. 6.82^6 Darthotomätts, »on Zolles unk> kies Zpostolischen Stuhles Znaüen Vcfchsff sorvc LchrLsch, Doktor -er Theologie, allen Gläubigen seiner Diözese Heil und Segen vom Herrn! -A^us zwei geheimnißvollen Wurzeln wächst ein wunderschöner Baum empor. Mächtig ist sein Stamm, seine Aeste saftig und frisch, das Laub grün und zart, überall drängen sich liebliche Blüthen hervor und neben den Blüthen prangen die köstlichsten Früchte in reizender Fülle. Durch seine schlanken Zweige wehet der Friede Gottes und seines Laubes Lispeln gleicht dem Herübertönen von Engelharmonien. Die Wurzeln dieses Wunderbaumes gehören zwar der Erde an, obwohl sie nicht aus irdischem Samen entkeimten. Der Gipfel des Baumes strebt in die Himmelshöhe, denn nur von Oben kommt sein Gedeihen und seine Früchte sind Früchte des ewigen Lebens. Es mögen Jahrhunderte an diesem Baum vvrübereilen, er bleibt in ewig junger Kraft, es mögen wilde Stürme ihn umtosen, in seinen Zweigen säuselt Himmelsruhe, unter die¬ sem Baum läßt sich furchtlos und sicher wohnen. Die Eine der Wurzeln greift in die Vergangenheit und zieht aus Begeben¬ heiten, die längst geschehen sind, ihren Nahrungssaft, die Andere strebt in die Zukunft und die Verheißungen einer noch fernen Zeit geben ihr Kraft und Stärke; aus der innigen Vereinigung dieser beiden Wurzeln sproßt der Baum, herrlich für Zeit und Ewigkeit. Dieser Baum wächst nicht im fernen Land, sondern überall, wo der Geist Christi Gottes Kinder schafft, in deren Herzen sich seine Stätte findet; denn dieser B a u in ist die christliche Liebe, der G l a u b e und die H o ffn u n g sind seine Wurzeln. Ter Glaube schaut in die Vergangenheit. Die großen Ereignisse vom Tage der Schöpfung bis in die späteste Neuzeit, die Berufung und Führung der Patriarchen, die Erwählung und Leitung des Volkes Israel, seine Verherrlichung und seine Verwerfung, die Verkündigungen aus dem Munde seiner Propheten, die Erzählungen von der Geburt, dem Leben und dem Tode unseres Heilandes, von seiner Auferstehung und Himmelfahrt, von der Sendung des heiligen Geistes, von der Predigt der Apostel, von der wunderbaren Gründung und Verbreitung der christlichen Kirche, die unzähligen glorreichen Beispiele der Blutzengen, der heiligen Bekenner von jedem Stande, Geschlechte und Alter sind der göttliche Nahrungssafk für die Wurzel des Glaubens. Durch diese großen Thaten der göttlichen Erbarmung und Güte zur Erziehung, Erlösung und Beseligung der Menschen wird der Glaube angeregt, gestärkt, erleuchtet und erhalten. Mit Recht singt David: »Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und seiner Hände Werk verkündet das Firmament. Ein Tag bringt dem andern das Wort herfür und eine Nacht meldet der andern die Kunde. Gott, unser Herr, wie wunderbar ist Dein Name auf der ganzen Erde: denn Deine Herrlichkeit ist erhöhet über die Himmel!« (Ps.18. —8.) Das Werk lobt den Meister. »Das Unsichtbare an Gott ist seit der Erschaffung der Welt in den erschaffenen Dingen erkennbar und sichtbar, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit.« Röm. t. So ist ohne Entschuldigung, wer Gott aus seiner Schöpfung nicht erkennt. Desgleichen hat auch derjeuige keine Entschuldigung, welcher aus den vielen und wunderbaren Begebenheiten der Vorzeit Gottes Offenbarung nicht erkennt. Nachdem der Apostel Paulus in seinem Sendschreiben an die Hebräer die vielen Bei¬ spiele eines festen und treuen Glaubens an Gottes Wort angeführt hat, macht er mit allem Fug daraus den Schluß: »So lasset denn auch uns, da wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, alle Last und die uns anklebende Sünde ab¬ legen und mit Geduld dem uns vorgelegten Wettkampfe zulaufcn und lasset uns aufblicken zu dem Anfänger und Vollender des Glaubens, zu Jesu, der für die ihm vorgelegte Freude das Kreuz erduldete, die Schmach nicht achtete und zur Rechten des Thrones Gottes sitzt.« (H-br. ir.) Der Glaube schaut in die Vergangenheit, insbesondere auf Jesum, den Vollender unseres Glaubens, auf Jesum, welcher gelitten hat und gestorben ist, deshalb aber auch erhöhet ward und zur Rechten Gottes des Vaters sitzt, daß sich in seinem Namen alle Knie beugen im Himmel und auf Erden. In diesem Hinschauen auf die Herrlichkeit des erhöheten Gvttmenschcn zeigt sich die zweite Wurzel des Baumes der christlichen Liebe, welche da ist die Hoffnung. Gott hat zur Belehrung, zur Erlösung, zur Heiligung der Menschen so viele Wunder gethan, so große Anstalten getroffen, daß wir mit dem festesten Vertrauen in seine Vaterarme uns legen dürfen und zuversichtlich erwarten können, der gute Vater werde uns auch durch die Schrecken des Todes in ein besseres Leben unbefibädigt hinüber leiten, und wie er seinen eingebornen Sohn an allen unfern Schwachheiten mit Ausnahme der Sünde Theil nehmen ließ, so werde er uns auch der Herrlichkeit unseres zu seiner Rechten sitzenden Heilandes theilhastig machen. Tie Hoffnung schaut in die Zukunft. Der Gegenstand der Hoff¬ nung sind nicht die gegenwärtigen Güter, sondern die zukünftigen. Wer da hofft, hat noch nicht erlangt, was er wünscht, aber die empfangenen Wohlthaten sind eine Bürgschaft für die ersehnten Güter. Das Kind, welches bei jeder Gelegenheit Schutz und Hilfe im älterlichen Hause erlangt hat, nimmt in jeder Noth seine Zuflucht dahin. Die Erfahrung nähret und festiget sein Vertrauen, welches durch jeden neuen Beweis von Güte unerschütterlicher zu werden pflegt. Gott ist unver¬ änderlich und ewig: weil er uns unzählige Beweise seiner Erbarmung und Gnade gegeben hat, so dürfen wir nie fürchten von ihm verlassen zu werden. In den nördlichen Gegenden lief einst ein Schiff in den Hafen ein, vom wüthenden Sturmwinde ganz entmastet, entsegelt und verwüstet. Unter den Reisenden war ein Mann mit zwei Kindern von sieben und fünf Jahren, beide jäm¬ merlich zugerichtet, halb nackt und nur halb noch lebend. Als die Noth und Gefahr bei dem wüthenden Sturme aufs höchste gestiegen war, sagte der Schiffskapitän voller Angst: »Wir sind verloren. Unser Herr Gott ist gestorben « Das größere Kind fiel ihm in die Rede und sagte: »Nein, nicht gestorben, er schläft nur; aber er wird zur rechten Zeit wieder aufwachen.« Bald darauf wapf die Wuth des Sturmes das Schiff um, so daß es mehr unter als über dem Wasser ging. Der Kapitän rief Allen im Schiffe zu: »Macht euch fertig zum Sterben; hier ist unser Grab.« Das Kind unterbrach ihn abermals. »Nein,« sagte es, »so weit ist es nicht, Jesus ist noch im Schiffe.« Sogleich wurde das Schiff wieder von einer Welle in die Höhe gehoben und glücklich in den Hafen getrieben. Die Gesinnung dieses Kindes sollte uns alle und allezeit beleben und leiten. Das irdische Leben wird oft mit der Schifffahrr auf dem Meere verglichen. Auf dem Meere gibt es ruhige, stille Tage, das Schiff gleitet schnell über die glatte Wasserfläche dahin; doch wer dieser Ruhe vertrauen wollte, würde sich sehr täuschen. Unvermuthet zeigt sich am fernen Himmel ein kleines Wölkchen, das Meer wird unruhig. In kurzer Zeit ist der ganze Himmel schwarz umzogen, es brauset der Sturmwind, die Wogen schäumen, das Schiff kracht und der fin¬ stere Abgrund droht die armen Schiffer zu verschlingen. Wer hilft in dieser Noth? Wer vermag vor dem Untergang zu bewahren? Nur das Vertrauen, daß Gott nicht gestorben ist, daß Jesus im Schiffe ist, wenn er auch im Augenblicke schläft. Wir sollen nur zu ihm treten und bitten: »Herr! rette uns, wir gehen zu Grunde.« Wie einst auf dem galiläischen Meere, wird Jesus auch den Stürmen des Lebens, insbesondere den Stürmen in unserer Brust gebieten, und es wird eine große Ruhe werden. Wenn gleich das Ziel unserer Hoffnung jenseits des Grabes steht und die Hoffnung ihren Blick vorzüglich in die Zukunft richtet, so erweiset sie sich doch als die wirksamste Trösterin und Helferin für dieses Leben; denn nur hinsehend auf den Vollender unseres Glaubens Jesum Christum und auf die Herrlichkeit, welche wir dort in Gemeinschaft mit ihm ge¬ nießen werden, fühlen wir uns mit Muth erfüllt, alle Mühseligkeiten des Erdenlcbens geduldig zu ertragen und allen un¬ seren Pflichten Genüge zu thun. Im Glauben und Hoffen erfaßt der Mensch Vergangenheit und Zukunft und zeigt sich auch in diesem Stücke als ein Ebenbild Gottes, vor dessen Augen die Jahrtausende der Vergangenheit und Zukunft die unver¬ änderliche Gegenwart sind, während das Thier nur dem beschränkten Augenblicke der Gegenwart lebt. Glaube und Hoff¬ nung geleiten wie zwei freundliche Schutzengel den Menschen durch das Leben, und beide sind auch nur dem irdischen Leben eigen; denn der Glaube soll in Schauen, die Hoffnung in den Genuß übergehen, oder beide vielmehr werden in jenes An¬ schauen des Antlitzes Gottes verwandelt werden, welches Erkennen und Genuß zugleich in sich faßt und in alle Ewigkeit die Seligkeit aller erschaffenen Geister ausmacht. Aus dem Glauben und der Hoffnung entsteht die Liebe, die, unbekümmert um Vergangenheit und Zukunft, selig ruhet am liebenden Herzen des ewigen Vaters, weder rückwärts noch vorwärts schaut, nur im Anblicke des Geliebten verloren, seinen Willen zu erfüllen mit glühendem Verlangen strebt. »Du bist mein, und ich bin Dein, und ewig laß ich nicht ab von Dir,« so spricht sie zu ihrem Schöpfer und Erlöser. Aber diese treue unveränderliche Liebe ist auf dieser Welt nur der Vorzug einiger wenigen Hochbegnadigten Seelen, sie wird erst im Himmel aller Selige» Lohn. Der Baum stirbt ab, wenn die Wurzel verletzt ist; auch die Liebe erkaltet, wenn der Glaube und die Hoffnung schwächer werden. Die Wahrheiten, die der Glaube erfaßt, sind unveränderlich, die Güter, denen die Hoffnung entgegen sieht, sind keinem Wandel unterworfen; aber unser Herz, das wankt und schwankt, das wogt und fluthet, das steigt und sinkt hinauf, hinab, dahin und dorthin, und davon kommen die Wechsel unserer Stimmungen, die Veränderung unserer Ueberzeugungen, die Mannigfaltigkeit unserer Bestrebungen, das Ermatten oder auch Erlöschen der himmlischen Liebesflam- mcn. Christus ist nicht heute Ja und morgen Nein, sondern bei ihm ist Ja und Amen in Ewigkeit; der Mensch hingegen ist wie Spreu des Windeö Spiel. Dieser Wandelbarkeit des Herzens soll jeder Mensch, welcher die Bedentung des irdischen Lebens wohl erfaßt hat, entgegen arbeiten, die göttliche Wahrheit zur immerwährenden Leuchte seiner Füsse machen, das Ziel, welches er zu erreichen hat, niemals aus den Augen verlieren. Diese Festigkeit und Treue im Glauben und Hoffen nennt die h. Schrift das Leben aus dem Glauben, welches Leben der Gerechte lebt und wodurch er zugleich immer gerechter wird. Diese Sorgfalt erhält den Baum der christlichen Liebe, den wahren Baum des Lebens, von dem jener im Paradiese nur ein Vorbild war, in unveränderter Schönheit und Lieblichkeit. Diese Sorgfalt empfiehlt uns Christus, indem er uns ermasint zu wachen und zu beten, damit wir nicht in Versuchung fallen. Deshalb schreibt auch der Apostel Paulus: »Erneuert euch im Geiste,« und erschallet in der Kirche Christi von Jahr zu Jahr wiederholt der Ruf: »Bereitet den Weg des Herrn und machet eben seine Pfade.« Die Erfahrung bestätigt nur zuvsehr die traurige Wahrheit, daß der Leichtsinn des Men- schen die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens außer Acht läßt, wenn er nicht fortwährend daran erinnert wird. Das Sinnliche übt eine solche Gewalt über unser» Geist, daß die übersinnlichen Wahrheiten recht schnell aus unserem Gedächt¬ nisse schwinden, wenn wir uns dieselben nicht absichtlich in das Gemüth zurückrufen. Dieser menschlichen Schwäche, dieser Flüchtigkeit des menschlichen Sinnes sucht die Kirche zu begegnen und führt von Jahr zu Jahr alle Begebenheiten, welche den Grund und Inhalt unseres Glaubens und Hoffens enthalten, vor unfern Augen in den Festen vorüber, damit sie wie rine hellstrahlende Leuchte uns den Weg zeigen, den wir nach dem Willen unseres himmlischen Vaters wandeln sollen. Viele hören Jahre lang den Ruf: »Bereitet den Weg des Herrn und machet eben seine Pfade;« aber dieser Ruf geht unbeachtet an ihrem Ohre vorüber, der Ruf dringt nicht in's Herz hinein, weil das Herz von andern Dingen so ein¬ genommen, so angefüllt ist, daß für die Stimme des Bußpredigers kein leeres Plätzchen sich mehr vorfindet. Der Herr ist jedoch langmüthig und von großer Erbarmung, er ist in jenem evangelischen Gleichnisse vom Feigenbäume, der keine Früchte trug, dargestellt. »Einer hatte einen Feigenbaum, der in seinem Weinberge gepflanzt war. Und er kam, und suchte Früchte auf demselben, fand aber keine. Da sprach er zu dem Weingärtner: Sieh, schon drei Jahre komme ich, und suche Früchte auf diesem Feigenbäume und finde keine; hau' ihn also weg! Was soll er noch das Land einnehmen? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, laß' ihn auch noch dieses Jahr, bis ich um ihn her ausgegraben und Dünger daran gelegt habe: vielleicht bringt er Frucht: wenn nicht, so magst du ihn für die Zukunft aushauen.« Sv predigt die Kirche das Wort des Heils ohne Unterlaß, und betet für die Bekehrung der Sünder und für die Standhaftigkeit der Gerechten ohne Unterlaß, damit, wenn der gute Same, den sie im Namen Jesu ausstrcut, heute oder morgen etwa keinen empfänglichen Boden fände, dies doch an einem spätern Tage geschehen könne und so durch ihre Schuld Niemand von denen verloren gehe, für die Jesus Christus am Kreuze gestorben ist. Die Gnade wirkt zuweilen schnell, zuweilen langsam, bei Manchen erst in späten Jahren; darum darf die Kirche ihre Bitten, Ermahnungen und Zurechtweisungen nie unterbrechen, damit, wenn der Augenblick da ist, in dem das Herz durch den Gnadenthau erweicht, dem fruchtbaren Boden gleicht, auch der frucht¬ bringende Same nicht fehle. In der kurzen Regierungszeit des abtrünnigen Kaisers Julian lebte ein sehr gelehrter Mann Fabius Marius Viktorinus, welcher erst als Greis zum Christenthume übergetreten war. Er galt vor seiner Bekehrung als eine der vor¬ nehmsten Stützen der unchristlichen Religion. Aber in seinem Alter entstand doch in ihm die Sehnsucht nach einem sicheren und festeren Glaubensgrunde. Er ging an das Studium der heiligen Schrift und prüfte sie sorgfältig. Er wurde von der Wahrheit der göttlichen Lehre überzeugt und sagte zu dem Priester Simplician aus Mailand im Vertrauen, er sei im Her¬ zen ein Christ. Dieser antwortete ihm, er werde es nicht eher glauben, bis er ihn in einer christlichen Kirche sehe. Viktorin crwiederte darauf: »Machen denn die Mauern den Christen?« In der That war es noch etwas mehr, was ihm fehlte, um ein Christ zu sein: es war, daß sein Herz noch zu sehr am Irdischen hing und er nicht Alles dem Herrn opfern wollte, was ihn vom öffentlichen Bekenntnisse abhielt. Er scheute sich vor den vornehmen Römern, eifrigen Heiden, die seine Schüler waren und bei denen er in hohem Ansehen stand. Doch als das Wort tiefer in sein Herz eindrang, trieb ihn sein Gewissen selbst zum öffentlichen Bekenntnisse, und er selbst verlangte die größte Oeffentlichkeit, da ihm die Vorsteher der Kirche aus Nachsicht etwas davon erlassen wollten. Jetzt kostete es ihm keinen Kampf, auch sein Amt als Lehrer der Beredsamkeit niederzulegen. »Wie hoch sind die Münder Deiner Gnade zu preisen,« ruft der heilige Augustinus aus, »wie dieser hochgelehrte und in allen Wissenschaften sehr bewanderte Greis sich nicht scheute ein Kind Deines Christus zu werden, ein Säugling Deines Quells, und seinen Nacken zu beugen zum Joche der Demuth, und seine Stirne zu zähmen zur Schmach des Kreuzes! Was ist dies, Herr mein Gott! daß — indeß Du Dir selbst Deine ewige Freude bist, und einige Deiner Geschöpfe immer¬ dar sich um Dich her erfreuen — dieser Theil Deiner Schöpfung, die Menschen nämlich, immerdar wechselt durch Abgang und Zunahme, durch Beleidigungen und friedliche Aussöhnung? O, wie überaus hoch bist Du in den Höhen, und wie tief in den Tiefen! Und nirgends gehst Du hinweg, und dennoch kehren wir kaum zu Dir!« Warum kehren wir denn auch so schwer zu Gott, der uns doch für sich erschaffen hat? Warum verlassen wir so leicht die Quelle des lebendigen Wassers und graben uns Cisternen, die kein Wasser halten? Warum suchen wir auf allen Höhen und in allen Tiefen unser Glück, nur bei dem Herrn nicht, der die unendliche Seligkeit ist? Warum verhärten wir so oft unsere Herzen und verschließen unsere Ohren, wenn uns seine Vaterstimme zuruft: »Mein Kind! vergiß nicht mein Gesetz, und laß dein Herz meine Gebote bewahren: denn langes Leben, gute Jahre und Frieden werden sie dir bringen. Barmherzigkeit und Wahrheit sollen dich nicht verlassen. Binde sie um deinen Hals, und schreibe sie auf die Tafel deines Herzens: so wirst du Gnade und gutes Begegnen finden bei Gott und den Menschen«? Wieder beginnt jener wunderschöne Theil des Kirchenjahres, der uns an den Fall und die Erhebung des Men¬ schen erinnert. An den Fall, damit wir vor allem Hochmuthe fliehen, weil wir aus uns selbst nur Kinder des göttlichen Zornes, nur Erben der ewigen Verdammniß sind: an die Erhebung, damit wir uns freuen, durch Jesus Christus Kinder Gottes, Erben des ewigen Lebens zu sein. Um einen hohen Preis sind wir von dem Verderben erkauft, geben wir also Acht, um eine flüchtige, schnöde Lust uns nicht wieder in die Knechtschaft des Teufels zu stürzen. Wir sind zu einer hohen Würde erhoben, uns als Mitbrüder des Sohnes Gottes zu wissen; beflecken wir diesen Adel nicht durch einen sündhaften Lebenswandel! Im Beginne der heiligen Fastenzeit führt uns die Kirche zu uuserm Heilande hinaus in die Wüste, wo er durch gänzliche Enthaltung von irdischer Speise, sich zum Versöhnungswerke der sündigen Menschen vorbereitet- Christus bedurfte dieser Vorbereitung nicht; allein da er in Allem uns ein Vorbild sein wollte, hat er durch sein Beispiel uns zeigen wollen, wie nothwendig es für das Werk unserer Heiligung sei, aus dem Geräusche und den Zerstreuungen des Lebens in die stille Kammer, wenn nicht des Hauses, doch des Herzens sich zurückzuziehen und da dem Herrn zu sagen: »Sprich, v Herr, denn Dein Knecht höret!« Die geistige Einsamkeit ist das Feld, wo die Lilien der Keuschheit blühen, die Rosen der heiligen Liebe glühen, die Veilchen der holden Demuth duften, der Weihrauch inniger Gebete zum Himmel emporsteigt und die Leiter Jakobs sich sehen läßt, daß Gottes Engel zum Menschenkinde hcrniedersteigen. In der geistigen Einsamkeit ruhet die Seele aus von weltlicher Ermüdung, tröstet sich über Demüthigungen der Welt, heilet ihre im Lebenskämpfe erhaltenen Wunden, reinigt sich von den im Menschengewühlc zugezogenen Schmutzflecken, erneuert ihre Vermählung mit dem göttlichen Seelenbräutigame. Würden wir öfter zu unserm Heilande in die Wüste ziehen, wie viel mehr möchte dann unser gewöhn¬ liches Leben einem blühenden Garten gleichen! O daß wir erkenneten, was uns zum Heile dient! Durch ein vierzigtägiges Fasten bereitet sich Jesus zu dem Erlösungswerke, wodurch er die Werke des Teufels zerstört. Als Gottmensch, der die unverdorbene menschliche Natur von der unbefleckten Jungfrau Maria angenommen hat, bedurfte er dieser Uebung in der Enthaltsamkeit nicht; aber er wollte uns ein Beispiel geben, daß, wenn wir durch freie Entsagung nicht lernen, uns selbst zu beherrschen, wir keine Hoffnung haben dürfen, als Sieger aus dem immerwährendes Kampfe mit dem Fleische, den bösen Beispielen und dem Satan hervorzugehen und einst mit den Siegespalmen in des Händen vor dem Throne Gottes zu stehen. Die echten Nachfolger ihres Heilandes haben allezeit das Fasten mit Liebe und Freude geübt, sie fanden darin keine Schwächung ihrer Kräfte, sondern eine ausnehmende Stärkung, eine wahre Auf¬ frischung ihres ganzen Wesens; durch das Fasten waren sie wirklich freie Menschen geworden, weil sie sich gewöhnten Herrn über die Sinnlichkeit zu sein und deshalb ihren Geist höher achteten, als selbst ihr leibliches Leben. Aus dieser Ursache hatten die echten Christen auch immer den Muth, für ihren Glauben an Christus jede Art von Schmach und Verfolgung, jede Qual und auch den Tod zu erdulden. Wenn in einem Zeitalter das sinnliche Wohlbehagen als höchstes Gut des Lebens geschätzt zu werden beginnt, so ist dies ein unzweideutiges Zeichen des Verfalles, die wahrhaft großen Menschen schwinden, an die Stelle der Großthaten tritt die leere Großsprecherei. Das Kirchengebot, welches uns zum Fasten verpflichtet, ist eis Zeichen der Sorgfalt für unsere geistige und leibliche Stärke, für unsere Größe und unfern Ruhm. O daß wir alle er¬ kenneten, was uns zum Heile dient! Dielen erscheint die Rede vom Fasten eine harte Rede. So wurden auch die wichtigstes Reden Christi von allen jenen genannt, die den Geist Christi nicht empfangen hatten. Allen aber, die vom ganzen Herzes Christi Schüler waren, waren auch Christi Worte Geist und Leben. Wer aber Christum als seinen Erlöser liebt und an- betct, wird auch die Stimme seiner Braut, der Kirche, mit Achtung hören und befolgen, wird hiemit auch die Rede von der Heilsamkeit des Fastens nicht hart finden. Die Fasttage, die Art und Weise sie zu halten, die gewöhnlichen Dispensen sind den wahren Katholiken hin¬ länglich bekannt und bedürfen keiner ausdrücklichen Bekanntmachung bei dieser Gelegenheit. Wer einer größern Nachsicht zu bedürfen glaubt, wende sich zu ihrer Erlangung an seinen Pfarrer oder an seinen Beichtvater, welche hiemit ermächtigt werden, nach gewissenhafter Erwägung der gellend gemachten Gründe die größere Erleichterung zu gewähren. Allen jenen, welche an den gebotenen Fasttagen von der ertheilten Dispens einen Gebrauch machen, möge diese Dispens größer oder kleiner sein, sollen gleichsam zum Ersätze für die verminderte Fastenstrenge au jedem Fasttage, an dem sie sich der Dispens bedienen, drei Water unser und drei Ave Maria beten. An die Stelle dieses Gebetes dürfen sie auch eine Gabe an die Armen mit der Absicht, damit dem Fastengcbote zu genügen, treten lassen. Laibach im bischöflichen Wohnsitze am 8. -fekeuar l862. «Äkvruckt l>«> Josis Blisnik in Laibach.