M icmm riaijcomi MWWaMMMMMMZZZWMWMIIMZW 1 ■ -r—---- " " —-- - - ■" " " " t.^ —" ^..7^..^..^^,.—:..t:.:'~r-- ., ZXntHcfet KlanßenMote. Herausgegeben von der Gesellschaft der „Söhne des hlst. Herzens Jesu (Ei’IYijcinf monatlich 32 Seiten stark. — Preis ganzjährig 3 K = 3 Mk. — 3 Frcs. Äelicunr 1901 Seite Vermischte Machrichten:.............................56 (®ic streitbaren Buren. Gerichtsverfahren bei den Kaffern in Ratal. Die Erde in Zahlen. Das deutsche Colonialreich. Zuwachs der Katholiken tin 1'.'. Jahrhundert. Major St. Hill Gibbons. Die russische Propaganda tin hl. Lande. China, die verkehrte Welt. Wie die Kopten heiraten. Der „Riese" Großbritannien.) Illustrationen: Cardinal Dr. Anton Grnscha, Präsident des Marien-Vereins für Afrika. — Grab des hl. Franz Xaver in Goa. — Der Chalifc Abdnllahi. — Ein Soldat des Mahdi. — Der hl. Blasius. — Der hl. Paulus predigt in Athen. — Eine streitbare Burenfamilie. — Der Kaiser von China. Deöcnsstilder deutscher Mislionärc: . . . . . P. Moriz Th o m a n sFortsctznng). Aus unserer Misst»!,: Das erste Jahr im wiedereroberten Sudan . . . Das Missionsschiff „Redemptor" auf der ersten apost. Reise....................................... Ill der Islam geeignet IlalurvSkkcr zu bilden? hegende de» Morgenlandes.......................... Der hl. BlasiitS, Bischof und Märtyrer. Der jüngste Erdiljeil und seine Acwomicr (Forts.) Ans dem Wisstonslclcn:............................ (Ein Zeugnis über die alten deutschen Missionäre. Das erste Erfordernis bei einem guten Missionär. Die Seligsprechung eines Missionars von Surinam. Der Staatsstreich einer schwarzen Majestät.) 3 ane «iWGWWGGGGl MisfrollsHairs Mühtcrrrü ßr,tcrzbischo, Salzburg............................ M Krill, Wien................■ • ■ Rosa Lang, Losenstein................. A Bieringer, Furth.................... B Platter, Schwaz . .................. Mehrere ..... • ■ - • • Ludwigs Missionsverein, München - . M. Kowarza, Lienz ....... E. Federte, Pfarrer, Petersberg . . Mehrere. . • • G. Eigner, Pfarrer m Wullendorf . . I. Ledermann, Sr Pölten .... M. Bodner, Lienz ....... Ed. Solderer, Lienz................... Anna Zuegg, Lienz..................... Th. Mayr, Brennbichl ...... Th. Springer, Linz . • ■ • • • • Günther, Pfarrer, Ledersdor, . . - Riegg, Biberbach 7,— 2,— 2,— 1.— 7.— 1,— 1.— 11.— 23.40 3.40 1.— 1 — 110.— 120.— K- 166.80 K. 1,— 1.— 1.— 1,— 1 — 1,— 1.— 3,— 5,— 1.16 7. — 140.-937.60 2,— 8, — 200.— 2,— 2,— 1.— 1,— 7,— 1,— 9,— 1,— 11.74 K. K. K. K. K- K. K. K. K. K. K. ft. K .... K. K. K. ft. ft. ft. ft. ft. ft. ft. 15. A Troger. Pfarrer, St. Andrä.................. I. Schuster, Koitsch ......................... I. Siller, Pfarrer, Höchst.................... - - Schivieters, Dechant, Freckenhorst I. Sendkcr, Freckenhorst . . • A. Rühl, Winklern............... A. Bieringer, Furth - - - - M. Dietrich, Graz............... Hummel, Caplan, Ravensburg . Zaruba, Psarrer, Komornik Baronin Nagel, Vornholz - - A. Riemer, Ebersberg . ■ • • . Neher, Psarrer, Bromien . F. Zaiig, Oberglogau Diesen und allen Übrigen Wohlthäter» sagen wir ein herzliches „Vergett's o>oü! Weitere milde Gaben für unser Missionshaus. 3 20 ft. 19.20 ft. 9.40 ft. 38.- ft. 117.— ft. 18 — ft. 2,— ft. 11.75 ft. 7,— ft. 35.20 ft. 61.45 ft. 78.86 ft. 3.20 ft. 43.51 ft. 35 — ft. und Villen um m. 2. Aekruar 1901. IV. Jayrg. Dtulschtr Glaubtnsbole. Cardinal Dr. Union ßruscba, Präsident des Ittarien-Uereins für Afrika. un rückte die Zeit heran, wo wir Europa verlassen und uns nach Indien einschiffen mussten. Nachdem das Schiff, daS für unsere Reise bestimmt war und den Namen Santola trug, so ausgerüstet war, dass es eine lange Reise aushalten formte, setzte der König den Bormittag des 25. März 1753 zu dessen Abfahrt fest. Einige Tage zuvor wurden wir vom Könige und seiner Mutter, der verwitweten Königin Maria Anna von « Lebensbilder deutscher Missionäre. P. Mornz foment. (Fortsetzung.) Oesterreich, zur Audienz zugelassen. — Am bestimmten Tage verrichteten wir in aller Frühe unsere Andacht, um Gottes Segen und die Fürbitte der göttlichen Mutter und des Vorbildes der Missionäre, des hl. Franz Her, zu erflehen. Nachher sind wir siebzehn Missionäre ans kleinen Schifflein zu dem großen reisefertigen Schiffe gebracht worden. DaS Schiff war schon uönx allen Personen, etwa 500 an der Zahl, besetzt. Die Anker wurden gelichtet, und 3 34 Lebensbilder deutscher Missionare. Bei günstigem Winde fuhr das Schiff mit vollen Segeln auf dem großen Flusse Tajo hinab in das unermessliche Weltmeer. Lebe wohl, ticbeS, liebes Europa! ich verlasse dich nun, um dich nicht mehr zu sehen. Doch wer konnte wissen, was die göttliche Vorsehung schon jetzt unabänderlich festgesetzt hatte? Bei meinen Reisegefährten stellte sich die bekannte Seekrankheit ein, die alle befällt, welche zum erstenmale die hohe See besteigen. Nur ich blieb davon verschont. Aber auch meine Gefährten erholten sich bald, und wir fuhren bei günstigem Winde weiter. Auf unserer Reise gab es von Zeit zu Zeit auch Merkwürdiges zu sehen. Bald zeigten sich von weitem Walfische, die aus den Nasenlöchern Wasser in die Höhe spritzten und so zu spielen schienen, bald ganze Scharen von Delphinen. Den Seeleuten ist es ein sicheres Zeichen, dass von daher der Wind kommen wird, wohin die Delphine ihren Weg nehmen. Wenn das Schiff nicht sehr schnell segelte, zeigten sich Fische in der Größe eines Kalbes, die mit drei Reihen spitziger Zähne versehen sind. Bei Windstille schwimmen sie rings um das Schiff, fangen gierig alles auf, was hinausgeworfen wird, und verschwinden damit in der Tiefe. Sonderbar ist, dass, wenn durch Unglück ein Mensch oder Thier herausfällt, diese gefräßigen Fische es nicht anfallen, solange es schwimmt oder sich bewegt. Nicht ohne Vergnügen kann man die kleinen Fische sehen, wie sie aus ihrem Elemente emporspringen unb miteinander spielen. Gewöhnlich sind aber die Raubvögel da, die ihnen auflauern, sie wegschnappen und in der Luft verzehren. Ich habe auch öfter fliegende Fische gesehen, welche die Portugiesen Voatores nennen. Tie haben die Größe einer Sardelle und sind sehr schmackhaft. Manchmal fallen solche vom Fluge ermüdet in das vorbeifahrende Schiff. Sehen sie sich von größeren Fischen verfolgt, so schwingen sie sich aus dem Wasser, fliegen zwei bis drei Flintenschüsse weit fort, so lange nämlich, bis ihre Floßfedern ausgetrocknet sind, und fallen , dann ins Wasser zurück. Man sieht auch ganze Scharen von Raubvögeln, die in der Luft scherzen, sammt anderen großen und kleinen Vögeln von verschiedenen Farben, die sich Tag und Nacht auf dem Meere aufhalten. — Wenn eine Schwalbe oder ein anderer Vogel, der sich sonst nur auf dem festen Lande aufhält, auf den Segelstangen sich ermüdet niederlässt, so ist es ein sicheres Zeichen, dass das feste Land nicht mehr fern ist, obwohl man dasselbe mit dem bloßen Auge nicht sehen kann. Als wir uns auf unserer Reise nach Goa schon im 13. Grade befanden, uns also unserem Ziele näherten, sahen wir im Meere lebendige und todte Schlangen von verschiedener Art und in großer Menge. Um diese Erscheinung zu erklären, muss ich bemerken, dass in der Gegend von Goa der Winter gewöhnlich um die Mitte des Monates Juni anfängt und bis um die Hälfte des August dauert. Dieser Winter besteht aber in weiter nichts, als in einem anhaltenden Schnürlregen und man würde im heißen Erdstriche, wenigstens in den Gegenden, wo ich war, nicht imstande sein, den Menschen einen Begriff von Schnee beizubringen. Eine bei uns angenehme Frühlingsluft ist dort eine große Kälte, welche die Menschen am ganzen Körper zittern macht. Da entstehen oft Ueberschwemmungen wie Sündfluten, und Schlangen und anderes Ungeziefer werden mitfort-gerisfen und ins Meer gewälzt. Wenn also diese Schlangen im Meere sich zeigen, ist man gewiss, dass man auf dem rechten Wege nach Goa und vom festen Lande nicht mehr fern ist. Noch ein anderes Zeichen gibt es, wodurch man dieses erkennen kann. Dieses besteht in weißen Blättchen von feinem verdickten Schaume, die wie Silbermünzen aussehen. Nachdem wir noch einige Zeit fortgefahren waren, gab man mit zwei Kanonenschüssen gegen das feste Land ein Zeichen. Wir hörten zwar die Antwort nicht, sahen aber, weil eben die Nacht einbrach, von der Landseite her zwei Blitze, nämlich das Feuer der gelösten Kanonen. Ein großes Kriegsschiff kam uns entgegen und geleitete uns am 21. September 1753 zu der ersten Festung von Goa, Aquada genannt. Indessen hatte der Provinzial der goanischen Provinz von unserer Ankunft schon Nachricht erhalten und schickte uns einige Boote entgegen und ließ uns auf ein kleines an der Küste gelegenes Lusthaus führen, wo er selbst und einige andere Patres uns erwarteten, um uns den ersten Willkommgruß zu bieten. Vierzehn Tage wurden uns zur Erholung von der langwierigen Reise theils im Collegium theils außer demselben gestattet. Darnach aber wurden jedem seine Geschäfte angewiesen. Ich musste vier Jahre lang die speeulative Theologie und die Moral studieren, um den in der Gesellschaft Jesu gewöhnlichen Gradus erreichen und alle Aemter in derselben versehen zu können. Ich hatte das atque und ergo schon beinahe sechs Jahre beiseite gelegt. Um so schwerer fiel es mir, dasselbe mir nun wieder geläufig zu machen. Dazu kam, dass mich gleich das erste Jahr eine hitzige Krankheit befiel, die fast alle neu angekommenen Europäer in Goa durchzumachen haben. Für Menschen von hitziger und blutreicher Natur, wie auch die weinige war, ist diese Krankheit besonders gefährlich. Obschon ich Lebensbilder deutscher Missionäre. 35 Bereits mit den heiligen Sacramenten versehen nur, um die Reise in die Ewigkeit antreten zn können, rief mich Gott nach vom Rande des Grabes zurück, und ich setzte meine Studien glücklich fort. Als die Studien vorüber waren, erhielt ich das Amt eines operating, dessen Pflicht war, den Kranken in der Stadt und der umliegenden Gegend beizu-stehen und dem Dienstpersonal, das sehr zahlreich war, kurze Predigten und Christenlehren zu halten. Aber dieses Amt versah ich nicht lange, weil mich der P. Provinzial bald darauf in die Mission zu den Koffern nach Afrika geschickt hat. ■— Ehe ich jedoch von dieser neuen Reise zu reden anfange, muss ich einige wenige Nachrichten von Goa und den umliegenden Gegenden mittheilen. Die Stadt Goa*) war ehemals eine der berühmtesten Städte Asiens, die ihren eigenen König hatte und besonders großen Handel trieb. Später eroberte sie der berühmte portugiesische General Gama mit dem sie umgebenden Lande und sie ward der Sitz portugiesischer Statthalter und Vieekönige. Diese schmückten sie auch nach und nach mit schönen Palästen und anderen Gebäuden. Man lebte dann luxuriös und ganz nach europäischer Art. Im Anfange des 18. Jahrhunderts brach aber eine fürchterliche Pestseuche aus, die den größten Theil der Einwohner hinweggerafft hat. Die noch Uebriggebliebeneu bekamen solchen Abscheu vor der Stadtluft, dass sie ihre seitherigen Wohnungen verließen und in bcn umliegenden Ortschaften sich neue aufschlugen. Auch jetzt noch, wenn Europäer oder Asiaten Geschäfte halber in die Stadt müssen, werde» sie nicht leicht in der Stadt übernachten. Seitdem liegt fast alles darnieder und außer den Kirchen, Klöstern, Gerichtsgebäuden und sehr menigen anderen Gebäuden ist fast nichts Merk-würdiges zu sehen. Die Jesuiten hatten in Goa ein Collegium „zum hl. Paulus" und ein Professhaus „zum guten Jesus" genannt. Nicht weit von Goa hatten sie auf der Insel Choram ein Noviziat, und eine halbe Tagereise von Goa auf der Halbinsel Pasete in der Festung Rachel ein niederes Collegium. In Goa hatten sie ferner ein Katechuinenenhaus, worin ehemals der hl. Franz Laver gewohnt hat. *) Die Portugiesen besitzen bis heute in Vorderindien ein Areal von 3355 Quadratkilometer mit einer Bcvöl feting von etwa 450.000 Einwohnern. Bon den Eiu-wohneru sind 252,000 (nach Madras Directory S. 194) Katholiken, die übrigen Brahtnaneu. — Die Stadt Alt-Goa, welche zur Zeit ihrer Blüte 200.000 Einwohner Sittjlte, hat nunmehr 5000 Seelen, meist Hindus, und ist der Sitz des Erzbischofes, der zugleich der Primas von Indien ist. (Aunt. d. Red.) Der heilige Leib dieses Apostels von Indien ruht in einer Kapelle der Kirche des Professhauses und liegt in einem doppelten Sarge. Der innere ist van Crpstall, der äußere vom schönsten getriebenen Silber. Dieser doppelte Sarg steht auf einem prächtigen Mausoleum von kostbarem Marmor verschiedener Art und ausgezeichneter Arbeit. Der Großherzog von Toseana hat es nach Goa geschickt. Der Sarg darf nur mit Erlaubnis des Königs geöffnet werden. Die drei dazu gehörigen Schlüssel haben drei verschiedene Magistratspersonen in Verwahrung. Darum ist cS mir nie gelungen, diesen großen heiligen Schatz zu sehen, obwohl ich fünf Jahre in Goa war. Die große Pest, wovon ich bereits gemeldet habe, wüthete in Goa zu Ende des 17. oder zu Anfang des 18. Jahrhunderts. Nach der darauf erfolgten Entvölkerung der Stadt ließ man die Häuser zu-sammeitfnlleu und benutzte das Material davon, so gut man konnte. An den Stellen, wo die Häuser standen und in den ehemaligen Straßen wurden Coeosbaume gepflanzt. Es ist wahrhaft erstaunlich, welch großer und verschiedener Nutzen aus diesem Baume gezogen wird. Er allein gibt den Indiern sozusagen alles, was sie brauchen. Die Nüsse davon haben die Größe einer Melone und werden viermal im Jahre gesammelt. Aus dem Kerne werden verschiedene wohlschmeckende Speisen bereitet und das schönste und beste Oel gepresst, das nach meiner Meinung gesünder ist als das Olivenöl. Ferner wird aus dieser Frucht eine Art Zucker gemacht, der aber nicht so weiß ist als derjenige, der von dem Zuckerrohre, kommt. Er dient darum auch nur den niederen Classen zum Gebrauche. Wenn man einen oder den andern Gipfel des Coeos-baumeS abschneidet und den aus dem Schnitte quellenden Saft, Sura genannt, in einem Gefässe auffängt, ein Fass damit füllt, Zibeben hineinwirft und ihn zwei oder drei Monate gähren lässt, so erhält man ein Getränk, das sie Uraka nennen und das jeder für europäischen Wein halten würde. Dies ist auch das gewöhnliche Getränk von allen vornehmen Europäern; denn der von Portugal hineingebrachte Wein ist zu theuer und wird darum nur bei großen Gastmählern in geringer Ouantität wie bei uns der Champagner und Burgunder genossen. Die destillierte Sura gibt eine Art Branntwein, den sie Nippa nennen, der so wie die Uraka, in größerem Maße genossen, berauscht. Wird die Sura länger in einem warmen Orte aufbewahrt, so entsteht daraus ein ziemlich guter Essig. Die Coeosnüsse haben zwei Schalen. In der inneren ist, wenn die Nüsse noch nicht ganz reif sind, ein Saft, der sehr angenehm und kühlend ist, Durst Lebensbilder deutscher Missionäre. 36 und Hitze lindert. Die innere Schale ist sehr hart. Man macht daraus Trinkgeschirre, und da diese Schalen in großer Menge vorhanden sind, so brennt man sie auch zu Kohlen, die ein starkes und lange anhaltendes Feuer erhalten. Zwischen den beiden Schalen ist ein faseriger Stoff, ähnlich den Schweinsborsten. Man macht daraus Stricke und Seile, die bei großen und kleinen Schiffen gebraucht werden und im Seewasser dauerhafter sind, als die von Hanf. Die Blätter des Baumes sind sehr groß und lang. Die niederen Classen bedecken damit ihre Häuser, flechten Körbe daraus und benützen sic noch auf andere Art. Wenn der Baum noch nicht ausgewachsen ist, so ist er in der Mitte mit einem starken Netze umgeben, das einem großen Tuche ähnlich ist. Dieses, dient den Armen als Segel ihrer kleinen Fahrzeuge. Diese Fahrzeuge aber machen die Indier aus dem großen und dicken Stamme des nämlichen Baumes. Er wächst nicht nur in Asien, sondern auch in Afrika und Amerika. Er ist leicht zri pflanzen und fordert weder große Mühe und Kosten zu seiner Unterhaltung. Nur muss der Cocosgarten ein oder zwei Jahre gedüngt werden. In ben am Meere gelegenen Orten geschieht dies durch kleine Fische, Darlcs genannt, die in jener Gegend in außerordentlich großer Menge gefangen werden, so zwar, dass man ein ganzes Schiffchen voll um weniges Geld bekommt. Man wirft sie halbverfault um den Baum und damit ist es genug. Dieses Düngen ist um so besser, als der Baum überhaupt das Salzige liebt. Wo man diese Fische nicht haben kann, streut man Asche rings um den Baum. Besonders merkwürdig ist, dass die Cocosgärten, in welchen Menschen wohnen, viel fruchtbarer sind als die übrigen. Jeder, Europäer und Indier, sucht sich solche Gärten zu erwerben und wer mehrere und bessere besitzt, ist der Reichere. Die Cocosnüsse sind, obwohl sie in großer Menge jedes Jahr gewonnen werden, nicht wohlfeil, weil der größere Theil ins Innere des Landes zu den Heiden und Mohammedanern geführt wird. Die Hauptnahrung in Goa und in anderen asiatischen Gegenden besteht in Reis. In der Gegend um Goa wird aber kaum so viel erzeugt, als für das halbe Jahr nothwendig ist. Das übrige bringen die Portugiesen mit einer kleinen Flotte unter Bedeckung eines Kriegsschiffes von anderen entlegenen Orten des Südens und Nordens. Der Reis, welcher ohne allen Zweifel in Asien besser ist als in Europa, wird ganz anders als hier zubereitet. Man wirft ihn in ein Gefäß, etwa einen Kessel, gießt.Wasser über denselben, so dass es zwei Finger höher steht, lässt ihn langsam sieden, bis kein Wasser mehr über sthm steht. Dann kehrt man das Gefäß um, damit daS Wasser ganz abrinnen kann und so bleibt Kern von Kern gesondert, schön weiß und gut ausgekocht. Seine weitere Zubereitung geschieht so: Cocosnüsse, kleine Krebse und Pfeffer werden gestoßen, und von der Brühe, die daraus entsteht, werden einige Löffel voll über den Reis gegossen. Und dies genießt man mit dem besten Appetit. Bon den europäischen Früchten gibt cs in Indien nur noch die Rebe; auf den Reben aber reift die Traube zweimal des Jahres. Wein wird daraus nicht bereitet, entweder weil die große Hitze cS nicht zulässt oder, was mir wahrscheinlicher scheint, ivcil die Asiaten, Heiden wie Mohammedaner, den Wein für verboten halten und keinen trinken. Zweimal im Jahre werden die Trauben abgelesen und zweimal wird an einigen Orten das Getreide eingeerntet. Die fast immer anhaltende Wärme, die große Hitze und der nächtliche Thau, der immer die Erde befeuchtet und den Boden so fruchtbar macht, ist die Ursache davon. Unter allen Früchten steht die Ananas mit Recht obenan und zwar wegen ihrer Größe, denn sic hat die Länge einer Spanne; wegen ihrer Schönheit, sic ist lichtgelb und röthlich; wegen ihres angenehmen Geruchs und ihres vortrefflichen Geschmackes, dem man nichts so leicht vergleichen kann. Und diese Frucht wächst in steinigen und sandigen Gegenden, ohne dass sie eine besondere Cultur erhält. Mau findet sie aber nicht in großer Menge, weil sie in Afrika und Asien, wenigstens wo ich gewesen bin, nur von einigen Europäern geschätzt wird. Die übrigen glauben, sic sei zu hitzig und reize zu sehr. — Im Monate März kommt eine schmackhafte Frucht, Manga mit Namen, die auf hohen Bäuincn in großer Menge wächst und eine gelbgrünliche Hülse und fast die Gestalt eines Menschenherzens hat. Es gibt davon, so wie bei uns von Birnen, verschiedene Arten. Man glaubt, dass sie die Galle stark vermehre. Eine andere sehr schöne und gute Frucht wird Caschu genannt. Die Farbe ist gelb und röthlich vermischt, der Geschmack säuerlich, die Gestalt fast wie bei einem europäischen Apfel. Sonderbar ist, dass diese Frucht den Kern nicht in der Mitte, sondern auswendig an dem Stengel hat. Dieser .Kern, wie eine Kastanie gebraten, ist köstlich. Den Saft dieser Frucht hält man für ein gutes Blut-reinigungsmittel. Noch eine andere Frucht: Atta. Diese ist von außen ganz grün und rauh, inwendig aber ivie ein weißes mit schwarzen Kernen vermischtes Bins und te s 11 SWMMWW flilBlWl * Isl Lhli L I,sililiIMii! «M IBM »WAWWMWDZ kWiMWi ÜB ü 'II' mi 1U.-slu ■ilT^il • -lil i?n» DM flosafl vas (trav tics bl. Traiiz Xaver m Goa. 38 Lebensbilder deutscher Missionäre. von vortrefflichem Geschmacke. Nur ist diese so edle Frucht ganz selten. Merkwürdig sind die großen und dicken Bäume, Schiakkas, die ihre Früchte nicht an den Resten, sondern an dem Stamme tragen. Sie haben da eine Art von rauhen, grünlichen und so großen Säcken, dass oft ein Mensch an einem allein genug zu tragen hat. In diesen Säcken sind die Früchte zu Hunderten, die die Größe von Datteln haben und sehr süß und wohlschmeckend sind. Die gebratenen Kerne sind auch sehr angenehm und haben fast den Geschmack von süßen Mandeln. Eine andere gute und zugleich gesunde Frucht, die auch die Kranken essen dürfen und die man das ganze Jahr haben kann, darf ich nicht vergessen. Die Portugiesen nennen sie Feige, die Asiaten aber Banana. Sie hat mit den europäischen Feigen nicht die geringste Aehnlichkeit. Es gibt deren viele Arten, große und kleine, bessere und schlechtere. Sie hat ein gelbgrüncs Häutchen, das sich leicht abziehen lässt. Von innen ist sie wie ein dick gekochtes Mus und in der Mitte sind kleine kaum bemerkbare Kernchen. Der Geschmack ist süß-säuerlich und sehr angenehm. Diese Frucht erscheint fast täglich beim Mittag- und Abendessen. Sie wächst nicht auf einem Baume, sondern auf einer zwei Mann hohen dicken Staude, die aus sehr langen und breiten Blättern zusammengesetzt ist, in deren Mitte ein großer dicker Stengel aufsteigt. An diesem Stengel zeigt sich anfangs eine schöne dunkelrothe Blüte und dann ringsherum die Frucht. An einem Stengel hängen oft sechzig und mehr solche Feigen. Wenn man den Stengel abschneidet, so verwelkt die Staude und verdorrt. Doch wachsen immer kleine Pflanzen nach, die später wieder Frucht tragen. Weil die Blätter so sehr groß sind, so meinen einige, mit solchen Blättern hätten sich Adam und Eva im Paradiese bekleidet. Die Asiaten und Afrikaner machen aber davon keinen weiteren Gebrauch, als etwas dareinzuwickeln. In Goa wächst auch Pfeffer, doch nicht in solcher Menge wie in Kalicut und Malabar. Ich will damit nur sagen, dass der Wunsch meiner Stiefmutter sich erfüllt hat; dieselbe hat mir nämlich nach dem Sprichwort meiner Heimat gewünscht, ich möchte dort sein, wo der Pfeffer wächst. — Er wächst an Stauden, die gleich dem Hopsen an großen Bäumen hinaufklettern, die anfangs grün sind und später roth werden. Die Asiaten sieden sie und darum werden sie schwarz. Dies thun sie, wie ich gehört habe, damit der Pfeffer nicht in Europa gepflanzt wird. Die Blätter sind wie bei dem Epheu. Man hat mir gesagt, dass, wenn in einem Keller ein größerer Haufen Pfeffer und volle Weinfässer beisammen liegen, der Pfeffer den Wein an sich ziehe und die Fässer leer mache. Dem sei, wie ihm wolle; gewiss ist, dass der Pfeffer die Feuchtigkeit stark anzieht und dass während des Transportes von Asien nach Europa aus hundert Metzen Pfeffer 110 und noch mehr werden. Man findet in Goa und in dieser Gegend ebenfalls Zimmctbänme, aber nicht in der Menge noch von so guter Art, wie auf Ceylon und anderswo. An großen Festtagen werden die Kirchen mit Zimmet-lanb bestreut, das den angenehmsten Geruch verbreitet. Dieses Laub ist fast wie Limonienlaub. Bon den Zimmctrinden werden nur jene gebraucht, die von kleinen Siesten abgezogen werden. Endlich wächst in Goa auch Kaffee und zwar von der besten Art. Er wird aber nicht viel gepflanzt, weil er wenig gebraucht wird. Man glaubt, er sei für jene Länder zu hitzig und darum ungesund. Um so mehr wird Thee getrunken, der aus China eingeführt wird. Nun will ich auch etwas von der feineren Lebensart sagen, die in diesen Gegenden geführt wird. Kutschen und Pferde hat man in diesen Gegenden ebensowenig wie im Kaffernlande. Statt der Kutschen hat man Palanchins, die man mit einer kleinen Bettstelle vergleichen kann. Innen ist diese Bettstelle, wo die Person sitzt, mit einer schönen Decke oder Tigerhaut und mit zwei großen goldbordierten Kissen von Sammt versehen, so dass der Herr oder das Frauenzimmer nach Belieben sitzen oder liegen kann. Die Bettstelle oder vielmehr Sänfte ist mit seidenen oder baumwollenen Schnüren an eine starke Stange, Bambu genannt, festgebunden, die innen hohl, etwa zwei Klafter lang, mit schönem Leder überzogen und an den Enden mit silbernen Knöpfen geziert ist. Das ganze ist sehr schön gearbeitet und wird von vier Negern oder Asiaten sehr schnell getragen. Diese haben um die Lenden ein Tuch' und über den ganzen Körper ein Hemd, auf dem Kopfe ein Casquet, auf welchem das Wappen der Herrschaft in erhabener Arbeit von Silber ist, und gehen zwei vorn und zwei rückwärts. Aus der Seite laufen ein oder zwei Neger mit, die mit einem Sonnenschirm vom schönsten Sammt der Herrschaft Schatten machen. Bei Regen-wetter wird der Palanchin mit einem von Binsen schön geflochtenen Dache überspannt, woran ein Fcnstcrchen ist, das man öffnen oder schließen kann. Diese 2(rt sich umher tragen zu lassen ist ungemein bequem und sicher und macht vielleicht mehr Prunk als unsere Kutschen. Auch gewöhnliche Leute lassen sich auf diese Art bedienen. Nur hat ihre Sänfte eine etwas andere Form und ist nicht so geschmückt, wird auch nicht Palanchin, sondern Andor genannt. Aus unserer Mission. 39 Die illlsHerinAste Sanfte besteht nur in einem ausgespannten starken Minen Tuche. Dazu sind auch nur zwei Personen nöthig. Sie heißt MansGra. Die Europäer und Mestizos, d. h. jene, die von Europäern abstammen, die schöner und viel zarter als die Europäer selbst sind, tragen französische Kleidung von holländischem Tuche und anderen schönen europäischen Stoffen. Zn Hanse haben sie ganz leichte, bequeme Kleider von Baumwolle, woraus in Asien ungemein schöne und feine Stoffe gemacht werden. Uebcrdies sind die Farben derselben sehr schön und dauerhaft, und werden durch Waschen oft noch schöner und lebhafter. Ans der Insel Goa gibt es nichts besonderes, weder von zahmen noch von wilden Thieren. Man sicht, wie schon gesagt, sehr wenige Pferde, keine Elefanten, Kameele und Esel. Kühe, Ochsen und Schweine gibt es kaum so viele, als die Europäer zum Essen brauchen; die Asiaten essen selten oder gar nichts von Fleisch. Desungeachtct gibt es ziemlich viele Büffelochsen, die zum Feldbau und anderen schweren Arbeiten gebraucht werden. Es sind große und auf ihrer Haut kahle, fürchterliche Thiere, die sich gern im Morast und Wasser aufhalten. Doch I sind sie ziemlich zahm. Von wilden Thieren gibt cs auch wenige. Die Tiger allein verursachen großen Schaden; den Menschen aber fallen sie nicht leicht an. Es gibt noch andere nülde Thiere, die Adibar, welche wilde Waldhunde zu sein scheinen. Des Nachts sind sie gefährlich und schreien und heulen, dass es Mark und Bein durchdringt. Was sie immer antreffen, fassen sie an und schleppen cs fort. Wenn die Leichen der Menschen nicht sehr tief cingegrabcn sind, oder nicht eine schwere steinerne Platte auf das Grab gelegt wird, graben diese Thiere den Todten aus, schleppen ihn fort und fressen ihn ans. — Die Schlangen sind sehr zu fürchten, zumeist aber die Nattern und eine Art, die man dort de Kapello nennt. Wenn eine solche Schlange erzürnt wird, schwillt ihr am Kopfe ein Häutchen an, das einer Haube gleich ist, und bei den Ohren erscheinen Ringe in der Form des lateinischen 8. Man sagt, der Mensch, der von ihr gebissen wird, müsse sterben. Auch Wildpret gibt es wenig, nur einige kleine Hirsche und Hase». -i- -i- «Fortsetzung folgt) > Nus unserer Mission. Das erste Jahr im wiedereroberten Sudan. Bon P. Mo Kulier, F. S. C. »mbemtmi war vor dein Aufstande des Mahdi I mJ ein kleiner Ort mit einem Fort, Chartum gegenüber. Jedoch während des Derwisch-Reiches, daS der Revolution nachfolgte, nahm eS einen bedeutenden Aufschwung und geivann an Ansehen, wie ja alle wissen. Der Mahdi, der während der Belagerung von Chartum ungefähr eine Stunde tiefer in der Wüste bei dein al boadam sein Lager aufgeschlagen hatte, verließ dieses nach Eroberung der Stadt und nahm sein neues Quartier etwas nördlich vom Forte Omderman und zwar ans einem ausgedehnten mehr steinigen Hügel, der sich bis ans Ufer des Flusses ausdehnt. Gar bald erhoben sich dort tausende und tausende von Stroh-hütten in buntem Gewirr. Vergebens hätte man inmitten jenes Labyrintcs einen Weg gesucht; wer des Ortes unkundig war, musste sich darin verirren. Der Heuchler Mohammed Hqmed, der sich für einen Mahdi, d. h. einen neuen Gesandten Gottes ausgegeben hatte, verlebte hier seine Tage in Ueppigkeit und Schwelgerei. — Das Sprichwort sagt: „Der Herrgott zahlt nicht immer am Samstag"; cS wurde an dem neuen Lügenpropheten zum Wahrwort. Von der göttlichen Rache eingeholt starb er innerhalb kurzer Zeit. Die fanatischen Derwische sagten und sagen es heute noch, dass Gott seinen Propheten zu sich nahm. Gleichfalls ereilte die Hand Gottes alle diejenigen, die bei der Revolution mitgewirkt hatten; alle nahmen ein unglückliches Ende. Nachfolger des Mahdi war sein Chalife Abdullahi, der von 1885 bis 1898 über den ganzen einstmals ägyptischen Sudan seine Willkürherrschnft ausübte, bis er am 2. September 1898 in der Schlacht von Kereri entthront wurde, ivie bereits ausführlich berichtet worden. Schon zur Zeit des Mahdi wollten die hier im Quartier liegenden Soldaten ihre Hütten aus Erde erbauen; der Mahdi aber verbot es ihnen. Zu El-Obeid hatte er seinen Kriegern die Erlaubnis 40 Ans unserer Mission, crthe.ilt, ihre Lagerhütten aus Erde zu erbauen, was ihn aber nachher sehr gereute. Denn als es sich darum handelte, von dort aufzubrechen und gegen Chartum zu ziehe», wollten die Krieger aus ihren Hütten nicht mehr heraus. Nur die Drohung: „Wer nicht aufbricht, verliert den Kopf oder seine Habe", hatte die Kriegerhorde bewogen, sich von den liebgewonnenen Erdhütten zu trennen. — Nach der Einnahme von Chartum trug sich der Mahdi mit dem Gedanken, seine Eroberungen gegen Norden nach Aegypten auszudehnen. Deshalb gab er keinem seiner Soldaten die Erlaubnis, sich hier eine Wohnung aus Erde zu erbauen ans Furcht, dass beim Ausbruche von hier dasselbe vorfallen würde wie zu El-Obeid. Dieses Verbot dauerte noch eine geraume Zeit während der Regierung des Chalifcn Abdnllahi, bis dieser endlich den Leuten erlaubte, nach eigenem Gutdünken zu bauen. Omderman nahm indessen nach allen Richtungen hin eine gewaltige Ausdehnung, hauptsächlich aber nach Norden. Der ncuerbaute Theil wurde el boga genannt. Jeder Volksstamm hatte sein eigenes Quartier — auch die unglücklichen Christen, die sich hier in der Gefangenschaft befanden, am Nordende der Stadt. Sie hatten sich selbst diesen Platz auserlesen: denn einerseits waren sie so dem verdächtigen Chalisen mehr aus den Augen, wohl eine halbe Stunde von dessen Wohnung entfernt lind genossen infolge dessen etwas Freiheit; andererseits befanden sie sich in der Nähe des Hauptmarktplatzes, was für die Christen, die ja alle Handels- und Kaufleute waren, einen großen Vortheil hatte. Dazu aber fügte sich ein großer Nachtheil, an den die Christen anfangs freilich nicht gedacht hatten. Der weite, wüste Platz nämlich, der sich vor ihren Quartieren befindet, war von den schmutzigen Arabern zum Sammelplatz sämmtlichen Unrathes bestimmt worden. Dorthin warf man auch die todten Esel, Kameele und sogar die todten Sclaven. Die lieben Leser mögen cs mir nicht übel nehmen, dass ich ihnen die Gewohnheiten dieses schmutzigen Volkes beschreibe. Jene Unreinigkeiten wurden von den Leuten gargüsch al Mahdi d. h. Zwieback des Mahdi genannt. — Auch der wohlbekannte P. Ohrwaldcr hatte gerade dort in der Nähe jenes gewaltigen Misthaufens sein Haus. Vor seiner Wohnung befand sich und befiildct sich heute noch ein Graben, in welchem halb verfaulte Esel und Kameele liegen. „Während des Tages," erzählte er mir, „sah ich ganze Scharen Aasgeier, die gierig das faule Fleisch verschlangen. Bei Nacht hörte ich das Heulen der Hyänen, die zum Abendschmaus sich versammelt hatten, weit gefräßiger noch als die Aasgeier. Von Zeit zu Zeit vernahm ich inmitten der Nacht einen starken Knall, ähnlich einem Kanonenschuss. Das war der aufgeblähte Leichnam eines Esels, der eben zerplatzt war. Ich darf den Aasgeiern und Hyänen dankbar sein, dass sic vor meiner Wohnung reinigten und mich vom Gestanke befreiten. Ich hatte keine Furcht vor ihnen, ich fürchtete mich nur vor den Menschen, die milder waren als die wilden Thiere selbst." Als der Mahdi noch zu El-Obeid war, schilderte er oft seinen Leuten die hiesige Gegend mit den schönsten Farben, um dieselben zur Eroberung von Chartum anzufeuern. Unter anderem war er gewohnt auszurufen: ,.ja echuäna, al cheir räged“ d. h. Brüder, Güter liegen dort im Uebcrfluss. Als er aber wirklich daselbst Herr war, kam der Hunger und anstatt der Güter lag da der Unrath im Uebersluss. Wenn die Leute an jenem riesigen Misthaufen vor-beigiengen, hielten sie sich die Nase zu und pflegten zu sagen: ,,ja echuäna, cheir al Mahdi räged“ d. h. Brüder, das sind die Güter, die. uns der Mahdi versprochen hat; sie liegen hier wirklich im Uebersluss. — Lange Zeit lagen dort jene Misthaufen und verpesteten mit ihrem Gestanke die Umgegend, bis endlich der Chalife selbst den Ort zu reinigen befahl; das kam so: Der Chalife Abdullah! pflegte von Zeit zu Zeit in der Stadt und deren Umgebung mit seiner Reiterei gewaltige Rennen anzustellen, um den Einwohnern seine Kraft „ zu zeigen und ihnen Respect einzuflößen. Nun ereignete es sich eines Tages, dass die Reiterschar im vollen Galopp mitten in das sogenannte Zwiebackfeld hineinstürmte. Da aber beschmutzten sich die Pferde die Beine und den Reitern drang der ekelige Geruch in die Nasen. Der an Duft und Wohlgerüche gewohnte Abdnllahi war von dem abscheulichen Gestank, den er hier zu riechen bekam, durchaus nicht erbaut und befahl, dass der Misthaufen sofort angezündet werde. Die Leute, welche in der Umgebung wohnten, mussten die Arbeiter bezahlen. Es vergicng ein voller Monat, ehe sämmtlicher Unrath verbrannt war. Nachdem der Ort gereinigt war, verbot der Chalife seinen sauberen Unterthanen, denselben fernerhin als Misthaufen zu benützen. Da er aber wohl wusste, dass solches Verbot ohne den Stock wenig nützen würde, ließ er in der Nähe Wachen aufstellen, die auf die Reinlichkeit achtgeben mussten. Gar manche Araber kamen, fanden den Ort rein und beeilten sich, ihn trotz des Verbotes von neuem zu beschmutzen. Da waren aber auch schon die Wachen unter Geschrei und mit langen Stöcken da. Die erschreckten Thäter ergriffen die Flucht; jedoch sie wurden eingeholt und nicht frei gelassen, bis sie den beschmutzten Ort gereinigt hatten. Schälhu, d. h. er hat gereinigt, Aus unserer Mission. 41 sagte hierauf eine Wache zur anbeten, und sie kehrten im Völlbewusstsein bet erfüllten Pflicht an ihren Posten zurück. — Dieses Mittel half. Dennoch würben allmählich von neuem tobte Thiere vor bas Christenviertel geworfen, wie man noch sehen kann. Durch bas Christenviertel zieht in ber Richtung von Süben nach Norben eine ber seltenen breiten Straßen von Dmbcrtnan, bis an beu heutigen Tag darb aschöhada b. h. bic Martyrerstraße genannt. Woher biefer Name? Durch btefe Straße waren jene Krieger abgezogen, bic in bic Gegenbe» von Berber unb Dongola zu gehen hatten. Sehr wenige bcrfelben kehrten zurück, fast alle fielen im Kriege ober starben ans Hunger in ber Wüste. Der Chalife nannte sie Märtyrer beS echten Glaubens unb bic Straße, von welcher sie abgezogen waren, würbe bic Märtyrerstraße genannt. Am Gnbc hatte keiner mehr Lust, dorthin in ben Krieg zu ziehen. Um ben ©einigen Math einzuflößen, rebele ihnen ber Chalife zu: „Stoiber, gehet nur guten Willens in jene Gegenbe» in ben Krieg gegen bic Ungläubigen. Wenn ihr bort sterbet, fetb ihr Märtyrer unb gehet sofort ins Paradies; wenn ihr vewunbet unb mübe seib, kommen bic Engel Gottes euch zu pflegen unb zu stärken." Einige einfältige, fanatische Derwische schenkten solchen Worten Glauben! jeboch bic meisten mochten roeber ins Parabies kommen, noch zu ben Engeln in Pflege unb Kost unb lachten darüber. Chartum blieb inbessen immer noch bevölkert, bis enblich ber Chalife ben Befehl ertheilte, bass sämmtliche Bewohner innerhalb zwei Tage bas Lanb verlassen unb nach Dmbcrmnn bei Tobesstrafe über« stebeln müssten. Mit Abbullahi bürste wan nicht scherzen i seine Befehle würben mit äußerster Strenge vollzogenI bas war gut bekannt. Deshalb machten sich alle schleunigst bara», mit ihrer wenigen Habe nach Dmbcrmnn aufzubrechen. Schon am ersten Tage wimmelte bas rechte Ufer des weißen Nil von Leuten, bic über ben Fluss setzten, urn sich nach Dmbcrmnn zu begeben. Am brüten Tage nach bei» ertheilten Befehle kamen bic Solbaten des Chalife» nach Chartum, fanben bic Stabt natürlich leer unb zerstörten sie vollstänbig. — Dmbcrmnn, bas bereits mm Bais ini 1 Der ßbalife Abdullah!. bes Chalifen bteibenbe Resibenz geworben war, nahm ungemein an Bevölkerung zu, beim Abbullahi bemühte sich, möglichst viel Volk hier zrr vereinigen. Jeboch nach ber Schlacht bei Kereri entfloh mit bei» Chalifen auch ein guter Theil ber Bevölkerung, hauptsächlich jene Araberstämme, bie bes Chalifen vorzüglichste Stütze gewesen waren, wie bie Risegat, bie Tauschst unb bie Hamar. Viele anbete Völkerstümine, bie während bes Derwisch-Reiches nur aus Zwang hier wohnten, kehrten in ihre Sänber zurück. Heute ist bic riesige Stabt großeutheils verlassen, ganze Stabt-theile sinb entvölkert ober fast entvölkert. Wen» man von Kereri her kommt, geht man ein gutes Stück Weges an verlassenen unb halbzerstörten Häusern vorbei. Das Christenviertel ist noch am meisten bevölkert. Dasselbe ist, wie oben erwähnt, sehr günstig gelegen, ba es sich in ber Nähe bes Hauptmarktplatzes befinbet. Es ist hauptsächlich von Katholiken, Kopten unb Griechen bewohnt. Auch bie anberen Viertel um bas ber Christen herum sinb belebt. Das gilt besonbers vom Quartiere ber Djalli», bas sich wohl eine halbe Stunbe lang von hier bis zum Flusse zu ben Regierungswerkstätten ausdehnt. Am dichtesten ist bic Bevölkerung in ber Nähe des Hafens, wo auch baS Dogauenamt, ber Getreide- unb ber Fifch-marft ist. Wenn einmal bic Regierungswerkstütten unb bic öffentlichen Aemter von hier nach Halfaja unb nach CHartum verlegt werben, was nach nicht langer Zeit stattfinden soll, wirb bie Bevölkerung von Dmbcrmnn neuerdings stark herabgehen; beim bie zahlreichen in ben Werkstätten beschäftigten Arbeiter unb bie Beamten werben alsdann mit ihren Familien auch fortziehen. Da Dmbcrnmn größtentheils hoch liegt unb folglich freien Luftzug hat, erfreut eS sich eines gesünderen Klimas als Chartum, baS tief gelegen ist. Alles ist da recht schmutzig, zahlreiche Gräben befinden sich zu beiden Seiten der engen Straßen unb in ben Höfen, aus welchen bie Leute bie Erbe zur Erbauung ihrer Hütten genommen haben: in diese Gräben wirft man trotz der Polizei tobte Hunde, Katzen, Hühner und allerhand Unreinigkeiten. Es befinden sich hier verschiedene Marktplätze »ach ben verschiedenen Pro- 42 Aus unserer Mission bucten. Man kann da allerhand Räucherwerk und Wohlgerüche haben — mit einem Worte alles, was nur zur Sinnlichkeit reizt,- was mit der Unreinlichkeit der Einwohner in sonderbarem Contraste steht. — Eine wahre Landplage sind die Seorpione, die sich im trockenen, steinigen Erdreich aufhalten, sie sind recht giftig. Man behauptet, dass alle Jahre infolge deS Seorpionenstiches Todesfälle vorkommen sollen und dass bisweilen auch erwachsene Leute daran erliegen. Diese Seorpione erscheinen in manchen Jahren in erstaunlicher Menge. — Es gibt hier ferner auch schwarze, mittelgroße Ameisen, deren brennenden Biss man eine gute Zeit lang fühlt. — Jahreszeiten kennt man hier zwei, nämlich die trockene und die Regenzeit. Die schönste und gesündeste Jahreszeit dauert hier von Ansang November bis März. Während dieser Zeit weht der frische, trockene Nordwind. Das ist eben in den europäischen Ländern die Schnee- und Eiszeit. Doch dergleichen Sachen sind hier völlig unbekannt. Wenn man hier einem Eingeborenen von Schnee und Eis reden wollte, würde er nichts davon verstehen und glauben, dass man ihm Fabeln erzähle. Während der eben erwähnten Monate ist der Himmel fast ausschließlich rein und heiter. Die Nächte sind ziemlich ftisch, aber nur selten kalt. Die Eingeborenen wickeln sich alsdann in ihre schmutzigen Lumpen ein, während sie sonst halbnackt herumlaufen. In diesem Jahre hatten wir hier im Januar und Februar bei Tage eine Wärme wie sie ungefähr im Juni in Nord-Italien herrscht. Jedoch der Winter war auch milder als in den anderen Jahren. Während dieser Zeit gedeihen hier die Wassermelonen; wo immer das Erdreich bewässert wird, prangen in voller Blüte üppige Gemüsefelder und allerhand Pflanzen und Bäume; darunter befindet sich ein gewisser Baum, von den Eingeborenen setamän genannt, dessen röthlichgelbe Blumen einen herrlichen Wohlgeruch verbreiten. DaS ist auch die Zeit, in welcher die Europäer neue Kräfte schöpfen können. (Schluss folgt.) SX$>5XS Das Missionsschiff „Redemptor" aus der ersten apostolischen Reise. ^om Hochw. P. Wilhelm Bauhölzer, F. ti. C., erhalten wir aus Omderman, datiert 27. December 1900, folgenden Bericht: Donnerstag den 13. December, 4 Uhr nachmittags, verließ der Missionsdampfer „Redemptor" im Angesichte viel Volkes die Ufer von Omderman, um seinem Berufe und Ziele auf dem Weißen Nile entgegenzugehen. Vor dem „Redemptor" her sauste mit vollen Segeln eine große Sudanesische Barke, die die Mission ankaufen musste zur Mitführnng des Holzes für den Dampfer und für die Schiffsleute. Es war ein herrlicher, sonniger Tag. Ein scharfer Nordwind mahnte ungesäumt zum Aufbruch. Frischer noch und stärker als der Nordwind war die Begeisterung der Bemannung des „Redemptor" und die guten Wünsche und Grüße, die den Dahinfahrenden noch lange nachgesandt wurden. — Mögen die.Gebete aller Freunde der Mission hierzulande und in Europa den „Redemptor" begleiten und dem Unternehmen seinen Fortgang und glückliches Ende erwirken. — An Bord des „Redemptor" befinden sich neben dem hochwürdigsten Bischof und seinem Priester auch P. Ohrwalder, zwei Brüder, sowie die nöthigen Steuer- und Schiffsleute. Die Barke hatte ein halb Dutzend Schiffsleute an Bord zum Holzfällen längs des Weges und zur Ab- wechslung mit denen auf dem Dampfer. Außerdem trägt die Barke noch zwei schwarze Mägde mit, zur Bedienung des Schiffsvolkes, zum Mahlen des Durra ! und zur Bereitung des Kasrabrotes. Auch Monsignor Knoblecher hatte auf jedem seiner Schiffe ein solches Negerweib, ohne welches die Schiffsleute nicht reisen. Die grausen Schreckenstage des Mahdi sind nun vorüber; in Omderman herrscht Ruhe; in Chartum herrscht eine rege Bauthätigkeit, und eine Großstadt beginnt zu erstehen. Die Eingeborenen verlaufen sich allmählig, um das Land wieder zu bebauen. Der Sudan ist ganz von den Derwischen gesäubert. Nach allen Gegenden werden die Neger in ihre Heimat zurückgeschickt, die der Chalife nach Omderman gerufen. Die Missionierung der außerhalb des Bereiches der Muselmänner liegenden Stämme kann beginnen. Es fehlt nur noch an Arbeitern für die neue Ernte. Gottes Segen wird nach so schrecklichen Trübsalen gewiss herniederkommen. Unser Redemptor wird nun auf dieser seiner ersten Reise suchen, wo und was zu redemieren ist. Nach 1 Ausfindnng eines oder zweier günstigen Punkte können dann unsere Missionäre die Arbeit anheben, nach der sie sich so lange sehnen. Es ist jetzt die für eine Expedition beste Zeit: der Regen hat am Aequator aufgehört; die Wasser des Nils sind schon etwas gesunken; die Strömung hat Ist bet' Islam geeignet Naturvölker zu bilbeu? 43 an Starke nachgelassen. Der Nordwind kommt frisch und gewaltig, wie immer in diesen Monaten. Mit Schwierigkeiten wird die Expedition wohl zu kämpfen haben; aber im Vergleich zu frühern ist doch alles leichter und sicherer. Die Uferlandschaften sind ruhig; zu all dem fahren alle 14 Tage Kriegsschiffe von Omderman bis nach Redschaf. L Böse ist das Klima am Weißen Nil wie vorher. Leute, welche jetzt von Gondokoro und Lado kommen, erzählen von Millionen von Mosquitos, die Abends, namentlich in den Sut-gegenden, herumschwirre», um ihr Fiebergift niederzulegen in den schon müden Gliedern der Reisenden. Ohne Krankheiten wird's wohl nicht abgehen. Aber hoffen wir, dass Gott die kleine Zahl unserer Arbeiter schone und ihnen die lang ersehnte Arbeit schenke. Zur Rechten und zur Linken des Nils, von Assuan bis Gondokoro, finden sich Gräber unserer Vorgänger. Möge uns Gott um dieser Lieben im Sande willen das verheißene Land schenken, das jene suchten. .-— Bereits sind Nachrichten angekommen aus Dnem, 100 Meilen von Omderman entfernt. Bis dorthin gieng alles gut. Die Schiffsleute haben sich als brav bewiesen und recht-fertigen die besten Hoffnungen. Alles ist wohl und munter. — Die Offieiere der arabischen Garnison des Ortes machten dem Bischöfe Besuche auf dem „Redemptor". — Da und dort muss der Dampfer halt machen, um Butter, Zwiebeln, Fleisch u. s. w. einzukaufen. Am 16. December verließ der „Redemptor" Dnem, jetzt wird er wohl schon in Kaua angekommen sein. Bischof, Väter imb Bruder grüßen uns von Herzen, mit der Bitte uni daS Al mosen des Gebetes. — Weiteres über den „Redemptor" kommt Ihnen regelmäßig zu. Ein Soldat des Mahdi. Ist öeo Islam geeignet Naturvölker }\i ßifömt Von P. A'avcr Heycr, F. S. C. ^ Ißt "l die Frage, ob der Islam die Fähigkeit rrA besitze, aus Naturmenschen Culturmenschen / : V K' machen, antworten manche bejahend, kJJ andere mit kräftigem nein. Wir wollen unsere Leser selbst urtheilen lassen, indem wir den Islam in seiner religiösen, moralischen, socialen und politischen Beziehung einer Prüfung unterziehen. Der erste Glaubenssatz des Islam ist die Lehre des Monotheismus — von der „Einheit" Gottes. Mit wilder Leidenschaft vertheidigte Mohammed diese Einheit gegen die Heiden Arabiens und gegen die christliche — von ihm nicht verstandene Lehre von der hl. Dreifaltigkeit. „La Hatt clla Alla“ ist die erste Hälfte des mohammedanischen Kanon. Wenn nun der Islam den Heiden nur den Monotheismus — aber auch eben nichts weiter — einimpfen würde, so könnte man das allerdings schon einen Fortschritt nennen, und der Islam würde alsdann die Vorstufe für daS Christenthum bilden. Außer der Einheit Gottes lehrt der Islam dessen Allmacht und Allwissenheit, neben denen seine Gerechtigkeit und Heiligkeit nur eine untergeordnete Nolle spielen. Die Lehre Mohamineds enthalt nichts von der freien Selbstbestimmung des Menschen, von der Liebe, von der Gnade; sie ist in jeder Beziehung ein Ist der Islam geeignet Naturvölker zu bilden? 44 starres, kaltes System?) — Paradies und Hölle sind höchst sinnlich ausgemalt. Das Paradies z. B. ist ein fortgesetztes Faulcnzerthum und beständiges Wohlleben, zu dein reizende Huris wesentlich beitragen. Die Moral des Islam ist nur äußerlich; er nimmt den äußeren Menschen in Dressur, hängt ihm von allen Seiten Gesetze und Sitten ohne Zahl und ohne Sinn an, das Herz lässt er kalt, und der Muselmann ist fertig. Der eigentliche Begriff der Sünde ist dem Mohammedaner fremd, wenn er nicht etwaige Verstöße gegen, die Vorschriften des Koran für sündhaft hält. Der Islam ist grundsätzlich eine Religion, die nur für diese Welt fabricicrt ist. Zwar wird auch viel vom Jenseits gesprochen, aber die Schilderungen der Freuden des Paradieses und der Strafen der Hölle haben hauptsächlich den Zweck, durch jenes zum Islam anzulocken, durch dieses vor seiner Verschmähung abzuschrecken; — daher werden auch beide im Koran mit so grellen Farben geschildert.-) In der Praxis der Muslim's ist die Beobachtung der Ccremonialgesetze viel wichtiger als die der Sittengesetze. Obenan steht das fünfmalige Gebet, dessen Zeiten der Muezzin vom Minarete der Moschee ans verkündet. Die Gebetszciten sind: kurz nach 2omtcn= Untergang (maglireb), bei Einbruch der Nacht (aeschi), bei Tagesanbruch (subh), zu Mittag (sohr) und etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang (asr). Die rituelle Waschung vor dem Gebet, die richtige Stellung beim Gebete werden als Haupterforderniffe betrachtet^.) >) Die Lehre des Islam ist im Koran niedergelegt Dieser, das islamitische Religions- und Gesetzbuch, ist die Sammlung der von Mohammed als göttliche Offenbarung vorgetragenen Lehre und Vorschriften. Ter Koran, in 114 Suren (Capitel) von sehr ungleichem Umfange eingetheilt, ist nicht frei von Widersprüchen und ist eine crmüderde, unerquickliche Lecture. Ter Muselmann hängt aber an ihm mit der größten Verehrung, denn für ihn ist der Koran der Inbegriff der theologischen und juridischen Wissenschaft und Wknster arabischer Sprache und Stils. 2) Eine solche Kraftstelle lautet: „Bei den schäumenden Wässern und bei der grausigen Finsternis, bei der flammenden Sonne und den untergehenden Sternen, bei der menschlichen Seele und der Stimme des Gewissens, bei dem, der das Firmament ausspannt, bei dem Monde und der Dämmerung, bei der Kaaba und dem Buche, bei den zehn Nächten des furchtbaren Geheimnisses und bei dem Tage des Gerichtes, bei dessen Nahen die Erde wankt, und die Berge in Staub zerfallen, und die Meere in Feuer aufflammen, und der Kinder Haar weiß wird vor Entsetzen — wenn Allah der Hölle zuruft: bist du voll? und sie antwortet: Mehr! gib mir mehr! während das Paradies seine gesegneten Pforten dem Gerechten öffnet und unaussprechliche Herrlichkeit ausschüttet über Männer... Weiber!" 8) Die Waschungen sind von dem religiösen Gesetze streng angeordnet. Die verschiedenen Beschmutzungen, nach denen Außerdem ist strenge Enthaltsamkeit von geistigen Getränken und Schweinefleisch vorgeschrieben, ferner Fasten im neunten Monat, wenigstens einmalige Pilgerfahrt nach Mekka mit ihren zahllosen Ceremonien, Beschneidung. Dass nun der Islam mit seinen bloßen Aeußer-lichkeitcn dem primitiven Neger besser zusagt, als das Christenthum, welches die innere Umwandlung des Menschen fordert, versteht sich von selbst. Fa, noch mehr! Der Islam enthält viele Einrichtungen, die bei den Afrikanern bereits bestehen oder wenigstens ihrem Naturell sich anpassen. Da ist in erster Linie die Ungebundenheit, die der Islam den Sinnesgenüssen einräumt. Zwar tritt der Islam in verschiedenen Koransuren (2, 4, 33, 66 u. s. w.) den Lastern der Blutschande und der Unzucht entgegen. Ein gewisses Schamgefühl lebt ja selbst in sittlich tiefstehendcn Völkern. Ja, cs gibt in Afrika einzelne Volksstämme, welche es mit der öffentlichen Sittlichkeit sehr ernst nehmen und Vergehen gegen dieselbe grausam bestrafen. Die Anstandsvorschriften, die der Koran hinsichtlich der Verhüllung des weiblichen Antlitzes enthält wie in Sure 33 „damit man sie als ehrbare Frauen erkenne und sie nicht beleidige," sind keineswegs zu verachten. Noch wichtiger als diese für den Stand der öffentlichen Sittlichkeit in südländischen Völkern nicht unwesentliche Angelegenheit ist die Sorge für Keuschheit und Züchtigkeit der Frauen; Mohammed mahnt ernstlich vom liederlichen Lebenswandel ab und empfiehlt, nur Jungftaucn zu heiraten. Trotz alledem ist der Islam eine Religion groben Sinnengenusses, und einen Beweis für diese Behauptung liefert selbst ihr Stifter Mohammed. Zu einer Zeit, da er bereits neun Frauen hatte, gab er vor, von Allah das Vorrecht erhalten zu haben, mit jeder gläubigen Frau Umgang zu pflegen, so lange cs ihm gefalle. Wenn nicht anders, so sollten die Verse 49 — 52 der 33. Sure, wo er über dieses Vorrecht spricht, einen jeden und wäre es ein eingefleischter Muselmann, von der Verlogenheit dieses wollüstigen Exaltierten überzeugen. Der schwierige Punkt der islamitischen Moral liegt in der niedrigen Stellung des Weibes, der unheilbringend sich in allen Gesellschaftskreisen und in den verborgensten Verhältnissen der mohammedanischen Familie geltend macht. Die tyrannische Uebermacht des Mannes gegenüber dem Weibe vernichtet jede Sittlichkeit des häuslichen und ehelichen Lebens. Nach der Lehre Mohammed's ist das Weib für den Mann die Reinigung nöthig ist, sind bis ins kleinste aufgezählt. Es innre unmöglich, hier alle die einzelnen Felle aufzuzählen, die im Abcndlande selbst den reinlichsten Personen unbekannt sind. Ist der Islam geeignet Naturvölker zn bilden? 45 erschaffen (30, 20), steht auf niedrigerer Stufe als der Mann (2,228), er kann es schlage», wenn es ungehorsam ist (4, 38), ist ein unvollkommenes Wesen n. s. in. Der Wille des Mannes ist für das Weib Gesetz. Vor der Ehe wird den Männern keine Enthaltsamkeit zugemuthet, ihn trifft auch keine Strafe für Unzucht und Ehebruch, während die durch vier Zeugen überwiesene Ehebrecherin bis zu ihrem Tode eingekerkert werden soll. Die Ehe ist bei den Mohammedanern eine Art Handelsgeschäft. Von einer inneren Neigung, einer freien Wahl kann fast nie die Rede sein, da sich Braut und Bräutigam vor der Hochzeit nie gesehen haben. Der Mann kauft sich das Weib durch ein Brautgeld, um welches wie auf dem Märkte gefeilscht wird. Die Ehescheidung ist in weitem Mahe erlaubt und kann nur vom Manne ausgehen. Es genügt dazu, dass der Manu vor drei Zeugen die Worte spricht: „Du bist verstoßen!" Er hat nur eine Entschädigung zu zahlen, gewöhnlich ein Drittel des Brautgeldes und der Frau die mitgebrachte Aussteuer zurückzugeben. Es liegt also für den Muselmann die rechtliche Möglichkeit vor, die Frauen jederzeit nach Belieben zu wechseln. Wie diese Sitte, besser Unsitte, für das häusliche Leben, die Familie und die Erziehung der Kinder verderblich sein muss, lässt sich leicht einsehen. In einem Jahre gab es in Aegypten 30,489 Eheschließungen und 13,008 Ehescheidungen; die Zahlen sprechen laut genug. — Als Ursachen dieser entwürdigenden Stellung des Weibes sind auch Polygamie und das Haremwesen. Dem Mohammedaner sind gesetzlich vier Eheweiber gestattet: aber die Zahl der unrechtmäßigen Frauen ist dem Belieben und den Mitteln eines jeden steigest .'ßt. — Nun frägt es sich, ob der Islam unter solchen Verhältnissen -auf die Negerrasss bildend und fördernd einzuwirken vermag? — Dass manche afrikanische Stämme in ziemlich geordneten sittlichen Verhältnissen leben, wurde bereits erwähnt. Bei zahlreichen Negerstämmen ist die Monogamie wenn auch nicht gesetzlich so doch durch Gewohnheit und äußere Umstünde eingebürgert. — Die beschränkten VermögenSverhültuisse sowie der Mangel an Weibern zwingt viele Neger, sich mit einer Frau zu begnügen. Für diese würde der Islam mit seiner Moral gewiss keinen Fortschritt bedeuten. Jene Männer, bei denen die Vielweiberei bereits im Schwünge ist, werden gleichfalls durch die Moralgesetze des Islam nichts gewinnen. Denn war bei ihnen die Polygamie bisher eine unbeschränkte, so wird die islamitische Vorschrift über die Vierzahl der Frauen nur ein todter Buchstabe bleiben, auch nachdem sie äußerlich den Islam angenommen haben. Bei dem Umstande sodann, dass der Islam neben rechtmäßigen vier Frauen eine unbeschränkte Anzahl von Nebenftäuen gestattet, würde der Islam auch burnt keinen Fortschritt bedeuten, wenn sie selbst die Polygamie auf die Vierzahl beschränken würden: die Veränderung wäre nur äußerlich in der Benennung. — Was aber die Lage des Weibes betrifft, so ist dieselbe sicher eine bessere unter den heidnischen Siegern als unter den Anhängern des Propheten. Während der Muselmann das Weib als ein Geschöpf untergeordneter Gattung betrachtet und behandelt, (eine Secte behauptet sogar, das Weib habe keine Seele), nie mit ihm isst, sondern beim Essen sich von ihm bedienen lässt, nie mit ihm ausgeht it. s. w., erfreut sich das Weib bei den Afrikanern einer weit größeren Freiheit, es verkehrt in der Oeffentlichkeit, ja sogar Tänze werden gemeinsam aufgeführt. Das Weib besorgt bei den Negern das Hauswesen und treibt Feldbau gleich dem üJtimnc. Der Islam wäre also unter solchen Umstünden für die Familienmoral der Neger ein Schritt nach rückwärts. — Befassen wir uns nun mit der zweiten Frage betreffs des Islams vom socialen Standpunkte aus betrachtet und fangen wir gleich an mit den Anschauungen und der Praxis der Mohammedaner in Bezug auf das Krebsübel Afrikas — den Sclaveu-handel. Es lässt sich nicht gerade behaupten, dass das Sclavenmachen eine ausschließlich mohammedanische Institution ist. Die Selaverei verdankt ihren Ursprung dem ungezügelten Eigennutz, welcher, wenn auch die nöthige Kraft vorhanden ist, den Menschen dazu antreibt, seinem Nebenmenschen möglichst viele Rechte zu nehmen und sich anzueignen. Dieses war im Heidenthum durchwegs Grundsatz. Die ganze Philosophie des heidnischen A-lterthums konnte diese Anschauung nicht beseitigen: Athen, der Sitz der griechischen Philosophie beherbergte neben 20.000 freien Bürgern 100.000 Sclaven, und kein einziger seiner Philosophen erhob die Stimme gegen diese Verknechtung des Nebenmenschen. Es gab sogar solche, welche die Selaverei für ganz naturgemäß erklärten, wie z. B. Aristoteles. Die Stoiker und mit ihnen Cicero zählten Mitleid und Erbarmen unter die Laster, vor denen man sich sorgfältig hüten müsse. Selbst im alten Testamente ließ das mosaische Gesetz die Selaverei unter dem Volke Israel bestehen, obwohl es einen Unterschied in der Behandlung hebräischer und heidnischer Sclaven festsetzte. Der Islam schloss sich in dieser Frage an das Judenthum und Heidenthum an. Die ideale Auffassung des Christenthums, wie sie Paulus vorträgt, wonach in „Christus" kein Unterschied ist zwischen Freien und Sclaven, ist ihm fremd. 46 Legende des Morgenlandes. 3nur weist er gelegentlich auf den gemeinsamen Ursprung aller Menschen hin (5. 4), wo er die Ehe zwischen freien Männern und Sclavinnen empfiehlt. „Ihr seid ja alle eines Ursprungs," sagt er zwar, aber eine theoretische Gleichheit zwischen Freien und Sclaven predigt er nirgends. Der Koran empfiehlt nur eine gütige Behandlung der Sclaven beiderlei Geschlechtes (S. 2b). Es ist nicht zu leugnen, dass der Koran in vielen Fällen die Selaverei beschränkt oder erleichtert; aber er enthält kein Princip, woraus sich deren Abschaffung ergäbe. Dadurch aber, dass der Koran nicht gegen die grundsätzliche Beraubung der persönlichen Selbständigkeit auftritt, trägt er eine große Mitschuld an der Selaverei nnd den großen Uebelständen und den mannigfaltigen Willküraeteu, I denen die armen Sclaven bei ihren mohammedanischen Herren ausgesetzt sind. Der Herr oder die Hausfrau darf die Sclaven nach Belieben züchtigen (mir nicht bis zum Tode ober durch Blendung der Augen), sie verkaufen oder venuieteu und zu jeder ihnen gut-düukeuden Handlung gebrauchen; der Muselmann darf die Sclavin nach Belieben mit Sclaven oder Freien verheiraten; — wobei im ersten Falle die Kinder Eigenthum der Herrschaft werden. Aller Erwerb der Sclaven gehört dem Herrn, schließlich steht jede Sclavin den Gelüsten ihres Herrn zur Verfügung (S. 4, 23 u. 66, 1). Durch diese weitgehenden Zugeständnisse und die Ueberlieferung gestaltet sich die Selaverei in der Praxis noch viel schrecklicher als in der Theorie. (Schluss folgt.) ----> --------------- Legende des Morgenlandes. Der Ht. Mcrfiirs, Mischof und Märtyrer. (3. Februar.) čFlS\cr Castus wurde zu Sebaste in Armenien I ml in der zweiten Hälfte des dritten Iahr-^ J ur Hunderts von christlichen Eltern geboren; er genoss eine sorgfältige wissenschaftliche Ausbildung und widmete sich der Arzneikunde, welche in der damaligen Zeit aus seelsorglich-praktischen Gründen oft mit der priesterlichen Thätigkeit verbunden war. Weil aus dem reichen Kranze seiner Tugenden besonders dir erbarmende, werkthätige Menschenliebe hervorleuchtete, nöthigte ihn die Geistlichkeit und das Volk, den in der Vaterstadt erledigten Bischofsitz einzunehmen. So ungern seine Demuth dieses hohe Amt bekleidete, ebenso segensvoll bewährte er sich als kundiger Seelenarzt und besorgter Hirt für das Wohl seiner Herde. Als Kaiser Licinius seinen grimmigen Zorn über die Niederlage durch Constantin den Großen (314) im Blute der Christen zu kühlen begann, fand er in seinem Statthalter Agrieolaus zu Sebaste einen bereitwilligen Schmeichler, welcher die kaiserlichen Befehle mit unmenschlicher Grausamkeit vollzog. Auf die drängenden Bitten der Christen, dieser Verfolgung, welche vorzüglich den Priestern galt, auszuweichen und sein theures Leben zu erhalten, verbarg sich Blasius in einer Höhle des argäischen Gebirges und betete dort unablässig um Erbarmen und Schutz für seine Gläubigen. In dieser tiefen Waldeinsamkeit wiederholte sich jenes rührende Schauspiel, das im Leben der Heiligen uns so oft begegnet. Die herzliche Freundlichkeit und wohlthuende Liebe des hl. Blasius wirkte geheimnisvoll auf die wilden Thiere, so dass sie ohne Furcht und Scheu zutraulich und schmeichelnd ihm Gesellschaft leisteten. Die Vögel bevölkerten ringsum die Tannen und begleiteten sein Gebet mit ihrem Gesänge: die Löwen, Bären, Wölfe umlagerten in gemüthlichem Frieden seine Höhle und ergötzten ihn mit ihren munteren Sprüngen. Eines Tages widerhallten die Felsen und Schluchten des Gebirges von dem lauten Schalle der Jagdhörner, die aufgeschreckten Thiere sprangen der Höhle ihres wohlthätigen Freundes zu und verriethen durch ihr Zutrauen sein Versteck. Blasius wurde erkannt und von den bewaffneten Jägern zum Statthalter geführt. Agrieolaus grüßte höflich den Gefangenen und lud ihn freundlich ein, den Göttern zu opfern und der Gunst des Kaisers sich würdig zu erweisen. Als der Heilige ebenso mannhaft als höflich dieses Ansinnen zurückwies, zeigte der Statthalter seinen wahren Charakter; er ließ ihn am ganzen Leibe furchtbar schlagen und verwunden und dann ins Gefängnis werfen. Fromme Frauen trockneten mit feinen Linnen das Blut des Märtyrers vom Boden aus. Sogleich befahl ihnen Agrieolaus, den Göttern zu opfern. „Ja," antworteten sie, „aber stelle die Götter am Ufer des Sees auf, damit wir uns dort zuerst waschen können, bevor wir den Göttern die schuldige Ehre erweisen." Freudig willigte der Statt- Legende des Morgenlandes. 47 Halter ein. Die Frauen wuschen sich, traten zn den Götzen hin und stürzten sie ins Wasser und riefen: „Sehet, was das für Götter sind, die sich von schwachen Weibern ins Wasser werfen lassen!" Wüthend über diesen Schimpf erschöpfte der Statthalter alle Arten der Folter an diesen Frauen, aber ohne ihre Standhaftigkeit besiegen zn können. Zum hl. Blasius ins Gefängnis wurden sehr viele Kranke gebracht, unter anderen auch ein Knabe, dem eine Fischgräte im Halse stecken geblieben war, und der Erstickungstod unvermeidlich schien; Blasius heilte alle durch sein Gebet. In der Meinung, Blasius dürfte durch die Schmerzen seiner Wunden und durch die Leiden des Kerkers schon genug entmnthigt sein und werde nun willig den Göttern opfern, begann der Statthalter ein neues Verhör; aber der hl. Bischof bekannte und verkündete mit ungebeugtem LcidcnSmnthe seinen Glauben an Jesum. Deshalb ließ ihn der Richter grässlich zerfleischen und vernrtheilte ihn, dass er zur Sühne für die Beleidigung der Götter in den See gc-worfen werde. Als die Schergen das Urtheil vollziehen und den Heiligen in die Fluten stürzen wollten, gicng er ivie ans festem Boden über das Wasser bis Der bl. in die Mitte des Sees, setzte sich nieder und rief den Götzendienern zn: „Wenn ihr glaubet, dass eure Götzen die gleiche Macht haben, wie mein Gott und Herr Jesus Christus, so kommt über das Wasser zn mir und holet mich." Wirklich wagten sich achtundsechzig Soldaten in das Wasser und versanken spurlos. Blasius kam nun freiwillig ans Ufer zurück, und der vor allem Volke beschämte Agricolaus ließ ihn sofort enthaupten. Während der Kreuzzüge wurden die Reliquien des hl. Blasius ins Abendland überbracht und wurden von dem christlichen Volke wegen der vielen wunderbaren Krankenhcilungcn durch seine Fürbitte allgemein verehrt. Aus dem Theil der Reliquien, welche zu Maratea in der Provinz Neapel verehrt werden, fließt immer noch ein heilkräftiger Saft; das Achselbein, welches in Tarent sich befindet, verbreitet einen sehr lieblichen Geruch. Weiters befinden sich Reliquien des heil. Blasius in Ragusa in Dalmatien, wo er Stadtpatron wurde, und in St. Blasien im Schwarzwalde; viele Klöster und Kirchen tragen seinen Namen. Der hl. Blasius zählt als großer Wunder-thäter unter die vierzehn Nothhelfer und wird besonders angerufen in Seelenleiden arger verschwiegener Sünden, sowie gegen Halsleiden; letzteres wegen des obenerwähnten Wunders, das er im Kerker wirkte. Aus demselben Anlass wird auch der sogenannte „Blasiussegen" am 3. Februar in mehreren Diöcesen Oesterreichs und Deutschlands ertheilt. Der Priester Blasius. hält mit der linken Hand zwei geweihte, brennende Kerzen in Form eines Andreaskreuzes vor Gesicht und Hals des zn Segnenden und macht dann in der oberen Kreuzöffnung über denselben das Zeichen des Kreuzes mit der Formel: „Durch die Fürbitte des heiligen Bischofs und Märtyrers Blasius behüte und bewahre dich der Herr vor allein Halsübel, sowie vor jedem anderen Uebel." Der jüngste Erötheil : yfy/^-T ernt man den Aufschwung betrachtet, den Ml Ml Australien in verhältnismäßig kurzer Zeit WvjL Jr genommen hat, so möchte man es ein Wunder in der Colonisation des 19. Jahrhunderts nennen. Wo vor einigen Jahrzehnten noch Urwälder standen, und Wilde mit Kängnrnh's hausten, erheben - sich heute prächtige im europäischen Stile erbaute Städte, welche an Schönheit, Reinlichkeit und praktischen Einrichtungen den Vergleich mit Paris und Washington aushalten. Wir erwähnen nur Sidney mit 230.000, Paramatta mit 65.000 Einwohnern, beide in Neu-Südwales, Melbourne in Victoria mit 325.000 Einwohnern und in Südaustralien Adelaide mit 40.000 Einwohnern. Im Jahre 1840 wurde die Ucberführuug von Verbrechern aus England nach Australien eingestellt, und im Jahre 1850 ward den Golemen vom Mutterland die volle Selbstregierung zugestanden; sic erkennen zwar die Königin von England auch als ihre j Königin an, aber auch nicht mehr. Diese beiden Umstünde trugen viel bei zur Förderung der Entwicklung des jüngsten Erdtheils. Sümpfe wurden ausgetrocknet, verschlammte Flussmündungen ausgc-hoben und fahrbar gemacht, nach allen Seiten hin wurden Straßen und Eisenbahnen angelegt; im Jahre 1893 zählte man schon 20.000 Kilometer Eisenbahn-und 150.000 Kilometer Telegraphenlinien. Die ungeheueren Ueberschwemmungcn, die in Australien schon wiederholt hereinbrachen, und die heißen, regenlosen Sommer, in denen die Weiden verdorrten, und die Herden nach Hunderttausenden verdursteten, brachten die praktischen Australier aus den großartigen Gedanken, in den weiten Ebenen oder in breiteren Thälern große Bassins anzulegen, in denen sich bei Wolkenbrüchen gewaltige Wassermassen ansammeln, und bei eintretender Dürre Tausende von Schafen, Rindern und Pferden vor den. Verschmachten retten können. In dem fruchtbaren Boden, unter einem herrlichen Klima gedeiht Weizen und Mais, und in großer Menge reift ein Wein voll Fetter und Süßigkeit aus Reben, die von Südspanien und Eypcrn eingeführt worden sind; die Reben aus dem Rheinlande wollten nicht gedeihen. Herrliche Südfrüchte aller Art wachsen prächtig, auch Zuckerrohr und Kaffee, und die Cultur der Baumwollstaude gewinnt immer mehr an Ausbreitung. Den größten Reichthum der australischen Getonten aber machen die großen Herden und seine Bewohner. (Fortsetzung.) von Schafen, Rindern und Pferden aus. Ein Gebiet von 130 Meilen lang und 80—100 Meilen breit bildet nur ein einziges großes Weideland, auf dem etwa 30 Millionen Schafe, 4 Millionen Rinder und gegen eine Million Pferde genährt werden. Es gibt ungeheure Strecken, welche noch keinen Eigenthümer besitzen, so umfasst Südaustralien allein 600 Millionen Acres meist üppiges Weideland, von denen bis jetzt erst etwa 11 Millionen veräußert sind. Das übrige Weideland ivird von der Regierung an Schafzüchter — oder Squatter, wie der englische Name lautet — verpachtet; der jährliche Pachtschilling für eine Strecke in der Größe einer Quadratmeile beträgt etwa 100 Gulden. Mancher Squatter brachte auf diese Weise ein Gebiet unter sich, das den Umfang eines deutschen Fürstenthums weit übertraf, wie ein wahrer Hirtenfürst, der auch ein fürstliches Einkommen hatte, hauptsächlich von dem I Ertrage der Wolle, ivclche als eine der feinsten im Handel geschätzt wird; in dem einzigen Jahre 1893 löste Australien für die Wolle allein das hübsche Sümmchen von 400 Millionen Mark. Auch Häute und Talg werden verwertet; die geschlachteten Rinder und Schafe werden nämlich in großen Dampfkesseln ausgekocht, bloß um Uuschlitt zu gewinnen, welcher in Tonnen gefüllt in den Handel gebracht wird. Das Fleisch wurde in früheren Zeiten als unnütz einfach weggeworfen; erst die Erfindungen der neuesten Zeit in Fleischextract-Bercitung und Conscrvierung gaben auch dem Fleisch einen Wert, und die australischen Viehzüchter behaupten, wöchentlich 24.000 Centner Fleisch nach Europa liefern zu können. Nebst diesen Reichthümern entdeckte man in der Colonie Südaustralien die reichsten Kupfcrgruben der Welt, von deren Wert man sich eine Vorstellung machen kaun, wenn man erwägt, dass die Burra-Burra-Minen allein in fünfzehn Jahren einen Reingewinn von 10 Millionen Gulden abwarfen. Im Jahre 1850 fand man in Neusüdwales und in Victoria Goldfelder und Goldfelscn, deren Rcich-haltigkeit geradezu fabelhaft ist. Alan sagt, in den Goldfeldern der Colonic Victoria gebe cs soviel Gold, dass 100.000 Arbeiter durch 2240 Jahre arbeiten müssten, um alles herauszugrabcu, und zur Gewinnung des Goldes in den dortigen Quarzfelsen müssten ebenfalls 100.000 Menschen durch 300 Jahre arbeiten; — den Wert des dort zu gewinnenden Goldes könne man auf 300.000 Millionen Gulden 49 Der jüngste Erdtheil anschlagen, so wenigstens äußerte sich eine Commission van Gelehrten und Sachverständigen, ivelche im Jahre 1857 über Auftrag der Regierung in Melbourne eine Untersuchung und Berechnung über den Gehalt der Goldfelder inachte. Thatsache ist, dass nur in den ersten zehn Jahren der Goldgräberei in Australien Geld im Werte von 1300 Millionen Gulden gewonnen wurde, dass die Production von Jahr zu Jahr zunimmt, dass man namentlich in den Feldern von Victoria mehrere große Klumpen gediegenen Goldes im Gewichte von 40—50 Kilo fand, sehr viele von einem Kilo und darunter. Außerdem liefert Australien auch Silber, Bleierz und Kohle, von letzterer jährlich etwa vier Millionen Tonnen. Unter solchen Umständen darf es niemand wundern, das-:- der Wohlstand der australischen Bevölkerung wächst und dass überall Lebensfreude und Lebenslust sich kundgibt. Das reiche, schaffenskräftigc, junge Australien wird immer selbstbewusster und pflegt schon zuweilen im Ucbcrmuth Altengland darzustellen als „eine alte, zusammengeschrumpfte Hutzel von einer Großmutter, die mit einem großen Handkorb und einem baumwollenen Regenschirm unter dem Arm dein offenen Grabe zuhumpelt!" — „Die Leute sind lebenslustig," .schreibt Dilke aus eigener Anschauung, „frisch und flink und voll reicher Verheißungen für eine literarische und künstlerische Zukunft. Weit und breit in der ganzen Goleme überall dasselbe Fernsein zeitlichen Elendes, dieselbe freundliche Stimmung zwischen Mensch und Mitmensch —. Arbeiter aller Elassen besitzen jetzt in Australien Vortheile, die den neuen Erdtheil zu einem Arbeiterparadies machen." Graf Hübner erzählt mit unverhohlenem Vergnügen von den freundlichen „Häuschen mit eisernen Dächern, auf drei Seiten mit einer Veranda umgeben, und immer in einem Gärtchen oder auf einem Fleck Rasen stehend, der wie grüner Sammt aussieht, —" und setzt hinzu: „Nicht nur reiche oder wohlhabende Familien wohnen hier, sondern auch sehr kleine Leute. Aber obgleich im raschen Trabe fahrend, konnte sich mein Auge doch an den glänzenden Fensterscheiben erfreuen, den frisch gewaschenen weißen Vorhängen, überhaupt an den Anzeichen der Ordnung und der Reinlichkeit, welche in diesen bescheidenen Wohnstätten herrschen." Graf von Hübner erzählt auch ein interessantes Gespräch, das er bei einem Ausflug durch Darling Domes im australischen Staate Queensland mit einem Arbeiter geführt, dessen „nrgermanischcs Aussehen" ihm aufgefallen war, so dass er ihn gleich deutsch angeredet hatte. „Ich bin," erzählte der Mann, „ans der Umgegend von Berlin gebürtig. Wir verdienen hier bei weitem mehr als zu Hause. Aller- und seine Bewohner. dings ist das Leben bedeutend kostspieliger, aber dessenungeachtet geht cs uns besser. Wir haben uns niemals gute und kräftige Nahrung zu versagen. So genießen wir alle Tage Fleisch, und zwai in Fülle. Wer arbeitet, ist sicher, sein Brot zu verdienen. Armut ist unbekannt." „Es ist dies," fügt Hübner noch weitere Einzelheiten hinzu, „die Geschichte aller Ansiedler und kleiner Pflanzer. Nur liederliche Gesellen kommen nicht auf." . Jener Arbeiter hatte vorher eine subalterne Stelle bei der queensländischen Verwaltung bekleidet und einen Jahresgehalt von 100 Pfd. Sterling (ca. 2000 Kronen) bezogen, aber er hatte das Amt niedergelegt, um Ansiedler und Arbeiter zu werden. Nichts ist daher auch so schwer in Australien, als Dienstboten zu finden, da niemand dienen will. Die Gouverneure sind gezwungen, ihre Dienerschaft von England mitzubringen und von dorther zu remitiern. Die Colonie Queensland importierte noch bis in die neueste Zeit weibliche Dienstboten in Schiffsladungen von 80—100 solcher dienstbarer Geister, von denen sie nur unbescholtenen Ruf und gute Sitten und eine Reiseausstattung verlangte, deren Kosten sich auf 40 Mark beliefen. Dafür gab die Regierung völlig freie Ueberfahrt, besten persönlichen Schutz und strenge Beaufsichtigung durch eigens hierzu aufgestellte „Matronen". Aber wer bürgte der Regierung dafür, dass nicht diese so theuer erworbenen Kleinodien alsbald in australische Damen und Herrschaften sich verwandelten? Der allgemeine Wohlstand, der znm Wahrzeichen des Landes, der allgemeine Frohsinn, der zum Volksgeist der Bewohner geworden ist, beginnt auch schon mitten aus dem Ringen nach materiellem Gewinn zu höherem, idealerem Aufschwung zu spornen. Dafür zeugen in den australischen Staaten die fast kindische Volksliebhaberei für Musik, die thatsächlich großartigen und kunstvollendeten Schöpfungen der Architektur, das rege Interesse für Malerei, die Wunder der Gartenbauknnst, die Verbreitung reichhaltiger Volksbibliotheken, die Freiheit der Religion und die bürgerliche Freiheit, die mit Achtung vor dem Gesetz, mit hochherzigem Gemeinsinn und Liebe znm neuen Vater-lande sich paart. Was die religiösen Verhältnisse in Australien betrifft, so kann man sagen, dass die katholische Kirche gegenwärtig vollkommen frei ist, und dass sie deshalb blühe und an Einfluss und Ansehen zunehme. Freilich war dem nicht immer so, vielmehr erzählt die Geschichte der katholischen Kirche in Australien von manchen harten Proben, denen diese ausgesetzt war. Wir wollen diese Geschichte in ihren Umrissen kurz skizzieren. 50 Der jüngste Erdtheil und seine Bewohner. Unter den 1026 Personen, Beamten und Sträflingen, welche als die ersten Ansiedler den australischen Urwald betraten, war auch eine Anzahl katholischer Irländer. Ein seeleneifriger irischer Priester, namens Walsh, hatte umsonst gebeten, die Expedition begleiten zu dürfen, um seinen armen katholischen Landsleuten den Trost der Religion spenden zu dürfen. Der Hass der englischen Regierung gegen alles Katholische war damals noch 511 groß, als dass sie so etwas erlaubt hätte. Erst zwölf Jahre später, im Jahre 1799, betraten die ersten katholischen Priester den Boden Australiens, aber nicht, um ihren priester-lichcn Beruf auszuüben, sondern als Berurtheilte. Vorgeblich sollten sie sich an einer Empörung der Irländer betheiligt haben; man hatte sie aber, wie später sich ernstes, völlig ungerecht verurtheilt. Die Unschuld eines derselben kam schon zutage, als die Deportierten kaum einen Monat lang zur Tee waren, und so würde derselbe zurückberufen und seiner Pfarrei wiedergegeben. Die beiden andern aber mussten vier Jahre lang ihr hartes Los tragen. Endlich am 19. April 1803 gewährte der Gouverneur King „dem hochw. Jakob Dixon die bedingungsweise Erlaubnis, seine clericalen Functionen als römisch-katholischer Priester vorzunehmen, da er sich einer solchen Gnade durch seine ordnungsgemäße und exemplarische Ausführung seit seiner Ankunft in der (Monte würdig gemacht habe." Um dieselbe Zeit erhielt auch der andere Priester, Harold, eine gleiche Begünstigung und wurde nach den Norfolk-Jnseln, etwa 1000 Kilometer von Sydney entfernt, geschickt, um dort den hartnäckigsten Verbrechern als Gefängnisgeistlicher zu dienen. Nicht lange aber sollte sich Dixon des Trostes erfreuen, öffentlichen Gottesdieitst halten zu dürfen. Der Ausbruch einer Gefängnisrevolte, die durch grausame Behandlung hervorgerufen war, und an der sich Protestanten wie Katholiken gleichmäßig betheiligt hatten, gab dem anglikanischen Katholikcnhass Veranlassung, das Verbot der öffentlichen Messe für Australien zu fordern. Der Gouverneur verbot aber nicht nur dieses, sondern auch die Spendung der Taufe und den Krankenbesuch. Umsonst bat und flehte der Priester, der.Gouverneur blieb hart, und so kehrte Dixon heim, ohne zurückgehalten zu werden. Als Harold von der Abreise seines Gefährten und deren Ursache hörte, eilte er nach Australien, um sich der verlassenen Herde anzunehmen, in der Meinung, ihm wenigstens werde man keine Schwierigkeiten machen, da ja ihn auch nicht der Schein eines Verdachtes an der unseligen Revolte treffen könne. Er täuschte sich; auch ihm blieb nichts anderes übrig, als dein Beispiel Dixons zu folgen und nach Irland zurückzukehren. So war nun der Boden Australiens von der großen Gefahr der „Popery", des päpstlichen Greuels, befreit, und es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis wiederum ein katholischer Priester die Colonie betreten durfte. Diese Zeit war eine Zeit der Dual für die katholischen Gefangenen. Die anglikanische Staatsreligion wurde allen Deportierten, welchem Bekenntnisse sie auch immer angehören mochten, mit roher Gewalt aufgcnöthigt. Wer sich weigerte, erhielt daS erstemal 25 Peitschenhiebe, daS zweitemal 50, das drittemal wurde er in Ketten geschmiedet oder den Dualen der Einzelhaft überantwortet. Zehn Jahre dauerte dieser trostlose Zustand, bis der Heilige Vater davon Kunde erhielt und voll Erbarmen für die geistliche Roth den hochw. Jeremias O'Flinn mit dem Titel eines Erzpriesters nach Sydney sandte. Im Jahre 1817 traf dieser in Australien ein. Er hatte jedoch die Erlaubnis der britischen Regierung nicht abgewartet und an Ort und Stelle angekommen sah er bald ein, dass er ohne schriftlichen Befehl der Regierung an den Gouverneur gar nichts ausrichten könne. Er hielt sich also wohlweislich verborgen, bis das nächste Schiff die erwartete Gewährung seiner Bitte brachte. Inzwischen reichten die Katholiken dein damaligen Gouverneur, General Macquarie, eine Denkschrift ein, die auch von manchen ivohlwollenden Protestanten unterzeichnet war. In derselben legten sic die Nothlagc der Katholiken dar, theilten dem General die Ankunft eines Erzpriesters mit und baten inständig um Zulassung desselben. Die einzige Antwort, welche der Gouverneur den Bittstellern ertheilen ließ, läutete dahin, sic hätten sich einer groben Frechheit schuldig gemacht. Diese Antwort ließ ahnen, was den Erzpriester erwarte, wenn sein Versteck verrathen ivurde. Mehrere Moitatc wurde das Geheimnis gut bewahrt; während dieser Zeit hatten die Katholiken von Sydney das Glück, freilich nur verstohlen, betn hl. Messopfer beiwohnen zu können; auch taufte O'Flinn mehrere Hunderte junger Leute, die seit der Abreise der beiden ersten Priester herangewachsen waren. Nach und nach wurde er kühner, wagte sich aus der Stadt aufs Land hinaus, sammelte überall die zerstreuten Katholiken, las ihnen die hl. Messe und verkündete das Wort Gottes in englischer und irischer Sprache. Seit: Eifer brachte ihn endlich in die Hände der Priesterjäger, die ihm schon länger nachgespürt hatten; diese führten ihn in das allgemeine Gefängnis, wo er in enger Haft gehalten wurde, bis das nächste Schiff nach England abgieng. Dann ließ der Gouverneur den unschuldigen Der jüngste Erdthcil und seine Bewohner. 51 Priester an Bord schleppen und gewaltsam über die weite Sec nach Irland zurückbringen. So war denn abermals die Hoffnung der Katholiken Australiens zerrönnen. Aber ein Trost, gewissermaßen das Unterpfand einer besseren Zukunft, war ihnen geblieben. Als O'Flinn plötzlich verhaftet und weggeschleppt wurde, musste er in dem Tabernakel seines Versteckes in einem Hause der Kcnt-Strect zu Sydney unter den Gestalten des Brotes de» Heiland zurücklassen. Da versammelten sich denn nun in Gegenwart des cucharistischen Gottmenschen au Sonn- und Feiertagen die verwaisten Kinder der katholischen Kirche, beteten ihren verborgenen Hirten an und nährten so in ihren Herzen die Flamme der Liebe mit) des Glaubens. — Als der verbannte Erzpricster in seine Heimat zurückgekehrt war, traf er den berühmten Bischof Dr. England von Charleston in Nordamerika, der daselbst auf Besuch weilte. Ihm erzählte O'Flinn die schmachvolle Behandlung und das Unrecht, das er von den Behörden Australiens zu erdulden gehabt. Empört über diese schreiende Ungerechtigkeit brachte Dr. England die Sache zur Kenntnis Lord Donough-more's, des damaligen Abgeordneten von Cork, und dieser trat für die Gewissensfreiheit der Katholiken im llnterhausc so energisch ein, dass sich die Regierung, gern oder ungern, zur Sendung von zwei besoldeten und beglaubigten Priestern nach Australien genöthigt sah. Die hochw. Herren Johann Josef Therry und Philipp Conolly erboten sich, ihr Leben dem Dienste ihrer verbannten Landsleute in Australien zu widmen. Therry, der sich den Namen eines „Apostels von Australien" erwarb, war aus Cork gebürtig. Er war erst seit vier Jahren Priester, als er mit Conolly am 5. December 1819 sich nach Australien einschiffte. Sie erreichten anfangs Mai 1820 Sydney und übergaben ihre Beglaubigungsschreiben dem Gouverneur, demselben, der den Erzpricster O'Flinn so gehässig behandelt hatte. Nun musste er sich wohl fügen, aber er unterließ nichts, wodurch er ihnen ihre priesterliehe Thätigkeit erschweren konnte. Er stellte ihnen schriftliche Verhaltungsmaßregeln zu, denen sie unter Androhung der schwersten Strafen zu entsprechen hätten, Da hieß eS nicht nur, sie sollten sich nicht unterstehen, Angehörige der Kirche von England oder anderer protestantischer Secten in die katholische Kirche aufzunehmen, sondern es war ihnen auch verboten, öffentlich Messe zu lesen, „mit Ausnahme der Sonntage und der anglikanischen Festtage," und, was den beiden Priester» am wehesten that, sie sollten sich nicht unterstehen, den katholischen Waisenkindern Religionsunterricht zu ertheilen. Therry ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne auf das entschiedenste gegen diese tyrannische und schmachvolle Verordnung Protest zu erheben. Zur Strafe für seinen zähen Widerstand wurde ihm vom Gouverneur für lange Zeit die Ausübung des priesterlichen Amtes verboten, und erst nachdem er Berufung bei der Regierung Englands eingelegt, wurde er abermals in sein Amt eingeführt. Bald nach ihrer Ankunft in Australien trennten sich die beiden Priester, um der geistlichen Noth möglichst vieler Katholiken beispringen zu können. Conolly segelte nach Tasmanien, wo eine neue Colonic mit zahlreichen Katholiken emporblühte; Therry verblieb indessen in Sydney, wo bereits 10.000 Katholiken lebten. Zunächst galt es in Sydney eine katholische Kirche zu bauen und Therry legte den Grundstein zur alten St. Mary's Kathedrale, an deren Stelle nunmehr eine neue prachtvolle getreten ist. Kaum glaublich sind die Strapazen, denen er sich in seinem Feuereifer unterzog. Zu Weihnachten pflegte er seine erste Messe in Sydney, seine zweite in Liverpool, etwa 30 Kilometer südwestlich von Sydney, und seine dritte Messe in Campbelltown, abermals 20 Kilometer südlich von Liverpool, zu lesest; die ganze folgende Woche reiste er daun von Ort zu Ort und trug überallhin die geistliche Weihnachtsfreude; bei Katholiken wie Protestanten war er ein hochangesehcner und allbeliebter Gast; Streitigkeiten wurden ihm zur Entscheidung vorgelegt und sein Schiedsspruch galt als unantastbar; er besaß unter den Gefangenen wie unter den Freien unbedingtes Vertrauen wie kaum ein anderer, setzte aber auch ohne Bedenken sein Leben ein, wenn seine Pflicht als Priester es erforderte. — Das Jahr 1826 brachte dem unermüdlichen Priester Hilfe in der Person des hochw. Herrn Daniel Power. Noch wichtiger aber für Australien war die Ankunft des Erzpriesters John Mac Encron; neben seinen SeclsorgSarbeiteu gründete und leitete dieser eine Reihe charitativer Anstalten in Sydney. Mac Encron gründete auch das Freemans Journal und ward dadurch der Begründer der katholischen Presse in Australien. 9)iit Bischof Ullathorne, der im Jahre 1832 nach Australien kam, und Erzbischof Polding, der 1835 als erster Apostol. Vicar die kirchliche Leitung Australiens übernahm, brachen nun für die katholische Kirche Australiens bessere und glücklichere Tage an, Tage des Trostes nach den Tagen der Trübsal. Das Samenkorn, das in Thränen ausgestreut worden war, hat hundertfältige Frucht getragen, wie wir aus folgender Zusammenstellung ersehen. Die Kirche Australiens bestand vor zehn Jahren aus vier Kircheuprovinzen mit zusammen 7 70.260 Katholiken, 1387 Kirchen und Kapellen, 594 Priestern, 707 Schulen mit 74.734 Schülern. Die Kirchen provinz Adelaide umfasst das Erzbisthuin Adelaide, die Suffragansitze Perth, Porta Augusta und Port Victoria, ferner das apostol. Vicnriat Kimberley und die Benedictincrabtei Neu-Nurfia; zur Kirchenprovinz Brisbana gehören das gleichnamige Erzbisthum, das Bisthum Rockhampton und die beiden Apost. Vicariate Cooktown und Queensland: die Kirchenprovinz Aiel-bourne bilden ein Erzbisthuin »nd vier Bisthüiner: die Kirchenprovinz Sydney endlich ein Erzbisthum und sechs BiSthümer. (Fortsetzung folgt.) Nus dem Missionsleben. Lin Zeugnis über die alten deutschen Missionäre in China. Zu einer Zeit, als es noch keine kaiserlichen Generalconsuln am chinesischen Hofe gab, haben deutsche Missionäre schon mit Ehren deutschen Namen und deutsches Wissen daselbst vertreten. Zn -einer Lebensskizze des Kaisers Kang-hi (geb. 1661, gest. 1722), die wir der Feder eines deutschen Missionars verdanken, heißt cs: „Zum Beschluß (weil ich doch Teutsch schreibe) soll ich Dankbarkeit halben nicht umgehen zu melden, dass Kaiser Eham-hi aus angeborner Großmütigkeit und einer unersättlichen Begierde zu lernen zwar alle Fremdling beschützt, doch in seiner Hochachtung und Liebe denen Teutschen nach dem Beyspil seines Vattcrs Kaisers Schuntschi einen unvergleichlichen Vorzug gegeben habe. Die Sach ist känntlich und ein Ursprung mancherlei Neids. Man hat unter andern beobachtet, dass wann neue Missionarii aus unterschidlichen Europäischen Ländern das erste mal zu seiner sonderbaren Ergötzung zur Audienz eingeführt worden, er in dem Anblick und in der Betrachtung ihrer Angesichten den Teutschen von allen anderen zu unterscheiden gewusst und seine Augen mit Lust und öfters auf ihn als andere ge-worffen habe: daß kein Wunder ist, wenn die Teutschen Missionarii bei diesem Monarchen alles vermögt, wann er sie allein zu der hohen Stelle eines Vorstehers der Sternkunst erhoben: wann er ihnen vor allen anderen in verworrenen und streitigen Sachen geglaubt, surfe um zu sagen sie für die redlichste Scut der Welt gehalten hat. Ein Teutscher, welchen Kaiser Ehamhi nur cimnal gesehen hatte, stunde in ewiger Gefahr nach Hos berufen zu werden, weil er gleich wie auch sein Sohn der heutige Kaiser unserer Nation mit unbeschreiblichen Gnaden zugethan wäre." Das erste Erfordernis bei einem guten Missionär. Darüber schreibt gar schön ein chinesischer Missionär, und was er sagt, gilt nicht etwa nur für die Missionäre von China, sondern für alle auf dem ganzen Erdenrund. „Der Missionär," so schreibt P. Pieper, „muss es verstehen, immer und überall die Geduld zu bewahren: die Geduld bewahren beim Erlernen der Sprache — beim Bekehren der Leute: die Geduld bewahren, wenn er zu Hause ist — wenn er draußen , weilt: die Geduld bewahren, wenn er ausgelacht und misskannt wird — wenn er Undank einerntet — wenn er Leute hört, welche er nicht versteht, und er möchte reden — nur Geduld. Er wollte bald sprechen lernen, in kurzer Zeit, je schneller, je lieber: er möchte mit Sturmeseile hinaus zum Predigen — nur Geduld: und glaubte er fast vor lauter Ungeduld zu vergehen — auch da ist ihm kein anderes Kraut gewachsen, als das Blümlcin Geduld. Die chinesischen Schriftzeichen haben, gleich dem Chinesen, das Besondere an sich, dass sic erst mit der Zeit erlernt und gekannt werden. Geduldig bleiben, auch wenn man ihn nach einem halben Jahr noch nicht versteht, auch wenn er nach 3—5 Jahren noch neue Wendungen hört und Sätze, die er nicht begreift. — Geduldig bleiben beim Bekehren der Leute. Er möchte in wenigen Jahren alle Heiden zu Christen machen, jedermann soll seine Predigt hören nnd ihr Glauben schenken. Nun wohl, wenn er ein hl. Paulus ist, dann gclintzt's vielleicht: wenn aber nicht — dann nur Geduld. Geduldig bleiben, wenn er den ganzen Tag gefischt, gepredigt und ermahnt hat, dass er glauben möchte, es müssten sich die Steine rühren und erweichen, und dennoch meldet sich keiner für’S Christenthum: auch wenn er vierzehn Tage, sechs Wochen lang in einem Dorfe geweilt, und in der ganzen Zeit sich kaum ein einziger für das Katechumenat gestellt. — Geduldig bleiben, wenn er unterwegs und zuhause ist. Unterwegs wird er angegafft, angestaunt: man schreit ihm nach, legt ihm allerhand Titel bei. Er fragt nach dem Wege, aber man antwortet ihm nicht oder zeigt ihm den verkehrten; er erkundigt sich nach der Kirche, Aus dem Missiouslcbeu. 53 man zeigt ihm de» Weg zur Pagoda. Es regnet oder schneit, aber niemand gibt ihm Obdach; er bleibt mit seinem Karren im Moraste stecken, aber man verhandelt ob des Preises, den er zahlen muss, ehe man Hand anlegt. Es ist noch früh am Tage, aber die gemieteten Karrenführer oder Schiffsleute, auf deren Karren oder Barke er fährt, machen Halt und gehen nicht mehr weiter. Oder er ist im Zimmer; lose Jungen machen mit Finger oder Zunge Löcher in das Fcusterpapicr uud glotzen ihn an; oder die Leute stellen sich um ihn herum, wen» er am Essen ist. Hub wenn er in seiner Wohnung weilt und an der Thür ein europäisches Schloss hat, so muss auch sein Leib, der so redlich theilgenommen an den mühevollen Arbeiten des Apostolates, mitgekrönt und verherrlicht. Und er wird dann Dank empfangen von allen, die er gerettet, von allen, denen er zur Seligkeit verholfen hat. — Was muss ein guter Missionar nicht alles können! Er muss es verstehen, jene zu lieben, die ihn hassen, für die zu beten, welche ihn verfolgen; er muss es verstehen, auszuhärrcu auf dem Kampfesplatze, bis ihn der Herr abberuft, auszuharren in Geduld. Und so wird er in Geduld und mit und durch Geduld seine eigene Seele retten und die Seelen der ihm Anvertrauten." Der bl. Paulus predigt in Athen. er aufstehen, wenn jemand kommt, und ihm schön losmachen; und will er die Thür verschließen, so muss er das selber wieder besorgen, denn die Thür-drücker sind für die meisten Chinesen noch unlösbare Räthsel. Und menu's mal da drinnen im Herzen pocht und hämmert und er möchte gerne losgehen und die Wahrheit sagen, auch da muss er noch ein freundliches Gesicht aufsetzen, darf sich nichts merken lassen, darf sich nichts vergeben. — Geduldig bleiben, wenn er ausgelacht und misskanut wird und Undank einerntet. Ja, er darf nicht auf den Dank der Menschen rechnen, weder im Leben noch nach demselben. Da liegt er einsam in fremder Erde, weit von der Heimat, fern von den Seinen, uud harrt des Tages der Auferstehung. Freilich, dann wird Die Seligsprechung eines Missionärs von Surinam. In Herzogcnbusch wurde der Diöccsan-Process in Sachen der Seligsprechung des Dieners Gottes, des Redemptoristen P. Peter Donders, gewesenen Missionärs in Surinam eingeleitet. Im Nachfolgenden wollen wir unseren Leser» in kurzen Zügen seine Lebcusgeschichte erzählen: P. Donders wurde am 27. October 1809 zu Tilburg, einer holländischen Stadt, von frommen aber armen Eltern geboren. Schon als Knabe fühlte er das Verlangen, Priester zu werden. Zuerst war es seine schwache Gesundheit, daun wieder die Sorge mit das tägliche Brot, die ihn an der Erfüllung seines Wunsches hinderten. Er wurde Weber, aber das Verlangen und die Hoffnung, Priester zu werden, 54 Aus dem Missionsleöen. gab er nicht auf. Durch die Bemühungen seines Pfan'geistlichen erhielt er endlich 1831, im Alter von 22 Jahren, eine Stelle als Bedienter im Knabenseminar zu St. Michiels-Gastel, mit der Befugnis, die freie Zeit den Studien zu widmen. Mit den Studien wollte e§, trotz allen Eifers, lange- nicht recht voran, aber Fleiß, Ausdauer und Gebet überwanden alle Schwierigkeiten. Nach sechs Jahren würde" ihm die Aufnahme in das Priesterseminar gewährt, nachdem er sich zweimal vergeblich um Zulassung in eine religiöse Genossenschaft bemüht hatte. Am 5. Juni 1841 empfieng er die heilige Priesterweihe. Sein heißestes Verlangen war nun, als Missionär in einem fernen Lande zu arbeiten. Bald reiste er dann auch in die Mission von Surinam ab und landete am 1. September 1842 bei Paramaribo, der Hauptstadt. Seine erste Thätigkeit bestand darin, dass er den Kindern Katechismusunterricht ertheilte, denn er sah bald ein, dass es ein vergebliches Bemühen wäre, aus der so tief im Lasterleben versunkenen älteren Bevölkerung einen tüchtigen Kern zu einer eifrigen, wahrhaft katholischen Gemeinde zu bilden. Die Jugend musste vor der Verderbnis bewahrt und auf den guten Weg geleitet werden. Mit unverdrossenem Muthe gab er sich jeden Morgen diesem Werke hin und ließ sich nie durch Ungeduld oder Ueberdruss davon abhalten. Einen Beweis seines Heldenmuthes gab er im Jahre 1851, als das gelbe Fieber mit außerordentlicher Heftigkeit zu Paramaribo wüthete. Das geräumige Spital war mit Kranken überfüllt, und auch sonst gab es in der ganzen Stadt fast kein Haus, das nicht einen oder mehrere beherbergte. Inmitten der allgemeinen Noth gieng der eifrige Priester umher, um den Leidenden zu helfen, den Sterbenden beizustehen, die Weinenden zu trösten, den Verstorbenen die letzten Ehren zu erweisen und die Gesunden von der Ansteckung zu bewahren. Man warnte ihn, aber er antwortete: „Ich bin nicht verpflichtet zu leben, wohl aber mein Amt zu versehen." Endlich wurde auch er vom gelben Fieber ergriffen. Vier Wochen lang schwebte er zwischen Leben und Tod. Er genas wieder. Kaum hatte er das Krankenbett verlassen, so nahm er mit ungebeugtem Muthe die Besuche wieder aus, um durch Wort und That die Noth zu lindern. Als die Regierung in Batavia, einem abgelegenen Orte, eine Aussätzigen-Colonie gründete, übernahm P. Donders im Jahre 1856 daselbst die Seelsorge. Bald hatte er das Vertrauen und die Liebe seiner Pflegebefohlenen erworben; er that aber auch alles, was nur ein guter Hirt für seine Schäslein thun kann. Nachdem er des Morgens für sie die heilige Messe gelesen hatte, besuchte er nacheinander alle seine Kranken. Furchtlos betrat er die elenden, niederen Hütten, die Behausungen für Thiere ähnlicher sahen als Menschenwohnungen. Mit der Liebe einer Mutter nahm sich P. Donders der Aennsten an, sorgte für ihre geistlichen Bedürfnisse wie für ihre leiblichen Nöthen, machte die elenden Lagerstätten zurecht, reinigte die Wohnungen und verband mit größter Sorgfalt ihre Wunden. Des Nachmittags setzte er die Besuche fort und des Abends gab er Unterricht im Katechismus. Daran schloss sich ein gemeinschaftliches Gebet, das mit dem Rosenkranz zu Ehren der Trösterin der Betrübten und einem negereuglischen Liede beendet wurde. Im Jahre 1865 wurde die Mission von Surinam der Congregation des allerh. Erlösers übertragen. Schon als Student vor 30 Jahren hatte P. Donders um Aufnahme in diese Congregation nachgesucht, aber vergebens; jetzt wiederholte er seine Bitte, diesmal mit 'Erfolg. Er musste nun Batavia und seine Aussätzigen verlassen, um in Paramaribo das Noviziat durchzumachen. Bereits nach achtmonatlicher Vorbereitung aber wurde er mit Bewilligung des Generalobern am 24. Juni 1867 zur Ablegung der Gelübde zugelassen und bald darauf nach Batavia zurückgeschickt. Mit frischem Muthe und erhöhtem Eifer setzte dann der Diener Gottes als würdiger Nachfolger des Erlösers sein schweres Opferleben in Batavia noch viele Jahre fort. Bei all seinen Mühen und Arbeiten führte er ein Leben strenger Abtödtung, bis ihn am Dreikönigsfeste 1887 der Herr zur ewigen Belohnung abberief. 45 Jahre hatte P. Donders in Surinam zugebracht — 25 Jahre als Weltpriester und 20 Jahre als Ordensmann und 30 Jahre hindurch war er im Dienste der Aussätzigen thätig. Der Staatsstreich einer schwarzen Majestät. P. Th. von der Vom, Missionär in Uschirombo in Deutsch-Ostafrika, berichtet über einen launigen Staatsstreich im Uschirombolande. „Meistens hört man in Europa nie etwas von den hiesigen Umwälzungen, die in so weiter Ferne unbekannt bleiben, weil sie nicht in die Interessen der Großmächte eingreifen und nur von localer Beschaffenheit sind. Nun, so hatten wir neulich in nächster Nähe einen regelrechten Staatsstreich zu verzeichnen. Unser König Constantin Makaka war nach Tabora gereist, den deutschen Behörden einen Besuch abzustatten. Von dieser Abwesenheit des Fürsten machte unser vormaliger König Robert, dem aus Gesundheitsgründen (!) damals seine Entlassung gegeben worden war — einen Gebrauch, den der verreiste Constantin sicher nicht ge- Aus bent Missionsleben. 55 ahnt hatte. Der Robert begibt sich nämlich in den königlichen Palast — wollte sagen Hütte — und lässt sich ohne weiters als König huldigen. Er ladet seine Anhänger zu einem königlichen Gastmahle ein — zu diesem Behufe hat er eigens einen fetten Ochsen schlachten lassen — und ?s währt nicht lange, bis die verschiedenen Bezirkshänpter herbeikommen, den neuen König als wieder in seine Würde eingesetzt anzuerkennen. Es thun dies überhaupt alle hatte seine Gesandten nach Tabora schon abgefertigt, der Obrigkeit den ganzen Hergang der Sache zu schildern tmb die Herren Ofsiciere zugleich einzuladen, an Ort und Stelle die weiteren Untersuchungen vorzunehmen. Diesen friedlichen Verlauf der Umwälzung verdankten die Betheiligten unserer Anwesenheit, da mir bekanntlich nicht mehr so ganz ohne Einfluss auf die benachbarten Völkerschaften sind. Natürlich wissen Eine streitbare Burenfamilie. (Siehe S. 56.) recht gern, da das ganzes Volk ihm anhängt, während der Constantin beim Volke in üblem Rufe steht. Es lasst sich begreifen, wie Letzterer bei seiner Rückkehr in die Residenz große Augen Machte. Zwar wehrte ihm niemand den Zutritt in sein Dorf und seine Wohnung, aber die Hauptmasse des Volkes mied ihn, sie folgten dem neuen Könige, der sich einst-weilen in einen andern Theil des Landes zurückgezogen hat. Daselbst wartet er auf die Entscheidung der deutschen Behörden in dieser Sache, beim er wir nicht, ob die Deutschen den neuen König Robert auch dem Volkswnnsche gemäß wieder einsetzen werden. Wir selbst hätten es recht gern, da der Constantin nichts weniger als ein christliches Leben führt. Seine Leute werden sogar eines grässlichen Kindermordes beschuldigt, dessen sie sich während seiner jüngsten Reise nach Tabora schuldig gemacht hätten: sie sollen ein Kind verstümmelt und hernach zu Tode gequält haben, als ein den Geistern dargebrachtes Opfer." Vermischte Nachrichten. Die streitbaren Buren. (Siehe Bild S. 55). Seit längerer Zeit schon schaut die ganze Welt nach Südafrika, wo das kleine Völklein der Buren mit staunenswerter Tapferkeit und Zähigkeit um seinen Besitz und seine Freiheit sich wehrt. Die Buren sind ihrem Ursprünge nach Holländer und waren die ersten Europäer, welche sich in Südafrika ansiedelten: nach vielen Kämpfen mit den Engländern und den m-schiedcncn eingeborenen Negerstämmen gründeten die Buren den Oranje-Freistaat und die Republik Transvaal. Der Oranje-Freistaat zählt gegen 300.000, Transvaal etwas über eine Million Einwohner, davon sind nur 20 Procent Buren, daS übrige sind 63 Procent Kaffern und Hottentoten und 17 Procent Fremde. Die Buren sind, waS ihr Name besagt, Bauern, welche von der Viehzucht leben. Maisbrei mit Milch, Kaffee und Schaffleisch ist ihre Hauptnahrung. Tie meisten sind Protestanten (Calviner), halten viel auf ihre Bibel und leben fromm nach ihrem Glauben. Gegen die Katholiken waren sie früher unduldsam, indem man dieselben von den öffentlichen Aemtern ausschloss, erst in neuerer Zeit gestand man den Katholiken Gleichberechtigung zu. Heute wirken bereits viele katholische Priester und Ordensfrauen in Schulen, Kirchen und Spitälern. Das Burenland ist ein Bergland und birgt reiche mineralische Schätze, Eisen-, Kupfer- und Bleierz, Steinkohle, Silber und besonders viel Gold. Im Jahre 1886 betrug die Goldausfuhr 13 Millionen Mark, im Jahre 1893 schon 116 Millionen und im Jahre 1898 über 320 Millionen Mark. Die Menge des noch im Boden verborgenen Goldes wird auf 5000 bis 7000 Millionen Gulden geschätzt. Außer dem Gold wurden auch Diamantenlager entdeckt und mit Erfolg ausgebeutet. Gerichtsverfahren bei den Kaffern in Natal. Oberstes Tribunal bei den Kaffern ist der Häuptling; gegen sein Urtheil gibt es keine Berufung. Die Strafgebüren bestehen durchweg in Ochsen, Kühen, Kälbern oder sonst einem Stück Vieh, das dem Häuptling zu entrichten ist. Der Häuptling sitzt auf einer Ochsenhaut und ist während der ganzen Verhandlung fleißig mit Biertrinken und Fleischessen beschäftigt. Zn seiner Rechten sitzt einer seiner Räthe, der die Verhandlungen leitet und sozusagen die Stelle eines Staatsanwaltes einnimmt. Die Angeklagten sitzen mit ihren Entlastungszeugen vor dem Häuptling. Die verheirateten Männer kommen auf die rechte, die ledigen auf die linke Seite. Letztere dürfen übrigens nicht mitreden, sondern bloß zuhören. Weiber und Kinder sind ganz ausgeschlossen und werden auch nicht als Zeugen zugelassen. Die Stöcke, Keulen it. dgl. müssen während der Gerichtssitzung beiseite gelegt werden, nur einer der Räthe, anscheinend der Gerichtsbüttel, trägt eine Ruthe. Er weist den beiden Parteien und den Zuschauern die Plätze an. Der Häuptling ist während der ganzen Zeit nur Hörer und Esser. Nur zuweilen, wenn er glaubt, die Sache sei auf einer schiefen Führte, greift er ein und nimmt die Verhandlung selbst in die Hand, bis er geruht, sie wieder seinem Rath zu überlassen. Ist die Sache hinreichend klargestellt, dann sagt der königliche Rath seine Ansicht bezüglich des zu füllenden Urtheils. Der Häuptling fragt noch einmal Kläger und Angeklagten kurz ab und wendet sich dann an die verheirateten Männer mit der Frage, ob sie alles gehört und verstanden, worauf diese einstimmig erwidern: Ycbo ’Nkosi diyezwa, d. h. „Ja, Herr, wir haben gehört". Jetzt steht der Häuptling auf, füllt das Urtheil und bestimmt die Stücke Vieh, die als Strafgebür von der verlierenden Partei an ihn zu entrichten sind. Das freisprechende Urtheil lautet: Ngiyam blanza lo’ muntu egoba angiboni icala kuyena, d. h.: „Ich wasche ab diesen Menschen, denn ich sehe keine Schuld an ihm." Der Verurtheilte muss sich beim Häuptling für das Urtheil auch noch bedanken. Nach dem Urtheilsspruch begibt sich der Häuptling in selbstbewusster Haltung nach seiner Hütte, bis der nächste Rechtsfall vor ihn gebracht wird. Während seines Hin- und Herschreitens ruft das Volk mit lauter Stimme: Bayeli :Nkosi utylo giniso, d. h.: „Sei gegrüßt, Herr, du hast die Wahrheit gesprochen." Und nun beginnt einer der Anwesenden den izi Bongo, d. h. Lobgesang zu Ehren des Häuptlings. Solcher izi Bongo zu Ehren der Geister der Verstorbenen, der Väter und Großväter findet sich in jedem Kraal. Beispielsweise lautet ein izi Bongo: „ Sei gegrüßt, o Herr. Wir glauben, dass du richtig und gerecht gcurtheilt. Du Grundfeste der Drachen-berge und von Tugala. Rufe die Rosse, bring sic her, wir wollen mit Assegaten spielen zu deiner Ehre; wir mollen vor dir erscheinen mit freundlichem Gesicht. Lasst uns gehen auf die Abhänge der Berge von Jllokolwane. Du bist unser Führer, du bist die Macht der Kraale, du bist der Bart der Erkenntnis Vermischte Nachrichten 57 unserer Räthe. Lasset uns erheben ihn zu den Geistern dcS Himmels" u. f. iv. Die Erde in Zahlen. Die Erde ist ein Planet, welcher in 365 Tagen, 5 Stunden und 48 Minuten die Sonne umkreist und sich in 23 Stunden 56 Minuten und 4 Secunden um seine eigene Achse dreht. Die Laufbahn der Erde um die Sonne beträgt 925 Millionen Kilometer, so dass die Erde etwas über 4 deutsche Wegmeilen in der Secunde zurücklegen muss. — Der Polardurchmcsser unserer Erde beträgt 12.712 Kilometer! der Aeqnatorialdnrchmesser 12.755 Kilometer: der Umfang im Meridian 40.003 Kilometer: der Umfang im Aequator 40.070 Kilometer. — Die mittlere Entfernung unserer Erde von der Sonne beträgt 149 Millionen Kilometer und vom Monde 385.000 Kilometer. — Die Gesammt-obcrfläche der Erde ist auf ca. 510 Millionen Quadrat-Kilometer berechnet worden. Erdbcstandtheilc Quadratkilometer Bevölkerung ]. Land. 1. Europa . . . 2. Asien .... 3. Afrika.... 4. Amerika. . . 5. Australien und Dee anten 6. Polargebiet . 9,791.300 44,685.900 27,978.800 38,102.600 8,948.900 4,478.200 360.400.000 821.300.000 241.500.000 122.600.000 5,700.000 100.000 Zusammen 133,985.700 1,551,600.000 II. Gewässer. 374,496.000 Erdoberfläche . . 508,481.700 Somit beträgt die Landfläche nur etwas über 27 Procent der ganzen Erdoberfläche, so dass fast 73 Procent derselben von Wasser bedeckt sind. Die fünf größt e'm Staaten d e r E r d e dem Flächeninhalte nach stub: 1. das britische Reich mit 25 Millionen Quadrat-Kilometer: 2. das russische Reich mit 22-/^ Millionen Quadrat-Kilometer: 3. das chinesische Reich mit 11 '/io Millionen Quadrat-Kilometer; 4. die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 9!/,, Millionen Quadrat-Kilometer; 5. das brasilianische Reich mit 8 3/10 Millionen Quadrat-Kilometer. Der Bevölkerung nach sind die fünf größten Reiche der Erde: 1. das britische Reich mit 362'/? Millionen Menschen; 2. das chinesische mit 360 Millionen: 3. daS russische mit 113 Millionen; 4. die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 63 Millionen; 5. das deutsche Reich, welches ohne Golemen 50, mit den Eolonicn etwa 58 Millionen Bewohner zählt. D i e z c h n größten Städte der Erde sind: 1. London mit 5,657.000 Einwohner; 2. Paris mit 2,423.000 Einwohner; 3. Pecking mit 1,650.000 Einwohner; 4. Canton mit 1,610.000 Einwohner; 5. Berlin mit 1,579.000 Einwohner; 6. Ncw-Iork mit 1,515.000 Einwohner; 7. Tokn mit 1,390.000 Einwohner; 8. Wien mit 1,355.000 Einwohner; 9. Chicago mit 1,125.000 Einwohner; 10. Philadelphia mit 1,047.000 Einwohner. — H a n ptrelig i o n c n: Auf Erden gibt cS 460 Millionen Christen (davon 236 Millionen römisch-katholische Christen); 8 Millionen Inden; 171 Mill. Mohammedaner; 486 Mill. Buddhisten; 139 Mill. Brahminen; 237 Mill. Fetisch-Anbeter (die noch auf der niedersten Culturstufe stehen). Weltsprachen: Etiva 110 Millionen Menschen sprechen englisch; 75 Millionen deutsch; 72 Millionen russisch; 50 Millionen französisch; 40 Millionen spanisch. Deutsche sind 46 Millionen im deutschen Reich, 11 Millionen in Oesterreich-Ungarn, 3 Millionen in Russland, 2 Millionen in der Schweiz und die übrigen in anderen Ländern —: zumeist in Amerika. Das deutsche Colouialreich. Seit 1884 hat Deutschland in Afrika, Asien und in deni atlantischen Ocean ein coloniales Territorium erworben, daS eine Gesammtausdehnung von 2,565.910 Quadratkilometer hat und mit 10,689.100 Bewohnern bevölkert ist. Diese neuen Erwerbungen sind in Afrika: Togoland von 82.330 Quadratkilometer mit 3,500.000 Einwohnern; Kamerun von 493.600 Quadratkilometer mit ebenfalls 3,500.000 Einwohnern; außerdem 803.960 Quadratkilometer in Südwestafrika und 941.160 Quadratkilometer in Ostafrika, beide mit 4,000.000 Einwohnern. In Asien: Kiantschon von 920 Quadratkilometer mit 60.000 Einwohnern, und endlich im atlantischen Ocean; Kaiser WilhclmSland von 181.650 Quadratkilometer und 110.000 Einwohnern; Bisinarck-Archipel voll 47.100 Quadratkilometer und 180.000 Einwohnern; die SalomonS-infeln von 26.255 Quadratkilometer und 89.000 Einwohnern. Die Marschallinseln von 415 Quadratkilometer und 13.000 Einwohnern und schließlich als neueste Erwerbung die Samoagrnppe von 2500 Quadratkilometer und 29.100 Einwohnern. Zuwachs der Katholikru int 10. Jahrhundert. In England und S ch w eben gab cS zn Anfang des abgelaufenen Jahrhundertes kaum 120.000 Katholiken. Heute beläuft sich deren Zahl auf 2,000.000 unter 3 Erzbischöfen, 28 Bischöfen und 2785 Priestern. 58 Vermischte Nachrichten. Ihn das Jahr 1800 Betrugen in Holland nur ein Fünftel der Gesammtbevölkernng heute 2 Fünftel. In Deutschland stieg die Zahl der Katholiken von 6 Millionen auf 13; in der Schweiz von 542.000 auf 1,170.000; in der asiatischen Türkei von 300.000 auf 648.000; in Persien von 3.000 auf auf 40.000; in dem übrigen Orient von 1,000.000 auf 6,000.000; in den Verein. Staaten und Canada von 173.000 auf 12 Millionen; in Südafrika von 15.000 ans 500.000. Im ganzen Centralafrika, wo es zu Anfang des 19. Jahrhundertes kaum einen Katholiken gab, gibt c5 heute Dank dem Eifer und den Mühen der Missionäre 2,000.000 unter 30 Apost. Viearen und 250 Missionären. Major St. Hill Gibbons, der im Mai 1894 mit 5 Begleitern England verließ, ist vor kurzem von seiner Forschungsreise in Afrika zurückgekehrt. Er hat das afrikanische Festland in doppelter Richtung durchquert, — einmal von Chinde an der Ost-füfte bis Berguela an der Westküste und wiederum vom Zambesifluss bis nach Kairo. Somit hat Gibbons in den letzten 2'/4 Jahren mehr Meilen zurückgelegt als irgend ein Afrikareisender vor ihm — nämlich 13.000 engl. Meilen. Tie erste Aufgabe der von Major Gibbons geleiteten Expedition war die genaue topographische Aufnahme des Barotseegebietes zur entgUtigcn Feststellung der Stämme und ihres Besitzes. Bei dieser Gelegenheit hat Major Gibbons die wertvolle Entdeckung gemacht, dass die wirkliche Duelle des Zambesi sich nahezu 100 englische Meilen nordwestlich von der bisher angegebenen Stelle in einem wellenförmigen, aber nicht bergigen Gebiet etwa 5000 Fuß über dem Meere befindet. Die ganze Strecke ist durch den Selavenhandel beinahe entvölkert. Im Barotseland wurde ein Stamm von Buschmännern entdeckt, die von den bisher bekannten vollständig abweichen. Sie sind außerordentlich furchtsam, von schmächtiger Gestalt, aber nicht sehr klein. Ihre Lippen sind nicht dick, sondern eher zurücktretend, so dass sie fast zahnlos aussehen. Merkwürdig ist ihre helle Hautfarbe; sie sehen in der That nicht viel dunkler aus, als sonnverbrannte Weiße. Ihre Waffen bestehen aus Pfeilen und Bogen, sie haben keinerlei Wohnungen. Ihre Nahrung besteht hauptächlich aus Schlangen; ist des Tages Jagd vorüber, so legen sie sich irgendwo auf den Erdboden zum Schlafen nieder. Sie waren sehr freundlich. Anfangs ergriffen sie die Flucht, wurden aber mit der Zeit so zutraulich, dass sie sich photographieren ließen. Ueberhaupt ist bemerkenswert, dass die Reisenden nie Veranlassungen hatten, von ihren Waffen gegen Eingeborne Gebrauch zu machen, trotzdem, dass sie häufig unerforschtes Land durchzogen. Major Gibbons ist stolz darauf, auf der ganzen langen Reise nie einen Neger getödtet oder einen seiner Boys (eingeBorne Diener) durch Krankheit oder Unfall verloren zu haben. Einer der weißen Begleiter, namens MKller, starb auf der Reise an einer Krankheit. Nach der Durchforschung des Barotsegebietes trennte sich Major Gibbons von seinen Begleitern und zog von Zambesi in nördlicher Richtung nach Uganda, zwischen Kivu und dem Albert Eduard-See durchquerte er die als Ufumbira bekannte Strecke vulkanischen Ursprunges. Dieses Gebiet soll voll Menschenfresser sei»; aber Major Gibbons Begegnete keinem. Die mit Pfeilen und Lanzen bewaffneten Eingebornen beobachteten die durch ihr Land ziehende Karawane von den Höhen, drängten sich auch einmal feindlich heran: aber es kam nie zum Kampfe. In der Nähe des Albertsees sah Major Gibbons überall Spuren des afrikanischen Fluches, der S e l av e n j a g-b, niedergebrannte Dörfer, herumliegende verwesende Leichen, bewaffnete Truppen, die zur Rache auszogen, verhungernde Einwohner, in Flammen aufgehende Ortschaften. Tie russische Propaganda int hl. Lande. Es ist auffallend, wie in den letzten Jahren der Einfluss der Russen in Palästina gestiegen ist, und wie sich dieselben bestreben immer mehr Grundeigenthum an sich zu reißen und immer neue russische Anstalten zu gründen. Die Russen waren unter allen Nationen die letzten, die in Jerusalem eine Niederlassung gründeten, und — heute haben sie bereits alle überflügelt. Anfangs der sechziger Jahre erwarben sie vor dem Jaffathor die ersten Grundstücke, und betrachten wir uns heute die Bauten, die darauf erstanden. Um die prachtvolle Kathedrale im russischen Kuppel-stil gruppieren sich die verschiedenen Pilgerhänser, das Consulat, die Missionsanstalt: das Ganze wird von einer hohen Ringmauer eingeschlossen und erhält dadurch fast das Aussehen einer Festung. Gleich außerhalb dieses Russenbaues steht noch das ausgedehnte Gebäude der russischen Palästina-Gesellschaft. Schon diese eine Russencolonie übertrifft an Größe die Besitzungen der meisten andern Völker. Aber zu diesen Bauten kommen noch die herrlichen russischen Gebäude an und auf dem Oelberge. Neben dem Gethsemani-Garten der Franziskaner erhebt sich ant Fuße des Berges die siebenkuppelige Gethsemanikirche, welche der Czar int Jahre 1888 zum Andenken an die Großfürstin Alexandra erbauen ließ. Ganz oben auf der Höhe des Oelberges beherrscht der hohe Russenthurm weithin die ganze Gegend; auf 214 Stufen ersteigt man die Höhe des obersten, sechsten Stockwerkes, von der man eine der schönsten Rund- Vermischte Nachrichten. 59 sichten in Palästina genießt. Neben diesem mächtigen Thurm liegt die russische Himmelfahrtskirche, ein Pilgerhaus und eine Pricsterwohnung, alles in einem schönen Garten, der wiederum von einer hohen und festen Mauer umgeben ist. Auch im Innern der Stadt trifft man wieder einen Russenbau, cs ist dies eine prächtige Basilika unmittelbar neben der alten Grabcskirchc erbaut. Man sagt, diese Basilika solle einmal die Kathedrale des schismatischen Patriarchen russischer Nationalität werden. So trifft man in Jerusalem überall die Zeichen deS wachsenden russischen Einflusses. Eine ähnliche Beobachtung kann man auch an anderen Orten Palästinas machen. Zu Hebron im äußersten Süden ladet die russische schmucke Pilgerherberge den Fremden zum Bleiben ein. In Jericho, wo noch kaum ein anderer Europäer festen Fuß gefasst hat, zeichnet sich das schöne russische Hospiz sehr vortheilhaft aus unter den armseligen Hütten des Dorfes. Auf der Höhe von Ain Karem, in der Nähe des Heiligthums der Heimsuchung Mariä, trifft man wieder eine eigentliche Russen-Kolonie, und auch hier schaut ein großer Russenthurm weit über alle Höhen der Umgebung hinweg. Mehr im Norden, im friedlichen Nazareth, finden wir ebenso ein russisches Pilgerhaus, aber auch eine russische Knaben- und Mädchenschule und ein russisches Lehrerseminar. Nähert man sich endlich vom Westen dem hl. Lande, und erblickt man bei Jaffa die ersehnte Küste, so ist cs nochmals wieder ein großer Rufsenthurm auf der neuen russischen Kirche beim Grab der Tabitha, der schon von weitem die Aufmerksamkeit der Pilger erregt. Während in den früberen Jahrzehnten die russische Propaganda hauptsächlich nach dem Süden hin arbeitete, entfaltet sie in neuerer Zeit ihre Thätigkeit mit besonderer Vorliebe im Norden von Palästina. Damaskus bildet da de» Mittelpunkt der russischen Bestrebungen. Von hier aus können sie leicht, ohne viel Lärm nach außen zu machen, ihre Fühler nach allen Seiten ausstrecken und in immer weitern Kreisen festen Fuß fasse». Die große syrische Hauptstadt eignet sich umsomehr dazu, als sie seit einigen Jahren der Hauptknotcnpunkt der drei einzigen syrischen Eisenbahnen geworden ist: der Bahn nach Beirut gen Westen, nach El-Muzurib in Hauran gen Süden und der zu konnnenden nach Aleppo gen Norden. So wurde hier eine schöne russische Schule errichtet, welche jetzt schon von über 250 Kindern besucht wird: bald folgten der ersten Gründung eine große Zahl anderer in' der nähern und fernern Umgebung der Stadt. Denn dass sie durch die Schulen am sichersten und schnellsten zu ihrem Ziele gelangen könnten, war auch den nordischen Eindringlingen keinen Augenblick zweifelhaft. Von Damaskus zum Hauran war der Weg leicht zu finden, und alsbald wurde auch diese Gegend mit etwa 20 russischen Schulen beglückt. Nicht weit von hier lockte Galiläa zu neuen Gründungen, zumal hier schon früher zu Nazareth außer dem russischen Pilgerhaus auch eine Knaben- und Mädchenschule, ein Waisenhaus und ein Lehrerseminar der Rirsscn bestand, das sehr viel zu der russischen Propaganda- beiträgt. Die besten Schüler dieses Seminars werden nach Vollendung ihrer Studien für einige Jahre nach Russland geschickt und kehren dann als begeisterte Verbreiter des moskowitischen Geistes in ihre Heimat zurück. Leider ermöglichen abgefallene Katholiken gerade in Nazareth auch die Ausführung des Plaues, dort eine große russische Kirche zu errichten. Doch auch die nördlichen Gegenden Syriens wurden nicht außeracht gelassen: Homs, das alte Emcsa, sah die neuen Volksbeglücker schon einziehen: Hama sieht ihrem baldigen Kommen entgegen. Nachdem so das Innere des Landes ganz unbemerkt mit russischen Schulen beschenkt ist, kommt die Küste an die Reihe. Für Tripolis meldet man schon die baldige Ankunft der Russen. Vor allem aber ist Beirut als festes Bollwerk und zweites Centrum im Norden ausersehen. Weil hier sowohl die Katholiken der verschiedenen Riten als auch die amerikanischen Protestanten blühende Anstalten besitzen, wollen auch die Russen nicht zurückbleiben; sie beabsichtigen, daselbst oder in der Nähe nicht bloß Schulen, sondern auch ein Collegium und eine medicinische Facultät nebst einem großen Hospital und eine Buch-druckerei zu errichten. Sowohl in Beirut als auch in Damaskus und in Homo sorgen russische Vereine und Vertreter für den weitern Fortschritt der Bewegung. Vorläufig erhalten dieselben ihre Weisungen noch von den Lenkern des ganzen Feldzuges in Nazareth, die unmittelbar mit den hohen Herren von St. Petersburg in Verbindung stehen. Dieses zielbcivusStc Vordringen der Russen im hl. Lande erregt in katholischen Kreisen mit Recht Besorgnis. Drei Umstünde 'find cs vor allein, die ihren Wettbewerb so gefährlich machen und ihm einen großen Erfolg bei -den Bewohnern Palästinas und Syriens in Aussicht stellen. Zunächst ist es die religiöse Zusauunengehörigkeit, welche die Russen mit den getrennten Griechen im Orient verbindet. In zweiter Linie hilft die hohe Meinung mit, welche sich die Bewohner Syriens und Palästinas und — nicht ganz ohne Grund von der großen Macht Russlands gebildet haben. Je schwächer der Vermischte Nachrichten, 60 Orientale aus sich selbst ist, desto mehr zeigt er sich willfährig gegenüber den Wünschen des Starken. Zu der hohen Meinung von der russischen Macht kommt dann als Hauptfaktor für den erfolgreichen Wettbewerb hinzu, dass die Russen auch in Wirklichkeit ihre Kraft durch den Aufwand großer Mittel in der Verfolgung ihres Zieles bekunden. Der goldene Schlüssel kann ja leider im Orient mehr denn irgendwo mit geheimnisvoller Zauberkraft auch die bestverschlossenen Thüren öffnen und selbst den Weg zum Herzen und Gewissen ausschließen. Gegenüber der Armut der katholischen Missionäre haben da die reichen orthodoxen Herren auch auf dem Gebiete der Schulen mancherorts leichtes Spiel. Durch gut ausgestattete Seminare können sic für die geeignete Ausbildung der Lehrer sorgen, während sich die Katholiken ohne Seminar nothdürftig durchschlagen müssen. Bei der Gründung einer Schule wird mit freigebiger Hand für das Schulhaus und die Lehrmittel gesorgt und besonders dem Lehrer ein ansehnliches Gehalt zugedacht. Während sich der katholische Lehrer in kleineren Ortschaften bei den geringen Mitteln der Mission mit der für orientalische Verhältnisse immer-hin noch genügenden Summe von 30 Francs monatlich zufrieden geben muss, erhält der in russischem Dienst stehende Schulmeister gleich anfangs 60 Fr. im Monat und kann cs in wenigen Jahren auf 100 Fr. monatlich bringen — ein ganzes Vermögen dortzulande. Wo es mit dem Schulbesuch nicht recht vorwärts geht, geben die russischen Tirectorcn den Eltern eines jeden Schulkindes außer allen Schulsachen auch noch eine Prämie von 5 Fr. monatlich! Dass dabei die Russen auch bei der türkischen Regierung sich Gehör zu verschaffen wissen, zeigt der Fall des Bezirksvorstehers von El-Tastta, nördlich von Tripolis. Derselbe hatte den bekehrten schismatischen Griechen seines Bezirkes eine katholische Schule verschafft, die unter die Leitung der französischen Missionäre zu stehen kam. Ein solcher Beamter war natürlich ein Hindernis für den russischen Fortschritt und wurde auf Verlangen des russischen Gesandten seines — Amtes entsetzt. Da darf es uns nicht wundern, dass schon hic und da Stimmen ruchbar werden: Der Russe wird Herr werden im hl. Lande. Sicherlich droht von keiner Seite der katholischen Sache dort größere Gefahr als von der russischen Propaganda. Gßincr, öie vcrücßrfc Wett.*) Da hat mal ein alter erfahrener Missionsbischof zu einem jungen, angehenden Missionär gesagt: „Wenn Sie cs in China recht machen wollen/ so müssen Sie in sehr vielen Stücken das gerade Gegentheil von dem thun, was Sie in Europa thu» würden." Dem Missionär schien das denn doch ein wenig curios und übertrieben, bald aber kam er zur Einsicht, dass der alte Herr recht gesprochen. Die Chinesen sind eben nicht nur vom geographischen Standpunkt ans unsere Antipoden, auch ihre Denk- und Handlungsweise ist in sehr vielen Stücken der unscrigcn schnurstracks entgegen; er spricht von Sache», von denen wir niemals reden würden. Unsere Fragen würden ihn beleidigen, während uns seine Fragen oft ganz lächerlich und dumm vorkomme». Wir wünschen einen „guten Tag," während er uns fragt, ob wir schon den Reis genossen. Haben wir in Europa einen verheirateten Mann vor uns, so erkundigen wir uns nach dem Befinden von Frau und Kind, und daran würde der Chinese ein heilloses Aergernis nehmen. Machen mir das Compliment: Sie sehen aber noch jugendlich und blühend aus, so fühlt sich der Angeredete geschmeichelt, zumal wenn es eine verheiratete Dame ist; der Chinese würde darin unverzeihliche Rücksichtslosigkeit finden. Wollen wir ihm ein Compliment machen, so schätzen wir ihn zehn bis zwanzig Jahre älter, als er wirklich ist, und er lächelt uns mit vollem Gesichte entgegen. Wir finden cs natürlich, den pausbackigen Sprössling unseres Gastgebers zu beloben. Der Chinese würde darin ein Anzeichen finden, dass der Junge bald sterben müsste. Eine seiner ersten Fragen ist die nach deinem „hohen Alter", ferner nach deinem „fetten Einkommen", nach dem jährlichen Gewinn, den du aus deinem Geschäfte ziehst, wie viele Tausende du auf Zinsen hast, und derartige „höfliche Fragen" mehr, die bei uns ein Gebildeter unverschämt oder zum mindesten ungeschliffen finden würde. Begrüßt du jemand, so, nimmst du den Hut ab. Der Chinese mürbe es als Schmach ansehen, wenn er barhaupt von jemand cmpfattgcn würde; er würde es ebenso übel auffassen, als wenn der Gast ihm in Hemdärmeln entgegenkäme. Du gibst einem Freunde oder Bekannten die Hand, wenn du ihn willkommen heißest; der Chinese schüttelt statt dessen seine eigenen Hände. Führst du den Gast ins Haus, so gibst du ihm zur Rechten den Ehrenplatz; der Chinese aber entscheidet sich für die Linke. *) Aus P. Pie per's „Unkraut, Knospen und Blüten aus betn ,blumigen Reiche der Mitte'". Verlag der Missionsdruckerei Steyl. Vermischte Nachrichteit. 61 Bei uns in Europa legt man besondern Wert auf angerauchte Pfeifenköpfe, daraus soll der Tabak besonders gut schmecken: die Chinesen halten große Dinge auf „angetrunkene Thcetassen und alte Theekannen." Hat sich in den Tassen und Kannen, weil sie nie gcspiilt werden, eine recht dicke „Thcckrustc" gebildet, so bekommt das Getränk dadurch eben den feinen Geschmack, und zur Zeit der Noth schmeckt das hineingeschüttete Wasser auch ohne Thee. Bei uns sind die alten Weine besonders kostbar, und mau setzt sic nur ungewöhnlichen Gästen vor und bei außergewöhnlichen Gelegenheiten. Der Chinese interessiert sich mehr für alte Eier, von denen das Weiße schwarz geworden und das Gelbe aussieht wie hundertjähriges Pergament. Diese Eier werden eigens für die Tafel der Vornehmen zubereitet, und mit jedem Jahr ihres Alters soll auch ihre Güte zunehmen. Sic stinken schon zehn Schritte weit: doch sagt der Chinese nicht, dass sie stinken, sondern: sic „duften". Geht man daheim spazieren, so trägt die Herrenwelt größten-thcils einen Spazierstock, und vielleicht läuft ein Pudel nebenher. In China gebrauchen die alten Frauen Spazierstöcke; die Herren aber führen einen Käfig mit sich, darin ein Vöglein sitzt eine Lerche oder Wachtel, und wenn diese zu kostbar sind, so ist auch schon der Spatz gut genug. Andere wieder haben kleine Schachteln mit Grillen oder Zirpen. Der Chinese trinkt nur heißes, gekochtes Wasser, und das Wasser, worin er sich wäscht, muss ebenso heiß sein, und das auch im Sommer während der größten Hitze, wenn er ganz in Schweiß gebadet ist. Da würde bei uns der arme Kellner gut ankommen, wenn er seinen: Gaste im Hochsommer heißes Wasser vorsetzen wollte zum Trinken imb Waschen. Wenn einer bei uns während des Essens und Trinkens allerhand Laute von sich gibt, so halten wir ihn für einen höchst ungebildeten Menschen; der Chinese betrachtet das als ein Zeichen, dass cs seinem Gaste gut schmeckt, und ist darüber hocherfreut. In Europa hat die Dame des Hauses den Ehrenplatz am Tische: im Reiche der Mitte aber darf sie nicht einmal au der Tafel erscheinen, sondern kann sich in eine Ecke setzen. — Die Chinesen bemessen die Größe des Verstandes nach der Weite des körperlichen Umfanges. Ein Sprichivort sagt: „Der arme Alaun hat kurzen Verstand; ein mageres Pferd hat lange Haare." Will der Chinese die Größe des Verstandes rühmen, so macht er das Compliment: „Deine Wissenschaft füllt acht Scheffel." Und noch anschaulicher drückt er sich aus, wenn er jemand an den Reichthum seiner Gcistesgabcn erinnern will: „Dein Talent," sagt er, „befrachtet fünf Wagen." Bei uns gilt als gemeiner Mensch, der gerne lügt und ans dessen Worte man nicht bauen kann; der Chinese betrachtet das Lügen als eine Art spartanische Tugend, und wer nicht zu lügen versteht, gilt als dummer Mensch. Wie freuen sich die Eltern, wenn ihre Kinder darin rechte Fortschritte machen, und sie hegen dann die Hoffnung, dass cs ihre Sprösslinge noch mal im Leben weit bringen werden. Will mvn in Europa Beifall spenden, so klatscht man in die Hände; der Chinese klatscht in die Hände, mit den Teufel zu vertreiben und die bösen Geister zu verscheuchen. Winkt man jemanden, dass er kommen soll, so macht man mit der Hand die Bewegung zu sich hin; der Chinese macht eine abwehrende Bewegung; deshalb laufen auch die Kinder fort, wenn ihnen der junge Missionär winkt, er hat eben die verkehrte Bewegung mit der Hand gemacht. Wir müssen mit einem Namen durchs Leben kommen; der Chinese gebraucht deren wenigstens drei: einen Milchnamen, Schulnamen und den großen Namen, wenn er als Mann ins Leben tritt. Bei uns hat zumal die Nase Genuss von den Blumen; in China vor allem der Magen, denn viele Blumen werden gegessen, sofern sie nicht die Damenwelt in den Haaren trägt. Man backt sie in Eier und Mehl oder gebraucht sie beim Bereiten des Branntweines, vor allem die Rosen, von denen man eigens für diesen Zweck ganze Felder baut. Der Europäer kennt außer an den Füßen nur noch Schuhe an den Händen; der Chinese kennt die Handschuhe nicht, zieht aber den Ohren Schuhe an, damit sie ihm nicht erfrieren. Will man das Lachen verbergen, so steckt man wohl die Nase ins Taschentuch, der Chinese aber ÖS. Der Kaiser von ßbina. 62 Vermischte Nachrichten. steckt seine stumpfe Nase in den langen Rockärmel, wo sic Platz genug findet. Die Aermel dienen zugleich auch als Taschen. eiiiti wir am Essen und stellt sich jemand neben uns hin und zählt die Bissen, die wir zu Munde führen, so zeugt das von wenig Anstand. Unsere Zopfträger finden darin nichts auffälliges, sondern halten cs für lauter Aufmerksamkeit, die sie dem Gaste bekunden. In langen Haaren und langen Fingernägeln findet der Chinese einen herrlichen Schmuck, bei uns verbindet man die ersten wohl mit kurzem Verstände, und letztere schreibt man dem Teufel zu, dem sie zu Krallen gewachsen. In Europa sitzen zumeist die Hunde auf de» Hinterbeinen: im Reiche der Mitte ist daS Hocken auf den Beinen eine beliebte Sitzarck von unzähligen Menschen, die weder Stuhl noch Bank haben, und sie können oft stundenlang so kauern und ruhen sich dabei auS, während wir müde werden. Bei uns trägt man die Orden auf der Brust; der Chinese trägt sie auf dein Hute. Die Farbe der Trauer ist bei uns schwarz, und den Teufel malen wir auch so. Der Chinese kennt keine schwarzen Teufel, er malt sie bunt, uud feine Traucrsarbc ist weiß (farblos). Fächer, Armbänder und Pfeifen sind in China Gemeingut der Männer und Frauen; während der Mann den Fächer zur Hand nimmt, zündet sich bisweilen die Frau die Pfeife an. Gut, dass es bei uns in Europa nicht so ist. Schuhwichse kennt der Chinese nicht, die Bartwichse noch viel weniger. Er trägt Schuhe in allen Farben, die Sohlen aber sind weiß; und am Kinn trägt er meistens fünf Haare in sieben Reihen. Bei uns sucht der Nachtwächter den Dieben auf die Spur zu kommen und sie zu fangen; der chine-siche Nachtwächter hält sich die Diebe vom Leibe und macht deshalb die ganze Nacht mit einem hölzernen Instrumente Sann; so hört der Dieb ganz genau, wo er den Nachtwächter hat. — Ist uns ein Dieb entwischt, den wir auf frischer That ertappt, und er läuft über die Straße, so rufen wir ihm nach: „Ein Dieb, haltet ihn fest!" und dann gibt es Hände und Füße genug zum Laufen und Festhalten. Läuft dem Chinesen ein Dieb davon, so fällt es keinem ein, denselben einzufangen, sondern man geht ihm geflissentlich aus dem Wege, denn wer ihn einfangen wollte, wäre fast ebenso schlimm daran wie der Dieb selber, und würde gerade so gut eingesperrt und durchgebleut, „damit er die Wahrheit sage." In den Ländern des Westens gibt es Knochen-und Lumpensammler. In China lassen von Knochen die hungrigen Hunde meistens keine Spur mehr übrig; die Lumpen aber trägt man so lange, „bis die Läuse damit fortlaufen," oder aber man klebt sie aufeinander und macht davon Schuhsohlen. In ein Taschentuch zu schneuzen oder zu spucken, findet der Chinese widerlich im höchsten Maße; er hält es für anständiger, auf den Boden zu spucken, und schneuzt er sich, so streicht er die Finger an den Wänden ab. Verwundert schaut er auf oder läuft herbei, wenn er zum erstenmal de» Europäer geräuschvoll seine Nase schneuzen hört; er meint das sei ein Zeichen, jemanden zu rufen, wie man in die Hände klatscht oder flötet, und er bedauert die armen Nasen der Europäer, die von lauter Schneuzen so lang geworden. Raupen, Engerlinge und Heuschrecken gehören bei uns auf den Tisch der Spatzen; der Chinese findet dieselben wohlschmeckend und verspeist sie selber, zumal eine Art fingerdicker grüner Bohnenraupen, deren cs bisweilen in Menge gibt. — Blätter von Rüben, Möhren, Bäumen und dergleichen sind in Europa ein gutes Futter für die Ziegen und Schafe; der Chinese trocknet im Herbste ganze Haufen solcher Blätter, aber das Verspeisen besorgen nicht die Ziegen, sondern er selber. — In Europa gebraucht man die Hunde zum Einfängen von Hasen; der Chinese würde, wenn ihm die Wahl gelassen, den Hasen laufen lassen, den Hund aber niederschießen, Hundeflcisch schmeckt ihm doppelt so gut als Hasenfleisch, und deshalb ist es es auch doppelt so theuer. — Sitzt man zu Tische und hat Langeweile, so sucht man wohl zum Zeitvertreib die Brotkrumen zusammen, welche ans dem Tischtuche liegen. Der Chinese vertreibt sich die Langeweile aber nicht mit Brotkrnmcnsammeln; er hält Revision in seinen Kleidernähten, und lebende Fleischkrümchen, welche er darin findet, lässt er nicht verkommen. Bei bei uns gilt die Taube als Symbol der Unschuld, in China als Sinnbild von Gegentheil. Der Cincse fängt auf der letzten Seite im Buche an zu lesen, weil dort der Anfang steht, und beginnt von oben senkrecht nach unten, deshalb hängen auch seine Firmenschilder hoch vom Hause herunter, oder baumeln an langen Stangen. Gehen wir in eine chinesische Schule, so werden uns auch dort vielerlei Sonderbarkeiten auffallen. Die chinesischen Kinder lärmen in der Schule und machen bisweilen einen wahren Heidenspektakel, weil sie eben ihre Lcc-tionen laut dem Gedächtnisse einprägen; auf dem Wege zur Schule aber sind sie still und eingezogen. — Sagen sie ihre Lectionen auf, so wenden sie dem Lehrer den Rücken zu, wohl, damit er bequem die nothwendigen Beistriche und Strichpunkte darauf Vermischte Nachrichten. 63 verzeichnen kann. Zählt der Schüler, so dreht er die Bruchzahlen um, und statt zu sagen „vier Sechstel", sagt er „von Sechsteln mer;" statt „fünf Achtel" „von Achteln fünf." — Das Lesezeichen wird auf das untere Ende gelegt; Fußnoten hingegen befinden sich am obern Rande oder mitten im Texte. Da man nur eine Seite Papier bedruckt, so sind die einzelnen Blätter zusammengelegt, am Rücken aber ist das Buch glatt geschnitten. Der Titel eines Werkes steht meistens am untern Schnitte des Buches, auch werden die Bücher nicht in Reih und Glied aufgestellt, wie bei uns, sondern das eine liegt auf dein andern. Bei uns tragen bisweilen schon die jungen Herren Bärte, falls ihnen die Natur eine solche Gesichts-zicrde beschiedcn hat; ältere Herren aber machen bem grau gewordenen Barte häufig genug den Garaus. Wollte sich in China jemand den Bart wachsen lassen, che seine Eltern gestorben sind, so würde man ihn allgemein als ungerathenen Sohn verschreien. Erst wenn die Eltern zur Ruhe bestattet sind, ist es erlaubt, einen Bart zu trage», und wenn sich derselbe grau gefärbt, ist der Inhaber doppelt glücklich. Höflichkeit und Anstand ist bei uns sehr geschätzt, aber Wahrheit und Ehrlichkeit wird höher bewertet, und man hat da lieber mit einem ungehobelten Manne zu thun, wenn er ehrlich und wahrheitsgetreu ist, als mit einem geschniegelten Betrüger. Wer in China den feinen Anstand beobachtet, gilt als gebildet und ist überall geschützt, mag er dabei die Leute betrügen und lügen, ivaS das Zeug hält; je geschickter er dieses fertig bringt, um so mehr schätzt man seine Tüchtigkeit. Bei uns werden verdiente Männer in den Ruhestand gesetzt und pensioniert. In China pensioniert man keine verdienten Männer, wohl aber Ziegen, Gänse, Enten und Schweine und sonstiges Gethicr. Dieselben brauchen kein Verdienst zu haben und auch nicht alt zu sein. „Fromme Seelen" zahlen für sie eine Lebensrente und suchen für sie ein stilles Plätzchen im Bonzenkloster, uw sie ihre Tage bis zum Tode verbringen. Nach denr Tode erhalten sie auch noch einen Sarg und werden „anständig" begraben. Es gibt Klöster, worin Dutzende „pensionierte" Ziegen und dergleichen Thiere von der Rente leben. Ist jemand gestorben, so sagen wir: Er hauchte den letzten Athem aus; der Chinese sagt: Er hat den letzten Athem verschluckt. Wie die Kopten heiraten. Ein Missionär beschreibt eine koptische Hochzeit, deren Zeuge er zufällig war, also: „In der Nacht von Snnistag auf den Sonntag ertönte plötzlich fröhliche Musik; leicht unterschied man die Clarinetten und Hörner, die große Trommel und den Gesang der Weiber. Die Braut wurde von einem Gefolge von Frauen bei Fackel- und Laternenschcin in die Wohnung des Bräutigams geleitet. Sie war von einem großen Umschlagtuche ganz verhüllt, das eine Masse Schnmck, namentlich Goldstücke, verzierte. Die Theile, unter denen sich Gesicht, Brust und Hände befinden, müssen mit diesem Schmucke ganz bedeckt sein. Aber die Braut schreitet nicht unter einem Traghimmel, .wie das bei den Moslemin Sitte ist. Die Procession zieht so langsam als möglich einher und darf sich nur nach rechts wenden; diese Vorschrift, welche oft zu großen Umwegen nöthigt, muss streng beobachtet werden, weil sonst, wie die Leute wähnen, die Ehe nicht glücklich werden könnte. Die Familie des Bräutigams hat inzwischen einen Hammel geschlachtet und Erfrischungen bereit gestellt. Nach einer Rast von etwa einer Stunde bricht der Zug wieder auf und begibt sich jetzt, immer im gleichen langsamen Schritte, nach der Kirche. Auch der Bräutigam zieht mit seinem Gefolge, aber von dem der Braut getrennt und ohne Musik, dorthin. Nach endlosen Gebeten werden die Ringe gewechselt und wird die gegenseitige Einwilligung gegeben; dann legt der Priester eine Krone auf das Haupt der beiden Vermählten und eine Schärpe über die Schulter der Frau, um anzudeuten, dass sie sich nun dem Joche des Ehestandes unterzogen habe. Die Ceremonie heißt „Taklil," d. i. Krönung. Die Kronen bleiben in der Kirche zurück; aber die Schärpe wird erst int Hause des Bräutigams vom Priester selbst abgenommen. Man verlässt die Kirche erst mit dem Morgenroth. Am Sonntag geschieht nichts Außergewöhnliches; aber am Montag gibt der Bräutigam seinen Freunden ein Gastmahl, und damit schließt die Hochzeit. Bei den wohlhabenden Leuten dauert die Hochzeit volle acht Tage: so viel wird erfordert, dass die Freude voll sei. Man hatte also schon am Samstage vor acht Tagen die Hochzeit mit einem ersten feierlichen Schmause begonnen. Dabei beobachtet man einen eigenthümlichen, etwas abergläubischen Brauch. Mait verfertigt zwei große Zuckerkugeln, in welche man ein Paar lebendiger Tauben verschließt, deren Flügel mit kleinen Glöcklein behängt find. Auf ein gegebenes Zeichen zertrümmert matt die Zuckcrkugeln und die Tauben flattern auf, indem sie ihre Glöcklein erklingen lassen. Je munterer sie sich dabei be-nehmen, auf desto größeres Eheglück schließt man und man jagt sic auf, tuen» sie nicht fliegen wollen. Bis zum Mittwoch vergeht die Zeit in allett möglichen Vorbereitungen. An btefetn Tage wird die Braut unter Musik nach beut Badehause geleitet; am Freitag färbt man ihr die Nägel an Händen und Füßen 64 Vermischte Nachrichten. mit Hennah roth: am Samstag wird die Ausstattung nach dem Hanfe des Bräutigams getragen: darunter befinden sich zwei mit Gold gestickte Taschentücher für Braut und Bräutigam. Am Samstng endlich mit Einbruch der Nacht ist die bereits beschriebene Procession unter Fackelschein und Musik. Eine Heirat kommt bei den Kopten auf ganz andere Weise zustande als bei uns. Wenn ein junger Mann sich verehelichen will, so wendet er sich an eine alte Frau aus seiner Pcrwandschast, und diese übernimmt es, ihm ein passendes Mädchen zu suchen. Nur selten gelingt cs ihm, das Angesicht seiner zukünftigen Frau vor der Heirat zu sehen, während das Mädchen tausend Gelegenheiten hat, die Züge des ihr bestimmten Mannes zu betrachten. Sie kann das thun, wenn sie ihm verschleiert auf der Straße begegnet, oder wenn sie an dem vergitterten Fenster des Frauengemachs, dem gewöhnlichen Beobachtungsposten der orientalischen Mädchen, sitzt. Sind die Bedingungen des Ehcvertrags durch zwei von den Familien gewählte Wakil (Anwälte) geordnet, so gehen die Brautleute zum Priester, um den Vertrag zu unterzeichnen. Zugleich werden dem Vater der Braut zwei Drittel der ausbedungenen Summe bezahlt. Das alles ist sehr verschieden von den europäischen Gebräuchen: aber eines ist auch bei den Kopten der Fall, dass die Hochzeit hoch gefeiert wird. Trinksprüche, Glückwünsche, Gelegenheitsverse, die man declamicrt oder singt, sind die üblichen Feierlichkeiten. Am Tage der Hochzeit steht die Thüre des Bräutigams den ganzen Tag offen; da kann jedermann, bekannt oder unbekannt, eintreten und darf des freundlichsten Empfanges sicher sein. Wer kommt, wird mit Zuckerzeug, Kaffee und Cigaretten bewirtet. Ter „Riese" Grotzbritanniert. Abgesehen von allen sogenannten Interessensphären mit ihren meist unbestimmten Grenzen, -nur mit seinen Protcctoratcn umfasst das britische Reich ein Gebiet von etwa 24,000.638 Duadrat-Kilometer, eine Ländermasse, etwa dreimal so groß wie ganz Europa. Die Hälfte des gesummten Teehandels ist in britischen Händen, die Einkünfte des britischen Reiches belaufen sich jährlich auf 210,000.000 Pfund -Sterling. Etwa 400,000.000 Menschen stehe» mehr oder minder unter britischer Herrschaft, und weiter hinaus noch erstreckt sich die Herrschaft der englischen Sprache und Sitte. Man berechnet, dass etwa 100 Millionen Menschen als Muttersprache, und mehr als 100 Millionen es als ziveitc Hauptsprache sprechen. So begreift man es, dass für gewisse großenglische Patrioten im 20. Jahrhunderte nur noch die britische und russische Rasse eine nennenswerte Rolle spielt. Der angesehene englische Staatsmann und Politiker Eh. W. Dilke schreibt in seinem ausgezeichneten Werke Problem of Greater Britain: „Frankreich mag wachsen an Macht seiner Heere und seiner Flotte, Deutschland sowohl hierin als an Bevölkerung, Handel und Wohlstand, doch soviel gewaltiger ist der Zuwachs an Macht und Reichthum für das britische Reich und die Vereinigten Staaten, dass, bevor noch das nächste Jahrhundert zu Ende geht, die Franzosen und Deutschen allem Anscheine nach nur noch Zwerge sein werden, wenn an die Seite gestellt den Briten, Amerikanern oder Russen der Zukunft." — Auch unter diesen drei Rivalen des 20. Jahrhundertes hat das britische Reich noch bei weitem den Vorsprung. Es übertrifft. die Vereinigten Staaten dreifach an Ausdehnung wie an Einkünften, Russland, wenn auch nur wenig an Ländergebiet, so doch an Einkünften um mehr als das Doppelte: an Handel und Seemacht ist cs beiden weit voraus. Dabei hat es noch eine ganz besondere Eigenthümlichkeit. Es erstreckt sich auf alle Erdtheile, über alle Zonen und Breitegrade: alle Producte des Lebens und des Handels erzeugt es auf seinem Boden. Es umfasst Völker aller Rassen, Farben und Cultur-stufen — von dem Geistcsstumpfcn Australnegcr bis zu der Gcisteshöhe eines Newman, Gladstone ober Manning; innerhalb seiner Grenzen gehen die verschiedensten Culturprocessc vor sich — von der Urbarmachung des jungfräulichen Bodens im äußersten Westen Australiens bis zum' Luxus und der Verschwendung des aristokratischen London. Für die Schriftleüung: P. Xaver Geyer F. S. C., Oberer. — Druck von 21. Wcger'S fb. Hofbuchdruckcrci, Brixcn.