65349 Der osterreichische-ungarische AUSGLEICH Dr. H. Tuma, Landesabgeordnete der slovenischen Marktflecken der Markgrafschaft Gorz-Gradisca. GORZ 1907. »Goriška tiskarna« A. Gabršček. i Der osterreichische-ungarische AUSGLEICH Dr. H. Tuma, Landesabgeordnete der slovenischen Marktflecken der Markgrafschaft Gorz-Gradisca. GORZ 1907. »Goriška tiskarna« A. Gabršček. 65349 CXerhobenen Hauptes« einfach was sagt. — So bleibt nach Springers Ausspruch »im Judentum das einzige Kulturband, \velches die Magyaren mit dem Westen verbindet«. Wenn die ungarische »volltonige Phra- senhaftigkeit und feige Armseligkeib, (Springer, S. 213), wenn diese Transfusion mit ungarischem Jungerblut und jiidischem Element« vvenigstens ein Uebergansstadium der magyarischen »Kulturpolitik« zum hohern, sichern Ziele bildete ! »Doch vvelches Resultat dieser Kulturpolitik«, ruft Dr. Karl Renner aus, »wenn der reichste Boden Europas seine Bevolkerung nicht ernahren kann, wenn der herr- schende Stamm im Jahrzehnte der grossten Vorvvartsbe- wegung von 1890-1900 456 Ortschaften national verloren und nur 261 national gewonnen hat«, wenn die Volksver- treter der Nationalitaten trotz Blut, Verfiihrung und List ihren Einzug in das ungarische Parlament vollziehen ? Konnen kraftige, aus dem eigenen Boden vvachsende Nationen der Čechen und der deutschen Alpenlander mit solchen Elementen verhandeln? Wo ist die Volkskraft, vvel- che Volkskraft vvirbt und bindet? 2 * 20 — IV. Was errangen nach dem Gesagten die oster- reichischen Staatsmanner mit Abschlusse des »Aus- gleiches« also in d er Tat? Die vertragsmassig kodifizierte staatliche und wirt- schaftliche Trennung und Aufschub der vollstandigen, formal durchzufiihrenden Trennung mit 31. Dezember 1917; die augenblickliche Rettung der ungarischen Wirtschaft aus der sicher bevorstehenden Agrar-, Handels- und industriellen Krisis; die Erhaltung der ungarischen Oligarchie; die Frei- machung alier ihrer politischen Machtniittel gegen Kroatien, die Nationalitaten und den Sozialismus; ein Dezennium zur forcierten (Tulpenverein) Entvvicklung der ungarischen Industrie und Handels, der staatlichen, politischen und na- tionalen Organisation; des Hochhalten des ungarischen Kredits durcli den osterreichischen Geldmarkt; das Vereiteln eines allgemeinen Wahlrechts in Ungarn; die sichere Un- terbindung der osterreichischen Industrie und Handels im Verhaltnis zur Entwickiung desselben in Ungarn und Ver- tretung des Weges auf den Balkan durch denselben; die Hemmung der nationalen, politischen und sozialen Ent¬ vvicklung der osterreichischen Nationen durch Aufhaltung der endgiltigen Auseinandersetzung mit Ungarn; die Vor- bereitung zur Teilung des Reiches in einem an Deutschland suzeranen Teil und ein selbststandiges politisch und oko- nomisch feindliches Grossungarn: »Vivmanyok, a melyek egyl6l-egyig elore viszik az orszagot az aliami onallosagon.« (Errungenschaften, vvelche schrittvveise das Land zum selbstandigen Staat vorvvarts- tragen.) »Helyt alltunk a fiiggetlensegi eszmekert, helyt all- tunk lelkiismeretesen es elorevittiik a magyar onallo allami- sagnak kivivasat.« (In stand hielten wir den Ideenkreis der Unabhangigkeitspartei, Stand hielten wir gevvissenhaft und vorvvarts stritten wir zur Erkampfung des selbststandigen 21 ungarischen Staates.) »Hogy a magyar allam, mint onallo allam jelenik meg a kiilfold elott,« »hogy 1917, ev vegere szerzodesileg biztositatott teljes tabula rasa az orszag sza- mara.« (Dass der ungarische Staat als selbststandiger Staat vor dem Auslande erscheint, . . . dass mit Ende 1917 fiir unser Land eine volistannige tabula rasa ve rt ra gsmassig gesichert wurde), erklarte Franz Kossuth vor der herr- schenden Unabhangigkeitspartei. »Megovtuk az orszagot penziigyi es gazdasagi valsagtol« (wir bewahrten das Land vor einer finanziellen und wirtschaftiichen Krisis), bestatigt derselbe Franz Kossuth offen, der Prasident der Budapester Handels- und Gevverbekammer, Leo v. Lanczy auf Umvvegen. »Wenn die Koalitionspartei in eine ungarische Koalition vervvandelt ist, um sie in ein Feld gegen Oesterreich, gegen die Nationalitaten und gegen die soziale Revolution zu einigen, so wird kein Ungar von Herz und Intellekt bei Seite stehen.« (Pester Lloyd 3./4. 1907.). Haben nicht Ungarns Vertreter beim Ausgleich angstlich die volle Frei- heit in Post-, Eisenbahnverkehr und Tarif, Priviiegien nnd Markenschutz gevvahrt, um den Boykott der osterreichischen Waren bis ins Detail durchzufiihren ? Die Teilung des Reiches ist das sichere Resultat der nachsten Zukunft. Die Grundlagen dafur wurden ja schon durch den 1867-er Dualismus geschaffen. Dreist behaupten die geeinigten ungarischen Obstruktionsparteien in ihrer Ad- resse an die Krone (31./7. 1903): »Das Jahr 1867 bildet einen Wendepunkt in dem System der Flerrschaft Eurer Majestat. Mit dem Verluste der italienischen Provinzen war eine Aenderung in der Weltstellung des Reiches eingetreten, die unter dem Szepter Euerer Majestat befindlichen und stehenden Lander haben eine neue Verfassung erhalten und den Volkern wurde die verfassungsmas.sige Freiheit gewahrleistet. Eure Majestat betraten damit das Gebiet der Legalitat, Eure Majestat er- liessen das Inauguraldiplom, legten den Eid auf die Ver¬ fassung ab und die Nation begrtisste diesen Tag mit Freude. Mit der Wiederlurstellung unserer Verfassung haben Eure Majestat mit der zentralisierenden Reichsidee gebrochen.« Der Ausgleich ist nur die Erweiterung dieser Grund- lagen, eine folgericlitige Etappe zum definitiven Zerfall des Reiches. »Der Dualismus ais Rechtsforni bevvahrt sich uberall, im Heervvesen geradeso wie im Zoll- und Handels- bundnis als Automat fiir schrittweise (— egytol-egyig Franz Kossuth’s) Trennung. Diese Tendenz lag vom ersten Tage an in der Rechtsforni selbst, diese war rechtlich unhaltbar vom Anbeginn und faktisch nur solange nioglich, als ein Machtfaktor hiiben und einer driiben gebot und beider In- teressen solidarisch waren.« (Springer, S. 162.) Der Ausgleich bestattigt nur die historische Richtung der ungarischen Politik fiir die Zukunft in Oesterreich feind- seliger Rivalitat: »For if Austria and Hungary part company, it is ob- vious that they will not part as friends.« (Wenn Oesterreich und Ungarn scheiden, so scheiden sie nicht als Freunde. Viator, S. 62). ». . . . i magiari con la loro tendenza a dis- solvere F impero austro-ungarico.« (. . . . die Magyaren mit ihrer Bestrebung Oesterreich-Ungarn aufzulosen. — Fuciano Magrini: II pericolo tedesco; Kramar, S. 175.). Ungarn kann nur auf zwei Wegen zur Bedeutung gelangen. Auf dem bisherigen: indem es auf Grundlage des 1867-er Dualismus liber Oesterreich herrscht, »auf dem Wege der erfolgreichen nationalen Politik auf der 1867-er Grundlage, vvelche dadurch der Nation wertvoll und teuer gemacht wird,« sagte Ministerprasident Graf Tisza bei seiner Antrittsrede Janner 1905 und »was die Ambition eines jeden vvahrhaft tiefer denkenden Ungarn sein muss, dass das Schwergewicht der Monarchie, deren noch eine so grosse vvelthistorische Mission harrt und derren Bestand und Kraft fiir uns so sehr eine Febensfrage bildet, dass der politische Schvverpunk der Monarchie immer mehr auf Ungarn, auf die ungarische Nation falle, dass auf die Ak- 23 — tionen dieser Monarchie die Auffassung der ungarischen Nation, die grossen Ziele unseres Vaterlandes, die grossen Interressen desselben einen entscheidenden Einfluss iiben.« Dieser erstere Weg wurde im Ausgleiche »vertragsmassig« fallengelassen. Nichts steht Ungarn mehr hindernd entgegen, den zweiten Weg zu betreien, den Weg der Trennung imd in der Folge der offenen Feindseligkeit. Das historische Ungarn strebte in der Hohe seiner historischen Entwicklung nach deni Balkan, dort sah es seine Mission. Von der Mitte des 15. Jahrhunderts ber datiert Ungarn seine Anspriiche auf Bosnien, Herzegovina, Rumanien, Serbien und Bulgarien. Die Turken verlegten den Ungarn den Weg, die Schlacht bei Mohacs 1526 trieb Ungarn notgezwungen den Habsburgern in die Arme. Die Tiirkei brockelt vom Balkan ab, die elende Politik Kroatiens, Ser- biens, Bulgariens und Oesterreichs, offnet nun Ungarn einen neuen Weg zur Grosse. Ungarn im Kerne vvar n i e ein aufrichtiger Freund Oesterreichs von Tokoly und Rakoczy bis auf beide Kossuth. »Die Treue der ungarischen Nation fiir das regierende Haus Eurer Majestat vvar schon oft genug Prufungen ausgesetzt , sagt mit feiner Ironie und noch feinerer Drohung die Adresse des ungarischen Reichstages vom 2B./6. 1906 auf die Tronrede des ungarischen Konigs. Der ungarische Patriotismus zeigte sich im vvahren Lichte und echter Ritterlichkeit in Oester¬ reichs Noten des vergangenen Jahrhunderts : im Jahre 1848, in der Convention zvvischen Kossuth und Napoleon III. vor 1859, in der Klapkalegion 1866. Und Ungarn hatte immer gute Freunde bei diesen Bestrebungen. »Strange as it may sound, the only conceivable ally for Germany is Hungary«, (und doch wahr, dass der naturliche Verbiindete Ungarns Deutschland ist; Viator, S. 4). »The conventional view is that vvhile Hungary could stand alone, Austria, on the contrary, could not stand alone, and must inevitably fall to Germany.« (Kann Ungarn allein stehen, so muss - 24 Oesterreich unvermeidlich an Deutschland fallen. Viator, S. 61 .) Der natiirlichste Freund Ungarns war und ist Deutschland. Bismarks Ausspruch : »der Herr von Bohmen wird Herr von Europa«, Sonino’s: »Triest ist der begiin- stigste Hafen fiir ganz Deutschland «, — zeigen anderseits die Richtung, in der sich Grossdeutschland v o r- warts bewegen muss. Deutschland wird zwar ein suzeranes Oesterreich im Zollverein bewahren, aber fiir Ungarn muss Oesterreich zerfallen zur Griindung Gross- deutschlands. Oesterreichs Staatsmanner bauen allem dem weislich vor: die Entfremdung der Sudslawen, die allmahliche Ausscheidung Galiziens und nun der Ausgleich mit Ungarn. Das vereinigte Deutschland, das Russland nach dem Falle Port Arthurs sind Garantien fiir die Bildung einer Ungarn- Balkan-Konfoderation, in ihr finden beide Staaten die natiir- liche Beriihrungsgrenze. Schon vor Russjands asiatischer Politik sprach Katkovv, der Stockrusse, aus : »Polen, Ungarn, Rumanien mittlerer und ostlicher Balkan liegt in unserer natiirlichen Machtsphare, Cisleitanien gehort Deutschland.« Italien als Rufer im Streit vvill die Adria und Albanien. Bindet nicht geographische Lage, nationales und oko- nomisches Interesse Polen, Rumanien, Serbien und Bulgarien an Ungarn ? Hat nicht diese Konfoderation den Landvveg nach dem Orient offen, hat es nicht Ruckhalt an Russland, einen Bundesgenossen an Adrias Ktisten ? Hat England nicht Garantien darin, um mit Gibralter, Malta und Suez den nun einzigen (in Deutschland) Rivalen in Schach zu halten? Durch Oesterreich-Ungarn Zerfall, wird der Anschluss Oesterreichs an Deutschland nur ein nattirliches Geschehnis — erst Zollverein und vvirtschaftliche Einheit, dann poli- tische Abhangigkeit und Vervvachsung. Ungarn beniitzt wohl die Periode des Ausgleiches, um mit Rumanen und Serben sein Auskommen zu finden, die Deutschen, Slo- vaken und Rutenen zu verelenden, die Kroaten von den Serben zu trennen und niederzuhalten. Schule, Gendarmerie und Kerker gegen die Slovaken, Khuen Hedervary gegen — 25 Kroatien werden in einem Dezennium Wunder wirken: slovakische und rutenische Schulen unmoglich gemacht, Kroatien an den Eisenbahnlinien magyarisiert, vom Meer abgeschnitten. Halt den Ungarn auf kroatisch-slavonischem Territorium an den Eisenbahnlinien nicht 17 Schulen mit 2532 Kindern? Taglich bringen sie eigene Schulziige 10 bis 20 km vveit zur Schule. Bei jedem Dorfe, bei allen Wacht- hausern bleibt der Schulzug stehen, wo Schulkinder zu erwarten sind. Die Schulen erhalt die Eisenbahnverwaltung. Bald wird der eiserne Gurtel iiber Kroatien zur Adria ge- schlossen sein und »Khuen Hedervary grofva nagy szerep var a Mayarorszag es Horvatorszag kozott fugoben levo kerdesek elintezesenel« — »Khuen vvartet noch eine grosse Rolle in Kroatien «, sagte unlangst das Organ des Orafen Tisza. Das aristokratische Galizien und Ungarn sind alte Freunde. Galizien hat in Oesterreich seit 1867 eine exzep- zionelle Stellung. Zur Niedervverfung der Bohmen und Slo- venen braucht das liberale Oesterreich die Ausschaltung Ungarns und Galiziens. »Nie honorowo a zdrowo.« Die polnischen Aristokraten verstanden Oesterreich national und okonomisch gut auszuniitzen. Galizien ist fiir Ungarn ein Uebergangsland nach Deutschland. Galizien wird in Ungarn einen eifrigen Beschtitzer seiner Oligarchen, seiner jiidischen Pachter, Fabrikanten und Handler finden. Die Alldeutschen, diese aufrichtigste Partei in Oesterreich, spricht es ja offen aus: Fort mit Galizien, los von Ungarn, dann ist der Weg zu Deutschland frank und frei. V. Oesterreich muss demgemass den Fehler 1867 gutmachen, muss den Ausgleich zuriickvveisen, den entscheidenden Kampf mit Ungarn aufnehmen und riicksichtslos durchfiihren, unter der Devise des oster- reichischen Patrioten Palacky: »Wenn Oesterreich nicht ware, so miisste man eins schaffen.« Haben die oster- reichischen Regerungen an den Volkern tief gesiindigt, hat die Krone mit der Vorsanktion fiir die ungarischen Ver- fassungsgarantien auf ihre vvichtigste Prarogative verzichtet und der ungarischen Willkur Tliiir und Thor geoffnet, so miissten sich Oesterreichs Volker aufbaumen, muss das Selbstbestimmungsbewusstsein des Parlaments erwachen. Oesterreichs Regierungen waren nie Vollzieher des Volkswillens, waren nie Erzieher Oesterreichs Volker. Oesterreichs Staatsmanner sahen nie die geographische, nationale und okonomische Steliung des Reiches. Mit uner- hortem Leichtsinn wurde die adriatische Kiiste iibersehen, Fiume an Ungarn ausgeliefert. »Mit der unerhortesten Fe- lonie ging die adelige Hofclique gegen Kroaten und Slawen vor.* (Springer, S. 38). Ein aus Deutschland entlassener Beust ftihrte mit knabischer Unbefangenheit den Dualismus durch, um die slawischen Nationalitaten an die Wand zu drticken. Jahrzehnte wurden Čechen und Siidslawen kul- terell und vvirtschaftiich niedergehalten und verarmt, eine Beute schmachlicher Renegaten und Strebertums. Alle gros- sen Ausblicke in die Zukunft wurden veschniaht, alle so- zialen Finrichtungen vernachlassigt — aus Angst vor der Mehrheit Oesterreichs Volker. Aus eigener Kraft, erstarkt im Kampfe mit osterreichischen Regierungen, vvuchsen die Čechen auf : — noch heute abgeschnitten von ihrem Fe- bensnerv, der Adria, sind Slovenen und Kroaten. Oester¬ reichs grosse Mission als Donauland, als Band zvvischen den reichsten Sammellandern von Europa, Bohmen und Ungarn, als Uebergangsland zwischen Mitteleuropa und der Adria und dem Balkan losste sich bis nun auf im Prinzipe: divide et impera. Oesterreich lebte vom Zwiste der eigenen Volker. Oesterreichs Staatsmanner gefielen sich im Spotte der eigenen slavvischen Volker, ihrer kiinstlich geschaffenen Zerfahrenheit, der von den eigenen Regierun¬ gen unterhaltenen Riichstandigkeit.« »Innenvvachstum ist — 27 — Signatur der innern Kampfe.« »Und so wird der kulturelle Nationalismus zuni bewussten staatsrechtlichen Internatio- nalismus zum bewussten staatsrechtlichen Internationalis- mus.« »Und doch ist ftir die Siidslaven die Monarchie alle Hoffnung.« (Springer, S. 58, 59, 205). Und doch firiden die Čechen nur in Oesterreich ihre Heimat. Deak schlug das absolutistische germanisierende Gesammtosterreich, indem er jeder Nation ein gewisses nationales Existenzminimum ver- hiess — Oesterreichs Staatmanner untervverfen sich mit dem Ausgleiche Ungarn, weil sie nicht den Mut und die Liebe zum Volke haben, Oesterreichs Nationen gleichzu- stellen, nicht die Fahigkeit haben, einen machtigen fodera- tiven Donaustaat aufzubauen. Oesterreichs Staatmanner scheuen sich, die Oligarchie der judao-magyarischen Kapi- talisten und Aristokraten in diesem giinstigen Augenblicke niederzutreten, dem schmahlichen Renegaten- und janitscha- rentum unter Millionen seiner Volker ein Ende zu machen, Oesterreichs Dunkelmanner blendet eine aufgehende Sonne eines stolzen, machtigen Gesamtosterreichs, der Heimat strebsamer, friedfertiger Volkerfamilien! »Quem deus vult perdere, dementat«, ruft der offenbar deutschliberale, ver- schamt slawenfeindliche Viator den Ungarn, anstatt es Oesterreichs leitenden Mannern zu rufen! Der konigliche Kommissar Fabritius jagt eine ruck- haltslose Clique von Aristokraten, judischen Kapitalisten und Renegaten verschiedener Stamme auseinander, oline das in Ungarn sich ein Finger regt, der konigliche Ober- gespann Kovacs wird in Ungarn blutig geschiagen: »es soli hungern und diirsten wie die Bestie der Wiiste«, sagt das Debreziner Manifest. Die koniglich ungarische Krone stellt als Bedingung eines Regierungsprogrammes auf: »Die Grundlagen der pragmatischen Gemeinsamkeit, sowohl in Bezug auf die Armee als auch auf die auswar- tigen Vertretungen bleiben vollkommen unberuhrt. »Eine Revison der 1867-er Basis, soferne es sich um wirtschaftliche oder sonstige das Verhaltnis zwischen Oester- 28 — reich und Ungarn tangierende Fragen handelt, wird nicht einseitig zvvischen Krone und ungarischer Nation, sondern nur im Wege eines von der Sanktion Sr. Majestat abhan- gigen Kompromisses zwischen beiden Staaten der Mo- narchie unter Intervention der beiderseitigen Regierungen und von ad hoc ernannten Parlaments-Deputationen er- folgen.* Die ungarischen Parteifuhrer Kossuth, Zichy, Apponyi, Andrassy, Banffy vveisen die Verhandlung mit der unga¬ rischen Krone durch den gemeinsamen Minister des Aeussern zuriick; das konigliche Manifest vom 10./4. 1906 vvendet sich : »An das Volk unseren treuen Ungarns« und erklart. »Es wurde nicht nur die pflichtgemasse Anerkennung der Gesetzlichkeit der Regierung verweigert, sondern durch einen direkten Eingriff in den Machtkreis der exekutiven Gevvalt haben sie den Widerstand der untergeordneten Behorden, namentlich den Widerstand der Munizipien auf- gerufen, geschiirt, organisiert und demselben sogar auch die Richtung in solchen Fragen gegeben, in vvelchen die- selben verpflichtet sind, das Gesetz und die Regierungs- verordnungen unbedingt durchzufiihren. »Wir betrachten die Schaffung einer festen und dauernden Grundlage zwischen den Landern der ungari¬ schen Krone und zvvischen den iibrigen unter unserem Szepter stehenden Konigreichen und Landern im Sinne der pragmatischen Sanktion als die Erftillung unserer hervor- ragenden Herrscherpflichten. Ungarn verdankt dem Aus- gleich vom Jahre 1867 seinen unervvarteten Aufschvvung, und es ware ein Verbrechen, diese Schopfung zu zerstoren, bei deren Zustandekommen die grossten Sohne Ungarns, die begeistersten Anhanger des Vaterlandes mitgevvirkt haben. »Dieser Ausgleich ist ein erganzender Bestandteil der ungarischen Verfassung zu deren Erhaltung wir uns durch unseren Kronungseid verpflichtet haben. — 29 - »Zur Oesamtheit der darin sichergestellten Rechte gehoren aber nicht nur diejenigen, welche der Nation und dem Reichstage zustehen, sondern auch jene Herrscher- rechte, welche ganz offenkundig vereinbarungsgemass dem KSnig zugesichert wurden. Es ist unsere Herrscherpflicht, auch diese Rechte vvahrzunehmen und jedem Angrif ge- geniiber zu verteidigen«. Dieses konigliche Manifest wird vernichtet, die Wort- fiihrer der ungarischen Opposition zu Ministern ernannt, die Vorsanktion fur die ungarischen Verfassungsgarantien erteilt und damit eine planmassige Organisation, jede Durch- fuhrung des koniglichen Willens durch die Exekutive zu vereiteln, moglich gemacht; ein friedlicher Ausgleich wird in Scene gesetzt, um den imminenten okonomischen und politischen Zusammenbruch der ungarischen Clique auf- zuhalten — und damit de facto die Grundlagen der pragmatischen Gemeinsamkeit zerstort. »Weil eine machtlose Clique in Ungarn es so ver- langt, weil unsere eigene Presse, zur Halfte ohne jedes Talent und zur anderen Halfte von Ungarn bestochen, die Sache dieser Clique vertritt« (R. Spinger), weil der oster- reichische Parlamentarismus an kleinlichen Parteienzank krankt und deshalb sich in den Dienst der Regierung un- terordnen muss, stimmt alles in den Ruf: »los von Ungarn!« Weg mit dem Dualismus rufe, ich zu, Ungarns Lage ist dazu reif, des Gesamtreichs Nationalitaten, Unterdrtickte und Heimatlosen harren des Kampfes fur ein geeinigtes und nur dann mogliches und machtiges Oesterreich ! narodna in univerzitetna KNJIŽNICA t