Vom Nationalismus bis zum Patriotismus JURAJ KOLARIČ, CROATI EN Nachdem im Zeitabschnitt des Kampfes der jungen biirgerlichen Gcsellschaft mit dem feudalen beziehungsweise absolutistischen gesellschaftlichen System der Nationalismus andauerte, widersetzte er sich wie ein Trager des nationalen BewuBtseins des Biirgertums dem feudalen Partikulismus und dem iibernationalen Strukturalismus der Kirche. Nach dem ausgekampften Sieg baute die biirgerliche Gesellschaft in den Begriff "Nation", den hochsten geistlichen und sozialen Wert einer Nation ein, aber parallel mit der Verstarkung des nationalen BewuBtseins trat auch der Nationalismus als eine ausdrucksvolle Form der aggressiven, gewalttatigen und eroberischen Bezie-hung gegeniiber Volkern oder Teilen anderer Volksgemeinschaften innerhalb oder auBerhalb der Heimat auf. Diese negative Konnotation der Bedeutung des Nationalismus darf nicht die positiven Bestimmungen der gleichen Bedeutung iiberschatten, welche die Liebe gegeniiber seinem Volk, den Kampf fiir seine legitimen Rechte, Eigenstandigkeit und Unabhangigkeit einschlieBt, was aber wieder, "mutatis mutandis", bedeutet, nicht nur seinem Volk, sondern auch alien anderen Volkem und einem allgemeinen Fortschritt der Menschheit zu dienen. Der Nationalismus, welcher in der neueren europaischen Geschichte auch in Form des Rassismus erschien, stellt eines der Hindernisse dar, welches auf dem Weg zum Ausbau einer gerechteren Welt steht. Dieser iibertriebene Nationalismus steigt mit seiner Problematik, immer noch nicht von der weltlichen, besonders aber nicht von der europaischen Szene ab. Deswegen ist es erforderlich, mehr Deutlichkeit in den Begriff des Nationalismus einzufiihren, desto mehr, da der Terminus Nationalismus nicht immer im gleichen Sinn angewendet wird. Europa, welches in die wirtschaftliche und politische Vereinigung aller seiner Volker strebt, weil es ein warmes gemeinsames Ileim aller Nationen sein mochte, betont zugleich das Bediirfnis zur Erhaltung der Spezifitiit der einzelnen Volker als eine Ausdrucksweise zur Bereicherung einer zukiinftigen gemeinsamen "Heimat", in welcher jedes Volk noch eigener, individueller, spezifischer und unterschiedlicher zu den anderen sein wird aber nicht im destruktiven, sondern im konstruktiven Sinn als ein Erbauer des gemeinsamen Vaterlandes, nach dem Grundsatz "varietas delectat!". Wie vereinigt man zwei Dinge, die augenscheinlich nicht zueinander passen? Der Nationalismus kann nicht und darf nicht einfach abgclehnt werden! Nur den "tibcrtriebenen Nationalismus" muB man ablehnen und verurteilen. Darf ein Europaer ein Nationalist beziehungsweise ein Ideentrager des Nationalismus sein? Zuerst soli nachdriickhch bemerkt werden, daB der eigentliche Begriff des Nationalismus verdachtig im BewuBtsein des modernen Menschen ist, der mit der Idee der religiosen und nationalen Duldsamkeit durchdrungen ist. Die Liebe zum eigenen Volk und eigenen Vaterland ist nicht nur selbstverstandlich, sondern sie wird gerade jedem einzelnen als eine Pflicht ans Herz gelegt, das sie jeder gegeniiber dem Vaterland ohne Fanatismus aber auch ohne AusschheBung pflegt. Eine solche Art des Nationalismus ist nicht nur erlaubt sondern sogar zu empfehlen, und stellt sogar eine menschliche Pflicht dar. Der Nationalismus hort auf eine Stinde zu sein und wird zu einer christlichen Tugend, bekannt unter dcm Begriff - "Patriotismus". 1.) Der Nationalismus Untcr dem Begriff Nationalismus versteht man eine Theorie oder Bewegung, welche die Nationalitat oder die Angehorigkeit zu einer Nation fiir das hochste Gut halt, dem man alles opfern und unterwerfen mu8 und welches jedes Verbrechen und jede Ungerechtigkeit, begangen in seiner Funktion, rechtfertigt. Der Nationalismus in diesem Kontext schlieBt den Machiavellismus ein, der den Standpunkt vertritt, daB fiir die Gestaltung einer starken Regierungsgewalt im Staat alle Mittel, unabhangig von irgendwelchem moralischen Kriterium, erlaubt sind. Der Nationalismus in diesem Sinn, hypostisiert die eigene Nation und will riicksichtslos iiber die anderen Nationen dominieren. Durchdrungcn mit dem nationalen Egoismus, welchcr die Starke der Nation als das hochste Gut bcsitzt, halt eine solche Weltanschauung cs fiir ihr gutcs Recht, das Gut seiner eigenen oder anderer Nationen zu zerstoren, wenn es sich nicht ins Konzept eines starken nationalistischen Staates integriert. Solcher Nationalismus reflektiert sich auch im eigenen Volk, wenn man von ihm groBe Opfer zur Starkung des nationalistischen Prestiges verlangt, wie z.B. das Entstehen der Kriegspotentiale um ein Nachbarland einzuschiichtern oder wegen der Eroberungsabsichten, oder bei der Durchfiihrung anderer Verfahren, welche nicht dcm allgemeincn nationalen Gut dienen, sondem der nationalen Aufgeblasenheit und dem Expansionismus. Ein solcher Nationalismus entsteht, wenn sich ein Volk nach Territorien eines anderen Volkes oder seinen Giitern sehnt, um das andere Volk wirtschaftlich, kulturell, politisch oder sogar nationalistisch zu unterwerfen und seine Urspriinglichkeit auszuloschen, zu absorbiercn und zuletzt zu Entnationalisicrcn. Ungeachtet, ob dies offen unverhiillt durchgefiihrt wird, oder dieses verhiillt mit unterschiedlichen Schlagzeilen iiber irgendcin "juristisches Programm" oder iiber die Griindung groBerer oder starkcrer Lander oder iiber ein neues "Regierungssystem" oder iiber die "Befreiung von der Dominanz oder der Unterwiirfigkeit" oder ahnlichem. In diesem Sinn ist der Nationalismus zu verarteilcn. Er ist des Menschen nicht wiirdig und kann nicht mit der Menschenwiirde und den humanistischen Grundsatzen, verflochten mit christlicher Weltanschauung als dominierende Ideologic des modemen europaischen Menschen iibereinstimmen. 2.) Der Patriotismus Fiir den cigcntlichcn Begriff Nationalismus solite man nicht ausschlicBlich eine negative Konnotation verwenden, wenn man unter solcher Benennung an cine Ein-setzung fiir die gerechte Entwicklung der Freiheit des eigenen sowie eines fremden Volkes denkt und dabei kcin Unrecht verursacht. In diesem Sinn schlieBt der Nationalismus nicht die cgoistische VcrschlieBung des eigenes Volkes ein, sondern will die Entfaltung seiner Nation in der Solidaritat mit den anderen Nationen. In diesem Fall handelt es sich um einen "gesunden Nationalismus" oder "Patriotismus". Die Ileimat, das Volk und die Nation, das sind die Begriffe, welche miteinander eng in Verbindung stehen, obwohl voneinander unterschiedlich, charakterisieren sie iibereinstimmende Wirklichkeiten, die fiir den Menschen crfordcrlich sind zu leben und zu wachsen, sich eigen und aufgenommenen zu ftihlen, auch zu jenen die man aufnimmt, aber auch sicher und eingewurzelt, von Gutem umgeben und versorgt, be-merkenswert zu sein und auBerdem fahig, sich anderen zu offenbaren und die Offen-barung anderer zu akzeptieren, daB er schopferisch, entschlossen und niitzhch ist, und daB er sich so entwickelt, daB er zum Gemeingut auch etwas beitragt, daB er von anderen Geborgenheit fiihlt aber auch Freude, selber Geborgenheit zu geben,- mit einem Wort, daB er aufhort ein Objekt zu sein sondern ein Subjekt im eigenen Haus. 3.) Die Rolle des Staates Wenn wir auch nicht in die Spezifitat aller hier angefiihrten Begriffe, welche die Bezeichnung Patriotismus veranschauhchen, eingehen wollen, ist es doch erforderhch, praziser den Unterschied zwischen diesen Wirkhchkeiten und auch den "Begriff Staat" zu definieren. Der Staat namlich hat neben allem was der Begriff "Heimat" besitzt, noch die "Autoritat" und das heiBt die Regierungsgewalt und die Macht oder Gewalt um die Erhaltung und Entwicklung aller Giiter aus denen die "Heimat" besteht zu si-chern. Der Staat verfiigt iiber eine politische Unabhangigkeit, die das Hochste ist oder aber auch das Begrenzt sein kann (z.B. ein Staat im Rahmen einer zukiinftiger Vere-inigung der europaischen Lander). Im Gegenteil dazu ist das nicht der Fall mit einer Nation, obwohl sie sich darum bemiiht. Natiirlich konnen sich vielmals die Nation oder der Staat in diesem Sinn identifizieren, da sich die Nation in einen souvarenen Staat organisieren kann, auf jeden Fall aber, sind das zwei verschiedene Anschauun-gen der Wirklichkeit. Fiir viele kleine Volksgemeinschaften im mitteleuropaischen Raum (z.B. die Kroaten und Slowenen), waren bis zu den voijahrigen groBen pohtischen Veranderun-gen und demokratischen Prozessen, wesentliche wichtigere Begriffe "Volk" und "Heimatland" als der Begriff "Staat". Als ein unzugangliches Ideal war die Idee eines Staates vor allem immer latent besonders bei einigen Volkem, wie z.B. bei den Kroaten, die schon eine jahrhundertelange Erfahrung in ihrem Staatswesen hatten. Die Macht und Resolution mit welchen die Volker das Recht auf Selbstverwaltung und auf einen eigenen Staat forderten, iiberraschte und erstaunte viele. Diese Uberraschung und auch der offene Widerspruch von der Seite einiger europaischer Lander, auf ein Recht dieser Volker, daB sie ihre eigenen souveranen Staaten bilden wollten, ist nur eine Auswirkung der Unwissenheit und der Unkenntnis der elementaren Definition der Nation und des Staates. Der Staat hat die Aufgabe die freie Entwicklung der Menschen zu schutzen und die Entwicklung jeder einzelnen Person zu ermoglichen. AuBerhalb des Staates W«nn sich die Person grundsatzlich nicht recht entwickeln, da ihr nicht alle Giiter und Werte, welche dieser Begriff einschlieBt, zugesichert sind. Der Staat, der auBerdem mit seiner Autoritat seine Biirger vor anderen Staaten und ihrem eventuellen Egois-mus und ihrer Aggressivitat schiitzt, muB solche Bedingungen bilden, welche die biirgerliche und wirtschaftliche Freiheit fiir alle Staatsbiirger sichert. DemgemaB ist die Starkung der Autoritat des Staates oder der Assoziationen der Staaten (z.B. Europaische Gemeinschaft) sich selber niemals der Zweck. Der Zweck des Staates ist das Wachstum einer Person, die Entfaltung der Heimat, weil die Person in dieser Heimat aufwachst. Der Staat kann seine Zwangsmittel stiirken aber niemals mit dem Zweck, seine Burger zu unterdriicken oder irgendeine Heimat zu versklaven, sondem, daB er die eigenen Burger vor ungerechten Unterwerfungen von fremden Staats-biirgern eingedrungen, verteidigt. Der Staat darf niemals unterdriicken, sondern muB befreien. Eine Nation ohne den Staat kann nicht alle ihre Giiter bis zu ihrer Fiille entwickeln. Die Heimat kann man erst in seinem Staat als Mutter bezeichnen, denn erst unter dem Schutz des Staates kann sie ungestort leben, sich entfalten und wa-chsen. Die Pflicht jedes Biirgers ist es aber mitzuhelfen solche Werte zu schaffen, welche seinen Mitbiirgem ermoglichen werden, freier und fahiger fiir ein selbstandi-ges Entscheiden zu werden. 4.) Schluftgedanken Ein Biirger von Europa wie auch von der Welt, muB ein Mensch der Nation und des Patriotismus sein. Nur jener, der seine Nation, seine Heimat, sein Land, seine Sprache, seine Geschichte und sein Kulturerbe liebt, kann andcre schatzen und lieben, die auch gleiche Werte besitzen und auf sie stolz sind. Wer nicht fahig ist das Seine zu schatzen, ist auch nicht fahig das Andere zu schatzen. Sclbstverstandlich, daB ein wirklicher Vaterlandsfreund immer die allgemeinnationale Familie vor Augen haben miisse und daB er niemals davon abriicken solle, obwohl es um gerechte Interessen seiner eigenen Nation gehe, insofern es gegen die gerechten Interessen eines anderen Volkes oder die Interessen der ganzen Menschheit ware. Der Vaterlandsfreund wird seine Heimat immer lieben, auch dann, wenn er sic verandern oder kritisieren muB, oder wenn er sich iiber ihre Mangelhaftigkeit und Fehler und vielleicht auch iiber une-hrenhafte Verfahren beschwert. Die VaterlandsUebe und der Patriotismus muB das angegriffene, unterdriickte und verfolgte Vaterland verteidigen, darf es aber nicht der-art verteidigen, daB es zerstort wird oder aber gerechte und wirkliche Werte des anderen in Frage stellt, weil es niemals crlaubt ist, ctwas Boscs zu tun, um etwas Gutes zu erreichen.