I ; fern öer Mzer. Deutscher ßlaubensbote." « « herausgegeben von der Gesellschaft der „Söhne des hlst.herreus 3esu“. « « Erscheint monatlich 33 Seiten stark. — Preis ganzjährig 3 X — 3 Mk. —4 Frcs. Ar. 1. Jänner 1902. V. IaßPg. Inhalt: Seite Gin MM nuf die lints;. AiffionstWigkeii in Afrilin.............................2 Ire iMauliettstiofe» des bcut/dien Volkes: Der hl. Severin ........ 7 Won Tirol und) Kkerngypien. Von P. Josef Münch, apost. Missionär...............12 Von glitten nndi itiuro...................18 oEcticnsüifbcr deutscher WWonäre: P. H. Seiner. Von P. Xaver Geyer .... 21 Aff Vegerknalic Asais Wahn aimed ... 25 Ans dem Wiffionsselien; Opfersinn dcr Katc-chunicncn. — Die Taufe ein Zauberniittel. AEifcr der Ncophiten....................29 Seite Verschiedenes: Die Bevölkerung Egyptens. — Der höchste Berg Afrikas. — Der Sultan von Morocco und der Bakfchisch ... 29 Marien ucrcin für Afrika ...... 31 Alikisdnngen: Anbetung der hl. drei Könige. — Hl. Severin. — Wasserträger in Kairo. — Dorf mit Daiielham am Nil. — Br. Karl Stobt mit Negerknaben. — P. Heinrich Seiner, S. d. h. H. — Eine Löwenjagd. — Kaiserin Elisabeth-Denkmal. — Segelboote am Nil. '5C\iefemgBn unserer verehrten Leser und Wohlthäter, welche von den vorgrtffeueu ^ Nummern 1 Ms 5 inet. Ms 2. Jahrganges -es „Stern der Neger" überzählige Exemplare besitzen, erlauben wir uns stör stichst ;u bitten, uns dieselben um Gotteslohn und der guten Sache wegen gütigst zukommen lasten zu wollen, da wir an deren Geschein lebhaftes Interesse haben und selbe mit dem größten Danke entgegennehmen. Mrieskasten. N. AN in 28.: Missionsgaben wende man in erster 28. AS.. M. Cd Sintern: „Bergelt's Gott für Linie unseren eigenen Missionshäusern und Missionären zu. die neuen Abonnenten! .-*• i» -I- bei (!)., A'r.-Schlelien: Herzl. Dank; An Mehrere: Das Missionshaus ist nur ans milde wir hoffen, das Gewünschte bald senden zu können. Gaben angewiesen. A. ZS. in 5 di festen: Herzl. „Bergelt's Gott!" I. K. in 2., Hb.-Cllab: In Nom besitzen wir kein 2. 6,., Airnnedi: Die Sache ist geregelt. Haus. Korrespondenz dev Expedition. Eingegangene Geldsendungen. (Vom 1. bis 24. December 1901.) Kür das Missionshaus: Kronen Äus Innsbruck ............................... 40— Joh. Godce, Psarrverweser, Lipoglav, Srnin . . 6,— Filomena Lins, Zains ^............................2,— Durch Pfarrer Zaruba, Komornik, Pr.-Schlesien . 117.50 Bucherbäuerin, Älgund bei Meran . . . . . 1,— Maria Waibl, Blars „ „ ...........1,— Anna Dicker, „ „ „ . . , . . 1,— Rosa Brantl, „ „ ...........7,— Anna Schmidmayr, Haag, Nied.-Oesterr. . . . 20.— Joh. Schuchter, Professor am Bincentinum, Brixen 16.— Johann Weiller, Gierath, Rheinprovinz . . . 3.52 P. Gregor Pertl, O. Eist., Rein, Steiermark . . 12,— Johann Gschließer, Pfarrer, St. Lorenzen, Puster- thal................................................10:— M. Oberin, Marienhaus, Waldbreitbach . . . 11.70 Fortunat Gritsch. Cooperator, Psiinders . . . 1.— Joh. Sigl, Pfarrer, Iiiederkappel.......................7.— Georg Poth, Bauer, Eschbach bei Landau, Rhein- pfalz .......................................... . 3.51 G. Wolf, k. k. Schulrath, Salzburg......................3,— Anna Abendreis, Schwaz..................................i._ Joh. Köpfte, Lech-Aschau..........................’ i._ Josef Mähler, Expositus, Wald bei Dalaas, Vorarlberg ................................................4._ Joh. Bachmann, Schneidermeister, Imst . . ! l!— P. Martin Hansal, Wien, Antoniusbrot . . . 10.— Franz Erbler, Zoisel, Post Wels...................1— Anton Landcrl, Privat, Sierning...................1.— Josef Kerndl, Linz................................ " 2."— Jos. Fellner, Gstetten, Post Haag, Niederösterreich 10.— Johann Hochwallner, Haag, Niederösterreich . . 7,— Anton Rieser, k. k. Religionsprofessor, Salzburg . 2,— Joh. Buchner, f.-e. Consist.-Expeditor, Salzburg . 2,— Aus Innsbruck..........................................20,— Maria Haindl, Langenlois ... . ... ~L— Kronen Mapienik Friedrich, Graz.............................3,— Ignaz Saxenhuber, Sieraing......................1.— Alois Rautenkranz, Decan, Flanrling .... 17.— Marie Gitterle, Lienz............................... 1,— R. Seiner, Caplan, Göß, Mitgliederbeitrügc . . 40 40 Josef Ammer, Wels...............................2.— Dr. Josef Pflüger, Domcapitular, Wien . . . 7.— Andreas Bieringer, Furth, Niedcrbaycm . . . 5.84 Elisabeth Bieringer, „ „ ... 14.05 Joh. Arnold, Volders bei Hall, zum Christbaum 2.— Maria Bodner, Lienz.............................1 — Baronin Constance Pillcrsdorff, Wien .... 1,— Wenzel Beza, Nnterlangendorf....................16.— Andr. Stöckl, Domcustos, Salzburg...............1.— Franz Scheuring, Lehrer, Pnsselsheim, Bahern . 17.59 Johann Obermaier, Pötting.......................1.— Fischer, Schlackenwerth..............................8,— Maria Holztrattner, Hallein..........................2,— Aus Bapern....................................... 559.50 Simon Etz, Ried............... . . . . 4,— Josef Faffa, Caplan, Jsenheim.......................1.11 R. Seiner, Caplan, Göß, f. d. Mission v. Assuan (Beiträge eines ungenannt sein Ivollendcn Fräuleins) ........................................... 16.— Durch Prof. Wolf von A. B. v. R., Brixen . . 20.— Josef Nürnberger, Brüx...............................2,— Kür heilige Messen: Heinrich, Schröer, Lehrer, Steele, Westfalen . . 8.77 Jos. Schuchter, Professor am Vincentinum, Brixen 1.— Kath. Staub, Lehrerin, Ahrweiler, Rheinland . 7.03 Elise Fröhlich. „ „ „ . 3.52 M. Oberin, Marienhaus Waldbreitbach.... 3.69 R. Seiner, Caplan, Göß.............................22.60 A. Bieringer, Furth....................: . . . 5.84 5öüc£)er sandten ein: Alois Barot, Pfarrer, Oberhofen, Oberösterreich. Josef Kern, Theologe, St. Pölten. Maria Rdnke, Münster in Westfalen, sandte 2 Altardecken und 3 Altartücher. Baronin Constance Pillersdorff. Wien, Bucher, Bilder, Crucifixe, Wäsche u. a. m. Herzogin Sabran, Kaffee. Gräfiil Julie Schmising-Krossenbrock, Bllcher. Diesen und allen übrigen Wohlthätern sagen wir ein herzliches „Vergelts Gott" und bitten um weitere Unterstützung dieses Missionshauses. Deutscher Glaubensbote. Wr. 1. Jänner 1902. V. Iayrg. Einladung zur Bestellung. der Spitze des neuen Jahrganges danken wir den geehrten Abnehmern unserer Zeitschrift für ihr bisheriges Wohlwollen und bitten, uns auch in Zukunft treu zu bleiben, die Bestellung des „Stent der Neger" für 1902 durch Einsendung des Betrages von z ft. = 3 IHK. — 4 Jr. recht bald erneuern und uns neue Abnehmer zuführen zu wollen. Wir werden uns bemühen, die Zeitschrift auch im neuen Jahrgange wieder zu vervollkonunnen. Durch Bestellung des „Stern der Neger" wird ein hervorragend katholisches Werk unterstützt und zugleich ein österreichisches und deutsches Unternehmen, näm-lich die Entwickelung unseres Missionshauses, worin Rinder unserer cheimat und Söhne unseres Vaterlandes ztt Missionären ausgebildet werden, wesentlich gefördert. —~«es§>— (Ein Vlick auf Me katholische MWonstWigkeit in Afrika. “5)7 och immer verdient Afrika den Namen des dunklen Erdtheils. Denn noch sind größere Theile des afrikanischen Festlandes nicht genügend erforscht, noch lange Zeit wird die Finsternis des Mohammedanismus und die Nacht des HeidenthumS auf den schwarzen Völkern Afrikas lasten. Ist es nicht auffallend, dass dieser Erdtheil, so nahe bei Europa gelegen, von der europäischen Cultur dennoch Jahrhunderte sang- verhältnismäßig weniger und minder dauernd berührt worden ist, als Amerika und Australien? Nehmen wir die Karte zur Hand und vergleichen wir das reichgegliederte Europa und das südliche Asien mit Afrika, so ist einer der Gründe für die lange Abgeschlossenheit des afrikanischen Continents bald gefunden. Wie ein großer ungegliederter Koloss, ohne tiefere Einschnitte liegt der dunkle Erdtheil da, sodass man nur schwer inS Innere dringen kann. Große Wasserstraßen, wie Nil, Sambesi, Kongo, Niger, scheinen den Weg in das Binnenland zu erleichtern, aber vielfache Hindernisse machen großen-theils die Schifffahrt schwierig und unmöglich. Auch das für Europäer so mörderische Klima hat schon seit langem ein erstes Wort mitgesprochen. In Nordafrika bestand schon vor zwei Jahrtausenden eine blühende römische Colonie. Sie ist nicht mehr. Eine nicht weniger blühende christliche Kirche, die sich eines heiligen Augustinus rühmte, war ebendort erstanden. Auch sie ist nicht mehr. Schwert und Fackel in der Hand der Anhänger Mohammeds haben sie zerstört. Aegyptens vieltausenjährige Cultur hat sich nicht weit ins Innere verbreitet. Auch dort blühte die katholische Kirche. Eine traurige Spaltung hat die Kinder von der Mutter getrennt; docy gerade in unseren Tagen scheint es, dass aus die Hirtenrufe des heiligen VaterS viele Nachkommen der alten Kopten, wieder zur Einheit des Glaubens zurückkehren werden. Im klebrigen hat es lange gedauert, bis die frohe Botschaft nach Mittel- und Südafrika getragen ward. Die Glaubensboten sind keine Engel, die sich ohne irdische Verkehrsmittel fortbewegen können, und Gott hat es auch nicht für gut befunden, die Missionäre wie den Propheten Habakuk durch einen Engel an den Haaren mit Blitzesschnelle von einem Ort zum andern tragen zu lassen. Vielmehr ist der Missionär sehr abhängig von den Verkehrswegen. Wo diese nicht sind, kommt auch der Missionär nur langsam voran. St. Paulus und viele seiner Genossen in der Missionsarbeit haben sieh wohl meist an die großen Handels- und Militärstraßen und innerhalb der Grenzen des griechisch-römischen Weltreiches gehalten, und sie haben gut daran gethan. Kaum hatten um das Jahr 1500 die Portugiesen das südliche Afrika für Europäer zugänglich gemacht, da fanden sich auch bald Missionäre, Franeiseaner, Dominicaner, Augustiner und Jesuiten ein, um den Schwarzen von Christus und seinem Erlösungswerke zu predigen. Zunächst im Westen im Kongogebiete, einige Jahrzehnte später im Osten mit Sambesistrom und weiter an der Küste hinauf, endlich auch im Nordwesten am Senegal und Gambia und an der Küste von Oberguinea mit ihrem todtbringenden Klima. —- Etwa zweihundert Jahre haben sie so gearbeitet und Tausende von Negern in den Schafstall Christi eingeführt. Da kam das achtzehnte Jahrhundert mit seiner Glaubenskälte. Portugal, das die Missionen so reichlich unterstützt hatte, sank von seiner früheren Höhe herab und zog sich zurück. Die afrikanische Mission fand bei ihrem Zeitalter keinen genügenden Nachhalt und so gieng die Frucht so vieler Opfer, für die so mancher Missionär sein Leben gegeben, ivieder verloren. Von den portugiesischen Besitzungen südlich vom Kongo zählt man zwar noch eine Viertelmillion Katholiken, aber sieffind es nur dem Namen nach. Wir sehen, was aus der ehemals so blühenden Mission im Westen und Südosten Afrikas geworden war, — eine Ruine. t- Als nach den Wirren der französischen Revolution und den Befreiungskriegen die katholische Kirche allmählich wieder neu auflebte/,'als Klöster und Seminare sich wieder füllten, da gedachte die Kirche auch wieder der verlassenen Schwarzen im dunklen Erdtheile. — Allmählich mehrten sich die Missionsstationen und und Missionäre an der afrikanischen Küste; den Pionieren der Forschung folgten die des Evangeliums auf dem Fuße. Aber mit aller Kraft setzte die Mis-sion erst ein, als die coloniale Aera der 80er Jahre und die durch Livingstone und Lavigerie hervorgerufene Bewegung gegen den Selavenhandel die Mächte Europas mitten ins Herz Afrikas hineinführte und im christlichen Europa eine Theilnahme für die Bewohner des dunklen Erdtheiles wachrief, die den begeistertsten Zeiten der Kreuzzüge nahekommt. Anbetung der bl. drei Könige. . Am wirksamsten verspürte die Hebung des Mis- I Missionsbewegung war die Gründung einer Reihe sions- und Colonialmesens das bisher so vernachlässigte J von Missionsstationen, sowie des Afrikavereins und Afrika. Die bleibende Frucht der Antiselaverei- und | zahlreicher Missionsblätter.^Sreben Diissionszeitschriften s \ : ' —; - bezw. -blatter in deutscher Sprache vertreten z. Zt. ausschließlich die Interessen der afrikanischen Mission, sieben weitere neben anderen Missionen anch die afrikanische. Kein anderes Missionsland, nicht einmal die so überaus wichtigen Missionen in Süd- und Ostasien erfreuen sich einer so regen Fürsorge. Gottes Hand waltet gewiss darin und von ihr dürfen wir uns vertrauensvoll führen lassen, ohne dabei andere und wichtige Missionsaufgaben aus den Augen- zu verlieren. So jungen Datums nun auch die neuzeitliche Mission in Afrika ist, sie kann doch auf schöne Erfolge zurück- 4 Ein Blick auf die Mt). Missionsthätigkeit in Afrika. blicken. Etwa ein Dutzend der jetzt besetzten Missionsgebiete sieht auf eine Arbeit von 40 bis annähernd 60 Jahren zurück. Die anderen — es sind ihrer fast dreimal mehr — sind meist eine Gründung der achtziger und neunziger Jahre. Gleichwohl hat die Mission in dieser kurzen Zeit gegen 280,000 getaufte Heidenchristen gesammelt. In den meisten Missionen ist eben erst der Anfang, die Aussaat gemacht. Eine viel reichlichere Ernte dürfen wir im 20. Jahrhundert hoffen. Das zeigt sich schon jetzt in erfreulichster Weise bei einigen ganz besonders gesegneten Missionen. Die. Jcsuitcn-mission auf der Insel Madagaskar ist von 33,790 Getauften im Jahre 1890 auf 93,805 im Jahre 1900 gestiegen. In ebenso glänzender Weise vermehrte sich in der Mission der Weißen Väter am Nordufer des Nyanza-Sees (Uganda) in den Jahren 1890 bis 1900 die Zahl der Getauften von 5000 auf 50472. Also in einem Zeitraum von 10 Jahren auf Madagaskar eine Vermehrung um fast das Dreifache, am Nyanza sogar um das Zehnfache! (Man beachte dabei die Größe der Anfangszahl; cs ist etwas ganz anderes wenn 30,000 sich auf 90,000, als wenn 100 oder 1000 sich auf 300 bezw. 3000 vermehren.) Das sind nur Ausnahmen, für die wir Gott nicht genug danken können. Aber auch in den anderen Missionen, welche nicht eine so bedeutende Bewegung zur katholischen Kirche zeigen, und in welchen mühsam ein Stein nach dem andern dem geistigen Gottesbau zugefügt werden muss, ist ein Fortschritt unverkennbar. Deutsch-Ostafrika zählte 1890 vielleicht 5000 Getaufte, heute übersteigt deren Zahl 13,000. Für Kamerun gaben die „Missiones Catholicae", ein von der Propaganda in Rom herausgegebenes statistisches Werk 1891 noch keinen Getauften an; 1900 zählten die Pallotinerpatres 2430 Getaufte in der dortigen Mission. Die Steyler Togomission begann ihre Thätigkeit erst 1892; heute giebt es in Togo mehr als 1500 Katholiken. So ließe sich noch eine lange Reihe afrikanischer Missionsgebiete mit mehr oder weniger erfreulichen Resultaten aufzählen; doch wir wollen es kürzer machen, indem wir über den Stand mehrerer geographisch - zusammengehörender Missionsfelder einen kurzen Ueberblick geben. Nicht gleichmäßig sind die Missionäre über ganz Afrika zerstreut. In Westafrika, d. h. vom französischen Senegambien bis hinunter nach Deutsch-Süd-westafrika, stehen etwa 300 europäische Missionäre, Priester und Laienbrüder, und beinahe ebensoviele Missionsschwestern, die sich auf mehr als 100 Hauptstationen vertheilen. An zwei Stellen, oben in Sene- gambien und drunten in Gabun, südlich von Kamerun, haben sic schon länger gearbeitet, seit 1842; alle anderen westafrikanischen Missionsfelder sind -roeit später besetzt. Was haben die Glaubensbotcn in Westafrika erreicht? Dass über 70,000 Schwarze der Heerde Christi angehören. Und das ist nicht der einzige Erfolg. Unter diesen schwarzen Heidenchristen ist neben einer noch kleinen Anzahl eingeborner Priester eine nicht geringe Zahl, die als Lehrer und Katechisten ausgebildet sind und nun schon an der Bekehrung ihrer schwarzen Landsleute mitarbeiten. Wie viele Haupt- und noch weit mehr Nebenstationcn sind in einem halben Jahrhundert gegründet, die als helle Lichtpunkte in die Nacht des Heidenthums hineinstrahlen und dauernd stets wachsenden Segen um sich verbreiten? Dieser Erfolg würde noch weit größer sein, wenn sich hier neben anderen, fast der ganzen afrikanischen Mission gemeinsamen Hindernissen nicht ein besonders furchtbarer Feind der Verbreitung des Glaubens entgegenstellte; das Klima. Noch im Jahre 1900 wurde in Senegambien der Bischof Bulson mit 4 Missionären und 7 Schwestern hinweggerafft. Die Pallo-tiner haben in Kamerun 5 Priester, 10 Brüder und 1 Schwester in zehn Jahren opfern müssen. Die Togomission verlor in den ersten acht Jahren ihres Bestehens: 3 Priester, einen Laienbruder und 3 Schwestern. Weniger tropenfähige Missionäre müssen die Mission zeitweilig oder für immer verlassen, um dem sichern Tode zu entgehen. Vielleicht denkt da der eine oder andere Kleingläubige aus den Lesern: Aber wäre es beim nicht besser, wenn diese Missionen aufgegeben würden, und wenn die Missionäre in gesunderen Gegenden wirkten? —- — Die schönen Worte, die P. Libermann, der ehrw. Stifter der Congregation vom Hl. Geiste, zum Tode seiner ersten wcstafrikanischcn Missionäre (1844) schrieb, mögen diese Frage beantworten: „Sollen wir sie verlassen? Niemals! Das geht nicht. Ich habe größere Hoffnungen als je. Es gibt in jenen ungeheueren Länderstrecken vielleicht mehr als 15 Millionen Menschen, welche niemals etwas von der Botschaft des Heiles, welche unser Heiland auf die Welt gebracht hat, gehört haben, und es scheint mir, dass unser guter Meister uns mit der Verkündigung derselben in jenen Gegenden beauftragt. Sollen wir diese Millionen Seelen bis zum Ende verlassen? Unmöglich, ich würde darüber vor Schmerz sterben. Ich bin auch überzeugt davon, dass die Unserigen, die dort einen frühen Tod gefunden haben, nur Schlachtopfer waren, welche uns die göttliche Gnade in diese Länder hat schicken lassen, um seinen Segen Ein Blick mis die frits). Missionsthatigkeit in Afrika. 5 auf fie herabzuziehen.." (Heilgers, die Gründung der afrikanischen Mission durch den ehrw. P. Libermann. Anweisungen und Belehrungen. S. 83.) „Wenn daS Weizenkörnlein stirbt, dann bringt es viele Frucht)" mit dieser Hoffnung, nicht nur durch ihr Leben, sondern auch durch ihren Tod dem Evangelium zu dienen, ziehen die Missionäre hinaus, und wir wollen sie mit herzlicher Theilnahme ziehen lassen. Die Eifah-rung lehrt, dass gesunde Wohnung, weise Schonung der Kraft zur Erhaltung von Gesundheit und Leben in den Tropen ganz wesentlich beitragen. Dies und der Fortschritt in der medieinischen Behandlung der Tropenkrankheiten lässt auch eine Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse in der westafrikanischen Mission hoffen. Weit geringer als in Westafrika ist die katholische Mission in dem gesunden Südafrika. Die Protestanten, welche hier stellenweise seit einem Jahrhundert missionieren, geben die Zahl ihrer Christen auf 575,000 an, mährend die Zahl katholischer Heidenchristen kaum 12,000 beträgt. Die Fürsorge für die eingewanderten Katholiken nahm soviel Kräfte und Mittel in Anspruch, dass man nur langsam an die Bekehrung der Kaffer» und Hottentotten gieng. Trappisten, Jesuiten, Oblaten von der Unbefleckten Empfängnis und des hl. Franz von Sales theilen sich hier in die Arbeit. Ihr Wirken und ihre gesunde Erziehungsmethode haben die Achtung auch der Andersgläubigen gewonnen. Besonders bekannt und beliebt ist die von Abt Franz gegründete deutsche Trappisten-Mission in Natal geworden. Sie zählt jetzt über 2000 Christen. Die Jesniten-Mission am Sambesi, in der ebenfalls viele Deutsche wirken, hat durch die schweren Opfer an Menschenleben, welche das Klima von ihr forderte, das innige Mitgefühl der katholischen Welt gefunden. In weniger als 20 Jahren wurden in dieser Mission 60 Missionäre hinweggerafft. Und ein Orden, der in solcher Weise seine Kräfte für den Dienst Gottes und der Seelen opfert, wird von der protestantischen Missionspresse als aller schlechten Praktiken fähig hingestellt! — Südafrika zählt mehr als 2 Millionen Farbige) einen so großen Vorsprung der Protestantismus hier z. Zt. auch gewonnen hat, — wir wagen dennoch zu hoffen, dass im christlichen Südafrika in der Zukunft die katholische Kirche vor den protestantischen (Beeten nicht zurückstehen wird. Bedeutend größeren Anhang als in Südafrika und selbst mehr als in dem länger bearbeiteten Westafrika hat die katholische Kirche in Central- und Ostafrika gefunden. Fast 500 Missionäre und gegen 150 Missionsschwestern wirken hier auf ungefähr 100 Missionsstationen. Die 50,000 Ugandachristen zählen ein gutes Stück mit bei den nahezu 90,000 Katho- liken, welche in den ungeheueren Lünderstrecken am Mittel- und Oberläufe des Kongo an den afrikanischen Binnenseen und in Deutsch- und Englisch-Ostafrika zerstreut wohnen. Hier dürfte auch dank der gesegneten Arbeit der Missionäre, der Katholicismus am ersten zum Durchbruch kommen, da die protestantischen Seeten um die Hälfte weniger Anhänger zählen. In Deutsch-Ostafrika entfalten die Väter vom Hl. Geist, von St. Ottilien, die Weißen Väter und die Trappisten einen heiligen Wetteifer, um die Zahl derer zu vermehren, die den Namen Jesu anrufen.. Die Musterstation der Väter vom Hl. Geist in Ba-gamoyo hat einen Weltruf. „Bete und arbeite!" Die Durchführung dieses so wichtigen Missionsgrundsatzes hat den katholischen Missionären zumal in Ostafrika hohes Ansehen bei Forschern und Colonialfreunden verschafft. In Westafrika bringen die Verhältnisse es mit sich, daß die Mission vor allem in der Schule und durch die Schule wirken muss. Doch fehlt es auch hier wie in Senegambien und Gabun nicht an vorzüglich geleiteten Missionsplantagen, welchen nichtkatholische Colonialmünner die glänzendsten Zeugnisse ausstellten. Wenden wir uns nun nach Nordafrika, so finden wir den Stand der Heiden- und Mohammedaner-mission ähnlich wie in Südafrika, nur mit dem Unterschiede. dass die nordafrikanische Mission weniger Bewegungsfreiheit besitzt, als die im Süden. Das kommt daher, dass der Mohammedanismus, dieser furchtbare Feind fast der gesammten afrikanischen Mission, in Nordafrika Herrscher ist und selbst in Golemen, wie Algier, von den Colonialregierungen mit zartester Rücksicht und Fürsorge behandelt wird. Wo der Islam sich einmal festgesetzt, da ist für die Ausbreitung des Christenthums wenig Hoffnung mehr. Nicht als ob die sieghafte Kraft des Kreuzes vor dem blassen Scheine des Halbmondes verschwände: Nein! Aber wenn sich die Kraft des Evangeliums in geistigen Waffen bewährt und durch geistige Mittel die Macht des Halbmonds zu brechen droht, dann ist der Fanatismus des Islam sofort entstammt) mit roher Gewalt unterdrückt er die Keime christlichen Lebens und hält es für ein Verdienst, wenn er im Blute des „verfluchten Giaurs" waten kann. Mit großer Vorsicht muss die Mission daher in diesen Ländern zu Werke gehen. Sie legt es nicht daraus an, Einzelbekehrungen zu erreichen, sondern sucht allmählich die Vorurtheile der Anhänger Mo-hammeds zu überwinden und langsam, aber sicher die Bollwerke des Islam zu untergraben. Bekehrung ganzer Ortschaften, daS ist das Ziel, auf welches die Weißen Väter und die Weißen Schwestern im mohammedanischen Nordafrika hinsteuern. Großes 6 Ein Blick nur btc kath. Misjivnsthätigkcit in Afrika. haben die Söhne und die Töchter Lavigeries schon in der Vorbereitung zu diesem Ziele geleistet. Die Achtung und das Vertrauen der Söhne der Wüste haben sie sich bald erworben, wenn sie durch Krankenpflege oder andere Werke der Liebe mit ihnen in Berührung gekommen sind. In Tripolis will neuerdings der Trinitarierordcn, der in früheren Jahrhunderten der armen Sclaven mit so großer Liebe sich angenommen, eine Mission beginnen. Auch die in Aegypten wirkenden Genossenschaften arbeiten direkt oder indirekt daraus hin, den Boden für eine spätere größere Action gegen den Islam vorzubereiten. Südlich von Aegypten haben die Söhne des hlst. Herzens, nachdem die Macht des Mahdi gebrochen, die durch den Islam und das Klima sehr erschwerte Mission mit neuem Muthe wieder aufgenommen. Die Zahl der in ganz Nordafrika aus Mohammedanern und Heiden gewonnenen Christen wird 1500 nicht überschreiten. Um so crfteulicher sind die Erfolge der Mission auf den afrikanischen Inseln, denen wir noch einen kurzen Besuch abstatten wollen. Ans Manritiris mit seinen 100.000 Katholiken unter 300.000 Einwohnern ist der Katholicismus schon lange eine Macht; ebenso auch Reunion, dessen 170.000 Einwohner fast alle katholisch sind und welches daher nicht mehr als Mission betrachtet wird. Scharen von Missionsschwestern sind von hier aus bereits in die Nachbarmissionen gezogen. Madagaskar erwähnten wir schon. Außer den Jesuiten wirken hier noch die Lazaristen und die Väter vom Hl. Geist. Die Gcsammtzahl der Katholiken wird setzt 100.000 betragen. Freilich wird eS, zumal bei der angestrengten Gcgenarbeit der protestantischen Mission, noch viel Schweiß und Mühe kosten, bis die 5 Millionen Bewohner Madagaskars aus Heiden gute Christen, Katholiken, geworden sind. — Die Zahl aller Katholiken auf den unter der Fürsorge der Propaganda stehenden Inseln beträgt etwa 210.000. Da aber manche von ihnen schon Nachkommen von Hcidcnchristen sind, so haben wir nicht alle bei der Berechnung des Gesammtrcsultates der jetzigen Misfionsperiode mitgezählt. So hätten wir denn einen flüchtigen Rnndgang ans dem afrikanischen Missionsfelde gemacht. Gewiss sind die 280.000 Heidenchristen ein schöner, wenn auch mühsam erkaufter Erfolg. Und je mühsamer, desto teurer sollen sie uns sein als solche, die in Christo das Leben gefunden. Sicherlich ist bei manchen aus ihnen noch viel Sünde und Schwachheit, und es wird Generationen dauern, bis der Sauerteig des Evangeliums eine junge christliche Gemeinde ganz durchdrungen hat. Aber sie sind doch Jünger dessen geworden, welcher der Weg, die Wahrheit und das Leben ist: Das ist die Freude und der Trost derer, die in ober außerhalb der Mission für die Bewohner des dunklen Erdtheils gearbeitet, geopfert und gebetet haben. (Etetjler Herz Jesu-Bote.) O * *'•' ** * * *,,« *>-xl, i;n> '•' * P0 Die Glaubensboten bes deutschen Volkes. KL. S e v e r i tt. (t 8. Jänner 482.) W>ic Geschichte ist die Lehrmeisterin der Völker! ^2% Leider gibt cs aber Menschen genug, die keinen anderen Lehrmeister anerkennen wollen — als sich selbst. Solche kann nur das Ende belehren (Livius XXII. 35). Aber dann ist cs zu spät. Wenn wir in diesem Jahrgange das Leben unserer großen Glaubensboten den geehrten Lesern des „Deutschen Glaubensboten" vor die Augen stellen, haben wir mehr als einen Grund. Die Zeiten ändern sich und die Menschen mit ihnen, sagt das Volk, aber eS ist ebensowahr, dass nichts aufkommt, was nicht tausend Jahre früher schon dagewesen wäre. Dass der göttliche Heiland zum Zeichen des Widerspruchs gesetzt sei, hat der greise Simeon vor-hcrgcsagt. Wir wissen es und sehen cs tagtäglich mit eigenen Augen; wir zagen darob nicht, wir glauben. Dass jedoch manche unserer eigenen Mitbürger in unerhörtem Leichtsinn Glauben und Sitten über Bord werfen, dass sie, die doch iin Grunde alles der katholischen Kirche zu verdanken haben, die an dem Busen dieser Mutter sich gewärmt und groß geworden, nun au' einmal sich als Schlangen erweisen — das erfüllt uns mit gerechter Trauer. Wir hassen sic nicht, wir beten für sie. Unser eigenes Herz aber soll sich trösten, wenn es hinblickt auf die Wohlthaten, die uns Gott durch unsern hl. Klauben verliehen, cs soll sich erbauen au dem hcldcnmüthigcu Tugcudlebcn und den Thaten jener Männer, die unsern Voreltern die ewigen I Wahrheiten verkündet; eS soll sich stärken und zur Nachahmung angetrieben fühlen angesichts der Segensfülle, die aus ihrem Leben und Streben hervorgcströmt; es soll sich freuen, dass mir selbst, wenn auch nuverdientcrweise, die glücklichen Erben dieses heiligen, beseligenden Vermächtnisses geworden sind. Das sind Gedanken, die uns ans das Leben unserer großen Glaubensboten hinweisen und bei der Darstellung ihres Wirkens leiten sollen. * * * och waren die wilden Stürme der Völkerwanderung im vollen Jagen begriffen. Mit unwiderstehlicher Wucht legten sie den Tempel der alten Cultur nieder. Aber auch au den Pforten der katholischen Kirche begannen sie mächtig zu rütteln. Schon in apostolischen Zeiten hatte die Lehre Jesu Christi in den Ländern an der Donau festen Fuß gefaßt. Der dürstende Boden war mit Märtyrerblut befruchtet. Die jungen Saaten des christlichen Glaubens erweckten die kühnsten Hoffnungen. Da brachen wie die verheerenden Fluten eines ausgetretenen Stromes die Heruler, Rugier, Hunnen, Gothen, Alemannen und andere zügellose Stämme ins Land. Theils arianisch, theils heidnisch, suchten sie in gleicher Weise die katholische Kirche mit Stumpf und Stiel auszurotten. „Wo die Noth am größten,^ da ist Gottes Hilfe am nächsten", sagt ein bewährtes Sprichwort. Wie ein Engel des Herrn erschien plötzlich der Hort in Krieg und Graus. Es war Severin, ein Mann von hoher, ehrfurchtgebictender Gestalt, voll gewinnender Würde und anziehender Liebenswürdigkeit. Er war ein lebendiges Räthsel. Kein Mensch konnte sagen, wer er war und woher er kam. Fragte man ihn nach Herkunft und Heimath, so erwiderte er scherzend: „Will man mich für einen Flüchtling halten, so sehe man sich mit dem nöthigen Geld vor, um mich allenfalls loszukaufen, wenn ich aufgespürt und fortgeschleppt werden sollte." Allem Anscheine nach war er jedoch ein adeliger Römer, der, im Morgenlande geboren oder doch wenigstens dort auf- 8 Die Glaubensbotcn des deutschen Volkes. gewachsen, die strenge Schule der orientalischen Mönche durchgemacht hatte. Es mochte gegen das Jahr 455 sein, als er seine apostolische Thätigkeit in der Stadt Asturis (bei Klosterneuburg) aufnahm. Der politische Himmel war mehr denn je mit unheilschwangeren Wolken überzogen. Der Hnnnenkönig Attila war soeben gestorben. Seine Söhne losten mit den Waffen in der Hand um die Erbschaft. Wie sich Attila selbst „die Geißel Gottes" nannte, so sah auch Severin die schweren Stunden, die gerade vor der Thüre standen, als die Strafruthe der göttlichen Gerechtigkeit an. Vergeblich forderte er die Bürger der Stadt auf, durch Beten, Fasten und Almosen das drohende Unglück abzuwenden. Allein man verschrie ihn als einen Grillenfänger, verlachte ihn als einen Schwarzseher — und lebte lustig weiter. Die unverschuldete Unwissenheit verdient jederzeit Nachsicht; sie läßt sich bereitwillig belehren. Die Leidenschaft dagegen verblendet; sie macht herz- und hirnlos. Unser Heiliger schüttelte den Staub von seinen Füßen und trug den Pilgerstab nach Koma ge nä (Schaumburg in Unterösterreich). Seine Weissagung gieng nur zu rasch in Erfüllung. Einer Lawine gleich fuhren die hunnischen Horden daher und fegten Afturis vom Erdboden weg. Wer nicht dem Schwerte zum Opfer fiel, wurde in die Sclaverei geschleppt. Severins Gastfteund allein rettete das nackte Leben und hinterbrachte dem Heiligen die Schreckenskunde. Das traurige Ereignis übte auf die Komagenäer einen heilsamen Einfluss aus. Sie suchten auf jede Weise den Himmel zu versöhnen. Allerdings kamen die Feinde auch hierher und umzingelten die Stadt, aber in der Nacht entstand ein Erdbeben, das sie in wilder Flucht dahinjagte. Die Hintersten glaubten zuerst an einen Ausfall. Sie hielten Stand. Die Vordersten ihrersetts wähnten, vom Feinde umgeben zu sein und suchten den Ring zu sprengen. So ge-riethen sie selbst gegenseitig aneinander und rieben sich auf. Gott hatte sichtlich geholfen. Bald darauf erhob sich in Faviana (Wien) eine große Hungersnoth, da in der strengen Jahreszeit die Getreideschiffe auf der Donau eingefroren waren. Mit inbrünstigem Flehen wandten sich die Einwohner an Severin um seine Fürbitte bei Gott. Der Heilige kam selbst herbei und predigte Buße. Die ganze Stadt leistete dem Himmel Abbitte und das Eis brach. Faviana war gerettet. In der Stadt lebte eine reiche Witwe namens Prokula. Sie hatte aus Besorgnis, mehr aber noch aus Geiz, ihre großen Getreidevorräthe verheimlicht. Aber Severin erkannte in einem himmlischen Gesichte den ganzen Thatbestand. Sogleich forderte er Prokula auf, das Getreide unter die Armen auszutheilen, falls sie dem rächenden Arme Gottes entrinnen wolle. Dann stellte er ihr in seiner freimüthigen und eindrucksvollen Weise den häßlichen Gegensatz vor Angen, der zwischen ihrem adeligen Stande und der Gemeinheit ihrer Gesinnung obwalte. Seine 'Worte waren nicht auf steinigen Grund gefallen. Das Eis des Herzens löst sich zwar ungemein schwieriger als das der Natur; aber wenn der Mensch will, ist bei Gott kein Ding unmöglich. Noch einmal sollte Faviana in hohem Maße die Hilfe des Heiligen erfahren. Als einstens große Räuberbanden ins Land fielen und alles, dessen sie habhaft werden konnten, unterschiedslos mit sich fortführten, kamen die Leute klagend und weinend zu Severin. Die Besatzung der Stadt war nämlich zu klein, um dem Feinde die gemachte Beute wieder abzujagen. Allein der hl. Mönch erwiderte: „Ihr braucht keine Waffen, der Herr wird für Euch kämpfen." Und richtig! Sobald die Räuber der Soldaten ansichtig wurden, ließen sie alles im Stich und flohen davon. — „Die da Krieg führen, sollen nicht auf Ross und Wagen, auf Reiter und Schwert, sondern auf den Herrn vertrauen." (Ps. XIX, 8.) Der große Seeleneifer verstattete dem Arbeiter im Weinberge des Herrn weder Rast noch Ruhe. Das ganze deutsche Oesterreich und,die angrenzenden Gebiete Bayerns bildeten seinen Wirkungskreis. Wo immer er weilte, war er ein Vater der Armen, wirkte er Wunder, stiftete er Klöster, gewann er zahllose Seelen dem Reiche Gottes. Seiner Verdienste und Tugenden wegen wollte man ihn zum Bischof machen, aber er schlug entschieden eine solche Würde aus. Trotz der hingebenden Arbeit für das Wohl seiner leidenden Mitbrüder vergaß er doch nicht auf sich selbst. Der Alltagsmensch vermeint, nur im Strome des öffentlichen Treibens den Geist bilden und nähren zu können. Er täuscht sich. Der Heilige dagegen weiß, dass in der Abgeschiedenheit allein die großen, weltbewegenden Gedanken reifen und die Seele, die sich im Strudel des Lebens verliert, dort sich wieder findet. Der Lärm des Marktes vermag wohl die verschiedensten Fragen auszuwerfen — beantworten wird sie die Einsamkeit! Das ist der Schlüssel für das offene Geheimnis, dass auch tausend Marktschreier des kräftigsten Schlages, die es nie müde werden, gegen Klöster und Kutten Gift und Galle zu speien, so erbärmlich wenig Heil und Segen den Schäden der menschlichen Gesellschaft entgegenstellen, während schon ein einzelnes Kloster auf Jahrhunderte hinaus seine leuchtende Furche durch das weite Meer der Völkeraeschichte zieht. Ž)ic @Iau6civ5Botcit des deutschen Volkes. 9 MZ Der bi. Severin. 10 Die Glauben-boten des deutschen Volkes. Severin zog sich, wie er cs so zu nennen pflegte, in seine „liebe Einsamkeit" zurück. Bald umgab eine große Zahl begeisterter Schüler den trefflichen Lehrer des inneren Lebens. Aber auch von der trauten Stille des Klosters ergoss sich der Segens-strom seiner Heiligkeit über das ganze Land. Von allen Seiten kamen Kranke zu ihm: er. heilte sie. Am bcmcrkenswerthesteu ist die Geschichte eines Jünglings, der schon zwölf Jahre lang mit einem höchst schmerzlichen Gliederleidcn behaftet war. Da brachte ihn seine Mutter mit einem Fuhrwerke zu dem Heiligen. „Du traust mir mehr zu, als ich zu leisten vermag," versetzte Severin; „ich kann Dir nur einen Rath ertheilen: gib nach Kräften Almosen!" Auf der Stelle legte die Mutter ihr Oberkleid ab als Geschenk für die Armen. Von Bewunderung für diese Opferwilligkeit erfüllt, hieß sie der Heilige das Gewand wieder anziehen und legte ihr ans Herz, daheim ihrem Versprechen nachzukommen, falls ihr -Sohn gesund werde. Hierauf begab er sich mit seinen Jüngern ins Gebet. Der Jüngling erlangte die Gesundheit, dankte Gott und gieng zu Fuß nach Hause. Zu Kukullä (Kuchl bei Salzburg) trieben einige Bewohner heimlich noch Götzendienst. Von heiligem Eifer entflammt, eilte Severin dorthin und verwies es den Schuldigen, indem er ihnen zugleich ein dreitägiges Fasten vorschrieb. Allein sie stellten alles in Abrede. Da befahl er, in jedes Haus ohne Unterschied eine Kerze zu bringen, die am andern Tag in die Kirche mitgenommen werden musste, aber nicht angezündet werden durste. Der Heilige betete die ganze Nacht hindurch und ermahnte des Morgens die Priester der Stadt, während des hl. Opfers inbrünstig Gott zu bitten, er möge durch ein Zeichen die Götzendiener zu erkennen geben. Siehe da, mitten in der Feier der hl. Messe brannten auf einmal alle Kerzen der Treugebliebenen von selbst. Natürlich wollten auch die Götzendiener die ihrigen anzünden, aber vergebens. So waren sie bekannt und versprachen, ihr ganzes Leben nie mehr Abgötterei zu treiben. Es würde uns zu weit führen, versuchten wir es, seine vielen Wunder auch nur einigermaßen zu skizzieren. Heuschreckenschwärme, die Felder und Wälder verheerten, können auf sein Gebet hin keinen Schaden mehr anrichten. Zu Künzing müssen die Wogen einer gewaltigen Ueberschwemmung seinem Winke gehorchen. Eine Feldschlacht, die schon so gut wie verloren war, wendet sich nach seinem Wunsch und Willen zu einem glücklichen Ausgang. Ein Todter wird von ihm gefragt — und steht Antwort. Er segnet einen vollen Oelkrug und das Del vermehrt sich wunderbar. Hier erheben sich auf sein Flehen hin Todtkranke vom Sterbelager: sie sind plötzlich gesund. Dort fällt durch seine Fürsprache der Aussatz von den zerfressenen Gliedern: sie sind heil und rein. Ueberall zerfließen die Sünder bei seiner Predigt in Reuethränen: sie sind bekehrt. Allein das Leben eines Heiligen will nicht bloß von der religiösen Seite aus betrachtet sein, sondern auch von der rein historischen. Jeder Heilige ist ein Stück lebender Culturgeschichte. Je größer der Heilige und je mehr er von der Welt getrennt erscheint, um so tiefgreifender ist sein Einfluss, um so enger, wenngleich nicht sichtbar, sind die Beziehungen, welche die Welt an ihn und durch ihn an Gott knüpfen. Severin, der soviel als nur immer möglich von der Welt und ihren Mächten sich losgerissen hatte, bildete gleichsam das Centrum für die Fürsten der dasigen Länder und den Brennpunkt des Guten in. ihrer Regierung. Der Rugierkönig Flack a holte sich oftmals Rath bei ihm, um den einbrechenden Gothen wirksam Einhalt zu thun. Fälöt, Flackas Sohn, that dasselbe. Bei P a s s a u gieng unser Heiliger ohne irgendwelche Begleitung dem gefürchteten Alamannenherzog Gi -buld entgegen und bat um Schonung der Bürger dieser Stadt. Diese Bitten und die Mahnungen, die er daran knüpfte, machten einen solchen Eindruck auf den Herzog, daß er, von unsagbarer Furcht ergriffen, sofort die gefangenen Römer freigab. Auch mit Odoakar, dem Anführer der Heruler, stand Severin in nahen Beziehungen. Er sagte ihm den glücklichen Erfolg seines Zuges nach Italien voraus. Odoakar war damals noch ein Jüngling und in schlechte Kleider gehüllt. „Ziehe nur hin nach Italien," sprach der Heilige zu ihm; „jetzt bist du zwar noch mit elenden Fellen bedeckt, aber bald wirst du imstande sein, vielen gar vieles zu schenken." Als sich diese Weissagung erfüllt hatte, schrieb Odoakar einen ehrenvollen Brief an Severin mit der Bitte zu fordern, was er wolle. Selbstlos begehrte der hl. Mönch die Begnadigung einiger Verbannten und fand sogleich Erhörung. Aber auch das unglückliche Ende dieses Fürsten wusste Severin schon im Voraus. „Er wird dreizehn bis vierzehn Jahre glücklich regieren," äußerte er sich gelegentlich seinen Schülern gegenüber, wie es in der That auch kam. Mit einem unbeugsamen Muthe trat er für das Recht der Unterdrückten ein. Unter der Herrschaft des obengenannten Fälöt hatten die im Lande wohnenden Römer sehr schwer zu leiden. Die eigentliche Ursache war aber Fälöts Gemahlin Gisa. Deshalb ließ ihr der Heilige sagen, sie solle den Zorn des Himmels fürchten und die armen Römer nicht so sehr bedrängen. Diese Mahnung versetzte die stolze Königin in die äußerste Wuth. Sie meldete Die Glaubensbotcn des deutschen Volkes. 11 alsbald dem Mönche zurück: „Bleibe in deiner Zelle I und bete! Oder was geht es dich an, wie wir mit ! unseren Knechten verfahren?!" Aber die Strafe Gottes 1 hatte sie auch schon in derselben Stunde erreicht. Ihr kleiner Sohn Friedrich, den sic fast wahnsinnig liebte, fiel in die Hände der Römer. Gisa gicng nun in sich. Oeffcntlich bekannte sie das Unrecht, das sic an Severin begangen. Gleichwohl stand sie nicht von allen Grausamkeiten ab. Noch ans dem Sterbebette musste sie der Heilige warnen. Nach seinen ausgedehnten Wanderungen und rastlosen Arbeiten hatte es Severin verdient, in die ewige Ruhe einzugehen. In völliger Rüstigkeit offenbarte er schon seinen Jüngern den Tag und die Stunde seines Hinscheidens. Als ihn nun die letzte Krankheit befiel, ließ er den König und die Königin an sein Lager kommen. Fälöt erhielt eine kurze Unterweisung in den Regentenpflichten. Dann aber wandte sich der Sterbende an Gisa und, indem er seine Hand an das Herz des Königs legte, fragte er: „Gisa, liebst du diese Seele mehr als Gold und Silber?" Auf die Antwort, dass sie den König über alles liebe, mahnte er sie um des Königs willen doch von ihren Frevclthaten abzulassen. Darauf entließ er sic. Nun nahm er auch von seinen Jüngern Abschied, indem er sie einzeln an das Sterbebett herantreten hieß und sic umarmte. Sodann empfieng er die hl. Wegzehrung und forderte die Umstehenden auf, einen Lobgesang anzustimmen. Da aber diese vor Schluchzen und Weinen kein Wort hervorbringen konnten, begann er selbst den 150. Psalm: „Alles was Odem hat, lobe den Herrn, Alleluja!" Das waren seine letzten Worte. Sie bildeten den herrlichen Schlussstein seines thatenrcichen Lebens und sind gewissermaßen der Spiegel seiner selbstlosen Seele, die er am 8. Januar 482 in die Hände seines Schöpfers zurückgab. Als Odoakar sechs Jahre später den Befehl zum Auszug ertheilte, nahm man den hl. Leichnam mit nach Italien. Er war noch vollkommen unversehrt und verbreitete einen lieblichen Wohlgcruch. Erst im fernen Neapel fand er wieder eine Ruhestätte. Wo immer der Sarg vorüberkam, geschahen Wunder, die sich an dem zweiten Grabe des Heiligen in glanzvoller Weise vervielfältigten. Am Fuße des Kahlen-berges bildet Sieveringen Severins Denkmal. Das ist in wenigen groben, großen Zügen das Lebensbild eines der größten Männer der Kirchen-und Culturgeschichte Oesterreichs. Sein Ansehen bei Freund und Feind war gleich groß. Das bunte Gemisch der verschiedensten Stämme und ihrer Bildung will nicht übersehen werden. Doppelt schwer fällt aber die Werthschätzung des Heiligen bei jenen Völkern in die Wagschale, die alles, was römisch war oder hieß, hassten und verfolgten und nur vor dem Gewaltigen und Riesenhaften Achtung bekamen. Ein Mann, der bei ihnen eine solche Verehrung fand wie Severin, musste ungewöhnliche Eigenschaften besitzen und übermenschliche Werke vollbringen. Mehr jedoch als Fürstengunst und Erdenruhm gilt uns sein wahrhaft apostolisches Wirken. „In vollkommener, freiwilliger Armut und tiefster Demuth wandelte Severin, seine geliebte Einsamkeit nur mit größter Selbstverleugnung verlassend, zwischen Wien, P a s s a u, Salzburg und anderen Orten emsig umher, und überall Frieden, Gottseligkeit, väterliche Warnungen und eine Fülle von Wohlthaten tragend, war das Heil der Seelen das einzige ' Zieles seiner Bemühungen. So wandelte er denn in der Fülle des Glaubens und der Liebe, im Glanze der evangelischen Weisheit und in der Wunderkraft des gänzlichen Vertrauens zu Gott, des völligen Misstrauens zum eigenen Selbst, mächtig in Wort und That, unter den Völkern umher, ans denen er eine nicht mittelmäßige Zahl von Auserwählten in den Schoß der katholischen Kirche zu leiten berufen'war, weshalb ihm mit Fug und Recht der Ehrenname eines A p o st e l s v o n O cst c rr ei ch gebürt." Möchte doch das gesegnete Andenken ' an diesen großen Mann Gottes in unsern Herzen Licht und Leben verbreiten, auf dass wir in den schweren Zeiten der Heimsuchung ihn voll unerschütterlicher Zuversicht mit der Bitte angehen, über'Habsburgs. Volk und Land dauernden Frieden und eine unwandelbare Trene zu Kaiser und Reich herabzuflehen! Von Tirol nach Oberägypten. Von P- Josef Münchs apost. Missionär. Assuan, 12. November 1901. ^Tutt endlich doch einmal! Es ist der 17. Sep-^ ^ tember l. I.; ich bin auf dem Bahnhöfe zu Brixen, nicht um etwa nach Meran oder Innsbruck zu fahren und dann 'wieder heimzukehren, rote es öfters der Fall gewesen, sondern um das geliebte Mühland mit dem Sudan zu vertauschen, um Abschied, vielleicht auch auf Nimmerwiedersehen, vom liebgewonnenen Tirol und seinen unvergleichlichen Bergen, vom idyllischen Dörfchen Mühland mit seinen guten Leuten, vom theuren Missionshause mit den geliebten Mitbrüdern zu nehmen. Ja, wer kann es wissen? Der Tod ist überall nahe, näher aber ist er dem Missionär im Sudan. In Europa lesen vielleicht die Mitbrüder oder Freunde beit eben angekommenen Brief, dessen Schreiber aber schon im heißen Sande gebetet ruht, während nur ein Paar tut Winde sich wiegende Palmen sich erzählen, dass ein Herz aufgehört hat, für die Neger zu schlagen. Ich bin aber noch in Brixen. Von der Station schaue ich zurück nach Mühland. Dort liegt sie, so still und freundlich, die Pflanzstätte zukünftiger Missionäre: ich stand an ihrer Wiege, sah sie wachsen, erstarken und mit Entbehrungen mancher Art kämpfen, sah die Jünglinge, welche ihr zueilten, um selber an Geist und Wissen zu erstarken und einst den nämlichen Weg einzuschlagen, der nun meiner harrt. Noch immer blicke ich hinüber; ja jetzt erwachen die Erinnerungen! O, wie viele Entbehrungen, Enttäuschungen waren nothwendig, um es so weit zu bringen! wie viel Kummer, wie viele Sorgen nahmen unter diesem Dache zeitweilige Herberge? So viele junge Leute, reich an Tugend, Geist und gutem Willen, suchen hier ihr Glück und wollen Glück und Segen für die armen Schwarzen Afrikas vorbereiten, — aber der Mensch lebt nicht ausschließlich von Tugend, Geist und gutem Willen, sein Körper verlangt anderes Heizmaterial! Da liegt ein wunder Punkt für die lieben Oesterreicher und Deutschen! Viele Almosen werden aufgebracht, viele setzen eine Ehre darein, für die Missionen zu geben, aber — das Geld wird zerstreut, es verschwindet, wie das Wasser im Sieb und man weiß nicht, wohin es gekommen. Ja, manche glauben einen besonderen Ablass zu gewinnen, wenn sie die gesammelten Nothkreuzer der guten Deutschen einem Fremden schicken, während deutsche Missions- 1 Häuser und deutsche Missionäre sich kaum der Schwierigkeiten und der Noth erwehren und so immer die Hände gebunden haben. Sicher nicht zu loben wäre eine Mutter, die für alle Kinder in der Nachbar- schaft sorgt, arbeitet, die Armen kleidet, aber die eigenen hungrig, zerlumpt, schmutzig und verwahrlost herumlaufen lässt. Eine katholische Mutter, ein katholischer Christ weiß, dass die katholische Nächstenliebe Abstufungen kennt und sie auch erheischt. Mögen also unsere Landslente vor allem die eigenen Missionshäuser und Missionäre unterstützen, ohne deshalb die anderen zu vergessen. Noch immer haften meine Blicke am Missionshause. Ja, viele gute Brüder lasse ich zurück, wie freuten sie sich an meinem Glücke. Wie viele „Lebe wohl" rief man mir zu, und als die Stimme sich nicht mehr hörbar machen konnte, wurden die Augen die Träger der letzten Grüße. Auch das Dorf liegt so friedlich drüben mit seinem schönen Kirchlein und scheint noch herüberzuwinken mit allen guten Freunden, die ich dort zurückgelassen. Ja, lebet wohl, ihr Novizen und kleinen Zöglinge, unsere Hoffnung: lebet wohl, ihr guten Mitbrüder, lebe wohl, du Dörfchen, lebet wohl alle — und kann ich sagen: auf Wiedersehen? Ja, lebet wohl, denn die Locomotive pfeift und beginnt mich in die Ferne zu tragen. Noch ein paar Worte, ein Händedruck den zwei Brüdern, die mir das Geleite gaben — und Brixen entzieht sich nach und nach meinen Augen. Da taucht Neustift auf! Wie gerne hätte ich doch Abschied genommen da drüben vom lieben, guten k. k. Schulrath Dr. Mitterrutzner, dem großen Gönner der Mission von Central-Afrika und unseres Missionshauses, aber die Zeit war zu kurz gewesen. Lebe auch du wohl, edler Priestergreis, und durch den „Stern der Neger" bitte ich um deinen hl. Segen für mein ferneres Wirken unter den Chamiten, welche ja auch dir noch so sehr am Herzen liegen. — In Franzensfeste ungefähr eine Stunde Aufenthalt. Ich bete mein Brevier, da man nicht wissen kann, wie man auf der langen Fahrt gebettet wird. Allmählich wird es finster; es kommt der Zug, ich steige ein und befinde mich gerade nicht übel: erstens, weil es Afrika zu geht, zweitens, weil nach einiger Zeit der Schaffner so freundlich ist und mir ein eigenes Abtheil anweist. Wäre es nicht schon dunkel gewesen und hätte ich von der Umgebung mehr sehen können, so würde ich wohl auch zu singen angefangen haben:. „D Pusterthal, du bist met Freud." Ja, es ist ein schönes Thal, das Pusterthal, und auch die Leutchen sind ganz recht, besonders gefallen sie mir, weil sie zum Singen geläufiger sind und sich häufiger hören lassen als jene des Eisackthales. Die Station V i n t l verschmäht der Zug, er hält nicht, Von Tirol noch Oberägypten. 13 gerade so wie vor zwei Jahren, wo ich infolgedessen zu Fuß unter strömendem Regen den Einzug halten musste und so trocken wie eine getaufte Maus, cs war am Vorabend des Herz Jesu-Sonntag 1900. Ich sitze ganz [ in Gedanken und Erinnerungen versunken da, als auf einmal sich die Thüre öffnet, um einen , zweiten einzulassen. Es war ein guter Herr, in der Nähe vonGörz daheim, der von einer kleinen Rundreise dahin zurückkehrte. Bald war die Unterhaltung in vollem Gange, zumal er mit seinen Kriegs-erlebnisscnvon 1866 herausrückte. Damals focht er als guter Slovene und guter Oester-reicher an Seite von Waffenbrüdern anderer Nationen, und wenn cs heute wieder losgehen würde, so gierige er, wie er mir versicherte, trotz seines Alters, wiederum mit, um im Schatten der schwarz - gelben Fahne zu kämpfe». Könnten die Völker Oesterreichs nicht auch so gesinnt feilt, wie mein guter Görzer? Gibt es noch ein Mittel, um Frieden unter sie zu bringen, und auf diese Weise Oesterreich in unahnbarer Weise zu erstarken? Jawohl! Ein katholisches Oesterreich, erlöst vom semitischen Uebel — das ist das einzige Mittel, um die Schwingen des Doppeladlers zu kräftigen und die Völker zu Wohlstand und Glück zu führen. In Villa ch trennten wir uns, von da gieng Wasserträger In Kairo. cs ziemlich einsam bis Marburg, wo der Zug gewechselt wurde. Jetzt muss es nicht gar weit mehr nach Ungarn oder Palästina hinein sein, dachte ich, als sich ziemlich ungeniert mir gegenüber ein polnischer oder ungarischer Jude mit langem Kaftan und schmutzigem, abstoßendem Aussehen niederließ. Ein echter Schmuhl! Zuerst musterte er die ganze Umgebung; dann, vielleicht weil ich ihm der vertrauenswürdigste unter allen zu sein schien, wandte er sich an mich mit der Frage, ob es Triest zu gehe. Kurz darauf schmauchte er behaglich sein Pfeifchen und guckte einen nach dem andern an. Wir hätten ihn aber lieber im Pfefferland ge--loufSt, oder doch in Abrahams Schoß, denn der Kerl spuckte so abscheulich und in so reichlichem Maße um sich her, als wenn er die Entleerung seiner Mund- und Bauchhöhle im Accord gehabt hätte. Was machen? Ich schloss die Augen und schlief ein. Meine Phantasie, in den verflossenen Tagen wohl ein wenig hart mitgenommen, konnte aber nicht zur Ruhe kommen und fuhr fort, Bild auf Bild zu ent-rolleu: Alpenrosen, Düne Matten, bekannte Gesichter it. n. lösten einander ab, bis ein brauner Sarg dem Reigen ein Ende machte. Gar zu gut kannte ich ihn, er barg die irdische Hülle meiner Mutter, die ich vor Kurzem in der Heimat zu Grabe geleitet hatte. 14 Von Tirol nach Obcrägypten. Da hatte ich ausgeträumt und schlug die Auge» wieder auf. Es ist Morgen! Die Sonne ist schon aufgegangen und begrüßt uns freundlich. Also „Guten Morgen"! Wie ich, reiben sich auch die andern die Augen, denn so ziemlich lag ein jeder in den Armen des Schlafes. Der rührigste musste wohl unser Lcvisohn gewesen sein, denn er hatte sich schon mit einem andern Jtzig zusammengefunden und verrichtete unter Kopfwiegeu und Rie-memvickeln sein Morgengebet nebst Lesung. Dabei hatte er das Haupt in eine schöne, silbergestickte seidene Decke gehüllt, welche ich bei ihm wahrlich nicht vermuthet hätte, und oberhalb der Stirne baumelte ein viereckiges Stückchen Holz. Das Erschau hatte er natürlich ganz für sich. Auch meine Wenigkeit nahm jetzt das Brevier und betete die Tageszeiten. Ob auch die anderen wohl ihres Schöpfers gedacht haben mögen? Die Gegend bot nichts Anziehendes mehr: Wiesen, Steinhaufen, öde Hügel und Kalkgeftein begleiteten uns bis Triest; wir fuhren eben durch das Karstgebiet, wo erst ganz nahe bei Triest und dem Meere die Weinberge einige Abwechslung bringen. Auf einmal wird es lebendig im ganzen Zugei alles drängt sich den Fenstern auf der rechten Seite zu: das Meer ist in Sicht, die schöne, blaue, neblige Fläche entzückt alle, wenigstens sind alle froh, dem faden Einerlei deS Karstes entronnen zu sein. Ja, das Meer! Für mich ist es der Steg zur neuen Heimat, die ich mir selber erkor, zu den lieben Negern, denen ich mein Leben weihte. Unwillkürlich musste ich an den bekannten Ausruf lkenophons und seiner Gefährten denken. Da lag es so ruhig zu unseren Füßen, kleine Boote schaukelten harmlos auf seiner Fache, während die großen Handelsschiffe sich scheinbar langsam fortbewegten und das weite Meer zu erreichen suchten, Er ist aber nicht immer so lammfromm, dieser blaue Spiegel von Triest! Er kann auch toben und wüthen und dann fürchtet sich alles, was sich auf ihm bewegt, großes und kleines. Denn auf seinem Grunde liegen nicht nur Segelbarken begraben, nein, auch große Dampfer hat er für immer dem Tageslichte entzogen mit allem, was drinn und dran gewesen. Heute ist er aber brav, sehr brav, und wenn er es auch weniger gewesen wäre, so könnte er mich doch nicht einschüchtern, nein, ich würde ihm trotzen ohne Furcht und Zagen, denn mit einem guten Gewissen und im Begriffe, sich für eine gute Sache zu opfern, kann man alle Elemente in die Schranken fordern. Dass ich ein wenig boshaft bin, will ich auch beichten: öfters nämlich habe ich den Wunsch geäußert, einen recht tüchtigen und ernsten Sturm auf dem Meere durchzumachen, um gewisse Leute daun zu beobachten und zu sehen nüc sie da zu Kreuze kriechen und ivic ihnen da der schwarze Talar eines Priesters zur lieblichsten Augenweide wird. Bis jetzt aber habe ich so ein Schauspiel noch nicht erlebt! In Wirklichkeit sind wir noch gar nicht auf dem Meere. Das schöne Triest entfaltet sich unseren Blicken; herrlich liegt die Stadt au den sonnigen Hügeln gelehnt, gleich als wenn sie einen Halt suchte, um übermüthig dem stolzen Meere trotzen zu könne»; Ja übermüthig ist sie schon und zwar mehr als recht und ihr nützlich ist. Prachtbauten sieht man am Gestade, welche beinahe an Venedig erinnert, Geschäftigkeit und Leben herrscht überall. Fremde aus ganz Europa treffen hier zusammen, die Schiffe des österr.-ungar. Lloyd bieten ja immer mehr und mehr, was an Bequemlichkeit, Verpflegung und Schnelligkeit nur beansprucht werden kann. Das nämliche gilt nicht vom Bahnhöfe, in den wir eben einfahren; dableibt manches zu wünschen übrig. Es gehört ziemlich viel Spitzfindigkeit dazu, die Wartesäle zu finden. Bis ich für meinen Handkoffer ein bescheidenes Quartier finden konnte, musste ich den halben Bahnhof ab-trappcn. Ehre dem schlauen Architekten, der ihn erbaute! Vom Bahnhöfe weg giertg’S zum „GutenHirten", wo ich mit meinem von Italien herkommenden Mitbrudcr, Bruder Karl K l o d t, einem tüchtigen Westfalen, das Stelldichein verabredet hatte; er war aber schon vor mir angekommen. Zuerst besichtigten wir die Stadt und den Hafen, machten verschiedene kleine Einkäufe, auch für manchen „Stern"-Leser oder -Leserin, und bereiteten mit Eile und Weile alles schön zur Abfahrt vor, um ja die längst ersehnte Stunde des Scheidens von Europas Küste so recht genießen zu können. Ich war seit 4 Jahren, mein Mitbruder Karl Klodt seit 5 Jahren nicht mehr in der Mission. Aber reine Freuden gibt es nun einmal nicht auf dieser Welt, es muss immer ein Tröpfchen, wenn nicht gar ein Tropfen Wermuth beigemischt sein. Am Nachmittage gieng Bruder Klodt zur Agentie des österreichischen Lloyd, um für uns die Billete für den Dampfer „Semiramis" nach Aegypten zu lösen. Als er zurückkehrte, welch' lange Gesichter! Da einerseits der Preis des Schiffskartcn ein höherer war, als ich glaubte, andererseits ich aber mehr als das dreifache für die Eisenbahnfahrt von Alexandrien nach Kairo berechnete, so lag es scheinbar auf der Hand, dass wir für Aegypten nicht mehr das nothwendige Reisegeld besaßen. Nullpunkt der Poesie! Was anfangen? Da war nun das Tröpflein Wermuth. Die Hälfte und vielleicht mehr der Freude sammt dem Appetit war dahin und so saßen wir Von Tirol noch Oberägypten. 15 ziemlich verstimmt, wenigstens ich, am Abend beisammen. Brnder Klodt fand sich gleich zurecht; mit Ruhe schmauchte er sein Pfeifchen, und nach allen meinen in Wirklichkeit nicht begründeten Befürchtungen kam er zu dem philosophischen Schluffe: „Nur Muth, es wird schon schief gehen! Wir haben die Karten zur Ueberfahrt, das ist die Hauptsache: sind wir einmal drüben, dann kommt alles von selbst. Auch nach Kairo kommen wir, mit. oder ohne Geld, das ist auch gewiss; so ift’S erst lustig, das freut mich!" Er philosophierte so lange und so gut, dass auch mir der gute Humor zurückkehrte und mich nicht mehr verließ, bis ich zum Schlafe die Augen schloss. Am andern Tage, Donnerstag den 19. September, suchte ich eine Kirche auf, um das heilige Messopfer darzubringen, dann ordneten wir noch unsere Angelegenheiten; endlich machten wir uns langsam auf den Weg zum neuen Hafen, ivo unser Schiff „Scmiramis" vor Anker lag. Es ist dies einer der neueren Personendampfer, ziemlich groß und bequem eingerichtet, so dass auch den Passagieren gerade nichts abgeht. Eine Kabine theilten wir mit einem jungen Engländer, der uns sagte, er wäre englisch-katholisch, also Ritualist; er erbaute uns übrigens, als er abends vor dem Schlafengehen bei seinem Bette niederkniete und seine Andacht verrichtete. Ob es ihm viele auf dem Schiffe nachgemacht haben, weiss ich nicht. Wir legten zuerst unsere Sachen in der Kabine ab, stiegen dann wieder auf's Verdeck, um uns Land, Stadt, Schiff und Leute ein wenig anzusehen. An letzteren sehlte es gerade nicht; doch war der Dampfer, wie es manchmal im October oder November der Fall ist, nicht gestopft voll. Zu unserer Freude traf ich gleich einen Kollegen, den hochw. Herrn Schwarzer aus der Diöcese Breslau, Beichtvater der Schwestern vom hl. Karl Borromäns in Alexandrien, welche da eine deutsche Schule nebst Krankenasyl leiten. Als Schiffsarzt fungierte, gerade wie aus Zufall, der liebenswürdige Dr. P e e r jun. aus Brixen. Von denen, mit welchen wir noch in nähere Berührung kamen, besonders Bruder Klodt, seien erwähnt: ein junger Mann aus Vorarlberg, mehrere andere junge Deutsche, ein österreichischer Ingenieur in ägyptischen Diensten mit seinen zwei Töchtern. Die übrige Gesellschaft in der zweiten Klasse bestand zumeist aus Griechen, Italienern und zwei Juden, von denen der eine, wie wir hernach sehen, sich sehr unartenlos benahm. Die Landungsbrücke fallt, die Anker rasseln, Schiffspfeifen und Nebelhörner beginnen eine ohrenbetäubende Musik, Commandorufe mischen sich unter die verschiedenen Abschiedsrufe, das Gestade weicht langsam zurück, auch Thränen fließen; man reißt sich von Europa los, manchmal auch mit Gewalt und trägt seine Hoffnungen anderswohin in der festen Zuversicht, sie im fremden Erdtheile verwirklicht zu sehen. Bei solchen Gelegenheiten bewundert man das große und weltumspannende Menschenherz. Es kann aber auch verdorben sein, dieses Herz und oh, j wie sehr! An der Planke steht ein junge Frau und weint bitterlich beim Abschiede von ihrer glücklichen Schwester und ihren beiden Nichten; sie scheidet aber, um sich in Alexandrien wieder dem Laster in die Arme zu werfen. Trat vielleicht beim Abschiede die eigene Versunkenheit grell vor ihre Seele und presste ihr die — leider Gottes — ohnmächtigen Thränen ans? O armes Menschenherz, o unglückliche Seele! Ich und Bruder Klodt vergießen keine Thränen und doch ist uns die Trennung von Europas Küste nicht gleichgiltig. Werden wir noch einmal zurückkehren oder haben wir zum letztenmale vom Lande gestoßen? Es geschehe der Wille des Herrn, wie er immer auch sich gestalten möge! Unsere Blicke sind lange,, lange noch auf Triest und das ganze Gestade geheftet, als müssten wir es mit uns ziehen. Wäre ich im Dichterhandwerke bewandert, so hätte ich gleich ein Gedicht fabriciert mit dem Anfange: „Ich kann den Blick nicht von dir wenden, ich muss dich anschaun immerdar!" Vor vier Jahren stimmte mich sein Anblick nicht so dichterisch! Wie sich der Mensch ändert! Da zieht der Leuchtthurm an uns vorbei, und wir haben somit den Hafen verlassen: vor uns und' zu unserer Rechten das weite Meer, zu linker Hand die istrische und dann die dalmatinische Küste. Es ist 12 Uhr vorüber und die Schiffsglocke ruft alle in der Speisesaal, wo ein Imbiss serviert ist. Ich und Bruder Klodt sitzen an einem Tische bei ganz anständigen Leuten und unterhalten uns aufs Beste. Dass es anständig hergeht, ist auch sonst meistens der Fall; herrschen aber die sogenannten „Unartlosen" vor, die besser im gelobten Lande aufgehoben wären, so geht es gewöhnlich immer kunter-bnnt zu. Das Speisezimmer, wie überhaupt alles, ist nobel und reinlich, die Kost gut und reichlich. Für weitere Bequemlichkeiten sorgten ein Rauch- und Lesezimmer auf dem hinteren Verdeck, ein Badckabine u. a. m. Für Herzkrämpfe, Magenrevolutionen und Haarweh ist immer der Arzt zu haben, ebenso für eine zu volle Börse der Kellner und der Koch. Nachdem wir dem Productc dieses letzteren alle Ehre angethan, begaben wir uns wieder aufs Verdeck, um nach den verschiedenen Dörfchen und Städtlein der Ostküste wie Parenzo, Rovigno, Pola mit seinem Kriegshafen auszuschauen. Als wir die Spitze von Istrien hinter uns hatten, kamen die malerischen In- it 0.1 Von Tirol nach Oberägypten. selu an der dalmatinischen Küste. Mit einem Worte: cs gab den ganzen Nachmittag etwas zn gucken und zu beobachten. Dem Bruder Klodt gefiel cs so gut auf dem Verdecke, dass er erst spät in die Federn oder besser unter die Decke kroch. Was er aber in der ersten Nacht versäumte, das brachte er in der folgenden redlich wieder ein. Ich war immer auf den Füßen, vom ersten bis zum letzten Tage und cs hat gerade nicht geschadet. Auch in die erste Classe erstreckten sich meine Forschungsreisen. Da war es besonders ein Allerwelts-wallfahrcr, ein Deutsch-Oesterreicher, mit dem ich dort öfters verkehrte, ein recht netter Mann, der es aber recht monstruös fand, dass das Schiffspersonal italienisch und nur schlecht deutsch sprach. So einem Missstande, meinte er, muss noch einmal mit Schwert und Blut ein Ende gemacht werden. O, du lieber Himmel, gibts sonst keine Schnecken? Unser Herrgott hat eben allerhand Kostgänger hier auf dieser buckligen Welt! Viele ägyptische Notabeln waren noch da, darunter zwei Paschas u. a. m. In der dritten Klasse waren meist Vertreter und nicht von den nobelsten des Stiefelrciches; da war nichts besonderes zu machen, als hie und da eine Cigarre herschenken. Am folgenden Tage war die Küste von Montenegro, dann die des glorreichen türkischen Reiches in Sicht; auch die Langweile lud sich schon zu Gast; Von Tirol itodj Oberägypten. 17 da fegten wir so um 3 Uhr nachmittags in Brindisi an. DaS war wieder eine Abwechslung! Kaum war der Landungssteg geworfen, so stürmte eine ganze Flut von Orangen-, Trauben-, Ansichtskarten-nnd Bücherverkäufern, Pack-, Kisten-, Koffer- und Proviantträgern auf das Verdeck; einen Haufen von alten und jungen, großen nnd kleinen, mehr oder minder schmutzigen und zerrissenen Bettlern hielt die Strandpolizei väterlich am Hafenplatz zurück. Es war heute eben Festtag (!), der Jahrestag der Einnahme von Rom beglückte heute Italien; doch die nicht beglückte und stiefmütterlich behandelte Schar von Bettlern hätte um 20 Kreuzer auch wacker „Es lebe der Papst - König!" geschrieen, wenn die königlichen Gendarmen mit ihren Dreimastern sich gerade in Pommern aufgehalten hätten. Aber sie standen drunten, wachsam wie der Pudel vor der Küche. "Auch Musikanten und Possenreißer fehlten nicht; sie kamen sogar aufs Schiff. Am meisten ärgerten mich die lumpigen Bücherverkäufer mit ihrer Schundleetüre und noch mehr diejenigen, welche nach dem ausgebreiteten Miste griffen. Bruder Klodt kaufte ein Körbchen schöne Trauben für eine Krone; wenn ich davon die meisten schnabulierte, so ist, es seine Schuld: warum hat er nicht besser zugegriffen! Wir suchten auch die letzten italienischen Centesimi los zu werden und fanden dabei mehr als genügende Unterstützung von Seiten der Leute am Damme. Nach 1>/2 Stunden Aufenthalt fiel die Brücke, die Ankerwurden gelichtet und die „Semiramis" kehrte majestätisch Italien den Rücken. Von mtri an gieng es dem mittelländischen Meere zu, wo man wenig mehr zu Gesichte bekommt, besonders, wenn bei Nacht Greta passiert wurde. Nur mehr Himmel, Wasser, Schiffsrauchfang u. dgl. entzücken jetzt die Augen. Beim Essen natürlich findet man sich pünktlich ein, es sei denn, dass man irgendwie durch eine Unterhaltung mit dem Meere in Anspruch genommen ist. Wir zwei hatten so wichtige Sachen nicht zu verhandeln; doch am ,-rsteu Morgen wurde Bruder Klodt dem blauen Meeresspiegel so spinnfeind, dass er ihn nicht einmal anschauen wollte; da legte ich mich, sintemal Feindschaft für einen guten Christen und noch weniger für einen Missionär nicht passt, mit ein paar Tropfen Karmelitergeist in'§ Mittel — und sogleich lächelten sich beide, vom Herzen ausgesöhnt, wieder verständnisvoll zu. Was nur so ein paar Tropfen Karmelitergeist alles vermögen! Ich habe niemals die Seekrankheit gehabt nnd so kann ich sie auch nicht schildern; wer cs wissen will, „niic’S thut", frage solche, die sie durchgemacht. Wie ward' ihm da so wunderlich, So schlampig und absunderlich, So vor den Augen funkerlich, So magengrollend, punkerlich, So Stirn nnd Hirn umduselich, Ekelerregend, fnselig, So ächzerlich nnd krächzerlich. So jämmerlich und dämmerlich, So grausam katzenjämmerlich! Sonst führten wir wie bisher ein ganz ungetrübtes Dasein, denn die schwarzen Gedanken hatte schon am ersten Tage hochw. Herr Schwarzer durch die Versicherung verscheucht, dass, unsere Preisermäßigung mit eingerechnet, die Fahrt für beide nur 10 Kronen kosten wird. Da kam auch Futter für die Galle. An dem Tische, wo Herr Schwarzer saß, machte sich auch ein alter Jude aus Cairo, aber gebürtiger Oesterreicher, daran, anzügliche Redensarten zu führen. Anlass dazu gab ihm eine deutsche Bonne, die auch am nämlichen Tische aß und ganz arglos sich unterhielt. Den andern Tischgenossen gefiel wohl die Geschichte nicht, aber ihr Einhalt thaten sie auch nicht; aber für die Zukunft war mehr Schlimmes zu befürchten. Nach dem Essen kam Herr Schwarzer zu mir und begann gleich über die Geschichte zu sprechen. Er hatte sich vorgenommen, den Tisch zu verlassen und so der ganzen Unannehmlichkeit aus dem Wege zu gehen; ich redete ihm diesen Rückzug aus, ermunterte ihn zum Ausharren, und wir beschlossen, dass er, im Falle die Zote ihre Fortsetzung finden sollte, energisch protestiere. Zudem hatten wir uns mittterweile der moralischen Unterstützung der meisten von den anderen Tischgenossen versichert. Wir haben gefunden, dass es oft nur einer mutigen Anregung bedarf, um andere aus der Gleichgiltigkeit herauszureißen und für das Gute zu gewinnen. Nach Verabredung dieses Kriegsplanes, dem auch Bruder Klodt als eifriger Förderer beitrat, trieben wir uns noch ein wenig auf dem Verdecke herum, dann begaben wir uns zur Ruhe. Am andern Tage, als er wieder anbinden wollte, wurde dem alten Fexen tüchtig die Meinung gesagt und ihm so eingeheizt, dass er fortan an einem andern Tische bei den Italienern speiste, und ein allgemeines Halloh gieng los, als das Fräulein den von ihm verlassenen Platz einnahm. Der alte Kracher hat, da er alle Jahre nach Europa fährt, schon öfters sein Unwesen auf dem Schiffe getrieben; diesmal ist er an die Unrechten gekommen! Wie frech, verdorben und moralisch ansteckend manche Leute sind, möchte man nicht glauben; und es ist mehr als dumme Einfältigkeit, wenn man noch in Oesterreich über den Antisemitismus loszieht. Da einmal klares Wasser schaffen — und alles übrige wird sich dann in Oesterreich schon leicht geben. (Schluss folgt.) Von Brisen nad? Kairo. ©cf ir a bei Kairo, 28. November 1901. sind bereits zwei Monate verflossen, dass ich wieder in Afrika angelangt bin. Am 18. September kamen wir, Hochw. P. Münch und ich in Trie st an. Noch am selben Tage besorgten wir unsere Schiffskarten, dann wurde die Stadt in Augenschein genommen Was uns am meisten interessierte, war der schöne Hafen mit seiner malerischen Umgebung und die große Menge von Schiffen der verschiedenen Länder und Nationen. Das schönste Schiff war die „Semiramis" vom österreichischen Lloyd, mit der wir am nächsten Tag die Fahrt nach Afrika antreten sollten. Am 19. September früh Morgens gierigen wir , zur Kirche der Hl. Katharina, woselbst Hochw. P. Münch die hl. Messe las und ich ihm bei derselben diente. Es war am Altar der schmerzhaften Mutter Gottes. Welche Gefühle durchflogen da unser Herz! Es war wohl mehr ein Dankopfer, dass wir endlich nach langem Sehnen das Glück hatten, wieder in unsere liebe Mission zurückkehren zu können, woselbst ja jetzt eine große Seelcnernte zu hoffen ist. Um 11 Uhr bestiegen wir das Schiff, da gab es viel zu schauen. Zu unserer größten Freude trafen wir auch einen guten alten Bekannten, den Sohn des Herrn Dr. Peer in Brixen. Herr Dr. Peer jun. fuhr als Schiffsarzt auf der „Semiramis". Auch ein geistlicher Herr, ein Oesterreicher, war noch unser Reisegefährte. Punct 12 Uhr wurden die Anker gelichtet, und ich sang für mich: „Nun leb' wohl, du mein lieb' Heimathland, lieb' Heimathland, lieb' Heimathland, leb' wohl!" Thränen rannen zu Boden bei der Frauenwelt, sowohl am Ufer als auch auf dem Schiff, sogar in den Gesichtern mancher Herrn sah man die Seelenkämpfe, welche die Trennung von der lieben Heimath und den Theuern, die am Ufer weiße Tücher zum Abschied schwenkten, hervorrief. Es ist doch etwas eigenthümliches bei einer Abfahrt übers Meer. Gott allein kennt da die Vorgänge im armen Herz so eines Menschen, der sich vielleicht nur um des täglichen Brodes willen und um eine bessere Existenz zu suchen, von der lieben Heimath trennen muss. Und wie viele finden wirklich ein besseres Fortkommen als in der Heimath? Das hat man nur allzu oft- hier vor Augen. Unbesonnen, ohne Erfahrung und ohne Geld suchen oft junge Leute hier eine Zukunft und finden am Ende nur Täuschung, Elend und Armuth, und es droht ihnen die Gefahr, an Leib und Seele zugrunde zu gehen. So kam vor einigen Wochen ein Deutscher zu uns, der für einige Zeit in Deutsch-Ostafrika bei der Regierung als Aufseher in Diensten gestanden, aber dann, da er das Tropenclima nicht vertragen konnte, krankheitshalber seinen Dienst aufgegeben hatte und hier ins österreichische Spital eingetreten war. Nachdem er genesen war und noch eine ziemliche Barschaft hatte, wollte er sein Glück hier versuchen, musste sich aber, da er weder arabisch noch eine andere hier gebräuchliche Sprache verstand, auf einen Dolmetscher verlassen. Dieser, wahrscheinlich ein Grieche, führte ihn an einen entlegenen Ort, raubte ihm seine ganze Barschaft und ließ ihn im Stich. Das ist das Schicksal eines derjenigen, deren es hier so viele gibt. Als das Schiff sich aus dem Hafen entfernt hatte, konnten wir erst recht die herrliche Lage von Triest betrachten und bewundern. Die Stadt entschwand allmählig unsern Augen, doch das Herz flog nochmals hinüber zur lieben Heimat und nach dem schönen Tirol. „Lebt wohl, ihr schönen Berge, vielleicht seh'n wir uns nicht wieder." Das Meer war während unserer Reise das denkbar schönste. Während der ganzen Reise wurde niemand ernsthaft seekrank. Auch ich blieb diesmal von dem lästigen Unwohlsein ziemlich verschont. Zweimal verspürte ich etwas von der Seekrankheit, doch hatte ich ja einen guten Arzt in unmittelbarer Nähe, nämlich unsern Hochw. P. Münch, der mit seinem Karmelitergeist, wovon er ein kleines Fläschchen bei sich trug, gleich Abhilfe schaffte. Auch einige andere Reisende, die ein kleines Unwohlsein befiel, wurden durch einige Tropfen des erwähnten Karmelitergcistes sofort curiert. Wer eine Seereise zu machen hat, dem könnte man dieses erprobte Mittel gegen Seekrankheit bestens empfehlen. Es wurde niemand so ernstlich seekrank, um Gelegenheit zu haben, dieses Mittel recht anbringen zu können. Es heißt ein Sprichwort: „Wenn du beten willst, so gehe aufs Meer"; man könnte aber auch sagen: „Willst du die Wunder Gottes sehen, so gehe aufs Meer". Wie wunderbar war nicht ans offener See der Sonnenuntergang, die Reinheit, Klarheit und Durchsichtigkeit der Sonnenscheibe und des ganzen Abendhimmcls, dieses ätherische Licht, dieses Spiel in allen Farben und Ucbergängen lässt sich weder beschreiben noch malen! Man weiß wirklich nicht, was da am Schönsten zu nennen ist, das Grün, das Von Brixen nach Kairo. 19 Violett oder der Goldgrund, umrahmt vom schönen Himmelsblau. Auch konnte ich eines Abends 11 Uhr den Untergang des Mondes schauen, erst bekleidet mit dem Silbcrgewand — im Süden ist bekanntlich der Mond viel heller und klarer als bei uns im Norden —, dann wurde er, je mehr er sich dein Horizonte näherte, immer gelber, bis er schließlich wie eine dunkelrothe Scheibe sich ins Meer zu vcr- | senken schien; schon längst dem Auge entschwunden sah man noch lange den lichten Schein, der wie ein langer, schmaler, lichter Schweif auf dem Meere leuchtete. Man konnte dadurch beobachten, wie die Erde rund ist. Unsere Reisegesellschaft war eine höchst angenehme. Doch ich habe irgendwo gehört oder gelesen: „Und als die Guten versammelt waren, war der Belzebub ■1 Br. Karl Hlodt mit Negerknaben. auch dabei." Diesmal war cs ein alter Jude, der sich hervorthat und es auf ein christliches deutsches Mädchen abgesehen hatte. Derselbe brachte so zweideutige Reden am Tische vor, dass sich seine Tisch-genossen aufs äußerste beschämt, fühlten, daß in Gegenwart eines Geistlichen am Tische solche Reden vorkamen. Der gutmüthige, österreichische Priester jedoch stopfte dem Juden bald den Mund derartig, dass es demselben schien, als könne er keinen Brocken mehr hinunterbringen, und er es vorzog, ain nächsten Tag sein Mahl stillschweigend an einem andern Platz einzunehmen. Die junge Dame, die aus Scham nicht mehr zu Tische gekommen war, nahm dann den Platz des alten Juden in Besitz, und so war der Triumpf ein vollständiger. Am 20. September landeten wir in Brindisi Es waren nur 2 Stunden Aufenthalt. Während dieser Zeit kamen mehrere von den lustigen Südländern an Bord, spielten mit Mandolinen und Guitarren und brachten ihre Nationaltänze zur Aufführung, wofür dieselben von den Reisenden mit einem guten Trinkgeld beschenkt wurden. Alle möglichen schönen Südfrüchte wurden feilgeboten zu einem wahren Spottpreis. Einen Korb voll der schönen, dicken Muscat-Weintrauben, 5 Kilo an Gewicht, erhielten wir für einen Frank. Es fehlte auch nicht an armen Blinden und Krüppeln, die vom Ufer her um Almosen baten, welche ihnen auch reichlich zuthcil wurden; wir hatten noch einiges österreichische Kleingeld und übergaben cs einer blinden 20 Von Brixeil nach Kairo Frau, die von einem Knaben geführt wurde, und als das Schiff in See gieng, winkte uns der Kleine noch lange mit der Hand zum Zeichen seiner Dankbarkeit nach. Auch gab es viel zu lachen über die lustigen Gassenbuben, die sich rauften und zerrten um ein Geldstück, das von den Passagieren ans Ufer geworfen wurde. Viele Häuser und die italienischen Schiffe waren beflaggt, denn au diesem Tage wurde in Italien die Besitznahme von Rom gefeiert. Am 23. September morgens gegen halb 5 Uhr kam Afriea in Sicht mit seinen stachen Sandufern und hohen Dattelbüumen. Gegen 6 Uhr kam der arabische Lootse, um die „Semiramis" in den Hafen von Alexandrien einzuführen. Es darf nämlich kein Capitän sein Schiff selbst in den Hafen einführen. Das Schiff muss außerhalb des Hafens warten, bis der arabische Lootse erscheint. Die Ansicht von Alexandrien vom Meere aus ist sehr schön; hätte ich einen Photographenkasten gehabt, so hätte ich für unsere Zeitschrift verschiedene schöne Gruppenbilder aufnehmen können. Als ich vor acht Jahren nach Alexandrien kam, gieng es bei der Ausschiffung sehr toll zu. Da standen am Hafen die Eseltreiber, Packträger und dergleichen Kopf an Kopf in allen Hautfarben und Kleidungen und schrieen den Passagieren in den verschiedenen Sprachen zu, um sie für sich zu reclamiereu. Jene, welche ein paar Worte Deutsch wussten, schrieen: „Guter Bismarck-Esel hier"; wahrscheinlich glaubten sie, dieser Name müsse bei den Deutschen eine besondere Empfehlung für sie sein. Und als erst die Schiffsbrücke niedergelassen ward, da war es ganz aus, gleich Seeräubern bestürmten sie das Schiff, man war seiner Habe nicht mehr sicher, ja, nicht selten musste der Stock seine Wirkung thun, um sich diese Halbwilden vom Leibe zu halten. Hatte man dann schließlich nach langem Herumzerren einem den Koffer übergeben, so fielen 2—3 über denselben her, um ihm den Koffer wieder zu nehmen, und so entstand dann wieder unter diesen eine Rauferei; schließlich hatte man dann mit dem Pack-träger zu streiten, weil derselbe mehr verlangte, als vorher ausgemacht ward; am Ende gab man dann noch ein Bakschich (Trinkgeld), und der Packträger gieng mit dem Worte „Malesch" vergnügt davon. Heute geht es jedoch ganz anders zu: die Träger sind Angestellte und tragen ein Abzeichen; die Hafenpolizei hält die schönste Ordnung; ich dachte, man sieht schon, dass Afrika eivilisiert wird. Der österreichische Priester übergab uns seinen Diener, der auch deutsch sprach, um uns zu den deutschen Schulschwestern vom hl. Carl Borromäus zu führen. Dort las Hochw. P. Münch die hl. Messe. Ich traf daselbst auch einen guten Bekannten aus Wien, den Hochw. P. Remigius Ruez aus dein Orden des hl. Franziseus, der sich in Alexandrien um die Sache der Deutschen viele Verdienste erwirbt. Um 9 Uhr fuhren wir mit dem Schnellzuge nach Kairo. Da gieng es bei der Abfahrt nun wieder recht afrikanisch zu. Ein Geschrei und Toben, dass einem fast Hören und Sehen vergehen konnte. Kaum hatte der Zug die Station verlassen, da mußte man Thüre und Fenster verschließen, um nicht vom Staube erstickt zu werden. Dennoch waren wir in kurzer Zeit über und über mit Staub bedeckt, so dass unser schwarzer Talar ganz grau war. Uns machte das keinen großen Eindruck, da wir schon von früher her ähnliches gewohnt waren. Aber für solche, die zum erstenmal den afrikanischen Boden betraten, war das doch nicht sehr einladend. Um halb 2 Uhr waren wir endlich in Kairo, woselbst wir dann unsern Hochw. Generalobern, den hochwürdigsten Herrn Bischof und noch andere Patres und Brüder antrafen, die alle eifrigst mit der Vorbereitung für die neue Expedition in das Innere Afrikas beschäftigt waren. Noch am selben Tage wurde ich von meinem jetzigen Obern Hochw. P. Weiler nach meinem Bestimmungsort, der Colonie Ge sir a abgeholt. Bei meiner Ankunft in ©estra galt es zunächst, meine lieben schwarzen Knaben zu sehen, viele hatten sich in den fünf Jahren so verändert, daß ich dieselben fast nicht wieder gekannt hätte. Mehrere waren schon im Sudan, woselbst sie den Missionären behilflich sind; einige waren auch schon gestorben. Die Knaben erkannten mich jedoch sogleich wieder und riefen: „Schuf, Br. Karl ft!" (das heißt: „Schau, Bruder Karl ist da!"). Da gab es nun ein freudiges Wiedersehen, ein jeder von den Knaben wollte ein Bild als Andenken haben. Wie muss nun erst, dachte ich, das Wiedersehen sein im Himmel, wenn wir die Schar von Negern wiedersehen, die uns schon in die Ewigkeit vorausgegangen sind und nebst der Gnade Gottes auch durch unsere Mühen und Opfer dem Heidenthum entrissen und der ewigen Seligkeit zugeführt wurden! Dieser Gedanke und diese Hoffnung sind der einzige Trost und Lohn auf Erden für den Missionär. Möge Gott geben, dass von Müh land recht bald viele eifrige Missionäre kommen, denn die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige. Mögen sich auch immer mehr Gönner und Wohlthäter für das Missionshaus in Mühland finden, damit durch deren Gebet und Almosen recht viele Seelen gerettet werden und damit so attch jene, welche nicht direct an der Rettung der Seelen in Afrika arbeiten können, reichen Antheil haben an den Verdiensten der Bekehrung der armen Neger in Afrika. Br. K ar lK l o d t, S. d. h. H. Webensbilöer deutscher Wsswnäre. P. K>. Seiner-, S. ö. H. K. Von P. datier Geyer. I. Im Elternhaus. 1. Kindcrjahre. ^>cr Wert unseres Lebens bemisst sich nicht nach der Anzahl seiner Tage. Was der Mensch Gutes oder Böses gethan, fällt allein in die Wagschale des göttlichen Richters. Nicht der Glanz äußerer Werke, nicht der Prunk großer Thaten, sondern der end-giltige Sieg über sich selbst bildet die goldene Brücke in ein glückliches Jenseits. Dazu bedarf es nicht der Jahre, aber Muth muss man haben, christlichen Muth, und wer diesen besitzt, mag er auch in der schönsten Blüthe seines Lebens in die Nacht des Grabes sinken, er hat nicht umsonst gelebt, „er hat in Kurzem viele Zeiten ausgefüllt". Der Todte, dem diese Zeilen gewidmet sind, wird einst nicht mit goldenen Buchstaben in die Jahrbücher der Geschichte eingetragen sein. Er hat keine Städte erobert oder zerstört, keine Völker geführt oder verführt. Sein Wirkungskreis war ein bescheidener aber fruchtbarer nach außen, ein bewunderungswürdiger nach innen. Es gibt Männer, die das gewöhnliche Lebensalter überschreiten, die über ein halbes Jahrhundert hinaus durch die unerschöpfliche Fülle ihres Riesengcistes und hinreißenden Thatkraft ihre Zeit in Bann halten. Gleichwohl sagt man bei ihrem Tode, sie seien zu frühe heimgegangen; ihr Verlust sei unersetzlich. Beides dürfte eine liebe Täuschung fein; das erste oft, das letztere immer. Kein Mensch stirbt zu früh, außer der Selbstmörder, und ein langes Leben führt nicht jedesmal zur „Heimath", sondern oft anderswohin. P. Seiner, welcher als der erste deutsche Missionär aus unserer Gesellschaft im heißen Süden den Märtyrertod der treuen Pflichterfüllung starb, hat nur drei Jahre als Apostel des Glaubens gewirkt, aber sein ganzes Leben hindurch dahingestrebt, auf dem schwierigen Pfade der Tugend zur Sonnenhöhe christlicher Vollkominenheit emporzusteigen. Hat der große Plato Recht, wenn er sagt, nur jener Mensch verdiene ein Denkmal, der das Beste vertheidigt und das Ehrenwertheste thut, dann steht P. Seiner gewiss nicht an letzter Stelle unter denjenigen, deren Lebensbild erbauend und begeisternd auf das Herz des Lesers wirkt. Es war am 7. August 1873, als es in der bescheidenen, sonst so ruhigen Wohnung des k. k. Gendarmerie-Wachtmeisters S e i n e r zu M a u l s in Tirol etwas ungewöhnlich lebhaft zugieng. Das Räthsel war schnell gelöst. Ein kleiner pausbackiger Knabe reißt auf einmal voll Ungestüm die Hausthüre auf, springt seinem ebenso blühenden Kameraden, den er gerade hat vorübergehen sehen, in aller Eile nach und flüstert ihm geheimnisvoll ins Ohr: „Du, Seppl, der Storch hat uns ein kleines Brüderchen gebracht!" Und wie eben Kinder thun, er läßt dem Freunde keine Ruhe, bis er mitgeht, um den Ankömmling zu betrachten und zu bewundern. Der also gepriesene neue Weltbürger war unser P. Seiner, der in der hl. Taufe den Namen Heinrich erhielt. Von seiner ersten Kindheit läßt sich wenig sagen. Sicherlich aber hat er schon mit der Muttermilch die Lehre des Glaubens eingesogen und jene kernhafte Frömmigkeit, die ihm später eigen war. „Womit einmal ein neues Gefäß angefüllt worden ist, darnach wird es lange noch duften," sagt der römische Dichter Horaz. Der Mensch ist ein solches Gefäß, aber nach dem hl. Paulus ein sehr gebrechliches. Es ist daher eine doppelte Vorsicht nothwendig, dieses „Gefäß der Auserwählung" sowohl mit dem entsprechenden Inhalt zu versehen, als ihm in gehöriger Weise dessen Wohlgeruch zu erhalten. Rosine, die Mutter des kleinen Seiner, kannte zu gut ihre Pflicht und deren Bedeutung, als dass sie es hätte verabsäumen können, ihrem Heinrich schon frühzeitig eine innige Liebe zu Gott und allem Göttlichen einzuflößen. Leider finden wir vielfach das gerade Gegentheil. Die Liebe gar vieler Mütter ist nichts als eine Paradeliebe. Das Kind wird geherzt bis zur Läppig-keit und geputzt bis zur Ekelhaftigkeit. Es ist jederzeit imstande, als lebendige Modepuppe auf die nächste Weltausstellung oder als Auslage in das Schaufenster des ersten besten Ramschbazars geschickt zu werden. Dass man seinen „Liebling" die hl. Namen Jesus oder Maria aussprechen lehrt, das füllt einem nicht im Schlafe ein. Wozu auch? Das Kind kann es ja doch nicht verstehen, ist die gewöhnliche Antwort. Besser und der Wahrheit näher wäre es allerdings, wenn man gestände, dass man 22 Lebensb über deutscher Missionäre. es selbst nicht versteht und dass.die Religion einem nebensächlich und gleichgiltig sei. Dabei wissen die „modernen" Kinder, man möchte beinahe behaupten, schon in den Windeln den zur Zeit gerade eur-sierenden „Gassenhauer" zu lallen. Das scheint zwar übertrieben, ist es aber mit nichte». Wir haben es selbst in dem Gefängnisse eines Eisenbahnwagens gesehen und gehöret, wie ein solch „Allerweltskind", das kaum „Bapf" herausbrachte, in abgerissenen Worten sang: „Mein Herz, das ist ein Bienenhaus". Die Eltern brüsteten sich damit, die Zuhörer gaben ihren Beifall zu erkennen und konnten sich nicht genug darüber wundern, wie der kleine Verstand daS zu behalten vermöge, dem vernünftigen Menschen dagegen läuft bei einem solchen Theater die Galle über; er drückt sich grollend in die Ecke, schließt die Augen und denkt — vergangener Zeiten, bis er durch das unbändige Schreien des unartigen Rangen wieder in die mißliche Gegenwart versetzt wird. P. Seiner konnte zeitlebens unserm Herrgott nicht genug dafür danken, dass er ihm eine liebe, aber zugleich auch herzensftomme Mutter gegeben, die den kleinen Wildfang, so oft es angemessen schien, handgreiflich zur Ordnung rief. Der Vater war selbstverständlich vielfach nicht daheim. Aber Frau Rosine Seiner gehörte nicht zu jenen Müttern, die auf alle Ungezogenheiten der Kinder ewig und immer nur n Ruf im Munde führen: „Warte nur, wenn Wr Vater nach Hause kommt, der wird dir schon Gehorsam und Artigkeit beibringen!" Sie wusste, dass ein solches Verfahren einestheils den bösen Keimen des Kindes bloß' Vorschub leistet und das Ansehen der Mutter lockert, wenn nicht ganz vernichtet, anderseits den Vater in die größte Verlegenheit bringt. Wie könnte es auch anders sein! Der gute Vater hofft ja bei der Heimkunft auf einen fröhlichen Willkomm. Statt dessen hört er eine Litanei von Klagen, die Kinder halten sich furchtsam und scheu in der Ferne, er selbst soll sogleich zur Ruthe greifen! Was ein Hacken werden will, krümmt sich bei Zeiten, sagt ein deutsches Sprichwort. Dies galt in gutem Sinne von unserem Knaben. Der kleine Heinrich war für die Ermahnungen der Mutter nicht unempfänglich. Die Geschichten aus der Heiligenlegende, welche sie ihm erzählte, machten auf sein reines Gemüth einen tiefen Eindruck und riefen in ihm schon frühzeitig den Wunsch wach, dem Herrn in Treue zu dienen. Es ist eine auffallende Thatsache oder vielmehr ganz in der Ordnung, dass die Theilnahme für den Cult unserer hl. Religion ein untrüglicher Gradmesser des inneren Glaubenslebens ist. Nicht minder bemerkenswert ist die Erscheinung, dass fast alle unsere Geistlichen in der Jugend „Ministrantendienste" verrichteten. Das erste Ideal, das unserm Heinrich Tag und Nacht vorschwebte, war Meßdiener zu werden und den Pfarrer im Kleinen nachzuahmen. Er sang die Melodien, wie sie dem Priester am Altare vorgeschrieben sind, wo es nur immer angieng, in Feld und Flur, auf der Straße und in der Stube, selbst im Schlafe und in einem Latein, das er sich nach dem Gehör selbst zurechtgelegt hatte. Ei» gelehrter Professor hätte es vielleicht für spanisch gehalten und darüber gelacht, unser Hergott hat es gewiss verstanden. Da kam die hl. Weihnachtszeit heran. Es wäre natürlich gewesen, wenn sich der Sohn eines k. k. österreichischen Gendarmerie-Wachtmeisters vom lieben Christkindchen Säbel und Gewehr, Trommel und Helm erbeten hätte. An solchen Dingen hatte jedoch der kleine Heinrich kein Gefallen. „Wenn mir das Christkindchen nur ein Messkleid, einen Kelch und eine Monstranz bringen würde," meinte er verlegen. Er zweifelte selbst an der Erfüllbarkeit seines Lieblingsgedankens. Aber welche Freude, welches Glück, als ihm das Christkindchen willfahrte und ihn mit dem ersehnten Messgewand, dem Kelche und einer Monstranz bescheerte. Man hätte ihm die ganze Türkei versprechen dürfen, er würde nicht auf den Tausch eingegangen sein. Sogleich wurden die Stühle zusammengerückt und ein Altar daraus gebaut. Die Brüder mussten die Ministranten abgeben. Das größte Gebetbuch, das im Hause zu finden war, diente als Messbuch. Er selbst trat bann, angethan mit dem neuen Messgewand, an den Altar und spielte den Pfarrer und sang in seinem Kauderwelsch-Latein die Messlieder, dass es nicht nur eine helle Freude war, sondern auch tief zu Herzen gieng. Damals war er noch so klein, dass ihm ein wirkliches Messbuch der gewöhnlichen Ausgabe aus den Händen gefallen wäre. Er konnte noch nicht Messdiener sein. Eine Ewigkeit schienen ihm jene Jahre zu währen, die er noch warten musste. Auch sie vergiengen. Er glaubte den Himmel zu haben, als er zum erstenmal ernst und fromm, nicht ohne Anflug eines kleinen Stolzes, mit dem Messbüchlein im Arme dem Priester zum Altar hin voranschritt. Wie emsig er in diesem Dienste war, möge nur das folgende Beispiel zeigen, das für Heinrich allerdings etwas tragisch endete. Sein Vater war inzwischen von Tirol nach Vorarlberg versetzt worden. Auch in Fe ldkir ch blieb der kleine Seiner im Amte eines Ministranten und zwar zuerst in der dortigen Stadtpfarrkirche. Da er nun schon um 7 Uhr in der Schule sein sollte, aber das Frühstück noch nicht bereit sein konnte, Lebensbilder deutscher Missionäre. 23 wenn er zum Messdienen gteng, so erhob sich in der kleinen Brnst ein gewaltiger Kampf. Die Zeit reichte nicht hin, um vor Beginn der Schule das Essen einzunehmen. Was also machen? Sollte er das Messedienen aufgeben oder auf das Frühstück verzichten? Er brachte das Opfer und ministrierte weiter. — Man spricht so gern von Opfergeist und Heldenmuth, und sonderbarerweise thun es jene am meisten, die keinen von beiden kennen, geschweige denn üben. Wenn ein Millionär auf eine Wohl-thatigkeitsliste zuoberst mit dicken Buchstaben seinen Namen schreibt und die Nullen der gespendeten hundert Kronen ungewöhnlich groß malt, preist man allenthalben seinen Opfergeist ; wenn ein Staatsmann einen Krieg vom Zaune bricht und unzählige Menschenleben „opfert", dann rühmt man seinen Heldenmuth, den er in der Sache des Volkes gezeigt. Ja, was kaum glaublich erscheint — die alten Griechen werden wieder aufgeweckt, einzig zu dem Zwecke, um uns als vollendete Muster des Opfersinues in großem Maßstab Unterricht zu ertheilen — weil sie so viele Thieropfer den Göttern dargebracht. Aber man sucht thatsächlich bei allen dreien vergebens nach Dpfevgeift; denn dieser „Opfergeist" kennt weder Geist noch Opfer. Dem Millionär thut das Opfer nicht weh, und von den Griechen ist zur Genüge bekannt, dass sie den Göttern für höchstdero himm- lische Nasen nur den Duft von dem fetten Braten zukommen ließen. Ein kleiner christlicher Knabe beschämt durch sein kleines, für seine Verhältnisse jedoch großes Opfer, alle Alt- und Neuheiden. Aber einmal fiel unser Heinrich des Opfers wegen doch in die Versuchung. Er hatte wie gewöhnlich ministriert, ohne Frühstück natürlich. In der Schule bekam er nun einen wahren Heißhunger. Doch woher Brot nehmen und nicht stehlen?! Da kam ihm ein Blitzgedanke. Es war ja Mittwoch, und an diesem Tage theilte der Seeretär des hochw. Herrn Bischofs den armen Schülern Brot aus. Die bischöfliche Wohnung lag zudem der Schule gerade gegen- über. Ohne sich des Weitern zu besinnen, erhob sich Heinrich und bat den gestrengen Herrn Lehrer Bl. um die Erlaubnis, in den Hof gehen zu dürfen. Sie wurde ihm bereitwilligst gcge6en; aber anstatt in den Hof, schlug er den Weg schnurstracks über den Hof zum bischöflichen Seeretär ein. Doch das Unglück schreitet schnell, sagt der Dichter. Heinrich musste es sofort erfahren. Der Herr Lehrer sah durchs Fenster und beobachtete den ganzen Vorgang. Nichts ahnend kommt Heinrich wieder herein, wurde aber schon an der Thüre abgefasst und ins Verhör genommen. Als Strafe musste er im Conferenz-zimmer intern bleiben und erhielt als Abschluss des „Verbrechens" eine tüchtige Tracht Prügel. Er bat niemals mehr, in den Hof gehen zu dürfen und bereute diesen § Knabenstreich sein ganzes Leben hindurch. Der halbverrückte griechische Philosoph Diogenes suchte einst beim hellen Tage mit einer brennenden Laterne auf dem vollgepfropften Markte Menschen. Heute .müsste er zum mindesten Männer suchen. An Männern würde es jedoch nicht mehr fehlen, sobald wir wieder eine urwüchsige Jugeud hätten, eine Jugend, nicht verbildet durch den blendenden Firniss moderner Verzärtelung in Schule und Haus, in Sollen und Wollen, sondern gebildet durch die von der Religion getragene Zucht der Eltern und des Lehrers. Wir vertheidigen keineswegs das sogenannte „nackte Prügelspstem", das von den jeweiligen Umständen absieht, aber der edle Freidank behält sicherlich Recht, wenn er meint: Alle Ehre gar zergat (vergeht), Die nicht Zucht noch Meister hat. Von Züchten nie kein Mann verdarb, Unzucht (Nachsicht) oft schon Schaden erwarb. 2. Berufs w ah l. Sicherlich finden sich auf der ganzen Welt keine unglücklicheren Geschöpfe als jene Menschen, die selbst nicht wissen, wozu sie auf Erden sind. 24 Lebensbilder deutscher Missionare. Nach allem ahnen wir schon, welchen Beruf unser Heinrich sich erwählen wird. Er gieng jetzt bereits ins zehnte Lebensjahr, als sein Vater nach 28 jähriger Dienstzeit in den Ruhestand trat. Auch für Heinrich hatte dieser Umstand seine Folgen. Einmal versetzte er ihn unter einen ganz anderen Himmel; denn der Vater siedelte nach erfolgter Pensionierung von Vorarlberg nach Steiermark über. Sodann veränderte er völlig die bisherigen Lebensbedingnngen. Solange Herr Seiner im Amte eines Gendarmerie-Wachtmeisters war, that Heinrich eben das, was Beamtensöhne gewöhnlich thun: Er trieb sich in der freien Zeit mit seinen Kameraden im munteren Spiele herum. Man verarge es uns nicht, hier eine Bemerkung über eine gewisse Erscheinung einzuflechten, die wir des öfteren zu beobachten Gelegenheit hatten. Oben wurde darauf angespielt, dass die heutige Welt keine Jugend mehr kennt. Gottlob gilt dies nur von unseren Städten. Wer nicht mit ganz geschlossenen Augen durch unsere modernen Großstädte geht, der wird erschrecken vor den Jünglingsgestalten, die da durch die Straßen geistern. Welch' ein schlotternder Gang! dieses leichenfarbige, langweilige Gesicht! diese glanzlosen, blauunterlaufenen Augen! der lebendige Tod könnte sich nicht komischer oder vielmehr abschreckender ausnehmen. Das Auffallendste aber an diesen „Rittern von der traurigen Gestalt" ist, dass sie in einer kasperltheatralischen Gespreiztheit einherstolzieren, als vermeinte jeder ein Herrgott zu sein. Nirgends Geist! ja nicht einmal Körper! Und wenn uns einmal ein wirklicher Körper entgegentritt, dann ist es entweder ein Meerwunder oder ein geistloser, fetter Fleischklumpen. Man athmet förmlich auf, wenn die Stadtlust nicht mehr die Brust beengt. Wie in einem ganz anderen Lande kommt man sich vor. Hier findet man noch die wahre Jugend. Unwillkürlich erhebt uns der Anblick dieser frohen Gesichter. Wie Morgenroth liegt es auf diesen Wangen. Sonnenschein strahlt aus diesen unschuldigen Augen. Die heitere Stirne spiegelt die Unverdorbenheit des Herzens wieder. Da ist Geist und Leben, Kraft und Körper. Leider trübt sich auch hier manchmal die Freude. Auch die ländliche Jugend hat ihren Feind — die eigenen Eltern. Kinder, Jünglinge und Jungfrauen gewahrt man, geistig so frisch und erquickend wie die übrigen, aber ihr Körper ist verkrüppelt und verkümmert — durch den Unverstand ihrer Eltern, die ihnen zu frühe übermäßige Arbeiten auflegen. Christliche Eltern, daS darf nicht sein, das ist Sünde! „Singen, springen soll die Jugend," sagt schon der Freidank. Wir wollen gewiss nicht dem Nichtsthun der Kinder das Wort reden, jedoch alles mit Maß und Ziel, und ein weiser mittelalterlicher Dichter gicng nicht fehl, als er seinem Sohne den Rath gab: „Sohn, soll dein Haus in Ordnung steh'n, So muss man dort drei Dinge seh'n, Gut, Milde, Zucht, dann wird's wohl geh'n!" Doch wir verlieren uns beinahe zu weit.' Aber ich muss dir, lieber Leser, ehrlich gestehen, dass mich dies schon lange gedrückt hat. Ich fühle mich für meinen Theil jetzt wenigstens erleichert und hoffe und bitte dich, wenn es dich allenfalls auch angeht, dass du darnach handelst. Kehren wir zu unserem Heinrich zurück! Mit der Uebcrsiedlung nach Stain'z in Steftermark gieng auch das freie ungebundene Leben zu Ende. Der Vater widmete sich nun der Landwirtschaft und zog auch den kleinen Heinrich als Nebenhilfe heran. Obgleich durch das Unglück — die Mutter war gestorben und der Bruder todtkrank — der Vater alle Arbeitskräfte beanspruchen musste, so überbürdete er dennoch nicht seinen Sohn, in dessen frommer'Seefe mittlerweile ein kühner Gedanke gereift" war. (Fortsetzung folgt.) Der Kegerknabe Alois Mohamrneö. Von P. Josef Weiler, ©. b. h. §. im Jahre 1882 ausgcbrocheue Aufstand des Mahdi war für die centralafrikanische Mission ein harter Schlag. Sämmtliche Missionsstationen im Sudan fielen in die Hände der Mahdisten und wurden gänzlich zerstört. Die Neger der Mission entflohen mit den Missionären und wurden in der Acker-baucolonie Gesira bei Kairo untergebracht, welche der damalige apostolische Vicar zu diesem Zwecke augekauft und eingerichtet hatte. So blieben die Missionäre auch nach ihrer Verbannung aus dem Vicariate von Centralafrika zum Wohle der Neger in Aegypten thätig. Das Feld ihrer Wirksamkeit war allerdings beschränkt, und stellte wegen des in Aegypten vorherrschenden Islam und der eigenthümlichen Lebensverhältnisse der in diesem Lande angesiedelten Neger keine reiche Seelenernte in Aussicht. Dennoch ist das Gute, das die Colonie seit ihrem Bestände für das leibliche und geistige Wohl der Neger gewirkt, nicht gering anzuschlagen, besonders wenn man den verwahrlosten und elenden Zustand erwägt, in dem sich dieselben zum größten Theile vor ihrer Aufnahme in die Colonie befunden haben. Zum Belege dafür wähle ich unter den vielen diesmal nur einen heraus, nämlich den Ncgerknaben M o h a m m ed, um seine Lebensgeschichte den Lesern dieser Zeitschrift in kurzen Zügen vor Augen zu führen. Was zunächst die Heimat Mohammeds angeht, so haben wir dieselbe gemäß seiner eigenen Angaben in Hadeudoa zu suchen, eines Nomadenstammes, der zum großen Bedjastannue gehört und die zwischen dem Rothen Meere und dem Nile gelegenen Wllstcn-steppcn bewohnt. Der Vater des Knaben heißt Dschadallah, seine Mutter Om Ahmed. Außerdem gehörten zur Familie Mohammeds eine ältere Schwester, namens Fatma, sowie zwei Brüder, von denen der ältere Hassan, der jüngere Hussein heißt. — Mit dieser Angabe seiner Herkunft steht die braune Körperfarbe Mohammeds im Einklänge. Die Hadendoa zählen nämlich zu den sogenannten Nigriticrn oder Halbncgern. Die schwarze Körperfarbe kommt unter ihnen selten oder gar nicht vor. Zum Unterschiede von den eigentlichen Negerstämmen nm weißen oder blauen Nil, deren Haut keine Behaarung zeigt, haben sie ferner einen spärliche» Bart, sowie langes, gekräuseltes Kopfhaar, das sic mit großer Sorgfalt und nicht ohne Geschick frisieren, und zwar in der Weise, dass dasselbe theils laugwallend über die Schulter» herabfällt, theils über ihrer Stirne sich zu einem zierlichen Büschel vereinigt. Durch ihre regelmäßigen Gesichtszüge und ihren schlanken, wohlproportionierten Körperbau mit kräftig entwickelter Muskulatur nähert sich die hadeudoasche der kaukasischen Rasse. Ihre Hauptbeschäftigung besteht in Jagd und Viehzucht. Sie züchten vornehmlich Kameele, Kühe und Ziegen, mit denen sie in Ermangeln >g fester Wohnstätten die Wüstensteppen nach allen Richtungen durchziehen. Ihre Hauptnahrung besteht in Milch, Fleisch und Durrah. Letzteres zerreiben sie vermittels eines Reibsteines, Murhakka genannt, und genießen den daraus bereiteten Teig auf einer über einem Feuer angebrachten Eisenplatte; das so entstehende weiche, matzenförmige Brot hat einen säuerlichen Geschmack und hat sich unter dem Namen Kesrah nicht bloß unter den Hadendoa, sondern auch bei allen Negerstämmen des östlichen Sudan als Hauptnahrungsmittel eingebürgert. — Was ihre politische Lage betrifft, so unterstanden die Hadendoa seit Eroberung des Sudan durch die Derwische dem Beherrscher des Mahdireiches, von dessen tyrannischer Grausamkeit auch sie manches zu erzählen wissen. Doch infolge der Einnahme von Berber und Schendi seitens der englisch-ägyptischen Armee wurden die Hadendoa nebst den benachbarten Araberstämmen von der madhistischen Schreckensherrschaft befreit und wurde zu gleicher Zeit der Karawanenweg zwischen Suakin und Berber wieder geöffnet. Die Hadendoa spielten übrigens beim Aufstande des Mahdi keine unbedeutende Rolle; ihrem ungezügelten Muthe und ihrer kriegerischen Tapferkeit hatte Osman Digna, der Emir des östlichen Sudan, den Sieg über die von Backer Pascha befehligten und au Zahl und Munitionsmitteln weit überlegenen ägyptische» Truppen bei Triukitat im Jahre 1884 vornehmlich zu verdanken. Das, was die Hadendoa und die Sudanesen überhaupt damals bewog, die Partei des Mahdi zu ergreifen und ihm in seinen kriegerischen Unternehmungen Hilfe zu leisten, war die Unzufriedenheit mit der Verwaltung des Landes, in die sich durch die Schuld ägyptischer Beamter allerlei Missbräuche eingcschlichen hatten, sodann eine religiöse Schwärmerei für die Person des Mahdi, den sie als Wuuderthäter und wahren Propheten verehrten und nicht an letzter Stelle die Aussicht auf eine reiche Beute. Auch die Familie Mohammeds wurde in den Strudel der Empörung hiueiugerissen. Nicht bloß der Vater, sondern auch der ältere Bruder leistete dem Emir Osman Digna Waffendienste und zogen nach der Schlacht bei Tr in kitat mit vielen ihrer Stammes- 26 Der Ncgcrknabe Alois Mohammed. genossen gegen CH art um, mo der Mahdi seine gc-sammtcn Streitkräfte vereinigte, um den letzten entscheidenden Schlag gegen die englisch-ägyptische Herrschaft im Sudan zu führen. Auch die Mutter schloss sich nach sudanesischer KriegSsittc dem Zuge an. Doch die Belagerung Chartums sollte für die ganze Familie verhängnisvoll werden. Dschadallah, der Vater Mohammeds, wurde durch einen Kanonenschuss gc-tödtct, während Hassan, sein ältester Sohn, verwundet und kampfunfähiggemacht wurde. Das tragischeste Geschick ereilte jedoch seine Mutter, welche, während sic selbst zum Kampfe anfeuerte von den heranstürmenden ägyptischen Soldaten mit Bajonettstichen niedergemacht wurde. Mohammed flüchtete sich mit seiner Schwester Fatma und seinem jüngeren Bruder Hussein hinaus in die Wüste, während drinnen in der Stadt das donnerähnlichc Getöse der Kanonen, daS Knattern der Gewehre und das Geheul und Geschrei der Kämpfenden seinen ungestörten Fortgang nahm. — Nachdem sic sich dort in einem Verstecke von ihrem panischen Schrecken einigermaßen erholt und die ruhige Besinnung wieder erlangt hatten, bemerkten sic einen Trupp ägyptischer Soldaten nebst vielen Weibern und Kindern, welche auf ihren Kamcelen dahcrritten und augenscheinlich in der Flucht ihr Heil suchten. Mohammed fasste Muth, lief auf die Karawane zu und rief den Führer derselben um Mitleid und Hilfe an. Die Vorsehung fügte es, dass sein inständiges Flehen Erhörung fand, und da er die Frage, ob sie mit nach Aegypten fliehen wollten, bejahte, so wurden für ihn und seine Geschwister sofort einige Plätze ans den Kamcelen eingerichtet. Die langwierige beschwerliche Wüstenreise scheint ohne besondere Zwischenfälle verlaufen zu sein, wenigstens kannF sich Mohammed keiner Einzelheiten mehr erinnern. Vielleicht auch hat der Anblick der blutigen Scenen in Chartum und die frische Erinnerung an das traurige Los seiner Eltern ihn so verwirrt und sein Gefühl so abgestumpft, dass er für alle Eindrücke auf der Reise unempfindlich war. Nach einer zweiwöchentlichcn Reise langten die Flüchtlinge in Uadi-Halfa, dem Ziele ihrer Reise an, wo sie vor jeder Verfolgung geschützt, von ihren Reisestrapazen ausruhen konnten. Hier fand Mohammed mit seinen beiden Geschwistern im Hause eines arabischen Scheichs, namens Mustapha, Aufnahme, der ihnen versprach, sie bei seiner demnäch-stigcn Reise nach Mekka bis nach Kairo mit sich zu nehmen, wo sie ein besseres Unterkommen finden würden. Die Familie Mustaphas bestand aus zwei Frauen und einem noch minderjährigen Sohn. Mohammed hatte, wie er selbst bezeugt, sich während seines dortigen Aufenthaltes, der ungefähr 3 Monate dauerte, über keine harte Behandlung und schlechte Verpstegnng zn klagen. Dass er, der Wüstenfohn, mit seinem Lose zufrieden war, ist leicht begreiflich; denn unter Entbehrungen aller Art ivar er in der Wüste aufgewachsen und hatte es frühzeitig gelernt, an daS Leben gar mäßige Anforderungen zu stellen. Mohammed begleitete oft seinen Hausherrn ans seinen Ausgängen und leistete ihm Hilfe bei seinen Arbeiten auf dem Felde, während Fatma meist im Hause weilte und mit den beiden Frauen den häuslichen Arbeiten oblag. Der für die Reise nach Kairo bestimmte Tag kam endlich heran, und Mustapha bestieg mit Mohammed und seinen beiden Geschwistern eine Barke, ivclchc mit Datteln befrachtet war und gerade nach Kairo, dem Sammelplatz aller Mckkapilgcr aus Aegypten, absegelte. Die Fahrt auf dem Schiffe gieng sehr langsam von statten, da sic zur Nachtzeit regelmäßig eingestellt werden musste; sic war überdies nach unseren Begriffen nichts weniger als angenehm, da unsere Passagiere den Tag über der Glut der Sonne ausgesetzt waren und die Nacht unter freiem Himmel zubringen mussten. Ein schmerzlicher Zwischenfall ereignete sich bei ihrer Ankunft in A r m ant, einem Dorfe Obcr-ägyptcnsj Mustapha erklärte plötzlich, die Kosten der Weiterreise für den kleinen Hussein nicht bestreiten zu können. Er werde ihn daher einem seiner Freunde in Armant zur Verpflegung übergeben, ihn jedoch bei seiner Heimkehr von Mekka wieder abholen. Diese Eröffnung war für Mohammed und Fatma ebenso schmerzlich als unerwartet. Der Gedanke, dass sie sich von ihrem noch unmündigen Bruder trennen sollten, ohne Hoffnung ihn je wieder zu sehen, war ihnen unerträglich und sie baten und beschworen ihren Herrn unter heißen Thränen, denselben doch mit ihnen nach Kairo Weiterreisen zu lassen. Doch Mustapha bestand auf seinem Entschlüsse und suchte sie so viel als möglich zu beschwichtigen, indem er sie mit Datteln und anderen Süßigkeiten beschenkte und seinen Freund als einen Mann schilderte, der cs gut mit jedem meine und sich des kleinen Hussein mit Liebe annehmen' werde. Sodann übergab er letzteren einem arabischen Händler, der in Armant das Schiff verließ und davoneilte, bis er mit dem laut weinenden Knaben im Dorfe verschwand. Seit dicsein Vorfall betrachteten Mohammed unb Fatma ihren Gebieter mit misstrauischen Augen; die bangsten Erwartungen für ihre eigene Zukunft stiegen in ihnen auf, wenn sie bei sich im Stillen erwogen, wie derselbe wohl bei ihrer Ankunft in Kairo über ihr Lebcnsschicksal verfügen werde. In einem Gespräche mit den Bootsleuten sprachen letztere UN- 1/wHWVm SK WWW Eine Eöwenjagd. •28 Der Negerknabe Alois Mohammed. umwunden die Befürchtung aus, ihr Herr werde sie iu Kairo im Geheimen als Sclaven verkaufen. Sie fassten nun beide den Entschluss, heimlich zu ent-sliehcu. — Gesagt, gethan! Nachdem sie nach ihrer Ankunft iu Kairo aus dem Schiffe gestiegen, begab sich Mustapha alsbald mit seinen beiden Schützlingen iu die Stadt, um, wie er sagte, die berühmte Moschee El Azahr, die erste aller Sehenswürdigkeiten Kairos, zu besuchen, und auch die damit verbundene arabische Universität in Augenschein zu nehmen. Da er selbst der Straßen unkundig war, und gar nicht ahnte, was die beiden im Schilde führten, trug er der Schwester Mohammeds auf, sich nach der dorthin führenden Straße näher zu erkundigen. Fatma entfernte sich, indem sie einem Haufen Araber zueilte, welche in einiger Entfernung aus der Straße im Kreise beisammen standen. Mustapha wartete unterdessen mit Mohammed auf ihre Rückkehr und die ersehnte Auskunft. Doch Fatma kehrte nicht zurück. Beide giengen nach ihr auf die Suche; das Resultat war, dass auch Mohammed seinem 6ernt Lebewohl sagte und alsbald spurlos unter der Menschenmenge verschwand. In der Hoffnung, seine Schwester wiederzufinden, irrte er manche Stunde in den Straßen der Großstadt umher. Doch vergebens! Fatma war für immer verschwunden, und selbst bis heute hat Mohammed über ihren Verbleib und ihr Schicksal nicht die geringste Kunde erhalteit können. In der ersten Zeit erwarb er sich durch Bettel und gelegentliches Verdienst seinen Lebensunterhalt, da wurde er Eseltreiber und verblieb in dieser Stellung mehrere Monate. Das bunte, geräuschvolle Leben der Großstadt machte auf Mohammed einen bezau- bernden Eindruck, und bot ihm täglich neue Reize und als Eseltreiber hatte er täglich Gelegenheit, dasselbe iu nächster Nähe zu beobachten. Wer weiß, was aus dem lebenslustigen, flatterhaften Knaben geworden wäre, wenn nicht der Herr plötzlich seinem Lebenslaufe eine andere Richtung gegeben hätte? Es war an einem Sonntag Nachmittag, als unsere schwarze Musikbande sich anlässlich einer kirchlichen Feier nach der nahen Station Hcluan begab, welche als vielbesuchter Curort mit Kairo durch eine Eisenbahnlinie verbunden ist. Nach ihrer Ankunft auf dem Bahnhöfe in Kairo bliesen unsere Negerknaben einige Märsche, während ein zahlreiches Publikum sich allmählich um sie ansammelte. Auch unseren Mohammed hatte die Neugierde herbeigelockt. Kaum hatte er über unsere Colouie das Nähere erfahren, als er dringend bat in dieselbe aufgenommen zu werden. Der die Musikbande begleitende Missionär glaubte, nachdem er nach den Verhältnissen Mohammeds sich näher erkundigt keinen Einwand gegen seine Bitte erheben zu können, und noch am selben Abend langte Mohammed in der Neger colon ie glücklich an. Er wurde alsbald unter die Katechuinenen aufgenommen, und da er in der Erlernung des Katechismus erfreuliche Fortschritte machte, so wurde er bereits vor zwei Jahren auf den Namen Aloysius getauft. Am 22. April dieses' Jahres, dem Weißen Sonntage, hatte er das Glück, mit noch anderen Negerkuaben die erste heilige Communion in feierlicher Weise zu empfangen. Seine Frömmigkeit und sein sittlich gutes Betragen ist ein Trost für die Missionäre, deren Aufgabe es ja ist, den Neger aus seinem leiblichen und geistigen Elende zu befreien und ihn die Segnungen des Christenthums theilhaftig zu machen. --*—------------- Nus dem Mfsionsleben. 1. Opfersinn d er Katechurnenen. Dein Briefe einer Schwester der Trappistenmission in Neuköln in Deutsch-Ostafrika entnehmen wir: Neuk öln, 29. Juni 1901. Seit Weihnachten hatten sich alle unsere Kinder mit ganz besonderem Eifer auf die hl. Taufe vorbereitet. Im Unterricht sowohl als bei der Arbeit bewiesen sie großen Fleiß und zeichneten sich aus durch allseitig gutes Betragen. Als ich dieselben ermahnte, sich in erlaubten Dingen etwas Abbruch zu thun und dem lieben Gott ein kleines Opfer zu bringen, um so des bevorstehenden Glückes einigermaßen würdiger zu werden, da versagte sich unser Hamdara, der wohl schon seine Zwanzig zählt, das Liebste eines Schambala, nämlich das Rauchen einer Pfeife, gleich ganz. Selbst als ihm unser P. Superior eine Priese anbot, wollte er auch diese nicht annehmen. Ein anderer aß bis zum Taufbade keine Bananen mehr, ein Opfer, dessen Größe außer Gott wieder nur ein Schambala recht bemessen kann, weil er ja beinahe nur von Bananen lebt. Ein dritter Aus dem Missionsleben. 29 verschenkte die Leckerbissen, welche ihm seine Mutter häufig brachte. Ebenso fanden alle anderen etwas, das sie opfern konnten. Schnell hatten sie heraus, wie es anzustellen ist, sich zu überwinden und Opfer zu bringen. Wie schon erwähnt, waren alle unsere Kinder auf gleiche Weise bestrebt, sich auf die heil. Taufe vorzubereiten und alle hegte n ein und dieselbe Hoffnung und Sehnsucht. Doch hört nur, liebe Leser, welch' traurige Erfahrungen man machen niuss. 2. Die Taufe — ein Zaubermittel. Die Heiden hier halten die Taufe für das schrecklichste Zaubcrinittcl, und bcsondersdie Kinder fürchten sie als solches. In der Schule darf man den Namen „Taufe" vor ungenügend Unterrichteten nicht nennen, sonst ergreifen selbige die Flucht und kommen nicht wieder. Auf Umwegen muss man ihnen langsam den rechten Begriff von der Taufe beibringen, und ist das geschehen, daun verlangen sie mit großer Sehnsucht darnach. Bevor ich das recht wusste, fragte ich einmal unvorsichtig ein Mädchen, ob cs nicht getauft werden wolle. Die traurige Folge war, dass das arme Kind zum Fenster hinaussprang und viele andere ein entsetzliches Geheul anstimmten. So sehr ist das vorgebliche Zaubermittel gefürchtet. Ja, die Taufe ist wirklich ein außerordentliches Zaubermittel, das sogar den Urheber alles Zaubers, den Teufel selbst aus dem Herzen des Menschen vertreibt. Daher fürchtet er cs nicht grundlos und jagt seinen Sclaven solche Furcht ein. Möchten doch die armen Heiden erkennen, dass nur Satan es ist, der die Taufe und mit ihr seinen Untergang fürchtet. Beten wir für diese geblendeten Seelen zu Gott um Erleuchtung. Schwester M. I. Eifer der Neophiten. Das am gleichnamigen See gelegene und von den Weißen Vätern verwaltete Apostol. Vicariat von Nhüssa zeitigt, wie die katholischen Missionäre be- richten, trotz seines erst fünfjährigen Bestandes die schönsten Früchte. Die Disposition der Bevölkerung berechtigt in der That zu der Hoffnung, dass die Mission in nicht allzuferner Zukunft zu den trostreichsten der afrikanischen Kirche zählen wird. Hören wir von P. Guillerme einige Züge aus dem Leben dieser Neuchristen, welche die hoffnungsfreudigen Aussichten bestätigen mögen. Auf seiner Reise nach Kilu-I bula wurde er in Tife von einer Karawane junger Leute aus Kajambi erwartet, dieihn ehrfurchtsvoll umdrängten und ihm durch den Wald das Geleite gaben. Morgens und abends wurde von den eifrigen Neophiten mit großer Andacht das gemeinsame Abendgebet verrichtet. Sie drängten den Pater zur Eile, weil am nächsten Tage „der Tag des lieben Gottes" (Sonntag) sei, und den wollten sie nicht fern der Kirche im Waldi zubringen. Die gesummte Bevölkerung von Kajambe harrte der Ankunft des Missionärs. Um 10 Uhr abends verkündete das Geräusch das Nahen unserer Karawane. Sogleich war alles auf den Beinen. Eine Lawine von Männern, Frauen und Kindern wälzte sich uns entgegen, um uns zu begrüßen und uns die Hände zu küssen. Um uns die Richtung des Weges zu zeigen, zündeten die Neophiten große Feuer an, welche ringsum die glücklichen Schwarzen beleuchteten. Von allen Seiten ertönte der Ruf: „Guten Abend, Pater: wie geht es Ihnen?" Die Kinder klammerten sich an unsere Kleider und ergriffen unsere Rosenkränze, um sie zu küssen. Nur mit Mühe kamen wir durch das Gedränge." Am Sonntag wurde in der Kirche von Kajambi, der ersten, die im Umbembolande zu Ehren der Mutter Gottes erbaut ist, ein feierliches Hochamt gesungen. Rach der Messe strömte alles in den Hof, um diu Missionären Geschenke an Mehl, Kartoffeln, Hennen und derartigem zp machen. Auf der Weiterreise nach Kilubula wurden sie eit allen Dörfern mit der gleichen Herzlichkeit aufgenommen. Auch am Endziel ihrer Reise harrte ihrer ein Kaiserin Elisabeth-Denkmal. so Verschiedenes. ebenso warmer Empfang. „Nur schade", meint P. Guillerme, „dass unser so wenig katholische Missionäre sind. Während ringsumher die protestantischen Prediger das Land förmlich überschwemmen, haben wir nur vier Stationen. Unsere Mitbrüder müssen hier zu Lande sehr ärmlich leben. Brot und Wein erscheinen nie auf dem Tisch. Ein Krug frischen Wassers vom nächsten Flusse, eine kräftige Suppe aus Hirse zubereitet, welche ein Neger zwischen zwei Steinen zermalmt, und hie und da, wenn der Jäger vom Glücke begünstigt war, ctronS Wildbret oder an Fest-I tagen etwas Ziegenfleisch — und die Mahlzeit ist fertig." Verschiedenes. Tic Bevölkerung Egyptens. Nach der letzten Volkszählung in Egypten beträgt die Zahl der Einheimischen 9,621.889 — die der Fremden 112.526; von diesen sind 38.175 Griechen, 24.467 Italiener, 19.557 Engländer mit Einschluss der Sccnpations-t nippen, 14.155 Franzosen, 7.177 Ocsterrcichcr, 1.277 Reichsdeutsche, 765 Spanier, 472 Schweizer und 291 Amerikaner. Dem Religionsbekenntnisse nach sind 8,978.775 Mohammedaner, 730.164 Christen, wovon 608.446 auf die Kopten kommen; 25.200 Juden 268 Dissidenten. Die einheimische Bevölkerung besteht aus 9,007.775 Egyptcrn, 40.150 Türken und 573.974 Beduinen. Auf das männliche Geschlecht entfallen 4,947.850, auf das weibliche 4,786.555, es wird also die Zahl der Männer höher angegeben als die der Frauen, diese aber dürfte in Wirklichkeit viel größer sein, als sie durch die Volkszählung erscheint. Ein Irrthum ist, dass von den 91/2 Millionen nur 435.993 Personen männlichen und 31.893 weiblichen Geschlechtes des Lesens und Schreibens kundig sind. Ter höchste Berg Afrikas. Nach den Mittheilungen, welche Harry Johnston vor der Londoner geographischen Gesellschaft machte, ist der höchste Berg Afrikas nicht, wie man bisher annahm, der Kilimandscharo, sondern der Ruwenzori, der an der Grenze von Uganda zwischen dem Albert- und dem Albert Eduard-See wenig nördlich vom Aequator gelegen ist und das Thal des Simliki überragt. Johnston erreichte nach einem sehr anstrengenden Aufstieg seinen höchsten Punct an den Gehängen der Schneekette in 4440 Meter, und über diesem Standpuncte schien der Gipfel noch etwa 1800 Meter in den dunkelblauen Himmel emporzusteigen, so dass die gesammte Höhe des Berges auf etwa 6250 Meter veranschlagt werden müsste. Ewiger Schnee lag bis zu einer Höhe von 3900 Meter. Eine Besteigung des Ruwenzori würde nach der Ansicht Johnstons ebensoviel Erfahrung und ebenso sorgsame Vorbereitungen erfordern wie eine gleiche Unternehmung in den Anden oder im Himalaya. Ter Sultan von Marocco und der Barkschich. In Marocco, dem Lande, in welchen die besten Datteln und die kühnsten Seeräuber gedeihen, herrscht die größte Bestürzung. Der Sultan hat Reformen angekündigt. Ueber den Herrscher von Marocco waren schon seit längerer Zeit die eigenthümlichsten Gerüchte verleitet. Der Sultan, welcher als Erster ein Zweirad benützte, hat in seinem Palast allerhand Gcräthschaftcn aufgestapelt, für die den Maroccancrn das rechte Verständnis fehlt: Phonographen, Kinematographen, Telephone, kurzum lauter Spielzeuge, von denen man beim besten Willen keinen günstigen Einfluss auf die Dattelerntc, noch auf das Piratcn-thum erwarten kann. Nun ist aber der Sultan entschlossen, seinen reformatorischen Ideen auch außerhalb seines Palastes Geltung zu verschaffen. Aus London wird nämlich telegraphiert: Die „Times" melden aus Marakesch, der Sultan habe nach einer Truppenschau die Gouverneure und Viccgouvcrneure um sich versammelt und ihnen mitgetheilt, er beabsichtige Reformen, darunter hinsichtlich der Einführung von Steuern einzuführen. Jeder Gouverneur oder sonstige Beamte, der der Geschenkannahme überführt würde, werde strenge bestraft werden. Die Beamten würden auskömmliche Gehalte bekommen. Der telegraphische Bericht sagt weiter: „Die Erklärung des Sultans habe große Bestürzung unter den Gouverneuren hervorgerufen und' werde zweifellos großem Widerstande begegnen." • Diese Wirkung ist selbstverständlich, da durch die Verwirklichung der angedrohten Reform ein ebenso alter, als für die Beamten angenehmer Brauch zu bestehen aufhören würde. Am 10. November hielt die Pfarrgrupße St. l)}od)Ud auf der Landstraße vom Marienverein für Afrika eine sehr gut besuchte Versammlung ab. Der hochiv. Consulent Cooperator Pflüger eröffnete die Versammlung mit dem katholischen Gruße und begrüßte die Anwesenden, besonders den hochw. Herrn Pfarrer, geistl. Rath Gold, den hochw. Herrn Peter Sir aus dem X. Bezirk, sowie den hochw. Missionär Herrn Kuen, gibt auch dem Bedauern Ausdruck, dass der hochw. Herr Diöcesan-Vicepräses Segelboote Canonicus Sch öpfleuthner verhindert sei, die Versammlung, wie sonst, zu beehren. Der hochw. Herr Missionär, eine imponierend große Gestalt, theilte in beredten Worten von seinen eigenen Erfahrungen aus den Missionen mit. Obwohl derselbe nicht im schwarzen Erdtheil war, sondern unter den Indianern und Wilden in Amerika, wollte er doch seine Erfahrungen zu Gunsten der armen am UM. Neger verwerthen, indem er den Mitgliedern des Marienvereines die Leiden eines Missionärs schilderte. In spannender Weise erzählte er von den Gefahren der Seereise, den großen Enttäuschungen, die seiner in den verschiedenen Missionsstationen warteten. Welchen Entbehrungen sind nicht die Priester persönlich ausgesetzt! Hochw. Redner theilte als für den Maricuvcrein besonders interessant, auch seine Erfahrungen mit den dort lebenden Negern mit, die meist sehr gutmüthig, auch oft geistig sehr gut veranlagt seien. Diese wahrheitsgetreuen Schilderungen sollten die Mitglieder des Marienvereines aneifern, in ihren Gaben nicht nachzulassen, da alle dieselben Verhältnisse oft in noch größerem Maße auch bei den Missionen der Neger stattfinden, wo die Missionare den größten Gefahren ausgesetzt sind und durch reichliche Gaben unterstützt werden müssen. Es wurde auch auf den Allerseelenmonat hingewiesen, wo man so oft die Worte hört: „Erbarmt Euch doch Ihr, meine guten Freunde." Dieselben Worte lassen sich auch auf die armen Neger in Afrika anwenden, die uns bitten, wft möchten durch unsere Gebete und Geldopser helfen, damit ihre Seelen gerettet werden. Wir ahmen hier auch nur das Beispiel unseres Erlösers nach, der auf die Welt gekommen um Seelen zu retten. Der hochw. Herr Consulent banste für den lehrreichen, begeistern- den Vortrag und wendete sich auch an die Mitglieder mit der Bitte, neue anzuwerben, um die durch Todesfälle oder andere Umstände ausgetretenen Mitglieder durch neue zu ersetzen, damit sich die Einnahmen vermehren und nicht vermindern; doch sei er in der angenehmen Lage mitzutheilen, dass dem hochw. Herrn Diöcesan-Vicepräses abermals 320 K übergeben werden können. Der hochw. Herr erinnerte auch an die Zeitschrift: „Stern der Neger," n»d erbot sich auch, alles, wie gebrauchte Marken, Klciderflcckchcn u. s. w. zu übernehmen, am liebsten übernehme er aber doch solche papierene Flecke, wie Hundertgulden-Scheine, Zehner, Zwanzigkroncn-Banknoten u. dgl., wie sie unter großem Beifalle aus der kleinen, mitgebrachten Gaffe vorgezeigt wurden. In den Zwischenpausen erfolgten theils heitere Vorträge, die von den Fräuleins Kriz, Trebin und Klein unter großem Beifalle sehr gut besorgt wurden. In unseren Mlöern. Kaiserin Elisabeth-Denkmal in Salzburg. Unser Bild stellt ein Kniestück dieses Denkmals dar, das am 16. Juli 1901 in der schönen Stadt Salzburg in Anwesenheit des Kaisers Franz Joseph in der Nähe des Bahnhofes enthüllt worden ist, zur Erinnerung daran, dass hier die unglückliche Kaiserin zum erstenmal als Braut und zum letztenmal vor ihrer Abreise an den Genfer See österreichischen Boden betreten hatte. Das Marmordenkmal stellt die Kaiserin in schlichtem Kleid, ohne Hut, in jungen Jahren dar. Die Enthüllungsfeier war erschütternd: j beim Anblicke des schönen Denkmals brachen der Kaiser und die Erzherzoginnen in Thränen aus. Wasserträger in Kairo. Das Bild stellt uns die in Kairo üblichen Wasserträger vor, welcher gegen Tageslohn in ihren Ziegenschläuchcn das Wasser aus dem Nil holen und in die Häuser bringen. Diese „Sakka" bilden stehende Typen Egyptens. Eine Löwenjagd. Das Bild bildet eine Illustration zu dem Artikel „Ein Löwen-Abentcuer in Nr. 10 des letzten Jahrgangs. Für die Schristleitung: P. Xaver Geyer F. 8. C. — Druck von A Weger's fb. Hofbuchdruckerei, Brixeu.