allen großen Städten drängte sich die Menge, heute in doppelten Massen, denn es war der erste Kirchgang des jungen Monarchen seit dem Tobe seines Vaters. Die Truppen und festlich geschmückte Carrossen mit Damen bildeten Spaliere, und hielten sich mühsam gegen den Andrang des schaulustigen Kolkes. Bekannte türkische Officiere befreiten uns aus dein wilden Gedränge, durch welches wir die Stockhiebe, die auf das neugierige Volk hagelten, sehr nahe um uns niederfallen hörten. Wir traten in ein Cafinet, wo die Ofsiciere uns Pfeife und Kaffee boten, und postirten uns möglichst vortheilhaft, um nichts zu versäumen. Der Zug eröffnete sich mit den reichverzierten Reitpferden des Marstalles, unter denen mir nichts Besonderes aufsiel. Junge Offtcicre, anfwärts bis zum Obersten und General, folgten paarweise zu Pferde. Ich bemerkte darunter Achmed Pascha, den frühern Gesandten in Paris, und Namik Pascha. Diesen schloß sich eine lange Reihe höherer Ofsieiere zu Fuß an, und hierauf folgte der sichtlich tiefgebeugte Hafiz Pascha, der allmächtige Chosrew und die Schwäger des Großherrn, jeder einzeln reitend. Nun kam der Sultan selbst, ein hoher junger Mann, sehr gerade zu Pferd sitzcud, blaß und ernst, leichten Anflug von Vart, schönes Profil, und blitzendes durchdringendes Auge, das er aber meistens gerade vor sich hinrichtete. Sein Gesicht ist ohne Bewegung, wird aber anziehend, sobald eö sich belebt. Der häßliche rothe Fes war tief über Ohren und Stirn Herabgezogen. Eine Diamantagraffe zierte den Kopfputz, und der Herrschermantel der modernen Sultane, ein o liven färbn er, lange herabhängender Tuchkragen, «1 wurde am Halse durch eine Brillantschließe zusammengehalten. Hinter ihm gingen die Hofbcamten und gestickte Diener des Serails, Zwei Männer empfingen Se. Hoheit mit silbernen Rauchfässern an der Schwelle der Moschee, verbreiteten den köstlichsten Duft über den ganzen Platz, und traten sodann vor dem Herrn des Reiches cin. Die Muezzins begannen ihr näselndes Geschrei, und wir hörten aus der Kirche die Choräle der Muftis, nicht unähnlich unserer Messe. Wir begaben uns mm auf den Landungsplatz, um die Abfahrt zu sehen, und die Offkiere der englischen und französischen Flotten hatten sich ebenfalls dort einge-funden. Der Snltan grüßte uns flüchtig, aber mit europäischer Grazie, ehe er vom Pferde stieg, und wurde von dem aufgestellten Militär mit klingendem Spiele, von dem dicht sich andrängenden Volke aber mit einem großen Geschrei begrüßt, das oft durch die Hiebe der Kawasse gedämpft wurde. (5r bestieg die herrliche Gondel, deren zwei ganz gleiche mit rothsammtcnem Baldachin von Gold strotzend geziert waren, und eine stets altz Reserve für den Fall eines Unglücks bereit gehalten wird. Diese Gondeln, wie auch die des ganzen Gefolges, sind weiß und mit Gold reich und geschmackvoll belegt, in der Bauart, trotz ihrer Größe, ungemein elegant und beweglich, wabre Muster für Nuder-fahrzenge auf dem Meere. Nach türkischer Sitte zieht beim Eintreten in die Barken Jedermann die Schuhe aus, da sie durchaus mit kostbaren Teppichen belegt sind. Der jnngc Pndischah setzte sich auf einen vergoldeten Thronsessel, der unter dem Baldachin stand,, und die ganze Umgebung strotzte von Silber und Seidenstickereien, dabei mit einer Verschwendung von vergoldetem Schnitzwerk. Alles verbreitet einen besondern Anstrich von kaiserlichem Lurus über die ganze Erscheinung. Vierundzwanzig jnnge kräftige Ruderer, die Glite der zehntausend CcN'qucn des Vospornö, init blau und rothen Mützchcn, ganz uniform in weißcn Jacke» und Beinkleidern, erhoben sich in dem Augenblicke, wo der Sultan sich niedergesetzt hatte, und griffen in die vergoldeten Nuder, und dahin wie von unfühl-barem Sturme getrieben, flog die schwimmende Masse des reichsten Materials. Besonders reizend nehmen sich die militärischen Tempos aus, die von den eleganten Ruderern gemacht werden sie senken alle die Ruder zugleich, und gleich tief, ins Wasser, 6s erheben sich wieber aUe zugleich, indem sie den Zug durchs Waffer machen, lind sinken alle auf einmal ans ihren Sitz zurück. Hierin ist so viel Genauigkeit daß man wetten könnte, es sey kein Zoll Verschiedenheit. Nun öffnet sich ein Schauspiel einziger Art. Die Flaggen aller Schiffe im Hafen und Canale sind aufgehißt, und die Batterien des Serails geben die erste Salutation, die von jedem Kriegsschiffe und allen fernen Strandgeschützen immer mit vollen Ladungen wiederholt wird. Das Meer wird nnrnhig von dem Brüllen der Feuerschlünbe, bald deckt sich Stadt und Meer mit schwarzen Rauchwolken, man sieht nur noch das den Flanken der Schiffe nnd den Ufern entsprühendc Feller, und durch dieses Bild der Seeschlacht, durch das Meer der Tausende herumwimmelnder Barken fuhren die in Glanz und Pracht schimmernden Sultansgondeln gleich zuckenden Blitzen in der Ge-wittcrnacht durch das goldene Horn hinein, und verschwanden bald unter dein zusammenströmenden Dampfe der von allen Seiten krachenden Kanonen, welche von den Bergen der drei Kaiserstädte in langem Echo zurücktönten. Gin Seestück, das man in Originalität südlicher Pracht wohl nur in China ähnlich finden mag. Ich stieg in meine Barke, und folgte dem kaiserlichen Zuge den Hafen entlang, verlor ihn jedoch bald aus den Augen, und überließ mich ganz dem schon so oft empfundenen Eindruck, der doch jedesmal wieder neue Saiten der Seele anschlägt. Gewiß hat der thracische Bosporus keinen würdigeren Nebenbuhler, als dieses berühmte goldene Horn, als Hafen ohne gleichen, als Fluß nur vou der Themse in Menge der Schiffe übertroffen. Vis zn der Brücke fährt man zwischen dichten Masten hin, baß man von den Ufern der beiden Städte aus nichts bemerken kann. Nachdem man unter ihr durchgefahren, wird es freier, wie in London, wenn man die ^,'ondonbrücke passirt hat; zur Linken erscheinen die Quais, die vielen Thore werden deutlich, das armenische O-uarticr, die Selimmoschee, die Patriarchcnkirchc, der Juden-ghetto und der Fanar treten an den Vorbeifahrenden hervor, Md nur die Stadtwälle scheiden das herrliche Ejub mit seinen Gärten und Gräbern, und die Hügel, welche sich hinter ihm hinaufziehen — einer der herrlichsten Spazierritte nach den süßen Wassern, und die Wonne der Bewohner. Rechts aber von der Brücke steigen die Vorstädte von Galata und Eassimpascha an steilen Felsenhohen hinauf, und das Arsenal und seine unzähligen 63 Werkstätten, Werften, Gießereien, Bohranstalten, Seilereien und Magazine füllen stundenweit das ganze vielbuchtige Ufer in den wechselndsten Bildern, bis der öde Berg mit den traurigen Denksteinen der Indengräber die Stadt endet. Nun beginnt beim Umbug der Strömung cine reizende Landschaft, da wo die süßen Wasser in den Meerhafen stießen, die in den Vends am Fuße des Balkans gesammelt und in höherer Triebkraft hierhergesendet werden. Reizende Kioske schmücken die Ufer, und lnftigschwebende Brücken verbinden sie. Schöne Banmgruppcn, prächtige Eichen stehen einzeln, und un< bebant, ungeschmückt, wie die Natur ihn in ihrer Laune hinwarf, und die Menschen ihn so leicht hätten verbinden können, breitet sich dieser Spaziergang zwischen dem Fluß und den Hügeln aus, die sich rechts gegen Pcra hinaufziehen. Grüne Zelte waren auf den Wiesplätzen aufgeschlagen, und unzählige Gruppen weißer Frauen faßten die Ufer ein, wo sie sich im Schatten der Ulmen gütlich thaten. Still dieses lieblichen Anblickes genießend ging ich weit hinauf über den Kiosk des Sultans, als zwei türkische Effendis auf flüchtigen Pferden raschen Laufes mich überholten und gegen einen Hügel hinaufsprengtcn, um den gerade eine Menge lustwandelnder Mädchen hervorkam, die mit lautem Geschrei auseinanderstoben. Ich weiß nicht wer mehr erschrack, die Reiter oder die Mädchen, denn in diesen Bändern, wo die Geschlechter so scharf geschieden, wird jeder Vorfall dieser Art übel gedeutet, und kann üble Folgen haben. Die Herren hielten an und stiegen ab, allein nun verwandelte sich die Angst der ausgelassenen Mädchen in eine Gattung Koketterie, die mich höchlichst ergötzte, da ich noch nichts Achnliches gesehen hatte. Sie liefen immer nach allen Richtungen, wie hulfcsuchend umher, und hatten bei dieser Gelegenheit eine Art Recht erworben, Dinge zu zeigen, die sie ihr ganzes Leben lang so grausam verbergen müssen. Um besser fortzukommen, handhtierten sie so geschickt mit ihren weiten Gewändern daß beim Aufheben das untere Vein, beim Attscinanderstattcrn der Nacken bloß wurde, jedoch immer sogleich wieder in Ordnung gerückt ward. Es war ein höchst uuschuldiges, vielleicht halb unbewußtes Spiel, das damit endete daß sie unter lautem Gelächter den nächsten Hügel hinanrannten und unsern Blicken entschwanden. Diese armen Geschöpfe streifen gern die Fesseln ab, die sie ewig tragen müssen. Hl Gin Gewitter brach los, und nöthigte mich zu meiner Valke zurückzukehren. Alles flüchtete sich nach den Zelten, und auch ich suchte Schutz in dem größten derselben, wo ich einen Kreis Von Menschen um eiue Tänzergruppe von mädchenhaft schönen Knaben versammelt fand. Nur Ein Herr sasi, es war der Sultan, der vom Regen überrascht hier eingetreten war, und die Bitte bewilliget hatte, vor ihm tanzen zu dürfen. Ich grüßte ihn ehrfurchtsvoll alls europäisch, und er erwiederte meine Verbeugung höchst anmuthig. Als der Tanz beendet war, erhob er sich, nickte mir freundlich zu, und ließ meinen Dragoman durch einen Herrn feines Gefolges fragen, wer ich fey. Ich näherte mich, und drückte mein Bedauern aus daß Mangel an Uniform mich verhindert habe, der Eiuladuug zu folgen, Sr. Hoheit meine Aufwartung zu machen, daß ich mich aber nun sthr glücklich schätze, diesen Wunsch hier erfüllt zu sehen. Cr war äußerst freundlich, und ich konnte seine Physiognomie natürlich mit mehr Muße betrachten, als Morgens. Es liegt Geist in ihr und G.utmüthigkeit, die Züge sind aber für solche Jugend schon sehr gealtert, und ob daran die Sorge sür das Neich, oder die vier Damen die Schuld tragen, die der alte Chosrew sciuem neueu Herrn doch etwas früh zugebracht, kann ich nicht entscheiden. Als der Grosihcrr sich wieder in seinen Pavillon zurückgezogen hatte, benutzte auch ich das wieder heitere Wetter, und trat meine Rückfahrt an. Kaum hatte ich die Brücke passirt, so kam der glänzende Zug mir nachgefahren, und nichts Possierlicheres als diese langen fchlaut'eu Ca'^uen, mit ihren langen Spitzen voran, die ihnen das Ausehen von Tnrnierrittern mit eingelegten tanzen geben, wenn sie besonders bei solchen Gelegenheiten oft gerade in einander hineinrennen, und man sehr Acht geben muß nicht gespießt zn werben. Wie der Hai unter das Fischegewimmcl hineinbricht, so brachen sich die prächtigen Gondeln Bahn durch das bunte Nachengewirre, nud waren längst wieder verschwunden, als die Ordnung in unserm Hintertreffen bei weitem noch nicht hergestellt war. 5. Die Derwische. Der Orient hat unsere Religionen geboren, und die Geschichte hat gelehrt daß ohne Philosophie keine bestehen kann, Die Religion ber Sanftmuth und der Liebe hat ans falschverstandenem Glanbenseifer zehn Millionen Menschen ermordet, geköpft, ertränkt, verbrannt, gerädert, in dir Luft gesprengt nnd erschossen, seitdem ibr großer Stifter Nächstenliebe und Versöhnung gepredigt. Die Menschen scheinen mm einmal nicht bestimmt zu Ml die Wohlthat höherer Erkenntniß ruhig ;u genießen, und sich liebend und Versöhnend nahe zu stehen. Wie man aber auch die Verdienste der Ncligion Mohammeds ansehen mag, die er einem barbarischen götzendienerischen Volke mit dem Schwerte aufdrang, so müsscu wir immer die Einfachheit ihrer Gebräuche bewundern. Ein jährliches Fest, als Gegensatz der vielen griechischen nnd römischen, tägliche Waschungen und Gebete, sind die einzigen vorgeschriebenen materiellen Obser-van^en, nnd alle Vorschriften richten sich ausschließlich alts die Anbetung Eines Gottes. Blut nnd Opfergabcn waren aus ewig Verbanut, nnd selbst die Einmischung von Priestern ward von Moliammed niemals für nothwendig erkannt. Jeder Mensch genügte sich selbst zur Ausübung des Islam, und war, mit dem Koran in der Hand, sein eigener Priester, Leiber wurden die nackten Wahrheiten nud klaren Dogmen Mohammeds nur zn bald mißkannt und materiell angewendet: eine mächtige Hierarchie entstand, und Schwärme von Derwischen breiteten sich aus, Nachbilder der heidnischen Gebräuche, welche der Prophet verflucht hatte, um die bethörten Moslemin zu hintergehen. Alter Aberglaube, der dem Islamismus so fremd entgegensteht, trat wieder hervor, und dieselben Verzerrungen kamen wieder mit allen Vrtremelt von Ausschweifung uud Vigottismus zum Vorschein. Uuier dem Scheine der Heiligkeit verübten die wandern- Movgcn^nd und Abendland. I. "le A»si. H K6 den Derwische die abscheulichsten (5.rcesse, und obschon ihre Klöster verbrannt nnd ihre Orbeil aufgehoben sind, so bestehen doch noch zwei Classen, die dnrch die Verrücktheit ihres Cultus in unsern Augen entweder als Narren oder als Betrüger erscheinen. Die Mewlewis, die Tänzer des Tekic-, haben in Pera ein sehr schönes Kloster, wo sie zweimal die Woche ihre Productionen öffentlich geben. Ihr Orden ist strenge, und bevor ein Aspirant in ihn als Derwisch eintritt, muß er ihm crst tausend und einen Tag als Knecht gedient haben. Man findet hier mehr Anstand und ein gewisses Decorum, daher mail besser thut die Mewlewis vor den rasenden Ruhcinis kennen zu lernen. Ihr Tag siel mit dem meiner Ankunft zusammen, und ich ging sogleich sie zu sehen. Ein runder Tempel mit ringsumlaufender Galerie, die Kuppel von Säulen gestützt, deren Schranken die Zuschauer trennen, erinnert an die Tanzplätze, in welchen bei uns ländliche Bälle in den Gärten gehalten werden. Die zuschauenden Türken waren ringsum in der Galerie auf dem Boden gekauert, was besonders den Osfieieren sonderbar ansteht, die mit den Schuhen in der Hand barfuß hereintreten und durch ihre Säbel in der Operation des Niedcrhockens sehr gcnirt sind. Man erließ oder übersah mir die Fußentkleidung, und ich stellte mich an die Wand, über welcher ein Fenstergitter angebracht war, wo sich viele höchst vergnügte Türkenfrauen versteckt hielten, die aber von der Heiligkeit dieses Ortes nicht sehr durchdrungen schienen, stets Glossen machten, laut lachten nnd mit einem Worte durchaus nicht andächtig warcu. Die Musit auf der Tribuuc begann, und auch sie war gleich unsern ländlichen Orchestern oben postirt. Die Introduction bestand in einer Gattung Lamentation mit einer gedämpsten gräßlich heulenden Flöte, einem verstimmten Dudelsack oder wenigstens einem Instrumente das ihm ähnlich klingt, und einer Pauke. Die Derwische traten ans, machten cercmo-niöse Reverenzen gegen ihren Meister, dann Verbeugungen nach den Himmelsgegenden und hierauf allgemeine Prosternation. Dann begann der Tanz, der in langsamen Kreiswendungen jedes Einzelnen besteht, und die mit vieler Nuhe endlich aus alle übergehen und mit Ablegung dcü Obertleideö enden. Die Musik wird lebhafter und betäubender da mehr Instrumente mitwirken, die aber sämmtlich unter sich brouillirt sind. Das Drehen wird immer rascher, nnd die einzige überbleibende Bekleidung der Derwische, 67 ein weisier faltenreicher wollener Rock, der von den Hüften bis zum Boden hinabreicht, w'ird dnrch die schivindelerregeude 'Achscn-drchung in einen solchen Schwnng vorsetzt dasi er in einem horizontalen Rade sich nüt dem Tänzer dreht und schwebend gerade von ihm absteht. Mit zugedrückten Augen schwingen sich bald alle Tänzer in stctS wachsender Schnelligkeit gleich Planeten um sich selbst und die andern Tänzer herum; keine Spur von Erschöpfung wird sichtbar, und keines dieser Schwungräder berührt das andere, keines senkt sich tiefer herab bis der Tanz beendet. Einige französische Damen hatten sich auf türkische Art in der Galerie gelagert, um den enthüllenden Notationen der erhobenen Dcrwischröeke besser folgen zu können, und wir sollten wohl in unsern Balletten einen Tan; dieser Mcwlewis einführen, wie wir ihn ähnlich an dem Taubentanz der Bajaderen sehen, der Sensation erregen würde. Mir wird cs unvcrgeMch bleiben, wie in diesen majestätischen Kreistanzbewegungen sich jeder um seinen eigenen Mittelpunkt und am Schlüsse um den im Mittelpunkte stehenden Scheich bewegt, wie die ausgestreckten Arme diese Bewegung so graciös unterstützen und sich dnrch die Kreiüschwingun-gen der weiten Gewänder das Vild der Sphärenlänze verwirklichet, das in der Lehre der samothrakischen Geheimnisse nns verschleiert so wunderbar entgegentritt. ttanz anders verhält cs sich mit den Nnhauis, dcu sogenannten heulenden Derwischen zu Scutari. Sie versammeln sich nur einmal zu ihrer Cultusübung, übertreffen aber durch ihre übermenschlichen Anstrengungen eine zehnfache Darstellung der Mewlewis, Der Raum, in dem sie zusammenkommen, faßt kaum hundert Menschen, allein die Marterwerkzeuge, welche sonst die Wände schmückten, dürfen nicht mehr angewendet werden. Oben in der vergitterten (Galerie sitzen die einheimischen Frauenzimmer, uuteu ist eine (5mfassuug, hiuter der die Zuschauer Platz nehmen. Schcn wir uns in Pera — trägt hier das Beste seines Stalles zur Schau, und caracolirt an der Wagenburg auf und nieder. Hinter ciuer großen Courtine sitzen, dem jenseitigen Ufer zugewendet und Männeraugen ganz unzugänglich, auf einer Anhöhe unzählige Frauen ill laut herausschallendem Gelächter und Ge-plauder, ein scharfer Gegensatz mit dem Erust und der Langenweile der außen dampfenden und brütenden Männer. Ich verlies; meinen Dragoman mit den Pferden, der mich noch warnte den Frauen nicht zu uahe zu kommen, und machte mich auf, der einzige anwesende Europäer, um nach Lust herumzustreifen. Nachdem ich die vielen schönen Pferde nnd ihre so verschiedenen Sättel und Zäume gemustert hatte, trat ich aus dein Gewühl dieses originellen Lustortes, um einen einsamen Spaziergaug 73 über die ganz menschenlere Halbinsel am Meeresstrande zu ma-chcn. Welch' entzückende 'Aussicht über das Meer von Marmora bis zu St. Stefano's äusiersten Spitzen von Stambul, über die Prinzcninseln nnd die asiatischen Ilfer bis zum weißen Ol'.Mp! Was hat die Erde Schöneres aufzuweisen, als diese in die Wellen des klarsten Meeres getauchten bezaubernden Linien, von einer Luft nmflossen, durchsichtig nnd duftend von dem Aroma südlicher Pflanzen. In Betrachtung nnd Gedanken vertieft wendete ich mich vom Veuchtthurme ab, wo ein Piket Soloaten, in ihrem Zelte, in häuslichen Beschäftigungen begriffen, mich gar nicht beachtete. Wer schildert aber mein Erstaunen, als ich, dem entgegengesetzten, mit lichten Vaumgrnppen besetzten Ufer folgend, plötzlich eitte Scene vor meinen Äugen sich öffnen sah, die mich in das Paradies der Houris versetzte. Es war die Rückseite jenes Aufenthaltes der Damen, die sich so ängstlich dort durch einen Vorhang abgeschlossen hatten nm ungestört den Frcudeu deöMecr-bades sich überlassen zu können, uud wehe dem Verlegenen der es wageu sollte vieses nie enthüllte Heüigthum mir profaucm Auge zn entweihen. Da stund ich nun, gefesselt von Bewunderung, aber daö Gefährliche meines Verbrechens wohl erkennend. Wao sollte ich thun? Davon gehen, das hätte mich sogleich verrathen können, da ich unter den einzigen dichtern Bäumen mich befand die mich verbergen kouutcN) dableiben, das konnte mich in den Bagno bringen, und damit war selbst der Anblick des Paradieses zu theuer erkauft. Also überlegend blieb ich doch stehen, und sah dem muthwilligen Schäkeru nnd Gc-plätschcr der orientalischen Najadcn zu, deren bezaubernde Formen dem grausamen Gesetz der tyrannischen Sitte nicht länger gehorchen wollte». Veicht streiften sich die weiten seidenen Gewänder über die entzückenden Nacken herab, nnd es sielen die gelben Stiefclchcn, nm die niedlichsten Füße zu entblößen, und das letzte noch übrige Kleidungsstück sträubte sich vergeben« den Anblick der so ü^pig hervordringenden, so lauge, so peinlich verborgenen Reize zu verhindern. Herrliches Geschlecht, wiewohl muß dir sehn diese lästigen Fesseln abschütteln zu dürfen, und dem Spiegel klarer Gewässer wieder unverhohlen zu zeigen waö zum Triumph der Natur so überirdisch geschaffen ist, Ich war versunken in Anschauung dieser Wunder, weiß aber nicht auzn- 74 geben wie lange diese gefährliche Beobachtung mich hier angebannt hielt. Plötzlich ertönt eine rauhe Stimme neben mir, und wie ich mich meinen süsien Träumereien entreiße und umblicke, sehe ich ein Bajonnctt über mir blitzen und begegne den drohenden Vlicken eines mir gefolgten Soldaten. So sahen wir uns eine Zeitlang an, wahrend cr immer in mich hineinbonnertc, wovon ich natürlich kein Wort verstand, und den leichtzubegreifendcn Sinn nicht verstehen wollte. Den Türken gegenüber gilt es ruhig zu bleiben; wer noch ruhiger ist wie sie, hat es in der Regel gewonnen. „Allah kernn" sagte ich, ihn fest und entschieden anblickend, und sah von neuem durch mein vortreffliches und jetzt doppelt werthgeworbenes Glas nach den Houris. Sey cs nun daß der tapfere Oemanide nicht herausfand was mit mir anzufangen, oder fand er selbst an dem prächtigen Anblicke, den er verhindern sollte, Wohlgefallen, kurz wir blieben noch eine gute Weile beisammen stehen, und dann schieb ich, berauscht von der Vrinneruug an das Zaubcrbild das keine Phantasie des Morgenlandes reizender auszuschmücken vermag, und raschen Laufes ging eS uuu auf unsern flüchtigen Turkomans» zu dein Cavallcriclager hin, das malerisch sich unter Scutari an den duukeln Cypressenwäldern in langen Reihen grüner Zelte über die Wiesen ausbreitete. 7. Türkische Neform. Was helfen uns die schauerlichen Reiftbcschreibungen mit den romantischen Bildern von Konstantinopel? Wo sind die Derwische, die sich vor dein Publuum lebendig secirten, wo die Ohrläppchen der Bäcker an die Thüren genagelt, wo die mysteriösen Vagnogefangenen, wo die Opimnbuden n»it den Besessenen, wo die europäischen Gesandten, die den Stanb von der Erde küßten ehe sie sich dem Snltansthrone näherten, nnd wo die blutigen Schädel der Paschas die einst die Pforten des Serails zierten? All diese Poesie ist verschwundeu, die Kopfe der Ianitscharen sielen mitsannnt den Turbanen, und Halil Pascha ist mit seinem Generalstabe der Nadel eines Pariser Schneiders verfallen. Der Reformator setzte an die Stelle des Turban den rothen Fes, und als er fand daß seine Soldaten mit dein ge-schornen Kopfe den Strahlen der orientalischen Sonne nicht widerstehen konnten, wollte er Augenschirme an die Fesse machen lassen; allein alles hat seine Gränzen, und er tonnte es bei den Muftis nicht durchsetzen, weil die Soldaten dann beim Gebete nicht mehr mit der Stirne den Vodcn berühren konnten. Der Ausweg, für das Gebet die Mütze umzuwenden, wurde als zu kühn verworfen. Dieß war die Reform des Orients. Beide Fürsten, die sie unternahmen, fingen bei ihren Heeren an, und brachen die Gewalt, die nach innen uur Gefahr drohte, nach außen aber längst ohne Macht war. Veide erkannten die Nichtigkeit ihrer soust so gefürchteten Prätoriancr, uub erschufen als Surrogat ein europäisches Puppenspiel, das als todtgebornes Kind zur Welt kam. Mamelucken und Ianitscharen waren wenigstens kriegerisch beseelte Corps, die unter guter Leitung stets Großes geleistet haben. Eine Militärreform aber mit dem Morde ganzer Armeen 7« beginnen gleicht der Verordnung eines Arztes, der dem schlaflosen Patienten so viel Opium eingibt das; cr gar nicht mehr aufwachen kann. Mohammed der Prophet hat sein Volt wohl gekannt als er ihm den Koran gab. Der Türke ist in einem unglaublichen Grade indolent, und kann nur durch außerordentliche Reizmittel zu irgend einem Handeln gebracht werden. Mohammed hat ihm Fanatismus und Kriegersinn eingehaucht, einer dem andern die Hand bietend. Anstatt durch weisen Uebergang diesen Kräsi« ten andere Richtung zu geben ohne jedoch ihre Stärke zu brechen, hat man beide zerstört und dem Volk nichts dafür gegeben, so daß wir den Türken nun innen und außen ohne allen Halt sehen. Sein Fanatismus ist in Gleichgültigkeit gegen die Religion verwandelt, und hierzu gesellte sich die Abneigung gegen den Herrscher, den er anklagt die heiligen Matter des Korans zerrissen, die Grundfesten des Staates erschüttert und der verhaßten Giaurs Sitten unter den Gläubigen eingeführt zu haben. Aller Vandc entblößt die das sociale Veben veredeln, ohne Religion, ohne Familienfreuden, ohuc Patriotismus, ohne Muth, träge, unwissend, ein nichtssagendes Daseyn hinschleppend, so sehen wir dieses umgestaltete Product, gleichgültig wo die Wogen des Verhängnisses über ihm zusammenschlagen, übermüthig prahlend, während die Feinde ringsum lagern um den bereits kalten Leichnam zu zertheilen, und falsche Freunde vergebliche Rettungs- und Wiederbelebungsversuche anstellen. Man Pflanzte im Orient ein schwaches Reis aus den verdorrten Vaum, den man klüger umgehauen und cineu neuen gesetzt hätte. Wer Reformen macheu will, muß sie ganz machen, der halbe Weg ist Rückschritt. Man mußte das Lehenssystem des Orients aufheben und die Najahs Theil nn der Verwaltung nehmen lassen um die Nation zu verschmelzen, und den schwachsinnigen Stol; der Osmanlis zu brechen. Tieß allein tonnte den Sporn der Ausbildung in Volk und Armee bringen und Intelligenz herbeiführen. Nirgends taugen Palliativmittel' )vo man eingewurzeltes Uebel aus dem Grunde heben will; im Orient kann man aber nur zerstören, nichts wieder aufrichten, und im neuen Vaue lag der Keim zum Einsturz. Als Mahmud die Ianitscharen todten ließ, die so lange Europa zum Zittern brachten, hatte die Welt das Recht zu 77 erwarten daß er an die Stelle dieser aufrührerischen Horden ein der europäisch taktischen Ausbildung sich näherndes Heer hervorrufen würde. Das große Reich war wehrlos und jedem Gingriffe bloßgestellt, es war keine Zeit zu verlieren, der nordische Nachbar drängte, und die neue Schöpfung wurde begonnen bevor Jemand wußte wie sie aussehen sollte. Abenteurer aller Nationen, der Auswurf fremder Resolutionen umlagerten die beängstigte hohe Pforte, und solchen Creatnren verdankte sie die ersten Elemente der Heerumwandlung. Anstatt die Bedürfnisse des Volkszustaudes, das geringe Maaß seiner Empfänglichkeit zu berücksichtigen, adoptirte man die fremde Form, ohne Geist, ohne höhere Weihe. Diefe Form, welche aus dem innern Leben gebildeter Volker entsprungen war, gab mail einer Nation die auf beinahe thierischer Stufe steht, und bei einem fast verschwindenden Unterschied der Stände, bei der ganz gleichen stupiden Unwissenheit, unmöglich zu jener Erkenntniß von Disciplin und Ehre gebracht werden konnte, ohne welche eine sichere Leitung großer compaeter Massen gar nicht gedacht werden kann. Diese Nachäffung fremder Armeen entbehrte aller positiven Unterlage nnd geschah erst im Moment der Gefahr, wo lange Vorbereitung unerläßlich gewesen wäre. Was konnte man von Truppen erwarten die des Grundgesetzes der Disciplin nicht einmal fähig gemacht worden waren, denn die Selbstbeherrschung welche unsere Neligion dein innern Leben auferlegt, ist in diesen Ländern, wo es nur Herren und Sklaven gibt, nur durch Zwang zu ersetzen. Der Türke ist gehorsam gegen seine Vorgesetzten, kann aber bei ihrer Unbildung nie wahre Acbtung und Vertrauen zu ihnen fassen, die nur dem höhern Wissen gezollt werden. Der Sohn des Seraskiers steht iu der Regel mit dem Packträger auf gleicher Stufe, denn sie haben beide keine Erziehung genossen. Von Capacität die zu höheren Stellen führt, ist durchaus keine Rede-, gute Pfeifenstopfer, brauchbare schöne Zöglinge für den männlichen Harem, haben die ersten Ansprüche auf hohe Stelleu und bilden die Elite des ottomaiüschen Adels. Achmet Pascha, der ^errätherische FlotteucommanDant, war ursprünglich Schuster und dann Nudertnecht- der Oberst der Garde-Artillerie, Vel) oder Fürst genannt, war srül'er Eattler-geselle-, ein schwarzer Verschnittener, selbst den Türken ein verächtliches Geschöpf, ward Gardecavalln'ie-General. Den vor den Kampf, welchen die Nothwendigkeit ihm auferlegt, hält der von der Fuhlsohle bis zum Scheitel bewaffnete Welttheil die Hand am Schwerte, und wirft drohende Blicke und Worte bald da-, bald dorthin, denen die Völker laugst keinen Glauben mehr schenken. Die Vergangenheit schützt nicht vor der Gegenwart, geschweige vor der Zukunft, und wer alles retten will, läuft Gefahr alles zu verlieren. Was war, hat die Zeit nnd hoher Meuschengeist erzeugt-, was ist, dürfte leicht in der Kleinheit der Gesinnung untergehen. In der Frage des Orients handelt es sich nicht wer hilft, sondern wer zuerst hilft. Der Hattischeriff von Gülhane ist ein philanthropisches Impromptu, uud hat den Zündfunken in die Santa Barbara geworfen. Wie jede altmuselmännische Spanntraft entwichen, sehen wir an der Unterschrift der Ulemas, der zelotischen Fanatiker und Stützen des Glaubens; daß aber der Sultan dieses Freiheit- und Gleichheitsmanifest beschworen, hat ihm den letzten Nimbus seiner Rolle geraubt, die ihn als Delegirten des Propheten über das Gesetz stellt, durch seinen Schwur ihn aber diesem unterordnet. Die Türkei hat sich durch diese neue Abstreifung ihres religiösen Princips vollends jede Lebensader abgeschnitten, und ihre letzte Rcgeuerationssähigkeit eingebüßt. Das famose Manifest ist ohne allen Zusammenhang, wie von Menschen verfertigt die eben an der Table d'hote einige Phrasen moderner Institutionen auffangen, und sie schuell zu Papier wersen, nm nichts davon zu vergessen. Man hat lvi Abfassung dieser saubern Constitution das Entscheidendste, die Stellung der Rajahs, in der Zerstreuung vergessen, und überdieß den Charakter des Türkcnvolkeö gröblich mißverstanden. Die Türken sind keine geistlose Nace, sie sind nur indolent. In Dingen die ihr Interesse oder ihre Leidenschaften anregen, sind sie sein uud scharfsichtig, und obschon behutsam im Handeln, doch rasch in der Auffassung, und bringen zur Verfolgung ciues Zweckes unerschütterliche Geduld und Äusdaxcr mit. Allein das Object muß erreichbar sevn uud Gewalt oder Noth sie dazu treiben, sonst bleibt ,l)r höchstes Streben stets ein l!«^« s-.,- ni«»!«!, und man kann sicher seyn daß der Türke von jeder Sache, die abstracte Forschuug fordert und nicht schon ans der Stirne das „<->»> Konc>" trägt, sich gleichgültig abwenden oder höchstens sragen wird: ,.wo;u soll Ynö nützen'?" W 8. Die Caserne«. Da wo die große Ianitscharencaserne noch in ihrem Schütte liegt, mitten in Konstantinopel, beginnen die Einöden dieser großen Stadt, und Manertrümmer, freie Plätze und halbbepftanzte Gärten ziehen sich bis zum Thor von Adrianopel hin. Es ist nie wenn Menschen und Luft diese Brandstelle der Geschichte flöhen, und der giftige Hauch moralischer Verpestung jedes Gedeihen verhinderte. Mahmud, der Reformator, befand sich, als vor l4 Jahren die trotzigen Ianitscharen ihn zwingen wollten die Reform der Armee einzustellen, in nicht geringer Verlegenheit, wie er dieser Forderung entgegentreten sollte, da von den neuorganisirten Truppen wenige vorhanden, und diese wenige» noch nicht erprobt waren, Der energische Hussein Pascha, selbst dem Ianit-scharencorps entsprossen, rieth zn seiner Vernichtung durch Gewaltstreich, nm die ewig wiederkehrenden Meutereien nnd die ewig neuen Verlegenheiten auf einmal zn beenden. In aller Stille sammelte er die kanm zweitausend Mann starte neumon-mte Truppe, entließ die Gefangenen aus dem Vagno, mit dem Versprechen ihrer Freisprechung wen» sie sich brav schlügen, nnd rückte vor jenes Vollwerk des Uebermuths, die Hanptcaserne der Nebellen, die er zum verzweifeltsten Widerstand gerüstet fand. Vor dem großen Portale pflanzte er sein weniges Geschütz auf, nnd rief dein zögernden Sultan zu Feuer geben zu lassen, als die Empörer Miene machten hervorzubrechen. „Todte sie, oder sie werden dich todten!" schrie er, nnd die Kartätschen wühlten in den Eingeweiden der dicht vollgestopften Caserne. Die Ianitscharen verloren den Kopf, und suchten sich zu rette». Da dieß aber unmöglich, indem die Caserne umzingelt war, nnd jeder, der über die hohen Mauern zu klettern versnchte, herabgeschossen wurde, so sah Hussein daß die Verzweiflung ihnen Morgenland und Abendland. I. 2te Aufl. tz 82 am Ende doch eingeben könnte sich durchzuschlagen, woraus die schrecklichsten Folgen entstehen mnßten, nnd woran man ihre Ucberzahl nicht hätte verhindern tonnen. Er bediente sich daher einer ächt türkischen List, eine entlegene Hinterpforte öffnen z»l lassen, durch welche sich dann, dnrch die dunllc Nacht begünstigt, die meisteu der Belagerten flüchteten. So war der moralische Eindruck größer alö der wirtliche (Gewinn. Tie Macht der ge-fürchteteu Bande war abcr gebrochen, zu Tausenden saNlken ihre Leichen in den Bosporus, die Kessel, ihr heiliges Feldzeichen, wurden zerschlagen, ihre Casernen zerstört, und das Wort Ia-nitschar aus dem tlirlischen Wörterbllche gestrichen. Allein sie selbst leben noch fort, und sind im Geheimen immer thätig die alte Macht wieder zu erringen. Auch vermißt sie die Hauptstadt, denn abgesehen von ihrem aufwieglerischen Geiste waren sie ge-werbfleißige Männer, die Gärtnerei uub Handwerke trieben, so daß man den Aufenthalt seit ihrer Vertreibung um das Dreifache theurer anschlägt. Wie oft fuhr ich durch den Boöpor in der spitzen (5a,qne ausgestreckt, während mciu von Gram durchfurchter silberbärtiger Fährmann, von Hitze erschöpft und die Vorsicht vor dem Fremdling außer Acht setzend, die Hemdärmel aufstreifte, nud mir das blutroth lättowirtcIanitschareuzeichen auf dem mnscnlösen Ann entgegenleuchlete. Neue Casernen erhoben sich nun von allen Seiten für die neue Armee; wie sie aber der Sultan baute, uud wo er sie hinstellte, beweist daß er das materielle weit besser wie das geistige Bedürfniß aufgefaßt hatte. Die neue» Caserne» stehen alle rings um die Riesenstadt auf den erhabensten Punkten, und dienen ihr alS die schönste Zierde. Hätte man sie zugleich i» Forts verwandelt, da sie durchgehends beherrschende Stellen einnehmen, so würden sie dem, wie in den letzten Tagen der Byzantiner, bald nur auf sich selbst beschränkten Konstantinopel mehr Schutz gewährt haben, als es für unsere Zeit die alten Mauern noch im Staude sind. Wenn aber ein Staat Casernen bcdars, so ist es der türtische, da die Einquartierung in den Bürgerhäusern, bei ihrer Nau« art und wegen der dieser Sitte widerstrebenden Fraueuabschei-duug, die gränzenlosesten Unordnungen und baldige Revolten im Gefolge haben müßte. Die marschirendcn Truppen werden daher mit den Bedürfnissen der Bivouacs versehen, die freilich unter diesem Himmel sehr einfach sind. Die Zelte gleichen den euglischen, 83 nur sind sic grün, wodurch ein türkisches Lager einen ungemein freundlichen Anblick gewinnt. Die prächtigen Caserneu von Namis Tschiftlik und Daud Pascha auf den westlichen Höhen über Ejub, die auf den Höhen von Pera und Topchaua den Vospor bestreichenden Artillerie-caserncn, die Gardecavalleriecaserne zu Veylcrbey und Gülhane, die großen Casernen zu Schumla, Adriauopcl und Smyrna, vor allen aber die herrlich gestellte Caserne zu Scutari, glanzvoller als mancher europäische Palast, könnten nicht allein in der äußern Form, sondern auch in der iuucrn Einrichtung manchem deutschen Lande zur Nachahmung dienen, wo man der lieben Oetonomie wegen diese Wohnungen der LandcMnder bis zur Lebensgefährlichkeit nnd zum Ruin der Gesundheit Herabtom-men läßt. Jede Caserne trägt ans dem marmorneu Süulenportal über dem großen und einzigen Thore die Tura, den Khiöök deö Großherrn, wie überall zum Hinausreiten eingerichtet. Die Zimmer der Säle sind hoch, luftig, von beiden Seiten mit Fenstern versehen, und meistens in der Mitte durch offenen Säulengang geschieden. Ganze Compagnien werdeu in einem Saale untergebracht, da die Soldaten ganz dicht an einander liegen, größten-theils auf dem Voden auf ihren über Vastmatten ausgebreiteten Decken, die ihnen für Gebet lind Vivouae, wie in Caserucn als Vctt dienen. Mehrere Casernen haben eiferne leicht zusammenzulegende Bettstellen mit guten Matratzen. Obgleich aber der türkische Soldat seinen Teppich zwischen Mantel und Tornister gerollt tragen muß, beträgt das Gewicht seines Gepäckes doch nur 22 Pfuud, was Nachahmung verdient. Noch mehr Berücksichtigung verdienen ihre Naschanstalten. Jede Etage wird von Lau-bengangcn umfaßt, wo sich für jede Compagnie eine Anzahl Wasserbecken in steinernen Rinnen zum Ablaufen befinden, welche den Soldaten zu ihren durch die Gebctzeiten fünfmal des Tages vorgeschriebenen Ablutiouen überflüssiges Wasser bieten. Man glaubt in eine hydropathische Austalt zu kommen, wenn man zu solcher Stunde in die türkischen Casernen tritt. Einfachheit ist das Gruub-princip, der Tornister ist daö Kopfkissen, der Mantel die Ueberdecke', Oefeu, Tische, Stühle gibt es nicht. Jeder Soldat hat über seiner .^agcrstelle in der Wand einen kleinen Verschlag für seine Effecten und Kochgeschirr, wie in England. 84 Jede Caserne hat ihre eigene Moschee und marmornes Babe-haus, jedes Bataillon seine Küche mit sehr zweckmäßig aneinandergereihten, in die Erde gemauerten Sparherden, die sogar in Scutari mit Dampf geheizt werden. Die warme Kost wird an Wochentagen zweimal, an Feiertagen dreimal, ja im Ramazan, der Fasten, süße Speise, ein Liebliugsgericht der Türken, gegeben. Ich kostete viele Menagen, und fand besonders den Pilaw, Reisbrei, Kohl, Vohnen, überhaupt Gemüse, delicat zubereitet, nnd wie in den Casernen selbst die höchste Reinlichkeit herrscht, so besonders in den Küchen. Da der Türke nur den Löffel von unserem Bestecke kennt, so ißt er mit den Fingern, die aber stets vorher gewaschen werden. Die linke Hand bleibt hierbei müßig, da sie durch Wasserspülung die Function auf den Latrinen verrichtet, wofür wir anderes Material verwenden. Daß aber dieses Material nicht verwendet wird, erleichtert den Abfluß der Latrinen ausnehmend, daher keine Kaserne der Welt geruchloser gefunden werde«! kann wie die hiesigen. Sämmtliche Officiere wohneu in den Casernen, die des Stabs in den 4 Eckpavillons, die Subalternen zwischen den Compagnien in eigcuen Zimmern. Ob hieraus dem Dienste Vortheil erwächst, möchte ich bezweifeln; die Amalgamirung des ohnehin gleich gemeinen Stoffes wird durch das Znsammenwohnen nnr befördert, und wie wenig die Officiere Gewalt haben, sieht man öfter, wenn sie ihre Untergebenen förmlich um Dienstleistungen bitten. „Lieber Freund, thue mir doch den Gefallen, nnd gehe anf die Wache," und anderes kann man täglich höreu; und wenn dieß gleich human und gutmüthig klingt, so ist es doch als Zeichen von Schwäche verwerflich. Alle Elemente, welche den Geist der Disciplin schaffen, fehlen gänzlich, und von einer auf höheres Verdienst, Instruction und Erfahrung gegründeten Supcrioritätsabstufung kann um so weniger die Rede seyn, als der Untergebene hier, wie überall im Lande, dem Vorgesetzten zur Befriedigung naturwidriger Leidenschaft dienen muß, und die Officiere schamlos genug sich die Vorzüge ihrer Lieblinge im Gespräch mittheilen. Wie wenig Reiz sie übrigens am Familienleben finden, sah ich an einigen Stabsofficieren, die mich zu sich eingeladen hatten, und mir ihre Zufriedenheit damit aussprachcn daß die Ca-sernenordnung ihnen nicht gestatte, die Woche mehr als einmal in ihre Harems nach Konstantinopel zu gehen, da ohnehin bei 85 Nacht niemals ein Osfilier nnsier der Caserne bleiben kann. Was sotten die armen Männer auch bei solchen Weibern für Freude empfinden, die nicht denken, nicht lesen, nicht schreiben, nicht fnhlen, ja nur sinnlich lieben können. Armes Volk, dem das Höchste alls Nrbcn, die Seligkeit der reinen Liebe nnd das Familienqlück, fehlt! 9. MisceUen über die Tnrkenarmee. Eines Abends besuchte ich Namik Pascha. Er war früher Gesandter an mehreren europäischen Höfen, spricht geläufig französisch, nnd hat sich ganz den Ton dcr feinen Welt angeeignet. Namik ist eine der wenigen hervorragenden Erscheinungen des osmanischen Reiches, w'as genügt um keine eingreifende Stellung einnehmen zu könneil. Talent und Geist sind hier verbotene Waare, jede Capacität wird von den Geschäften entfernt, und der eifersüchtige Chosrew duldete keine Verstandesüberlegcnheit um sich. Namik hat bei seiner Expedition gegen die Nebellen von Tripoli seine Fähigkeit als General nachgewiesen, und dabei gezeigt welchcu Einfluß er auf seine Truppen zu üben versteht. Er empfing mich sehr verbindlich im Garten seines neuerbauten Palais, und wir setzten uns am Rande eines den Bosporus überragenden Felsens nieder, von welchem, mau jene zauberische Aussicht über Scutari und das Serai genießt, die nie dem Gedächtnis; entschwindet. Zum erstenmale konnte ich mit einem Türken ohuc fremde Vermittlung sprechen, und ich war erstaunt über die freimüthige Kritik, womit ich hier die Verhältnisse dieses Landes beurtheilen hörte. Als mir das Wort „Agonie" entschlüpfte, indem wir von diesem Zustande sprachen, suchte ich eö durch ein milderes zu ersetzen, allein er bemerkte lächelnd daß dieses gerade der rechte Ausdruck dafür sey. Mangel an Nationalgefühl, fuhr er fort, gänzliche Entblößung aller Würde seyen die Hauptgcbrechcn dieses stumpfen Voltes. In der Mischung feindlich entgegenstehender Racen sey teiu Gefühl für Gemeinwohl denkbar, der Name Türke sey unter den überwiegend fremden Stämmen zum Schimpfwort geworden, und jede Reform müßte mit dcr Erfindung einer Geueralbenenmmg aller Unterthauen der Pforte beginnen, wie Peter dcr Große den verhaßten Namen der Moskowiten in Russen umtaufte. Dcr Albanese, dcr 87 Kurde, der Rnmeliote, der Araber schämen sich Türken zu heißen. Er tadelte bitter die üble Verwaltung des verstorbenen Sultans, dessen gränzenloser Ehrgeiz die Nation nur zn Privatzweckcn verwendete und ihren erbärmlichen Zustand noch tiefer zum Sinken brachte, weil er keinen moralischen Hebel zu ihrer Veredlung anzuwenden verstand, und hier hob er besonders den Mangel alt Municipalverfassungen hervor, den Grund der gänzlichen Venmhrlosuna, der Straßen, besonders in Konstantinopel. Als Namik nach der Schlacht bei Koniah von seiner Mission in London zurückkehrte, fragte ihn der Sultan was man davon in Europa sagte. Namik erwiederte freimüthig daß die Schuld nicht dev Armee, sondern ihrer fehlerhaften Organisation zugeschrieben werde. Hier aber gebe es nur Ein Mittel, um tüchtige Officiere zn gewinnen und sie an die neuen Formen zu gewöhnen, nämlich nach und nach einen Stamm zu bilden, eine Art Cadrefvstem, durch welche der Unterricht in die Massen überginge. Er erhielt Vollmacht nach Gutdünken zu verfahren, und richtete eine der neueu Oardecafernen zum Zweck seiner Officiers-Pflanzschute ein. Er wählte möglichst fähige Lehrer, nnd suchte eine Anzahl tüchtiger junger Veutc ans den Garben, während er das Lehramt bei den Instructionsofsicieren selbst in den Stunden der Nacht ausüben mußte. Die Laneaster'sche Methode schien ihm mit Recht für seinen Plan die förderndste; bei Tag wnrde erercirt, Nachts daß franzosische Reglement stndirt und Sprachen gelehrt. Da aber nur äußerst wenige Offieiere zu finden sind, welche auch nnr die gewöhnlichste Vorbildnng besitzen, ja noch jetzt in der türkischen Armee selbst Officiere der höchsten Chargen sehr selten lesen und schreiben können, so gibt dieß einen Begriff von den Schwierigkeiten mit denen der arme Namik zu kämpfen hatte. Indessen bot doch schon dieser mit Geschick geleitete Anfang schöne Resultate, und obgleich Namik nur ein Jahr diese Schule selbst führen konnte, indem er abberufen und zu neuen Missionen verwendet wurde, so befinden sich doch in der türkischen Armee viele Generale und Generallieutcnants, die aus ihr hervorgegangen sind. Hätte Namik diese Lehranstalt behalten, so wäre die stufenweise Fortbildung der Armee gesichert gewesen, während sie nun, wie M diese türkischen Mi-litärbildungen, in ein blosieS Gewchrspiel übergegangen ist und nur der Buchstabe, nicht der Geist des Schöpfers in ihr waltet. 88 Namik Pascha hatte mich mit Hochachtung erfüllt, und ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Er hegt die besten Hoffnungen für den jungen Großherrn, über den man noch kein Urtheil feststellen kann. Gr soll leicht fassen und wißbegierig seyn, allein der Einfluß der Sultanin Validc und Ehosrews waren dort so mächtig daß es einer ungewöhnlichen Willeuökraft bedürfte, um diese Fesseln zu brechen, worin Halil Pascha ihn unterstützte. Einstweilen hatte man dem jungen Herrscher schöne Frauen und einen Zwerg als Hofnarren beigesellt, vermuthlich um ihn zu seinem großen Berufe geschickt zu machen, eiu in Vernichtung sinkendes Reich zu retten. Sultan Mahmud fiel in deu gewöhnlichen Fehler gewöhnlicher Reformatoren, er wollte die Resultate sehen bevor das Werk begonnen. So ging es mit den Unterrichtsanstalten der Armee. Anstatt beim Volte, fing er bei der Armee an, nnd die schönsten Hörsälc standen fir und fertig, ehe man noch bedacht hatte wer den Unterricht in ihnen leiten sollte. W ist wirklich unmöglich einen Vegriff von dem uicdrigeu Standpunkte zu geben, auf dem die Ausbildung des türkischen Volkes ruht, und man findet in seiner großen Hauptstadt nicht Eine Schule, welche mit einer Dorfschule in Deutschland verglichen werden köuute. Daß in einer Armee, welche dem Auswurf des Volkes entnommen wurde, noch weniger von Vorkenntnissm die Nede seyn kann, bedarf keiner Erläuterung. Das türkische Offieiercorps selbst steht in der Elementarbildung hinter den Unterosficiereu aller dcnt-schen Heere; wie soll man daher hier Lehrer finden, wo selbst alle noch der Velehruug bedürfen. Um fruchtbringende Vildungs-anstalten zu schaffen, muß man beim AVE anfangen, nnd dahin hat die Nothwendigkeit bereits zurückgeführt, so pomphaft auch frühere Lobpreisungen der türkischen Reform klingen mögen. Factisch besteht gegenwärtig nur Eine große Lehranstalt, nämlich die von Namik Pascha gegründete Garde schule, Dol-mabaktschc, in welcher sich über tausend Officierszöglinge befinden. Der sie commandirende General Selim Pascha ist ein instruirtcr Osficier, versteht europäische Sprachen uud besitzt eine gewählte Bibliothek. Er empfing uns höchst zuvorkommend und ließ sogleich einen Theil der Schüler versammeln, während wir das Innere der räumlichen Caserne besichtigten, die durchaus mit eisernen Feldbetten versehen ist. Wir sahen Laudsehaftzeichncn, 89 worin viele entschiedenes Talent zeigen, vom Planzeichnen w'ic von Geometric wissen sic aber nichts, der wechselseitige Unterricht erleichtert das Erlernen der inländischen Schriftfprachc ungemein, und wozu sonst 6 Jahre nicht hinreichten, lehrt man jetzt in hinein. Diese Kenntniß der türkischen Sebrift sctzt bekanntlich dic der arabischen nnd persischen Sprache vorans, aus dcnen sic zusammengesetzt ist, und hierin liegt der einfache Grnnd, weßhalb so wenige Menschen türkisch lesen nnd schreiben lernen. Sclim Pascha ist Verehrer der französischen Sprache nnd versicherte dasi keiner seiner Zöglinge in dic Armee treten dürft-, bevor er nicht derselben so weit mächtig ist, um ihre Schriftsteller zu verstehen. Bei näherer Bclcuchtnng fand eö sich aber daß gar kein Vchrer dafür vorhanden, und Selim meinte, sie könnten durch türkische Officiere selbst hinlänglich im Französischen unterrichtet werden. Ein Bataillon der Zöglinge trat nun nntcr Waffen, Knaben von l) —1l) Iahreil mitbcgriffen. Das gewöhnliche orientalische Paradepferd des Gewehrcrereitulms ist anch hier eingetrichtert, nebst dem so unvollkommenen russischen Tirailleurfeucr. Sonst dient noch, wie in der ganzen Infanterie, französische Vorschrift, reiner Mechanismus ohne Geist. So ist der Unterricht der türkischen Armee beschaffen, und von Geographie, Geschichte, taktischer Lehre ist hier cnrfernt kcinc Nede. (,6 England bezog, so kann inan eS den Türken nicht verargen wenn sie einen für ihren gegenwärtigen Zustand unerschwinglichen Manneban einstellten und den theuren Baumeister cnifernlen. Da die Forts deö Hellespont durchgängig in der Kehle offen stehen und grö'sitentheils von rückwärts dnrch Anhöhen so beherrscht sind daß man die Artilleristen in den Batterien niederschießen kann, so wird ein verständiger Admiral, bevor er die Schlösser forcirt, Truppen ans Land setzen, um einen gemein-schaftlichen Angriff zn machen. Ganz sturmfrei kann man die Batterien von hinten nicht machen, es wäre daher, besonders im Anatoli, fortwährend eine starke mobile Colonne nothwendig, nm diesen Kchlangriffen zu begegnen. Allein die Hauptsache bleiben stets die Batterien am Hellespont selbst, und diese sind erwiesen nur bei den eigentlichen alten DardaneUcnschlössern wahrhaft wirksam, da wo der Hellespont in seiner Mitte am schmälsten ist. Die ueuerrichtete Batterie von Nagara ist in der ersten Anlage verdorben und wirkungslos. Kösseburuu hat ungünstige Lage und zerstreut sein Feuer. Boghali, Tschanaburun, Gski-hissarlik, Ak-Thabia, Schahinthabia sind zum Theil »hue Wirkung, zum Theil verfallen. Dic Ausgangsschlösser in das ägeische Meer, Kumkale und Sedbahr, stud zwar sehr gut im Stande, aber wegen Vreitc des Wassers ohne Gindruck, obschon sie Geschosse von einem Centner schleudern. Es bleiben daher nur die altm t10 Schloss« Tschenekalessi und Kilidil Vahar, dieses mit den vortrefflichen Strandbatterien Namasjah und Degermenburuu. Alle übrigen könnte man als nnnütz eingehen lassen. In diesen Forts zusammen stehen gegenwärtig über 500 metallene Geschütze — eine enorme Verschwendung, die um so thörichter ist als kaum die Hälfte dieser Zahl an bedienenden Artilleristen sich bort befindet. Die Bombenkanonen und die riesigen Kammergeschütze dürften vorzugsweise außerordentliche Resultate gegen vorüberkommende Schiffe geben, während glühende Kugeln mehr gegen eine ankernde Flotte wirken, da segelnde Schiffe zu rasch herankommen und die bei einem Angriffe unvermeidliche Verwirrung die Kugeln selten im rechten Augenblicke zur Hitze bringen läßt. Die sicherste Anordnung wäre wohl das Lagerfeuer. Die Geschütze eiuer Flanke würde,, in Abtheilungen, wie auf den Maximilianischen Thürmen, von Einem Commandeur befehligt und alle nach Einem Punkte gerichtet, den das feindliche Schiff passircu muß. Das Feuer müßte einen Augenblick früher, als das Schiff in die Schußlinie tritt, commandirt werden, wodurch die Wirkung conceutrirt wird, da sie moralisch uud summarisch eingreift. Die Vombeu-kanonen feuern über Bank. Die furchtbaren Kammergeschütze, welche Steintugcln von mehreren Centnern auf 3000 Schritte schleudern, lagen sonst ihres eigenen Gewichtes wegen, das fünfzigmal das des Geschosses beträgt, auf der Erde und ihr Wiederladen und Vorbringen erzeugte stets großen Zeitverlust, Der talentreiche Hauptmann Laue hat nun eine Laffettiruug dafür erfunden, wodurch die Kraft des Rücklaufes gebrochen uud durch die eigene Schwerkraft das Vorbringen in den ursprünglichen Standpunkt erleichtert wird. Hieraus erwächst der Vortheil daß man über die Parapeten hinaus und in einer ausgedehnteren Peripherie damit feuern kann. Ein großer Ucbelstand dieser Wafserforls liegt darin daß die Batterien nicht casemattirt sind, um das Geschütz uud seine Bedienung vor Haubitzen und Gewehrfeuer zu schützen. Dieß muß, besonders bei einem Angriff ans die blosigestellte Kehle, eine höchst verderbliche Wirkung erzeugen. Das einzige Neue, was hier geschaffen wurde, besteht in einer Curtine, welche die beiden Bastionen von Tschinakalessi verbindet und eine große Batterie von Kammergeschützen dem Wasserspiegel in der Face N1 naher rückt. Gine dort benöthigte Esplanade ist durch eine Feucrsbrunst, lrelehe alle Häuser längs des Strandes verkehrte, von selbst geschaffen morden. Der preußische Gcneralstabsofficier Varon Moltke soll die Idee gegeben haben ein Fort auf einen Felsen mitten in den Hellespont zu bauen, wodurch in Gemeinschaft mit den beiden alten Schlössern der Durchgang allein factisch zu schließen wäre. Die Auffassung ist kühn aber nicht unausführbar. Sobald man in der Türkei nur erst weiß woher der wahre Feind kommt, fo kann man den Bosporus oder den Hellespont auf diese Weise sperren, was auch später zu einer Brücke dieuen könnte, um die ganze türkische Gesellschaft auf -Asiens Boden zurückzuverpslanzen. Der Pascha, ein alter herrlicher Soldat, empfing uns zn Tschincckalcssi äußerst zuvorkommend, aber einen tiefern Blick in die Größe seiner Ausgabe und in die Verhältnisse des ihm anvertrauten Postens suchten wir bei ihm und feinen Osficieren vergebens. Die Lage der alten Schlösser mit ihrm grauen genuesischen Thürmen uud Manern ist der einzige Lichtpunkt des Hellesponts, und die neuern Befestigungen stechen glänzend von ihnen ab, ohne sie an Nomantik zu erreichen, Aecht Homerisch schickte uns der alte Pascha ein reiches Geschenk von Früchten, Brod und lebenden Hämmeln zn, welche wir sogleich an unsere armen hungrigen Hadschis vertheilten, welche die Hekatombe unter Dank nnd Inbcl verzehrten. Es waren Pferde für uns bereit gehalten, um die Gefilde Troja's zu durchreiten, allein hier kann nnr die Phantasie den Weg zeigen, denn keine Spur ist mehr zu finden von dem Schauplatze unsterblicher Thaten. Wenn es keinen Grund gäbe das Studium der Classiker neu zu erwecken, so fände er sich schon in der täglich wachsenden Leichtigkeit die Stellen zu besuchen, welche die alten Helden, von den größten Dichtern besungen, gehciliget haben, Nur wer die Dichter und Geschichtschreiber der Alten kennt, wird eine Neise im Orient mit wahrer Weihe machen. Nnferc neue politische Richtung und das alles Geistige in den Hintergrund drängende utilitarische Streben der Materie haben die gegenwärtige Generation mehr oder minder der Vorliebe für das classische Alterthum entfremdet, nnd gewiß war vor dreißig Jahren mancher Student bei uns mehr in Athen und Ilium zu Hause als jetzt die meisten dort reisenden Touristen. N2 Hierher, an diese heiligen Stätten der Geschichte und ritterlicher Romantik, muß man pilgern, um die zahllosen Schönheiten antiker Dichtknnst zu genießen, die nnsern Schuljahren so manche verloren geglaubte Stunde abgenöthigt hat. Tie Odyssee in der Hand durchstreife man den Archipel, die Iliade begleite uns an den Nfern des Stamandros, der die erhabensten Helden der Griechenzeit in zehnjähriger Fehde belauschte. Und wie auch die Zweifler an der Wahrheit des Homer'schen Gpos sich mehren, unerreicht sind die Thaten die es schildert, wenn es hinschreitet über die weiten Gestade Iliums, wo die unbändigen Ächaier gegen die edlen phrygischen Männer in endlosen Kämpfen anstürmten, göttcrahnliche Hcroengcstaltcn, deren Manen Alexander und Cäsar selbst ehrfurchterfüllt huldigten. Neber Hectors Grab erhebt sich der Hügel, auf dein die heilige Pergamos thronte, und an den Nfern des weltberühmten Simois lag das nur durch List besiegbare Ilion, Alle Erscheinungen jener großen Dichtung ziehen geisterähnlich vorüber, und wir erblicken den zornerfüllten untadeligen Pelcidcn, den stolzen Atriden, den mauereinstnrzenden Sarpcbon, den wuthflammenden Hcetor, sehen aus dem dnnkeln Schlachtgetümmel der Myrmidonen Trojer und Achaier hervorleuchten, wie sie Verderben spendend durch die blutgetränkte Ebene würgen. Die einzigen Kennzeichen welche jenes Jahrzehnt hinterlassen^ sind die hoch über die Fläche emporragenden Gräber der großen Erschlagenen, die steten Zeugen ihres ewig dauernden Ruhmes. Der Niesenhügel, der Aysetes' Gebeine birgt, gibt dem Auge die Stellung der feindlichen Heere kund, und die Griechen schlugen steh zwischen den Grabhöhen ihrer Helden Achill) Patroklus und Ajar, die alle über der Meeres-fluth her^ortauchen, wie noch jetzt das Grab des hohen Peleiden den Schiffern ein fernsichtbares Zeichen ist. Welches Theater hat aber die Natur für dieses Kriegstheater erbant! Königlich erhebt sich der majestätische Athos, gleich den höchsten Kuppen des wolkenumschleierten Idagebirges, und ungehemmt schweift der Vlick über den schäumenden Hellespont, über die thracisehe Halbinsel nach den geheimniß^ollen himmelanstrebenden und magisch geformten Samothraken, an denen sich der mächtige Imbros ausdehnt, das ägeischc Meer und Tenedos. Weßhalb zerstört die Natur gerade das was wir am liebsten frlMeu sehen möchten; warum verlöscht sie so gerne die Spuren, l,3 die Zeugniß geben von der höchsten Thatkraft der Menschen? Unbedeutende Tempel sehen wir der Zerstörung entrinnen, und die Zeugen übermenschlicher Großthaten sind von der Erde vertilgt. Nirgend aber hat sie ihr grausames Zerstörungsamt mehr geübt als auf dem Voden von Troja, und nichts ist auf ihm zurückgeblieben als die in Sumpf und Lotos versenkten Gräber. Kaum erkennt der Forscher die Gestade, in deren weiter sicherer Vucht die Flotten der Achaicr sich bargen und die damals der Siinois bespülte. Alles ist vergangen in Auflösung und Vernichtung, nnr die Geschichte wacht, und Homer lebt, und die Erinnerung an die Zeit die keine wieder erreichte. Allein cin nener Kampf bereitet sich vor in diesen poetischen Gewässern, und bald werden vielleicht ihre Wogen Zeuge seyn von Thaten die von breitauscndjähriger Erinnerung geheiligt jetzt der Welten Geschicke entscheiden sollen. Hinter dem Fort von Kumkalessi, auf der äußersten Spitze des Vorgebirges von Troja, rollte sich vor unsern Augen der Vorhang anf der das Vild in Wirklichkeit enthüllte, das unsere Einbildungskraft eben aus der Vergangenheit vor uns heraufbeschworen hatte. An der weiten Besita-Vay entfaltete sich die doppelte Schlachtlinie der größten Flotte welche die Meere seit drei Jahrzehnten beisammen gesehen. Rechts standen die Engländer unter Stop-ford, links die Franzosen unter Lalande und Ioinville. Vierundzwanzig Linienschiffe nnd sieben Fregatten warteten hier des Zeichens um zwei Welttheile zittern zu machen, und rohig wie der nemeische Löwe lag dieser Flottenkoloß und sendete blitzende Blicke nach den zögernden Congressen, die diplomatisch zu lösen sich abmühen was längst schon den Waffen verfallen ist. Doch im Feldlager Neptuns scheint kein brüderliches EinVerständniß zu walten, und nimmermehr werden Franzosen und Engländer für eine Sache gutwillig kämpfen. Ueberall ist Neibuug, Mißtrauen nnd Abneigung, und dieser Zustand kann nicht dauern, und der Diplomaten Weisheit wird nicht lange mehr die finstern Mächte bannen die so viel Haß und langverhaltencn Groll im Innern tragen. Wie die Nömcr nie Freunde der Carthager seyn tonnten, so nähert sich auch jetzt der Augenblick, wo die ihnen ähnlichen modernen Nebenbuhler den Kampf um die Weltherrschaft und die eigene Enstenz ausfcchten müssen. Morgenland und Abendland. I. ?.te Aufl, tz 13. Smyrna. Ms wir uns den Engländern, dem rechten Flügel der Flotte an drr Vesika-Vay, näherten, löste sich von Commodore Parkers schönem „Rodney" eine Barke, und bald lagen die erwartenden Freunde in unfern Armen. Auf Reisen erwirbt man sich leichter Freunde als unter dem gehässigen Treiben der Städte, und wie die stürmischen Wogen des Meeres wahre» Muth auf die Probe stellen, so stählen sich auch Freundschaftsbande hier dauernder als in dem gefahrlosen Treiben des sichern Landes. Nach kurzem Zusammenseyn steuerten nur durch die vereinigte und doch so locker verbundene Flotte. Vin frischer Wind trieb uns dem herrlichen Tenedos zu, nnd bald hatten wir die unzähligen Feuerschlünde hinter uns die im Angesicht der hehren Schatten Homerischer Helden der Zeit entgegenharrten, wo die Küsten des morschen Orients von ihren Donnern erbeben werden. Welches Land, welche Vergangenheit, welche Zukunft! Tief in die immer dunkler werdende Nacht hinein saß ich umringt von schlummernden Türken und ließ die Gestalten der Ilias an mir vorüberziehen, und die Geister alle, die hier ihr Heimathland und ihren Tod gefunden, hier ihre göttlichen Lieder gehaucht und hier im Strahlcnglanz ihrer Heldenthaten schimmern. Auf diesen Ufern nnd Inseln sollte die Jugend den Vater Homer lesen, nicht in finsterer Schulstnbe, wo sie ihn nimmer verstehen wird. Die erwachende Sonne erleuchtete die dreifache Bergkette welche Smyrna's Bucht in grandiosen Terrassen umschlingt. Die prächtige durch Liebe und Dichtkunst berühmte Insel Mitylene und das Cap Karaburnu fassen in weitem Bogen den schönsten Meerbusen ein, und schützend lagern sich vor seinem Eingang die hohen Gestade von Durlak mit dem sichern Haftn. Es ist eine prachtvolle Staffage, die jetzt immer näher rückt, von dem 11» majestätischen Verge des zerstörten Pergamos bis zu den bezaubernd übereinander sich austhürmenden Nergstaffeln des Sy-Pilus und Pagus. Immer näher tritt das noch als Ruine erhabene alte Castell, an dessen Fuß Smyrna liegt, und die zackigen Vruderberge die sich schirmend über die große Stadt herabneigen. Gine neue Flotte entfaltete sich vor uns, von deren Masten eine befreundete Flagge entgegenwehte. Ofsiciere stießen vom Admiralitätsschiffe ab, um die übliche Complimentirung an unsern Vord zu bringen, und kaum hatten wir von unserer freundlichen Wohnung am Quai des Hafens Besitz genommen, als der Admiral selbst sich zum Besuche einfand. Die Häuser der Franken nehmen hier das ganze Gestade des Meeres in einem großen Halbkreise ein, und Smyrna erhält hie-durch auf den ersten Vlick mehr den Anschein einer europäischen Stadt. Allein das orientalische Leben ist nur wenige Schritte ins Innere zurückgedrängt, und entfaltet sich um so frischer auf den Vazars und in den Arabeskenverschlingungen der unzähligen kleinen Gäßchen, die in jeder Hinsicht mit denen zu Konstantinopel an Schmutz und infernalischem Pflaster wetteifern. Wir erstiegen sogleich hie Akropolis, deren weitlänfige Mauern, halb-verfallene Thürme und Cisternen so verschiedenen Epochen angehören uud so vielen Zeiten getrotzt haben. Ihr groftes Thor bildet als Durchsicht gegen Nordost einen ungemein herrlichen Anblick aufVurnaba hinab nnd über die in Vaumgrupften gegen Magnesia hin zerstreut liegenden Ortschaften und den zu seinen Füßen liegenden Gärten, Cypresftn und Platanen. Von der obern Seite überblickt man den Weg nach Ephesus und Fragmente alter Wasserleitungen. Wir stiegen hinab zu der alten Platane Homers und sahen hier Züge unzähliger Kamele truppweise von pfiffigen Eselein geführt an uns vorbei auf der alten Karawanenstraßc nach Asien hineinziehen. Tie Khans, wo sich diese Karawane» sammeln, sind sehr räumlich und voll Leben. M ist ein wahres Feldlager, in welchem man alle asiatischen Racen von Menschen und Thieren studiren kann. Die Vazars sind nicht so ausgedehnt, auch nicht übermauert wie die zu Konstantinopel, aber man findet hier in manchen Gegenständen reichere Auswahl. Fußteppiche habe ich nirgends dichter und solider gesehen, doch kauft man sie besser in Gewölben als auf dem Markte. its Der Platz vor der Marine wäre sehr schön zu machen, wenn der Geiz der dort wohnenden europäischen Kaufleute nicht größer wäre als ihr Schönheitssinn, Nicht einmal Laternen hängen sie dort aus, und Smyrna ist eben so halsbrechend Nachts zu durchwandern wie Konstantnwpel. Wie reizend könute man aber Smyrna machen, wenn man Duals um das ganze Meerufer aufführte, was sich so leicht und ohne große Kosten bewerkstelligen ließe. So ist es aber mit allen Dingen in diesen Ländern. Die Natur muß alles thun, der Mensch fügt nichts bei als was ihm der Eigennutz dictirt. In Smyrna aber, wo die halbe Stadt von Franken bewohnt ist, dürfte man füglich auf europäische Gesittung Ansprüche machen, welche man von türkischen Behörden nimmermehr fordern noch erwarten kann. Tie Abende sind in Smyrna gewöhnlich unbeschreiblich schün, und der Sonnenuntergang spielt in bezauberndeu Goldfarben. Nabenschwarz streben dann dic Vrnderberge in das transparente Nosagewotk hinauf, während der ganze Horizont in Purpur getaucht scheint und das westliche Gebirge immer dunkler violett aus dem Refler hervortritt. Musik schallt aus den hcllerleuch-teteu Kriegsschiffen herüber, und in der tiefen Stille der immer schwärzer herabsinkenden Nacht brachte täglich eine schlichte Varke den liebenswürdigen Erzherzog ans Land, wo er den Abend im Kreise seiner Officiere dort verlebte. Der nun abgesetzte Pascha war ein eben so ewiglachendes Exemplar von türkischem Vonvivant wie Halil Pascha. Wir statteten ihm einen Besuch zur See ab, allein das langweilige Dolmetschgcrede wird bei diesen orientalischen Visiten nachgerade höchst ermüdend und uur durch vortrefflichen Tabak und Kaffee etwas erträglich. Die Erpressungen und (5hicaueu dieses Pascha haben nnn ihren Lohn gesunden, allein die Erbärmlichkeit der türkischen Znstande ist auf gewöhnlichein Wege nicht mehr zu verbessern und der Handel Smyrna's sinkt sichtlich. In diesem asiatischen Paschalik hat man höchst ergiebige Eisenminen gefunden und dem Pascha befohlen sie auszubeuten uud eine im voraus bestimmte Summe daraus zu ziehen. Um sich nun diesem Tribut und jeder weitern Mühe zu entziehen, berichtet er ganz kurz, die Miuen geben kein Eisen und die Arbeit wird eingestellt. Durch solche heillose Wirthschaft bleiben die edelsten Quellen des reichen Laudes unbenutzt. 117 Unser erster Ritt ging nach Vurnaba, dem Modeaufenthalt der Smyrn loten. M sind dort eine Menge eleganter Landhäuser in ein Dorf zusammengedrängt, die von hohen Mauern eingefaßt grüßtentheils nicht einmal die Aussicht anf die ziemlich entfernte Meerbucht gestatten. Die Freundlichkeit, womit man in diesen Landhäusern aufgenommen wird, ist sehr zu rühmen, wie denn überhaupt Smyrna der einzige gesellige Ort der Türlei seyn dürste. Unendlich schöner li^gt am andern Rand des Gebirges das kleine Dorf Kochlagia, wo nur wenige Engländer ihre Villas haben, denn es ist nun einmal Mode in Vurnaba zu wohuen, was übrigens wegen allseitiger Verarmung ebenfalls im Abnehmen ist. Die Thalebene von Smyrna enthalt hohe Schönheiten. Sie ist von Cypressen, Platanen, Nnß- und Olivengehölzen eingefaßt, und im Hintergrund erheben sich amphitheatralisch die Vesge des Sypilus nnd vou Mastufia. Wir ritten noch an die Vchelle, wo der wahre Möleö ins Meer fällt und wo die sumpfigen Gestade weit vorgedrungen sind. Wahrscheinlich lag das alte Smyrna auf den Abhängen der jenseits dieses Flüßcheus gelegenen Verge. In rabenfinstcrer Nacht kamen wir in die Stadt zurück, nnd es gehören anatolische Pferde dazu, lim in diesen Gäsichen auf abschüssigem Pflaster mit heiler Haut fein Hotel am Meere zu erreichen, Weitere Ritte machten wir nach Vurnabaschi, iu dessen Mitte eine wunderbare Plataneugrnppe um cine Duelle sich erhebt, nnd tiefer in die Gebirge von Magnesia. In dein großen hintern Thale besuchte«: wir ein Vager von mehreren tausend Kamelen, die hier nicht geschoren werden und daher viel zottiger und wilder aussehen wie die arabischen. Diese Karawanen lager sind in zwei Linien ober Treffen aufgestellt nnd bieten einen malerischen Anblick. Das sogenannte Bad der Diana ist eben so unbedeutend wie das sogenannte Grab Homers, zwischen beiden steht aber auf einer leichten Anhöhe das Landhans eines türkischen Kaufherrn, und dieß ist der schönste Punkt den ich bei Smyrna fand. Wir tonnten nns kanm von diesem Zaubcrbilde losreißen, und wenn ich Smyrna bewohnte, so möchte ich ^or allem diese Höhe besitzen. Ungesehen nnd in Haine der edelsten Bäume und Gesträuche begraben überblickt man dort Meer, Bucht, Thal, Gebirge, Castcll und Stadt, und ein Vlick zeigt den ganzen Zauber Smyrna's. 118 Wer wahre Anmuth weiblicher Erscheinung, ideale Schönheit des Kopfes und ächtes Profil jonischer Frauenphysiognomie sehen will, der besuche einen Ball iu Smyrna oder gehe in den Abendstunden auf dem Corso der Consnlarstraße oder in der Rosengasse spazieren. Reizender Müßiggang, cokctte Nengierde und das der Schönheit so leicht zu verzeihende Bedürfniß bewundert zu werden zeigt dort eine Galerie der herrlichsten Köpfe an den offenen Fenstern, und der geschmackvolle ja verführerisch liebliche Kopfputz erhöht noch die Reize der smyrniotischcn Griechinnen. Das Vild der Königin von Griechenland vom genialen Maler Kretschmer zeigt uns diesen Kopfputz am deutlichsten. Das Hinterhaupt deckt das rothe Mützcheu, das mit Stickereien von Silber oder Gold bedeckt und in der Mitte mit einer seidenen O-naste versehen ist. lim die Stirne ist ein reiches Tuch gewunden, dessen Glide in Troddeln oder Franzen am linken Ohre herabhängt, und durch dieses ziehen sich die dichten Flechten und Zöpfe des üppigsten Haarwuchses in verschwenderischer Fülle. Ich kenne keinen verführcrischern und doch so einfachen Kopfputz wie den smyrniotischen, Auffallend bleibt es daß wahrhaft schöne Griechinnen sich nur in Smyrna, Konstantinopel und auf den Inseln finden, wie schon unter den alten Griechen der ionische Himmel vorzugsweise der weibliche» Schönheit günstig war. Auf einem Dampfschiffe, das eigens zur Verfügung dieser Reise gestellt worden, fuhren wir Morgens aus der großartigen Meerbucht ab, und der Donner des Geschützes von den salutircn-den Hafenbatterien erschütterte den reinen asiatischen Aether. Die Flotte war rings um unS in raschen Manövers begriffen, und der hohe kaiserliche Jüngling rief noch durch das Sprachrohr freundliche Worte des Abschieds ,zu uns herüber. Wir verließen ein Paradies um ein anderes, um das verlorene aufzusncheu. Die Sonne ging dunkelglühend hinter Ipsara ins Meer, nnd die Nacht legte ihren Schleier über die schweigende Natur, den sie nur wieder lüften sollte, um das Vild der höchsten Schönheit aber auch der entsetzlichsten Zerstörung vor uns auszuschließen. 14. Ehios. Der Schlaf floh mem Lager, wie immer, wenn die Seele von großen Erwartungen aufgeregt ist. Ich sollte die schönste Insel des Archipels, dieses irdische Eden sehen, wo alles Homer athmet, die Quellen, die Reben, die Lüfte, wo die Lieder und Worte des Barden sich in alter Sprache forterbten, das schönste Denkmal, dem erhabensten Genins geweiht. Hier wandelte der Heldendichter und schuf seine unsterblichen Gesänge, und lehrte den begeistert lauschenden Jünglingen seines Landes dcn Urquell der Weisheit und Schönheit. Und heute noch lebt er sort im fast dunkeln Bewußtseyn seines Voltes, dessen Herzen, wenn gleich zertreten vom furchtbaren Verhängniß, von seinem hohen Geist nach drei Jahrtausenden noch entzückt und erhoben werden. In solcher Nähe konnte ich keine Ruhe finden, die Brust fchwoll mir bei dcn Erinnerungen an jene Zeit, wo die Menschen noch so groß waren, und ein Mensch groß genug, um eine Welt, eine Ewigkeit auszufüllen. Gedankenvoll wandelte ich auf dem Verdecke des Tampf-bootcs auf und ab, das die stacht über ruhig vor dein Castell von Chios vor Anker lag. Das Zurufen dcr türkischen Schildwachen, welches ihre Festungen so unangenehm macht, ließ gegen Morgen nach, und ciefe Snlle trat ringsnm ein. Schauerlich thürmten sich im ungewissen Sternenschimmer die grauen Felsen auf, gleich verworrenen Nebelgestalten in sich verschwinnnend, und dennoch bem Auge so nahe daß es mir oft vorkam, als müßten sie die schöne Insel vor unS abschließen. Nasch und glühend stieg nun Asiens Sonne herauf und goß mit einem-male ein Meer von Purpurstrahlen über die dem Morgenduft sich entwindende Landschaft. Zwischen jenen silbcrgrauen steil aufsteigenden Kelsenwänden und dem an Genua erinnernden Hafen breitet sich unabsehbar und in malerischen Stufen geschieden das 120 weite Thal von Chios aus. Unzählige Landhäuser, Orangen» und Citronengärten dnrchweben den grünen Teppich, der sich, wie in einen grandiosen Gebirgsrahmen gespannt, innerhalb eines von Felsen gebildeten Halbkreises an die schöne klare Vucht herabzieht. Dieser Anblick ist über alle Begriffe herrlich. Die blendend weißen Lenchtthürme ragen weit ins Meer herein und die Festung begränzt es gegen die Stadt, die sich, ziemlich steil ansteigend, in schönen massiven Häusern durch das lebendige Grün hinaufzieht. Aus dem Glänze südlicher Vegetation tan-chcn sie empor jene berühmten steinernen Sommcrthürme, die, in edlem fiorentinischcn Style erbaut, ihreu Bewohnern mehr Schntz gegen Sonnengluth, mehr Comfort des Lebens boten, als der Großherr in seinen hölzernen Palästen findet. Thüren, Pfeiler, Fcnsterbogen sind von dem edlen rothen in Qnadcrn gehauenen Marmor, den die Natnr in den über ihnen hängenden Felsen anbot und zum bequemen Bruche darreichte. Reich-thnm und Ueppigkeit sind im Uebennaaß über diese von Villas und Palmen besäcten Hügclflurcn ausgegossen und Liebe und Freude bieten sich in diesem glücklichen Eiland die Hände —-die edelsten Güter die den Sterblichen beschert sind. Grausame Täuschung, furchtbarer Irrthnm. Ansgestorben ist der wundervolle Wohnort des Entzückens, verbrannt, vernichtet, anf immer dahin der Glanz der Liebe, verlöscht die flimmernden Lichter alle, die das Daseyn verschönern. Ausgebrannt stehen sie die verödeten Landhäuser als Zeugcu der Vergänglichkeit irdischen Glücks. Vertilgt ist das Geschlecht ihrer Bewohner, verlassen und zerfallen stehen sie va, immer uoch fast ironisch beschützt von hohen mit Aloen überdeckten Ringmauern, alls denen ohne alle Meuschenpflege Myrten und Jasmine an den hohen Platanen und Cyprcssen sich hülfesuchend emporranken. Allein das himmlische Klima frägt nicht nach Menschenzerstörung und Verkümmerniß, und über dem Reich des Todes verbreitet der Vlüthenduft goldener Früchte Wohlgeruch und Entzücken. Stumm und erschüttert nahmen wir diese Erscheinung in uns auf. Das Unglück, wenn auch verdient, verfehlt nie den Eindruck auf ein fühlendes Herz, und was kann es Traurigeres geben als aus dem Genuß der reizendsten Güter des Lebens gerissen, aus dem Paradiese wahrer Glückseligkeit auf solch' furchtbare Weise getrieben zu werden. Die Pracht der Natur ist Isi allein üb erg Mich en, und hohe einsame Palmen sehen gebrochen auf dieses ungeheure Leichenfeld herab. Wir fuhren ans Land, wo uns der von Tschesme herüber-getommene österreichische Consul Sticpowitsch empfing. Die armen (5hioten wohnen am Strande in den Erdgeschossen verbrannter Häuser und sie drängten sich um die selten hier zu sehenden Fremdlinge. Mit Schauder betraten wir deu Platz, dessen Wohnungen durch die Kanonen des augränzenden Forts alle der Erbe gleich gemacht wurden, denn hier hatten die Ianitscharen des Kapudan Pascha ihr Vlutfest gefeiert. Ueber das Feld dieser noch frischen Gräuelseenen hin ritten wir dem Ufer entlang auf Felsenpfaden fort, und überall folgte uns der Schatten vergangener Lust lind Größe. Unübersehbar aneinandergereihte, regellos blühende Gärten, herrliche Landhäuser, dle selbst im Verfall noch BewnnOerung durch Eleganz und Festigkeit einflößen, ziehen sich über das Hügelland fort und überhängende Vaumäste nnd wilde Reben bilden die natürliche Draperie. Immer enger schließt sich das Thal zwischen den steilen Bergwänden nnd dem brandenden Meer, biß »nan über einen Absturz, der über dem Waffer links einbiegt, an eine kleine Vncht hinabsteigt, über welcher sich senkrecht an das Gebirg gelehnt ein Felseuvorsprung erhebt. Hier soll der Tempel gestanden seyn, dem göttlichen Homcros geweiht, und noch umgeben steinerne Sitze einen Steinblock, an dem Reste von Sphinr und Löwe erkenntlich sind, und dieß nennt man denLehrstnhl des größten Vardcn. Kein Platz wäre zu finden, würdiger des Dichterheros zu Verbreitung seiner Mysterien. Hinter dieser Schule Homers sendet ans starrem Gestein die lautere Quelle ihre erquickenden Spenden, ringsum wuchern seine oftbesungenen Reben, und klagen die Menschen an daß sie ihren süßen Trauben nicht mehr den Lieblingstrank des Dichters entlocken. Ueber dieser Stelle zieht sich die granc Felswand hinanf, von rothen Streifen dnrch-schnittcn, VUtzcn gleich, die Gewitterwolken durchzucken. Ricsen-trünnner, eine wahre Titanenarbeit, haben sich von den Spitzen losgerissen und dienen dem einzigerhabenen Bilde als chaotische Staffage. Am Fnße des Lchrstuhles der Dichtkunst ladet aber, gleichsam versöhnend mit den wilden Schauern, ein reizender Platanenhain zu Schatten nnd Erholung ein. Schweren Herzens wendeten wir uns ab von diesem classi- 122 schen Heiligthume, um unsern Ritt auf die Höhen über der Stadt fortzusetzen. Durch Felsengerölle, Ruinen und Grabesstille führte unser Weg zwischen den Pflanzungen ewigen Frühlings hin. Mühende Orangen, Mastlrbäume und jede Frucht des Süds dufteten uns niegckanntc Wohlgerüche zu, und schmeichelnde warme Lüfte trugen das Aroma würziger Kraft dnrch den elastischen Aether. Alles vereint sich hier zum harmonischen Farbenschmelz, Pomeranzenwälder mit malerischen Felsenpartien, dunkle Cyprcsscn mit lichten Oliven, stolze Pinien mit den königlichen Platanen nnd Eedcrn, alles verbunden durch den Zauber hesperischer Gefilde, über aller der lächelnden Trauer die tropische Palme ihre graziösen Blätter in unvergänglicher Schöne herabneigend. Wie muß das Leben hier gewesen seyn, da der Tod noch so reizend erscheint. Welch' ein Genuß war es wohl, in diesen hohen festen Thürmen zu wohnen, gleich schützend gegen Sonne und Feind, angefüllt mit allen Bedürfnissen des Lurus und der Behaglichkeit, von den Zinnen die unbeschreiblichste Fernsicht über Land und Meer bietend. Gs ist kaum ein Cinbruck denkbar, der so viel Schmerzliches nnb Süßes zugleich durch seinen bloßen äußern Anblick in der Seele hervorrufen könnte. Tiefsinnend über das entsetzliche Geschick, das ein ganzes Volk erfaßt, hielten wir lange auf der Höhe, welche das tragische Gemälde überblickt, in dessen hinterm Thale das berühmte Kloster Neomania liegt und von der herab Fabviers Kanonen machtlos gegen die übermächtigen Türken herabdonuertcn und der unglücklichen Griechen Vlend vermehrten. Lange noch schweiften wir auf den Zauberbergen nmher nnd stiegen endlich in Vie ebcncrn Gefilde hinab, wo die schönsten Sommerwohnungen der reichen Chioten sich gegen die Kuppe von St. Helena hin ausdehnten. Sie sind so zahlreich daß sie mit den weit in die Insel hineinreichenden Mastirdörsern eine Stadt zu bilden scheinen, Oft muß man in diese massiven genuesischen Quaderthürme hineiurcittn, um sich zu überzeugen baß sie wirklich ausgebrannt und verlassen sind, so kräftig hat der künstlich bereitete Cement uud die Politur des Steines der Zeit und Menschenwmh widerstanden. Gastfreundlich wurden wir von Hrn. Venetti, einem ehrwürdigen Greise, empfangen, einem der wenigen welche die Rück- 123 kehr ins geliebte Vaterland wagten und es nicht zu bereuen Ursache hatten. Nachdem wir uns an den zauberischen Anssich-ten gelabt, die seine schöne Wohnung nach allen Richtungen bietet, lagerten wir uns auf den ringsumlaufenden Divans um den achtzigjährigen Vertrauen einflößenden Chioten nud horchten seinen Erzählungen. „Sie scheinen vonMitlcid und Rührung ergriffen," begann der Greis, „bei dem Anblick solch gränzenlosen Elends, das sich über unser Volk verbreitet hat und das sich in so betrübenden Bildern vor Ihnen aufrollt, Beschwichtigen Sie dieses edle Gefühl. Der liebenswürdige, aber verderbliche Leichtsinn meiner Landsleutc hatte sich in keinem Theile Griechenlands mehr erhalten als in Chios, dessen Bevölkerung seit ven alten Athenien-sern am ungemischtesten geblieben ist. Schon damals zeichnete sich diese reiche Insel durch ihren LuruZ, ihre Verschwendung, die Masse ihrer Sklaven, aber auch durch ihre geschickte Verwaltung, die Ausdehnung ihres Handels, den Geist ihrer Bewohner aus, und bis zur Katastrophe ihrer Vernichtung haben die glänzenden Chioten diese ihnen angeerbten Eigenschaften nebst ihrem reinen Blute bewahrt. Asiens und Europa's Reichthümer strömten hier zusammen, nnd wie glücklich konnten wir in diesem Zaubcrcilande leben, wenn Mäßigung im Charakter der Griecheu läge. Künste nnd Wissenschaften blühten unter dem eisernen Scepter des Halbmonds auf dieser vom Himmel begabten Insel, und selbst die Macht der Osmanen war nns längst nicht mehr lästig, da ausgedehnte Privilegien ihnen kaum noch den Schatten der ausübenden Gewalt ließen. Gewiß hatte kein Land weniger Ursache zur Empörung wie Ehio, allein der übcl-begriffeue und theuerbezahlte Freiheitsschwinbel hatte sich der übermüthigen Chioten bemächtiget, und sie begannen ein Joch abzuschütteln, das ihuen nie lästig war. Sie sehen hier diesen wackern Mann (auf den österreichischen Consul deutend), dessen Muth Huuderten in jenen Schreckenstagen das Leben gerettet. Er möge sagen von wem er mehr Undank erfahren, von den Glaubensgenossen oder von den Türken selbst. Unter den vielen, die ihm ihr Leben verdanken, befand sich ein reicher Türke aus Smyrna, den die fanatischen Christen hatten würgen wollen. Als Ibrahims Schwert furchtbare Rache nahm und alles zu vertilgen drohte, eilte dieser Türke über Land und Meer herbei, «4 um dem edlen bedrohten Consul Gut und Vlut anzubieten und den Retter aus jenen gräßlichen Vlutnächtcn zu befreien. Dieß hat nie ein Grieche gethan. Indessen vollendete das Verhängnist sein Werk, und wir sind auf immer vernichtet. Dle Chioten, die dem Iatagan der Araber entronnen, haben sich in alle Welt zerstreut und üben ihren schaffenden Geist im neuerstandcnen Griechenlande nnd in den großen Seeplätzen Europa's. Sie haben die Verleihung der Pforte von sich gestoßen und ziehen vor ewig von ihrem schönen Vaterboden getrennt zu leben, um nicht die Wunden wieder aufzureißen, die ihnen der Mord ihrer Kinder und Eltern, die Schändung ihrer Penaten geschlagen haben. Das entsetzliche Leichenftld zerstörter Opulenz ist als stummer aber beredter Zeuge ihres Frevels und selbstverschuldeten Elends geblieben; allein die unerbittliche Nemesis, welche das Paradies in einen stets noch und fast höhnisch blühenden Gottesacker verwandelte, vermag es nicht die Verblendeten zur Erkenntniß zurückzuführen, und ihre Stimme verhallt in den Stürmen der Leidenschaft eines nimmer zu bessernden Geschlechtes." Thränen entrollten dem glühenden Auge des Greises, und sprachlos saßen wir, erschüttert von der Ieremiasstimmc des Patriarchen, der hier auf dem Grabe seiner Kinder ihre Verblendung beweinte und in wehmüthigen Harfenklänge» das Unglück seines Volkes besang. Mit tiefer Wehmuth verließen wir den Aufenthalt des Entzückens, geschaffen für paradiesisches Fühlen und jetzt ein gräuliches Bild dcr Vernichtung alles Schönen, womit das Füllhorn der Schöpfung dieses unvergleichliche Eiland überströmte. 15. Quarantäne des Piraeus. Wäre ich ein Grandscigneur oder ein recht reicher Mann. so müßte ich ein Dampfschiff für mich allein haben. Gs wnrbe etwas mehr Kohlen nnb etwas weniger Menschen kosten, als jene schönen Nachten in denen wir englische Lords zuweilen auf den Meeren herumschwimmen sehen. Was ist aber mit der Annehmlichkeit eines räilmlichen Dampfschiffes zu vergleichen, ans dem sich nur wenige befreundete Menschen befinden und das dem Willen des Herrn gehorcht, er mag nach Süd oder Nord steuern, die Stürme mögen Ja oder Nein dazu sagen. Mit der blendenden Bequemlichkeit des guten Hotels verbindet sich hier die Möglichkeit auf dem weiten langen Verdecke sich nach Belieben zu ergehen, und die militärische Ordnung sichert für die Nachtruhe jene Stille, welche wir in lärmende» Städten so häufig, auf gedrängtvollen Schiffen aber immer so peinlich vermissen. Wir waren nun in dein Falle ein eigenes Dampfschiff sür lins allein zu besitzen, unsere kleine Gesellschaft war gewählt und im Mnklauge, und die Officiere des Dampfboots überboten sich in Aufmerksamkeit und Rücksichten, die stets das Leben versüßen, in das Leben zwischen den Brettern aber und auf dem wechselvollen Meere den höchsten Reiz der Reise stechten. Vei der Umschiffmig der Zauberufer des unglücklichen Chios konnten wir auch seine äußere Pracht bewundern, diese reiche Scenerie, so ganz verschil'ds,, von den nackten asiatischen nnd griechischen Bergrücken, Malerisch stcUen sich hinter Helena die zwanzig Mastirdörfer, deren reicher Ertrag die Hauptrevenue der ersten Sultanin und unserer Materialhandlungen bildet. Als die Sonne sich über das Felsencap Masicio hinabsenkte, warf sie ihre letzten Strahlen auf die Inseln des Ikarischcn Meeres, auf Samos und Itaria. Wer malt diese dem jonischen Süden 1«s eigenthümliche Farbenschöne, diese ätherisch durchsichtige Beleuchtung, welche selbst in dem Schleier der Dämmerung die Umrisse so klar, so scharf nns vor Augen rückt, bis die stets dunkler gefärbten Schatten nnter dein flammenden Sternen-schimmer in das phantastisch Ideale, in das riesig Gespenstige überspielen. Aus spiegelglatter See fuhren N'ir hin durch die Nacht des Archipels, und lange vor Sonnenaufgang standen wir ahnungsvoll auf dem Verdeck um die Nebelgcstaltcn der reizenden Inseln an uns vorübergehen zu lasse», die immer deutlicher aus dem Tunstkrcisc des andämmernden Morgens hervortraten. Vom Castell Rosso, in dem wir zuerst den griechischen Boden begrüßten, bis Syra hinab schlössen sie einen mächtigen Vogen um uns, und ein Blick zur Nechten zeigte uns die graue Schlucht von Marathon. In voller Glorie trat nun die Sonne aus Osten über die dunstumhüllten Phantome hervor, und warf ihre ersten Purpurstrahlen auf den weit gegen drei Welttheile hinausragenden pentelischen Marmortempel zu Suninm. Wahrlich die alten Griechen konnten keine würdigere Stelle finden, nm ihre Minerva anzubeten, als diesen Vorpostenberg hellenischer Freiheit, der ruhig die prahlerische Perserstotte an sich vorübergleiten sah und Zeuge ihrer jammervollen Heimkehr war. M war reine klare Luft, von jenem balsamischen Acther durchdrungen, den nur Griechenland kennt. Wir hielten am Fuße des Tempelbcrges uud fuhren in der Barke ans Ufer um einen Landungsplatz zu suchen, der uns nach dem Göttersitze hinaufführcu sollte. Besser hat noch keine Nation verstanden diese auszuwählen, und keinen schönern Eintritt in ein Land kann man sich deuten als durch Marmorhallen, kühn auf Gra-nitfelsen hinansgestellt, an denen die Vrauduug der Mecreswo-gen sich bricht nnd von deren Spitze der Blick frei über das unübersehbare Inselheer hinschwcist. Blendendweiß, schlank und aufrecht zeigen sich schon aus weiter Ferne die Säulen des Suniumteinpels, vier gegen Morgen, eilf gegen Süden, so kühn wie Aegina's Tempel, allein von glänzenderem Gesteine. Sie sind eannelirt und von großer Wirkung. Ungeheure Substruc-tionen, Blocke von Säulenschäften, vollständig erhaltene Metopen und Knäufe, Bruchstücke von Stufen, alles dieß liegt chaotisch durch- und übereinander und scheint auf seine Auferstehung zu 1V7 warten, denn leicht wäre es den größten Theil des Tempels mit geniigen Kosten wieder herzustellen, wenigstens die vier äußern Säulenreihen, um das Ganze vom Verfalle zu retten. So hatten wir binnen zwei Tagen die Stellen besucht wo die größten Geister des Alterthums Weisheit lehrten, und wenn Plato auf Summn, Homer auf Chios stand, welchen Stoff gab ihnen nicht die erhabene Umgebung ein, die ein Vlick umfaßt und die dreitausend Weltjahre in sich schließt. Den schöngeschnittenen Ufern folgend, erhebt sich mm bald der mächtige Hymettos und das marmorspendende Pentelikon in Formen die sie würdig machen die reizende Athcuä zunächst zu umfassen. Immer näher rücken Aegina, Salamis und alle Me so wundersam gezackten Berge, bis hinab zum Golf von Korinth. Hinter dem rothgefärbten Cap Helikos hervortretend, stand die Akropolis vor uns, die wir mit Freudenruf begrüßten. Immer deutlicher ward der musäische Hügel, der Pnyr und das Parthenon, und bald erblickten wir Gärtners Meisterbau, das grau-steinerne Schloß des Königs. Die Stadt selbst bleibt von hier dem Auge noch verborgen, und erst wenn man um die Höhe des alten Phaleron herumfährt, welche das ganze reiche Bild verhüllt, läuft man in den kleinen Hafen des Piraeus ein, der vor vier Jahren kaum einige Hütten auf seinen Ufern trug, jetzt aber mit freundlichen Hänsern, breiten Straßen und bequemen Quais umgeben ist, eine neue Stadt, i» vollem Aufblühen und lebhaftestem Verkehr, uud die gährcnde Bewegung eines alles belebenden Handels, wodurch diese Hafenstadt das benachbarte Athen an Wohlstand bald überflügeln dürfte. Mir warfen mitten im Hafen Anker und steckten die Quarantäneflagge auf. Ein Osficier vom Dienst kam an das Dampfboot gerudert um zu fragen wer gekommen sey, da man alle Vorbereitungen zum Empfange des Kronprinzen von Bayern getroffen hatte. Als wir hierauf nach ftinem Namen fragten, rief er herauf: ,,i« M» cl« M!.-»,iii,." Welch ein Klang, welche Erinnerung, wie verbrüdern sich hier das Andenken an das heroische Alterthum mit den neuesten Thaten des Befreiungskampfes hier auf dieser Stelle, der Dandolo die ^öwen entriß um sie vors Arsenal des übermüthigen Venedigs zu stellen; hier wo Themistokles auszog um die Perser bei Salamis zu vernichten, und wo Jahrtausende später der schlichte Miaulis seine Vrander t«8 rüstete, um die Flotte des Zwingherrn und dann die eigene zu verbrennen und sein gefesseltes Vaterland zu befreien. So zweckmäßig die neue Quarantäne in S'.M sseballt ist, so schreckenerregend war die alte, die bei dem reisenden Pnbli-cum in so schlechtem Nuf stand daß viele Fremde lieber ans den Besuch Griechenlands verzichteten, nm sich nicht in diese Cloaken einsperren zu lassen. Wie froh waren wir daher in dem Lazarett) des Piraeus Platz zu finden, das wir den folgenden Morgen bezogen, nachdem wir noch eine Nacht auf dem freundlichen Dampfschiffe zugebracht hatten. Auf die Dauer der Contnmazzeit ist nie mit Sicherheit zu rechnen, da sie sich nach dem Gesundheitszustand der Levante oft jeden Tag ändert, jetzt aber, da der Orient frei von Pest war, betrug sie nur neun Tage, für uns nur sieben, nachdem wir die zwei Tage von Chios her auf dein Schiffe verlebt hatten. Gegen alle Erwartung fanden wir hohe, lichte, geräumige Zimmer, nene, reine Betten und ein gemeinschaftliches Gesellschaftszimmer, in welchem wir unser Essen nahmen nnd die Abende im kleinen Kreise zubrachten. Die Bedienten waren mit uns eingesperrt, die Guardians der Anstalt sind anständige Menschen und die Küche vortrefflich, wobei man sich gerne etwas höhere Preise gefallen läßt. Der stattliche Voudouri ist gewiß einer der ausgezeichnetsten verbindlichsten Quarantänevorstände der Welt, und nicht allein liebenswürdiger Gefangenwächter, sondern auch angenehmer Umgangsmensch im vollen Sinne des Wortes. Jede Quarantäne ist ein Gefängniß, allein auch ein Gefängniß kann Reize besitzen, wenn gute Gesellschaft sich in ihm zusannnenftndei und jede Stunde theilnehmende Menschen zum Besuche bringt. In der Früh- und 'Abcndt'ühle machten wir unsere Spazicrgänge auf den offenen Hasenquais, das silberne Mondlicht fand uns nach dem Mittagtische oft noch bis in die späte Nacht auf diesen Plätzen, und Meerbäder hatten wir vor der Thüre. Ich lasse mich nicht in Untersuchung darüber ein wie weit das Recht der Seestaaten begründet ist die Nci-senden ihrer Freiheit zu berauben und aus diesem Raube eine Finanzquelle zu inachen, gewiß aber wird man noch zur Einsicht gelangen daß diese zeit- und gcldraubendc Komödie eine ganz unnütze Qual und Plage ist, besonders in der Willkür nnd Gewissenlosigkeit, wie man bis zu dieser Stunde die ohnehin ganz unmöglich durchzuführende Absonderung und Reinigung der con- 129 tagiösen Gegenstände betreiben sieht, worin ich Luft und Insecten als Hauptstosfträger gar nicht einmal rechnen will. Wer aber in die Lage kommt, diese Zwangsanstaltcn betreten zu müssen, dem empfehle ich vor allein eine Gesellschaft dahin mitzubringen, welche diese traurigen Stunden der Haft zu erleichtern weiß, wie ich dieß dankbar der meinigcn nachrühmen muß. Morgenland und Abendland. I. 2te Aufl. 9 16. Athen. Vine breite schnurgerade Landstraße, graubärtige Palitaren in alten Münchner Fiakern, Züge ^'on Kamelen mit schieren Lasten, Frauen ans Wln mit dem Säugling an voller Brust, Bilder des Orients italienische Genrestücke, alles in buntem Gewirre, in dichte Staubwolken gehüllt, alles dieß drängt sich und wogt gleich einem Strome zwischen der handelsrelchcn Piraeus« stadt nnd dem lebensfrohen Athen auf nnb nieder. Immer dichter wird der mit Feigenbäumen durchwobene Oli^einvalb, dieser natürliche englische Park, immer herrlicher tritt über den lichten Stellen die mächtige Akropolis mit ihren malerischen Felsenhöhen und der unvergänglichen Säulenpracht hervor, und aus dein großartigen Bilde erhebt sich in ruhiger Majestät der spitze Ly-kabettos und der breitrückig? honigreiche Hymettos. Iin Fluge hat man die Strecke von zwei Stunden durcheilt, und der gelbe Theseustempel ist hier das erste Tcnkinal alter Größe, die einsam an der Straße stehende Palme das erste Sinnbild des Südens. Nun betritt man die neue Stadt, deren schöne Häuserreihen und nach allen Nichtnngcn lallsende Straßenznge trotz des scheinbaren Chaos eine das Ganze ordnende Hand erkennen lassen, die alles Steife, allen Zwang weise zu vermeiden wußte. Bayerisch-griechische Uniformen in starkem Contrafte mit den malerischen Tracheen des Landes zeigen das europäische aus orientalischen Boden gepflanzte Reis; Bilder- und Buchläben, Modehändlerinnen und Galanteriebuden verrathen die neue Culturimpfung; byzantinische Kirchen, Marmorsäulen, alte Manern nnd nene italienische Häuser stehen hier friedlich beisammen, und Gegensätze der alten und nenen Zeit, Zeugnisse aller Geschichtsepochen in dem classischen Lande finden wir hier in einem Gusse verschmolzen, um den ehrwürdigen Phönir glänzend ans der Asche emporzutragen. !3t Wir nahinen Besitz von dem zweiten Stockwerke des llö,<>1 ll«3 Ntrl,nß"5, eines Gafthofts wie ich ihn mir nie besser wünsche. Ein Blick aus meinem hübschen Zimmer zeigt mir das überragende Parthenon und alle die einzeln stehenden Berge, welche die Landschaft Athen so unbeschreiblich malerisch »lachen, nnb gerade vor meinem Fenster steht eine Palme und eine Cy-presse, Kinder des Mittags, rührende Bilder der Herrlichkeit und der Trauer. Das Auge erfaßt dieses grosie Gemälde 300Njähri-ger Erinnerung nnd Grösie, nnd das aufblühende neue Athen, eine volkreiche lebendige Stadt, liegt vor ihm ausgebreitet, am Fuße der Burg des Pcrikles, wo vor L Jahren nur 16 armselige Häuschen standen. Jetzt spannt sich ein reizender Halbbogen höchst eleganter nnd solider Wohnnngen um die Nordabhänge der Akropolis nnd zieht sich in natürlichem Wellenboden gegen das neue Schloß und andrerseits nach dem Olivenwalde des Thales hinab. Mitten durch, als Verlängerung der Piräeus-chausfee bis zur Königsburg, läuft die von hübschen Häuserrei-heu eingefaßte Hermesstrasic, nnd diese lange Gasse durchschneiden zwei andere, die des Aeolus und der Minerva, in welche sich beinahe alle kleineren einmünden. Besonders zierlich sind die vorstadtähnlichen Häusergruppcn gegen den Lykabettos hin, wo die Wohnungen des höheren Theiles der Gesellschaft und der Umgebungen des Hofes, bald in zusammenhängenden Straßenzügen, bald freistehend in Gärten nnd Blüinenpartets sich ausbreiten. Zum großen Kummer aller gutgesinnten Archäologen konnte der erste Plan, den Fnß der Atropolis freizulassen, nicht ausgeführt werden, da die täglich wachsende Baulust dem Entwürfe vorangeeilt war. Allein das neue Athen hat hierdurch an malerischem Anblicke gewonnen und würde jetzt schon eine der schönsten modernen Städte seyn, wenn anstatt der an diesen Höhen ziemlich verworren aufgeschichteten Häusergruppen großartige Crcsttnts, wie zn Vath, Dublin nnd Edinburgh, sich nm die Felstnbnrg erhöben. Doch liegt selbst in der unordentlichen Benutzung jenes Terrassenbaucs ein eigener Reiz, nnd wenn man erst einen anderen Weg für den Bauschutt der Akropolis gefunden, der bis jetzt unbarmherzig gegen diesen Theil der Stadt herabgestürzt wird, so würd auch die Gefahr für seine Bewohner aufhören, unter den Trümmern pentelifcher Marmorblöcke begraben zn werden. 9* 132 Der Verkehr und das Gewühl in einigen Straßen Athens erinnert an die größten Städte Italiens, denn die Lebhaftigkeit und das Schreibedürfniß der Griechen übertrifft noch die jenes Volkes. Den Tag über nnd die halbe Nacht durch ist hier alles cms den Beinen und anf den Gassen, die Arbeiter sitzen vor den Häusern oder auf den ganz offen stehenden Buden; große Menschengruppen stehen oder bewegen sich um die zahlreichen Kaffeehäuser, diesen Foyers und Rednerbühnen des Orients wie des Occidents, und wo das Wort nicht mehr zureicht, muß Gebärde und Zeichensprache aushelfen. Der feurige Palikare mit dem sonnenverbrannten, narbendurchfurchtcn Antlitze, der ruhige deutsche Officier mit der ernsten Dienstesmiene, der schlaue durchtriebene Advocat mit der ewig stachelnden Rede und der alles aufwiegelnde Feuilletonist, ein stehender und wandelnder Gährungsproceß, alle sitzen, gehen, disputiren hier in verworrenem Gedränge des öffentlichen Lebens, und kein Gendarme, kein Polizcibiener stört oder hemmt den brausenden Orkan. Wenn man die heftigen Gesticulationen, die blitzenden Augen, die Anstrengungen und Auswallungen betrachtet, wenn man die Zornausbrüche, die revolutionäre Sprache, das Geschrei der fanatischen Erbitterung mit anhört, so glaubt man sich beständig mitten in einer Pariser Gmente, und ganz nahe an einer Umwälzung. Allein des eigenen Geschreies müde, verlausen sich bald die tobenden Acteurs, die Scene wechselt, und neue ebenso unschädliche Declamatoren treten auf, um ebenso erfolglos ihrem Lungcndrangc zu genügen. Das kluge Wort Friedrichs des Großen, „lasset sie reden was sie wollen, wenn sie nur zahlen roas sie sollen" findet hier volle Anwendung, und wenn nichts dafür spräche daß die Regierung dieses Landes ihre Aufgabe erkennt, so wäre es die Vermeidung jeden Eingreifens in das so entschieden vorherrschende Schrei- und Schreibbedürfniß dieses lebhaften Volkes. Wer aus dem abgestorbenen Türkenlande in dieses frische Leben der aufstrebenden Hellas tritt, glaubt sich aus der Gruft auf einen Ball versetzi. Dort ist alles Lebniselement erstickt und verdorrt, hier blüht die Blume der erwachten Freiheit und der Taumel des Entzückens scheint sich eines ganzen Volkes bemächtiget zu haben. Allein um die edelsten Blumen wächst das Untraut, und die Schlange ist nicht ferne von dem Honig der 133 Blüthe. Alle Extreme berühren sich in Athen, Antik und Modern stoßen sich ab nnd ziehen sich wieder an, der alte Pantheismus wechselt hier nut der modernen Frömmelei', allein jener erzeugte »Helden und Patrioten, diese Räuber uud Banditen. Nach langer Entbehrung hörte ich wieder das Geläute zur christlichen Kirche; als ich sie aber betrat, fand ich die äußerste Frivolität bei der zum Gebet versammelteu Gemeiude. Die Ca-Pellc des Erzbischofs, wo uuu die Hanptkirche hiutommen soll, ist ein Mosaik von eingcmauerten Basreliefs, eine bizarre Mischung von byzantinischen, etrustischcn, altrömischcn Fragmenten und Bruchstücken von Sarkophagen, aus denen die Wände zusammengeflickt sind: sie zeigt eine Verschmelzung des götzendienerischen mit dem christlichen Elemente. Ueber dem nuu bald ganz ausgegrabeuen Theater des Bacchus erhebt sich die schöne mit byzantinischer Malerei geschmückte Madonnagrottc im Felsen der Akropolis, und unsere conservative Zeit wird nicht säumen sie mit Thüren zu verschließen. Der schöne Tempel der Winde, dieseö wahre Aushängeschild des griechischen Windfahuencharatters, ist durch die Bestrebungen der verdienstreichen, aber geldarmen archäologischen Gesellschaft, dem Schutt entstiegen und die Fußpfade, welche durch ihre Ausgrabung entstanden, können als Vorübung für die Besteigung der Saumpfade im Innern des Landes dienen, Tiefe Abgründe führen aus dem Mittelpunkte der Stadt zum Staatsgcfängmsse und zu der Universität, und zwischen den Schluchten dieses Aeolsthurmes lind dein malerischen Agorathore sah ich unsern des alten athenischen Marktes eine Abtheilung zierlicher, griechischer Pioniere in steifer Paradepuppenstellung mustern. An die Neberreste der Stoa basilica, dieser schöuen Fronte von 7 hohen korinthischen Säulen, lehnt sich eine geräuschvolle Reitercaserne, und rings um ihre übrigen Mauertrümmer ertönt der laute Lärm des ewig gefüllten, gähren-den, modernen Marktplatzes. So ragt nun diese junge Schöpfung ans den Trümmern der alten, so oft zerstörten uud doch niemals vernichteten Stadt der Minerva hervor, gleich der Rost auf dem Gottesacker. Gs erweckt wehmüthig freudige Gefühle, dieses Streben vor sich zu sehen, dem edelsten Alterthume das Gewand unseres Zeitalters umzuhängen, der gütige Himmel aber, der stets so freundlich auf das schöne Griechenland herablächelt, hat das Zauberthal 134 seiner Hauptstadt mit den seltensten Reizen geschmückt, und während jene scharfgeschnittenen Felsenberge in der weiten Ebene vereinzelt herumstehen, umschließt sie ein Kreis der schönsten Gebirge: der Hymettos, Lykabettos, Pentelikon, Varnestes, Ikaros, Aigaleos, Koryalos, jeder besonders geformt, jeder von eigenthümlichem Charakter, bieten stch in majestätischem Neigen die Hand, um den Lieblingssitz der Götter schirmend zu umspannen. Herrlicher noch nie über den Sabinergebirgen prägen sich die violetten Schatten des Abends ans den Profilen dieser Bergkette aus, und das glänzende ägeische Meer mit seineu Silbertinten und prächtigen Inseln vollendet ein Gemälde, dessen Ausfassung noch keinem Maler ganz gelungen und dein ein Gepräge von Grazie und Harmonie ausgedrückt ist, das seine Bewohner in allen Zeiten zur Erkenntniß des Schönen und zum Erhabenen in allen Künsten geführt hat. Unverkennbar hat die Natur die Gegend von Athen für große Zwecke bestimmt, und die merkwürdige Gestaltung dieser Landschaft darf wohl einzig in ihrer Art genannt werden. In ihrer Mitte erhebt sich die Atropolis, der einsame königliche Fels des KekropS, mit seineu schroffabfallenden Wänden, jene Land und Stadt beherrschende Götterburg, auf deren sichern Höhen die ersten Athener Schutz fanden, und die ihre dankbaren Gnkel mit 3000 Statuen nnd ihren schönsten Tempeln schmückten, dein edlen Werke höchster Kunstmtwicklung, so nahe den Göttern, so würdig ihrer Huld und dieses Himmels. Vald dehnte sich die alte Stadt des Theseus um diese Marmorvcstc aus, und die alten Gränzen schloffen sich jenseits des musäischcn Hügels und des dramatischen Puy.r. Lange Mauern erstreckten sich bis in den Piräeus, und enthielten in den Zwischeuräumen Wohnungen — sie waren das Verbinoungsmittel mit dem Hafen. Als Sylla sie zerstörte, war auch die Macht Athens ans immer gebrochen, und es behauptete seine hohe Stellung in den Reihen aufstrebender Nationen nur durch die Ehrfurcht, welche die Römer für die Mutter menschlicher Weisheit hegten. Wem hebt sich nicht das Herz, wem rollt das Vlut nicht rascher, wenn er, angelangt an der Schwelle seiner Jugend-trimme, mit den Siegern von Marathon und Salamis die nun freigelegte breite Treppe zu den Propyläen hinansteigt, vielleicht den erhabensten Aufgang, dm je Menschenhände erschaffen, und nun 135 unter den mächtigen Säulen steht, zwischen dein Postament der Reiterstatuc und dem wiedergebornen lieblichen Tempel der un-beftügclten Siegesgöttin, hoch über sich das jungfräuliche Parthenon, tief unten den Schutt des barbarischen Türkenboll-werks, und wenn fernhin durch die blauen Lüfte das Auge über die Insel- und Meerespracht schweift, bis zu dem kühnen Akro-korinth und den dreifach übereinander gethürmten Vcrgen des Peloponnefus, Das große Theater der altgrichischen Zeiten und Thaten und ihre Wunder rollen sich hier vor ihm auf. Was mögen jene Helden, waö die hellenischen Jünglinge em-pfnnden haben hier oben zwischen den Säulen der Halle, die zum Parthenon ftihrt, wo die Menschen Götter, die Götter Menschen wurden! Hier auf dieser Stelle begreift man was Nuhm ist, was Ruhmesglanz und Ruhmcödnrst bedeutet, und wie die Ehre, hier cincn Augenblick siegbekrönt zu stehen, den Undank eines ganzen Volkes, das Unglück eines ganzen Lebens aufwiegen konnte. Was läsit sich hier noch enthüllen, welche Empfindungen beschleicheu unser Herz auf diesen geweihten Stätten dcr Geschichte, und welche Schule cuthalten sie für den Forscher, für den Menschenfreund und für die irdischen Lenker menschsicher Geschicke, Hier lasset sie hintreten die Staatenumwälzer und unbesonnenen Demagogen, um die Nichtigkeit ihrer Träume zu erkennen; hier sammle der edle Weise, der greise Patriot, dcr verkannte Held die gebeugte Seele und blicke in die Vergangenheit, um die trübe Zukunft zu erspähen und die gehaltlose Gegenwart zu ertragen. Jeder findet hier Stoff, jeder Trost und Erhebung, und keiner wird diesen Blick ans den Propyläen unbenutzt lassen, der das Gefühl der Erinnerung anerkennt, und die cwige Wiederkehr aller menschlichen Dinge versteht. Edle.Aräfte finden wir ausgeboten, um die Schöpfung des Peritlcs frei von späterer Zuthat herzustellen; rührend ist das Streben des jungen Königs, dcr Eifer seines jungen Volkes, die Schatten dcr hellenischen Ahnen zu versöhnen und ihr schönstes Wert aus dein Staube der Zerstörung zu ziehen; allein schmerzlich fühlen wir mit ihnen die Hindernisse, welch? der Mangel an Mitteln diesem Auferstehungswerkc entgegenstemmt— Hemmungen, dem kleinlichen Krämergciste, der schnöden Politik des alten Europa entsprossen. Noch ist dcr Anfangs der Propylacntrcppe nicht gefunden, noch steht die türkische Moschee auf dem Raume, der durch die Pulvererplosion im Par- 136 thenon entstand', noch steht der fränkische Thurm, von dem der unglückliche Odysseus, gleich seinem Vorgänger Aegeus vom Siegestempel herab, seinen Tod gefunden, nnd der weit störender die attischen Säulen überragt, als bic ihnen eingeprägten Spuren türkischer Kanonenkugeln geschadet haben. An der Seite unseres Frenndes Gropius durchstreiften wir die attischen Denkmale, und wer versteht es besser, der Führer und Lehrer zu seyn auf diesem classischen Gange, als jener philosophische Denker, der Zeuge war von dem Aufstreben des gedrückten Volkes, der nnter und mit ihm lebte, als es seine rostenden Sklavenketten abschüttelte, der es erkannte und liebte trotz aller Laster und Verworfenheit, die eine lange Entwürdigung erzeugte, der stets ahnete, daß der Urstoff noch in ihm wohne, der nie an seiner Wicdererstehuug verzweifelte, und der, mit der Erhebung dieser wiedergebornen Nation aufgewachsen, am besten erzählen kann, was die Griechen waren, was sie geworden und was von ihnen zn erwarten ist. Schlicht und bieder, wohlwollend nnd ansprilchlos gehört GropiuS zu den seltensten Erscheinungen auf griechischem Boden. Das Deutsche erhielt sich bei ihm unverfälscht, sein tiefer Forscherblick erkannte und ordnete alle verwickelten Verhältnisse dieses Landes, ihm liegt die griechische Regeneration in Ursache und Wirkung schmucklos vor Augen, kein Parteigeist trübt sein Urtheil, nnd wer wissen will, wie Griechenland zu helfen, wie sein Staatsschiff durch die Klippen, die ihm drohen, sicher durchzuführen ist, wende sich an den redlichen offenen Griechenfrcuud, der gewiß da hilft und räth, wo er sieht daß man aufrichtig Rath und Hülfe verlangt, der aber sonst lieber schweigt uub unangenehme Wahrheit verbirgt. Theure Jugendfreunde nach langer Trennung wieder zu begrüßen, bereitet jedem fühlenden Menschen ein Freudenfest; in Athen befindet man sich aber umgeben von alten Bekannten und man glaubt jede Säule, jeden Tempel nur wiederzusehen, so lebhaft stehen die Eindrücke des classischen Unterrichtes, die Schilderungen der alten Schriftsteller vor uns. Zwar finden wir viele dieser Bekannten nicht wieder, vergebens forschen wir nach der Akademie, mit Plato's Grabe und dem Altar der Liebe geschmückt; vergebens suchen wir das Lyceum, den Lehrstuhl der Peripatetiker-, vertrocknet sind die Wasserfalle der KaMrrhoe, das 137 frennOlichc Geplaude» der Wellen dcs Ilissns unterbricht nicht mehr die ringsherrschende Stills, lind das Aglanrium, Regilla's Odeon, Die Stoa Pumenia, »nd selbst daZPrytaneion leben nur in den unsterblichen Bücher» fort. Allein noch steht der Marmortempel der Minerva, noch ihre erhabenen Propyläen, und jenes mysteriöse Krechtheion mit den wundervollen Karyatiden und architektonischen Verzicrnngen, das Hciligthum des Oelbaumes im Pandrosium, nnd das Götterhans der Minerva Polias, unter dessen Trümmern die Heldin der Akropolis, die Feldherrin Ghouras und die edelsten Frauen Athens von den türkischen Haubitzen begraben N'urden. Welche Stürme zogen über alle diese berühmten Denkmale, wie mühte sich Freund und Feind, sie zu zerstören, was that die Wuth der christlichen Bilderstürmer, was die Habsucht christlicher Antiquare, was der Krieg, die Franken, die Türken, die Venctianer ^„d die Griechen selbst, um das erhabene Werk von der Erde zu vertilgen? Allein noch ist es aufrecht, beschirmt von höheren Mächten, nnd ringöhermu^ stehen die bedeummisvollen Hügel, das Odeon des Pentteö, das Theater des griechischen (5arnevalgottes Dionysos, dessen Halb-kreisstlifen fast ganz von Schntt befreit sind, uud oben 2 Säulen, zwischen denen die Statne ans kleinem Absätze der Akro-polis zu sehen war. Wie ward hier der kleinste Fleck Vrde benutzt. Ebeu dort liegt noch der alte Sonnenzeiger, leider von seiner ursprünglichen Stelle gerückt, sonst hätte man die Abweichung der damaligen Sounenachse, die ?—>N Grade betragen mag, daraus berechnen rönnen. Das Monument des ^sikratcs, über welchem Byron so langc im Capucinerkloster wohnte, ist gleich dem Wüidetempel ganz ansgegrabcn, und die Wasser-und Canalleitung in letzterem fand ich später in den saracenischen Ländern wieder, durch ähnliche Bedingungen des Klima hervorgerufen. DieHöhen des Stadiums nnd des musäischen Hügels bedrohen und beschützen Vie M'ropolis am meisten, der Himmel aber bewahre Griechenland vor aller fernern Kriegsbedränguis;, und die schönen Höhen Athens vor der Noth der Selbstvertheidigung-, erhalte die alten Stadtmauern, die Reste des olympischen Zeustempels. das Hadrianische Thor, die Reste der Stoa, jenes berühmten Säulengangs, welcher das Theater des Bacchus mit dem der Regilla verband, mit deren Eintrittskarten man zugleich Vlechmarken 138 zum s5 ein aufgeschla- H5l genes Vuch, in dem der junge Fürst täglich lesen kann, wic er Unrecht vermeiden, wie er Erhabenes vollbringen soll. An die Stelle der alten Hadrianopolis hat er das jnngc frische Otho-nopolis gesetzt, nnd nicht die Lurusgeräthc von London nnd Paris »werden den Ottopalast füllen, denn Griechenlands jungfräulicher Boden birgt noch Wnnderschätze genng um die Wol)-nnng seines Königs in das erhabenste Mnsenm der Sculptur zu verwandeln / dle hier an der Stätte ihrer Geburt die schönste Zierde der Wohnung ihres Befreiers, der Stolz einer befreiten Naüon seyn wird,, und gegen deren Reichthum au ächten Resten griechischer Kunst alle anderen Sammlungen Europas verschwinden müssen. 18. Das Reisen in Griechenland. Es würbe bei uns lustig aussehen, wenn Jemand für eine Reise in die Schweizeralpen Vorbereitungen treffen wollte, wie sie in Griechenland unerläßlich sind. Dort findet man aber auf achttausend Fuß hohen Vergspitzen bessere Wirthshäuser wie hier in den ersten Städten; dort erwartet uns ein vortreffliches Vett und Table d'hute für drei Franken, hier findet man dieß kaum in Nanplia und Patras, und eigentlich login man bis jetzt nur anständig in Athen. In dieser Beziehung ist man daher in Griechenland übler daran als selbst in der Türkei; und da man nichts, auch gar uichts unterwegs findet, was auf Ernährung nnd Veqnemlichkeit deutet, so muß man alles mitbringen. Worin nun diese Vorbereitungen bestehen, will ich versuchen hier aufstrahlen, da die Erfahrung die beste Lehrerin ist und wir es im Verlaufe unserer Reise oft zu bereuen hatten, etwas oberflächlich zn Werke gegangen zn seyn. Ich rathe jedem, die Reise durch Griechenland von Athen aus anzntreten, da man dort allein im Stande ist sich mit jedem Bedürfniß zu verschen. Ein tüchtiger Dolmetscher, der zugleich Koch seyn muß, ist das erste Grforderniß. Von ihm hängt alles ab, er ist die Seele der Karawane, das belebende Princip der Reise, weil alles durch ihn geht, wenn der Reisende nicht selbst der Landessprache mächtig ist; und da es wichtig ist diese Auswahl gut zu treffen, so kann man ihn während des Aufenthalts in Athen auf Pro^? nehmen. Wir wechselten noch in den letzten Tagen vor unserer Abreise, nnd waren in der letzten Wahl so glücklich einen der trefflichsten seiner Art zu fiuden, die mir auf meinen Reisen im Orient begegnet sind. Giovanni Adamaki aus Kalamata ist gewandter kecker Reiter, imponirt seineu Lands-« leulcn durch entschlossenes Wesen und phantastischen Anzug, hat immer gute Laune, ist vortrefflicher, flinker Kammerdiener und 153 macht mit Wenigem gute reinliche Küche, ein Artikel, den man in einem Lande nicht hoch genug anschlagen kann, wo selbst die einfachsten Lebenserforbernisse nicht um Geld zu haben sind. Die zweite und eben so gebieterische Nothwendigkeit besteht in Auswahl der Pferde. Die besten, das heißt die an Strapazen gewöhntesten, sindet man in Athen, und es gibt kein besseres Mittel sich don ihrer Sicherh.'it und Ausdauer zu überzeugen, als einen Ritt zu dem nahegelegenen Pentelikon. Die Pferde, welche diesen steilen Marmorbcrg bis zur Spitze hinauf und ohne -Fehler wieder herabsteigen, darf man unbedingt für die ganze Reise miethen, was ich stets für rathsamer halte als sie auf jeder Nachtstation zu wechseln. Dieses erzengt stets Schwierigkeiten, da man die Thiere im ganzen Orte zusammensuchen muß, und dann erst nicht weiß ob man gute erhält. Das Geschrei und Gezänke der Pferdeverleiher beim Contrahiren und Packen jeden Morgen wiederholt zu hören ist überdies) unerträglich und erzeugt Verzögerung. Ein drittes nothweudiges Erforderniß sind Waffen. Gin paar gute Doppelpistolen mit aufgesteckten Pistons in den Holf-tern, ein Stutzen und ein guter Eisenhauer an der Seite sind um so nothwendiger, als besonders die Morea von Räuberbanden selten ganz frei ist. Während man unter türkischer Herrschaft mit einem Iamtscharen unangefochten durch das ganze Land pilgerte, ist es gegenwärtig selten rathsam ohne Gendarmen-begleitung eine Reise zu machen, und es geschah uns daß die Commandanten uns nicht weiter ziehen ließen, ohne diese Anzahl zu verdoppeln und selbst zu verdreifachen. Dieß ist freilich traurig, allein da es so ist, so scheint es besser es zu gestehen um sich darnach zu richten. Au die Stelle des türkischen Fcrmans ist eine Ordre des Gendarmeriecommandanteu zu Athen getreten, die nl-cnill als sicherste Empfehlung dient und höchlichst respectirt wird. Diese hält der Reisende bei sich wie den Wafscnpasi, der die Erlaubniß gibt bewaffnet zu reisen. Von anderweitigen Pässen und Paßvisitationen ist dann keine weitere Rede. Viel baares Geld bei sich zu tragen ist unnöthig, uud unter den angedeuteten Verhältnissen selbst nicht rathsam. Wir nahmen Anweisungen an die Militärbehörden in größern Städten mit und empfingen unsern Bedarf von einer Garnison zur andern. Auch !54 kann man sich Assignationen durch Vankiers in Athen verschaffen, der erste Weg ist aber der bessere. .'.-vil'Gin eigener englischer Sattel mit Holftern und hinten angebrachten Riemen zum Aufschnallen des Mantels ist hier wie im ganzen Orient eine Annehmlichkeit; der Sattel muß aber etwas engen Bau haben, da dic kleinen Pferde dieser Länder schmal von Rücken sind und durch die Strapaze bald abmagern. Für Personen, denen das anhaltende Reiten beschwerlich fällt, empfehle ich das sogenannte Kofakcnkissen, das von starkem Saf-sian nnd dicht mit feinen Flaumfedern ausgestopft ist nnd mit einer Obergurte über den Sattel festgeschnallt wird. Ich habe einem meiner Reisegefährten, der sich wundgcritten, gute Dienste damit geleistet. Jeder Reisende im Orient führt sein Vctt oder mindestens eine gutt Decke mit sich, welches nm so nöthiger erscheint, als maa in diesen Ländern nicht einmal Stroh sindet nm sich ein Lager zu bereiten. Man läßt sich daher in Athen eine gute Matratze mit kleinem Kopfpolstcr von Roßhaaren scrtigen, und kauft eine Decke dazu, welches alles dort vortrefflich zu haben ist. Ein Nachtsack oder lederner Ranzen enthält die unerläßlichste Wäsche und einen Kleiderwechsel, nnd wird in die Matratze gepackt. Tas Ganze steckt man in einen großen Sack von Wachsleinwand, und so ist man nach dem stärksten Regentage sicher Nachts wenigstens trocken zu schlafen. Eine gute Erfindung sind die Schrägen, auf welche man die Matratze legt, um dein feuchten Voden nnd dem Ungeziefer weniger ausgesetzt zu seyn. Sie sind ganz zusammenzulegen, und da ein Pferd zwei Matratzcnpäcke trägt, so schnallt man diese zusammengelegten Bettstellen der Länge nach zwischen ihnen fest. Wir haben unsere Päcke auf diese Weise selbst durch die verwickeltsten Wege gebracht, nnd dabei nur bedauert gegen die Schnaken keine Vorhänge mitgenommen zu haben, die man eben so leicht an Stäben über das Gesicht spannen t'ann. Ein zweites Pferd trägt die Körbe und Schläuche mit den Lebensmitteln; der Wein wird in hölzernen Feldflaschen oder in Flaschenkörben transportirt. Geschirre für Kaffee, Thee, Suppe, Teller, Becher, Kohlenpsannen, alles von Zinn, müssen gleich den Bestecken mitgenommen werden. Milch von Kühen und selbst von Ziegen findet sich sehr selten, wer daher seinen Kaffee oder Chocolade gern? damit mischt, muß !55 schon von europäischen Städten Greine 6o Init in Flaschen mitnehmen, der sich lange hält. Uebrigens gewöhnt man sich bald an den schwarzen Kaffee mit schwarzem Brode zum Frühstücke, nnd jedem, der diese Länder bereist, rathe ich so bald als möglich mit dieser Gewohnheit sich zu befreunden. (5hocolade-ttnd Vouillontafeln, Mehl, Zucker, Schinken, Käse, Fischeier-ertract, selbst Salz und Vrod, muß man stets bel sich haben, von einem Orte zum andern aber Hühner und Eier mitneh-men, da man um Mittag gewöhnlich Halt macht, um kalt zu frühstücken, und die Suppe erst beim Einrückeu, ins Nachtquartier bereitet werden kann. Vs gibt nichtS Armseligeres als einen griechischen Khan. Diese sogenannten Wirthshäuser bieten nichts als einen meistens in Ruinen verfallenen Raum voll Schmutz und Ungeziefer, und von Lebensmitteln ist nie die Rede. Es gehört viel Scharfsinn des Führers dazu, einige Indiane oder Hühner um Bezahlung aufzutreiben, da immer noch die alte Furcht vorherrscht, daß alles mit Gewalt genommen wird, und daher jeder seine Habe möglichst verbirgt. Zur Unterbringung der Reisenden hat man in Griechenland eine Art Einquartierung eingeführt, die aber als eine lästige Ucbergreifung in die Rechte des Volkes angesehen wird. Doch empfing man uns in der Regel gut wenn die Bewohner sich nur erst überzeugt hatten daß wir nichts umsonst wollten. Wir machten beim Abschiede tin Geschenk iu Geld, hätten aber oft gewünscht, Kleinigkeiten für Kinder des Hauses bei uns zu führeu. Wer Gastfreundschaft delicat vergelten will, thut wohl einen kleinen Norrath von Bagatellen zur Veschenkung von Mädchen mit sich zu führen, wie man die Südseeinsulaner durch Glasperlen und Nürnberger Taub gewiuut. Am besten ist, mit Zelten zn reisen wie m Asten, wvdnrch das Bivouakiren und die Schmutzhöhlen vermieden werden. Ungeachtet aller dieser ambulirenben Haushaltung kommt das Reisen in Griechenland nicht sehr hoch, da die Preise der Lebcnsmittel im Innern, so viel oder so wenig man sich verschaffen kann, äußerst mäßig sind. Wenn mehren zusammen-reisen, und zwei, am besten drei sollten es wohl seyn, so kann man im letzteru Falle mit 6 Pferden auskommen, wenn man nicht ein siebentes für das Zelt benöthiget. Dem Dragoman 15« zahlt man für den Tag 6 Drachmen und eben so viel für jedes Pferd. Ein Drachme ist aber etwas mebr wie ein deutscher Zwanziger. Die Agoghiatcu, welche die Pferde versehen, gehen zn Fuße oder reiten beim Passiren der Flüsse auf den Packpserden, werden abcr nicht besonders bezahlt. Will man mehr Bequemlichkeit mit der Reise verbinden, so taun man immer ein paar Packpferde mehr mitnehmen, ich rathe indessen immer zur höchsten Mnsachheit. Mit etwa s»0 Louisd'or kann man die Reise durch das griechische Festland machen, ohne sich bedeutenden Entsagungen auszusetzen, <3s gibt vielleicht kein Land in der Welt, wo die ursprünglichen Sitten sich so treu vererbt, wie Griechenland, keines, wo die Mittellinie zwischen zwei Welttheilen so schars ausgeprägt wäre, und gewiß keines, wo eine so unzählige Masse alter (Erinnerungen dem A»ge des Forschers auf so kleinem Naumr zusammengedrängt begegnete, Beinahe jeder Schritt erweckt neue Anklänge und Betrachtungen, und jeder Felsenumbug zieht den Vorhang vor Bildern auf, welche uns durch die genauen Schilderungen der alten Geschichtschreiber so bekannt sind daß über ihre Wahrheit, wie über die Stelle ihrer Orscheinung beinahe kein Zweisel obwalten kann. Naturumwälzungen und Regierungsverändcrungen haben nicht vermocht die Sitte der Väter in diesem Lande zu verwischen, noch walten hier dieselben physischen Kräfte, welche die Einwohner zu alle?! Zeiten vor den Nachbarn anszeichneteu, und das jetzige Leben führt uns auf die Spur des vergangenen. Es sind noch dieselben fusibe-schwingten, lungenstarken Achaier, wie sie Homer schildert, und aufrechten Hauptes, stolzen Ganges und sichern Blickes schreiten sie noch wie sonst über ihre Felscnberge hin. Wie znr heroischen Zeit finden wir sie noch stolz, dem Fremden abhold, von Leidenschaften beherrscht, zänkisch, geschwätzig, prahlerisch und der Unwahrheit zugethan, Ueberschätzuug des eigenen Werthes ist noch der in allen Ständen ausgeprägte Grundton, in ihr vereinigt sich der feine geschliffene Athener mit dem rauhen Lakonier, der Klephte aus Akarnaniens Bergen mit dem arkadischen Nomaden. Zu stolz um zu betteln, hat der Grieche kein Wort des Dankes, wenn man ihm Almosen spendet. Er nimmt es hin wie eine Schuldigkeit, und nie habe ich einen Ausdruck der Erkenntlichkeit gehört; allein er fordert auch nicht !57 mehr als man ihm gibt, wenn man ihm auch mehr schuldig wäre. Wie wird sich dieß alles ändern, wenn erst die großen Reifewägen durch das Land rollen, und die europäische Civilisation italienische Habsucht in diesem schlechten Hirtenvolke hervorruft. So arm sie sind, so verlangen sie nicht mchr. Der Himmel des Landes gibt dem mäßigen Menschen alles was er bedarf, und Oliven, Feigen, Trauben und ein Stück Brod ist alles was hier die Tagesnahrung erfordert. Mit Erstaunen sahen die Bewohner unserer Nachtquartiere dem Mahle zu, dessen Reichhaltigkeit ihnen ganz anders erscheinen mochte wie uns. Nie grüßt ein Grieche auf dieselbe Weise, wie man ihn grüßt. Es ist höchst anmuthig, wenn sie zu Pferde mit einer Vorbeugung des Oberkörpers, die rechte Hand aufs Herz gelegt, ihr freundliches Orakaly oder „schöne Stunde" zurufen. Ihre Begrüßungen haben viel Poetisches, allein wünscht man ihnen guten Abend, so wünschen sie dagegen glücklichen nächsten Morgen, nnd sagt man ihnen Verbindliches, so flehen sie den Himmel an den Cltern und Geschwistern des Begegnenden langes Leben zu schenken. Phantasie und Gutmüthigheit sind bei ihnen vorherrschend, wie der Sinn für Schönheit, und was läßt sich mit solchen natürlichen Anlagen nicht alles beginnen, wenn man sie zu Necht und Ehrgefühl lenkt. Der Reisende aber, froh das Land seiner jugendlichen Träume und Studien zugänglich zn finden, hat hier wenig »lit den Zufälligkeiten einer guten oder schlechten Regierung, selbst wenig mit dem Charakter des Volkes zu schaffen. Ihn drängt es den Boden zu betreten, auf welchem alle Wunder der Vorwelt sich zusammenhänfen, auf ihm die herrlichen Tempel zu schauen, die noch jetzt den Baumeistern als Vorbild dienen, auf den Trümmern jener Größe zn wandeln, die auf kleinem Raume so unsterbliche Thaten erzeugte. Hätte aber auch Grie-chcnland trine solchen erhabenen Nemiinfcenzen, wo ist das Laud zu finden, ihm ähnlich an Schönheit und Mannichsaltig-kcit? Dieses Land mit den unzähligen, so kühn geformten Vorgebirgen, von Meerbusen durchschnitten die tief in das Innere dringen, mit solch malerischer Zusammenstellung von Land und Wasser, diesem ewigen Wechsel der Landschaft, von deu schneebedeckten Bergspitzen zum lachenden Oraugemvalde 158 herab, diesem gefunden, kräftigen Klima und diesem Aushauchen der edelsten Gerüche aus dem in ewiger Jugend prangenden Blumengarten, mit dieser Beleuchtung, diesem harmonischen Verschmelzen aller Farbentöne, dieser Pracht der auf-unb niedergehenden Sonne, und diesem Glänze des himmlischen Sternenzeltes, der nie erhabener hervortritt als im Frühlinge. Dieß ist die Zeit, der Mai ist der Monat, wo der Reisende durch die Verge Griechenlands wandern muß, wo die Bäume ihren Sommerschmuck angelegt, wo die Erde mit frischem Grün belegt ist, wo die Ströme, noch nicht von der Sommerhitze vertrocknet, die Landschaft beleben und zum kühlen Bade einladen, und wo die ganze Natur in neues Leben getaucht, die Haine vom Gesänge ihrer gefiederten Bewohner ertönen, und die südlichen Gesträuche und Blumen balsamische Duste aushauchen. Dann ist Griechenland schön, dann ist es würdig des begeisterten Liedes der antiken Barden, und dann findet jeder dort seine Rechnung, der sentimentale Tonrist wie der gelehrte Alterthumssorscher, die natursiichtige Lady wie der Ruinen fressende John Bull, denn die Tage sind lang, die Sonne ungetrübt, und die Herrlichkeit des Landes so groß wie seine Geschichte und seine Erinnerungen unerschöpflich. 19. Das Land der Böotier. Ein halbverrückter Malteser Kutscher entführte uns mit 4 raschen Pferden in einer leichten Reisekalesche dem verführerischen Athen, das uns ein Capua zu werden drohte, und von der Höhe der Via sacra, über der Einsattlnng der Verge beim Kloster Daphne hnab, warfen wir die letzten Blicke ans die hier am schönsten sich ausnehmende Stadt. Die neue breite Straße zieht sich am Meere bis Vlensis fort und das Bill) deS Golfs, der Insel Salamis, der Cbenc von Eleusis, des Kithärons vom doppelhörnigen Keratha überragt, mit der fernen duftigen Gebirgskette von Korinth bis Argos, sind oft beschrieben, oft gefühlt, und ewig in neuem Reize prangend. Hier wird die Vegetation blühender, je mehr man sich vom Ufer entfernt; allein wo suchen wir die alten Prachtbauten von (5'leusis, das einstens mit Athen wetteiferte? Ein altes verfallenes Kirchlein, eine Cisterne, an der halbnackte Mädchen wuschen, war alles was wir hier fanden, einige zweifelhafte Sul'strnetionen des Tempels ans dein herrschenden elensinischen Hügel vielleicht abgerechnet. Tie Tracht wird malerisch ländlich, die Weiber sind im Hemd nnd übergeworfener wollener Tunica, mit schwarzer Bandvcrziernng, fast wie in Ungarn, aber sonst ganz entblösit. Der Wcg zieht sich von Eleusls biS Mandra über die Gsbirgslchne hinauf, nnd von da dnrch Oliven- und Fichtenwälder hin, denen letztern der abscheuliche Resina- oder Pcchwein entzogen wird, glcich zn-störend für den Ganmen wie für die Bäume. Tiefe Gebirgskessel führen in das schöne Thal von Kasa oder Gypto ( und die neuesten Aus" grabnugen zeigen bis zur Ueberzeugung daß dieser bominirende Platz einen der wichtigsten Tempel getragen hat. Mauern bilden eine räumliche Platform, die von remgcschnittcnen Quadern gefügt ist, und den Umfang des Tempels der Alkmä'oniden deutlich bezeichnen, wovon übrigens fortwährend kostbare cannelirte Säulcnstücke der Erde entsteigen. Sechs große, in weiten Vo-gen dieses Tempelfundament umspannende Terrassen zogen sich 169 von belt starren Felsen zn ihm herab, allein waS einst mit glänzende» Lorbeeren überdeckt war, bietet jetzt nur noch Oli« venbäume, die ich nirgend schöner nnd kräftiger gefunden habe. Keine „Platanen legen ihre kühlenden Schatten über die prophetische Quelle," kein „dicht verschlungener <5phcu deckt die nackten Wände." Gleichviel, nie all das Herrliche früher ver< theilt gewesen, wir stehen ja auf der Stelle wo Dclphos stand, wir bewegen uns auf der Fläche wo die Heldcnjngend aller griechischen Stämme zusammentrat, um im Springen, Laufen, Werfen, Ringen und Pfeilschießen ihre Kräfte zu erproben, wir steigen auf den Felscnstuftn auf und nieder, welche das höchste Theater der Erde bildeten, und das leidenschaftlichste Volk trugen. Nur dieses Volk konnte der Natur eine ihrer schönsten Wunderschöpfuugen ablauschen, um alle Zwecke des Cultus, des Vergnügens und der Nationalversammlung zu vereinigen, und zwar in Höhen die Mancher zu besteigen sich bedenkt, die aber damals Kinder und Greise, gleich den schwächsten Weibern hinanklimmten, um den Sternen und ihren reizenden Göttern „ähcr zu seyn. Man fühlt sich von Ehrfurcht durchdrungen beim Anblick oder vielmehr Ueberblick einer Gegend die so lange das aufgeklärteste Volt der Erde in den süßen Tauschungen edler Irnlmmsr erhalten, ein Schauplatz dessen bloße Ansicht unsere Seele noch jetzt mit heiligen Schauern erfüllt. Gierig tranken wir aus dem reinen Tl'au d«'r nur nock sparsam fließenden kaftalischen Quelle, tief durchdrungen von der Poesie dieses heiligen Verges, dessen Schätze Griechenland so tapfer gegen Perser und Gallier vertheidigt, bis sie eine Veute der Phocier wurden, obschon Sylla und Nero noch genug vorfanden, nackdem längst das Orakel der Pmhia den sibyllinischen Büchern hatte weichen müssen. ^ Gin Fclsenpfad führt von Delphi nach Liekeru, östlich vom Stadium aufsteigend. Der Weg geht über eine Ebene, welche die Wände über dem Vadc der Pythia deckt, und führt «ach der Corycischcn Höhle. Zwei Fclscnspitzcn sind durch einen tic-sen Riß gespalten, es sind die unzugänglichen alten „parnassischen" Gipfel, die Hörner aber sind die Phädriaden. Viele höberc Zacken zeigen sich hier dem Auge, weitläufig verzweigt, alle dem delphischen Felsen sich anschließend, denn die griechischen Musen breiteten ihre Schwingen über den ganzen Götterberg, und selbst t70 die ferne Spitze, von der Vater Aesop herabgeschleudert wurde, gehört zum großen Kranze. Der Berg der Musen war mit leichtem Gewölks und dichten Schneclagen bedeckt, und westlich von ihm liegt in einem mit Tannen bewachsenen schwarzen Hügelrücken dic Höhle. Die letzte Höhe zu ihr kann man nur zu Fuße erklettern nnb die Pserdc bleiben am Abhänge zurück. Da standen wir nun am gähnenden Schlnnde der finstern Grotte, so verhängnißvoll, so geheimnißreich, wenn es anders die rechte ist, denn der weite Parnaß zeigt noch manche andere Höhlung in seine düstern Felsen gebrochen. Der Tag war herrlich und ungehemmt schweifte der Mick über die Achaier Gebirge, bis zu denen von Arkadien hinaus. Nesselu und Steiugerölle machen den Eingang in oie Oeffmmg streitig, die ganze Umgebung ist wild nnd abschreckend, und eine alte Tanne ist «ber sie hercingebogen. Durch eine schmale, in den gespaltenen Felsen gehauene Nische gelangt man in ihr Inneres, das von Stalagmite» getragen gewesen scheint, gleich einem natürlichen Säulenportikus. Die Höhle ist durch ihre wunderbare Stalak-titenform interessant, doch bei weitem nicht in dem Grade wie dievonAdclsberg undAutiparos. Die Vorhalle ist imposant, gleich dem Eingänge, allein der Sattel- oder Felorückcn, welcher in den zweiten hintern Raum führt, ist vom herabsickcrnden Wasser schlüpfrig und mühsam zu begehen. Dieser innere Raum spaltet sich iit mehrere Gänge, die zu der Erzählung Stoff gege^ ben daß 40 Priester mit Leuchten in dicsc supponirtcn 40 Gänge sich gewagt, um nie wieder zum Vorschein zu kommen. Die Labyrinthe, wenn sie bestehen, sind biö jetzt nicht erforscht, und da sich die Höhle plötzlich in die Tiefe senkt, so wäre der Versuch, wie auf Antiparos, nur mit Stricken oder Leitern zu wagen, obgleich der häufig der tiefen dunkeln Höhle entströmende Rauch, und eine stickgasschwangere Luft, bisher das Eindringen in diese geheimen Räume verhindert hat. Ein trügerisches bläuliches Licht bricht sich an der gewölbten Decke, und wirft matte Schimmer nach den feuchten Wänden, die man mit einiger, hier so leicht erregbarer Phantasie mit einer magischen Elfeuwohnung vergleichen könnte. Einstweilen rcsidircn hier braune Zigeunerinnen, die einzigen Nymphen und Satyrn, welche die alte Zeit ersetzen. Durch Frucht- und Grasfelder traten wir unsern Rückweg nach dein 2 Stunden entfernten Arachova an, von dessen steilen 17l Höhen Karaiskakis die Türken herabstürzte. Tiefer unten steht ein Hügel, an dem der Zimeno vorüberbraust, und auf dessen Spitze Ruinen eine alte AkropoliZ verrathen, eine dcr erhabensten Stellen des Parnaß, der sich dahinter in seinen malerischen Zinnen erhebt. Zerstörte Wälle und Thürme bezeichnen das Grab des erschlagenen Laius, gegen Stcne bin, wo die drei Wege, wie zur Zeit dcr Olympiaden, sich begegnen. Gleich dem Grabe ist es nun stille um den Triodos, nur Raubvögel und der Schatten des Laws umschweben diese schauerliche Höhe, und die Rachegötter üben ihr Amt an dem unglücklichen Oedip. Schweren Herzens verließen wir die zauberischen Höhen, um in unsern Bivouac nach Delphi zurückzukehren, und des andern Morgens den Verg nach dem Golfe zu hinabzusteigen. Felsengräbern, gleich den ägyptischen, begegnet ««an auf dem Wege von Delphi nach Krisso, mit runden Nischen, in denen Sarkophage stehen. Derlei Gräber finden sich überall in den Felsen des Parnaß gegraben, ein Zeichen daß die ersten Griechen die Gebräuche ihrer Väter mit herübergebracht hatten. Nun überblickt man das Thal von Ealona und den Golf von Lepanto, und stcigt rasch und bequem hinab zu dem alten Amphlssa, hcr ersten Stadt der westlichen Lokrier, gegen das prächtige Gebirge des Pindarus, an dem Salona liegt. Dem Thalc folgend betraten wir die Ufer des Golfes in Scala, dem Hafen Salona's, wo fleißige Kamele eben ihre Laduug Baumwolle aus Livabien kniecnd an die Var-ken abgaben. Ohne Verzug setzten wir unfern Marsch nach Ga-lcu'idi fort, dem belebten Seehafen mit seinen thätigen Werften, wo wir günstigen Wind abwarten mußten, um über den trügerischen Golf nach dem Isthmus zu steuern. Anstatt Abends konnten wir erst des andern Morgens fortkommen, schliefen aber auf dem gemietheten Schiffe, da der Khan zu abschreckend sich zeigte. Eine Nacht auf dem Verdecke liegend, die schönen Sterne über und die Erinnerung an gnt überstandeno Mühseligkeiten, an reiche Erfahrung, hinter sich, welcher Genuß läßt sich hier mit den Gefühlen eines glücklichen Reisenden vergleichen! 21. Korinth. Der so übelberüchtigte Golf zeigte sich besser wie sein Ruf. Wir hatten unsere Pferde auf einem zweiten Schiffe eingemiethet, allein der Ostwiud trieb uns bald nach einer Richtung der man sich bei dem schlechten Segelwerke nicht widersetzen konnte. Wie so oft in Griechenland, waren auch wir heute in einen trügerischen Handel gerathen: die Verfassung unseres Schiffes zeigte sich als höchst elend, und die große Scgelstange fiel plötzlich nber meines Gefährten Matratze herab, die er zu seiner LebenZrettung zufällig eben verlassen hatte. Nach fünfstündiger Fahrt lcindetcu wir bei Zakuli, dessen herrliche Vucht den Anfang einer Reihe malerischer Punkte bildet, die das Meer von Korinth mit Recht so berühmt uud zu einem der schönsten der Welt machen. Die wunderbarsten Farbengegensätze begegnen sich hier, hinter uns der schnccgelockte schwarze Parnaß, vor uns die frischen blühen^ den Verge von Trikala, das Meer selbst aber in wechselnden Uebergängen von Weiß in Schwarz, in der Mitte hellgrün schillernd, die bizarresten Gegensätze der Natur. Die Ufer von Hellas sind nackte starre Felsen, die des PeloponneZ lachendes Grün und ihre sich übereinander anfthürmcnden Hügel und Verge reich bewachsen. Tort sind Häfen im Ueberflusse, hier Ortschaften kaum mit den nothdürftigsten Buchten verschen. Wir lagerten uns zum Frühstück im Freien, und die redseligen Bewohner des Dorfes näherten sich, um uns die übertriebensten Schilderungen von der Unsicherheit der Gegend und den Grauelthaten der Räuber aufzutischen. Sämmtliche Orte waren aufgeboten sich durch bewaffnete Streifzüge selbst zu schützen, und wir fanden sie anch überall wo wir hinkamen in dieser heroischen Metamorphose be-griffen. Der Ritt, den wir nun längs des Ufers machten, gehört unstreitig zu den schönsten der Morea. Das Meer zeigt sich hier eingeschlossen, gleich den: schönsten Lands«, als abgerundetes 173 Ganze, selbst dm Genftrsee übertreffend ober höchstens mit der Partie von Vevay zu vergleichen. Zur Linken schloß sich dieß erhabene Vild durch den grandiosen Musenberg und den unvergleichlichen Helikon und Kithäron, vor uns lag das am Isthmus gelegene Gebirge von Vrachon, rechts aber zogen die eigenthümlichsten Berghohen nach dem achaischen Trikala hin, bald in parallel herabstürzenden Wasftrrifsen, bald iu einöln stehenden kolossalen Felsenthürmen, weis; un» schwarz sich darstellend, auf den zinnenartigen Kanten mit Bäumen geschmückt, alles dieß in stets wechselnder Veleuchtung von Meer uud Verg, bei hereinbrechendem Abend durch den Purpur der hinabsteigenden Sonne und durch die violette Färbung der zackigen Höhen bis ins Magische gesteigert. Als wir uns Kamari nähcnen, feuerten von den Spitzen einer steilen Gebirgswand Räuber ans uns, worauf sich ein kleines Geplänkel entspann, das wegen der Entfernung kein Resultat bot. Ruhig setzten wir unsern Weg am Meere fort, zwischen Vorbeer- und Oleanderhaiuen, durch welche sich der malerische Pfad über die schmale Fläche, von Meer und Gebirge eingefaßt, reizend hinschlängelt. Ueber alle Schilderung erhaben wurde dieses südliche Gemälde bei dem ins Meer vorspringenden Tylokastro, wo die Sonne noch ihre letzte Kraft aufbot um ihren vollen Iauber über die schöne Landschaft ausz»^ gießen. Kein Land hat solche Formen und solchen Himmel! C's war unmöglich Korinth zu erreichen, und wir sahen uns durch die Nacht gezwungen nnseru Vivouae bei Pyrgos Sykia aufzuschlagen, auf freuublicher Anhöbe, umspült von der rauschenden Vrauduug des Meeres von Cyrrha. Umgeben von den gcspensterhaft den Fluthen entsteigenden Fclscukönigen lager--ten wir uns unter dem stets düsterer werdenden Schatten dcr Nacht bis zum vollendeten Mahle auf uusern Matratzen, während die Mondsichel glänzend über uns aufging, die gleich einer goldenen Opferschale unter dcm Demanttnopfe des Hesperus hing, hinter dem sich ihr imbelcnchttter Theil gleich einem Trausparente abbildete. Es folgte ein zauberischer Morgen, uud die Sonne stieg so prachtvoll herauf wie sie gestern hinabgestiegen war, ewig schön, gleich dem in Iugendblülhe prangenden Mädchen. Wir folgten dem Meerespfade bis zu den Höhen, die schon durch ihren fernen Anblick Außerordentliches verkünden, und stießen bald rechts vom 176 Inpitertempel auf Sunium. Allein welcher Contrast, wenn das Auge dieses Paradies verläßt und sich zwei Schritte links wendet! Die Schauer der Nr« und Unterwelt scheinen sich plötzlich zu enthüllen, und gräßlich gespaltene Bergschluchten ziehen sich bis zu den fernsten schwarzen Gebirgszackcn des Peloponnes hinauf, deren chaotische Gestalten durch ein düsteres darüber gelagertes Gewölle noch grausenhafter werden. Mühsam sendete die nieder' tauchende Sonne ihre gebrochenen Strahlen aus diese vorftuth-liche Zerrissenheit berab, dieses grause Vilb des Innern eines ausgebrannten Kraters, während sie mit wahrer Liebe gegen Morgen hin das ganze so unendlich hehre und graciöse Bild von Athen mit den reichsten goldenen Tinten übergoß. Welche scharfen Gegensätze saßt die Schöpsuug in diesem Lande zusammen, und wie versöhnt Himmel und Farbe auch die grausen-haftesten Erscheinungen durch den Reiz der Beleuchtung. Vor Sonnenuntergang aber muß man diese Höhe besteigen, um in Einem Rahmen Himmel und Hölle, das holbeste Leben und die wildeste Zerstörung ruhig beisammenwohneud zu bewundern. Die alten Griechen hatten die Akrokorinth nicht befestiget, sondern einzelne Erinnerungstempcl waren längs des Ausgangs gestellt, gleich den Passionscapellen unserer Wallfahrtsorte. Die Vcnetianer hatten sich hier eine Festung in die Luft gebaut, mehr geeignet das Innere ihrer Häuser zu schützen als nach außen zu wirken, denn die Straße des Isthmus kann die Festung nicht sperren. Im Innern der weitläufigen Mauern hcnscht Zer--störung, da man sich während der Revolution hier noch mit Erbitterung schlug und alle Häuser, die einzige sichere Zuftuchts^ statte der türkischen Kaufleute, in Schutt gelegt wurden. Eine der größten Aufgaben der jetzigen Regierung wäre die Verbindung der Golfe von Lepanto und Aegina, entweder durch Eisen^ bahn oder Canal auf dem Isthmus. Alö wir in die Stadt herabfliegen, schallte uns fröhliches Sllnntagsleben entgegen: die Roinaika ertönte aus allen Häusern, die Vuden in den Straßen waren beleuchtet und der so unmelodische, näselnde Gesang der Griechen ließ sich von allen Seiten hören. Glückliches, leichtsinniges Volk, has^auf den Trümmern seiner Häuser, über den Gräbern seiner Väter tanzen kann! Schöne Antiken wurden uns angeboten, vortrefflich erhaltene Marmorbilder, zu schwer zum Fortbringen durch be- 177 rittene Reisende. Warum stellt man nicht in jeder Stadt einen Sachverständigen auf, der die Ausgrabungen leitet und die Funde sammelt, die größtentheils um Spottpreise verschleudert werben? Seit der grausame Mummius durch Verrath bei den isth-nüschen Spielen dic Griechen um ihre Freiheit betrog und das schöne Korinth verbrannte, konnte ihm weder Cäsar, noch Hadrian, noch selbst Nero den frühern Glanz wieder schenken. Man steht auf dem Marktplatze, von wo die Korinther die Geschicke Griechenlands leiteten, um später von dort aus ins sici-lische Eril zu gehen; man steht auf der Stelle, wo Mcdea ihre Kinder schlachtete, und weiß sie nicht zu bezeichnen. Nichts ist von aller Pracht geblieben als die unförmlichen Säuleu des ApoUtempels, die Quelle welche der Huf des Pegasus schlug uud, wundersamerweiser, die Tempelreste der schirmenden Venus, deren Cultus die Sybarite» verschmähten, und selbst das lascive Paphos, ja selbst Gnidos verdammten. Wie konnte das erleuchtete Korinth, die hohe Schule der Philosophie und Künste, einem Götterdienst huldigen, dessen Amt von tausend Priestc-riunen versehen wurde, den schöusteu Mädchen des Landes, die von den Opfcrgaben und dem Preis ihrer Reize lebten? Sonderbarer Irrwahn der Sitte, die dem ReconvalcSeentcn die Pflicht auflegte, wie dem Feldherrn, der eine Schlacht gewonnen, dem begünstigten Liebenden, wie dem glücklichen Kansherrn, zn dieser sauberen Pricsterrecrutirung beizusteuern und die frischesten, reizendsten Cnrtifanen dahin abzuliefern. Lais, Nhodope, Pyrcnc und Siuope waren berühmt unter den Tausenden, die in diesem Ordenscapitel der Grazie fungirtcu, und vertraten gleich den Vestalinnen die Wünsche ihrer Mitbürger bei den Göttern. Wie können wir uus das Schauspiel vorstellen, das dieser Vcnus-dienst darbot, die fromme Menge unischwebt von tausend jungen Schönheiten, die mit natürlichen Reizen alle Verführung der Kunst und Wollnst verbanden, die einen entblößt, die andern die üppigen Glieder unter durchsichtiger Gaze zeigend, hier tanzende Gruppen, dort liebeathmende Chöre von Flöte und Cym-bcln begleitet, Myrtenguirlandeu um die blendendweißen Säulen gewunden und himmlische Wohlgcrüche ewig von der Flamme des Altars über den Tempel ausströmend. Alles dieß widerstrebte nicht dem Götterglaubcu der Griechen und vertrug sich Morgenland und Abendland, I. üte Aufl. 12 178 damit. Allein wenige Schritte von diesen verführerischen Hallen steht eine kleine Capelle am Fuße der Felsenburg: hier lehrte der ehrwürdige Paulus den Korinthern ihre Idole, ihre Hetären verachten, und breitete die ersten Strahlen des Lichtes über Achaia aus, die so bald zur göttlichen Flamme ringsum aufschlugen. 22. Argolis. Bei Sonnenaufgang zogen wir an den sieben Säulen vorbei, dem einzigen Wahrzeichen des alten Korinth, bald nahmen uns die kratcrähnlichen Gebirgsschluchten auf, diese zerrissenen Bergrücken des Sophito, die uns gestern so schauerlich auf der Akrokorinth entgegengegähnt hatten, uud nachdem wir eine kleine Ebene durchritten, kamen wir nach drei Stnndcn zu dem Hügel, der das alte Kleonä trng, und auf dem nur noch eine einzelne Stechpalme steht. Die wenigen Ruinen, die man dort findet, bezeichnen wahrscheinlich den berühmten Tempel der Minerva; allein die Terrasscnfonn, iu welcher sich Kleonä erhob, und die Aussicht auf das benachbarte Tenea machen diese Stelle außerordentlich malerisch. Wir frühstückten am Khan von Dervenaki unter einer Schaar bewaffneter Bauern, die den Räubern anf der Spähe waren. Unter einer breitästigcn Eiche, am Rande eines frischen Vaches, suchten wir Schutz vor der glühenden Hitze, und sahen dcn sehr zweckmäßigen Vedcttcn - und Patrouillen-anorbnuugen der Griechen zu, welche unö zufällig auf dem Wege nach Nemca begleiteten. Neber steile und rauhe Pfade des Tretus gelangt man auf einen flachen Felsengrund, dessen Wände von Höhlen durchbrochen sind, ganz geeignet für Löwcnwohnun-gen. Von hier steigt man in das Thal von Ncmea hinab, aus dem die drei grauen Säulen des Iupitertempels traurig und einsam hcranfschaucn, umgeben von niederem Hngelkreise — ein rührendes Vilb der Vergangenheit. Oede und stille ist daS menschenleere Thal, daS einst von dem Jubel der nemeischen Spiele widerhallte, welche die olympischen überdauerten, und wo Hercules sich die Keule schnitzte, mit der er den nemeischen Löwen erschlug. Jetzt halten nur noch die drei verlassenen dorischen Säulen dic Todtenwache im lautlosen Thale, und vcv gebens sucht man das Denkmal des nemcischen Lykurg, die Gruft 12* 180 des Opheltes oder dic Villa des Löwen auf der Spitze des Tretus. Glückt ich erweise hatte ich keinen Alterthumsforscher oder Tempelauscirkler zum Reisegefährten, und eingedenk Dante's goldenen Reiscspruchcs! „Grüble nicht viel, sondern schau' und gehe weiter!" der so gut für die Ober- wie für die Unterwelt paßt, trieb uns die Sehnsucht, das wunderbare Mykenä zu sehen, aus der Löwcnhohle fort, und wir durchschritten die Bcrg-schluchten des Tretus, wo die Türken das Würgamt des nemei-schen Löwen, Kolototronis und Nikitas aber das des rächenden Hercules so täuschend übernommen hatten. Nach anderthalb Stnnden traten wir i» die Vbcnc von Argos und stiege» sogleich links hinauf den Berg des Agamemnon, von dem sich eines jener bezaubernden Bilder aufrollt, dem das südliche Coloril den Stempel des Himmlischen aufdrückt, ringsum die Pracht der Verge Nauplia's, der Palamcdes, das Meer und die spartanischen Verge von Kastri. Und auf einer steilen Spitze des Sophiko liegt die Vurg des Atrens und seine Stadt, tausend Fuß hoch auf unzerstörbaren Cyklopenmancrn, seit Jahrtausenden allen Stürmen trotzend, in der Zerstörung noch chrfurchtgebietend uud fallend noch grimmige Blicke nach dem feindlich gegenüberstehenden hohen Argos schleudernd. Tie alte heroische Zeit der kriegerischen Hellcnenstämmc hat sich in keinem Theile Kriechenlands deutlicher erhalten, wie in Argolis, und die Anlage und der Unterbau ihrer Fürstenwohnungen und Vesten, wie in den Cyklopcmnauern des dahingegangenen Archomenos Minyeios und dem noch stehenden „gold-rcichen" Mykcnä, Hier ist in Tempelsorm und Hcrrenburg der streng-ernste dorische Styl und die ilnn verwandte epische Dicht-form vorherrschend, und was erinnerte mehr an die Bauweise des Orients, was mehr an den Ursprung der Pelasger, als die Niescnmanern der Atropolcn im Argolis, Vpeiros und Arkadien. Die unbehauenen rohen Felscnmasscn dieser Cyklopenwcrkc sind in der ältesten Zeit wie zufällig übereinandergethürmt und mit Kies und Steinen ausgefüllt und verbunden, in späterer Zeit aber regelmäßig geformt und mit Geschick in einander gefügt, ohne Mörtelverbindung, unzerstörbar durch eigene specifische Schwere. Der Hanvtcingang der Stadt Mykenä steht noch unversehrt, das Thor ist ägyptisch pyramidisch, der Ban ist in kolossalen Quadern, der Unterbau polygonisch, und seine zwei 18t aufrecht stehenden kopflosen Löwen dürften wohl die ältesten Schildwachen Enropa's seyn. In den Mauern der Stadt befinden sich giebelförmige Gänge aus oben aneinanbergclchnten Felsenblöcken gebildet, und am Schlüsse ein viereckiger Thurm. Allein die großartigste Erscheinung dieser ältesten griechischen Periode bildet jenes domahnlichc Gebäude, welches, unter dem Namen der Schatzkammer des Atreus bekannt, das einzige ganz erhaltene Thesauron ist, das ganz in der Form der damaligen unterirdischen Gefängnisse und geheimer Franenwohnungen erbaut wurde und zur Aufbewahrung von kostbaren Gerathen nnd Waffen gedient zu haben scheint. Der Eingang ist pyramidal und mit einem sehr großen Architravsteine bedeckt, das Innere aber ist von feingehanenen horizontallaufenben nnb im obern Schlußsteine zusammenfließenden Quadern gebildet. Noch sieht man die Spuren der ans der innern Wandbekleidung eingeschlagenen Nägel, die vordere Seite ist aber mit verschiedenfarbigem, geschmackvoll verziertem Marmor belegt. Ich kenne wenige alte Gebäude, welche die Seele so wundervoll anregen, wie diese majestätische Tempelkuppcl, welche die Form eines riesenhaften Bienenstockes, von riesigen Felscnquadern gefügt, vorstellt. Der große Baumeister Trophonius hat hier den Architekten eine ewige Lehre gegeben, das einige Muster ägyptischer Bauweise in Europa, schon vor dem trojanischen Kriege erbaut und noch unerschüttert ohne alle Spnr von Verfall. Ein triangulärer Bruch im Scheitel-Punkt dient als Fenster, hinlänglich lichtspendend, um dcntlich zn sehen. Eine Oeffnung zur Rechten führt in ein schmales Seitengemach, wo die Habgier allcr Jahrhunderte bisher vergebens nach Schätzen geforscht. Schöne Mythen umgeben diese Stelle, und die Söhne Apolls, jeue mit dem Vulcan und der Sonne verwandten Cyklop?,,, gaben Stoff zu den herrlichsten Dichtungen. Allein die schönsten bleiben stets die unsterblichen Tragödien des Euripides und Sophokles, nnd ungern läsit man sich von den Alterthums-fennern überreden, daß dieser dreitansendjährige Tempel nicht das Grab Agamemnons gewesen. Mykenä, die Stadt der Blutschande und des Gattenmordes, die Stadt dcs Aegisthus, der Klytemnestra und des Agamemnon, entging nicht lange der Rache des Verhängnisses, und nach der Schlacht der Thermo-Pylen von den nachbarlichen Argivsrn zerstört, erhob sie sich nie 18s wieder aus ihren Trümmern. Von steilabfallenden Abgründen umgeben ragte die hohe Veste cmf dem Vorspränge zweier Berg-spitzen empor, nur durch Hunger bezwingbar, jetzt noch von cyklopischen und hellenischen Mauern getragen und vom natürlichen Fels vertheidigt. Wäre das Fcld von Troja noch mit ähnlichen Spuren bedeckt, wie die Gigantenmauern von Mykenä, so würde Homers Dichtung, hier so wahrscheinlich, dort so zweifelhaft, nicht angefochten werden können. Die Aegyptier bauten ihre Felscntcmpel in der Ebene, die Atriden auf den Spitzen hoher Verge, und wenn wir schon das unbekannte Maschinenwesen jener bewundern, wie sollen wir uns das Aufstellen solcher Fclsblöcke auf solchen Höhen bei diesen erklären? Tiefe Ruhe herrscht nun auf den Trümmern von dreißig Jahrhunderten, der Ehrgeiz ihrer Könige liegt im kühlen Grabe, und nur das Löwenthor steht noch ungebrochen, durch das der Griechenfürst auszog, um die Geschicke Ilinms zu vollziehen, und durch das er rücktehrtc, um das Opfer eines häuslichen Trauerspiels zu werden. Er selbst ist Staub, seine Vurg Ruinc, aber diese Ruinen sprechen noch und die Verse Homers leben ewig, länger wie der Ruhm der Könige. Welche vortrefflichen Beschreibungen uns neuere Reisende über Griechenland darbieten, der alte gewissenhafte Pausanias bleibt doch immer der sicherste Führer, ohne ihn wäre alleS dunkel, und wie er Mykenä beschrieben, so finden wir es fast noch. Tirynth zeigt sich uns noch ganz wie er es schilderte. Dieses alte Fort liegt in der argivischcn Ebene, ein Fels mit Felsen bedeckt, zwanzig Fuß dicke Cyklopenmauern mit rings-umlaufcnden bedeckten Gängen, einer wahren Gibraltargalerie. Ganz abgesondert erhebt sich dieser Fels in der weiten Ebene, klein aber fest, mit zwei Thoren, wovon eines durch einen Thurm von ungeheuren Felsstücken beschützt — es sind noch Homers „stolze Wälle dcs starken Tirynth." Eö kam uns und unsern Pferden ganz fremd vor, ans den rauhen Gebirgspfaden wieder in eine Ebene zu kommen, und raschen Laufs ging es hin gegen Argos durch das wasserlose Vett des Iuachus. Und er stund vor uns der hohe spitze Verg, der das alte herrfchsüchtigr Argos trug, mit dem Grab der Io, dem lykäischcn Forum und dein stattlichen Tempel der Juno, mit dem Blicke nach dem blutbefleckten Haus der Pclopiden. 183 DaS goldene Mykenä zeigt uns noch großartige Spuren seiner Herrlichkeit, Argos aber ist nur noch eine verwirrte Masse von Zerstörung, aus welcher sich eine venezianische Zwingsburg erhebt, und nichts ist von seineu Tempeln, Agoras, den Monumenten und dem Raube seiner Nachbarn geblieben, als ihr Kriegerruhm vom attischen Barden verewigt und die erhabene Mythe, welche schon unsere Iugendphantaste entstammte. Vergebens suchen wir den Thurm, in welchem die schöne Danae gefangen war, und grausam ist jede Spur verwischt von all der Majestät jener Herrscher über ganz Argos und die Inseln. Allein unter der Höhe, auf welcher der argivische Venustempel stund, erheben sich die sicbenzig Stufen des Felsthcaters, um dessen Orchester sich die neue Stadt rankt. Allen Zerstörungen der letzten Kriege preisgegeben, erhebt sich die neue Stadt mit breiten Straßen und soliden Häusern, Caserne« und Kirchen, immer ein Beweis von der Entwicklung des jungen Griechenlands, wenn gleich ohne Hoffnung, die alten Zeiten des assyrischen und ägyptischen Handels wieder aufblühen zu sehen, der dem neuen am Meere gelegenen Napoli sich zuwendet. Weit breitet sich die neue Stadt am Fuße der steilen Veste Larissa aus, die einen deutschen Vurgcharakter trägt. Die Aussicht gegen das Meer und Mykenä ist erhaben, Argos selbst liegt in der grünen Flur der nach der See sich hinziehenden Weinreben, und ist mit freundlichen Bäumen durchzogen, wie man es Athen wünschen möchte. Wir fanden anständige Wohnung, freundliche Wirthe, und schlugen hier unser Hauptquartier für unsere Ausflüge in die Umgegend auf. Auf einer breiten Chaussee rollten wir in einem Argolis^ scheu Fiaker über die schöne Fläche hin, welche Argos von Nauplia trennt, und ich konnte hierbei die Bemerkung nicht unterdrücken daß diese Neiseart dem Reiten auf den Marterwegen der Gebirge sehr vorzuziehen wäre. Nachdem wir die sogenannte Fenne modale und eine kleine Colonie in Ruhe versetzter Artilleristen besehen, hielten wir unsern Einzug in dem modernen Nauplia, das sich recht europäisch gekleidet um das Fort Itschkale herum-lagert. Mir fiel in Argos ein englisches Reisewerk in die Hände, dessen geistlicher Verfasser sich bitter darüber ausspricht daß zu Nauplia keine Alterthümer zu finden. Ich ziehe die englischen Reisebeschreibungen den französischen vor, mil sie solider und 184 gründlicher sind, allein über Griechenland sind sie noch alle sehr befangen, und durch ihre versteinerten Partciansichten gleich ihren meisten Journalen ungenießbar. Gin stehender, aber überall falscher Witz windet sich um das Dressiren und Grercircn der bayerischen Truppen, als heterogen mit dem classischen Boden. Ein Tonrist versichert, die Aussicht der Akrokorinth nicht haben genießen zu können, weil ein bayerischer Trommler ihm beständig in die Ohren getrommelt habe. Ich denke, bei dieser Empfindlichkeit könnte kein Reisender die alte» Tempel von Hindostan besehen, da ringsum die armen Sipahis von den Rothröcken gedrillt werben, und die englischen Tamboure eben auch nicht ,n«»/l» vl,«« dazu accompagniren dürften. Tie Engländer wissen offenbar nicht recht, weßhalb ihnen Griechenland so viel üble Laune gibt, können aber überzeugt seyn daß die insolente Marineschildwache, die sic in einem großen Schilderhaus vor das kleine Häuschen des bescheidenen jungen Königs zu Athen gestellt, viel langweiliger und ermüdender ist, als alle Tamboure in Griechenland zusammen, und daß, wenn etwas die freie Entwicklung dieses aufstrebenden Volkes hindert, die englische Schildwache mit ihrem plumpen Geschrei die Hauptschuld daran trägt. Nun also, Nauplia besitzt keine Alterthümer, denn es ist selbst nicht alt, und dieß Unglück ist leicht zu verschmerzen, wo man mit Einem Blicke die Trümmer von drei uralten Reicken übersieht, und die Zaubergestalt des Palamedcsfelsen, die schöne Höhe von Itschkale, die lernäische Ebene, die Verge von Arkadien und Epirus hinlänglich für ein paar alte Mauerreste oder zer^ schlagene Statuen entschädigen. Die -Vorstadt Pronia ist eine der vielen Schöpfungen Kapodistrias', durch die er sein Andenken im Vaterlande geheiltget hat. Sie zieht sich über drei isolirte Hügel am Fuße des Palamedcs herum, an dem die alte Wasserleitung nach den mit geschmacklosen ^öwen verzierten Stadtmauern fuhrt. Allein am äußersten Hügel Pronia's steht eine einfache Künstlerwertstätte, und in ihr Negt ein schönerer X^öwe als der der Venezianer über dem Stadtthore, ein schlummernder Vöwe von einem jungen talentvollen Vildhaner kunstreich gemeißelt, und jetzl wohl schon in der erhabenen Vergnische aufgestellt, ein Denk^eichen für alle der Wiedergeburt Griechenlands zum Opfer gefallenen Bayern, von ihrem König errichtet und sichtbar von Stadt und Ebene, Solche Votivtafeln 185 sind unserer Zeit, sind des kunstverständigsten Fürsten Europa's würdig. Auf fünfhundert Stufen ersteigt man bequem den alten, vom Meer umspülten Palamedes. Wir wurden von seinem Commandanten sehr höflich empfangen, und wenn etwas für einen solchen Posten entschädigen kann, so ist es eine Wohnung, von welcher man die erstaunlichsten Fernsichten Griechenlands genießt. Sieben Batterien thürmen sich auf der Spitze dieser hohen Verg-festung über einander auf, und die Venezianer haben die beiden obersten durch Sprengung der Felsen bis in eine bedeutende Tiefe hinab von den angränzenden Höhen getrennt. Lykurg, Miltiades, Epaminondas, Phocion, Achilles, Leonidas, Themistokles — dieß sind die Taufnamen der Bastionen, deren jede eine herrliche Aussicht genießt, keine aber mit der des Pentelikon oder der Akroko-rinth zu vergleichen. Ehemals war diese Veste unbezwingbar, für die jetzige Kriegsführung erscheint sie aber nutzlos, und die griechische Regierung würde vielleicht weise handeln, wenn sie auf die Erhaltung der alten Venezianerburgen weniger Werth legte, die ihrer durchaus erhabenen Lage wegen als Ruinen einen neuen Reiz des Landes, als Festungen aber eine unzweckmäßige Geld-verschleudcrnng bilden würdeu. So hat der Palamedcs kein Wasser, das zn jedem Van auf Thieren hinaufgebracht werden muß, wie dieß eben für die übrigens sehr gut eingerichteten Straf-arbeitslocale der Fall ist. Wir gingen den Reitweg hinab, uub besuchten den Befehlshaber der Stadt nebst mehreren ausgezeichneten technischen bayerischen Offieieren, welche man als die Grüuder und Stützen des griechischen Militärwesens ansehen darf. Der jnnge Odysseus, Bruder des von dem Frankenthurm der Akropolis herabgestürzten, wurde uns zum Begleiter gegeben, und führte uns zuerst an die Kirche St. Spiridion, wo der edle Kapodistrias vom Meucheldolch der Partenvuth fiel, nnb bann in die Casenien, Gefängnisse, La-zarethe und in den verfallenen Venezianerthunn des Forts Itsch-kale, von wo Meer und Palamedcs sich so schön auönehmen. Hier sind noch Spuren alter cyklopischer Mauern. Ueberall stößt man hier auf Werke des Republikpräsidenten, dessen Andenken im Lande geachtet ist, und dein Griechenland ein Monument errichten dürfte. Das Arsenal ist theils von Franzosen, theils von Bayern vcr- 33. Sparta. Was Hercules nicht vermocht, hat die Zeit vollbracht. Der lernäische Sumpf ist vertrocknet und Abzugscanale haben ihn der Cultur wiedergegeben. Hier stiegen Pluto und Bacchus in den Tartarus hinab, hier wüthete die Hydra, der die abgehauenen Köpfe wieder nachwuchsen, hier entführte Neptun die Amymonc, während sie Argos mit Wasser versah, hier sind alle Namen so poetisch mit der Mythe verflochten, dasi wir dem scharfsinnigen Forchhammer zürnen könnten, wenn er uns mathematifch den natürlichen Ursprung dieser Fabeln nachweist, und so eine Illusion zerstört, die unsere Phantasie seit den Studienjahren mit romantischen Bildern der griechischen Wundcrwclt erfüllte. Wir ritten durch die räumlichen lrrnäischen Höhlen, und stiegen die Straße hinauf, welche fahrbar herzustellen zwar streckenweise gelnngen, deren Fortsetzung aber die Ebbe in der griechischen Staatscasse gehemmt hat. Sie zieht sich auf den Vergfüßen des Malevo, das hohe Artemisiusgebirge, bis auf eine Höhe von etwa W00 Fusi, durch häßliche gelblichgraue Thäler fort, für deren Anblick nur jene herrlichen Durchsichten auf den höchsten Spitzen entschädigen, die oft wie durch Zauberschlag neue Bilder des Golfs der Stadt und des Forts von Nauplia, dann wieder bis Hydra und Spetzia hervorrufen, und von welchen herab der Palamedes am (nidc nur wie ein Hügel aussieht. Nach drei Stunden senkt sich der Weg nach Madokampos, an dessen her-ausragendster Höhe die Mauern des alten Hysia sichtbar sind, einer Pflanzstadt von Argolis, Von dem Thale des Vresinus bis zu dem von Hysia begegnet man nur Steinen und verkünd inerten Bäumen, ohne alle Spur voll Wachsthum und Anbau, Beim Khane über den Ruinen von Hysia lagerten wir uns unter einem dürftig Schatten spendenden Oelbaume, um zu frül> stücken. Der alte steile Saumweg zieht sich links durch Felsen- 189 schluchtcn am Parthemus hinauf, die neue Straße umgeht ihn rechts auf abscheulichen weißgrauen Bergen, immer ihrem unerquicklichen Charakter treu bleibend, bis man in die Ebene herabkommt. Wie man über den letzten Vergfuß rechts bei Steno vorüber ist, fängt die wellenförmige gegen !il)0U Fuß über der Meeresflache gelegene Hochebene von Tripolitza an, wo sich die Wasserscheiden nördlich und südlich deutlicher und schöner wie irgendwo ausdrücken, und wieder von Osten uach Westen, von einer Stellung zur andern, querdurch bis nach Tripolitza führen. Piali liegt eine Stnndc links ab von der Straße, wo noch Marmorssagmeute zu sehen. Ueber einem Kornfelde steht die von den Kreuzzügtn stammende Kirche von Palaio Episkopi, deren Außenwände beinahe ganz aus Säulen, Karnicsen und Friesen des alten Tegea zusammengefügt sind, wie man das Theater des macedonischen Perseus noch dahinter findet. Von dem nahe gelegenen Agiososti genießt mau einen Ueberblick des ganzen Hochplateau'S, und in 3 Viertelstunden ist man in der alten Hauptstadt der Morea. Wir erreichten Tripolitza in der Dämmerung, und wnr-den durch die Vudcnbeleuchtung ihres großen Marktplatzes überrascht und sogleich von einer Menge Volkes umringt, die sich neugierig aber gutmüthig, wie die Oncchcn allgemein, an uus drängte. Man führte uns in die saubere Wohnung des Hrn. Papa-biamantopulos, der sein Haus der Vewirthung fremder Reisenden gewidmet hatte. Der Osftcier der Gendarme», welcher uns noch Abends besuchte, erzählte uns höchst erbauliche Geschichten von den Räuberbanden zwischen hier und Sparta, und schien die Angst selbst zu empfinden, die er uns einzuflößen suchte. Unser Entschluß war jedoch unerschütterlich, denn Sparta nicht zu besuchen kann sich kein im Peleponnes Reisender je vcr-zeihen. Des folgenden Tages entwanden wir uns dem großen Ruinen-unb Leichenfeldc von Tripolitza, dem Schauplatze der größten Gräuel, deren sich die Griechen in ihrem Revolutionskricgc schuldig gemacht, und zogen nach dem engen Kampfthale, wo die mächtigen Städte Tegea und Mantinca ihre blutigen Fehden ausgcfochten, die erstere vou den Thcbancrn und Thessaliern, die letztere von den Athenern und Spartanern unterstützt. Der Weg nach M antinea zieht sich am Verge Mänalion hin, bis an einen Vorsprung l92 wüßte ich auch keine romantischere zu finden. Wir richteten unter den wasserschweren Mänteln so gut als thunlich die Gewehre zurecht, zogen die Hahnen über und folgten nun Mann hinter Mann den steil auf- und absteigenden Saumwegen, bis uns beim ganz verfallenen Khan von Kravata die bittere dunkle Nacht überfiel. Unsere Führer zeigten Unentschlossenheit, nnd wir erkannten nur zu bald das; sie den Weg nach dem hochgelegenen Dorfe Vourlia verloren hatten. Durch dichte Wälder irrten wir nun auf halsbrcchenden Stegen, an gähnenden Klüften herum, und nur die zuckenden Blitze erleuchteten zuweilen unsere Wege odcr zeigten uns vielmehr daß wir uns auf keinem Wege befanden. So kletterten wir unter fortwährendem Gußregen und den schauerlich widerhallenden Tonnerschlägcn in den unwegsamen Gebirgen umher, und es mochte Mitternacht seyn, als ein die rabenschwarze Nacht durchzuckender Vlitz ein Haus erkennen ließ, das nur zu Vourlia gehören konnte. Lange noch trieben wir uns auf den schlüpfrigen Vergwegen herum, welche nach den einzeln herumhängcnden Häusern dieses Ortes führen, bis wir endlich an die Wohnung des Ortsvorstandes gelangten, der uns gastlich aufnahm. Eine freundliche Familie und die liebliche Tochter Katharina, das einzige schöne Mädchen das ich in Griechenland gefunden, bestrebten sich unsere traurige Verfassung möglichst zu erleichtern. Vald loderten die Feuer anf den Steinplatten der Zimmer, Giovanni ergriff das Ruder des Küchcnregiments, und die ofseuen, gescheidten, neugierigen Kinder schlössen Freundschaft mit uns, denn die Griechen befreunden sich leicht, wenn man ihnen freimüthig entgegenkommt. Wie vortrefflich wir schliefen, branchc ich wohl nicht zu erzählen. Wie schildere ich aber unser Erstannen, unser Entzücken, als wir beim Aufgehen der Sonne das Lager verließen und einer von uns den Laden aufstieß, der hier die Stelle der Fenster vertritt. Unser Nachtquartier lag auf einer der höchsten Verg-kuppen, auf denen das Dörfchen zerstreut herumhängt, und von dieser Höhe, etwa zweitausend Fuß über dem Thale, schloß sich ein Vild vor uns anf, in dem alle Schönheit Lal'oniens sich zusammendrängte, und das uus mit einemmal alle Mühseligkeiten des zweitägigen Marsches, alle Leiben des rauhen ungastlichen Arkadiens vergessen ließ. Von den Spitzen deS <5helmos sahen wir hinüber nach dem in ganzer Breite vor uns sich ausdehnen- 193 ben majestätischen Taygetus, des Peloponnesus höchstem Gebirge. In zwei finstern Wänden thürint es sich senkrecht auf und begränzt den ganzen südwestlichen Horizont. Die vordere Wand ist niederer, drückt aber dieselben Formen aus, dnrch die sich der hinter ihm stehende ficbeutausend Fusi hohe Kolosi vor allen seinen schönen griechischen Brüdern auszeichnet. Am Fuße der niederen Wand, die sich wie eine Rissenstufe vor der Hinterwand herüberzieht, liegt die türkische Stadt Mistra bis zu dem ans höchster Spitze eingeklemmten Castell hinanf, und bildet von ferne einen hockst malerischen Anblick. Der silberne (Quotas durchströmt in Schlangenwindungen daö fruchtbarste Thal Griechenlands, übersäet mit Orangen, Citronen und Seidenbäumen und umschlungen von den prachtvollen Gebirgen des Menelaus und des Taygetus. Mitten durch diese paradiesische Ebene zieht in sanft verflochtenen Hügeln ein Mittelgebirge hin, auf dessen untersten reizend gebildeten Ausläufern das alte Sparta sich ausbreitete, zu stolz um einer Akropolis oder Niuqmauern seinen Schutz zu danken, da jedes Bürgers Vrust als Schirm und Wall diente. Der Weg von den Höhen Vourlia's hinab gehört zu den herrlichsten Griechenlands, und wir traten ihn nicht an bevor wir uns nicht an der mit keiner anderen zu vergleichenden Aussicht reichlich gelabt hatten. Jeder Schritt in die Tiefe bringt mm den Wanderer der heiligen Statte näher wo Leonidas und Lykurg gelebt, allein noch konnten wir den historischen Grinnc-rungeu nicht Raun: geben, denn nur die Schönheit des entzückenden Anblickes fesselte die Sinne, und trunken schweifte das Auge von einem Gegenstände zum andern, um sie alle wieder in Ein großes Vild zu vereinigen. Mit diesen Gefühlen überreich befriedigter Erwartung stiegen wir auf dem scharfen Kamme des Chelmos herab, der uns nach allen Richtungen die wechselndste Aussicht in die Zauber-thälcr gestattete. Dann schwammen n'ir durch den hochaufgc> schwollenen Eurotas und zogen an der Hügelkette des alten Sparta fort bis zu der sich ihr anreihenden Höhe, wo die junge Stadt sich lebenskräftig erhebt. Es ist der fünfte der schönen Hügel welche die ehrwürdige Lakonerstadt getragen, auf dem diese neue Anstedlung seit zwei Jahren so rasch sich entwickelt, und die Regierung der Provinz nebst allen wohlhabenden Einwohnern haben dieses freundliche neugeborene Sparta mit dem Morgenland und Abendland. I. Lle Aufl. Hg 194 ungesunden Mistra vertauscht, dessen oberer Theil wie sein Castell bereits verödet stehen. Keine Spur ist von der großen mächtigen alten Stadt geblieben, nnd nur einzelne dreißig Jahrhunderte zählende Mauern bezeichnen noch den Ort wo das tapfere Volk gewohnt, dessen Enkel der Väter Voden seit lange nicht mehr bewohnen dürfen. Nur das Monument des edelsten Burgers und Gesetzgebers hat sich hier aus der Stürme Zeiten gerettet, und auch dieses ist nicht von den Mitgcnosscn errichtet, fondern verdankt den spätern Römern sein Daseyn. In militärischer Beziehung kann man die Lage dcs alten Sparta zu den festesten zählen, und hieraus entsprang wohl die etwas großsprecherische Vethcurung daß sie keine Wälle bedürfe. Die Hügel, welche die Stadt trugen, sind schon durch ihre Form gegen Angriffe geschützt, und da sie sich in einem Halbkreise um eine sumpfige Ebene ziehen, so bildet der Yurotas und der letzte Vorspnmg des Taygetus den Durchmesser und zugleich eine Echutzwehr, die weder Philipp noch O,uinctius anzugreifen wagten. Nm Sparta zn nehmen mußte man sich von der Fläche des Gurotas oder des Taygetus nähern, immer unter unvortheilhaften Verhältnissen, überall Ströme und Gebirge im Rücken und im Falle des Miß-lingcns abgeschnitten. Ten wilden Gothen des Alarich ergab sich Sparta ohne Schwertstreich, wie dieß früher Argos und Korinth gethan; von wo aber dic Reiterei des Epaminondas ihren berühmten Angriff gemacht, konnte ich nicht ausfinden. Tie oberen Mauern, welche dem größten Hügel als Sub-structionen dienten, sind unverkennbar römischen Ursprungs, und dienten nebst dem auch größtentheils später nachgebauten Theater als Festungswerke. Jetzt wird auf dieser Hohe Korn gepflanzt, auf den übrigen wächsi Gras, der Hügel aber, auf dein das neue Sparta liegt, gehörte unverkennbar zum alten Sparta, wenn auch nur Landhäuser darauf staudcn, wozu seine reizende Lage ihn so vortheilhast bestimmte. Einige hundert reinliche weiße Häuser mit rothen Dächern ragen wunderlieblich aus den alten grauen Trümmern, aus diesem unabsehbaren lachenden Orangegarten hervor, und deuten auf eine glückliche Zukunft des himmlischen den Gräbern entwundenen Thales. Die Ebene, welche sich zwischen dem neuen Sparta und Mistra, zwischen den -Ausläufern des Taygetus bis zum Golf von Kolokythia hinabzieht, ist mit den edelsten südlichsten Fruchtbäumen überdeckt, und hier erwacht 195 die alte Industrie der Seidenzucht, durch welche die Moreoten einst so berühmt geworden. Die Paudeleimona durchströmt dieses von Cypressen, Olive», Orangen und Maulbeerbäumen über-fäete Thal, und von den gebrochenen Mauern des zerstörten Mistra bis hinauf zu den Hohen des heil. Maö auf dem schwarzen Taygetus reiht sich ein Bild an daS andere, immer eines reicher als das frühere an unbeschreiblicher Formenschöuheit und kühner Felsenbilduug. Kein wahrsagendes Wort hat sich je mehr bestätiget wie der Auöspruch des ThucMdes, daß nach der einstigen Zerstörung Athens und Sparta's das erstere durch die hohe Pracht seiner Ruinen als der größere Staat erscheinen werde. Hieraus geht hervor daß Sparta mehr Ausdehnung und Macht muß besessen haben wie Athen, nnd wer jetzt seine kühn in die Ebene hingeworfenen Hügel übersteigt, mnß hier eine erhabene Vergangenheit ahnen, selbst wenn ihm die Geschichte fremd geblieben. DaS ,^'eben und Kriegen der alten griechischen Freistaaten wird überhaupt erst bei ihrem Durchwandern klar, uub keln Land gibt cö wo die Stämme durch die Natur so scharf geschieden waren wie Griechenland, dessen Gcbirgsscheiden auch allein die endlosen Kämpfe zwischen ihnen erklären. Das schöne Thal von Sparta liegt nuu brach, keine fleißigen Heloten Pflügen mehr die Felder, und die ruhelosen Mainoten treiben ihre Heer-den hier ;nr Weide. Vin Deutscher ist es der diese rauhen Ge-birgskinder verstanden hat und zu lenken vermag, und wenn mehr Vertrauen in der griechischen Regierung Wurzel faßte, fo müßte man Major Feder zum unumschränkten Chef der Mama ernennen und ihin die militärische Colonisation dieser regellosen Völker übertragen. Als wir in Sparta waren, rückte ein mai-notisches Bataillon ein, mn in mobilen Colonnen gegen die stets verwegener auftretenden Räuberbanden verwendet zu werden. Die Offtcierc besuchten uns, und wir fanden in ihnen anständige, ernste, entschlossene Mänucr. <5s gibt wohl kein Land wo man die Menschen so lclcht und bequem kennen lernt wie Griechenland, und wir waren gewöhnlich kaum angekommen als wir schon die Eparchen, Nomarchen und die auwcsenden Officierc bei uns empfingen, Allein auch andere Einwohner, Advomten, Aerzte, Fabricanten kamen um die Fremden zn begrüßen, und da der Grieche stetß das Her; auf der Zunge hat, so erfahrt man auch gleich in der ersten Stunde was er denkt, fühlt und hofft, und 13* 196 dem Kriterion des Reisenden ist es bann überlassen die wahren Bedürfnisse, Gebrechen, Fortschritte nnb Zustände im allgemeinen herauszufinden, da der Parteigeist in diesem Lande ärger und leidenschaftlicher spukt als vielleicht selbst in Frankreich. Ich traf später in der Quarantäne von Malta mit zwei jungen Spartanern zusammen, die mir unter unseren Besuchern in ihrer Vaterstadt durch emsiges Nachforschen europäischer Verhältnisse aufgefallen waren, denn im Ausfragen sind die Griechen stark. Wie die Griechen überhaupt einen instiuctmäßigen feinen Tact im Benehmen zeigen, der ihnen das dentschc materielle Element so abstoßend erscheinen machte, so waren auch diese beiden jungen Leute von einer nngemcinen Anmuth des Umganges und mit nicht gewöhnlichen Kenntnissen ausgestattet. Sie gehörten zn den vielen ihrer Landsleute welche nach Paris gehen um ihre Studien bort zu vollenden, und ich machte sie glücklich als ich ihnen versicherte daß sie mit einiger Beschränkung »nd ihrer angestammten Mäßigkeit recht gut dort jährlich mit fünfhundert Franken auskommen könnten. Tic Griechen lieben das Geld fehr und besinnen sich lange es unnütz auszugeben. Wir schweiften an den Ufern des Stromes der Diana, an seinen römischen Wasserleitungen, über die Gefilde der alten Eleutherolakonen nnd an den Abhängen des schneegcschcitelten Urgebirgcs umher, nnd kamen durch natürliche Alleen von Lor-bccrrosenheckcn zu den freundlichen Dörfern Vidonia, Kastania nnd Granitzi, und zu einsamen Klöstern, welche in erstaunlicher Höhe an den dunkeln Gebirgsspitzen herumhängen und diesen edlen Berg unendlich verschönern. Daß aber die vielen hier wohnenden Menschen nicht verwendet werden um Straßen zu bauen, wovon man allein die wahre Wohlfahrt Griechenlands erwarten darf, ist eine um so schwerere Unterlassungssünde, als die Einwohner überall die dringende Nothwendigkeit davon einsehen und sich selbst dazu anbieten. Zahlreiche Wohnungen erheben sich rings um das reiche Thal, seitdem das Land unter der energischen Verwaltung Kapodistrias' anfing sich einiger Ruhe zn erfreuen, allein die Einwohner haben keine Erde und sind härter besteuert als unter den Türken. Die Unzufriedenheit ist daher fast allgemein, da zu viele Interessen unbefriedigt bleiben, namentlich aber wächst der Haß gegen die fananotischen Umgebungen des Königs mit jedem Schritte den man sich von der !97 Hauptstadt entfernt, und die Lösung der in diesem Lande so verwickelten Agnculturbedürfnisse wird immer die schwerste Aufgabe für seine Negierung lind der Keim der Zwietracht zwischen dein Volke bleiben, so lange man sich nicht entschließt den Boden seinen Bebauern als Eigenthum zu überlassen. Wie uns auch die fühllose Harte der Spartaner abstößt, wir empfinden doch ein namenloses Vergnügen, wenn wir über den glorreichen Vodcn wandeln der lauter Helden erzeugte, wenn wir an den Ufern des Eurotaö uns ergehen, wo die Jugend sich in kriegerischen Spielen übte, deren Ernst nicht selten den Tod im Gefolge hatte. Dieß ist Sparta, die einzige Stadt ohne Mauern, wo die Mütter lächelten wenn man die zarten Kinder blutig peitschte, und wo die Jungfrau ihre Liebe nur der Tapferkeit gab. Dieß sind die rauhen Spartaner, sieben Jahrhunderte lang die Helden Griechenlands. Hier bot der Taygetus die Pflanze welche die Gatteulicbe erneute, hier hören wir noch die wollüstigen Seufzer der Lcda in der Umarmung des Iupiterschwans, aus welcher Helena und Klytemnestra entsprangen. Verschwunden sind die Tempel der Helena und deS Paris, dieses für zwei Welttheile so verhängnißvollen Paares, dieses ehebrecherischen landstreichenden Weibes, und der deS Agamemnon der die Tochter erschlug, und der Klytemnestra die den Gatten mordete, und Orests der die Mutter tödtete, und des Lykurg der sich selbst den Tod gab; verschwunden die Thore, durch welche Sokrates, Plato und ^enophon einzogen, und die Altäre, an denen Kimon, Themistokles und Alkibiades opferten. Verschwunden ist alle irdische Größe, nur der Ruhm lebt, der ewige, und der Schatten Lykurgs schwebt über dem stillen Thal der Heroen von Ther-mopylä. Wir lagerten auf dem Hügel hinter dem neuen Sparta, und die Sonne stieg über den Taygetns hinab, und er wurde schwarz, und ftine zackigen Spitze» drückten sich scharf im Abend-lichte aus, und bald entzog uns die Nacht das große Hügelland das die kühnen Athener nie anzugreifen wagten, und wo nur die gcringgeachteteu Vöotier siegreich eindrangen. 24. Messene «nd Phigalia. Nur die Tage in Sparta war uns der Himmel günstig gewesen, der Regen hatte uus hiugcleitet, er sollte auch unsere Abreise trüben. Unter fortwährenden Güssen folgten wir dem Eurotas, und gönnten uns kaun» 6iast nin an der Quelle des Alpheus unter einer Platane ein klirzcs Frühstück zu nehmen, deren Aeste ciber nicht breit genug w'areu um uns auch nur diese large Nnhcfrlst über zu schuhen. Um die Quelle ist ein Qua-derfundameut, das früher einen Tempel getragen haben mag, und die Quellen waren mit Recht iu den Ländern des Südens heilig gehalten, denn sie wareil die Stationen für Halt und Erfrischung, Wie ost habe ich es ermüdend gesunde», wenn die Ncifebeschreiber des Orients nach Minuten die Entfernungen angeben und dabei ängstlich jedes anzutreffende Wasser bezeichnen, ja mit einigem WidenMeu kaufte ich mir in Athen des Engländers Gell Handbuch, in welchem diese Berechnungen beinahe nach Schrittaus-messlmg angestellt sind. Jetzt aber, nachdem ich uu^ähligemale vou Führern und (5ingebornen getäuscht worden, nachdem ich oft in der stacht antam wo das Eintreffen Mittags versprochen war, wo die Stunden kein (besetz, die Karten tcine Treue habeu, jetzt rathe ich jedem sich mit derlei zwar langweiligen aber nothwendigen wegmessenden Vücheru zu verschen, ivenn er nicht ein Spiel-ball jeder lügnerischen Angabe sevn will. llnser Weg nach Phi-galia führte über Leondari, das wir wegen solcher eben angegebenen falschen Berechnung nicht erreichen konnten, dafür aber Megalopolis zu sehen bekamen. Ueber sehr schlüpfrige Wege, durch herrliche Eichen- und Buchenwälder zogen wir nach der großen Ebene von Sinano hin, auf welcher Megalopolis stand. Der Goldschimmer der scheidenden Sonne drang durch die schönen Väume und goß sich über die zwischenliegenden Wiesgründe aus. Dunkel lag in der Abend- beleuchtung das hohe Leondari zu unserer Linken, und rin Regenbogen schloß den Tag, Dnnkelviolett tauchte der Lhkäus vor uns auf, »nd nachdem wir noch einige Zeit in Sümpfen herumgeritten, betraten wir die Ebene, über welche die mondlose Nacht bereits ihre finstern Schwingen gebreitet. Hier irrten wir mehrere Stunden umher, bis wir auf die ersten Häuser von Sinano stießen, wo sich ein sehr ernstes Gefecht mit Hunden entspann. So zahm und furchtsam sich diese Thiere in der Türkei zeigen, so böswillig und oft gefährlich sind sie in Griechenland. Diese Schäferhunde gleichen Newfoundlands Doggen mit Wolfsköpfen, und der heutige Angriff wurde in Masse von zehn biS zwölfen auf uns gemacht, die gleich hungrigen Wölfen anf uns, ober eigentlich auf mich anstürzten, da ich im schmalen Wege die Colonne schloß, Anfangs achtete ich nicht viel darauf, da sich derlei Anfälle bei jedem Dorfe, bei jedem Hause, bei jeder Hecrde wiederholen. Als ich aber fühlte daß sie mein armes Pferd bissen, daö sich ihrer durch Hintenaus-schlagen fruchtlos zu entledigen suchte, machte ich meiue lange türkische Hetzpeitsche los, und hieb nun in der Dunkelheit in Kreuzhicbcn um mich, wobei es dann, dem Geheule nach, an treffenden Streichen nicht mangelte. Anstatt sich aber abtreiben zu lasse«, wuchs die Wuth der Hunde, sie sprangen an mir uud dem Pferde hinauf, und ich konnte mich am Gnde nur von ihnen losmachen, indem ich einem davon durch den Kopf schoß, worauf die gauze Gesellschaft sich wcheklagend zurückzog. Einen ähnlichen Fall hatten wir einige Tage später, und einer unserer begleitenden Gendarmen konnte sich ebenfalls nnr durch Erschießen seines Gegners Ruhe verschaffen. Die weitverbreiteten Trümmer von Megalopolis zeugen von ihrem einstigen Umfange, und von der Größe ihres theba-nischcn Gründers. Ihre Ebene ist von den romantischen nomischen Gebirgen begränzt, über welche die Gebnrtsstätte Jupiters, der spitz« Diaphorti, hervorragt. Sie hatte zwei Stunden im Umfange, und der Hclisson floß mitten durch, an dessen hohem linken Ufer das in Felsen gehauene Theater liegt, in elliptischer Form durch tiefen Ravin von der gegenüberliegenden Stadt getrennt, das größte Griechenlands. Es ist nun mit Gpheu und duftendem Gesträuche überdeckt, durch welche seine reinen Formen um so reizender hervortreten. In der weiten hügeligen Ebene liegen M Säulen, Metope», Triglyphen zerstreut umher, und zeigen die Ausdehnung des großen Asyls, wohin sich die Bewohner von fünf zerstörten arkadischen Städten geflüchtet hatten. Münzen und Antiken wurden uns hier im Ueberstuß angeboten, und Ans-grabuuge» wären vielleicht nirgends lohnender, wenn sie regelmäßiger betrieben würden. Vis jetzt hat mau Säulen eines Tempels und einige Statuen gefunden. Nachdem wir diese gauze interessante Ebene beritten, machten wir uns auf nach Leondari, das auf der Spitze eines hohen Hügels liegt. Kolo-kotronis verließ diesen Engpaß, der ein wahres Thermopylä ist, bei Annäherung der Türken, und bewies hierdurch daß es ihm entweder au Muth oder an Feldherrntalent gebricht. Noch sind Häuser und Mauern mit Schießlöchern durchbrochen, und eine Handvoll Menschen kann diese Stellung vertheidigen. Tripolitza siel ill Folge dieses schmählichen Rückzuges. Am folgenden Tag setzten wir unsern Weg durch große Eichenwälder fort, und kamen nach dreistündigem fortwährende» Absteigen zum Khan vo» Sakona, der mitten im Gebirge liegt. Hler sieht mau den wundervoll gebildeten konischen Ithomc aus der Ebene steigen, au deren Gränze der Khan liegt, und das Meer, der Golf von Modon und die alte Nestorstadt bilden seinen Hintergrund. Nach einigen Stunden gelangt man au eine sonderbar gebaute Brücke, uud bald öffnet sich das herrliche Thal vou Messcne, in welchem wir sogleich den mit Platane» bedeckten Berg Ithomc hinaufstiegen, dessen Fernsicht erstaunlich ist. Hier lag min die Stadt Messene vor uns, so berühmt durch ihre Kriege mit Sparta vor dem Einfalle der Perser, durch das tragische Ende der Aepvtidcn, und durch ihre festen Thürme und Mauern, welche Volk nnd Heerden ganz Messenicns in ihrem sichern Busen barg. Noch stehen diese Vollwerke, aber wohl nur auf dcu Fundamenten der alten, und vermuthlich durch Epami-uondas zur Zeit, als er Megalopolis erbaute, wiederhergestellt, nachdem Iihome, der alte Name Mcsseuc's, im ersten Kriege vou den Latonier» zerstört worden war. Jetzt stehen von den vielen zweistöckigen alten Thürmen mir noch sechs, die Mauern aber sind größtentheils erhalten, oder haben sich, besser gesagt, selbst erhalten. Neste von Thoren zeugen von den kolossalsten Con-structioneu, und wenn auch die Architrave» in Mykenä größer sind, so finde» wir hier dagegen eine ganz neue Gattung von 201 Stabteingängen und eine vollendet gebaute Festungsarbeit. Aehn-liche VertheidigungSthürme und Wälle finden wir an unsern deutschen Städten aus dem Mittelalter, vom gleichen Bedürfnisse erzeugt. Ueber den ganzen Grund der Ringmauern von Mes-sene, wie über ihrem natürlichen Bergkaftcll Ithome, liegt Ruine und Buschwerk in trauriger Verwirrung ausgebreitet, kein menschliches Wesen unterbricht die tiefe hier herrschende Stille. Keine Spur des Apollotempels findet sich, der einst so heilig gehalten war daß die Spartaner den Theil der Stadt nicht stürmten, wo er stand. Hier aber bleibt noch vieles aufzudecken, und wenige Stellen Griechenlands sind weniger durchsucht, weniger geplündert und wahrscheinlich dankbarer für den verständigen Forscher, als die unentwcihten vergrabenen Reste des alten Ithome. Von unserem Nachtlager Mcmromati stiegen wir des andern Morgens über den Verg Ithome hinab, und befanden uns bald auf dem Territorium des Gottes Pan. Nachdem wir den Lykäus auf beschwerlichen Gebi>gsstegen überschritten, kamen wir in daS Thal der Neda, das durch seine Reize die hinter uns liegende wilde Scene vergessen machte, und qnartierten uns auf der Höhe von Tragoge in ein Hirtenhaus ein, ungeduldig den Tag erwartend, der uns die Wunder der eine Stunde nur entfernten Säulen zu Bassä zeigen sollte. Wo stehen unsere Dome? Wo müssen wir sie suchen die Tempel die unsere Väter ihrem Glauben erbaut, und mit dem Fleiße von Jahrhunderten aufgeführt haben? In den Winkeln der Städte in engen Gassen stehen sie, dem Auge nicht zugänglich, nur aus weiter Ferne erkennbar durch die lmumelcmstre-beuden Spitzen, und durch jene Fülle mystischer Symbole — Vlumeu und Figuren, ohne Bewußtsein erzeugt, dem Verstaube unklar, aber ein rührendes Zeichen des Wundergeistes, dem sie entsprossen sind. Dcnn ihm war dort die Welt verfallen, und er wußte seine erhabensten Werke in den Kreis seines häuslichen Stilllebens liebend herabzuziehen. Die wahre Schönheit eines Bauwerkes besteht in dem Eindruck den es auf den Beschauer hervorbringt, uud eZ ist ein entscheidendes Kennzeichen des wahrhaft begabten Architekten, wenn cr seiuc Schöpfungen auf herrschende Punkte zu bringen weiß. Wie es aber unserer fortschreitenden Kunstepoche vorbe- 2N2 halten schciilt die Vorbilder der edlen Griccheuzeit ln uns aufzunehmen, oder mit dem uns so theuer gewordenen Style des Mittclalters zu verbinden, so dürfte es vor allem unsere Auf-gäbe seyn, aus dcn mm Jedem zugänglichen Bauten der Hellenen die Kunst zu lerne», das Schöne auch schön und dem Auge wohlthuend aufzustellen. Aus den Höhen, den Göttern naher, sollten nnserc künftigen Tempel thronen, wo wir inbrünstiger beten und die Vrust sich im reinen Aether freier zum Erhabensten wendet. Kein Van unserer Tage hat diese Aufgabe gelöst, keiner hat bewiesen daß wir den veredelten Geschmack der unsterblichen Meister nicht allein erkannt, sondern ihm auch nachzustreben trachten, keiner, meine ich, als die herrliche Marmorburg, den Manen der größten deutsch-vaterländischen Geister über den weitblickenden Höhen des größten deutschen Stromes errichtet, das bayerische Pantheon, die Walhalla. Die Natur bereitet uns öfter auf die Wunder vor, in denen sich ihre Schöpferkraft am lebendigsten ausgesprochen hat. Die Landschaftssccne, welche sich von Tragoge herüber aufschließt, erweitert sich nach allen Richtungen in gleicher Schönheit, nnd weithin schweift das Auge über die Verge, welche den schäumenden Alpheus begränzcn. Ein schwieriger Fußpfad führt uns hinauf nach der Vergspitzc, die alles in sich schließt was feurige Einbildungskraft Reiches a„ Bildung und Fernsicht sich vorstellen kann. Ueber das schönste 5,'and des schönen Griechenlandes hin schweift von dieser Höhe unaufgehaltcn der Blick, vom gewaltigen Ithome und dem messenifchen Meerbusen bis hinab zu der Stadt Artadia und den herrlichen Strophaden, und aus diesem Götterbcrge steht »er schönste Tempel der Griechen, der Tempel von Phi gall a. Harmonie der Form paart sich hier mit der Wahl der Aufstellung, uud die Stelle wo dieser Tempel erbaut, ist geschaffen um Andacht und Ehrfurcht in der Seele aller zu wecken, sie mögen einen Gott anbeten welchen sie wollen. Nennen wir die Griechen immer undankbar, gegen ihre Götter waren sie es gewiß nicht. Sie schrieben ihrem Apoll die Netluug von grausam verheerender Pest zu, und weihten ihm ihren herrlichsten Bau. Wem ist es bei uns eingefallen für die Befreiung aus den Nöthen der pestähnlichcn Cholera ein fo erhabenes, großer Menschen und frommer Rührung würdiges Denkmal der Nachwelt zu überliefern? Aber nicht nur die zierende Sitte der Dankbar- 203 teit, auch die hohe Gabe des feinsten Geschmackes enthüllen uns die Griechen in Van uud Stellung dieses Tempels. Alleinstehend erhebt sich der Tempel des Apollo Epit'nrius auf einer kleinen Bergfläche, doch lange verbergen ihn die umstehenden Felsenspitzen dem Auge des Aufsteigenden, bis ein Schritt um den Vug eines Abgrundes das Herrliche aufdeckt uub man bereits vor ihm steht. Nicht nackt und bloß stellten die alten Künstler ihre Meisterwerke hin, sie verbargen il're reizenden Formen theilweisc hinter Gebüsch und Hügel, um sie gleichsam suchen zu lassen uud dem volle» Anblicke das volle Erstaunen zuzuwenden. So der Tempel zu Phigalm. Ningsnm schützend umschließt ihn das schroff gethürmte Gestein, nnd nur von einer Seite, gegen Ambeliona hinab, zeigt sich seine ganze Gestaltung, aber von dort aus überblickt man auch ans einmal das ganze Land von Messene, wo ewiger Sommer herrscht nnd die goldenen Frülluc der Hespcri-den reisen. Hier standen wir nun vor dem Porticus, und unter uns brauste das Meer von Artadia, und das Meer vou Koron geigte die Gräuzen des Peloponnesus. Gleich einer Gewitterwolke dangt der granc Ithomc über dem blühenden T'hale, und die schroffen nomischen Verge und der weiß herüberblitzende Tm'getus sind die Nahmen des prächtigen Gemäldes. Der Schönheit opferten die Griechen selbst geheiligte verjährte Vorurtheile. Gegen Süd gaben sie der Fronte die Richtnng anstatt gegen Ost, um diesen unvergleichlichen Blick in die paradiesischen Fluren ihres Orangen-garteus zu gewinnen. Noch stehen aufrecht sechsunddreißig von zwei Jahrtausenden braungefärbte Säulen, deren Wirkung ganz außerordentlich ist, Der Tempel ist lang, in den elegantesten Verhältnissen, und hat zwei Säulen aus jeder Seile mehr als das Thescon in Athen. (5r besteht aus havtkörnigem Kalksteine, an Härte der Masse und Politur der Oberfläche dem edelsten Marmor gleich. Einsam erbel't sich eine korinthische Säule, ein Model! dieser Ordnung, auch die Frusta der Pilastrr sind erhalten, so wie der uutere Theil der <5pistylieu, ,^ir sind mehrere Säulen aus der geraden Richtung gerückt nnd drei fehlen. Dach und Wand der (>ella sind eingestürzt, nnd die Vasrelief-Fricsen sind durch die rettende Hand Clgins nach London gewandert. Wer sie dort gesehen, muß mit mir die Mißverhältnisse in den Gestalten der Amazonen und Griechen bedauern, besonders wenn man sie mit den eben bort aufgestellten Friesen des Parthenons vergleicht» Gegen die unübertroffenen Pasreliefs des Thesenstempels verschwinden sie ohnehin beide. Gewiß sind aber alle Seulptur-werke, die anf Entfernung berechnet sind, nirgend weniger zu sehen wie in Galerien. Das englische Nationalnniseum würde nicht viel verlieren wenn es seine schöne Veute an die ursprüngliche Behörde zurückgäbe, und obschon die Architrave« in Phi« galia's Tempel den Absturz drohen, so wäre die Herstellung dieses Tempels mit Hülfe jener Friese leicht so weit zu bewirken daß der ganze Effect dieser Götterhalle wie zur Zeit ihrer Blüthe anschaulich würde. Unser wackerer Landsmann, Varon Haller, hatte das meiste Verdienst um die Enthüllung und Ausgrabung dieses Tempels, wie man auch ihm die herrlichen Reliefs der Aegineten verdankt, eines der schönsten Werke der veredelten griechischen Kunstperiode nach Phidias. Die Aegineten sind aber Relieffiguren, als welche sie sich vollständig gleich andern Statuen in ein Eculptnrmuseum eignen, während sie sich wegen Einsturz des Giebels des Aeginatempels dort nie mehr aufstellen ließen. Theile eines Vaues, wie dieß bei Friesen der Fall, können aber das Ganze wieder vollständig machen, und das Parthenon, der Phigaliatempel und der der Nike würden dadurch beinahe ganz in ihre alte Form zurückgebracht werden. Lord Palmerston soll ein Ansuchen der griechischen Regierung um Rückgabe jener Friese mit der Aeußerung abgelehnt haben! daß er über ein von der englischen Nation erworbenes Eigenthum nicht verfügen dürfe, so lange ihn kein Parlamentsbeschluß dazu ermächtige. Da aber die englische Nation beständig auf Reisen ist, so dürfte es ihr am Ende nicht viel darauf ankommen, ob sie die Friese in ihrem Museum oder auf dem classischen Vodcn ihrer Geburt, auf der Säulcnpracht ihrer Tempel bewunderte. Wenn in deu Zeiten der Zerstörung die Entfremdung dieser Werke als ein Rettungs-werk anzusehen war, so wäre es jetzt, nach Griechenlands Wiedcr-erstehung, eines großen kunstlicbendcn Volkes würdig, das aus dem Schiffbruch geborgene Gut deu Eigenthümern wiederzuerstatten und sich selbst dadurch ein ruhmvolles Denkmal zu errichten. Schönes Mcssenirn, wie blutig steht deine Geschichte eingeschrieben, wie brandmarkend für die rauhen Spartaner. Zehn Jahre widerstandest du ihrer Belagerung, und die Grä'uel und 205 Zerstörungen, die du ertragen mußtest, inachen deinen edlen Krieg würdiger besungen zu werden wie selbst die fabelerfüllte trojanische Fehde. (5in wildes Volk hat dich endlich in Ketten geschlagen, deine Söhne sind die armen Heloten, auf deren Fang die jungen Spartaner auszogen wie jetzt Mehemed Ali auf die Jagd der Aethiopier. Du vertheidigtest deine Penaten mit dem letzten Herztropfen, dein Aristodem opferte seine Tochter um die eigene Asche mit der ihrigen zu vereinigen, und die Laccdämonicr wurden deine Tyrannen, während deine Kinder auf fremden Boden flohen. Nein, ich kann die Spartaner nicht lieben, die ihre Sklaven schlugen, verstümmelten und tödteten und dafür noch gepriesen und verrhrt wurdeu. Der Schrei der Verzweiflung den si>' dem unglücklichen Messenicn ausgepreßt, wird niemals verklingen, und während ihre Tempel längst in Staub vergangen, stehen allein noch die rührenden Zeugen eines vernichteten Volkes, dic festen, heldenmüthig venhcidigtcn Mauern Ithome's, und im Götterschmuck der Schönheit lächeln die Säulen Phigalia's auf das wieder aufblühende Thal Messtnc'Z hernieder. 25. Qlympia. Mitten in dem Lande, daö man besser dein steinigen Arabien als dein schäferlichen Arkadien der Alten vergleichen kann, erhebt sich ganz isolirt der Lykäus. Tie blauen Hügel von Vlis, die Thäler von Olympia und Pisa mit dem über dem Alphcus hängenden Paläo Phanaro, der hochftiegende ErymanthnS mit dem gleich einer Lanze emporgehaltenen Pie, und der in die (5bene von Messcnc uicdcrsteigende Taygetus, dieß ist was der Gott der Arkadicr von seiner Vurg übersah. Wir weideten uns lange an diesem großen Anblicke und stiegen dann in das wasserreiche Thal von Ambclona nieder das die Neda durchströmt — eine Gegend, so würdig ihres Ruhmes der Fruchtbarkeit und der nomischen Vcrgschöne, aus welcher wir traten um den Pyrgo von Deli Hassan auf seiner die Ebene von Megalopolis beherrschenden Höhe zu besehen. Hier mag daS alte Lyfosura gestanden seyn, allein ausicr Marmorstücken in den Häuserwänden findet sich keine weitere Spur vor. Wir hatten diesen Weg einschlagen müssen, da der Ucber-gang des Alpheus bei Paläo Phanaro, wohin man über An-dritzena am kürzesten nach Olympia gelangt, als unmöglich geschildert wurde. Bald hatten wir Nrsache nut Dieser erzwungenen -Abänderung zufrieden zu seyn, wenn sie uns gleich den ursprünglichen Rciscplan verrückte. Ja ich möchte jedem Reisenden rathen unserem Beispiele zu folgen, wodurch er in dao nach Olympia führende Thal tommt, der würdigen Vorrede zum griechischen Wallfahrtsorte. Ehe wir es aber erreichten, sollten wir noch manche Widerwärtigkeit bestehen, die man doch so leicht verschmerzt wenn es gilt einem schöne» Ziele entgegenzugehen. Den lieblichen Rebenabhängen längs des Alpheus folgend, kamen wir bald zu seiner malerischen Brücke, die auf Felsen anstatt Vögen ruht und von Opheu umrankt ist. Gin steiler Weg 207 führt nach Karytene hinauf, einer wahren Felsenbnrg, über dem hohen Kegclberg herabhängend. Die Venezianer, welche so richtig die strategischen Punkte fanden, haben auch l'ier eine? ihrer festen Castelle hinterlassen. Ringsum ans felsigen Höhen lagert sich die Stadt, und der Alpheus zwängt sich brausend dnrch enge Schluchten, deren graue Felsen ihm von allen Seiten den Durchgang streitig machen. Die Landschaft ist eben so wild schön, als die von ibr gepreßte militärische Stellung natürlich fest. Auf einem bohen Felsenriffe hängt das Kastell und Kolokotronis' Hans, eine ärmliche Wobnnng, würdiges Nest eines Klephtenhauptmanns. Vin paar Thürme, Verschanzungcn und eine Capelle bilden seine einige Zierde, denn Räuber beten gerne, Seine Schwiegertochter sül'rte nnS herum, und die kriechen erwählten von seinen Thaten. Kolototroms ist nun tzN Jahre alt, und sein Vater, ein arkadischer Klephte, ivard von den Türken auf eine höchst barbarische Weist ermordet. Zuerst Of-sicier unter Church in den ionischen Truppen, dann Schlächter inZante, kehrte er beim Ausbruch der griechischen Revolution in sein Vaud zurück, zeichnete sich in mehreren Gefechten aus, bewies aber aueb seine Unfähigkeit bei Leitung grösierer Massen, besonders im Peloponneß gegeu Ibrahim Pascha. Seiue Grausamkeit und Erpressung machten es der Regentschaft unmöglich ihn zu vcrweuden, uud seine Umtriebe gegen die damalige Regierung verwickelten ihn in den bekannten Hochrcrrathsproceß, in dessen Folge ihm der König das verwirkte Leben schenkte. Yr lebt nun zurückgezogen in Athen, wo ich ihn besuchte, und mehrere Männer der Reaction bei ihm kennen lernte, (^r hat einen wahren Adlerblick nnd Adlernase, und zeigt viele Wärme im Umgänge. Sein Benehmen scheint herzlich, aber der Fuchs lauert überall im Hintergründe, und sein ganzes Wesen gibt eine deutliche Vorstellung von einem durch die Zeitvcrhältnisse eonvertirten griechischcn Klephten, einer Gattung Räuber, die man nur mit unseren mittelalterlichen Raubrittern vergleichen kann. Kolokotronis hat den Pinvr, die alte athenische Redner-bühue, wieder eingeweiht, indem er die ganze Schuljngend der neuen Hauptstadt um sich versammelte, und ibr in eindringender Rede sein Beispiel als Warnung vor Augen hielt, nnd sie ermähnte, der nun festen Regierung treu anzuhängen und sich durch nichts vom Wege des Gehorsams abbringcnAu lasseu. W8 In einem verbrannten Khane nahmen wir oben in der Stadt unser Frühstück ein, während ringsum auf den halbein-gcstürzten Mauern neugierige Griechen malerisch hermnlagcrten, und jede unserer Bewegungen aufmerksam verfolgten. Karytene ist zu allen Zeiten durch seine Räuber verrufen gewesen, am meisten aber jetzt wo wir dort ankamen, und der Gendarmeriofsi-cier zwang uns hier sechs seiner Leute auf, deren Nutzlosigkeit als Führer nur abermals erproben sollten. Unter allen Cparchen die ich in Griechenland kennen lernte, erschien mir der zu Karytene als der geistreichste. Mit einem wahrcu Talleyrandskopfe vereinigte dieser Mann eine Feinheit und Gewandtheit des Benehmens, die uns so oft bei den Griechen befremden, welche mit höherem Range auch leicht die dazu gehörigen Eigenschaften erwerben. Gegen Mittag traten wir den steilabfallenden Steinpfad hinter der Stadt hinab an, ein ausnehmend schöner Anblich tief unter uns den durch die Windungen der Abgründe rauschenden Alphcus, über unS die spitze Veste, die Gebirgslehnr aber mit herrlichem Nasen belegt. Unsere unwissenden Führer wollten einen näheren Weg finden, und führten uns anstatt zu der Brücke von Gorthys, an die Zusammenströmung des Gorthynius mit dem Alpheus, vor deren Vereinigung sich ein Fels im Wasser mit einem Baume erhebt, eine Stelle, wo man das alte Rhätca vermuthet. W blieb uns nichts übrig als den Gor-thynius zu durchschwimmen, der uns eben nicht sehr zahm cnt-gegcnbrauste. Ein erster Versuch mißlang; da aber die hier ganz unwegsamen Ufer keinen anderen Ausweg gestatteten, so mußten wir hinüber, und der tolle Giovanni stürzte sich laut singend zuerst in die Fluth, um die beste Fährte zu finden. Nachdem er glücklich das andere Ufer erreicht, folgten wir ihm Mann hinter Mann, stets im Achtel gegen den Strom gewendet, welches bei jedem Flußübergangc zu empfehlen ist. Unsere braven Pferde brachten uns durch; als wir aber drüben ans Land geklettert waren, hörten wir das Geschrei der Agoghiaten hinter uns, und sahen eines der Packpferdc, wie es sich gerade mitten im Strvme rückwärts überschlug und seinen Reiter ins Wasser warf. Beide wurden rasch gegen die Felfenwanb getrieben die beide Flüsse scheidet, und deren Ruinen so unendlich malerisch herabsehen. Noch fünfzig Schritte, so waren sie in dem «09 tief unten schäumenden Alpheus rettungslos begraben, und damit all unsere kleine Habe verloren. Ohne nns zu besinnen, warfen wir uns in den Strom, rissen Packpferd ^^^ Menschen herum und erreichten glücklich das steile Ufer in dem Augenblicke, wo fast jede Rettung zu spät war, und wo uns das Heranklimmen des Uferrandes die meisten Schwierigkeiten darbot. So stunden wir nun triefend beisammen, und musterten unsere eben so durchnäßte, aber doch geborgene Bagage. Es ward klar daß wir auf keinem Wege uns befanden, die tausend Fuß hohen Bergwände, über denen Gorchys liegt, erhoben sich senkrecht vor uns, und nirgends fan» sich eine Möglichkeit sie zu ersteigen. Das Klügste wäre freilich gewesen den Fluß und Verg nochmals zu passiren, um den rechten Weg zu finden, allein dazu hatten wir nach der ebcn gemachten (fr-fahrung alle keine Luft, und machten uns nun nuf, naß wie wir waren, um eine der abenteuerlichsten Himmelfahrten anzutreten, einen wahrhaft schauerlichen Marsch von fünf Stunden, von Berg zu Berg, von Thal zu Thal, ohne Weg noch Steg, über Felsenklippen nnd Aögründe, die män fast nur mit verschlossenen Augen überschreiten konnte, und wo Pferde und Agoghiaten selbst oft zögernd stehen blieben, ehe sie das Waa-niß unternahmen. Unser Unwille gegen die treulosen Führer stieg mit der Anstrenguug uud Erschöpfung dieses mühevollen Aufsteigens, die Dornhecken rissen unsere Kleider in Fetzen, die spitzen Steine zerschnitten uns die Stiefel, und wir bluteten an Gesicht und Händen. Von Reiten war keine Rede mehr, jeder mußte sehen wie er sich allein durcharbeiten konnte, die Pferde gingen allein und ängstlich uns nach, und jeden Augenblick sielen Menschen und Thiere auf den gräßlichen Felsenriffen der Verge. Die Nacht näherte sich, die lügenhaften Angaben einzelner Hirten führten uns noch mehr irre, und die Gendarmen erklärten endlich, was nur schon lange wnsiten, daß sie sich nicht mehr znrecht finden könnten. Unser trotz aller seiner Lewen ungebrochener Senior übernahm es nun uns selbst zu leiten, und mit kriegerisch praktischem Auge fand er auch bald einen Rettungsweg, der allein uns wenigstens zu menschlichen Wohnungen bringen konnte. Er führte uns an einem gerade vor uns himmelanstrebenden Verge hinauf, auf dessen Spitze wir erschöpft ankamen, als die Sonne schon hinuntergegangen war, wo wir aber Morgenland und Abendland. I. 2te Äufi. 14 210 froh waren ein Paar elende Hütten auf einer nahen Hohe zu sehen, die uns das sehr bedürftige Nachtquartier bezeichneten. Auf allen Seiten von Hunden angegriffen, faßten wir militärisch Posto und logirten uns mit Vorsicht in einer der Hütten ein, nachdem uns die Bewohner selbst gebeten hatten vom Bivouac abzustehen, da es zu unsicher sey. Sie gestanden daß wir die ersten Reisenden seyen die sie je zu Gesichte bekommen hätten; als sie aber Vcrtranen geschöpft, brachten sie uns selbst Lcbensmittel zum Verkaufe. Dieser hohe Punkt hat Aehnlich-keit in der Aussicht von Vurlic,, und tief uuten fast unsichtbar strömt dcr Alphcus gegen Olympia hin. Wir verschanzten uns förmlich in der Hütte, die Gendarmen hielten abwechselnd Wache, und unsern Giovanni hatte ich früher nie so unruhig gesehen. Die Nacht verfloß ohne Greigniß, und mit Tagesdämmernng stiegen wir jenseits den Verg hinab senkrecht in das enge Thal. Nachdem wir mehrere Bäche durchwatet, und einige Verge überstiegen hatten, pfadlos wie am gestrigen Tage, kamen wir auf den Weg, den wir gestern nicht hatten finden können, und erreichten nun nach fünfstündigem Marsche daß überaus freundliche Dorf Anaziri und Hagios Joannes, wo das alte arkadische Härea sich über dem silbrrblan dahinströmenden Alpheus erhob, dcn wir nun nicht mchr verließen. In keinem Lande sind Gegensätze rascher sich folgend, und wic die Landschaft selbst im Pe-loponucs gegen Osten rauher ist als nach Westen zn, so sind anch durchgchends alle westlichen Vcrgabhängc reicher bewachsen als die östlichen. Hier abcr, so nahe dem Ausgangc der Gebirge, gegen die Ebene von Pylgos hin, hat die Natnr noch all ihre schöpferische Kraft aufgeboten, um ein vollendetes Vild darzustellen. Die linken hohen Ufer ziehen sich in so wundersamen Formen nach dem im fernsten Hintergrnnd sich aufthürmcnden Gebirge des Mittelpeloponnefts, daß hlmdert Landschaftsmaler ihr ganzes Leben vollauf zn thun hätten, um die unzähligen, immcr eines das andere an Vollendung überbietenden Gemälde aufzunehmen. Grün von solch unendlicher Nüancirung habe ich ahn» lich nur in Sicilien gefunden, und der dunkclglänzende Cpheu und die tauftndschlingige Liane umranken die uralten edlen Platanen in lieblich anschmiegenden Verwebungen. Ost steigert sich das Bild bei einem überraschenden Umbuge bis zum Vezau- 211 bernden, und überall thürmt sich die Staffage der Gebirge in fünf Stufen auf, die durch den optischen Wechsel der Beleuchtung und durch die Verschiedenheit ihrer Vaumgattung in ewig neuer Beleuchtung dasteht. Der alles überragende Lykäus stemmt seinen mächtigen Fuß in das Bett des krystallhellen Stromes, und die in allen Tinten verschwimmende Farbenpracht der südlichen Ge-< holze tritt aus dem finstern Grunde der schwarzen Erde versöhnend hervor. Bis zum majestätischen Paläo Phauaro mit seinen alten Mauern druckt die ganze Gegend den Charakter der unendlichsten Grazie und Anmuth aus, und während wir gestern den ganzen Tag aus lebensgefährdenden Wegen nns abmühen mußten, ritten wir heute fortwährend durch die zierlichsten Fußwege an und über dem Alpheus weg, während herrliche Vaumgruppen mit frischem Wiesboden wechselten, und duftende Gesträuche und Blumen des Südens, die wir so kostspielig in unseren Treibhäusern ziehen, hier wild und üppig stundenlang über Hügel und Pfade in kunstlosen immer neuen Bosquets sich gleich einer Perlenschnur aneinanderreihen. Wenn das Thal von Sparta das erhabenste Griechenlands ist, so ist dagegen das des Alphens gewiß das lieblichste welches die Natur diesem Paradiese verliehen hat, und die Idee steht hier nahe dasi Jupiter mit besonderer Vorliebe den Zaubergarten von Olympia muß erschaffen haben, um das stolze Volk der Hellenen von seinem hohen Taufbecken zu seinem schönsten Götterdienste wallen zu sehen, denn von der Höhe der Lykäusspitze bis nach Olympia glaubt man in lauter Feenhainen zu wandeln. Beschämt müssen die Großen der Erde hier stehen, wenn sie ihre künstlichen Parks mit diesen Naturwundern vergleichen, wo alles Wahrheit und ungezwungene Schönheit athmet. Allein trostlos und öde, wie fast alle großen Stätten der Geschichte, liegt am Schlüsse dieser entzückenden Pilgerfahrt das versunkene Olympia auf weiter Fläche vor uns, und nur die Wünschelruthe der Archäologen, die traurige Distel, führt zu den Neberbleibseln ihrer einstigen Pracht. Da liegen sie zusammcn-geschmettert von Erdbeben und Jahrtausenden die Trümmer des olympischen Jupiters, dessen elfenbeinernes Standbild, des Phidias höchstes Werk, unglückverküudend schon so viel früher der Zerstörung erlegen. Wie aber der fallende Held im Tode noch mächtig erscheint, so erfüllen die Schöpfungen der gricchi- 14* schen Kunst noch in ihrer Vernichtung mit Staunen und Ehrfurcht, denn mit der Größe und Schönheit der Säulen des dahin-gefunkenen olympischen Zeustempels ist keine andere Ruine Griechenlands zu vergleichen. Die Griechen stellten ihre Tempel auf Höhen, nur hier zwang sie Zweck und Voden davon abzustehen und sie in der Ebene zu bauen. Die Folge war daß sie überschwemmt, ober eigentlich von angeschwemmtem Erdreiche bedeckt wurden. Der Alpheus, so berühmt durch Fabel und Geschichte, zieht seine heftigen Gewässer aus den Bergen Arkadiens, stürzt sich von Thal zu Thal, von Abgrund zu Abgrund, nimmt vierzig Flüsse in sich auf, vernichtet alles was sich ihm in den Weg stellt, durchbricht Felsen, und wird erst ruhig, breit und geregelt in der Ebene von Olympia. Seine Ufer sind mit Bäumen besetzt, um die sich malerisch die wilde Nebe schlingt, die ganze Gegend ist mit Maulbeerbäumen und Oliven, Feigen und Weiu-reben, Rosen und Myrthen bedeckt, und dieß ist der Alpheus, an dem Anakreon und Pindar ihre Lieder sangen, wo Praxiteles seine Venus, Phidias den Jupiter schus, wo die goldene Leycr dem Sieg wie der Liebe klang, und der den heiligen Weg nach Olympia zeigte. Wer kennt nicht Ovidö Metamorphosen, jene leidenschaftlichen Verse, worin er den Lauf, die Liebe und die Abenteuer des Götterftusses schildert — wie cr ihn unter dem jonischen Meere durchstießen läßt, und ihn mit seiner sicilischen Geliebten vereinigt. Später ist der Alpheuö etwas aus seiner RoUe gefallen, oder aus seinen Ufern getreten, cr hat das glänzende Olympia mit seinem Schlamme bedeckt, und Jahrhunderte verborgen gehalten. Wie würden sich aber berühmte frühere Reisende wundern wenn sie Zeugen seiner Auferstehung seyn könnten, da wo sic fruchtlos nach Ueberbleibseln geforscht hatten. Und eine Auferstehung ist es, da die hoiligcn Mauern tief nn-ter der Erde hervorgehoben werden müssen, und wir nun bereits einen Theil des großen Tempels nnd seine zerbrochenen Säulen vor uns sehen, und es nur an der Beharrlichkeit der Grabenden liegt, um in Jahresfrist ganz Olympia aus seinem Grabe heraufsteigen zu lassen. Alle Umgebungen des Tempels werden klar, und wie herrlich umgaben die Griechen die Stellen ihrer Anbetung, ihrer Volksfeste. Unmittelbar am Alpheus war der Hippodrom, etwas weiter zurück der nun aufgedeckte große Tempel, unb hier zog sich die Stadt an den schönen Hügeln hinauf, welche diesen Schauplatz hohen Ruhmes umgürten, und über denen sich immer höhere Verge aufthürmen. Neich bewachsen sind sie noch alle und in den Farbenschmelz tropischer Vegetation getaucht, rings um den Schauplatz heroischer Lust gleich einen: Amphitheater gegen den Fluß gewendet, raumbietend für die müßige Masse der zuschauenden Hellenen. 'Aber hier steht auch der ver-hängnißvolle Felsen, von dem jede Fran herabgestürzt werden sollte, welche die Neugierde zu den olympischen Spielen trieb. Welche Frauen gab eS damals, da in siebenhundert Jahren keine einzige dieser Strafe verfiel. Da wo Plato und Sokrates saßen, da wo der Muth seinen höchsten Lohn fand, dursten die Frauen nicht anwesend seyn. Welche Härte, welche Sitten! Hierin allein schon erkennen wir den Charakter der edlen Frauen, die so vielen Helden das Daseyn gaben. Auf einer hohen Vergspitze, gerade über dem Thal von Olympia, stehen einzelne ärmliche Hirtenhänser, zu denen wir hinaufilimmten um von oben das große Vild zu übersehen und unser Lager aufzuschlagen. Hier streckte ich mich aus auf dem äußersten Vorsprunge der Felsenkante, und sah hinab und ließ die Schatten der Vergangenheit an mir vorüberwandern, und betrachtete das lautlose einsame Thal, aus dem mir so viel Herrlichkeit entgegentrat. In dieser grünen, dämmernden, schweigenden Einöde, wo der Vlick durch ein Labyrinth von Wunder, Geheimniß und Majestät schweift, wo der hinfällige Sterbliche im Anblicke der größten Vergangenheit mit heiligem Schauer sich bang und selig unter die Flügel der ewigen Güte und Liebe flüchtet, da steigt der Gedanke des Geistes reiner und erhabener ans, und die Nrust hebt sich höher und stolzer, und mir pochte das Herz, wie wenn ich selbst zu den olympischen Spielen gekommen wäre. Dieß ist also die Stelle wo die berühmteste Stadt des Alterthums stund nnb mit seinen edelsten Tempeln und Stand» bilbern bedeckt war, wo man zuerst die Zeit berechnete, und wo alle fünf Jahre die Griechen, ja selbst die Barbaren serncr Colonien zusammenflössen. Hier vereinte sich alles was der Erbball Ausgezeichnetes erzeugte, hier strahlte aUes von Alabaster, Elfenbein, Marmor, Ebenholz und Gold, hier opferte der schlichte Bürger gleich dem Könige, hier allein war der Priesterdienst ohne Trug, hier fand der Held und der Biedermann seinen Tempel, und die großen Künstler, welche sie verewigten, ihre Kronen. Jener 1«B Eichenhain, es ist der dem Zeus geweihte Altis, und diese wilden Oelbäume lieferten einst den Siegern die olympische Krone. Hier um den großen Tempel b«vegtcn sich die erhabenen Processionen, und gleich einein stürmischen Meere umwogte die Menge ihre Helden und Athleten, und feierliche Hymnen erschollen aus den Iupitershallcn. Und das Theater führt uns zum Stadium, das sich sachte aufwärts zwischen den beiden schönen grünen Hügeln hineinzieht, leicht erkennbar durch Form und Länge. Mein Auge sucht die Arena, ich sehe die Opfergaben bereiten, die schöne Priesterin der Ceres tritt an den Altar, die unübersehbare Masse scheint unbeweglich in Reihen an Reihen dazusitzen, und bekommt erst Leben und Sprache wenn der Lauf beginnt; sie stiegt mit in Begeisterung, in Anbetung des Siegers aufgelöst. Ganz Griechenland erhebt sich mit widerhallendem Freu« dcnrufe, denn Themistokles tritt ein und Sokrateö'i doch bald theilt sich der Knauel und die Verehrung wendet sich zu l?cn Heroen des Tages, und folgt ihnen bankspcndend in die Tempel der Götter. Wo ist ein Fleck auf der weiten Grde, der solchen Aufschwung edler freier Völker gesehen! Es gibt hier keine Gegenwart, keine Zukunft, man suhlt nur Vergangenheit, und was »ns umringt, wirft nichts Störendes, nur erhebende Erinnerung in unsere von Begeisterung bewegte Seele. Das Reisen gibt uns manche Göttcrstunde; wer aber kann sie beschreiben, wer wiedererzählen was er in der Stunde empfunden, die er über Olympia verschwelgt? 26. Patras. Mit dem Gestirne das dem Tage vorangeht, das glänzt wle das Auge der Andalusierin, und rein ist wie ein deutsches Herz, erhoben wir uns von dem hohen Lager und sahen hinab auf die stille Ebene von Olympia, wo die Hirten die weißgestockten Schafe zum Frühstück trieben. Die Spitzen der Verge waren vom Feuer der aufsteigenden Aurora vergoldet, während noch dämmernde Schatten über den Ufern des Alpheus schwebten. Wir brachen den classischen Ochweig um uns die olympische Krone zu stechten, und wenn auch nicht siegbekrönt doch trunken von Entzücken zum letztcnmalc über die berühmten Fluren zu wandeln und stc wahrscheinlich auf ewig zu verlassen. Es gibt so viele Menschen die mehr Geld haben als sie brauchen, und Geschmack genug um es zum Genuß zu verwenden — warum baut sich keiner hier sein Haus, hier auf diesen Höhen von Olympia, wo die Natur ihm den schönsten Park umsonst gäbe, wo Lorbeeren, Oliven und Cypressen ewig blühen und die melodische Nachtigall nie schweigt? Wir hatten die Sonne hier unter- und aufgehen sehen, das Vild des Grabes und der Auferstehung , und gewiß ist der Tag nicht ferne wo Olympia wieder auferstehen und seinem feuchten tausendjährigen Grabe entsteigen wird, um den Tag der Freiheit mit ihrem Lande zu feiern. Rückwärts über die Abdachung d«-S Dorfes Phloka herab führte uns der Weg, uud während wir wehmüthig den olympischen Hügeln Lebewohl zuriefen, erblickten wir zu unsern Füßen das arkadische Meer. Dann durchritten wir den hochüberschwemmten Kytherius, erstiegen die letzten quer über dem Thale liegenden Anhöhen von Kukuru, und betraten nun die Ebene, in welche sich alle Bergrücken in wundervoll gestalteten reich bewachsenen Verflachungen nicdersenken. Vor uns das «Is Meer, dessen azurne Fläche durch leichten weißen Schaum gleich Schneestocken berändert war, links der Alpheus, hinter uns die Purpurberge Olympia'S, so ritten wir in das flache Elis hin-cin, und die blumichte Insel Zante und das Vaterland Nestors lagen vor uns ausgebreitet. Allein mehr als jede andere Erinnerung Altgricchculands ist hier alle Spur der einstigen Größe verschwunden, vergebens sucht der Wanderer das alte Vyssus, und selbst Elis bezeichnen nur noch seine schönen Höhen. So mußten wir auf einmal von aller Schönheit Griechenlands, von seinen blauen Gebirgen und stolzen Nuiuen Abschied nehmen, und wie abgeschnitten fühlt man sich, sobald man in die Ebene herabgestiegen ist, die fortan nichts mehr unterbricht. In dem ersten am Meere gelegenen armseligen Städtchen Pyrgos empfing uns ein fuliotischer Gendarmericofsicier, mit dem wir frühstückten. Von hier breitet sich zwei Stunden zwischen Meer und Gcbirgkettc ein Maremmcnland aus, durch dessen Sümpfe wir fortzogen, bis die überaus reizenden mit Blumen besäctcn Ravinö von Mertia und Misoluughaki uns freie Aussicht auf die hochbcrgigen Inseln Kephelonia und Zante, dann auf die fernblickenden Venctianerforts Katakolo und Klemontsic öffneten, und nun die ganze Fläche vor uns lag, die bis Patras am Meere sich ausdehnt. Wir ließen Gastuni links um uns Elis oder Palaopolis zu nähern, und ritten auf einem neuen näheren Wege von Kalitsa über mehrere Väche nach Sabauaga, wo wir bei freundlichen Menschen eine etwas bessere Herberge fanden als in den verflossenen Nächten. Die untergehende Sonne beleuchtete magisch die gegen Osten liegenden Verge, und der weihe Santamori bildete mit dein in den dunkelsten Schatten fortziehenden mächtigen Movri einen jener Eontraste, welche südliche Gegenden in der Abendbcleuchtuug so anziehend machen. Ich wundere mich nicht mebr daß Reisende so häufig auf diese Schilderungen zurückkommen, da jeder Tag neue Wunder zeigt, und diese entzückenden ewig wechselnden Bilder den Vorzug des Südcus vor unseren nördlichen Ländern bestimmen. Vor Tagcsgrauen passirten wir unter Elis den Gastumfluß und schlugen den näheren Weg über Ali TschelM ein. Nachdem wir einen sechsstündigen prächtigen Eichenwald durchritten, kamen nir an den «sihan Olcuus, der auf der Nordküstc Achaia's Missolunghi gegenüber liegt. Nach kurzer Nast ritten wir an 217 der Küste weiter, während das aufgeregte Meer häufig seine Brandung über den Weg warf. Die Nacht brach ein mit matter umwölkter Mondscheibe. Zuckende Blitze fuhren über die Verge von Misfolnnghi, über denen ein spitzer Pic gleich einem schwarzen Phantom hervorragte. Eine dichte düstere Gewitterwand hatte sich über dem See von Lepanto aufgethürmt, und bald sahen wir das vom Blitz erreichte Missolunghi in Flammen. Es war ein furchtbar erhabenes Schauspiel das wir genossen, als wir zwischen Meer und Weinbergen fortzogen und die Wellen immer heftiger über den schmalen Pfad schlugen, den wir oft nur mühsam zu unterscheiden vermochten. Der blasse Mond durchbrach die gothischen Bügen der Andreaskirche, und wir betraten die hellbeleuch-tetcn Gassen von Pat ras, wo noch alles Leben war und man uns mit dem Zurufe „Mylord" begrüßte. Ein kleines Wirthshaus am Meere nahm uns auf, allein die brausende Brandung konnte uns nicht abhalten dic ganze Nacht durch einem Schlafe zn weihen der uns nach einem scharfen vierzchnftündigen Ritte, wohlbcmcrkt vierzehn griechische Reitstunden, so nothwendig war. Der Sturm brach los, das Hotel dc Britannia krachte, allein nichts störte unsern tiefen seligen Schlummer, in dein die Herrlichkeit des nun durchpilgcrten Griechenlandes in luftigen Traumbildern uns umschwebte. Als Gcrmanos, der Erzbifchof von Patras, im Jahre 1821 zum erstenmale die Fahne der Unabhängigkeit aufpflanzte, zerstörten die Türken den untern Theil dieser Etndt und zogen in ihr hohes festes Castell, das nur nach langem Widerstände siel. Nur die Ankunft König Otto's konnte den Moreotencapitän zu seiner Nebergabe zwingen, und jetzt bildet es eine schöne Ruine, die einzige Zierde von Patras, denn von dem alten Patra und von der glänzenden Freistadt des Augustus finden wir nichts mehr als die Quelle der tragischen Kallirhoö, die als Opfer verschmähter Liebe von eigener Hand fiel. Ueber dieser heiligen Quelle erhebt sich nun, auf der Stelle wo einst der Cerestempcl stand, eine neue gothische Kirche, dem Schutzpatron der Griechen, dem Dulder Andreas, geweiht, der wohl die Macht besaß die Schlacht von Lcpanto zu entscheiden, aber seinen Verehrern kein Geld gibt um ftin Haus zn vollenden. Einsame Marmorfteine bezeichnen hinter dieser im Aufbau schon als Ruine erscheinenden Kirche das Grab der Fremden, welche der Tod anf fernem 218 Voden ereilte. Hinter dem Castell verbindet ein römischer Aquä» duct zwei malerisch-schöne Hügel. Die neue Stadt zieht sich vom Meere nach dem Leonidasfort hinauf, ist von breiten, luftigen Straßen durchschnitten, amd zeichnet sich durch eine neue Säulen-ordnung aus, welche Schwefelhölzern ähnlich mühsam die kleinen Häuser trägt. Die Fremden werden hier gastlich empfangen, und das Ganze hat schon mehr europäischen Anstrich, wozu natürlich die hier residirenden und regierenden Consuln durch Gastfreund' schaft das meiste beitragen. Mich drängte es den berühmten Golf zu befahren, der so Großes auf sich erlebt und an dem Levant» und Mlsfolunghi liegen. Armes Missolunghi, Zeuge der erhabensten Thaten der tapfern Suliotcn, du bist verschwunden, wenu gleich dein Name fortleben wird wie der von Marathon und Thermopylä. Ein großes Ruinenfeld deckt die Stelle wo du gefallen und wo der große brittische Varde die Saiten seines zerrissenen Gemüthes zum letztenmal ertönen ließ. Wie laut spricht dieser gräßliche Todtenacker-, und verdient daß Volk nicht frei zu seyn das so zu kämpfen wußte? Zweimal trafen auf diesen trügerischen Wellen die beiden größten Republiken Griechenlands zusammen, und während die Spartaner zu Lande nach Athen zogen, siegte der Geist des Helden von Salamis über ihre doppelt überlegene Flotte. Die Besieger des H'errcö waren hier schon besiegt, und entrissen, begeistert von der Erinnerung ihrer Triumphe, dem Sieger wieder den Sieg. Timokrates gab sich den Tod, und die lakonische Flotte war vernichtet. Zweitausend Jahre später sahen diese Gewässer den furchtbaren Kampf sich erneuen, aber dort kämpfte Genie gegen Freiheit, hier die Knechtschaft mit Varbarei', damals trat ganz Griechenland für zwei nebenbuhlerische Freistaaten in die Schranken, jetzt kämpfte Papst, Venedig und ein spanischer Bastard gegen den fanatisch-stupiden Moslim. Jetzt sind alle die dort um eitle Größe stritten dahingesuuken iu Unmacht und Vergessenheit, die Republiken von Athen, Sparta uud Venedig sind vom Schauplatz der Weltgeschichte verdrängt, und die trotzigen Barbaren von Konstantinopel, so lange der Schrecken Enropa's, die Geißel der Hellenen, das ewig drohend über der Christenheit schwebende Ungewitter, diese übermüthigen Osmanen, sie werden nun von Christen selbst am Rande des Abgrunds gerettet. 2!9 Mühsam arbeitete meine leichte Varke gegen den ungünstigen Wind/ nnd bereits waren wir nahe den kleinen Dardanellen, dem alten Rhiuin nnd Antirrhium, welche den Golf sperren, als ein geschicktes Segelmanöver meiner griechischen Matrosen nns wieder in die Richtung brachte. Sechs Stunden hatten wir von Lcpanto nach Vostitza gebraucht, und eine Stunde später hier angelangt, konnten wir leicht so viele Tage verloren haben, da der Wind vollends ganz umschlug und nns unfehlbar ans rumelische Ufer treiben mußte. Der Golf von Lepanto ist in allen Jahreszeiten unsicher und schwer zu befahren. Vostitza erhebt sich gleich Patras rasch vom Verfalle, allein vom alten Aegium findet sich nichts mehr vor, nnd diese mächtige Stadt die schon Schiffe in den trojanischen Krieg sendete, dieser Sitz des achäischen Vnndes, ist ans immer verschwunden, Zwei Stunden von Vostitza abwärts folgt man einem reizenden Wege, am Meere fort durch Oleanderbüsche ziehend, und hier standen die Städte Vura und Heliee die ein Erdbeben verschlang, lind die Pythagoras noch unter dem Wasserspiegel erblickte. Die See von Lepanto wird noch manches Opfer fordern und in seinen trenlosen Schooß hinabziehen. Im Flußbett des Voklisin wendet sich nun der Fußpfad rechts gegen die Hohen, nnd auf einem von Gebüsch wild überhangenen Wege gelangt man zu dem hoch aufgethürmten Felsen von Bura, dem Vorgebirg des Verges Pheri. Von hier übersieht man Golf, Parnaß nnd die arkadischen Verge, und nach fünfstündigem Ritte steht man im Kloster Megaspilion, das unter dem Niesendache eines überhängenden Felsens gegen alle Unbilden des Wetters Schutz findet, während Keller und untere Wohnungen in einer großen Verggrotte ge« borgen sind; Fels und Mauer sind hier verwachsen und oft kaum zu unterscheiden, und dieses festungsähnliche Gebäude macht einen gleich erstaunlichen Effect, man mag sich ihm von der Vrücke des Vuraikus oder vom Thale Kalyvrites her nähern. Alif diesem romantischen Paläologenkloster glänzte zuerst das christliche Kreuz als Banner der wilden Freiheit des Peloponnes' eine Handvoll todesverachtender Palikaren brachte hier den arabischen Horden des Ibrahim die erste Niederlage bei, und zwang ihn von der Belagerung dieser Vurg Israels abzustehen. Die tapfern Mönche hatten aber nicht bloß ihr heiliges Vild vertheidiget, sie nahmen auch thätigen Antheil an dem folgenden Befreiungskriege, und 220 Griechenland dankt viel von feiner Rettung dem Kloster Mega-spilion. Und hiermit war meine hellenische Wanderung beschlossen, und ich sand noch einige Tage Muße in Patras, bevor dao Dampfschiff nach den jonischen Inseln abging, nm die großen Erinnerungen an alles Gesehene in mir anfzunehinen uud zu ordnen. (5s erschien mir fast gleich einem Traume daß ich es nun gesehen, wonach ich mich mein Lebenlang gesehnt hatte, und daß ich den Voden überschritten der so viele Heroen erzeugte. Noch bluten die tiefen Wunden Griechenlands zu heftig um einen besser geordneten Zustand erwarten zu dürfen, und seine größtentheils unbebauten Triften, mit den Trümmern alter Größe bebeckt, gleichen zerstreuten Segelstangen, die der Sturm nach dem Schiffbruch auf den Wogen herumtreibt. Es ist wahr, der siehenden Ruinen sind nicht viele, allein was steht trägt den Stempel des Erhabenen und Vollendeten in der Kunst. Der Reisende in Griechenland muß die alte Geschichte kennen und sich nicht aufhalten bei den Türken, Franken und Byzantinern, nicht bei dem Reiche der Römer, er hat es bloß mit dem Zeitalter des Lykurg und Pcrikles zu thun. Was liegt uns daran daß Athen, Korinth und Sparta nicht mehr stehen — der Voben der sie trug birgt noch in seinem Busen die erhabenen Ideen, die er sonst hervorrief, und in der tiefen Ruhe welche den Schauplatz alter Herrlichkeit umgibt, über dem Grab Sparta's, Korinths und Sikyons, genießen wir mehr als weim wir von dem Kranze der Peterskirche das alte Rom beschauen, wo tausend Glocken und fünfzigtausend Pfaffen die Eindrücke verwischen welche die geheiligten Orte so vieler Größe in uns hervorrufen. Ungestört kann man sich in Griechenland allen Gefühlen überlassen, die gleich einer ergreifenden Leichenrede unser Herz beschleichen; der lachende Anblick der Natur mildert die iraurigcn Bilder der Zerstörung, und den Frieden der Seele finden wir nirgends gewisser wie in einer von großer Vergangenheit umgebenen Einöde. Die Reise in Griechenland ist weniger geeignet zu unterrichten, man muß sie machen um zu fühlen. Der Forscher findet selten sichere Anhaltspunkte, und der Einbildungskraft bleibt allein die Arbeit, und die kann man zu Hause in seinem Zimmer abthun, wie es der Verfasser dcs jungen Anacharsis bewiesen hat. Wer das Land kennt, der findet in jeder Zeit das Griechenland des Perikles 221 wieder. Wer kann sich aber mit aller Kenntniß der Classiker einen Begriff von dem Berge der Musen machen den ich hier vor meinem Fenster in den Wolken sich verlieren sehe, von diesem heiligen Orte den der Aberglauben so vieler, Jahrhunderte be-reicherie, wo das Wort einer alten blödsinnigen Priesterin das Loos der Völker und Könige entschied? Wer bildet sich einen Begriff wo der Tempel Apolls stund, fünfmal geplündert und zerstört und fünfmal wieder erbaut in Marmor und Bronze, von diesem Tempel, aus dem die Vhokicr und Gallier dreißig Millionen stahlen, und wo noch fünftausend Statuen blieben, nachdem Nero siebenhundert nach Rom geschleppt hatte? Wer findet ili dem Stalle der dic Heerdeu von Salona birgt das berühmte Stadium und das Gymnasium unter jenen Hütten, und die berühmten Marmortafcln und den Schatz der Eyrakuser, und die Tempel alle die Telphos so herrlich gemacht? Sie sind vergangen, aber der Geist der sie schuf wacht noch, denn der Cultus des Apoll hatte die Künste belebt, edle Handlungen belohnt und die Tugend gekrönt. Er hatte den Bund der Amphiktyonen erzeugt, ivic nie ein ähnlicher bestanden hat noch bestehen wird', cr hatte den Haß verstummen machen, und das Band der Liebe um Familien und Völkerstämmc geschlungen, und diePythia war nur das willenlose Werkzeug, wodurch Krieg verhindert, Blut erspart und das Verbrechen gerichtet wurde, und so lange das Orakel seinen Glanz behielt, waren die Griechen unüberwindlich nach außen. Mit dem Aberglauben sank der Ruhm Griechenlands; furchtbares Beispiel, das den Gesetzgeber fesselt, und ihn zwingt die Porurtheile zu achten die sich der Gesellschaft nützlich erweisen. Diese Vorurtheile muß man kennen um die uns fremden Sitten und die bizarre Religion der Alten zu begreifen, und das Land muß «tan kennen um die Großthaten die es erzeugt zu verstehen und zu bewundern. Griechenland ist noch heute die prachtvollste Galerie des Erdenrundes, jeder Schritt bietet uns ein neues Gemälde, jedes Bild einen erhabenen Zug der Geschichte, und jeder Zug der Geschichte eine Lehre. Die Lenker der Geschicke dieses Landes lernen mehr, indem sie aufmerksam über diesen reichen Boden wandeln, als die Könige von Frankreich, wenn sie im coketten historischen Museum zu Versailles spazieren gehen. 27. Die Griechen. Nie auch das Vlut der alten Griechen sich mit dcm von zwei Weltthcilen vermischt, so ist die Verwandtschaft dcr modernen mit jenen des Alterthums in Sitte und Gebrauch doch unverkennbar. Unter demselben seit Jahrtausenden unverändert gebliebenen Klima hat die physische Constitution und der Charakter der Onkel sich dem der großen Ahnen wenig entfremdet, und wenn sie gleich mehr ihre schlimmen als guten Eigenschaften sich angeeignet haben, so bleibt es gerade die edelste Aufgabe der jetzigen Wiedergeburt die letztern wieder ins Leben zu rufen, die erstern aber zu verdrängen. In Mäßigkeit und Temperament wie in der ganzen körperlichen Erscheinung sind sie geblieben wie man uns die Alten geschildert hat, nur finden wir nicht mehr den hohen Adel der jonischen Gesichtsbildung, die Nase ist unter der Stirne eingedrückt, und hierdurch näherl sich der jetzige Stamm unverkennbar der slavischen Race. Da sie auch Sprache und Religion mit dieser theilen, so erzeugt dieß ein gefährliches Band, das eine überwiegende Menschenanzahl in Asien und Europa umschlingt und sich über kurz oder lang in der Hand eines russischen eroberungssüchtigen Autokraten höchst furchtbar den: romanischen Elemente entgegenstellkll dürfte, denn Sprache, Religion und Sitte bleiben ewig die wahren Gränzen der Länder. Die Männer, besonders die jüngeren, können oft dem Bildhauer als Modell dieueu. Ihre Gesichtszüge sind schön, ihr Auge breit und dunkel, die Brauen gebogen, die Haut bräunlich aber rein, Lippen und Wangen geröthet, die Proportionen ihrer Körper sind bewuudernswerth, ihr Haar schwarz und gelockt, der Nackeu musterhaft, die Schultern breit, die Brust hoch und gewölbt, die Taille elegant, die Veine muskulös, ihr Vau über Mittelgröße, und nie habe ich einen fettleibigen Grieche» gesehen. Die Griechen sind eitel und gefallsüchtig, die Männer noch 223 viel mehr als die Weiber. Diese stehen ihren Landsmänninen, in den Inseln, besonders aber ln Smyrna und Konstantinopel weit nach an Grazie nnd Schönheit, und obsthon der Fremde über das schöne Geschlecht in Griechenland wenig urtheilen kann, da es, nach überlieferter Sitte, zwar nicht mehr verschleiert und abgesperrt, aber doch wenig sichtbar ist, so fällt besonders in Athen die ungraziöse Haltung der Frauen auf, wenn sie an Festtagen oder in den Abendstunden auf ihren Thürschwcllen sitzen, mit bloßgelegtem Vuscn und ausgespreizten Beinen. Im allgemeinen stehen die Weiber den Männern in Antlitz und Form weit nach, die Augen sind matt, die Wangen früh verblichen, und wenn sie schön sind. so hält dieß kaum bis zum sechzehnten Jahr, da sie schon mit dem vierzehnten Jahre gebären. Sorge auf sich kennen sie nicht, sie stilll-n oft den Erst- und Zweitge-bornen zugleich, ja sie geben ihren Kindern bis zum vierten Jahr Milch, wodurch sie bald altern, und mit fünfundzwanzig Jahren fett, abgelebt und unappetitlich werden. Ohne Erziehung und Schönheit sind sie aber doch anmuthig, gute Hansfrauen, zärtliche Mütter, und ungeachtet der Prahlerei vieler Fremden halte ich sie für keusch, da die Familienbande in diesem Lande enge geknüpft sind. Dem Reisenden wird ihr Anblick sehr schwer, da die Mädchen nicht vor fremden Männern erscheinen dürfen. Die Frauen der wohlhabenden Stände schminken sich, wie es ihre Vorfahrerinnen thaten, aber ziemlich iudlscret und täuschungslos. Sie leben bloß für ihren häuslichen Zirkel, und halten sich ferne vom politischen Ginftnssc, den die türkischen Frauen ausüben. Gin bißchen Sticken, Laute spielen und Ro-mcnka tanzen ist ihr ganzes Wissen; Lesen und Schreiben können sie aber nicht. Die Mädcheninstitute in Athen zeigen dagegen bereits die erstaunlichsten Resultate von Lernbegierdc und Fähig« keit. Wenn man aber von dem Liebreiz der Griechinnen, wie sie sind, anf den schließen darf den die Damen der alten HellaS besaßen, so kann man sich nicht wundern daß alle großen Männer, jung und alt, sich lieber zu den Füsien der Hetären warfen, uud es erscheint begreiflich, daß Pythonice und Phryne, Lais und Aspasia, eben so viele Verehrer fanden, als das noch jetzt gras-sirende Laster der Unnatur, weun zu Hause der Reiz der weiblichen Anmuth nicht zu finden war, Der Grieche hat nichtS von dem sklavischen Sinne des euro- 224 patschen Bauers, er erkennt keinen Rangunterschied, nur den wahren Werth des Menschen, und diesen findet er vorurtheilsfrei mit scharfem Auge heraus. Nichts schwerer als sich vor dein Griechen keine Blöße zu geben. Mit forschenden: Auge hängt er an jeder fremden Erscheinung, und so wenig man ihm durch Drohung und Aufwallung zu imponiren vermag, so gerne und willig folgt er jeder einmal anerkannten Ncberlegenheit. Man muß die Griechen persönlich und mit überwiegenden geistigen Mitteln regieren, nicht aus dem Actenstaub der Kanzleien, nicht durch Decrete. Diesi ist es was die Griechen so leicht lenken laßt, und diese Glgeufchaften würden sie allein schon ihrer freien Väter würdig machen. Von ihren Vätern haben sie dagegen Eitelkeit, Lüge und Treulosigkeit in hohem Maaße geerbt, während der Geist der Unabhängigkeit , der sie selbst in Jahrhunderten von Knechtschaft nicht verlassen, auffallend bei der Erziehung der Kinder hervortritt. Es ist nicht möglich etwas Furchtloseres zu sehen, wie diese jungen Griechen. Wie wenig man Standesverhältnisse bc-mißt, zeigt die Anweisung die der Vater seinem Sohne gibt, ehe er vor den König tritt. Das allgemeine Du erzeugt schon eine Gleichheit, vor der mancher irdische Nimbus erbleicht, und der schlichte Hirte nähert sich seinem Fürsten weit offener und rü'ck-sichtloscr als die das Hoflager umdrängenden Sykophanten, die kriechend Parteiwuth im Busen bergen und durch Sklavensinn den jungen Monarchen umgarnen. Außer dem Haß gegen Fremde, diesem urangestammten Eharakterzug der Griechen aller Zeiten, gibt es nur noch Ein vorherrschenderes Gefühl: den Haß gegen die Fanarioten, unter denen man hier nicht bloß die Griechen des Fauars, sondern alle Hofschranzen generell begreift. Selten sieht man einen Griechen im Zorn, er birgt seinen Haß in der Brust. In Geist und Sprache zeigen sich unverkennbare Spuren antiker Größe, und wie auch die neugriechische Sprache verdorben seyn mag, sie drückt doch lebendiger wie irgend cine Europa'S die Bilder des Gefühls aus, und leuchtende Blitze entströmen häufig dem so lange gefesselten Geiste. Die Griechen sind geborne Nedner und Dichter, und bald wirb die Erfahrung lehren wie der Unterricht auf diese Talente wirkt. Scherz und Sarkasmus sind, wie bei den Alten, die vorragenden Zierden ihres Gespräches, und mitten unter den ernstesten Ver- 225 Handlungen genügt eine Gebärde, ein Witzwort, um sie selbst Gefahren vergessen zu machen. Nichts ist drolliger als ihre Parodie mancher über ihre Unverschämtheit in Zorn gerathenen Reisenden, dramatische Scenen von so drastischer Wirkung, daß der Ausgespottete selbst mitlachen muß, Hunger und Mangel vergißt sich bei ihnen durch eine Grimasse, durch ein frivoles Wort, und wer sie zu behandeln versteht, kann durch Laune und Heiterkeit alles mir ihnen richten. Die Manieren der Griechen wären sehr einnehmend, wenn sie nicht auf Falschheit oder wenigstens Nnaufrichtigkeit beruhten. Nichts Anziehenderes, Zuvorkommenderes, Einschmeichelnderes/ als das Wesen eines Griechen, so lange er stivas zn erhalten wünscht-, nichts Undankbareres, Schamloseres, als sein Betragen, nachdem er seinen Zweck erreicht hat. Im Ganzen sind sie aufmerksam, höflich und gastfreundlich, ja ihre Höflichkeit unter sich selbst geht bis ins Lächerliche. Wenn zwei Bauern sich begegnen oder auch ein Untergebener mit einem Vorgesetzten zusammentrifft, so glaubt man sie hätten sich die allcrwichtigsten Dinge mitzutheilen, während sie sich in leeren Gesundheitser-kundigungen, Danksagungen und Freundschaftsbethenrnngen herumtreiben, die ohne alle Vedentnnq sind, uud an die man anderwärts nicht denkt. Wie oft schrien unsere Führer nach Höhen hinauf, wo wir die Angesprochenen kaum unterscheiden konnten, und die nichtssagenden raschen Zurufe tönten von dcn hellklingenden Stimmen in den Thälern wieder, während wir mit unsern weniger geübten Ohren kein Wort, das hcrabkam, verstanden. Das Nedebedürfniß ist hier weit herrschender wie selbst beim Italiener, der doch auch eine starke Dosis davon erhalten hat, und man könnte die Griechen nicht härter strafen als durch das Verbot zu sprechen, allenfalls in Trappistcnklöstern, und die (5in-sperrung in ein Londoner Penitentiary, wo die Nede ganz verboten ist, iväre hier schwerer wie Todesstrafe. Jetzt begreife ich, weßhalb die alten Griechci, tage- ja wochenlang« Rebcn vor ihren Schlachten an einander hielten, denn die Lungen musitcn bei ihnen ihr Necht haben, ehe es zum Schlagen ging. Nichts Abscheulicheres kann es geben als den Gesang der Griechen, und nach den Engländern sind in Europa gewiß die Griechen das Volk, dem der Musiksinn am meisten abgeht. Sie singen durch die Nase und ohne alle rhythmische oder metrische Morgenland und Abendland. I. ! ein Frohndienst, der bei dem Mangel an Straßen zu den beschwerlichsten des Landes gehört. Liegt ein Dorf nahe an einem Hafen, so zahlt der arme Landmann lieber eine Summe Geldes an den barbarischen Spahi oder Zehntcinnehmer, damit er die Frucht dorthin, und nicht an einen andern nach dem Gesetze willkürlichen Ort bringen dürfe. Auch die Staatscasse käme hier nicht zu kurz, denn wahr« lich ist dem angesiedelten Vauer mehr zu trauen als den nichts besitzenden Zchutenaufkäusern, die mir wie unsere schwindelnden Papierkäufer auf Credit vorkommen. Nach fernern fünf Jahren würde das Land einen regulirten Steuerkataster besitzen, und Niemand, der daö griechische Volk kennt, wird der Furcht Raum geben daß es nicht zahlen würde. Zur Sicherheit könnte man mit dem Vollzug die Dimarchen beauftragen, uud wenn die vielbesprochenen und ersehnten Banken einmal ins Leben treten, so werden die bisherigen Zehnteinnehmer leichter Capitalien auftreiben, und selbst das Korn von den Bauern aufkaufen können. Sollte auch anfangs der Landbauer genöthiget seyn seine Pro-ducte zu niedern Preisen zu verkaufen, um dem augenblicklichen Geldmangel beim Zahluugstcrnün abzuhelfen, so sieht er sich bald reichlich entschädigt durch die größere Feldcullur, welche ihm die Ueberzeugung anzuwenden gestattet daß er die Frucht seiner Anstrengung nicht mehr mit der Regierung theilen muß. Der Grieche, der sich so leicht i» neue Maaßregeln schickt, würde aus dieser den größten Vortheil ziehen. Eine andere Abgabe die der Landmann an die Regierung entrichten muß, ist für sein Vieh, für Pferde und Ochsen anbetthalb Drachmen, für Schafe, Ziegen :c. etliche dreißig Leptas vom Stück. Nun nimmt das Gesetz von diesen Taxen die zum Pflügen gebrauchten Ochsen aus, mancher arme Vauer kann aber nicht zwei Ochsen halten, sondern braucht auch seine Kuh zum 234 Pflügen, und muß doch für diese besonders befahlen. Wie einfach wäre es wenn das Gesetz sagte, zwei Stück Vieh zum Pflügen seyen frei, denn die griechischen Kornkipperer sind so geschickt wie die englischen Lawyers, wenn es gilt ein undeutliches Gesetz zu ihrem Vortheile auszulegen. Ich führe gern derlei unbedeutend aussehende Umstände an, denn in ihnen ist der Druck und dic Unzufriedenheit am vorzüglichsten begründet, und die unscheinbarsten Lasten führen häufig zu den verderblichsten Folgen. Wer Holz in Notional - Waldungen fällt, zahlt der Regierung fünfzehn, wer in seinen eigenen Wäldern schlägt, zahlt zehn für tas hundert. Dieß geschieht nicht wie in andern Ländern per Stamm, sondern das verarbeitete Hol; wird tarirt, in Brettern, Bohlen, Faßdauben und andern Parcellen. Ist das Holz aber nicht verarbeitet, wie das Schiffsbauholz, so zahlt ma» fünfzehn Procent in Privat-, und zwanzig in Nationalgehölzen. Im ersten Falle wird die Industrie gebrandschatzt, die den Privatmann anspornt seine Waldungen zu benutzen, und im zweiten muß man da, wo die Lage der Waldungen die Holzausfuhr gestattet, fünf Proccnt mehr bezahlen. In ganz (5„ropa wird meines Wissens das Holz nach Stämmen in der Waldung tarirt, und zwar nach dem reellen Preis, zu dem es stehend verkauft werden kann; aber hier, wo doch jedem Industriezweig die möglichste Förderung zugewendet werben sollte, thut man gerade das Gegentheil. Griechenland ist durch seine natürliche Lage, die Menge seiner Häfen und Buchten, wie durch die Betriebsamkeit seiner Bewohner dazu berufen der Träger aller Küsten des Mittelmeeres zu seyn. Mit Nissenschritten bewegt es sich bereits auf dieser Bahn, welche es trotz seiner geringen Ausdehnung zu großer Hanbelöbedeutung emporbringen muß. Allstatt diese auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen, legt man der aufkeimenden Handelsmarine Fesseln an, die sich trotz dieser übelverstattdem'n Ansicht, nur durch die Macht der allesbesicgenden Umstände, gegenwärtig bereits auf mehr als viertausend Fahrzeuge belauft. Man sollte glauben, die Außbrüter solch verkehrter Gesetze hätten nie von der Fabel des Huhns gehört, das täglich ein goldenes Ei legte, deren Besitzerin aber, um auf einmal reich zu werden, dem Huhn den Kopf abschnitt, und uuu weder Gold noch Eier mehr bekam. Auch dl'r Bauer, dessen Haus seit den Kämpfen des Freiheits- 235 kriegeZ zerstört liegt, muß für die armseligen Stangen und Pfähle fünfzehn Procent bezablen, um sich ein dürftiges Hüttchcn zu errichten, gleich den Wigwams der nordamerikanischen Wilden. Ueberall stößt man auf solche verkehrte Maaßregeln, auf solche kurzsichtige Gesetze, austatt die Dinge vom höhern Gesichtspunkte aufzufassen und, augenblicklichen Gewinn opfernd, nur die Zukunft vorzubereiten. Anstatt helfend, ist die Regierung bisher fast uur störend gewesen, und man wuudert sich in Europa daß die Griechen noch nicht weiter sind, und immer klagen! Wer Griechenland bereist, muß sich wundern daß die Griechen ungeachtet unzähliger Hemmungen, die ihnen von der Regentschaft und andern berühmten Ephemerideunnuisteru entgegengestellt wurden, doch soweit vorgeschritten stud, bei dem gänzlichen Mangel an Geld und Entbehrung aller Hülfsmittel. Die Touaneuverhältuisse zeigen sich hier in unerklärbaren Widersprüchen. So zahlen alle in Griechenland eingeführten Weine einen Gingangszoll von zehn Procent, manche LuruSartikel aber, wie fremde Weine in Vouteillen, zahlen diesen noch weit höher. Dieß war wohl eine vom Bedürfniß erzeugte Maaßregel, ha die Regierung Gelb brauchte und hier die Steuer am passendsten erhoben wnrdc, wenn inan sich gleich, wie in der Türfei und Aegypten, mit einem mäßigern Zolle von drei bis fünf Procent hätte begnügen können. Nun wurde aber eine neue Zollsteuer erfunden, die in den Annalen der Mauthgeschichte ganz unbekannt und rein macchiaveilistischen Ursprungs scheint. Gleich dem höhern Zoll auf Schifssbauhölzer, scheint sie darauf berechnet dic aufkeimende Mariue und den Handel in ihrer ersten Blüthe zu zerstören. Alle Probucte nämlich die von einem Hafen in den andern zur See gebracht werden, wenn diese auch in derselben Provinz liegen, zahlen eine Abgabe von sechs Procenl, dieselben Producte aber, die denselben Weg zu Lande machen, zahlen keinen Zoll. Sollte man nun nicht auf die Vermuthung kommen, abgesehen von der Lächerlichkeit dieses Gesetzes, baß es der griechischen Negierung darum zu thun sey die Seefahrt zu hindern, und somit die Quelle ihres wahren Reichthumes an ihrem Ursprünge zu verstopfen ? Unter den vielen Giftpflanzen, welche Griechenland in seinen gewissenlosen Beamten gegenwärtig nähren muß, stehen die schon erwähnten Finanzcommissäre obenan, die ihren Namen nur mit 236 den früheren Kodschabaschis vertauscht haben. Diese Finanzkönige der Provinzen sind nicht allein mit dem Eintreiben der Zehnten, sondern auch mit dem Verkaufe beauftragt, besitzen daher alle Mittel unredlicher, aber schlau benutzter Bereicherung. Durch Geschenke und Versprechen an Theilung der Interessen gewinnt man sie leicht, und der Zehntenvcrtauf schließt sich zu Vortheil-Haften Preisen. Auch sind sie mit Verkauf und Vertheilung des Nationallandes an die zufolge des famosen Dotationsgfietzes Betheiligten beauftragt. Dieß ist ein unerschöpflicher Vorn des Gewinns, und wenn der Finanzcommissär den Befehl erhalt einem der armen Teufel, die für ihre Heldenthaten wahrend des Befreiungskrieges gewöhnlich Vermögen und Gesundheit eingebüßt, eine Anzahl Strcmmen Landes zuzuweisen, so schickt er den Kreis-ingenienr mit zwei von ihm ernannten Schätzlcuten hinaus, um das Land zu messen und seinen Werth zu bestimmen. Von diesen drei Männern, wovon die letztern stets Creaturen des Commissars sind, hängt es min ab nach Willkür hoch oder niedrig anzuschlagen, und durch Geschenke sind auch sie zugänglich. Als ich, in Griechenland war, befand sich ein gewisser Nikolos Valtinos auf Enböa als Finanzcommissär, der die Gewohnheit hatte einen förmlichen Handel durch seinen Secretär abschließen zu lassen, demznfolge man das Land zu sehr billigen Preisen erhalten konnte, nachdem man ihn dafür reichlich bezahlt hatte. Da das schamlose Benehmen dieses Mannes zu ruchtbar geworden, versetzte man ihn nach Korinth oder sonst wohin nach Morea, er blieb aber Beamter trotz seines Rufes, weil er der Onkel der Frau Hof-cassierin ist. Die Arten der Bereicherung sind noch mannich-falttg und der Druck des Landes durch solche schlechte Beamte sehr fühlbar. Die glänzendste Seite der griechischen Verwaltung bildet die Armee, die stets unter deutschen Ansühreru stand, und zum Wohl des Landes uoch steht. Noch findet man die Namen des Generals Heideck und besonders des spätern Kriegsministers Lesuire iu ehrender Erinnerung, und die Ordnung und Disciplin des Heeres, welche man letzterem verdankt, verdienen um so mehr die Aufmerksamkeit des Reisenden, als sie bei diesem turbulenten Volke, das noch überdieß an alle Regellosigkeiten gewöhnt war, sehr schwer einzuführen 'raren. Die Führer der Armee werden in Griechenland, sobald sie ans Eingeborncn gewählt sind, jederzeit «37 ihre Parteiansichten auf ihre Stellung nbertrcia.cn, und wenn auch alle Staatsämter durch Landcssöhnc verwaltet werden, so dürfte diesi bei der Armee noch lange eine weise Ausnahme bilden. Die gänzliche Unabhängigkeit von Parteigeist, in welcher sich die deutschen Offieiere jederzeit bewegten, mußte ans die Armee einwirken, die sich denn auch bis jetzt frei von allen Einmischungen in die Staatsmaschine erhielt. Der Lerntrieb und die leichte Auffassung der Griechen zeigen sich besonders im Soldatenrocks, und ich habe Recruten nach wenigen Wochen complet in einem Bataillone aberereiren sehen. Die griechische Armee ist Nein aber vollkommen brauchbar, und die irregulären Bataillone an den Gränzen wetteifern mit denen der Städte in Anzug und Waffen, fertigfrit. Sie gleichen im Anzüge dem bayerischen Militär, nachdem die Fustanellas verdrängt wurden uud der Schönheitssinn dem anerkannt Unzweckmäßigen weichen musite. Dieses griechische Heer hätte die lohnendste Aufgabe in der Herculcsarbeit der Räubervertilgung, um seinem Lande nützlich zu werden, und wenn man sich erst entschließt die Truppen hier fortwährend in mobilen Colonnen zu verwenden, so wird zwar der ss,rercierplatz und die Pnradcspielerei darunter leiden, das Land wird aber desto freier athmen können, und die griechischen Soldaten in wenigen Jahren so knegsgeübt seyn, wie es gegenwärtig die spanischen fast ausschließlich in Europa geworden sind. Die Palikaren begannen ihre Laufbahn schon als Kiuiben von zehn bis vierzehn Jahren, und folgten fortan der Fahne eines Capitäns den sie als Adopti^-vater verehrten. Allein auch hier trat die Verschiedenartigkeit der Volksstämme hervor, und ewig irrende Nomaden die mit den Jahreszeiten ihren Ausenthalt wechseln, ansässige Bauern die das Feld noch mit dem Pflnge HesiodZ bestellen, indolent-patriarchalische Hirten, luxuriöse Archonten und die habsüchtige Thätigkeit des Hafens bildeten und bilden zum Theil noch dieselben Contraste, wie dio Hütte am Parnaß wo Mensch und Vich beisammen schläft, mit den venezianischen Villas zu Chios und Na,ros, wie der heldenmüthige Suliote, der kriegerische Rumeliote mit dem Vauer der Morea. Denn in der Morea hat erst die Revolution das Pa Mären system unter Kolokotronis erzeugt, und während die Rumelioteu, wenn gleich Räuber, dieses Handwerk offen und mit Todtschlag trieben, so war und blieb der Moreote immer kriechender, heimtückischer Meuchelmörder, Diese Nuancen verlieren sich 240 Der Dimcirch ist die ausführende Behörde oder Maire, ganz nach dem französischen System, bezieht eine Besoldung aus der Ge-meindecasse, wovon auch sein Schreiber bezahlt wird. Diese Casse wird von Steuern gebildet die vom Municipalrathe auf verschiedene Landesproducte gelegt werden, je nach den Bedürfnissen der Dnnarchie. Aus diesem Fonds wird ferner der Gerichtsdiener, Schulmeister, die Schulen-, Brücken- und Straßeimusbesserungen bestritten, über die Verwendung aber muß jährlich Rechnung abgelegt werden. Die Hälfte oder ein Drittel des Rathes tritt nach drei Jahren durch das Loos aus, wird aber, gleich dem Dimarchen, durch Volkswahl ersetzt. Man kann sich vorstellen daß in einem ^anbe wie Griechenland der bedeutende Wirkungskreis der Dimarchen oft zu eigennützigen Zwecken mißbraucht wird, ob sie gleich in der Regel weder lesen noch schreiben können, und somit ganz in der Hand ihrer Schreiber sind. Indessen ist die öffentliche Meinung bereits zu sehr erstarkt und ausgebildet, um eine Wiederholung der schändlichen Kodschabaschis befürchten zu müssen. Die Regierung fand in ihnen thätige und wohlfeile Beamte, denn alles fällt auf die Schultern der Dimarcheu! Conscription, Polizeiaufsicht, Todes-, Tauf- und Hcirathsregister, ja an mehreren Orten auch die PostVerwaltung, allein unter dein Namen Volksdiencr sind sie bloß vom Volk besoldete Staatsdiener geworden. Jeder Dimarch hat noch drei oder vier Paredroi oder Adjuneten, die in den Dörfern vertheilt seine Ncfehle ausführen. Gs ist aber nicht genug daß das Volt diese Dimarchen, das ganze Municipal-wesen nebst seinen Priestern selbst erhalten, und Pferde nebst Kost gegen geringe oder gar keine Vergütung an Gendarmen und andere Staatsbeamten verabreichen muß, man bürdet ihm auch noch auf, bei Gefahr von See- oder Landräubern Wachen an verschiedenen Punkten auszustellen, während die Soldaten, denen ein solcher Guerillakrieg sehr ersprießlich wäre, ihre Zeit mit Grercircn, Paradiren und Wachestehen höchst nutzlos verschwenden. Ich habe mich gern einen Augenblick bei dem tiefeingreifenden Institut der Dimarchien verweilt, um auf die daraus nothwendig entspringende Möglichkeit der einstigen würdigen Landcs-vertrrtung aufmerksam zu machen. Hier ist der einzige Fall wo die Stimme des Volkes sich aussprechen darf, in der Wahl der Dimarchcn beweist es sein Vertrauen, und die Männer welche 24! das Volk bezeichnet, um seine häuslichen Angelegenheiten zu leiten, dürften dem ganzen Lande später als Abgeordnete der Provinzen dienen. Es ist die Pflanzschule der künftigen Stände-Versammlung, und der Staat kann vielleicht in kurzer Zeit diese in der Dimarchenfchule geprüften Männer sich ruhig in cinem Notabelncongreß gegenüberstellen, ohne einen polnischen Reichstag zu besorgen, der bei einer zu frühzeitigen Repräsentation unfehlbar eintreten würde. Junge Staaten haben den Vortheil daß sie von den ältern lernen, aber hierzu muß man ernste Blicke in ihre Geschichte werfen Man kaun in Griechenland viel von der englischen Art zu colonisiren lernen, und das Lehrgeld ersparen, das man bei der Verwaltung von Vengalen aus Unkenntniß der Landesverhältnisse bezahlen mußte. Erst jetzt ist man dort auf die allein anwendbare Art von Landbesteuerung gekommen, und verdankt dieß größtentheils dem nicht genug zu empfehlenden Werte des General Briggs, das als Vasis die Municipalverwaltung aufstellt, aber hiermit eine unveränderliche Landsteuer verbindet. Ein Unglück Griechenlands besteht dariu daß der Staat säst alleiniger Grundbesitzer ist, und die verderbliche Theorie Mchemed Alis, der hiernach ringt, sollte der griechische Staat mit allen Kräften von sich stoßen. Nur die Stätigkeit im Landbesitze kann den Landmann zur Arbeit spornen, besonders wenn er sieht daß keine Stcuererhöhung für urbar gemachte wüste Ländereien oder Brachfelder eintreten darf. Die Gränzbestimmungen der Marken geben sich dann leicht, und die Steuerkatasterkarten und Tabellen bleiben gleich dem Vesitzc stehend. Der Ungläubige aber, der noch immer an dem Gedeihen des jugendlichen Griechenlandes zweifelt, gehe hin und lese sein Budget vom Jahre 1840. (5s ist zwar naiv genug, allein cs ist factisch daß der König, sein Finanzminister, das Volk und ganz Europa in gleichem Maaße überrascht waren, als sich eine ganz unerwartete Mehreinnahme von mehreren Millionen herausstellte. U„d dieß ergibt sich in Mitte aller obenberührten Heininnngen des Handels. ^3ic muß sich diese Einnahme nun steigern, wenn die Fesseln fallen und Straßen gebant werden können! An diese muß man denken, ehe man sich damit beschäftigt Schulden zurückzubezahlen, die niemals eine Last für ein thätiges, arbeitsames, unternehmendes Volk sind. Dieß sind in leisen Andeutungen die am dcut- Morgenland und Abendland. I. 3t? Aufl. 1H 242 lichsten sich herausstellenden Zustände der wiebergebornen Hellas, virle Gebrechen, viele Fehler, viel noch zu thun, aber hintrr dem Wolkenschleier zeigt sich die aufgehende Sonne, die ihn bald zerreißen wird, wenn Volk und Herrscher Hand in Hand zum großen Ziele schreiten. *) ") Manches in d!,'stm Abschnitt Vcmcrkle hat sich nun geändert, nachde,« piriechl'nland ei„e Constitution cvli.Uten. Dle Folge wnd lehren, °b der junge Kt<«t fiir eine vepi.iscnt.itivc Vcrstlssung reif w^r, u«d ob m«n mnucntlich in der so übercüten Modification der Miliiän'eihaltnisse nicht einen argen Mingriff l'e.ian.i!'» hat. 29. ^ Die Phaakeninsel. w Freundschaft ist seltener wie Liebe, weil sie uneigennütziger ist. Gin Freund im Leben ist ein unschätzbares Gut, ein Freund auf der Reise aber ist ihre höchste Würze. Man genießt doppelt> wenn man ein befreundetes lvarmes Gemüth neben sich hat, untz jeder Eindruck verschönert sich unter dem Hauche des Mitfühlens. Die schönste Empfindung verliert, wenn man ihr keine Worte verleihen kann, und der Genuß ist nur halb, den man mlt Ni«i manden theilen dars. Mit welchem inneren Wohlbehagen streckt man sich nach mühevollem Tagewerke ueben dem Freunde aus> und überläßt sich jenem geistigen Nachempfinden, das die Erinnerungen in so lieblichem Lichte zeigt, wenn wir sie im remrn Seelenspiegel des Freundes vor uns zurückzaubern können. Es ist etwas Herrliches um die Sprache, denn sie gibt die Farben zu den Gemälden des Herzens. Allein jeder sieht die Farben mit andern Augen, und nur das Auge des geistverwandten Freundes sieht sie recht. Ja es ist hohes Glück Freunde zu besitzen; es ist schwer sie sich zu erhalten. Die Reise durchs Loben 'bringt sie dauerhafter, die Reise dnrch Länder bietet sie rascher. Tort waltet das Bedürfniß, hier die Nothwendigkeit, immer aber muß Geist und Herz die Saiten in gleichen Accorden anschlagen, sonst ist der Bund nicht im Einklänge und verspricht keine Dauer. Ich aber möchte nicht reisen, weder durchs Leben, noch durch die Länder, wenn ich keinen Freund hätte, dem ich mein Her; mis-schütten kann. Er ist der wahre allein heilige Beichtstuhl der Natur, auf dem Liebe und Wohlwollen die Geständnisse «mpfaiv-gen und das Herz absolvirt. ^ ^!<^i ^,,^..,5, Wir mußten uns trennen, nachdem wip blo Meiftutzurch Griechenland vollbracht, und unser Kleeblatt zerstältbte in drei Richtungen. Der hochherzige Senior ging uach Nordrn, ich nach Süden, allein meine Anhänglichkeit an ben tlwuern Gefähftsn 16« 2^4 gestattete mir nicht zur Trennung zu schreiten, so lange ein Beisammenseyn möglich war, nnd ich beschloß ihm ins Land der Phäaken das Geleite zu geben, wenn gleich ich kein Telrmach, doch er an Geist und Beharrlichkeit mein Ulysses. Mit heroischer Standhaftigkcit hatte er während der Reise die Schmerzen der vom Ausreiten erzeugten Wunden ertragen und, ihrer nicht achtend, uns stets noch als wahrer Mentor mit einer Sachkenntniß durch die schwierigsten Lagen geführt, die ihn würdig machte Majorgcneral einer großen Armee zu seyn. Sieben Tage hatte er nun in Patras das Bett nicht verlassen, um sein peinvolles Wundfieber abzuwarten, und am achten schieden wir endlich von dieser Stadt nud dem hellenischen Boden, um in die adriatische See zu stechen, reich und glücklich, das merkwürdigste Land des Erdkreises unter den wohlthuenden Einflüssen freundschaftlicher Theilnahme durchwandert zu haben. Liebe verschönert alles, ohne Liebe besteht kein Glück, kein Behagen, keine Lebensfreude. Wie uothwendig ist aber ihr Bedürfniß, wenn mau über den Boden schreitet, wo alles Liebe athmete, wo die Götter die Menschen liebten und diese sie wieder lieben durften, und wo Namen, Luft und Menschen in den Neiz dieser unnennbaren Seligkeit getaucht sind. Lebe wohl, du wunderbares Land, das uns Liebe und Heldenthum und Freiheit lehrte-, lebe wohl, edler unvergeßlicher Gefährte ans der schönsten Pilgerfahrt meines Lebens, die du mit deinem warmen Pulsnchlag verschöntest. Abends vier Uhr brauste der Dampfer zum Golf hinaus, noch sahen wir das in Sumpf nnd Schilf begrabene Missoluughi in den Strahlen der Abendsonne, der helle Mond zeigte uus die Berge von Santa Maura, das Land des Ulysses nnd den leu-kadischen Felsen, nnd des andern Morgens eiif Uhr hielt die Maschine vor den Felsen der Phäaken, die schwarz und steil in die See hineinreichen und auf denen die nun unnützen Giganten-werte der Venezianer trotzig herabsehen. Grüne Wiesenbastionen blicken lieblich neben den grauen Mauern hervor, die gräuliche Insel Vido aber legt sich mit ihrem furchtbar durchbrochenen Schildkrötenleibe der ewig bedrohten Stadt gegenüber, und ihr gräßlicher Pulverschlund gähut schreckenbergend und dem Auge unzugänglich in die stille Bucht hinein. Keine goldenen Thore, keine silbernen Mauern, keine diamantenen Nägel finden sich mehr, diese reizenden Bilder Homers, und wohl eben so schöne «Äs Kinder der Fabel wie die Gestalten auf dem Schilde Achills. Anstatt des glänzenden Königs Alkinous kam uns der Lord High in einem englischen Landau entgegengefahren, und unser moderner Ulysses war nicht gleich seinem Vorgänger gezwungen in nackter Schiffbruchsgestalt der schönen Prinzessin Nausikaa Mitleid zu erstehen, was ihm in seiner Wundenverfassung auch ziemlich sauer geworden wäre. Himmlischer Homer, wer dichtete wie du, wer täuschte so süß wie du, und was würden unsere Litteraturzeitungeu dazu sagen, wenn heutzutage es noch ein armer Dichter wagm wollte derlei ungeographische Schnitzer und untopographische Fabeln uns aufzutischen. Corfu hat alle Wechselfälle der Regierung erfahren. Schon früh nennt Hcrodot die Corcyrier, wie sie den verbannten Thc-mistokles auf ihrem gastlichen Boden aufnahmen, und wie Aristoteles sie besuchte. Augusts Hand ruhte schwer auf dem ftbönen Eiland, das lange durch seine Christenverfolgung berühmt war, bis Totila es verheerte. Stets schwebte sein Genius zwischen den östlichen und westlichen Reichen, bis die Venezianer es den fränkischen Herzogen abnahmen, und gegen drei Jahrhunderte im Besitze blieben. Kaum dürften die Engländer so lange im Besitze dieser Sicbcninselcolonie verharren, bereits hat die neugriechische Sprache die venezianische verdrängt, und alles deutet darauf hin daß, wenn auch nicht Corfu, doch wahrscheinlich ihre sechs Schwestern an das griechische Mutterland zurückfallen. Eine undankbarere Bevölkerung ist schwer zu finden, wie die der ionischen Inseln. Sie zahlen keine Abgaben, sondern bloß dreißigtausend Pfund zur Erhaltung der Garnison und der Befestigungen, die aber England dreimal mehr kosten. Ganz frei in Handel und Gewerbe, sind sie doch stets mißvergnügt, und materiell würden sie bis jetzt durch Einverleibung mit Griechenland nichts gewinnen. Adams war Verschwender und daher mehr geliebt, Lord Douglas aber, eine politische Anomalie, da er noch unter den Toryministern ernannt wurde, zeigt sich strenge und ökonomisch — beides Gründe, um ihm die Gemüther zu entfremden. Seit zwanzig Jahren discutirt man hier ein Gesetzbuch, und die Repräsentation ist eine Komödie. Dieses schreierische Volt ist schwer zu regieren, und zieht ohne allen Grund die Russen seinem Herrn vor. E§ lvare nicht übel, wenn man ganz Griechenland den 34« Engländern auf zwanzig Jahre in Pacht gebe, denn was sie daraus machen könnten, sehen wir an den jonischcn Inseln. Gute Häfen und Dämme, macadamisirte Straßen mit Canälen, Olivenwälder in Parks verwandelt, Nostnhaine, dichte Cactusbecken, Cypressenwälder, alles reich bebaut, frischer Wiescngrund, und mitten in diesem Garten die Villa Adams, mit wundervollen Aussichten auf Meer und Gebirge, und der gegenüberliegenden Bucht, in Parterres von blüheuden Hyacinthen begraben, und von Orangen- und Ntroncnwäldern eingefaßt. Niedliche weiße Häuschen mit Fenstern und Vorhängen schmücken die Fluren, Fuhrwerke aller Art bedecken die breiten Straßen, überall Ordnung und gute Kleidung. So könnte, so sollte das arme Griechenland aussehen, und so wird es aussehen, wenn nicht Mißgriffe es vom Wege abbringen und das Ziel verrücken, das ihm unverkennbar hier in den ganz verwandelten verwandten Inseln vorschweben sollte. Die Homerischen Schlösser sind vergangen, dagegen erhebt sich der Palast des Lord-Obcrcommissär von weißem Steine auf der großen baumumflißten Esplanade, die dnrch eine luftige Zugbrücke mit den Festungswerken verbunden ist. Des Thucy-dides reichbewachsene Bergkette des Iftone, und die nackten Bergwände über dem Pcramasee umschließen die alte Corcyrenstadt bis zu dem gegen Albanien sich hindehnenden Vorgebirge Kas-siope, die fernen Schneespitzen scheiden aber von Akrokeraunia. Die Fernsichten von der sogenannten Einkanonenbatterie, dann von der Capelle über dem Hügel Corcyra's, gehören zu den schönsten mir bekannten. Mehr als die Hälfte der Insel ist mit Straßen durchzogen, diesem Barometer einer weisen Regierung, und zwar mit Straßen, wie sie selbst in Europa selten sind. Mit blutendem Herzen denkt man an Griechenland zurück, bei jedem Schritte den man hier macht, und bei dem Gedanken, wie viel dort noch zu machen und zu schaffen ist. Schwer trennt man sich von der Phäakeninsel, die so würdig war Homerische Einbildungstrast zu rutstammen, und jetzt wieder so herrlich schön, daß man nur mühsam sich dem Paradiese entreißt, wenn auch Circe's Zauberkräfte keinen Einfluß auf uns üben. Ungetrübt waren bisher meine Seefahrten gewesen, allein nun traten die Feinde der Segler, die stürmereichcn Monate November und December, in die Schranken, und ich sollte eine Scene der 347 Odyssee spielen, bevor ich das Neich des ägyptischen Pascha betrat. Mit dem Grauen des Tages waren wir im Angcsichtc der Insel des klugen Ulysses. Hier liegt Leuladia, hier Ithata, Kc-phalenia und Zante, im engen Inselkranze. Hier von diesem schauerlichen, fcrusichtbaren Felsen, in die ewig donnernde Brandung des verräthenschcn Meeres hinab, stürzte sich die göttliche, zu empfindsame Sappho, glühend von Liebe und verwirrt durch Schmer; der Verschmähung. Welche Schuld geben wir dem armen Phaon nnd den Priestern und den Göttern? Ist Phaon Verbrecher, weil er nicht lieben konnte, und dars man diese anklagen, weil sie die unglückliche Sappho von Qualen befreiten, die nur der Tod beendet? Man sollte bei jeder Stadt einen lcnkadischen Felsen errichten. Verzweifelnde Liebende würde sein Anblick curiren, oder sie könnten ihren Schmerz bort legitim vertilgen; ich glaube aber daß seine Höhen nnr mehr zur Promenade, und nie mehr zum Herabstürzen verwendet würden. Auf diesen Felsen lebte der beredte nnd verschmitzte Mann, der vom Seeräuber sich zum Fuhrer des trojanischen Krieges aufwarf, und Tod nnd Trauer nach Asien und Griechenland trug. Hier lebte Ulysses, den Homer zum Helden stempelte, hier die keusche Penelope und ihre aufdringlichen Freier, hier empfing Tclemach die Lectionen seines Mentors, nnd hier stieg Minerva zum Rendezvous mit Odysseus herab. Allein hier sing über uns ein Sturm an, den der zehnjährige Umherfahrcr kaum kräftiger mag erfahren haben, und wenn wir sein romantisches Schicksal nicht theilten, so war hieran höchstens unser improvisirter Steuermann schuld. Das Schiffwar voll von amerikanischen Herren und Damen, die ihren Cms auf dem atlantischen Meere so schlecht absolvirt hatten, daß sie den Einflüssen der adriatischen Wogen keinen Augenblick widerstehen tonnten. Gin heftiger Regen milderte etwas die Macht der Winde, und wir kamen die Nacht über bis auf die Höhe von Zante. Allein mit dem beginnenden Tage setzte der Wind in Sciroceo um, und es warb augenscheinlich daß jedes Kämpfen dagegen fruchtlos seyn würde, da wir keine Hoff-nuug hege« durften vorwärts zu kommen. Vier Meilen von der Stadt Zante wendete der Capitän sein Schiff, um dort Zuflucht zu suchen. Das schöne Zante, dieser Flor di Levante, lag so einladend, so appetitlich vor uns, gleich einem Garten über sanfte Berge ausgestreckt, an denen Landhäuser gleich Perlen hingen «48 und die weiße Stadt am halbrunden Hafen uns entgegenlächelte, wie sie sich auf Hügelrücken bis zu dem Veneziancrcastell hinaufzieht, das malerisch die höchste Vergkuppe krönt. Das ganze Vild athmet Lieblichkeit und südliches Leben 5 wir träumten schon von der italienischen Oper die wir hier hören sollten, aber es sollte ein Traum bleiben, und das Erwachen uns die häßliche Larve eines Orkans in aller Form Rechtens entgegenhalten. Hänserhoch thürmten sich schon die majestätischen Wogcw und je näher wir dem Haftn kamen , desto deutlicher zeigte sich der Aufrnbr in seinem Innern. Hellgrüne Wellen spieen den weißen Gischt uns entgegen, die Schiffe wurden von den Ankern gerissen und über einander geworfen, und cs war als stemmte sich eine dämonische Gewalt entgegen, die uns die Rettung verweigerte. Der Capitän erklärte unter diesen Umständen nicht einlaufen zu können, und suchte das hohe Meer wieder zu gewinnen, um den Rückzug fortzusetzen. Unser Feind, der tobende Scirocco, folgte uns auf der Ferse, und schlug in einen rasenden Sturm über, als wir dem Meerpaß uns näherten. Es blieb keine Retwng, als den allein Schutz versprechenden Golf uon Kephalenien zu erreichen, wohin wir noch dreißig Meilen zu machen hatten. Immer gräßlicher heulte der Sturm, immer ärger wurde die Verwirrung. „Das Bramsegel nieder, Segel-tane herunter, haut die Seile ab, drei Mann ans Steuer," klangen die Commandos, aber Niemand gehorchte, Niemand wußte sich mehr zn helfen, das Schiff lag ganz zur Seite, die Passagiere jammerten und vomirten in den untern Räumen, alles krachte und das Schiff flog fort, rascher als der Flug des Pfeiles, gleich dcr Schwalbe über den empörten Wellenspitzen. Einige beteten, andere fluchten, und auf diese Weise bedürfte es keines Prophetengeistcs, nur unser Schicksal vorauszuwissen. Dcr Anblick war unbeschreiblich, der Regen stürzte in Strömen herab, Vlitz und Donner folgten sich und zerrissen nur momentan den grauen Schleier, dcr durch das Vrauseu des Sturmes noch entsetzlicher wurde. Ich hatte mich an dem großen Mast angebunden, um wenigstens Zeuge unseres Unterganges zu seyn; eine Woge um die andere schlug dröhnend über das ganze Schiff, das bald tief in einer Wellenfurche, bald in Thurmeshöhe aus chrem Rücken lag, wo ein Vlick den großen Aufruhr des kochenden Elementes zeigte. Und ein Mann in zelsiggrünem Rock trltt IM hervor und ergreift das verlassene Steuer. Es war ein Mann alts Ithaka, einer der kühnsten Schiffer jener Insel, und er ward unser Retter. Kein Einspruch erhob sich dagegen, denn jeder fühlte die Macht der Entschlossenheit, und der ssapitän war nicht länger der Führer. Anfangs versuchte der neue Mote nach den ihm bekannten Heimathsufern zu lenken; als uns aber der stets wachsende Sturm zurückschleuderte, warf er das Schiff nach Westen, und suchte sich dein Golfe von Argostoli zu näher»!. Es war höchste Zeit, denn die wirkliche Nacht mischte sich mit der künstlichen der Regenwolken, und wir waren nur hundert Schritte vom Leuchttburme von Guardian i, ohne seinen Fels zu erblicken, an dem wir eine Stunde später unfehlbar gescheitert wären. Mühsam fanden wir die Gegenstände die uns Gcfahr drohten, alls der dicken Luft heraus, welche der Sturm aus der ganzen Atmosphäre zusammengepeitscht hatte; durch Wunder nur kamen wir zwischen den Sandbänken durch, die den Eingang in diese Bucht so verhängmßvoll machen. Hier häuften sich noch alle Schwierigkeiten und schienen ein Gelingen fast unmöglich zu machen. Das Schiff drohte aus den Fugen zu gehen, und wurde stets durch widerstrebende Strömungen von einer Seite zur andern gelegt, wobei seine Ränder unters Wasser tauchten, und die Segelspitzen die Wogen küßten. Die See war hellgrün, die Strahlenbrechungen des weißen Schaumes, bald über, bald unter uns, von magischer Wirkung, aber unsere Frende anch gränzenlos, als wir nach diesem furchtbar durchkämpften Tage an der Stadt Liruri vorbei in den sichern Hasen von Arg ostoli einliefen und vor ihm Anker warfen. Alles war krank, und die verschiedenen Glieder Bruder Jonathans lagen wie todt von Seekrankheit herum. Argostoli ist die Hauptstadt von Kephalenien, aus weißen Häusern zusammengebaut, die sich um den Hafen ziehen. Ein großes Fort mit Gefängniß, die Quarantäne und eine große Zahl der an-muthigstfn Villas und Gartenanlagen, welche sich über die südlich begränzenden Höhen ausbreiten, geben diestr kesselähnlichen Bucht ein malerisches Ansehen. Kuuststraßcn ziehen sich über die Berge und am Golfe fort, Olivenwäldcr zieren Ebene und Hohen, während gegen Osten rothe Felsenwände den Horizont sperren. Eine Mühle, von Meerbrandung getrieben, ist die einzige mir bekannte ihrer Art. Ungeachtet aller Vorstellungen verweigerte man uns Pratica, obgleich wir von Corfu kamen, und 250 wir musiten uns begnügen die Landschaft bei nmschleiertcr Sonne und oft getrübtem Mvndlichtc drei Tage hindurch vom Verdecke aus zu betrachten, ohne Verbindung mit dem Lande als den Klang dcr ernsten englischen Iägerhörner, die in weithallenden Echos durch die Nacht zn uns hcrübertönten, und die hellen Glockentöne, welche einen Festtag über uns feierlich erhaben an das Ohr schlugen. Allein die maaßlose Wuth des Orkans war noch nicht gebrochen und verfolgte uns in den großen sichern Hafen. Blitze durchzuckten von allen Seiten die raschcilcnden Seirocco-gewölke, und gleich ihnen folgte ein Windstoß auf den andern, einer furchtbarer wie der andere. Ein Schiff wurde vor unsern Augen bei seiner Flucht in den Haftn entmastct, und die Regenströme gössen immer reichlicher herab, so dasi selbst die untersten Schiffsräume nicht mehr davor zu retten waren. Mit einbrechender Nacht steigerte sich das Gewitter zum Entsetzlichen, und der Ncgen verwandelte sich in schweren Hagel, grausenhaft brachen Blitze ringsum durch die weißgranen Wolken, das Schiff bebte und trachte, das Meer brauste hoch auf von den furchtbaren Donnerschlägen, und die Stürme heulten bald in krachendem Getöse, bald gellend und feinpfcifend durch die Gebirgsschluchten. Gräßliche Nacht, wo öfter die Schiffe losgerissen und übereinander geworfen wurden, jedes in beständiger Gefahr von einem andern zerschellt zu werden! Am folgenden Sonntage hellte es sich etwas auf, und wir unterschieden die lange Brücke, die halb als Damm sich hinten über den Hafen zieht, ein Obelisk schmückt den Hintergrund, der ails Landhäusern, Parts nnd Gärten besteht, und Maitlands bronzene Statue steht vorne, wie die Adams auf Corfu. Der Voden der jonischen Inseln ist steinicht, die Erde fruchtbar, die Menschen jedoch ohne allen moralischen Werth. Der prächtige Himmel reift Feigen, Korinthen, Orangen im Ueberflusse. Viermal ist hier Ernte, und mitten im Winter blühen Rosen und Artischocken. Corfu war sonst die Schutzmaucr Italiens gegen die Muselmänner, Kephalenicn das Land der kühnsten Seefahrer. Endlich am dritten Tage verließen wir den Golf von Ke-phalenien, um denselben Weg zurückzumachen, der Wind blies stets entgegen, und wir machten nur drei Knoten die Stunde. Erst am fünften Tage erreichten wir N ad artn, mit dem alten Ca-stelle Pylos und dem engen Seepasst von Sikia. Die schmale «51 Insel Sphakteria, wo Demosthenes der Sparter Macht brach, wie der unt^val-ä «vont die der Pforte, legt sich der ganzen Lange nach gleich einer Conlissenwand quer vor den Haftn. In sonderbar kühner Form erheben sich isolirte Felsenriffe am Ende dieser schroffen Insel, nnd ihr natürliches Felseilthor nebst dem Castell beschützte den westlichen Eingang in den festen von Ver-gen umschlossenen Haftn. Es ist der sicherste und grüßte Griechenlands, aber ohne Straßcnverbindung, ohne Stadt, ohne Handel. Mod on, das eine Stunde später kommt, ist ein plumpes Festungswerk, ohne Zweck ins Meer hinein gebaut, ohne Haftn noch Passagevertheioigung. Die Insel Eapienza und der prächtige Inselftlsen Venetico bilde» ausgezeichnet schöne Bilder, und hängen gleich Berlocken an den Südspitzcn Mesftniens. Mühsam steuerten wir die Nacht durch gegen stctS ungünstigen Wind nach dem Cap Matapan, wobei uns das unruhige Meer, das bei den Schiffern unter dem stamen Marc vccchio in Folge von Stürmen so verrufen ist, säst unangenehmer herumschlenderte wie der Orkan selbst. Mitten unter seekranken Amerikanerinnen schlief ich die Nächte auf dem Verdecke, und lies; mich vom Ca-pitän dnrch lehrreiche Erzählungen von den Thaten der bayerischen Soldaten iu der Mama in den Schlaf lullen. Veim Erwachen lag die schöne Insel Belle Poule vor uns, in der Ferne Spezzia, und bald steuerten wir an H'.)dra vorbei, der unfruchtbaren Insel, an deren Höhen die Stadt hängt. Nach Porös tamen wir nun, und in das saronische Meer, uud schou blickten traurig und halbverfallen die Säulen deö Aeginatem-pels von nackter Höhe auf uns herab. Nnd die Winde schwiegen, der Himmel von Athen strahlte in seinem Silberglanze, und es war der achte Tag unserer lcidensvollcn Abfahrt von der Phäakeninsel, als ich die Akropolis zum zweitenmal? begrüßte, die jetzt in frisches Grün der jungen Saat getaucht, ihr gelbes Colorit iu den lieblichsten Rahmen gespannt hatte. Herzlich wurde ich von den athenischen Freunden begrüßt, die mich verloren geachtet hatten; unermüdet forschte ich bis zu meiner Weiterreise nach allem was mir beim ersten Aufenthalte sremd geblieben, und verlebte die Mußestunden im Kreise liebender unvergeßlicher Menschen. Aehnlich ihren großen Vorfahren, haben die heutigen Griechen sich dem Reiche der Phantasie übergeben, und stündlich 232 läßt man hier neue bunte Seifenblasen steigen, und baut reizende Luftschlösser, denen das Fundament fehlt. Anstatt das Haus zu bestellen und die Menage einzurichten, träumt man hier nur von Vergrößerungen, und ein großes griechisches Reich mit den Elementen des byzantinischen, der Besitz von Candia, Thessalien, Gpirus, ja der Thron von Konstantinopel, sind Lieblingsthemas der Athener Vergrößerungsfabricanten. Jetzt aber weniger als vielleicht früher dürfte der günstige Augenblick zur Ausführung dieser Projccte gekommen seyn, und gerade jetzt wo vier mächtige Staaten sich verbunden, um das türkische Wrack von gänzlicher Zertrümmerung zu retten, wird man kaum dem eben erst emancipirtcn Griechenstaat ein Recht einräumen, das dem mächtigen Aeghpten - Pascha streitig gemacht wird. Griechenland hat weit wichtigere Dinge zu thun als Eroberungen zu machen, die offenbar nur zu seinem Nachtheile dienen würden, bevor es innerlich hinlänglich erstarkt seyn wird. 30. Alexandrien. Der Meridiankreis zeigte Mittag, als der Matrose auf dem Mäste „Land" rief. Wer jemals siebcnzehn Tage aus dem Meere von Stürmen herumgepeitscht wurde, weiß die Macht dieses Wortes zu würdigen. Wir liefen alle nach dem Vordertheile des Schiffes, um das Land der Kleopatra zu schauen. 66 war buchstäblich ein Wald von Masten den wir zuerst herausfanden, und dadurch den Hafen von Alerandrien erriethen. Tie flachen Ufer zeigten sich noch lange nicht, dagegen tauchte die weiße Stadt aus der sie ringsumbrausenden Felsenbrandung auf, wie wenn sie allein hier auf einer Insel ruhte. So muß einst die schöne Venezia aus den Meeresftuthen sich erhoben haben, als ihre Paläste noch die jungfräuliche Farbe des edelsten Marmors trugen, und ehe Jahrhunderte über sie hingezogen und die Schat-tirunss der Nacht auf sie gelegt hatten. Glühend lagerten sich die Strahlen der tropischen Sonne auf den widerstrahlenden Gebäuden, und immer deutlicher traten die Gegenstände unter dieser Beleuchtung hervor. Rechts von uns dehnte sich auf schwach angedeuteten Sanbhügeln die alte Stadt aus, die Stadt, die wir alt nennen, obfchon sie die jüngste des alten Aegyptcns ist. An sie reihen sich die drohenden Vcrschanzungen und Strandbatterien, die jedes Einlaufen in den ohnehin schwierigen Hafen unmöglich machen. Am lifer, das Hollands Dünen ähnelt, zieht sich eine Reihe runder Thürme hin, an denen sich trostlos Windmühlen-ftügel drehen — eine Erinnerung an die Langeweile jenes Landes. Nun folgen die schönen gemauerten Quais mit den Toucmen, Waarenhäusern, Kasernen, den Wersten, dem Arsenal, nebst andern Ingredienzien der theuern europäischen Civilisation. Auf unserer äußersten Linken aber erhebt sich ein großes weißes Gebäude, vom Lande gesondert, rings vom Meer umspült, das einfach und isolirt auf einer Landzunge in die See hinein- 256 abgemähtes Gesicht zeigt die Spuren, von Nachtarbeit, die ihm höchstens drei Stunden Schlaf gestattet. Aus dem abgestorbenen Auge blitzt ein scharfer lauernder Blick, und ein ewig gefälliges Lächeln hat sich aller Falten des Antlitzes bemächtigt. Ursprünglich Dragoman in Smyrna, spricht er mehrere Sprachen , und besonders geläufig französisch, welches in den geheimen Unterhandlungen mit Mehemed von großem Nutzen. Ich hatte ihm ein Schreiben des biedern jungen deutschen Herzogs gebracht, welcher in Aegyp-tcn, wie überall wo seine weiten Reisen ihn hintrugen, einen so günstigen Eindruck hinterlassen. Der Brief wurde sogleich übersetzt, um dem Pascha vorgelegt zu werden. Meine Unterredung mit Voghos währte lange, und ich fand bei ihm, was mir bei mehreren türkischen Staatsmännern aufgefallen, man kann sich ohne Rückhalt aussprechen. Der Refrain, auf den sie alle zurückkommen, ist die Zeit. Ich bemerkte daß bei dem hohen Alter Mehemeds keine Zeit mehr zu verlieren, und nichts mehr von ihr zu erwarten sey, und daß es allgemeine Verwunderung erregt, wie Ibrahim nach der Schlacht von Nisib nicht nach Scu--tari marschirt sey, wodurch die Unabhängigkeit Mehemeds sich von selbst erklärt hätte. Er aber sprach nur von der Furcht einen allgemeinen Krieg herbeizuführen, und von den Hindernissen, welche die schwankende Politik der Großmächte der Entwicklung des jungen Staates entgegensetzte. Das Tcmporisirsystem ist die Frucht des Alters, man möchte aber Sorge für eine bessere Entwicklung dieser Länder bekommen, wenn man ihr Schicksal in die Hand zweier hinfälligen Greise gelegt sieht, und sie stets von der Zukunst sprechen hört. Voghos ist der Schöpser des unseligen Monopolsystcms und Feind aller freien Concurrenz. Das ««rechtliche Benehmen gegen die Kaufleute, die man zwingt die schlechten Waaren aus den Fabriken des Pascha als Bezahlung anzunehmen, hat bereits das Verderben alles Handels gemacht und den Credit gestürzt. Die hohen Einfuhrzölle haben die reichen Karawanen von Cairo abgewendet, und die Engländer in Aden ziehen den Handel alls Mocca an sich, so daß der Pascha seinen Kaffee dieses Jahr von ihnen kaufen muß, wie er ihn vor einigen Jahren aus Trieft beziehen mußte. Boghos Hm freilich nur ein solches seit Jahrtausenden an das Joch gewöhntes Volk folgen kann. Was finden wir bis jetzt in der Regierung Mehemed All's, das «V nur eine Spur von Recht und Menschlichkeit gegen seine Unterthanen verriethe? Persönliche Eitelkeit und Befriedigung rastlosen Ehrgeizes sind die Hebel seines Wirkens, und während in seinen Augen das Land nichts ist als ein willkürlich auszupressendes Besitzthum, betrachtet er seine Völker als Heerden, die er nach Gefallen scheeren und schlachten kann. Sagt er nicht selbst bei jeder Gelegenheit daß diese elenden Fellahs noch nicht reif sind für einen besseren Zustand, und daß man sie nur durch Schrecken in Ordnung halten kann? Was aber hat er endlich gethan, um auch nur für die fernste Zukunft einen bessern Zustand für sein Volk zu gründen, einein bessern moralischen Verhältniß die Grundlage vorzubereiten? Was er that, that er nur für sich, ohne zu berechnen baß sein Monopolsystem Handel und Verkehr, so wie die Wohlfahrt des ganzen Landes zerstören mußte. Er hat eine ungeheure Flotte gebaut, ohne den Handel im Lande zu fördern. Snn Abgabenfystem hat die reichen Karawanenzüge seinem Territorium entfremdet, und seine Fabriken finden keinen Absatz, als den erzwungenen bei seinen Unterthanen. Die vielen wieder verfallenden Fabrikgebäude zeigen, wie unnütz ihre Anlage war, und der wirklich unverantwortliche Leichtsinn, mit dem man den Projecten einiger unerfahrener Ingenieure folgte, um an der Spitze des Nildelta's Cinbämmungen des Stromes zu machen, ist das wahre Bild der Verblendung und der Verschwendung Mehcmed Ali's, wie sie zugleich den Maaß-ftab bilden zur Beurtheilung seiner Rathgeber, die dem eitlen Greise in jedem Steine den sie aufbauen, eine Stufe zur Unsterblichkeit zeigen. Alle diese Werke zerfallen nun wieder, die Millionen Quader, welche seit Jahren für die Nilsperrung mit unermeßlichen Kosten zusammengetragen wurden, bringt man jetzt mit demselben Aufwand in andere Gegenden, um eben so unnütze Werke zu beginnen; die schönsten Schiffe der Flotte können nicht in Sce gehen, weil sie von unten verfaulen. Es ist ein Unglück, welches sich an die Ferse hochstrebcnder Geister heftet, daß die Ungeduld sie übereilt, und sie die Ausführung der Werke nicht erwarten können, welche ihnen der Wahn vorspiegelt. Mehemed ist ohne alles höhere Wissen und seine Räthe größtentheils ohne alle wissenschaftliche Ausbildung. Seine Energie und sein Starrsinn dulden keine Hindernisse, und daher die Beharrlichkeit, mit der man ihn falsch? Bahnen verfolgen sieht, 264 um noch lebend in die erträumte Ruhmeshalle einzuziehen, die ihm die Geschichte sehr streitig machen dürfte. Hätte Mehemed es über sich vermocht sich mit dem Ve-sitze Aeghptens zu begnügen, so konnte er noch zu Lebenszeit eines der glücklichsten Länder auf Orden schaffen, während Syrien und das nie bezähmte, in der neuesten Zeit aber wieder aufgegebene Arabien niemals einen ruhigen Besitz weder für ihn, noch für seine Nachkommen versprechen. Er wird noch schlimme Erfahrungen machen, wenn er fortfährt Syrien mit gleicher Erpressung zu behandeln wie Aegypten, wo er alles Gigenthumsrecht zerstörte, und das Land daran gewöhnen will, die Erzeugnisse seines Fleißes und seines Bodens als Tribut dem Herrscher zu Füßen zu legen. Die armen Araber sind für den Augenblick froh wenn sie nur das nackte Leben davon tragen, und was man noch von größerem Besitzthum und Anpflanzungen findet, gehört sicher einzelnen Türken oder Europäern. Durch die übermäßige Vergrößerung des Heeres wurden fast alle jungen Leute dem Feldbau entzogen, und während Knaben von zwölf und dreizehn Jahren die Waffen tragen, folgen Greise, Blinde, Einäugige und Weiber dem Pfluge. Die nothwendige Folge dieser Entvölkerung ist Verfall des Ackerbaues, und an den Ufern des Rofettearms, wie im reichen Delta und in ganz Ober-Aeghpten liegen die herrlichsten Landstrecken unbebaut. Welche Mittel wendet aber Mehe-med an, um seine Armee vollzählig zn erhalten? Die Abneigung der Araber gegen deu Soldatcnstand ist so groß daß sie ihre Kinder oder sich selbst verstümmeln, um ihm zu cutgehen. Der Gleichmuth, womit diese Unglücklichen sich Finger, ja Beine amputiren, die herrlichen Zähne ausbrechen, ober ein Auge ausbrennen, ist wahrhaft schrecklich. Mehcmed erließ vor einem Jahre den Befehl daß aus diesen Krüppeln zwei Regimenter gebildet werden sollten, und ich sah schon in Cairo eines dieser einäugigen Fallstaffregünenter vor dem Palaste Ibrahims Paradiren. Mchemed Ali bleibt stets Türke,, man mag ihm philanthropische Gesinnungen unterschieben so viel man will. Er weicht nur der Nothwendigkeit und Gewalt, und wird sich niemals mit dem begnügen was man ihm gibt, sondern stets nach mehr streben, und dieses Mehr ist der Thron von Konstantinopel. Seine vorherrschende Idee ist ein arabisches Reich, und seine Verbleudung läßt ihn ganz verkennen daß der Besitz Syriens und Ara- Mk bicuß sein Untergang seyn wird, während er mit dem reichen Aegypten allein eine dauerhafte Dynastie hätte begründen können. Die Natnr weist Acgypten auf den Feldbau hin, und dieser kann acht Millionen Menschen ernähren. Anstatt ihn zu fördern, entzieht ihm Mehemcd die arbeitenden Hände, und eben jetzt kam wieder Befehl nach Cairo, Holz für drei neue .Kriegsschiffe beizu-schaffen. Die Verhöhnung alles Eigenthumrechts erstreckt sich besonders auf das einzige Transportmittel ÄcgYPtcns, auf die Nilbarken. Als ich in Cairo war, wurden alic Privatbarken zum Transport des erpreßten Getreides in Beschlag genommen, und das Resultat war baß sie alle verlassen und zum Verkauf ausgeboten wurden. Dieß ist ein Hauptgrund, weßhalb das Reisen in Aegyptcn so theuer ist, da Niemand mehr Lust hat Barken auszurüsten, um sie hernach der Regierung unentgeltlich zum Gebrauch hinzugeben. Man nennt Ibrahim als die Ursache dieser drückenden Willkür, allein ihn kann man weniger anklagen, da er noch nicht Regent ist. Mehemed baut eine Riesensiottc, die aber dem Handel nichts nützt -, er baut Kriegsschiffe und vertilgt die Handelsmarine. Sein alles aufs Aeußerste treibender FiscuS legt Auflagen auf alle Lebcnsquellen. Er verschwendet die Schätze des Landes zu wahnsinnigen Vcrgrößernngsplaneu, anstatt Dämme, Brücken und Ca-näle nnd hydraulische Verbesserungen auszuführen, die bei der stets wachsenden Höhe des Vodcns immer nöthiger werden. Nnd er läßt den Hauptgrundsatz der Herrscher Äegypteus, nur Steuern in Productcn zu erheben, immer mehr ans den: Auge. Gr sorgt auf keine Weise für die (5rziehung seiucs Volkes, und nicht einmal für seiuc physischen Vcdürsniffe. Baumwolle und Zuckerrohr führte er nur für seine Zwecke ein. Aegyptcn würde aber alles hervorbringen, mittlerweile Pflanzt man nicht einmal Kartoffeln. Man kann nicht läugnen das; Mehemcd durch die Einführung europäischer Hcerverfassung seinem Volke einen mächtigen Impuls gegeben, und ihm den Wahn der Ueberlegenhcit über Fremde beigebracht hat. Da er hierin mehr das Wesen als die Form angenommen hat, so steht er über seinem Nebenbuhler, dem verstorbenen Sultan, und nachdem der Erfolg seine Waffen gekrönt, so ist dieser Schritt der Reform ins Leben gedrungen. Allein seine Zwecke sind nur der Unabhängigkeit und Vergrößerung geweiht, und alle Mittel die er dazu anwandte, haben nur 26S sein Land noch elender gemacht. Die kostspieligen Manufacture», welche in nichts mit den europäischen concurriren können, haben das Land verarmt, und nirgends sehen wir den Anfang zn einer Verbesserung des Ackerbaues, der einzigen Grundlage zur Rettung Aegyptens. Mehemed ist unumschränkter Herrscher im vollsten Sinne des Wortes, er ist allmächtig und tonnte seine Grundsätze und Ansichten jeden Augenblick zum Vesten des Landes ändern. Wenn er je volle Unabhängigkeit erlangt, muß er ungesäumt mit der Reduction der unverhältnisimäsiig starken Armee beginnen, um die arbeitenden Hände der Bebauung des Vodens wieber zu geben. Alles andere folgt dann leicht. Allein ich fürchte daß seine rastlose Ruhmsucht sich niemals dazu entschließen wird. Der Tod wird ihn wahrscheinlich bei seinen thörichten Vcrgroße-rungsplancn überraschen, und für das arme Acgypten dürfte nichts gewonnen seyn als die Alutherrschast seines Nachfolgers, «nb ein wo möglich noch größeres Elend, als wir es bereits vor uns sehen. Mehcmed ist Rumeliote, Die Grausamkeit, womit er in seinen frühern Jahren als Steuereinnehmer gegen das gehetzte Volk verfuhr, die Habgierde welche er als Tabakhändlcr entwickelte, gaben den Schlüssel zu der Gleichgültigkeit, mit der er den Leiden seines ausgesaugten Landes zusieht. Falsch und doppelsinnig gegen alle die ihn unterstützten, stürzte und vernichtete er die ritterlichen Mameluken auf die schändlichste Weise, und die Schwäche der Pforte konnte seiner wachsenden Macht nicht widerstehen. Sei» fühlloses Herz führte ihn zu der Aeußerung' er möchte zwei Gemälde aufstellen, eins von dem Tode des Duc b'Cnghien, und das andere von der Niedermetzelung der Mameluken; die Welt solle dann entscheiden, welche That den Vorzug verdiene. Seine Eitelkeit gefiel sich immer darin, in allem mit Napoleon verglichen zu werden. Um religiöse Freiheit mit der Blüthe des Ritterthums zu vertilgen, mordete er die Wechabi-ten und plünderte zu Dschedba die Tempel der Araber, die ihn gastfreundlich empfangen hatten. Er vergiftete die Chefs seiner Armee, welche sich seinen französischen Exercitien widersetzten, und es gelang ihm durch dieses einfache Mittel das große Werk seiner Reform mit Einführung des VonapartischenArmecrrglcments zu beginnen. Der Tcrrorismus hat den Grund zu dieser saubern europäischen Civilisation gelegt, und Vlut und Gift sie besiegelt. M7 Mehemed ist nicht ungeschickt im Organisiren und Verwalten. Er weiß fähige tüchtige Männer an die Spitze der Geschäfte zu stellen, allein er weiß nicht sie persönlich zu fesseln, nnd steht daher ganz allein. Es ist wahr, er hat für das Volk Sicherheit für Gut und Leben in Aegypten hergestellt, wenn gleich die dazu angewandten Mittel grausamer und barbarischer sind als die Räubereien, welche dieses Land früher so übel berüchtigt machten. Allein er hat das Recht der Plünderung, das er seinen Unterthanen streitig macht, sich selbst ausschließlich zugewendet. In ganz Aegypten gibt es Niemand, der sagen kann daß er ein Eigenthum besitze, alles gehört den? Pascha. Welche (^Pressungen sich aber die bezahlten Scheits nnd die Soldateska hier er-laubeu, mu den armen Fellahs die Früchte ihrer furchtbaren Arbeit zu selbstgemachten Preisen abzunehmen, können alle in Aegypten Reisenden jeden Tag au dem herzbrechenden Geschrei vernehmen , das aus allen Ortschaften ihnen entgcgenschallt, El» Reich, aus Willtür und Grausamkeit gegrüudet, kann keinen Bestand haben, und Mehemeds blutdürstiger Nachfolger, Ibrahim, ist am weuigstcn geeignet diese ephemere Schöpfung kor Zer< trümmernng zu retten. Ich wurde das erstemal in früher Morgenstunde zur Audienz bei Mehemed Ali geladen. Er empfing mich, wie alle Fremden, mit jener Freundlichkeit, die seine Politik ist, zu Erstrebun,g ausländischer Popularität. Ich kann nicht sagen dasi seine Erscheinung den Eindruck auf mich gemacht hätte, welcher uns in der Nähe wahrhaft erhabener Menschen zu erfassen Pflegt. Ein kleiner lebhafter Greis, mit sprühenden Augen, gewöhnlichen Ge-sichtszügcn, weißem langem Varte, trippelte unstät, den Säbel auf dem Nucken, vor mir auf und ab; keine Spur von Majestät, mit welcher sonst glückliche Parvenus geschickt ihre niedere Abkunft zu verkleiden wissen. Gr pries seine Gesundheit, die ihm gestatte so lange zu stehen wie jetzt, nachdem er schon zwei Stunden gestanden sey, woran ich den innigsten Antheil nahm. Alles geschieht bei weit geöffneten Flügelthüren, vor denen sich das Getümmel der armseligsten Umgebung bewegt, wie dieß bei den meisten türkischen Großen der Fall ist. Es ist unmöglich den Mangel an Repräsentation und Würde weiter zu treiben, und hierin selbst liegt etwas Gesuchtes, das aber beim Abgang wahrer Würde peinlich und gemein wird. Er hatte eben M8 Depeschen aus Syrien über eine ausgebrochenc Verschwörung erhalten. Die Art, wie er dieß in kurz herausgestoßenen Sätzen mittheilte, war auf Effect berechnet, den der eintönig wiederholende Dragoman am wenigsten unterstützte. In Erstaunen versetzte mich das Stillschweigen des neben mir stehenden Repräsentanten der Großmacht, die für Negypten am meisten eingenommen ist, als der Pascha schneidend und mit einem Blicke, welcher an seine eigenen Metzeleien erinnerte, die höhnische Bemerkung hinwarf- „dieß sind die Folgen des unseligen Zaudcrsysiems der großen Machte, wodurch mehr Vlut fließt als durch offenen Krieg," Ein entschlossener Gesandter würde auf diese tadelnde Anspielung die Antwort gewiß nicht schuldig geblieben seyn. Allein viele Consulardiplomaten überbieten sich in kriechendem Benehmen, und sind gewiß nicht geeignet eine große Achtung für die europäischen Gewalten in diesen halbbarbarischen Ländern hervorzurufen. Es ist nichts als eine wahre Comm<-rage, und Ale^andriei, zeigt sich als Krähwinkel. Mehemed verhandelt alles öffentlich, oder scheint wenig--stens in seinem Gespräch ohne Nückhalt, Jeder glaubt sich daher in seinem Vertrauen ein Mittel, jeden zu täuschen. Nichts leichter, als täglich Zeitungsartikel iu Alnandrien zu schmieden, daher auch Europa mit Mittheilungen aus dieser Stadt überschwemmt wird. Der stolze verschmitzte Parvenu spielt mit diesen Automaten, und ist dabei selbst zu sehr alte Frau, um nicht ihre Fraubasereien gerne und geduldig anzuhören. Die ganze Aufwartung kam mir vor wie eine Kafsecpartie, in der man sich Anekdoten mittheilt. Es ist eine Komödie, aber nicht von der feinsten Natur, die man hier spielt, doch der beste Acteur als Intrigant ist immer der alte Mehemed. Lange ermüdende Pausen die er macht, sollen wahrscheinlich die Coups d'Eclat seyn. Die Beendigung der ganzen Handlnng ist eben so ceremonienlos wie der Anfang, und ich werde das Unnatürliche seines Lachens nie vergessen, das mir am meisten auffiel. Es war das harte, scharf hervorgestoßene Gelächter eines herzlosen Menschen, der sich fremden Unglücks freuen kann wenn er gewinnt. Man rühmt ihm ja nach daß er jetzt nicht mehr so viele Menschen schlachtet wie sonst! Möglich daß er sich früher etwas in Vlut übertrunken hat, Daß ihm aber noch nicht alle Lust dazu Vergangen, haben wir ganz vor kurzem an Beispielen 269 gesehen, wo reiche Männer verschwinden mußten, damit der Pascha sie beerben konnte. Wenn ich ihn so tändelnd herum-spazieren sehe, kommen mir die Tausende armer Nubier nicht aus dem Kopfe, die er lebendig verbrennen ließ, und die dreißigtausend armen Neger, die er so lange zu Soldaten dressirte, bis sie todt waren. Sie schienen mir wie ein Heer schwarzer Eume-niden hinter ihm ausmarschirt, um ihn zum letzten Gerichte abzuholen. Ich verließ den Saal mit der Empfindung, einen Glückspilz gesehen zu haben, der, von einigem Talent und vielen günstigen Ereignissen gehoben, nur groß durch unsere schwache Zeit und durch seine ängstlichen Widersacher erscheint. Mangel an wahrem Adel kann niemals wahre Größe erzeugen. Noch ist sein Gerichtshof nicht ernannt und noch hat er sein Werk uicht vollendet. Die Folge wirb zeigen, ob ich ihn falsch beurtheilt, oder ob ich ihm Unrecht gethan habe? Ich überlasse ihn seinen Bewunderern. *) *) Es bedarf taun, d« Cmmcvung daß diese Zeilen dor der Emancipation E'yrienz geschrieben sind, und die Zeit hat wohl die darin entwickelten Ansichten über ägyptische Zustände und ihren Herrscher hinlänglich gevecht-serttgt. Die ctwaö plumpe Verrüctthcitöscenc, welche der alte Mann neuester Zeit zum Vesten gab, alö er zum erstenmal selt vierzig Jahren jur Einsicht deö traurigen Zustandes seiner Unterthanen gelangt se>,,l woUtc^ dürste selbst se-nen eifrigsten Verehrern endlich die Augen geöffnet habe». V?5 der Palme, dieser Zierde tropischer Länder, hintertrieben wirb, ba wenigstens Niemand Bäume setzen wird, wo das zarteste Reis mit dem hundertjährigen Stamme gleiche Abgabe zahlen muß. Man rechnet fünf Millionen Dattelbäume in Aegypten, die daher beinahe zwei Millionen Franken Abgabe zahlen. Das Metier der Lnstdirnen war früher in den Städten gestattet, aber besteuert. Nun ist etz verboten, und die Priesterinnen niederer Lust wurden in die Dörfer verbannt. Damit nun das Gouvernement diese gute Revenue nicht verlöre, und um nicht in Widersprüche mit seiner Philanthropie zu gerathen, müssen die Ortschaften, wo derlei Phrynen l!o 1).-,«5« «xl> action sich aufhalten, den Tribut dafür an das Gouvernement entrichten, der begreiflich immer von diesen Geschöpfen selbst erhoben wird. Wir stiegen selten in größern Ortschaften ans Land, ohne von diesen Ghewazihs angefallen zu werden. Sie sind geduldet, aber verachtet, gleichsam wie ein nothwendiges Nebel. Für Voden und Bäume werden die Abgaben in Geld bezahlt, von Büffeln nnd Kühen in Butter, dessen das Gouvernement bedarf. Kann nun der Viehbesitzer die Vutter nicht in Natur aufbringen, so nmß er sie kaufen. So kommt kein Mensch in Aegypten zil einem Besitz, zu einem <5igenthume, und so viele Araber ich darüber sprach, sie waren alle Oiner Meinung: daß sie nicht enftiren können, wenn das Gouvernement den Handel mit den Erzeugnissen des Bodens nicht freigebe. Mehemed versprach dem sentimentalen Europa, das von of-sicielten Sklaven nichts mehr wissen will, die Abschaffung der Menschenjagben ünb des Seelcnhandels, Man darf nur wenige Tage in Alerandria und Cairo spazieren gehen, oder einige Monate ans dem Nil fahren, um die redliche Befolgung dieses Versprechens zu sehen. (5s gibt keine List oder Gewalt, deren sich die privilegirten Menschenräuber im Sennaar, in Darfur, Dongola, in AbM-uien und selbst in Nubicn nicht bedienten, um die armen Kinder ihrem Heimathlande zn entreißen. Allein dieser Posten ist kein unbedeutender im ägyptischen Vndget, da für jedes dieser unglücklichen Geschöpft der Sklavenhändler an Ginfuhr und Steller !W Piaster entrichten muß, Die Feder ermüdet, derlei einzelne Thatsachen barbarischer Willkür aufzuzählen. Sie sind uns von orientalischen Autokraten längst bekannt; wir haben aber das Recht von einem Manne, 273 der sich prunkhaft den Reformator seines Landes nennt, wenn auch nicht menschlichen, doch gesetzlichen Zustand zu erwarten. Die Einkünfte des Pascha in Aegyftten sollen sich gegen vierzig Millionen Gulden belaufen, zu deren Erpressung die schamlosesten Mittel aufgeboten werden. Unsere feinsten Finanzmänncr würden vergebens nach der Raffinerie spähen, mit welcher hier die Kräfte des Landes ausgebeutet werden. Die Bewohner der Städte zahlen cine Consumtionssteucr, die den Preisen der Lcbensmittel gleichkommt. Die Vermögens-Steuer bernht auf ganz willkürlicher Schätzung, sie betragt gewöhnlich zwölf vom Hundert, und soll bloß von den Einwohnern Kairo's jährlich über eine halbe Million betragen. Die erste Finanzmaaßrcgel Mehemeds war aber, sich als Eigenthümer des Bodens zu erklären. Er warf den Besitzern eine höchst erbärmliche Rente aus, und die Kinder erben nichts als die Hütte, die sich ohnehin jeder aus Koth bauen kaun. Der Landbauer weiß nie was die Regierung von ihm fordert, und must überdieß Frohndienste mit seiner Person, seinen Kamelen und Ochsen leisten. Hieraus entspringt baß die Acgyptier, die steißig und arbeitsam sind wenn sie für sich arbeiten, den Anbau des Bodens vernachlässigen, well nur die Regierung die Frucht gewinnt, oft fünfzig vom Hundert. Sie werden dann zu Dieben, um die Abgaben zu erschwingen. Die frühere Kopfsteuer wurde jetzt in eine Häusersteuer verwandelt oder damit verknüpft; vermuthlich hat der Pascha bemerkt daß die Menschen in seinem Lande abnehmen, die Häuser aber stehen bleiben. So wird der unsittliche Zustand, unter dem Aegypten seufzt, genährt und befördert. Ich wüßte keine Möglichkeit zu finden, wie Menschen mehr leiden und dennoch leben könnten. Allein auch die Kirchcngüter hat Mehemed Ali angegriffen und an sich gerissen. Er begnügte sich nicht das Land der Privatbesitzer an sich zu ziehen, er hat anch Stiftungsgelder und die Renten der Moscheen für seinen Schatz in Beschlag genommen nnd dadurch den Haß der Cultusdiener, die selbst von diesen fetten Pfründen zehrten, zu dem des ganzen Landes gesellt. Kein Glaube ist irriger als daß Mehemed als der Beschützer des inoslim'scheu Glaubens angesehen wird. Die Wahrheit ist da er als habsüchtiger Tyrann vom ganzen Lande erkannt wird, und nur durch die Schreckens-Regierung im Stande ist dieses grausameErprcssungs-und Abgabensystem fortzuführen. Glückliche Morgenland und Abendland. I. 2te Anft. 18 Fellahs, wie werdet ihr von unsern armen deutschen Bauern beneidet! Die Nevenucn Mehemed Ali's, die theils aus diesen furchtbaren Erpressungen entspringen, theils ans dem Ertrag der Cultur der Baumwolle stießen, sind meines Wissens bisher von keinem Reisenden genau angegeben worden, und da ich in der Lage war sie genau zu ermitteln, so will ich sie hier als Beweis hersetzen, was dieses Land erst zn leisten vermochte, wenn man ihm eine freie Entwicklung seiner Natnrkräfte gestattete. Die Provinz Vahhercin, Unterägypteu, wirft im Jahre 1840 an Steuern, Landgütern und Culturgründcn 279,133 Veutcl ab. Mittelägypten 104,237; die Provinz Kibelie, Ober-Aegypten, 105,169: Totaleinkommen 548,539 Beutel, oder 37,426,950 st. Conventionsmünze. Somit wäre das glorreiche Geschäft der Expropriation nnd Aussaugung beendet, und die zwei letzten Menschen, die noch Vermögen in Aegyptcn besaßen, Michael-Seraf und Abderrah-man-Vey, haben solches durch willkürliche Processe verloren, als ich mich in Kairo befand, alles dem vortrefflichen Staatsgrunb-satze huldigend, baß nur das Volk leicht zu regieren ist, welches nichts besitzt. Achnliche väterliche Gesinnung finden wir in Handhabung der Gerechtigkeit, und hiervon für Hunderte nur zwei Beispiele. Drei bestellte Barken gingen von Kairo nach Keneh den Nil hinauf, um eine Gesellschaft Engländer abzuholen, die aus Indien über das rothe Meer herüberkamen, und in Cosse'i'r landen wollten. Auf jeder dieser Barken befand sich der gewöhnliche Dienst, nebst Dragoman und übrigen Bedienten. Als diese Schiffe nach El Kadieh oberhalb Slnt getommcn waren, erklärten zwei Reis lvegen günstigen Winds die Reise fortfetzen zu wollen, ein Dragoman aber, ein Araber, widersetzte sich diesem Vorhaben, nnb blieb mit seiner Barke allein zurück. Er begab sich in den Ort spielte die Rolle des Herrn, bctrank sich, machte Giccsse aller Art, prügelte mehrere Einwohner und schoß auf andere. Der Respect vor der europäischen Flagge ist in diesem Lande so groß, daß man ihm keinen offenen Widerstand leistete. Als aber die Nacht gekommen war, rotteten sich die Bewohner dieser und umliegender Ortschaften zusammen, um sich zn rächen. Etwa hundert mit Gewehren bewaffnete Männer stiegen in tiefer Stille zum Waffer 275 hinab, und überfielen das Schiff. Da man ihnen Widerstand leistete, so gaben sie Feuer, wodurch mehrere Menschen, worunter der Koch, getödtet wurden. Der Dragoman, der Veranlafser dieser unseligen That, flüchtete sich ins Innere der Cajüte, deren Thüren er noch Zeit gewann zu verriegeln. Die Wuth der mischaudelten Fellahs kannte keine Gränzen, als sie ihr Opfer verschwunden sahen, und sie feuerten über hundert Kugeln durch die Thüren. Der Dragoman aber war durch eine kleine Hinterthüre, welche gegen das Steuerruder hinausführt, entschlüpft, hatte sich an diesem ins Wasser binabgelafstu, und klammerte sich in seiner Todesangst an ihm fest, indent er sich mühsam mit dem Kopfe über dem Wasserspiegel hielt. Die Angreifer glaubten ihn ent-floheu. Sie Milderten die Varke und zogen sich zurück. Der genug geäugstete Dolmetscher entfloh nun in die nahe gelegene Stadt Siut, um dem Mudir cineu begreiflich sehr entstellten und zu seinem Vortheile lautenden Bericht abzustatten. (5>n bedeutendes Detaschement von Infanterie und Reiterei wurde sogleich in verschiedenen Richtungen abgeschickt, um die rebellischen Ort» schaften zu umzingeln und zu züchtigen. Cs gelaug ihnen die nichts ahnenden Einwohner zu überraschen, und das Blutbad begann auf der Stelle seine furchtbare Justiz, Veiuahe alle Männer wurden nach heftigem Widerstände niedergemetzelt, und viele huudert Menschen verloren das ,Veben. Die Weiber und Mädchen aber wurden den Lüsten des Commando's preisgegeben, und zwar immer eine ans vier Soldaten. In Folge dieses Vorfalls wurdeu die Waffen in diesem ganzen Theile von Ober-Aegypten abgenommen, und hierdurch ferneren Rachehnndlungen vorgebeugt. Die Abneigung dcr Araber gegen den Soldatcnstand treibt sie öfters zur Widersetzlichkeit. Die Ortschaften von Theben bis Armentc (Hermonthis) hatten sich laut gegen diese gehässige nnd willkürliche Conscription ausgesprochen, nnd weigerten sich Soldaten zu stellen. Eine imposante Macht vereinigte sich gegen die Rebellen. Die Einwohner setzten sich zur Wehr, und das Vlut-gericht begann. Von allen Seiten durch die Nebermacht gedrängt, suchten sie ihr Heil in Flucht und Strom, und trachteten das andere Ufer zu gewinnen. Im Nil empfing sie das Feuer der Kanonlerbarken, achthundert Männer fanden ihren Tod, achthundert andere alt und jung, wanderten gefesselt zur 18"- 276 Armee. Die Dörfer, zerstört und von Menschen entblößt, konnten den Tribut nicht mehr entrichten. Als ich das alte Her-monthis besuchte, war eben Mchemeb Ali bort gewesen, um den Scheik wegen mangelnder Steueremtrcibung zur Rechenschaft zu ziehen. Das ganze Dorf aber wurde zur Frohnarbcit für die Regierung verurthM, so lange, bis es seine rückständigen Abgaben bezahlt hätte, welches auf diese Art wohl niemals geschehen wird. Glückliche Fellahs! 33. Ginrichtung zur Stilreise. Im Orient muß jeder Reisende seine Bedürfnisse mit sich führen. Die ärmsten Menschen haben ihre Lebensmittel und Decken bei sich. Für das Reisen ans der Nilbarke steigern sich aber diese Bedürfnisse in dem Maaße, als hier die Möglichkeit gegeben ist jeden Comfort damit zu verbinden, welcher bei Rei> sen auf Pferden oder Dromedaren kaum jemals in solchem Grabe erreicht werden kann. Vor allem ist es nöthig sich einen ganz verlässigen Dolmetscher zu verschaffen, der zugleich guter Koch seyn muß. Ich empfehle hierzu einen der im Lande ansässigen Europäer, und warnevor den Arabern, die sich hänfig zubringen, und nichts taugen, weil sie unreinlich und unredlich sind, und keine Autorität gegen ihre Landsleute besitzen. Da sie sich wenig bezahlen lassen, so werden viele Reisende dadnrch verlockt, müssen jedoch bald gewahren daß sie dafür doppelt hintcrgangen werden. Wir hatten einen Genuesen, Giuseppe Vrighetti, angenommen, der früher in der Armee diente, und mit dein wir überaus zufrieden waren. Zwar zahlten wir 20 Thaler des Monats, wurden aber redlich bedient. Die Araber machen den Dienst für die Hälfte, und stehlen die andere Hälfte und mehr dazu. Ich sah selbst mehrere derselben schon in Kairo von Engländern fortjagen, die sie plump hintergangen hatten. Die ersten Anschaffungen sind freilich kostspielig, man darf sich aber dadurch nicht abschrecken lassen, denn es handelt sich darum, mehrere Monate ganz ans seine kleine Menage in einer Varke beschränkt zu leben. Was man vergißt, kanu später nicht mehr nachgeholt werden. Sehr rathsam ist es alle Einkäufe in Alerandrien zu machen, da in Kairo die Preise doppelt hoch sind, Matratzen und Bettzeug nimmt man am besten von Grie- 278 chenlaub oder sonstwo mit, weil sie in Aegypten schlecht gemacht werden. Die Einkäufe von Lebensmittcln lasse man aber von seinem Koche machen, der sie wohlfeiler erhält. Man berechnet beiläufig die Zeit seiner Abwesenheit, und regelt hiernach die Provision. Zwei Monate sind das allerwenigste was man für eine Nilreise auch nur bis zur ersten Katarakte annehmen muß. Denn bleiben Vorräthe übrig, so sind sie nicht verloren, da man für seinen Aufenthalt in Kairo noch zu leben hat, wenn man eine Privatwohnung nimmt. Diese ist den kostspieligen englischen Hotels vorzuziehen, wo man mit asiatischer Pfeffcrküche fast umgebracht wird, und da man Koch und Einrichtung ohnehin hat, so thut man klüger bei der Rückkehr von Oberägypten nach Kairo einige Wochen in eines der dortigen bequemen maurischen Häuser zu ziehen. Französische Weine, Arrak, Num, Thee, Kaffee, Zncker, Gewürze, Senf, Biscuits, Dessert, Feigen, Datteln, Mandeln, Com-pots, Pomeranzen, Citronen, kleine Präservative gegen übliche Krankheitserscheinungen; ferner Geschirre aller Art, Suppenschüsseln, Teller, Tassen, Gläser, Vouteillen, Wasscrkrüge und Filtrirtöpfe, Servietten, Tischtücher, Sophakissen, Tische, Stühle, Couverten, Bestecke, Laternen, Lampen, Leuchter, Wachslichter, Kochgeschirre, Töpfe, Näpfe aller Art, kurz alle Erfordernisse einer vollständigen Hauseinrichtung, Kaffeemühle nicht zu vergessen, findet man in Alcrandrien gut nnd billig, und kauft diese sämmtlichen Artikel einzeln bei den betreffenden Kaufleuten. Herr Waghorn, der unermüdlichste Speculant, hat zwar väterlich für seine durch Aegypten nach Indien fliegenden Lands-leute gesorgt, nnd liefert ihnen alle benannten Artikel bis Suez nnd von dort nach Alcrandricn. Allein er läßt sich für dieses Darlehen unmäßige Proeente bezahlen, liefert schlechte Waare, und verlangt Ersatz für allcs Verdorbene. Ich möchte den Reisenden in Aegypttn aber sehen, der scine Effecten unversehrt von dieser Reise zurückbringt. Milch, Butter, Schaffteisch, selbst Vrod findet man in den Dörfern, und hierin ist das Reisen in Aegypten besser wie das in Griechenland. Rebhühner, Gänse, Turteltauben nnd andere Vögel schießt man sich selbst. Sein Gepäck beschränke man auf das Einfachste, und wer nach Alerandrien von Kairo zurückkommt, thut am sichersten sein überflüssiges dort zu deponiren. Gin einfacher, aber nichi zu 279 leichter Anzug, nebst einem Strohhut mit breiter Krempe und einer Inlage von Papier gegen Sonnenstich, sind das Beste. Besser bei Tag etwas schwitzen, als Früh und Abends sich erkälten. Die gewöhnlichsten Krankheitserscheinungen sind Diarrhöe, Sonnenstich und Ophthalmic. Ueberall ist die nie zu weit zu treibende Diät, die bis zum Hunger gehen kann, das Empfeh-lenswertheste. Gegen Augenschmerzen hat mir Rosenwaffer die besten Dienste geleistet. Nilwasser trinke man filtrirt und ohne Beimischung. Es ist das gesündeste Wasser daS mir in der Welt vorgekommen. Nicht zu vergessen ist eine gute Katze, um den Ratten den Krieg zu machen, die eine Hauptplage auf den Nilbarken sind. Nichts ist aber nothwendiger als gute Karten und Hülfsbücher, die man aus Europa mitbringen muß, da man sie sich weder in Alexandrien noch in Kairo verschaffen kann. Ich habe mein Vertrauen in die dortigen Buchhandlungen bitter zu bereuen gehabt. Der Koch muß einen Gehülfen haben, der die grobe Arbeit besorgt. Hierzu nimmt man einen schwarzen oder weißen Jungen, der gewandt und empfohlen ist. Ein Ferman vom Pascha ist sehr gut, denn beim mindesten Anstand, welchen man selbst mit seinem Schiffscapitän oder wo sonst immer bekommt, begibt man sich zum Scheik des nächsten Ortes und fordert Bestrafung. Kann man diesen Geleitsbrief nicht erhalten, so muß man wenigstens ein Teschkerc, eine Art Legitimation haben. Die Contracte mit dem Reis oder Schiffscapitän müssen sehr genau verfaßt uub schriftlich aufgesetzt werden. Für den Mah-mudie-Canal ist dieß nicht nöthig, auch thut man am besten diese Passage bis zum Nil in den Gesellschaft^ barken zu machen, welche gleich Dampfschiffen eingerichtet sind, und von Pferden gezogen werden. Von Atfeh an bestelle man eine Varke im voraus, cnn besten eine vom Gouvernement vermiethete, welches die einzigen sind die nicht nach Willkür requirirt werden können, und deren Capitänen selbst daran liegt in möglichst kurzer Zeit nach Kairo zu kommen. Von Kairo aufwärts miethet inan die Varke auf Monatsfrist, und muß die Pflichten des Reis wohl verklauseln, weil er sonst mit den Reisenden machen kann was ihm beliebt. Sicherer ist es immer diese Verträge auf einem Consulat abfassen zu lassen. 280 Nachdem man nun die Flagge seiner Nation aufgevslanzt, und sich gehörig mit Waffen aller Art nebst tüchtigem Vorrath von Kugeln nud Pulver versorgt, kaufe man Thermometer nnb Compaß und versehe sich mit einer unerschöpflichen Dosis Geduld, die nirgends mehr vonuöthen als auf dem Nile, wo alles vom Zufall abhängt, lind wo ein Reisender in einer Stunde den Weg zurücklegt, wozu gestern ein anderer einen Tag gebraucht hat, und wo ein dritter eine Woche sich abmartert, um eine Tagreise zurückzulegen. 34. Die Nilbarke. Einer Dame, welche Freude an Haushaltung besitzt, muß die Einrichtung einer Nilbarke ein besonderes Interesse gewähren. Es ist das Haus in welches man zieht, und ist dieß auch nicht für das ganze Leben, so doch für eine Reise, auf welcher man auf längere Zeit vom Leben abgeschnitten bleibt, und seine Genüsse auf sich selbst beschränken muß. Die Fahrt auf dem Nil ist nicht mit der Reist zu Meer zu vergleichen. Hier bin ich nicht mein eigener Herr und stets von fremder Gesellschaft abhängig, dort bin ich im Hause, wähle meine Gesellschaft, oder bringe sie mit. Die Barten auf dem Nil sind von verschiedener Grösie und Benennung. Sie waren sonst mit sehr niedern und ganz offenen Hauscheu versehen. Jetzt macht man sie eleganter und bequemer. Da aber der Nil schon bedeutend gefallen war als ich meine Reise antrat, so zog ich eine schmale schneUsegelude Dahbieh der breitern schwerern Maasch vor, mit denen man stromaufwärts, besonders wenn der Wind ungünstig, nicht weiter kommt. Die Dahbieh hat zwei Segel, deren Masten außer aller Proportion zu ihrem Vau stehen. Der eine steht auf der äußersten Spitze des Vorbertheils, der zweite höhere in der Mitte des Schiffes. Der Reis oder Capitän, ausgezeichnet durch Turban und Talar, sitzt gewöhnlich mit dem langen Tschibnk auf der Spitze der Prora, und übersieht und leitet von hier aus den Gang seines Schiffes. Hier ist auch die Küche und der Aufenthalt der Schiffsmannschaft, welche durch den mittlern Mast von den Passagieren abgesondert ist. Von Dach ober sonstigem Schutze gegen das Wetter ist bei diesen Leuten keiue Rede, da es in Oberägypten nicht regnet. Das Hitttertheil der Barke gehört dem zahlenden Theile. An den Mittelmast lehnt sich hinter einem schützenden, den Rauch 282 abhaltenden Brette die herrschaftliche Küche, die einige Aehnlich-keit mit den großen Kinderküchen unserer Christabende hat. Um diese herum stehen die stattlichen Kisten und Körbe, welche die Vorrathskammern und das Tisch- und Küchcngeräthe der Gesellschaft enthalte,:. Die edle Palme liefert den Stoff zu allen dieseu Behältern, oder Kafesscn. Die starkcrn derselben, welche zur Bewahrung zerbrechlicher oder besser zu bewahrender Objecte dienen, sind von Palmzweigen geflochten, welche hier in Stäben zusammengefügt, hohe eckichte Kisten bilden, die mit einem zu verschließenden, nnt in einzelnen Fugen genan eingesalzten Vor-sprünqen versehenen, Deckel derselben Construction verwahrt werden. Einzelne Fächer und Unterabtheilungen im innern Raume sind den dafür bestimmten Gegenständen, cilS Teller und Gläser, Schüsseln, Kerzen und feinern Lebensmitteln genau angepaßt, und das Ganze ist so schön und zierlich gearbeitet, daß es eben ^o gut ein elegantes Möbel in einer europäischen Haushaltung liefern würde, als man sie so verpackt allen Erschütterungen aussetzen darf. Andere Kafcsst sind durchsichtig gleich Vogelkäfigen, und verwahren Gemüse und Früchte, die dem Luftzug ausgesetzt bleiben müssen. Hübsche von Palmbast geflochtene Körbe nehmen Dessert, Thee, Kaffee auf, und werben durch Stricke, die von Palmfasern geflochten sind, zusammengeschnürt und umwickelt. Im untern Schiffsräume, wohin zur Sicherheit Steine als Ballast gebracht werden, steht in großen Kisten der Wein, Arrak, Run«, Weingeist, (5ssig, Oel in Vouteillen; Brod und Zwieback wird aufgehängt. Alles mich stets in Ordnung erhalten, und jedem Stücke sein Platz angewiesen bleiben. Auf dem geräumigen freien Platze zwischen dem Mittelmast und den Schlafzimmern steht ciu großer runder Tisch mit den nöthigen Stühlen. An der Scitc außen, aber mit dem Häuschen zusammenhängend, sind rechts und links Diwans angebracht, und mit Polstern und Kissen zum Sitzen und Liegen versehen. Dieser Platz ist mit einem Zelt überspannt, und dient als Speise-, Con-versations- und Schreibsalon, Gs ist das eigentliche englische llinillß I'«c>,n, während die Zimmer bloß als 1io'iu dichter Kreis vou Frauen und Männern stand vor einem Hause und horchte einer ähnlichen Väreumusik. Eine phantastische Person tritt heraus, und an ihren feurigen Augen und den vollen Formen, trotz des verhüllenden Hemdes, erkannte ich ein junges Mädchen. Man gab ihr wiederholt zu trinken, und alle Augen des bezauberlen Kreises waren auf sie gerichtet, so dasj ich mich von einem Hügel, auf dem ich Posto gefaßt, unbemerkt naher schleichen konnte. Sie begann mit langsamen Schwingungen eines langen weißen Stabes, denen der Oberkörper folgte. Die linke Hand schlug die Castagnette. Immer lebhafter wurden die Bewegungen, die in einen heftigen aber nicht ungraziösen Tanz übergingen, wobei aber das Hüften» spiel nicht so laftiv erschien wie bei dem Jünglinge. Allein bald verlor sich alle Haltung, und die rasendste Leidenschaft erschien in den verzücktesten Verdrehungen aller Glieder. Es ist unmöglich gemeine Sinnculust mit grelleren Farben aufzutragen. Ich mußte mich, endlich bemerkt, zurückziehen, und aus den Morgenland und Abendland. I. Lte Aufl. 19 290 drohenden Blicken der Männer konnte ich abnehmen, welches Inhalts die Worte waren die mir nachfolgten. Die Frömmelei ist in Aegypten viel ärger als in der Türkei. Wir fanden eine bequeme Varke und folgten der Flottille des Exschahs. Kaum hatten wir einige Stunden zurückgelegt, so machten wir die erste Erfahrung von der Unsicherheit der Nilfahrt. Der bisher günstige Wind steigerte sich plötzlich, so daß wir bei einer Beugung des Stromes ganz von der Seite gepackt und umgelegt wurden. Alles anf dem Schiff und in der Kajüte fiel übereinander, die hohen Segel senkten sich über den Wasserspiegel, und ein Zoll fehlte daß wir unter Wasser waren. Alles hängt in diesen Augenblicken von den Matrosen ab, welche die Enden der Segel halten. Lassen diese nicht im Moment des Windstoßes die Stricke los und die Segel flattern, so muß die Varke stürzen, da sie stach von Kiel ift und das Aufstehen ins Gleichgewicht unmöglich wird. Europäische Matrosen machen sich übrigens keinen Begriff von der Behendigkeit, Kraft und Gewandtheit dieser nackten Fellahs, obschon hiemit nicht jedem Unfall vorgebeugt werden kann. Schönes Delta, das Vater Nil mit seinen mächtigen Armen liebend umfaßt, welchen Reichihum legt die Natnr in deine Gefilde, in deine mit Palmen und Sykomoren bcsäeten üppigen Fluren ! Und welche zauberhafte Macht wohnt in diesem Strome, der ein Land von sechshundert Meilen befruchtend dnrchzieht, dessen seit Urzeiten regelmäßig überströmende Fluthen selbst die weißen Sandhügel der Wüste befruchten, nnd dessen geheimniß-volle Geburt noch kein menschliches Auge erspäht! Welches Leben, welcher Verkehr umgibt deine stets wechselnden Ufer, nnd wie grünt alles, wo du deine Wogen zurückgezogen! Dich haben die bankbareren Ahnen zum Gott erhoben, an dir, an deinem Wachsen hängen die Blicke eines ganzen Volkes, und dein Stillstand an den Gränzen ActbiopieuS würde Millioneu Menschen das Leben kosten. Du spendest das herrliche Wasser in die entferntesten Wohnungen, kein Quell ist diesem Lande nöthig, wo dn allein segnend waltest, nnd in Proccssionen wandeln die Schaaren der schlankgliedrigen Mädchen an deinen Strand nm den Bedarf für das Hans zu holen. Stundenlang konnte ich diesen freundlichen Bildern zusehen, wie die geraden feinen Gestalten zum Ufer eilen, leicht geschützt gegen die tro- «9t pische Sonne durch das dunkelblaue Hemd, das nur gemacht scheint um die classische Form der schönsten Vüste, die runde volle Schulter und Arme zu verrathen, die selbst bis ins Alter noch Fülle behalten. Das blaue über den Kopf geschlagene Tuch schützt, was der Prophet vor allem zu bedecken geboten, das Hinterhaupt, denn eher gestattet die Aegyptierin den Anblick des entblößten Leibes, ja selbst des Antlitzes, ehe sie den Hinterkopf bloß tragt. Der runde, volle, rechte Arm stützt den antiken Wasserkrng, dessen Gestalt wir auf den Granitbildern der Alten so oft eingegraben finden, und sein Tragen auf dem Kopfe gibt den Aegyptierinnen die schöne Haltnng. Die Linke hält baß Ende des Kopftuches und schwingt es, bald um das Gleichgewicht zu erhalten, bald um das Gesicht bei Annäherung von Männern zu verhüllen, wo es dann der ganzen Erscheinung ein eigenes schalkhaft cotettes Ansehen gibt, wenn nur eines der großen schwartn Augen neugierig bintcr den, groben Schleier hcrvor-blitzt. Arme, Hände und Veine sind entblößt, und wahrlich man kann viele Hofbällc in Curopa durchwandern um nur Cm Eremplar der edelsten Bildung dieser Veine zu finden, die sich hier täglich zu Hunderten an den Nilufern dem Blicke bloßstellen. Denn Waschungen sind stets mit dem Herbeiholen des Waffers verbunden, und diese Handlung wird sehr ungezwungen, ja ich möchte sagen anmuthig, von diesen harmlosen Geschöpfen vor allen Zeugen verrichtet, Wenn aber die Aegyptierinnen nicht unsere Ansicht von Schamhaftigkeit kennen, so haben sie doch eine gewisse Züchtig-keit und Schüchternheit, die zunimmt je weiter mau deu Strom hinaufkommt. Die Schamlosigkeit ist aber einer hier streng ausgeschiedenen blasse zugewiesen, und bildete zu allen Zeiten ein eigenes Gewerbe in Aegypten. Aus den Städten nun aufs Land verwiesen, dient dieß dazu die Sitten des Volkes zu verberben. Als wir bei Kafstsayd und Niket ans Land stiegen, flogen viele dieser Verwiesenen auf uns zu und sprachen nns mit einer Art Zudringlichkeit an, die ich immer noch weit anständiger finde als die Annäherung ihrer Gewerbschwestern in London, da man sich ihrer wenigstens mit einein kleinen Vakfthisch erwehren kann. Sie sind meistens hübsch, besonders Auge, Hand und Fusi von vollendeter Schönheit. Aegypten kennt diese Kaste prostituirter Mädchen, die alle zugleich Tänzerinnen sind, unter dem Namen 19 * «92 Ghawohehs. Ste haben offenbar eine Stammverwandtschaft und gehören zu der Race, die wir in ganz Europa Zigeuner nennen. Sie sind unverschleiert, kokett, ausgelassen lustig und nicht ohne Anmuth. Ob ihre Entfernung aus den Städten diese sittlicher inachen wird, will ich nicht untersuchen. Man hat überall in Europa die Erfahrung gemacht daß die käufliche Oeffentlich-keit mehr Abscheu vor diejem Auswurf des weiblichen Geschlechtes hervorbringt, und daß ihre Unterdrückung gewöhnlich zur allgemeineren Verschlechterung der Sitten führt. Man stößt nun an die libysche Wüste, die sich bald näher bald ferner an das bebaute Thal schließt. Immer breiter tritt der Nilarm entgegen, und man erblickt tief in der Ebene, die sich rechts hinter der schonen Insel Warvan ausdehnt, die Pyramiden von Gizeh. Sie glänzten silberweiß von der untergehenden Sonne beschienen und zogen sich langsam hinter die Dattelwälder, die sich hinter jener Insel in langen Linien zeigen. Die reine Abendbeleuchtung verlieh diesem Bilde einen durchsichtigen Ton, nnd wir blieben in dem uns so neuen Anblick versunken auf dem Verdecke, bis die einbrechende Nacht und die Mondbeleuchtung ihre Schatten darüber ausgebreitet hatten. Nie früher hat mich der Gedanke, was Napoleon aus Aegypten hätte machen können, lebhafter beschäftiget als in der letzten Nacht vor meiner Ankunft in Cairo, die ich an der Deltaspitze zubrachte. Hier, wo der Nil sich in zwei Hälften spaltet, wollte er die Hauptstadt Aegyptens hinlegen, im Mittelpunkt des Reichthums seiner Früchte, an die Pforte seines zwei Meere und drei Welttheile verbindenden Stromes. Die Idee war groß, aber minder groß und unausführbar die seines Nachfolgers und Nachbeters, auf derselben Stelle eine Eindämmung beider Nilarme auszuführen, um auch beim niedrigsten Wasserstande eine beliebige und zweckmäßige Bewässerung zu erzeugen, dessen Folge, anstatt einer Ernte, eine drei- bis vierfache für Unterägypten hervorrufen tounte. Der Entwurf war verführerisch, die Werke welche dazu führen sollten, von unglaublichem Umfang und Kostenaufwand, und bereits setzte man dieß Unternehmen den größten Pharaoncnbanten zur Seite. Allein die Männer die solchen Werken gewachsen waren, fehlten. Junge Schwindelköpft machten Vorbereitungen, die sich bald als eben so geldverschlingend wie zweckwidrig auswiesen, und dem 293 alten Pascha schwindelte ebenfalls der Kopf, als er sich im Spiegel der Zukunft einem Sesostris zur Seite gestellt sah. Die Ungeduld, diese kolossale Barrage vollendet zu sehen, ließ alles übereilen, und seit einem Jahrzehnt sind Millionen Geld an eine nutzlose Unternehmung verschwendet und Tausende von armen Fellahs zum Opfer gebracht worden, um mit ähnlichen Kosten und durch eben so viele Tausende dieß Werk wieder zu zerstören und in zahllosen Schiffen die aufgehäuften Quader auf andere Stellen zn schleppen, vermuthlich um eben so übel-ausgeführte Schöpfungen für Zerstörung uud frühzeitigen Verfall zu errichten. Der Abend kam, und weit über die grüuen Klcesturen hin thronten die Pyramiden; allein der krystallhelle Himmel, die violette Beleuchtung Griechenlands fehlt hin-, und selbst in den reinen wolkenlosen Decembernächten scheint ein Flor über das Firmament gezogen und die Sterne weiter zurückgeschoben. Wir saßen wieder mehrmals auf Sandbänken auf, und die Sonne warf ihre letzten Strahlen auf das Schloß des Pascha, das auf dem Mokkattam hängt. Indessen glich die Begierde unserer Matrosen nach Kairo zu kommen der unsrigen. Unter lautem Singen und Schreien schoben und zogen sie uns gegen den heftigen Strom und Wind fort, und gegcn Mitternacht wanden wir uns durch die Varken-legion am Arsenale durch, um bei Vulak, Cairo's Hafen, Anker zu werfen. Mit anbrechendem nächsten Tage, es war der achte seit der Abreise von Alerandrien, setzte ich mich auf einen jener berühmten Esel, die rasch und stark sind wie Pferde, und deren vierzig- bis fünfzigtausend täglich in Kairo herumtrabcn. Durch die Staubwollen, welche die große Stadt verhüllten, eilte ich in das Labyrinth ihrer engen Straßen zu kommen, und ein ganzer Haufe eben nach dem rothen Meer abgegangener Engländer überließ uns die Auswahl hübscher Zimmer im Hotel Waghorn. Welche Wohlthat für die zahlreichen Fremden die nun Aegypten durchziehen, in den zwei, räumlichen englischen Gasthofen Unterkunft und Bequemlichkeit zn finden, während man noch vor einigen Jahren die Gastfreundschaft der Consuln zur Unterkunft ansprechen mußte! 36. Die Kalifenstadt. Kairo, die beschirmte, ist die Hauptstadt aller arabischen Länder, die vornehmste arabische Stadt unserer Zeit. Sie gibt den Ton an, so weit arabische Sitte und Sprache herrscht, und in ihr sehe» wir was die Kalifenperiobe Großes erzeugte und was jetzt noch das arabische Wesen Höheres in sich trägt, Gelbgrau, gleich dem Grunde der sie trägt, erhebt sich die Saracenenstadt, wie keine andere auf den kühnen Ausläufern des Mok-kattamgebirges. Ihr gegenüber thronen auf den starren Felsen-Hügeln der libyschen Wüste die königlichen Pyramiden der Pharaonen , die ewigen Wachehalttr des zauberischen Nilthales. Kairo ist die Pforte von Oberägypten. Zwischen Gebirg und Strom, zwischen Wüste und Wüste gebaut, ist sie würdig die Nachfolgerin von Theben und Memphis, ben ältesten nnd größten Königstädten der Welt, zu seyn. Ganz eine Geburt des Mittelasters, wo sie die edelsten Künste nährte, während Europa in Barbarei und Unwissenheit versunken war, finden wir in ihr eine neue Welt. Allein diese neue Welt erhält ihr Leben von den selbstsüchtigen Bestrebungen eines eitlen Parvenus, und das Gebäude seiner Macht durste kaum so lauge dauern, als die festen maurischen Vurgen, welche noch jetzt Kunde geben, n?eß Geistes ihre Erbauer muffen gewesen seyn. Wer sich nur Einmal in seinem Leben in London durch den Strand oder Cheapside gewunden hat, kann sich einen Begriff von dem Gedränge in den Straßen Kairo's machen. Nur sind diese sehr schmal, und der Lärm durch die unglaubliche Lebhaftigkeit der arabischen Bevölkerung mit keiner andern Stadt der Welt zu vergleichen. Ich brachte in der ersten Zeit stets Kopfschmerz von den Straßen nach Hause. Es ist, wie wenn alles im Zustand von Aufruhr und Kampf sich befände. Kamelzüge mit schweren Lasten, flüchtige Reiter auf arabischen Pferden, 295 Packträger ohne Barmherzigkeit, Heerben von Büffeln und Ochsen, ägyptische Fantasien mit den monotonen Pauken und gellenden Pfeifen, Tausende dieser leisetretendcn Esel, die einem auf den Fersen sind, ehe man sie auf den ungepflasterten Straßen hört — alles das kreuzt sich im unentwirrbaren Knäuel und unter ohrenzcrreißendem Geschrei und Gesang durch die schmalen Gassen, und es wäre noth Augen hinten wie vorn zu haben, um nicht ewig umgerannt und gestoßen zu werden. Es ist noch nicht lange daß es in Kairo für einen Schimpf galt, in den Straßen zu gehen. Dafür halte ich es nun zwar nicht, aber doch fand ich mich immer besser auf einem guten Pferde, wo man gibt, was man sonst empfangen muß. Um den Typus des Orients in seiner Blüthe kennen zu lernen, muß man nach Damaskus oder Kario gehen, den beiden Städten, wo die Saracenen ihre schönsten Bauwerke hinterlassen. Konstantinopcl ist dagegen nichts als eine ungeheure Ansein? anderhäufuug von hölzernen Hütten und Palästen, ohne bestimmten Ausdruck, ein architektonisches Kaleidoskop, das stets neue Bilder gibt, ohne den Sinn davon festzuhalten, oder Rechenschaft von Entstehung und Zusammenhang zu geben. Kairo aber ist aus einem Guß; ein Geist hat es erzeugt, und alles was später hinzugefügt worden, war nicht im Stande diese einzige Schöpfung weder zu verschönern noch zu schmälern. Es war Vollmond, als ich mich das erstemal in Kairo befand. In einer schlaflosen Nacht ging ich auf das flache Dach meines hohen Hauses und genoß dort einen unbeschreiblichen Anblick. Es war wie ein ruhiger schöner Tag von Gazestor überschleiert. Unaufgehalten schweifte mein Auge über die unzähligen Terrassen des Häuscrmeeres, das von den Wogen des stürmischen Tages zur Stille des Schlafes übergegangen war. Nur die schlanken Palmen und die ätherischen Minarets ragten gleich Geisterkönigen aus dieser großen weißschimmernden Stadt heraus, und kein Tritt, kein Ruf verräth die nns umgebenden Hundcrttausende, welche in wenigen Stunden mit ihrem unversiegbaren Lungenvermögen wieder dic Luft durchschüttern werden. Man würde vergebens trachten den Eindruck zu schildern, welchen Kairo beim ersten Eintritt macht. Kein Maler der Welt vermöchte in ein Bild alle diese fremdartigen Gestalten, Gruppen und Auszüge zu fassen, die sich hier dem Beschauer 296 entgegendrängen, bei jedem Schritte wechseln, in jeder Straße sich erneuern^ kommen, gehen uud verschwinden. Das erste was mir begegnete, war eine Gesellschaft reitender Frauen. Schon diese Erscheinung steht mit Konstantinopel im Widerspruch, wo man Frauen von Stand nur im Wagen, nie zu Pferde sieht, wodurch jener Stadt ein hoher Reiz des Straßcnlebens abgeht. Die Frauen zn Kairo sitzen rittlings auf dem Esel, ein weißes seidenes oder musfclinenes Tuch bedeckt sie von der Stirne bis ans die Steigbügel, nnd läßt nur die Augen frei. Ueber die ganze Gestalt herab, und über das Hinterhaupt gezogen, wallt eine große, seidene, schwarze Man-tille, Diese Erscheinung hat etwas sehr Fashionables. Gewöhnlich reiten mehrere Damen mit Kindern und Sklavinnen in einem Zuge, und so groß auch das Gedränge seyn mag, so welcht ihnen doch alles ehrerbietig aus. Welche Gelegenheit haben diese Damen zur Intrigue? Ihre Verschleierung und Vcrmum-mung macht sie selbst den Vlicken des Gatten undurchdringlich, und da kein Mann sie auf der Straße ansprechen darf, so können sie sich leicht jedem Beweis der Identität entziehen. Ein heftiges Schreien und Ringen vieler Araber zog meine Aufmerksamkeit in der nächsten Gasse auf sich. Die Kamele, welche sie führten, nahmen alsbald Theil an diesem Kampfe, und das stets dichter werdende Gedränge vermehrte die Verwirrung in einem beunruhigenden Grade. Man muß die engen Straßen Kairo's kennen, um sich einen Begriff von der dort alle Augenblicke entstehenden Verwirrung zu machen. Drei blinde Greise machten sich Bahn, wovon der eine die der Oboö ähnliche Pfeife, die beiden andern aber die kleinen ägyptischen Pauken, die bei keinem Aufzugc fehlen dürfen, auf eine ohrenschmerzende Weise ertönen ließen. Hierauf kam ein Reiter auf reichverziertem Rosse, der an einem Stäbe ein rothes Tuch schwang. Ihm folgten drei Mädchen, phantastisch von weißen Gewändern und Schleiern umhüllt und höchst geschmackvoll drapirt, über Antlitz und Brust aber eiue Art Panzerlarve aus Drap d'argent geflochten, welche ihnen mit dem langen Stäbe in der Hand den Anschein von arabischen Ieannes d'Arc gab. Nun kam ein gewaltig großer Baldachin von reichem Seidenzmig, blaßroth von allen Seiten bis zur Erde herabwallend, unter welchem die Braut einherwandelte. Alle Seiten waren so dicht verschlossen 297 baß sie wohl ebensowenig den Weg finden konnte, wie ihr voran-schreitendes blindes Orchester. Nun folgte eine Menge laseiver Tänzer und anderer Vekannten, und den Schluß machte die grosie Trommel mit wahrhaft höllischem Spectakel. Äu diesen Faschingsspuk, der übrigens eine hübsche Vorstellung für einen Maskenball abgäbe, reihte sich die Legion des müßigen Volkes, und ich dankte Gott, als ich ans dem Qualm dieser Hochzeitsrcuden mich in eine etwas freiere Gasse retten konnte. Kaum war ich etliche Schritte geritten, als mir ein ganz nackter Mensch mit einem höchst verrückten Gesichte begegnete, über welchem er einen Kranz gewnnden trug. Er verdrehte auf wirklich erschreckliche Weise die Augen, und eiue Masse Gesindel folgte ihm mit allen Zeichen der höchsten Verehrung. M war ein Heiliger des Landes. Vei uns würde die Polizei dieses Hei-ligthum nicht lange respectiren. So wechseln die Vilder in dieser originellen Stadt. Das unwissende, Kindern gleiche Volk vergnügt sich an den albernsten Vorstellungen, und jeden Augeubliek stößt man auf Springer, Seiltänzer und Ringkämpfer, die eine erstaunliche Körperkraft entwickeln. Die rohen Späße nnd schlechten Witze der Possenreißer bringen alle zu heftigem Lachen. Derwische, die durch mysteriöse Künste Schlangen aus den Häusern locken; Magier, die den Dieb mittelst des berühmten Zauberspiegels entdecken; die sinnreichsten Taschenspieler, von deren Geschwindigkeit man sich bei uns keinen Vegriff machen kann; das Geschrei der Kameltreiber, die den Fußgängern zurnfen, das Gebrüll und die Veschwörnngen der Gaukler; die malerisch gekleideten und ernst einherschreitenden hohen Veduinengcstalten, die glänzenden rothen Uniformen dcr durch die Straßen sprengenden ägyptischen Officiere, die Unzahl von nbyssinischsn, äthiopischen Sklaven, das Geheul der Klageweiber, welche die Todten zu Grabe führen, indem sie sich die Haare ausreißcn und die Brüste zerschlagen, das traurigtönende Nufen der Muezzins von 400 Minarets, der nie endende Tumult der Fantasias in 1190 Kaffeebudcn, nackte Menschen und Kinder; halbverhungerte, herrenlose Hunde in großen Banden hermnschweifend und alles angreifend; all, dieser heillose Spettakel windet sich den ganzen Tag durch Straßen, die oft so schmal sind daß man beide Häuserreihen mit ausgespreizten Händen erreichen kann. Wenn es unendlich mühsam 398 ist sich durch diesen Menschentnäucl durchzuarbeiten, so ist es gewiß eben so wunderbar daß uicht mehr, ja daß nicht unausgesetzt große Unglücksfälle aus dieser Verwirrung entstehen. Grau in Grau getaucht erheben sich die Saraceuenschlösser des alten Kairo längs den Höhen des Gebirges, welche das Caftell krönt. Feindlich ist alles unter sich abgeschlossen, und wie die Florentiner ihre Paläste verschanzten, im nächsten Nachbar den Feind erspähend, so ist die Kalifenstadt in hundert Festungen gespalten, durch mächtige Thore und dicke Mauern verwahrt, und nur durch enge Gänge unter sich verbunden, die sich gleich Tranchcen und Laufgräben durch sie fortwinden. Alle diese Burgen sind uach jeder Richtung sorgfältig geschützt, feste Quadermauern, cisenbeschlagene Thore, große Vorhöfe, mußten einen Ueberfall beinahe unmöglich machen, und noch jetzt möchte es leicht seyn einen gewagten Handstreich davon abzuhalten. Eine Stadt ohne Fenster ist gewiß eine eigenthümliche Erscheinung. Die Ocffnungen nach der Straße, welche sie vertreten, siud mit festem dichtem Holzgitterwert verschlossen, dicht genug nm jeden Gegenstand hinter ihnen unsichtbar zu machen, und nicht geschlossen genug, um dem Auge des Spähers den Vlick auf die Straße zu wehren. Kleinere Häuser sind ganz ohne Fenster und Gitterwert, und alle empfangen das Licht von dem oben offenen Hofraume, in dessen Innerem sich das ganze Leben der Wohnung bewegt. Dahin aber zu dringen, dieses Leben der jetzigen Levante in dcu düstern maurischen Säulenhallen zu be-trachteu, blieb mir lange cin unerfüllter Wunsch. Wie viele Tage wanderte ich an diesen sprachlosen Wänden herum, vom Gewühl der Straßen getrieben; wie manche Nacht besah ich mit Erstaunen dieselben unheimlichen Gebäude, aus deuen kein Ton der Freude ertönte, die kein Lichtstrahl erleuchtete, todte ausge-storbem Stadt mit ihren dunkeln hohen Häusern, die gleich Statuen ohne Augen mich anstarrten, dic nämliche Stadt, die des Tages so laut, so schrecklich laut sich vernehmen ließ! Wo sind sie hingeschwunden die Hunderttauseude, die sich hier gedrängt und getreteu, bis sie zur Nuhe kamen, die Ruhe des Grabes, denn kein Ton ist mehr übergeblieben, keiner als das seltsame Knarren der Thorangeln an den Stadtquartieren, wenn ja ein Kühner es wagt die schauerlichen Straßen zu durchwandeln und Einlaß fordert von dem schlaftrunkenen Portier seines Stabttheiles. 299 Durch die Bemühungen meiner Freunde wurde ich endlich in eines der größten alten Häuser Kairo's eingeführt. Drei beträchtliche aus Quadern gebaute Höfe, mit Schießscharte,: und großen Thoren und Riegeln versehen, führten in das eigentliche Wohnhaus. In dem äußersten stunden Kamele und Dromedare, im zweiten gesattelte Pferde und Esel zum augenblicklichen Gebrauche bereit. Der innerste Hof schloß gezähmte Thiere in sich, ein schöner Adler spielte hier mit zierlichen Gazellen, diesen Grazien der Wüste, und kostbares buntfarbiges Federvieh edler Gattungen, vom Pelikan bis zum coketteu Pfau, wogte ohne Scheu durch diese gefährliche Nmgebung. In den Gangen welche ins Gebäude selbst führen, saßen und lagen ans hohen mit Strohmatten belegten Wandbänken, die männlichen Diener des Hanfes umher, uud eine breite, aber bnnkle steinerne Treppe führt in das obere Geschoß, Ich war angeküudigt und als eine Seltenheit besonders aufmerksam behandelt. Die Flügelthüren öffneten sich, und ich trat in eines jener orientalischen Gemächer, die alle unsere Palästsälc so tief beschämen. Der große Saal war ganz leer von Menschen, so daß ich im ersten Augenblick glaubte allein zu seyn. Als mein Blick aber rechts fiel, bot sich mir ein Vild dar, das nur Oer Orient bieten kann. Auf rothen rings um einen ganz offen angehängten eben so großen Salon laufenden Ottomanen faßen acht bis zwölf Damen herum, deren reicher fremder Anzug mit den schönen Arabeskenverzierungen der Wände und Decke cin harmonisches Ganzes bildete. Palmen und Akazien, die sich an den von drei Seiten offenen Fenstern emporhoben, gaben diesem seltenen Anblick eine wirklich magische Deutung, und ich befand mich in keinem kleinen Erstaunen, als alle diese Damen sich über gewöhnliche Lebensgröße vor mir erhoben. Erst als sie sich in Bewegung setzten um mir entgegen zu gehen, hörte ich an dem allgemeinen Klappern, daß sie auf einer Art kleiner Stelzen von Holz stunden, welche ihnen diese übernatürliche Höhe gaben. Ich hatte bereits früher Zutritt zu Soir«eu in europäischen Häusern und denselben allgemeinen Aufstand beim Gintritte jedes neuen Zuwachses der Gesellschaft gefunden, so daß mich diese zarte Sitte der Aufmerksamkeit nicht mehr befremden konnte. Nachdem ich mich nun auch über die »Mr-liche Ursache der ungewöhnlichen Körperlänge der schönen Le- 306 vantinerinnen, vor denen ich stund, belehrt hatte, faßte ich mir ein Herz und drückte ihnen mein Bedauern aus nicht mit ihnen sprechen, sondern sie nur still bewundern zu können. Ich fand auch hier eine alte Erfahrung bestätiget, daß nichts die Frauen, beherzter macht als die Hülflosigkeit eines Mannes. Sie klapperten alle auf mich zu, und eine ältere Frau mit einem höchst geistreichen, wohlwollenden Gesichte sprach mich in ziemlich gutem Italienisch an. Sie freuen sich alle, sagt? sie, daß ich Vergnügen fände sie zu sehen, nnd sie wollten deßhalb anch alle Ceremonie bei Seite setzen nnd mich unverschlciert empfangen. Sie nnd ihre Tochter, eine herrliche junonische Frau, nahmen mich nun in einen dritten großen Salon, und ließen mich zu sich auf den Divan sitzen. Die sämmtlichen anwesenden Damen, meistens sehr hübsche Frauen und Mädchen, folgten unter großem Specta-kel der hohen Holzpantoffeln, und gruppirten sich ringsnm. sss war ein Vild zum Malen, ein Vild voll morgenländischer Seltsamkeit, und als mir endlich eine reizende Blondine, schüchtern herantretend nnd doch schalkhaft lächelnd, einen stattlichen mit Pastilles du Serail entzündeten Tschibuk darreichte, eine andere mir die kleine chinesische Tasse auf dem silbernen Becher brachte, und cine dritte das Glas Scherbet und Früchte anbot, da war das Zauberbild des Harems fertig, und kein Pascha des weiten osmanischen Reiches konnte sich mit mehr Behagen unter seinen irdischen Houris ausspreizen, als ich hier in diesem lieblichen Kreise an mir verspürte. Ich ging nun an das Mustern des Putzes, und konnte an dem reichen sorgfältigen Anznge leicht erkennen daß man ein Uebriges gethan hatte um dem neugierigen Fremden eine glänzende Augenweide zu verschaffen. Mit Ausnahme der alten Großmama waren sie alle gleich gekleidet, nur in den mannich-faltigsten Abstufungen schöner heller Farben. Wie viel passender und reizender ist doch das orientalische Dameucostüm das den Körper nicht einzwängt, die Formen nicht verbirgt und sich in alle Anforderungen des Geschmackes wie des Lurus fügt. Dieser Kopfputz mit dem allerliebsten rothen Terbusch, auf dem das reiche Geschmeide, die Diamantkroue, Ckoors genannt, glänzt, diese seidenen bunten, über die Stirne gewundenen Tücher, durch welche Perlengestcchte malerisch gezogen sind, deren End-quaften mit Gold dnrchwoben an einer Seite mit der Locke ver- 301 mengt sind, über welcher der brillantene Halbmond mit Verlocken gesteckt wird. Dann diese prächtigen langen Haare, wie sie in künstlichen Flechten breit über den Rücken hinabhängen und mit den goldenen Spangen durchzogen sind, zusammengestellt mit geschmackvoller Iuwelenarbeit an Ohrringen, Halsbändern, Diademen, sind so ganz gemacht um die Schönheit des Profils zu heben. Die Jacken welche sie alle tragen, sind in der Art wie die ungarischen Husarenspenser gestickt, in den hübschen Arabeskenverschliugungeu dieser Länder. Vesonbers geschmackvoll kleidet der Shawl, der um die Hüften geschlungen und vorne nachlässig geschürzt im Knoten herabhängt. Von eilter zusammengepreßten Taille wissen die Orientalinnen nichts, allein das freigestcittete Hervordrängen voller runder Formen ist sicher den Schnüranstalten unserer Frauen vorzuziehen. Ueber dem Hemd und den Vciuklcidcrn tragen die hiesigen Frauen den sogenannten Oclek, gleichen Stoffes mit den Hosen. Dieses Gewand ist au beiden Seiten von der Hüfte an offen, uud so lauge es ist, verbirgt es keine Form. Ich konnte nicht genug betrachten und prüfen. Die schöne Blondine brachte einen Pack Kleider herbei, um mich zum Zeugen ihrer Kleidung für das Ausgehen zu machen; zuerst warf sie sich ein weites seidenes Rosagewand über, das man Tob nennt, und der Anblick des lachenden Mädchens in diesem rothen Hemde kam mir vor wie die wächsernen kleinen Engel an Weihnachten. Sodann kauten die weiße Linncnbinde, welche wie eiu übers Gesicht gelegter chirurgischer Verbaud aussieht, dieses verhüllt und bis herab zu den Füßen reicht. Ueber alles dieses, die ganze Figur vom Scheitel zur Ferse bedeckend, kommt das schwarz seidene Habarah, ein alles deckender Domino, aus dem nichts hervorsieht als der weiße Schleierstreif uud ein paar schöne Augen. Ties; war die Verwandlung des blühendsten Mädchens von Kairo in die breite Matrone. Ich erkannte meinen Irrthum, der mich bisher in jeder Dame die ich zu Esel auf der Straße begegnete, eine alte Frau vermuthen ließ. Sie scheu aus wie reitende Särge, schwarz und weiß überhängt. Es war zu reizend zu sehen wie das hübsche Mädchen eiu Stück ums andere an und wieder ablegte. Die Fatimidcn-Dynastie begann ihre Herrschaft im zehnten Jahrhundert mit Erbauung Kairo's, und der große Saladiu nlugab die Stadt zweihundert Jahre später mit Mauern und 302 Schanzen. Dlese welchen nun den Verschönerungen, welche als eine der gelungensten europäischen Nachahmungen in diesem Lande anzusehen sind. Die wallähnlichen Schutthügel welche Kairo so lange umgaben, find größtentbeils geebnet und an ihre Stelle Anlage,: und Alleen getreten, welche Alt-Kairo und Vulac mit dem eine halbe Stunde vom Nil entfernten Kairo verbinden. Vulac ist der Hafen für die von der Meeresküste, Alt-Kairo für die don Oberägyptm kommenden Schiffe. Tie Hauptstadt selbst ist von ihren Hafenstädten durch Flächen getrennt, die durch ihren reichen Anbau zeigen, wie Aegypten in seiner früheren Blüthe must ausgesehen haben. Von Fostat herab bis zu dem reizenden Schubra und zu dem Obelisk von Heliopolis ist alles bebaut, und die guterhaltenen Wasserleitungen erhalten diese reiche Gbene in einem Glänze, den man fast nur ähnlich in der auf dieselbe Weise bewässerten Hnertc, von Valencia findet. Es ist schwer sich von dcr Macht der ägyptischen Vegetation einen Begriff zu machen, auf welche weder Hitze, noch Staub, noch Dürre einwirkt, da sie durch beständige Bewässerung der fruchttreibendeu Nilcanäle ganz außer den Bereich klimatischer Ginflüsse gestellt ist. Der Anblick der drei altersgrauen Städte wird durch die mitten durchlaufenden verschiedenfarbigen Gärten uub Culturanlagen gehoben, von denen der weißliche Hintergrund des Mokkattamgebirges desto schärfer absticht. Künstlich erhobene Vewässerungscanäle haben die alten Aegyptier dielleicht besser angelegt, allein die Ableitnng der Ueberschwemmung und ihre Regelung versteht die moderne Technik in weit höherem Grade. Der schöne ovale Esbekieplatz, der südlich zwischen Vulac und Kairo liegt, ivcir stets den Ucber-schu'fmmungen des Nils ausgesetzt und mehrere Monate hindurch ein Scc. Jetzt ist er mit einem großen Canale umzogen, welcher ihn gleich dem Häuserkreisc in einem Halbbogen umspannt, und zwischen sich und diesem eine sehr breite Straße läßt. In der Mitte dieses Platzes, wo sonst die glänzenden Ma-meluckenaufzüge uud die Revuen Vonaparte's stattfanden, sind nun Akazienpflanzungen gemacht und die alten Sykomoren mit ihnen verbunden. Brücken führen von allen Seiten über den Canal nach diesem Platz, und Wege durchkreuzen ihn in allen Nichtungen nach Vulac und dem angränzenden belebtesten Theile 303 Kairo's. Immer mehr füllen sich die maurischen und türkischen Häuser welche den Platz umschließen und sonst den stolzen Mameluken zum O-uartier dienten, Das Palais her Tochter des Pascha, der Frau des verruchten Defterdars, war die Mordstätte des edlen Kleber und wirb jetzt theilweisc von dcr orientalischen Schule benützt; das Haus, wo Vonapartc gewohnt, hat jetzt ein Nlema eingenommen, und wenn Aegypten zur Nuhe zurückgekehrt seyn wird, können europäische Reisende, Ansässige und Gastwirthe keine schönere Stelle in Kairo zu ibrcr Nieder, lassung finden als den Mbekieplatz, durch Form und Größe einer der merkwürdigsten der Welt. Allein der durch Kriegsrüstung erzeugte Geldmangel zwang den Pascha alle Vcrschöne-rungsanstalten einzustellen, der große Palast des Abbas Pascha ist kaum zum ersten Stockwerk gestiegen, und der Platz selbst zeigt kaum erst was er werden kann, wenn man fortfährt ihn umzugestalten. In dem ungeheuren Kairo finden wir nur Vme regelmäßige ober vielmehr fahrbare Straße, die aber gleich allen andern eng und ungepstastert ist. Der Mangel an Pflaster ist angenehm, so lange es nicht regnet; bann entsteht aber ein Schlamm, der für das Reiten, besonders für die Kamele, höchst lästig wird, während man zu Fuß gar nicht mehr fortkommen kaun. Da alles Licht in die Häuser durch die Hofraume kommt, so glaubt man sich immer von Gefängnißmauern eingeschlossen, und hierin besteht der hauptsächlichste Unterschieb zwischen der türkischen nnd arabischen Bauweise. Jene Hauptstraße führt nach der Citadelle hiuauf, bie auf hohem Felsen über der Stadt steht, und sie ganz beherrscht, so dasi dieser Punkt als der einzige militärisch feste Aegyptens angesehen werden darf, insofern die überragenden hintern Höhen vertheidiget sind. Vom alten Sa-ladinspalast ist nichtö mehr übrig, dagegen hat Mehemed Ali ein Palais in den Hof gebaut, über dessen Manern der einzige Mamelnck mit dem Pferde in die Tiefe der Stadt gesetzt hatte, der dem Vlutbadc seiner unglücklichen betrogenen Cameraden durch dieses fast unglaubliche Wagniß entronneil war. Die Lage dieses neuen Palais ist vortrefflich, eine große Moschee dient ihm als Portions, und (Bärten fassen es ein. Alles ist kaum halb vollendet, Säuleu und Wandbekleibung von dem herrlichen weißlichen Alabaster, gleich bcm Agctthonhr auS Venisueff von 304 reizend geschlängelten und welleuförmigen gelben Adern durchzogen. Dieser Palast überblickt das Nilthal bis zu den fernsten Pyramiden, nnd das unversiegbare Getöse Kairo's dringt gleich der Meerbrauduug zu seiner Höhe herauf. Der breite hellgrüne Streif des Nilthals zieht sich zwischen den gelbgrauen Hügeln hin, welche die Wüste auf beiden Seiten abgränzcn. Unten ist reiches, üppiges Leben, mit allem was fruchtbare Erde erzeugen kann, oben alles wie abgestorben und abgeschnitten. Nachdem wir in den Saladinsbrunnen hinabgestiegen, die Münze und die großen Schmelz- nnd Gußanstaltcn am Fuße des Castellfelsens besehen, ritten wir hinten hinaus auf die Straße nach Suez, wo die alte Gräberwelt sich über dem Mokkattamgebirge ausdehnt, Moscheen und Marabuts, mit «erlassenen Wohuuugen durchzogen, das Grab der tapfern Mameluckenbeys mit der auf Stem abgedruckten Fußsohle des Propheten. Jede Religion hat ihre Heiligthümer, ihre Mysterien, keine verwahrt sie aber unsicherer, als dieß hier der Fall scheint, wo ein Mädchen um geringes Vakschisch daS Verbot des Eiutritts sür uns aufhob. Eiue große Karawane Engländer sammelte sich in der gelben Graberstadt, uud wüthig schwangen sich die reizenden Ladies auf die brüllenden Kamele um dem rothen Meere zuzusteuern. Tie Moscheen der Araber sind von den türkischen so verschieden, wie die Wohnungen beider Nationen. Unter denen Kairo's zeichnet sich die Sultan Hassaus in einem Parallelogramm aus. Friese, Zicrrath und Sculptur dieser Architektur fiuden wir veredelt in den arabischen Resten, welche uns Spanien aufbewahrt hat. Eine breite Allee von Sykomoren und Atazlen führt am Nil hinab nach Schnbra, dein Lieblingsaufenthalte des Pascha. Neue Villas dcö Abba Pascha und Kaffeehäuser zieren den Weg dahin-, der Garten von Schubra selbst hat keinen glänzenden Eingang, er ist von monotonen Wegen und Bogengängen durchschnitten, schließt aber einen solchen Reichthum an fremden Gewächsen, Bäumen und Pflanzuugeu in sich, daß die unter ihrer goldenen Last strotzenden Orangen- und Citronenbäume hier als die gewöhnlichsten erscheinen. Der Kiosk in Mitte des Gartens ist vermuthlich der schönste des Orients, wenigstens der geschmackvollste mir bekannte, (5r ist von bedeutender Größe, nach alleu Seiten von doppelten offenen Galerien umgeben, von zweien durch deu Garteu, von den zwei andern vom Wohugeschoß 305 eingefaßt. Die weißen Marmorsäulen sind vierfach geschliffen, und Decke und Wände mit frischfarbigen Arabesken bedeckt. Alles im indischen Style. Die Anlage zur Gasbeleuchtung ist gemacht, aber nicht ausgeführt, wie überhaupt dieser Pavillon nicht vollendet wurde. Im Innern des Quadrats ist ein tiefes großes Baffin, welches seinen Zufluß von den vier Gckterrafsen des Säulenganges erhält. In der Mitte erhebt sich ein prachtvoller Springbrunnen, den vierundzwanzig Krokodile tragen, das ganze Nasserbecken ist ebenfalls vom feinsten weißen Marmor, ein Teich von filtrirtem Nilwasser, in dein man schwimmen und im Nachen fahren kann. Hier vergnügten sich die Frauen des alten Mehe-med, ehe er seinen Harem abgedankt hatte, und sein Arbeitszimmer stößt ebener Erde an die Halle, wo cr am liebsten verweilte. Reizende Durchsichten gehen ln allen Richtungen in die Gartenwege, und ein künstlicher aber auch uicbt beendeter Verg bietet Fernblicke über Park und Nil nach der Stadt. Das Palais am Nil enthält besonders schöne Gemächer des Harems mit allem ersinnlichen orientalischen ^urus ausgestattet, worunter sich große Spiegel, Damastottomanen und asiatische Fuß-ieppiche in den hohen unter sich durch kolossale Flügelthüren verbundenen Sälen auszeichnen. Decken und Wandmalereien sind i» chinesischem Geschmack, die Kühlungsräume und springenden Wasser in den Erdgeschossen in ächt arabischer Vollkommenheit angelegt. In einem Hause vor Schubra stehen die zwei größten mir bekannten Elephanten die wir bestiegen und in den prachtvollen goldseidenen Palankinen uns auf ihnen gütlich thaten. Eine halbe Stunde entfernt befindet sich das Gestüt von Schubra, das ein Franzose, Hr. Hamon, leitet. Große Gebäude fassen die geräumigen Stauungen in sich, dercn Wände gemauert, die Decken aber von Holz sind. Die Pferde stehen in vier Reihen, die Köpfe paarweise gegen einander gerichtet, so daß meistens zwei Reihen die Sonne im Gesichte haben. Sie sind nicht gefesselt, die Warte gut, mit Haber und wenig Klee. Barren und Vordorstande sind von Stein, die Laufstände mit dicken Seilen, Nehfelle aber an den Seiten angebracht. Gitterkörbe für Häcksel befinden sich links im Stande. Eine sonderbare Sitte der Araber ist das Nasiren der Pferdschweife. Der Stuten sind gegen sechshundert, meistens uuedel und gemeinen ägyptischen Schlages. Hengste sind sechsuuddreißig. wenig Voll- Morgenland und Abendlcmd. I. 2»c Aust. 20 blut, und daher Vastarderzengnng, die nie zum Guten, nie zum Edlen führt. Die Füttcruug der Fohlen ist wie in Vabolna, Haber und dazu indischer Klee, der ihnen im Parke vorgeworfen wirb, da dieser anstatt Gras nnr Sand bietet. Die bisher erzeugten Fohlen haben viele Abzeichen, mißbildcte Knochen, nnd tragen größtenthcils den Stempel gemeiner Herkunft, Was ließe sich auf diesem Flecke mit solchen Mitteln für ein Stammgestüt herrichten; so fehlt es aber am Vcsten, den Vollblutpferden, nnd der Gestütsvorstand gestand nur ganz aufrichtig daß er weder in Syrien noch Arabien gewesen. Wie immer ist hier für die Thiere besser gesorgt als für die Menschen. Jene stehen in einem Palaste, diese wohnen in Hütten daneben. Vor zwanzig Jahren wäre ein Christ erschlagen worden, der es gewagt hätte eine Moschee in Kairo zu betreten. Jetzt greift man auf den heiligen Steinen nnd an den Vorhängen herum, und wir wandelten in dein Sanctuarinm von Atterfunabi herum und befühlten die zwei Fußstapfen des Propheten, wie wenn wir in unserm Zimmer wären. Die von Sultan Hassau erbaute Moschee ist ein wahrer saracenischer Vau, mit den majestätischen Hufciseubogen, Zinnen-mauern, künstlichem Holzschnitzwerk und edlem Kuppelbau. Dic Moschee Sultan Amru ist N00 Jahre alt nnd in ihrer ächt arabischen Anlage nur durch die zu Cordova übertreffen. Ihr offener Hosraum ist von fünffachen Hallen, 244 Marmorsäulen fassend, umgeben, und hier sollen gegen vierhnnderttausend (dopten oder Christen au Vinem Tage den Islam angenommen haben. Die englischen und amerikanischen Missionäre machen heutzutage keine so guten Geschäfte, allein der griechische Nitus greift auch hier am drohendsten um sich; der russische Kaiser hat auch hier eine Kirche reich dotirt, nnd die Christen glauben hier wie im ganzen Orient an eine Wiederherstellung deS Christenthums. In Kairo berühren sich scharfe Gegensätze. Wir ließen eines Nachmittags den berühmten Schlangenzähmer zu uns rufen, der Scorpionen, Taranteln nnd Schlangen auf bloßer Vruft herumträgt, Abends besuchten wir das Theater, wo junge Europäer italienische Farcen vor der buntesten Mischung eines ans allen Trachten zusammengesetzten Püblicums spielten, dann gingen wir in eine Gesellschaft, wo Quadrillen und Walzer von 307 lieblichen Mädchen nach dem Clavier ausgeführt wurden, und Nachts besuchten wir die Spielbänser, in denen Mohren und Fellahs mit der äußersten Leidenschaft Hasardspiele spielten. Wenn man aber ans dem bunten Leben der Straße in sein kirchengetvolbähnliches maurisches dunkles und enges Zimmer tritt, in das weder von Sonne noch Mond ein Lichtstrahl dringt, dann wird die Nacht beim Erwachen in der Kellerlust peinlich, nnd doppelt peinlich, wenn man von der Nilfahrt zurückkommt, wo man immer in freier Lust lebt und schläft. Vor dem Thor von Abusabel standen die Türken im Lager, die bei Nisib übergegangen waren, wilde Arnautengesichter. Durch Gärten und Olivenpflanznngcn reitet man zwei Stunden fort bis Heliopolis, wo in den dichten Vaumpflanzungen eines Dorses der Felsenbrnnnen gezeigt wird, in den Joseph versenkt ward, und aus dem jetzt Ochsen Wasser anriehen. Etwas weiter steht die alte znsammengekrnmmte Sykomorc der Maria. Hinter dem Orte aber breitet sich eine reizende Fläche aus, die ganz von hohen Schntthügeln im Duadrat umgeben ist, welche die Trümmer der Sonnenstadt bergen. In der Mitte steht ganz erhalten der Obelisk, viel noch in Erbe vergraben, nnd dennoch einer der schönsten nnd höchsten anf Erden. Vier Rosmarinalleen sühren ans ihn hin, und ein blühender Garten des Boghos Vey umfaßt ihn. Wie verändert ist alles in Kairo nach der Ueberschwemmnng, nnd solche grüne Felder kann nnr solche schwarze Erde treiben. Die Insel Nodda liegt qner über ^'on Alt-Kairo int Nil und ist ein Lieblingsfpaziergang der Einwohner von Kairo. Hier findet man alle tropischen Gewächse von der Kaffccpftanze bis znr Banane in lieblichem Chaos, und ein Muscheltempc dient als Mittelpunkt. Europäische Consuln haben hier Landhäuser gemiethet und geniesien von ihren Fenstern die Aussicht der Pyramiden. Es ist hier wohlthuender als in irgend einer andern Stadt, die prächtige Vegetation ^u genießen, die in so scharfen Gegensätzen mit dem ringsum sitts näherrückenden Zer-störungßprocesse der Wüste steht. Die cnropäische Gesellschaft in Kairo zeichnet sich vor vielen des Orients ans, sie hat ein mehr großstädtisches Gepräge nnd hält sich mehr entfernt von den Klatschereien und der den Tür-l'en so anstößigen Verfolgnngssuchl und Unduldsamkeit, welche 20» 308 Smyrna und Pera so treulick, dem christlichen Guropa abgelauscht haben. Die Unzahl von Abentcurerit und schlechten, ans Europa vertriebenen Subjecten, womit das unglückliche Aegypten unter dem neuerungssüchtigen Pascha heimgesucht ward, hat zwar öfter das europäische Element in Aserandrien und Kairo in-ficirt und in übles Licht gestellt; wie ich aber diese Gesellschaft in letzterer Stadt kennen lernte, kann ich sie in ihrem Freihalten von kleinlichem Geiste nnd vom europäischen Sittenstorbnt nur hochschätzen, nnd nirgend im Oriente sinbet sich der anständige Fremde gleich so heimlich, nirgend begegnet er so biederem, allgemein herzlichem Empfange, wie in der großen fernen Kalifen--stadt. Leider sind alle Bestrebungen rechtlicher europäischer Kaufleute in diesem Lande fruchtlos, nur einigen feilen (kriechen mag es gelingen gemeinschaftliche Sache mit dem verderblichen Systeme des Pascha zn machen, und alle Anstrengungen zu ehrenhaftem Erwerbe erlahmen unter dem Gifthauche des Mouopolhaubcls des habsüchtigen Mehemed. Tas große Vairamfest trug in Kairo durchaus nicht den heitern lichtvollen Charakter, der es in Alei'anbricn so reizend gemacht, wozu übrigens die Verzierung der Flotte das «»eiste beigetragen hatte. Morgens war feierliche Aufwartung bei Abbas Pascha, des alten Mehemeds Enkel, wobei es wo möglich noch unfeierlicher zugeht als beim Herrn Großpapa in Alexandrien. Abbas Pascha empfing die Aufwartungen, die sich in den verschiedensten Un«formen und Costümcu in dem großen Saale aus- nnd eindrängten, Abbas ist ein kleiner fetter Knirps, mit aufgedunsenem rotbl'lanem Gesicht, ganz ordinären Zügen, lebhaftou Augen, ohne alle Würde, ohne Manier und von großer Nonchalance. Seine vohc Gesinnung, seine niedrigen Neigungen sind ihm auf dic Stirne geprägt, und er lag, zum Knäuel geballt, in der Me seines Divaus mit türkisch aufgezogenen Beinen, die Aufwartenden kaum eines Blickes, geschweige eines Kopfnickens würdigend, Alö ich eintrat, war die Masse schon verlaufen, und ich stand allein vor ihm. Nachdem ich mich hatte vorstellen lassen, uud er keine Miene machte mir Platz anzubieten, setzte ich mich knapp neben ihn nieder nnd legte meine» Hut ab. Wie man bei einem türkischen Großen sitzt, bringe» die Diener Kaffee und Pfeife, und so ursupirte ich die mir gebührende Stellung, welche die Insolenz Sr. Hoheit nur ver- 309 weigern wollte. Er schieil etwas überrascht, unterhielt sich aber doch längere Zeit mit nur, worauf ich ihn verlies?. Trotz aller scheinbaren Unterwürfigkeit liegt in den türkischen Machthabern eine übermüthige Gesinnung verborgen, der man bei jeder Gelegenheit entschieden entgegentreten muß. Wenn man die Araber bei ihren Festen sieht, kann man sich leicht über den Zustand des Landes täuschen, man sieht dann nur das gntmüthige kindliche Volk. das wenigstens für Augenblicke die Brutalität seiner Peiniger vergißt. Die wahreu Vcrgnügungsortc der Orieutalen sind aber die Grabstätten ihrer Väter. Hunderttausende schwärmten an Nachmittagen der Vei-ramstage auf den Gräbern herum, und Spiele aller Art, Schau-telu, Seiltänzer, Sänger, recitlrende Mädchen und Greise, männliche Tänzer und Taschenspieler bildeten zwischen den Grabsteinen unzählige Kreist nm sich, Ich war der einzige Guropäer unter diesen gährenden Massen, und überall machte man mir willig Platz, und das freundliche (5avadja, dieses arabische Monsieur, lockte mich in manchen Kreis der gutmüthigen Fellahs. Einfach und bedeutungsvoll stand uuter diesem brausenden Getümmel das schlichte Grabmal des großen Vurckhard, der uns die Pforten des Wunderlandes aufgeschlossen. Und über ihm zwischen den weißen Sandhöhen liegen zerstreut im Tbalc die prächtigen Kalifengräber, sinnverwandt mit den unterirdischen Königsgrabern zu Theben. Jenseits aber der großen Stadt trieben andere Tausende sich auf den Ruinen von Fostat umher, auf den Schutthügeln der Hauptstadt Amru's, bis zu den herrlichen Steinbrüchen hinauf, aus denen so viele tausend Gebäude und die Tempel und Pyramiden von Memphis erbaut und fast alie spurlos verschwunden sind, wahrend diese Steinquellen ewig stießen um noch zehn ähnliche Riesenstädte zu erzeugen. Hier hat sich Mehemcd Ali seine Gruft gebaut, ihr fehlt aber die alte stunnnberedte Pracht von Ejub. Möge er hier einst die Ruhe finden, die er im ^'eben sich nimmer gönnte, und möge er zuvor die Schläge des Schicksals benutzen um seinem Laude Leben und Freiheit zu schenken, damit ihm nicht der Fluch seines zertretenen Volkes in diese goldene Todtenstätte folge. 37. Ibrahim Pascha. Ibrahim war factisch König von Syrien, das er seit seiner Eroberung beherrschte und beinahe nicht mehr verlassen hatte. Seine persönliche Vravonr, die Raschheit seiner Bewegungen, womit er stets ans bedrohten Punkten mit Blitzesschnelle erscheint, haben eine Furcht vor seiner Macht erzeugt, die allein im Stande ist dem Allsbruch größerer Unordnungen vor^llbcugen, wie wir in Naplus nnd Iernsalem sahen, wo er seine Rettung nur großer Entschlossenheit verdankte. Er ist Soldat, aber gemeiner Soldat im vollem Sinne des Wortes und jedem höhern Kriegswissen fremd. In der Schlacht ^on Nistb mußte Oberst Selbes jede Disposition snr Vewegung und Aufstellung machen, zum Trcinschlageu ließ er den General en (^hef los. Ibrahim ist der Sohn eines Weibes, die Mchemed Ali, später unter die seinigen aufnahm, Er adoptirte Ibrahim später, weil dessen tapferer Degen dem schwächer werdenden Greise immer unentbehrlicher wurde. Durch seinen Ginftuß auf die Armee, unter der er lebte, begünstigte er das Schreckensregi-ment des greisen Vieekönigs, und trug nicht wenig dazu bei sein Reich zn befestigen. Dieses Reich soll erblich gemacht werden; wer soll es aber erben? Im Orient kann ohnehin niemals von einer legitimen Succession die Rede seyn; hier fiele aber das kaum geschaffene Königthum einem Bastard zu, der wohl fähig war es zu erobern, dem es aber nicht gelingen wird den gegen ihn herrschenden Haß zn beschwören und feste Bande zwischen Völkern zn knüpfen, die auf so naturwidrige Weise hier zusammengebracht wurden. Gehaßt ist Ibrahim wo möglich noch mehr wie Mehcmed Ali. Dieser hat doch noch Anhänger, wenn gleich keine Freunde; Ibrahim aber hat nur Feinde, gefahrliche Feinde, die seine Mißhandlungen, sein brutaler Hochmuth, seine Mißachtung alles 31l Menschcnwerthes erbittern, und selbst die Arust des langmüthig-sten Türken mit Nachcgedanken gegen ihn erfüllen. Die in ihm wohnende Menschenverachtung legt sich nnr Zügel an, wenu er mit Ansländcrn zu thun hat, und anch diese Rücksicht der Politik, welche er seinem Adoptivvatcr verdankt, übt er erst seit seinem gräßlichen, mit blutigen Zügen in die Annalen der Geschichte geschriebenen Mordzuge in Morea. Ibrahim ist sehr reich und hatte, ansier den Erpressungen für seinen eigenen Säckel, in wenigen Jahren die Abgaben des armen Syriens von vierzig Millionen Piaster die es an die Pforte zahlte, ans hunbcrtundachtzig Millionen getrieben! Sein System ist, wie daö Mchemed Ali's, alleil Reichthum zu vernichten, weil ein armes Volk leichter zu regieren sey als ein wohlhabendes. Hierdurch wird aller Handel gelähmt und der Druck unerträglich. Sein Wuchersinn wirft sich auf alles was Gewinn bringen kann, und selbst Pflanzungen und Garten-anlagen die man seinem Schönheitsgefühl zuschreibt, schuf er nur als fruchttreibende Interessen des an sich gerissenen Bodens. Die Gelberpressungen welche er sich erlauben darf, weil Mehe-med ihm nicht mchr zu widersprechen wagt, übersteigen alle Gränzen, nnd er ist die Ursache der drückenden Willkür, mit welcher auch über das bewegliche Eigenthum der Menschen verfügt wird, nachdem der Voden längst schon in den Händen dieser Macht-Haber ist. Das System des Wegnehmens der Nilbarkcn, wodurch aller Verkehr gelähmt oder vernichtet wird, hatte Ibrahim auch auf Syrien ausgedehnt, uud Pferde, Kamele, Maulthiere, Esel werden zu Taufeuden täglich in Beschlag genommen und nie wieder zurückgegeben. Man muß sehen wie er St. Jean d'Acre's Befestigungen baute, wohin nicht allein das Lastvieh aus dem ganzen Lande znsammengctriebcn wurde, sondern auch Arbeiter und Handwertsleute zu Tausenden zum Frohndicnst gezwungen wurden, so daß man in den benachbarten Städten weder das Feld bauen, noch selbst mehr Vrod backen konnte. Und alle diese Proceduren wnrdcn mit einer Herzlosigkeit, mit einer Schonungslosigkeit betrieben, wie hier die Conscription der Soldaten, die lebenslang dienen müssen, und deren Wahl nicht nach gesetzlichen Bestimmungen, sondern nach Willkür, ohne alle Familienrücksichten vorgenommen wird. Und wenn man diese traurige Nachäffung europäischer Einrichtungen in der Nähe 3ls betrachtet, wi^ das Glück dieser Völker einem bloßen Wahn geopfert wird, wie diese Fortificatioucn, diese Truppenlager, diese drohenden Vertheidigungsanstaltcn eine lächerliche Komödie sind, und wenn man weiß, wie diese Armeen von Kindern, Verstümmelten und Mißvergnügten beim ersten Kanonenschuß einer europäischen Division anseinanderlaufen würden, so kann man nicht umhin den Schrei der Verzweiflung, der durch diese unglücklichen Länder hallt, mit tiefster Rührung zu vernehmen, und wird nicht zweifeln daß die Vergeltung nicht mehr lange ausbleiben wird, um all diesen furchtbaren Bedrückungen, diesem grausamen Wüthen gegen Menschen- und Völkerrechte ein Ende zu machen. Die Handlungsweise Ibrahims zeigt mehr als Verblendung, sie zeigt ein böses Herz, und dafür ist keine Besserung zu erwarten. Er hat sein Leben hindurch ein wahres Vergnügen am Zerstören, eine rechte Mordlust bewiesen, und seine Stratageme, um Geld zu erpressen, sind schauerlich. Ich kam an einen Ort, wo ein Mann nicht bezahlen wollte was man von ihm forderte. Er wurde mit seiner Frau zusammengebunden, zuerst von vorne, dann mit den Rücken, und so erhielten sie beide von zwei Seiten die Vastonnade, so lange bis das Geld erlegt wurde. In Nazareth war ich Zeuge, wie der Pächter der Douane zwei Tage und zwei Nächte fortgehauen wnrde, weil er die Summe die er schulbete, nich^ a-uf den Tag erlegen konnte. Vergebens erbat er sich Frist um das Geld bei benachbarten Geschäftsleuten, die ihm schuldeten, beizutreiben. Sein einziges Kind wurde als Sklave verkauft, und er selbst soll am Morgen unserer Abreise den Geist aufgegeben haben. In Siut, wo Ibraham früher Gouverneur war, erzählten mir glaubwürdige Leute, daß er sich ciue eigene Art von Zeitvertreib erfaud, um seine müßigen Abende zu füllen. Er ließ nämlich oft Morgens Menschen ohne Grund und Rechts« spruch aufhängen und Abends vor seinem Kiosk aufstellen, um sich im Pistolenschießen auf ihre ausgestellten Leichen zu üben. Die Armee stand seit der Schlacht bei Nistb in Cantonnirun-gen bei Marasch und Aleppo. Anstatt aber diese Friedenszeit zu benutzen, um sie besser auszubilden, überließ sich Ibrahim gänzlicher Unthätigkeit und Vollerer; er schickte sogar die europäischen Ofsiciere, welche die Regimenter gebildet, in die Depots zurück, und ließ die arme Armee seit achtzehn Monaten ohne Sold schmachten. 313 Was hat aber das zertretene Volk von einem solchen mit Schmutz «nb Schmach besudelten Wucherer zu erwarten, der künftig sei» Herrscher werden soll, von diesem Vlutmenfchen. dem Morden Vedürfniß ist, und der trotz seiner gegen Europa geheuchelten Besserung noch im letzten Kriege fünfhundert arme Kurden in ein Gewölbe sperren nud todtschlagen ließ. Ermordungen sind bei ihm eine ganz gewöhnliche Sache, und wie er früher viele seiuer Weiber hinrichten, ja einmal vier zusammengebunden in den Nil versenke» ließ, so sind Erdrosselungen in seinem Haushalte noch letzt etwas ganz Uebliches, nur sncht man sie mehr geheim zu halten, damit die europäischen Zeitungen nichts davon ausplaudern, und die Mächte in guter ^aune bleiben. Ibrahim hat höchst gemeine GesichtSzüge, auf denen die Rohheit seiner Gesinnung zu lesen ist. Sein Körper wird unförmlich dick, und seine Neigung zur Päderastie, welche in der Familie Mehemeds vorherrschend ist, besonders aber sein unmäßiger Genuß starker Getränke, lassen ihm das Horoskop eines baldigen unnatürlichen Todes stellen. Wer soll aber dann das noch gar nicht gebornc arabische Reich regieren, wenn diese großen Geister es werden verlassen haben? 38. Aegyptische Lehranstalten. Der Pascha von Acgypten braucht Menschen Kon blindem Gehorsam zur Verfolgung seiner Zwecke. Diese Eigenschaft bestimmt vor allem seine Wahl. Sein gesunder Sinn läßt ihn nach Subjecten von praktischer Brauchbarkeit streben, und hierzu konnte er nur durch Vildungsanstalteu jeder Art gelangen. Er hat zu wenig reelles Wissen, nm Mittel nnd Wege zur Erreichung dieses Zweckes selbst anzugeben, und steht zu ferne von jeder tiefer ins Leben der Voller eingreifenden Erkenntniß, um die Pildnng einzelner aus den Elementen der ganzen Nationalentwicklung als nothwendige Bedingung abzuleiten. Aus diesem Wege sind nun säst alle Pildungsanstalten ein Ingrediens der zahlreichen Täuschungen geworden, die Aegypten eine gewisse Celebritat verschafft haben, welche bei näherer Prüfung sich als unverdient herausstellt. Europäer haben die Vilduugsaustalten ins Veben gerufen, Europäer leiten sie größtentheils noch. Der Kastengeist beherrscht sie, sobald es um allseitige Gefährdung der Gristenz sich handelt, und wenn auch nicht alle Interessen des Fremden sich verbinden, so zeigen sie sich doch einig, wo es sich darum handelt der Regierung Illusionen zu bereiten. So wiegt mau sich in Aegypten in dem Wahn der Vortrcfflichkeit und Fruchtbarkeit der dortigen Schulanstaltcn, während sie wohl von beiden sehr weit entfernt sind. Die musikalische Schule zu Atternebi in Alt-Kairo erhalt ihre Zöglinge im zartesten Knabenalter. Diese Kinder werden nothdürftig im Notenlesen geübt, welches sich gewöhnlich auf den Part des Instrumentes beschränkt, das ihnen der Zufall zuerst in die Hand spielt. Die Instrumente selbst werden im Lande gefertiget und sind durchgehends vom rohesten Materiale. Bei einer Production, die man mir zum Besten gab/ fand ich 315 ^isle derselben »hue oder mit zerbrochenen Klappen, die Blechinstrumente aber von einem garstigen schreienden Tone. Die Mnsikstücke werden eingeprügelt, nicht ciustndirt. Tie wenigst geprügelten Inngen, welche durch ihren arabischen Musiksinn sich selbst lieben, werden an die Regimenter abgegeben, ans ihnen aber der Musikmeister gezogen. Man kann sich vorstellen wie diese Musikbanden beschaffen sind, wenn die mühsam durch mehrere Jahre cingcbläuten Märsche vergessen sind. Als ich in die Anstalt kam, mußte ich eine Stnnde warten, bis auS den hun-denfüufzig Eleven ein Corps zusammengestöppelt wurde, das mir die Parisienne und Marseillaise, diese Lieblingsthemas der Orientalen, in einer Art vorspielte, daß ich beide nicht mehr erkannte. Allein die Türken haben hiefür kein Ohr. Vei Prüfungen werden natürlich nur die besten Zöglinge vorgeschoben, die Vanden der Regimenter dursten aber bald wieder die gute alte Zeit der alleinigen und wahrhaften türkischen Musik ins Leben rufen. Die polytechnische Schule empfangt ihren Unterricht in arabischer Sprache. Die Vorbildung erhalten die Zöglinge in der Primärschule zu Musabel, wie denn im Ganzen das Unterrichtswesen in Aeg'.'pten zweckmäßig stufenweise eingeleitet wäre, wenn ein wahrer Eifer für das Beste und das Wesen der Erziehung in diesem Lande denkbar wäre. Hier sind nur sechs Lehrer augestellt, welche zugleich an der Kunst-- und Gewerbschule dociren müssen. Wie diesi für beinahe zweihundert Schüler in so vielen Zweigen des Wissens ausreichen soll, ist nicht abzusehen. Auch ist viel Schlendrian sichtbar, die gewöhnlichen Steckenpferde werden vorgeritten, u»d am meisten wird ans Zeichnung gewendet, worin man mir sehr gelungene Muster vorlegte und wozu die jungen Orientalen überall gleiche Neigung nnd Geschick zeigen. Wenn man von der Physiognomie auf die Fähigkeit schließen darf, so habe ich unter den Matrosen des Nils mehr Anlagen gefunden als bei den Zöglingen der Polyteehnik. Sie bleiben vier Jahre in dieser Anstalt, und treten sodann als Militär- ober Civilingenieure mit dem Grade als Lieutenants aus. Der schöne Palast des Abbas Pascha in Vulak faßt diese innerlich und äußerlich hinfällige Ingcnieurakademie in sich, und weder das Land noch der Pascha dürfen große Hoffnung darauf gründen. Die Ueber setzerschule ist ein Ding, das mir durchaus 316 nicht klar wurde. Hundertzwanzig Zöglinge werden hier ill vier Sprachen unterrichtet, französisch, arabisch, türkisch, Persisch. Sie erhalten wenigstens dem Scheine nach viele Fertigkeit in allen, denn das Wahre findet man in den hiesigen Anstalten schwer heraus, da stets nur die Matadors zum Cramen vorgerufen werden. Vin junger Mensch laß wir aus einem persischen Werke die türkische Uebersetzung fließend ab> wie diele tausendmal mag er aber dieß Kunststück bereits gemacht haben. Der Unterschied zwischen dem arabischen und türkischen Lehrmodus ist hier sehr auffallend. Ein arabischer Professor docirte hier die Syntax mit einer Passion, die sich seinen Schülern unverkennbar mittheilte-, ein türkischer Lehrer im anstoßenden Saale war die Ruhe selbst, und schien auch auf seine Zuhörer narkotisch zu wirken. Der Uebelstand daß die Schüler jeden Satz mit Gesten, mit Wackeln des ^ovfes, mit Hinüber- und Herübcrbiegen des Oberleibes begleiten müsse«, ist selbst bis in diese höheren Lehranstalten gedrungen, und ich finde überall in den Hörsalen der Wissenschaftett meine wilden Matrosen wieder, die am Feuer ihre Lieder pantomimisch cannibalisch begleiteten. Diese Uebersetzungsanstalt hat ihren Sitz in dem Palast des Dcfterdar auf dem Gsbekiehplatze, und die Palmen, unter denen Kleber ermordet wurde, beschatten sie. Was aber der Pascha nut hundertfünfzig Ueberfetzern anfangen will, die durchaus keine anderweitige wissenschaftliche Bildung oder Vorkenntnisse sich erworben haben, konnte ich nicht errathen. Nn der Mangelhaftigkeit aller bisherigen Leistungen im Uebersetzungsfache, welche oft zu grasstn und lächerlichen Irrthümern führt, möchte diese Anstalt zu den vielen kostspieligen Unternehmnngen ;u zählen seyn, dnrch welche Mehemed 'Ali die Welt nnd sich selbst hintergangen hat. Der Projectenschwindel ist wohl in keinem Lande weiter getrieben worden als im unglücklichen Aegypten, nnd jeder Vorschlag, er mochte noch so wunderlich seyn, sand bei ihm geneigtes Ohr. Wenn man die Phasen der meisten hiesigen Anstalten nachrechnet, und die kurze Zeit erwägt, welche jeder einzelnen Entwickluug gegeben ward, so sieht es manchmal einem stillen Irrsinn ähnlich, wie entgegengesetzte Richtungen häufig rasch aufeinanderfolgend ergriffen wurden. Den treffendsten Beweis gibt die Anlegung eines Spitals, mit dem man nach fünfzehn Jahren noch nicht zu Ende gekommen ist. Nachdem man die Kranken viele 817 Jahre hindurch auf Kamele in Kisten gepackt in, das drei Stunden entfernte Abusabel geschickt, fanden die Aerzte daß man es ihnen und sich selbst bequemer machen könnte, wenn man das Lazareth nach Kairo verlegte. Mit der Eile, mit welcher Me-hemed alles betreibt, es mag die Erbauung einer Flotte oder die Anlegung von Goldminen betreffen, würd»' das große für den Zweck medicinischen Unterrichts bestimmte Gebäude in ein Spital verwandelt, dessen ganze Vauart dem Zwecke widersprach. Valb häuften sich die Kranken, nnd in einem .Vocale, das nur Raum für neunhundert Bettstellen bot, mußten siebenzehnhundert untergebracht werden. Jeder Saal hatte einen Abtritt, und die Folgen der verpesteten Luft zeigten sich nur zu bald. Ausleckende Epidemien rissen ein, und ihnen erlagen alle anwesenden Patienten. Man begriff nun dasi hier, wie so oft in der Vau-anlage, Fehler lagen, und verpflanzte die Abtritte nach Norden, in einem Lande, wo neun Monate Nordwinde wehen. M ging also wieder nichr, und sie wurden nun wieder nach Süden vcr-legt. All' dieses Uuglück, alle diese kostspieligen Aenderungen hätte man ersparen können, wenn man die für heiße Länder zweckmäßigste Form eines Halbmonds gewählt hätte, der die frischen Nordwinde in alle Räume dringen ließe, während Latrinen, Waschhäuser nnd alle Reinigungsanstalten aus die Südseite gelegt wurden. Die europäischen Lchrplane wnrden dem unwissenden Aegyp-ten mit dem dictatorischen Eifer aufgedrungen, welcher alle Reformen seines Pascha bezeichnet. Die Anlage ist gut, die Ans--sührung aber wirkungslos, weil sie zwaugsmäßig nnd nur in der äußern Form nachgeahmt erscheint. Provincialschulen sind für ganz kleine Kinder in allen Städten Acgyptens eingerichtet, wo ich sie häufig aussuchte, nud mich jederzeit überzeugte dasi der ganze Unterricht sich auf ein leeres Nachleyeru einzelner Stellen des Korans beschränkt, wobei daö bekannte Kopfwackeln nnd alle die sinnlosen orientalischen Gesten nicht fehlen dürfen. Ausschließlich lobenswerth in der Anlage erscheint die Primär-Centralschule in Abusabel, wo über tausend Zöglinge von arabischen Lehrern im Arabischen und Französischen, in Geographie nnd Mathematik unterrichtet werden. Seitdem jedoch General Eegucrra diese Anstalt nicht mehr leitet, ist sie gänzlich in Verfall gerathen, nnd Mangel an Disciplin, Verdorbenheit, Päde« 318 rastie und Verwilderung jeder Art dort vorherrschend geworden. Tie einzige Schule, welche noch genannt zu werden verdient, ist die von Khenka bei Abusabel, wo die Prinzen und die Söhne der Vornehmen erzogen werden. Hr. König, der Lehrer des Said Bcy, ist ein höchst verdienstvoller Pädagoge, und steht an der Spitze dieser ägyptischen Pagerie. Die Infantcricschnle zu Damiette, die der Artillerie in Tura, die Eavallerieschule zu Gifeh nnd die sämmtlichen Marinelehr-finstalttn in Aleraudrien sind von französischen Osficiercn eingerichtet, und würden unstreitig zu gnteu Resultaten geführt haben, wenn der Pascha sich nicht dem falschen Glauben, überließe daß er bereits mit seinen Arabern allein sie fortführen könne. Die fremden Ofsiciere wurden entlassen oder wenigstens so behandelt daß sie selbst fortgingen, und die orientalische Indolenz zeigt sich fast überall im schädlichsten Lichte. Dieß erscheint auffallend in der Medicinschule zn Kasscrlein, wo keine praktische Bildung stattfindet nnd mit der Klinik ohne Vorstudien begonnen wird, um sodann die Schüler zehn Jahre ohne Klinik fortftudiren zu lassen. Diese mediciuische Anstalt ist geräumig, steht jedoch weit hinter der Schule Adlie zu Konstantinopcl. Die Vorträge werden arabisch gehalten, welche Sprache wegen »»angelnder Technologie sich vorderhand wenig dazu eignet. Auch hier ist Lehrzeit und (kramen nur Schein, die Hörsäle schmutzig, und die Anatomie wird schlächterartig aus hölzcruen Tischen geübt. Ich sah ganze Säle voll Soldaten, die eben erst die Ve-schneidung erhalten hatten, welche int vorgerückten Alter immer höchst schmerzlich und selbst lebensgefährlich wird. In andern Sälen fand ich arme Neger, denen taufend Knrbatschenstreiche die schwarze glänzende Haut zerrissen, fo daß die langen, eiternden, rothen Striemen klaffend von ihr abstanden. Die militärische Disciplin erstreckt sich bis hiebcr: auf das Commando des Arztes muß jeder Patient aufstehen und vorue ans Vett treten; cms ein zweites muß jeder den leidenden Theil enthüllen >— gräßlicher, unvergeßlicher Anblick! Wahrlich, die arabischen Chirurgen tönneu hier Behandlungsweisen üben, die den nnsrigen im gangen Lebeu uichl vorkommen. Auch ich wäre bald das Opser der herrschenden Dperirilngömanie geworden, (fin Haarschneider machte sich über meimm Kopf her, währeud ich ruhig in einem Buche las, bis ich noch zur rechten Zeit bemerkte daß er nur die Haare 3l9 rasirte, anstatt sie kürzer zu schneiden. Ich bereute später oft daß ich ihn nicht hatte gewähren lassen, und wer länger im Orient reist, thut stets besser sich gleich zu Anfang den Kopf scheeren zu lassen. In der Quarantäne und bis er nach Europa zurückkehrt, wachsen ihm die Haare gerne bis zur Normallänge, ja in der Ilegcl kräftiger als zuvor. Die europäischen Männer, die noch bei diesen Pflanzschuleu angestellt, sehen sich überall gelähmt und ziehen sich möglichst zurück. Die Veterinär- und Agrieulturschulen zu Schubra sind blosze Experimente, nnd das dortige Gestüt kann keine Früchte tragen bei der naiven Gewaltthätigkeit des Pascha, der auf die Vorstellung das; man die edelsten Pferde des Landes zu jedem Preise dazu erkaufen müsse, die merkwürdige Antwort gab: „wenn der dortige Vorstand des Gestüts wirklich ein so geschickter Mann sev, so müsse er dieß dadurch beweisen daß er auch mit schlechten Hengsten gute Zucht erzeuge." Ueberall gilt hier Schein für Wahrheit, prächtige Gebäude und gewissenlose Verwaltung, glänzende Prüfungen und grasse Ignoranz. Mehemed Ali sucht doch wenigstens den Schein zu retten, sein prasumtiver Erbe aber verschmäht selbst diesen, und wird sein Regiment wo nicht mit Rückführung zum ächten Tmkenthuln, so doch gewiß mit Verjagung aller europäischen und arabischen Toetoren beginnen. Arabische Sprachtunde und Wissenschaft sind zn Grunde gegangen, doch die Sprache nicht, und Mchemeb Ali ist vielleicht der einzige in Aegypten, der nicht arabisch spricht. Nur die Moscheen, besonders Achar, die Vlumenmoschee, pflegen noch das alte kostbare Kleinod; diese Institute siüd aber nun ihrer Einkünfte und Lebensquellen beraubt, und können bei der Zer-störnng ihrer Vristenz nicht mehr an die Pflege dcr Wissenschaften denken. Als vor kurzem der gelehrte Vorstand der Vlumenmoschee starb, traten zwei Competentcn um diese Stelle auf, der eine arm und geachtet, dcr andere reich, nnwissend, aber intrigant. Die Wahl wird durch Siimmenmehrheit der Scheits entschieden, und trotz aller Bemühungen konnte der reiche Bewerber unter vielen Stimmen nur sieben für sich erhalten, siel daher durch. Da er jedoch den Ali Vey, Stellvertreter des Abbas-Pascha, mit einem Geschenke von fünfundvierzig Veutelu gewonnen liatte, so erhielt er die wichtige Stelle, in welche man ihn aber incognito 320 Ullb ohne Ceremonien einsetzen mußte, weil man mit Recht Ausstände des empörten Volkes besorgte. Eine Militärmacht führte den unwissenden Präsidenten cms den Ehrenplatz der ersten Akademie des Reiches ein, und Kawasse umgeben ihn seitdem auf dem so ungerecht usurpirten ältesten Lehrstuhle der arabischen Gelehrsamkeit. 39. Die Pyramiden. Unsere tapfern Ianitscharen an der Spitze, traten wir im December die Reift nach Oberägypten an, nnd nachdem wir die Barke mit nnseren Leuten nach Vedrachein bestellt, machten wir mit der Sonne nns anf, um ans dcn Thoren des bereits sehr belebten Kairo zu reiten. Wir gingen in Alt-Kairo auf einer Fährte über den Nil, nnd in dein gegenüberliegenden Giseh schloffen sich nns acht kräftige Araber und drei Mädchen mit Krugen zum Wasserschöpfen an, welche wir die Tage unserer Pvramidenfahrt beibehielten, Die Hitze war drückend, als wir durch die blühenden Fluren ritten, ans denen arbeitendes Volk in Menge beschäftigt war. Immer näher rückten uns die weißen Kolosse. Ich konnte den Enthusiasmus so vieler Reisenden beim Anblicke dieser Riesenmasscn nicht theilen. Weder aus weiter Ferne, noch in nächster Rahe haben sic besondern Eindruck auf mich gemacht. Wenn man aber auf der großen Pyramide von Giseh steht, dann fühlt man erst das Ungeheure dieser Bauten. Als wir uns dem Canal näherten, welcher das fruchtbare Nilthal von der libyschen Wüste und ihren Gespettsterlönigeu scheidet, fanden wir eine zahlreiche Gesellschaft Herren und Damen in heftigem Gezänke mit Arabern. Wer könnte in Aegyp-ten reisen, ohne Engländern zu begegnen? Wir erkannten sie schou von weitem an jener steifleinenen Gravität, an jener eigenen Haltung des Kopfes, und an jenen mathematischen Manieren und den carrikirteil Anzügen, die zu den kleinen ägyptischen Gseln wunderlich genug abstachen. Einer dieser Herren hatte eben sein Gewehr auf einen Haufen Araber angeschlagen, als eine junge Dame ihm in den Arm fiel, ihn flehentlich anblickend, um ihn von dem grausamen Vorhaben abzuhalten. Es war eines jener transparenten überirdischen Wesen, mit dem Sylphidenwuchse, dem keuschen, frommen Auge, das sie nach Morgenland und Abendland. I. ^te Auft. Hl 322 dem Ergrimmten emporrichtete, und das irden Zorn entwaffnet Hätte, mir nicht den aufgeregten Griium eines John Vnll. Mit einem hier sehr unpassenden vornehmen Dünkel forderte der Engländer die armen Fellahs nochmals mit Donnerstimme auf sich anzukleiden, da sie ihre Hemden abgeworfen hatten mn die Gesellschaft leichter dnrch den tiefen breiten (Zanal tragen zu können. Die englische Prüderie war den Arabern ganz uu^ begreiflich, und selbst das schöne Mädchen und die, andern Damen zeigten sich nicht abgeneigt ans der Noth eine Tugend zu machen. Als aber zwei dieser Athleten wieder in dem anstößigen Naturzustande sich näherten, um ihre Function anzutreten, gab der Engländer Feuer, und einer der Unglücklichen stürmte. Zum Glücke dcs empfindsamen Helden wird das -Veben eines Fellab hier nicht hoch angeschlagen. Mit welchen Gefühlen mag aber die arme Miß die Pyramide des Cheops bestiegen haben. Da standen wir nun an den ungeheuren Felsenfundamenten, auf denen die grösite Pvrannde der Welt ruht, dieses architektonische Ungeheuer, das königlicher Ueberlnuth mit Vlut und Schweiß sklavischer Völker aufgethürmt hat, und schickten uns sogleich an die Spitze zu besteigen, welches allerdings etwas beschwerlicher ist als es auf den ersten Blick scheinen mag, Die Stufen sind oft über vier Fuß hoch und glatt, und da man sie mehr erklettern als er' steigen muß, da;u aber gar keine Haltpunkte findet, so macht diesi-Ascension sehr müde. Die starkeu Araber helfen übrigens treulich, indem sie die besten Gänge zeigen, für schwache Personen aber oder Damen ist esräthlick sich an dcn Händen hiuaufziehen zu lassen, indem zwei Araber sich auf die nächsthöhere Stufe stellen und den Steigenden heraufremorquiren. Diese Menschen sind sehr kräftig, und man darf keine Sorge haben von ihnen im Stiche gelassen zu werden. Die Aussicht auf dieser Pyramide ist über alle Beschreibung erhaben und mit nichts Anderem in der Welt zu vergleickien. Hier sieht man erst wie schön der endlose Garten des reichen Nilthales ist, das sich zwischen zwei wogenden Sandmeeren wie ein lieblich grünes Vand durchzieht, und abgeschlossen von den weißen Gebirgen des Mokkcuam nnd den gelblichen Hügeln der libyschen Wüste, in die räthselhafte, unabsehbare Ferne sich ausdehnt, welche die Wiege des vergötterten, lebenspendenden, mystischen Stromes in sich schließt. Hier übersieht ma» die alte Kalifenstadt in ihrer 323 ganzen Ausdehnung, und in mächtig gespanntem Bogen starren die Felscnkolosse der Wüste, alle gleich den Manen der Pharaonen aus dem Meere des Todes und der Vernichtung, aus der trostlosen grauen Wüste zu nns herüber. Wir verzehrten auf der Pyramide unser kaltes Frübstück, und tranken die Gesundheit unserer Lieben im Vaterlande mit Champagner. Jede Erinnerung nimmt einen heiligern Charakter an in so weiter Entfernung, und was Meer und Wüste trennt, sollte sich doppelt im Andenken anschließen. Die Luft in den Höhen ist so rein, sollten es nicht auch unsere Gefühle dort sedn? Das Abwärtssteigcn ist ermüdender als das Aufsteigen, da man die Stufen herabspringen muß. Der Vau ist steil, und wer Schwindel hat, sehe immer nur auf die nächste Stufe vor sich, nicht in die Tiefe. Gin Engländer stürzte voriges Jahr kopfüber herunter und ward zerschmettert. Gefahr ist keine, wenn man sich führen läßl, Leichte Fußbekleidung ist für die ganze G,rpe< dition rathsam, da Stiefel mit Absätzen sehr hindern. Die große Pyramide ist höher als Et. Petersdom in Noiu, und von der Größe der beiden Königsgcmächer könnte sie 3700 enthalten. Napoleon fand daß er mit den Steinen der Pyramiden ganz Frankreich mit einer Mauer umgeben und ein zweites Paris bauen könnte. Wir traten nun ins Innere, dessen Eingang hoch oben nnd mit einem Felsquader überlegt ist, den ich nur vom Architrav zu Mykenä übertroffen finde. Die Gänge sind meistens sehr enge und niedrig , mit glänzendem Marmor bekleidet. Man steigt in Vergschachten bequemer berum als in diesen königlichen Gängen, die man größlentheils gebeugt durchrutschen oder auf allen vieren durchkriecben muß. Man nennt querst das Gemach des Grabes der Königin, und von diesem hinauf zum Königsgrab führt ein sonderbarer Fußsteig, wie ihn gewiß weder lebende noch tobte Majestäten ähnlich zwischen sich angelegt. Der Gang hört nämlich ganz auf, und um zn einer beträchtlichen Höhe zu gelan^ gen, wo er sich erneuert, muß man an den glatten Granitmauern Hände und Füße in Löcher einspreizen und sich so anstemmend hinaufziehen. Diese Operation ist für Damen etwas bedenklich, da die Wände weit auseinander stehen. Hat man sich so hinaufgewunden, so betritt man den neuen Pfad, der aber so schlüpfrig und steil aufwärts geht, daß man jeden Augen« 21« 324 blick ausgleiten und in die Tiefe zurückstürzen kann. Fackeln erleuchten diesen mühsamen Gang, wo Staub und Stickluft die steten Begleiter sind. Das Halsbrecherischste ist aber die Ersteigung eines hoch über dem Königsgrabe befindlichen Gemaches, welches Katzen leichter erreichen können als Menschen. Man hat zwar Holzsprossen in die Wände gestemmt, allein so haltlos und gebrechlich daß diese Ersteigung immer äußerst bedenklich bleibt. Das Innere der Pyramiden ist noch wenig erforscht, besonders in den Tiefen. Sollte es denn glaubbar seyn daß die Eitelkeit der Menschen so weit gehen konnte daß sie solche Gebäude errichteten, bloß um sich einmauern zu lassen? Daß die Könige sich für ihren Körper eine schmale Kammer in ihren Itiesenschöpfungen vorbehielten, beweist nicht daß das ganze Innere dieser kolossalen Bauwerke keinen andern Zweck sollte gehabt haben als das Grab einzelner Cadaver zu seyn. Haben nicht auch unsere Könige ihre Leiber in die Grüfte schöner Gottes-tempel versenkt, ohne diese ihrer höhern Bestimmung zu entziehen? Die Tieft der Pyramiden, die ihrer Höhe gleichkommen mag, die vielen benachbarten oder in den Pyramiden selbst befindlichen Brunnen oder Cisteruen, die Nothwendigkeit Wasser in diesen Höhen durch künstliche Hebmittel zn erlangen und zu verbreiten, vor allem aber die noch nicht ergründeten unterirdischen Gänge, welche die Pyramiden in ihren Grundfesten durchkreuzen und unter sich in Verbindung zu setzcu scheinen, alles dieß mußaufVcrimithungen andcrerArt führen. Von ciuer so weit fortgeschrittenen Nation, wie die Aegypticr unter den Pharaonen, läßt sich nicht erwarten daß sie Schätze des Landes und Tausende von Menschenleben zum Opfer gebracht haben, bloß um zu zeigen wie spitze Berge sich in der Wüste ausnehmen, und um in diesen Quadermassen einige Grabstätten zu bergen. Mit Recht darf man annehmen daß höhere Zwecke die Aus^ thürmung dieser Fclsentempel leiteten, und daß die Aegyptier ihren Wassergott nicht schöner verehren konnten, als durch Verarbeitung seiner Spenden zum Wohl des Landes, in den stolzen, jeder frevelnden Zerstörung unzugänglichen Prachtbauten. Wir fiuden in und um alle Pyramiden dieselben Spuren von unterirdischen Wasserverbindungen, uud da die Aegyptier den Nil nächst der Sonne als ihre höchste Gottheit verehrten, von dem 325 sie Leben und alle Güter der Erde empfingen, so war nichts natürlicher als daß sie ihm den höchsten Cultus zu erweisen strebten, und so alls den sonderbaren Gedanken des Pyramidenbaues geriethen. Diesen wahrscheinlich in Mysterien gehüllten CultuS verbanden sie nun mit dem Nützlichen, und große Wasserleitungen wurden hydraulisch in diesen Reservoirs aufgestaut, um die Hügelkette und das rückwärts liegende Land zu überschwemmen. Denn wie jetzt Kairo an die Höhen des Mokattam sich lehnt, so mag einst das unermeßliche Memphis sich über die reizend« geformten Höhen des linken Nilufers ausgebreitet und das Nil-thal in weiten, seiner Größe würdigen, grandiosen Halbbogen umspannt haben. Daß die Wüste zur Pharaonenzeit nicht bis über diese Hügelkette ihren verheerenden Sand trieb, darf man mit Gewißheit annehmen. Die Schlußsteine und Wafferschleußen dieser glänzenden Kreise bildeten vermuthlich die Pyramiden von Giseh und Sakkarah, wofür schon die vielen Fundamente ganz großer Gebäude und Tempel zeugen. Ich glaube daher daß die Pyramiden den dreifachen Zweck erfüllten, als Königsgruft, Gottes« haus und Wassersammler dem königlichen Memphis zu dienen. Vs wäre interessant das Innere der Pyramiden anderer Länder, besonders am Ganges und Indus und derer in Mexico, die auch an Gewässern lagen, mit dem der ägyptischen zu vergleichen. Vor der großen Pyramide lagert sich die Svhinr, dieses schöne Symbol der Macht der Gewässer. Sie ist so weit auöge-graben, daß die ganze Brust freisteht, und der männliche Löwenrücken deutlich zu erkennen ist. Ringsherum, wie um die meisten Pyramiden, stehen ausgedehnte Mauern, welche auf die Größe der hier gestandenen Bauwerke schließen lassen. Schwerlich sind sie aus der Zeit der Pyramiden, die durch umstehende große Gebäude hätten verlieren müssen. Hinter der Pyramide steht ein abgesondertes Grabhaus, das einzige mit noch ganz erhaltenen Wandgemälden. Man lasse sich nicht abschrecken durch den unbequemen Eingang, in den mau durch zwei Löcher auf dem Bauche rutschen muß, wofür man aber reichlich belohnt wird. Figuren, Thier- und Landschaftsstücke, Hieroglyphen, und viele Nachen mit Seelen, die nach der Lehre der Aegyptier auf flüssigem Elemente schwimmen, die Farben enkaustisch erhaben aufgetragen, noch zum Theil glänzend, wie neu gemalt, fallen dem Auge auf, das sonst an dieser Stätte nur Steinmassen findet. 3s6 Die zweite Pyramide, welche Velzoni öffnete, ist schwer zu erklimmen, da sie kiel steiler als die große, und ihre Spitze noch ficich mit Steinplatten belegt ist, wie dieß wahrscheinlich auch wohl bei, den meisten andern der Fall war. Wir mußten vom Versuche abstehen sie zu ersteigen. Ein Araber erbot sich dazu um neun Piaster. Ganz nackt erkletterte er in zehn Minuten die Spitze, und sah oben aus wie ein kleiner Affe. Die dritte Pyramide ist die kleinste, aber die eleganteste und am besten erhaltene. Die großen Gramtblöcke über dem Eingang sind vollendet kunstrecht gefügt, und zeigen die Schwierigkeiten, welchen man beim Einbrechen in diese nun überall geöffneten Eingänge begegnete. Wir gingen hinein. Es sind höhere Gänge, bequemere Durchwcge. Gleich dem Häuschen in der Kirche zu Lo-rctto steht hier ein schönes von Marmor gefügtes Grabhaus von großem Gewölbe umschlossen, der glänzende Granit fein polirt, das Dach gespalten. Tiefer ist ein Gewölbe mit sechs Mumien-Nischen. Natürlich ist diese, gleich allen andern Pyramiden, längst ausgeplündert. Weiterhin steht tief in den Felsenboden der Wüste eingemauert, und oben erst ganz ausgegrabcn, das Grabgebäude, ein großes Haus mit Canälen umgeben, über die man springen muß, um auf den Nanb der breiten Mauern und das Dach z» gelangen. Der Eingang ist etwas schwierig. Man steigt in einen cistcrnartigen Thurm hinab, indem man sich ebenfalls mit Händen und Füßen in kleine Löcher der Mauern spreizt und stemmt, und gelangt so in den Saal der Mumien, Der natürliche Felsensockel, auf dem die große Pyramide ruht, ist von alten Gräbern durchfurcht, welche sich alle gegen das Nilthal wenden. Der englische Oberst Wise hat hier eine hübsche sinnreiche Anlage hinterlassen, indem er diese Stätten deS TodcS in Gemächer für Pilger verwandelte. Vängs des Felsens zieht stch eine umzäumte Terrasse hin, auf welcher ein großes Zelt ausgespannt ist. Hier ruhten wir von den Mühen des reichen Tages ans, sahen bei unserer Tasse Thee die Sonne hinter den Pyramiden in die Wüste hinabsteigen, und kurz darauf die volle Mondscheibe über der Saraccncnstadt auftauchen. Die Scenerie nahm einen ganz außergewöhnlichen Charakter an. Ein eigener, düsterer Zauber ruhte aus ihr, und gab dem ganzen Bilde den Anstrich tiefer Melancholie. Die großartige Zusam« 327 mensetzung der bunkelgchaltenen Färbung mit den silbernen Flächen der beleuchteten Seiten der Pyramiden glich mehr dem Phantasiegemälde eines schwermüthigen Malers, und die lautlose Stille des Thales mit den tieferen Schatten, die sich darüber hinzogen, erhob die kühn hervorspringenden Riesenmassen bis zum Idealen, und goß einen Reiz, eine Schönheit über daö ganze Nachtstück, das die Seele bis ins Innerste bewegte. Die aufgeregte Phantasie schafft sich hier Bilder und Vorstellungen von dem Leben und Treiben, das vor Jahrtausenden diese heiligen Stätten umgeben, und läßt vor ihrem inneren Seeleuauge die Menschen nochmal vorüberziehen, die hier gewaltet und geschaffen, und ihre edlen Leiber in diese Tome der Ewigkeit zur Rnhe gelegt, die nun von Habsucht und Frevel so unwürdig zerstört werden. Der nächste Morgen trieb uns von dem harten Lager unter dem Zelte, und die herrlich aufsteigende Sonne fand uns beim Frühstücke auf der Terrasse. Die Nebel des Thales hatten noch nicht die Nilufer verlassen, als wir uns aufmachten, um Abschied von den gigantischen Königsgräbern zu nehmen. Wir durchritten die Hügelreihe, über welche sich der Sand der Wüste herabzieht, und tamcn nach einigen Stunden zu den Pyramiden von Abusir. Die größte derselben besteht aus Cyklopenmaucrn, deren Felsblöckc nicht so groß find wie die zu Tirynth. Die zweite ist in Terrassen erbaut, aber schon sehr verfallen. Wir bestiegen sie, und hatten nun vas ganze Vild des Pyramiden-panorama's vor uns. Es sollen dreißig gewesen seyn, fünfzehn zählten wir noch aufrecht stehend. Ihr Eingang war gewiy schwer zu erzwingen, da er ganz aus strenggefügten schönen Quadern besteht. Zwischen diesen Pyramiden und denen von Sakarah kriecht man durch niedere Eingänge der Wüste in die unterirdischen Gemächer jenes großen Mumienfclds, das sich in der Erde über eine Stunde iu unzähligen Kanälen uud Zisternen fortzieht. In trichterförmigen hermetisch geschlossenen gebrannten Scher« bm findet man Vögel in Leinwand gewickelt, welche der Aberglaube de» Hingeschiedenen Seelen mitgab, und die der Frevel der Buben jetzt zertrümmert. In der Nähe wurden Ausgrabungen von Mumien gemacht, etelbaftes Gewerbe dcr schändlichen Habsucht europäischer Antiquare, von dem wir uus mit Abscheu abwendeten. Jetzt ist das Nachgraben nur noch Privilegirtcu 328 gestattet, und der alte biedere Antikenhändler Mezzara in Kairo hat eine ganze Niederlage hier. Die Pyramiden von Sakarah sind cine Stunde von denen zu Abusir entfernt. Alle haben eine eigenthümliche Vauart wie wenn stets ein König den andern darin hätte überbieten wollen, aber den bizarrsten aller Gingänge hat die große von Sakarah. Während »nan bei den meisten eine beträchtliche Höhe hinansteigen muß, um zur Pforte zu gelangen, fuhrt in diese, an ihrem Fuße selbst, cm Schacht senkrecht abwärts in die Tiefe und so in sie hinein. Sie ist in fünf Abstufungen getheilt, die sich besonders von Ferne schön ausnehmen. Nei den Pyramiden von Sakarah bildet die Wüste einen kühnen hohen Vorsprung gegen das Nilthal. Auf diesen befinden sich Qnadersubstructionen größter Art, welche einen Tempel getragen zu haben scheinen. Kein Contrast ist überraschender als wenn man aus dieser Welt des Todes und der Zerstörung plötzlich und wie abgeschnitten in das lachende Leben des prächtigen ThaleS hinaustritt, und sich nach langem Ritte in den so ermüdend monotonen Sandhügeln Plötzlich von blühenden grünen Flächen und reizenden Palmwäldern umgeben sieht. Wir nahmen unser Mahl auf dem Dache eines Hauses von Sakarah. Von hier zu den Pyramiden von Darschur sind zwei Stunden. Diese sind die zahlreichsten, aber auch die verfallensten. Die größte hat Aehulichkeit mit der des Cheops zu Giseh. Sie sind von den verschiedensten Arten, die eine von ungebrannten Ziegeln aus Nilschlamm. Die Pyramide von fünf Stockwerken zeigt deutlicher als irgend eine daß Wasserbehälter und Canäle im Innern sich befanden, welches schon dnrch überall angesetzte Krystallisation wahrscheinlich wird. Je genauer ich die Pyramiden besichtigte und verglich, desto mehr gewann ich die Ueberzeugung, daß ihn Unterbaue zu hydraulischen Zwecken und Verbindungen benützt worden sind. Wir traten unsern Rückweg an, ließen uns wieder über den breiten Canal tragen, der längs der Wüste mit dem Nil parallel läuft, unb gelangten durch einen ansehnlichen Dattelwald zu der Stätte, welche man für das alte Memphis hält. Fragmente großer Granitblöcke, ein in einer Pfütze liegender Koloß, und der große Damm, welcher gegen den Nil bei Vedrachein aufgeworfen ist, sollen diese Annahme beweisen. Ich glaube aber daß 329 man cine Stadt, die wahrscheinlich so groß wie London war, und zu deren Durchwanderung man cine halbe Tagreise braucht, nicht durch einen Erddamm vor den jährlichen Neberschwemmnngen des Nils schützen konnte, und daß diese Metropolis nicht bloß in der Gbene des Nils, sondern, wie oben gesagt, größtcntheilS auf der großartigen Hügelkette zu suchen war, welche die damals noch nicht so weit vorgerückte Wüste abschloß, und die Pyramiden in sich selbst aufnahm. Wir ritten über die hohen Dämme dem Nil zu, bei Ne-drachein wartete unsere hellgrüne freundliche Barke, und das Schiffsvolk empfing uns mit jauchzendem Halloh. Die vaterländische Flagge wurde aufgehißt, und da der Wind gerade in Nord umsetzte, so verloren wir keinen Augenblick, und gingen unter Segel, um in die schöne Mondnacht hlneinzusteuern. Daö erste warme Mahl seit Kairo schmeckte unvergleichlich, und wer zwei Tage in und auf den Pyramiden herumgeklettert, dem brauche ich nicht zu erzählen wie vortrefflich wir diese Nacht schliefen. Gs sind vielleicht tausend Jahre verflossen, seit die Habsucht die Araber anspornte die Pyramiden zu öffnen, Keine Festnng Vuropa's mußte so viele Belagerungen, so viele Stürme aushalten, und wie oft mögen sie wieder geschlossen worden seyn, um neuerdings die Begierde zn reizen. Seit Jahrhunderten strömen Neugierige alls alle» Ländern zu diesen Grabkolossen, und was hat die Wissenschaft dadurch gewonnen? Wenn cs Eitelkeit der Könige war, sich in diesen ewigen Hallen niederzulegen, so ist sie bitter bestraft worden. Denn weder ihre Namen, noch selbst das Jahrhundert in dem sie gelebt, haben uns diese monströsen Gebäude enthüllt. Ewige Nacht sollte ihre Gebeine decken, und in ewige Nacht ist auch ihr Andenken hinabgesunken. 40. Nilfahrt nach Theben. Ein junger Nordamerikaner litt an schieren Vrustbeschwer-ben, und die Aerzte ftincö Bandes schickten ihn nach Neapel, mn sich durch die Luft der Sirenen ;u heilen. Er fand keine Besserung, und war im Begriff ins Vaterland zurückzukehren um dort zu sterben, als ein Landsmann ihn aufsuchte, der aus Aegypten zurückkam. Dieser pries die Wirkungen des dortigen Klima, die Elasticität der Atmosphäre und ihre tonische Kraft, Der Leidende wird durch die begeisterte Schilderung hingerissen, und schifft sich, dem Zureden des Landsmanns folgend, nach Ale,randrien ein. Mein das tiefwurzelnde Uebel begleitete ihn durch die heißere Zone, und weder der wolkenlose Himmel der Thebaide, noch die adstringirende Luft Nubiens, vermögen seine Leiden zu lindern. Resignin, so ferne von der Heimath seine Tage beschließen zu müssen, befand er sich eines Tages an einer Stelle, wo die Mege sich scheiden, und der Führer wies mit einem Finger nach der Wüste. Gleichgültig, wo er sterben sollte, folgte er dem gezeigten Pfade, und zog in die grauen Sand-Hügel hinein. Hier fand er, was er zu hoffen längst verzweifelt hatte. Von Tag zu Tag fühlte er sich erstarken, und die Wüste heilte ihn. Das Mittel ist desperat. Der Ueberglüetliche kehrte heim, und schrieb ein Vuch. Ich weiß nicht ob die Geschichte wahr ist, allein sie ist rührend und lwchft anziehend erzählt. Das Vuch erhielt sechs Auflagen, und alle Welt wollte nach Aegypten reisen. Wie vor einigen Jahren die Nubbles bcs Sir Francis Head ganz England an die Brunnen Nassau's ;og, so machten sich die amerikanischen Lungenkranken auf den Weg, nm Wüstenluft und Wüstcnstaub zu schlucken. Alle Dampfschiffe sind mit hektischen Vankees übersäet, und der Nil wimmelt von amerikanischen Flaggen. Unsere Aerzte machen keine solchen Präten- 33l sionen, und wenn fle gleich ihre Unheilbaren möglichst writ von sich schaffen, so schicken sie sie doch nicht in einen anderen Welttheil. Die amerikanischen Doctoren haben übngenö nicht den Verdruß in ägyptischen Todtenlisten das selige Ende ihrer Patienten zu lesen, da man in Afrika eben so wenig weiß wann die Menschen sterben, als wann sie geboren werden, Nei meiner Flottille befand sich zufällig kein Schwindsüchtiger, aber doch ein Amerikaner. Jung. blühend und start, sprach er stets von den Segnungen des ägyptischen Himmels, und wollte dieses Land, wo man allein gesund bleiben und gesund werden könne, gar nicht mehr verlassen. Gr stopfte Krokodile, Pelikane und andere Vögel auo. nm sie dem Museum zu Philadelphia zum Gescheuk zu machen, und kam zuerst auf den Gedanken, ein arabisches Wörterbuch zu entwerfen, an dessen Redaction wir später alle mitarbeiteten. Sein Gefährte ans der zweiten Varke war ein junger lebhafter Italicner, der Die Nilreise von der roman» tischen Sene auffassen und eine Ärt Faublaö in Aeg'Men spie, len wollte. Seine Anlagen dazu waren günstig, nicht so günstig die Sitte des Landes. Sein projemner Noman wurDe auch häusig durch die Angst vor dem Ertrinken unterbrochen, nnd seine Net-tungsanstalten waren von praktischer Natur, Wie der Wind die Barken auf die Seite legte, war cr aus den Stiefeln nnd dein Rocke, und ritt auf dem Nande der Echiffsplanken. auf jedes Ereiguiß gefaßt. Gin junger Franzose, »nein Schlafgenosse auf der ersten Varke, litt an einer wahren Idiosynkrasie gegen den Nil. Hei allem sonstigen Muthe tonnte er dieser schrecklichen Angst durchaus uicht Meister werden, und da er des Schwimmens gan; llnkuudig war, so sah cr stets den Tod vor Augen. So oft der Wind sich stärker hob, verminderte er seine Bekleidung auf das Nothdürftigstc, Stiefel hatte er ohnehin nie an, da er gehört daß diese im Wasser abwärts zögen. So saß er denn Stunden, Tage lang, den weißen Burnus um sich geschlagen, stets auf dein Sprunge, ohne zu wissen wohin, obgleich wir ihm hundertmal gesagt daß es , gebe als sich an einen Gegenstand, der außer dem Wasser bleibt, fest anzuklammern. Seine Verstörung, seine Leichenblässe verriethen den Znstanb seines Innern, und verloren sich nnr, weun die Varke oder er allein ans Land kam. Ich erinnere mich nicht je etwas Possierlicheres gesehen zu haben als diese ew ge Unruhe 332 unv Angst, und ich glaube daß kein Soldat das Ende seiner Dienstzeit gewissenhafter nach Secunden berechnet, als dieser sonderbare, aber liebenswürdige Mensch die Möglichkeiten der Abkürzung der Nilreise combinirte. Er sah nicht, er hörte nicht, er fand alles schlecht, langweilig, und begriff nicht wie man dic Raserei so weit treiben könne, um einige alte Tempel zu sehen, sich dieser elenden Nilfahrt preiszugeben. Er war so ehrlich seine Empfindungen zu gestehen. Viele Reisende theilen sie, ohne sie laut werden zu lassen. Der Admiral unserer Flotte wohnte in dem zweiten Kämmerchen meiner Barke. Wir nannten ihn so, weil er sich mit seineu nautischen Kenntnissen gewaltig breit machte. Es war ein portugiesischer Edelmann, der sein ganzes Leben auf der See zugebracht, und vierzehnmal die Linie pasflrt halte. Er machte seine letzte Reise, und besah sich die Ruinen Aegyptens, weil er sonst nichts mehr auf der Welt zu sehen hatte. Indessen schoß er eine Turteltaube mit derselben Gleichgültigkeit, wie er in den Tempeln zu Karnak herumwandelte. Zwischen diesen beiden Originalen, zwischen diesen scharfen Gegensätzen stand ich mitten inne. Der eine wollte immer fort, der andere war glücklich wenn er auf festen Boden kam. Man kann sich denken daß ich einen schwierigen Standpunkt hatte. Von den Pyramiden weg hatten wir anfangs guten Wind und in diesem Falle ist die Nilreise, wie jede andere wenn sie rasch geht, sehr angenehm, Wir flogen mit allen Segeln dahin, und die Gegenden drängten sich wie Bilder zusammen. Lange sieht man die Pyramide von Meymun, die letzte ihrer Schwestern, den Wasserspiegel des breiten Nils überragen, bald der Kuppel eines Toms, bald einer Fclseuveste ähnlich. Sie steht über dem seeähnlichen Strome gleich einem Wegzeigcr nach Fayum hin, über, wo das Labyrinth seine Pracht tief in der Erde barg, wo die Tempel sie zu den Wolken trugen. Gegenüber liegt Ntfieh am AbHange des schönen weißen arabischen Gebirges. Wir erreichten es mit untergehender Sonne, der Wind blies frisch in die Segel, und trieb uns rasch in die Nacht hinein, aber anch mit andern Varken zusammen, wobei die stärkern Barken das Vorrecht haben. Es war Christabend, wir tranken Punsch, und unser Christbaum war das Firmament, Vis in die tiefe Nacht hinein dauerte noch das Geschrei der Matrosen von allen Barken zusammen, die bemüht waren gegen den Strom zu kämpfen. 333 Niemand wollte sich überzeugen daß der Wind uns verlassen hatte. Dieser Zustand ist der mühsamste für die Matrosen, und für die Reisenden der langweiligste. Für meinen Geschmack fand ich dieses Leben cher behaglich. Während die Narke langsam am Ufer fortgezogen wurde, streifte ich in der Gegend umher, ja ich ging halbe und ganze Tage im Lande herum. Dieß ist das einzige Mittel Aegypten kennen zu lernen-, wer nicht aus seiner Varke tritt, oder bloß Vögel schießt, verläßt dieß Land, ohne zu wissen wie es darin zugeht. Bei größern Entfernungen kam ich wobl einigemal in Verlegenheiten, könnte aber nicht sagen nur einmal wirklich Gefahr bestanden zu haben, obgleich ich meistens allein war. Ich fand die Menschen überall freundlich, höflich, gntmütlug. Sie sprachen mich meistens selbst an, oder riefen mir Grüße zu, und da sie sehr neugierig sind, so kamen sie oft mich um eine Menge Dinge z>l fragen. Gine Ladung Pulver macht den Araber glücklich. Sie schießen sehr gerne', da ihnen aber Mehemed die Gewehre abgenommen, damit sie sich und ihm nicht wehe thun, können, so findet man höchstens noch eine oder zwei alte große Flinten in einem Dorfe, wozu ihnen aber Pulver fehlt, da keine (iontrcbande in Aegypten härter bestraft wird als Pulvereinfuhr. Kommt nun zur Windstille Gegenwind, dann heißt es ganz Halt machen. Wir hatten das silberweiße arabische Gebirge Pas-sirt, das in ewig wechselnden, aber stets reibenden Formen bald ferner, bald näher an das Nilthal vortritt, auf dessen linkem Ufer die Palmwälder stets dichter werden. Auf dem rechten Ufer ist das Gebirge oder Dschebel Haschar Mufsan durch seine schönen Linien besonders ausgezeichnet, und als wir uns Venisuef, dem alten Ptolemaidon, näherten, wurde der Südwind so heftig daß wir uus wie festgebannt sahen. Die Stadt ist erbärmlich und verfallen. Die Schanzen stehen noch von Mamelukenzeiten her, ich besuchte eine Caserne und Vamnwollspinnerei. Mehrere hundert Araber, zur Hälfte Kinder, arbeiten hier, und ich sah ganz hübsche Zeuge weben. Sie haben gute Maschinen, das Ganze wird von Ochsen getrieben. Auf der gegenüberstehenden Insel Vajadsche, einer der schönsten die ich in Aegypten kenne, hatte der Gouverneur von Oberägypten, Selim Pascha, sein Lager aufgeschlagen. Die grünen Zelte, die vielen Pferde nahmen sich sehr hübsch aus. In einem Lande wo es keine Wirthßbaufer gibt, 336 dauer, denn drei, vier, fünf Stunden laug mit voller Brust fortfingen, ermüdet diese Menschen nicht im mindesten. Die Tonart ist, wie bemerkt, meistens Moll und überschreitet selten den Kreis von vier Tönen, allein es drücken sich viele Empfindungen, besonders Liebe, Schwermuth und Sehnsucht in den Gesängen dieses leidenschaftlichen Volkes ans. Die Linien des arabischen Gebirges erheben sich oft zu hoher Schönheit, bald sehen sie wie weiße Festungsbastionen, bald wie Trümmer großer antiker Gebäude aus, und gegenüber dem zwischen Akazien und Cactus liegeuden Städtchen Fechei treten sie ganz über den Strom herein. Ich hatte mich hier verirrt, um die schönen römischen Mauerreste in der Gegend zu suchen. Als ich in arger Mittagshitze ans Ufer kam, fand ich die Barke nicht. In der Meinung sie sey schon voraus, eilte ich dem Strom nach, und war erschöpft als ich Abends nach Malatieh kam, no das Schiff noch nicht angekommen war. Die Sonne ging prächtig unter, allein nirgend ist die Gebirgbeleuchtung so magisch in allen Violettfarben spielend, wie in Griechenland, Cm sanftes, blasses Roth ist das Höchste was die sinkenden Sonnenstrahlen über diese niedern weißlichen Bergwände zu verbreiten vermögen. Ich hatte den gangen Tag nichts gegessen, und war herzlich froh als die Schiffe kamen, Zwei hohe reizende Ghewazehs baten um die Erlaubniß zu tanzen. Wir vereinten die Chöre und Pauken unserer Barken, ließen einen Kreis mit Feuern bilden und die Mädchen tanzen. Die amnuthige Pantomime sah wirklich malerisch aus; als aber wie gewöhnlich die Bewegungen zn heftig und lasciv wurden, überließen wir die Tänzerinnen dem wilden Chor zur Begleitung und zogen uns zurück. Eiu scharfer Westwind trieb uns mit reißender Schnelligkeit an dem alten Co vorbei, als wir beim fröhlichen Neujahrsdiner saßen, und die Champagnergläser auf die Gesundheit der Theuren in fernen Landen leerten. Wir legten in Meniet an, einem der vielen verfallenen ägyptischen Städtchen, wo ein Palais des Pascha und eine große Wollspinnerei die einzigen Häuser sind die man so nennen kann. Ich wohnte hier einem erbärmlichen Schulunterrichte bei, der darin besteht daß man Kinder gleich Papagaien einzelne Stellen des Korans plappern lehrt, und ihnen dabei die erste Lection in dem Kopfwackeln gibt, wie es die Matrosen am Feuer zu thun Pflegen, Die Ufer des Nils sind hier sehr 337 schön, der Strom breit und reißend. Morgens hatten wir das Dschebel el Tei'r, Vogelgebirge, passirt, das stundenlang in w'ei-< ßen straffen Wänden am Nil hinzieht. Wir waren in einer Wettfahrt mit der Parke des Amerikaners begriffen, als Nackte auf uns zuschwammen, die sich alsbald an Vord schwangen. M waren koptlfche Mönche, die Almosen für ihr auf hohem Gebirge gelegenes Kloster erflehten, Das kleine Goldstück das wir jedem reichten, steckten sie in den Mund, stürzten sich wieder in die Fluth, und stiegen wie Gemsen an den Vergseiten hinauf, hinter denen sie verschwanden. Von hier wird die Gegend sehr übelberufen, und es schein das; die Polizei Mehemeds nnr so lange Dienste leistete, als er sie durch Truppen unterstützen konnte. Seitdem die Truppen im Feld stehen, nehmen die Räubereien wieder überhand, wie uus mehrere Beispiele zeigten. Wir begannen daher selbst Wache zu halten, nämlich anf jeder Varke ein Passagier nnd zwei Matrosen. Die Varke des Amerikaners lam in einen Wirbelwind, der sie beinahe umgeschlagen hätte. Wir fuhren cm Antiuo^ vorüber, dessen schöuer Tempel vom Nil weggespült wurde, rechts lag das große Hermopolis, dessen prächtiger Porticnö, das älteste Denkmal pharaouischer Bauweise, zu einer Zuckersiederei verwendet wurde> Ms wir nach Radamun kamen, fanden wir alles uuter Waf^ fen, da kurz zuvor ein offener Einfall in die Stadt von den benachbarten Ortschaften gemacht worden war. Wir blieben die Nacht und sicherten uns militärisch so gut es ging. Die Nacht verlief ruhig, am andern Morgen entstand aber gewaltige Vewe^ gung unter den zahlreichen anwesenden Schiffen, die plötzlich alle auf einmal losgelassen wurden und in den Strom trieben. (5>n Dampfschiff brauste herbei, und Donnerstimmen riefen von ihm herab, die Stricke loszulassen und sich zu retten, Die Angst unserer Araber war sichtlich, und wir konnten vor Lachen nicht zu uns kommen, als man uns belehrte, das Dampfboot bringe einen solchen Wellenschlag hervor dasi man sich uur sicher stellen könne indem man die Schiffe loslasse. So plump täufcht man die leicht-gläubigen FeUahs. Ich konnte eine kleine Freude nicht unterdrücken, als ich das Dampfschiff vor unsern Augen im Sande stecken bleiben, und so seinen Uebermuth bestraft sah. Abbas Pascha kam damit von Oberägypten zurück. Vs wäre freilich schön wenn man die Dampfschiffe auf dem Nil einführen könnte, ich Morgenland m,d Abendland. I. ute Auss. 22 338 glaube aber baß das Flußbett wegen der beständig wechselnden Sandbänke sich höchstens zur Zeit der Ueberschwemmung sicker dazu hergeben wird. Das Dampfschiff des Pascha ist bis jetzt das einzige, und dieses blieb schon unzähligemal stecken, einmal sogar drei ganze Tage, und zerschellte bei der Passage der Katarakten. Melani soll sonst sehr blühend gewesen sehn, jetzt ist es ein erbärmlicher Ort. Alles geht in diesem Lande zu Grunde, alles trägt den Stempel der Verwahrlosung. Dadurch daß Niemand eigenes Vesitzthum haben darf, und jeder Mensch, jede Erdscholle zur Verfügung der Regierung steht, ist aller Trieb zum Vor-schreiten zur Cultur, kurz jede individuelle Thätigkeit gelähmt ober vielmehr aufgehoben, Vs lebt hier nichts mehr als Herr und Sklave, der Mensch aber wird gleich dein Vieh nur so lange geachtet, als er arbeiten kann. Andere Menschcnrechtc kennt man hier nicht. Hier wohnten wir einer Scene im Großen bei, die wir in kleinerem Maaßstabe beinahe anf jedem Ausflüge zu Gesicht bekamen. Eine große Handelsbarke, schwer mit Getreide beladen, war den Strom heraufgekommen und lag neben uns. Man kündigte ihr an daß sie ausladen und Zucker des Gouvernements nach Kairo fuhren müsse. Der Reis protestirte, bat, drohte, alles vergebens. Officierc kamen, ließen unter Vastonnadcn abladen nnd bemächtigten sich des Schiffes. Der Jammer des rui-nirten Reis war herzbrechend. Man muß aber wissen daß Me-hemed höchstens zwei bezahlt, wo Passagiere oder Kaufleute neun bis zehn bezahlen müssen. Zuweilen zahlt er gar nichts. Dieß ist das herrschende System, es gibt kein Eigenthum, keine Sicherheit. Wohin aber dieses Princip der Selbstsucht bald führen wird, sieht man offen daliegen. Die Zuckersiederei, welche schon vor längerer Zeit eiu geschickter Engländer in Radamnn für die Ne» gierung errichtete, ist eine der schönsten Anstalten des Reichs. Der Engländer starb, die Leitung ging in die Hände von Arabern über, und kommt sichtlich zurück. Der Pascha hat hier eiues der kleinen Landhäuser gebaut, wohiu cr in Zeiten der Pest flieht. Vor der Stadt liegen die Trümmer einer Menge verfallener Hütten herum, die früher eiu Cavallcrieregimeut iunc hatte. Diese Casernirung ist die einfachste die ich kenne. Wir sahen nun beinahe täglich Krokodile, die sich auf Sandbänken sonnten. Zuweilen lassen sie die Narken ganz nahe kommen, kümmern sich auch nicht viel um den Schuß, und gehen gewöhn- 3I9 lich ohne Ueberciluug ins Wasser zurück, wenn sie jGefahr sehen. Die Gegend erhebt sich hier zu einem Reize, me in der Gegend von Manieh. Das Gebirge hat ähnliche Formen, und ist mit Höhlen durchbrochen, die man in Aegypten nun einmal dnrchge-henbs für Gräber oder Einsiedlerwohnungen hält, und die es auch größtentheils waren. Die Dnrchfahrt wird hier sehr schmal, und wir hatten alle Mühe Nachts noch einen Ort zu erreichen, der gleich der ganzen Gegend höchst verrufen ist- Zwei Verberinen-schiffc, Sklavenhändler die aus den Fang nach Abyssinien gingen , vermehrten unsere Flottille, und Vivouacfeuer erhoben sich bald iu Flanunensäuleu. Es that noth zu wachen. Verdächtige Gestalten spukten die ganze Nacht am Ufer herum, und die Wölfe und Hunde heulten ihre Abendlieder. Gegen Sonnenuntergang kamen wir nach der Stadt M o lisa lut, am hohen Ufer des Nils gelegen, der aber jedes Jahr neue Häuser davon herabreißt, da man von Eindämmungen im modernen Acgyptcn nichts weiß. Narnm konnte ich nicht alle Verehrer Mehemeds mit mir in diese Stadt führen, die unter den vielen Vildern des Elcnds das schenßlichste darbietet was mir jc im Orient vorgekommen. Vs war Dämmerung, als ich in die mit Staubwolkeil überdeckte Stadt trat. Zigcuncrbanden mit Kame^ len nnd bösen Hunden lagerten in der Eiugangsstraße und erschwerten den Durchgang. Nun kamen wir in die hohen dunkeln Vazars, welche Spuren ehemaliger Größe verrathen, und das ganze Elend einer gedrängten Bevölkerung wälzte sich uns entgegen. Furchtbares Geschrei, Auflösung aller Ordnuug, gräßliche Verstümmeluugen und Entblößungen aller Art, nackte Menschen mic Pestbeule», Blinde, Lahme, alles unter und durcheinander drängte sich um uns, das schrecklichste Tiebs- und Vettlergesindel hing sich an uns, das Gedränge steigerte sich bis zum Ersticken, und wir konnten uns nicht mehr helfen als mit Kolbenstößen. AlS auch dieß nicht half nnd der Andrang immer unverschämter wurde, schlugen wir auf die Masse an. Dieß gab ans einer Seite Luft, und wir gewannen eine enge Seitenstraße. Hier stießen wir auf einen Kampf zwischen Vüffeln und Stieren, in den auch Kamele und Esel verwickelt waren, nnd der mit großer Erbitterung geführt wurde. Unsere Lage wurde wirklich kritisch. Von hinten drängte die Menschenmasse immer ärger heran, wir waren nüttea unter Vüffeln, die ohnehin sremden Anzug versol- 22* 340 gen, und die Dunkelheit wurde durch die Staubmassen zur Nacht. Wie wir uns diesem Knäuel entwunden, kann ich selbst nicht angeben. Wir schlugen Menschen und Thiere über die Köpfe, und fanden uns in einer andern Straße wieder zusammen, leichte Verletzungen und zerrissene Kleider ausgenommen, ohne besondern Schaden. Allein der Janhagel folgte uns gleich einem aus Lumpen zusammengeflickten Maskenzug, Frauen hielten uns nackte Säuglinge ms Gesicht, ekelhafte Eitergeschwüre wurden zur Anregung unseres Mitleids aufgerissen, und all dieser Auswurf von Bestialität folgte uns unter betäubendem Geschrei bis beinahe in die Barke, wo unsere Matrosen nut Knütteln ihr Nachdringen abhalten mußten. Den Schluß dieser Hogarth'schen Scene lieferte ein Trupp brutaler ägyptischer Soldaten, die den armen Zigeunern ihre Kamele wegnahmen, und wir waren froh den Aufenthalt der höchsten Verworfenheit, der entsetzlichsten Noth und Entmenschung, den mein Fuß je betreten, verlassen zu können. Nachdem unser eigensinniger Steuermann während der Nacht uns wieder mehrmalen auf Sandbänke geführt, und zur Strafe verurtheilt worden war mit den Matrosen im Wasser zu arbeiten, erblickten wir bei aufgehender Sonne Siut, mit seinen vielen Minarets, die leicht und luftig ihre Kuppeletagen in den Lüften tragen. Wir ließen uns früher ans Land setzen, um durch ein großes reizendes, in Vaumgängen gezogenes Akaziettgehölz nach unserm Ankerplatz zu gehen. Derlei einzelne Anlagen zeigen, wie herrlich man den Boden dieses Landes in wenigen Jahren zu allen möglichen Anpflanzungen verwenden könnte. Die gelbe Akazienblume hat hier einen erstaunlich duftenden Geruch, und eine Staude erfüllt die ganze Luft. Wir glaubten uns in einer großen Anlage der Stadt, die schönen Bäume werden aber hier nur gepflegt um zu Kohle verbrannt zu werden, diesem einzigen Brennmaterial Aegyptens, welches die Akazie am besten liefert, Unübersehbare Kleefelder wechseln in dieser Gegend mit eben so großen Haiben, und die edle Dompalme mischt sich hier mit den Dattelbäumen. <5in hoher Damm sondert den Akazienhain von den üppigen mit Indigo und Linsen besäeten Feldern Siuts, uud hier ist eines derbestdurchgcführten CanalsystemeAegypteus. Unsere Varke hielt unter einem Kaffeehanse, das sich an zwei große Sy> komoren lehnt, und von ihnen, nebst dem großen Raume am Ufer 34t ganz überschattet ist. Es ist eine der freundlichsten Flußtenasscn, und wir brachten den Rest des Abends mit ägyptischen Offieicren bort zu. In Siut beginnt Sa is oder Oberägypten. Wir machten hier Rasttag um Brod zu backen, nnd durchstreiften die herrliche Ebene. Das Palais des Seliin Pascha liegt in anmuthigen Palmgeholzen verborgen, und der Eingang der Stadt fuhrt durch den Hof des Mudir, der ersten Gerichtsperson der Provinz, Eine Masse Menschen war hier zusammengeströmt, um Gerechtigkeit und Schläge zu holen, denn die Justiz ist immer noch gleich perem-torisch, wie unter den Türken. Siut ist eine der wenigen Städte Aegyptens, wo etwas Polizei und ein Anftng von Reinlichkeit zu finden ist, da Selim ein strenges Regiment führt. Wir schlenderten mehrere Stunden auf den Bazars und in den Sklavenmärkten herum, wo die Karawanen von Darfur und den Oasen zusammenkommen, wie denn Siut für den Handel der wichtigste Stapelplatz ist. Ich gab cinen Crcditbrief bei einem koptischen Kaufmann ab, und es intcressirte mich mit einem angesehenen Mann dieser Kaste näher bekannt zu werden. Bekanntlich sind die Kopten die einzigen, wenn gleich von Griechen und Persern abstammenden Nachkommen der alten Aegyptier. Sie sind auch die einzigen Christen in diesem Lande, das eines der ersten war welches sich diesem Glauben zuwandte. Ihre Zahl mag noch etwa zweimalhunderttausend betragen, vermindert sich aber jährlich durch Abfall vom Glauben. Die Menge zerfallener koptischer Klöster und Kirchen zeigt ihre frühere Ausdehnung und Macht, ihre Sprache diente noch lange der Kirche und Wissenschaft, nun ist sie aber eine todte geworden, und die Kopten verdanken ihren Einfluß, ja ihre Erhaltung nur ihren Kenntnissen im Rechnen und der Schrift. Sie sind in Aegyptm für die Regicruug, was die Griechen in der Türkei für den Handel. Ich konnte indessen hie große Verschiedenheit von den Arabern in den Gesichtszügen nicht finden, wovon so viele Reisende sprechen, nur haben sie weniger scharf ausgeprägte, minder edle Züge, wie diese. Ihr Aussehen ist niedergeschlagen, ernst, ja mürrisch, und wie sie mit Niemanden verkehren der anderen Glaubens ist, so machen sie auch keinen Unterschied mit fremden christlichen Glaubcns-secten, von denen allen sie, als Iaeobiteu, verschiedene Ansichten haben. 342 Ich wurde in eiuen der schönen Khane Suits geführt, das wie alle maurischen Gebäude von außen nichts verspricht, dessen Inneres aber desto mehr überrascht. Ein großer Hof füllt den ganzen Ranm des Hanfes, und ist oben offen. In der Mitte steht ein schöner Brunnen, der Hof selbst ist mit stachen Steinen belegt, und viele Kaufmauusgüter wiesen anf den hier herrschenden Verkehr. Eine Säulengalerie, welche ringsum läuft, trägt die Absteigswohnungen fremder Kaufleute, und ihre unternRämue sind zu verschiedenen Verrichtungen bestimmt. Alles trug daß Gepräge der Ordnnng, des Fleißes, der Gewissenhaftigkeit, In einer dieser Säulennischen saß auf orientalischen Teppichen ein ernster Greis, den ich am schwartn Turban uud an dem blauen ans die Außenseite der Hand gemalten Kreuze auf den ersten Blick für meinen koptischen Kaufherrn erkannte. Er erhob sich, um Brief und Gruß zu empfangen, und zog mich zu sich nieder. Der freundliche Ernst dieses ehrwürdigen alten Mannes wirb mir stets unvergeßlich seyn. Er lächelte nie, aber in feinem ganzen Wesen lag eine stille Heiterkeit des Gemüthes, und jene unaussprechliche Ruhe der Resignation, der man in den Ländern des Ostens so häusig begegnet, und die man bei uns so oft vermißt. Die ^age Siuts ist sehr reizend, aber die Häuser bestehen großtentheils, wie die aller kleineren Städte Aegpytens, aus Backsteinen, die der Nilschlamm liefert und die Sonne trocknet. Einzelne reizende Gehöfte, alte Wohnstätten der Mameluken, liegen zerstreut in Palmengehölzen um die Stadt herum, Syko-morcn, Maulbeerbäume, Reben und Akazien durchziehen in den freundlichsten Gruppen die grüne Fläche, und breite Canäle, hohe Dämme umschließen dirse Schätze des fruchtbarsten Bodens. Zur Zeit der Uebcrschwemmung steht Siut ganz von Wasser umgeben, und nur von den Dämmen geschützt, die zugleich als Verbindungswege dienen. Die schlanken schneeweißen Moscheen-thnrme ragen malerisch aus der grauen Häusermassc heraus, und das von unzähligen Grabhöhlen durchbrochene Gebirge bildet den Hmtergrnnd. Wir sahen auf den Höhen der Felscn-Nekropolis die Sonne untergehen, und wollten unsern Rückweg nach dem eine Stunde von der Stadt entfernten Ankervlatz antreten. Der Weg führte durch die Stadt, und wir fanden das Thor verschlossen, da die 343 Nacht schon eingebrochen war. Wir gingen zum zweiten, es war ebenfalls gesperrt. So ging es ringsum, und wir suchten endlich die Stadt zu umgehen'. allein überall durch Dämme und Canäle abgewiesen, kamcn wir in dichtes Gehölz, in Labyrinthe ron Gärten und Einzäunungen, in welchen wir alle Richtung verloren. Ohne Dragoman, ohne Führer, irrten wir mehrere Stunden herum, ohne Menschen zu finden, desto häufiger aber von Hunden angefallen. Es war Niemand bei mir als mein Schlafgenosse, der zn Lande mehr Muth und Haltung bewies als auf den treulosen Fluthell des Nils, und der sich vor Freude nicht zu fassen wußte, wenn wir diesen nicht mehr finden sollten. Die Nacht war ganz finster, und als wir uns immer tiefer in den Gehölzen verliefen, begann es darin lebendig zu werden, allerlei Gestalten schlichen nm uns herum, und verschwanden wenn wir auf sie zugingen. Wir wurden dieses Nocturnos müde, und da wir schlechte Lust hatten im Freien zu campiren, so stürzten wir mit gespannten Gewehren aus den nächsten Nachtwandler los der sich wieder zeigte, nnd zwangen ihn mit uns zu gehen. Gs war ein junger Neger, und wir verlangten zum Flusse geführt zu werden. Als er ciuc ganz entgegengesetzte Richtung einschlug, erregte er unsern Argwohn, er überredete uns jedoch daß dieß der Weg sey, nnd wir folgten. Nach einer Stuude waren wir am Nil, und bald darauf an der Barte, nachdem wir noch mehrere Gefechte mit Hunden bestanden hatten. Es ist nicht rathsam in diesen Ländern tief in die Nacht herumzustreifen, wir waren froh bießmal gut durchgekommen zu seyn, und beschenkten den Neger nut reichlichein Vackschisch. Die langen Promenaden die man hier täglich macht, der beständige Aufenthalt in freier Luft, da man selbst Nachts nicht eingeschlossen ist, die leichte gute Nahrung, das vortreffliche Nil-wafser, dessen man sich nicht satt trinken kann, und dessen Bäder so stärkend wirken, endlich aber diese kräftige Luft, ewiger Sonnenschein, gänzliche Sorglosigkeit und Gcmüthsruhc, allcs vereint sich in diesem Lande, um den Menschen gesund zu erhalten. Wenn man einigermaßen diät lebt, und sich vor dem Uebergange in die Abendfrische schützt, so hat man nichts von Unpäßlichkeiten zu besorgen, und ich wüßte kein Land, wo ich ältere Menschen, bis zu hundertzwanzig und noch mehr Jahren gesehen hätte, wie in Aegypten. Der Mangel an Wohnungen ist in diesen Ländern 344 nicht so fühlbar wit' im Norden, und hierin finde ich das stlend der ssellahs durchaus nichl so bedauernswürdig, wie das der armen Irländrr unter ihrem ewig regnenden Himmel. An kalten Winter-morgen >— und kalt nennt lnan in Aegypten schon zehn GradR«au-mur — sieht man dieVevölterung au den Abhängen ihrer Ortschaften gelagert, welche die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne empfangen. Dieß ist ihr Ofen, ihrHcizungsapparat. Die Sonne ist ihr Gott, nnd es ist eine der höchsten Seltenheiten, wenn er ihnen einen ganzen Tag nicht zulächelt und Wärme spendet. Der so lange ungünstige Wind sprang endlich um, und trieb uns reißend schnell stromhinauf. Solche Tage machen alle ausgestandenen Mühseligkeiten und Langeweile vergessen. Wir kamen rasch an dem schönen Gebirge von Kau vorüber, dem alten Äntäo-polis, dessen Porticus erst vor wenigen Jahren der Nil weggerissen. Wir passirten Tahtah, und als wir uus Maragha, dem alten Hisoris, näherten, ging die Sonne mit einer Prach? unter, die mir früher und später nicht ähnlich in diesem Lande vorgekommen war. Es war als hauchte sie leichte dünne Wölkchen gleich Seifenblasen über den reinen Aether aus, wie ein glühender Krater weiße Rauchsäulen auswirft, allein die daraus entstehende Veleuchtung blieb doch nur goldenrosa, und erhob sich nicht zu dein strahlenden Purpur des asiatischen Himmels. Akhmin, das alte Panopolis, ist ein eben so armseliges Nest, wie alle andern Städte und Dörfer Aegyptens, und nothdürftig von Mauern umgeben, zum Schutz der schlechten Hütten vor dem Nil. Es ist oft in Revolution gewesen, wie man hier den Zustand nennt, wenn die Einwohner ihre Söhne und Familienväter nicht zur Armee geben, oder sich nicht die Haut wollen abziehen lassen. An solche Orte legt der Pascha seine Arnauten und Al-banefen, die im Morden und Schlachten mit ihrem Herrn aufgewachsen sind. Wir flogen an dem schöngclegenen Mcnchieh, dem alten Ptolemais, vorüber. Neberall sieht man hier Klöster der Kopten, neben inoslimischen Heiligengräbern. Die christlichen Kirchen dürfen keine Thürme uud kein Geläute haben. Gewöhnlich sind es viereckichte Mauern ohne Fenster, welche einige Väume und die Capelle einschließen. Wir fuhren bei Girgeh, der ehemaligen Hauptstadt Oberägyptens, vorbei. M liegt sehr reizend, ist aber halb vom Wasser abgespült, nnd sieht mit seinen vierzehn Minarets besser von außen als von innen aus. Vel 345 Vellianeh liegt das alte nun ganz verschüttete Abydos. Was hat Aegypten noeh von don Nebergriffeu der Wüste zu ern'arten, diesem gefährlichen stachbar, der schon so viel Herrliches im 5!andc verschlungen! Die alten Aegyptier ließen ihn sich nicht über den Kopf wachsen, und es ist zu bezweifeln, ob zu ihrer Zeit der Sand die Gränzen überschritten, welche die Natur so weise zum Schutz des Thales in den beiden einfassende» Bergketten ausgeworfen hat, Jetzt überströmt das bewegliche Element viele Flächen diesseits der Verge, und häufig gränzt Wüste an Flur, ja Wüste an Wüste, nnr !,'om Strome getrennt. Fährt man fort das Land entvölkert und ohne Cauäle zu lassen, so wird der Wüstensand immer mehr um sich greifen nnd in dem Maaße gefährlicher werden, als die Grhöhuug deö Vodens den Ueber-^chwemmungen unzugänglicher wird. Das ambische Gebirge wird hier wieder sehr schön, und erhebt sich steil am Nil. Dieser Fluß wirst bei heftigem Wiudc Wellen, gleich dem Meere, und bricht sich in Brandungen am Ufer. Sein Wasser wird heller, je weiter man hinauskommt. Der schneeweiße Sand hatte sich in mächtigen Ansingen an dem stellen Gebirge aufgehäuft, und sah in der Sonne wie Schnee aus. Dieser Sand verfolgt einen überall von allen Seiten, und es ist eine nicht genug zu bewundernde Fügung der Natur, daß sie die edle nützliche Palme in diesem jede Pflanze tödtcnden Clement gedeihen läßt. Krokodile und Dompalmcn werden nun häufiger. Vei Fardijuth wird man durch wahrhaft üppige Cultur des Bodens überrascht, man darf aber in diesem Lande nicht fragen, wem fleißig bebauter Boden gehört. Ibrahim Pascha hat hier, wie an vielen Orten, Znekerpftanzuugeu angelegt, und treibt dieses Privatgeschäft, wie viele andere, zu eigenem Vortheil. Wie müßte Aegyptcn aussehen, wenn alles so grün blühte, und Vermuthlich hat es einstens so ausgesehen. Bevor man nach Hon, der alten kleinen Diospolis, einbiegt, führt ein Canal am arabischen Gebirge den Nil links ab, und verkürzt den Weg um einige Stunden. Wir konnten ihn wegen Mangels an Wasser nicht befahren, und dieß wäre uns bald theuer zu stehen gekommen. Der stets heftiger drängende Westwind trieb uns mit Blitzesschnelle fort. Es war ein wahres Treibjagen, in welchem die Barke des Ex-Schahs den Sieg davon trug. Die Barken lagen ganz zur Seite, und uns machte die 346 außerordentliche Schnelligkeit vielen Spaß, da sich der Franzose selbst über seine Angst lustig machte. Als wir Hou passirt hatten, mußten die Segel bei der Beugung des Flusses gewechselt werben, und dieß ist bei den hohen Masten und schmalen Barken stets etwas schwierig, bei starkem Winde aber wenigstens gerade so gefährlich als es aussieht. Tie Barke des Amerikaners wurde umgeworfen, und wir waren auf demselben Punkte, wenn nicht im gefährlichsten Momente die Segel losgelassen worden wären »nd der Reis selbst das Steuer herumgerissen hätte. Keiner tonnte dem andern helfen, und selbst das Geschrei von allen Seiten verhallte nn Vrausen des Windes. Die Schiffe der Perser wollten uns Hülfe senden, wurden aber auf derselben Seite von Windstößen gepackt uud fortgeschleudert. Die amerikanischeVarke war voll Wasser, der Italiener saß stiefellos ?> c!,eva1 auf der Seitenwand, und nur den riesenhaften Anstrengungen der Matrosen gelang es, das Schiff wieder aufzustellen und das eingedrungene Wasser herauszuschövftn. In solchen Krisen muß man die Araber scheu, um ihre Athletenkraft zu bewundern. Die Nilfahrt ist, wie jede Flußfahrt, gefährlich, und mich haben alte Manneofficicre versichert, daß sie auf der Fahrt nach den Katarakten mehr Besorgnisse empfunden, als bei einer Reise um die Welt. Vs handelt sich hier nicht vom Verlust des Lebens, denn dieß bringt man meistens durch. Allein die Unannehmlichkeit, so ferne von Hanse um seine Effecten zn kommen, die jedesmal verloren oder ganz verdorben sind - dieser Unfall gehört gewiß zu den unangenehmsten Ereignissen des Reiselebens. Wir kamen nach K eneh, einer Stadt, die merkwürdig ist, weil aus dortiger Erde die Vardackcn, Filtrirwasserkrüge, verfertigt und über ganz Äegypten verschickt werben, ferner »veil eine Stunde davon Tentyra liegt, nnb endlich weil von dort aus die Karawaiu'nstraße nach Cosseir am rothen Meere geht, von wo man gewöhnlich nach Mecca überschifft, oder wo man aus Ostindien kommcnv landet. Der E,r-Schah von Pcrsien verließ uns hier, um zum Grabe des Propheten zu wallfahrten. Ich hatte in ihm einen liebenswürdigen Mann kennen gelernt, dessen fröhliche Laune nicht gebrochen wurde durch die frühzeitige Entsetzung von einem Thron, den er nur sechsunddreißig Tage eingenommen hatte. Ich hätte mit ihm nach Dscheddah reisen können, und von dort sind es nur noch wenige Tage nach Mecca. 347 Von Dscheddah kann man mit dem englischen Dampfschiffe jeden Monat nach Suez kommen, oder auch durch den interessantesten Theil Arabiens längs der Küste nach Suez heraufziehen, und über Akabah nach Jerusalem pilgern. Es »rar verführerisch, allein ich hatte Theben noch nicht gesehen, und jetzt, nachdem ich es gesehen, gäbe ich es nicht um Mecca und Medina zusammen hin, wohin ohnehin kein Christ dringen darf. Wir verließen daher die schönen Perser und ließen nns zum großen Verdruß meines Franzosen vom günstigen Winde weiter treiben, da er lieber hundert Tage auf Dromedaren gemacht hätte, anstatt bis zu den Katarakten weiter zu reisen. Die Männer werden hier höher, die Frauen schöner, In der Thebaide tragen sie braune Hemden, anstatt der blauen in Mittelägypten, Knaben und junge Mädchen sind nackt. Die gerade schöne Haltung, welche beiden Geschlechtern eigen ist, gibt ihnen etwas Stolzes, das mit der über sie verhängten Knechtschaft sehr im Widerspruch steht. (5>n Volk aber, das dreiundzwanzig Jahrhunderte unter fremdem Drucke schmachtet, kann keinen Vegriff von Freiheit haben. In Aegypten gibt es keine Aegypticr mehr, es gibt nur Araber. Die Perser brachen die Macht der Pharaonen, und nach ihnen lag abwechselnd die eiserne Hand der Macedonier und Römer, der Griechen unk Araber ans diesem unglücklichen Lande, das unter den Tataren, die nns als ottomanische Türken bekannt wurden, noch jetzt schmachtet. Der starke Stamm der Araber hat sich mit den Eingebornen so vermengt, daß ihre Gesichtsbildung die vorherrschende geworden ist. Sie sind von außerordentlicher Muskelkraft und schönen ebenmäßigen Formen. Ihre Gesichtsfarbe ist durch die glühende Sonne braun gefärbt, die Züge edel und rein. Unter den schwarzen Brauen blitzt ein dunkles Auge her« vor, die Nase ist gerade und feingestaltet, der Mund schön, die Zähne beneidenöwerth. Sie sind meistens über Mittelgröße, und die athletische Spannkraft ihrer Glieder läßt sie ein Leben voll Entbehrung, Anstrengung und der erschöpfendsten Fatignen mit Leichtigkeit ertragen. Ihre Biegsamkeit imSpringen ist erstaunlich, und sie gleichen in der Elasticität ihrer Gelenke den Affen, ^a man sie häufig nackt sieht, so kann man ihre tadellose Kor-'erbildung bewundern. Dabei sind sie höchst gut geartet, und 'ei allem Elende lustig. Bet ihrem Nilwasser, bet Kräutern, Datteln, ewiger Arbeit und Schlägen, benutzen sie jede Gelegenheit zu Tanz und Musik. Das arabische Element ist über ganz Aegypten verbreitet, und man nimmt an daß neun Zehntel der Bevölkerung daraus besteht. Araber nennt man aber alle die arabisch sprechen, sie mögen Arabien, Nordafrika, Türkei oder Aegyptcn bewohnen. Bedawi, was sonst der allgemeine Name war, bezeichnet jetzt nur noch den Araber der Wüste. Die Einwohner Kairo's nennen sich Kinder Mesr's, und Fellah ist der arabisch-ägyptische Landbauer, das Volk Pharaons, wie die Türken die Aegyptier zu nennen pflegen — ein Volk, das weit über seinen plumpen Herrschern an natürlichen Fähigkeiten steht, und das so rasch gehoben werden könnte durch eine weise wohlwollende Regierung. Je näher wir Theben kamen, desto schöner entfalteten sich die Gefilde, welche zu dem Stolz der Welt führten. Die Palme von Theben mischt sich überall mit denDattelpalmen. Während diese ihre anmuthig sich wiegenden Blätter aus einem Stamme treiben, und dieser Stämme oft 1(1 12 aus b'iner Wurzel emporsteigen, zeigt sich der Tombaum reicher an Acsten und Grup-pirungen. Seine Früchte sind nur für arabische Zähne genießbar, und hängen wie die Dattelfrucht, gleich versteinerten Kartoffeln, in dichten Büscheln von den Zweigen herab. Diese Domfrucht schließt in ihrer harten faserigen Rinde einen Kern in sich, welcher Aehnlichkeit mit der Cocosnuß hat, und wieder eine herzförmige feinpolirte Ocffnung umgibt, wie aus weißem Veiu geschnitten, niedlich genug, um als Schmuckkästchen einer Dame zu dienen. Aus der Domfrucht werden Rosenkränze, Crncifire, Pfcifenspißen sehr fein geschnitten. Gine andere Zierde dieses Landes ist dcr stets häufigere Anbau der Vaumwollen-staude, eine der bestgelungenen Speculationen Mehemeds, Die Blätter sind schön gezackt, groß und dunkelgrün, die Aeste glänzender Amaranth, die Blume gelb, und die Frucht gleicht einer großen Rosenknospc, in welcher die schneeweiße Wolle mit ihrem schwarzen Kerne liegt. Nachdem wir drei Tage ganz günstigen Wtnd gehabt, verließ er uns plötzlich, und mit ihn: zerriß alle Geduld meiner Gefährten. Wir hatten volle dremndzwanziq Tage auf dem Nil zugebracht, hatten noch keine der gepriesenen Ruinen des Landes gesehen, und nun bloß fünf Stunden von Theben ent- 349 fernt, musiten wir wieder still lieben, und die mühsame Operation des Stromaufziehenö von neuem anfanden. Dieß war für ungeduldige Menschen zu viel, und der langverhaltene Sturm des Unwillens brach los, als wir uns Abends beim Thee versammelten. Cs war ein böser Geist in meine Gefährten gefahren. Die meisten erklärten eine Reise nach Aegypten für die albernste Verirrung, deren sich der Mensch schuldig machen könne. Man sehe nichts als Dattelbäume, und habe keine Unterhaltung, als diese allenfalls zu zählen. Die Gebirgswände sehen aus, wie wenn die Welt von allen Seiten mit Brettern verschlagen sey, und bei der elenden Verfassung der Schifffahrt riskire man am (5'nde auf eine höchst einfältige Weise umsLebcn zu kommen, und ausgelacht zu werden. Man sey ganz in der Hand spitzbübischer Bedienten, die jedes Lebensmittel dreimal theurer anschlügen, und übrigens verdammt vom Ungeziefer verzehrt zu werden, oder Sonnenstich und Augenkrankheit zu bekommen, uud dieß alles um ein Paar elende Ruinen zu sehen. Mein Franzose konnte es nicht verschmerzen, einen ganzen Winter in beständiger Todesangst und unter nackten Barbaren zu verleben; der Italiener war am bittersten über diese Reise zu sprechen, weil er täglich mehr die Hoffnung aufgeben mußte bis zum Carneval in Rom zurück zu seyn; der Amerikaner pries die Eisenbahnen und Dampfschiffe feines Landes, und fand den Vergleich sehr zum Nachtheil Aegyptens, und der Admiral meinte, er könnte während dieser langen Zeit seine Anpflanzungen in Brasilien besuchen. Es hätte nicht viel gefehlt daß sie alle auf der Stelle umgekehrt wären. Um nun dieses Un-gewitter zu beschwören, nahm ich den Reis vor, und versprach deu Matrosen einen feisten Hammel, wenn sie die,Nacht durch fortzögen, um Theben zu erreichen. Die Aufgabe war nicht klein, da sie von der Tagcsarbeit und Hitze sehr angegriffen warru. Wie ich aber eben diese Vorschläge machte, bewegte sich bereits das Schiff, und nnter lautem Geschrei liefen die Matrosen am Strande damit fort. Sie hatten unsere Verstimmung bemerkt, »nd stch freiwillig angeboten noch nach Theben zu ziehen. Der Mißmuth meiner Gefährten legte sich etwas, verwandelte sich aber in Entzücken, als uns der klare Mond am frühesten Morgen die drei Spitzen zeigte, an denen man das unbeschreiblich schone Thal der großen Diospolis aus allen Fernen unterscheidet. 41. Theben, die große Diospolis. <5s war zwei Uhr Morgens, als wir am Gestade von Luror Anker warfen. Die volle Mondscheibe des ägyptischen Januars goß ihr sanftes Licht über die weite Ebene aus, welche die älteste und größte Stadt der Erbe getragen; die mächtigen Saulengänge des Tempels zu Ln^or erhoben sich vor uns in der schwimmenden Beleuchtung der ^,lc>,-n.l i!ll>ßlc> im Durchmesser, die größten 34 Fuß im Umfang und 12 Fnß Durchmesser haben, während die nach dem Sanetuarium führende Mittelreihe 94 Fuß hoch ist. Ein schauerliches Dunkel erfüllt diese Geister-räumc! nichts Irdisches kann einen tieferen zur Andacht stimmenden Eindruck erwecken, und mich nahm ihr Zaubcrraum in der Morgeuerleuchtung, in der Abeudröthc und beim schauerlichen Mondlichte auf. Nur zwei dieser Säulen hat Erdbeben oder 353 Zeitenlauf zum Wanken gebracht. Sie sielen, aber mir um von dem kräftigen Nachbarn aufgenommen zu werden, dem der Fall kaum das Haupt wackeln machte. Und da in diesen Tempeln alles von Stein gefugt ist, so sind die Fenster auch hier in Granit geschnitten, und längliche Oeffnungcn spenden düstere Beleuchtung von oben in die gespenstigen Räume Ammons. Alles ist wie erst gestern vollendet, die Basreliefs, die Hieroglyphen, selbst die Farben, mit denen Wände, Säulen und Obelisken gemalt, zeigen stch noch ganz und frisch, und der Himmel selbst, der diesem Lande keinen Regen gab, hat die Hand zur Erhaltung der Meisterwerke geboten. Mit der hohen Würde der großartigsten Schöpfung verbanden die alten Aegyptier das Anmuthige. Welche Zierlichkeit zeigen sie in der Ausführung ihrer kleinen Figuren und in dem Detail des Meißels! Die Widder-Köpfe auf den Sphinxen sind voll Treue und Wahrheit-, einen unverlöschlichen Eindruck machen aber zwei Mädchensphinre — das Vollendetste, das Erhaltenste, was ich von ägyptischer Plastik gesehen. Der schalkhafte Vlick der einen, mit dem schönsten, edelsten Ausdruck des Gesichtes, wäre des Bildes einer Kleopatra würdig, und nimmt sich zwischen all dem übermenschlich Großen und uuter den stupenden Proportionen der Tempel von Karnak um so reizender aus; und wenn etwas geeignet ist in Europa einen bessern Begriff von ägyptischer Sculptur zu erzeugen, so wäre es eines dieser räthselhaften Frauenbilder. Die Philosophen des Ostens, gewöhnt dic ganze Schöpfung als eine Wirkung gewisser mysteriöser Zeugung anzusehen, betrachteten natürlich als erste Grundursache die Vereinigung beider Geschlechter, welche in einer Ocm menschlichen Verstaube ganz unzugänglichen Weise die männliche und weibliche Kraft verband, und dadurch der Schöpfer jedes bestehenden Dinges wurde. Die Ephinr mußte daher Attribute haben, die weder dem Mann noch dem Weibe ausschließlich eigen sind. Kann aber eine vollendetere Zusammenstellung allegorischer Harmonie der schöpfenden Naturtraft gedacht werden, als der schöne Frauenkopf, in dem sich aller Reiz der Liebe zusammendrängt, und der schlanke Leib des zum Sprunge auf den Hintertatzen bereitliegenden königlichen Löwen? Karnak ist unstreitig das größte jetzt bestehende Menschenwcrk, an Masse wie an Schönheit unerreicht. Neun Königsgeneratiouen haben am großen Tempel gebaut, sechzehn Jahrhunderte den Bau vollendet. Welche Nation hat die Kraft Morgenland und Abendland. I. !Ne Äuft. 23 354 diesemWeispiele zu folgen. dert Reiter.und zweihundert Kampfwagen zugleich auszogen, aus deren Schooß dic Helden emporstiegen, die so viele Staaten eroberten, die älteste Hauptstadt auf Erden, wer schildert sie, wer malt sie uns? Ein Menschenleben würde nicht ausreichen, um alles zu beschreiben und aufzuführen, was ihre Nebcrreftc uns noch Großes zeigen; ein Menschenleben wäre zu kurz, um in Bilder zu fassen, was uns die sicbenzehn geöffneten Königsgräber allein zeigen. Was muß alles auf dieser weiten Ebene gestanden haben, die Theben trug? Welche mechanische Lourtoisie und Hülfe, welchen Reichthum au 'Architektur, Vildnerci und Malertunst haben diese alten Aegypticr besessen? Welchen Veweis ihrer frühen Civilisation liefern uns die kühnen Nebcrbleibsel ihrer Architektur, und welche Geschichte muß ein Volk gehabt haben, das solche Zauberwerke schaffen konnte — Werke, die vor vierzig Jahrhunderten erzengt wnrdcn , und die vierzig Jahrhunderte nicht zu zerstören vermochten? 42. Hermontis und Qmbos. Wenn lch die großen Tcmpelrestc der Aegyptier durchwandere, und ihre seit Jahrtausenden ohne Censur aufgeschlagenen Granitfolianten lese, dann wciü ich nicht was ich mehr bewundern soll, den Reichthum ihrer Phantasie, die vom Käfer bis zur Sonne alles in Götter verwandelte, oder die Stärke ihres Gedächtnisses, welches alle diese Bezeichnungen festzuhalten wußte. Ein Göttcrmord war damals leichter möglich alo ein Menschcn-mord, und dic altägyptifchen Schulkinder mochten einen läugern Cnrsus für die Mythologie nöthig haben, wie die modernen für den Koran. Wie ist es erklärbar daß eine so erleuchtete Nation einem solch abgeschmackten Cultus huldigen konnte; jeder Skara-bäus erscheint mir als Vorwurf gegen diese endlose chaotische Verwirrung der Neligionsbegriffe in Anbetung von Thieren, und nur die Vermuthung daß die ganze Götzendienern der Aegyptier auf Symbolik beruhte, kann uns den Glauben an ihre geistige Ucberlegcnheit retten. Die alten Aegyptier haben uns keine gedruckten Bücher hinterlassen, sie schrieben ihre Werke auf die Felsenwände ihrer Tempel. Diese heilige Scnlptur oder Hieroglyphenschrift finden wir bei allen Völkern im Anfaug ihrer Bildung, wie wir unsern Kindern das Alphabet durch Bilder lehren. Seit wir diese kolossalen ägyptischen Granitfibeln gleich offenen Büchern lesen zu köuneu glauben, seit uns das phonctiiche Alphabet, der Schlüssel zum Hieroglyphensystem, und die hieratische Schrift keine Räthsel mehr sind, begreifen wir erst die Fülle dieser symbolischen Zeichen, welche den Priestern dienten, die allein ihren tiefern Sinn kannten. Wir sehen den U.cbcrgang in die Schriftsprache durch Bildung der Buchstaben mittelst der Anfangstöne der Worte oder Zeichen, ohne welche man keine Namen hätte schreiben können, und wir bewundern den Reichthum an Me- 359 taphern bei diesem phantastischen Volke. Nnd doch haben wir mit all diesen Enthüllungen für die Kenntniß der ägyptischen Urgeschichte so viel wie nichts gewonnen, und der brutale Amru versenkte sie vermuthlich ans ewig durch den Brand der alcxan-drinischcn Bibliothek in Nacht und Vergessenheit. Keine Nation hat das Verwalten eroberter Länder besser verstanden wie die alten Römer. Die Engländer haben sie begriffen und nachgeahmt. Die Franzosen haben sie nachgeahmt und Verpfuscht. Die römische Colouisationskunst war die einfachste, und sie folgten den weisen Pwlemäern in ihrer Politik. Die Engländer haben den Indiern ihre Götter gelassen oder sie dulden sie nur, die Römer nahmen aber die Götter der Aegyp-tier in Haus und Tempel auf und adoptirten sie. Damals schickte man sich die Gottheiten schockweise zu, und auf ein paar hundert mchr oder weniger lam es gar nicht an. Die Griechen veredelten dadurch Künste und Künstler, die Römer fesselten durch die Glaubeusverschmelzung ihre Provinzen mehr an sich als durch ihre Legionen. Nicht Toleranz fordern die Gläubigen, sondern gleiche Gesinnung, gleiche Verehrung der Götter die sie anbeten. So finden wir alle noch stehenden Tempel, welche die Pto-lemäer und die Nömcr nach den Pharaonischen Vorbildern erbauten, nnd worin sie zeigen daß sie eben so tief in den Geist ihrer Architektur, wie in die Weihe ihrer Götterlehre eingedrungen und sie in sich aufgenommen hatten. Wenn man Theben lge-sehen, so sieht man vielleicht zu geringschätzend dem noch zu Schauenden entgegen, obschon ich glaube daß das ägyptische Reisegewiffen sich mit Theben und Tcutyra zufriedenstellen kann. Wir finden aber in den nachfolgenden Tempeln so unendlich viel Schönes und Neues, daß ein Stein im Vau fehlt, wenu man sie unbcsucht läßt. Nachdem wir zwei Tage die Vbenen von Theben durchwandert, ritten wir dem Tempel von Hermontiö zu, der den Schluß des schönen Thales bildet. Nach drei Stnndeu erreichten wir die Stelle, wo die alte Stadt nnter hohen Schntlhügeln vergraben liegt. Die Rcstc des Tempels selbst sind dadurch etwas gedeckt, und man hat bereits ein großes Manuorbassin zurückgelegt, ohne noch den ganz nahe stehenden Porticus zu übersehen. Vinzclne Säulen setzen zuerst das Äuge in Erstaunen durch ihre Schönheit, und man tritt in den Vorhof, der von meistens auf- 360 rechtstehenden und ganz erhaltenen Säulen umfaßt ist, die durch die schönen Balustraden, diese reizende Zierde der ägyptischen Säuleuordnuug der neuern Zeit, verbunden waren. Der Gfscct dieser Balustraden ist außerordentlich, und ich begreife nicht weß-halb die Griechen diese wahrhast reiche Architektur nicht angenommen hatten. Jede Säule hat einen andern Knauf, und die Lotusblume, das Palmblatt, der Schilf und viele andere Gebilde der südlichen Gewächse sind hier mit erstaunlicher Schönheit in Stein abgebildet. Die Cella ist ganz erhalten, nur klein, wie der ganze Tempel zu den kleinern, aber sicher zu deu schönern gehört haben mag. Die Basreliefs weisen auf die ptolemäische Zeit, wo die Arbeiten schon erhabener gemacht wurden. Granit und Porphyrsäulen liegen weit verbreitet herum, allein das Türkcn-regiment übt hier sein Amt. Die Tempelshallc selbst dient zum Eselsstall, und wir waren froh daß diese Bewohner auf die Weibe gingen. An Tempel und Porticus schließt sich eine ueueManer, und ein gewaltiges Taubenhaus überragt sogar die Höhe des Tempeldaches, in Pylonenform aufgeführt und weiß angestrichen. Diese moderne Nachäffung der alten ehrwürdigen Pylonen war mir in Aegypten der größte Gräuel, besonders in ihrer Verwendung als Taulienwohnuugeu. Vs ist das einzige was die modernen Negyptier von ihren Vorfahren gelernt. Die Fragmente des Tempels wurden nach der Sitte der gegenwärtigen Regierung zu Fabrikgebäuden verwendet, und zwischen Marmorpilastern siebet man Natron. Allein hier wie überall haben sich die neuen Ruinen zu den alten gesellt, um den Verheerungsproceß zu beschleunigen. Als wir von dem schönen Hermoutiö zum Nil zurückkehrten, um unsere Schiffe zu suchen, erhob sich ein unheilschwangerer Samum. Schon in weiter Ferne sahen wir hohe Staubsäuleu, von Wirbelwinden aufgethürmt, über die Wüste herziehen, und bald brauste der Sandsturm, dieser gefährliche Gast, auf uns zu. Sie gehen mit solcher reißenden Schnelligkeit, daß man ihnen nicht entfliehen kann. Gs blieb daher nichts übrig als uns niederzuwerfen, und wir hörten das Brausen über uns hintoben, während wir uns ganz mit Sand und Stein überdeckt fühlten. Als wir uns erhoben, brachen wir alle in helles Gelächter auö, da keiner den andern erkennen konnte. Wir eilten zu den Schiffen, allein sie hatten ebenfalls zu kämpfen und waren ganz zugedeckt 361 und herumgerissen worden. Nach langen Bemühungen gelang es uns cm Nord zu kommen, nnd unsere Reift fortzusetzen, aber auch hier erreichten nns die Staubwirbel und stürzten sich neben und über uns in den Strom. Es ist ein gewaltiges Getöse das durch die Lust dröhnt, und alles aus dem Boden, über den es zieht, fortreißt. Man muß es tief beklagen daß in Aegypten so viele nnd große Strecken des fruchtbarsten Bodens unbcbant sind. Wir legten wieder an einer diefcr großen Haidcn an, die nicht einmal zur Weide für Vieh dienen. Der herrliche Mondschein hat in diesem Lande auch eine besondere Färbung, so daß sich das Firmament und die beleuchteten Gegenstände wie durch einen Stahlhohlspiegel ansehen. Die zwei kleinen Bergfpitzcn der Dschebclie liegen sehr freundlich auf den» linken Ufer, verlassene Häuser und ein Heiligengrab zieren sie, und der Weg von Gsneh führt über sie weg. Krokodile waren hier wieder in Menge, ein lebhaftes Feuer wurde regelmäßig von unsern Barken ans sie gerichtet, die Kugeln prallten aber mehrmals sichtlich von ihren Panzern ab. Der schneeweiße Palast des Pascha zeigt sich bei Esneh in einem reizenden Gehölze von Sykomoren, Datteln und Akazien, diesen drei Zierden Aegyptens. Dann folgt eine verfallene Mamelukencaserne und aus langer Hügelreihe die zackigen maurischen Hänser, höchst malerisch beleuchtet, da gerade hinter ihnen die Sonne unterging. Tie massiven, zum Theil mit Hieroglyphen beschriebenen Ueberreste eines Dammes «us alter Zeit dürften nur erhalten werden um die Stadt vor Uebcrschwemmuugen zu sichern, die schon einen Theil von ihr fortgerissen haben. Die Mischung der altarabischcnSteingebäude mit den elendesten Verber-Varracken ist hier schreiender als irgcudwo. Als wir früh Esneh verließen, sahen wir ein Wunder. Denn ein Wunder ist im Sais der Regen. Die Leute nannten dieß allen Ernstes eine» Regen, bei uns wäre es ein herbstliches Nebclreißen gewesen. Indessen zeigte sich doch den ganzen Tag die Sonne nicht, welches ein noch größeres Wnnder seyn soll wie der Regen. In einem Lande, wo man nie nach dem Wetter fragt, wo die Sonne einen Tag wie den andern im ganzen Jahre und ohne Unterschied der Jahreszeit glänzend auf-und niedergeht, ist eine jolche Erscheinung allerdings ein Phänomen. Wir blieben in unsern Sommerkleidern im Freien 362 sitzen, unsere armen Matrosen aber waren wie verschlagen, und schauerten vor Kälte. Der Araber kann sich überdies; nicht durch Arbeit erwärmen, und arbeitet nur wenn es warm ist. Bei Kälte bringt man ihn nicht dazu. Diese schreckliche Kälte genießen wir oft im September in weit höherem Grade, wie es hier einen Tag der Fall war. Die Ebene, in welcher das alte Eleuthias lag, ist in einem majestätischen Halbkreis von den gelben arabischen Gebirgen umschlossen. Die Stadt stand hart am Nil, auf Hügeln und Fläche, von hohen, noch stehenden Mauern umschlossen. Ihr gegenüber auf dem linken User lag das alte Hieracampolis, und nun verfallene Pyramiden. Der immer stärker werdende Wind trllg uns rasch an dem herrlichen E d fu vorbei, und wir hatten kurz darauf wieder einen kritischen Moment zu bestehe». Die Windstöße verdoppelten sich, und der Strom warf Wellen wie ein bewegtes Meer. Als es Nacht wurde, wollten unsere Capitäns nicht weiter fahren, wir aber wollten den guten Wind benutzen. Wir hatten den Engpaß der Verge von Serseleh vor uns, und hier beginnt der Nilsand sich in Stein umzuwandeln, wodurch das Auffahren stets gefährlicher wird. Unscr Reis schützte vor daß kürzlich ein Gesetz gegeben worden wäre, wornach jeder Neis, dessen Barke zu Grund geht, aufgeknüpft wird. Ich garantirte ihm seinen Hals, und wir fuhren ab. Kaum eine halbe Stunde gefahren, saß die amerikanische Barke fest, und es bedürfte großer Anstrengung um sie flott zu machen. Dann ging es aber gut, und wir vassirten ohne Anstand gegen Mitternacht den gesürchtcten Paß, wo die beiden Gebirge in schöner Form den Strom auf W0 Schritte einengen, wie nirgend anders. Kurz nach der Durchfahrt saßen aber auch wir auf, und brauchten den Rest der Nacht um wieder flott zu werden. Mit dem Tage erblickten wir Ombos, das herrliche. Wir ließen uns sogleich ans Land setzen, um zu Fuß dahin zu gehen, da der Wind abermals entgegen war. Wir hatten anderthalb Stunden in der Wüste zu machen, die Sonne brannte über unsern Köpfen, der Sand unter unsern Füßen. Den glänzenden Sand der Wüste kann nicht jedes Auge ertragen, ich mußte derlei Gänge oder Ritte jedesmal mit Schmerzen bezahlen, und meine Augen, schon in Griechenland sehr leidend, 363 singen hier abermals an mir bis in die Windln hinein peinlich wehe zu thun. Die außerordentliche Trockenheit der ägyptischen Luft, besonders aber der glitzernde Schein der Sandkörner in der Sonne, mögen vereint zu diesem Leiden beitragen. So oft ich übrigens mühsam durch diese Wüstensteppcn watete, fiel nur Malek-Adhel ein, der nach Aussage der Madame Cottin seine Mathilde durch die ganze Sahara getragen. Nur eine französische Dame kann uns solche Galanterie zntraueu', wer aber nur einige Stunden in diesen Sandmeeren herumgegangen, weiß recht gut daß man Mühe genug hat allein darin fortzukommen. Aber keine Wüste, kein Augcnschmerz hätten mich abge^ halten den Edelstein Aegyptens, das liebliche Ombos, zu schauen. Ombos liegt in der Wüste, oder vielmehr auf einem Hügel, der sich aus der Wüste emporhebt und auf der andern Seite nach dem Strom hinabsenkt. Der noch aufrcchtsteheudc gegen den Nil gewendete Portims zeigt dreizehn Säulen, die an Umfang und Schönheit denen von Karnak gleichkommen. Capitale von Früchten, Blumen aller Gattung, in den zierlichsten Fügungen, entzücken das Auge. Die mächtigen Architrave sind noch frisch bemalt, und der geflügelte Discus, die schwebenden Adler mit dem Schwert in den Krallen, umgeben die Pracht des Tempels mit den Insignien der Gottheit und der königlichen Gewalt. Das Felsendach ist erstannlich, die Architrave kolossal, und die unterirdischen Verbindungen mit dem Flusi sehr kübn. Die Verzierung der Facade ist im edelsten Styl gehalten, nnd vor den Säulen, die mit reicher Valustrade vcrbuudcn, lagern sich die räthsclhaften Sphime. Die Vorwand des Tempels steht noch ganz, der Nest ist eine Vcute der Wüste geworden und mit Sand überschüttet. Das Thor ist halb offen geblieben, das Innere aber ganz vergraben. So schön sich dieser Tempclrest von allen Seiten zeigt, wo man sich ihm nähert, so bezaubernd ist die Aussicht welche man von ihm ans genießt. Der Strom in seinen Schlangenkrümmungen, das üppige Thal gegenüber bis zum libyschen Gebirge hinaus, bietet einen vollendet schönen Anblick. Dcr tiefcrstehendc Isistempel ist von den Wellen verschlungen, und nnr einer seiner Pylonen steht noch aufrecht, von Granitmassen nmringt, als Ueberbleibsel und Zcnge seiner Schönheit, Wie vieles geht hier zu Grunde, was so viele Jahr- 364 taufende unberührt hat an sich vorüberziehen sehen, und wie leicht wäre es das noch Stehende vom gänzlichen Untergange zn retten. Hermontis und Ombos können dem fremden Pilger erzählen, wie väterlich die Regeneration Aegyptens für die Neste semer alten Größe sorgt. 43. Phils und die Katarakten. Mit reißender Schnelligkeit entführte uns der Nordwind dem herrlichen Ombos. Der Nil wimmelte von Schiffen, die mit gespannten Segeln der Gränzstadt Aegyptens zueilten, und Sklavenschiffe kamen unS bei Darao mit ihrer unglücklichen Last entgegen, um ihren Sündenlohn in der Hauptstadt zu holen. Der Charakter der Gegend ändert sich nun ganz. Die ruhigen, friedlichen Thäler Aegyptens verwandeln sich in wilde, rauhe Felsenlandschaften, und nehmen eine ernste düstere Haltung an. Granitblöcke der größten Gattung thürmcn sich im Nilbett auf, wie wenn sie den Durchgang sperren wollten, und wirklich machen sie ihn auch schwer genug. Im Angesichte Assuans fuhr unsere Barke auf einem Riffe auf, und gleich darauf die zweite auch. Der Wind wurde heftiger, und legte plötzlich die Barte um, die auf dem Felstngruude nicht den Halt sindet wie auf dem Sande. Sie war aus dem Punkte ganz umzuschlagen, als wir uns in die anhängende kleine Fcluckc warfen, um uns zu retten. In diesem Augenblicke wurde das Schiff flott, und wir konnten unsere Mannschaft den noch immer festsitzenden Freunden zuschicken, Wir aber benutzten die Gelegenheit, während unser Schiff einen Ankerplatz bei Assuan suchte, die benachbarte Insel Elephantine zu besuchen, die ruhig und in blühender Schönheit in der Mitte der sie umthürmenden Naturschaucr den brausende» Strom scheidet. Allein vergebens sucyt man auf Elephantine die erhabenen Tempel, von denen die Alten mit Begeisterung sprachen, und welche Reisende bis noch vor wenigen Jahren gesehen hatten. Mehemeb Ali hat diese schönen Tempel geraubt, die weder von Saracenen noch Christen zerstört werden konnten, und nur ein Thor steht auf einer Höhe, das den Naub des Reformators mit der Pracht seines eigenen Götterhanses hat vergehen sehen, und das triumphirend auf die eingestürzten 368 Eine breite Straße führt durch diese Felsspaliere von Assuau nach Philä, und eine uralte Mauer, deren Bestimmung ich nicht kenne, folgt diesem Wege gegen den Nil hin. Wir lenkten rechts gegen den Strom ab, nm von oben die Katarakten zu überschauen. Sie verdienen diesen Namen nicht, und ich finde die Beschreibung vieler Reisenden darüber zu romantisch ausgeschmückt. Das ganze hier sehr breite Flußbett ist mit abgerissenen Felsblöckcn übersäet, welche die bizarrsten Formen bilden. Die Strömung ist verengt und gehemmt von diesen Steingruppen, welche mehrere Wasserstrudcl erzeugen, die nnr einer mangelhaften Schifffahrt gefährlich werden können. Man theilt sie in süuf 'Abschnitte, Einzelne Cascaden sind hier nicht, das Land selbst aber hat starken Abfall und der Fluß dadurch begreiflich mehr Echnellung, Das ganze Bild hat durch seine düster gruppirten Einfassungen viel Malerisches, was sich gegen die geheimnißvolle Insel Philä hin bis zum Erhabenen steigert. Wilde, gränzenlos durcheinandergeworfene, schwarze Felscnmassen bilden ein großes Becken, in welchem sich der hier klare Nil gleich einer Schlange im engen Kreise windet, wie wenn er Kräfte sammeln wollte den Felsendurchgaug zu erzwingen. Gs ist ein Vilb des Urchaos, schwarz und düster, von allen Schauern antedilnvianischer Schrecken umrnngen. In dieser Verwirrung von zerrissenen kahlen Bergen, in dieser krampfhaften Umschlin-gnng des gewaltigen Stromes, erhebt sich mit allen Reizen des frischen Lebens ausgestattet die kleine Insel Philä, die Eintrittspforte in das Land der Mythe, in das Land der fabelhaften Aethio-pier. Große O-uaderfundamente umgeben sie ringsum, schützend gegen den ewigen Andrang der eingezwängten Fluthen, und auf ihrer unansehnlichen Fläche erheben sich Bauwerke, deuen nur die erhabenen Tempel zu Theben vorgezogen werden dürfen. Als wir von den Katarakten heraufritten, übersiel uns ein Schwärm von wenigstens hundert Kindern, alle nackt, nur die Mädchen mit Ledergürtelu, Die Anrede ,,(5avadja" bedeutet Kaufmann, und wird iedcm Fremden zu Theil, da sie uichts anders kennen. Das ominöse „Backschisch" ist aber das Stichwort, welches jede Art Belohnung oder Trinkgeld ansspricht. Dieses ,,Backfchisch Cavadja" muß man in Aegypten millionenmal hören, und es geht einem damit wie mit dem Geschrei der Matrosen, man hört es gar nicht mehr. Bei diesen Kindern fiel mir aber 369 Ton und Manier besonders aus. Sie umschwärmten uns mit den tollsten Possen, und man konnte ihrer Aufdringlichkeit nicht grollen, weil sie durchaus das Vettelhaftc nicht an sich hatten, worin die Nubicr sich überhaupt vor den Arabern auszeichnen. Besonders ein Knabe von vielleicht eilf Jahren hatte es ganz ernstlich aus uns angelegt uud verlies; uns nicht mehr. <5r schramm mit uns zur Insel Philä, zur Insel Vitsche und zuletzt die Katarakten hinab, Sein schlanker, vollkommen ebenmäßiger Körper, seine zierlichen Glieder, seine graziöse Vewegung im Schwimmen, bei dem er sich flach über einen Palmstamm legte, die schönen Arme, die runden kräftigen Schultern, die hier stets über dem Wasser bleiben, das freundliche Lächeln, diese herrlichen weißen Zähne, die Anmuth, 'reiche über der ganzen kindlichen Erscheinung schwebte, würden ihn zum Modell für einen Amor oder Ganymed eignen, und die braunschwarze Farbe gab ihm bei mancher plastischen Stellung das Ansehen einer Vronzestatue. Man ist auf unsern Maler-Akademien oft in Verlegenheit Modelle zn bekommen, unter den Fellahs sollte man sie aussuchen, besser bekommt man sie schwerlich, und billiger auch nicht. Ter große Tempel zu Philä ist mit dreifachen Propyläen und Porticos umgeben, von denen nocl, zweiundfünfzig ganz erhaltene Säulen eine der prachtvollsten Säulenhallen bilden, welche die Welt je gesehen hat. Zwei Paar Pylonen führen durch hohe Thore in sein Inneres, und die Figuren ihrer Wände sind die größten und schönste» in Aegypten, Ter würgende Osiris bildet auch hier nebst der sanften Isis das Hauptthema. Die zwei Löwen vor den Pylonen sind umgestürzt, sonst alles erhalten, alleS im großartigsten Vaustyle, die Knäufe der Säulen in der unendlichsten, aber stets anziehenden Verschiedenheii, dic innern Säle und Vorhöse des Tempels, so wie die geschmückten Neben zimmer, majestätisch, und die Farben der Decke, der Capitale und der Pasreliefs mehr oder minder frisch erhalten. Diese erstaunlichen Massen mußten in ihrer Richtung und Anfstcllung den Windungen und der Form der dafür zu kleinen Inselfläche folgen, wodurch die Symmetrie gestört wird, da zum Beispiel der große Porticus nicht gerade auf den Haupteingang, und weder Pylonen noch Tcmpelthore in einander führen konnten. In dieser künstlichen Halbtreisform feierte aber die römisch-ägyp^ tische Vaukunst ihren großen Triumph, indem sie solche Schwie-Morgtnlond lind Abendland. I. 2le A»fi. 24 370 rigkciten überwinden tonnte, ohne dem Grundtypus ihres Styles zu entsagen. Unverkennbar hat der Cultus in diesem Tempel Mysterien unergründlicher Natur verschlossen, und die unterirdischen Verbindungen geigen deutlich daß hier mehr das Reich der Nacht und Vethörung geherrscht, wie das des Lichtes und der Aufklärung. Ich stieg mühsam in einen Schacht hinab, der nach der benachbarten Insel Gitsche unter dem Nil hinführt. Die kleine Monolithcnkammer neben dem Vorsaal des Allerheiligsten führt in dunklen» schmalem Gange in die Tiefe, wovon die eine Verzweigung in eine mcht mehr zugängliche Treppe nach unten leitet, die andere aber zur Höhe des Tempels emporführt. Es ist erstaunlich wie gut dieser Van erhalten ist, und welcher Reichthum von Sculptur undEntanstik hier verschwendet wurde. Man weidet sich von der Höhe der Pylonen an den romantischen Schauern der wildschönen Gegend, die so ganz geeignet ist rechtgläubigen Gemüthern blindes Vertrauen in die Gebote ihrer Priester einzuflößen. Wenn aber der große Tempel ehrfurchtsvolle Bewunderung erzeugt, so kenne ich in ganz Aegyptcu nichts Niedlicheres und kein neueres Exemplar eines wahren Miniatur-tempelchens, als das zwischen dem Haupttempel und dem nicht vollendeten neuen Portkus stehende zu Philä, den ich gar zu gerne mitgenommen, und dem kunstsinnigsten Fürsten Europa's überbracht hätte, wenn das Plündern nicht in Aegypten jetzt verboten wäre. Wenn die Ikonoklasten mit Ausmeißelung der Figuren nicht zu Stande kommen konnten, so haben ruhmsüchtige Reisende desto mehr hinzugefügt, und Namen aller Nationen prangen unter den Hieroglyphen, auf den Beinen der Götter und über den Kuhhörnern der Isis. Die französifche Armee hatte hier in einer Inschrift der Welt zu wissen gethan daß sie ihre glänzenden Siege bis in dieses ultim» I'üui« getragen hatte. Ueber dieses steinerne Bulletin setzte nun eine fleißiger gravirende Hand die bittere Vemerluug: ,,^uc- pugo äo NlMnil-e no äoit p»» ötro 8iüio." Wie viel treffender ist dieses Citat auf so Uiele keusche uralte Tempelwände zu setzelt, die obscure Namen aus alle» Welttheilen auf sich tragen müssen. In den stillen Königsgräbern, auf den heiligen Stätten Karnaks, in den Pyramiden, überall treten diese schwarzen Klctse entgegen, auf die 37t unser deutsches Sprüchwort so gut paßt! „Narrenhände besudeln alle Wände." Nie hatte ich meine Reisegesellschaft vergnügter gesehen, als auf dem Gipfel des Mlonen, wo wir unser Mittagsmahl einnahmen. Nir hatten ja sechshundert Meilen auf dem Nil zurückgelegt, wir hatten ganz Aegypten durchreist, der modernen Reisepflicht war genug gethan, und man konnte mit gutem Gewissen nach Hanse ziehen. Nicht von dem Glück das man genossen, nicht von dem Schönen das man gesehen, nur von den vielen Unannehmlichkeiten die man ausgestanden, war hier die Rede. Ich aber konnte mich unmöglich damit zufrieden geben, ohne den großen Monolithtcmpel in Ebsambul besucht zu haben. Schon mehrmals hatte ich Theilnehmer dazu zu gewinnen gesucht, aber nur taube Ohren gefunden. Jetzt ließ ich die letzte Mine springen, und erklärte meinen Entschluß, die Reise nach Nubien fortzusetzen. Der Franzose sprang beinahe über die Pylonc hinab, als er vieß hörte. Er fragte, ob man dieß nicht zu Lande thun könne; und als man ihm die Unmöglichkeit bewies, bat er dringend davon abzustehen. Seine gutmüthige Artigkeit siegte jedoch so weit, daß er sich anbot in Assuan zurückzubleiben, und uns zu erwarten. Der Admiral war in Indien gewesen und hatte die dortigen Felsentempel gesehen. Er schlug sich zur Opposition. Der Amerikaner hatte in seine»» Vuche bloß von der gesunden Luft in Aegypten gelesen, von der in Nubie» aber nichts gefunden. Der Italiener meinte, wir hätten Tempel und schwarze Menschen genug gesehen, und zog pathetisch semen Kalender hervor, der ihm einen Schimmer von Hoffnung gab, doch noch den letzten Cotillon auf dem Vallc der Gräsin 'lf. zu tanzen. Ich fiel daher durch, und um mich an meinen wasserscheuen Reisegefährten zu rächen, beschloß ich die Katarakten nllein hinabzufahren, wogegen sie sich ebenfalls gesträubt hatten. Ich miethete eine ziemlich große Barke mit sechs Rnderern, und führ ab. Ich weih nicht ob diese Passage wirtlich früher so gefährlich war, wie man sie schildert, ich habe durchaus keine Gefahr gefunden. Man bleibt in der Flußströmung auf der linken Seite des Flusses, und kommt rasch und ohne Anstand nach einer Stunde bei Elephantine an. Es scheinen einige Felsen gesprengt worden zu seyn, welche Hindernisse darboten. 24 * 372 Als wir uns in Äffuan wieder vereinigt hatten, empfingen wir Karten nnd Besuche von mehreren Fremden, die mittlerweile angekommen waren. In so großen Entfernungen schließt man sich gerne an, und Menschen suchen sich auf, die sich sonst vielleicht vermieden hätten. Der fortwährend heftige Nordwind vermehrte mein Vedanern, mein Project nicht durchführen zu können, da wir mit ihm in drei Tagen in Gbsambnl hätten seyn können. Es sollte auf der Rückreise noch gesteigert werden, da dieftr feindliche Wind uns treu blieb. 44. Das Beduinenlager. Auf einer der Streifereie» ins Innere des Landes, die ich bei Windstille oder Gegenwind oft viele Stunden ausdehnte, verlor ich mich eines Tages in großen Dattelgehölzen. Ein hoher Damm, welcher einen Canal einfaßt, zeigte mir ihre Gränze, und ich stieg ihn hinauf, um mich leichter zurecktt zu finden. Als ich oben war, sah ich drei badende Mädchen, die mit einander schäkerten. Sie erblickten mich, schlugen ihre weißen Gewänder um die schlanken Leiber und entflohen. Nach einer Weile standen sie stille, riefen mir zu, machten mehrfache Zeichen und Possen und entflohen wieder, wie ich an den Canal hinabging, um einen Uebergang zu suchen. Kaum hatte ich die gegenüberstehende Wand überstiegen, als eine Meute großer Hunde auf mich losstürzte, der gewöhnliche Empfang im Orient, wenn man sich Wohnungen nähert. Man wird diese Anfälle so gewöhnt daß man sie gar nicht mehr beachtet, allein dieser An-griff war etwas ernster. Ich riß das Gewehr ab, um dem kecksten Angreifer auf den Kopf zu schießen, als eine gewaltige Baßstimme erscholl und die Bestien zurückrief. Diese ließen indeß nicht ab von mir, und es gab keine Ruhe, bis einige Männer herbei kamen, um sie mit Gewalt abzutreiben. Ich erkannte nun daß ich unter Beduinen war, und ging auf sie zu. Wir traten in ein großes Zeltlager, das sich hinter einem Hügel ausbreitete, und Hunderte von Kamelen, Pferden, Eseln und Büffeln suchten sich rings aus der Haide ihre Nahrung. Ich war ganz allein und vielleicht zwei Stuuden von den Schiffen entfernt, wenige Schritte von der Wüste. Hier war aber nichts zu machen als Vertrauen zu zeigen, welches im Orient stets wieder Vertrauen erweckt. Ich ging mit den Männern zurück, und sie führten mich in das Zelt ihres Häuptlings, einer wahrhaft Abraham'schen Gestalt von etwa achtzig Jahren 374 und silberweißem langem Varte. Gr erhob sich bei meinem Gintritt von seinem Kamelsattel, »vie seine ganze Familie. Man bot mir Platz an, und ich setzte mich «nter die Männer nieder. Man betrachtete mich aufmerksam, freundlich, ja ich möchte sagen wohlwollend, aber ohne lästige Neugicrde, Ich sah daß sie noch keine Europäer zu Gesicht bekommen, denn jeder Theil meiner Kleidung erregte ihr Interesse, und wurde von ihnen besprochen. Mein bißchen Arabisch war bald zu Onde, nnd die Unterhaltung reducirte sich größtcntheils auf Zeichensprache. Ich befand mich in einem der Hirtenstämme, die zu Zeiten aus der Wüste kommen, um ihre Heerden weiden zu lassen. Sie bezeichneten mir die Gegend ihres gewöhnlichen Aufenthaltes. Es waren Araber von den Stämmen der Ababdehs, welche um das rothe Meer gegen das Hamatagebirge hin wandern. Am meisten beschäftigte sie die Construction, meiner Doppelftinte mit Pistons. Da sie nur Steiufcuer kennen, so fand ihr Erstaunen keine Gränze, als ich einen Lauf vor ihnen abschoß. Sie eraminirten diese Erscheinung mit größter Aufmerksamkeit, und ich hatte Gelegenheit, auch meine Bemerkungen zu machen. Die Zelte sind groß und zweckmäßig. Der untere Rand ist ringsum vom Voben etwa zwei Schuhe abstehend und mit Dattelstricken daran befestigt, wodurch Kühle darin erhalten wird. Die Frauen saßen herum mit verschiedenen Arbeiten beschäftiget, die eine wiegte ein Kind in einer Vinsenschaukel, die andere backte Vrod in einem zerbrochenen Gefäße, ganz auf die Weist, wie es Sara in der Nibel unter brennender Asche in einem Topfe machte und den göttlichen Boten im Hain Mamre anbot, die dritte wob eine große Decke, und alles war thätig, was man bei den Fellah-Arabern selten findet. Kamel- und Pferdesättel lagen herum, und an einem Feuer von Kamelmist wurde eine Art Suppe gekocht, worin ich Linsen sah. Man reichte mir einen Krug mit Milch, aus dem ich trank und ihn dann in der Runde herumgab. Eine Stimme, wie vom Minaret herab, ertönte nun von außen, und sie standen alle alls und verließen das Zelt. Außen wuschen sie sich das Gesicht, stellten sich in einen KreiS und machten mit ruhiger Wurde ihre Verbeugungen, worauf sie wieder zu mir zurückkehrten. Ich habe im Orient überall gefunden daß nichts die Franken in den Augen der Osmanlis 376 so sehr herabsetzt, als die Unterlassung des Morgen- und Abendgebetes. Nun trat ein Mädchen ins Zelt, das ich sogleich für eine der Badenden erkannte. Ich lächelte ihr zu und bot ihr den Milchtopf an, den sie annahm. Sie war nicht verschleiert, wie auch die andern Frauen nicht, und im Ganzen scheinen die Ve-duinlnnen nicht so ängstlich in der Verhüllung zu seyn, wie die Araberinnen. Züchtig in Gebärden, voll Anmuth in jeder Bewegung, liebreizend von Gesicht und Körperform, besonders in letzterer Modell für den Meißel eines Schwanthalers, glaubte ich das Vild der Rebecca vor mir zu sehen, wie denn die heilige Schrift uns genau in den Büchern Mosis die Sitten nnd Gebräuche der noch jetzt lebenden Veduinenstämme schildert, wo das Familienleben noch dieselben festen Vande umschlingen, wo die Gastfreundschaft auch gegen den Feind heilig gehalten wird, wo die Verlorne Ehre des Mädchens den Verlust des Lebens nach sich zieht, und wo das Wort des Mannes noch alles gilt. Es ist bekannt daß die Araber der Wüste seit Abrahams Zeiten das Blut ihrer Pferde so rein erhalten haben wie ihr eigenes, so rein wie ihre Sprache, die man nur in den Sandsteppen schön spricht. Ihre Sitten, ihre Genügsamkeit, ihr Hang zur Unabhängigkeit sind noch dieselben, wie in den Tagen der Patriarchen, und es ist ein großer Irrthum, wenn man sie als Unterthanen des Pascha ansehe» will. Die blutigsten Kriege, welche Mehemed Ali zu fuhren hatte, waren gegen diese wilden Stämme gerichtet, die ihm mehr Menschen testeten, als aUe seine Schlachten mit den Türken. Viele der Hirtenstämme des Hedschas und aus dem Vemen haben seine Suprematie anerkannt, um ihre Heerden an den Ufern des Nils zur Weide zu bringen, allein fle zahlen keinen Tribut, und die Nomadenstämme, besonders der der Asihrs, welche nie ihre mütterliche Wüste verlassen, spotten seiner angeblichen Herrschaft. Sie halten alles Eigenthum für gemeinschaftlich auf Grden, und deßhalb töbteu sie auch nicht, soudern plündern nur was sie brauchen. Nie waren sie unterjocht, und keine irdische Macht hat noch ihre Freiheit gebrochen. So saß ich unter diesen Kindern der Wüste lange im traulichen Kreise, unter diesen Männern, die stolz auf ihre uralte unvermengtc Herkunft, stolz auf ihre Armuth sind. Ich musterte 376 die testamentarischen Gestalten, die den alten Troglodyte« ähnlich in Felsenhöhlen, auf Ruinen, in Zelten und in den Sand-steppen auf ewigen Märschen im Herzen von Afrika ihr freies Leben fristen, nichts do» den niedern Leidenschaften der gepriesenen Civilisation, aber auch nichts von Krankheiten wissen. Sie haben ganz die ursprüngliche Einfalt der Abraham'schen Sitte bewahrt, und ihre Ehrfurcht vor dem Alter gibt den Familien-Häuptern eine fast unbeschränkte Macht. So kräftig die Männer sind, so schön sind die Weiber, die hierin die Araberinnen Aegyptens weit übertreffen. Sie tragen durchgehcnds den weiß-wollenen Vurnus aus der Berberei, der vorn mit einer Agraffe befestigt ist, und alles bedeckt, ohne etwas zu verhüllen, Ich habe nie schönere Arme und Veine gesehen, als bei den Mädchen der Vedawis. Als ich Anstalt machte mich zu entfernen, erhob sich die ganze Familie, um mich zu geleiten. Der Emir gab mir die Hand, die Frauen nickten mir freundlich zu, und einige brachten mir kleine Kinder herbei. Nochmals wurde ein Zug aus dem Milchkruge gereicht, den ich auf die Gesundheit der holdlächeln-ben Rebecca trank, und dann ging ich über die Linien des Lagers, während die früher so wüthenden Hunde mich nun schweifwedelnd umgaben, wie wenn auch sie das Necht der Gastfreundschaft anerkennten, Im Augenblick aber rannten sie eben so toll auf ei» paar Menschen los, die athemlos über den Hügel herabgelaufen kamen. Es war einer meiner Diener und ein Matrose der Varke, die schon lange mich suchten, da man glaubte, es sey mir ein Unfall begegnet. Ich ließ nun durch meinen Araber dem Emir herzlichen Dank für seine Aufnahme ausdrücken, der schönen Rebecca die Versicherung geben daß sie die edelste Blume der Wüste sty, und trat meinen Rückmarsch nach dem Schiffe an, das ich erst in tiefer Nacht erreichte. 45. Felsengräber. Die Römer verbrannt?» die Körper der Verstorbenen, und bewahrten die Asche in Urnen, unsere Väter legten sie in ihre Städte, unter ihre Kirchen, um die Geliebten auch nach dem Tode nicht von stch zu lassen, die alten Aegyptier durchbrachen die Gebirgswände der sie umschließenden Wüste, und legten die balsamirten Reste in kostbar bemalte Felsengräber. Kein Volk ehrte seine Tobten höher, keines verwahrte sie besser, und keines wurde in der Hoffnung sie zu erhalten härter getäuscht. Die Ueberzeugung baß unser Leben hicniedm nur eine (?phemeriden-eristenz, das Leben im Grabe aber ewig sey, stand fest wie die Halle», in denen die Todten zur Ruhe hinabstiegen. Rührender Glaube des Menschen, wie oft wirst du gelauscht, wie selten vyn den Nachkommen geachtet! Die Verggräber von Siut waren die zweiten die ich erstieg. Eine halbe Stunde hinter der Stadt erhebt sich in senkrechten Wänden das libysche Gebirge, das hier zum erstenmale aus der Wüste an den Nil herantritt und das schöne grüne Thal eng umschließt. Drei Stockwerke von Grabhöhlen thürmen sich steil übereinander auf, mächtige Thore, mit großen Figuren und Hieroglyphen verziert, führen in das Labyrinth ihreo Innern, Säulen aus Felsen gehauen stutzen den überall durchbrochenen und kunstrecht ausgehaltenen Felsen, und Spuren reicher Farbenbekleidung bedecken Wände und Decken, So retteten sich die tobten Aegyptier vor den Ueberftnthungsn des Thales, die den Lebenden oft so verderblich werden, und ihre Ausdünstung konnte auf den Höhen keine Gefahr bringen, selbst wenn das duftende Ambra die Verwesung nicht aufgehalten hätte. Unendlich sind die Verzweigungen der Galerien und Verbindungsgänge in deu ganz durchbrocheneu Vergen, und die Reichsten scheinen stch stetö die am weitesten vorspringenden Partien gewählt zu haben, um 380 Tafel im Königshause bereitet, wie die Speisen aufgetragen worden, wie die blinkenden Geschirre geformt, wie die Diener um die Gäste bemüht sind. Dort sehen wir den Glanz der Gefäße in jenen geschmackvollen Zeichnungen, die wir jetzt modern nennen, und mit denen die Nabobs-Vandhäuser Englands und die Pariser Salons überschwemmt sind, vom niedlichen Damenlieg-sessel mit den Ammonshörnern, bis zu dem glänzenden goldenen Thronstuhl hinauf, ein reiches Feld für die Nachahmung unserer Tischler. Weiter finden wir reiche und mörderische Waffen, zu Scherz und Ernst, das kurze Schwert, den spitzen Speer, den stählernen Schild, den goldenen Helm. Wie noch heute, so zogen schon die alten Aegyptier ihre einfachen Schiffe gegen den Strom, oder flogen mit hohen Segeln dahin. Kriegerische Heerschauen, dämonische Vorstellungen, wechseln mit den Bildern des Friedens und der Künste, und schöne Frauen spielen das älteste Instrument der Erde, die neunsaitige goldene Harfe. Alle diese Gemälde drängen sich in den mannichfachsten, im feinsten Geschmack erdachten und mit allen Hülfsmitteln ewigdauernder Farbe ausgeführten Gemälden auf deu weiten Räumen, und alles ist so weise benutzt, so wahrhaft künstlerisch in Rahmen geordnet, daß die bunten Reihen sich mehr verständigen und erklären, als verwirren. Der Königssarg selbst, der antike Granitsarkophag aus Einem Stücke, ist umgeben von einer ganzen Versammlung von Göttern, die allerdings bei den alten Aegypticrn etwas zahlreich waren, und der Verstorbene hatte jedenfalls den süßen Trost, in der Mitte des erhabenen Pantheons wieder zu erwachen. Welche Versuche, welche Entdeckungen, welche Vollendung -der Technik mußte vorausgegangen seyn, um Schöpfungen wie die Grotten von Eleuthias und Kurnu ins Leben zu rufen, von den stupenden Tempeln Thebens gar nicht zureden. Wie viele Generationen mußten mitgewirkt haben zu dieser Vereinigung aller Künste, und wann begann diese reiche Aera der höchsten Entwicklung intcllettueller Fähigkeiten, da wir ihre Bahn bereits durchlausen finden, als die Nationen, die wir alt nennen, noch nicht angefangen hatten zu bestehen, oder sich noch durch kein geistiges Uebergewicht bemerkbar gemacht hatten. Die prächtigen Königsgräber stehen noch vor uns mit ihren frischen Gemälden, wie ein schöner Traum aus unbekannter Welt, allein ihre Todten, ihre Geschichte, ihre Entstehung, sind bis auf die Namen ihrer 381 Bewohner auf ewig in das Reich der Nacht hinabgesunken. Vs ist kaum anzunehmen daß die Sorge für die Bewahrung der sterblichen Ucberreste, selbst der größten Könige, einen solchen Aufwand von Architektur und Künsten aller Art sollte in Anspruch genommen haben, wie wir dieß in den Königsgräbern und in den Pyramiden anstaunen, wenn nicht der allmächtige Geist der Nell,-gion oder vielmehr der herrschenden Priesterkaste solche Werke für ihre Religion passend erachtet und den Glauben der Metempsy^ chose zur Ausführung solch riesiger Bauten, wie dor geheimnißvol-len Tempel zu Phila und des Labyrinthes zu Fayum benutzt hätte, welche den Schleier der theologischen mystischen Mythe, unter dem sie die Politik so geschickt zu bergeu wußte, über diese für die Ewigkeit gebanten Werte ausbreitete. Die Tage des Pantheismus waren die glorreichsten für ihren Ruhm, ihr Glück und ihre Freiheit. Der blinde Glaube an den göttlichen Ursprung ihrer Herrscher und an die einstige Rückkehr der Seele in den Körper gab ihnen die Kraft Monnmente zu errichten, die eben so gut zwölftausend Jahren trotzen können, wie sie bereits viertausend beinahe unberührt durchlebt haben. Mit der Verdrängung ihres Glaubens durch fremde Religionen verloren sie diese Kraft, und ihr Geschmack, ihr Eifer, brach sich an dem Lichte des Christenthums, welches den letzten Funken der hohen Erfindungskraft erstickte, wodurch die Werte der Pharaonen so unerreichbar geworden sind. Die Gräber von Venihassan erheben sich über dem Nil im arabischen Gebirge. Wenn Ring- oder Turnmeister nach Aegypten reisen, so finden sie hier ein ganzes Compendium ihrer Kunst, das sie nur abzeichnen dürfen, um ein ganz neues Werk herauszugeben. Die Farben sind an dreien dieser Gemächer noch sehr gut und deutlich erhalten, aber flach, nicht auf Vasreliefs aufgetragen. Ich kann mir nicht vorstellen, wer die Bewohner dieser Gräber gewesen sind, wenn nicht etwa eine gymnastische Anstalt in der Nähe war. Alle Wandgemälde enthalten Gegenstände der Leibesübung, und zwar mit einer Lebhaftigkeit, mit einer Wahrheit, ja mit einer großtentheils sehr richtigen Zeichnung durchgeführt, die uns auf einmal in das gauze Kampf-und Iagbleben jener Zeit einführen. Wir sehen Bilder und Gruppen, wie die Gazellen, Strauße und Antilopen gejagt, wie die Hunde dazu gebraucht, wie Schleudern, Schlingen, Netze und 384 weiß, der hüte sich vor dieser Reise, der gehe überhaupt nicht in den Orient, dieses Land der Ruhe, der Resignation und der gefährlichsten Geduldprobe. Ich gehörte nicht zu den Aegyptenmüden meiner Gesellschaft. Sey es nun Reistübung, Hang zur Abgeschiedenheit oder natürliches Phlegma, was mir eine ganz entgegengesetzte Ansicht einflößte, ich befand mich auf meiner Nilbarte ganz heimisch und zufrieden, und während meine Gefährten über Verzögerung klagten, war ich mit dem stillen Gang des Schiffes sehr einverstanden. Wir wünschen uns immer einen andern Zustand, wenn wir aber überlegen daß uns keiner ganz glücklich machen kann, so thun wir gewiß klüger, aus jedem, in dem wir uns gerade befinden, so viel Angenehmes zu ziehen als die Umstände gestatten. Wenn ich mir jetzt im Februar den Spiegel unseres europäischen Carnevals vor Augen halte, »vie die Menschen sich abmühen um vergnügt zn seyn nnd liebenswürdig zu scheinen, wie die Tänzer im Schweiße sich abarbeiten und die Leute an den Spieltischen sich angähnen, wie die Glücklichen vor Lange, weile aus der Haut fahren möchten, und sich am andern Tage versichern daß sie sich göttlich unterhalten haben, wenn ich mir all' diese getäuschte Hoffnung, diesen verletzten Stolz, diese gebrochenen Herzen denke, welche die Frucht unserer rauschenden Carnevalsfreuden sind, dann dehne ich mich behaglich mit dem Tschibuk auf der Ottomane meiner Varke, oder ich schlendere ruhig und ohne Sorgen durch die Fluren, hole mir neue Eßlust zu dem einfachen Mahle und kräftige Nahrung aus meiner kleinen Bibliothek. Menschen, edle, liebe, theure Menschen gibt es wohl viele, nach denen ich mich im Vaterland zurücksehne, unsere europäischen Lebensoerhältnisse selbst Vermißt man aber am wenigsten, wenn man das freie ungebundene Leben des Orients kennen gelernt und zu genießen verstanden hat. Die Scene ändert sich auf der Nilbarkc, wenn man den Strom hinabfährt, und man muß dann auf manche Annehmlichkeit verzichten, die einem werth geworden ist. Der Mittel-mast ist ganz ausgehoben, und in seiner Länge über das Schiff gelegt. Das Trinkett wird nur aufgehalten, so lange der Wind günstig ist, sonst aber an den Mittclmast gebunden. DaS Zelt kann selten mehr aufgespannt bleiben, wenn eS nicht sehr gut 385 befestigt ist, weil es, feines Haltes beraubt, dem Winde nicht mehr widerstehen kann. Man muß sich daher meistens, besonders in den heißen Stunden, in der Cajüte aufhalten. Die Matrosen nehmen die Mitte des Schiffes zum Nudern ein, und da sie ganz vor bis gegen die Cajütc sitzen, so kommt man in einen Conflict mit ihnen, an den man sich gewöhnen muß, um ihn nicht lästig zu finden, Das ewige Singen uud Schreien ist keine kleine Last, denn der Araber hat das Schrcibcdürfniß mit dem Griechen gemein, und während diese sich von Äcrg zu Berg ganze Dissertationen zurufen, diöcunren die Matrosen zweier sich begegnenden Barken gewiß so weit und so lange bei Nacht und Tage mit einander als die Stimme sich erreichen kann, sie mögen sich kennen oder nicht. Man gewöhnt sich am Ende so sehr an dieses Geschrei, daß man es selbst nicht bemerkt, wenn wirklich Unglück geschieht. Wir hatten einen kleinen Küchenjungen au Vord, dcr Equipage zugehörig, der uugeschickteste Araber den ich geseheu, denn er siel über alles und war sehr furchtsam. Dieser kleine Tölpel erinnert mich au den Südseeinsulancr, den Chamisso beschreibt, welcher einen europäischen schwarzen Frack trug und sonst ganz nackt war. Dieß war auch der Fall bet Ibrahim'» allein anstatt des schwarzen Fracks hing ein brauner Marincmantel um ihn, der ihm eine halbe Me zu lang war, und seine natürliche Hinfälligkeit noch vermehrte. Nachdem croft genug im Schiffe herumgefallen war, stürzte er zur Abwechslung einmal kopfüber ins Wasser, und blieb lange uutcr dein über ihm schwimmeuden Talar verborgen. Das Gelächter und Getöse der Matrosen war laut genug, es fiel mir jedoch nicht auf, oder ich dachte uichts Arges dabei, sonst würde ich nicht geduldet haben daß man den armen Jungen ohne Hülfe ließ. Als ich ihn zu Gesicht bekam, zappelte er wie cine angeschossene (^nlc dein llfcr zu, das er auch glücklich erreichte. Auf der Hinabfahrt muß Strom und Nuder die Function der Segel beim Hcrauffahreu vertreten. Ist dcr Wiud ungünstig, so läßt mau die Varke querüber mit der Strömung gehen ', ist Windstille, so wird gerudert; bläst gutcr Wiud, so hilft dcr Fockmast. Da es aber Tag und Nacht fortgeht, so ruderu bei Tage alle Matrosen, bei Nacht abwechselnd die Hälfte. Diese harte Arbeit wird ihnen nur durch Gesang erträglich, und daran gewöhnt sich der Fremde am schwersten, da man in der ersten Zeit nicht schlafen MorgnUand ""d Abendland- I. 'tte ?lüfi, 25 386 kann. Nach wenigen Tagen konnte ich nicht mehr einschlafen, wenn ich nicht singen hörte. Hatten wir stromaufwärts vergebens nach Nordwind gefleht, so warteten wir mm ebenso fruchtlos auf Südwind. Wir waren bestimmt auf dieser Reise vom Winde nicht begünstiget zu werden, Der Nordwind verließ uns nicht mehr, und steigerte sich mehrmals ;um Sturme, den man, sonderbar genug, in diesem Lande hauptsächlich bei Nacht wic auf offener Sce heulen hört, ohne besonders heftige Wirkungen am Schiffe davon zu verspüren. Wenn mich sein Brausen bei Nacht aufweckte, glaubte ich oft daß man vor Anker gegangen sey. so wenig machte er Gindruck auf die Bewegung des Schiffes. Nur wenn die Segel ausgespannt sind, kann er Gefahr bringen, Ist aber das Wasser sehr bewegt, und der Gegenwind heftig, dann geht die Varke nicht vorwärts, zu» weilen sogar stromaufwärts, und es entsteht ein Schaukeln, welches dem ähnlich ist, das ein Segelschiff bei plötzlich eintretender Windstille auf dem Meer empfindet, wenn dieses vom vorausgegangenen Sturme noch hohl geht. Tiefes Schaukeln gehört mit ;u den unangenehmen Zuständen auf dem Flusse, und einem von uns zog es cine Nebelkeit zu, die au Seekrankheit gränzte. Man kommt an die Enge des Nils, wo beide Gebirge sich beinahe über seinen Ufern die Hand reichen. Wie die Natur der großen knnstschaffeudeu Nation bei den Katarakten den schönsten Granit der Welt gegeben hat, so reichte sie ihr an den Gestaden des Stromes, der den Transport allein besorgen konnte, unerschöpfliche Fundgruben jenes harten nnzerstörbarcn Sandsteines, aus dem die Tempel von Theben, Hermontis und Tenwra sich für ihre Götter erhoben. Wären die Griechen im Besitz ähnlicher Mittel gewesen, wir würben ihre Schöpfungen noch ebenso bewnndern können, wie die der viel ältern Aegypticr, während der weichere Marmor längst der zerstörenden Zeit weichen mußte. In die hohen Wände, welche sich hier malerisch anfthürmen, sind riesige Felsentammern gegraben, spiegelglatt geschliffen, endlos hoch und ohne Dach. ßs sind die Steinbrüche von Dschcbel Serscleh, classische Höhlen, weil sie für das classische Zeitalter der Pharaonen die unvergänglichen Stoffe lieferten. Noch sieht mau, wie sie ihre kolossalen Säulen und Architrave aus diesen Felsen geschnitten haben, aber wie sie sie fortgeschafft, ist uns unbekannt geblieben. Wie reich müßten sie gewesen seyn, wenn 38? jeder Transport einer Säule oder eines Obelisken ihnen fünf Millionen gekostet hätte, wie der Obelisk von Luror der fran^ zösischen Nation, bis er auf der ?!»«<; lle la ^nn^nl-ä« in Paris ausgerichtet wurde. Wir sind zu stolz anf unsere moderne Mechanik. Die Alten haben höchst wahrscheinlich einfachere, aber kräftigere Mittel besessen, um ihre großen Steinmassen zu bc-wegen, vor deren Anblick unsere Architekten zurückschrecken. Wir begegneten hier Sklavenschiffen, und ließen halten um eines derselben zu besuchen, das eben Anker geworfen hatte. Ich hatte die Sklavenmärkte in Konstantinopcl, Alerandrien und Kairo besucht, und wollte diesem schlechten Gewerbe auch in seiner frü^ heren Entstehung nachspüren. Doch hievon später. Esnel) ist die letzte größere Stadt in Aegypten, und wieder eine der vielen die der Nil halb weggeschwemmt hat. Noch finden sich die großartigen Reste der O-uaderdämme, welche von der guten alten Zeit herrühren, und den Stempel ihrer Große, die ewigen Hieroglyphen tragen. Die modernen Aegdptier bauen Häuser zum Verfall uud für die Wegschwemmung geeignet, und die Taubenpylonen rings um Csneh sind weit hübscher als die Häuser der Menschen. Was in dieser Stadt noch erträglich anzusehen, ist aus der soliden Saraceuenzeit, und einen Schatz schließt sie in sich, ein Denkmal einstiger Herrlichkeit, das beschämt von dem sie umringenden Schmutz sich tief in die Crde, unter die Trümmer der alteu Latopolis zurückgezogen hat. Viernndzwanzig Säulen, jeder Knauf einen andern Blumenkelch darstellend, jeder schön, bilden den Porticus, welcher der besterhaltene Aegyptens ist. Die Römer haben hier Sitte, Götter und Architektur der alten Pharaonen im erhabensten Stvle nachgeahmt, und dieses Werk ist ganz das ihrige. Auch hier verbindet eine Balustrade die erste Säulenreihe, der Tempel selbst aber ist vergraben. Die Vasreliefs sind von höchster Schönheit, gleich Venen von Hermontis, allein zierlicher ausgearbeitet, die Farben frischer. Das Dach ist ganz erhalten, und wir gingen lange auf ihm hernm. Der Tempel lelbst dient zum Kornspeicher, und vor seinen majestätischen Hallen treibt das Gouvernement seinen gewöhnlichen Wucher. Gsneh blieb für uns ein ungünstiger Punkt. Wir fuhren Abends ab, der Nordwind trieb uns aber wieder zurück. In der Nacht heulte er gleich einem Sturm, und wir gingen den ganzen Tag zu Fuß, da die Barke beinahe nicht vorwärts konnte. 25* 388 Wir waren immer zufrieden wenn wir tüchtig herumlaufen könn» ten, man stößt dann auf so Viele Gegenstände, die bei der Wasser« fahrt unbemerkt bleiben. Ich sah heute ein Bild, das sich in einem Gemälde wunderhübsch ausnehmen mußte, Die Büffel sind bekanntlich in Aegypten sehr groß und zum Theil wild. Wir hatten schon einigemal Anstaube mit ihnen gehabt, da sie das Fremde im Anzng hassen und verfolgen. Heute begegnete es uns baß uns einer geradezu angriff, «nd da hinter uns ein hoher Damm sich befand, so hatten wir knapp Zeit auf diesen zu springen. Wir schlugen zu vier auf ihn an, als zwei nackte Buben von 4-—5 Jahren herbeiliefen, sich dem Büffel entgegenwarfen, und ihn zum Niederliegen brachten. Wie er unter Stöhnen ihren Willen gethan hatte, legten sie sich über ihn, und singen sogleich an auf ihm zu spielen. In demselben Augenblicke kam ein größerer ebenfalls nackter Knabe auf einem andern noch größeren Büffel angetrabt. Er hielt eine der Lanzen Von Palmzweigen in der aufgehobenen Hand, wie sie im Lande üblich sind, und war zu unserer Nettung herbeigeeilt. Ich kann nicht beschreiben wie malerisch dieses Bild in solcher Zusammenstellung, die wilde Macht von der zartesten Kindheit gczügclt, sich ausnahm. Uns erschien es noch reizender, weil uns die Kinder aus jener Verlegenheit befreit hatten. Die Verzögerung unserer Reise wurde durch den fortdauernden Gegenwind ermüdend, und die Nilfahrt kam nur bald wie die Reise eines srommen Pilgers zum heiligen Grabe vor, der gelobt hatte immer eine» Schritt zurückzutreten, nachdem er zwei vorwärts gegangen war. Der Gesang der Matrosen war uns nun naher gerückt, da sie bis an linsern Tisch ^orsaßen, um zu rudern. Der Vorsänger legte etwas zu viel Prätension in seine Meisterschaft, und colorirte oft ins Unendliche. Der ihn begleitende Chor hatte aber wirklich Momente ergreifender Wirkung. Es sind feierliche schwermüthige Weisen, Stoff für Opern-musik, wie denn überhaupt von einem geschickten Coinpositcur die Nationallieder dieser musikliebende» Nation sehr gut zu einer Oper benutzt werden könnten. Freilich wären in London oder Paris kaum Lumpen genug aufzutreibc», um eine Oper aus dem heutigen Aegypteu in Costümen historisch treu auszustatten. Welcher Stoff bietet sich aber dem geschickten Decorateur und Garderobier dar, wenn er die Wandbilder zu Karnat studiren 389 will, und wenn sin geistreicher Autor in sei» Libretto die herrlichen Gestalten des mächtigen Osiris, der sanften Isis, dcS er-habenen Sesostris und seiner Großthaten aufzunehmen wüßte. Nachdem wir wieder mehrere Schwierigkeiten mit Sandbänken überstanden, traten wir in das zauberische Thal von The. ben, dieses Vldorabo Aeghptens. Die Hitze war schrecklich, wir besuck'ten aber dennoch zum Abschiebe nochmals die Tempel, und setzten unsere langsame, durch einen neuen Orkan unterbrochene Reise fort, nachdem wir den Matrosen wieder eine» Hammel versprochen hatten, wenn sie uns andern Tages nach Tentyra brächten. 47. Tentyra. Als wir erwachten, lag dir Ebene von Keneh vor uns. Rechts von uns zog eine Karawane durch die arabische Wüste nach Koffe'ir, dem Stapelplatz des rothen Meeres. Der heftige Nordwind ließ uns nicht hoffen bei guter Zeit auf dem Flusse nach Keneh und zu dem gegenüberliegenden Tentyra zu kommen, und wir beschlossen sogleich zu Laud dahiu abzugehen, Nach vierstündigem heißem Marsche erblickten wir die sanste Höhe, unter deren Hügeln die Stadt Tentyra begraben liegt. Nur ein einzeln-slchendeö hohes Thor sah uns entgegen, und wir gingen daraus ^u. Es führte durch die weite Quaderwaud, welche alle heiligen ^ebälide Tentyra's einfaßte, und während diese Mauer» längst in den allgeineinenSchnti versunken, steht die mächtige Pforte noch beinahe unverletzt in ihrem vollen Hieroglyphenschmuck, und weiöl deu Wauderer auf den Weg in das Allerheiligste der Isiö Duadri-frons. Zlach hundert Schritten stößt man auf ein zweites Thor, desseu Eingaug halb im Schütte steht, und dessen Architrav-iiischriftelt auzeigeu daß zirei Mächtige diese (Äötterstätte besuche, vtuu lommt eiu lleiuer Tempel, vollständig erhalten, und die Wände mit deu schönsten Basreliefs geziert. Rechts von diesem Gebäude, das an jedem andern Orte allein unsere Aufmerksamkeit iu Ansprllch nehmen würde, erhebt sich die Rückwand dett großen Tempels. Die eingehaltenen Figuren sind größer, besser erhalten und schöner gezeichnet, alö aus den meisten andern Tempeln, lind nur die fanatische Hand der Christen, und die Crdnetze der Mücken haben einzelne Partien zerstört und bedeckt. Letzterem wäre leicht abzuhelfen, wenn überhaupt das Helfen hier an der Tagesordnung wäre. Wie schildere ich aber meiu Vrstaunen, als ich um die Ecke bog, und den Porticus des Tempels vor mir sah. Die durchaus von oben bis unten gemalten Säulen, Cornischen, Balustraden, 291 Decken, haben so viel von ihren schönen Farben behalten, daß ich im ersten Augenblick glaubte vor einer großen Operndeco-cation zu stehen. Form und Anordnung sind hier wieder so ganz neu, daß ich die Wirklichkeit mit allem darüber Gelesenen gar nicht zusammenreimen konnte, so unzulänglich sind Beschreibungen bei derlei riesigen Erscheinungen. Die Knäufe der vierundzwanzig Sänlen des Porticus sind aus Lotusblumen gewirkt, und enden in einer Art Draperie, die wie versteinerte Seiden-nnd Sammetstoffe an ihnen herabhängen. Die Würfel nnd Architrave sind reich verziert nnd gemalt, wie alles und überall in den ägyptischen Bauten, nnr ist das Falbenspiel hier größten« theils noch sehr lebhaft, und läßt ahnen welche Wirkung diese Werke sonst müssen gemacht haben. Besonders herrlich nimmt sich die Balustrade der Vorderseite aus, welche die erste Reihe Säulen unter sich verbindet, und den Portions schließt. Sie ist höher als die von Cdfu und verdient volle Nachahmung, wie denn der Tempel selbst eines der erstaunlichsten Beispiele der prachtvollsten Architektur ist. Das Innere ist gleich den Außenwänden mit hieroglyphischen Inschriften übersäet, und übertrifft an Reichthum, Genauigkeit, Eleganz der Ausführung und Man-nichsalngkeit der Verzierung in mancher Beziehung die ähnlichen Gebäude zu Theben. Cleopatra, die schönste der Königinnen, hat diesen Tempel begonnen, die Römer haben ihn vollendet. Ihr Bild glänzt uns hier unzähligemal entgegen, in stets neuem Liebreiz, selbst durch die Zerstörung der Barbaren noch Triumphe feiernd. Wie schon mnß sie gewesen seyn, diese hohe verführerische Frau, die so viele Heroenherzen an sich fesselte, und die uns selbst nach zwei Jahrtausenden aus den Granitbildern so unwiderstehlich anlächelt und anzieht. Welche Macht übt die Schönheit, wenn sie sich mit Liebreiz und Unglück paart. Es ist herrlich eine schöne Königin zu seyn, und mit Einem Blicke der Huld Glückseligkeit und Entzücken in die Seele Tausender senken zu können. Das Bild der Marie Stuart in Oxford und das der Cleopatra in Tentyra bezeugen es noch jetzt. Jenes vom warmen Tone der Farbe aufgehaucht, dieses von geübter Hand begeisterter Künstler dem harten Steine entlockt, beide gemacht, um nach Jahrhunderten noch Liebe einzuflößen und für ihre Erinnerung zu entstammen. 39« Ter Tempel steht noch in seiner ursprünglichen Herrlichkeit, und die über ihn hingegangene Zeit hat ihn mir imposanter und ehrwürdiger gemacht, ^r zeigt uns die letzten Anstrengungen menschlicher Knnst und (Erfindungskraft in der gleichen Darstellung, die seit den srühcsten Zeiten befolgt worden. Die Säulen des Porticus sind der Triumph der anmuthigsten Zeichnung in der Mannichfaltigkcit der Drapiruug und im Ausdruck der Knäufe, die auf jeder Seite ein ausgemeißeltes Antlitz zeigen. Ich hatte bisher an die ^lothwendigkeit der vier Capitäl-orbnungen der Griechen geglaubt, und jede Abweichung davon für einen Barbarismus gehalten, wie die classischen Franzosen die drei Einheiten in ihren Tragödien mit Aristotelischer Gewissenhaftigkeit festhielten. Die ägyptischen Sänlen haben dieses engbrüstige Vorurtheil in mir zerstört, denn die Schöpferkraft wahrer Schönheit läßt sich nicht in Regeln schmieden. Die Farben auf dem Innern der Pronaos sind erhalten, und besonders die Schilderungen der astronomischen nnd religiösen Denkweise an den Plafonds sind noch reich ausgeschmückt. Wie sehr ist zu bedauern daß diese Grundzüge des Wissens in ihrem Zusammenhange, in ihren Wechselwirkungen dunkel geblieben sind. Die Dächer des Tempels sind wie gewöhnlich stach, aus länglichen Quadermassen geformt, die auf den Seitenwänden aufliegen, oder zu deren Stützung sich Säulen erheben. Die Votusknäufe geben in ihrer Verlängerung den Säulenschäften das Ausehen des Cannelirten oder Feston-nirtcn, wenn ich mich so ausdrücken dars. Licht fiel in die eigentlichen drei Tempclsäle wie überall nur wenig von oben ein, und die Dunkelheit, worin das Innere der ägyptischen Tempel im allgemeinen gehalten wurde, läßt auf ihren mysteriösen Cultus schließen. Wie in Philä, geht auch hier eine Pforte aus dem vorletzte» Saale in die Tiefe hinab, und dieselbe fuhrt in die Gemächer über dem Tempel und anf das Dach. Diese Gemächer und die Gänge welche sie unter sich in Verbindung setzen, sind mit den vorzüglichsten Vasrelicfs geziert- eine Verschwendung, die man sich an diesen dunklen Stätten nicht erklären kann. Wozu der kleine Tempel auf einer Ecke des Daches gedient haben mag, bleibt vermuthlich mit den Geheimnissen der koptischen Theologie begraben, doch fehlt es hier nicht an Stoff zur Betrachtung über den geheimnißvollen, oft grau- 393 samen Dienst der Priester der Isis, welche so außerordentlichen Einstuft auf das ägyptische Volk ausübten. Die dunkeln Seitengemächer, die versteckten Gauge, die zahlreichen Bilder von Hinrichtung uud sonstiger Menschcnschlächtcrei, verrathen nur zu deutlich das Blutdürstige ihrer Zwecke. Der Vorsprung des großen Karnieß ist eine der erstaunlichsten ägyptischen Arbeiten, und läuft in kühnem Schwünge auf allen Wänden herum, voll Symmetrie und Reinheit der Form. Wenn aber das Auge mit Entzücken auf diesen wundervoll bemalten und geschmückten Räumeu ruht, deren ErkM rung dem Verstande so unzugänglich ist, so harrt seiner eine neue Wonne, wenn es von der hohen Fläche des Tempeldachss über das bizarr schöne Panorama schweift. Die Anhöhe, auf welcher Tentyra steht, ist eine Stunde vom Nil entfernt. Sie scheidet das üppigste Thal von der unfruchtbarsten Wüste, und dieser Gegensatz ist eben jetzt so groß, das; man glaubt, die Dc-marcationsliuic zwischen hellgrünen Fluren und weißgelbeu Sand-Hügeln sey hier geometrisch bezeichnet, und der Tempel der Isis Ouadrifrons als Gränzstein hiehcr gesetzt worden. Das Gebirge spannt seine Vögeil wieber in weiten Kreisen, und nur dem Thal von Theben weicht das von Tentyra an Schönheit. Wir tragen die offenen Tempel Griechenlands in unsere kalten Zonen über, warum versuchen wir es nicht mit den geschlossenen ägyptischen, die uuserem Gottesdienste und .Mma mehr entprechen? Man kennt die Veleuchtungsweise der alten Aegyptier nicht, was müßte aber ein starkes Gaslicht für Wirkungen in diesen magischen Hallen hervorbringen, durch die Per? spcctive des majestätischen Porticus dein Innern der drei großen Tempelsäle in gewaltigen Lichtiuasftn entströmend, gleich den Strahlen der Sonne vom Hochaltar die segnenden Flammen spendend. Ich kenne keine Gotteshallen die grösiern Eindruck hervorbringen, und deren Effecte leichter zu steigern sind, als diese prächtigen Tempel. Der Tempel vo» Tcutyra war der letzte den ich in Aegyp-ten sah. Ich glaubte nach Karnak nichts mehr zu finden was mich überraschen könnte, allein der Eindruck war eben so stark, obschon anderer Natur. Karuat ist Majestät, Teutyra Grazie; Karnat ist das Epos, Tentyra die Idylle der architektonischen Poesie. Tentyra trägt den primitiven Typus der höchsten Voll- 396 Nachricht, daß die Engländer die türkische Flotte in Aleranbrien verlangt hatten, nnb baß alles fich zum Krieg neige. Di« vn^in, sagt nnscr (Giuseppe, so oft von einer Aenderung des Windes die Rede ist. I)io vo^ia, sage anch ich, daß dieser 8t.-»ll<« c^ü« einlnal ein Ende nehme. Denselben Amerikaner hatte ich schon auf der Fahrt von Corfu nach Athen kennen lernen, wo seine hübsche Frau durch stürmisches Wetter viel zu leiden hatte. Ihm machten jetzt die Nuditaten Aegypteus noch mehr zu schaffen als die Seekrankheit seiner Gattin, und er hatte den Matrosen seiner Parke Schwimmhosen verfertigen lassen. Wir waren nicht hundert Schritte von ihm entfernt, als wir auf einer Bank festsaßen, und uuserc Equipage im Naturzustand über Vord sprang. Ich rief ihm lachend zu, ob er nicht die Einführung der Schwimmhosen auf ganz Aegypten ausdehnen wolle, da sie ihm sonst nichts nützten. Damen die derlei Reisen machen, müssen sich nun einmal bequemen falsche Prüderie zu Hause zu lassen. Wir besuchten das kleine Diospolis, welches unter Schutthügeln zu suchen, und das uralte Ab y dos, die Nebenbuhlerin Thebens, das vermuthliche Memnonion oder Grab des Osiris, welches nun ganz von dem Sand der libyschen Wüste zugedeckt ist. Girgeh ist noch mehr vom Wasser abgerissen wie irgend eine der ägyptische,, Lehmstädte. Gin steiler Pfad führt mühsam durch eine Vresche, welche der Nil in den Ruinen gebahnt, in das Innere dieses Nestes, wo Verfall, Elend und Vettel die Elemente des erbärmlichsten Zustandes bilden. Die Ebenen werden nun breiter, die Gebirge treten wieder weiter zurück, und an einigen Stellen, wo die Negierung große Pflanzungen zu fchützen und zu bewässern trachtet', gleicht die Gegend den bcbautesten Gegenden Europa's. Die Ebene von Souaksch, gegenüber Akhmim, wird gegenwärtig von einem hohen' Wasserdamm durchzogen, der zugleich als Weg bis zu dem weißen Getreidehause am Gebirge führt. Man muß die Einfachheit solcher Arbeiten sehen, um zu begreifen was hier gemacht werben könnte. Wo der Vodeu noch von der Ueber-schwemmung weich ist, wirb sie ohne alle Instrumente mit den Händen ausgehoben, in Körbe gelegt, und auf die Dämme gebracht, Was gäbe man bei uns für diese schwarze Erde, hon 397 der man hier Dämme baut, und die viermal des Jahrs Samen treibt. Vis zum Schubkarren hat man es in diesem Lande noch nicht gebracht, wie denn überhaupt die Mechanik die einfachste ist. Der Nil hat meistens hohe Ufer, an dencn man in Absätzen und geleiseförmig die Spuren sieht, wie das Wasser sich stufenweise zurückzieht. Man hat an vielen Orten Ziehmaschinen angebracht, um fortwährend zu bewässern. In das Nfer ist ein Lanal gegraben mit einem Bassin in der Mitte, und einem oben. Zwei Stangen trage» die Kruge, und eine Qucrstangc halt sie. An jeder Stange steht ein nackter Mensch, und diese vier Arbeiter sind hinlänglich, wenn sie den ganzen Tag sortschöpfen, soviel Wasser hinaufzuziehen daß eine beträchtliche Fläche durch kleine dlnchlaufende Rinnen oben bewässert wird. Ctwas com» binirler, aber auch sehr einfach, sind die Wasserräder, mit denen man an jedem beliebigen Orte Wasser heraufpumpt. Zwei Ochsen im Kreise treiben dieses Rad, und ein kleiner Knabe sitzt auf der Deichsel, um mit eiserner Hacke die Thiere anzustacheln. So ist es mit dem Dreschen und allen Handarbeiten, zu denen die Araber viel Geschick 'haben. Eine gefährliche Operation ist das Tabakschneiden. Der feuchte herrliche Latakieh-tabak, den man hlcr raucht, wird auf ein Vrett gelegt, auf dem ein scharfes Messer festgemacht ist. Da der Tabak im Orient aber äusierst fein geschnitten wird, so liegt dieß im Gefühl des Fingers, an dem das Messer stets herabgedrückt wird. Vei der kleinsten Unachtsamkeit wird er rnizwrigrspalten. Noch gefährlicher ist daö Kaffeestoßen, welches gleich dem Brennen, wie der Kaffee und Zucker selbst, ein Regal der Regierung ist. In größern Städteu sind Etablissements hierzu. Ist der Kaffee gebrannt, so wird er in tiefe konische Granitlöcher geworfen, die nach unten so enge sind daß kaum eine kleine Hand hineingreifen kann. Gin starker Mann beginnt mit einem langen eisernen Stößel zu stampfen, der mit seiner Nunbnng gerade den untern Raum des Loches ausfüllt. Neben diesem sitzt ein Kind das den Kaffee fortwährend umrütteln muß, uud mit der Hand hinunterfahrt, wie der Stößel vom Stoße zurückkommt. Man taun dieses furchtbare Geschäft nicht lange mit ansehen. Die zarten Händchen sind in beinahe unvermeidlicher und beständiger Gefahr zermalmt zu werden, die Kinder selbst dabei so unbefangen, daß sie selten auf den Unglückökesscl sehen. 4N0 die man in ganz Aegypten nicht auftreibeu kann. Die meisten Thiere haben indeß in dieser Zone eine fremdartige Form. Die großen braunen Hämmel mit ihren zottigen Haaren sehen aus wie Värcn und haben eine tiefe Baßstimme. Die Ziegen sind aber die niedlichsten Thiere die man nächst den Gazellen sehen kann. Ihre weiße Stirn mit dein klngcn Gesichte, ihre gesteckten Ohren, die in langen Lappen rückwärts herabhängen, ihre langen seidenen schwarzen Haare, alles dieß gemischt mit dem mächtigen Kamele, dem dienstfertigen Esel, dem wilden Vüffel, in Heerden vereint, gibt oder 'gäbe die lieblichsten Landschafts- nnd Thierbilder, wenn Aegyptrn nicht zu allen Zeiten ebenso arm an guten Malern wie an blühenden Dichtern gewesen wäre, Wir besuchten noch die Gräber von Benihassan, schössen unter Minich auf Krokodile, und jnbelten entzückt als der über zwanzig Tage uns peinigende Nordwind uns verließ, nnd einer Windstille Platz machte, die zwar eine ärgere Hitze über uns verhängte, bei welcher wir aber sehr rasch dem Ziel d»r Reise stromabwärts zueilten. Endlich kam der langersehnte Südwind, und es war wie wcnn ein elektrischer Funke Matrosen und Passagiere durchzuckt hätte. Mein Compagnon sang mir nicht mehr das alte Lied von den sieben Landplagen Aegyptens, die Matrosen griffen mit doppelter Kraft in die Ruder, und feuriger ertönten die Reimgesänge von dem tapfern Vadawieh «nd der schönen Safie. Als wir uns Veni Slieff näherten, sielen drei Schüsse vom Ufer anf uns, die wir gewissenhaft erwiederten. (5s war aber stockfinster, und außer dem Pfeifen der Kugeln konnte man nichts wahrnehmen. Morgens waren wir vor der Pyramide von Meynnn, wenn lins aber schon im Herausfahren die flacheil Ufer und die matte Gegend aufgefallen war, so trat uns der Contrast nun desto nnangeneh-mer vor Augen. Indessen, es war überstanden, und wenn ich gleich versichern kann daß mir nicht eine Swndc dieser interessanten Reise zu lange geworden ist, so bekommt man dieß Amphibienlebeu einer mehr als zweimonatlichen Nilsahrt doch nachgerade satt, besonders in Mittel- und NnterägYpten, wo wir weder von Kunst noch Natur mehr Augenweide und Zerstreuung zu erwarten hatten. Der Februar zeigt sich in Unterägypten nicht kühler wie oben. An einem solchen warmen herrlichen Winterabende sahen IM wir die Pyramiden wieder vor uns stehen, und das weite Thal, das wir mit kaum dem Voden entsprossenen Samen verlassen hatten, lag gleich einem reichen glänzendgrünen Teppiche vor ims ausgebreitet. Der Schmuck des Frühlings war über alle Fluren und Gärten gelegt, die Insel Roda strahlte in ihrer Vlu-men- und Nluthenpracht und umduftete die alten grauen Sara-cencnburgcn, wie ein rothbackiges volles Kind an der Vrnst des greisen Großvaters spielt. Seltsame Mischung von vergangener Größe, sprechenden Denkmälern, Fülle der Natur und Entartung der Menschen, wo findet man sie auch auf <3rden wieder so beisammen, wie in diesem vielbereisten, oft mißdeuteten, wenig verstandenen, geheim-nißreichcn Aegyptcnlande. Morgenland und Abendland. I. ^te Aufi. Aß 48. Das Sklavenschiff. Der Propl'et erlaubte dem .Nechtglänbige» vier Frauen, und ,venn sie ihm »icht geinigten, eine unbeschränkte Anzahl Stla^ vinnen als Coneubiueu. Ist die Sklavin von ihremHerrn Mutter, so wird das .'iiild als freies geboreu, und die Mutter kann nicht mehr verkauft werden. Sie muß ihm aber sortdienen, und uur fein ^ud gibt il'r die Freiheit. Dieses Gesetz ist eben so mensche lich ivie die Erlaubnis!, die jeder Mliseluiann hat, eine Christin oder Illdiil ^»r Frau ;u nehmen, w'o^u er auch jede Sklavin rech!-mäßig machen kaun. Das LvoS einer Sklavin, sic mass nun Lon-cubine oder Dienerin sryu, ist nicht so schlimm als man eö sich gewöhnlich erstellt. Sie iverden meistens iM behandelt und sind froh den Handen der insamen Sklavenhändler zu eutrinileu, von denen e>> evriesen daß sie die armen Geschöpfe schon im achten und neuuteu Jahre mißbrauchen. Selbstmord ist oft die Folge dieser brutale» Behandlung oder das Mittel sich ihr zu entgehen. Die väterliche Regierung Mehemed Ali's weiß dieß alles recht gut, allein für jeden Sklave» werden hnndertscchs Piaster Abgabe be;ahl! ein Aussall, den keine Philanthropie im Budget decken lau». Das Sllavenschiff war mit hundertsech^ig Sklavinnen besetzt. Belegt kann man nicht sagen, denn es war für so viele Menschen kaum Platz zum Sitzen vorhanden, und die Varkc nicht größer nil' die unsrige, die wir schon sür uns drei zu klein fanden. Die jüngsten waren alle ans ^and gesetzt worden, um herumzusprin-gen, wahrscheiulich damit sie den Gebrauch ihrer Glieder nicht verlören, kleine, niedlichgebantr, rabenschwarz Negerinnen mit ihreu hübschen Niemeuschür^cheil und geringelten Löckchen, liefen wie Ziegen an den Hngeln herum, und waren so lustig und schäkernd, als wen» sie gar keine Vorstellung von der verlorenen Lreil?eit hätten. Es waren wahrhaft harmlose Kinder von etwa 403 fünf bis acht Jahren, aber schell und erschrocken wie die Nehe. Doch wurden sie nach und nach etwas zutraulicher, heimischer und kainen näher. (5s waren wenig hnbsche Gesichter unter ihnen, wie dieß auch bei den Kindern der Äegyptier der Fall ist, die als klein eher garstig zu nennen sind und ganz aufgeblähte Bäuche haben, die sich aber spater durchgehends verlieren. Wir gingen nun aufs Schiff, wo die ältern Mädchen herumsaßen, etwas gesetzter. Sie waren nackt wie die Kiudcr, hatten aber dieselben Gürtel um, die das Mädchen erst ablegt wenn sie Frau wird. Obgleich Schamhaftigkeit nach unsern Begriffen ihncn fremd ist, so suchten sie doch alle Mittel, um sich vor uns zn verstecken, und drängten sich immer eine hinter die andere, wobei ein ganzer Klumpen znsainmen beinahe ins Wasser gefallen wäre. Das allgemeine Gelächter hierüber machte sie zutraulicher, nud sie blieben ruhig auf ihreu Plätzen sitzen, wahrend sie aufmerksam allen unsern Veweguugen folgten. Die Eigenthümer der Varke waren ins Dorf gegangen, wir mußten uns daher auf eigene Kosten init den schwarzen Kindern unterhalten, und »m diesj zu erleichtern, vertheilten wir kleine Silberstücke an die schönsten derselben. Dieß machte tiefen Eindruck, denn erstens hatten sie noch keine Europäer gesehen, lind dann hatte ihnen noch Niemand Geld geschenkt. Die größten hatten alle etwas Sehmnck an sich, gewöhnlich Halsbänder von blauen Perlen, selbst Ärmspangcn, Ohr- und auch Nasenringe. Ihre schwarzen Körper glänzten wie polirtes Ebenholz. Sie beschmieren sich mit Fett, das übrigeus nicht sehr wohlriechend ist. Nnter diesen viclen Schwarzen war leine einzige ganz schöne, auch stehen sie viel tiefer im Preise als die Myssiniennnen. Viele volle gutgebildete Körper, aber ächte Negcrphysiognomien. Wir zvqcu uns nach unserm Schiffe zurück, die meisten etwas enttäuscht durch den Aublick dirscs cntwürdigeuden Vcrkehrs. Man kam nns vom Sklavenschiffe nachgrlaufru, um uns anzuzeigen daß die Händler zurückgekommen seyen, und unsere Vefchlc erwarteten, Wir kehrten dahin zurück. Es wnrden uns viele Waaren gezeigt, und wir machten einige Einkäufe von Straußenfedern, Straußeneinn, Waffen und Mädchengürteln. Die Seclenkänser erzählten uns daß sie früher weiße Sklavinnen au,s Circasjien u,n,d Georgien geholt hätten, die in den Hänsern 404 der Reichen allein gehalten werden. Eine schöne Circassienn, die musikalisch ist, wird immer noch theuer, oft zehnmal theurer als die Abyssinierin bezahlt, obgleich die Verarmung der höhern Classen in Aegypten auch diesen Luxusartikel jetzt seltener macht; gewöhnlich werben sie die Concubinen reicher Türken, ober ihre Kunst und Anmuth lassen sie in den Stand einer Favoritgemahlin übertreten. Viun gehen die Sklavenhändler aber stets in die Länder der Gallas und nach Oberuubien, wo sie wohlfeilere Waare finden, da die Preise gesunken, die Abgaben aber sehr vermehrt sind. Sie sprachen viel von der Schönheit der Abyssinierinnen und von der Schwierigkeit sie zu sangen uud vertraut zu machen. Sie sind Leckerbissen für die alten Wüstlinge Kairo's, und werden oft mit zwei- bis dreitausend Piaster bezahlt. Wir fragten warum sie keine mitgebracht, und sie erwiederten, daß sie drei bei sich führten, die bestellt sehen. Da wir sie zu sehen wünschten, so ging einer der Händler in die (5aMe, wo sie verborgen waren, kam aber bald zurück uud sagte daß sie sich in dem hintern Cabin abgeschlossen hätten und durchaus nicht öffnen wollten. Dieß reizte unsere Neugierde, und wir drangen darauf sie zu sehen. Es wurden nun alle Mittel aufgeboten um die eigensinnigen Geschöpfe zum Gehorsam zu führen, und die Festung zur Nebergabe zu zwingen, jedoch vergebens. Bitten, Drohungen, Ueberredung, nichis fruchtete, bis wir ihnen sagen ließen, es seyen Europäer hier, die so viel von ihrer Schönheit gehört hätten baß sie nicht weiter reisen wollten, ohne sie gesehen zu haben. Dieß wirkte, die Thür wurde aufgeriegelt und die Händler traten hinein. Allein nun entstand eine neue Scene. Sie weigerten sich durchaus hervor ans Licht zu kommen, und da es innen stockfinster war, so half uns die geöffnete Thür nichts. Endlich nach langen Unterhandlungen und nachdem wir ihnen ein hüb« sches Geschenk versprochen hatten, ließen sie sich in das vordere hellere Zimmer der Cajütc an den Händen, jedoch mit starkem Widerstreben hervorziehen, und standen nun vor uns aufgestellt, reglos, mit niedergeschlagenen Augen. Sie waren in ganz grobe Vaumwollentücher gehüllt, trugen ebenfalls Gürtel gleich den Nubierinnen, und hübschen Muschelschmuck auf der Stirne. Die zwei jüngern und zarteren hatten feine Gesichtsbildung, aber -A 405 nichts besonders Ausgezeichnetes. Die älteste mochte etwa fünfzehn Jahre zählen, und war eine hohe, volle, herrliche Gestalt. Voll Empfindung tiefgefühlter Scham stand dieses reizende Ge, schöpf in wirklich vollendeter Körperschönheit vor uns, aber die Haltung ihres gangen Körpers war starr und leblos, gleich den Marmorgliebern der Galatee. Sie hatte das Ansehen eines Menschen, welcher in stumpfer Resignation der unabwendbaren Mißhandlung des Geschicks entgegensieht, und, gleichgültig über den Schmerz der Gegenwart, seine Gedanken nach oben oder zu den zurückgelassenen Theuren wendet. Als sie endlich das große, in dunkelin Feuer schwimmende Auge aufschlug, schien der weh--niüthigc Blick einen Vorwurf für unser Begehren auszusprechen, der mich wenigstens angenblicklich entwaffnete. Unter diesen herrlichen Angcn, deren Gluth selbst die gedrückte Stimmung der Seele nicht verdrängen konnte, lief ein breiter, tiefgefurchter Rand herum, der Verrathcr des Gefühls, und die durchsichtige, etwas hellere Färbung dieses Halbringes erzeugte eine ungcmein pikante Einfassung des Auges — eines Auges, das keiner vergißt der es gesehen. Neber die ganze jungfräuliche Gestalt, über das edle Gesicht, war cin Ausdruck der Schwermuth und doch liebe-ahnenden Verlangens verbreitet, das ich anf keiner ionischen Schönheit je früher so anziehend gefunden. Ihre Körperfarbe war Hellbronze, die Formen der Glieder von der zartesten, feinstgehaltenen Bildung. Nie hat sich die Grausamkeit des Menschenhandels mir lebhafter dargestellt, als wie ich diese armen verschüchterten Geschöpfe stehend vor uns stehen sah, ihrer Heimath entrissen nnd rohen Mäklerscelen znr Veute. Was wir ihnen schenkten, nahmen sie ruhig hin, aber serne von der Habgierde der Araber, und in dieser kalten Haltung lag eine Würbe, ja eiu Stolz, der die Unglücklichen nur noch reizender machte. 'Allein die Erlösung der schönen Gefangenen war nicht ferne, und der Pygmalion war bereits zur Hand, der dem Marmorleib der schwarzen Galatee Leben nnd Liebe einhauchen sollte. Nicht mehr zu erkennen vor Ausgelassenheit und tollem Wesen, seit« dem wir die Heimreise auf dem Vater Nil angetreten hatten, drängte sich mein Schlafcamerad, der junge Franzose, an die hehre Gestalt, und warf sich ihr ohne weiteres um den Hals. Er schwor daß sie die Seine werden, und mit il>m nach Frankreich 40« wandern müsse, w'o sie nicht weniger Aufsehen Nlachen werbe wie ihre Landsmännin, die der Ki-Munt I'^inl!« ^dvz^l^ienne. 49. Der Pascha und die Alterthümer. Ich rathe jedem, der Lust hat die alten Tempel in Aegvpten noch auf den Beinen zu finden, sich bald dahin auf den Weg ^i mache». Pest liild Regierungsverändernngen können mir zu bald Störuugen veranlassen, die größte Gefahr droht ihnen aber '.'on der Negierung selbst, dnrch die Art sie zu verwenden. Der Mann, dem i'etzt die Hlildigling Europas als Schöpser der b'ultur in Aegvvten dargebracht wird, ist der größte Zerstörer der Werte ägyptischer Kunst, nnd was die fanatische Hand der Perser und Araber verschont, das fallt nnter den Strncl'en des habsüch-tigsten nnd übelberechnetsten Utilitätssystemo. Hätte der gewal^ tiqe Reformator die Geschichte seiner Vorfahren studirt, so würde er, gleich Soter und Ealadin, seine Erobernngen mit der Auf-klärnng seineö Volkes, nnt der Wiedererweckung von Knnsten nnd Wissenschaften verbünden haben. Ja, verstände Mehemed den Vortheil seines Landes, so würde er alles aufbieten, um die großen Neste der grosiartigsten Architektur ;u erhalten und freizustellen, und den Zug ueugieriger Fremden, welche kommen die Wunder der Vorzeit anzustaunen, zu einem goldführenden Strome zu machen. Und wie leicht wäre e«, die Riesentempel von Karnak, Luror, Medmet Abu, ftsnch, Ombos und Philä von Schutt zu räumen und dem Auge und Besuche zugänglich zu macheu. Von alle dem geschieht gerade das Gegentheil, Immer mehr häuft stch Sand und Gestein in den alten Prachthallen dieses Bandes, nnd zu Spott und Hohn verbraucht man sie als wucherische Getreidespeicher, oder verwandelt sie in Ställe für Menschen und Vieh, und überbaut sie mit Taubeuhäusern. Mehemeb hat diesen Tempeln schon mehr geschadet, wie weiland der übel-berüchtigte Kanlbftses, uud als ächter Türke lacht er über den Enthusiasmus der Fremden, die zu ihm kommen um die künstlerische Thatkraft seiner erhabenen Vorsahren zu bewundern. 4U8 Man sieht schon in Alerandrien, zu welchen Zwecken Mehemed die alten Neste verwendet, und niein Erstaunen über hie zahlreichen Marmorfragmente, die dort ausgegraben werden, wurde bitter zurückgewiesen als ich dic herrlichsten Säulen und Capitale in die Kalröfen wandern sah, wie die Vandalen einst in Ron: tha ten. Wo nur die alte Zeit Großes gebaut, da findet man sicher Kalkbrennereien angelegt, und man darf selbst nur diesen folgen, Uni jene zu finden. Alles was M'randrien Großes an Bauten besitzt, ist ans den unerschöpflichen Fundgruben der alten Sradt gezogen, und man kann schon dort sehen, wie unverständig, wie barbarisch mit den erhabenen Trümmern jener alten Prachtstadt verfahren wurde. Der alles an Schönheit übertreffende Porticus von Her-mopolis wurde zu dem Vaue von Galmey - Fabrikgebäuden verwendet. Die herrlichen Tempel zu Antäopolis sanken in die Fluthen des Nils, die man so leicht durch Dämme abhalten kann. An den Tempel von Luror baute mau ein Magazin, und in ihm nistet das elende Dorf Luror. Im Tempel zu Esueh, Latopolis, der ganz erhalten, aber mit Schutt bedeckt ist, treibt der Vaumwollwucher sein Gewerbe. Aus den herrlichen Ruinen von Elephantine, die auf diese Art ganz verschwunden siub, wurden Caserneu gebaut. Diese Casernen bauten die Bewohner aller Dörfer von Gizeh bis Assuan. 90,000 arme Nubier wurden dort zu Soldaten gebildet, 2000 blieben davon übrig; die Casernen sind bereits Ruinen geworden, und weniger schön als das einzige alte Granitthor des Tempels. Der zierliche Tempel zu Hermontis ist in einen Stall verwandelt, und ein Taubenpylon erhebt sich höhnisch über ihm. Den kleinen Tempel in Ombos ließ man ins Wasser stürzen, der große verfällt. Die Königsgräber zu Kurnu stehen offen jeder frevelnden Hand frei, und die Luft wird bald ihre Farben bleichen nnd Dilettanten ihre Gemälde abschlagen. Im sechzehnten Jahrhundert mußte sich der Consul der venezianischen Republik in Kairo jedes Jahr nach Gizeh und Sa-larah begeben, um Mumien ausgraben zu lassen. Zunächst den 409 Reichthümern Indiens, die über Aegypten kamen, schätzte man die Mumien dieses Landes am höchsten, aus denen ein Wun-derpulver bereitet wurde, das langes Leben befördern sollte. So diente das Mumienpulver mehrere Jahrhunderte als (>lirir gegen alle möglichen Krankheiten, bis die Manie der Antiquare sich den Neugierigen aller Lander mittheilte und einen förmlichen Handel mit diesem Raub der ägyptischen Gräber begann. Wenn ich an die Thränen denke welche um die Tausende von Gräbern geflossen, die ich hier täglich um mich sehe; wenn ich nnr zertrümmerte Särge und zerrissene, von der Zeit zu Moder zerfallende Mumiengewänder über alle Felder zerstreut finde, und der abgöttischen Verehrung gedenke welche die alten Aegyp-tier ihren Verstorbenen zollten, so ergreift mich Abscheu gegen diese europäischen Räuber, die mit Feuer und Schwert in die Wohnungen des Friedens einbrachen, die so schön und sorgfältig verwahrten Leichname herausrissen, und sie in das Land der alleinseligmachenden Civilisation schleppten. Frenndlicher Glaube, wie bitter wurdest du getäuscht! Ruhig wie die Sonne in den Ocean nledertaucht, wähntet ihr in euer Felsengrab niederzusteigen, um nach langem Aufenthalt in den Regionen der Nacht gleich dem Gestirn am reinen Himmel wieder aufzugehen. Ihr wähntet eine Reise anzutreten, um glücklicher wieder zu erwachen, ihr stattetet eure schönen Grabstätten mit allem aus was euch werth und theuer war, und unter den Vildcrn seiner Lieblingsneigung, seiner Beschäftig ling, seines Ruhmes, umgeben von allein watz er liebte, hoffte jeder wieder zu erwachen. Ihr erwachtet, aber die rohe Hand der Plünderer risi euch den goldenen Schmuck vom Leibe und griff mit frecher Gier nach den Wundern der Kuust, die eucki im Todesschllmnner so lebensfrisch umlachelten. Erhabene Schatten der Pharaonen, vergebens habt ihr Schutz hinter kostbarem Marmor und Granit gesucht! Die Raubsucht europäischer Antiquare kennt kein Heiligthum, keine Ehrfurcht vor dem Grabe. Das Orakel welches eure Wieder-nuferstehung nach 3000 Jahren verkündete, ging in Erfüllung. Ihr seyd wirklich aus euren Ruhestätten heraufgestiegen, aber nicht wie der mächtige Osiris verkündete, um ein nenes, schöneres Leben zu beginnen, sondern um als Handelsartikel in Apo- 4W theken Itnd Antiqltarsmagazinen des erleuchteten Wflttbeils wieder zu erwachen. Nun ist das große Plünderungsgeschäft vollendet, der Pascha und die Antiquare haben den Pharaonischen Raub ssetheilt, und der neue Sesostris erlies, ein Edict, daß nichts mehr aus dem ^ande gebracht werden dürfe was die Fremden mit dem Namen Antiken bezeichnen. Nach Jahrhunderte langem Ranben, nachdem das AusgrabungsMem unter Mehemed seinen Zenith erreicht hat, nackdem nichts mehr übrig geblieben als Obelisken und Granit-sphinre in die Tasche zn schieben, beendet die weise Regierung die ^anbalische Gräberschändung der frommen Vorwclt, und läßt falsche Papyrusrollen, Searabäen und Mumien fabriciren, um die Fremden wenigstens noch mit dem ironischen Höhne gleicher Münze zu bezahlen. (Me Allianz der Unwissenheit uud Schlechtigkeit, deinem Vunde ist alles möglich' Ihr gebt eine ^'shre das, dem Menschen nichts heilig ist, wenn das Interesse ihn beivegt, und daß Achtnng ^?or den Göttern, vor den Todten, vor der Neligion und ihren Gebräuchen euch gleichgültig ist, weun eß gilt, alis der alten Pracht der Vorwelt neue Paläste zu bauen oder todte Körper zu berauben und ,;u schänden. , Gleich den krächzenden Raben umflattern sie den Moder von ^ier Jahrtausenden, und es gibt kein Geschäft das abschreckender erschiene als dieser Handel mil den Neberresten von Menschen, und mit den Kattunlumpen, in die sie so lauge eingehüllt waren. 50. Die schöne Safie. Aea/.'pten hat dnrch die Vernichtung der Mameluken lind die Vertreibung der Almehs alle seine arabische Poeste verlo ren. Dnrch die erste ward die Blüthe und Kraft der mittelalterlichen Ritterlichkeit gebrochen, mit der andern ging die letzte Spnr weiblicher Grazie und die Romantik der Liebe zn Grabe. Vergebens suchen wir Veben und Modelle für die arabischen stachle, die Abenteuer des ^s Zabir, oder die zarten Romanze» des Abu-Zeyd, die wir hentc noch so rührend recitiren hören. Vlehemed spottet deö romantischen Gefühles in seinein liebe^ lechzenden Volk, und hat die letzte Faser höherer Anfregnng zerstört, indem er das stlemeilt der zarten simuqen Weiblichkeit mit rauher Tnrkenfaust vertilgte. Er schritt zur Ausweisung und Verbannung der Älmehs, als in den hier sehr gefürchteten europäischen Zeitungen N'ieder^ holt Artikel von Reisenden über diese Erscheinung vorkamen, die von den Fremden so hänfig falsch aufgefaßt wurde. So wurden die reizenden Frauen ein Opfer solcher Politik und falscher curoväischer Sittenstrenge. Dieses Opfer n^ar aber für den Pascha selbst ein bedeutendes, da die Almehs starken Abgaben unterworfen waren. Die schöne Safie musste allein, mit einer inniggelicbten Freundin, die auch ihr l5ril theilt, jahrlich Vierzig- bis achtzigtausend Piaster Steuer bezahlen. Schon der Eigenthümlichkeit ivegen hatte man dieses ans unsere Sitten nnd Gebräuche so gar uicht anwendbare Verhältnis; nicht stören sollen, nnd ich meine, Reisende hatten in Aegypten ganz andere Dinge zu rügen sinden können. Wie würde man bei uns eine Negierung beurtheilen, welche ihre ersten Sängerinnen und Tänzerin^ nen mit solchen Abgaben belasten wollte? Was war aber die Folge? Um die neue Sittenpolizei consequent durchzuführen. 412 sind an die Stelle der Almehö verkleidete Männer getreten, welche das Privilegium bezahlen die Verführung zur Päderastie iul Großen betreiben zu dürfen. Die nleisten Vornehmen Aegyp-tens huldigen gegenwärtig dem Geschmacke dcr edlen Sprossen aus dem Hause Mehemed Ali's, und steche Jünglinge ersetzen durch lascive Pantomiine und schlechtes Flötenspiel den schmelzenden Gesang und die anmuthigen Tänze der verführerischen Almehs. Ich war begierig eine wabre Almeh kennen zu lernen, um mich zu überzeugen, welchen Grad von Bildung sie besäßen. Sie wurden von den Reisenden gewöhnlich mit den bacchants schen Tänzerinnen und Säugerinnen verwechselt, die noch vor wenigen Jahren eine privilegirte Kaste weiblicher Käuflichkeit ausmachten, in abgeschlossenen Quartieren der Städte wohnten, ihr eigenes weibliches Oberhaupt anerkannten und von der öffentlichen Meinung geduldet wurden. Dieses Gewerbe der Prostitution hat seit uralten Zeiten in Aegypten den Schutz des Gesetzes genossen, und sich auf den Straßen, öffentlichen Plätzen und Kaffeeschenken im Schlamme der zügellosesten Lust gewälzt. Es war daher eiu Act wahrer Sittenpolizei, diese Pflanzschule des Lasters aus den Städten zu verbannen, obgleich nichts dabei gewonnen war, indem man ihre Priestcriuuen in entfernte Dörfer verjagte, wo sie jetzt gleich rasenden Megären die vorüberfahren-den Schiffe anfallen und ihre Reize feilbieten. Die Almehs sind weibliche Improvisatricen und Sängerinnen im höheren Style. Sie dienten zur (N'götzuug uud Veredlung des feiueren Theiles der Gesellschaft, indem sie die bessern Gedichte ihres Landes und auch die schönern Stellen des Koraus singend oder declamirend vortrugen. Sie waren die Zierde der Familienkreise, sie verschönerten die traurige Mono-tonie der Harems, sie lehrten die Damen den Vortrag schöner Gesangweisen, und die Declamation ihrer Dichter. Sie weihten die Frauen in die Mysterien dcs guten Geschmackes eiu, und wenn in ihren Tänzen sich zuweilen zu viele Leidenschaft zeigte, so liegt dieß mehr in der hohen Lebhaftigkeit des National-charakterö, als in Tendenzen der Verführung. Sie tanzten niemals unmittelbar vor den Männern, und weuu sie ihre Vorstellungen in den Harems gaben, so war hiezu ein eigenes Gemach bestimmt, durch dessen Gitter der Herr des Hauses mit seinen Freunden zusehen konnte. Ihr poetisches Gemüth ließ sie 4l3 meistens den Weg des wahren Schönen finden, und gab ihren Vorträgen einen Reiz des Ausdrucks, eine Weihe der Empfindung, die stets als das Kennzeichen eines reinen Gemüths angesehen werden darf. Liebe ist der Grundzug ihrer Gesänge, ihrer Tänze, ihrer Pantomimen, und ihre Kenntniß der bessern Schriftsteller, ihr Tact für das Schickliche, lassen sie selten die Gränzen des An« standes verletzen, und zeigen sie stets als Muster höherer Grazie. Vei der großen Vorliebe der Araber für Musik dürfen wir lins nicht wundern wenn selbst die untergeordnetsten Vortrage großen Anklag finden, sis ist cin Bedürfniß dieser Nation stets Musit zu hören, und bei den schwersten Arbeiten hört man die armen Fellahs fingen. Daher auch die Ucbcrzahl ägyptischer Troubadours, welche Liebeslieder singen, und von Haus zu Haus gehen um überall beschenkt zu werden. Wie viel höher mußte nun der bessere Theil der Gesellschaft eo würdigen, liebreizende, holde Geschöpfe in feinerer Ausbildung dieser edlen Kunst vor sich ;u sehen, deren süße Töne so ganz geeignet sind auch höhere Anforderungen in vollem Maaße zu befriedigen. Tic schönen Almchs, deren Zahl überhaupt sehr gering war, erfuhren das härteste Schicksal, sie wurden in die entferntesten Städte des Reichs verbannt und dort unter gesangliche Haft gestellt. Tic schönste davon, Safie, erhielt ausnahmsweise Gnade und die Erlaubniß in Kairo zu bleiben, weil sie sich der Gunst des jungen wilden Abbas Pascha erfreute, der als Neffe des Vicekönigs bort herrscht. Seine Eifersucht war aber eben so heftig wie seine Leidenschaft zu dieser mit allen Reizen ihres Geschlechts ausgestatteten Frau, und er ließ kein Mittel unversucht um sie auf einer Untreue zu ertappen. Ich kann nicht wissen ob sie ihm dazu Veranlassung gab oder nicht, so viel ist gewiß, daß er sie mit Spionen aller Art umringte, um sich von der Wahrheit seines Verdachtes zu überzeugen. Da tr sie noch überdies) ohne Mittel ließ, so kam sic bald in Verlegenheit, und mußte Schmuck, den sie von ihm erhalten, verkaufen. Um diese Zeit fiel der Chef der Polizei in Kairo in Ungnade, Prinz Abbas läßt ihn zu sich rufen, und verspricht ihm Begnadigung zu erwirken, wenn er Saften auf einer Untreue ertappe, und den Begünstigten bei ihr habhaft werden könne. Sie war indeß sehr vorsichtig, und verkaufte nach und nach all ihr Habe, so zwar daß sie wegen Mangel an Kleidern 414 nicht vor dem Herzog Mar tanzen konnte, als sic hierzu in eincGesellschaft in Kairo war eingeladen morden. Alles dieß hätte den rohen Türken überzeugen können daß sie nicht die Absicht hatte ihn zu hintergehen; allein Eifersucht ist blind, unter den, Turban wie unter der Königskrone, Tie Aufsicht derPolizeischergen verdoppelte sich, und der Unstern der armen Alinch führte eiue tragisch-lächerliche Scene herbei, die zu ihrem Nachtheil gedeutet wurde. (5iu Metzger kam nämlich eines Morgens sehr früh in ihr Haus um seine Bezahlung für mehrere Monate zu fordern, nud da sein Ungestüm und der Streit immer lauter wurden, so trateu die Wachen ins Haus, um sich seiner zu bemächtigen, und ihn als supponirteu begünstigten Liebhaber nebst der sehr erstaunten Safie aufs Castell zu bringen. Hier saß der hocherzürnte Abbas allein zu Gericht, und man kann sich vorstellen wie der Urtheilsspruch ausfiel. Die schöne Dulderin muffte die Vastonnabe ans-halten, nnd 3W Nuthenstreichc bedeckten ihren Grazienleib. Der Metzger wanderte iül.i In-ov« mit einem Strick um den Hals in den Nil, nnd die arabische Houri nach Vsneh in ewige Verbannung, wo sie militärisch bewacht wird. Zwar führte die Leidenschaft ihren tyrannischen Liebhaber wieder zu dieser reizenden Frau, allein kurz ehe ich nach Vsneh kam, war er wieder aufs neue von seiner ächt türkischen Eifersucht befallen worden, und eine Wache stand vor ihrer Thür. Da ich zu meincr Belehrung reife, so konnte ich den Wunsch nicht unterdrücken die erste Almch Aegypiens zu sehen, obschon dieser Versuch große Schwierigleiten darbot. Meine Gefährten theilten meine Absicht, nnd als wir das erstemal nach Esneh kamen, wo die Nacht bereits eingetreten war, so machten wir uns nebst einigen unserer Lcnte bewaffnet auf den Weg, um das Abenteuer zu versuchen. Nach mehreren vorsichtigen Erkundigungen erfuhreu wir die Wohnung der Atmeh, und unser schlauer Nu-bier wurdc beauftragt den Eingang durch Bestechung zu ver-sucheu. Als wir so warteten, saheu wir phantastisch gekleidete weibliche Gestalteil lim uns herumranschen, und wurden durch den rückkehreuden Abdallah in ein kleines Haus geführt, wo wir eiue totale Entblößung alles Hausgeräthes und bloß eine spärliche Lampe am Boden fanden, die ihr mattes Licht auf elende Teppiche warf. Die Lampe wurde plötzlich ausgelöscht und wir von weiblichen Händen durch mehrere Thüren in das 415 Innere des Hauses gebogen, wo wir beim düstern Mondlichte mehrere Frauen vor uns sahen. Dieser Irrthum war zu plnmp, und nach allem was ich von den Almchs ssehört, konnte die arme Safie, wenn auch noch so tief im Unglück, doch niemals eine solche Höhle der Verworfenheit bewohnen. Mit Entrüstung wandte ich mich zu Abdallah, und dieser brachte auch durch Trohung das Geständnis; der Phrynen heraus daß sie uns Hintergaumen hätten, uud daß Safic in einem andern Hause wohne. Wir ließen uns dahin führen, fanden jedoch die Thiuen verschlossen und eine Wache und bedeutende Menschenmenge vor den, Hanse. Ich wollte abstehen, alkin der Italiener war so begierig auf den Ausgang dieses Abenteuers, daß er einen Bedienten mit scinem vieelönigtiehe» Ferman an den Gonvernenr abschickte, um die Erlaubniß zu erbitten die schone Almeh ansehen zu dürfe». Mittlerweile vermehrte sich die Zahl der Neugierigen, und rs entstanden mehrere lächerliche Scenen, bis der Diener mit einem Ianitscharen zurückkam, durch den der Gouverneur sein Bedauern ausdrücken ließ, der Bitte der Fremden nicht willfahren zn können. Eine Handvoll Piaster, welche der sehnsüchtige Jüngling dein Ianitscharcn in dic Hand gleiten ließ, gab indessen der ganzen Sache eine andere Wendung, und eine Thüre that sich aus, durch welche wir so rasch als möglich eindrangen, nm sie vor dem Volte wieder zu versperren. Das erste Zimmer, ill welches wir kamen, war durch eine Lampe beleuchtet, die an der Wand befestigt war. Nnhcbctttn waren aufgeschlagen, nnd anf einem derselben lag ein junges schlafendes Weib. Die ältere Frau die uns führte, und der bestochene Diener ägyptischer Gerechtigkeit zeigten auf sie als auf die nahrhafte Safie. Die Gute fchien in tiefem Schlaf versunken, denn sie erwachte nicht bei dem Lärm von acht bewaffneten Männern. Der Italiener riß die Lampe herunter, um das sonderbare Gemälde in besseres Licht zn bringen, uud hielt cs vor das Gesicht der schöllen Schläferin, das unter einem runden vollen Arme etwas verborgen war. Die Haare, lang nnd schwarz, lagen in wilder Unordnung über den entblößten Nacken herab, und vieles wäre noch dnrch sie zu verdecken gewesen. Vs wollte mir-durchaus nicht einleuchten, nie dieß die berühmt,' Almeh sevn könne, deren Beschreibung so gar nicht mit dem vor uns liegenden üppigen halbnackten Körper überriusttmmte. Nachdem aber 4l« Rütteln und sonstige Grwecknngsversnche fruchtlos sich bewiesen, überzeugten Mr uns daß die ganze hier liegende Person so betrunken war, daß an eine Herstellung der Identität durchaus nicht zn denken sey. Beschämt über den doppelten Vetrng den man uns gespielt, gingen wir ans unsere Barken, und lachten uns wechselseitig aus. Ich sah dasi aus diesen: Wege nichts zu machen war, und daß ich einen Unterschied zwischen dem Besuch einer Almeh, und der Besichtigung eines Pharaonischen Tempels machen müsse. Als wir daher auf der Rückreise Vsneh wieder berührten, schickte ich meinen feinen Genuesen voraus, um sich direct an die gelehrte Frau zu wenden. Gr kam zurück, hatte die Wachen ebenfalls gewonnen, ohne die mm einmal nichts geschehen konnte, und das Versprechen erhalten sie in ihrer Gegenwart zu sehen. Wir gingen allein zusammen hin, und die Scene, welche nun folgte, war seltsam genug. Die Pforte eines maurischen Hauses öffnete sich, und mehrere Frauen standen in der Tiefe des innern Hofes. Ich ging mit meinem Dragoman auf die Schwelle, die Wachen stellten sich hinter uns, Safie selbst erkannte ich auf den ersten Vlick, denn dieß nur konnte sie seyn. Starr und uubcweglich stand sie da, mit dem einen Alabastcrarme auf eine ältliche Frau zur Rechten gestützt, die linke Hand auf die Schulter einer seitwärts stehenden Dienerin legend. Es kam mir vor als wenn der Vorhang vor einem Tableau aufgerollt wäre, und ein fremdes Vild, eine Statue von einem Rahmen eingefaßt vor mir stände. Die Strahlen der Morgensonne brachen in den oben offenen saracenischen Hofraum, und gaben ihrem bleichen Gesicht einen verklärenden leuchtenden Schimmer. Die ganze feine schlanke Gestalt schien von magischem Glänze umflofsen, und ihre leblose Haltung, vereint mit der eigenthümlichen Beleuchtung, gaben dem Bilde den Anstrich eines Tramugesichtes. Ihr Vlick suchte mich nicht, und vermied mich nicht. Ihr Schmerz schien sie von der Außenwelt abzuwenden, und ich hatte Muße sie ungestört zu betrachten. Gin Europäer mit dem Gewehr auf dem Rücken, eine ägyptische Almch, zwei wildblickenbc Arnauten, es hätte ein artiges Genrebild von einem orientalischen Rendezvous gegeben. Die Almeh Safie ist von schlanker, schöner Gestalt. Ihre cendreblondcn Haare sind vorne gerade herüber knapp abge-schnitten, hängen aber von jeder Schläfe in einer dichten Locke 4l7 am feinen Ohr herab. Ihr Gesicht ist farbcnlos, mit einem Anflllg jenes südlichen Tons, den ich mir bei Skiliaueriuuen gefunden hübe. Ihre Züge sind entzückend schon, und ihre weiße Gesichtsfarbe läßt mich glauben daß sie circassischcn Ursprungs ist. Sie zeigte einen leisen Anstrich hinreißender Schwermuth, und ein eigener schwärmerischer Schimmer scheint darüber hinzuziehe». Ihr Gesicht ist nicht gemalt, wie die Sitte des Landes cö fordert, nur auf dein reizenden Kinn sind drei kleine Sternchen aufgetragen. Die dunkeln Vraueu, das vollendet schöne Profil, die hohe Stirn, sind von ganz edler Zcichnuug, besonders die lange und gerade über das fcurigschmachtende ausdrucksvolle Auge gezogenen Wimpern geben ein griechisches Aussehen. Die Nase ist unvergleichlich schön, und den Mund haben die Amoretten zum Sitze erkoren. Brüste, Schultern und Arme sind vollendet ebenmäßig geformt, Hand und Fuß aber wahre Sculpturmuster. Schon ihre nachlässige Stellung war Plastisch schön, später fand ich jede Bewegung edel und graziös, die ganze Erscheinung aber höchst anziehend, schüchtern und von dem Gefühl ihrer Entwürdigung sichtlich ergriffen. Das Neglig«, in dem ich sie fand, war gemacht um die Schönheit ihrer Formen zu erkennen. Sie war in ein weißseibencs Gewand gehüllt, das durch Gürtel und Westchen unter der Brust festgehalten wurde und nichts verbarg. Ueber den Hinterkopf war ein himmelblaues seidenes Tuch geschlagen, das über die ganze Gestalt herabwalltc. Dieser ägyptische Schleier ist ganz geeignet um sich wie eine Mumie einzuwickeln, oder die Reize bloß zu stellen, ganz wie und für wen es der Trägerin beliebt. Die schönen Hände sind innen, wie bei allen Frauen von Stand, mit dem orangerothen Hcnnch gemalt, das man hier wesentlich für den guten Ton hält, und das wirklich eine weiße Hand sehr hebt. Unter dem Haare lief ein einfaches Diadem von Gold und Perlen herum. Deßgleichcn trug sie Ohrringe und Armbänder. Ich ließ ihr durch den Dragoman sagen daß ich bloß nach Esneh gekommen sey um sie zu scheu. Crröthenb siel sie ein, ob ich sie zeichnen wolle, da kürzlich ein Mann da gewesen sey der sie abgemalt habe. Ich gestand daß dieß nicht meine Absicht sch, daß ich aber wünschte ihren Gesang zu bewundern. Hier lachte sie zum erstenmale, und ich hatte Gelegenheit ihre Morgenland und Abendland. I. 2 an, wo wir an der Moschee unser Vager ausschlugen, unser Abendmahl bereiteten und uns die große» Erinnerungen der letzten drei in Aegyvten verlebten Monate gemeinschaftlich zurückriefen. Ich hatte zwei Reisegefährten, und wir befanden nns in dem räumlichen grünen Zelte ganz wohl. Die Ermüdung der Kamel-tritte, bis man sich daran gewöhnt hat, ist eine gan; eigene, nnd greift besonders Schenkel nnd Hüften au. Wir mittelten achterlei Positionen aus, die das Neiten weniger ermüdend machen, weun man nnter ihuen abwechselt. Man kann sich nämlich vor- oder rückwärts, seitwärts, mit übergeschlagnen Veinen oder im Steigbügel setzen, muß aber auf den Sattel Decke nnd Mantel legen, um nicht auf dem Höcker zu sitzen. Am zweiten Tage gingen wir durch Kau<> zu Fuß nach dem lenfeits gelegenen schönen Institut, wo die Prinzen des Hofes und die Kinder der Vornehmen erzogen werden, Man hält es flir die beste Lehranstalt, und die Lage ist eine der reizendsten und gesundesten in Aegypten. Ihr gegenüber, eine halbe Stunde entsernt, liegt Abusabel, früher Medicinschule und großes Laza-reth, solange hier die Armee in Lager» gebildet wurde, jetzt die 425 einzige Primärschule des Landes, mit nahe on zweitausend Zöglingen. Wir traten in den großen Hof, den die Lehrgebäude einschließen, wurden von einigen hundert Zöglingen sehr aufmerksam verfolgt und, als wir das jenseitige Thor verlassen, mit Steinen geworfen. Auf Anschlagen unserer Gewehre entflohen sie; dieser Empfang bleibt aber immer ein Zeicken der freundlichen Gesinnung gegen Europäer. Wir bestiegen unsere Kamele und ritten bis Bflbeis, einer kleinen Stadt auf den Ruinen einer alten, hinter deren Hügeln wir unsern Bivouac einrichteten. Da wir stets selbst Hand anlegten, so waren die Zelte sogleich aufgespannt. Wir verlangten hier, wie überall an Dörfern, Wachen für die Nacht, und befanden uns in der fühlen Mondnacht unter dem schützenden Dache höchst behaglich. Der dritte Tag war prächtig, und führte uns durch reiches cultivates Land. Tiefe Art durch die Wüste zu reisen könnte man sich gefallen lassen. Wir zogen von Früh bis Mittag durch Palmwälder nnd über Dämme fort, fanden überall noch Vrnnnen mit gutfiltrirtem Wasser, und eine Gegend die mit zu den schönsten dieses Landes gehört. Wie zweckmäßig wäre es hier Militär-colonien zu errichten, sie den brachliegenden Boden bebauen zu lassen, und eine lebendige Schutzwehr gegen Syrien und Arabien zu bilden, beides Länder die niemals willig dem Scepter Mehe-meb Ali's sich beugen werden. Dieß sind die natürlichen Gran--zen Aegyvtens, und die Natur hat nicht vergebens die Wüste au ihre Marken gesetzt. Wir famen Nachmittags in Korein an, einem großen Dorfe moderner Ruinen, das mitten in dem grösitcu Dattelwalde liegt der mir je zn Gesicht gekommen ist. Wir schlugen einen hübschen Vivouac an den Mauern von Dattel-gärten auf, deren Früchte die besten Aegyplens sind, und wovon wir uns Vorräthe für die ganze Reise kauften. Die Einwohner sind hier wegru ihrer Raub! »st sehr verrufen, und die Bewohner der Luft scheinen ihnen alö Vorbild zn dienen. Als nnsere Leute Hühner ausnahmen und wir alle außer dem Zelte herumstanden, senkte sich ein großer Adler mitten uuter uns nieder, strich über den Küchenapparat hin und holte zwischen den zwei Dienern die Eingeweide eines Huhns mit den Klauen weg. Ich hörte nur das Geräusch der Schwingen, das dem Rauschen eines Atlaftkleides gleicht. Vald kamen mehrere, umkreisten unsern Lagerplatz und stürben sich von Zeit zu Zeit herab, um wieder 426 etwas zu holen, was wir ihnen preisgaben, da nns dieses Spiel Vergnügen machte. Sie wurden jedoch so dreist daß einer eben im Begriff war ein ganzes Huhn wegzuholen, wenn ihn nicht ein Schuß in seinem freventlichen Veginnen ereilt und bei uns zu bleiben genöthiget hätte. Eilposten auf Kamelen trabten, rasch sich folgend, nach der Wüste zu. Es scheint sich zu bestätigen daß man in Kairo uud Oberägypten Unruhen befürchtet; anch begegnen wir sehr oft kleinen Reiterabtheilungen, die zusammengestoßen genügend seyn werden das feige Volk im Zaum zu haltcn. Diese Postboten gehen rasch ihre Etappen durch, meistens im Trab. Korein hat ein solches Relais, und zwölf Ortsvorstände, wovon viere Wachen schickten. Eine Frau kam jedoch insgeheim, um uns zu verständigen daß die Hälfte der Wachen selbst Räuber seyen — auch wieder einer der vielen Beweise, wie die Menschen, wenn sie die Abgaben nicht mehr erschwingen können, zu Dieben werden müssen. Der ganze Ort nährte sich vom Handel mit seinen vortrefflichen Datteln; da aber der Pascha ihnen dicse wegnimmt, so bleibt ih^en keiil anderer Ausweg als zu stehlen. Auch uns blieb kein anderes Mittel als das schoti oft erprobte — die Wachen selbst zu bewachen, und der Vollmond begünstigte unsere tugendhafte That. Am vierten Tage wird die Vegetation anffallend dürftig, die Palmen sind niedrig uud zwerghaft, und man reitet über Wüste von ganz feinem kleinem festem Kiesel hin. Tie Winde streichen freier über die Flächen, und die Armuth der Bewohner tritt stärker als früher hervor. Wir frühstückten an einer Santos queUe, deren Filtrirung den einzigen Erwerb einer nebenwohnenden Fellahfamilie ausmacht. Gegen drei Uhr kamen wir in Salahieh an, dem letzten Dorfe Aegyptens, elend wie seine Lage, an einen Krüppelwald von Dattelbäumeu gelehnt. Hier beginnt die Wüste von Idumäa, Wir schlugen unsere Zelte an ihrem Eingänge auf, uub ich schickte den Ferman an den Ortsvorstand, der aber unsere Diener sehr unartig empfing, später Wein für sich reqmrirte, und Geld für die Nachtwachen voraus verlangte. Wir schickten ihm eine versiegelte sslasche mit Wasser und einem Achtel rothen Wein gefüllt, die einzige Rache die wir an ihm nehmeil konnten, die er aber ganz gut aufnahm und ver^ sichern ließ, er habe nie Vesfereö getrunken. Seine Nachtwächter waren eben so ungeschliffen, und als deren acht kamen, wollten 427 sie in unser Zelt dringen, nm ihr Geld vorauszuhaben. Einige entgegengehaltene Pistolenlältfe verhalfen ihnen zur Vesinuling und uns zu ruhigein Schlaft. Vis hiehcr hatten wir des Tages nur die übliche Karawanen- oder Poftstation gemacht; da wir aber eingeritten und mit unsern liebenswürdigen nenn ssuß hohen Reitkleppern mehr befreundet waren, so beschlossen wir anhaltendere Märsche zu machen, nnd ritten von nuu an, täglich zehn bis zwölf Stun» den. Müde wie in den ersten Tagen wurden wir nicht mehr, allein narkotisch bleibt diese Neiseart doch immer, und auf keinen Fall kann ich der Meinuug eines berühmten Reisenden beipflichten, daß die Reift auf Kamelen allen andern vorzuziehen sey und angenehmer als die zu Pferde. Sie ist ein nothwendiges Nebel wenn man dnrch die Wüste reisen will; ich war aber doch herzlich froh, als ich von diesen vierfüßigcn plumpen Schiffen herunter und auf flüchtige brave Pferde kam. Ihr Widerwillen gegen allen Gehorsam, ihre Freßsucht, ihr Drängen nach andern, ihr Eigensinn, ihr Geschrei, schon ihr Anblick war mir höchst überdrüssig geworden, und das Auf-und Absitzen vollendet diese Widerwärtigkeit. Ich weiß nicht warum man nicht Strickleitern hierzu mitführt, wie man auch auf den Elephanten an der Leiter hinaufsteigt. Das Absitzen kann man sich und dem Thiere erleichtern, und wir sprangen immer herab, allein zum Voltigiren sind sie zu hoch, besonders mit den Packtaschen und Decken und den hohen Satclsprosftn die gerade emporstehen. Diese Reise ist schwächlichen Menschen kaum anzurathen. Die Pfade sind hier noch gut, und ganz mit verhärtetem Salzniederschlag bedeckt; das stachelige Gesträuch, womit aller Grund, gleich den Halden bei uns, überwachsen ist, dient den Kamelen als Nahrung, nnd wenn man noch zeitig genug ankommt, läßt man sie darin weiden, bis sie Nachts hereingeholt, im Halbkreis um das Zelt gelegt, gefesselt nnd mit Vohnen gefüttert werden. Wir hatten heftigen Südwind, aber noch nicht den gefurchtsten Chamsin, der erst in Mitte März beginnt. Un-ftre Tageseintheilung wurde nun so gemacht, daß wir gegen Mittag mit einem Diener lagerten, um kaltes Frühstück einzunehmen, während die Lastthiere weiter zogen, die wir im Trab jederzeit bald wieder erreichten. Am fünften Tage Abends 428 vier Uhr kamen wir ans PostHaus von Kantarah, mit einem schönen neuen Ziehbrunnen und langen Wassertrögen von rothem Steine, wie man sie auf den meisten Karawancnetappcn sindet. Die Postillons sind gewöhnlich schwarze Verberinen, die Post-kamcle weiß. Wir gingen noch eine Stunde weiter, und übernachteten mitten im Gesträuche an Lacken von Negenwasser. Am sechsten Tage frühstückten wir bei der Post Vir Deodar. Das PostHaus ist von Schilfrohr eingefaßt, aus dem schwarze Postjungeu neugierig heransguckten. Von hier ritten wir auf tiefen Sandbahnen fortwährend durch Thal und über Verge, die, von nllem Gesträuch entblößt, besonders in den Fernen wie Schnceberge aussehen. Sie haben spitzige, zackichte Formen, und diese Passage gehört zu den schlimmsten auf diesem Wege. Gin Kamel stürzte, und sie waren alle vom zwölf-stündigett Marsche bei einer Hitze von 32 Graden, sehr angegriffen. Gs wehte kein Lüftchen, und die Sonne brennt doppelt durch den Nester von den weißen Sandbergen, die gleich Pics sich gegen das alte Pelusium hinziehen. Die Kamclreise ist die letzte Geduldprobc des Aufcuthaltcs im Orient. Die Hitze blieb bis in den Abend schrecklich, nnd nur die Nacht brachte Kühle, aber auch sehr lästige Schnaken in Unzahl. Wir lagerten uns beim PostHaus zu Kathie, an einem Zwergpalmenwald. Das dabei liegende Dörfchen ist von Mais zusammengesetzt, wie Lander es bei den Bewohnern des Nigers schildert. Hier ist eine geringe Gräuzscheide zwischen Mensch und Thier. Auf diesen« ganzen Marsche waren wir keiner menschlichen Seele begegnet, aber Ka-melgerippc ohne Zahl bezeichneten unsere Bahn, nnd bewiesen zugleich was diese armen Thiere aus ihr zu erdulden haben. Nachts hatten wir leichten erquickenden Rege». Am siebenten Tage zogen wir durch die Wüste weiter, der Weg ist aber nicht so gebirgig uud daher nicht so beschwerlich. Mittags nahmen wir bei der Post von Vir el Abd im Sand unser Frühstück ein, und erblickten zum erstenmale die Verge Israels, welche sich in schöner Kette hinter der Wüste hinab gen Peträ'a ziehen. Hier findet man den Boden wieder mehr bewachsen, Alles wird wieder grün, nur die Verge blicken überall weiß und glänzend hervor. Ich hatte mir eine ganz andere Vorstellung von der Wüste gemacht, und darunter eine unabsehbare Scmdfläche verstanden. Flächen hat aber die Wüste 429 sehr selten, und wo sie bloß aus nacktem Sande besteht, da bilden sich seine Massen bald zu Hügeln und Bergen. Nach zweistündigem Ritt erblickten wir das Meer. Alles aber mußten wir erst selbst finoen und nach der Karte bezeichnen. Selbst unsere Bedienten, welche diese Reist schon oft gemacht, hielten die judäischen Verge sür den Sinai und wollten das Meer nur für einen Landsce gelten lassen, selbst da es unbegränzt vor uns lag. Man kann gar keine Notizen von diesen Leuten erhalten, sie hocken auf ihren Kamelen und leyern den ganzen Tag fort, ohne sich um ihre Umgebungen zu kümmern. Die Beduinen gestehen aber niemals eine Entfernung ein, und machen alles länger und ungewiß. Hier sahen wir ringsum viele Heerden von Kamelen, bis zu den kleinsten herab. Die lustigen Kamelkindcr galoppirten um uns herum und erfreuten uns lange, bis dieß beinahe ein tragisches Gnde genommen hätte. Unsere Thiere wurden nämlich von den vielen um sie herumstankirenden Kamelchcn plötzlich fo scheu, daß sie alle zu tanzen und zu carracoliren ansingen, wie weiland die Löwen und Leoparden, als die Zaubersiöte Tamino's sie entzückte. Man kann aber denken daß die muthwilligen Sprünge dieser Thiere etwas plumper Natur sind, und ich entsinne mich nicht jemals auf einem ungezogenen Pferde so viele Mühe gehabt zu haben um sitzen zu bleiben, wie auf meinem kreuz und quer herum-galoppirenden Rachwan. Das Resultat von alle dem war daß unsere Wasserfässer, die Hühner und ein Araber am Boden lagen, und uns letzterer ernste Besorgnisse einflößte, er möchte den Arm gebrochen haben. Or kam jedoch nebst den Hühnern mit dem Schrecken davon, und dem braven Radi gelang es endlich feine Colonne wieder zu ordnen, und die Ungehorsamen zu ihrer Pflicht zurückzuführen. Es begegneten uns Mo-grebincrsoldaten, o,<. aussagten daß in Arisch Quarantäne gegen Syrien aufgestellt fty. Uns schien dieß auf einem Irrthum zu beruhen, und wir sollten erst in Nazareth mit dem wahren Grunde dieser Maaßregel bekannt werden, so wenig ist es möglich in diesen Ländern Nachrichten zn bekommen, bis man nicht an Ort und Stelle selbst angekommen ist. Wir ritten noch bis zur Nacht, und campirten halbwegs Hohenad im Sande. Schönes Reisen, wo man sich weder um Haus, noch Meuschen, noch Wasser zu kümmern hat, wo man sein Zelt aufschlagt wenn man müde Morgenland und Abendland. I. 2te Aufl. 28 430 ist, uud cs wieder aufpackt wenn man ausgeruht hat! Jetzt begreife ich den Nnabhängigkeitssinn, die Unüberwindlichkeit und die Freiheitsliebe des Beduinen. Ihm ist die Miste seine Welt. Hier wandert er ewig, unerreichbar den Satelliten der Könige und kühnen Sinnes; auf hohem flüchtigem Kamele hebt sich höher die Brust, und er dünkt sich selbst ein König, denn jeder ist es, der nicht zu gehorchen braucht. Am achten Tage brachen wir früh im Mondschein auf um for-cirten Marsch zu machen. Die Wüste ist eine fortgesetzte, in Höhen und Vertiefungen wechselnde Hochebene, mit solch' wunderbar verschlungenen Hügelwellcn, daß immer höhere Anhöhen hervorzutreten scheinen, wenn man die höchste erstiegen zu haben wähnt. Die Thal- und Schluchtvcrzweigungen sind unendlich, und so ermüdend diese Märsche unter ewigen Täuschungen dem Reisenden erscheine», so vortheilhaft ist das Terrain zur Vertheidigung. Vs ist unmöglich, selbst der größten Uebermacht, den Angriffskrieg hier mit Erfolg zu führen, und dieß sind die wahren Verschanzungen der Vebuinen. Oft sahen wirHeerdcn von Kamelen auf dem Saume einer Höhe weiden. Hatten wir sie erstiegen, so waren sie verschwunden, so sehr verschieben sich hier optisch die Gegenstände in dem Labyrinth der Höhenzüge. Daß Gesträuch trägt hierzu nichts bei, da es zu nieder ist um etwas zu verbergen. Mein auch die Wüste hat ihre Reize, und ihre Flora verdient ihren alten Ruhm. Die mannichfaltigstcn Blumen von allen Farben bedecken sie, die violette Iris habe ich noch in keinem Trcibhause schöner gesehen, und Gesträuche und Kräuter glänzen im Morgenthau in allen Farbentönen des lebhaftesten Grüns. Der Frühling prangt in diesen Sandsteppen in einer ganz eigenthümlichen Frische und Schönheit, und man stößt auf zufällig gebildete Partien, die einem englischen Parke zur Zierde gereichen würden. Allein man muß diese sogenannte Wüste zu einer Zeit durchreisen, wo die Regcnwasser sich verlaufen , und das Aroma der Kräuter und Blüthen balsamische Düfte über diese einsamen lautlosen Räume ausströmt. Nicht im Sommer, wo das herrliche Grün der Gebüsche abgestorben ist, und die Sandberge gleich brennender Lava von Gluth dampfen; nicht im Herbste, wo die jengende Sonne nur Spuren der Vernichtung hinterlassen-, nicht im Winter wo die Stürme des Meeres über diese schutzlosen Sandwogen hinbrausen, und Regen- 431 ström? die Schauer der Kälte verbleiten und den Kamelen die Pfade wie mit Eis belegen. Jetzt, gegen Ende Februars, ist der ägyptische Frühling bereits in vollster Herrlichkeit, und die Hitze, die wir heute empfunden, darf sich mit der von Theben und Nu-bien messen. Um 11 kamen wir an die Station Hohenad, wo wir frühstückten, dann noch bis zur Nacht fortritten, nnd einen Marsch von 13 Stunden zurückgelegt hatten. Wir bemerkten öfters Fußstapfen im Sande, die verschieden gestaltet waren, und erfuhren daß jeder Stamm als Unterscheidungszeichen eine andere Art zu gehen angenommen hat, wie z. V. mit dem großen Zehen des einen Fußes einen Kreis machen, den einen Fuß auswärts setzen, wodurch stch Freuud und Feind erkennen, auch die Zeit errathen werden kann wann die Fusistapfen eingedrückt wurden- Beduinen im Sande, was die Wilden Amerika's im Grase. Neberhaupt haben die Beduinen noch sehr viel Originales, besonders ihre Vegrüsiuugsweise. Sie gehen nach längcrem Wiedersehen wie ein paar Nö'cke ans einander los, und stoßen die Stirnen mit einer Heftigkeit an einander, die für die Dauerhaftigkeit und den festen Van ihrer Hirnkasten Bürgschaft gibt. Doch küssen sie sich auch, und zwar oft anhaltend fort, welches ich besonders bei alten Männern bemerkt habe, wo es recht rührend erscheint, wie die ehrwürdigen Greise sich so mit jugendlicher Inbrunst und Wärme herzen und küssen, und damit gar nicht zu Ende kommen können. Nachts bivouakirten wir im Sande, waren aber durch einen heftigen Sturm sehr belästiget, der uns jeden Augenblick das Zelt umzureißen drohte. Das Zeltleben ist eine der schönsten Seiten des orientalischen Pilgerlebens, und ich gewöhnte mich so daran, daß es mir stets leid that wenn Unsicherheit oder schlechtes Wetter uns später nöthigten in Häusern Zuflucht zu suchen, weil diese Zelte dem Regen nicht widerstehen. Wir hatten unsere Matratzen und Stroh-Matten bei uns, auf welche sie gelegt wurden. Unser Zelt faßte gerade drei Lagerstätten, in der Mitte hatten wir ein rundes Tischchen, das am Zeltpfahl angemacht ward, und worauf die Lichter gestellt, gegessen und nach Umständen auch geschritbeu wurde. Das beständige Leben in freier Luft stärkt den Körper, nnd es entgeht uns ein hoher Reiz bei dem Reisen in Europa dadurch daß wir nicht wenigstens in unserer milden Jahreszeit Touren zu Pferd 28 * 43« uüt Zelten machen wollen — eine Art zu reisen, die unstreitig romantischer nnd lohnender ist als in geschlossenem Wagen mit vier Pferden aus einem Lande ms andere zu jagen. Am neunten Tage kamen wir Morgens in cl Arisch an, einem kleinen Fort ohne Zweck, und einer eben so zwecklosen zwanzigtägigen Quarantäne aus Syrien. Die Umgebung Arischs ist so weit das Auge reicht, weißer Sand, dem einzelne Dattel-bäumchen und Gesträuche mühsam ihr Leben abringen. Sandberge umfassen ringsum diese farblose öde Fläche, von welcher man den Vlick auf daö Meer hat. Ich besuchte den Gouverneur, einen theilnehmenden alten Mann, den ich in einer Kanonenkammer feiner Citadelle auf Teppichen liegend fand, und der mich gar nicht mehr fortlassen wollte. Er schenkte mir ein Fäßchen gntes Wasser, das hier mehr werth ist als der edelste Wein, konnte aber doch nicht verhindern daß seine Mkets nuch beinahe in die Contumaz geschleppt hätten, da es ihnen eben so wenig klar zn seyn schien, wie mir selbst, woher man fjgentlich die Pest erwarte. Wir verließen el Arisch um die Mittagsstunde und unter einem heftigen Winde, der sich bald in Sturm verwandelte. Wir konnten uns kaum auf deu Kamelen erhalten, der Anblick aber war unvergleichlich schön, wie die schwarzen Wolken über die weißen Sandfeldcr Hinstogen, und den aufgejagten Sand gleich Schneegestöber vor sich herpeitschten. Vs war eine vollständige Winterlandschaft, nur ohne Eis und Schnee. Wir zogen hinler einem hohen Wall fort, der das Meer verbirgt, dessen donnerndes Brausen an unser Ohr schlug. Nachdem man die ziemlich steile Bergkette, welche die Hochebene von Arisch einschließt, zurückgelegt hat, belebeu sich die Hügel etwas, und es wird grün. Die Gegend behält die bisherigen ermüdenden Wellenformen bei, nur sind ihre Verzweigungen weniger verwickelt, B^rg und Thal erweitern sich, Gras und Feld beginnen, beides noch dürftig. Wir ritten noch fünf Stunden und schlugen das Lager auf. Nachts ritt eine Caval-lerieabtheilung vou mehreren Schwadronen an uns vorüber, und wir mußten wegen Marodeurs auf der Hut sehn. In meinem Bette fand ich einen kleinen Scorpion. Am zehnten Tage kamen wir Morgens nach der sieben Stunden von Arisch entfernten Station Chaik Zoo, wo uns ein dreistündiger Regen übersiel. Die Gegend verflacht sich immer mehr» die umgebenden Berge si»b mit Sand bedeckt. Das Meer 433 hört man immer brausen, ohne es, oder doch nur selten zu sehen. Ein schmaler grüner Streif mit vielen Fußwegen oder Karawanengeleisen zieht sich durch die neugebauten Felder, und zahlreichen Heerden, Pflügen mit Kamelen bespannt, begegnet das Auge ringsum. Doch sind Väume und Vieh immer noch auffallend klein und krüppelig. Veim Khan Oun«s wird wie durch Zauberschlag Plötzlich alles anders, und hier betritt man Palästina. Das weite Thal von Gaza schließt sich hier aus, die breiten Wiesen sind mit gelben und rothen Blumen übersäet. Shkomoren stehen aus den Feldern einzeln umher, die Natur lächelt wieder freundlich, wie wenn sie für die Entbehrung schadlos halten wollte. Stundenweit überragen die Hügel von Gaza die große Ebene, und wir kamen mit der Nacht an den Vogenfragmenten einer schönen römischen Brücke von Quadern an, die über den Vesor führte, der meistens ohne Wasser ist. Wir lagerten hier auf herrlichem Rasen, eine wahre Wohlthat nach so vielen sandigen Nachtquartieren. Von Arisch nach Gaza sind 15 Stunden. Wir waren noch eine Stunde von der letztern entfernt. Nachts hatten wir wieder großes Schakalconeert. Am eilften Tage ritt ich voraus in die alte ehrwürdige Stadt der Philister und zum Serai des Gouverneurs. Es war noch früh, und er hatte sein Harem noch nicht verlassen. Ich benutzte diese Frist um auf die Terrassen deS Gouvernementsgebäudes zu steigen, von denen man eine weite Aussicht genießt. Gs ist ein alter venezianischer Vau, eine Art Castell auf einem Hügel gelegen, halb zerfallen, aber von schönen Quadersteinen und Marmortreppen, und mit dem Löwen des hl. Marcus verziert. Man sieht auf das eine Stunde entfernte Meer, auf die Verge und Hügel, die Gaza durchziehen und umgeben, und über die wundervolle Gbene hin, die ihren Namen trägt. Hier übte Simson seine Liebes- und Kraftabcntener nnter den Philistern, und wenn die Stadtthore damals nicht größer waren als jetzt, so mag es ihm nicht schwer gefallen seyn eines derselben auf den nächsten Verg zutragen. Dieser antike Rappo war oberster Rich-tcr von Iudäa, und wenn wir Nachts die Schakals um unser Zelt klagen und jauchzen hörten, gleich Kindern, wünschte ich die hübsche Scene herbei, wo er dreihunberten dieser Thiere feurige Schweife einbinden ließ, um die braven Philister damit zu äng- 434 stigen. Ich besah mir die Stadt, die weit zerstreut umherliegt, und von Palmen unterbrochen wird, Sie ist nebst ihren Gärten von stacheligen indischen Feigencattusmauer« eingeschlossen, die besten spanischen Reiter nnd die ungenießbarste Frucht. Sie bilden übrigens eine malerische Decoration, und sind so undurchdringlich daß man sie, als Verschanzungen angewendet nnd in zwei- und dreifachen Schichten aufgestellt, wie bei Namleh, nur durch Vrescheschießen nehmen könnte. Die Stadt scheidet zwei weite Ebenen, die von Sachhala und die von Gaza, welche sich gegen Askalon hinzieht. Ihre höchste Spitze ist der Samsousberg, und nach den verfallenen Stadtmaueru zu urtheilen mag ihr Umfang sehr ausgedehnt gewesen und viele Höhen in sich geschlossen haben. Diese Position ist gnt sür größere Armeen, uud die Geschichte weist nach daß sie zu allen Zeiten benutzt wurde. In der Stadt selbst liegen die schönsten Granitsäulen und Marmorcapitäle herum, der Vazar ist abscheulich, uud hier fielen mir zuerst die hebräischen Gesichter auf, deren Tvputz in ganz Palästina unverkennbar und vorherrschend sich erhalten hat. Weder der Gouverneur, uoch angesehene Lente der Stadt konnten mir Auskunft über das Vorhaben meiner Reise nach Dahenn geben. Selbst über die Entfernung uud Sicherheit dieser Straße lauteten die Angaben so ganz entgegengesetzt daß wir davon abzustehen beschlossen. Ungern entsagte ich diesem Wege, der zum Grabe des Veduinenfürstcn Abraham nnd in das Land führt, wo der Gott des alten Testaments noch so familiär mit seinen Kindern umging. Erst später erfuhr ich baß von Gaza über Ramleh nach Jerusalem 18, über Dahcriu und Hebron nur 3 Stunden mehr seyen. Allein man kann, wie gesagt, an Ort und Stelle oft gar nichts erfahren, und ich bin deßhalb gern etwas ansführlich in Bezeichnung der Entfernungen, um den nach mir Reisenden dienlich zu seyn. Daß unter den Stunden jederzeit Reitstunden verstanden sind, bedarf keiner Erinnerung, da man in diesen Bändern keine andere Eintheilung kennt, und es dann noch daranf ankommt, ob man ans Eseln oder Dromedaren reitet, ob die Thiere lebhaften oder zögernden Schritt gehen, welches meistens vom Reiter selbst abhängt. Wir verfolgten die sehr gute Straße nach Ramleh, die sich fine Stunde von Gaza an durch einen großen Olivenwald fortzieht. Palästina scheint hier nicht mehr von dem vielbesproche- 435 nen göttlichen Flüche zll leiden, denn Wiese» und Felder stehen herrlich, alles ist mit Vieh und pflügenden Landleuten bedeckt, und Schafe und Ziegen sind so fett und reichhaarig, wie fast nirgend anders. Der Sand der Wüste weicht immer mehr der festen Erde, die Straße wird immer enger von den angränzenden Feldern eingeschlossen, und dieser grüne Streif ist so dicht mit rothen Anemonen und weißen Zwiebclblumen buchstäblich übersäet daß man fortwährend über einen schmalen türkischen Teppich hinzureiten glaubt. Die Dörfer sind hier von Erde oder rohgehauenen Steinen, die Dächer stach und mit Gras überwachsen, welches den au Höhen hängenden Ortschaften ein besonders freundliches Ansehen gibt. Die Häuser sind besser, aber die Menschen nicht so zuvorkommend wie in Aegypten. Doch ändert sich dieß häufig in Syrien von einem Dorfe zum andern. Die Bergkette von Iuda tritt näher, und erinnert viel an die des Jura, die sich ebenfalls nicht durch scharfe Zeichnung bemerkbar macht. Vei dcr ersten schönen Abendbclcuchtung des Gebirges lagerten wir uns unfern dem Dorfe Mesmie am AbHange eines Verges, von dem wir Schutz gegen den stets heftiger werdenden Wind hofften. Die Wüste hatte endlich das Feld geräumt, nnd der feuchte Voden bewies uns dieß besser wie die abnehmenden Sandhügel. Schakals lullten uns in den Schlaf. Am zwölften Tage kamen wir Vormittags eilf Uhr in R a inlet) an. Der Weg führt über fruchtbare Flächen, und Ramleh selbst liegt sehr schön über eine Hügelbeugung gegen die Ebene Saron hinab. Die weißen Häuser gehen hier aUe in eine Art Kuppel aus — eine Bauart, die man durch ganz Syrien findet. Zahlreiche Moscheen und Palmen zieren die kleine Stldt nnge-mein von der Höhe aus, über die man sich ihr hier nähert, und wo man das ganze blühende Thal von Ramlch bis zu den Gebirgen übersieht. Wir lagerten uns im Olivenwald vor dcr Stadt zum Morgcnimbiß, um die Antwort eines Dieners abzuwarten, der voraus geritten war um Maulthiere uach Jerusalem zu bestellen. Als er nicht kam, ging ich in die Stadt, um ihn aufzusuchen, konnte aber das Kloster nicht finden. Wie ich über denVa-zar ging, empfing ich einen Steinwurf. Ich war es satt den heil. Stephan zu spielen, als ich mich aber wendete, um den Thäter zu finden, brachten mir andere Knaben den Delinquenten bereits ausgeliefert. Ich verzieh ihm großmüthig, wie schon manchem un- 436 gezogenen Vuben. Die Menschen sind hier unfreundlich und trotzig, welches um so mehr befremdet, als man sich auf der Hauptpilgerstraße von Jaffa nach der heil. Stadt befindet, wo der Anblick der Franken gewöhnlicher ist. Der ägyptische Anruf Cavabja weicht hier dem „Hadschi," worunter jeder Pilgrim verstanden wird, er mag einem Glauben angehören welchem er wolle. Ich besah die alte Moschee, die zahlreichen fränkischen Ruinen, die nngemein reizenden Umgebungen und Gartena»Iagen, die sich durch und um die Stadt ausbreiten und an sanften Hügeln hinziehen. Ramleh ist das alte Arimathia, wo Joseph herstammt, der Jesus begraben ließ. Endlich fand ich dasFranciöcanerkloster, wo vier gcscheidtc aufgeweckte Mönche uns empfingen. Wir schenkten unserm braven Radi alle unsere Wasserfässer, Schlauche und übrigen entbehr-» lichen Kamelreqüisiten, hatten aber viele Mühe, dieMaulthicre zu-sammenzubekommen und zu beladen. Erst gegen Abend gelang cs uns diese neue halsstarrige Karawane in Bewegung zu setzen, nachdem die Mucker, oder Maulthierführer, sich mit dem anfangs accordirten Preise von 25 Piaster das Stuck bis Jerusalem nicht begnügen wollten. Etwas Ernst half hier sogleich; wir hatten aber eine schlimme Passage durch die Ebene, in der es kurz zuvor stark geregnet hatte. Sehr viele Stellen wo Gewässer ziehen, waren so versumpft daß die Thiere halb versanken, und wir große Sorge hatten unser Gepäck zu verlieren. Wir konnten auch nur bis Kobeb kommen, das bereits auf einem Vorsprunge des Gebirges liegt und zwei Stunden von Ramleh entfernt ist. Die Dörfer liegen hier wie in ganz Syrien und Griechenland auf den Höhen oder Abhängen der Verge. Der Scheikh empfing uns, und erklärte sogleich daß er selbst die Nacht bei uns wachen werde, da er seinen Einwohnern nicht trauen könne. Wir waren glücklich diesen Weg eingeschlagen zu haben, da in den syrischen Häfen strenge Quarantäne gegen Alerandrien besteht, und wir nur auf diese Weise ihr entgehen konnten. Nachts war furchtbarer Sturm, der uns wach hielt, und noch am andern Tag fortwüthete. Die» ser war der dreizehnte unserer Abreise von Kairo, und der Tag unserer Ankunft in Jerusalem, wohin von Ramleh neun Stunden sind. Wir traten bei Latrun in das „judäische Hügelland" ein, das von Ansang bis zu Ende einen steinichteu Charakter trägt, wie ich ihn in keinem andern Land der Erde getroffen habe. Diese Hügel des Testaments verwandeln sich bald in Verge, 437 zivischcn denen ^uiveilcn überraschende Stücke deö Thales und Meeres heraufleuchtcn, Alles Erdreich ist fleißig bebaut und von Steinterrassen gestützt. Auf den Vergspitzen stehen Ruinen von Wartthürmcn herum. Wir frühstückten bei den unt (5pheu überwachsenen Rninen der christlichen Kirche von Kariet el Anc b, der Vrandfchatzstatiou des berüchtigten Abugofch, und fragten die sich um uns lagernden schivarzbärtigcn Palästiner, ob sie jene schöne Zeit nicht zurückwünschten. Sie hatten leine A»t-N'ort als „Ibrahim Pascha sey ein Tyrann," Dieser Ort, das alte Emmaus, N'0 Jesus den Jüngern begegnete, liegt über einem schroffen Hügel in das Thal herad. In tiefer Schlucht führt eine Steinbrücke über das Thal, wo David den Hauptphilister Goliath erschlug. Hier blühen Orangen- und Citronenbaume, allein öder und felsiger klimmt der Pfad über die Verge hinan, hinter deren Höhen die heilige Stadt noch verborgen liegt. Morgenland »md Abendland, l. 2«c Aufl. L9 EWA