»^^^/^ ^-' ^ ^^^^u^^c/^ > Dro^ar Gäuarä Hi^e^rlln^t'8 Meise um die Orde. Olller Weil. Im unterzeichnetem Verlage sind folgende Werke erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Italien in dm Jahren 1868 und 1869. Von'" Heinrich Vörnstein. 2 Bände. Gr. 8. geh. 7 Mark. Japan und China. Reise-Skizzen, entworfen mährend der Preuß. Expedition nach Ost-Asien von Dr. H. Marsn. 2 Vände. 8. geh. 6 Mark 75 Pf. Orientfahrten eines Berliner Zeichners. Von Ludwig Pietsch. Gr. 8. geh. 3 Mark. Ueber 3and nnd Meer. Von Franz Wallner. Gr. 8. geh. 3 Mark. Pon fernen Ufern. Reisebilder aus der Türkei, Egypten und Nubien von Franz Wallner. Gr. 8. geh. 3 Mark. Hundert Tage auf den Nil. Reisebilder aus Ober-Egypten und Nubien von Franz Wallner. Gr. 8. geh. 5 Mark Otto Zankes Verlagsbuchhandlung m Berlin, Anhalstr. 11. Meise um die Orbe. Uach seinen Tagebüchern und mündlichen Berichten erzählt vön Ornft Aossak. Fünfte, mii äcm Dorilllit äes V?rfll^cr» uuil cmcr ^cl^ailc verme^rie Äu^llge. Orster Mit. Das Recht b«r Uebersetzung ist vorbehalten. sttlin!87«, Verlag von Otto Ianke. Znhalt des ersten Theiles. Ente I. Von Verlm nach Alexandria. Gepäckproblem. Neptun. Korfu. Der erste Seeräuber der Reise. Alles feekrank. Amina und der erste Vassist. Hotel de l'Europe........ 1 II. Die Nachtwächter in Aegypten. Keine Straßenbeleuchtung. Zu Esel. Mangel an Kleingeld. Fliegen und Augenkrankheiten. Gefärbte Pferde. Said Pascha. Auf der Eisenbahn nach Kairo 7 III. Ueber den Nil. Ein orientalischer Dandy. Mr. Abdallah. Nach Suez durch die Wüste. Die Ueberlandvost. Der Dampfer „Ieddo".................13 IV. An Bord geritten. Der englische Vohemoth. Gala-Punkas. Die Scheuer-Operation. Tiffin. Launen des rothen Meeres. Ein Hund als Gesellschafter. Die Insel Djubal. Die Kaffeestadt Mokka. Perim. Im Hafen von Aden. Ein Mann ohne Stuhl. Die Ratten als Briefträger. Vor Bombay 20 .V Royal-Hotel. Vögel und Eidechsen in den Zimmern. Das Domestikenwesen in Indien. Malabar Hill. Elephant«. Die Goldwanze. Parsis. Unter Büßern. Taschenspieler ... 33 VI. Der Dampfer „China". Nach Ceylon. Der Commandeur von Java. Cap Comorin. Steife Brise. Point de Galle. > Geröstete Schlangen. Consul Sonnenkalb. Der Juwelen-Handel auf Ceylon..............39 VII. Die Schwierigkeiten der Arbeit. Nach Colombo. Pferdezucht. Rothe Zähne. Die ersten Elephanten. Ein Vuddhatempel. Das Neger-Portrait..............46 Vm. Von Colombo nach Candy. Der Mensch und der Kaffee. Eheschließung unter den Singhalesen. Der Zahn Buddha's. Ameisen im Mantelsack. Souper mit Prügel-Dessert ... 53 IX. Eine Viertel-Rupie für eine Boa. Das Ende eines Balles. Der Dampfer „Bengal". Nach Madras. Nur eine Waschschüssel. Am Weihnachtsabende..........59 Teit« X. Auf der Rhede von Madras. Die Brandung der Küste. Affen auf allen Dächern. Der Meerbusen von Bengalen. Die Indigo-Wittwe. Ein russischer Pensionär als Master Cham-vansky. Die Mündung des Hugyl. Ankunft in Calcutta . 6? XI. Mem Neujahrs - Gratulant. Die Stadt der Paläste. Die schwarze Stadt. Gottlieb. Der Tausendfuß. Nach dem botanischen Garten. Der indische Elephant und sein Friseur. Der Ganges, das Grab der Gläubigen.......73 XII. Die Bestattung der Todten. Aasgeier statt Nachtigallen. Tragbare Tempel. Prussia und Persia. Nach Benares. Nation Iumalvora. Exercirübungen der Seavons. Indische Backhand!. Durch Patna. Ankunft bei Nacht.....81 XIII. Die Stadt der Brahminen. Ein Blick nach dem Himalaya. Die Sternwarte. Privattempel. Die Nachkommen des großen Hanuman. Heilige Stiere. Die Fahrt nach Allahabad. Ein Verstoß gegen die Landes-Neligion. Glücklich entwischt. 88 XIV. Cawnpore. Der Ausstand von 1857. Indische Iulitage. Nena Sahib. Lucknow. Die Theilung der Arbeit unter den Dienern. Das Dorf der todten Menschen. Agra. Ein Besuch des Taschmahal. Sekundra mit Akbars Grabmal . . 95 XV. Die lettzten Tage in Benares und Calcutta. Im goldenen Tempel. Der Hochzeitszug des Fürsten. Die Jugend des Handelsstandes. Des Gouverneurs Maskenball. Auf der „India" nach Rangoon. Briefstation Tschitakong .... 103 XVI. Mr. Julius Schulze aus Akyab. Nothwehr gegen Hunde. Austern an Mangrovenzweigen. Ein Empfehlungsbrief von Lord John Rüssel. An der Küste von Pegu. Im Garten der Feen. Consul Niebuhr und sein Bär. Sie säugt Tiger . 110 XVII. Straßenarbeiter. Theatervorstellung. Die „Baltic". Mcmlmen. Ein persischer Israelit und sein Gouverneur. Rabbiner. Alles koscher. Schornsteinbrand. Insel Penang. Der 18. Februar, der chinesische Neujahrstag. Siesta neben der Tigerbucht. Eine Flasche Champagner mit Musik . . . . 113 XVIII. Singapore. Zusammentreffen mit einem Tiger. Sir Stamford Raffles. Der Najah von Iohore. Gesundheltsstation. Der Dampfer „Chow Phya". Flüchtige Mörder an Bord. Der Teifun..................126 XIX. Vor der Mündung des Menam. Stadt Packnam. Der Gouverneur mit einigen zwanzig Kindern. Bangkok, Asiens Venedig. Ein weißer Elephant im rothen Felde. Mrs. Leßler. Eir Robert Schomburgk. Se. königl. Hoheit Prinz Georg Seite Washington. Der preußische Kunstmaler. Kuchen und Rabe. In einem chinesischen Spielhause. Der galante Croupier. Bei Hofe.................133 XX. Im Thronsaal zu Bangkok. Prinzen oder Straßenjungen. Sr. Majestät Toast. König Mongkuts Facsimile. Dr. Vastian. Das Dschunglefieber. Einladung zum zweiten Könige von Siam. Die Schlacht bei Roßbach und Genovefa. Ein preußisches Zündnadelgewehr. Brandy trinken wir doch......141 XXI. Die What-Pagode. In den königl. Elephantenställen. Wasserpartie nach Pratlat. Sommertracht der Weißen und Schuhzeug. Im Hause des siamesischen Capellmeisters. Der Orestes und seine Cockroaches. ?uI1 äres». Der Anfang des Hundejahres. Neujahrs-Galadmer. Spalier der Garden. An drei Tafeln. Mongkuts Ballet-Tänzerinnen.....149 XXII. Bienen und wilde Hunde. Eine schlaflose Nacht. „Viscount Canning." Capitän Venary. Der nordamerikanische Missionär und der Gottesdienst in seinem Hause. Eine Gesellschaft Schissbrüchiger. Drontheim: auch eine Sommerhitze. Die Frau des Capitäns..............156 XXIII. Stilleben in den chinesischen Gewässern. Meine Freundin, die Katze. Die Kartoffel- und Bananeninsel. Condore. Alte See. Der Tod der Ms. Abbe. Wallsische in Sicht. Zwei Schwalben. Uebersiuß an Diamanten. Nie ohne Ring. Hainan, die Ratten und Pirateninsel. Hongkong und Stadt Victoria. China...............165 I. Van Berlin nach Alexandria. Gepäckproblem. Neptun. Karfu. Der erste Seeräuber der Reise. Nlles seetranik. Amin« und der erste Bassist. Hotel de l'Europe. In der künstlerischen Thätigkeit des Landschaftsmalers wird Jeder den sehnlichsten Wunsch meines Lebens begründet finden, den Erdball Zu umschiffen und die Phänomene, welche das Meer, die Luft und das Festland unter den verschiedenartigsten Himmelsstrichen hervorbringen, aus eigener Anschauuüg kennen zu lernen. Seit einer Reihe von Jahren hatte ich mich auf die Ausführung meines Planes vorbereitet und mit der bekannten Fachliteratur bekannt gemacht. Die Mehrzahl meiner Mußsstunden war dem Studium der englischen Reiseschriften gewidmet gewesen. Auch in praktischer Beziehung konnte ich kein Neuling heißen; meine bisherigen Reifen schienen mir in propädeutischer Hinsicht ausreichend zu sein, das große Unternehmen zu wagen. In den Jahren 1844—1845 hatte ich Süd- und Nordamerika, 1347—43 Madeira, die Canarischen Inseln, Spanien und Portugal bereift; in Italien, Aegypten, Syrien, der Türkei und Griechenland war ich 1851—52 gewesen, im Jahre 1856 hatte ich endlich eine Reise nach dem Nord-Cap unternommen. Obgleich mit den einander widersprechendsten Klimaten vertraut, und bisher unberührt von ihren nachtheiligen Einwirkungen, konnte ich mich doch gewisser unheimlicher Gefühle nicht erwehren, wenn ich meiner Erlebnisse im Orient und der Schilderungen der indifchen Reisenden gedachte. In solchen Augenblicken ist man besonders geneigt, feine nächsten Angehörigen zu Rathe zu ziehen, und ich verdanke es wesentlich der Zuspräche meines in Stettin lebenden Bruders Julius, wenn ich mich rascher zur Abreise entschloß, als ich ungeachtet aller getroffenen Vorbereitungen.ursprünglich willens gewesen war. Jenes Ugens, dessen man zum Reisen eben so nothwendig bedarf, wic zur Kriegsführung: das Geld, befand sich in allen jenen Formen und Transfcriptionen, welche der heutige hochausgebildete Weltverkehr bedingt, in meinen Händen, mit den für Ausübung meines Berufes erforderlichen Materialien hatte ich mich längst reichlich versehen, über meinen Gesundheits-^ Hildebraubt's Reise um die Erde. I. l. 2 zustand brauchte ich mich nicht zu beunruhigen, und hinsichtlich der, Entbehrungen und Strapazen war ich auf das Aergste vorbereitet. Am 11. September 1362, Abends 6^ Uhr, begleitete mich mein Bruder zur Anhaltischen Eisenbahn, eine Umarmung, nach ein Händedruck, und ich befand mich unterwegs. Es liegt immer etwas Komisches darin, wenn ein Weltumsegler als seine erste Station Dresden bezeichnet, als Bewohner des Binnenlandes und nach Anlage meines Rciseplanes war es jedoch unmöglich, Elbsiorenz zu umgehen, und Nachts um 12 Uhr kam ich im Hotel Vellevue an. Heute würde ich um zwei Stunden zeitiger eintreffen; vor drei Jahren glaubte ich rasch genug befördert zu fein. Am Vormittag des nächsten Tages verabschiedete ich mich von Raphael's Sixtmischer Madonna und Rembrandts bekanntem Ganymed, den ich nach dem unfreiwilligen Erguß, den ihm der Schreck über den gewaltthätigen Adler auspreßt, den ersten Luftfchiffer nennen möchte, und fuhr um 12 Uhr Mittags nach Prag ab. Zwar habe ich mir fchon bei der Anordnung meines Gepäcks vorgenommen^ den Männern der Wissenschaft nicht in das Handwerk zu pfuschen, und mich in meiner zwanglosen Reifebeschreibung lediglich auf das künstlerische und culturhistorische Gebiet zu beschränken, allein es ist mir unmöglich, gewissen Gelegenheiten auszuweichen, die mich eben auffordern, das Gutachten der Gelehrten einzuholen, doch begnüge ich mich, in gerechter Erwartung einer Erklärung von competenter Seite, die nackte Thatsache mitzutheilen. Hatte das Gewicht meines Gepäcks, auf dem Berliner Bahnhofe 160 Pfund betragen, so stieg es von Dresden bis Prag auf 170 Pfund, und von hier aus bis-Wien sogar im Verhältniß der Hebung des Terrains auf 175 Pfund. Viele Reisende wollen dieselbe Beobachtung gemacht haben, während wieder andere eine Verminderung der Schwere ihrer Koffer in Süd- und Südwestdeutschlank wahrgenommen zu haben behaupten. Jedenfalls liegt hier ein Problem vorV das ich im Interesse aller, an Ueberfracht leidenden Touristen den Naturforschern sämmtlicher Gepäckerpeditionen empfehle. Da ich mich sehr wohl fühlte und das Netter nichts zu wünschen übrige ließ, verweilte ich nicht in Wien, sondern fuhr gleich mit dem Nachtzugs nach Graz weiter. Ueber unfere Hotel-Abfütterung an diesem fchön gelegenen Orte vermag ich nicht viel Gutes mitzutheilen, doch lernte ich hier eine löbliche Einrichtung kennen, die mich schon auf den Orient und feine berüchtigten Plagen vorbereitete. Neben jedem Teller und Besteck lag ein Fliegenwedel, dessen der Couvert-Inhaber unstreitig zur Abwehr des zudringlichen Ungeziefers nothwendiger bedürfte, als jener occidentals Geräthschaften zur Verkleinerung der wenigen aufgetragenen Speisen. Wahrscheinlich hatte der Hotelbesitzer den Küchenzettel in weisem Vorbedacht geschmälert, seinen Gästen nicht die Freuden der Fliegenjagd zu verkümmern. Ich darf nicht verschweigen, daß, das Gewicht meines Gepäcks bei der abendlichen Abfahrt von Graz wieder 3 auf 150 Pfund sank! Die Nachtreife nach Trieft war in Gesellschaft einiger liebenswürdigen Wiener Damen zweiter Klasse (Wagenklasse) äußerst angenehm, und am 15. September, Morgens 8 Uhr, stiegen wir bei unvergleichlichem Wetter in dem prachtvoll am Meere gelegenen Triester Hotel de la Ville ab, wo ich von einem lieben Freunde und seiner Familie empfangen wurde. Gleich beim ersten Anlauf zu einer so weitschichtigen Reise über meine Triester Ausflüge und Skizzen mich ausführlich zu verbreiten, halte ich für unangemessen. Lecture von Poste restante-Briesen aus der Hcimath, Studien des Himmels, der während einer halben Woche alle Nuancen zwischen dem reinsten Ultramarin und der unsaubersten Maculatur durchlief, und eine Aquarelle des Schlosses Miramare: darin bestand die Quintessenz meines Aufenthalts in Trieft. Schon am 18. September war bei einem Himmel, don der Soldat und Landschafter „Commißhimmel" nennt, stürmisches Wetter gewesen; am 19. September blies bei kaltem Regen eine widerwärtige Vora; auch am 20. September machte ein fliegender Sturm die Abfahrt noch so bedenklich, daß die Lloyd-Compagnie um 8 Uhr Morgens den heutigen Abgang ihres nach Alexandria fälligen Dampfers „Neptun" zweifelhaft ließ. Meine Ungeduld trieb mich jedoch schon um 9 Uhr an Bord. Ich zahlte das Reisegeld erster Klasse von sechszehn Pfund Sterling; von Stund an besserte sich das Wetter, und um halb 11 Uhr stachen wir in Gegenwart einer großen Zuschauermenge in See. Die Zahl der Passagiere des „Neptun" betrug vorläufig nur scchsund-dreißig und bestand aus Italienern, Franzosen, einem Engländer mit seiner schönen Tochter und einigen Indiern. Dann war eine Missionsgesellschaft aus Basel mit einer schwarzen Kindsmagd, wie das dazugehörige Männchen und Weibchen sich gut schwäbisch auszudrücken beliebten, vorhanden, im Ganzen zehn Köpfe stark. Drei der Damen waren auf photographischem Wege Braut geworden und eilten nach Indien und Malabar in die Arme ihrer künftigen Gatten, eines Schullehrers, Leinwebers und Geistlichen. Fern am Horizonte tauchten mehrere Gewitter empor, die See ging ungewöhnlich hoch, aber der Dampfer, ein „tüchtiges Seeboot", nach Angabe des Steuermannes, drängte gewaltig durch den wüsten Wogenschwall, die Verpflegung an Vord genügte und die Reisegesellschaft blieb für den ersten, lag von der Seekrankheit verschont. Gleich vielversprechend begann nach einer leidlich ruhigen Nacht der zweite Tag, die Sonne brach schon früh durch das wirre Wolkengespinnst, der Wind war günstig und der Cavitain befahl die Segel aufzuziehen. Nir fuhren zwischen vielen kleinen reizenden Inseln hindurch, an der Küste von Dalmatien entlang, aber die See ging höher, immer höher, das Schiff rollte gewaltig Und die Mehrzahl der Paffagiere streckte das Gewehr. Ich mußte alle meine 1' 4 Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht bei den: Anblick der schrecklichen Kämpfe der schwarzen Kindsmagd ihrem unglücklichen Beispiele zu folgen. Nach leidlich überstandcner zweiter Nacht waren wir am Morgen des 22. September in Sicht von Korfu; die Küste von Montenegro blieb in einer Entfernung von drei Seemeilen zur Linken liegen. Uni 7 Uhr erlebten wir ein Beispiel der grenzenlosen Unbedachtsamkeit und Nachlässigkeit der Seeleute in den griechischen Gewässern. Hart am „Neptun" segelte eine griechische Brigg mit dicht gerefftem Marssegel vorüber, an Vord derselben, selbst am Steuerradc, war jedoch keine lebende Eeele zu bemerken. Ich nahm mein scharfes Fernrohr zu Hülfe, ohne ein menschliches Wcsen zu entdecken. Wahrscheinlich lag die gesammte Mannschaft, Capitän und Steuermann in den Hängematten und überließ die Brigg unbekümmert ihrem Schicksal. Vor Korfu kreuzte eine englische Fregatte, und um 1 Uhr gingen wir bei strahlendem Himmel und tiefblauer See vor Anker; es traten wichtige Veränderungen unter den Passagieren ein. Zu unserem gerechten Leidwesen verließen der Engländer und fein reizendes Töchterlein das Schiff, dafür nahmen wir zwei Schlachtochscn und eine italienische Sängertruppe, außerdem Steinkohlen, Südfrüchte, Fische, zwei Juden aus Jerusalem, Granatäpfel, Schwefelhölzer, Melonen, Türken, Feigen, mehrere kleine Kinder, schwarze Seife und Milch an Bord. Die Zahl der Passagiere reichte jetzt über fünfzig hinaus. Durch den unerwarteten Zuwachs kam nächstdem regeres Leben unter die Reisegefährten. In erster Reihe bemühte sich die Primadonna der Gesellschaft, leidenschaftliche ^mpfmdungen in den Herzen der männlichen Reisenden Zu erwecken, doch gelang es ihr nicht, den an und für sich keineswegs tadelnswerthen Zweck zu erreichen. Ihre Intentionen wurden nicht allein durch vorgerücktes Lebensalter, iondern auch durch mehrere braune und blaue Flecke im Gesicht, die sie sich durch einen Fall auf der Schiffstreppe zugezogen hatte, schwer beeinträchtigt. Unsere abergläubischen Matrosen machten inzwischen ihre Glossen über zwei Franziskanermönche, die noch zuletzt von Korfu an Bord gekommen waren. Nach ihrer Meinung durften wir von jetzt an nicht mehr auf erträgliches Wetter hoffen: die Anwesenheit der Geistlichen machte alle frohen Erwartungen zu Schanden. Nichtsdestoweniger brachten uns die armen Mönche am 23. September einen unvergleichlich schönen Sonnenaufgang nebst einer frischen Brise, und schon gegen Mittag segelten wir ganz nahe an Nauarin und dem Gebiet der berühmten Seeschlacht vorüber. Der Humor an Bord war so vortrefflich und für höhere seemännische Belustigungen so empfänglich, daß unser italienischer Capitän zum Vergnügen eines hohen illdels und verehrungswürdigen Publikums etwas draufgehen zu lassen beschloß. Schon seit geraumer Zeit war ein griechischer Pirat, ein kleiner Schooner, bemerkt worden, der den „Neptun", wie eine Mücke das 5 Gewebe der Kreuzspinne, umgaukelte, aber sich stets in angemessener Entfernung hielt. Der Cavitän gedachte dem lüsternen, aber vorsichtigen Seeräuber eine kleine Lection zu ertheilen. Er befahl, mit voller Dampfkraft auf ihn loszusteuern, als beabsichtigte er, ihn in den Grund zu bohren. Um ihn von der Redlichkeit unseres Willens zu überzeugen, wurden außerdem von Zeit zu Zeit blinde Kanonenschüsse auf ihn abgefeuert; es war ein jämmerliches Schauspiel. Der Pirat riß aus wie eine vom Nevierjiiger und seinen Hunden im Forste aufgetriebene wilddiebende Katze, aber der „Neptun", ein eben so schnelles wie starkes Schiff, war ihm unablässig auf den Fersen. Die geängstigte Mannschaft, die ihr böses Gewissen wohl von der Gerechtigkeit unseres argen Verfahrens überzeugen mochte, rannte auf dem Verdeck in Verzweiflung hin und her; durch mein Fernrohr erkannte ich ihre verzerrten Gesichter. Immer mehr näherte sich ihncn der mächtige „Neptun". Noch fünfzig oder hundert Fuß weiter und die schmutzige Nußschale mußte unter seinem Kiel verschwinden. Da, im entscheidenden Moment, ließ der Capitän eine Schwenkung machen, der Schooner glitt auf dem Rücken einer Woge an unserem Vug vorüber-, die ganze Mannschaft lag mit gefalteten Händen auf den Knieen, oder bat mit Geberden um Gnade. Einige Kerle mit besonders confiscirten Gesichtern hatten zur Erhöhung des Eindrucks Mönchskutten angelegt, die Gott weiß durch welches Verbrechen in ihre Hände gelangt waren. Bald darauf salutirten wir das nach Constaniinopcl bestimmte Dampfschiff „Erzherzogin Caroline", und um 4 Uhr Nachmittags begegneten wir cinem andern, aus Aegypten kommenden Dampfer. Der Meeresgott schien unsere, an den griechischen Piraten verübte Thierquälerei übel vermerkt zu haben, denn der Wind wurde conträr, und in schweren Wogen wälzte sich die See über Vord. Von den Passagieren stand keiner Mehr auf den eigenen Beinen; auch ich, so wenig ich zur Seekrankheit disvonirt bin, fühlte mich nicht wohl. Unerträglicher Kopfschmerz, Schwindel, Flimmern vor den Augen und Uebelkeit verkündeten mir, daß der Moment der Tributzahlung an den Pathen des Schiffes gekommen sei. Kleinlaut kroch ich um 7 Uhr in's Bett; es war darin nicht auszuhalten. Eine Stunde später stand ich auf und suchte in der Kajüte eine Tasse Thee einzunehmen. Aber auf der Schwelle verging mir sofort aller Appetit. Thee-Service, Teller, Flaschen, Stühle und Passagiere flogen und rollten auf dem Fußboden in einer aus unbeschreiblichen Ingredienzen gemischten Tunke umher; ich floh voller Abscheu und verhüllte Mein Haupt in die,Tücher der Bettstatt. Die ganze Nacht hindurch rang ich nnt der Seekrankheit. Wenn die Anfälle mir etwas Ruhe gönnten, wurde ich durch die Iammerlaute der Reifegefährten wieder aufgeschreckt. Aus allen Regionen des Dampfers wurden klägliche Hülferufe an Götter, Götzen und Heilige adressirt. Das Juden- und Christenthum, einige Muselmanen 6 und ein paar Vrahmanen wandten sich um Hülfe stehend an ihre unsichtbaren Patrone. Der Sonnenaufgang des 24. September brachte uns Erlösung von unseren Leiden. Der Wind legt sich, das Wehgeheul der Gläubigen und Ungläubigen verswmmt und ich fühle mich wieder ganz wohl. Dank der normalen Beschaffenheit meines Magens frühstücke ich mit vortrefflichem Appetit, die übrigen Paffagiere kommen jedoch nur nach und nach zum Vorschein. Die italienische Operngesellschaft zeigt sich erst in den späteren Nachmittags-stunden auf dem Verdeck, denn die See ging den ganzen Tag über hoch genug, es war für keinen Neuling rathsam, mit leerem Magen in das wilde Getümmel der Wasser zu blicken. Schon auf meiner ersten Seereise hatte mich die Wahrheit der Bemerkung des alten Kant überzeugt, der auf seiner Fahrt über das Frische Haff die Beobachtung gemacht haben wollte, daß die Seekrankheit den Menschen hauptsächlich durch eine Irritation der Sehnerven überkomme. Ob zwischen Fischhausen und Pillau, oder auf der Höhe von Kandia, die Sache bleibt sich gleich; das Betragen und Oeberdenspiel der Primadonna afsoluta hätten den Ausspruch des großen Philosophen unfehlbar bestätigt. Am Arme des ersten Bassisten nähert sie sich langsam dem Vorder-mäste, gleich Amina in der Somnambul« blickt sie starr vor sich hin, da rollt eine mächtige See heran, der Dampfer hebt sich, das Bugspriet richtet sich wie ein Mast empor: die Primadonna erblaßt und umklammert angstvoll und krampfhaft den armen Bassisten. Um die Herrlichkeit seines grünen, reich mit Schnüren verzierten Rockes, der einst einem polnischen Flüchtling gehört haben mochte, ist es für immer gethan, und selbst der Regen, der, eine Seltenheit in diesen Gegenden, eben beginnt, wird seine Sauberkeit nicht wieder herstellen. Am 25. September, Abends 5 Uhr, waren wir in Sicht von Alexandria, aber es war offenbar zu spät, in den Hafen zu laufen, und wir mutzten uns darein finden, noch zwölf Stunden angesichts des Festlandes umherzukreuzen und von der wilden See hin- und hergeworfen zu werden. Endlich am 26. September, früh Morgens 7 Uhr, kam ein ägyptischer Lootse an Bord und eine Stunde später stiegen wir in Alexandria an's Land. Ich enthalte mich der Beschreibung des bekannten Wirrwarrs bei der Ausschiffung unter dem unverschämten Andränge des orientalischen Gesindels, und bemerke nur, zum Besten der Vergnügungsreisenden, daß ich für die Fahrt nach dem Hotel de l'Europe incl. meines Gepäcks dem Kutscher, einem Neger, einen Thaler zahlen mußte, ebenso daß die Tour von fünf Minuten an bis zu einer Stunde mit vier englischen Schillingen, einem Thaler zehn Silbergroschen, berechnet wird. Ich stattete auf dem preußischen Consulat einen Besuch ab, wurde mit großer Zuvorkommenheit empfangen, und fand bei meiner Rückkehr im Hotel ein ausgezeichnetes Dejeuner aufgetischt, bestehend aus trefflichen 7 Seefischen, Hammelrippen, Tauben und frischen Südfruchten, Melonen, Feigen und Datteln. Der französische Rothwein war trinkbar und brauchte bei der Temperatur des Ortes nicht erst künstlich erwärmt zu werden, allem Anschein nach ließ sich im Land der Pharaonen noch immer so leidlich leben, wie ich es schon im Jahre 1852 gefunden hatte. Dem dienstthuenden Schwarzen gebot ich, einen zweiten Iehnstuhl heranzurollen, und streckte beide Füße darauf aus, schnell war eine Tschibuk in Brand gesteckt und eine Tasse Kaffee eingeschenkt — von Berlin bis Alexandria — der erste Schritt war gethan! II. Die Nachtwächter in Aeghftten. Keine Straßenbeleuchtung. Zu Esel. Mangel an Kleingeld. Fliegen und Augentranthciten. Gefärbte Pferde. Said Pasch». Auf der Eisenbahn nach Kairo. Elf Jahre reichen hin, selbst den stärksten Eindruck aus dem Gedächtniß zu verwischen und den Geist wieder für Ueberraschung empfänglich zu machen. Die Erinnerungen an meinen früheren Aufenthalt in Alexandria waren vollständig erloschen, als ich mich Abends zu Nett legte und schon fünf Minuten später die Stimme des nächsten Nachtwächters mich wieder aufschreckte. Plötzlich stand das Schreckbild meiner ersten Nacht in der ägyptischen Seestadt vor meinem inneren Auge. Der jähe Uebergang von dem vollen Tageslicht durch ein wundersames Farbenspiel in die tiefste Finsterniß mag bezaubernde Reize für den Naturfreund und Maler besitzen; unter diesem Breitengrade ist für eine schleunige Rückkehr der Phantasie aus dem Märchenlands in das Reich der Wirklichkeit gesorgt. Nis zu einer geordneten Straßenbeleuchtung hat man es unter dem hiesigen Gouvernement noch nicht gebracht. Außer einigen Oel- oder Petroleum-flammen, die auf dem Platze der Hotels und Consulate brennen und höchstens hinreichen, die ägyptische Finsterniß sichtbar oder — greifbar zu machen, ist keine Spur von stabiler Beleuchtung vorhanden. Wer nach Sonnenuntergang ausgehen will, muß sich mit einer brennenden Laterne versehen, wenn er nicht arretirt und in's Gefängniß geschleppt werden soll. Der Regel nach geht freilich Jedermann um 9 Uhr zu Bett, und nur durch die äußerste Noth läßt man sich zwingen, nach dieser Swnde das Haus zu verlassen. Nun beginnen die Leiben des müden Europäers. Dio Amtsthätigkeit der Nachtwächter hebt an. Diese besteht darin, daß ^«r Veamte mit lauter Stimme den Ruf „ia uaodst" ausstöht, den der 8 College im benachbarten Revier, sobald er ihn vernimmt, zu wiederholen verpflichtet ist. Der Zweck der orientalischen Behörden scheint zu sein, durch dieses Verfahren die kostspielige höhere Charge der Nachtwachtmeister zu ersparen, denen bekanntlich in unseren Polarregionen die Suverrevision der untergeordneten Mannschaften zusteht. Durch den ägyptischen Brüllsang werden bei der urwüchsigen Kraft der südlichen Männerstimmen alle Nachtwächter Alexandrias alarmirt, und 'der besorgte Einwohner kann, da der Ruf vorschriftsmäßig alle halbe Stunden wiederholt wird, gewiß sein, daß das Auge des Gesetzes ohne Unterbrechung seine Sicherheit überwacht. Ein großer Uebelstand besteht nur in der damit verbundenen Ermunterung sämmtlicher heimathlosen Hunde, die nach der Sitte der Orientalen Tag und Nacht aus der Straße gedlildet werden. Sie betrachten den amtlichen Ruf der Nachtwächter als eine Herausforderung ihrer Wachsamkeit und beeilen sich, pünktlich und kraftvoll zu antworten. Da sie, einmal zu diesen vocalen Kundgebungen angeregt, nach der Weise ihres mittheilsamen Geschlechtes fünfzehn bis zwanzig Mimten fortbläffen und halbstündlich von den nächtlichen Herolden immer von Neuem ermuntert werden, läßt sich leicht berechnen wie viel Minuten in jeder Nacht dem sensiblen Reisenden zum Schlummer übrig bleiben. Nachgerade fällt diese vierbeinige Bevölkerung abcr selbst den Behörden zur Last. An der Table d'hote, wo wir Europäer einander unser Leid klagten, wurde erzählt, daß jährlich zweimal Vergiftungsversuche in umfassendem Maßstabe angestellt würden, um die Zahl der Hunde in gewissen Schranken zu halten. Nach einer martervollen Nacht machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg, um durch die Straßen der Stadt zu spazieren und einige flüchtige Skizzen zu Papier zu bringen. Ich bediente mich deshalb nicht des gewöhnlichen Communicationsmittels, eines Esels, sollte indessen sehr bald meine ketzerische Selbstständigkcit büßen. Ein seiner Physiognomie nach äußerst fanatischer Muselmane schleuderte mir einige hundert Schritte von meinem Hotel einen großen Stein so heftig gegen das linle Schienbein, daß ich vor Schmerz nicht weiter zu gehen vermochte, fondern sogleich meine Zuflucht zu einem Eseljungen nehmen mußte. Dabei hatte sich der Eiferer bei feiner Gewaltthat so arglos gestellt, daß es mir schwer geworden wäre, ihm die Absichtlichkeit des Wurfes darzuthun. Ich steckte die Beleidigung stillschweigend ein und bestieg einen der kleinen Esel, der mir bei seiner Gewandtheit und Energie denn auch die besten Dienste leistete. Mein Eseljunge zählte einer mäßigen Schätzung nach zwischen fünfundsechzig und siebzig Jahren, was ihn nicht abhielt, sich „Junge" nennen zu lassen und stundenlang in scharfem Trabe und fortwährendem aufmunterndem Geschrei für den Esel hinter mir her zu laufen. Der alte Junge b^saß einige Sprachkenntnisse. Er warf mit deutschen, französischen, englischen und italienischen Brocken um sich, und 9 ließ es bei dem Zusammentressen mit seinen Collegen und ihren Thieren in den halb unterirdischen Straßen der alten Stadttheile nicht an freundschaftlichen Ermahnungen und Winken fehlen. „Wende dich rechts, mein Geliebter! — wende dich links, mein Geliebter!" hieß cs fortwährend, doch war es schwer, darüber in's Neine zu kommen, oh die zärtliche Anrede an den nahenden Esel oder seinen Führer gerichtet sei. Ich habe mich stets der Willkür meines Thieres überlassen und dabei wohlbefunden. Die hier verweilenden Engländer beobachten das entgegengesetzte Princip. Das Erste auf ihren Ausflügen durch die Stadt ist, einen Kantschu aus Nilvferdhaut zu kaufen und damit bei der geringsten Veranlassung oder Meinungsdifferenz auf den Eseljungen und sein Thier rücksichtslos ein-zuhauen. Die Existenz in dem Hotel de l'Eurove ist erträglich, wenn man nicht europäischen Comfort beansprucht. Ein mehrjähriger Aufenthalt im Orient hat mich gelehrt, daß jenseit des Mittelländischen Meeres das Schloß keines Schrankes, keiner Kommode mehr schließt und der einzige zuverlässige Behälter des Reisenden in seinem Koffer besteht. Man wird daher besondere Sorgfalt «uf einen präcisen und dauerhaften Verschluß zu richten haben. Neber das Betragen des Wirthes und der Kellner zu klagen, liegen keine Ursachen vor. Letztere sind der Regel nach Malteser und gemeinhin gutartig und diensteifrig,' wenn ich auch Niemanden rathen möchte, ihre Ehrlichkeit aufweine allzu harte Probe zu stellen. ^ .. -, Um 6 Uhr Morgens stehe ich täglich auf und tr^te meine Schale Kaffee mit Esel-, Ziegen- «der Vüffelmilch, die ich immer gleich ausgezeichnet finde, die Semmeln sind unserem Gebäck ziemlich ähnlich. Die Stunden von 6 bis 8 benutze ich regelmäßig zu einem Morgenausfluge, mit dem ich Studien und Zeichnen nach der Natur zu verbinden pflege. Von 8 bis 5 Uhr verbietet die Hitze jeden Ausgang, ja jede ernstliche Beschäftigung. Das Gabelfrühstück findet um 12, das Mittagessen um 7 Uhr statt. Von delicatcn Seefischen herrscht eine große Auswahl, mit den weichlichen Südfrüchten wird sich dagegen nicht jeder nordische Gaumen befreunden. Die Datteln sind jetzt reif und jeder Baum trägt etwa einen Centner Früchte, ^eren Werth man auf zwei Pfd. Sterling berechnet. Von dem Ertrage der Dattelpalmen erhebt die Regierung eine nicht unbeträchtliche Abgabe. Der städtische Verkehr und Verzehr außerhalb des Hotels wird unglaublich durch den Mangel an kleiner Münze erschwert. Aegyptisches Geld bekommt man säst niemals zu Gesichte, im Umlaufe befinden sich englische Gold-und Silbermünzen, französische Frankenstücke, russisches, türkisches und österreichisches Silbergeld. Die Viertelguldon (5 Sgr.) sind eine Lieblingsmünze der alexandrinifchen Handels- und Gewerbsleute und cursiren in großer Anzahl. Sehr schlecht fährt der Fremde bei jedem Wechsel eines Gold- oder 10 größeren Silberstückes; der Eintausch von Scheidemünze ist stets mit ansehnlicher Einbuße verbunden. In Wirthshäusern ist die Bedienung oft tagelang nicht im Stande, kleines Geld herauszugeben. Dann werden Erfrischungen ohne Weiteres creditirt. Was die Privatbeschäftigung des Reisenden betrifft, so wird er, mag er fich geberden wie er wolle, zu entomologischen Studien gezwungen. Nur unter den Belästigungen der Flöhe haben wir augenblicklich nicht zu leiden. Ihre Saison fällt in die kühlere Jahreszeit. Auch ein anderes, minder brünettes und in seinen Evolutionen weniger flüchtiges und graziöses Insekt ist, nach der Praxis der Eingeborenen zu urtheilen, äußerst empfindlich gegen die Mittagshitze. Das sicherste Mittel zur Entlausung des Burnus besteht darin, sie auf dem Boden in der Sonne auszubreiten. Nach einigen Stunden dieser trockenen Bleiche und Darre soll die Bevölkerung bis auf das letzte Individuum ausgestorben sein. Gegen die Fliegen giebt es kein Schutz- oder Vertilgungsmittel. Die Eingeborenen sind von Kindesbeinen an gegen ihre Quälereien abgehärtet. Ich habe Haufen von kleinen Kindern dicht beieinander sitzen sehen, deren Augen von einem Kranze von Fliegen umgeben waren, ohne daß sie auch nur einen Finger zur Abwehr des Ungeziefers bewegt hätten. Eine gewisse Linderung mag ihnen der Harnisch von Schmutz ge-»währen, dessen Anhäufung auf den Gesichtern der Kleinen die Mütter grundsätzlich begünstigen. Bei der Furcht vor dem bösen Blick ist es eine Schutzwehr für das Kind, durch Nnfauberkeit entstellt zu sein und die genauere Prüfung verdächtiger Fremden abzuschrecken. Die Verbreitung der Augenkrankheiten mag nicht allein mit dieser systematischen Unreinlichkeit der niederen Volksklassen, sondern auch mit der Freizügigkeit der Fliegen zusammenhängen. Bei der Stumpfheit der Menschen wird das Ungeziefer den Ansteckungsstoff oft genug von einem Auge zum andern tragen. Die Menge der hiesigen Blinden, deren Procentsatz im Verhältniß zur Einwohnerzahl Alexandrias ich gar nicht anzugeben wage, mahnt den Reisenden zur äußersten Vorsicht und Sauberkeit. Aus den Rath meines hiesigen Arztes setzte.ich nach jedem Ritt in's Freie ein kleines, mit frischem Wasser gefülltes Liqueurglas auf jedes Auge, und entfernte es nicht eher, bis ich wesentliche Erfrischung fühlte. Mit der Sonne verschwindet auch die Fliege, und nun beginnt die Alleinherrschaft der Mosquitos. Zwar legt man fich nie, ohne ein Mosquitonetz um seine Bettstatt zu hängen, nieder, allein es ist fast unmöglich, den inneren Raum von dem teuflischen Geflügel so weit zu reinigen, daß man nicht jämmerlich zerstochen, oder doch im Schlafe gestört wird. In den ersten Tagen glichen meine Hände und das Gesicht dem Abdruck eines Stickmusters. Außer einem Spazierritt nach der Pompejussäule, von der ich schon vor elf Jahren eine Aquarelle angefertigt, machte ich in Gesellschaft meines Arztes 11 Men Ausstug nach dem etwa eine kleine Meile von Alexandria entfernten Scebadeorte der wohlhabenden Einwohner. Diese Sommerfrische trägt den bescheidenen Namen Ramleh (Sand), ist aber ein wenig luftiger und kühler als die große Stadt. Vor dem Staube, in dem man bei dem Mangel jeder Pflasterung in Alexandria fast zu Grunde geht, ist man in Ramleh bei der Festigkeit und Schwere des Seesandes sicher; trotz der unsäglichen Monotonie 5er Gegend: Sand, blauer Himmel und offene See, ist Ramleh, mit Alexandria Verglichen, ein angenehmer Aufenthalt. Den deutschen und englischen Schiffscavitänen verdanken wir auf unseren abendlichen Eselritten viel Vergnügen. Die launigen Herren, welche sich gemeinhin schon in etwas angeheitertem Zustande befinden, pflegen mit ihren Promenaden die Manipulation des Loggens zu verbinden. Sie sitzen rückwärts auf den Eseln und werfen das an einer geknoteten Schnur befestigte dreieckige Brettchen in den Sand, um aus der Zahl der Knoten zu ermitteln, wie viel englische Meilen sie in einer Stunde zurücklegen. Gewöhnlich ist ein Matrose mit einem Wurfanker in ihrer Begleitung, der nach Ankunft in der Kneipe ausgeworfen wird und zur Befestigung der Esel dient. Die Toilette der Capitäne ist auf diesen Vergnügungsfahrten stets „landfein," der technische Ausdruck für den Zustand eines gereinigten und geschmückten Seemannes nach Entfernung der Theerjacke und des Nord-westers. Größere Feierlichkeit wird bei den, Spazierfahrten der Honoratioren von Alexandria beobachtet. Es gehört zum feinen Ton, Schnelllaufer den Equipagen uorausrennen zu lassen. Die armen Menschen, gewöhnlich Neger, scheinen zu ihrem traurigen Beruf förmlich trainirt zu werden. Sie sind bis auf die Knochen abgemagert, und ihre Beine so abgezehrt, daß ich nie begriffen habe, wie sie im Stande seien, den Oberkörper zu tragen und obenein weite Wegstrecken mit pfeilschnellen arabischen Gespannen zu wetteifern. Ungleich mehr als durch diese klapperdürren Schnellläufer gewinnt das Ansehen der herrschaftlichen Equipagen durch den hiesigen Gebrauch, die Mähnen und Schweife der Pferde zu färben, ja nicht selten letztere selber anzumalen. Schimmel sind in großer Anzahl vorhanden, und man pflegt ihre Mähnen und Schweife gewöhnlich roth zu färben, auch werben sie wohl durch braune oder schwarze Flecken in Schecken verwandelt. Die leuchtende Atmosphäre und der von Reflexen strahlende Erdboden fordert den Menschen zu einer Vermehrung der Farben, ja zu einer Berichtigung der Natur heraus. Volkssitten und Gewohnheiten lernt man am besten auf einem Spazier-gange nach dem Binnenhafen und den benachbarten Straßen kennen, nur darf man nicht mit der in großen Städten des civilisirten Europa zulässigen Sorglosigkeit flaniren. Am ersten Tage wurde ich im Binnenhafen von dem Gewühl der beladenen Kameele und Esel beinahe überrannt. Die Araber 12 besinnen sich nicht, bei ihrer leichten und geschmeidigen Tracht, wenn sie in die Enge getrieben werden, unter dem Bauche der langsam einherschreitenden Kameele durchzukriechen. In der Nähe dieses großen Centrums des Menschenverkehrs und Naaron-umsatzes hat sich die Prostitution von Alexandria angesiedelt. Nichts verwehrt dem Vorübergehenden den Einblick in die Erdgeschosse; hier gilt der Grundsatz der antiken Welt: naturaii«, non 5unt turpia. Die Mehrzahl der Priefterinnsn besteht aus Töchtern des Landes, ägyptischen Frauen und Negerinnen, doch ist kein Mangel an Weibern kaukasischer Race. Eins polizeiliche Ueberwachung findet nicht statt. Für europäische Augen sind Scenerie und Staffage äußerst widerwärtig. Es ist eine Erholung, in das Hotel Zurückzukehren und im Schoohe einer liebenswürdigen Familie sich ihrer gemüthlichen Unterhaltung zu erfreuen. Mein Tischnachbar ist der von Java zurückgekehrte General-Commandant der dortigen Truvpen. Er wird durch einen Landsmann von seinem Posten abgelöst und begiebt sich mit seiner Gemahlin und acht Kindern, deren jüngstes noch getragen werden muß, in die Heimath. Die hier anwesenden deutschen' Landsleute und diese Familien repräsentiren für mich Bildung und Gesittung. Mit den Söhnen Englands, die auf dem Wege nach Indien schon alle unangenehmen Seiten ihrer Nationalität hervorlehren, vermag ich nicht mich zu befreunden. In dieser Hinsicht stehe ich übrigens nicht allein- die gesammte Tischgesellschaft theilt meine Antipathie. Allgemeine Mißbilligung erfährt das Betragen der jungen Englishmen. Bei Tage durch die Hitze in die Zimmev gebannt, gehen sie nach Einbruch der Dunkelheit auf Verübung muthmilliger Streiche aus. Ihr Hauptvergnügen besteht darin, den armen Einwohnern, die durch irgend ein Geschäft gezwungen sind, nach Sonnenuntergang auszugehen, aufzulauern, plötzlich hervorzuspringen und ihnen durch einen Fuß' tritt die Laterne auszulöschen und zu zertrümmern, Das Ende vom Liede ist regelmäßig, daß die armen Gesellen von der Patrouille aufgegriffeil, nach der Wache geschleppt und gezüchtigt werden. Ein älterer Engländer, der sich durch seine Schweigsamkeit ausgezeichnet hat, war plötzlich vom Tisch verschwunden. Da die Ueberlandpost von Bombay, auf welche wir sämmtlich warteten, noch nicht in Suez angekommen war und kein vernünftiger Grund, sich zu entfernen, vorlag, fürchteten wir anfangs, ihm sei ein Unglück zugestoßen, bis wir im Hotel erfuhren, er sei nach Marseille zurückgereist, wo er einen neuen, in London gekauften Regenschirm habe stehen lassen. Die Wahrheit dieser Angabe kann ich allerdings nicht verbürgen. Eine Abwechselung in unsere einförmige Lebensweise bringt die Ankunft des Vicekünigs Said Pascha. Er kehrt von Constantinopel zurück und wird mit Illumination und Feuerwerk empfangen. Anderweitige Symptome von Loyalität und patriotischem Enthusiasmus habe ich nicht wahrgenommen. Ein gewisser Gleichmuth, der mit religiösen Ueberzeugungen im Zusammenhange 13 stehen mag, ist der Bevölkerung eigenthümlich. So sehe ich z. B. nur aus meinem Kalender, nicht aus irgend welcher Abweichung uon den Gebräuchen des gewöhnlichen Lebens, wenn der Freitag, der Sabbath der Moslemin, herangerückt ist. Alle Geschäfte nehmen ihren Fortgang, von Sonntagsfeier ist keine Spur vorhanden. In der Ausübung feines Privatgottesdienstes entwickelt der Muselmane dagegen eine unverkennbare Ostentation. Die vorgeschriebenen Gebete des Tages sucht er, wenn es irgend nüiglich ist, an einer Stelle zu verrichten, wo er der allgemeinen Aufmerksamkeit nicht entgehen kann. Er betet am liebsten auf Anhöhen, Dächern oder in der Nähe der Brunnen. Befindet er sich um die Stunde des Gebets auf einem Bahnhöfe, fo läßt er sich nicht die Mühe verdrießen, das Verdeck eines Waggons zu erklettern, um dort, nach Mekka gewandt, zu beten, in Suez habe ich einen Strenggläubigen sogar auf einem Stoß von Heringsfässern,. Theekisten und ledernen Koffern seine Andacht verrichten sehen. Der Termin zur Abreise war unterdessen mit Rücksicht auf den Abgang dos Dampfers von Suez nach Bombay herangerückt, am 8. October stand ich um li Uhr Morgens auf, packte meinen Koffer, bezahlte die Hotelrechnung mit zehn Pfd. Sterling und fuhr um 11 Uhr auf der Eisenbahn nach Kairo ab, wo ich um 5 Uhr Nachmittags anlangte und im Pyramiden-Hotel abstieg. Das Billet erster Klasse hatte incl. der Trinkgelder und des Gepäcks fünfzehn Thaler gekostet. III. Ueber Äen Nil. Ein orientalischer Dandy. Mr. AbdaUah. Das Urtheil des Kadi. Dr. Neil's Heilanstalt. Bier-Müller in Alt-Kairo. Nach Suez durch die Wüste. Die Ueberlanopost. Der Dampfer „Ieddo". Das Tempo der etwa sechsstündigen Eisenbahnsahrt war sehr gemäßigt gewesen, doch hatte ein Landschafter keine Ursache, darüber unzufrieden zu sein. Die Müberschwemmung war auf dem höchsten Stande angelangt, und die Aussicht aus den Waggonfenstern auf viele hundert kleiner und großer Dörfer, die auf Erderhöhungen wie Inseln in einem unübersehbaren Landsee lagen, gewährte ein überaus reizendes Schauspiel. Den Nil selber passirte unser Zug zweimal auf großartigen und, wie es schien, sehr soliden Brücken. Ueber meine Reisegesellschaft habe ich nur wenig zu berichten. Mein viä-a-viL im Coupö war ein reicher junger Zierbengel aus Kairo. Unsere beiderseitigen Sprachkenntnisse gestatteten keine Unterhaltung, denn der elegante Reisende vermochte auf keine der landläusigen Phrasen zu antworten, die ich in französischer und englischer Sprache vorbrachte; ich beschränkte mich daher auf das 14 Studium des orientalisch stylisirten Dandythums, das der Sohn von Kairo schon in einer förmlichen Caricatur repräsentirte. Seine aus den feinsten Stoffen angefertigte.Garderobe war über und über mit Gold gestickt. AIs die Stunde des Mittagsgebetes heranrückte, zog er einen kostbaren Smyrna-Teppich, den er eigens zu diesem Zweck mitgebracht haben mochte, aus einer Leinmandhülle hervor, breitete ihn auf dem Sitze aus und verrichtete, nach Mekka gewandt, das vom Propheten vorgeschriebene Gebet. Seine Andacht kann dabei nicht sehr tief gewesen sein, denn er musterte mich während dieses religiösen Actes fortwährend mit Seitenblicken und fchien mit meiner ernsthaften und aufmerksamen Haltung vollkommen zufriedengestellt. Das Pyramiden-Hotel in Kairo liegt, wie schon sein Titel andeutet, unsäglich schön, und die deutschen Wirthsleute empfingen mich sehr liebenswürdig, allein es litt mich nicht im Hause. Eine halbe Stunde nach meiner Ankunft machte ich in Begleitung des Herrn R., eines liebenswürdigen Landsmannes, der mich im Hotel erwartete, einen Spazierritt und erneuerte meine Bekanntschaft mit der alten Wunderstadt. Am andern Morgen engagirte ich einen Dragoman, der sich nur wenig besser, wie ich auf die arabische Sprache, auf die englische verstand, und nahm die verschiedenen Sehenswürdigkeiten, darunter zunächst die Citadelle, in Augenschein. Bei dieser Gelegenheit, wie bei einem Eselritt nach Schubra überzeugte ich mich, daß Mr. Abdallah, der Dragoman, seinen Verpflichtungen nicht sonderlich gewachsen war, daß die Hauptschwierigkeit für ihn wesentlich darin bestand, sich mir in englischer Mundart verständlich zu machen. Daß ich mich im Orient befände, sollte mir schon in der zweiten Nacht meines Aufenthalts in Kairo nachdrücklich eingeschärft werden. Ermüdet von dem Ritt nach Schubra und mehrstündigen angestrengten Arbeiten, war ich Abends kaum eingeschlafen, als mich ein heilloser Lärm vor den Thüren des Hotels wieder vom Lager aufschreckte. Ein junger Grieche von guter Familie wurde schwer verwundet hineingetragen und der Sorge der Wirthsleute empfohlen; in einem Streite mit Landsleuten hatte er einen Stich in den Unterleib erhalten. Da Kairo bereits eine Hauvtstation auf der Route der unternehmenderen Touristen bildet und in zahlreichen Reisebeschreibungen die gründlichsten Anweisungen, seine architektonischen, landschaftlichen und socialen Merkwürdigkeiten kennen zu lernen, enthalten sind, übergehe ich meine Partien in der Stadt und ihrer Umgegend mit Stillschweigen. Die künstlerische Ausbeute, derselben habe ich in meinen Aquarellen aufbewahrt, aber oft genug bedauert, mich nicht der Gesellschaft eines talentvollen Genremalers zu erfreuen, der die unterhaltenden Scenen aus dem Leben des Tages fixirte. Am 13. October war der Vicekönig Said Pascha von Alexandria an« gekommen, und die Bevölkerung von Kairo hatte seine Rückkehr von Con-stantinopel durch eine großartige Illumination gefeiert, die bei ihrer Feuer-- 15 gefährlichkeit die Haare jedes Europäers sträuben machte; wir kamen indessen ohne Feuersbrunst davon. Nur die nackten Rücken einiger Neger, die sich allzu unvorsichtig unter die brennenden Schwärmer gemischt hatten, wurden jämmerlich versengt, und dennoch vermochten sie nicht ihrer Neugier Einhalt zu gebieten. Der nächste Tag ist mir durch eine großartige Prügelei und ihre richterliche Entscheidung unvergeßlich. Zwei Araber waren über einander hergefallen und schlugen fürchterlich darauf los. Wenn ich meinen Dragoman Abdullah richtig verstanden habe, so betrug das Streitobject noch nicht einen halben Silbergrofchen. Der Kampf war nahe daran, in Mord und Todtschlag auszuarten, als die Polizei sich in's Mittel legte. Tie beiden Streiter wurden in Begleitung eines Zeugen vor den Kadi geführt. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, der Escorte, doch leider nicht der gerichtlichen Verhandlung -- zu folgen. Die Entscheidung des alten Rechtsgelehrten ist mir noch heute unerklärlich, denn er verurtheilte nicht nur die beiden Kamvfhähne, sondern auch den Zeugen zur Nastonnade, die sogleich, ein musterhaftes Beispiel schneller Gerechtigkeitspflege, in seiner Gegenwart mit dünnen Bambusstäben vollstreckt wurde. Mein Vertrauen zur orientalischen Rechtspflege hat durch die Abprügelung des nichts ahnenden Zeugen nicht gewonnen. Als später ein bekannter preußischer Abgeordneter in der Kammer dem Iustizminister in den Bart warf: er für sein Theil wolle sich im Orient lieber an den nächsten Kadi wenden, als an den preußischen Consul, siel mir der alte Grimmbart von Kairo ein, und ich glaubte als Antwort auf diese starke Behauptung das Jammergeschrei des Zeugen zu hören. Nach eingezogenen Erkundigungen erfuhr ich, daß derartige Fälle nicht vereinzelt dastehen; man glaubt durch eine gleichmäßig vertheilte körperliche Züchtigung allen in einen Auflauf Verwickelten einen heilsamen Schrecken einzustoßen. Das Gerichtsverfahren ist übrigens öffentlich. An demfelben Tage langte von Alexandria die Nachricht an, daß es gelungen sei, die Mörder eines reichen Kaufmanns, der getödtet, in Stücken gefchnitten und in einen Brunnen geworfen war, in den Personen eines preußischen Schlächtergesellen und zweier Malteser zu ermitteln. Was aus den Verbrechern geworden ist, weiß ich nicht anzugeben, doch scheint auch die Criminaljustiz hier von anderen Grundanschauungen auszugehen, als in unserer nordischen Heimath. Sechs Wochen vor meiner Ankunft hatte ein Grieche aus Rache einen seiner Landsleute erschossen. Eingezogen und vor Gericht gestellt, suchte er sich damit zu entschuldigen, daß er die That nur aus Versehen vollbracht und sich in der Person des Oetödteten geirrt habe; seine Absicht sei ursprünglich gewesen, einen anderen zu erschießen. Dieser Aussage entsprechend, kam der Mörder mit einer gelinden Strafe davon. Meine Abreise rückte heran, und ich beeilte mich, geleitet von unserem preußischen Consul, einen Besuch in Dr. Reil' s Heilanstalt für Nruftleidende l« der Abäsn am Rande der Wüste abzustatten. Nach dem Aussehen der 16 Patienten und ihrer frohen Zuversicht muß der genannte Arzt in der gesunden Luft der angrenzenden Wüste außerordentliche Heilresultate erlangen. Auch das gesunde Individuum fühlt, wie in dieser trefflichen Atmosphäre der Athmungsproceß leichter vor sich geht. Dr. Neil's Anstalt war stark besucht und zeigte durchaus nicht das Aussehen eines Krankenhauses für tödMche Leiden, sondern die ansprechende Physiognomie eines klimatischen Curortes. Unsere Zeit war beschränkt und wir mußten uns mit einer flüchtigen Umschau begnügen, doch berührte uns die bequeme Einrichtung des Hauses und der gesellschaftliche Ton desselben äußerst wohlthuend. Am Morgen des 17. October wurde ich beim Kaffee durch die Nachricht überrascht, Kairo sei um 5 Uhr Morgens durch zwei bedeutende Erdstöße aufgeschreckt worden-, ich habe sic unglücklicher Weise verschlafen und bedaure, die damit verbundene Empfindung nicht beschreiben zu können. Den Nachmittag desselben Tages brachte ich mit deutschen Landsleuten, die überwiegend schwer leidend hierher gekommen waren, aber sich so erholt hatten, daß sie ungehindert ihren Verufsgeschäften nachgehen konnten, auf der Esbekieh zu, dem Nendezvousplatz von Kairo. Der Fremde theilt die Esbekieh (der Accent liegt auf dem letzten Diphthongen), wie den Martusplatz in Venedig, mit den Bettlern, Gauklern, Kranken und Musikanten der Stadt, und sucht seine Unterhaltung in dem Gemisch komischer und tragischer Scenen, wie sie das zwanglose Leben der Orientalen herbeiführt. Ich habe mich niemals in Aegrwten zum Ankauf eines iiantfchus entschließen können, aber ich will nicht leugnen, daß ein derartiges Instrument, auch wenn man nie davon Gebrauch macht, zu den segensreichsten Temonstrationsmitteln im Verkehr mit den niederen Klassen der Eingeborenen gehört. Da meine Gesellschafter mit diefen Nothwendigkeiten des orientalischen bürgerlichen Lebens zum Theil versehen waren, wurden wir «on den zahllosen Vagabonden nicht ungebührlich behelligt, doch bleibt der Mangel an kleiner Münze in einem Lande, wo man unaufhörlich um „Vackschisch" angesprochen wirb und das armselige, wirklich hülfsbedürftige Gesinde! ohne Anwendung von Gewaltmaßregelil nur durch eine geringe Gabe los werden kann, immer drückend. Nicht selten habe ich, um die verkommenen Leute nicht mit leeren Händen gehen zu lassen, zehnmal mehr gegeben, als billig und bei der weiten Ausdehnung meiner Reise verständig war. Aber man begegnet hier Leidenden, die uns die entsetzlichen Beschreibungen der örtlichen Ausschlagskrankheiten in den Büchern des Alten Testaments vergegenwärtigen, und den' Fremden, der in den civilisirten Ländern Europas dergleichen nur in den SpirituZgläsern der anatomischen Museen zu Gesichte bekommt, mit dem tiefsten Mitleid erfüllen. Und doch gewöhnt man sich an den Anblick; zuletzt rauchte ich meinen Tschibuk und genoß die kalte Limonade, ohne Ekel zu empfinden. 17 Auf der Esbekieh erfuhr ich aus den Mittheilungen der Gaste in den Kaffeehäusern, daß die Bevölkerung von Kairo, trotz der Illumination und der Feuerwerke, von einer der letzten Finanzsvekulationen des Vicekönigs nicht eben erbaut war. Se. königl. Hoheit hatte für mehrere hunderttausend Thaler Säbel und Gewehre in Europa angekauft und importirt, diese aber sogleich zu dreifach höheren Preisen in den Städten des Landes verkauft. Die Besitzer sollten sich der Waffen nicht lange freuen. Bald darauf wurden Säbel und Gewehre, unter der Erneuerung einer polizeilichen Verfügung, daß Niemand Mord-Instrumente bei sich tragen dürfe, ohne Entschädigung der Käufer wieder eingezogen, und der Vicekönig hatte eins der einträglichsten Geschäfte gemacht. Unsere Nachmittage und Abende bringen wir, wenn keine Partien unternommen werden, wie wir denn neulich einen Ausflug zum „Biermüller" nach Alt-Kairo veranstaltet hatten, gewöhnlich auf der Eobekieh zu. Immer giebt es etwas Anziehendes zu sehen. Auch ein prächtiger Hachzeitszug marschirte neulich in allem Glanz und Schmuck des Orients vorbei. Das Alter der Braut wurde auf elf Jahre, das des Bräutigams aus fünfzehn Jahre angegeben. In dem Zuge befanden sich gleichzeitig einige kleine Knaben, an denen die Operation der Beschneidung bei dieser feierlichen Gelegenheit verrichtet werden sollte. Kaum hatten wir den Festpomp aus den Augen verloren, als ein Treiber an der Seite seines mit Zuckerrohr beladenen Kameeles vorüberschritt. Wir sollten ein lehrreiches Beispie! arabischer Industrie kennen lernen. Ein kleiner Knabe haschte nach einigen aus dem riesigen Bündel zu Boden hängenden Rohren, klammerte sich fest daran und kauerte sich an die Erde. Das Kamee! schritt weiter und der Kleine behielt die erbeuteten Rohre in den Händen zurück. Der Treiber hatte nichts gemerkt. Sogleich zog der Dieb ein Messer, schnitt die Rohre in Stücken, breitete darunter einen schmutzigen grünen Lappen auf der Straße aus und begann ein kleines kauft männischcs Geschäft. Die zerlumpten Kinder aus der Nachbarschaft versammelten sich vor der improvisirten Delicateffenhandlung, und bald waren die Debatten über den Werth der Waare und den geforderten Preis im Gange. So gewissenhaft ich meine Zeit benutzte, die Tage meines Aufenthalts in Kairo waren doch gezählt. Schon am 17. October waren an hundertfünfzig Engländer von Alexandria eingetroffen, die mit dem nächsten abfahrenden Dampfer nach Indien zu fahren gedachten, ich hatte also geringe Aussicht, einen guten Platz an Bord zu erhalten, da die englischen Capitäne ohnehin ihre Landsleute stets bevorzugen. Am 21. October glaubte ich nicht langer warten zu dürfen. Kairo und Suez sind jetzt durch sine Eisenbahn verbunden, ich begab Utich daher um ? Uhr Morgens, wie in jeder europäischen Stadt, nach dem Hildebianbt's Reis« um die Erde, I. 2 18 Bahnhöfe, bezahlte mein Billet, incl. der Ueberfracht, mit zwei Pfd. Sterlinge und nach einer halben Stunde setzte sich der Zug mit mehr Lebhaftigkeit als auf der Strecke zwischen Alexandria und Kairo in Bewegung. Der Reisende fühlte die Bedeutung einer drei Welttheile verbindenden Straße und der Ueberlandpost heraus. Trotzdem saß ich, wie zwischen Läbau und Iittau, allein in einem Coupe. Der Zug sauste durch die Wüste; in der tiefen Einsamkeit war mir zuweilen zu Muthe, als würde ich von dem Genius der Lampe oder des Ringes in Tausend und eine Nacht durch die Wolken in ferne Lande geschleppt. Ein starker Wind wehte, und der Zug wurde häufig von hohen und dichten Staubsäulen umwirbelt. Legte sich der Wind, so zeigten sich zu beiden Seiten des Waggons in der Ferne Luftspiegelungen (Mirage). Den ganzen Vormittag sah ich bald rechts, bald links: Seen und Flüsse; Wälder und Gebirge schienen sich in ihnen abzuspiegeln, Palmen und Pyramiden ihre Gipfel in die Fluthen zu neigen. Alles war eine Illusion, wie die Hoffnung im menschlichen Leben. Endlich versprach ein tiefblauer Streif am Horizont mehr Wahrhaftigkeit und irdischen Bestand. So irre ich an dem Trug der Dünste und meinen Sehnerven geworden war, ich behielt ihn sest im Auge, und wirklich löste er sich nicht in die gewöhnlichen Luft-fpiegelfechtereien auf: der tiefblaue Streif war — das Rothe Meer, das Grab Pharao's. Nach der schwermüthigen Fahrt war der Empfang in dem herrlich gelegenen Suez-Hotel höchst behaglich. Bei hohem Wasser rollen die Wogen des Rothen Meeres bis an die Fundamente des Hauses; bei der nicht übermäßigen Zahl der Gäste hatte ich ein Zimmer mit der Aussicht auf die See erhalten. Der Besitzer des Hotels ist der Vicekönig, doch hat es die englische Compagnie unter äußerst vsrtheilhaften Bedingungen gepachtet. Sie bezahlt eme Iahresmicthe von hundertfünfzig Pst. Sterling, dagegen hat der Vermiether, da in ganz Suez kein Tropfen süßen Wassers vorhanden ist, contractlich die Verpflichtung übernommen, den Bedarf des Hotels täglich mit dreißig Schläuchen Nilwassers von Kairo herüberzuschaffen. Die Transportkosten betragen nun aber jährlich nicht weniger als zweihundert Pf. Sterling, und der Vicekönig hat, die Unterhaltungskosten gar nicht veranschlagt, bei seinem Hotel-Unternehmen jährlich fünfzig Pfd. Sterling Schaden. Da der Dampfer von Marseille mit dem Ueberlandpost-Felleisen noch immer nicht in Alexandria telegraphirt war, hatte ich bis zur Ankunft der englischen Passagiere noch mehrere Tage Zeit, die ich denn auch treulich zu Naturstudien verwandte. Wenn ich mir nach einem achttägigen Aufenthalte einen Schluß erlauben darf, so ist Suez einer der gesundesten Orte der Welt. Nur uon der unmittelbaren Einwirkung der Sonnenstrahlen hat man den Kopf und die Hautoberfläche zu schützen. Die Tagesgluth wird durch die 19 Nähe des Meeres gemildert, nach Sonnenuntergang aber entwickelt sich bei vollkommener Trockenheit der Luft eine angenehme Kühle in derselben, hinsichtlich deren ich Suez keinen andern Ort an die Seite zu setzen weiß. Vor Sonnenaufgang' fällt starker Thau, den Tag über weht in dieser Jahreszeit eine starke Brise aus Nordost. Mit den Fliegen muß ich hier leider auf einem noch gespannteren Fuße leben, wie in Alexandria und Kairo. Sie bringen mich bei meiner Arbeit fast zur Verzweiflung; ihre Hartnäckigkeit kann einen thätigen Menschen wahnsinnig machen. Sie.kriechen in Nasenlöcher und Ohren, sie setzen sich mitten m die Augen, und hat man sie verscheucht, so hinterbleibt ein Netzen und Brennen, als ob sie gleich bösartigeren Insekten einen giftigen Saft ausschwitzten. Die Aquarell-Farben fressen sie mir unter den Händen vom Papier, von der Pinselspitze weg. Oft habe ich bei dem Wohlgefallen gütiger Kunstfreude über diese Blätter an die Qualen denken müssen, die ich bei ihrem Entwurf erlitten. Rette ich mich in die Wüste, so habe ich während ber Promenade leidlich Ruhe, nehme ich unter dem Sonnenschirme aber von Neuem Platz und packe meine Geräthschaften aus, so fallen die kleinen Unholde wieder über mich her. Sie haben mich auf meinem Rücken begleitet und unterwegs ihren Appetit gefchärft. Einem Dragoman bin ich zwar in Suez entgangen, allein nicht einem Führer oder Lohnlakaien. Auf Schritt und Tritt verfolgt mich ein Muselsohn, der seiner Ausdauer nach eine verwandelte Fliege sein muß. Er spricht noch undeutlicher englisch, als Abdallah in Kairo, hat sich aber vorgenommen, mir die Sehenswürdigkeiten von Suez zu zeigen. Eie bestehen in einem Paar mageren türkischen Pferden, einem schmutzigen Razar u. dgl. m.; was die Natur bietet: das Meer, den Strand mit seinen Essigen Muscheln, die Farben des Himmels, brauche ich mir nicht von dem kundigen Eingeborenen erläutern zu lassen. Seinen Bemühungen entsprechend, ^st indessen sein Tagelohn auch nur mäßig, echt deutsch. Reiche ich ihm Nach vollendeter Arbeit ein paar Piaster (ö, zwei Sgr.), so spricht er dafür Nicht seinen Dank aus, er ruft nur: ,,»11 riß1i5", verschwindet und erscheint am andern Morgen, als ob nichts vorgefallen wäre. Suche ich am Feierabend Unterhaltung in der hiesigen Gesellschaft, so ^hlt es keineswegs an Abwechselung. Von den in Suez anwesenden Dandies wird eine englische Huldin vielfach umworben. In Lyon ansässig, in den glücklichen Jahren einer „bello keinme", nach den: französischen Lexikon, reich begütert, hatte sie schon seit mehreren Monaten eine große Vergnügungstour nach Afrika und Asien unternommen und befand sich jetzt auf dem Rückwege. Die Reise war übrigens nicht unergiebig gewesen, denn Kaiser Napoleon surfte hoffen, nach der Rückkehr der Schönen einen neuen Unterthan, vielleicht 3ar das Beste, was Arabien Frankreich liefern kann, einen neuen Soldaten, lu erhalten. Wie immer entwickelt das männliche England minder herz- 1i* 20 erfreuende Eigenschaften. Nur an Fatalismus glaubende Muselmanen werden folgende Unbill eines angetrunkenen Matrosen ertragen. Der rohe Bursche hatte auf dem Markt in einem griechischen Schlächterladen ein Stück Speck gekauft und hielt es nun den versammelten Muselmanen muthwillig unter die Nase. Einem jungen Menschen stieß er sogar das schmutzige Fett des für ihn verbotenen Thieres gewaltsam in den Mund. Und doch kam er ohne Mißhandlungen oder auch nur ohne eine Tracht Schläge davon. Da unterdessen hundertundein Passagier der Ueberlandpost telegraphisch gemeldet worden waren, eilte ich, mein Billet, auf dem kolossalen Dampfer „Ieddo" zu lösen, und bezahlte dafür bis Bombay fünfundsiebig Pfd. Sterling. Um 2 Uhr desselben Tages kamen sünfundsechzig Franzosen beiderlei Geschlechts in unser Hotel, um Abends 5 Uhr wieder an Bord des französischen Dampfers „l'Imperatrice" zu gehen, der sie nach Ceylon und China bringen sollte. Um 4 Uhr überfluthete der von der Insel Mauritius kommende Dampfer uns von Neuem mit einem Schub Franzosen, die mit dem nächsten Nachtzuge gleich über Kairo nach Alexandria wollten, um dort in den Dampfer zu steigen und sich auf den Weg nach Paris zu machen. Ein schlichter deutscher Reisender kann auf dieser Weltstraße, in dem wilden Getümmel der hastigen Geschäftsleute, Seemänner und Soldaten, die auf Land und Leute auch nicht den flüchtigsten Blick werfen, den Kopf verlieren. Ich war gutes Muthes, das Billet war bezahlt und steckte in meiner Brieftasche, und als am 27. October plötzlich alle für Bombay angekündigten Passagiere mit dem Vahnzuge von Kairo eintrafen und nur etwa dreißig von ihnen im Suez-Hotel Aufnahme fanden, die Uebrigen aber noch spät Abends an Bord des „Ieddo" gehen mußten, legte ich mich noch einmal am Festlande ruhig auf's Ohr und schlief den Schlaf des Gerechten. Alle Anzeichen der Indienfahrt waren gut; der Bahnzug hatte mir einen Brief meines Bruders Julius mitgebracht. IV. An Nord geritten. Der englische Behemoth. Gala-Punlas. Die Scheuer-Operation. Tiffin. Launen des Rathen Meeres. Ein Hund als Gesellschafter. Die Insel Djubal. Die Kaffeestadt Mokka. Perim. Im Hafen von Uien. Mn Mann ohne Stuhl. Die Ratten als Briefträger. Vor Bombay. Das Wetter war am Morgen des 28. October nicht einladend. Die Zeit der Ebbe hatte begonnen, es stürmte, und der Dampfer „Ieddo" lag weit draußen im Rothen Meer. Ta in Suez, wie m allen Häfen Indiens, Chinas und Japans, keine LandungZ- oder Einschiffungsplätze vorhanden 21 sind, blieb mir nichts Anderes übrig, als ein arabisches Boot zu miethen und zur festgesetzten Zeit nach dem Dampfer hinauszufahren. Meine sechs Schiffer hatten in Betracht des Mimischen Wetters etwa drei Thaler für dis zweistündige Fahrt gefordert, waren aber willens, den Preis noch mehr zu steigern, als wir uns dem Strande näherten. Die nackten Kerle packten nieinen Koffer auf, und ich selbst bestieg den Rücken eines siebenten schwarzen Dienstmannes, der durchdringend nach Pillaw, Tchweiß und Knoblauch duftete; fo machten mir uns auf den Weg durch den Moorgrund, der den Strand von Suez charakterisirt. Wir waren noch nicht weit gewandert, als mein Saumthier mit mir zu verhandeln begann, wie viel ich zulegen müsse, wenn er mich bei dem rauhen Wetter trocken und wohlbehalten in das Boot bringen solle; wir einigten uns über eine Zulage von fünfzehn Silbergroschen. Das ungeschickte Geschöpf entledigte sich meiner jedoch so unbehülflich, indem er mich vom Rücken in das Voot zu streifen suchte, daß ich bis an den Leib in's Wasser plumpte und gezwungen war, mich während der Ueberfahrt umzukleiden. Als warnendes Beispiel für die Seeleute von Suez strafte ich ihn durch Abzug von 33^ pCt. drr verabredeten Zulage. Noch war es nicht leicht, an Bord des Dampfers zu kommen, neben dem unsere Nutzschale von Boot wie ein Kork neben einem riesigen Felsen hin und her tanzte. Endlich hatte die Mannschaft mich und mein Gepäck an Bord gehißt, und ich traf Meine ersten Einrichtungen in der Cabine, die mir nach dem herrschenden Princip, die Engländer in allen Punkten zu bevorzugen, in der unmittelbaren Nachbarschaft der Maschine angewiesen worden war. Am ersten Tage vermochte ich nicht eine Musterung der Reisegesellschaft zu halten, denn sie erschien bei Tische sehr wenig vollzählig. Die Seekrankheit hatte sich bei der hohen See, trotzdem das mächtige Schiff immer noch einen leidlich gelassenen Gang einhielt, der Mehrzahl der Passagiere schon sehr fühlbar gemacht. Ihre schönere Hälfte schien spurlos verschwunden, an den Patienten männlichen Geschlechts konnte man umfassende Studien anstellen. Ein abschreckendes Schauspiel gewährt ein alter Engländer. Er wälzt sich auf Deck, wie der Leviathan oder Behemoth der heiligen Schrift, und scheucht durch die Ströme, die aus seinem Rachen, hervorbrechen, alle Welt weit von sich. Ein jüngerer Gentleman erscheint festen Fußes unter den von dem grimmen Uebel noch nicht überfallenen Indienfahrern, plötzlich erblaßt er, greift in der Lust wild um sich, bricht sich, im eigentlichen Sinne des Wortes Bahn, ohne die Toilette seiner Nachbarn zu beachten, und neigt kraftlos sein schweres Haupt über die Balustrade. Als das praktikabelste Schutzmittel habe ich für mein Theil noch immer die äußerste Ruhe gefunden. Man strecke sich der Länge nach auf den Rücken aus und gebe auf keine Frage Antwort. Unter solchen Umständen kann ich auch einen Grog „ohne Wasser und Zucker" anempfehlen. Nach einigen Tagen hat die Kranckheit ihre Wuth erschöpft, selbst 22 die schönen Engländerinnen, doppelt reizend durch ihre poetische Blässe, kommen zum Vorschein und behaupten, gar keinen Anfall gehabt zu haben. Sie versichern, nur von der Erschütterung des Dampfers incommodirt zu sein. Die Tischgesellschaft ist jetzt ziemlich vollständig, aber mit jedem Tage verschlechtert sich unsere Verpflegung. Am 28. October war die Tafe! noch reich mit Blumen geschmückt, und an der Decke hingen prachtvolle Punkas (Nindfächer), die von indischen Bedienten in Bewegung gesetzt wurden, alle Getränke, Wein, Bier und Wasser, waren auf Eis gekühlt, vier Tage spater hatte man die Galla-Punkas durch abgebrauchte kleine Wedel erfetzt, die Blumen waren verschwunden und von Eisgefäßen war keine Spur mehr vorhanden. An Bord dieser Dampfer herrfcht ein systematisch ausgebildetes Uebervortheilungsfnstem. Die im Billet zugesicherte Verpflegung wird, sobald man dem Lande den Rücken gekehrt, bis auf ein Minimum befchräntt. Wenigstens fucht die Direction der Verpflegung die Qualität nach Möglichkeit zu verschlechtern. Klagt man über die Beschaffenheit der Nahrungsmittel und Getränke, so erhalt man gewöhnlich zur Antwort: „Das ist nicht meine Sache! damit habe ich nichts zu thun!" Geht man endlich, in Verzweiflung, stets die competente Behörde zu verfehlen, dem Capitän zu Leibe, so entgegnet dieser, die Stirn mit Gußstahl gepanzert: „Wollen Sie sich beschweren, thun Sie es. Schreiben Sie nach London. Ich trage keine Schuld; die Sachen sind mir in diesem Zustande geliefert worden." Des Wohlwollens des Steward (Kajütenwärter) habe ich mich durch die Vorausbezahlung eines tüchtigen Trinkgeldes versichert. Dieser Vorsichtsmaßregel verdanke ich, daß der erkenntliche Mensch mich gleich in der ersten Nacht aufrüttelte und beschwor, meine Cabine zu verlassen, wenn ich nicht ein Kind des Todes sein wolle. Ermattet von den Anstrengungen des Tages, war ich in einen lethargischen Schlaf verfallen; meine röchelnden Athemzüge hatten den vorübergehenden Steward auf meinen Zustand aufmerksam gemacht. Durch die Hitze der Cabine fast besinnungslos, schwindelnd und schweißtriefend, schleppte er mich auf das Verdeck und breitete dort meine Matratze aus, auf der ich die Nacht unter freiem Himmel zubrachte. Nach energischen Protesten gelang es mir, am andern Morgen eine besser gelegene Cabine zu erhalten. Es war die der Aufivärterin der mitreisenden Damen. Aus Galanterie hatte der Capitän dem hübschen Mädchen eine der geräumigsten und bequemsten Schlafstellen angewiesen. Die Schöne verschlechterte sich übrigens nicht; Dank der Protection des Capitans und der Offiziere durfte sie ihr Nachtlager in der Kajüte aufschlagen, wo es ihr kaum an Schutz und Gesellschaft gefehlt haben wird. Meine Lage hat sich durch diese Umquartierung wesentlich verbessert. Nicht allein der Aackofenhitze der Maschine von fünfhundert Pferdekraft bin ich entronnen, auch das Getose der Scheuer-Operation behelligt mich in lneiner 23 gegenwärtigen Cabine nicht so entsetzlich wie früher. Dieser Proceß beginnt um 4 Uhr Morgens und dauert bis 8 Uhr. Da sich etwa fünfzig Mann daran betheiligen, pflegen zwei Stunden des erquicklichsten Morgenschlafes gewöhnlich verloren zu gehen. Pünktlich um 6 Uhr erscheint nämlich der Steward, weckt einen Jeden und bietet ihm eine Tasse Thee oder Kaffee. Man thut wohl, darauf ohne Zögern einzugehen. Bei der militärischen Pünktlichkeit der Bedienung ist es unmöglich, später auch nur einen Tropfen zu erhalten. Um 9 Uhr folgt das eigentliche Frühstück. Es besteht aus Fisch- und Fleischspeisen, Rothwein, Ale oder Thee, und wird durch das «Tiffin", ein eben so solides zweites Frühstück, unterstützt, bei dem Visquit, Toasts (Butterschnitte), Käse, Sherry, Portwein und Brandy geliefert werden. Andere Weine darf der Reisende unter keiner Bedingung fordern. Ein alter Herr, dem die fchweren spanischen Weine von Seiten des Arztes verboten waren, mochte bitten, so viel er wollte, das ersehnte Glas Medoc wurde ihm verweigert. Endlich schob er seine Tochter vor. Da die Damm an Bord alle möglichen Vorrechte genießen, brauchte diese nur den Wunsch nach einem Trunk Rothwein auszusprechen, als sie Hn auch schon befriedigt sah. In Gegenwart des renitenten Steward reichte sie das Glas ihrem Vater, und der Steward — sollte man es glauben — lachte höchst behaglich. Um 4 Uhr versammeln wir uns zum Diner, dessen Schmackhaftigkeit von Tag zu Tag abnimmt. Eine Universalsauce aus Butter, Wasser, Mehl, Senf, Pfeffer und Salz, die jedes Fisch- oder Fleifchgericht begleitet, flößt mir wahres Entsetzen ein. Um ihr zu entgehen, sättige ich mich mit halb-rohem Fleisch und etwas Brot. Die Theestunde ist um 7 Uhr Abends, den Kehraus aber bildet um 9 Uhr ein Transport von Brandy und heißem oder kaltem Wasser. Das aus beiden Flüssigkeiten gemischte Getränk ist bei den Engländern hoch angesehen; sie haben ihm den treffenden Namen „Schlaf-Mütze" ertheilt und nehmen reichliche Dofen zu sich. Ein Hauptmann auf Halbsold hat den Steward seiner Reisegruppe durch eine baare Entschädigung gewonnen, ihn allabendlich, nachdem er seine Ration zu sich genommen nach „Haufe", d. h. in seine Cabine zu bringen und, wenn es nothwendig sein sollte, auch auszukleiden. Um 10 Uhr werden ohne Erbarmen die Lichter in der Kajüte ausgelöscht. Wer nicht im Dunkeln sitzen bleiben oder auf Deck spazieren will, muß zu Bette gehen. Erlaubt es die Witterung, so pflegt in den Stunden von 8 bis halb 10 Uhr auf dem Quarterdeck Concert und Ball stattzufinden. Das Orchester besteht aus drei Indiern, die sich auf zwei Geigen und einer Flöte ergehen. Sie spielen Walzer, Polkas, Galoppaden und Contretanze, und genügen vollkommen den mäßigen künstlerischen Ansprüchen der Reisegesellschaft. Die Indier sind nicht ohne musikalisches Talent und zeichnen sich in dieser Beziehung vortheilhast vor allen Völkern des Orients aus. Die Tanzkunst der Passagiere 24 ist nicht hoch ausgebildet, und die Mehrzahl derselben sucht sich bei der drückenden Temperatur sogar dem Frohndienste zu entziehen; desto unermüdlicher sind die Damen. Ungeachtet ihrer sonstigen Nervenschwäche schrecken sie nicht davor zurück, bis zur äußersten Erschöpfung zu walzen. Im Ganzen befinden sich hundertundbreitzig Passagiere an Bord, also nicht so viel, als ich nach dem anfänglichen Andränge in Suez erwartet hatte. Sie gehören säst sämmtlich der englischen Nation an, und nur sechs Deutsche, vier Griechen, ein Franzose und ein Holländer bilden eine Ausnahme. Die Zahl der englischen Frauen und Kinder beträgt fünfzig. Die Schiffsmannschaft ist einhundert siebenundneunzig Köpfe start und aus den verschiedensten Völkern, Negern, Malaien, Hindostcmern, Aegyptern und einigen Engländern, zusammengesetzt Die Capitäns der Dampfer rekrutiren am liebsten unter den asiatischen Nationen, denn die Matrosen verrichten die schwerste Arbeit für einen geringen Sold, bei höchst spärlicher Kost, ohne unter den Einwirkungen des Klimas zu leiden. Ihre Nahrung besteht fast nur aus Reis, den sie ihren religiösen Vorschriften gemäß an einem eigenen Herde der Schiffsküche zubereiten. Die Speifen der Passagiere gelten ihnen für unrein, und die Ueberreste der Dejeuners und Diners werden daher, weil Niemand von der Mannfchaft sie berührt, in's Meer geworfen, wo sie dann stets den Schissen folgenden Haifischen zur Beute fallen. Außer den Vorräthen, Gepäckstücken und Briefschaften führen wir vierhundert kleine Kisten Silber in Barren an Bord. Ihr Werth beträgt dreihunderttausend Pfd. Sterling. Sie sind dazu bestimmt, in Bombay ostindische Baumwolle einzukaufen. Mit Wasser sind wir nicht versehen; der tägliche Bedarf wird aus Seewasser durch Destillation erzeugt, ein Verfahren, das eben nur auf Dampfschiffen beobachtet werden kann. So lange wir das klare und wohlschmeckende Product mit Eis zu kühlen vermochten, habe ich nie besseres Wasser getrunken; als der Eisvorrath aber ausgegangen war und wir kein Mittel hatten, das uns noch halb kochend in die Cabmen gelieferte Getränk anzufrischen, mußten wir gewöhnlich die nächtliche Verminderung der Temperatur abwarten, um unsern Durst zu stillen. Durchschnittlich sinkt das Thermometer nicht unter 100 Grad Fahrenheit (30 Grad Reaumur), doch steigt es im vollen Sonnenschein noch weit höher. Ein junger Steward, ein geborener Engländer, der mit besonderem Eifer seiner Pflicht oblag und sich der Sonne unbedachtsam aussetzte, wurde einige Tage nach unserer Abfahrt von Suez plötzlich wahnsinnig. Die Zwangsjacke mußte ihm angelegt werden. Es gelang nicht, ihn in diesem ungünstigen Klima wieder herzustellen, und er wurde später von Bombay nach England zurückgeschickt. Die Fahrt auf dem Rothen Meere wird uns durch die Launen des Wetters verbittert; nach der Versicherung des Capitäns wäre ein so jäher Wechsel von Sturm und Windstille, wildbewegtem Wasser und spiegelglatter 25 See in diesem Breitengrade ems Seltenheit. Die felsigen kahlen Ufer erblicken wir bald rechts, bald links am Horizonte. Bei der außerordentlichen Helligkeit der Atmosphäre erscheinen die wüsten Bergklippen häusig in einem rosenfarbenen Schimmer, um Sonnenuntergang entfaltet sich aber am westlichen Horizont eine märchenhafte Farbenpracht, die jeder Nachbildung durch den Pinsel spottet. Nur wenige Minuten dauert das Schauspiel, dann wird es von der sich aus Osten hastig heranwälzenden Nacht verschlungen. Um diese Stunde pflegen sich Passagiere und Mannschaften vollzählig aus Deck zu versammeln und entblößten Hauptes der feierlichen Scene beizuwohnen. Alle Religionen weichen in folchen Augenblicken dem Cultus der ewigen Natur. Die Schifffahrt auf dem Rothen Meere wird durch viele kleine Inseln und Klippen erschwert; die ?. k 0.-Compagnie (d. h. ?enin8u1g,r K Oriental Lteaul Navigation ^nmvan/) sucht jedoch alles Mögliche zu thun, um Unglückssällen vorzubeugen. Sie errichtet auf den gefährlichsten Felsriffen eiserne Leuchtthürme, deren jetzt schon drei bestehen. Zum Schutz des Eisens gegen Rost und größerer Deutlichkeit halber sind dieselben mit zinnoberrother Delfarve angestrichen. Der Aufenthalt in diesen metallenen Klausen, die im fortwährenden Sonnenbrände der tropischen Zone eine Glühhitze annehmen, wird von den Seeleuten als entsetzlich geschildert. Nur das elendeste Volk entschließt sich zu diesem Wächterposten. Jeder Thurm wird von zwei Männern bewohnt, die jedoch, statt durch gemeinsames Elend zum Nachdenken gestimmt und versöhnt zu werden, in stetem Unfrieden leben sollen. Ihre Gesichter sind nach Angabe der Schiffer, die sis allmonatlich mit Proviant versehen, immer durch Veulen und blaue Flecke entstellt. Vor wenigen Monaten war einer der Wächter in dem dritten Leuchtthurme gestorben, und der Ueberlebende wagte, aus Furcht, einer Mordthat beschuldigt zu werden, den todten Körper nicht in das Meer zu werfen. Er lebte auf dem beschränkten Naum neben der verwesenden Leiche drei Wochen lang, bis ihn endlich seine Proviantmeister von den schrecklichen Ueberbleibseln befreiten. Seitdem ist die Zahl der Wächter jedes Lmchtthurms auf drei vermehrt worden. Ein wunderlicher Engländer hat fogar ein Capital ausgefetzt, aus dessen Zinsen der Mannschaft als erheiternder Gesellschafter ein Hund geliefert werden soll. Ein ähnlicher Schreckensaufenthalt ist die vierundzwanzig Stunden von Suez entfernte wüste Insel Djubal, die Telegraphenstation. Sie wird nur von zwei Familien bewohnt, denen die Seefahrer ebenfalls eine ewige Uneinigkeit und Kriegführung nachsagen, als ob Zwistigkeiten nach dem Verlust aller übrigen Zerstreuungen des Geistes und Gemüthes die letzte Erholung des Menschen blieben. Am letzten October erreichte die Hitze einen unerträglich hohen Grad; am kühlsten Orte der Kajüte zeigte der Thermometer auf 110 Grad Fahrenheit, mehr als die Vlutwärme! Der angesammelte elektrische Stoff machte sich indessen nicht in einem Gewitter Luft, es blieb bei einem un« 26 aufhörlichen Wetterleuchten, welches den ganzen Horizont in ein blaues Flammenmeer verwandelte. Erst am Morgen des 1. November, als wir uns auf der Höhe von Mokka befanden, entluden sich die schwarzgrauen Wolkenballen in Regengüssen, Blitz und Donner, dann fegte ein Sudost den Himmel rein, und der Capita« ertheilte den Vefehl, die Vormarssegel beizusetzen. Da diese jedoch sofort zerrissen, ließ er es bei zwei Besansegeln bewenden. Der Wettersturz hatte bedauerliche Folgen. Viele Passagiere klagten über Uebelbefinden, und Nachmittags 6 Uhr starb ein kleines Mädchen, das sich mit der Mutter zu ihrem Vater nach Vombay begeben wollte. Das zarte Wesen hatte, gleich einer Blume, unter dem Druck der verzehrenden Hitze sein Haupt immer tiefer geneigt. Schon um 9 Uhr Morgens stand die kleine Leiche in einem einfachen hölzernen Sarge mit der Inschrift: „Agnes Neal, fünf Jahre alt", auf dem Vorderdeck. Um 10 Uhr wurden die Schiffsglocken geläutet, die Leidtragenden versammelten sich. Die Verzweiflung der jungen Mutter wird mir unvergeßlich bleiben, als der mit einer Kanonenkugel beschwerte Sarg in den Fluthen verschwand. Noch ein Iammerschrei, und der nächste Windstoß hatte den feuchten Grabhügel für immer verweht. Die Leichenrede hatte einer der fünf an Bord befindlichen englischen Geistlichen gehalten, aber ich darf nicht verschweigen, daß es selbst bei dieser traurigen Veranlassuug nicht an Zänkereien, wem der Vorrang gezieme, unter den ehrwürdigen Herren fehlte, und sie noch mehrere Tage hindurch untereinander maulten. Ein Orkan sollte dem theologischen Skandal ein Ende machen, alle Kajütenfenster und sonstigen Oeffnungen mußten verschlossen werden, und die See ging haushoch über Vord; die Verwirrung unter Deck war bei der erstickenden Hitze fürchterlich. In einer Bucht erblickten wir einen großen Kriegsdampfer, der dort vor dem Unwetter Zuflucht gesucht hatte. Wir salutirten trotz der unsäglichen Wirrsale, endlich !egte sich der Wind und es begann von Neuem zu regnen. Vor. der Hitze zur Verzweiflung gebracht, hatten wir uns aller Kleider entledigt nnd gedachten ein Regenbad zu nehmen, allein die Tropfen verursachten bei ihrer Wärme eine peinliche Empfindung auf der Haut, und wir flüchteten sämmtlich wieder unter Deck. Nach den Berechnungen des Capitäns befinden wir uns auf der Höhe der Kaffeestadt Mokka. Eine Aquarelle, die ich vom Dampfer aus von der Kaffeestadt Mokka anzufertigen suchte, mußte unvollendet bleiben und befindet sich in diesem fragmentarischen Zustande noch heute unter meinen Sammlungen. Die amvhitheatralische Lage des Ortes übte auf mich eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, allein bei der Temperatur des Tages wurde jede künstlerische Thätigkeit unmöglich. Ich mutzte meine Thätigkeit unterbrechen, da ich einer Ohnmacht nahe war und mich nicht länger auf dem Sessel im Gleichgewicht zu erhalten vermochte. Je mehr wir uns der Straße Babel 27 Mandeb nähern, desto höher scheint die Hitze zu steigen. Alle Anstrengungen Anserer sechs hindostanischsn Jungen und einiger alten Bengalen, uns wenigstens bei Tisch den Kauproceß durch Fächerschwenken zu erleichtern, sind vergebens; unaufhörlich rinnt der Schweiß von unseren Stirnen. Nur die Schlechtigkeit der Mahlzeit stimmt zu der Hitze, zudem ist seit der Schmelzung des Cises von einem kühlen Trunk nicht mehr die Rede. Selbst Porter und Ale werden bei Tafel mehr als lauwarm umhergereicht, ein Getränk, um jeden Durstigen zur Verzweiflung zu bringen. Unter den Passagieren wird der Mangel an Eis bezweifelt; man glaubt allgemein, die Compagnie bediene sich nur dieses Vormundes, um uns den Genuß des Vieres möglichst zu verleiden. Eine besondere Plage bei dieser höllischen Temperatur ist ein Haut« ausschlag, der von den Deutschen an Vord „rother Hund" (?riek1? keat) genannt wird. Er beginnt mit einer den ganzen Körper bedeckenden Rothe, die sich nach und nach in winzige Bläschen verwandelt. Ein unerträgliches Jucken begleitet diese Hitzblattem, und der Schmerz, der durch anhaltendes Kratzen entsteht, ist fast erträglicher, als der vorhergehende leidige Hautreiz. Zuletzt sieht der geplagte Reisende wie ein gekochter Hummer aus. Der Kopf wird von dem Uebel nicht verschont, und man glaubt Abends denselben auf ein mit Nadeln gespicktes Kissen zu legen. Der Ausbruch dieser Krankheit gilt sonst für ein gutes Zeichen, man will nämlich bemerkt haben, daß die von ihr verschonten Individuen an Durchlauf und verschiedenartigen Fiebern leiden. Die Gentlemen, gefoltert von dem Leiden, entblöden sich daher nicht, einiger Erfrischung wegen schon mit Tagesanbruch in einen: Costüm, das an Adams Tracht auf den Bildern der Alten erinnert, auf dem Verdeck zu lustwandeln. Damen dürfen sich der Schiffsetikette nach um diese frühe Stunde nicht blicken lassen. Vor der Frühstückszeit behaupten die Männer unbedingt den Vorrang; später wendet sich das Blatt. Sie haben sich in jeder Hinsicht den Damen unterzuordnen, diesen gehören nicht nur die besten Sitze, sondern auch die schmackhaftesten und genießbarsten Bissen bei Tisch, und der Capitän wie die Schiffsofsiciere thun alles Mögliche, die ohnehin schon von den Engländern verzogenen Wesen noch mehr zu verwöhnen, ja, man vertreibt uns von unseren Plätzen auf Deck, wenn es einem Insel-fräulein gefällt, sich dort niederzulassen. Der einzige Dank für unsere Lang-müthigkeit pfiegt gelegentlich in einem schmachtenden Blick zu bestehen. Um 1 Nachts am 4. November passirten wir den Leuchtthurm der Insel Perim, dieses Zankapfels der Diplomatie, den England, ungeachtet aller Widerfprüche, von Aden aus mit einer Abtheilung Soldaten, die allmonatlich abgelöst werden, besetzt hält, und dampften in den Indischen Ocean hinaus. Wir Alle sind froh, das Rothe Meer hinter uns zu wissen, und der Capita« betheuert, noch nie während seiner zahlreichen Fahrten auf dem Rothen Meere gleich schlechtes Wetter gehabt zu haben. Die Fahrt von Suez bis Perim 28 hat statt fünf Tage deren sieben gedauert. Tie Küste von Perim bis Aden^ die man stets in Sicht behält, besteht theils aus hohen kahlen Vergen, theils aus blendend hellem, flachem Strande mit dahinter liegenden Dünen; das Gebirge weicht dann in den Hintergrund zurück. Um halb 3 Uhr gingen n>ir, fehr nahe an der Küste, im Hafen von Aden vor Anler. Da der Capitän der Erneuerung des Kohlen» orrathes und der Vervroviantirung halber zwölf Stunden zu verweilen gedachte, erhielten wir Urlaub bis zum Einbruch der Dunkelheit, und ich begab mich in Begleitung zweier Herren, mit denen ich feit der Abfahrt von Suez näher bekannt war, an's Land. Die Küste fah trostlos aus, das kahle Gestein spie im Sonnenbrande uns Feuer entgegen, und wir zogen es vor, unsere wenigen Freistunden in dem etwa fünf Meilen entfernten Aden zuzubringen. Die Stadt wird vom Hafen aus nicht gesehen, und die Engländer haben am AbHange des Gebirges unter großen Kosten und Mühseligleiten eine Fahrstraße dorthin gesprengt. Alles war übrigens sonst so gut organisirt, wie an einer Eisenbahnstation^ die nach einem beliebten Badeorte führt. Schnell hatten wir einen munteren Einspänner gemiethet und darauf leidlich bequemen Platz gefunden; der arabische Kutscher lief die ganze Wegstrecke nebenher. Ihm gesellten sich, um ein kleines Salair zu verdienen, drei Negerknaben zu, die unter grotesken Geberden mit vergnügten Gesichter»: und strohgelb gefärbten Wollköpfen neben dem kleinen Wagen hersprangen und uns mit Palmenblättern Luft zuwehten. In Aden angelangt, hielten wir fast verschmachtet vor einer Schenke und forderten Limonade. Ueber die nähere Zusammensetzung derselben vermag ich keine Auskunft zu ertheilen, doch würde eine europäische Sanitätsbehörde unter jeder Bedingung sich näher nach dem Recept erkundigt haben. Das kühlende Getränk brachte auf uns alle Drei sofort jene Wirkung hervor, welche wir unter dem heimischen Breitengrade durch den gleichzeitigen unbesonnene» Ger nuß von Weißbier, sauren Gurken und Pfefferkuchen zu erzielen pflegen. Wir wurden durch die unerwartete Kraftäußerung des Tsluidums so beunruhigt, daß wir nach dem erreichbarsten Gegengift, einer heißen Schale Makkakaffee, trachteten und dein Kutscher den Auftrag ertheilten, uns nach dem arabischen Viertel der alten Stadt in ein Kaffeehaus zu fahren. Hassan besaß nur eine geringe Dosis Menschenkenntniß, denn schon unser gegenwärtiger Zustand hätte ihn lehren müssen, daß es uns mehr um die Waare des Etablissements Zu thun war, nach dem wir begehrten, als nach der Bedienung desselben. Ich kann zu Hasfans Entschuldigung nur anführen, daß er, wenn nicht durch persönlichen Geschmack, so doch durch den früherer Touristen, zu seinem Irrthum veranlaßt sein mag. Wir hatten uns kaum in dem besagten Kaffeehause niedergelassen und noch nicht Zeit gehabt, ein Schälchen des balsamischen Getränkes zu schlürfen, als eine Schaar schwarzer und brauner Frauenzimmer uns umringte und gleichfalls auf den Dioans Platz nahm. Sie waren 29 sämmtlich schön zu nennen und mit allerlei Kleinodien aus Bernstein, Gold und Silber reich geschmückt, aber in Sllchen der Toilette so haushälterisch ausgestattet, als gedächten sie soeben einem Maler „Modell" zu stehen. Zugleich schienen sie die Abneigung der heutigen Römerinnen vor Parfüms zu theilen, denn sie hatten sich nicht des geringsten künstlichen Hülfsmittels bedient, um den unangenehmen Einwirkungen natürlicher Ausdünstungen vorzubeugen, die in diesem Klima unter ihrer Race sich äußerst lebhaft entwickeln. Wir geriethen unter den zähnefletschenden und kichernden Negerinnen oder Araberinnen in nicht geringe Verlegenheit. Es war nicht rathsam, ihre kaum mißzuverstehcnden Anerbietungen und Liebkosungen grob oder gar gewaltsam abzuwehren; das Stadtviertel war abgelegen, und kein Hahn hätte nach uns gekräht, wäre die Sippschaft uns ernstlich zu Leibe gegangen. Auf meinen Rath machten wir daher gute Miene zum böfen Spiel, eine Menge von Kaffeetassen wurden herbeigebracht, und wir suchten die Aufmerkamkeit der Huldinnen von uns durch das kräftige Getränk abzuleiten. Dcr Kaffee bewährte seine Allmacht auch hier, die Töchter Arabiens und Nubiens ließen von uns ab und begannen untereinander ein Gespräch, das einen: europäischen Kaffeeklatsch Zur Ehre gereicht hätte. Nur eine greuliche Alte war schwer abzuwehren, es blieb zuletzt nichts übrig, als sic durch einigen Kraftaufwand zu entfernen, dem wir als Entschädigung ein kleines Geldgeschenk hinzufügten. Unterdessen hatten die jüngeren Damen uns für unfere Vewirthung durch eine „Fantasie" schadlos zu halten gesucht, welche uon männlichen Eingeborenen mit greulicher Musik begleitet wurde. Die Ausschreitungen des modernen Ballets in den großen Städten Europas haben mich oft in Erstaunen versetzt und unwillig gemacht; ich nehme feierlich alle Ausdrücke des Tadels zurück, seitdem ich die Wendungen und Stellungen der Vallerinen der Stadt Aden gesehen habe. Endlich ließ man uns frei, wir bezahlten in Betracht unseres starken Kaffee-Verbrauchs eine ziemlich hohe Zeche und machten uns wieder nach dem Hafen auf den Weg. Unbekümmert um die entsetzliche Hitze liefen Pferd, Kutscher und Fächerknaben mit unverminderter Geschwindigkeit. Mit Ausnahme der in dem Kaffeesalon zugebrachten halben Stunde hatten wir von Mittag an nicht eine Handbreit Schatten genossen, am Wege, an den Felswänden, nirgends war ein Grashalm, ein Tropfen Wasser zu entdecken, alle lebenden Wesen schienen diesen schauerlichen Ort zu fliehen, denn die Pferde und Esel, denen wir begegneten, bewegten sich im Galopp vorwärts; in Aden galoppirten selbst Ochsen und Kameele. Mit unerträglichen Kopfschmerzen behaftet, kamen wir an Bord, und die einzige Ausbeute der Excursion war die Skizze eines aus Rohr geflochtenen Hauses, das täuschende Aehnlichkeit mit einem Vogelkäfig hatte und die Milde des Klimas bezeugte. Der Hauptartitel Adens sind Straußfedern; mit ihnen wurden wir von den Industriellen noch bis an Nord verfolgt. 30 Da im Laufe des Nachmittags Kohlen und Proviant an Vord geschafft worden waren, konnten schon am 5. November halb 2 Uhr Morgens die Unker gelichtet werden. Die Tropennacht war herrlich, als wir in See stachen,, und das köstliche Netter hielt auch am andern Morgen an. Eine Brise aus Osten kräuselte nur leicht die glatte Meeresfläche, die fliegenden Fische schwangen sich mit sichtlicher Lust in die frische Morgenluft empor. Nicht selten erhoben sie sich, und zwar immer gegen den Wind, bis zur Höhe des Verdecks. Leider gelang es uns nicht, eines Exemplares habhaft zu werden, da keins der Thierchen seinen Flug quer über den Dampfer richtete. Man darf nur auf einen Fang hoffen, wenn die langen Flossen trocken werden, worauf der Fisch zu Boden fällt. Kein Geschöpf des Meeres wird übrigens so leidenschaftlich verfolgt, als diese zierliche unschuldige Creatur. Im Wasser stellen ihm die Raubfische, in der Luft die Seevögel, auf den Schiffen die Menschen nach, und doch begegnet man ihm bei gutem Netter in zahllosen Schwärmen. Der Gesundheitszustand unserer Reisegesellschaft ist seit der Abfahrt von Nden nicht der beste. Die Damen sind sehr zu beklagen, da die einzige Stewardesse des Dampfers gleichfalls krank darniederliegt; auch mehrere der Herren, welche gestern in Aden an's Land gegangen sind, befinden sich sehr übel. Sie schieben die Schuld auf die Sonnenstrahlen, denen sie sich ohne weitere Vorsichtsmaßregeln ausgefetzt haben; doch bin ich besorgt, daß sie bei dem Besuch der Kaffeehäuser in Aden nicht unsere Behutsamkeit beobachtet haben. Da die Sonne unvergleichlich schön unterging, ließ die Gesellschaft sich von den Patienten nicht abhalten, einen Ball zu arrangiren und bis^ gegen 10 Uhr zu tanzen. Nach und nach lernt man die Reisegefährten näher kennen. Eine Anzahl junger Pärchen befinden sich unter uns, die ihre Hochzeitsreife bis nach Indien ausdehnen. Das arme Volk flöht mir tiefes Mitleid ein, denn seit dem 6. November 7 Uhr Morgens ist.das Wetter wieder abscheulich, sämmtliche Kajütenfenster sind geschlossen, die See wälzt wahre Berge von Wasser über das Vorderdeck, und aus allen Cabmen erschallen Laute moralischer Verzweiflung und physischen Elends. Auch die lebhafteste Phantasie wird sich schwerlich die Wirkung auf das Nervensystem eines Zuhörers, dessen Cabine inmitten eines gemischten Chores von fünfzig, bis sechzig activen Seekranken liegt, auszumalen vermögen. Die Rumflasche kommt nicht mehr von meiner Seite. Der Koch benutzte die Missre unverzüglich ; bei hoher See ist das Essen unter aller Kritik. Nur die Universal« sauce wird tendenziös mit Cayennepfeffer gewürzt. Einer unserer Genossen ist durch die hohe See in große Verlegenheit gerathen. Nach dem Reglement der Company-Dampfer hat jeder Passagier einen Stuhl an Bord mitzubringen, da keine lehnsweise verabreicht werden. Der arme Scheint ist nun mit seinem etwas gebrechlichen Schemel in seekrankem Zustande gegen die Kajütenwand' 31 geworfen und dieser in tausend Granatstücke zertrümmert worden. Ich kann bas Elend nicht mit ansehen und helfe dem Schacher mit einem dreibeinigen Malerstuhl aus. Da drei Punkte immer in eine Ebene fallen, hat er bei der tobenden See einen leidlich festen Standpunkt gewonnen. Gegen Abend beruhigt sich der Ocean, und es wird gleich wieder getanzt. An solchen Tagen entwickelt unser Capitän seine ganze Größe. Er erneuert mehrmals seine Toilette und huldigt den Damen auf eine Weise, deren nur ein Englishman fähig ist. Je länger unsere Reise dauert, desto mehr nimmt der Dampfer die Physiognomie einer kleinen Stadt an; in Vuxtehude und Krähwinkel wird nicht ärger geklatscht. Ich werde durch Zwischenträger in alle angezettelten Liebeshändel eingeweiht, aber meine Beschäftigung, die ich nur bei ungünstigem Netter unterbreche, gewährt mir einigen Schutz. Man verschont mich mit Anerbietungen, den Vorlesungen der Romane von Paul de Kock beizuwohnen, ich werde nicht zu Schach und Triktrak aufgefordert, zur Mitgliedschaft des Sängerchors bin ich nicht musikalisch genug, nur wenn Herr Hesse, ein musik-tundiger Süddeutscher, Abends die Zither kneipt, ist es unmöglich, ihm auszuweichen und nicht zu avvlaudiren. Am 7. November Morgens begegneten wir einem von Bombay kommenden Dampfer, der nach Suez ging, um Lady Elgin, die Gemahlin des General-Gouverneurs von Indien, zu holen. Mittags siel das Barometer beträchtlich, doch veränderte sich das Wetter nicht im entsprechenden Sinne, der Vollmond stieg Abends 7 Uhr, eine goldene Scheibe ohne Hof, aus dem Meere auf, und es folgte eine köstliche Nacht. Die Musikfreunde verstärkten ihr Repertoire, und den Salonliedern wurde heute der Nationalgesang: ftoä »avs tks Hueea hinzugefügt, den alle Engländer mit entblößten Häuptern anhörten. Am Morgen entstand in der Kajüte ein haarsträubender Lärm. Ein Engländer hatte über Nacht eine Menge in den letzten Tagen von Seewafser durchnäßter Briefe zum Trocknen auf dem Tische ausgebreitet, aber keinen wiedergefunden. Es wurde eine Untersuchung angestellt, der Cavitän nahm die Dienerschaft in's Verhör; Niemand wollte von den Briefen wissen. Nachdem man den Tag über die Kajüte sorgfältig durchsucht, entdeckte man unter den Planken des Fußbodens einen Spalt und hinter demselben ein tiefes Loch, in dem die Briefe steckten. Nach den darauf befindlichen Spuren hatten die Ratten sie in das Versteck geschleppt, um spater ihr frevles Spiel mit ihnen zu treiben. Zugleich hatten sie ein seidenes Taschentuch und einen langen Plaidriemen in den Spalt hinabgezogen. Unser Dampfer, der mehrere Monate hindurch nicht von den unter Waffer anhaftenden Schalthieren gereinigt worden ist, verlangsamt seinen Gang täglich mehr, und das Tempo der Fahrt scheint sechs großen Seeoögeln so sehr zu. behagen, daß sie seit der Abfahrt von Aden uns schlechterdings nicht verlassen und muthmaßlich die Nacht im Takelwerk zubringen. Die Feuchtigkeit de» 32 Atmosphäre in diesen Gegenden ist erstaunlich; Gegenstände aus blankem Metall müssen täglich geputzt werden, wenn sie nicht rasch verrosten sollen. Für die Reinlichkeit und Sauberkeit des Schiffes wird glücklicher Weise ausreichend gesorgt. Die verschiedenen Völkerstämm« der Mannschaft verrichten die einzelnen Functionen. Die Schiffszimmerleute sind die Chinesen, sie kalfatern die Böte und sticken das Schiff. Die Zieger heizen und versehen die Maschine. Sie scheinen sich in der unmittelbaren Nähe des ächzenden Ungeheuers, das mit fünfhundert Pferdekraft die Schraube dreht, am wohlsten zu fühlen und flüchten, wenn sie auf den: Verdeck im glühenden Sonnenschein etwas frische Luft geschöpft haben, immer wieder fröstclnd in den Kesselraum hinab. Die Mehrzahl der Matrofen stammt aus Hindostan, und die Malaien werden mit dem Anstreichen des Schiffes beschäftigt. Die Augenkrankheiten der Zone verfolgen uns übrigens auch auf den Ocean. Zwei Passagiere leiden an Augenentzündungen und sind genöthigt, der damit verbundenen Lichtscheu (Heliophobic) halber, Tag und Nacht unter Deck in der dumpfen Luft und erstickenden Hitze zu sitzen. Einige haben sich durch ihr Nachtlager unter freiem Himmel rheumatische Uebel zugezogen, andere leiben am Fieber; ich bin, Dank meiner vorsichtigen Lebensweise, von allen diesen Leiden verschont geblieben. Meine Hauptplage bleibt außer der Temperatur der Lärm der Maschine, aber ich will ihn lieber in meiner Cabine ertragen, ehe ich auf Deck flüchte und meine Gesundheit ruinire. Am 9. November kamen wir bei einem köstlichen Wetter gar nicht aus Schwärmen fliegender Fische heraus. Sie wurden von sechs Fuß langen Delphinen heißhungrig verfolgt und erhoben sich immer massenweise in die Luft; die Gourmands unter den Passagieren sollten nicht befriedigt werden. Auch heute gerieth kein fliegender Fifa) an Bord, und wir mußten auf einen Leckerbissen verzichten, den ich auf meinen früheren Reifen schätzen gelernt hatte. Um halb 9 Uhr Morgens desselben Tages entstand ein unbeschreiblicher Tumult in allen Theilen des Schiffes, denn die Maschine versagte den Dienst. Der Capitän und die Ofsiciere werden mit Fragen bestürmt, aber keiner von ihnen giebt Antwort, aus dem Maschinenraum erschallen endlose Flüche und wüste Hammerschlägs, bei vollkommener Windstille sitzen wir unter unserem Leinwanddache auf dem Verdeck und starren schweigend in die Ferne, während sich über uns ein Regen von schwarzen Flocken verbreitet, die aus den beiden schmutzigen Heizapparaten aufsteigen. Nach zwei bangen Stunden gerieth die Maschine wieder in Gang, und die Ofsiciere ertheilten uns endlich Auskunft. Die Schraube leidet an Altersschwäche und soll in Bombay einer gründlichen vierwüchentlichen Reparatur unterworfen werden. Da es Sonntag war, nahm der Capitän um 11 Uhr eine Parade der Mannfchaft ab, die rein gewaschen und in ihren besten Kleidern an ihm vorüberzog. Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich auch die Existenz einer wohlargamfirten Feuerwehr, wünsche jedoch. 33 daß es uns erspart bleiben möge, von ihrer Hülfe Gebrauch zu machen. Eine Stunde nach beendeter Parade verweigerte die Maschine abermals ihre Dienste, und erst gegen 3 Uhr war der Schaden so weit reparirt, daß wir sieben Knoten in der Stunde weiter zu kriechen im Stande waren. Den Nachmittag und Abend über gewährte uns ein großer Haifisch Trost und Zerstreuung. Wir erquickten ihn mit den Ueberresten unseres Mittagessens, und er nahm keinen Anstoß, eine Gabel, die aus Versehen in einem Hammelknochen steckend über Bord geworfen war, mit Zu verschlingen. Vom 10. November gehen die Matrosen daran, das Schiff aufzuputzen. Wir nähern uns Bombay und wollen möglichst schmuck im Hafen erscheinen. Von Zeit zu Zeit begegnen wir Barkschiffen; die sechzig Hammel mit schwarzen Köpfen, welche wir in Aden an Bord nahmen, sind beinahe verspeist, der Capita« liegt an einer Cholerine darnieder, die Maschine stößt verdächtige Seufzer aus, die Sehnsucht «ach dein Festlande regt sich in uns Allen. Die Schiffsmannschaft benutzt ihrerseits die letzten Augenblicke unseres Zusammenseins, denn täglich vermehren sich die Anschlagzettel in Betreff „verlorener Sachen," aber niemals werden sie wiedergefunden. Um 13. November, 5 Uhr Morgens, stießen wir endlich auf das erste Leuchtschiff vor der Bai und feuerten drei Kanonenschüsse ab. Als wir Bombay näher kamen, ließen die Officiere zahlreiche Leuchtkugeln steigen, und es war noch nicht 6 Uhr, als der Anker fiel und mit der Erscheinung der Steuerbeamten und dienstbeflissenen Eingeborenen alle Greuel der Ausschiffung begannen. V. Rayal-Hotel. Vogel und Eidechse» in den Zimmern. DaS Domestiken« Wesen in Indien. Malabar hill. Elephant«. Die Guldwanze. ParstS. Unter Büßern. Taschenspieler. Den Händen der Zöllner glücklich entronnen, fand ich ein Unterkommen nn Royal-Hotel und wurde gleich beim Eintritt in dasselbe durch die Menge der Dienerschaft überrascht, wenn ich diesen an schwarze Fracks und weiße Halsbinden mahnenden Ausdruck auf eine Heerde fast nackter Vursche anwenden darf, die in allen Etagen des Hauses umherlungerten, ohne dem Ankömmling den geringsten Dienst zu erweisen. Die meisten Hotels in Bombay werden von Hindostanern gehalten, aber die Wirthe sind der englischen Sprache leidlich kundig, und es gelang mir sehr bald, mich mit dem Hausherrn zu verständigen. Auf meinen Wunsch wurde ich im dritten Stockwerk einquartirt. Die Zimmer desselben haben keine Decke, sondern unmittelbar über ihnen erhebt sich das Dach, das auf den einige Fuß aus den Wänden empor-Hilbrbvanbt's Reis« um die Clde. l, 3 34 ragenden Ballen ruht und so der frischen Luft freien Zutritt gestattet. Der Bewohner dieses Geschosses leidet weniger von der Hitze des Klimas, als' in den unteren geschlossenen Räumen, allein er muß sich daran gewöhnen, sein Gemach mit den Vögeln zu theilen, die von allen Seiten unter dem Dache durchstiegen, und nach einigen Tagen entdeckte ich sogar in einer Ecke des Gebälks ein Nest mit jungen zwitschernden Vögeln. Der unaufhörlich hin- und herlaufenden Ratten und Mäuse erwähne ich nicht mehr; sie gehören überall im Orient zu den Hausgenossen. Die Bauart des Hotels und der meisten Häuser der Eingeborenen ist dem Klima entsprechend überaus leicht. Sämmtliche Stockwerke sind ringsum von Veranden umgeben; Glasscheiben, giebt es nicht; die Fenster werden höchstens mit dünnen Läden oder Jalousien geschlossen. Die innere Eintheilung wird nicht durch die gebräuchlichen Wände aus Stein oder Brettern gebildet, sondern nur durch hölzerne, mit grober Leinwand überzogene Rahmen; auf ähnliche Art sind die Thüren eingerichtet. In einem solchen Hause giebt es keine vertraulichen Gespräche, aber auch in Betreff der Sicherung des Privateigentums sind keine Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ein Schrank oder eine Kommode ist nirgends zu finden, nur „mein Koffer ist meine Festung." Gleich stiefmütterlich werden wir hinsichtlich der Bedienung behandelt. Da die im Hause zu unbegreiflichen Zwecken umher-lungernden Kerle Kr den Gast keinen Finger krümmen, mußte ich mir schon am zweiten Tage einen „Boy" miethen, um nicht die Reinigung des Zimmers, der Kleidung und Stiefel selber zu besorgen. Aber es wäre rathsam, ich sorgte noch für einen Gehülfen, denn mein Bon spart seine Arbeitskraft, wo er irgend kann. Seinem Aussehen nach ist er kein übler Gesell, namentlich thut seine Farbe, die der eines Purse aus preußischen Erbsen gleicht, meinem Malerauge wohl. Das Weiße im Auge contrastirt in der beginnenden Dunkelheit prächtig mit dem düstern Fell. Da die Landessitte und Temperatur eine Livree verbieten, ich auch bei der Kürze meines Aufenthalts die Kosten scheuen, würde, denke ich nicht daran, seine Landestracht, die in einem spärlichen Schurz oder einer Badehose besteht, durch eine Zuthat zu bereichern. Es genügt, um ihn von seinen gleichfarbigen Bundesgenossen zu unterscheiden, die Farbe dieser Hose zu merken. Da er nur ein Exemplar besitzt, bin ich vor allen Verwechselungen sicher. Zu einem größeren Aufwande mutzte ich mich in Netreff meiner eigenen Garderobe entschließen. Schon bei meiner Ankunft war ich auf dem Flur des Hotels von einem Corps indischer Schneider überfallen worden, die auf mich los schnatterten, ohne daß es mir gelang, ein Wort zu verstehen. Nachdem ich den der englischen Sprache Kundigsten ermittelt, belehrte mich der junge Nadelheld, daß ich bei der Hitze in drei Tagen sterben müsse, wenn ich meine warmen Tuchkleider nicht mit leichteren, von ihm angefertigten Stücken vertauschte. Der Vorschlag ließ sich hören, und ich einigte mich mit ihm über zwei Anzüge aus halbwollenen und baumwollenen Stoffen 35 sür zehn Pfd. Sterling, bei der Wohlfeilheit des Materials ein unerhörter Preis. Obgleich er mir binnen drei Tagen mein Ende prophezeit hatte, wenn lch mich nicht der europäischen Kleider entledigt, ließ mich der indische Schelm doch volle acht Tage warten, ehe er das fertige Zeug ablieferte. Die Kost und das Getränk im Royal-Hotel waren nicht zu tadeln, nur die auf dem Eßtisch umherlaufenden Eidechsen befremdeten mich anfangs. Erst die Unbefangenheit der Tischgenofsen versöhnte mich mit den hannlofen Thierchen, die pfeilschnell von Teller zu Teller schössen und nach Vrückchen schnappten. Bei dem Schutz, den alle lebendigen Geschöpfe nach den Vorschriften der indischen Religion genießen, that ihnen Niemand etwas zu Leide. Zudem find die Eidechsen, als Vertilger lästiger Infekten, in allen Häusern gern geduldet. Eben so wenig wird gegen die Raubvögel, diese Beamten der orientalischen Sanitätspolizei, eingeschritten. Man braucht nur einige Bissen zum Fenster hinaus zu werfen, um mehrere kleine Geier von den Dächern stürzen und die Veute noch in der Luft mit den Krallen auffangen zu sehen. Bombay ist eine Stadt von mehr als 600,000 Einwohnern und besteht aus einem alten Stadttheile, den die Europäer befestigt haben und bewohnen. Und dem Viertel der Eingeborenen. Der zwischen beiden gelegene Raum wird durch eine eigenthümliche Zeltstadt ausgefüllt, in der man luftig und — billig wohnt, da der MiethpreiZ eines solchen Zeltes überaus niedrig ist. Nur durch die zahlreiche Bedienung wird das Leben auch hier vertheuert. Ein Gentleman braucht bei der in Indien herrschenden Arbeitsscheu und Unbehülsüchkeit dev dienenden Klasse wenigstens acht Diener, deren jeder monatlich außer Essen Und Wohnung vier bis fünf Rupien (an 3 Thaler) erhält. Die Theilung der Arbeit hat unter diesem Gesinde! den höchsten Grad erreicht. Es fehlt nicht viel, dah zwei Diener sich dergestalt in die Reinigung der Fußbekleidung Heilen, daß einer den rechten, der andere den linken Stiefel putzt. Zur Entschuldigung ihrer Trägheit läßt sich allein die entsetzliche Hitze anführen, aus der ich mir auch die allgemeine Trunksucht der hier wohnenden Engländer erkläre. Sie beginnen ihren Durst mit Eis- oder Sodawasser zu stillen, das ?aschenweise für ein Viertel-Rupie s5 Sgr.) verkauft wird; aber bei der unaufhörlichen Transfpiration tritt rasch eine Erschlaffung ein, der erschöpfte Körper bedarf einer Anregung. Der Durstige greift zu Brandy und Wasser, zu Porter und Ale, ?u Champagner, abcr er mag diese Lebensweise nun nicht Mehr aufgeben uud verfällt unrettbar dem Zaster des Trunkes, Das veUliuin 5rewen8 ist unter den Engländern in Bombay ein häufig vorkommendes Leiden. Iustiinde, wie sie mir hier vorkommen, habe ich nicht vorher, nicht nachher Zesehen. Mein Stubennachbar war ein leidlich junger englischer Hauptmann, der nur noch betrunken als — zurechnungsfähig betrachtet werden koncke. Nenn er Morgens erwachte, vermochte er nur zu lallen, aber kein Glied zu bewegen. Sein Boy wußte schon, wie, er sich zu verhalten habe; er richtete 36 den Kopf des Hauvtmanns in die Höhe und flößte ihm ein Näsel halb Brandy, halb kaltes Wasser ein. Nllmälig kam der Trinker zu sich und verlangte nach einer Flasche Porter oder Ale, aber es bedürfte noch einer reichlichen Quantität Sherry oder Champagner, um ihn erst so weit ;u starken, sich vom Lager zu erheben und die Uniform anzuziehen. Erst jetzt stand er gerade, ging festen Fußes einher und sprach vernünftig. Wiederholt hatte ich ihn gefragt, ob er nicht Schritte gethan, seine Heimkehr nach England zu ermöglichen; der Militärarzt hatte seinen Gesundheitszustand noch nicht für so dringend erachtet. „Er steht mich immer nur, wenn ich mir Kraft angetrunken habe!" sagte der Unglückliche, als ich ihm mein tiefes Bedauern aussprach. „So statten Sie ihm doch nüchtern einen Besuch ab'." rief ich. „Dann vermag ich nicht zu gehen, noch zu reden!" antwortete er und streckte sich auf der Schilfmatte aus. Es ging gegen Mittag und die Wirkung der genossenen Nation ließ nach. Meistens ist auch von der Uebersiedelung nach England leine Heilung mehr zu erwarten. Die kühle, nervenstärkende Atmosphäre des Vaterlandes stellt ihre Kräfte nicht wieder her. Einen nicht weniger entsetzlichen Anblick gewähren die zahlreichen Leberkranken mit ihren verblaßten Gesichtern. „Er hat keinen QuadratM gesunde Leber im Leibe!" ist eine stehende Redensart der hiesigen Englishmen. Meinerseits beobachte ich zur Erhaltung der Gesundheit die äußerste Vorsicht; nur in Augenblicken der höchsten Erschöpfung genieße ich einen Schoppen Champagner, der bei der steuerfreien Einfuhr eine Kleinigkeit mehr kostet als in Deutschland. Geheimer Rath Frerichs hatte mir in Berlin diesen Rath ertheilt, und ich befinde mich wohl bei der mäßigen Anwendung des angenehmen Medicaments. Es ist leider unvermeidlich, immer wieder auf die Hitze und die Mittel, die durch sie verursachten Qualen zu lindern, zurück zu kommen. Für die jungen Comptoiristen zu Bombay ist der englische Sabbath ein Tag der Erlösung. In den europäischen Handelsstädten beleben sie in auffallend modischen Toiletten die Promenaden und Vergnügungslocale, hier ziehen sie sich in ihre Wohnungen zurück, entledigen sich der Kleider und Wasche, wickeln, gleich den Hindus, ein Handtuch als Schurz um die Hüfte und strecken sich auf ihrem Lager aus. Im Innern des Landes pflegen die Engländer zur Nachtzeit nur mit einem nassen Hemde bekleidet, am Ufer des nächsten Flusses zu lustwandeln. Meine Arbeiten werden durch die herrschende Temperatur von 32—33 Grad Reaumur eben so sehr erschwert, wie durch die Zudringlichkeit des indischen Janhagels. Der Neugierigen kann ich mich kaum erwehren, und es blieb mir zuletzt nichts Anderes übrig, als meine Zuflucht zu einem Fiaker zu nehmen und auf dem Vordersitz desselben unter einem Schirm zu arbeiten, während der Kutscher vorn bei den Pferden steht. Aber auch so bleiben mir die 37 körperlichen Anstrengungen nicht erspart. Die elenden Mähren sträubten sich, ben Nagen auch die kleinste Anhöhe hinauf zu ziehen, und ich muh jeden Hügel im Sonnenbrände hinaufsteigen, wenn ich die Aufnahme einer interessanten Nedutte nicht unterlassen will. So auf der Höhe von Malabar Hill, wo man die Vai von Vombay und die gesammte Stadt überblickt. Die luftige Lage veranlaßt die reichen Einwohner Bombays, sich hier anzusiedeln, und in der That wohnt man angenehmer, als in der Nachbarschaft des Meeres-strandes. Nach mehreren Besuchen auf Malabar Hill gelang es mir endlich, eine größere Aquarelle von Bombay zu vollenden. Nm 14 November machte ich in Begleitung zweier deutscher Landsleute einen Ausflug nach der benachbarten Insel Elephanta, um den dortigen, aus einem Felsen gehauenen Tempel zu besichtigen. Diese Vergnügungsfahrt wurde Uns indessen mehrfach verleidet. Wohl ein starkes Drittel der auf der Rhede vor Anker liegenden Kriegsdampfer und Kauffahrer hatte die Flagge nur bis zur halben Höhe des Mastes aufgezogen, ein Zeichen, daß man an Bord Todesfälle zu beklagen habe. In Wirklichkeit ließ der Gesundheitszustand, sowohl in der Stadt, wie an Bord der Schiffe, viel zu wünschen übrig: die meisten Dvfer forderte die Cholera. Den Besuch des Tempels verkümmerte uns die kauderwälsche Erklärung unseres Cicerone, eines englischen Unterofsicier a. D. Der alte Krieger war so betrunken und sprach so undeutlich, daß wir keine Silbe verstanden und ihn aus Rücksicht gegen seine hohen Jahre ersuchten, M schweigen und am Fuße des nächsten Altars Platz zu nehmen. Ich benutze seinen breiten Rücken, um flüchtig eine Skizze des Innern zu Papier zu bringen. In der Umgebung des Tempels trieb einer der Landsleute, Herr H., einige Exemplare der Goldwanze auf. Das Thierchen gleicht einem goldenen Hemdenknopfe auf einer kleinen silbernen Platte, der Glanz erblaßt aber unmittelbar nach dem Tode des kleinen Geschöpfes. Eine fernere Unannehmlichkeit dieser Wasservartien ist die Nothwendigkeit, viermal (bei der zweimaligen Ab-sahrt und Ankunft) vom Strand aus durch den Moor des Ufers auf einem Eingeborenen bis an das Boot oder an das Land zu reiten. Jede dieser Touren wird durch Erpressung eines höheren Trinkgeldes ausgebeutet, gewiß ist die Ausdünstung dieser zweibeinigen Lastthiere aber noch widerwärtiger. Sie erinnern an den Geruch einer stark mit Raubthieren bevölkerten Menagerie. Wenn ich mich nach der von i) Uhr Morgens bis 4 Uhr dauernden Siesta w's Freie wage, erregen die religiösen Ceremonien der Landesangehörigen täglich von Neuem meine Aufmerksamkeit. Wie an unseren Landstraßen den Capellen und Heiligenbildern, werden hier zu Lande gewissen rothbemalten Steinen Ehrenbezeigungen erwiesen. Auch verkrüppelte Baumstämme werden bunt gefärbt und dann angebetet. Ansprechender für das ästhetische Gefühl sind die Andachtsübungen der Parsis, der Vekenner der Lehre Zoroasters. Dft sah ich st? in den Abendstunden am Rande des Wassers auf einem 38 saubern Teppich sitzen und Blumen, mit weißen und rothen Stoffen umwickelt, unter ehrfurchtsvollen Geberden in die Tiefe werfen. Einen schauerlichen Gegenstand zu diesem anmuthigen und mit der persönlichen Würde des stattlichen Volksstammes im Einklänge stehenden Zeremoniell bildet die Vestattungs-weise der Parsis. Die fest in weißen Ttosf gehüllten Leichen werden in feierlichem Aufzuge von den Glaubensgenossen zur Stadt hinausgetragen. Der „Tower of Silence" ist ihr Begräbnißplatz: Er besteht in einem dreißig bis vierzig Fuß hohen Thurme ohne Dach. Oben sind drei Kreise durch niedere Mauern gegen einander abgegrenzt und in kleinere Fächer getheilt. Der größte Kreis nimmt die Leichen der Männer, der mittlere die der Frauen, der kleinste die der Kinder auf; die flüssigen Ausscheidungen der todten Körper rinnen in ein im Centrum befindliches, trichterförmiges Loch. Schon aus weiter Ferne erkennt man den „Tower of Silence" der Parsis an dem Gewimmel der Geier, die unter wüstem Geschrei sich um die Beute zanken und einander die Fetzen Menschenfleisch aus den Schnäbeln und Krallen reißen. Dies ist die Methode der Parsis, zur Grabesruhe einzugehen. Die kleinen, im Innern der Stadt und in der Umgegend zum Theil sehr versteckt gelegenen Tempel der Hindus sind für Europäer schwer zugänglich; nur in dem großen Tempel-Complexus, oben in Malabar Point, wurde mir der Zutritt nicht verwehrt. Ich durfte mich ungehindert unter den heiligen Ochsen und zahmen Krähen bewegen, die kleinen Capellen der Gottheiten betreten und die Gestalten der Asceten — von den generalisirenden Engländern schlechtweg „Fakirs" genannt — unbehelligt in Augenschein nehmen. Vielleicht wäre ich weniger dreist vorgedrungen, hätte ich gewußt, daß in diesen Räumen der Entsagung wiederholt Raubanfalle und Mordthaten vorgekommen sind. Gemeinhin sind die Büßer mit einem Anstrich von angefeuchteter Asche über-zogen. Der Erste, den ich sah, hatte sich zwar nicht der fürchterlichen Buße „der füns Feuer" unterworfen, aber er saß doch im Sonnenschein vor einem großen Feuer und starrte gedankenvoll vor sich hin. Seine rechte Hand ruhte auf dem Knie, bei genauerer Betrachtung gewahrte ich, daß er den Daumen gegen die Handfläche gestemmt hatte und der Nagel tief in das Fleisch gewachsen war. Weiterhin fand ich einen anderen Büßer, er kauerte vor dem Eingänge eines kleinen Tempels und hielt den linken Arm aufgerichtet gen Himmel, aber dieser Arm war längst abgestorben und so vertrocknet, daß man die Haut, wie den Bast eines dürren Vaumzweiges, hätte herunterreißen können. Die Sitte bringt es mit sich, diesen verkümmerten Nüßern Almosen oder Nahrungsmittel zu reichen. Da ich mich daran gewöhnt habe, im Fiaker zu arbeiten, geht kein Tag ohne Ausbeute vorüber. Ich zahle für den Cab täglich vier Rupien (2 Thlr. 20 Sgr.), wofür er mir den ganzen Tag über zur Verfügung steht, doch kostet auch die Einzelfahrt dieselbe Summe. Allerdings ist der amtliche Fiakertarif 39 'viel geringer, allein wer will hier den Überschreitungen steuern? Mit den Kutschern ist, da keiner Englisch spricht und sie überdies schwer von Begriffen smd, kaum fertig zu werden. Die Kleidung der Bevölkerung besteht nur aus einem farbigen, mehr oder minder kostbaren Schurz, der unterhalb des Nabels bis auf das Knie herabhängt, Frauen und Mädchen bedecken noch die Vrust Mit einem schmalen Zeugstreifen, der Oberleib bleibt bei beiden Geschlechtern entblößt. Kinder unter zehn Jahren gehen nackt. Arme und Veine sind beim schönen Geschlecht mit Ringen aus den verschiedensten Metallen und Pretiosen bedeckt. Die Reichen glänzen von Gold und Diamanten, die Annen begnügen sich mit Eisen und geschliffenem Glase.. Auf Zerstreuungen der Civilisation muh der Europäer verzichten; Theater und Concerte sind nicht vorhanden, doch ergötzen mich nicht selten die indischen Taschenspieler. Ihr Hauptstück besteht darin, daß sie kleine Buben große Früchte, Messer oder Dolche scheinbar verschlucken lassen und diese Gegenstände alsdann unter grotesken Hantierungen aus der entgegengesetzten Deffnung des Körpers hervorholen. Ich leugne nicht, an manchem Abende bittere Langeweile empfunden zu haben. Für den 28. November war der Dampfer für Ceylon fällig, ich bezog von Herrn Banquier Gildemeister, einem liebenswürdigen Geschäftsmanne, der sich jetzt nach Bremen zurückgezogen hat, hundert Pfd. Sterling, auf dem Postamt waren zwei langerfehnte Briefe von Mutter und Schwester aus der Heimath angelangt. Es fesselte mich nichts mehr an Bombay. VI. Der Dampfer „China". Nach Ceylon. Der Commandeur von Java. Caft Comarin. Steife Brise. Point de Galle. Gerüstete Schlangen. Consul Sannentlllb. Der Iuwelenhandel auf Ceylon. Schon am Abend des 29. November hatte ich mich in Begleitung einiger deutschen Herren an Bord des Dampfers „China" begeben, obgleich die Abfahrt erst am nächsten Tage stattfinden sollte, mein Billet also erst vom ZO. November an Gültigkeit erlangte. Demgemäß wurde ich mit scheelen Blicken empfangen. Man ließ mich zwar an Bord, als ich aber für meine Begleiter, die sofort nach Bombay zurückkehren wollten, bei der Schwüle des Abends um einige Erfrischungen bat, wurden mir diese, wiewohl ich die Versicherung, sie extra bezahlen zu wollen, vorausschickte, rund abgeschlagen. Was mich selbst betraf, durfte ich später an dem Abendessen der Officiere theilnehmen. Am 30. November, um 9 Uhr Morgens, wurden die Anker gelichtet. Das Schiff ist ein kolossaler Dreidecker von fünfhundert Pferdekraft und 40 einer der größten Indienfahrer, doch will auch auf diesem Dampfer die Maschine nicht unbedingt gehorsamen. Die Schraube ist erneuert, und fortwährend erschallen Hammerschlage aus dem Bauche des Schiffes. Wir legen daher nur vier Knoten in der Stunde zurück. Da wir die Küste entlang/, nach Süden fahren, behalten wir das hohe Gebirgsland im Osten fortwährend in Sicht; bei tiefer Windstille und Sonnengluth gleicht die spiegelglatte See einer unübersehbaren Fläche von geschmolzenem Blei. Da sich nur zwanzig Passagiere an Bord befinden, herrscht hinsichtlich des Raumes ein großer Comfort an Bord, denn Jeder hatte eine eigene Kajüte erhalten. Was die Unterhaltung anlangte, war die Auswahl gering; ich hielt mich an einen holländischen Notar, den ich im Juli vor meiner Abreise in Köln hatte kennen gelernt. Er begab sich nach Java. Auch der neue General-Commandeur von Iaua, der mit seiner Tochter und ihrer Erzieherin ebendorthin reiste, war ein feiner und liebenswürdiger Cavalier; die übrigen Passagiere sind langweilige Engländer. Die Mannschaft der „China" besteht aus zweihundert Matrosen, meistens Neger, untermischt mit einigen Chinesen, den Leibmatrosen des Capitäns, doch haben wir außerdem noch zweihundert Mann an Bord, die als Besatzung eines andern Schiffes für Madras bestimmt sind. Der Capitän und die Ofsiciere trauen dem Frieden nicht sonderlich. Um einer ausbrechenden Meuterei vorzubeugen^ sind die Kajüten,des Capitäns und der Ofsiciere mit einer Menge Büchsen und Revolvern angefüllt, deren wir uns im schlimmsten Falle zu unserem Schutz bedienen sollen, eine angenehme Aussicht fü« Kaufleute, Juristen, Landschaftsmaler, alte Staatsbeamte und junge Mädchen. Die weiße Minorität befindet sich der schwarzen Majorität gegenüber daher in einer höchst unbehaglichen Situation, ich habe schon mehrere Köpfe aufgefunden, die dem Mohren Fiesco's Chre machen würden. Man lernt alle Tage etwas Neues; ich habe nie geahnt, daß sich in der schwarzen Farbe noch so viele Töne unterscheiden ließen. Unter der Mannschaft für den Dampfer zu Madras, befindet sich sogar eine tropische Galgenphnsiognomie mit einem Stich in die Pens^efarbe. Nach meinen Malerfiudien unter dieser barbarischen Horde bildet der Anblick der eleganten Holländer, wenn sie, mit weißen Glacehandschuhen angethan, auf Deck lustwandeln, für mich eine ästhetische Erholung. Den göttlichen Segen der Civilisation begreift man erst in einer solchen andersgehäuteten Gesellschaft. Bei der Abfahrt hatte ich geglaubt, die Handvoll europäischer Passagiere werde leidlich verpflegt werden, allein es geht in diesem Punkte auf der „China" nicht besser zu als auf der „Ieddo". Bedienung und Kost sind gleich schlecht. Das Elend beginnt schon früh Morgens. Zwischen 6 und^_ 7 Uhr erscheint der Steward mit zwei gefüllten Tassen Kaffee und Thee in Händen vor dem Bette eines Jeden. Beide Getränke Zehen einander zum 41 Verwechseln ähnlich. Nachdem der Steward nun gefragt, ob man Kaffee oder Thee verlange, und Bescheid erhalten, neigt er seinen unsaubern Rüssel über die beiden Tassen und sucht durch den Geruchsinn das in jeder befindliche Getränt zu ermitteln; mir verging schon am ersten Tage der Appetit nach beiden Aufgüssen. Mit Badeapparaten u. s. n>. ist die „China" reichlich versehen, doch begnügen wir uns mit dem Nießbrauch einer Feuerspritze. Vor dem Lever unserer beiden Damen versammeln sich die Herren Passagiere, nur mit Schwimmhosen decorirt, auf Deck, stellen sich in Reih' und Glied auf und werden nun einige Minuten hindurch mit dem leidlich frischen See-Wasser besprengt. Dieses Bad ist der höchste Genuß des Tages. Unser Capitän macht es sich bequemer. Für ihn wird täglich neben seiner auf dem Verdeck befindlichen Kajüte eine ordentliche, mit allen Bequemlichkeiten ausgestattete Badezelle errichtet. Nichtsdestoweniger wird durch diese sorgfältige Leibespflege feiner Schlafsucht nicht gesteuert, er liegt gemeinhin auf der Bärenhaut, wir bekommen ihn höchstens bei der Mittagstafel und in den späteren. Abendstunden zu Gesicht; das Commando befindet sich in de^ Händen der Ofsiciere. Beunruhigte uns nicht das unaufhörliche Gehämmer im Mafchinenraum, wir könnten uns der landfchaftlichen Prospecte in östlicher Richtung mehr erfreuen. Fast immer bleibt das Land in Sicht. An der Küste von Goa vermochten wir selbst die Hütten der Eingeborenen und einzelne Cocos-valmenstämme zu unterscheiden. Fliegende Fische und eine Menge sogenannter Meerschweine tummelten sich fortwährend vor unserem Schiffe, die Sonnenuntergänge waren von unvergleichlicher Schönheit, m den Nächten haben wir mehrmals Regen und Wetterleuchten gehabt. An Bord versiegt nach und nach alle Unterhaltung; der Seapoy, der uns in den ersten Tagen, wenn wir rauchen wollten, in voller Uniform Feuer brachte, hat seinen zweifarbigen Rock ausgezogen und ist von seinen unsauberen Landsleuten nicht mehr zu unterscheiden; sonntäglicher Gottesdienst wird bei dem Mangel eines Geistlichen und der Faulheit des Capitäns nicht gehalten; der Vüchervorwth ist, wie auf der „Ieddo", zu gemeinen Inhalts, als daß sich ein anständiger Mann mit Lecture beschäftigen sollte, ich suche in den Wolken, den bunten Tinten des Morgen- und Abendhimmels zu leseil und lerne mancherlei aus den Gesprächen mit den holländischen Herren. Ich lasse dahingestellt, in wie weit man in unserer deutschen Heimath die mir mitgetheilten Mittel gegen die Ratten probat findet. Auf die Anwendung der kleinen, nur fünf Fuß langen, dem Menschen nicht gefährlichen javanischen Schlangen, deren sich viele Indienfahrer bedienen, da sie leicht den Ratten in ihre Löcher folgen und die Infasfen hervorholen können, werden meine deutschen Landsleute verzichten müssen; es fragt sich, ob folgendes Mittel in praxi Stich hält. Drei gefangene Ratten werden in einen Käsig gethan und zum Hunger- 42 tode verurtheilt. Zuerst fallen die beiden stärksten über die schwächere her und fristen mit ihren« Leichnam ihr Leben, dann beginnt der entscheidende Kampf. Die überlebende wird mit dem Leichnam ihrer Gefährtin so lange in Haft behalten, bis sie ihn verzehrt hat- vierundzwanzig Stunden später setzt man sie in Freiheit. Das Thier soll jetzt wie jene Tiger, welche de» Geschmack des Menschensteisches kennen gelernt haben, auf alle andere Nahrung als Rattenfleisch verzichten, seinen Verwandten unaufhörlich nachstellen und jo ihre Zahl sehr beträchtlich vermindern. Vielleicht gelingt es unseren nordischen Kammerjägern, die Wahrheit dieser Behauptung zu ermitteln. Wir nähern uns dem südlichen Ausläufer des asiatischen Festlandes, dem Cap Comorin, und der Ocean scheint immer dunkelblauer zu werden. Mehr als der Anblick der längs der Küste segelnden indischen Canoes erheiterte uns eine im fernen Osten aufsteigende Dampfwolke. Nach anderthalb Stunden ermittelte der Capitän mit dem Fernrohr, daß der Rauch aus dem Schorn« stein des von China kommenden Postdnmufers aufstieg. Den Menschen überkommt in dieser unsäglichen Einsamkeit des Oceans ein Gefühl der Erhabenheit seines Geschlechts, wenn er sich der durch Geist und Wissenschaft vennittelten Verbindung aller Nelttheile und Völker bewußt wird. Unsere bis dahin ruhige Fahrt wurde, als wir Abends 6 Uhr Cap Comorin vassirten, auf eine bedenkliche Weise gestört. Die plötzliche Erscheinung des Capitiins machte uns Alle stutzig. Nach seiner groben seemännischen Tracht, seinen mit großer Bestimmtheit ertheilten Anordnungen stand ein Sturm bevor. Die Mannschaft ward alarmirt, Alles, was nicht met- und nagelfest war, vom Deck entfernt, schnell wurden die Masten gekürzt, auch die kleinsten Fetzen Leinwand eingeschnürt, die Sonnenzelte fortgestaut und alle Fenster und Klappen geschlossen; die Vorsichtsmaßregeln waren noch nicht beendet, als der Sturm unsere „China" in ihrer Valltoilette überraschte. Die Stimme, mit der die Aufforderung zum Tanze vorgetragen wurde, wird mir unvergeßlich blnoen. Es war dcr Klang der Posaune des jüngsten Gerichtes, er kam aus unermeßlicher Ferne, näherte sich rasch und zog mit einer so entsetzlichen Wucht üb.'r den Dampfer hin, daß Deck und Masten zu beben schienen, zugleich rollte ein Vergrücken von Wasser heran. Aber unser Drei-decker war ein rüstiges Schiff, tief ächzend tauchte es aus dem wüsten Wasser-schmall, vorsichtig hatte ich mich zwischen zwei ausgespannte Taue gedrängt. Meines Nleilens auf Deck war nicht länger- ich sloh in meine Kajüte. Hier war indessen wenig Trost zu holen. Durch eine unverzeihliche Nachlässigkeit des Wärters war das runde Fenster aus zolldickem Glase nicht fest zugeschraubt worden, als ich mich auf meiner Matratze ausstreckte, schlug plötzlich eine Welle durch die Oeffnung und lieh keinen trockenen Faden an meinem Lager. Glücklicherweise verdanke ich der Menschenfreundlichkeit des holländischen Juristen ein Unterkommen für die Nacht. An Schlaf war nicht zu 43 denken, bei dem entsetzlichen Lärm war selbst ein Gespräch in der Kajüte unmöglich. Mit dem Getrampel von achthundert Füßen über unseren Köpfen, dem Gerassel hin- und hergeschleuderter Ketten oder Taue mischten sich die Flüche der englischen Officiers, das thierische Geheul und die Kehllaute der schwarzen Mannschaft, das klägliche brüllen und Blöken der Ochsen, Kühe und Schafe, die in der Nähe unserer Kajüte stationirt waren. Morgens 6 Uhr am 3. December besserte sich das Wetter. Freilich hatte sich der Ocean noch . nicht beruhigt, der wie ein Holzspan hin- und hergeworfene Dampfer neigte sich bald nach rechts, bald nach links in einem Winkel von 45 Oraden, aber der Sturm tobte nicht mehr mit gleicher Wuth. Da wir sehr hoch über Wasser liegen und die Wellen nicht über die hohen Schiffswändi hinaus-reichen, ich auch in der Nacht von der Seekrankheit nicht behelligt worden bin, gelingt es mir, meine übliche Morgen-Cigarre auf Deck zu rauchen. Die „China" hat den Stunn vortrefflich überstanden. Die Schraubendampfer sind stets schmäler als die Raddampfer und vermögen daher gemeinhin der bewegten See nicht gleichen Widerstand entgegen zu setzen, allein unser Schiff hatte sich als festes Bauwerk vollkommen bewährt. Gegen Mittag verwandelte sich der heftige Wind in eine fächelnde kühle Vrise, alle Segel werden beigesetzt, und der Capitän benutzt die günstige Gelegenheit, sogleich — zu Bette zu gehen. Um 3 Uhr Nachmittags erblicken wir Ceylon, aber tief in Wetterwolken gehüllt, zugleich nähert sich uns ein großes amerikanisches Klivvcrschiff und telegraphirt mit Flaggen, wir möchten seine Annäherung in Point de Galle, dem Haupthafen von Ceylon, annonciren. Da der Wind sich wieder heftig erhob und es zu regnen begann, zogen wir die meisten Segel ein; in Begleitung eines riesigen Haifisches, der sein Boot umkreuzte, kam gegen halb 6 Uhr Abends ein singhalestscher Laotse an Bord, es war jedoch zu spät, bei der furchtbaren Brandung, welche die Küste von Ceylon umgiebt, den Dampfer in den Hafen zu bringen, und wir warfen auf der Rhede Anker. Die letzten Momente vor Sonnenuntergang benutzte ich noch dazu, um die wunderlichen Nöte der Eingeborenen, mit ihren seltsamen Auslegern zur Erhaltung des Gleichgewichts in der Brandung, zu Papier zu bringen. Das Geschlecht der Bootsleute war nicht zu unterscheiden, denn die Tracht der Männer und Frauen stimmt hier fast ganz überein. Am 4. December Morgens 8 Uhr lieh ich mich für den Ehrensold von vier Rupien nach dem Festlande übersetzen und stieg in Culeman's Hotel ab. Ewer der sehnlichsten Wünsche meines Lebens war erfüllt; ich befand mich auf der Wunderinfel Ceylon. Die kleine Stadt Point de Galle zerfällt, wie alle ansehnlichen Ortschaften des Orients, in der Stadt der Eroberer oder Einwanderer, und der Eingeborenen, doch sind auch in letzterer zahlreiche Häuser der Weißen erbaut. Die schmalen Straßen sind sauber gehalten. In der Bauart der 44 Häuser geht man nur darauf aus, Schatten und frische Luft zu berücksichtigen. Sie sind ein Stockwerk hoch, die Fußböden mit Steinen gepflastert, die Fenster nur mit Persiennen oder Jalousien versehen und die Wände der Zimmer, dicht über den feinen Matten, mit denen die Steine bedeckt sind, hie und da mit Löchern versehen. Schon Nachmittag sollte ich von der Tendenz derselben belehrt werden. Als ich nämlich nach einem kurzen Spaziergange in der Stadt, den der bedeckte Himmel gestattete, in mein Zimmer zurückkehrte, wurde ich durch ein höchst merkwürdiges Schauspiel auf der Schwelle gebannt. Ueber den Fußboden, die Tische und mein Äett zerstreuten sich Heerschaaren durch das Oessnen der Thür eingeschüchterter Geschöpfe, welche die Utensilien des Fremdlings näher besichtigt haben mochten. Bei meinem Erscheinen rissen si^ aus und flohen in die Löcher, welche der Baumeister mit guten; Vorbedacht ftir sie offen gelassen hatte. Es war ein belustigendes Schauspiel, überall zuckende Eidechsenschwänzchen hervorgucken zu sehen, doch war nebenbei kein Mangel an größeren, minder unschädlichen Insekten. Mehrere riesige Scorpione ereilte ich auf dem Rückzüge; als ich einen leichten Paletot von der Wand nahm, überraschte ich eine Spinne von der Größe einer Kinderfaust mit entsprechend langen haarigen Beinen. Bei meiner unzureichenden Nebung in der Svinnenjagd gelang es mir nicht, ihrer habhaft zu werden, doch ließ sie mir bei der Verfolgung zwei Beine als Jagdbeute. Die unsägliche Fülle und Fruchtbarkeit der Vegetation erstreckt sich hier auch auf das Thierreich. Die Einwohner halten zum Vergnügen fast!vor allen Häusern kleine fchwarze Affen, und das Lieblingsspielzeug der beinahe schwarzen, aber wohlgobildeten Kinder ^find winzige Papageien, die ihnen auf Schultern und Armen sitzen. Der Menschenschlag auf Ceylon ist überhaupt hübscher und uon angenehmeren Manieren, als ich ihn bisher im Orient getroffen. An der Mittagstafel des Hotels habe ich heute ein neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie wurden in der Suppe gelocht und gebraten servirt-, ihr Wohlgeschmack lieh sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für Aal, bis mich die größere Härte des Fleisches eines Besseren belehrte. Unsere Tischgesellschaft bestand wie in Bombay aus höchst cordialen Eidechsen. Nicht eben so friedlich sind die schwarzen Ameisen, von denen das ganze Hotel wimmelt. Wenn ich meinen Malkasten öffne, sind alle Tafeln und Näpfe von den Bestien bedeckt. Zum Glück gehören sie nicht zu d,r verheerenden Species ihrer Familie, aber es ist dennoch unmöglich, sich ihrer zu erwehren, die Stunden, in denen es thunlich ist, im Freien zu arbeiten, suche ich nach Kräften auszubeuten, doch habe ich zuweilen mit unerwarteten Hindernissen zu kämpfen. Als ich einige Tage nach meiner Ankunft mich auf dem Festungs-ivalle des Forts eingerichtet hatte und daran ging, den Leuchtthurm und die Aussicht aus das Meer zu slizziren, näherte sich mir ein englischer Unter- 45 officier an der Spitze von zwei Gemeinen mit gefällten Bajonetten unb verbot mir mit der angenehmen Manier seiner Landsleute, von diesem Punkte aus eine Ansicht aufzunehmen. Nur der Herr Major könne die Erlaubniß ertheilen. Der Ucbermacht weichend, schloß ich meine Mappe und streckte nüch, in der Voraussetzung, meine fernere Anwesenheit werde nicht beanstandet werden, im Grase aus. Die Sonne neigte sich und jenes Farbenspiel begann, das den Fremden immer wieder für alle seine Leiden entschädigt, die das Klima über ihn verhängt. Die feuchte Atmosphäre von Ceylon bedingt zudem die seltsamsten Beleuchtungtscffecte, die man, in nüchterneren Zonen auf die Leinwand übertragen, für eine M'mchhauseniade des Pinsels halten würde. Sprachlos starrte ich in dieses Flammenmeer am westlichen Horizont, in sein rasches Verglimmen durch die gesammte Farbenscala, die Dunkelheit brach herein, als ich plötzlich auf meinem ganzen Körper, Kopf und Händen, ein lästiges Krabbeln und Zwicken fühlte. Entsetzt sprang ich vom Boden auf. Ueber und über war ich von kleinen Eidechsen, Kriechthieren und Leuchtkäfern bedeckt, die in meiner Versuukenheit mich ohne Weiteres bestiegen hatten. Nachdem ich die Zudringlichen abgeschüttelt, eilte ich nach Hause und war so glücklich, in meinem Zimmer einigen Divisionen Wanderameisen zu begegnen, die ihren Einmarsch durch das offene Fenster gehalten hatten. Glücklicherweise ging die Etappenstraße nicht quer durch mein Bett, und ich hatte ungeachtet des in Bächen vom Himmel strömenden Regens eine ziemlich ruhige Nacht. Da ich den Umgang mit den Engländern grundsätzlich meide, bin ich auf den einzigen hier anwesenden Deutschen, Herrn Consul Sonnenkalb, einen grundgutmüthigen Hamburger, angewiesen. Der theure Landsmann hat sich zwischen den Wendekreisen einen prächtigen Bauch angeschafft und den Appetit seiner Vaterstadt ungeschwächt erhalten. Er giebt mir allerlei nützliche Fingerzeige und warnt mich täglich vor der Fingerfertigkeit der Singhalese«. Der Wirth im Hotel räth gleichfalls, vor der Dienerschaft auf der Hut sein und ihm alle werthvollen Gegenstände und Baarschaften in Verwahrung zu geben' ich habe jedoch die Bewohner der Insel nicht so diebisch gesunden, als man angegeben hatte. Nur mit blanken Kleinigkeiten unb Nippessachen darf man die großen Kinder nicht in Versuchung führen. Eine weit gefährlichere Sorte, als diese kleinen Hausdiebe, sind die Perlen- und Iuwelenhändler auf Ceylon. Sie fondern ihre Vorräthe nicht nach dem Werth und der Echtheit der einzelnen Objecte. Unechte und echte Perlen oder Diamanten werden durcheinander gerüttelt präsentirt. Fordert man den Verkäufer auf, ein echtes Stück zu einem bestimmten Preise vorlegen zu wollen, wie es die Sitte reeller Fabrikanten und Kaufleute mit sich bringt, so verneigt er sich mit tiefer Demuth und spricht: „Triff selber Deine Wahl, o mein Herr! ^Dir gehört Alles, was ich besitze!" Man thut wohl, mit 46 dem höflichen Juwelier äußerst behutsam umzugehen, sonst wird man blutiss über das Ohr gehauen. Gleich bei der ersten Begegnung verzichtete ich auf alle Ankäufe, so gern ich ein Andenken von der Insel nach Europa mit-gebracht hätte. Eben mit der Auswahl unter kleinen brillanten beschäftigt, trat ein Engländer zu mir und forderte goldene Ringe. Der Händler zeigte ihm verschiedene, und der Engländer fand großes Wohlgefallen an einem gar zierlich in Gold gefaßten Katzenaugensteine, aber der Ring sollte die Summe von zweihundert Dollars kosten. Der Gentleman schien zu überlegen, der geschmeidige Händler ließ das Kleinod im gedämpften Tageslicht leuchten. Jetzt war der Engländer mit sich einig geworden, er empfing den Ring, betrachtete ihn noch einmal und sagte dann, die Augenbrauen in die Höhe ^iehe^d: „Vier Dollars!" Was wird man sagen, ohne weiteres Sträuben-ward der Handel abgeschlossen. Der Engländer war später sogar besorgt, selbst zu diesem niedrigen Preise von dem singhalesischen Fälscher übervortheilt zu sein. Ich für meinen Theil hatte alle Lust verloren, kostbare Andenken für Europa einzulaufen. Die Schwierigkeiten Ver Arbeit. Nach Colombo. Pferdezucht. Rothe Zähne. Die ersten Elephanten. Ein Buddhatempel. D»s Neger-Portrait. Meine regelmäßigen Malerstudien haben mir in Point de Galle schon einen Namen gemacht. Man betrachtete mich, wie die Japanesen in Berlin^ als einen Gegenstand der Unterhaltung für die müßige Bevölkerung. Sobald das Wetter in den Morgenstunden sich aufzuheitern verspricht, besetzt der Janhagel der Stadt den Platz unter meinem Balcon und stiert unablässig 5u meinen Fenstern oder vielmehr Gittern empor, denn Glasscheiben gehören hier zu den größten Seltenheiten. Mache ich mich auf den Weg, folgt mir der ganze Haufen und stellt sich hinter meinem Malerstuhl, Sonnen- oder Regenschirm auf. Nichtsdestoweniger zweifle ich an dem Kunstsinn meiner Zuschauer; ich habe sie vielmehr im Verdacht, nur durch mein solides europäisches Parapluie gefesselt zu werden. Vei dem ununterbrochenen Regenwetter der Insel Ceylon ist ein dauerhafter Regenschirm auf ihr dieselbe Nothwendigkeit, wie in gewissen Thälern unserer europäischen Hochgebirge. Nun find aber die in China angefertigten papiernen Schutzdächer, die man überall für einen Sixpence feilbietet, fo gebrechlich und unzuverlässig, daß mein Parapluie sehr wohl den Neid der Eingeborenen erregen kann. Ueber die Zudringlichkeit der Singhalesen darf ich aber nicht klagen; sie sind im Ganzen ein bescheidener und gesitteter Menschenschlag. Jeder sieht sich vor,, mich in meinen Arbeiten zu stören. 47 Bei der außerordentlichen Reichhaltigkeit des malerischen Stoffes würde ich weit mehr schaffen, wenn das Regenwetter mich nicht fortwährend hinderte. Die unbeschreibliche Feuchtigkeit des Dunstkreises dieser Insel, über welche der Ocean zuerst seine grauen Wolken wälzt, ehe sie sich über die Küsten Asiens zerstreuen, ist nicht nur die Urheberin dieser auf Erden einzig dastehenden üppigen Vegetation und wunderbaren Farbengebung, sondern auch einer Menge von Hindernissen, mit denen gerade der.eifrige Landschafter zu kämpfen hat. Ich weih mich mancher Tage zu erinnern, wo, ungeachtet der äußersten Sorgsalt, das Papier unter nieinen Händen auseinander gegangen, die Farben weinander verwaschen sind und mir nichts Anderes übrig blieb, als wieder Unter Dach und Fach zu flüchten. An dergleichen Unglückstagen war ich nicht selten nur auf die Gesellschaft der Mäuse und Fledermäuse in meinem Zimmer angewiesen, wenn ich meine Mußestunden nicht mit Vetellauen ausfüllen wollte. Selbst heute noch, im Schooße der Civilisation, glaube ich die Spuren der Nässe in den verwischten Bleistiftzügen meines Tagebuchs wiederzuerkennen. Gn derartiges Klima wirkt natürlich auf die Billigkeit der edelsten Südfrüchte sehr vortheilhaft ein. Für zwei frisch vom Baume gepflückte Cocosnüsse, deren erfrischende Milch ich Morgens genieße, bezahle ich im Hotel nur den heimischen Normalpreis für alle Kleinigkeiten, zwei und einen halben Silbergroschen. Auf dem Markte kosten sie kaum die Hälfte, und der Verkäufer giebt noch einige Bananen oder eine Ananas zu. Der Anblick eines mit diesen Kostbarkeiten des Pflanzenreiches geschmückten Frühstückstisches ist höchst malerisch. Und ich bedauerte oft, fo manchen meiner begabten Verufsgenofsen nicht an Meiner Seite zu haben. So reich aber die künstlerische Ausbeute in der Umgegend von Point de Galle war, glaubte ich doch meine Reise längs der Westküste bis nach Colombo und in das Innere Ceylons nach Candy nicht, länger aufschieben zu dürfen. Ich begab mich daher auf das Postamt, bezahlte das Billet für eine eilfstündige Postfahrt mit zwei Pfd. Sterling fünf Shill. und packte meine Koffer. Am 8. December, dem Tage vor meiner Abfahrt, wurde ich noch durch ein großes indisches Fest überrascht, das um 10 Uhr Abends begann und die ganze Nacht hindurch dauerte. Die Bevölkerung von Point de Galle feierte das Gedächtniß eines buddhaistischen Heiligen und führte zu seiner Verherrlichung drei große, mit Teppichen und brennenden Lampen verzierte, auf Rädern befestigte Schisse in der Stadt umher. Das fromme Volt machte mit betäubender Musik und Geschrei einen rasenden Lärm, doch kam auch vieles sonst Merkwürdige zum Vorschein. Als eine Sehenswürdigkeit wurde mir u. A. eine zehnjährige Mutter gezeigt, die ein dreimonatliches Kind am Vusen trug. Dergleichen Beispiele der Frühreife sind selbst in diesen fruchtbaren Gegenden selten. Unter den Zuschauerinnen des indischen Festes erregte ferner auf dem Valcon unseres Hotels eine schöne Touristin Aussehen, die zu jenen 48 genialen Wittwen gehörte, welche sich in den großen Städten Indiens und Chinas, oder an Bord der Postdampfer aufhalten und bald diesem, bald jenem reichen Gentleman Gesellschaft leisten. Die Hitze des Klimas hatte dem herrlichen Teint der ema»cipirtett Schönen, einer Engländerin, keinen Schaden gethan, nur eine zarte Milchstraße von Sommersprossen hob ihre strahlenden blauen Augen noch mehr hervor. Ein Goliath von englischen: Capitän stand eben im Vegriff, astronomische Beobachtungen zu beginnen. Im Hotel konnte ich nur so viel erfahren, daß die von Kopf bis zu Fuß schwarz gekleidete Dame die Wittwe eines Officiers sei, der in einem der letzten Treffen gefallen. Die Abfahrt nach Colombo war auf vier Uhr Morgens festgesetzt, allein es wurde 6 Uhr, ehe Alles in Ordnung war. Der Postwagen bestand in einer Art nach allen Windrichtungen hin offenen Omnibuskutsche, zudem war ich der einzige Reisende. Die Post steht zwar in dem englischen Kronlande Ceylon unter dem Gouvernement, doch läßt die Aehnlichkeit mit den postalischen Einrichtungen Großbritanniens viel zu wünschen übrig. Der Weg zwischen Point de Galle und Colombo ist nur zweiundsiebzig englische Meilen lang, die Pferde werden etwa zehnmal gewechselt, man könnte mithin rasch genug weiter kommen, wenn nicht die Widerspenstigkeit der Pferde oder die Ungeschicklichkeit der Singhalesen in ihrer Behandlung gar zu vielen Aufenthalt verursachte. Die Pferde gedeihen auf Ceylon sehr schlecht, und die zum Poftdienst erforderlichen Exemplare müssen vom indischen Festlande importirt werden, aber eben so mangelhaft scheinen die Singhalesen von Natur als Pferdewärter, Kutscher und Reiter organisirt zu sein. Sie überbieten in dieser Hinsicht noch die Franzosen und Italiener. Schon die Art, wie die Pferde aus den Ctällen und Pferchen vor den Wagen geführt werden, widerspricht dem gesunden Menschenverstände. Als ob sie reißende Thiere wären, sind sie am Maule geknebelt; nicht nur mit Peitschen und Stöcken, sondern auch mit Kneifzangen und scharfen Klammern werden sie vorwärts getrieben. Den Proceß des Anschirrcns lassen sich die Pferde gefallen, so wie das Gespann aber anziehen soll, wird den Iumuchungen der beiden Kutscher das äußerste Widerstreben entgegengesetzt. Der Rosselenker auf dem Nock hat nämlich noch einen Subftituten, einen Courier, der an der Seite des Wagens hängt und fortwährend den Zustand des Weges und — die Ohren der Pferde scharf in's Auge faßt. Gelegentlich springt er vom Wagen, eilt dem Gespanne voraus und entfernt jedes Hinderniß, das nachtheilig auf den Humor der Gäule einwirken könnte. Wir sind indessen noch nicht unterwegs; die Hauptschwierigkeit auf jeder Station besteht darin, die Pferde überhaupt in Gang zu bringen. Sie werden von den beiden Rossebändigern an den Mähnen und den Ohren gerissen, man schlingt Stricke um ihre Vorderbeine und zerrt sie daran vorwärts, schlägt imt Prügeln aus den härtesten Hölzer«: auf sie 49 los; erst die ultimü. rktio des lebendigen Feuers pflegt auf sie überzeugend einzuwirken. Unter dem Bauche der beiden Deichselpferde wird ein kleines Strohfeuer angemacht, und sogleich setzt sich die Cavalcade in Bewegung, das abschreckende Beispiel beunruhigt auch die übrigen Klepper, und wenn sich nicht unvorhergesehene Fälle ereignen, wird der Omnibus mit seinem menschlichen Inhalt in ununterbrochenem scharfem Trab und kurzem Galopp bis zur Nächsten Station geschafft, wo mit dem neuen Vorspann auch die abscheuliche Thierquälerei von vorn beginnt. Der leidlich im Stande gehaltene Weg ist von entzückender Schönheit. Er führt, hart am Gestade des Oceans, durch die malerischen Ausläufer eines Waldes von Cocos-, Fächer- und Nreka-Palmen, Vrotbäumen, Banianen und Bananen, Ananas und Mango; die Straße ist auf beiden Seiten mit Häusern und Hütten bebaut und sehr belebt. Auch der Strand wimmelt von Fischerböten, nur Frauen sieht dcr Reisende selten. Sie werden von ihren eifer« Kchtigen Männern unter Schloß und Riegel gehalten, ich durfte es daher für em Glück verheißendes Zeichen erachten, als eine junge Schöne mich holdselig anlächelte und mir ihre weißen — nein, rothen Zähne zeigte. Mann und Weib, Alt und Jung kauen Vetel, ein Gemisch oon Kalk und Areka-Nutz nebst etwas Gewürz, und das Innere des Mundes, Zähne und Speichel, werden durch den fortwährenden Gebrauch dieses seltsamen Anregungsmittels allmälig blutroth. So viele alte und kranke Leute am Wege auch zum Vorschein kommen, von Bettlern werde ich den ganzen Tag über nicht belästigt. Das Elend und die Jahre des Lebens mögen auch den Singhalesen zu Boden drücken, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, erspart ihm die verschwenderische Natur dieser Zone. Ein Bissen gekochter Reis findet sich überall für ihn, und mehr bedarf er bei seiner Mäßigkeit nicht. Mit einem halben Acker Landes ist der Singhalese nach heimischen Begriffen ein reicher Mann. Um 4 Uhr Nachmittags erreichten wir Colombo und stiegen im Hotel Royal ab, nachdem wir an einem ungeheuren Nanianenbaume, dem göttliche Verehrung erwiesen wird, vorübergekommen waren. Auf der letzten Wegstrecke n>ar ein Unwetter losgebrochen und es stürmte entsetzlich. Die Schiffe auf der Nhede schwebten in großer Gefahr. Da der Regen und Sturmwind sich bald legte, ließen sich die Capitäne jedoch nicht abhalten, am Lande zu bleiben und dem Sherry und Champagner zuzusprechen. Ich selbst machte vor Einbruch der Dunkelheit noch einen Rundgang um die Stadt, eine alte portugiesische Festung. Die Stadt der Singhalesen mit ihren schmutzigen Bazaren liegt, wie überall im Orient, außerhalb der Befestigungen, unter den Kanonen derselben. Bettler, die mich den Tag über verschont, fand ich bei meiner Rückkehr von der Promenade in genügender Anzahl »or dem Hotel. Der Aufenthalt in meinen vier Pfählen verspricht wenig Annehmlichkeiten. Das Bett und der Tisch stehen mit ihren Füße» in Wassernäpfen, eine neue Vorsichtsmaßregel HUbebranbt's Reise um die Erde, I. 4 50 gegen die Ameisen, die mir denn auch in Geschwadern entgegenkommen. Es bleibt mir nichts Anderes übrig, als auf meinem Bette Platz zu nehmen und meine Beinkleider unten gegen den Angriff mit Bindfaden zu umwickeln. Der Empfang glich dem zu Point de Galle. Alle jene Bestien, welche bei meinem Eintritt die Honneurs gemacht, haben sich zwar schleunig zurückgezogen, aber aus allen Fugen und Ecken lugen unheimliche Schwänze hervor, und Glieder, aus denen ein armer Laie in den Naturwissenschaften nicht klug werden kann. Unten im Gastzimmer ist der Aufenthalt nicht anlockender. Die stark angetrunkenen Schiffscapitäne schicken an meinen Tisch ihre indischen Boys mit gefüllten Champagnergläsern, und ich uerinag mich nach allerlei Ausflüchten dieser Zudringlichkeit erst zu erwehren, als ich eine Dysenterie vorschützte. Inzwischen entwickelte sich ein Streit, und einer der Capitäne fordert einen anwesenden englischen Officier auf Pistolen — morgen früh — fünfzehn Schritt Barriere! Dennoch hatte ich keine Ursache, mich darüber zu beunruhigen, denn schon am nächsten Morgen, als ich nach einer Excursion vor die Thore von Colombo, wo ich eine Ansicht des Ortes aufnahm, in das Hotel zurückkehrte, fand ich die beiden Kampfhähne wieder friedlich hinter einer Batterie von Porterflaschen zusammen. Meine Hoffnung, die ersten Elephanten auf Ceylon zu sehen, ist bis jetzt getäuscht worden. In der Umgegend von Colombo find gezähmte Elephanten zwar vorhanden und man bedient sich ihrer zu landwirthschaftlichem Dienste, allein die Thiere müssen ihre Arbeiten zur Nachtzeit verrichten. Als Grund wird die Scheu der Pferde vor den Elephanten angegeben, auch von ihrer Seite soll die Antipathie eine nicht geringe sein. Auf meine Aitten wurde mir versprochen, an einem der nächsten Tage mir vier Elephanten, das Eigenthum eines wohlhabenden Grundbesitzers in der Nachbarschaft, vorzustellen. Am 11. December unternahm ich einen Ausflug nach dem etwa acht englische Meilen von Colombo entfernten Buddhatemvel. Der Weg war beispiellos schlecht, und der Wagen verfank alle zehn Minuten bis an die Axe in den Sumpf, der, genauer betrachtet, den Grund und Boden des Cocos-waldes bildete. Mein Auge wurde während dieser mißlichen Expedition durch die ideale Schönheit der Gruppen von Cocospalmen und die zu Millionen auf dcn Wasserspiegeln schwimmenden Lotosblumen getröstet. In dem Buddhatempel selber fand ich einen ganz leidlich englisch sprechenden Aufseher, der mir das große liegende Abbild des Buddha und die sonstigen Einrichtungen seines Cultus erläuterte. Ungeachtet die Insel Ceylon in den Augen der Nekenner des Buddhaismus eine Heiligkeit genießt, wie etwa Palästina imd Jerusalem mit ihren Stätten in den Augen gläubiger Christen, wurde ich doch von den Tempelaufsehern, den Priestern und Andächtigen mit großer Toleranz behandelt. Von einer Unterbrechung des Gottesdienstes durch meine 51 Erscheinung tonnte eigentlich nicht die Rede sein. Die Anbetung des großen Religionsstifters, der unser Leben nicht als ein Gut, sondern als das größte Uebel bezeichnete, dem ein Nichtfein für alle Zeiten vorzuziehen sei, bestand einfach im Spenden frischer Blumen und brennender Lampen. Da den heiligen Ochsen der Zutritt in den Tempel nicht verwehrt wird, machen sie sich gleich nach jedem Opfer an's Werk und fressen die geweihten Blumen auf. In Bombay sah ich sie sogar auf den Märkten von ihren Vorrechten Gebrauch machen und die Vorräthe der Gemüsehändler angreifen, diese wußten ihnen jedoch durch energische Rippenstöße, unbemerkt von den Fanatikern, den Appetit zu vertreiben. Da es fortwährend regnete, versuchte ich unter meinem Schirm eine Skizze des Tempels zu entwerfen und erregte dadurch die äußerste Theilnahme der Umstehenden, deren Zahl nach und nach wohl bis auf tausend gestiegen sein mochte. Die Nächsten ließen mir nicht eher Ruhe, als bis ich einen heiligen Banianenbaum, der hinter mir stand, in meine Aquarelle aufnahm, wofür ich durch ein gleichfalls heiliges Concert belohnt wurde, das zwei kleine schwarze Bengel, vielleicht die Virtuosen des Tempels, auf einer Trommel und Pauke anstimmten. Gewiß bildete der Klang der Münzen, die ich als Trinkgelb zahlen mußte, den einzigen Wohllaut des ganzen Concertes. Nach« dem ich auf dem Rückwege eine berühmte Schiffbrücke zum zweiten Male passirt und dafür fünfzehn Silbcrgroschen Zoll erlegt, fuhr mich mein Kutscher auf einem wenn möglich noch schlechteren Wege nach Colombo zurück. Da in der Umgebung des Tempels keine „Ausspannung" zu treffen gewesen war, ich mich daher mit einfachen Erfrischungen versehen, wollte ich diese mit meinem Kutscher theilen. Der Mensch lehnte jedoch mein freundliches Anerbieten mit Geberden des Abscheues ab. Eine Rupie dagegen nahm er ohne Weiteres an, um sich selber etwas Eßbares zu kaufen. Und bei diesen starren Kasten-vorurtheilen glauben die Missionäre die Indier für die Lehrsätze des christlichen Glaubens, Liebe und Brüderlichkeit gewinnen zu können! Als ich in Point de Galle mit meinem bewunderten Regenschirm nur an das Vlechgefäß eines Wasserträgers streifte, schüttete der Fanatiker den Inhalt, ohne sich zu besinnen, aus und begann die Oberfläche des Messingkruges zu poliren. Doch suchte mein strenggläubiger Kutscher sich später bei der Ankunft in Colombo für die erhaltene Rupie erkenntlich zu erweisen. Er führte mich in eine etwas abgelegene Stadtgegend und suchte meine Bekanntschaft mit eimgm Damen zu vermitteln, die dort auf die Ankunft wohlhabender Europäer zu warten schienen. Unter ihnen fiel mir eine Schöne auf, die durch ihre Nase, d. h. die Mittelwand und die beiden Seitenflügel, nicht weniger als drei goldene, mit Edelsteinen besetzte Ringe gezogen hatte. Auch die nackten, schön geformten Arme und Beine waren mit schweren goldenen Kleinodien übcrhäuft. Gern Hütte ich die prächtige Gruppe flüchtig zu Papier gebracht, aber unter meinen» 4. 52 ganzen Vorrath befand sich nicht mehr ein trockenes Blatt! Gleich darauf begegnete ich einem portugiesischen Hochzeitszuge. Die Portugiesen, die ehemaligen Herren der Insel, sind im Laufe von drei Jahrhunderten fast der dunkelhäutigen Bevölkerung gleich geworden und von dieser schwer zu unterscheiden, berufen sich aber noch immer stolz auf ihre europäische Abstammung. Unter jeder Bedingung ist die Familienähnlichkeit mit Salike stärker, als mit Vasco de Gama. Als ich im Hotel anlangte, fand ich die gesammte Dienerschaft im höchsten Unwillen gegen mich vor. In meiner Stubenthür hatte nämlich ein wirklich schließender Stubenschlüssel gesteckt und ich vor meiner Spazierfahrt von demselben Gebrauch gemacht; dadurch war die tugendsame Dienerschaft schwer gekränkt worden. „Hier stiehlt Niemand, hier ist noch niemals gestohlen worden!" mußte ich von allen Seiten in kaum verständlichem Englisch hären. Erst durch ein kleines Gastgeschenk gelang es mir, die ehrlichen Leute zu besänftigen. Am andern Morgen machte ich den Versuch, einen der Miethgäule als Reitpferd zu benutzen, doch zeigte sich die Bestie nicht bereitwilliger gegen mich, als ihre Gefährten. Wenn mir der als Treiber fungirende sanfte Hindu mit der Ebenholzkeule, deren er sich als Reitgerte bediente, nicht alle Knochen im Leibe zerschlug, habe ich mich bei der gütigen Vorsehung besonders zu bedanken. Es war mein erster und letzter Ritt auf Ceylon. Ich kam auf demselben nicht zum Ziele, erst am 12. December gelang es mir, einige in Freiheit dressirte Elephanten eine Viertelmeile von Colombo zu sehen. Doch verhielten sich die Colosse, die eben ihr Nachtwerk vollendet hatten, so unruhig, daß ich auf die flüchtigste Skizze verzichten mußte. Nur an das Dunkel gewöhnt, flöhte ihnen jede fremdartige Gestalt Entsetzen ein. Unter den Eingeborenen mache ich manche interessante Bekanntschaft, zuerst muß ich ihnen aber, wie »nan wohl denken kann, ihre Luft ausreden, sich von mir malen zu lassen! Von unserem preußischen Vaterlande ihnen einen Begriff zu verschaffen, ist durchaus unmöglich. Der Klügste der Herren fragte, ob die Engländer uns Preußen auch so hohe Steuern auferlegten, wie den Singhalese«? Das originellste Motiv, gemalt zu werden, führte mein Dolmetscher an, es glich dem unserer Bettler: „er habe eine Frau und acht Kinder!" Wenn mich aber auch nicht meine beschränkte Zeit daran gehindert hatte, zuwsilen ein flüchtiges Conterfei eines dunkelhäutigen Individuums anzufertigen: ich hatte schon in Brasilien durch meine unbesonnene Bereitwilligkeit, zu portraitiren, sehr üble Erfahrungen gemacht. Auf vieles Bitten hatte ich einen komischen Schwarzen gemalt, und zwar mit so dunkeln Tinten, wie ihn die Natur decorirt, aber was geschah? Der tolle Kerl, der einen Hut und Stiefel trug, zählte sich deshalb zu den Weißen und glaubte steif und fest, daß er auch in meinen Augen weiß erschiene, ich ihm aber durch das schwarze Portrait eine tödtliche Beleidigung habe anthun wollen. -Es 53 blieb mir damals nichts übrig, als vor dem ergrimmten Landsmann Othello's Reißaus zu nehmen. Jetzt war ich hinlänglich gewitzigt, um nicht wieder in eine ähnliche Falle zu gehen, und hielt mir alle kunstliebenden Gönner mit schwarzem Fell weit vom Leibe. VIII. Non Elllamb« nach Eandy. Der Mensch und der Kaffee. Eheschließung unter den Singhalese». Der Zahn Buddhas. Ameisen im Mantelfack. Souper mit Prügel-Dessert. Die landschaftliche Umgebung von Colombo ist jetzt, so weit es die regnerische Witterung der Insel gestattet, möglichst ausgebeutet, und ich muß mich beeilen, einen Ausflug in das Innere Ceylons zu veranstalten. Äm 13. December, lange vor Tagesanbruch, erhob ich mich von meinen: Schmerzens-lager, packte meinen Koffer, bezahlte die hohe Rechnung im Hotel und machte mich um 6 Uhr auf den Weg nach Candy. Der Nagen war für vier Personen eingerichtet, aber von drei Engländerinnen befetzt, deren jede einen ungezogenen Jungen mit sich führte. Ich hoffe, diese Angabe wird zur Bezeichnung der Situation genügen. Nachdem die Morgennebel sich verzogen hatten und der Himmel erträglich klar geworden war, suchte ich von meinem beschränkten Sitz aus Einzelheiten der Gegend, wenn auch nur mit Bleistift in meinem Notizbuch zu skizziren, doch ward ich vielfach durch die Fußtritte meiner drei jungen Reisegefährten gehindert. Der Neg von Colombo nach Candy ist von seltener Schönheit. Zwar führt er überall zwischen Sümpfen hindurch, allein malerische Gebirgspartien beleben den Hintergrund, und die Flora und Fauna der Gegend wirken unablässig anregend auf die Einbildungskraft. Grupven kolossaler alter Väume mit einem abenteuerlichen Behang von Schlingpflanzen wechseln mit tiefen Abgründen und Wasserfallen, die zwischen bemoosten Felsspalten durchdrängen, hier gaukeln Schmetterlinge von wunderbarer Schönheit und Größe um seltsam geformte Blüthen, dort tauchen aus dem Waldesdunkel zwei Elephanten auf, die unter der Führung von Eingeborenen an der Verbesserung des Weges arbeiten. Gegen Mittag gelangten wir, indem das Terrain sich allmälig hob, in die Kaffeeregion. Der Weg führte fortwährend durch Reisfelder und Kaffeeplantagen, doch will ich gleich hier bemerken, daß man daraus nicht auf die Vortrefflichkeit des hier credenzten Kaffees schließen möge. So ausgezeichnet die edle Bohne auf Ceylon gedeiht: ich erinnere mich nicht, irgendwo auf meinen Reisen schlechteren Kaffee getrunken zu haben. Anderthalb Stunden vor unserer Ankunft in Candy wurden wir, etwa 4 Uhr Nachmittags, von einem furchtbaren Regenfchauer überrafcht. 54 Ich bin in allen Zonen und Höhen über der Meeresstäche eingeweicht worden, doch behauptet der Dunstkreis von Ceylon den Vorrang. Wir saßen in unserem an der Seite offenen, nur durch einige an den Fenstern baumelnde Leinwandfetzen geschützten Wagen wie in einem Badebassin; das Wasser stürzte in einem Gießbach über den Tritt hinaus. Die kleinen englischen Knaben hielten sich bewunderungswürdig; sie entwickelten wahrhaft amphibische Seiten. Der Kleinste, der vielleicht auf der Insel geboren sein mochte, geberdete sich in dem Sturzbade wie ein Frosch nach wochenlanger Trockenheit, wenn der Himmel endlich seine Schleusen zieht, und doch hatte es schon beinahe zwei Monate hindurch täglich geregnet. Im Hotel zu Candy wurde ich van der dicken Wirthin in ihrem sauberen, sehr elegant müblirten Boudoir freundlich genug empfangen, aber wie erschrak ich, als ich das mir angewiesene Gemach betrat. Es stand, gleich dem eben verlassenen Postwagen, unter Wasser, und ich muh sofort einen der vor dem Hotel umherlungernden VoyZ engagiren, um den Raum nothdürftig zu entwässern und die Nacht in erträglicher Trockenheit zuzubringen. Mr gehen jetzt die Reize der tropischen Regenzeit auf, und ich fange an, den „Eingeborenen" bei Voz zu beneiden, der in einer immerwährenden Regenzeit, aber nur von Stiefelknechten, lebte, die sein Herr, der englische Major, nach ihm schleuderte. Einer Beleuchtung meines Zimmers am ersten Abende nach meiner Ankunft bedürfte ich nicht, denn die Leuchtkäfer hatten sich durch die offenen Fenster in ungewöhnlicher Anzahl eingefunden; doch war diese an sich nicht unangenehme Gesellschaft mit anderweitigen Elementen versetzt, die mir den äußersten Widerwillen eingeflößt haben. Sobald ich den Boden eines außereuropäischen Continents betrete, mache ich es mir zum Gesetze, sowohl Abends jeden Winkel des Bettes, wie Morgens jede Falte der an den Nagel gehängten Kleider zu untersuchen. Den unbekannten Stubengenosfen ist in den Hotels zwischen den Wendekreisen niemals zu trauen. Meine Recherchen waren nicht unfruchtbar. Das Zimmer glich im Ganzen weniger einem menschlichen Aufenthalte, als einem Schweinstalle, das Bett wimmelte daher von Schwaben oder Kakerlaken (cockroaokss), dem widerwärtigsten Ungeziefer, das mich schon an Bord der indischen Dampfer zur Verzweiflung gebracht hatte. Gleich unter dem Kopfkissen fand ich mehrere Paare dieser abscheulichen > Geschöpfe, die, unähnlich den Singhalese«, im Zustande der Monogamie zu leben scheinen. Da der Saft der Cockroaches, wenn man sie tödtet, einen widerwärtigen Gestank verbreitet, ist es kaum möglich, sich ihrer zu entledigen. In äußerster Niedergeschlagenheit flüchtete ich in das Gesellschaftszimmer des Erdgeschosses, aber hier war noch weniger Trost zu finden. Un der Tafel sahen drei Kaffeeplantagen-Besitzer, Engländer von Geburt, doch drehte sich die Unterhaltung nur um das klimatische Fieber, mit dem meine Tischnachbarn behaftet waren, und die dagegen anzuwendenden Mittel. 55 Um Morgen des 14. December hatte der Regen aufgehört, doch waren die Berghohen in der Umgegend Candy's von dichten WoUenballen belastet. Trotzdem begab ich mich, gegen die Nasse durch Gummischuhe geschützt, auf die Studienjagd, machte aus dieser indessen die unangenehme Vekanntschaft des Landblutegels. Diese Unholde stecken wie Schieferstifte in der feuchten Erde, kriechen den Menschen an und beißen, um zu seinem Blute zu gelangen, durch Strümpfe und Kleider. Ich ließ mich durch einen empfindlichen Viß, dem eine heftige Blutung folgte, nicht abhalten, meinen Weg nach dem berühmten Buddhatempel von Candy fortzusetzen, um das Innere desselben in näheren Augenschein zu nehmen. An Cicerones war kein Mangel, doch waren die Müßiggänger bei ihrer mangelhaften Kenntniß der englischen Sprache nicht zu brauchen. Ihr Vocabelvorrath bestand nur in zehn bis zwölf nichtssagenden Phrasen, und auf die verschiedenartigsten Fragen erfolgte stets nur die Antwort: ,,^L8, 8ir! ^e«, 8ir!" Dennoch gehört die Mehrzahl dieser Subjecte zu dem Stande der Beamten, Polizei und Soldaten. Die meiste Bewunderung erregt auch in Candy mein solider Berliner Regenschirm. Stände mir ein zweites Exemplar zur Verfügung, ich würde den vortheilhaftesten Tausch mit Kleinodien des Tempels machen können, denn selbst die Priester müssen sich mit elenden chinesischen Papierschinnen, oder den Blättern der Fächerpalme begnügen. Nächst meinem Regenschirm mache ich selbst bei dem schonen Geschlecht von Candy Glück. Die jungen Damen, wenn sie die üblichen Vlumenspenden zu den Gräbern ihrer Ahnen tragen, wo ich mich meiner Studien halber gern aufhalte, werfen nur so freundliche Blicke zu, daß ich fast in Versuchung geführt werde, mittelst der Geberdensprache eine nähere Unterhaltung anzuknüpfen. Eine derselben, eine hohe schlanke Gestalt, war trotz der lichtbraunen Gesichtsfarbe von großer Schönheit der Züge. Ihre nackten Arme und Füße — sie hätten jedem Bildhauer zum Modell dienen können — waren mit schweren goldenen Spangen geschmückt, und in jedem Ohr trug sie vier Ringe mit Rubinen nnd Brillanten. Dennoch wage ich nicht, sie von allen Speculationen auf meine Börse freizusprechen, ohne ihr jedoch dergleichen geheime Absichten moralisch zur Last zu legen. In diese Naturmenschen ist ein Zug von Gemeinheit verwebt, eine Habsucht, die unter allen Umständen befriedigt werden muh. Darin stimmt der Indier nnt dem Italiener vollkommen überein. Nach Ausbezahlung des bedungenen Lohnes verzichten sie nie auf ein Trinkgeld. Je bereitwilliger man es ihnen verabreicht, desto begehrlicher setzen sie ihre Betteleien fort, legt man eine Kleinigkeit zu, so mag man die Hoffnung aufgeben, sie so bald loszuwerden; sie heften sich wie Kletten an die Fersen. Zwischen einem Hindu in Bombay oder Calcutta und einem Facchino in Neapel ist in dieser Hinsicht kein Unterschied. 56 Meinen Humor will ich nicht loben; die unaufhörliche Unterbrechung meiner Arbeiten im Freien durch die Regengüsse verdirbt mir jeden frohen Augenblick. Blickt freilich die Sonne durch das Wolkengewebe, schaart sich um meinen Malerdreifuß ein Haufe von braunen Maulaffen, so fehlt es nicht an Stoff zur heitersten Unterhaltung. Häusig habe ich mir beim Besuch der B egräbnihstätten Mühe gegeben, in den Gesichtern der Betenden eine Spur innerer gemüthlicher Vorgänge zu entdecken. Vergebens, es war in ihnen eben so wenig Unzufriedenheit und Kummer über die „Sansara", die Welt des diesseitigen Leidens, wie Hoffnung auf den jenseitigen ewigen Frieden der „Nirwana" zu bemerken; nur meine irdischen Rupien versetzten die frommen Singhalese« sofort in die beste Laune. Es ist begreiflich, daß die europäischen Missionäre mit ihren, allen Anschauungen dieses Volkes widersprechenden Lehren und Sittengesetzen unglaublich wenig ausrichten. Ehebündnisse werden z. B. überaus leicht geschlossen. Hat ein Singhalese gewählt, so richtet er an das Weib seines Herzens nur die Frage: „Willst Du den Reis für mich kochen?" Giebt sie eins bejahende Antwort, so ist die Ehe geschlossen, denn die wirthschaftlichen Geschäfte eines Weibes (des Wortes „Hausfrau" kann man sich nicht wohl bedienen) gehen über diese einfache Verpflichtung nicht hinaus. Die junge Gattin ist jedoch durch ihre Zusage nicht im Sinne eines Jawortes nach dem Civilgesetzbuche gebunden. Erkundigt sich ein anderer brauner Gentleman nach ihrer Bereitwilligkeit, für ihn den Reis zu kochen, und hat ihr Geschmack gegen seine Persönlichkeit nichts einzuwenden, so übernimmt sie dasselbe Geschäft nebst allen ferneren Consequenzen auch für ihn, ohne daß der eheliche Friede dadurch beeinträchtigt würde. Nur einmal war ich Zeuge eines Zwistes. Er war in Folge einer kränkenden Frage entstanden, die ein Weib an ihre Freundin gerichtet. Diese lautete: „Für solch einen Kerl kochst Du den Reis?!" und ist die schwerste Beleidigung, die einem weiblichen Geschöpf auf Ceylon angethan werden kann. Schon bei meiner Ankunft in Point de och befand sich nichts Erquickliches für ein Maler' äuge darunter. An einem Ausflüge in das Viertel der Engländer verhinderte ,69 mich die entsetzliche Hitze und die Nässe meiner Kleidungsstücke. In Betracht der nahen Rückkehr an Nord hielt ich es nicht einmal der Mühe werth, Rock und Leibwäsche zu trocknen, ich ließ mich in dem Gastzimmer des nächsten Hotels nieder und erquickte mich mit dem guten Wasser, womit Madras reichlich versehen sein soll. Durch das Fenster blickte ich auf die Rhede, wo einige zwanzig Schiffe vor Anker lagen. Fünf derselben waren bei dem letzten Orkan entmastet worden. Mein Tischnachbar, ein englischer Seecapitän, schildert mir Madras als einen der ungünstigsten Orte für Schifffahrt und Handel. In den Monaten October, November und December sei kein nach europäischer Bauart construirtes Boot im Stande, die Brandung zu passiren. Nach meinen eben gemachten Erfahrungen hatte ich keinen Grund, die Angabe des Capitäns zu bezweifeln. Er behauptete, zuweilen wochenlang auf der Rhede von Madras vor Anker gelegen zu haben, ohne andere Verbindung mit der Stadt, als durch eine merkwürdige Sorte von Lazzaroni zu Wasser. Die Unmöglichkeit für den Einzelnen, in dem Ungestüm der tobenden Gewässer ein Boot zu lenken, und die Einträglichkeit des Erwerbes für kühne Schisser, welche sich dazu hergeben, die Correspondenz zwischen Madras und den Postdampfern zu unterhalten, hat die Eingeborenen erfinderisch gemacht. Aus drei fest zusammengebundenen Balken Zimmern sie ein etwa 12 Fuß langes Floß, auf dem der Schiffer mit einem Nnder in der Hand reitet. An den Handhaben aus biegsamem Gestecht hält er sich fest, wenn die Brandung das Unterste zu oberst kehrt. Gegen die Sonne und das Sturzwasser wird scin Kopf durch eincn spitzen Strohhut geschützt; die Briefe steckt er in eine um seinen Leib gebundene wasserdichte Strohtafche. So trotzen diese Seedienstmänner Wind und Wetter, ohne zu Schaden zu kommen, wiewohl die Gewässer von Madras von Haifischen überfüllt sein sollen. Die Wasser- und Champagnerflaschen waren geleert, der Eavitän zog das Chronometer aus der Tasche und sagte: „Wenn Sie rechtzeitig an Bord kommen wollen, wird es Zeit sein, abzufahren!" Wirklich hatte die Mannschaft des Bootes schon auf mich gewartet. Vier übelriechende baumstarke Gesellen packten mich bei den Armen und Beinen, tmgen mich wie einen Koffer in's Boot, die drei Sturzwellen gingen wie bei der Ankunft über uns weg, und in einer halben Stunde hatten wir die Schiffstreppe des „Bengal" erreicht. Um unberufene Eindringlinge fernzuhalten, standen an beiden Seiten derselben zwei Matrosen, j>ie mit Nilpferdtantschuhen auf jedes nicht zum Dampfer gehörige Individuum losschlugen, aber, wie ich später vernahm, sich gelegentlicher Personalvsrwechfelungen schuldig machten. Fünf Uhr Morgens am 27. December stachen wir wieder in See und steuerten in nordnordöstlicher Richtung in den bengalischen Meerbusen. Die zahllosen Möven und Seeadler, die uns anfangs begleitet hatten, kehrten bald auf die Rhede von Madras zurück, und eine Stunde später setzte unser 70 Dampfer seinen Weg in ungestörter Einsamkeit fort. Die alte Ordnung der Dinge und das unleidliche Benehmen der Damen kehrt wieder. Vormittags protestiren sie, wo sie einem rauchenden Herrn begegnen, gegen das abscheuliche Laster. Nrrangiren wir aber Nachmittags auf unserem Rauchplatze, wohin kein weibliches Wesen gehört, Gesellschaftsspiele, so finden sie sich vollzählig ein u«d erheben nicht die geringste Einwendung gegen Cigarre und Pfeife. Aus Verzweiflung über die langweilige Gesellschaft lege ich mich zeitig zu Bett, nachdem ich vorher ein paar Neger unserer Schiffsmannschaft skizzirt, die nur aus einem Oberkörper und sehr langen Armen bestanden, die Beine glichen an Kürze denen des Orangutangs. Am 23. December verbesserte sich das Wetter, die Sonne durchbrach die Wolken und die Passagiere beider Geschlechter versammelten sich unter dem Sonnenzelt. Ihr Aussehen ist in Folge der anhaltenden feuchten Hitze und der verdorbenen Luft der Cabmen, in welchen die Mehrzahl den ganzen Tag zubringt, äußerst verkommen, doch gewährt es meinem menschenfreundlichen Herzen einigen Trost, daß wir Alle noch reputirlicher aussehen, als das Geslügel, welches auf unsern Tisch kommt und eines natürlichen Todes an Leberlrankheiton verblichen scheint. Die verdächtige Grüße dieser Organe hält unsere Damen jedoch nicht ab, sich ihrer zu bemächtigen. Die unangenehme Seefahrt verschlechtert selbst die Sitten. Mir siel heute auf, daß mehrere Gentlemen zwar in elegantester Toilette und mit weißen Halsbinden, aber doch in Pantoffeln bei Tisch erschienen und sich nicht entblödeten, in Anwesenheit der feinsten Damen laut und zudem falsch ^ zu pfeifen. Dieselben Gentlemen erheben sich erst von ihren Sesseln, wenn sie bis zum höchsten Pegelstande mit Madeira, Port, Brandy, Porter oder Ale angefüllt sind und kaum noch das Gleichgewicht behaupten können. Mein Schlafbursche hat mich in der letzten Nacht zweimal geweckt und mir die Photographic ssiner Braut gezeigt. Er kam wiederholt auf ihr Embonpoint zurück und versprach sich davon „Dauerhaftigkeit für die Tropen". Nur ein abermaliger Ausbruch der Dysenterie verkürzte diese naturwissenschaftliche Abhandlung. Ein junges Ehepaar aus Hamburg, das sich an Vard befinden soll, habe ich noch nicht zu entdecken vermocht. Hier affektirt Jedermann: Engländer von Geburt zu sein. Man kann nicht den ganzen Tng über in der Tiefe des Oceans uud gen Himmel blicken, ich widme mich in dcr Verzweiflung der Langeweile dem Studium der vierfüßigen Reisegefährten. An Vord befinden sich nämlich ein aus dem himmlischen Reiche gebürtiger Köter und eine aus Bengalen stammende Katze. Ihre Unverträglichkeit zwingt den Steward, sie fortwährend getrennt zu halten und jedem einen besondern freien Tag zu gestatten. Heute am 23. December ist er zum Sitzen verurtheilt und in schlechter, bissiger Laune; gestern saß Miesmies. Freigelassen begiebt er sich sogleich zum Koch und bettelt wedelnd um kalte Küche; sie befleißigt sich an ihren freien Tagen der Rattenjagd. Ueber meinen zoologischen Beobachtungen "ist mir entgangen, daß der Capitän sich wieder mit meinem Handtuch abgetrocknet hat. Ich bitte den Steward um ein reines Exemplar und beschließe, es von jetzt an stets in der Rocktasche bei mir zu tragen. Allmälig lerne ich auch die an Bord befindliche Gesellschaft genauer kennen. Wir nähern uns Bengalen, dem Indigolande, und die Väter und Gatten der an Bord befindlichen Damen machen hauptsächlich in diesem einträglichen Artikel. An der Spitze steht cine heirathslustige steinreiche Indigo-Wittwe ; ein bis auf das Skelett zusammengetrockneter Vater führt zwei blonde Indigo-Töchter nach Calcutta auf die Hoirath. Schätzte ich die Freiheit nicht höher als Reichthümer, ich könnte mein Glück machen, allein in diesem Klima habe ich auch den letzten Rest von Heirathslust eingebüßt. Unter den wenigen Deckpassagieren ist es mir gelungen, eine höchst anziehende Bekanntschaft zu machen. So viel ich bei der Schwierigkeit, uns unter einander zu verständigen, herausbekommen habe, ist der alte Herr ein vensionirter russischer Hauptmann und hat sich eine Zeit lang in Sibirien dem Zobelfange gewidmet. Gewissensregungen liehen ihm dort keine Ruhe, er machte sich vor einem Jahr auf den Weg und pilgerte von Sibirien zu Fuß nach Jerusalem. Dort hat er am ' heiligen Grabe gebetet und zwar die Unruhe seiner armen Seele, aber nicht feine Reiseluft verloren. Nachdem er fast meine bisherige Route zurückgelegt, beabsichtigt er, zu Fuß in seine russische Heimath zurückzukehren. Der originelle Tourist führt einen kleinen tragbaren Kochofen mit sich, dessen Schornstein nach dem Winde gedreht werden kann, und bereitet seine Speisen eigenhändig, wobei er gewöhnlich des Rauches wegen mit seinen Reisegefährten in Streit geräth. Er ist mit gesalzenem und gedörrtem Fleisch und Fischen versehen, die er in einem Nlechnapfe mit Reis und Knoblauch garkocht. Derselbe Napf wird gleich darauf, ohne vorher gereinigt zu sein, zur Anwendung einer grogartigen Flüssigkeit benutzt, die der Hauvtmann „Chamvansky" nennt. Die englischen Passagiere haben auch ihn deshalb „Master Champansky" getauft. An großbritannischen Seitenstücken zu dem ehemaligen Zobeljäger fehlt es nicht an Nord des „Bengal". Der Wäschevorrath eines jungen Weltumseglers besteht notorisch nur aus zwei bunten wollenen Hemden und zwei Bündeln weißer papierner Halskragen. Der Himmel erheiterte sich, bei einer sanften Nordwestbrise ist die Temperatur nicht wärmer, als an einem schönen Iunitage in Deutschland, und nach langen Leiden erwacht wieder unsere Lebenslust. Mein Cabmen« geführte geht mit der Photographie der Braut auf Deck umher und zeigt sie Jedermann, sämmtliche Albums werden ausgepackt, die Koffer der Damm hervorgeholt und die Galakleider besichtigt, der Capitän zieht schließlich das für feine Braut bestimmte goldene Armband hervor und berichtet zur Schilderung semer lebhaften Neigung, daß er sechsundzwanzig Pfd. Sterling dafür bezahlt habe. In Erwartung des nahen Landes geht der Capitän des 7! 72 „Bengal" überaus bedachtsam zu Werke. Die Company hat im letzten Jahre drei ihrer besten Dampfer verloren, und allen Befehlshabern, sind deshalb die äußersten Vorsichtsmaßregeln eingeschärft. Die ganze Nacht hindurch ist „gelothet^ worden. Endlich am 20. December, 8 Uhr Morgens, bekommen wir die hier stationirte Brigg in Sicht, die jedem anlangenden Schiffe einen Lootsen zusendet. Der Jubel nimmt lein Ende, der Lootse erscheint mit weißen Glacehandschuhen geschmückt, im schwären Frack auf Deck des „Bengal" und empfängt die Glückwünsche unserer Damen. Der Befehlshaber der Brigg, mochte zwar den nüchtersten der unter seinem Commando befindlichen Lootsen ausgesucht haben, doch schien mir der Mann nicht ganz fest in seinen Schuhen zu stehen. Da er indessen mit sicherer Hand das Steuer ergreift, unterdrücke ich alle Besorgnisse und begebe mich auf das Vorderdeck, um die auftauchende Küste Vengalens und der Gangesmündungen zu beobachten. Das Delta des heiligen Stromes besteht bis zu einer Tiefe von drei- bis vierhundert Fuß aus angeschwemmter schwarzer Dammerde, das Festland taucht nur nach und nach aus den Meereswogcn auf und gleicht anfangs nur einem zähen Schlamme, der sich erst spater verdichtet und mit einer halb auf Seetang, halb aus grünen Pflanzen bestehenden Vegetation, bedeckt. Um 10 Uhr haben wir den westlichen Arm des Ganges, den Hugly, erreicht und fahren stromaufwärts, ohne gleichzeitig die Ufer an beiden Seiten erblicken zu können. Mit jeder Minute entwickelt sich mehr Leben, wir kommen zunächst an einem Feuerschiff vorüber, große und kleine Dampfer, schwimmen uns entgegen, der Spiegel des Hugln wimmelt von Fischerböten, die alle großen Beutestücke im Hintertheile der Böte aushängen und dadurch ungemein zur Belebung des Flußbildes beitragen, zur Rechten macht ein roth und weiß bemalter Leuchtthurm einen prachtvollen Farbsneffect, die Insel, auf der er errichtet ist, trägt den einladenden Namen der „Tigermsel", doch soll selbige:lluch eben so reichlich mit Alligatoren versehen sein. Tausend Schritte weiter sehe ich mich mit einiger Bangigkeit nach dem Lootsen um: der „Bengal" rauscht an einem gesunkenen Dreimaster vorbei, nur noch die Spitzen der Masten ragen aus der Strömung des Hugln hervor. Die schönen Reisegefährtinnen kümmerten sich nicht um die Landschaft und die Marine, die Toilette für die Ankunft in Calcutta wird ausgesucht, und für die Herren ist unter dem Sonnenzelte kaum noch ein Plätzchen aufzutreiben. Das elende Diner wird heute nicht mehr fonderlich bekrittelt, auf den fabelhaften Sonnenuntergang, dessen Gluth mich für meine Vorräthe an „Cadmium" besorgt macht, zumal das „Neapelgelb" nicht ausreicht, achtet ja nur ein Landschafter von Profession. Obgleich es erst 5^ Uhr Nachmittags ist, werfen wir doch die Anker, und die Eingeborenen erklettern die Seitenwände des „Bengal", um uns die Früchte des Landes und Strohhüte anzubieten. Langsam treibt ein Leichnam vorüber, er schwimmt auf dem Rücken '3 und Brust und Unterleib des braunen Körpers, die aus dem Wasser um einige Zoll hervorragen, sind von der Sonne Indiens weiß gebleicht. Auf der Brust des Todten sitzt ein großer Aasgeier und läßt sich seine Abendmahlzeit schmecken. Das ist die hiesige wohlfeile Methode, die Verstorbenen zu bestatten. Erst am Nachmittag des 31. Decembers sollten wir Calcutta selber erreichen, nachdem wir die letzte Nacht im sogenannten Diamantenhafen zugebracht. Von der Mündung des Hugln bis zu dem Gartenremer Calcutta's sind nur vierzig deutsche Meilen, aber das Tempo der Fahrt mutz der häusigen Begegnung mit stromabwärts segelnden und dampfenden Schiffen halber verzögert werden. Die Schönheit der Vegetation an den fruchtbaren Ufern entschädigt den Touristen für den Aufenthalt. Die Gipfel der Talipot-, Cocos-und Dattelpalmen schwanken überall im Winde. Die Zollbeamten haben sich schon seit gestern an Bord eingefunden und unsere Gepäckstücke durchgeschnüffelt. Schwerlich wird man an den Grenzen Rußlands unmanierlicher behandelt. Mittags war die Toilette der Damen vollendet, der Verschluß der Koffer fällt ihren unglücklichen Männern und Vätern zur Last, und jede Schöne, gleichviel ob jung oder alt, will die Erste am Lande sein. Ich zählte über sechzig zusammen, dazu eine unbegrenzte Anzahl ungezogener lärmender Kinder, und eine förmlich aus Koffern errichtete Citadelle. Es bleibt uns Männern nichts übrig, als den Damen den Vortritt zu lassen; ich ziehe mich weislich nach dem Steuerrade zurück und fülle die Zeit mit einer Skizze der Umgegend aus. XI. Mein NeujahrS-Gratulant. Die Stadt der Paläste. Die schwarze Stadt. Gottlieb. Der Tausendfuß. Nach dem botanischen Garten. Der indische Olegant und sein Friseur. Der Ganges, das Grab der Gläubigen. Nach beendeter Ausschiffung war mein erstes Geschäft, in der Stadt umherzufahren und ein Quartier zu suchen. Es vergingen zwei Stunden, ehe ich ein Unterkommen gefunden hatte. Vor den Thüren der drei anständig und nach europäischem Brauch eingerichteten Hotels wurde ich abgewiesen, sie waren grb'ßtentheils mit reichen Bengalen angefüllt, welche, in kleineren Städten ansässig, nach Calcutta gekommen waren, um an den Freuden der Saison theilzunehmen. Ich mußte zuletzt froh sein, von einem englischen Subalternbeamten aufgenommen zu werden, der feine ganze Wohnung in ein Noardinghoufe umgewandelt hatte und sich mit feiner Gattin, einer Portugiesin, wie die Wirthe in unjeren Bädern und Sommerfrischen, in einem elenden Kämmerchen neben meinem Zimmer behalf. Ich bin im Erdgeschoß einquartirt, aber als Verschluß der Fenster sind keine Rahmen mit 74 Glasscheiben, sondern nur Jalousien vorhanden, und wenn ich diese nicht schließe, ist der auf der Straße umherlungernde Pöbel im Stande, Alles zu beobachten, was ich im Zimmer vornehme. Meine Feier des Sylvesterabends 1862 bestand in einer genauen Revision meiner Effecten, welche durch die Excursionen auf Ceylon und die Feuchtigkeit des Inselklimas unglaublich gelitten hatten. Die europäischen Lederkoffer befanden sich namentlich in einem trostlosen Zustande. Nach einer unruhigen Nacht, in der ich viel an meine ferne Familie dachte, setzte ich mich am 1. Januar vor die Thür und empfing die Gratulationen einer blauen Dohle. Das arme Geschöpf mochte mit Nahrungssorgen zu kämpfen haben, es schlug hülfeflehend mit den Flügeln und krähte mich jammervoll an; ich besaß nichts, weder zu seiner, noch meiner Erquickung. Erst mußte ein Diener gemiethet werden, der mir den Thee nebst Zubehör aus der Küche auf mein Zimmer brachte, denn von den Hausgenossen hielt sich keiner für verpflichtet, den neuen Miether zu berücksichtigen. Mit Hülfe der schwarzbraunen Frau Wirthin, die trotz ihres Portugiesenthums stark in das Eingeborene hinüberspielte, gelang es mir bald, einen Boy zu engagiren. Die würdige Dame empfahl mir den jungen Mann angelegentlich, rieth indessen gleichzeitig, ihm auf die Finger zu sehen und keinen Koffer unverschlossen stehen zu lassen. Der erste Vormittag wurde mit der Besichtigung des englischen Stadt-theils ausgefüllt, der, getrennt von der Stadt der Eingeborenen, unterhalb derselben am linken Ufer des Hugly liegt. Gemeinhin wird das specifisch englische Calcutta „die Stadt der Paläste" genannt, und in der That verdient der reiche Ort diesen prahlerischen Titel. Der sagenannte Gartendistrict besteht aus einer Menge einzeln gelegener Villen, die von Blumen- und Parkanlagen umgeben sind, deren einzelne den Raum kleiner Landstädte einnehmen. Oberhalb des Gartendistricts befindet sich die Esplanade mit dem Fort William, dem Paläste des Gouverneurs, der Stadthalle und einem Parke. Hier pflegt die Gentry Calcutta's in den kühleren Stunden des Tages frische Luft zu schöpfen. Cavaliere und schöne Damen tummeln ihre englischen Rennpferde und arabischen Hengste, der Nabob, in kostbare Shawls gehüllt, wiegt sich in einem von Gold strahlenden Londoner Phaeton, alle Touristen erscheinen vor dem Diner auf der Promenade; wir befinden uns auf dem Corso von Calcutta. Von der Esplanade und dem Hauptlandungsplatze aus erstreckt sich eine stattliche Strandstraße mit dem Zollhause und der Münze. Der majestätische Hugly ist mit einem Maftenwald englischer und amerikanischer Indienfahrer bedeckt, jeder Quadratzoll des Terrains verkündet die Capitale der Nation von Eroberern und Großhändlern. Für die Bewässerung der Stadt ist durch künstliche Bassins gesorgt, deren es mehr als tausend geben soll. Zum Sprengen der Straßen bedient man sich jedoch des Hugly-Wassers, das eine Dampfmaschine aus dem Strome pumpt 75 Hinsichtlich des architektonischen Styles verdienen der Palast des Gouverneurs und die Stadthalle hervorgehoben zu werden; die Mehrzahl der Paläste oder Villen ist mit mehr Reichthum als Geschmack aufgeführt. Das Ganze gewährt ein grandioses Bild, das sich mit jeder Weltstadt Europas zu messen vermag. Je weiter nach Norden, desto zahlreicher werden die orientalischen Nuancen, bis endlich in „der schwarzen Stadt" der indische Typus vollständig überwiegt. Es wimmelt in allen Straßen von Kleinwaarenhändlern. Man hausirt mit englischen Kupferstichen und kölnischem Wasser, Rasir- und Federmessern, unechten Gold- und Silberwaaren, Uhrketten von Pferdehaaren, Dintenfässern und Würsten. Kehrt ein englischer Officier oder Handlungsbeflissener nach Europa zurück, so «erkauft er sein ganzes Mobiliar zu jedem Preise, es wird zerstückelt, die Trödler durchziehen nun mit Commoden, Stühlen, Waschtischen u. dgl. m. auf dem Kopf die Stadt, und jeder neue Ankömmling sucht auf dem Wege des Einzelkaufes sein Mobiliar zusammenzusetzen. Dem Zweck der Reise entsprechend sind meine Wanderungen meistens in die schwarze Stadt gerichtet. Sie bilden einen schneidenden Gegensatz zu dem englischen Hauptviertel. Die Paläste der indischen Großen, die einst hier residirten, sind feit der Schlacht bei Passn, in der (am 23. Juni 1757) Lord Clive der Herrschaft des Saubahdars von Bengalen, Suradsch u Dauleh, ein Ende machte und den Grund zum britischen Indien legte, in Trümmer gesunken, und in den Ruinen haben die armen Eingeborenen ihre Vambus-hiitten errichtet. Einige derselben habe ich zu skizziren versucht, aber die Mehrzahl spottet jedes Griffels und Pinsels. Die Schweineställe norddeutscher Dörfer sind, mit ihnen verglichen, comfortable Aufenthalte. Ein Freund m Europa, dem ich später die flüchtige Skizze einer dieser Hütten schenkte, hielt sie für das Fragment einer zusammengeschossenen Barrikade. Der architektonische Kehricht ist mit Hunderten von kleinen Hindutempeln und Moscheen durchsetzt. Am Nachmittag des 1. Januar machte ich in Gesellschaft eines Amerikaners, meines Hausgenossen, einen Ausflug nach tzowrah, in der Nähe von Calcutta. Es fand dort zum Vesten der Armen ein Fest statt, an dem sich auch mehrere Nabobs in ihrem prächtigen Nationalcostüm als Zuschauer betheiligten. Die Herren ve'. stehen es, mit ihren Shawls sich malerisch zu drapiren. Die Vergnügungen bestanden in englischen Gesellschaftsspielen, elender Musik und schlechten kleinen Theatern. Der Unternehmer eines derselben machte auf eigenthümliche Weise Reclame für sein Institut. Nor dem Eingänge war ein Mann aufgestellt, der durch den Ton einer Schnarre Zuschauer anlocken sollte. Die Gröhe dieses verführerischen Tonwerkzeuges machte jedoch eine eigenthümliche Maschinerie zu seiner Bewegung nothwendig. Sie bestand in einer Drehorgel, deren Kurbel die Schnarre in fortwährendem Umschwünge erhielt. Wenn der Inhalt des Stückes dem Tone des einladenden Instrumentes entsprach, kann ich die Zuschauer nur 70 . beklagen. Halb erstickt von dem dichten Staube, kehrten wir in unseren Plllankins nach Calcutta zurück. Der Fremdenandrang scheint noch immer zuzunehmen, denn der Gouverneur beabsichtigt, demnächst einen großen Maskenball zu geben, und dergleichen Vergnügungen sind hier zu selten, um unbeachtet zu bleiben. Am 2. Januar unternahm ich einen Ausflug in das chinesische Viertel der schwarzen Stadt und freute mich an der rastlosen Thätigkeit der Bevölkerung. Sie beschäftigt sich überwiegend mit der Anfertigung von Schuhen und zeichnet sich auch durch ihre verhältnihmähige Reinlichkeit vor den gemeinen Hindus aus. Es ist unmöglich, längere Zeit in Indien zu verweilen und nicht immer wieder auf die Faulheit der Eingeborenen zurückzukommen. Ein europäischer Handwerter thut in einem Tage mehr, als zwölf Hindus in eben so viel Monaten. Glücklich ist der Mensch, der so viel zusammengebracht hat, um sagen zu können: „I äo uotkinF." Mein Boy dient mir bei meinen täglichen Menschenstudien als Modell. Er sucht mich auf alle mögliche Weise auszubeuten und betrachtet meinen Geldbeutel als die Basis seines künftigen Capitalbesitzes, doch vermisse ich bei seinen Finanzoperationen jene Pfiffigkeit, welche alle Ethnographen den Hindus zuschreiben. Da ich nicht dem verwerflichen Beispiel meines Nachbars, des Amerikaners, folgen kann, der rücksichtslos auf den Balcon und über diesen weg auf die Straße und Köpfe spuckt, hatte ich dem Boy den Auftrag ertheilt, einen Spucknapf zu kaufen, und diesen mit drei Rupien (2 Thlr.) bezahlen müssen. Das gelungene Geschäft mochte „Gottlieb" — diesen christlichen Vornamen habe ich meinem Heiden beigelegt — ernmthigt haben; er bat sich heute viertehalb Rupien (2 Thaler 10 Silbergroschen) aus, um — Wichse zu kaufen. Auf die Gefahr hin, für einen Barbaren gehalten zu werden, bekenne ich offen, einen Augenblick hindurch in Versuchung geschwebt zu haben, Gottlieb selber, und zwar unentgeltlich, durchzuwichsen. Die entsetzliche Magerkeit des Menschen, die er mit allen seinen Landsleuten der untersten Kasten theilt, hielt mich zunächst davon ab. Da ich meine Briefschaften zur Post bringen mußte, übernahm ich persönlich den Ankauf der Wichse und lieh einen Fiaker holen. Die Tour nach dem Postgebäude, welches der stupide Kutscher erst nach halbstündigem Umherirren auffand, mußte incl. des Dolmetschers mit drei Rupien honorirt werden, während ich für die Francatur meines Briefes nach Stettin nur zwölf und einen halben Silbergroschen zu zahlen hatte! Das öffentliche Fuhrwerk Calcutta's ist im Allgemeinen jämmerlich, und die Bespannung nicht viel bereitwilliger als auf Ceylon. Die klimatischen Verhältnisse des östlichen Asien scheinen auf die Entwickelung der Moralität bei Menfchen und Thieren nachtheilig einzuwirken, eine Frage, die der Untersuchung der Physiologen und Psychologen anempfohlen sein mag. Die Pferde, der Regel nach Schimmel, werden auch hier roth bemalt, außer den Mähnen und 77 Schwänzen färbt man den Leib mit großen runden Flecken und verbirgt dadurch die anderthalb Zoll hoch hervorstehenden Rippen der Klepper. Vei der absoluten Unmöglichkeit, in einem Hotel ersten Ranges unterzukommen, habe ich meine Wohnung für die ganze Zeit meines Aufenthaltes gemiethet, wenngleich ich jeglicher Bequemlichkeit entbehre. Mitten im Zimmer steht ein schmales, aus Holz geschnitztes Bett mit einer aus Cocosfasern gestopften steinharten Matratze und eben solchem Kopfkissen, die Mosquitogardine ist zerrissen, das sonstige Mobiliar besteht aus einem gebrechlichen Tisch, der nie abgewaschen, sondern nur mit Oel abgerieben wird, und zwei elenden Stühlen. Von Schränken, Commoden, Haken zum Aufhängen der Kleider, Gardinen und und Teppichen ist nicht die Rede. In Bezug auf die natürlichen Bedürfnisse bm ich so comfortabel eingerichtet, wie die Gefangenen der Stadtooigtei und des Moabiter Zellengefängnisses, doch fühle ich mich in sofern glücklich, als ich mehrmals am Tage von den: leidigen Inhalt des Gefäßes befreit werde. Da mein Gottlieb sich für entehrt halten würde, wollte ich ihm ein so unheiliges Geschäft zumuthen, ist ein Angehöriger der niedrigsten Kaste damit beauftragt. Er hat bei der Ausübung seines Berufes aber darauf zu achten, vor den Thüren und in den Gängen des Hauses nicht mit dem Mitgliede einer höheren Kaste in Berührung zu kommen, und führt daher die Existenz eines wehrlosen Thieres des Waldes, das bei dem geringsten Laute zusammenschreckt. Mir flößt das schattenhafte, scheue Gebilde unsägliches Mitleid ein, wo ich seiner habhaft werde, reiche ich ihm ein gutes Trinkgeld. Dafür ist er nun nach seiner Weise erkenntlich. Alle Viertelstunden springt er kaum hörbar durch das stets offene Fenster in das Zimmer und stellt eine Untersuchung an, ob er seinen amtlichen Verpflichtungen nachzukommen habe. Als ich mir neulich einen Scherz erlaubte und bei seiner Erscheinung laut in die Hände klatschte, sprang er entsetzt, wie ein angeschossener Hirsch, in die Höhe und zum Fenster hinaus. Ich habe den armen Menschen nie wieder in Schrecken gejagt. Desto frecher ist Gottlieb. Am ^Nachmittage des 7. Januar hatte er sich bis spat Abends nicht sehen lassen; als ich ihn nach der Ursache seines Ausbleibens fragte, gab er an, sein Vater sei gestorben. Nun war der Alte am Tage vorher frisch und gesund in unserem Haufe gewesen und der plötzliche Todesfall schien unwahrscheinlich. Nach eingezogenen Erkundigungen erfuhr ich von der Wirthin, daß jeder ältere Verwandte von den Hindus „Vater" genannt werde, und es selbst häufig vorkomme, daß von bejahrteren Eingeborenen jüngere Geschwister als „Söhne" adoptirt würden. Nur ein „Vetter" Gottliebs hatte in Folge der Dysenterie, des Landesübels, das Zeitliche gesegnet. Noch 5»arf nicht unerwähnt bleiben, daß Lichter in unserem Voardinghouse nicht geliefert werden. Nur Abends bringt Gottlieb eine qualmende Oellampe ohne Cylinder und Schirm als Nachtlicht in das Zimmer. Sie macht jedoch den wunderschönen Nachtschmetterlingen mehr Vergnügen als mir, da ich 78 Abends aus Furcht vor Feuersgefahr lange nicht einzuschlafen vermag. Erst die Choralgesänge meiner frommen Wirthsleute in der angrenzenden Kammer beschwichtigen meine aufgeregten Lebensgeister. Die Einwohner der Stadt begeben sich in Ermangelung aller Unterhaltungen für die späteren Abendstunden zeitig zur Nuhe, doch geht es auf den Straßen lärmend genug zu. Sobald die Menschen sich entfernt haben, kommen die Schakale in die Stadt und machen den Raubvögeln den Fratz streitig; der Lärm der kämpfenden Bestien war oft haarsträubend. Zur Charakteristik unserer Verpflegung wird-genügen, das Alter unseres Koches anzugeben. Der junge Vatel hat das vierzehnte Lebensjahr zurückgelegt und beabsichtigt, sich im nächsten Monate zu vermählen. Es muß eine Heirath aus Liebe sein, denn der Jüngling versalzt alle Gerichte. Nur eines Zebuhöckers, den unsere Wirthin eigenhändig gebraten, erinnere ich mich mit Vergnügen. Obgleich in allen Zimmern des Hauses an dem verschiedenartigsten Un? geziefer kein Mangel ist, kommen bösartige Insekten doch nur selten vor. Als der Wirth einen großen Tausendfuß entdeckt und todtgeschlagen hatte, wurde die ganze Hausgenossenschaft zusammengerufen, um das giftige Thier zu betrachten. Meine Hauptbeschäftigung besteht in der Betrachtung der Sehens? Würdigkeiten Calcutta's und in Studienpromenaden; die Lage und Unbequemlichkeit meines Zimmers verhindern fast alle häuslichen Arbeiten, An die zeichnenden Künste denkt man hier so wenig, daß ich ein verlorener Mann wäre, hätte ich mich nicht in der Heimath reichlich mit allen Malerutensilien versehen. In Calcutta ist nicht eine brauchbare Bleifeder, nicht ein Nlatt Zeichenpapier aufzutreiben. Am 4. Januar habe ich einen Nesuch im botanischen Garten abgestattet. Der Weg führt durch malerische Dörfer mit kleinen Tempeln, deren einer wie der andere aussieht; die Umgebung Calcutta's bietet sonst landschaftlich nur geringe Reize. Die unermeßliche Fläche gleicht auch hinsichtlich der monotonen Farbe einem Billard. AIs wir über den Hugly gesetzt hatten, auf dem uns nicht weniger als vierzehn Leichname begegneten, deren einer mit dem Kopfe gegen das Voot stieß, und in den botanischen Garten gelangten, glaubte ich auf einen anderen Planeten versetzt zu sein. Ein Banianenbaum (KcuZ Inäiek) war wohl das merkwürdigste Product der Vegetation, das ich jemals gesehen zu haben mich erinnere. Der Originalstamm konnte ungefähr hundertundfünfzig Fuß hoch sein, in einer Höhe von siebzig bis achtzig Fuß hatten sich gewaltige Aeste abgezweigt, von denen sich Ableger zu Boden senkten, die, wieder Wurzel fassend, zu baumartiger Dicke gediehen waren und der ganzen Ast- und Laubwelt als Stützen dienten, da der Hauptstamm, vom Blitze getroffen, ausgehöhlt war und nicht mehr hinreichende Haltbarkeit besitzen mochte. Ringsum hingen seltsame Schlinggewächse als Drapirung herab; ich glaubte mich in einem Zaubergarten aus Tausend und eine Nacht zu befinden. Wären die einäugigen Derwische oder die Fee 79 Peribanu aus dem Gewirre der Zweige hervorgetreten, sie hätten mich nicht weiter in Erstaunen verjetzt. Noch erinnere ich mich einer seltsamen Palmengruppe mit schwarzen Dornen und einiger gewaltigen Teakbäume, des besten Schiffbauholzes, das in Ostindien wächst. Dem botanischen Garten gegenüber liegt der Palast des letzten Königs von Oude. Er lebt von der ihm von den Engländern bewilligten Apanage und hat ihnen nachgedrungen alle seine ehemaligen .Hoheitsrechte abgetreten. Eine Wolke von Melancholie lagerte auf der Stirn des jugendlichen Prinzen, der eben einen Spazierritt unternehmen wollte, als ich mich der Pforte seines Palastes näherte. Am Tage darauf besichtigte ich das Museum und bedauerte die mangelhafte Aufstellung und sonstige Vernachlässigung der ausgezeichneten Exemplare von ausgestopften Saugethieren. Man fühlt schmerzlich heraus, daß di« Wissenschaft in dieser Stadt noch nicht Sitz und Stimme erworben hat. Eine Sammlung antiker indischer Götzenbilder, darunter menschliche Figuren mit Elephanten- und Krokodilköpfen, und wieber Elephanten und Krokodile mit Menschenhäuptern, waren noch am besten aufgestellt und rein gehalten. In den Straßen Calcutta's überstürzten sich Handel und Wandel; die Oviumauctionen hatten für dieses Jahr (5. Januar) begonnen, und Virmanen, Perser und Chinesen waren von allen Seiten zum Ankaufe des narkotischen Giftes herbeigeeilt. Die Ufer des Ganges bis Benares hinauf sind mit Mohnpftanzungen bedeckt, aber das Opium ist, gleich dem Tabak in Oesterreich und Frankreich, ein Monopol der Regierung, und jeder Landbauer muß ihr seinen Ernteertrag zu einem bestimmten Preise überlassen. Gegen Abend nach dem Abschluß der Geschäfte spielen die Engländer auf der Esplanade ihr beliebtes Cricket und gießen dabei unglaubliche Mengen Vrandy hinab. Der Fremde thut wohl, dem Gedränge fern zu bleiben, wenn er sich nicht verschiedenen Unannehmlichkeiten aussetzen will. Meine Neugierde, das Spiel näher kennen zu lemen, wurde durch mehrere mörderische Rippenstöße und einen Ball bestraft, der mir an den Kopf flog. Um Entschuldigung wird nie gebeten. Ungleich höflicher sind die Civil-Subalternbeamten, die niedrigeren Chargen des Militairs und die Seavoys. Sie grüßen und machen die üblichen Honneurs, wo ich einem von ihnen begegne. Meinem Schnurr- und Backenbarte nach halten sie mich vermuthlich für einen Officier im Civilrock. Um noch der sonstigen Vergnügungen Calcutta's zu gedenken, habe ich der Wettrennen, sowie der Hunde- und Affenausstellungen Erwähnung zu thun. Ve-sonders geschätzt sind bissige Hunde. Ein in diesem Punkte höchst anrüchiger Köter erhielt den ersten Preis, den er seiner sonstigen Eigenschaften wegen nicht verdiente. Der Netteifer in Equipagen und Nespannung, Toilette und Livreen ift das Hauptvergnügen der Geldaristokratie der indischen Hauptstadt. Juweliere, Gold- und Silberarbeiter machen daher enorme Geschäfte. Alle Luxusgewerbe steigern demgemäß ihre Preise. Der englische Friseur, bei 80 dem ich meine Haare schneiden ließ, nahm mir dafür drei Rupien ab. Als ich mir eine bescheidene Einwendung erlaubte, erwiderte der maulfertige Haarkräusler sehr treffend: „Glauben Sie etwa, ich sei nach Calcutta gekommen, um die Luft zu genießen?" Ich schwieg und zog die Börse. Wer sich nicht leicht vom Gelde trennt oder nicht reichlich damit versehen ist, thut wohl, Calcutta zu meiden. Um auch mit besseren Kreisen der Eingeborenen in nähere Berührung zu kommen, besuchte ich außerdem täglich irgend einen indischen Friseur und ließ für eine Kleinigkeit meine Haare ordnen. Diese Ateliers wurden mir jedoch verdächtig, als ich entdeckte, daß die indischen Gentlemen sich nur einfanden, nicht um frisirt, sondern um von Ansiedlern befreit zu werden, welche in unserer gemäßigten Zone gemeinhin die Köpfe der Erwachsenen nicht behelligen. Der europäische Dandy läßt sein Haar brennen, der indische Elegant läßt sich zur Erfrischung lausen. Auf diesen Spaziergängen zeichne ich, wo ich ein malerisches Object antreffe, doch ist die Ausbeute im Ganzen nur gering. Mir liegt weniger an Architektur, als an landschaftlicher Natur, und mit dieser ist Calcutta im Vergleich mit anderen Städten Asiens stiefmütterlich bedacht. Ungeachtet mehrerer Empfehlungsbriefe blieb mir die hiesige Gesellschaft verschlossen, die Chefs mehrerer Häufer, in deren Comptoirs ich die Schreiben abgab, erklärten sich bereit, mir alle möglichen Dienste zu leisten; eine Cigarre, ein Glas Wasser hat keiner von ihnen mir angeboten. So ging es mir mit dem Consul Mr. Kilburn, so mit einem Großhändler in Opium und Indigo. Nachdem ich den mit stattlichen Monumenten aus Marmor und Sandstein bedeckten Kirchhöfen der Engländer einen Besuch abgestattet hatte und durch die Jugend der meisten Verstorbenen in Schrecken und Betrübniß versetzt worden war, entschloß ich mich endlich, die Begräbnisstätten der Hindus aufzusuchen. Man verstehe mich nicht falfch. Es handelt sich nicht um Gottesäcker im jüdischen, christlichen und muhamedanischen Sinne; die Bekenner des Vrahmanismus kennen nur Vorbereitungsstätten der Bestattung. Der Ganges ist nach ihrer Vorstellung eine unmittelbare Emanation Brahma's, also nebst allen Nebenflüssen des Deltas ein heiliger Strom. Wer in seinen Fluthen stirbt, ist über alle ferneren Wiedergeburten erhaben und kehrt in den Schooß der Gottheit zurück. Arme Leute tragen ihre unheilbaren Kranken und siechen Alten daher an die Ufer des Hugly und setzen sie so nahe an den Rand des Wassers, daß die nächste lebhafte Welle sie hinabspülen muß. So lange die Sonne hoch steht, verweilen sie bei ihnen und zerstreuen sie durch Gesprächs, bricht die Dunkelheit herein, so Men sie Mund, Nase und Hände der Sterbenden mit dem Schlamme des Ganges, schieben sie sanft in das Wasser und entfernen sich ohne weiteren Abschied. Eine Menge geflügeltes Raubzeug hat schon lange auf die gute Beute gewartet und folgt jetzt krächzend dem stromab schwimmenden Körper, um darauf zu stoßen, sobald er den letzten 81 Athemzug ausgehaucht hat. Die wohlhabenderen und reicheren Inder, zumal die Angehörigen der höheren Kasten, der Vrahmanen und Krieger, sollten bei der Bestattung ihrer Familienmitgtieder mit mehr Ceremonien zu Werke gehen, wie man mir gesagt hatte, und ich war begierig, Augenzeuge derselben zu sein, doch weigerte sich Jeder, mich dorthin zu begleiten. Gottlieb, als ich ihm diesen Gang zumuthete, kündigte mir förmlich dm Gehorsam auf und wies mit Geberden des Abscheus das Goldstück zurück, das ich ihm als Extra« Vergütung anbot. Es blieb mir nichts übrig, als den mißlichen Weg allein anzutreten. Verirren konnte ich mich nicht, ein alter Portugiese, mein Ve-gleiter auf den meisten abendlichen Spaziergiingen, hatte mir den Rath ertheilt, nur der Nase und dem Brandgeruch nachzugehen. In den Nachmittagsstunden des 8. Januar trat ich meine Wanderung gen Norden der schwarzen Stadt an. XII. Die Bestattung der Todten. Nasgeier statt Nachtigallen. Tragbare Tempel. Prussia und Persia. Nach Benares. Station Iumalpora. Exerlirübungeu der Seapoys. Indische Vackhahndl. Durch Patna. Ankunft bei Nacht. Meine Pilgerfahrt wurde durch das herrlichste Wetter begünstigt, etwa nach einer Stunde war ich am Ziele angelangt; ein Irrthum war nicht möglich. Der unheimliche Geruch sengenden Fleisches, der aussteigende Rauch, die hohe Mauer, Alles stimmte überein: ich befand mich an dem ersten der sogenannten Beg räbnißplätze. Niemand verwehrte mir den Eintritt, und ungehindert durfte ich Alles in Augenschein nehmen. Wie gesagt, es umgiebt eine ziemlich hohe Mauer jeden dieser Plätze und entzieht die dortigen Vorgänge dem Auge der Vorübergehenden. Sie find immer hart am Ufer des Hugly gelegen, und eine steinerne Treppe führt von der Wasserfeite aus in den Strom. Ich war darauf vorbereitet, nichts den Friedhöfen anderer Religionen Aehnliches zu finden, dennoch befremdete mich der unheimliche Anblick über alle Maßen. Auf unseren Gottesäckern erschallen aus blühenden Gebüschen die Stimmen der Singvögel, die, durch die Scheu vor den Todten vor Frevlerhänden geschützt, ein friedliches Leben führen; duftende Linden befchatten wohlgepflegte Grabhügel, und überall begegnet der nachdenkliche Wanderer erhebenden Symbolen tiefer Sehnsucht nach einem anderen, den Idealen unseres Geistes entsprechenden geordneten Dasein: hier sand ich nichts als eine wüste Brandstätte. Auf der Mauer faßen, statt Nachtigallen und Grasmücken, riesige Nasgeier, die schönsten Exemplare, die mir je zu Gesicht Httbebvandt's Reis« um die Erde. 7. 6 82 gekommen, und warteten philosophisch gelassen, bis die Reihe an sie käme, sich an der Bestattung der verstorbenen Hindus zu betheiligen. Eben wurden acht Todte verbrannt. Nach dem Umfange des Scheiterhaufens zu urtheilen, hatte man dazu nicht mehr Holz angehäuft, als eben zur Verkohlung der Leichen hinreichte. Der aus alten Balken und Brettern errichtete Holzstoß mochte drittehalb Fuß hoch und sieben Fuß lang sein; an der Abschätzung der Breite wurde ich durch die Anwesenheit der Leidtragenden gehindert. Die Todten lagen sämmtlich auf dem Bauche, und mehrere Leichen-commissarien, wenn man mir diesen Ausdruck nachsehen will, waren beschäftigt, mit langen eisenbeschlagenen Stangen in der Gluth umherzustochern und das Holz, sowie die menschlichen Ueberreste, im regelmäßigen Brande zu erhalten. < Mehrere schwärzlich calcinirte Stücke wurden bei Seite geschoben, um später mit der feineren Asche vereinigt in den Hugly geschüttet zu werden. Die Hinterbliebenen saßen, in einem Kreise zusammengekauert, um den Scheiterhaufen, kauten Betel oder rauchten aus Wasserpfeifen und plauderten. Im Vergleich mit der gewöhnlichen überaus ernsthaften Haltung der Hindus schienen sie sich sämmtlich in einer aufgeweckteren Stimmung zu befinden, und durch die guten Aussichten ihrer verstorbenen Angehörigen, durch das beobachtete Verfahren Brahma für immer assimilirt zu werden, zu lebhafterer Unterhaltung angeregt zu werden. Jenseit des Scheiterhaufens führten zwei Leidtragende eine barbarische Musik auf, doch verhinderte mich der dichte, braungelbe Qualm, die Instrumente zu erkennen. Nicht alle vorhandenen Leichen wurden mit gleicher Sorgfalt zur Bestattung vorbereitet. Man begnügte sich, mehrere an lange Stangen zu binden und langsam in's Wasser zu schieben. Die auf der Mauer sitzenden Aasgeier mochten übersättigt sein, sie rührten sich nicht, aber die bis dahin in einiger Entfernung auf Bäumen an der Landstraße lauernden Adler, Falken und Krähen machten sich gleich auf und begleiteten unter greulichem 2ärm den stromab schwimmenden Leichnam, bis die stärksten von ihnen sich seiner bemächtigt hatten. Eine Mittelklasse bestand in den Leichen, deren Gesichter nur bis zur Unkenntlichkeit am Feuer entstellt wurden. Mehrere lagen schon, zur Bestattung zugerichtet, mit verunstalteten Gesichtern da, mit der Leiche eines Hinduknäbleins war man eben beschäftigt. Der Tod hatte die Züge des fchönen Kindes kaum verändert, sie glichen denen eines Schlafenden. Als der schwarzbraune Kerl das feine Gesichtchen in die Lohe schob, wandte ich mich voll Abscheu zur Seite. Meine Gefühle waren der widerlichen Scene nicht gewachsen; ich verlieh den Platz. Auf der angrenzenden Stätte zählte ich zwanzig Todte auf einem Scheiterhaufen, doch waren die Umrisse nur noch nothdürftig zu unterscheiden. Eine geringere Anzahl lag mit verbrannten Gesichtern hart am Wasser. Ein Körver war ausnahmsweise mit einer dicken Matte bedeckt, und eine freche Krähe bemühte sich, ungeachtet der anwesenden Menschenmenge, die Matte tz3 wegzuziehen. Der entsetzliche Geruch, wie die vereinte Hitze der indischen Sonne und der Scheiterhaufen Vertrieben mich auch von hier, doch kam ich nicht davon, ohne an einen der Leichenwächter ein Trinkgeld gezahlt zu haben. Ich war froh, mich so billig mit den Herren abzufinden; ihre Gesichter versprachen mir nicht viel Gutes. Nachdem ich zur Stärkung meiner gefolterten Geruchswerkzeuge eine Cigarre angezündet, begab ich mich auf den Rückweg. Seit drittehalb Stunden war ich keinem europäischen Gesichte mehr begegnet. Die fchwarzbraune Bevölkerung that mir zwar nichts zu Leide, aber Alles starrte mir finster und feindlich in's Gesicht. Selbst die herrenlosen Hunde, die auch hier wie in allen Städten des Orients in zahlloser Menge auf den Straßen herumlungerten, äußerten unumwunden ihre nationale Antipathie gegen mein weißes Gesicht. Iu feige, um einen Angriff zu wagen, der bei der Nilpferdpeitsche in meiner Rechten bedenkliche Folgen für sie hätte haben können, bildeten sie einen weiten Kreis um mich, der mir allerdings näher hinten auf den Fersen folgte, aber desto weiter vor mir zurückwich und meine Promenade mit einem aus Drohungen und Besorgnissen gemischten Geheul begleitete, zu dem ich bisweilen durch einen Peitschenhieb den Tact angab. Erst in etwas wohlhabenderen Straßen zogen sie sich tactvoll zurück. Mir begegneten heute unter Anderem zwei kleine tragbare Hindutempel, die unter der Obhut ziemlich beleibter Priester durch die Straßen transportirt und immer für einige Zeit an geräumigeren Orten aufgestellt wurden. Die darin sitzenden Götzen hatten, ich weiß nicht, ob zur Bezeichnung ihrer Bereitwilligkeit, zu geben, oder — zu empfangen, stets vier Arme und Hände. In Betreff der begleitenden Priester mußte ich das Letztere annehmen. Der Vorsteher diefes fliegenden Cultus streckte unaufhörlich die Hände aus und entwickelte zugleich einen ungeheuren Appetit. Die Gläubigen belohnten ihn nach Verrichtung ihres Gebets meistens mit einigen Händen voll gekochten Reifes, den der fromme Mann ohne Verzug zu sich nahm. Vor den kleinen Tempeln standen Näpfchen mit weißer und rother Farbe, auch waren winzige Spiegel an der Vorderwand befestigt. Die Betenden tauchten schließlich die Pinsel in die Farben und erneuten damit die Abzeichen ihrer Kaste, die jeder Inbier in das Gesicht zu malen pflegt. Ferner bemerkte ich, daß sie regelmäßig aus Schalen mit Wasser, in denen gelbe Blumenkelche schwammen, ganz kleine grüne Blättchen auffischten und in den Mund steckten. Weiterhin gerieth ich in Versuchung, mir einen Affen zu kaufen. Das zierliche Thierchen, dessen intelligentes Gesicht und feine Händchen etwas Menschenähnliches zeigten, wurde mir für eine Rupie angeboten. Ich wies es mit Bedauern zurück, denn es wäre unzweifelhaft auf meiner ferneren Reise zu Grunde gegangen, oder hätte mich doch in die grüßte Verlegenheit gesetzt. ^:.^:l)? ?«r8ia!" Ich nannte Berlin, dann „Ruz^ia" als Grenzland, die Antwort lautete immer nur: „?lUL8iÄ? Iiu88i3,? ?68 koi-zia, I knan!" Eine Verständigung war nicht möglich, was gen Westen über Indien hinaus ging, galt in seinen Augen stets für einen Gebietstheil von Persien. Der arme, von Goldstickereien starrende, in einen unschätzbaren rothgrauen Shawl gehüllte Mann litt in Folge des langjährigen Vetelkauens an einer Krankheit des Zahnfleisches, die mir die fernere Unterhaltung mit ihm verleidete. Ohnehin von Kopfschmerzen gemartert, zog ich mich auf die Straße zurück, um noch einmal gründlich von den Mosquitos geplagt zu werden. Das Blut der Weißen muß ihnen vorzugsweise munden. So oft ich allein oder in Gesellschaft von Europäern ausging, bildeten diese Quälgeister nach Art unserer Mücken eine über und mit uns wandelnde Heersäule, die, unter fortwährenden Angriffen uns umschwärmend, erst vor dem Quartier von uns schied. Heute konnte ich mich schlechterdings ihrer nicht erwehren; sie drangen mir in Nase und Ohren. Ich befand mich in der übelsten Laune, und das Gespräch eines englischen Arztes, der mich eine Strecke weit begleitete, war eben nicht geeignet, meinen Humor zu verbessern. Wie wir auf das Gesprächsthema kamen, weiß ich heute nicht mehr, doch setzte mir der gute Mediciner des Breiteren auseinander, daß in Calcutta die zweite europäische Generation nicht mehr fortpflanzungsfähig sei, wenn sie die kritischen Jahre der Entwickelung in dem Klima Indiens und nicht in Europa, respective England, verlebt habe. So weit meine Erfahrungen über den nachtheiligen Einfluß des Klimas auf den menschlichen Körper reichen, habe ich mich vorzüglich über seine leidigen Einwirkungen auf die Gehirnthätigkeit zu beklagen. Die Kopfschmerzen, mit denen ich fortwährend zu kämpfen habe, sind mit einer Zerstreutheit verbunden, die mich zuweilen wahre 85 Thorheiten begehen läßt. In den ersten Tagen meines Aufenthalts in Calcutta brachte Gottlieb die frischgeputzten Stiefel in das Zimmer, während ich meine Haare vor einem kleinen Handspiegel ordnete. Er setzte sie neben den Sessel und entfernte sich. In diesem Augenblicke entstand eine unerklärliche Verwirrung meiner Vorstellungen. Ich verwechselte Stiefel und Spiegel, betrachtete Gesicht und Schnurrbart prüfend in ersteren und bemühte mich mit allem Ernste, den Spiegel über den Fuß zu ziehen. Alles das that ich in vollem Bewußtsein seiner Ungereimtheit, aber ohne die moralische Fähigkeit, der Tollheit ein Ende zu machen, und unter einem unsäglichen Wehgefühl, das nur mit dem Uebelbefinden während der Seekrankheit verglichn: werden kann. Einige Stunden tiefster Ruhe auf meinem steinharten Lager stellten mich wieder her. Der unverbrüchliche Ernst aller Eingeborenen und Einwanderer muß mit den niederdrückenden Einflüssen des Luftkreises zusammenhängen. Um 6 Uhr Morgens am 10. Januar weckte ich meinen Diener, berichtigte die Rechnung und fuhr nach der Eisenbahn, wo ich um halb 8 Uhr anlangte und ein Billet bis Iumalpora löste. Am Abend des nächsten Tages sollten wir in Benares eintreffen. Der Zug bestand wesentlich aus einem Militär-transport, ein Umstand, der nicht zu den Reiseannehmlichkeiten gehört und die Passagiere zwang, sich hinsichtlich der Besetzung der Coupös einzuschränken. Ich war in eine Gesellschaft Engländer gerathen, die sich sehr bald als Sonntagsjäger auswiesen und gleich ihren College« auf unseren Eisenbahnen keinen Busch vorbeiließen, ohne eine unglaubliche Iagdgeschichte daran zu knüpfen. Sie badeten auf ihren Iagdausflügen die Hände in dem Blute der bengalischen Tiger und Leoparden, den Schakal hielten sie nicht eines Schusses Pulver für würdig. Von der Erlegung eines Alligators, einer Boa sprachen sie so beiläufig, wie unsere Iagdliebhaber von einer erlegten Krähe. Als wir in Burdwan hielten, entfernten sich zu meinem größten Vergnügen die heillosen Lügner. Sie beabsichtigten, die prächtigen Besitzungen des dort ansässigen reichen Rajah, seinen Palast, den von einem herrlichen Park umgebenen See und die großartigen Menagerien, die Liebhaberei des Rajah, zu besuchen. Die Eisenbahn führt anfangs durch einen Wald von Cocos- und Fächerpalmen, Mangos und Banien, auch an Vambusröhricht ist kein Mangel, später zieht sie sich durch Sumpfgegenden. Wir rollen über weite Flächen, dicht bewachsen mit fünfzehn Fuß hohem Schilf und gleichhohem Rohr mit schönen weißen Blüthen, dann wieder meilenweit zwischen Reisfeldern und Zuckerrohr-Pflanzungen. Die Gewässer sind durch Pelikane und sechs Fuß hohe Reiher belebt, ungerechnet der Geschwader kleinerer Sumpfvögel. Es ist ein entzückender Anblick, die bunten kleinen Papageien wie unsere Sperlinge auf en Telegraphendrähten sitzen zu sehen. Wenn der Zug über die eiserne Brücke eines morastigen kleinen Flusses hindonnert, blickt zuweilen on 86 mürrische Schädel eines aus dem Schlafe aufgeschreckten Alligators hervor. Die gesammte geflügelte Fauna hat sich allem Anschein nach rasch genug an den Lärm der vorüberrasselnden Iüge gewöhnt. So geregelt das Bahnwesen sein mag, hie und da kommen doch befremdliche Erscheinungen vor, welche keine europäische Direction dulden würde. Wir fuhren z. B. an einer eingesunkenen, vor zwei Monaten unter einem Frachtzuge zusammengebrochenen Brücke vorüber. Ein Verlust von Menschenleben ist nicht zu beklagen gewesen, und so hatte man es nicht einmal der Mühe werth gehalten, die Trümmer der zerschmetterten Güterwagen aufzulesen. Ich sah ihrer noch acht bis zehn am Wege liegen. Um 4 Uhr Nachmittags kamen wir an eine Militärstation und nahmen Kohlen und Wasser ein. Etwa fünfhundert Mann campiren hier unter -Zelten in einem befestigten Lager, Eine kleine Abtheilung von rothrückigen Seapoys mochte zu dieser ungewöhnlichen Stunde zum Nach-exerciren verurtheilt sein. Sie standen in der Nähe der Eisenbahn aufmarschirt, uno die Commandoworte des Offiziers schallten laut herüber: „Telchun!" (Attention! Achtung!) „Furjunt ram!" (Present arms! Prästntirt das Gewehr!) „Cholda ram!" (Shoulder arms! Gewehr auf Schutt«!) „Khure nihol" (Hatt!) Ein Nabob in mittleren Jahren, der in Burdwan eingestiegen war, sah M den Exercirübungen scheel drein, diente mir aber dennoch als Dolmetscher. Die Haltung der Truppe war bei der drückenden Temperatur des Tages straff und elastisch zum Verwundern. Hinter der Eisenbahnstation fuhren wir auf eisernen, scheinbar für die Ewigkeit gebauten Brücken über mehrere große Nebenflüsse des Ganges, die in dieser Jahreszeit ziemlich wasserarm waren. Neben einer der Brücken beobachtete ich eine eigenthümliche Art des Fischfanges. Zwei Inder, mit ziemlich langen Bambusstäben und einem kleinen, an einem Stiel befestigten Netze versehen, standen bewegungslos bis an die Kniee im Wasser. Näherte sich ihnen ein Fisch, so tödteten oder betäubten sie ihn durch einen Schlag mit dem Bambusrohr und fischten ihn rasch mit dem Netze auf. Dem in einem RoHrkober aufbewahrten Fange nach war die Veute ansehnlich genug. Kurz vor Sonnenuntergang Hielten wir in einem kleinen Orte NulHatee. In der Umgebung der Station Hatten achtzehn Elephanten ihr Heutiges Tagewerk vollendet. Sie wurden ausgespannt, standen vor ihren bunten Wagen und erhielten ihre Abendration. Noch mit rothen, goldumsaumten Decken behängen, blickten sie nicht ohne Stolz auf uns abgespannte EisenbaHnpassagiere und machten allerlei telegraphische Zeichen mit den Rüsseln. So viele mächtige Thiere dieser Gattung, die noch im Besitz ihrer glänzenden Stoßzähne waren. Hatte ich noch nicht beisammen gesehen. Mein Coupegenosse befaß für einen Inb« eine ganz ungewöhnliche Bildung. Er gestand mir, daß er von 8? Preußen viel gehört, erwähnte der Berliner Universität und nannte die Hauptstadt „eine Quelle der Gelehrsamkeit". Habs ich ihn nicht mißverstanden, so lispelte er sogar etwas von „Sanskrit". Fast den ganzen Tag über hatte uns im fernen Süden und Südwest ein blau schimmernder Oebirgszug begleitet, erst in der beginnenden Dunkelheit entschwand er unseren Blicken. Der Zug hatte sich auf Grund des Militärtransportes um drei Stunden verspätet. Seit 10 Uhr Vormittags hatten wir nichts zu essen bekommen, die indischen Touristen waren sogar durch die Vorschriften ihrer Kaste gezwungen gewesen, auf das dargebotene Getränk zu verzichten; jetzt durften wir Alle uns schadlos halten. Ein aus dem Hühnerstall erschallendes gräßliches Gekreisch erinnerte mich an österreichische Gasthäuser und ihre „Backhähndl"; ich hatte mich nicht geirrt. Noch war keine halbe Stunde verflossen, als der Braten auf dem Tisch erschien. Aus den derben Bartstoppeln auf seinem runzligen Fell und dem massiven Knochengebäude erhellte, daß der Koch einen der ältesten Insassen des Hühner-stalles unserem Heißhunger als Opfer dargebracht hatte! Es war ein schändlicher Mord gewesen. Wenige Tage spater wäre der gewaltsam erwürgte Hahn auf natürlichem Wege an Altersschwäche zu Brahma heimgegangen. Ich legte Messer und Gabel, auf das Mahl verzichtend, bei Seite und zog mich in das elende Loch zurück, das man mir als Schlafzimmer angewiesen hatte. Es stand noch ein zweites Bett darin, und wirklich erschien um 2 Uhr ein Engländer und warf sich auf dasselbe, nicht um zu schlafen, sondern um in clllirvoyantem Zustande mit Armen und Beinen um sich zu schlagen, Flüche und Iammerlaute auszustoßen. Der Unglückliche, dessen Tigergebiß mir schon bei Tisch aufgefallen war, mochte zu viel von den sterblichen Ueberresten des gemeuchelten Hahnengreises zu sich genommen haben. Um 5 llhr, noch in tiefer Dunkelheit, machte sich der Zug wieder auf den Weg. Nicht weit hinter Iumalpora beginnt ein Tigerdistrict, und ich brauche wohl nicht ausdrücklich anzuführen, daß meine neben mir sitzenden Reifegefährten sich gegenseitig wieder in Lügen überboten; doch machten bei ihren Erzählungen von geraubten Menschen auch mich die zahlreichen großen Wachtfeuer stutzig, die wir nah und fern im nächtlichen Gefilde bemerkten. Auf den europäischen Nachtzügen hört der schlaftrunkene Passagier höchstens den leisen Klang einer fernen Kirchenglocke, den Hahnruf in einem Bauernhöfe, an dem die Wagen vorüberbrausen, hier, als der Zug sich in eine Palmenwaldung vertiefte, erschreckte uns plötzlich ein bestialisches Gebrüll; die Locomotive schien das nächtliche Thierleben durchkreuzt zu haben. Die Hitze des vergangenen Tages und der durch die Erschütterung verursachte Leidenszustand des Nervensystems, der Hunger und die schlaflose Nacht hatten meine Kräfte erschöpft. Allss erschien doppelt vor meinen Augen; ich schloß sie resignirt und lehnte mich Mmeigenk in die Ecke. Um 10 Uhr Vormittags wurde mir etwas wohler, wir kamen durch eine waldige Gebirgsgegend in ein meilenweit mit Reis bepflanztes Flachland ohne einen Baum, aber besäet mit Dörfern, dann fuhren wir über drei gewaltig lange Brücken und breite, aber wasserarme Ströme, endlich gelangten wir in das Ricinusgebiet. Damit wechselte um 4 Uhr Nachmittags ein Opium- und Indigodistrict, in dem die zwei deutsche Meilen lange Stadt Pat na am Ganges liegt. Der Ort, in dem sich kein Europäer angesiedelt hat, bewahrt noch den indischen Originaltypus: einige stolze Paläste und Hunderttausende von Lehmhütten, überall Wasser und doch überall Schmutz', die Umgebung besteht aus einem Walde von Fächerpalmen. Die Nacht brach herein; ich verlor vor Ermattung fast die Besinnung. Wir passirten auf einer Brücke einen Nebenfluß des Ganges, der mir dreimal so breit als der Rhein bei Köln erschien, dann vernahm ich bald in der Nähe, bald in der Ferne Gebrüll und klägliches Geheul — noch eine Stunde — endlich verlangsamte der Zug feine Bewegung und hielt; wit hatten den Ganges und die Station Benares erreicht. Die Stadt lag am andern Ufer und eine mächtige Schiffbrücke führte über den Strom; es war halb 1 Uhr Nachts. Wir hatten uns wieder um drei Stunden verspätet. XIII. Die Stadt der Brahminen. Ein Nlick nach dem Himalaya. Die Sternwarte. Priuattempel. Die Nachkommen des grahen Hanuman. Heilige Stiere. Die Fahrt nach Allahabad. Gin Verstoß gegen die ÜandeS-Religion. Glücklich entwischt. Da die beiden einzigen Hotels fünf englische Meilen weit von dem Bahnhose entfernt liegen, war es 2 Uhr Nachts, ehe wir unter Dach und Fach kamen. Wir sahen uns genöthigt, bei der Ueberfüllung des Hotels die enge Kammer des Portiers zu theilen. Mein Reisegefährte, ein englischer Indigo-Plantagenbesitzer, der sich auf einer nahe bei Benares gelegenen Station dem Zuge angeschlossen, hatte Vett und Diener weislich mitgebracht; ich mußte auf der Pritsche neben dem Hindu liegen. Die Nacht verging schnell, und nach Tagesanbruch machten wir uns auf den Weg, die heilige Stadt in Augenschein zu nehmen. Mr. Smith, wie ich meinen Gefährten der Kürze wegen nennen will, bildete eine Ausnahme von seinen in Indien ansässigen Landsleuten. Trotz eines zwanzigjährigen Aufenthalts in Bengalen hatte er die angenehmen Umgangsformen, die er auf seinen Iugendreiscn durch Eurgpa sich angeeignet, wohl erhalten und seine Kenntnisse in dieser ländlichen Einsamkeit durch Lecture vermehrt. Jetzt hatte er fein Schäfchen in's Trockene gebracht und beabsichtigte nach England zurückzukehren, um sich «9 dort anzukaufen und zu uerheirathen. Obgleich nur fünfzehn englische Meilen weit von Benares entfernt, hatte er in zwanzig Jahren die Stadt doch noch nicht gesehen und gedachte jetzt gleichzeitig einige in der Nachbarschaft angesiedelte Freunde zu besuchen und von ihnen Abschied zu nehmen. Er sprach hindoftamsch so gut wie englisch, und ich fühle mich ihm für feine liebenswürdige Hülfe dankbar verpflichtet. Wir waren in tiefer Dunkelheit in Venares angekommen, und die Stadtgegend, in der wir uns befanden, war nicht geeignet, uns eine leidliche Vorstellung des weltberühmten Ortes zu gewähren, wir bestiegen daher am Morgen ein in der Nähe gelegenes hohes Minaret, das uns ein vollständiges Panorama von Benares gewährte. Mir fehlen die Worte, den ersten Eindruck zu schildern, den dieses märchenhafte, ungeheuer weit ausgedehnte Gemisch von Plätzen und Gärten, Tempeln und Palästen, Moscheen und Minarets, Marmortreppen und Pavillons, die mit Dorsschaften besäete fruchtbare Umgegend, der mächtige Strom auf mich hervorbrachte. In Form einer Mondsichel liegt die heilige Stadt am Ufer des Ganges, und so weit das Auge reicht, wird sie von Villen und Gärten umgeben. Schweigend stiegen wir hinab. Unser Standpunkt auf der Spitze des Minarets war bei dem Mangel eines Geländers nicht der angenehmste, zudem war der leichte Thurm baufällig und bebte bei jedem festen Tritt auf die Stufen der Treppe. Ob es möglich ist, wie uns der Wächter des Minarets betheuerte, von seiner Spitze bei klaren, Wetter die Himalayakette zu erblicken, lasse ich dahingestellt sein. Der Morgen war schön, doch vermochte ich nicht mehr zu sehen, als einen verschwindenden Nebelstreif. Wir brachten den Tag unserer Ankunft in der Stadt und am Spätnachmittage in einem Boote auf dem Ganges zu. Einer unserer ersten Besuche galt dem astronomischen Observatorium, auf welches Mr. Smith besonders neugierig war. Wir wurden von einem würdigen Vrahminen empfangen und auf das platte Dach eines Thurmes geführt. Von den auf europäischen Sternwarten gebräuchlichen Instrumenten: Fernröhren, Chronometern und Kometensuchern, war nichts zu bemerken, doch geberdete sich der hehre Greis, als habe er alle Geheimnisse des Himmels und der Erde ergründet. Das Nemerkenswertheste war die auf einem Statif errichtete Sonnenuhr, welche die Tageszeit, je nach dem Stande der Sonne, auf beiden Seiten ihrer Scheibe anzeigte. Nächstdem machte uns der Weise mit einem Modell des Erdganzen nach indischen Vorstellungen bekannt. Dasselbe bestand aus drei kreisförmigen Mauern von etwa vier Fuß Höhe, Kvischen denen man durchgehen konnte. Der innere Ring bedeutete nach Angabe des Nrahminen das Centrum der Erde, den Himalaya, die zweite jenen umgebende Mauer stellte die Erde selber dar, die dritte Einfassung nar ein Symbol des Wassers. Wie man sieht, hat die indische Wissenschaft sih noch nicht den Resultaten europäischer Forschungen bequemt. Als Mr. 90 Smith den Alten befragte, was der erste Zwischenraum bedeute, vor dem der amtliche Cicerone eine bemerkenswerthe Ehrfurcht zu haben schien, wollte er anfangs nicht mit der Sprache heraus und machte die Miene eines Veamten, der in Betreff des Amtsgeheimnisses in Versuchung geführt wird. Wir kannten das Mittel, allen Indern die Zunge zu lösen, und ich ließ die Ruoien, die ich in der Tasche trug, melodisch klingen. Hierauf erwiderte der Brahmine, sein Amtseid lege ihm zwar Schweigen auf, allein gegen einen baaren Entgelt werde er kein Bedenken tragen, unsere Wißbegierde zu befriedigen. Ich warf also eine Rupie auf den Fußboden, denn die Gesetze ihrer Kaste verbieten den Brahminen, Geld aus unreinen Händen zu nehmen, und nun gestand der Mann der Wissenschaft, der Raum zwischen Himalaya und Erde bestehe ganz aus Gold, aber es sei ein großes Geheimniß, und er setze voraus, wir würden ihn nicht verrathen. Die Heiterkeit, mit der wir sein Geständniß aufnahmen, und die am Boden liegende Rupie stimmten den Alten redseliger. Er erklärte uns, daß mit Hülfe der Sonnenuhr auch Diebstähle und Mordthaten herausgebracht weiden könnten, und schien für diese Auskunft einen abermaligen Entgelt zu erwarten. Wir indessen glaubten ihn ausreichend belohnt zu haben und verabschiedeten uns von der astronomischen Wissenschaft zu Benares. Ungleich anziehender war die Physiognomie der Straßen, in diö wir uns jetzt vertieften. Auf ein schöneres Pflaster habe ich nie meinen Fuß gesetzt, denn die Wege sind mit glatten siiesenartigen Platten bedeckt. Da nach dem Glauben der Inder eine Ansiedelung in Benares und an den Ufern des Ganges ein Gott wohlgefälliges Werk ist, und ein Sterbender von hier aus direct in den Schooß Brahma's gelangt, pflegen die Reichen aus allen Gebieten Indiens in ihren späteren Lebensjahren nach Venares zu ziehen und einen Palast zu bauen. Man wird daher auf die Menge der hier vorhandenen Prachtbauten schließen können. Aber auch minder Begüterte suchen ihre Häufer und Wohnungen dem landesüblichen Geschmack gemäß zu verzieren. Die Fronten sind gemeinhin dunkelroth gefärbt und mit Elephanten, Kameelen, Tigern, Pfauen, Affen, Pelikanen und anderen Vögeln, nicht selten auch mit obscönen Bildern bemalt. Jedes ansehnlichere Haus hat seinen Privattempel, der. ein Mittelding zwischen Pyramide und Obelisk, dicht daneben steht und nicht nur grün, roth, gelb, schwarz und weiß auf das Bunteste bemalt, sondern auch über und über mit goldenen Verzierungen bedeckt ist. Eben so wenig sind die gediegenen Goldplatten an den Kuppeln der öffentlichen Tempel und Moscheen gespart. Nun denke man sich alle Dächer und Vorsprünge voi kreischenden Papageien besetzt, die häufigen Gold- und Silberbazars, die nnt schmutzigen Büßern, blinden Bettlern und Kranken bebeckten Straßen, mitten darunter eine hoch auf einem Elephanten sitzende englifche Familie, und mar wird sich annähernd ein Vild des Innern der Stadt entwerfen könnm. 91 Einen unvergleichlichen Anblick gewährt Benares vom Ganges aus. Dieses Ensemble von Minarets, Pagoden, grandiosen Marmortreppen lind goldstrahlenden Palästen, belebt durch ein unaufhörliches Getümmel dunkelfarbiger Gestalten, habe ich nie ohne Herzklopfen zu betrachten vermocht. Am ersten Tage glaubte ich zu träumen, und nur Abends bei Tisch überzeugte mich die von Pferderennen, Opium, Indigo und Ricinus handelnde Unterhaltung, daß ich mich wirklich auf dem handgreiflichen Erdboden befinde. So entzückt ich von dem Prospect des Ttadtufers war, das ungefähr fünfzig Fuß über dem Niveau des Ganges bei gewöhnlichem Wasserstande liegt, ich durfte keine Zeit versäumen und machte mich schon am nächsten Tage, den 13. Januar, daran, die anderweitigen Merkwürdigkeiten von Venares zu besichtigen. Da Mr. Smith durch kaufmännische Gefchäfte verhindert war, erbot sich der neunjährige Sohn des Hotelwirthes, den ich übrigens für fünfzehnjährig gehalten hatte, das Muster eines indischen Straßenjungen, zu meiner Begleitung. Wir fuhren in den kühlen Morgenstunden, nachdem wir vor der Thür längere Zeit durch Hindus aufgehalten worden waren, die uns durch die Fechtübungen kleiner schwarzer Kampfvögelchen unterhalten wollten, nach dem am oberen Ende der Stadt gelegenen Affenhause. Die Nachkommen des großen Hanuman genießen bei den Indern zwar nicht göttliche Ehren, doch werden sie mit außerordentlicher Zuvorkommenheit behandelt, und wehe demjenigen, der es wagte, einem Sprößlinge Hanumans ein Leid zuzufügen. Oberhalb Benares hat man für sie einen rothen Tempel, wenn dieses affische Familienhaus einen so ehrwürdigen Namen verdient, errichtet und ihnen als Wohnung angewiesen. Schon alle Häuser und Bäume der Umgebung wimmeln von Assen, das Innere des Tempels ist eine wahre Affenwelt. Es wird gern gesehen, wenn der Fremde den verehrten Thieren einige Artigkeiten erweist. Diese bestehen in dem Ankauf von Futter, das man den Affen eigenhändig vorwirft. Ich erstand daher ein Maß erbsenahnlicher Früchte und schüttete es auf das Pflaster, worauf das verzogene Volk von allen Seiten heranstürmte und das Futter in wenigen Augenblicken bis auf das letzte Körnchen verzehrte. Neben dem Tempel befand sich ein schön gemauerter Teich, das Vadebassin der Enkel Hanumans. Man mochte sie an Bäder zu einer bestimmten Tageszeit gewöhnt haben, denn um 12 Uhr Mittags stürzte sich ein unübersehbarer Schwärm plötzlich in den Teich, schwamm umher, tauchte unter und verrieth durch Kunststücke, daß eine Minderzahl von ihnen die Erziehung gebildeter Assen genossen habe. Bei der unmittelbaren Nähe des Ganges kehrten wir zu Wasser zurück. Ich miethete ein Boot, und nach wenigen Minuten entfaltete sich von Neuem jenes Panorama, das zu den strahlendsten Lichtblicken meiner Reise gehört. Wieder schwammen wir an Palästen vorbei, an blendend weißen Marmor« treppen, auf denen die Gläubigen ihre gebotenen Abwaschungen vollzogen. 92 Nur em stattlicher, mit drei Kuppeln ausgestatteter Tempel stand nicht im Einklang mit der sonnigen Heiterkeit der Scenerie. Die reißende Strömung des Ganges mochte seine Fundamente unterwaschen haben, und das Bauwerk neigte sich so bedenklich in den Strom, daß man bei dem nächsten Hochwafser seinen Einsturz erwarten konnte. Die beiden Verbrennungsplätze der Stadt ließen sich vom Boot aus, ohne daß man von dem Brandgeruch belästigt wurde, bequem übersehen. Auf dem ersten ward ein mit Blumen geschmückter Leichnam eben auf den Scheiterhaufen gelegt, ein in rothe Seide gewickelter weiblicher Körper lag halb im Wasser auf den untersten Stufen der Marmor-treppe, man war beschäftigt, der Leiche die Haare abzurasiren. Weiterhin wusch man Todte und schleppte Wagenladungen von Holz herbei. Auf dem zweiten Platze standen fünf Todte mit ihrem Scheiterhaufen in vollen Flammen, einem derselben fiel der Kopf in die Kohlen. In den engen Straßen von Benares spielen die feisten, mit Blumen geschmückten heiligen Stiere eine wichtige Rolle; der Fremde, den sie durch den Geruch von dem Eingeborenen unterscheiden, hat Ursache, sich vor ihren Hörnern zu hüten. Sie streifen in allen Stadtgegenden ungehindert umher, und fressen das zum Verkauf ausgestellte Obst und Gemüse auf, wenn die Händler sich nicht durch die Enge ihrer Läden vor ihnen sichern. Mit ungleich größerem Vergnügen betrachte ich die schönen Hindufrauen, wenn sie in den Straßen von Benares lustwandeln. Nur die Malerei und bunte Schmink« entstellen nicht selten die zarten Gesichtszüge. In Gemeinschaft mit Mr. Smith habe ich Besuche in einigen Privatwohnungen abgestattet und die mit orientalischem Comfort verbundene Pracht bewundert. In allen Zimmern liegen Decken aus Tigerfell; diese Raubthiere müssen in der Umgegend in kaum glaublicher Menge vorhanden sein. Wir kehren immer mit wahrem Widerwillen aus diesen eleganten Häusern in unser Hotel zurück. Die Ausspannungen letzten Ranges, „das rothe Noß" oder „der grüne Ochse" in Pojemuckel, sind, mit indischen Gasthäusern verglichen, wahre Musterhotels. An „Schlafgeld" in einem wahren Hundeloche bezahlt man für die Nacht, selbst wenn man sein Bett mitbringt, drei Rupien (1 Thlr. 10 Sgr.). Ein Tiffin oder Diner lostet jedes eben so viel. Verzichtet man darauf, oder ist man ausgcbeten, so wird für jedes nur ein Thaler berechnet' Ein gütliches Uebereinkommen ist unmöglich, da hinter Calcutta keiner der Hoteldiener mehr englisch spricht und ich in hindostanischer Sprache mich mit ihmn nur nothdürftig zu verständigen vermag. Ein Fest, das in den nächsten Tagen in Benares gefeiert werden soll und zu dem die Gläubigen meilenweit her-ftrömen, beschränkt unsere Häuslichkeit noch mehr. Es war rathsam, diesem Wirrwarr aus dem Wege zu gehen und die bevorstehende Festzeit zu einer Reise nach Allahabad, Cawnpore, Lucknow und Agra zu benutzen, deren Besuch mir von heimischen Gelehrten zu 93 künstlerischen Zwecken angelegentlich empfohlen war. Mr. Smith schloß sich mir an, wiewohl er sich unterwegs von mir trennen wallte, um die beabsichtigten Visiten abzustatten. Sein starkes Gepäck setzte mich in Verwunderung; er gab mir sogleich die nöthigen Erläuterungen. „Hier zu Lande," sagte er, „ist man nur willkommen, wenn man die neuesten Zeitungen und die ältesten Weine, Witzblätter des jüngsten Datums und abgelagerte Cigarren in gehöriger Quantität mitbringt. Ein Diener darf nicht fehlen, noch besser für den Gastfreund, wenn der Reisende auch die Frau mit sich führt. Vergessen Sie nicht, daß wir uns in Asien befinden." Am 14. Januar, Nachmittags, fuhren wir von Benares ab und kamen in unserer schäbigen Postkutsche an der Arena des Pferderennens vorbei, zu dessen Ruhm ich nichts anzuführen weiß. Um 6 Uhr passirten wir eine große Stadt mit vielen Kuppeln und Pagoden, deren Namen ich in meinem Tage-buche nicht mehr entziffern kann und auf den Karten nicht finde, erst um 8 Uhr kamen wir in Allahabad an. Statt der versprochenen zehn Stunden waren wir fünfzehn unterwegs gewesen. Wir hatten auf der Reise mancherlei Widerwärtigkeiten erlebt. So mußten wir uns, da die Pferde durchaus nicht den Wagen über die Schiffbrücke des Ganges ziehen wollten, eines Palankins und mehrerer Kulis bedienen. Der absonderlichen Poftstationen erinnere ich mich dagegen mit Vergnügen. Sie befinden sich im Freien unter großen Vanianenbäumen, die Klepper und ihre Krippen sind um den Stamm gereiht' die Geschirre hängen an den Zweigen. Mit einbrechender Dunkelheit wird ein großes Feuer angezündet und die ganze Nacht hindurch erhalten, theils die Tiger abzuschrecken, theils die Stationen für die Reisenden zu bezeichnen. Die Wege sind über alles Lob erhaben und von der Gleichmäßigkeit einer Dreschtenne; sie werden von Verbrechern im Stande erhalten. In der trockenen Jahreszeit hat man natürlich vom Staube viel zu leiden. Allahabad ist, wie so viele indische Städte, eine gefallene Größe. Zerstörte Paläste und in Trümmer sinkende Tempel sind die Zeugen alter Herrlichkeit. Das starke Fort zeigt Spuren indischer und englischer Bauart, die Garnison von Allahabad campirt jedoch der Gesundheit wegen unter Selten. Mr. Smith ist von mir geschieden, und meinen einzigen Umgang bilden, da ich des Wirthes und seiner Frau nicht habhaft werden kann, zwei Affen, die, vor dem Hotel auf den Bäumen wohnend, mich ab und zu durch das Fenster besuchen und Scherze treiben. Wie glücklich wäre ich, dürfte ich mit ihnen das Quartier tauschen und in den Zweigen wohnen! Die eingeborene Bevölkerung Allahabads bietet mir manches Neue an Trachten und Moden. Ich sah einen jungen Mann, der wohl ein Paar Strümpfe, aber keine Hosen trug, Einer war mit einem rothen Leibrock, ein Anderer nur mit einem alten Hut ohne Voden und Krampe bekleidet, die kohlschwarzen Värte der Männer gaben ihnen trotz des lächerlichen Costüms doch etwas Martialifches. Cine Ausfahrt in die Um- 94 gegend mußte ich der unbändigen Pferde halber unterlassen und mich anstatt des Wagens eines Palankins bedienen. Die vier Kulis suchten sich ihre Bürde durch folgenden improvisirten Gesang zu erleichtern: Wir tragen einen guten Herrn, ah! ah? Wir tragen einen reichen Herrn, ah! ah! Er wird uns Trinkgeld geben, ah! ah! Er wird uns zwei Rupien geben, ah? ah! Er wird uns eine Rupie geben, ah! ah! Er wird uns eine halbe Rupie geben, ah! ah! So handelten sich die armen splitternackten Kerle immer weiter herunter. Außer einigen malerischen Banianen fand ich in der Umgebung nichts, was der Ausbewahrung werth gewesen wäre. Ein Abenteuer, das ich im Laufe des Tages zu bestehen hatte, schärft« mir für die Folge größere Vorsicht ein. Da die Gesellschaftsreifen der Zukunft sich nach Vollendung des indischen Eisenbahnnetzes unzweifelhaft bis in diese, Regionen ausdehnen werden, darf ich zum Besten meiner Nachfolger dasselbe nicht verschweigen. Ich decke die Mittheilung durch den classischen Satz: natulMa nc»n zunt turpik. So groß Indlen ist, hatte ich doch zur Genüge die Schwierigkeiten kennen gelernt, in seinen weiten Gauen allein zu sein. Nun giebt es aber im Leben auch eines Mannes mit eiserner Stirn Momente, wo ihm ein Zustand von Schwäche gebietet, sich den Augen nicht nur seiner theuersten Familienangehörigen, sondern überhaupt aller Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu entziehen. Die officiellen Zufiuchtsörter, zu denen der Sterbliche in derartigen Augenblicken der Bedrängnitz flüchtet, sind nun aber in diesem Wunderlande in einer Weise vernachlässigt, daß ich stets vorgezogen habe, mich selbst, wo Gefahr im Verzüge war, meiner Bürde im Freien zu entledigen Die Sitte der Italiener erschien mir nachahmungswerth, doch sind andererseits die Bewohner Hindostans durchaus nicht einverstanden mit der zarten Schonung, welche die Nachkommen der alten Römer dein bedrängten Nebenmenschen angedeihen lassen. Weit entfernt, seine löblichen Bestrebungen scheinbar nicht zu beachten und die eigene Promenade fortzusetzen, folgen sie ihm, sobald sie seine Absichten errathen, mit seltener Beharrlichkeit und verlassen ihn nicht eher, als bis sie die Eigenschaft von gerichtlich brauchbaren Zeugen erlangt haben. Kein Tag verging, an dem ich mir nicht auf diese Weise ein glänzendes Gefolge zu bilden vermochte. Es war unmöglich, wenn ich mich nicht bis in das Revier der Tiger entfernen wollte, eine einsame Stelle zu sinden, wo ich nicht von einem Kreise neugieriger Zuschauer umgeben war. In der Umgebung von Allahabad ersah ich nach längerem Zögern einen einsam stehenden verkrüppelten Baum zur Vollendung eines Werkes, das, wie es von der Ausführung so mancher Regierungsmaßregel heißt, ohne empfindlichen Schaden für das Gemeinwohl nicht länger aufgeschoben werden durfte. 95 Ich verließ den Palankin und gebot den Kulis, sich m ein Ricinus-Gebüsch zurückzuziehen. Kaum hatte ich jedoch die nöthigen Vorkehrungen getroffen und in dem beseligenden Gefühl, endlich allein zu sein, unter dem Baume Platz genommen, als aus dem benachbarten Buschwerk ein langer schwarzer Kerl hervorstürzte und mich mit den fürchterlichsten -Schmähungen überhäufte. Zugleich eilten auf den Klang feiner Stimme viele Eingeborene aus der Entfernung herbei. Ich war nahe daran gewesen, ein Verbrechen M begehen, das der Mißhandlung eines Affen oder einer Kuh nahe kam; der Baum war ein heiliger! Um der Gefahr zu entrinnen, stieg ich schnell in den Palankin und unter den mannigfaltigen Schimpfwörtern der in ihren ehrwürdigsten Empfindungen gekränkten Hindus suchte ich eine Stelle im stachen Felde auf, die mich nicht der Gefahr aussetzte, durch einen Act der Natur eine Profanation zu verüben. XIV. Cawnpore. Der Aufstand van 1857. Indische Iulitage. Nena Sahib. Lucknolu. Die Theilung der Arbeit unter den Dienern. Das Dorf der todten Menschen. Ngra. Ein Besuch des Taschmahal. Tekundr» mit Atbars Grabmal. Die Eisenbahn zwischen Allahabad und Cawnpore ist vollendet, und ich erhob mich am 15. Januar Morgens zeitig von meinem Lager, um die Abfahrt des Zuges nicht zu versäumen. Da ich mich in Betreff meiner Zeiteintheilung und der Fortsetzung meiner Reise nach dem Schiffskalender von Calcutta, d. h. nach dem Abgänge der Dampfer richten muß, bin ich zu militärischer Pünktlichkeit gezwungen. Die hiesige Race hat freilich nicht einmal ein Organ, um den europäischen Satz: Zeit ist Geld, zu begreifen. Ich mußte die Dienerschaft des Hauses selber wecken, um nur einige Hülfe zu haben, und trat dann meine Wanderung nach dem Bahnhofe an, auf der mich ein zahmer Hirsch begleitete. Die Schonung, welche der Hindu nach'den Vorschriften seiner Religion allen Thieren angedeihen läßt, flößt, wie ich zu bemerken glaube, selbst ursprünglich scheuen Thieren Vertrauen ein. Noch an demselben Vormittag sah ich einen Schakal, der, während der Zug anhielt, ruhig auf dem Bahnkörper stand und furchtlos die Schienen beschnüffelte. Auch die Vögel scheinen ihre Furcht verloren zu haben. Wir kamen an vielen kleinen Bäumen vorbei, an deren Zweigen die geflügelten Baumeister ihre seltsam geformten Nester so unbekümmert aufgehängt hatten, daß jedes Kind im Stande gewesen wcire, sie abzunehmen. Die Spuren oder Nachwehen des letzten großen Auf-standes treten hier schon deutlicher hervor. Die Seapovs, denen wir begegnen, sind fast alle mit Schmarren und tiefen Narben bezeichnet, die ihren finsteren. 96 Gesichtern einen noch drohenderen Ausdruck verleihen. Der unversöhnliche Haß der Eingeborenen mag selbst das englische Geblüt etwas umgänglicher stimmen. Ein Passagier von „Halbkaste", d. h. der Sohn eines englischen Vaters und einer indischen Mutter, ließ sich herbei, sein Frühstück mit mir zu theilen. Da er sich. wieder mit einer Hindostanerin verheirathet hatte, waren seine fünf Kinder, obgleich sonst sehr wohlgebildet, doch fast schwarz. Er brachte sie in eine benachbarte Erziehungsanstalt, ein „Kloster", wie er sagte. Die Gegend, durch die wir fahren, ist flach und erhält nur durch Mangobäume und Ricinusgebüsche einige Abwechselung. Dieses Pflanzenöl findet in Indien eine ungleich ausgedehntere Anwendung als in Europa. Eine Kruke mit Ricinusöl gehört zum Inventarium jedes besser eingerichteten Zimmers. Bei der geringsten Unpäßlichkeit nimmt man dazu seine Zuflucht. Es gilt für ein stopfendes und auflösendes Mittel, und man beanstandet nicht, den Salat damit zuzubereiten. Mit Vögeln sind beide Flanken der Vahn reich bevölkert. Die Mehrzahl derselben besteht aus Flamingos und großen grünen Papageien, auch unsere heimischen Störche waren durch etwa fünfzig Exemplare vertreten. Um halb 12 Uhr Mittags langten wir in Cawnpore an; die Temperatur glich der eines Dampfbades. Im Hochsommer soll man glauben, auf glühenden Kohlen zu gehen. Ich stieg in dem Gouvernements-Bungalow ab, einem von der Regierung etablirten Hotel, deren man überall in den weniger vom Handel berührten Gegenden Indiens findet, kann ihm aber keinen Comfort nachrühmen. Mein Diner, ein Gouvernements-Beefsteak, mußte mit zwölf Annas (25 Sgr.) honorirt werden, am anderen Morgen forderte man mir sogar eine halbe Rupie für „Stallung", und drei Viertel Rupie für „Trinkgeld" ab, obgleich ich selber nicht einmal im Stande gewesen war, meinen eigenen Durst zu löschen, denn das Ale war ausgegangen und das Wasser unerträglich warm. Nie groß die Hitze in Cawnpore sein muh, erhellt aus den über jedem Vette angebrachten Fächern (Punkas). Wer hier länger verweilt, miethet einen Bon, um die Punka in Bewegung zu setzen. Dem jungen Manne wird ein quer über einen Wasserzuber gelegtes schmales Brett als Sitz angewiesen. Entschlummert er, so plumpt er in das Wasser. Empfindlichere oder menschenfreundlichere Reisende miethen daher zwei Boys, die abwechselnd alle zwei Stunden den Fächerposten beziehen. Cawnpore ist jene indische Stadt, in welcher im Jahre 1857 am 15. und 16. Juli durch die Aufständischen jene furchtbaren Greuel verübt worden sind, welche die Engländer zu einer nicht minder entsetzlichen Rache anreizten. Mehrere hundert englische Frauen und Kinder wurden theils als blutige Le.ichen, theils lebendig in einen tiefen Brunnen gestürzt, nachdem alle Schandthaten der Bestialität an ihnen verübt worden waren. Die Häuser, in denen man die Unglücklichen niedergemetzelt, sind sämmtlich dem Erdboden gleichgemacht und in Gärten und Kirchhöfe umgewandelt. Um den verhängniß- 97 Dollen Brunnen errichtet die Regierung ein großartiges Denkmal in gothischem Style. Während meiner Anwesenheit wurde noch eifrig daran gearbeitet. Gegen Abend machte ich einen Spaziergang nach dem entgegengesetzten Theile der Stadt und besah die Gebäude, in denen Nena Sahib, der Hauptanstifter der Metzelei, gehaust hatte. Das Ungeheuer ist der verdienten Strafe noch immer entgangen, nur seinen Neffen und Helfershelfer hatte die Rache einige Monate vor meiner Ankunft ereilt. Er war in Bombay erkannt und ergriffen worden, dann hatte man ihn nach Allahabad geschafft und dort mitten unter der fanatifchen Bevölkerung gehängt. Man wird sich aus den Schilderungen Macaulay's in seinem Cssay „Lord Clive" erinnern, daß der Tod am Galgen die äußerste Schmach ist, die über einen indischen Edlen verhängt werden kann. Nenn Sahib selber hat sich allen Nachforschungen der englischen Polizei zu entziehen gewußt, doch ist mir wiederholt versichert morden, daß er sich in tiefster Verborgenheit, unter dem Schutze der Brahminen, in Benares aufhalte. Am 16. Januar früh Morgens wollte ich einen Abstecher nach dem zehn Stunden in nordwestlicher Richtung entfernten Lucknow machen, mußte jedoch länger als eine Stunde auf die schläfrige Dienerschaft, den Thee und dm Wagen warten. Erst um 8 Uhr stand das mit zwei Büffeln bespannte Fuhrwerk vor der Thür. Nachdem wir die Schissbrücke über den Ganges passirt und das malerische Treiben angestaunt, fuhren wir in tiefem Sande landein. Nach einer Stunde wurde umgespannt, das elende Pferd vermochte den leichten Karren kaum weiter zu fchleppen. Wir kamen erst an einer ziemlich großen Stadt, dann an einem fast ganz in Trümmer geschossenen Flecken vorbei und fuhren durch eine Sumpfgegend mit mehreren klemm Seen. In einer Stadt, die wir Mittags pafsirten, war keins der armseligen Häuser höher als sieben Fuß. Nachmittags begegnete uns eine kleine Abtheilung Seavoys. Sie versperrten dem Wagen den Weg und machten allerlei Manöver mit ihren Gewehren, so daß ich mich der Besorgniß nicht erwehren konnte, sie wollten mir zu Leibe gehen. Indessen endeten sie damit, das Gewehr zu präsentiren; sie hatten mich muthmaßlich für einen englifchen Militär in Civil gehalten. Schon um vier Uhr kamen wir in Lucknow, der Hauptstadt des ehemaligen Königreiches Oude, an. In dem ungemüthlichen Gouvernements-Vungalow erfuhr ich von dem alten stotternden Inspector, daß noch ein Gasthaus, das Victoria-Hotel, vorhanden sei, dessen Wirth aus Bagdad stamme. Auch hier wurde nicht englisch gesprochen, doch hörte ich von zwei englischen Damen aus Agra, daß ein junger deutscher Kaufmann in Lucknow lebe, der mir wohl Obdach gewähren werde. Nach einer Stunde hatte ich ihn aufgefunden und wurde als Landsmann mit offenen Armen empfangen. Herr Sondermann, «n liebenswürdiger Hamburger, bot mir sogleich eine Wohnung in seinem -Hause an, und man wird sich bei meiner Sehnsucht nach LandBleuten und der HUbtbtanbt'S Reise um bit Erdü. I. 7 98 theuren Muttersprache denken können, wie gern ich fein freundliches Anerbieten annahm. Sondermanns Haushaltung war nach indifchem Maßstabe sehr großartig und comfortabel eingerichtet; ich zahlte nicht weniger als zwanzig Diener. Da der junge Mann sich aber nächstens zu verheirathen und gleichzeitig Pferde-und Wagen anzuschaffen gedenkt, wird noch ein Dutzend hinzugefügt werden müssen. Hier that ich zuerst einen tieferen Vlick in das wirthschaftliche Treiben und die Gebräuche Indiens. Die Theilung der Arbeit ist selbst in der deutschen Bureaukratie und unter den Lakaien in russischen Palästen nicht so weit getrieben, als unter der hiesigen Dienerschaft. Zuerst ist da ein Kellermeister (Lutier, Nau8umad), der die höheren Functionen des Haushalts versieht, Einkäufe macht, Vorräthe überwacht und verwaltet, auch seinen Herrn bei Galavisiten begleitet, aber ihm steht noch ein „Uuäsr Lutlei" zur Seite. Der „VÄst" (Kammerdiener) fervirt den Kaffee, besorgt das Bad, geht bei der Toilette zur Hand und leistet Dienste bei Promenaden, Land- und Wafserfahrten. Der Koch (L^arcke) disponirt, um sich nicht zu überarbeiten, über einen Unterkoch (Iluäer <üook). Der „Veaisr" (Träger, <üdiek Hawaii) polirt die Möbel mit Oel und Wachs, arrangirt die Blumenvasen, servirt die Tafel und unterzieht sich verschiedenen ähnlichen Verrichtungen. Er würde jedoch dabei ohne mehrere „Iluäer llamaUs" elendiglich zu Grunde gehen. Häusliche Vedettendienste verrichtet der „Door Xeepei" (Thürhüter, Darban), aber außerdem giebt es noch einen „krivat« 'ss'HtHiuü.ii", dem die Bewachung des Hauses zur Nachtzeit obliegt. Der „Vilüste" oder Wasserträger besorgt die täglich nöthige Quantität, der „vbobi" (^Va8iieiiu»,ll) wäscht das gröbere Leinenzeug, in einem größeren Haushalte muß es außerdem noch einen Wafchmann für Leibwäsche und alle feinen Stoffe geben. Halt man sich Hunde, fo darf auch ein Hundewärter und Wäscher nicht fehlen. Selbstverständlich sind Gärtner, Kutscher, Stallbediente, Bootsleute und Palankinträger. Bei einer ausgezeichneten Gesundheit und fünfundzwanzig Jahren braucht Mrs. Sondcrmann glücklicherweise leinen „Medicinträger"! Die Kosten eines solchen Haufens von Tagedieben belaufen sich monatlich auf dritthalbhundert Rupien oder fünfundzwanzig Pfd. Sterling. Demgemäß müssen natürlich nun auch die Räumlichkeiten des Hauses eingetheilt sein. Ich komme vielleicht noch ausführlicher auf diesen socialen Punkt zurück. Luänow ist, wie das englische Viertel von Calcutta, eine Stadt indischer Paläste. Der Anblick dieser Größe, dieses Reichthums ist imposant, nur sind die Prachtgebäude Lucknows in den Kämpfen des Jahres 185? überaus hart mitgenommen. Kein großes Gebäude, das nicht über und über mit Kugelfpuren bedeckt wäre, selbst die prachtvollen Tempel sind zerschossen, doch ist man damit beschäftigt, die zertrümmerten Baulichkeiten wieder herzustellen. Ein ganzer Tag. 99 reichte kaum hin, die Herrlichkeiten Lucknows genauer in Augenschein zu nehmen. An den alten Grabmälern der Könige zählte ich allein achtzig mir gediegenen Goldplatten bedeckte Kuppeln. In einem der Paläste befindet sich eine große silberne Treppe. Nach dem Ausstände haben die Engländer die Bewachung dieser merkwürdigen Kostbarkeiten übernommen; überall begegnet, man ihren Wachtposten. Der Anblick einer so unerhörten Pracht, die in ihrer Gestaltung von Allem abwich, was ich bis dahin gesehen, setzte mich ganz in Verwirrung, ich ging unter diesen Monumenten, Palästen, Triumphbögen und Tempeln wie ein Traumwandler umher. Hier konnte ich auch mein Verlangen, Elephanten zu sehen, ohne Schwierigkeiten befriedigen und nach Belieben auf ihnen spazieren reiten. Man sieht ihrer den Tag über fast so viele, wie Pferde in unseren Städten, meistens kohlschwarze Kolosse. Ein guter, wohl-dressirter Elephant wird in Lucknow nur mit tausend Rupien bezahlt. Di? Ausgabe ist nicht hoch, wenn man bedenkt, daß einzelne dieser Geschöpfe schon seit dem vorigen Jahrhunderte ihren Eigenthümern Dienste leisten. Ich benutzte die günstige Gelegenheit, einen Elephanten zu miethen und als Sonntags-reiter einen Abstecher nach dem Affenwalde zu machen. Den Nachkommen Hanumans ist in Lucknow nicht, wie in Benares, ein eigener Tempel errichtet; sie müssen die ihnen gewidmeten Huldigungen im Freien entgegennehmen, doch werden sie auf öffentliche Kosten gefüttert. Man mag über diesen Cultus denken, wie man wolle, immer wird er gebildeten Personen mehr zusagen, als ein unter den hiesigen Engländern üblicher Sport, zu dem man auch mich aufgefordert hatte. Der Gastgeber ließ von einigen Hindus der untersten Kaste ein Dutzend Schakale in seinen Hof bringen und alle Pforten verschließen. Dann postirte er mit feinen Freunden sich an die Fenster und fchoß nach den unglücklichen Bestien mit Pfeilen. Wenn sie alle getroffen worden sind, ruft man die indischen Eigenthümer, diese reißen ihnen die Pfeile aus dem Leibe und lassen sie laufen. Sin Schakal zu dergleichen Schießübungen steht hier ZU Lande immer zur Verfügung. Ich lasse das herrliche Wetter und die Elephanten nicht unbenutzt. Am. 20. Januar machte ich einen Ausflug nach dem „Dorfe der todten Menschen". Ich habe schon berichtet, daß die Hindus ihre schwer erkrankten aufgegebenen Angehörigen an das Ufer des Ganges zu tragen und, nachdem sie ihnen Mund und Nafe mit heiligem Schlamm gefüllt, dem Spiel der Wellen zu überlassen pflegen. Nun ereignet es sich zuweilen, daß der Patient durch die Frische des Wassers und die Kühle der Nacht wieder zu sich kommt, oder von einem menschenfreundlichen Europäer, der Spuren des Lebens an dem schwimmenden Körper entdeckt, an's Ufer oder an Bord gezogen, gepflegt und gerettet wird. Für seine ehemaligen Verwandten ist er nichtsdestoweniger aus dem irdischen Leben geschieden. Es bleibt ihm nichts übrig, als einen Zufluchtsort in einem dieser „Dörfer der tobten Menfchen" zu fuchsn, dw ?* 100 man in einiger Entfernung von allen großen Mittelpunkten indischen Lebens antrifft. Einer näheren Beschreibung dieser Stätten des äußersten Elends enthalte ich mich; man wird sich ausmalen können, auf welche klägliche Weise diese meistens hochbejahrten Wesen ihr Leben zu fristen suchen. Als ich nach Hause zurückkehrte, überraschte ich mehrere zierliche Eichhörnchen, die in meinem Zimmer ihr Wesen trieben und sich durch meinen Eintritt gar nicht einschüchtern ließen. Eine Einladung zu dem Balle, der Abends zu Ehren eines Generals gegeben werden sollte, lehnte ich, theils aus Besorgnissen vor Austritten, wie ich sie auf Ceylon erlebt, theils meiner Rückreise nach Eanmpore wegen, höflich ab, setzte mich um 8 Uhr Abends in den Wagen und fuhr davon, reich be« laden mit malerischer Ausbeute. Die Nacht war stockfinster, voller Nebel und kalt; die Situation war höchst unbehaglich. Die Umgegend von Lucknow ift durch die Unthaten der Thugs (Würger) berüchtigt, und wenn der englische Galgen auch furchtbar unter ihnen aufgeräumt hat, sollen ihrer doch noch genug vorhanden sein. Mehrmals in der Nacht wurde der Wagen von schwarzen Kerlen angehalten, die heftig in mich hineinsprachen, ohne daß ich ihnen hätte antworten können; etwa um 1 Uhr wurde ich durch ein schrilles Pfeifen erschreckt. Es ist in Cawnpore und Lucknow noch immer nicht recht geheuer. Vierzehn Tage vor meiner Ankunft hatte einer der Diener des Herrn Sondermann rebellirt und gesagt: „Heute bin ich Ihr Diener, in einer Woche können Sie mein Diener sein!" Die Engländer sind auf Alles gefaßt und stehen fortwährend unter Gewehr. Am unbehaglichsten war das unaufhörliche Gebrüll der wilden Thiere auf meiner Nachtfahrt. Einige Tage vorher war der Fuhrmann eines Frachtwagens durch einen Tiger vom Bock gerissen worden, die Gefährten hatten das Unglück erst auf dem nächsten Halteplätze aus den Nlutspuren errathen, so lautlos war die Bestie verfahren. Wir kamen glücklich um ? Uhr Morgens in Cawnpore an, und schon um halb 1 Uhr Mittags saß ich wieder im Coupe, um auf der Eisenbahn nach Ngra zu fahren. Der Zug bestand aus einer starken Truppenabtheilung, da ein Militär-StationZwechfel stattfand. Das Abschiednehmen, die Umarmungen, die letzten Gläser wollten gar keine Ende erreichen. Am stärksten waren die armen Soldatenweiber im Gedränge. Nur der hundertste Mann (Gemeiner) darf seine Frau aus Europa mitbringen, es ist mithin begreiflich, wenn zuletzt Zweifel über das Eigenthumsrecht entstehen. Die jungen Lieutenants waren felbst unter der indischen Sonne eben so angelegentlich mit der fortwährenden Retouche ihrer Außenseite beschäftigt, wie in der nordifchen Zone. Taschenspiegel, Taschenbürsten, Taschenkämme: der militärisch-kosmetische Apparat bleibt immer derselbe. Abends 8 Uhr waren wir in Agra; aber noch in den letzten Secunden vor Sonnenuntergang hatten wir uns sorgfältig gestriegelt. Der Zustand der Truppe war in Folge der genossenen Svirituofen ein höchst auf« 101 geregter; ich warf mich in einen Nagen und fuhr unter Regen, Vlitz und Donner über die Schissbrücke des Dschamna (Iumna) nach dem eine Stunde weit von der Station entfernten Bungalow. Das Gewitter hielt die Nacht über an, verstummte der Donner, so hörte man den vom Himmel strömenden Regen und das Geräusch der schweren Tropfen, welche durch das Dach und die Decke des Zimmers drangen, doch war meine Besorgniß: das Gebäude könnte einstürzen, unbegründet. Der Tag brach an, und ungeachtet des anhaltenden Unwetters fuhr ich, um den Zweck meiner diesmaligen Excursion zu erfüllen, nach dem Taschmahal, einem der herrlichsten Denkmäler Indiens, indeß gelang es mir erst am nächsten klaren Morgen, den 23. Januar, eine Zeichnung des weltberühmten Gebäudes zu entwerfen. Den Historikern muß überlassen bleiben, alle jene Sagen kritisch zu sichten, mit welchen die Volkspoesie dieses Mausoleum umgeben hat; ich habe Mich als Künstler auf die Beschreibung Zu beschränken. Das Denkmal stammt aus den Zeiten der muhamedanischen Herrscher und ist etwa zweihundert Jahre alt. Schah Dschihan hat es zur Erinnerung seiner Gemahlin Nur-Dschihan (Nurjehan) errichtet und ihre Ueberreste darin beigesetzt, selbst der Entwurf des Planes soll von der eigenen Hand des Kaisers herrühren. Aeltere Chronisten nennen einen Italiener als Baumeister und geben die Zahl der Vauhcmdwerker auf zwanzigtausend an, die zweiundzwanzig Jahre hindurch thätig gewesen sein sollen. Das dunkle Gerücht, der Schöpfer des Wunderwerks sei nach Vollendung desselben hingerichtet worden, um nichts Aehnliches mehr zu vollenden, gehört zu jenen Ausschmückungen, denen wir überall wieder begegnen. Das Grundstück, welches das Taschmahal umschließt, liegt hart am Dschamna und ist von einer rothen Sandstcinmauer umgeben, über die sich an den beiden Ecken der West-Wasserseite zwei Moscheen erheben. Auf der Südseite gelangt man durch ein gigantisches Thor mit Metallthorflügeln und Kuppeln in einen wahrhaft paradiesischen Garten, dem, ungeachtet seines Blumenslors und der köstlichen Fruchtbäume, die Menge der Cypressen einen schwermüthigen Anstrich verleiht. Durch eine lange Cypressen-Allee gelangt man zu einer Marmortreppc, auf der man zu der Terrasse emporsteigt, welche die Basis des Mausoleums bildet. Dieser Morgenspaziergang im Schatten des erhabenen Nadelholzes, im Duft der Blumen, der Frische nner durch das sechsunddreißigstündige Gewitter abgekühlten Atmosphäre, mit dem Blick auf das phantastische Bauwerk, wird nie aus meinem Gedächtniß schwinden. Solche seltenen Stunden prägen sich wie Inschriften der Seele ein, und ihr Bild enthüllt sich vielleicht noch einmal im letzten Moment des schwindenden Lebens und erquickt das innere Auge des leidenden Menschen durch einen tröstenden Schimmer. Die Ecken der Terrasse sind durch vierhundert Fuß hohe Minarets bezeichnet; das Mausoleum, ein unregelmäßiges, Achteck, liegt in der Mitte und ist von einer hundertneunzig Fuß hohen, mit 102 dem goldenen Halbmonde geschmückten Kuppel überragt. Das Vaumaterial besteht aus polirtem weihem Marmor, der von Ornamenten aus kostbaren Steinen starrt. Noch reicher ist das Innere bis in die Kuppel hinauf mit Mosaiken verziert. Diese bestehen durchweg aus Halbedelsteinen: Carneol, Achat, Chalcedon, Jaspis, Lapis Lazuli u. a. Einzelne Blumen sind oft aus hundert polirten Steinfragmenten zusammengesetzt. Zwar haben die englischen Truppen Vieles ruinirt und die anscheinend werthvollsten Steine mit Degenspitzen und Bajonnetten herausgebrochen, der englischen Regierung gereicht cs aber zur Ehrc, daß sie die schadhaften Stellen wieder zu erneuern sucht. Alle diese Mosaiken sind angeblich von den besten römischen Meistern angefertigt und werden auf sechstehalo Millionen Thaler veranschlagt. Die beiden, mit Sprüchen aus dem Koran, Blumen und Arabesken bedeckten Sarkophage sind von einer elfenbeinartig geschnitzten Marmorwand umgeben und stehen gerade unter der Hauptkuppel. Nach dem ursprünglichen Plane des Schah Dschihan hatte ihm am andern Ufer des Dschamna ein ähnliches Mausoleum errichtet und durch eine Marmorbrllcke mit dem seiner Gemahlin verbunden werden sollen, allein durch seinen Sohn Aureng-Ieb entthront, starb der Schah in Einsamkeit, man setzte seine sterblichen Ueberreste an die Seite der Gattin, der Nachfolger belegte die angewiesenen Summen mit Ve« schlag und die schon begonnenen Bauten sanken in Trümmer. An dem Ostufer des Dschamna liegt auch der „Garten der Liebe," ein wahres Elysium voller Wemstöcke, Citronen- und Orangenbäume, Fontainen und Marmorkiosks und das Grabmal des Vaters der Nurmahal. Gern hätte ich meine Ausflüge noch bis nach dem verfallenen Weiler Sekundra und dem dortigen Grabmale des großen Mongolenkaisers Akbar ausgedehnt, allein die Zeit drängte, ich durfte mein Budget nicht überschreiten und so trat ich mit blutendem Herzen in Begleitung eines Vrahminen, Schul-directors zu Agra, die Rückreise nach Benares an. Mein Reisegefährte war nach den Begriffen seiner Heimath ein gebildeter Mann und sprach sehr gut englisch; wir unterhielten uns vielfach über indische und europäische Zustände. Auf meinen Rath, Europa zu besuchen, antwortete er, dah er schon häufig daran gedacht habe, nur der mit einer Reise verbundene Verlust seiner Kaste hielt ihn davon ab. Er zog eine Schnur mit zwei Knoten unter dem Shawl hervor und betrachtete sie nachdenklich, dann verbarg er das Abzeichen der Kaste, blickte argwöhnisch um sich und sagte: „Es ist dummes Zeug, aber ich kann es nicht ändern." Trotz seiner Gelehrsamkeit war meinem Schul-director der Name Alexander v. Humboldts doch ganz unbekannt. Am 25. Januar, 11 Uhr Vormittags, erreichten wir nach einer überaus anstrengenden Fahrt Benares, wo ich mich noch zwei Tage auszuhalten und einige Sehenswürdigkeiten zu betrachten gedachte, die bei meiner ersten Anwesenheit des Fremdenandranges halber nicht leicht zugänglich gewesen waren. 103 Me letzten!Tage in Benares und Calcutta. Im goldenen Tempel. Her Hochzeitszug des Fürsten. Die Jugend deß Handelsftanoes. DeS Gouverneurs Maskenball. Auf der „India" nach Rangoon. Brief-station Tschitllkong. Die Pilgerschwärme hatten sich während meiner Abwesenheit vorlaufen, es gelang mir, rasch ein leidliches Unterkommen zu finden und im Eßsaal des Hotels die Bekanntschaft zweier Franzosen von der Insel Mauritius zu machen, in deren Gesellschaft ich den ganzen Tag zubrachte. Wie in Venedig die Fahrt auf dem Canale grande vom Bahnhofe nach der Piazetta und eine Promenade durch die engen Straßen der Stadt nach dem Rialto dem Ankömmling gleich eine richtige Vorstellung des Ortes gewährt, so in Benares cine Wagenfahrt durch die engen Gassen und die Rückkehr zu Wasser in einem offenen Gangesboote. Ich veranlaßte meine neuen Bekannten, mich nach dem goldenen Tempel zu begleiten, dem größten Heiligthum der Stadt, das mir seiner versteckten Lage halber anfangs entgangen war. Das alte Bauwerk genießt in den Augen der Hindus ein ähnliches Ansehen, wie in denen der Christen und Muhamedaner die Grabeskirche zu Jerusalem und die Moschee mit dem Grabe des Propheten zu Mekka. Wer mit den Einzelheiten dcs indischen Cultus nicht näher vertraut ist, vermag keinen Sinn in den Emblemen des Tempels und den Ceremonien der Gläubigen zu finden. Nachdem wir durch ein reichliches Trinkgeld den Eintritt erlangt, schritten wir zwischen zwei Steingestalten heiliger Stiere in das Innere. Durch die unterhalb der Hauptkuvpel befindlichen Fenster brach nur ein trübes Licht, und wir bedurften der äußersten Vorsicht, um nicht über die Arme und Beine der Büßer und Betenden zu stolpern, mit denen weithin der Fußboden bedeckt war. Den Rand eines steinernen, mit Nasser und gelben Blumen angefüllten Bassins vermochten wir vor dem Gedränge nicht zu erreichen. Ich sah nur, daß hinter dem ausgemauerten Weiher einige Stufen in die Tiefe führten, wo sich das Allerheiligste, ein Altar, erhob. Die Platten desselben waren mit Gemälden bedeckt, aber die mangelhafte Beleuchtung und bie Entfernung verhinderten mich, Näheres zu unterscheiden. Die Scenerie hatte etwas Beklemmendes, das dumpfe Genwrmel der Betenden, ihre dunkle Hautfarbe, der eigenthümliche indische Geruch — Alles verleidete uns den Tempel; die Gläubigen mochten nach ihren lauernden Seitenblicken mit unserer eschen Entfernung einverstanden fein. Wir holten tief Athem, als wir wieder aus der engen Gasse in die Hauptstraße einbiegen wollten und durch einen Hochzeitszug aufgehalten wurden. Ein reicher indischer Fürst übersandte seiner Erwählten die Brautgeschenke. 104 In Europa wird in solchen Fällen ein Trousseau aufgebaut und bevorzugten Neugierigen der Zutritt gestattet, im Orient sucht der Bräutigam seine Reichthümer und seine Freigebigkeit vor der ganzen Stadt zu entfalten. Außer drei reichgeschmückten Elephanten zählte ich hundert und einige, mit Gold-und Silberstoffen behangene prächtige Rosse, begleitet von mehreren hundert «festlich gekleideten Eingeborenen, die seidene Stosse und Shawls, goldene und silberne Geschirre, Süßigkeiten in lackirten Kästchen, Früchte, Gemüse, Schminken und ausgestopfte Figuren, z. V. Engländer mit rothen Haaren, Missionäre mit der Bibel unter dem Arm, hinterdrein trugen. Mehrere Musitbanden begleiteten den Zug mit einem haarsträubenden und herzbrechenden Lärm auf ihren Instrumenten. Die Hochzeitsprozession imvonirte mir gewaltig, später erfuhr ich jedoch durch den Wirth des Hotels, daß auch die Schmieger-väter und Schwiegersöhne von Benares dem Schwindel nicht abhold seien^ wenn es darauf ankomme, ihren Mitbürgern Sand in die Augen zu streuen. Die Elephanten und drei Viertel der kostspieligen Pferde sollten von Freunden des Hochzeiters nur geborgt sein und nach Einbruch der Dunkelheit aus den Höfen der Eltern der Vraut in die Stauungen ihrer Besitzer zurückgeführt werden. Auch die Gefäße aus edlen Metallen gehörten angeblich nicht einem, Eigenthümer. Am Vormittag des 26. Januar konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, dem Beispiele der hiesigen Engländer zu folgen und einen Elephantenritt durch die Straßen von Venares zu wagen, doch habe ich schon angenehmere Vergnügungstouren gemacht. Gewöhnlich find die Straßen nicht breiter als» sieben bktz acht Fuß, und ich kam öfter, als meinen Knöcheln und Kniescheiben lieb war, mit den ersten Stockwerken der Häuser in Berührung. In den Mittagsstunden wohnte ich einer Gerichtssitzung bei. Die zwölf Geschworenen in dem Erbschwindelei-Prozeß bestanden halb aus Engländern, halb aus Eingeborenen. Die Summe, um welche es sich handeln sollte, war so groß, daß ich Anstand nehme, sie anzugeben. Dann bestieg ich meinen Elephanten und ritt, ausgeschimpft von den Grünzeug- und Fruchthändlern, aus deren Körben mein Nenner im Vorübergehen naschte, nach der Gangesbrücke. Hier erfuhr ich, daß auf dem gestrigen Zuge von Iumalpora nach Benares-mehrere indische Passagiere der letzten Klasse unterwegs an der Cholera gestorben seien. Auf meine Frage belehrte man nu'ch, daß die Conducteure in solchen Fällen kurzen Proceß zu machen und die Leichen aus den Fenstern der Waggons zu werfen pflegten; das Weitere stellte man den Geiern und Schakalen anheim. Von der Brücke lieh ich mich, nachdem ich für geringes Geld eine Fülle der küstlichsten Südfrüchte gekauft, nach einer trockenen Sandbank fahren und schlug dort für einige Stunden mein Atelier auf. Mehrere indische Kinder waren mir gefolgt, als ich ihnen aber von den Früchten mittheilen wollte, wiesen sie die Gabe mit Geberden des Abscheus zurück und> 105 baten durch kaum mißzuverstehende Pantomimen um — Geld. Eine giftige Schlange, die einige Schritte weiter aus dem Ganges in ein benachbartes Boot kroch, vergällte mir das fernere Arbeiten; ich eilte nach Hause, um meine Effecten zu packen, da ich den nächsten Tag zur Rückreise nach Calcutta bestimmt hatte. Unsere Fahrt ging diesmal nach dem Reglement von Statten. Um 4 Uhr Morgens am 28. Januar verließ der Zug den Bahnhof von Benares, am 29. Januar 8 Uhr Morgens kamen wir in Calcutta an. So abgespannt ich war, ich unterzog mich der Mühe, sogleich nach der Post zu gehen, und wurde durch Briefe von Mutter und Bruder aus der Heimath entschädigt. Der Maskenball des Gouverneurs, von dem seit meiner Anwesenheit in Indien die Rede war, hat schon vor acht Tagen stattgefunden; es ist mir daher gelungen, in Mountains Hotel unterzukommen. Mein Gemach, allerdings das letzte freie Zimmer, liegt nach dem dritten schmutzigen Hofe hinaus; der Weg führt durch einen Pferdestall und zwei Wagenremisen. Die Wände bestehen aus Leinwandrahmen und sind genau fünf Fuß sechs Zoll hoch; ein gutgewachsener Musketier könnte mithin aus dem Nebenzimmer all' mein Thun und Treiben beobachten. In der Thür steckt ein Schlüssel. Es ist der zweite, der mir in Indien unter die Hände gekommen. Da der Wirth und die Diener mich flehentlich gebeten haben, Thür und Koffer fest zuzuschließen, muß dieses Werkzeug Wichtigkeit be^en. Ich beschließe daher, für meinen dreitägigen Aufenthalt keinen „Boy^mehr zu miethen, mein Bett selber zu machen und die Stiefel eigenhändig ;u putzen. Immerhin habe ich mich insofern verbessert, als ich an der Table d'hote des Hauses Gesellschaft und Unterhaltung finde, doch ist diese eben nicht heiterer Art. Mein Tischnachbar ist ein Schotte, der seit einiger Zeit sich zum zweiten Male in Calcutta befindet. Er hatte zwanzig Jahre als Indigo-Plantagenbesitzer in Indien zugebracht und ein beträchtliches Vermögen erspart, mit dem er in die Heimath zurückkehren und sich dort ankaufen wollte. Alles war geordnet, seine Frau, eine geborene Engländerin, war vor Freuden außer sich, die heimische Insel wiederzusehen und ihren Anverwandten die in Indien geborenen Kinder vorzustellen: da erkrankten letztere, fünf an der Zahl, fast gleichzeitig am Fieber. Die armen Eltern begruben die Hoffnung ihres Alters auf dem Kirchhofe von Calcutta Und kehrten kinderlos nach Europa Zurück. Das war im vorigen Jahre geschehen. Die Mutter fand im Kreise ihrer Angehörigen wenn nicht Trost, so doch Zerstreuung; der Vater konnte es fern von den Gräbern der geliebten Kinder nicht aushalten. Er hatte die mühselige Neiss nicht gescheut, nur um an jedem Morgen und Abend seine Wallfahrt nach dem Denkmale der Verstorbenen zu wiederholen und mit heißen Thränen den Staub des mörderischen Bodens zu benetzen. Ungleich heiterer ist mein vis-a-viZ bei Tische, eine englische Hauvtmannsfrau, die von Benares zurückgekehrt, grundsätzlich keine 106 1>er dortigen Merkwürdigkeiten besichtigt, sondern nur einen Officierball besucht hat und sich dessen rühmt. Stark vertreten sind bei Tafel die Commis. Die jüngeren Subalternen des Handelsstandes suchen sich durch eine gewählte Tracht, hohes Selbstgefühl und tiefe Verachtung der unter ihnen stehenden Menschheit hervorzuthun; so viel ich bemerkt habe, gehen die Commis von Calcutta noch weiter. Es ist zu einer förmlichen Kastengliederung unter ihnen gekommen. Ein Commis, der ein Monatsgehalt von fünfhundert Rupien <333 Thlr.) bezieht, rechnet sich zu den Brahminen des Comptoirs und würdigt einen Collegen, der nur vierhundert oder gar dreihundert Rupien erhält, keines Vlickes, keines Wortes. Ebenso verfahren diefe und lassen die im Gehalts-Avancement ihnen nachstehenden Jüngeren ihre äußerste Geringschätzung fühlen. Mr. Quindrap, mein Nachbar zur Linken, könnte sich gleich in der nächsten Pagode auf dem Altar des Wifchnu niederlassen, so gbtzenhaft ist fein Anstand. Unerschöpflichen Stoff der Unterhaltung bei Tisch liefert der Maskenball. Die Königin desselben soll eine Lady gewefen sein, die für drei Costume die Summe von dreitausend Pfd. Sterling verausgabt hatte. Tie erste Sorge jedes Theilnehmers war natürlich gewefen, seine maskirte Individualität nicht für die Nachwelt verloren gehen und sich photographiren zu lassen. Nun hatten aber die Damen von Calcutta den Wunsch, die Portraits ihrer Tänzer auf einer Ausstellung vereinigt zu sehen; es war daher, um etwaige Mängel der ersten Aufnahme Zu verbessern, eine zweite Serie angefertigt und wirklich öffentlich ausgestellt nUden. Maskeraden tragen unter allen Himmelsstrichen einen verwandten Typus. Die billigsten Masken (für „junge Leute" mit monatlich zweihundert Rupien Gehalt und fünfhundert Rupien Schulden) find hier Hindus und Türken, wer mehr daran zu wenden hatte, war als Van Dyk, Rubens oder Raphael erschienen. Ein junger „Marquis Posa" schien mir höchst verdächtig, noch vor einigen Jahren in den Straßens Warschaus oder Posens Hasenfelle erstanden zu haben. Die Ausstellung erfreute sich eines zahlreichen Besuches. Während der Tischgespräche mache ich eine Beobachtung, die ich nicht länger verschweigen kann und der Untersuchung der Herren Aerzte empfehle. Das zweite oder dritte Individuum, wie auch der Wirth und die bejahrten Domestiken stottern immer; dasselbe Gebrechen ist mir schon unter den Passagieren der Eisenbahnen aufgefallen. Es verdient wohl untersucht zu werben, inwiefern Klima und örtliche Diätetik auf das grassirende Uebel einwirken. Die Zeit der Abfahrt ist herangerückt, wir schreiben den 30. Januar, und. so zufrieden icy mit meiner künstlerischen Ausbeute bin, der Gedanke an eine Nahrungs- und Ortsveränderung thut mir unsäglich wohl. Reis mit Curry, das Hauptnahrungsmittel Indiens, habe ich mir zum Ueberdruß gegessen. Das saucenartige gelbgrüne Gemüse, das zu dem sonst trefflich ge-kochten, dem italienischen Risotto gleichenden Reis fervirt wird, ein Gemenge 107 von beißend würzigen Kräutern, widert mich an, und doch wird es als stärkend für die Verdauung anempfohlen. Ich bin fo weit gekommen, inich nach Hammelbraten a la Guttapercha mit Seeluft als Zukost zu sehnen. Zuweilen beneide ich die Kulis, die von einem Silbergroschen (halben Anna) den Tag hindurch ihr Leben fristen und sich über Wohnung und Kleidung nicht Sorge zu machen brauchen, schon weil sie beider nicht bedürfen. Nie viele Bedürfnisse hat das verzogene Kind der Civilisation und wie schwer sind sie zu befriedigen! Für das Billet nach Rangoon zahlte ich hundertzwanzig Rupien, erhielt von dem Capitän der „India" die Versicherung, sein Dampfer werde die Ankerstelle im Hugly nicht verlassen, und kehrte in das Hotel zurück. Noch die letzten Stunden sollten mir durch „englische" Scherze verbittert werden. Unser Boot, in dem ich über den Hugly gesetzt hatte, fuhr in einiger Entfernung an der Dampffähre vorüber, gleichzeitig ruderte an ihr ein Kahn voll nackter Eingeborenen vorbei. Diesen Moment nahm der Maschinenmeister wahr, das Ventil zu öffnen und die armen Nigger in eine Wolle glühenden Dampfes zu hüllen. Das Wehgeheul der Unglücklichen und die wilde Hast, mit der sie über Bord in den Hugly sprangen und untertauchten, schien dem Barbaren unsägliches Vergnügen zu verursachen. Noch war ich nicht an's Land gestiegen, als eine schwarze Kuh, die Milchspenderin der „India", eingeschifft wurde, das heilige Hornvieh der „India" schien indessen nur geri»ge Lust zur Seereise zu haben; an das Land springen und im Galopp davonjagen, war das Werk eines Augenblicks. Erst nach einer Stunde gelang es den Verfolgern, ihrer wieder habhaft zu werden. Am 1. Februar in der Mittagsstunde ging ich mit dem neuesten nur sechs Wochen alten Kladderadatsch und der Hiobspost, daß in der letzten Nacht auf der Eisenbahn nach Benares ein Unglück geschehen sei, in ein Boot, um nach der „India" hinüber zu fahren, aber der Capitän hatte nicht Wort gehalten. Die „India" war mehrere Meilen weit stromab gegangen, und es währte drei Stunden, ehe meine fünf faulen Ruderer mich an Bord brachten und erst gegen Zahlung von fünftehalb Rupien aussteigen ließen. Meine Uhr zeigte auf halb 5, und die Mannfchaft mochte auf eine so frühe Ankunft von Passagieren nicht vorbereitet sein; ich überraschte zwei ihrer Mitglieder auf dem Verdeck beim Abwäschen der Teller. Nur zwischen den Wendekreisen, bin ich fest überzeugt, wird auf diese nonchalante Weise Tafelgeschirr gereinigt. Einer der beiden Schmutzsinken tauchte jeden Teller in einen Napf, der mit Tinte angefüllt schien, und trocknete ihn mit einem in der Finsterniß der Hölle gefärbten Lappen oberflächlich ab, seinem Gefährten war die feinere Politur anheimgestellt. Er bediente sich zu derselben eines Haufens schmutziger Leibwäsche, unter der ich die Inexpressibles des Capitäns und mehrere Taschentücher zu unterscheiden glaubte. „I^idil kumani 2, ms klienum puta." Eben 108 schwamm ein kolossaler Indienfahrer langsam an uns den Hugly hinab. Auf dem Quarterdeck saß eine englische Familie, die reizenden Töchter wehten in der Freude ihres Herzens, nach Hause zu kommen, mit den Taschentüchern, obgleich sie bei der Fahrt um das Cap der guten Hoffnung vielleicht fünf bis sechs Monate unterwegs zubringen mußten; mich beschlich sterbliche Schwäche. In sechs Wochen konnte ich wieder in Berlin, in dreien aber auch in Singapore sein, das Boot mit den Hammeln, dem Proviant für die Reise, stieß an die Schiffstreppe; ich faßte einen heroischen Entschluß und verbannte alle hipo-chondrischen Gedanken. Auf die Hammel folgte eine Reihe von Passagieren, und in einem dichten Nebel, der bei Sonnenaufgang eine feuerrothe Färbung annahm, lichteten wir die Anker und dampften vorsichtig den Hugly stromab. Die „India" war, wie bisher alle Schiffe, überfüllt, und die Compagny hatte sich sogar nicht entblödet, dieselbe Cabinennummer zweimal zu verkaufen. Als ich gestern hinabstieg, um mich auszukleiden, fand ich einen groben Opiumkrämer auf meinem Bette. Er legitimirte sich durch Vorzeigung seiner Nr. 16. Es war auch die meinige, und doch hatte ich sie sechsunddreißig Stunden vor ihm gelöst. Der Capitän entschuldigte die Gaunerei als „Versehen", aber anderen Passagieren war es nicht besser ergangen. Mehreren Gepäckstücken, die ich außer dem Eindringling in der Cabine vorfand und die sämmtlich „Mr. Julius G. Schulze. Calcutta" signirt waren, verdanke ich meine Nachtruhe. Der Besitzer nahm mich mit deutscher Gemüthlichkeit, sogleich als Schlafburschen in seine Cabine und stärkte mich moralisch durch eine Philippika gegen englische Ungebühr. Mr. Schulze war seit sechzehn Jahren in Calcutta ansässig und kannte das orientalisirte England ausreichend. Die Zahl der Passagiere erster Klasse übersteigt nicht zwanzig, die zweite und dritte ist stärker vertreten durch Birmanen, Perser und Türken. Außer einigen Dfficieren, deren Rücken durch eiserne Ladestöcke aufgesteift scheint, enthält die erste Klasse fast nur Opium-, Indigo- und Ricinushändler mit Frauen von „Halbkaste" und halbwilden Kindern. Der gebildetste Mann an Nord ist ein französischer Missionar. Als Pädagoge sucht er auf die ungezogene Jugend bessernd und belehrend einzuwirken, erntet aber dafür keinen Dank. Eine der chocoladenfarbigen Mütter bemerkte höhnisch, da ihr Erstgeborener eine Zurechtweisung erhalten hatte: „Sie lieben wohl keine Kinder?" „Im Gegentheil — nur Ihre nicht!" antwortete der Missionär. Der arme Geistliche machte in seinem Beruf nicht nur mit Minorennen indischen Geblüts üble Erfahrungen. Nach einigen Tagen bekannter mit ihm geworden, erlaubte ich mir die Frage, welche Fortschritte die christliche Kirche mache? Der verständige Geistliche zuckte die Achseln und blickte gen Himmel. „Ich schäme mich beinahe, Ihnen die Wahrheit zu sagen!" lautete die Antwort. „Von Bekehrung und christlicher Ueberzeugung ist nie die Rede gewesen, zur Taufe konnte der gemeine Mann, der Angehörige einer unteren Kaste, immer nur durch Geschenke bewogen. 109 werden. Noch im vorigen Jahre kam man mit einem Glase Brandy zum Ziele, jetzt verlangen die Täuflinge eine ganze Flasche." Zwei Matrosen tragen kleine Mefsinglreuze an einer Schnur um den Hals und sprechen einige Worte englisch. Als der Missionär sich an sie wandte und nach ihrem Christenthum erkundigte, gaben sie nur zur Antwort: „Alles essen!" „Da hären Sie selber," sagte der Priester, „sie haben sich nur taufen lassen, um reichlicher und bequemer zu leben. Sie sind jetzt nicht mehr genöthigt, ihre Speisen selber zuzubereiten, und leben von den Abfällen unseres Tisches." Um 1 Uhr passirten wir die Tigerinsel, der Hugln-Lootse verläßt d»e „India", und wenige Minuten später rollten uns majestätisch die schönen blauen Wogen des Indischen Oceans entgegen. Die Unterhaltung der Passagiere auf dem Quarterdeck dreht sich um den indischen Aufstand, und es ist keiner unter ihnen, der nicht vor seiner Erneuerung zitterte. Nur ein entschlossener Anführer sei nothwendig, und ganz Indien stehe unter Waffen, doch würde nichts seltener unter diesem durch vieljährige Tyrannei erschlafften Volke ge-funden, als Willenskraft. Zwei Opiumhändler berichteten über eine ungeheure Summe von Silberstücken, die man in einem Garten zu Lucknow ausgegraben und zwischen der Regierung und den Findern getheilt hatte. Die erste Tages-tour ist nur kurz, die „India" muß Briefschaften in Tschittagong abgeben, und wir werden, da die Mündung tief genug ist, mit Hülse des Lootsen den breiten Strom, an dem die Stadt liegt, hinauf dampfen. Der District Tschittagong bildet den südöstlichen Theil Nengalens und ist durch die oinundvierzig Meilen lange Kette des Iuwadong-Gebirges von Virma getrennt. Reis, Zuckerrohr, Vetelnüsse, Tabak und Senf sind die Hauptartikel des etwa hundertvierzig Quadratmeilen großen Landstrichs, dessen Sümpfe und Wälder eine Menge Don Elephanten und Rhinocerossen bevölkert; doch hat der Handel in den letzten Jahren nachgelassen, denn die klimatischen Verhältnisse der kleinen Stadt sind nicht die günstigsten. Die Zahl der Ansiedler besteht vorläufig nur aus zwei Engländern, die uns ihre jungen und schönen Frauen zu Pferde an das Ufer entgegen geschickt hatten, sie selber lagen am Fieber darnieder. Wir erklettern, Freund Schulze und ich, nachdem wir den Engländerinnen, die erwartet haben mochten, daß die „India", welche die Verbindung mit Calcutta erst seit fechs Wochen unterhielt, Beiträge für ihrs Toilette an Bord habe, eine verneinende Antwort ertheilt, eine von der malerischen Ruine eines alten portugiesischen Klosters gekrönte, reich bewaldete Anhöhe und fuhren, da der Tag sich neigte, in der Absicht, am anderen Morgen unseren Besuch zu erneuern, an Bord zurück. Die Zahl der Passagiere des ausgehöhlten Baumstammes, in dem wir an's Land gefahren waren, hatte sich unterdessen durch emo kleine Heerde von Pelikanen und Gänsen vermehrt, die zwischen unseren Knieen saßen, auf unseren Füßen umhertrampelten und ihre Schnäbel an den 110 Waden Aller versuchten. Wir sollten den Bootsleuten, welche aus Furcht vor dem Sonnenstich ihre gesammte Garderobe um den Kopf gewickelt trugen und nackt vor uns faßen, das bissige Geflügel durchaus abkaufen. Frühmorgens waren wir noch Zeugen einer originellen wirthschaftlichen Scene. Schon in Brasilien hatte ich gesehen, daß die Wilden aus gekautem Mais, nachdem sie die Masse einer Gähnmg ausgesetzt, ein berauschendes Getränk bereiten. Zufällig betrafen wir die hiesigen Eingeborenen auf einem ähnlichen Verfahren der Anfertigung des „Chicha" genannten leichten Branntweins. Mehrere Generationen: Greise, Männer, Kinder, Frauen und Mädchen, saßen enge neben einander gekauert um einen großen Kessel und kauten mit vielem Vorbedacht und — Speichel Maiskörner, die sie dann mit einer Sicherheit, die von langer Uebung zeugte, über die Köpfe der vornsitzenden Kleinen weg in das Gefäß spuckten. Näheres über das Weitere des Processes habe ich nicht ermitteln können. Eine Probe des fertigen Getränkes von den Destillateuren zu erbitten, fühlten wir uns Beide nicht veranlaßt. Mitten unter den Erkundigungen, welche der des Hindostanischen kundige Mr. Schulze einzuziehen suchte, donnerte ein Kanonenschuß über unsere Köpfe. Die „India" wollte in See stechen. XVI. Mr. Julius Schulze aus Alyab. Nothwehr gegen Hunde. Austern an Mangravenzmeigen. Gin Empfehlungsbrief von Lord Iahn Rüssel. Nn der Küste von Pegu. Im Garten der Feen. Consul Niebuhr und sein Bär. Sie säugt Tiger. In Vesorgniß, zu spät an Bord zu kommen, wollte ich gleich nach dem Boote eilen, allein Mr. Schulze, der mit den Schiffsgebräuchen vertrauter war, beruhigte und bewog mich, auf dem Rückwege noch einen Abstecher in das nahe Vambusriihricht zu unternehmen. Am Abende vorher hatte mich die Menge der umherschwärmenden riesigen Fledermäuse in Erstaunen versetzt, aber bei dem rasch verglimmenden Tageslichte war es mir unmöglich gewesen, sie genauer zu betrachten. Jetzt führte mich mein Reisegefährte zwischen die Bambusstäbe, wohin sich die Gesellschaft bei Tags zurückgezogen hatte, und machte mich mit ihr bekannt. Die Ungeheuer sind in alten Naturgeschichtsbüchern als Blutsauger (Vampyre) verschrieen, in der That aber gehören sie zu den harmlosesten und nützlichsten Geschöpfen und nähren sich lediglich von Insekten, die zwischen den Wendekreisen eine eben so reichliche als nahrhafte Kost bieten. Der Gestalt nach gleichen sie vollkommen unferen Füchsen und messen mit ausgespannten Flügeln ungefähr fünf Fuß. In einer Höhe von zehn bis zwölf Ill Fuß hingen sie, sich mit den Hinterklauen an die schlanken Rohrstämme klammernd, mit den Köpfen nach unten hinab. Viele schliefen, andere kratzten und bissen sich schreiend unter einander. Auf unserer Ueberfcchrt nach der „India" sah ich auch zum ersten Male die nach chinesischem Brauche aus Matten angefertigten Segel der Eingeborenen. Schon am 5. Februar, um 6 Uhr Morgens, befanden wir uns dicht vor Akyab, nachdem wenige Stunden vorher ein strahlendes Meteor unfern des Backbords der „India" in das Meer gestürzt war. Zahlreiche Cocospalmen und die vulkanische Formation der tausend Fuß hohen Felsen geben der Küste ein malerisches Ansehen' in dem Hafen liegen sechs nordamerikanische Indien-fahrer, um Reis zu laden. Da Mr. Schulze hier ansässig ist und die „India" verläßt, so begleitete ich ihn und nahm das Frühstück in seiner Wohnung, und zwar in Gesellschaft liebenswürdiger Damen ein, dann machte ich mit meiner Mappe unter dem Arm einen Spaziergang in Aknab und seiner nächsten Umgebung. Die kleine Stadt liegt pittoresk am Ufer des gleichnamigen Flusses, ist aber im Ganzen nur aus Bambusrohr und den Blättern der CocoZpalme erbaut. Die Häuser stehen auf Pfählen, und zwischen diesen leben Schweine, Hühner, Krähen und herrenlose Hunde in paradiesischer Eintracht untereinander. Letztere äußern jedoch keine ähnliche Duldsamkeit gegen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Die zu jedem kleinen Straßen-viertel gehörige Truppe verfolgt den Spaziergänger bis in das angrenzende Hunderevier, wo er von den vierbeinigen Ansiedlern mit Geheul erwartet und mit Iähnefletschen empfangen N)ird. Sie schienen es auf mich, der ich mit keinem Kantschu versehen war, besonders gemünzt zu haben. Zum Glück war nn'r ein englischer Passagier der „India" gefolgt. Dieser, als er mich durch die wüthenden Köter in die Enge getrieben sah, zog seinen Revolver aus der Tasche und feuerte darunter. Der wohlthätige Zweck war erreicht, die Hunde ließen sogleich von mir ab, sielen über den getödteten Gefährten her und verzehrten ihn mit Haut und Haaren. Ich nahm auf meinem Malerstuhl Platz und entwarf eine Skizze des Städtchens; aber es war unsäglich schwer, bei dem Andränge der Neugierigen zur Arbeit zu kommen. Sie trieben die Vertraulichkeit so weit, sich auf meine Schulter zu lehnen, um mir in das Papier zu blicken, die Vleifedern und sonstigen Zeichenmaterialien in die Hand Zu nehmen und zu betrachten. Da nun auch die Hunde mit ihrem unerwarteten Frühstück fertig waren und sich mir wieder näherten, packte ich weine Utensilien zusammen und folgte einem Leichenbegängniß, das eben vorüberzog. Der Todte lag in einem fabelhaft verzierten, pyramidenartig geformten Wagen, in dessen Drachengestalten lebendige Menschen steckten und die Glieder bewegten, und wurde unter musikalischer Begleitung eines Tamtams und lebhaftem Geberdenspiel der Leidtragenden vor die Stadt hinausgefahren, in eine flache Vertiefung auf den Erdboden gelegt und mit einer 112 . leichten Sandschicht bedeckt. Einige tausend Schritte weiter lauerte eine Heerbe von Schakals, aus deren aufgerichteten Spürnasen ich schloß, baß ihnen der Hauptact der Bestattung des Verewigten vorbehalten blieb. Die Einwohnerschaft von Akyab bekennt sich zum Buddhaismus. Weiterhin am Seeufer gelang es mir, den im Wasser stehenden Mangrovenbäumen mich so weit zu nähern, um die an den unteren Zweigen hängenden Austern bemerken zu können. Auf dem Tiffin des Mr. Schulze waren sie in dieser Gestalt, noch vom Laube bedeckt, servirt worden, und ich freute mich, sie im Naturzustande aufzufinden. Die Qualität der indischen Austern ist sonst ausgezeichnet, auch giebt es eine tellergroße Species, die von den Eingeborenen in Stücke geschnitten und gelocht wird. Auf den Straßen befremdete mich die Menge der Blinden und an der schrecklichen Elephantiasis, einer abnormen Fußgeschwulst, Leidenden. Um 3 Uhr erschallte wieder das Kanonensignal, und eine Stunde später stachen wir in See. An Passagieren haben wir Zuwachs erhalten, er besteht in zwei buddhaistischen Bonzen. Die geistlichen Herren tragen citronengelbe Gewänder und geben sich. um den Deckpassagieren, die der Mehrzahl nach aus Birmanen bestehen, zu imponiren, ein tiefsinnig priesterliches Air. Kaum waren sie an Vord erschienen, so drängten sich die braunen Weiber zu ihnen heran und beteten. Diese Function wurde jedoch nicht unentgeltlich verrichtet, die frommen Männer hatten am Gürtel Geldkästchen befestigt uud verstanden die dargereichten baaren Dankesspenden, da ihnen ihre Satzungen verbieten, Geld mit bloßen Händen zu berühren, mit kleinen Bambusstäbchen sehr geschickt in sicheren Gewahrsam zu bringen. Den Rest des Tages enthielten sie sich jeglicher Nahrung, denn nach 12 Uhr Mittags dürfen sie nichts mehr genießen. Am nächsten Tage fand ich jedoch sattsam Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß sie in den Frühstunden die nöthigen Vorsichtsmaßregeln ergriffen, um nicht Hungertodes zu sterben. Beide Bonzen waren wohlbeleibte und gesunde Männer. Der Sonnenuntergang brachte uns wieder ein entzückendes Farbenspiel von Zinnober- und Rubinroth und die Nacht ein Kampfspiel mit Mosquitos und Cockroaches, in dem ich mich nicht zu den Siegern zählte; den Ueberrest von Morgenschlaf verkümmerte mir die hochgehende See und die mehrstündige Abwaschung des Verdecks. Iu Ehren der ostindischen Compagnie oder des Capitäns der „India" muß ich hier ein Wort zum Lobe unserer Bibliothek sagen. Statt unzüchtiger französischer Unterhaltungsschriften haben wir vierzig Exemplare der Bibel an Bord, doppelt so viel, als wir bedürfen, denn die kleine „India" vermag nur zwanzig Passagiere erster Klasse zu beherbergen. Hie lesekundigen Paffagiere machen jedoch davon keinen Gebrauch. Nicht einmal die elende Unterhaltung treibt sie an, ein Vuch in die Hand zu nehmen. Jeder sucht sich, so viel als thunlich, zu isoliren. Nur eine siebzehn- 113 Mrige Engländerin bildet einen Mittelpunkt der Anziehungskraft. Das unvergleichlich schöne Mädchen, das stets am Ann seiner Mutter erscheint, steht im letzten Stadium der Schwindsucht und gleicht mit dem ätherischen Glanz der blauen Augen, den schmalen Füßchen und den kleinen Händchen schon jetzt einem verklärten Geiste. Beide Damen hüllen sich gewöhnlich in dichte Schleier And ziehen sich auf die entlegenste Stelle des Quarterdecks zurück. Aus anderweitigen Gründen hüllen sich die an Bord befindlichen beiden englischen Officiere 'in tiefes Schweigen. Daß der Major Niemanden eines Blickes und Wortes würdigt, erscheint durch den hohen Rang des Kriegers gerechtfertigt, daß er aber auch an den sich ihm zuweilen vorsichtig nähernden Lieutenant nur disciplinarisch schroff betonte, kurze Phrasen richtet, scheint mir ein Zeichen von heroischer Resignation, deren nur Häuptlinge der englischen Nation fähig sind. Der arme Lieutenant hat keinen Untergebenen, an dem er auf ähnliche Weise Revanche nehmen könnte, es sei denn, er wolle sich an den auf dem Verdeck kauernden Birmanen reiben. Diese gehen indessen jedem Europäer aus dem Wege und kauen ihren Reis mit Zuckerrohr in stiller Zufriedenheit. Noch ist eine Obristenfrau vorhanden, die das Sprechen ganz aufgegeben zu haben scheint. Nur einmal, als ich, bei Tisch neben ihr sitzend, sie vor den Lebern der angeblich kranken Hühner warnte, um mich gleich darauf derselben zu bemächtigen, glaube ich ein dumpfes Knurren gehört zu haben. Eben so wenig antwortet sie den anderen Damen. Bei dem Mangel an jeglicher Unterhaltung reichen daher die geringsten Ereignisse zur Ausfüllung eines yanzen Vormittags hin. So hatte der birmanische Barbier beim Rasiren dem Major ein wenig in das Kinn geschnitten und der Heilgehülfe der „India" wußte gerufen werden. „Was haben Sie für Pflaster?" herrschte der Kriegs-gebietige den Jünger Aesculaps an. Dieser zog drei Röllchen weißen, rothen und schwarzen Pflasters hervor und fragte zuvorkommend, von welcher Sorte sein Porgesetzter befehle? Der große Mann durchbohrte erst die Waare, dann den Pflllsterkasten mit Blicken und antwortete höchst majestätisch: „Legen Sie wir das kleidsamste auf." Am Mittagstisch erschien der Major mit einem schwarzen Streifen über der Vlessur. Mein Nachbar, ein Ricinus-Agent, machte eine sehr treffende Bemerkung. Als ich ihm nämlich auf seine Frage: weshalb ich reise, zur Antwort gab: zu meinem Vergnügen, äußerte er ganz naiv, daß sitze also neben einem polnischen, unter der Sonne Indiens schwarz gebrannten Juden, der mir für dreißig Pfd. Sterling Rupien und Annas eingewechselt hat, rauche meine Cigarre und lausche den wenigen deutschen Worten, die mein Geschäftsfreund in seiner Erinnerung aufbewahrt hat. 121 Am 15. Februar sollten wir in den Mittagsstunden in Maulmen, einer Station des Dampfers, ankommen. Die Küste zwischen den Mündungen der Flüsse, an denen Rangoon und Maulmen liegen, hat durchschnittlich nicht über dreißig Fuß Wassertiefe, unser tiefgehender Dampfer — ich kann aus dem Kajütenfenster den Arm in die Wellen strecken — muß deshalb mit vieler Vorsicht gesteuert werden. Der schwarze Lootse, der um 8 Uhr anlangte, um uns in den Hafen zu bringen, mochte ein Anfänger in der Steuermannskunst sein. Fünf Minuten später, nachdem er das Steuer ergriffen, faßen wir auf einer Sandbank fest, die „Baltic" legte sich auf eine Seite, das Wasser drang durch die Kajütenfenster; zum Glück ging die See nicht hoch. Nach quallvollen Anstrengungen der Schraube kamen wir nach einer guten Stunde von der Sandbank los, ohne daß unser Lootse sich über Auflaufen und Freiwerden besonders gewundert hätte. Bald hatten wir die Mündung des Saluihn erreicht und dampften langsam stromaufwärts. Maulinen liegt fünf bis sechs englische Meilen von der Küste entfernt in einem welligen Terrain, welches in der Ferne durch eine ziemlich hohe Bergkette begrenzt wird. Auf einem Hügel zur Rechten glänzt das Dach einer Pagode, welche den ganzen Ort beherrscht. Dis Ufer des Saluihn sind, so weit das Auge reicht, mit einer üppigen Vegetation bedeckt, deren saftiges Grün bei der Gluth der Mittagssonne den gereizten Sehnerven unsäglich wohlthut. Kein Passagier wagt an Land zu gehen, auch ich fühle mich nicht veranlaßt, der Einladung eines Mr. Hildebrandt zu folgen, der auf Grund unserer Namensvetterschaft einen Kuli auf die „Baltic" geschickt hat und mich mit englischer Naivetät zu sich entbietet. Nach gewohnter Weise speisen wir, da die Kajüte für die Zahl der Tischgenossen nicht ausreicht, unter dem Sonnenzelte auf dem Verdeck, und zum ersten Male seit unserer Abfahrt von Rangoon folgt die Herrengesellschaft meinem Beispiel und behält bei der Mahlzeit die Hüte auf den Köpfen. Bis dahin hatten Meine Gefährten aus Refpect vor den Damen, die doch ihrerseits die Hüte und Schleier grundfätzlich niemals ablegen, sich der Gefahr ausgesetzt, mit entblößten Häuptern Opfer des Sonnenstiches zu werden. Ich hatte die uns bei der geringen Dichtigkeit des ausgespannten Segeltuches drohende Gefahr von vornherein erkannt und mich, ohne die Prätensionen der Ladies weiter zu beachten, immer bedeckt; heute fand ich Nachahmer. Nachdem ich die Stunden von 2 bis 4 Uhr zur Anfertigung einer Skizze der hübfchen Stadt benutzt, fuhr ich an's Ufer und machte einen Spaziergang nach der Hauptpagode und ihrer Umgebung von kleinen gleichgestalteten Capellen. Die etwa siebzehntausend Köpfe starke Bevölkerung von Maulmen besteht zur Hälfte aus Chinesen, ein Umstand, der hinsichtlich der Reinlichkeit gemeinhin zum Vortheil der indischen Städte gereicht. Die Nacht wurde mir durch den Blutdurst der Mosquitos verbittert, die an den Mündungen der Flüsse, wie 122 ich bemerkt zu haben glaube, dem Menschen mit besonderer Erbitterung zu Leibe gehen. Erst gegen Morgen verfiel ich in einen unruhigen Schlummer und versäumte die Theestunde. Nach den Gesetzen der Compagnie wird nach 7 Uhr Morgens kein Tropfen mehr verabreicht. Durch die von Maulmen mitgenommenen, beim Tiffin servirten Creoetten suchte ich mich zu entschädigen. Sie waren zwischen zehn und zwölf Zoll lang und übertrafen den Hummer weit an Feinheit des Geschmacks. Nach Aufhebung der Tafel macht mich ein nordamerikanischer deutscher Landsmann, der einzige Mensch an Vord der i,Baltic", mit dem eine Unterhaltung der Mühe verlohnt, auf den neuen Reisegefährten aufmerksam, der sich in Maulmen zu uns gesellt. Er ist ein aus Persien gebürtiger junger Israelit, der Sohn steinreicher Eltern, und macht seine große Tour, denn auch hier glaubt man die Erziehung durch längere Reisen zu vollenden. Der hoffnungsvolle Jüngling ist von einem formlichen Hofstaat umgeben, an dessen Spitze ein Rabbiner steht, der alle für seinen Zögling bestimmten Speisen koschert und für die Beobachtung der sonstigen religiösen Gebräuche sorgt. Der junge Reisende scheint weniger bestrebt, seine eigenen Erfahrungen zu bereichern, als einen vortheilhaften Eindruck auf die Umgebung zu machen und ihr durch die Entfaltung seiner Reichthümer zu imvoniren. Gleich am ersten Tage erschien er in fünf verschiedenen Costümen an Vord und behing sich, gleich einer koketten Schönen, mit goldenen Kleinodien und Brillanten. Wenn ihm sein Glaube verbietet, mit uns Unreinen aus einer Schüssel zu essen, gestattet ihm sein Rabbi doch in Bezug auf das Getränk größere Freiheit. Das credenzte Ale mundet ihm fichtlich, ebenso der steife Grog, der als Nachttrunk in der Kajüte eingenommen wird, und am 17. Februar, als der Enkel Nathans des Weisen ungewöhnlich spät auf Deck sichtbar ward, hielt ich mich zu einer Diagnose auf Katzenjammer berechtigt. Unsere Damvsschnecke legt stündlich nur sieben Kneten zurück, während jeder minder engbrüstige Steamer zwölf bis dreizehn macht, wir haben daher genügende Zeit, uns alle Zufälligkeiten der Reise scharf einzuprägen. Wir nähern uns der Malaccastraße, und kein Lüftchen regt sich. Auf der Oberfläche des tiefblauen Oceans schwimmen von Zeit zu Zeit Schlangen von sechs bis sieben Fuß Länge, dann tauchen Schwärme fliegender Fische aus der Tiefe auf, dann folgt uns wieder stundenlang ein Haifisch, eine Schiffsplanke schwimmt vorüber, auf der eine große Ente mit ihren vier Jungen eine Wasserpartie veranstaltet, zuweilen zeigt sich ein schwer beladener Kauffahrer, endkch kommt ein halb entmasteter, von der Mannschaft verlassener Dreimaster in Sicht. Wir betrachten ihn scharf durch nnserc Fernröhre, und die „Baltic" keucht vorüber, froh, nicht sein Schicksal zu theilen. Gegen 6 Nhr Abends nähern wir uns den Inseln, die hier zu Hunderten an der Küste entlang liegen, und der Abendwind trägt den balsamischen Duft der Muskatnüsse zu 123 uns herüber. Je weiter wir gen Süden fahren, desto tiefer sinkt der Polarstern am nördlichen Horizonte, und das schöne Sternbild des südlichen Kreuzes steigt über dem dunkeln Spiegel des Oceans empor. Die Mannschaft ist jetzt eifrig bestrebt, den scharf mitgenommenen Teint unserer „Baltic" durch schwarze und weiße Schminke zu verbessern, wir wollen in Penang und später M Singapore reputirlich auftreten. Darüber wird die Reinigung des Dampft apparatus vernachlässigt, und am 18. Februar werden wir früh Morgens durch den Ruf: „Feuer! Feuer!" aus den Kojen geschreckt. Der Schornstein brannte, aber es war keine Gefahr vorhanden. Das Feuer wurde ausgelöscht und die Esse gründlich gereinigt; man mochte seit Monaten nicht daran gedacht haben. In weiter Ferne unterhalb der bergigen, mit Eocospalmen bewachsenen Küsten erkennen wir mit bewaffnetem Auge die kleinen Kähne der Eingeborenen, aber sie 1 ähern sich uns nicht, um Tauschhandel zu treiben. Für tausend Cocosnüsse giebt man ein ordinäres baumwollenes Taschentuch. Der schöne Abend brachte uns ein wunderbares Meerleuchten, wie ich ein ähnliches nur im Meerbusen von Mexico gesehen. Wir schwammen wie in einem Ocean von geschmolzenem Silber dahin, und von tausend leuchtend hin- und herzuckenden Thiergebilden war der Abgrund belebt. Der herrlichen Nacht folgte am U). Februar ein unvergleichlicher Tag. Von einem frischen Nordwinde getrieben, eilt unser armseliges Schiff rascher an mehreren östlich gelegenen Inseln vorüber, und Abends 8 Uhr gehen wir auf der Nhede von Penang (Pinang, Prinz Wales-Insel) vor Anker. Die Insel ist vier englische Meilen lang, halb so breit, erhebt sich bis zu zweitausend siebenhundert Fuß und wird ihrer malerischen Schönheiten und reichen Erzeugnisse halber das Paradies des Ostens genannt. Die Niederlassung der Engländer datirt aus dem Jahre 1787, und seitdem sind ihnen Malayen, Chinesen, Vattas, Bengalen, Siamesen und Varmesen gefolgt. Selten habe ich auf einem Gebiete von so geringem Umfange eine ähnliche Mannigfaltigkeit der Bevölkerung, Bodenbildung und Vegetation gefunden. Köstliche Wiefenflächen, aus denen sich Felstrümmer erheben, wechseln mit romantischen Thälern, aus Felsspalten quillt der ganze Reichthum der Tropen, mit dichtem Laubholz find Palmen untermischt, neben Cactus und Aloe stehen Blumen und Stauden, wie ich nie gleiche gesehen; das Klima der Insel ist indessen verrufen, so herrlich alle Gewächse und Gewürze auch gedeihen mögen. Die Ansiedler suchen stets das Weite, sobald sie ein Vermögen erworben haben. In einem saubern, praktisch eingerichteten chinesischen Boote fuhr ich an, Morgen des 29. Februar an's Land, die große Anzahl kleiner chinesischer Tempel siel mir sogleich auf und ließ mich auf eine Majorität von Einwohnern diefer fleißigen Nation fchließen. Die große Toleranz der Chinesen gestattete mir, mich mit der brennenden Cigarre im Munde diesen kleinen Tempeln zu nähern und bei der Darbringung der Opfer zugegen zu sein. Diese bestanden in Raucher- 124 holz, Opferstäbchen und farbigen Lichtern. Letztere werben angezündet, unr die Gottheit durch den Duft der beiden erstgenannten Spenden für die Gebete der Andächtigen günstiger zu stimmen. Später erfuhr ich, daß die Chinesen nm 18. Februar unserer Zeitrechnung ihr Neujahrsfest gefeiert hatten und die darauf folgenden vierzehn Tage in Muße unter religiöfcir Festlichkeiten und weltlichen Vergnügungen zuzubringen pflegten. Die ganze Bevölkerung hatte ihre besten Kleider angelegt, und die Promenade war mit einer Menge phantastisch gebauter, mit Glocken und bunten Laternen geschmückter Wägelchen bedeckt, in denen die Kinder der reichen Einwohner von Kulis spazieren gefahren wurden. Durch eine Abreibung mit weißem Pulver hatte die Gesichtsfarbe der niedlichen Kleinen ein blendendes Weis; angenomme auf das sie sich unverkennbar viel einbildeten. Ohne Widerstreben reichten uns die kleinen Mädchen, welche das leichte Nationalcostüm reizend kleidete^ die feinen Händchen und gcberdeten sich überaus freundlich zu den „rothen Teufeln" aus Europa. Die Erwachsenen lustwandelten, ritten spazieren oder faßen vor ihren Häusern und spielten unter lebhaften Schwingungen ihrer wohlgestriegelten Zöpfe ein dem Faro ähnliches Hazardfpiel. Um die knapp gemessene Zeit unferes Aufenthaltes in Penang zu benutzen, nahinen wir, mein Freund, der Nordamerikaner, und ich, bei dem nächsten chinesischen Restaurant ein aus gebratenen Fischen, Hühnern, Eiern mit Speck, Ananas und Bananen bestehendes Frühstück ein und fuhren nach einem Wasserfall, dessen Schönheit man uns gerühmt. Die über einen Felsabhang herab-schäumendcn Cascaden waren wohl nur für einen Seefahrer oder Bewohner des Flachlandes schcnswcrth, desto entzückender war die Fahrt durch das Thal. Wunderbar schöne Vögel und Schmetterlinge umflatterten unsern Wagen, auf allen Seiten umgab uns ein Blumenflor, und die Atmosphäre war mit den lockendsten Wohlgerüchen gesättigt. Ich lagerte mich am Fußc des Wasserfallcs im weichen Rasen, mein Gefährte kletterte den Felsen hinan -nach einer halben Stunde kehrten wir zurück und rasteten vor der nächsten Theebude. Die Wirthsleute verhehlten uns nicht ihre Verwunderung, unbeschädigt oder überhaupt davon gekommen zu sein. Nach ihrer Behauptung befand fich in der Nähe des Wafserfalls eine Tigerbucht, deren Bewohner die ganze Umgegend unsicher machten. Wir waren Beide froh, die kleine Landpartie beendet zu haben, aber bei der Erinnerung an meine Siesta auf dem Rasen lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Um 5 Uhr stach die „Baltic" wieder in See, wir steuerten auf Malacca zu, und nach dem düstern Ausfehen des Himmels zu urtheilen, halten wir einen, in diefer Region bei der Nähe felsiger Küsten doppelt gefährlichen Orcan zu erwarten. Gegen 2 Uhr Nachts lichtete fich indeß die Atmosphäre, das erste Mondviertel kam zum Vorschein; wir waren auch dieser Gefahr entronnen. Es war noch nicht 8 Uhr Morgens, als wir auf der Rhede von 125 Malacca anlangten. Das höchst malerisch gelegene Städtchen war in zwanzig Minuten zu erreichen, und bald lief unser Voot zwischen Cocosstämmen und spanischem Rohr auf den glitzernden Sand. Der fast in das Meer hineingebaute kleine Ort besteht aus einem europäischen und chinesischen Stadtviertel, doch ist letzteres bei Weitem größer und wohlhab.ender. In jenem sind den Holländern und Portugiesen die Engländer gefolgt, ohne indessen, wenn ^der Anschein nicht trügt, sonderlich zu gedeihen. Wie auf Penang waren die Neujahrsfestlichkeiten auch in Malacca in vollem Gange. Höchst behäbig spazirten die Gentlemen des himmlischen Reiches in den schmalen, aber sehr rein gehaltenen Straßen, und als ich mich bei einem derselben nach einer Theebude erkundigte, lud er mich sogleich auf sehr ceremonielle Weise ein, ihm in sein Haus zu folgen. Ter gastfreie Mann «erstand etwas Englisch. In der reich und comfortabel eingerichteten Wohnung angelangt, nöthigte er mich Platz zu nehmen und ertheilte die nöthigen Befehle zu meiner Bewirthung, indem ihm die Freude aus den Augen leuchtete, einen europäischen Gast unter seinem Dache zu sehen. Bald brachte ein Diener ein lackirtes Theebrett, auf dem mir kleine Tassen, angefüllt mit den werthoollsten Sorten, präsentirt wurden. Das Gesicht des Oastfreundes strahlte, als er zu bemerken glaubte, daß sein Getränk mir munde. In der That waren der würzige Geruch und Geschmack eines etwas dunkleren Aufgusses überaus fein und belebend. Das Miniaturformat der chinesischen Tassen gestattete mir, deren zweiundzwanzig zu schlürfen, ohne dadurch überreizt zu werden. Zugleich ivurde ein Kuchenbrett mit wenigstens einem Dutzend verschiedener kleiner Confitüren und Brezeln auf den Tisch gesetzt, von denen allen ich zu kosten verpflichtet war. Sich zu weigern, wäre nach den Satzungen des chinesischen Complimentirbuches eine unverzeihliche Unart gewesen. Aber der orientalische Ollstfreund war noch immer nicht zufrieden gestellt; sein Groom brachte eine Bouteille Sect und zwei Spitzgläser, und der Hausherr öffnete sie mit einer Gewandtheit und Schnelligkeit, um die ihn mancher diesseitige Kellner hätte beneiden können; obenein war das heilsame Getränk kunstgerecht kalt gestellt gewesen. Der Sohn des himmlischen Reiches war in europäischen Gebräuchen wohlbewandert; wir 'stießen an und fügten, jeder in seiner Muttersprache, einen Glückwunsch hinzu. Noch mehr erstaunte ich, als mein lieber Wirth mit seinem Glase lächelnd die Nagelprobe machte! Wesentlich zu meiner Rührung trug bei, daß ich in dem credenzten Sect ein vaterländisches Product wiedererkannte. Der Vrausewein konnte nur auf den Abhängen von Grüneberg gewachsen, nur in seinen Kellern gezeitigt sein. Jedenfalls war diese Chamvagnerlibation selbst im Hause des Gentlemans ein ungewöhnlicher Act, denn während der Entvfropfung hatte sich die aus fünf Malaien bestehende Capelle des Hauseigenthümers eingefunden, und auf mehreren Violinen und einem Tamtam einen Tusch angestimmt. Mchstdem begleitete er mich zu 126 zwei Landslcuten, die mir mit gleicher Bereitwilligkeit ihre Häuser zeigte,^ führte mich in einen Tempel, dessen Priester uns, und ich hoffe, auch den Göttern zu Ehren, eine Anzahl Schwärmer abbrannte, und schloß mit einer Strahe, die durch zwei Reihen Spielhäuser gebildet wurde. Das Wohl-gesallen des Chinesen an meiner Person war so groß, daß er Nachmittags, eine Stunde vor der Abfahrt, auf dem Deck der „Baltic" erschien und nach Neberroichung eines Korbes voll Orangen und edler Südfrüchte zärtlich von mir Abschied nahm. XVIII. Singapore. Zusammentreffen mit einem Tiger. Eir TtamforÄ Raffles. Der Rajah von Iohore. Gejundheitsstatiun. Der Dampfer „Chow Phya". Flüchtige Mörder an Bard. Der Teifun. Unser Cavitän hatte den Aufenthalt in Malacca benutzt, den schwindenden Kohlenvorrath durch zweitausend Kloben Holz zu verstärken, und wirklich brachte es die flügellahme „Baltic" in Folge der stärkeren Feuerung Nachts bis auf zehn Knoten in der Stunde, und nach achtzehnstündiger Fahrt langten wir am 23. Februar 7 Uhr Morgens wohlbehalten auf der Rehde von Singapore an. Der Himmel war und blieb den Tag über zart verschleiert, und unbehelligt von dem gewöhnlichen Sonnenbrande durften wir den malerischen Prospect der Rhede und der sanft welligen Ufer genießen. So artig hatte man uns außerdem noch nirgends empfangen. Kaum waren die Anker gefallen, als die „Baltic" von chinesischen Booten umzingelt wurde, deren Insassen uns ihre Dienste anboten und ihre Waaren anpriesen. Die Mehrzahl der Boote war mit Orangen, Ananas, Cocosnüssen, Mangos, Zuckerrohr, Iackfrüchten und anderen beladen, für die mir keine deutschen Namen zu Gebote stehen; in anderen saßen Vogelhändlcr und Conchylien-sammler. Gin über und über mit rothen, grim en, blauen und weißen Papageien bedecktes, oder mit phantastisch geformten Muscheln vollgepacktes Boot gewährt stets einen fesselnden Anblick. So rasch als möglich suchte ich von dein verräucherten Dampfer an's Land zu kommen. Singapore macht von Weitem den Eindruck einer chinesischen Stadt, da die einzelnen europäischen Häuser und Kirchen nicht wesentlich hervortreten, doch mußte ich meine Ungeduld mäßigen; es war nicht leicht, bei dein lebhaften Verkehr zwifchen den auf der Rhede vor Anker liegenden Schiffen, deren Zahl ich etwa auf hundert veranschlage, den Strand zu erreichen. Hier wird auf der See förmlich schwimmender Wochenmarkt gehalten. Die rührigen Chinesen fuhren in ihren Booten von Schiff zu Schiff, 127 von Dschunke zu Dschunke, und stellten tausenderlei Dinge für Küchen- und Wirthschaftsgebrauch zum Verkauf. Endlich hatten wir das Gewirr hinter uns, das Boot landete und acht Kulis trugen, da es für die Fiaker noch zu srüh war, im wilden Lauf mein Gepäck in das zwanzig Minuten entfernte Hotel de I'Curope, ein gut eingerichtetes, von einem Franzosen verwaltetes Haus. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß es rathsam sei, zwischen den Wendekreisen jede erträgliche Temperatur zur Arbeit zu benutzen- nach einem Mchtigen Anstandsbesuche im preußischen Consulat machte ich mich daher gleich an's Werk und fuhr nach dem Telegravhenberg, von dem aus man die Vai, im Vordergrunde der Stadt und nach der Kehrseite das Hinterland des nach der Seeseite sanft abgedachten Terrains überblickt. In den Nachmittags-stunden flankirte ich mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm, es blies erfrischend vom Meere aus, und die feuchte Seeluft belebte die müden Athmungswerkzeuge und Kopfnerven; es verursachte mir keine Beschwerden, mehrere kleine, architektonisch bemerkenswertho Skizzen aus dem malam'schen und chinesischen Stadtviertel zu Papier zu bringen. Ich war so wenig, ermüdet, daß ich nach dem Diner um Sonnenuntergang meine Promenade am Strande etwas weiter ausdehnte und mich etwa vier- bis fünfhundert Schritte über die letzten Hütten der malayischen Fischer hinaus entfernte. Die Sonne war untergegangen und der Mondschein glitzerte traulich auf dem Kamme der leichten Wellen. Wer hätte der Versuchung widerstehen können? Ich entledigte mich der Schuhe und Strümpfe, schlenderte in dem kühlen Nasser weiter und sammelte Muscheln, die zu Tausenden von jeder Größe und Form den feuchten Sand bedeckten. Die unheimliche, nervöse Aufregung, die sich bei einer hohen Temperatur schwer überwinden läßt, war von Mir gewichen; ich fühlte mich unsäglich beruhigt. Der Himmel mag wissen^ wie weit ich noch gewandert wäre, wenn mich nicht ein vom Lande aus bis in die See reichendes Mangrovengebüfch an die Nmkehr gemahnt hätte. Ungefähr ein Dutzend Schritte that ich noch, da gebot mir ein unerwarteter Gegenstand plötzlich Halt. Halb im Schatten der Mangroven, halb im Mondlicht, stand ein groher Tiger vor mir und machte geschmeidige Be-wegungen mit seinem Schwänze. Ungeachtet meines tödtlichen Schreckens bemerkte ich doch, daß das Unthier über und über naß, also eben aus dem Meere gekommen war. Man wird mir nicht zumuthen, meine Empfindungen zu beschreiben; ich weiß nur noch, daß im ersten Augenblicke meine Glieder bleischwer wurden und mit einem Schlage alle Greuelgeschichten, die ich jemals von Tigern vernommen, in meiner Erinnerung aufstiegen, daß ich dann aber gleichsam Schwingen erhielt, blitzschnell Kehrt machte und, so schnell mich meine Füße tragen wollten, den menschlichen Wohnungen zueilte. Nur einmal blickte ich scheu zurück; der Tiger war mir nicht gefolgt. Er stand nach wie vor in einer abwartenden Stellung, aber ich sehe noch heute 126 in Gedanken seine weithin leuchtenden Augensterne. Sinn- und athemlos erreichte ich das Hotel und mein Zimmer, und warf mich schwer keuchend auf mein Lager. Nach einer halben Stunde hatte ich mich so weit gesammelt, um in den Eßsaal hinabzusteigen uud mein Abenteuer dem Wirthe zu erzählen. Weit entfernt, mich zu bedauern, überhäufte er mich obenein mit wohlgemeinten Vorwürfen. Er hielt mir eine förmlich statistische Vorlesung über die Tiger in Singapore. Kein Individuum, das noch seine fünf Sinne beisammen habe, nehme sich nach Sonnenuntergang eine ähnliche Promenade heraus, ohne Begleitung von Fackelträgern, Tamtamschlägern und einigen Schützen mit geladenen Büchsen. Nur selten vergehe ein Tag, an dem nicht ein Einwohner von Singapore einem Tiger zur Veute falle. Eine so ansehnliche Prämie die Negierung für jedes erlegte Naubthier zahle, es gelinge nicht, ihre Zahl zu vermindern, da sie vom Festlande aus über den schmalen Meeresarm schwimmen und sich dadurch den angestellten Verfolgungen entziehen. „Wenn Sie noch ein wenig warten wollen, so werden Sie gleich einen Unglücksgefährten kennen lernen!" schloß der redselige Wirth. Es dauerte nicht lange, so traten drei Engländer in das Zimmer, deren Jüngster, ein Knabe von fünfzehn Jahren, auf beiden Wangen durch furchtbare Narbm entstellt war. Der Wirth zog mich bei Seite und erzählte mir, daß der junge Mensch am Strande von einem Tiger, der sich an ihm aufgerichtet, angefallen worden sei, aber in der Todesangst ein so entsetzliches Geschrei ausgestoßen habe, daß die erschrockene Bestie ihn losgelassen und wieder in das Dickicht gesprungen sei. Die Spuren der unsanften Berührung werde er, wie ich wohl sähe, mit in das Grab nehmen. Die Krallen des Ungethüms hatten dem armen Knaben das Fleisch von beiden Backen heruntergerissen. Der landesübliche Nachttrunk, dem die Engländer stark zusprachen, machte mich bald mit ihnen bekannt, und unsere Unterhaltung drehte sich bis tief in die Nacht hinein nur um Tiger. Nach den Angaben der Herren zahlt die Regierung für jedes erlegte Thier eine Prämie von zehn Pfd. Sterling, doch finden sich verhältnißmäßig nur wenige Jäger. Gemeinhin sucht man die Tiger in Gruben zu fangen. Eine Tiefe von zwanzig Fuß ist ausreichend, das Thier vorläufig unschädlich zu machen. Früher wurden unten Spieße aufgerichtet, aber da zuweilen auch Menschen in diese kunstvoll mit Reisig und Schilf bedeckten Gruben stürzten, ging man von dieser Methode ab. Die gefangenen Tiger werden in den Gruben mit Schlingen erwürgt oder durch eine Büchsenkugel erlegt. Meine Leidenschaft für einsame und beschauliche Spaziergänge war durch mein heutiges Abenteuer, die Bekanntschaft mit dem entstellten jungen Engländer und die Erzählungen der Herren sehr vermindert worden; ich gedachte wehmüthig meiner gefahrlosen Herbstpromenaden vor den Thoren Berlins, wo höchstens ein Hase vor dem Fußgänger ausspringt und durch die Stoppeln davonjagt. 129 Mit Ausnahme zweier Spazierfahrten in die Umgegend von Singapore, 'die der Besichtigung europäischer Landsitze gewidmet waren, beschränkte ich nnch fortan auf das Studium des Innern der Stadt. Singapore hat als einer der wichtigsten Knotenpunkte des Weltverkehrs noch eine große Zukunft. Die englische Regierung verdankt die Wahl und Erwerbung dieses wichtigen Punktes, einer kleinen Insel an der Südspitze der Halbinsel von Malacca, dem Scharfblick des Sir Stamford Raffles. Dieser war während jenes Intermezzos, das die Engländer in den zeitweiligen Besitz der Sundainfeln brachte, General-Gouverneur auf Java gewesen. Nachdem der Wiener Frieden England zur Räumung genöthigt, beschloß Sir Stamford, dem damaligen Hauptpunkte des beginnenden Handels mit China und Japan, der Stadt Natavia, einen Concurrenzhafen zu schaffen. Der Besitzer von Singapore, der Rajah von Iohore, wurde zum Verkauf der kleinen Insel an die Krone Englands veranlaßt und die durch ihren Ankergrund und die Sicherheit der Rhede berühmte Bai zum Freihafen erklärt, der gar bald ein Handelsasyl für alle Völker des Orients, wie für gewinnlustige Einwanderer aus Europa werden sollte. Der Schissfahrt ist nur eine kleine Abgabe auferlegt, die zur Unterhaltung der Leuchtttzürme dient; von allen anderweitigen Zöllen ist sie durchaus befreit. Die eigenthümliche Lage des Hafens und der Stadt bringt sie mit allen Schiffen in Berührung, die, gleichviel ob aus dem Süden oder Westen kommend, in das chinesische Meer gelangen wollen. Singapore ist so gut eine Hauptstation für die Poststeamer zwischen Europa und China, wie für Kauffahrer von Bombay, Madras, Calcutta, Rangoon und Maulmen. Engländer, Franzosen, Russen und Amerikaner haben hier Kriegsfahrzeuge Zum Truppentransport stationirt, und kein Schiff wirft in Singapore Anker, vhne sich zu verproviantiren, mit Kohlen und frischem Wasser zu versehen. Zudem gilt der Strand von Singapore auf Grund der frifchen Seeluft für eine Gesundheitsstation des östlichen Asien. Durch diese überaus günstigen Bedingungen hat sich hier ein Völkergemisch gebildet, wie man es schwerlich auf einem andern Punkte des Erdballs antreffen wird. Die Mehrzahl der Ansiedler besteht wieder aus Chinesen, doch gehören sie weniger der handeltreibenden, als der arbeitenden Klasse an. Wenn sie in acht oder zehn Jahren so viel erworben haben, um fernerhin mäßig, aber sorgenfrei leben Zu können, kehren sie in ihr Vaterland zurück. Die Liebe zur Heimath ist w dem Chinesen, wie in den Alpenbewohnern unauslöschlich; es wurden mir Fälle erzählt, in denen arme Chinesen an den Folgen des Heimwehs gestorben sind. Einen himmelschreienden Contrast mit diesem fleißigen und intelligenten Menschenstamm, der nach meiner Meinung dereinst noch eine erhabene Mission in der Zulunftspolitik Asiens zu erfüllen haben wird, über welche die Staatsmänner Großbritanniens bei Zeiten nachdenken mögen, bildet die uön den Inseln Celebes, Sumatra und Borneo eingewanderte HUblbrandt's Reise um bie Erbe. I. 9 130 Mannschaft. Die aus Eingeborenen und verwilderten Portugiesen relrutirte und trefflich dressirte Polizei von Singapore sorgt zwar ausreichend für die Sicherheit der Einheimischen und Fremden, und ich habe persönlich keine Ursache, mich über die erwähnten Herren Insulaner zu beklagen, doch glaubte ich in ihren Augen eine Geschmacksrichtung zu lesen, die mit der europäischen Feinschmecker«! in geradem Widersprüche steht. An einer entlegenen Küste möchte ich mit diesen Gentlemen eben so ungern zusammentreffen, wie mit einem hungrigen Tiger. Ihrem Wüchse nach bilden sie eine wahre Elite der Asiaten. Von den Einwanderern aus Celebes, den Menschenfressern der Frau Ida Pfeiffer, könnte jeder einem Bildhauer als Modell einer Hercules-Statue dienen. Ungeachtet die Vegetation der Umgegend von Singapore, im Vergleich mit Rangoon und den paradiesischen Reizen der Insel Penang, vermöge des dürftigeren Bodens an Magerkeit leidet und die Architektur nichts Alterthümliches ausweist, suche ich doch unablässig kleinere Vedutten zu Papier zu bringen, wobei ich mehr von der Hitze als von den Menschen zu leiden habe. Der hiesige fortwährende Verkehr mit Europäern hat selbst die rohesten Barbaren ein wenig geglättet. Man läßt mich hier ungeschoren auf der Straße arbeiten und ist zufrieden, mir aus einiger Entfernung zuzuschauen. Ein alter Chinese, dessen Häuschen ich malen wollte, holte sogleich einen Stuhl, bedeckte ihn mit einem seidenen Tuche und nöthigte mich durch Zeichen zum Sitzen. Dann rief er sein Großkind, ein dreijähriges gelbes Männchen mit schiefgeschlitzten Aeuglein, und suchte es mit dem Anblick des weißen Teufels vertraut zu machen. Wir waren bald einverstanden, der Kleine blieb neben mir stehen, reichte mir, so oft ich es verlangte, gehorsam das Händchen, und schaute so aufmerksam und still, wie ich es nur bei chinesischen Kindern beobachtet habe, der Malerei zu. Bei meiner heiligen Scheu vor den Tigern beschränkte ich meine abendlichen Excursionen auf Promenaden am städtischen Ufer. Man sieht stets etwas Neues und wäre es auch nur die arme Mannschaft eines Hamburger Dreimasters, die nach siebenmonatlicher Reise um das Cap der guten Hoffnung endlich hier angelangt ist und, den Capita« nicht ausgenommen, so schwer am Scorbut leidet, daß sie eine gründliche Kur durchmachen muß, ehe sie ihre Reise nach China fortsetzen darf, oder vereinzelte menschliche Gestalten, die bei ihrer sprechenden Aehnlichkeit mit Orangutangs der Darwin'schcn Theorie von der Abstammung des Menschen das Wort zu reden scheinen. In Betreff meiner Neisepläne nach Siam und Bangkok werde ich im Hotel und in den hiesigen europäischen Familien eben nicht ermuntert. Ueberall stellt man mir den Tod durch eine klimatische Krankheit in Aussicht, ich lasse mich indessen nicht entmuthigen. Die trotz der Hitze doch belebende Luft von Singapore hat meine Kräfte gestärkt; ich werde getrost das Wagniß unter- 131 nehmen. Der Dampfer ist am 2ss. Februar angelangt, und ich habe für die Ueberfahrt nach Bangkok, also für vier bis fünf Reisetage, die unerhörte Summe von hundert spanischen Dollars (600 Francs) gezahlt. Das Schiff selbst verspricht mit Ausnahme seines hochtönenden Namens nicht viel Gutes^ Die siamesische Inschrift lautet wörtlich: „(Hon I^a," was dem Worte /sErcellenz" gleichkommen möchte, doch sieht der Dampfer wie alles Andere^ nur nicht wie das Fahrzeug einer Excellenz aus. Und doch betreibt Se. Majestät der König von Siam selber in Gemeinschaft mit einem chinesischen Rheder das Geschäft! Die letzten Stunden bis zur Abfahrt suche ich noch so gut als möglich zu benutzen. Der Besuch des eine Meile von der Stadt entfernt auf einein Hügel liegenden botanischen Gartens bot bei der Neuheit der Anlage nichts Bemerkenswerthes, das Interessanteste bleibt in diesem Mittelpunkt des östlichen Weltverkehrs immcr der Mensch. Auf Sprachkenntnisse läßt sich auch hier ein Fortkommen bauen. Der eingeborene Diener erhält, wenn er einige Worte englisch versteht und spricht, ein monatliches Salair von fünfzehn Dollars (21 Thlr.), den gleichen Ertrag muß man jedoch auch zahlen^ wenn man ihn nur wenige Tage miethet. Singapore wimmelt übrigens von Verbrechern, da England die vorderindischen Uebelthäter hierher zu senden pflegt; doch leidet darunter nicht die Sicherheit der Stadt. Für die Integrität des Inhalts seiner Taschen hat Jeder, wie überall in Asien, selber einzustehen. Noch am letzten Tage begegneten mir zwei chinesische Diebe, die Don Rosario, ein Polizist von portugisischer Abkunft, nach dem Gefängniß beförderte. Der verständige Beamte hatte die Zöpfe der Langfinger zusammengeknüpft und führte sie so, wie an einem Zaume, durch die Straßen. Am 27. Februar bestieg ich den schweißtriefenden Rücken eines Malayen^ acht feiner Vettern bemächtigten sich meiner Koffer, und so wurde ich sammt Inventarium in ein Boot geschleppt und an Bord der „Chow Phya" gerudert, die uns mit dem traurigen Summen eines schlecht geheizton Theekessels empfing. Wir find unser nur drei Passagiere erster Klasse an Bord, ein französischer Gesandtschafts-Secretär, der fortwährend von Verwünschungen der Engländer übersprudelt, eine englische Dame und meine Wenigkeit; doch wird unser kleiner Cirkel durch unzählige Cockroaches und weiße Ameisen verstärkt. Ungleich mehr Leben herrscht auf dem Vorderdeck untcr den einheimischen Passagieren dritter Klasse. Sie theilen den Raum mit einem weißen Ponn, mehreren Truthähnen, unseren Sonntagsbraten, einer Schaar Hühner und Enten, einem Dutzend wilder Hunde, Ratten und Mäusen, Affen um> Papageien. Unter den Touristen befinden fich auch zwei Mörder. Er, ein geborener Amerikaner, hat einen Kaufmann in Birma umgebracht, sie, eine Irländerin, hat es als Dame bei dem schwachen Versuch, einem schlafenden Vrahminen eine Nadel durch das Ohr in das Gehirn zu bohren, bewenden, 9* 132 lassen. Beide haben mehrere Jahre in Singapore gesessen und beabsichtigen, da sie einmal dem Strick entronnen sind, in Bangkok ein neues Leben anzufangen. Als einzige Passagiere zweiter Klasse haben sie in holdem seelischem Einverständniß gleich eine wilde Ehe geschlossen und erscheinen bei Tage und bei Nacht als Inseparables. Mir ist als Schlafstelle auf dem Quarterdeck vom Capitän cm Häuschen angewiesen, das weder verschlossen, noch von innen verriegelt werden kann; ich habe deshalb, da ich eine namhafte Summe Geldes bei mir führe, meine» Revolver frisch geladen und an einer handlich Zugänglichen Stolle über meinem Lager angebracht. Seit meiner Anwesenheit in Cawnpore und Lucknow trennte ich mich nicht mehr von diesem Haus-gerüth. Nicht weniger Besorgnis; erregend als diese Gesellschaft ist die Vertheilung der Kohlen und Frachtstücke auf der „Chow Phya". Der Schwerpunkt der Ladung nähert sich dem Steuer, und während das Bugspriet sich gleich einem schäumenden Pferde hoch in die Luft erhebt, sinkt das Hinterdeck zuweilen so tief, daß die Wellen über Nord rollen; ein Uebelstand, der uns doch immer von den umherlaufenden Cockroaches und Ameisen befreit. Nur der Capitän und zwei Steuermänner sind Weiße, die ganze Mannschaft besteht aus Chinesen und Malanen. Die Fahrt zeigt wenig Vemerkens-werthes. Bald nach der Lichtung der Anker zog zur Rechten eine stattliche Wasser-Hofe vorüber, später dampften wir an einem kegelartig aus dem Meere auftauchenden Felsen vorbei, der stiegenden Fische zeigten sich Legionen. Am 1. März schifften wir bei dichtbedecktem Himmel zwischen einigen Inseln hindurch, deren Bewohner seit Jahren der Menschenfresserei überführt sind. Die See war ruhig, es sing an stark zu regnen und wir schwebten nicht in Gefahr, auf den Strand zu laufen und an den Bratspieß, oder doch nackt ausgeplündert in einen Käfig gesteckt zu werden, wie es an diesen barbarischen Küsten schon manchem Schiffbrüchigen ergangen sein soll. Die Sonne ging, auf Regen deutend, unter, und auch der Mond durchbrach in der Nacht nur für feltene Momente das dichte Gewölk', um 8 Uhr Morgens wurden wir am 2. März durch dcn Angstschrei „Feuer an Bord!" aufgeschreckt. Eins der Rettungsboote war durch die aus dem Schornstein fliegenden Kohlen in Brand gesteckt worden. Die malayischen Matrosen stürzten sich sogleich muthig in das hoch auflodernde Feuer, hundert Hände schafften Wasser herbei, und da nach einigen Minuten auch die Damvffvritze ihre Thätigkeit begann, war das Feuer bald gelöscht. Die Gefahr war nicht gering gewesen, denn in der Nähe des brennenden Bootes lag ein ganzer Berg frifch getheerter Taue und Segel, die eben fo wenig dorthin gehörten, wie die auf unferem Rauchplatz zum Trocknen aufgehängten Windeln der Vorderdeck-Säuglinge. 133 llnser Ieben fristen wir mit dem zähen Fleisch alter Hühner und Enten, die immer eine Stunde vor dem Diner vor unseren Augen ergriffen, geschlachtet und gerupft werden. Der Schmutz auf der „Chow Phya" hat mir vom ersten Augenblick an den Appetit verleidet, ich würde mich nicht wundern, wenn man uns alte Schuhsohlen als Roastbeef servirte. Für Liebhaber von Comvots habe ich mir ein Gemisch von Ananas, Zwiebeln, Pfeffer, Essig und Ricinusöl notirt, das bei keiner Mittagsmahlzeit fehlt und in diefen Regionen die Volkstümlichkeit unserer Lazarethpflaumen und rothen Souver-Virnchen der Vereins-Soireen zu genießen scheint. Das Comvositum ist eine Erfindung, der Chinesen. Am 3. März hatten wir in der Nähe einer ihrer Stürme wegen berüchtigten Inselgruppe einen kleinen Teifun (Wirbelwind) zu überstehen, in dem die „Chow Phya" sich gar wacker hielt. Unsere Reisegefährtin, eine liebenswürdige Engländerin, dauert mich am meisten bei diesen Mßhelligkeiten. Mrs. Leßler hatte einige Monate auf der Gesundheitsstation Singapore zugebracht und kehrte jetzt mit ihrem bildhübschen Töchterchen Lina zu ihrenr Gatten nach Bangkok zurück. Die arme Frau ließ das Kind nicht aus den Annen, aber mehr als die kurze Feuersbrunst und der Teifun flößte ihr die Maschine der „Chow Phya" Besorgniß und Schrecken ein. Sie erzählte mir, daß vor zwei Monaten der Kessel gesprungen und das Schiff mit einem neuen versehen sei, der aber auch bereits einen Schaden davongetragen habe. Die anmuthige Frau drückte ihr ahnungslos lachendes Kind an die Brust, trocknete ihre Thränen und betheuerte, daß sie aus Furcht vor einer Explosion noch in keiner der bisherigen Nächte ein Auge geschlossen habe. XIX. Vor der Mündung des Menam. Stadt Packnam. Der Gouverneur nut einigen zwanzig Kindern. Bangkok, Asiens Venedig. Gin weißer Elephant im rothen Felde. Mrs. Leßler. Sir Robert Tchomburgt. Ee. tünigl. Hoheit Prinz Gcarg Washington. Der preußische Kunstmaler. Kuchen und Rabe. In einem chinesischen Spielhaujc. Der galante Croupier. Bei Hofe. In der Nähe des Aequators darf der Reisende um die Stunde des Sonnenunterganges stets auf ein neues malerisches Schauspiel am Horizonte rechnen. Nach dem stürmischen Tage hatten sich Luft und Meer beruhigt, doch lagerten noch ringsum an der Grenze beider förmliche Gebirge von Dünsten. Zu unserer Linken versank die Sonne in einen vielfarbig glühenden Abgrund, zu unserer Rechten hingegen schienen diese Wolkenpyramiden und Obelisken 134 immer höher emporzuwachsen. Als das Alpenglühen auf ihren Gipfeln verblich und dem letzten Tagesschimmer die tiefe Dunkelheit des Tropenabcnds folgte, entwickelte sich in ihrem Vereich ein neues Licht. Die ganze Nacht hindurch hielt ein Wetterleuchten an, in dem fortwährend Tageshelle mit undurchdringlicher Finsterniß wechselte; damit war eine wahrhaft niederdrückende Temperatur verbunden. Nach stundenlangen vergeblichen Versuchen einzuschlummern, setzte ich mich in einem Costüm, das nur wenig von dem Adams vor dem Sündcnfalle abwich, vor die Thür meines SchlafhäuschenZ und erwartete resignirt den Morgen. Die Sonne ging am 4. März in unbeschreiblicher Schönheit auf, der Himmel blieb ungeachtet des ununterbrochenen Krähens unserer Hähne klar, eine gegen ? Uhr aufspringende Vrise treibt uns rasch vorwärts, und die Handelsgenossenschaft, der unser Dampfer gehurt, Se. Majestät von Siam und ein chinesischer Nheder, spart ihre grundschlechten Kohlen. Es ist eine lustige Fahrt durch die muthig schäumenden Wogen. Im Osten taucht das Festland empor und die „Chow Phya" schwimmt zwischen vielen kleinen, saftig grünen Inseln hindurch, an deren Küsten Tausende von Booten mit Fischfang beschäftigt sind. Alle Segel werden aufgesetzt und wir nähern uns rasch der Mündung des Menam. Die Meerestiefe ist hier bei den massenhaften Anschwemmungen des reißenden Stromes sehr gering, die „Chow Phya" hat einen Tiefgang von neun und einem halben Fuß, und doch gelingt es uns, durch eine Wassertiefe von nur acht und ein halb Fuß über die Varre wegzukommen. Dampfkraft und Wind drängen uns in einer Viertelstunde durch den halb-flüssigen Schlamm der Tiefe. Obgleich unser Capitän sich schon von Singapore an mehr der Feier seiner Flitterwochen — er hatte eine junge Frau von Halbkaste als Ehegemahl mitgenommen — als der Leitung seines Dampfers widmete, zwang ihn die überaus geringe Breite des Fahrwassers in der Mündung des Menam doch zu einiger Aufmerksamkeit. Nach seiner Angabe «aren hier im letzten Kriege eine Menge von Schiffen versenkt worden. Bald kamen wir ungefährdet über den bedenklichen Engpaß hinaus und freuten uns über den mächtig hinfluthenden breiten Etrom und seine grünen Ufer. Die Regenzeit ist eben vorüber, die Mangroven und Cocospalmen sind von entzückender Frische und die Affen, die zu Hunderten am Ufer sitzen und uns mit Schmatzen und Schnattern einen Empfang bereiten, genießen offenbar die junge Jahreszeit. Nach kurzer Zeit halten wir bei der kleinen Stadt Packn am. Der Cavitän geht an Land, um dem Herrn Gouverneur einige Nriefe und Pakete persönlich zu übergeben, und ich schließe mich ihm an. Wir wurden von Sr. Excellenz, einen: gemüthlichen Fünfziger, überaus freundlich empfangen. Der sthr fette, nur in ein schmutziges braunes Taschentuch gehüllte Veamte ließ uns auf Stühlen aus Bambusrohr niedersitzen und bewirthete uns mit Strohcigarren. Nach Erledigung der Geschäftsangelegenheiten war die in 135 siamesischer Sprache geführte Unterhaltung, vermöge des illustrirenden lebhaften Geberdenspiels, ziemlich leicht zu verstehen. Der Gouverneur stellte uns seine Sprößlinge vor, deren zwanzig ihn umgeben mochten und entschuldigte die Abwesenden, die gleich zahlreich wären. Ganz genau sei er über den vorhandenen Kindersegen nicht unterrichtet, da ein fortwährender Abgang und Zuwachs in der letzten Altersklasse stattfinde. Die Kosten der Leibwäsche schienen den glücklichen Vater eben so wenig zu belasten, wie die Reinigung der Kleinen ihre Mütter, denn außer einer Schmutzkruste an Knieen und Ellenbogen gewahrte ich nichts, was einem Toilettengegenstande ähnlich sah. Auf meine Erkundigung, was es mit einer Anzahl eiserner und bronzener Geschützrohre auf sich habe, die reihenweise am Stromufer, zum Theil sogar im Nasser lagen, bemerkten Se. Excellenz, daß alle Schiffe, die stromauf nach Bangkok wollten, verpflichtet feien, ihre Kanonen hier auszuschiffen und bis zur Abfahrt unter Obhut des Gouverneurs zu lasfen; allerdings ein praktisches Mittel zur Sicherung der Residenz Sr. Majestät. Die Cigarren waren aufgeraucht, wir verabschiedeten uns und dampften weiter stromauf. Die Nähe des asiatischen oder indischen Venedig, wie einige Touristen Bangkok genannt haben, machte sich bald bemerkbar. Wir kamen hin und wieder an schwimmenden Krämerladen vorbei und überholten eine Menge kleiner Boote, die mit Hülfe eines großen Palmenblattes oder einer Matte gegen die Strömung segelten; andere Bootsführer ruderten, wie die Gondoliere des Canals grande, stehend. Die Ufer waren mit kleinen Fischerwohnungen bedeckt, die auf Pfählen halb im Waffer standen und einen sehr Malerischen Anblick gewährten. Die Einwohner saßen an der Seite des Stromes und strickten Netze oder breiteten sie zum Trocknen aus. Um 3 Uhr Nachmittags erreichten wir die Hauptstadt selber und kamen an mehreren Eonsulatsgebäuden vorbei, die den Flaggengruß der „Chow Phya", den flatternden weißen Elephanten im rothen Felde, durch Aufhissen ihrer Nationalflaggen erwiderten. Während der letzten Stunden unferer Fahrt hatte sich ergeben, daß Mrs. Leßler die Frau des Compagnons eines Großhändlers Markwald und Comp. fei, an den ich ein Empfehlungsschreiben abzugeben hatte. Für mein Unterkommen war also gesorgt. Die liebenswürdige Dame bestand darauf, mich ihrem Manne vorzustellen und mir eine Wohnung in °ihrem Hause einzuräumen. Sie werde dafür Sorge tragen, mich aus meinem verkommenen Zustande wieder herauszufüttern, und in der That trägt nicht 5ie Pflege in der Familie der gütigen Leute die Schuld, wenn ich Bangkok eben so elend verlassen, wie betreten habe. Die Mehrzahl der Häufer dieser wunderlichen, von etwas über viertausend Seelen bewohnten Stadt schwimmt auf dem Wasser und zwar auf Flößen von Bambusstäben. Der Sumpfboden der Stromufer mag die Einwohner dazu genöthigt haben, dann aber auch wohl die drückende Hitze des Klimas, welche 136 durch den Luftzug des Wasserlaufes immer ein wenig gemildert wird. Damit hängt die Schwimmfertigkeit der Ansiedler zusammen. Morgens und Abends-liegt halb Bangkok im Wasser, Alt und Jung taucht mit der Gewandtheit und Ausdauer von Schwimmvögeln. Die Mütter unterrichten ihre Kleinen und stillen ihre Säuglinge, indem sie Wasser treten, alles Volk sucht sich in dem kühlen Strome zu erholen. Man begreift, daß unsäglich viele Unglücks-fälle vorkommen, denn wenn auch die im Menam zahlreich vorhandenen Krokodile die Nähe der Stadt und das Geräusch der Schwimmenden scheuen^ verschlingt die reißende Strömung doch desto mehr Opfer. Menschenleben stehen hier nicht hoch im Preise, und um ein Kind, das spurlos in der Tiefe verschwindet, kümmert sich weiter Niemand. Die mit der Weltanschauung des Buddhaismus verbundene Indolenz dämpft Freude und Leid in der Vruft dieser Menschen. Der Todte ist an die Küste der ewigen Ruhe und Schmerz-losigkeit gespült. So weit meine Beobachtungen reichen, sind diese Wohnungen mit vielen Vortheilen verbunden, und gäbe es ein Stadtgericht und Rechts-anwälte in Bangkok, durch Processe über nachbarliche Streitigkeiten würden beide nicht auf den grünen Zweig kommen. Man kündigt hier nicht, auch zieht man nicht aus; denn Jeder ist Hauseigenthümer. Wer Ursache hat, mit seiner Nachbarschaft unzufrieden zu sein, bindet sein Floß von den Pfählen los und rudert eine englische Meile stromauf oder stromab weiter, befestigt es in einer andern Umgebung und macht vollkommen neue Bekanntschaften. Nuv die einheimische und eingewanderte Aristokratie hat sich auf den erhöhteren und trockenen Stellen des Festlandes angesiedelt. Da ich hier verhältnißmäßig mehr deutsche Landsleute finde, als in den bisherigen Städten, beginnt mein Aufenthalt sehr angenehm. Gleich am ersten Abend lud mich Herr Benary, ein junger Berliner, zu einer Spazierfahrt auf dem Menam ein. Wir ruderten bei dem herrlichsten Mondschein in seiner Schaluppe nach der dreihundert Fuß hohen What-Pagode, kletterten hinauf und genossen die bei der feenhaften Beleuchtung doppelt merkwürdige Aussicht. Die Umgebung der Pagode war das Staunenswertheste derselben. Eine Menge kleiner Tempel drängte sich an den phantastisch geformten Thurm und schien sich in seinem Schlagschatten überaus wohl zu fühlen, Auch wir Unglücklichen lebten in der linden Abendluft wieder auf und vergaßen die Qualen der heranrückenden Nacht in geschlossenen Räumen. In den frühen Morgenstunden des 6. März beeilte ich mich, dem preußischen und englischen Consul, Sir Robert Schomburgk, meinen Besuch abzustauen. So herzlich der edle Gelehrte, an den ich schon seit Jahren einen warmen Empfehlungsbrief von Alexander von Humboldt in der Tasche trug, mich empfing, die Züge langer bitterer Leiden waren auf seine Stirn und Wangen geprägt. Ohne diese leidigen Spuren wäre er dem Verfasser des Kosmos zum Verwechseln ähnlich gewesen. Aber Sir Robert kämpfte mit dem klima- 137 tischen Uebel: der Dysenterie, das einige Jahre später seinem thätigen Leben m dem Maison de Sants zu Schöneberg bei Berlin ein Ende machen sollte. Vielleicht hätte es durch die sorgliche Pflege in dieser Anstalt noch etwas verlängert werden können, aber Sir Robert war erst im letzten Stadium der Krankheit zu bestimmen gewesen, aus dem Hotel du Nord unter den Linden nach Schoneberg überzusiedeln, und seine Aerzte untersagten mir alle ferneren-Besuche, da nichts mehr zu thun war, als den Kranken ruhig sterben zu lassen. In Bangkok hatte ich noch hinlängliche Gelegenheit, den Heroismus M bewundern, den der seltene Mann dem furchtbaren Leiden entgegensetzte. Es gelang mir, durch mein Geplauder den armen Patienten zu erheitern, und ich erfuhr u. A. von ihm, daß der kleine sogenannte „weiße" Elephant, ber im Berliner zoologischen Garten den Kindern so viel Vergnügen macht, noch vor Jahr und Tag sein Hausgenosse gewesen und Trepp auf Trepp ab gewandelt sei. Als sein rasches Wachsthum die Bauart des Hauses gefährdete, habe er ihn nach Europa geschickt. Noch saß ich am ?. März beim Frühstück, als ich meinem Berufe einen vornehmen Besuch zu verdanken hatte. Se. königl. Hoheit Prinz Georg Washington, der Sohn des zweiten Königs von Siam, erschien ohne weiteres Zeremoniell in meinem Zimmer, in dem mir eben meine kleine Freundin Ana Gesellschaft leistete. Als bürgerlicher Mann durfte ich nicht erwarten, einen Angehörigen des regierenden Hauses in einer so frühen Stunde schon in Gala bei mir erscheinen zu sehen, doch hatte ich mir selbst von der siamesischen InterimZuniform größere Vorstellungen gemacht. Se. königl. Hoheit trugen nur einen rothseidenen Schurz (Saroon) um die Hüften; ein Hemd, eine Jacke, Schuhe und Kopfbedeckung hatte Prinz Georg für überflüssig erachtet. Es handelte sich um eine Kunstangelegenheit. Sr. Majestät war bekannt geworden, daß ein preußischer „Kunstmaler" in Bangkok angelangt sei, und sie erlaubte sich die Anfrage, ob oerfelbe lebensgroße Königsportraits in dauerhafter Oelfarbe zum Abwäschen male. Der erste König werde gerade jetzt von Mr. Lewes, einem reisenden englischen Künstler, als Kniestück abconterfeit, und sein Bruder, der zweite Herrscher Siams, Se. Majestät Somdeth Phra Paramaindr Mahaisvara Mahaisvaraisa Rangsarga — damit hätte ich mich ein- für allemal des Namens entledigt — könnten der Versuchung nicht widerstehen, gleichfalls ein Portrait seiner, wenn auch nicht allerhöchsten, so doch höchsten Person zu besitzen. Aus den Redensarten des leidlich englisch sprechenden Prinzen erhellte, daß die geklönten Brüder in keinem sonderlichen Einvernehmen lebten und daß die Anfertigung diefes Portraits, das den zweiten König vom Wirbel bis auf die Zeh vorstellen sollte, als ein Act tendenziöser Opposition angesehen werde. Es gelang mir leichter, als ich erwarten konnte, den Prinzen von der Unmöglichkeit zu überzeugen, den Wunsch seines hohen Vaters zu erfüllen. Ich zeigte ihm meinen Aquarelluorrath, 138 Farben, Pinsel und Papiere, und bald begriff er, daß. ich als Landschafter und mit solchen: Material nicht befähigt sei, ein lebensgroßes Königsportrait dauerhaft und zu Abwaschungen geeignet anzufertigen. Wir trennten uns, indem Se. königl. Hoheit mir noch den Rath ertheilte, bei der Hitze das Arbeiten im Freien zu unterlassen und nur — zu photographiren. Der Prinz selber besaß nach seiner Angabe eine gewisse Fertigkeit in diesem Handwerk und war von der künstlerischen Bedeutung desselben durchaus überzeugt. Nachdem er eine meiner Cigarren geraucht, trennten wir uns zu beiderseitiger Zufriedenheit, Se. königl. Hoheit zogen mit derselben Präcision, welche unsere jungen Militärs bei der Annäherung eines Stabsoffiziers im Zuhaken des steifen Rockkragens entwickeln, den Schurz dienstmäßig bis zum Nabel hinauf und verschwanden. Der bürstenartige Haarschopf, den der Prinz, wie alle Siamesen, auf dem Vorderkopfe trug, während sonst der ganze Schädel glatt rasirt war, hatte ihm ein höchst komisches Aussehen verliehen; ich brauchte mehrere Tage, um mich an diese Haartracht zu gewöhnen, ohne den Leuten in's Gesicht zu lachen. Das Leßler'sche Ehepaar ergötzte sich bei Tisch ungemein über meine Beschreibung und wir befanden uns in der besten Laune, als die kleine Lina durch laute Wehklagen uns vom Tisch aufschreckte. Dem lieben Kinde war ein großes Herzeleid widerfahren. Mistreß hatte für unser Dessert eigenhändig einen kleinen Kuchen eingerührt und gebacken, denselben aber, da die weißen Ameisen in Geschwadern darüber hersielen, auf das Geländer der Estrade in die Sonne gesetzt; Lina war im Schatten daneben stehen geblieben, theils aus Freude über die fliehenden Ameisen, theils aus Anhänglichkeit an den Kuchen. Nun hatten aber auch die im Garten horstenden blauschwarzen Raben von dem Kuchen Notiz genommen und der stärkste Corpsführer war herbeigeeilt, um sich des Gebäcks zu bemächtigen und dasselbe zu seinen Gefährten zu tragen. Als wir dem schreienden Kinde zu Hülfe eilten, waren nur noch einige Brocken vorhanden. Der kräftige Vogel hatte den Kuchen hundert Schritte weit außer Schußweite unserer Revolver gefchleppt. Nach Tisch statteten wir nordamerikanischen Missionären unsern Besuch ab und wohnten der Abendandacht einiger neubekehrten Chinesen bei, welche sich auch an dem Vortrage der erlernten Choräle betheiligten. Der würdige Geistliche hatte sich an demselben Tage von einem Landsmanne und Freunde getrennt. Dieser litt an den Folgen eines Sonnenstiches und es war nichts übrig geblieben, als ihn in die Heimath zurückzusenden. Das Gehirn der Eingeborenen zcigt nicht die gleiche Empfindlichkeit; ich habe sie stundenlang aus meinem Fenster ohne Kopfbedeckung und Sonnenschirm arbeiten sehen. ' Unweit des Leßler'schen Hotels liegt ein chinesisches Spielhaus, mit dem unentgeltliche Theatervorstellungen verbunden sind. Die Blancs von Bangkok, Monaco, Baden-Baden und Homburg scheinen aus demselben Holze geschnitzt zu sein. Ich nahm Platz vor der Bühne und suchte dem Gange der Vor- 139 stellung zu folgen, die aus einem Vallet bestand. Die Tänzerinnen, fast sämmtlich dürftige Gestalten, bedienen sich sowohl beim Tanze, als auch in der Action, ungleich weniger der Neine, als die europäischen Valletmitglieder. Nur die Oberkörper und die Arme sind unablässig in Bewegung. Die männlichen Tänzer beschränken stch auf komische Rollen. Ein eigenthümlicher Schmuck der Damen besteht in mehrzölligen, glänzend polirten, hintenüber gekrümmten Nägeln, die gleich Fingerhüten an allen zehn Fingern befestigt werden und wahrscheinlich dem Geberdenspiel gehörigen Nachdruck verschaffen sollen. Die Hauvtperfonen des Vallets waren eine Prinzessin und ein Hofnarr. Die Freiheiten, welche sich letzterer gegen feine Gebieterin herausnahm, waren jedoch der Art, das; die europäische Sittenpolizei die Vorstellung des Ballets noch vor dem Actschluß unterbrochen haben würde. Die Habitues von Bangkok nahmen indessen an den kühnen Griffen des Hanswurstes nicht den geringsten Anstoß, sie schauten dem frivolen Schauspiel mit einer Ehrbarkeit zu, als wären sie bei einer religiösen Feierlichkeit zugegen. Da die Handlung nicht vorrückte und die Acteure über Niederholungen ihrer Gesten nicht hinauskamen, begab ich mich in das angrenzende Spielhaus, das von einem weit zahlreicheren Publikum gefüllt war. Das Spiel hatte einige Aehnlichkeit mit unserer Roulette, und die Spieler betheiligten sich daran mit derselben Leidenschaft und — demselben Mißgeschick, wie die Pointeurs in unseren Andern. Nm der Bank mein Entree für den Theaterbefuch nicht fchuldig zu bleiben, setzte ich eine kleine Silbermünze, die selbstverständlich sogleich verloren ging. Der chinesische Banquier war jedoch nicht Willens, von der Unwissenheit eines Fremden Vortheil zu ziehen, er reichte mir das Geldstück zurück, indem er in leidlichem Englisch hinzufügte: er könne es nicht nehmen, weil ich nach seinem Dafürhalten das Spiel nicht verstehe. Da ich ihn mit gleicher Zuvorkommenheit ersuchte, es als Geschenk von mir anzunehmen, weigerte er sich nicht länger und steckte das runde Silberklümpchen in die Tasche. Am 9. März besuchten wir Alle den Gottesdienst, welchen Sir Robert Schomburgk an jedem Sonntage in feinem Hause abhält. Er las außer einigen Gebeten eine kurze Predigt vor, und die anwesenden Europäer folgten seinem Vortrage mit großer Aufmerksamkeit. Ihr leichenhaftes Ausfehen siel mir, nebenbei bemerkt, unangenehm auf. Die Monate März und April weiden in Bangkok als die heißesten und, in Betracht der fumvsigen Lage des Ortes, auch als die ungesundesten des Jahres bezeichnet. Am 10. März war ich auf einer frühen Wasserfahrt zufällig Zeuge des hier üblichen Vestattungsuerfahrens. Allerdings werden die Gebeine der Verstorbenen auch in Siam verbrannt, allein man fchneidet vorher das Fleisch von den Knochen und calcim'rt nur letztere im Feuer. Wie in Calcutta und Benares waren die Mauern des Verbrennungsplatzcs mit Aasgeiern und' 140 allerlei kleinen Raubvögeln bedeckt, die sich der hingeworfenen Fetzen so gierig, wie unsere Hühner der Gerstenkörner, bemächtigten und den Leichenschlächtern beinahe aus den Händen fraßen. Um 3 Uhr Nachmittags begaben wir uns in den Palast des ersten Königs, der in Folge einer Anfrage Sir Roberts uns diese Stunde bestimmt hatte. Schomburgk holte mich in einem eleganten, mit zwölf Ruderern besetzten Boote ab, van dessen Bug eine große englische Flagge wehte. Nach einer halben Stunde hatten wir den oberhalb der schwimmenden Stadt gelegenen Palast erreicht; auf dem Landungsplätze wurden wir von einem höheren alten Diener Sr. Majestät erwartet und unter eine Veranda geführt, wo wir Platz nehmen durften. Zu unserer Erfrischung war eine große Delicatesse der Gegend: kaltes Wasser, aufgestellt, doch starrten die Gläser dergestalt von Schmutz, daß Sir Robert seinen Foulard aus der Tasche zog und mich durch eine gelungene große Wäsche bewog, seinem Beispiel zu folgen. Reinlichkeit erhält den Leib, Ziert den Knaben, Mann und Weib! sang ich und hielt das Glas noch einmal gegen den dunkelblauen Himmels ehe ich das in Eis gekühlte Naß einzuschenken wagte. Wir waren nicht allein. Um uns auf der Veranda und in dem angrenzenden Saale kauerte auf dem Fußboden eine Menge Neugieriger, die sich nicht von den Knieen und Ellbogen zu erheben wagten. Sir Robert war von der Hitze des Tages erschöpft und-litt an einem Uebelbefinden, ich hütete mich daher, ihn mit Fragen zu belästigen, wiewohl ich gern erfahren hätte, ob diese devoten Perfonen zum Hofgesinde, oder nur zu einer loyalen Fraction gehörten, die sich hier versammelt hatte, um im günstigsten Falle des Anblicks ihres Landesherrn theilhaftig zu werden. Se. Majestät ließen uns nach der Landesfitte, die den europäischen Satz: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige" nicht kennt, ungebührlich lange warten, ich besichtigte daher inzwischen einen an die Veranda stoßenden, etwas ftallartigen Palast, in dem ein weißer Elephant und ein gleichfarbiger-Affe aufbewahrt wurden. Nicht nur das Wappenthier der siamesischen Krone, sondern auch der ältere Vetter unseres Geschlechts verdankten ihren lichten Teint nur einer Abreibung mit Kreide, von der ich einen Vorrath in pulverisirtem Zustand in einer Ecke des Stalles entdeckte. Ueber diesen vielleicht unschicklichen Nachforschungen, an denen mich aber Niemand hinderte, entging mir nicht, daß unterdessen viele Große des Reiches und kleine fette Prinzen, die zum Hausstände des Königs gehören mochten, über den weiten, Hof in den Palast geeilt waren. Zum Theil wurden sie in Palankinen getragen, zum Theil saßen sie zu Pferde, nur die Inhaber geringerer Grade gingen zu Fuß, über dem Haupte eines Jeden trugen aber buntgekleidete Diener einen enorm großen, oft goldgestickten Sonnenschirm. Endlich erschien 141 em Ceremonienmeister und lud uns ein, ihm zu Sr. Majestät zu folgen. Meine Uhr zeigte auf 4; der Allergnädigste hatte uns eine volle Stunde warten lassen. Ich reichte Sir Robert den Ann und folgte dem diensteifrigen Hofmann. XX. Im Thrans«»! zu Bangkok. Prinzen oder Straßenjungen? Sr. Majestät Toast. König Mongtuts Facsimile, vr. Baftian. Das Dschunglefieber. Einladung zum zweiten Könige von Siam. Die Schlacht bei Roßbach «nd Genovefa. Ein preußisches ZünÄnadelgewehr. Nranoy trinken wir doch. Se. Majestät kam uns entgegen und geruhte uns in den Thronsaal zu führen. Als erster König hatte unser hoher Wirth für nöthig erachtet, etwas ausführlicher Toilette zu machen als sein Neffe Prinz Georg, doch war seine Tracht, dein Klima entsprechend, immer noch bequem genug. Er trug das sogenannte kleinere Costüm, d. h. ein Jäckchen von violetter Seide, an den Aermeln mit etwas Gold gestickt, und einen Schurz (Saroon) aus carmoisin-rother Seide, keine eigentlichen Hosen. Ein weißes, mit einem großen Brillanten zugestecktes Halstuch war, wie ein leichter seidener Shawl, lose um den Hals geschlungen, ein Hemd hatte Se. Majestät eben so wenig angelegt, wie alle seine Unterthanen, Grenznachbarn und asiatischen Stamm? verwandten. Pantoffeln, oder gar Strümpfe, trug der König nicht, unterhalb der Kniee waren seine braunen, vollkommen wadenlosen Beine nackt, auch that er sich keinen Zwang an und fuhr während des Empfanges fort, Betel ?u kauen. Sein Haupt war mit einer kleinen seidenen Mütze ohne Schirm bedeckt, an deren schottisch gemusterter Einfassung die Decoration des Elephanten? vrdens vierter Klasse haftete. Sie wird hier nach Art der Nationalcocarde von ihren Inhabern auf der Kopfbedeckung getragen. Nicht recht im Einklänge mit dieser Sommertracht stand ein goldener Schlepvsäbel, mit dem Se. Majestät umgürtet war und ein jedes jungen Matadors von der Garde würdiges Gerassel verursachte. Der König ist neunundsünfzig Jahre alt, sieht aber mehr als zehn Jahre älter aus. Er spricht ziemlich gut englisch, nur sehr undeutlich, besser- soll er sich darin schriftlich ausdrücken. Der Thronsaal, der seinem Baustyl und den reichen goldenen Ornamenten nach jedem europäischen Königspalaste Ehre machen würde, war mit einem bunten Teppich bedeckt, dessen Muster man jedoch, da der große Saal mit knieenden und auf den Ellbogen kauernden Gestalten gefüllt war, kaum erkennen konnte. Nach der Etikette sind selbst die Prinzen von Geblüt, die 142 Minister, die hohen Beamten, Hofmarschälle und Kammerherren verpflichtet, während der Anwesenheit des Staatsoberhauptes in dieser ehrfurchtsvollen Positur zu verharren. Die Wände waren mit lebensgroßen Portraits der Königin von England, des Kaisers der Franzosen, des Königs von Portugal und der Königin Pomare geschmückt. In einer Ecks lehnte die Gestalt eines preußischen Grenadiers in voller Uniform und Waffenschmuck; das Piedestal der Figur war zerbrochen, und man hcitte sich nicht anders zu helfen gewußt, wollte man den Saal nicht feines eigenthümlichsten Schmuckes berauben. Außerdem stand noch eine gezogene Kanone im Thronsaal, die als «ultimo ratio rsFuin" das höchste Ansehen in den Augen des alten Herrschers von Siam zu genießen schien. Wir durften rechts und links von dem Lehnsessel des Königs, der zugleich die Einrichtung einer Draisine hatte, denn nach siamesischen Vorstellungen galt es wahrscheinlich für ein Vorrecht europäischer Fürsten, sich selber fahren zu können, Platz nehmen, und die Unterhaltung begann. Ich glaubte mich auf einem vaterländischen Polizeibüreau, in den Händen eines pflichteifrigen Paßbeamten zu befinden, so wißbegierig erkundigte sich Se. Majestät nach Vor- und Zunamen, Geburtsort, Alter, Wohnort, Geschlecht und besonderen Kennzeichen. Ob und inwiefern er mich verstanden oder mißverstanden, ist mir unklar geblieben. So viel steht fest, über Preußen und die Lage Berlins vermochte ich nicht, ihn in's Klare zu bringen. Er verwechselte fortwährend, wie einer meiner schon erwähnten früheren Reisegefährten, „Prussia" mit „Persia". Unsere Conversation wurde durch die Anwesenheit der zahlreichen Rangen Sr. Majestät wiederholt gestört. Vielleicht wird ein loyales Gemüth diesen unehrerbietigen Ausdruck beanstanden, ich bediene mich jedoch der scharfen Collectivbezeichnung nur, da ich das Gefchlecht der anwesenden jungen Abkömmlinge des Königshauses, vermöge der uniformen Tracht der Prinzen und Prinzessinnen, nicht zu unterscheiden vermochte und mich ihr unhöfisches Benehmen vollkommen zur Wahl eines so unehrerbietigen Wortes berechtigt. Die königliche Jugend genießt, so lange sie nicht das Alter der Reife, d. h. das elfte oder zwölfte Lebensjahr erreicht hat, gewisser kindlicher Prärogative. Sie braucht noch nicht, wie die hohe Aristokratie und der befestigte Grundbesitz Siams, in Anwesenheit des Landesherrn auf Knieen, Ellbogen und Gesichtern liegen Zu bleiben, sondern darf sich frei im Thronsaale bewegen. So spielte denn eine erhebliche Anzahl sechs-bis zehnjähriger Kinder, bekleidet mit kostbaren bunten Saroons und reichem Schmuck von Gold, Perlen und Diamanten, rings umher, und ich muh eingestehen, ungeachtet ihres dunkelgelben oder braunen Teints niemals eine gleiche Anzahl schöner Kinder beisammen gesehen zu haben. Wenn ich die geringen männlichen Reize Sr. Majestät in Erwägung zog, so wird man mir den stillen Wunsch verzeihen, nur aus physiognomischer Wißbegier in Betreff der Aehnlichkeit, mit den Gemahlinnen des Königs näher bekannt zu werden. 143 Die Sitte des Orients bringt es mit sich, beim Empfange Geschenke zu vertheilen, und selbst der Allergnädigste verschmäht es nicht, irgend eine werth-«olle Gabe, und wären es auch nur einige Pfund Sterling, die später mit einem von der königlichen Hand gezogenen Ringe erwidert werden, anzunehmen; man wird sich daher den Unwillen der siamesischen Prinzenschaar ausmalen können, als ich keine Anstalten machte, die vorschriftsmäßigen Vonbons, Nippessachen und Quincaillerien zu vertheilen. Sie näherten sich mir, untersuchten die Taschen meines schwarzen Fracks und zwangen mich endlich, da sie Hand an die Busentaschen und die Inexpressibles legten, ja die goldenen Kleinigkeiten von meiner Uhrkette reißen wollten, den Frack zuzuknöpfen. Jetzt ließen sie zwar von mir ab, holten aber aus dem Vorhofe des Palastes kleine Steine herauf, mit denen sie nach Sir Robert Schomburgk und mir mit der angeborenen Wurffertigkeit von Affen ein Bombardement eröffneten, üm die Aufmerksamkeit des Landesvaters, der von den Ausschreitungen seiner Sprößlinge nicht die geringste Notiz nahm, anzuregen, erlaubte ich mir die Frage, wie hoch sich mit Einschluß dieser liebenswürdigen und wohlerzogenen Kleinen die Familie Sr. Majestät belaufe? Nach längerem Addiren und Multipliciren antwortete der KöniF, Vkß die Zahl wohl achtundvierzig betragen könne, doch sei ein Irrthum möglich. Obgleich er hinzufügte, eine gleiche Anzahl sei Todes verblichen, verbarg er doch nicht seine Genugthuung über einen derartigen Kindersegen und wurde durch meine Frage in die beste Laune versetzt. Er erhob sich, holte eine Flasche Nothwem, schenkte die auf zwei Seiten-eschen stehenden kleinen Gläser voll und trank auf unsere Gesundheit. Der Toast mußte von Seiten Europas erwidert werden. Ich bat also um die Erlaubniß dazu, sie wurde huldreich gewährt, doch fühlte Se. Majestät tactvoll heraus, daß die Anwendung einer stark alkoholhaltigen Flüssigkeit jetzt angemessener sei. Auf jenen beiden Seitentifchen standen zwei werthvolle, reich ausgestattete Flaschenfutter (Liqueurkaften), Geschenke der Königin von England Und des Kaisers der Franzosen, zu denen Se. Majestät jetzt seine Zuflucht Nahm. Drei Achtelgläser wurden, da man hier das geistigere Getränk auch aus größeren Gefäßen zu sich nimmt, eigenhändig vom Könige vollgegossen; ich brachte mit nöthiger Ehrerbietung seine Gesundheit aus. Zugleich fügte ich einige Lobsprüche der gezogenen Kanone, des Cognacs und der Grenadierpuppe hinzu; ich hatte die schwache Seite Sr. Majestät getroffen. Der König gab mir einen burfchikosen Puff in die rechte Seite, ergriff meine Hand, um sie freundschaftlich zn kneten, und verzog dabei sein altes biederes Gesicht so gewaltsam, daß die rothe Betelsauce über die Lippen rann und auf den Schurz troff. Dann füllte er von Neuem die Gläser, ergriff das meinige und reichte mir das seinige, das noch den Abdruck seines saftigen Mundes bewahrt hatte. Mir zuckte blitzartig der Gedanke durch den Kopf, er gehe damit um, mit mir 144 Brüderschaft zu trinken; der König hatte sich jedoch nur in den Gläsern vergriffen. Der Kuß blieb mir nun zwar erspart, Bescheid muhte ich indessen thun. Bei dem Mangel an dankbaren Gegenständen der Unterhaltung glaubte ich meinen hohen Gönner von dein bei der Hitze des Tages wenig ersprießlichen ' Cognac-Genuß abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen, wenn ich mich nach der Zahl seiner Gemahlinnen erkundigte; allein sein Gesicht verfinsterte sich, er blieb mir die Antwort schuldig. Später erfuhr ich von Sir Robert, daß ich eine Unschicklichkeit begangen hätte. Beide Könige von Siam legen großes Gewicht darauf, den Herrschern Europas so ähnlich als möglich zu sein, der Hauptunterschied zwischen beiden Welttheilen, die Vielweiberei, ruft ihnen in Gegenwart Fremder daher stets ihre sittliche Inferiority auf die unangenehmste Weise in das Gedächtniß zurück. Der Unmuth des guten Alten war nicht von langer Dauer, da ich ihn, als Erinnerung an meinen Besuch an seinem Hofe, um sein Bild bat. Sein Gesicht verklärte sich, er befahl eine Mappe herbeizubringen und überreichte mir eine colorirte Photographie in der Größe eines Quartblattes, die ihn, in seiner Draisine sitzend, von den beiden Liqueurkasten umgeben, darstellt. In der Linken halt er, wie auch während unserer Audienz, einen Krückstock mit Elfenbeingriff und ein großes Taschentuch von feinstem Leinen. Ich darf indeß nicht verfchweigen, daß Se. Majestät sich desselben niemals bedient, sondern es nur für das Attribut jedes hochgestellten, gebildeten Mannes zu halten scheint. Sah er sich zur Reinigung seiner Nase genöthigt, so bediente er sich, wie Holzhauer, Matrosen und Fuhrleute, zwanglos der Vordersinger der Rechten. Meine Bitte, dem Portrait seine Namensunterschrift hinzuzufügen, gewährte der König mit großer Bereitwilligkeit. Ein mächtiges Dintenfaß aus gediegenem Golde nebst dito Feder wurde herbeigeschafft, und mit etwas zitternder Hand, aber doch mit leserlichen Schriftzügen schrieb Se. Majestät unten auf die Kehrseite des Portraits: SPPM Mongkut MRS was boru on 18 October 1804. crowned on 15 May 1851. Jetzt traten wir den Rückzug an, und ein Juwelier, der dem Könige eine mit Brillanten besäete Schatulle zum Verkauf anbot, wurde vorgelassen. Auf dem Deckel befand sich eine auffallend große Perle, die als eine Seltenheit des Orients in Bangkok einen hohen Nuf besaß. Täusche ich mich nicht, fo war die Perle etwa von der Größe eines Hühnereies. Nach Sir Roberts Angaben erlauben die Mittel des Königs, fein Gelüsten nach Juwelen und sonstigen Pretiosen zu befriedigen. Der Handel Siams ist in seinen Händen, und Mongkut ist der erste Reis- und Zuckerhändler eu Fros des Landes. Mein Besuch beim französischen Consul mußte bei der unleidlichen Hitze am nächsten Tage schon um 6 Uhr Morgens abgestattet werden, dann holte 145 Sir Robert Schomburgl mich in seinem Boote ab, und wir fuhren zu Dr. Vastian, dem berühmten Reisenden und Sprachforscher, der jetzt glücklich nach Europa (Bremen) zurückgekehrt ist, fanden ihn aber am Dschunglefieber schwer leidend darniederliegen. Am Ufer beobachteten wir eine Anzahl in Ketten geschmiedeter Verbrecher, darunter mehrere Weiber mit Kindern an der Brust. Nach einer gewitterschwülen Nacht, die ich, gequält von Kopfschmerzen und kricki)' lieat (Nothlauf, rother Hund), halb schlaflos zugebracht, erhob ^ch mich und warf einen Blick in die Zeitung, an deren Spille zwei Unglücks-salle standen: die P. N. O.-Compagnie hatte zwei Dampfer verloren. Der erste war bei Hongkong verbrannt, der zweite auf dem Wege von Calcutta nach Suez gescheitert. In der leidigen Lecture wurde ich von Sr. barfüßigen tönigl. Hoheit, Prinz George Washington, unterbrochen; Sir Robert hatte mich schon am 10. März darauf vorbereitet. Er war in einem mit zwölf wildblickenden Ruderern bemannten Boote angelangt und wurde von einem Steuerbeamten, als Adjutanten, und einigen Dienern begleitet, die einen silbernen Cigarrenkasten, eine brennende Lunte und einen Monstresonnenschirm hinterdrein trugen. Das Haupt des Prinzen war wieder unbedeckt und nur durch den landesüblichen Haarstumpf über der Stirn geschützt. Es blieb mir nichts Anderes übrig, als in meinen, dem tropischen Klima Hohn sprechenden, schwarzen Frack zu schlüpfen und dem Prinzen A folgen, denn er war heute mit einer Einladung seines Vaters, des zweiten Königs von Siam, gekommen. Wir hatten eine gute Stunde den Fluß hinauf zu fahren und verkürzten uns die Zeit durch Cigarrenrauchen. Der Unterhaltungsstoff war in den ersten fünf Minuten aufgezehrt. Ich saß neben dem Prinzen auf einem bequemen rothseidenen Kissen und rauchte eine seiner schlechten Cigarren, die Halb aus Tabak, halb aus Stroh bestanden; doch war Se. königl. Hoheit nicht unempfänglich für die Reize eines guten Blattes: eine tadellose Manila, die ich ihm anbot, mundete dem Prinzen sichtlich. Am Ufer wurden wir von Mehreren Dienern des königlichen Hauses erwartet. Diese führten einen gesattelten Schimmel ohne Steigbügel herbei, aber vergeblich sah ich mich nach einem Braunen oder Rappen für meine bürgerliche Person um. Der Prinz schwang sich gewandt in den Sattel, ich mußte um 12 Uhr Mittags bei 30 Grad Reaumur nebenherlaufen; nicht einmal ein Sonnenschirm wurde mir von diesen übertünchten Barbaren angeboten. Ohne meinen treuen Begleiter, den Entoutcas, wäre ich einem Sonnenstich verfallen. Eine üble Absicht des Prinzen lag dieser Mißhandlung nicht zu Grunde, nur die Gedankenlosigkeit des erst vierundzwanzigjährigen Sprößlings der asiatischen Despotie. Alle Wanderer, die uns begegneten, sanken in den Staub; nach fünfzehn Minuten landeinwärts hatten wir den Palast des zweiten Königs erreicht. Hildebrandt's Reise um die Erde. 'I. 10 146 Prinz Georg gab mir einen Stuhl und ging davon, um mich seinem Vater anzumelden. In dem Waffensaal, wsrin ich mich befand, hingen als Kunstwerke des Griffels zwei Groschen-Lithographien, „die Schlacht bei Roßbach" und „Genovefa" mit Schmerzenreich und der Hirschkuh. Ich hatte mich kaum flüchtig umgesehen, als ein silbernes Service mit heißer Milch, Zucker und kaltem Wasser gebracht wurde. Man beabsichtigte, mir die höchste Delicatesse vorzusetzen. Bei dem Mangel an nahrhaften Gräsern und der mörderischen Temperatur gehen fast alle Wiederkäuer in Bangkok zu Grunde, und frische Milch gehört zu den größten Seltenheiten. Nur im Haushalt der beiden Könige werden einige Kühe und Ziegen gehalten. Der erste König, ein herzensguter Mann, sendet alle Tage an Mrs. Leßler ein Töpfchen Milch für ihre zweijährige Lina, und auch für mich werden stets einige Löffelchen für den Margenkaffee erübrigt. Noch etwas ergrimmt über den Wettlauf mit dem Schimmel des Prinzen, versöhnte mich diefe zarte Aufmerksamkeit. Ich genoß die Milch der frommen Denkungsart und betrachtete meine Umgebung näher. Cine Menge Volk lag um mich her auf den Knieen und fchien nach feinem Gesichtsausdruck komische Bemerkungen über mich zu machen. Mit Männern und Weibern waren auch Kinder vermischt, doch mochten diese mit europäischem Umgänge noch nicht recht vertraut sein. Vot ich ihnen die Hand, so rannten sie heulend und zähnefletschend davon-, die Erwachsenen waren gesitteter. Einer der auf der Matte Hockenden kroch zu mir heran und nahm aus seinem schmutzigen Maule die brennende Cigarre, um mich damit zu bewirthen. Ich vermochte den gutwilligen, aber Uebelkeit erregenden Kerl schlechterdings nicht los zu werden und machte mich nothgedrungen der abscheulichsten Lüge meines-ganzen Lebens schuldig. Durch drastische Geberden bedeutete ich ihn, baß ich gar nicht rauche; er begriff mich und kroch heim zu den Seinigen. Der zweite König ließ mich nicht so lange als sein Bruder warten. Noch waren nicht zwanzig Minuten verflossen, als Prinz Georg wieder erschien und mich an seiner schweißigen Hand in die Gemächer seines Vaters führte. An der Treppe, deren Stufen auch hier doppelt fo hoch als bei uns, demnach sehr unbequem in anliegenden Beinkleidern zu ersteigen waren, blieb der Prinz stehen, warf sich auf die Kniee und kroch auf allen Vieren zu seinem auf der obersten Stufe stehenden Herrn Vater hinan. Ich fchritt ungebeugt neben ihm empor; jetzt erst war mir Revanche für den Schimmel zu Theil geworden. Auch blieb Se. königl. Hoheit auf der Nase liegen, als der König mir freundlich die schwarze Hand entgegenstreckte. Die jüngere Majestät von Siam sprach sehr geläufig englisch und entschuldigte in wohlgesetzten Worten seine etwas vernachlässigte Toilette; er befinde sich nicht ganz wohl. Die Diener setzten Ttühle an den Tisch, Thee und Kaffee wurden servirt, und der König brachte das Gespräch auf das Kriegshandwerk und die Jagd, der er in jüngeren, Jahren sehr zugethan gewesen sein mochte. Ich hütete mich, ihn zu unter- 147 brechen, und freute mich nicht nur über sein mannigfaches Wissen, sondern auch über Sr. Majestät gefunden Menschenverstand, der die frugalen Geistesgaben seines älteren Bruders weit überragte. Ein prachtvolles Jagdgewehr (wenn ich den König richtig verstanden habe, aus der Fabrik von Gehrmann, in Berlin) wurde herbeigebracht, und Se. Majestät versicherte mir ferner mW triumvhirenden Blicken, daß für sie ein preußisches Zündnadelgewehr unterwegs sei. Der König gab hierauf dem Gespräche eine politische Wendung und verbreitete sich mit bitteren Worten über die Undankbarkeit des japanesischen Hofes, doch bezweifle ich die Aufrichtigkeit der ausgefprochenen Gesinnungen. Die Völker des Orients halten in ihrer Politik grundsätzlich in letzter Instanz Mmer zusammen, möglicherweise glaubte er als feiner Diplomat mir, dein Europäer, eine Verbindlichkeit gesagt zu haben. In seinem Blick lag etwaK von Verschmitztheit; ich schmieg weislich. Jetzt wurden Cigarren umhergereicht und in Brand gesteckt. Mir präsentirte ein auf allen Vieren herankriechender Sclave in einem goldenen Kästchen acht Zoll lange Havannah-Cigarren, wie ich sie nie feiner geraucht habe; der König zündete sich nur eine leichte Stroh-Cigarette an. „Wir haben früher große Pfeifen geraucht" (we U86Ü to Fiuoks biss z>iz>e), sagte er, als er in meinen Zügen einige Verwunderung bemerkte, „aber unsere Gesundheit erlaubt uns das nicht mehr." Der arme König sah wirklich überaus leidend aus. „Verstehen Sie sich auf den Puls?" fuhr er fort, „die Deutschen find alle sehr gelehrte Leute!" Ich machte gute Miene ?um bösen Spiel und mich selber einer gelinden Kurpfuscherei schuldig; der gekrönte Patient reichte mir die Hand, ich schnitt das tiefsinnig fachoerständige Gesicht eines Medicinmannes. Dem Pulfe nach war die Diagnofe nicht schwer. Nebenbei wurde sie durch meine scharfen GeruchZnerven unterstützt: unzweifelhaft hatte Se. Majestät kurz vorher eine gehörige Dosis Champagner und Whisky, halb und halb, zu sich genommen. That ich Unrecht? Ich warnte mit eindringlichen Worten den König vor dem Genuß alkoholhaltiger Getränke und empfahl ihm eine leichte Diät. „Das werden wir nicht thun, Brandy trinken wir doch!" antwortete Se. Majestät mit großer Bestimmtheit. Sah er mein ärztliches Verbot vielleicht gar als eine Beschränkung seiner königlichen Vorrechte an? Die Gesundheit des unglücklichen Fürsten war total ruinirt, und ich habe mich, als im Februar 1866 die Nachricht seines Ablebens nach Europa kam, nur gewundert, daß er sein gebrochenes Dasein noch so lange gefristet. Dem Könige machte es Vergnügen, sich sprechen zu hören. „Wir haben in unserer Jugend Englisch gelernt!" wiederholte er als Refrain fast jedes seiner Sätze mit vielem Behagen. Gleich seinem älteren Bruder hielt auch er während der mir gewährten Audienz ein Taschentuch' aus rother Baumwolle in der linken Hand, doch ging aus der sonstigen Behandlung seines Geruchs-organs hervor, daß auch er über den Zweck dieses Toilettegegenstandes vollkommen im Unklaren schwebte. Er selbst, wie der am Boden kauernde zweite: 10* 148 Hof, schneuzte sich aus freier Hand. Mit der alten, abgetragenen Redensart, »daß wir uns sehr gefreut hätten", mich kennen gelernt zu haben, wurde ich entlassen. Auf die Anfertigung seines Portraits kam der König nur mit flüchtigen Worten zurück; er mußte sich, wie ich später von Mr. Lewes selber vernahm, entschließen, fein lebensgroßes Bildniß von diesem anfertigen zu .lassen. Se. Majestät begleitete mich zur Treppe, Prinz Georg wurde nicht mehr sichtbar, und einige Hofbediente führten mich zum Boote; nach einer Stunde war ich, halb geröstet in meinem Bratenrock, zu Hause, Eine Abkühlung schien mir unbedingt nothwendig, und da ich mit dem französischen Consul eine Abendspazierfahrt verabredet hatte, machten wir nach dem Diner in einem Costüm, das der Interimsuniform des Prinzen, meines jugendlichen Gönners, nahe kam, einen Ausflug stromab zu einigen chinesischen Dschunken, auf denen ein abendlicher Markt abgehalten wurde. Der Capitän einer derselben lud uns zum Thee und suchte uns durch das Spiel einer vagabondirenden Capelle zu ergötzen; ich für meinen Theil fand den Thee besser als die von dem Orchester vorgetragene symphonische Dichtung und gab meinen ästhetischen Gefühlen durch den Verzehr von sieben oder acht Tassen den erforderlichen kritifchen Ausdruck. Der Abend wurde uns durch eine eben angelangte Schiffernachricht verbittert: man meldet von der Rhede, dah sieben Europäer, die vierundzwanzig Tage lang mit Hunger und Durst auf der See in einem offenen Boote gekämpft hatten, dort angekommen feien. Sie waren auf ihrer Fahrt von China nach New-Iork auf ein Korallenriff gerathen, hatten das sinkende Schiff verlassen und ihr Leben mit etwas Schiffszwieback, Wasser und Eingemachtem fristen müssen. Wir beschlossen den Tag im traulichen Kreise der Familie Leßler auf der nach der Gartenfeite hinaus gelegenen Veranda in melancholischen Gesprächen über die nachtheiligen Einwirkungen des Klimas. Die junge Hausfrau, die ihrer Entbindung entgegensieht und deshalb eine Luftkur in Singapore durchgemacht hat, spricht uns Männern noch Muth ein, aber wir lassen sämmtlich, gleich kranken Vögeln, die Flügel hängen. Mein Berliner Hausarzt, Geh. Rath Erbkamm, hat mich nicht umsonst vor einem längeren Aufenthalte in glühender Sumpfluft gewarnt. Die Atmosphäre von Bangkok ist ein corrosives Gift für die Functions« des menschlichen Organismus; ich bin nahe daran, dem Beispiel mehrerer hiesigen jungen Eommis aus New-Iork zu folgen. Sie leben seit einem halben Jahre nur noch von mager gekochtem Reis und Thee. 149 XXI. Tie What-Pagade. In den königl. Elephantenstiillcn. Wafferpartie nach Pratlat. Sommertracht der Weißen und Tchuhzeug. Im Hause des siamesischen Capellmcifters. Der Orestes und seine Cockroaches. ?ull ör«8». Ter Anfang des ßundejahres. Neujahrs - Galadiner. Spalier der Garden. An drei Tafeln. Mongtuts Nallet- Tänzerinnen. Außer den klimatischen Leiden habe ich den stillen Kummer zu tragen, im Schooßs der üppigsten Natur den grüßten Theil des Tages unthätig zubringen zu müssen Nur irl den Stunden von 5 bis 7 Uhr Morgens ist es Möglich, im Freien zu arbeiten, von da an wird man durch die steigende Temperatur genöthigt, so leicht wie möglich gekleidet still im Schatten zu sitzen und zur Kurzweil das untergeordnete Thierleben ringsumher zu beobachten. Aber nicht immer erwacht man zeitig genug. Wenn man sich bis 2 Uhr Morgens schlaflos auf dem Lager gewälzt hat, verschläft man meistens die Arbeitsstunde. Die armen Hausthiere können sich eben so wenig wie wir an das unselige Klima gewöhnen. Die Hühner fallen nicht selten, wie unsere Sperlinge in strenger Winterkälte, plötzlich todt nieder; nicht besser ergeht es den Hammeln, die aus China importirt und mit Reis und Erbsen ernährt werden. Welche unsägliche Mühe es kostet, die Wiederkäuer am Leben zu erhalten, habe ich schon angeführt. Nur die Schweine ertragen die Hitze ohne erhebliche Beschwerde, sind daher auch das' hauptsächlichste Schlachtvieh der Hauptstadt und ihrer Umgebungen. Am 14. März stand ich kurz nach 4 Uhr Morgens aus und machte mit einigen Bekannten Ausflüge nach dem bemerkenswertheften Tempel Bangkoks. Die dreihundert Fuß hohe What-Pagode hatte ich schon gleich nach meiner Ankunft gesehen und ihre Ornamentik aus blau und weiß gemustertem grobem Porzellan bewundert; jetzt besuchten wir zunächst den berühmten Tempel, in welchem ein unförmliches Abbild des Buddha in einer Länge von hunbert-fünfundsiebzig englischen Fuß und fünfzig Fuß Höhe auf einem niedrigen Postament lagert. So viel ich durch die Vergoldung der Statue erkennen konnte, ist dieselbe aus Backsteinen aufgemauert. Andere Tempel sind mit Hunderten vier Fuß hoher vergoldeter Bildsäulen des Gottes gefüllt. Im Ganzen sind alle diese religiösen Gebäude nicht von erheblicher Größe, und die Neisebeschreiber übertreiben wohl, wenn sie die vor manchen Tempeln stehenden Götzenbilder mit den Kolossen Altägyptens vergleichen. Einmal unterwegs statteten wir auch den Elephantenställen des Königs einen Besuch ab. Wir fanden einige mit Stoßzähnen bewaffnete Exemplare, die zum Theil mit goldenen Ringen geschmückt waren. Wohlgemerkt sind die Landeskinder 150 Verpflichtet, diesen Bewohnern des lönigl. Marstalles dieselben Huldigungen darzubringen wie dem Könige. Während unserer Fahrt auf dem Strome sahen wir nicht weniger als vier Böte umstürzen, doch wurde die Mannschaft stets gerettet, Der Hauptgrund derartiger Unglücksfälle liegt offenbar in der Bauart der Böte; der untere, also wesentliche Theil derselben besteht in den meisten Gallen nur aus einem ausgehöhlten Baumstämme. Einige Tage später sah ich auf den königl. Werften zwei dieser Canoes, die bei einer Länge von hundertfünfzehn und hundertfünjundzwanzig Fuß gleichfalls nur aus einem einzigen Tcakstamme angefertigt waren. Am 15. März, einem Sonntage, hatte Herr Markwald aus Berlin mich nebst drei anderen Herren zu einer Wasserpartie geladen. Wir fuhren um 6 Uhr Morgens ab, kürzten eine Krümmung des Stromes durch einen Kanal ab und kamen um 8 Uhr in Pratlat an. Der von ungefähr zehntausend Einwohnern bevölkerte kleine Ort ist eine Festung, würde aber einer Be« lagerung von europäischen Streitkraften schwerlich länger als eine Viertelstunde widerstehen können. Wir wollten zugleich dem Gouverneur einen Besuch abstatten, trafen ihn jedoch nicht zu Hause. Dafür machten wir den anwesenden Gemahlinnen des hochgestellten Militärs unfere Aufwartung. Es waren ihrer zwölf und jede trug einen Säugling an der Brust, doch stimmte die Carnation der holden Kleinen so wenig überein, wie die der geräucherten Flundern, welche auf den Fischmärkien unserer Seestädte feilgeboten werden. Dom Vernehmen nach ist der Gouverneur von Pratlat sehr stark verheirathet und rekrutirt unaufhörlich unter der weiblichen Bevölkerung des Ortes für feinen Harem. Die Zahl seiner Frauen soll über hundert betragen. Die ihren Eltern mit Güte oder mit Gewalt entführten Mädchen werden in dem Alter von zehn bis dreizehn Jahren in dem Haufe des Gouverneurs zu Tänzerinnen und Orchestermitgliedern ausgebildet, denn der edle Kriegsmann unterhält auch ein eigenes Theater. Nächstdem wollten wir den Polizei-Präsidenten besuchen, welchen wir gleichfalls nicht zu Gesichte bekamen, doch wurden wir von den älteren Ehefrauen, die sämmtlich Betel kauten, sehr zuvorkommend empfangen und mit Cocosmilch bewirthet, die jungen Damen und etwa zwanzig Sprößlinge des Beamten rissen dagegen mit lauten Schimpfreden: „weiße Teufel!" vor uns aus und rannten in den Garten. Wir durften ihnen nicht folgen, da die bejahrteren Hausmütter zugleich die Stelle der Ehrenwächterinnen ihrer Colleginnen bekleiden und namentlich die europäischen Courmacher fernzuhalten haben. Im Allgemeinen ist es jedoch nicht schwer, sich im nationalen Sinne in Siam zu beweiben. In allen Familien sind die Töchter vom zehnten Jahre an käuflich, und ein Angebot von hundert bis zweihundert Dollars pflegt in den meisten Fällen zu genügen. Es gehört zur Tagesordnung, die Schönen nach einiger Zeit wieder in das Haus ihrer Eltern zurückzusenden. Um halb 1 Uhr Mittags langten wir, 151 °nnt namenlosen Kopfschmerzen behaftet, wieder in Bangkok an. In meinem Zimmer hatten inzwischen zwei farbenprächtige Chamäleons ein Unterkommen im Schatten gesucht, doch gelang es mir nicht, eins der flinken Geschöpfe zu erhäschen. Abends durchschritten wir das Wäldchen van Mangos, Bambusrohr, Areka- und Cocosvalmen, Ananas und Bananen, das unser Haus vom Strome trennt, und hofften etwas frische Luft zu schöpfen; es war ein vergeblicher Verfuch, In der stillen, schwülen Atmosphäre glaubte man die Bananen wachsen zu sehen. Wir saßen an der pfeilschnell vorbeischießenden Strömung und transspirirten wie in einem russischen Dampfbade. Meine europäische Fußbekleidung bereiten mir obenein mancherlei Verlegenheiten. Ich bin außer mit Stiefeln nur mit Lederschuhen versehen und muß in Bangkok aus die Anwendung der Wichse verzichten. Man trägt hier durchweg lein-'wandene Schuhe, deren Obertheil täglich mit angefeuchtetem Thon überstrichen wird. Die hier ansässigen Europäer haben auch ihre ganze Toilette darnach eingerichtet. Sie tragen weißbaumwollene Jacken und dito Beinkleider, die gleich der Leibwäsche täglich Zweimal gewechselt werden. Die Beschaffung eines ausreichenden Vorrathes an frischer Wäsche ist jedoch nur bei der hiesigen Menge der Domestiken möglich. Ein eiliger Reisender muh diesem Comfort entsagen; ich suche mir mit leichtwollenen hellfarbigen Kleidern zu helfen. Nicht felten, wenn ich auf meinem delphinischen Dreifuß unter dem Sonnenschirm sitze, der Schweiß von der Stirn auf die Aquarelle rinnt, und Cockroaches oder Ameisen mir die eben aufgetragenen Farben dicht vor dem Pinsel wegfressen, zuweilen selbst das Papierblatt vor Hitze sich zusammenrollt, muß ich an die heimathliche Kritik denken. Die Herren würden gewiß so manche Schwäche derartiger Arbeiten nachsichtiger beurtheilen, wenn sie die unsäglichen Schwierigkeiten der Anfertigung erwägen wollten. Mit den hiesigen Gewohnheiten werde ich nach und nach bekannter. Es wird in Bangkok unglaublich viel gestohlen, aber Niemand, selbst wenn es den Dieb zu ermitteln gelingt, erhält sein Eigenthum zurück. Die Behörde belegt es endgültig mit Beschlag. Auf unferer Partie nach Pratlat fanden wir vor der Thür des Polizei-Präsidiunis, das mehr einem Schweinestalle als einem Staatsgebäude glich, ein weinendes Mädchen, dem seine Ohrringe gestohlen worden waren. Man hatte den Dieb entdeckt und ihm das gestohlene Gut abgenommen, doch konnte sich der Herr Polizei-Präsident nicht entschließen, der Besitzerin dasselbe auszuliefern. Wir suchten sie zu beruhigen, indem wir ihr in dem nächsten Kramladen ein Paar neue Ohrringe kauften. Der Dampfer aus Hongkong ist angekommen, und ich habe, um nicht einem Anfall vom Fieber oder Dysenterie zu erliegen, sogleich mein Villet gelöst und mit der unglaublichen Summe von einunddreißig Pfd. Sterling vier Schilling bezahlt. Aehnliche Prellereien sind in europäischen Gewässern Hanz unbekannt. Am Nachmittage des 18. März forderte der französische 152 Consul mich auf, mit ihm den königl. siamesischen Capellmeister zu besuchen^ Wir fanden einen ältlichen Herrn, der sich von seinen Hausgenossen dieselben Ehren, wie die Könige des Landes, erweisen ließ. Die eben anwesenden Mitglieder der Capelle bestanden aus alten Weibern und jungen Mädchen^ das Hauptinstrument war eine Art Harmonika, deren metallene Schalen — ich zählte neunzehn — mit zwei Klöppeln geschlagen werden und innerhalb eines runden fußhohen Korbes aufgestellt sind, in dessen Mitte der Spieler hockt. In einer ähnlich construirten Harmonika wird das klingende Princip durch geglättete Vambusscheite gebildet. Die Blasinstrumente beschränkten sich auf eine mißtönende Nohrpfeife. Der Chef der Capelle, über dessen Compositions-talent ich mir kein Urtheil anmaßen darf, schien mit der Vervollkommnung der landesüblichen Orchestration angelegentlich beschäftigt zu sein. Er zeigte uns eine von ihm construirte Pauke, in der ich eine große Sardinenbüchse wieder zu erkennen glaubte. Bei dem engen künstlerischen Gesichtskreis, den ihm die siamesische Musik gestattete, ging der Herr Cavellmeister sehr bald auf mein Schuhzeug über und erkundigte sich ausführlich nach den Preisen und der Dauerhaftigkeit. Dann zeigte er uns ein auf dem Nipvestisch stehendes Paar Gummischuhe. Die schöne Welt von Bangkok hält dieselben für die eleganteste Fußbekleidung, und auch unser Künstler betrachtete sein Kleinod mit vielem Stolz. Denselben Tag benutzte ich noch zu einer Zeichnung der Flußufer und fchwimmenden Stadt vom Verdeck des nordamerikanischen Kauf-fahrers „Orestes" aus, allein die unübersehbare Menge der Cockroaches verscheuchte mich. Wenig besser ging es mir am nächsten Morgen, wo ich schon um Sonnenuntergang an Bord des „Orestes" zurückkehrte, um die angefangene Aquarelle zu vollenden. Ich war genöthigt, die frechen Insekten mit dem Pinsel oder der NIeifeder von dem Blatte abzuwehren. AIs das Tiffin aufgetragen wurde, zu dem mich der Capitän eingeladen, fielen sie in Geschwadern über kalte und warme Speisen her, ja es kam mehrmals vor, daß sie sich zwischen Messer und Gabel wagten und das Opfer ihrer widerlichen Gier wurden. Sogar dem Cavitän schien die Sache zu arg, er legte das Messer aus der Hand und sagte, er habe große Lust, den „Orestes" anzubohren und-für einige Zeit zu versenken, um sich des unleidlichen Ungeziefers zu entledigen. Der ergrimmte Amerikaner beschuldigte die Cockroaches, ihm Dinte und Papier, Stiefel und Schuhe, ja die Haare vom Kopfe und die Nägel von den Zehen wegzufressen/ es fehlte nicht viel, so hätte er ihrem Appetit einen an seinem blauen Frack fehlenden Messingknopf zur Last gelegt. Ich pries mich glücklich, meine Aquarelle im Kampf mit den Käfern leidlich vollendet zu haben, und floh. Als ich um 10 Uhr Vormittags nach Hause kam, fand ich eine geschriebene Einladung des Königs vor. Sie war von dem Oberbefehlshaber der Truppen, der rechten Hand des Herrschers, ausgestellt und lautete auf die Räumlichleiten 153 im Schloßgarten des Palastes. Ich war zu einem Galadiner befohlen. Unter der Einladung stand „lull äre88", also schwarzer Frack, weiße Cravatte und Ordens-Dccorationen. Nei dem Gedanken: schwarzer Frack und enges Halsband, bei einer Temperatur von 30 Grad Reaumur, ward mir dunkel vor den Augen und schwollen die Adern auf meiner Stirn. In Erwägung, daß es den Zweck meiner Reise verfehlen hieße, wollte ich mich dieser Festlichkeit entziehen, beschloß ich 5er Einladung zu folgen, um Se. Majestät Mongkut nicht zu erzürnen. Hatte ich doch schon die Betheiligung an einer mehrtägigen Elephantenjagd, vie der König sich vorgenommen, mit dcn höflichsten Worten abgelehnt. Das Galadiner fand zur Feier des Neujahrsfestes statt, das in Siam auf unsern 20. März fällt; ich durfte mich auf folenne Ceremonien vorbereiten. Hier trägt jedes Jahr einen charakteristischen Namen. Das Schweinejahr war verflossen; wir begannen heute das Hundejahr. Dem höfifchen Gebrauchs nach werden an diesem Tage alle anwesenden europäischen Notabilitäten, nebst den hohen Staatsbeamten und Spitzen der Behörden, eingeladen, bei Tafel zu erscheinen. Nach beendigter Toilette holte mich Sir Robert in seinem Voote ab, wir besahen die nahe am Schloßgarten installirten neuen Elephanten bes Königs, dcn chinesisch-zoologischen Garten und befanden uns an Ort und Stelle. Allmälig versammelten sich die Großen des Reiches, darunter ein älterer Bruder des Königs, die Rathe der Krone und jene Staatsmänner, die einige Jahre vorher Europa als Gesandte besucht hatten. Der ganze vornehme Cirkel war hosenlos und ging barfuß. An folchen Galatagen verbindet die Etikette Se. Majestät, die Gäste noch länger als gewöhnlich warten zu lassen. Wir mußten über zwei Stunden hindurch antichambriren. Um 6 Uhr erschien endlich König Mongkut in der Mitte seiner Getreuen. Seine Tracht war, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuscht, etwas reicher als bei der neulichen Audienz, er trug zur Feier des ersten Tages im Hundejahre leichte Strohvantoffeln und hatte sich mit dem goldenen Schlcppsäbel fester denn sonst umgürtet. Ein ansehnliches Gefolge begleitete ihn. Trotzdem die Sonne sich schon zum Untergange neigte, wurde über seinem Haupte doch ein unförmlich großer rothseidener, schwer mit Gold gestickter Parasol gehalten, halb neben, halb vor ihm her schritten zwei Leibgardisten mit Reuolverbüchsen, dicht hinter ihm aber rutschten zwei Lakaien mit goldenen Spucknäpfen in den Händen auf den Knieen. Diese Möbel waren unumgänglich nothwendig, da der König fortwährend Betel kaut. Das Format der Spucknäpfe war indessen nicht praktisch, sie glichen dickbäuchigen Vasen, mit dünnen Halsen, in denen man Bouquets aufbewahrt, und es mochte nicht leicht fein, sie auf allen Vieren fo gefchickt zu transportiren, daß Se. Majestät sich ihrer jederzeit bedienen konnte. Es war deshalb nicht zu verwundern, wenn König Mongkut zuweilen, statt in die Spucknäpfe, in die Gesichter ihrer Träger spuckte. Hinter diefen kroch ein kleiner Trupp Lakaien, der mit Theebüchsen, Kuchentellern, 154 Cigarrenkisten und Feuerzeug beladen war. Die Nachkommenschaft der Krone Siams war heute spärlicher vertreten, der König wurde nur von vierzehn seiner Lieblingskinder umgeben, die zur Feier des Tages reichgekleidet und safrangelb geschminkt waren, aber dessen ungeachtet gleich über meine Taschen herfielen. Es blieb mir Unglücklichen abermals nichts übrig, als den engen Rock zuzuknöpfen, denn ich hatte wieder nicht varan gedacht, mich mit Geschenken für die Kleinen zu versehen. Die Verachtung, mit der mein vermeintlicher Geiz sie erfüllte, ließ sich auf ihren kleinen Gesichtern deutlich lesen. Unter den minorennen Prinzen war keiner, der nicht während der Empfangscour Betel kaute oder eine große Cigarre rauchte. Der König schritt durch ?in Spalier seiner etwa ein halbes Bataillon starken Leibgarde, und eine Musikbande, die von einem Engländer eingeübt worden war, blies ganz erträglich: Ooä 83,ve tke Husen. Sir Robert zeigte mir einen der schwarzen Posaunenvirtuosen, der sich bei den ersten Uebungen auf seinem Instrumente einen Bruch geblasen hatte. Jetzt näherte sich der König unserer kleinen Gruppe und richtete an Jeden einige verbindliche, aber unverständliche Worte. Der Bruder des Königs und die eingeborenen Staatsmänner lagen unterdessen im Staube, doch war der Boden weithin mit neuen Matten bedeckt. Die Europäer, welche der König zu hohen Würden erhoben, erwiesen ihm nicht diese demuthsvallen Ehrenbezeigungen. Es waren im Freien drei Tafeln aufgestellt, und M't vielen hundert Lampen und Lichten: begann jetzt eine Illumination aller benachbarten Gebäude, die bei der Windstille des Abends einen seltenen Effect hervorbrachte. Cine der im Ganzen für hundert Personen gedeckten Tafeln war für uns Europäer bestimmt, wir setzten uns zu Tisch, doch nahm der König und sein hohes Gefolge noch nicht Platz. Es ist eine der höchsten Ehrenbezeigungen, wenn Se. Majestät die Gäste zuerst zu bewirthen gebietet. Der Tisch war sauber gedeckt und nach englischer Sitte servirt, zwei mäßig große gebratene Schweine standen mit Kopf und Schwanz auf den Flanken, umgeben von gekochten und gebratenen Hühnern, vielen Assietten voller Cotelettes, Reis mit Curry und einer unübersehbaren Menge von kleinen Näpfchen voller Süßigkeiten und orientalischen Würzen. Die Iwischenräume waren mit Weinflaschen ausgefüllt; da gab es Ale, Bordeaux, Brandy, Champagner und Sherry im Ueberfluß. Sämmtliche Speisen hatte man aber so stark mit Knoblauch vermischt, daß ein nordischer Gaumen sie fast ungenießbar fand. Die beiden Braten wurden von dem siamesischen General-Feldmarfchall zerlegt. Se. Excellenz entwickelten dabei eine seltene Kunstfertigkeit, da sie jahrelang auf Postdampfern als Koch gedient hatten. Ursprünglich war der General Unteroffizier in der französischen Armee gewesen und hatte dem Ausererciren der siamesischen Garde die Beförderung zu seinem hohen Posten zu verdanken. 5 155 Er trug den Stem des Elephantenordens auf der linken Brust und hantierte mit dem Vorschneidemesser eben so geschickt, wie mit dem Degen und der Muskete. In Zwischenräumen von acht bis zehn Minuten trat der König an unsern Tisch und füllte die Wein- oder Wassergläser mit Cognac, indem wir ihm auf seine undeutlich gelallten Toaste Bescheid thun mußten. Für das Maß und Format d,r Gläser besaß Se. Majestät nur ein geringes Unter-scheioungsvermögen, dagegen irrte er sich niemals in den Getränksorten; er griff stets mit sicheren Handen die Cognacflasche heraus und ließ nie einen Tropfen in seinem Glase ülrig. Wie entsetzte ich mich aber, als der Aller-gnädigste mit seinen großen schweißigen Händen in die Schüsseln griff, aus Reis, Fleisch und Sauce einen Knödel von der Größe eines mäßigen Hühnereis zusammenkleisterte und in den Mund seiner Lieblingsgäste schob. Sir Robert Und ich entgingen dieser väterlichen Abfütterung eben so wenig, wie der General-Feldmarschall. Noch heute erscheint der unselige Bissen des Neujahrsfestes zuweilen in meinen Träumen und schwillt mir im Munde zu Riesengröße an. Der Tafel gegenüber war eine Bühne errichtet, auf der die Bäuerinnen des Königs ihre Pas und Posen aufführten. Sobald wir abgegessen hatten, hieß Se. Majestät uns Cigarren anzünden und geleitete uns in allerhöchster Person auf die Bretter, um die nähere Bekanntschaft der jungen Künstlerinnen zu machen. Außer prächtigen, meistens knapp anliegenden Gewändern trugen sie obeliskenartige hohe Mützen und mehrzöllige, lange, rückwärts gekrümmte Nägel aus polirtem Silber. Der König nahm die den Tänzerinnen von mir ertheilten Lobsprüche gnädig auf, schmunzelte wohlgefällig und gab mir, wie bei der ersten Audienz, einen Puff in die Seite. Sir Robert sah nach seiner Uhr und hielt sie an's Ohr; wir hatten dieses Zeichen verabredet, wenn die Zeit unserer Entfernung gekommen sein follte. Es war 9 Uhr Abends und noch hatte weder der König, noch einer der siamesischen Staatsbeamten gespeist. Wir baten um unsere Entlassung, und Se. Majestät nöthigte uns nicht, länger zu bleiben. Nach mehreren treuherzigen Händedrücken wurden wir verabschiedet und von mehr als hundert schwarzbraunen Kerlen, die brennende Fackeln in den Händen schwangen, durch das Spalier der unter Gewehr stehenden Garde nach dem Ufer geleitet, wo Sir Roberts Voot unser wartete. Alle Tempel und Paläste der Umgegend waren glänzend illuminirt. König Mongkut liebt das Zeremoniell und sucht es auf geistreiche Weife zu nüanciren. So groß die Ehre ist, in seiner Gegenwart allein zu speisen, eine noch größere Auszeichnung ist es, wenn der König sich an dem Tische des Gastes niederläßt und an dem Mahle theilnimmt. Dies geschieht jedoch nur in Fällen ausgezeichnet guter Laune, und pflegt Se. Majestät alsdann die Verleihung des Elephantenordens vierter Klasse hinzuzufügen. Müde des schwarzen Fracks und der weißen Cravatte, entkleidete ich mich und legte mich um 12 Uhr zu 156 Bett. Der zur Bewegung der Punka commandirte Kuli hatte mich schon feil.' einer Stunde erwartet und war so schlaftrunken, dah er gar nicht bemerkte, als ich mich niederlegte. Trotzdem blieb der Fächer in fortwährender Bewegung. Der Cognac, mit dem der Landesherr das Hundejahr begrüßt hatte, that auch an mir feine Wirkung; ich versank augenblicklich in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst gegen 6 Nhr erwachte. Jetzt lag der Punkaschwinger vor meinem Nett auf der Erde und schnarchte. Ich ließ ihn fchlafen und lauschte dem Morgengesange der in unserer Nähe wohnenden amerikanischen Missionäre und ihrer chinesischen und siamesischen Schüler. Die armen Geistlichen geben sich alle erdenkliche Mühe mit der Erziehung derselben. Sie lehren die Männer lesen, während die Frauen die siamesischen Weiber im Nähen unterrichten. Die Missionäre selber sind nicht gut dotirt, doch erhält die Familie für jedes neugeborene Kind eine Gehaltszulage van fünfzig Dollars. Wer den Tabak und Brandy vergütigt, durch welche sie zuerst die Neulinge anlocken, vermag ich nicht anzugeben. Oft wird ihre Großmuth mit Undank belohnt, und die Novizen bleiben wieder fort, sobald die Rationen herabgesetzt werden oder die Branntwein- und Tabatsvorräthe vielleicht gar ansgehen. Daß die Frauen der Missionäre die Weiber im Nähen unterweisen, kann ihnen nicht hoch genug angerechnet werden. Unter fünftausend Töchtern Bangkoks kann höchstens eine nothdürftig die Nadel führen und alle Herren-und Damenschneider sind aus Madras in Vorderindien eingewandert. XXII. Bienen und wilde Hunde. Eine schlaflose Nacht. „Viscount Canning". Capita« Venary. Der nordamerilanische Missionär und der Gottesdienst in seinem Hause. Eine Gesellschaft Schiffbrüchiger. Drantheim: auch eine Sommerfrische. Die Frau des Capitiins. In dem Kampfe mit der hiesigen Thierwelt giebt es keinen Waffenstillstand. Jetzt müssen auch Maßregeln gegen eine Colonie kleiner Bienen ergriffen werden, die sich in einer Ecke der Veranda eingenistet haben und der Wachsfabrikation obliegen. Ich würde gegen diese gewerbfleißigen Asiaten wahrlich nicht gewaltsam eingeschritten sein, wären ihre Stiche nicht gar so empfindlich und gingen sie mir nicht, unähnlich der civilisirten Bienen in unserer lieben Heimath, angrisssweise zu Leibe. Auf meinen Wunsch wurde ein Topf heißes Wasser in das Nest gegossen; die Niederlage war schrecklich, aber nach einigen Stunden kehrten die überlebenden Flüchtlinge zurück, um-krochen die Mordbucht und trugen zu Zweien die Leichen ihrer Angehörigen 157 von dannen. Das Schauspiel hätte mich rühren können, wäre ich nicht von einem so tiefen Ingrimm gegen alle Insekten erfüllt gewesen. In der Nacht vom 24. zum 25. März ertappte ich mich sogar auf der wahnsinnigen Idee, Um den Qualen der erstickenden Hitze und Kriechthiere zu entgehen, aus dem Nett zu springen und mir den Schädel an der Wand einzurennen. Niemand im Leßlerschen Hause kam zur Ruhe, ielbst die im Freien lebenden Geschöpfe zeigten eine seltsame Aufregung. Der Lärm der wilden Hunde, welche Nachts über das Terrain unumschränkt verfügen, war wirklich haarsträubend. Was sind die Schrecken der Hölle gegen die einer schlaflosen Nacht in Siam! Hat man sich von 10 Uhr an in fieberhaftem Zustande mit offenen Augen auf dem Lager umhergewiilzt und versinkt endlich in eine halbe Ohnmacht, so erheben mit dem Glockenschlage 12 Uhr alle Hähne der Nachbarschaft ihre Cochinchina-Stimmen. Dieses aufreibende Concert dauert wenigstens dreißig Minuten, worauf der Chor der wilden Hunde beginnt. Bis dahin war er durch die noch wachenden Eingeborenen genöthigt, sich zu mäßigen. Ihr äußerster Unwillen wird stets durch den Nachtwächter, einen Stoöchinesen, erregt, der seine Wachsamkeit durch ein weitschallendes officielles Geräusch, das er durch Zusammenklappen zweier Bambusstäbe erzeugt, ankündigt. Jeder Schlag wird von einem Sforzato des tzundechors begleitet. Aus dem zeitweiligen Wehgcheul einzelner Solisten schließe ich, daß der Beamte sich gelegentlich der vierfüßigen Sänger zu erwehren sucht. Tritt eine kurze Kunstpause ein, so vernehme ich in meinem Bette das wehmüthige Gesumm der Insekten, welche sich an der auf dem Tische stehenden Nachtlampe die Flügel verbrannt haben und hülflos auf der Erde umherflattern. Außen auf der MoZquitogardine wandern die Käfer rudelweise umher; die unseligen kleinen Stechfliegen haben schon längst den Zugang gefunden. Von fünf zu fünf Minuten erhebt eine Eidechse, die sich in meinem Schlafzimmer angesiedelt hat, ohne daß es mir bis jetzt gelungen wäre, ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, die klägliche Stimme. Drei- bis viermal ruft sie: „Tacke! Tacke!" und verstummt mit einem leisen Seufzer. Es ist ein unheimlicher Laut, der den Menschen, wie die Mahnung des bösen Gewissens einen Mörder, aus dem Schlafe aufschreckt. Ungleich weniger Anstoß nehme ich an den kleinen Eidechsen, wenn sie über Gesicht, Brust und Hals hinschlüpfen; sie sind wenigstens feucht und kalt. Erhebe ich mich bei Tagesanbruch wankend und kraftlos von meiner Folterbank, so ist der Fußboden mit zahllosen Insektenleichen bedeckt und aus meinem Malkasten fliehen die Ameisen in dichten Geschwadern. Dazu kam am letzten Morgen die trostlose Nachricht, daß die Schraube des Dampfers „Viscount Canning", auf dem ich mein Billet fur Hongkong gelöst, sich schadhaft gezeigt habe und die Ladung wieder an Land geschasst werden müsse, um die Reparatur auszuführen. Nach den Angaben der Seeleute können acht bis zehn Tage vergehen, ehe es gelingt, den 158 Schaden auszubessern. Es ist ein Unglückstag, der Zimmermann eines, vor unserem Hause ankernden englischen Schiffes siel in das Wasser und kam nicht wieder zum Vorschein. Obgleich eine Anzahl Taucher cngagirt wurde, gelang es dennoch nicht, die Leiche aufzufischen. Abends stürzte mein junger Landsmann, Cavitän Venary, in den Strom. Zum Glück folgte dem von der Strömung rasch Fortgetriebenen ein Freund in einem kleinen Boote, aber es dauerte eine halbe Stunde, ehe dieser ihn eingeholt hatte und an's Land ziehen konnte. Ohne die Nähe eines Europäers wäre Herr Benary, obgleich ein rüstiger Schwimmer, verloren gewesen. Der Siamese oder Chinese rettet Niemanden; beide hüten sich, dem Verhängniß in den Arm zu fallen. Die mit der Hitze verbundene Trockenheit wird von den europäischen Colonisten zur Anlage und Ausbesserung der Wege benutzt. Es ist gelungen, landeinwärts hinter dem Leßler'schen Grundstück einen kurzen Reitweg aufzuschütten und festzustampfen, auf dem unsere schöne Hausfrau den neuangeschafften Pony reiten kann, ohne im Sumpf zu versinken. Die Aerzte in Singapore haben ihr diese passive Bewegung in ihrem hoffnungsvollen Zustande dringend anempfohlen. Hundert Schritte von unserer Kunststraße versinkt man bis über die Kniee in die aufgeweichten Reisfelder. Am 26. März unternahm ich einen Ausflug nach einer mit fünfhundert Passagieren stromauf gesegelten chinesischen Dschunke, lieh mich in dem offenen Flur des gegenüber schwimmenden Hauses nieder und begann eine Aquarelle. Ich hätte voraussehen können, daß mein.e Arbeit nicht lange ungestört bleiben würde. Nald lag eine Flotte kleinerer und größerer Kähne vor dem Hause und Kopf drängte sich an Kopf, um meine Arbeit zu beobachten. Schon zitterte ich vor einer Landung und Invasion der Schaulustigen, als von der Dschunke einige muthmaßlich distinguirte Chinesen zu mir herüberkamen und dadurch die Zudringlichen verscheuchten. Die Kunstkenner des himmlischen Reiches schüttelten die Köpfe über meine Zeichnung; offenbar gefiel sie ihnen nicht. Der Aelteste von ihnen schien sehr zu bedauern, sich nicht geläufig englisch ausdrücken zu können, doch errieth ich aus seinem Stammeln und Gesticuliren, daß er mir dringend das Studium der chinesischen Malerei anempfehle, wenn ich Fortschritte zu machen beabsichtige. Mein langer Aufenthalt in China wird mir Gelegenheit geben, auf den Nationalgeschmack und die Vorliebe für brennende Farbentüne zurückzukommen, jetzt nur so viel, daß eine ehrwürdige chinesische Matrone, die sich in der Gesellschaft der Honoratioren befand, mehr Zufriedenheit iiber die begonnene Skizze äußerte. Nur mein Malkasten war ihr nicht bunt genug. Wiewohl ich die kugelrunde Alte im schweren Verdacht hatte, mir als männlichem Individuum nur zum Munde geredet zu haben, thaten mir ihre kritischen Lobsprüche doch unsäglich wohl. Jeder Künstler bedarf von Zeit zu Zeit einer kleinen Ermunterung. Abends wurde die mehrere Meilen abwärts an's User geschwemmte Leiche des Zimmermanns nach Bangkok gebracht. 159 Am 27. März beobachtete ich ein in diesen Landstrichen seltenes Frühlingsphänomen. Einige kahle Bäume vor meinem Fenster hatten sich über Nacht Mit weißen Blüthen bedeckt, die m den nächsten Tagen rasch verwelkten und großen grünen Blättern wichen. Um nebenbei auch einiger Handelsartikel zu erwähnen, bemerke ich, daß Schwefelhölzer, wollene Strümpfe, schwarze Dinte, Bindfaden, Zahnpulver, Chocoladenküchelchen und Schuhwichse zu den kostbarsten Luxusgegenständen Bangkoks gehören und oft gar nicht aufzutreiben sind. Die Reparatur des Dampfers schreitet rascher vor, als zu erwarten stand, in drei bis vier Tagen wird er angeblich die Anker lichten. Meine Sehnsucht, fartzukommen, ist unbeschreiblich; sie wird noch durch den Trieb der Selbsterhaltung gesteigert. Nei dem gänzlichen Mangel an Appetit und der fortwährenden Trans-spiration bin ich bis auf das Gerippe abgemagert und meine Backenknochen starren wie Vorgebirge aus dem Gesichte hervor. Die Beschaffung der Lebensund Stärkungsmittel muß mit großen Schwierigkeiten verbunden sein. Die letzte wohlschmeckende Tasse Kaffee habe ich in Aegypten getrunken. Wir leben hier in einem Zuckerlande, aber das Fabrikat selber ist ein Greuel, ein grober Sand, mit kleinen Steinen und todten Käfern vermengt, den wir obenein den Ameisen streitig machen müssen. Aus Verzweiflung habe ich mich auf das Studium der Missionäre geworfen, bin aber sehr bald zu der Ueberzeugung gekommen, die ehrenwerthen christlichen Staaten, welche zur Bekehrung dieser Völker ein wahres Heiden-sseld zum Fenster hinauswerfen, würden besser thun, diese Capitalien zur Linderung des Elendes der Wittwen und Waisen ihrer eigenen Heimath zu verwenden. Es wurde mir schwer, bei dem letzten Gottesdienst unseres nord? amerikanischen Missionärs das Lachen zu verbeißen. Die Gemeinde bestand aus einer Nähterin und vier Kulis von siamesischem Geblüt. Der mit weißer Jacke und dito Inexpressibles bekleidete Geistliche schlug bei dem dritten Worte stets mit geballter Faust auf den Tisch, was am meisten zur Erbauung der neuen Christen beizutragen schien. Ein religiöses Hauptagens ist nächstdem der Liedergesang. Sämmtliche fünf Gemeindemitglieder müssen täglich fünfmal zum Singen kommen und die auf einer Ziehharmonika von der Frau Missionärin vorgetragenen Choralmelodien mit ihren Stimmen begleiten. Das dadurch entstehende Geheul spottet jeder Beschreibung; die Eingeborenen freuen sich indeß darüber. Sie haben einen dunkeln Hang zu musikalischen Lebensäußerungen und betrachten die Missionsstunden als eine Art Gesangconservatorium. Einen gleich wohlthätigen Eindruck auf ihre Gemüther macht wahrscheinlich auch die für sie neue Anordnung des christlichen Sonntags und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit. Der Buddhaismus weiß nichts von einem Sabbath, und wenn seine Bekenner sich gleich niemals übermäßig mit Berufsgeschästen plagen, gewährt es doch eine unbeschreibliche Beruhigung, unter sieben Tagen 160 einen zu erhalten, an dem der Himmel selber dem Menschen die Arbeit untersagt. Nachdem ich mich am Tage vorher, unter dem Aufgebot meiner letzten Kräfte, von allen theuren Landsleuten und Gastfreunden verabschiedet, erhob ich mich am 30. März Morgens 5 Uhr, packte meine Koffer, drückte dem Leßler'schen Ehepaar die Hand, einen letzten Kuß auf die Stirn der kleinen Lina und bestieg den winzigen Dampfer, der mich stromab an Bord des „Viscount Canning" schaffen sollte. Drei Kreuze schlug ich hinter Bangkok, als auch der spitze Gipfel der Whatpagade in der Ferne verblaute, und doch that mir Has Herz weh, wenn ich an die lieben Menschen dachte, die in diesem sumpfigen Kirchhofe unter einem glühenden Himmelsgewölbe zurückblieben. Unser Miniaturdampfer bot nun feine siebentehalb Pferdekräfte auf, Palmen und Hütten, Menschen und Affen, Wasserfchlangen und Fifche flogen an uns vorüber und viertehalb Stunden später lagen wir, von der wildbewegten See hin- und hergeschleudert, neben dem Hauptdampfer. Ohne einen leisen Vermerk in dem Stammbuche des Capitäns des kleinen FlußdampferZ darf ich mich jedoch nicht von Siam trennen. Das Fahrzeug stand im Solde des „Viscount Canning" und die Transportkosten waren in den Fuhrlohn nach Hongkong mit eingerechnet, der gewissenhafte Capitän enthielt sich daher jeder Forderung, nur hatte ich ein bescheidenes Tiffin, das aus einem Schweine« Cotelett, Bananen, Kartoffeln, einem Bissen Brot und einem Fingerhut voll Brandy bestand, genossen. Dafür mußte ein Pfd. Sterling vier Schilling <8 Thaler) erlegt werden. Bei dem starken Wellenschläge war es nicht leicht, trocken an Bord zu kommen. Der „Viscount Canning" starrte vor Schmutz, nicht allein von dem schwarzen Staube der eben eingenommenen Kohlen, fondern auch von den Abfällen, die sich seit mehreren Fahrten angehäuft haben mochten. Für uns acht Bangkok-Passagiere ist nur eine verbeulte lecke Waschschüssel aus Blech vorhanden. Stühle und Teller sind in ruinenhaftem Zustande, der Dampfer hat schwer geladen und selbst das Vorderdeck liegt voller Kohlensäcke; der Zustand an Bord ist paradiesisch, wenn auch nicht malerisch. Vor und zwischen den Kohlenbergen liegen sechs große Hunde: Bulldogs und Newfoundlander, ringsumher lärmen Papageien und Assen, welche den Matrosen gehören, bei jedem Schritte stolpert man über Cocosnüsse und Körbe mit Südfrüchten. Der Aufenthalt an Bord ist nicht einladend, und doch fühle ich mich im Genuß der Brise und des belebenden Meergeruchs überaus glücklich. Nach dem langen Aufenthalt am Ufer eines Stromes, auf dem Mbe und Fluth alle Abfälle der Wirthschaften einer halben Million Menschen stromauf, stromab treiben, nach diesem schwimmenden Wirrwarr von faulen Baumstämmen, zerbrochenen Nohrstengeln, Grünzeug, todten Fischen, Hunden und Schweinen, 1L1 tzllustrümmern und menschlichen Reberrestsn, ruht das erhitzte Auge auf dem tiefblauen Ocean mit wahrer Seligkeit aus. Wir haben außer den erwähnten acht Passagieren neunzehn Schiffbrüchige an Bord, Nordamerikaner, die Mn Behuf einer neuen Ausrüstung nach Hongkong zurückkehren wollen. Sie bestehen aus Passagieren und Mannschaften eines Schiffes, das vor etwa sechs Wochen von Hongkong nach New-Aork abging, aber schon in der dritten Nacht auf ein Korallenriff stieß und einen so gefährlichen Leck davontrug, daß sogleich die Pöte ausgesetzt werden mußten. Es blieb kaum so viel Zeit, sich mit dem Nothdürftigsten zu versehen. Die beiden Damen mit ihren drei Kindern und zwei chinesischen Mägden besaßen nichts, als ihre Nachtgarderobe; der Capitän hatte zum Glück den Comvaß und die nöthigen Instrumente gerettet. Jedes Boot ward in der Eile mit einem Fatz Wasser, Schiffszwieback, etwas Gelee und Käse versehen, dann verließ man das sinkende Schiff. Weder Betten noch Decken, nur ein kleines Segel und zwei Regenschirme waren vorhanden, und die drei Bote wehr als dreißig geographische Meilen von der Küste von Cochinchina entfernt. Die meisten Nuder hatte man in der Eile verwechselt, sie paßten nicht zu den Böten oder gingen theilweise gleich in der ersten Nacht verloren, dennoch blieben die Vöte drei Tage lang beisammen. Ein Sturm, der eben so lange unter fürchterlichen Regengüssen anhielt, trieb sie später auseinander, zudem war das erste, vom Capitän geführte Voot so schwer beladen, daß es nur sechs Zoll über die Wasserstäche emporragte. Schon gab »nan alle Hoffnung auf, als eine große chinesische Dschunke in Sicht kam. Ihr Capitän hätte sich um die schiffbrüchigen Weißen nicht weiter gekümmert, wäre er nicht durch den Jammer der chinesischen Kindermägds aufmerksam geworden. Er lieh sich erweichen, nahm die Verunglückten auf und brachte sie nach elftägiger Fahrt nach Bangkok. Ihrer dortigen Ankunft habe ich fchon Erwähnung gethan. Das zweite Boot erreichte glücklich Singapore, das dritte war im Sturm zu Grunde gegangen. Die meisten Schiffbrüchigen litten an klimatischen «der organischen Krankheiten und hatten die Neise nach New-Aork nur aus Gesundheitsrücksichten angetreten. Frauen und Kinder schienen die entsetzlichen Strapazen gut genug ertragen zu haben, wenngleich fie an Bord der mit fünfhundert Passagieren beladenen Dschunke von Ratten und Mäusen, Flöhen und Läusen fast aufgefressen worden waren. Unsere Abfahrt verzögerte sich, da der Capitän noch immer auf einen contractlich abgemachten Kohlentransport wartete, und wir benutzten die gebotene Muße, um die unsern Dampfer umkreisenden Schlangen und Haisische zu beobachten. Einen kleinen weißen Walfisch (HMno). der sich gleichfalls zu uns hielt, bezeichnete mir der Caviän als eine große Seltenheit. Auf dem Hinterdeck des „Viscount Canning" bildet sich eine förmliche Marine-Refsouree. Wir erhalten bei unserer notorischen Liebenswürdigkeit nicht allein Besuche von den Cavitänen der in der Nachbar- Hildebrandl's Neis« um die Erde. I. 11 162 schaft ankernden Schiffe, sondern auch von den Patienten, welche sich aus der Grabesluft Bangkoks auf die Rhede des Golfs geflüchtet haben. Die von Dschunglesieber und Dysenterie hart mitgenommenen Menfchen wohnen auf den Schiffen und siedeln von einem zum andern über, um in der Seeluft neue Kräfte zu fchöpfen. Das ist indochinesische Sommerfrische. Ueberhaupt beschäftigen mich die sogenannten klimatischen Kurorte unausgesetzt. Als ich mich in Hammerfest am Nordcap aufhielt, schickte der dortige Arzt ein im letzten Stadium der Schwindsucht stehendes Mädchen nicht nach Nizza, Madeira oder Kairo, sondern nach — Drontheim. Hier glaubt man schon viel gethan zu haben, wenn man Leidende aus Siam nach Singapore versetzt, und doch liegt dieses nur zwei, jenes dreizehn Grade vom Aequator entfernt. Im Allgemeinen mag die Medicin schon einen Kurzweck durch den Gegensatz in der chemischen Mischung des Dunstkreises und seiner wenn auch noch so geringen Temperatur-Unterschiede anstreben. Die Geduld unseres Capitäns war am !. April erschöpft. Er ließ an diesem Tage der Nexirspäße die noch ausstehenden dreißig Tonnen Kohlen im Stich, die fremden Capitäne leerten ihre Gläser und wünschten uns glückliche Reise; der „Viscount Canning" stach in See. Kaum hatten wir einige Knoten in sehr gemäßigtem Tempo zurückgelegt, als die Maschine abermals Spuren von Widersetzlichkeit zeigte. Aus dem Munde des Capitäns entlud sich ein Unwetter von Flüchen und Gotteslästerungen auf das Haupt des Oberingenieurs, das Gebastel im Raum beginnt von Neuem und wir Passagiere unterhalten uns vom Springen der Dampfkessel und Aufstiegen der Poststeamer. Mehr und mehr überzeuge ich mich, dah auch der Cours des Lebens im Menschen tief unter Pari sinken kann. Von Tage zu Tage wird die Stimmung in mir flauer; ich fange an, den großen Grundgedanken des Buddhaismus zu verstehen. Der von vielseitiger Tyrannis seiner menschlichen Despoten, des Klimas, der feindlichen Thierwelt, der organischen Leiden mißhandelte Indier beginnt damit, der ethischen Berechtigung der Existenz zu mißtrauen; er endet mit der tiefen Sehnfucht nach dem Ende der „Sansara", dieser Welt der Qualen, und dem Beginn der „Nirwana", des Sterbens ohne Wiedergeburt. Ich begreife, wie der Geist des Menschen, der niemals idealere Ziele erkennen und anstreben gelernt, zu dieser absoluten Verneinung des Lebens gelangt. Das Uebelbefinden der Maschine war zu unserem Heile nur vorübergehend, die lahme Schraube begann ihre Umdrehungen von Neuem, und wir steuern die flache, sumpfige, von Kanälen gefurchte Küste entlang gen Süden. Kleine, grün bewaldete Inseln erheben sich bis zu einer Höhe von siebenhundert Fuß und beleben den Prospect, ich entzücke mich an den Spiegelbildern der mit Mattensegeln fahrenden Fischerböte in dem ätherisch klaren Seewasfer. Meine Hoffnungen beleben sich wieder, als ich erfahre, daß „Viscount Canning" nicht versichert ist, der Cavitän also, mitbetheiligt an der Ladung, sich zu 163 höchster Vorsicht in der Führung des Schiffes verpflichtet fühlt. Sein Rheder ist der reichste Kaufmann in Bangkok, ein alter Chinese, den man zehn Millionen Pfd. Sterling taxirt. Der würdige Greis hat herausgefunden, daß er der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach bei der Menge feiner Schiffe immer noch besser fortkommt, wenn er fie aufs Gerathewohl fahren läßt, als wenn er durch Zahlung hoher Policen an Versicherungsgesellschaften seine Fonds systematisch schwächt, doch soll der sparsame alte Herr in der letzten Zeit einige empfindliche Streiche erhalten haben. Unser „Viscount Canning" wird mit der Ladung ungefähr auf vierhunderttausend Dollars veranschlagt. Der Capitän ist ein Irländer und besitzt alle tadelnswerthen und liebenswürdigen Eigenschaften seiner Nation Passagiere und Matrosen sind ihm gleichmäßig zugethan; seine starke Vorliebe für steifen Grog bleibt ganz unbeachtet. Der riesengroße, in seinen Aeußerungen und Manieren häufig rohe Mann zeigt in der Behandlung der Mannschaft eine seltene Herzensgüte. Einer der chinesischen Matrosen ist krank und vom Dienste befreit, als Patienten hat man ihm sogar Zutritt zum Hinterdeck gestattet. Er stolzirt unter uns umher und hat auf die linke Brust ein, mit rothen oder goldenen Buchstaben und mystischen Zeichen decorirtes Senfpflaster gelegt, das, aus einiger Entfernung gesehen, wohl mit einem Ordensbande verwechselt werden kann. Der Capitän wendet ihm manchen guten Bissen zu und genießt daher die Verehrung eines Heiligen. Noch mehr trägt die fünfundzwanzigjährige Frau des Kapitäns, ein resolutes, munteres Weib, zu unserer Erheiterung bei. Obgleich es auch zu ihren kleine,! Schwächen gehört, lieber Brandy ohne Wasser, als Kaffee ohne Milch zu trinken, fesselt sie uns doch Alle durch ihr burschikoses Wesen. „Sie ist hinten und vorn," sagt die Volkssprache von so rührigen Frauen. Mistreh macht die Chinesen und Malanen in ihrer Muttersprache herunter, stellt Nedeübungen mit den Papageien an und lehrt die Hunde auf den Hinterbeinen sitzen, gleich darauf greift sie zur Angel, ihrem Lieblings« vergnügen, oder näht losgerissene Knöpfe unserer Oberhemden fest; hat sie den Kopf eines am Sonnenstich leidenden Schiffsjungen mit Seewalser über« gössen, so fertigt sie eben so rasch, Vie correct, einen Grog als Besänftigungsmittel für den Kummer der Schissbrüchigen an; sie ist ein unschätzbares Weib. Nur die Beseitigung des Schmutzes in der Kajüte und in den Kojen läßt sie sich als echte Tochter Irlands nicht angelegen sein. Ihre geläufige Zunge gleicht vollends dem Zauberorgan eines Märchens. Wir schlafen bei dem unerträglichen Gerüche des Schiffsinnern Alle auf Deck, und die redfelige, geistvolle Frau unterhält von ihrem Bivouak aus die ganze Gesellschaft oft bis tief in die Nacht hinein durch Erzählung von Erlebnissen auf Seereisen und allerlei Schnurren. Darüber vergessen wir ganz und gar die eintönige Beköstigung, die durchweg auf Schweinefleisch basirt. Die Varianten des Küchenzettels auf den verschiedenen Dampfern darf kein gewissenhafter Reisender 11* 164 mit Stillschweigen übergehen. Unsere Verpflegung wird stofflich durch die-siamesischen Landesproducte, die Zubereitung anlangend durch nordamerikanische Geschmacksrichtungen, die bis hierher über den Ocean reichen, bestimmt. Hinter dem Rücken der europäischen Feinschmecker verzeichne ich unsere Suppen vorr Schweinefleisch mit „Pompken", einer Species von Klößen, unsere Schweinebraten, unsere Schweinecotelettes, unser Rippspeer nut Syrup, ein Leibgericht der Nordamerikaner. Wir haben noch keine Ahnung von der Existenz der Trichinen und verzehren unsere fetten Mahlzeiten, denn auch Hülsenfrüchw werden mit frischem Schweineschmalz zubereitet, mit der Ahnungslosigkeit des-Eumiios und seines königlichen Tischgenossen. Unser Capitan hält als geborener Iiländer und siamesischer Seemann das T chwein doppelt werth, ohne doch in Sentimentalität zu verfallen. Mt welchem Zärtlichen Schmunzeln zer-legte er z. B. eine junge Sau, die er selbst an Kindesstatt auferzogen und gemästet hatte! In unserem Stall befinden sich acht Schweine, die nebst einem Hammel, der als Braten zum ersten Osterfeiertags bestimmt ist, und fünfzig Hühnern bis Hongkong vorhalten müssen. Das Fleisch der letzteren ist zu hart für meine Kauwerkzeuge, doch mag ich den braven Capitän unk seine Frau nicht durch mäkelnde Bemerkungen betrüben: ich suche mich durch mein angeblich schlechtes Gebiß zu entschuldigen, wenn ich die Schüssel mit den Gebeinen der Märtyrer unberührt weiter reiche. Ein paar geräucherte Schinken und Fische sind in Vetracht ihres Hautgouts — mein Nachbar beschuldigte sie euphemistisch: nach dem Kork zu schmecken — nur als historische Alterthümer zu betrachten; das Dessert wird durch chinesische Kuchen vervollständigt, da das mitgenommene Obst bald nach der Abfahrt der Fäulniß wegen in die See geworfen werden mußte. Unfehlbar hat dieses Gebäck, gleich dem Dry-Madeira, wenn auch nicht die Linie, so doch den Breitengrad zwischen Bangkok und Hongkong mehrmals passirt und sich das Bouqw.t des Tischkastens angeeignet, in dem es aufbewahrt wird. Die ganze Tischgesellschaft verhehlt nicht ihre Antipathie gegen diese Leckerei, und die Tafel wird sogleich aufgehoben, wenn der Kuchenteller an ihrem Horizont erscheint. Unsere Diät ist, wie man sieht, einfach und mäßig; ich beschränke mich seit der Abfahrt aus dem Golf von Siam auf gekochten Reis. 165 xxm. Stillleben in den chinesischen Gewässern. Meine Freundin, die Katze. Tic Kartoffel- und Bananeninsel. Candore. Alte Tee. Der Tod der Mrs. Ubb^. Walfische in Sicht. Zwei Schwalben. UcÄerftnß an Diamanten. Nie ohne Ringe. Hainan, die Ratten- und Pirateninsel. Hongkong und Stadt Victoria. China. Dank dem gemüthlich humoristischen Ton, den das irische Ehepaar, unter deren Oberbefehl unser Dampfer steht, aufrecht erhält, wird der Aufenthalt an Bord zu einer Marine-Idylle. Dazu kommt eine unvergleichlich blaue See, neben der selbst die blaue Grotte auf Capri nur als schwächliche Reminiscenz gelten kann, eine Vallerie von Sonnen-Auf- und Untergängen, nebst Mondnächten, die einen kunsteifrigen Landschafter'veranlassen könnten, seine Fachutensilien in'Z Meer zu werfen und hinterdrein zu springen. Wird bei Tage die Hitze zu groß, denn in den Mittagsstunden steht die Sonne gerade über unserem Scheitel, so sucht uns Mistreß durch irgend eine irische oder Neger-Anekdote zu erquicken. Ihr Vrrath an dergleichen ist unerschöpflich. So sollte einer unserer Matrosen dem andern die Frage vorgelegt haben, was ihm lieber sei: die Sonne oder der Mond? Die Antwort lautete: der Mond, denn er scheine des Nachts und gebe uns Licht, wenn es finster sei, die Sonne dagegen bei Tage, wo es ohnehin schon hell genug fei, und belästige den Menschen nur durch ihre unnöthige Hitze. Das Glück lächelt mir auch zur Abwechselung in anderen Beziehungen. Eine chinesische Katze hat an meiner Person Wohlgefallen gefunden und sich in meiner kleinen Kajüte häuslich eingerichtet. Ich hatte nicht in den humanen Anschauungen des christlichen Staates aufgewachsen sein müssen, wäre mir nicht unverzüglich gewaltsame Exmission mit verschärften Maßregeln hartnäckigster Verfolgung bis in die Tiefen des Schiffraums oder zu den fchwindelnden Höhen des Hauptmastes eingefallen; allein ich bändigte sofort diefe höllischen Anwandlungen des Satans, als ich zu bemerken glaubte, daß die Anwesenheit von Miesmies äußerst vortheilhaft auf das Betragen der Cockroaches einwirkte. Zum ersten Male während meines Aufenthaltes im Orient ließen mich diese Scheusale Tag und Nacht ungeschoren, nur wurden anderweitige Vorsichtsmaßregeln bei der Toilette nothwendig. Von Miesmies unablässig verfolgt, zogen sich die versprengten Cockroaches, wenn ich mich spät Abends zur Ruhe legte, in die Aennel und Taschen des Rocks und die Beinkleider zurück, und beide Kleidungsstücke mußten Morgens in Gegenwart meiner aufmerksam lauernden Kajütengefährtin erst gewandt und tüchtig geschüttelt werden, wenn ich mich der widerwärtigen Einquartierung entledigen wollte. Die in Bangkok gekaufte Seife kann ich Unglücksgefährten gleichfalls als Vertilgungsmittel 166 empfehlen. Ihr Genuß wirkt auf die Cockroaches wie Naua Tossana; ich finde an jedem Morgen auf dem Seifenstück ein Dutzend entseelt liegen. Nach überstandener Deckwäsche und eingenommenem Thee mache ich gewöhnlich unserer Wasserburgfrau, der Schiffscapitänin, meine Aufwartung. Sie pflegt gemeinhin schon dem Angeln obzuliegen, da sie jedoch fast niemals eine Schuppe erwischt, sucht sie ihr Herz durch Mittheilung irgend eines schätzens-werthen Beitrages aus dem Archiv des höheren Vlödsinns zu erleichtern. Die junge Dame ist in den Polargegenden eben so gut zu Hause, wie in den Aequatorialregionen. Nach ihrer Angabe hätten in einem der letzten Winter die Grönländer an die Lappländer geschrieben und sich nach der dortigen Kälte erkundigt. Die Lappländer, als eine höfliche Nation, antworteten umgehend, daß sie bei ihren geringen Mitteln nur über kurze Thermometer verfügten, die höchstens bis 30 Grad unter Null zeigten, hätten sie sich längere Thermometer verschaffen können, so wäre es unfehlbar noch viel kälter gewesen. Darauf erwiderte Grönland, daß es dort gar keine Thermometer gäbe, und fröre, wie es dem Himmel beliebe, ßkpisnti »at; ich gebe diese nationalen Leckerbissen nur als Probe unserer genügsamen Unterhaltung an Bord. Mit der Erziehung zweier an Bord befindlichen Vögel haben wir viel zu thun. Sie sind von Papageiengröße, dunkelviolett mit rothem Schnabel, gelber Kopfbedeckung und goldgelben Füßen; die Herren Ornithologen werden ihren wissenschaftlichen Namen kennen. Man hat ihre Füße mit silbernen Ringen geschmückt und sucht ihre Sprachkenntnisse zu vermehren, da sie sich bisher nur in fillmesischer Mundart auszudrücken vermochten. Husten und Lachen können sie vortrefflich. Mittags tritt gänzliche Windstille ein, dann ziehen wir uns in die schattigsten Winkel zurück. Die Segel hängen schlaff herab, den Bulldogs und Newfoundlander» die Zungen acht bis zehn Zoll lang aus dem Halse; der Capitän läßt Seewasser heraufhissen und die unglücklichen Vierfüßler mehrmals übergießen, um fie einigermaßen zu ermuthigen. Gegen Abend vassiren wir die Kartoffelinsel, nachdem wir schon gestern an der Vllnaneninsel vorbeigekommen waren. Wie beide ihren Namen rechtfertigen, ist nicht recht ersichtlich, da auf beiden weder Bananen noch Kartoffeln Lvachsen und nur chinesische Piraten sich ihrer als Absteigequartier bedienen. Am 4. April 6 Uhr Morgens dampften wir in der Nähe der Cochinchinaküste an der üppig bewaldeten Insel Condore vorbei. Sie war vor sechzig oder .siebzig Jahren von Engländern bewohnt, bis ihre Ansiedelungen vor etwa zwanzig Jahren von Seeräubern verheert und die Colonisten getödtet wurden. Nach langer Verödung haben die Franzosen auf ihrer Expedition nach Cochinchina sich in den Besitz des verlassenen Terrains gesetzt, doch sollen die Engländer ihnen denselben streitig machen wollen. Durch ihre Lage im Süden der chinesischen See, den Mündungen des Kambodja-Flusses (Maikaung) gegenüber, eignet sich die Insel Condore außerordentlich zu einer Marinestation. 167 Bald darauf überholte unser „Viscount Canning" ein schwer beladenes, von London kommendes Vollschiff. Wir wechselten Signale, und der englische Capitän ersuchte uns, seine Annäherung vorläufig in Hongkong anzumelden^ Zwei Stunden später war der tiefgehende Dreimaster unseren Blicken entschwunden. Nach der in vergangener Nacht erfolgten Umschisfung des Caps Kambodja befinden wir uns endlich in der chinesischen See, und die meilenweit gestreckten, schwerfällig wie Bergketten heranrollenden Wogen verkünden, daß nicht mehr die Küsten einer Bai den Bewegungen des Oceans Fesseln anlegen. Unser Dampfer stiegt mit schaudererregender Geschwindigkeit wie ein Gummiball über die dunkelblauen Bergrücken. Der Capita« bezeichnet diese riesige Wallung als die Ueberbleibsel eines Teifun und nennt sie „alte See." Das sehenswürdigste Schauspiel wurde uns in den Mittagsstunden durch eine aus der Kajüte auf dem Quarterdeck anlangende Trauerbotschaft verkümmert. Eine der schiffbrüchigen Damen, Mistreß Abbe, die schon schwer krank an Bord gebracht wurde, ist an der Dysenterie gestorben. Das Gemüth Unseres braven Capitäns äußert sich sogleich auf eine rührende Weise. Keine Nacht der Erde könnte ihn verhindern, einige Stunden fpäter die Leiche nach Seemanns Brauch in die Tiefen des Oceans zu versenken, doch beschließt er, der Gefühle des Ehegatten der Verstorbenen, eines Arztes in Hongkong, eingedenk, der mit ihr sehr glücklich gelebt, die Ueberreste der geliebten Frau im Widerspruch mit dem Aberglauben der Mannschaft aufzubewahren und nach Hongkong zu bringen. Der Wittwer soll wenigstens den Trost haben, am Grabe seiner Lebensgefährtin zu trauern. Um 4 Uhr war von den chinesischen Zimmerleuten ein wasserdichter Kasten aus Teakholz angefertigt, der, mit Spiritus Mn) gefüllt, die Leiche aufnahm. Um diefe vor Entweihung zu schützen, blieb der Kasten »auf dem Quarterdeck, aber ich darf zur Ehre der Reifegesellschaft nicht verschweigen, daß Niemand an dieser melancholischen Nachbarschaft Anstoß nimmt. Mistreß Abb« hinterläßt zwei Kinder von sieben und drei Jahren. Die Kleinen haben keine Ahnung von der Schwere ihres Verlustes, das größere Mädchen stolzirt, mit der goldenen Uhr und Kette der Mutter geschmückt, die ihr eine alberne Reisegefährtin angelegt, auf Deck umher und weih sich vor Freuds über ihre Erbschaft kaum zu mäßigen. Uns Männern gehen die Augen über. Hier, wo das räthfelhafts Walten des irdischen Organismus, das meistens den Regungen unseres Geistes und Herzens furchtbare Striche durch die Rechnung macht, schärfer seine Schneide herauskehrt, wirkt der Tod eines Gefährten auch erfchütternd auf das Gemüth. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde dem üblichen Grog stärker als gewöhnlich zugesprochen; das Capitänspaar leistete Außerordentliches. Die junge Frau behauptete zudem das Wort. Durch Erzählung von Schiffbrüchen, mehrmaligen Verlusten ihres sauer ersparten Vermögens, einer Strandung in der 166 Mündung des Hugly, bei der sie mit dem Kopfe nach unten, mit den Beinen nach oben in das Boot gekommen, suchte sie uns zu erheitern, drei Schritte von unserem Tische stand die eingesargte Leiche, der Gin, welcher zu ihrer Conseroirung dienen sollte, stammte möglicherweise aus demselben Orhoft, das den Stoff zu unserem Grog hergab, wir tranken und — lachten. Mistreß Shannon schloß mit einer Geschichte, wie sie und ihr Mann einen schiffbrüchigen Capitän monatelang durchgefüttert und ihm ein kleines Schiff mit Ladung anvertraut hätten, das ihr abermals erspartes Vermögen enthielt. Nach Bombay bestimmt, verkaufte der Schuft Schiff und Ladung schon in Singapore und machte sich auf Nimmerwiedersehen davon. Das tapfere Weil» hatte auch diesen Streich des Schicksals überstanden, sie ballte hinter dem Ausreißer die Faust und mischte sich mit fester Hand ein ncues Glas; ich n>ar nicht mehr im Stande, das nächste abzuwarten. Gleich nach Sonnenaufgang am 5. April fahren wir an dem nach Singapore bestimmten Hongkongdampfer dicht vorbei und machten die pflichtschuldigen Honneurs. Da es zu Wasser nicht besser hergeht als zu Lande, wundern wir uns nicht weiter, wenn der vornehme englische Dampfer kaum von uns Notiz nimmt und unsern artigen Gruß erst nach fünf Minuten erwidert. Die erlittene Demüthigung wird rasch von uns vergessen, als drei Walfische von mittlerer Größe uns einholen und sichtlich neugierig gleichen Cours halten. Nach einer Viertelstunde gegenseitiger Beobachtung geben sie mehr Dampf, als unserer Kohlenarmuth zur Verfügung steht, und inachen sich spornstreichs davon. Ungeachtet der tiefen Windstille geht die See in einem seltsam ruhigen und gleichmäßigen Zeitmaß immer höher; zuweilen scheint der Dampfer sich auf das Bugspriet stellen und darauf balanciren zu wollen. Alle zwei Minuten arbeitet die Schraube in freier Luft; darüber geht viel Kraft, mit ihr auch Zeit verloren. Unser weißer Elephant im rothen Felde weht demüthig vom halben Mäste, weil wir eine Leiche an Bord haben. Hoffentlich hat es dabei sein Bewenden und die Flagge wird nicht ganz herabgelassen, wenn noch ein Todter dazu kommt. Ein anderer Schiffbrüchiger, ein Nordamerikaner von einundzwanzig Jahren, leidet im höchsten Grade an der Schwindsucht. Er hatte sich in der Unionsarmee gegen die Südstaaten an-iverben lassen, mußte jedoch seiner Krankheit wegen schon nach den ersten Märschen wieder ausscheiden. Später hat man ihn nach angeblich klimatischen Kurorten im nördlichen China und Australien geschickt. Nach dem Urtheilsspruch der europäischen Aerzte in China war schon vor mehreren Monaten sein Leben bis auf eine Neige von vierzehn Tagen aufgezehrt, und doch hat er den Schiffbruch überstanden und wankt noch jetzt umher. Sein letzter Wunsch ist, im elterlichen Hause zu Boston zu sterben, wo er vor zwei Jahren einen Bruder von achtzehn und eine Schwester von sechzehn Jahren verloren hat. 169 Da er beim Schiffbruch um seine kleine Habe gekommen ist, war er bei dem amerikanischen Consul in Siam zu einem Anlehen genöthigt. Der Landsmann hat ihm fünfzig Dollars gegen ein Aufgeld von fünfzehn geborgt. Wir erfahren van dem armen Kranken Wunderdinge über die Theuerung in Australien. Bei unserer an das Treiben eines Indianerstammes erinnernden Lebensweise gelingt es mir, näher mit den Sitten der Chinesinnen bekannt zu werden. Die Haarfrisuren der eleganten Damen Europas kosten ihnen nicht geringe Mühe, und mir sind Fälle bekannt, wo Morgens .frisirte Schönen den Tag über bis zum Beginn des Balles steif im Lehnstuhl gesessen haben; was will das gegen die Rücksichten sagen, welche die chinesische Coiffüre ihren Trägerinnen auferlegt. Um ihren mühselig aufzubauenden, kunstvoll zusammengekleisterten Kovfvutz mindestens eine Woche lang unbeschädigt zu erhalten, bedienen sich die beiden chinesischen Kindermädchen absichtlich keiner Kopfkissen. Die erste legt ein acht Zoll hohes Vlechkästchen, die zweite eine leere Cigarrenkiste unter den Kopf; von einem Wechsel der Tagesgarderobe ist nicht die Rede. Der Sarg der Mistreß Abbe ist übrigens oer Spielplatz ihrer Kinder geworden. Wir schreiben heute den Ostersonntag, und der Hammel, nach dem uns Shannon und ihr Gatte schon seit mehreren Tagen den Mund wässerig gemacht, ist als Braten ». Ia Jorkshire auf den Tisch gekommen. Nach der Neberfütterung mit siamesischem Schweinefleisch war es ein rührender Moment, als der Rücken und die Keulen auf der Tafel erschienen; der nationalen Schwemebouillon sind wir jedoch auch an diesem hohen Festtage nicht entgangen. Veim Tiffin des 6. April zeigte sich, daß der Hammelbraten auf unsere Seekranken einen wohlthätigen Einfluß ausgeübt habe. Alle fallen heißhungrig über die Trümmer her; unsere Capitänsfrau läßt wieder ihren frischen Humor spielen. Das Ale hatte die Jungen der Damen gelöst, und eine derselben vermochte, als das Gespräch auf den „Great Eastern" kam, gar nicht ihrem Erstaunen über die Länge des Fahrzeugs Luft zu machen. Sie behauptete, sich davon keine Vorstellung bilden zu können. „Nichts leichter als das," rief Mistreß Shannon mit dem ehrbarsten Gesicht, „denken Sie sich nur, ein Kind werde vorn auf dem Schiffe getauft, so machen seine Eltern auf dem Quarterdeck erst Hochzeit; nun ist nichts leichter, als die Berechnung der Länge des Schiffes." Die Fragestellerin zog ihr Portefeuille und war ohne das allgemeine Gelächter nahe daran, sich an die Arbeit zu machen. In den Osterfeiertagen hat sich ein Vogelpärchen an Bord eingefunden, eine Schwalbenspecies. Beide wollen als blinde Passagiere die Reise nach Hongkong mitmachen und umkreisen den Tag über das Schiff, Abends verstecken sie sich im Takelwerk. Am 6. April gleich nach Sonnenuntergang wurden wir durch drei kohlschwarze Wolken erschreckt, die, von Nordost langsam heranziehend, unser Schiff verschlingen zu wollen schienen. Der Capitän traf 170 alle Vorbereitungen zum Empfange eines Teifun; wir kamen glücklicherweife mit dem bloßen Schrecken davon. Eine leichte Brife erhob sich und eine Stunde^ später funkelten die Gestirne wieder in gewohnter Klarheit. Der liebliche Wind, der uns rasch vorwärts treibt, hält auch am 7. April an und belebt die Geister der Passagiere aus Bangkok. Es wird heute gelogen, daß sich die Balken des „Viscount Canning" biegen. Den Stoff geben die Brillantringe her, deren jeder der reichen Herren einen oder mehrere an den Fingern trägt. Ich erkläre mir diese Manie der Männer, sich mit kostbaren Juwelen zu schmücken, nicht blos aus ihrer Eitelkeit, sondern auch aus der Nothwendigkeit, stets etwas Unmittelbar am Leibe zu tragen, was im Falle eines plötzlichen Schiffbruches und Verlustes aller Habe leicht in baare Münze umgesetzt werden kann, sobald der Besitzer wieder zu civilistrten Menschen kommt. Außerdem sind diese Diamanten fortwährende Anregungsmittel der Unter? Haltung. Hätte ich mir die Erzählungen ihrer Besitzer notirt', ich wäre im Stande, über jeden einen dicken Octavband von indischen Mordgeschichten zu liefern. Die grausigen Abenteuer, welche sich an den Berg des Lichts (Kohinoor) knüpfen, sind Kindereien gegen die Geschichten unserer Diamanten. Mit diesen wahrheitsliebenden Engländern verglichen, ist Münchhausen ein Stümper. Der schiffbrüchige Capitän, der mit den geretteten Paffagieren gleichfalls nach Hongkong zurücklehrt, repräsentirt unter uns den Ritter von der traurigen Gestalt. Cr geht mit einem literarischen Meuchelmorde um und bringt heimlich seine letzten Erlebnisse zu Papier, die in Hongkong gedruckt werden sollen. Verleumdet man ihn nicht, so steht der federfertige Seemann im dringenden Verdacht, den Schiffbruch künstlich veranlaßt zu haben. Man weicht ihm so viel wie möglich aus. Die fortwährend hochgehende See hat uns schon mehrere Nächte hindurch verhindert, unser Nachtlager unter freiem Himmel auf Deck aufzuschlagen; es wird uns unsäglich schwer, die dumpfe Luft der Kojen bei geschlossenen Fenstern zu ertragen. Der Gesundheitszustand an Bord verschlechtert sich unverkennbar, Keiner ist unter uns, der nicht in höherem oder geringerem Grade an jenem klimatischen Uebel litte, auf das der Tourist in den Tropen immer wieder zurückkommen muß. Mit den Damen unterhalten wir uns so unbefangen über diese entsetzliche Plage, wie über Sommersprossen oder Hitzblattern. Unsere Gemüthsstimmung wird außerdem durch die düstere Physiognomie des Himmels und der Meeresoberfläche noch mehr getrübt. Je mehr wir uns dcm Festlande nähern, desto dunstiger wird die Atmosphäre. Konnten wir noch vor Kurzem sowohl den Nordstern, als »uch das Kreuz des Sildens dicht über dem Horizont in voller Klarheit «Mclen, so find beide jetzt in dicken Nebeln vergraben. Nachmittags am '?. Npril fuhren wir zwei Stunden hindurch fartwährend zwischen SchiMrüinmern, Masten, Planken, Segelsetzen, Tonnen und Theekisten, die sämmtlich ,mt kreischenden und streitenden See« 171 vögeln bedeckt waren; ein niederschlagender, trostloser Anblick. Der Teifun mag in dieser Gegend seine Opfer gefordert haben. Unter diesen trübseligen Umständen lachen wir nicht einmal mehr über Mistreß E., die zweite unserer gescheiterten Damen, und bedauern nur ihren Gemahl, Anen Zahnarzt, in dessen Arme sie zurückkehrt. Wie «iel Zähne mutz der unglückliche Ehekrüppel jährlich den)Chinesen plombiren oder ausziehen, um den freveln Aufwand dieses Weibes zu bestreiten? frage ich Mch oft, wenn Mistreh E. in rothseidenen Pantalons, mit einem indischen Shawl drapirt, behängen mit Geschmeiden im Werth für etwa viertausend Dollars (nach der Taxation der Capitänsfrau), in dem Kohlenstaube des „Viscount Canning" auf Deck lustwandelt. An zehntaufend Dollars in Kleidern und goldenen Schmucksachen waren mit dem gescheiterten Schiffe zu Grunde gegangen; sie hat sich deshalb in Bangkok für fchweres Geld eine neue Garderobe anfertigen lassen. Mistreß E., eine mittelalterliche Kokette ersten Ranges, benutzt den Sarg ihrer verstorbenen Gefährtin mit großer Ostentation als Gebetpult. Immer in einem Augenblick, wenn sämmtliche Herren auf Deck verfammelt sind, sinkt sie in die Kniee, fletscht ihre falschen Zahnreihen gen Himmel, nimmt ungefähr die pathetische Stellung des Huß in Lessings Bilde an und ertheilt ihrer kleinen Tochter den Abendfegen. Mistreß Shannon erschöpft sich dagegen in Gefälligkeiten gegen ihre Tischgesellschaft. Der Capitän, ihr Gemahl,, hatte unter den Vorräthen noch einige Töpfe voll comprimirter oder, wenn ich Mistreß nicht falsch verstanden habe, „compromittirter" Gemüse und mehrere hermetisch verschlossene Vlechkisten mit Pastetenmasse und einem farcirten Kalbskopf aufgesunden, die das Material zu einem Festmahle tiefem sollten. Um den Genuß zu erhöhen, wurden die Behälter dieser vermeintlichen Leckerbissen zwischen dem Tiffin und Diner in Gegenwart alles Volkes eröffnet, ihr Inhalt hatte indessen durch mehrjährige Hitze dergestalt gelitten, daß Pasteten und Kalbskopf den Mumienbestandtheilen glichen, die in unferen ägyptischen Museen aufbewahrt werden. Am 8. April langten wir auf der Höhe der berüchtigten Ratten- und Pirateninfel Hainan an und kamen am nächsten Morgen mit den ersten chinesischen Fischerdschunken von größerem Kaliber in Berührung, Sie treiben den Fischfang immer paarweise und schleppen, in einer Entfernung von dreihundert Fuß nebeneinander hinsegelnd, ein riesiges Netz zwischen sich her. Die in großen Quantitäten gefangenen Fische werden sogleich eingesalzen, um später getrocknet oder geräuchert zu werden. Fast in jeder Stunde des Tages begegneten wir diesen betriebsamen Dschunksnpaaren. Leider verbindet' die Mannschaft mit dem Fifchfange die Piraterie; alle ihre Dfchunken sind bewaffnet, und kleinere Fahrzeuge haben gegründete Ursache, vor ihnen auf der Hut 'zu sein. Die hochgehende See beginnt jetzt ihre Wirkung zu äußern. Alle Kinder, Papageien, Affen, Hühner und Hunde leiden an der Seekrankheit; 172 ich höre daher mit großer Befriedigung vom Capitän Shannon, während wir in einiger Entfernung an einer kleineren der Ladroneninseln vorüberfahren, daß wir wahrscheinlich noch heute Abend den Ort unserer Bestimmung erreichen werden. Wirklich tauchte nach einigen Stunden Land in nordwestlicher Richtung aus der dampfenden Ferne auf, um sechs-Uhr Abends kamen wir an den Labronen, einer nackten Felsgruppe, um ? Uhr an der grünen Insel vorbei und näherten uns um 8 Uhr der Rhede von Hongkong. Tausend Lichter der Stadt Victoria blickten, durch Nebel und Sprühregen, ein chinesischer Lootse ruderte an den „Viscount Canning" und machte allerlei Zeichen mit einer brennenden Fackel. Capitän Shannon nahm seine Dienste jedoch nicht in Anspruch; der tüchtige Seemann glaubte sich auf seine Kenntniß der Bai verlassen zu können. Ich bot der feuchten Witterung Trotz und blieb auf dem Verdeck; meine Ausdauer wurde belohnt. Das Meer begann nach 9 Uhr so feurig zu leuchten, als seien die Götter der Tiefe gesonnen, die Ankunft unseres Tampfers durch eine Illumination zu begrüßen; ich konnte mich kaum von dem Anblick des Abgrundes trennen, der dem gestirnten Himmel des Südens mit seinen Nebelflecken und Fixsternen glich. Der Anker war längst gefallen, sämmtliche Reifegefährten schliefen, als ich, in stiller Zufriedenheit: den sehnlichsten Wunsch meines Lebens erfüllt zu sehen, mich angesichts der chinesischen Küste auf meinem Lager ausstreckte. Ende des eiftcu Bandes.