lahresbericht des k. k. Staatsgy mnasium $ in Gottschee veröffentlicht am Schlüsse des Schuljahres 1913-14. durch den Direktor Dr. Franz Riedl, Inhalt: 1.) Kritische Beiträge zur Vorstellungslehre. II. Teil. Von Ernst Berner, k. k. Professor. 2.) Schulnachrichten. Vom Direktor. Gottschee 1914. Verlag des k. k. Staatsgymnasiums in Gottschee. Buchdruckerei Josef Pavlicek in Gottschee. Verzeichnis der in den Jahresberichten des k. k. Staatsgymnasiums zu Gottschee erschienenen wissenschaftlichen Abhandlungen. 1873/74. Anton Pischek: Grotten in der Umgebung von Gottschee, mit besonderer Berücksichtigung der topographischen und geognostischen Verhältnisse. 1897/98. Johann Satter: Volkstümliche Pflanzennahmen aus Gottschee. 1907/08. Dr. Karl l’rodinger: Das Tribunat des C. Gracchus. 1908/09. Dr. Franz Riedl: Anton Alex. Graf v. Auersperg (Anastasius Grün). Ein Bild seines Lebens und Dichtens. 1909/10. Friedrich G. Hirsch: Theatergeschichtliche Studien. 1910/11. Dr. Andreas Krauland: Katalog der Lehrerbibliothek des k. k. Staatsgymnasiums in Gottschee. I. Teil. 1911/12. Dr. Andreas Krauland: Katalog der Lehrerbibliothek des k. k. Staatsgymnasiums in Gottschee, ü. Teil. 1912/13. Ernst Berner: Kritische Beiträge zur Vorstellungslehre. I. Teil. 1913/14. Ernst Berner: Kritische Beiträge zur Vorstellungslehre. II. Teil. Jahresbericht des k. H. $iaat$gyitina$ium$ in Gottschee veröffentlicht am Schlüsse des Schuljahres 1913-14. durch den Direktor Dr. Franz Riedl, Inhalt: 1.) Kritische Beiträge zur Vorstellungslehre. 11. Teil. Von Ernst Berner, k. k. Professor. 2.) Schulnachrichten. Vom Direktor. Gottschee 1914. Verlag des k. k. Staatsgymnasiums in Gottschee. Buchdruckerei Josef Pavlicek in Gottschee. Kritische Beiträge zur Vorstellungslehre. (Fortsetzung und Schluß.) Von Prof. Ernst Berner. IV. Individualität. § 1. Einheit und Identität. H ö f 1 c r findet (a. a. 0. § 17, 1) die Beantwortung folgender Fragen schwierig: 1. Ist ein Korallenstock eine Einheit oder eine Vielheit? 2. Ist ein Organismus, wenn ihm infolge des Stoffwechsels nach gewisser Zeit kein einziges von den Stoftteilchen, die ihn vor derselben zusammengesetzt hatten, mehr angehört, noch als ein und derselbe zu bezeichnen, der er vorher gewesen ist? Ich erlaube mir zu antworten: 1. Ein Korallenstock kann, ohne Rücksicht darauf, wieviele Korallen er trägt, ebenso wie ein Bienenstock, ohne Rücksicht darauf, wieviele Bienen und Zellen er zählt, und ein Baum ohne Rücksicht auf die Zahl seiner Aste, Blätter, Blüten, Früchte oder der ihn belebenden Insekten, mit Fug als eine Einheit angesehen werden. Daß ein Gegenstand Teile hat, auch frei bewegliche und veränderliche Teile, hindert nicht, ihn als ein Ganzes und als eine Einheit anzuselien. Solche Teile hat eine jede Körperschaft. Das Universum wie das Atom kann als ein Ganzes und eine Einheit betrachtet werden. 2. Es ist dem Erfolge nach völlig gleich, ob man ein Gebäude zuvor ganz abträgt und dann erst durch ein anderes neues ersetzt oder ob man jeden einzelnen eben abgetragenen Teil gleich durch einen ändern ersetzt; am Ende hat man es doch mit einem ganz ändern Bau zu tun. Bei Organismen jedoch scheint ein so durchgreifender Wechsel nie stattzufinden, weil sonst die Beharrlichkeit und Stetigkeit ihrer Entwickelung schwer zu erklären wäre. In der Flucht der Erscheinungen, die ein lebendiger Organismus darbietet, scheint ein „beharrender Pol“ vorhanden zu sein. Unser Selbstbewußtsein sowie die Vererbung von Eigenschaften sprechen für diese Vermutung. § 2. Einzigkeit. Wenn unter Individualvorstellungen solche verstanden werden, die sich auf einen einzigen Gegenstand beziehen, so liegt die Schwierigkeit darin, genau zu sagen, was ein einziger Gegenstand sei. Lindner und Leclair verstehen darunter (a. a. 0. § 15, 3) einen nur einmal vorhandenen oder vorhanden gewesenen. Wie will man aber z. B. beweisen, daß dieses Tintenfaß nur einmal vorhanden, ja, daß es, während ich es betrachte, immer dasselbe ist? Ich selbst freilich trage die evidente, die unmittelbare Gewißheit meiner Identität mit mir in mir. Sie ergibt sich aus dem ununterbrochenen, unmittelbar wahrnehmbaren Zusammenhang aller vergangenen Phasen meines Ich mit der gegenwärtigen und aus dem Phänomen des Gedächtnisses. Eine Unterbrechung dieser Kontinuität ist bei dem normalen Menschen unmöglich, es ist auch unmöglich, daß mein Ich mit einem ändern vertauscht werde, ohne daß ich es merke, während eine von mir nicht bemerkte Vertauschung aller ändern Gegenstände, die Cheopspyramide, den Gaurisankar und die Sonne nicht ausgenommen, nicht unmöglich ist. Freilich spricht die höchste Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Sonne Homers im wesentlichen dieselbe war, die gegenwärtig uns leuchtet, und daß niemand sich den Scherz gestattet hat, uns mit einer falschen Cheopspyramide zu narren, wenn auch die Ägypter sonst viel falsche Antiquitäten fabrizieren. Diese Wahrscheinlichkeit ist so groß, daß sie im Alltagsleben ohne weiteres für Gewißheit hingenommen werden darf. Aber die überzeugende Kraft, das Einleuchtende der unmittelbaren innern Wahrnehmung wohnt ihr nicht inne. Es ist darum nicht so leicht, andere von meiner Identität zu überzeugen, wenn sie daran zweifeln oder einen Beweis verlangen; es ist leichter, solange ich mich an einem und demselben Orte befinde. Denn man weiß, daß genau an einem und demselben Orte zu genau ebenderselben Zeit nur ein einziger Körper vorhanden sein kann. Allein sobald ich den Ort verändere, ist eine Täuschung anderer über meine Identität möglich, insbesondere, wenn zwischen Sehen und Wiedersehen eine längere Zeit verflossen ist, und ein strenger Identitätsbeweis wird immer schwieriger. Denn mit der Zeit ändert sich nicht bloß meine Person, sondern auch die Vorstellung anderer von mir. §4; 3 u. 4. Vom Identitätsbeweis. Höfler (a. a. 0. § 17, 3) meint, zur Individualisierung ausreichende Merkmale physischer (Jegenstände seien ein individuell bestimmter Ort und eine individuell bestimmte Zeit. Allein mit dieser Erklärung ist die Schwierigkeit nicht überwunden, da wiederum die Frage auftaucht, was ein individuell bestimmter Ort und eine solche Zeit sei und wie man einen Kaum — und einen Zeitpunkt genau (eindeutig!) bestimmen könne, eine Frage, die in unlösliche Schwierigkeiten führt, weil weder unsere Sinne noch unsere Instrumente fähig sind, einen ausdehnungslosen Ilaum — und Zeitpunkt festzustellen. Dazu kommt der schon berührte ( instand, daß „alles fließt“, alles in steter Veränderung begriffen ist, unsere Persönlichkeit sowie deren Umgebung. Auch unser (Seistesleben ist beständigen Veränderungen unterworfen. Von diesem beständigen Fließen wird abgesehen, wenn von der Identität eines zu verschiedenen Zeiten betrachteten Körpers die Rede ist, während gleichzeitig, ob nun dunkel oder klar bewußt, die Unzerstörbarkeit der Materie als Bürgschaft einer gewissen Beharrlichkeit (Kontinuität) vorausgesetzt werden mag. Nur in einem ausdehnungslosen Zeitpunkt — und den vermögen wir in der Tat nicht festzustellen — bleibt, genau erwogen, ein Körper unveränderlich derselbe, ein Bewußtsein unverändert dasselbe, so daß z. 11. der bestrafte Missetäter bei seiner Bestrafung eigentlich nicht ebenderselbe Mensch ist, der er bei seiner Freveltat war — ein Unterschied, der als unerheblich außeracht gelassen zu werden pflegt, es sei denn, daß man ihn bei der Verjährung berücksichtigt. Die Körper sind wie die Seelen (die Bewußtseine) zu verschiedenen Zeiten wohl nie mit sich selbst völlig identisch und könnten, selbst wenn sie es wären, wegen der Mangelhaftigkeit unserer Mittel der Erkenntnis nicht mit vollständiger Genauigkeit und Sicherheit als identisch erkannt werden. Nur insofern man von diesen Tatsachen absieht, also nur „cum grano salis“ hat das Reden von Identität einen Sinn. § 5. Die Allgemeinheit der Individualvorstellungen. Wenn man beweisen will, daß etwas nur einmal vorhanden ist, so muß man beweisen können, daß etwas anderes mit dem fraglichen Gegenstände nicht identisch ist. Da wir, wie ich zeigte, außerstande sind, in praxi eine theoretische Ansprüche vollständig befriedigende Identität objektiv (außer uns) nachzuweisen, so können wir auch eine Individualität theoretisch einwandfrei in praxi nicht objektiv (außer uns) nachweisen. Das subjektiv (unmittelbar in uns) Evidente ist objektiv — Problem. Was wir in praxi für Individuen nehmen, sind streng genommen nur Gegenstände allgemeiner Vorstellungen, unsere „Individualvorstellungen“ sind streng genommen ebenso allgemein wie sie abstrakt sind, wenn wir vom eigenen Ich absehen und wenn unter allgemeinen Vorstellungen solche verstanden werden, die sich auf eine Mehrzahl von Gegenständen beziehen oder beziehen lassen. Wenn ich trotzdem von Individualvorstellungen spreche, so tue ich es nur mit Rücksicht auf die sie begleitende Intention, den herrschenden Sprachgebrauch, der Bündigkeit halber und mit Vorbehalt. Wie gesagt, sind alle unsere Vorstellungen abstrakt, weil sie schon in Anbetracht der Unzulänglichkeit unseres Wissens und Könnens die Merkmale ihrer Gegenstände nicht erschöpfen ; darum kommt auch ihren Namen insofern Allgemeinheit zu, als sie verschiedene Objekte bezeichnen können. Auch das Lehrbuch der allgem. Logik von Lin du er und Leclair erklärt (8. 15), daß ein Begriff niemals auf einen einzigen, ganz bestimmten (individuellen) Gegenstand mit bestimmtem Wo und Wann geht, sondern stets auf ein Allgemeines. Der individuelle Gegenstand könne von uns nur angeschaut, erfahren, erlebt werden. Trotzdem handelt das Buch von Individualbegriffen. Ähnlich äußern sich Ü b e r w e g (System der Logik) § 59, Husserl a. a. 0. 114, W u n d t, Logik, 100 ff und andere. § ß. Die Intention bei der Individualvorstellung. Die bloße Meinung, die bloße Absicht (Intention) reicht nicht aus, um einer Vorstellung den Charakter einer Individualvorstellung zu geben. Man kann eine Individualität meinen, braucht sie aber trotzdem als die gemeinte nicht zu erkennen, weil man die hiezu erforderlichen Merkmale nicht kennt oder nicht sicher-steilen kann. Kine Mutter z. B. vermag ihr einziges neugeborenes Kind von ändern gleichalten Kindern, unter die es gelegt wird, mitunter nicht zu unterscheiden. Die Vorstellung, die sie von ihrem Kinde hat, ist eben zu undeutlich, unbestimmt, allgemein und erfüllt sich, um mit Husserl zu reden, an vielen Säuglingen. Richtig ist, daß wir uns mit der fraglichen Absicht zu begnügen pflegen, weil wir auf ihre Erfüllung verzichten müssen. § 7. Identische Vorstellungen und Urteile. Dieselbe Vorstellung haben, besagt wohl nach Husserl (a. a. 0. 392), denselben Gegenstand vorstellen, aber nicht in gleicher Weise. Zur Erklärung fügt er hinzu, daß seine Vorstellung von Grönlands Eiswüsten sicherlich eine andere als die Nansens sei. Nun ist wohl klar, daß identische Vorstellungen nicht gleichzeitig verschieden sein können. Vorstellungen, die denselben Gegenstand, aber nicht in gleicher Weise vorstellen, stellen, genau betrachtet, Verschiedenes vor. Wer sich „denselben“ Kreis einmal rot, das anderemal blau vorstellt, stellt sich eben verschiedene Kreise vor, wenn auch von gleichem Halbmesser und mit dem gleichen Mittelpunkte. .Man kann wohl dieselben Vorstellungen mit verschiedenen Namen bezeichnen (Synonyma) und mit denselben (äquivoken) Namen verschiedene Vorstellungen. Aber man kann sich genau eine und dieselbe Vorstellung nicht in verschiedener AVeise vorstellen. Denn jede vermeintliche Änderung des Wie? (der Qualität) ist in solchem Falle eigentlich eine Änderung des Was ? (der Materie) der Vorstellung. Anders beim Urteil. Dessen Inhalt kann bei geänderter Form derselbe bleiben, wie folgende Beispiele zeigen: „Karl hackt Holz“ und „das Holz wird von Karl gehackt“ ; „es wird Regenwetter geben“ und „das Wetter wird regnerisch werden“. Ein und derselbe Sachverhalt wird in jedem dieser Urteilpaare im Grunde gleich beurteilt; alles, was nach dem einen Urteil gilt, muß auch nach dem ändern gelten und nichts anderes. § 8. Sind die Qualitäten Individualitäten? Husserl bemüht sich zu zeigen, daß die an Individualitäten wahrgenommenen Qualitäten wiederum Individualitäten, also nicht geeignet seien, in uns allgemeine Vorstellungen hervorzurufen (a. a. 0. 152 f). Um das zu beweisen, behauptet er, daß zwei verschiedene Gegenstände nicht die gleiche Qualität zeigen können (S. 153): „Jlit Evidenz lehrt die Vergleichung zweier konkreter getrennter Erscheinungen von „derselben“ Qualität, etwa „demselben" Grün, daß eine jede ihr Grün hat.“ Den gemeinen Sterblichen allen scheint es im Gegenteil evident, daß verschiedene Gegenstände gleiche Farbentöne, gleiche Temperaturen, gleiche Härtegrade, gleiche Dimensionen usw. aufweisen können. Von dieser Überzeugung ausgehend, reden sie alle von Gleichheit und weisen ihr in den Wissenschaften, insbesondere in der Mathematik und Physik, eine große Rolle zu. Husserl erklärt jedoch apodiktisch, daß es keine Gleichheit gibt — und sie ist aus der Welt verschwunden. Afflavit deus et dissipati sunt. Selbst wenn sich die einzelnen Qualitäten durch Zahlen und Maße innerhalb ihrer Gattungen von einander streng scheiden ließen, so würden sie trotzdem ihren universellen Charakter behalten, weil sie an unendlich vielen Orten gleichzeitig wahrgenommen werden können. Übrigens bewegt sich Husserls Gedanken-gang in dieser Richtung nicht, so daß kein Grund vorliegt, sie weiter zu verfolgen. Dagegen ist es angebracht, bei dieser Gelegenheit nochmals auf die Entstehung des gemeinen Qualitätsbegriffes hinzuweisen. Der Begriff „grün“ z. 1>. entstammt keiner einzelnen Wahrnehmung, sondern mehreren nicht bloß räumlich und zeitlich, sondern auch inbezug auf den Farbenton selbst verschiedenen Wahrnehmungen von Grün. Wieviele Variationen von Grün gibt es doch zwischen Gelb und lilau! Aber etwas haben sie gemeinsam, und dieses allen gemeine, geheimnisvolle Etwas fiel den Menschen auf, fesselte sie und sie nannten es „zum ewigen Gedächtnis“ „grün“. Hätten sie im Leben nur eine einzige grüne Nuance kennen gelernt, so würde ihnen „grün“ immer nur diese eine grüne Nuance bedeuten. Unsere EigenschaftsbegrifFe sind also aus vielen Wahrnehmungen einer Identität hervorgegangen, die freilich wieder nur eine intentionale ist. Trotzdem sind sie nicht als Individualitäten anzuerkennen, sobald ihnen räumliche und zeitliche Einzigkeit abgeht. § 9. Werden von persönlichen Eigennamen Ort und Zeit mitbezeichnet? Husserl leugnet eben auch (S. 157), daß wir in der individuellen Betrachtung die individualisierenden Momente, die wir doch mitbeachten sollen, notwendig auch meinen, daß der individuelle Eigenname implicite auch die individualisierenden Bestimmungen, also die Zeitlichkeit und Örtlichkeit, nennt, indem er folgendermaßen argumentiert: „Hier ist mein Freund Hans und ich nenne ihn Hans. Zweifellos ist er individuell bestimmt, ihm kommt jeweils ein bestimmter Ort, eine bestimmte Zeitstelle zu. Wären diese Bestimmungen aber mitgemeint, so ändert der Name seine Bedeutung mit jedem Schritte, den Freund Hans eben macht, und mit jedem einzelnen Falle, wo ich ihn namentlich nannte. Schwerlich wird man derartiges behaupten . . . .“ Hans ist nicht dadurch individuell als Hans bestimmt, daß ihm jeweils ein bestimmter Ort, eine bestimmte Zeitstelle, zukommt —- denn das hat er mit jedem Körper gemein —, sondern zunächst dadurch, daß er an einem bestimmten Orte und Datum von einer bestimmten Mutter geboren wurde, ferner durch die Kontinuität seiner eigenartigen Entwickelung und Geschichte und die eigenartige Verknüpfung seiner leiblichen und geistigen Eigenschaften. Diese Bestimmungen sind, soweit sie bekannt sind, mit dem Namen Hans gemeint und nichts anderes. Sogar die gewaltigen Veränderungen, die während unserer vierzig Jahre alten Freundschaft mit Hans vorgegangen sind, die ihn aus einem Kind zu einem Graubart gemacht haben, hindern mich nicht, ihn Hans zu nennen und als dasselbe Individuum anzusehen, mit dem ich vor 40 Jahren die Schulbank drückte. Übrigens kann einem Gegenstand tatsächlich nur mit Rücksicht auf seine räumlich-zeitliche Bestimmtheit Individualität zugesprochen werden.1 Wenn ich z. B. von zwei kongruenten Dreiecken 1) und d rede, so bedeuten mir diese Namen auch die Orte mit, wo die genannten Dreiecke sich ebfen befinden. Denn sonst hätte die Rede von zwei verschiedenen Dreiecken keinen Sinn. § 10. Urbegriffe. Am ent (Die Entwickelung von Sprechen und Denken beim Kinde. S. 148 ff) meint, der Entwickelung der Einzel- und Allgemeinbegriffe gehe die Entstehung einer einheitlichen Keimform, nämlich von Urbegriffen, voran, die als eigene Kategorie aufzufassen seien. Es ist aber leicht zu erkennen, daß Ament darunter undeutliche — er sagt undifferenzierte •— Begriffe versteht, die, wie er selbst sagt, auf Unkenntnis der wahren Gestalt eines Objektes zurückzuführen sind. Den Kindern sind eben die Unterschiede der Dinge noch weniger klar als den Erwachsenen, sie achten auch weniger darauf und erinnern sich schlechter daran. Das Wahrnehmen muß wie das Erinnern geübt werden und sich entwickeln. Der Inhalt der kindlichen Vorstellungen ist darum, wie Ament wiederholt mit Recht hervorhebt, recht dürftig. Deshalb haben wir aber kein Recht, diese sehr mangelhaften Vorstellungen als eine eigene Kategorie zu betrachten. Ein jeder Mensch steht irgend welchen Gegenständen so fremd gegenüber, daß er von ihnen nur undeutliche, unvollständige, schwankende Vorstellungen hat. Manches, was die Menschen genau zu wissen glaubten, haben die Fortschritte der Forschung in ein neues Licht gerückt, manches haben und werden die Menschen „umlernen“ müssen. Wir können von keinem unserer Begriffe beweisen, daß er vollkommen sei und einer Vervollkommnung unfähig, daß künftige Geschlechter ihn nie werden für keimmäßig unentwickelt erklären können. Nicht bloß die Begriffe der Einzelnen, sondern auch die der Generationen entwickeln sich, sie werden reich- 1 Ebenso Erdmann a. a. O. I, S. 87. haltiger und bestimmter; allein diese Unterschiede des Inhalts sind nur relative und bedeuten für die Klassifikation der betreffenden Begriffe ebensowenig als z. B. die leiblichen Unterschiede zwischen einem Kinde und einem Erwachsenen maßgebend sein können für die Beantwortung der Frage, ob beide Menschen sind. Inhaltarme Begriffe haben notwendig einen weiten Umfang und müssen darum als Allgemeinbegriße bezeichnet werden. Als Individualbegriffe sieht die Logik jene an, die den reichsten Inhalt haben, und da man einen solchen den ersten Kinderbegriffen nicht zuschreiben kann, so darf man diese Kinderbegriffe nicht als Individualbegriffe ansprechen. Abgesehen davon ist gar nicht ausgemacht, daß einem Kinde z. 1!. alle Speisen, die es unterschiedlos mit Mamam bezeichnet, oder alle Gewächse, die es Baum nennt, für durchaus einerlei erscheinen, wie Ament wohl glaubt. V. Vorstellungsverbindungen. § 1. Agglutination und Synthese. Wir lesen bei Wuiidt (Logik 1 S. 34): „Wenn wir auf die verschiedenen Grade der Innigkeit Rücksicht nehmen, mit der ursprünglich gesonderte Vorstellungen zu einer Gesamtvorstellung verwachsen, so ergeben sich zunächst zwei Stufen simultaner Verbindung: Die erste, losere, mag als Agglutination, die zweite, festere, als Synthese der Vorstellungen bezeichnet werden.“ Diese Synthese habe sich aus ihrer Vorstufe, der Agglutination, entwickelt. Aus den agglutinativ verbundenen Vorstellungen, die sich sukzessiv entwickeln, ergebe sich eine neue Vorstellung, wenn jene Teilvorstellungen nach ihrem Abfluß zu einem simultanen Ganzen zusammengefaßt werden. Diese Zweiteilung der Vorstellungsverbindungen leidet an Unklarheit; wann kann man von größerer, wann von geringerer Innigkeit solcher Verbindungen reden, wo ist der Maßstab für die verschiedenen Grade dieser Innigkeit gegeben, der eine reinliche Scheidung von Agglutinationen und Synthesen gestattet? Wundt selbst gesteht (a. a. 0. 37), dal! die Grenze zwischen beiden eine fliessende sei, da zwischen dem deutlichen Bewußtsein der Elemente einer zusammengesetzten Vorstellung und ihrem völligen Verschwinden alle möglichen Übergangsstufen der Verdunkelung möglich seien. Wie wird ferner bewiesen, daß sich die Synthese aus der Agglutination entwickelt habe? Wundt sagt weiter: „Als eigentümliche Produkte der Synthese ergeben sich die Begriffe. Wir schließen sie als eine dritte Form simultaner Verbindung an, die sich darin unterscheidet, daß aus den in die Verbindung eingehenden Vorstellungen eine einzelne als herrschende heraustritt, die zur Stellvertreterin des ganzen Produktes der Synthese wird.“ Zu dieser Lehre habe ich hier nichts zu bemerken, weil sie schon oben (11 § 7) geprüft wurde. S. 36 führt Wundt die Namen Heerführer, Dienstmann, Schreibfeder als Bezeichnungen von Agglutinationen an. Er hat absichtlich diese zusammengesetzten Namen gewählt, um sich den Beweis zu ersparen, daß ihnen Agglutinationen entsprechen. Wäre er z. B. Italiener, so hätte er die entsprechenden Namen generale, facchino, penna nicht herangezogen, weil sie nicht zusammengesetzt sind. Ich kann auch nicht glauben, daß man bei der Rede von einer Schreibfeder zuerst etwa an ein Schreiben, dann an eine Feder überhaupt oder zuerst an eine Feder im allgemeinen, dann an ein Schreiben und zuletzt an eine Schreibfeder denke. Was soll auch „eine Feder im allgemeinen“ bedeuten? Dieses deutsche Wort hat drei ganz verschiedene Bedeutungen, deren etymologischer Zusammenhang einem großen Teil des deutschen Volkes entschwunden ist. Es bedeutet entweder Vogelfeder oder Metallschreibfeder oder elastisches Stahlband (Triebfeder, Druckfeder). Diese Spezies lassen sich ebensowenig unter dem (lattungsbegriff Feder zusammenfassen wie die Seehunde unter dem der Hunde, die Walfische unter dem der Fische. Sicher gibt es heutzutage eine Menge Menschen, die bei Nennung des Wortes „Schreibfeder“ an eine „Feder überhaupt“ schon deshalb nicht denken, weil sie nicht einmal wissen, daß einst mit Gänsefedern geschrieben wurde. Sie wissen auch nicht, warum eine Uhrfeder (Triebfeder) Feder heißt. Darum ruft der Wortbestandteil (das Grundwort) Feder in ihnen keine entsprechende sinnvolle Vorstellung hervor und findet in ihnen keine Agglutinierung der Feder-und der Schreibvorstellung statt. Was soll auch die Zweiteilung der Vorstellungen in Agglutinationen und Synthesen in der Psychologie oder Logik, wenn der Erkenntnistheoretiker nicht als solcher entscheiden kann, ob er es mit einer Agglutination oder mit einer Synthese zu tun hat? Ein scheckiger, 200 kg schwerer, 1*5 m hoher, 2 m langer, gehörnter, männlicher Wiederkäuer — ein erzenes, roßähnliches Gebilde — ein Regenbogen — welcher Fachmann wird sagen können, ob wir da Wundtsche Agglutinationen oder Synthesen vor uns haben? Übrigens gesteht Wundt selbst, daß er das Motiv seiner Zweiteilung der Linguistik verdankt. Weil sich d'e Wortverbindungen in solche teilen lassen, wo jeder einzelne Bestandteil ein selbständiges Dasein führt, und in solche, wo das nicht mehr der Fall ist, glaubt Wundt, auch bei Vorstellungsverbindungen das Gleiche tun zu dürfen. Allein die Entwickelung und die Gesetze der Vorstellungen sind andere als die der Wörter. Aus der sprachlichen Beschaffenheit der Namen lassen sich nur selten giltige Schlüsse hinsichtlich ihrer Bedeutungen ziehen. Große Vorsicht ist bei einem jeden solchen Unternehmen angezeigt. Man kann z. B. nicht mit Fug behaupten, daß Marschall und Herzog deshalb Synthesen bedeuten, weil die Zusammensetzung dieser Namen dem Volke nicht mehr bekannt und weil ein Teil ihres Bestandes aufgehört hat, Namen zu se'n. Und Heerführer kann nicht bloß deshalb eine Agglutination sein, weil die Bestandteile dieses Namens heute noch Autosemantika sind. Statt Heerführer kann ich deutsch, französisch, englisch General sagen, Namen, die als einfache empfunden werden. (General wird in verschiedenen Sprachen verschieden ausgesprochen.) Wie wird nun Wundt beweisen, daß sich an den Namen General eine andersartige Vorstellungsverbindung knüpft als an den gleichbedeutenden Namen Heerführer? § 2. Apperzeptive und assoziative Verbindungen. Nach Wundt (Logik S. 14) gibt es apperzeptive Vorstellungsverbindungen, die von dem subjektiven Gefühl der Selbsttätigkeit begleitet werden und bei denen sich objektiv das Denken als ein Abmessen, Wägen, Vergleichen, als eine beziehende Verknüpfung darstellt, und assoziative, bei denen wir einerseits die Verbindung subjektiv als eine nicht selbsttätig erzeugte, sondern als eine passiv erlebte, und anderseits objektiv als eine der beziehenden Verknüpfung entzogene, in den Vorstellungen oder ihren Elementen selbst gelegene auffassen. Die „Agglutinationen“ wie Heerführer, Dienstmann, Schreibfeder und die „Synthesen“ wie Herzog, .Marsehall rechnet Wundt zu den apperzeptiven Vorstellungsverbin düngen, olme anzugeben, woran er erkennt, daß die Vorstellungen nicht passiv erlebte, sondern aktiv erzeugte sind. Offenbar hat auch Wundt gar nicht bedacht, daß seine Zweiteilung der Vorstellungen in apperzeptive und assoziative deshalb nicht zutrifft, weil eine und dieselbe Vorstellung bald aktiv erzeugt, bald passiv erlebt werden kann. Für die Forschung sind nur solche Einteilungen von Wert, unter die ein und dasselbe Phänomen dauernd fällt. § 3. Zerfließen von Vorstellungen. An die Synthese der Vorstellungen schließt sich nach Wundt ein umgekehrter Vorgang an, nämlich die Zerlegung einer Gesamtvorstellung in eine Reihe von Einzelvorstellungen. Diese Zerlegung, die ihm offenbar nicht gleichbedeutend mit Analyse ist, bezeichnet er als Zerfließen von Vorstellungen und erklärt sie durch ein der Sprachgeschichte entlehntes Beispiel. „In der Zerlegung der Flexionsformen“, sagt er, „tritt der Zerfließungsprozeß in dem Moment, wie es scheint, hervor, wo die Synthese der ursprünglich bloß agglutinierten Vorstellungselemente so innig geworden ist, daß keines derselben mehr deutlich empfunden wird. Nun regt sich das Bedürfnis, jene klar zu vergegenwärtigen .... Wenn der Römer in dem Worte „amavi“ die drei Vorstellungen des Liebens, der vergangenen Zeit und des Ich vereinigte, so waren ihm damit diese drei Vorstellungen vollständig zu einer (lesamtvorstellung geworden. Wenn dagegen der Romane das nämliche Wort in drei selbständige Wörter auseinanderlegt: ego habeo ’amatum (j’ai aime), so ist dies ein äußeres Zeugnis dafür, dali bei ihm jene Bestandteile sich wieder in sukzessive Vorstellungen zu sondern streben.“ Das Beispiel Wundts ist falsch; der Romane hat das lateinische amavi keineswegs in drei selbständige Wörter auseinandergelegt, sondern nur in it. amai, franz. j’aimai nach bestimmten Lautgesetzen umgebildet und in dieser Form beibehalten. Das amavi ist also nicht zerflossen. Auch die neuromanische Perfektform (j’ai aime) ho amato, (habeo amatum) ist nicht durch Zerfließen der in amavi „verschmolzenen“ Elemente zustande gekommen. Das habeo = ho = j’ai = ich habe bedeutet ja an sich ein Präsens und hat mit dem Perfektum zunächst nichts zu schaffen. Wer die neuromanische Perfektform (das Parfait oder Passe indefini) erklären will, muß die Verwendung des habere und seiner Formen erklären. Ansätze zu diesem Gebrauch findet man bereits in gut lateinischen Konstruktionen wie persuasum sibi habere, cognitum habere, sibi spem victoriae propositam habere, equitatum coactum habere, hostem clausum habere, civitates sibi obstrictas habere. In diesen Wendungen hat das habere einerseits noch völlig die Bedeutung von haben, besitzen, halten, anderseits aber stellen sie sich doch nur als breite Umschreibungen des Perfektums heraus, die offenbar in der Sprache des arbeitenden Volkes, aus der sie wohl stammen, einen immer größeren Raum einnahmen. Infolge dessen kam zu den drei Formen des lateinischen Präteritum (Imperfektum, Perfektum, Plusquamperfektum) eine neue hinzu. Sie ist durch kein Zerfließen von Vorstellungen entstanden, sondern durch die in der Sprache ausgedrückte Freude des Volkes am Haben, Besitzen, Halten, am Erfolge. Das Abschleifen und der Verlust der differenzierenden Personalendungen sowie das Bedürfnis nach Deutlichkeit und Unzweideutigkeit der Rede machte das Heranziehen der Pronomina erforderlich, keineswegs aber das von Wundt imaginierte Moment, „wo die Synthese der ursprünglich bloß agglutinierten Elemente so innig geworden war, daß keines derselben mehr deutlich empfunden wurde.“ Es ist Wundt nicht gelungen, seine Lehre vom Zerfließen der Vorstellungen glaubhaft zu machen. Freilich würde die Logik ästhetisch gewinnen, wenn sich zur „Verdichtung“ der Vorstellungen ein neues symmetrisches Gegenstück finden ließe. § 4. Determinationen a) itn syntaktischen Verband; b) als Haupt- und Nebenbegriffe; c) innereund äußere Determination. a) Wundt schreibt (Logik I., 8. 135):' „Den Verhältnissen, die unabhängige Begriffe zu einander darbieten können, stellen diejenigen Beziehungen gegenüber, in welche die Begriffe dann treten, wenn s'e unter Hinzutritt einer Beziehungsform eine Verbindung zu einem komplexen Begriff eingehen.“ Der Gelehrte erklärt nicht, was er unter einer Beziehungsform versteht. Aus dem Zusammenhang scheint sich zu ergeben, daß er damit die Formantien meint, die aus Wörtern im Satz einen engern syntaktischen Verband, ein Attribut, ein Adverbium, ein Objekt, nicht aber Subjekt und Prädikat, also kein Urteil bilden. Wundt führt nämlich eine Menge von Beispielen für jene Verbindungen an, die er Determinationen nennt, darunter aber kein Urteil. Nun ist es sicher, daß Begriffe durch Urteile, Subjekte durch Prädikate determiniert werden. Der Tiger ist ein Räuber. Der Tiger raubt. Der Tiger ist räuberisch. Wenn auch diese Urteile sich grammatisch unterscheiden, so ist dennoch ihr Inhalt gleich; sie determinieren den Tiger in gleicher Weise, wenngleich ihr Prädikat einmal von Kopula und Substantiv oder Adjektiv, das anderemal von einem Verbum gebildet wird. Ich hebe das hervor, weil Wundt weiter sagt (S. 1.36): „Während aber die Relationen getrennter Begriffe der Regel folgen, daß die Begriffe einer und derselben Kategorie angehören müssen, um vergleichbar zu sein, gehören die durch eine Beziehungsform verbundenen Begriffe in der Mehrzahl der Fälle verschiedenen Kategorien an, oder es wird durch die hinzugedachte Beziehung die kategorische Bedeutung des einen der Begriffe in einem Sinne modifiziert, welcher der Überführung in eine andere Kategorie entspricht.“ Nun ist schwer einzusehen, was Wundt unter getrennten, aber in Relation stehenden Begriffen zum Unterschiede von durch eine Beziehungsform verbundenen Begriffen versteht. Vermutlich denkt er bei den letzteren an syntaktische Wortverbindungen, bei den ersteren an bloß logisch verglichene Begriffe, deren Namen in keiner syntaktischen Beziehung zu einander stehen, bei denen also keine Determination stattfindet, so daß ihre Erwähnung in dem fraglichen Zusammenhänge nicht am Platze ist und die Klarheit des Zusammenhanges stört. Davon abgesehen, irrt Wundt in der Meinung, die Substantive determinierenden Substantiva seien selten oder würden adjektivisch oder adverbial modifiziert. Determinierende Prädikatssubstantiva sind sehr häufig, ebenso Determinationen wie: Regierungsrat Professor Doktor Wolfgang Talhammer ; Kaiser und König Franz Josef; Mannweib; (iottmensc.il; Fischsäugetier; die Stadt Wien ; Süd west; der Feldherr, Politiker, Historiker Gaius Julius Caesar. Auch kommen Determinationen vor wie grichisch: farpojidvrt? „der Wahrsager und Arzt“, aptoxpeas „Brot und Fleisch“; lateinisch: ascia-mallia „ein Werkzeug, das Beil und Hammer zugleich ist“; gothisch: piu magus „ein Knabe, der ein Knecht ist“; altkirchenslawisch: konje-človekb „ein Mensch, der ein Pferd ist, ein Kentaur“ usw. Es wird nicht möglich sein, den determinierenden Substantiven dieser Beispiele adjektivischen oder adverbialen Charakter nachzuweisen. b) Man pflegt den Determinanti unterschiedslos als den Hauptbegriff, den Determinator als den Nebenbegriff zu bezeichnen; in Wirklichkeit mag unsere Aufmerksamkeit oft in höherem Grade dem Determinator zugewandt sein, wie in den Sätzen: „Sein Hart ist nicht von Flachse, ist rot wie Feuersglut. — Lieblich war die Maiennacht. — Der Taktiker Napoleon war größer als der Stratege. — Der Bruder fiel durch Bruders Hand.“ Die dem Determinator zugewandte Aufmerksamkeit bewirkte, dafl dort, wo er als Prädikatsnomen auftritt, die Kopula unter Umständen enklitisch wurde. Ich betone die Tonlosijj'keit dieser Kopula, weil Wundt meint, sie und die ihr nahestehenden Hilfszeitwörter hätten in den mit ihnen verbundenen Verbalformen das verbale Moment des Begriffes ganz absorbiert; es mtißte demnach z. B. das Schwergewicht der Ausdrücke -cTsXsofiivov sort, ysypanfidvoi, stotv im Enklitikon liegen; wie wenig das richtig ist, geht auch daraus hervor, daß dieses enklitische Hilfsverbum in allen Personen des russischen Perfektum und in der dritten Person Sing. und Plur. des čeehischen (dal, dali) ganz ausgefallen ist, während es in denselben Formen z. B. des Slowenischen noch erhalten ist. — Damit soll der adjektivische Charakter der Partizipien nicht bestritten sein, wenn ich auch die Anschauung Wundts ablehne, daß sich hier ein Streben nach kategorialer Verschiedenheit der verbundenen Begriffe äußere. c) Die Determinationen will Wundt in die innern und äußern einteilen. Bei den erstem „genügt die unmittelbare Aneinanderreihung der Begriffe, um eine Determination des einen durch den ändern herzustellen: die Beziehungsform bedarf keines besonderen Zeichens oder Wortes zu ihrem Ausdruck“ (S. 138) . . . „Die äußere Determination unterscheidet sich von der innern dadurch, daß zwischen die verbundenen Begriffe eine Beziehung tritt, die nicht aus dem Inhalt der Begriffe selbst schon resultiert, daher sie eines äußern Zeichens zu ihrem Ausdruck bedarf, ln der Sprache sind die Ausdrucksmittel dieser Beziehung entweder Präpositionen oder gewisse Kasussuffixe, welche eine ähnliche Bedeutung wie die Präpositionen besitzen. Niemals kann aber liier, wenn ein Kasussuffix bei der Entwickelung der Sprache verloren geht, die Beziehungsform selbst die äußere Bezeichnung verlieren, sondern es pflegt dann regelmäßig eine Präposition an die Stelle zu treten .... Allen äußern Beziehungsformen liegt entweder eine Raumanschauung oder eine Zeitanschauung oder die Vorstellung einer Bedingung zugrunde; sie zerfallen also in lokale, temporale und konditionale.“ Zunächst wollen wir feststellen, daß Wundt hier unter Beziehungsformen offenbar logische Beziehungen versteht, und darauf Hinweisen, daß er auch hier wieder, wie bei den Determinationen, äußere und innere Beziehungsformen unterscheidet, wenn er auch von den letztem nicht spricht, so daß unbekannt bleibt, was er mit der liede von äußern Beziehungsformen meint. Das Motiv seiner Einteilung der Determinationen ist ein doppeltes: ein syntaktisches und ein logisches. Bei den Innern werden die Begriffe (richtiger: Namen) ohne Hilfe irgend welcher Semantika aneinandergereiht, bei den Äußern nicht. Bei den Innern resultiert die Beziehung aus dem Inhalt der Begriffe selbst, bei den Äußern nicht, sondern aus einer Vorstellung von Zeit, Kaum, Bedingung, die den zu einer Determination verknüpften Begriffen an sich fremd ist. Das Letztere klingt wohl seltsam, da alles Sein und Geschehen an Zeit, Ort und Kausalität gebunden ist, allein es steht so geschrieben. „Die innere Determination läßt zwei Hauptfälle unterscheiden: die attributive und die objekt ve Beziehungsform.“ 1 Daraus sollten wir schließen, daß der äußern Determination andere „Beziehungsformen“ eigen sind. Aber wir werden diesbezüglich bald eines ändern belehrt. Es ist richtig, daß Attr bute und Objekte Determinatoren sind; allein ebenso richtig ist, daß sie zumeist nicht unmittelbar, sondern mittels bestimmter Formantia (Endungen, Präpositionen, Nebensätze) mit dem Determinant verbunden werden. Als Beispiele hieftir nennt Wuiult selbst: Das Haus des Vaters, ein Becher Weines, einer Schuld anklagen, Aaußdivsiv t?(; tou xoiroui ; ilie letzten drei Fügungen nennt Wundt attributiv, nicht objektiv; aquam bibere bezeichnet er als objektive, aber vinum bibere als attributiv oder auch nach Belieben als objektiv anzusehende Verbindung, weil die Kasusbezeichmmg fehlt und folglich der logische Zusammenhang ein anderer sei; „Bei der Hand fassen“ sei als äußere Determination eine ungenaue (Ibersetzung und ein anderer Gedanke (aber welcher?) als Xajißavsiv ^sipdc, ebenso verhalte sich „nach Rom gehen“ zu Romain ire! Folgerichtig müßte Wundt auch sagen, Naxum ire sei ein anderer Gedanke als in Naxum ire, „eine Menge Fische“ ein anderer als „eine Menge von Fischen“, „König von Bayern“ ein anderer als „König Bayerns“, tlie nio-tlier’s book ein anderer als tlie book of the motlier, le livre de la mere sei eine ungenaue Übersetzung von liber matris usw. Ferner ist Wundt entgegenzuhalten, daß zwischen XaiiSavsiv und ystpo'?, azo^a'sailai und axo7rau, „ein Becher“ und „Weines“ sicher eine lokale Beziehung stattfindet, zwischen „Schuld“ und „anklagen“ eine konditionale (kausale). Demnach wären diese Beispiele Fälle äußerer Determination. Als Beispiele äußerer Determination führt Wundt an: „Der Vogel auf dem Baume, das Kreuz neben der Kirche, ein Brief mit Geld, mit Begeisterung reden, wegen Beleidigung klagen“ usw. Statt „ein Brief mit Geld“ kann man völlig gleichbedeutend sagen „ein Geldbrief“, wie man statt der angeblich attributiven, innern Determination „ein Becher Weines“ sagen kann „ein Becher mit Wein“ und statt „mit Begeisterung reden“ „begeistert reden“. „Ein Geldbrief“ und „begeistert reden“ wären aber nach Wundt innere Determinationen. Wundt räumt allerdings ein, daß bei „äußern“ Determinationen der determinierende G egen stand s-begritf nicht selten in einen Eigenschaftsbegriff verwandelt werden könne (und damit eine äußere Determination in eine innere), behauptet aber, daß damit eine logische Veränderung notwendig verbunden sei. Zwischen einem „eisernen Tor“ und einem „Tor von Eisen“ bestehe ein logischer Unterschied, da man bei diesem, nicht aber bei jenem, an seine Entstehung oder Verfertigung denke. Ich bestreite die Richtigkeit dieser Künstele’. Ich finde keinen Unterschied zwischen „Karlsbader Zwieback“ und „Zwieback aus Karlsbad“, zwischen „die Dichter nach 1 Die Unterscheidung von attributiven und objektiven Formen gehört der Grammatik und nicht der Logik an; sie gilt nicht den Begriffen, sondern deren lautlichen Zeichen. Zu den attributiven Beziehungen rechnet Wundt auch die durch Adverbia ausgedrückten. Was sind aber die Adverbia? Zum gröUern Teile „erstarrte“ Kasus, sehr viele ein Akkusativ, den Wundt irriger Weise als den einigen Objektkasus ansieht (S. 1407). Man erinnere sich an die Ausdrücke: statim stant signa, caesim ferio, multi-tudinem partim interfecerunt, magnum clamare, tantum progredi, rfi’J ysXav, 7ipocpaaiv, Saxpusiv TTixpov, auptov, TTjjxspov, -oXXi -pm^v, ot-X^v, pwtxpav, T7iv (Mehr bei K. Brugmann. Kurze vergl. Gramm, der Indogerm. Sprachen. S. 446 ft.) Es bestc-ht also zwischen attributiven und objektiven Bestimmungen, wenn zu jenen auch die Adverbia gerechnet werden, kein wesentlicher sprachlicher Unterschied; was berechtigt dann, einen logischen zu setzen? Homer“ und die „nachhomerischen Dichter“, zwischen „Hungertod“ und „Tod wegen- Hungers“, zwischen „Wiener Reise“, „Wienreise“ und „Reise nach Wien“. Die Sprache hat genug Mittel, um ebendenselben Gedanken mannigfach auszudrücken, und es ist durchaus verfehlt, hinter grammatisch verschiedenen Zeichen immer verschiedene Gedanken zu suchen. Eine und dieselbe Figur ergibt je nach der Gestalt und Lage der Projektionsfläche die verschiedensten Projektionen; es wäre aber verkehrt, aus der Verschiedenheit der Projektionen auf die Verschiedenheit der projizierten Figuren zu schließen. Verschiedene Projektionen können dieselbe projizierte Figur bedeuten. Hin gleiches Verhältnis besteht zwischen Ausdrücken und Ausgedrticktem. VI. Begriffsarten. § 1. Die Wundtsche Einteilung der Begriffe. In Anlehnung an die Aristotelischen Kategorien teilt Wnndts „Logik“ die Begriffe in Gegenstandsbegriffe ein, denen die Substantiva, in Eigenschaftsbegriffe, denen die Adjektiva und Numeralia, in Zustandsbegriffe, denen die Verba, und in Heziehungsbegriffe, denen die Orts- und Zeitadverbien, Präpositionen, Kasusendungen, Tempora und Modi des Verbums entsprechen. Die ersten drei Begriffsformen lassen sich in einander umwandeln, „während niemals ein Begriff in eine Beziehung oder diese in jenen iiberge :en kann“. Die Pronomina, die alle vier Begriffsarten bezeichnen können (hie, talis, id, quo?), sind bei dieser Einteilung übergangen worden, vielleicht wegen ihrer Unfügsamkeit. Die Biegungsendungen an sich bezeichnen keine Begriffe. Begriffe aller vier Arten können Gegenstände, nämlich wenigstens Gegenstände psychischer Akte sein, so dali die „Gegenstandsbegriffe“ nicht in disparatem Verhältnis zu den übrigen stehen. Ferner ist jede Beziehung, wie ich Wundt schon Vorhalten mußte, zum mindesten ein Begriff, so daß es nicht angeht, von einer Umwandlung von Beziehungen in Begriffe zu sprechen. Namen wie Ähnlichkeit, Gleichheit, Vaterschaft, Ursache drücken Beziehungsbegriffe aus, die sieh weder durch Adverbien, noch durch Präpositionen, Kasusendungen, Tempora und Modi bezeichnen lassen. Beziehungen werden auch als Eigenschaften aufgefaßt. So gilt z. B. die Beziehung eines Magnetpols zu den Polen anderer Magnete und zu seinem Gegenpol als seine kennzeichnende Eigenschaft; die adjektivisch gebrauchten Ordnungszahlwörter drücken Beziehungen aus usw. § '2. Der Wechsel der Begriflsarten. Die Wundtsche Einteilung der Begriffe ist also logisch unrichtig; sie ist eben eigentlich nur eine Klassifikation von Namen, die ursprünglich von Grammatikern zu Zwecken des Sprachunterrichts vorgenommen wurde. Aber die logischen Kategorien decken sich mit den sprachlichen nicht. Wundt verwechselt allzu oft Namen und Begriff, so wenn er sagt (S. 118): „Am meisten werden Gegenstands- in Eigenschaftsbegriffe übergeführt, viel seltener entwickeln sich aus diesen beiden solche Begriffe, die einen Zustand bezeichnen (sic!) und demnach in verbaler Form angewendet werden können. Ausdrücke wie fischen, blitzen, vertieren und ähnliche sind sprachlich seltenere Bildungen, ein deutliches Zeichen, daß es dem Denken einigermaßen widerstrebt, das, was als Gegenstand oder was als dauernde Eigenschaft gedacht ist, in ein Geschehen oder einen vorübergehenden Zustand zu verflüssigen.“ Was Wundt hier vorträgt, ist nicht Logik, sondern Etymologie, aber falsche Etymologie. Hätte er sich im deutschen Wortschatz genauer umgeschaut, so hätte er seine Meinung sicher bald berichtigt; wenigstens hätte er zum Beweise seiner Behauptung auf empfindliche Mängel und Lücken in unserem Wortvorrat hinweisen sollen. Selbstverständlich bilden die Sprechenden in der Regel Wörter nur nach Bedarf und ungebrauchte, überflüssige Wörter pflegen zu verschwinden. Auch ist nicht zu übersehen, dali die Eigenschaftswörter verhältnismäßig nicht zahlreich sind. Die folgenden teils alphabetisch, teils organisch geordneten, leicht zu vermehrenden Beispiele mögen Wundts Irrtum erweisen. Den Umfang dieser Zusammenstellung wird nicht bloli die erforderliche Rücksicht auf die Autorität Wundts rechtfertigen, sondern auch das Interesse, das sie an sich weckt, und ihre Eigenart, weil eine solche meines Wissens noch nicht unternommen worden ist. A. Von Hauptwörtern abgeleitete Zeitwörter. 1. abraupen, äffen, ausflöhen, berappen, bocken, büffeln, einhamstern, fischen, sich fuchsen, getigert, hudeln, hunzen, kalben, krabbeln, krebsen, lammen, lämmern, lausen, mausen, nachpapageien, ochsen, schweinigeln, schwanen, unken, verpuppen, versauen, verschweinen, verwanzen, wölfen, wurmen; 2. berlinern, bertillonisieren, bessemern, boykottieren, bramarbasieren, cham-pagnisieren, damaszieren, galvanisieren, germanisieren, guillotinieren, hänseln, jüdeln, makadamisieren, nadern, pasteurisieren, röntgen, russifizieren, sächseln, schweningern, slawisieren, tunisieren, verballhornen, verjuden, verkarsten, ver-preulien, vertscheehen, verwelschen, verwenzeln, wienern; 3. adeln, begaunern, begönnern, beherrschen, doktern, einbiirgern, enfr-göttern, fabrizieren, fuhrwerken, gesellen, hexen, knechten, kutschieren, lotsen, Himmeln, lumpen, meistern, musizieren, narren, proletarisieren, rekrutieren, schauspielern, schlossern, schmieden, schneidern, schuften, spionieren, schustern, teufeln, tischlern, übertölpeln, verbauern, vergöttern, verludern, versklaven, vertrotteln, wursteln; 4. wurzeln, zwiebeln, stammen, stielen, bestocken, verstocken, entrinden, verzweigen, verästeln, ranken, belauben, blättern, knospen, verblümen, fruchten, besamen, kümmeln, entkernen, schälen, zerfasern, b,äumen, holzen, straucheln, grasen, pflanzen, bewalden, aufforsten, bemoosen; f>. abnabeln, abschuppen, anschnauzen, artikulieren, auf halsen, aufpelzen, äugeln, ausbauchen, balgen, befiedern, beflügeln, begeistern, begeifern, behaaren, behaupten, beherzigen, beherzt, beleibt, beschienen, beseelen, bespeieheln, breitgestirnt, sich brüsten, buckeln, eingefleischt, einhändigen, einverleiben, eitern, entnerven, fetten, filzen, fußen, sich füßeln, sich gallen, geadert, gefingert, ge-i’ippt, gängeln, gliedern, gezähnt, gehörnt, gurgeln, handeln, hantieren, harnen, häuten, kiefeln, knien, köpfen, laichen, sich locken, maulen, munden, münden, näseln, niesen, organisieren, purzeln, röcheln, rotzen, rümpfen, runzeln, sich schnäuzen, schultern, schwänzeln, schwänzen, Schnäbeln, schrammen, schrämen, schweißen, schweifen, stimmen, tränen, umarmen, umhalsen, umkrallen, vergällen, verknöchern, verkörpern, verkrüppeln, vernarben, verstümmeln, vertonen, verwunden, zahnen, zerfleischen, züngeln. 6. befeinden, befreunden, begatten, bemannen, bemuttern, bevölkern, beweiben, entjungfern, ehelichen, entmannen, entmenschen, heiraten, popularisieren, paaren, verbrüdern, vermenschlichen, verschwägern, versehwistern, versippen; 7. abrahmen, balsamieren, ankreiden, äschern, amalgamieren, auspichen, bekiesen, bekohlen, bemakeln, berußen, beschmutzen, beweihräuchern, blechen, bronzieren, brühen, buttern, dampfen, dämpfen, dunsten, einbalsamieren, einseifen, elektrisieren, emaillieren, entbezinieren, entfetten, färben, feuern, flammen, füttern, sich giften, goldieren, gummieren, lackieren, laugen, landen, leimen, lichten, lüften, magnetisieren, marinieren, marmorieren, massieren, milchen, misten, mosten, mustern, ölen, oxydieren, papierein (dial.), pappen, pflastern, pulverisieren, phosphoreszieren, qualmen, rauchen, räuchern, riechen, salzen, schichten, schlämmen, schmirgeln, schottern, schwefeln, schroten, stählen, stäuben, steinigen, teeren, überglasen, ventilieren, verduften, vergasen, vergiften, verglasen, vergolden, verharzen, verkalken, verkleistern, verkupfern, vernickeln, vermuren, verpulvern, versanden, versilbern, versteinern, versumpfen, verzinnen, wässern, wichsen, wursten, würzen, zertrümmern, zuckern; 8. akklimatisieren, beeisen, bereifen, betauen, bewölken, ebben, fluten, gewittern, frösteln, gestirnt, gipfeln, hageln, landen, nebeln, sich sonnen, schäumen, strömen, stürmen, vergletschern, verweltlichen, verwittern, sich wellen, wettern, wittern; 9. herbsten, sich jähren, lenzen, nachten, nächtigen, sommern, stunden, tagen, wintern, zeitigen; 10. abecken, abkanten, abzirkeln, beziffern, chiffrieren, dritteln, ebnen, kapitalisieren, karrieren, kreisen, kreuzen, kubieren, kugeln, lasten, linieren, potenzieren, punktieren, quadrieren, radizieren, räumen, rotieren, versöhnörkeln, walzen, würfeln, zacken, zählen, zinsen, zentrieren, zirkulieren ; 11. abkrageln, bandeln, bändern, behandschuhen, behosen, bemänteln, beschuhen, bestrumpft, bürsten, gürten, kappen, kleiden, knüpfen, maskieren, miedern, panzern, pomadisieren, pudern, putzen, salben, schminken, schmücken, schnallen, schürzen, stiefeln, verlarven, zieren; 12. ackern, aufspeichern, bedachen, biwakieren, blockieren, einkellern, ergattern, fensterin, hausen, kampieren, kanalisieren, kasernieren, kneipen, kramen, lagern, mauern, nesteln, nisten, plänkeln, schulen, tünchen, türmen, Uberbrücken, umwallen, umzäunen, unterminieren, unterkellern, verbarrikadieren, vergittern, verhütten, verpallisadieren, verschanzen, zimmern; IIS. alarmieren, angeln, anflegeln, ankern, anketten, auseilen, auf bahren, aufgabeln, auf klinken, ausschroten, ballen, besolden, betten, beuteln, bombardieren, bremsen, buchen, bügeln, bündeln, dielen, eggen, einkasteln, einrahmen, einschränken, einwaggonieren, erdolchen, drahten, fädeln, fassen, federn, feilen, fesseln, fideln, flaggen, flöten, geigen, geißeln, hämmern, hobeln, kämmen, karren, keltern, ketten, klammern, ködern, kränzen, kreuzigen, kurbeln, leiern, lochen, löten, löffeln, meißeln, münzen, nadeln, nageln, netzen, niedersäbeln, orgeln, pauken, peitschen, pfählen, pflügen, pinseln, polstern, pumpen, radeln, rädern, rändern, sich ringeln, röhren, rösten, rudern, satteln, schaufeln, scheren, schiffen, schildern, Schlägeln, schnüren, schrauben, segeln, siegeln, spiegeln, spitzen, spießen, spornen, spulen, stacheln, stempeln, steuern, stochern, stocken, stricken, tapezieren, tafeln, täfeln, tifteln (von top), tippeln, tischen, trommeln, trompeten, umgarnen, verbüchern, verkorken, vermöbeln, vertäuen, zäumen, zetteln, zmlecken, zügeln, zürnen; 14. abkanzeln, abkarten, amtieren, ängstigen, anheimeln, anmuten, antworten, argwöhnen, beanstanden, beeidigen, befehden, befriedigen, befürworten, beglücken, begnaden, begönnern, begründen, bekriegen, beleumunden, bemächtigen, bemängeln, beseitigen, sich bewahrheiten, bilden, buchstabieren, durch- löchern, eklen, eifern, enden, erben, erkunden, feiern, freveln, fürchten, geizen, gespenstern, grübeln, hadern, härmen, höhnen, huldigen, idealisieren, kämpfen, kriechen, kujonieren, künsteln, loben, lohnen, peinigen, pfänden, phantasieren, philosophieren, preisen, quälen, raisonnieren, rasten, regeln, respektieren, schmerzen, spanen, spaßen, spotten, stimmen, strafen, sündigen, streiten, tändeln, tadeln, teilen, träumen, trösten, urteilen, verantworten, vergegenständlichen, vergöttern, vergegenwärtigen, verlauten, verständigen, verunglücken, verursachen, vervollständigen, verzweifeln, witzeln, zeichnen, zerstiicken, zürnen; 15. bahnen, grenzen, markieren, markten, unentwegt, verländern, verstaatlichen, zollen; 16. Frühstücken, jausen, nachtmahlen, speisen, vespern. B. Von Eigenschafts-, Zahl-, Umstands- und Vorwörtern abgeleitete Zeitwörter. 1. blauen, bläuen, bleichen, blenden, bräunen, dunkeln, düstern, erblassen, erblinden, erhellen, grauen, grünen, klären, reinigen, röten, säubern, trüben, verdeutlichen, verfinstern, vergilben, schwärzen, weißigen; 2. stillen, verstummen, betäuben, beruhigen, beschwichtigen; 3. abstumpfen, anstrengen, befeuchten, dichten, dorren, dörren, erweichen, festigen, gären, glätten, härten, kräftigen, kräuseln, lockern, mildern, nässen, rauhen, schärfen, schmeidigen, starren, trocknen, verfeinern, verflüchtigen, verflüssigen, vergröbern, versteifen, verweichlichen; 4. erbittern, verbittern, versauern, versüßen; 5. kühlen, sterilisieren, wärmen, erkälten, erfrischen, erhitzen; 6. abschrägen, abmagern, abplatten, beengen, berichtigen, entfernen, erhöhen, erniedrigen, erweitern, höhlen, krümmen, kürzen, langen, längen, sieh nahen, nähern, parallelisieren, plätten, rechten, runden, schielen, schmälern, stärken, schwächen, verbreiten, verbreitern, verdicken, verdünnen, verflachen, vergrößern, verkleinern, verlängern, vermehren, vermindern, verringern, vervielfachen, vervielfältigen, vertiefen; 7. einen, einigen, entzweien, erleichtern, erschweren, halbieren, mäßigen, mobilisieren, verdoppeln, vereinfachen, zehnten; 8. sich aneignen, ärgern, bangen, sich befleißigen, befreien, begütigen, begünstigen, belästigen, bereichern, berichtigen, besänftigen, beschönigen, beseligen, bessern, beteuern, betören, bewilligen, bewillkommen, billigen, zivilisieren, demütigen, einschüchtern, entfremden, entmutigen, sich erdreisten, sich erfrechen, ergänzen, erheitern, sich erkühnen, erlustigen, ermatten, ermüden, ermuntern, ermutigen, ernüchtern, erschlaffen, fälschen, faulen, faulenzen, fertigen, frommen, generalisieren, heiligen, kargen, klügeln, künden, läutern, nötigen, offenbaren, sänftigen, schlichten, verallgemeinern, verähnlichen, verargen, verarmen, verbösern, verdeutschen, veredeln, vergüten, vergewaltigen, verlauten, vernachlässigen, veröffentlichen, verrohen, verschlechtern, versinnbildlichen, verteuern, verübeln, verunreinigen, verwirklichen, wildern, wüsten; 9. altern, erkranken, erneuen, gesunden, kränken, kränkeln, siechen, töten, verewigen, verfrüht, verjüngen, sieh verspäten, welken; 10. beschleunigen, schnellen, verlangsamen, überraschen; 11. äußern, äußerln (dial.), bejahen, begegnen, durchqueren, entgegnen, erinnern, erobern, erübrigen, erwidern, fördern, hindern, verneinen. C. Von Fürwörtern abgeleitete Zeitwörter: alterieren, ändern, duzen, ihrzen, siezen. Die angeführten Beispiele zeigen zur Genüge, daß die Sprache ihren Bedarf an Zeitwörtern auch ungescheut und oft bei Haupt- und Eigenschaftswörtern, ja sogar bei Vorwörtern deckt. Hirt (Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 1009. S. 199) hält es auch für wahrscheinlich, daß die Zeitwörter im Indogermanischen sich aus den Hauptwörtern entwickelt haben. S H. Haben die Hauptwörter einen abstrakten Charakter? Wundt hält es für wichtig, darauf hinzuweisen, daß die Begriffe (lies: Namen) durch Überführung in „Gegenstandsbegriffe“ einen abstrakten Charakter gewinnen. So sei die Schlacht abstrakter als das Schlagen, die Gabe als das Geben, das Grün als die Eigenschaft grün. Die Hauptbedeutung dieser Umwandlung aber bestehe darin, daß die Begriffe durch die Überführung in die gleiche Kategorie mit einander vergleichbar werden. Es ist richtig, daß die Schlacht vom Schlagen stammt; aber jenes hat einen reichern Inhalt. Eine Schlacht ist das Aufeinanderschlagen feindlicher Parteien zum Zwecke des Sieges unter Verwendung von Waffen —, woran noch niemand denkt, wenn ich nichts als Schlagen sage. Es läge näher, Schlag mit Schlagen zu vergleichen. Nun hat dieses Hauptwort verschiedene Bedeutungen: Es bezeichnet: 1. nichts als eine Handlung und dann ist es ebenso abstrakt wie Schlagen; 2. den Erfolg dieser Handlung und zwar a) die durch Schlagen verursachte Erschütterung, Beschädigung, Verletzung; b) einen gerodeten Wald oder Waldteil; c) soviel wie Gepräge, Typus, Kasse, Art, eine bestimmte Verbindung von Merkmalen. Bei a) und b) kommen zum Schlagen noch andere Merkmale hinzu; die betreffenden Vorstellungen sind also inhaltlich reicher als Schlagen; bei c) ist ein Vergleich hinsichtlich der Zahl der Merkmale unmöglich, weil sich die Wortbedeutung völlig geändert hat. Gabe ist ein Gegebenes, ein Gegenstand, an dem sich ein Geben vollzieht oder vollzogen hat. Der Begriff Gabe enthält also keinesfalls weniger Merkmale als der Begriff Geben. Das Grün kann keinen ärmeren Inhalt haben als grün; welches Merkmal sollte auch jenes weniger besitzen? Hie substantivische Form das Grün hat nur einen formalen Wert. Sie ist ein Hinweis darauf, daß wir hier die bei Grün übliche Verbindung mit einem Hauptwort nicht erwarten, sondern den Inhalt des Begriffes gesondert betrachten sollen. Man vergleiche: „Das Grün der Wiesen tut dem Auge wohl“ und: „Die grünen Wiesen tun dem Auge wohl“. Man kann also nicht ohne weiteres mit Recht sagen, daß Hauptwörter abstrakter sind als Eigenschaftswörter, die der gleichen Wurzel entstammen. Wie wollte man beweisen, daß „Träger, Trog, Truge, Tracht“ Abstrakteres bedeuten als „tragen“, „der Braten“ als „braten“, „der Trunk, die Tränke, der Trinker“ als „trinken“, „das Heft“ als „heften“, „das Licht, die Leuchte, der Leuchter“ als „leuchten“, „die Wiege, die Wage, das Gewicht“ als „wiegen“ und „wägen“, „die Schlinge, die Schlange, der Schlingel“ als „schlingen“ usw.? Wundts Irrtum läßt sich nur aus seiner vornehmlichen Beschäftigung mit sehr abstrakten Substantiven sowie aus seiner Neigung, die Logik auf das Prokrustesbett der Grammatik zu strecken, erklären Seltsamerweise ist bei Lindner und Leclair (a. a. O. S. 27) eine der Wundtsehen Meinung kontradiktorisch entgegengesetzte zu lesen, nämlich daß konkrete Begriffe gewöhnlich durch Hauptwörter, abstrakte durch Eigenschafts- und Zeitwörter bezeichnet werden. § 4. Äquipollente Begriffe. Äquipollent heißen nach Wundt gleiche, aber verschieden bezeichnete Begriffe, nach Lindner und Leclair aber jene, die bei teilweise verschiedenem Inhalt einen und denselben Umfang haben. Nach diesen widerstreitenden Definitionen sollte man den Namen „äquipollent“ für äquivok halten; es ist aber sicher nicht der Fall. Denn Wundt fügt gleich hinzu, daß die Verschiedenheit der Bezeichnung auf Verschiedenheiten der Bedeutung hinweise, von denen aber abgesehen werde. Allein auf etwas hinweisen, um davon abzusehen, ist ein unmittelbarer Widerspruch. Wer bald diesen, bald jenen Namen für einen Gegenstand gebraucht, wird in der Regel wissen, warum er es tut. Wenn ich im Verlauf einer Hede von einer und derselben Person sage: dieser geniale Feldherr— dieser durchtriebene Menschenkenner — dieser von Gier nach Ehre und Macht Berauschte -— dieser untreue Ehemann — dieser rücksiehts- und gewissenlose Menschenschlächter — dieser Meister des lapidaren Stils —, so bediene ich mich mit Absicht dieser verschiedenen Namen. Sie bedeuten an sich Verschiedenes, bezeichnen aber, wie der Zusammenhang lehrt, dasselbe Objekt, indem sie verschiedene Merkmale desselben hervorheben und einander zu einem deutlichem Bilde desselben ergänzen. Daß diese verschiedenen Namen verschiedene Vorstellungen hervorrufen, geht auch daraus hervor, daß sie nicht immer willkürlich mit einander vertauscht werden können. Man kann z. B. nicht ohne Anstoß Napoleon 1. inmitten einer Erörterung seiner Kriegskunst ohne weiteres plötzlich „einen treulosen Ehemann“ nennen und nicht frei nach Goethe deklamieren: H2O rauscht’, H2O schwoll, ein Fischer saß daran . . . usw. Man hat eben von einem und demselben Gegenstand zu verschiedenen Zeiten verschiedene Vorstellungen, man sieht ihn bald von dieser, bald von jener Seite. Umgekehrt kann auch ein Name in einer und derselben Person zu verschiedenen Zeiten verschiedene Vorstellungen hervorrufen, er tut das oft erst recht in verschiedenen Personen. Der Name ..Kind“ verknüpft sich leicht mit ändern Vorstellungen in einem Kind, mit ändern in einer Mutter, einem Maler, einem Lehrer, einem Arzt usw. In noch höherem Maße müssen verschiedene, an sich sinnvolle, gewisse Merkmale hervorhebende Namen eines und desselben Gegenstandes diese Wirkung hervorrufen. Darum würde man am besten jene Namen oder Vorstellungen äquipollent nennen, die sich unter Hervorhebung (Beachtung) gewisser Merkmale auf einen und denselben Gegenstand (Merkmalträger) beziehen. Synonym sind dann jene Namen, die denselben Gegenstand ohne irgend welche Hervorhebung besonderer Merkmale bezeichnen, wie Stuhl und Sessel, Stock und Stab, Kleid und Gewand, Faden, Zwirn und Garn, umbringen und töten usw. § 5. Nebengeordnete Begriffe. Im Grunde lassen sich bei nebengeordneten Begriffen nur folgende Verhältnisse feststellen: 1. Disjunktion und zwar: a) Disjunktion zweier Glieder, also Kontradiktion bei gleichzeitiger Korrelation; b) Disjunktion mehrerer Glieder; die am meisten von einander entfernten heißen diametral (konträr) entgegengesetzt. '2. Interferenz. 3. Diskrepanz. § 6. Kontradiktorische und korrelate Begriffe. Wundt rechnet das kontradiktorische Verhältnis zu den unbestimmten; offenbar schweben ihm hiebei jene mehrgliedrigen Disjunktionen vor, bei denen einem Glied A alle ändern als Nicht-A entgegengestellt werden. Die Unbestimmtheit dieses Gegensatzes ist aber nur eine teilweise, relative. Im Satze: „Die obere Hälfte jener Scheibe ist nicht rot, die untere ist weiß“ entbehrt der negative Teil doch nicht einer unter Umständen sehr wichtigen Charakteristik. Lindner und Leclair haben nicht eingesehen, daß alle kontradiktorischen Begriffe korrelat und alle korrekten kontradiktorisch sind. Sie fuhren (S. 47) zwei Reihen von Beispielen korrelativer Begriffe an: 1. Lehrer-Schiller, Gläubiger-Schuldner, Patron-Klient, Gönner-Günstling; 2. Anode-Kathode, Sonnenauf-Sonnen-untergang, Norden-Süden, rechtes-linkes Ufer, Tag-Nacht. Von der ersten Reihe sagen sie aus, daß jedes Individuum gleichzeitig unter beide Begriffe fallen könne, von der zweiten, daß sie unter die kontradiktorischen Gegensätze falle. Aber auch die disjunkten Glieder der ersten Reihe stehen in kontradiktorischem Verhältnis zu einander. Von an einem und demselben Unterricht beteiligten Personen ist jede entweder Lehrer oder Schüler, von den an einem Darlehen Beteiligten ist jeder entweder Gläubiger oder Schuldner usw. Anderseits geht die Sonne, die für uns untergeht, gleichzeitig ändern auf, derselbe Ort liegt für den einen Beobachter im Norden, für den ändern im Süden, für den einen links, für den ändern rechts. Die ebengenannten Verfasser unterscheiden drei Fälle kontradiktorischen Gegensatzes; die ersten zwei finden statt, wenn eine Gattung in nur zwei Arten zerfällt, von denen entweder beide positiv bezeichnet sind (erster Fall) oder die eine positiv, die andere negativ ist (zweiter Fall); im dritten Fall zerfällt eine Gattung in mehrere Arten, von denen eine positiv, die übrigen zusammen negativ bezeichnet werden. Zu dem ersten Fall würden Begriffe gehören wie: links und rechts, außen und innen, Natur und Kunst, Wahrheit und Dichtung (die von L. und L. angeführten Beispiele: „männlich und weiblich, rechte und schiefe Winkel“ stimmen nicht; denn es gibt auch Zwitter, volle und gestreckte Winkel); zum zweiten Begriffe wie: rational und irrational, regelmäßig und unregelmäßig, organisch und unorganisch. Die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Bezeichnung scheint mir in diesen Fällen logisch belanglos zu se n. Es ist logisch ganz gleichgiltig, ob ich sage: „Karl stand neben mir, aber nicht rechts“; oder: „Karl stand neben mir, aber links“; oder: „Karl befindet sich außer Haus“; oder: „Karl befindet sich nicht im Haus“; oder: „Diese Blumen sind ein Naturprodukt“ oder: „Diese Blumen sind kein Kunstprodukt“. Der Inhalt dieser Urteile ist immer derselbe. Wo nur zwei Arten unterschieden werden, ist die negative Bezeichnung der einen Art logisch einer positiven gleichwertig und umgekehrt.1 § 7. Beziehungsbegriffe. Wundt wendet sich (a. a. 0. 112) gegen die ältere Logik, die irregefiilirt durch die Sprache und den (Hauben an die Schablone, übersehen habe, dali es außer den Gattungsbegriffen noch andere Allgemeinbegriffe gebe, nämlich die Beziehungsbegriffe. Darnach sollte man schließen, daß Gattungs- und Beziehungs- 1 Darum dünkt uns naive Tautologie, wenn Homer sagt: Tj p oi Y ußpio-ai ts xal a^pioi ouSk Stxatoi (Od. 9, 175); ’ApfsToi 8’ uTOji.Et.vav doXXes? ooSs cpößr^sv (II. V, 498); 006' £vj'/s.z (11. 5, 287); xal ßaXs IIr(X2ioao ixeoov oaxo? ou8' äcpa;j.apt£v (11. 22, 290). Homer will, ohne sich direkt zu wiederholen, bei seiner Aussage verweilen, um ihr größeren Nachdruck zu verleihen. begriffe kontradiktorische Begriffe seien. Allein bereits S. 104 lesen wir, daß ein Beziehungsbegriff, wenn auch nicht ausnahmslos, zugleich Gattungsbegriff sein kann, und ein paar Zeilen weiter unten, jeder Beziehungsbegriff könne selbständig gedacht werden und stelle dann einen Gattungsbegriff dar! Lindner und Leclair stellen (a. a. O. S. 19) den empirischen Begriffen kontradiktorisch jene gegenüber, „die nur eine Denktätigkeit selbst in ihren verschiedenen Besonderungen zum Inhalt haben“, als wäre die Denktätigkeit selbst nichts Empirisches, was natürlich unrichtig ist. Sie nennen sie „Begriffe des beziehenden Denkens“, wie Gleichheit, Verschiedenheit, Ähnlichkeit, Kraft, Ursache, Wirkung, Einheit, Vielheit, Ganzes, Teil, alle die räumlichen und zeitlichen Beziehungen, und behaupten, die Funktion dieser Begriffe sei dem „denkenden Geiste“ eingeboren und unbewußt. Freilich ist unerfindlich, wieso die genannten Verfasser von diesen unbewußten Funktionen soviel wissen, insbesondere auch, daß sie eingeboren sind. Anhang. Kritisches zur Lehre vom Bewußtsein und Urteil. I. Vom Bewußtsein. § 1. Was ist Bewußtsein? Be.vußtsein haben heißt vorstellen (wahrnehmen und sich erinnern), urteilen und streben. Alle mit Bewußtsein ausgestatteten Wesen heißen lebendig; aber nicht allen Lebewesen wird Bewußtsein zugebilligt, wenn auch Analogien von Seelentätigkeiten sogar bei sogenannten toten Dingen festzustellen sind. Die Pflanzen gelten für lebendig und empfindlich (licht-, wärme-, schwere-empfindlich), aber für bewußtlos. Man spricht auch von lichtempfindlichen Silbersalzen, von empfindlichen Wagen, aber auch von wähl verwandten Elementen, von Anziehung, von Abstoßung, von Auftrieb. Nur eigenes Bewußtsein kann wahrgenommen, fremdes kann nur erschlossen werden, wenn es sich in ähnlicher Weise äußert, wie unser eigenes. Das Bewußtsein wird von der Bewußtlosigkeit durch keine scharfe Grenze geschieden, vielmehr gibt es Uebergänge zwischen beiden, ein Dämmerleben des Bewußtseins, wie dunkles Schwarz durch verschiedene graue Töne unmerklich in hellstes Weiß übergehen kann. Man unterscheidet volles (klares) und teilweises (trübes) Bewußtsein. Bei letzterem bleiben einige Wahrnehmungen ganz aus oder sie werden undeutlich, das Urteilsvermögen und das Gedächtnis versagt, der Wille wird schwach. A on der beginnenden Ohnmacht sagt Homer: „ajA'-pl os ooas xsXaivrj vö:; ixäXotpsv“ (Ilias V, 310) oder: „xar 6