mr. 5. Mai 1902. V. Iahrg. Inhalt: Seite 129 130 Z»»i Pilon at piliti......................... ptiickliehr bet' piliffiottnrc nits HoiiboKoro. Miffionsfakrten nits dem meisten pi if. Von Br. Clemens Schröer, ©. b. h. H. . . 130 Afrilinnische U'l'nttbemeu. Von P. Joses Münch, ©. b. 1). /3 Krone), ein Reitkameel 20 Piaster. Thier und Treiber begnügen sich mit dem Allerwenigsten, so dass letzterer mit Noth noch soviel erübrigt, um zeitweilig die elenden Lumpen um Lenden und Kopf durch neue zu ersetzen. So erklärt es sich, dass die armen Leute viel auf Bak-schisch oder Trinkgeld bedacht waren, was ihnen übrigens angeboren ist. Wie gewöhnlich, suchte auch Ahmed, kauin einige Schritte vom Fort entfernt, das Gespräch aus das eventuelle Trinkgeld zu lenken. Er pries den Priester von Tokar (d. h. den in Tokio stationierten Missionär) als einen freigebigen Mann und sich selbst als dessen Leibburschen, äußerte seine Zuversicht, dass ich meinem Bruder in Tokar nicht nachstehen werde, erzählte, dass bereits alle Leute in Tokar von mir sprächen und mich als Bruder des Priesters lobten und ihn beneideten, dass er so glücklich sei, mich einzuholen usw. Unerschöpflich sind die Kunstgriffe dieser armen Leute, um gleich bei Beginn der Reise ein Versprechen von Trinkgeld zu erlangen, und Hunderte Male kommen sie darauf zurück. Während sie so sprachen, bemerkte ich nach etwa einstündigem Marsche plötzlich auf einer fernen Sanddüne sich bewegende Gestalten, die Reiter zu sein schienen. Ich machte Ahmed aufmerksam, der durch die Ferne und Luftspiegelung getäuscht, die Gestalten ebenfalls für Reiter hielt. In Anbetracht der häufigen Raubanfälle und der besonders damals unsicheren Lage kam eine gewisse Bewegung in die Karawane. Nach Sitte der Araber, in solchen Fällen dem Feinde entgegenzugehen und ihn zu beschwichtigen, eilte der Führer mit der Lanze in der Hand sofort nach jener Richtung, um seine Schützlinge den vermeintlichen Rebellen zu empfehlen. Nach einer Weile kam er zurück und bedeutete schon 142 Reiseeruinerungen aus Dftfubou von weitem, weiter zu marschieren. Die vermeintlichen Reiter entpuppten sich als Soldaten vom Fort, welche mit Holzbürden beladen heimkehrten. Trotzdem wir über die Täuschung lachten, wurden die Führer von da an misstrauisch und schweigsam. Sie nahmen es sehr übel, dass wir uns von augenblicklicher Furcht beeinflussen ließen. Es ist ihnen nichts unerwünschter, als wenn der Reisende Mangel von Vertrauen zeigt. Es liegt ihnen viel daran, dass ihre Schutzbefohlenen mit ihnen zufrieden sind, und dass die Reise ohne Zwischenfall vor sich gehe. In dieser Absicht rufen sie oft Gott oder einen verehrten Scheck an. Auf dem Weitermarsche zauberte uns die Fata Morgana, von den Eingeborenen Moia el-schitan (Teufelswasser) genannt, fortgesetzt die herrlichsten landschaftlichen Idyllen mit Seen und Inseln vor. Aus dem Wüstensande ragten viele Thierknochen und Kameelleichen hervor. Als einmal eine Schlange vor uns über den Weg zog, sprang Ahmed sofort auf sie zu, tödtete sie, von den Gefährten unterstützt, mit Lanzen und Stöcken und sprang dann dreimal über sie hinweg unter Anrufung des Namen Gottes. „Nun geht alles gut," rief er mir dann freudestrahlend zu. In der That gilt es ihnen als Zeichen von Glück, wenn eine Schlange über den Weg schleicht und sie dieselbe todten können; wehe aber, wenn dieselbe entwischt, es gilt als schlimmes Vorzeichen, die Treiber werden misstrauisch und wittern überall Gefahr und Unglück. Allmählich stieg die Ebene an und bedeckte sich mit niedrigen Gräsern und Sträuchern, während die Wegrichtung eine südwestliche wurde. Bei einer Pfütze mit schmutzigem Regenwasser erblickten wir im Südwesten das kleine Fort Endeteb. Aber wir schienen dasselbe nimmer zu erreichen, die Ebene schien endlos. Erst nachdem wir 31/2 Stunden unausgesetzt auf das Fort zu marschiert waren, erreichten wir dasselbe um halb 2 Uhr nachmittags. Wir stiegen ab, um etwas zu ruhen und die Kameele zu weiden. Der Chef, ein Negerofficier vom Stamme der Dinka, empfieng mich sehr freundlich; er war offenbar erfreut, einen Europäer zu sehen. Er hatte mit Stanley die Expedition zur Befreiung Emins mitgemacht und erzählte mir viel aus jener Periode. Leider hatte der gute Omar, so hieß er, wohl durch die Gelegenheit unter Europäern dazu verführt, wie es bei den Siegern so oft und leicht der Fall ist, sich eine große Vorliebe für geistige Getränke angeeignet. Bei den Negern ist dies doppelt gefährlich, da ihnen die nöthige Selbstbeherrschung mangelt. Wie mancher Sieger, der zum erstenmale mit gefälligem Grinsen geistige Getränke schlürft, wird dann ohnmächtiger Gewohnheitstrinker! So ergicng es Omar. Er wurde deshalb auch an diesen einsamen Posten in der Wüste versetzt. Zwar suchte er sich strenge an Thee zu halten gemäß den Weisungen, aber die Ankunft eines Europäers regte in ihm gleich die Sehnsucht nach der Weinflasche, und auch das gegohrene Kornbier, das der armselige Ort bieten konnte, wanderte sämmtlich zu ihm. Der gutmüthige Mann hatte große Freude, als ich ihm vom Sudan und unsern Negern sprach. Er zeigte mir das Lehmfort mit 30 Negersoldaten. Auf der Terrasse stand unter hölzernem Sonnenschirme die Wache inmitte von hochaufgestapelten SNunitionskisten. Von hier bot sich eine weite Fernsicht über die Ebene bis an das Meer. Wir begaben uns auch zum nahen Schlachtfelde, wo in den Jahren 1884 und 1885 die ägyptischen und englischen Truppen gegen die Rebellen kämpften. Auf eine weite Strecke hin war die Wüste mit gebleichten Todtenschädeln, menschlichen Knochen und Gerippen besäet; über Haufen menschlicher Ueberreste hatten sich hohe Sandhügel gebildet. An einem Hügel lagen Hunderte von Skeletten der Reihe nach in der Lage, in welcher sie nach der Länge von den Kugeln hingestreckt wurden. . Der Officier, welcher an der Schlacht theilgenommen hatte, erzählte uns vieles über das schreckliche Gemetzel. Dieser Anblick machte mir einen sehr wehmüthigen Eindruck; Tausende rüstiger Männer und Jünglinge kämpften und fielen hier in wahnsinniger Begeisterung für den Mahdi. Solcher Kampfplätze mit Haufen Gefallener gab es um Suakin und Tokar viele. Man durfte sich nicht wundern, wenn man dort meist nur mehr Knaben und Greise sah, da die waffenfähige Mann-schaft den Kugeln zum Opfer gefallen war. In der Nähe des Forts und unter seinem Schutze hatten sich in elenden Strohhütten um einen Regcnteich herum mehrere arme Familien vom Stamme Kome-lab angesiedelt. Die furchtsamen Leute waren sehr freundlich.-^ (Fortsetzung folgt.) Nus dem Leben öer Varabra in Nubien. Von 3£. Geyer. IjfJTir skizzieren Religion, Sitten und Gebräuche l**v^ der Barabra ober Berberincr, inbent wir die bedeutendsten Lebensabschnitte verfolgen. Die Geburt eines Kindes, besonders eines Knaben, wird als ein fröhliches Familicnereignis gefeiert. Verwandte und Freunde werden eingeladen und im Divan, oder, wenn ein solcher fehlt, im Hofe auf Teppichen sitzend, mit Kaffee und Rauchtabak, wohl auch mit Speisen, 60 sonders Ham melflcisch, be wirtet. Selten wird Merissa (eine Art Kornbiers^ge-trnnkcn, da die religiöse Gewissenhaftigkeit der Barabra dies nicht zulässt. Obwohl auf Anordnung der ägyptischen Regierung die Geburt des Kindes durch den Dorfschreiber registriert wird, so wissen doch genau. Bis zum sechsten Jahre bleiben die Kinder entblößt, von da an sind sie mit einem dürftigen Hemdchen bekleidet. Die Mädchen erhalten meist schon früher den rahat oder Gürtel und später sehr wenige Barabra Eine Schule ihr Lebensalter eine lange Pluderhose, währenirder Oberkörper lange entblößt bleibt. Das folgende Kleidungsstück des Mädchens ist das Kopftuch, während eine Art Kittel oder Tunika bis über die Knie reichend zu-, letzt folgt. Das Haupthaar der Knaben wird von Jugend auf geschoren und nur der landesübliche Büschel auf dem Vorderhaupte belassen. Viele dieser sehr vernachlässigten Wesen leiden an Augenkrankheiten, verursacht durch Insekten, Staub und Unreinlichkeit. Da sieht man die Kleinen im Staub und Schmutze sitzen,während eine gierige Schar von Fliegen sich an ihren Augenlidern weidet, ohne dass sie abgewehrt werden. Zum Kapitel Unreinlichkeit be- >" Aegypten. . merken wir, dass es eine streng beobachtete Sitte in Nubien ist, die Kinder bis zum Alter von drei oder vier Jahren niemals zu baden oder zu waschen. Die Ophtalmie ist jedoch im allgemeinen unter den Barabra weniger verbreitet als in Aepypten, wo sie eine Landplage bildet, sodass daselbst ganz mn-Trrnr- zi : Iti Slivi bent Leben der Bn rab m in Nnbien. gesunde Augen eine Ausnahme bilden. — Am hübschesten sind die Kinder zwischen dem 6. und 12. Lebensjahre. Besonders unter den Knaben sieht man oft schöne, schlanke Gestalten mit offenem Blick, lebhafter Auffassungsgabe und jugendlicher Heiterkeit. Stiller und zurückhaltender sind die Mädchen. Ans dem Spielplätze gibt es reges Leben und Lärmen. Gespielt wird mit Steinen, Samen, Stäbchen, es werden Häuschen und Barken geflochten und in daS Wasser gesetzt, aus Holzstäbchen werden Vehikel gebildet und mit Hühnerfedern geziert, die dann der Wind in Bewegung setzt, wobei jeder den schnellsten Läufer haben will; aus Nilschlamm werden Nachbildungen von Thieren gemacht und mit Sorgfalt aufbewahrt. Kommt eine Barke am Ufer an, so wird der Spielplatz im Nu verlassen, alles eilt zum Flusse. Ist gar eine Dahabieh mit einem chanaga (Europäer) in den Hasen eingelaufen, so ist die Neugierde umso größer. Macht der chanaga Miene, seinen Sonnenschirm zu öffnen und sich an das Ufer zu begeben, so macht die junge, halbentblößte Schar Kehrt und eilt im aufgewühlten Staube dem Dorfe zu, um in der Hütte, in einer Ecke oder hinter einem Baum Zuflucht zu suchen und von dort aus jede Bewegung der gefürchteten Fremden zu beobachten. Am Ufer verbleiben nur die Aeltereu, die dem Reisenden schreiend ihre Dienste anbieten und Bakschisch verlangen. Geht der Europäer nach dem Dorfe, so sind im Augenblick alle nackten Kleinen hinter den Thüren verschwunden und das Dorf scheint von Kindern ganz verlassen zu sein. Hat der chanaga sein Fahrzeug wieder bestiegen und die Fahrt fortgesetzt, dann eilen die Kleinen aus ihren Verstecken nach dem Ufer, und nun beginnt ein sonderbares Schauspiel. Die Kinder laufen am Ufer neben der Dahabich her und schreien gestikulierend «bakschisch, chanaga, bakschisch!» (Trinkgeld, Herr, Trinkgeld ist voran die flinken Aelteren, hinterher die nackten Kleinen, Knaben und Mädchen, so stürmt die Schar voran; hier wirft einer sein Kleid ab, dort löst ein Mädchen sein Kopftuch, um freier laufen zu können; dreiund vierjährige Kinder zappeln hinten her, aus voller Kehle nach Trinkgeld rufend. Wird ihnen von der Dahabieh aus ein Stück Brot oder eine Frucht zugeworfen, so stürzen sich einige auf dasselbe, während die anderen weiter folgen. Langt eine Münze am Ufer an, so werfen sich alle hastig auf dieselbe, es entsteht ein hartnäckiger Kampf, der mit Schlagen und Reißen endet. So setzen sie ihren Weg oft stundenlang fort bis zur nächsten Ortschaft, wo sie von anderen Bakschischbettlern abgelöst werden. Dieses Schauspiel wiederholt sich bei jeder Ortschaft zwischen Assuan und Uady-Halfa. Je furchtsamer die kleinen Kinder Fremden gegenüber sind, umso zudringlicher sind die größeren; sie gewöhnen sich infolge des zahlreichen Verkehrs am Nil an die Fremden. Im klebrigen wächst die Jugend beiderlei Geschlechts zwischen den schroffen Felsen an den Ufern des Nil heran, unberührt von jenen verderblichen Einflüssen einer verdorbenen Umgebung, die so oft die kleinsten Kinder in Aegypten und im Sudan moralisch und physisch zugrunde.richten. Wenn je auf ihre Entwicklung etwas von schlimmem Einfluss ist, so ist es die sehr verbreitete, wahnwitzige Furcht vor bösen Blicken. Es herrscht nämlich der Aberglaube, dass der Blick eines Feindes oder übelgesinnten Nachbarn den Kindern an ihrem Leibe schade und ihnen Krankheiten verursache. Nicht selten pferchen daher in Feindschaft liegende Parteien ihre Kinder den ganzen Tag über ein und verbieten ihnen, an die freie Luft zu gehen, damit sie nicht das neidische Auge des Widersachers treffe. Ja, sogar den Blicken der Fremden wird eine solche Wirkung zugeschrieben. Betritt ein Fremder ein Dorf, so verhüllen die Mütter ihre auf dem Arme hockenden Kinder mit der ferdah (Kopftuch) im Wahne, sie gegen die böse Wirkung des fremden Blickes zu schützen. Einige Marabuts und exaltierte fanatische Derwische und Fakiehs, deren es allerdings im Lande der Barabra weniger gibt als anderswo, versäumen nicht, sie in diesem Aberglauben zu bestärken. Eben diese sind es, die zuweilen die Jugendfrische der Kleinen durch frenetische Ascese zerstören. Die Knaben werden frühzeitig zur Schule geschickt, deren jedes größere Dorf eine besitzt. Der Unterricht beschränkt sich jedoch nur auf Auswendiglernen des Koran und Schreiben. Die Schule gilt daher als heiliger Ort, als ein Anhängsel der Moschee. Da sitzt der Lehrer, gewöhnlich ein alter Fakieh (muselmännischer Mönch) mit einem wulstigen, grünen Turban auf dem Haupte, mit unterschlagenen, gekreuzten Beinen auf einer Matte; neben ihm befindet sich Tintengefäß und arabischer Schreibstift; in der Linken hält er den geöffneten Koran, in der Rechten einen Stock; vor ihm sitzen die Schüler mit dem Koran in der Hand; jeder liest unter fortgesetzten Schwingungen des Körpers das ihm vorgeschriebene Stück des heiligen Buches und wiederholt es solange, bis er es im Gedächtnis besitzt. Da nun jeder ganz für sich liest, d. h. schreit, so entsteht ein entsetzliches Geschrei, das nur hie und da durch das Gebrüll des Lehrers unterbrochen oder übertönt wird. Der Lehrer lässt der Reihe nach Aus dem Leben der Barabra in Nubien. 145 Jeden einzeln vor sich hintreten, vor sich zur Erde hocken und hört unter Schwingen des Körpers seine Lection ab. Nach Umständen belohnt er seine Unwissenheit mit einem wuchtigen Stockhieb auf den Kopf. Verdient ein Schüler eine größere Strafe, so werden ihm von einem der älteren Knaben, den jeder Lehrer als nakil oder Stellvertreter neben sich hat, die Füße in die Höhe gehoben und dein Lehrer präsentiert: der Lehrer schlägt mit dem Stocke mit aller Wucht auf die Fußsohlen los, welche Action er mit einer Unzahl von trivialen Fluch- und Schimpfworten begleitet. Diese Procedur fehlt kaum an einem Tage. Die übrigen Schüler singen und schreien ihr Pensum iveiter, wobei sie womöglich das Geheul des Bestraften zu übertönen suchen. Uebung in der arabischen Schrift bildet mit dem Auswendiglernen die einzige Abwechslung. Dies nimmt in Anspruch drei Stunden vormittags und ebensoviele nachmittags. Da die Sprache der Ba-rabra keine Schrift und Literatur besitzt, bildet sic auch keinen Lehrgcgenstand in der Schule. Die arabische Schrift ist nicht allen Barabra geläufig, da die meisten Jungen nicht über die ersten Suren des Koran hinauskommen. Ich kenne manche Scheiks, die nicht schreiben können: auch unter jenen, die es können, schreiben die meisten recht schülerhaft. Es existiert daher in den meisten Ortschaften ein Mann, gewöhnlich der Fakieh (muselmännischerMönch), der das Amt eines Schreibers (kaleb) versieht; die Männer drücken ihr Namenssiegel, das sie stets bei sich- führen, unter das Schriftstück. Der Katcb ist neben dem Scheik eine der hervorragendsten Persönlichkeiten im Dorfe. Kehren wir zur Schule zurück. Schulzwang gibt es nicht; der Schulbesuch ist frei, die Schule wird meistens nur zur Erlernung der wenigen zum Gebete nothwendigen 'Formeln besucht. Die Schule in Schcllal bei Assuan zählte dainals 15 Knaben; als Lehrer fungierte ein blinder Mönch, der sämmtliche Suren des Koran im Gedächtnisse hatte; er war von drei Jünglingen unterstützt, welche das Schreiben lehrten. Der Lehrer lebt von den Schülern. Jeder derselben bezahlte monatlich 20 Para (29/?). Die Mädchen sind vom Schulbesuche gänzlich ausgeschlossen. Wenn der Knabe etwas Lesen und Schreiben gelernt hat, verlässt er die Schule und wird zu verschiedenen häuslichen Arbeiten verwendet. Frühzeitig wird derselbe von den Männern zur Bedienung auf den Barken verwendet, um sich so an die Hauptarbeit der Nubier zu gewöhnen. Der Knabe auf der Barke.muss ohne den geringsten Widerspruch den Aeltercn unterworfen sein und sie bedienen, Der Uebergang aus dem Knaben- zum Jünglingsalter und vom Mädchen- zum Jungfrauenalter wird oft feierlich begangen. Bei den Knaben findet bei dieser Gelegenheit die feierliche Beschneidung statt nach dem bekannten Ritus des Koran. Am bestimmten Tage versammeln sich vom frühen Morgen an Freunde und Nachbarn im Hause des zu Beschneidenden. Dortselbst sind im Divan oder außerhalb der Hütte angareb, Decken, Matten und Stützpolster bereitet, mit die Gäste zu empfangen. Den ganzen Tag über steht die Kaffeepfanne auf dem Feuer, und bei Ankunft eines Gastes wird in kleinen Schalen Mokka ohne Zucker serviert. So wird der Tag unter Mokkatrinken und Tabakrauchen und müßigen Plaudereien und Complimenten verbracht, bis der asser (Vesperzeit) naht. Um diese Stunde wird von geschickten Männern der Koranritus der Bcschneidung am Knaben vollzogen, der bereits vom frühen Morgen an im Festgcwand herumwandelt. Nachher wird das Geplauder und die Unterhaltung bis spät in die Nacht fortgesetzt. Nachdem wir von der Bcschneidung der Knaben gesprochen, wäre es am Platze, etwas über eine gleiche Operation an Mädchen zu sagen. Da jedoch diese mit jener anderer Völker im Sudan gemeinsam ist, und überdies andere die Sache ausführlich behandelten, so glaube ich, darüber hinweggehen zu können. Nach der Bcschneidung fängt der Jüngling allmählich an, am öffentlichen Leben theilzunehmcn. Man sieht ihn nicht mehr bei den Spielen, er setzt sich in die Nähe der Manner, verrichtet das Gebet in der vorgeschriebenen Weise, jedoch geht er noch nicht in die Moschee. Der folgende, wichtige Act im Leben ist die Heirat. Wie bei allen Mohammedanern gilt auch bei den Barabra die Heirat als Nothwendigkeit. Eine Jungfräulichkeit kennen sie weder im männlichen noch im weiblichen Geschlecht. «Kamal el-agl na el-clin el-laugitsch», (Die Vollkommenheit des Geistes und der Religion besteht in der Ehe), sagte mir ein Fakieh. Da sic die Verehelichung als Naturnothwendigkcit betrachten, darf ein unverheirateter Imam nicht in der Moschee vorbeten, da seine Gedanken schlechte seien. Die in Aegypten noch heute theilwcise verbreitete Unsitte, völlig unreife Kinder zu verehelichen, kommt hier nicht vor. Bei beiderlei Geschlecht wartet man die physische Reife ab. Am jüngsten verehelichen sich die Mädchen. Im Alter von 10—12 Jahren werden diese bereits angelobt und mit 14 bis 15 Jahren geehelicht. Die Jünglinge erreichen 20—25 Jahre, bevor sie hei raten. Obwohl manchmal auch der Neigung Rech 146 AuS heut Sehen her Barabra in Nubien. iinng getragen wird, so Hat dieser wichtige Schritt doch vielfach etwas vom Handel an sich. Der Jüngling erkauft sich das Mädchen von dessen Eltern. Der Preis besteht theils in klingender Münze, theils in Realien. Der Bräutigam hat 3 bis 4 ägyptische Pfund zu zahlen, weiters einen oder einen halben ardeb Weizen, einen ardeb Durahkorn und obendrein als Geschenk einen Hammel. Die zur Heirat nöthige Summe anzusammeln, ist das Ideal der jungen Barabra. Folgender Vorfall, der sich in Schellal ereignete, ist in dieser Beziehung charakteristisch. Ein Neger wurde von seinem Herrn mit einer kleinen Summe nach Assuan gesandt, um Einkäufe zu besorgen. Im Dorfe Korror traf er einen Eingeborenen. Der Neger eröffnete ihm unvorsichtigerweise den Zweck seines Ganges und dass er Geld bei sich trage. Der Mann überredete ihn, ihm in eine Hütte zu folgen, wo er ihn mit Dattelschnaps und Durahbier bewirtete. Mit den Worten: „Trink, trink!" bediente er seinen Gast solange, bis er völlig betrunken war. In bewusstlosem Zustande gab ihm alsdann der Neger die Geldsümme zum Wechseln und begnügte sich dafür mit einigen wenigen Piastern, die er dem Herrn zurückbrachte. Dieser stellte Klage bei dem Polizei-präfecten in Assuan. Der Beamte ließ am folgenden Morgen den Eingeborenen rufen und forderte ihn auf, das Geld herauszugeben. Doch siehe da, der Mann hatte -kein Geld mehr, er hatte sich hie-für bereits ein Weib erworben. Der Ehegatte wurde verurtheilt, solange dem Herrn des Negers Arbeitsdienste zu leisten, bis er die gestohlene Summe abgetragen hatte. Ist der Bräutigam mit dem Vater der Braut über den Ehepreis übereingekommen, so wird der Tag der Hochzeit festgesetzt. Dass dieser Tag bei den Barabra festlich begangen wird, versteht sich von selbst. Vom Morgen bis zum Abend finden sich die Männer des Dorfes im Hause des Bräutigams ein, der für deren Empfang und Bewirtung seinem Vermögen entsprechend sorgt. Auf den Bettgestellen und Teppichen, Kaffee trinkend und Schibuk rauchend, plaudern sie. Für das gemeinschaftliche Mahl werden die Durahfladen und Melah-brühen von den Weibern zugetragen. Gegen Mittag beginnt eine Procession von Weibern, die schön geflochtene Körbe mit bunten Deckeln, die Speisen enthaltend, auf dem Kopse, dem Versammlungsorte zueilen. Dort nehmen die Männer die Speisen in Empfang und setzen sich in der Runde, in mehreren Gruppen, zur Mahlzeit zu Boden. Während des Mahles hocken die Weiber in der Ferne, Knaben bedienen mit Wasser. Ist das Mahl zu Ende, so erheben sich die Gäste und waschen sich, «el-hamd lillah» (Gott sei gepriesen) brummend, Hände und Mund. Dann sinken sie auf ihre Matten zurück und schlürfen mit Wohlbehagen den dargereichten Kaffee, greifen nach dem Schibuk, den ein Knabe mit brennenden Kohlen anzündet und überlassen sich ihrem «kef» (Wohlbehagen). Die Weiber kehren nach Hanse zurück, wo sie die Reste des Mahles verzehren. Gegen Abend wird die Braut, die bisher unsichtbar geblieben ist, unter zahlreicher Begleitung von Weibern, die auf dem ganzen Wege ihr sonderbares Walwal-Geschrei und Gejohle fortsetzen, zur Wohnung des Bräutigams geleitet. Unter betäubendem Gejohle der Weiber tritt dieselbe ein; der Bräutigam, Fakieh und einige wenige Männer erwarten sie. Der Fakieh nimmt die Eheschließung nach dem im Koran vorgeschriebenen Ritus vor, indem er die Hände der beiden in seine Hand legt unter Hersagen einiger Koranformeln. Alsdann tritt der kaleb (Schreiber) herbei und nimmt den Eheschließungsact auf, der dann dem Gadi des Gesm (Districtsrichter) überbracht und von diesem registriert wird. Nach der Eheschließung zieht sich die Frau in das Weibergemach zurück in Gesellschaft der Freunde und Bekannten, während der Mann zu den Männern zurückkehrt. Nun beginnt die Hochzeitsbelustigung. In den monotonen Klang der Darabuka (Felltrommel) mischt sich mit Unterbrechungen das unbeschreibliche Walwalgejohle der Weiber, während vor der Hütte die Jugend sich fröhlichen Neigen und Spielen hingibt. Andere führen Tänze auf. Diese Tänze der Barabra sind nicht stürmisch wie die der Sudanesen; sie trippeln oder hüpfen oder gehen hin und her, oft unter tölpelhaften Körperbewegungen und sonderbarer Pantomimik. Als Hochzeitsschmaus wird ein Hammel, theils gekocht, theils gebraten, Stück für Stück vertheilt. Wird zuweilen Merissa ausgeschenkt, so kommt es vor, dass mancher sonst mäßige Barabrasohn des Guten zu viel thut. Die Phantasie, wie dies genannt wird, dauert bis gegen Mitternacht, worauf sich die Gäste allmählich zurückziehen. In den folgenden Tagen zeigt sich die Braut nicht außer dem Hause, während der Mann in Festkleidung mit weißem, makellosem Turban in heiterer (Stimmung bei allen Freunden die Runde macht, Kaffee trinkt und Schibuk raucht und sich so recht als Mann unter Männern fühlt und gericrt. Die Beschäftigung des Weibes ist die Verrichtung der häuslichen Arbeiten, wobei es von den Kindern unterstützt wird, während der Mann auf dem Nil Aus bcui Leben der Barabra in Nubien. 147 fahrt und an Versammlungen theilnimmt. Die Versorgung der Hausthiere ist ebenfalls Arbeit der Weiber. Da gehen sie, die Pfeife im Mund, denn viele Weiber, besonders ältere, rauchen sehr viel, auf das Feld und tragen in Körben auf dem Haupte das Futter nach Hause. Bei solchen Gelegenheiten passieren sie den Nil. Sie benützen dazu einen Baumstamm von mäßiger Dicke, den -sie in den Fluss legen; sie ziehen die Kleider aus, machen daraus ein Bündel und legen es auf das Haupt. Sodann setzen sie sich auf dem Stamm ins Wasser und treiben sich durch künstliches Rudern mit den Händen vorwärts. Ihre Gewandtheit hierin ist staunenswert. Angelangt am Gegenufer ziehen sie die Kleider an und tragen ihr einfaches Fahrzeug an das Ufer, um es bei der Rückfahrt wieder zu benützen. Im allgemeinen gilt das Weib dem Manne als ein Zubehör zum Hause und Besitze. Ich fragte einen alten gafir (Wächter) nach seinem Reichthum. Er antwortete: „Ich besitze einen Knaben, zwei Hütten, ein Weib und zwei Mädchen." Die Ba-rabra sind sehr eifersüchtig ans ihre Weiber, besonders Fremden gegenüber. Vor diesen reden sie nie über die Angelegenheiten ihrer Weiber, und fragt man sie darüber, so zeigen sie Verlegenheit und antworten sehr kurz. Auch die Weiber selbst sind sehr scheu und zurückhaltend gegen Fremde. Sie sprechen mit diesen mit verhülltem Antlitz und in einiger Entfernung stehend. Die Sittlichkeit ist besonders im Laude der Kenniz eine höchst strenge, ja sogar scrupulöse, und die Männer sind bemüht, dieselbe unter den Weibern zu erhalten. Sie kennen nicht jene Laster, die sonst im Orient so verbreitet sind. Nach Versicherungen zahlreicher Schecks würde ein Weib, welches sich gegen die Sittlichkeit vergeht, mit Stockschlägen zu Tode geprügelt werden; ja, die Männer erzählen, dass einst ein solches Weib in einen Sack genäht und heimlich im Nil ertränkt wurde zum abschreckenden Beispiele für die Zukunft. Ob es wahr ist, lasse ich dahingestellt; es beweist jedoch die Sorge für die Sittlichkeit. Wir haben auch während eines längeren Aufenthaltes nie Unsittliches bemerkt. Die heutigen Barabra gehen fast nie oder höchst festen eheliche Verbindungen mit Auswärtigen, als Fellachen oder Bedscha, ein. Wie in allen mohammedanischen Gegenden, so herrscht auch bei ihnen die Vielweiberei. Einige Schecks versicherten uns, dass es eine Vollkommenheit sei, vier Frauen zu besitzen nach dem Beispiel des Propheten Mohammed, während andere diese Vollkommenheit im Besitze von neun Frauen erblicken und noch beifügen, im klebrigen könne man so viele nehmen, als man ernähren könne. Die Sitte der Vielweiberei ist zwar nicht allgemein; das Hindernis ist nur der Mangel an Mitteln. Die Weiber altern frühzeitig, gewöhnlich mit 30 Jahren. Alsdann denkt der Mann, die nöthige Summe zu sammeln, um sich ein junges Weib zu nehmen. In einem Dorfe befand sich ein etwa sechzigjühriger Greis, der drei schon im Alter vorgerückte Frauen besaß. Er entschloss sich, nochmals zu heiraten. Bereits hatte er zwei Pfund erspart und sagte eines Tages, er ersehne die Ankunft eines Dahabieh im Katarakt, damit er das fehlende Pfund verdiene, um zu heiraten. Als wir nach zwei Jahren wieder das Dorf passierten, fragte der Alte: „Wo sind jene Mulattenmüdchen, die vor zwei Jahren hier waren?" „In Kairo." „Sind sie verheiratet?" „Noch nicht." „ES ist schade, dass sie abreisten, ich wollte die eine heiraten." „Wie, du, so alt und willst noch heiraten.?" „Allahi" (bei Gott), betheuerte er, indem er energisch auf die Brust schlug, „ich heirate sie beide." „Aber die beiden find Christen, und du bist Mohammedaner!" „Das macht nichts, daS ist erlaubt." Vielweiberei und Götzendienst in Togo (Westafrika). ^£Vnt letzten Jahresbericht des apostol. Präfecten ^ P. Bücking aus der Steyler Missionsgesellschaft über den Stand der katholischen Mission im deutschen Schutzgebiet von Togo entnehmen wir Folgendes: Die Anzahl der im Berichtsjahre gespendeten Taufen beträgt 282, worunter sich 66 in Todesgefahr Getaufte, die nach einer Belehrung nur über die nothwendigsten Glaubenswahrheiten und der nöthigen Vorbereitung des Herzens das Sacrament der Wiedergeburt empfiengcn, befinden. Die Taufen der Frauen, deren sich eine bedeutende Anzahl zur Taufe meldete, bieten unter den gegebenen Verhältnissen noch immer solche Schwierigkeiten, dass nur wenige zugelassen werden können. Da fast alle in polygamischen Verhältnissen leben, im Neuen Bunde aber die Monogamie absolutes Gebot ist, so kann von der ganzen Anzahl der mit den Polygamisten lebenden Frauen stets nur eine, und zwar die zuerst legal genommene, zum Sacramentempfang zugelassen werden, während alle andern, wenn auch nach Landesbrauch, der nie das christliche Gesetz der Monogamie unverbindlich machen kann, sogenannte Frauen, als Konkubinen zurückgewiesen werden müssen. Sehr zu bedauern ist auch der Verlust mancher Mädchen, die von ihren durch Geschenke verblendeten heidnischen Eltern nicht selten dem Konkubinate und der Sünde überantwortet werden. Auch die im Berichtsjahre sehr starke, nach manchen Hunderten zählende Auswanderung hat manche die Vorbereitung auf die Taufe unterbrechen lassen und wird gewiss manche Getaufte der hl. Religion entfremden. Das größte Hindernis für die Annahme des Christenthums und der mit ihm verbundenen Segnungen blieb jedoch auch im vergangenen Jahre neben der Vielweiberei der Fetischismus oder vielmehr die Furcht vor den Folgen einer offenen Absage des Götzendienstes. Wie ein Bann lastet die Furcht vor den sogenannten Fetischleuten und deren Drohungen und Giften auf einer großen Zahl von Eingeborenen. Und dieses nicht nur, wenn sie sich in ihrer Heimat befinden: sondern selbst in Lome gibt es z. B. Togo- und Porto-Seguro-Leute, die in einzelnen Fällen selbst längere Zeit zur Kirche und Katechese kamen, dann aber durch die Drohung, dass sie gewiss vergiftet würden, wenn sie dem Götzendienst entsagen würden, sich fernerhin ganz unzugänglich zeigten. — Ja verschiedentlich sind schon Katechumcneu, die sich durch Drohungen nicht abhalten ließen, und selbst schon Getaufte, vom Fetisch, ivie man sich ausdrückt, „gekätscht" (fortgeführt) worden. Die Mädchen vcrschivandcn auf einmal. Vielleicht am selben oder am folgenden Tage bei Anbruch der Dunkelheit hört man lautes Schreien, nicht selten in der Nähe der Wohnung der Entführten, und man sieht das Mädchen, eilends den Fctischruf ausstoßend, in die Fetischschule laufen. So die gewöhnliche Leseart. In Wirklichkeit aber ist ein solches Mädchen von einem Eingeweihten bei einer guten Gelegenheit, wo er selbes allein traf, festgenommen und irgendwo, vielleicht in des Eingeweihten Wohnung, vorläufig untergebracht worden. Es wird ihr sofort eine Fetischmedicin beigebracht mit der Drohung, diese Medicin werde sofort tötlich wirken, sobald die Gefangene schreie oder den Namen des Entführenden nenne. In der Dunkelheit der Nacht wird das gefangene Mädchen in aller Stille in die Fetischschule gebracht. Je nach den Umständen hört man dann am selben oder an einem folgenden Abend die oben erwähnten Rufe. In Wirklichkeit sieht man dann ein Mädchen, Fetischlaute ausstoßend, in der geschilderten Weise der Fetisch-schule zulaufen. In einzelnen Füllen mag es dasselbe Mädchen sein, wenn es schon auf irgend eine Weise willig gemacht worden ist. Gewöhnlich aber wird ein anderes schon völlig mürbes von derselben Größe gesandt, welches jenes Spiel vor den Augen oder doch den Ohren des Volkes zu spielen hat. Und es heißt allgemein: „Der Fetisch f)at tue Latre oder Abloavi „gekätscht", wir haben es selbst gesehen." Versuchen der Angehörigen, ein so entführtes Mädchen wieder frei zu bekommen, wird nicht selten nach längerer Zeit auf nicht unbedeutende Gaben an den Fetisch, bestehend in Rum, Zeugen, Ziegen, Hühnern, Jams ic. hin, Folge gegeben. Meistens aber endigt die ganze Geschichte in solchem Falle mit einer zweiten Entführung, wodurch dann trotz Geschenke der definitive Wille des Fetisch sich kundgibt. Furcht hält die Angehörigen vor weiteren Schritten ab. Für die Annahme sittlicher Corruption innerhalb der Mauern liegen Gründe vor. Und derselben Corruption haben sie nach dem Willen des Fetisch, wie man sich auf diesbezügliche Fragen ausdrückt, auch außerhalb zu dienen, durch ihr Erscheinen in den Ortschaften, allein oder in Scharen, entweder in auch nach den Begriffen der Eingeborene» durchaus mangelhafter Bedeckung, oder wie es auch vielfach geschieht, in absoluter Nacktheit: ein Umstand, der auch die letzten Reste sittlicher Scham nothwendig bei den Betreffenden vernichten muss. Wie sehr gerade diese Nudität zu den wesentlichen Vorschriften gehört, lässt sich aus dem Umstande erkennen, dass solche Fetischmädchen in der beschriebenen Weise ans den Lomemarkt entsandt werden, soweit nicht nach den daselbst gemachten unangenehmen Erfahrungen ein weißes Hüfttuch vorgezogen wird. Ein ernstes Vorgehen gegen derartige der Sittlichkeit, der persönlichen Freiheit und den Fortschritten der Civilisation hohnsprechende Auswüchse des auf ständige Reaction gegen europäische Regierungen, Cultur und Christenthum eingcschworenen Fetischmus, die er alle als seine geborenen Feinde betrachtet, würde in Wahrheit ein Culturkampf in des Wortes bestem Sinne sein. Ein Zusammengehen Hand in Hand mit dem Fetischismus zur Erreichung civi-lisatorischer Erfolge, bcm schon zuweilen das Wort geredet wurde, ist eine Idee, die nur ein Nichtkenncr der Verhältnisse vertreten tarnt. Wie die Anhänger des „Propheten" von Mekka, wo immer sie die entsprechende Macht haben, sich als Gegner unb Feinde europäischen Einflusses, abendländischer Macht, der Lehre des Christenthums und als die Dränger und Vampire der farbigen Bevölkerung erweisen imb nur in hoffnungsloser Minderheit und Schwäche unter der gewaltigen oder reichen Hand europäischer Macht willfährige Frcuud-lichkeit heucheln, so auch die Kaste der eigentlichen Fetischleute, nur mit dem Ilntcrschicdc, dass letztere auch in Schwäche gegen die Regierung und alles Europäische viel größere Zähigkeit und viel weniger Willfährigkeit und äußerliches Entgegenkommen zeigen werden, als die Anhänger des Mohammcdanismus. In einem Berichte aus Atakpame votn 25. Nov. 1001 heißt cs weiter: Die Fetischniänncr haben immer noch großen Einfluss und treiben im Dunkeln auch jetzt noch ihre Gaukeleien. Aber sie können doch nicht mehr mit der früheren Dreistigkeit ihr Unwesen treiben, da die Regierung ihnen scharf auf die Finger sicht. Dass auch uns viel geschadet wird durch die Treibereien dieser Dunkelmänner ist klar. Offen ivagt cs natürlich keiner, aber oft schon haben sie uns Streiche gespielt im Geheimen. Einige Beispiele: Ein Junge tvar schon längere Zeit zur Schule unb Katechese gekommen; und obschon er ziemlich dumm war, hatte er doch schon das ABC inne, und zählen konnte er auch schon bis Hundert. Da, eines Morgens war er aus der Stadt verschwunden. Ein gutes Vierteljahr tvar er nicht zu sehen. Eines TageS sagten uns die anderen Schüler, Dotsu, so hieß er, sei angekommen. Auf unser Fragen gestand nun der Junge, seine Eltern hätten Afa (Fetisch) gemacht und die Götter gefragt, was ihnen am meisten genehm wäre, dass er zum Weißen in die Schule gehe, oder, der Vätersitte getreu, Landarbeit thue. Und da hätten die Götter über ihn entschieden: er solle nicht zur Schule gehen, sondern auf der Farm arbeitett. Alles Nachfragen nach dem Vertreter der Gottheit war umsonst, sonst hätte man die Sache näher untersuchen und dem Eiferer auf die Finger klopfen können. Einer unserer ersten Schüler war der Neffe des Königs von Iamau und spätere Thronfolger. Nach einem halben Jahre starb der Knabe an Starrkrampf, eine Krankheit, die viele Erscheinungen mit Vergiftung durch Strychnin gemein hat. Da war nun kein Zweifel: der Knabe war vergiftet. Die Fetischkerle mussten den Fall natürlich auch vor ihr Gericht ziehen. An einem Huhne, dem man Gift beibrachte, wurde die Probe gemacht. Das Huhu starb. Nun mar’S erwiesen! Ein schlechter Mensch hatte dem Jungen missgönnt, dass er zur Schule gehen und was lernen durste und ihn vergiftet. Eine große Panik befiel die übrigen Schüler. Die Eltern non dreien kamen und erklärten, die Kinder könnten nicht mehr zur Schule kommen, wenn wir sie nicht zu uns nehmen würden. Sie würden bestimmt auch vergiftet; nur bei uns wären sie in Sicherheit, da es daun niemand wagen würde, ihnen ein Leid zu thun. Wollten wir die Kinder nicht verlieren, so mussten mir sie als Missionsjungen aufnehmen. Vor kurzem blieb ein Mädchen von etwa 16 Jahren, das immer recht fleißig zur Katechese gekommen, aus. Auf Befragen nach der Ursache ergab sich, dass ihr Vater, ein Fetischmauu, es ihr verboten hatte, noch ferner zur Mission zu gehen. Das Mädchen hatte sich geweigert, Afa (Fetisch) zu machen, daher die Wuth des Vaters. Eines Tages kam ich in eilt Gehöft, knüpfte mit den Leuten an und lud sie ein, einmal zur Mission zu kommen und sich dort die Sache mal anzusehen; einige sagten zu; nächsten Sonntag wollten sie kommen, kamen aber doch nicht. Ein Mädchen entschuldigte sich, der Fetisch habe ihr verboten, auf den Berg, zu gehen. Sie sei nach Adele gewesen — in Adele ist daS Heiligthum eines besonders mächtigen Gottes, zu dem die Atakpame oft wallfahrten und in wichtigen Dingen sich Rath holen — sie dürfe nun drei Jahre laug nicht auf den Berg gehen. Ich vermuthete anfangs einen Streich des Fetischs gegen 150 Site wirtschaftliche Erschließung Ugandas. uns, fand aber bald, dass der dortige Fetisch von altersher den jungen Mädchen, die dorthin pilgern, auferlege, während dreier Jahre keinen Berg zu besteigen. Einen Grund für diese Verordnung sonnte mir niemand angeben, es wäre das einmal so von altersher. Eine solche Verordnung hört sich schrecklich dumm an, weil man schlechthin auch gar keinen Grund dafür finden kann. Aber gerade der Umstand, dass die gewöhnlichen Leute für so etwas keine Erklärung finden, gibt dem Gebote etwas Geheimnisvolles und lässt die Leute mit Zittern und heiliger Scheu so einen Ulk befolgen. —-4$0 Wfr------ Die wirtschaftliche Erschließung Ugandas. a'^\er „Standard" vom 29. Jänner enthält einen interessanten Bericht über eine Versammlung der Colonial-Section der Londoner Society of Arts, welcher Sir Henry Stanley präsidierte und der u. a. der colonialwirtschaftliche Beirath der Deutschen Botschaft, Herr Legationsrath Dr. Zimmermann beiwohnte. Commander B. Whitehouse machte der Versammlung Mittheilung über das Ergebnis seiner Forschungsreise in Uganda und am Victoria Njansa. Der Vortragende schilderte die Erbauung des Schienenweges, welche unmittelbar nach betn Eintreffen des Oberingenieurs und seines Stabes in Mombasa im December 1895 in Angriff genommen wurde. Als Arbeitskräfte wurden Inder herangezogen. In den Niederungen hatten Vorgesetzte wie Leute sehr am Fieber zu leiden, und der Streik in England erschwerte die Beschaffung des Materials und der Locomotiven. Die Strecke hatte bis zur 355. Meile (engl.) bis zur Höhe von 7900 Fuß (engl.) emporzusteigen, und noch größere Höhen mussten später überwunden werden. Keine Eisenbahn der Welt ist unter solch außergewöhnlichen Bedingungen erbaut worden, ,und niemals hat die Anlage eines Verkehrsweges in dem durchquerten Lande einen so vollständigen Umschwung aller Verhältnisse herbeigeführt. Die Erschließung des Landes durch die Eisenbahn tritt bereits sehr deutlich in die Erscheinung, und schon jetzt sind Rupien in ständigem Gebrauch, wo man bisher nur Perlen, Zeug und Kupferdraht als Zahlungsmittel kannte. Die Reise von Mombasa nach Port Florence beansprucht nach Eröffnung der ganzen Linie l‘/2 Tage, und demnächst wird man mittels Anschlussdampfers Mengo, die Hauptstadt Ugandas, von der Küste aus in 3’/2 Tagen erreichen können, während die Karawanen für diesen Weg 70 Tage gebrauchten. Reisende fahren jetzt für weniger als 21/i Pence für die Meile (engl.) in einem erstclassigen Schlafwagen durch das Land, und der Vergleich der Frachtsätze der Ugandabahn mit denen anderer afrikanischer Bahnen fällt zugunsten der ersteren aus. Drahtnachrichten können von einer Station zur anderen gesandt tverden, und eine Telegraphenlinie führt von Port Florence in das innere Uganda. Die Eisenbahn erreicht auf dem kürzesten Wege von der Küste den östlichsten Punkt des Victoria Njansa. Während der letzten vier Jahre hat das Gebiet zwischen der Küste und dem Victoriasee seinen ungastlichen Charakter verloren; man findet überall Verkaufsstellen, in denen man seinen Bedarf zu angemessenen Preisen decken kann. An allen Hauptstationen bestehen Bazare, eine unter-nehmnngslustige indische Firma ist von der Eisenbahn aus weiter ins Innere vorgedrungen und hat in allen Regierungsstationen nilabwärts Verkaufsstellen eingerichtet. Kaffee kommt gut in Sesse und Uganda fort, Kautschuk findet man überall. In Ostafrika wie Uganda gibt es vorzügliche Faserpflanzen. Die Kastorölpslanze sieht man allerorten. Tabak gedeiht gut, besonders in Nangi. Von Kartoffeln und europäischen Gemüsen aller Art ließen sich in dem Gebiete von Nairobi gute Ernten erzielen, dessen Bevölkerung jetzt niedrig geschätzt 5000 Köpfe beträgt, während, als die Eisenbahn zuerst diesen Punkt erreichte, nicht eine Seele dort angesessen war. Ein kolossales Kraftwerk schickt sich an, die Kräfte des Riponfalles zu verwerten, und noch mehrere andere Gewässer an der Strecke lassen sich nutzbar machen. Arbeitskräfte sind in Uganda ohne Schivierigkeit zu billigen Preisen zu erhalten, und die zukünftige Anlage weiterer Eisenbahnlinien wird größtentheils unter Verwendung einheimischer Arbeitskräfte geschehen können. Im Anschluss an den Vortrag, der durch eine große Anzahl vorzüglicher Photographien erläutert wurde, nahm Sir Henry Stanley Veranlassung, Mission und Cultur. iöi auf den Umschwung der Verhältnisse in Uganda seit seiner eigenen Expedition vor 27 Jahren hinzuweisen. Das Verdienst dafür wies er außer dein Eisenbahnbau der Arbeit der Missionen zu. Auf seiner Expedition sei er auf Schritt und Tritt blutdürstigen Wilden begegnet, während heute Uganda 90.000 Christen zähle. 300 Kirchen befänden sich bereits im Lande, und 90.000 Kinder besuchten die Mission u S^ebe Nation hat bestimmte Worte, die zu be-G'S? stimmten Zeiten eine geradezu zaubervolle Macht ausüben. Sie sind der Ansdruck einer Idee, welche, wenn nicht die große Gesammtheit, so doch ganze Classen des Volkes beherrscht. Sie brauchen nur ausgesprochen zu werden, und die Aufmerksamkeit ist erregt, die einstimmige Begeisterung wachgerufen, die Leidenschaft bis zur Fieberhitze gesteigert. Man nennt sie Schlagwörtcr. Als Losung einer Partei sollen sie deren Grundsätze in aller Kürze wiedergeben. Es ist klar: sie leben mit ihren Vätern und sinken mit ihnen ins Grab. Der Geist ihrer Erzeuger ist ihr Geist, deren Dogma ist ihr Glaube, deren Moral ihre Sittlichkeit, deren Macht ihre Macht. DaS bekannteste, älteste, gefährlichste Schlagwort, das sich heute „Los von Rom" nennt, vor vierhundert Jahren die sogenannte Reformation anführte, im Mittelalter „Hie Ghibellin" rief, das in allen Zeiten, Zonen und Zungen lebt, — nach außen stets verändert, im Innern ewig dasselbe, — lässt sich am besten mit dem Namen „Cultur-kampf" bezeichnen. Culturkampf — ein Kampf gegen die Cultur! Culturkampf — ein Wort, das nicht nur der Verblendete im Munde führen soll, ein Wort, das — ich sage nicht jeden Katholiken oder Christen, sondern jeden ehrlichen Menschen zum Kampfe für die Cultur anfeuern muss. Aber was ist Cultur? Was bedeutet dieses Wort? Vielleicht den Geldsack mit seinen Segnungen? Cultur ist nichts anderes als das ge- Schule. — Die Missionäre hätten oft an Unterdrückungen zu leiden gehabt und mit zerrissenem Herzen von ihrem Arbeitsfelde fliehen müssen; schließlich aber sei ihre Arbeit belohnt worden, und heute haben sie die Freude, in ihrer Schaffensstätte am Ostufer des Victoriasees den Endpunkt der großen britischen Eisenbahn zu erblicken. iö Cultur. sammle innere und äußere Leben des Menschen, soweit e 8 s ein e r n atür li ch en Entwicklung folgt u n d a u s G run d des S it t e n g e s e tz e s geregelt wird. Was unnatürlich und unwahr ist, darf sich so wenig den Namen Cultur anmaßen wie die Unsittlichkeit. Wir haben gesagt, „das gesummte innere und äußere Leben", weil der Mensch eben ein sinnlich-vernünftiges Wesen ist; nicht nur Geist, sondern auch Fleisch; nicht nur Fleisch, sondern auch Geist. Aus beiden Hauptpunkten unserer Begriffsbestimmung der Cultur leuchtet aber sofort ein, in welch innigem Zusammenhang Cultur und Religion stehen. Ich kann, und dies mit höchster Wahrscheinlichkeit, von dem Wesen meiner Cultur auf meine Religion schließen und umgekehrt. Selbstverständlich ist hier vorausgesetzt, dass ich in Wahrheit das auch thue, was ich mit dem Munde als meine Grundsätze ausgebe. Daraus ergibt sich aber auch ohne weiteres der zweite wichtige Satz, dass Jeder — und da nur die wahre Religion die wahre Cultur hervorbringen kann, so sagen wir richtiger — dass jeder Katholik, der im ganzen und vollen Sinne des Wortes Farbe bekennt, ein tüchtiges Stück wahrer Culturarbeit leistet, und dass vorzüglich der Missionär nicht nur eine religiöse, sondern in ganz hervorragender Weise auch eine culturclle Aufgabe zu lösen hat. Zwar spricht und schreibt man oftmals den Satz: „Der Missionär ist zugleich Träger der Cultur." Ob mau ihn aber begriffen, ob mau ihn richtig begriffen, ob man den richtig begriffenen auch angewandt und richtig angewandt, darüber lässt ein Blick in die Geschichte der Missionen keinen Zweiscl aufkommen. Wir wollen jedoch an dieser Stelle weder auseinandersetzen, wer ihn vollständig und vollkommen aufgcfasst, wann und ivo und wie man ihn im Laufe der Jahrhunderte in die Wirklichkeit umgesetzt, noch auch darlegen, wer das nicht j gethan: unsere einzige Absicht ist, einige Bezüge aufzuhellen, welche zwischen Mission und Cultur statthaben. Aber wir fassen den Begriff Mission in seinem weitern Sinn. Die Kirche, der Staat und jeder, der den Beruf hat, andere zu leiten, ist so gut Missionär wie der Heidenapostcl. Alle haben sie eine Mission zu erfüllen, deren Umfang genau so weit reicht, und zwar nur so weit als der Zweck des betreffenden Missionärs; aber der Zweck, welcher | in der Natur der Dinge begründet ist, keineswegs I jedoch jener, den der Mensch einzig vom Standpunkt | des vermeintlichen Nutzens aus sich zusammenschraubt. I Freilich werden wir stets den Hcidenapostel vor allem im Auge behalten. I. Mission und innere Cultur. Wir haben die Cultur eingetheilt in eine innere und eine äußere, die beide miteinander in inniger Wechselwirkung stehen. Mit Recht, denn so wenig ein Kunstwerk schön genannt werden kann, das zwar reizende Formen aber keinen Geist besitzt, so wenig kann ein Mensch, dessen Seele verdorben ist, culti-viert heißen, wenn er auch äußerlich in den glänzendsten Verhältnissen lebt. Doch ist c8 die Weihe der Religion nicht allein, was eine des Menschen würdige Cultur herbeiführt. Sie ist allerdings Grundlage, Mittelpunkt und Vollendung, aber auch K u n st und Wissenschaft leiten den befruchtenden Strom der Veredlung in unser Herz. Vom Geiste sind sie ausgegangen, zum Geiste sprechen sie wieder zurück. So stellen sich uns als die drei hauptsächlichsten Mittel der Cultur die Wissenschaft, die Kunst und insbesondere die Religion dar. Allein während Kunst und Wissenschaft uns bilden können, ohne wirklich von uns ausgeübt zu werden, verhält es sich mit der Religion anders. Eine Religion, die wir lediglich studieren, deren Wahrheiten wir klar und deutlich mit dem Verstände erfassen, deren Forderungen wir theilweise vielleicht auch nachkommen, deren Pflichten wir wohl auch erfüllen möchten, wenn es nur keine Ueberwindungen und Anstrengungen kostete, eine solche Religion ist für uns ohne Belang. Doch nein! Auch sie hat ihre Wichtigkeit, leider eine sehr verhängnisvolle. Sie bildet nicht, sie verbildet, sic verbildet nicht, sie verschlechtert. Wenn nur demnach von der Religion als Culturmittel sprechen, so meinen wir niemals diese Paradereligion, sondern ausschließlich die mit Herz und Kopf thatsächlich ausgeübte. 1. Die Wissenschaft als C u l t u r m i t t e l. Wir haben diesem Punkte die Aufschrift: „Die Wissenschaft als Culturmittel" gegeben. Man erwarte aber ja nicht eine Lobrede auf die Wissenschaft, wie sie in jedem „praktischen Leitfaden der Redekunst auf rationeller Grundlage" als Musterbeispiel zu lesen ist. Für uns kommt sie nur soweit in Betracht, als sie bei der Missionierung eines Landes in Frage steht. Wie alle Gesetze der höheren und niederen Rechnerei schließlich auf dem Einmaleins fußen, so alle Wissenschaft auf der gegenseitigen Mittheilung der Gedanken durch die Sprache. Wenn cs wahr ist — und cs ist wahr — dass jedes Volk seinen eigenen Genius besitzt, daun ist es auch sofort klar, dass es auf keinen Fall gleichgiltig ist, welche Sprache es redet. Der Mensch spricht eben, wie er denkt, vorausgesetzt, dass er kein Pharisäer ist. Der eigenthümliche Vorstellungskreis und Gedankcngang sind cs aber, welche in Verbindung mit verschiedenen äußern Umständen, die wir bei der äußeren Cultur berühren müssen, der einzelnen Nation ein besonderes Gepräge im Leben aufdrücken, mit einem Fremdworte — ihren Genius ausmache». In seiner geistreichen Art gibt der Vater der philosophischen Sprachwissenschaft, Wilhelm von Humboldt, diesem Gedanken Ausdruck. Die Sprache ist ihm nichts anderes als die sinnliche Verkörperung des Geistes der Völker — „ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ist ihre Sprache; man kann sich beide nie identisch genug denken: wie sie in Wahrheit miteinander in einer und ebenderselben, unserem Begreifen unzugänglichen Quelle zusammenkommen, bleibt uns unerklärlich verborgen. Das reale Erklärungsprincip und der wahre Bestimmungsgrund der Sprachverschiedcnheit ist die geistige Kraft der Nationen, weil sie allein lebendig selbstthätig vor uns steht, die Sprache dagegen nur an ihr haftet. Denn insofern sich auch diese in schöpferischer Selbständigkeit offenbart, verliert sie sich über das Gebiet der Erscheinungen hinaus in ein ideales Wesen. Wenn wir Jntellektualität und Sprache trennen, so existiert eine solche Scheidung in der Wahrheit nicht. RandelsbarKen auf dem Nil bei Kairo. 154 Mission und Cultur. Wenn uns die Sprache mit Recht als etwas Höheres erscheint, als dass sie für ein menschliches Werk gleich anderen Geisteserzeugnissen gelten könnte, so würde sich dies anders verhalten, wenn uns die menschliche Geisteskraft nicht bloß in einzelnen Erscheinungen begegnete, sondern uns ihr Wesen selbst in seiner unergründlichen Tiefe entgegenstellte, und wir den Zusammenhang der menschlichen Individualität einzusehen vermöchten, da auch die Sprache über die Geschiedenheit der Individuen hinausgeht. Der Bau der Sprachen im Menschengeschlechte ist darum und insoferne verschieden, weil nnd als es die Geisteseigenthümlichkeit der Nationen ist. Die Individualität steht unleugbar da. Aehnlichkeiten werden erkannt, aber kein Messen und Beschreiben der Theile im Einzelnen und in ihrem Zusammenhang vermag die Eigenthümlichkeit in einen Begriff zusammenzufassen. Sie ruht aus dem Ganzen und der wieder individuellen Auffassung, daher auch gewiss jede Physiognomie jedem anders erscheint. Da die Spracheimmer cin g eisti ger Au s h auch eines national-individliellen Lebens ist, so bleibt immer etwas unerkannt in ihr übrig, und gerade dies der Bearbeitung Entschlüpfende ist dasjenige, worin die Einheit und der Odem eines Lebendigen ist." (Vgl. Wilhelm von Humboldt: „Ueber die Verschiedenheit des mensch-lichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts" als Einleitung zu: „Ueber die Kawi-Sprache auf der Insel Java." Berlin 1836.) Aber noch mehr! Die Sprache gibt den Geist eines Volkes nicht cinfachhin wieder, wie so viele andere äußere Erscheinungen, sondern „die Sprache bringt den Charakter eines Volkes am meisten zum Ausdruck, denn sie verschmilzt mit aller Aeußerung des Gemüthes und bringt darum das immer sich gleichbleibende individuelle Gepräge zurück." Ist aber diese Auffassung richtig — und die ganze Geschichte, das Alterthum, das Mittelalter und die Neuzeit bestätigen sich augenscheinlich — dann ergeben sich nothgedrungen wichtige Folgerungen, die wir, leider Gottes! in unserem Eigendünkel und Eigennutz so gerne nicht ziehen möchten. Der erste und nothwendigste Schluss lautet nun: „Kein Missionär, mag er sich Kirche, Staat oder Heidenapostel nennen, hat das Recht, einem Volke die angestammte Sprache zu nehmen." Wer das thut, der missbraucht offenbar seine Ge-walt, er frevelt, er mordet. Einer Nation die Muttersprache rauben, heißt sie charakterlos machen, heißt sie vernichten. Denn das Wesen der Nation beruht auf der Einheit der Sitte, des Blutes und der Sprache. Eine Sprache muss jedes Volk haben. Spricht cs nicht die eigene, so hat c5 eben eine fremde — das ist eine Binsenwahrheit — aber damit auch einen fremden Geist, nnd damit eine fremde Sitte, und damit ist es Jedem, der Gewalt hat, preisgegeben und feil. Die Nation verliert das eigene Blut: sie geht unter. Ob eine neue aus ihr entsteht?! Vielleicht. — Das Gras wuchert heute zwischen den geborstenen Säulen und Kapitälen, wo einst die reichen Culturstaaten blühten, die der römische Reichsmoloch verschlungen. Und was hat der Islam auf seinen weiten Culturfahrten hervorgebracht! Und die neuere Zeit, unsere mitgerechnet, liefert sie die Beispiele nicht zu Hunderten? Die ganze Geschichte hält also hartnäckig an dem Urtheile fest: „Jedes Volk, dem eine fremde Sprache auf-gezwungen wird, ist zum Tode vcr-ur theilt." Jedoch — wir müssen hier wohl unterscheiden zwischen Mutter- und Verkehrssprache. Solange eine Nation ihre Muttersprache unbehindert beibehält und nur Einzelne wie Studenten*) nnd Handelsleute die fremde Sprache lernen und im Verkehr nothgedrungen anwenden, ist noch keine Gefahr vorhanden. Sobald aber ganze) Volksclassen eine fremde Sprache, wenn auch nicht auf-, so doch annehmen, sobald steht auch schon der Todesengel vor der Thüre, selbst wenn diese Sprache rein Verkehrssprache bleibt. Daraus folgt aber als zweiter Satz: „Jeder Missionär, mag er nun als Vertreter der Kirche oder des Staates erscheinen, hat die Sprache seiner Pflegebefohlenen zu lernen, nicht aberdiese die seinige." Da ferner, wie wir oben gesehen haben, die Bildung des Menschen gewissermaßen mit der Entwicklung seiner Sprache gleichen Schritt hält, so hat drittens der Missionär, mag er nun sein, wer er will, die Pflicht, soweit es in seinen Kräften liegt, die Sprache seiner Schützlinge zu heben und zu pflegen. Steht sie noch unter der Stufe des Schriftthums, so wird er diesem Uebcl- *) Aber auch hier ist die Gefahr nicht zu unterschätzen-Man vergleiche nur den deutschen Humanismus. Revolution, Reformation und Aehnliches waren seine Kinder. Mission und Kultur. 155 staube abzuhelfen suchen und iu allen anderen Fällen die anhängigen Mittel verwerten, um sie nicht nur beut allgemeinen Verkehrsmittel, was sie übrigens bei feinem Volke ausschließlich ist, sondern auch znm B ildün g smitt e l für weitere Kreise, für die Gesammtheit heranzuformcn. Eine andere Frage, die hier hereinspielt, darf nicht übergangen werden. Was aber dann, wenn eine große Anzahl in ein fremdes Land auswandert? Hienge die gesummte Cultur einzig von der Beschaffenheit der Sprache als Ausdruck des Volksgeistcs ab, und wäre das Nationalitätenprincip in seiner vollen, ursprünglichen Bedeutung unveränderlich und nothwendig, dann wäre die Frage allerdings sehr leicht zu bcantivorten. So aber, wo es sich nicht mit das Volk handelt, bei welchem der Auswanderer sich niederlässt, sondern in erster Linie um diesen selbst, wo die Cultur bei weitem nicht von dem Charakter allein abhängt, wo das Nationalitätenprincip keineswegs so heilig und unwandelbar ist, wie es im ganzen Alterthum und heutzutage wieder in zweiter, vermehrter Auflage ausgegeben wird, wo der Einzelne sich nach Möglichkeit — sittlich und physisch beurtheilt, dem Gesetze der Allgemeinheit anpassen muss, wo, wie wir nuten sehen werden, die Natur selbst kraft- und machtvoll eingreift, da, sagen wir, ist cs äußerst schwer, ohne Berücksichtigung der jeweiligen Verhältnisse eine allgemeine Antwort zu geben. Nur dann, wenn der Ä u s w a n d c r e r möglichst selbständig und a b-gc sch los sen leben kann, soll und muss er seine Muttersprache mit aller Zähigkeit festhalten. Auf die Gründe werden wir später zurückkommen müssen. Was wir von andern Fällen denken, können wir hier nicht ausführen. Eines aber scheint uns unzweifelhaft sicher zu sein: „Sobald jemand seine Muttersprache als solche ablegt, ist e r nicht mehr er selbst; und solange er nicht mit der fremden Sprache von außen nach innen und von i n n e n n a ch a u ß e it den fremden G e i st a u s g e n o m m e n h a t, — und dies ist sehr schwer — solange ist er nicht nur ein einfach er Bastard, sondern ein Zwitter dazu." (Fortsetzung folgt.) ^— 'A Die Glaubensbolon des deutschen Volkes. Z) e v L) £. Zö e cr t u s. (Da das Leben des hl. Beatus zu sehr der geschichtlichen Grundlage entbehrt, so geben wir es nach der Legende von Heitemehcr.) ^>as tapfere, freiheitliebende Volk der Schweiz ^ rühmt sich, einen Apostelschüler in seinen schönen Bergen aufgenommen und von ihm die Wahrheit und Gnade des Christenthums empfangen zu haben. Dieser Schweizerapostel ist der hl. Beatus. Vor seiner Bekehrung hieß cr Suetonius, stammte aus einer vornehmen Familie Schottlands, zeichnete sich durch Wohlgestalt, tvie durch sein gesittetes, feines Benehmen vorthcilhaft aus und reiste als Jüngling zu seiner weitern Ausbildung nach Italien. In Mailand lernte cr den Apostel Barnabas kennen, 156 Die Glaubcusboteu des deutschen Volkes. wurde von ihm im Christenthum unterrichtet und getauft und fühlte sich in der Liebe und Gnade Jesu Christo so glücklich, dass er sich den Namen Beatus, d. h. der Glückselige, geben ließ. Als Christ reiste er nach Rom, sah dort den Apostelfürsten Petrus, erhielt von ihm die Priesterweihe und den Auftrag, den Helvetiern (Schweizern) das Evangelium zu verkünden. Von dem Diacon Achates begleitet, verließ Beatus das schöne, anmuthige Italien und überstieg unter unsäglichen Beschwerden die schneebedeckten Alpen. Seine Liebe zu Gott und den Menschenseelen, sein lebendiger Glaube und sein seliges Gottvcrtraucn waren sein einziger Reichthum. Was er vormals, an Vermögen besessen, hatte er unter die Armen vertheilt. Mit einem langen Rock bekleidet und einem Pilgerstab in der Hand kam er durch das Aarthal bis zum Herzen dcS SchweizerlandcS, zum Waldstätter See. Ueberall, wohin er kam, im Aargau, Solothurn, Bern, Thurgau und Luzern, streute er den Samen des Evangeliums, forderte die Bewohner des Landes zur Buße auf, stellte ihnen die Thorheit ihres Götzendienstes vor Augen und mahnte sie, die heilbringende Lehre des Gottessohnes anzunehmen. Die schlichten Leute überzeugten sich bald, dass der fremde Prediger nichts anderes begehre, als das Heil ihrer Seelen; denn Geschenke nahm er nicht an. Mit seinem Freunde Achates nährte er sich van der Arbeit seiner Hände; er flocht Fischreusen,. Weidenkörbe und Binsenmatten, von deren Erlös er spärlich lebte. Gegen jedermann zeigte er Freundlichkeit, Wohlwollen und Dienstfertigkeit; Unbilden und Verfolgungen ertrug er heiter und gelassen, Beleidigungen verzieh er von Herzen; seine Geduld und Sanftmuth ließen sich nie erschüttern. Durch Gebet und Handauflegung machte er viele Kranke gesund, und außerordentliche Zeichen bestätigten ihn als einen Gottesmann, den das Volk bald als seinen Vater ehrte und liebte. Immer mehr drang die rechte Gotteserkenntnis in die Seelen, sie nahmen die Lehre Jesu freudig an und rissen ihre Götzentempel nieder. Von den anmutigen Gestaden des Vierwaldstättersees wandte sich Beatus zu den rauhen Gebirgsgegenden des Thuner und Brienzer Sees, um auch dort den armen Gebirgsbewohnern das Brod des Lebens zu brechen. Die biedern, einfachen Landleute nahmen ihn gastlich auf, hörten mit Freuden seine Lehre, entsagten dem Götzendienste und wurden eifrige Bekenner der ewigen Wahrheit. Nachdem Beatus in allen Schweizergauen das Evangelium verkündet und durch sein heiliges Leben elbst die verwildertsten Heiden umgewandelt hatte, sehnte er sich, hochbctagt, nach Ruhe. Er hörte von einer schauerlichen Einöde, wohin sich niemand wagte, weil dort ein furchtbarer Drache hauste. Beatus bat einen Schiffer, ihn und seinen Freund Achates über den Thuner See an das jenseitige Gestade zu setzen. Der Schiffer trug Bedenken, weil ein starker Sturm wehte und die Wogen schäumend brandeten. Sobald sie aber ins Schiff stiegen, legte sich der Sturm und das Wasser zeigte eine spiegelglatte Fläche. In der Mitte des Berges fand Beatus eine Felsenhöhle, aus der ihm der Sage nach ein furchtbarer Drache, seit langem der Schrecken der ganzen Gegend, schnaubend und mit aufgesperrtem Rachen entgegenkam. Beatus machte das hl. Kreuzzeichen, und der Drache fuhr in den Sec hinab und ward nicht mehr gesehen. Die Felsenhöhle wählte BeatuS zu seiner Wohnung, um fortan sich unter Fasten, Bußwerken und Gebet aus eine glückselige Ewigkeit vorzubereiten. So große Verdienste sich Beatus erworben, so hielt er sich doch in seiner Demuth für den unwürdigsten Diener Gottes und benetzte oft sein rauhes Lager mit Thränen. Die Wurzeln und Früchte der Wildnis waren seine Nahrung. Trotz dieser einfachen und abgetödteten Lebensweise erreichte er, wie die frommen Altväter der Wüste, ein hohes Greisenalter. Neunzig Jahre war Beatus alt, als ihn ein heftiges Fieber befiel. Er erkannte, dass die Stunde seiner Heimkehr gekommen sei und bat seinen Freund Achates, die Männer der Nachbarschaft an sein Sterbebett zu rufen. Sie kamen und standen voll tiefer Betrübnis am Sterbelager ihres Wohlthäters und geistlichen Vaters. Er begrüßte sie freundlich mit den Worten: „Meine lieben Leute und Kinder in Christo! Vor meinem Hinscheiden möchte ich noch einiges zu euch reden. Erinnert euch an das, was ich euch so oft gesagt habe: es ist mit dem Tode des Gläubigen ganz anders, als mit dem Tode des Ungläubigen. Die Ungläubigen haben nach diesem Leben nichts Gutes zu hoffen; ihrer wartet die Verdammnis. Allein der Tod des wahren Christen ist nur ein sanfter Schlaf; er geht durch den Tod in die ewige Freude ein. So bleibet denn standhaft in dem christlichen Glauben! Lasset weder durch Unglauben, noch Irrlehre, noch Sünde euch von Jesus Christus abwendig machen! Wandelt, wenn euch euer ewiges Heil lieb ist, eurem christlichen Berufe gemäß. Gottes Segen sei und bleibe mit euch und dem ganzen Lande! Amen!" Dann umarmte er Achates und sprach zu ihm: „Lieber Sohn und langbewährter Freund Achates! Wir wollen nicht trauern, vielmehr beide dem treuen Die Glanbensbotcn des deutschen Volkes. lB7 Gott danken, dass mir unter seinem Beistände so viele Jahre im Glauben und in der Liebe Ein Herz und Ein Sinn geblieben sind, dass mir immer friedlich miteinander gelebt, Leid und Freude miteinander getheilt, die Müh seligkeiten gemeinsam er tragen und die Anfcch tun gen überwunden haben. Wie könntest du dich auch, mein guter Achates, darüber betrüben, dass Gott mich jetzt aus diesem vergänglichen Leben zum ewigen seligen Leben ruft? Lass es also geschehen und ergib dich in Gottes heiligen Willen! Entsetze dich nicht über meinen Tod und kümmere dich nicht, dass ich jetzt sterbe! Es ist einmal Gott so gefällig und gereicht zum Heile meiner Seele. Ich gehe dir jetzt auf dem Wege voran, du folgst mir in kurzem nach. Vergiss daher meiner väterlichen Ermahnungen nicht, bleibe deinem christlichen Berufe treu und befleiße dich aller Gottseligkeit. Befestige durch Wort und Beispiel die neubekehrten Christen im Glauben und erhalte sie dem Herrn! Wache und bete und bereite dich mit allem Fleiße auf deine Sterbestunde! Was meinen hinfälligen Leib anbetrifft, so begrabe ihn, wenn meine Seele davon wird abgeschieden sein, neben fil. Beatus. die dieser Höhle, die ich dir zum Erbtheil hinterlasse. Ich scheide dahin in der gewissen Hoffnung der 9Tuf= erstehung; der Herr wird auch meinen Leib wieder zum Leben erwecken." Der sterbende Greis faltete seine Hände, erhob seine Augen gen Himmel und sprach: „Herr, du guter und treuer Gott! du hast mich erlöset: in deine Hände empfehle ich meinen Geist!" Mit diesen Worten entschlief er sanft am 9. Mai 112, neunzig Jahre alt. Achates begrub ihn neben der Höhle, welche fortan im Munde des dankbaren Volkes die „Beatushöhle" hieß. Gott verherrlichte die Ruhestätte seines treuen Dieners durch wunderbare Gebetserhörungen. Deshalb erbauten die Christgläubigen dort eine Kapelle, zu welcher zahlreiche Pilger wallfahrtetcn. Als aber neue Lehre der Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts auch in die Schweizergaue eindrang, wurden die Gebeine des heiligen Beatus nach Luzern in die Stiftskirche des heiligen Lcodegar übertragen, wo sie alljährlich an den vier höchsten Festen zur Verehrung der Gläubigen ausgesetzt werden. Verschiedenes. Aberglaube. Am 27. October war in Dar-cs-Salaam eine theilweise Mondfinsternis sichtbar. Etwa ein Fünftel der Mondscheibe war verfinstert. Sowohl Sonnen- als Mondfinsternisse machen auf die Neger großen Eindruck; in ihrem Aberglauben meinen sie, der böse Geist (Shetani) wolle Sonne und Mond rauben oder verschlingen. Dann wird sofort ein Tanz zu Ehren des bösen Geistes in Scene gesetzt, damit durch furchtbare Masken und durch Lärm der großen Trommel der böse Geist von seinem frevelhaften Beginnen abgeschreckt werde. Da natürlich die Finsternis immer wieder vorübergeht, glauben sie, ihre Goinn haben geholfen, und so werden sie in ihrem Aberglauben und im Vertrauen auf die Zauberer, die dazu nngcratheu haben, noch bestärkt. 158 Verschiedenes. Die Löwen in der Umgegend von Dar-es-Salam. Am nebligen, regnerischen Abend des 26. Juli gegen halb 7 Uhr brachen mehrere Löwen beim Kilometer 15' ., in eine Hütte deS Dorfes Mbaruk ein, um daselbst vier Menschen zu todten und zu verzehren. Trotzdem, man annehmen sollte, dass diese ausgiebige Abendmahlzeit für eine Familie von drei Köpfen zur Stillung des Appetits hinreichen müsste, so scheint doch der Hunger des Raubgesindels entweder ein sehr heftiger gewesen zu sein, oder es haben sich mehrere Familien zu diesem Raubzuge zusammengethan, denn in derselben Nacht, kurz vor Anbruch der Morgendämmerung kehrten die Bestien noch einmal nach dem Dorfe zurück und holten aus einer zweiten Hütte nochmals vier Einwohner, die sie gleichfalls tödteten und verspeisten. Der Inder, welcher das Unterkunftshaus in Pugu verwaltet, und welcher sich auf das Gerücht von dieser entsetzlichen Begebenheit hin auf den Schauplatz begab, hat mit eigenen Augen die lleberreste der Ge-tödteten gesehen und gibt an, dass der blutgetränkte Boden fast das Aussehen eines Schlachtfeldes angenommen hatte. 3ugend in Ostafrika. Einen reizvollen Anblick bietet die Beobachtung unserer kleinen chokoladebraunen Suahelis oder quittegelben Indier bei ihren kindlichen Spielen. Wenn mittags der Monsun mit verdoppelter Stärke einsetzt, so sieht man zahlreiche Drachen, meist primitivster Art, über dem Eingeborenenviertel schweben und die glücklichen Besitzer dieser Flugmaschinen haben genau dieselben sreudeglänzenden Augen wie unsere Jugend daheim. Die in Deutschland so beliebten Ziehwagen der Kleinsten werden hier in erfinderischer Weise durch die runden Blechdeckel der Butter- oder Conservcn-dosen ersetzt. Ein Stock, ein Nagel durch den Mittelpunkt der Blechscheibe, und fertig ist das Spielzeug, welches im Gegensatz zu unserem heimatlichen durch die Einfachheit der Construction keine Unkosten verursacht. Forschungsversuche der wissbegierigen Jugend nach dem Wesen verborgener Mechanismen überflüssig macht und im Unbrauchbar-kcitsfalle leicht ersetzt werden kann. Ein charakteristisches afrikanisches Kindervergnügungsobject ist die etwas über handgroße Landschildkröte, welche, gleich dem Schäfchen zu Hause, am Bindfaden gezogen wird/ Uebermäßig schnelle Bewegungen kann man dem kleinen Panzerfrosch zwar nicht zusprechen, aber „Beharrlichkeit führt auch hier zum Ziel". Zum Glück kann eine ordentliche Schildkröte monatelang ihr Leben fristen und da mit Sicherheit voraus-zusetzen ist, dass während dieser Zeitdauer entweder der Bindfaden reißt oder das schwarze „Mtoto" des Spielzeuges überdrüssig wird, so dürfte ein Einschreiten des Thierschutzvereins nicht erforderlich sein. Selbstmorde in Afrika. Dass Selbstmord e auch unter den Eingeborenen von Afrika vorkommen, die noch nicht mit Europäern und dein civilisierten Leben in Berührung gekommen find, ist eine bekannte Thatsache. Zwar sind dieselben seltener als in ci-vilisierten Ländern — in den Küstengebieten häufiger als im Innern — scheinen aber auf dieselben Ursachen zurückzuführen zu sein. Der Missionsarzt Dr. G. Liengme hat darüber in dem Gebiete von Lorenco Marquez Beobachtungen gemacht. Darnach ist Familienzwist auch dort die hauptsächlichste Ursache der Selbstmorde; ein Vater geräth mit seinem Sohne in Streit; ein Mann wird von seiner oder seinen Frauen verfolgt oder umgekehrt; ein junges Mädchen wird gegen seinen Willen gezwungen, einen Mann zu heiraten, den es verabscheut; solche Fälle scheinen auch den Schwarzen oft das Leben unerträglich zu machen. Dagegen scheint Selbstmord aus unglücklicher Liebe unbekannt zu sein. Eine andere Art von Selbstmord verdient wiederum besondere Erwähnung: es ist dies der Selbstmord im Kriege. Es kommt oft vor, dass Kriegsgefangene sich weigern, ihren Besiegern zu folgen, und die den Tod der Knechtschaft vorziehen, die sie erwartet. Indessen tobten sie sich gewöhnlich nicht selbst, sondern bitten ihre Besieger, es zu thun, und es ist Vorschrift, ihnen diese Bitte zu gewähren. Man durchbohrt sie mit der Lanze. Die Soldaten des in der letzten Zeit viel genannten Häuptlings Gungun-gana ermordeten ohne Erbarmen alle Menschen, die sich nicht sofort unterwarfen. Da dies bekannt war, zogen viele Besiegte cs vor, selbst Hand an sich zu legen. Dies that z. B. Wbingwane, der alte Häuptling der Mo-Tchopi. Als sein Volk sich während eines Ileberfalles durch die Bo-Ngoni, dem Volke des Gungungana, durch einen von seinem Sohne Shipenenyane geleiteten kühnen Ausfall gerettet hatte, war er, da er krank und blind war, riebst einigen Anderen zurückgeblieben. Er begab sich in seine Hütte und zündete dieselbe an, weil er wusste, dass der Tod von Feindeshand ihm sonst sicher war. Während nun die Arten des Selbstmordes bei den civilisierten Völkern sehr verschieden sind, ist dies bei den von Dr. Liengme beobachteten Stämmen nicht der Fall. Die Frauen drehen ein Stück Kaliko zusammen und hängen sich in der Hütte oder oder an einem Baumast. auf. Findet man sie, so heißt cs seitens der Verwandten, das ist das Werk der Götter (Chiewembo) des Opfers oder eines bösen Geistes (Molopi). Die Männer wählen, wenn Verschiedenes. 159 sie ein Gewehr haben, den Tod durch Erschießen, waS sie von den Weißen gelernt haben. Solche, die kein Gewehr haben, schneiden sich die Kehle ab oder stürzen sich in einen scharfen ©peer. Durch Ertranken bringen sich Schwarze merkwürdigerweise nicht ums Leben, auch Gifte gebrauchen sie dazu nicht, vielleicht weil sie nicht wissen, ob dieselben sicher und schnell ge - nug wirken. Sie machen sich aber kein Gewissen daraus, gelegentlich andere Leute zu vergiften. ein ägyptischer RiCSe. In Frankreich ist der Araber Hassan Ali eingetroffen, welcher 2 Meter 32 Centimeter hoch ist. Er stammt aus der Umgebung von Kairo, zählt 27 Jahre, ist ungemein kräftig, ziemlich schlank und von solidem Körperbau. Mit erhobener Hand erreicht er eine Höhe von 3 Meter 2 Centimeter. Sein Zeigefinger misst 13 Centimeter. Er erfreut sich einer blühenden Gesundheit und eines — man verzeihe das Wort — riesigen Appetits. Hassan Ali stammt aus einer Familie von Riesen. Seine Eltern leben rtodj; der Vater misst 2 Meter 4 Centimeter, die Mutter 1 Meter 96 Centimeter. Er ist mit einer Araberin verheiratet, die eine Höhe von 1 Meter 86 Centimeter hat, und ist Vater eines vierjährigen Knäbleins, das nach den allerdings kaum glaublichen Versicherungen des Dolmetschers schon eine Höhe von 1 Meter 86 Centimeter erreicht haben soll. Hassan Ali konnte in keiner Cabine untergebracht werden, man musste ihn im Salon auf Matratzen betten. Die likeise nach Paris wird er gleichfalls nicht in einem Abtheil-, sondern in einem Güterwagen auf Polstersitzcn machen. fltneisenplage. Aus Bamania am belgischen Congo wird berichtet: „Unlängst schlief unsere Schwester E. bei den Kindern im großen Palmen-hausc. Gegen 11 Uhr erwacht sie; ein eigenthümliches, unangenehmes Gefühl sagt ihr, dass sie von Ameisen überfallen ist. Eiligst aus dem Bett, das war das Erste. Scapulier und Schleier konnte sie nicht mehr erreichen, da diese bereits dick voll Ameisen waren. Nun kmn sie schnell zu mir, kehrte aber bald zurück und nahm einen Stuhl mit. Inmitten der Kinder nahm sie ihren Platz, um sogleich zur Hilfe bereit zu sein, falls auch diese überfallen würden. Und richtig! Sie ließen nicht lange auf sich warten. Ein knisterndes Geräusch — ähnlich dem Regen — auf dem Palmdache und au den Wänden verrieth ihre Nähe. Im Nu waren alle Kinder aus den Betten und im Freien. Es blieb ihnen nun kein anderer Zufluchtsort, als ihre Küche, d. i. ein großes Dach, von allen Seiten offen. Wir bestellten nun, aus Furcht vor wilden Thieren, musicierende JRsegvDterinnen. unseren wachehalten- den Schwarzen und den der hochwürdigen Patres, die den noch übrigen Theil der Nacht mit geladenen Gewehren ihre Posten neben den Lagerstätten der Kinder einnahmen. Damit war aber noch nicht alles aus. Kaum war ich wieder im Bett, als ich durch ein großes Geschrei erschreckt auffuhr. — Ein neuer Ueberfall. — Unsere acht Kleinen, welche unter der Obhut zweier erwachsener Mädchen in einem andern Hause schliefen, waren ebenfalls^ von diesen unliebsamen Gästen heimgesucht. Die zwei Mädchen hatten schnell die Kleinen aus den Betten geholt, nun standen sie draußen in der finstern Nacht, laut schreiend: «Mama, mafumba jakka!» (Mama, die Ameisen kommen.) Ich holte 160 Marienverein für Afrika, andere Decken, wickelte die Kleinen hinein und leckte sie im Sprechzimmer auf den Bodeu nieder, wo sic bald ruhig weiterschliefen. Auf ähnliche Weise haben wir schon mehrere Ameisennächte gehabt. Zu Millionen und Milliarden kommen diese kleinen Thicrchen heran, so dass sie überall in dicken Klumpen sitzen, und das einzige Rettungsmittcl ist — Flucht." Marien-Verein für Afrika. ^>ieser Verein hatte am 17. ds. eine recht ani-mierte Versammlung. Der Vorsitzende Ca-nonicus Anton Schöpfleuthner begrüßte die Anwesenden, namentlich die Mitglieder des Centralausschusses, die Vorsteher und Vorsteherinnen der Pfarrgruppeu, die anderen Vereinsmitglicdcr und Gäste und constatierte das erfreuliche Wachsthum des Vereines, die Zunahme der Missionsthätigkeit und der Missionsstationen in Afrika und entwickelte einige der Pläne, durch welche eine noch ausgiebigere Thätigkeit des Vereines ermöglicht werden kann. Besonders verwies er auf das kleine Broschürchen „Das kleine Apostolat für Afrika" (in Commission des Katholischen Schulvereins, Dorotheergasse Nr. 7, um 10 Heller zu bekommen), welches unter die Anwesenden vertheilt worden war und auch an alle Pfarrgruppeu versendet werden wird. Der hochw. Herr Franz Sal. Engel sprach in sehr gewinnender Weise über die Unterstützung und Förderung der Missionen unter Hinweis auf die Heiligen 3 Könige und deren Geschenke an den neugeborenen Heiland der Welt, wobei er einlud, recht fleißig Gaben für den im Wäschegeschäfte Newolka (Stephansplatz Nr. 6, Zwettelhof im Durchhause) aufgestellten Missionskasten (Kleider, Stoffe, Spielsachen und Anderes für die Negerkindcr) hineinzugeben. Hochinteressant war der Vortrag des hochw. Pater Hubert Hansen, Priester der Gesellschaft vom göttlichen Worte aus St. Gabriel bei Mödling, der in einer geschichtlichen Darlegung das Wirken des Marienvereines entwickelte und dabei hervorhob, wie in keiner Zeit das Missionswesen so blühte, als in der Gegenwart, dank dem apostolischen Eifer des Missionspapstes Leo XIII. Der hochw. Herr Johann Wolf, fürsterzbischöflicher Curpriester bei St. Stephan, gab den Cassebericht, aus welchem zu entnehmen war, wie viel für den Marienverein geleistet werden kann, wenn in den einzelnen Pfarren die in den Statuten vorgesehenen Pfarrgruppen errichtet werden. — Mit Segenswünschen für den in der Ferne weilenden Centralpräses, Se. Eminenz Cardinal Gruscha, für den Missionspapst und für Se. Majestät den Kaiser, unter dessen Protectorat die Mission in Centralafrika steht, wurde die Versammlung geschlossen. Nach derselben ließen sich etliche der Anwesenden in den Verein als Mitglieder aufnehmen. Statuten für den Verein sind zu bekommen beim Vicepräses des Wiener Diöcesan-Ausschusses, Canonicus Anton Schöpfleuthner, Wien, Stephansplatz Nr. 6. In unseren Bildern. Tellacbweib mit lUasserkrug (S. 137). Ei» Fellachweib im Begriffe, Wasser aus dem Nil zu holen. Im Hintergründe die Pyramiden. Schule in (Aegypten (S. 143). Schule eines ägyptischen Privatlehrers. Kandelsbarken auf dem fiil bei Kairo (S. 153). Das Bild stellt die Fahrt der von Bulak nach Süden Für die Schriftleitung: P. Malier Geyer F. 8. C. fahrenden Handelsbarken — darunter eine mit großen Wasserkrügen aus Thon beladen — dar und zwar zur Zeit, da sie sich eben der Durchfahrt durch die große Löwenbrücke nähern. Das große Gebäude im Hintergründe ist die Kaserne Kasr-el-Nil. musicierende Begypterinnen (S. 157). Pro-fessionsmusikerinnen und Sängerinnen, deren cs in Aegypten viele gibt. Druck von A. Weger's fb. Hofbuchdruckerci, Brixcn.