Ostindien, seine Geschichte, Cultur uud seine Bewohner. Zwclter Band. Mindien, jseme Gefckickte. Kultur unä feme Zwoknel. Resultate v»>< Philipp van Mokern. Deutsche O l i gin a l - Au sg a be. Zweiter Nand. -^, Dcr ?lui n n si >,' ft t n » b l t, 1857, Inhaltsvcrzcichniß. Seite 10. Kapitel. Die Birmanen.............. 1 17. „ Die Malayeu nnd die Bewohner der maldivischeu Inseln 12 18. „ Hyder Ali und sein Sohn Tippo Saib.....20 19. „ Mysore................53 20. „ Ceylon................65 21. „ Die Franzosen in Ostindien.........101 22. „ Die Kämpfe der englisch - ostindischen Compagnie vom Jahre 1701 bis zum Frieden mit Tippo Sail' im Jahre 1784 ..............N4 2!l. „ Tippo Saib's letzter Krieg mit der englisch-ostindischen Compagnie....... . . , . . . 1^7 24. „ Der Krieg der Cngländcr mit den Ältahratten . . . 1K9 25. „ Die Generale Rcymond und de Böig ne . . , . 2l1 2t>. „ Ostindisches Iaqdlcbcn...........226 27. „ Indischer Fürstenluxus eines Aabob von Oude . . 248 28. „ Omdut ul Omrah, der Nabob vou Cacnatik, und die cuglisch-ostindischc Regierung.........254 29. „ George Thomas.............2U3 ^0. „ Der Kaiser von China im Jahre 17W und die chincsi sche Rechtspflege.............209 31. „ Eine Prinzessin von Neu-Eeeland in Indien . . .278 32. „ Cm Schiffbrüchiger............288 Die Birmanen. Die Birmanen sind Hindu's, Anbeter des Bndha, der von allen Hindu's als der neunte Avatar, oder die Hcrabstcigung der Gottheit auf die Erde, in ihrer Eigenschaft als Erhalter, angenommen wird. Er verbesserte die in dm Veda's enthaltenen Lehren und tadelte strenge alle Vichoftfcr oder lebendigen Wesen ihres Lebens zu berauben; er wird der Urheber des Glücks genannt, sein Aufenthaltsort wurde durch den berühmten Amara ^u Gaya in Bengalen entdeckt, der eine Bildsäule des göttlichen Budha anfertigen ließ und mit folgenden Worten anbetete: „„Ehrfurcht sei Dir gezollt, unter Budha's Form! Ehrfurcht sei Dir, Herr der Erde! Ehrfurcht sei Dir, Menschwerdung Gottes und Ehrfurcht sei Dir, o rwigcr Gott, unter der Gestalt der Güte!" " Die Gesetze der Birmanen sind hindostanische und man kann dieselben von ihrer Religion nicht trennen. Die gottliche Allmacht offenbarte durch Menu diese heiligen Grundsätze in hunderttausend Slocas oder Versen; Menu machte nun scinen Coder öffentlich bekannt. ^ Die Birmanen nennen ihr Gesetzbuch „Derma Sath" ^au Ntutcru, Ostiüdien. ll. 1 2 oder „Sastra" — es ist eines von dm vielen Commentaren, die auf Menu's Gesetzbuch gemacht worden sind. Alle Gesetze, welche aber durch die Religion vorgeschrieben werden, finden bei den Hindu's eine unbedingte Achtung. Die peinlichen Gesetze der Birmanen sind in gewissen Fällen milde, in anderen sehr strenge; Jeder, der einer ungerechten Anmaßung von Gewalt oder eineS Verbrechens, das einen verräthcrischen Iweck hat, überwiesen ist, wird mit den fürchterlichsten Martern bestraft; der zuerst begangene Diebstahl wird nicht mit dem Tode bestraft, wenn der Werth desselben nicht über achthundert Takals, etwa 100 Pfund Sterling, beträgt, oder mit besonderen grausamen Umstanden, wie Verstümmelung oder Mord des Beraubten, verbunden ist. In ersterem Falle wird dem Verbrecher ein rundes Schandmaal auf jede Backe geprägt, und zwar indem er tättowirt und die Stelle mit Schicß-pulvcr eingerieben wird ^ und auf die Vrust bekommt er durch ähnliches Verfahren das Wort Schelm und den Namen des gestohlenen Gegenstandes, Für den zweiten Dicbstahl verliert er einen Arm, der dritte aber wird mit dem Tode bestraft. Enthauptung ist die gewöhnliche Todesstrafe, worin die birmanischen Scharfrichter eine große Gcschictlichkeit haben. Diese allgemeinen Bemerkungen über die Gesetze der Birmanen können schon einen Schluß auf den ganzen Charakter des Volks erlauben, denn in nichts spricht sich derselbe deutlicher auS, als in der peinlichen Justiz und seiner Gerichtsverfassung. Die alte Stadt Umcrapoora, die Residenz des birmanischen Rc/cheS bis Mtt Iahrc isZ3, wo stc nach Ava vcl/cgt wurde, ist in vier abgesonderte, unlcrgeorbnetc Gel-ichlSbeM«' abgetheilt; in jedem derselben vräsidirt ein „Maywoon." Dieser Beamte, der in den Provinzen eine Bedeutung als Viccköm'a. hat, gleicht in der Hauptstadt einem Bürgermeister und ist zugleich daS Oberhaupt eines Civil- und Criminalgerichtshofrs. In allen Fallen, die auf Leben und Tob gehen, übersendet er die gcschrie- 3 bmen Zeugmveihöre an dm „Lotoo" oder die große Rathskammer, wo der Staatsrach sich versammelt; dieser, nachdem er die Akten genau untersucht und geprüft hat, stattet dem Könige Bericht darüber ab, der dann den Verbrecher entweder begnadigt, oder dessen Hinrichtung befiehlt, wobei der Maywoon immer gegenwärtig sein muß. — Civilprocesse können von den Gerichtshöfen der Maywoon'S an den Lotoo übertragen werden, was aber große Unkosten verursacht. Es giebt regelmäßig bestallte Advocate«, welche die Processe führen, aber nur acht sind befugt, vor dem Lowo zu sprechen; sie werden „Amecndozaan" genannt. Ihre gewöhnlichen Spötteln für einen Proceß sind fünf Takal, etwa 16 Schillinge englisches Geld. Die Regierung aber zieht beträchtlichen Nutzen von allen Rechtssachen, die vor diesen Gerichtshof gebracht werden. — Es giebt kein Land im ganzen Orient, wo die königliche Hofhaltung mit genauerer Aufmerksamkeit eingerichtet ist, als am Hofe der vor 4 82l» von England noch nicht geschwächten Birmanen; sie ist prachtvoll ohne Verschwendung, zahlreich ohne Unordnung. Die Krone erbt in gerader, männlicher Linie fort. Nächst dem Range der Prinzen von königlichem Geblütc stehen die „Woongee's" — oder ersten Staatsministcr, deren festgesetzte Zahl vier betragt und die den großen, Alles leitenden Rath der Nation bilden; sie halten ihre Sitzungen in dem Lotoo, oder der königlichen Rathshalle, täglich, den birmanischen Sabbath ausgenommen, von Mittag bis 3—4 Uhr Nachmittags und auch später, Wenn es viele Geschäfte giebt. Sie senden Befehle an die May-woon's oder Vicekönigc der Provinzen, führen die Aufsicht über jedes Departement der Staatsverwaltung und regieren im eigentlichen Sinne das Reich, jedoch immer dem Willen des Königs unterworfen, der unumschränkt herrscht und dessen Gewalt keine Grenzen hat. Vier Staatsbeamte, „Woondock's" genannt, sind den Woon- 1' 4 gee's beigcgcben, um ihnen in der Verwaltung der Geschäfte beizustehen; ihre Gewalt ist aber viel geringer, sie sitzen in dem Lo-too nur als Nathgebcr, können aber, da sie keine Stimme haben, ihre Meinung abgeben und ihre Nichtbcistimmung zu einer vorgeschlagenen Maßregel zu Protocol! geben lassen; die Woongce's aber entscheiden allein, doch werden die Woondock's oft gebraucht, un» öffentliche Angelegenheiten von der größten Wichtigkeit auszuführen. Vier „Attawoon's," oder Minister des Innern, besitzen einen hohen Grab von Einfluß, der öfters die Absichten und Wünsche der Woongee's mit Erfolg bekämpft; sie werden unmittelbar vom Könige gewählt wegen ihrer Fähigkeiten und der guten Meinung, welche er von ihrer Rcchtschaffenheit hat; sie sind dessen geheime Räthe und dürfen sich seiner Person zu allen Zeiten nähern, ein Vorrecht, das selbst der erste Woongec nicht besitzt. Außerdem giebt es vier Staatssccrctairc, „Scrcdogec's" genannt, welche zahlreiche Schreiber oder „Scree's" unter sich haben. Vier Nachangce's sitzen in dem Lotoo, inachen Anmerkungen und berichten Alles, was darin geschieht. Vier „Sanbohgccn's" oder Ceremonienmeister leiten alles Ccrcmonicl, führen Fremde von Rang bei Hofe ein und überbringen dem Könige die Botschaften des Staatsraths. — Neun „Sandohzian's" oder Leser haben die Beschäftigung, alle Documents Aktenstücke, Bittschriften lc. vorzulesen und jedes Document, welches das Publikum angeht, oder das vor den Rath im Lotoo gebracht wird, muß öffentlich vorgelesen werden. Die vier oben erwähnten Maywoon's sind auf die magistratliche Aufsicht ihrer besonderen Stadtquarticre eingeschränkt und haben mit den: Lotoo nichts weiter zu thun, als dessen Befehle in Ausführung zu bringen. Der „Assaywoon" oder Generalzahlmeister ist ebenfalls ein Staatsbeamter von hoher Wichtigkeit. — Es giebt verschiedene ausgezeichnete Hofocamte, die keinen Antheil 5 an dcr Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten nehmen, wie unter andern der „Daywoon" oder des Königs Waffenträger, der „Chaingeewoon" oder Elephanten-Stallmeister, die „Woon's" von der Hofhaltung der Königin und des Kronprinzen. Im birmanischen Staate giebt es keine erblichen Würden oder Aemter; alle Ehrenstcllen und Bedienungen kehren nach dem Tode des Inhabers an die Krone zurück. Die „Tseloe" oder die Kette ist das Abzeichen dcS Adelstandes, von dem es verschiedene Grade giebt, die durch die Anzahl kleiner Ketten, aus denen dieser Zicrrath besteht, bezeichnet werben; diese Ketten sind durch Knöpfe vcremigt — drei von offenem Kettenwerk sind der niedrigste Grab, drei von sauber in einander geflochtenem Draht ist der nächste, sechs, neun oder zwölf Ketten deuten die höheren Grade a»,. Kein Unterthan wird mit einem höheren Grade alS zwölf Ketten beehrt, dcr König allein trägt vicrunbzwanzig. Beinahe jeder zum Gebrauche dienende Artikel, die Zierra-thcn, besonders aber die Kleiber sind Zeichen eines besonderen Ranges; — die Form von der Betclbüchse, die jedem Birmanen von Range, wohin er auch gehen mag, von einem Diener nachgetragen wird, seine Ohrringe, Ceremonien-Mütze, sein Pferdegeschirr, selbst das Metall, woraus Spucknapf und Trinkgeschirr verfertigt sind, zeigt den gesellschaftlichen Grad des Eigcnthümers an und es würde Demjenigen übel bekommen, der sich die Kennzeichen eines Grades, der ihm nicht gebührte, aneignen wollte. Goldene Trmkschaalc und Spucknapf darf nur ein Mann von hohem Range gebrauchen. Die Hofkleibung des birmanischen Adels ist sehr anstandig und zierlich; sie besteht aus einem langen, auf die Füße herabwallenden Rocke von geblümtem Atlas oder Sammet, mit einem offenen Kragen und weiten Acrmeln; über diesem tragen sie einen fliegenden Mantel, der von den Schultern herabhängt; auf dem Kopfe haben sie eine hohe Mütze von Sammet, oder von Seide, 6 die mit goldenen Blumen gestickt ist, je nach bem Range des Trägers. Ohrringe machen einen Theil der männlichen Zicrrathen aus; Personen von Stande tragen goldene, etwa drei Zoll lange Röhren von der Dicke einer starken Fedcrspuhle, die sich an einem Ende wie eine Trompete öffnen, andere tragen eine schwere, zusammengerollte Goldftlatte. Dieses Stück Metall giebt eine große Oeffnung im Ohrläppchen und zicht dasselbe durch seine Schwere bis zu einer Länge von zwei Zoll aus. Die Weiber haben ebenfalls ihre sie bezeichnenden äußeren Merkmale in der Tracht. Ihr Haar ist auf dem Gipfel des Kopfs in einen Knoten zusammmgeschlungm und mit einem Netze umwunden, dessen Stickereien und Zierrathen auch dazu dienen, ihren Rang anzugeben; ein kurzes Leibchen reicht bis an den Nabel, wird mit Schnüren straff angezogen und unterstützt den Busen; über dieses kommt ein weiter Nock mit engen Acrmcln. Um ihre Hüften und Schenkel rollen sie ein langes Stück Seiden- oder Baumwollcnzcug, welches bis auf die Füße reicht und öfters auf dem Boden schleppt; es umgiebt sie zwei Male und wird bann auf der Seite eingeschlagen. Wenn Weiber vonEtande ausgehen, so legen sie eine seidene Schärpe an, einen: langen Shawl ähnlich, die sich über dem Busen kreuzt und über die Schultern geworfen wird, von denen sie zierlich auf beiden Seiten herunter-wallt. Die unterste Klasse der Weiber tragt meist nur ein einziges Kleidungsstück in Form eines Betttuches, das, um den Körper gewickelt, mit einem Ende unter dem rechten Arme eingeschlagen wird und der übrige Theil, von hinten über die linke Schulter gezogen, vom über den Busen fällt, den er nur nothdürftig bedeckt, der untere Theil reicht bis an die Füße. Dies ist auch die Tracht der gewöhnlichen Weiber in ganz Hindostan, wo man dieseS Umschlagetuch eine „Pagne" nennt. Weiber in vollem Staate färben das Innere ihrer Hände und ihre Nägel roth, wozu sie einen gewissen Pflanzensaft anwenden, 7 und streuen auf ihren Busen gepulvertes Sandelholz oder eine gepulverte Ninde, welche sie „Sunncka" nennen, womit sich einige auch das Gesicht reiben. — Männer und Weiber färben sich ihre Haare unb Zähne schwarz; diese Operation giebt ihnen in den Augen eines Europäers ein sehr ekelhaftes Aussehen, das dadurch noch vermehrt wird, baß der Mund immer voll Betelblätter ist, die den Mund blutroth färben und cinc Menge blutrothcn Speichel hervorbringen, den sie beständig ausspucken, so daß es aussieht, als ob sie Blut auswürfen. Dasselbe gilt auch von allen Hindu's in ganz Ostindien. — Männer von Rang tragen als gewöhnliche Tracht einen langen Rock mit langen Acrmeln von Moufselin oder sehr feinem Nanking, der im Lande verfertigt wird; nebst diesem einen seidenen Umschlag, der um die Hüften gewickelt wird. Die arbeitenden Klaffen sind gewöhnlich nackend bis auf die Hüften, in der kalten Jahreszeit aber lieben sie einen Mantel oder Rock von europäischem Tuche sehr. Die Birmanen sind in ihrcn GcsichtSzügen den Chinesen ähnlicher als den Eingeborenen von Hindostan; die Weiber, besonders in den nördlichen Theilen deß Reichs, sind weißer, als die Hindufraucn, aber nicht so zart geformt. Eic sind jedoch gut gebauct und im Allgemeinen etwas fett; ihr Haar ist schwarz, grob und lang. Dic Männer sind von mittlerer Statur, thätig, lebhaft unb kräftig; sie sehen immer sehr jung aus, weil sic die Gewohnheit haben, den Bart auszurcißen, anstatt ihn abzuschee-rcn, sie tättowiren ihre Arme und Schenkel und prägen ihnen verschiedene, phantastische Figuren ein, die, wie sie glauben, als Zaubcrmittcl gegen die Waffen ihrer Feinde dienen sollen. Weber die Männer noch die Weiber sind so reinlich am Körper, wie die Hindu'S in Hinbostan, denen tägliche Waschungen und Bäder eine religiöse und moralische Pflicht sind. Ehen werden unter den Birmanen nicht eher geschlossen, als -8 bis die Parteien mannbar sind — sie sind bei ihnen nur Civil-contracte, womit die geistliche Gerichtsbarkeit nichts zu thun hat. Das Gesetz verbietet ihnen die Vielweiberei und erkennt nur ein Eheweib an, das „Mim" genannt wird. Das Concubinat dagegen ist unbeschränkt. Ein Mann kann unter besonderen Umständen sein Weib verstoßen, aber der Proceß ist mit großen Unkosten verknüpft; Concubinen, welche in einem Hause mit der rechtmäßigen Frau leben, sind durch das Gesetz verbunden, ihr als Mägde zu dienen, wenn sie ausgeht, dieselbe zu begleiten und ihr Wasser-krug, Bctclbüchsc und Fächer nachzutragen. Wenn ein Ehemann stirbt, so gehören seine Concubmcn, im Falle sie seine Sclavinnen waren, seiner Witwe an, wenn er sie nicht noch vor seinem Tode durch einen gerichtlichen Akt frei erklärt hat. — Wenn ein junger Mann ein Mädchen zu heirathen wünscht, so macht seine Mutter oder nächste Verwandte zuerst einen geheimen Versuch; wird sie gut empfangen, so geht eine Anzahl seiner Freunde in das Haus der Eltern der Jungfrau, mit denen sie die Mitgift festsetzen. Am Morgen der Trauung sendet der Bräutigam seiner Braut drei Loongec's, Unterkleider, drei Tubbcck's ober Schärften und drei Stücke weißen Mousselins, nebst Ohrringen, Armspangen und solchen Juwelen, welche ihm seine Glücksumstände zu geben erlauben. Gin Fest wird von den Eltern der Braut veranstaltet und ein völliger Ehecontract aufgesetzt und gegenseitig unterzeichnet. Das neuvermählte Paar ißt von einem Teller, der Bräutigam überreicht der Braut etwas Lacpack, d. i. eingemachten Thee, den sie annimmt und ihm dann daS Compliment zurückgicbt. So endet die Ceremonie. Wenn ein Mann ohne Testament stirbt, so gehören drei Viertel seines Vermögens scimn rechtmäßigen Kindern, aber nicht zu gleichen Theilen; das letzte Viertel gebort der Witwe, die zugleich auch der Vormund des ganzen Vermögens und der Kinder bis zu ihrer Majormnetät ist. — Gin birmanisches Begräbmß wird mit 9 viel religiösem Pompe und äußerlichen Zeichen der Trauer gefeiert; die Leiche wird auf einer Bahre getragen, die Procession geht sehr langsam, die Verwandten folgen der Leiche in Trauergcwändem und eigens dazu gemiethete Weiber singen einen feierlichen Grabgesang. Die Birmanen verbrennen ihre Todten, wie alle Hindu's, ausgenommen wenn es ein Bettler ist, in welchem Falle er entweder begraben oder in einen Fluß geworfen wird, weil die Ceremonie des Verbrcnncns sehr theuer ist. — Die Bahre wird auf einen sechs bis acht Fuß hohen Holzstoß gesetzt, der aus Scheiten von trockenem Holze aufgebaut ist, die kreuzweise über einander gelegt werden und mit den gehörigen Zwischcnräumen, damit die Luft hindurchziehen und die Flamme anfachen und unterhalten kann. Die Nhahaan's, d. i. die Brahminm der Birmanen, gehen um den brennenden Holzstoß herum und sagen Gebete an Gaudma her, bis die Flammen den Körper ergreifen, der dann bald zu Kohle oder Asche gebrannt ist. Die Reste der Gebeine werden nachher gesammelt und in ein Grab gelegt. Personen von hohem Nangc, wie z. V. ein Sere daw, oder oberster Priester einer Provinz, ein Maywoon, ein Woongce, oder ein Mitglied der königlichen Familie, werden cinbalsamirt und ihre Ucbcrrcste sechs Wochen oder zwei Monate lang aufbewahrt, ehe man sie den Flammen übcrgiebt. Wahrend dieser Zeit liegt der Körper auf einem Paradcbcttc in einem Kioum oder religiösen Gebäude, in der Hauptstadt aber wird er in einem heiligen, nur für diesen Gebrauch bestimmten Saale ausgestellt, der prachtvoll verziert und vergoldet ist. Man sagt, die Substanz, welche sie gebrauchen, um den Körper vor Fäulniß zu schützen, bestehe aus Honig. Die birmanischen Staaten zählten im Anfange dieses Jahrhunderts an 17. Millionen Einwohner. Nach dem Kriege mit England 1820 umfassen sie nur noch 4 Millionen auf !>W0 Quadratmeilen. Ueber die Staatseinkünfte etwas Bestimmtes zu erfahren, war immer sehr schwer. Budha's Gesetze weisen dem 10 Könige den sechsten Theil aller Landesprobucte an und dasselbe wird ihm von allen in seinen Staaten eingeführten fremden Gütern bezahlt. Die Zollgebühren und der Zehnten der Landespro-ductc werben meistens in miwr^ erhoben, ein kleiner Theil davon wird in Gelb verwandelt, der Ucberrcst aber, sowie man ihn empfängt, als Besoldung der verschiedenen Hof- und RcgierungS-beamten abgeliefert. Prinzen von Geblüt, hohen Staatsbeamten, Statthaltern von Provinzen werden ganze Provinzen, Städte, Dörfer und Pachthöfe angewiesen, um ihrem Nangc gemäß leben zu können und als Belohnung für geleistete Dienste. Die Einkünfte dieser Anweisungen lassen sie selbst erheben. Ausgenommen bei sehr dringenden Fällen wird niemals Gelb aus dem königlichen Schatze ausbezahlt; einer Person ertheilt man die Einkünfte eines Amtes, einer anderen Person einen Bezirk, wo gcwjsse Abgaben eingesammelt werden, einer dritten eine Portion Land, iedcs in Verhältniß mit der Wichtigkeit ihres Amtes. Durch diese Verleihungen sind die Personen nicht nur an den persönlichen Dienst gegen die Krone gebunden, sondern auch ihre eigenen Vasallen, wenn sie deren haben, werden ebenso von ihnen Sclaven genannt, wie sie selbst des Königs Sclaven heißen. Die Bedingungen dieser Verleihungen begreifen ebensowohl Kriegsdienste, als diejenigen in sich, welche ihnen ihre Aemter auferlegen. Der Birmanen-Staat bietet daher ein treues Bild von Europa dar, wo zur Zeit beS Verfalls des römischen Reiches die Grundsahe der Lehnspstichtigkeit durch barbarische Stämme auS dem Norden eingeführt wurden. Es war deßwegen unter diesen Umstanden unmöglich, die Einkünfte des birmanischen Reiches zu bestimmen, doch hält man die Reichthümer dieser Monarchie für unermeßlich, waS man sehr leicht glauben kann, da nur ein sehr kleiner Theil des Geldes, das in die Schatzkammer fließt, wieder herauskommt. Die Auf- 11 Häufung des Geldes ist einc Lieblingsneigung aller orientalischen Fürsten; ein asiatischer Fürst kann schwer oder nie dazu gebracht werden, zu begreifen, baß die Vermehrung des Reichthums bei feinen Unterthanen einc gewissere Quelle von Reichthum für ihn selbst und eine größere Sicherheit für seinen Thron ist, als der Besitz von lydischcn, in geheimen Gewölben verwahrten Schätzen. Vemerkenswerth ist in der alten Stadt Umerapoora, die auf wenig Einwohner hcrabgcsunken ist, die Bibliothek von Schriften auf dünnen Elfenbcinblättchen, zu der man aber schwer Zutritt erhält. SiebenHnteZ MM!. Die Malay en unt> die Bewohner der maldivischen Inseln. Da die Ma la yen den Ruf einer v erräth erisch en Nation haben, so ist Jedem zu rathen, auf seiner Hut zu sein, so lange er sich bei ihnen aufhält und am Lande stets die Waffe bereit zu haben. Jeder Malayc ist immer mit einem Crease oder Dolche versehen, dessen Klinge gewöhnlich geschlangelt ist, oder mit einer Waffe, die einem Hackemesser gleicht und eine bedeutende Schärfe hat. Wenn sie bemerken, daß man zur Vertheidigung bereit ist, so sind sie nicht so geneigt, Jemand zu franken oder anzufallen, was sic sonst, namentlich der gemeine Malayc, gern thun. Jeder Malayc hatte das Nccht, seinen Sclaven ungestraft zu todten, sie sind aber so feig, daß sie selten den Muth besitzen, eine Beleidigung persönlich zu rächen, sondern sie bekleiden ihre Sclaven mit ihren Gewändern und geben ihnen den Befehl, diese oder jene Person in ihrem Namen zu ermorden; zuvor berauschen sie den Sclaven mit Opium, damit er tollkühn wird und unempfindlich gegen jede Gefahr, um so mehr, da ein Sclave in solcher Lage recht gut weiß, daß sein Leben auf jeden Fall verwirkt ist, ob cr bei der Erfüllung dcS Befehls selbst niedergemacht wird, 13 oder ob er ohne Erfüllung des Befehls zu seinem Herrn zurückkehrt. Reis, Fische und Früchte sind die gewöhnliche Nahrung der Malayen, die wmig Fleisch genießen. Ihr Getränk ist Wasser, Tobdy oder Palmwcin, die Milch der Cocosnuß und Kaffee; auch käuen sie, wie alle indischen Völker, beständig Betel. Sie essen nur zwei Mal des Tages, einmal des Morgens, das andere Mal bei Sonnenuntergang, das letztere ist ihr Haufttmahl. — Sie erfrischen sich inzwischen durch Vetelkäucn, oder durch Rauchen von Tabak, der mit Opium vermischt ist. — Bei ihren Mahlzeiten sitzen sie, wie alle orientalischen Völker, auf dem Boden mit untergeschlagenen Beinen; die Höhcrm Klassen haben sehr niedrige Tafeln, auf die ihre Speisen auf porzellanenen Schüsseln aufgetragen werden, oder in solchen, welche aus sehr schön lackirtem Holze verfertigt sind und in Japan und China gemacht werden. Sie bedienen sich weder der Messer noch Gabeln, wie das überall eine asiatische Sitte ist; sie haben besondere Napfe zum Spucken, Wenn sie Betel käuen oder rauchen, die ihnen überall nachgetragen werden, auch tragen sie große Sorge, sowohl ihre Person wie ihre Häuser immer sehr reinlich zu erhalten. Sie haben, außer den nöthigen Küchengeräthschaften zum Kochen ihrer Speisen und außer einigen Tcppichen, worauf sie sitzen oder schlafen, sehr wenig Hausgcräth, setzen aber einen großen Stolz darein, eine Menge Polster und Kissen zur Schau zu legen, die mit den prachtigsten seidenen Stoffen und kostbaren Stickereien bedeckt sind. Die Malayen finden so wmig Gefallen an Processen und Nechtshändcln irgend einer Art, daß sie weder Rechtskundige, noch Anwälte oder Gerichtsdiener haben. Wenn sich zwischen ihnen eine Streitigkeit erhebt, so wenden sich die Parteien persönlich an den Richter, oder Carranguc, der die Sache schnell und billig beendigt. In gewissen Fällen, besonders in Crimmalfällm, ist ihnen erlaubt, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen. Wenn ein Mann 14 den andern in Begehung des Ehebruchs, Diebstahls ober Mordes betrifft, so hat er das Nccht, selbst die Gerechtigkeit zu üben und den Verbrecher umzubringen, was dann gewöhnlich mit dem Crease, ihrer steten Waffe, geschieht. Alle Malayen sind strenge Muhamedaner und sehr beharrlich in der pünktlichen Ausübung ihrer Pflichten; viele unter ihnen glauben an Zauberei und tragen Zaubminttcl bei sich, durch die sie sich gegen jegliche Gefahr sicher gestellt wähnen. — Das gemeine Volk unter ihnen tragt keine andere Bedeckung, als ein kleines Stück Leinwand, das um die Hüften festgebunden wird; die höheren Klassen dagegen tragen eine Art Weste von Ecidc oder Tuch, darüber werfen sie einen weiten seidenen Rock, der bis auf die Kniee reicht, haben nebstdem auch Beinkleider, aber weder Hemde noch Schuhe und Strümpfe; wenn sie ausgehen, tragen sie ein auf besondere Art um den Kopf gewickeltes Tuch, auch vergessen sie nie ihren Crease. Ihre Art einander zu grüßen ist der Salaam, oder das Erheben der Hände gegen den Kopf, die innere Handscitc nach auswärts gekehrt, so daß die Daumen die Stirn berühren; dabei beugen sie zugleich den Körper vorwärts. Wenn sie vor höheren Personen erscheinen, so erheben sie beim Salaam-Machen die Hände bis über den Kopf, und erscheinen sie vor einem Prinzen, dann werfen sie sich auf die Erde, die Stirn auf die Hände gelegt, und ziehen sich dann auf den Knieen rückwärts zurück. Sie bezeugen ihren Fürsten und Rajah's große Ehrfurcht und es hält für einen Fremden sehr schwer, Zutritt zu diesen zu erhalten. Das einzige Mittel zur Erlangung einer Audienz ist das Anbieten eines kostbaren Geschenkes und der Fremde wird im Verhältnisse des WcrthcS seiner Gabe mit Achtung und Zuvorkommenheit behandelt, da Geiz ihre herrschende Leidenschaft ist. Das Gegengeschenk besteht gewöhnlich in Früchten und einigem Geflügel. Wohnt aber der Fremde zu der Zeit, wo er sein Geschenk an 15 den Rajah geschickt, in der Nahe des Palastes, vielleicht aus Vergnügen oder der Bequemlichkeit seines Handels wegen und befindet er sich weit von seinem Schiffe, so sendet man ihm von der fürstlichen Tafel Reis, Man und Fisch. Es ist die allgemeine Gewohnheit der Männer und Weiber, sich wenigstens ein Mal des Tages in einem Flusse zu baden; sie sind deßhalb alle geschickte Schwimmer, gesund und reinlich, was in einem so heißen Klima sehr wichtig ist. Außerdem sind sie aber sehr stolz, übermüthig und rachsüchtig, machen keinen Versuch, sich in Künsten, Wissenschaften oder Ackerbau zu vervollkommnen, obgleich ihnen dazu die Fähigkeiten nicht mangeln; sie vernachlässigen lieber ihre Manufacturer, lassen ihre Felder wüst liegen und arbeiten wenig. Die Malayen sind sehr gute Matrosen, weßhalb man sie früher sehr oft auf englischen Kauffahrzcugcn, die in Indien von Hafen zu Hafen handeln, als Matrosen anwarb, um die Lücken, die das Klima in der Schiffsmannschaft machte, wieder auszufüllen. Es sind aber auch viele Beispiele gesehen worden, daß fünf bis sieben solcher Malaycn wegen geringer Beleidigungen, mehr aber auch aus Habsucht, die Ofsicicrc und Mannschaften des Schiffes nut ihren Dolchen überfielen, ermordeten, das Schiff plünderten, sich mit den werthvollsten Gegenständen ihres Raubes auf ein Boot begaben, das Schiff treiben ließen und die Flucht ergriffen. Man hat oft solche, von aller Mannschaft entblößte Schiffe auf offener See angetroffen, die noch alle Anzeichen der grausamen Emeutc trugen. Die englische Regierung hatte daher das Verbot erlassen, sich der Malayen auf englischen Schiffen als Matrosen zu bedienen. Die Malayen bedienen sich ihrer einzigen Waffe, deS Crease oder Dolchs mit einer so furchtbarm Gefchicklichfcit und Behendigkeit, daß ein halbes Dutzend von ihnen, so feige sie auch zu Hause und als Nation sein mögen, wenn sie sich, was sie bei solchen Gelegenheiten allemal 16 thun, mit Opium Muth gemacht haben, im Stande ist, eine Schiffsmannschaft von 3 — 4 Officieren und 20 — 30 Matrosen, von denen freilich die Meisten Lascar's oder Hindu's sind, in wenigen Minuten nieder zu machen und über Bord zu werfen, wobei sie gewöhnlich den Vortheil suchen, die Gegner zu überraschen, wenn sic am wenigsten auf einen Angriff vorbereitet und möglichst vereinzelt anzugreifen sind. — In Betreff der Einwohner der maldivischcn Inseln glaubt man, daß dieselben von Ceylon aus bevölkert worden seien, obgleich man nicht sagen kann, daß die Maldivier den Cingalese« gleichen, denn letztere sind von einer viel dunkleren Farbe und nicht so wohlgebauct, als die ersteren, welche olivmbraun sind. Obgleich die Maldivier rauhe Sitten haben, so sind sie doch ein sinnreiches Volk, scharfsinnig und kunstverständig in mancherlei Manufacturcn, auch bewandert in der Astronomie, einer Wissenschaft, welche sie wahrscheinlich durch den Verkehr erlangt haben, der seit undenklichen Zeiten zwischen ihnen und den Hindu's stattgefunden hat. Sie sind bescheiden und vorsichtig, geschickt im Handel und klug in Angelegenheiten des Lebens, dabei muthvoll und entschlossen, gewandt im Gebrauche ihrer Waffen und streng ordentlich in ihren Sitten. Ihre Weiber sind sehr schön, obgleich olivcnbraun; einige unter ihnen haben jedoch eine weißere Farbe, als Europäerinnen. Ihr Haar ist schwarz, wie daS aller asiatischen Nationen, cim Farbe, die sie ohnehin sehr lieben. Sie scheercn den Kopf ihrer Kinder vom achten Tage nach ihrer Geburt an bis in ihr neuntes Jahr und lassen nur einen kleinen Nanb von Haaren auf der Stirn der Mädchen, um sie dadurch von den Knaben zu unterscheiden. Sie glauben, daß dieses Abschccrm die Haare schwärzer und schöner mache, denn sie betrachten ihre Haare als die schönste Zierde, und geben sich viele Mühe, um die Schwärze und die 17 Dichtigkeit des Haarwuchses zu befördern. Ist es von Natur nicht dicht genug, so thun sie falsches hinzu, und um es schwärzer zu machen, waschen sie es zwei bis drei Mal in der Woche mit einer Art Lauge, darauf reiben sie es mit einem sehr süßen Oel ein und befestigen es rückwärts auf dem Kopfe mit einem Ringe, welcher Achnlichkcit mit einem großen Fingcrhutc hat, der von Gold oder Silber, oder auch bei Wohlhabenden mit Edelsteinen verziert ist. Wenn das Haar auf diese Art zmückgebunden ist, so umwinden sie es mit Kränzen von wohlriechenden Blumen, um den Kopfputz zu vollenden. Alles dieses wird mit großer Genauigkeit verrichtet, aber einen Kamm zum Ordnen und Strahlen der Haare haben sie nicht. — Männer und Weiber waschen sich täglich den ganzen Körper und reiben sich dann mit dem nämlichen Oele ein, das sie für ihre Haare gebrauchen — wahrscheinlich Cocosnußöl. ^- Den nämlichen Gebrauch haben auch alle Hindu's. Es ist den Männern nicht erlaubt, ihr Haar lang zu tragen, dies ist ein Vorzug, der nur dem sog. Adel, den Dienern des Königs und den Soldaten bewilligt ist, die es so lang wie die Weiber tragen und sich, gleich ihnen, große Mühe geben, es zu ordnen und wohlriechend zu machen, nur mit dem Unterschiede, daß die Männer es entweder auf der Seite oder auf dem Gipfel deS Kopfes festbinden. Sie scheerm sich den Bart selbst, denn sie haben keinen Barbier von Profession. Gewohnheit muß ihre Haut unempfindlich machen, denn sie benetzen sich das Kinn mit kaltem Wasser und scheerm sich mit ziemlich stumpfen Messern, da sie auf scharfe Varbiermcsscr keinen Werth legen, indem sie deren Annehmlichkeit nicht kennen. Sie schccren den ganzen Bart ab, nur die Priester und Diejenigen, welche eine Pilgerfahrt nach Mekka gemacht haben, tragen ihren Bart lang und rastrm sich nur die Lippen ein wenig, damit Speise und Trank die Balthaare ^an Mütern, Ostindien. II. 2 18 nicht berühren, wovor sie einen großen Abscheu haben. Finden sie überhaupt ein einziges Haar in einem Gerichte, so werfen sie oft die ganze Speise fort. Sie bewahren die Abschnitzel ihrer Nägel und ihrer abgeschnittenen Haare mit vieler Sorgfalt auf, vergraben sie auch wohl auf ihren Begräbnißplätzen. Die Manner tragen den Oberleib nackend und lassen auf einigen Theilen ihres Körpers das Haar wachsen, während sie cS an anderen Stellen abrasiren. DaS weibliche Geschlecht ist vom 9. bis 40. Jahre bekleidet, bis dahin gehen die Mädchen nackend, mit Ausnahme eines Stückes grober Leinwand, die von der Hüfte bis an die Kniee reicht; solche Leinwand bekommen sie, sobald sie gehen können. Die Knaben tragen sie vom 7. Jahre an, nachdem sie die Beschneidung erlitten haben. Die maldivischm Inseln liegen zwischen dem 8. Grade nördlicher und dem 4. Grade südlicher Breite; ihr Gebiet ist etwa 200 Stunden lang und 15 Stunden von dem Vorgebirge Comorin entfernt. Die Inseln sind in l7 Gruppen abgetheilt, AttolloreS genannt, sind meistens rund, einige oval; jede Gruppe enthalt etwa 30 Stunden im Umkreise und sie liegen in einer Reihe von Nordwcst nach Sübost; einige Kanäle trennen sie von einander, die nur von kleinen Schiffen befahren werden können. Jede Gruppe ist von Felsen umringt, die eine Vormauer bilden und sie vollkommen gegen die See schützen, die, wenn sic hoch geht, sich mit furchtbarer Gewalt an diesen Felsen bricht. Zwischen diesen verschiedenen Inselgruppen herrscht ein großer Verkehr, nicht nur, weil eine jede irgend einen besonderen, ihr eigenen Artikel der Lebensbedürfnisse hervorbringt, sondern auch besonders wegen des bei den Bewohnern herrschenden Gebrauches, baß jedeS besondere Gewerbe auf eine eigene Inselgruppe beschränkt wird, z. V. die Weber auf die eine, die Gold- und Silberschmiebe auf eine andere, die Schlosser, Mattcnvcrfertiger, Töpfer, Drechsler, 19 Tischler, kurz jedes Handwerk lebt in seiner eigenen Inselgruppe und darf in keiner anderen ausgeübt werden. Diese verschiedenen Handwerker fahren deßhalb in bedeckten Böten von Insel zu Insel und bleiben öfters ein ganzes Jahr von ihrer heimathlichen Insel abwesend; sie leben während dieser Zeit gänzlich auf ihren Böten und führen ihre Knaben vom vierten bis fünften Jahre an mit sich, um sie an diese Lebensweise zu gewöhnen und ihnen das Handwerk und dessen Führung zu lehren. — AilchchnteZ Kapitel. Hyder Alt und sein Sohn Tippo Saib. Hyder Ali's Vorfahren gehörten zu den angesehensten Einwohnern von Cohir, einer Stadt, 28 Cose westlich von Hyderabad, auf dem Wege nach Calberga. Sie waren von einem musclman-nischen Stamme, genannt Shaikl. Hyder's Großvater hicß Go-laum Doast Mahomed; derselbe verließ Cohir eines Familienzwistes wegen, der durch eine Erbschaft hervorgerufen war, und begab sich nach Sera. Seine Verwandten blieben in Cohir, wo die Nachkommen derselben noch leben. Golauin Doast, der seinen Groll nicht vergessen tonnte, sah die Stadt nicht wieder. Iwei bis drei Jahre lang erlitt er die größte Armuth, da er ohne Beschäftigung war; kurz nachher empfing er von dem Halim, b. i. Oberhaupte von Sera, das Commando über 150 Mann; da er aber bald nachher eine Tochter von Parsa Munchi, einem Manne von Stande aus Colar, hcirathete, so verlegte er seinen Wohnsitz dahin. Diese Hcirath wurde als sehr vortheilhaft für Golaum Doast angesehen, da Munchi von einem Stamme der Seid'S abstammte. Scin erstes Kind aus dieser Ehe war ein Sohn, Futtch Ali (Ally) genannt, aber bald nach dessen Geburt starb Golaum 21 Doast und hinterließ seine Witwe im Zustande neuer Mutterhoss-nung. DieseS nachgeborene Kind war eine Tochter, Khedija Vanu genannt. Die Witwe blieb mit ihren Kindern in Colar, im „Mahl" oder Bezirk von Sera, etwa 40 Cosc von Arcot entfernt, nahe am Gipfel eines Gaut, genannt Kirftanagaut. (Gant bedeutet bald einen Gipfel der hohen Bergkette, welche die Halbinsel von Hindostan der Lange nach durchschneidet, bald einen Bergftaß, der auf die Höhe führt.) Hier wurde Hyder geboren. — Sein Vater Futteh Ali befehligte 4500 Mann Luntenstintentrager im Dienste des Hakim von Sera; er war Naic, d. h. ein Infanterie-lieutenant, den man sonst wohl Icmidar in Indien nennt. Der Hakim von Sera hatte die Gewohnheit, seine Truppen durch Wechsel zu bezahlen, die er ihnen auf die Vezirkscinnahmcn anwies und welche das Militair gern annahm. Nun war aber der Hakim den Truppen unter Futtch Naic's Rcfchle eine Summe von 10,000 Rupien schuldig geworden, der Zahlmeister gab dem Befehlshaber einen Wechsel für diese Summe auf Mir Ali, bcr gewisse Mahl's (Bezirke) von Sera gepachtet hatte. Futtch, der sich auf den unbescholtenen Ruf und die Rcchtschaffenheit des Mir Ali verließ, nahm den Wechsel mit Vergnügen an und empfing von dein Letzteren eine in sechs Monaten zahlbare Note. Mittlerweile starb Mir Ali; der Hakim zog sein Vermögen für einen ihm schuldigen Rückstand ein und Futtch Naic'S Wechsel sollte von den Erben bezahlt werden. Er begab sich nach dem Aufenthaltsorte der Witwe und da er sie völlig außer Stande fand, seine Forderung zu zahlen und er sein Geld verloren sah, so dachte er an die Vortheile, sich mit einer, in vollem Rechte hochgeachteten Familie zu verbinden und er forderte von der Witwe die Hand ihrer Tochter. Da dieselbe keinen Ausweg fand, so gab sie ihre Zustimmung und Futtch Naic heirathete bald nachher Majcbba Begum (Vegum heißt Prinzessin). Futteh zerriß die Schulbnote, nahm seine neuen Verwandten unter seinen Schuh und versetzte 22 die ganze Familie von Kirpanat in sein eigenes Haus zu Colar. Als Majebda Bcgum Mutter zu werden hoffte, besuchten sie einen berühmten muhamedanischen Heiligen, Namens Hyder Schah, der ihnen verkündigte, daß das Kind ein Knabe sein werde, und befahl den Eltern, ihn Hyder Ali zu nennen. Dieser Sohn wurde im Jahre der Hejirah 1131 (1718 der christlichen Zeitrechnung) geboren. Futteh Naic fuhr fort, sein Commando unter dem Hakim von Sera zu führen, ohne nach einem höheren Posten zu streben, bis die Angelegenheiten seines Herrn in Unordnung geriethen. Da die Zemindar's den Betrag ihrer Pachtgelder nicht abtrugen, so blieben die Truppen ohne Sold und zerstreuetcn sich. ^ Futtch Naic wurde mit seinen 1000 Mann, die er noch unter seinem Befehle hatte, in die Dienste von Srirungaputtun angenommen. Srirungaftuttun besteht als Hauptstadt erst seit 250 Jahren und bekam seinen Namen von der Pagode von Sri runga, d. h. der schönen Sri, Göttin des Ueberflusses, gleich der Ceres der Griechen. Put tun ist die Art, wie die Perser daS Sanskritwort „Patana", d. i. Stadt, ausbrücken. Der gegenwartig angenommene Name ist aber Seringaftatam. Srirungaputtun war ein mächtiges Königreich in der Su-bahdarei von Bijapur gelegen; seine Regenten tragen den Titel Tivoc Rajah, weil bei Tag und Nacht brennende Lampen vor ihnen hergetragcn werden, selbst wenn sie auf die Jagd gehen. Der letztverstorbene Rajah hieß Vencata Chilum Crisno Raj und hatte mehrere Brüder. Das Klima von Srmngavuttun ist gemäßigt, das Wasser sehr gesund, der Boden fruchtbar und seine Oberfläche Zu allen Zeiten grün und angebauet. Seine Erzeugnisse bestehen meistens in Korn (Roggen) und einer großen Mannich-faltigkeit von Wicken. Reis wird wenig gebaut und Sesam gar nicht. In diesem Königreiche widmete der Fürst sich nur dem Vergnügen und die Staatsgeschäftc wurden gänzlich seinem Minister 23 überlassen. Als Futtch Naic in des Rajah's Dienste aufgenommen wurde, hieß der damalige Minister Dalaway, Gorachmi Nun-doraj, ein Mann von vielen Fähigkeiten, der das ganze Zutrauen seines Monarchen besaß; Futtch Naic's Treue und Wachsamkeit machte mit der Zeit einen günstigen Eindruck auf den Dalaway und in Sachen von Wichtigkeit wurden daher er und sein Corps den übrigen Truppen vorgezogen. Im Jahre N51 (1738) starb Futtch Naic; um seine Treue zu belohnen, gab der Dalaway seinem Sohne Mir Hyder Ali den Befehl über des Vaters Corps, der seitdem Hyder Naic genannt wurde. Das Zutrauen, welches der Vater genossen hatte, wurde nun auf den Sohn übertragen und dieser becifertc sich, um zu beweisen, daß dasselbe nicht unverdient sei. Endlich nahm Gorachmi den Hyder als Sohn an und gebrauchte ihn in Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit; seine ausgezeichneten Dienste und Talente wurden allgemein anerkannt und seine Freigebigkeit gewann ihm bald die Herzen der Truppen, welche unter ihm standen. Aber eS war zu gleicher Zeit der Ehrgeiz in seine Seele eingezogen, er machte Gorachuri den Vorschlag, unter Nichtachtung eines bestehenden, feierlichen Tractates, Bangalore (Mangalore) in Besitz zu nehmen, da man wohl wußte, daß dessen Rajah auf keine Vertheidigung vorbereitet war. Der Minister, durch Hyder's Schcingrünbe verführt, billigte diese Verrätherische Handlung. Im Jahre N59 (1746) zog Hyder mit seinem eigenen Truppencorps und sechstausend Mann von des Rajah's Truppen von Seringa-Patam (Srirungaputtun) ab. Der Naiah von Bangalore (Mangalore), der sich aus den bestehenden Defcnsivtractat verließ, welcher zwischen ihm und dein Najah von Seringapatam abgeschlossen war, wurde völlig ungerüstct überfallen, jedoch durch die natürliche Festigkeit des Platzes in den Stand gesetzt, sich einen ganzen Monat zu vertheidigen, dann willigte cr nothgedrungen ein, dem 24 Hyder vier Laks Rupien als Kriegscontribution und einen jährlichen Tribut von acht Laks Rupien zu bezahlen. Hyder ließ einen Brahmincn, Namens Sumbhunat, in Bangalore, um das Geld zu empfangen und kehrte mit seinen Truppen nach Scringaftatam zurück, wo er den Najah und seinen Minister über den glücklichen Erfolg seiner Unternehmung entzückt fand und bereit, ihn mit neuen Gunstbczeugungen zu überhäufen. Der Rajah von Bangalore behandelte zwar anfangs den Vrahminen Sumbhunat mit Achtung, bereitete sich aber in's Geheim zum Kriege vor, und sobald er sich im Stande glaubte, das Joch abzuschütteln, warf er dm Brahminen in's Gefängniß. Als man dieses in Seringapatam erfuhr, wurde Hyder mit einer Armee von 42,000 Mann abgesandt, um Bangalore von Neuem zu unterwerfen. Er langte nach einem zehntägigen Marsche vor den Thoren des Ortes an, der Najah aber kam schon zwölf Cose weit dem Feinde entgegen und nach einem hartnäckigen Gefechte, das den 6. des Monats Eifer, im Jahre der Hejirah ii60 (1747) stattfand, schlug sich der Sieg auf Hyder's Seite. Das Fort fiel in seine Hände und lieferte ihm eine ansehnliche Beute; der Rajah, Lekhymcn Raj mit Namen, wurde zum Gefangenen gemacht und seine ganze Familie in's Gefängniß geworfen. Nur ein geringer Theil der Beute wurde mit den Beglückwünschungen zum Erfolge des Kampfes an Gorachuri abgeschickt, der Vrahminc Sumbhunat wurde in Bangalore angestellt und Hyder beschäftigte sich nun damit, die Mahl's oder Districtc zu besuchen und die Abgaben persönlich festzusetzen. Die dem Gorachuri über seine Bemühungen abgestattetcn Berichte gefielen diesem so sehr, daß er diese neue Eroberung seinem Generale als Iaghirc anwies, mit dem Befehl, dort zu bleiben. Mit triumfthirmder Selbstbefriedigung sah nunmehr Hyder Ali das Ziel seiner ehrgeizigen Absichten naher gekommen, und fing nun an, von allen Seiten Truppen anzuwerben, unter dem 25 Vorwande, scinc Eroberungen zu behaupten. Ginige Jahre später griff er den Zemindar von Chuc Balapur an, dessen Gebiet 36 Cose von Bangalore mtfcrnt liegt; dieser Rajah vertheidigte sich nur ein paar Tage, dann ergriff er die Flucht und überließ den Siegern eine reiche Beute, von welcher Hyder nur einige Seltenheiten nebst einem Glückwunschschreiben an den Hof von Seringa-patam sandte. Das Uebrige behielt er selbst. Der Minister hatte schon früher Ursache gefunden, die blmdc Vorliebe für Hyder zu bereuen, die ihn bewogen hatte, ihn zu einem so gefährlichen Grade von Macht und Ansehen zu erheben, und ersann neue Pläne, um der Gefahr eines gewaltigen Nebenbuhlers in der Herrschaft zu entgehen; er schlug seinen getreuen Rathen vor, Hyder Ali an den Hof zu locken und dann sich seiner Person zu versichern, indem man ihn festsetzte. Die Räthe stimmten alle der Nothwendigkeit bei, diesen Entwurf auszuführen und versprachen ihre persönliche Hülfe, um ihn in's Werk zu setzen. Der Dalaway schrieb dieserhalb an Hyder einen Brief, worin er den warmen Wunsch äußerte, ihn wieder einmal zu sehen und ihn in der freundschaftlichsten Weise einlud, an den Hof zu kommen. — Hyder aber hatte einen geheimen Kundschafter bei Hofe, dem er monatlich 500 Rupien zahlte und der ihm von Allem, was bei Hofe etwa vorging, Nachricht geben mußte, so weit er Zutritt zu den Geheimnissen dieser Kreise gewinnen konnte. Durch ihn erhielt Hyder Ali Kunde von dem wahren Zwecke jenes Einladungsbriefes bereits früher, ehe dieser selbst eintraf; nach reiflicher Ueberlegung, was nun zu thun sei, begab er sich von Chuc Va-lapur, wo er sich eben aufhielt, nach Bangalore, versammelte hier seine Truppen und marschirte mit ihnen nach Seringapatam, wo er sein Lager im Garten von des Rajah's Mutter, Maha Rani's, aufschlug. An dem nämlichen Abend seiner Ankunft begab er sich von einigen treuen Leuten begleitet nach Hofe, um, wie gewöhnlich, dem Dalaway seine Hochachtung zu bezeugen, und obgleich 26 hier AlleS zu Hydcr's Ermordung in Bereitschaft geseht worden war, so ließ man doch die Gelegenheit vorübergehen, ohne sie zu benutzen; — man bestimmte zur Ausführung dieser Handlung seinen zweiten Besuch, aber die Liebe der Officiere und Soldaten für Hyder bewog einige von ihnen, ihm den gefaßten Entschluß zu entdecken. Obgleich Hyder denselben schon vorher recht gut kannte, affectirte er doch ebenso große Ueberraschung, als Furcht bei dieser Nachricht und fragte die Officierc um Rath, wie man bm Minister seines Amtes entsetzen könne? Man verwendete einige Tage dazu, um die nöthigen Anstalten zu treffen, welche Hydcr'S Planen entsprachen, bann begab er sich nach dem Paläste des Ministers unter dem Vorwandc, ihm einen Besuch abzustatten; er besetzte die Pforte mit seinen Soldaten, ging mit zahlreichem Gefolge in das Innere des Gebäudes und machte hier ohne Widerstand den Dalaway und dessen ganze Familie zu Gefangenen. Eine Truppenabtheilung wurde nun abgesandt, um das Fort zu unterwerfen, der Rajah unterwarf sich jedoch freiwillig und entging dadurch dem Tode, der seinen Minister erwartete. Einige Tage später rief der Rajah den Hyder Ali an den Hof, gab ihm einen Sitz nahe bei seinem Throne und erklärte öffentlich, daß eS schon langst sein Vorsatz gewesen sei, Gorachmi seines AmteS als Dalaway zu entsetzen und diesen Posten Hyder zu übergeben; da die Begebenheit der letzten Zeit ohne seine Mitwirkung geschehen fei, so übergebe er mit Vergnügen die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten den Händen Hydcr's. Da Hyder genugsam den Rajah eingeschüchtert sah, so war er sehr freigebig mit Versicherungen der Treue und Anhänglichkeit und schützte den Plan des Ministers als alleinigen Beweggrund seines gewaltsamen Einschreitens gegen die Absichten auf seine Person vor. Am anderen Tage begab er sich wieder an den Hof und forderte von dem Rajah eine schriftliche Akte (einen Sunnud), die ihm und seinen Erben das Amt eines Dalaway auf ewige 27 Zeiten verleihe; der Rajah, die Folgm einer abschlagigen Antwort fürchtend, bewilligte diese Forderung und begnügte sich dagegen, von Hyder einen Ahed Nama, d. i. einen Contract für sich und seine Erben zu fordern, wodurch Hyder für sich und seine Nachkommen Unterwürfigkeit gegen den Rajah und dessen Thronfolger gelobte. So erwarb sich Hyder Ali die Oberherrschaft von Seringa-patam, fuhr aber fort, den Titulaturfürsten mit Ehrfurcht zu behandeln; alle Eroberungen wurden in seinen Namen gemacht und man sandte ihm bei solchen Gelegenheiten die üblichen Geschenke. Von dieser Zeit an machte Hyder den Subahdar'S von Deccan den Hof, sandte ihnen oft Bittschriften und Geschenke und zahlte ihnen zuweilen Peschcusch oder Tribut, in der Hoffnung, von ihnen Titel zu erlangen; jedoch blieb dies lange ohne Erfolg. — Einige Jahre spater starb Bydri Sumbhu, Rajah von Bednorc, ohne Leibescrben, doch hatte er kurz vor seinem Tobe einen jungen Brahmincn, Namens Rajah Maha Vubhi, an Sohnesstatt angenommen, die Witwe jedoch bemächtigte sich der Regierung und Maha Budhi floh nach Seringavatam, wo er Hyder anflehte, ihn mit dem Raj, d. i. Königswürdc, von Bednorc (oder Bidenore) zu belehnen und die Königin zu vertreiben. Hyder folgte diesem Ansinnen, zog mit feiner Macht gegen die Fürstin (Rani) vonBcdnore und schlug deren Armee; sie flüchtete in ihre Hauptfestung, die sich aber gleichfalls nach einer Belagerung von 27 Tagen ergeben mußte. Der junge Brahmine, nut dem Hyder einen Tractat geschlossen hatte, glaubte nun alle seine Wünsche erreicht zu haben, als Hyder ihn Plötzlich ermorden ließ und den Staat von Bcdnore seinen früheren Eroberungen hinzufügte. Kirftaraj, Zemindar von Sunda, der von Bednore abhing, hatte die Klugheit, sich und sein Gebiet Hyder's Oberherrschaft zu unterwerfen. Nachdem Hyder den Ertrag der Abgaben in Bcdnorc 28 und Sunba genau erforscht hatte, bestimmte er deren Größe, ließ die rings um Bednore liegenden, bisher sehr vernachlässigten Län-dereien verbessern und veränderte den Namen der Stadt, die er Hybernagor benannte. Ungefähr um diese Zeit gab der Subahdar von Deccan, Nizam Dowla, dem Hyder den Titel eines „Nuab Hyder Ali Khan Bahauder" und sandte ihm die gewöhnlichen Insignien des Adelstandes, die in dem „Mahi" ober dem Fischkopfe bestehen, der am Ende eines Scepters ausgeschnitten ist, ferner in der „Nowbet", einer kleinen Trommel, die vor StandeS-personen hergctragen und geschlagen wirb, endlich in dem „Khelat" oder der Ehrenklcidung. Im Jahre 1478 der Hcjirah N764) kehrte Hyder seine Waffen gegen die Länder von Eoorga und Malabar; diese waren schon seit den frühesten Zeiten den, Rajah's von Anagundi unterworfen gewesen, die ehemals mif unbestrittener Gewalt über die sechs Subahdarcien des Deccans herrschten. Diese Rajah's von Anagundi sind die Nachkommen der alten Monarchen von Veja-nagur, deren Herrschaft sich über die ganze Halbinsel erstreckte. Der Coorga Rajah, welcher ein Nair von Geburt war, kam aber dem Hyder entgegen; die Feindseligkeiten dauerten einen Monat lang mit unentschiedenem Erfolge und wechselndem Glücke, bis sich endlich der Rajah, nach einer gänzlichen Niederlage, genöthigt sah, sich in sein Fort von Coorga einzuschließen. Die Belagerung dauerte etwas über drei Monate, der Platz ergab sich am 14. Mohurrum 1179 (1765), nachdem sich der Najah zuvor nach Malabar geflüchtet hatte. Hyder prüfte wie gewöhnlich die Landeseinkünfte, setzte sie fest, ernannte den Mahomed Samo zum Statthalter des Landes und zog nun gegen einen anderen Rajah, der den Coorga Najah aufgenommen hatte. Die Belagerung von dessen Hauptfort währte vier Monate, da vergiftete sich der Rajah, man ließ aber seine Kinder unter der Bedingung leben, daß sie eine Entsagungs-Aktc unterzeichneten. 29 Zwei Jahre später vergrößerte Hyder seine Besitzungen in Malabar burch neue Eroberungen. Bald nachher wandte sich Nizam ud Dowla an Hyder, um ihn um Hülfe anzusprechen, die Mahratten von Sera zu vertreiben, was er auch glücklich vollbrachte, obgleich diese letzteren, Hyder's Kriege mit den kleinen malabarischm Fürsten benutzend, bald zurückkehrten und sich jeneS Sircar's noch einmal bemächtigten. (Die mongolische Ginthcilung der Lander war folgende: eine Subahdarei, oder ein Vicekönig-reich, war in Sircar's eingetheilt; ein Sircar in Pmgunnah's; ein Purgunnah in Mahl's.) Hyder aber verjagte sie bald wieder und entriß binnen Jahresfrist die äußerst starten Bcrgfestungen von Gojimder, Badami und Dharwar dem Roghu Raw; der Mah-rattcnhauptling Morari Raw wurde aus dem Bezirke von Guti vertueben und dieser dem Gebiete Hyder's mit einverleibt. — Raidurg und Sitoldurg, sonst auch Chittledroog genannt, gehörten nebst dem dazu gehörigen Gebiete zwei Brüdern, Porsuti Burma und Iuggoti Burma; sie hielten Hyder's wiederholte Angriffe fünf Jahre lang aus, mußten sich aber doch am Ende durch die Flucht retten, und ihre sonst unüberwindlichen Bergfcstungen vermehrten die Macht ihres Alles an sich reißenden Feindes. Das Gebiet von Kirpa, das Halim Khan gehörte, war Hyder's nächste Eroberung und mit seinen früher eroberten Besitzungen vereinigt, machten nun dieselben im Ganzen einen so mächtigen Staat auS, baß er den Deccan zittern machte. Ich übergehe hier die schon von anderen Schriftstellern beschriebenen langen Streitigkeiten mit der englischen Nation, zumal ich im Kapitel 22 noch einmal chronologisch daraus zurückkommen muß und es mir hier nur darum zu thun ist, das weniger historisch Bekannte mit aufgefundenen Thatsachen zu füllen; man weiß, daß jene Kriege mit den Engländern durch kein entscheidendes Gefecht zu Ende kamen, bis endlich am Ersten des MonatS Mohmrum im Jahre 1l97 dcr Hcjirah (1782) Hyder Ali Khan Bahaudcr durch seinen 30 Tod die Oberherrschaft an seinen Sohn Futteh Ali Khan, gewöhnlich Tipfto Saib genannt, und dessen Bruder Cmim Saib, Beides rechtmäßige Söhne, hinterließ. Hyder Ali, ohne Zweifel ein Mann von großer Klugheit und Vorsicht, Tapferkeit und Großmuth, ragte unter seinen Zeitgenossen bedeutend hervor. Ich habe die Mittheilungen über ihn persönlich in Hyderabad nachgesucht und schriftlich wie mündlich erfahren. Sultan Tip Po Saib (auch Tippoo Saheb geschrieben) starb in einem Alter von 43 Jahren. Nach der Aussage von Personen, denen sich mehrere Male die Gelegenheil dargeboten, ihn persönlich zu sehen, war seine Leibcsbeschaffcnhcit sehr geschwächt, er war zweien Krankheiten unterworfen, deren öftere Anfalle ihn zwangen, alle Tage Medicin einzunehmen. Er hatte eine Höhe von 5 Fuß 9 Zoll, er war etwas fett, obgleich er früher sehr mager gewesen sein soll; sein Gesicht war rund, mit großen, hervorstehenden Augen, die viel Lebhaftigkeit und Feuer zeigten; er trug einen Knebelbart, aber keinen anderen; er hatte einen kurzen Hals und breite Schultern, seine Glieder waren klein, besonders Hände und Füße, er hatte eine gebogene Nase und kleine, stark gewölbte Augenbrauen; seine Hautfarbe war sehr braun, und ber gewöhnliche Ausdruck seines Gesichts nicht ohne Würde. Hubbeeb DoNah, sem nstnSenewü, und RajaCawn, M AeblmgMwn, nn ^Mdia«, rechtschaffen« Mann, welche Beide den Charakter des verstorbenen Sultans recht gut kannten, versichern, daß er wahrend seines Paters Lebzeit von dessen Ministern und Günstlingen allgemein geliebt und geachtet wmde und sie die größten Erwartungen von seiner Thronbesteigung gehegt hätten; aber von dem Augenblicke an, wo er den Musnud (Thron) bestieg, fingen diese schönen Hoffnungen an zu schwinden und seine Handlungen scheinen von dieser Periode an nur durch Ehrgeiz, Eigensinn und Grausamkeit geleitet worden zu sein. 31 Er war weder ein so kluger Staatsmann als erfahrener General, wie man von ihm gerühmt hat; obgleich er Vorsicht besaß, noch an Klugheit und Raschheit Mangel hatte, so fehlten ihm doch gänzlich die Starke und umfassende Kraft des GeisteS, die zu wahrer Größe unumgänglich nöthig sind. — Selbstsüchtig, schlau und habsüchtig in der Regierung wie im Kriege, handelte er immer nach engherzigen Grundsätzen; als Krieger war er tapfer, vorsichtig und unerschrocken, aber sein Muth war mit Grausamkeit verbunden, seine Festigkeit war die Frucht seiner Hartnäckigkeit und nicht eines gerechten Zutrauens in seine eigenen Kräfte und er bewies wenig Unternehmungsgeist. — Als Staatsmann zeigte er wenig Untcrschcidungskraft und noch weniger Scharfsinn; obgleich er voll Arglist war, so wendete er sie doch selten glücklich an. Die Pläne, welche er entwarf, um seine Feinde zu überlisten, gelangen fast nie. Grausam von Charakter und ungestüm von Natur, beging er oft Handlungen der furchtbarsten Tyrannei, obgleich seine Klugheit ihn antrieb, im Allgemeinen seine Unterthanen mit einem gewissen Grade von Gerechtigkeit und Milde zu behandeln, so daß sie wirklich weniger unterdrückt erschienen, als die jedes anderen muhamcbamschen Fürsten in Indien. — Tippo besaß den Ehrgeiz, seinen Vater in Allem übertreffen zu wollen und die Eitelkeit, zu glauben, daß er diesem außerordentlichen Manne weit überlegen sei; aber er übertraf ihn in nichts, als in den niederen Künsten geheimer Intriguen und öffentlichen Verrath es. Hyder Ali war nicht nm mit einem großen Genius begabt, sondern hatte auch vielfache Tugenden; er war ein tüchtiger Staatsmann, ein unternehmender Krieger, ein treuer Bundesgenosse, ein strenger Beobachter des Kricgsrcchts, ein gütiger Monarch, ein Muhamedaner ohne Aberglauben, ein standhafter Freund und nachsichtiger Vater. Tipfto'S Talente waren wenig über das Mittelmäßige erhaben, die Eigenschaften seines Herzens standen noch 32 darunter; er war in Staatssachcn engherzig und voll Vorurtheile, er zeigte in Anführung seines Heeres nie die Talente eines Generals; die wenigen Siege, welche er erfocht, wurden durch empörende Grausamkeiten besteckt; in seinen Bündnissen war er treu, nicht aus Grundsatz der Ehre und Redlichkeit, sondern aus Haß gegen seine Feinde; er verachtete im Kriege alle Nechte, welche gesitteten Nationen heilig waren; in der Verwaltung seiner Regierung war er gelinde, nur weil sein eigenes Interesse eS so erforderte, in seiner Religion war er finsterer, grausamer Fanatiker, für Freundschaft hatte er ebenso wenig Gefühl, wie vaterliche Liebe für seine Kinder. Hyder Ali erhob sich ohne alle Erziehung durch sich selbst und seine natürlichen Fähigkeiten aus dem niederen Leben auf den Thron eines mächtigen, sclbstgcschaffcncn Königreichs; Tiftpo, obgleich von seiner ersten Jugend an in der Staatskunst unterwiesen und von seinem Vater an die Spitze einer von diesem hinterlassenen gut disciplinirtm Armee gestellt, die je ein indischer Fürst besaß, verlor dieses Ncich für sich und seine Nachkommen und opferte seine schöne Armee durch die gröbsten Mißgriffe auf. — Hyder Ali hatte die Geschicklichkcit, die Hülfe der Franzosen seinen eigenen Zwecken unterzuordnen, Tippo ließ sich durch ihre Intriguen hintergehen und zum bloßen Werkzeuge ihrer ehrgeizigen Absichten herabwürdigen. Nicht weniger unterschied sich Tippo von seinem Vater im Privat- und öffentlichen Leben; der Vater besaß die größte Offenherzigkeit, von Lebhaftigkeit und guter Laune begleitet, Tipfto war stolz, hochmüthig, tückisch und strenge; der Vater verachtete das Gepränge der orientalischen Höfe, der Sohn unterhielt im Gegentheile die Pracht und den Stolz des höchsten asiatischen Despotismus; der Vater war aufrichtig und freigebig, der Sohn verrätherisch und geizig — kurz, besaß Hyder alle die Tugenden, die erforderlich waren, um die großen, glänzenden Handlungen hervorzubringen, die er in seinem thatenreichen Leben vollbrachte, 33 und wäre er, statt cineS asiatischen, ein europäischer Fürst gewesen, so würde er unter die Zahl der größten Staatsmänner und Helden gezählt worden sein; Tiftfto hingegen gehört nur unter die Zahl der ostindischen Despoten, denn er war ein zwar listiger, aber unpolitischer Fürst, dessen Leidenschaften seinen Verstand beherrschten, der stets bereit war, seine Rachsucht auf Kosten seiner Interessen zu befriedigen und dadurch endlich ein Opfer seiner eigenen Heuchelei wurde. Eifersüchtig und voll Vorurtheile gegen die Günstlinge seines Vaters entsetzte er die Meisten ihrer Stellen oder erniedrigte sie im Amte; sein Vater suchte immer die Gunst und Zuneigung seiner Armee zu bewahren, Tipfto vernachlässigte dies ganz und da er überdies sehr geizig war, so suchte er immer von seinen Truppen etwas zu gewinnen, sobald die Gelegenheit sich darbot, indem er ihnen oft mehrere Monate lang den Sold zurückhielt, um sie in die Lage zu versetzen, Schulden zu machen; er hatte seine eigenen Leihhäuser, wo er ihnen Geld auf ungeheuere Zinsen lieh, die dann nebst dem geliehenen Capital abgezogen wurden, wenn er ihnen den rückständigen Sold auszahlen ließ. Während der letzten sieben Jahre seines Lebens erschienen seine Handlungen als eine Reihe von Thorheiten, Eigensinn und Schwache; seine Lieblingsbeschäftigung in der letzten Zeit war, Memoranda über die unbedeutendsten Begebenheiten zu schreiben, und er liebte das Lesen. Alle seine Handlungen der letzteren Zeit gaben sich als Eingebungen des Augenblicks kund; es ist unmöglich, bei ihm einen einzigen festen Grundsatz zu entdecken, der ihm zur Richtschnur gedient hätte. Alle seine Anordnungen in jedem Zweige der Staatsverwaltung beweisen einen schwankenden und eigensinnigen Charakter; jedes Jahr, öfters jeden Monat bot er neue Veränderungen des Staatssystems dar, und ehe man das neue System verstehen und gehörig ausführen konnte, wurde ein frischer Plan eingeführt, aber ebenso geschwind wieder aufgegeben. Na» Mö tc rn, Ostindien. «. ^ 34 Besondere Gestchtszüge oder Gattungen von Physiognomien waren genügend, um einen Mann aus der Hefe des Volkes zu hohem Range zu erheben, oder einen Anderen vom Gipfel des Glücks in das tiefste Elend zu stürzen. Seine Regierung war gewissermaßen in einem bestandigen Ncvolutionszustande und ungeachtet der Strenge und Genauigkeit seiner Verordnungen wurde doch niemals ein Fürst so gröblich hintergangen als gerade er, ungeachtet seines Geizes scheint er nicht, wie die meisten indischen Fürsten, was ein sonderbarer Widerspruch in seinem Charakter ist, Vergnügen daran gefunden zu haben, Schatze anzuhäufen, vielmehr bestand sein Stolz darin, eine große Anzahl Leute in Sold zu haben, und es war seine Gleichgültigkeit gegen die Diebstahle seiner Diener unbegreiflich. Es ist schwer zu glauben, daß er gewünscht habcn sollte, seine Unterthanen an Gleichheit der Stande zu gewöhnen, aber er erregte den Unwillen aller, von seinem Vater geprüften Diener und aller Männer von Rang und Ansehen durch die eigensinnige, ohne alle Auswahl geschehende Vermischung von Personen von den untersten Klassm mit denen von den ältesten und angesehensten Familien und von den längsten und treuesten Diensten. Er beförderte öfters einen Tipdar, b. i. Commandanten von hundert Mann, oder einen geringen Aumilbar zu dem Posten eines Meer Mceran (d. i. die höchste militairischc Ehrenstclle) und erhob einen Nißal-dar, d. i. Commandanten von 10—100 Pferden, zu dem Amte eines Meer Assof (d. i. Mitglied des Staatsschatz-RatheS), ober einen unbedeutenden Killedar, d. i. Commandanten eines kleinen Forts, zu dem hohen Posten eines Meer Suddoor, d. i. Gencral-superintcnbanten der Festungen und Präsidenten der Festungsbau-kammcr, mit einem Monatsgchaltc von zehn Pagoden. Während der ganzen Belagerung von Seringapatam scheint er immer von dem festen Gedanken beherrscht gewesen zu sein (sein eigener, beständiger Ausdruck war: „wer kann Seringapatam er- 35 obern?" —), daß diese Stadt unüberwindlich sei, und diesen Gedanken bestärkten seine Hoflcute in ihm, die ihn bis eine Stunde vor dem Sturme zu überreden suchten, daß die Engländer genöthigt sein würben, die Belagerung wegen Mangels an Lebensmitteln aufzugeben und baß ihr Geschütz den Wällen der Stadt wenig geschadet habe. — Als er am Morgen des vierten Mai die Festungswerke selbst besichtigte, entdeckte ihm sein natürlicher Scharfsinn die Gefahr seiner Lage, aber selbst in der höchsten Noth scheint er keinen Gedanken gehabt zu haben, die Hauptstadt zu verlassen. Die britische Regierung in Indien scheint insbesondere der Gegenstand seines unversöhnlichen Hasses gewesen zu sein, den er sehr oft öffentlich zeigte, besonders bei einer gewissen Gelegenheit, wo er in seinem Durbar (Thronhalle, wo die indischen Monarchen Hof halten und Audienzen annehmen) erklärte, daß ein zartes Ehrgefühl der herrschende Zug im Charakter eines Königs sein solle und daß ein Monarch, der durch die Ueberlegenhnt seines Feindes Unglücksfälle erlitten habe, nie ruhen solle, bis er volle Nachc erlangt habe und, was ihn selbst betreffe, er jeden Tag die besten Mittel suchen werde, um seine Feinde zu verderben und daß die Betrachtung dieses Gegenstandes seinen Geist immer beschäftige. „Das Mittel, das ich anwende" — setzte er hinzu, — „um das Unglück, welches mir vor sechs Jahren durch die Arglist meiner Feinde widerfahren ist, immer frisch im Gedächtniß zu bewahren, ist: nicht mehr in einen: baumwollenen, sondern in einem nus Tuch gemachten Bette zu schlafen; wenn ich meine Feinde besiegt haben werbe, dann will ich das baumwollene Bett wieder gebrauchen." — Nach dem Frieden von 1792 ricthcn ihm einige seiner Rathe sehr ernstlich, die überflüssigen Personen in den verschiedenen De-ftartemcnts der Staatsverwaltung abzudanken und seine Armee zu vermindern, weil sonst die Einkünfte den AuSgaben nicht mehr angemessen sein würden; er antwortete auf diese weise Vorstellung: 36 „Diese Leute werden von Gott unterhalten, nicht von mir" -^ und er wollte sich zu einer Verminderung der Truppen- und Dienerzahl nicht verstehen. Als er nach Beendigung des Krieges mit den Engländern nach Seringaftatam zurückkehrte, ließ er ein Ver-zeichniß seiner Habe jeder Gattung aufnehmen, die an Geld und anderen Sachen auf den Werth von zwanzig Croren Pagoden sich belief (1 Crore sind 100 Laks, 1 Lak 100,000 Pagoden), also auf 200,000,000 Pagobm (da 1 Pagode dem Werth von 8 englischen Schillingen gleich ist, so betrug sein Vermögen 80,000,000 Pfund Sterling). Im Schatze befanden sich 5 Crore Vahauber Pagoden (4 Rupien werth), die übrigen 15 Crorc bestanden in Juwelen, köstlichen Stoffen und anderen Kostbarkeiten, nebst 700 Elephanten, 6000 Kamcelcn, 11,000 Pferden, 100.000 Ochsen und Kühen, 100,000 Büffeln, 600,000 Schafen, 300,000 Musketen, 300,000 Luntenstinten, 200,000 Säbeln und Schwertern, 1000 Kanonen von verschiedenem Kaliber in der Festung Scringa-patam und ebenso viel in anderen Festungen. Seitdem Tipfto die Regierung angetreten, hatten sich seine Einkünfte sehr vermindert, weil er eine ganz andere Vcrsahrungs-art als die seines Vaters angenommen hatte. Er entfernte von den Aumilbareien alle Vrahmincn und Hindu's, die das Finanzwesen kannten, und ersetzte sie durch Muselmänner, die ganz unwissend darin waren. Aus Fanatismus verbot er in allen seinen Staaten den Verkauf des Arak, der vorher dem Staate eine große Summe eintrug; er vertrieb mehr als 70,000 christliche Einwohner aus den Districten von Vidcnorc und Soanda, die daS Land bcbaueten, wodurch die Einkünfte dieser Länder sehr geschmälert wurden. Durch diese und andere Ursachen, die in der schlechten Regierung begründet waren, verminderten sich die Einkünfte so sehr, daß sie in dem ersten Jahre nach seiner Thronbesteigung nur 37 I'/a Crore Pagoden und später blos cine betrugen, wahrend sie sich zu seines Vaters Ieitm auf zwei volle Crore bclicfcn. Seine Armee bestand aus 7000 Mann disciftlinirtcr Truppen Cavalleric, deren Pferde aus seinen eigenen Marställen waren, und aus 12,000 Mann, deren Pferde gemiethet, ziemlich schlecht und zum Plündern bestimmt waren. Die Artillerie bestand aus 2000 Mann Golandauzc (welche die Stücke bedienen), 8000 Lascar's (welche die Kanonen während des Gebrauches ziehen mußten) — außerdem gab es eine europäische Artillerie aus zwei Compagnien von 30 Mann. — Die Infanterie hatte 2500 Mann Assadulla's oder Chcly's, aus dem Carnatik, 500 Mann derselben Gattung aus Chittledroog, 1500 Mann Ahmuddi's oder Christen aus Bidcnore, 1500 Mann muhamedanische Chely's aus Coorg, 8000 abgesessene, zu Infanterie verwendete Cavalle-ristcn und 55,000 Mann Seapoy's oder eigentliche Infanterie. (Also in Summa 69,000 Mann. Außerdem gab es eine Art Miliz oder Polizeisoldaten, sog. streitbare Peon's und 40,000 Ra-ketenmänncr, 10,000 Schanzcnmänncr, Comattic's, und 60,000 Krankenträger, die mit den Comattie's auch an den Landstraßen arbeiten mußten. Ferner gab es zwei Nissalla's (Regimenter) Topasen, d. i. Abkömmlinge der Portugiesen, die aber so sehr mit eingeborenem Blute vermischt sind, daß sie von ihren Vorfahren nur Namen und Religion haben und so schwarz aussehen, wie die niedrigsten indischen Kasten, nämlich schmutzig rußig; diesen ist eine Compagnie Europäer, 100 Mann stark, beigefügt, im Ganzen 900 Mann. Das LaUy'sche Corps bestand aus einer Schwadron europäischer Cavallerie (80 Mann), aus Infanterie, mit Eingeborenen vermischt (180 M.), aus Seapoy's (250 M.), in Summa 630 Mann. Tippo hat große Veränderungen in seiner Armee vorgenommen ; sein Vater hatte eine Vorliebe für Cavallcrie und unterhielt ein viel zahlreicheres Corps dieser Waffe als sein Sohn, der die 38 Infanterie liebte und deßhalb vermehrte. 5990 seiner eigenen Pferde waren als regelmäßige Cavallcrie abgerichtet, die übrigen 200 Pferde dienten einer mongolischen Cavalleric. Er hatte persische Ausdrücke für die Commandowörter gewählt, die vor ihm theils auf englisch, theils auf französisch gegeben wurden; so hatte er auch die Namen der Truftpenabthcilungcn verändert. Nach semer Anordnung wurde in der Cavallerie eine Schwadron von 95 Mann Yews genannt. DerSubibarsCapitam) hieß YewS-dar, der Icmidar (Lieutenant) hieß Surkele. Ein Regiment von vier Yews ein Tub, sein Obrist Tub dar — vier Tub's bildeten einen Mowkoub, dessen Commandant Mowkoubbar hieß; die gemeinen Cavalleristen wurden Oskur's genannt. — In der Infanterie wurde eine Compagnie von 425 Mann Iowk geheißen, der Subibar: Iowkdar, der Icmidar hieß Surkele, wie in der Cavallerie; vier Iowk's bildeten ein Bataillon, das Rifsalla genannt wurde. Die Seapoy's, oder Infanteriesoldaten, wurden Iish genannt, eine Schildwache: Ehudar, eine Rondc: Kirwaun, die Parole: Nischanc, eine Wache: Munkulla. Jeder Tub hatte zwei Drcipfünder reitender Artillerie und jedes Rissalla zwei Scchspfünder. Eine Kouschoon oder Division bestand aus einem Tub Cavallcric, vier Rissalla's Infanterie und zwei Achtzehnftfündcrn. Die Kanonen der reitenden Artillerie wurden von Mauleseln gezogen, alles Zugvieh war Eigenthum des Sultans. Jede Kouschoon hatte nur einen Elephanten, um die Kanonen bei schwierigen Passagen zu bewegen. Cavallcrie und Infanterie waren beide in blau und weiß gestreifte Stoffe gekleidet, die im Lande hier verfertigt wurden. Tippo war ein großer Freund vom Neitcn und ritt vortrefflich. Er mißbilligte den Gebrauch des Palankeen's und Hackeric's, einer Art zweiräderiger, unbehülflicher, bedeckter Wagen, hauptsächlich für Frauen bestimmt, überhaupt alle Fuhrwerke, weil, wie 39 er sich ausdrückte, nur Weiber sie gebrauchen sollten. In seiner Kleidung war er sehr einfach, er trug gewöhnlich einen Säbel an einem über die Schulter geworfenen Wehrgehänge, und einen Dolch in seinem Gürtel. Jedesmal, wenn er öffentlich erschien, entweder zu Pferde oder zu Fuße, war er stets von einem großen Gefolge von Dienern begleitet, welche Musketen und Jagdgewehre trugen. Mit diesem Gefolge erschien cr öfters auf den Wällen während der Belagerung. Seine Gedanken waren immer auf Krieg und Kriegsrüstungen gerichtet; man hörte ihn öfters sagen: „daß er lieber zwei Tage als Tiger, denn zweihundert Jahre alS Schas leben wolle." — Er hatte auch das Bild des königlichen Tigers als Staatssinnbild und Wappen angenommen, der Tigerkopf und die Streifen des Tigerfells bildeten auch die Hauptvcrzicrungcn seines Throns und aller Geräthschaften, die ihm gehörten und ihn umgaben. Auf seinen Waffen befand sich eine Chiffre aus den Worten: „Assu-boolla ul Ghau lib" — mit arabischen Buchstaben geschrieben; sie heißen: „der Löwe Gottes ist der Ucberwinder." — Diese Worte waren so gesetzt, daß sie die Achnlichkcit eines Tigerkopfes hatten. Der Titel eines „Löwen Gottes" war nämlich von Mahomed dessen Schwiegersohn Ali (Ally) gegeben worden, um die Tapferkeit und Unerschrockenhcit zu bezeichnen, durch die er sich unter der Fahne des Propheten ausgezeichnet hatte. Unzählig sind die Sagen und Legenden der Heldenthaten dieses berühmten Kriegers. Sultan Tiftfto scheint diesen muhamcdanischen Heiligen als den Genius ober Schutzgcist seiner Staaten erkoren zu haben, sowie als besonderen Gegenstand seiner Ehrfurcht und als Beispiel seiner Nachahmung; seine Wahl des Tigers als Sinnbild scheint auch Ali zu ehren geschehen zu sein, denn die Einwohner von Hindostan machen kcinen Unterschied zwischen Löwen und Tigern; der erstere wird nur in den nördlichen Theilen von Hinbostan gefunden, der letztere aber ist in allen Gegenden Hindostans sehr 40 zahlreich. Daher wirb das Wort Assub, das alle europäischen Orientalisten als Löwe übersetzen, von den Eingeborenen Hin-dostans als Sheer oder Tiger übersetzt. Auch der Name Hyder, der eigentlich auch Löwe bedeutet, aber von den Hindu's auch als Tiger bezeichnet wird, war ein Titel Ali's. Der Name Hyder (durch den dreifachen Umstand ausgezeichnet, daß er ein Titel Ali's, Mahomed's Schwiegersöhne, daß er der Name von Tiftfto's gewühltem Sinnbilde und zugleich der Name dcS Vaters lHydcr 3W, des Stifters seines Reiches, war) wurde daher von Tiftfto bei jeder Gelegenheit im Munde geführt und entweder das ganze Wort oder dessen erster Buchstabe jedem Geräthe, das ihm gehörte, aufgeprägt. Nach dem Frieden von 1792 nahm Tiftpo für seine Monarchie den Titel: Khoodadaud Sircar, an, der wörtlich bedeutet: die Gabe Gottes Regierung. — Mit diesem Titel bezeichnete er von da an unabänderlich seinen Hof in allen Briefen, Akten und Do-cumcnten jeglicher Art. (Khoodadaud heißt Gottesgabe, Sircar: Regierung.) Während der Belagerung wohnte Hubbccb Oollah einem Durbar bei, wo Tippo zu Vubr-ul-Zemaun Khan (dem Derwar, welcher sich im letzten Kriege gegen die Engländer so tapfer vertheidigt hat) sagte: „Ich habe in meinem Leben vielen Gefechten beigewohnt, aber niemals der Vertheidigung einer Festung; ich habe deßhalb keine Kenntniß von der besten Art, diese Festung zu vertheidigen. Nach Beendigung dieser Bclagcruug durch Gottes ^. Beistand will ich mir auch diesen Zweig der Kricgswissenschaften zu eigen machen." — Wenn er eine Sache von großer Wichtigkeit abzumachen oder Briefe zu schreiben hatte, die Ucberlcgung forderten, so widmete er immer einen Tag seinem eigenen Nachdenken darüber, ehe er seine Räthe um Rath fragte. Nachdem er den Gegenstand, der zu berathen war, genugsam geprüft hatte, versammelte er seine ersten 41 Staatsdiener aus ben verschiedenen Departements, und nachdem er die Natur des Gegenstandes, der ihrer Berathung übergeben war, auseinander gesetzt hatte, forderte er von jedem Beisitzer dessen Meinung schriftlich. Er zog indessen wenig Nutzen aus seinen Berath schlagungcn, da die meisten dieser Räthe, welche des Sultans Dispositionen kannten, ihre Meinung nach seinen Wünschen einrichteten. Einige wenige unter ihnen, die seine Wohlfahrt wirklich zu Herzen nahmen, sagten offenherzig, was sie für nützlich hielten, ohne seine Vorurthcile zu beachten. Vci solchen Gelegenheiten aber zeigte der Sultan immer großen Unwillen über Andersdenkende, den er oft unverhohlen gegen die Schmeichler seiner Meinung äußerte, indem er z.B. verächtlich sagte: „Von was sprechen denn diese Kerle? Sind sie bei Sinnen? Macht ihnen doch cm Bischen gesunde Vernunft!" Als seine wahren, aufrichtigen Räthe bemerkten, daß ihre abweichende Meinung nie geachtet und ihnen sowohl wie ihren Familien verderblich nachgetragen wurde, sahen sie sich endlich gezwungen, ihre Meinungen seinem Eigensinne und seinen Vomrthcilen anzupassen. Es war Niemand erlaubt, solchen Berathungen beizuwohnen, außer den vertrauetcn Moonshic's, oder Secretairen, und den Beamten der verschiedenen Verwaltungsbepartements. Tippo war allen geistigen Getränken und allen Arten von aufregenden Arzneien, wie Opium :c., sehr Feind und verbot dessen Verkauf auf das Strengste in allen seinen Staaten. Als Meer Sabduk, sein Minister, ihn: vorstellte, welchen großen Verlust er seit einigen Jahren dnrch seine Edictc gegen den Verkauf dieser Artikel den Staatseinkünften verursacht habe, antwortete der Sultan: „Könige sollen in ihren Verordnungen unveränderlich sein, Gott hat den Gebrauch des Weins verboten und ich werde fortfahren, den strengsten Gehorsam meines über diesen Gegenstand gegebenen Edicts zu erzwingen." Er liebte neue Erfindungen außerordentlich und verschwendete 42 oft ungeheuere Summen daran, ohne wahren Nutzen daraus zu ziehen. In seinem Palaste fand man eine große Menge und Verschiedenheit seltener Säbel, Dolche, Pistolcnn., von denen viele von vortrefflicher Arbeit mit Gold und Silber verziert und auf's Schönste mit Tigerköftfen und Tigerfellstreifen eingelegt, oder mit persischen und arabischen Sprüchen in Gold versehen waren. Das auf diese Art verschwendete Gold nebst den 3,300,000 Pfund Sterling, die er beim Schlüsse des Krieges im Jahre 4792 den Alliirten bezahlen mußte, sowie der Umstand, daß von dieser Zeit an seine Ausgaben beständig die Einkünfte um 10 Laks Pagoden (400,000 Pfd. Sterl.) jährlich überstiegen, wurden die Ursache, baß der Staatsschatz in Seringaftatam sehr vermindert und weit unter der allgemeinen Erwartung gefunden wurde. Hätte übrigens Tiftpo länger gelebt, so würde er höchst wahrscheinlich auf Kosten seiner Unterthanen den Staatsschah wieder gefüllt haben. Der Sultan stand gewöhnlich mit Tagesanbruch auf; — nachdem er „Hamporä" (d. h. die im ganzen Orient gebräuchliche, in Indien täglich wiederholte Knetung und Auscinander-ziehung der Glieder und Gelenke, um den Umlauf des Blutes und der Säfte zu fördern) und abgerieben worden war, wusch er sich und las dann eine Stunde lang den Koran. Alsdann gab er denjenigen seiner Officiere und Civilbeamten, die ihn wegen öffentlicher Angelegenheiten sprechen mußten, Audienz; bann brachte er etwa eine halbe Stunde mit Besichtigung des Iambar Khana zu, d. i. der Ort, wo die Juwelen und Kostbarkeiten aufbewahrt wurden. Bei seiner Rückkunft fand er sein Frühstück zubereitet, bei diesem Mahle waren gewöhnlich seine drei jüngsten Kinder und ein Moonshic gegenwärtig. War aber etwas Besonderes abzumachen, so schloß er sich beim Frühstück mit seinen Räthen ein und die Kinder wurden dann nicht gebracht. Seine Günstlinge und Diejenigen, welche er am meisten un 43 Rath fragte, waren Meer Sabduk, der Binkey Nabob, Sind Mahomed Assof, Purneah, Ahmud Khan und sein erster Secretair Hubbceb Oollah. — Während des Frühstücks unterhielt sich Tiftpo meistens über seine vergangenen Kriege und Heldenthaten und über seine zukünftigen Entwürfe. Um diese Ieit minutirte er auch dictirend die Briefe, welche er geschrieben haben wollte. Seine Diät beim Frühstück bestand aus Nüssen, Mandeln, Früchten, Gelbes und Milch. — Nach dem Frühstücke zog er kostbare Kleider cm und begab sich nach dem Dmbar, wo er Audienz ertheilte und die gewöhnlichen Angelegenheiten seines Reichs besorgte. Zu anderer Zeit war seine Kleidung einfach und aus groben Stoffen verfertigt. Es war seine Gewohnheit, jeden Morgen die neuen Truppen und Rekruten zu mustern und sie um ihre Kaste, Religion und Kenntnisse wie um ihr Vaterland zu befragen. War er mit seiner Untersuchung zufrieden, so wurden sie auf höheren Sold geseht; fand er sie aber in der Kenntniß des muhamedanischcn Glaubens mangelhaft oder gar unwissend, so wurden sie dem Cazy und der Cutchery, zu welcher sie gehörten, übergeben, um in den Grundsätzen ihrer Religion unterrichtet zu werden. Dieser Cazy war der Moollah oder Feldftriester der Truppen. — Solche Prüfungen dauerten oft mehrere Stunden. Nachmittags, wenn Tiftpo Zeit hatte, ritt er gewöhnlich auS, um seine Truppen zu crcrcircn. Er stellte sich bann aus das Außenwelk vor dem Bangalore oder der östlichen Thür, von wo auS er ihre Manoeuvres leitete. An anderen Tagen nahm er die Ausbesserungen der Festungswerke und öffentlichen Gebäude in Augenschein. Dann kehrte cr in den Palast zurück, empfing die Berichte über Alles, was in den Zeughäusern, königlichen Manufacture« u. s. w. verfertigt worden war, die Neuigkeiten deS TageS und die Mittheilungen seiner Spione und geheimen Agenten. Um 44 diese Zeit gab er auch seine Tagesbefehle und seine Antworten auf Briefe und Bittschriften, die er auS seinen verschiedenen Provinzen empfangen hatte. Den Nest des Abends brachte er gewöhnlich mit seinen drei ältesten Söhnen, einem oder zweien der obersten Beamten von jedem Staatsdepartement und dem Moonshie Hubbccb Oollah zu. Alle diese Personen speiseten gewöhnlich mit ihm zu Nacht. Oollah behauptet, daß Tipfto's Gespräche lebhaft, unterhaltend und belehrend waren. Es machte ihm Vergnügen, während seiner Mahlzeiten Stellen aus den berühmtesten Geschichtschreibern und Poeten aus dem Stegreife herzusagen. Dann und wann unterhielt er sich auch mit bitteren Bemerkungen und Spöttereien über die Causer's (Ungläubigen) und die Feinde des Sircar's, öfters unterhielt er sich mit dem Cazy und Moonshie über gelehrte und religiöse Gegenstände. Nachdem er die Gesellschaft entlassen hatte, was immer gleich nach Beendigung der Abendmahlzeit geschah, hatte er die Gewohnheit, ganz allein herum zu spazieren, um sich Bewegung zu machen; war er müde, so legte er sich zu Bette und las ein geschichtliches oder religiöses Buch, bis er einschlief. So brachte er gewöhnlich seine Tage hin, ausgenommen, wcnn Sachen von großer Wichtigkeit oder religiöse Ceremonien vorfielen. Im Lager lebte er folgendermaßen: Er stand gewöhnlich um sieben Uhr, auch wohl um acht oder neun Uhr auf; an Ruhetagen wusch er sich und nahm Medicin; dann trat der Barbier ein und während dieser ihn rasirtc, erschien der erste Aukbar Ncvise oder Neuigkeitcnschreiber im Zelte des Sultans mit den Briefen, die in der Nacht angekommen waren, und erzählte ihm die Neuigkeiten aus verschiedenen Ländern, sowie er sie empfangen hatte. Nun kam der Befehlshaber seiner Leibwache und machte seinen Napftort; nach ihm kamen die Adjutanten der verschiedenen Armee-Divisionen, um ebenfalls Rapport abzustatten. Um zwölf Uhr spciscte er zu 45 Mittag, waS eine Stunde dauerte, dann gab er Audienz oder hielt seinen Durbar und besorgte bis fünf Uhr alle vorliegenden Angelegenheiten seines Reichs, darauf gab er die Parole, die er gewöhnlich aus den Planeten oder den Zeichen deS ThicrkreiseS nahm und selbst in ein Vuch schrieb, das bei seiner Leibwache aufbewahrt wurde, wohin die Gencralabjutantcn kamen und die Parole abschrieben. Dann legte sich Tiftpo nieder und schlief eine Stunde, darauf erhob er sich und nahm eine zweite Mahlzeit ein. Jetzt wurden die Moonshic's oder Geheimschreiber gerufen; sie lasen ihm die Briefe vor, die den Tag hindurch eingelaufen waren, er gab ihnen seine Befehle, wie die Correspondenz beantwortet werden sollte. Wenn alles Dieses abgethan, die Briefe ausgefertigt und von ihm unterzeichnet warm, legte er sich, ungefähr um drei Uhr Morgens, zum Schlafen nieder. An Marschtagcn, wo keine Eile nöthig war, verließ die Armee selten ihr Lager vor acht Uhr, nachdem Tiftpo gefrühstückt hatte; auf dem Marsche ließ er sich in seinem Palankeen tragen, aber sobald es etwas Besonderes gab, dann bestieg er auf der Stelle sein Pferd. Die Marschordnung war nach den Umständen angeordnet. Während seines letzten Krieges gegen die Mahratten, die ihm an Cavallcrie überlegen waren, marschirtc seine Infanterie immer in vier Colonnen und zwar so: die Cavallerie und Bagage in der Mitte (*). Er lagerte sich immer in einem Viereck; Infanterie und Artillerie besetzten die vier Fronten, die Cavallerie war in der Mitte. Jede Fronte hatte eine offene Straße in ihrer Mitte, die als Bazar oder Markt diente. Ein Kouschoon bildete einen Vorposten vor der Haupt- 46 fronte des Lagers, etwa 12—1500 Schritte davon entfernt; ein Rissalla war wiederum 500 Schritte vor diesem vorgerückt und wahrend des Marsches bildeten diese Vorposten die Vor- und Nachhut und die Flankmwache der Armee. Die Infanterie trug ihre Bagage nicht auf dem Marsche, da der Sircar ihr dazu Tragbahren lieferte. (Dies geschieht auch in Indien bei den englischen Truppen aller Gattungen und ist eine in diesem heißen Klima durchaus nothwendige Vorsicht, um die Soldaten zu schonen.) Die Armee marschirte gewöhnlich täglich 4 Sultani Coss (1 Coss ist 4 engl. Meilen) — auf Eilmärschen dagegen 6—7 Coss täglich. Folgende Thatsache, die wir selbst von Freunden des betreffenden Unglücklichen, die wir in Scringapatam persönlich kennen lernten, mitgetheilt hörten, vermag Tippo's Grausamkeit im klarsten Lichte darzustellen. Gholaum Ali Khan, einer der Gesandten, die Hvber Ali kurz vor seinem Tode nach Frankreich gesandt hatte und die Ludwig XVI. bald nach seiner Thronbesteigung empfing und welche erst nach Hyder's Tode nach Scringapatam zurückkehrten, wurde bei der Audienz, welche dic Gesandten bei ihrer Rückkunft bei dem jungen Monarchen empfingen, von Tippo über Alles, was er in Europa gesehen hatte, befragt, unter Anderem auch, wie der französische Monarch wohne, ob seine Palaste so schön, wie die Tippo's seien. Gholaum antwortete seinem Herrn: „Die Pferde des Königs von Frankreich wohnen besser als Eure Majestät." — Dieses war allerdings eine gewagte Antwort gegen einen asiatischen Despoten, da aber Tippo sich, wie schon erwähnt worden, bis zu seiner Thronbesteigung sehr milde und herablassend gezeigt hatte, so konnte der arme Mann wohl glauben, sein Sar-kasmus würde ihm verziehen werden, aber er irrte sich furchtbar. Der junge Tiger machte an ihm den Anfang, seinen Blutdurst zu zeigen und ließ dem armen Gholaum auf der Stelle alle Gelenke durchschneiden; er überlebte zwar die grausame Operation, konnte 47 aber kein Glied mehr bewegen. Viele sahen ihn als einen alten, hülflosm Krüppel. — Tippo's Haufttvergnügen, wenn er in Sermgapatam weilte, bestand darin, Gazellen und Antilopen, die in Indien sehr häufig sind, mit Chcta's, cincr Art zur Jagd abgerichteter Tiger (oder vielmehr Panther) zu jagen. Er verrieth schon seine große Vorliebe für diesen wilden Zeitvertreib durch die Vorsichtsmaßregeln, die er angeordnet hatte, um das Wildpret zu hegen und zu bewahren, sowie durch die Aufmerksamkeit, die er anwendete, um seine Jagdbeute so vollkommen als möglich zu machen. Der Cheta*) hat einen langen Körper, eine schmale, tiefe Brust und dünne Lenden; seine Beine sind im Verhaltnisse zu seinem Körper sehr lang und er gleicht in seiner ganzen Figur mehr dem Windhunde als den übrigen Gattungen des Katzen-geschlcchts. Die Größe seincS Kopfes ist vcrhältnißmäßig kleiner, als bei fast allen anderen verwandten Thiergattungen. Die Haare des Halses, der Brust, des Unterleibes, sowie unter dem Schwänze sind viel länger, als auf dein übrigen Körper, und haben eine schmutzig weiße Farbe. Alle Flecken des Chcta sind abgesondert, der Stumpf und die Glieder sind, außer wo die langen Haare sich befinden, dichter mit diesen Flecken besäet, welche von verschiedener Größe, dunkler Farbe, rund oder oval und auf einem dunkleren Grunde hell braumoth erscheinen. Die Ohren sind kurz und rund und hinten mit einem breiten, dunklen Striche gezeichnet. Der Schwanz, welcher lang, dünn und am Ende buschig ist, hat ebenfalls vier solche Streifen von der Spitze aufwärts. Die Größe eines ausgewachsenen Chcta ist von der Spitze der Nase bis an den Ursprung des Schwanzes drei Fuß acht Zoll, die Länge deS Schwanzes zwei Fuß drei Zoll, die Höhe der Schultern zwei Fuß *) In der Zoologie: Iagdtlger oder Guepard . 5 66 Spitze des Cap Pedro bis Negombo wird von der Bucht der See stark ausgezackt, von dmen mehrere Einschnitte, wenn sie nicht zu seicht wären, ihrer äußeren Lage nach vortreffliche Hafenplätze abgeben würden. Die beträchtlichste dieser Mccrbuchtm erstreckt sich beinahe durch die ganze Insel von Mulipatti auf der östlichen Küste bis zu der Stadt Iaffnapatam, an der westlichen Küste. Alle anderen Küsten der Insel sind felsig und hoch, doch bieten sie, mit Ausnahme einiger Klippen auf der südlichen Seite, dem Seemanne keine weiteren Gefahren dar. Wenn man längs der südlichen Küste von Trincomalee nach Negombo segelt, so bietet die Ansicht des Landes dem Auge ein angenehmes Bild abwechselnder Landschaften dar, ebenso schön, wie erhaben. Mit einem einigermaßen guten Fernrohre erblickt man vom Schiffe aus das Land sich an einigen Stellen ganz all-mälig erheben, an anderen Punkten fast mit senkrechter Küstcn-wand in die Höhe steigen, überall aber mit dem herrlichsten Grün bekleidet, mit Dörfern besäet, die im Schatten hoher Bäume einladen, mit Kornfeldern überzogen, die dem Lande eine regelmäßige Eintheilung geben und oft in vielen Gegenden noch mit grünen Hecken eingefaßt sind. Weiter im Hintergrunde erkennt man große Pflanzungen von Kaffcebäumen, ganze Walder von Zimmt-bäumen und andere Gewürzpflanzen, deren köstliches Arom vom Winde weit fort über das Wasser getrieben wird. Hier und dort ragen die hohen Tamarindcnbäume und Cocospalmen mit ihren majestätischen Gipfeln übrr die Landschaft und dcren Waldung empor, dan,: und wann mit dem stolzen Bananenbaume wechselnd, womit man gern die Umgebung der Wohnungen beschattet, überall aber trifft das Auge auf Bauin und Strauch, die gleichzeitig in Blüthe und Frucht prangen. — Ganz im Hintergründe endlich verliert das Auge die herrlichen Wälder aus dem Gesicht und trifft auf die mannichfaltigcn Abhänge himmelhoher Berge, dcren kahle, 67 rauhe Gipfel sich in den blauen Himmelsraum erheben ober in hohe Wolken eintauchen. Es ist selbst für die lebhafteste und wärmste Einbildungskraft unmöglich, sich lieblichere und prachtvollere Landschaftssccncn zu malen. — Ich habe auf Ceylon am liebsten gelebt; so oft ich die Küste entlang fuhr, wirkte das Bild der Insel immer mit neuen Reizen auf mein Auge und Gefühl, und wohl zwanzig Male schied ich von dem schönen Flecke der Erde mit dem Wunsche, bald die Küste wieder erblicken zu dürfen. Columbo, die Hauptstadt der englischen Herrschaft auf der Insel und die Residenz des königlichen Statthalters, ist sehr angenehm gelegen und zwar in einem der fruchtbarsten, obgleich nicht bevölkcrtsten Theile der Insel, indem Reisfelder, Wiesen und Zimmtgärten auf das Lieblichste mit einander abwechseln. Die Stadt Columbo ist schön gebauct, ziemlich groß, bevölkert und sehr reinlich. Sie war früher von den Holländern ziemlich gut befestigt worden/) aber durch ihre natürliche, starke und geschützte Lage sehr leicht zu einem sehr festen Platze herzustellen. Schon zur Zeit der Holländer wurde hier eine Schule zur Verbreitung der christlichen Religion gestiftet und die Holländer schätzten damals bereits die Zahl der eingeborenen Christen, sowohl Katholiken wie Protestanten, auf 300,000 Seelen, und wenn diese Zahl auch übertrieben genannt werden dürfte, so bestanden die Christen doch in großer Menge vorzugsweise aus den Nachkommen der Portugiesen, den Kindern der Holländer mit eingeborenen Weibern erzeugt, und aus den Proselytm, die aus der Klasse der Chandala's oder Pariah's von Ceylon gemacht worden sind. Denn diese Volksklassc, die in allen Landern, wo die Hindu-Religion herrscht, sich genugsam vorfindet, ist ehrlos; weil ihre Mitglieder *) Das Auftreten der Hollander auf Ceylon ist im ersten Paude Seite 200—225 «. dargestellt. 68 gewissermaßen von dcr menschlichen Gesellschaft ausgestoßen sind, da sie einst die heiligen Gebräuche verletzt habm, welche Brahma's und Budha's Lehren anbefehlen; diese Unglücklichen hören von christlicher Liebe und Brüderlichkeit, sehen darin eine Rettung aus ihrem angeborenen Schicksale und werden durch Ueberredung leicht für die christliche Kirche gewonnen. Ucbrigcns giebt es wenige Beispiele, daß in den anderen hindostanischm Kasten Proselyten gemacht worden sind. Nahe bei Columbo befindet sich ein schöner, der Regierung angehörigcr botanischer Garten. Die größte Unbequemlichkeit von Columbo's Lage besteht aber in seiner offenen Rhcde, die nur während der vier Monate November, December, Januar und Februar sicher ist; sie liegt viel zu offen, als daß Schiffe zur Zeit des Wechsels der Passatwinde, wo die Stürme bedeutend sind, auf dieser Nhede vor Anker liegen bleiben könnten. Ungefähr 15 engl. Meilen nördlich von Columbo befindet sich an dcr Küste vor dcr Stadt Negombo ein unbedeutender Ort, aber der umliegende District liefert den besten Zimmt. Der zweite Platz von Bedeutung nach Columbo ist Iaffna-patam, der auf dem nördlichen Ende der Insel, gegenüber der Küste von Taniore liegt. Er ist stark befestigt. — Auf der östlichen Küste der Insel befindet sich dcr Hafen von Trinco malee, einer dcr größten, schönsten und sichersten Hafen der Welt, in welchem die Seemacht von ganz Europa zu allen Jahreszeiten mit voller Sicherheit vor Anker liegen könnte. Er ist eine große, schöne Bucht, deren Gin- und Ausgang gleich leicht und gefahrlos ist. Der Hafen wird durch zwei Forts vertheidigt, das von Trincomalce und das von Osten bürg. Dieses letztere liegt auf einer Klippe, die ungefähr 1500 Schritte in's Meer hinauslauft. Die Stadt Pun to Gallo (P. di Galle) befindet sich auf dem südlichen Ende dcr Insel, in der schönen und reichen Provinz 69 Matura. Sie hat einen sehr kleinen und unsichcm Haftn und besitzt nichts Merkwürdiges, als baß seit Jahren hier alle Erzeugnisse von Ceylon nach Europa eingeschifft werden. Das ganze Innere der Insel, die kleine Provinz von Coylot oder das Land der Wanee's ausgenommen, wird von den Cin-galesen bewohnt, welche die Ureinwohner der Insel sind. Der allgemeine Anblick des Innern der Insel ist, wie ich bereits von der Ansicht der Küste aus geschildert habe, in hohem Grade malerisch. Hohe Berge, mit uralten Wäldern bedeckt, und breite Thaler, durch unzählige Bache bewässert und befruchtet, und überall gut angebaut und von zahlreichen Reihen üppiger Fruchtbäumc durchschnitten, wechseln mit einander ab. In die Thäler sind viele liebliche, kleine Dörfer eingestreuet, die von den Fruchtbäumen umgeben und beschattet sind und zugleich die wilden Thiere der Walder in die Grenzen ihrer Gebirge zurückhalten. Die angenehmsten Vandschaftsbilder und die entzückendsten Ansichten würde hier der europäische Naturfreund oder Landschaftsmaler in reichster Auswahl antreffen. Der beträchtlichste Berg der Insel wird Ham alell oder Adams spitze genannt; — er liegt auf der südöstlichen Seite von Candy Uda, dem ehemaligen Königreiche Candy im Innern der Insel, und ist von einer ftyramidalischcn Form. Auf seinem Gipfel befindet sich ein großer, flacher Stein, der einen Eindruck ungefähr in der Form eines menschlichen Fußes trägt, aber beträchtlich länger, als der Fuß eines wirklichen Menschen ist, da er beinahe zwei Fuß in die Länge mißt. Die Cingalese» besitzen eine Sage, daß Vudha, der große Stifter ihrer Religion, diese Spur seines Fußes auf jenem Steine hinterlassen habe, als er gegen den Himmel gestiegen sei. Daher wird dieser Stein heilig gehalten und die Cingalese« jedes Alters und Ranges machen jährliche Wallfahrten zu ihm. - Die meisten Flüsse der Insel haben ihre Quelle in diesem Berge und der vorzüglichste dieser 70 Flüsse ist der Malvela gonga, der bci Trincomalce in die See fällt. Die Jahreszeiten in Ceylon sind, ebenso wie auf demVor< gebirge Comorin (an der südlichen Spitze des Festlandes) gänzlich unter dem Einflüsse der Passatwinde. Der südwestliche Passatwind bringt dem westlichen Theile der Insel beständigen Regen, dagegen dem östlichen Insclthcile trockenes Wetter und hellen Himmel; der südöstliche Passatwind hat die entgegengesetzte Wirkung und bringt dem östlichen Inselthcilc die Regenzeit. — Der Regen und das trockene Wetter theilen oder scheiden sich in der Mitte der Insel, denn sehr oft, wenn ich mich auf der einen Seite des Berges Cauras King befand, hatte ich sehr starken Regen, und sobald ich die entgegengesetzte Bergseite erreichte, fand ich trockenes und helles Wetter. Die Insel besitzt verschiedene nützliche Metalle und die meisten Edelsteine Hindostans kommen von Ceylon, darunter solche, die man sonst nirgends findet, wie z. B, das sog. Katzenauge, das aus Schillerquarz besteht und wie das Auge einer Katze schimmert. Kupfer, Blei und Graphit werden in großer Menge gefunden; einer der Verge im Innern enthalt auch, wie die Eingeborenen versichern, Gold. ^ Was das Pflanzenreich anbetrifft, so kann man diese ge> segnete Insel mit vollem Rechte den Garten von Asien nennen, denn (mit etwaiger Ausnahme der Theepflanze und des m a lays'schen Mangostancbaumcs) scheinen alle Bäume, Sträucher, Kräuter und Blumen der großen und fruchtbaren indischen Region der Erde hier auf dieser Insel versammelt zu sein. Auch die Brotfrucht (^.rtooai-r)u8 iuoisk), von welcher man sonst glaubte, daß sie in Otahaiti und den umliegenden Inselgruppen heimisch sei, ist auch auf Ceylon zu Hause. Es giebt in Ceylon zwei Arten davon, die eine, ^. mwßi-ifolia genannt, hat dicke, bis 25 Pfund schwere Früchte. Die andere echte (inoißa), welche auch in 71 Sumatra, Tanjorc, Camatik unter dem Namen „Iacca" gefunden wirb, ist cm 40—50 Fuß hoher Baum, mit großen, ticfge-spaltcnen Blättern und rundlichen 4-5 Pfund schweren Früchten, die wie Melonen aussehen. Man cultivirt sie auch jetzt, indem man eine kernlose Spielart anpflanzt. Sie sind ein Hauptnahrungs-mittcl, denn der Baum tragt 8—9 Monate lang im Jahre immerfort viel Früchte, die man, ehe sie völlig reif sind, abbricht, schält, in Scheiben schneidet, auf heißen Steinen bäckt und aufbewahrt. In diesem Zustande schmeckt sie wie altes Weißbrot, nur süßlicher; man macht auch einen Teig daraus, läßt ihn gähren und bäckt ihn zu Brot. Zwei bis drei Bäume können einen Menschen das ganze Jahr hindurch ernähren. — Der Iimmt bäum (Naurus oinuamomum) ist Ceylon vorzüglich eigen und unterscheidet sich vom Cassialorbeer, der in China, Sumatra und Malabar wächst, der eine weit schlechtere und dickere Zimmtrindc liefert. — Der echte Zimmtbaum wächst auf der ganzen Insel wild, ausgenommen im Districte von Iaffnaftatam. In den Bezirken von Columbo und Matura haben früher die Holländer diesen Baum durch den Anbau veredelt und die Engländer cultivircn denselben mit großer Sorgfalt, da der Ceylon-Zimmt der feinste und angenehmste in der ganzen Handelswclt ist. Die echte Ccylon-Zimmtrinde, wovon die Insel jährlich an 40,000 Centner liefert, erkennt man daran, daß sie hellbraun, so dünn wie Papier und biegsam ist, einen süßlich gcwürzhaften Geschmack hat und ohne Nachgeschmack nicht heftig im Munde brennt. Die erste wird die große Ernte genannt und dauert von April bis August, die zweite oder kleine Ernte dauert von November bis Januar. Man betreibt den Anbau mit vieler Sorgfalt. Der Banian (die Banane, Nu^a s^wutum), welche neben dem gemeinen Pisang in ganz Ostindien vorkommt, dürfte hier eine nähere Beschreibung finden; er ist einer der bedeutendsten Bäume von ganz Hindostan, eine der gütigsten Gaben der Natur 72 in diesem unvergleichlichen Klima, wo die Erde immer fruchtbar und üppig ist. Dieser herrliche Baum, mit ewigem Grün, bildet durch seine schöne Blätterkrone einen ausgedehnten Wald und ist undurchdringlich für die sengenden Sonnenstrahlen, während er selbst von zahlreichen Bewohnern wimmelt. Die Hindu's, welche diesen Baum für heilig halten, nennen ihn Bur. Man findet viele dieser Bäume von ungeheurem Umfange und da sie immerfort an Ausdehnung zunehmen, so könnte man glauben, sie stürben nie, denn jeder vom Stamme ausgehende Ast sendet, sobald er ein gewisses Alter erreicht hat, eine Menge kleiner Fibern aus, welche immer dicker und länger werden, der Grde zustreben, sich in dieselbe einsenken, Wurzel schlagen und bald selbst neue Stämmchen bilden, die nun, nach weiterer Entwickelung, dasselbe wiederholen, so daß jeder Ast bald selbst ein Baum wirb. Dadurch aber hängen die einzelnen Bäume zusammen, wachsen zu ungeheueren grünen Bögen aneinander und bilden hohe Gewölbe, die sich nach und nach über ganze Strecken ausdehnen und aus einem einzigen Stamme dann ein herrlicher Wald herausgewachsen ist. Man kann diesem Baume keine Grenzen setzen, denn so lange er günstigen Boden findet, der ihm Nahrung darbietet, so lange breitet er sein grünes Laubdach aus. Wenn man den großen Nutzen dieses Baumes für die Bewohner eines heißen Klima's, wie das von Indien, bedenkt, da er ihnen immer einen kühlen Schatten darbietet, so darf man sich nicht wundern, daß die Einwohner jener Lander ihm Liebe und Ehrfurcht zollen. Sie betrachten ihn als ein Sinnbild der großen Gottheit und beten ihn als solches an. — Da sich im Umkreise eines solchen Baumes viele einsame und kühle Lauben, herrliche Spaziergänge und liebliche Alleen finden, die für die senkrechten und brennenden tropischen Sonnenstrahlen undurchdringlich sind, so bringen viele Brahminen fast ihr ganzes Leben darunter zu; aber sie dienen nicht nur bequemen oder andächtigen Personen als 73 Zufluchtsort, sondern sind auch vielfach der Ort des Vergnügens und der Fröhlichkeit für alle Hindu's. Der merkwürdigste Baum dieser Art, den ich jemals gesehen habe, befindet sich auf dem Fcstlanbe am Ufer des Narbubba-flufseS, der sich bekanntlich in den Meerbusen von Cambay ergießt; er war früher noch viel größer, denn dic Wellen des Nar-bubba haben einen beträchtlichen Theil des Bodens, worauf er steht, fortgerissen und doch war, als ich zuletzt (l820) dort war, der Umkreis des Baumes noch immer über zweitausend Schritte groß, aber der von seinen überhängenden Acstcn beschattete Boden betragt weit mehr im Umfange und die größeren, alten Stämme waren an Zahl 350, die kleinerm jüngeren 3000 vorhanden. Dieses herrliche, grüne Gewölbe wirb von unzähligen Vögeln bewohnt, deren glänzendes Gefieder und munterer Gesang die Reisenden, die unter seinem Schatten ruhen, angenehm unterhalten; zahlreiche Affcnfamilien haben sich bann angesiedelt, die mit ihren Fratzen und ftossirlichcn Sprüngen zu der Belustigung beitragen, sowie durch ihre sprüchwörtlich gewordene Liebe zu ihren Jungen ein oft rührendes Bild der Aufopferung und Muttcrsorgc geben. Die Art, wie die Affen ihre Todfeinde, die Schlangen, todten, die leider diese schönen grünen Lauben ebenfalls in großer Menge bewohnen, ist sehr bemcrkenswerth. Da die Affen die Bosheit jener furchtbaren Thiere sehr wohl kmncn, so belauern sie mit der größten Aufmerksamkeit alle ihre Bewegungen, bis sie dieselben im Schlafe erwischen können. Sobald sie sich von deren Schlafe überzeugt haben, schleichen sie mit der größten Behutsamkeit hin, ergreifen sie beim Kopfe, schleppen sie bis zum nächsten flachen Steine hin und beginnen sogleich auf demselben den Kopf der Schlange mit großer Anstrengung zu reiben; dann und wann halten sie einen Augenblick ein, um Athem zu holen, und beschauen ihr Werk. Hat der Operateur den Schlangmkoftf so weit zerstört und abgeschliffen, baß er sicher ist, die Giftzähne zerstört zu haben und das Thier 74 also nicht mchr gefährlich werden kann, so wirft er die Beute seinen Jungen hin, die nun damit spielen und in allen ihren neckischen Bewegungen ihre Freude zu erkennen geben, indem sie sich gegenseitig die todte Schlange zuwerfen. Der Banianbaum bietet aber nicht nur Menschen und Thieren einen angenehmen, kühlen Zufluchtsort bar, sondern liefert auch Denen, die in und unter ihm wohnen, eine immerwährende Nahrung; er trägt eine ungeheuere Menge kleiner scharlachrothcr Feigen, welche alle in seinem Gipfel wohnenden Thiere, namentlich Affen, Vögel und Fledermäuse, außerordentlich gern fressen und die dem im Schatten ausruhenden Menschen eine wohl« schmeckende Erfrischung geben. Außerdem dienen Blatter und Fasern zu zahlreichen technischen Zwecken, namentlich Flechtwcrkm aller Art. Die Palmi ra-Palme (Wcinpalme, Fächelpalme, Vora^u» tilddolliformiä) wächst sowohl in Ceylon, wie in vielen Gegenden Indiens wild; sie gedeihet am besten in einem fetten schwarzen Thone, wächst zwar auch auf magcrem, sandigem Boden, giebt aber dann wenig Nutzen. Wo eine Palmira-Pflanzung angelegt werden soll, da wirb der Boden im Monate Adi (zwischen dem 43. Juli und dem 43. August) zwei Male geackert, die Frucht zum Säen im Anfange dieses Monats gepflückt und bis an das Ende des MonatS, also von Mitte Juli bis Mitte August, auf einem Haufen liegen gelassen; dann wirb das Feld zum dritten Male geackert und es werben die Samenfrüchte (der Cocosnuß ähnlich) fünf Fuß von einander in die Furchen gelegt und bedeckt durch daS Aufreißen der zunächst liegenden Furche. — In den ersten neun oder zehn Jahren des Wachsthums werden die jungen Bäume eingehegt, verlangen aber sonst keine weitere Pflege und Aufmerksamkeit. Sie sind nur etwa sieben bis acht Fuß hoch und da das Vieh ihnen jetzt nicht mchr schaden kann, so wird die Umzäunung 75 und Einfriedigung weggenommen und der Palmira-Garten als Weibe benutzt. Wenn diese Bäume in einen guten Boden gepflanzt worden sind, so erzeugen sie den Callu (oder Palmirawcin, Palmwcin) nach dreißigjährigem Alter, in schlechtem Boden erfordern sie ein vierzigjähriges Alter. Haben sie ihr Wachsthum vollendet, so wird der Boden unter den Bäumen mit Getreide bepflanzt, aber obgleich dadurch die Menge des Palmiraweines vermehrt wird, so giebt der Boden doch nur die Hälfte von der Getrcidcfrucht, die er ohne jene Bäume liefern würde. Man glaubt, daß diese Palme tausend Jahre leben könne, jedenfalls länger, als man es durch Ueberlieferung erfahren kann. Man giebt sich keine Mühe, junge Stämme an die Stelle der absterbenden zu pflanzen, es wachsen deren genug an den offenen Plätzen aus den abfallenden Früchten. Die Palmirapalmc giebt ihren Wcinsaft fünf Monate lang im Jahre her, nämlich vom ii. Januar bis zum 14. Juni. Der Stamm muß von allen Schößlingen freigehalten werden, waS meist mit vieler Mühe verknüpft ist. Der Arbeiter klimmt den Baum hinan, vermittelst eines um den Baun: und seinen Nucken geschlungenen Riemens und eines an seinen Füßen befestigten Strickes, womit er den Stamm halb umklammert; ein thätiger, geschickter Arbeiter kann vierzig Bäume besorgen, ein ungeschickter nur etwa fünfzehn. Ehe die Haut, welche man Spatha nennt und die den Blumcnzwcig bedeckt, sich öffnet, zerquetscht sie der Arbeiter zwischen zwei Stückchen Holz drei Morgen hinter einander; an jedem der vier folgenden Morgen schneidet er eine dünne Scheibe von dem äußeren Ende dieser Zweige ab. Diese Operation verhindert die Spatha sich zu öffnen, und den achten Morgen beginnt ein helles, süßes Wasser aus der Wunde zu laufen; dann wird ein Topf darunter gehängt, um den Saft, sowie er aus dem Zweige tropft, aufzufangen. Ein guter Baum giebt täglich ungefähr ein bis drei Vicrtelmaß Saft, ein schlechter nur 76 höchstens den sechsten Theil. Es ist ganz falsch, wenn man in Lehrbüchern liest, daß der Saft aus den angeschnittenen Früchten gewonnen werde; man gewinnt ihn einzig nur durch die Blumen-zwcige Müthenkolben) und die Früchte, die wie ein kleiner Kopf groß stnb, werden gegessen. Der gewonnene Saft wird mit Kalk gemischt und es entsteht daraus ein grober, brauner Zucker, Iagory (Iagara) genannt, der nun gebraucht wird, um ein zwar starkes, aber schlechtes Getränk daraus zu bereiten, indem man ihn gahren läßt. Ceylon ist noch der wahre, heimische Boden der Mango-stane (Aai-einia, oo^ianioa), und liefert den Saft, welcher aus den Ocffnungen abgebrochener Blätter hervortröpfelt, an der Luft erhärtet und als Gummigutt verkauft wnd. Der Land bau in Ceylon ist in ebenso gutem Zustande, wie auf dein benachbarten indischen Fcstlande; die Insel bringt alle die verschiedenen Gctreidcarten hervor, welche man auf der Halbinsel findet. Die Elephanten auf Ceylon sind größer und besser für den Krieg geschaffen, als die des indischen Festlandes. Man fängt sie auf verschiedene Weisen, zähmt sie und sendet sie dann auf den großen Jahrmarkt zu Iaffnapatam. — Die Kaufleute von Malabar und Bengalen bekommen Nachricht von der Anzahl und den Fähigkeiten der Elephanten, die zum Verkaufe geschickt werben sollen und es werden öfters hundert und mehrere auf einem Markte verkauft. Ein ganz ausgewachsenes Thier, zehn bis zwölf Fuß hoch, wirb für 2000 holländische Thaler verkauft. Die gewöhnliche Art, die wilden Elephanten zu fangen, ist die, daß man eine Falle bauet, die aus einem großen, mit Cocos-stämmen errichteten Dreieck besteht, an deren einem Winkel eine Oeffnung angebracht ist, die so eng gemacht wird, baß nur eines dieser Thiere auf einmal hinein- und herausgehen kann. Wenn eine Elephantenjagd angesetzt wirb, begeben sich viele Männer in 77 die Wälder und umgeben eine gewisse Strecke Wald, wo man weiß, daß sich darin viele Elephanten aufhalten, in einem Kreise; bann fangen sie an Tamtam's (eine Art kleiner, weit tönender Trommeln) zu schlagen und verengern nach und nach den Kreis, wobei sie die Elephanten nach dem Eingänge der Falle treiben und zusammendrängen. Dann zünden die Treiber Fackeln an und verstärken ihren Lärm, um die Thiere in Furcht zu setzen und sie zu zwingen, in die Falle hineinzugehen. Man fängt auf einer solchen Jagd oft 400—430 Stück. Die erste Bemühung der Elefthantenjäger ist nun, die Thiere aus der Falle zu nehmen und sie zu zähmen. Iu diesem Zwecke werden zwei dazu abgerichtete zahme, weibliche Elephanten zu beiden Seiten der Oeffnung aufgestellt, aus welcher man immer einen Gefangenen aus der Falle herausläßt, der nun von den beiden zahmen Elephanten in die Mitte genommen und mit starken Stricken an sie festgebunden wird; bezeigt er sich aber wild und widerspenstig, so schlagen ihn seine beiden abgerichteten Nachbarn mit ihren Rüsseln, bis er selbst zahm wird und sich nach dem Willen der Jäger leiten läßt. Gewöhnlich nimmt man auch den Hunger zu Hülfe, der sie noch geschwinder zähmt. Die Büffelochsen sind in Ceylon so gemein, wie auf dem Festlande von Indien und sie sind die einzigen Thiere, die man zum Ackerbau gebraucht. Affen giebt es in großer Menge auf der ganzen Insel, die meisten sind so groß, wie die von Sumatra und Java. Der große Asse, beinahe vier Fuß hoch, mit einem langen weißen Barte, der von Ohr zu Ohr reicht, schwarzem Gesichte und schwarzgrauem Körper ist dieser Insel eigen; er ist sehr wild und boshaft. Wilde Schweine, Bären, Iakal's (Schakal's) und Tigcr giebt cs in großer Menge in den Wäldern. Die Naja oder Brillenschlange, von den Portugiesen „Cobra di Capello" genannt, ist auf der Insel sehr gemein, desgleichen die Boa; die Anakonda oder Menschlange hat hier ihr Vaterland. 78 Die Ureinwohner von Ceylon bestehen aus zwei verschiedenen Völkern: den Cingalescn und den Vadbah's. Die Cingalescn scheinen nach ihrer Sprache, ihren Schriften und alten Monumenten seit undenklichen Zeiten ein Hindugcschlecht gewesen zu sein, das in allen gesitteten Künsten eben so erfahren war, als ihre Nachbarn des Festlandes. Die Vaddah's dagegen sind ein Volk, das sich noch immer in dem rohestm Naturzustande befindet und in Waldern, in Höhlen und Klippensvaltcn der Gebirge lebt, in der Jagd seine einzige Beschäftigung und im Erwerbe der täglichen Nahrung seine einzige Sorge findet. Dabei sprechen aber die Vaddah's die Mundart der Cingalescn. Nahe in dem Gebiete von Hourly, dein entferntesten und bergigsten der ganzen Insel, haben die in der Gegend wohnenden Vaddah-Stamme einige Begriffe vom Tauschhandel; sie tauschen mit den Cingalese» Elephantcnzähne und Nchfleisch gegen Pfeile, baumwollene Stoffe :c. Dieser Gebrauch ist aber nicht allgemein unter diesem sonderbaren Volke, denn noch vor vierzig Jahren unterhielt ein Drittel der gesammten Vaddah's nicht den mindesten Verkehr mit den Cingalesen und sie hegen überhaupt einen unüberwindlichen Widerwillen gegen Alles, was fremd ist. Sie sind sehr stark und kühn, entschlossen und unbiegsam, zum Zorn geneigt und verrätherisch; in ihren Sitten zeigen sie dagegen eine Höflichkeit, die mit dem Charakter eines äußerst wilden und rohen Volkes und noch mehr mit ihren übrigen Eigenschaften schwer zu vereinigen ist. Doch besitzen sie eine, obgleich sehr dürftige Religion, voll Aberglauben und Abgötterei. An einigen Orten haben sie Tempel errichtet, aber im Allgemeinen feiern sie ihren rohen Gottesdienst an Altaren, die in dein Schatten eines Banianbaumes (Banane) aus Bambusrohr aufgebauet worden sind. Ihre Religion scheint aus einigen undeutlichen Begriffen der ersten Grundsatze der Vrahmalehre zu bestehen. Sie beten einen besonderen Gott an, der, wie sie glauben, vor vielen Millionen Jahren vom Himmel 79 herunter gekommen ist, um sie die Pflichten des Lebens zu lehren; ihm opfern sie bei allen ihren Festen, von seiner Gunst hoffen sie ewiges Glück zu empfangen und von seinem Zorne fürchten sie ewige Strafen. Sie leben in kleinen Stämmen beisammen, die jeder von einem Oberhaupte regiert werden, der aus der Zahl der geschicktesten und stärksten ihrer Jäger erwählt wird. Viele Hirsche erlegt zu haben ist der höchste Triumph ihres Ehrgeizes und der größte Ruhm eines Vaddah-Jünglings. Dieser erwirbt ihm nicht nur den Beifall der Männer, sondern auch die Gunst der Weiber seiner Nation. Wenn ein junger Mann ein Mädchen von deren Eltern zum Weibe fordert, so fragt man ihn, was für Glück er auf der Jagd gehabt habe, und wenn man ihm die Tochter giebt, so erhält sie als Aussteuer so viele Jagdhunde, als er Hirsche erlegt hat. Es giebt in den Gebirgen von Ceylon viele Tausende dieser Vaddah's; durch ihre Lage und Armuth gegen Unterjochung gesichert und aus ihren Waldern Alles beziehend, was das wilde Klima zu ihrem Unterhalte nothwendig inacht, schauen sie von ihren steilen und rauhen Felsen mit der kaltblütigsten Gleichgültigkeit auf die herrlichen, reichbcbaucten Thäler ihrer Nachbarn hinab. Die Kleider und reichen Zierrathcn, die bequemen Häuser und fruchtbaren Felder, die Künste und Genüsse der Cingalesen erregen bei den Vaddah's keine Gefühle des Staunens oder der Bewunderung, keinen Wunsch der Nachahmung, nicht einmal den geringsten Neid in den Herzen des nackten und häuserlosen Volksstammcs. Dieser sonderbare Menschcnstamm bietet das Phänomen eineS Volkes dar, das eine Religion besitzt, deren Grundsätze vernünftig, liebreich und sanft sind und doch seit den mattesten Zeiten in einem Zustande ruhiger Barbarei fortlebt, während es die Beispiele von Cultur, Kunst und Verfeinerung nahe vor Augen hat. 80 Die Cingalesen, die ehemals dem Könige (Sultan) von Candy Unterthan waren, sind sowohl in ihren Gesichtszügen als in ihrer ganzen persönlichen Erscheinung das schönste aller Hinduvölker. In ihrer Farbe dm Hindu's der Provinz Bahar gleichend, besitzen ihre Gcsichtszüge den Scharfsinn und die Lebhaftigkeit der Franzosen. Die Männer sind gewöhnlich fünf Fuß und sechs bis zehn Zoll groß, die Weiber ungefähr fünf Fuß. Letztere, obgleich nicht weiß von Farbe, noch regelmäßig schön, sind jedoch äußerst zart gcbauet und sehr reizend. Die Männer, obgleich nicht sehr ebenmäßig gebauet, sind aber in hohem Grade behende, thätig und abgehärtet, sie tragen ein Stück Mousselin um die Lenden gewickelt und eine Jacke von dem nämlichen Stoffe, die an den Händen zugeknöpft und um die Schultern wie ein Hemde in Falten gezogen ist; auf dem Kopfe haben sie eine rothe Tuchmützc mit Scitcnlappen, welche die Ohren bedecken. Sie tragen einen schönen, kurzen Säbel und an der rechten Seite ein langes Messer. — Die Kleidung der Weiber besteht aus einem langen Kleide von weißem Calico, sehr zierlich mit rothen und blauen Blumen gestickt, über das sie ein Stück weißen Moussclin werfen, dessen Länge und Feinheit in« Verhältnisse mit dein Range der Person steht. Auf dem Kopfe tragen sie ein Stück farbiger Seide, groß genug, um die Haare ganz zu bedecken, die sehr nett aufgerollt sind, und ihre Ohren, Arme, Beine und ihr Hals sind mit Juwelen geschmückt. Die Männer sind ernsthaft und würdevoll, doch höflich und elegant in ihrem Benehmen; ihr Verstand ist scharf und durchdringend und in allen öffentlichen Angelegenheiten sind sie verständig, geschickt und schnell im Handeln. In ihrem häuslichen Leben zeigen sie Vorsicht und Mäßigkeit und neben ihrer Verständigkeit haben sie eine lebhafte und warme Einbildungskraft, die sie sinnreich, schlau und beredt macht. Von Temperament ruhig, aber entschlossen, ist es ebenso schwer, ihren Zorn zu erregen, als, wenn 81 er einmal gereizt und hervorgerufen ist, wieder zu beschwichtigen. Durch daS Klima von Natur träge gemacht, suchen sie gerade die Arbeit nicht, arbeiten sie aber einmal, so sind sic thatig und schnell; gemäßigt in ihren Leidenschaften kennen sie die Entzückungen und baS Zartgefühl der Liebe, die Sympathie und die Begeisterung der Freundschaft wenig, daher sind sie aber auch mäßig in ihren Wünschen, gleichmäßig gesinnt, bescheiden und sanftmüthig. Eigennützig in den Motiven ihrer Handlungen werden sie öfters durch Geiz angetrieben, ein gegebenes Versprechen nicht zu erfüllen, aber mit der tiefsten Ehrfurcht von einer Religion erfüllt, welche die erhabensten Gesinnungen einstößt und die bei bm Hindu'S überhaupt mit dem ganzen Systeme ihrer Gesetze und Civilverordnungen verwebt ist, bleiben sie unveränderlich in der Anbetung ihreö Gottes, ihren: Vatcrlanbe treu ergeben und wohlthätig gegen ihre Ncbcnmmfchen. Die Weiber der Cingalesen unterscheiden sich wesentlich von allen anderen asiatischen Weibern. — Anstatt der trägrn Gefühllosigkeit, abgeschmackten Zurückgezogenhcit und mürrischen Strenge, die biescS Geschlecht in ganz Asien in jeder Periode seiner Geschichte ausgezeichnet hat, besitzen die cingalesischen Weiber viel von der wohlthuenden Empfindsamkeit, reizenden Schamhaftigkeit und lieblichen Ungezwungenheit, welche die civilisirten Weiber Europa's so vorthcilhaft auszeichnen. Die Frauen der Cingalcscn sind nicht sowohl die Sclavinnen und Gattinnen der Männer, als vielmehr ihre Freundinnen und Gesellschafterinnen, denn obgleich das Gesetz diesen erlaubt, ihre Weiber und Töchter in tyrannischer Unterwürfigkeit zu halten, so gestattet ihnen doch ihre gesellige, friedliche GemüthSstimmung nicht, diese Macht mit Strenge auszuüben und, da Vielweiberei bei ihnen unbekannt und die Ehescheidung erlaubt ist, so besitzen die Männer nichts von der eifersüchtigen Gemüthsart, die den unmännlichen Despotismus hervorgebracht hat, der von den gesittetsten Nationen Asiens über Van Mötern, Ostindien, n, 6 82 das schwächere Geschlecht von jeher ausgeübt worden und von allen asiatischen Religionen gestattet worden ist. — Die Cingalese« schließen ihre Weiber nicht ein und unterwerfen sie leinen entehrenden Einschränkungen. Die vornehmsten Frauen des Laa-des sprechen öfters mit irgend einem Manne, der ihnen gefällt, obgleich ihre Ehegatten gegenwärtig sind. Die Häuser der cingalesischm Bauern sind entweder auS Lehm oder Rohr gcbauct und ziemlich nachlässig mit einem langen, starten Grase, das in den Wäldern wächst, bedeckt. Auf der Vorderseite dieser einfachen Hütten befindet sich eine Veranda oder ein Vordach, unter welchem die Einwohner nach asiatischem Gebrauche Morgens ober Abends auf Matten oder Teppichen sitzen. Ihr Hausgeräth besteht aus einigen irdenen Töpfen, die in der Mitte der Hütte aufgehängt sind, vier ober fünf Stühlen, einigen metallenen Schüsseln, von denen sie ihre Speisen genießen, einigen aus Palmblattern geflochtenen Matten und einigen groben, weißen wollenen Decken, die ihnen als Betten dienen, sowie aus einigem Küchengeschirr und Ackerbaugeräth. Die Häuser der Priester, Staatsvorstande, Feldherren und anderer Großen sind mit Steinen gebauct; — obgleich sie selten mehr als ein Stockwerk enthalten, so sind sie doch immer bequem und die vornehmsten Zimmer oft prachtvoll möblirt und geschmückt. Ihre Städte enthalten selten mehr als fünfzig Häuser. Die Stadt Candy ist hübsch gebauet und viel reinlicher und zierlicher, als die Hindu-Städte es gewöhnlich zu sein Pflegen. An ihrer Person und in ihrem Hause sind die Cingalese« sehr reinlich und in der Zubereitung ihrer Speisen äußerst sorgfältig. — Ihre Hauptnahrung besteht aus Reis, den sie mit ,> Curry", einem Gemisch, das bald aus Fischen, Geflügel, bald aus Schöpsen- oder Ziegenfleisch bereitet wird, genießen. Ihre Religion gebietet ihnen, wie überhaupt allen Hindu's, eher den Hungertod zu erleiden, als das Fleisch der Kuh zu essen. — Das einzige hitzige Getränk, das sie 83 kennen, ist Arak, ihre Religion aber untersagt den Genuß jeden starken Getränkes und sie übertreten selten das Gebot. In dem Stamme der Cingalesen hat jeder Mann, selbst der vornehmste, nur ein Weib, aber ein Weib hat öfters zwei Ehemanner, denn es ist erlaubt und gebräuchlich unter ihnen, daß zwei Brüder mit einem Weibe zusammen leben, und die Kinder nennen sie beide ohne Unterschied Vater. Solche Vielmännerei ist übrigens in Voutan und Tibet noch bedeutend mehr ausgebreitet, wo eine einzige Frau mit allen Männern einer zahlreichen Familie in Gemeinschaft lebt, ohne daß deßwegen Eifersucht unter ihnen entstände. — Sonst aber giebt es kein Volk in ganz Asien, das nicht mehr ober weniger in Polygamie lebte. Sie wird durch die Religion und Gesetze von Brahma erlaubt, obgleich sie zu allen Zeiten unter den Hindu's weniger gebräuchlich gewesen ist, als unter anderen Nationen des Festlandes von Asien. — Polyandrie wirb jedoch durch das Gesetz über die Ehe, welches die Hindu-Religion enthält, auf das Bestimmteste verboten, indem nicht nur den Weibern darin verboten wird, sich zweimal zu verhcirathen, sondern ihnen noch überdies empfiehlt, sich mit ihren verstorbenen Ehemännern verbrennen zu lassen (vergl. Kap. 12), ein Opfer, das gleich einigen anderen Gebräuchen der brahminifchen Religion von den verständigen Cingalesen nie befolgt wird, denn sie verdammen diese grausame Gewohnheit als verabschcmmgswürdig, was ihnen von ihrem Gotte Budha gelehrt wurde, der, wie sie sagen, vom Himmel herunter kam, um die in ben Veda's enthaltenen Lehren zu verbessern und zu reinigen. Die cingalesischm Weiber sind gute Haushälterinnen; sparsam ohne Geiz, gastfrei ohne Verschwendung. In Sparsamkeit und Gastfreundschaft berühmt zu sein, ist ihre höchste Ehre und Auszeichnung und man betrachtet es als eine Schuldigkeit der Mütter, diese Tugenden ihren Kindern mitzutheilen. Daher kommt es, daß die Cingalesen die warmherzige Gastfreundschaft und Frei- 84 gebigkcit eines einfachen Volkes mit der Klugheit und Vorsicht vereinigen, welche die Wirkung der Cultur und Sittenverfeine-rung sind. Die Cingalesen heirathen nicht eher, bis sie mannbar sind, aber nach dem orientalischen Gebrauche wird die Heirath von den Eltern des jungen Paares beschlossen, die oft auch den Tag der Verehelichung ansetzen, ohne die betreffenden, jungen Personen befragt zu haben. Daher sind ihre ersten ehelichen Verbindungen mehr eine Art gegenseitiger Convenienz als der Zuneigung und Liebe; da sie diese Ehe aber nach Gefallen auflösen können, so sind solche Verbindungen sowohl in ihrer Natur wie in ihren Folgen höchst verberblich. Zweite Heirathen sind deßhalb bald durch gegenseitige Wahl und Neigung geschlossen, die dann öfters mit wahrem Glücke begleitet sind. DaS Neligionssystem ist in seinen Hauptgrundsätzen beinahe das nämliche, wie in China, Japan, Tibet, Boutan, Siam und den verschiedenen Provinzen des birmanischen Reiches. Der allgemeine theologische Grundsatz dieser Nationen ist ein fester Glaube an einen höchsten Gott und an seine Vorsehung. Ihre großen Gesetzgeber und Philosophen haben die Wahrheit dieses Grundsatzes erwiesen durch die Vollkommenheit der Himmelskörper und die erstaunenswürbigc Ordnung, welche die Natur der ganzen sichtbaren Weltschöpfung offenbart. In dieser allgemein anerkannten Wahrheit stimmen sie nut den Vrahmmcn übereilt, auf deren Lehren die cmgalesischc Religion ohne allen Zweifel gebauet ist und von denen die verschiedenen religiösen Systeme der oben genannten Völker wahrscheinlich auch herstammcn. Der Vudha der Hindu's war ohne Zweifel der chinesische Foe, auch ist es mehr als wahrscheinlich, daß er der Wodan oder Odin der Scandmavier war. — Nach den Purana's war Budha der Stifter des kriegerischen Stammes, den die Hindu'S die „Kinder des MondeS" nennen, oder den „Genius des Planeten 85 Mercm." — Er soll der Sohn der Nymphe Rohini und des Soma's sein, d. i. des Mondes, soll Ila geheirathet haben, deren Vater in einer wunderbaren Arche von einer allgemeinen Fluth, welche die ganze Erde überschwemmte, gerettet worden ist. Dieser Budha wird in den Gedichten von Iayadcta als der große Verbesserer der Veda's gepriesen, und soll, wie man glaubt, vor ungefähr 2700 Jahren gelebt haben. — Sein Ncligionssystem wurde erst im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung nach China gebracht, aber zu welcher Zeit und durch welche Mittel dasselbe in Ceylon eingeführt worden, ist bis jetzt unmöglich gewesen, mit historischer Sicherheit zu entdecken. Die Cingalese« glauben, daß Budha mit den Attributen einer allweisen und allgütigen Gottheit begabt sei, daß er von dem Himmel herunter gekommen sei, um ihre Sünden und ihre Bosheit zu bestrafen, ihre Seelen zu läutern und sie für einen Zustand zukünftigen, ewigen Glückes vorzubereiten. Sie beten ihn daher als den großen Stifter ihrer Religion und den Erlöser ihres Volkes an, durch dessen Gnade allein sie hoffen können, die Rache der bösen Gottheiten, welche die höllischen Regionen bewohnen, abzuwenden, oder Gnade und Erlösung von allem Uebel durch den höchsten Schöpfer und Beherrscher deS Weltalls erwarten zu dürfen. Es ist also eine, mit der christlichen Lehre vielfach zusammentreffende Vcrmittlungstheorie. Dagegen glauben sie an die Seelenwanberung, die sie sogar auf die unbelebte Schöpfung ausdehnen; sie glauben auch, daß der Geist Gottes die ganze unermeßliche Natur belebt und allen fühlenden Wesen Leben giebt. Der cingalesische Gottesdienst ist einfacher als derjenige der Brahminen, obgleich er in allen Hauptpunkten demselben ahnlich erscheint. Polytheismus ist das Fundament beider Religionssystcme, aber die Cingalesen beten weniger Ncbcngötter an, obgleich diese unter anderem Namen auch in der Hindugöttcr-lehre gefunden werden. Die Cingalesen, sowie alle andere Hindu- 86 Nationen besitzen kein Götzenbild ober eine bildliche Darstellung des höchsten Gottes; nur vor dem Bilde Vudha's in ihren Pagoden bringen sie dem Höchsten ihre Gebete und Danksagungen dar (wie die Christen vor Christi Bilde) und in den cingalesischen Pagoden werden die religiösen Ceremonien von den Tirinanren, d. i. ihren Brahminen oder Priestern, ausgeübt, im Allgemeinen aber von den Gouni's, der niedrigsten Priesterlaste auf Ceylon. Ehe sie ihre Andacht verrichten, machen sie ihre Abwaschungen in den Wasserbehältern, welche zu jeder Pagode gehören und entweder vor der Fronte obcr in der Mitte der Gebäude liegen. Diese Behälter enthalten, wie sie glauben, geheiligtes Wasser und sind daher nur den Religionszwcckm gewidmet. Wie die Brahminen den Ganges, so beten die Cingalese» den Mavclagonga als einen heiligen Strom an, der die schwärzesten Verbrechen abwaschen kann. Für die Sonne, mehr aber noch für dm Mond, hegen sie, wegen der Sage von Budha's Geburt, die tiefste Ehrfurcht und bringen dem Monde an ihren zwei großen jährlichen Festen, im Juni und November, Opfer bar. Aber nebst diesen beiden Iahrcsfesten feiern die Cingalesen noch ein drittes, weit prachtvolleres, als die genannten, welches den Jahrestag der Himmelfahrt Budha's verherrlicht. DieseS Fest fällt in den Monat März. Die Cingalesen sind nach ihren Institutionen in vier Hauptklassen abgetheilt, die in jeder Hinsicht mit den Kasten der Hindu's die größte Aehnlichkcit haben. Die erste Klasse ist die der Tirinanren ober die höhere Priesterkaste, die zweite die der Hinbrew's oder die Kricgerkaste, zu welcher der König und alle großen Staatsbeamten gehören, die dritte ist die der geringeren Hinbrew's oder die Kaste der Kaufleute und Handwerker; die vierte endlich ist die der Podda's oder die dienende Kaste, zu welcher die Bauern und Tagelöhner gehören. — Diese vier Kasten verheirathen sich nie untereinander, 87 sind aber wieder in ebenso viele Unterabtheilungen eingetheilt, als es Gewerbe und Handwerke giebt. Den Tirinamen zollen Alle die gleiche Ehrfurcht, sie sind in Wirklichkeit die Brahmincn der Cingalesen, mit der nämlichen Heiligkeit begabt, haben dieselben Verrichtungen, erhalten die gleichen Huldigungen und zeichnen sich durch die nämliche unbiegsame Standhaftigkcit und unerschrockene Tugend aus, die von jeher die Besseren dieser ausgezeichneten Mcnschcnkaste charakterisirt hat. Die Cingalese»: besitzen einen Coder oder ein geschriebenes Gesetzbuch, das, wie sie sagen, von Budha selbst verfaßt worden ist und das ihr König selbst in Verwahrung hatte und nur den Adigar's, oder obersten Richtern, zu lesen erlaubte. Die gemeinen Gerichtshöfe besaßen keine Kenntniß davon und wurden daher in ihren Rcchtssprüchen nur durch alte Gerechtsame und hergebrachte Gewohnheiten geleitet. Diese alten Ueberlieferungen und Verordnungen für das gemeine Leben, obgleich in vielen Stücken höchst mangelhaft, beschützten doch jeden Einwohner in seiner Person und seinem Eigenthumc. Indessen haben die verschiedenen Klassen ihre eigenen Rechte und Vorrechte, eine vor der anderen. — Der König war der sogenannte Besitzer und oberste Lehnsherr des Bodens in seinem Staate; alle Landgüter konnten daher nur als Lehn von dem Könige besessen werden. Die cingalesischen Lehen glichen nicht nur denen aller anderen Hinduvölker, sondern auch denen, die durch das Lehnsgcsctz in Europa eingeführt würben. Ihr Erbschaftsgcsctz erkannte das Recht der Erstgeburt an, abcr verordnete es nicht, so daß der Vater einer zahlreichen Familie, obgleich er selbst nur das Recht des lebenslänglichen Genusses seiner Erbgüter besaß, doch, wenn er wollte, sie unter alle seine Kinder vertheilen konnte. Da aber das Gesetz keine Veräußerung der Güter erlaubte, so blieben sie nichtsdestoweniger für immer in der Familie. Wurden die Güter dem ältesten Sohne überlassen, 88 so war er verbunden, Mutter, Brüder und Schwestern so lange zu ernähren, als sie es bedurften. Von dem cingalesischen Heimathsgesche, so verschieden von dem aller anderen asiatischen Völker, haben wir schon geredet; es muß aber noch bemerkt werden, daß wenn ein Weib einmal geschieden ist, sie sich nicht früher wieder verheirathen darf, bis ihr erster Ehemann selbst zum zweiten Male verheirathet ist. Was die Civiljustiz anbetrifft, so werden alle Processe nach dem Grundsätze geschlichtet, daß alle Manner in Frieden und Freundschaft mit einander leben sollen, daß kein einzelner Mann, sein Rang oder seine Kaste in der Gesellschaft möge noch so hoch stehen, das Recht besitze, die Rechte eines Anderen, selbst von der niedrigsten Kaste, zu kränken oder zu bcvortheilen; da aber die Abtheilung des VolkcS in Kasten für sein Glück nothwendig ist, so folgt daraus auch die Nothwendigkeit, daß Vergehungen nicht nach ihrer eigentlichen Strafbarkeit oder nach ihren Folgen, sondern nach Rang und Kaste der Strafbaren bestraft werden müssen. — Es ist augenscheinlich, daß eine solche Art, Verbrecher zu richten, äußerst fehlerhaft und ungerecht ist, aber die friedliche Natur dieses gutmüthigen Volkes verbesserte die Fehler seiner Gerechtig-keitsftflege. — Zwist und Zank sind sehr selten bei ihnen und kommen Uneinigkeiten oder Zerwürfnisse vor, so wenden sie sich selten an einen Gerichtshof, sondern bitten um Erlaubniß, die Sache durch einen mit Ocl geleisteten Eid abzumachen. Das Purrekeh oder das Gottesurtheil ist seit den ältesten Zeiten in allen Theilen von Indien bekannt gewesen und ausgeübt worden; seine Unfehlbarkeit, die Schuld oder Unschuld eines Angeklagten darzuthun, wird immer noch geglaubt. — Es giebt verschiedene Arten Gottcsmthcilc. Derjenigen, welche unter den Cingalese« am gewöhnlichsten ist, habe ich einmal als Augenzeuge beiwohnen können. Sachen von Wichtigkeit erlaubt man 89 ihnen nämlich durch den Eibschwur mit heißem Oel zu entscheiden. Wenn sie diesen Schwur ablegen sollen, bekommt jede Partei von dem Statthalter des Bezirks einen Erlaubnißschein von demselben eigenhändig geschrieben; dann verrichten sie eine allgemeine Abwaschung des ganzen Körpers, was eine religiöse Ceremonie ist. Beide Theile werben dann bis zum Augenblicke der Eidleistung in einem Hause gefangen gehalten und es wird ein Tuch um ihre rechte Hand gebunden und versiegelt, um zu verhindern, daß sie ein Zaubcrmittcl anwenden, um ihre Finger zu verwahren. Am nächsten Morgen werden sie herausgeführt, ziehen reine Kleider an und reinigen ihre ganze Person, denn sie glauben, in die Gegenwart Gottes zu treten. Nun binden sie den Erlaubnißschein bcS Statthalters um ihre Hand und begeben sich unter einen Ba-nianbaum; alle Beamte des Districts und eine große Menge Volks versammeln sich um sie; Cocosnüsse werden gebracht und es wird vor Aller Augen das Oel derselben herausgebrückt, damit Jedermann unter den Zuschauern sehen könne, daß kein Betrug dabei obwalte. Außer diesem Oel hat man ein Gefäß mit siedendem Wasser und Kuhmist bei der Hand, das Oel wird nun ebenfalls auf ein Feuer gesetzt und zum Sieben gebracht. Alsdann nimmt man ein junges Cocosnuß-Blatt und taucht es in das siedende Ocl, damit Jedermann sehe und überzeugt werde, daß es wirklich siede, denn das Blatt verbrennt darin und rollt sich auf. Sind nun alle Anwesenden überführt, daß das Oel wirklich kochend heiß ist, dann stellen sich die zwei Männer jeder auf eine Seite des Gefäßes und sagen: „Der Gott deS Himmels und der Erde ist Zeuge, daß ich das nicht gethan habe, dessen ich angeklagt bin!" -^ oder auch: „Die vier Gattungen Götter sind Zeugen, baß das bcstrittmc Land mir gehört!"— Der Andere schwört das Gegentheil; zuerst schwört der Kläger und darauf der Angeklagte. — Die Tücher, mit denen 90 ihre Hände verbunden sind, werben nun abgenommen, und sowie der Mann obigen Eid ausgesprochen hat, taucht er seine Finger in das siebende Ocl, zieht sie wieder heraus und schüttelt das Oel ab. Dies thut er dreimal, dann geht er zum verdünnten, ebenfalls siedenden Kuhmist und thut das Nämliche. Der Andere folgt ihm dann. Alsdann werden ihre Hände mit dem nämlichen Tuche wieder verbunden, dieselben versiegelt und Beide bis zum folgenden Tage noch gefangen gehalten. Nach dieser Frist werden nun ihre Hände öffentlich aufgedeckt, besichtigt und mit einem Tuche die Finger gerieben, um zu prüfen, ob die Haut sich ablöset. Derjenige, von dessen Fingern sich die Haut ablöset, hat falsch geschworen. Die nunmehr hierauf ruhende Strafe ist eine schwere Geldbuße, die man dem Könige zahlen mußte und eine ansehnliche Entschädigung oder Genugthuung für den Die Verwaltung der Kriminalrechts pflege gehörte einzig dem Könige, welcher mit Beihülfe des Ndigar's die Gesetze erklärte und die Rechtsfällc richtete. Obgleich auch das Criminal-sowie das Civilgcsctz auf die oben erwähnten thörichten Grundsätze begründet ist, baß Verbrechen nach dem Range des Verbrechers und nicht nach dem Grade ihrer Strafwürbigkeit beurtheilt werden, so waren doch die meisten Herrscher von Candy verständige und gütige Männer und vereinigten gewöhnlich ihre Interessen mit ihren Gefühlen, um ihre Urtheilssprüche milde und nachsichtig gegen Niedere und wenigstens unparteiisch gegen die Hohen und Reichen zu machen, und eS ist nicht bekannt geworden, daß Verbrecher der niederen Klassen mit jener rohen Grausamkeit behandelt worden wären, die Tyrannen sonst eigen ist, welche gern Personen aus höheren Ständen von ihrer wohlverdienten Strafe befreien. Obgleich man zugeben muß, baß die allgemeinen Grundsätze der cingalesischen Gesetze ungerecht sind, so kann man doch im Allgemeinen mit Grund versichern, daß sie mit ebenso milder 91 Wie strenger Aufmerksamkeit auf das Wohl eines Volkes geübt wurden, daS im Glauben, als seien diese Gesetze von Gott selbst verfaßt, sie mit geheiinnißvollcr Ehrfurcht verehrte. Die gewöhnliche Mundart der Cingalese« hat keine Aehnlichkcit mit irgend einer der Sprachen, die auf dem Festlande von Indien gesprochen werden, aber zwischen ihren eigenen verschiedenen Dialcctcn ist kein wesentlicher Unterschied. Ihre Sprache ist aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Sanskrit abstammend, besitzt allerdings manche Eigenthümlichkeiten, hat aber im Allgemeinen eine große Achnlichkeit mit der malayischen Sprache, die, ihres Wohllautes wegen, die „italienische Sprache des Orients" genannt wird. Die cingalesische Sprache ist reich, kräftig und sanft, ihr Schriftstyl ist poetisch, harmonisch und elegant. Die Cingalesm sind begeisterte Liebhaber der Poesie und Musik; — es giebt verschiedene allegorische Balladen und Lieber, die in der cingalcsischen Sprache geschrieben sind und die erhabensten Gesinnungen und Gefühle ausdrücken. Sie sind ebenso beliebt durch die geniale Kraft ihrer Verfasser, als wohlthätig für das Volk, indem sie eine fromme Liebe zum Schöpfer, wie eine thätige Menschenliebe einzustoßen suchen. — Außer diesen Gedichten giebt es noch andere Poesien über eine Menge Gegenstände, Welche vor uralten Zeiten in der Sanskritsprachc geschrieben worden sind, welche die Cingalese» „Budha's Sprache" nennen, die aber nur sehr wenige unter ihren gelehrten Tirinanrcn verstehen. In dieser Sprache sind alle ihre Werke über Religion, Gesetzgebung und Physik geschrieben. Kein Europäer hat aber bis jetzt, so viel ich weiß, Gelegenheit gefunden, diese Bücher zu lesen. Die Cingalese», sowie überhaupt alle Hinduvölker scheinen schon lange den Meridian ihrer Literatur und Wissenschaft überschritten zu haben, das jetzige Geschlecht besitzt nicht mehr die Geschicklich-keit in astronomischen Berechnungen, wie ehemals, die seine Ahnen so rühmlich auszeichnete, es fehlt ihm auch die Kenntniß der 92 feinen Künste, die, obgleich es noch Geschmack genug besitzt, sie zu bewundern, es doch wegen Mangels an Talent nicht mehr producirt. In allen mechanischen Künsten sind sie ihren Nachbarn auf dem Festlande untergeordnet; sie besaßen von jeher nur wenig Manufacture«, sie verfertigen zwar genug baumwollene Stoffe, um die Eingeborenen ihrer Insel damit zu versehen, aber sie sind von schlechter Qualität. Sie fabricirten schon im vorigen Jahrhunderte Luntmstmtcn, und alle Sorten eiserner und stählerner Werkzeuge für Acker- und Häuserbau; ferner alle Gattungen von Töpferwaaren, Gold-, Maler- und Bilbhauerarbeiten. Die Cingalesen haben zu allen Zeiten größtcntheils von den friedlichen Arbeiten des Landbaucs gelebt, auch besitzen sie viel von dem großmüthigen Geiste und der männlichen Tugend, die aus dem Ackerbau treibenden Leben entspringt; sie sind gastfrei, genügsam, maßig, muthvoll, ohne irgend eine Beimischung von Geiz, Kalte, Ziererei ober Verwegenheit. Die alte Hauptstadt Candy erreichten die Engländer am 20. Februar 1803; der militairische Weg dahin, den die Truppen nehmen mußten, war mit großen Schwierigkeiten verbunden, man mußte fortwährend hohe Berge hinauf und hinunter klettern und dazu kamen tagliche Vuschgcfechte mit den Eingeborenen, da England als Sieger in das Innere der Insel eingedrungen und im Begriffe war, das alte Candy der englischen Krone zu unterwerfen. Das Land, worin die Engländer damals vordrangen, entschädigte sie reichlich für alle Mühseligkeiten, die der ungewöhnliche Weg mit sich führte. Ceylon ist eincS der schönsten Lander ber Welt und kann ein irdisches Paradies genannt werden. — Berge, die bis auf ihren Gipfel angebauet sind, von blauen Bächen durchschnitten, von Dörfern und Herden belebt, gut ausgetretene Fußwege, die das Land in allen Richtungen durchkreuzen, fruchtbare Thäler mit Waldern von Arckanußbäumen, Cocos- 93 Palmen, Brotfruchtbäumen, Citronen, Pomeranzen, Pompelmuß-baumen, mit Bananen untermischt, Felder mit Reis, Raggi, Natchcni und anderen Getreidearten bedeckt, umgaben ihren Weg. AlS die Engländer in Candy eintrafen, war die Stadt gänzlich verlassen, denn der König hatte alle seine Schätze aus dem Palaste wegführen lassen und die Einwohner waren ihm darin gefolgt; der Palast brannte an verschiedenen Stellen, als man ihn betrat. Es ist ein ungeheueres Gebäude und steht nur dem von Seringapatam an Größe nach. Die Stadt hatte eine Ausdehnung von zwei englischen Meilen und bildete nur eine Hauptgasse, an deren oberem Ende der Palast steht, und viele kleine Nebengassen, die rechts und links von der Hauptstraße verliefen, aber nicht lang waren. — Die Hauser waren großtmtheilS auS Erde gebauet, etwa fünf Fuß über die Straße erhaben, da sie auf Terrassen gcbauet sind, so daß der Fußboden hoch liegt. Man steigt auf einigen Stufen zu ihnen hinauf. Einige wenige Häuser am oberen Ende der Hauptgasse, zunächst dem Palaste, die den vornehmsten Einwohnern gehörten, waren mit Zügeln bedeckt und Weiß angestrichen. Der Palast ist mit Chunam erbauet und hat steinerne Thorwege. Seine Form ist ein Viereck von bedeutendem Umfange, von dem die eine Fronte ganz neu und noch nicht gehörig ausgebauet war. In der Mitte des Vierecks befindet sich em kleiner, viereckiger, eingemauerter Platz, der die Grabmäler der Könige von Candy enthält. Der Palast umfaßt eine große An-Kahl Zimmer, deren Seitcnwände auf das Seltsamste bemalt und mit einer Menge Inschriften bedeckt sind. Viele Wände trugen gwße Wandspiegel, sieben Fuß hoch und vier Fuß breit. In emem der Zimmer fand man ein riesengroßes, von Erz gegossenes Vild von Budha, in einer sitzenden Stellung, mit zwei kleineren Figuren zu seinen Füßen. Auch befanden sich fünf schneeweiße Rehe im Paläste, die als eine außerordentliche Seltenheit gelten. 94 Der Candystuß ist ein prächtiger Strom und voll von Fischen, da der König nie erlaubte, dieselben zu beunruhigen. Zwei Meilen von der Stadt jenseit des Flusses lagerte die englische Armee. Möge es mir gestattet sein, einstweilen aus dem ersten feindlichen Besuche der Engländer in Candy einige militairische Tagebuchnotizen hier einzuschalten. Im Januar 1803 verließ General Mac Dowal mit 530 Mann vom 51. Rcgimente, sowie mit 2 Compagnien des 19. und der Grenadicrcompagnic des 55. (Obrist Ramsay's) Ceylon-Regiments und mit 100 Malaym, nrbst einer Abtheilung Bengal-und Madras-Artillerie, also zusammen 2000 Mann, die Stadt Columbo. Am 2. Februar marschirtc Obrist Bar but von Trin-comalee mit 500 Mann des i9. Regiments, 600 Mann des ma-layischen Regiments, einer Compagnie Artillerie und Schanzgra-bcr, sowie N Ichnpfunbcrn und zwei Haubitzen fort. — Nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten und zahlreicher feindlicher Corps, die sich ihnen entgegcngeworfen hatten und nun vor sich hcrgctrieben wurden, erreichten beide Divisionen britischer Truppen die Hauptstadt Candy am 20. Februar beinahe in der nämlichen Stunde. Bei Annäherung der englischen Truppen entfloh sofort der König mit seinem ersten Adigar und seine Truppen zerstrcueten sich in alle Gegenden der Insel. Vorher zündeten sie aber den Palast und die Tempel an, aber die britischen Truppen kamen früh genug, um das Feuer zu löschen. Einige Tage zeigte sich der Feind sehr zahlreich in der Nähe der Hauptstadt, wurde aber bald mit großem Verluste zurückgetrieben. Nach einem Aufenthalte von ungefähr einem Monate in Candy wurde der General, sowie mehrere Officicre von dem hier heimischen Buschsieber so stark ergriffen, daß sie nach Columbo zurückkehren mußten. Als der General Candy verließ, nahm er das von Kranken am meisten heimgesuchte 51. Regiment, sowie das Ceyton-Regiment mit sich nach Columbo zurück, die Grenadier- 35 und Iägercompagnicn des 19. Regiments wurden mit den Kranken ihreS Regiments nach Trincomalee zurückgesandt und Obrist Varbut mit den übrigen Truppen in Candy zurückgelassen. Nun aber sing das Klima an, seinen gewöhnlichen tödlichen Einfluß auf die Fremdlinge auszuüben; Obrist Barbut mußte sein Commando verlassen, da er krank wurde, desgleichen Major Blair und mehrere andere Stabsofsicierc. Obrist Barbut und Major Blair starben Beide bald nach ihrer Rückkehr in Columbo an den Folgen des Buschfiebers. Nur ein richtiges diätetisches Verfahren vermochte dagegen zu schützen. — Am 25. Mai kehrte General Mac Dowal, dessen Gesundheit sich gebessert hatte, nach Candy zurück, vorzüglich in der Hoffnung, eine Zusammenkunft mit dein Könige zu erreichen; dies gelang ihm zwar nicht, aber der erste Adigar, oder Minister, erklärte öffentlich, daß er in hohem Grade den Engländern ergeben sei. Der General verließ sich auf diese Versicherung eines schlauen Feindes und kehrte mit den am Vuschfieber leidenden Officiercn und Soldaten nach Columbo zurück. Major Davies vom malayischen Regimcnte wurde als Commandant von Candy zurückgelassen und mit ihm 200 Mann vom i9. und 300 Mann vom malayischen Regimcnte, nebst etwas Artillerie. Am 24. Juni wurde plötzlich Candy mitten im Waffenstillstände von bm Cingalesen angegriffen; Major Davies ergab sich mit seiner Garnison schon am folgenden Tage, und als er mit den Truppen die Stadt verlassen hatte, ließ der Adigar alle noch in derselben befindlichen englischen Soldaten kaltblütig ermorden. Major Davies hatte unter der Bedingung capitulirt, daß er mit seiner Garnison, mit Waffen und Munition ohne Hinderniß nach Trincomalcc marschiren dürfe und daß die zurückbleibenden Kranken verpflegt werden sollten; aber diese Unglücklichen wurden sogleich in ihren Betten ermordet. Die abgezogene Garnison verließ Candy und machte bei Allungonath Halt, um am anderen Tage über den 96 Fluß zu setzen; Major Davies befahl zu diesem Zwecke Flösse zu bauen, um die Ueberfahrt möglichst zu bewerkstelligen, da ihm aber die Cingalesen versicherten, man würde ihm die Böte zur Uebcr-fahrt verschaffen, so unterließ er diese so unumgänglich nothwendige, militairische Vorsichtsmaßregel. Als aber die Böte nicht kamen, ließ er ein Tau über den Fluß ziehen und am jenseitigen Ufer befestigen, in der seltsamen Meinung, daß dieses Tau beim Uebersehen der Truppen hülfreich sein könne; dasselbe wurde aber sehr schnell von einem Candyer losgeschnitten und bald darauf erhielt Major Davies vom ersten Adigar (Minister) Befehl, die Waffen niederzulegen. Nach einigem Zaudern war der Major schwach und feig genug, diesem Befehle zu gehorchen. Alle gefangenen Offtciere und Soldaten wurden von den Cingalesen, die bei dieser Gelegenheit ihren sonst so anerkennungswerthen Charakter der Menschenfreundlichkeit ganzlich verläugnctcn (was aber wohl bei jeder, nicht von christlicher Humanität durchdrungenen Nation, die um Freiheit und Eigenthum kämpft und den Gegner ihrer alten Unabhängigkeit als den gehässigsten Feind zu betrachten gezwungen ist, und von einem ebenso listigen wie rachsüchtigen Minister angereizt wird, entschuldigt werden darf), je Zwei und Zwei in Empfang genommen und ihnen sofort mit schlechten, stumpfen Messern der Kopf abgetrennt. Der nichtswürdige Adigar bemächtigte sich nach diesem blutigen Trauerspiele des Gepäcks und der Artillerie der Englander und ließ deren Kanonen abfeuern, um seinen barbarischen Sieg zu feiern. Die Malayen und Lascar's wurden am Leben gelassen und gefangen genommen, auch Major DavieS und Lieutenant Humphry (der bei der bengalischen Artillerie stand) wurden einstweilen mitgeschleppt, nachdem sechzehn Ofsi-ciere und 472 englische Soldaten ermordet worden waren. Was den Major Davies, der sonst als ein braver Ofstcier bekannt war, zu dieser unverantwortlichen und ehrlosen Uebergabe 97 der Stadt und der noch unwürdigeren Niederlegung der Waffen bewegen konnte, ist schwer zu sagen. Das Fort von Candy war so gut befestigt worden, daß es die Cingalesen nie hätten einnehmen können, Lebensmittel und Munition waren genug vorhanden, auch war bereits Hülfe von Trincomalec aus auf dem Wege, um die Stadt zu entsetzen. Und wenn der Major auch Gründe gehabt hatte, zu capituliren und sich zurückzuziehen, so hatte er sich doch mit den Truppen, die ihm anvertrauet waren, zehnmal durch die ganze feindliche Armee durchschlagen können, denn die Cingalesen sind im Vergleiche zu europäischen Truppen nur schlechte Soldatm. Davies muß den Kopf oder gar den Verstand verloren haben. Er hat aber dafür spater seinen großen militairischen Fehler mit dem Leben bezahlen müssen, Wie leicht eine Vertheidigung möglich gewesen wäre und wie er mit dem gewöhnlichen Muthe seine Truppen hätte retten können, davon gab Capitain Madge vom 19. Negimente ein schönes Beispiel zu derselben Zeit. Derselbe befehligte etwa 15 cngl. Meilen von Candy entfernt eine kleine, auf dem Wege nach Trincomalee erbauete Schanze und seine kleine Garnison bestand nur aus dreißig englischen Soldaten, welche obenein fast sämmtlich krank und dienstunfähig waren, und aus fünfzig Malayen. Er wurde ganz in derselben Zeit angegriffen, als die Cingalescn vor Candy erschienen, vertheidigte sich aber mit seiner kleinen Schaar so lange, bis er die Nachricht von der Niedcnnetzclung in Candy und der Capitulation erhielt, und zog sich dann auf dem Wege nach Trincomalee zurück. Er verließ die Schanze nur mit zwölf Soldaten und fünfundzwanzig Malayen, die Uebrigm waren nicht im Stande, ihm zu folgen und er mußte sie ihrem Schicksale überlassen. Mit diesem Häuflein zog er sich, immerwahrend fechtend, zurück, bis er einer Abtheilung des malayischen Regimentes begegnete, die Candy zu Hülfe eilen wollte, aber nun mit zurückkehrte. Van Mötcrn, Ostindien. II. 7 98 Auf dem Wege nach Columbo war eine andere kleine Schanze errichtet, vom Lieutenant Niron befehligt; er hatte nur 22 invalide Malayen, 14 genesende Soldaten vom 49. Regimente und 60 Seapoy's bei sich, vertheidigte sich aber in diesem elenden, nur von Faschinen aufgebaueten und befestigten Platze langer als eine Woche, in welcher er seine ganze Munition verschossen hatte, gegen eine große Menge Cingalese«, die ihn ringsum einschlössen, bis man ihm endlich zur Hülfe kam. Im Monate September desselben Jahres ließ der König der Candyer, bei Gelegenheit einer religiösen Ceremonie, den Major Davies und den Lieutenant Humphry öffentlich hinrichten, allen gefangenen Malaycn und sonstigen eingeborenen Gefangenen aber, die unter den Engländern gedient hatten, Nasen und Ohren abschneiden und schickte sie in diesem Zustande den Engländern zurück. So traurig gestalteten sich die Ereignisse im Anfange des englischen Krieges mit Candy, aber die ostindischc Compagnie wußte bald Genugthuung zu fordern. Ehe ich Ceylon verlasse, muß ich noch der Perlenfischerei gedenken. — Dieselbe war bei den Königen von Candy gewöhnlich auf ein Jahr verpachtet, wobei die Zahl der Böte, welche gebraucht werden durften, contractlich bedungen wurde. Als im Jahre 1799 ein Tamulkaufmann die Perlenfischern in Pacht hatte, mußte derselbe für die Freiheit, mit mehr als der gewöhnlichen Zahl Böte zu fischen, zwischen zwei bis drei Laks Pagodm bezahlen,*) was beinahe das doppelte Pachtgeld war, das man sonst zu fordern Pflegte. Es scheint, daß die Furcht vor den Haifischen die Ursache einer öfteren gänzlichen Unterbrechung der Perlenfischern ist. Die Taucher sind sehr furchtsam und abergläubisch, jeder von ihnen, *) Aine Rupie sind 16—15 sächsische Gruschcn; 100,000 Rupien machen ein Lak und 100 ^ats machen cine ftrore. 99 selbst der geschickteste Schwimmer, hat eine so große Scheu vor den Haifischen, daß sie um keinen Preis in das Meer tauchen würden, ehe der Zauberer seine Ceremonie beendet und dadurch diese Sceraubthicre beschworen hätte. Dieses Vomrthcil ist bei ihnen so tief eingewurzelt, daß die Negierung gezwungen war, zwei solcher Beschwörer zu besolden, um die Furcht der Taucher zu heben und die Perlen oder das Pachtgeld nicht einzubüßen. Die Art, diese gefräßigen Scethicre zu bezaubem, besteht in einer Anzahl auswendig gelernter Sprüche, die Niemand und wahrscheinlich der Beschwörer selbst nicht versteht, und die derselbe, auf dem Mcercsstrande stehend, von Sonnenaufgang an bis zur Wiederkehr der Fischcrbötc hermmmelt. Während dieser Zeit müssen sie sich des Schlafes und aller Nahrung enthalten, da ihre Zauber-sprüche sonst ohne Wirkimg sein würben, es ist ihnen aber erlaubt zu trinken, wovon sie denn auch großen Gebrauch machen und wobei sie sich öfters so betrinkm, daß sie außer Stande sind, ihre Pflichten zu erfüllen. Einige dieser Beschwörer begleiten die Taucher in ihren Böten, was diesen sehr angenehm ist, da sie dann ihre Beschützer so nahe bei sich haben. Doch hatte kurz vor meiner Ankunft am Strande einer dieser Taucher seine beiden Beine durch einen Haifisch verloren und als man den obersten Beschwörer wegen dieses Unfalls zur Verantwortung zog, sagte er zu seiner Entschuldigung, baß eine alte Here soeben an die Küste gekommen wäre, die aus Neid und Bosheit durch eine Gegcnbcschwörung dieses Unglück verursacht habe, was er zu spat erfahren, da er sonst ihre Zauberei vereitelt haben würde. Er bewies aber bald nachher seine Ueberlegmhcit dadurch, daß er die Haifische so gänzlich bczaubcrte, b"ß sie, obgleich den meisten Tauchern solche Thiere erschienen, doch nicht im Stande waren, ihren Rachen zu öffnen, wie auch die heimkehrenden Taucher mit gläubigem Ernste versicherten. Wird einer dieser Fische bemerkt, so machen die Taucher aus 100 der Stelle ein Signal, und sobald man dasselbe erblickt, kehren alle Böte rasch an das Land zurück. — Ein Taucher, der auf eine Hammermuschel trat und sich am Fuße verletzte, glaubte von einem Haisische gebissen worden zu sein und gab das gewöhnliche Signal, worauf alle Böte den Rückweg antraten; er wurde aber nachher für seinen Irrthum bestraft. Die größte und schönste Perle, welche bei Ceylon gefunden wurde, hatte die Größe einer kleinen Pistolenkugel. Jetzt erleichtert man sich diese Fischerei mit Hülfe der verbesserten Taucherglocke. Am Eingänge des persischen Meeres, bei der Insel Ormus, wirb die Perlenfischern ebenfalls stark betrieben. Die Taucher holen die Muscheln (NaisH^rina inar^ai-ititsrg.) oft vierzig Fuß tief herauf; dann breitet man dieselben am Ufer aus, damit die Thiere darin verfaulen, und die Perlen liegen dann frei in den Muscheln. Letztere liefern dann daS Perlmutter. MmmhWiyMtes MM. Die Franzosen in Ostindien. Im elften Kapitel habe ich die Entwickelung der cnglisch-ost-indischen Compagnie unter mannichfaltigen Conflicten mit den portugiesischen und holländischen Interessen bis zu der Gründung von Madras und dem Erwerb der Insel Bombay, welche König Karl II. als Heirathsgut der portugiesischen Prinzessin Catharine nicht ohne Hindernisse unter die Besihthümer der englisch - oftindischm Compagnie zu bringen vermochte, bargestellt. Um diese Zeit, im Jahre 4668, hatte die Compagnie einen ziemlichen Einfluß durch den Besitz eines selbständigen Eigenthums, wie Bombay, erworben, denn ihre übrigen Factorcicn zu Madras, Surate und Calcutta hingen immer mehr oder weniger vom Schuhe der indischen Fürsten ab, zu deren Lündcrgebicten die genannten Factorcicn gehörten. Es war für die englisch-ostindischc Compagnie dieser Besitz um so wichtiger, als fast gleichzeitig Frankreich cm Auge auf Ostindien zu werfen anfing; unter Colbert wurde eine französisch-ostindische Compagnie gestiftet und wirklich erschienen die Franzosen sehr bald bei dem Fürsten von Visc, pur, gewannen von demselben die höchst bedeutungsvolle 102 Erlaubniß, ein Fort auf der Küste von Coromandel anzulegen, das der Grund des bald wichtigen Ponbichery wurde. Von hier aus machten die Franzosen viele glückliche Handelsgeschäfte mit viel Geschick. Daß die englisch-ostindische Compagnie einen solchen Nebenbuhler nur höchst ungern sah, lag in der Natur der Sache; es gab bald gegenseitige Reibungen und Händel, die um so mehr in offene Feindseligkeiten ausbrachen, als beide Nationen in Europa als kriegführende Feinde einander gegenüberstanden. Diese Feindseligkeiten blieben aber in Ostindien immer noch von untergeordneter Bedeutung und es vergingen über stebcnzig Jahre, ohne daß in der ostmdischen Sachlage sich etwas Bedeutungsvolles umgestaltet hätte. In der Zeit aber, als Frankreich und England den Krieg in Europa führten, welchen drei Jahre später der Friede zu Aachen einstweilen beschloß, hatte Frankreich die Inseln Isle de France und Bourbon durch den Gouverneur derselben, La Bourdon-nai, zu blühenden Niederlassungen geinacht, und der Gouverneur war ein Mann, der mit Eifer und Unrigennützigkeit selbst sein Privatvmnögm gern daran setzte, um Frankreichs Macht in dieser Gegend zur Geltung zu bringen und mit den Handelsintcressen der Engländer muthig zu concurriren. Dieses Aufblühen der beiden Inseln, namentlich aber der Krieg in Europa, machte die englisch - ostindischc Compagnie besorgt und vorsichtig, sie rüstete im Jahre 1745 ein Geschwader aus und schickte es in die indischen Gewässer, um die Factoreien gegen Ueberfälle, den Handel gegen feindliche Eingriffe zu schützen. Plötzlich aber erschien der rührige La Bourdonnai, der sogar auf eigene Kosten nenn Schiffe bewaffnet und ausgerüstet hatte, schlagfertig in den indischen Gewässern, suchte die englische Flotte auf, schlug sie und steuerte geradcwcgs auf Madras, welches er belagerte, während er gleichzeitig Vatavia und Goa blockirte. Das 103 unterlegene englische Geschwader konnte sich nicht so zeitig wieder erholen, um der Stadt Madras, diesem wichtigsten Platze des ostindischen Handels, zur Hülfe zu eilen und dieselbe zu entsetzen; sie ergab sich den Franzosen unter den ungünstigsten Bedingungen einer Capitulation, welche festsetzte, daß die Engländer ihre persönliche Freiheit und ihr Eigenthum mit neun Millionen Franken auslösen sollten und die Stadt selbst dem Fürsten (Nabob) von Carnatik übergeben werde. Diese Capitulationsbcbingungcn hatte der Gouverneur La Bourdonnai gestellt, weil er den Maßregeln der französischen Regierung zufolge keine Eroberungen auf dem indischen Fcstlande in Besitz behalten sollte. Der Gouverneur von Pondichery, Namens Duftlair, zeigte indessen wenig Neigung, einmal gewonnene Gebiete einer dritten Person zu überlassen, er widersetzte sich dem Befehl, welchen einmal die französische Regierung für solche Fälle ihren indischen Gouverneuren gegeben hatte, und forderte die Beibehaltung von Madras. 3a Bourdonnai, der Ordre getreu und im Glauben, daß er nicht nur gehorchen, sondern durch Mäßigung seines Kriegsglücks dem französischen Einflüsse nützen müsse, kam mit Duftlair, der ein sehr entschiedener und ehrgeiziger Mann war und schon längst darauf gesonnen hatte, Indien unter französische Herrschaft zu bringen, in einen heftigen Streit, überließ Duftlair das weitere Handeln und zog sich nach den französischen Inseln zurück. Duftlair hob sofort die von Vourdonnai aufgestellten Capitulations-bedingungen wieder auf, nahm den Gouverneur von Madras und viele angesehene Einwohner gefangen, führte sie nut nach Pon-dichery und betrachtete Madras als französisches Eigenthum. Dieser Streit zwischen beiden französischen Gouverneuren lahmte das weitere Vordringen der Franzosen, die sonst, wenn sie einig gewesen wären, viel größere Erfolge erzielt haben könnten. Auf Duplair's Bericht an die französische Regierung wurde sein Benehmen gut geheißen, Bombonnai von Isle de France abbe- 104 rufen und für seinen militainschen Gehorsam drei Jahre in die Bastille geworfen. Der Besitz von Madras dauerte aber kaum drei Jahre, denn im Aachener Frieden (4748) wurde stiftulirt, baß Madras an die Engländer zurückgegeben werden sollte. Nur mit Unwillen räumte Duplair die Stadt und gab Gefangene und Eigenthum wieder frei; es hinderte ihn aber nicht, seine Pläne zur Beherrschung Indiens auf anderem Wege zu verwirklichen und er suchte dabei durch Einschüchterung, kluge Gewinnung und allmälige Unterwerfung der indischen Fürsten zu rcüssircn. Dieser Plan war nicht übel, aber die Engländer faßten denselben Plan, um ihrem gefährlichen Nebenbuhler womöglich zuvorzukommen oder ihm doch wenigstens hindernd ober beschränkend zu begegnen. Die diplomatische Klugheit der Engländer war aber der listigen, ränkevollcn Politik Duplair's nicht gewachsen, denn dieser ebenso ehrgeizige wie thatkräftige Mann, der die Diplomatie der indischen Fürsten genau studirt und sich vorgenommen hatte, sie mit derselben List und Schlauheit zu bekämpfen, welche sie selbst übten, machte den französischen Einfluß überall geltend und stellte die Interessen der Engländer in großen Nachtheil. Er würde seine Pläne für Frankreichs Oberherrschaft in den indischen Angelegenheiten sicherlich bis zu einem bedeutenden Grade verwirklicht haben, wenn nicht der engherzige Krämergeist, der überall nur gewinnen will und für Ehre und Nationalität keine Opfer zu bringen fähig ist, den kühnen Geist Duplair's in mächtige Fesseln zu schlagen gewußt hätte. Die französisch-ostindischc Handelsgesellschaft, die mit dem weiter blickenden und unbeugsamen Gouverneur unzufrieden war, beklagte sich kurzsichtiger und thörichter Weise bei dem französischen Ministerium und dieses rief Duplair im Jahre 1753 zurück. In Paris sollte er sich vertheidigen und er, welcher noch kurz vorher das Loos indischer Fürsten bestimmt hatte, mußte jetzt 105 wie ein schuldiger Bittsteller vor Richtern und Anwälten stehen, was er nicht ertrug und ihm bald den Tod zuzog. Einer von den Directoren der französisch-ostinbischen Compagnie, Namens Godeheu, ein zwar verständiger, aber ruhiger und ängstlicher Mann, ohne irgend große Eigenschaften, ohne Ehrgeiz, Aufopferung und Charakter eines Mannes von solcher schwieriger Stellung, wurde nun Gouverneur von Pondichery. Das ermuthigte die Engländer zu größerer und kühnerer Thätigkeit, jetzt galt es, den französischen Einfluß in Indien zu vernichten. Zunächst rckrutirtm sie ihre Militairmacht durch indische Eingeborene, die man Seapoy's nennt, erercirten dieselben in europäische Kricgszucht und Waffenübung ein, verheimlichten ihnen aber die Kunst der europäischen Kriegführung und gewannen an diesem Zuwachse eine Macht, womit sie in wenigen Iahrzehnden ein ebenso großes, als unerschöpfliches Ncich begründeten. Die erste Gelegenheit zur Erweiterung des englischen Einflusses war bald durch einen Seeräuber gegeben, dessen Staat Eurate unweit Bombay lag und der den schwachen mongolischen Monarchen zu Delhi gezwungen hatte, ihm die Würde eines Admirals zu ertheilen, welche Würde es früher zu den Zeiten der Blüthe des mongolischen Kaiserreiches gegeben hatte. Dadurch im höchsten Grade übermüthig gemacht, wurde er, unter dem Schutztitcl eines Beschützers des mongolischen Handels, ein gefährlicher Ruhestörer der Gewässer dieser Gegend und die euro, Päischen Nationen waren gezwungen, zur Sicherung gegen diesen Seeräuber eine kostspielige Seemacht zu unterhalten. Es kam auch einige Male zwischen Europäern und ihm zu Seegefechten, Wobei die erstem den Kürzcrm zogen und der Seeräuber erklärte jetzt laut und großprahlerisch, daß er es unternehmen wolle, die indischen Gewässer und Küsten gänzlich von den Europäern zu säubern. Die Engländer nahmen jetzt die Herausforderung an, den 106 englischen Einfluß, der durch die Vortheile dcr Franzofen über sie etwas geschwächt war, wieber geltend zu machen, indem sie zunächst sich mit den Mahratten verbündeten und den Secrauber-staat angriffen. Eine englische Flotte wurde unter Befehl deß Admiral Watson und mit Landungstrupften unter Obrist Clive abgesandt und der Feldzug durch völlige Vernichtung des See-räuberstaates gekrönt, nachdem dessen Seemacht verbrannt und dessen sämmtliche Forts genommen worden waren. Das Königreich Bengalen, worin die Engländer seit 1652 durch die Gunst des Moguls Niederlassungen besaßen, wurde nun der erste, bedeutsamere Gegenstand englischer Gcbietscrweiterungs-ftläne, denn die erwachte Eifersucht der bengalischen Subahbar's, die außerdem französischen Iuflüsterungcn Gehör gaben, belästigte die englischen Handelsinteressen immer empfindlicher und machte sie von der Laune dieser Statthalter abhängig. Im Jahre l756 wurde der Subahdar Surajah Dowla von einem französischen GeneraleVussy aufgestachelt, gegen die Engländer feindselig aufzutreten und die Niederlassungen derselben in Bengalen zu zerstören. Ein Vorwand dazu war sehr leicht gefunden. Ein Hindu, der bei dem Vorgänger von Surajah Dowla in großem Ansehen stand und sich freiwillig bei den Engländern aufhielt, wurde vom Subahdar zurückgerufen; der Hindu weigerte sich, diesem Rufe Folge zu leisten; Eurajah Dowla forderte gewaltsam die Auslieferung desselben, was die Engländer ablehnten. — Nun hatte der aufgehetzte Subahdar die Gelegenheit zu offenen Feindseligkeiten gefunden und er beschloß einen Raubzug gegen die englischen Niederlassungen. In der Hoffnung, die größte Beute in Calcutta zu finden, zog er mit ansehnlicher Streitmacht direct gegen diese Stadt. Da aber das englische Gouvernement bei der politischen Lage in Europa innere Kriege mit Frankreich in Ostindien vorhcrsehen konnte, so hatte dasselbe zu rechter Zeit angefangen, die Stadt 107 Calcutta mit Befestigungen zu umgeben. Gegen diese Befestigung auf bengalischem Boden erhob der Subahdar offen seine Stimme und forderte, daß die Festungswerke wieder niedergerissen werden sollten, wartete aber die Antwort nicht ab, als er gewahr wurde, daß die Niederlassung zu Calcutta sich in gar keinem ausreichenden Verthcidigungszustandc befand und schritt sofort zum Angriffe. Dieser wenig vorhergcschmc Ucbcrfall brachte in Calcutta die größte Bestürzung hervor; der Gouverneur und eine Menge angesehener Einwohner flüchteten auf die Schiffe und rettetm dahin ihre vorzüglichsten Schätze. Nur ein muthiger Major, Namens Hollwell, blieb mit einer kleinen Garnison in der Niederlassung zurück, um sie nach besten Kräften zu vertheidigen, konnte aber nicht lange Widerstand leisten, da der Feind zu zahlreich und die kleine Mannschaft theils erkrankt, theils durch Wunden kampfunfähig gemacht war, und mußte Calcutta am 20. Juni 1756 dem Subahdar überliefern. Dieser behandelte die Gefangenen unmenschlich; es mochten ihrer 14k Kranke und Blessirte sein, welche er in der Zeit der unerträglichsten Hitze in ein dumpfes, cngcs, elf Fuß langes und achtzehn Fuß breites Gefängniß, mit einem einzigen, nicht an die freie Luft, sondern in einen anderen Höhlenraum gehenden Fenster ^- die sogenannte schwarze Höhle — einsperren ließ, wo die Unglücklichen so furchtbar au Durst, Hitze und Erstickung litten, daß in der ersten Nacht die Meisten davon starben und am anderen Morgen nur noch dreiund zwanzig Mann lebend aus der Höhle herausgezogen wurden. Unter diesen Lebenden war auch der Major Hollwell. Er wurde mm gezwungen, dem Subahbar die Orte zu verrathen, wo die verborgenen Schätze lagen, um die es dem Grausamen am meisten zu thun war. Die erschütternde Nachricht von dieser Grausamkeit und Räuberei wurde kaum auf den Schiffen und in Madras bekannt, als man sofort Truppen nach Bengalen sandte. Admiral Watson, 108 der mit seinem Geschwader in den indischen Gewässern kreuzte, nachdem er den Seeräuberstaat gewonnen hatte, wurde beordert, schleunigst die Truppen unter Obrist Cliv e, die theils aus Europäern, theils aus Scaftoy's bestanden, nach Bengalen zu führen. Clive war ein zu guter Soldat, um nicht die englische Autorität wieder herzustellen. Er griff die beiden bedeutendsten Festungen am Ganges an und nahm sie mit keckem Angriffe, er eroberte Hooghly, den Ort, wo der Subahdar seine Arsenäle und großen Salzmagazine hatte, zerstörte und verbrannte dieselben, und als der Subahdar mit seiner, die englische Streitmacht bedeutend übertreffenden Macht gegen Clive zog, wurde er von diesem völlig geschlagen und gedcmüthigt. Er mußte die Bedingung eingehen, Alles, was er in Calcutta zerstört hatte, wieder herzustellen, die ganze eroberte Beute wieder herauszugeben, den Engländern Zoll-frciheit zugestehen und seine Zustimmung zu der Befestigung der englischen Niederlassung zu Calcutta erklären. In Europa war aber unterdessen der Krieg zwischen England und Frankreich ausgebrochen (l756). Die Franzosen in Indien waren, wenn sie auch den Subahbar aufgestachelt hatten, doch klug genug gewesen, keinen offenen Antheil an dessen Kampfe in Bengalen zu zeigen und nach dem Unterliegen desselben, trotz der Feindschaft beider Nationen in Europa, mit den Engländern eine Unterhandlung anzuknüpfen, um in Ostindien Frieden zu halten. Obrist Clive aber, der wahrscheinlich den stillen Einfluß der Franzosen auf den Subahbar thatsächlich erkannt haben mochte, zog mit seinem siegreichen Heere geradeswegs vor die Festung Chan-bernagur und nahm sie ein. Er hatte dazu um so dringendere Veranlassung, als der Subahdar keine rechte Miene machte, die eingegangenen Bedingungen zu erfüllen, vielmehr zögerte und eine Unterstützung von den Franzosen erwartete. Durch die Einnahme jener Festung aber versperrte er den Franzosen jeden Hülfsweg, auf welchem sie mit dem Subahbar sich hatten verbinden können. 109 Es wurde sogar demselben Zwang auferlegt, alle Franzosen, die sich unter seinen Schutz begeben hatten, nach Bahar zu schicken, wo sie ganz der Gewalt und Willkür der Engländer unterworfen warm. Die Engländer wollten nicht auf halbem Wege stehen bleibm, einen gefährlichen und wankclmüthigen Feind, der jede Gelegenheit eines mächtigen Augenblicks oder eine günstige französische Hülfe zu neuen Angriffen benutzen würde, ganz und gar ungefährlich zu machen, sondern schritten weiter, um ihm alle Macht zu nehmen. — Zu diesem Entschlüsse wurden sie durch einen günstigen Umstand gebracht.— Ein gewisser Meer Iaffier, ein Befehlshaber in des Subahdar's Armee, welcher mit diesem zerfallen war, aber noch an der Spitze ciner kleinen Truppenmacht stand, war erbötig, den Engländern zum Sturze des Subahdar's bchülf-lich zu sein. Clive zog mm geradeswegs in das Land des Subahdar's ein, nahm die Stadt Cutwa und die dazu gehörige Festung, marschirte auf Plassey, wo er aber eine feinbliche Armee von 30,000 Mann Infanterie und l 5,000 Mann Reiterei nebst einer ansehnlichen Artillerie antraf, deren Kanonen von Franzosen bedient wurden. Es kam am 26. Juni (1757) zu einer heftigen Fcldschlacht, und obgleich Clive nur 2200 Scapoy's und etwa 900 europäische Soldaten hatte, so wurde der Subahdar doch vollkommen geschlagen. Das Resultat dieser Schlacht war für die mglisch-ostindische Compagnie von weittragender Wichtigkeit; obgleich die Englander nur zwanzig Mann verloren hatten, so entschied dieser Sieg doch über dreißig Millionen Menschen, denn so hoch belief sich die Gin-Wohnerzahl des Königreichs Bengalen. Clive eroberte nunmehr auf seinemSiegeszugc die Hauptstadt Murshadabad, jagte den Subahbar von seinem Posten und ernannte Meer Iafsier zu feinem Nachfolger. Der flüchtige Subahdar Smajah Dowla wurde unterwegs aufgegriffen und von Iaffier's Sohne getödtet. 110 Meer Iafsier war unter der Bedingung Subahbar von Bengalen geworden, daß er den Franzosen niemals erlauben wolle, sich in den Provinzen Bahar, Orissa (Orira) und Bengalen niederzulassen, er zahlte an die Compagnie die Summe von zehn Millionen Nuvien und außerdem vergrößerten die Englander ihr Gebiet um Calcutta. — Verhielten sich aber auch die Franzosen still und zuschauend, so bereiteten sie sich doch im Stillen vor, ihrc verlorenen Vortheile wieder zu erkämpfen. Ihr Wunsch, trotz des europäischen Krieges in Ostindien Frieden mit der Compagnie zu halten, war eine Maske, denn der Gouverneur von Pondichery hatte aus Paris die stille Weisung empfangen, nicht eher in Indien etwas zu unternehmen, bis aus Frankreich hinlängliche Verstärkungen angelangt scin würden. Endlich langte in Indien, in Begleitung einer starken Militairmacht, ein Mann an, der zum Gouverneur von Pondichcry und aller franzosisch-ostindischm Angelegenheiten ernannt war und den Auftrag erhalten hatte, mancherlei Mißbrauche in der Verwaltung der Colonieen zu verbessern. Dieser Mann war Lally. Was seine Energie und Unerschrockenheit anbetrifft, so konnte seine Wahl an diesem Posten keine glücklichere scin, denn er hatte sich bereits in der Schlacht bei Fontenoy bedeutend hervorgethan und war von einem glühenden Hasse gegen die Engländer erfüllt. Seine Familie stammte nämlich aus Irland und war zu den Zeiten der Stuarts nach Frankreich geflüchtet. Man hatte ihn wahrscheinlich seines Na-tionalhasscs wegen zum Gouverneur von Pondichcry auserschcn, da man von ihm keine Nachsicht gegen englische Interessen zu befürchten brauchte und von seiner Entschiedenheit im Handeln Beweise hatte, aber man dachte nicht daran, daß man in Indien nicht nur mit Charakter, Muth und Uncrschrockcnheit zum Ziele gelangt, sondern daneben auch eine große Portion Schlauheit, Verstellung, Falschheit, fügsame Klugheit, tausend Ränke und Ill Hintergehungen von Nöthen hat, um nach indischer Sitte sowohl von Eingeborenen wie Engländern und Holländern etwas zu erreichen. ^- Mit dem Leben und Treiben in Ostindien war Lally völlig unbekannt und sein entschiedener, offener Charakter machte deßhalb seine neue Stellung und deren Aufgabe doppelt schwierig und gefahrvoll. Sein erstes Handeln war eine unbesonnene, von blindem Eifer hervorgerufene That. Da er in den Verwaltungskassm gar kein Geld vorfand, so glaubte er, daß die Behörde dieselben nicht nur schlecht verwaltet, sondern auch Untcrschlcife gemacht habe, und er schritt zur Bestrafung der Beamten. Diese aber wurden dadurch seine bittersten Gegner, machten eine stille und offene Opposition gegen ihn und, anstatt seine Pläne zu fördern, lahmten sie alle seine Unternehmungen, um seine Abberufung zu erreichen. Dennoch begann dieser energische und vielfach vcrläumdete und verkannte Mann, dessen größtes Unglück und unverzeihlicher Fehler war, daß er gegen die selbstsüchtigen Betrügereien und habsüchtigen Pläne Anderer nicht blind war und nicht gemeinschaftliche Sache damit machte, seine erste Operation mit Glück, indem er die französische Flagge auf das Fort St. David steckte, das stch ihm ergeben mußte. Dann zog er gegen den König von Tanjore, den er, da seine Unternehmungen Geld kosteten, zur Zahlung großer Summen zwingen wollte; der Widerstand seiner eigenen Beamten im Militair und Civil vereitelte aber diesen Feldzug mehr, als die gute Vertheidigung des Königs von Tan-lore, so daß er, ohne den Zweck zu erreichen, von seinem Vorhaben ablassen und von Tanjore wieder abziehen mußte. Er konnte nämlich seine Soldaten nicht bezahlen, weit man ihm in Ponbichen) die verlangten 100,000 Rupien für die Armeebesoldung verweigerte, weil sie nicht aufzutrcibcn wären, und die Folge davon war, daß ihn die Soldaten verlassen wollten. Sein Eifer.gegen England erlahmte aber nicht, es gelang 112 ihm, eine Armee auszurüsten, um gegen Madras zu ziehen, daS er belagerte, aber wieder ohne den geringsten Erfolg aufgeben mußte, weil ein ansehnliches englisches Geschwader vor Madras erschien und die Stadt entsetzte. Die Schadenfreude von Lally's Feinden, d. h. den controlirtcn widerspenstigen eigenen Beamten, ging so weit, daß man in Pondichery über seinen verunglückten Plan der Einnahme von Madras und über seinen Abzug laut frohlockte, in der Hoffnung, daß dadurch seine Abberufung beschleunigt werde. Dazu aber kam ein neues Unglück; Lally hatte zu seiner Expedition gegen Madras auch die französischen Truppen herangezogen, welche in den nördlicher gelegenen Colonieen unter General Vussy gelegen hatten; diese waren nun von den nöthigen Streitkräften entblößt, die Engländer benutzten diesen Zeitpunkt und drangen von Bengalen aus hinein, befestigten sich darin, eroberten Massulipatam (1759), siegten in der Schlacht bei Wandiwash und vernichteten die französische Macht in dieser Gegend gründlich. Verzweiflungsvoll, mit sich und seiner ganzen Mission zerfallen, bittere Abneigung gegen Oftindien empfindend und die heftigsten Anklagen und Schilderungen nach Frankreich berichtend, wurde Lally Schritt für Schritt von den Englandern zurückgetrieben, mußte Camatik gänzlich räumen und warf sich auf Pondichery, wo er sich einschloß und vergeblich seine Landsleutc zu einem gemeinschaftlichen Handeln und zur Eintracht anzuspornen suchte. Der verwundete Egoismus und die Verluste der Habsucht riefen die gemeinsten Leidenschaften gegen den verzwciflungS-vollcn Lally wach, der selbst den Ort ein Sodom nannte und den baldigen Untergang vorhcrsah. So dauerte der traurige Zustand bis in das Jahr 476l hinein, wo endlich die Englander Pondichery eroberten. Das hatte dann zur unausbleiblichen Folge, daß nach einem kriegerischen Zustande von zwei Jahren die Franzosen ganz und gar aus Ostindien vertrieben wurden. Lally wurde gefangen genommen und nach England geschickt. 113 In Frankreich erweckte der totale Verlust der Besitzungen in Ostindien, von deren Werthe man sich hohe Vorstellungen eingebildet hatte, eine furchtbare Erbitterung und offene Wuth gegen Lally. Die französisch-ostindische Compagnie und ihre Actionaire, welche ihre Summen verloren sahen, schuldigten in ihrer blinden Gelbrache nicht die schlechte Verwaltung, die Lally stürzen wollte und die ihn selbst stürzte, an, sondern bezeichneten den Gestürzten offen als Verräther, zumal seine Familie aus Irland stammte und er jetzt in England lebte. Der offene Charakter Lally's, dessen ganzes Unglück die Verachtung krummer Wege und das Handeln auf geradem Wege gewesen war, fühlte durch die Anschuldigung der Verrätherei sein Gewissen so sehr beleidigt, daß er, vergessend, wie nichtswürdig der Krämergeist der französischen Compagnie einst gegen Bourdon-nai und Duftlair gehandelt hatte, sich in England die Erlaubniß erbat, sich als Kriegsgefangener in Paris stellen und seine Unschuld beweisen zu dürfen. — Es ist bekannt, was dem unglücklichen Manne bevorstand; in die Bastille geschleppt, nach einem langweiligen Processe der öffentlichen Meinung und rachsüchtiger Geldmenschcn verfallen, wurde er auf einem gemeinen Schinderkarren, einen Knebel im Munde, nach dem Richtplatze geführt und gemordet. Die französisch-ostindische Compagnie hatte sich aber selbst damit den Todcsstrcich versetzt, die Geister dreier mißhandelter Männer standen als rächende Zeugen bei der nun erfolgenden Auflösung der französischen Compagnie, die nun in Indien nichts mehr zu schaffen hatte und auf deren einstigen ostindischen Besitzungen nunmehr die englisch-ostindische Compagnie ihre Herrschaft erweiterte. Van Mo lern, Ostindien. II. ZMmntyMNjMteli MM. Die Kampfe dcr englisch-ostindisch en Compagnie vom Jahre 17tti bis zum Frieden mit Tippo Sail» im Jahre 1784. Es ist schon erzählt worden, wie die Engländer unter Admiral Watfon und Obrist Clive den Seeräuberstaat Surate bezwängen; die Würde eines mongolischen Admirals, welche der Seeräuber dem schwachen Monarchen von Delhi abgezwungen hatte, war nun auf die englische Compagnie übergegangen, was ihr nicht nur Bombay's wegen, sondern für ihre freiere Beherrschung der Gewässer von Wichtigkeit wurde. Es ist ebenfalls mitgetheilt worden, wie die Engländer den feindseligen Subahdar von Bengalen, Surajah Dowla, entsetzten und an seinen Platz den Meer Iaffier installirten, dcr anfangs den Engländern sehr bereitwillig die Bedingungen erfüllte, unter welchen er zu der Subahdar's- oder Nabob's-Würdc erhoben worden war, bald nachher aber, als er sich auf dem Platze sicher fühlte, eine gewisse, mißtrauische Zurückhaltung gegen die ihn beschützenden Engländer an den Tag gelegt und allmälig zu verstehen gegeben hatte/ baß er sich ihres lästigen Schutzes zu entledigen strebe. Er ging darin so weit, daß er zur Bekämpfung der Engländer in geheimc Unterhandlungen mit den Holländern 115 trat, die denn auch, wie immer zuvor, die Mißgunst gegen ihre Nebenbuhler gern thatsächlich gemacht hätten. — Die Engländer wurden aber kaum gewahr, welche Absichten der treulose Meer Iafsier hegte, als der Gouverneur sofort beschloß, denselben abzusetzen. Leiber aber zeigte sich auch hier in der englisch-ostindischen Compagnie der Kramergeist in seinen engherzigen Schwächen. Trotz der bedeutenden Geschäfte und Gebietserweiterungen, welche die Compagnie gemacht hatte, war sie arm geblieben und sogar in Schulden gerathen, während ihre Beamten von Reichthum strotzten. — Die Compagnie kam daher auf den nicht gerade würdigen Nothgedanken, Schacher zu treiben mit der Besehung der Subahbar's- oder Nabob's-Würde in Bengalen) man setzte den Meer Iafsier ab und bot seine Stelle öffentlich feil. Es fand sich auch ein annehmlicher Käufer in der Person des Meer Kossim und zwar gerade zu derselben Zeit, in welcher die Engländer noch mit den Franzosen unter Lally um Carnatik kämpften, also Gelb nöthig hatten, zumal man recht gut weiß, daß ohne diese Hülfsgelder durch den Stellcnverkauf, bei bcr Entblößung aller Kassen, der Krieg gegen die Franzosen nicht hatte fortgesetzt werden können. Nach dem Maßstabe der großen Geldverlegenheit mußte Meer Kossim seineNabobswürdc sehr theuer erkaufen, obgleich er der Schwiegersohn des abgesetzten Iafsier war. Er übergab der Compagnie als Eigenthum die Gebiete Midnapur, Budwar und Chittagong, bezahlte ihr außerdem baar in Gelbe 5 Lak Rupien (also 500,000 Mal 18 Groschen Sächsisch) und mußte allen Beamten, die immer auch für sich selbst sorgten, ganz bedeutende Geschenke machen, so daß der Gouverneur allein 58,000 Pfund Sterling für sich persönlich in Anspruch nahm. Der neue bengalische Subahdar oder Nabob war aber ein Mann von Klugheit und Einsicht; um seine sehr theuere Würde einigermaßen wieder auszugleichen, führte er eine durchgreifend 116 sparsame Verwaltung ein, wozu er auch um so eher genöthigt wurde, als er der englischen Compagnie große Abgaben zu leisten hatte. Dabei versäumte er aber nicht, seine militairischc Macht zu verbessern, sie auf europäische Weise einzurichten und auch die Disciplin der Engländer einzuführen. So ehrlich er in Erfüllung seiner Pflichten gegen die Englander war, so entschieden forderte er aber auch die Verpflichtungen Anderer gegen sich selbst. Daran dachte aber die englische Compagnie nicht. Die Beamten derselben machten von der stipulirtcn Iollfreiheit nicht nur den erlaubten Gebrauch, sondern mißbrauchten diese in so unrechtlicher, alle Grenzen der Billigkeit überschreitender Art, daß sie sowohl den bengalischen Unterthanen den ganzen Handel ruinirten, als auch dem Subahdar den größten Theil seiner Einnahmen entzogen. Derselbe beschwerte sich viele Male immer eindringlicher, forderte nichts weiter als Recht und Billigkeit, befand sich aber in der Lage des Schwächeren zum Mächtigeren und noch obenein des rechtlichen Mannes gegen die Habsucht des Kaufmannsgcistcs, denn er fand kein Gehör und immer nur Ausflüchte oder offenbare Weigerung. Das erbitterte Kossim endlich so sehr, daß er mit Gewalt der Waffen sein gutes Recht nachsuchte. Da der Sieger von Plassay, und nachherige Gouverneur Clive, nach Europa zurückgekehrt war, so suchte sein Nachfolger, der Gouverneur Vansittart, ein listiges Mittel zur Unschädlichmachung des Kossim; cr wandte sich listiger Weise an den früheren, abgesetzten Meer Ia ffi er, bot ihm gegen neue, beträchtliche Summen die Nabobswürde wieder an, wenn er die Gebiete Midnapur, Budwar und Ehittagong als Eigenthum der Compagnie bestätigen, die unbeschränkte Zollfrei-heit anerkennen und seine Militairmacht nur nach vorgeschriebener Stärke halten wollte. Iaffier ging darauf ein, verbündete sich außerdem mit den Engländern zur Bekämpfung seines Schwiegersohnes Kossim, wofür ihm die Compagnie die Einkünfte der Pro- 117 vinz Nubdra verpfändete, und obgleich Kossim ein großes und gutes Heer hatte, das in mehreren Gefechten siegte, so wurde er doch durch die europäische Kriegstaktil der kleinen englischen Armee einige Male gründlich geschlagen und aus Bengalen verjagt. Kossim entfloh zu dem Nabob vonOudc, der unter den mongolischen Monarchen die bedeutendste Macht bewahrt hatte und gleichzeitig den von den Mahratten aus seiner Residenz vertriebenen Großmogul Schah Allum II. bei sich beherbergte und als früherer Vezir desselben nunmehr in Allum's Auftrage die nominelle Herrschaft des Großmoguls führte. Dieser Nabob von Oude hatte die Herrschaft der Engländer in Bengalen längst mißtrauisch und unzufrieden beobachtet, erfuhr von Kossim die näheren Umstände des Verfahrens und sann auf Mittel, den Engländern Schranken zu setzen. Nicht so zögernd und abwartend verhielt sich der Großmogul Allum; er hätte Bengalen selbst gern besessen, sammelte seine kaiserlichen Heere und bot den Engländern den Krieg an. — Derselbe fiel aber sehr unglücklich für ihn aus; bei Burar traf er am 22. October 4764 mit dem englischen Heere unter dem Oberbefehle von Hector Munro zusammen und wurde geschlagen. Die Engländer, welche den mongolischen Kaiser als Phantom aufrecht erhalten wollten, verpflichteten ihn zu ihrem Aliirtcn, in Wahrheit aber nur zu ihrem halbgcfangcncn Schützlinge, versprachen ihm, gelegentlich seine Kaiscrrcsidcnz von den Mahratten wieder zu erobern, wiesen ihm vorläufig die Festung Elhadabad M Residenz an und brachten ihn zur nominellen Abtretung der Provinzen Benares und Gazipur. Inzwischen hatte sich der Herrscher von Oube mit den Mahratten in Verbindung geseht und von ihnen Verstärkungen erhalten. Die Engländer ließen ihm aber nicht lange Zeit, seine Macht zu sammeln, sondern zogen auf seine Residenz Lucknow los, eroberten ste, stürmten die Festung Elhababad, schlugen ihn bei 118 Calfty und trieben ihn so in die Enge, baß er im Mai 1765 in daS englische Lager kam und um Frieden bat. Um diese Zeit war Clive wieder aus Europa in Calcutta eingetroffen; in Anerkennung seiner Siege, namentlich bei Plassay, hatte ihn König Georg zum Lord Plassay erhoben und das Directorium der Compagnie ihn nach Ostindien zurückgeschickt, um die Einkünfte der Compagnie zu verbessern, die aus vorhin mitgetheilten Gründen, trotz Gcbietscroberung, Gelbcrftrcssung und Stellcnverkauf, immer noch sehr unergiebig ausfielen. Clive mußte und wollte jetzt vor allen Dingen Geld machen und die VerwaltunMassen der Compagnie füllen. Vaares Geld war ihm deßhalb lieber, als Land, er gab daher dem Nabob von Oude seine Staaten gegen eine Summe von 600,000 Pfund Sterling zurück, reservirte der Compagnie die Handelsfreiheit in den gesamm-ten Landern desselben und ließ sich die Kricgsunkosten von ihm mit 50 Lak (5 Millionen Rupien) entschädigen. Aber auch der Großmogul mußte wieder daran; da die beiden abgetretenen Provinzen Benares und Gazipur von den anderen Besitzungen der englischen Compagnie zu fern lagen und nicht gehörig bewacht werden konnten, so forderte Lord Plassay lClive) als Ersatz dafür die D ewany, d. h. die Einziehung der Hoheitscinkünfte in Bahar, Bengalen und Orissa (Orira), welche sich laut Berechnung auf 3,125,000 Pfund Sterling belicfm. Den Nabob von Oude machte Clivc zum Scheinfürsten dieser Provinzen, gab ihm von den oben sum-mirten Einkünften einen Iahrcsgchalt, und weil der Großmogul diesem Scheinfürsten noch die Gebiete von Elbahabad und Corah abtreten mußte, so zahlten sie ihm dafür von obigen Einkünften ein Lehen von 325,000 Pfund Sterling. Als endlich noch der Großmogul die Abtretung der nördlich gelegenen Gebiete bestätigen mußte, die der Subahbar von Deccan abzutreten sich weigerte, so rückten die Engländer mit 119 einem Heere in jenes Land und erzwängen sich den Besitz des er-handelten Bezirks. So hatte denn die englische Compagnie nicht nur an Macht und Einfluß, sondern an Gebietsbesitz ganz bedeutend gewonnen; sie hatte Bengalen, die ganze östliche Küste Hindostans und Cuttak bis zum Cap Comorin hinab entweder als dncctes Eigenthum erworben, oder von Schcinfürstcn beseht, die unter ihrer Vormundschaft standen. Der Nabob von Carnatik, den sie als ihren Schützling ausgab, hatte sie durch den gewaltloscn Großmogul für unabhängig vom Subahdar von Dcccan erklären lassen und Alles, was sie von den indischen Fürsten wollte, die doch einst Vasallen des Großmoguls gewesen waren, das erreichte sie unter dem Scheine der Gerechtigkeit, indem sie den Großmogul die den englischen Interessen günstigen Verordnungen geben ließ. So machte sich die Compagnie durch Clive's kluges System zum Lehnsherrn der kaiserlichen Lander. — Leider machte die Compagnie dem christlichen oder menschlichen Charakter europäischer Sitte dabei wenig Ehre, denn sie setzte ihre Zwecke mit allen ungerechten und unmenschlichen Mitteln fort, nur um der kaufmännischen Geldgier Genüge zu leisten. Aber trotz dieser ungeheueren Gelderpressungen blieben die Vcrwaltungs-verhältnisse der Compagnie sehr schlecht; die Nctionaire, welche von den Fortschritten der Macht und Gebietserweiterung in Ostindien gerechte gesteigerte Hoffnungen auf einen großen Gewinn haben durften, wurden getäuscht und nicht befriedigt, alle unermeßlichen Summen, die einliefen, dienten nach wie vor zur Bereicherung der indischen Beamten und der in England lebenden Direc-toren; cS zeigte sich hier abermals die ewige Wahrheit, daß der Krämergeist nicht im Stande ist, monarchische Verwaltung im Sinne europäischer Cultur und Humanität auszuüben. — Es war deßhalb ein wahres Wort, welches im Jahre 1784 der berühmte Pitt bei Vorlage der ostinbischenBill redete, daß es 120 endlich einmal an der Zeit sei, das damals 30,000 Quadratmeilen große und mit 100 Millionen Einwohnern bevölkerte „Reich der Kaufmannsgesellschaft" (daS übrigens durch den siegreichen Krieg gegen die Birmanen und den Frieden von Jandaboa am 24. Februar 4826 noch bedeutend größer wurde) im Unter- und Oberhause zu berücksichtigen, da es ein politischer Unsinn sei, eine so ungeheuere Menge von Ländern und Menschen von Kaufleuten regieren zu lassen, die sich in ihren Maßregeln und Prinzipien von den augenblicklichen, oft scheinbaren Handelsvor-theilm leiten und nach monopolistischen Grundsätzen das schwankende Schicksal von Millionen Menschen und Menschenrcchten bestimmen wollten! — Denn obgleich die von den Besitzern verkäuflicher 500 Pfund-Actien erwählten 24Directoren der Compagnie in London selbst restdirten, und obgleich Pitt damals durch seine Bill durchsehte, daß eine mit dem Ministerium verbundene Central-Behörde errichtet wurde, so gelangte das Ministerium dennoch nicht zu einer gründlichen Einsicht in die Regierung in Ostindien, die nach wie vor von den dortigen Beamten geführt und ausgebeutet wurde, und der General Male-olm konnte mit gutem Grunde behaupten, „„daß die ostinbischen Verhältnisse nicht nur dem größten Theile des englischen Volkes, sondern auch den Ministern, Lords, Parlamentsmitgliedern, Doctoren aller Art, selbst den englischen Historikern weit unbekannter seien, als die Verhältnisse des Ncgerreiches Tombuktu. Die indischen Besitzungen hätten ihre eigene Regierung, die für Indien bestimmten jungen Leute erhielten eine eigene Erziehung, die aus Indien zurückgekehrten hätten ihre eigenen Geschäfte, Gewohnheiten, Genossen und Gesellschaften, von denen sie wie von einem Spinngewebe umzogen waren."" Pitt's damalige Bill gab allerdings die Grundlage künftiger, besserer Einrichtungen ab, aber noch im Jahre 4813 ertheilte die englische Krone einen erneuerten, zwanzigjährigen Freibrief an die 121 Compagnie, der aber kaum im Jahre 4833 abgelaufen war, als Buckingham, der von der Willkür der indischen Behörden gelitten hatte, gegen die abermalige Ernennung des Freibriefes im Parlamente auftrat, und das tyrannische Verfahren der Compagnie-Behörden nicht nur gegen die indischen Eingeborenen, sondern auch dort lebende Engländer, als Zeugen, sowie die Nachtheile jenes Monopols für den britischen Gesammthanbcl lebhaft schilderte, und dadurch den Präsidenten der schon genannten Cmtralbchörde Grant zu dem Antrage ermunterte, welcher angenommen wurde (13. Juni 1833) und dahin führte, daß die ostindische Handelsgesellschaft aufgelöst, der indische Handel (nach Verlauf von zwei Jahren) frei gegeben, die Vesitzcrwerbungcn und Ueber-sicdelungen der Engländer im englischen Indien erleichert, die Einkünfte der Compagnie auf eine Iahresdividende von 630,000 Pfd. Sterling festgesetzt und der Verwaltung manche Einschränkungen gegeben wurden. So geräuschlos verschwand eine Gesellschaft aus der Geschichte, welche ein größeres Reich erworben hatte, als irgend ein europäischer Herrscher. So wurde die indische Besitzung unter einem Gcncralgouverncur, mit einem Rathscollegium gelassen, die dem Directorenhofe und dem Eentralbureau verantwortlich sind, aber die Oberleitung ging entschieden in die Hand des Ministeriums über. — Nach dieser in die neueste Geschichte vorgreifenden Episode kehre ich zu dem Jahre 1767 zurück, in welchem Elive (Lord Plassay) von Indien zurück nach London ging. Was ich über bie kaufmännische Engherzigkeit der Compagnie gesagt habe, bestätigt sich auch an Clive, denn dieser Mann, welcher zur Erweiterung der Besitzungen und zur Füllung der Kassen so viel beigetragen hatte, wurde im Jahre 1773 vor dem Parlamente über seine Verwaltung angeklagt, aber aus Rücksicht für seine Verdienste um den englischen Handel freigesprochen. — Dieser Vorfall führte 122 aber den Mann in eine tiefe Melancholie, welche am 23. November 4774 mit dem Selbstmorde endete. — Hyder Ali, dessen Biographie im 48. Kapitel bereits mitgetheilt worden ist, nahm jetzt eine entschiedene Stellung gegen die englische Macht in Ostindien an. Wmn man die Anteccbcntim und die Eigenschaften desselben, wie ich sie urkundlich aufgezeichnet habe, in Erwägung zieht, so kann es nicht auffallen, daß gerade er ein gefährlicher Gegner der Engländer werden mußte. Er hatte bereits sein eigenes Rcich bis an die Ufer des Flusses Kistnah ausgedehnt, als die durch ihn gcängstigten Mahrattcn, die Engländer und der Nizam sich verbündeten, um ihn anzugreifen. (4767.) Hyder Ali war eben so klug, rechtzeitig die Mahratten zu beruhigen und den Nizam zum Bundesgenossen gegen die Engländer umzustimmen. Mit ihm vereinigt schlug er eine englische Armee bei Eh arg am a l, seine Reiter erschienen sogar 5000 Mann stark vor Madras, und würben die englischen Beamten zu Gefangenen gemacht haben, wenn sie es nicht vorgezogen hatten, in der Gegend auf Plünderung umherzuschweifen. Gin Jahr später gelang es allerdings den Engländern durch den Obristen Smith den Nizam zu zwingen, von Hyder Ali abzufallen und einen Separatfrieden mit der Compagnie zu schließen, wodurch Hyder Ali isolirt stand und die Engländer zu der Hoffnung verleitet wurden, bald mit ihm und Mysore fertig zu werden. Hyder Ali ließ denselben aber keine Zeit, sondern fiel mit großer Heftigkeit in Carnatik ein, zerstörte Alles auf seinem Wege, schickte dctachirte Hcerhaufen gegen Tinivelly und Madura, und marschirte persönlich gegen Madras, wo er schon einmal mit seinen Reitern gedrohct hatte. Diesesmal erschreckte er aber die obersten Beamten der Compagnie so sehr, daß sie um Frieden baten, und unter Abgabe von Land und Rechten gezwungen waren, ein Schutzbündniß mit Hyder Ali abzuschließen. Dieses geschah im Jahre 4769. 123 Hierdurch gestalteten sich die Verhältnisse der Engländer ziemlich ungünstig in Indien, da sie an moralischer Macht verloren und die indischen Fürsten mit ihnen sehr unzufrieden waren. Es fehlte der Compagnie ein so umsichtiger und thatkräftiger Mann wie Clive; das mochte das Directorium in London wohl fühlen, und um der ungünstigen Lage eine Aenderung zu verschaffen, schickte es nach vier Jahren einen charaktervollen Mann nach Ostindien, Namens Warrcn Hastings, der auch bald darauf Gouverneur wurde. Es war ein Mann von Einsicht, Festigkeit und kühner Thatkraft, der die Gcschicklichkeit besaß, die in die schwierigsten Zustände gerathene Erbschaft, welche Clive einst gegründet hatte, vor Gefahr und Zersplitterung zu rrtten und noch zu vergrößern. Er Paßte ganz an diese Stelle, denn er stöhnte der gesinnungslosen Handelsschlauhcit, welche die Politik bestimmte, er war listig, raubgierig und grausam, um die Anforderungen des gemeinen Kauft mannsgcistcs, der ja bisher die Diplomatie und die Kriege der Compagnie geleitet hatte, gänzlich zu befriedigen. Die Rohillas, ein Völkerstamm, der den mongolischen Heeren bisher die besten und kriegerischesten Truppen geliefert hatte, bewohnten ein Gebiet, das zwischen den hohen Gebirgsketten, die westlich den Staat Oude begrenzen, und dem Ganges liegt; sie konnten Hastings' Augen nicht entgehen, und sein erster Gedanke war, diesen Volksstamm zu vernichten. Dazu wurde ihm eine vermittelnde Gelegenheit geboten. Der Nabob von Oude sowohl, wie die benachbarten Mahratten, selbst der Großmogul Schah Allum, der nicht mehr in Elhadabab lebte, sondern in seine alte Residenz Delhi unter dem Schuhe der Mahratten zurückgekehrt war, gönnten den Rohillas ihre kleine Macht nicht, die etwa auf ^0-80,000 Mann zu bringen, die aber um so gefahrloser für die genannten Nachbarn war, als sie, unter mehrere Häuptlinge vertheilt, nur mit großen Schwierigkeiten unter eine gemeinsame Fahne vereinigt werben konnte. — l24 Der Großmogul Schah Allum zu Delhi begann den Krieg der Mißgunst gegen die Rohillas, in der Hoffnung, sein Reich, das die Englander bedeutend beschnitten hatten, etwas wieder zu vergrößern. Die Rohillas aber suchten Schutz und Hülfe bei dem Nabob von Oude und dieser, dem ohnehin die zunehmende Ausdehnung der Mahratten so nahe seinem Gebiete langst ein Gegenstand der Eifersucht und Besorgniß geworden war, glaubte mit den Rohillas sich selbst zu verstärken und einen Bundesgenossen gegen die Mahratten zu gewinnen. Er schloß, merkwürdig genug, unter dem vermittelnden Einflüsse der Engländer, einen Vertrag mit den Rohillas ab, sagte ihnen seinen Schuh zu und diese sollten ihm dafür 40 Laks Rupien bezahlen. Als aber die Mahratten jetzt in das Land der Rohillas verwüstend eindrangen und sich theilweise unterwarfen, blieb, nach indischer, treuloser und eigennütziger Weise, der Nabob von Oude mit seiner verpflichteten Hülfe aus. Als er aber selbst vor den Fortschritten der Mahratten Furcht bekam, rief er die Engländer um Beistand an, und diese Gelegenheit benutzte Hastings, mit den Truppen an die Grenze des Rohillas-Gcbictcs zu rücken, wo dieses Volk sich schon bis auf Rohilkunb zurückgezogen hatte. Die Mahratten zogen sich jeyt zurück. Nun forderte aber der Nabob für seine nicht vertragsmäßig geleistete Hülfe die stipulirten 40 Laks, welche diese weder bezahlen wollten noch konnten, und diesen Vor-wanb ergriff Hastings, den Nabob anzuregen, die Nohillas zu bekämpfen; er sendete ihm englische Truppen zur Beihülfe, und der Nabob nahm, nach einer siegreichen Schlacht, das Gebiet der Rohillas in Besitz. Es ist früher mitgetheilt worden, daß der Großmogul Schah Allum dem Gouverneur Clive einst die Städte Corah und Elha-dabad hatte abtreten müssen. Die Engländer besetzten dieselben damals und verkauften sie jetzt für 50Lal an dm Nabob von Oude. Nach der Uebereinkunft aber, welche Elive mit Schah Allum ab- 125 geschlossen hatte, war die Compagnie verpflichtet, die Einkünfte dieser Städte dem Großmogul zu entrichten. Diesen Punkt erfüllte Hastings aber nicht, er sah überhaupt nur auf Gelberpressun-gcn, und selbst, als der Nabob von Oude starb, mußte dessen Sohn, Asof ul Dowla, die Gunst der Engländer durch neue Geldsummen und Gebietsabtretungen theuer erkaufen. Dadurch verarmte der neue Nabob gänzlich, und blieb bereits im Jahre 1781 den Englandern an 1'/? Million Pfund Sterling Abgaben schuldig. Das lag aber gerade im Plane Hastings', er erpreßte das Gelb durch die grausamsten und rechtlosesten Zwangsmaß-rcgeln, denen er kaum noch den Schein des Rechts mehr zu gebm bemüht war. Da er es mit anderen hindostanischen und muhamedanischen Fürsten nicht anders machte, so entstand unter ihnen ein gewaltiger, tiefwurzclndcr Groll gegen die Engländer, die ihre unrechtliche Gewalt und Willkür nunmehr auf den höchsten Grad gesteigert hatten. Zahlreiche Franzosen, welche bei den indischen Fürsten, theils als Abenteurer, theils als Agenten gegen die Compagnie, sich einfanden, stachelten dieselben auf, gemeinsam gegen die Unterdrücker zu handeln und spiegelten ihnen den Schuh Frankreichs vor. Die bedeutendsten Staaten, die der Mahratten und beS Hyder Ali, traten an die Spitze eines Bundes der indischen Fürsten gegen die Engländer, und eine gelegentliche Streitigkeit sollte die Veranlassung dazu sein. Die beiden Mahratten-Hauptlingc, Scindiah und Holkar, brachen mit etwa 40,000 Kriegern gegen Surate auf, wo die Engländer unter der Leitung des General Goddard ihnen entgegen rückten und bei Brod era ein Treffen lieferten, das zum Nachtheile der Mahratten ausfiel. Obrist Pop ham entriß zugleich die von bm Mahratten eroberte, dem Fürsten Nanna von Gohub gehörige, starke Festung Gwalior wieder, da die Engländer diesen Fürsten für ihren Schützling erklärten. Nun aber erschien eine französische 126 Flotte vor Massulipatam und bei den Handclsniederlagen von Carical, der europäische Krieg der beiden Nationen hatte die Franzosen wieder auf Indien gelenkt, sie hatten Pondichcry wieder neu besetzt und sich zu einer Seeschlacht gerüstet. Diese fiel jedoch unglücklich für die französischen Schiffe aus, und die Engländer eroberten das von den Franzosen bisher innegehabte Mahs, und vertrieben dieselben ganz von der ostindischen Küste. Hyder Ali, welcher mit den Franzosen, wie bereits biographisch mitgetheilt wurde, in dein freundschaftlichsten Verkehre gestanden, von ihnen nicht nur Waffen und Munition, sondern auch Officiere erhalten hatte, wurde durch die Eroberung von Mah6 durch die Engländer in hohem Grade aufgeregt; um Mysore zu retten, rüstete er sein gutes Heer noch gewaltiger aus, und er konnte sich nicht nur auf seine Soldaten verlassen, denen er den Sold auf das Pünktlichste zahlte, sondern auch die Bevölkerung war für ihn, da die Hindu's ihn fromm verehrten für seine reichen Gaben an ihre Tempel und Pagoden. Er hob die alte Feindschaft mit den Mahratten auf, verbündete sich mit ihnen und dem Nizam, rief alle indischen Fürsten zum Vundc gegen die verachteten Engländer auf, und erschien plötzlich mit einer großen Armee (100,000 Mann, mit 60,000 Reitern und 400 Kanonen) etwa fünfzig englische Meilen von Madras entfernt bis Conjcviram. Die Reiterei siu-thete mit der Schnelligkeit eines Gewitters über die Gegend, und Camatik sowohl wie die Sircar's des nördlicheren Bezirks erzitterten. Auch Madras war schutzlos; die englische Armee war in der Ferne vertheilt, die Kassc der Compagnicvcrwaltung hatte, wie gewöhnlich, kein Geld, die Oberbeamtm lebten ohnehin in Zwiespalt ; die Einwohner von Camatik, welche der zweifachen Bedrückung der Engländer und des Nabob überdrüssig waren, empfingen den myforischen Fürsten Hyder Ali mit offenen Armen, und verriethen die Starke und die Stellungen seiner Armee gegen die englischen Kundschafter nicht. Hyder Ali aber belagerte Arcot. 127 — Unterdessen waren auf dem Wege von Berar her die Mah-ratten in Cuttak eingefallen, sowie eine Abtheilung von Hyder Ali's Heere an der Grenze des Gebietes Madura angekommen, und es war die Nachricht eingetroffen, daß eine französische Flotte mit einer tüchtigen Landarmee zu ihrer Unterstützung täglich eintreffen müsse. In dieser Noth wurde eine englische Truppmabtheilung, welche unter Obrist Bailly aus Gundur herbei kam, um Madras vor einem Handstreiche zu schützen, von Tippo Saib, dem Sohne Hyder Ali's, bei Parambaukum gründlich aufgerieben, und nur durch Einspruch der französischen Offieiere, welche zahlreich in seinem Heere anwesend waren, wurden dic Gefangenen vor der Niedersäbelung geschont, mußten aber die abgehauenen Köpfe der gefallenen Landsleute in Tippo's Lager tragen. — Jetzt galt es, daß Hastings seine ganze Schlauheit, Geistesgegenwart und Kühnheit bewies. Er wendete List und Gewalt an, wie es die Umstände erforderten. Er hatte bald durchblickt, daß der Najah von Berar nur aus Furcht vor den Mahrattmhäuptlingm zu Poonah und vor Hyder Ali seine Waffen gegen die Engländer gekehrt hatte, was er ohne äußeren Zwang nicht aus freiem Antriebe gethan haben würde. Sofort knüpfte Hastings mit ihm besondere Unterhandlungen an, die ihm die Nützlichkeit einer Freundschaft mit der englischen Compagnie und die schützende Sicherheit derselben gegen die Anmaßungen der Mahratten und des Fürsten von Mysore so plausibel Machten, daß er den friedlichen Anforderungen ein bereitwilliges Gehör lieh; zu gleicher Zeit wirkten Hastings' Agenten auf die Mahrattenhäuvtlinge, um sie zu einem Fricdcnsabschlusse zu über-rcden, der ihnen einen scheinbaren Vortheil vorspiegelte; den ebenfalls gegen die Compagnie verbündeten Nizam, der eigentlich der Urheber der friedlichen Allianz war, faßte er bei seiner persönlichen Schwäche, nämlich der ihn, umwohnenden großen Eifersucht gegen 128 die Machterweiterung Hyder Ali's, Hastings schmeichelte seiner Eitelkeit und seinen Interessen, indem er ihm Hoffnungen erweckte, durch Hülfe der Engländer große Vortheile zu erlangen, und erreichte dadurch den stillen Zweck, den Nizam wenigstens in schwankender Passivität zu halten. — Nach diesen listigen Vorarbeiten, welche die Interessen der Feinde- mannichfaltig zersplitterten, hatte er es jetzt namentlich noch mit Hyder Ali zu thun. Um zimachst Madras zu schützen, sandte er Truppen und Geld dorthin, und übergab die Kriegs- und Civilverwaltung einem gewissen Sir Eyre Cootc, der ein Mann von großer Fähigkeit, ein guter Soldat und Führer, voll Einsicht und Thatkraft war, und den Hastings nicht besser hätte für seine Zwecke wählen können. Das befestigte Arcot war bereits in den Händen Hyder Ali's, Coote richtete sich daher mit seinen Truppen nach den übrigen Festungen, wie Wandiwash, Velorc, Pcrmacoil und Andere, um diese wenigstens vor den Handstreichen der Feinde zu schützen, aber wenn er auch diese Platze noch zur rechten Zeit rettete, so hatte die Compagnie doch unterdessen andere, nicht gleichgültige Verluste, denn Hyder Ali war klug genug, sich nicht in einer offenen Schlacht mit den Engländern messen zu wollen, sondern zog es vor, wich< tige Städte zu erobern, und er setzte sich nicht nur in Besitz von Amboor und Thiagar, sondern bedrohte auch Tanjore, dessen Gebiet bereits von seiner Cavallerie durchschwärmt wurde. Coote erreichte ihn aber dennoch, zwang ihn (am l. Juli t?8l) in der Ebene von Porto Novo zu einer Schlacht, und diese siel für Hyder Ali so ungünstig aus, daß er seinen Plan, die Gebiete im Süden zu unterwerfen, aufgeben und nach der Festung Arcot sich zurückziehen mußte. Diese Stadt war für die Engländer zu wichtig, um nicht Alles daran zu wagen, Hyder Ali daraus zu vertreiben. Coote zog Verstärkungen an sich, namentlich Sea-poy's aus Bengalen, die den Weg auf dem festen Lande zu ihm 129 machen mußten und deßhalb spät eintrafen; mit diesem Zuwachse zog er dann gegen Arcot. Hyder Ali wollte aber der Belagerung zuvorkommen, mar-schirte der englischen Armee entgegen und griff sie bei Trip as« sore an; der Erfolg der Schlacht blieb unvollständig, die Engländer gewannen allerdings Vortheile, Hyder Ali erlitt kleine Verluste, aber dennoch gewannen die Engländer nicht das Gebiet von Carnatik wieder, sondern konnten nur da festen Fuß fassen, wo unmittelbar ihre Truppen die Autorität geltend zu machen vermochten und sie konnten nicht verhindern, daß Hyder Ali's Soldatm die befestigte Stadt Velore eroberten. Unterdessen handelte sein Sohn TippoSaibinTanjore; er hatte hier eine Armee, die eine französische Division in sich enthielt und von französischen Ofsicieren befehligt; denn trotz der mehrmaligen Vertreibungen der Franzosen aus Oftindien, hatten sie doch durch Friedensstipulationen Ponbichery und Chander-nagur wieder in Besitz, und unterstützten von hier aus die eingeborenen Fürsten gegen die Englander. Eine englische Heerabthci-lung unter dem Befehle von Braithwaite, welche nahe bei Tanjore operirte, sah sich plötzlich von Tiftfto's und den französischen Soldaten rings eingeschlossen, es kam zu einer verzweif-lungSvollen Gegenwehr, aber obgleich sechzehn Stunden furchtbar gekämpft wurde, so mußten sich dennoch die Engländer ergeben. Nun aber erschienen die längst von Englands Feinden erwarteten Franzosen in Wirklichkeit; Admiral Suffrein segelte mit einer Flotte heran und schickte eine Landarmee von 2000 Mann zu dem Heere Tippo Saib's, der nun, mit guten europäischen Truppen verstärkt, sofort auf die Stadt Cuddalore loszog, dieselbe nahm und hier für seine Armee sowohl, als auch für die französische Flotte einen festen Anhaltungspunkt erwarb (1782). Auch gegen Hyder Ali in Carnatik warm die Engländer im Laufe Vnn Mokein, Ostindien. U. 9 130 dieses ganzen Jahres nicht glücklich; beide Heere schweiften gegen einander, Coote suchte eine entscheidende Schlacht, aber Hyder Ali wich derselben mit großer Gewandtheit aus, zwang dadurch die Engländer zu steten, ihre Kraft zersplitternden und schwächenden Bewegungen, die dann auch die fortwährend beunruhigte und in Athem gehaltene Armee zu keinem Resultate gelangen ließen. Nun aber hatte der englische Krieg mit Holland auch in Ostindien begonnen. Es ist bekannt, baß im Anfange des Jahres 4780 sich unter Rußlands Vorgehen die nordeuropäischen Staaten gegen Englands Seeherrschaft verbündeten und eine „bewaffnete Seeneutralität" behaupteten, um die Eroberungen Englands in Spanien und in Westinbien, und die daraus hervorgehenden Vortheile zur See zu schwächen, was Frankreich und Spanien bisher in Europa und Amerika nicht gelungen war. Holland hatte sich dem nordischen Bunde als Seemacht angeschlossen, indem die ora-nische, für England günstig gestimmte Partei von der Gegenpartei überstimmt wurde, und Ende November 1780 die Generalstaaten durch Gesandte in Petersburg ihren Veitritt zum Bunde erklärten. Die englische Politik glaubte zwischen zwei Uebeln das Beste zu wählen, indem sie unter einem Vorwande (angeblich eines Bundes Hollands mit Amerika gegen England, worüber man Do-cumente bei einem in die Gewalt eines englischen Kapers gerathenen Agenten gefunden haben wollte) Holland den Krieg erklärte und schnell, ohne dem Gegner Zeit zu lassen, die holländischen Besitzungen in Westindien wegnahm. Bekanntlich kam eS denn auch wegen Gibraltar und Jamaika zu einem Kampfe Englands mit Spanien und Frankreich. Es konnte nicht ausbleiben, daß diese europäischen Zustande auch in Ostindien ihren Wiederhall fanden. Das Erscheinen einer französischen Flotte zeigte schon die Feindseligkeit der Franzosen gegen die ostindischcn Besitzungen der Englander an, man unter- 131 stützte deßhalb Hyder Ali und Tivvo Saib indirect durch Waffen, Munition und Officiere, dann aber auch offen durch eine militai-rische Erpedition. — Jetzt kamen aber auch die Holländer hinzu, welche ihre Herrschaft über den ganzen indischen Archipel auszudehnen strebten, und Herren der Molukken, desgleichen auch von Ceylon waren. Die Engländer konnten ihre Thätigkeit gegen die Feinde auf dem Festlande nicht so entwickeln, wie sie zu anderen Zeiten vielleicht im Stande gewesen waren; sie mußten zur See gegen die holländischen Angriffe und Belästigungen eine bedeutende Kraft entwickeln; die Insel Ceylon lag ihnen am Nächsten, um den Holländern beizukommen; ein englisches Geschwader segelte nach Trincomalee, eroberte es und setzte sich auch von Negaftatam in Besitz. Indessen blieben die Engländer nicht lange Herren von Trincomalee, denn die französische Flotte, welche Tipfto Saib unterstützt und bei Cuddalorc einen festen Standpunkt gewonnen hatte, segelte unter ihrem Befehlshaber nach Ceylon, griff die englischen Schiffe an und schlug sie; sie setzte sich dann in Trincomalee fest, mußte aber einen neuen, hartnäckigeren Seeangriff der Engländer, die den verlorenen Hafen wiedercrobern wollten, aushalten; die Engländer wurden abermals (3. Septbr. 1782) geschlagen und Trincomalee blieb in der Hand der Franzosen. Ungünstiger konnte daher Hastings nichts kommen, als der gleichzeitige Aufstand der Mahratten gegen die englische Compagnie. Er verwendete alle List und Gelegenheit, um diese, wenn auch schlecht bisciftlinirtm, doch wilden Krieger wenigstens vorläufig zum Frieden zu bewegen, aber dieselben zeigten wenig Sinn und Neigung dazu. Da blieb Hastmgs nichts Anderes übrig, als einige Vortheile mit Waffengewalt gegen sie zu erringen, und dann sie dadurch zu Friedensunterhandlungm geneigter, zugänglicher, aber auch die Bedingungen für sich selbst günstiger zu machen. Er selbst rückte von Bengalen aus gegen sie vor, wo Scin- 9' 132 biah und Holkar mit ihren Heeren standen, der General Gobdard mußte von Surate aus, wo er sich befand, den schwierigen Weg durch die Engpässe längS der Küste gegen Poonah vorrücken, wurde aber angegriffen und zum Rückzüge gezwungen. — Die Angelegenheiten wären für die Engländer sehr bedenklich geworden, wenn es ihnen nicht gelungen wäre, den in Bengalen ziemlich isolirtm Scindiah des Nachts im Lager so gewaltsam und nachdrucksvoll zu überfallen, daß er sich zu sehr geschwächt fühlte, den Krieg mit einiger Aussicht fortzusetzen, und endlich im October 4781 geneigt war, einen Frieden zu schließen, der ihm sehr milde Bedingungen, aber auch die Verpflichtung auferlegte, die Mahratten von Poonah gleichfalls zur Annahme dieses Friedens zu bewegen. — Es geschah und im Frühling deS folgenden Jahres hatte der Mahratten-krieg einstweilen ein Ende. Nunmehr konnte Hastings entschiedener von Bombay aus gegen den noch im Felde stehenden Hyder Ali auftreten. Eine Hee-reSmacht rückte von Bombay nach der malabarifchen Küste, nahm hier verschiedene Küstenstädte nach einander weg, die zwischen Ca-licut und Paniany liegen. — AlS dieses Hyder Ali erfuhr, sandte er Tippo Saib mit seiner halbfranzöstschen Armee dorthin, um den Engländern die Küste wieder zu rauben. Bei Paniany geriethen sie aneinander, Tipfto Saib wurde aber zurückgeworfen und gab diesen Kampf nach kurzer Zeit ganz auf, da die Nachricht eintraf, baß Hyder Ali gestorben sei. Derselbe war (vergl. Kap. 48.) 80 Jahre alt geworden, als er am 9. November 4782 — (nach asiatischer Rechnung am Ersten deS Monats Mohurrum 4497) verschied. Dieser Tod rief den Sohn Tipfto Saib sofort in seine Staaten zurück, und während dieser Zeit ergriffen die Engländer an der malabarischcn Küste die günstige Gelegenheit und die durch Hyder's Tod unausbleibliche, momentane Verlegenheit, um sich Vortheile zu verschaffen. — Es gelang ihnen denn auch nach und nach- 133 Onore wurde von den englischen Truppen unter Anführung von Matthews erobert, derselbe drang bann in Bednore ein, nahm die Hauptstadt dieses Gebietes in Besitz und hatte bm Triumph, Bangalore (Mangalore) zu erobern, was für Tippo Saib der empfindlichste Verlust war, da diese starke Festung zugleich den vortrefflichsten Hafen von ganz Canara hatte. Die Folgen dieser Verluste zeigten sich bald in der Stellung Tippo Saib'S; um seine Strcitkräfte nicht zu zersplittern und feine ganze Macht an der malabarischen Küste sammeln und den Engländern hier mit Nachdruck entgegentreten zu tonnen, gab er das Gebiet von Earnatik auf, zog alle seine Truppen, 400,000 Mann an der Zahl, zusammen und führte sie gegen Matthews, der nur ungefähr 600 europaische Soldatm und 1600 Seapoy'S bei sich hatte- Vor dieser Uebcrmacht weichend, zog sich Matthews mit seinem Häuflein nach Bebnore zurück, das Tippo belagerte und (im April l783) einnahm; ergrimmt über die Engländer, ließ er die gesammte, gefangene Besatzung grausam hinrichten. Dann zog er nach Bangalore (Mangalore), belagerte diese starke Festung und nahm sie ebenfalls wieder in Besitz. Der Kampf um diesen Platz kostete eine strenge Belagerung und viele Opfer. Bei dem glühenden Hasse, den Tippo Saib gegen die Engländer nährte, waren noch entschiedene Fortschritte zu gewärtigen, denn er hatte einen mächtigen französischen Beistand; die Engländer strengten deßhalb alle ihre Kräfte an, sich gegen den unerbittlichen Feind zu rüsten. Die europäische Politik trat aber friedenbringend dazwischen. — Eine Botschaft aus Europa verkündigte den in diesem Jahre (N82) geschlossenen Frieden zwischen England und Frankreich, den in Ostindien auftretenden Franzosen wurde damit die Gelegenheit genommen, gegen die englische Compagnie feindlich aufzutreten, die französische Flotte sowohl, wie die französische Landarmee mußten 134 Tippo Saib im Stiche lassen und durften wenigstens nicht offen mit ihm verbündet bleiben. — So sah sich plötzlich Tippo Saib seiner wichtigsten Unterstützung beraubt, und er bemeisterte seinen Haß gegen die Engländer durch die Klugheit, einstweilen seine Neigung zur friedlichen Abschlicßung des Krieges kund zu geben. — Die Engländer gingen gern aus diese Bereitwilligkeit des mächtigen Gegners ein, da sie ebenfalls der Erholung bedurften, und Hastings leitete die Bedingungen der Kricgsbeendigung so schlau, daß man eine gegenseitige Wiederherausgabe aller während des KricgeS gemachten Eroberungen einging und dadurch die Besitz-grcnzcn und Zustände ganz auf denselben Etat zurückgeführt wurden, auf dem sie vor diesem Kriege gewesen waren. Der Frieden wurde am 11. März 4784 unterzeichnet und England hatte von dem hartnäckigen Kampfe gerade keine wesentlichen Nachtheile gezogen. — Nun aber ereignete sich der bereits in seinem zweiten Akte erwähnte Vorfall im Londoner Parlamente, welcher das Schicksal der Compagnie in Ostindien bestimmte. Am 18. November 1783 begann der erste Akt, in dem Minister For dem Parlamente den Antrag machte, die Verwaltung der ostinbischcn Compagnie besser zu regeln. Dieselbe bestand seither aus vierundzwanzig Directoren (jedesmal auf vier Jahre) und Actionären, die nur dann eine Stimme hatten, wenn sie zwei Actien, jede von 500 Pfund Sterling, besaßen. — For verlangte eine Behörde der Compagnie, die aus sieben vom Parlamente zu wählenden Personen bestehen und bevollmächtigt sein sollte, Land, Einkünfte und Handel zu regieren, so wie sämmtliche Beamten anzustellen und abzusetzen. Daß ein heftiger Widerspruch dagegen laut wurde, ist bekannt, so wie daß damals William Pitt diesen Vorschlag eine Tyrannei nannte, einen Eingriff in die verbrieften Rechte und das Eigenthum einer anerkannten Gesellschaft, — For aber hielt eine Rede, in welcher folgende denkwürdige Worte vorkommen, die Jeder, der nur 135 einmal als unbefangener Beobachter in Ostindien gelebt hat, als wahr und einsichtsvoll bezeichnen muß. Er sagte: „„Was ist der Zweck alles Rcgierens? — Das Wohl der Regierten! — Mögen Andere darüber andere Ansichten hegen, ich habe diese Meinung und spreche sie offen aus. — Was sollen wir aber von einer Regierung denken, deren Glück aus dem Unglück ihrer Unterthanen entspringt, deren Größe aus dem Elende der Menschen erwächst? Dieses aber ist die Re-gierungsweisc der ostindischcn Compagnie über die Eingeborenen Ostindiens, und der Umsturz dieser schändlichen Regierung der Zweck meines Antrages. Dreißig Millionen Menschen verfluchen uns Engländer als Tyrannen. — Man wendet mir ein, daß der Freibrief der Compagnie nicht verletzt werden dürfe - - ich antworte darauf, baß ein Freibrief eine Vollmacht ist, die an eine oder mehrere Personen, zum Zwecke der Ausübung einer Wohlthat ertheilt wird. Wird diese Vollmacht gemißbraucht, wird die Wohlthat nicht geleistet, und entspringt dieser Mangel aus sichtbarer Schuld oder, wie bei der ostinbischen Verwaltung, aus Unwissenheit und Schlechtigkeit, und wollte man sagen, daß die Vollmacht dennoch nicht zurückgenommen und in andere Hände gelegt werden dürfe, so wäre dieses eine Batterie gegen die stärksten Grundsätze der britischen Verfassung. - Eouveramc sind heilig, und man ist ihnen jede Art von Ehrfurcht schuldig, dennoch, mit aller meiner Anhänglichkeit an die Person der ersten Obrigkeit, hätte ich unter der Regierung Jakob's II. gelebt, ich würde gewiß alle meine Kräfte angestrengt und an dem berühmten Kampfe Theil genommen haben, welcher ein Königreich von erblicher Knechtschaft rettete und die Gültigkeit des Grundsatzes in die Jahrbücher der Geschichte eintrug, daß gemißbrauchte Vollmacht widerruflich ist! —"" — Wie wissen, wie Georg III., von solchen Argumenten verstimmt, gegen die Pläne von For war und die Bill nebst dem Ministerium For und North stürzte. Ich habe bereits angedeutet, 136 wie derselbe Pitt, der, gegen For, als Worführer der Freibriefe auftrat, als er selbst Minister geworden war, am 4. August 4784 die Centralbehörde, aus sechs Geheimeraths-Mitgliedern, worunter der jedesmalige erste Lord der Schatzkammer und ein StaatS-secretair, dem Directorium an die Seite setzte, welche alle politic schen und militairischen Angelegenheiten der Gesellschaft, ausgenommen ihren Handel, beaufsichtigte, alle Berichte, Befehle und Verordnungen aus und nach Indien einsah und nach Gutdünken änderte oder selbstständige Befehle erlassen konnte. Dem Könige wurde die Ernennung des höchsten commandirenden Befehlshabers der Armee und das Recht eingeräumt, auch bcn Gmcralgouvcrneur, die Vorsteher und Mitglieder der drei Regierungssitze in Bombay, Calcutta und Madras abzusetzen, jedenfalls aber in ihrer Wahl zu bestätigen. Somit gelangte die Verwaltung von jetzt an in die Hände der Regierung, bis ihr ein ferneres Schicksal im Jahre 1833 durch Buckingham's Anklagen bevorstand. — DlMnilMWWw Nllpitel. Tippo Said's letzter Krieg mit der englisch-ostindischen Compagnie. Bis zum Jahre 1790 hatte sich Tip Po Saib ruhig verhalten, als er einen Angriff gegen einen Bundesgenossen Englands unternahm, aber von den englischen Hülfstruppen unter Corn-wallis und Abercrombie bekämpft, bis vor seine Residenzstadt Seringapatam zurückgedrängt und am 24. Februar 4792 zu einem Frieden genöthigt wurde, der ihm wesentliche Verluste zufügte. — Tippo hatte, wie ich schon bemerkt habe (vergl. Kapitel 18.), seines Vaters Hyder Ali's Talente und Kriegskunst nicht geerbt, vermittelst welcher dieser sich aus unteren Verhaltnissen so hoch emporgeschwungen hatte und Stifter eines mächtigen und blühcn-den Reiches geworden war. Hyder Ali hatte ihm ein großes und machtiges Reich hinterlassen, große Schätze, eine zahlreiche und wohlgeübte Armee, aber dem großen angcerbtm Ehrgeize konnte er nicht das gleiche Maß Talent beifügen, welches seinem Hasse gegen die Engländer hätte bedeutende Erfolge geben können. Sein eigentlicher Plan, den er still in sich trug, war kein anderer, alö sich ganz Hindostan zu unterwerfen und ein neucS, allgemeines. 138 mohamcdanischcs Kaiserreich zu errichten, aber die englische Macht in Ostindien war, so lange sie bestand, diesem Plane ein unüber-steigliches Hinderniß; daher rührte sein tiefer, unauslöschlicher Haß gegen das englische Volk. Seine Versuche, dieses Hinderniß zu brechen, fielen unglücklich aus, Lord Cornwall is zerstörte durch seine Kricgsoperationen gegen Tiftpo alle Entwürfe desselben, demüthigte ihn und nahm ihm einen großen Theil seiner Schätze und die Hälfte seiner Staaten ab, in der Hoffnung, ihn für die Zukunft weniger gefährlich zu machen, und fesselte ihn noch überdies durch feste, beengende Vertrage, die der alsbald näher bezeichnete Nizam und der Paischwa, als nunmehr treue Verbündete der Engländer, garantiren mußten. Diese Demüthigung konnten der Stolz und die Rachsucht Tippo Saib's den Engländern nicht verzeihen, er sann unaufhörlich auf Rache und wartete nur auf die erste Gelegenheit, sie gegen die Engländer wirksam zu bethätigen. Die republikanische Regierung von Frankreich, welche bemühet war, für England immer frische Feinde zu erwerben, und den Verlust ihrer eigenen Besitzungen in Indien nicht verschmerzen konnte, sowie über die wachsende Macht der Engländer daselbst im hohen Grade eifersüchtig war, hielt fast immer geheime Agenten an Tippo Saib's Hofe, die diesen Fürsten in seinem Hasse gegen die Engländer bestärken und ihn zu handelnder Feindschaft anregen sollten. Unter den verschiedenen Zwecken der französischen Expedition nach Egyptm war wahrscheinlich auch der, von dort aus dem my-sorischen Fürsten Tippo ein nicht unbedeutendes Hülfscorfts zuzusenden, um ihn in den Stand zu sehen, sich für seine erlittene Schmach zu rächen und England dort möglichst zu demüthigen. — Man scheint dieses in England selbst befürchtet zu haben, wenigstens trafen die Regierungen in London und im britischen Indien die umfassendsten Maßregeln, um diesen Plan zu vereiteln. 139 Sie verstärkten ihre Truppen in Ostindien, und ließen die Meerenge von Babelmandel am Eingänge des rothen Meeres durch ihre Schiffe besetzen. Das Jahr 1798 schien Tippo Saib's Entwürfen günstig sein zu wollen. Die beiden einzigen treuen Bundesgenossen, welche England in Ostindien hatte, derPaischwa, oderKaiser berMah-ratten, und Nizam al Morluk, Subahdar von Deccan, der in Hyderabad rcsidirtc, befanden sich damals gleichzeitig in einer kritischen Lage. Der Paischwa war durch den in seine Hauptstadt Poonah cingedrungenm Mahrattmfürstm Dowlut Row Scin-biah in seiner Macht gelähmt wordm, und ein in des Nizam's Diensten errichtetes, von französischen Officieren commandirtcs, sehr gut disciplinirtes und bewaffnetes Corps von Seapoy's, an 12,000 Mann stark, (dessen Befehlshaber General Perron war, und dessen Officiere im Lande des Nizam die Herren spielten, ihm selbst und den Ministern Gesetze vorschrieben und aUe seine Handlungen gewaltsam leiteten) verhinderte ihn durch entschiedene Erklärungen, den mit ihm verbündeten Englandern gegen Tippo Saib Hülfe zu leisten, wozu er verpflichtet gewesen wäre. Außerdem war es Tippo Saib gelungen, den afghanischen König von Canbahar, einen noch sehr mächtigen Monarchen, gegen England aufzureizen, so daß die ostindisch-englischen Regierungen die begründete Besorgniß hegen mußten, von einem neuen Feinde in den oberen, nördlichen Provinzen Hindostans angegriffen zu werden. Die englische Präsidentschaft von Bengalen konnte demnach dem Carnatik wenig Hülfe leisten, im Falle Tippo Saib hierauf seine Angriffe richten sollte. Jetzt lief in Calcutta die Kundschaft einer Proclamation ein, welche der Gouverneur der französischen Insel Mauritius im Februar 1798 erlassen hatte. Dieselbe lautete wörtlich also: 140 „ Bürger von Mauritius! „Da ich seit mehreren Jahren Euren Diensteifer und Eure „Anhänglichkeit für die Wohlfahrt und den Ruhm der französischen Republik kenne, so sind wir um so geneigter und sehen „es alS unsere Schuldigkeit an, Euch die verschiedenen Vorschlüge mitzutheilen, die uns Sultan Tipfto Saib durch zwei „Abgesandte, die er an uns geschickt hat, anbietet. Dieser Fürst „hat der Colonialversammlung und allen bei diesem Gouverne-„ment angestellten Generalen eigenhändige Briefe geschrieben, „und uns zugleich ein an das französische Directorium adrcs-„sirtes Schreiben übersanbt. Derselbe wünscht mit der großen, „französischen Nation ein offensives und defensives Bündniß zu „schließen, er erbietet sich, alle Truppen, die wir ihm senden „können, auf seine Kosten zu erhalten und zu besolden, so lange „der Krieg in Indien dauern wird; er verspricht alle Bedürfnisse, die für diesen Krieg nothwendig sein mögen, selbst zu „liefern, Wein und Branntwein ausgenommen, die er nicht be-„siht. — Er versichert, daß alle Vorbereitungen getroffen sind, „um die Hülfstruppen zu empfangen, die man ihm senden wird, „und daß die höheren Officiere bei ihrer Ankunft Alles finden „werden, um einen Krieg zu führen, an den Europäer wenig „gewöhnt sind. — Er erwartet nur den Augenblick, wo die „Franzosen ihm zu Hülfe kommen werden, um den Englandern „den Krieg zu erklären, da er sehnlichst wünscht, sie aus Indien „zu vertreiben. — „Da wir die hiesige Garnison nicht vermindern dürfen, so „laden wir alle freiwilligen Bürger ein, sich in ihren verschiedenen Municipalitäten einschreiben zu lassen, um unter be« „Sultan's Fahnen zu dienen. Wir können allen Bürgern, die „sich melden werden, versichern, daß Tippo ihnen vorthcilhafte „Bedingungen zugestehen wird, die mit seinen Abgesandten festgesetzt werden sollen, welche sich noch überdies im Namen 141 „ihreS Monarchen dazu verbindlich machen, daß die Franzosen, „die in seiner Armee Dienste nehmen werden, wenn sie wieber „in ihr Vaterland zurückzukehren wünschen, nie sollen zurückbehalten werden. Port Nordouest, den 40. Pluviose, im Jahre 6. der Republik." Diese Proclamation verrieth Tippo Saib's feindliche Absichten zu gut, als daß die Engländer länger hätten zweifeln sollen. Der Generalgouverneur von Indien Lord Mornington, nach-heriger Marquis Well es ley (des späteren Herzogs von Wellington älterer Bruder und der Gründer seineS Glückes), befahl am 20. Juni <798 die Küstenarmeen von Madras und von Bombay zu versammeln und sich zum Kriege zu rüsten. Am 10. October wurde eine Division britischer Truppen, unter des ObristlieutenantS Roberts Befehle, nach Hyderabad gesandt, wo sie am 22. desselben Monats anlangte, und unter des Nizam's eigenem Befehle, mit einem Corps seiner Cavallerie verstärkt, das Lager der französischen Truppen (die zur Zeit aus t 4,000 Mann Seapoy's und <00 Kanonen bestanden) umringte. Da, wie schon bemerkt worden, diese Truppen sehr gut disciplinirt und bewaffnet warm, so hatten sie der englischen Division viel zu schaffen machen können, wenn nicht zum Glück für die Engländer gerade eine Empörung unter diesem Corps im Lager ausgebrochen wäre, die ihren Grund darin hatte, daß viele von den Scapoy's und den eingeborenen Officiercn von ihrem Pflichtgefühle aufgereizt wurden, sich nicht gegen den Nizam, ihren heimischen Fürsten, auflehnen und gegen ihn die Waffen führen zu wollen. Diese Getreuen kündigten daher ihren französischen Officieren den Gehorsam auf und zwangen sie, sich mit ihnen zu unterwerfen. Die Seapoy's wurden entwaffnet, alle französischen Ofsiciere zu Kriegsgefangenen gemacht und nach Madras geschickt. Die Treugesinnten unter den Soldaten und Untcrofsicierm 142 wurden vom Nizam und Obristlieutenant Roberts beibehalten und mit englischen Officierm versehen. Auf diese Weise wurde dieses seither für den Nizam und die Englander so gefahrliche Corps wieder nützlich und höchst brauchbar gemacht. Am 31. December traf Lord Mornington in MadraS ein, um dem Kriegsschauplätze näher zu sein und die ferneren Operationen besser leiten zu können. — Am 3. Februar 1799 befahl er dem Generallieutenant Harris, da alle bis jetzt gemachten Versuche, Tipfto Saib zu friedlichen Gesinnungen umzustimmen, fehlgeschlagen waren, mit der Küstenarmee von Madras, welche Harris befehligte, in Tipfto Saib's Gebiet einzudringen.— An demselben Tage schickte Mornington auch dem Generallieutenant Stuart, der die Bombay-Armee befehligte (welche aus 640(1 Mann und darunter aus 1200 Europäern bestand), die Ordre zu, von der malabarischen Küste aus mit General Harris gemeinschaftlich zu wirken. Die Haupt- oder Küstcnarmee bestand aus 27,500 Mann, worunter 2635 Mann Cavallerie, 3630 Mann englische Infanterie und die Uebrigen Seapoy's, oder von englischen Ossi-cieren befehligte Hindu-Infanterie, waren. Noch niemals hatte eine europäische Macht in Indien eine so zahlreiche, gut disciplinirte und bewaffnete Macht in's Feld gestellt. Des Nizam's Hülfscorps bestand aus 10,000 Seapoy's, dem Ueberrcst der von dem gefangenen französischen General Perron einst befehligten Truppen, die jetzt englische Anführer erhalten hatten, ferner aus 20,000 Mann Cavalleric unter den» Befehle von Meer Aulum, einem von den besten Heerführern in des Nizam's Diensten. — Obrist Roberts, der unter ihm comman-dirte und das ganze Corps leiten sollte, hatte unter seinen eigenen Befehlen 6000 englische Seapoy's, die jetzt von dem Nizam besoldet wurden. -^ Später stieß Obrist Wellesley (der spätere Herzog von Wellington) mit seinem 31. englischen Infan-tene-Regimente zu diesem Armeecorps und übernahm den Ober- 143 befehl über dasselbe, ben er auch wahrend des ganzen FeldzugeS geführt hat. Eine andere beträchtliche Macht, eine Division englischer Truppen unter den Befehlen der Obristen Read und Brown, sollte im Süden von Carnatik und Mysore mit dem General Harris cooperirm. Tippo Saib hatte einige Monate vorher dem Mahrattenfür-sten Scindiah achtunbbreißig Kameel-Ladungen Geld geschickt, um sich seiner Hülfe zu versichern; der Mahratte nahm das Gelb, erklärte aber, daß er Poonah erst im nächsten Jahre verlassen könne. Die Engländer müssen es als einen glücklichen Umstand betrachten, daß Tippo Saib seine ganze Aufmerksamkeit der Bombay-Armee zuwandte und nicht seine ganze Macht und Thätigkeit gegen die Madras-Armee richtete. Das ungeheuere Gepäck und der unzählige Troß, womit sowohl des Nizam's Armee, als auch die Englander sich belastet hatten, die unermeßliche Menge Proviant und Kriegsmunition, die unabsehbare Reihe von Kanonen und Pulverwagen, nebst mehr als 40,000 Brinjarries (mit Reis beladene Tragochsen), Alles zusammen bildete eine Masse, die beide Armeen nicht mit dem hinreichenden Schutze bedecken konnten und die freieren Bewegungen der Truppen erschweren mußten, zumal die Landstraßen schlecht, eng und zum Fahren wenig geeignet, in ganz Indien weit eher Fußstegen als fahrbaren Straßen ähnlich sahen und beim geringsten Regen für Fuhrwerke jeder ^t, geschweige denn für Artillerie, völlig unbrauchbar wurden. 6s fand deßhalb im Fortrücken dieser Armee ein fortwährendes Stocken dieser unbeholfenen Massen statt, und hätte Tippo die ihm zu Gebote stehenden Streitkrüftc und sonstigen Hülfsmittel nur wü gewöhnlichem Verstande und nur mittelmäßigem Feldherrntalente benutzt, so würde er, ohne eine große Schlacht zu wagen, durch kleine Gefechte und Scharmützel, Vorpostenangriffe und ent- 144 fernte Kanonaden, sowie durch eine stete Beweglichkeit seiner Truppen, die feinbliche Infanterie, besonders die Europäer, die daS Marschiren in der Sonnenhitze dieser heißen Gegenden nicht so vertragen können, wie die Seapoy's, abgemattet, und die Reiterei durch Vertheilung so geschwächt haben, daß ihm ohne Zweifel ein großer Theil des Gepäckes, der Vorräthe, Munition, selbst der Artillerie in die Hände gefallen sein würde und die englische Armee auf ihrem Marsche nach ihrem Bestimmungsorte große Schwierigkeiten gefunden haben müßte, zumal die Regenzeit her-annahete. Meiner Ueberzeugung nach hätten etwas Klugheit und Thätigkeit des Sultans sehr leicht den Zweck dieses Feldzuges gegen ihn vereiteln können. — ES war in dieser Zeit ein Gerücht in Umlauf, Tippo Eaib sei Anfällen von Geisteszerrüttung unterworfen und manche Züge aus seinen letzten Lebensjahren scheinen allerdings dieser Meinung einigen Grund zu geben. Er hatte alle seine treuen Diener, welche ihm lange und gut gedient hatten, aus seinem Dienste entlassen und Personen ohne Fähigkeiten und Erfahrung an ihre Stelle geseht, die sich seine Gunst erwarben, indem sie seinem Eigensinne und Stolze schmeichelten und sich seinem Willen unbedingt unterwarfen. Die entlassenen Diener hatten immer seine Hinneigung, sich mit Frankreich zu verbinden, zu schwachen und zu unterdrücken gesucht, weil sie kein Glück für ihn darin voraussehen konnten; die neuangenommenen Diener aber unterstützten diese Neigung Tip-po's, nur um dadurch seiner zur siren Idee gewordenen Hoffnung zu schmeicheln, mit Hülfe der Franzosen die Engländer aus Indien zu vertreiben und seinen Haß kühlen zu können. — Seine Schatze waren unermeßlich, seine Truppen zahlreich, gut in Disciplin und Bewaffnung, aber indem er einen Theil seiner Mittel nicht gebrauchte und den anderen Theil mißbrauchte, beschleunigte er seinen 145 Sturz und den Untergang seiner Landesherrlichkeit mit einer Geschwindigkeit, die das Kricgsglück der Engländer noch steigerte und den letzteren ebenso unwahrscheinlich wie unerwartet war. Sein mächtiges Reich wurde bis in die Grundfesten erschüttert, und Hyder Ali's Gebäude, das aus manchen gewaltsam und unrechtmäßig ergriffenen Bausteinen aufgeführt worden war, ein-gcrissen. Die Wichtigkeit dieser Eroberung für die Macht und den Handel Englands in Indien konnte schon damals berechnet werden. Wenn man den blühenden Zustand Sermgapatam's und aller seiner Staaten, den zunehmenden Anbau des Landes, die Zahl seiner Einwohner und die Verbesserungen der Kriegsmacht betrachtet, so erscheint es nicht zweifelhaft, daß dieser Haufttstaat in kurzer Zeit unüberwindlich geworden wäre und Tipfto Saib's Macht allen vereinigten europäischen Niederlassungen in Indien überlegen gewesen sein würde, wenn Klugheit und Geschick vom Throne herab thätig gewesen wären. Zwar war der Sultan während dieses Feldzuges nicht unthätig, aber er wendete seine Thätigkeit schlecht und ihren wahren Zwecken nicht angemessen an; zwar zerstörte er die Dörfer und verheerte das Land in der Fronte seiner eigenen Armee, aber da er diese Zerstörungen zum Nachtheile seiner Feinde nicht genug ausdehnte, so wurde seine Absicht, der englischen Armee Schwierigkeiten in den Weg zu legen, vereitelt, indem General Harris durch kleine Abweichungen vom gewöhnlichen Wege das verheerte Land vermied und seinen Bestimmungsort ganz in der Zeit erleichte, wie er sich vorgesetzt hatte, ohne irgend eine bedeutende Unterbrechung. Wegen des kurz vorher gefallenen, sehr reichlichen Regens und der besonderen Bauart der Teiche, in denen das Regenwasser für die Bedürfnisse der Landwirthschaft gesammelt wird und die nicht ganz ausgeleert werden konnten, fehlte es der englischen Ar- V « n Mökern, Ostindien, il. 10 146 mee nie an Wasser, obgleich die in Indien gebräuchlichen Versuche, das Wasser zu vergiften, hinlänglich gemacht worden waren, indem man die Zweige des milchigen Heckenstrauches (dessen milchiger Saft ätzend scharf ist) einlegte. Es entstanden wenige tödt-lichc Wirkungen davon, denn obgleich weder Verbote, noch ausgestellte Schildwachm die Menschen und das Vieh zu hindern vermochten, ihren brennenden Durst aus diesen vergifteten Teichen zu löschen, so fühlten doch sehr wenige unter den Trinkern eine nachtheilige Wirkung von diesem, mit Gift versehenen Wasser und das Vieh gar keine Nachtheile. Die Krankheiten, welche sich dann und wann unter den Truppen zeigten, nahmen ihren Ursprung von der Sonnenhitze, der allzugroßen Ermüdung, der unregelmäßigen Nahrung und, unter den gemeinen Soldaten meist auö dem übermäßigen Genusse von Früchten, die sie aßen, wo sie dieselben nur finden konnten, besonders das Zuckerrohr. — Das Tressen, welches Tivvo Saib am 27. März bei Mala-velli mit dem rechten Flügel der englischen Armee wagte, war ebenso schlecht erdacht wie ausgeführt; denn da er die Wahl dcS Schlachtfeldes hatte, so hätte er die Feinde entweder mit seiner ganzen Macht angreifen, oder, was besser gewesen wäre, jedem regelmäßigen Gefecht gänzlich ausweichen sollen. Das schlimmste Uebel, welches die Engländer bei dieser ganzen, wichtigen Unternehmung am meisten zu fürchten hatten und sie am meisten am Erfolge hatte hindern können, war die Hungers noth. Tippo Saib besaß die Mittel, dieses Unglück über die Engländer heraufzubeschwören, wenn er, bei seiner sonstigen Grausamkeit, Verstand genug gehabt hätte, diese kriegerischen Hülfsmittel zweckmäßig anzuwenden. Denn ungeachtet die englische Armee auf ihrem Marsche nach Seringapatam mit verhältnißmäßig wenig Hindernissen zu kämpfen hatte und mit unverminderten Hülfsmitteln vor dieser Stadt angelangt war, so hatten diese sich doch im Laufe der Belagerung bedeutend verringert und 147 alle Vorräthe an Lebensmittcln und Viehfutter waren so gänzlich aufgezehrt worden, daß alle ihre Trag- und Zugochsen, sowohl die der Regierung, als die zur Privat-Equipage gehörigen, bereits gestorben waren, und der Reis, das hauptsächlichste und einzig noch übrig gebliebene Nahrungsmittel der ganzen Armee, war am Tage vor dem Sturme auf die Stadt so bedeutend im Preise gestiegen, daß das Pfund mit drei Rupien (etwa drei Gulden Münze) bezahlt werden mußte. Um einen richtigen Begriff von einer solchen Theuerung in Tagen dieser Art zu bekommen und beurtheilen zu können, wie bedeutsam ein solcher Preis für den gemeinen Soldaten und Uw terofficier ist, ist die Bemerkung nicht überflüssig, daß in Indien der Soldat, sowohl der Scapoy wie der englische Soldat, seinen ganzen Sold baar empfängt und sich davon aber auch vollständig beköstigen muß und nicht die mindeste Ration geliefert bekommt. Erst neun Tage nach der Einnahme von Seringapatam langten die Divisionen unter den Befehlen von Brown und Read mit Lebensmitteln im Lager an, obgleich die ganze Cavallerie und eine Brigade Seapoy's unter Anführung deS Generals Floyd ihnen entgegengeschickt waren, um ihre Ankunft zu beschleunigen und zu unterstützen. Wurde daher der Sturm der Stadt abgeschlagen, so würden die Folgen davon für die englische Armee im höchsten Grade verderblich gewesen sein. Und daß dieser Sturm nicht zurückgeschlagen worden ist, lag nicht nur in einem Mangel an Verthcidigungsmitteln, sondern auch, bei aller Anerkennung der Tapferkeit und Uncrschrockenheit der englischen Soldaten und der klugen und wohlgewähltcn Mittel, die man anwendete und durch außerordentliche Anstrengungen unterstützte, namentlich mit an der schlechten Leitung und zu großer Sicherheit der Belagerten. General Harris betrat das mysorische Gebiet mit der Madras-Armee am 5. März 1799. Er begann seine Operationen mit der Einnahme verschiedener FortS an der Grenze, von denen 10' 148 mehrere sogar sich ohne allen Widerstand übergaben und keines mit rechtem Muthe vertheidigt wurde, obgleich, nach dem guten Iu-stanbc zu urtheilen, in welchem man sie und ihre Besatzung antraf, der Sultan nichts gespart hatte, um sie, so gut er es nur vermochte, auszurüsten, mithin eine bessere Vertheidigung hätte erwartet werden dürfen. Der Sultan Tippo Saib sollte aber nun die üblen Früchte seiner großen Unbedachtsamkeit ernten, die er begann, als er alle treuen, in ihrer besseren Einsicht und Tapferkeit erprobten Diener gegen neue, unerprobte vertauschte, die er nicht weiter kannte, als aus ihrer Schmeichelei. Er befand sich deßhalb in einer sehr übel berathenen Lage. Wegen der ungeheueren Bagage konnte das Vorrücken der englischen Armee nur sehr langsam vor sich gehen; beträchtliche mysorischc Reitercorps umschwärmten die Armee beständig auf ihrem Marsche, ohne aber einen anderen Erfolg zu erzielen, als daß sie die Verbindung der Armee mit dem Gebiete der englischen Compagnie in ctwaS erschwerten. Die Bombay-Armee unter General Stuart verließ Cana-nore am 21. Februar, kam am 25. desselben Monats auf dem Gipfel des Poodichcrrum Ghaut an und postirte sich in günstiger Stellung am 2. März bei Seedapoore und Seedasere; von dieser Position aus wollte er sich bei Annäherung des Generals Harris mit der Madras-Armee vereinigen. Als die Madras-Armee daS Gebiet von Mysore betrat, glaubte man, Tippo Saib sei mit seinen Truppen bei Maddoor gelagert und bereite sich vor, gegen Bangalore vorzurücken, um sich der Madras-Armee entgegenzu-werfcn und General Harris aufzuhalten, im Falle dieser die Grenze übertreten würde. Ohne aber diesen natürlichen Plan zu fassen und die Madras-Armee anzugreifen, beschloß er, sich gegen die Bombay-Armee zu bewegen, die zur Zeit noch außerhalb der 149 mysorischcn Gebietsgrenzen, im Lande des Coorga Rajah gelagert war. Diesem fehlerhaften Plane gemäß nahm Tippo bm Kern seiner Truppen und verließ sein Lager bei Ehinapatam am 28. Februar; General Harris, ebenfalls noch außer den Grenzen von Mysore stehend, begab sich jeyt in Eilmärschen nach Peria-patam, wo er am 5. März eintraf, und zwar an demselben Tage, wo die englische Hceresabtheilung von der östlichen Grenze her in Mysore einschritt. — Am 6. März zog Tippo Saib über die Grenze seines Landes und griff eine Division der Vombay-Armee an, welche nur 2000 Mann stark war, aber die mysorischen Truppen wurden in die Flucht geschlagen, ehe noch General Stuart Zeit gewann, seine vertheilten Armcccorps zu sammeln und seiner Vorhut zu Hülfe zu kommen. Nach dieser gleich im Anfange unrühmlichen Niederlage zog sich Tippo in größter Hast in sein Lager bei Pcriaftatam zurück und blieb dort ruhig bis zum li. März, ohne eine zweiten Versuch gegen die Bombay-Armee zu wagen. Er scheint in diesem unglücklich abgelaufenen Gefechte ungefähr 2000 Mann an Tobten, Verwundeten und Gefangenen eingebüßt zu haben, während General Stuart's Verlust sich dem Berichte nach auf 143 Mann belief. Tivfto kehrte von Periapatam nunmehr nach Seringavatam zurück, wo er am i 4. März ankam und nun dem General Harris sofort entgegenrückte. Dieser aber war bis zum 26. März bereits zu einer Position zwischen Sultanipatta und Malavelli vorgerückt, ohne viel Widerstand gefunden zu haben. An diesem Tage zeigte sich Tipfto's Armee in großer Anzahl, ohne aber die Engländer zu beunruhigen. — Am 27. März, als die Truppen ihren Lagergrunb bei Malavelli erreicht hatten, eröffnete Tippo eine entfernte Kanonade auf die englischen Corps, die, obgleich General Harris sie anfangs wenig beachtete, doch am Ende zu 150 einem Gefechte Veranlassung gab, worin die mysorischm Truppen gänzlich geschlagen und von jeder Position vertrieben wurden, die sie zu vertheidigen bemühet waren. — Die Engländer wollen bei dieser Gelegenheit nur sieben Mann Todte und mehrere Verwundete, worunter vier Ofsiciere, gehabt haben, während Tippo Saib's Verlust auf 700 Mann angegeben wird. General Harris unternahm am 29. März eine Bewegung mit seiner Armee, die den Feind ebenso erstaunt als verwirrt machte; nämlich, anstatt wie Tiftpo erwartet hatte, in der Richtung von Arrakerri und Karigat vorzurücken, wandte sich Harris auf einmal gegen den Fluß Caveri, wo er einen Durchgang in einer kleinen Entfernung oberhalb des Zusammenflusses der beiden Gewässer Caveri und Copani fand, und mit seiner Armee sogleich durch den Fluß setzte und an seinen beiden Ufern, etwa fünfzehn englische Meilen von Seringapatam, starke Positionen in Besitz nahm. Diese Bewegung wurde, ohne den geringsten Widerstand von Seiten Tippo's, ausgeführt, der keinen Argwohn über General Harris' Vorhaben gehabt zu haben scheint. Dieser indessen pas-sirtc den Fluß Caveri mit seiner ganzen Armee am 30. März und lagerte sich am 31. bei dem Dorfe So kelli. Am 1. April kam er in die Nähe von Seringapatam und schon am 5. desselben Monats schlug er sein Lager mit der ganzen englischen Armee zwei Meilen südwestlich von dieser befestigten Stadt auf. Am Morgen des 6. April, nach eincm Gefechte, in welchem Tippo's Truppen einen hartnäckigen Widerstand leisteten, nahm General Harris die Stadt Sultan ipatta und ein nahe bei Delhi gelegenes Hölzchen in Besitz, zu gleicher Zeit wurde der General Floyd mit einem starken Detachcmcnt der Bombay-Armee entgegengcsanbt, um sich mit ihr zu verbinden. Am 7. April nahm General Harris seine Stellung für die Belagerung von Seringapatam ein. 151 Am l4. April kam General Floyd mit seiner Abtheilung und der Bombay-Armee, womit er sich vereinigt hatte, im Lager vor Scringaftatam an und alle für die Belagerung bestimmten englischen Truppen waren nun unter den Wällen der mysorischen Hauptstadt vereinigt. Ein zahlreiches Corps dcr Cavallcrie Tip-po's unter dem Befehle des in seinen Diensten stehenden Generals Kummer und des Decn Khan folgte ihnen auf dem Fuße wahrend ihres Marsches von Pcriaftatam an, aber ohne ihnen schaben zu können. General Stuart's Armee ruhete am l5., aber am anderen Morgen (ltt. April) ging auch sie über den Caveri-siuß und nahm eine Stellung .ein, die sich vom nördlichen Ufer desselben bis gegen den Edgah erstreckte. Da die mysorischen Truppen ein Dorf auf dem nördlichen Ufer besetzt hielten, das im Bereiche dcr Geschütze auf der nordwestlichen Seite der Festung lag, wo man eine große Zahl Arbeiter beschäftigte, einen Hügel abzutragen, der eine englische Breschebatterie hätte decken können, fo bekam General Stuart am Nachmittage des l7. April den Befehl, den Feind aus diesem Dorfe zu vertreiben. Das 74. Regiment, ein Hochland- oder Schotten-regiment, nebst einem Bataillon Scapoy's von der Madras-Armee, wurden beordert, Stuart's Division zu verstärken, deren Angriff ohnehin durch das Kanonenfeuer der Vorposten unterstützt wurde. In kurzer Zeit wurden die Truppen des Sultans aus diesen Posten vertrieben und bis nahe an den westlichen Winkel dcr Festung zurückgeworfen. Unterdessen rückten auch die Vorposten vom südlichen Ufer vor, um den Angriff ihrerseits zu unterstützen. Sie nahmen einen Nulla, d. i. tiefen Graben, der die erste Parallele der Belagerung bilden sollte, nach einigem Widerstände in Besitz. In der Nacht des 47. April wurde auf dem vom General Stuart weggenommenen Posten eine Batterie für sechs Kanonen errichtet, und in der Nacht, die darauf folgte, pflanzte man sechs Achtpfünbcr darin auf. Diese Batterie wurde am 19. April früh 152 eröffnet und bcstrich die feindlichen Verschanzungen in der Fronte des Angrisssplanes. Die vordersten dieser Verschanzungen wurden am Abend des 20. April von den englischen Truppen genommen und an dieser Stelle eine Parallele errichtet. In der folgenden Nacht errichtete man eine Batterie von sechs Kanonen bei den Ruinen der Pulvermühlen, und da Tippo einen heftigen Angriff auf alle von General Stuart eingenommenen Stellungen vor Tagesanbruch des 22. April machen ließ, so eröffnete diese Batterie mit vier Kanonen und zwei Haubitzen ihr Feuer mit großer Wirkung auf die Festung, indem sie deren Außcnwerle zerstörte und ihre Kanonen zur Verminderung des Feuers.nöthigte. Nachts, am 24. April, wurden die Laufgraben bis auf 250 Klafter von der Festung vorgerückt, am andern Tage errichtete man eine Batterie von vier Kanonen, um einige feindliche Werte zu zerstören, welche die englische Angriffslinie bcstrichen. Diese Batterie begann am 26. April Morgens ihr Feuer mit großem Erfolge und am nämlichen Abend wurden die vorgerückten, feinblichen Verschanzungen angegriffen und nach einem sehr hartnäckigen Widerstände, der die ganze Nacht hindurch dauerte, weggenommen. — Am 27. April besetzten die englischen Truppen diese Werke und verschanzten sich darin. Der Besitz dieses Werkes war von großer Wichtigkeit für die Engländer, da sie der.Platz waren, wo, dem Plane gemäß, die Breschebattcric aufgebauet werden sollte. Die mysorischen Truppen kämpften deßhalb um jeden Zoll breit Besitz dieses Bodens mit höchster Anstrengung, wodurch die Engländer mehrere Male ge> nöthigt waren, eine ungewöhnliche Kraft zu entfalten, um den Platz zu behaupten. In der Nacht des 28. April wurde eine Breschebatterie von schweren Kanonen errichtet, die ihr Feuer thcilweise schon am Morgen des 30. April eröffnete. Diese Batterie zerstörte im Laufe dieses Tages einen Theil des äußeren Walles des westlichen 153 Winkels der Festung und erschütterte bedeutend das Mauerwerk der dahinter liegenden Bastei. Das Feuer dieser Batt-rie wurde am. 2. Mai mit größerem Erfolge fortgesetzt und gleichzeitig eine neue, in der Nacht des 30. April bereits angelegte Batterie eröffnet. Da die Bresche am 3. Mai ersteigbar schien, so wurden alle Anstalten getroffen, um am folgenden Tage einen Haufttsturm zu wagen. -^ Die Truppen, welche den Sturm unternehmen sollten, wurden am 4. Mai sehr früh in die Laufgräben beordert, damit keine ungewöhnliche Bewegung im Lager den Feind von der Absicht eines Sturmes unterrichten möge, der in der Mitte des Tages stattfinden sollte, eine Zeit, welche man für die günstigste hielt, um den Erfolg zu sichern, da man in der Festung zur Mittagsstunde einen Angriff nicht erwarten und nicht darauf vorbereitet sein würbe. Zehn europäische Grenadier-Regimenter und die Jäger-Compagnien derjenigen Regimenter, welche daS Lager und die Vorposten bewachen mußten, nebst dem 12., 33., 73. und 74. Regi-mente europäischer Infanterie, drei Seapoy'S-GrenadiercorftS auS der ganzen Armee genommen, endlich 200 Mann von den Truppen des Nizam, machten die Sturm-Division aus, von 100 Kanonieren und dem Schanzgräber-Corps begleitet und in den Laufgräben unterstützt von den Bataillons-Compagnien des Schweizer Regiments Meuron nebst 4 Bataillonen Mabras-Seapoy's. — ObristScherbrooke, die Obristlicutcnants Dunlop, Dal-lymple, Gar din er und Mignan befehligten die verschiedenen Corps und Generalmajor Baird stand an der Spitze dieser wichtigen Unternehmung. Der Sturm entfaltete ein lebhaftes und unübertroffenes Gemälde englischer Tapferkeit. — Um ein Uhr Nachmittags verließen die Truppen die Laufgräben und sehten, unter einem mörderischen Feuer, durch das felsige, um diese Jahreszeit sehr seichte Bette 154 des Flusses Caveri. General Vaird hatte seine Truppen in zwei Angriffs-Colonncn abgetheilt, um dm Wall rechts und links von den Feinden zu reinigen. Die eine Colonne befehligte Obrift Scherbrooke, die andere Obristlieutcnant Dunloft. Die Grenadiere und Jäger an der Spitze setzten beide Colonnen am hellen Mittage über den Fluß; jedes Hinderniß des Ucbcrganges verachtend, sprangen Soldaten undOfficierc von Fels zu Fels, wabcten und schwammen zwischen durch, wo tiefere Stellen waren, um eine Bresche zu erklimmen, die nur für eine unermüdliche Beharrlichkeit und den größten Muth ersteigbar war. Der Ungestüm, womit sie unter einem heftigen und wohluntcrhaltenm Kanonen- und Mus< ketenfeuer vorwärts drangen, die Geschwindigkeit, mit welcher sie die Sturmleitern aufrichteten und erstiegen, und die Unerschrocken-heit, welche den bestürzten Feind von den Wällen trieb, wirkten zusammen, daß es möglich wurde, die englische Fahne siegreich auf den Wallen der Bresche aufzupflanzen. Die Batterien deS Vorpostens der Bombay-Armee, welche die Bresche bcstrichen, waren dabei von großem Nutzen gewesen, da sie durch ihr Feuer eine große Anzahl der Belagerten an der Vertheidigung der Bresche verhinderten, die ohne diesen Umstand ein verderbendes Feuer auf die stürmenden Colonnen hätten unterhalten können. — Auch die Stunde des Angriffs war sehr glücklich gewählt, indem eine große Zahl der Belagerten sich eben zurückgezogen hatte, um das Mittagsmahl zu verzehren, obgleich immer noch genug Mannschaften auf den Wallen geblieben waren, um weniger muthige Angreifer zurückschlagen zu können. Obrist Dunlop, an der Spitze seiner Colonne, wurde, alS er ungefähr die Hälfte der Bresche erklettert hatte, von einem der tapfersten Ofsiciere Tippo's mit dem Säbel in der Hand angefallen; er führte nach dem Obristen einen fürchterlichen Hieb, den dieser gewandt abzupariren wußte und mit einem anderen Hiebe vergalt, der seines Gegners Brust durchschnitt. Der Sirdar, ob- 155 gleich tödtlich verwundet, hieb noch einmal nach dem Obristen, traf das Gelenk seiner rechten Hand und hieb es beinahe ganz durch; dann taumelte er zurück, fiel auf die Bresche und wurde von den vorübersteigmden englischen Soldaten mit Bajonetstö'ßen vollends getödtet. Obrist Dunlop blieb an der Spitze seiner Leute, bis er die Höhe des Walles erreicht hatte, dann fiel er, vom Blutverluste entkräftet, zu Boden, und wurde von seinen Soldaten fortgetragen. Ein Feldwebel, Namens Graham, von der Iägcrcompagnie des europaischen Bombay-Regimentes, hatte sich angeboten, die ersten Freiwilligen anzuführen. Als er mit seinen Soldaten am Fuße der Bresche angekommen war, lief er allein vorwärts, um sie naher in Augenschein zu nehmen, kletterte hinauf, zog seinen Hut und rief nach dreimaligem Hurrah: „Es lebe der Lieutenant Graham!" — Man hatte ihm nämlich eine Officiersstelle versprochen, wenn er den Sturm überleben würde. Nun begab er sich zu seinen Leuten zurück und stieg, die englische Fahne in der Hand, an ihrer Spitze den Wall wieder hinauf. Als er oben angelangt war, pflanzte er die Fahne auf den Wall und rief: «Ich will ihnen die britische Flagge zeigen!"— aber in demselben Augenblicke wurde er durch den Kopf geschossen und starb den Heldentod. — Nachdem beide, zum Sturm commandirte Divisionen einen ungemein heftigen Widerstand erfahren und überwunden hatten, siegten sie endlich und nahmen die Festung mit stürmender Hand ein. — Ich habe bisher das Verhalten der Engländer vor der Festung beschrieben; es soll nun noch nach authentischen Quellen das Benehmen Tipvo Saib's während derselben Zeit geschildert werben. Tippo verließ am 4. Mai seinen Palast schon sehr früh, wie es seine tägliche Gewohnheit war; er bestieg eines der höchsten 156 Bollwerke am äußeren Walle der Norbscite der Festung, von wo er Alles übersehen konnte, was auf beiden Seiten derselben vorging. Hier blieb er bis Mittag, nahm bann sein gewöhnliches Mahl unter einem kleinen Zelte ein und es scheint, daß er noch keine Ahnung von dem so nahe bevorstehenden Sturme gehabt hatte. Denn als man ihm die Meldung machte, daß die englischen Laufgräben ganz ungewöhnlich mit europäischen Truppen angefüllt seien, verrieth er nicht die geringste Bcsorgmß oder Furcht und traf keine anderen Vorsichtsmaßregeln, als daß er Demjenigen, welcher ihm diese Nachricht brachte, befahl, nach der Westseite der Festung zurückzukehren und dem Befehlshaber der zur Breschevertheidigung bestimmten Truppen, dem Meer Go schar, aufzutragen, sehr wachsam zu sein. Kurze Zeit nachher wurde dem Tippo gemeldet, daß Meer Goschar von einer Kanonenkugel auf der Bresche getöbtet worden sei; diese Nachricht schien ihn sehr zu beunruhigen. Er befahl auf der Stelle den Truppen, die nahe bei ihm unter den Waffen standen, sowie seiner Dienerschaft, die das Amt hatte, die Carabiner zu laben, welche dieselben für seinen eigenen Gebrauch trugen, sofort mit ihm den Wall entlang zu eilen, welcher nach der Bresche führte. Er selbst begab sich, von einer auserlesenen Leibwache und mehreren seiner Generäle begleitet, in größter Eile nach der Bresche, bis er einigen seiner Truppen begegnete, die vor dem Vortrabe der englischen Truppen die Flucht ergriffen hatten, die, wie Tipfto nun zu seinem Schrecken sah, bereits den Wall erstiegen und Besitz davon ergriffen hatten. Er bemühcte sich jetzt, die Flüchtigen wieder zu sammeln und mit seiner Leibwache zu vereinigen, und ermunterte sie durch fein Beispiel und seinen Zuruf, einen entschlossenen Widerstand zu leisten. Er feuerte selbst mehrere Male mit seinen Carabmern auf die englischen Truppen und einer seiner Diener versicherte spater, wie er gesehen habe, baß Tippo verschiedene Europäer auf der 157 Bresche niedergestreckt habe. Aber ungeachtet aller dieser verspäteten Anstrengungen näherten sich bereits die englischen Grenadier-und Iägercompagnien vom linken Angriffe her dem Platze, wo der Sultan stand; er sah sich schon von fast allen seinen Truppen verlassen und genöthigt, sich in die Traversen des nördlichen Walles zurückzuziehen. Diese vertheidigte er mit seinen tapfersten Of-sicicren und Soldaten eine nach der anderen und, vom Feuer seiner Truppen auf dem inneren Walle unterstützt, nöthigte er verschiedene Male die Fronte der englischen Truppen, welche mit Ungestüm vorwärts drangen, Halt zu machen. Die Engländer würden hier einen viel beträchtlicheren Verlust erlitten haben, wenn nicht die leichte Infanterie und ein Theil der Bataillons-Compagnien des 12. englischen Infanterie-Regiments über den einen Graben gesetzt wären und den Wall erstiegen hätten, wo ße nun dem Sultan und den Truppen, mit denen er die Traversen beS äußeren Walles vertheidigte, in den Rücken steten. So lange noch einige seiner Truppen bei ihm aushielten, fuhr der Sultan fort, Schritt für Schritt den Boden zu vertheidigen, bis er nahe an den Durchgang über den Graben kam, der zu der Pforte des inneren Forts führte. Hier beklagte er sich über Schwäche und Schmerz in einem seiner Beine, wo er einst in seiner Jugend eine schwere Wunde erhalten hatte; er ließ sich nun sein Pferd bringen und bestieg es. Als er aber bemerkte, daß die Engländer noch immer auf beiden Wällen vorrückten, so richtete er seinen Weg nach dem Thore, begleitet von seinem Palankeen und einer betrachtlichen Truppenzahl, nebst vielen Officieren und Bedienten. Es war damals wahrscheinlich seine Absicht, entweder daS Thor zu erreichen und es dann zu schließen, um das kleine Corps englischer Truppen, das bereits in das innere Fort gedrungen war, anzugreifen, und wenn es ihm gelingen sollte, diese hinauszu- 158 treiben und das Fort dann zu vertheidigen, ober seinen Palast zu erreichen, um sich dort einen letzten, festen Stand zu verschaffen. — In dem Augenblicke aber, wo er vom äußeren Walle über den Graben ritt, empfing er eine Gewehrkugel in die rechte Seite unter die Brust, seine Wunde verhinderte ihn aber nicht, weiter vorwärts zu bringen, bis er unter dem Thorgewölbe, ungefähr in der Mitte desselben, durch das Feuer der Iägercompagnie des 42. Regiments aufgehalten wurde. Diese Compagnie hatte sich bereits innerhalb des Thores postirt. — Hier empfing Tippo Saib eine zweite Kugel nahe bei der ersten, sein Pferd wurde ebenfalls verwundet und brach unter ihm zusammen; sein Turban fiel ihm dabei vom Haupte auf den Boden. Das Musketenfeuer der Jäger war jetzt so heftig und wirksam, daß viele von des Sultans Leuten rings um ihn stürzten und große Leichenhaufen um und über ihn bildeten, zumal das Feuer von Innen und Außen das Thorgewölbe bestrich. Der gefallene Sultan wurde auf der Stelle durch einige seiner Leute aufgehoben und auf sein Palankeen gesetzt, das unter dem Thorwege auf der Seite des Durchganges stand; hier lag oder saß er einige Minuten schwach und erschöpft, bis einige Europäer den Thorweg betraten. Einer seiner Bedienten, welcher den Sturm überlebte, hat erzählt, daß einer der eindringenden englischen Soldaten des Sultans Wehrgchänge, das sehr kostbar war, ergriffen und es ihm zu entreißen die Absicht gehabt habe, der Sultan aber mit dem letzten Reste seiner Kräfte einen Hieb nach dem Soldaten gethan und ihn am Knie verwundet habe, worauf der Soldat sein Gewehr an die Schulter gefetzt und den Sultan durch die Schlafe geschossen habe, der denn auch auf der Stelle gestorben sei. Nicht weniger als 300 Mann wurden unter diesem Thor-gewölbt erschossen und erstochen und weit mehr noch verwundet, so daß diese Thorpassage bald ganz unzugänglich wurde und die 159 Soldaten über Haufen von Leichnamen und Sterbenden sich einen Weg bahnten. In der Abenddämmerung kam General Baird, der bereits den Palast genommen hatte; cS war ihm dort die Abwesenheit deS Sultans bekannt geworden und zugleich die Meinung, daß er aus der Festung entflohen sei, durch Nachrichten benommen, welche die geretteten Leute vom Thorgewölbc in den Palast getragen hatten. Baird hatte Fackeln bei sich und war vom Killedar, b. i. Commandanten der Festung, und anderen Einwohnern des Palastes begleitet, um den Körper des Sultans herauszusuchen. Nach vieler Mühe und langem Suchen fand man ihn endlich unter einem Haufen von Todten und zog ihn hervor. Sein Gesicht war nicht verunstaltet, sondern trug den Ausdruck einer stolzen Ruhe. Sein Turban, Oberklcid, Wehrgchänge nebst Waffen fehlten, aber seine Leiche wurde von einigen seiner Bedienten erkannt und von dein Killedar bestätigt. Gin anwesender englischer Officier löste mit General Vaird's Erlaubniß vom rechten Arme des Sultans den Talisman ab, den er immer an sich getragen hatte. Es war ein kleines Säckchcn von schön gestickter Seide, worin sich das Amulet befand, bestehend aus einer zerbrechlichen, metallenen, silberfarbigen Substanz und einigen Sentenzen magischer Art, mit arabischen und persischen Buchstaben geschrieben. — Dieser Talisman mußte allein schon alle Zweifel über den Körper des Sultans gehoben haben, wenn noch solche obgewaltet hatten. Man legte seine Leiche auf sein Palankeen und trug sie auf General Baud's Befehl in den Hof des Palastes, wo sie die Nacht hindurch stehen blieb und ein sprechendes Beispiel von der Unbeständigkeit menschlicher Größe war. Am Morgen verließ Tippo seinen Palast als mächtiger Herrscher voll Ehrgeiz und Stolz, am Abend wurde er als eine blutige, irdische Masse zurückgebracht; seine Hauptstadt war erstürmt, sein Reich gestürzt, sein Palast im Besitze des nämlichen Mannes, des General Baird, 160 der einst während vierjähriger harter Gefangenschaft so viel von seiner Grausamkeit und Tyrannei gelitten hatte! — Tipfto trug immer einen Ring mit einem Rubin von unschätzbarem Werthe, den er als den kostbarsten Stein in seinem ganzen Schatze betrachtete. Sein Turban war ebenfalls allezeit mit den wcrthvollsten Juwelen geziert. — Eine andere seiner gewöhnlichen Zierrachen war ein muselmännischcr Rosenkranz von Perlen, welche von außerordentlicher Größe waren. Es hatte ihn viele Jahre und unermeßliche Summen gekostet, um diese großen Perlen zusammenzubringen, und sie waren auch der Stolz seines Anzuges. — Jedesmal, wenn er von einer Perle in ungewöhnlicher Größe hörte, ruhete er nicht eher, bis er sie besaß und an seinen kostbaren Rosenkranz gercihet hatte, wo sie dann eine kleinere ersehen mußte, die dafür weggenommen wurde. — Nachdem sein Leichnam von seiner Familie als echt anerkannt worden war, wurde er ihr übergeben und in seines Vaters Hyder Ali's Mausoleum mit allem Pompe und aller Feierlichkeit beigesetzt, wie sein Rang und der asiatische Gebrauch es forderten; denn nicht gegen den Todten, obgleich er ein Todfeind in Haß und bösen Planen gewesen war, wollten die Engländer Krieg führen. Tippo haßte alle Engländer mit tief eingewurzeltem Abscheu und er bewies dieses jeder Zeit durch die roheste Barbarei gegen die unglücklichen Europäer, welche das Schicksal in seine Gefangenschaft geführt hatte. Diese barbarische Abneigung gegen alle Europäer, mit Ausnahme der Franzosen, behielt er bis zum letzten Augenblicke, denn als etwa zwanzig unglückliche Nachzügler von der englischen Armee auf dem Marsche gegen Seringapatam in seine Hände gefallen waren, ließ er sie kaltblütig niederhauen, selbst ein armer, kleiner Trommelschläger war nicht verschont geblieben. Aber auch seine kleine, buntscheckige Truppe französischer Abenteurer und Hülfssoldatcn verabscheuten ihn als einen lieblosen 161 Tyrannen und erzählten den Engländern unter bitteren Verwünschungen die Schmach und die Mühseligkeiten, deren cr sie unterworfen hatte. Das Blutvergießen bei der Einnahme von Seringaftatam war viel geringer, als man bei der Eroberung einer so volkreichen und befestigten Stadt durch Erstürmung hatte erwarten dürfen, zumal sie mit zahlreichen streitbaren Männern angefüllt war, die sich noch lange in den Straßen und Häusern vertheidigten und wo es nicht an Anreizungen aller Art fehlte. Es gereichte aber dem General Baird, der den Sturm führte, wie überhaupt vielen anderen englischen Stabsofsicieren, die des Generals menschenfreundliche Bemühungen unterstützten, zum ehrenvollen Ruhme, daß dem Blutvergießen bald Einhalt gethan wurde; auch während der Plünderung, welche die Kriegsgefche unter solchen Umständen dem Ucber-winder gestatten, wurde kein einziger unbewaffneter Einwohner getödtet und kein Weib mit muthwilliger Rohheit behandelt. Daß die französischen Republikaner, welche sich in Tippo Saib's Diensten befanden, den Pardon empfingen, den sie wenig beanspruchen konnten, geschah mehr aus Zufall, denn aus der Absicht, sie zu schonen. Sie hatten sich mit den Vertheidigern des Palastes in denselben eingeschlossen, bis die erste Wuth vorüber war, und da sie sich unter jene Palasttruppen mischten, denen man den Pardon bewilligt hatte, so empfingen sie ihn mit, ohne ihnen vorher zugedacht zu sein. Ihr äußeres Anschn war in jeder Hinsicht sehr kläglich, nur ihr Commandant erschien in einem besseren Zustande. Tippo's beide Söhne, die als Geißeln in Madras gewesen waren, ertrugen ihr Schicksal mit männlicher und anständiger Ergebenheit; sie erfuhren ihreS Vaters Tod nicht früher, als bis Man seine Leiche aufgefunden hatte; sie glaubten, wie die Engländer, er sei entflohen. Van Mökern, Ostindien, II. N 162 Tipfto war so blind gegen das ihm bevorstehende Schicksal, baß er nicht die geringste Ahnung von dem Unglücke hatte, das ihn betraf. Er glaubte sich in seiner Hauptstadt so sicher, daß er seine ganze Familie und alle seine Schatze bei sich behielt, anstatt sie nach entfernteren Festungen zu senden, wo sie wenigstens dem stegenden Feinde entgangen wären. Seine vornehmsten Großen und alle Einwohner der Stadt hegten das nämliche Zutrauen zu der Unüberwindlichfeit ihrer festen Hauptstadt, weßhalb sie auch keine Vorsichtsmaßregeln weder zur Flucht noch zur Verheimlichung ihrer Schatze getroffen hatten. Die Reichthümer, die daher in der Stadt gefunden und geplündert wurden, warm unermeßlich. Viele Soldaten, sowohl europäische wie eingeborene, erwarben sich sehr kostbare Effecten in Juwelen und große Summen in Geld. Sehr bedeutende Vermögen wurden von vielen Personen durch glückliche Einkäufe erworben. — Ein englischer Wundarzt, welcher hörte, daß die Festung erobert sei, steckte ungefähr 500 Pagoden (2000 Gulden) in die Tasche und ging in die Stadt. Hier traf er an allen Ecken Soldaten mit geplünderten Juwelen beladen, die sie, da sie deren wahren Werth nicht kannten, gern für einige Goldstücke verkauften. Auf diese Art erwarb sich dieser Wundarzt in ein paar Stunden mit seinen 500 Pagoden ein Vermögen von 40,000 Pfund Sterling (400,000 Gulden damaliger Münzgeltung). Ein anderer englischer Arzt begegnete einem Soldaten, der auf seinem Kopfe einen ungeheueren Ballen mit der größten Leichtigkeit trug; der Soldat wußte nicht, was sein Ballen enthielt; der klügere Arzt muthmaßte aber, daß der Ballen, bei seinem großen Umfange und seiner auffallenden Leichtigkeit, ohne Zweifel Stoffe von Werth enthalten müsse und kaufte ihn dem Soldaten für eine geringfügige Summe ab. Beim Oeffnen deS Ballens fand er, daß dessen Inhalt aus den schönsten und feinsten Kaschmir-Shawls bestand; er lösete eine noch weit größere 163 Summe wieder daraus, als der vorgenannte Wundarzt mit seinen Juwelen. Während der Zeit, daß die englische Armee noch bei Serin-gaftatam lagerte, war das Gold so gemein unter den europäischen Soldaten, daß man sie in allen Ecken und Winkeln des Lagers zu Dutzenden am Boden sitzen sah, mit Würfeln oder Karten beschäftigt, jeder Soldat einen Haufen Gold von mehreren Tausend Pagoden vor sich, die sie dem Glücksspiele anvertraueten; ein Un-terofficier besaß ein paar europäische Würfel, ein seltsamer Artikel dort, er lieh sie den Spielern seines Regimentes, die ihm für jeden Wurf, den sie damit thaten, eine Pagode zahlen mußten; er erwarb sich damit in einigen Wochen ein Vermögen von 4000 Pfd. Sterling, er kaufte sich seinen Abschied und ging nach Hause. Die Häuser der Beamten, höheren Militairs, besonders aber der reichen Kaufleute und Wechsler, deren es in Seringapatam eine große Anzahl gab, wurden ganzlich ausgeplündert; die Weiber, für ihre persönliche Sicherheit besorgt, gaben gern alle Juwelen her, welche sie besaßen. Zum Glück für die englischen Ofsi-ciere, welche nicht, wie ihre Soldaten, beistecken konnten, wurde der Palast des Sultans vor der Plünderung bewahrt und alle Reichthümer, die er enthielt, wurden der ganzen Armee als erobertes Eigenthum vorbehalten. Diese Reichthümer waren unermeßlich und bestanden namentlich in Edelsteinen aller Art, Perlen, Schmucksachen, goldenen und silbernen Tafelservicen, reichen Ge-webestoffcn, Kunstproducten von aller Gattung und hohem Werthe und einer unzähligen Menge seltener und werthvoller Gegenstände. Das gemünzte Geld, welches man vorfand, war, obgleich sehr beträchtlich, dennoch weit unter den davon gehegten Erwartungen, und mag sich wohl frühzeitig in geheime Kanüle verloren haben. Alle diese in Tippo's Palaste angehäuften, ungeheueren Reichthümer waren ohne Geschmack und Verstand geordnet und aufgestellt. Die verschiedenen weitläufigen Gebäude des Palastes, das 164 Zenana und die Durbar's (Thronsäle) ausgenommen, dienten zu der Aufbewahrung der Schätze; die Edelsteine und Juwelen von edlen Metallen wurden in einem dunkeln, stark verwahrten Zimmer gefunden, wo sie in großen, sehr fest verschlossenen Kisten lagen. In gleicher Weise wurden auch die goldenen Tafelgeräthe, sowohl die soliden, wie die von Filigran-Arbeit (Golddrahtarbeit) aufbewahrt. Von dieser letzteren Gattung war eine unzählige Menge in den verschiedensten und schönsten Artikeln vorhanden. Die Juwelen waren in Gold gefaßt und bestanden vorzüglich in Armbandern, Ringen, Halsbändern, Reiherbüschen, Federn:c. In einem höher gelegenen, sehr langen Zimmer wurde das silberne Tafelgerath von allen Größen und Gattungen verwahrt; in einer Gallerie fand man zwei Howdars oder Elephantensattel ganz von Silber. Außerdem lagen im Palast unzahlige Geräthschaften von massivem Silber, reich mit Gold und Edelsteinen verziert. Der größte Theil dieser Schätze muß von der vertriebenen mysorischen Königsfamilie, deren Reich sich bekanntlich Tippo's Vater, Hyder Ali, aneignete, sowie von anderen, geringeren Ra-jah's geplündert worden sein, nachdem Hyder Ali und Tippo deren einstige, rechtmäßige Besitzer umgebracht hatten. — Zwei der hauptsachlichsten Artikel hatte Tiftpo Saib anfertigen lassen, nämlich einen Thron und einen Elephantensattel (Howdar), beide von Gold, und sehr reichlich mit den kostbarsten Edelsteinen beseht. Eine Sammlung von werthvollen und merkwürdigen Feuergewehren und Säbeln war besonders für die englischen Ofsiciere interessant und der größte Theil der Waffen bestand aus Geschenken, die Tippo früher gemacht worden warm. Im Palaste sah man mehrere Thürpfosten ganz von Elfenbein und der herrlichsten Arbeit. Zu dieser Aufzählung von Schätzen muß man aber auch noch mehrere ausgedehnte Vorrathshäuser rechnen, die mit dem reichsten 165 und prächtigsten Hausrathe und den kostbarsten Teppichen angefüllt waren. Kurz, Alles, was Macht sich verschaffen und was man für Gelb kaufen konnte, befand sich in dieser ungeheueren Sammlung. Sogar Teleskope jeder Größe, Augengläser von jeder Nummer, Spiegel jeder Gattung und Gemälde in nicht zu überblickender Zahl. Porzellan- und Glaswaaren warm so reichlich vorhanden, daß man hatte daS größte Waarenlager davon errichten ober eine Armee versehen können; alle Gegenstände waren aber genau registrirt und jeder Artikel trug die mit dem Register corre-spondirende Nummer. Tippo, dessen Begierde nach Anhäufung solcher Sachen unersättlich war, brachte den größten Theil seiner müssigen Stunden in der Betrachtung dieser so prachtvollen und verschiedenartigen Sammlung von Reichthümern zu. Uebrigens liebte er auch außerdem die Literatur, und er besaß eine sehr zahlreiche und merkwürdige Bibliothek. Die Bücher, von denen jeder Band besonders und sorgfältig eingewickelt war, wurden in verschlossenen Kisten angetroffen, so daß sie im Allgemeinen sehr gut erhalten waren. Einige davon, die näher untersucht wurden, hatten einen köstlich verzierten Einband und warm, in der Art der römisch-katholischen Meßbücher, auf's Schönste illuminitt. Diese, mehrere tausend Bände starte Bibliothek wurde, wie es behauptet wird, von der ostindischen Armee der englischen Nation zum Geschenke gemacht und besteht aus einer der merkwürdigsten und reichhaltigsten Sammlungen orientalischer Gelehrsamkeit und Geschichtsliteratm. Das in Seringapatam vorgefundene Arsenal übertraf das von Madras bei Weitem. Die auf den Wällen aufgepflanzten Kanonen waren sehr zahlreich. Die Munition für schwere Geschütze und Musketen, die während der Belagerung der Festung verbraucht worden war, muß ungeheuer gewesen sein, denn nicht nur hatte das Feuer der schweren Geschütze ununterbrochen fortgedauert, sondern war auch wegen der verschiedenen feindlichen 166 Angriffspunkte auf vielen Wallen zugleich nöthig gewesen. Das aufgefundene Kanonmpulver, auf dessen Zubereitung man in Se-ringapatam eine ungewöhnliche Sorgfalt verwendet zu haben scheint, war besser, als das englische, und trug ungemein weit, so daß manche Kanonenkugeln, innerhalb der englischen Linien niederschlugen, die zwei englische Meilen von der Festung entfernt lagen. — Alle metallenen Scchspfünber, von denen Tiftpo einundfunfzig Stück besaß, waren englische Arbeit, die meisten andern Kanonen in des Sultans eigener Gießerei gegossen worden und auf eine merkwürdige Art verziert. Die eisernen Kanonen, welche in seinem Besitze gefunden wurden, waren dagegen englische Arbeit, weil das Verfertigen derselben seinen Stückgicßern nicht hat gelingen wollen. Tiftvo hatte auch Pulvermühlen nach europäischem Muster bauen lassen, da sie sich aber außerhalb der Festung und gerade an der Seite befanden, wo man die Engländer erwartete, so hatte er sie vorher zerstören lassen. Auch in der Festung selbst fand man eine ansehnliche Papiermühle. Die Getreibevorrathe, welche die Engländer vorfanden, über-^ trafen alle Vorstellung; dagegen aber hoffte man Pferde zu finden, ^ traf aber in den Ställen nur einige schöne Hengste und Mutter- pferde an, da die ganze Cavallcrie Tippo Saib's sich im Felde befand. Seringaftatam's Bevölkerung war sehr groß. Die erst neu erbauete Moschee war ein sehr schönes Gebäude, auch befand sich eine sehr schöne und merkwürdige Pagode (Hindutempel) in der Stadt, dem Palaste Tippo's gerade gegenüber, und zwar durch einen großen freien Platz getrennt, den die Engländer während der Occupationszeit zur Parade und zum Ererciren ihrer Garnison benutzten. Die Häuser in der Stadt waren sämmtlich gut und sehr weitläufig gebauet, aber im Innern dmchgchends geschmacklos verziert, ohne Abwechselung und so grell und unharmonisch blendend, als grelle Farben und Vergoldung nur immer hervorzu- 167 bringen vermochten. Der Platz selbst, wo diese alte Hauptstadt des mongolischen Reiches liegt, muß ursprünglich wohl der Festigkeit seiner Lage wegen gewählt worden sein, denn ihr Gebiet und die ganze Umgebung bieten nichts Angenehmes dar, die Natur ist unfruchtbar und die Bevölkerung verdankte die allmalige Fruchtbarmachung nur der unermüdlichen Arbeit, womit die Einwohner und Landbcbauer sich die Mittel der Bewässerung zu verschaffen suchten. — Die verschiedenen Bewässerungskanäle, welche aus dem Flusse Caveri abgeleitet worden sind, sowie die in der Entfernung künstlich angelegten Teiche und Seen, um in der Regenzeit daS zusammenströmende Negcnwasser zu sammeln und aufzubewahren, und welche man in allen Richtungen antrifft, sind bedeutende Werke, und mehrere davon waren damals bereits mit Quadersteinen eingefaßt und mit steinernen Brücken überbauet. Nach dem Falle der Festung ergaben sich der im Felde stehende erste General des Sultans, Kummer, sowie Deen Khan, am vierten Tage an die englischen Vorposten, desgleichen der älteste, rechtmäßige Sohn Tipfto's nebst dem ältesten sei- / ner unehelichen Söhne, Hyder Saib, der ein eigenes Armeecorps befehligte. — Es ist hinreichend bekannt, wie die Engländer daS Reich Tippo Saib's zwischen sich, ihren Bundesgenossen, dem Nizam al Morluk (dem zu Hyderabad rcfidirenben Subahdar von Deccan) und dem Paischwa (dem Kaiser der Mahrattm, den vor dem Kriege die Engländer erst vom General Perron und seinen französischen Corps befreien mußten, um ihnen hülfreich sein zu können), theilten. Einen Ncberrest des Reiches von NW Quadrat-Meilen gaben die Engländer einem Abkömmlinge der von Hyder Ali einst von Mysore verjagten Fürstenfamilic zurück, der unter 168 britischer Hoheit regieren mußte und nur den Schein der Herrschaft bekam. Ueberhaupt hatten die Engländer nunmehr das politische Princip angenommen, indische Fürsten unter Oberaufsicht britischer Residenten als Thron-Marionetten auftreten zu lassen. MnmdMNWteZ MM. Der Krieg der Engländer mit den MahraUen. Ehe ich den historischen Faden weiter anknüpfe, muß ich noch einige Bemerkungen und Erklärungen über die Mahr at ten vorangehen lassen, die zwar eigentlich zu ihrer Geschichte und Charakteristik gehören, welche ich im 13. Kapitel gegeben habe. Da diese Bemerkungen aber zur Erläuterung der Umstände und Ursachen, die den großen Krieg der Mahratten mit den Engländern herbeigeführt haben (einen Krieg, der ohne die militairischen Talente der englischen Generäle und die Tapferkeit ihrer Truppen sehr leicht dem britischen Reiche in Ostindien sehr gefährlich hatte werben können), dienen müssen, so habe ich diese Bemerkungen bis hier zurückgehalten. Die Mahrattenstamme sind zwischen den Jahren 1660 und 5670 durch den berühmten, schon erwähnten Fürsten Sewagi (Sevagee) zu einer Nation vereinigt worden. Derselbe war, wie schon gesagt, ein Mann von sehr unternehmendem und hochftre-benbem Geiste, von außergewöhnlichen Fähigkeiten und dazu ein Abkömmling der alten Rajah's von Chittore, der ältesten Hindu-fürften im Deccan. — Sewagi's Vater war Heerführer beS musel- 170 männischen Fürsten Ibrahim Abil Schah, KönigS von Bija-pur, gewesen, der ihm das Fürstenthum Sattarah und eine einträgliche Iaghire im Carnatik geschenkt hatte. Sewagi erbte diese Besitzungen, nebst seines VaterS militairischen Ehrenstellen, aber er wollte nicht länger Unterthan sein, sondern benutzte die Unruhen, die damals das Königreich Bijapur zerrissen und machte sich zum unabhängigen Fürsten. Die Mahratten-Horden waren damals über die Provinzen Baglana, Candeish und Berar zerstreuet; ein Theil lebte in einem Zustande von unabhängiger Barbarei und ein anderer Theil diente bei den muselmännischen Fürsten des Dcccan als Söldner. Aber im Laufe weniger Jahre warm sie fast sämmtlich unter Sewagi's Fahne vereinigt, wohin sie ebenso sehr durch den Ruf seiner kriegerischen Talente, wie durch die Hoffnung auf Plünderung und Eroberung hingezogen wurden, sowie auch durch den Umstand, daß er selbst ein Mahratte und von ihrem Stamme war. Auch wurden sie in ihren Hoffnungen nicht betrogen. Nach großen Glückswechsclungcn und mehreren Siegen, welche Scwagi über die alten kriegsgeübtcn Armeen des Kaisers Aurung-zebe, sowie über die disciplmirtcn Truppen der Portugiesen erfocht, stiftete er eine mächtige Monarchie, deren Gebiet sich auf der Sec-küste von Smate bis nach Goa erstreckte und die Provinzen Baglana, Ahmednagur, Konkan nebst einem Theile von Visiapur enthielt. — Er regierte sein ncueS Reich wie sein ehemaliges Fürstenthum Satarah, von welchem er noch immer seinen Titel beibehielt, mit unumschränkter Gewalt, und Satarah blieb nach wie vor seine Hauptstadt. Im Jahre 1680 starb Sewagi und sein Sohn Sambajce folgte ihm nach, und, obgleich er mit einer Partei im Innern und gegen Amungzebc's mächtige Feindschaft zu kämpfen hatte, so behauptete er doch seine Staaten und hielt die geerbte Gewalt auf> recht. Nach einer Regierung von neun Jahren wurde er von 171 einigen durch Nurungzebe gedungene Mörder um's Leben gebracht und sein Sohn Sewagi II. wurde sein Nachfolger. Durch die Blödsinnigkeit dieses Fürsten und die Talente seines Ministers Ballajee entstand nun die bereits schon früher in diesem Buche erwähnte Macht und Herrschaft des Paischw a. Dieser Minister, der eine unumschränkte Gewalt über das Gemüth seines schwachen Herrn erlangt hatte, überredete denselben nach und nach, daß es für dessen und des Landes Wohlfahrt besser sein würde, wenn er ihn auf lebenslängliche Dauer zum ersten und einzigen Minister ernennen wollte, mit dem Titel Paischwa, oder „obersten Magistrat", und daß ihm damit zugleich alle Civilgewalt deS Staates übergeben werde. Und wirklich wurde Ballajee mit dieser hohen Würde und hohen Gewalt belehnt. Nach seinem Tode folgte ihm sein ältester Sohn Bajee Rao in der Paischwa-Würbe ohne irgend Einspruch und Widerstand nach. Dieser ehrgeizige Jüngling erbte die Talente und den kraftvollen Charakter seines Vaters mit dessen Würbe, da er aber mehr Ehrgeiz besaß, so bemächtigte er sich der ganzen Regierung. Nachdem er sich der Treue der Truppen und ihrer Anführer versichert hatte, verlegte er seine eigene Residenz nach Poonah, errichtete seinen eigenen Sircar und legte sich alle Zeichen der königlichen Würde bei. Nunmehr überredete er Scwagi, der bereits hoch in Jahren war, sich der Sorgen und Mühseligkeiten der Regierung gänzlich zu entschlagen und den Ueberrcst seiner Tage in den Mauern seiner Hauptstadt Satarah ruhig zu genießen, was denn auch von dem schwachen Fürsten angenommen wurde, indem er zu Satarah sein Leben in völliger Unthätigkeit beschloß. Seine Nachkommen folgten ihm in Satarah in der Würbe und dem Titel von Schcinfürsten, die aber gar keine Macht über den Staat hatten und vom Paischwa regelmäßig in ihrem eigenen Palaste gefangen gehalten wurden. (Vergl. Kapitel i3) Während der Zeit, welche zwischen Ballajec's Erhebung und 172 Bajee Rao's Usurpation verfloß, hatten die Mahratten ihr Gebiet über die schönsten Provinzen Hinbostans, Bengalen und Bahar ausgenommen, ausgedehnt, so daß der ganze westliche Theil Hin-dostans von Agra bis an den Krishnastuß ein einziges großes Reich bildete, von dem der Paischwa, als anerkannter Stellvertreter deS Rajah von Satarah, das Oberhaupt war. Obgleich die Anführer der Truppen Bajee Rao's Obergewalt anerkannten, so betrachteten sie doch seine Handlungsweise mit eifersüchtigen und neidischen Augen und, durch sein Beispiel aufgemuntert, errichteten auch sie unabhängige Fürstenthümer. RangejecBoonsla (ein Vorfahre des späteren Rajah von Berar im Anfange dieses Iahrhunders), damals Bukschi, oder oberster Befehlshaber der Armee, hatte vom Rajah von Satarah die Provinz Berar als Iaghire empfangen, zur Belohnung für ausgezeichnete Dienste — und da er die Macht besaß, sich unabhängig zu machen, so verwandelte er seine Iaghire in ein unabhängiges Fürstenthum und erkannte nur die politische Oberherrschaft des Paischwa an. MularRaoHolkar, ein anderer Truppenführer, der einen Theil von Malwa als Iaghire empfangen hatte, errichtete ebenfalls ein ansehnliches Fürstenthum in dieser Provinz. Der Ueber-rest von Malwa, nebst dem großen Bezirke von Candeish, den Ranojce Scindiah als Iaghirc bekommen hatte, wurde von diesem ausgezeichneten Krieger ebenfalls in einen sclbstständigen Staat verwandelt. Die fruchtbare Provinz Guzerat wurde von der Familie Ouikwar usurpirt, die viel dazu beigetragen, den Ruhm der Mahrattenwaffm zu begründen und die daher einige reiche und ausgedehnte IaghireS in dieser Provinz empfangen hatte. Die Verfassung des Mahrattenstaates wurde also im Laufe von fünfundzwanzig Jahren völlig verändert. — Von einer einfachen Monarchie, wie Sewagi sie gestiftet hatte, war dieselbe jetzt eine Ver- 173 bindung von mächtigen Oberhäuptern geworden, die alle von einander völlig unabhängig waren, aber gegen die Nachkommen Se-wagi'S, die auf ihrem Throne zu Satarah gefangen saßen, eine Art von Lehnspflicht anerkannten und deßhalb die Würde des Paischwa, als Stellvertreters der Stammfürsten und als rechtmäßige politische Gewalt ehrten. Der Mahrattenstaat wurde daher ein Fürstenbund, von welchem der Paischwa das anerkannte Oberhaupt vorstellte. Alle Unterhandlungen mit fremden Mächten wurden durch den Paischwa geführt, der die Macht hatte, Tractate im Namen des ganzen Reiches abzuschließen. Indessen hat seit Bajee Rao's Tobe kein Paischwa einen Tractat mit einer fremden Macht abschließen dürfen, der das allgemeine Interesse des Reiches betraf, ohne die ausdrückliche Beistimmung aller Bundesglieder, zumal die Ausübung einer solchen willkürlichen Macht nicht nur ganz unnütz gewesen sein würde, sondern auch seine eigene Macht hätte gefährden können. Mahaiee Scindiah hatte sich (wie schon im 13. Kapitel erwähnt worden ist) zur Zeit seines Todes zu dem mächtigsten Fürsten nicht nur des Mahrattemeiches, sondern deS ganzen nördlichen Hindostans erhoben. Er war durch seinen unternehmenden Geist, seine kriegerischen Talente, besonders aber durch die Errichtung einer Armee von regelmäßigen Truppen nach europäischer Art bewaffnet und disciplmirt, zu diesem Vorrange gelangt, weil sie ihn in den Stand setzten, ausgebreitete Eroberungen zu machen. Das sinkende Glück des Hauses Timm, die Unfähigkeit des regierenden Kaisers Schah Allum und die kurze Usurpation deS kaiserlichen Scepters durch GHo laum Ka dir in Ich an Schah's Namen bot Mahajee Scindiah in den Jahren l788 und <789 eine Menge günstiger Umstände dar, um seine Vergrößerungsplane zu verwirklichen. Durch diese Zeitverhältnisse gelangte er im Jahre 1790 in den Besitz der Person des Kaisers Schah Allum und der Städte 174 Agra und Delhi nebst deren Bezirken, sowie deS größten Theiles der reichen Provinz des Duabs, der zwischen den Flüssen Ganges und Iumna liegt, und noch vor dem Jahre l794 hatte er sein Gebiet über die ansehnlichen Provinzen Sirhind und Iallingbar bis nach Sultanipore und den Fluß Bya ausgedehnt. Den Befehl seiner bereits erwähnten disciftlinirten Truppen hatte Scindiah einem General de Boigne (dessen Biographie wir später mittheilen wenden) übergeben und zum Unterhalte dieser Truppen die Einkünfte verschiedener reicher Bezirke in den eroberten Provinzen bestimmt. Diese Einkünfte betrugen l,632,000 Pfund Sterling. Sie setzten den General de Boignc in den Stand, seine Armee mit einer Regelmäßigkeit zu bezahlen, die bisher in den Diensten asiatischer Fürsten unbekannt war. So groß war Scin-diah'S Vertrauen in seinen europäischen General, daß er ihm erlaubte, die Einkünfte deS Ieidad (d. i. der persische Name solcher militairischcr Lehen) durch dessen eigene Beamten verwalten zu lassen und er gab ihm zur Belohnung für seine ausgezeichneten Dienste eine reiche Iaghire zum eigenen Unterhalt. — Nebst der Gewalt, welche ihm diese Lehen gaben, hatte be Boigne auch den Oberbefehl über die eroberten Provinzen, worunter sich auch Delhi und Ngram, auch die Person des unglücklichen Kaisers befanden. — Mahajee Scinbiah's Macht wurde noch durch den Umstand vergrößert, daß er den Kaiser bewogen hatte, den Paischwa zu seinem Vakeel al Mutuluk, oder Regenten des ReichcS, und ihn selbst zu des Paischwa'S Stellvertreter zu ernennen, so daß die dem Kaiser entrissenen Provinzen immer noch in dessen Namen verwaltet wurden. De Boigne's Armee wurde dadurch eine kaiserliche Armcc lind er selbst ein kaiserlicher Diener und Unterthan. Er besaß dadurch die Macht eines beinahe souverainen Fürsten, biS ihn der 1794 erfolgte Tob Scindiah's noch mehr darin befestigte, da er seine einmal im Besitz habende Gewalt unbeschränkt 175 ausübte, ohne sich um seinen jungen Gebieter Dowlut Rao Scindiah zu bekümmern. Vor seiner Rückkehr nach Europa errichtete de Boigne noch eine Stückgießerei, um eiserne Kanonen zu gießen, er vermehrte die Artillerie um t20 Stück eiserne und 150 Stück sog. metallene Kanonen (aus Kanonenmetall), die Infanterie auf 38,000 Mann und die Reiterei auf 8000 Mann; er hatte mehr als 300 Europäer in seinem Dienste, worunter etwa dreißig Engländer, die Uebrigen aber Franzosen, Deutsche und Schweizer waren. — Als de Boigne nach Europa zurückkehrte, folgte ihm der (schon im vorhergehenden Kapitel bezeichnete und aus seinem Dienste in des Nizam's Armee bekannte) General Perron, ein geborener Franzose, der seines Vorgängers Gewalt, Commando und Würden empfing. Perron besaß die Gefühle und die Vormtheile eines Franzosen neben militairischm Talenten und Kenntnissen; ihm vertrauere Dowlut Rao Scindiah die Regierung seiner nördlichen Provinzen an, während er selbst seine Aufmerksamkeit ausschließlich der Politik des Deccan widmete, und den Ginstuß, den sein Vorfahr am Hofe zu Poonah sich zu verschaffen gewußt hatte, zu unterhalten suchte. In der Ausübung dieses Einflusses war der Hauptgegenstand feiner Politik offenbar kein anderer, als die Absichten der englischen Regierung auf den Paischwa durch jedes Mittel zu hintertreiben und dein Interesse der englischen Compagnie zu schaden, weßhalb er die Anstellung französischer Officiere sowohl in seiner eigenen Armee wie in dem Heere des Paischwa auf alle mögliche Weise zu begünstigen strebte. Scindiah's unumschränkter Einfluß auf den Sircar von Poonah wurde von Holkar mit Unwillen und Eifersucht gesehen, und um daher Scindiah die Spitze zu bieten und seinem Einflüsse ein Gegengewicht geben zu können, suchte er ebenfalls mit unermüdlichem Eifer europäische Officiere anzuwerben, feine Truppen damit zu discipliniren und von ihnen anführen zu lassen, und er 176 bekam bald eine Menge französischer Abenteurer, von denen ohnehin schon viele in seiner Armee dienten. Der Hof von Poonah hatte die Nothwendigkeit und Gerechtigkeit des Krieges gegen den Sultan Tippo Salb anerkannt, da er aber ganz unter Scindiah's Botmäßigkeit stand, so hatte er den Engländern keine Hülfe dabei geleistet. Scinbiah hatte während des Krieges nicht nur in geheimer Correspondenz mit Tippo gestanden, sondern auch nach der Einnahme von Seringavatam Emissaire dorthin gesandt, um die Familie und die Anführer von Tiftpo's Truppen aufzumuntern, noch langer zu widerstehen. Der Marquis Well es ley (Lord Morn ing ton) hatte dem Paischwa beträchtliche Bezirke angeboten, wenn er das Bündniß zwischen dem mahrattischen Reiche und der englischen Regierung erneuern wollte. Ein Vorschlag ganz der nämlichen Art und mehrere andere, welche dem Scindiah gemacht wurden, waren direct von ihm abgeschlagen. Diese feindlichen Gesinnungen Scmbiah's gegen die englische Regierung, sowie die Macht und der Einfluß, den General Perron mit seiner Armee, die damals auf dem schwächsten Punkte der nördlichen Grenzen der britischen Besitzungen aufgestellt war, ausübten, machten es für den Marquis Wellesley (Lord Mornington) nothwendig, solche Gegenbündnisse zu schließen, die den Einfluß jenes feindselig gesinnten Fürsten, im Falle eineS Bruches, schwächen konnten. In dieser Absicht wurde im Anfange deS Jahres 1802 mit Guikmar, Fürsten von Guzerat, einDefensivbündniß abgeschlossen; in der nämlichen Absicht wurde dem Paischwa im gleichen Jahre durch den britischen Residenten in Poonah ein Bündniß angeboten, welches dessen Unabhängigkeit sichern sollte, ohne jedoch den Vorrechten der anderen Mahrattenfürsten zu nahe zu treten. Obgleich damals Scindiah von Poonah abwesend und Holkar mit einer zahlreichen Armee nur noch einige Tagemärsche von der Hauptstadt entfernt war, nicht nur in der Absicht, Scindiah's 177 Einfluß an diesem Hofe zu zersturen, sondern um sich des Paischwa's ganzer Macht selbst zu bemächtigen, so war doch Scindiah's Einfluß noch nachdrücklich genug, um den schwachen Paischwa zu vermögen, das Anerbieten der britischen Negierung auszu-sch lagen. Scindiah hatte einen seiner Generäle, Namens Suddashee Bhow, mit Truppen nach Poonah gesandt, um, vereinigt mit des Paischwa's Truppen, diese Stadt gegen Holkar zu vertheidigen, aber am 25. October 4802 schlug Holkar sowohl Scindiah's wie des Paischwa's vereinigte Truppen, und in Folge dieses Sieges bemächtigte er sich Pooncch's und des Paischwa's Durbar. — Der Paischwa selbst floh mit weniger Cavallerie nach Konkan. — Am nämlichen Tage, wo diese Schlacht geschah, sandte der Paischwa seinen Minister zu dem englischen Residenten, um das angenommene Vündniß anzunehmen, welches auch auf der Stelle abgeschlossen und nach Calcutta abgesandt wurde, um von dem Generalgouverncur, Marquis Welleslcy, unterzeichnet zu werden, was sogleich geschah und mit der Versicherung zurückgesandt wurde, daß die britische Regierung sofort alle gerechten Mittel anwenden Würde, um den Paischwa wieder auf den Thron zu setzen. Der Gencralgouverneur betrachtete dieses für eine gute Gelegenheit, um dieses Bündniß auf alle Mitglieder des Mahrattm-Fürstmbundes auszudehnen. Obrist Collins wurde daher als britischer Bevollmächtigter zu Scindiah gesandt, um ihm die Bedingungen bekannt zu machen, unter denen er in dieses Bündniß aufgenommen werden könne. Als Holkar bei seiner Ankunft in Poonah fand, daß der Paischwa sich entfernt hatte, erklärte er, daß, da der Paischwa durch seine Flucht zugleich seiner Würde entsagt habe, er, Holkar, entschlossen sei, Amrut Rao auf diesen Thron zu erheben. Va» Motcrn, Ostindien, II. 12 » 178 DieseS geschah auch wirklich, obgleich, wie behauptet wird, gegen Amrut Rao's Willen. In diesem zerrütteten Zustande des Mahrattcmeiches wurde es für die Sicherheit der englischen Besitzungen und der Lander ihres verbündeten Nizam nöthig, eine Observations-Armee auf der südlichen Grenze deS Mahrattenreiches zu versammeln; zu diesem Zwecke wurde im Anfange des November 1802 bei Hurryhm auf der nordwestlichen Grenze von Mysore eine Armee von l9,000 Mann unter General Stuart zusammengezogen, die Bombay-Armee ebenfalls in Bereitschaft gesetzt, auch des Nizam's Truppen-corpS marschfertig gehalten. In Folge des mit dem Paischwa geschlossenen Tractates wurde dem General Stuart Befehl gesandt, eine starke Division von seiner Armee so schnell als möglich in das Mahrattengebiet einrücken zu lassen. Das Commando über diese Abtheilung wurde dem Generalmajor WelleSley übertragen, der die ihm anvertraueten militairischcn und politischen Pflichten mit allen den Talenten ausgerichtet hat, die hier zuerst verriethen, was aus dem künftigen Herzoge von Wellington später noch werden sollte. Die hier erwähnte Abtheilung war zusammengesetzt aus einem Megimente europäischer und drei Regimentern eingeborener Caval-lerie, aus zwei Regimentern europäischer Infanterie und sechs Bataillonen Seapoy's, und hatte eine angemessene Anzahl Kanonen bei sich, in Allem 9700 Mann und dazu noch 2500 Mann mysorischer Reiter. — Zu der nämlichen Zeit rückten die englischen Hülfsvölker, die mit der Compagnie im Bündnisse standen, aus; von Hyderabad kämm 8360 Mann und von des Nizam's regelmäßigen Truppen stießen 9000 Mann Infanterie, nebst 9000 Mann Cavallerie hinzu, die unter dem Commando des Obristen Stevenson, einem erprobten, unerschrockenen und talentvollen Ofsicier, standen. Sie rückten bis Paraindah, auf der westlichen 179 Grenze von des Nizam's Gebiete, circa 116 engl. Meilen von Poonah, vor. — Am 9. März 1803 verließ General WellcSley mit seiner Abtheilung Hurryhur und betrat daS Mahrattcngebiet drei Tage später, am 12. März, und er wurde von den kleinen Häuptlingen sowohl wie von den Einwohnern des Landes mit allen Zeichen der Hochachtung und Zuneigung empfangen. Viele Iaghcrdar'S begleiteten den General Wellesley nach Poonah. — Diese unerwartete freundliche Aufnahme trug viel dazu bei, den englischen Truppen den langen, beschwerlichen Marsch, den sie in der schlechtesten Jahreszeit hatten unternehmen müssen, ohne größere Schwie» ngkeiten oder Verluste möglich zu machen. Die vom Obristen Stevenson befehligte Armee des Nizam war am 15. April bei Akloos angelangt, wo auch am nämlichen Tage General Wellcsley in einer geringen Entfernung von diesem Orte eintraf. Am folgenden Tage ließ er eine schottische Brigade (ein Regiment Hochländer) von seinen eigenen Truppen zu denen dcS Obristen Stevenson stoßen, um diese dadurch zu verstärken. Schon früher hatte Holkar die Stadt Poonah verlassen und sich etwa dreißig engl. Meilen nordöstlich von Poonah, in Chan-dore, festgesetzt. Nur Nmrut Rao allein blieb mit 1500 Mann in Poonah zurück. General Wcllesley sandte die Truppen des Nizam unter dem Obristcn Stevenson nach dem Gebiete des Nizam zurück, um innerhalb dessen Grenzen eine schützende Stellung anzunehmen, und ging dann mit seinen eigenen Truppen nach Poonah, um den Paischwa wieder auf den Thron zu sehen. Nm diese Zeit erhielt er von dem englischen Residenten in Poonah die Kunde, daß Amrut Rao die Absicht habe, bei der Annäherung der englischen Truppen die Stadt Poonah in Brand zu stecken und zu plündern. Auf der Stelle beschloß Welleslcy in Eilmärschen nach Poonah aufzubrechen und sowohl die Stadt, wie die darin anwesende Fa, nn'lie deS Paischwa vor diesem angedroheten Schicksale zu retten. 12* 180 In der Nacht des 19. April verließ der General seine Armee mit der sämmtlichen Cavallerie und schon nach zwciunddreißig Stunden, worin er sechzig englische Meilen durch ein sehr unebenes Land und einen schwierigen Gebirgspaß zurückgelegt hatte, langte er zu Poonah an und verhinderte durch seine ebenso schnelle wie unvorhergesehene Ankunft die Ausführung der Pläne von Amrut Rao. — Die wenigen Einwohner, welche noch in der Stadt zurückgeblieben warm, empfingen den General Wellesley mit Freuden als ihren Erretter; diejenigen Einwohner, welche wahrend der Usurpation des Holkar aus der Stadt entflohen waren, kehrten nunmehr in ihre Wohnungen zurück und bctheiligten sich an der allgemeinen Freude, die nicht nur durch die Wibereinsetzung des Paischwa, ihres rechtmäßigen Fürsten, vermehrt wurde, sondern auch aus der Hoffnung auf künftige Ruhe und Sicherheit entsprang, die ihnen unter dem Schutze der englischen Truppen gewahrt werden würden. Der Paischwa kam am 13. Mai nach Poonah zurück, nahm seinen Musnud (Thron) wieder in Besitz und empfing Geschenke von einer ansehnlichen Zahl der nülitairischen Anführer des Reiches. — Scindiah aber hatte während dieser Zeit bei seiner Residenzstadt Ujein eine bedeutende Armee gesammelt, und zwar unter dem Vorwande, seine eigene Hauptstadt vor einem Uebelfalle und einer Usurpation Hollar's zu schützen und ihm die Macht in seinen eigenen Grenzen zu entreißen. In dieser angeblichen Absicht zog er bereits am l. Februar 1803 über den Narbuddastuß und kam am 23. Februar bei Bmhampoor an. Vier Tage spater langte der englische Bevollmächtigte, Obrist Collins, dessen wir bereits Erwähnung gethan haben, in Scindiah's Lager an, da der Generalstatthalter geheime Nachrichten empfangen hatte, daß Scmbiah den stillen Plan hege, sich mit Holkar zu versöhnen und sowohl mit diesem, wie mit dem Rajah van Berar ein Vündniß zu 181 schließen, um den soeben zwischen dem Paischwa und der englisch-ostindischen Regierung geschlossenen Tractat gewaltsam wieber aufzuheben. Die mancherlei Ausflüchte und Vorwände, welche Scin-diah's Minister gebrauchten, um den Vorschlagen der englischen Bevollmächtigten auszuweichen, bewiesen diesem genugsam die feindseligen Absichten, welche Scindiah auf die Engländer hatte. Obrist Collins forderte unter diesen Umständen eine persönliche Audienz bei Scindiah und erhielt sie auch; er sordcrte eine Erklärung der Ausflüchte und Intriguen, die er beim Minister erfahren hatte, worauf ihm Scindiah feierlich betheuerte, und zwar in Anwesenheit aller seiner Minister, daß er dem Tractate, der zwischen dein Paischwa und der englischen Negierung abgeschlossen sei, nichts in den Weg legen wolle, sondern im Gegentheile selbst sehnlichst wünsche, daß er mit den Englandern auf einem freundschaftlichen Fuße lebe. Da indessen die Versicherungen Scindiah's durchaus in Widerspruch mit den geheimen Nachrichten standen, die Obrist Collins empfing und er täglich mehr erfuhr, wie die geheimen Vorgänge nicht mit dem öffentlichen Anscheine der Dinge übereinstimmten, so forderte er in einer abermaligen Audienz bei Scindiah (am 28. Mai) als einen Beweis von dessen friedliebenden und den Engländern freundschaftlichen Gesinnungen, daß er seine Armee nach Hindostan zurückkehren lassen solle. — Scindiah antwortete in einem öffentlichen Durbar: „daß er über diese Angelegenheit keine entscheidende Antwort geben könne, bis er zuvor eine Unterredung mit dem Rajah von Bcrar gehabt habe; nach derselben sollte Obrist Collins erfahren, ob Krieg oder Frieden sein würde." Hierauf empfing General Lake, der die bengalische Armee anführte, den Befehl am 28. Juni, seine Truppen auf der nordwestlichen Grenze des britischen Gebietes, in Oudc, zu sammeln. 182 Bald nach der, dem Obristen Collins von Scindiah gegebenen Antwort langte der Rajah von Berar mit seiner Armee bei Checkly auf der Gebietsgrenze des Nizam an, nahe bei Scindiah's Lager. Schon am anderen Tage nach seiner Ankunft hattc er eine Unterredung mit Scindiah, in Folge deren beide Fürsten einen noch feindseligeren Ton gegen die Engländer annahmen und den Anforderungen des Gesandten Collins auf eine so wenig gesuchte Art auswichen, baß man deutlich ihre Absicht, Krieg mit den Engländern haben zu wollen, daraus erkennen konnte. Sie bc-MüheteN sich denn auch auf alle mögliche Weife, Holkar zu bewegen, sich mit ihnen zur Bekriegung der Engländer in ein Bünbniß einzulassen, und sie boten ihm Alles an, was seine Eitelkeit, Habsucht und seine Leidenschaften wecken und befriedigen konnte. Holkar gehörte aber zu den vorsichtigen Leuten, auch fürchtete er sich, durch die Schicksale anderer indischer Fürsten belehrt, zu sehr vor den englischen Waffen, um Scindiah's und des Ra-jah's von Berar Aufreizungen und Versprechungen zu folgen, die gleichzeitig kein Mittel unversucht ließen, nicht nur den Paischwa, sondern auch den alten Verbündeten der Engländer, den Nizam, von der Verbindung mit diesem loszureißen. Um dieselbe Zeit hatte Scindiah seinem militairischen Befehlshaber, dem General Perron, den Auftrag zugchen lassen, seine Armee in Bereitschaft zu halten, um die Engländer in Bengalen anzugreifen. Da die Lage der englischen Interessen dadurch immer bedenklicher wurde und keine Icit zu verlieren war, die nöthigen Vorkehrungen zu treffen, so wurde von Seiten des Generalgouverneurs dem General Wcllesley die Vollmacht ertheilt, entweder die Unterhandlungen mit den beiden Mahrattcnfürstcn fortzusetzen und ein friedliches Abkommen abzuschließen, oder den Krieg gegen sie zu beginnen und mit gehörigem Nachdruck fortzusetzen. WelleSley hatte dieses Vertrauen seiner Regierung durch seinen Scharfblick, 183 seine Beurtheilungskraft und seinen Einfluß erworben, den er auf die Anführer der Mahrattm zu üben wußte, auch besaß er eine bekannte Entschlossenheit. Als Wellcsley am 4 3. Juli diese Vollmacht empfangen hatte, gab er auf der Stelle dem Obristen Collins dm Befehl, ohne Weiteres dem Scindiah und dem Rajah von Berar die Erklärung abzugeben, daß die englische Regierung zwar den Frieden wünsche, aber doch nicht dulden könne, daß die Verhältnisse auf diesem schwankenden und unsicheren Stande länger verharrten, und wenn dicserhalb die Armem der beiden Mahrattenfürsten sich nicht alsbald trennen und nach ihren beiderseitigen Hauptstädten zurückkehren würden, die englisch-ostindische Regierung dies für eine Kriegserklärung ansehen müsse und der englische Gesandte ihr Lager verlassen werde. Wollten sie aber ihre beiden Armeen trennen und in ihre Heimath zurückziehen, so würde auch die englische Armee unter Wellcsley sich in ihr Lager zurückbegeben. Dieses Ultimatum deS Generals wurde zurückgewiesen und in Folge der unbefriedigenden Antwort verließ der englische Gesandte am 3. August daS Lager Scinbiah'S. — Der Krieg war nun unausbleiblich und war nun von englischer Seite eine Noth-wendigkeit geworden. Die aus 16,823 Mann bestehende Armee des Generals Wel-lesley erhielt jetzt die Bestimmung, die vereinigte Armee der Mah-ratten, welche Scindiah persönlich anführte, anzugreifen. Die Truppen Wclleslcy's erhielten noch durch dm Ucberrcst der MabraS-Armee eine Unterstützung, indem die unter Generalmajor Campell's Befehle stehende Abtheilung, welche im Monate Mai von Hur-ryhur nach Moodgul, ungefähr zweihundert englische Meilen von Hyderabad vorgerückt war, zu den Truppen stieß. Eampell hatte auf diesem Zuge sowohl das Gebiet deS Nizam wie daS der englischen Compagnie gegen die Einfalle der Mahratten von Süden zu schützen vermocht. Diese Abtheilung bestand im Anfange der 184 Feindseligkeiten aus 4277 Mann Cavalleric, 820 Mann europäischer Infanterie und l936 Mann Seapoy's, nebst einer angemessenen Artillerie. In der Provinz Guzcrat stand die 7352 Mann starke Bombay-Armee, während auf der östlichen Seite von Hindostan, in der englischen Niederlassung Ganjam, ein Ar-meccorps von 52l6 Mann bengalischer und Madras-Truppen unter dem Obristen Campell versammelt war, um die dein Rajah von Verar gehörige, am Meere gelegene Provinz Cuttak in Besitz zu nehmen, die für die Compagnie von der größten Wichtigkeit war, indem sie nicht nur ein sehr reiches Land ist, sondern auch die einzige Seetüstc war, die dem Raiah von Berar gehörte und von woher die Armee Perron's zu allen Zeiten Zuzüge und Verstärkungen von französischen Leuten, namentlich Officieren, erhalten konnte. Außerdem durchschnitt und unterbrach diese Provinz die Reihe englischer Besitzungen zwischen Bengalen und Madras. Die unter General Lake im nördlichen Hindostan an der nordwestlichen Grenze von Oude versammelte, große bengalische Armee enthielt drei Regimenter europäischer und fünf Regimenter eingeborener Cavallcrie, ein Regiment europäischer Infanterie, elf Bataillons Seapoy's und zweihundert europäische Artilleristen, im Ganzen 10,500 Mann. Zur Unterstützung dieser Truppen waren bei Allahabad noch 3500 Mann zusammengezogen, welche bestimmt waren, die Provinz Bundelkund anzugreifen; außerdem befanden sich noch 2000 Mann bei Mirzapoor, um BcnareS gegen Ueberfall zu decken. Die ganze Anzahl englischer Truppen, die im Anfange des August in den verschiedenen Theilen von Indien versammelt waren, um Scindiah und den Rajah von Berar anzugreifen, belief sich auf 54,N8 Mann. Bereits im Monate April hatte General Wellesley dem Obristen Stevenson befohlen, die unter seinem Befehle stehenden Truppen des Nizam zu concentriren, um bei Aurungabad auf 185 des Nizam's Grenzen einen Standpunkt zu nehmen, von dem aus er zugleich einen Theil von dem Gebiete des Nizam vertheidigen konnte. Stevenson hatte ein Regiment europäischer Infanterie, zwei Compagnien europäischer Artillerie, zwei Regimenter eingeborener Cavallerie und sechs Bataillons Seapoy's bei sich, unterstützt von einem gut equipirten Artillerieftarke und einer Reserve, die aus des Nizam's regelmäßiger Infanterie und dessen Reiterei bestand. General Wellesley verließ bereits am 4. Juni mit seiner Armee Poonah und erreichte am 14. dess. Mon. die dem Scinbiah gehörige, sehr starke Festung Walkee, 80 mgl. Meilen von Poonah entfernt, in der Nahe von Ahmebnagm. Hier nahm er eine vor-thcNhafte Stellung ein, um die Feindseligkeiten zu beginnen, wenn der Fall eintreten sollte, daß die Unterhandlungen, deren vorhin Erwähnung geschah, keinen Erfolg haben und abgebrochen werden sollten. Am 6. August erhielt er denn auch die Votschaft, baß Obrist Collins das Lager Scindiah's verlassen habe. Ein sehr heftiger Regen aber, welcher um diese Zeit eintrat, machte es der Armee unmöglich, weiter vorzurücken; jedoch setzte General Wclleslcy schon am 8. August seine Armee in Bewegung und gelangte nach Ahmednagur, und diese Stadt, welche von einer hohen und starken Mauer umgeben ist, wurde noch an dem nämlichen Tage mit Sturm genommen, wobei vier Officiere und 25 Soldaten ihr Leben verloren. — Wellesley begann diesen Krieg mit einer direct unter seiner Führung stehenden Armee, die man in Europa kaum eine Brigade genannt haben würde, denn er hatte im Ganzen nur 8900 Mann Infanterie und 1730 Mann Cavallerie bei sich (das 19. und 25. Dragoner-Regiment, drei Regimenter eingeborener Cavallcrie, 172 Mann europäischer Artillerie, das 74. und 78. englische Infanterie-Regiment und sechs Bataillons Seapoy's). Diese verhältnißmäßig kleine Macht setzte viel Kühnheit voraus, um damit einem großen, vereinigten Mahrattcn- 186 Heere entgegenzugehen, indem er, nach der Eroberung yon Ahmed-nagm, nunmehr am 24. August über den Godaveryfluß setzte und fünf Tage spater (29. August) Aurungabad angriff. Die Mahrattcn waren unterdessen mit einer zahlreichen Reiterei durch den Engpaß von Abjumtcc in das Gebiet des Nizam eingedrungen, und da Obrist Stevenson zur Zeit östlich gegen den Badowly Ghaut marschirt war, so schlüpften die Mahratten unbemerkt zwischen ihm und Aurungabad durch und erreichten Ial-napoor, ein kleines Fort, ungefähr vierzig engl. Meilen westlich von jener Stadt. Kaum hatte Scindiah Kunde davon erhalten, daß General Wellesley bei Aurungabad angekommen war, als er selbst mit seiner Armee gegen Eübosten vorrückte, um den Godaveryfiuß zu überschreiten und Hyderabad anzugreifen. Wellcslcy aber, der eine solche Bewegung des Feindes voraussah, beschloß, ihn zu beobachten und womöglich Scindiah's Marsch abzuschneiden. Er rückte deßhalb in östlicher Richtung längS deS linken Ufers des Godavery vor und die große Schnelligkeit, womit er diese Bewegung vorführte, vereitelte Scindiah's Plan und nöthigte ihn, nach Ialnapoor zurückzukehren. Obrist Stevenson, welcher daS Vorbei schlüpfen der Mahratten bald erfahren hatte, war unterdessen zurückgekehrt, hatte am 2. September das Fort Ialnapoor, aus deren Nahe sich bei seiner Rückkehr ebenfalls die verbündete Mahratten-Armee zurückgezogen hatte, angegriffen und erstürmt; dann, im Besitze dieses festen Platzes, verfolgte er die Feinde und ermüdete sie durch beständige kleine Gefechte; in der Nacht des 9. September aber überfiel er ihr Lager und richtete in demselben ebenso große Verwirrung wie blutige Verheerung an. Dieser Umstand hatte zur Folge, daß die Mahratten ihren Kriegsplan ganzlich veränderten. Sie hatten sich in eine feste 187 Stellung in der Mhe des Passes von Adjumtee zurückgezogen, wo ein zahlreiches Corfts, unter dem Commando zweier Europäer PohlmannundDuftont, zu ihnen stieß, das sie mit sechzehn Bataillons nebst einer bedeutenden, guten Artillerie verstärkte. Die auf diese Weise vermehrte Mahratten-Armee hatte sich am 20. September zwischen Bokerden und Iafferabad gesammelt und bestand, nach zuverlässigen Nachrichten, aus 38,500 Mann sehr guter mahrattischer Reiterei, 40,500 Mann Linien-Infanterie und 500Najeeb's oder Luntcnflinten-Soldaten, nebst 500 Raketemnännern und 190 Kanonen. — Außer dieser Macht besaß Scindiah noch einen Vor-trab von einigen Tausend Reitern, die im Abjumtec-Gebirge zerstreuet waren. General Wellesley, der unter diesen Umständen sich selbst 'verstärken mußte, vereinigte sich am 2i. September bei Bcdnapoor mit dem Corps des Obristm Stevenson, beschloß aber, daß sich Beide wieder trennen sollten, um auf zwei verschiedenen Wegen den Mahratten entgegenzurücken. Durch dieses Manoeuvre hofften sie dieselben zu einer Schlacht zu nöthigen, der sie mit Vorsicht auszuweichen schienen. Beide HcercSabthcilungen sehten sich am anderen Tage in Bewegung, General Wcllesley nahm die östliche Straße um die Berge zwischen Bcbnaftoor und Ialna, Obrist Stevenson schlug die westliche Straße ein. Ersterer erreichte Naul-nair am 23. September, wo er gewahr wurde, daß die verbündeten Mahratten nur ungefähr sechs cngl. Meilen von demjenigen Orte entfernt ständen, wo er sein Lager aufzuschlagen beabsichtigt hatte; ohne die Ankunft des Stevenson'schm Corps abzuwarten, beschloß er auf der Stelle mit Unerschrockenheit die Mahratten anzugreifen, da vorauszusehen war, daß dieselben bei der Nachricht von seiner Nähe noch während der Nacht sich zurückziehen und sowohl seinen wie Stevenson's Truppen ausweichen würben, daß aber, wenn er sie allein angriffe, die unbedeutende Anzahl seiner Truppen sie durch die Hoffnung, dieselben durch ihre große Ueber- 188 macht zu erdrücken, ermuthigen und nicht bestimmen Würde, eine angebotene Schlacht auszuschlagcn. Wellesley marschirte, dieser Aussicht folgend, sogleich gegen die Mahratten, welche ihr Lager zwischen den Flüssen Kaitna und Iuah aufgeschlagen hatten, er dehnte seine Schlachtlinie längs des nördlichen Ufers vom Kaitna aus, ein Fluß, der sehr tief ist, viele Felsen hat und für Artillerie, außer an einigen, wenigen Stellen, nicht ftassirbar ist. — Der rechte Flügel der Mahratten bestand ganz aus Reiterei und war in der Nähe von Vokerdun aufgestellt, von wo er sich bis an ihre Infanterie erstreckte, die durch das befestigte Dorf Assye gedeckt war. — Als die englischen Truppen Naulnair erreicht hatten, warm sie schon durch einen Marsch von 14 englischen Meilen ermüdet, und doch mußten sie noch 6 englische Meilen machen, bis sie das Dorf Assye erreichen konnten. Erst um ein Uhr Nachmittags wurden sie den Feind ansichtig, indem sie gegen die Fronte seines rechten Flügels gericthen. Da indessen General Wellcsley militairische Gründe hatte, den linken Flügel der Mahratten, wo sich ihre Infanterie und Artillerie befand, anzugreifen, so sehte er zunächst über den Kaitnafluß, bildete von seiner Infanterie zwei Linien auf einem offenen Platze, zwischen Kaitna und Iuah, da, wo diese Flüsse parallel laufen, und stellte seine Cavallerie als Reserve in einer dritten Linie auf. Diese englische Macht bestand ungefähr aus 7000 Mann, worunter nur 2000 Europäer waren, dagegen hatten die Mahrattcn mehr als 50,000 Mann auf diesem Felde aufgestellt. Als die Mahratten bemerkten, baß Welleslcy die Absicht hatte, ihren linken Flügel anzugreifen, ließen sie eine Kanonade aus der Entfernung beginnen und gleichzeitig die Stellung ihrer Infanterie und Artillerie verändern, wodurch sie von dem Kaitna bis an die Ufer des Iuah postirt wurden, und auf die rechte Seite der englischen Truppen zu stehen kamen. Diese Stellung griff die englische 189 Armee mit großem Muthe und unter einem heftigen Feuer an, das namentlich die zahlreiche und gut bediente Artillerie der Mahratten gegen sie eröffnete. Gleichzeitig hatten aber auch die englischen Kanonen aus eincr Entfernung von vierhundert Schritten ihr Feuer begonnen; da indeß General Wellesley bemerkte, daß seine Artillerie wellig Wirkung und Schaden auf die zu große Linie der ausgedehnten Mahrattcn - Infanterie ausübte, und daß die Feldgeschütze wegen der Menge der gefallenen Artilleristen und Zugochsen nicht vorrücken konnte»:, so ließ er sie zurück und gab den Befehl, daß die Truppen im Sturmschritte vorrücken sollten, wobei Obrist Maxwell mit seiner Cavallcric, wahrend des Vorrückens, die rechte englische Flanke decken mußte. Ungeachtet die Mahrattcn eine furchtbare Kanonade gegen die Engländer unterhielten, so gelang es diesen doch durch dieses muthige Vorrücken im Sturmschritte, den Feind bis auf die zweite Vertheidigungslinie zurückzuwerfen. Das 74. Regiment war durch das Kanonenfeuer der Mahratten so sehr geschwächt worden, daß ein feindliches Reitercorvs bereits darauf cinhauen wollte, aber die englische Cavallerie, welche die rechte Flanke zu schützen hatte, sprengte heran, und warf sich mit solchem Nachdruck auf die mahrattische Reiterei, daß diese zurückwich und sie sowohl, wie einige ihrer Infanterie-Bataillone unter heftigem Gemetzel m den Iuah-fiuß getrieben wurden. Dieser Angriff hatte zugleich die Linie der Mahrattcn durchbrochen, die von diesem unerschrockenen Vorrücken der Engländer überrascht und stutzig gemacht, auf allen Seiten zu fliehen begannen; die englische Cavalleric unter Obrist Marwell sehte über den Iuahstuß und drang mit dem Säbel in die Infanterie der Mahratten ein, die nun, bem Iuah entlang, mit Hast und Bestürzung vollends die Flucht ergriff. Die zu geringe Truftftenzahl, welche dem General AZellesley im Ganzen zu Gebote stand und womit er diesen kühnen Angriff gewagt hatte, verhinderte ihn die errungenen Vortheile wahrend 190 der Schlacht gehörig zu benutzen und nach derselben weiter zu verfolgen. So kam es denn, daß mehrere eroberte Kanonen, welche die Englander beim Vorrücken hatten zurücklassen muffen, wieder von den baneben scheinbar niedergemachten mahrattischen Kanonieren von Neuem bedient, gegen die englischen Truppen gekehrt und abgefeuert wurden. Es ist nämlich eine allgemeine Kriegslist bei den Hindutruppen, baß sie während eines feindlichen, siegreichen Angriffs, oder in Augenblicken der Noth, sich platt auf den Boden werfen unb todt stellen und nachher, wenn sie der Aufmerksamkeit der Feinde entgangen oder für wirklich todt gehalten sind, bei günstiger Gelegenheit wieder zu ihren Waffen greifen. Als diese Kanonen von den vermeintlich todten Artilleristen den Engländern in den Rücken gerichtet wurden und ein starkes Feuer eröffneten, machten zu gleicher Zeit einige Mahratten-Vatail-lons, die sich in Ordnung zurückgezogen hatten, plötzlich wieder Front gegen die nachdrängenden Engländer und erneuerten daS Gefecht. Diese Bataillons wurden indessen von der englischen Cavalleris unter Obrift Marwell, nach einem zwar kurzen, aber sehr heftigen Gefechte, in welchem Marwell als Held seinen Tob fand, von Neuem durchbrochen unb zerstreuet, während in derselben Zeit General Wellcsley persönlich sich an die Spitze des 78. Regiments stellte, ein Bataillon Seapoy's hinzuzog, und die Kanonen angriff, welche bereits früher erobert und jetzt wieder von Mahratten bedient worden waren. Nach einem sehr hartnäckigen Kampfe, wobei Wclleslcy ansehnliche Verluste erlitt und ihm selbst ein Pferd unter dem Lcibe erschossen wurde, nahm er diese Kanonen zum zweiten Male, aber diese beiden Angriffe von Wcllesley und Marwell waren so entscheidend, daß die zahlreichen Mahratten-Corps sich in wildester Unordnung auf allen Seiten zurückzogen und i200 Todte, 93 Kanonen, 7 Standarten, ihr gesammtes Lager, eine große Menge Ochsen, Kamccle, nebst zahlreichen anderen 191 nützlichen Gegenständen auf dem Platze den Engländern als Beute zurückließen. Indessen war der Verlust der Engländer nicht minder groß, denn bei ihrer kleinen Zahl verloren sie die verhältnißmäßig bedeutende Summe von 411 Unterofsicicren und Gemeinen, 21 Lieutenants, ßCapitains, 2 Majors und 1 Obrist, von dmm allein das 74. Regiment 11 Officicre und 113 Mann an Tobten, und 6Offi-ciere und 271 Mann an Verwundeten hatte. General Wellcslcy zeigte aber an diesem Tage die erste durchgreifendere Probe seines militairischcn Talentes. Diesem sowohl, wie seiner ausgezeichneten Kriegszucht und der großen Standhaf-tigkeit seiner Truppen verdankt die englisch - ostindische Compagnie den nachhaltigen Sieg über eine drohende Armee von mehr als 50,000 Mann, die mit Wuth und Ungestüm fochten, und unter denen mehr als 10,000 Mann disciplinirtcr, von französischen Ofst-cieren angeführter Linieninfanterie waren, die eine mächtige Unterstützung von 100 gut gerichteten und schnell bedienten Kanonen hatten, während die Engländer von ihren schweren Geschützen keinen Gebrauch machen konnten, nur ungefähr 2000 Europäer unter ihrer klemm Armee hatten, und die anderen Truppen aus den nämlichen Eingeborenen bestanden, aus welchen auch der größte Theil der Mahratten-Armee zusammengesetzt war, mithin dadurch ein sehr ungünstiges Verhältniß für die Engländer entstehen mußte. Gerade diese Schlacht am Iuahstussc ist für die Geschichte der Kriegskunst ebenso merkwürdig, als rühmlich, da sie recht augenfällig darthut, wie Kriegswisscnschaft, Taktik und Kriegszucht allein im Stande sind, das entschiedene Uebergewicht über große physische Ucbermacht und dm bloßen rohen, natürlichen Muth zu verschaffen. Obrist Stevenson stieß am Abend des 24. September mit seiner Heercsabthcilung wieder zum General Wcllesley, und diesn schickte ihn mit seinen frischen Truppen sogleich dem Feinde nach. 192 Die verbündeten Mahrattenfürsten sammelten ihre geschlagenen und zerstreucten Truppen so schnell und gut, als es ihnen möglich wurde und nahmen ihren Weg in westlicher Richtung gegen Poonah. General Welleslcy dagegen beschloß mit seinen Truppen auf den Höhen von Adjumtee zu bleiben, um die Bewegungen der Mah-rattcn nach Süden hin besser beobachten zu können, gab aber dem Obristen Stevenson Befehl, in Eilmärschen nach Boorhanpoor und Asseerghm vorzurücken. Während dieser wichtigen Ereignisse hatte eine Abtheilung der Bombay-Armee, geführt von dem Obristm W oodington, die Stadt und Festung Baroach, nebst deren Gebiete, ferner das starke Bergfort Powanghm, nebst allen übrigen in Guzcrat gelegenen Besitzungen Scindiah's weggenommen. Auf der anderen Seite der Halbinsel waren die englischen Waffen nicht weniger vom Glücke begünstigt worden. Diejenige englische Heeresabtheilung, welche unter dem Befehle des Obristen Harcourt stand und bei Ganjam versammelt war, hatte in der geringen Zeit von kaum einem Monate die ganze, wichtige Provinz Cuttak erobert, die, wie bereits gesagt wurde, dem Rajah von Berar gehörte. Der Besitz dieser Provinz wurde für die englisch-ostindische Compagnie, wie schon erklärt worden ist, von der größten, unersetzlichen Wichtigkeit, denn durch diese Eroberung wurden sie Eigenthümer und Beherrscher der ganzen Küste von Coromandel, und zwar von der Mündung deS Ganges an bis an das Vorgebirge Comorm, und schlössen damit den Franzosen jeglichen Zugang zu den Mahratten-Heeren ab. Die bengalische Armee hatte unter General Lake ihr Lager bei Cawcftore gehabt; dieselbe verließ diesen Platz am 7. August und erreichte am 28. August die Stadt Eoel im Duab, die den Mahratten zugehörtc. Hier empfing Lake einen Brief vom Obristen Collins, der ihn von seiner Abreise aus Scindiah's Lager benachrichtigte; in Folge dieser Kunde vom Mißlingen der friedlichen 193 Unterhandlungen rückte General Lake sofort in Scindiah's Gebiet ein, um einen Theil von der französischen disciplimrten Armee unter General Perron, der sein Lager bei der Festung Allyghur aufgeschlagen hatte, anzugreifen. Diese Truppen bestanden aus i 5,000 Mann Cavallerie, worunter 5000 Mann europaisch und regelrecht eingerichtete Reiter sich befanden, und außerdem hatten sie eine außerordentlich starke Stellung eingenommen. Die Absicht des Generals Lake war, die linke Flanke dieser Truppen zu umgehen, aber General Perron zog sich mit solcher Eilfertigkeit zurück, daß die Engländer ihn nicht erreichen konnten. Obgleich dieser unerwartete Rückzug die nächste Hoffnung des Generals Lake vereitelte, so zeigte er sich doch in seinen Folgen für die Engländer sehr nützlich. Jedenfalls verrieth General Perron durch seine Bewegung eine große Furchtsamkeit vor den englischen Waffen, die wohl mit in einem Mangel an Zutrauen in seine eigenen Kräfte begründet lag, indessen seiner militairischcn Autorität einen so schädlichen Abbruch that, daß bald nach diesem Rückzüge mehrere seiner europäischen Offiaerc ihn verließen. General Lake traf alsbald die erforderlichen Vorkehrungen, um die Festung Allyghur zu erobern, denn dieselbe war ungewöhnlich stark, das Land ringsumher in der Entfernung von einer Meile war völlig abgetragen und geebnet, und lag ganz unter dein Bereiche der Kanonen dieser Festung, die einen sehr hohen Wall, ein hohes Glacis und einen 400—2UU Fuß breiten, wie 32 Fuß tiefen, stets mit 10 Fuß Wasscrtiefe angefüllten Graben hatte; außerdem hatte sie nur einen einzigen Eingang, welcher über einen schmalen, sehr verschlungenen Damm führte. Die Mahrattm hatten eine Mine unter diesem Damme angelegt, aber unterlassen, eine Zugbrücke zu bauen, die diesen Platz nach Versicherungen militairischer Augenzeugen unüberwindlich gemacht hätte. N»N Mökern, Ostindien, n. 43 194 Von diesen Festungsdetails hatte sich General Lake die gehörige Nachricht verschafft; der Commandant der Festung war ein gewisser Pedron, ein französischer Ofsicier. Er wurde von Lake in aller Förmlichkeit aufgefordert, die Festung zu übergeben, worauf die erwartete abschlägige Antwort erfolgte. Lake beschloß demnach die Festung mit Sturm gewaltsam zu nehmen. Am 4. September, um halb fünf Uhr Morgens, rückte eine kleine Artillerie-Abtheilung mit zwci Zwölfpfündern, von vier Compagnien europäischer Infanterie und vierzehn Compagnien Seapoy's begleitet, unter dem Befehle des Obristm Monson und während eines starken Kanoncnfcuers, das Lake kräftig unterhalten ließ, um den Angriff zu verdecken, gegen die Festung vor. —- Monson war mit seinen Leuten beinahe bis an das Glacis vorgedrungen, ehe er von der Festung aus entdeckt wurde; sobald Monson bemerkte, daß man in der Festung aufmerksam auf ihn geworden war, rückte er mit zwei Compagnien Europäern im Sturmschritte vor, in der Absicht, mit einer Außenwache des Feindes, die in einer starken Brustwehr am Eingänge des Dammes ihren Posten hatte, bei deren Rückzüge zugleich mit in die Festung zu gelangen, aber ehe er das erste Thor erreichte, fand er dasselbe bereits verschlossen. Nun wurden zwei Sturmleitern sofort an den Wall gelegt, Major Macleod vom 76. Rcgimcnte und zwei Grenadiere seines Regiments bestiegen sie mit der größten Unerschrockcnheit, als eine Anzahl Mahrattcn, mit Spießen bewaffnet, auf dem Walle erschien und den Hinaufklimmenden eine Mauer von Spießen entgegenstreckte. Das Besteigen mit Sturmleitern mußte daher aufgegeben werden, cin Zwölfpfündcr wurde gegen das Eingangsthor gerichtet, aber ehe dieser gehörig gerichtet werden konnte, warm die auf einen engen Raum zusammengedrängten Truppen einem mörderischen Kartätschen- und Muskctcnfeuer ausgesetzt; Obrist Monson wurde schwer verwundet, vier Ofsiciere von den beiden Compagnien des 76. Regimentes, nebst dem Adjutanten des Corps, ein Scapoy's- 195 Ofsicier, mehrere Unterofficiere und eine beträchtliche Anzahl Soldaten wurden hier getödtet. Major Macleod übernahm nun das Commando und rückte, sobald das erste Thor gesprengt war, ander Spitze seiner Soldaten so eilig als nur irgend möglich vorwärts, schlug eine kreisförmige Richtung um eine hohe, aufgemauerte Bastion auf einem schmalen Fußsteige ein, gelangte durch zwei Thore, welche mittelst Petarden leicht gesprengt wurden, bis an ein viertes Thor, das den Eingang in die Festung verschloß. Mit großen Schwierigkeiten und unerschrockener Beharrlichkeit wurde cin Zwölfpfündcr bis an dieses Thor gebracht, das man aber mit der Gewalt des Geschützes nicht sprengen konnte. In dieser Lage half Macleod durch Muth und Einsicht aus; in dem Thore befand sich ein kleines Pförtchen, dieses ließ er sprengen, stürzte dann ungestüm durch dasselbe in die Festung, obgleich immer nur ein Mann durch diese kleine Ocssmmg hindurch treten konnte, und zwang den Feind wirklich zur Uebergabe. Nach dieser unbegreiflich schlechten Vertheidigung, die dem Eindringen dieses Häufleins Engländer eigentlich keinen energischen Widerstand entgegen gesetzt hatte, wenn man eine derartige Vertheidigung nach europäischen Begriffen beurtheilt, ergab sich der Commandant Pcdron und ein Theil der Besatzung, während der größte Theil, nach indischer Gewohnheit, den Versuch der Flucht machte; eine große Anzahl sprang in den Festungsgraben, wo die Meisten ertranken. Die Festung hatte sich länger als eine Stunde gehalten; die Engländer hatten, namentlich durch das Kartätschenfeucr aus dem ersten Thore, viel gelitten und 7 Officierc, 52 Mann Todte, nebst 10 Ofsiciercn und 200 Mann Verwundeten, wahrend die Festungsbesatzung an 2000 Todte und eine entsprechend große Anzahl Verwundeter hatte. Diese Einnahme von Allyghur wurde für den glücklichen Fortgang des Krieges in diesen, Theile Indiens von der größten Wichtigkeit für die Engländer. Allyghur war eigentlich General Perron's Residenz und Hauptwaffmplatz und der Verlust aller 13' 196 seiner hier aufgehäuften Kriegsvorräthe, die nebst mehreren, mit Gelde beladcnen Wagen in die Hände der Engländer fielen, für ihn doppelt empfindlich. Nachdem Lake die eroberte Festung mit der ausreichenden Mannschaft beseht hatte, und die Vorrichtungen zur besten Vertheidigung getroffen worden waren, setzte er sich mit seiner Armee am 7. September nach Delhi in Bewegung. Noch an demselben Tage erhielt er einen Brief vom General Perron, worin dieser ihm die Anzeige machte, daß er Scindiah's Dienste verlassen habe und um Erlaubniß bat, mit seiner Familie, seinem Vermögen und Gefolge sich nach Lucknow begeben zu dürfen, was ihm auch sofort zugestanden wurde. Perron gab als Ursache seiner Abdankung an, daß er sich nicht langer auf seine europäischen Officicre verlassen könne und überhaupt glaube, daß er seine Absetzung erwarten dürfe, da der Undank und die Verrätherei seiner Officierc ihn außer Stand setzten, der englischen Armee Widerstand zu leisten. Auf dem Marsche nach Delhi wurden die Engländer unter Lake von keinem Feinde weiter beunruhigt. Derselbe hatte aber unterwegs die Kunde erhalten, daß der französische Mahratten-Obrist Louis Bourguicn mit l6 Bataillons Infanterie, 6000 Reitern und einer zahlreichen Artillerie über den Iumnaftuß gesetzt habe, um der englischen Armee entgegen zu rücken. Als am Morgen des N. Septembers, etwa sechs englische Meilen von Delhi entfernt, Lake sich lagern wollte, erblickte er, ehe noch die Zelte aufgeschlagen waren, dic Feinde in solcher Anzahl vor der Front seiner Truppen, daß er sogleich die genauesten Rccognoscirungen anstellen ließ. Er traf sie bereits auf einer Anhöhe in Schlachtordnung aufgestellt, beide Flügel von Morästen gedeckt, und von einer Ca-vallerie unterstützt, die hinter der Linie aufgestellt war. Dieses war eine Stellung, die nur von der Front aus angegriffen werden konnte, die jedoch nicht nur durch eine starke Artillerie, sondern auch durch aufgeworfene Brustwehren gedeckt war. 197 Diese Mahrattm-Armce bestand aus 19,000 Mann, die englische höchstens aus 5000, nämlich dein 76. Regimente, aus 7 Seapoy's-Bataillons, dem Artilleriepark, dem 27. englischen Dra-gonerregimentc und zwei Regimentern eingeborener Reiterei. Sobald General Lake diese Stellung des Feindes kennen gelernt hatte, gab er seiner Infanterie Befehl, gegen denselben vorzurücken und das Lager stehen zu lassen; unterdessen hatte seine Cavallerie daS Gefecht schon begonnen, war aber dabei in ein starkes und gut gerichtetes Kanonenfcucr gerathen, das ihr große Vc.rluste beibrachte und auch dem General Lake das Pferd, das er ritt, tödtctc. Ehe die Infanterie auf dem Schlachtfelde erschien, hatte es doch General Lake bedenklich gefunden, den Feind in dieser gegenwärtigen Stellung anzugreifen; er beschloß deßhalb, ihn zu täuschen und ihn aus seiner festen Position heraus und in die Ebene hinab zu locken. Um diesen Zweck zu erreichen, mußte sich die englische CavaUerie zurückziehen, bis sie der Infanterie begegnete, nun öffnete sie sich rechts und links, um dieselbe zwischen sich durchzulassen, die sich nun in Front formirte, was Alles mit großer Genauigkeit ausgeführt wurde. Der Feind, welcher glauben mochte, es sei ein wirklicher Rückzug, rückte auf der Stelle aus seiner festen Stellung heraus, die englischen Truppen mit allen seinen Kanonen verfolgend und unter einem lauten Victoriarufe die Zuversicht seines Sieges verkündend. Nun aber machte die englische Infanterie Plötzlich eine Kehr-wcndung nach rechts und bildete mit der Cavallerie eine zweite Linie, ungefähr vierzig Schritte hinter deren rechtem Flügel; General Lake, an der Spitze des braven 76. Regimentes, führte im Sturmschritte seine Infanterie dein Feinde entgegen und trotzdem, daß er von einem furchtbaren Kanoncnfeucr, mit Kartätschen, Ketten und Kugeln empfangen wurde, mit solcher bewunderungswürdiger Ordnung und Kaltblütigkeit, daß die Soldaten nicht eher die Gewehre von den Schultern nahmen, bis sie dem Feinde bis auf 198 hundert Schritte nahe gekommen warm. Jetzt feuerte die ganze Linie eine Generalsalve und stürzte sich mit gefälltem Bajonet und solchem tapferen Ungestüm auf die feindlichen Linien, daß diese genöthigt wurden, ihre Kanonen im Stiche zu lassen und die Flucht zu ergreifen. Sobald Lake den Lauf der Infanterie einhalten konnte, ließ er sie in Compagnie-Colonnen öffnen, die Cavallerie sprengte durch diese Oeffnungen mit ihrer reitenden Artillerie hindurch, die mit großem Erfolge auf den stichenden Feind feuerte, während die Eavallcrie demselben in den Rücken drang und ihn bis an den Iumnafluß trieb, wo ein furchtbares Gemetzel stattfand und eine große Iahl im Wasser umkam. — Seine gcsammte Artillerie, aus 68 Kanonen bestehend, sowie 2 mit Gelde beladene und 24 Munitions-Wagen sielen den Engländern in die Hände. Aber auch diese hatten empfindliche Verluste erlitten, 55 Of-ciere, 497 Europäer und 288 Seapoy's waren todt oder verwundet; dagegen ließ die Mahrattcn-Armec 3000 Mann auf dem Schlachtfelde. Die Folgen dieses Sieges waren ebenso entscheidend und vollständig, wie rühmlich; Vourguien und die übrigen Anführer der französischen Partei, die nun ihren Einfluß und ihre Macht im Reiche der Mahratten vernichtet sahen, ergaben sich als Kriegsgefangene an General Lake, und die alte, ehrwürdige Hauptstadt deS mongolischen Kaiserreichs, Delhi, wurde, nebst dem Monarchen, Schah Allum, von der harten und unwürdigen Knechtschaft befreiet, worin sie die französische Faction so lange niedergedrückt erhalten hatte, und nunmehr unter englischen Schutz gestellt. Es war der ausdrückliche Wunsch, den im Jahre 4790 von Scindiah gefangen genommenen und mißhandelten Kaiser zu Delhi, seine Person und seine Regierung unter die schützende Gewalt der mglisch-ostindischen Compagnie zu stellen. General Lake erbat sich sogleich eine Audienz beim Kaiser, der darauf seinen ältesten Sohn Mirza Akbar Schah zum General sandte, um denselben einzu- 199 laben und ihn selbst nach Delhi zu begleiten. Der Einzug deS englischen Generals in diese berühmte Stadt wurde von einer großen Volksmenge bewillkommnet, die zugleich die Freude über die Befreiung ihres rechtmäßigen Fürsten aus einer langen und unwürdigen Gefangenschaft laut ausbrückte. Als General Lake in den Audimzsaal eingeführt wurde, bot sich ihm eines der rührendsten, aber auch kläglichsten Gemälde herabgesunkener Königswürde und erblichener Pracht dar, das sich jemals dem menschlichen Mitleid gezeigt hatte. Der ehrwürdige Nachfolger einer langen Reihe berühmter und mächtiger Monarchen saß unter einem kleinen, zerrissenen Thronhimmel, dem traurigen Ucberrestc ehemaligen Glanzes, seine Person war durch Mangel und Elend in hohem Grade heruntergekommen, sein Antlitz, durch den Verlust seiner Augen, die ihm Scmdiah hatte ausstechen lassen, verunstaltet und trug die Zeichen des hohen Alters und der tiefsten Traurigkeit. Alles, was ihn umgab, bezeugte das Elend seines Zustandes, in dem ihn seine grausamen Unterdrücker hatten schmachten lassen. Doch war er noch im Stande, die Gefühle seiner Dankbarkeit und Freude auszudrücken, welche die endliche, seit 1790 ersehnte Befreiung aus der Tyrannei eines Usurpators und die Wieberbefestigung seines Thrones in ihm hervorriefen. Er bewies diese dankbare Bewegung seiner Seele gegen seine Befreier und neuen Freunde, indem er, nach der Gewohnheit seiner Vorfahren, dem General Lake den glänzendsten Titel beilegte: „Das Schwert des Staates, der Held des Landes, der Herr des Zeitalters, der Siegreiche im Kriege!" — Nachdem General Lake alle nöthigen Anstalten getroffen hatte, um dem alten Kaiser Allum Schah und seiner Familie den ungefährdeten Besitz ihrer neuerlangtm Freiheit und ihres Eigenthums zu sichern, zog er am 24. September nach Agra. Diese wichtige Festung wurde am 18. October nach einem bedeutenden Widerstände erobert und in Besitz genommen, und es fiel den britischen 200 Truppen dabei die Summe von 7 Lak's Pagoden in die Hände, die unter sie als eine wohlverdiente Geldbclohnung für ihre muth-volle Thätigkeit vertheilt wurde. Die einzige, noch übrig gebliebene Macht der Mahratten-Herrschaft im nördlichen Hindostan war die aus dem Deccan gekommene, vom Ritter Dubrense angeführte Armee; dieser französische Befehlshaber hatte aber, wahrscheinlich nach Perron's Beispiele, seine Truppen kürzlich verlassen und das Commando einem Anderen gegeben, während er selbst sich als Kriegsgefangener beim Obristen Vandeleur stellte. Obgleich die Deccan-Armee ohne einen rechtmäßigen Anführer war, so blieb sie dennoch zusammen und hielt sich in der Provinz Agra, um eine günstige Gelegenheit abzuwarten, nach Delhi zu ziehen und sich dieser Stadt auf's Neue zu bemächtigen. Unter diesen Umständen faßte General Lake den Entschluß, keine Zeit zu versäumen und diese Truppen aufzusuchen, um sie gefahrlos zu machen; er brach deßhalb schon am 27. October von Agra auf, erreichte bereits am folgenden Tage Keroully, passirte am zweiten Tage, am 29. October, Futteepoor Sifrce, ließ hier seine schwere Artillerie und überflüssige Bagage unter dem Schuhe von zwei Bataillons Seapoy's zurück und machte an demselben Tage noch einen Marsch von zwanzig englischen Meilen mit seiner Armee. Am folgenden Tage (31. October) machte er einen ebenso starken Marsch und es wurde ihm dadurch möglich, am Abend bereits denselben Platz zu erreichen, den der Feind an demselben Morgen verlassen hatte. Diese Anzeichen von der großen Nähe des Feindes bewog den General Lake, sofort demselben mit seiner Kavallerie nachzusetzen und ihn so lange aufzuhalten, bis die Infanterie nachgekommen sein würde. In der nämliche« Nacht verließ er das aufgerichtete Lager mit seiner gesammten Reiterei und nach einem forcirtcn Marsche von 25 englischen Meilen, die er in 6 Stunden zurück- 201 legte, erreichte er am 1. November Morgens die feindliche Armee. Diese bestand aus 9000 Mann regulairer Infanterie, 3000 Mann Cavallerie und 72 Kanonen. 5 Beim Ansichtigwerdcn der englischen Reiterei zogen sich die mahrattischcn Truppen in einer so großen Unordnung zurück, daß General Lake dadurch ermuntert wurde, ohne die Ankunft seiner Infanterie abzuwarten, den Feind allein mit seiner Cavallcrie anzugreifen. Er gab deßhalb scmcr Vorhut den Befehl, in Vereinigung mit der ersten Cavallerie-Brigade denjenigen Punkt anzugreifen, wo cr die Unordnung im Rückzüge wahrgenommen hatte, und so wie die übrigen Brigaden sich aufgestellt hatten, ließ cr auch sie den Angriff beginnen. Der Angriff der Vorhut und der ersten Brigade hatte eine so starke Staubwolke verursacht, daß General Lake dadurch verhindert wurde, die Bewegungen des Feindes genau zu verfolgen, und deßhalb nicht bemerkte, daß derselbe unterdessen eine sehr starke Stellung angenommen und sich in Schlachtordnung aufgepflanzt hatte. Dieses wurde aber für die englische Cavallerie kein Hinderniß, die Linien des Feindes zu durchbrechen, was unter der Führung des Obristen Vandeleur geschah, welcher diesen Angriff comman-birte. Dabei wurden dem Feinde mehrere Kanonen weggenommen. -— Indessen war das ununterbrochene Feller seiner übrigen Artillerie von so mörderischer Wirkung auf die englische Reiterei, daß General Lake sich genöthigt sah, seine Cavalleric aus dem Bereiche der feindlichen Kononcn zurückzuführen und die Ankunft der Infanterie abzuwarten. In ordnungsmäßiger Bewegung wurde dieser Rückzug ausgeführt und die eroberte Artillerie mitgenommen. Zur Mittagszeit traf die erwartete Infanterie, welche cinm Eilmarsch von 25 englischen Meilen gemacht hatte, ein; man mußte ihr aber Zeit zur Erholung lassen, ehe sie den Angriff beginnen konnte. Nachdem sie sich ausgeruhet hatte, formirte sie 202 General Lake in zwei Colonnen, von denen die erste das Dorf Mahaulftoor angreifen und die rechte Flanke des Feindes umgehen/ die zweite aber die erstere unterstützen sollte. Die dritte Cavallerie-Brigade war gleichfalls zur Mithülfe an dem Auftrage der ersten Infanterie-Colonne befehligt, wahrend die zweite Cavallerie-Brigade den Auftrag erhielt, dcn linken Flügel deS Feindes zu beobachten und jede entstehende Unordnung sofort zu benutzen, um dcn Feind auf dem Rückzüge zu verfolgen. Die erste Cavallcrie-Brigade war zur Reserve bestimmt, und der ganze, auf diese Weise combinirte Angriff sollte durch vier Batterien, zum Theil Feldgeschütze, zum Theil reitende Artillerie, unterstützt werden. — Die mahrattische Infanterie war in zwei Linien aufgestellt, und zwar östlich und westlich von dem Dorfe Mahaulpoor; der rechte Flügel war von ihrer Cavallcrie gedeckt. — Als die englische Infanterie unter dem Feuer ihrer vier Batterien zum Angriff heranrückte, wurde sie von einem furchtbaren Kartätschen, und Kugelregen aus den zahlreichen Geschützen des Feindes empfangen, und als daS 76. Regiment, welches sich an der Spitze der Angriffs-Colonne befand, sich bis auf ungefähr fünfzig Schritte dem Feinde genähert hatte, war es dem Kanonenfeuer so sehr ausgesetzt und verlor so viele Leute, daß General Lake beschloß, mit diesem Negimcnte und vier Compagnien Seaftoy's, welche sich demselben angeschlossen hatten, den Feind anzugreifen, ohne dcn Rest der Colonne, der in seinem Vorrücken durch die Schwierigkeiten des Bodens verspätet worden war, abzuwarten. Der General setzte sich an die Spitze dieses Häufleins heldcn-müthiger Truppen, wie er sie selbst benannte, und rückte im Sturmschritt, ungeachtet des beständigen Feuers und des stets wiederholten Cavallcrieangriffs, gegen die feindlichen Kanonen vor; — da aber die Cavalleric der Gegner sich noch einmal zu einem ernstlichen Angriffe vorbereitete, so befahl der General seiner eigenen Cavallene, die feindliche Reiterei anzugreifen. Es siel nun das 203 29. englische Dragoner-Regiment mit solchem Ungestüm über die Cavallerie der Feinde her, daß diese über den Haufen geworfen wurde und sie in größter Unordnung die Flucht ergreifen mußte. Unterdessen vertheidigte aber die mahrattische Infanterie ihre Stellung mit der hartnäckigsten Ausdauer und Energie, bis das 76. Regiment, unterstützt von dem vorhin zurückgebliebenen Theile der Colonne, mit gefälltem Vajonet auf die feindlichen Kanonen eindrang und die feindliche Infanterie nebst dm Artilleristen davon vertrieb. Des Feindes rechter Flügel wurde zurückgeworfen, wahrend der linke Flügel sich in Ordnung zurückzuziehen suchte. Sofort aber griff die englische Cavallcrie diesen linken Flügel mit solcher Heftigkeit an, daß 2000 Mann davon gefangen, die Uebrigen niedergehauen wurden. Die Mahratten verloren in dieser Schlacht bei Mahaulftoor 7000 Mann, die Engländer 800. — Mit diesem Siege wurde aber die gänzliche Zerstörung der vom General de Boigne begründeten und von einer französischen Faction commandirtcn Armee regelmäßiger Truppen vollendet, und damit Scindiah's Macht und Einfluß im nördlichen Hindostan vernichtet. Damit endigten dann auch die Operationen der englischen Waffen in diesem Theile von Indien. — Wir wenden uns wieder zum General Welles ley und zu dem Feldzug im Dcccan zurück. Im Anfange des Octobers war Obrist Stevenson nach Voorhanpoor und Asscer Ghur marschirt, um diese beiden Städte zu unterwerfen. Am 16. October nahm er Boorhanpoor ohne Widerstand cm; am nächsten Tage rückte er vor Asseer Ghur, wo sich der Ueberrcst der feindlichen Infanterie aber schnell zurückgezogen hatte, als die Nachricht von Stevenson's Annäherung eingetroffen war. Auch diese Festung ergab sich nach kurzem Widerstände. 204 Während sich nun Obrist Stevenson damit beschäftigte, diese beiden Städte zu behaupten, war General Wellcslcy mit der Hcmfttarmee am 25. October wieder auf die Anhöhen vonAbjum-t e e gestiegen und hatte sich gegen Süden gewendet, um den Ra-jah von Berar zu verfolgen. Am 29. October erreichte er Au-rungabab, wo er die Nachricht erhielt, daß der Rajah seine Richtung nach Osten genommen habe und sich 20 englische Meilen von Pultein, bei Lakegaun befinde. Aber auch der Rajah von Berar erfuhr bald Welleslcy's Nähe und als er sich so verfolgt und in allen seinen Bewegungen so genau beobachtet sah, suchte er der englischen Armee durch verschiedene Kriegslisten zu entschlüpfen. In der Nacht zwischen dem 29. bis 30. October veränderte er sein Lager fünf Mal und detachirtc, in der Absicht, die Aufmerksamkeit des Generals Wclleslcy von seinen wirklichen Bewegungen so viel als möglich abzuziehen, ein Corps von fünftausend Mann Cavalleric mit dem Auftrage, einen für die englische Armee bestimmten Lcbensmittel-Transport, der nur noch einige Tagereisen weit entfernt war, wegzunehmen. General Wcl-lesley, der diese Kriegslist durchblickte, ließ sich dadurch nicht beirren, zumal er die Gewißheit hatte, daß er sich auf die Bedeckung des Transportes und auf den sie befehligenden Offtcier verlassen konnte; dieser Officier, Capitain Vaynes, wurde denn auch wirtlich von jenem ausgcsandtcn Corps mahrattischer Reiter bei Amber angegriffen, aber cr schlug dasselbe nach einem hartnäckigen Gefechte, wobei die Mahrattm viele Leute verloren, zurück und erreichte nach einigen Tagen glücklich und ohne Verlust das Lager Wclleslcy's. Die hier erzählten Ereignisse, nebst den lehrreichen Erinnerungen an frühere Niederlagen bestimmten dm Raiah v on Bcrar, alle Mittel anzuwenden, um eine Schlacht mit den englischen Truppen zu vermeiden. — Scindiah aber, der alle seine ehr- 205 geizigen und rachsüchtigen Pläne gescheitert, seine französische Armee vernichtet, seine Provinzen und Festungen erobert, sowie seine Hauptstadt selbst in der größten Gefahr wußte, fühlte nun, daß ihm kein anderes Rcttungsmittel mehr übrig blieb, als seine Iu-stucht zu der alten Mahrattm-Politik zu nehmen, nämlich Frieden zu suchen, um Zeit zu gewinnen, sich neue Hülfsqucllen zu verschaffen, damit er den Krieg mit erneuerter Macht wieder fortsetzen könne. — Er schickte daher am 11. November einen Gesandten an General Wellesley, um eine Fricdmsunterhandlung anzuknüpfen; nach mehrfachen Unterredungen zwischen dem General und dem Botschafter Scindiah's wurde am 23. November ein Waffenstillstand zwischen Scindiah und der englischen Compagnie abgeschlossen. Der Najah von Berar hatte sich während dieser Verhandlungen nach seinen Staaten gewendet und General Wellcsley war mit seinen Truppen von den Bergen heruntergekommen, um dem Obristcn Stevenson bcizustehcn, der, gleich nach der Einnahme von Asseer Ghur, die Belagerung der Festung Gawilghur unternommen hatte. Am 28. November erreichte General Wcllesley den größten Theil der regelmäßigen Infanterie, welche dem Najah von Vcrar gehörte und durch ein zahlreiches Corps von Scindial/s bester Reiterei verstärkt war. Da mithin Scindiah die Bedingungen des Waffenstillstandes nicht erfüllt hatte, die von Wcllcsley genau eingehalten worden waren, so beschloß Letzterer, die vereinigten Mahrattcntruppen sofort anzugreifen, um sie zu verhin-dern, sich zurückzuziehen oder zu entfliehen, oder zu verstärken. Scinbiah's Botschafter, der noch immer im englischen Lager sich befand, protcstirtc auf das Ernstlichstc gegen diesen Angriff, General Welleslcy aber erwiderte ihm kurz und bündig, daß er mit dein Rajah von Vcrar keinen Waffenstillstand abgeschlossen habe und, da Scindiah den scinigen nicht erfüllt hätte, er gewillct sci, den Feind anzugreifen, wo er ihn finden würde. 206 Diesem Entschlüsse gemäß marschirte Wellesley nach Par-terly, wo die Verbündeten gelagert waren, und vereinigte sich auf seinen: Marsche dahin mit der Division Stevenson. Als die englische Armee Partcrly erreichte, hatte sich der Gegner zurückgezogen, obgleich man ihn noch von der Spitze eines hohen Thurmes herab erblicken konnte. Die furchtbare Hitze dieses Tages und der lange Marsch, den die Truppen soeben gemacht hatten, bewog General Wellcsley, das Verfolgen des Feindes bis auf den Abend zu verschieben. Sein Lager war aber eben aufgeschlagen, als sich zahlreiche, feindliche Cavallericmassm in der Front des Lagers zeigten, und als General Wellesley jetzt die Lagerwachcn vorwärts beorderte, erblickten diese die ganze Mahratten-Armec in regelmäßiger Schlachtordnung aufgestellt, in einer unabsehbaren Linie von Infanterie, Cavallerie und Artillerie, die sich auf der Ebene von Argaun, über fünf engl. Meilen in die Länge erstreckte. Da Wellesley die Feinde auf eine Schlacht vorbereitet fand, beschloß er, diese ohne Zeitverlust zu liefern. Er rückte deßhalb mit seinen Truppen in Bataillons-Colonnen, die Cavallcric an der Spitze, den Mahratten entgegen. Als er sich denselben genähert hatte, formirte er aus seiner Armee zwei Linien, die erste aus Infanterie, die zweite aus Cavallcric; der rechte Flügel wurde vorgeschoben, um den linken, feindlichen Flügel zusammenzudrängen, der linke Flügel wurde von der mysorischcn Reiterei unterstützt. In solcher Schlachtordnung rückte die englische Armee in größter Ordnung zum Angriff vor. Als sie dem Feinde ganz nahe gekommen war, wurden das 74. und 78. Regiment von einem zahlreichen, aus Persern bestehenden, feindlichen Infanterie-Corps angegriffen, das nach einem heftigen und blutigen Gefechte fast gänzlich aufgerieben wurde; zu gleicher Zeit wurden Scindiah's Reiter mit ansehnlichem Verluste zurückgeschlagen und hierauf gerieth die ganze mahrattische 207 Schlachtordnung in solche Verwirrung, baß sie sich mit der größten Eile und Regellosigkeit zurückzogt 38 Kanonen und ihre ge-sammte Munition in dcn Handen der Engländer zurücklassend. Dieser Rückzug geschah so schnell, daß die englische Infanterie dcn Fliehenden nicht zu folgen vermochte, wogegen aber die Ca-vallerie ihnm mehrere Meilen weit nachsetzte, eine große Anzahl Gefangener machte und dem Feinde alle seine Elephanten und Bagage abnahm. Dieser Sieg bei Argaun, obgleich nicht so glänzend wie der von Assye, war aber ebenso entscheidend. Da der Verlust der englischen Armee verhältnißmäßig sehr gering war, so wandte sich General Wellesley sogleich gegen die Festung Gawilghur, um diesen wichtigen Platz zu belagern, dessen Einnahme freilich wegen der anscheinend unüberwindlichen Lage desselben große Schwierigkeiten darbot. Am 5. December hielt die Armee bei Ellichpoor, wo ein Hospital für die in der Schlacht bei Argaun Verwundeten errichtet wurde. Am anderen Tage wurde eine starke Tmftften-abtheilung vorausgeschickt, um den Feind aus der Nahe der Festung zu vertreiben und das befestigte Dorf Damergaun in Besitz zu nehmen, das dcn Eingang der Straße in die Berge beherrschte, welche Obrist Stevenson mit seiner Heeresabtheilung einschlagen sollte. Beide Divisionen brachen zu diesem Zwecke von Ellichpoor auf; General Welleslcy nahm seine Richtung gegen die Südseite von Gawilghur und Obrist Stevenson schlug die erwähnte Straße in die Berge ein. Am l2. December erreichten beide Divisionen ihren Bestimmungsort Gawilghur; diese für unüberwindlich betrachtete Festung steht auf einem hohen und steilen Felsen gegen Süden gekehrt, wo der Felsen völlig unersteiglich ist; gegen Norden wird die Festung durch ein zweites Fort gedeckt, das die nördliche und nordwestliche Seite dcs Felsen vertheidigt; der Zugang zu 208 diesem Fort wird am Fuße des Felsen durch eine hohe, sehr dicke, mit einem Walle und starken Thüren versehene Mauer geschützt, welche zugleich die nach dem nördlichen Fort führende Straße, die von Norden herläuft, beherrscht. Die Haufttsestung hat drei Thore, von denen daS eine gegen Süden nach dem inneren Fort, das zweite gegen Nordwest in das zweite Fort führt, das dritte aber gegen Nordwest mit dein äußeren Walle in Verbindung steht. Die Auffahrt zum ersten Thore ist sehr lang, steil und schwierig; die von hier zu dem zweiten Thore führende Passage ist sehr schmal, dazu ist der Felsen an beiden Seiten des Weges ausgehöhlt und da dieser ganz um die westliche Seite des Forts herumläuft, so ist er auf einer langen Strecke dem Feuer dieser Forts ausgesetzt. Dieser Weg reicht aber nur bis an das Thor. — Der Zugang zu der nördlichen Pforte im äußeren Walle kommt von Norden und ist ziemlich eben. Trotz dieser Schwierigkeiten, welche die Lage und Bauart der Festung einer Belagerung und Eroberung entgegensetzten, gelang es dem Muthe und der Kriegskunst der Engländer doch, dieselbe am 44. December mit Sturm einzunehmen. Diese glänzende Eroberung machte aber auch dem Kriege ein rasches Ende. Der Rajah von Bcrar, welcher jetzt die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er den englischen Waffen nicht gewachsen sei und ihnen nicht zu widerstehen vermochte, und.überrascht durch die Schnelligkeit, womit General Wcllesley seine Bewegungen in dieser gebirgigen Gegend, in die der Krieg nunmehr verlegt worden war, ausführte, dachte ietzt an sein eigenes Nettungsmittcl, das einzige, was für ihn noch übrig geblieben war, nämlich die Bitte um Frieden. Er schickte, ohne die Vcistimmung seines Verbündeten Scindiah einzuholen, gleich nach dem Falle von Gawilghur einen Gesandten an General Wellesley, um den Frieden zu beantragen; die Unterhandlungen darüber waren schnell und entschlossen, wie es sowohl im Charakter Wcllcsley's, als in seiner Lage 209 als Sieger begründet lag. Am 16. Decbr. begann die Unterhandlung und schon am anderen Tage wurde sie zu einem FriedenS-tractate zwischen dem Najah von Berar und der englisch-ostindischen Compagnie abgeschlossen. Der Rajah mußte geloben, sein Bünbniß mit Scindiah und den übrigen verbündeten Mahrattenfürsten aufzuheben, keine Franzosen oder irgend andere Leute, welche einer mit England im Kriege befindlichen Nation oder Macht angehörten, in seine Dienste zu nehmen, desgleichen auch, ohne Genehmigung der englischen Regierung, keine englischen Unterthanen zu werben ober als Soldaten zu engagiren; — außerdem aber mußte er die Provinz Cuttak auf ewige Zeiten an die englische Compagnie abtreten. Dagegen gab man ihm die Festung Gawilghur und die anderen, auf dieser Seite gemachten Eroberungen zurück. Scindiah, dem nun lein Verbündeter mehr blieb und der keine weiteren Hülfsmittel mehr finden konnte, sah jetzt ebenfalls keinen anderen Ausweg mehr für seine eigene Enstcnz offen, als dem Beispiele des Rajah's von Bcrar zu folgen und Frieden zu fordern. Seinem, noch immer in dem Lager des Generals Wel-leslcy anwesend gebliebenen Gesandten theilte Scindiah nunmehr Befehle und Vorschriften zu, mittelst deren er die Friedensanträge zu einem möglichst günstigen Abschlüsse bringen sollte. General WeUeSley fteuete sich zwar der Geneigtheit Scindiah's, den Krieg zu beenden, nahm auch die Unterhandlungen sofort auf, gab aber auch zugleich die bestimmtesten Erklärungen, unter welchen unabänderlichen Bedingungen er den Frieden eingehen wolle und verlangte darüber auf der Stelle entscheidende und bündige Antwort. So entstand denn auch ohne Aufschub der Fri e denstractat der englischen Compagnie mit Scindiah, nach welchem letzterer alle seine Besitzungen im Duab, die Festung und den Bezirk von Baroach in der Provinz Guzerat, sowie noch mehrere andere Gebiete im Deccan abtreten mußte, sowie er auch gezwungen Van Mökern, Oftindie». II, 14 210 wurde, alle seine vermeintlichen Ansprüche an den Kaiser Allum Schah für alle Zeiten aufzugeben. — Endlich mußte Scindiah, gleich dem Rajah von Berar, sich verbindlich machen, keine Franzosen oder andere Europäer in seine Dienste zu nehmen. Auf diese günstige Weise endete für die Engländer ein Krieg, der unter anderen Umständen, wenn die Mahratten, bei ihrer un-verhältnißmäßigen Ueberzahl, mehr Taktik und die Engländer weniger Tapferkeit gezeigt hätten, für die englische Macht in Indien sehr bedenklich hätte werden können. MnklllldMiyigZteZ Kapitel. Dir Generäle Raymond und de Boigne Ich halte es für gerecht, zwei, in der ostinbischen Kriegsgeschichte hervortretende europäische Persönlichkeiten näher zu charakterisiren, welche, gerade weil sie sich, was namentlich von de Voigne gilt, in der eigenthümlichen Lage befanden, gegen manche andere Interessen wirksam zu sein und die europäische Herrschaft durch die Ausbildung indischer Fürstenmacht in Asien zu verzögern, auf die verschiedenste Weise beurtheilt worden sind, je nachdem Partciansicht und nationale Eifersucht jene Männer als Feinde betrachten mußten. Eine rein objective Charakteristik möge ihnen deßhalb, wenn auch lange Zeit nach ihrem Auftreten in der Geschichte Ostindiens, ein unverfälschtes historisches Urtheil sichern. General Raymond stand in den Diensten des Nizam'S Ali Khan und starb bereits im Monate Mai 1798 in Hyderabad; er war ohne allen Zweifel ein Mann, der durch seinen Unternehmungsgeist und seine ungewöhnlichen Talente sich zu einem so hohen Range und Vermögen emporgeschwungen hatte, wie es 14' 212 (mit Ausnahme be Voigne's) noch keinem anderen Europäer unter der Herrschaft indischer Fürsten möglich geworden war. Er war von Geburt ein Franzose, war in seiner Jugend nach Mysore gekommen und hier unter General Lally, der die französische Militainnacht Tiftfto Saib's befehligte, in Dienste getreten. Im Jahre 1789, also ein Jahr früher, als Tipfto seinen letzten, unglücklichen Krieg gegen die Engländer erneuerte, war er aus dem mysorischen Dienste ausgetreten und zu dem Nizam Ali Khan gegangen, der ihn auch sofort in seinen Kriegsdienst aufnahm und ihn beauftragte, ein Bataillon von 500 Seapoy's für den fürstlichen Schutz zu errichten. Raymond fand für diesen Auftrag.nur sehr geringfügige Mittel vor; es gelang ihm, mit großer Mühe dreihundert Mann zusammenzubringen, für die er die Waffen von einem französischen Kaufmann miethen und demselben für jede Muskete monatlich dreißig Sous bezahlen mußte; indessen gelang es ihm doch bald durch die unermüdlichste Thätigkeit dieses Bataillon bis auf 700 Mann zu bringen, und als bald darauf der Krieg gegen Tippo Saib ausbrach und der Nizam den Engländern als Vundespstich-tiger Truppen stellen mußte, führte auch Raymond sein kleines Corps in den Krieg und dieser fand bei verschiedenen Gefechten eine rühmliche Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Hierdurch stieg Raymond mit jedem Tage höher in der Gunst des Nizam; er vermehrte sein Corps bis auf 5000 Mann und verschaffte sich Waffen, indem er die zur Zeit in Pondicherry stattfindenden Waffen- und Munitions-Verkäufe benutzte und mit dem käuflichen Erwerbe dieser Gegenstände sein Corps vollständiger ausrüstete. So standen die Sachen, als Ali Iah, der Sohn des Nizam, sich gegen seinen eigenen Vater empörte. Dieser vertrauete die Bezwingung seines rebellischen Sohnes dein Günstlinge Raymond an und die ebenso schnelle wie nachdrückliche Ausführung dieses 213 schwierigen Auftrages erhob ihn auf die ungewöhnliche Stufe, welche er auch bis an seinen Tod behauptete. Er vermehrte sein Corps bis auf 15,000 Mann, mit Inbegriff einer vollständigen Felbartillerie, die mit Waffen, Munition und ganzer Ausrüstung, 600 Pferden, 6000 Trag- und Zugochsen, nebst vielen Elephanten und Kameelcn, sein persönliches Eigenthum war. Um dieses Corps zu unterhalten und zu besolden, hatte ihm der Nizam ein Iaghire von 52 Laks Rupien angewiesen, dessen Einkünfte durch Raymond's eigene Beamten erhoben und ihm eingehändigt wurden. Ueber die Größe seines persönlichen Soldes ist aber gar nichts Zuverlässiges zu ermitteln, nur weiß man, daß ihm unter Anderem der Nizam, außer der Summe, die er etwa als Sold empfangen haben mochte, noch ein besonderes Iaghire von 50,000 Rupien jährlich als Pahu Eoopary, d. i. Lehn, verliehen hatte, um, wie der Nizam dabei bestimmte, „dafür sich mit Betel und Arekanuß zu versehen." Unter den verschiedenen Beweisen von dcS Nizam's Gunst und Gnade, die Raymond sich durch die Bezwingung des rebellischen, fürstlichen Sohnes zugezogen hatte, befand sich auch die Ernennung zum Commandeur und Director der gesammten „Tope-konna", d. i. der ganzen Artillerie des Nizam. Raymond war aber nach allen Thatsachen ein ausgezeichneter Officicr; alle Personen, die seine Truppen gesehen hatten und noch als Augenzeugen befragt werden konnten, gestanden ein, daß seine Truppen von besonders guter Disciplin und im besten Zustande sich befunden haben, In seinem häuslichen Leben versammelte er Alles um sich, was ein im Mittelpunkte von Hindostan leben-der Europäer an europäischem Lurus sich nur mit Gelbe zu verschaffen vermochte, namentlich gefiel er sich in dem militairischcn Pompe, worin er die Pracht cincS Fürsten nachahmte. Nach seinem Tode wurde General Perron sein Nachfolger, über den bereits mehrfach die Rede gewesen ist. 214 Folgende Begebenheit kann zugleich den Beweis liefern, wie hoch im Allgemeinen der Charakter der Europäer in Hindostan geachtet wird. Der schon früher genannte Finanzminister von Poonah und erste Minister des gesammten Mahrattcmeiches, Nana Furna-vese, ein alter, erfahrener Staatsmann, der beste seiner Zeit vielleicht in ganz Indien, ein ebenso feiner, als listiger Kopf, wurde im Monate December 1797 von seinem Todfeinde Scindiah überlistet und gefangen genommen, weil er, wie man ihm Schuld gab, dem Ehrenworte eines Europäers zu viel Vertrauen geschenkt habe. — Nämlich nach den feierlichsten Versicherungen und Bestätigungen eines Friedens- und Freundschafts-Tractates, der zwischen Nana Furnavcse und Dowlut Rao Scindiah Bahadur geschlossen wurde, in welchen ein gewisser Major Filoz e, ein Italiener, welcher die aus vier Bataillons bestehende Leibwache Scin-diah's commandirte, nicht nur mit einbegriffen war, sondern dessen pünktliche Erfüllung er auch mit seinem Ehrenworte verbürgt hatte, ließ stch Nana überreden, seinen bittersten Feind zu besuchen; er traucte zwar den feierlichen Bethcuerungen Ecinbiah's nicht, wozu er gerechten Grund haben mochte, aber die Verpfändung des Ehrenwortes von Seiten des Major Filoze und der Schwur, daß ihm nichts Ucbles widerfahren solle, überwanden das Mißtrauen des sonst so vorsichtigen Staatsmannes. Es gereichte allerdings den Europäern zur Ehre, daß einer der listigsten und feinsten Minister, den Hindostan gehabt hat, sich auf das verpfändete Ehrenwort eines Europaers so sehr verließ, daß er seine Macht, seine Reichthümer, selbst sein Leben den Handen seines bittersten Feindes anvertrauen mochte; aber dieses Zutrauen wurde auf das Schändlichste mißbraucht und betrogen, denn als Nana Furnavcse am 20. des Monats Rajub (December) ohne Furcht und Besorg-niß seinen Besuch bei Scinbiah abstattete, wurde er von zwei 215 Bataillons des Major Filoze auf widerrechtliche und ehrlose Weise gefangen genommen, und ob nun dieser Major selbst hintergangen worden war, oder ob er die politische Biegsamkeit der italienischen Schule mit nach Indien gebracht hatte, genug, er versetzte dem guten Ruft und Glauben des europäischen Namens einen empfindlichen Stoß. General Raymond, hierdurch empört, schrieb noch kurz vor seinem Tode, am 13. Januar 4798, in dieser Angelegenheit einen Brief an dm Major Filoze, der aber von Scindiah unterschlagen wurde, jedoch wörtlich folgendermaßen lautet: „Mein Herr! „Die Gesangennchmung von Nana Furnavese, welche ich „soeben erfahre, veranlaßt mich, an Sie zu schreiben. Ihr „guter Ruf ist zu allgemein bekannt, als baß man glauben „dürfte, Sie hätten persönlichen Antheil an der Verletzung eines „Tractats genommen, dessen Bürgschaft und Ausführung Sie „beschützen und heilig halten sollten. Nichtsdestoweniger lauft „das allgemeine Gerücht herum, dieser unglückliche Minister sei, „dem Völkerrechte zum Trotz, und in offenbarem Widersprüche „mit einem beschworenen und abgeschlossenen Tractate, dessen „Bürge Sie sind — gefangen genommen worden. „Ich habe kein anderes Interesse an dieser Sache, als das, „welches ich für jeden Europäer fühle, dessen guter Ruf mir „theuer ist, denn wir haben bis jetzt noch kein Beispiel gehabt, „daß ein europäischer Ofsicier seinen Schwur gebrochen hätte. „Ich sehe ein bedeutendes Gewitter sich aufthürmen, das ohne „Iwcifel bald über Dowlut Rao Scinbiah zu seinem großen „Verderben hereinbrechen wird. Der Nawaub Nizam Ali, die „Engländer, Nagogec Boonsla (ein mahrattischer Fürst) und „selbst Sultan Tippo werben sich vereinigen und zusammen „mehr als genug sein, um Nana Furnavesc die Freiheit wieber „zu verschaffen. Wenn also Ihr Ansehen oder (da Sie doch 216 „der Bürge des Tractates sind) Ihre verletzten Rechte etwas „dazu beitragen können, dem Minister die Freiheit wieder zu „verschaffen, so kann ich Ihnen nicht sagen, wie viel Ehre „Ihnen dieses Verfahren machen wirb und wie groß die Vortheile sein werden, die Sie daraus ziehen können. „Wenn Sie in diesen Plan eintreten können oder wollen, „so bin ich im Stande, Ihnen ein Viertel mehr anzubieten, als „AlleS, was Sie von Scindiah bekommen, und ein Iaghire „von einem Lak Rupien obencin. Ich werbe mich bald nach „den Grenzen begeben und bann werden wir im Stande sein „können, unsere Corresponded einzuleiten. „Verbrennen Sie diesen Brief, wenn er Ihnen nicht anständig ist, aber schreiben Sie mir. Raymond." Dieser Brief charakterisirt vollkommen die Person und Gesinnung des Generals. General Benoit de Boigne ist in Savoyen von ehrbaren, aber armen Eltern geboren; er widmete sich anfänglich dem Dienste seines Fürsten, aber schon früh erwachte der Ehrgeiz in ihm, eine andere Stellung in der Welt zu erringen, als ihm seine Geburt und Heimat!) angewiesen zu haben schien. Er trat in französische Dienste und wurde als Fähnbrich in die irländische Brigade aufgenommen. Ein unbekannt gebliebenes Ereigniß veranlaßte ihn, auch diesen Dienst bald wieder zu verlassen und man findet seine Spur in der russischen Armee wieder, in welcher er als Fähndrich im Kriege gegen die Türken diente. In einem Gefechte an der türkischen Grenze wurde er gefangen genommen, nach Constantinopcl gebracht und für fünfzig Thaler als Sclave verkauft. — Am Ende des Krieges kauften ihn seine Eltern los, er ging nun nach Petersburg, wo er die Auszeichnung genoß, der Kaiserin vorgestellt zu 217 werben, die ihm in guter Laune baS Prognostikon einer großen Zukunft vorhergesagt haben soll. In Petersburg machte er die Bekanntschaft des Lords Macartney, des damaligen englischen Gesandten am russischen Hofe, und zugleich gab ihm die Kaiserin für die in ihrem Dienste ausgestandene Sclaverci eine Lieutenantsstelle zur Belohnung. Nunmehr wurde er auf einen russischen Posten im Archipelagus geschickt, wo er das Glück hatte, mit der von ihm befehligten Escorte den Lord Percy auf einer Reise über die griechischen Inseln begleiten zu müssen. Dieser Umstand wurde der Anfang seiner künftigen Laufbahn. — De Boigne wußte zwar selbst noch nicht, welches weitzie-lenbe Glück hinter seiner Bekanntschaft mit Lord Percy verborgen lag und dieser mochte wohl selbst nicht an die Möglichkeit der späteren Erfolge denken, als er ihm ein Empfehlungsschreiben an den Lord Macartney, der nunmehr Gouverneur von Madras war, und an den bekannten Hastings, den General-Gouverneur von Bengalen, mitgab. Diese Briefe wurden aber Schuld, daß der Lieutenant der kleinen Neise-Escorte Percy's zu einem Manne emporwuchs, der Königreiche erobern konnte, die größer als das Gesammtengland sind. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er bereits, als er sich diese Briefe zu verschaffen wußte, im Stillen mit dem Gedanken beschäftigt gewesen war, seinen Drang nach Ehre und Weltstellung in dem Lande der Reichthümer und abenteuerlichen Unternehmungen, in Indien, zu befriedigen und hier zu suchen, was das eu-wpäische Leben in seinem Mechanismus, das die Entwickelung der einzelnen Begabten nur zu allgemein durch Vormtheil und Beschränkung lahmt, nicht zu finden gestattet. Der Ehrgeiz ist die Triebfeder aller ungewöhnlichen Carrieren talentvoller Menschen und de Boigne besaß denselben in einem hohen Grade; sein ganzes Leben war eine Reihe ehrgeiziger Pläne gewesen, sein Geist 218 strebte immer nach den glanzenden Höhen des Glückes und jede Stufe, die er erklimmte, war cin Sporn, um mit kühner Beharrlichkeit auf seiner Bahn fortzuschreiten. Das aber gehört dazu, um es zu etwas Außergewöhnlichem zu bringen, diesen Ehrgeiz begreift das engherzige, deutsche Philisterthum nicht, der Orientale, der Südländer weiß ihn richtiger zu würdigen. Als deVoignc die vorhin bezeichneten Briefe empfangen hatte, ging er noch einmal nach Petersburg und machte der Kaiserin durch ihren Minister den Vorschlag, eine Reise nach Indien zu unternehmen und durch Caschmir, die Tartarci, längs den Ufern des caspischcn Meeres nach Rußland zurückzukehren. Kaiserin Catharine, welche immer gern unternehmende Reisen begün< stigte, gab dem Vorschlage de Boignc's ihren vollen Beifall und ertheilte ihm vor seiner Abreise das Patent als russischer Capitain. — Als de Boigne im Jahre 1780 in Madras angekommen war, trat er mit Genehmigung der englisch-ostinbischcn Regierung in die Dienste des Nabob von Arcot als Fähndrich ein. Sein Vorhaben bei diesem Schritte ist schwer zu errathen, wenn man nicht annehmen will, baß er durch diese scheinbare Unbedcutcndheit der angenommenen Stellung seine eigentlichen, höheren Pläne habe verstecken wollen. Er verharrte jedoch nicht lange in dieser Stellung, die seinen Fähigkeiten, wie seinem Ehrgeize so wenig angemessen war. Er äußerte oft, daß ein allmäliger, stufenwciscr auf die höheren Posten führender Dienst ihm nicht gefallen könne, und bereits im Jahre 1782 begab er sich von Madras nach Calcutta, wo er sein Empfehlungsschreiben an Lord Hastings, das ihm Lord Percy mitgegeben hatte, abgab; dasselbe wurde vom Gouverneur mit aller Achtung gegen den Aussteller der Empfehlung aufgenommen, indem Hastings dem jungen Mann alle Aufmerksamkeit erzeigte. De Boigne entdeckte nunmehr dem Gouverneur die Absicht seiner Reise und den Plan, zu Lande nach Rußland zurückzukehren, 219 verschwieg ihm aber klüglich, daß er unter besonderer Begünstigung der Kaiserin Catharine gereist sei. Hastings gab ihm deßhalb, zur Unterstützung seiner weiteren Reise, die nur eine Reise zur Ausbildung und Erweiterung der Kenntnisse erschien, ein sehr warmes Empfehlungsschreiben an ben Nabob und zugleich den englischen Residenten in Lucknow mit. Als de Boigne in dieser Residenzstadt eingetroffen war, wurde er dem Nabob persönlich vorgestellt und empfing einen „Khclat", den er alsbald für 6000 Rupien verkaufte, und außerdem noch, als eine Unterstützung zu seiner vorgegebenen, wissenschaftlichen Reise, eine Anweisung auf 6000 Rupien auf Caschmir. Für diese Summe kaufte er einige Waffen, Kleidungsstücke und andere Bedürfnisse, reiscte dann aber nach Agra und trat hier in den Dienst des Rajah von Ieypore, der ihm einen monatlichen Sold von 2000 Rupien gab. — Kaum hatte aber der Gcneralgouverncur Hastings dieses erfahren, als er ihm den Befehl zukommen ließ, sofort nach Calcutta zurückzukommen. Obgleich nun de Boigne nicht unter der Botmäßigkeit des englischen Gouverneurs stand, also keine Verpflichtung hatte, den Befehlen desselben zu gehorchen, so hoffte er aber durch freiwilligen Gehorsam sich in der Gunst Hastings' noch mehr zu befestigen, verließ den Nabob von Ieyporc, reisete wieder hinunter nach Calcutta und erfuhr hier, daß er geheim verdächtigt worden sei. Er wußte sich aber gegen alle Beschuldigungen, die man seinen Absichten untergeschoben hatte, zu rechtfertigen und erlangte darauf vom Gouverneur die Erlaubniß, nach Lucknow zu-zückkchren zu dürfen. Er hatte sich etwas Geld erübrigt und dadurch erwachte ein Nival seines Ehrgeizes, der für den Augenblick mächtiger als der letztere wurde, nämlich das Verlangen, Geld zu gewinnen. Er legte in Lucknow einen Tuchhandel an und machte darin glückliche Kaufmannsgeschäfte. Mancher Andere würbe diese Lage, die mit Glück und Bequemlichkeit verbunden war, gern gegen alle ungc- 220 wisse Ghren der Zukunft behauptet und hier ruhig fortgelebt haben, aber de Boigne's Geist arbeitete während dieser scheinbaren Gemächlichkeit unruhig an der Verwirklichung seiner geheimen Plane, die er auch später zur Ausführung brachte. Im Jahre 1784 begab er sich abermals nach Agra und, um den hindostanischen Fürsten seine militairischcn Talente zu zeigen, schlug er dem damaligen unglücklichen Nana von Ghodc, der zur Zeit von Madajee Scindiah bekriegt und belagert wurde, einen Vertheidigungsplan für dessen Festung vor. Dc Boigne bot dem Nana an, daß er, wenn man ihm eine Summe Geld schicken wolle, in Agra 1000 Mann, in Ieypore 1000, in Delhi 2000 und in der Nachbarschaft von Ghodc selbst 1000 Mann anwerben könne; diese Truppen sollten dann in aller Stille und mit aller möglichen Vorsicht an einem bestimmten Orte auf der Gcbietsgrenze des Nana sich versammeln, Scinbiah im Rücken angreifen und dadurch die Festung von Ghode entsetzen. Dieser Plan würde wahrscheinlich gelungen sein, wenn die Correspondenz zwischen dem Nana und dc Voigne nicht in die Hände Scindiah's gefallen wäre. Diesen Umstand betrachtete de Boigne damals als ein großes Unglück für die Pläne seiner Laufbahn, aber gerade diese aufgefangenen Briefe wurden sein Glück. Scindiah erkannte aus dem Plane, welchen de Boigne für den Nana entworfen hatte, sehr bald den talentvollen Mann, den er selbst für seine Absichten gebrauchen konnte, und faßte eine so hohe Meinung von dc Boigne's militairischen Fähigkeiten, seiner kecken und unerschrockenen Entschlossenheit, daß er einen gewissen Anderson, der gerade englischer Resident an Scindiah's Hofe war, um Rath fragte, ob er wohl den fremden Europäer in seine Dienste nehmen solle. De Boigne hatte sich von Calcutta aus bereits für alle möglichen Fälle auch mit einem Empfehlungsschreiben an Anderson versehen; sowie er erfuhr, daß Scindiah jene Absicht geäußert hatte, schickte er seinen Empfehlungsbrief an den englischen 221 Residenten, der ihn sofort einladen lief, zu ihm zu kommen. Die persönliche Bekanntschaft begünstigte die gute Meinung und Anderson stellte ihn dem Scindicch vor, der ihn auch wirklich engagirte und ihm das Commando über zwei Bataillons regelmäßiger Infanterie übertrug, die er aber erst selbst errichten und nach europäischer Kriegskunst disciplinirm sollte. So befand sich denn de Boigne auf der Schwelle zu der hohen Laufbahn, die seinen Plänen von Anfang an vorgeschwebt hatte. Er erfüllte seinen Auftrag so vollständig, daß Scmdiah, der ihn mit aufmerksamster Beobachtung verfolgte und längere Zeit sein Wirken prüfte, die Ueberzeugung gewann, daß er nur mit regelmäßigen, von europaischen Officierm befehligten Truppen seine Feinde überwinden und die immer mehr ausgedehnten Provinzen des zerstückelten Reiches, das dem Timur'schm Geschlechte angehörte, erobern und behaupten könne. Er hatte mit Erstaunen gesehen, wie zwei kleine, einzelne Bataillons, von de Boignc angeführt, in den Schlachten von Lallsort, Chaksana und Agra (4784 bis 1789) das nach indischen Vorstellungen Unglaubliche auszurichten vermocht hatten, indem zahlreiche Armeecorps vor dem Kartätschcnfeuer und den Bajonetten dieser Häuflein disciftlinirter Truppen hatten fliehen müssen; Scindiah willigte deßhalb mit Bereitwilligkeit ein, diese Truppengattung auf sechs und bald nachher auf sechzehn Bataillons nebst einem Artillericpark von achtzig Kanonen zu vermehren, eine Macht, die groß genug war, um jeden Fürsten in Hindostan zu überwältigen. Die erste Gelegenheit, bei welcher diese Truppen gebraucht wurden, hatte ein für Scinbiah ebenso wichtiges wie für dc Boigne ruhmvolles Resultat; es war in der Schlacht bei Mairta, im Jahre 1790. De Boigne hatte nur acht Bataillons, jedes von 700 Mann stark, im Felde, aber an 40,000 Rattores, (ein Najepoot-Stamm, der wegen seiner wilden Tapferkeit berüchtigt und gefürchtet war) gegen sich. Nach einem hartnäckigen und 222 blutigen Kampfe errang de Boigne endlich den Sieg und eroberte dreißig Kanonen. Bald nachher, in dem nämlichen Jahre und mit den nämlichen Truppen schlug de Voigne den seither immer siegreichen Ismacl Beg, der mit 50,000 Patanen ihm bei Patun gegenüberstand. Diese Schlacht dauerte von neun Uhr Morgens bis in die Nacht, und wenn man die bedeutende Zahl der Gegner und den großen kriegerischen Ruf ihres Anführers erwägt, so kann man diese Schlacht als die hartnackigste, aber auch glorreichste bezeichnen, welche de Boigne jemals gewonnen hat. Seine Truppen richteten ein großes Blutbad unter den Feinden an und nahmen ihnen siebmzig Kanonen. Im Jahre 4792 schlug er Tookojee Hollar's Armee bei Lukhairce, die theils von Holkar selbst, theils von einem Ritter Dubren6e angeführt wurde, der in Holkar's Armee vier Bataillons Seapoy's und eine unzählige Menge unregelmäßiger Infanterie und Mahratten-Reiterci commandirtc. Seine Linien wurden durch drei, von be Boigne gebildete Bataillons und 500Rohilla's durchbrochen, alle europäischen Officierc in Dudrenöe's Division wurden verwundet oder getödtet, und Dudrenck selbst entkam nur mit Mühe. Eine andere bedeutende Schlacht wurde 1793 bei Canond von vier der von de Boigne gebildeten Bataillons gegen Ismael Beg geliefert; derselbe hatte 25,000 Mann und 30 Kanonen bei sich und wurde binnen zwei Stunden gänzlich aus dem Felde geschlagen mit Verlust aller seiner Kanonen, und er mußte sich mit seinen flüchtigen Truppen in das feste Fort Canond retten. Jene vier Bataillons wurden von Perron befehligt, der damals noch Haufttmann unter General dc Boigne war. Derselbe belagerte auch Canond nach der Schlacht und zwang den hierher geflohenen Ismael sich zu ergeben. Diese Skizze von der kriegerischen Lausbahn dc Voigne's kann 223 daS große Glück beweisen, das er als Soldat hatte, da er zu den Wenigen Heerführern gehört, die von sich sagen dürfen, niemals eine Schlacht verloren zu haben. Er befehligte zuletzt eine Armee von 16 Bataillons Seapoy's, 7 Bataillons Najecbs (Luntenflinten-Träger), jedes Bataillon zählte, mit Inbegriff der Artillerie, 700 Mann, und außerdem hatte er noch 4000 Sebundee's, 1200 Mann regelmäßige Cavallerie und einen Artilleriepark von 100 Kanonen. Seine Seapoy's waren wie die englischen bekleidet, bewaffnet und disciplinirt, und durchgehendS von europäischen Of-ficieren angeführt. Die NajeebS hatten Luntenstinten mit Bajonetten und ebenfalls europäische Officiere, überhaupt bm Seapoy's ziemlich gleich eingeschult; immer erhielt sich dieses Corps den Ruf der Tapferkeit und des Muthes. Die Cavallcrie war gut beritten, 700 Reiter hatten Luntenstinten und Säbel, 500 aber Carabiner, Pistolen und Säbel, und Alle waren an baS europäische Exercitium gewöhnt. De Boigne war ein Krieger und Befehlshaber durch Naturanlage; seine militairischen Schulkenntnisse waren unbedeutend, doch verstand er gut Latein und sprach, schrieb und las mit Geläufigkeit die französische, englische, persische und indische Sprache; er war recht tüchtig belesen und ein genauer Beobachter der Menschen. Sein Benehmen war leutselig und gefällig, in seinen Sitten streng und entschieden, in seinen Beschlüssen standhaft und consequent in der Ausführung. Er beherrschte seine Leidenschaften ohne alle Ausnahme, er kannte die Spitzfindigkeiten der italienischen Schule und besaß eine vollkommene Kenntniß der orientalischen Intriguen. Auf dem großen Kriegsschauplätze, wo er über zehn Jahre lang eine glänzende Rolle gespielt hat, war er gefürchtet und geliebt zu gleicher Zeit; in der letzteren Zeit flößte schon sein Name mehr Schrecken ein als der Donner seiner Kanonen — er wird in Indien nie vergessen werden. — Als Befehlshaber war seine Gerechtigkeitsliebe groß, er hielt 324 einen glücklichen Mittelweg zwischen Strenge und Milbe, er besaß die seltene Kunst, das Vertrauen der Fürsten und der Unterthanen gleichzeitig zu gewinnen, was gewiß eine schwere Aufgabe ist, er war unbeschreiblich thatig und ausharrend; er stand jeden Morgen mit der Sonne auf, besichtigte dann seine Karkhana (Artillerie), musterte seine Truppen, warb Rekruten an, leitete die Manoeuvres von drei Brigaden, schaffte überall Hülfsqucllm, ermunterte seine Waffen-, Munitions- und andere Fabriken, die er angelegt hatte, durch persönliche Aufmerksamkeit, sorgte für jegliche Art von Kriegsvorräthen, hielt Reden in seinem Dmbar, gab den Gesandten und den Vakeel's Audienzen, verwaltete die Gerechtigkeit, ordnete die Civil- und Finanzsachen seiner Iaghire von 30 Laks, las eine Menge Briefe aus den verschiedensten Gegenden und über die wichtigsten Angelegenheiten, dictirte die Antworten, betrieb ein verwickeltes System von Hofintrigum an den verschiedenen Höfen, fühlte die Oberaufsicht über einen Privathandel vom Betrage vieler Laks, führte seine Rechnungen, seine Privatcorrespondenz, leitete und förderte auf diese Weise eine äußerst verwickelte, politische Maschine, die durch seine unermüdlichen Anstrengungen vorwärts geschoben wurde. Und alles dieses that er ohne irgend einen europaischen Gehülfen, denn er war zu vorsichtig, und in den Personen, denen er sich anvertrauete, sehr behutsam in der Wahl. — Er pflegte zu sagen, daß jede ehrgeizige Person, die sich einem Anderen anvertraue, die Zerstörung seiner Ansichten erwarten dürft. Dieses waren seine mühsamen Beschäftigungen vor Sonnenaufgang bis nach Mitternacht, und nicht etwa für diesen oder jenen Tag, sondern daS tagtägliche Geschäft einer Reihe von Jahren. Obgleich er die festeste und kräftigste Lcibcsconstitution hatte, welche die menschliche Natur jemals hervorgebracht hat, so wurde sie doch durch das Uebermaß seiner unerschöpflichen Thätigkeit und großen Arbeitslust allmälig angegriffen und geschwächt. Er verließ seinen 225 hohen Posten unter dem Schwächegefühle angehäufter körperlicher Beschwerden und einer verhältnißmäßig geringen Belohnung, denn außer seinem persönlichen Ruhme nahm er nur ein Vermögen von einer halben Million Pfund Sterling mit. Dafür hatte er aber auch das Loos seiner Soldaten im Sinne gehabt und ihnen die Belohnung für treue Dienste nicht versagt, die bei indischen Fürsten gerade nicht anerkannt zu werben pflegten. Er führte bei seiner Armee die menschliche Anordnung ein, daß jeder Ofsicier und Soldat, der verwundet wurde, ein Geschenk an Gelde bekam, das der Gefahr und Bedeutung der Wunde angemessen war, daß ferner die Invaliden seiner Truppen als lebenslängliche Pension die Hälfte ihres Soldes und eine kleine Portion Land erhielten, daß die Verwandten der verstorbenen Soldaten die hinterlassenen Effecten empfingen, Alles neue Einrichtungen, welche die Soldaten an ihn fesseln mußten und manches Leben erheiterte. ^ Nach Majahee Scindiah's Tode und nach der Thronbesteigung des Nachfolgers Dowlut Rao Scindiah vermißte de Voigne die gewohnte Harmonie mit dem Fürsten, wie er sie bei seinem alten Gebieter gewohnt war; er zog sich auf seinen Ia-ghire zurück, bis er endlich 1798 nach Europa, in sein Vaterland heimzog. In dem Commando der Armee folgte nun Obrist Perron, ein Franzose, der mit Admiral Suffrein als Scccadet nach Indien gekommen war und unter de Boigne einige Jahre lang ein Bataillon befehligt hatte. Van Mökern, Oftindicn, II. 15 SchZMMyMtes Kapitel. Ostindisches Iagdleben. Es giebt gewiß keine angenehmere Lustftarthien, als diejenigen sind, welche von der gebildeten, englischen Gesellschaft in Bengalen zum Zwecke der Jagd veranstaltet werden. Namentlich war von jeher die angenehme Gegend, welche in einiger Entfernung vom Fort William liegt, besonders reich an Wild jeder Gattung und es wurde deßhalb vorzugsweise von Iagdliebhabern heimgesucht. Man pflegt dazu die Zeit zwischen den Monaten November und März zu wählen, denn gerade in dieser Jahreszeit ist das Klima am Günstigsten, die Temperatur höchst angenehm, die Luft ruhig und klar, der Himmel fast ununterbrochen wolkenleer. Eine größere Jagdgesellschaft richtet sich aber zu einer Par-thie dieser Art gehörig ein und hat die umständlichsten Vorbereitungen nöthig. — Man bestimmt zunächst einen auserwähltcn, hübschen und einladenden grünen Platz, der im Schatten des Waldes und nahe bei einem Gewässer liegt, um hier das Iagdlager zu errichten. Zu diesem Zwecke borgt oder miethet sich die Gesellschaft Elephanten und Kameele, kleine Karren, Tragochsm und Coolie's, d. h. 227 Träger, welche man jeder Zeit für sehr mäßige Preise haben kann, um die Zelte, wie andere Jagd- und Bequcmlichkeitsbedürfnisse nach dem ausgewählten Platze zu transftortircn. Irgend einer der befehligenden Officiere dieser Gegend wirb dann angesprochen, eine militairische Wache oder Escorte von Seaftoy's herzugeben, was immer mit Bereitwilligkeit erfüllt wird, da die Gesellschaft sich dieses bewaffneten Schutzes bedient, um im Falle des Hereinbrechens reißender Thiere gesichert zu sein, denn in allen Districtm, wo der Wildstand bedeutend ist, findet man auch immer die Raubthiere zahlreicher versammelt. Vor fünfzig Jahren hatten die Jagdgesellschaften diese Seapoy's namentlich auch zum Schutze gegen Räuberbanden nöthig, die in Bengalen umherstrciften und manche ungeschützte Jagdgesellschaft ausgeplündert haben. Die Jagdgesellschaft bezieht förmlich ein Lager; die großen von derselben bewohnten Zelte werden gewöhnlich in einem Kreise aufgeschlagen, während diejenigen Zelte, welche für die Dienerschaft und die Bewachung bestimmt sind, rings um diesen Kreis gestellt werden und denselben einschließen. Jedes Zelt, das für eine Dame eingerichtet ist, hat drei Abtheilungen, einen Bettraum, einen Toilettenraum und ein Boudoir; der Boden wird mit Teppichen oder Rohrmattm belegt und, damit der Regen, der eintreten könnte, nicht in das Zelt dringen kann und die Sonnenstrahlen abgehalten Werden und eine größere Kühlung erhalten wird, besteht jedes Zelt aus einer doppelten Bedeckung. Die Ocffnungen, welche demselben als Thüren und Fenster dienen, werden mit Matten behängt, die aus einem wohlriechenden Grase geflochten sind und bei heißer Witterung beständig an ihrer Außenseite mit Wasser begossen werden. Es ist dieses Kühlungsmittel indessen selten erforderlich, da um diese Jahreszeit die Temperatur gewöhnlich eine gemäßigte, angenehme Wärme innehält. - Mit dcmNuym verbindet die englische, vornehme Welt aber auch bmLurus, denn jedes Zelt ist in feinem Inneren mit den schönsten Zitzstoffen, oft sehr kostbar gefüttert. 15" 228 Für Lieferung der nöthigen Lebensmittel tragen die Mitglieder einer solchen Jagdgesellschaft nicht weniger Sorge. Ist der ausgewählte Lagerplatz gerade nicht in der Nähe eines Dorfes gelegen, so sorgen die einzelnen Familien, die zur Parthie gehören, für ihren Bedarf; sie miethen zu diesem Zwecke „Banyanen", d. i. Haushofmeister, welche grösitcntheils Gemüselrämer sind, und die Gesellschaft begleiten müssen. Diese Leute ergreifen gern eine solche Gelegenheit, um einen kleinen Nebengewinn zu verdienen, und liefern alle nöthigen Lebcnsmittcl, während die Familien ihre Weine und verschiedenen Getränke selbst mitzubringen pflegen. Bei solchen Iagdauszügen erscheinen die Herren zu Pferde, um in der galantesten Form die Damen nach dem Versammlungsorte zu begleiten. Die Damen nebst ihren Zofen reisen dabei gemächlich in zierlichen Palankeen's (indischen Tragscsseln) und, wo der Weg es gestattet, in offenen, englischen Wagen. Hat nun die Gesellschaft von ihren Zelten Besitz genommen und ist die Iagd-belustigung eröffnet, so fängt sie mit Tagesanbruch an und vertreibt den Morgen damit, Eber, Wölfe, Antilopen, Moschusthiere, Damhirsche, rothe und andere Rehe, Hasen, Füchse und Schakal's zu jagen. Außer dem gemeinen rothen, dem gefleckten und dem mäusefarbencn Rehe giebt es noch zehn bis zwölf andere Gattungen; wilde Schweine werden gewöhnlich in den neu angebaueten Landstrichen und in den Zuckcrrohrpflanzungcn gesunden, und ihr Fleisch ist hier gerade am Schmackhaftesten. Wölfe und Schakal's sieht man bei Tagesanbruch um die einsameren oder entlegeneren Dörfer herumschleichen, von wo sie sich dann in die Wälder, in ihre Höhlen, oder in die Ebenen, in Gruben und Schluchten zurückziehen. Die Hasen lagern sich ebenso wie in Europa. Das kleine Reh, das Moschus- oder Visamthicr und das gewöhnliche Reh verstecken sich in das dickste und höchste Gras, die Antilope und der Hirsch durchstreifen die Ebene. Alle diese Thiere begeben sich jedoch in die „Jungle" (so 229 nennt man nämlich das sieben bis acht Fuß hohe dicht verschlungene und fast undurchdringliche Gras, das überall auf unbe-bauetcn Landstreckm wächst), um zu weiden, oder um Beute zu machen. Aber einem so wildrcichen Lande wie Indien, kann es auch an reißenden Thieren nicht fehlen. Die hauptsachlichsten und gemeinsten Raubthicre, denen man hier begegnet, sind der große bengalische oder königliche Tiger, der Leoparde, der in mehreren Gattungen vertreten ist, der Panther, die Tigerkatze, der Bär, der Wolf, der Schakal, der Fuchs, die Hyäne; außerdem giebt es hier das Rhinoceros, das aber nicht den Menschen gefährlich ist. — Wildpret und Raubthiere werden auf der Jagd vorgenommen; die Jäger schießen aber auch reichlich Geflügel, welches das Land in großer Auswahl darbietet; namentlich macht man Jagd auf Rebhühner, Felsm-Nebhühncr, Hmrial's oder grüne Tauben, Wachteln, Brachvögel, wilde Hähne und Hühner, Kibitze, schwarze, weiße und graue Pfauen, Florekin's, Störche von verschiedenen Gattungen und Farben, Wasserhühner, brahmimsche Gänse, Kraniche, wilde Gänse und Enten, Kriech-Enten, Pfeif-Enten, Wasserschnepfen und anderes Wassergeflügel in großer Zahl, von den seltsamsten Gestalten und glänzendsten Farben, wovon oft die Oberflächen des Wassers ganz bedeckt erscheinen und die im Ausstiegen oft die Luft verfinstern. Die Füchse sind klein, von zartem Glicderbau, mit feinen, braunen Haaren bedeckt und haben keinen starken Geruch, da sie sich größtcntheils von Getreide, Früchten, überhaupt Vegctabilien ernähren. Sie sind äußerst geschwind und gewandt, aber nicht stark und dauerhaft. Die Schakal's sind etwas größer als die europäischen Füchse, aber von brauner Farbe und schwerfälligem Bau, auch ist ihre Nase stumpf; sie gleichen dein Wolfe mehr als dem Fuchse und werden deßhalb auch Goldwölfc genannt. Sie sind m großen Horden vorhanden. 230 Von den Rebhühnern giebt es verschiedene Gattungen, eine mit weißem Untcrlcibe, eine andere, die dem Haselhuhn gleicht, aber mehr gesprenkelt ist. Auch von den Kibitzen giebt es hier mehrere Arten. Wenn die Witterung recht warm ist/ sieht man große Schwärme von Ortolancn über die Ebenen streichen. Fasanen findet man in Bengalens Wäldern fast nur an den Grenzen von Assam, bei Chittagong, sowie in den Bergen, welche Hindostan von Naupaul und Tibet trennen. Dort aber, besonders in der Umgebung von Moorung, sowie in Bctiah, sind sie groß und schön, man trifft dort den Gold- und den Silberfasan, den gefleckten, azurblauen, braunen und pfauenaugigen; dagegen giebt es Pfauen überall in vielen Arten und in erstaunlicher Menge. Aus den Wäldern von Hindostan stammt sicherlich das gemeine, zahme Haushuhn her, das in Europa allgemein ist, denn man trifft sie hier in den indischen Wäldern und Landstrichen fast m jedem Gebüsche. Sie unterscheiden sich aber von ihrer zahmen Generation Europa's dadurch, daß das Fleisch an ihrem Körper braun, das der Schenkel aber weiß ist, also umgekehrt wie beim zahmen Huhne. Die Hähne sind immer von einerlei Farbe, nämlich dunkclroth, sie haben einen sehr stolzen Gang und viel Kampflust; die Hühner sind alle braun. Es ist sehr unterhaltend, wenn man frühmorgens durch die Walder reiset, diese große Zahl Hähne krähen zu hören, ihren stolzen Spaziergang und ihre Gefechte anzusehen, während die Hennen mit ihren Küchlein zwischen Bäumen und Gebüschen umhcrschlcichen. Sie werden aber wenig gejagt und gegessen, da ihr Fleisch weder so zart noch schmackhaft ist, wie das der zahmen Hühner. — Die Florekin's halten sich in hohem Grase auf natürlichen Wiesen, am Rande von Seen und Teichen auf; deßhalb hat ihr Fleisch Aehnlichkcit mit dem der wilden Ente und des Fasans; das Fleisch von Brust und Flügeln ist braun, das der Schenkel weiß, das gesammte Fleisch aber in hohem Grade zart, saftig und schmackhaft, wie man es selten bei 231 anderem Geflügel findet, weßhalb man auch gern Jagd darauf macht. Die Höhe des männlichen, bengalischen Florckin ist, wenn er steht, vom Vodm bis auf dm Rücken vierzehn Zoll und bis zum Kopfe, wenn er ihn aufrecht halt, siebenundzwanzig Zoll. Waldschnepfen giebt es im südlichen Asien nirgends. Unter den Wasserschnepfen, von denen viele verschiedene Gattungen vorkommen, giebt es namentlich eine Art, welche man die „bemalte" nennt und größer ist, als alle übrigen und die Waldschnepfe völlig ersetzt. — Derjenige Theil der Jagdgesellschaft, welcher nicht auf Wilb-pret schießen oder sich erholen will, vertreibt sich die Zeit mit Fischen, sowohl mit der Angel wie verschiedenen Arten von Netzen; viele Mitglieder der Parthie begnügen sich aus Liebhaberei mit der Nachstellung von Hasen, Reihern, Kranichen, Störchen mittelst abgerichteter Falken. Für die Rebhühner und das kleinere Geflügel gebraucht man den Finkenfalken, oder andere kleine Falken« arten. Einige Damen schließen sich immer der frühen Jagd an, und wenn es gilt, einer beabsichtigten Falkenjagd beizuwohnen, so besteigen sie kleine, äußerst gut abgerichtete Elephanten, die auf ihrem Rücken bequeme, mit Vorhangen und Dach versehene Sitze tragen; manche englische Damen besteigen auch selbst ein Pferd, die größere Zahl der Damen folgt in ihren Palankeen's, unter deren Dachzelte und Vorhängen die aufgejagten Vögel und kleinen Füchse, gleichwie unter den Bäuchen der Elephanten und Pferde, Schuh und Rettung suchen, wenn sie von Falken oder Hunden gehetzt und verfolgt werden. Im Allgemeinen aber stehen die Damen nicht so früh auf, um die Jäger schon bei Tagesanbruch zu begleiten, und sie zeigen sich in der Regel erst der Gesellschaft, wenn es Zeit zum Spazierenfähren ober Reiten ist. Die Waffen, welche bei diesen Iagbparthien gewöhnlich gebraucht werben, sind mehr und mehr die der europäischen, namentlich englischen Jagd geworden. Während vor fünfzig Jahren die 232 Spieße und Flinten alter Construction, sowie Neiterpistolen gewöhnlich waren, bediente man sich allmälig der verbesserten Waffen. Man versieht sich mit Jagdflinten, Kugelbüchscn, Sattelftistolen, daneben aber auch noch mit leichten Lanzen, schweren Speeren und Wurfspießen. Jeder Jäger wirb von einem Bedienten begleitet, der einen Säbel und einen Karabiner mit Bajonct tragt, woraus vierlöthige Kugeln geschossen werden, für den Fall, daß man etwa Tigern, Hyänen, Baren oder wilden Büffeln begegnen sollte. Einige der Jagd beiwohnende Damen tragen wie Thalestris oder Hypolita, im Dianenstyle Bögen und leichte Köcher, um damit kleines Wild zu erlegen. Die Hunde, welche man zu der Jagd benutzt, sind Wachtel-und Hühnerhunde, sowie persische und englische Windhunde und grimmige, starke Saufänger. Die Treibjagd ist immer eine der hervorragendsten Vergnügungen solcher Iagbparthien. Alle Jäger zu Pferde, die Elephanten, die Bedienten, die militamschen Wachen (Seapoy's), sowie alle möglichen Bauern, die man aufbieten oder miethen kann, werden in eine große, gerade Linie aufgestellt; in dieser Linie werben in abgemessenen Entfernungen weiße, auf sehr hohen Stangen flatternde Flaggen getragen, als Richt- und Gesichtspunkte, damit kein Theil dieser Iagdlinie rascher vorschrcite, als der andere und dadurch die gerade Richtung verloren gehe; alsdann rückt die ganze Linie in gleichmäßigem Schritte vorwärts und treibt alles Wild, das sich in diesem Bezirke befindet, vor sich her. Wenn die Jungle (das hohe Gras) oder das Buschrcvier, wodurch der Marsch geht, sich auf eine freie Ebene öffnci, wie es sein soll und vorher wohl ausgemittelt ist, bann giebt es ein äußerst interessantes und lebhaftes Schauspiel, indem man die Menge und die Verschiedenheit der Thiere beobachtet, die nun aufgescheucht aus ihren Verstecken hervorbrechen; einige werben wider ihren Willen herausgetrieben, andere kehren mit Gewalt in das Gebüsch zurück. 233 Während dieser Scene von Unordnung, Flucht und Verwirrung des verschiedenen Wildes wird ein bedeutendes Gemetzel unter ihm durch Jäger und Falconiers gemacht, und die Bauern nebst ihren Kindern fangen die jungen Rebhühner, Hasen, Frischlinge und anderes junges Wild, das sich in das Gebüsch zurückgeflüchtet hat, entweder lebendig, oder schlagen sie mit Stöcken und Zaunpfählen todt. Es ereignet sich auch wohl, baß die Einwohner eines Dorfes die Herren einer größeren Jagdgesellschaft dringend bitten, einen Tiger zu todten, der vielleicht schon längere Zeit ihren Bezirk verheert, ihre Heerden und Hirten zerrissen und sie selbst in fortwährender Angst erhalten hat. Obgleich ein solches Unternehmen immer ein kühnes und gefahrliches Wagstück ist, das die Jäger hei ruhigem Blute ablehnen würden, so schlagen sie es doch bei solchen Gelegenheiten und in der muthigen Stimmung des einmal begonnenen Iagdlcbens selten ab. Der Wunsch, sich in Gegenwart des schönen Geschlechts auszuzeichnen, war überhaupt den Engländern stets eigen; die Aufmunterung des Augenblicks und die Gefühle des Mitleibs, welche die geängstigten Dorfbewohner anregen, bestimmen gewöhnlich den raschen Entschluß; man rüstet sich zum Kampfe gegen das blutgierige Raubthier, während die zitternden Dorfbewohner sich ferne von der Gefahr halten. Wenn eine solche Tigerjagd mit Uebcrlegung und Vorsicht geführt wird, namentlich von den Seapoy's eine militairische Unterstützung findet, so wird dieselbe gewöhnlich schnell und glücklich beendigt und die Jäger bringen das erlegte Thier, unter dem Bei-falle der Damen und den Dankäußcrungen der befrcieten Land-lcute, nach den Zelten, wo es als Trophäe dient; wenn die Jäger aber ihre Geistesgegenwart verlieren, bm Kampf übereilen oder unnöthigcr Weise verlängern, oder wenn sie mit Unvorsichtigkeit handeln, das erbitterte Thier in Unordnung oder mit Tumult angreifen, so endet die Begebenheit nicht selten sehr unglücklich, indem 234 der Tiger den Einen oder den Andern ergreift und zerfleischt, und seine Wuth an den Verfolgern nicht eher endigt, bis er entweder erlegt oder in die Flucht gejagt ist. Ich werde nachher noch einige Tigerjagden näher beschreiben. — Es kommt auch vor, daß die Einwohner eines Dorfes eine in ihrer Nähe lagernde Jagdgesellschaft aufrufen, sie und die Gegend von wilden Büffeln zu befreien, die ihre Felder verwüsten, oder sie bitten, die großen Teiche und Landsern der Gegend von Krokodilen zu reinigen, die ihre Fische verschlingen und auch auf dem Lande Schaden und Schrecken anrichten. Solche Unternehmungen sind bei Weitem nicht so gefährlich, wie die Jagden auf Tiger und werden gewöhnlich von der Jagdgesellschaft gern und glücklich ausgeführt. Auf solchen Iagdparthien giebt eine Trommel und eine über dem Sfteisczelte aufgezogene Flagge das Versammlungszeichen für die Gesellschaft, baß die Zeit des Sfteisens gekommen sei. Ein höchst angenehmes und fröhliches Mahl ist das Frühstück. Die Jäger kehren zurück, frisch, muthig und mit gutem Appetite. Der Anblick der Damen in einfachem und leichtem Morgmanzuge, im weißen, feinsten Mousselingewandc mit fliegenden Bändern, und in leicht geordneten Haaren, erfreuet das Auge des heimkehrenden Jägers ebenso sehr, wie alle Arten kalter Speisen nach englischer, französischer, italienischer und holländischer Küche, Fleisch und Fisch, Salate und Früchte, Milch, Kaffee, Thee und Chocolade den Gaumen erfrischen, und eine allgemeine heitere Laune das Mahl und die Stunde angenehm würzt. Nach eingenommenem Frühstücke werden Fuhrwerke jeder Art vorgeführt, um eine Spazierfahrt zu machen, aber das geschieht nicht nur allein in der Absicht, frische Luft zu genießen, sondern um gemeinschaftlich irgend eine nahe gelegene Natur- oder Kunst-merkwürdigkcit, ober eine Manufactur in Augenschein zu nehmen; gewöhnlich ist das Ziel solcher Lustfahrten eine merkwürdige Stadt 235 in der Nachbarschaft, cinc berühmte Pagode oder Moschee, oder Dirga, ober ein Mausoleum, oder irgend ein heiliger Wald, der Aufenthaltsort von Fakiren, oder die Spitze rauher Klippen, die über See oder Fluß hängen und eine reizende Aussicht gewahren. Nach Beendigung solcher Lustsahrten werden die noch übrigen Stunden bis zu einem frühen Mittagsessen auf verschiedene Weise, nach Laune und Belieben angewandt; Einige von der Gesellschaft spielen Fangeball, Andere zielen nach Wurfscheiben, wieder Andere üben sich im Springen oder Fechten, lassen ihre Pferde Wettrennen, schießen nach vorgesteckten Zielen, oder schwimmen in nahen, von Wald und Fels versteckten Gewässern. Wieder Andere der Gesellschaft suchen eine große Freude darin, kleinere Thiere, namentlich Vögel, Fische, Schlangen ic. lebendig zu fangen, zu welchem Zwecke sie eine große Mannichfaltigkcit von Geräthschaftcn bei sich führen, und an der Spitze der in Wäldern und Bergen umziehenden Thierfänger, die gern in der Nähe solcher Jagdgesellschaften erscheinen und sich von den Herren anführen lassen, ausziehen. Dazu führen ste dann, außer ihren Flinten, Speeren, Pfeilen:c., auch Blasröhre, aus denen mit Flüchtchen und Lehmkugeln geschossen wird, Vögelsprenkcl und dergleichen bekannte Geräthe zur kleinen Jagd mit sich. Unterdessen lesen die Damen oder gehen im Schatten des Waldes spazieren, oder sie lassen sich schaukeln, üben sich im Bogenschießen, spielen Gesellschaftsspiele oder treiben Musik in ihren Zelten, oder machen Handarbeiten, wobei vorgelesen wird. Später, gewöhnlich um Ein Uhr, findet dann zum Beschluß eines fröhlichen Vormittags eine zweite Mahlzeit statt; darauf hält die Gesellschaft, wenn sie sehr ermüdet, oder das Wetter sehr warm ist, eine Siesta, die überhaupt in Indien allgemeine Sitte ist, und wenn dann gegen Spätnachmittag die Sonne zu sinken beginnt, werden wieder Pferde und Wagen bestiegen, um eine Lustfahrt oder einen Nitt zu machen, oder, wo ein Gewässer in der Nähe sich befindet, 236 werben Kähne in Bereitschaft gehalten, um eine Wasserfahrt in kühler Abenbluft zu unternehmen. Da die Dämmerung in den Wendekreisen sehr kurz ist, so folgt die Nacht sehr bald auf den Untergang der Sonne. Man eilt nun in das Iagblager zurück, wo man sich mit Karten-, Würfel-, Schach-, und Gesellschaftsspielen, Tanz, Possenspielen, sowie der Darstellung indischer Taschenspieler, Seiltänzer und Bajaderen, die sich gern bei solchen Gesellschaften einfinden, die Zeit angenehm vertreibt. Um Neun Uhr wird dann das eigentliche Mittagscssen, das aber mit besserem Nechte Nachtessen heißt, eingenommen, das in Genuß und Heiterkeit den angenehmen Tag beschließt. In solcher Weise und Abwechselung verlebt eine Jagdgesellschaft gewöhnlich fünfzehn bis zwanzig Tage, wonach sie dann das Lager verläßt und nach Hause zurückkehrt. Es ist bereits der Tigerjagd erwähnt worden — die interessanten, aber auch gefährlichen Umstünde dabei dürften noch nähere Mittheilungen gestatten. Ganz eigenthümlich ist es und von Niemandem, der je einmal Gelegenheit gehabt hat, Tiger in freiem Zustande zu beobachten, kann es bezweifelt werden, daß der Tiger, wie überhaupt alle, zum Katzengeschlechte gehörigen Raubthiere, eine seltsam bannende Kraft über andere, namentlich Beutethicrc, ausübt. Wenn zum Beispiel Rehe einen Tiger erblicken, so bleiben sie auf einmal still stehen, als würden sie von einem Zauber festgehalten, während der Tiger seine Blicke nicht von der Beute abwendet und, ehe die Rehe ihn gesehen haben, ruhig ihre Annäherung im Verstecke abwartet. Erst wenn sie ihm nahe genug gekommen sind, um sie mit einigen Sprüngen zu erreichen, dann bricht er auf die Festgebannten ein, denn der große, königliche Tiger vermag weder schnell noch anhaltend zu laufen und würde, wenn er der Beute den Weg durch größere Geschwindigkeit abgewinnen wollte, manches Thier schwerlich einHolm können. Das Glänzen und Funkeln seiner feurigen 237 Augen ist furchtbar und grimmig; ich sah einmal selbst in der Nacht, in einem Gehölze, durch welches ich reisete, einen königlichen Tiger, indem mir das Funkeln seiner Augen schon eine Strecke weit bemerklich wurde. Das Licht der Fackeln, die meine Leute trugen und die man Nachts immer bei sich führt, sowie der Lärm eines Tamtam (einer kleinen Trommel), die man in solcher Gefahr sogleich anschlägt, verhinderte den Tiger, sich uns zu nähern. Da, wo sich ein Tiger aufhält, oder wo er vorüberstreicht, versammeln sich immer eine Menge Vögel, die ihn umschwärmen, umHüpfen und über ihm seines Weges fliegen, und dabei so stark schreien und Pfeifen, als wollten sie die ganze Gegend warnen. — Der Pfau scheint ganz besonders von ihm angezogen zu werden, denn sobald ein Tiger von einer Truppe Pfauen erblickt wird, so nähern sie sich ihm auf der Stelle, spazieren um ihn herum mit aufgerichteten Federn, ausgespanntem Schwänze und schlagenden Flügeln. Es wurde einst gemeldet, daß in Seringapatam ein großer Tiger, der auf die Insel eingedrungen war, viel Vieh getödtet und sogar mehrere Einwohner zerfleischt habe. — Die anwesenden Engländer beschlossen sogleich eine große Tigerjagd zu veranstalten, wozu die jagdlustigen Officicre und mehrere Fremde und Einheimische sich verbanden und zwanzig Soldaten nebst einem Unter-ofsicier zur Hülfe mitbekamen. Ein Eingeborener der Insel führte bie Iagdgenossen und ihr militairisches Detachcment an, um den Platz anzugeben, wo der Tiger lagerte. Nachdem wir uns ungefähr eine englische Meile weit von der Stadt entfernt hatten, gelangten wir in Zuckerrohrfelber, die von einander durch dicke und hohe Bambusheckcn getrennt waren, welche auf ieder Seite einen trockenen Graben hatten. Der Führer erklärte, daß der Tiger unter dieser Hecke sein Lager habe, aber nicht angegeben werden könne, auf welcher Seite 238 derselbe sich befinde. Die Jagdgesellschaft und das Militair trennte sich in zwei Abtheilungen, von denen jede eine Seite der Hecke vornahm und so mit Aufmerksamkeit dem wilden Feinde entgegenrückte. Auf der linken Seite, wo sich das Thier wirklich befand, ging der Führer, und neben ihm ein junger Mann, der mit mir gereiset war und als guter Jäger sich mit hervorragender Kampflust der Gesellschaft angeschlossen hatte, sowie ein junger Schweizer, welcher in englischen Diensten stand, ^ diese drei Muthigsten schritten der ganzen übrigen Gesellschaft voraus. Sie hatten ungefähr dreißig Schritte in tiefster Stille und gespanntester Erwartung vorwärts gemacht, als der Führer plötzlich seine beiden Begleiter zurückhielt und mit lautlosen, schwachen Gebcrden zu verstehen gab, daß das Thier etwa fünf Schritte von ihnen im Schatten der Hecke im Graben liege und schlafe. Der junge Schweizer, welcher gern den ersten Schuß haben wollte, schlug sogleich auf den Tiger an, mein Reisegefährte, der auf diese Ehre eifersüchtig war, verhinderte ihn am Feuern und meinte, der Tiger müsse zuvor geweckt werden, um im ehrlichen Kampfe zu unterliegen, und ehe man diese Kühnheit des auf seine Iagdgeschicklichkeit trotzenden Jünglings abwenden konnte, hatte derselbe bereits einen Stein ergriffen und denselben auf den Tiger geschleudert. So wie derselbe den Stein empfangen hatte, knurrte er, sprang auf, streckte sich, setzte sich in die Position deS Sprunges, um sich auf seine vor ihm stehenden Gegner zu stürzen, zu gleicher Zeit hatte aber mein Reisegefährte angeschlagen und feuerte im Augenblicke, wo der Tiger den Angriffssprung machte, so glücklich seine nur gewöhnliche Musketcnkugel ab, daß diese dem Tiger durch das linke Auge in das Gehirn eindrang und ihn auf der Stelle tödtete. — Da schon Fälle vorgekommen sind, daß ein Tiger 50 Kugeln 339 erhalten hatte, ohne zu fallen, so nahm dieser Meisterschuß zwar der Jagd die möglichen Abenteuer, aber er schützte vor vielen unberechenbaren Zufälligkeiten und Gefahren. Sowie der Tiger den Schuß bekam, stieß er einen einzigen, aber furchtbaren und weit durch die Gegend dröhnenden Schrei aus und stürzte auf dieselbe Stelle nieder, die soeben der glückliche Schütze durch einen Seitensprung verlassen hatte, da der Tiger ihn zum Ziele auSersehm haben mußte. In dem Jubel der glücklichen That stürzte sich der junge Mann auf den in den heftigsten Todcszuckungen liegenden Tiger, dessen krampfhafte Bewegungen noch immer einen Menschen hätten umbringen können, schloß ihn in seine Arme und rief: „er ist mein, er ist meine rechtmäßige Beute!" — dann stieß er ihm das Bajonet einige Male in das Herz und tödtete ihn vollends. Dieser Tiger war eins der schönsten Exemplare seiner Gattung; er war weiblichen Geschlechts, nicht völlig zwei Jahre alt, also noch nicht ganz ausgewachsen und maß doch schon von der Spitze der Nase bis an das Schweifende zehn Fuß. Er war so schwer, daß zwölf Mann der militairischen Begleitung nöthig waren, um ihn nach der Stadt zu tragen. Die Behörde schenkte den Tiger meinem Reisegefährten und wollte ihm auch noch ein Geldgeschenk machen, was er aber ablehnte. Er verkaufte denselben später an einen englischen Kaufmann für 10 Pfd. Sterling. Wenn indische Fürsten auf die Jagd gegen reißende Thiere ziehen, so geschieht das gewöhnlich mit sehr vielem Pomp und Aufwande. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, kann ich eine große Iagdparthic beschreiben, welche einst der Nabob von Du de veranstaltet hatte. — Es war im October-Monate, als der Nabob mit seinem Iagdgefolge (seiner Kafela) Lucknow verließ; eine Armee von Soldaten und Thieren begleitete ihn; Infanterie, Cavallerie, sogar Kanonen, über tausend Elephanten und eine unübersehbare Reihe von Hackeric's (Karren), Kameelen, Pferden und Tragochscn be- 240 deckten den Weg; Damm aus des Nabob's Imana saßen in bedeckten, mit Ochsen bespannten Wagen, selbst Böte wurden auf Wagen transports, um gelegentlich Gebrauch davon zu machen. Iagdtiger und Falken, Kamftfhähne, fechtende Wachteln und Nachtigallen, Tauben; ferner Bajaderen, Sänger, Komödianten, Possenreißer und Marktschreier gehörten mit zum großen, aus vielen tausend Personen bestehenden Iagdgcfolge; der Nabob hatte Alles mitgenommen, was ihn unterhalten oder belustigen konnte. Sogar fünfhundert Coolie's oder Lastträger waren erforderlich, um Munition und Waffen zu tragen, welche aus Flinten, Karabinern, namentlich Doppelflinten aus den Fabriken von Manton und Stock in London, ferner Pistolen, Säbeln und Spießen bestanden. Von Varoach begab sich die Gesellschaft nach Nanftara, iener kleinen Stadt in dein Gebirge, welches Hindostan von Napaul und Tibet trennt. Hier tödtete man jeden Morgen und Abend ohne Zahl und Auswahl das Wildprct aller Gattungen; der Nabob, ein ausgezeichneter Schütze, that täglich wenigstens hundert Schüsse auf Wild und Geflügel, hier aber begegnete man noch einem Tiger, der an der Gesellschaft vorüberstrich und dann sich versteckte. Um ihn aufzusuchen, machte sich die Gesellschaft um Mittag auf und man entdeckte ihn in einer engen Schlucht, welche der Nabob sofort mit etwa zweihundert Elephanten umstellen ließ. Als die Gesellschaft diese Schlucht betrat, hörte man in der Mitte derselben aus einem dichten Gebüsche ein fürchterliches Brüllen und Knurren; ein englischer Ofsicicr, der, wie alle zur Jagd eingeladenen Gäste, auf einem Elephanten saß, trieb sein Thier in das Gebüsch und der Tiger fiel sogleich den Reiter an. Der Elephant, ein sehr furchtsames Thier, wie alle zahmen Elephanten zu sein pflegen, warf sich herum, zog sich zurück und verhinderte dadurch den Reiter zu schießen; dieser versuchte es noch einmal, daS Thier, in Begleitung von drei anderen Elephanten, gegen den Busch zu treiben, der Tiger that einen Sprung und erreichte bei- 241 nahe den Rücken des Elephanten, auf dem sich drei Manner be-fandm. Um den Tiger loszuwerden, schüttelte sich der Elephant mit solcher Gewalt, daß er mit dem Thiere gleichzeitig die auf seinem Nucken sitzenden Männer herunter warf; sie stürzten gemeinschaftlich mit dem Tiger eins über das andere in das Gebüsch, und nachdem man sie schon für verloren gegeben hatte, krochen sie zum Erstaunen der Anwesenden unverletzt und mit ängstlichen Gesichtern aus dem Busche hervor. Der Nabob, welcher sich ganz in der Nähe befand, wo cr auf einem Hügclvorsprunge hielt, betrachtete die Versuche des englischen Officicrs, seinen Elephanten in das Gebüsch zu treiben; cr gab demselben ein Zeichen, daß er den Tiger gegen den Nabob scheuchen solle. Bei einem dritten und glücklicheren Versuche, mit dem Elephanten in das Gebüsch zu dringen, sprang der Tiger auf ihn zu, brüllte fürchterlich und peitschte vor Wuth seine Lenden mit dem Schweife; dabei kam cr dem Officier schußgcrecht. Dieser sandte ihm eine Kugel und verwundete ihn, worauf derselbe sich in sein Lager, mitten in das Gebüsch zurückzog. Nun wurden zehn bis zwölf Elephanten auf einmal in das Gebüsch getrieben, die den Tiger aufschreckten und ihn zwangen, in der Richtung gegen den Nabob zu entfliehen, der ihn aber mit Kugeln empfing und, mit Hülfe der ihn umgebenden Omrah's, todt zu Vodcn streckte. Auf dem Rücken eines Elephanten kann man ohne Gefahr den Tiger angreifen, und die Erfahrung hat gelehrt, daß selten Jemand dabei verwundet oder der vom Elephanten Herabgewor-fenc vom Tiger angefaßt wird. Einige Tage nach der Erlegung dieses Tigers begegnete die Jagdgesellschaft einem wilden Elephanten, der auf einer großen, mit Gras bedeckten Ebene umhcrschritt. Der Nabob ließ sogleich Van Mötern, Ostindien, il. 16 242 einen Kreis von vierhundert zahmen Elephanten bilden, welche den wilden einschließen sollten. Als sie sich demselben beinahe auf 5—600 Fuß genähert hatten, blickte er erstaunt, aber ohne Zeichen des Schrecks, um sich; zwci große Mustclephanten (so nennt man die männlichen Elephanten, wenn sie in der Brunst sind, waS erst im vierzigsten Jahre geschieht, und in welcher Zeit sie kühn, unbändig, wild und öfters sehr gefährlich sind) wurden gegen ihn geführt, da die Mustelephantcn die einzigen zahmen sind, die sich einem wilden zu widersetzen wagen. Als sie sich ihm bis auf vierzig Fuß genähert hatten, rannten sie auf ihn los, aber sein Angriff war fürchterlich und unwiderstehlich, er überwand beide Muftelephanten und trieb sie vor sich her. Als er an der großen Jagdgesellschaft vorüberstrich, befahl der Nabob, daß einige der stärksten weiblichen Elephanten, mit dicken und starken Stricken versehen, ihn auf beiden Seiten zwischen sich nehmen sollten, um zu versuchen, ihn in Schlingen zu verwickeln, aber der Versuch mißlang, da alle Stricke zerrissen und keiner der weiblichen Elephanten ihn aufzuhalten vermochte. Da es unmöglich erschien, ihn zu fangen, so befahl der Nabob seinen Tod. Augenblicklich wurden über hundert Kugeln auf den Elephanten abgefeuert, von denen ihn viele trafen; er schien sich aber daraus wenig zu machen, sondern verfolgte seinen Weg nach dem Gebirge; es wurde noch eine halbe Stunde lang ein beständiges Feuer auf ihn gerichtet und der Nabob sowohl wie seine Omrah's gebrauchten gezogene Büchsm, welche vier- und sechslöthige Kugeln schössen, aber dennoch kaum in die Haut drangen, oder darin stecken blieben, ohne das Fleisch zu verletzen. Da der schon genannte englische Ofsicier einen weiblichen Elephanten ritt, so näherte er sich dem wilden Thiere mehrere Male bis auf 20 Fuß und feuerte seine Büchse auf dessen Kopf ab; das Blut quoll wohl heraus, aber der Schädel war undurch- 243 dringlich; einige Reiter von des Nabob's Candahar-Cavallerie sprengten auf ihn ein und hieben mit ihren Säbeln nach ihm, aber er griff sie an, verwundete einige und tödtete mehrere von ihnen. Da er indessen an dreitausend Kugeln und eine Menge Säbelhiebe empfangen hatte, so wurde cr durch den Blutverlust allmälig erschöpft, er ging langsamer, stiller und ruhiger seinen Weg und eS erregte sein ergebener, hinfälliger Anblick in den Herzen der Europaer ein mitleidiges Gefühl. Als die Reiter ihn schwach und abgemattet sahen, stiegen sie ab, schlichen ihm nach und begannen mit ihren Säbeln die Sehnen seiner Hinterbeine durchzuschneiden; sie waren auch sehr bald durchschnitten, und nun unfähig, länger zu gehen, wankte und fiel das arme Thier, ohne einen Laut von sich zu geben, zu Boden. Mit Aerten bewaffnete Männer fingen nun an, seine elfenbeinernen Fangzähnc auszuhauen, während die Reiter und Soldaten sich ein barbarisches Vergnügen daraus machten, die Schärfe ihrer Schwerter und die Stärke ihrer Armbrust zu üben, indem sie in das lebende Thier hineinhicben. Der arme, gemarterte Elephant athmete noch und litt furchtbar, ohne einen Laut von sich zu geben; cr drehete seine Augen auf seine Peiniger mit qualvollem Ausdrucke, machte noch eine letzte Anstrengung, sich zu erheben und verschied dann mit einem langen, stöhnenden Seufzer. Der Nabob kehrte nach seinen Zelten zurück und war über diesen grausamen Sieg stolzer, als ob er gleich Achilles einen Hector überwunden hatte. Von diesen Bergen zog nunmehr die große Jagdgesellschaft zunächst nach Bukra Ieel, wo sie im Anfange des Decembers anlangte. — Bukra Iecl ist ein großer Landsec, der bei trockenem Wetter etwa drei engl. Meilen im Umkreise hält, in der Regm- 244 zeit aber zu einem Umfange von mehr als dreißig engl. Meilen sich ausdehnt und mit hohem, dichtem Grase umgeben ist. Er liegt unmittelbar am Fuße der Gorrukpoor-Berge. — Die Jungle (das hohe Gras), welche diesen See umgicbt, ist ganz belebt von wilden Elephanten, Rhinoceros, Tigern, Leoparden, wilden Büffeln, Rothwild und Geflügel aller Art. Dies war der eigentliche Ort, wo die große Jagd stattfinden sollte, weßhalb man ausgezogen war. Schon am frühen Morgen nach der Ankunft rief der Nabob seine Gäste zum Beginne der Jagd auf. Ein Linie von zwölfhundert Elephanten wurde nördlich vom See gegen Osten zu aufgestellt; die Jäger bestiegen ihre Elephanten und rückten schnell vorwärts durch das hohe Gras. Als sie am östlichen Ende des See's angekommen waren, sahen sie eine große Herde wilder Elephanten, die am Fuße des Gebirges weideten und vergnügt hcrumtummelten; es mochten wohl mehr denn 470 sein. In diesem Augenblicke fiel ein Engländer von seinem Elephanten herunter, weil dieser seinen Vordcrfuß in ein Loch sehte und stolperte; der arme Mann war vom Sturze stark gequetscht, blaß und beinahe ohne Besinnung; der Nabob ließ ihn in ein Palankeen legen und nach dem Lager zurücksenden. Dieser Unfall gab den wilden Elephanten hinreichende Zeit, um die große Linie der Jäger zu überschauen, welche auf ihren zahmen Ricsenthiercn auf sie anrückten; nachdem sie sich von ihrem ersten Erstaunen erholt hatten, rannten viele von ihnen so schnell als möglich den Bergen zu. Nunmehr sonderte der Nabob seine 1200 Elephanten, die er mit auf diese große Jagd genommen hatte, in 4 Abtheilungen und sandte sie aus, um die wilden wieder einzuholen, damit sie entweder gefangen oder gctöbtet werden konnten. Die Abtheilung, in welcher sich der Nabob befand und der sich auch der Augenzeuge dieser Jagd angeschlossen hatte, griff einen großen, männlichen Elephanten an und nach einem langen und hartnäckigen 245 Kampfe wurde derselbe endlich getodtet; darauf wurden noch vier kleinere Elephanten erlegt, während die drei übrigen Abtheilungen im Ganzen einundzwanzig lebendig gefangene Elephanten im Triumphe mit heimführten. Eine solche große Jagd ist ein wunderbares, fast kriegerisches Schauspiel; die Verwirrung, dic große Menschenzahl, der Lärm, das unaufhörliche Schießen, das Brüllen und Schreien von zwölf-hundert zahmen Elephanten, das Kampfgcwühl der wilden, das Gerassel und die Angriffe der Cavallerie, Alles vereinigt sich zu einem Tumulte, der kaum glauben läßt, daß man hier eine Partie zum Vergnügen mache. Mehr als zehntausend Schüsse wurden von allen Seiten abgefeuert, die Gegend erschüttert von dem Rollen und Knattern der Gewehre, eine Pulvcrbampfwolke lagerte sich über die Ebene, und es war zu verwundern, daß nicht mehr Menschen dabei ihr Leben einbüßten, denn auf dieser Jagd wurden ungefähr nur 20 Personen getodtet oder verwundet und etwa 42 bis 15 Pferde gingen verloren. Fast jeder Jäger hatte auf seinem Elephanten zwei gezogene Büchsen, zwei Doppclstinten und neben sich einen Knaben, der unaufhörlich laden mußte, und doch konnte er nicht geschwind genug schießen, wenn er auch über 400 Kugeln abschoß. Viele von den zahmen Elephanten, namentlich den Must-elefthanten, die gegen die wilden geführt worden warm, wurden von diesen niedergeworfen, gequetscht, durchstochen oder in die Flucht gejagt. Der große Elephant, den die Abtheilung des Nabob getodtet hatte, war über zehn Fuß hoch und würde, wenn er lebend hätte gefangen werden können, mit zwanzigtausend Rupien bezahlt worden sein. Von Bukra Ieel ging der Iagbzug nach Faizabad, wo die Gesellschaft, ober vielmehr Armee, sich drei Wochen lang von den 246 Mühseligkeiten erholte und bann nach Lucknow zurückkehrte, nachdem noch sechs Elephanten und acht Tiger getodtct worden warm. *) ") Ost ist man in Indien zu einer unfreiwilligen Tigerjagd genöthigt, die dann nicht so günstig abzulaufen pflegt, wie die oben geschilderten Kämpfe mit jenen Thieren. — Es schweben meinem Gedächtnisse zwei Beispiel« vor, die in meiner Nähe sich ereigneten, (fines Morgens erschien plötzlich in der Nähe der Artillerie-Kasernen am Fusie des Sanct Thomasbcrgcs unweit Madras, als ich eben dort m Geschäften vorüberging, ein großer, königlicher Tiger; einige Nrtillericsoldatcn verfolgten ihn sogleich, er lief den Berg hinauf, wurde hier aber von einer Musketenkugel verwundet, die ihn wüthend machte. Nährend er über den Berg setzte, verwundete er zwei hier gerade vorübergehende Hindu's, den einen tödtlich, den andern weniger gefährlich; weiter hin zog ein (furopäci des Weges, der einen dicken Stock trug und unvorsichtig genug war, sich ihm Mit seinem Stocke widersetzen zu wollen; er bekam aber einen Baclcnstreich mit der Pfote, der ihm das Gesicht in Stücken riß, und einen Biß in den Schenkel, der ihm beinahe das ganze Glied gekostet hätte. Jetzt aber env pfing der Tiger von d?n nachsehenden Soldaten mehrere Kugeln, die ihn zum Stürzen brachten, Or wurde vollends gctödtet und im Triumphe nach den Kasernen getragen. Er hatte, von der Nase bis zur Schweifspitzc gemessen, zehn Fuß Länge, und beinahe fünf Fuß in der Höhe, — Einige Stunden südlich vom St. Thomasbergc halte er schon in der Nacht vorher die Landlcutc beunruhigt. Ein anderes Mal fuhr mein Freund, Mr. Tyrer, in meiner und mehrerer Matrosen Begleitung von Calcutta auf eiucm Boote nach der Insel Saugur, nicht weit von der Stadt, um ciu gestrandetes Schiff wieder fiott zu machen. Tyrer, der das Boot leitete, sprang unmittelbar beim Aulegen des Bootes auf den Strand der Insel, um, wie er sagte, etwas spazieren zu gehen, während wir im Boote weiter ruderten, um das gestrandete Schiff zu erreichen. Vr entfernte sich ein wenig vom Ufer, wo ihn unsere Augen immer verfolgt hatten, und befand sich plötzlich vor dem Lager eines großen bengalischen Tigers, dessen Knurre» ihn noch frühzeitig vor größerer Gefahr warnte. Sobald er den Tiger erblickte, lief cr dem Flusse zu, stürzte sich hinein, aber der Tiger folgte ihm und setzte ihm in das Nasser nach. Obgleich Tyrcr ein vortrefflicher Schwimmer war, so bemerkte er doch bald, daß der Tiger ihm immer näher kam; in bewunderungswürdiger Geistesgegenwart tauchte er unter das Nasser, so lange er aushalten konnte, und dies rettete ihm das Leben, denn als er seinen Kopf über das Waffer emporhob, bemerkte er, daß der Tiger sich umgekehrt hatte, vermuthlich in der Meinung, daß seine Beute von einem anderen Raubthiere des Nassers be- 247 rcits herabgezogen und verschluckt sei — und gemächlich nach dem Ufer zurückschwamm, Tyrer erreichte nun unser herannahendes Boot ohne weitere Gefahr. Seine Rettung war aber trotzdem ein Wunder, da er im Wasser, außer dem Tiger, noch genug andere Feinde hatte, indem der Hooghlyfluß voll von Haifischen und dayman's (indische Krokodile) ist. — Ein solcher Kayman holte einmal ans einem der Dampfböte, die zn Aedjcree bei Calcutta stationirt sind, einen Mann; das Thier warf sich qncr über das Boot, «rgriff den Mann beim Nntcrlcibe und durchbiß ihn, worauf er noch zwei Andere verwundete. MenmdjMNjMteZ Kapitel. Indischer Fürstcnluxus eines Nabob von Oude. Vezier Ali, der älteste von den angenommenen Söhnen des Asofth ud Dowla, des nunmehr längst verstorbenen Nabob von Oude, sollte vcrheirathet werden. Der Bräutigam war dreizehn Jahre alt, von dunkler Farbe und nicht schön; seine Braut war zehn Jahre alt, noch dunkler von Farbe und womöglich noch häßlicher als er. Die eingeladenen Gäste, worunter viele Engländer waren, begaben sich Abends zu dieser Feier, und der Augenzeuge dieser Hochzeit schloß sich namentlich vier englischen Damen und zwölf Herren an, und jede Person wurde auf einen schön be-hangenm Elephanten gesetzt, die der Nabob geschickt hatte. Auf der Ebene bei Lucknow hatte der Nabob zum Empfange der für die Hochzeitsfeier sich versammelnden Gesellschaft viele Zelte aufschlagen lassen, von denen sich besonders zwei durch ihre große Pracht auszeichneten. Dieselben waren aus starkem baumwollenen Stoffe gemacht und mit dem feinsten, englischen Tuche gefüttert, sowie mit dicken Scibcnschnürcn befestigt und geziert. Jedes dieser beiden Zelte hatte eine Lange von 420 und eine Breite von 60 249 Fuß, die Zeltstangen warm 60 Fuß hoch und hielten 10 Fuß hohe Wände. Beide Zelte hatten 50,000 Pfund Sterling gekostet. Vor demjenigen dieser beiden Prachtzelte, welches zur Aufnahme der Gäste bestimmt war, befand sich ein hundert Fuß langes und ebenso breites Vordach vom feinsten englischen Tuche verfertigt, von sechzig, mit Silbcrblcch beschlagenen Stangen getragen; ein solches Vordach wird Schumecana genannt. — Als die Gäste auf ihren geschmückten Elephanten vor diesem Zelte anlangten, empfing sie der gutgelaunte Nabob mit großer Höflichkeit und führte sie in das Zelt, wo sie eine Stunde verweilen mußten. Der Nabob blitzte von Juwelen und ein Kennerauge schätzte den Werth der Kleidung des Nabob auf mindestens zwei Millionen Pfund Sterling. Nunmehr führte der Nabob seine Gäste unter das Schumeeana, das unterdessen durch zweihundert zierlich gearbeitete, europäische Wandlcuchtcr und ebenso viele, unter Glas gestellte Wachskerzen, sowie viele hundert wohlriechende Fackeln erleuchtet war, so daß die Augen geblendet wurden. Hier befanden sich über hundert rcichgcklcidetc Bajaderen, welche die Hochzeitsgäste mit ihren üppigen Tänzen und sanften Gesängen, meist in persischer Sprache, angenehm unterhielten. Gegen sieben Uhr erschien der Bräutigam Vczicr Ali so mit Juwelen beladen, daß er kaum gehen konnte. Seine Ankunft war das Zeichen, daß die Gesellschaft ihre Elephanten besteigen sollte, um nach einem, etwa eine halbe Stunde Weges entfernten großen und schönen Garten sich zu begeben; es geschah dieses in Form einer Procession, die unbeschreiblich prachtvoll und feenhaft war. Sie bestand aus mehr denn 1200 Elephanten, auf das Glänzendste und Verschwenderischste ausgerüstet, und die, wie eine geregelte Reiterei, in gerader Linie marschirtcn. Etwa hundert dieser Elephanten in der Mitte des Zuges trugen mit Silberblech reich beschlagene Howbah's ober Sättel auf ihren Rücken und in der Mitte dieser Gruppen saß der Nabob auf einem ungewöhnlich 250 großen und mit Goldstossen behängten Elephanten und fein How-bah war ganz mit Goldblech beschlagen und reich mit Edelsteinen geziert. — Zu seiner Rechten saß der englische Resident an seinem Hofe, ein Mr. Iohnstonc, zur Linken der junge Bräutigam Vezier Ali. Zu beiden Seiten der Straße hatte man hohe Gerüste aus Bambusrohr errichtet, welche Bastionen, Bögen, Minarets und andere thurmähnliche Gebäude vorstellten und alle mit Lampen bebeckt waren, die eine wahrhaft zauberische Illumination darboten. Auf jeder Seite des Zuges, sowie vor den Elephanten waren die Bajaderen, welche von Palankeen-Trägcrn auf leichten, hölzernen Plattformen getragen wurden, die einen reichen Schmuck von Gold- und Silberstoffen hatten und zu beweglichen Bühnen dienten, auf deren jeder zwei Bajaderen fortwährend tanzten und ein Musikant die Musik dazu machte. Auf jeder Seite der Procession waren an hundert solcher getragener Tanzbühnen. Der ganze Boden von den Zelten bis zu dem großen Garten war mit Feuerwerk bepflanzt, so daß bei jedem Schritte, den die Elephanten vorwärts thaten, sich die Erde zu öffnen schien und Tausende von Feuerstcmcn und Leuchtkugeln in die hohe Luft sprühte, die mit den Sternen des klaren Abmbhimmcls wetteiferten; von allen Seiten sausctcn Raketen empor oder donnerten hölzerne Bomben auf, die in der Höhe zerplatzten und zahlreiche, feuerige Schlangen auswarfen, die den hellsten Tagcsschein über die Gegend verbreiteten. Die Procession bewegte sich nur sehr langsam vorwärts, um den Feuerwerken Zeit zu lassen, sich im Weitertücken zu entzünden. Außerdem wurde der Zug noch von dreitausend Fackelträgern begleitet. So erreichte der Zug mit stolzem Gepränge den Garten, der, obgleich nur eine Viertelstunde entfernt, doch erst nach zwei vollen Stunden erreicht wurde. Im Thore dieses Gartens angekommen, verließen die Personen ihre Elephanten und traten in diesen seen- 251 haften Park ein, der mit unzähligen, aus durchscheinenden, ge, färbten Papieren gemachten Laternen erleuchtet war, welche überall an den Zweigen der Bäume hingen. In der Mitte des Gartens befand sich ein großes Gebäude, zu dem die Gesellschaft hinaufstieg und in einen großen Saal gelangte, der mit unzähligen Wand- und krystallenen Hängeleuchtcm von englischer Fabrik geziert war, die sämmtlich brennende Wachskerzen trugen. Hier bewirthete der Nabob seine Gäste mit einer ausgewählten, eleganten Mahlzeit, die aus vortrefflich bereiteten einheimischen und europäischen Gerichten bestand, nebst allen Gattungen von Früchten und Zuckerwcrk; wahrend der Mahlzeit tanzten über hundert Bajaderen und unterhielten mit ihren fröhlichen Gesängen. So verfloß die Zeit, bis die Sonne des kommenden Tages aufstieg und an den Aufbruch mahnte; man zog in derselben Ordnung und Pracht auf den Elephanten wieder zurück, und der Nabob, in der Eigenliebe seines orientalischen Stolzes und Prachtgefühls, entließ feine Gaste mit der zufriedenen Bemerkung, daß man nie in Indien ein solches Schauspiel gesehen habe und auch niemals Wieder sehen würde. Diese Hochzcitsfeierlichkcit dauerte auf die nämliche Weise drei Nächte hintereinander, die Gäste fanden sich leben Abend von Neuem ein und die ganze Lustbarkeit kostete dem Nabob an 300,000 Pfund Sterling. Für den zur Hochzeit eingeladenen Europäer hatte es etwas Befremdendes, weder eine Braut, noch Hochzcitsfeierlichkcit zu sehen, wobei die Gäste dem Ceremonie! der ehelichen Verbindung beiwohnen oder doch durch das junge Paar daran erinnert werden konnten. Es war nichts als Pomp und Genuß, ohne baß die Braut aus ihrem Fraucngefüngnisse, bem Zenana, herausgekommen wäre. — Was im engeren Kreise des Nabob übrigens als wirkliches Hochzeitsceremoniel vorgefallen war, blieb den Gästen unzugänglich. Wir nehmen hier Gelegenheit, noch GinigeS über ben Nabob 252 von Oube, Asoph ud Dow la, und seinen LuruS hinzuzufügen. Derselbe hatte sehr sanfte Sitten, er war großmüthig bis zur Verschwendung, besaß aber, bei einem guten Herzen, nur wenig Kops. Seine großen Einkünfte verwendete er gern auf Gärten, Paläste, Pferde, Elephanten, besonders auch auf alle Gattungen europäischer Manufacture« und Fabrikproducte, namentlich feine Flinten, Leuchter und Spiegel, die rr gern aus England bezog. Er sammelte Gemälde und man fand bei ihm, ohne Geschmack und Kennerschaft, Bilder auf kleinen Vretchen, die Enten und Gänse darstellten und in Europa für ein paar Pfennige Werth gehabt haben mochten, neben den schönsten Bildern von Claude Lorrain; — er kaufte schlechte Laternen, wenn sie nur aus Europa kamen, aber dann auch Wandspiegel und Kronleuchter, die das Stück 2—3000 Guincen kosteten. Jedes Jahr gab er für englische Manufacture« aller Art über 200,000 Pfund Sterling aus. Er besaß über hundert Lustgärten, zwanzig Palaste, zwölfhundert Elephanten, dreitausend schöne Reitpferde, zehnhunbert herrliche Doppelflinten, siebenzehnhundert prächtige Kronleuchter und dreißigtausenb große Gläser ohne Boden von verschiedenen Formen und Farben, in die man die Wachskerzen steckte, um sie im Freien vor dem Winde zu schützen; er hatte mehrere Hundert große Wandspiegel, Wanbleuchter, Wanduhren, er war im Besitze der vier größten Spiegel, die zu seiner Zeit jemals in Europa gemacht waren und besonders für ihn in London gegossen werden mußten. Und doch waren diese Spiegel, die damals ein Weltwunder hießen, nur <2 Fuß hoch und 6 Fuß breit und aus einem einzigen Stücke, aber sie hatten dem Nabob, mit den kostbar vergoldeten Rahmen, 8000 Pfund Sterling gekostet. Einige seiner Wanduhren waren merkwürdig und reich mit Edelsteinen besetzt, von denen ein Paar 30,000 Pfund Sterling werth waren. Er besaß jedes Instrument und jede Maschine, welche Kunst oder Wissenschaft construirt hatten, ohne deren Ge- 253 brauch zu kennen. Er kaufte Alles, was ihm neu war, oder aus Europa kam, und mancher schlaue Verkäufer hat für geringfügige Dinge schwere Kaufsummen von ihm gezogen. Sein Zenana war groß und prachtvoll und enthielt über fünfhundert der schönsten Weiber von Hindostan, die hier zwischen hohen Mauern ihr Leben verschmachten mußten und das Gefängniß nur auf der Todtenbahre verließen. Er befaß auch große Wagen, die von einem oder zwei Elephanten gezogen wurden und groß genug waren, um einem Dutzend Menschen darin ein bequemes Mittagsessen zu geben; — er hatte eine unzählige Menge Bedienten und eine zahlreiche Armee, obgleich er mit seinen Nachbarn im fortwährenden Frieden lebte und von der englischen Compagnie hinreichend geschützt wurde. Seine Einkünfte beliefcn sich auf drei Millionen Pfund Sterling und dennoch hatte er immer Schulden, wie man sich aus obigen Mittheilungen erklären kann. Seine Juwelen aber wurden auf acht Millionen Pfund Sterling geschaht. KchtnnkWWw MM. OmdutulOmrah, der Nabob vo« Carnatil, und die cnglisch-«stindische Regierung. Im Anfange des Iulimonates i80t verschlimmerte sich die Krankheit des alten Nabob von Earnatik, Omdut ul Omrah so sehr, daß man seinen Tod erwartete. Die englische Regierung hatte ein wachsames Auge auf ihn und die bevorstehenden Verhältnisse des Landes, denn man hatte, was das Benehmen der Engländer zu motivircn vermag, nach der Eroberung vonScringa-patam im Nachlasse Tipfto Saib's, Briefe vom Nabob von Car-natik, sowie von seinem Vorganger, dem Nabob Mahomed Ali, vorgefunden, die diese an den Sultan von Mysore geschrieben und worin sie ihre feindseligen Gesinnungen gegen die englische Compagnie und mancherlei geheime Pläne verrathen hatten, die sie in Verbindung mit Tiftpo Saib auszuführen gesonnen gewesen waren. Die Krankheit deS zur Zeit residirenben Nabob und der wirklich bald eintretende Tod desselben verhinderten die englisch-ostindi-sche Regierung, ihn wegen dieser aufgefundenen Briefe zur Rechenschaft zu ziehen, aber sie hatte Ursache, da man von dem Nachfolger des Nabob und dessen Anhängern nicht viel Gutes erwartete, 255 wenigstens die Vorsicht zu gebrauchen, die gemachten, brieflichen Enthüllungen nützlich und, zur Vorbeugung künftiger, offener Feindseligkeiten, eine Einmischung in die inneren Zustande von Carnatik geltend zu machen. Aus diesen Gründen schickte die cnglifch-ostindische Negierung gleich bei der Kunde von dem wahrscheinlich nahen Tode des alten Nabob, am 8. Juli eine starke Trupftcnabtheilung aus der Garnison vom Fort St. Georg in den Garten des Nabob und stellte sie rings um den Palast auf, um bei dem erfolgten Einkitte deö Todes jede mögliche Unordnung oder gegen englische Interessen gerichtete Ereignisse zu verhindern. Es war nämlich seither die Regierung des Carnatik halb in den Händen der Compagnie, halb in denen des Nabob gewesen, was allerdings zu vielen Mißbräuchen Veranlassung gegeben und die Hülfsquellen des Landes bedeutend vermindert hatte, wcßhalb es dem Nabob nicht verdacht werden kann, wenn er Gelegenheiten suchte, sich der lästigen und eigennützigen Mitregierung der englischen Compagnie zu entledigen, wozu ihm die Hoffnungen Tippo Salb's gerechte Ermunterungen gegeben hatten. Andererseits behaupteten aber die Engländer, daß ihre Mitregierung in Carnatik ihnen selbst große Opfer gekostet hatte, daß deßhalb die Präsidentschaft zu Madras, welche ihre Macht in Carnatik hatte, der Compagnie viel mehr gekostet habe, als ihre Einkünfte hätten aufbringen tonnen, da man bei den feindlichen Gesinnungen des Nabob, die der Compagnie bei glücklicher Gelegenheit höchst gefährlich geworden wären, stets eine ungewöhnliche Macht auf dem Etat habe halten müssen; aus diesem Grunde nannte die englische Regierung die aus den Briefen an den Sultan von Mysore entdeckte Gesinnung des Nabob eine venäthcrischc und glaubte politische und rechtliche Gründe zu haben, sich um die bevorstehende Thronfolge ernstlich zu bekümmern. Es war deßhalb der Beschluß gefaßt worden, nur diejenige 256 Person als Nachfolger des Nabob anzuerkennen und auf den Musnud (Thron) gelangen zu lassen, der vorher einen Tract at unterzeichnet haben würde, kraft dessen er die gesammte Civil- und Militärverwaltung des Carnatik und aller dazugehöriger Länder einzig und allein in bic Hände der englisch-ostindifchcn Regierung legen sollte. Mit anderen Worten und in der Thatsache war es auf nichts Anderes abgesehen, als die Regierung des Nabob aufzuheben und ihn zu entthronen, indem man ihn nur zum Scheine auf dem Throne sitzen ließ worin, wie schon früher erklärt und bewiesen worden ist, nunmehr die Hauptpolitik der englischen Compagnie in Indien bestand. — Am 15. Juli trat denn wirklich der Tod des alten Nabob Omdut ul Omrah ein. — Am anderen Tage schickte Lord Clive, der Statthalter von Madras, zwei von ihm ernannte Commissa-rien, den ersten Ncgierungssecrctair Wcbbc (dessen Amt in Ostindien ein sehr wichtiges ist) und den Obristlicut. Close, in den Palast von Chepauk, wo sie von Najeeb Khan, Tukhia Ali Khan, Kadir Nawas Khan, sowie von Thomas Barrett, sehr gut empfangen wurden. Der Erstere scheint kein besonderes Amt begleitet zu haben, sondern nur ein alter Freund und Rathgeber der Nabob-Familie gewesen zu sein; der Zweite war des verstorbenen Nabobs Kriegsminister, der Dritte war Minister des Innern und Thomas Barrett war ein Portugiese aus der untersten Volksklasse stammend, der, ohne Talente, Erziehung und Sitten, das Vertrauen des Nabob errungen hatte und dessen Finanz-minister geworden war. Die englischen Commissarien erkundigten sich sogleich, ob der verstorbene Nabob keine testamentarische Verfügung hinterlassen habe? Nach einigen Ausflüchten räumten die Khan's ein, daß der Nabob einen letzten Willen hinterlassen habe, wodurch er seinen angeblichen Sohn Taje ul Omrah, gewöhnlich Ali Hussein 257 genannt, zu seinem Nachfolger und Thronerben ernannt habe. — Die englischen Commissarien stellten nun die Forderung, daß ihnen das Testament vorgezeigt und der junge Fürst ihnen vorgestellt würbe. Es wurden dagegen mancherlei Schwierigkeiten erhoben, aber dieselben endlich durch die entschiedene Haltung der Commis-sarien beseitigt, man willigte in ihr Begehren ein, und es erschien der junge Prinz Ali Hussein mit dcm Testamente seines Vaters in der Hand. Dasselbe wurde eröffnet, geprüft und vorgelesen, und man fand, daß dieses Document des jungen Fürsten ihn nach aller Form des Rechtes zum Thronerben einsetzte. Nunmehr eröffneten die englischen Commissarien dem jungen Thronerben und den anwesenden Khan's, unter welchen Bedingungen man die Thronrechte desselben anerkennen und ihn den Musnud besteigen lassen würde. — Natürlich fanden sie Einrede und Widerspruch, und ungeachtet die Commissarien die Documents die Briefe, die eigene Handschrift des verstorbenen Nabob, worin seine feindseligen Gesinnungen und vcrräthcrischcn Absichten gegen die englische Regierung der Compagnie deutlich kundgegeben waren, dem Prinzen und den Ministern vorlegten, so erklärten und behaupteten diese doch fest, daß der verstorbene Nabob solche Gesinnungen gegen die Compagnie nicht gehegt haben könne und eine verräthmsche Absicht ihm gänzlich ferne gelegen haben müßte. — Nach mehreren Zusammenkünften, vielem Hin- und Herreden schlug es endlich Ali Hussein entschieden ab, einen solchen Tractat, wie die Engländer forderten, zu unterzeichnen und unter solchen Bedingungen den Musnud zu besteigen. Seine Rathgebcr hatten ihn glauben gemacht, daß trotz dieser Weigerung die cnglisch-ost-indische Regierung ihn dennoch den Musnud besteigen lassen würde, was aber diesmal eine Verrechnung war. Sofort nach der Rückwcisung, womit Ali Hussein die englischen Bedingungen schließlich beantwortet hatte, nahmen die Nan Möttln, Ostindien. H. 15 258 englischen Commissarien bmch die bereits den Palast umzingelnde Militairmacht das Innere desselben in Besitz, entwaffneten und entfernten die Leibwache des alten Nabob und entdeckten im Palaste ein höchst armseliges Gemach im schlechtesten Zustande, worin ein elender, bemitlcidswerther Mann lag — der Prinz Azccm ul Dowlah, der Großsohn des Nabob's Mahomed Ali (Vorgänger des nun verstorbenen Nabob Omdut ul Omrah), der, um seine rechtmäßigen Geburtsrechte nicht geltend machen zu können, von dem nun verstorbenen Nabob und seinen Anhängern in langer und harter Gefangenschaft gehalten worden war. Der unglückliche Gefangene wurde nun von den englischen Commissarien aus seinem Kerker befreiet, er erfuhr den Tod seines Peinigers und die Ursache, warum die Commissarien Besitz vom Palaste genommen hatten, er erkannte die Billigkeit der von der englischen Compagnie gestellten Forderungen an, nachdem man ihn von den Verrätherischen Unterhandlungen in Kenntniß gesetzt hatte, welche der verstorbene Nabob mit dem Sultan Tipfto Saib gepflogen; — er erklärte, daß er ohne Bedenken den Tractat mit der Regierung der englischen Compagnie unterzeichnen würde, wenn man ihn auf den Musnud erheben wolle. Da dieser unglückliche Prinz weit mehr Verstand, Fähigkeiten und bessere Gesinnungen gegen die Engländer an den Tag legte, als sein Nebenbuhler Ali Hussein, so forderten die Commissarien ihn auf, den Tractat einzugehen; er unterzeichnete denselben, indem er die englisch-ostindischc Regierung zur alleinigen Herrscherin von Carnatik anerkannte, wogegen ihn die Compagnie als Thronfolger einsetzte. Am 31. Juli, zur Mittagszeit, versammelten sich deßhalb alle Mitglieder der Präsidentschaft, alle Civilbcamte, See- und Land-officiere, kurz Alle, deren Nang ihnen ein Recht dazu gab, im Palaste zu Chepauk. Bald nach Ein Uhr langte der Prinz Azee m ul Dowlah, als neuer Nabob von Carnatik, in Begleitung des 259 Statthalters Lord Clive, des Viceadmirals Rainier und des Generals Stuart, nebst den Mitgliedern des hohen Rathes am Thore des Palastes an, wo sie von dem Oberlichter Sir Thomas Stränge, Mr. Gwillim und Mr. Sullivan empfangen wurden. Die Truppen der englischen Garnison bildeten eine Gasse vom Eingänge des Gartens an bis an die Vcrranda des Palastes, durch welche der Nabob mit scinrm Gefolge zog. Der neue Nabob betrat den Durbar (Thronsaal) zwischen dem Statthalter Lord Clive und dem Viceadmiral Rainier, vor ihnen her ging Mr. Webbe, der erste Regierungssecretair; auf sie folgten General Stuart und die übrigen Mitglieder des hohen Rathes. ^ Im Thronsaalc angekommen, bekleidete der Statthalter Lord Clive, vom General und Viccadmiral unterstützt, den neuen Nabob mit den Insignien seiner hohen Würde. Das Schwert war die letzte Staatsinsignie, womit der Nabob geziert wurde. Er lehnte sich in einer sehr edlen Haltung auf den Griff dieses Schwertes, indem er eine kurze Anrede in persischer Sprache an den Statthalter hielt, dann bot er demselben die eine, dem Viccadmiral die andere Hand und bestieg, von ihnen geführt, den Musnud. Nachdem er sich gesetzt hatte, nahm der Statthalter einen Stuhl zur Linken des Musnud (in ganz Indien ist die linke Seite der Ehrenplatz), der etwas niedriger als der Thronsessel stand, und neben ihm nahmen der Viceadmiral Rainier, der General Stuart, Mr. Fallofield und die anderen Mitglieder des hohen Rathes Platz. Zur Rechten des Nabob saßen die MMr. Stränge, Petrik, Gwillim,*) Sullivan und Andere. Hinter dem *) (ttz sind hier die Namen Stränge, Gwillim ,c, genannt; es dürfte den Leser iutercssiren, diese Männer noch in einer anderen Lage und bei einer anderen Begebenheit näher kennen zu lerne». Bei dem in Indien viel Aufsehen machenden Kriegsgerichte, das im Juli 18l»:t den Obristen Mandewillc ocrurthciltc, entdeckte man, daß ein (fingeborener, der gegen Um als Zeuge fungirt hatte, eines groben Meineides schuldig geworden war, und dann die Flncht ergriffen hatte, ObristMandewille meldete diesen 260 Thronsessel stand der erste englische Rcgierungssecretair Web be und machte den Dolmetscher zwischen dem Nabob und dem Statthalter. Umstand, der sehr für seine Unschuld sprach, dem obersten Gerichtshofe von Madras, der sofort den Befehl gab, den Meineidigen gefangen zu nehmen, und er nahm auch gleichzeitig den Obristcn in den Schuh seiner Gerichtsbarkeit, um zu verhindern, daß die Regierung ihn nicht nach England sende, ehe dieser Umstand des Meineides gehörig vom Gerichte untersucht worden war. Die Sache des Obristen Mandewille war aber folgende: Der Platz-major der Festung hatte in sslive's Abwesenheit sich eines, ihm vielleicht mißliebigen Obristen entledigen wollen und ihn eines angeschuldeten, durch falsches Zeugniß erwiesenen Vergehens angeklagt und ihn kricgsrechtlich zur Abführung nach England vcrurtheilt. Der Schutz, den der Obrist beim Gerichtshöfe fand, kam dem Plahmajor nicht gelegen, nnd er suchte durch ungesetzliche Gewalt sein Urtheil durchzusehen, ^ M befand sich ein Ost-indicnfahrcr segelfertig auf der Nhede von Madras, um nach England zurückzukehren. Am Abend vor seiner Abreise wurde eine Wache von einigen Soldaten nach dem Hause des Obristcn Mandcwillc geschickt, das in der Stadt lag, um denselben gefangen zu nehmen. Diese Gcsangennehmung geschah so gewaltsam, daß man ihm nicht einmal Zeit ließ, die nothwendigsten Habseligkeiten für die Reise mitzunehmen, da man ihn auf das Schiff brachte, um ihn ohne Weiteres nach England zu transportircn. Sir H. Gwillim, der in Abwesenheit des Kord-Obcnichtcrs, Sir Thomas Stränge, dessen Stelle «ersah, bekam sogleich Nachricht von dieser ungesetzlichen Gewaltthätigkeit, und begehrte mit englischem Rechtsgefühlc und der daraus erwachsenden Uncrschrockeuheit auf der Stelle den Obristen zurück. l5r schickte eine Habeas-Corpus, Akte aus das Schiff, der man dort auch gehorchte nud dem Obristeu gestattete, au das Land zurückzukehren, obgleich man von der Festung aus auf das Schiff feuerte, um es zum Absegeln zu zwingen. Man hatte auch «on der Festung auf das Boot geschossen, welches die Habeas-Corpus-Akte nach dem Schiffe trug, um auch dieses zum Umkehren zu zwingen. l5s wurden Nachen längs des Strandes aufgestellt, um den Obristen gefangen zu nehmen, da er aber südlich von der Festung landete, so entging er ihrer Wachsamkeit nnd wurde glücklich in Sir H. Gwillim's Haus gebracht. Gleich darauf erschien eine militairischc Wache vor Gwillim's Hause, erbrach mit Gewalt seinen Garten nnd forderte die Herausgabe des Obristen. Gwillim, der die Unerschrockcnhcit eines englischen Richters besaß, erklärte dem Ofmier der eingedrungenen Wache, es auf eigene Gefahr und Verantwortung zu wagen, den Obristen anzutasten, er drohte, die Wache und ihren Officicr in's Gefängniß zu schicken und diese zogen sich zurück, 261 Nach einigen gegenseitigen Comftlimenten wurde der bereits erwähnte Tractat ausgewechselt. Lord Clive bot zuerst eine Abschrift desselben dem Nabob dar, der sie in Empfang nahm und neben sich auf den Musnud legte; Mr. Webbe händigte dem Nabob nun die von demselben bereits unterzeichnete Abschrift ein, der Nabob übergab sie dein Lord Clive, der sie stehend empfing und in Mr. Webbe's Hände zurückgab. Diese Ceremonie wurde durch das Bespritzen mit Nosen-wasser, mit dein Präsmtircn von Betel u. beendigt, sie wurde ohne die gesetzwidrige Absicht zu erreichen. — Eine sehr eifrige Correspon-denz fand nun cim anderen Tage zwischen dem obersten Gerichtshofe und der Negierung statt, dic Regierung erbot sich vergeblich, die den Gesetzen zugefügte Beleidigung wieder unter Entschuldigungen auszugseichen. Unterdessen, war Thomas Strängt nachMadras zurückgekehrt, er erklärte kraft des Gesetzes den Obristcn Mandcwillc für unantastbar und es wurde demselben erlaubt, in sein Haus zurückzukehren. — Vci der nächsten Sitzung des Gerichtshofes wurde von der Bank der Geschworenen eine Anklageakte gegen den Platzmajor, den ssortadjUtanten der Festung und den Ofsisicr, der die Wache befehligte, sowie Diejenigen, welche die Kanonen gegen das Schiff und das Boot abgefeuert hatten, eingereicht. Die angeklagten Personen stellten sich vor Gericht und bekannten ihre Schuld, nur der Hauptschuldige, der Platzmajor, war nicht erschienen. Es war Sonnabend — Sir Thomas Stränge erklärte, daß, wenn der Plahmajlll nicht am nächsten Montage vor den Schranken des Gerichts erscheine, und sich dem Gesetze unterwerfe, derselbe für vogelfrei ausgeschrieben werden solle. Das wirkte, der Platzmajor der Festung erschien, bekannte seine Schuld und der Gerichtshof, zufrieden, die Anerkennung der Gcschesgcwalt erreicht zu haben, begnügte sich damit, die Angeklagten mit einer Gcldbnsie von einer Pagode die Person zu strafen und mit einer derben Zurechtweisung zu entlassen, ^ord l^'live befand sich zur Zeit gerade in <5uuore, so daß die ganze Ungerechtigkeit dem Platzmajor zur öast fiel. Wir führen diese Begebenheit nur an, um bei Gelegenheit der g/-nannten Nichter Stränge und G will im, die in ganz Madras sehr geehrt wurden, zn zeigen, wie solche tugendhaste Energie in Vertretung der Gesetze und des Richteramtcs nur möglich ist. wo, wie in England, das Recht des Einzelnen ein von keiner Fürsten- uoch Soldutcngcwalt zu kränkendes Gut der politischeu Mrcilieil ist und deßhalb ein wahrhaft unabhängiger Nichterstaud sich ausbilden und in seinen Tugenden sich befestigen konnte. 262 mit aller möglichen Hochachtung von Seiten der englischen Regierung und mit der größten asiatischen Pracht vollzogen; der neue Scheinfürst war fertig gemacht, er empfing die Glückwünsche der anwesenden englischen Herren und die „Nuzzer" (Huldigungen) seiner Khan's. — MnnndMiWw Kapitel. George Thomas. Die hicrgenannte Person, welche eine Zeit lang eine historische Rolle in Indien gespielt hat und zu den von Glück begünstigten europäischen Abenteurern gehört, die sich zu einigem Einstuffe und einer Stellung an indischen Höfen zeitweise emporzuschwingen verstanden, ist in Irland geboren und dcscrtirtc von einem englischen Schiffe, daS auf der Küste von Coromanbel lag, auf dem er Schiffsjunge war. George ThomaS fand auf seiner Flucht den Weg nach Hyderabad, der Hauptstadt des Nizam, in dessen Dienste er als gemeiner Soldat trat. Sein neuer, untergeordneter Dienst sagte ihm aber um so weniger zu, als er von einem abenteuerlichen Geiste getrieben wurde, der ihm zugleich eine angenehmere Zukunft vorspiegelte. Er verließ Hyderabad, nahm seinen Weg auf gut Glück quer durch die indische Halbinsel und langte im Gebiete der Begum (d.i. Fürstin) von Somroo an, das ungefähr 15(1 englische Meilen nordwestlich von Delhi liegt. Diese Gebieterin nahm den jungen Europäer in ihre Dienste und er wußte sehr bald ihre Gunst und ihr volles Zutrauen zu 264 gewinnen, denn sie vcrheirathcte ihn nach einiger Zeit mit einer angenommenen Tochter und übergab ihm die Verwaltung einer ihrer Provinzen, deren Einkünfte er aber sehr bald verdoppelte, wodurch er nicht nur an Gunst der Fürstin, sondern auch Einfluß auf die Regierung gewann, und von seinen Talenten einen thatsächlichen Beweis lieferte. Die Ausgaben der Fürstin hatten ihre Einkünfte biShcr stets überschritten. George Thomas glaubte jetzt das Vertrauen derselben hinreichend befestigt zu haben, um den Versuch machen zu dürfen, eine finanzielle Verbesserung des ganzen Landes in die Hand zu nehmen. Die Fürstin hatte sehr viele Franzosen in ihrem Dienste, die ihr ungemcin viel kosteten und dabei ganz nutzlos waren. Thomas dachte deßhalb daran, sie zu entfernen. — Zu derselben Zeit fielen die Seik's, wie sie schon öfters gethan hatten, in das Gebiet der Fürstin von Somroo ein, plünderten und verheerten nach ihrer Sitte, und Thomas, welcher schon einige Male gegen sie mit Glück ausgezogen war, mußte auch jetzt mit der ihm zu Gebote stehenden Macht einen Feldzug gegen sie unternehmen, worin er abermals glücklich war, indem er die Seil's zurücktrieb und züchtigte. Wahrend seiner Abwesenheit aber hatten die Franzosen, die wohl wußten, daß Thomas sie aus dem Dienste zu entfernen gedachte, der Fürstin den Glauben einzureden gewußt, Thomas habe die heimliche Absicht, der Fürstin den Thron und die Staaten zu entreißen, und da er wisse, baß die französischen Diener ihr unbedingt treu und ergeben seien, so sinne er darauf, sie zu entfernen, um den eigenen Plan um so sicherer ausführen zu können. Die Fürstin glaubte dieser Zusiüstcrung so leicht und war darüber so entrüstet, daß sie ihre Tochter, die Gattin von Thomas, wahrend dieser gegen die Seik's kämpfte, heftig mißhandelte, um ihr die Veränderung ihrer Gesinnung gegen den vermeintlichen Verräther kund zu geben. 265 Auf die Nachricht davon kehrte Thomas sofort zurück, vertheidigte seine Gattin gegen die Mißhandlungen und verließ (1795) den Dienst der undankbaren Fürstin. Er ging nach Anopschire und hatte nicht fünfhundert Rupien im Besitze, ein Beweis, daß er ein redlicher Charakter war, da er sich leicht hatte bereichern können, indem er mehrere Jahre lang Einnehmer eines Bezirkes gewesen war, der jährlich zur Zeit der schlechten Verwaltung vor ihm bereits 70,000 Rupien einbrachte, und dessen Ertrag er bei seinem Abgänge gerade um daS Doppelte vermehrt hatte. Thomas begab sich jetzt in die Dienste eines Mahrattenanfüh-rers Appa Now Cunda, welcher ihm den Auftrag ertheilte, für ihn einige Bataillons zu errichten und in europäische Disciplin zu bringen; er übergab ihm zugleich einige Bezirke seines Landes, um von deren Einkünften die neuen Truppen zu bezahlen und zu unterhalten. — Diese Bezirke waren aber in ihrem Ertrage nicht hinreichend, um den Unterhalt der beiden Bataillons davon zu bestreikn, er fand aber Mittel, die Truppen mit der Beute bezahlt zu machen, die er in den beständigen Kriegen, in die der Mahratten-Häuptling verwickelt war, zu machen Gelegenheit hatte. Er stieg dadurch nicht allein im Ansehen bei dem Häuptlinge, sondern auch bei den Truppen, die ihm unbedingt ergeben waren. — Der Mahrattcnhäuptling, welcher das Unglück hatte, zufällig zu ertrinken, war ihm die Zahlungen für die Truppen, welche Thomas einstweilen durch die Beute zu decken gewußt hatte, immer schuldig geblieben; als er deßhalb todt war, erklärte Thomas die ihm angewiesenen Landbczirke für sein persönliches Eigenthum, um sich daran schadlos zu halten, und er hatte Kühnheit und Entschlossenheit genug, sich darin zu behaupten; er vermehrte seine Truppen, errichtete eine Armee für sich selbst und erweiterte sein Gebiet durch ansehnliche Eroberungen. — Das Ansehen und die Macht des George Thomas stiegen so bedeutend, daß die verschiedenen, in seiner Umgebung und Nachbar- 266 schaft wohnenden Fürsten ihn oft um Hülfe angesprochen haben, und bei einer solchen Gelegenheit empfing er 50,000 Rupien monatliche Subsidien. Seine erste Gebieterin, die Fürstin von Somroo, wurde bald darauf, nachdem er sie verlassen hatte, durch Verrath in das Gefängniß geworfen und ihres Thrones entsetzt; — jetzt bewies er ihr seine damals angefochtene Treue dadurch, daß er mit seiner Armee nach Somroo aufbrach, die Fürstin befrcicte, die Usurpation vertrieb und die Fürstin wieder auf den Musnud (Thron) setzte. Von Jahr zu Jahr wurde George Thomas unternehmender und er trieb seine Eroberungen mehr als früher in größerem Maßstabe. Seine Hauptstadt, welche einer der festesten Plätze Hin-dostans war, lag ungefähr 80 englische Meilen westlich von Delhi, hieß Han see und findet sich auf einigen Karten Indiens aufgezeichnet. — Von hier aus griff er das Gebiet der Seik's an, schlug sie, wo er sie nur finden konnte, und nahm ihnen einen Bezirk an den Ufern des Sutlebgc weg, der jährlich beinahe zwei LaksNu-pien abwarf. (Der Sutlcbgc ist der erste von den fünf Flüssen, die dm Punjab durchstießen.) Die Mahratten konnten das Glück dieses unternehmenden Abenteurers nicht mit Gleichgültigkeit ansehen; er war ihnen mit seiner wachsenden Macht zu nahe. Sie boten ihm zuerst an, ihn und seine Truppen in ihre Dienste zu nehmen, sie konnten aber gegenseitig über die Bedingungen nicht einig werden. Nunmehr gaben die Mahratten dem General Perron Befehl, mit seiner Armee gegen ihn zu marschircn, dieser französische Officier schien sich aber nicht gern mit seinem Gegner messen zu wollen und gestattete ihm die Bedingungen der Freundschaft, welche Thomas selbst gefordert hatte; denn er besaß damals i0,000 Mann gut discipli-nirte Infanterie, 4000 Mann sehr gute Cavallerie und 50 Kanonen, und fürchtete einen Angriff Perron'S nicht. Mehrere englische Officicre standen lange Zeit in einer freund- 267 schaftlichen und vertraulichen Eorresvonbenz mit ihm, und er hat ihnen seine Pläne und Operationen immer offenherzig mitgetheilt, die oft bewunderungswürdig waren; aber obgleich der Marquis Well es ley sich für ihn persönlich interessirte, so konnte die englische Regierung ihn doch nicht unterstützen. In einem seiner Briefe an das englische Gouvernement machte er den Vorschlag, daß die Englander die Scik's angreifen sollten, da dieselben sowohl Feinde der Engländer wie der Mahrattcn seien; er wollte ihnen dabei hülfrcich sein und er verlangte dafür nur, baß die englische Regierung den Mahratten die Forderung stellen möchte, den Seik's nicht Hülfe zu leisten; er verlangte für sich weder Geld, noch Waffen oder Truppen und machte sich verbindlich, binnen drei Jahren seine ganze Armee und das ganze Punjab zu übergeben, das ein jährliches Einkommen von zwei Crore's Rupien einbringt; er forderte nur, daß man ihm bei der Uebcrgabe seiner Armee seine Kanonen, Musketen und Munition bezahle. Er hatte den guten Ehrgeiz, seinem britischen Vaterlandc nützlich zu werden, und er würde demselben höchst nützlich geworden sein, wenn man seine guten Dienste angenommen hatte. Man lag aber in diplomatischen Fesseln und hatte den Muth nicht, in ein etwaS abenteuerliches Unternehmen einzugchen. Die Mahratten hatten indessen George Thomas zu vernichten beschlossen. Im Jahre 1806 überzogen sie ihn mit Krieg, und er vertheidigte sich zwar tapfer und vielfach siegreich, aber die Uebermacht seiner Feinde war zu groß, um ihr auf die Dauer widerstehen zu können, zumal er von keinem Freunde unterstützt, immer allein auf sich angewiesen und stets von Feinden umringt war. Dennoch behauptete er sich durch Talent und Muth und erfocht mehrere Siege, die ihm aber wenig Vortheile und nur persönlichen Ruhm einbrachten. Als die Mahratten einsahen, daß sie ihn durch die Gewalt der Waffen nicht so bald bezwingen konnten, nahmen sie ihre Zuflucht 268 zu ihrem gewöhnlichen, nichtswürdigm aber sicherm Mittel, das ihnen nur zu gut gelang; sie bestachen seine Officiere, und als er sich nun von seinen eigenen Truppen verlassen sah, mußte er nach seiner Festung Hansee fliehen. Sie war vom Orte, wo er kämpfte, hundert englische Meilen entfernt, er erreichte sie in einer Nacht und auf dem nämlichen Pferde, aber seine Feinde folgten ihm schnell nach. Die wenigen Getreuen, welche ihm noch übrig geblieben waren, vertheidigten zwar eine Zeit lang die Festung tapfer, aber auch sie wurden durch Geld überwunden. George Thomas sah nun die Unmöglichkeit ein, sich länger vertheidigen zu können, er mußte gegen seinen Willen eine Capitulation eingehen, in Folge deren die Mahratten ihm für die Uebergabe seiner Festung 50,000 Rupien zahlten und ihm den Abzug mit seinem Privateigenthum gestatteten. NreimMeZ MM!. Der Kaiser von China im Jahre 1799 und die chinesische Rechtspflege. Der Kaiser Ca-Hing hatte seine neue Regierung mit vielen Handlungen begonnen, welche ihn schnell in der Welt bekannt machten; er hatte einen mehr alS gewöhnlichen Antheil an den Regierungsgeschaftcn genommen und eine Gerechtigkeitsliebe gezeigt, die in Europa mit großem Schrecken und mancher stillen Angst vernommen sein würbe, in China aber hoch gepriesen wurde, weil man dadurch gleichzeitig manche persönliche Rache befriedigt fühlte, zumal der erste Gercchtigkeitsakt deS Kaisers gegen einen allmächtigen Minister gerichtet war. — Ca-Hing war in seiner Stellung ein Mann der egoistischen Neuerung; schon dadurch wich er von den herkömmlichen Gebräuchen ab, indem cr die dem neuen Kaiser und dessen Familie vorgeschriebene Trauer und die ganzliche Enthaltsamkeit von allen Ncgierungsangelegenheitcn und öffentlichen Geschäften für die Dauer von drei Jahren nicht übte, sondern sich diesen Gebrauchen nur in so weit unterwarf, daß er Peking und dessen Umgebung nicht verließ und alle Schauspiele, mit Ausnahme öffentlicher Festlichkeiten zu religiösen Iwccken, verbot. 270 Nicht ohne Furcht vor den Intriguen deS ersten Ministers seines Vorgängers bestieg der neue Kaiser den Thron, denn jener hegte den Plan, die Zügel der Regierung für sich selbst in Anspruch zu nehmen und der Kaiser hatte diesen Plan still durchblickt. Es gelang aber seiner Klugheit nach und nach, alle bedeutende Staatsämter, sowohl in der Hauptstadt, wie in den Provinzen mit treuen Männern zu besehen, ehe er sich den geringsten Verdacht gegen den Minister merken ließ. So vorbereitet entsetzte er ihn plötzlich seiner Aemter und Würden, ließ ihn gefangen nehmen und bemächtigte sich seiner Reichthümer, die in Gold und Silber, Landgütern, Werthpapieren verschiedener Gattungen ?c. bestanden und auf wenigstens 80 Millionen Laks, ungefähr 27 Millionen Pfund Sterling geschätzt wurden, außer vier Pekuls (5l)l) Pfunde) Perlen, von denen an fünfzig zu den größten der Welt gehörten. Ein solcher Unterthan, von diesem Range und ungeheuren Vermögen, das ihm alle erdenklichen Hülfsqucllcn darbot, ist gewiß kein unbedeutender Nebenbuhler um die Herrschaft in einem so feilen Staate wie China. — Es wurden nun Anklagcftunkte wegen schlechter Verwaltung gegen ihn vorgebracht; man weiß aber, daß diese Anklage-Objecte höchst unbedeutender Natur gewesen sind und nur aufgestellt wurden, um den Schein der Eifersucht vom Kaiser abzulenken, der es mit seiner Würde nicht vereinbaren konnte, mit dem Minister um den Thron zu kämpfen, und deßhalb seine Zuflucht zu der Justiz nahm, die, der Form zu genügen, Gesetzwidrigkeiten ersinnen mußte, wie das so oft in allm Wcltthcilcn geschieht, um einen mächtigen ober andersgesinnten Mann aus dem Wege zu räumen und zu verderben. Es wurde ihm eine seidene Schnur zugeschickt, als eine stillschweigende Verkündigung, daß er die Wahl zwischen dem Selbst, morde oder einer öffentlichen Hinrichtung habe; er zog das Erstere vor und erhängte sich. 271 Da mil die Akten dieses merkwürdigen Criminalprocesses bekannt geworden sind, so wird es dem europäischen Leser nicht ohne Interesse sein, einen kurzen Auszug daraus zu erhalten, um einen Begriff von chinesischer Rechtspflege zufassen, denn in diesem Reiche der Stabilität hat sich seit 4799 bis heute noch nichts darin verändert, trotz der christlichen Missionaire, deren segensreiche Früchte nur Tropfen im Meere sind. Die Akten lauten in getreuer Ucbersctzung folgendermaßen: „Am 25. des ersten Monates des dritten Jahres der Regierung des Kaisers von China, Ca-Hmg, deckt das Tribunal der Kriegsangelegenheiten des Hofes von Peking auf Befehl des großen Kaisers, unter dem Datum des N. vom besagten Jahre, die Verbrechen des ersten Staatsministers Hören auf, der, nachdem er von dem verstorbenen Kaiser Kien-Song Belohnungen und Ehrenstellen empfangen hatte, mehr als jemals ein Unterthan vor ihm, aus der niedrigen Klasse, woraus er geboren, zur hohen und ehrenvollen Würde eines Chung tang oder Ministers erhoben war, durch seine eigenen, persönlichen Vcrgehungen sich der großen und exemplarischen Strafe schuldig gemacht hat. Der Kaiser macht die verschiedenen Hauptverbrechen, deren sich dieser boshafte Unterthan schuldig gemacht hat, und deren er überwiesen worden ist, bekannt, wie folgt, und befiehlt die strengste Untersuchung und eine angemessene Strafe." ^ „Obgleich (sagt der Kaiser) ich nach dem Gebrauche des Reiches in den nächsten drei Jahren nach dem Tode meines Vaters keinen Ausspruch desselben verändern sollte, aus Ehrfurcht und zarter Achtung für sein ewig zu verehrendes Andenken, waS auch sehr gerecht und nach dem Willen des Himmels ist und ich in Wahrheit thun sollte, da es mein Vater durch seine großen Tugenden und sein mitleidiges Herz gegen sein Volk verdient, daß ich mich aller Neuerungen enthalten sollte, nicht nur für drei, sondern für viele tausend Jahre, so habe ich aus dieser Ursache noch keinen 272 Mandarinen oder Ofsicier von dem Posten entlassen ober entfetzt, auf den ihn der Kaiser gestellt hatte; auch werde ich von nun an nicht ermangeln, jedes Versehen und jeden Fehler zu übersehen, die nicht von großer Bedeutung sind, oder ernste Folgen haben; — dies verspreche und bezeuge ich vor Himmel und Erde! Aber die Verbrechen und Ausschweifungen des Minister Hören sind so ernsthaft und abscheulich, nach den großen und schweren Beschuldigungen, welche die großen Mandarinen gegen ihn vorgebracht haben, daß es mir, ungeachtet dessen, was ich meinem Vater schuldig bin, unmöglich ist, aus irgend einem Grunde mit Mitleid oder Nachsicht zu handeln. Daher, sobald ich die nöthigen Nachrichten von meines Vaters Tode in die Provinzen des Reiches gesendet hatte, entsetzte ich ohne Weiteres und ohne Aufschub den Hören seines Amtes und befahl eine Gefangennehmung, Verhörung und Urtheilsspruch, von dem ich hiermit allen meinen Vasallen Nachricht gebe. — Anklagepunkte: 4) Den dritten Tag des neunten Monates des sechzigsten Jahres seiner Regierung beschloß mein Vater mir die Regierung zu übergeben und abzudanken; Hören kam den vorhergehenden Tag, als den zweiten besagten Monates, um mir seine Glückwünsche abzustatten, noch ehe mein Vater seinen Entschluß bekannt gemacht hatte, wodurch er sich der tiefstenVerrätherei schuldig machte, denn er gedachte sich dadurch meiner Gnade und Zuneigung zu versichern. 2) Im dritten Monate des verflossenen Jahres, als Hören von meinem Vater nach dessen Lustschlosse, das Yuen-ming-Yuen genannt wird, beordert wurde, hatte er den Uebermuth, zu Pferde in dieses Schloß bis an die linke Pforte der Halle, Ta-Kaumning genannt, hinanzureiten, sich dadurch als einen Mann zeigend, der weder meinen Vater noch den Kaiser anerkannte. 273 3) Unter dem Vorwande eines kranken Beines ließ er sich immer in den kaiserlichen Palast und aus demselben durch die Pforte, Xin-Ur genannt, tragen, ohne Scheu und ohne Furcht vor Denjenigen, die mit Unwillen diese strafbare Kühnheit bemerkten. ^ 4) Die Jungfrauen für den Gebrauch des Palastes, die zu Zeiten in ihrer Väter Häuser gesammelt wurden, ließ Hören in seiner unumschränkten Macht auffangen und ohne Schau: in sein Haus bringen, um als zweite Weiber zu dienen. 5) Die Belichte der Generäle in allen Kriegen der letzten Jahre, sowohl innerer wie fremder Kriege, behielt Hören sehr oft in seinen Händen, oder vernichtete sie, ohne sie dem Kaiser mitzutheilen, der daher auch die nothwendigen Maßregeln nicht treffen konnte, um den militamschen Erpcdüioncn einen glücklichen Erfolg zu sichern, und Horm machte sich daher des Verlustes unzähliger Gefechte schuldig. 6) Hören war General-Intendant dreier großer Hoftribunale, nämlich des der Mandarinen, der Verbrechen und der kaiserlichen Schatzkammer; er maßte sich die alleinige Gewalt an und erlaubte den Mitgliedern dieser Tribunale nicht so zu handeln, wie Vernunft und Gerechtigkeit es erforderten. — 7) Es ist unzweifelhaft gewiß, daß dieser Hören die Verordnungen des verstorbenen Kaisers verheimlichte und sie gänzlich oder theilwcise zerriß, wenn sie nicht nach seinem Sinne verfaßt waren, und er fertigte sie anders aus, indem er, die Schwäche und das Unvermögen meines alten Vaters mißbrauchend, seine Ausfertigungen von ihm unterzeichnen ließ. 8) In einem Orte, Sinhoa genannt, befand sich eine Bande Landstreicher von mehr als tausend Mann, welche die Schafherden eines Pächters anfielen, dieselben mehrere Male plünderten und zwei Schäfer tödtetcn. Hören wollte nicht zugeben, daß eine so abscheuliche That dein Kaiser bekannt gemacht würde, sondern Van Mötern, Oslmdicü. il. 18 274 vernichtete im Gegentheile die Anklage, nm, weil zwei von seinen Günstlingen Mandarinen des Ortes waren. — 9) Gleich nach meines Vaters Tobe hatte ich beschlossen, daß alle Regulo's und Großen der Tartarei und Lehnsmänner des Reiches nach Peking beordert werben sollten, um die Vegräbniß-ceremonicn und gebräuchlichen Libationen, die man der Leiche des verstorbenen Kaisers schuldig ist, zu verrichten; nur sollten diejenigen dieser Reise überhoben sein, welche die Blattern noch nicht gehabt hätten. Hören hatte die Kühnheit, meinen Entschluß zu verdrehen und befahl Allen zu erscheinen, gleichviel, ob sie dieBlattern gehabt hatten oder nicht; dieses beweiset offenbar seinen großen Stolz und seine ausgedehnten Absichten. 10) Die Mandarinen U-Sing-Lang, Si-Hang und Li-Kuan-Lmg wurden, nur weil sie in seinem Hause Lehrer gewesen waren, ohnePrüfung ober Verdienste aufMandarinen-Aem-ter von Bedeutung erhoben. 11) Der große Mandarin von dem Tribunal der Doctoren oder der gelehrten Manner, Lu-Sin-Go genannt, der auf beiden Ohren taub und wegen seines hohen Alters nicht mehr im Stande war, die Pflichten seines Amtes auszuüben, wurde nicht ersetzt, da Hören dessen Unvermögen nicht dem Kaiser meldete, damit dieser keine andere tüchtige Männer an dessen Stelle setzen könne und zwar nur aus dem Grunde, weil dieser Lu-Sin-Go der Schwiegervater seines jüngeren Bruders war. — 42) Die höheren Beamten des Staats-Secrctanats wurden alle nach der Willkür Hor en's ernannt, er stellte sie an und entsetzte sie ganz nach eigenem Gutdünken, worin er mit unnatürlichem Hochmuthc handelte. 43) Seitdem Hören sich in einem Zustande von Confiscation befindet, hat man bemerkt, daß er in seinem Paläste viele Zimmer besitzt, die aus dem Holze Nam-Mu erbauet sind, ein Material, das allein für kaiserliche Wohnungen bestimmt ist; aber waS 275 noch mehr ist, er hat neue Zimmer und Gärten gebauct ganz nach dem Plane des Lustschlosses des Kaisers und in dem nämlichen Style und gleicher Architektur. Es ist schwer zu begreifen, was seine Absichten und Gedanken dabei sein konnten. 14) Bei der Einziehung von Horcn's Vermögen, die stattgefunden hat, sind mehr als zweihundert Perlcnschnürc gefunden worden, die an Zahl diejenigen, welche der Kaiser besitzt, weit übersteigt, und unter den unzähligen Juwelen, welche er besaß, wurde eine Kugel von Koralle gefunden, von bewunderungswürdiger Größe und unschätzbarem Werthe, wie selbst der Kaiser keine solche besitzt; außerdem fand man auch einige Dutzend Edelsteine, roth und durchsichtig, von denen er, vermöge seines Ranges, keinen Gebrauch machen konnte. Nebst diesen fand man auch eine große Anzahl verschiedener Edelsteine von mannichfaltigcr Gattung, hohem Werthe und großer Seltenheit und einige darunter, welche man im kaiserlichen Schatze noch nicht gefunden hat. 45) Das Gold und Silber, welches man von Hören eingezogen hat, obgleich sein Proceß noch nicht beendigt, beläuft sich schon auf mehrere Millionen, wenigstens zehn. — 16) Der unveränderliche Ehrgeiz dieses bösen Unterthanen war so groß, daß er ihn zu der Abgeschmacktheit verleitete, die Stellen der Mandarinen, sowie öffentliche Aemter des Reiches zu verkaufen, wovon kein Beispiel in der Geschichte sich befindet. Von allen diesen Anklagcpunkten ist Hören durch die Verhöre, die ihn der Regulo Van-Tachen ftassirm ließ, überführt worden und er hat bekannt, daß Alles wahr fei. — Dieser schlechte, gewissenlose Mensch ohne alles menschliche Gefühl mißbrauchte seine unbeschränkte Macht, handelte bei allen Gelegenheiten ohne Gerechtigkeit und Vernunft, als ob er Niemand über sich habe, dem er Rechenschaft von seinen Handlungen schuldig sei, noch Gesetze, nach denen er gerichtet und bestraft werden konnte. Alles, was bis jetzt gesagt worden ist, ist nicht das Aergstc, 18* 27l; was an diesem bösen Manne betrachtet werden muß. Daß er den Kaiser und das Reich arm machte, um sich allein zu bereichern, ist das Wenigste; was mehr als alles dieses an ihm verdammt werden muß, und das Maß seiner Sünden vollmacht, ist seine Treulosigkeit und seine vcrrätherischc Undankbarkeit, mit der er sich gegen meinen verstorbenen Vater und Kaiser betragen hat, von dem er so viele und wichtige Wohlthaten empfangen hat, die er gewiß nicht erhalten hätte, wäre irgend Jemand kühn genug gewesen, ihn vor meinem Vater anzuklagen und diesem seine Ungerechtigkeiten zu entdecken, bei deren Anhörung er ohne Zweifel denselben bestraft haben würde. Aber dieses allgemeine Stillschweigen sowohl derjenigen Unterthanen, die bei Hofe angestellt sind, als auch derjenigen in gewissen Provinzen, ist einigermaßen verzeihlich, denn die Ursache war einerseits, weil sie sich scheueten, meinen bejahrten Vater mit diesen Entdeckungen zu betrüben, andererseits aber auch, um den unvermeidlichen Folgen auszuweichen, die, wie sie voraussahen, wegen der unbeschränkte»! Gewalt dieses besagten Hören für sie selbst daraus entstehen würden, denn sie fürchteten ihn mehr als den Kaiser selbst, von dessen Wahrheit ich selbst ein gültiger Zeuge bin. Aber nun, da die ungerechten Handlungen dieses treulosen Mannes auf den höchsten Grad gestiegen sind und sich öffentlich ohne Verstellung gezeigt haben und es wohl bekannt ist, daß ihre Anzahl die der Haare auf dem Kopfe übersteigt und selbst die Bc-redtsamkeit sie nicht so schwarz darstellen kann, wie sie es verdienen, wie könnte ich es vor dein höchsten Wesen im Himmel verantworten, wenn ich einen so verdorbenen und schändlichen Menschen nicht bestrafte? Wie sollte ich im Stande sein, mein Gewissen zu beruhigen, wenn ich mich einer so großen Vernachlässigung meiner Pflichten schuldig machte? — Ich befehle daher, daß die Regulo's, Mandarinen und hohen Staatsbeamten meines Hofes in Peking diese Rechtssache aufmerk- 277 sam untersuchen und beurtheilen sollen, und überdieß, daß sie ohne Zeitverlust die strengsten Befehle an die Vicelönige und General-Intendanten der Provinzen senden sollen, daß, nachdem sie die oben verzeichneten Punkte dieser Anklage gelesen haben, sie sogleich ein Urtheil über besagten Horcn fällen sollen, und außerdem die genauesten Nachforschungen über seine begangenen Fehler und seine Aufführung machen, und mir von dem Ganzen die schnellsten Nachrichten geben sollen. —" Pekina am il. dcs ersten Monats ^ <. . " ^a-Hing. des dritten Jahres der Regierung. Aus dieser, wörtlich übersetzten Anklageakte mag der europäische Criminalist lernen, wie man in China die Justiz zu handhaben versteht, wo es darauf ankommt, die Rache in das Gewand der Gerechtigkeit zu kleiden. — OinnMmWPteZ MM. Eine Prinzessin von Neu-Seeland in Indien. Es war im Juni 1809, als ein junger Engländer, Namens George Bruce, in Calcutta eintraf und zwar in Begleitung seiner Gattin, welche eine neuseeländische Prinzessin, nämlich die Tochter Tipvahee's, eines der machtigsten Oberhäupter dieser großen Insel, war. George Bruce war 4779 zur Nabcliffe in England geboren, ging l790 als Schiffsjunge nach Port Jackson in Neu-Süb-Wallis, verließ hier sein Schiff mit Erlaubniß seines CaftitainS und blieb in der Colonie zurück, wo er sich bald darauf in den Sccdienst begab. — Nachdem er mehrere Jahre in diesen Diensten gestanden hatte, wurde er an Bord des Schiffes „Lady Nelson", das Cafti-tain Simmonbs führte, gesandt, ein Schiff, welches eigens dazu ausgerüstet worden war, um den Häuptling (König) Tippahee, der dem Gouverneur von Port Jackson einen Höflichkeits-Besuch gemacht hatte, wieder in seine Heimath zurückzuführen. Der König begab sich an Bord der „Lady Nelson" und dieses Schiff segelte nach seinem Bestimmungsorte ab. Während dieser Reise wurde Tippahee gefährlich krank; Bruce, 279 der, wie es scheint, seine Sprache gelernt hatte, wmbe ihm als Krankenwärter bcigegeben und der König war mit dessen Aufwartung und Bereitwilligkeit in Erfüllung aller Wünsche und Dienste so sehr zufrieden, daß er ihm seine ganze Zuneigung schenkte. Nachdem das Schiff glücklich in Ncu-Sceland angekommen war, forderte Tippahec vom Capitain, daß man ihm den jungen Mann lasse und demselben gestatte, bei ihm zu bleiben, wogegen Capitain Simmonds nichts einzuwenden hatte, zumal Bruce selbst bereit dazu war. So blieb dieser in Neu-Seeland zurück und Tippahec nahm ihn als Sohn in seine Familie auf. — Die ersten Monate seines Aufenthalts in Neu-Seeland benutzte Bruce dazu, das neue Vaterland zu erforschen und dessen Sprache, Sitten und Volksgebräuche genau kennen zu lernen. Er fand das Land angenehm und gesund, voll romantischer Gegenden, mit Hügeln und Thälern angenehm wechselnd und größtentheils mit Waldung bedeckt. Das Volk war gastfrei, freimüthig und offenherzig, und, obgleich roh und unwissend, beteten sie doch kein Götzenbild an, noch irgend Etwas, was Menschenhände gemacht hatten, sondern erkannten ein allmachtiges, höchstes Wesen an. — Da der König den Plan hatte, seinen neu angenommenen Sohn an die Spitze seiner Armee zu stellen, so war es nothwendig, daß er vorher tätowirt wurde, denn ehe er sich dieser ccrcmonicllcn Operation nicht unterzogen hatte, war es nach der Landessitte unmöglich, daß er als Krieger anerkannt werden konnte. Der Wille des Königs stand fest, die Lage war dringend, und es stand dem Europäer keine andere Wahl frei, als sich mit Entschlossenheit dieser schmerzhaften Operation zu unterwerfen. — Sein Gesicht bot ein meisterhaftes Muster der Kunst des TätowirenS dar. — Nachdem er nun in aller Form tätowirt und auch in der äußerlichen Erscheinung ein Neu-Secländer geworden war, wurde er als Krieger erster Klasse anerkannt, als Neu-Seeländer natura- 280 listrt, als Mitglied der Familie des Königs förmlich aufgenommen und mit dcr Prinzessin Antockoe, der jüngsten Tochter Tippahee's, vcrheirathct, einem Mädchen von vierzehn Jahren, deren natürliche Schönheit groß, aber durch die Tatowirung, nach den dortigen Begriffen, noch bedeutend erhöht und zu einem höchsten Ausdrucke weiblicher Reize in den Augen der Neu-Scclandcr gebracht worden war. — Sie erhielt den Namen Mary Bruce. — Bruce wurde nun daö erste Glied in der Familie des Königs und es wurde ihm die Regierung der Insel anvertrauet. Sechs oder acht Monate nach seiner Heirath besuchten mehrere englische Schiffe Neu-Seeland, um sich Lcbensmittcl zu verschaffen, und sie fühlten Alle den wohlthätigen Ginstuß, einen Europaer und Landsmann an der Spitze der Regierung dieser Insel zu haben, denn sie erhielten Fische, Gemüse und andere Naturprobuctc der Insel in Ucbcrstuß. — Bruce und seine junge Gemahlin lebten indessen glücklich und zufrieden, sie waren mit allen Bedürfnissen des Lebens reichlich versehen und genossen eine völlige Unabhängigfeit; Bruce fand eine besondere Aufgabe darin, die europäische Bildung auf der Insel einzuführen und frcuetc sich, den Fortgang der Sittcn-verbesserung und Cultur unter einem Volke verbreiten zu können, mit dem er ein gemeinschaftliches Leben zu führen durch einen folgcreichcn Zufall nunmehr bestimmt worden war. In der Zeit dieser Wirksamkeit und Hoffnung, welche Bruce lebhaft beschäftigte, lief ein englisches Schiff, genannt „ General Wcllesley", auf einem Punkte der Küste ein, wo sich gerade Bruce mit seiner Gattin aufhielt und der ziemlich weit von der Residenz des Königs entfernt lag. Der Capitain des Schiffes, Dalrymplc ist sein Name — wendete sich an Bruce, bat ihn, ihm zu einer Ladung Sparren und Benjaminholz zu verhelfen und forderte zugleich Proben von den vorzüglichsten Erzeugnissen der Insel, und Bruce gewährte dem willkommen geheißenen Landsmannc mit größter Bereitwilligkeit alle Wünsche. 281 Was nun den Capital« Dalrymftle bewogen haben mag, so zu handeln, wie geschehen ist, bleibt ein Räthsel, wenn man nicht die Ursache in dem Charakter mancher Menschen suchen will, die nicht dulden können, daß ein Anderer, namentlich Landsmann, ein Glück oder einen Wirkungskreis besitzt, den gute Menschen nur beneiden würben, weil sie das Verdienst dazu ebenfalls haben möchten, schlechte Menschen aber mit Mißgunst betrachten, weil sie fremdes Glück und fremde gute Wirksamkeit nicht ohne Aergcr und Rachegcfühl ansehen können, oder weil sie einen inneren Trieb der Bosheit haben, das Gute ober das Glück, das sie Anderen nicht ableugnen können, zu zerstören. Dalrymplc machte dem gefälligen und dem Lanbsmann freundlich zugethanen Bruce den Vorschlag, ihn auf der Reise nach dein Nordcap zu begleiten, das etwa 25 — 30 Stunden von diesem Punkte der Insel entfernt liegt und wo, wie man sagt, Goldstaub gefunden würde; — unter diesem Vorwandc lockte er den gänzlich verbachtlosen Bruce nebst seiner Gattin auf das Schiff und wünschte nur, daß Bruce ihn bei seinen Nachforschungen nach dein Goldsande behülflich und mit seinen Kenntnissen nützlich sein möge. Nur mit großem Widerstreben und auf die dringendsten Bitten des Capitains willigte Bruce ein, die Reise nach dem Nordcap mitzumachen und nachdem der Caftitain ihm heilig hatte versprechen müssen, ihn wohlbehalten wieder zurückzubringen und in der Bucht dieser Insel wieder zu landen. Da Antockoc ihren Gatten nicht verlassen wollte, so beschloß sie, ihn auf der kurzen Reise zu begleiten, der König wurde davon benachrichtigt und sie schifften sich an Bord des „Wcllesley" ein. Die Bedeutung dieses Schrittes mochte doch den Bruce mit einer nicht ganz vcrbachtloscn Vorsicht erfüllt haben, da er dem Capitain Dalrymple vorhielt, daß er große Verantwortlichkeit übernähme, eine Königstochter von der Insel wegzuführen, und daß bei einem Unfälle oder einer nicht gerechten Absicht die Folgen des königlichen 282 ZorneS sehr nachtheilig für künftig an Neu-Seeland landende Schiffe englischer Nation werben könnten — indessen wurden alle diese Besorgnisse durch die wiederholten und feierlichen Betheuemn-gen des Capitains beschwichtigt, welcher versicherte, nur ihre zeitweise Begleitung, seinen Rath und Beistand zu wünschen und daß er sie wohlbehalten in diese Infelbucht zurückführen werde. Nunmehr segelte das indessen wohlbcftachtete Schiff nut Bruce und der Königstochter nach dein Nordcap, wo sie nach kurzer Fahrt ankamen und landeten. Nachdem Dalrymplc, wie er auch im Stillen vorausgesehen haben mußte, hier erfahren hatte, daß er wegen des angeblichen Goldstaubes falsch berichtet worden war, ging er wieder unter Segel, um angeblich nach Neu-Seclaub zurückzukehren. Da aber der Wind ungünstig wurde, auch achtundvierzig Stunden in dieser Richtung anhielt, so wurde das Schiff von der Insel abgetrieben. Als am dritten Tage der Wind wieder günstig wurde, aber Dal-rymftle keinen Versuch machte, die Insel Neu-Seeland wieder zu erreichen, so machte ihm Bruce sehr dringliche, endlich unsanfte Vorstellungen, zumal das Schiff die Richtung nach Indien einschlug; jetzt aber, als Dalrymftle an seine Pflicht der Versprechung und Ehrenhaftigkeit erinnert wurde, ließ er seine verrath er ische Maske fallen und erwiderte mit grobem Uebermuthc, daß er an wichtigere Dinge zu denken habe, als sein reich beladenes Schiff durch eine Rückkehr nach der Insel Ncu-Secland aufzuhalten, daß er überhaupt eine andere und bessere Insel für ihn im Sinne habe, wo er ihn aussetzen wolle. Als sie die Fcegce- oder Sanbelinseln erreichten, fragte der boshafte Capitain, ob er Bruce hier an das Land setzen solle? — Dieser aber schlug es aus, da ihm die Grausamkeit und der Barbarismus dieser Insulaner bekannt war. Mit Spott versetzte Dalrymple, daß Bruce nun wählen könne, nahm ihm verschiedene kleine Gegenstände weg, die er und seine Officierc ihm wahrend der Anwesenheit 383 auf der Küste von Nm-Seeland geschenkt hatten, um ihn zutraulich zu machen und vertheilte sie unter die Eingeborenen dieser Inseln, welche in ihren Kähnen sein Schiff umringten. Man verließ jetzt auch die Feegeeinscln und steuerte nach So-loo, unterwegs mehrere kleinere Inseln besuchend; nach fünftägigem Aufenthalte segelte man nach Malacca, wo Dalrymple und Bruce an das Land gingen. Bruce wünschte, den Gouverneur oder den befehligenden Ofsicier dcr Stadt zu sprechen, um sich über die Verrätherei und Ungerechtigkeit des Capitains zu beklagen, da es aber schon Abend war, als das Schiff landete, so mußte Bruce über Nacht auf dem Lande bleiben, um am anderen Morgen den Gouverneur aufsuchen zu können. In dcr Nacht aber lichtete Dal-rymftle die Anker und segelte mit Bruce's Gattin, die er wie eine Gefangene behandelte, nach Pencmg. Bruce berichtete dem commandirendcn Officicr zu Malacca die Vcrratherei und Bosheit, welche ihm widerfahren war, wünschte sehnlichst, daß er seine Gattin wieder erlange und nach Neu-Seeland zurückgeführt werbe. Der Commandant suchte den Rathloscn zu trösten, bat ihn, eine kurze Zeit in Malacca zu verweilen, da wahrscheinlich einige Schisse auf ihrer Reife von Bengalen nach Ncu-Süd-Wal-lis hier anhalten würden, auf denen er dann für ihn und seine Gattin eine Ueberfahrt nach Neu-Seeland möglich machen könne, und er versprach, unterdessen nach Penang zu schreiben, daß die Frau sosort nach Malacca zurückgeschickt werde. Nach etwa vierwöchigem Warten traf in Malacca die Nachricht ein, daß Capitain Dalrymple mit dem Schiffe Welleslcy in Pcnang angekommen sei; sofort gestattete der Commandant, baß Bruce auf dcr KriegSbrigg „Scourge" sich nach Penang begab, und hier bei seiner Ankunft erhielt er die schreckliche Kunde, daß seine Gattin von Dalrymftle an einen Capitain Roß verkauft worden sei. Bruce eilte sogleich zum Gouverneur, welcher ihm jede Art 284 von Genugthuung versprach, abcr Bruce war großmüthig genug, nur die Rückgabe seiner Frau zu fordern und eine bald mögliche Bewcrkstclligung seiner Rückreise nach Neu-Seeland zu erbitten. Durch die Verwendung des Gouverneurs wurde ihm seine Frau wiedergegeben, er kehrte mit derselben nach Malacca zurück und hoffte von dort aus die weitere Fahrt fortsetzen zu können. Da aber keine auf der Ncise nach Neu-Seeland begriffenen Schiffe nach Malacca kamen, so versprach man ihm auf einem der nach Europa zurückkehrenden Chinafahrcr eine Ucbcrfahrt nach England, da er von dort aus leichter ein Schiff finden würde, das nach Neu-Süd-Wallis fahren wolle. Die Nathlosigkcit ließ ihn wirklich diesen Vorschlag acceptircn, abcr die Chinafahrcr ankerten nur wenige Stunden wahrend der Nacht auf der Rhede von Malacca und gaben ihm keine Gelegenheit, mit ihnen abzusegeln. Nunmehr bat der Bedrängte den Commandanten, ihm auf dem Schiffe eines Sir Eduard Pcllew eine Ucberfahrt nach Penang zu verschaffen, wo er die Chinafahrcr noch einzuholen hoffte. Sein Wunsch wurde erfüllt und er fand bei seiner Ankunft in Penang wirklich noch die Flotte der Chinafahrer anwesend. Aber eine neue Schwierigkeit stellte sich seiner Ueberfahrt nach England entgegen; — man wollte ihn ohne Zahlung einer Summe von 400 Piaster nicht mitnehmen; da er aber weder diese Summe, noch die Mittel befaß, sich dieselbe zu verschaffen, so blieb er auf Pellew's Schiffe und fuhr darauf mit demselben nach Bengalen, wo man ihn und seine Unglücksgcfahrtin, nachdem man sein Schicksal erfahren hatte, mit großer Gastfreundschaft aufnahm. In Calcutta empfing seine als Prinzessin Antockoc respectirte Gattin die zuvorkommendste Behandlung von Seiten des General-Gouverneurs von Indien, der sie und ihren Gemahl sehr oft zur Tafel zog und Alles aufbot, den bösen Eindruck auszutilgen, den die gemeine Handlung Dalrymftlc's verursacht hatte, und in dem 385 königlichen Schwiegersohne wie in der Prinzessin die entschiedenste Abneigung gegen den englischen Charakter aufregen mußte. Diese Aufmerksamkeiten gegen die beiden Glieder der königlichen Familie Tiftftahce's hatten namentlich den politischen Grund, daß dieselben nicht mit Unwillen zurückkehren und in ihrem Berichte beim Könige nicht veranlassen sollten, demselben eine ungünstige Meinung von den Engländern zu wecken, daß sie vielmehr selbst günstige Gesinnungen mitnehmen und dem Könige und dem Volke ähnliche Gesinnungen gegen die englischen Seefahrer einstoßen möchten, welche Neu-Seeland ferner besuchen würden, zumal man hoffte, daß Bruce dort dein englischen Handel manche Begünstigung und Unterstützung gewähren könnte. Diese Absicht, welche die Gastfreundschaft des Gouverneurs steigerte, wirkte noch besonders auf die neuseeländische Königstochter ein, die ihre Gefühle des Dankes unverhohlen zu erkennen gab, und auf ihren Einfluß auf den Vater stützte man die Hoffnung auf einen ferneren guten Empfang englischer Kauffahrer an den Küsten Ncu-Eeelands. — Interessant wird es dem Leser sein, zu hören, wie damals, 1809, als man in Europa noch wenig von Neu-Seeland wußte und auch in Calcutta noch dunkle Vorstellungen davon herrschten, die neuseeländische Prinzessin ihr eigenes Vaterland schilderte. — Gefragt nach der Natur der Insel und den Beschäftigungen ihrer Einwohner, erzählte sie Folgendes: „Neu-Seeland besitzt einen Ucbcrsiuß des mannichfaltigstm und nützlichsten Bauholzrs aller Gattungen, namentlich ist die Insel reich an Tannen und Fichten; die Waldungen sind von ungeheuerem Umfange und fast unerschöpflich. Flachs und Hanf, die dort einheimisch sind, wachsen im größten Ucbersiussc und ausgedehnte Ebenen sind gänzlich von diesen Pflanzen bebeckt, von denen der größte Theil wild wächst und nur ein kleiner Theil cul-tivirt wird. Derjenige Baum, der den „weißen Benjamin" liefert, 286 wird in verschiedenen Gegenden der Insel gefunden. Erzgänge verschiedener kostbarer Metalle wurden im Innern der Insel ausgedeckt, man hat Proben ihrer Stufen bekommen, aber wegen der gänzlichen Unwissenheit des Volkes und der Metallkunde, wie Bruce sagt, bleiben diese Erzgänge unbenutzt. Eisen ist in großer Menge vorhanden, mit der rothen Eiscnerde malen die Einwohner ihre Personen und ihre Kähne an. Kohl, die gemeinen und die süßen Kartoffeln, Yamswurzel, Pastinakwurzcln, Rüben, gelbe Rüben:c. befinden sich unter den Gartengewächsen der Einwohner. — Sie besitzen eine Pflanze, die dem Farrenkrautc ähnlich ist, mit einer großen, mehligen Wurzel, die man brät und dann eine angenehme und gesunde Nahrung giebt und ein guter Stellvertreter des Brotes ist. Sie haben auch Fluchtbaume, von denen einige einheimisch, andere fremd sind. Die Orangen- und Psirsichbäume sind vom Caft der guten Hoffnung dahin gebracht worden und vermehren sich sehr stark. Fische besitzen die Gewässer im Uebcrsiussc und in großer Mannigfaltigkeit in jedem Monate des Jahres; im Sommer werden die Küsten von einer großen Anzahl Makrelen besucht, und im Winter von ungeheueren Schwärmen Häringe. Die Insel hat viele schöne Flüsse mit vielen Gattungen Fischen, von denen Bruce sagt, daß einige davon auch in Europa vorhanden, viele aber der Insel eigenthümlich seien. Flüsse und Seen werden von wilden Gänsen und Enten in großer Zahl besucht, aber auf der ganzen Insel befinden sich keine zahmen Thiere dieser Gattung. Das einzige bekannte vierfüßige Thier ist eine Art Fuchs und das einzig kriechende eine Art Eidechse." Der Gouverneur hatte die Civilisationsbcstrebungen Bruce'S unter lebhafter Anerkennung ermuntert und ihm Glück zum weitcrn Fortgange gewünscht. Die Erinnerungen des erlittenen Unrechts von Seiten des englischen Caftitains schienen nunmehr ausgelöscht zu sein und man suchte die günstigen Gesinnungen gegen die Engländer schließlich noch dadurch zu befestigen, daß man lebhaft daran 287 dachte, die neuseeländische Königstochter und ihren Gemahl in die Heimath zurückzuführen, zumal Antockoe in hoher Zeit der Mutterhoffnung sich befand. Ohne irgend Unkosten von der Rückreise zu haben, wurden sie deßhalb vom Gouverneur auf einem Schiffe nach Sidney und zwar auf Rechnung der englisch-ostindischcn Regierung abgeschickt. Die diplomatischen Hoffnungen, die man an die ofsicielle Aufmerksamkeit gegen die Prinzessin von Neu-Seeland geknüpft hatte, wurden aber durch eine unerwartete Nachricht geschwächt, indem man aus Neu-Holland die Meldung durch die Sidney-Zeitung empfing, daß Antockoe bald nach ihrer Ankunft in Sidney ein gesundes Kind geboren habe, aber nach kurzer Krankheit gestorben sei. Sie starb in dem Hause eines Herrn Franz Mc - Kuan. — Bruce kehrte tief betrübt nut seinem Kinde nach Neu-Seeland zurück und dasselbe wurde allerdings ein Versöhnungsmittel für den schwerbeleidigten König, der dcn Engländern verzieh und sich ferner nicht abgeneigt zeigte, die Eintracht, welche seither zwischen den Häuptlingen der Insel und den Wallfischfahrern geherrscht hatte, zu befestigen, dadurch dcn englischen Colonien nützlich zu werden und Bruce's Bestrebungen zu fördern, den Flachsbau, für den der Boden so günstig ist, zu cultiviren. Ein Schiffbrüchiger. Möge es mir gestattet sein, am einstweiligen Schlüsse meiner historisch-ethnographischen Mittheilungen über Ostindien eine Geschichte zu erzählen, die allerdings nur die Schicksale eines Einzelnen betrifft, der nicht auf eine historische Bedeutung Anspruch macht, aber dessen Erlebnisse doch im Stande sind, ein Bild afrikanischer Küstenzustände zu geben. Ende October 1802, als ich als Jüngling zum ersten Male-die indischen Gewässer befuhr, um nach Madras zu gelangen, befand sich auf demselben Schiffe ein ticfgcbräunter, ausgedörrter Mann, der mir durch seine deutsche Sprache bereits aufgefallen war, als er zu Socotora an der afrikanischen Küste, wo daS Schiff, auf dem ich mich befand, kurze Zeit angelegt hatte, um sich von den Beschädigungen eines erlittenen, heftigen Sturmes zu restau-rircn, als Passagier aufgenommen wurde. Er kam, wie er sagte, aus Suez, war in Mekka gewesen und er erzählte nunmehr seine Erlebnisse mü einer schlichten Ehrlichkeit, die schon an sich alle Glaubwürdigkeit verdient hätte, wenn sie nicht in Madras selbst durch weitere Beweise bestätigt worden wäre. 289 Der Mann heißt Heinrich Port eng er, war ein geborener Schweizer und Soldat im Schweizer Regimcnte Meuron, das in englischen Diensten sich befand. — Im Anfange des Jahres 4801 lag dieses Regiment zu Madras in Garnison; es war der Befehl gegeben worden, daß ein Ehren-Dctachcmmt dieses Regimentes, aus einem Sergeanten, einem Corporal und achtzehn Gemeinen bestehend, den eben aus England angekommenen General Lake nach Bengalen begleiten sollte. Portenger befand sich unter diesen achtzehn Soldaten, man schiffte sich, mit dem General an Bord, auf dem Packetboote „die Schwalbe" ein, verließ am 2. Februar 180t dieRhede von Madras und wurde am 13. Februar bei Fort William an's Land gesetzt, wo man bis zum 1. April blieb. An diesem Tage aber wurde das kleine Detachcment auf einem Lootscn-Vote eingeschifft, worauf es den Hooghlysiuß hinunter nach der Rhede fuhr, um, nachdem es hier am 4. April angelangt war, auf dem Zweidecker „William", Caftitain Baer, weiter erpcdirt zu werden. In dem Glauben, nach Madras zum Ncgimcnte zurückzukehren, fuhr die kleine Mannschaft am 7. April ab, erfuhr aber erst nach einigen Tagen zu ihrem größten Erstaunen, daß das Schiff mit Lebensmitteln befrachtet sei, die es den in Cgypten befindlichen englischen Truppen überbringen sollte. Die Mannschaft mußte sich also, so gut es gelingen wollte, in ihr ungeahntes Schicksal fügen, die Hoffnung, in das Regiment zurückzukehren, einstweilen aufgeben und die weitere Seereise über sich ergehen lassen. Ende April umsegelte man das Vorgebirge Comorin und gelangte in die offene See. Die Fahrt war günstig, man segelte den Mai hindurch, feierte am 4. Juni auf dem Schiffe den Geburtstag des Königs von England mit einem jubelnden Feste vom Morgen bis Abend, und erblickte am 7. Juni hohes Land — die Küste von Afrika. — Gegen Abend dieses Tages, etwa um sieben Uhr, befahl der Capitain dem Officier, welcher die Wache auf dem Verdecke hatte, Han M>)kern, Ostindien. II. 19 290 die größte Vorsicht und Aufmerksamkeit, um das Schiff immer in der von ihm vorgeschriebenen, gehörigen Entfernung vom Lande zu halten, damit es nicht auf versteckte Klippen gerathe; zu größerer Sicherheit wurde noch eine Wache von vier Mann auf das Vordmheit des Schiffes gestellt, mit dem Befehle, die größte Wachsamkeit zu haben, damit man dem Lande nicht zu nahe komme. — Ungeachtet aller Vorsichtsmaßregeln des tüchtigen Caftitains hörte man die, auf der vordersten Spitze des Schiffes postirte Wache rufen: „Brandung vorwärts!" — Der wachthabende Officier, der von einem tiefen Schlafe zu erwachen schien, rief in der Bestürzung: „Du lügst, Schurke, das ist nicht möglich!" — aber in demselben Augenblicke ertönte der Ruf der am Steuerruder stehenden Matrosen, daß sie dasselbe nicht mehr regieren könnten, da die Gewalt der von den nahen Felsen zurückprallenden Wogen zu groß sei. Der Ofsicier sprang nun nach dem Scecompaß, hatte aber in der Angst schon alle Geistesgegenwart verloren und ließ den Capitain rufen. Dieser, sich auf die Wachsamkeit seines Ofsiciers verlassend, hatte sich eben kurze Zeit niedergelegt; sobald er auf das Verdeck kam und die gefährliche Lage des Schiffes gewahrte, gab er auf der Stelle die dringendsten Befehle, um die noch möglichen Vorkehrungen zur Rettung zu treffen, aber es war schon zu spät, das Schicksal hatte das Schiff, das bereits von Felsen und Klippen umringt war, mit der drohenden Gefahr des Unterganges heimgesucht. Das Schiff hatte bereits von den unter dem Wasser verborgenen Klippen mehrere heftige Stöße erhalten, der Capitain befahl, die Kanonen und alle schweren Sachen über Bord zu werfen, aber es wurde unmöglich, da die unterm Schiffsräume schon voll Wasser standen. Das Schiff wurde nun noch einmal und mit solcher Gewalt auf eine Klippe geworfen, daß es auseinander borst und der ganze Hintertheil mit dem Fockmast, nebst der daran hängenden kleinen Schaluppe des Capitains, sich vom Vordcrtheil 291 trennte und von den Wellen fortgeführt wurde. Die Zurückbleibenden, welche zufallig auf dem Vorderdeck gewesen waren und unter denen auch Portenger war, wußten nicht, wie viele ihrer Unglücksgefahrtcn dabei ihr Leben verloren hatten, was aus den Leuten auf dein verschwundenen Hinterdeck geworden war; aber das Schicksal der Erstcrm war ein entsetzliches, die Nacht stockfinster, kein Rcttungsmittcl erdenkbar. Zum Glücke war der Schiffsrcst an der Klippe, auf die er geworfen war, fest hangen geblieben, und auf diesem unsicheren Boden brachten die Leute eine qualvolle Nacht unter Angst und Todescrwartung zu. Endlich brach der sehnlichst erwartete Tag an, freilich ohne großen Trost zu bringen, denn die Hülflosen sahen sich rings von Klippen und Fclsblöckcn umringt, an denen sich die Wellen mit furchtbarer Gewalt brachen, so daß die Hoffnung auf irgend ein rettendes Unternehmen oder einen helfenden Zufall um so weniger Grund hatte, als man nun gewahr wurde, daß man noch weit von dem Strande entfernt war. Die Verzweiflung dieser Lage wurde noch durch den Umstand vermehrt, daß die Wellen über Nacht alle Böte entweder weggeführt oder zertrümmert hatten. Die Natur des Selbsterhaltungstriebes lehrt aber den Menschen sein Leben so lange zu fristen, als es nur irgend möglich ist, und sie giebt ihm dazu Muth und erfinderischen Geist. Jeder der Schiffbrüchigen ergriff ein Stück Holz,' ein Faß, eine Kiste, oder was er sonst erHaschen konnte und warf sich damit in das Mer, in der kühnen Hoffnung, von der Brandung an den Strand geworfen zu werden. — Und in der That wurden sie sämmtlich an's Land getrieben, aber in sehr verschiedenem Zustande; ein Bild der entsetzlichsten Hülflosigkcit für Diejenigen, welche fähig geblieben waren, zu sehen und zu denken; viele der Unglücklichen waren ,todt, andere sterbend, wieder andere ganz zerfleischt und gequetscht, einige Todte hielten ihre Glieder noch in starrer Festigkeit um das Holz geklammert, das sie an das Land geschwemmt hatte. 19" 292 Portenger hatte das Glück, unversehrt an den Strand geworfen zu werden, er verdankte diesen Zufall einem großen Hühnerkorbe, den er in der Noth erfaßt und mit dem er sich ohne weitere Ueberlegung den Wellen anvertrauet hatte. — Von seinen zwanzig Kameraden, die mit ihm das Regiment verlassen hatten, waren sechs bei diesem Rettungsversuche um das Leben gekommen, unter diesen auch sein Corporal. Der Schiffscapitain, nebst drei seiner Lieutenants waren nicht weniger glücklich gewesen und hatten das Land erreicht, während ein Lieutenant vom 80. englischen Regi-mente als Leiche an den Strand geworfen wurde. Die Aeberleben-den beerdigten ihn und die übrigen Todten, so gut es geschehen konnte. Durch dieses Landen auf festem Boden war aber die Lage der Lebenden wenig gebessert; nachdem sie die erste Freude über die Rettung vom Tobe durch Dankgebcte, auf ihren Knieen liegend, ausgebrückt hatten, trat die Frage der nächsten Zukunft drohend vor ihrer Seele auf, zumal sie durch einen Vorfall tief erschüttert wurden. Als sie nämlich im Dankgebetc ihre Gefühle emporsandten, ergriff derjenige von den drei Lieutenants, welcher in der Nacht die Wache auf dem Schiffe gehabt und durch seine Unachtsamkeit das Unglück herbeigeführt hatte, eins von den Rumfaß-chen, die von den Wellen in größerer Anzahl an den Strand geworfen waren, setzte es an den Mund und trank so lange daraus, bis er betrunken wurde und das Fäßchen sinken lassen mußte — bann taumelte er die Klippe hinauf und stürzte sich in das Meer, sein wahrscheinlich gemeines Leben durch einen Selbstmord endend. Das Land, wo sich die Geretteten befanden, erschien, so weit sie eS erblicken konnten, öde, wild und unfruchtbar; als der Tag weiter vorrückte, sahen sie in der Feme eincn Eingeborenen, anscheinend ganz nackt, mit einem langen, lanzenühnlichcn Etabc in der Hand und einem Sacke auf den Schultern. Sowie er die Schiffbrüchigen gewahr wurde, entfernte er sich im vollen Laufe, 293 kam aber bald mit einer großen Anzahl seiner Landsleute zurück, die im Laufschritte auf die Hülflosm zustürzten und sämmtlich mit Luntenfiintcn, oder Bogen und Pfeilen und mit großen, säbelartig gebogenen Messern an der Seite, nebst einer Lanze bewaffnet waren. Der Anblick dieser wilden Rotte, ihre abschreckenden Gestalten und die barbarische Lust der Grausamkeit, die aus ihren Mienen leuchtete, ließen die Schiffbrüchigen das furchtbarste Schicksal voraussehen. — Kaum hatten die Barbaren die auf den Tod gefaßten Hülflosm erreicht, so umringten sie dieselben, griffen nach ihren Kleidern und zogen sie sämmtlich nackt aus. An Widerstand war nicht zu denken, denn sie waren waffenlos, abgemattet und zu gering an Zahl gegen die Uebermacht der plündernden Barbaren. Der Schiffscapitain wollte sich zwar vertheidigen und seine Kleider nicht gutwillig hergeben, aber einer der Wilden versetzte ihm mit der Lanze einen Schlag auf den Kopf, daß er besinnungslos zu Boden stürzte, und sie würden ihn ermordet haben, hätten die übrigen Schiffbrüchigen sich nicht selbst beeilt, ihn zu entkleiden und ihnen seine wenigen Kleidungsstücke hinzuwerfen. — Einige unglückliche Neger, welche sich ebenfalls gerettet und auf dem Schiffe als Diener der Ofsicicre fungirt hatten, trugen, ihrer Sitte gemäß, silberne Armbander an den Armen; gelockt vom Glänze dieses Metalles stürzten die Barbaren auf sie zu, gaben sich aber weder Zeit noch Mühe, die Armbänder zu lösen, sondern hieben mit ihren großen Messern den Unglücklichen die Arme ab und nahmen sie, nebst den daran befindlichen Spangen mit, indem sie die Schlachtopfer liegen ließen und sich nicht weiter um sie bekümmerten, während die ächzenden Verstümmelten langsam verbluteten und ihnen leider von ihren Gefährten keine Hülfe und Linderung dargeboten werden konnte. — Die Lascar's (Hindu-Matrosen), welche sich unter den Schiffbrüchigen befanden, wurden von den Wilden etwas schonender behandelt, weil ihre Farbe derjenigen der 294 Barbaren ahnlich war, sie ließen ihnen ihre Kleider, die freilich armselig genug waren, und begnügten sich damit, ihnen das wenige Geld zu rauben, sowie wenige Sachen, die Einigen Werth zu haben schienen, auch gestatteten sie ihnen, sich der Lebensmittel zu bedienen, die das Meer an den Strand geworfen hatte, aber den Europäern versagten sie jedes derselben und litten nicht, baß dieselben ein Stück anrührten. Nachdem sie alle Fässer, welche Rum oder Wein enthielten, zerschlagen und den Inhalt in den Sand hatten laufen lassen, da sie selbst keinen Gebrauch davon zu machen wußten, sahen sie einige Matrosen, die vor Ankunft dieser Rotte so viel Rum getrunken hatten, daß sie bei den Fässern liegen geblieben waren, und hieben ihnen die Köpfe ab. Darauf zogen sie sich mit lautem Getöse einige Schritte zurück. Hatten die Barbarm auch den Europäern das Leben gefristet, so war ihre Lage doch um nichts dadurch besser geworden; nackt, von den brennenden Sonnenstrahlen versengt, denen sie, ohne irgend Schatten zu finden, ausgesetzt waren, von Hunger und Durft gepeinigt, in einem Lande, wo sie sich keinem Mitleidigen verständlich machen, kein Ziel ihrer Wünsche und Bedürfnisse finden konnten, sehnten sie sich nach einem schnellen Tobe ohne lange Marter und beneideten die in den Wellen Umgekommenen, die bereits das Schlimmste überwunden hatten. Ihre Besorgniß wurde um so größer und ihre Todesgewißheit um so höher gesteigert, da ein neuer Trupp Eingeborener sichtbar wurde, von denen sie keine Gnade erwarten konnten, indem sie nichts mehr besaßen, was die grausame Habsucht dieser Barbaren hätte befriedigen können. Sowie der immer noch in der nächsten Nähe weilende erste Haufe Eingeborener die Ankunft einer neuen Truppe, die aus dem Innern des Landes herauskam, bemerkte, warfen sich diese sämmtlich auf die Erde und streckten ihnen die Hände entgegen, woraus die Europaer schlössen, daß das Oberhaupt der Barbarm im Anzüge sei, was auch der Fall war. Nachdem dieselben bm Heran- 295 nahenden auf diese Weise ihre Ehrfurcht bezeugt hatten, erhoben sie sich und stellten sich in eine Reihe vor den Häuptling hm, ohne die.Schiffbrüchigen aus den Augen zu lassen. — Nachdem der Häuptling einige Zeit mit ihnen gesprochen hatte, erhoben sie alle ihre Lanzen gegen die Schiffbrüchigen und schienen auf sie losstürzen zu wollen, um sie sämmtlich auf ein Mal umzubringen. Als sie diese Bewegung sahen, nahmen sie in der Angst die Flucht und eilten einem nahegelegenen Verge zu; die Eingeborenen setzten ihnen im Laufe nach, und diejenigen von den Europäern, welche das Unglück hatten, durch eine sie erreichende Lanze verwundet zu werden und den Voraneilcnden nicht folgen konnten, wurden niedergehauen. Zum Glück für die Anderen war es bereits Abend geworden, als dieser mörderische Angriff geschah und die Dunkelheit hatte plötzlich ihren Anfang genommen, noch ehe die Fliehenden den Vcrg erreicht hatten. Ermattet langten sie auf dessen Gipfel an; es waren nur noch neun Personen beisammen, der Schiffscapitain, zwei Schiffslieutenants, der Sergeant vom Regimente Mcuron, Namens Saint Julien (ein Franzose von Geburt), vier andere Soldaten vom Dctachemmt desselben Regimentes und Portenger. — Sie waren wahrscheinlich die einzigen noch Lebenden von der ganzen Schiffsmannschaft, die Lascar's (Hindu-Matrosen) ausgenommen, von deren Schicksal die Geflohenen nichts weiter wußten. Die neun Unglücksgcfährtcn ruhctcn mehrere Stunden auf dem Gipfel des Berges aus, in fortwährender Angst, eingeholt und ermordet zu werden. Nachdem sie etwas ausgeruhet hatten, beschlossen sie den Rest der Nacht zm Fortsetzung ihrer Flucht zu benutzen, da sie Grund zu fürchten hatten, daß die am Strande befindlichen Feinde sie bei Tagesanbruch auf der Spitze des Berges erblicken und verfolgen möchten. Sie gingen deßhalb den Berg an der entgegengesetzten Seite hinunter; Portmger hatte auf dieser Flucht daS Unglück 296 gehabt, sich einen langen Dorn in den Fuß zu treten, der von unten in den Fuß eingedrungen und oben wieder herausgetreten war, aber die Angst hatte ihn bislang keinen Schmerz suhlen lassen. Sie verfolgten nun ihren Weg, so gut es in der Dunkelheit gehen wollte, bis sie das Glück hatten, bei einer Pfütze auzukom-men, die etwas Wasser enthielt; von Durst und Müdigkeit ganz entkräftet, warfen sie sich über das Wasser, um den Durst zu löschen und durch ein kühles Bad ihre gesunkenen Kräfte zu erfrischen; sie wuschen ihre wunden, brennenden Füße, die, wie sie jetzt erst fühlten, von scharfen Steinen zerrissen, von Dornen zerstochen und blutend und geschwollen waren. Wahrend sie sich ausruheten, die Füße von Dornen bcftcietm und beriethen, was aus ihnen nun werden sollte, hörten sie in der Ferne das Geschrei ihrer Verfolger, die sie wahrscheinlich aufsuchten. Nicht gesonnen, dieselben hier zu erwarten und sich noch einmal ihrer Wuth auszusetzen, liefen sie nach ihrem schützenden Berge zurück und verbargen sich auf seinem schützenden Gipfel gegen die ferneren Nachstellungen. — Sobald der Tag anbrach, stiegen sie ihren Weg zum zweiten Male herunter und bemerkten zu ihrer großen Betrübniß, daß die kleine Zahl der Gefährten sich wieder um zwei vermindert hatte, die wahrscheinlich bei dem Rückzüge auf die Berge zurückgeblieben waren. Die Irrenden traten nun abermals ihren mühsamen Weg an; nach mehreren Stunden wurde die Wilbniß, welche sie durchwanderten, ganz stach, verlor alle Spuren von Vegetation und wurde eine weite Wüste. — Gegen Mittag erreichten sie eine Quelle, deren Wasser ein wenig falzig war, ihnen aber herrlich schmeckte und ihren brennenden Durst stillte. In der Umgebung dieser Quelle blieben die Irrenden zwei Tage, um auszuruhen; obgleich sie hier keine Speise fanden und vom Hunger heftig gequält wurden, so waren sie doch gegen den 297 Durst gesichert, der in heißen Klimaten ärger als der Hunger peinigt. — Am dritten Morgen entschlossen sie sich, ihren mühseligen und ungewissen Weg durch die Wüste fortzusetzen, denn die Aussicht, zu verhungern, trieb ihre letzten Kräfte um so gewaltiger an, als sie bereits die Wirkung der langen Efteisecntbehrung und des Mangels an Nahrung in einer so großen Hinfälligkeit fühlten, daß sie sich kaum noch weiter schleppen konnten und sie, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit das Glück gehabt hatten, Wasser anzutreffen, jedenfalls verschmachtet wären. Endlich in großer Entfernung erblickten sie einen Berg vor sich, gegen den sie nunmehr ihre Schritte lenkten; cs wurde aber Abend, ehe sie ihm so nahe kamen, daß sie seinen Fuß erreichten. In der Hoffnung, und von der Begierde angespornt, dort vielleicht etwas Nahrung für ihren entkräfteten Körper zu sinken, wünschte Jeder zuerst am Verge anzulangen und eiferte den anderen Leidensgefährten so lange voraus, als seine Kräfte cs gestatteten. Fünf von ihnen kamen voraus, Portcnger und der Sergeant St. Julien, die bcreitS an ihren Füßen heftig litten, mußten zurückbleiben und langsam den Vorangecilten nachfolgen. Als auch sie endlich den Berg erreicht hatten, bemerkten sie, daß er am Ufer des Meeres lag und sehr steil war; die beiden Gefährten ermunterten sich gegenseitig, als sie die steile Anhöhe vor sich erblickten, den Muth nicht sinken zu lassen und die letzten Kräfte anzuwenden, um den voraufgestiegenen Lcidensbrübcrn zu folgen; Portcnger kletterte zuerst den Vcrg hinan und würbe auch den Gipfel glücklich erreicht haben, wenn ihn nicht sein nachfolgender Kamerad, um sich das Steigen zu erleichtern, ergriffen hätte, wodurch ersterer das Gleichgewicht verlor und im Stürzen den Gefährten mit hinabriß, so daß Beide in das tief unter den Klippen brausende Meer stürzten, dcffen Wellen sie hin und her, gegen die Felsen warfen und sie bald des elenden und kraftlosen Daseins beraubt haben würden, wenn cs ihnen nicht nach mühseligem Ringen und erschöpfenden Anstrengungen gelungen wäre, einen Felsenvorsprung zu erklimmen, der sie MM die Gewalt der Wellen zu schützen vermochte. In einem entsetzlichen Zustande, die Vorsehung um Erbarmen und Befreiung von ihren Leiden durch einen raschen Tod anstehend, dann wieder von der muthlosm Ohnmacht der Verzweiflung ergriffen und mit dem Gedanken kämpfcnd, sich selbst den Tod zu geben und in die Wogen nieder zu sinken, mußten die beiden Unglücklichen hier auf der Felsenklippe, weil das Meer sehr stürmisch war, drei volle Tage und vier lange Nachte zubringen dann sollten sie ferneren Leiden entgegen gehen. Immer ohne Nahrung, um den nagenden Hunger zu stillen und, trotzdem sie im Meer-wasscr saßen, vom furchtbarsten Durste gemartert, versuchten sie es endlich, von diesem bittcrsalzigm Mccrwasser zu genießen, um wenigstens damit den brennenden Schlund anzufeuchten. Die menschliche Natur kann oft viel vertragen, trotzdem alle Entbehrungen und psychische wie Physische Qualen auf sie einstürmen. ^ Endlich am vierten Morgen beruhigte sich das Meer und erlaubte ihnen den schützenden, von Wellen bespülten Felsen zu verlassen und den Versuch zu wagen, den Strand zu gewinnen. Zum Glück war das Meer an dieser Stelle ziemlich seicht und so ruhig, daß es ihnen möglich wurde, den Fuß der vorragenden Vcrgllippm zu umgehen und das jenseitige Ufer zu gewinnen, wo sie zu ihrer größten Freude ein flaches Land antrafen, denn sie konnten kaum mehr den Körper auf den Füßen fortschleppen und viel weniger einen Berg übersteigen. Sie setzten ihren Weg nunmehr langsam fort, beschäftigt mit dem Gefühle ihrer bevorstehenden gänzlichen Erschöpfung und dem Gedanken an das Schicksal der armen Gefährten, von denen sie sich nun auf ewig getrennt glaubten. Ungefähr gegen drei Uhr Nachmittags, als sie vor Mattigkeit umsinken wollten, denn sie hatten weder Nahrung noch Wasser gefunden, erblickten sie in der 299 Feme Menschen. Zwischen der Furcht, daß es Wilde sein könnten, und der Hoffnung, vielleicht ihre verlorenen Gefährten wieder zu finden, gingen sie getrost darauf zu, da ihnen der Tod nun weniger schrecklich erschien, aber sie wurden auf das Angenehmste überrascht, als sie ihre verloren geglaubten Freunde erkannten, welche, als auch sie die beiden Verlorenen gewahrten, ihnen schon von Weitem zuriefen: „Kommt! kommt! wir haben Alles, wir haben Ucbcrstuß an Essen und Trinken!" Diesem unerwarteten Frmdenruf, der ihnen neue Kräfte gab, folgend, trieb sie die letzte Anstrengung den Gefährten zu, die sie bei ihrer Ankunft um eine mit Wasser gefüllte Grube sitzend fanden, die sie gegraben hatten, um Wasser zu suchen — es waren ihrer aber nur drei Personen, nämlich der Capitain und zwei Soldaten vom NcgimcnteMcuron (die Füselicrc Beck und Voß). Auf ihre Frage, wo die beiden Lieutenants geblieben seien, welche fehlten, sagte man ihnen, daß diese schon seit zwei Tagen von ihnen abgekommen wären und sie in der Nacht verlassen hatten. Die beiden Ankömmlinge, Portengcr und St. Julien, setzten sich nun zu den Gefährten und erquickten sich mit den Vorräthen, die in einer Art dicker, saftiger Blätter bestanden, die von einer in dieser Gegend häufig wachsenden, kriechenden Pflanze gepflückt waren, deren Geschmack nicht unangenehm war; dazu bot ihnen die kleine, selbst gegrabene Sistcrnc ein trinkbares Wasser. Sie verschlangen dicseVlättcr mit Heißhunger und erquickten sich an dem, freilich etwas salzigen Wasser, das ihnen aber besser schmeckte, als zu anderen Zeiten der köstlichste Wein ihnen gemundet haben würbe. Da das Meer nicht ferne war — denn sie waren ihm immer in einiger Entfernung von der Küste gefolgt — so begaben sich Beck und Voß, die bereits ausgeruhet und sich neu gestärkt hatten, an den Strand, um irgend etwas Genießbares aufzusuchen, und zur größten Freude der Uebrigen brachten sie mehrere Seckrcbse, 300 nebst einigen Muscheln zurück, die sich von gewöhnlichen Austern sehr verschieden zeigten und ein Thier enthielten, das vier Füße und einen kahenähnlichm Kopf, aber in kleinerem Maßstabe, hatte. Lcbcnsmittel waren nun wohl vorhanden, aber kein Feuer, um sie zu bereiten. Man erinnerte sich, daß man durch Reibung zweier Stückchen trockenen Holzes Feuer entzünden könne, sie suchten zwei dazu geeignete Holzstückchm, spitzten das eine mit den Zähnen zu, und drückten es auf das andere und drehten es bohrend so lange hemm, bis wirklich beide Stöcke Feuer fingen. An trockenem Strauchwerk fehlte es nicht, bald hatten sie ein gutes Feuer angefacht, an dem sie ihren Fang brieten und dann mit den saftigen Blättern, die ihnen als Salat dienten, vergnügt aufzehrten. Nach dieser erquickenden Mahlzeit wuschen sie steißig ihre wunden Füße, um dieselben wieder herzustellen, und nachdem sie drei Tage hier zugebracht und ihre Kräfte wieder erseht hatten, brachen sie am Morgen des vierten Tages wieder auf, um einen Ausgang aus dieser Wüste zu suchen. — Sie gingen den ganzen Tag, ohne einen Tropfen Wasser oder etwas Genießbares anzutreffen; erst am späten Abend, bei schon einbrechender Nacht, langten sie bei einem trockenen Graben an, der durch Felsen lief; bei dem spärlichen Lichte des Mondes erblickten sie am Boden des Grabens weiße Kiesel, die sie zu der Hoffnung anregten, Nasser zu finden, da ihnen solche Kiesel früher schon als Wahrzeichen von der Gegenwart des Wassers gedient hatten. Sie wurden auch dieses Mal in dieser Hoffnung nicht getäuscht, denn bald fanden sie ein mit Steinen ausgepflastertes Loch, welches mit Wasser gefüllt war, das zwar, wie überall in dieser Wüste, etwas salzig schmeckte, aber doch ihren brennenden Durst zu stillen vermochte. — Um diesen Brunnen herum lagen zerstreuet die Hörner, Füße und Häute von Ziegen, die aber bereits ganz verfault waren und den Hungernden zu nichts mehr dienen konnten; doch wurden sie 301 ihnen einen Zeichen, baß Menschen in ber Nähe wohnen mußten. Sie fanden es daher nicht der Vorsicht angemessen, lange hier zu verweilen, da sie wieder unter Barbarenhände hätten fallen können. Sobald der Tag angebrochen war, setzten sie ihren Weg in diesem trockenen Graben fort, um zu sehen, wohin er sie führen würde — er hörte aber bald auf und als sie einige Stunden gegangen waren, setzte sich der Caftitain langsam auf den Boden nieder und erklärte, daß er nicht weiter gehen könne und hier seinen Tod erwarten wolle, indem er zugleich seine Gefährten bat, ohne ihn ihren Weg fortzusetzen. Diese aber wollten ihn nicht verlassen, versicherten ihm, daß sie da bleiben würden, wo er bliebe und ermunterten ihn durch Uebcrredung und Treue im Unglück, noch einmal seine Kräfte aufzuraffen, die Seele mit Muth zu stärken und die Gefährten ferner zu begleiten. Zwei von ihnen faßten ihn unter die Arme, um ihn zu unterstützen und ihm das Gehen zu erleichtern, aber dies dauerte nicht lange, er war in seinem innersten Leben gebrochen, er mußte unaufhörlich weinen, beklagte sein furchtbares Schicksal, rief seine Familie an und bat seine Führer, ihn sterben zu lassen. Bald konnte er nicht mehr gehen, legte sich auf den Nucken und die Ueb-rigen setzten sich neben ihn. Er bat sie nochmals auf das Rührendste, ihn zu verlassen, denn er sei überzeugt, daß Wilde sich in der Nähe befinden würden und es nicht billig sei, seinetwegen ihr eigenes Leben zu gefährden oder gar zu verlieren, da das scinigc doch nicht mehr zu retten sei, er bat sie aber auch, daß wenn Einer von ihnen das Glück haben sollte, wieder unter Christen zu gelangen, seinen Tod bekannt zu machen und besonders seinen Bruder, den Obristen Bacr in Madras, wissen zu lassen, wie und wo er sein Leben geendet habe. — Seine Leidensgefährten versprachen ihm Alles, doch würden sie ihn dennoch so bald nicht verlassen haben, wenn sie nicht das Geschrei von Wilden gehört und gleich darauf einige dreißig der- 302 selben erblickt hätten, welche auf sie zugelaufen kamen. Da mußten die Unglücklichen an ihre eigene Rettung denken, selbst der schwache Caftitain erhob sich noch einmal, raffte seine letzten Kräfte zusammen und lief mit den Uebrigm davon, blieb aber bald zurück, während die Anderen liefen, was sie vermochten, um sich zu entfernen, ehe die Wilden ihrer ansichtig werden konnten; sie hörten aber bald, daß der Lärm derselben sich nach der Gegend zog, wo der unglückliche Eapitain geblieben war und man sie nicht weiter verfolgte. So überließen die Fliehenden den Capitain seinem Schicksale und setzten ihren Weg ohne ihn fort. Acht Tage lang wanderten sie, ohne Nast und bestimmtes Ziel in der Hoffnung, endlich einmal die Grenze dieser wüsten Gegend zu erreichen und ohne etwas Anderes zu ihrem Unterhalte zu finden, als dann und wann etwas falziges Wasser und einige wilde Pflanzen, womit sie sich kümmerlich und nothbürstig das Leben fristeten. Sie fanden zwar eine wilde Frucht, welche den Kirschen ähnlich sah, aber einen sehr unangenehmen Geschmack hatte und die sie für giftig hielten, als sie nach dem ersten Genusse Zahnschmerzen davon bekamen; — der Hunger trieb sie aber zu fernerem Genusse an, und als die Schmerzen jedesmal bald wieder vergingen, so genossen sie die Frucht trotz ihres widerlichen Geschmackes, sobald sie dieselbe wieder auffanden, was aber sehr selten der Fall war. Vis jetzt waren die letzten Vier noch beisammen geblieben, nun aber trat auch in dieser kleinen Zahl der Leidensgefährten eine neue, schmerzliche Trennung ein. St. Julien und Portenger wurden so schwach, daß sie kaum noch gehen konnten, die beiden anderen, Beck und Voß, die nicht so entkräftet warm, wurden über das langsame Gehen und Zurückbleiben der Ersteren ungeduldig und erklärten, daß sie ihretwegen ihr eigenes Leben nicht opfern wollten, da der Trieb der Selbsterhaltung ihnen jetzt das Wichtigste sei; sie beschlossen daher, da sie noch die Kräfte dazu besaßen, 303 ihren eigenen Weg fortzusetzen, und wenn sie eine bessere Gegend ober Lebcnsmittcl fänden, sie die Zurückbleibenden daselbst erwarten wollten. Mit dem vcrzweiflungsvollen Rufe: „Lebt wohl oder kommt bald nach!" — zogen sie rascheren Schrittes davon. St. Julien und Portengcr saßen eben bei einer kleinen Quelle salzigen Wassers, als die beiden Gefährten sie verließen; sie blieben hier eine ganze Woche zurück, um ihre Kräfte etwas wieder zu sammeln, ernährten sich mit den fetten Blättern und den Seekrebsen, welche sie am Meeresufer fingen, da sie aber zu entkräftet waren, um auf ihre gewöhnliche Weise Feuer mit trockenen Hölzern anzureiben, so mußten sie die Krebse roh verzehren, was der Hunger sie bald lehrte. Am achten Tage, nachdem sie hier so allein, nach der Entfernung ihrer Gefährten gerastet hatten, und sie sich ein wenig erholt fühlten, setzten auch sie den Weg fort; in sehr kleinen Tagereisen, bei welchen sie kaum 3 bis 4 Stunden eines kräftigen, gesunden Fußgängers zu machen vermochten und die sie deßhalb wenig weiter brachten, marschirtcn sie sechs Tage lang, als sie plötzlich im Sande die Fußtapfen zweier Menschen erblickten, die nach einem vor ihnen liegenden Berge hinaufführten; in der Ueberzeugung, daß dieses die Spuren ihrer vorausgeeilten beiden Gefährten sein müßten, beschlossen sie dieser Spur zu folgen, welche sie aber sehr bald wieder verloren, da der Sand aufhörte und der Boden steinig wurde. Sie setzten aber dennoch ihren Weg nach dem Berge fort, der etwa noch eine halbe Stunde von ihnen entfernt erschien und erreichten ihn endlich mit großer Anstrengung. Zum Glück war er nicht steil. Etwa in der Mitte seineS Abhanges sahen sie eine große, überhängende Klippe, die eine Art Höhle bildete; um unter dem Schatten derselben und unter der schützenden Wölbung auszuruhen, schleppten sie sich dorthin, sahen aber zu ihrem Entsetzen die Leichen ihrer beiden unglücklichen Gefährten Beck und Vo§ neben 304 einander sitzend, mit den Rücken an die Felswand gekehrt, starr und steif; — sie mußten schon länger tobt sein, denn sie waren durch das ausgestandene Elend und die Entkräftung, so wie die verwesende Wirkung der Sonnenhitze bereits so schrecklich entstellt, daß sie dieselben nur an ihrer Hautfarbe und an den rothen Haaren des Voß für ihre unglücklichen Freunde wieder erkennen konnten. Ungeachtet die beiden Lebenden sich selbst kaum bewegen und tragen konnten, beschlossen sie dennoch, die Gefährten zu beerdigen, so gut es gelingen wollte; es war unmöglich, ein Grab zu graben, sie sammelten also so viel Steine, als sie in der Umgebung finden konnten, legten die Tobten neben einander auf den Nucken, beteten für sie und sich und bedeckten sie dann mit den Steinen. Gott bittend, ihnen ebenfalls bald solchen Tod zu geben, beschlossen sie, hier ihre eigene Auflösung zu erwarten. — Aber der Tod wollte sie nicht erlösen und ihr Ende war nicht so nahe, als sie glaubten. Sie blieben mehrere Tage an diesem Orte ohne zu essen und zu trinken, da sie hofften, der Tod würde sie mitleidig von den Leiden befreien; aber diese stiegen immer höher und sie sollten erfahren, wie der menschliche Körper fähig ist, oft Unglaubliches zu ertragen. Ihr Durst wurde endlich so unwiderstehlich, daß sie ihn mit ihrem eigenen Urin zu löschen suchten. Endlich am fünften Tage wurden sie von Hunger und Durst zur Verzweiflung getrieben, noch einmal versuchten sie einen Ausweg in die Ferne, sie überstiegen, was sie kläglicher Weise hätten gleich im Anfange thun sollen, aber woran sie ihre geistige Beschranktheit hinderte, nunmehr vollends den Berg und stiegen am anderen Abhänge hinunter, wo sie das Glück hatten, einen kleinen Fluß von süßem Wasser anzutreffen. Sie labten sich an diesem Wasser zum Höchsten, da es das erste süße Wasser war, das sie seit ihrem Schiffbruche wieder genossen hatten; sie vermochten sich von diesem Flüßchm nur schwer wieder zu trennen und erst am dritten Tage, 305 nachdem sie sich erfrischt und erholt, und mit einer Gattung Schilf, das längs des Flusses wuchs und große Wurzeln besaß, den qualenden Hunger gestillt hatten, setzten sie ihren Weg fort, frisch er-muthigt durch die Erfahrung, baß ihnen die Vorsehung von Zeit zu Zeit etwas in den Weg legte, was ihre dringendsten Lebens-fordcrungm zu erfüllen im Stande war; sobald sie selbst nur nicht nachließen, danach zu suchen. Sie entschlossen sich zu neuem Muthe, mit dem Vorsätze, sich nicht zu ihrem eigenen Schaden der Verzweiflung und Unthatigkeit wieder hinzugeben, wie sie neben den Leichen ihrer Gefährten auf dem Felsen gethan hatten, wo sie durch rasches Fortschreiten so viele qualvolle Stunden hätten ersparen können. Nunmehr wandten sie alle ihre Kräfte wieder an, mittelst Holzrciben Feuer zu machen, es gelang ihnen, und nun suchten sie im Flusse nach Krebsen, die sie auch fanden, brieten dieselben nebst ihren Schilfwurzeln und bereiteten sich einmal wieder ein ihrer Zunge schmackhaftes Mahl. So lrbtm sie, am Ufer des Flusses fortziehend und immer von Weitem in der Nähe des Meeres bleibend, ziemlich gesund und fühlten bereits Kräfte und Muth zu einer weiteren, ungewissen Reise. — Sie verließen den Fluß und ge-riethen allmälig zwischen Felsen und Berghohen, zwischen denen sie bereits vierzehn Tage fortgewandert waren, als sie von Weitem lebende Geschöpfe erblickten, welche ihnen große Angst verursachten, da sie in dem ersten Augenblicke nicht anders glaubten, als daß eS Wilde wären; bald aber überzeugten sie sich, daß es nur Affen waren, aber von einer sehr großen Gattung. War ihre Furcht dadurch bereits gemäßigt, so faßten sie um so mehr Zutrauen, alS sie bemerkten, daß die Affen sie ruhig ihren Weg fortsetzen ließen und es sogar fast so scheinen wollte, alS ob jene Thiere ihnen Wegweiser abgeben möchten, denn wo sie von jetzt an Affen erblickten, da fanden sie jedesmal süßes Wasser, so daß sie in Zu- Van Mötein, Ostindien. II. 2V 306 kunft allemal auf sie zugingen, um eines frischen Trunkes gewiß zu sein. Als sie aus dieser Bergkette herauskamen, fanden sie wieder flaches Land vor sich und in weiter Ferne einen hohen Berg am Ufer des Meeres. Sie gingen darauf zu, in der Hoffnung, zwischen dem Berge und dem Meere durchzukommen, erkannten aber bei ihrer Ankunft die Unmöglichkeit dieser Passage, da die Wellen sich am Fuße des Berges brachen. Bei weiterer Untersuchung entdeckten sie am Grunde der Klippe eine Höhle, die sie auf einige Zeit zur Wohnung benutzen wollten, um auszuruhen, um so mehr, da die bereits erwähnte kirschenähnliche Frucht hier in großer Menge wuchs. Als Portmgcr einmal die Höhle verließ, um Kirschen zu pflücken, und sich deßhalb gegen die Gebüsche wandte, welche auf dem Felsen am Strande wuchsen, entdeckte er zu seinem Vergnügen und nicht geringerem Erstaunen auf einem Busche unmittelbar am Wasser einen großen, von der Sonne ganz ausgetrockneten Fisch. Er rief sogleich St. Julien herbei, um die Freude mit ihm zu theilen; derselbe bezeigte aber eine große Unruhe, weil er aus dem Funde schließen wollte, daß Menschen in der Nähe sein müßten, die sie in dieser Wildniß fürchteten, aber doch suchten. Sie bemächtigten sich indessen ihrer Beute und trugen sie in ihre Höhle, fanden diese Speise aber beim Genusse so gesalzen, daß sich ihr Durst auf das Unleidlichste steigerte und sie, da kein Trinkwasser in der Nähe zu finden war, gezwungen wurden, ihre kühle Höhle zu verlassen, um Wasser zu suchen. Jedoch nahmen sie ihren Fisch mit. Sie umgingen den Fuß des Berges und fanden bald Ebenen, bald andere Berge, die mit einander zusammenhingen; hier fanden sie Wasser, hielten sich daran mehrere Tage auf, machten Feuer, genossen von den dicken Blattern, die sie immer noch überall fanden, und verzehrten dazu ihren Fisch, so lange er vorhielt. Sie waren wiederum wohl vierzehn Tage gewandert, als sie 307 an einen großen Wald voll stachelichten Bäumen, einer Art Mimose, gelangten, der ihnen den Weg versperrte; dennoch aber mußten sie hindurch. Kaum aber warm sie hineingetrcten, als sie in der Ferne zwei große Löwen erblickten. Die Wanderer erstarrten vor Schreck; als sie sich etwas zu besinnen vermochten, krochen sie hinter einen dicken Baum, legten sich flach auf den Boden nieder, damit sie diese furchtbaren Thiere nicht entdecken möchten und ergaben sich dem Schicksale erwartungsvoll und mit schwerem Herzen. Da sie sich ganz ruhig verhielten, so entfernten sich die beiden Löwen aus ihrer Nähe, und seit ihrem Verschwinden sahen die Hülflosm zum Glück keine Löwen weiter auf ihrem Wege, obgleich sie mehrere Male ihre Fußtaftfen bemerkten. — Bisher waren sie auf ihrer Wanderung immer dem Meeresstrande so nahe als irgend möglich gefolgt, und sie blieben in dieser Richtung, da sie glaubten, hier weit gewisser Pflanzen zu finden, die sie als Nahrung verwenden konnten. Auch war es ihnen Bedürfniß, ihre von dein heißen Sande verbrannten Füße, sowie ihre von der Sonne versengte!: Körper von Zeit zu Zeit abzuwaschcn und im Meereswasscr abzukühlen; endlich hofften sie auch auf dem Meere ein Schiff zu erblicken, das sie von ihrem Elende hätte erlösen können. Als sie aus dein Walde wieber herauskamen, in welchem sie mehrere Tage gewandert waren, fanden sie wieder ebenes Land vor sich, rechts eine Hügelkette, links das Meer und in sehr weiter Entfernung eine Ncihc hoher Berge, die den Horizont abschlössen. Sie gingen gerade darauf zu, um einen Weg durch dieselben zu bahnen. — Als sie endlich am Fuße dieses Gebirges ankamen, wurden sie plötzlich durch den Anblick eines schwarzen Menschen überrascht, der, mit einem großen Messer in der Hand, sich ihnen näherte; er lief auf Portenger zu, welcher die Flucht ergriff, aber sehr bald, von Mattigkeit und Furcht überwältigt, zu Boden fiel. Als sein Gefährte St. Julien ihn stürzen sah, kam er ihm 20' 308 zur Hülfe, indessen der Schwarze, welcher Portenger verfolgt hatte, war bei demselben stehen geblieben, ohnc ihm etwas zu Leide zu thun. — Als St. Julien herantrat, redete der Schwarze ihn in einer unverständlichen, fremden Sprache an, er hatte aber so viel Klugheit, daß er ihnen durch Gcberdm die Frage verständlich machen konnte, ob sie Fremde und was sie wärm? — St. Julien gab ihm durch Zeichen zu verstehen, baß sie unglückliche Schiffbrüchige seien, worauf der Neger theilnahmlos sich wieder entfernte. Indessen hatte Portenger sich erholt, aber die Furcht der beiden Hülflosen war mit der Entfernung des Negers nicht gehoben, da sie voraussehen mußten, daß mehrere dieser Schwarzen in der Nähe wären und ihnen bald begegnen würden, obgleich der Neger einer ganz anderen Nace angehörte, als die Barbaren, welche sie gleich nach dem Schiffbruchc so grausam behandelt hatten. — Die beiden Wanderer verließen deßhalb diese gefährliche Gegend, sobald es ihnen möglich wurde und ihre Kräfte es ihnen erlaubten, dennoch dauerte es acht Tage, ehe sie die Bergkette durchschritten und bald durch Thäler, bald durch Klüfte ihren beschwerlichen und ungewissen Weg gefunden hatten. Zum Glücke trafen sie unterwegs von Zeit zu Zeit etwas röthliches Wasser in Felsenhöhlen und brunnenartigen Löchern an, und die schon erwähnten fetten Pflanzenblätter, die überall wuchsen, dienten ihnen zur noth-dürftigsten Ernährung. — Am Ausgangc deß Gebirges fanden sie wieber einen Wald, und zwar von den nämlichen dornigen Bäumen, wie sie schon früher kennen gelernt hatten. Eie gebrauchten fünf volle Tage, um ihn zu durchwandern, aber als sie endlich aus dem Walde heraus traten, sahen sie einen großen Fluß vor sich, der wohl anderthalb Viertelstunde breit sein mochte, und zu ihrer größten Freude am jenseitigen Ufer große Bäume, die mit großen, grünen Blättern bedeckt waren, ein Anblick, der ihnen um so angenehmer war, als sie 309 bisher in den beiden Wäldern nur stachelichte Gewächse ohne Blätter und Früchte gesehen hatten und sie jetzt hoffen durften, an Pflanzen zu gerathen, welche genießbare Früchte trügen. Den Uebcrrcst des fünften Tages und die darauf folgende Nacht brachten sie am diesseitigen Uftr mitBerathschlagungcn zu, wie sie über den Fluß kommen sollten. — Am nächsten Morgen wagten sie den Versuch, den Fluß zu durchwaten und es gelang, denn obgleich ihnen das Wasser oft bis an die Schulter reichte, so war der Strom doch nicht reißend und sie kamen ohne Unfall am anderen Ufer unter den grünen Bäumen an. Ihre Hoffnung, an denselben Früchte zu finden, wurde aber getäuscht, denn jene Bäume trugen nur große, schattige Blätter. Der Wald, den diese Bäume bildeten, war beinahe eine ganze Stunde breit, aber als sie ihn durchschritten hatten, befanden sie sich zu ihrer größten Ueberraschung vor einem Dorfe, das der Wald beschattete. Erfreuet, wieder bei wohnlichen Menschen zu sein, traten sie an die nächste Hütte, wo sie einen alten Mann antrafen, den sie durch Geb erden spräche um einen Trunk Wasser baten, aber er antwortete ihnen auf dieselbe Weise, daß er kein Wasser habe. Sie gingen nun weiter in das Innere des Dorfes, wo sie einer Truppe Kinder begegneten, die beim Anblicke der beiden fremden Männer mit großem Geschrei davon liefen; die Wanderer ließen sich dadurch nicht abschrecken, ihren Weg weiter fortzusetzen. Bald gelangten sie an eine Anzahl Einwohner dieses Dorfes, die im Kreise auf der Erde saßen; Jeder hatte eine, einem Rosenkranz ähnliche Perlenschnur in der Hand und schien zu beten; die beiden Gefährten traten zu ihnen, warfen sich auf ihre Kniee, um den Versammelten zu zeigen, daß sie an deren Gebete Antheil nehmen wollten, jene aber gaben ihnen zu verstehen, daß sie aufstehen und sich zu ihnen setzen sollten, was sie auch sogleich thaten. — Bald darauf brachte man Jedem von ihnen ein großes Stück „Tammor", eine Art Brot, aber sie konnten nicht errathen, woraus 310 es bereitet war - zugleich wurde ihnen ein hölzernes Gefäß voll Wasser gereicht. Mit großer Dankbarkeit empfingen sie diese Wohlthat, die erste, welche Menschenhände auf dieser entsetzlichen Reise ihnen geleistet hatten, und sie verzehrten Brot und Wasser mit großem Appetite. Nachdem sie dieses ungewöhnliche Mahl beendet hatten, gaben ihnen die Einwohner zu verstehen, daß sie das Dorf verlassen sollten ; sie gehorchten freudig, hatten sie ja doch nun die Aussicht, m Gegenden gekommen zu sein, wo Menschen wohnten, die Mitleid fühlten und die sie nicht mehr als blutgierige und habsüchtige Feinde zu fürchten brauchten. Zu ihrem nächsten Aufenthalte wählten Portenger und St. Julien nunmehr einen vom Dorfe nicht weit entfernten, hohen Baum, der sehr dicht belaubt war; hier zündeten sie Feuer an, gingen zum nahm Flusse zurück, holten sich eine Anzahl Krebse, die hier zahlreich vorhanden waren, und die sie bann zu ihrer Abendmahlzeit brieten. Die Dorfbewohner hatten ihnen noch vor der Trennung einen ledernen Schlauch geschenkt, damit sie sich das Trinkwasser darin holen könnten, was aber sehr mühsam war, da es von einem sehr weit entfernt liegenden, jenseit des Flusses befindlichen Brunnen geholt werden mußte, denn der vermeintliche Fluß war, wie sie nun gewahr wurden, ein in das Land einschneidender Arm des Meeres, bei dessen Durchgange man Ebbe und Fluth zu beachten hatte. Sie warm deßhalb genöthigt, schon mit Tagesanbruch sich auf den Weg zu machen, den Mccresarm zu durchwaten und, bei der Rückkehr vom entfernten Brunnen, den Abend abzuwarten, um wieder während der Ebbe durch das Wasser gehen zu können, so daß ihnen der Wasserweg und das nöthige Trinkwasser immer einen ganzen Tag, von Morgen bis Abend, kostete. Das Wasser dieses Brunnens war zwar ziemlich gut, besaß aber die sonderbare Eigenschaft, baß es des Nachts salzig wurde und am anderen Tage nicht mehr genießbar war. Aus diesem Grunde mußten sie jeden Tag frisches 311 Wasser Holm. Beide lösetcn sich in dieser mühseligen Beschäftigung ab, indem der Eine das Wasser holte und der Andere während der Zeit die „häuslichen" Geschäfte besorgte, nämlich Krebse im Meeresarme sing für die gemeinschaftliche Abendmahlzeit und, wenn die Dorfbewohner gerade ihre Mahlzeiten hielten, bei ihnen betteln ging, was jedesmal Etwas für die Wirthschaft der beiden Gefährten einbrachte, indem man ihm gewöhnlich einige Stücke Tammor schenkte und ihm erlaubte, die Fischköpfc, welche sie wegwarfen, zu sammeln, die für die beiden Fremdlinge Leckerbissen waren, die sie mit ihren Krebsen brieten. — Um das Vetteln mit besserem Erfolge zu betreiben, hatten sie ein kurzes muhamcbanischcs Gebet in der Sprache der Einwohner erlernt, das ihnen auf dem Wasserwege ein ebenfalls oft zum Brunnen gehender Knabe vorgesprochen hatte und das sie schnell nachsprechen lernten, um sich desselben bei ihrem Almosen-Einsam-meln zu bedienen, damit die Einwohner glauben sollten, daß auch sie Muhamedaner wären, wie jene. Das hatte seine Wirkung, sie wohnten, dadurch kühner gemacht, nun auch ihren Gottesdiensten bei und glaubten in ihrer verzwciflungsvollen Lage sich dieser List schon bedienen zu dürfen. Auf diese Weise hielten sich Beide ungefähr drei Wochen in diesem Dorfe auf, mußten aber nun doch ihren Wandcrftab wieder ergreifen, da die Einwohner ihrer überdrüssig wurden und sie nicht länger in ihrer Nähe dulden wollten. — Da die Gegend hier vom Meere vielfach und tief eingeschnittcn war, eine Menge Halbinseln bildete und die beiden Wanderer sehr viele kleine Meerbusen Pas-siren und ebenso durchwaten mußten, wie die erstere, welche sie damals für einen Fluß gehalten hatten, so konnten sie nur sehr langsam weiter kommen. Nach einigen Tagen, in denen sie mehrere dieser Halbinseln durchschritten hatten, fanden sie wieder ein Dorf; bei ihrem Eintritte wurden sie von den Einwohnern umringt, die beiden Fremdlinge fielen auf die Kniee und beteten laut 312 ihr erlerntes muhamedanischcs Gebet, welches lautete: ,?I^1y Ke I62a ^ua, Uailic>ni6t I^ii^ar V68U raiail" — d. h. Gott ist groß, euer Gott ist unser Gott! — Auf diese Anrede schenkten ihnen die Einwohner etwas Tam-mor und Wasser. — Während sie das ihnen ertheilte Almosen verzehrten, sahen sie zu ihrem größten Erstaunen einen Mann aus einer nahegelegenen Hütte treten, den sie bei seiner Annäherung, obgleich er ganz so wie die Eingeborenen gekleidet war, sofort als den ersten Schiffslicutenant, Namens Kuntzly wieder erkannten, der mit ihnen Schiffbruch gelitten und sich früher mit dem anderen Lieutenant in einer Nacht von den Uebrigen getrennt hatte. Auch er erkannte die beiden Fremdlinge wieder, unterdrückte aber seine Ueberraschung und gab ihnen ein Zeichen, daß sie ihn nicht kennen und nicht anreden sollten. Sie wagten es deßhalb nicht, sich ihm zu nähern, blieben in der Entfernung stehen und verzehrten ihr Brot. Nach einiger Zeit trat der Schiffslieutenant an sie heran, nahm sie bei Seite und verbot ihnen, den Eingeborenen zu entdecken, baß er ein Christ sei, sie sollten sich nicht merken lassen, daß sie sich früher jemals gesehen hätten, er sei bis hierher auf seiner Irrfahrt gelangt, habe sich für einen muhamedanischcn Kaufmann ausgegeben, der durch Schiffbruch Alles verloren hätte, er führe gegenwärtig den Namen Mahomet Nakudch, und so sollten sie ihn nennen, wenn sie ihm in Gegenwart der Einwohner etwas zu sagen hätten, doch ihn niemals ohne Noth anreden. — Auch versicherte er ihnen, daß sie Nichts zu befürchten hätten, daß man ihnen Nahrung geben würde und sie bei ihm bleiben sollten, bis er Gelegenheit finden werde, diesen Ort zu verlassen, wo er sie dann mitnehmen wolle. — Die höchst erstaunten Leidensgefährten fragten ihn, wie er hierher gekommen sei? ^ Er erzählte ihnen, daß er den Abend, wo die Anderen den Berg überstiegen hätten (bei welcher Gelegen- 313 heit die Fliehenden in das Meer fielen), zurückgeblieben sei und einen anderen Weg eingeschlagen habe; nach langem Umherirren sei er endlich in diesem Dorfe angelangt wo er einen Tindal ihres Schiffes (d. h. einen Unterofficier der Lascar's oder indischen Matrosen) angetroffen habe, der ein Muselmann und in Bengalen geboren, aber der arabischen Sprache so mächtig sei, daß er sich gelausig darin ausdrücken lönne; derselbe befinde sich noch hier anwesend und mit Hülfe dieses Mannes sei es ihm leicht geworden, sich für einen Muselmann auszugeben. — Beide lebten deßhalb im besten Einverständnisse mit den Einwohnern des Dorfes. Für die beiden Fremdlinge Portcnger und St. Julien wollten indessen die Einwohner nichts thun, da sie Christen waren; sie wurden von jetzt an als Sclaven behandelt und mußten die härtesten Arbeiten thun. Man gab einem Jeden einen großen ledernen Schlauch, worin sie für die Einwohner Wasser holen mußten; sie begaben sich damit bei Tagesanbruch auf den Weg und kehrten um Mittag schwer beladen zurück; nun gab man ihnen ein kärgliches Essen, das nach ihren eigenen Gebräuchen für einen Jeden aus einem Pfunde Tammor hätte bestehen sollen, wogegen sie sich aber mit dem Wenigen begnügen mußten, was man ihnen spärlich zugemessen zu geben beliebte. Nur zuweilen erhielten sie zu ihrem Brote etwas Fisch. Außer dem täglichen Wasserholen mußten sie das Dorf und die umliegende Gegend durchsuchen, um die Kerne der Frucht, woraus der Tammor bereitet wurde (wahrscheinlich waren es Datteln) zusammen zu lesen, da dieselben klein gestoßen und den Ziegen zur Nahrung gegeben wurden, deren es in dieser Gegend sehr viele giebt. Sammelten die nunmehr als Sclaven des Dorfes behandelten Fremdlinge viele Kerne, so war man mit ihnen zufrieden, wo nicht, so wurden sie von dein Schcik des Dorfes, dessen Ge- 314 meingut sie waren, tüchtig ausgescholten und auch wohl geschlagen. Nach solcher mühevollen Arbeit mußten sie dann noch in das Gehölz gehen, um Dornen nebst Gesträuch zum Brennen zu sammeln. Man hatte ihnen angeboten, ihre Lage verbessern zu wollen, wenn sie sich willig fanden, sich beschneiden zu lassen und Muha-medaner zu werden, aber sie hatten sich dessen entschieden geweigert. Nachdem man dieses Ansinnen mehrere Male wiederholt hatte, erklärten ihnen die Einwohner, daß, wenn sie sich länger weigerten, ihren Glauben abzuschwören, sie ihnen fernerhin keine Nahrung mehr geben und sie Tag und Nacht arbeiten lassen wollten. Aber auch diese Drohungen hatten auf Beide keinen bestimmenden Ginstuß, sie ließen sich dadurch von ihrer ferneren Weigerung nicht abschrecken. — Ginige Zeit darauf kam der Lieutenant in's Geheim zu ihnen und benachrichtigte sie, daß die Einwohner des Dorfes sich in diesem Augenblicke über Beide berathschlagten, und eben beschlossen hätten, sie zu zwingen, sich der Vcschncidung zu unterwerfen, oder im Falle der Widersehung sie niederzuhauen. Auf diese Nachricht beschlossen sie auf der Stelle die Flucht zu ergreifen, wozu auch der Lieutenant Kuntzly selbst rieth, indem er ihnen bedeutete, daß sich einige Tagereisen von hier ein anderes Dorf befinde, wohin sie sich begeben möchten und wo sie vielleicht besser empfangen und behandelt werden würden. Sie befolgten seinen Rath und befanden sich wohl dabei, denn als sie nach sechs Tagen das angedeutete Dorf wirklich gefunden und erreicht hatten, empfingen die Einwohner sie freundlich, hießen sie niedersetzen und brachten ihnen zu essen und zu trinken; einige von ihnen entfernten sich und kehrten bald darauf mit einem Manne zurück, den Beide sogleich als einen ihrer Unglücksgefährten erkannten; es war der Irländer Jacob Dunbar, von dem gescheiterten Schiffe und ein bengalischer Ar- 315 tillmst. Als er seine Schiffskamcraden erblickte, bezeugte er große Freude des Wiedersehens, er schüttelte ihnen die Hände und sagte: „Ich bin ein Muselmann geworden, lieben Kameraden, habe mich beschneiden und das Haupthaar abschceren lassen, thut dasselbe und Ihr werdet Euch wohl dabei befinden, da wir in einem Lande leben, aus dem erlöset zu werden, wir niemals eine Hoffnung hegen können!" — Er beschwor sie dringend, auf der Stelle seinem Beispiele der Klugheit zu folgen und wandte seine ganze Veredtsamkeit an, ihre Einwilligung zu erlangen. Mit innerem Widerstreben mußten sie ihn geduldig anhören und durften sich nicht merken lassen, daß sie sich niemals seinem Rathe fügen würden; sie mußten nur froh sein, durch seine Verwendung Speise und Trank zu erhalten. Er erzählte ihnen, baß zwei Kameraden von demselben verunglückten Schiffe früher auch hier angekommen wären, sich auch nicht hätten bekehren lassen wollen und den gefahrvollen Weg fortgesetzt hatten, obgleich man ihnen vorausgesagt habe, daß sie ihr Leben verlieren würben, da sie auf der Weiterreise zehn Tage lang keinen Tropfen Wasser zu finden vermöchten; sie waren aber bei ihrem Entschlüsse geblieben, und einige Zeit nachher habe man sie vier Tagereisen von hier todt gefunden. Er erzählte ihnen ferner, daß bald nach seiner eigenen Ankunft und Bekehrung der Scheik, dem diese Gegend gehöre, ihn mit einem wohlbemanntcn Boote zu dem Wrack des gescheiterten Schisses gesandt habe, wo er denn auch gewesen wäre und eine große Anzahl todter Europäer gefunden, dieselben begraben und darauf fast Alles, was noch vom Schiffe übrig geblieben sei, hier nach dem Dorfe gebracht habe. ^ Nachdem die beiden Irrfahrer sich etwa eine Woche hier aufgehalten hatten, während der man sie oft zur Veschncidung drängte, verbot bei ihrer Weigerung der Schcik auf das Strengste, ihnen ferner Nahrung, selbst nicht einen Tropfen Wasser zu geben und 316 ließ ihnen drohen, baß er sie niederschießen lassen würde, wenn sie sich nicht auf der Stelle entfernten. In Folge dieser Ereignisse sahen sie sich genöthigt, nach ihrem letzten Aufenthaltsorte zurückzukehren, obgleich sie nicht wußten, wie es ihnen dort ergehen werde. Als sie nach sechs Tagen wieder dort ankamen, vernahmen sie, daß der Lieutenant Kunhly und der Tindal die Küste verlassen und sich auf einem englischen Schiffe eingeschifft Hütten, das gleichfalls, wie das gescheiterte, bestimmt war, der englischen Armee in Cgyptm Proviant zuzuführen; die Einwohner erklärten zugleich, daß sie den Lieutenant nicht so leicht hätten gehen lassen, wenn sie gewußt hätten, daß er sie betrogen habe und kein Muselmann sei, zumal er mit ihnen gegessen und getrunken und ihre Religion dadurch entehrt und beschimpft habe — sie würden es auch jetzt noch nicht erfahren haben, wenn er es nicht selbst im Uebermuthe entdeckt hätte. — Das Boot des Dorfes nämlich, das ihn und den Tindal an Bord gebracht hatte, war noch an der Seite des Schiffes angelegt gewesen, der Muselmann, der das Boot geführt hatte, war noch auf dem Verdecke des englischen Fahrzeuges gewesen und hier, auf die ihm für die Ueberfahrt versprochene Belohnung wartend, Zeuge der größten Verhöhnung geworden, die der undankbare Lieutenant den gastfreien Dorfbewohnern hatte zu Theil werden lassen. Sowie nämlich Kuntzly in seiner Vcrmummung als Muselmann auf dem englischen Schiffe angekommen war, hatte man ihm sogleich andere, europäische Kleider gereicht, er aber hatte seine von den Dorfbewohnern erhaltene musclmännische Bekleidung, aus einem Turban und einem, um den Körper geschlagenen Felle bestehend, verächtlich in das Meer geworfen, und, mit dieser Verhöhnung noch nicht zufrieden, einen geräucherten Schinken ergriffen, dem Araber davon angeboten und in seiner Gegenwart ein Stück davon verzehrt, um ihm desto besser begreiflich zu inachen, baß er wirklich ein Christ 317 und kein Muhamedaner sei. Hierauf hatte der Araber das Schiff sogleich verlassen und war in der größten Wuth nach dem Lande zurückgerudert, wo er das ganze Dorf in große Bewegung durch seine Mittheilung versetzt hatte. Dieses höchst unwürdige Benehmen hätte übrigens dem vor Anker liegenden Schiffe, das den Lieutenant gastfrei aufgenommen hatte, gefährlich werden können, da die auf's Höchste erbitterten Einwohner Anstalt machten, das Schiff mit vereinten Kräften anzugreifen; es erhob sich aber zum Glücke für das Schiff ein Landwind, das den Capitain in den Stand setzte, unter Segel zu gehen und sich zu entfernen. — Für die im Dorfe angekommenen Hülflosm hatte die Erbitterung der Araber in Folge dieser Vorfälle nicht minder bedenklich werden können, und sie hatten deßhalb bei dieser Nachricht Alles für ihre eigene Sicherheit zu fürchten, zumal sie schon bei ihrem ersten Aufenthalte in diesem Dorfe so schlecht behandelt worden waren. Sie glaubten, daß die Einwohner die von einem Christen erlittene Kränkung an den beiden Hülflosen rächen und sie umbringen würden; das erlittene Elend hatte die Unglücklichen aber nachgerade gleichgültig gegen ihr Schlicksal gemacht, sie ertrugen gelassen die Mißhandlungen, womit man sie überhäufte, man gab ihnen nicht die geringste Nahrung, nicht einmal einen Tropfen Wasser, sie mußten sich dasselbe, wie früher, aus einer sehr großen Entfernung holen, wenn sie nicht verdursten wollten, sie blieben dann den ganzen Tag an dem Brunnen, um sich den Augen der Araber so viel wie möglich zu entziehen, und lehrten erst Abends in das Dorf zurück, worin sie dann umhcrschlichcn, um, wie brot« l-ose Hunde, eine Abendmahlzeit, die zugleich ihre einzige Nahrung war, aus den Thüren zusammenzulesen. Sahen sie dann eine Anzahl dieser herzlosen Menschen ihre Abendmahlzeit halten, so warteten beide Hungrigen schüchtern in der Ferne, bis jene die 318 Köpfe der Fische, welche sie verzehrten, wegwarfen. Diese lasen sie sorgfältig zusammen, denn sie machten ihre einzige Nahrung aus, und erst nach längerem, demüthigen Flehen war ihnen dieses Auflesen der Fischkoftfe, die selbst die Katzen vcrschmähetcn, zugestanden. Auf diese traurige Art verlebten sie mehrere Wochen und fristeten kümmerlich ihr elendes Dasein, als endlich, wo sie es am wenigsten erwarten und hoffen durften, eine glückliche Wendung ihres Schicksals eintrat und der Augenblick der Rettung nahete. Am zwanzigsten Tage nach ihrer Rückkehr zu diesem Dorfe waren sie zufällig nicht, wie sonst gewöhnlich, nach dem Brunnen gegangen, sondern hatten sich am Strande des Meeres aufgehalten, als sie Plötzlich auf dem hohen Meere ein Schiff erblickten; sie hatten früher dergleichen schon öfter gesehen, aber dieselben waren in so weiter Entfernung vorübcrgesegclt, daß sie denselben kein bemerkbares Signal hatten machen können. — Dieses Mal begünstigte sie aber das Schicksal — das entfernte Schiff verzögerte seinen Lauf, der Wind fiel auf einmal zu völliger Windstille, die Segel thaten ihre Schuldigkeit nicht mehr, die Strömungen des Meeres trieben das Schiff gegen die Küste, so daß es nicht weit von der Stelle, wo die beiden Leidensgefährten Portenger und St. Julien standen, die Anker einsenken mußte, was die Hoffnung auf Rettung bei beiden, durch Zeichen und Rufen sich kundgebenden Männern vermehrte. Ihr Winken und Geschrei wurde endlich auf dem Schisse bemerkt; gegen fünf Uhr Abends sahen sie, daß »nan ein kleines Boot in das Wasser hinabließ, welches sich der Küste näherte; als es ganz nahe bei ihnen angekommen war, konnten sie die Zeit nicht erwarten und wadetm in das Meer bis beinahe an den Hals, um desto geschwinder das rettende Boot zu erreichen. 319 In demselben befanden sich nur zwei Personen, ein Schiffsund ein Marinelieutcnant. — Als sie nahe genug an die bcidm durch das Wasser herandrängenden Männer gekommen waren, fragten sie diese, was sie wollten und wer sie seien? Mit Hast riefen diese ihnen zu, daß sic zu dein in englischen Diensten stehenden, in Madras garnisonirmdm Schwcizcrregimentc von Meuron gehörten, Schiffbrüchige waren und sich, mit Hunger und Barbaren kämpfend, seit lauger Zeit in dieser Wildniß umhergetricbcn hätten, daß ihre Leidensgefährten fast alle ermordet oder verschmachtet wären und der Capitain des Schiffes, der Bruder des Obristen Baer in Madras, sterbend in der Einöde zurückgeblieben sei. - Die beiden Ofsicicre im Boote schienen anfangs die Erzählung dieser entsetzlichen Schicksale nicht glauben zu wollen; cS kostete einige Mühe, sie zu überzeugen, daß die beiden Hülflosen wirklich Europäer wären, so sehr hatte das ausgestandene Elend sie entstellt und die Sonne ihre Farbe gebräunt. Die Angaben aber, die sie von Madras machten, gaben den Officiercn Vertrauen, sie nahmen beide Männer in das Boot und führten sie auf das Schiff. ^ Auch der Capitain war bei ihrer Ankunft auf dem Verdecke zweifelhaft, wofür er sie halten sollte; als er sie aber deutsch reden hörte und in englischer Sprache alle ihre Begebenheiten sich hatte erzählen lassen, fühlte er Mitleid und Theilnahme mit ihnen und ihren ungewöhnlichen Leiden und bezeugte seine Freude, daß er sie habe von dem Unglück erlösen können; er ließ ihnen sogleich Kleiber reichen, denn seit dem Schiffbruche und der gleich darauf folgenden Ausplünderung durch die Barbaren, waren sie immer nackt geblieben, dann ließ er Jedem ein Glas Branntwein geben, um ihrem erschlafften, ausgedörrten Körper etwas Lcbensreiz zu bieten, und befahl, daß man ihnen gesottenes Pökelfleisch und 320 SchiffSzwieback im Ueberstusse vorsetze. Mit Heißhunger fielen sie darüber her, zerrissen das Fleisch wie hungrige Wölfe mit den Zähnen, und der Capitain wie alle Zuschauer betrachteten sie mit Verwunderung. Nun aber warnte sie der Caftitain, nicht zu viel von dem gesalzenen Fleische zu essen, da es ihnen großen Durst erregen würde und das Schiff viel zu wenig Trinkwasser an Bord habe, um ihnen viel davon reichen zu können. - Sie enthielten sich deßhalb des fernerm Fleisches, warm aber so ausgehungert, daß sie sich nicht satt genug am Schiffszwieback essen konnten und die ganze Nacht daran kaueten. Das Schiff, worauf sie sich befanden, war eine schöne Brigg, vom Capitain Cummin befehligt, gehörte zu der englischen Flotte im rothen Meere und kreuzte an der arabischen Küste. Am anderen Morgen bei Tagesanbruch versammelte der Capitain sein Schiffsvolk auf dem Verdeck und erklärte ihnen, daß er Mangel an Wasser litte und man etwas von der Küste holen müsse — er forderte zu diesem Unternehmen Freiwillige auf. Es boten sich sofort mehr Leute an, als man brauchte; der Capitain gab deßhalb Befehl, daß ein Boot mit einem Schiffslieutcnant, einem Marineofsicier, einem Kanonier und sieben Matrosen, sich nach der Küste begeben sollten, verlangte aber auch von den beiden Geretteten, Portenger und St. Julien, daß sie als Wegweiser mitgehen sollten. Obgleich Beide dem Capitain eine Landung mit allen Kräften widemethm, indem die Küste nur von räuberischen und feindseligen Arabern bewohnt sei und die Mannschaft des Bootes sich der größten Gefahr aussetzen würde, um so mehr, wenn beide, dem Araberdorfc entflohene und längst mit dem Tode bedrohte Personen mitgingen, da ihre Wicdererkennung an der Spitze 321 wassneter Europäer die Dorfbewohner glauben machen werbe, daß sie zurückkehrten, um sich wegen der erlittenen Mißhandlungen zu rächen, obgleich Beide erklärten, daß man an dieser Küste nur schlechtes salziges Wasser finden werde, so beharrte dennoch der Capitain bei seinem Vorsatze und meinte, was die Gefahr betreffe, von den Eingeborenen angegriffen zu werden, so wolle er die beorderte Mannschaft nicht nur gut bewaffnen, sondern auch die große Schaluppe, stark bemannt und ausgerüstet, zur Unterstützung mitscnbcn, und das Wasser möge so schlecht sein wie es wolle, so werde es doch immer gut genug sein, um Reis und die übrigen Speisen damit zu kochen, so daß man das noch auf dem Schiffe vorräthige Wasser nur zum Trinken aufsparen könne. DaS große Boot wurde mit zwei dreipfündigen Kanonen bewaffnet, der Marinelieutmant schiffte sich mit einem Kanonier und zehn Matrosen nebst St. Julien darauf ein, der Schiffslieutenant nahm ein kleineres Boot, das er mit einem Matrosen und Portenger bestieg; dasselbe folgte der voranrudernden Schaluppe. — DaS Schiff lag etwa drei englische Meilen von der Küste entfernt vor Anker. Sowie die große Schaluppe sich dem Strande biS auf etwa hundert Klafter genähert hatte, kamen die Einwohner in großer Anzahl angelaufen, um sich der Landung zu widersetzen; als die Mannschaft im großen Boote dieses bemerkte, gab sie mit ihren beiden Kanonen und den Gewehren eine Salve auf die Menge, welche eine große Wirkung that, aber die Eingeborenen warteten keine zweite ab, stürzten sich in das Wasser dem Boote entgegen, das unvorsichtiger Weise nebst dein kleinen Boote, worin sich Port eng er befand, sich, anstatt in Schußweite vom Lande zu bleiben, demselben immer mehr genähert hatte, griffen die Schaluppe an und stürzten sie um. Jetzt machten sie Alles nieder, Van Müteln, Ostindien. II. 21 322 was ihnen in die Hände fiel; Diejenigen von der Bemannung der Schaluppe, welche sich aus dem Wasser zu retten vermochten, liefen den Strand hinauf, wo sie von anderen Eingeborenen aufgefangen und niedergehauen wurden. Auch St. Julien hatte dieses traurige Loos. — Als der Schiffslieutmant auf dem kleinen Boote, auf dem sich Portenger befand, das blutige Schauspiel und das Schicksal der Leute von der Schaluppe sah, wendete er schnell das Boot, um die Flucht zu ergreifen, aber es war schon zu spat, denn zwei von den schwarzen Feinden, welche das Umwenden des Bootes bemerkten und die Flucht verhindern wollten, stürzten, bis unter die Arme im Wasser, auf das Boot zu und der Eine von ihnen führte mit seinem großen Messer einen so furchtbarm Hieb auf den Schiffslieutenant, baß er ihm unfehlbar den Kopf gespalten haben würde, wenn nicht ein dichter, sehr starker Filzhut die Kraft des Hiebes gemildert hätte, so daß er mit einer leichten Kopfwunde davon kam. Der Andere warf eine, an einem langen Riemen befestigte Lanze nach dem Lieutenant, die ihm am Schenkel verwundete; derselbe verlor aber trotzdem weder Muth noch Geistesgegenwart, er ermunterte den Matrosen und Portengcr, die weiter vorn im Boote saßen und von den Schwarzen nicht sogleich erreicht werden konnten, alle ihre Kräfte anzustrengen, um durch Rudern das Boot vom Lande weg in das tiefere Wasser zu bringen, was sie denn auch bemühet waren, zu erreichen, während der Schissslieutenant, obgleich verwundet, wie cr war, sich gegen beide mord-lustigc Angreifer mit einem langen Bootshaken vertheidigte. Endlich gelang es den Ruderern, von ihnen loszukommen und tiefeS Wasser zu erreichen, die Araber ließen, nachdem sie noch kurze Zeit mitgeschwommm waren, das Boot los und blieben zurück. — So gelangte glücklich das kleine Boot ohne weiteren Unfall zu dem Schiffe zurück. — 323 Der Capitain, welcher durch ein Fernrohr das ganze Trauerspiel angesehen hatte, war in Verzweiflung über den Verlust und das Schicksal seiner braven Leute; der Schiffslicutmant wurde sogleich verbunden und zu Bette gebracht, denn er hatte viel Blut verloren, aber eine viel größere Mühe hatte man, um Portenger zu beruhigen und zu trösten, denn jetzt, der eigenen Lebensgefahr entronnen, trat der Gedanke an seinen Freund und Leidensgefährten St. Julien furchtbar vor seine Seele - der Verlust dieses unglücklichen Schicksalsgefährten, der alle Gefahren und Leiden so lange treu und ergeben mit ihm getragen hatte, der noch allein bei ihm geblieben war, als Tod und Verzweiflung alle anderen Leidensbrüder getrennt und zerstreuet hatte, der endlich mit ihm die glückliche Stunde der Rettung genossen und am Abend vorher so froh wieder sein Lager unter Christen aufgeschlagen hatte — dieser Gedanke, ihn von der Hand derselben Barbaren ermordet zu wissen, deren Grausamkeit er eben entrissen zu sein wähnte, die Vorstellung, ihn furchtbar hinschlachten gesehen zu haben, ohne fähig gewesen zu sein, ihm Beistand zu leisten — das brachte Portenger zur Verzweiflung; er wagte es, dem Schiffscapitain Unbesonnenheit und Hartnäckigkeit vorzuwerfen, da er den gut gemeinten und nun so traurig bestätigten Rath nicht beherzigt hatte. — Der Caftitain, welcher seine Unvorsichtigkeit fühlte und be-rcuete, gab sich viel Mühe, den Unglücklichen zu beruhigen und zu trösten; er versprach ihm, sobald sie in Mekka angekommen sein würden, ihn an das Land zu setzen, verpflegen zu lassen und ihm die Mittel zu verschaffen, mit dem ersten englischen Schiffe, baS bei Mekka anlegen würbe, nach Indien zurückzuschicken. DieS richtete den Muth des Unglücklichen wieder auf und tröstete ihn einigermaßen. Es war diese unglückliche Begebenheit am 2i. December l80i 21' 324 vorgefallen. — In aller Frühe des folgenden Tages ließ der aufgebrachte Capitain die Anker lichten, um die Barbarm für das Geschehene zu züchtigen; er ließ das Schiff so nahe als nur irgend möglich an das Land treiben, legte es hier vor Anker und beschoß das Dorf so lange, bis es gänzlich vernichtet war, denn was von den Kugeln nicht zerstört wurde, das verzehrte das Feuer. Den Eingeborenen selbst vermochte er freilich nichts weiter zuzufügen, denn diese flüchteten sich hinter einen im Nucken des Dorfes gelegenen Hügel, wo sie gegen die Schiffsartillcric geschützt waren; der Capitain fand seine Kräfte zu schwach, um eine Landung zu wagen und die Eingeborenen anzugreifen, er begnügte sich deßhalb mit der genommenen Rache und verließ diese ungastliche Küste. Während der Fahrt nach Mekka, wo das Schiff am 9. Januar 1802 eintraf, hatte Portenger die Muße benutzt, seine erlebten Begebenheiten, wie sie ihm noch frisch im Gedächtnisse waren, niederzuschreiben. Nach der Ankunft in Mekka nahm ihn der Capitain mit sich an das Land und führte ihn zu einem in Mekka wohnenden englischen Ingenieur-Hauptmann, Namens La Vetterte, dem er seine Schicksale erzählen mußte und der ihm mitleidig seinen Beistand in Allem, was von ihm abhängen würde, versprach. Por-tenger's Gesundheit war aber durch die erduldeten Strapazen und das langwahrcnde Elend bedeutend gestört, er mußte einem gerade anwesenden englischen Arzte übergeben werden, der ihn denn auch nach einiger Zeit wieber herstellte. Nunmehr begab er sich wieder zu seinem Wohlthater, dem Hauptmann La Vetterte, der ihn nun kleiden ließ, ihm Geld gab und ihm antrug, für immer bei ihm zu bleiben und in seine Dienste zu treten. Portengcr lehnte dieses Anerbieten mit der Entscheidung ab, baß er zu seinem Regimente zurückkehren müsse, dem er jetzt nach seiner Rettung wieder angehöre und man ihn sonst als Deserteur behandeln könne und bat 325 ihn, zu seinen bisherigen Wohlthaten noch die hinzuzufügen, ihm Gelegenheit zur Reise nach Madras zu verschaffen. — Auch dicseS wollte ihm der biedere Mann gewähren; er versprach, eine Gelegenheit zu suchen und wünschte, daß der Heimathlose so lange bei ihm bleibe. Die Güte des Hauptmanns und die Hoffnungsftmde baldiger Rückkehr sollte aber dem Unglücklichen nicht lange gegönnt werden. Es ankerte bald darauf eine englische Fregatte im Hafen und der sie befehligende Caftitain Gardener kam an das Land und besuchte den Hauptmann 3a Vetterte. Hier sah er Portmgcr und erkundigte sich, wer er wäre. — La Vettcric klarte ihn darüber auf, Portcngcr mußte nun dem Frcgatten-Capitain sein Abenteuer erzählen, worauf jener die Frage an ihn richtete, ob das Regiment Meuron im Dienste des Königs oder der Compagnie stehe? ^ Im Dienste des Königs — antwortete Portcnger. Der Caftitain Gardener versetzte darauf, daß er königlicher Officier sei, daß Portenger mit ihm an Bord des königlichen Schiffes gehen und dort Dienste thun solle; auf dessen Erwiderung, daß er sich von den schweren übcrstandcncn Leiden ja kaum erholt habe, daß er zu schwach zum Marincdienstc sei und weder Waffen noch Uniform habe, gab er nur die bcfehlshaberischc Antwort, daß für Alles gesorgt werde, daß er sich ja nicht lange weigern und bitten lassen möge und er sich bereit halten solle, am nächsten Morgen mit ihm auf das Schiff zu gehen. Der Fregattmcapitain war einer von den vielen Seeofficieren, die Helden im Gefechte, aber Tyrannen gegen Alle sind, über welche sich ihre Gewalt erstreckt, deren Grenzen sie nicht respectiren, sobald sie keinen Widerstand durch höhere Gewalt zu fürchten haben. — Als Gardener fortgegangen war, beklagte sich Portenger bitter bei dem Hauptmann La Vetterte über dieses ebenso unge- 326 rechte wie tyrannische Verfahren und beschwor ihn, sich für ihn zu verwenden, daß er bei ihm bleiben könne, was der Hauptmann auch versprach. Als Capitain Gardener am andern Morgen wieder kam, stellte ihm Haufttmann La Vetteric vor, wie unbillig und ungerecht es sei, den Mann, in dem Zustande, in welchem er sich befinde, mit Gewalt zu zwingen, auf der Fregatte Dienste zu thun, aber, trotz aller Vorstellungen, zwang der Capitain dennoch den Portengcr mit ihm auf das Schiff zu gehen und er versprach ihm freilich, wenn er einem nach Madras oder Bengalen gehenden Schiffe begegnen sollte, ihn mit dieser Gelegenheit dorthin zurückzuschicken. Die Fregatte, ein Schiff von 44 Kanonen, segelte ab. -^ Vergeblich hoffte Portengcr auf die Begegnung eines Schiffes, das ihn hätte aufnehmen können.— Die Fregatte ging von Mekka nach Iedba, von hier nach Kosseir, endlich nach Suez. — Ein furchtbarer Sturm, der das Schiff in große Gefahr brachte, gab der Mannschaft Gelegenheit, nach glücklicher Rettung längere Zeit in Suez zu bleiben. Der Zufall, daß ein englisches Schiff nach Socotora absegeln wollte, und der Umstand, daß Gardener einsah, wie ihm der erpreßte Soldat doch durch seine körperliche Hinfälligkeit wenig nützlich wurde, gaben Veranlassung, daß Portenger die Erlaubniß erhielt, auf dem anderen Schiffe nach Socotora zu fahren, das ihn freilich mitnahm, aber auf der genannten Insel zu derselben Zeit absetzte, als ich, im October l802, auf einem englischen Schiffe von Europa aus auf meiner ersten Fahrt nach Madras, zu Socotora eintraf, um die Ausbesserung des Schiffes hier abzuwarten. Unser Capitain nahm den Bittenden mit und unterwegs theilte er mir seine Abenteuer mit, die er auch schriftlich aufgezeichnet hatte. Das Mitgefühl wurde ihm nicht versagt, er traf mit mir in Madras ein, wo er aber sein Regiment nicht mehr vorfand, da 327 dasselbe nach Seringapatam in Garnison gekommen war. — Er wurde dorthin gesandt, wo man ihn als einen längst todt geglaubten Schiffbrüchigen betrachtet hatte und mit Ueberraschung und Theilnahme empfing und auch sogleich zum Sergeanten machte. Später kam er nach Madras zurück, wo er im Dienste eines kaufmännischen Unternehmens noch oft nüt mir verkehrte. Druck von Ferber e. Kcht- und Schattenbilder aus Asien, Afrika und Europa. Von Ägismllnt» Wallace. !i Bände. 8. brosch. 4 Thlr. Der Herr Verfasser besuchte die verschiedensten und interessantesten Thtile unseres «rdballs: Ost-Afrika, Madagaskar. Ost-Indien, China ic. und kehrte über Schottland und England »ach Deutschland znrück. ßr schildert in anziehender und fesselnder Forin Vand nnd ^eute, ganz in Oerstacter'schcr Manicr E. A. Roßmäßlcr. Mit 1,50 Abbildungen in Holzschnitt und einem Titelbilbe in Tondruck von (5. Mcrtel. 2. Auflage. In eleq. Umschlag geb. 1V» Thlr. zu 3Naccmla«i'5 tieschichtl' non England in llllrn dlutlichru Änzgakeu. Der englische Hof unter Karl dem Zweiten, geschildert v»n Anthanzz Gras HamiUon. Octav.Ausgabe 1 Thlr. 10 Ngr. Sedez-AuSgabe t Thlr. Die Weltgeschichte in Lebensbildern und Eharatterschilderungen der Völker mit besonderer Beziehung auf Cultur und kitten. Ein handtntch lM Lchm, erwachsme Hchiiler und Lmillde gcschichtl. Vildung von Friedrich Korner, Oberlehrer an der Nealschule ^i Halle, !l Bände, eirca. )<) Bogen, ansgegcbeil in l0 ^ieftrnngeit ll 8 Tgr. Komplet 2V, THIr, Dicö Nerl wird die Weltgeschichte iil wesentlich neuer Methode der Darstellung behandeln, deren Erfolge sich durch langjährige Prar,is des als Pädagogen rühmlichst bekannten Verfassers bewahrt haben. Dasselbe will das Wichtigste herausheben und durch detaillirtc Schilderung veranschaulichen. Der Verfasser giebt von den verschiedenen Völkern und Zeiten die charakteristischen ^igenthümlichteitcn. Zu den weltgeschichtlichen That-sachcn und Personen rechnet er aber anch die Künste, epochemachende Gelehrte und Dichter. Statt der Anszahlung vieler schlachten hebt der Verfasser nur die folgenreichsten hervor und bemühet sich besonders die Unterschiede der Zeiten und Völker durch Schilderungen der kllltur-Verhältnisse zu vergegenwärtigen. Ausfülnlichc Prospectc und die 1. Liefermig sind m allen Buchhandlungen zu finden, Bis September dieses Jahres'ist daö Werk vollständig erschienen. ____________. Das BmD AOO GOzßeGNNO in Haus und Schule. Zweite Alüheifnng: Die Erziehung der Knaben in Hon« unk Achnle. Gin Handbuch für Eltern und Lehrer vl,m Friedrich Körner, Oberlehrer an tcr Realschule zu Hallü. kl. 6. «leg. broch. 2? Ngr. Die Könige. Entwickelungsgeschichte des Königthums von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart «on Nl-. I. Fr. W. Hinrichs, urd. Prof. zu Halle. 2. Auftage. Gr, 8. 2 Thk, 10 Ngr. Im Verlage von Hermann Eostenoble in Leipzig sind erschienen: Illuftrirtes Prachtwerk!! Reise um die Erde nach Japan an Vord öcr ExpMions-Escadtt unlcr Commodore M. C. jinnz in den Jahren.1853. 1854 und 1855, uon Wilhelm Heine. Mt nach der Mlur aufgenommenen Änsichte»» in Tondruck, ausgeführt in Holzschnitt uon , Eduard Krepsch mar. Nebst sämmtlichen officiellen Documenten. Zwei Vände. Lcx. 8. 6 Thlr. Die Illpan-Exprdition, für die Cultur und Verbindung der ciuilisirten Welt mit dem östliche» Asien uon dttfcllicn Wichtissteit, wie die Barth- und Vonel'schen Erpeditionen in das Innere von Nfrilll, l,at nicht verfehlt, bereits das gleiche Interesse aller Gebildeten durch die bekannten Berichte des Herrn Verfassers in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" zu erregen, wie diese, < Die Landschaften und Städte-Ansichten, von dem Verfasser nach der Natur aufgenommen, sind von der Meisterhand des Herrn (kl>. Krctzschmar «r»! H,!)V>l ,n ^np!,.