' .-srrjrari - 77 ; v j' ^ ■ ,x: ' »*S&il§S - •• ••• : ; .• Allgemeine und Handels - Geographic Ein Lehrbuch fiir komracrziclle und technische Lehranstalten, fiir Kaufleute und Industrielle VON Dr. V. F. KLFN, Professor der (Jcographie uad Statistik an dcr Wiener Ilandels-Akadomie etc. etc. Zweite verbesserte Auflage. 1. Theil: Allgemeine Geograpliie. WIEN. Wrack und Verlag von Carl Gerold’s Sohn. 1 860 . Allgemeine GEOGRAPHIE. Von Prof. Dr. V. F. KLITIV. Zweite verbesserte Auflage. WIEN. Druck undVerlag von Carl Gerold’s Sohn. I860. mu Seiner Hochwohlgeboren, dem HERRN HERRN Friedrich Schey, Edlen yon Koromla, Prisidenten dcs Verwaltuugsrathes der Wiener Handels-Akademie, grosshorzogl. hcssischen General-Consul, Commanded dcs grosskcrzogl. hessischcn Plrilipp-Ordcns, dcs kon. grie- chiseken Erloscr- und dcs ton. liannovcr’sclicn Guclphcn-flrdcns, Censor dcr priv. osterr. NationaLbank, Yerwaltungs- rath dcr Kaiscrin Elisabeth-Westbahn, der k. k. priv. Thcissbahn raid der n. 5. Escomptc-Gcsdlsckft, k. k. Bor- senrath, Mitglied dcr n. o. Handels- und Gewerbek&mmcr, der Inventin'- end S ehiitzimgs-Commission etc. in besonderer Hochachtung gewidmet vom Verfasser. Yorrede zur ersten Auflage. Jedes Lehrbuch soli aus der Schule hervorgehen. Nur die gemachten Erfahrungen sind massgebend in Bezug auf das Was und das Wie des zu behandelnden Stoffes, d. h. wie viel aus dem Gesammtschatze der Wissenschaft herausgehoben, — in welcher Form das Herausgehobene zu einern Ganzen verbunden und der Jugend geboten werden soil. Bei Verfassung des vorliegenden Lehrbuehes hatte ich zu- nachst jene Kategorie unserer Mittelschulen vor Augen , welche unmittelbar fur das Leben, fiir den Verkehr in Handel und Gewerbe die Jugend vorbereiten, d. h. unsere Handels- und Realschulen. — Fiir das „Wie viel“ des zu behandelnden Stoffes war mir das im Organisations-Statute der osterreichischen Realschulen ausgesprochene „Ziel“ massgebend, namlich: „Ueber- sichtliche Kenntniss der Erdoberflache nach ihrer natiirlichen und politischen Eintheilung und nach ihren fiir Gewerbe und Handel wichtigsten Beziehungen, Genauere Kenntniss des osterreichischen Staates." In der obersten KlaBse wird ein tieferes Eingehen in die Handels- und Industrie - Statistik Oesterreichs „im Vergleiche mit den iibrigen Hauptstaaten" gefordert. Nach dieser Feststellung des Standpunktes und desAus- masaes des zu behandelnden Stoffes kame die Frage des „Wie“ oder die Methode der Darstellung und Behandlung zu besprechen. Das Wachsthum der geographischen Wissenschaft und die Theorie ihrer Behandlungsweise sind stets Hand in Hand gegangen; hier handelt es sich jedoch zunachst um die in einem Schulbuche zu beachtende Methode. Ich schliesse mich im Allgemeinen jenen Lehrern an, welche fiir die Volksschule ein syn t hetisches Yerfahren , fur die reifere Altersstufe hingegen die analy- tische Methode als passend befurworten. Da vorliegendes Buch fiir die „reifere Altersstufe 11 berechnet ist, so hahe ich den topischen Theil, die Grundlage des ganzen geographischen Unter- richtes, zusammenhangend behandelt. Nur durch das Zusamtnen- VIII fassen der zusammengehorigen Theile gewinnt der Schuler eine Total-Uebersicht; — die Zerstiickelung der Gebirge, des Flussge- aders, iiberhaupt der natiirlich zusammenhangenden Gebiete kann hiugegen niemals einen Ueberblick gewahren und erschwert jede V ergleichung, welche allein ein tieferes Eindringen ermoglicht. Dass bei der Beleuchtung der horizontalen und vertikalen Verhalt- nisse, bei der Oro- und Hydrograpbie auf deren Einfluss fur den Verkehr besonders hingewiesen wurde, ist durch den bezeichneten Standpunkt des Verfassers begriindet. — Besitzen die Schuler eine mdglichst klare Uebersicht der Erdoberflache, dann gehe der Lehrer zur Betrachtung der Theile der Erdrinde und der Naturgegenstande auf derselben nach ibrer inneren natiirlichen Verbindung und Ver- wandtschaft, d, h. auf die physische Geographie, welche wohl erst dann mit Erfolg gelehrt werden kann, wenn die Schuler auf der Karte im grossen Ganzen sich zu orientiren vermogen. In der politischen Geographie ist auf die Betrachtung der physischen und technischen Kultur der Schwerpunkt ge- legt worden. In wenigen, moglichst scharfen Ziigen suchte ich die natiirliche Beschalfenheit des Bodens zu charakterisiren; auf diese sich stiitzend folgt die Beleuchtung der Thatigkeit der Menschen in Hinsicht anf Landwirthschaft, Gewerbe und Handel und zum Schlusse mit wenigen Strichen ein Bild der geistigen Kultur. Mein Streben war, statt der trockenen Aufztihlung von „Merkwiir- digkeiten," iiberall ein „Kulturbild von Land und Leuten“ zu geben. Hier war allerdings ein Masshalten in Zahlenangaben u. dgl. dringend geboten; [andernseits aber sind eben Zahlen der Beweis fur das Vorwartsschreiten oder den Ruckschritt. Die sta- tistischen Materialien haufen sich massenhaft; wir besitzen volu- minose Compendien iiber einzelne Zweige der Statistik, aber fur wen? fur Fachmanner! — Statt der nur unzusammenhangenden Daten oder leeren Phrasen (,,gewerbreiche Stadt," — „treibt Han¬ del" u. s. f.) sollen nun Baumaterialien filr ein selbststandiges Schaf- fen geboten werden. Es liegt durchaus nicht in der Absicht des Verfassers alle im Buche vorkommenden Angaben „auswendig lernen“ zu lassen; ein Lehrbuch soli nur das Materiale an die Hand geben, welches die Schuler zu verarbeiten haben ; es soil ihnen hiedurch Gelegenlieit zur Selbstthatigkeit geboten werden. Man lasse z. B. die Schuler tabellarische Uebersichten verfassen, das Analoge zusammenstellen und mit andern Staaten vergleichen. Ich erlaube mir meine Ansicht an einem Artikel bei- spielweise darzulegen und wahle „die Baumwolle," wobei nach und IX nach folgende Fragen zur Beantwortung kamen: Geographiacher Verbreitungsbezirk der Baumwolle; — die wichtigsten Produktions- liinder; — Markte; — Wege, auf welchen, wobin und beilaufig in welchen Quantitaten sie verfiihrt wird; — Platze der Yerarbeitung; — wesentliche Kennzeichen der Fabrikate in einzelnen Industrie- kreisen; — Uebersicht der Baumwoll - Industrie in Oesterreich, in Deutschland, Frankreich u. s. f.; — Uebersicht der Baumwoll- Industrie in West-Europa; — Vergleich zwiachen der deutschen und franzosischen Baumwoll-Industrie u. s. w. — Es gibt Hundert Vergleichsmomente, die sich dem denkenden Lehrer aufdringen. I-Iaben die Schuler unter Anleitung des Lehrers nur Einen Indu- striezweig ausgearbeitet, das Weitere kann man in dieser Richtung getrost dem Privatfieisse iiberlassen. Es wird dadurch kein todten Gedachtniaskram, sondern ein lebendiges, fruchtbares Wissen er- zeugt. Der Schuler gewohnt sich an Selbstthatigkeit, die gewonnenen Resultate sind wirklich seine selbststandige Arbeit. Mit derlei vergleichend en, s elb st stiindi gen Arbeiten kann sofort begonnen werden, sobald nur einige Partien vorgetragen wor- den sind; in der Folge erweitern sich die Vergleiche und werden um so anziehender und belehrender, je mehr Lander man nach und nach zu vergleichen in der Lage ist. Wie interessant sind schon die Vergleiche zwischen dem Westen und Osten Oesterreichs, zwiachen den industriellen Kronlandern mit den vorwiegend agri- kolen. Dass zu derartigen Vergleichen nur die bedeutendsten In¬ dustrie- und Handelsstaaten hervorzuheben, wahrend die minder wichtigen mehr cursorisch zu behandeln waren (die aber wegen der Vollstandigkeit in einem Lehrbuche doch moglichst genau be- handelt werden rniisaen), versteht sich wohl von selbst. — In dieser Weise behandelt wird das Lehrbuch, das ja niemals zum mecha- nischen Memoriren verwendet werden darf, sicherlich nicht zu viel enthalten. Ns Andernseits ist ein derartiges Lehrbuch kein „Adressen- buch,“ in welchem jede Fabrik u. dgl. verzeichnet stiinde; es soli nur eine Charakteristik des Landes in seinen bedeu¬ tendsten Beziehungen geben. Das gleiche gilt von Zahlen- angaben, welche so h'aulig wechseln; an manchen Stellen habe ich die Angaben aus mehrfachen Grunden in Prozenten ausgedriickt. Eine ausfiihrlichere Hervorhebung und Verarbeitung des handels- statistischen Materials, insbesondere der grossen Handelsstaaten, mit spezieller Riicksicht auf Bezugs- und Absatzorte, Kommunika- tionen, das Bank- und Versicherungawesen, den Welthandel in den X bedeutendsten Natur- und Kunsfprodukten u. s. f., wird im zwei- ten (selbststan digen, zunachst nicht fur die Mittelschule bestimmten) Theile folgen, wobei ich das Verhaltniss der „Allge- meinen“ zur „Handelsgeographie“ darzulegen mich bestreben werde. Dass Oesterreich ganz besonders beriicksichtigt wurde ist wohl begreiflich; sein Vaterland kennt man niemalszu genau und die genauere Kenntniss des Vaterlandes erhoht noth- wendigerweise dieLiebe zu demselben. Zunachst wurde auf Deutsch¬ land, das grosse Brudeiland, spezielle Riicksicht genommen, sowie auf die wichtigen Industri estaaten, wobei die zuganglichen neuesten Daten als Grundlage der Betrachtungen nach Thunlich- keit benutzt worden sind. . In wie weit die That dem redlichen Widen entspricht mogen koinpetente Stimmen entscheiden ; fur jede Belehrung werde ich dankbar sein. Ebenso spreche ich den Herren Sekretaren der osterreic hischen Han delsk ammern, welche mich durch freundliche Mittheilungen unterstiitzten, meinen besten Dank aus. Moge dieses Buch zum Besten des Aufbliihens unserer Schu- len und dadurch des Gesammtvaterlandes auch ein bescheidenes Scharflein beitragen. Wien, 13. April 1860. Der Verfasser. Yorrede zur zweiten Auflagc. Die giinstige Aufnahme, deren sich dieses Lehrbuch sowohl bei Schulmannern als auch in kommerziellen und industriellen Kreisen erfreute, machte schon nach wenigen Monaten eine neue Auflage nothwendig, und zwar noch vor dem Erscheinen des 2. Ban- des des Werkes. — Zu einer wesentlichen Aenderung in An- lage, Methode und Stoffvertheilung war kein Grund vorhanden; dagegen habe ich die von Fachmannern, insbesondere von dem urn die geographischen Studien in Oesterreich so hochverdienten kais. Rath Steinhauser mir ertheilten Winke und gemachten Berner - kungen thunlich beriicksichtiget, wodurcb, wie ich hoffe, diese Auf¬ lage in der That zu einer „verbe s s ert e n l( ward. Fur weitere begrundete Bemerkungen der Fachgenoseen werde ich recht dankbar sein und dieselben bei einer allfallig folgenden Auflage beriick- sichtigen. Die Verlagshandlung hat den Preis des Buches bei dieser Auflage um mehr als 40% h er abg es e tzt. Wien, 23. September 1860, Der Verfasser * ' . . . Einleitung, §. 1. Allgcmciue Vorbegriffe. I) ie Geographie oder Erdbeschreibung lehrt uns die Oberflache der Erde kennen. Wird die Erde als einKorper im Weltenraum und deren Verhaltniss zu andern Weltkurpern betrachtet, so heisst sie astro- nomische (mathematische) Geographie. Die t opi s che Geographie beschreibt die Theile der Erdober- flache bloss nach ihrem ausseren, raumlichen Zusammenhange; die physische hingegen betrachtet die Theile der Erdrinde und die Naturgegensttinde auf derselben nach ihrer inneren, naturlichen Ver- bindung und Yerwandtschaft. Die p o 1 i t i s c h e Geographie schildert die Erde als den Schauplatz fiir die Entwickelung des Menschenge- schlechtes, und ihr Inhalt iindert sich wie das Schicksal der Lan¬ der und Volker. Hinsichtlich des Zweckes, den man mit der Darstellung er- reichen will, wird das demselben Entsprechende aus dem allgemei- nen geographischen Stoff hervorgehoben und daher die Benennun- gen: landwirthschaftliche, Industrie-, Handels-, Militar-Geographie. Unter Handels-Geographie versteht man die Beschrei- bung der Erdoberflache, insofern diese als Schauplatz der Handels- thiitigkeit der Yolker auf Grundlage der Urproduction und Industrie betrachtet wird. KIuq’s Handels * Geographic. 2. Aull, l I. Astronomische Geographie. A. Die Erde als mathematischer Korper. §. 2. VorbegrifFe. T)ie Erde hat die Gestalt eines Sphiiroids, d. i. einer an zwei entgegengesetztea Stellen abgeplatteten Kugel. Denkt man sich eine gerade Linie durch den Mittelpunkt der Erde, die diese zwei Stellen verbindet und dadurch der kiirzeste Durchmesser des Sphiiroids ist, so ist diese Gerade die Erdachse, und deren End- punkte sind die Pole de3 Erdkorpers. Achse nennt man sie, weil sie jene Linie ist, uni welche sich die Erde ohue Aufhoren gleich- formig dreht. Wegen der Kugelgestalt der Erde kann man nur einen klei- nen Theil von deren Oberflache auf einmal ubersehen. Diejenige Kreislinie nun, in welcher sich — von jedem Standpunkte der Be- trachtung aus gesehen — Iiimmel und Erde zu beriihren scheinen, heisst Gesi chtskrei s oder Horizont, (Scheinbarer, wirklicher.) Er wird in Welt- oder Himmelsgegenden eingetheilt. Die Richtung, in welcher die Sonne (am 21, Marz und am 23. September) aufzugehen scheint, heisst Os ten (Orient, Morgen), •— wo sie unterzugehen scheint, Wes ten (Occident, Abend), — wo sie zu Mittag uns erscheint, S il d en (Mittag),— und dem Siiden gerade gegenuber, oder die Richtung, in welcher zur Mittagszeit unser Schatten fallt, Nor den (Mitternacht). (Nebenweltgegenden: NO, NW, SO, SW; — Zwischenweltgegenden: NNO, ONO, OSO, SSO, SSW, WSW, WNW, NNW; — Magnetnadel, Windrose, Kompass.) Eine kiinstliche Erdkugel heisst Globus. L an dk art en stel¬ len grossere Abschnitte der Erde stark verkleinert vor (20.000mal bis viele millionenmal); — Plane kleinere Erdabschnitte, aber in geringerer Verkleinerung; Seekarten sind verkleinerte Darstellun- gen ganzer Meere oder einzelner Bestandtheile derselben. Um die Lage eines Ortes auf der Erdoberflache zu bestimmen, denkt man sich dieselbe mit einem Netz von Linien (Gradnetz) ftberz.ogen, welches mit dem Netz, das auf dem Globus zum Theil wirklich gezogen ist, ubereinstimmt. .In gleicher Entfernung von den beiden Polen (Nord- und Sud- pol) ist auf dem Globus eine Kreislinie gezogen, welche die Erd¬ kugel in eine nordliche und eine sildliche Halbkugel (Hemisphare) theilt, und der A equator (der Gleicher, die Linie) heisst. In stets gleicher Entfernung vom Aequator (parallel mit die- sem) laufen um die Erde Kreislinien, welche um so kleiner werden, je naher sie den Polen kommen; sie heissen Parallel- oder Br eitenkreise. 8 Andere Kreise werden urn die Erde in der Weise gezogen, dass sie durch beide Pole gehen und den Aequator nebst alien Parallelkreisen rechtwinldig durchschneiden. Diese unter einander gleich grossen Kreise heissen Meridiane, Mittags- oder Lan- genkreise. §. 3. Grttssenverkaltniss. Den Aequator theilt man, wie gewohnlich den Umfang eines Kreises, in 360 Theile, Grade genannt. Der 15. Theil eines solchen Grades gilt als die Lange einer deutschen oder geographi- schen Meile. Das Obliche Meilenmass ist je nach den Landern von verschiedener Lange*). Ein Grad (°) wird dann in 60 Minuten ('), diese in 60 Seeunden (") u. s. w. eingetheilt. Der Aequator oder der Umkreis der Erde ist somit gross: 360 X 15 = 5400 deutschen Meilen. Dividirt man den Umkreis der Kugel durch die Ludolf sche Zahl % = 3.14159 ..so ist der Durchmesser des Aequators 5400 : 3.14159 = 1718.84 3 deutschen Meilen gross. Die Abplattung der Erde an den Polen ist beilaufig 1 : 299; — demnach ist der Polar-Durchmesser oder die Erdachse um etwa 5.7 5 kleiner als jener des Aequators, also beilaufig 1713 deut- sche Meilen gross. Multiplicirt man den Erddurchmesser mit dem Umfang des Aequators, so erhalt man den Flacheninhalt der Erdober- flache, also : 1718 X 5400 — 9,277.200 Quadratmeilen, und mit Rucksicht auf die Abplattung = 9,260.500 Quadratmeilen. Wird der Fliicheninhalt der Oberflache mit % des Durch- messers multiqolicirt, so erhalt man den korperlichen Inhalt (Kubikinhalt) der Erde: somit 1 * 718 9.260,500 X — = 2651,589.833 Kubikmeilen. *) Die wiehtigsten Meilenmasse sind: 1° des Aequators = 15 gcographischen Meilen. „ „ ., = 14 67 Osterreichischen Meilen (5 4000 Klafter). „ n n = ix franzosischen oder belgischen Myriametern. „ „ „ = 25.„„ franzOsischen Lieues. „ „ „ = 20. 00 franzOsischen Lieues marines Oder englisehen (Sea- League) Seemeilen. „ „ v = 69., 6 englisehen Statute Miles. „ „ „ = 73. 00 englisehen gewohnlichen Meilen. n * „ = 60-oo englisehen geographischen oder Nautical Miles. „ „ „ = 69., 6 nordamericanischen Miles. „ „ „ = 14.,, preussischen oder danischen Meilen. ,, „ n = 20. oa belgischen oder Brabanter Meilen. „ „ » = 10.jj schwedischen Meilen. „ „ •„ = 104. sa russischen Wersten. „ „ „ = 74.„ rOmischen Meilen. „ „ „ — 66‘. 69 tiirkisehen Berri. Der zehnmiliionte Theil des Meridian - Quadranten = 1 franzosischen Meter. 1 Meter = 3., 63116 Wiener Fuss 0., „ <= Decimeter. O. ol r = Centimeter. 0.„„, _ = Millimeter. 10 Meter = Decameter. 100 „ = Hectometer. 1000 „ = Kilometer. 10000 . — Myriameter. 1 * 4 §. 4. Enttenuing ciuzelner Punkte auf dcr Erdoberflficke. Darch jeden Punkt der Erdoberflache lasst sich ein Meridian ziehen. Da aber der Aequator in 360 Grade getheilt wird, so denkt man sich durch alle diese Theilungspunkte Meridiane gezogen, und erhait somit 360 Meridiane. Einer derselben wird als Nullmeridian angenommen, welcher die Erde in eine ostliche und eine westliche Halbkugel theilt, weil man haufig nicht bis 360 fortzahlt, sondern 180 nach Osten und 180 nach Westen*). Die Entfernung ei- nes Ortes vom Nullmeridian heisst geographische Lange, und ist demnach eine ostliche oder westliche. Durch jeden beliebigen Ort kann man sich auch einen Breiten- kreis gezogen denken. Der Theil eines Meridians, der vom Aequa¬ tor bis zum Pol reicht, ist der vierte Theil des Kreises (Quadrant), und somit 360 : 4 = 90° gross. Denkt man sich nun durch jeden dieser Grade des Quadranten einen Breitenkreis gezogen, so erhait man auf der nordlichen Halbkugel 90, und eben so viele Kreise auf der siidlichen; der Aequator selbst ist der Null- parallel. Die Entfernung eines Ortes vom Aequator ge- gen einen der Pole zu heisst geographische Breite, und ist eine nordliche und eine siidliche. Jene zwei Parallelkreise, welche 23° 30' vom Aequator entfernt auf der nordlichen und auf der siidlichen Halbkugel liegen, heissen Wendekreise (nordl. Wendekreis des Krebses, sudl. Wende- kreis des Steinbockes); jene zwei, welche 23°.30' von den Polen ent¬ fernt liegen, nennt man Polar kreise (nordl. arktischer, sudl. antarktischer). Zwischen diesen Kreisen liegen die mathematischen Zonen, und zwar zwischen den beiden Wendekreisen die heisse, zwischen den Wende- und den Polarkreisen die beiden gemas- sigten, und um die Pole herum bis zu den Polarkreisen die bei¬ den kalten Zonen. Die Entfernung eines Ortes von einem andern, oder uberhaupt zweier gegebener Punkte auf der Erdoberflache kann auf dem Glo¬ bus oder den Land- und Seekarten durch Messungen gefunden werden. Alle Meridiane sind als grosste Kreise unter einander gleich gross, und jeder Grad des Meridians ist nahezu = 15 d. M. — Auf den Meridianen werden die Breitengrade gemessen; mit- hin ist jeder Breitengrad = 15 d. M.**). *) Gewohnlich wird derjenige als Nu llmeridian angenommen, welcher die Spitze der Insel Eerro (eine der canarischen Inseln an 'der Westkiiste von Africa) durch- schneidet. In England (und gewohnlich bei Seefahrern) gilt dafiir der Meridian von Greenwich = lT’-sa Ostl. v. Eerro. n Frankreich . „ Paris =20° „ „ „ „-Spanien . „ Cadix = ll°. so ' „ „ „ „ Buss land . n St. Petersburg = 47°„ „ „ America . „ Washington = 59°. 21 ' westl. „ n **) Die Grade des Meridians nehmcn zwar (wegen der Abplattung der Erde) nach den Polen um ein Geringes zu, doch ist diese Differenz sehr unbedeutend. Unter dem 0-Grade der Breite ist die Grosse eines Meridiangrades 14. 97 d. M., — unter idem 45, Grade = 14., 7 , und unter dem 90. Grade 15. 0S . 5 Unter den Parallelkreisen ist der Aequator der einzige grosste Kreis, also der einzige Parallelkreis, auf dem 1° = 15 d. M. ist. Mit der wachsenden Entfernung vom Aequator werden die Paiallel- kreise immer kleiner, folglich werden auch die Langengrade, welche auf den Parallelkreisen gemessen werden, bei zuneh- mender Entfernung vom Aequator immer kleiner*), Alle Orte, welche auf der gleichen Hemisphere liegen, haben gleiehnamige Breite Oder Lange; im anderen Falle haben sie en tg e ge ng ese t z t e Breite Oder Lange. — Haben zwei Orte ungleiche, aber gleiehnamige Breite, und zieht man die kleinere von der grosseren ab, so erhalt man die Breitendifferenz der beiden Orte; ebenso erklart sicb der Ausdruck Langen di ffere nz **). Haben zwei Punkte gleicbe und gleiehnamige Breite, aber ungleiche und gleiehnamige Lange, so bezoichnet ihre Langendifferenz so ziemlich den kiirzesten Abstand derselben auf der Erdoberflache***). Ist die Lange der zwei Punkte gleich und gleichnamig, die Breite aber ungleich, obwohl gleichnamig, so driickt die Breiten¬ differenz deren kiirzesten Abstand aus f). Haben zwei Punkte gleiche und gleiehnamige Breite, aber entgegengesetzte Lange, so ist die Langensumme ibr kiirzester Abstand; ist die Lange zweier Punkte gleich und gleichnamig, aber ibre Breite entgegengesetzt, so ist die Brei- tensumme ihre kiirzeste Entfernungff). *) Die annahernden Werthe sind folgende ; 25° n. B. und 35° s. B. = entgegengesetzt. 20° S. L. und 45” d. L. = gleichnamig. 20° o. L. und 45° w. L. = entgegengesetzt. Der Ort A bat 35° n. B., — der Ort B. 25° n. B., die Breitendifferenz ist = 10°, d. h. A liegt um 10° = 150 d. M. weiter vom Aequator gegen den Nordpol zu als B. A hat 35° 6. L., — B 25° 6. L. = 10° Langendifferenz; diese wird am 0-Parallel mit 15, am 10. mit 14.,, u. s. w. multiplicirt, und das Product zeigt an, um wie viele Meilen A von Ferro weiter gegen Osten liegt als B. ***) A hat 20° n. B. und 30° o. L. B hat 20° n. B. und 20° 6. L. Langendifferenz = 10° X 14- 0 , = WO., d. M., d. h. A liegt um so viel Meilen von B entfernt, u. z. weiter gegen Osten. f) A hat 30° n, B. und 25° 6. L. B hat 20° n. B. und 25° o. L. Breitendifferenz =* 10" X 15 = 150 d. M. — d. h. A liegt von B 150 d. M. entfernt, u. z. weiter gegen Norden. tt) A liegt 30° n. B. und 25° o. L. B liegt 30° n. B. und 45° w. L. Langensumme '70° X 12.,, (oder app. X 13) =910 d. M., d. i. die directe Entfernung der beiden Punkte von einander. A liegt 30" 0. L. und 25“ n. B. B liegt 30° o. L. und 45“ s. B. Breitensumme 70" X 15 = 1050 d. M. 6 B. Das Verhaltniss der Erde zur Sonne. §. 5. Vorbegiill'e. Die Erde ist ein Welt- oder Himmelskorper, „ein Stern unter Sternen“, der frei im Weltenraume schwebt. Die Sterne werden eingetheilt in: 1. Fixsterne, welche mit eigenem, zitterndem Lichte leuch- ten und im Allgemeinen ihre Stellung zu einander nicht verandern; 2. Planeten, welche ihr Licht von einem Fixsterne (Sonne) erhalten, um welchen sie sich in regelmiissigen Bahnen bewegen; 3. Monde (Nebenplaneten, Trabanten, Satelliten), welche von der Sonne erhellt werden, sich zunachst um einen Ilauptplaneten, und mit diesem um die gemeinschaftlicbe Sonne bewegen; 4. Kometen, welche scheinbar unregelm&ssige Bahnen um Fixsterne beschreiben, sich bald dem einen, bald dem andern nach bestimmten Gesetzen n&hern, eine ver&nderliche Grosse und Ge- schwindigkeit zeigen, und dann wieder verschwinden. Man hat gewissen Sterngruppen Bilder von Thieren, Heroen und anderen Gegenstanden unterlegt, daher lesen wir von Stern- bildern des nordlichen und stidlichen Himmels, des Thierkreises (Widder, Stier u. s. f.) — Orion, Perseus u. a. m. Die Erde ist ein Planet, der Mond ihrTrabant, und die Sonne ist der Fixstern, um welchen sie sich bewegt, von dem sie Licht und Warme empfangt. Ausser der Erde drehen sich aber noch mehrere Planeten von geringerer oder hedeutenderer Grosse, in engeren oder weiteren Bahnen um denselben Fixstern. Die Sonne, die Planeten und Nebenplaneten zusammen nennt man das Plane- tensystem. Denkt man sich die Erdachse zu beiden Seiten bis an das Himmelsgewolbe verlangert, so wird sie zur Welt- oder Him- melsachse, und die Endpunkte derselben sind Himmelspole. Um die Weltachse erfolgt die scheinbare Umdrehung des ganzen Himmelsgewolbes. Der nordliche Himmelspol liegt in der Nahe des Polarsternes (im Sternbild des „kleinen Baren“). Der Him- mels-Aequator ist jene Kreislinie, welche genau in der Mitte zwischen den beiden Himmelspolen gedacht wird, und die Himmels- kugel in eine nordliche und siidliche theilt. Parallel mit dem Plim- mels-Aequator laufen die Wende-, Polar- und alle iibrigen Parallel- kreise der ELimmelskugel, welche alle rechtwinklig von den Rect- ascensions-Kreisen durchschnitten werden. Die kiinstliche Him- melskugel heisst Himmelsglobus. g. 6. Bcwegung der Erde. Die Erde hat eine zweifache Bewegung: a) um ihre Achse (Rotation), und b) um die Sonne (Revolution). Um die eigene Achse dreht sich die Erde von Westen nach Osten in 24 Stunden, wodurch Tag und Nacht entstehen. Bei die- ser Bewegung werden die verschiedenen Theile der Erdoberflache nach und nach der Sonne zugewendet, und zwar die ostlicher ge- legenen fruher als die westlicheren. Unter den verschiedenen Meri- dianen haben somit die Orte zu verschiedener Zeit Sonnenaufgang o o 7 und Mittag. Ein um den 24. Theil des ganzen Kreises (also um 15°) weiter nach Westen gelegener Ort muss auch um den 24. Theil der Umlaufszeit spater Mittag haben, d. h. um 1 Stunde; also ein um 1° westlicher gelegener hat '/j 5 Stunde oder 4 Minuten spater Mittag. Bei der Rotation bleiben die Pole in Ruhe, die ubrigen Punkte auf der Erdoberflache aber befinden sich in einer desto schnelleren Bewegung, je naher sie dem Aequator liegen; denn ein Punkt am Aequator wird in 24 Stunden 5400 d. M. durchlaufen, am 10° jedoch nur 360 X 14.7 7 „ 20° „ „ 360 X 14-09 „ 90° „ „ 360 X 0. Den Umlauf um die Sonne vollendet die Erde in 365 Ta- gen, 5 Stunden, 48 Minuten, 48 Secunden. Die Linie, in welcher die Erde diese Bewegung ausfiihrt, ist eine langlich - runde (Ellipse), und wird die Erdbahn oder Ekliptik genannt. Die Sonne steht nicht im Mittelpunkte der Ellipse, sondern in einem der beiden Brennpunkte ; die Erde ist sonach einmal im Jahre der Sonne naher, und einmal im Jahre ferner. Den der Sonne am nachsten und den ihr am fernsten gelegenen Punkt der Erd¬ bahn nennt man Solstitial- oder Wendepunkt; der erstere heisBt Winter-, der letztere Sommer-Solstitialpunkt. Die Entfernung des Winter-Solstitialpunktes von der Sonne heisst Son- nennahe (Perihelium = 11.926 Erddurchmessern), jene des Sommer- Solstitialpunktes Sonnenferne (Aphelium = 12.333 Erddurch¬ messern). Jene zwei Punkte der Erdbahn, welche fast gleich weit von beiden Solstitialpunkten entfernt sind, werden Aequinoctial- punkte (Tag- und Nachtgleiche) genannt. §. 7. Tages- und Jahreszeiten. Die Sonne erleuchtet stets nur die halbe Oberfl'ache der Erd- kugel. Die Grenze zwiscben der erleuchteten und dunklen Halb- kugel heisst Erleuchtungskreis. Stande die Erdachse senkrecht auf der Ebene der Ekliptik, so batten alle Punkte der Erdober- flache fortwahrend gleiche Tages- und Nachtlange. Die Erdachse steht jedoch nicht senkrecht auf der Erdbahn, sondern sie bildet mit derselben einen Winkel von 66y 2 0 sie weicht daher um 23'/,° von der senkrechten Stellung ab. Diese Stellung behalt die Erd¬ achse wahrend der rotirenden Bewegung der Erde um die Sonne stets unverandert bei, d. h. die Lage der Erde im Weiten- raum bleibt unverruckt die gleiche, die Stellung ge- gen dieSonne ist hingegen in jedem Augenblick °efne v e r a n cl e r t e. Aus der eigentliiimlichen Neigung der Erdachse folgt die un- gleichmassige Erleuchtung der Erde, d. i. die Yerschiedenheit der Ta- geslange unter verschiedenen Parallelkreisen. Die Ab- und Zunahme der Tageslange geschieht fur einen und denselben Punkt a lima h- 1 i ch, und zwar in dem Masse, als sich die Erde von den Aequinoc- tialpunkten entfernt und den Solstitien nahert. Nach dem Aequi- noctium am 21. Marz wachsen die Tage auf der nordlichen, ver- kiirzen sich jedoch auf der sudlichen Halb&ugel; am 22. Juni hat die nordliche Halbkugel den liingsten, die siidliche den kiirzesten Tag. Nach dem Aequinoctium am 22. September wachsen die Tage auf der sudlichen, verkiirzen sich aber auf der nordlichen Halb¬ kugel bis zum Solstitium am 21. December, wornach die Zunahme der Tageslange auf der nordlichen und die Abnahme auf der sud¬ lichen Halbkugel bemerkt wird. Auch die Unterschiede der Tageslange vom Aequator nach den Polen zu wachsen allmahlich, und es erfolgt das Wachsen undAb- nehmen der Tage und N&chte nach Massgabe der geographischen Breite um so schneller, je weiter ein Punkt vom Aequator entfernt ist. Zwischen dem Aequator und den Polarkreisen ist dieses Zu- und Abnehmen der Tage und Nachte minder rasch, als zwischen den Polarkreisen und den Polen. Unter dem Aequator und an den Polen sind Tag und Nacht stets von derselben Dauer; unter dem Aequator je zwtilf Stunden, an den Polen je ein halbes Jahr. Die schiefe Stellung der Erdachse zur Erdbahn bedingt die Yerschiedenheit der Jahreszeiten unter denselben Breiten; der Wechsel und die Dauer dieser Jahreszeiten aber werden durch die jahrliche Bewegung der Erde bedingt. Steht die Erde am 21. Marz in einem der Aequinoctialpunkte ihrer Bahn, so beginnt der Fruhling auf der nordlichen und der Herbst auf der sudlichen Halbkugel (zwischen den Wende- und Polarkreisen). Steht sie im Solstitium der Sonnenferne (am 22. Juni), so fangt der Sommer auf der nordlichen Halbkugel, der Winter auf der sudlichen an, Im Herbst-Aequinoctium (am 22. September) ist der Fruhlings-Anfang auf der sudlichen und der Herbst-Anfang auf der nordlichen Halb¬ kugel. §, 8. Das I’lanctcnsystcin. Die Sonne ist der Mittelpunkt eines Systems von Planeten. Fiinf derselben sind dem freien Auge siqhtbar, die iibrigen sind nur teleskopisch, d. h. nur dem bewaffneten Auge erkennbar. Die Planeten sind wie die Erde spharoidische Korper, bewe- gen sich um ihre Achse und in elliptischen Bahnen um die Sonne, von welcher sie Licht und Wiirme empfangen, und ihre Achse ist gegen die Sonnenachse geneigt, Einige sind von Nebenplaneten begleitet. Die Planeten werden in drei Gruppen eingetheilt: 1. die sonnennahe oder innere Gruppe; 2. die sonnenferne oder aussere Gruppe; 3. die mittlere Gruppe der Planetoiden, als Uebergangs- glied von der inneren zur ausseren Gruppe. Zu der sonnennahen Gruppe gehoren Merkur, Venus, Erde, Mars; sie sind von geringerer Grosse (670, 1678, 1719, 1000 Meilen Durchmesser), minder abgeplattet, haben eine kurzere Umlaufszeit um die Sonne, drehen sich in nahezu 24 Stunden um ihre Achse, und sind — mit Ausnahme der Erde — nicht von Monden begleitet. Die sonnenfernen Planeten Jupiter, Saturn, Uranus und N e p t u n iibertreffen die erstere Gruppe an Grosse (20,000, y 16,300, 7209, 9700 Meil' a Durchmesser) und Abplattung, haben eine Achsenrotation von nur 10 Stunden, wegen der grosseren Entfer- nung von der Sonne lange Umlaufszeiten, und sind reicher an Monden. Die mittlere Gruppe oder die Planetoiden, welche zwi- schen den Bahnen des Mars und Jupiter kreisen, sind teleskopische Sterne, deren Bahnen zum Theil einander einschliessen, zum Theil in einander greifen wie Binge einer Kette. Der Durchmesser des grbssten soli hochstens 145, jener der Yesta nur 60 Meilen betra- gen. Die Umlaufszeit betragt von drei Jahren und 97 Tagen (Flora) bis auf 5 Jahre 188 Tage (Hygiea). Die Zahl der nach und nach entdeckten ist bereits auf mehr als 60 angewachsen. Uebersicht unseres Planetensystems. II. Topische Geographie. §. 9. R¨iclie Vciiiiiltnisse im Allgcmcincn. Dreierlei Formen bilden die Hiille des Erdkorpers und sind die Lebensbedingungen fur alle organischen Wesen auf der Erde, niimlich: Wasser, Erde und Luft. Die grossen Tiefbecken der Erdrinde sind so xiberwiegend mit Wasser angefiillt, dass kaum der dritte Theil der Erdoberflache als Land fiber den Spiegel des Oceans hervorragt; es entfallen auf das Land 2,500.000 und auf das Wasser 6,*780.000 geographische Quadratmeilen, eomit beilaufig 29% auf das Land, und 71% auf das Wasser. Nach den Hemispharen vertheilt, ist das Verhaltniss von Land zuWasser auf derOsthalbe wie 1 : 1V 2 , auf der West- halbe wie 1:5; auch auf derNordhalbe ist das Verhaltniss wie 1 : l ( / 2 > und auf der Siidhalbe wie 1 : 5. Die nordliche Halbkugel ist sornit ebenso continental, wie die ostliche, und die sudliche ebenso oceanisch wie die westliche. Das meiste Land drangt sich folglich nach Nord und Ost, der grosste Theil des Wassers nach Siid und West. Construct man sich eine kontinentale Nord- ost- und eine oceanische Siidwest-Hemisphare, so bildet Europa das Centrum der ersten, und die australieche Inselwelt jenes der zweiten Halbkugel; auf der ersten uberwiegt das Wasser das Land nur um 10%> auf der zweiten aber stellt sich das Verhalt¬ niss von Land zu Wasser wie 1 : 16. §. 10. Die MeeresrUume im Allgemeineii. Die zusammenhangende Wasserflache (das Weltmeer) wird durch die Zonen und die emporragenden Landmassen in 5 Haupt- meere oder Oceane eingetheilt: 1. Das nordliche Eismeer . 200.000 Quadratmeilen. 2. Das sudliche Eismeer. 350.000 ,, 3. Der indische Ocean . 1,380.000 ,, 4. Der atlantische Ocean. 1,626.000 ,, i. Der grosse oder stille Ocean ... 3,300.000 ,, Das nordliche Eismeer hat den Nordpol zum Mittelpunkt, erstreckt sich bis zum arktischen Polarkreise herab, und bespiilt die Nordkiisten von Europa, Asicn und America. Das Standeis reicht bis zum 78., das der Schifffahrt hOchst gefahr- liche Treibeis bis zum 68." n. Br. herab. Neben den Eismassen schwimmt viel Treibholz, das an den Kirsten abgesetzt wird. Der Wallfisch- und Haringsfang, so wie der Pelzhandel werden lohnend betrieben. Das sudliche Eismeer hat den Siidpol zum Mittelpunkt, erstreckt sich bis zum antarktischen Polarkreis, und beriihrt keinen der Continente. Das Stand¬ eis reicht bis zum 72., das Treibeis bis zum 62.° s. Br. herauf. Die Eisfelder und Eismassen sind noch grosser als im nOrdlichen Eismeer, und den Erforschungsreisen haben sich hier noch griissere Hindernisse entgegengestellt. Die Wallfischfiinger ge- winnen jedoch hier eine griissere Beute. Der indische Ocean erstreckt sich von der Sudkusto Asiens bis zum sud- lichen Eismeer, im Westen bilden die Ostkiiste von Africa und der durch die Siid- spiize von Africa gehende Meridian, — im Osten der indische Archipel, das Ecst- 11 land von Neu-Holland bis zum Meridian, der durch die Torres-Strasse, Neu-Holland nnd westlich von Van Diemens-Land geht, die Grenze. Der atlantisc he Ocean fluthet zvvischen Europa, Africa und America, nnd ist im Nordcn und Siiden von den beiden Eismeeren begrenzt. Seine Ostgrenze sind die Westkiisten von Europa, Africa nnd der Meridian der Siidspitze Africas, — seine Westgrenze die Ostkiiste Americas und der Meridian der Siidspitze Americas. — Der atlantische Ocean ist die grosse Eahrstrasse fur den Welthandel; er bespiilt die ICiisten der von den culturfahigsten Viilkern bewohnten Lander, er dient zur Verbindung der entferntesten Gegenden der Erde und ist sonach von der grOssten Bedeutung. Charakteristisch sind der Inselreichthum in seiner nordlichen und die Armuth der Inselbildung in der siidlichen Halfte. Der grosse oder stille Ocean bespiilt die Ostkiiste von Asien und Neu- Holland, und die Westkiiste von America. Die Nord- und Siidgrenze sind die bei¬ den Eismeere, im Westen die Ostkiiste Asiens und der Meridian der Torres-Strasse und Van Diemens-Land, im Osten die Westkiiste Americas und der Meridian von Americas Siidspitze. Die ruhigeren StrCmungen und regelmiissigen Winde sind der Sehifffahrt sehr gunstig. Er scheint ein Riesenbecken, wahrend der Atlantik ein Riesenthal scheint. Der niirdliche Theil ist mit dicbtgedrangten Inselreihen iiber- saet und das Becken umgibt ein Kranz thatiger Vulkane. Im siidlichen Theile zeigt sich ebenfalls Armuth der Inselbildung. §. 11. Die Landmasse im Allgemcinen. Die Landmasse zerfallt in drei grossere zusammenhangende und in viele kleinere, vereinzelte Theile ; die ersteren heissen Kon- tinente, die letzteren Ins ein. Die grosste zusammenhangende Landmasse liegt auf der ost- lichen Halbkugel, wird in 3 Erdtheile: Europa, Asien und Africa eingetheilt, und heisst auch die ,,aIteWelt;“ —diezweite liegt auf der westlichen Halbkugel und heisst der westliche Konti- nent, die „neue Welt,“ America; — die dritte liegt auf der siid- lichen Halbkugel, siiddstlich von der alten Welt, und heisst der sudliche, australische Kontinent oder Neu-Holland. Die Inseln, welche zunachst den Festlanden liegen und kon- tinentale oder Gestade-Inseln heissen, werden nicht als selbst- standige Individuen angesehen; dagegen werden die Inseln beider Polarzonen und jene Australiens als oceanische Inseln oder pe- 1 agis che MeDgen den Kontinenten gegenuber gestellt, und als ark- tische, antarktische und tropische Inselwelt bezeichnet. Den Flachenraum der Kontinente, Inseln, Halbinseln und der fiinf Erdtheile uberhaupt ersieht man aus folgender Uebersicht: (Flacheninhalt in deutschen Quadratmeilen). Kontinentaler Stamm Inseln Halbinseln Gesammtflache Australien . 134.000 22.000 4.000 160^000 Europa. 120.000 8.000 40.000 168.000 Africa .. 534.000 11.000 - 545.000 America. 627 000 25.000 36.000 688.000 Asien . 675.000 53.000 155.000 883.000 2,090.000 119.000 235.000 2,444.000 Nach dieser Berechnung entfallen somit: 5% auf die Inseln (genauer: 4 7 / 8 %), 10% „ „ Halbinseln (genauer: 9 5 / s %)> 85% >» >t eigentlichen Kontinente (genauer: 85%%), Wird Europa = 1 angenommen, so entfallt auf Australien 0*9s» auf Africa 3V 4 , auf America 4 und auf Asien 5%. 12 In jedem Erdtheile kann man durch Abschneiden der Halbinseln eine mehr oder minder regelmassige geometrische Figur construiren, welche der Stamm des Kontinentes heisst. Die ausserhalb der Umfangslinien deg Stammes liegenden Theile des Kontinentes werden G lie der genannt. Die Grenzlinie des Kontinentes gegen das Meer bildet dessen K list enl an ge, und das Verhaltniss der Kiistenlange zum Fliicheninhalte eines Landes nennt man dessen Iiii s t en e n t wickel un g. Diese ist von bedeutendem Einflusse auf die Kultur des Landes; denn je mehr ein Erdtheil Oder ein Land dnreh Meerbusen und Buchten eingeschnitten ist, je mehr Inseln vor Oder langs der Kiiste liegen, desto mehr Punkte sind an die grosse Strasse des Ver- kehrs hinausgeriickt, wodurch sowohl der Verkehr der Bewohner nach aus warts als die Zuganglichkeit von anderen Erdtheilen erleichtert werden. Eine grosse Ktisten- entwickelung ist im Allgemeinen die Vorbedingung zu giinstiger Gestaltung des Handels und der Kulturverhaltnisse eines Landes. A. Beschreibung der Meere. §. 13. Das uUrdlichc Eismecr. (Grenz en siehe §. 10 .) Theile des nordlichen Eismeeres: 1. Das gronlandische Meer an der Ostkiiste Gronlands; 2. das spitzbergische Meer mit dein Archipel von Spitz- bergen; 3. das lappliindische Meer mit der Inselgruppe der Lofod- den an der norwegischen Kiiste; 4. das weisse Meer mit der Kandalsk’ischen , der Onega- und der Dwina- (oder Archangel-) Bucht; 5. die Tscheskaja-Bai mit der Insel Kalguew, und die Pets chora - Bai; 6. das kar is eh e Meer mit der W aj a t s eh-Strasse (zwischen dem Festlande und der Insel Wajatsch), welche in den karischen Golf fiihrt, — und mit der karischen Pforte zwischen der Insel Wajatsch und der Doppel-Insel Nowaja Semlja; 7. das s i b i r i s c h e Meer mit der Inselgruppe Neu-Sibirien (Neu-Sibirien, Fadejevskoj, und Kotelnoj) und den Meerbusen Ob (mit dem Taz’ischen Golf), Tydansky, Jenisei, Taimur und den Limanen an den Miindungen der Lena, Indigirka und Kolyma *); 8. die Behrings-Strasse (welche das nordliche Eismeer mit dem stillen Ocean verbindet) mit dem Kotzebue-Sund; 9. das Meer der nordlichen Durchfahrten oder Parry-, auch Melville-Sund, d. i. die westliche Halfte des arktischen Polarmeeres an der nordamericanischen Kiiste, mit der Banks-Strasse (zwischen der Insel Banks-Land [im Siiden] und den Prinz Patrick-, Eglinton- und Melville-Ins ein [im Norden], und der Prinz Wales-Strasse (zwischen dem Banks-Land [nordwestlich] und dem Prinz Albert-Land [siidostlich]). — Ausser den genannten sind noch folgende Inseln bemerkens- werth: Cornwallis, Nord-Devon, Grinnell-Land, Prinz Wales-Land, Nord-Somerset oder Boothia Felix und *) Kleinere Golfe sind jene von Khatansk (125° ii.), Anabara (130° o.) Borkhaja (148°o.), Chroinskaja (165° 0.), Tschaun (173° w.), Kumotschin (158° w). 13 Baffins-Land *). — Aus dem Melville-Sund gelangt man durch die Barrow - St rasse in den Lancaster-Sund, und von da in die 10. Baffins-Bai, welche dieWestkuste Gronlands besptilt und in ihrem siidostlichen Theil durch die Davis-Strasse mit dem atlantischen Ocean verbunden ist. Aus der Davis-Strasse fiihren die 11. Cumberland’s und die Hudson’s-Bai mit der Insel Southampton, der Chesterfield’s Einfahrt und der James-Bai. §. 13. Das siidliclic Eismeer. (Grenzen, siehe §. 10.) Dieses Meer ist fast ganzlich unbekannt; es ist noch zwei- felhaft, ob die in demselben entdeckten unbewohnten Kiisten ein- zelnen Inseln angehoren oder Theile eines vierten Kontinentes, d. i. eines sechten Erdtheiles, sind**). §. 14. Der indisclie Ocean. (Grenzen siehe §. 10 ,) Theile des indischen Oceans sind: 1. Das Meer von Madagascar mit dem Kanal von Mo¬ zambique, welcher die Insel Madagascar vom Festland trennt, und in dieses die Lagoa-Bai und die Busen von S of ala und Zanzibar schneidet. Im Kanal von Mozambique liegen die Co¬ moro-, nordlich die Amiranten- und Seychellen-, ostlich die Mascarenen-Inseln (Bourbon oder Reunion, und Mauritius oder Isle de France) ; 2. das arabische Meer mit dem Busen von Aden, welcher mittels der Strasse von Babel Mandeb mit dem rothen Meere (arabischen Meerbusen) verbunden ist, das mit den Buchten von Suez und Akaba endigt. Vor dem Busen von Aden liegt die Insel Socotora; 3. das persische Meer, welches durch die Strasse von Or- mus mit dem persischen Meerbusen (dem griinen Meer) ver¬ bunden ist ; im siidostlichen Theil liegen die Inselgruppen der Lakkediven und Malediven, durch die P a 1 k s - S t r a s s e (zwi- schen der Siidostspitze Yorder-Indiens und der Insel Ceylon) ge¬ langt man in den 4. Busen von Bengalen mit dem Busen von Martaban *) Dio Auffmdung einer „no r d wes t li c hen D u r chf ah r t“ (North-West-Passage) aus dem Melville-Sund nach der Behrings-Strasse (beziiglieh aus dem atlantischen in den stilien Ocean liings der Nordkiiste von America) ist von England besonders seit dem Jalire 1818 angestrebt worden. (Ross, Parry, Lyon, Franklin, Beechey, M'CIure, Dr. Kane.) Diese Durchfahrt ist sowohl nordlich (durch die Banks-Strasse) als sildlich (durch die Prinz Wales-Strasse) gefunden worden, doch ist sie fur eine regelmassige Schifffahrtsverbinduug fast ganzlich unbrauchbar, weil die Kanale dieser zwischen polarischen Insellandern sich windenden Durchfahrt fast nie vom Eis ganz frei sind. — Die bis zum Jahr 1855 diessfalls gewonnenen Re- sultate der „Nordp o 1-Exp edi t ion en“ sind in A. Petermann's vortrefflichen „Mittheilungcn“, 1855, pag. 98—119 und Tafel 8 enthalten. **) Einzelne Ktis ten s tri che sind: Yictoria-Land mit dem Erebus-Vulkan (auf 12,400' geschatzt) und dem erloschenen Krater Terror, — Alexander-, Graham-, Louis Philipp-, Enderby-, Ade'lie-Land u. s. w. — Inseln: Franklin-, Peter I.-, Biscoe-, Siid Schetland’s- und Slid Orkaden-Inseln. Capitan Ross war bis 78° 11' siidl. Br. gelangt. 14 (oder Pegu). .Er umspiilt die Andaman-und Nikobaren-Inseln, und steht mittels der Strassen von Malacca (zwischen der Halb- insel Malacca und der Insel Sumatra) und von Singapore in Verbindung mit dem 5. liinterindischen Meere, welches den Busen von Siam bildet; 6. das siid-chinesische Meer mit dem Busen von Ton¬ kin (Insel Hainan) und von Kan ton, nordostlich davon die In- eel Formosa, durch die Strasse von Fukian vom Festlande getrennt; 7. die Sunda-, Flores-, Banda-, Celebes- und Min- doro-See. In diesen Gew&ssern liegen die grossen Sunda- Inseln (Sumatra, Java, Borneo, Celebes), die kleinen Sunda- Inseln (Banka, Sumbava, Flores, Timor u. a.), die Banda- und Molukken-Inseln (Ceram, Buro, Amboina, Dshilolo), die Phil i p- pinen (Luzon oder Manila, Magindano) und die Sulu-Inseln. Die bedenteudaten Strassen eind: S un d a - Strasse zwischen Sumatra und Java, M a c a s s ar - Strasse zwischen Borneo und Celebes, Moluklten - Strasse zwischen Celebes und den Molukken. 8. Die Bai von Carpentaria an der Nordkiiste von Neu- Ilolland, aus welcher die Torres-Strasse in den grossen Ocean (in das Korallen-Meer) fiihrt; 9. die Flinder’s-See an der Siidkiiste von Neu-Ilolland mit dem Spencer’s-Golf und der Insel Kanguru. J. 15. Der atlantisclie Ocean. (Grenzen , siehe §. 10.') Theile des atlantischen Oceans sind: A. Im Osten. 1. Das skandinavische Meer zwischen Island, Norwegen und Grossbritannien mit der Insel Island und den Faruer-, Shetland- und Orkney- (oder Arkaden) Inseln; 2. das caledonische Meer an der Nordwestkuste Gross- britanniens, mit der Inselkette der Hebriden; 3. die irische See, Irland umschliessend und durch den Nord- und St. Georgskanal mit dem Ocean verbunden. Sie enthalt die Inseln Man und Anglesea, und bildet den Kanal von Bristol, und die Buchten von Liverpool, Dublin und Belfast; 4. der Canal la Manclie mit dem normannischen Busen und der Strasse von (pas de) Calais oder Dover, und den Inseln Whigt, Guernesey und Jersey; 5. die Nordsee oder das deutsche Meer bildet an der Kiiste Grossbritanniens die Busen Murray, Firth of Forth und Wash, an der Kiiste des Continentes die Zuyder-See, das Harlemer Meer, den Jahde-Busen und Do 11 art, umspiilt die Inseln Tex el und Helgoland, und steht mittels des Ska¬ gerrack, des Kattegat, des grossen und kleinen Belt und des Sund in Verbindung mit der 6. Ostsee oder dem baltischen Meere (7267 QMeilen). 15 Die Osfsee umschliesst die danischen Inseln Seeland, Fiinen, Langeland, Laaland, Falster und andere kleinere, dann die Inseln Iiligen, Bornholm, Oeland, Gothland, Oesel, Dago, die Aland’s-Inseln und viele felsige Eilande (Skaren); sie bildet den bothnischen, finnischen und ri gai s chen Meerbusen ; 7. das biscayische oder aquitanische Meer, auch Golf von Gascogne mit der Bai von Brest; 8. durch die Strasse von Gibraltar steht der Ocean in Ver- bindung mit dem m i 11 e 1 lan disch en Meere (45.131 QMeilen), welches in ein westliches und ein ostliches Becken getheilt wird. Das westliche Becken reicht von Gibraltar bis zur West- spitze Siciliens (30° o.) und wird durch die Inseln Corsica und Sardinien in zwei Half ten getrennt. In der westlichen Halfte ist der Golf von Valencia mit den Inselgruppen Pithyusen (Ivica, Formentera) und Balearen (Mallorca, Menorca), der Golf von 0 n mit den hyerischen Inseln und der Golf von Genua* Die Strasse von S. Bonifacio (zwischen Corsica und Sardinien) verbindet dieWesthalfte mit der Osthiilfte oder mit dem tyrrheni- schen (toskanischen) Meere, — der Strasse von Piombino zwi¬ schen der Westkuste Italiens und der Insel Elba, — die Inseln Ischia und Capri, endlich die Liparischen und Aegadi- schen Inseln (erstere im Norden, letztere im Westen Siciliens). An der africanischen Kiiste ist die Bai von Tunis. Die Strasse von Messina (Faro) zwischen Sicilien und dem Festlande Italiens. Das ostlichc Sleeken wird durch Griechenland und Candia ebenfalls in eine westliche und ostliche Halfte getrennt. In der west- lichen Halfte sind die Inseln Malta, G o z z o und C o m i n o , der Busen von Taranto (Tarent); die Strasse von Otranto verbin¬ det das j o n i s c h e Meer mit dem adriatischen (2730 QMeilen), in welchem die Golfe von Venedig, Triest und Fiume (Quar- nero) mit der Kette der dalmatinischen Inseln sich befinden. Im jonischen Meer ist die Kette der j onischen Inseln (Corfu, Paxo, Sta. Maura, Thiaki, Cephalonia, Zante, Cerigo) und sind die Busen von Arta, Lepanto, Koron und Kolokythia. — In der ost- lichen Halfte — dem agaiechen Meere — sind die Busen von Napoli (Nauplia), Egina, Volo, Salonik, Contessa, und (auf der asiatisclien Kiiste) Smyrna , ferner die zahlreichen Inseln des grie- clnschen Archipels, als : Candia, die C y c 1 a d en (Paros, Naxos, Milos u. s. w.), die Sporaden (Mytilene, Skios , Samos, Cos, Patmos, Ehodus u. a.}. Aus dem agaischen Meer fuhrt die Strasse der Dardanellen (Hellespont) in das Marmara -Meer (Pro¬ pontis), von hier die Strasse von Konstantinopel (thraci- scher Bosporus) in das s c hwv a r z e Meer (7860 □Meilen), und aus diesem die Strasse von Kertsch (oder von Jenikale, Feodo- sia) in das asow’sche Meer (mit der faulen See). — Der ost¬ liche Theil des Mittelmeeres heisst das s y r i s c he Meer (mit der Insel Cypern); an der africanischen Kiiste bildet es den Busen von Sidra (grosse Syrte) und von Cabes (kleine Syrte); 9. das Meer von Marocco. Westlich liegen die canari- schen Inseln (Ferro, Teneriffa, Canaria), dann Madeira und die A z o r e n ; 10 10. das Meer von Senegambien mit den Capverdi- schen und den Bissagos -Inseln; 11. das athiopische Meer mit dem Busen von Guinea, den Baien von Benin und Biafra und den Guinea-Inseln (Fer¬ nando de Po und St. Thomas); 12. das Meer von Congo; westlich im offenen Ocean liegen die Inseln St. Helena, Ascension und Trinidad; 13. das Cap meer mit der Tafelbay und dem „Cap der guten Hoffnung." B. Im Western 1. Der St. Lorenz-Busen mit den Inseln Anticosti, Pr. Eduard und Magdalena, vor demselben die Inseln Neu-Found- land und Breton; zwischen dem Festland (Labrador) und der Insel Neu-Foundland ist die Strasse Belle Isle; 2. die Fund y-Bai zwischen Neu - Braunschweig und Neu- Schottland; 3. die M as s achu s e t s - Bai mit dem Hafen von Boston, — siidlich davon die Insel Long Island im gleichnamigen Sund und die Bucht von New-York; 4. die Chesap eake-Bai ersfreckt sich weit ins Land und bildet zahlreiche Einbiegungen. Oestlich davon sind die Bermu¬ das- oder Sommer-Inseln; 5. der Canal von Florida zwischen Florida und Cuba fiihrt in den 6. Meerbusen von Mexico mit der A pal ache-Bai (im Nordosten) und der Campeche-Bai (im Siidwesten), und aus die- sem die Strasse von Yukatan in das 7. karaibische oder An t i 11 e n - Meer mit der Ilonduras- Bai und denGolfen von Guatem ala (oder Nicaragua), von Darien, von Mar a cay bo und von Pari a. Das karaibische Meer bespult die grossen Antillen: Cuba, Jamaica, Haiti (oder St. Do¬ mingo, zuerst Hispaniola genannt) und Portorico, — vor der Ostkuste der letztgenannten Insel ist die Gruppe der Virgini schen Inseln (St. Croix, St. Jean u. s. w.), an welche sich in zwei Paral- lelreihen die Kette der kleinen Antillen anschliesst (darunter Guadeloupe, Martinique, Sta. Lucia, Grenada, Barbuda, Antigua, Mariegalante, Barbados, Tabago, Trinidad); — nordostlich von den grossen Antillen liegen die Lucayas- oder Bahama-Inseln (Ba¬ hama, Abaco, Neu - Providence, Guanahani oder St. Sal¬ vator u. s. w.); 8. das brasiliani s che Meer mit dem Maranon-Busen, der Allerheiligen - Bai und der Bai von Rio de Janeiro; 9. das La Plata-Meer mit dem Busen von Buenos-Ayres und das Meer von Patagonien mit dem Golf von St. Antonio; 10. das Magelhaen s-Meer mit der Magelhaens-Strasse zwischen der Sudspitze des amerikanischen Festlandes (Cap For¬ ward) und der Insel Feuerland, dann der Strasse Le Maitre zwischen dem Feuerland und den Staaten-Inseln (Sudspitze Cap Hoorn). Ostwarts im offenen Meere liegen die Falklands- Inseln, Siid-Georgien und kleinere Inseln. 17 §. 16. Der grossc (odor stille) Ocean. ( Grenzen, siehe §. 10 .) Theile des grossen Oceans sind: A. Im Osten. 1. Das Behrings-Meer (oder von Kamtschatka) mit dem Norton-Sund und der Bristol-Bai, und den Inseln St. Lorenz, Nunniwak und der Kette der Aleuten; 2. durch dieStrasse von S chele koff (vor derselben dielnsel Kadjak) gelangt man in den Kenai-Sund (Cook’s Einfahrt), welcher im Siidosten in Verbindung steht mit dem 3. Tschugatschki- oder Prinz Willia m-Sund, welcher mit kleinen Inseln gefullt iat; 4. der Cross- (oder Kreuz-) Sund mit der Insel Sitka, dann der Prinz v. Wales - Archipel; 5. der Meerbusen von Georgia und die Admiralitat- Bucht mit dem Konigin Charlo t te-Sund und Juan de Fuca- Strasse, und den Inseln: Konigin Charlotte und Quadra oder Vancouver; 6. der Meerbusen von Californien (oder das Purpurmeer). 7. Im tropischen grossen Ocean sind: die Baien von Tehuan- tepek (16°n. B.), Papagayo (11° n. B.), Panama (bis 9° n. B.), Choco (4° n. B.) und Guayaquil (3° s. B.); westwarts (unter dem Aequator) liegen die Galop ago s - Inseln; 8. das Meer von Peru mit der Callao-Bai; 9. der Golf von V alparaiso; 10. der Chonon- (oder Guayteca-) Golf, mit der Chiloe- Insel, — siidlich von diesem der Penas-Golf, dann der Cam pana- Kanal und die Concepcion-Strasse. B. Im Western 1. Das Behrings-Meer mit dem Anadyr-Busen und der Oliutorskaja - Bai; 2. das Ochozki’sche Meer mit der Insel Karafta Coder Sachalin), und zwischen dieser und dem Festlande die tartari- sche Strasse, dann mit der Inselkette derKurilen. Mittelst der Strasse von la Perouse (zwischen Karafta und der Insel Jesso) steht es mit dem 3. Japanischen Meer in Verbindung, vor welchem die Japanischen Inseln liegen (Nipon, Sikokf, Kiusiu u. s. w.); die Sangar-Strasse (zwischen den Inseln Jesso und Nipon) verbindet es mit dem grossen Ocean, und die Strasse von Korea mit dem 4. ost-chinesischenMeer, dessen nordwestlicher Theil das gel be Meer (Whang-Hai), den Pe-tsche-li- (oder Tschili) Bu- sen und die Bucht von Liao-toung bildet; siidlicher ist die Bucht von Nangas aki, und im Siidosten davon derLiu-Kiu- (oder Likejo-) Archipel. Die Strasse von Fu-Kian (zwischen demFest- lande und der Insel Formosa oder Taiwan) fiihrt in das 5. slid-chinesische Meer (§. 14, N. 6); 6. das Inselmeer der Marianen- (oder Ladronen), Caro- linen-, Salomons-, Neu hebr i d en -, Fr e und s ch af ts-, Ge- n Klun’s Handcls-Geographie. 2. Aufl. " 18 sellschafts', der niedrigen Inseln-, Marquesas-, Lord Mulgrave-, Sandwich- und mehrere andere Archipele von Australien; 7. das Meer von Neu-Guinea, die Torres-Strasse (§. 14, Nr. 8) fiihrt in das Corallen-Meer (an der Nordostkiiste von Neu-Holland). An der Ostkiiste von Neu-Holland ist die Botany- oder Port-Jackson’s-Bai; 8. das Meer von Neu-Seeland init der Cook’s-Strasse, welche Neu-Seeland in zwei Inseln theilt; 9. das Van - D iem en s - Meer mit der Van-Diem ens- (oder Tasmania-) Insel und der Bass-Strasse zwischen dieser Insel und dem Kontinente. B, Beschreibung der Erdtheile. §. 17. Die liorizontalc Gliederung Europas. Unter borizontaler Gliederung versteht man die raum- liche Ausdehnung des Kontinentee nach Breite und Lange, die Ge¬ stalt des Stammes, die daran hangenden Glieder und die Verbrei- tung der zu dem Kontinente gehorigen Inseln. Europa ist 168.000 QM. gross; davon kommen etwa 120.000 auf den Stamm, 40.000 auf die Glieder (Halbinseln) und an 8000 auf die Inseln. Die Kiistenentwickelung betragt an 4800 Meilen, wornach auf je 38 QM. Flachenraum 1 M. Kxistenlange entfallt. Der Stamm hat die Gestalt eines Dreiecks, dessen Endpunkte in die sudostlichste Ecke des biscayischen Meerbusens, in die Nord- spitze des kaspischen Sees und in die Siidspitze des karischen Meeres fallen. §. 18. Die horizontale Gliederung Asicns. Der Flachenraum von Asien betragt an 883.000 QM.; davon entfallen an 675,000 auf den Stamm, 155,000 auf die Glieder und 53,000 auf die Inseln. Die Kiistenentwickelung betragt etwa 7700 M., wornach auf je 114 [jM. Flachenraum 1 M. Kiistenlange entfallt. 19 Der Stamm hat die Gestalt eines Trapezes, dessen 4 End- punkte sind: die Landenge von Suez, die Strasse von Hainan, das Cap Schelagskoj und der karische Golf. Die bedeutendsten Glieder von Asien sind: Die grossten asiatisehen Inseln sind: Die Inselreihe der Kurilen . 320 DM. Karafta (oder Saehalin).... 2000 „ Die japanisehen Inseln .... 10,000 „ Die chinesischen Inseln mit Formosa. 1060 „ Hainan. 758 „ Die Philippinen. 3680 „ Die Molukken. 1070 „ Celebes. 3316 „ Borneo. 13,508 „ Java. 2325 „ Sumatra. 7474 „ Ceylon. 1181 „ Cypern. 128 „ §. 19. Die horizontale Giicdcrung Africas. Der Flachenraum von Africa betragt an 545.000 [DM.; davon entfallen auf den Stamm an 534.000, auf die Inseln 11.000 QM.; die Ku s tenen t wick e 1 u ng betragt nur 3500 Meilen, wornach erst auf je 155 QM. Flachenraum 1 Meile Kiistenlange entfallt. Dieser Kontinent ist einformig, massenhaft und nich t gegliedert; die Kiisten weisen auf langen Strecken fast gerade Linien und ent- weder gar keine oder nur geringe Meereseinschnitte. Der Stamm kann durch eine Linie, welche die innersten Winkel der Busen von Biafra und Aden verbindet, in zwei Halften getheilt werden. Die nordliche Halfte hat die Gestalt eines unregel- massigen Viereckes, dessen Lange (von Ost nach West) etwa zwei- mal so gross ist als die Breite (von Nord nach Sud); die siidliche Halfte hat die Gestalt eines Dreieckes. Auf der nordlichen Hemi- sphare liegen 363.000, auf der siidlichen nur 171.000 QM. Die zu Africa gehorige Inselwelt ist verhaltnissmassig unbe- deutend. Die einzige grosselnsel ist Madagascar (10.900 0M.), ferners gehoren zu Africa die im §. 15. A. N. 9. 10. 11. 12 ge- nannten Inseln. §. 20. Die horizontale Gliederung Americas. Der Flachenraum von America betragt an 668.000 []M., da¬ von entfallen an 627.000 auf den Stamm, 61.000 QM. auf die Glieder und Inseln. — Americas grossere Halfte liegt auf der nord¬ lichen Hemisphare und es breitet sich sowohl gegen den Nordpol als auch gegen den Siidpol weiter aus, als irgend ein Kontinent. Durch die (6 Meilen breite) Landenge von Panama werden die zwei grossen Halbinseln Nord- und Sudamerica mit einander ver- bunden. America hat eine Kustenentwickelung von 9400 M., wornach auf je 71 CDM. Flachenraum 1 M. Kiistenlange entfallt. Nordamerica hat einen Flachenraum von 342.000 QM., 2 * 20 eine Kiistenentwickelung von 6000 M.; es entfallt demnach 1 M. Kiistenlange auf 57 [QM. Flachenraum; Siidamerica hat einen Flachenraum von 321.000 QM., eine Kilstenentwickelung von 3400 M.; es entfallt demnach 1 M. Kiisten- lange erst auf 94 QM. Flachenraum. Der Stamm von Nordamerica hat die Gestalt eines Dreieckes und auch jene von Siidamerica nahert sich einem rechtwinkeligen Dreiecke. §. 21. Die liorizontale Gliederung Australiens. Der Flachenraum von Australien betragt etwa 160.000 DM., wovon an 134.000 auf den Stamm, 26.000 QM. auf die Inseln und die einzige bedeutende Halbinsel Carpentaria entfallen. Die Kilstenentwickelung betragt an 1930 M., wornach auf je 82 [QM. Flachenraum 1 M. Kiistenlange entfallt. Der Stamm hat die Gestalt eines langlichen Viereckes, wel¬ ches sich mehr von Osten nach Westen (600 M.) als von Nord nach Siid (400 M.) ausdehnt. Groesere australische Inseln sind: Neu-Guinea. 12,599 [QM. Neu-Seeland (und die Nebeninseln) .... 4828 „ Van Diemens-Land oder Tasmania. . . . 1254 „ Neu-Caledonien (und die Nebeninseln) . 434 „ Sandwich (und die Nebeninseln) . 342 „ §. 22. Die liorizontale Gliederung der Erdthcile im Allgcineincn. Die Kilstenentwickelung von Euro pa ist im Vergleiche zu den anderen Erdtheilen die bei weitem ausgebildetste (1 : 38) und nimmt von Osten nach Westen zu ; die grosste Kilstenentwickelung besitzen Griechenland und Grossbrit annien. Auch die Be- schaffenheit und Lage der europaischen Inseln ist dem Verkehr und der sich ausbreitenden Kultur sehr giinstig. Nordamerica hat durch grossere Kilstenentwickelung (1: 57), durch reichere filr die Kultur sehr wichtige Inselbildung, durch sein zugangliches Flussgeiider und durch zwei bedeutende Binnenmeere Aehnlichkeit mit der vortheilhaften Gestaltung von Europa, mit dem es in grosserer Verbindung steht als mit der asiatischen Ostkiiste. 21 Die Nordostseite Americas ist aber auch durch Buchten, Hafen und Inseln vollst&ndiger entwickelt als die Westseite. Siidamerica dagegen erinnert durch seine Gestalt, die Ein- formigkeit des Kiistensaumes (1 : 94) und die Armuth der Inselbil- dung mehr an Africa. Asien (1 : 114) hat die starkste Gliederung im Siiden und hier auch die reichste Inselbildung. Diese grosste Inselgruppe der Erde bildet gleichsam eine Welt fur sich. Im Wes ten ist nur Eine grossere Halbinsel, doch bilden die vielen kleineren Inseln die Briicken fur die Kultur nach Europa. Im Nor den entsteht durch die erweiterten Flussmiindungen zwar eine reichere Gliederung, doch dringen die Meereseinschnitte nicht in die gemassigte Zone, wesshalb jene Erdtheile fiir Ansiedlungen minder geeignet sind. Die Glie¬ derung im Os ten ist beinahe zehnmal geringer als jene im Siiden. Africa hat die einfachste horizontale Gliederung (1 : 155), es ist ein Stamm ohne Glieder, so daBs sich die Gestalt einer ovalen Eigur nahert, und dieser Kontinent hat somit die geringste Zugang- lichkeit. Auch entbehrt er der Vortheile der Inselbildung, da er fast keine bedeutenden Gestade-Inseln besitzt. Die horizontale Gliederung des Kontinentes von Australien ist fast ebenso entwickelt wie America (1 : 82). Im Norden wie im Siiden ist nur je Ein tiefer Einschnitt; im Siidosten dagegen hat es im kleinsten Umfange den grossten Hafenreichthum der Erde und ist der Mittelpunkt fiir die Schifffahrt der Siid-Hemisphare und der Colonisation Australiens geworden. §. 23. Die vertikale Gliederung. Unter vertikaler Gliederung (oder senkrechter Erhebung) versteht man die raumliche Ausdehnung der einzelnen Theile des Kontinentes vom Meeresspiegel nach den ausseren Grenzen der Luft- hiille zu. Sie ist weit einflussreicher auf das Natur- und Volker- leben als die horizontale Gliederung. Einerseits findet auf kleinen horizontalen aber bedeutenden vertikalen Dimensionen die grOsste Ver- schiedenheit in Bezug auf Temperatur, Klima und Vegetation statt; andererseits bilden vertikale Erhebungen Hemmnisse fiir den Verkehr und die Ausbreitung der Kultur der Volker. Der Zug der Gebirge bestimmt weiters die Abdachung, folglich die Hauptrichtung der Fliisse, und Gebirge sind nicht selten nicht nur Wasserscheiden, sondern auch Sprachscheiden, Grenzen der Kulturentwickelung stamm- oder sprachverschiedener Nachbarn. Gebirgsiibergange und Gebirgspasse verbinden hingegen oft nach verschiedenen Richtungen auslaufende Strassen, sie vermitteln den materiellen und geistigen Verkehr. An den Zug der Gebirgsthaler und Gebirgsiibergange, an den Lauf der Fliisse und ihre Miindungen, an die Kiistenentwicke- lung ist fast die gesammte Kultur und Sittigung der Volker, die Ge- schichte des materiellen und geistigen Aufbliihens, die der Volkerziige, Kriegsthaten, des Handels und der Industrie gekniipft. Die Kenntniss der Gebirgssysteme und des Flussgeaders ist demnach fiir den Ver¬ kehr von hoher Bedeutung. Der Meeresspiegel wird als eine Flache betrachtet, deren 22 Punkte vom Mittelpunkte der Erde gleichweit abstehen (etwa 860 Mei- len). Das Festland erhebt sich nun (mit seltenen Ausnabraen) liber den Meeresspiegel, und diese Erhebung fiber dem Meere heisst ab¬ solute Hohe eines Punktes (Seehohe), wahrend die Erhebung eines Punktes fiber die nachste Umgebung (z. B. fiber einen See, die Thal- sohle u. dgl.) dessen relative Hohe genannt wird. Jene Theile der Erdoberflache, deren Seehohe 600' oder mehr betragt, heissen Hoch- lander, unter 600' aber Tieflander. §. 24. Die vertikale Glicderung 1 von Enropa. Europa besitzt eine noch grossere Mannigfaltigkeit in der ver- tikalen Gliederung als in der horizontalen Bildung und diese Mannig¬ faltigkeit, welche das Charakteristische dieses Erdtheiles ist, ersetzt die fehlende Grossartigkeit, In Europa findet man alle Hauptformen der Bodenbildung (Hochgebirge, Mittelgebirge, Tiefebene, Tafelland, Stufenland); aber nirgends kommen massenhafte Bildungen oder kolos- sale Dimensionen vor. Eine Linie von der Rhein- zur Dnjestr-Mfin- dung scheidet im Kontinentalkorper das grosse zusammenhangende Tiefland von No r do s t-Eu r o p a von dem Gebirgslande Siidwest-Europas. Daseuropaische Bergland nimmt 53,000QM., das Tiefland 115,000 QM. ein; das Verhaltniss von Bergland zu Tiefland ist somit 2:5, und Europa iibertrifft im Vorherrschen der Form des Tieflandes alle tibrigen Erdtheile. Die Form des Tief- landes herrscht jedoch nur im Kontinental-Korper vor; in den Glie- dern (Halbinseln sowohl als Inseln) ist die Form des Berglandes Uber- wiegend; — beide Formen aber stehen in vielfaltiger Berfihrung zu einander, wodurch die Einformigkeit des einen wie des anderen be- seitigt und die Verbindungen der verschiedenen Gegenden dieses Erdtheiles unter einander erleichtert werden. §. 25. Uebcrsicht des etiropitischen Gebirgslandes. a) Im kontinentalen Dreieeke. Das bedeutendste Gebirgssystem in Europa sind die Alpen. Zwischen 12 Langengraden und in einer von Westen nach Osten (zwischen 20 — 40 Meilen) wachsenden Breite nehmen sie einen Fliichenraum von beilaufig 4500 QM. ein. Sie sind keineswegs ein regHmassig gegliedertes Gebirgssystem, sondern das Alpenganze ist gleichsam eine Summe von selbststandigen Erhebungsmassen, von Berg- und Gipfelfamilien, die durch Firste oder mittelbare Ver- bindungsglieder mit einander in Verbindung stehen; sie sind grosse, durch Einsattlungen getrennte, vielgipfelige Hochgebirgsmassen, deren Glieder sich nach alien Richtungen als Langen- und Querketten ver- zweigen. Nach der horizontalen Erstreckung konnen sie in West- und Ostalpen eingetheilt werden. Als Grenze zwischen beiden kann das Rhonethal bis zur Einsattlung am grossen St. Bernhard, das Dorathal, der Po und das Thai bis zum Boccbetta-Passe(bei Genua) an- genommen werden. In Bezug auf die vertikale Erhebung unterschei- det man drei Abstufungen: a) Vor alpen (2000—5000'), haupt- sfichlich auf der Nordseite, reich an Waldern, Weiden und Isevolker- ten industriereichen Thfilern; b) Mittelalpen, mit einer durch- 23 schnittlichen Kammhohe von 5000—8000', von der Grenzedes Baum- wuchses bis zu jener des ewigen Schnees, — Alpenwirthschaft und Jagd bieten reichen Erwerb; — c) Hochalpen (8000—12000') oder die Region des ewigen Schnees und Eises mit Schneefeldern auf den Riicken der Alpenketten und Gletschern an den muldenformigen Enden der Schneefelder. A. Die Westalpen. Sie ziehen sich zwiscben den Golfen von Genua und Lyon im Halbbogen bis zur obgenannten Grenzlinie. Die mittlere Kammhohe so wie die Hohen der Gipfel nehmen von Siiden nach Norden zu, der Westabhang ist breiter, der Ostabhang vielfach steil. Sie zeichnen sich durch Schroffheit und Wildheit der Gestaltung, Hohe der Gipfel, kiirzere, enger geschlossene, meist von Westen nach Osten ziehende Ketten aus und werden in 3 Gruppen geschieden: 1. Die Seealpen — von der Bocchetta bis zur Po-Quelle; (M. Viso 11.800'); 2. die Cottischen Alpen, — von da bis zum Thale der Dora Ripera, dann begrenzt vom M. Cenis-Pass (6000) und dem Thale der Is&re; sie reichen am weitesten nach Westen; (M. Cenis 8670', M. Genevre 11.000'); 3. die grauen (oder grajischen) Alpen, zwischen den Rhone- thalern, dem Genfersee, der Einsattlung am grossen St. Bernhard (7700 ) und dem Dora balt&a-Thale. (M. Blanc 14.800', M. Is gran 12.400'.) B. Die Ostalpen. Die Hauptgruppen der Ostalpen ziehen sich in langeren Ketten in ostlicher Richtung, werden stets niederer, je breiter sie sich entfalten, zeichnen sich durch einen eigenthiim- lichen Parallelismus aus, und bestehen aus einer Mitt el zone und aus zwei begleitenden Nebenzonen. In der ganzen Lange der Ostalpen zieht sich namlich eine Reihe abgesonderter Centralmassen aus primitiven Felsmauern (hauptsachlich Granit) als Central- oder Ural pen hin. Die zerrissenen schroffen Grate und pyramida- Ien Gipfel mit steil abgerissenen Felswanden ragen hoch in die Schneeregion, ihre Hochthaler sind mit Gletschern bedeckt, zwi¬ schen den nord- und sudw&rts auslaufenden Seitenarmen ziehen sich tiefgefurchte Parallel-Thaler und scheiden die Centralmassen in viele abgesonderte Gruppen. Diese Centralalpen werden an der Nord- und Siidseite von fast parallelen Giirteln begleitet, deren vorherrschendes Gestein der Kalkstein ist, wo von sie denNamen der nordlichen und siidlichen Kalkalpen erhalten haben. Die lichtgraue Farbung, die zerkliifteten unregelmassigen Formen und kahlen Wande, die seltene Gletscherbildung, die zahlreichen Engpasse, durch welche sich haufig Wildbache stiirzen, kennzeich- nen im Allgemeinen die Kalkalpen. a) Die Central-Alpen. Die einzelnen Gruppen der Central-Alpen sind: 1. Die Walliser- (oder Penninischen) Alpen zwischen den Einsattlungen des grossen St. Bernhard und Simplon, den Thalern der Rhone und Dora balt£a und der lombardischen Ebene mit einer 24 mittleren Hohe von 6600', zahlreichen Schpeegipfeln, grossartigen Gletschern, der hochste und wildeste Theil des Alpengebirges, die kompakteste und grossartigste Gruppe in der Schweiz, mit einer Menge enger, bewohnter Seitenthaler. (M. Rosa 14284', M. Cervin 13.864’.) 2. Die Adular- (oder lepontinischen) Alpen, ein weitver- zweigter Gebirgsstock zwischen dem obersten Ehonethal und jenem des Ilinterrheins, vom Simplon - Passe (6200') bis zur Spliigen- scharte (6500') mit den drei Einsenkungen des St. Gotthard, Bern- hardin und Spliigen, nebst den Siidauslaufern zwischen dem Lago maggiore, dem Lugano- und Como-See. (St. Gotthard’s Passhohe 6400', Lukmanier 6135', Spliigen-Passhohe 6500'.) 3. Die B ern er-Alpen, begrenzt von den Thalern der Rhone und Aar (welche der Grimsel-Pass mit einander verbindet) und der Schweizer Hochebene, laufen fast parallel mit den Walliser-Alpen, denen sie an Hohe nur wenig, an Mannigfaltigbeit und Schonheit der Formen gar nicht nachstehen, mit sehr steilem Siidabfall ins Ehonethal. Kein anderer Theil der Hochgebirgs-Schweiz hat eine solche imposante Langenausdehnung, keiner so flachenhaft-zusam- raenhangende Gletscher und Firnfelder, und bei keinem ist die Gipfelbildung so reichhaltig, formenkecb, und darum fur das Auge so iiberraschend entwickelt als bei diesem. t (Finsteraarhorn 13.160', Jungfrau 12.800', Schreckhorn, Wetterhorn, Monch.) 4. Die Glarner-, Schwyzer- und O s t u rn e r-Alpen (oder Todi-Gruppe) in der Richtung der Berner-Alpen, zwischen dem Reuss- und Vorderrheinthal. (Berghohen: Tiidi 11.100', Calanda, Glitrnisch, Mythen, Rigi.) 5. Die V ierw al d s t a 11 e r - Alpen (oder Titlis-Gruppe) zwi¬ schen den Thalern der Reuss und Aar mit den bedeutendsten Hohen: Titlis, Uri-Rothstock, Pilatus, Napf. 6. Die Thur- Alpen mit dem Santis und den Appenzeller- Alpen zwischen dem Wallenstadter-See, dem Rhein und Bodensee. 7. Die rhatischen Alpen beginnen an der Spliigenscharte und endigen an den tiefen Einsenkungen des Brenner-Passes (4425’). Sie bestehen aus zwei Hochgebirgsketten und mehreren Yerzweigungen. a) Die S ep t i m e r-Kette (oder die Graubundtner-Alpen) am lin- ken Inn-Ufer mit dem Septimer (7560'), Julier (6440'), [iiber wel- chen eine Kunststrasse fiihrt,] Albula und dem Jamthaler-Fer- ner, von wo ein Arm iiber den Albuinkopf (10.230') als Rh'ati- kon-Kette zum Rhein, ein anderer zum Arlberg (Sattel 5651', hochster Punkt 9158'), und der Hauptzug durch das Paznaun- Thal bis zur Miindung der Trisana in den Inn sich hinzieht, und b) die Ber nin a-Kette zwischen dem Inn und der Adda bis zum Wormser- und Stilfser-Joche (8850'), (Bernina-Pass 7000'), und die V elt liner-Alpen am linken Adda-Ufer, welche am Como- See (M, Ligonico 10.500') endigen. 8. Oestlich von der tiefen Scharte des Rechenscheideck (4840', in der Nahe der Etschquelle) sind die Tiroler-Alpen mit den ausgedehnten Gletschergruppen des Gebatsch-, Hochvernagt-, Oetz- thaler- und Stubai-Ferners, iiber denen hohe Spitzen emporragen, und mit tiefen Thalspalten. (Bergspitzen : Weisskugel Oder hintere wilde Eisspitze ll.SOO', — Wild- spitz 11.900', — Similaunspitz 11.400’, — der hohe First 10.700'.) 9. Ostwarts vom Wormser- und Stilfser-Joch (8600') ziehen sich zwischen der Adda und Etsch die Ortel er-Alpen mit den Zufall-, Forno-, Lavis-Fernern u. s. w. (Berghiihen: Ortelsspitze 12.350’ — Oesterreichs und Dentschlands hOchster Punkt —, H. Zebru 12.200', — M. Adamello 11.250'.) 10. Das untere Inn- und Wip-Thal und die Brenner-Einsen- kung (4450') zum Eisack- und Etschthale bilden ebenfalls eine naturliche Grenzscheide im Alpengebiete. Im Oaten dieser Scheide- linie sind die Gletscher des Ziller - Thales und dann die ho hen Tauern, in mehrere Gruppen getrennt, mit auagedehnten Gletschern und hohen Bergspitzen iiber denselben. (Dreihermspitz 11.349', —• Sulzbacher Venediger 11.600', — Grossgloekner 12.000', — Wiessbachhorn 11.300’, — der Hochnarr*) 10.900', — Ankogel 10.300'.) Am Hafnerspitz, im Westen der Einsattlung am Katsch- berge (5100') trennt sich davon die Kette der niederen Tauern, welche sich von der Gabelung an der Murquelle nordlich (zwi¬ schen der Enns und Mur) ala Radstadter- (Hochgolling 9000') und Rottenmanns-Tauern unter vielen Lokalbenennungen hinziehen, und dann in der Hohe von Voralpen zur Mur lierabsenken. Sie ver- lieren auf ihrem Zuge nach Oaten an Schroffheit, Gletscherbildung, Hohe und Kettenverbindung. Der siidliche Zug geht zwischen der Mur und Drave, gewinnt an Breite, wird von der Mur (bei der Einmundung der Miirz) durchbrochen, zieht sich langs dem linken Murufer (Plankogel, Schockl (4545'), und langs der Miirz, erreicht im Wechsel (5500') den lezten bedeutenden Hohepunkt der Ur- alpen, und senkt sich im Leithagebirge zur Donau herab. Vom Murdurchbruche ziehen sich am rechten Murufer bisjen- seits der Drave im convexen Halbbogen mehr oder minder zusam- menhangende, die Parallelketten der Alpen abschliessende Gruppen mit localen BenennUngen (Stub-, Pack-, Sau-, Kor- und Schwab- Alpe, Posruck, Bacher-Gebirge), bis sie in den Windischen Buheln zwischen der Mur und Drave zur Ebene sich senken. b) Die nordlichen Kalkalpen. Die nordlichen Kalkalpen erstrecken sich vom Bodensee und dem Rheinthale bis zum Donaubecken bei Wien , haben einen steilen Abfall nach Siiden und werden durch Querthaler und Neben- fliisse der Donau in mehrere Gruppen geschieden: 1. Die Algauer-Alpen vom Rheinthale und dem Ufer des Bodensees bis zum Durchbruche des Inn bei Kufstein. Gegen das Innthal fallt das Gebirge steil ab, gegen Oberschwaben und die bairische Ilochebene senkt es sich allmahlich mit vielen Widerlagen und Armen. Die grosste Masse davon liegt in Baiern, daher der Name bairische Alpen. Sie werden durch die Thaler der Bre- genzer-Ach, der Iller, des Lech und der Isar in mehrere Gruppen *) Der alteste dokumentirte Name ist Hochhorn. 26 geschieden, nur am nordlichen Rande des Innthales ziehen sie sich in zusammenh&ngender Kette. (Rothe Wand 8500', in der Nahe der Lechquelle,— Ilochkogel 8167', zwischen Iller und Lech, — der grosse Sollstein 9357', nordlieh von Zirl, — der kleine Sollstein mit der Martinswand 8000', nordwestlich von Innsbruck; — zwischen der Loisach und Isar das Wettersteingebirge (Zugspitze 9300), — ostlich der Isar das Kahrwandelgebirge.) Im Osten vom Inndurchbruche zerfallen die Kalkalpen in viele Gruppen, mit tiefeingeschnittenen Thalern und zahlreichen Seen. Diese Gruppen, welche sich auch durch Mannigfaltigkeit der For- men und malerische Schonheit in einzelnen Partien auszeichnen, bilden gewcihnlich Plateaux, iiber welche einzelne Gipfel emporragen. — Die bedeutendsten Gruppen sind : 2. Die Ber cht e sgadner-Gruppe zwischen Saale und Salza mit dem „8teinernen Meer“ und der „iibergossenen Aim." (Ewiger Schneeberg 9298', — Watzmann 9058', — der hohe Goll 8030', — der Untersberg 5860'.) 3. Das Tannengebirge, ostlich der Salza, rauh und vege- tationsarm. (Rauchek 7682'). 4. Die Dach stein - Gruppe mit dem Dachstein (9490') und den ostlichen Gletschern der Nordalpen , endet mit dem Laufner in das Ischl-Thal. Nordlieh davon, zwischen dem Mond-, Traun- und Wolfgang-See steht der Schafberg (5630') mit einer sehr malerischen Rundschau und ostlich von diesem das Plateau des Hollengebirges. Zwischen der Traun und dem Inn zieht sich die Hiigelmasse des Hausruck. 5. Die Priel-Gruppe mit einer Reihe von Hochplateaux und vielen Verzweigungen zwischen der Traun, Enns und Steier; ostlich vom Steierthale das H o c h s e n g se n - Gebirge und ostlich vom Gmundner-See die Gruppe des Traunstein. (Grosser Priel 7940', — kleiner Priel 6740’, — Traunstein 5340'.) 6. Das Felsenplateau des Hochschwab (7174') eine der grossartigsten Alpenmassen, dessen Yorberge zur Enns, Mur und Miirz reichen. Ueber die Einsattlung des Seeberges steht der Hoch¬ schwab in Yerbindung mit der Veitsch-Alpe (6246'), und von dieser ist durch die Miirz die Selinee-Alpe (5988') getrennt, welche iiber den Nassberg-Sattel mit der Rax-Alpe (Ileukuppe 6338') zu- sammenhangt. Ala letzter Hochgipfel der nordlichen Kalkalpen steht der Schneeberg (6566'). In °der Nahe der Erlaf- und Ypsquelle steht der Oetscher (5969'). Der Zug dieser Hochgipfel senkt sich allmahlich zu niederen Vorbergen unter dem gemeinsamen Namen des Wi ener-Waldes gegen die Donau herab und endet in dem Kahlenberge (1329') bei Wien. c) Die siidlichen Kalkalpen. Die siidlichen Kalkalpen ziehen sich von dem ostlichen Ufer des Lago maggiore im Norden der lombardisch - venezianischen Ebene, des Karstplateau und der Save bis zur Theissmiindung. — Ihre bedeutenderen Gruppen sind: 1. Die lombardischen Alpen, ein Gebirgszug zwischen den Central-Alpen und der lombardischen Ebene, dem Ostufer des 27 Lago maggiore und der Etsch, welcher durch tiefgelegene Seen und Flussthaler in viele Gruppen geschieden wird. Den Uebergang vom Hoehland zur Tiefebene bilden niedere Vorgruppen (die Hiigel der Brianza zwischen Lecco und Monza). Zwischen dem Garda-See und der Etsch zieht sich der schroffe Riicken des M. Baldo (M. maggiore 7300'), a. Im Osten des Idochlandes von Hinterasien (am Unterlaufe des Yantsekiang und Hoangho) ist das reichlich bewasserte und vortrefflioh angebaute ohinesische Tiefland (10.000 []M.); sudlich liegt an den Ufern der h in t e ri ndi s chen Strome das gleichnamige Tiefland. Im nordlichen Theile Vorderindiens liegt am Indus und Ganges das Tiefland von Ilindostan (24.000 QM.). Das Tiefland von Mesopotamien und Babylonien (am Euphrat und Tigris) zwischen dem armenischen Berglande und dem persi- schen Meerbusen mit fruchtbaren Landschaften (am Mittel- und Unterlauf der genannten Fliisse). Westlich davon dehnt sich die syr i sc h - a ra bi sche Waste aus, bereits ein Uebergang zu den Sandwiisten Africas. §. 33. Die vertikale Dliedcrung von Africa. Wie in Hinsioht der horizontalen so bietet Africa auch in Hin- sicht der vertikalen Gliederung ein Bild der Massenhaftigkeit dar; dagegen ist nach den neuesten Forschungen die Einformigkeit eine geringere, die vertikale Gliederung und die Zuganglichkeit im Innern eine grossere, als man friiher angenommen hatte. Das Hoch- land nimmt etwa zwei Drittel, das Tiefland ein Drittel der Gesammt- flache ein; ersteres liegt vorzugsweise im Siiden, letzteres im Norden, beitle sind von Bergztigen durchschnitten. Den Siiden nimmt Hoch- africa (gegen 285.000 QM.) ein, an welches sich im Norden das ho he Sudan und das Alpenland von Habesch (oder Abessinien) anschliessen. Dem Nordrande von Hochafrica ist das flache Su¬ dan vorgelagert Zwei getrennte Gebirgsglieder, das Plateau der Berberei und jenes vonBarka, begrenzen die grosse africanische Hochebene, die „Sahara.“ § 34. Hoc]r-Africa. D ie Siidhalfte von Africa (vom 6° n. B. an) scheint grossen- theils eine Hochebene zu sein mit einer tielen Einsenkung in der Mitte, im Westen und Siiden von Randgebirgen umgeben, welche in terrassenformigen Absatzen fast bis zum Meere abfallen, und nur einen schmalen Kiistensaum iibrig lassen; an der Ostkuste dehnt sich eine grosse Tiefebene aus, mit isolirten Gebirgsgruppen. • 39 Der SfidramR oder dasKapland ist eine Terrasse von drei Slufen. Die erste (anterste) bilden die Kiist enebenen des Kap- landes (5—7 M. breit); — die zweite Stufe ist die 3000' hohe an 1000 nMeilen grosse Karroo-Ebene; — die dritte 5000' hoch ist die Ilochebene des O ranje-Stromes und wahrscheinlich scbon ein Theil der Scheitelflache Hochafricas. Jede dieser Stufen ist von der nachsthoheren durch Randgebirge geschieden; die erste von der zvveiten gegen den Atlantik durch das Bokkeveld-Gebirge, gegen das indische Meer durch die Zwarten-Berge (beide 4—5000), — die zweite von der dritten durch ein Gebirge mit mehreren Namen: Roggeveld-, Nieuweveld-, Koudvelds- Berge (mit Gipfeln von 10.000'). Der Ostraud diirfte zum Theile ahnlich gebaut sein; zwischen dem 2° bis 13° siidlicher Breite erscheint die Ostkiiste jedoch als eine Ebene, die sicli kaum merkbar erhebt, dann sich gegen Westen senkt, zu einem grossen See, der im nordlichen Theile Ukerhwe (oder Niassi, oder Uniamesi) genannt wird. Aus dieser Ebene (1—5° siidlicher Breite) soli sich der siidliche Abfall des Plateaus von Ilabesch erheben, dessen hochste Gipfel: Kignea (oder Kenia) und Kilimandscharo (zwischen 18 bis 20.000') in die Region des ewigen Schnees ragen. Als Fortsetzung der fruher genannten Bergketten (Koudvelds-Berge) ziehen sich (von Suden gegen Nordosten) die Storm- Witte- Kalamba- (oder Drachen-) Berge, vor denen sich gegen das indische Meer die Kaffernkuste (Kaffraria und Natal), die Kuste von Sofala und Mozambique, ferner jene von Zanguebar (Zanzibar) und Adjan, endlich (vom Kap Guardafui bis zur Strasse Bab-el-Mandeb) die Kuste Somitl ausbreiten. Das Lupat a - Gebirge seheint die zweite Stufe von der dritten, und das Fura-Gebirge die dritte von der Hoehflaehe zu scheiden. Weiter nordwarts wissen wir bis jetzt vom Ostrande nichts Gewisses. Der Nordrand ist nur auf seiner Ost- und Westseite zum Theile bekannt; die Mitte des Nordrandes ist noch nicht erforscht. Auf der Ostseite bilden den Nordrand die drei Terrassen von Ha- b e sch, deren mittlere etwa4800—9000', und die hochste 9.000—13.800' hoch sind; auf der Nordwestseite erhebt sich das hohe Sudan mit der Bergkette Kong, welche unter 20° o. zu einem breiten Ge- birgsriicken wird, und als solcher bis zur Sierra Leone sich hin- zieht. Nur die Vorstufen an dem Meerbusen von Benin sind etwas genauer bekannt. Der Wcstrand steigt aus der Bai von Biafra 13.000' hoch empor (Hochland der Amboser). Zwischen 6° und 16° sildlich ■wiederholt sich die Terrassenbildung des Kaplandes. Die Hoehflaehe seheint 8000' hoch; im Uebrigen ist der Westrand ebenfalls wenig bekannt. §. 35. Die getrennteu Gebirgsglietler in Africa. Nur der nordlichste Theil Africas enthalt getrennte Gebirgs- glieder: das Hochland der Berberei mit dem At las gebirge und das Plateau von Bark a, beide von einander getrennt durch den Witstenstreif der Sultinebene. a) Das Hochland der Berberei (von Ritter als „Klein- africa“ mit „K!einasien“ zusammengestellt) steigt auf einer Flache von 21.000 □Meilen zwischen 1500—2000' hoch. Den Nordrand 40 bildet der kleine Atlas, den Westrand der ho he Atlas (mit Gipfeln von 13,000'), den Sildrand der grosse Atlas, dessen Gst- liche Verlangerung die Soudah- oder schwarzen Berge heis- sen, den Ostrand die Felshohen von Tunis. b) Das Plateau von Barka, ohne hohe Bergketten, 1500' hoch und 2000 QMeilen gross, fallt im Norden steil ab, im Siid- Osten senkt es sieh zu der libyschen Wiiste herab. Unter den africanischen Inseln hat Madagaskar ein bedeutendes Kettengebirge (mit Gipfeln iiber 10.000'). Die Azoren, die kana- rischen (der Pik auf Teneriffa 11.000') und die kapverdischen Inseln, dann Ascension, St. Helena u. s. w. sind gebirgig und meist vulkanischer Natnr. §. 36. Die Tief- und Stufenlander in Africa. Dem Ostrande des Kong-Gebirges ist ein wellenformiges Flach- land (von 1.200' mittlerer Erhebung und von etwa 40.000 QMeilen Flache) vorgelagert, welches eine Stufe zum Tieflande bildet, — es ist FIach-Sudan, in eine westliche und ostliche Halfte getheilt. — Im Siiden der nordafrikanischen Hochliinder, fast durch die ganze Breite des Erdtheils breitet sich vom atlantischen Ocean bis zu den Bergwanden des Nilthales die grosste Wiiste der Erde — die Sa¬ hara — auf einer Flache von mehr als 120.000 QMeilen aus. Sie ist eine Hochebene von ziemlich gleicher Erhebung (1.200—1.500% aus der einzelne Bergztige und Berggipfel (bis zu 5.000 — 6.000') emporsteigen. Ein Zug klippiger Hohen, Felsenriffe und Oasen zieht sich von Tripoli nach dem Tsadsee (32° ostlicher Lange), und theilt die Wiiste in zwei an Umfang, Bodenbeschaffenheit und Cha- rakter verschiedene Half ten. Die grossere West halfte, die Sahel, ist das eigentliche Flugsandmeer, dessen Anhaufung an der Meeres- kiiste die hochsten Diinen der Erde (bis 400' am Kap Bojador) ge- bildet hat, und eine Fortsetzung dieses „Wandermeeres“ in das Meer hinein ist die ausgedehnte, der Schiffahrt hochst gefahrliche Sandbank. Das innere der Westhalfte hat wenig Brunnen und Oasen, und eine grosse Armuth in der Pflanzen- und Thierwelt. Die kleinere Osth alfte — die eigentliche Sahara oder die libysche Wiiste — hat geringere Massen von Flugsand, an der Oberflache treten Kalk- und Thonboden, schwarzer Sandstein, Kiesel und (wo Felsen fehlen) Salzflachen hervor. Quell en gelangen leichter zur Oberflache, kunstliche Brunnen geben schon bei geringer Tiefe (6—8) Wasser, die Oasen sind zahlreicher und grosser, am Ost- und Nordrande bilden sich Kulturstellen. Der ostliche Oasen- zug, parallel mit dem Unterlauf des Nil, hat im Siiden die grosse (22 Meilen lang),_ im Norden die kleine (4 Meilen lang) Oase, beide von geringer Breite. Der nordostliche Oasenzug schliesst sich im Osten an den friiheren an, und hat die Oase Siwah (Ammo¬ nium) und Fezzan (Hauptstadt Murzuk). —• Das Ostende dieser Zone nehmen die Stufenlander des Nil ein, und zwar: a) das mittlere Stufenland Nubien, ein von 3.000' bis 600 sich senkendes Plateau mit den drei Stufen: Senaar, Dongola und Nuba;- — b) das untere — Aegypten — von dem Nilthal mit demDelta, 41 durchzogen (bis 30° nordlicher Breite), zwischen der arabischen Bergkette (im Osten) und dem libyschen Felsdamme (im Wes ten). §. 37. Die vertikale Gliedcrung von America. Die vertikale Gliederung Americas unterscheidet sicb von der Asiens und Africas dadurch, dass in America die Form des Tief- landes vorherrscht; die Erhebung des Bodens tritt nicht als massen- haftes Plateau system, sondern als das grosste System der Ketten- gebirge mit untergeordneter Plateaubildung auf. Die Ebenenimmt etwa 2 / s , das Bergland T / 3 der Gesammtflache ein; die Vertheilung ist im Allgemeinen eine einformige, indem sich das Hoch- gebirgssystem der Cordilleren auf einer langausgedehnten Basis (an 216.000 QMeilen, oder fast x / 3 Americas) an die Westgestade lagert, wahrend aus den ostlich ausgebreiteten Flachen nur isolirte Gebirge sich erheben. Sie scheiden somit America in eine breite ostliche, und in eine sehr schmale westliche Halfte. Die Einsenkung in der Landenge von Panama trennt die Cordilleren in zwei an Lange ziemlich gleiche, an Breite und Hohe sehr verschiedeneHalf- ten, in die Cordilleren von Siid- und Nord-America, §. 38. Die Cordilleren Oder Andcn (Cordilleras de los Andes). a) Cordilleren von Slid - America. Nach dem Bau des Gebirges konnen sie eingetheilt werden in: die einkettigen Sfid-Anden, — die doppelkettigen Mittel-Anden mit Hochthalern , Gebirgsknoten und salzigen Hochseen, — und die divergirenden Nord-Anden ohne Ge¬ birgsknoten und mit Tiefthalern; — nach den Landschaften, welche sie durchziehen, in: Cordilleren des Feuerland-Archipels und der Magelhaens-Strasse, von Patagonien, Chile, Bo¬ livia und Peru, Quito und Neu-Granada. Der sfidlichste Punkt der ganzen Gebirgskette ist das Cap Hoorn (2940'), einzelne Zweige derselben sind auf dem Feuerland und den benachbarten Inseln, doch scheint kein Gipfel fiber 7.000' sich zu erheben (Sarmiento, Darwin). Schneelinie 3.500 — 4.000'. Die Cord, von Patagonien (bis 42° sudlicher Breite) dicht an der Ktiste des grossen Oceans, mittlere Kammhohe 3.000', Schneelinie 5.000', von Siiden nach Norden an Ilohe zunehmend. (Nevados oder Schneeberge, Paramos sind hohe Bergeinoden unter der Schnee- region, — Minchinmadom 7.640'). Die Cord, von Chile (42—20° sfidlicher Breite), an Hohe zunehmend (mittl. Hohe 12.000'), nach Westen. steil, im Osten stufenhaft abfallend, bis 35° sfidlicher Breite. Bis hieher Eine Kette , von hier drei ostliche Verzweigun- gen, noch wenig bekannte Hochebenen umschliessend (unter 37° sfidlicher Breite Aconcagua 21.000'), mit metallreichen Bergland- schaften (Erzgebirge von Uspallata). — Die Cord, von Bolivia und Peru beginnen mit dem Plateau von Potosi (11--12.000' hoch, unter 20° sudlicher Breite) mit mehreren Berggruppen (Lirima, 22—23.000'hoch??). Von diesem Plateau laufen zwei Gebirgsaste aus der westliche, die Kustencordillere oder Cord, von 42 Peru mit den hoclisten Theilen des Cordillerensystems (Cord de la cuesta); jah zum grossen Ocean abfallend (mittlere Kammhohe fast 14.000", — Sclineelinie 1T.000 ) mit einer Kette theils erlosche- ner, theils thatiger Vulkane und kegelfdrmiger Gipfel (Saliama 20.971", — Parinacota 20.670", — Gualatieri 20.604", — Pomarape 20.360", — Chuquibamba 19.700") — der ostliche, die Cord, von Bolivia mit geringerer Kammhohe (13.500") und zerrissenen zacki- gen Pics (Sorata 19.974", Illimani 19.843"). Zwischen dem westlichen und ostlichen Cordillerenaste liegt das Plateau desTitica- c a s e e s (250 Q Meilen 13.000' hoch) oder Hochplateau von Peru und Bolivia (1.000 QMeilen). Am Nordende dieses Pla¬ teaus vereinigen sich die beiden Aeste zum Gebirgsknoten von Cuzco, dem ausgedehntesten in der ganzen Andenkette. Nordlich vom Gebirgsknoten Pasco (11—10° sudlicher Breite) spal- tet sich das Gebirge in drei Ketten, dessen westliche Gipfel mit ewigem Schnee bedeckt sind und welche sich in dem Bergknoten von Loxa ( 5.5 — 3 . 75 ° sudlicher Breite) wieder vereinigen. — Die Cord, von Ouito zwischen dem Knoten von Loxa und von 1 o s Pastos (4° sudlicher — l T / 2 nordlicher Breite) bestehen aus zwei Parallelketten, welche ein Hochthal (8.500' hoch) einschliessen. In der westlichen Kette ragt zwischen dem Y 1 i n i z a (16.300") und dem Vulkan Pi chinch a (14.950) der Chimborazo (20.150"), — in der ostlichen der Vulkan Cotopaxi (17.700), der Anti- sana (17.960"), mit der hochsten Menschenwohnung auf der Erde (12.630' hoch) und der Cayambe (18.420", dessen Gipfel vom Aequator geschnitten wird). — Die Cord, von Neu-Granada zer- fallen in drei vom Knoten los Pastos auslaufende Parallelketten, welche durch den Kauka-Fluss und den Magdalenenstrom von ein- ander geschieden sind. Die ostliche, die Kette der Suma Pa mit Schneegipfeln und dem Plateau von Bogota gabelt sich (un- ter 8° nordlich) in einen westlichen Zweig, der am Meerbusen von Maracaybo, und einen ostlichen, der bei Caracas endiget; — die mittlere, die Kette von Q u i n d i u , mit dem Vullcan Pic von Tolima (14.200") senkt sich im Norden zum Hiigellande und dann zum Tieflande herab ; — die westliche, die Kette von Choco, die eigentliche Fortsetzung der vulkanischen Kiisten - Cordilleren, senkt sich (zu 5000"), erhebt sich nocli einmal zu Hohen von 8- bis 9000", gabelt sich in niedere Ziige und verflacht sich gegen den Isthmus von Panama. b) Das Gebirgsland von Central - America. Mittel-Amcrica bildet ein System breiter Tafellander, von einzelnen Gebirgsketten durchzogen und an den Kandern von hohen Vulkangipfeln iiberragt. Die Kette von Choco sinkt zu einer Hugelreihe (von 600' und sogar bis 280") herab, steigt bei Pa¬ nama (zu 1000"), sinkt dann wieder (zu 300"); somit sind die Cor¬ dilleren Sud-Americas von dem noch nicht genau durchforschten Gebirgssysteme Mittel-Americas geschieden. Von der Einsen- kung bei Panama bis zu der von Tehuantepec wer- den sie in drei gesonderte Gruppen zerlegt. Nordlich von Panama 43 erhebt sich das Plateau vonVeragua (Silla de Veragua 8000'), welches durch die Kette der Cabeceras-Berge mit dem a) Plateau von Costa Rica (2000') in yerbindung steht, aus welchem sich zahlreiche Pics (iiber 10.000 hoch und vulkanisch) erheben. Gegen Norden fallt das Platean in die Ebene von Nica¬ ragua, nordlich erhebt sich aus dieser Ebene b) das Tafelland von Honduras , das aus Bergziigen und Hochebenen (bis 4000') besteht, an dessen Ostseite sich das Tiefland der Mosquito-Kiiste ausbreitet, wahrend es im Westen in steilen Terrassen abfallt, und an der Siidseite von zwei Vulkanreihen begrenzt wird. Das Plateau von Honduras ist inittels eines Bergriickens (2000') mit dem c) Ta- ielland von Guatemala verbunden, das bis 6000' steigt, nirgends unter 4000' sinkt und auf welchem ausgedehnte Ebenen mit niede- ren Bergziigen abwechseln. Der Siidwestrand ist von einer Reihe von Yulkanen (mit iiber 12.000') eingeschlossen, nach Nordosten verflacht es sich als Hiigelland in die Halbinsel Yucatan und im Nordwesten bildet das Bergland von Cliiapa den Uebergang zu der Thalspalte von Tehuantepec. c) Cordilleren von Nord-America. Die Cordilleren von Nord-America beginnen an der Einsen- liung von Tehuantepec und enden am nordlichen Eismeere. Im Nordwesten der genannten Einsenkung breitet sich das Gebirge zu einem machtigen Landriicken, der Hochflache von Ana- huac (7000') aus, durchzogen von Bergketten mit 13 „schwach entzundeten“ Vulkanen (Popocatepetl 16.000', — Orizaba 16.300', — Cofire de Perote 13.416 ) und Sclmeegipfeln. Unter 21° n. Br., auf dem Plateau von Guanaxuato beginnt der Charakter der Gebirgserhebung, und die Cordilleren theilen sich in drei Zweige: a) der westliche Zweig, die Cordilleren von Sonora, eine Fortsetzung des Westrandes der Hochflache von Anahuac, begleitet die Kiiste des kalifornischen Busens bis zu dessen Nordspitze; — b) der mittlere Zug, die Sierra madre oder die Central- Cordillere von Nord-America, eine Fortsetzung des Ost- randes der Hochflache von Anahuac; — c) der ostliche Zug scheint mit dem mittleren parallel zu laufen und schliesst mit diesem die Hochflache von Neu-Mexiko (4—5000') ein, Er zieht langs des Rio del Norte und tritt in dessen Quellgegend zur Central- Cordillere heran. Ein nordostlicher Zweig dieser Kette ist die Sierra von Texas, welche bis zum Zusammenfluss des Mis- sisippi und Missouri den Namen Ozark-Gebirge (1800') fiihrt. Im Westen des Plateau von Neu-Mexiko liegen erloschene Vulkane (Mont Taylor 11.500'). Zwischen der Central-Cordillere und den nord¬ lich ziehenden Ketten findet nur durch Plateau-Landschaften ein Zu- sammenhang statt. Von diesem Plateaulande verzweigen sich unter verschiedenen Namen Gebirgsziige nach Nordwesten und Sudosten mit hohen Gipfeln (Spanish-Peak, James-Pealc, Long-Peak). Vom Knoten der Wind - Ri ver-Mo u n tain s (42—44° n. B.) laufen vier Gebiro’sziige aus. Der westliche und siidwestliche Zweig (Wah- aatch-Mountains) umschliessen ein (8000 GMeilen grosses) Becken 44 mit einem abgeschlossenen System von Seen und Fliissen; — der nordostliche sind die BlackHills oder die schwarzenHiigel, welche am Missouri (unter 46° n. B.) endigen; — der nordliche und bedeutendste Zug sind das Oregon- und Felsengebirge (Rocky-Mountains) , welche bis zum Polarmeere ziehen. Zwischen den bochsten Gipfeln (Mount Hooker und Mount Brown, iiber 15.000' boch, zwischen 52 und 53° n. Br.) liegt die merkwiirdige Einsenkung Athabasca-Portage (7000), und nordlicher zer- spaltet sicb der Zug in mehrere Ketten mit geringen Erhebungen. §. 3!). Die getrenntcn Gebirgsglieder von America. Die isolirten Gebirgsgruppen Americas gehoren ihrer Erhe- bung nach zum Mittelgebirgsland, streichen (mit Ausnahme einer Kette) an der Ostseite des Kontinentes, welche keine Vulkane tragt. Zu diesen gehoren: 1. Das Berg land von Brasilien, bestehend aus Plateau- Flachen (1—2000' hocb), auf denen drei bedeutende, der Kiiste fast parallel streichende Ketten hervortreten : a) die Kustenkette (Serra do Mar), von welcher (unter 26° s. Br.) sich b) die Cen- tralkette oder die von Villa Rica trennt, — und c) die Was- serscheidekette, Serra dosVertentes. Sie sind durch weite Thalflachen von einander geschieden und durch Querketten wieder mehrfach verbunden; 2. das Hochland von Guyana mit der aus mehreren Pa- rallelketten bestehenden Sierra Parime, welche durch Savannen von einander geschieden sind (Pik Duida 7800' hoch); 3. das Kiistengebirge von Venezuela aus zwei Parallel- ziigen bestehend, welche sich an einen Zweig der Cordilleren an- schliessen (Silla de Caracas 8100'); 4. die Sierra nevada de Santa Marta, ein aus der Ebene sich erhebendes, kleines Massengebirge, westlich vom See Maracaybo, mit Schneegipfeln von 18.000'; 5. die Alleghanies oder das apalachisch-akadische Gebirge, aus mehreren Parallelketten bestehend, iiber 350 Meil. lang (mittlere Kammhohe 2700', Gipfel mit 6000'), und durch das Fluss- thal des Hudson in zwei ungleiche Halften getrennt. Die Ketten am atlantischen Ocean heissen blaue und grime Berge und Allegha¬ nies. Eine Fortsetzung derselben ist das Felsenplateau von La¬ brador. Die gronlandischen Gebirge sind noch wenig bekannt; 6. die n ordamericanischen Seealpen beginnen an der Siidspitze von Californien, folgen der Westkiiste, tragen die hoch- sten Berge von Nord-America (Vulkan Eliasberg 16.900', Schon- wetter-Berg 13.800'), und wenden sich zur Halbinsel Aljaska und den Aleuten (Gipfel von Uni mack 8000'). Sie stehen durch Quer- joche mit den Cordilleren in Verbindung. Alle grossen und fast alle kleinen Antillen sind gebirgig, am hochsten Jamaika (blaue Berge 7000'), Cuba, Haiti und die vulka- nische Insel St. Vincent. — Die ostlichsten der kleinen Antillen, die Bahama-Inseln u. s. w. sind flach und nied’er. 45 §. 40. Die Tieflander in America. Das grosse amerieanische Tiefland dehnt sich im Oaten der Cordilleren von Patagoniens Siidspitze bis zu den arktischen Kiisten aus. Die siidamericanischen Ebenen bedecken zwei Drittel, die nord- americanischen ein Idalbes ihres Festlandes; bei beiden lasst sich eine Aehnlichkeit in liorizontaler Gruppirung erkennen. 1. In Siid-America findet man drei grosse Niederungen: die des Rio de la Plata, — des Amazonenstrom es — und des Orinoco. Die erste und dritte sind Steppen oder Grasfluren, die zweite eine Waldebene. a) Die patagonische Steppe, eine unwirthliche Kalkebene von diirftiger Vegetation, von Salzseen und Morasten durchzogen; b) die Pampas des Rio de la Plata zwischen den Cordilleren von Chile und Peru und dem brasilianischen Gebirgslande, eine uniibersehbare hohe Grasflache ohne Baumwuchs, in der heissen Jahreszeit vollkommen ausgebrannt; c) die Selvas des Amazonenstromes (146.000 □Meilen), undurehdringliche, sumpfige Urwalder, in deren Inneres man nur auf dem Wasserwege gelangen kann ; d) die Llanos im Orinoco-Gebiete, in der trockenen Jah¬ reszeit diirre, baumlose Steppe, nach der Regenzeit aber das „Krautermeer“ (mare de yerbas) genannt, mit mannshohen Grasern; e) die Ebene am Magdalenenstrome (7.300 QMeilen) ist eine heisse, wellenformige Kulturflache. 2. In Nord-America erstreckt sich eine Niederung zwi¬ schen dem Felsen- und dem Alleghanies-Gebirge, vom Golf von Mexico langs der Kiiste des atlantischen Oceans und im Norden die arktische oder canadische. a) Die Savannen und Prairien am Missisippi undMis- s o u r i (52.000 QMeilen), deren ostliche Halfte theils noch mit Waldungen bedeckt, theils fruchtbares, angebautes Hiigel- land ist; die westliche Halfte bilden theils uniibersehbare Gras¬ fluren, theils Waldland; b) die wellenformige E bene der atlantisc hen Kus tenfliisse ist fruchtbar, die siidlichen Kiistenstriche, besonders in Florida, sind sumpfig; c) die Ebene der arktischen Abdachung oder die ark¬ tische Fels- undSeeplatte ist bis zum aussersten Norden ohne Gebirge, steinig, und desshalb so wie wegen der Ungunst des Klimas kaum empfanglich fur die Kultur. §. 41. Die vertikale Gliederung von Anstralien. Drei Viertheile des australischen Kontinentes sind noch ganz- lich unerforscht, und ^selbst das von Europaern betretene Terrain ist nur zum kleineren Theile genau untersucht; es kann sonach eine charakteristische Gesammtansicht nicht gegeben werden. Nach den neuesten Mittheilungen scheint es, dass Australien eine man- nigfaltigere Gestaltung und Reschaffenheit in seinem Inneren berge, sis man gewohnlich angenommen hatte; dass auch hier keine ein- 4S formige Sand- oder Steinwiiste exiatire, sondern ein Wechsel von nutzbaren und nutzlosen Strichen. Auf dem Kontinente scheint das Flachland vorzuherrschen, aus den Kilstenlandschaften steigen iso- lirte Bergketten als Rand- und Kiistengebirge auf, die sich jedocb weder durch Mannigfaltigkeit noch durch Grossartigkeit auszeichnen. Die bekanntesten Gebirgslander sind: 1. Das Bergland von N eu-Siidwales, an der Siidost- Kiiste, aus einer Reihe schmaler Hochebenen bestebend, auf denen Bergketten gegen Norden zieben, der Abfall zur Kuste ist steil, gegen das Innere allmahlich. Einzelne Bergketten sind die Aus tral- Alpen oder weissen Berge (Kosciusko-Berg an den Quellen des Murray 6.200'), — die blauen Berge, die Liverpool- Kette, das Bogong-Gebirge, der Bullerberg, der Cob- boras, leztere drei je iiber 6.000' hocb. 2. Das nordliche Bergland scheint analog dem friiherge- nannten zu sein, und zieht sich bis zur Siidapitze des Carpentaria- Golfes. 3. Fiir das Dasein eines nordlichen Gebirgslandes sprechen die in den Carpentarie-Golf miindenden ziemlich bedeu- tenden Fliisse, doch fehlt bis jetzt jeder nahere Aufschluss. 4. An der Westkiiste ist nur der aiidwestliche Theil einigermassen bekannt. Siidlich vom S chwa ne nf 1 us se (32° siid- licher Breite) streicht die Darling-Kette (2 000'), als Rand eines gegen das Innere sich verflachenden Tafellandes. 5. Landeinwarfs der Siidkuste von Australien (vom Cap d’Entrecasteaux — 133° ostlicher Lange, 35° siidlicher Breite — bis zum Spencer-Golf) besitzen wir nur wenige Andeutungen eines Gebirgslandes, Im Norden von Albany (135° ostlich und 35° sudlich) streichen die Stirling-Berge, und im Nordwesten vom Cap Pasley (141° ostlich 33° siidlich) die Russel-Kette. Nordlich vom Spencer-Golfe und gegen Oaten zieliet die (2.000—3.000' hohe) Gawler-Kette. Sowohl im Osten als im Siiden dieses Hochlan- des ziehen zahlreiche Bergketten, welche zum Theil an das Berg¬ land von Neu-Siidwales sich anschliessen. Von den australischen Inseln gehort die Mehrzahl den hohen Gebirgsinseln an, theils mit erloschenen, theila noch thatigen Vulkanen. Die Ausbriiche der Vulkane auf Neu-Seeland und des Mauna Roa (14—15.000') auf Oweihi sind besonders heftig. Die niederen Inseln sind Korallen-Inseln, in deren Mitte gewohnlich eine Lagune liegt, welche mit dem Ocean in Verbindung steht (Atolle oder Lagunen-Inseln), oder es sind Korallenriffe oder Korallenbanke. C. Beschreibung der Gewasser des Festlandes. §. 42. Vorbegriflfe. Die wichtigate Verkehrastraase ist das Wasaer ; sie ist die natiirliche Verbindung verschiedener Vblker und Kulturverhaltniase, Producte undBediirfnisse. Das volkerverbindendeMeer, die Fliisae, Seen und Kan ale bilden die Adern dea Verkehrs, in welchem il das kommerzielle und indastrielle Leben pulsirt. Zunachst ist das Meer die grosse belebte Wasserstrasse, welche die entlegensten Glieder der mensehlichen Gesellschaft mit einander verbindet, die grossen Markfplatze des Welthandels einander naher bringt und die Thatigkeit der Volker nach alien Eichtungen entwickelt. Dessen Bedeutung fiir den Verkehr nimmt in dem Masse zu, als die An- zahl der Berfihrungspunkte deeselben mit dem Festlande wachst. Je langer also die Kiiste und je entwickelter sie ist, desto wichti- ger ist sie fur die Kulturverhiiltnisse und den Handel des Landes, desto mehr ist das Land berufen, an dem grossen Welt verkehr An- theil zu nehmen. Die Kiistenlange und die Kristen en t wickl ung oder Kristen glie derung sind, wenn dieselben nicht durch ailzu- grosse natlirliche Hindernisse paralisirt werden, die Vorbedingungen und die sichere Gewahr fiir den Aufschwung eines Landes in mer- kantiler und mittelbar auch in industrieller Beziehung. Die Fliisse sind die wahren Lebensadern des ganzen Pflan- zen-, Thier-, Menschen- und Volkerlebens , sie iiben den machtig- sten Einfluss auf den Menschen und seine Lebensart aus. An den Stromufern begann die Civilisation zu dammern, an diesen erbliih- ten Industrie und Handel, Kiinste und Wissenschaften. Fast alle grossen Stadte liegen an bedeutenden Flussen, und der Lauf der Fliisse ist in fernen Landern der Wegweiser fur Einwanderer und Colonisten, Je viellaltiger ein Land von schiffbaren Fliissen durch- schnitten wird, desto leichter gestaltet sich der Binnenverkthr. Die an solchen Flussen gelegenen Stadte geniessen zum Theile dieVor- theile der Seestadte, insbesondere, wenn der Fluss auch auf heimat- lichem, somit freiem Boden in das Meer sich ergiesst. In der Regel nimmt die Grosse und Bedeuteamkeit der Stadte in dem Masse zu, als sie naher der Mundung riicken. Allein nicht bloss die Ltinge des Flusses ist beachtenswerth, mehr noch die vertikale Erhebung des Ursprunges fiber dem Meere, denn von dieser hangt die Re- gelmas sigkei t des Rinnsales und das Gefalle ab, und diese beiden sind es vorzuglich, welche den Werth eines Flusses, d. i, dessen Schiffbarkeit, bestimmen. In ilirem Quellgebiete sind die auf hohen Gebirgen entspringenden Fliisse wegen des zu star- ken Gefalles und der Unregelmassigkeit des Rinnsales entweder gar nicht oder hochstens fiir die T half a hr t schiffbar; sie gewahren also nur den hal b en Vortheil gegeniiber jenen, welche fiir T hal- und Bergfahrt schiffbar sind. Erst im Mittellaufe und im Mun- dungsgebiete erhoht sich ihre Bedeutsamkeit, welche durch die ein- mfindenden Neben- und Zufliisse, durch die anschwellende Wasser- masse und grossere Tragfahigkeit vergrossert wird. Insbesondere miissen schiffbare Fliisse in dieser Ilinsicht beriieksichtigt werden, da sie die Fiiden des Verkehrs mitunter in industriereiche Hinter- liinder ziehen, letztCre mit dem grossen Verkehr in Verbindung setzen, und dadurch ein wahrhaftes Verkehrsnetz ausspannen. Unter den Seen bieten die eigentlichen Fluss-Seen die mei- sten Vortheile schiffbarer E'lfisse, gewohnlich in erhohtem Masse; bei den in Ebenen oder Tieflandern liegenden Binnenseen kommen 48 ihreGrosse und Kiistenentwicklung vorziiglich in Betrachtung. Jeden- falls sind auch sie bequeme und billige Verbindungsstrassen. Kan&le dienen theils als Wasserstrasse, theils zur Entwas- serung oder Bewasserung , und sind daher entweder zunachst fiir den Ilandelsverkehr oder fiir den Landbau von Wichtigkeit. Der Zweck der ersteren Art von Kanalen ist die Verbindung schiffbarer Fliisse, des eigentlichen Fahrwassers, wodurch gewohnlich getrennte Flussgebiete, verschiedene Meere mittelbar einander naher geriickt, mit einander verbunden werden. Der Kanal durchschneidet in der Regel die Wasserscheide, und diese bestimmt sonach ebenso die Schwierigkeit des Unternehmens, als die Beschaffenheit der zu ver- bindenden Fliisse die Wichtigkeit des Kanals bestimmt. In kommer- zieller Beziehung waren solche Kanale von griisster Bedeutung, welche Meere mit einander verbanden. §. 43. Das Flussgeiider in Europa. Das gesammte europaische Flussgeiider gehort drei Meeres- gebieten an, namlich: I. dem Gebiete des nordlicben Eismeeres, II. dem Gebiete des atlantischen Oceans, und III, dem Gebiete des Caspi-Sees. 1. Das Gebiet des nordlichen Eismeeres. 1. Die Petschora, U. *) am Ural, schiffbar aber unwirth- liche Ufer, Limanmiindung **) in die Petschora-Bai, unterbalb Pu- stosersk; 2. der Mesen, schiffbar, M, bei Mesen in das weisse Meer; 3. die D w in a, entsteht aus zwei Quellfliissen (Suchona und lug), wird bei Nikolsk schiffbar, M. bei Archangel in die Dwina- Bucht des weissen Meeres; 4. die Onega, V. Wosche-See, durchfliesst den Latscha-See, aus welchem sie schiffbar tritt; M. bei Onega in die Onega-Bucht des weissen Meeres. II. Das Gebiet des atlantischen Oceans, u. z. A, In die Ostsee: 1. Die Newa, Abfluss des Ladoga-Sees mit hohen, steilen Ufern, fahrbar; M. finnischer Busen ; 2. die Narwa, schiffbarer Abfluss aus dem Peipus-See, M. bei Narwa in den finnischen Busen; 3. die Dun a, U, aus den Siimpfen des Wolchonski-Waldes, hat flache, sumpfige Ufer und in ihrem Bette viele Klippen; M. bei Riga in den rigaschen Busen; 4. der Njdmen (im Unterlaufe Memel), U. uralisch-baltischer Landriicken, von Grodno an fur grossere Fahrzeuge schiffbar; Delta-il/. in das kurische Haff; Delta-Spaltung unterhalb Tilsit; *) XJ. = Ursprung; M. = Mdndung. **) Limans im russischen Sinne sind Baien mit vom Meere gebildeten Sand- diimmen nmschlossen. Die meisten Limans sind am schwarzen und asowschen Meere, und den wenigsten sind Inseln vorgelagert, was man hitufig, aber irrig, als Kennzeichen eines Liman anzunehmen pflegt. 49 5, der Pregel , U, mehrere Quellen auf der Landhohe von Ostpreussen, schiffbar; M. unterhalb Konigsberg in das frische Haff; 6. die Weichsel, U. Bjeskiden in Schlesien, der grosste Fluss des Ostseegebietes, bildet die Grenzscheide zwischen dem germanischen und slawischen Tieflande, wird bei Dwory fur ldeine, bei Krakau fur mittlere, bei Sandomirz fur grossere Fahrzeuge schiffbar, vermittelt den Verkehr von Westgalizien mit der Ostsee; ihre schiffbare Lange betragt an 84 Meilen. M. in drei Hauptarruen : Nogat und alte Weichsel in das frische Haff, Danziger Weichsel (bei Danzig) in die Danziger-Bucht. Neb eniiiiss e: li nks: 1. Brahe, — M. nahe bei Bromberg, Kanalisation der Weichsel mit der Oder; rechts: 1. Dunajec von der Tatra, 2. San vom karpathisehen Waldgebirge, 3. der Bug vom ostgalizischen Plateau. V. Die Oder, U. in den Sudeten in Mahren, tritt bei Ratibor — von wo an sie schiffbar ist — in die norddeutsche Tiefebene, der sie grosstentheils angehiirt, durchbricht spater den pommerschen Landriicken, und erweitert sich nach mehrfachen Stromspaltungen zum Stettiner Plaff, welches durch drei Strassen (Peene, Swine, die wiohtigste fiir die Schiffahrt — und Diwenow) mit der pom¬ merschen Bucht zusammenhangt. N e b e links: 1. die Oppa, 2. die Glatzer Neisse, 3. die If a t z b a e h , 4. der Bober, 5. die L a u s i t z e r oder Gorlitzer N e i s s c; fl iis s e: rechts: 1. die War the (mit derNetze, welche durch den Bromberger Kanal mit der Brahe verbunden ist). 8. Die Trave, U. aus dem Plon-See, schiffbar, durch den Stecknitz-Kanal mit der Elbe verbunden. M. bei Travemunde (Hafen von Liibeck); 9. die Fltisse (Elfe) der skandinavischen Halbinsel sind wegen der vielen Stromschnellen zur Schiffahrt nicht geeignet. Die bedeu- tendsten sind: der Tornea (mit dem Munio), Lulea, Pitea, Umea, Angermann, Dal, welche in die Ostsee miinden. B. In die Nordsee : 1. Der Gota-Elf, U. aus dem W r enern See, M. bei Goteboro- in das Kattegat; 2. der Glomen, Abfluss des Oresund-Sees, M. bei Frede- rikstadt in das Skagerack; 8. die Eider, aus kleinen Seen in Holstein, der Grenzfluss Deutschlands, M. bei Tunning (durch einen Kanal mit der Ostsee verbunden); 4. die Elbe, U. Siidabhang des Riesengebirges; (Quellen: Elbebrunnen und Weisswasser); von Pardubitz mitFlossen, von Mel¬ nik mit Schiffen, von Aussig mit Dampfschiffen befahren; der grosste Fluss der norddeutschen Tiefebene, welche sie in vorherr- schend nordwestlicher Richtung durchstromt. Ist sie auch fiir das industriereiche Bohmen nicht ohne Bedeutung, so gewinnt sie doch ihre Wichtigkeit erst nachdem sie verstarkt durch Bohmens grosste Klun’s IIandcls*Geographie. 2. Aufl, 50 Fliisse nack Deutschland getreten; M. bei Cuxhafen (unterhalb Hamburg). N ebenflusse: links: 1. MoIdau, U. Bohmerwald, schiffbar von Budweis bis zu ihrer Mundnng auf einer Strecke von 42 Meilen, vermit- telt den Verkehr im Innern Bohmens, M. bei Melnik; 2. Eger, U. Eichtelgebirge, M. bei The- resienstadt. 3. Mulde, U. sachsisches Erzgebirge, M. unterhalb Dessau; 4. Saale, U. Fichtelgebirge, M. unterhalb Calbe; a) Ilm (Weimar), b) Unstrut (Muhl- bausen), a) weisse Elster mit der Pleisse (Leip¬ zig)- rech ts: 1. Iser, U. Riesengobirge, M. bei Brandeis ; 2. schwarze Elster, U. Lausitzer Gebirge, M. oberhalb Wittenberg; 3. Havel, U. aus mehren meklenburgisehen Seen, M. unterhalb Havelberg. (Nimmt links die Spree [Berlin] auf.) 5. Die Weser entsteht aus der Vereinigung der Werra und Fulda bei Miinden, durchfurcht das Weser Bergland in einem engen Thale und trittt durch die Porta Westphalica in die germanische Tiefebene, Die Weser ist sowolil fiir Bremen als die Uferstaaten von hoher Bedeutung, sowohl fiir die Ausfuhr deutscher Natur- und Kunsterzeugnisse (nach Nord-America), als fiir die Einfuhr fremder Produkte. M, bei Bremerhafen unterhalb Bremen. U. der Werra ist im Thiiringer Wald, der Fulda in der Rbon; 6. die Ems, U. auf dem Siidabhangc des Teutoburger Wal- des, M. bei Emden in den Dollart-Busen; 7. der Rhein, U. Vorderrhein im kleinen Toma-See am St. Gotthard, Mittelrhein am Lukmanier, Idinterrhein am Rhein- wald-Gletscher des Vogelberges. Vorder- und Mittelrhein vereinigen sich bei Dissentis, bei Reichenau tritt der Hinterrhein hinzu. Schon von Chur an wird er schiffbar, er durchstromt sodann den Boden¬ see (den Mittelpunkt eines regen, durch Dampf- und Segelschiffe vermittelten Verkehrs zwischen seinen fiinf Uferstaaten), den er bei Stein verlasst, und bildet bei Lauffen den durch Breite und Wasser- fiille beriihmten Fall. Von hier bis Basel ist der reissende Fluss fiir die Schiffahrt wenig geeignet. Auch in seinem Laufe durch die oberrheinische Tiefebene (von Basel bis Bingen) hat er nur den Charakter eines grossartigen Wildwassers, ist in viele Arme voll sandiger Inseln und Untiefen gespalten, und erst in neuester Zeit fur die Schiffahrt von einiger Bedeutung. Die kommerziell bedeu- tenderen Stadte liegen an seinem rechten Ufer. Von Bingen bis Bonn ist er der natiirlichste und direkteste Weg fur den Verkehr zwischen Ober- und Niederrhein, Nord- und Suddeutschland, von Dampf- und Segelschiffen so sehr belebt, wie kein zweiter Fluss auf dem Kontinente, verbunden mit dem inneren Frankreich (Mosel) und dem Herzen des intelligenten, industriereichen Deutschland (Main, Lahn). Nachdem er unterhalb Bonn in das niederrheinische Tiefland getreten, tragt der breite und machtige Strom die grossten Fahrzeuge. An seinen Ufern und in den Thalern seiner Nebenfliisse herrscht die schwunghafteste Industrie (Wupper, Ruhr), die sehr dichte Bevolkerung empfangt und versendet die reichen Erzeugnisse 51 der Agrikultur und des Gewerbefleisses auf dieser bequemen Was- serstrasse. Unterhalb des Einflueses der Lippe beginnt bald der Uebergang zum Deltalande. Bei Pannerden, an der Grenze Deutsch- lands, spaltet er sich in zwei Arme, die Waal (siidlich), der nord- licbe Arm behalt den Namen Rhein. Die Waal miindet nach der Vereinigung mit der Maas (bei Gorkum) in die Nordsee, der Rhein spaltet sich wieder in zwei Arme, der rechte (Yssel) ergiesst sich in die Zuider-See, der linke bekommt nach kurzem Laufe den Na¬ men Leek. Der Leek spaltet sich neuerdings, sendet den „krummen Rhein“ bis Utrecht, von wo dessen Wasser als Vecbt und Amstel in die Zuider-See sich ergiessen, der „alte Rhein“ fallt bei Katwyk in die Nordsee, und der Hauptarm des Leek verbindet sich mit der nordlichen Mundung der Maas. Die bedeutendsten Nebenfliisse sind: links: 1. Die Thur, U. bei Wildhaus (Canton St. Gallen), M. bei Martbalen, 2. die Aar, U. Aargletscher auf der Grimsel, M. bei Koblenz (in der Schweiz), a) die Reus s aus dem Vierwaldstkt- ter-See, bjdieLimmat aus dem Zurcber-See, Jura, M. nahe Hunsr&ck, M bei bei a) der Giessbach im Berner-Ober- land, b) die Zihl (durcb- fliesst den Nenen- burger- und Bie- ler-See, 3. der 111, XJ. franz. Strassburg, 4. die Nahe, XJ. am Bingen, 5. die Mosel, U. in den Vogesen, Metz schiffbar, M. bei Coblenz. Zuflusse, rechts : Meurthe und Saar; 6. die Maas, XJ. auf dem Plateau von Langres, schiffbar bei Verdun, vereinigt sich mit der Waal (bei Gorkum), wird bei Bourmont fur kleine Fahrzeuge schiffbar, bei Rotterdam und im IIol- lands-Deep lur Seeschiffe. II/. in drei Hauptarmen in die Nordsee. bei Sambre bei Na¬ mur), O u r t (bei Luttich) R o e r (bei Roer- monde); rechts: 1. Der Plessur, XJ. Churer-Alpe, M. unterhalb Chur, 2. die Landquart, U, Selvretta-Glet- seher im Priittigau miindet nach einem 7 Meilen langen Laufe, 3. die badische Kinzig, U. im Schwarz- wald, M. bei Kehl, 4. die Mur g, XJ. im Schwarz wald, trennt den Schwarzwald vom Odenwald, M. unterhalb Rastatt, 5. der Neckar, U. am SQdost-Fusse des Schwarzw aides, begrenzt die Rauhe Alp gegen Nordwesten, durchbricht den Odenwald, M. bei Mannheim, 6. der Main, XJ. am Fichtelgebirge, M. gegenuber von Mainz, a) die Regnitz, M. bei Bamberg, b) die Tauber, M. bei Wertheim, a) die frankische Saale, J/.beiGe- miiud, b) die Hanauer Kinzig, AT. bei Hanau : 7. die Lahn, XJ. im Sauerland, trennt den Taunus vom Westerwald, M. unterhalb Ems, 8. die Sieg, XJ. im Sauerland, begrenzt im Norden den Westerwald, M. unter¬ halb Bonn, 9. die Ruhr, XJ. am Rothlager-Gebirge, M. bei Ruhrort, 10. die Lippe, XJ. im Teutoburger Walde, nahe der Ems-Quelle, M. bei Wesel. 8. Die Schelde, U. am Westende der Ardennen, von Cam- bray fur kleinere hahrzeuge schiffbar, von Antwerpen fur Seeschiffe. Am letzteren Orte sind Ebbe und Fluth sehr stark, und selbst noch bei Gent bemerkbar; der westlichste Fluss des niederrheinischen Tieflandes; — J/. in zwei Hauptarmen (Wester-Schelde und Oster- Schelde), sildwestlicli vom Rhein-Delta; 9. die Themse, U. aus der Vereinigung des Char well und Isis bei Oxford, ist gleich fur kleine Fahrzeuge schiffbar, und bei 4 * 52 London fur Seeschiffe, iiber welchen Ort noch hinauf Ebbe und Fluth bemerkbar sind; auf ihrem ungefahr 30 Meilen langen Laufe bat sie nirgends hohe Ufer und ist Englands bedeutendster Fluss. M. unterhalb London; 10. der Humber, U. aus der Vereinigung der Ouse und Trent, M. bei Hull. Die iibrigen Eliisse Grossbritanniens, welche zum Gebiete der Nordsee gehiiren, sind meist Kiistenfliisse und zunachst wegen der yerzweigten ICanalverbindung unter einander von Bedeutung. (Forth, Ness, Severn — XJ. im Gebirgslande von Wales, M. bei Bristol —, Shannon in Irland, verbindet mehrere Seen unter einander, M, unterhalb Limmerick.) C. In den Canal la Manche und den biscayischen Golf: 1. Die Somme, Kiistenfluss, M. unterhalb Abbeville; 2. die Seine, U. am Coted’or; von Troyes an ist sie schiff- bar fur Fluss-, von Rouen an fur Seeschiffe; sie hat einen ruhigen Lauf, Ebbe und Fluth erstrecken sich bis auf 18 Meilen von der Mundung aufwarts. M. bei Havre de Grace. a) Yone, a) Aube, b) Eure, b) Marne, If. bei Baris, c) Oise. 3. die Loire, U. am Gerbier le Joux in den Sevennen, der grosste Fluss Frankreichs, die Hauptpulsader des Yerkehrs zwischen dem Innern Frankreichs und den seine Kiisten bespiilenden Meeren, indem das grosse Flussgebiet durch Kanalanlagen kiinstlich noch bedeutend erweitert wurde, — trennt das Forez-Gebirge von dem Gebirgszug von Lyonnais und Charolais, schiffbar fur grossere Fahr- zeuge von Orleans an, im Mittellaufe ist die Schiffahrt mehrfach durch Sandbanke und Inseln, im Sommer auch durch Wassermangel gehemmt; M. unterhalb Nantes (bei St. Nazoire). a) Allier, trennt die Gebirge von Eorez und Auvergne, M. unterhalb Nevers, b) Cher, M. bei Tours, c) Vienne, if. nahe bei Saumur, 4. Die Charante; Kiistenfl 5. die Garonne, U. an der Ostseite des Pyrenaen-Thales Aran (in Spanien) nach der Einmiindung der Dordogne (unter¬ halb Bordeaux) heisst sie Gironde, und ist nun iiber eine Meile breit. Von Muret ist sie schiffbar fiir kleine, von Toulouse fiir grosse Fluss-, bei Bordeaux, bis wohin Ebbe und Fluth bemerkbar sind, fiir Seeschiffe; M. bei Royan; 6. der Adour, Kiistenfluss, aus den Pyrenaen, M. unterhalb Bayonne. 3). In den atlantischen Ocean (unmittelbar): a) Mayenne (mit der Sarthe und dem Loir), M. bei Angers, uss, M. bei Rochefort; 1. Der Minho, U, im galizischen Gebirge, fliesst reissend, meist in einem breiten von hohen Gebirgen begrenzten Thale; M. bei Caminha; 2. der Duero (Douro), U. im kastilischen Scheidegebirge, er ist fortwahrend reissend, strbmt zwischen hohen und steilen Ufern; insbesondere ist das rechte Ufer von steilen Wanden begleitet; M. bei Oporto; 53 3. der Tajo (Tejo), Z7. auf der Sierra Albaracin (Osttheil des kastilischen Scheidegebirges), der bedeutendste FIuss der pyrenai- scben Halbinsel, fliesst bis Abrantes, wo er schiffbar wird, und bis woliin die Meeresfluth bemerkbar ist, zwischen felsigen, steilen Ufern, von da an tritt er in ein breiteres Thai; M. bei Lissabon; 4. die Quadiana, U. auf der Sierra Alcaraz (nordostlicher Theil der Sierra Morena); M. bei Ayamonte; 5. der Guadalquibir, U, auf der Hochebene von Murcia, der breiteste Strom in Spanien, hat durcb das ganze Jahr die be¬ deutendste Wassermenge — im Gegensatze zu den drei erstgenann- ten Fliissen — und wird von kleineren Seeschiffen bis Sevilla, von Flussschiffen bis Cordova befahren; M, bei St. Lucar (in den Golf von Cadix). E. In das mittellandische Meer: 1* Die Kiistenfliisse an der Ostkiiste der pyrenaischen Halb¬ insel: Segura, Xucar, Guadalaviar (M. bei Valencia); 2. der Ebro, U. auf dem kantabrischen Gebirge, von Am- posta an versandet, fur die Schiffahrt von keiner Bedeutung, nur der mit dem Mittellauf parallel laufende Kaiserkanal wird befahren; M. unterhalb Tortosa; 3. die Rhone, U. aus den Furka-Gletschern, wird in Frank - reich mit Dampfern befahren, ist von Genf bis zum Fort de l’Ecluse und von Seyssel bis Arles schiffbar, die Kanale von Arles und von Beaucaire setzen den FIuss ostlich und westlich von seinen Miin- dungen mit dem Meere in Verbindung; M. unterhalb Arles. 1. Die Arve an's dem Chamouny-Thale, M. bei Genf, 2. die Isere, V. in den cottiselien Al- pen, M. bei Valence, 3. die Duran ce, U. in den Seealpen, M. unterhalb Avignon; 1. die S a 6 n e, U. am Plateau von Langres, M. bei Lyon, Zufluss: Doubs vom Schweizer Jura, M. oberhalb Chalons s/S. 4. Der Kiistenfluss Var, M. bei Nizza; 5. der Arno, U. Monte Falterona (toskanische Apenninen), Af. unterhalb Pisa; 6. die Tiber, U. in den toskanischen Apenninen (Fumajolo), von Rom an schiffbar, Deltamiindung unterhalb Ostia (Nebenfluss — links — Nera); 7. der Kiistenfluss Garigliano, M. Golf von Gaeta; dIe Kiistenfliisse Vol'turno, M. bei Castel Volturno (unter¬ halb Capua), Se 1 e (oder Silaris) in den Bu 3 en von Salerno, und Brandano in den Golf von Tarent. F. In das adriatische, jonische und agaische Meer: 1. Die Kiistenfliisse, welche von den Apenninen dem adriati- schen Meere von Siidwest nach Nordost zufliessen, sind meisten3 unbedeutend; die wichtigsten: der Of an to, M. in den Golf von Manfredonia, — Marechia, M. bei Rimini, — Montone, M. unterhalb Ravenna; 2. der Po, U. an der Nordseite des Monte Viso in denWest- alpen, der wichtigste und grosste FIuss Italiens, schon oberhalb Turin schiffbar, wird von osterreichischen Dampfschiffen befahren. 54 in seinem Mittellaufe miissen die Ufer durch Damme gegenUeber- schwemmungen geschiitzt werden. Eine ausgebreitete Kanalverbin- dung mit den Nebenfliissen durchschneidet sein linkes Ufer, und er- hoht den Werth fiir Schiffahrt und Verkehr. An seinen Mundungen sind haufige Ueberschwemmungen, und in dem Sumpflande liegen die Ortschaften grossentheils auf kiinstlich erhohtem Boden. Mun- dungs-Delta (Po della Gnocca und Punta della Maestra 45° niird- licher Breite, 30° ostlicher Lange). 1. Dora ripera (M. bei Turin), 2. Dora baltea (M. unterhalb Ivrea), 3. Sesia (M. unterhalb Casale), 4. Tessin (Ticino), U. in den lepontini- schen Alpen, M. siidlich von Pavia, 5. die Adda, XJ. in der Nahe des Ortler, M. oberhalb Cremona, 6. der O g 1 i o, U. in der Nahe der Adda- Quellen, M. oberhalb Borgoforte, 7. der Mincio (vor dem Eintritte in den Garda-See Sarca), U. gegenuber den Oglio-Quellen, M. unterhalb Mantua; 3. Die Etsch, U. erhalt ihr Wasser aus dem Oetzthaler-Fer- 1. der Tanaro, U. am Nordabhange der Apenninen (M. Cassini), M. nnter- halb Alessandria, 2. die T r e b i a vom Nordabhange der Apenninen, M. nahe bei Piacenza, 3. die Enza, M. oberhalb Guastala, 4. die S ecehia, M. gegenuber der Mincio- Miindung. nerstock (Langtauferer-Ferner), schiffbar unterhalb Botzen nach dem Einflusse der Eisack, das Bett ist im Oberlaufe felsig, im Mun- dungsgebiete schlammig, der Lauf in Tirol reissend, spater gemas- sigt; die schiffbare Lange betragt fiber 40 Meilen; M. bei Porto fossone (nordlich vom Po-Delta); 4. unter den Kustenflussen, welche in den ntirdlichen Theil des adriatischen Meeres fallen, sind die bedeutendsten: der Bac- chiglione, die Brenta, die Piave, der Tagliamento und der Isonzo; 5. die dalmatinisch en Kiistenflusse sind s&mmtlich unbe- deutend: Zermagna ( M. bei Novigrad), Kerka {M. bei Sebenico), Cdttina ( M. in den Brazza-Kanal), Narenta ( M in den Na- renta-Kanal); 6. der Drino, U, im Ocbridasee, M. bei Alessio (oder Lescb); 7. der Aspropotamos, U. am Zigos-Berge (Pindus), M. in den Golf von Patras; 8. der Vardar, U. am Scbar Dagh (Skardus), M. in den Busen von Salonik; 9. der Strymon oder Karas u, U, am Balkan, M. in den Busen von Contessa; 10. die Maritza (Hebrus), U. am Balkan, M, in die Bai von Enos. G. In das schwarze Meer: 1. Die Donau, U. im Schwarzwalde (Quellen: Brege, Bri- gach, Yereinigung bei Donaueschingen). Die Donau ist der macli- tigste Strom Mitteleuropas, und ausser der Wolga der grosste Euro- pas. Sie ist die Hauptpulsader fiir den gesammten Verkehr zwischen dem kraftig schaffenden Occident und dem reichen, aber industrie- armen Orient; sie ist fiir Oesterreich und Siiddeutschland von nicht geringerer Bedeutung als der Rhein fiir West- und Norddeutsch- land;. beide aber haben die eine gemeinschaftliche Bestimmung: sie sind die wichtigsten Vermittler deutschen Fleisses, deutscher 55 Kultur mit dem Auslande. 1st sie schon als Bindeglied der deut¬ schen Zollvereinsstaaten mit Oesterreich.von Bedeutung, so ist ihr Lauf mitten durch das Herz des Kaiserstaates, durch das auf- bliihende uberreiche Ungarn und die siidlichen, an Agrikultur-Er- zeuo'nissen reichen Kronlander gleichsam die Pulsader filr das ge- sammte kommerzielle Leben unseres Vaterlandes. Wahrend sie beim Be , g „ Sclavensee. 490 „ „ Athapaska-See. 150 „ / a a> „ Winipeg-See. 551 „ | § "8 „ Maracaibo. 281 „ 1 «.i I „ Nicaragua. 242 „ „ Salzsee Titicaca ... 240 „ der obere See (Lac Su¬ perior) . 1518 „ Michigan-See .... 1124 „ Huronen-See. 1114 „ Erie-See. 446 „ Ontario-See. 360 a grosse Salzsee ... 120 □ M. n n 55 O N ” 02 *) Die Binnenseen America’s nehmen eine Flilche von uber 10.330 QMeilen ein; davon entfallen auf: die St. Lorenz-Seen 4599. 20 , — die Seen in Labrador 329. S0 , — in Canada 142.,— ira iibrigen riOrdliehen America 3847, — in Ober- Califomien 212- 50 , — in Central-America 291, — in Siid-America 909. IO QMeilen. 67 §. 51. Die Gewiisser von Australien. Die Hydrographie Neu-Hollands iet bis jetzt sehr unvollstandig bekannt, Australien scbeint der wasserarmste Erdtheil zu sein, und besitzt nur wenig bestandig fliessende Gewasser. Die meisten Fliisse schwellen nur bei heftigen Regengiissen an; sonst trocknen sie zu einer Reihe zusammenhangender Pfiltzen aus, oder vertrocknen bald nach ihrem Austritte aus der Berglandschaft. Sie zerstoren viel- mehr die Landschaft, als dass sie zu deren Befruchtung beitrugen. Die meisten bis jetzt bekannten Fliisse bieten die gleicben Er- scheinungen: flaches, meist seenartig erweitertes Flussbett und vielp Hindernisse fur die Schiffahrt, welche auf den meisten nur so weit ins Land betrieben werden kann, als die Meeresfluth hineinreicht. Zu grossen Handelsstrassen in das Innere sind sie somit nicht geeignet. 1* Der Murray (Lange 176 M., Stromgebiet ungefabr 20,000 □ Meilen), V. in den australiscben Alpen (sudl. vom Berge Wel¬ lington), durchfliesst die Ebenen von Neu-Siidwales, Victoria und Sud-Australien, und miindet in den See Alexandrina (15 M. lang, 8 M. breit), aus dem ein Kanal in die Encounter-Bai fiihrt. Der Strom ist flir Dampfschiffe fahrbar. Ueberschwemmungen vom Juni bis Januar, Neben fliisse desselben: links: 1. der Goulbonrn, 2. dor Loddon; rech ts: 1. der Morumbidschi mit dem Zuflusse Lachlan (rechts); 2. der Darling (der Quellfluss ist der Barwan — oder Karaula —). Zuflusse: links: recbts: a) Gwydir, a) Condamine; b) Peel (oder Na- moy), e) Macquar-ie, d) Bogan, 2. der S cb w an enflu ss; U. unbekannt, miindet (unter 32° s.) bei Perth in den indischen Ocean; 3. der See Torrens in Siidaustralien (iiber 900' tiefer als das Meer), dessen Boden mit Salzkrystallen bedeckt ist; 4. der Salzsee Gairdner, im Westen des Vorigen. 5 * III. Physische Geographie. § 52. Vorbegriffc. Die physische Geographie betrachtet die Theile der Erdrinde und die Naturgegenstande auf derselben nach ihrer inneren natiir- lichen Verbindung und Verwandtschaft. Sie handelt somit von der Natur der drei Formen, welche die Hiille des Erdkorpers bilden, namlich: Luft, Wasser und Erde, von ihrer gegenseitigen Wirkung, und den Beziehungen derselben auf die drei Naturreiche. A. Die Luft. §. 53. Allgenicines. Der Luftkreis (Luftocean) umgibt die Erdoberflache bis zu einer Hohe von 9—10 Meilen, gewissermassen in Schichten, welehe nach unten wegen des Druclces der iibergelagerten an Dichtigkeit zunehmen. Der untere Theil des Luftoceans, etwa bis zu 1 Meile Hbhe, heisst Dunstkreis oder Atmosphare. Die Atmosphare besteht aus gasartigen Stoffen: 21% Sauerstoff und 79% Stickstoff. Die Luft umhullt nicht nur die Erde, sondern sie durchdringt auch iiberall den Erdorganismus, und ist die Grundbe- dingung des Pfianzen-, Thier- und Menschenlebens. Die Luft besitzt — sowie alle Korper der Erde — ein ge- wisses, sehr oft wechselndes Mass von Warme, Die jedesmalige fiihlbare Warme der Korper heisst ihre Temperatur. Auf dem Grundsatze, dass Warme alle Korper ausdehnt und Kalte dieselben zusammenzieht, beruht das Thermometer. Beobachtet man die Temperatur der Luft am Thermometer wahrend eines Tages mog- lichst oft in gleichen Zeitabstanden, addirt dann die beobachteten Thermometerstande und dividirt diese Summe durcli die Anzahl der Beobachtungen, so erhalt man die mittlere Tagestempe- ratur fur den Ort der Beobachtung. Addirt man die mittleren Tagestemperaturen eines Monates und dividirt diese Summe durch die Anzahl der Tage des Monates, so erhalt man die mittlere Monatstemperatur und endlich in analoger Weise die mittlere Jahrestemperatur. Der Gang der taglichen und monatlichen Warme ist nicht immer gleich. Be¬ obachtungen haben gezeigt, dass die gcringste Tagesw&rme etwa eine halbe Stunde yor Sonnenaufgang, die grbsste aber in den kiirzesten Tagen um 1 Uhr, in den langsten zwischen 2 nnd 3 Uhr Mil tags stattfindet. Die geringste Jahreswarme fallt hei uns in die Mitte Januar, die grosste in die zweite Halfte Juli. Die taglichen Temperatur-Unterschiede sind endlich im Sommer grosser als im Winter. §. 54. Geographisclie Verbreitung der Wiirme naeb borizontaler Ausdchnung. Die Orte unter einem und demselben Parallelkreise haben ni ch t immer gleiche mittlere Jahrestemperatur. Jene Linien, welche 65) Orte von gleicher mittlerer Jahrestemperatur mit einander verbin- den, heissen Isotliermen; die Linien, welche Orte von gleicher Sommerwarme mit einander verbinden, heissen Isotheren, von gleicher Winterkalte — Isochimenen, und von gleicher Boden- warme — Isogeothermen. Die Isothermen laufen mit den Breitenkreisen nicht parallel (nur unter den Wendekreisen ist diess ziemlich der Fall) ; die Beugung ist auf der nordlichen Halbkugel weit grosser als auf der siidlichen, in der heissen Zone geringer als in der kalten. Die Isotherme jener Orte, welche die hochste mittlere Jahreswarme haben , heisst der Warme-Aequa t or. Dieser fallt mit dem mathematischen Aequator nicht zusammen, sondern lauf't mit verschiedenen Biegungen nOrdlich von demselben, nur zweimal. liegt er siidlicher (im Meridian der Sandwichsinsel Hawaii und in Hinter-Indien — Singapore). Auch die kaltesten Punkte der Erdoberflache — die Kalte- P°^ e ~ fallen nicht mit den mathematischen Polen zusammen. Auf der nordlichen Halbkugel sind zwei Kaltepole, der america- nische (77*/ a 0 n. 78° w. — nordlich von Boothia Felix), der a ®' at i8 che (78'/ 2 °n. 140 , / 2 °d. —nordlich von derLenamundung); der stidliche Kaltepol scheint vom mathematischen kaum abzuweichen. Die wichtigste Ursache fur die verschiedenen Kriimmungen der Isothermen liegt in der ungleichen Vertheilung von Festland und Meer, wozu noch Luft- und Meeresstromungen und die Boden- beschaffenheit beitragen. Die nordliche Halbkugel ist warmer ale die stidliche, und Europa ist durch die Beugung der Isothermen am meisten begtinstigt. Auch die Isotheren und die Isochimenen laufen weder mit den Breitenkreisen, noch mit den Isothermen parallel, d. h. Orte von gleicher mittlerer Jahreswarme haben haufig verschiedene mitt¬ lere Sommerwarme und verschiedene mittlere Winterwarme. Die Isotheren weichen von den Isothermen in der Regel nach den Po¬ len, die Isochimenen nach dem Aequator ab. Die Beschaffenheit der Luft eines Landes in Bezug auf Trocken- heit, Heiterkeit, Gleichmaasigkeit, Winde und vorziiglich auf Warme heisst das Klim a. Insofern es bios von dem senkrechten oder schiefen Auffallen der Sonnenstrahlen abhangig ist, heisst es mathe- matisches, — insofern dieses jedoch durch die Beschaffenheit der Atmosphare und die Veranderungen in derselben beeinflusst wird, heisst es physisches Klima. Das mathematische und das physische Klima weichen oft sehr von einander ab, am nachsten kommen sie in den Kiistenlandschaften der heissen Zone. Das physische Klima zerfallt in das ocean is che (oder Insel-, Khsten-, See-Klima) mit warmen Wintern und Nach ten, und kiihlen Som- mern und Tagen, also mit verhllltnissmassig geringerem Tempe- raturwechsel, und in das kontinentale mit kalten Wintern und Nachten und warmen Sommern und Tagen, also mit verhaltniss- massig viel starkerem Temperaturwechsel. Ersteres hat einen kon- stanten, letzteres einen excessiven Charakter. 70 §. 55. Geographische Vertheilung der Warme in vertikaler Ricktnng. Die Temperatur eines Ortes stelit mit dessen Hohe iiber dem Meere in umgekehrtem Verhaltnisse, d. h. je hoher ein Punkt liegt, desto niederer ist im Allgemeinen seine Temperatur; denn die Luft wird unmittelbar durch die Sonne nur wenig erwarmt, die untersten Luftschichten erhalten vielmehr ihre Warme fast ausschliesslicb von der Erde .und theilen sie den oberen Schichten mit. Weiters sind die unteren Luftschichten dichter und desshalb warmer, die oberen diinner und kalter. Die Abnahme der Warme in vertikaler Richtung ist vorzug- lich auch durch die Bodenbeschaffenheit bedingt. Bei einzeln ste- hendeu, steilen Bergen nimmt die Temperatur rascher ab, als in Hochebenen und in zusammenhangenden Gebirgsketten. Auch die Unterschiede der taglichen und jahrlichen Temperatur vermindern sich im Verhaltnisse zu der vertikalen Erhebung und horen end- lich ganz auf. In Folge dieser Warmeabnahme kann man in jeder Zone bis zu einer Hohe gelangen, wo der Schnee das ganze Jahr nicht mehr schmilzt. Diese Grenzlinie heisst die Region des ewigen Schnees ('Schneegrenze, Schn eelinie). Je mehr man sich dem Aequator nahert, desto hoher wird sie hinaufsteigen, je weiter man sich von demselben nach den Polen hin entfernt, desto tiefer wird sie herabsinken. Das ozeanische oder das kontinentale Klima der Gegend wirkt ebenfalls auf die Schneelinie modificirend ein. Die verschiedene Bodenbeschaffenheit bringt jedoch auch hierin Ver- anderungen hervor. Lagern sich Eismassen unter der Schneelinie in den Hoh- lungen, von denen die Seiten der Gebirge durchfurcht sind, so heis- sen sie Gletscher. §. 56. Windc. Durch Storung des Gleichgewichtes der Atmosphare in Folge der Warmeunterschiede in verschiedenen Gegenden entstehen die Bewegungen der Luft, welche Winde genannt werden. Man theilt sie ein: a) nach der Richtung, aus welcher sie wehen (32 Abtheilungen der Windrose), b) nach der Ge s ch w i ndi gk ei t, (leichte Winde Oder „Brisen“ legen in einer Seknnde 5—20’, — starke Winde 25 40, — Stiirme 60 —70’, — Orkane 100—150', — Oder an 30 Meilen in einer Stunde zurQck. Letztere kommen fast nur in der tropischen Zone vor, auf den Antillen und in der Niihe der Maskarenen) — c) nach ihrer R e ge 1 m as s ig kei t entweder regelmassige oder unregelmiissige. Zu den ersteren gehoren die Land - und Seewinde, die Pas sate (oder Streichwinde) und die Moussons (Monsune oder Wechselwinde). Die Land - und Seewinde wehen des Tags von der See zum Lande, und des Nachts umgekehrt; sie haben ihren Grund in der ungleichen Erwarinungsfahigkeit des Wassers und des Lan¬ des. Das Land erwarmt sich bei Tage schneller und starker als dasWasser, desshalb zieht die kaltere Seeluft landvvarts; das Was- 71 ser kiihlt sich hingegen Iangsamer ab als das Land, und der kaltere Landwind zieht des Nachts seewarts. Diese periodischen Winde wehen nicht nur in Kiistengegenden, sondern auch an den Ufern grosser Seen und am regelm'assigsten in den Tropengegenden. Die Pa s sate wehen bestandig von Ost nach West in den tropischen Meeren und deren Nahe, und haben ihren Entstehungs- grund in der Erwarmung der Atmosphare durch die Sonne, in der Achsendrehung der Erde und in der Schiefe der Ekliptik. Die Erwarmung der Luft ist in der tropischen Zone am starksten. Die Luft wird dadurch leichter, steigt in hohere Regio- nen, und stromt dann gegen beide Pole, wodurch die beiden obern Hauptstromungen vom Aequator nach Nord und Slid ent- stehen. Gleichzeitig stromt die kaltere Luft aus den kalteren Zonen nach dem verdiinnten Raume und es entstehen die beiden un te r e n Hauptstromungen vo n denPolen nach dem Aequa¬ tor. Hat sich nun die Luft der oberen Stromungen auf ihrem Zuge nach den Polen abgekiihlt, so senkt sie sich herunter, und hat sich die kaltere Luft der untern Stromungen in den Tropen erwarmt, so steigt sie hinauf. So entsteht aus dem oberen und dem unteren Luftstrome ein unaufhorlicher Kreislauf (Polar- stromungen). — Bei der Achsendrehung der Erde, an welcher der Luftkreis Antheil nimmt, haben die Tropengegenden die grosste Geschwindigkeit, die Luftmassen der kalten Zone rotiren sonach Iangsamer als jene der heissen Zone, sie bleiben also hinter der rotirenden Oberflache der Aequatorialgegenden zuriick, und hier- durch entsteht in jenen Gegenden ein unaufhorlicher Ost wind (A equa¬ torial stromungen). Wo die Polarstromungen und Aequatorial- stromungen der Luft ineinander iibergehen, tritt in der nordlichen Hemisphare der Nordost-, in der sudlichen der Siidostwind auf. Diese Nordost- und Stidost-Passate wehen bis iiber die Wendekreise auf dem atlantischen und dem grossen Ocean mit ausserordentlicher Regelmassigkeit das ganze Jahr hindurch und sind fiir die Schiffahrt von hoher Wichtigkeit. Die Monsune wehen ein Halbjahr aus der einen und das andere Halbjahr aus der beinahe entgegengesetzten Richtung; sie gehen meistens aus den Paesaten hervor. Wenn sich die Kiisten- striche Asiens und Africa’s zur Sommerszeit im Zustande der gross- ten Erwarmung (bis iiber 65° C.) befinden, steigt die dariiber ruhende Luft in anhaltendem Strome empor, so dass der Nord- Ost-Passat stellenweise abgelenkt wird. Er M’endet sich also um und wird zum Sudwest-Monsun des indischen Oceans, der vom April bis October weht. — Wird zur Winterszeit das Land nbrdlich vom Aequator kiihler, und die iiber ihm ruhende Luft dichter, siidlich vom Aequator aber erfolgt ein lebhaftes Auf'steigen der Luft, — dann stromt die kaltere Luft vom Lande gegen das Meer, und es entsteht der Nordost-Monsun, der vom Novem¬ ber bis Marz weht. 1 — Die Monsune wehen zwischen dem Aequa¬ tor und dem Wendekreis des Krebses und reichen von der Ost- kuste Africa’s bis zu den Kiisten von Indien, China, den Philippinen und bis zu den Marianen. Der Wechsel der Monsune ist htiufig von 72 ■heftigen Stiirmen begleitet, und diese Zeit ist fiir die Schiffahrt in den indischen Gewassern sehr gefahrlich. Im Allgerneinen sind die Passate troekene Winde, die Monsune hingegen Regenwinde. Unregelmassige Winde wehen besonders auf der nord- lichen Hemisphare und haben ihren Entstehungsgrund hauptsach- lich in ortlichen Warmeveranderungen der Atmosphare, in ortlichen Ausdiinstungen u. s. w. Mancbe Winde sind der Gesundheit des Menschen, dem Leben der Tbiere und dem Pflanzenwuchse sehr schadlich, als die heissen, aus Africa heruber wehenden (in Italien und Griechenland Sirocco, in Spanien Solano, in der Schweiz Fon genannt), der Chamsin in Aegypten , der H ar- m at tan in Guinea, der Samum. Auch die fiber Eisfelder und Schneegebirge herwehenden Winde sind mitunter schadlich. §. 57. Lufterscheinungen. Die Atmosphare ist der Schauplatz der Lufterschei¬ nungen oder Meteore, welche in wassrige (Regen, Schnee, Thau u. s. w.), in elektrische (Ge witter, Wetterleuchten u. s. w.) und in optische (Regenbogen, Hiife, Nebensonnen und Neben- monde, Luftspiegelungen, Abend- und Morgenrothe, u. s. w.) ein- getheilt werden. . a) Die wasserigen Meteore nennt man im Allgerneinen den Niederschlag, und die Vertheilung desselben nach Be- schaffenheit und Menge ist eine der Hauptbedingungen fiir das Ge- deihen der Pflanzen. Die Erdoberflache wird in f unf N i e d er s eh lag s - R egi o- nen (oder physische Zonen) eingetheilt: 1. die Region des f 1 ii s s ig e n Niederschlages (die Regenzone), in der es — mit Ausnahme bedeutender Gebirgshohen — niemals schneit; 2, u, 3. die beiden Regionen des veranderlichen Nieder- schlags, innerhalb welcher der Niederschlag im Sommer als Regen, im Winter als Schnee herabfallt; 4. u. 5. die beiden Regionen des festen Niederschlags, d. h, des blossen Schneefalls. Die Regenzone entspricht im Wesentlichen der heissen Zone und liegt zu beiden Seiten des Aequators, Auf der nbrd- lichen Halbkugel reicht sie in America bis etwa 36° nordl. Br., in Asien bis 40° nordl. Br., in Europa bis 40 —45° nordl. Br.; auf der siidlichen reicht sie ungefahr bis zum 46 — 48° sildl. Br. An diese schliessen sich die beiden Regionen des verander¬ lichen Ni.ederschlags an. Auf der nordlichen Halbkugel ist die Nordgrenze im westlichen America etwa unter 73° n., im ost- lichen unter 68 — 70° nordl., — in Europa unter 74° nordl., — in Asien unter 69 und 70° nordl. — Auf der siidlichen Halbkugel ist die Siidgrenze in der Mitte des indischen Oceans unter 53°, im Westen von America unter 56°, in den iibrigen Theilen unter 60° sildl. Breite. Die Kegenmenge nimmt wie die Wiirme vom Aeqnator gegen die Pole ab, ebenso von den Mecreskusten nach dem Innern dor Kontinente i — die Zu- und Ab- 73 nahme der Regenmenge in vertikaler Beziehung wechselt je nach Beschaffenheit der Gebirgsformationen und der am Fusse sich ausdehnenden Ebenen. Wichtig ist die Vertheilung des Regens in der jiihrlichen Periode, und man unterscheidet in dieser Beziehung eine regenloseZone (Aegypten, Nubien, Sahara, Nordarabien, Plateau von Iran, Wuste Gobi, an der Knste von Peru); — die Zone des periodischen N iedersch 1 ags, welche im Allgemeinen mit der tropischen Zone zusammenfallt, wo die Regentropfen sogar die Grosse von I Zoll Durchmesser erreichen ; die tropischen Regengusse fallen nur bei Tage i — die nordliche und siid- liche Zone der bestiindigen N i e d er s e h 1 ag e, d. i, in den verschiedenen Jahres- zeiten mehr oder minder (Winter-, Herbst- und Sommerregen). Auch die Zahl der Regentage an einem Orte ist fur das Klima und die Vegetation von Bedeutung; denn die Einwirkung ist eine verschiedene, wenn es in wenig Tagen auf einmal viel Niederschlag gibt, Oder wenn derselbe auf mehrere Tage vcrtheilt ist. (So haben z. B. Regentage im Jahre: Ost-Iriand 208, ^London, Paris, St. Petersburg 152—170, Miinchen 131, Pest 112, Rom 89, Gibraltar 68, Jakutzk .60, u. s. w.) Die beiden Zonen des festen Niederschlags erstrecken sich von den beiden Polen gegen die Polarkreise bis zu den bezeichne- ten Grenzen der vorher genannten Regionen. Hieher gehoren auch alle fiber die Schneegrenze ragenden Gebirgshohen innerhalb der andern Regionen, b) Elektrische Erscheinungen sind: das Gewitter, der Hagel, das Wetterleuchten und das St. Elmsfeuer. Die Gewitter. —■ In der Zone der Passate ist — besonders auf dem Meere — der Himmel in der Regel heiter und wolkenlos. Nur in jenem schmalen Giirtel, welcher den Nordost-Passat vom Siidost-Passat trennt, kornmen fast taglich die furchtbarsten Gewit¬ ter vor, und er heiast davon die Zone der ewigen Gewitter. Ausserhalb dieser Zone ereignen sich die Gewitter in den Tropen- landern meistens zur Regenzeit. — In der gemassigten Zone herr- schen die Gewitter hauptsachlich in der warmeren Jahreszeit, ihre Zahl und Starke nimmt gegen die Pole und gegen das Innere der Kontinente ab, sie sind haufiger an Gebirgsabhangen als in der Ebene, in der kalten Zone hingegen sehr selten. Auch ortliche Ver- baltnisse bedingen eine ungleiche Vertheilung der Gewitter unter die Jahreszeiten. In den mittleren Breiten sind die Gewitter ofters von Hagel, in den warmeren Gegenden von furchtbaren Orkanen und Wirbel- winden begleitet. Letztere erzeugen auf dem Meere die Wasser- hosen (Tromben), — in grossen trockenen Sandwiisten die Sand- ho sen. Die Gewitter tragen iibrigens viel zur Fruchtbarkeit der Erde bei; sie reinigen die Luft, mindern die Hitze und erquicken alle organischen Wesen. Das Wetterleuchten ist theils derWiderschein von Blitzen eines fernen Gewitters, theils ein langsames und sanftes Entladen der Elektrizitat des Gewolkes. Am haufigsten ist es in den Aequa- torialgegenden. Das St. Elmsfeuer ist eine elektrische Elamme, welche sich besonders haufig an den Spitzen der Masten, an den Enden der Segelstangen u. s. w. zeigt, doch ohne nachtheilige Folgen ist. Die op ti sc hen oder Lichterscheinungen entstehen durch die Veranderungen, welche das Sonnen- oder Mondlicht in der Atmo- sphare erleidet. 74 B. Das Wasser. §. 58 Zur Physik ties Oceans. Der Meeresgrund ist die Fortsetzung der Oberflache des Festlandes und hat, wie dieses, Erhohungen und Vertiefungen auf- zuweisen. Einzelne Inseln und Klippen sind als die hochsten Gipfel und Spitzen von unterseeischen Bergmassen, Inselketten und Riffe als die Kamme derselben, grossere Inseln und Untiefen als die Oberflache von Hochebenen anzusehen; die Meerengen dagegen als die Einschnitte derselben, die grdsseren Tiefen als die Thaler und die Ebenen des Meerbodens. Die Tiefe des Oceans ist nur unvollstandig bekannt, und die Messungen mit dem Senkloth geben haufig unbefriedigende Ergeb- nisse, weil unterseeische Stromungen das Senkblei seitwarts ab- ziehen. Die grossten, wirklich erreichten Tiefen sind im atlantischen Ocean (circa 27.000'). Die Binnenmeere haben in der Regel eine weit geringere Tiefe. Wenn man bei einigen Tiefmessungen bei 46.000', Oder bei 49.000' keinen Grand erreicht hat, so ist das kein Beweis, dass das Meer dort wirklich so tief sei, und zwar, wie gesagt, wegen der unterseeischen Stromungen. Bemerkenswerth ist die Blache des Meeresgrundes zwischen Cap Eace in Neufoundland und Cap Clear in Irland —von Maury das „Telegraphen-Plateau“ genannt,—auf welcher man den Draht des unterseeischen Telegraphen zwischen America und Europa zu legen beabsich- tet. Die Entfernung ist 1600 Seenaeilen und die Tiefe wahrscheinlich nirgends grosser als 10 000'. Das Meerwasser hat einen eigenthumlichen Salzgeschmack. Ausser dem Salze (nahezu */ 2 Unze auf 1 Pfund Wasser) enthalt es noch ubelriechende Substanzen, welche von der zahllosen Menge in Fiiulniss iibergegangener thierischer und ande'rer Korper herriih- ren. Bleibt das Meerwasser eine Zeit lang ruhig, so geht es leicht in Faulniss tiber, und diese widerlichen Geriiche erzeugen jene Krankheitsstoff’e, welche so viele Kilsten in der heissen Zone unbe- wohnbar machen. Da mit dem Salzgehalte auch die specifische Schwere des Meeres inVerbindung steht, und von dieser die Trag- kraft abhangt, so ist die Kenntniss des Salzgehaltes der verschie- denen Meere fur die Schiffahrt von Bedeutung. Enter den europiiiBcheu Meeren hat das Mittelmeer den grSssten Salzgehalt. Je salziger, also je dichter das Wasser ist, desto mehr Segel kaun das Schiff fuhren, desto mehr Dampl'kraft muss angewendet werden. Wollte man z. B. von Triest ein Schiff nacli Odessa ebenso befrachten als nach Marseille, so wiirde es sich im schwar- zen Meere als nberladen zeigen, tiefer ins Wasser gehen und leek werden. Auch. die Farbe des Meeres wird von Seefahrern beachtet, denn es zeigt z. B. eine plotzliche Aenderung derselben eine Un- tiefe an. Im Allgemeinen ist es von blaulich-gruner Farbe, welche Grundfarbe jedoch durch Tiefe, Beschaffenheit des Grundes, durch Seegewachse u. s. w. vielfach verandert wird. So hat das „rothe“ Meer diese Benennung von den zahllosen, rothgefarbten Korallen- banken an der Kiiste, das ,,gelbe“ von dem gelben Schlamm; das „8chwarze“ Meer ist jedoch nicht dunkler, das „weisse“ nicht heller als andere. Mit der Farbenerzeugung der See hangt ihr Leuchten nahe zu8ammen, welches von dreifacher Art ist. Entweder leuchtet das Wasser nur um das Schiff und die Furchen, die es zieht; — die 75 zweite Art wird nur in warmeren Gegenden, bei Windstille, star¬ ker Hitze und kleinetn Wellenschlag wahrgenommen, in welehem Palle alle Wellen gl'anzen, die an einem festen Korper anschlagen; _ die dritte Art bietet die grossartigste Erscheinung dar, indem nicht bios die ganze Flache des Oceans flammend erscheint, son- dern der feurige Glanz auch noch weit in die Tiefe hinabgesenkt sichtbar ist. Die Ursache des Leuchtens wird der Phosphore.scenz einer unendlichen Menge kleiner, gallertartiger Thiere zugeschrieben, welche den Ocean bewohnen. Die Temperatur des Meeres hangt, wie die des Landes, von der geogr. Breite und den Jabreszeiten ab, ist aber im Allge- meinen viel regelmassiger; denn der Wechsel der Tages- und Jah- reszeiten bringt in offener See einen nur halb so grossen, zuweilen nur y 5 so grossen Temperaturweehsel hervor. Eine plofzliche Ab- nahme der Warme des Oceans ist fiir den Sckiffer beach tens werth, da sie ihm eine Veranderung der Stromung oder eine Untiefe an- kiindigt. Im Allgemeinen wird das Wasser kalter, je tiefer man kommt. Die Bestimmung der Temperatur des Meeres ist daher zu- gleich ein wichtiges Mittel zur Bestimmung der Stromungen. §. 5!). Die Bewegungen des Meeres. Das Meer erscheint nur selten, auf kurze Zeit und in kurzen Strecken vOllig ruhig, im Grossen ist es in fortwahrender B ewe- gun g. Diese wird bewirkt durch Winde, durch die Anziehungs- kraft des Mondes und der Sonne, durch die Achsendrehung der Erde und die Temperatur. Es gibt drei Hauptbewegungen: dieWel- lenbewegung, die Gezeiten und die Meer esstr om ungen. 1. Die durch den Druck des Wlndes auf der Oberflache des Wassers hervorgebrachten Erhebungen und Senkungen heissen Wel¬ len, deren Fortdauer der Wellenschlag, und wenn sie hoch sich aufthiirmen — Wogen. Die Hohe und Breite der Wellen ist nach der Tiefe der Meere und nach der Heftigkeit der Winde ver- schieden, und eine genaue Bestimmung derselben kaum moglich. Die scheinbare Geschwindigkeit der Wellen kann 20 bis 30 Meilen in der Stunde betragen, und diese wird noch vermehrt, wenn andere Ursachen, z. B. Erdbeben, miithatig sind. 2. Die Gezeiten oder Ebbe und Fluth sind das von 6 zu 6 Stunden regelmas.-ig erfolgende Steigen und Fallen des Meeres an den mit dem Ocean in offener Verbindung stehenden Kiisten. Jeden folgenden Tag treten Ebbe und Fluth 50 Minuten spater ein, und erst in ungefahr 30 Tagen kehren sie wieder auf die Zeit ihres ersten Anfanges zuriick. Diese monatliche Periode weiset auf den Mond, der taglich 50 Minuten spater aufgeht, und durch den Meridian eines Ortes. Die hochsten Fluthen (S°pringfluthen) fin- den zur Zeit des Voll- und Neumondes, die niedersten (N ipp fluth en) zu jener des ersten und letzten Viertels statt. Zur Zeit der Aequi- noctien sind die Gezeiten besonders stark, was die Mitwirkung der Sonne beweiset. Ebbe und Fluth wechseln jedoch sowohl der Starke als der Zeit nach an einem und demselben' Orte bedeutend ab. 3. Die Meeresstromungen sind jene Bewegungen der See, in welcben einzelne Theile derselben wie in einem Bette zwi- echen zwei Ufern durch die iibrige Wassermasse dahinfliessen, Ea sind wirklich sehr breite Strome im Ocean , welche an gewiasen Stellen dea Meerea theils bestandig, theils periodisch nach bestimm- ten Richtungen atreichen, Maury nennt aie „Pulsschlage dea Mee¬ rea, welche aeine Gewasaer durch alle Theile dea Oceana treiben und ao eine fortwahrende Circulation hervorrufen.“ Die Anzahl der- aelben 1st aehr groaa, aber noch aehr unvollstandig gekannt. In den Meerea tromunge n haben die Oceane ihre von der Natur vor- gezeichneten Strassen, auf denen die Schiffe einherziehen. Die zunehmende Kenntnias deraelben, verbunden mit der Beniitzung der periodiachen Windatromungen dea Luftoceana hat die Zwiachenraume fur die Schiffahrt sehr verkiirzt. Bei dieaen Stromungen werden beriicksichtigt: a) ihre Rich tun g; in dieser Beziehung unterscheidet man Po- larstromungen, die von den Polen gegen den Aequator, und Aequatorialstromungen, die in der Richtung der Parallelkreise von O. nach W. flieasen ; b) ihre Geschwindigkeit, nach welcher aie eingetheilt wer¬ den: in Driftstromungen, eine langsame und wenig tiefe Bewegung, welche durch Einwirkung dea Windes auf die Ober- flache dea Meerea erzeugt wird, — oder Meeresstrfime, welche bei einer ausserordentlichen Breite auch sehr tief und mit einer Geschwindigkeit fliessen, welche die der Strome dea Eestlandes nicht selten iibertrifft; c) der Temperatur nach sind die Strome mit kaltem oder warmem Wasaer, welche aich nicht leicht vermischen, aondern aich zu verdrangen suchen. Eben durch ihre Temperatur un- teracheiden aich die Stromungen von den ubrigen Waaaermaa- sen dea Oceans. Am meiaten bekannt und ausserordentlich entwickelt ist das System der Stromungen im atlantischen Ocean, der am haufig- sten befahrenen Yolkeratrasse der civilisirten Nationen. Einige der wichtigsten Stromungen sind: 1. Das nordliche Eismeer, welches wegen seiner Eismassen, seines rauhen Klimas und der gefabrliehen Nebel- und Schneestiirme der Schiffahrt bedeutende, mitunter nicht zu bewaltigende Hindernisse entgegensetzt, ist in Bezug auf die StrO- mungen minder bekannt. In dem asiatischen Eismeere herrscht eine westliche StrOmung vor, welche die Wasser von den asiatischen Kirsten gegen Spitzbergen und yon hier aus durch den Kanal zwischen Island und Gronland treibt. Aus dem americanisehen Eismeere kommt eine Ostliche StrOmung durch die Davisstrasse und Hudsons-Bai herab. Beide Stromungen Yereinigen sich an der Ostseite von Neu- Eoundland, wo sie auf den Golfstrom treffen. 2. Im siidlichen Eismeere kennt man nur die antarktische Drift- StrOmung, welche durch herrschende Siidwestwinde in den grossen Ocean ge- trieben sich vom Sudpol zwischen Neu-Seeland und America nach Nordosten zieht, dann die americanische Kilste erreicht und sich spaltet. Die Cap IIoorner-S trO- mung fliesst um die Sudspitze America’s in den atlantischen Ocean; — der kalte peruanische Strom oder die H umb old t's-S tr o m ung eilt mit bedeutender Schnelligkeit liings der Iiiisten von Chili und Peru, wendet sich in der heisson Zone gegen Westen und bildet den breiten Aequatorialstrom des grossen Oceans. 3. Die Stromungen des atlantischen Oceans sind in Folge seiner eigen- thiimlichen Eormationen unregelmiissiger als bei den ubrigen Oceanen. Dio siid- atlantische Stromnng ist eine Eortsetzuug der StrOmung, welche aus dem in- 77 dischen Ocean um die Siidspitze Africa’s kommt. Unter dem Aequator wird sie durch eioe von Norden her ihr begegnende StrOmung — dieNordafricanische und Guilt ea-StrOmung —■ gegen Westen abgelenkt, und durchschneidet als Aequatorialstrom den atlantischen Ocean von Osten nach Westen. An der aussorsten Ostspitze Sddamericas theilt sich der Aequatorialstrom in zwei Arme: einen sii dli ch en (die brasilianische StrOmung) und einen nordlichen, welcher durch das Karaibische Meer in den Golf von Mexiko geht, aus diesem durch den Kanal von Florida als der durch seine bohe Temperatur (22°) ausgezeich- nete Golfs trom heraustritt und mit zunehmender Breite aber abnehmender Ge- schwindigkeit die Kiiste Nordamericas begleitet, bis ihm bei Neufoundland eine kalte Polarstromung begegnet (siehe nOrdliches Eismeer, ostliche StrOmung), in Folge deren er sich gegen Osten wendet und bei den azorischen Inseln nach Siiden, der africani- schen Kiiste zu. Durch diese No r dafri cani s ch e oder G u i n ea-St rO m un g voll- endet er seinen grossen Rundlauf, um ihn aufs Neue zu beginnen. Das warme Tropenwasser des Golfstromes erreicht zuweilen die Westkiisten Europas, welche desshalb ein relativ milderes Kliina haben; er bildet die Strasse von Nord- und Mittelamerica nach Europa. Zu befden Seiten des Golfstromes befinden sich mehrere Gegenstromungen theils nach West, theils nach Slid. Maury sagt, es gibt auf der Erde keine zweite Wasserfiuth, die dem Golfstrom an majestatischer Grosse gleich- kilme. Seine Stromung ist reissender als die des Missisippi und des Amazonen- stromes. 4. Im nordlichen Theile des indischcn Oceans und alien 6einen Binnen- mecren hangen die StrOmungen von den Monsunen ab. Nordlich vom Aequator fliessen sie vom April bis Oktober nach Sildwest, von Oktober bis April nach Nor do st; zwischen dem Aequator und dem 10° s. Br. herrscht vom April bis Oktober die Siidost-, vom Oktober bis April die Nordwest-Stromung. Unter den periodischen StrOmungen dieses Theiles ist jene des persischen Meerbusens beachtenswerth, denn vom September bis Mai stromt das Wasser heraus, vom Mai bis September hinein. — In der siidlichen Hillfte dieses Oceans herrscht eine bestan- dige Stromung des warmen Wassers nach Sildwest, gegen Africa, durch dessen Ost- kiiste sie in den Kanal von Mozambique gedrangt wird (Mo zam b iqu e- S tr o m un g) und um das Vorgebirge der guten Hoffnung als Capstrom in den atlantischen Ocean iibergeht. 5. Im grossen Ocean ist ausser der an tark ti s ch en D r if t-S t riimung (siehe sudliches Eismeer) auch der kalte Strom aus dem nOrdlichen Eismeere bemerkbar, welcher zwischen der Kiiste Asiens und dem warmen Japan-Strom fliesst, iihnlich dem kaltcn Strome an der Ostkiiste Nordamerica’s und dem warmen Goifstrome. Die warme A eq u a t o r i al - S tro m un g hat in dem tropischen Theile des Oceans wegen dessen weiter Ausdehnung einen ungehinderten Lauf bis zum grossen Archipel Siid-Asiens und eine grosse Regelmiissigkeit. Bei der Insel Formosa wendet sie sich gegen Nordosten und bespiilt die ostjapanischen Ufer als japani- scher Strom. Dieser fiihrt, ahnlich dem atlantischen Golfstrom und mit gleicher Schnelligkeit den nordlichen Breiten warmes Wasser und Treibbolz zu; ihm verdan- ken die Aleutischen Inseln und Kamtsehatka ihr milderes Klima, sowie das nordliche Skandinavien dem Golfstrom. — Die mexikanische Strtimung, welehe nach Siiden gerichtet ist, wie die an der Westkilste von Africa, ist noch nicht hinlanglieh erforscht; doch scheint der Kreislauf des grossen Oceans (gleich jenem des atlantischen Oceans) vollstaudig nacbgewiesen zu sein. §. 60. Einigc der gebrHuchlichsten, auf die Scliiffalirt bezuglichen .Seeuiannsausdriicke. Abandon ist das Ueberlassen eines versicherteu, ganzlich unbrauchbar gewordenen Gegenstandes an den Versicherer. (Die Laduug abandonniren.) Ballast nennt man jene Belastung, welche einem Schiffe nur in der Absicht gege- ben wird, um es hinlanglieh zu beschweren, damit der Schwerpunkt unter das Wasser kommt, und es nicht umschlagt. (Ein Schiff ballasten = mit Ballast versehen; belasten — iiberhaupt beladen.) Baratterie nennt man alle unredlichen oder kontraktwidrigen Handlungen des Schillers oder Schiffsvolkes. (In Hamburg wird gegen Baratterie versichert.) Bodmerei heisst oin Darlehensgeschaft gegen Verpf&ndung eines Schiffes oder auch der Ladnng desselben. Sie kommt besonders vor, wenn ein Schiff wegen erlit- tener Unfalle in einen Nothhafon einlaufen und ausgebessert werden muss, und 78 der Kapilan sioh gendthigt sielit, Geld dazu aufzunehmen. (Bodmereigeld, Bodmeriebrief.) Casco ist eigentlich nur der Rumpf eines Schiffes, ohne die Masten, das Tauw'crk u. s. w.; beim Asseeuranzwesen jedoch nennt man so das ganze Seeschiff mit allem Zubehiir, im Gegensatze zur Ladung. Certepartie (Char tepar ti e) nennt man den Kontrakt, den Jemand mit einem Seeschiffer iiber die Befrachtung seines ganzen Schiffes, Oder zuweilen auch nur eines Theiles desselben abschliesst. Connossament beisst bei Waarensendungen zur See die Urkunde, welche der Schiffer iiber den Empfang derWaare ausstellt, und worin alle in der Certepartie festgesetzten Bedingungen aufgefuhrt werden. Dispaehe „aufmachen“ Oder „anfertigen“ heisst den Schaden, welchen ein Schiff erlitten, genau berechnen und unter die Interessenten vertheilen. (Siehe auch H a v a r i e.) Docks sind grosse ausgemauerte Bassins, welche in der Nahe des Meeres, eines I-Iafens Oder grossen Flusses angeiegt undmitdiesen durch Schleussen verbunden sind, so dass man mit der Ebbe das Wasser aus ihnen abfliessen Jassen, sie ge- gen die Fluth absperren und dann nach Belieben das Wasser wieder einlassen kann. Sie haben den Zweck, dass darin Schiffe zum grdssten Theil trocken gelegt und ausgebessert werden kiinnen ; auch werden darin Schiffe auf- und ausgeladen, und sind desshalb mit grossen Waarenmagazinen und einer Mauer umgeben. (London, Liverpool; — in Antwerpen fur Kriegsschiffe.) Schiff- baudocks; — Schwimmende Docks sind grosse hGlzerne Fldsse mit Seitenwanden und Thoren, die, wenn ein Schiff in denselben aufgenommen wer¬ den soil, durch Ballast versenkt, und wenn das Schiff durch das Thor einge- fuhrt ist, mittelst Dampfmaschinen ausgepumpt werden, so dass sie sich mit dem Schiffe emporheben. Es eale n (Echelles) sind die erlaubten Abweichungen, die ein Schiff von der direkten Linie seiner Reise maeht, um Proviant Oder Wasser einzunehmen, Waaren zu verkaufen Oder aufzunehmen, u. s. w. („Escallen machen 1 '). Faden ist das gewohnliche Langenmaas fiir die Bestimmung der Meerestiefe und ist meist 6 Fuss lang. (Knoten — siehe bei Log.) Fanal (Faro, Pharus, Leuchtthurm) ist ein an der Meereskiiste errichteter Tliurm, in dessen oberstem Stoc-kwerke des Nachts ein starkes, gewOhnlich durch Spiegel oder geschliffene Glaser noch verstarktcs moglichst weit sichtbares Licht angeziindet wird , nach welchem die Schiffe des Nachts ihre Richtuug nehmen kOnnen. Hafen ist ein gegen Sturme und Brandung geschiitzter Ort an der Meereskiiste, der entweder von Natur (Bucht) oder dnrch Kunst gebildet ist. (Handelshafen, Kriegshafen, Freihafen — in welchem die im Lande sonst eingefiihrten Ziille nnd Steuern auf die ein- und ausgefuhrten Waaren nicht erboben werden, — Nothhafen, Binnenhafen n. s. w.) Havarie (avarie, Haf'erei) nennt man jeden nicht totalen Schaden, den ein Schiff und die darin verladenen Guter wahrend der Seercise erleiden. Kleine oder ordinare Havarie sind jene Auslagen fiir Schiff und Ladung, welche bios den gemeinsamen Zweck haben, die Fahrt unbehindert zu vollendeu und die Ladung wohlbehalten nnd moglichst schnell nach dem Bestimmungsorte zu lie- fern. Die grosse oder extraordiniire Havarie begreift alle Seeschaden, Verluste und Kosten, die durch ein freiwilliges Opfer entstehen, das in drin- gendor Gefahr zur Vermeidung grbsserer Schaden an Schiff und Ladung, zur Rcttung beider sowie des Lebens der Menschen gebracht wird. (Ueber Bord werfen, das Kappen der Masten u. s. w.) — Die boson'dere oder par¬ ti cul are Havarie sind jene Seescbiiden und Kosten, welche das Schiff oder einen Theil der Ladung durch einen Unfall, d. i. rein zufiillg wahrend der Seereise treffen. Kaplaken (Primage, Primgeld) ist eine Vcrgutung, welche der Befrachter dem Schiffer nebst der Fracht maeht (ein Trinkgeld), und wird jetzt gewohnlich nach Procenten (8 bis 12“/ 0 ) >n die Fracht mitbezogen, wovon der Rheder dem Kapitiin einen Antheil gibt. Klippen sind aus dem Mcere emporragende Felsenspitzcn; blinde IClippen solche, die nahe an die Oberflkrhe des Meeres reichcn; ganze Reihen von Klip¬ pen heissen Riffe, Felsenriffe (in der Ostsee Skiiren). 79 Knoten (siehe Log). Last ist eine Gewichtsbestimnmng von 2 Tonnen, jede zu 2.000 Pfund. Leccage nennt man das, was aus einem geschlossenen abernicht ganz dichten Fasse ausgeflossen und verloren gegangen ist. (Bei atherischen und fetten Oelen.) Liegetage (Liegezeit) sind die fur Ladung und LOschung bedungenen Tage. Die iiber die bestimmte Zeit hinausgelienden, hierzu verwendeten Tage werden Ueberliegetage genannt, und fur jeden Tag ist dem Scbiffer eine Gebtthr (Liege- Oder Wartegeld) zu bezahlen. Log (oder das Logg) ist ein Instrument, mit welehemman die Geschwindigkeit eines Schiffes abmisst. Es besteht aus einem dreieckigen Brettchen, am Boden mit Bleistreifeu verseben, damit es aufrecht schwimmen kann, hat an den drei Ecken Schnure, die zusammengeknupft in eine lange Schnur — die Logleine — aus- laufen. Diese ist um eine Rolle gewunden, die sich sehr leicht um ihre Achse dreht, und am Hintertheile des Schiffes befestigt ist. Wenn man das Log ins Wasser wirft, bleibt es senkrecht und unbeweglich auf der Oberflache stehen, wahrend man die Leine genau */, Minute (oder '/ 120 Stunde lang) von der Rolle ablaufen liisst. Die Leine ist dureh Knoten in gleiche Abtheilungen von je ‘/ la Seemeile getheilt, und so viel solcher Knoten in '/i 20 Stunde ab- gelaufen sind, so viel Seemeilen hat das Schiff in einer Stunde zuruckgelegt. — Das Ergebniss dieser Beobachtungen wird dann in das Logbuch eingetragen. Lootsen (oder Piloten) sind Steuerleute, welcho Schiffe durch ein gewisses Eahr- wasser in einen Hafen , eine Flussmundung, durch einen schmalen Meeresarm Oder sonst auf einem Wege, der fur den Unkundigen mit Gefahren verbunden ist, fiihren. (Ein Schiff einlootsen oder auslootsen, — Lootsenflagge, Lootsengeld oder Pilotage.) Loschen (entloschen) heisst die Guter eines Schiffes ausladen ; Loschungs- platz ist der Bestimmungsort der Fahrt des Schiffes. Molo ist ein an einem Hafen in’s Wasser hinein aus grossen Quadersteinen aufge- fiihrter Damm, der dem Hafen mehr Sicherheit gibt, denselben vor Versandung und die Schiffe gegen Wellen und feindliche Angriffe sehutzt. Primage (siehe Kaplaken). Rhede ist eine Stelle in der See in einiger Entfernung vom Lande oder von einem Hafen, die einen guten Ankergrund hat und wenigstens zum Theil gegen Sturme gesehiitzt ist. Die Schiffe gehen auf derselben vor Anker, um giinstigen Wind oder einen Lootsen abzuwarten, Lebensmittel einzunehmen, die Ladung zu lo¬ schen u. s. w. Rheder heisst der Besitzer eines oder mehrerer Handelsschiffe, mit denen er die Seefrachtfahrt als Gewerbe betreibt, oder diese auch fur eigene Rechnung benutzt. Schiffe. — Nach ihrer Bestimmung sind sie Handelsschiffe (Ilauffartheischiffe, Kauffahrer) Oder Kriegssehiffe; wenn sie in regelmassigen Fahrten fur Zwecke der Postanstalten benutzt werden. heissen sie Packet- oder Postschiffe. S e- gelschiffe werden durch den Wind, Dampfschiffe durch Dampfkraft, Ru- derschiffe (nicht mehr im Grossen gebrauchlich) durch Ruder getrieben. Die Griisse der Handelsschiffe wird nach der Gewichtsmasse ilirer Ladung (nach Tonnen) bestimmt; die grdssten (z. B. Ostindienfahrer) haben mehr als 1000 Tonnen. Die grossten Kriegssehiffe sind die Li nien s ch i f fe, dann folgen Fregatten, Corvetten, ICutter, Schaluppen u. s. w. Eine grossere Anzahl von Kriegsschiffen nennt man eineFlotte, eine kleinere G e s ch w a d er, ElottiHe, Eskadre u. s. w. Platze, wo Schiffe gebaut werden, heissen b chilfs w erf t en. Das Seewesen im Allgemeinen, mit Ruoksicht auf die Schiff- fahrt nennt man Marine. Tonne ist eine Gewichtsmenge von 2000 Pfund. V er klarun g „belegen“ (oder Seeprotest aufnehmen) nennt man die sehrift- liche Erklarung des Schiffers, wenn er grosse Havarie gemaeht hat, die er im n'achsten, Hafen vor der betreffenden Obrigkeit zu Protokoll abgibt und beeidet, um sich vor aller Verantwortung zu schutzen. Wrack ist der Kijrper eines geseheiterten oder sonst untauglich gewordenen Schif¬ fes, uberhaupt Alles, was das Meer von verungliickten Schiffen an das Ufer treibt. (Wrackrecht, Strandrecht.) 80 C. Das Land. §. 61. Der Ban tier Erdrinde. Die sfarre Erdrinde, welche iiber dem Meeresspiegel mehr oder weniger erhaben ist, nennen wir Land. Nach der fast allgemein angenommenen Hypothese war der Erdball einst eine feurigfliissige Kugel, deren Oberflache durch allmalige Erkaltung fest wurde (die Gesteinsdecke oder Erdrinde), wahrend das Innere derselben noch immer gliihendflussig blieb. Die Erdrinde besteht aus zwei ver- schiedenen Gesteinsarten: Massengestein (plutonische Bildung), und geschichtetes Gestein (neptunische Formation, Sediment- gesteine). Das Massengestein hat entweder den Charakter geschmol- zener Massen (vukanisches Gestein), oder es ist von vorherrschend krystallinischer Bildung, dessen Felsarten ohne Regelmassigkeit in der Lagerung liegen (Urgebirge). Das Massengestein enthiilt nirgends Versteinerungen, dagegen ist es sehr reich an Metallen und erdigen Fossilien, besonders an Edelsteinen. Unter dem Namen Urgebirge fassen wir die (wahrscheinlich altesten) Gebirge der Erdrinde zu- sammen, welche die Grundlage der ubrigen Gesteine, in der Regel den Kern der Hauptgebirge bilden. Zum Urgebirgsgesteine gehoren: der Granit, der Syenit, der Griinstein, Porphyr u. s. w.; — zu den vulkanischen Felsarten: Basalt, Trachyt, Lava, Bimsstein u. s. w. Die geschichteten Felsarten sind in parallel laufenden Platten oder Schichten nach einer bestimmten Ordnung iiber einan- der gelagert, und schliessen eine Menge von Versteinerungen (Petre- facten) von Thieren und Pflanzen ein. Die verschiedenen Sediment- bildungen oder Forma tionen werden in drei grosse Schichten, deren jede in mehrere Gruppen zerfallt, geschieden: 1. primares, 2. sekundares und 3. terti&res Gebirge. 1. Das Pri ma rgebirge besteht aus folgenden Gruppen: Grau- wacke n gebirge (Uebergangsgebirge), S t e in k ohiengebirge und Kupferschiefergebirge. Die erste dieser Gruppen enthiilt Kalk, Schiefer und Sandsteine, die zweite Schieferthone, Kalk- und Sand- steine und dazwischen Steinkohlen , und die dritte Kupfersehiefer mit Kupfererzen und Zechstein. 2. Das sek und a re Gebirge besteht aus drei Gruppen: Trias, Jura gebirge und K r ei d egebirge , und ist reich an Erzen, Salz, Gyps und Steinkohlen, so wie an Versteinerungen. 3. Das tertiare Gebirge lasst sich in eine u n t e r e (antediluvia- nische) Gruppe, die aus Thon und Sandsteinlagern besteht, zwischen denen Braunkohlen eingeschoben sind, — und in die obere einthei- len. Letztere ist das Diluvium (A uf geschwemmtes), welches aus Lagern von Lehm, Thon, Kies und Gerolle besteht. Auf das Dilu¬ vium folgt als letztes, oberstes Glied das Alluvium (An ge¬ schwemmtes), die Gebilde der Gegenwart, besonders Lehm, Sand, der sich stets neubildende Torf und Dammerde (Humus). Die aus clem Erdinnern emporgedrungenen plutonischen Massen werden anch Eru p t i vges t e in e, die Schiefergesteine Urformat i on, die Grauwackebildungen Uebergangsgebirge und alle tibrigen Sedimente zusammen Fltitzgebirge genannt. 81 §. 63. Vcrbreitung der Mineralien. Die Mineralien sind Bestandtheile des festen Erdkernes. Ihre Verbreitung ist an kein geographisches Gesetz gebunden, keine Zone hat eigenthumliche, sie besonders charakterisirende Gattungen, auch lasst sich uber die vorhandene Menge einer Mineralgattung nichts Zuverlassiges angeben. Die wiehtigsten Fundorte sind fur: l.Edlc Mctalle: P la tin a, Russland (am Ural); Brasilien; Bdrneo; St. Domingo; Gold, Nordamerica (Californien), Mexiko, Peril, Bolivia, Brasilien; in Asien der Ural, Sibirien, Tiibet, China, der indische Archipel; Neuholland; die Lan¬ der Mittelafrieas (Goldstaub und Goldsand); in Europa Siebenburgen und Ungarn. (Jahrliche Ausbeute beilaufig 200.000 Pfund, davon die Halfte auf America.) Silber, Mexiko, Pern, Chili, Russland, China, Norwegen, Sachsen, Hannover, Ungarn und Siebenburgen. (Jahrliche Ausbeute beilaufig 1,800.000 Pfund, davon zwei Drittel auf America und etwa ein Sechstel auf Europa.) 3.Unedle Mctalle: Queeksilber, Almadbn (Spanien), Idria (Krain), bairische Rheinpfalz, Ost- indien, Japan, Peru, Brasilien, Mexiko. Kupfer, England, bforwegen und Schweden, Russland, Ungarn, Harz, Frank- reich, Chili, Nordamerica, Brasilien, Cuba, Japan, Kleinasien. (Europa ge- winnt jahrlich an 550,000 Zentner, davon entfallt die Halfte auf England; Russland und Deutschland je ein Sechstel.) Eisen, Schweden, England, Steiermark und Karnten, Belgien, Russland, Deutsch¬ land, Frankreieh, zalilreiche Fundorte in America, Asien und Africa. Blei, England, Spanien, Karnten, Harz, Nordamerica. Z i n n, die Sunda-Insel Banka, die Halbinsel Malakka, bOhmisches und silehsi- sches Erzgebirge, England. Zink, Schlcsien, Rheinpreussen, Belgien, England, China, Vorderindien. Kobalt, Sachsen, Schweden, England, Sehlesien, Rheinpreussen. 3. Edelsteine. Die meisten und scbonstcn Edelsteine liefert Ostindien; auch Brasilien und Peru haben einen grossen Reichthum an einigen ausgezeichneten Gattungen von Edelsteinen. Es werden gefunden: der Diamant in Vorder¬ indien, auf Borneo, in Brasilien und am Ural; — liubine auf Ceylon, in Hinterindien und in der freien Tatarei; — Saphire auf Ceylon, in Birma, Brasilien und Columbia; Smaragde in Peru, Brasilien und Sibirien; Top as, Hyacinth, Amethyst am schOnsten auf Ceylon und in Brasilien, minder schon in Europa, Opal am schOnsten in Ungarn u. s. w. 4. Unter den unedlen erdigcnMineralien sind erwahnenswerth: der Graphit in England, Oesterreich, Frankreieh und Spanien; — die Porzellanerde in Sachsen, Bohmen, Frankreieh, Baiern, China und Japan; Meerschaum in Kleinasien, Griechenland, Siidrussland, Spanien uud Mahren; M armor in Mittelitalien, Paros, Frankreieh. 5. Die brennbaren Mineralien: Schwefel (den meisten und besten) liefern Sicilien, der Kirehenstaat und Toscana, dann Island, Croatien, Ungarn, Spanien u. s. w._; — Steinkohlen, die grosste Ausbeute hat England, dann Belgien, Frankreieh und Deutschland, Nordamerika, China; — Bernstein wird am meisten an der Ostseekttste (zwischen Danzig und Memel), Asphalt in Sy- rien (am todten Meere), auf Trinidad in Westindien und auch in Dalmatien gewonnen; der Torf ist in Europa haaptsitchlich in den norddeutschen Nie- derungen, in Holland, dann in Sud-Baiern, Oesterreich u. s. w. verbreitet. 6. Dio sal/Jgcn UliilCIalien. Kochsalz, das meiste Steinsalz inEuropa liefern die Karpathenlander, das meiste Sudsalz Deutschland das meiste Secsalz Frankreieh, Spanien, Portugal. §. 63. Die vulkanische Thatigkeit der Erde. Die vulkanischen Erscheinungen konnen als eine Reaction des Innern der Erde gegen deren Rinde und Oberflache betrachtet wer- Kluo's Handels-Geographic. 2. Aufl. 0 82 den. Unter einer festen Erdkruste (von etwa 5 bis 20 Meilen Dicke) liegt das heissfliissige Innere des Erdkorpers, in welchem durch Ursachen mancherlei Art Bewegungen und Stromungen entstehen kdnnen, welche plotzliche oder allmaldiche Hebungen oder Senkungen der Erdrinde erzeugen. Die gewaltige Wirkung vulkanischer Tha- tigkeit aussert sich in der Bewegung einzelner Theile der Erdober- fliiche, in dem Erdbeben. Die Erschiitterungen des Erdbodens sind theils wellenformig sich fortbewegende, theils auf- und niederstos- sende und gewohnlich von unterirdischem Getose begleitet, mit Bo- denzerspaltungen und mannigfachen Naturerscheinungen verbunden. Die Erdbeben sind viel haufiger, als man gewohnlich glaubt, und ist auch kein Gebiet der Erde von Erdbeben ganz frei, so ist doch ihre hiiufige Erscheinung zumeist auf wenige Erdstriche aus- gedehnt. Die bedeutendsten Erdbebenzonen sind: 1. die siid- americanische (in den Cordilleren bis auf die kleinen Antillen), — 2. die mexikanische folgt der Vulkanreihe von Westen nach Osten, — 3. die europaische (von den Pyrenaen durch die Alpen bis zum Kaukasus, die zweite langs der beiden Kusten des Mittelmeeres), — 4. die asiatische (die eine von der Uralmiindung bis Irkutzk, die zweite vom Aral bis nach China, die dritte durch die Lander am Himalaya), — 5. die oceanische auf den Inselgruppen des sudchine- sischen Meeres und des grossen Oceans bis nach Nordamerica, — 6. die australische, Durchbricht ein Erdbeben die Erdschichten und bringt da- durch eine bleibende Yerbindung zwischen dem Innern der Erde und der Atmosphare hervor, so entsteht ein Yulkan , welcher als Sicherheitsventil gegen die Erdbeben angesehen werden kann. Man kennt gegen 407 in historischen Zeiten thatig gewesene Vulkane, von denen 225 noch thatig sind. Die Erzeugnisse der vulkanischen Thatigkeit, welche durch den Ausbruch (Eruption) zu Tage tritt, bestehen in Rauch, Asche, emporgeschleuderten gliihenden Substan- zen und Lava. Sobald die gliihenden Massen durch die aus dem Innern der Erde bis zum Gipfel des Berges reichende schlottahn- liche Rohre, deren Oeffnung zu oberst bedeutend erweitert ist (Kra- ter), emporgestiegen sind, stromen sie heraus, und geben dem Berge die Kegelform. Die heraustromende Lava verwiistet oft meilenweit die Umgebung, erkaltet sehr langsam (oft erst nach Jahren), und die Rinde wird erst nach Jahrhunderten wieder fur die Vegetation empfanglich. Die aus den Spalten der Lava hervorbrechenden Diimpfe heissen Fumarolen. Jene Krater, aus denen Schwefeldampfe heraus- stromen, werden So 1 fat aren genannt. Eine andere Art von Vulka- nen wirft statt der gluhenden Lava und der Rauchsaulen einen halb- fliissigen, thonigen Schlamm aus, der sich an der Oeffnung ablagert und einen kleinen Vulkankegel bildet; diese heissen Schlamm- vulkane oder Sal sen. (Der Berg Maccaluba bei Girgenti auf Sicilien, — die Schlammvulkane auf der Halbinsel Taman am asow’schen Meere und die bei Baku am caspischen Meere.) Nach der Lage theilt man sie ein in Central-Vulkane, d. i. einzelne Gruppen, die einen Hauptvulkan einschliessen, oder 83 Re ill e n-V ullt ane, d. i. grosse Reihen, welche sich in bedeuten- den Strecken, oft in der Nahe des Meeres, hinziehen. Yon den 225 bekannten thatigen Vulkanen liegen etwa 70, d. i. V , auf den Kontinenten, und 155 oder 2 / 3 auf der Inselwelt, Und zwar auf den Inseln des gr o s a en O ce a n s und um denselben her finden wir 198 oder nalie an 7 / g . Yon den TO.Kontinental-Vul- kanen gehoren 53 oder % zu America, 15 zu Asien, 1 zu Europa, 1 oder 2 in den bisher bekannteu Gegenden Africa’s. In den siid- asiatischen Inseln (Sunda-Inseln und Molukken) wie in den Aleuten und Kurilen liegt auf dem engsten Raume die grcisste Menge der Insel-Vulkane. Zahl der Vulkane Zahl dor no eh iiberbaupt thatigen Vulkane Europa. Inseln des atlantisehen Oceans. Africa . Kontinentales Asien . a) Wcstlicher Theil und das Innere b) Halbinsel Kamtschatka. Ostasiatische Inseln. Siidasiatische Inseln. Indischer Ocean. Sudsee. Kontinentales America . Siidamerica. Centralamerica. Mexiko. Nordwestamerica. Antillen. Cen tr al vullt ane:. Auf Island (Hekla, Krabla) auf den liparischen Inseln (Stromboli), der Aetna, der Vesuv, die Yulkane der Azoren, der kanarischen, kapverdiscben, Gallopagos-, Sandwichs-, Marquesas-, Gesellschafts- und Ereund- schafts-Inseln. Keihen vulk an e: die westaustralischen von Neu-Seeland, der Neu-Hebri- den, St. Cruz, Neu-Britannien und Neu-Guinea, die Reihe dev Molukken und Sunda-Inseln, besonders zahlreich auf Java und Sumatra, die der Pliilippinen und Mariancn, die japanischen und kurilischen, die von Kamtschatka, der Aleuten, von Nordwest-America, von Mexiko, von Central - America, von Quito, Bolivia, Peru, Chili, den Antillen und die der griechischcn Inseln im Mittelmeere. §. 64. Pliysischc Beschalfenheit des Flachlandes. Nach der Beschaffenheit des Bodens und des Klima’s, wovon die Mogliclikeit des Pflanzenwuchses, die grossere oder geringere Fruchtbarkeit des Erdstriches abhangt, unterscheidet man auf dem Flachlande: a) Kul tureben en, d. i. reich bewEsserte Flachlander, in denen feste Ansiedlungen begriindet sind, weil der Anbau von Pflanzen moglich und ergiebig ist (Wiesen, Felder, Aecker, Wal- der, Marschland, Geestland u. s. w.); b) Steppen, welche reichlich mit kleinen Gewachsen_be- deckt aber waldlos, wasserarm, wenig bewohnt und einformig sind; c) Haiden sind weithin sich ausdehnende Ebenen, meist sandig und unfruchtbar, mitunter sumpfig, gewohnlich nur mit Haide- kraut und hie und da mit Kieferwald bewachsen; 6 * 84 d) die Savannen und Prairien (am Missisippi und Mis¬ souri) sind uniibersehbare Grasfluren, bisweilen mit einer riesenhaf- ten Vegetation, oder undurchdringlichenSchilfwaldungen; derBaum- wuchs kdmmt in denselben bald dicht wie in den Urwaldern, bald vereinzelt, bald gar nicht vor; die Llanos (am Orinoko) sind in der trockenen Jahreszeit durre, baumlose ausgebrannte Steppen, nach der Regenzeit aber ein wahres „Krautermeer“ mit hohen Gra- sern; — die Selvas (am Amazonenstrom) sind undurchdringliche Urwalder, mit dem grossartigsten Pflanzenwuchs, riesenhaften Sehling- gewachsen; — die Pampas (am la Plata) sind in der trockenen Jahreszeit vollkommen ausgebrannte Steppen, zur Regenzeit sind sie mit hohem Grase bedeckte Ebenen ohne Baumwuchs; e) wasserarme Landstriche, meist mit Sand und kleinen Stei- nen bedeckt, in denen Pflanzen gar nicht oder nur sehr sparsam gedeihen, heissen Wiisten, und die einzelnen, anbaufahigen und bewohnten Stellen in denselben -- Oasen, welehe Rastplatze fur Karawanen bilden. §. 65. Geograpkische Verbreitung der Pflanzen, Das Leben und Gedeihen der Pflanzen hangt besonders von der Feuchtigkeit, dem Lichte und der Warme ab. Da das vegetabilische Leben fur die Temperatur am meisten empfindsam ist, und in der innigsten Beziehung zu den physischen Verhaltnissen der Erdoberflache steht; da ferners das Gedeihen der Pflanzen nicht bloss von der mittleren Jahreswarme, sondern noch mehr von der mittleren Sommerwarme abhangt: so sind die Pflanzen das sicherste Kennzeichen fur das wahre Klima, Auf diese Abhangigkeit der Pflanzen griindet sich die Eintheilung der Erd- oberfl'ache nach horizontaler Richtung in Pflanzenzonen und nach vertikaler in Pflanzen regionen. Die Pflanzenwelt erstreckt sich uber die ganze Oberflache der Erde , vom Aequator bis zu den Polen, vom Meeresgrunde bis in die Schneeregion, jedoch unendlich verschieden in der Menge der Arten und der Mannigfaltigkeit und Physiognomie der Pflanzen. Die Zahl der Pflanzenarten nimmt von den Polen gegen den Aequator zu, ebenso die Mannigfaltigkeit der Bildungen, die Schonheit der Form und des Farbengemisches, die Frische, Kraft und Grosse des Pflanzenlebens. In der heissen Zone herrscht die uppigste Vegeta¬ tion, die meisten Gewachse bleiben stets griin (perennirend); woge- gen in den mittleren Breitegraden die Pracht und Ftille schwinden, der Laubfall sich einstellt, und in den kalten Zonen nur mehr spar- lich mederes Strauchwerk, Beeren und Moose vorkommen. Die heisse Zone enthalt in den verschiedenen Regionen ihrer Hochgebirge die- selbe Reihenfolge der Pflanzenarten liber einander, welehe vom Aequator gegen die Pole neben einander liegen, Jede Bodenart hat weiters ihre besonderen Pflanzen; einige gedeihen nur im Ge- hirge, andere nur am salzgetrankten Meerestrande, andere nur im Wasser der Fliisse, Seen und Oceane; eigentlich kosmopolitische Pflanzen gibt es nur sehr wenige. Jede Pflanze hat ihr Vaterland, d, i. ihre ursprunglicheHeimat und ihren geographischenVer- 85 breitungsbezirk; jeder Erdatrich seine weit verbreitete Nah- r an gspflanze. Diejenigen Pflanzen, welche der Mensch zu irgend einem Zwecke erzieht, anbaut und mit Sorgfalt pflpgt (kultivirt), heissen Kulturpflanzen, im Gegensatze zu den wildwachsenden. Viele Pflanzen hat der Mensch in Gegenden, wo sie urspriinglich nicht einheimisch waren , akklimatisirt, d. h. er hat sie unter Bedingungen gebracht, welche ihrem Gedeihen in dem neuen Vater- lande zusagen. Nach der Nutzanwendung werden die Kulturpflanzen in ver- schiedene Gruppen getheilt: 1. Kulturpflanzen, welche dem Menschen die g e- wohnliche Nahrung liefern, als: Getreidepflaozen (Cerea- lien), Weizen, Roggen, Gerste, Reis, Mais, Durra, Dattelpalme, Kartoffel u. s. w.; 2. Kulturpflanzen, welche Luxus-Nahrungs stoffe liefern, als: das Zuckerrohr, der Kaffeebaum, der Theestrauch, der Cacaobaum, dieVanille, der Pfefferstrauch, der Zimmtbaum, der Gewurznelkenbaum, der Muskatnussbaum, die Ingwerpflanze u, s, w.; 3. Kulturpflanzen, welche geistige Getranke lie¬ fern, als: der Weinstock, mehrere Palmen u. s. w.; 4. Kulturpflanzen, welche allein zum Luxus be- niitzt werden, als: die Tabakpflanze, der Mohn, die Coca- pflanze u. s. w.; 5. Kulturpflanzen, welche B ekleidungsstoff e lie¬ fern, als: die Lein-, Hanf- und die Baumwollenpflanze, der neu- seelandische Flachs u. s. w.; 6. Kulturpflanzen, welche Farbstoffe liefern, als: Indigo, Waid, Krapp, Safran, Farbholzer u. s. w.; Uebersicht der Diirclisclinittswerthe fur die Grenzen der Pflanzen- Region der Pflanzen-Zonen Flechten. Griiser. Alpenpflanzen . Nadelholzer ... curop. Laubhol- zer. immergriinen Lanbhiilzer.. Myrthen und Lorbeeren .. I'arnbaume .... Palmen und Ba- nanen ..... Pi 0 wirklichen Grenzen der Vegetationgregionen weichen je nach den Lokali- »ten von diesen Durchschnittswertlien mehr oder minder ab. 86 Verbreitung einiger Kulturpflanzeu. 1. Die Getreidcpflanzcn oder Ce realien liefern dem Menschen den haupt- sachlichsten Nahrungsstoff. Zu den wichtigsten Arten derselben gehoren: der Wei- zen, der Roggen, die Gerste und derHafer fur Enropa, das angrenzende Asien und die gemassigten Gegenden Americas; — der Reis und mehrere Hirsearten fur den Sfiden und Osten Asiens ; •— der Mais fur die wiirmeren Theile Americas; — und die Sorgho, die Durra (Negerkorn) fur das tropische Africa. Am weitesten gegen Norden wachst die Gerste (fast bis 70° n. Br. in Europa, in Asien 60", in Nordamerica 56°); um einige Grade weniger nach Norden reicht cler Roggen, der seinen Hanptsitz in der subarktischen Zone hat; noch weniger nordwarts reicht der Weizen, der eine mittlere Sommerwarme von 13° R. beniithiget und dessen Be- zirk sich von der subtropischen Zone fast durch die ganze warmere und k<ere ge- massigte Zone erstreckt. Der Hafer reicht bisweilen iiber die Curve der Isothere des Roggens liinans, und sein Anbau erstreckt sich his 67° n. Br. Der Reis braucht viel Feuchtigkeit und eine mittlere Sommerwarme von 23" R. ; er gehort vorzugs- weise der tropischen Zone, doch gedeiht er noch liber 45°. Der Mais, durch schr ergiebigen Ertrag ausgezeichnet, beniithiget eine mittlere Sommerwarme von 15° R. und reicht in Europa bis fiber 50°, in Nordamerica bis 54°, in Siidamerica bis 40°. Die Kartoffel kommt in noch holieren Breiten als die Gerste vor (bis 71° n.Br.); dagegen artet sie in heissen Liindern leicht aus. (Grosse Getreidemarkte in Odessa, den russischen und preussischen Ostseestadten, Marseille, Triest, Wicselburg, Oedenbnrg, Arad u. s. f. Mehlhandel in alien grosseren Seestadten.) 2. Colonialprodukte, Zu diesen gehoren jene Kuiturpflanzen, wclche liaupt- sachlich in den tropischen Colonien der Europaer gebaut werden und, da sie ffir viele Volker Gegonstand des fast taglichen Bediirfnisses geworden sind, einen der Hauptartikel des Welthandels bilden. Zu diesen gehoren: Zuckcr, Kaffee, Thee, Gewurze nnd Spezereien, Baumwolle, Farbe- und Nutzholzer. Das Zuckerrolir gedeiht am besten in Liindern, die eine mittlere Jahrestemperatur von 20° R. haben; doch flndet man grosse Anpflanzungen selbst in Gegenden, in denen die mittlere Jahrestemperatur nur 16° betragt. Die Heimat ist das warmere Asien, von wo es im zwolften Jahrhunderte nach Cypern, Rhodus, Candia, Sicilien und Spanien, spater auf Madeira und die kanarischen Inseln verhreitet wurde. Um die Mitte des sieben- zehnten Jahrhunderts wurde es nach Brasilien, Guyana und den Antillen verpflanzt, wo es jotzt in grosser Menge gebaut wird. (Gesammteinfuhr in Europa etwa 10 Millionen Zentner; grosse Raffinerien in Hamburg, Marseille, Rouen, Amsterdam, Li¬ verpool und anderen Seestadten.) — Der Kaffeebaum fallt beziiglich seiner geo- graphischen Verbreitung im Allgemeinen mit dem Zuckerrohr zusammen, wird bis 36° n. Br, kultivirt, und beansprucht eine mittlere Jahrestemperatur von 20° R. Seine Heimat ist Abyssinien und Mittel-Africa, von wo sich seine Kultur nach Asien (be- sonders nach Arabien) verbreitete. In grosser Menge wird er auf den Antillen, in Brasilien, auf den Sunda-Inseln (besonders Java) gebaut. (Jahrlichc Gesammtproduc- tion beiliiufig 500 Millionen Pfund, wovon fast die Halfte auf Brasilien, 80 Millionen auf Java kommen.) — Der Theestrauch ist hauptsachlich in China einheimisch und kommt auch hier fast nur in der subtropischen Zone vor; fur sein Gedeihen genfigt eine mittlere Jahrestemperatur von 13° R. (Jiihrliche Ausfuhr aus China an 00 Millionen Pfund, wovon bei 50 nach England, 20 nach Nord-America, 8 Millionen Pfund nach Russland gehen.) —Unter den Gewurzen haben die kraftigsten in den heissen Landern ihre Heimat, und ilire Verbreitung ist meistens auf kleinere Bozirke beschrankt. So gedeiht die Vanilie nnr in Mexiko (auf dem Ostabhange der Cor- dilleren von Anahuac), der Zimmtbaum auf Ceylon (er hat die Grenzen von Ostindien kaum uberschritten), der Mu ska t nus s- und der Gewfirznolkenbaum auf den Molukken (ersterer besonders auf den Banda-Inseln, der zweite auf Amboina), — der Pf offe r s tr a u ch auf Sumatra, Borneo, Hinterindien und der Kfiste von Malabar, die Ing we r p fl a n ze in China und Ostindien. — Sowie die besseren FarbehOlzer so erkalt Europa auch die edleren Nntz- Oder Werkholzer aus den warmeren Erdstriehen, z. B. I'ernambukholz aus Brasilien, Sandelholz aus Ostindien, Campeche- nnd Mahagonih olz aus Westindien und den Kusten- gegenden der Campeche- und Hondurasbai, Ebenholz aus Ceylon und den ost- africanischen Kustenlandern u. s. w. 3. Der Wcilistock, eine ICuIturpflanze, welche ein Produkt des Luxus aber auch der Nahrung liefert, hat ihre Heimat zwisehen dem schwarzen und dem easpi- 87 schen Meere, doch hat sich der Anbaubezirk bis 52° n. und 38° s. Br. ausgedehnt. Der Weinstock gedeiht am besten bei einer mittleren Jahrestemperatur von 12—13“ R. und wird am starksten in Frankreich und Oesterreich gebaut, dann in Spanien, Por¬ tugal, Deutschland, Madeira, Tiirkei, Sudrussland, Kapland. Von hcichster Wich- tigkeit fur die Bewohner der lreissen Gegenden sind die Palmen, welche zumeist zwiscben den Wendekreisen vorkommen und zur Befriedignng mancberlei Bedurfnisse dienen. (Palmol, Falmwein, Material fur Wohnungen und Geratbsehaften etc.) 4. Der Tabak, dessen Anbau von der urspriinglichen Heimat, dem tropischen America, nach Europa und Asien iibergegangen und bis 55° n. Br. vorgedrungen ist, benothigt eine mittlere Jahrestemperatur von 13° R. Er wird hauptsachlich an- gebaut in America, Kleinasien, Griechenland, Rnssland, Deutschland, Oesterreich etc. 5 . TJnter den Kulturpflanzen, welche Bekleidungsstoffe liefern, und einen Hauptartikel im Handelsverkehr bilden, nimmt die Baum wo lie den ersten Rang ein. Ibre urspriingliche Heimat war Ostindien, China, iiberhaupt die Tropenzono der alten Welt; doch ist ihr Verbreitungsbezirk gegenwartig so ausgedehnt, wic fast bei keiner andern Nutzpflanze, besonders in America, Sfid- und Ost-Asien, Nord- Africa und Sfid-Europa. Sie reicht auf der nordlichen Hemisphare bis fiber den 40°, auf der siidlichen bis zum 28° Br. Die jahrliche Gesammtproduction wird auf etwa 18 Millionen Zentner berechnet, wovon England allein mehr als die Halfte (fiber 9 Millionen Zentner) zur Verarbeitung bezieht. — Dieser zunachst steht die Lein- pflanze, welche bis 64° n. Br. reicht und in fast ganz Europa, im nordlichen Asien, auf den Hochebenen von Indien, in Egypten, Nord-America gebaut wird, iiberhaupt in Gegenden, in denen die mittlere Jahrestemperatur bis 11° It. reicht. Die Hanf- pilanze reicht bis zur Polargrenze der Leiupflanze, aber nicht in so hohe Regionen als diese. Der neuseelandische Flachs bat seine Verbreitung fiber die urspriing. liche Heimat — Neuseeland — nicht ausgedehnt. G. Von den Farbepilaiizen gedeiht der Indigo in den warmeren Erdstri- chen Asiens (Ostindien) von 20—30° n. Br., dann im tropischen America und in Egypten. Der Waid ist fast uberall in Europa einheimisch, besonders in Deutsch¬ land, dor Krapp ist aus Kleinasien und Ostindien nach Europa verpflanzt worden, wo er in Frankreich, Holland, Deutschland und Oesterreich gut fortkommt. Der Safran ist durch die Kreuzfahrer ebenfalls aus Asien nach Europa gebracht worden und gedeiht besonders in den warmeren Gegenden. §. 66. Geograpliisclie Verbreitung dcr Thiere. Die Thierwelt bestimmt nicht in dem Masse den Charakter einer Gegend, wie die Pflanzenwelt, da deren Verbreitung noch von anderen Verhalfnissen bedingt ist als jene der Letzteren. Im All- gemeinen gilt indess auch hier das Gesetz von der Armuth an den Polen und dem Reichthum am Aequator. In der Regel ist eine grosse Mannigfaltigkeit und ilppige Entwicklung des Pflanzenwuch- ses auch von einer entsprechenden Mannigfaltigkeit und Fiille der Thierformen begleitet; demzufolge ist das animalische Leben inner- balb der Tropen auf der hoebsten Stufe, gegen die Pole hin aber nimmt es allmahlich ab. Nur die Seethiere folgen dem umgekehrten Gesetze und nehmen gegen die Pole an Urnfang und Masse zu. Die verschiedenen Erdzonen priigen endlieb den ihnen vorzugs- weise eingenthiimlicben Thiergattungen eine bestimmte Physiognomie auf, welche sie kennzeichnet. Die h e i s s e Zone bat nicht nur eine grossere Mannigfaltig¬ keit in den Geschlechtern und Gattungen, sondern auch eine gros¬ sere Verschiedenheit des Baues und der Farbe der Thiere. Die riesenhaften und priichdgsten aber auch die reissendsten Landthiere bewohnen diese Zone; °/to von alien Vogelarten gehoren den Tro¬ pen, darunter die grossten und mit dem buntesten Gefieder, doch zeichnet sie jener angenebme Gesang nicht aus , wie die der ge- massigten Zone; unzablige zum Tbeil sehr gefahrliche Ampbibieu 88 und Insetten bewohnen nebst anderen sehr niitzlichen diesen heissen Erdstrich. In den gemassigten Zonen weiset die Fauna eine geringere Menge, Grosse und Wildheit der Thiere, nur die Raubthiere des Hundegeschlechtes und die Baren fugen nocb Schaden zu. Dagegen leben hier die nutzlichsten Hausthiere; die Vogel sind meistens kleiner, von minder schonem Gefieder, aber im Ganzen sangreicher, einige ziehen zur Winterszeit in w&rmere Gegenden (Zugvogel); die Amphibien werden seltener, kleiner und nur wenige davon sind giftig; die ganze Fauna hat einen gemassigteren Charakter. In den Polarlandern schrumpft auch die Thierwelt zu- sammen, und dem winterlichen Abfallen der Fflanzenblatter in den kalteren Gegenden entspricht gleichsam der Winterschlaf der Thiere. Wegen der kiimmerlichen Vegetation und der ungiinstigen klimati- schen Verhaltnisse konnen nur wenige Arten von Saugethieren ge- deihen; das Kennthier ist der Reprasentant dieser Zone. Im Allge- meinen bswohnen Landthiere und Vogel, welche geschatztes Pelz- werk und Bettfedern liefern, die Polarlander. Die Eeptilien sind ausserst sparlich, dagegen schwarmen auch dort im kurzen Sommer Myriaden Miicken u. dgl., da die Menge der Insekten weniger an die geographische Breite gebunden ist. Auch die Seethiere haben im Allgemeinen ihre abgeson- derten Gegenden, von denen sie sich nicht entfernen, weil sie dort Nahrung und die iibrigen Bedingnisse ihres Gedeihens linden. Ein- zelne jedoch durchstreifen fast den ganzen Ocean von Nord nach Slid, andere treten wie die Zugvogel periodische Wanderungen an. Die Thiere haben ebenfalls ihre urspriingliche Heimath und ihren Verbreitungsbezirk. Der Selbsterhaltungstrieb oder grosse Elementar- Ereignisse haben jedoch deren Verbreitungsbezirk aus- gedehnt; noch haufiger hat sie der Mensch ihres Nutzens wegen in feme Gegenden verpflanzt (Hausthiere). Diese erleiden unter verschiedenen Verhaltnissen auch mancherlei Veranderungen. Das Schaf tragt z. B. in der gemassigten Zone die feinste Wolle, in heissen Landern wird sie grob; — der Fuchs ist in warmen Lan- dern diinn und grob behaart, in kalten tragt er den weichsten Pelz; — ahnliche Veranderungen erleidet der Bar; •— in den Aequatorial - Gegenden verandert der Hund sein Bellen, in den Polarlandern heult er mehr, auch wird er hier langhaariger, und nimmt viel von der Wildheit des Wolfes an u. s. f. — Endlich hat. auch jeder von den beiden grossen Kontinenten seine eigene Thierwelt; doch sind die Formen auf dem alten Kontinente gewal- tiger und kolossaler. Verbreitung einiger der niitzlichsten Thiere. Das Pferd. — Ausgezeichnet in Arabien, sehr gute Pferdezucht ist in England, Spanien (Andalusien), Deutschland, Ungarn, Mittelrussland. (Handel mit Ross- haar in Dublin, Amsterdam, Archangel, St. Petersburg, Danzig, Rouen, Ham¬ burg.) Das Rind. — Ungarn, Polen, Russland, die norddeutschen Marschen, Holland, Ir- land, die Alpenlander; — Nordamerica, La Plata, Brasilien. (Die meisten Rind- viehprodukte, als: rohe Haute, Homer, Talg u. s. w. bringen in den Handel Buenos Ayres, Montevideo, Columbia, Brasilien, Russland, Ungarn, Polen.) 89 Das Schaf. _ Die meiste und beste Wolle in Deutschland (Sachsen, Preussen) und Spanien, dann Ungarn, England, Kapland und Neuholland; auch Kussland, Frank- reicb, Mittelasien, und Nordamerica. Pelzthiere am haufigsten und schonsten in Kussland (Sibirien, Kamtschatka, Aleu- ten und Kurilen) und Nordamerica (Canada, Nordwestkuste). — Bedeutender Pelzhand'el in London (Hudsonsbai-Conapagnie), Archangel, St. Petersburg, Nishnij Nowgorod und Leipzig. Wallfische undEobben werden um Gronland, Spitzbergen und Nowaja Semlja ge. fangcn, dann im siidlichen Eismeer. (Hauptstation auf den Sandwichsinseln.) Stockfisch oder Kabljau wird am stiirksten gefangen an den Kusten yon Neu- Foundland, Neu-Schottland, dann anch an den Kusten yon Norwegen, Island und Holland. Haringe werden in zahlloser Menge unweit den Kusten von Holland, England, Schottland und Norwegen gefangen (in der Ostsee „Stromlinge“). Sardellen hauptsachlich im Mittelmeere und an den Kusten des Atlantik, an der West- und Sildkiiste von Frankreich, im Kanal, Meerbusen von Genua, Spanien, Istrien und Dalmatien. Der Hausen (wegen der Hausonblase und des Kaviars) hauptsachlich im Sehwarzen und Kaspischen Meere und in den dort einmiindenden StrOmen, Die Seidenraupe. — Ihre Yerbreitung ist von jener des weissen Maulbeerbaumes abhiingig, welcher in warmeren Gegenden (bis 46° n. Br.) gedeiht. Die Heimat ist China und Persien, sorgfaltig wird sie in Ober-Italien und Frankreich, minder in Spanien und der Tiirkei gepflegt. In den siidlichen Kronlandern Oesterreichs hat man sehr gliickliche Versuche mit der Seidenkultur gemacht. Sehr viel und ausgezeichnete Seide liefern China und Ostindien nach Europa. (Seiden- handel in Genua, Livorno, Neapel, Messina, Marseille, Lyon, Mailand, Bergamo, Como, Wien, Brussa.) Das Cochenille-Insekt liefert ausgezeichneten rothen Farbstoff (Carmin), kommt hauptsachlich in America vor (Mexiko, Guatemala, Columbia, Peru, Brasilien). Akklimatisirungsversuche in Spanien sind gelungen. Die Bienenzucht wird in den siidlichen Landern Europa’s stark betrieben. Beruhmt sind der ungarische, griechische und franzOsische Honig, — das beste Wachs liefern Kussland, Polen, die Tiirkei, Berberei und Sumatra. — Bedeutender Wachshandel in Breslau, den Ostseestadten, Hamburg etc. Perlen. Die beriihmtesten Perlenfischereien sind in Ostindien, Japan und Arabien, die im mexikanischem Busen haben stark abgenommen; die Ausbeute in einigen Fliissen von Mittel-Europa ist schwach und von geringerer Art. Korallen an den Kusten von Algier und Tunis, Sicilien, Corsika und Sardinien, Siidfrankreich, Catalonien, Neu-Guinea. (Korallenarbeiten von Genua, Pisa, Li¬ vorno, Neapel.) S' :j4) -a xJoJ > f/0 j . IV. Politische Geographie. §. 67. Die Bevolkerung der Erde im Allgeineinen. Die politische Geographie betrachtet die Erde nicht bloss als den Wohnplatz der Menschen, sondern auch ala den Schau- platz ihrer geistigen und sittlichen Entwickelung. Sie zerfallt in zwei Haupttheile: die allgemeine Menschen- und Volker- kunde und die Elemente der Staatenkunde. Die Zahl der Menschen auf der Erde genau zu bestimmen ist unmoglich, Gewiss ist, dass dieselbe auf die verschiedenen Erdtheile und Lander sehr ungleich vertheilt ist. Ein Land hat im Allgemeinen desto mehr Bewohner, je leichter sie sich in demsel- ben ernahren konnen. Gegliederte Erdtheile und meerumfloasene Lander haben mehr Bewohner als solche, deren Kiisten fast gerade Linien bilden, weil die Gliederung den Seeverkehr befordert und eine reiche Quelle fur Ernahrung bietet. Ein Land, dessen Boden- beschaffenheit und Gewasser den Verkehr begiinstigen, kann mehr Bewohner ernahren, als ein unwegsames, wasserarmes Land; ebenso fordert ein milder Himmelsstrich die Zunahme der Bevolkerung. Die Bevolkerung der ganzen Erde wird gegenwartig auf bei- laufig 1300 Millionen Menschen gerechnet, — welche sich (in run- den Summen) annaherud folgendermassen vertheilt: Europa mit 2T2^Millionen; also pro QMeile 1619 Einwohner; 755-/ ■ „ „ „ „ 855 „ 200 -1 -5t) „ „ „ „ 367 59 » » j> » 85 ,, 2 » „ a 12 a Asien Africa America Australien ;> 1288 Millionen; also pro QMeile 531 Einwohner. Europa, und zwar vorzugsweise in seinen nOrdlichen und westlichen Theilen, zeigt die gunstigste Entwickelung und kann noch ausserordentlich fortschreiten. Zu- nachst scheint dann America der Erdtheil der Zukuni't fur die menschliche Ent¬ wickelung zu sein, denn bei dem ausserordentlich reichen Naturfond ist dieser Erd- thcil noch sehr diinn bevcilkert. Weiters durften Australien und die Inselwelt dieser Entwickelung folgen. Die Civilisations-Zustande in Asien (besonders China und Indien) lassen eher ein Stillestehen Oder Ruckgehen als einen Eortschritt er- •vvarten. Die Zustande und Verhilltnisse in Africa sind noch viel zu wenig bekannt, urn wahrscheinliche Schliisse ziehen zu konnen. Welche Hohe jedoch die Zahl der Menschen auf der Erde erreichen kann, das zu bestimmen gibt es keine nur einiger- massen sichere Anhaltspunkte, seitdem fast unaufhaltsam die erfolgreichsten Erfin- dungen neue Befdrderungsmittel aller Kulturverhallnisse werden. §. 68. Die Bevolkerung tier Erde nach ilircn kOrperliclien Ver- scliiedenheitcn. Das eine Menschengeschlecht zerfallt nach der Verschieden- denheit der korperlichen Beschaffenheit in fiinf Racen*): die *) Cuvier und Laeepedc nehmen deren nur drei an: Kaukasier, Mongo- len, Neger, und bringen die malayische und americanische unter die mogolische Race. Zeune unterscheidet Ilochschadel, Broitscbadel und Langschadel, Bory de St. 91 kaukasische, raongolische, athiopische, americanische und malayische Race. t 1. Die kaukasische Oder weisse; — hierher gehoren die Europa'er mit Ausnahme der Lappen und Finnen, die West-Asiaten diesseits des Ob, des caspischen Meeres, theilweise sogar bis zum Ganges, die Nord-Africaner, und die in America und den europai- schen Colonien wohnenden Europaer, zusammen an 369 Millionen; 2. Die mongolische: gelb, mit gescblitzten Augen, hervortretenden Backenknochen; — Chine- sen, Mongolen, uberhaupt Asiaten (mit Aus¬ nahme der bei 1. Genannten und der Malayen), zu¬ sammen an. 522 „ 3. Die athiopische: schwarz, mit krausem Haar, vortretenden Kiefern, wulstigen Lippen, stum- pfer Nase; — die africanischen Neger an. 196 „ 4. Die americanische: rothlich braun, schwarze Haare, von breiter aber nicht platter Ge- sichtsbildung, meist mit stark ausgepragten Ziigen; — die urspriinglichen Einwohner Americas, an .... 1 ,, 5. Die malayische: braun, schwarze Haare, breite Nase, grosser Mund; — die Siidsee-Insu- laner, die Bewohner der Philippinen, Molukken, Sunda- Inseln, auch wohl die Australier, zusammen bei- ltiufig an. 200 ,, Von der Gesammtbevolkerung der Erde gehoren somit an- nahernd: 28.85 % der kaukasischen, 40.61 % „ mongolischen, 15.38 % „ malayischen, 15.08 °/ 0 „ athiopischen, 0.08 °/ 0 „ americanischen Race an. §. 61). Die Bcvolkerung der Erde nacli den gcistigen Verschiedenheiten. Die geistigen Verschiedenheiten unter den Menschen be- ziehen sich auf Sprache, Religion, Kulturgrad und btaats- verhaltnisse. 1. Die Sprache. Man unterscheidet drei Sprachenreiche : a) flectirende Sprachen (in welchen den Worten durch innere Veranderung — Flexion^— eine wechselnde Bedeutung ge- geben wird); b) einsilbige, flexionslose Sprachen (in welchen die Worte unverandert bleiben, und alle grammatischen Formen durch Vorsetzworte, deren Stellung und den Zusam- menhang des Sinnes angedeutet werden); — c) agglutini- rende (anleimende) Sprachen (sie haben keine Flexion, doch wird durch das lose Anfugen der Beziehungslaute an den Be- deutungslaut, d, h. durch iiusseren Zuwachs am Ende oder in der Mitte die Bedeutung des Wortes gewechselt). Vincent nimmt 15, Prichart 7 Racen an. Retzius betrachtete wieder die Schadelform als Grundlage der Eintheilung und unterschied Delichocephalen (mit langlicliem, ovalem) und Brachycephalen (mit breitem und kurzem Schiidel). ‘12 a) Die flectirenden Sprachen Oder der indo-europaische Spraehstamm, yon der kaukasischen Race und fast von der Halfte des Menschengeschlechtes gesproehen, stehen am hochsten auf der Stufenleiter der Sprachen und zer- fallen in zwei grosseFamilien: die indo-germanische und agyptiseh- semitische. Zu der ersteren gehoren die asiatische Gruppe (indische, persische, und jene der Kaukasus-Volker), und die europaische (grie- chisch, lateiniseh — mit ihren TSchtern — dann slawische Sprachen, keltisch und die deutschen Sprachen); zu der zwei ten nordsemitisch (syrisch und chaldaisch), mittelsemitis ch (hebraisch) und siidse mitisch (arabisch). h) Der Spraehstamm der einsilbigen aber flexionslosen Wdrter, auch der ost- asiatische oder chinesisclic genannt, wird von vielleicht 500 Millionen Menschen in China, Japan und dem grossten Theile von Hinter-Indien ge- sprochen, und zerf'iUlt in die chinesische, koreanische, japanische und indo- chinesische Familie. c) Die agglutinin'mil'll Sprachen, zu welchen bei’ Weitem die meisten Sprachen gehiiren, bilden eine Mittelstufe zwischen den friiher erwahnten Sprachieihen und werden in den tatarischen Stamm, die kaukasi¬ schen und die einverleibenden Sprachen geschieden. Zum tatarischen Stamme gehoren die tatarischen „im engeren Sinne“ (mongolisch, tiirkische Familie, kirgisisch baschkirisch u. s. w.) und die finischen Spra¬ chen (samojedisch, ugrisch, bulgariscb, lappisch, finisch, estnisch, magya- risch u. s. f.); — zu den kaukasischen gehoren der ibbrische Sprach- stamm, georgisch, abchasisch, lesgisch u. s. w,; — zu den ein- verleibenden gehort der haskische Spraehstamm (im innersten Winkel des Meerbusens von Biscaya), als Rest cines ehedem weit verbreiteten Sprachstammes. I Die Angaben iiber die muthmassliche Anzahl der Sprachen wechseln zwischen 800 und 3000 nebst einigen Tausend Mundarten; doch ist deren Menge von keiner Bedeutung, da einerseits manche Sprachgebiete so klein sind, daas sie nur von 15- bis 20,000 Men¬ schen gesproehen werden (in America), anderseits breiten sich die Sprachen der Kulturvolker immer mehr auf Kosten der ungleich zahlreicheren Sprachen der ungebildeten Volker aus, wie z, B. die mehr als 100 einheimischen Sprachen der Amerikaner vor drei europaischen (der englischen, spanischen und portugiesischen) zum Theil verschwunden sind, Im Allgemeinen ist die Sprache „die ausserliche Erscheinung des Geistes der Volker: ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ist ihre Sprache.“ (§, 30. Fortsetzung. 2. Die Religion. Die Religion der Volker, d. i. die Art und Weise, wie sie ihr Verhaltniss zu Gott auffassen, ist nach dem Grade der Gesittung sowie nach der historischen Entwickelung und Heranbildung verschieden. Das angeborne Go 11 e s be w usst- sein suchet Gott, und es hat nie ein Volk ohne Reli¬ gion gegeben._ In der politischen Geographic theilt man in dieser Beziehung das Menschengeschlecht zuvorderst in zwei Klassen: Bekenner Eines Gottes oder Monotheisten und Bekenner mehrerer Gottheiten oder Polytheisten (eigentlich Pantheisten). Zu den Ersteren gehoren die Christen, Juden und Mu- hamedaner; die Letzteren nennt man Heiden, Die Bevolkerung der Erde vertheilt sich in: ‘>3 Millionen, in America (unter 59 Millionen Bewohnern) an 57, in Asien zwischen 10—11, in Africa an 4, und in Australien beilaufig 1 1 / % Million Menschen. Die Juden leben unter fast alien ansassigen Volkern, und desshalb finden sich fiir die judischen Bevolkerungen in den ausser- europaischen Landern nirgend bestimmte Zahlen, daher deren Menge nur annahernd geschatzt werden kann. In Europa konnen 3*/ 2 Million, in der asiatischen Tiirkei mindestens 350,000 ange- nommen werden. Sie leben auch in den ubrigen Theilen Asiens, in den nordlichen Theilen Africas, in Australien, auf den Sudsee-Inseln, und in America (an 100,000), besonders in den Nord-Americanischen Freistaaten. Muhamedaner wohnen in Europa etwa 6V 2 Millionen, in Asien diirfte deren Anzahl mit 50 Millionen (inbegriffen 12,650,000 in der asiatischen Tiirkei), in Africa (da im Innern Nordafrica’s nach Barth’s Reiaeberichten fast durchgehends Muhamedaner wohnen), — mit 100 Millionen anzunehmen sein; America und Austra¬ lien mochten keine irgend nennenswerthe Zahl von Muhamedanern haben. Unter den Polytheisten sind der Buddhaismus und der Brahmaismus die verbreitetsten; jener in Hinterindien , auf den malayischen Inseln, China und Japan, dieser in Vorderindien. Die mongolischen Volker bekennen sich zum Schamanenthum, ei- nem von Zauberwahn und Damonenfurcht befangenen Geisterdienst. Die niederste Stufe des Heidenthums, der Fetischdienst, wel- cher Gegenstande der belebten und unbelebten Natur bis zu Klotzen und Holzpuppen herunter fur Kulturobjekte nimmt, findet sich nur bei Negern. §. 71. Fortsetzung. 3. Der Kulturgrad. Die verschiedene Lebensweise und die Kulturstufe der Volker beruht hauptsachlich auf dem Begriffe des Eigenthums. Auf der untersten Stufe stehen die Sammelvolker, welche von wilden Pflanzen und Thieren leben, wie sie ihnen eben vor- kommen. Die Jager- und Fischervolker stellen bisweilen mit grosser Gewandheit den Thieren des Waldes und Waasers nach, erwerben sich die Mittel zur Befriedigung ihrer Bedurfnisse stets n von Neuem, ha ben keine bleibenden Giiter, vereinigen sich nur wider- etrebend zu grosseren Gesellschaften, und ihre Geisteskrafte ge- langen zu keiner hoheren Entwickelung. Die Volker mit Eigenthum sind theils Wa n d er v ol k er (Hirtenvolker, Nomaden), theils ansassige Volker. Die Lebensweise der Wandervolker ist eine friedlicbere. Sie zahmen und nahren die Thiere, ihr Lebensunterhalt ist weniger dem Zufall ausgesetzt, es entwickeln sich die ersten Begriffe von Eigenthum und geordneten, geselligen Verhaltniss n, die Betrach- tung der Natur belehrt und erhebt Geist und Gemitth. Doch folgt der Nomade mit seinem beweglichen Zelte der weidesuchenden Ileerde von Steppe zu Steppe, er hat keine Heimath, und die feind- seligen Reibungen der Nomadenstamme unter einander halten sie noch auf einer niederen Kulturstufe, Vom Hirtenleben zum Ackerbau ist ein kleiner Schritt, und mit den festen Ansiedlungen beginnt die zusammen- hangende Kette der menschlichen Entwickelung und geordneteren Verhaltnisse, Der Ackerbau mit der Viehzucht begiinstigt das Zu- sammenleben Vieler, und begriindet feste Wohnsitze, Ortechaften. Das Bediirfniss der nothigen Gerathe und Werkzeuge ruft das Handwerk hervor, welches zuerst die nothwendigen, dann die niitzlichen und endlich luxuriose Gegenstknde fiir Wohnung, Be- kleidung und Bequemlichkeit liefert. Bald flihrt der Ueberfluss an Produkten der Natur oder des Gewerbfleisses zu friedlichem Ver- kehr, zum Handel mit den benachbarten, dann auch entfernteren Volkern. Auf dem Ackerbaue ruht Alles, was die Menschheit er- rungen hat in Sitte und Bildung, „der Pflug hat die ersten Staa- ten gegrundet.“ An die Befriedigung der bloss materiellen Bediirf- nisse kniipfte sich in der Folge auch das Streben nach Befriedigung der geistigen und gemiithlichen; die Fahigkeiten des menschlichen Geistes entwickeln sich in Wissenschaft und Kunst zur hoch- sten Stufe der Kultur eines Volkes. Sammelvolker (oder vegetirende) findet man noch auf Neu- Holland, auf den australischen Inseln, vielleicht auch im Innern von Africa. Jagerhorden streifen in America (in den Hudsons- bai-Landern, im Innern des Kontinentes) und im Innern Africa s; zu den Fischer volkern gehoren mehrere Stamme am arktischen Polarmeere und auf der Inselwelt Australians. Wandervolker trifft man in Europa, America und Australien fast gar nicht; da- gegen sind sie zahlreich auf den ausgedehnten Steppen Asiens und Africas. . Fast S / B der gesammten Menschheit fiihren sonach die Lebensweise der ansassigen Volker," §. ?3. Scliluss. 4. Die Staatsverhaltnisse. — Die ansassigen Menschen haben sich in Gesellschaften unter bestimmten Gesetzen vereinigt, um in ausserer Ruhe und Sicherheit zu leben und ihrem geistigen Interesse materiellen Schutz zu verleihen; — diese Gesellschaften heissen Staaten. Fiir die Ertheilung und Vollziehung der Ge- setze, fiir den Schutz der Personen und des Eigenthums, fiir die 95 Beforderung der offentlichen Wohlfahrt des Staates im Allgemeinen soro-t die Regierung. Diese zerfallt in die S taat s v erf as sung und in die Staatsverwaltung, (Jager-, Fischer- und Hirten- volker bilden keine Staaten, die einzelnen Familien leben unter der patriarchalischen Leitung von Familienaltesten oder Hauptlingen). a) Die Form der Regierung beisst Yerfassung. 1st die Re- gierung einem einzigen Oberhaupte anvertraut, so ist sie eine monarchische; wird die hochste Staatsgewalt von Mehreren ausgeiibt, so ist sie eine republikanische; erstere Staaten heissen Monarchien (Kaiserthum, Ktinigreich, Herzogihum u. s. f.), letztere Republiken. Eine Monarchie ist erblich, wenn sich die hochste Gewalt in der Familie des Regierenden (Dynastie) forterbt; wird nach dem Ableben des Monarchen ein anderer an seine Stelle gewahlt — ein Wahlreich. Ver- waltet der Monarch die Regierung allein, nach Gesetzen, denen er selbst mit unterworfen ist, und durch nur ihm allein ver- antwortliche Behorden, so heisst die Regierung eine unum- schrankte (absolute) Monarchie; ist durch organische Grundgesetze (Constitution, Charte) die Gesetzgebung und die allgemeine Controle der Staatsverwaltung zwischen dem Mon¬ archen und den Vertretern einze'ner Stande oder des gesamm- ten Volkes getheilt, so nennt man sie eine e ingeschran k t e (konstitutionelle) Monarchie. Kann ein Monarch nach Will- kiir uber Freiheit, Leben und Besitz seiner Unterthanen ver- fiigen, ist er dabei an kein Gesetz, sondern hochstens an ein gewisses Herkommen gebunden, so ist die Regierung eine des¬ pot ische, der Staat eine Despotie. Die Republiken (Freistaaten) heissen demok r atis che, in denen die Gesammtheit ( des Volkes durch ihre gewahlten Vertreter die hochste Staatsgewalt ausiibt; oder aristolcra- tische, in denen zur Verwaltung der Staatsangelegenheiten nur ein bestimmter Kreis von bevorzugten Familien berufen ist. Die Ausartung der ersteren ist Ochlokratie (Pobelherr- schaft), ein Zustand, der bald jedem gesetzmassigen und geord- neten Staatsleben ein Ende macht; die Ausartung der zweiten ist Oligarchic, die widerrechtliche Anmassung der Herr- schaft einiger Gewalthaber. b) Die StaatsverwaUung ist die Ausiibung der Staatsgewalt, urn den gesetzlichen Zustand zur Erhaltung und Fortentwiclcelung des Staatslebens zu leiten. Das Staatsoberhaupt bedient sich zu diesem Zwecke einer Anzahl von Behorden, denen ein bestimmter Geschaftskreis zugewiesen ist. Diese sind theils Centralbehorden, die hochsten, um das Staatsoberhaupt versammelten, welche die Geschafte des Gesammtstaates leiten; — theils Provinzialbehorden, welche den Centralbehor¬ den untergeordnet sind, und die Staatsgeschafte innerhalb eines bestimmten Verwaltungsgebietes und Verwaltungszweiges be- sorgen. 96 Das Verhaltniss, in welchem ein Staat zu anderen Staaten steht, ist entweder ein selbststandiges und unabhangige s (souveraine Staaten), d. h. der Staat ist in Hinsicht auf innere Yerwaltung und aussere Verhaltnisse von keinem an¬ deren Staate abhangig; im Gegentheile heissen sie halbsou- veraine. Vereinigen eich Staaten zu ihrer gemeinschaftlichen Sicherbeit in einem immerwahrenden Bunde, so heissen sie confoderirte (Staatenbund); wenn sie sich nur zu einem be- stimmten Zwecke anf unbestimmte Zeit verbinden, alliirte Staaten. Die Darstellung des inneren und ausseren Lebens der Reiche und Staaten im Kreise der Gegenwart heisst Staatenkunde oder Statistik (im weiteren Sinne). Die Staaten von Europa. I. Das Kaisertlium Oesterreich. .Ja, Der Oesterreicher hat ein Yaterland, Und liebt’s, und hat auch Ursac’n’ es zu lieben. Schiller’s „Wallenstein.“ A. Die Monarchie im. Allgemeinen. §. 73. Lago, Grenzen, Griisse. Das Kaiserthum Oesterreich liegt zwischen 42° 10' und 51° 3' n. Br., und zwischen 27° 15' und 44° 7' o. L, Es dehnt sich so- mit zwischen fast 9 Breiten- und doppelt so viel Langengraden aus. Politische und naturliche Grenzen — (siehe die Karte). Der Flacheninhalt der Monarchie betragt 11.751 geogr. Geviert- Meilen. In Bezug auf die Bodengrdsse ist es der dritte Staat in Europa, da es nur von Russland und Schweden-Norwegen iiber- troffen wird. §. 74. Bcstnndthcile der Monarchic. Oesterreich, eine der fiinf europaischen Grossmiichte, ist eine erbliche, untheilbare, unumschrankte Monarchie. Die Thronfolge ge- schieht nach dem Rechte der Erstgeburt in dem romisch-liatholi- schen Hause Hab s burg-Lo thringen mit Vorzug der gesamm- ten mannlichen Linie. Die Monarchie besteht aus 20Kronlandern, deren einige in K r e i s e (im Lombardisch-V enetianischen „Provinzen“ oder „Delegatio- nen,“ in Ungarn „Comitate,“ in der Militargrenze „Regiments- und Bataillonsbezirke“genannt) und in besondere den administrativen Lan- desbehorden untergeordnete Stadtbezirke zerfallen; die Kreise wer- den in Bezirke (im Lombardisch-Venetianischen „Distrikte,“ in Dalmatien „Praturen,“ in Ungarn ,.Stuhlbe_zirke,“ in der Militar¬ grenze ,,Compagniebezirke“) eingetheilt. Bei den kleineren Kron- landern, deren mehrere administrativ Einer Statthalterei untergeord- net sind, besteht keine Kreiseintheilung. Uebersicht der osterreicbischen Kronlander. Kluu’s Handcls-Geographic. 2. Aufl. 7 98 K r o n 1 a n d 5. Herzogthum Karnten. 6. „ ICrain . 7. das Kiistenland. 8. Gefiirstete Grafschaft Tyrol mit "V orarlberg . 9. Konigreich Bohmen. 10. Markgrafschaft Mahren... 11. Herzogthum Schlesien.... (Ausser-deutsche Kronliinder): 12. Konigreich Galizien und Lodomerien*). 13. Herzogthum Bukowina . .. 14. Konigreich Ungarn. 15. Serbische Wojwodschaft u. Temeser Banat. 16. Konigreich Kroatien und Slavonien. 17. Grossfurstenthum Sieben- bilrgen. 18. Konigreich Dalmatien... . 19. Lombardisch-venetianisches Konigreich . 20. Militargrenze. K, k. Milit'ar. Zusammen. ... §. 75. Bodeiivcrliiillnisse nnd Klima irn Allgeincinen. Der Boden des Kaiserstaates ist grosstentheils gebirgig, denn iiber 75% der gesammten Oberflache sind Gebirgs- oiler Berg- land ; doch dehnen sich auch weite Ebenen und Thaler aus und verleihen dem Lande eine grosse Mannigfaltigkeit. Eigentliche Ge- birgslander, d. h. zumeist mit Gebirgen erful.lt, sind Tirol, Salzburg, Obersteiermark, Oberkarnthen und Siebenburgen, in welchen Kron- landern sich auch die hochsten Berge erheben. — Zwischen der bai- risch-schwabischen Ilochebene und dem lombardisch-venetianischen Tieflande breitet sich das Alpenland aus, mit vielen Langen- und Querthalern, aber ohne grossere Ebenen. Im Nordosten des letzteren erhebt sich das b o hmi s ch-mahri s c h e Randgebirge als eine Terrasse der Alpen zum norddeutschen Tieflande. Im Oaten der March zieht sich das karpathische Gebirge bogenformig zwi¬ schen Mahren, Schlesien, Ungarn, Galizien und der Bukowina zum siebenburgis chen Hochlande, welches eine Terrasse zum moldau-walachischen Tieflande bildet. Umschlossen von Alpen- und Karpathenzweigen ertreckt sieh die grosse ungarische Tiefebene in *) Die Herzogthiimer Auschwitz (Ogwiecim) und Zator in Westgalizien (36 □Meilen mit 190.000 Einwohnern) gehoren zum deutschen Bunde, lliese sind in den Ziffern unter Nr. 12 inbegriffen. 99 fast gleicher Seehohe mit der oberifalischen. Oesterreich gehort so- mit dem Alpenlande, dem deutschen und ungaris chen Mit- telgebirgs- und dem Tieflande an. (Siehe die Einzelnheiten im §. 25.) Von der Geeamnatflache der Monarchie entfallen beilaufig 25% auf die Ebeiien, deren grosste in Ungarn, Galizien und im lom- bardisch-venetianischen Konigreiche vorkommen. Die grosse un- garische Tiefebene erstreckt sich auf einem Fl&chenraume von etwa 1.700 □Meilen von den Karpathen bis zur siidlichen Do- nau, vom Bakonywalde bis liber Grosswardein. Zwischem dem Ba- konywalde, dem karpatbischen Hochlande und dem Leitha-Gebirge dehnt sich die kleine (etwa 160 □Meilen) oder westliche Ebene aus, welche nach Niederosterreich und Steiermark hineinreicht. —• Die grosse Ebene hat eine durchschnittliche Seehohe von 300, ist an einigen Stellen au 3 serst fruchtbar, an anderen eine diirre Haide oder mit Siimpfen bedeckt, durch welche die Theiss im tragen Laufe die Wasser fortwalzt; mitunter trifft man selbst auf wahrhaft tide, mit Flugsand bedeckte Wiisten. Zwischen der Donau und Theiss ist die Kecskemeter-, zwischen der Theiss und Koros die Debre- cziner Haide mit ihrem ausserordentlichen Reichthum an Soda. In diesen waldlosen, nur von Hirten und Heerden zerstreut bewohn- ten Fl&chen sind Luftspiegelungen (Fata morgana, — Delibab) sehr haufig. Im siidlichen Theile der Tiefebene, an welche sich die iiberaus fruchtbare kroatisch-slavonische Ebene anschliesst, gedeiht das beste Getreide in reichem Masse. — Am Nordabhange der Karpathen beginnt die galizische Ebene, eigentlich ein von mas- sigen Hiigeln durchzogenes, wellenartiges Plateau, an welches sich die grosse sarmatische Tiefebene anschliesst, die an der Ostsee, am weissen Meere und am Ural ihre Begrenzung findet. Die gali¬ zische, an 900 QMeilen grosse Fliiche hat theils ausgedehnte Weide- platze und sehr fruchtbare Gefilde, theils ist sie ode, nur durch Lehmhiigel, Moraste und tiefere Flussthaler unterbrochen. •—- Weit gesegneter und in reicher Fruchtbarkeit breitet sich die beilaufig 400 □Meilen grosse lomb ardisch-ven etianische Tiefebene zwischen dem Sudabhange der Alpen und dem Po aus, welche nur durch die getrennten Hiigelgruppen der berici’schen und euganei’- schen Hiigel (jene bei Vicenza, diese bei Padua), voll uppiger Ve¬ getation und mit malerisch zerstreuten Landhausern bedeckt, unter¬ brochen ist. Der westliche Theil, reich an Kornfeldern, Maulbeer- baumen und Weinreben, durch naturliche uud kiinstliche Wasser- adern reich bewiissert, ist im Norden von den anmuthigen Hiigeln der Brianza begrenzt, an den siidlichen Reisfeldern ist er sumpfig und ode. Der ostliche Theil dehnt sich bis zum Isonzo-Thale aus, gleicht anfanglich der lombardischen Ebene, gegen die Kuste zu ist er je- doch versumpft, theilweise auch vom Gerolle bedeckt, welches die stromenden Alpenfliisse absetzen. Ebenen von geringerer Ausbreitung sind: die fruchtbare esterreichische mit dem Marchfelde und das Tulnerfeld; — die Welser Haide in Ober- bsterreieh; — das Grazer-, Leibnitzer- und Pettauer-Eeld in Steiermark; — die Klagenfurter Ebene mit dem lieblichen, fruchtbaren Lavantthale in Karnten; das Laibacher Eeld in Krainj — das Innthal in Tirol und das Rheinthal nebst 7* 100 der Fl&che am Bodensee in Vorariberg; — in Bijhmen kommen die grossten Fl&chen im Budweiser, Chrudimer und Koniggratzer Kreise vor; — in Mahren die fruchtbare Hanna; Siebenbiirgen hat keine eigentlichen Ebenen, nur Flachen, erweiterte Thaler, terrassenformige Formen und kleine Hochebenen (die Klausenbur- ger „Kampia“ Oder MezOsdg, bei Kronstadt etc.); — der Karstboden Dalmatiens hat nur wenige Flachen, wie zwischen der Kerka und Harenta. Die Zahl der Thaler ist in einem Gebirgslande wie Oesterreich begreiflich sehr gross. Viele derselben zeichnen sich durch Naturschonheiten aus, in sehr yielen hat die Industrie ihren Sitz aufgeschlagen ; denn eben die Thaler mit dem Reieh- thum an Wasserkraften und Heizungsmateriale sind filr viele Industriezweige von hbchster Bedeutung. Das Klima* — Der ganze Staat liegt in der gemassigten Zone und geniesst im AlJgemeinen ein mildes, dem vegetabilischen und animalischen Leben zutragliches Klima, wovon nur die Niederungen in Ungarn und Slavonien und die wenigen iibrigen Sumpfgegen- den eine Ausnahme machen. Die kontinentale Lage, die Ausbrei- tung gegen Osten, vorziiglich aber der grosse Unterschied in der Erhebung des Bodens der einzelnen Landestheile der Monarchie bewirken eine grosse Yerschiedenheit in der mittleren Jahrestempe- ratur *). Der stilrkste Temperaturwechsel ist in der ungarisehen Ebene, wo nieht selten die Sonomerhitze ilber 30° R., und die Kalte im Winter gegen 20° R. erreicht* Die Kiistenstriche sind im Aligemeinen geringeren Schwankungen ausgesetzt als die Binnenlander, obwohl auch liierin starke Ausnahmen vorkommen, Trotz dieser vielfachen Verschiedenheiten lassen sieh drei klimatische Regionen unterscheiden: a) Die siidliche Region (von 42—46° n. Br.) begreift das lombardisch-venetianischeKonigreich, Siidtirol, das Kustenland**), den siidlichen Theil Kroatiens, Slavonien, die Militargrenze, die Wojwo- dina und ganz Dalmatien. Der Winter ist kurz, mit wenig Schnee und Eis ; es gedeihen ausser den Getreidearten der Maulbeerbaum, Reis, Mais, Wein, der Oelbaum, hie und da Siidfriichte; b) die mittlere, vollkommen gemassigte (von 46—49° n. Br.) umfasst Oesterreich ob und unter der Enns, Salzburg, Steiermark, Karnthen, Krain , Mittel- und Nordtirol, Siidmahren, Siidbohmen, Ungarn, die Bukowina und Siebenbiirgen. Der Winter ist im Ali¬ gemeinen liinger und strenger, es gedeihen Getreide und Mais in Menge, in einigen Landstrichen sehr gute Wein- und Obstsorten; c) in der nordlichen Region (iiber 49° n. Br.) liegen Boh- men, Nordmahren, Schlesien und Galizien ; die mittlere Jahrestem- peratur schliesst — mit sehr geringen Ausnahmen — den Mais- und Weinbau aus, dagegen ist sie fiir Getreide, Flachs und Hanf giinstig. Die Kegenmenge ist in den Alpenlandern am grossten, in Dalmatien, Istrien und in der ungarisehen Ebene am geringsten; docli wird der Rcgen hier einigermassen durch baufigen Thau ersetzt. Im grossten Theile der Monarchie sind die Herbstregen, — in Tirol, Bbhmen und im ungarisehen Tietlande die Sommerregen am zahlreichsten. *)~MTuelwiirme in: Cattaro li. 0 o, — Venedig 10 8 °, Temesvar 9. 2 o, — Wien 8. 3 °, — Ofen 7.,°, — Gratz 7. a °, — Prag 7 . 6 °, — Olmutz 7/, — Lemberg 5, s °, — Hohenfurt in Bbhmen 5.,° R. — **) So hat z. B. Triest bisweilen eine mittlere Hitze wie Neapel und beim Sturmen der Bora eine Kalte wie Prag, dazu hiiufig raschen und grossen Tempera- turwechsel. 101 Von den Win den ist der feuchte West wind in den meisten Kronlandern vorherrschend, auf den lombardisch-venetianischen Flachen der Nordwind. Hier, sowie in Tirol, Istrien, Triest welit aucli der Sirocco (= EOhn Oder ^warmer Wind 11 ), welch'er insbesondere im Friihlinge den Schnee auf den Alpen schmilzt und hierdurch after Lawinenstiirze und Ueberschwemmungen verursacht. Im Kiistenlande, namentlich auf dem Karst-Plateau, sturmt besonders in den ersten Monaten des Jahres die Bora (Nordostwind, slawisch: burja) mit ungeheuerer Wuth und wird der Schiffahrt eehr hinderlich und gefahrlich. _ Die wenigsten Gewitter sind in Niederosterreich, ihre Zahl und Heftigkeit uimmt gegen den Siiden zu; die haufigstcn ereignen sich in der italienischen Ebene, in den hohen Alpen- und Karpathengegenden; beruehtigt, zahlreich und liagelsebwer sind auch die Gewitter des Bohmerwaldes. Der Ha gel ricbtet im Mailiindiscben, in Tirol, Siidsteiermark und Unterkrain verhaltnissmassig die meisten Verheerun- gen an. §. J6. GewSsser. A. Das Meer. Das adriatische Meer bespi'ilt auf einer Lange von 255 Mei- len die vielfach gegliederte osterreichische Kiiste von der Po-Miin- dung bis zur albanesischen Grenze uud zwar die Kronlander Vene- dig, das Kiistenland (Gorzer Gebiet, Triest, Istrien), das kroatiscbe Kiistenland, die kroatiscbe Militargrenze und Dalmatien. Die vene- tianische Kiiste (23 Meilen lang) ist flach, nieder; vor den Mun- dungen der italienischen Fiiisse haben sich Banke von Sand und Schlamm gelagert, eine Reihe schmaler Diinen (Lidi) trennt die all- mahlich in Stimpfe iibergehenden Lagunen vom offenen Meere; die illirische (von Aquileja bis Fiume, liber 60 M. lang) ist steiler, zum Theile felsig und die vielen Einschnitte und Buchten bilden na- tiirliche, sichere Hafen; — die kroatische (von Fiume bis siid- lich von Carlopago, 19 Meilen lang) ist ebenfalls felsig, aber min¬ der zuganglich als die friihere; — die dalmatinische (iiber 152 Meilen lang) ist theils sehr steil und zerrissen, theils ganzlich un- zuganglich; dagegen bilden die vielen dalmatiniscben Inseln in ihren Buchten treffliche Ankerplatze. — Die geringste Tiefe hat das Adria-Meer bei der Po-Mundung, die grosste an der Dalmatiner- Kiiste (bei Meleda iiber 2800'); — an der Westkiiste ist der Mee- resgrund wegen der vielen einmiindenden Alpenfliisse lehmig oder sandig, an der Ostkiiste steinig, mitunter mit Korallenstammen be- legt. Ebbe und Fluth sind in der Regel nicht bedeutend; die Stro- mung an der Dalmatiner-Kiiste ist nordwarts, an der Venetianer siidwarts, wird jedoch hiiufig durch die Hauptwinde (Sirocco und Bora) abgelenkt, welche im Spatherbst und Winter nicht selten be- deutende Stiirme, insbesondere im Siiden der Istrianer-Kiiste (Cap Promontore) und im Quarnero erregen. Die Ostkiiste hat einen gros- seren Salzgehalt als die Westkiiste; im Ganzen hat dieses Meer eine grossere Menge an salzigen Bestandtheilen als der Ocean, da- her verhaltnissmasig eine grosse Tragfahigkeit. Die grossten Golfe sind jene von Venedig, Triest, Fiume (Quarnero) und die bocche di Cattaro mit einer grossen Zahl von sicheren Buchten. Das adriatische Meer vermittelt den Verkehr theils zwischen den oster- reichischen Seehafen, theils mit dem Auslande. Seine Bedeutung ist durch die mittels der Siidbahn hergestellte direkte Verbindung mit der Kesidenz und den in- dustriellen Ilinterlandern fur Ocsterreich noeh gestoigert worden. Die bedeutendereu Hafen sind: an der venetianischen Kiiste Malamocco, Treporti und Lido, 102 welehe in den Freihafen yon Venedig fuhren. Zur Vermittlung des Verkehrs sind die Lagunen von zahlreichen Kaniilen durchschDitten und gegen die Brandling des Meeres mittels grossartiger Felsendamme (Murazzi) geschiitzt. Zu der illyrischen Kuste gehort die Bucht von Triest, dann jene von Capod’Istria, Pirano, Rovigno, der ausgezeichnete Kriegshafen P ola; an der Ostkiiste Istriens die Hiifen von Rabac (bei Albona) und Volosea. Unter den 30 Quarnerischen Inseln haben Veglia, Cherso, Ossero und Lussin piccolo tiefe geraumige Hiifen, von denen der letzte in jungster Zeit einen sehr scbwunghaften Verkehr entfaltet hat. Die kroatisehe Kuste hat die Ilafen von Fiume, Buccari, Port ore, Zengg und Carlopago. Die Ostkiiste gew&hrt der Schiffahrt viele Vortheile, welehe von den Seefahrern beniitzt werden, indem sie den Weg aus dem Mittellandischen Meere nach Triest vorzugsweise langs derselben einschlagen. Die bedeutenderen Hafen an dieser Kuste sind: Zara, Trail, Spalato, Almissa, Macarsca, Ragusa, Cattaro. Der Reprasentant des Ssterreichischen Verkehrs auf dem adriatischen Meere ist der os terreichis che Lloyd in Triest. Er unterhiilt regelmassige Verbin- dungen mit Venedig, Ancona, den dalmatinischen Hafen, den jonischen Inseln, mit Griechenland, Egypten und der Tiirkei, und dehnt seine Fahrten nach den Hiifen des schwarzen Meeres und der nnteren Donau aus. Niichst Triest sind aueh Venedig, Fiume und die sehr zahlreichen grossen und kleinen dalmatinischen und istrianischen Kiistenfahrer fur den osterreichischen Verkehr von Bedeutung. 13. Gewasser des Festlandes. Das Flussgeader Oesterreichs scheidet sich nach mehreren Abdachungen. Der Grenzfluss Rhein und die Elbe fliessen mit ihren Nebengewassern zur Nordsee, die Oder und Weichsel zur Ostsee, der Po und die Etsch nebst mehreren Kustenfliissen zum adriatischen, die Donau und der Dnjestr zum schwarzen Meer. Mit Ausnahme von Istrien, welches selbst an Kiistenflussen arm ist, erfreuen sich alle iibrigen Kronlander (einzelne Distrikte von Krain, Dalmatien und Militar-Kroatien abgerechnet) einer ent- sprechenden Zahl von fliessenden Gew£ssern, welehe der Binnen- schiffahrt eine Ausdehnung von uber 1150 Meilen schiff- und floss- barer Eliisse bieten. Der Procentenantheil an dem gesammten Fla- cheninhalte der Monarchic stellt sich bei der Donau auf 65.9 , bei der Elbe auf 8.4, — bei der Weichsel auf 6.0, — beim Dnjestr auf 4.9, — beim.Po auf 3.6 — und bei der Etsch auf 2.2 heraus; — alle iibrigen Flusse, auf deren Gebiet zusammen nur 9% der Gesammtflache entfallen, konnen somit nur eine lokale Bedeutsam- keit haben. Die schiffbarcn Gewasser werden von Ruder- Oder von Dampfsehiffen befahren. Der lebhafteste Verkehr zu Wasser ist im lombardisch-venetianischen ICronlande, in Ungarn, Bohmen, Ober- und NiederOsterreich. Dampfschiffe beiahren die Donau (auf 181 Meilen), die Theiss (148 M.), die Save (87 M.), die Drave (4 M._), die Weichsel (36 M.), die Elbe (14 M.), den San (26 M.), den Po (55 M.). (Die einzelnen Flusse siehe im §. 43.) Die Landsecn sind nicht bloss ein Schmuck der Landschaft, sie sind auch wegen ihrer vielfach unmittelbaren Verbindung mit Flussen, von denen sie gespeist werden, oder welehe in diesen ihren Ursprung nehmen, von Bedeutung fur den Verkehr und die Kultur- verhaltnisse der anliegenden Landschaften. Die meisten osterreichi¬ schen Seen sind Fluss-Seen, denn nur der Neusiedler-See hat (mit Ausnahme des Sumpfes Hansdg) keinen sichtbaren Abfluss. Die grosste Zahl der Seen findet man an der Nord- und Siidseite der Alpen, denn im Lombardisch-Venetianischen zahlt man deren 103 iiber 40, eben so viel in Tirol, in Oesterreich mit Salzburg sogar iiber 100. Auch in den Karpathen sind zahlreiche Gebirgs-Seen („Meeraugen“)i; die grossten Seen sind im ungarischen Tieflande; die Lander des bohmisch - mahrischen Gebirgssystems haben dage- gen keine bedeutenden Seen. Mehrere Seen (Garda-, Traun-, or- ther- und Platten-See) werden mit Dampfschiffen befahren; dage- gen sind auf dem vollstandig freigegebenen Bodensee noch keine osterreichischen Schiffe *), Zu den bedeutendsten im Kaiserstaate gehoren: a) Am Siidabhange der Alpen (im Flussgebiete des Po) ist der Garda-See, dessen Zufluss die Sarca, der Abfluss der Mincio ist. b) Am Nordabhange der Alpen: 1. Im Flussgebiete des Rhein ist der Bodensee, in jenem der Donau sind in Tirol der Achensee (bei Schwatz) und der PI an see (bei Reutte), welcher mittels eines Kanals mit dem II in- terwangsee verbunden ist und seinen Abfluss in den Lech hat. 2. Die Seen in Salzburg und Oberosterreich zeichnen sich zumeist durch ihre malerische Lage und Umgebung aus. Er- stere sind durchgehends klein (Wolgang-, Fuschel-, Waller- und Trummer-See), letztere gehuren grossentheils zum Flussgebiete der Traun, in deren Quellengebiete an zwiilf grossere und kleinere liegen. Auf ihrem Laufe durch Oesterreich bildet sie den Ha li¬ st ad ter- und den Traun- (oder Gmundner-) See, wahrend durch Zufliisse der After-, der Mond-, der Aber- und Aim-See nebst neun- zehn kleineren mit ihr in Verbindung stehen. 3. Im Flussgebiete der Drave liegen der Worther- (Kla- genfurter-), Ossiacher- und Mi 1 Istadter-See in Karnten. 4. In Krain sind der naturwissenschaftlich interessante Zirk- niz-See, dessen Wasser hiiufig in den Sauglochern des zerklufte- ten Kalkbodens abfliesst, worauf einzelne Theile des Bettes zum Feldbau beniitzt werden; — dann die wegen der pittoresken Lage bekannten Seen im Quellengebiete der Save (Veldeser-, Wohei- ner-, Wurzner-See). 5. Einen ahnlichen unterirdischen Abfluss in die Ilohlen des Kalksteines haben der Cepicer-See (in Istrien) und mehrere kleinere in der kroatischen Militargrenze und in Dalmatien, von denen einige im Sommer angebaut werden konnen. Der Vrana- See (bei Zara) hat etwas salziges Wasser. 6. Im ungarischen Tieflande ist der Plat ten - (Balaton-) See, mit den Sumpfen an 18 t]Meilen gross, doch wegen des un- ruhigen Wassers minder zur Schiffahrt geeignet. Seinen Zufluss er- halt er hauptsachlich durch die Szala, sein Abfluss ist durch die Sumpfe in den Sib und die Sarviz in die Donau. — Auch der (ohne den Sumpf Hansdg) etwa 7 QMeilen grosse Neusiedler- See ist wegen der meist geringen Tiefe und des haufigen Rohr- wuchses wenig fiir die Schiffahrt geeignet; sein Wasser hat einen *) Der Betrieb der Dampfschiffahrt auf den Landseen und Fliissen ist in Oesterreich durch das Gesetz vom 4. Januar 1855 geregelt worden. 104 unangenehmen Salzgehalt. Salzhaltig ist auch der Palitser-See (bei Theresiopel). Die meisten der ubrigen sogenannten „Seen“ in Ungarn sind nur Siimpfe. 7. Zahlreich sind die durch das Anschwellen der Flusse in der galizischen Ebene und an den Abhangen der Karpathen sich bildenden kleinen Seen, sowie die Gel irgs-Seen der Karpathen. In Siebenbiirgen sind der St. Ann en-See, der wahrscheinlich mit der Aluta in Verbindung steht, dann der wegen der Ausstromung von kohlensaurem Gas bekannte Piriczker- und der fischreiche Hodos-See bemerkenswerth. Teiche. In den Landern des bohmisch-mahrischen Gebirgs- systems kommen keine bemerkenawerthen Seen vor, dagegen kbmmt die grosste Menge der in Oesterreich zahlreichen Teiche auf Boh- men. Einige von diesen werden durch atmospharischen Niederschlag gebildet und heissen „HimmeIsteiche,“ andere sind kiinstlich ange- legt und werden theils zur Ableitung von Siimpfen, theils zur Ver- edlung und Hebung der Fischerei oder zum Fabriksbetriebe be- niitzt. Die ausgebreitetste Teichwirthschaft wird im siidlichen Boh- men v betrieben. Die grossten Teiche sind der Rosenberger- und der Ceperka-Teich (jeder iiber 1100 Joch & 1600 Q°). Auch in Mahren, Schlesien, Galizien und Ungarn kommen Teiche vor; docli wird der grossere Theil ihres ehemaligen Flachenraumes gegenwar- tig zum Ackerbau verwendet. Siimpfe. An 200 QMeilen der Bodenflache sind in Oester¬ reich mit Siimpfen bedeckt, welche theils durch Gebirgswasser ent- stehen , die bei starkem Gefalle rasch in die Thalniederung treten ; theils erscheinen sie als eine Uebergangsperiode in dem Phanomen der ausgedehnten Wasserbedeckung, indem durch die fortwahrende Abnahme der Wasaerhohe Seen zu Sumpfen werden. Beide Arten finden wir in unserem Vaterlande, zumeist in der ungarischen Tie fe bene, welche schon ihres fetten Thonbodens wegen zur Sumpfbildung mehr geeignet ist, und dann bei ihrer sehr geringen vertikalen Erhebung die zahlreich ihr zustromenden Gewasser nicht rasch genug vorwarts walzen kann. Desshalb bilden fast alle Flusse des ungarischen Tieflandes Ufersiimpfe, insbesondere die Theiss, die untere Donau, die Save, Drave, Kulpa, Temes und Koros. Die grossten darunter sind die moraatigen Wiesen (Sdrrdt) von grosser Ausdehnung in den Komitaten Bihar, Szabolcs, und Bekes, der Eseder-Sumpf (in Szatmar) und der bereits erwahnte II an sag am Neusiedler-See. Auch in der galizischen Tiefebene finden sich an den Ufern der Weichsel, des San, Bug und Dnjestr an 30 QMeilen Sumpf- land; ferner an der March, in den Niederungen der lombardisch- venetianischen Ebene, in der Tiefebene der Narenta u. s. w. Klei- nere, meist hochgelegene Sumpfstrecken findet man in Salzburg im Pinzgau, in Bohmen auf seinen Randgebirgen, in Schlesien im Ge- senke, in Steiermark am Bacher, andere in Karnten, Krain, Kroa- tien, Siebenbiirgen (der verrufene Hollenmorast) u. s. w. Die Siimpfe gewiihren einen Nutzen durch ihre Mengen an Rohr, Wasservogeln, Fischen oder Bittersalz; dagegen sind ihre 105 Ausdilnstungen der Gesundheit nachtheilig und ein namhafter Theil der Bodenflache wird der Produktion entweder ganzlich ent- zogen oder ist hochstens einer sehr ungeniigenden, unregelmassigen Bebauung zuganglich. Die Torfgriinde liefern in einigen Gegenden ein fortwahrend mehr beniitztes Brennmaterial. §. 77. Fortsctzung. Kanale. Im Verhaltnisse zu den zahlreichen naturlichen Wasserstrassen kann jene der kiinstlichen — Kanale — nur eine geringe in Oesterreich genannt werden; denn die Lange der gesammten kiinstlichen Binnenschiffahrt betragt etwa nur 111 Mei- len. Auf 109 QMeilen der Gesammtflaclie Oesterreichs entfallt somit nur Eine Meile Kanal, und das Verhaltniss der kiinst- lichen Wasserstrassen zu den naturlichen ist 1 : 10. Dem Kanalbau geht allerdings naturgemass die Erweiterung der Schiffbarkeit der Fliisse, die Regelung des Fahrwassers voraus. Dadurch werden einerseits die Verheerungen und Ueberschwemmungen vermindert, anderseits werden der Kultur und der Ansiedlung neue Strecken gewonnen und die Wasserstrasse, das wohlfeilste*) Kommu- nikationsmittel, wird verlangert und vervollkommt. Nur drei Kronlander haben kiinstliche Wasserstrassen: das lombardisch-venetianische Konigreich, Niederosterreich und Ungarn. In grosserer Zahl und in zweckmassiger Durchfiihrung haben deren fast nur die italienischen Provinzen des Kaiserstaates. Im Vene- tianischen stellt der T&rtaro mit dem Canal bianco, dem Canal Adigetto und jenem von Legnago eine Verbindung des unteren Po mit der Etsch her, welche durch den Canal di Valle mit der Brenta verbunden ist. — Nieder-Oesterreich hat den Wien-Ne ustadter-Kanal; die Wojwodschaft den Fran- zens-Kanal, welcher mitten durch die fruchtbare Bacska ge- schnitten die Donau mit der Theiss verbindet, und den Bega-Ka- nal, welcher die Bega schiffbar macht; — Ungarn den Sarviz- Kanal zur Entwasserung des Sumpfbodens zwischen Stuhlweissen- burg und Szekszard, und den A1 b r ech t- Ka r a si cz a-Kanal zu gleichen Zwecken in der Baranya. Mineralquelicn. Oesterreich ist sehr reich an den verschie- denartigsten Heilquellen (besonders in Bohmen und Ungarn) , und kein Staat in Europa steht in dieser Beziehung unserem Vater- lande gleich. Die wichtigsten sind: 1. Echte Sauerlinge zu Karlsbad, Bilin und Giesshubel (Bohmen), Luhatschowitz (Mahren), Rohitsch und Gleichenberg (Steiermark), Probel (Karnten), Bartfeld (Ungarn); 2. alkalische Sauerlinge zu Gastein (Salzburg), Fella- thal (Karnten), Teplitz (Krain), Marienbad und Teplitz (Bohmen); 3. Eisen- Sauerlinge zu Franzensbrunn und Liebwerda Bohmen), Freudenthal (Schlesien), Recoaro (im Yenetianischen); 4. Soolen zu Hall (Tirol), Wieliczka (Galizien), — die See- bader in Triest und Venedig; *) Es kostete z. E. die Seefracht fur den Reis von Indien bis Triest weniger, als die fruhere Landfracht per Achse von Triest nach Laibach. 108 5. Jod-Quelle zu Hall (Oberosterreich); 6. Bitter was ser zu Seidschitz, -Sedlitz und Piillna (Boh- men), Gran und Fiired (Ungarn), Iwonicz (Galizien); 7. Schwefelquellen zu Baden und Pirawart (Niederoster- reich), Teplitz (Kroatien), Pistjan und Ofen (Ungarn), Mehadia (Militargrenze), Monfalcone (Gorz), Abano (irn Venetianischen). §. 78. Bevtilkerung. Die drei Hauptvolker Europa’s : Deutsche, Slawen und Eomanen, vertheilen sich in den Gebirgslandern der Monarchie, wahrend der asiatisohe Yolksstamm der Magyaren das Flachland der mittleren Donau bewohnt. In Hauptinassen genommen gehoren die Nordabhange der Al- pen, dann die Gebirgsstrecken des Bohmerwaldes, des Erz-, Riesen' und Sudetengebirges den Deutschen an, die auch in zablreichen Inseln langs der Donau und an beiden Seiten der Karpathen weit nach Osten sich ausdehnen; wahrend die Sfidabhange der Alpen ini Siidwesten von West-Romanen (Italienern, Ladinern und Fri- aulern oder Furlanern), im Siidosten von Siid-Slawen (Slowe- nen, Kroaten und Serben) bewohnt sind, — 1 und in den Gebieten der Sudeten und Karpathen die Wohnst&tten der Nord-Slawen (Cechen, Mahrer, Slowaken, Polen und Ruthenen), in den ostlichen Karpathen aber jene der Ost-Romanen (Walachen und Mol- dauer) aufgeschlagen sind, — die Magyaren iiber die pannonische Ebene sich verbreiten, und die kleineren Stamme der Juden, Ar- menier und Zigeuner sich fast allenthalben hin sporadisch verbreiten. Die Bevolkerung vertheilt sich anniiherungsweise in: 7.870.000 Deutsche (7,450.000 Ober- und 245.000 Nieder-Deutsche); 14.800.000 Slawen (10,850 000 Nord-und 3,950.000 Siid-Slawen); 4.900.000 Romanen (2,450.000 walscher Stamm, — 2,450.000 Romanen); 5.960.000 asiatische Stamme (4,860.000 Magyaren, 16.000 Ar- menier, iiber 1 Million Juden, 84.000 Zigeuner). Die jahrliche Zunahme der Bevolkernng betragt im Mittel fast l°/ 0 (O., g8 0 / 0 ) and ist im Osten und Norden bedeutender als im Westen und Siiden, die geringste ist in den Alpenlandorn. Vom Jahre 1818 bis Ende 1854 zeigt sieh eine Zunahme von iiber 9,200.000 Einwohnern. Gegenwartig beliiuft sich die Bewohnerzahl auf mehr als 35 Millionen Seelen, wornach durchschnittlich 2935 Bewohner auf 1 []]Meile kommen. Die uberwiegende Mehrzahl der Bewohner Oesterreichs — fiber 23,000.000 — bekennt sich zur romisch-kath olischen Kirche ; zur griechischen Religion gehoren 6V 2 Million (davon etwa % unirte und 2 / a nicht unirte), welche hauptsachlich Galizien, Ungarn, Siebenbttrgen und die MilitS.rgrenze bewohnen. Die Zahl der Pro* testanten betrilgt etwas fiber 3 Millionen (zumeist in Ungarn); ferner leben in Oesterreich Unitarier und andere christliche Sek- ten, und fiber 1 Million Israeliten. §. 79. Kalturverh<nisse im Aligemeinen. Oesterreich ist mit den mannigfaltigsten Produkten aus den drei Reichen der Natur reichlich ausgestattet. Der Boden gehort zu dem fruchtbarsten in Europa, obwohl hierin vielfache Abstufungen 107 unter den einzelnen Kronlandern vorkommen, welche von deren horizontaler Lage, der Seehohe, der Temperatur, der Menge des Niederschlages u. s. f. abhangen. Von der Gesammtflache der Mon- archie entfallen an 86°/ 0 auf produktiven Boden, welcher alle we- sentlichen Erhaltungsmittel der Bevolkerung bietet. Wahrend die nngarischen und italienischen Lander, Bohmen, Mahren und Gali- zien gleichsam die Kornkammern bilden; sind Tirol, Salzburg und Oberosterreich zur Viehzucht besonders geeignet; die Alpen- und Karpathengegenden sind reich an Salz und Erzen. Die Grundlage des Nationalreichthums liegt im Kaiserstaate sonach in den Ergeb- nissen der Bodenbeniitzung. Die Landwirths chaft, welche theils ausschliessend, theils vorwiegend an 29 Millionen Bewohner beschaf- tigt, ist wohl die erste Erwerbsquelle. Kann auch der durchschnitt- liche Werth der jahrlichen Bodenerzeugnisae mit 1700 Millionen Gulden veranschlagt werden, so ist die physische Kultur im Allgemeinen in Oesterreich doch noch nicht so hoch, als sie bei der naturlichen Beschaffenheit und dem Produktenreichthum aein lionnte. Einige Kronlander, wie Bohmen, Mahren, Niederosterreich, Venedig u. a. konnen den physisch kultivirtesten Landern an die Seite ge- stellt werden; hingegen stehen die ostlichen Kronlander noch viel- fach zuriick. An Mannigfaltigkeit der Produkte des Mineral- reiches wird es von keinem europaischen Staate iibertroffen; es fehlt ausser Platina keines der nutzbaren Metalle, namentlich wird Eisen von vorziiglicher Giite (in Steiermark, Karnten u. s w.) ge- wonnen. An brennbaren Fossilien ist ein ausserordentlicher Reich- thum, und an Salz gewinnt es weit liber den Bedarf. Der grosse Reichthum an mannigfaltigen Rohstoffen , die vie- len Wasserkriifte und das grosse Absatzgebiet sowohl im Inneren des Staates als auch in den benachbarten siidlichen und ostlichen Landern riefen in neuerer Zeit auf dem Gebiete der Industrie und des Handels viele schlummernde Krafte wach; es entfaltete sich eine vielseitige Thatigkeit, die in steter Zunahme begriffen ist und welche durch zeitgemasse Reformen in der Gesetzgebung wesentlich unter- stutzt und gefordert wurde. Die jugendliche Industrie Oeaterreichs als Ganzes hat bereits eine weit hohere Stufe der Vollkommen- heit erreicht, als die Landwirthschaft und der Bergbau; in einigen Zweigen steht sie sogar unerreicht da. Die technische Kultur weiset demnach ein mehrfach erfreuliches Bild. Allerdings herrscht bei der grossen Ausdehnung des Reiches und den Abstufungen in der geistigen Bildung und den gesellschaftlichen Zustanden der ver- schiedenen Volksstamme des Reiches eine grosse Verschiedenheit in den einzelnen Kronlandern. Wahrend in Bohmen, Mahren, Schlesien, Niederosterreich und Vorarlberg^ das Fabriks- und Manufakturwesen sehr bliihend ist; sind inGalizien, der Bukowina, Ungarn, derWoj- wodschaft und Siebenbiirgen griissere Unternehmungen seltener, doch gewohnliche Handwerker in geniigender Anzahl vorhanden; aber in Kroatien, Slawonien, Dalmatien und der Militargrenze kommen selbst die letzteren kaum hinreichend vor. Den Glanzpunkt der vaterliindischen Industrie bilden Leinen-, Tuch-, Seiden-, _ Gold-, Silber-, Eisen-, Glas- und Spiegelwaaren. Zahlreiche geistige und 108 materielle Forderungsmittel sind fortwahrend thiitig, die osterreichische Industrie auf den ihr gebiihrenden Standpunkt zu heben. Der Werth der Industrie-Erzeugnisse ist auf 1000—1200 Millionen Gulden zu schatzen, wovon l / e auf Bohmen, J / r auf Niederosterreich und Wien; auf Mahren mit Schlesien l / l0 entfallen; Dalmatien und die Militar- grenze baben daran den geringsten Theil. Die Industrie beschaftigt •— (mit Einschluss der Familienglieder und jener, die noch eine „landwirthschaftliche Nebenbeschaftigung“ baben) — etwa 25°/ 0 der Gesammtbevolkerung. Der Handel Oesterreichs ist gleichfalls ansehnlich und zwar sowohl der Verkehr zwischen den einzelnen Kronlandern als mit dem Auslande; er wird durch die Lage der Monarchie in hohem Grade begiinstigt. Die Urproduktion, der Gewerbefleiss, die Be- triebsamkeit, Ausdauer und Bildung der Bewohner sind Grundlagen fiir die wachsende Bliithe des kommerziellen Lebens. Die Stufe der geistigen Kultur, auf welcher die einzel¬ nen Volksstamme Oesterreichs stehen, ist ebenfalls sehr verschieden. Tragen die Deutschen im Allgemeinen aucb hier das Geprage ihres geachteten Stammes an sich ; so bieten doch die einzelnen ,,deutschen Kronlander“ vielfache Abstufungen in dem „deutschen Charakter“ dar, obwohl die hervorragendsten Lichtpunkte nirgends ganz verdunkelt werden. Sie sind in vielfacher Beziehung die Tra- ger der Wissenschaft und des geistigen Lebens in Oesterreich. Noch verschiedener als die Deutschen gestalten v sich die slawischen Stamme Oesterreichs, unter denen die Cechen den ersten Rang einnehmen; das andere Extrem bilden die Morlaken in Dahna- tien und die Ruthenen. Regsamer und entwickelter sind die Kroaten und Slowenen. Die im Allgemeinen reich begabten Slowaken bilden sprachlich das Uebergangsglied zwischen Ost- und West-Slawen, ihren Erwerb suchen sie vielfach im Handel. Unter den Polen findet man die Unterschiede zwischen „Adel“ und „Volk“ ziemlich stark; ersterer gilt haufig als der „Franzose des Nordens,“ da sich viel von franzosicher Lebhaftigkeit und den feinen ausaeren Formen vorfindet; das Landvolk steht verhaltniss- massig noch weit in der Kultur und Bildung zuriick. Die Serben, die kraftvollsten, aber auch die rohesten und wildesten unter den Slawen, zeichnen sich durch ungewohnliche Tapferkeit aus, auch ist der Reichthum ihrer Yolkspoesie im Auslande weit bekannt. Der Volkscharakter des Italieners mit seinen vielen Licht- und Schattenseiten, seiner Beweglicbkeit und Leidenschaftlichkeit, seiner reichen geistigen Begabung und grossen Empfanglichkeit fiir die Kiinste, dabei nicht selten hinterlistig, rachsiichtig — ist vielfach bekannt. Der stolze, offene, tapfere Magyare hat im Ganzen die Ritterlichkeit des Charakters seiner Voriiltern treu bewahrt, die reiche geistige Begabung ist jedoch haufig nicht hinreichend ent- wickelt; in neuerer Zeit sind iibrigens in der Yolksbildung durch Errichtung zahlreicher Lehranstalten grosse Fortschritte gemacht worden. Die Iiomanen (Rumunen), welche die Grundbevblkerung in Siebenbiirgen bilden, stehen ihren benachbarten Magyaren und Sachsen in der Kultur weit zuriick. Von den kleineren Stiimmen 109 des vielsprachigen Oesterreich lassen sich bezeichnende Charakte- ristiken schwieriger geben, auch verschwinden nach und nach so viele Eigenthiimlichkeiten. Am tiefsten steht der rohe, arbeitsscheue aber schlaue und gewandte Zigeuner, der vielfacli noch Nomade ist. Gelingt es, ihn standig anzusiedeln, so befasst er sich mit dem Schmfedehandwerk und der Goldwascherei. — In Oesterreich findet man sonach alle Abstufungen der Kulturverhaltnisse vom Nomaden- leben bis zum Standpunkte der hochsten Civilisation. Die Mannig- faltigkeit der Bevolkerung hinsichtlich ihrer Abstammung und Sprache wird unter den europaischen Staaten nur von Russland iibertroffen; — sie ist ahnlich der Mannigfaltigkeit der Bodenver- haltnisse. — Es sind jedoch keine schroffen Gegeneatze, die sich gegeniiber stehen; die Schattirungen im Volksleben, in Sitte, Tracht, Beschaltigung greifen in einander und dies um so rascher, je mehr die Begriffe von Entfernung und Zeit bei den grossen Erfindungen der Neuzeit verschwinden. Bleibt auch der Typus des Stammes und seine Sprache aufrecht; in der Beschaftigungsart, im Gange der geistigen und technischen Kultur vereinigt sich das gesammte osterreichische Volksleben zu Einem zwar bunten aber harmonisch geordneten Volksbilde. Dass filr die Hebung der geistigen Kultur des bsterreichischen Volkes in neuerer Zeit viel geschehen, bedarf kaum der Erwahnung. Im gesammten Unterrichtswesen sind zeitgemasse Reformen einge- fiihrt worden. Die Vermehrung und Hebung der Volksschulen, die Errichtung zahlreicher Real- und Spezialschulen, die Organisirung der gelehrten Mittel- und Hochschulen bekunden laut den entschie- denen Fortschritt, dessen wohlthaiige Folgen auch vielfaeh schon bemerkbar sind. Insbesondere werden — vom industriellen und kommerziellen Standpunkte aus betrachtet — die vielen Real-, Spe- zial- und technischen Lehranstalten nicht verfehlen, auf die gesamm¬ ten Kulturverhaltnisse der Bewohner entscheidend gunstig einzuwir- ken. Wissenschaft und Kiinste sind im Aufbliihen, Gelehrte und Kiinstler ersten Ranges reprasentiren unser Vaterland in wurdiger Weise gegeniiber dem Auslande; kurz — in alien Zweigen der physischen , technischen und geistigen Kultur erblicken wir die „Neuge staltung Oest e r r eich s.“ B. Die einzelnen Bestandtheile der Monarchie. §. 80. Das Erzlicrzogthum Oesterreich unter der Enns. (Nieder- Oesterreich.) 36° DM ; 1,681.700 (relativ 4669j Einwohner. — Mit Ausnahme der Eesidenz (mit etwa 12.000 I rotestanten, 1000 Griechen und €000 Israeliten) fast durchgehends Katholiken; — nach der Nationahtat (mit Ausnahme der ltesidenz) Deutsche. — Grenzen: im N. Mahren, Bdhmen, - i m W. Oesterreich ob der Enns, im S. Steiermark, im 0. Ungarn. Der Boden. Siidlich von der Donau ziehen Theile der nord- lichen Kalkalpen, welche aus Ober-Oesterreich und Steiermark her- iiberstreichen; im Siidosten tritt die letzte Bergreihe der Central- alpen (Wechsel) in das Land; nordlich von der Donau ziehen Aus- laufer des bohmisch-mahrischen Gebirges (der Manhartsberg), Die 110 grosste Ebene enthalt das Wiener Becken an beiden Ufern der Donau. Am linlien Donau-Ufer bis zu den kleinen Karpathen liegt das fruchtbare Marchfeld, am rechten das Wiener Becken im enge- ren Sinne, eine anmutbige, fruchtbare Landschaft; dann das Neu- stadter Steinfeld. Die nachstgrosse Ebene ist das Tulnerfeld. Gewasser. Die Donau, der Hauptfluss des Landes, nimmt fast alle Gewasser des Landes auf, deren bedeutendste ibr am rech¬ ten Ufer zufliessen (Enns, Ybbs, Erlaf, Bielaoh, Traisen, Schwe- chat, Fischa, Leitha); am linken die Krems, Kamp und die March (mit der Thaya). Schiffbar sind nur die Enns und March, die iibrigen- sind theils fiir die Holztriftung, theils fiir industrielle Zwecke von Bedeutung. Das etarke Gei'alle der Alpengewasser bietet der Industrie bedeutende Wasserkrafte, welche von den vielen Hammer- werken und Muhlen auch sehr gut beniitzt werden. —- Der Wien- Ne us t a d te r-K a nal (im Jahre 1803 eroffnet) fiir Schiffe mit 5—800 Zentnern Last, dient hauptsachlich fiir den Transport von Brenn- und Baumaterialien. Politische Eintlieilung. Der k. k. n. o. Statthalterei unterstehen die Bezirksaroter. Die Landes- zugleich Reichshaupt- und Residenzstadt des Kaisers ist Wien (gegenwartig uber 500.000 Einwohner), die grbsste, beviilkerteste, in alien Zweigen der technischen und geistigen Kultur die bedeutendste Stadt der Monarchic. Die Stadt mit ibren 34 Vorstadten hat einen Flacheninhalt von 1. 04 GMeilen und an 9000 Hauser. Sie ist der Sitz der hochsten Reichsbehorden und eines Erzbisohofes. Zu den vorzuglichsten Gebauden gehoren: die kaiseriiche Burg, das Belvedere, das Arsenal, mehrere offentliche und Privatpalaste; — die im gothischen Style erbaute Metropolitankirche zu St. Stephan (Thurm 435'), die Karlskirche, die Kirche zu Maria Stiegen, die Kapuzinerkirche mit der kaiserlichen Gruft u. v. a. Beriihmt sind die grossen kais. Hofsammlungen: Hofbibliothek, Naturalien-, Miinz-, Antikenkabinet, Schatzkammer, Gemalde-Gallerio, Ambraser-Sammlung und einige Monumente. Staats- anstalten sind: Akademie der Wissenschaften, Universitat, polytechnisches Institut, orientalische Akademie, 4 Gymnasien, Realsehulen u.Js.w., auch die Stadt errichtete mehrere Realsehulen. Privatanstalten: Handels-Akademie, mehrere Handelsschulen und Privatinstitute. Pur plandel und Industrie sind wiehtig: die Nationalbank, die Creditanstalt, die n. o. Eseompteanstalt, die Immobiiiengesellschaft, die Geld- und die Waarenbiirse, die Sparkasse, mehrere Assekuranzgesellschaften (Anker, Austria, PhSnix, Vindobona, wechselseicigeVersicherungsgesellschaft); die Handels-und Gewerbekammer, die Gewerbeschulen, dern. o. Gewerbeverein, die Landwirthschafts-Gesellsehaft,'der In- genieurvereiu. Zahlreich sind die Sanitats- und Wohhhatigkeitsanstalten. Wien ist der Knotenpunkt des Reichsstrassennetzes. Von hier laufen folgende Eisenbabnen aus: die Nordbabn an die preussische Grenze; die Siidbahn nach Triest und Italien; die Raaber- bahn; die Westbahn nach Salzburg; zwischen den ersteren zwei besteht eine„Verbin- dungsbahn." Die Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft vermittelt den grossten Ver- kehr auf der Donau durch nahezu 100 Dampfer und 500 Sclileppsehiffe. — Wien ist die erste Fabriks- und Handelsstadt des Reiches. Kaiseriiche Lustschlosser: Sehon- brunn, Hetzendorf, Laxenburg. Andere bemerkenswerthe Orte sind: 1. Wiener- Neustadt (13.000 Einw.), Baden, Bruck an der Leitha, Ham¬ burg, Neunkirchen, Gloggnitz, Pottendorf, Trumau, Pitten, Klein-Neusiedl, Eben- furth, Schwechat, Liesing, Voslau, Gumpoldskirchen, Klosterneuburg, Mariabrunn ; 2. St. Pblten (6000), Mblk, Tula, Ybbs, Waidhofen an der Ybbs, Scheibs, St. Egyd, Lunz, Viehofen, Wilhelmsburg ; 3. Korneuburg (3000), Stockerau, Gross-Enzersdorf, Aspern, Rbtz, Mail- berg, Meissau, Diirnkrut, Zistersdorf; 4. Krems (6000), Stein, Marbach, Waidhofen an der Thaya, Gross-Sieg- hardts, Diirnstein, Zwettl, Horn. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. D er grosste Theil des Landes ist Hiigelland mit lockeren sand- Ill und kalkhaltigen Lehmabhangen. Mehr als 90% der Flache sind produktiv und davon entfallen iiber 40°/ o auf das Ackerland, 34% auf Waldungen, auf Wiesen und Garten nur 14%. Der Ackerboden ist im Allgemeinen nur mittelgut; der fruchtbarste Theil ist das rechte Donau-Ufer im vormaligen Kreise ,,Ober dein Wiener -Walde“ bis zum Tulner Felde und das gegeniiber liegende linke Ufer mit dem March- felde. Eigentlicher Ackei'bau herrscht in den Donauebenen, an der March und Thaya; doch geniigt die Produktion fiir den grossen Bedarf, zunachst der Residenz mit der starken Bevolkerung nicht. — Han delspflan zen werden nicht bedeutend kultivirt, denn mit dem steigenden Verbrauch der Baumwolle nimmt jener von Flachs und Hanf vielfaltig ab. Bekannt ist iibrigens der Senf und Safran von Krems, letzterer auch von Maissau, dann Krapp (Atzgerdorf), vorzuglich aber steigt die Kultur der Oelfruchte. Das kliigelland im ostlichen Landestheile ist der Sitz des sehr vortheilhaft be- kannten osterreichischen Weinbaues auf etwa 8 | |M., welcher einen beilaufigen Ertrag von 2 Millionen Eimern liefert (Gumpoldskirchen, Voslau, Rotz); im westlichen Theile wird die Viehzucht betrieben, darunter verdienen die Zucht des Rlndviehes, jene der veredelten Schafe, des Gefliigela und der Bienen besondere Hervorhebung. — Unter den Produkten des Bergbaues ist nur die Gewirmung der Steinkohle im Umkreise des Wiener-Waldes bedeutend; ferners werden etwas Eisen, Graphit, Alaun, vortrefflicher Kalk, Gyps und Miihlsteine gewonnen. — In der Industrie nimmt dieses Kronland im Verhaltniss zur Volkszahl den ersten Rang unter den oster¬ reichischen Kronlandern ein, und im grossen Ganzen hat sie sich — nur wenige Zweige ausgenommen — auf eine befriedigende Hohe emporgeschwungen. Hauptsachlich ist Wien nebst Umgebung, auf welches wohl die Halfte des gesammten niederosterreichischen Pro- duktionswerthes, d. i. iiber 40 Millionen Gulden entf&llt, der Haupt- trager der bedeutendsten Industriezweige, als Seidenstoffe (der grosste Theil der osterreichischen Seidenwaaren entfailt auf Wien), Gold- und Silberar b eiten, phy s i kali s ch e und musikali- sche Instruments (jahrlich etwa 2600 Klaviere), Chemikalien, Galanterie- und Modewaaren. Grossartig ist die Baum- wollindustrie zwischen dem Wienerwalde und der Leitha namentlich liefern die grossen 46 Spinnereien mit circa 550.000 Spindeln V 3 des in der Monarchic gesponnenen Games (Pottendorf Trumau, Neunkirchen, Schwadorf, Fahrafeld, Schonau, Mollersdorfl bolenau, Felixdorf, Ebenfurth etc.); — L einen- und Zwirn-Er- zeugung urn Waidhofen an der Thaya, Weitra, Zwettl, Gross-Sieg- hardts. Kuhmhch bekannt sind die P a p i e r f ab r i k a t i o n (Klein- Neusiedl, bchlogelmuhle bei Gloggnitz, Pitten, Ebenfurth, Ober- Eggendorf u.a.); die Zuckerraffinerien (Wien, Wiener-Neustadt) und die Riibenz uckerf abri ken (Diirnkrut, Absdorf); die Zie- gelfabrik am Wienerberge (wohl die grosste auf der Erde;. Aus- gezeichneten Rufes erfreuen sich: die chemischen Produkte und Farben von Wien, Liesing, Modling, Klosterneuburg; Oel- fabriken, Glashiitten, S pi ege lfabriken (Viehofen). — Die Brauereien (Liesing und Schwechat erzeugen uber >/ 2 Mil- 112 lion Eimer, — in Nieder - Oesterreich im letzten Jahre im Ganzen iiber 3 Millionen Eimer); — die ararischen Etablissements: Staatsdruckerei, Porzellanfabrik und die ararische Tab akfabrik in Hainburg u. s, w. —Die Produktion von Ei sen waaren hat ihren Hauptsitz in der Umgebung von Waidhofen an der Ybbs (in den Thalern der Ybbs, Erlaf, Traisen („die Eisenwurzen“); die Schrau- benfabriken (Neunkirchen, Wiener - Neustadt, Kirchberg am Wechsel, St. Polten u. a.). Die Leistungen und Fortschritte der Maschinenfabrikation, dieses Grundpfeilers der meisten an- dern Industrien, haben sich bereits die ungetheilte Anerkennung erworben , da sowohl wissenschaftliche Bildung als praktische Be- fahigung allerorts in den einheimischen Werkstatten zu treffen sind. Nebst der „F a b r i k der osterreichischen Staats- Eisenbahn-Gesellschaft" sind 35 Maschinfabrikanten und Konstrukteure in Nieder - Oesterreich thatig, davon 26 in Wien, die ilbrigen in Florisdorf, Korneuburg, Leobersdorf u. s. w. Die Erzeugnisse finden nicht nor im Inlande Absatz, sondern ge- langen auch zum Export. Die Industrie Nieder-Oesterreichs repra- sentirt in einem rilumlich ltleinen Rahmen fast alle namhafteren Zweige des osterreichischen Gewerbfleisses, und Wien bildet in dieser Plinsicht gleichsam eine permanente Industrie - Ausstellung im Kleinen; es bietet ein Gesammtbild der Industrie des Kaiserstaates, welche bereits auf den grossen Ausstellungen zu London, Mun¬ ch en und Paris ehrenvolle und wohlverdiente Anerkennung ge- funden hat. Sie hat sich in der Epoche schwerer Priifungen stand- haft behauptet, und wird im grossen Ganzen neue tiefgreifende Erschi'itterungen kaum mehr zu befurchten haben. Durch den neuen Zolltarif, wie durch die Ausdchnung der Eisenbahn- und Schiffahrts- linien ist unserer Industrie der Bezug der wichtigsten Roh- und Hilfsstoffe wie auch der nothigen Werkzeuge und Maschinen wesent- lich erleichtert worden. — Der Aufschwung unseres Handels wird unzweifelhaft auch den einheimischen Gewerbfleiss immer mehr in Anspruch nehmen. — Den Hauptsitz des Handels bildet Wien, wo alio bedeutenderen Fabriken ihre Niederlagen halten. Die Ar- tikel des Gewerbfleisses finden nicht nur in den ubrigen Kronlandern Absatz ; viele werden nach dem Auslande exportirt, zunachst nach den Donaulandern und der Levante, aber auch nach America, Ost- indien (Kirchenstoffe) und selbst nach Australien. Durch die Un- terstiitzung von Seiten der Staatsverwaltung und die Bestrebungen der n. 6. Handelskammer, des n, o. Gewerbevereins, mehrerer Ge- sellschaften und unternehmender Privaten hat der Import- und Ex- porthandel in den letzten Jahren an Ausdehnung gewonnen ; er ist bereits von Bedeutung, und ohne Zweifel wird er noch erheblich gesteigert werden. Sowie die Residenz der Mittelpunkt der staat- lichen und volkswirthschaftlichen Thiitigkeit des Kaiserstaates ist, so bildet sie auch den Mittelpunkt fur das gcdstige Leben. Das Unterrichtswesen findet sowohl durch Volksschulen, als die stets wachsende Zahl der gewerblichen, Real- und kommerziellen Lehr- anstalten immer grossere Verbreitung. Die reichen Schatze an wissen- schaftlichen und Kunstsammlungen in Wien tvecken und fordern 113 die gelehrten Forschungen und Kunste, worin in neuerer Zeit grosse Erfolge erzielt worden sind. Die Residenz bildet somit den Ver- einigungspunkt des materiellen und geistigen Lebens des grossen Kaiserstaates. §. 81. Das Erzherzogdhum Oesterreich ob dcr Enns. ( Ober- Oesterreich.) 218 □Meilen — 707.450 (relativ 3246) Einwohner; fast ausschliesslich Katholiken; nach der Nationalitat Deutsche. — Grenzen im N. Bohmen, — im W. Baiern, Salzburg, — im S. Steiermark, — im 0. Nieder-Oesterreich. llodeu. — Dieses Kronland ist dem grossten Theile nach ein Gebirgsland, dessen sildliche Halfte die nordlichen Kalkalpen aus- fiillen. Hier erheben sich die Dachstein-Gruppe, die Gruppe des grossen Priel, das Hochsengsen-Gebirge, der Schafberg rnit seinem pittoresken Panorama und die letzten Gletscher der Nordalpen. Das linke Donau-Ufer wird von Abhangen und Auslaufern des Bohmer- waldes erf'ullt. Das Hauptthal des Landes ist das der Donau, die meisten Nebenthaler sind an der Siidseite (Traun- und Ennsthal). Die bedeutendste Ebene ist die Welserhaide zwischen Weis und Linz. Gewasser. Das Land ist im Ganzen wasserreich und mit einer sehr geringen Ausnahme gehort es ganz zum Gebiete der Donau, welche in Ober - Oesterreich einige Stromschnellen hat. Der fiir die Schiffahrt friiher gefahrliche ,,Strudel“ (unterhalb Grein) und der „Wirbel“ sind durch Felsensprengungen fast ganzlich un- schiidlich gemacht worden. Die grossten Nebenfliisse hat die Donau am rechten Ufer, den Inn, die Traun, welche durch den Hall- stadter- und Gmundner-See fliesst, die herrlichen Wasserfalle bildet und deren oberes Thai mit den umliegenden pittoresken Alpengrup- pen das wegen der landschaftlichen Schonheit beriihmte „Salzkam- mergut“ bildet, — dann die reissende Enns mit der Steier; — am linken Ufer ist die M u h 1, auf welcher grosse Quantitaten Holz geschwemmt werden, am bedeutendsten. Ausserdem hat das Land zahlreiche, prachtvoll gelegene Seen (Hallstadter-, Gmundner-, Atter-, Mond-, Wolfgang-See u. s. w.), von denen der Gmundner- See auch fiir den Yerkehr (Salztransport) wichtig ist; die meisten aber liegen im Gebiete der Traun. Politisehe Eintheilung : Der Statthalterei in Linz ist nebst Oestereich auch das llerzogthum Salzburg adminiatrativ untergeordnet. — Bemerkeuswerthe Orte sind: 1. Linz (27.600), Mauthhausen, Grein, Freistadt, Haslach, Perg, Eohrbach, Aigen. 61 2. Ried (3300) Braunau Scharding, Engelhartszell, Obernberg. 3. Steier (10.500), Enns, Kremsmunster, St. Florian, Molln, Mdhldorf, Spital am Pyhrn. 7 „ K11 Weis (6000), Gmunden, Ischl, Hallstadt, Ebensee, Grieskirchen, Lambach, VOklabruck, Schwauenstadt. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Dieses an Naturschonheiten reiche, von einer ernsten, besonnenen, den Fortschritt redlich anstrebenden Bevolkerung bewohnte Kronland weiset in neuester Zeit Resultate der Landwirthschaft, der Industrie Kluu’s Dandels-Geographio. 2. Aufl. Q 114 und des Verkehrs, sowie des Unterrichts und der humanen Anstal- ten, welche fast durchweg zu den besten Hoffnungen berechtigen, Dass an diesem Aufschwunge die eifrige Vertretung der materiellen Interessen durch die Handels- und Gewerbekammer in Linz einen becfeutenden Antheil hat, darf nicht unerwahnt bleiben. — Yonder Gesammtflache entfallen nur etwa 9.2% auf unproduktiven Boden — Gewasser, Felsen und Bauarea. Fast % des produktiven Bodens ist Acherland und liefert bei der rationellen , sehr fleissigen Be- bauung an Getreide iiber den Bedarf; — eine rationelle Wiesen- kuitur und treffliche Alpenweiden befordern die Viehzucht; der Waldstand i3t sehr auegedehnt; er nimmt nahezu '/ 3 der Gesammt¬ flache des Kronlandes ein. Das Flachland an beiden Ufern der Do- nau und im Mundungsgebiete ihrer Nebenfliisse ist fur den Getreide- bau, insbesondere ffir den Roggen und Weizen sehr gunstig; sehr ausgedebnt iat die Kultur von Most-Obst, -vvoraus der Cider (Aepfelwein , Birnen- und Aepfelmost) bereitet wird. Ausgedehnt und machtig sind die Braunkohlenlager des Idausruckgebirges, acs welchen (im Jahre 1858) nahe an eine Million Zentner gefor- dert warden. Besonders riihrig werden die Bergbaue zu Wolfsegg, Tbomasroith, Haag, Pramet und Kaletsberg betrieben. An Koch- salz liefern Ilallstadt, Ischl, Ebensee, Langbath iiber eine Million Zentner; ausserdem bietet der Bergbau Eisen, Kupfer, Arsenik, Schwefel, jedocb in geringerer Menge. — Den wichtigsten Indu- Btriezv/6i& bilaet die theils fabriksmassige, haufiger jedoch hand- werksm'assige Erzeugung von Eisen- und Stahlwaaren, wofiir das Rohmatorial auf der Enns aus Steiermark bezogen wird. In Sensen und Sicheln behauptet es den ersten Rang (Miihldorf- und Kirchdorfer Inuang im Kremsthale); dock hat es auch in Messern (Steier,), NSveln (Losenstein), Handwerkzeugen, in h&uslichen und land- wirthschafdfchen Gerathen guten Ruf, und ein steter Fortschritt ist ub rail bemerkbar. Der Mittelpunkt fur diese Industrie, fiir welche iiber 700 Etablissements bestehen und deren jahrliche Produktion einen Geldwerth von 4 Millionen Gulden reprasentirt, ist Steier (das „osterreicbi 8 cb 3 Birmingham* 1 ); nachst Steier sind Molln, Miihldorf, Spital am Pyhrn u. a. in dieser Industrie hervorragend. An Bedeu- tung nur von der Eisenindustrie iibertroffen, zeigt sich die Web e- Industrie., v/elche ausser den Kleingewerben und der Hausindustrie (im Miiklkreise) 24 Fabriks-Etablissements beschaftigt und (im Jahre 1858) V/aaren im Werthe von nahe 3,660.000 Gulden erzeugte. Die ehet-als bekannte Leinen-Industrie bat zwar im Ganzen nicht gleichen Cchritt nrit den Verbesserungen im Auslande gehalten und verlor i.ren Raf; dock zeigen die paar Fabriken im Miihlkreise ein regsames Aofstreben im Sinne der Neuzeit. Die Linzer-Tep- picbe linden fast nur im Xnlande Absatz. Die Baumwollspin¬ ner ei ist mit den zweckmassigsten Maschinen der neuesten und bewakrteslen Konstruktion verseh.su. Unter den etwa 20 Unterneh- mungen fiir Papier-Erzeugung ist nur die Maschinenpapier- Fabrik zu Nettingsd or f beachtenswertb, deren Erzeugnisse sich beliebten Absatzes erfreuen. Die Holz-Indus trie stellt sich durch Schiffbau, Erzeugung von ordinaren Holzwaaren und den Bercbtes- 115 gadner-Waaren (in der Umgebung von Traunkirchen) als bedeutend heraus. Der Schiffbau (in Linz) ist vortrefflich , die eisernen Schiffe lassen nichts zu wiinschen iibrig, und bei grosserem Absatze konnte dieser Zweig auf eine sehr hohe Stufe gebracht werden. Ausserdem erzeugt das Kronland chemische Produkte, Leder u. a. m. Die Bierbrauereien stehen im guten Rufe. — Der Handel. Fur den inneren Verkehr des Kronlandes ist die Schiffahrt auf der Traun mit ihren Zuflussen die bedeutendste. Ihr zunacht kom- men jene auf der Enns und Salzach. Der grbsste Theil des Fluss- verkehrs geht dann anf die Donau liber, welche nebst dem Inn, dessen Hauptbedeutung in der Vermittlung des Verkehrs von Tirol und Baiern nach der Donau ist, die weitere Verfrachtung der Giiter iibernimmt. Ausser den zahlreichen schiffbaren Fliissen und flbss- baren B'acben hat das Land ein ausgedehntes Netz von Reichs- strassen und Komm erzial strassen (fur welche in den letzten Jahren von Seite der Staatsverwaltung sehr viel gethan wurde), die Gmunden-Linz-Budweis-Eisenbahn*) und die Kaiserin Eli sa b e th-We stbahn, als die kiirzeste Linie zwischen Wien und Paris durch Siiddeutschland. — Im Verkehr mit dem Auslande hat der H an dels verke hr Ober-Oesterreichs mit Ungarn und den Donaufurstenthumern eine kaum zu berechnende grosse Zukunft, und letztere bilden schon jetzt einen immer mehr sich steigernden Markt, Besonders hat der Speditionshandel in Linz zugenommen. Die wichtigsten Orte fur den Verkehr sind Linz, Steier, Braunau, Sch'arding. §. 83. Das Ilerzogthum Salzburg. 130 □Meilen, — 146 770 (relativ 1127) Einwohner; fast ausschlies slich Katholiken; nach der Nationaliiat Deutsche. — Grenzen: im N. Baiern und Ober-Oesterreich, — i m W. Baiern und Tirol, — im S. Tirol und Kamten, — im 0. Steiermark und OberOsterreich. Boden. Salzburg ist ein Gebirgsland, eine Fortsetzung des Tiroler Alpenlandes; nur im Norden geht das Salzathal in die grosse bairische Ebene fiber. Die Kette der hohen Tauern bildet beinahe lortlaufend die Grenze gegen Tirol, dann gegen Karnten; gegen Suden hat sie wenig Widerlagen und Arme, desto mehr an der Nordseite und die parallelen Steilthaler bilden das „Ober-Pinzgau“ zu einer der grossartigsten Alpen-Scenerien. In den nordlichen Kalk- alpen, welche in Salzburg in mehrere, durch tiefeingeschnittene Was- serliiufe getrennte Gruppen zerfallen, ist hier die imposante Grunne das „steinerne Meer,“ dessen ode Kalkfelsen mit ihren muldenfor- nugen Vertiefungen wirklich versteinerten Meereswogen gleichen. L f, be a. 90 rfin 616 ? ne ^“ en 1 die Gebxrge ein und gegen 6 QMeilen 8011 fe, Fi ^u e d f i ( ? let8 , C n er /^eese") betragen. Die bedeutend- 8ten Thaler fuhren lokale, altherkommliche Benennungen: Pinzgau (Saalethal), 1 ongau (Salza- und Ennsthal), Lungau (Murthal) und Salzachgau Oder hlachland. An Engpiiseen, hier„die Klamm“ genannt, ist das Land ebenfalls reich. Gewiisser. Der grbsste Fluss des Landes ist die Salza (oder *) Die alteste Eisenbahn auf dem europ^ischen Kontinente, deren Bau im Jahre 1825 begonnen wurde. 8 * 116 Salzach), welche von Golling ab flossbar und von Hallein ab schiff- bar ist, unterhalb Salzburg an die bairisch-osterreichische Grenze tritt und am rechten Ufer mehrere verheerende Wildbache, darun- ter die Saale und die Krimmler Ache die bedeutendsten, auf- nimmt. Die Enns bricht durch den Mandling-Pass nach Steiermark, auch die Mur tritt nach kurzem Laufe durch den Lungau nach Steiermark. — Dieses Kronland hat den grossartigsten Wasserfall der Monarchie, den Krimmler-Fall (die Ache stiirzt durch eine Reihe von fiinf Fallen von einer Hohe von mehr als 2000 Fuss), sowie mehrere andere prachtvolle. An Seen steht es jedoch den Nachbarlandern Tirol und Ober-Oesterreich zuriick. Die beriichtig- ten Pinzgauer Siimpfe verlieren durch Entsumpfung immer mehr an Umfang. Unter den wenigen Mineral quell en ist d„s weltberuhmte Gastein. Politische Einthcilung. Das Herz: Salzburg ist administra- tiv der Statthalterei in Linz untergeordnet, jedoch untpr ausdriick- licher Wahrung der Stellung als Kronland des Reiches mit eigener Landesvertretung. Der politische Chef in Salzburg ist der Landes- hauptmann. Bemerkenswerthe Orte sind: Salzburg (17.300), Hallein, Oberalm, Bad Gastein, Ilof Gastein, Gross-Arl, Krimml, Eadstadt,Golling, Ebenau, Zell, St. Johann, Mittersill, Tamsweg. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Sind auch an 80°/ o des Landes produktiver Boden, so ist doch wegen der Ungunst des Terrains und des Klimas der Ertrag des muhsamen Ackerbaues so geringe, dass fast die Halfte des jahr- lichen Bedarfes an Kornerfriichten eingefilhrt werden muss. Dage- gen ist die Viehzucht und die Milchwirthschaft vorherrschend, insbesondere steht die Rindviehzucht auf einer so bedeutenden Hohe wie nur in wenig Kronlandern. Hierbei sind der zur Zucht geeig- netere Pinzgauer- und der fur Milchwirthschaft und Mastung, bes- sere Pongauer-Stamm auch im Handel bekannt. In der Pferdezucht gilt die Pinzgauer Gebirgsrace als das ausgezeichnetste schwere Zugpferd in Oesterreich. Der Schafstand besteht meist aus grob- wolligem Yieh. Einen eintraglichen Exportartikel konnte die Biber- zucht bilden; denn der salzburgische Biber, welcher an den Ufern der Salzach und Saale entsprechende Nahrung findet, hat von Al¬ ters her wegen des ausgezeichneten Kastoreums, welches dem der russischen, englischen und americanischen Biber weit vorgezogen wird, grosse Beriihmtheit erlangt. Auch die Forst- und Torf- ■wirthschaft verdient Beachtung, erstere exportirt an 70.000 Klafter, letztere hat ihre Bedeutsamkeit fur die Feuerung in industriellen Etablissements. — Unter den Produkten des Bergbaues ist Salz das bedeutendste (Iiallein liefert iiber 400.000 Zentner); die Eisen- gruben in der Elachau u. a. liefern zu wenig Erz for den Bedarf, der aus Steiermark und Karnten gedeckt werden muss. Nickel, Ko- balt und Arsenik (iiber 900 Zentner) werden erheblich gewonnen, die ihren Absatz auch nach Frankreieh, Griechenland und der Levante finden. Einen grossen Reichthum hat das Land im Marm or des Untersberges u. a.; bei Adneth bestehen 14 Briiche und die 117 Abfalle der Marmorsagen werden in vier KugelmOhlen („Schusser- miihlen“) zu den kleinen Marmorkiigelchen verarbeitet, die bis nach America ihren Absatz finden. Auch an vorziiglichem Gyps (bei Gollincr) ist das Land reich; — der Alabaster yon Leogang ist be- kannt. & Die Gewinnung von Gold und Silber ist verhaltnissmassig geringe. _ . Die Industrie dieses diinn bevolkerten Ivronlandes ist zwar verhaltnissmasig sowohl hinsichtlich der Menge der Produktion als der Mannigfaltigkeit der Produktionszweige noch unbedeutend; die Etablissements kommen nur vereinzelt vor und der Betrieb dersel- ben ist im Allgemeinen kein ausgedehnter; dessenungeachtet ist nicht zu verkennen, dass die Gewerbindustrie in neuerer Zeit in nachhaltigem Aufbliihen begriffen ist. In grosserer Menge und zum Theil fur den Export werden erzeugt: chemische Pro- dukte (zu Oberalm), Papiertapeten (in Stein), Kunstwolle (in Lehen), Holzwaaren (in Hallein); — einige Etablissements bestehen fur Erzeugung von Thon- und Eisenwaaren, dann Branntweinbrennereien (Salzburger Kirschengeist) , Bier- brauereien (Kaltenhausen) u. s. f. — Fur den Verkehr hat die Salzach, als die einzige Wasserstrasse, Bedeutung fur das Kron- land; auf ihr werden an Holz, Salz und Gyps an 700.000 Zentner jahrlicli verfiihrt. Auch der Inn bildet einen natiirlichen Verkehrs- weg. In kommerzieller Beziehung kniipft man Hoffnungen an die Westbahn und an die Pinzgauer Aerarialstrasse. Durch letztere wird eine Querverbindung der zukiinftigen Karntner-, Steiermarker- und Tiroler-Bahnen in direkter Linie durch die Hochgebirgsthaler her- gestellt und sie verspricht von Bedeutung zu werden. §. 83. Das Ilerzogthum Steiermark. 408 QMeilen, — 1,056.770 (relativ 2590) Einwohner; fast durchgehends Katholiken, nur etwa 6000 Protestanten und einige wenige Israeliten; nach der Nationalist an Deutsche, die iibrigen Slawen (Slowenen). — Gren- zen: in N. Oesterreich ob und unter der Enns, —im W. Salzburg und K&rnten, — im S. Krain und Kroatien, — im O. Kroatien und Ungarn. Boden. Steiermark gehort zu den Alpenlandern und ist gleich ausgezeichnet durch einen seltenen Reichthum hochst malerischer Landschaften und grossartiger Alpenpartien, wie durch die Fulle und Ueppigkeit der Vegetation in seinen Ebenen. Der nordliche und westliche Theil sind Gebirgsland; der siidliche und ostliche weisen anmuthige Berg- und Hiigellandschaften, fruchtbare Thaler und Ebenen. Das Gebirgsland hat Antheil an alien drei Alpenziigen. Die Centralalpen treten _aus Salzburg ein, durchziehen dennbrd- lichen Theil des Landes bis zum Wechsel, so wie zwischen der Mur und Drave, und_ auf beiden Ufern der Mur. (Siehe §. 25. Cen¬ tralalpen Nr. 10.) Die nordlichen Kalkalpen treten mit der Dachsteingruppe als Grenzgebirge gegen Oesterreich in das Land und ziehen sich bis zur Schnee- und Iiaxalpe. (Siehe §. 25. Nordliche Kalkalpen Nr. 4. 5. 6.) Die sudlichen Kalkalpen ziehen sich aus Krain heriiber, und setzen den Zug nach Kroatien fort. — Da die Klpen schon bedeutend an Ilohe abgenommen, so gibt es auch zahlreiche Passe, von denen nur der fahrbare Rottenmanner-Tauern 118 die Hohe von 5400', von den iibrigen jedoch keiner 4000' erreicht. Die Kalkalpen sind zudem reich an hochst romantischen Engpassen, wie an wilden Schluchten und prachtvollen Thalern. Das wichtigste Thai ist das Murthal, das obere ist uberall Engthal, das untere erweitert sich bis zu einer Breite von iiber drei Meilen; — das freundliche Murzthal, das Drauthal, das Ennsthal mit dem langen pittoresken Seitenthal der Salza u. a. m. Die bedeutendste Ebene des Landes ist das Pettauer- oder Draufeld, dann das an- muthige Grazer- und das fruchtbare Leibnitzerfeld. Gewasser, Das Land ist reich an fliessenden Wassern, welche sammtlich zum Flussgeader der Donau gehoren und von denen die meisten zu Verkehrs- oder industriellen Zwecken benutzt werden. Der grosste und fiir den Verkehr bis jetzt wichtigste Fluss des Lan¬ des ist die Mur, der ansehnlichste Nebenfluss der schon schiffbar aus Karnten kommenden Drave (Drau). Die Mur wird zwar schon bei Murau schiffbar, doch erscbweren das starke Gefalle, Klippen und Sandbanke, sowie der haufig niedere Wasserstand die Schiffahrt, die uberhaupt nur zu Thai geht und sich zumeist auf den Trans¬ port von Brenn- und Bauholz beschrankt. Die Enns durchfliesst grosstentheils als reissender Wildbach vom Mandlingpass bis Al- tenmarkt das Land, und wird erst schiffbar, nachdem sie die (stei- rische)Salzaaufgenommen. Wichtiger fiir den Verkehr ist die Save. Sie kommt aus Krain, bildet die Grenze zwischen den beiden Kron- landern und nimmt die Sann auf, welche auf dem Sulzbacher Ge- birge entspringt und das liebliche Sannthal bewassert. Die Traun und die Baab entspringen ebenfalls im Lande. Wasserfalle und Seen hat das Land verhaltnissmasig weniger als die iibrigen Alpen- lander; dagegen besitzt es sehr viele Mineralquellen, davon die Mehrzahl Sauerbrunnen, und unter den letztern der Rohitscher der bekannteste. Der wichtigste Kurort ist Gleichenberg, dann erfreuen sich eines zahlreichen Besuches Neuhaus, Tiiffer (Ro- merbad) und das To be lb ad bei Graz. Politssche Einfheilung. Der Statthalterei in Graz ist nebst dem Kronlande Steiermark auch das Kronland Karnten administra- tiv untergeordnet. Bemerkenawertlie Orte sind: 1. Graz (63.000 Einw.), Tobelbad, Gleichenberg, Furstenfeld, Feistritz, Rein, Radkersburg, Hartberg, Frohnleiten, Wildon, Vorau. 2. Bruck a. d. Mur (3000), Vordernberg, Eisenerz, Leoben, Judenburg, Mariazell, Adtnont, Schladming, Neuberg, Murau, Krieglacb, Kindberg, Miirzzuschlag. 3. Marburg (8000), Cilli, Luttenberg, Pettau, Rohitsch, Tiitfer, TOplitz Windisch-Feistritz, Rann, Lichtenwald. Kultnrverhaltnisse im Allgemeinen. Von der Gesammtflache Steiermarks entfallen nahezu 90% auf produktiven Boden; doch sind davon fast die Halfte Waldungen, 20°/ ? Aecker, 6 DMeilen Weingiirten; den Rest nehmen Wiesen und Weiden ein. Um jedoch einen richtigen Ueberblick zu gewinnen, ist die Trennung des Gebirgslandes von dem Hiigel- und Flach- lande nothig, wie sie schon oben bei der Schilderung der Boden- verhaltnisse angedeutet wurde; und zwar bieten die ehemaligen bei- 119 den Kreise Graz und Marburg (Un t er 81 ei e rmar k) ein wesent- lich verschiedenes Bild von dem fruheren Brucker Kreise (Ober- steiermark). Die Hauptnahrungsquelle der Bewobner Untersteiermarks besteht in dem Ertrage der Landwirthschaft, welche sehr fleissig betrieben wird und reichen Erfrag an alien Getreidearten, beson- ders Roggen, Weizen, Hafer, Mais und Haidekorn liefert, obwohl sie den Bedarf des gesammten Kronlandes nicht zu decken ver- mao’. Beeondere Sorgfalt wird auf den Wein- und Obstbau ver- wendet. Ein Drittheil der Flache fur den Weinbau entfallt auf den Grazer-, % auf den Marburger Kreis (Luttenberger, Kerschbacher, Radkersburger, Pickerer u. a.); aus dem Mostobst werden an 300.000 Eimer Cider bereitet. Auch die Pflege des Maulbeer- baumes und die Anfange der Seidenkultur sind beachtonswerth. Unter den Randelspflanzen haben der Hanf (von Radkersburg) und die Weberkarden (um Graz und im Bezirke Voitsberg) guten Ruf. Im Allgemeinen macht die Agrikultur, kraftig gefordert dureh die Landwirthscbafts-Gesellscbaft in Graz, stets wachsende Fort- scbritte, wie es auch der rationelie Wiesenbau bethatigt, welcher zumeist den bedeutenden Vielistasid ermoglicht. In dieser Bezie- hung ist auch die Geflugelzueht in Untersteiermark erwahnenswerth, sie ist sehr ausgedehnt und vortheilhaft bekannt (steirische Kapaune). — Schlachtvieh, animalische Produkte und Getreide werden zum grosseren Theile nach Obersteiermark und Kara ten, aber nur in sehr geringer Menge nach andern Kronltindern ausgefiihrt. In neue- rer Zeit hat ferners in Untersteiermark der lEergbau auf Stein- und Braunkohlen an Wichtigkeit derart zugenommen, dass die Ausbeute an ersteren im Jahre 1857 iiber 130.000 Zentner (Bezirk Windisch-Feistritz, Gonobitz und Schonstein), und an letzteren nahezu drei Millionen Zentner (Koflach, in den Bezirken Tiiffer, Cilli u. a.) betragen hat. Der Bergbau auf Metalle ist im Ganzen geringe; dagegen ist Untersteiermark sehr reich an Mineralwassern. Die Industrie ist in diesem Landestheile nicht von grosser Bedeutung, indem sie in den meisten Zweigen nur den Lokalbedarf des Landes im Auge hat und in einigen nicht einmal diesen voll- standig deckt. Die Maschin en -Fabr i ka ti on ist durch neun grossere Etablissements vertreten, von denen jenes „auf der Andritz“ (bei Graz; sich mit dem Baue von Dampf- und anderen Maschinen befasst, wahrend die iibrigen ausschliessend nur landwirthschaftliche Maschinen und Werkzeuge liefern. Die Verarbeitucg von Me- tallen liegt zumeist in der Hand der Kleingewerbe, und trotzdem die Eisenindustrie von geringer Ausdehnung ist, iibersteigt die Produktion doch den Lokalbedarf. Die chemische Industrie zahlt wenig grossere Anstalten und deckt nicht den heimischen Be¬ darf. Die Erzeugung von Nahrungsmitteln und sonstigen Verzeh- rungssteuer-Gegenstanden beschaftigt an grosseren Unternebmungen eine Kolonialzucker-Raffinerie, Kaffeesurrogat-Fabriken, Bierbraue- reien, Glasfabriken am Bacher-Gebirge, an der Kor-Alpe und im Savegebiete, Tabak in Fiirstenfeld u. s. f. Auch die Webe- und Wirkwaaren - Industrie ist von geringer AusdehnuDg 120 (Baumwollspinnereien in Burgau, Pragwald u. a.)- Die Ver- arbeitung desLeders beschaftigt ausschliesslich nur Kleingewerbe. Die Papier-Industrie ist etwas schwunghafter, sie beschaftigt sieben Fabriken und zwei Miihlen (Graz, Voitsberg, Pols). Das Kleingewerbe ist in alien Zweigen uberwiegend vertreten. Einen Gegensatz bildet O b er s tei er mar k. Hier ist die Acker- flache eine geringe, die Arbeitskrafte sind unzureichend, der Boden ist nicht fruchtbar, das Klima rauh, und die Landwirthschaft vermag nicht den eigenen Bedarf zu decken. Von der Gesammt- flache (iiber 165 QM.) entfallen 9% auf das Ackerland, 24%% auf das Grasland ! , liber 52% auf den Wald und nahe 13%% auf un- bebauten und unbeniitzbaren Boden. Im Durchscbnitte leben auf einer Quadratmeile 1226 Menscben; doch iiben die Industrie und der Bergbau einen grossen Einfluss auf die Anzabl der Bewohner aua, wie es eine Vergleichung der Bezirke Leoben und Judenburg mit Grobming und St. Gallen beweiset. Die Ilornvi ehzucht, fur welcbe Weiden und Alpen reichlich vorhanden sind, bildet eine be- deutende Erwerbsquelle, namentlich ist die Miirzthaler Race gesucht. Das Ennsthal liefert einen tuchtigen Schlag schwerer Pferde. Im Allgemeinen befriedigt jedoch der Boden die Lebensbedurfnisse der Bewohner nicht und der Abgang muss durch den Erwerb in der Industrie herbeigeschaftt werden. Diese Aufgabe erfiillt fast aus- echliessend die Eisenindustrie. Die wichtigsten Produkte des stei- rischen Bergbaues sind Eisen, Kohlen und Salz. Die Roheisen- Produktion betrug im Jahre 1857 iiber 1 % Million Zentner und hat im Zeitraume 1850—1857 um 59% (bei ararischen Werken um 57, bei Privatwerken um 60%) zugenommen; iiber 2*/ 2 Mdlion Zentner Braunkohle und ’/ 4 Million Zentner Salz (der „Sandling“ im „steirischen Salzkammergut"), dann etwas Gold, Silber, Kupfer, Graphit u. s. w. In Eisen ist es der stiirkste Produzent Oesterreichs (von dessen Gesammtproduktion im Jahre 1858 iiber 2% Million Zentner auf die Alpenlander entfallen); zudem ist die Trefflichkeit des steirischen Eisens (Vordernber g, Ei- senerz) seit dera Alterthume schon riihmlichst bekannt. Die Haupt- industrie beschaftigt sich sodann mit der Verarbeitung der Metalle, insbesondere in den Gebirgsthalern der obern Mur bis in die Nahe von Graz. Schwarzblech, gehammertes Streck- und Feineisen , ge- walztes Puddlingeisen, Rails und Tyres sind von vorziiglicher Giite; ausgezeichneten Stahl erzeugt Steiermark am meisten unter alien osterreichischen Provinzen, wobei eine grosse Produktions-Ver- mehrung in den letzten Jahren nur bei jenen Werken stattfand, die vorwiegend auf die Verwendung von Steinkohle und Torf basirt sind (Murau, Leoben, Krieglach, Trieben, Mi sling, Frohn- leiten, Kindberg, Bruck, Judenburg, Gosting, Graz u. a.). Beriihmt ist das kaiserliche Gusswerk bei Mariazell (auch fiir Kanonen), Neu- berg fur Eisenbahnschienen; an Sensen, Sicheln, Hausgerathen u. s.f. werden grosse Mengen erzeugt und exportirt. Der steirische Stahl geniesst auf dem Weltmarkte einen eben so bedeutenden Ruf als ehemals das „norische Eisen.“ Der Eisensteinbergbau ist insbesondere in Rucksicht auf 121 Forderung und Rostung der Erze in einer Weise und mit einem Kostenaufwande vervollkommt worden, wie noch bei keinem Eisen- eteinbau in Europa. Die Vollkommenheit des technischen Betriebes der Hochofen erhellet daraus , dass der Aufwand an Brennstofi per Zentner Roheisen auf ein Minimum gebracht wurde, wie sonst nirgends. Durch die gelungene Verwendung der Braunkoble zur Sta beisenfabrikation ist es moglich geworden, grossartige Puddlings- und Walzwerke auzulegen; diese Fabriken stehen im chemischen wie im mechanischen Theile auf gleicher Hobe mit derartigen Anlagen des Auslandes, und haben diesen in raeh- reren Fallen selbst als Muster gedient. — Seine Eisen- und Stahlwaaren exportirt das Land nach alien Kronlandern, nach Deutschland, Frankreich, Italien und Russland. Der Werth des in Flandel gebrachten Roheisens und der verarbeiteten Eisen- und Stahlwaaren betrug im Jahre 1857 an 11 T / 2 Mill. Gulden und auf Einen Arbeiter entfiel ein durchschnittlicher Jabresverdienst von 280 Gulden. Im Ganzen unterhalt dasKronland somit einen lebhaften Ver- kehr und der dabei erzielte Gewinn wird durch einen bedeuten- den Transithandel betrachtlich vermebrt. Gute Reichsstrassen ver- binden das Land mit den Nachbarprovinzen ; die Siidbahn durch- zieht von Nord nach Slid das Land, an welche sich Ausastungen nach Osten und Westen anschliessen werden, und die Wasserstras- sen tragen ebenfalls zur Ausdehnung des Verkehres bei. Die ver- dienstliche Thatigkeit der Handelskammern in Leoben (insbesondere bezuglich der Statistik der gesammten Eisenindustrie), und jener in Graz muss riihmend hervorgeboben werden. §. 84. Das Hcrzogthnm Kilrnten. 188 □Meilcn: — 332.456 (relativ 1764) Einwohner, iiberwiegend Katho- liken und ctwa 18.000 Protestanten ; nach der Nationalitat inehr als % Deut¬ sche, die iibrigen Slawen (Slowenen). — Grenzen: im N. Salzburg und Steiermark, — im W. Tirol, — im S. Venedig, Gbrz und Krain, — im 0. Steiermark. Bodcn. Karnten ist grosstentheils Gebirgsland, mit langge- streckten , durch hohe Gebirgsziige scharf abgegrenzten Thalern, welche sich im Innern des Landes zu grosseren Ebenen erweitern. Der Westen ist ganz von Hochgebirgen erfullt (Oberkarnten), im Osten ist es Hiagelland von Gebirgen umschlossen (Unterkarnten). Die Gebirge gehoren im nordwestlichen und nordlichen Theile zu den Centralalpen, die iibrigen zu den siidlichen Kalkalpen, und werden in mehrere kleinere Gruppen zerlegt, welche nach ihren hochsten Gipfeln benannt werden. Zum nordlichen Alpenzuge oder den Centralalpen, welche bis zum Ilafnerspitz „d i e *liohen Tauern“ heissen , gehoren: die Gruppe des Gr o s sglockn e r im Nordwesten, — die Kreuzeckgruppe, eine kurze Parallel- kette des Hauptriickens, — die Gruppe des Hochnarr mit zwei Hauptrucken, der kiirzere vom Heiligenblut- zum Korntauern, der langere von Norden nach Siiden zum Laitenkogel, — die Gruppe des Ankogel, — un( l j er >e des Flafn er spitz; •— dann die Gurkthaler Alpen vom Katschbergsattel bis zum Sattel von Obdach (im Osten) mit den Hauptthalern der Gurk, Gian, des 122 Worthersees und der Drave. — Zu den siidlichen Kalkalpen ge- horen die karnischen und die Gailthaler-Alpen, die Monte Canin- Gruppe, die Karawanken und die Grintouc-Gruppe, welche nur die siidostliche Grenze des Landes beriihrt. — Siehe §. 25. B. c. N. 3. 4. 5.) Yon den Gipfeln dieser Gebirge, insbesondere vora Gross- glockner, Dobrac, von der Saualpe, dem Speick- und dem Staff- kogel geniesst man herrliche Fernsichten. Das Land besitzt zwar keine ausgedehnten Eisfelder, aber dai'iir den schonsten Gletscher der Tauernkette, die Pas ter ze. Das Hauptthal ist das Drauthal mit vielen Nebenthalern, als: das Mo 111ha 1, i m untern Theile gut angebaut und bevolkert, im oberen enger nnd erhabener mit der grossartigen Alpenwelt im Hintergrunde, — das Gurkthal mit dem fruehtbaren Krapfeld, dem Glanthale und der wciten Flache des Zollfeldes, das frucht- bare und gewerbreiche Lavanttbal, das Lieser- mit dem haufig besuchten Maltathale u. a. Zahlreiche Sattel vermitteln den Uebergang iiber die Tauern, die Gurker- und die siidlichen Kalk- Alpen. Gewiisser. Der grosste Theil der Gewasser gehort zum Ge- biete der Drave, welche auf 22 Meilen das Land durchfliesst und zum Flossen benutzt wird. Die bedeutenderen Zufliisse erhalt sie am linken Dfer (die Moll, die Gurk mit der Gian und die Lavant), am rechten die Gail. — Unter den Seen gilt der Millstadter fur den schonsten, der Wort her wird mit Dampf befahren und bietet viele herrliche Bilder, der Ossiachersee nebst vielen ldeineren; an den zwei letzten Seen finden sich hie und da Siimpfe. Auch mehrere Mineralquellen sind beachtenswerth, darunter der Sauer- brunnen bei Vellacb. Politische Eintheilung. Das Kronland Karnten ist admini- strativ der Statthalterei in Graz untergeordnet, jedoch unter aus- driicklicher Wahrung der Stellung als Kronland des Reiches mit eigener Landesvertretung. Der politische Chef in Karnten ist der Landeshauptmann. Bemerkenswerthe Orte sincl: Klagenfurt (13.500 Einw.); Villach, Bleiberg, Wolfsberg, Hiittenberg, Lolling, St. Leonhard, Gurk, Briesach, St. Veit, Volkermavkt, Eerlach, Sjjital, Tar- ris, Pontafel (Ponteba), St. Paul, Gmiind, Lavamund, Prevail. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Von der Gesammtflache des Landes sind iiber 84% produk- tiver Boden ; doch entfallt davon nur etwa T /, auf das Ackerland, wahrend die Halfte desselben die Waldungen und beilaufig T / s die Wiesen und Garten einnehmen. Karnten hat demnach zu wenig Ackerland, um den Bedarf des Landes an Getreide zu decken; zudem ist auch der Ertrag in der Regel verhaltnissmassig geringer als am Flachlande. Im Lavantthale wird vorherrschend VVeizen, auf dem Krapfelde Korn und Gerste, in den warmeren Gegenden Mats und Buchweizen — letzterer sowie die Hirse vorwiegend von der slawischen, doch auch von der deutschen Bevolkerung ange¬ baut. In den Thalern und an den Bergabhangen ist die Wiesen- 123 kultur, welche viel Kleesamen in den Handel liefert, vorherr- schend. Bedeutender ist die V i e h z u c h t, deren Betrieb die ausgedehnten uppig bewachsenen Alpenweiden sehr zu Gute kom- men, besonders jene des Hornviehes, der Pferde und zum Theil veredelter Schafe; auch ist der Karntner als ein sehr fleissiger Bienenziichter bekannt. Wichtig ist der Bergbau und die darauf sich griindende Me- tallindustrie. Es leben in keinem Kronlande relativ so viele Bewohner davon wie in Karnten. Das Rohmaterial hat einen Werth von mindestens drei Millionen Gulden. Die Roheisen-Produk- tion betrug im Jahre 1857 iiber 900.000 Zentner, und stieg die- selbe in dem Zeitraume 1850—1857 um mehr als 55%. Besonders reich ist die Gegend von Friesach bis in die Umgegend von St. Leonhard und Wolfsberg, dann die „Eisenwurze“ bei Hiittenberg, endlich Lolling, Lippitzbach u. a. Ferner liefert Karnten das meiste Blei in Oesterreich (an 60.000 Zentner) — im Erzberg bei Blei- berg, Raibel beim Predilsattel, — an fossiler Kohle iiber 1 Million Zentner, nebstdem Zink, Kupfer, Silber, jedoch in geringerer Menge. Die Industrie Karntens ist stets im Wachsen. Zunachst be- schaftigt si e sich mit der Verarbeitung der Metalle und zwar in einem Grade, dass die karntische Eisen- und Stahlwaaren- Fabrikation sich den starksten osterreichischen Produzenten an- reiht; der Export der sehr vortheilhaft bekannten Artikel geht vor- nehmlich nach Italien. Prevali, mit den grossartigen Eisenwer- ken, lieferte die ersten Eisenbahnschienen in Oesterreich. Nebst den Eisenhammern im Nordwesten sind noch die Walzwerke von Frantschach, Lippitzbach und Buchscheiden bekannt, die Maschi- nengusswerke zu Prdvali und St. Johann am Briickl. Die Gewehre von Ferlach waren sehr beriihmt; die Blei weissfabri- ken von Klagenfurt und Wolfsberg geniesen europaischen Ruf; Victring liefert ausgezeichnete Tiicher. Beachtenswerth sind die Fabrikation in Leder, die chemischen Erzeugnisse, der Maschinen- bau, die Schrotfabriken in Klagenfurt, Villach, Prdvali, die Spiegel von St. Yincenz u. m. a. Fur den gewohnlichen Bedarf sorgen die Kleingewerbe in befriedigender Weise. Das kleine, aber an Natur- schonheiten reiche, von einer strebsamen Bevolkerung bewohnte Land besitzt an 250 Fabriken und Manufakturen. Ist im Ganzen die Gewerbthatigkeit auch nicht m annigfal tig; so erfreuen sich dock die Produkte der Anerkennung im Handel und die Verarbei¬ tung der heimischen Rohstoffe ist unbedingt ebenso rationed als verhaltnissmassig grossartig. Karnten ist durch seine geographische Lage das natiirliche Yerbindungsglied zwischen dem mittleren Donaugebiete und Italien; die „italienische“ Strasse ftihrt aus Obersteiermark nach Italien, und die vielen Einsattlungen an den Grenzgebirgen sind die natur- lichen Fingerzeige f fir den Verkehr. Berechtigte Hoffnungen setzt das Land auf die im Bau begriffene Eisenbahn, welche es mit Steiermark, Tirol und dem Venetianischen unmittelbar in Verbin- dung bringen, und welche die Vortheile der Lage Karntens erhohen wird. Es exportirt Produkte der Montan-Industrie und animalische m Produkte; dagegen fiihrt es Nahrungsmittel, Manufakturen und Hilfs- stoffe der Industrie und Gewerbe ein, § 85. Das Herzogthum Krain. 181 QMeilen ; — 451.940 (relativ 2491) Einwohner, fast aus schlie sslich Katholiken (etwa 250 Protestanten und 500 Griechen); nach der Nationalitat Slawen (Slowenen) ; nur 25.000 Gottscheer, dann die Bewohner an der nordwestlichen Grenze und einige der Ilauptstadt gehoren zum deutschen Stamme. — Grenzen: im N. Karnten, — im W. Gorz, — jm S. Istrien und Kroatien, — im 0. Kroatien und Steiermark. liorien. Krain, iiberwiegend ein Gebirgsland, ist durch die Verschiedenheit der Formation von Natur in drei Theile geschie- den. Oberkrain begreift das obere Flussgebiet der Save bis zur Einmiindung der Laibach; der obere nordwestliche Theil ist wabres Alpenland mit schroffen hohen Bergen und engen Thalern, der un- tere bildet die grosste Ebene des Landes (das oberkrainische Becken), aus welcher sich vereinzelte Berge inselartig erheben (Grosskahlen- berg, Vrasica, Siska). Unterkrain, zwischen der mittleren Save und der oberen Kulpa ist mit Ausnahme der Gurkfelder Ebene ein Hiigelland ; im westlichen Theile beginnt schon die muldenfor- mige Bodenformation, welche in Innerkrain, mit Ausnahme der oftenen Thaler der Wippach und Idrica, die vorherrschende ist. Die Gebirge Oberkrains gehoren zu den siidlichen Kalkalpen, und zwar theils zur Mangart-, theils zur Triglav-Gruppe ; die Karawan- ken trennen das Land von Karnten; in nordostlicher Idichtung ist die Grintouc - Gruppe. (Siehe §. 25, B. c. 3- 4. 5.) In der Mangart- Gruppe findet sich eine Anhaufung von Passbildungen, wie sie nur zweimal in den Alpen noch vorkommt (am St. Gotthard und am Ursprung des Inn). Der Triglav-Gruppe ist eine ausgedehnte Al- penplatte vorgelagert, die im Siidosten zum oberkrainischen Becken herabfallt. Die Thaler des Isonzo, der Idrica und Zeyer bis zur Save schliessen die siidlichen Kalkalpen ab; der grosste Theil von Innerkrain und der nordwestliche von Unterkrain gehoren der Karst- bildung an. (Siehe §. 25 der Karst.) Innerkrain ist interessant durch die unterirdischen Gestaltungen, durch seine Grotten (Adels- berger-, Magdalenen-, Lueger-Grotte u. a.) mit den Tropfsteinge- bilden, Seen und rauschenden Wassern, durch seine reiche Grotten- fauna; das Wippachthal mit dem milden Klima ist bekannt durch sein edles Obst und den guten Wein. — In Oberkrain ist die grossartige Alpenscenerie mit den wilden Schluchten, Wasserfallen und Seen, den dichtbevolkerten, gewerbfleissigen Ortschaften in den Thalweitungen, — in Unterkrain ist das freundliche Hiigelland mit seinen. zahlreichen Weinbergen das Charakteristische des Lan¬ des. Die bedeutendsten Thaler sind — im Osten des Landes — das Save- und das Gurkthal nebst mehreren kleineren. Gewaaser. Der bedeutendste Fluss des Landes ist die Save, welche das Land in einer Lange von 26 Meilen durchfliesst, von Salog (bei Laibach) schiffbar ist und die meisten Gewasser (Zeyer [Zora], Laibach, Feistritz, Gurk) aufnimmt. Der merkwiirdigste Fluss ist die Laibach, ivelche als Poik (Piuka) nach einem drei Meilen langen Laufe in die Adelsberger Grotte stiirzt, dort sich 125 mit mehreren Bachen vereinigt, die am Fusse des Nanos in die Erde verschwinden. Sie tritt dann als U n z wieder zu Tage, durch- fiiesst das Thai von Planina, verschwindet abermals und kommt nordostlich von Oberlaibach als Laibach wrnder hervor, wo sie nach sehr kurzem Laufe schiffbar wird und bei Salog in die Save miindet. Die Kulpa bildet eine grosse Strecke die Siidgrenze Krains. Die Wippach und die Idrica fiiessen demlsonzo zu. In Inner- und Unterkrain gibt es eine grosse Zahl von Bachen, welche im Kalkboden verschwinden und wieder hervorquellen; bei Regengiissen aber Ueberschwemmungen verursachen. Yon den Seen sind der Zirkniz-, Woheiner- und Veldes-See bereits fruher erwahnt worden. Moraste sind bei Laibach (an 4 QM.) und an der untern Gurk; ein grosser Theil des ersten, iiher welchen die Eisenbahn geht, ist bereits trocken gelegt und urbar gemacht wor¬ den. Mineralquellen sind zu Toplitz (bei Neustadtl) und am Veldes-See. Politische Eintheilung. Das Kronland Krain ist admini- strativ der Statthalterei in Triest untergeordnet, jedoch unter aus- driicklicher Wahrung der Stellung als Kronland des Reiches mit eigener Landesvertretung. Der politische Chef in Krain ist der Landeshauptmann. Bcmerkenswerthe Orte *) sind: Laibach (21.000 Einw.), ICrainburg, Radmannsdorf, Assling, Sava, Eisnern, Itropp, Steinbuchl, Neumarktl, Stein, Lack, Idria, Wippach, Adelsberg. Planina, Oberlaibach, Zirkniz, Laas, Reifnitz, Gotschee, Weixelburg, Neustadtl, Toplitz, Tschernembl, Mottling, Gurkfeld, Landstrass. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Von der Gesammtflache des Landes sind nur beilaufig acht QM. unproduktiver Boden ; vom produktiven gehoren iiber 40% dem Walde an und nur etwa 15% sind Ackerland, welches zudem ungemein zerstiickelt ist. Ausgedehnter sind die Wiesen, leider noch mehr die Weiden, auf Weingarten entfallen iiber zwei QMei- len. Krain ist zwar durch seine Bodenbeschaffenheit und die kli— matischen Verhiiltnisse im Ganzen mehr begiinstiget als Karnten, doch deckt auch hier die landwirthschaftliche I'roduktion nicht den Bedarf. In den Handel bringt es Rohprodukte (Kleesamen, Hanf, den Kohlkopf nach Triest, Obst aus dem Wippacher Thale, auch Wirthschaftsobst in gedorrtem Zustande) ; — nach Triest und Fiume liefert es bedeutende Mengen von Merkantilholz aus den Schneeberger Waldungen (Innerkrain) und Oberkrain (Stapelplatze: Planina und Senozec). Die Viehzueht steht nicht auf wiinschens- werther Hohe, woran die grosse Zerstiickelung des Bodens und als Folge dessen der Mangel an Viehfutter die Hauptschuld tragen. Die Bienenzucht wird sehr umfangreich betrieben und liefert viel Plonig und Wachs von gesuchter Qualittit nach Deutschland. Auch mit der Pflege des Maulbeerbaumes sind giinstige Versuche gemacht *) Zur Aussprache der slowenischen Worte: c = z; — 4 = tsch ; z = gelindes s; — z = gelindes sch (= franz. in jour ); 8 = sckarfes sch. 126 worden. Ueberhaupt verdient die erfolgreiche Thatigkeit der „Land- ■wirthschafts-Gesellschaft‘ c mit ihren zahlreichen Filialen fiir die He- bung der Agrikultur und Viehzucht riihmenawerthe Hervorhebung. Unter den Produkten des Bergbaues nimmt die Gewinnung des Quecksilbers in Idria (an 3000 Zentner jahrlich, — am meisten in Oesterreich, nachst Almaden in Spanien am meisten in Europa —) den ersten Eang ein. Ausserdem werden zu Tage gefordert: Roh- eisen, im Jahre 1857 iiber 91.000 Zentner, und zeigt sich fiir die Periode 1850—1857 hierbei eine Produktions- Vermehrung um 59%, Steinltohlen (an '/ 2 Million Zentner, am meisten in Sagor), Blei (in Knapouze und Sagor), Zink u. a. Die Industrie ist noch im ersten Stadium ihrer Entwickelung; man findet wenig grosse Fabriken, dagegen sehr ausgedehnte haus- liche Gewerbthatigkeit unter dem Landvolke. Die meisten industriel- len Unternehmungen hat Oberkrain. Hier bildet die E i s e n verarbeitung (Jauerburg, Althammer, Feistriz, Sava) den Hauptzweig, dessen Mittel- punkt Neumarktl ist; Eisnern, Kropp und Steinbiichl erzeugen zumeist Nagel. Riihmlichen Aufschwung nimmt das Eisengusswerk in Hof (Un- terkrain). Die griissten Fabriken des Landes sind in und bei Laibach (Baurnwollspinnerei, Ziindwaarenfabrik, Dampfmiihle, Papierfabrik [Jo- eefsthal bei Laibach], Oelfabriken [Josefsthal, Salog] u. s. f.). Andere Industriezweige sind: die Spitzenkloppelei (Idria und Stein), Wollspin- nerei und Strickerei (Oberkrain), ordinare Kotzen, Lodentuch, Fusstep- piche, Pferdedecken (in und bei Krainburg), Lederbereitung (Stein), Eosshaarsiebe (Strazise bei Krainburg), ordinare Ilolzwaaren (Reifnitz und Gottschee) u. a. m. Das Kleingewerbe ist befriedigend ver- treten und deckt im Ganzen den Bedarf; besonders zeigt sich hiebei in Laibach ein Aufschwung. Auch der ,,Gewerbe-Aushilfs- Verein“ in Laibach entfaltet gleich dem ahnlichen Kredit-Institute in Klagenfurt eine erfolgreiche Thatigkeit, zunachst im Kreise der niederen Gewerbe. Der Handel mit Landesprodukten (Honig, Kleesamen, gedorr- ten Obst, Knoppern, Leinol) und der Getreidehandel mit den Ver- bindungen in Sissek und Kaniza werden schwunghaft betrieben; der ehemals sehr lohnende Speditionshandel hat seit der Beendigung der Wien-Triester Eisenbahn seine Wichtigkeit grossen Theils ver- loren. Auch der innere Verkehr entwickelt sich reger, da die In¬ dustrie in der Zunahme begriffen ist. Sowie die natiirliche Be- schafFenheit des Landes, der Reichthum an Heizungsmateriale und asserkriiften, die relativ dichte, arbeitsame und genugsame Be- volkerung willkommene Vorbedingungen fiir eine aufstrebende In¬ dustrie sind; so gewahren die geographische Lage in der Nahe der ersten Seestadt der Monarchic und die Verbindungs3trassen nach den benachbarten Kronlandern eine geniigende Biirgschaft fiir den sich stets entfaltenden Handel. Der Hauptsitz des Handels ist in Laibach; Lack kat seine Wichtigkeit verloren, die es ehemals durch seine Verbindung mit Italien und den Absatz seiner Leinenwaaren dorthin genossen; dagegen sind Krainburg, Gotschee, Laas und Se- nozec in kommerzieller Hinsicht von einiger Bedeutung. 127 §. 86. Das Kiistenland. (Die gefurstete Grafschaft Gorz und Gradisca, die Markgrafschaft Istrien und die Stadt Driest mit ihrem Gebiete.) 145QMeilen; — 520.980 (relativ 3589) Einwohner, mit Ausnahme von Triest, tvo Geschaftsleute verscliiedener Glaubensbekenntnisse wobnen, fast ausschliess- lich Katholiken; nach tier Na ti o n ali ta t fiber % Slawen, '/ 3 Italiener, bei- laufig 2"/„ Deutsche, und Angeborige verschiedener Stammc in grdsserer Oder gerin- gerer Anzahl. — Grenzen: im N. Krain und Karnten, — im W. das venetianische (j e bi e t — im S. das adriatische Weer, — im 0. Kroatien und Krain. liodeii- Der nordwestliche Theil des Kronlandes Kiistenland gehort zutn Gebiete der sudlichen Kalkalpen, der iibrige zum Kalkplateau des Karstes; mit Ausnahme des Miindungsgebietes des Isonzo und einiger Thalweitungen gehort es somit dem Berg- land e an. Das Alpengebiet wird durch das Isonzothal in die beiden Gruppen des Monte Canin und des Triglav geschieden, welche sich am Engpasse der F1 i t sc h er - K lau se am nachsten beriihren. (Siehe §. 25. B. c. N. 5.) Jenseits der Thaler des Isonzo und der Idrica ist das Karstplateau, u. z. der Tarnovaner- Wald, eine fast 2500' hohe, grosstentheils bewaldete Hochplatte, dann der eigentliche Karst mit dem Cicer-Boden. Idier ist die Karstnatur am scharfsten ausgepragt; eine einformige, fast nackte Hochflache mit karglichem Pflanzenwuchse in den vor der Bora geschiitzteren Mulden, mit vielen trichterformigen Senkungen (Doline), in denen sich zu Zeiten Wasser ansammelt, aber bald im Kalkboden versiegt. In den Gegenden, in denen ein ohnehin kar- ger Ackerboden vorkommt, wohnt eine arme Bevolkerung. Die Land- wirthschaft kann nicht ausreichend fur den Bedarf betrieben werden, fur Errichtung industriellei Etablissements fehlen die Grundbe- dingungen — Wasser und Heizmateriale; — den meisten Erwerb bot vor der Eroffnung der Eisenbahn die Landfracht (das ,,Schlit- teln“). Zur Bewaldung dieser Flachen ist unter dem Schutze der Regierung ein „Karstbewaldungs-Verein“ tbatig, dessen bisherige Yersuche zu einigen HofFnungen berechtigen. — Istrien ist ein Stufenland, das sich gegen das Meer herabsenkt und durch die in tiefen Rinnsalen nach Osten, Westen und Siiden fliessenden Ge- wasser in mehrere Plateaux zerlegt wird. Nur an der Sudwest- seite ist ein freundliches, ergiebigeres Hiigelland, sonst ist der ode und diirre Karstboden wenig fruchtbar; doch sieht man auch herr- liche Eichenwalder und weite mitOelbaumen und Reben bepflanzte Strecken. Die Inseln sind gebirgige Fortsetzungen des Karstbodens. — Eben er Boden finden sich im Miindungsgebiete der Kiistenflusse, die grtisste Flache an der Mtindung des Isonzo, dessen Thai das bedeutendste ist. In Istrien sind das Quieto- und Arsathal beach- tenswerth. Reich ist das Karstland an grossartigen Ilohlen mit den prachtvollsten Tropfsteingebilden und wunderbar seltsamen Formationen (die Grotte von Corgnale und von S. Servolo, jene von St. Canzian, von Ospo, auf der Insel Cherso u. a.). Gewasser. Die hliisse dieses Kronlandes sind Kiistenflusse, welche sich in das adriatische Meer ergiessen. Der bedeutendste ist der Isonzo, der von der Westseite des Triglav in grossen 128 Windungen das grosste Querthal der Siidalpen durchfliesst, die Idria und Wippach aufnimmt, reissend mit starkem Gefalle und reich an Stromschnellen bis oberhalb Gtirz fliesst, wo er in die Ebene tritt, an Schnelligkeit des Laufes verliert, aber an Breite zunimmt und (als Stobba) in die von Sumpfen umlagerte Bucht von Monfalcone miindet. In Istrien sind der Quieto und die Arsa. — Dieses Kronland wird im Suden vom adriatischen Meere bespiilt, iiber dessen Bedeutung friiher gesprochen worden ist. (Siehe §. 76. S. 101.) Aueh der Cepicer-See in Istrien ist be- reits erwahnt worden. Politische Eiiitheilung. Der Statthalterei in Triest sind nebst der ,,reichsunmittelbaren Stadt Triest“ das Gorzer Gebiet, die Halbinsel Istrien und das Herzogthuin Krain untergeordnet. Die Hauptstadt des Kronlandes ist: Triest, mit dem Stadtgebiete 1. 6 QM. gross, mit einer Bevolkerung von iiber 104.000 Seelen, besteht aus der Alt- und der regelmassig erbauten Neustadt. Sie ist die bedeutendste Seestadt und nachst Wien die wichtigste Handelsstadt der Mon- archie, und von grossem Einflusse sowohl fur den einheimischen Verkehr als fur die Beziehungen des Kaiserstaates turn Auslande; insbesondere hat Triest einen wesentlichen Antheil an der Stellung Oesterreichs im Orient e. Das grossartigste Institut ist die im J. 1833 gebildete Aktiengesellsehaft des „Osterreichischen Lloyd" (Aktienkapital 9,450.000 fl.), welche regelmassige Verbindungen mit den grOsseren Hafen des adriatischen, mittelliindischen und schwarzen Meeres unterhalt und die Dampfschiffahrten nach Marseille, Barcellona und Liverpool ausgedehnt hat. In neuester Zeit bedroht Marseille den Lloyd mit einer gefahrlichen Concurrenz im Mittelmeere. Im J. 1859 beliefen sich die Ilrutto-Einnahmen des Lloyd auf 6,804.378, darunter die Staats-Subvention von 1,636.000 fl.; doch trngen mancherlei ungiinstige Verhiiltnisse die Schuld an einem ansehnlichen Deficit, wie sich iiberhaupt der See- verkehr von Triest im J. 1859 ungunstiger gestaltete als in den Vorjahren. Triest ist der Sitz dor Consulate von alien grosseren Handelsstaaten, der Central-Seebehorde, deB Marine-Oberkommando u. s. w. Andere Anstalteu zur Eorderung der Industrie und des Handels sind: die Handelskammer, Boise, Bankfiliale, das Tergesteum, die stadtische Commerzial-Leihanstalt, iiber zwanzig Assekuranz-Institute, die nautische und Handels-Akademie, das grosse Arsenal des Lloyd, mehrere Schiffswerften u. s. w. Der Schiffsverkehr gestaltete sich in den letzten Jahren in folgender Art: 1859 _ 18 58 _ 1857 Schiffe Tonnengehalt Schiffe Tonnengehalt Schiffe Tonnengehalt Angekommen: . 10.969 . 779.173 ...10 356 . 766.915 ...10.733 . 747.706 Abgegangen:.. 10.710 . 777.555 ...10.275 . 764.850 ...10.772 . 773.195 Ein specielleres Eingehen in die Ausweise zeigt, dass im J. 1859 nur 7677 beladene Schiffe mit 393.713 Tonnen einliefen; dagegen im J. 1858 8111 Segel- schiffe mit 479.635 Tonnen; dessgleichen litt die inliindische Dampfschiffahrt, indem mehrere Linien in Folge der Kriegsereignisse suspendirt werden mussten. Selbst die neutrale Flagge betheiligte sich im J. 1859 weniger an dem Seeverkehre von Triest. Gegenwartig werden allseitig Anstrengungen gemacht, um diesen fiir Oesterreich hoeb- wichtigen Platz auf den ihm gebiihrenden Kang zu heben. Im J. 1859 z'ahlte die Handelsm arin e Oesterreichs 9646 Schiffe von 373.016 Tonnen und mit 35.213 Matrosen. Die Kriegsmnrine z&hlt 37 Fahrzeuge (darunter 1 Linienschiff, 5 Ere- gatten, 12 Dampfer u. s. w.), der Personalstand derselben (im J. i860) 6952 Mann. Andere bemerkenswerthe Orte sind : 1. Giirz (11.000), Gradisca, Monfalcone, Aquileia, Cormons, Elitsch Tollmein, Duino, Heidenschaft; 1 J 2. (in Istrien) Mitterburg (Pisino, 3500), Capo d’Istria (8500), Isola, Pirano (9500), Rovigno (12.000), Pola, Parenzo, Cittanuova, Dignano, Volosca, Albona, Montona. Inseln: die Brioni’schen Inseln in (Nordwesten von Pola); im Quarnero: Veglia, Cherso, Lussin und viele kleinere Inseln und felsige Eilande (scoglj). Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Obwohl an 90 % der Gesammtfiache zum produktiven Boden 129 zu rechnen sind, so ist doch die Ertragsfahigkeit eine sehr geringe, da Wasser- und Regenmangel dem Getreidebau , welcliem nur etwa % des Bodens zugewiesen ist, sehr hinderlich sind. Ueberdiess ist die kultivirbare Flache ungemein zerstuckelt, der Ertrag aucb ein relativ geringer und die Produktion deckt demnach bei Weitem nicht den Bedarf. Die Hauptfruchte sind Mais und Weizen, als Nacbfrucht der Buchweizen. Wahrend auf die Wiesen % des Terrains entfallt, nehmen die Weiden fiber 2 / 5 ein; ausgebreitet da»egen sind der Weinbau und die Olivenwalder. Der WaId- stand ist im Ganzen ein geringer (nur T / 5 des Bodens); nur die grossen Eichenwaldungen bei Montona, welche Schiffbauholz fur die kaiserliche Marine liefern, machen davon eine Ausnahme. Die Obstkultur erfreut sich— ausser bei Gbrz — keiner besonderen Pflege; dagegen liefert der Oelbaum in Istrien und auf den quar- nerischen Inseln Oel von guter Qualitat und trotz des grossen Ver- brauches fiber den Bedarf. Die Viehzucht ist in keiner Richtung erheblich, nur im Gorzer Gebiet wird mehr Sorgfalt darauf ver- wendet, wo auch die Seidenkultur sehr gfinstige Fortschritte machf. Von Wichtigkeit ist. die Seefischerei. Eiu Merkmal des Landes ist der vollige Mangel an Me- tallen. An Steinkohlen wurden in letzter Zeit etwa % Million Zentner zu Tage gefordert (Albona und Pinguente in Istrien). Meersalz wird in den Salinen zu Capo d’lstria und Pirdno — im mittleren Jahresdurchscbnitt an 600.000 Zentner im Werthe von 3 Mill. Gulden—gewonnen. Istrien hat sehr viel Baustei n e (Istria- ner Marmor), welche ehemals einen Hauptartikel des Handels nach Venedig bildeten. Der Gorzer Kreis, die Stadt Triest und die Halbinsel Istrien bilden in Bezug auf die Be schaftigung der Bewohner drei verschiedene Landstriche. Im nordlichen und nordostlichen Theile des Gorzer Kreises bildet die R in d vi ehzucht den wichtigsten Nahrungszw'eig, im sudwestlichen der Wein- und Seidenbau. Weiters sind in diesem Kreise zwei Baumwollspinnereien, eine grosse Zuckerraffinerie, Seidenzeug-Fabriken, die europaisch bekannte (in Oesterreich grosste) Rothgarnfarberei in Heidenschaft (Aidussina, slaw. Ajdovsna). — Triest ist verhaltnissmassig keine Fabriks-, sondern eine sehr wichtige Handelsstadt, erzeugt jedoch nebst den ffir den Schiffbau erforderlichen Gegenstanden (Seilerwaaren, Se- geltuch, Zwieback u. s. f.) viel Rosoglio, Leder, Oelseife, Kerzen u. a. Grossartig sind die technischen Werkstatten der Gesellschaft des osterr eichischen Lloyd. — Istrien hat keine Fabriken, die Hauptthatigkeit beschrankt sich ausser dem Wein- und Oelbau auf die Gewinnung von See sal z und auf die Fischerei, den Schiffbau und jene Gewerbe, welche mit der Ausrfistung der Schiffe in Verbindung stehen. Das Gleiche gilt von den zu diesem Kronlande gehorigen Inseln; insbesondere hat Lussin piccolo in jfingster Zeit sehr grosse Fortschritte im Schiffbau und den da- mit verbundenen Gewerben gemacht. — Ffir den Handel Oester- reichs sind Triest und das Kustenland von grosster Bedeutung, Kluu’s Handels-Geographic. 2. Aufl. 0 ISO §. 81. Die gefiirstete Grafseliaft Tirol and Vorariberg. 523 QMeilen; — 851.000 (relatiy 1627) Einwohner, fast ausschliess- lich ICatholiken; — nach der Na tio nal i ta t s / 5 Deutsche uud % Walsche (320.000 Italiener, 9000 Ladiner). — Grenzen: ira N. Baiern, — im W. die Schweiz, Lichtenstein, Lomhardei, — im S. Lombardei cndVenedig, im 0. Venedig, Kiirnten, Salzburg. lioden. Tirol ist ein wahres Gebirgsland, denn das Bergland nimmt fast °/ I0 der Oberflache ein; es ist das hochste Gebirgsland Oesterreichs, eine Fortsetzung der hohen Alpenmassen der Schweiz. Die Central-, die nordlichen und sudlichen Kalkalpen durchziehen das Land, zwischen denen sich drei Hauptthaler (das Inn-, das Etsch- und das Pusterthal) mit sehr vielen Nebenthalern ausdeh- nen. Die nordlichen Kalkalpen (Algauer Alpen) erstrecken sich vom Bodensee bis zur ostlichen Landesgrenze. (Siehe nordliche Kalkalpen S. 25.) Die C en tralalp e n, die eigentlichen Tiroler- Alpen sind das bedeutendste Massengebirge, in der ganzen Aus- dehnung von Gletschern bedeckt, mit hohen Spitzen, zahlreichen Widerlagen und Armen. Die Hauptmasse durchzieht das Land von West nach Ost; die bedeutendste Widerlage kings der westlichen Landesgrenze von Norden nach Siiden enthalt die hochste Berg- spitze der Monarchie (den Order). Die B r enn e r- Einsenkung scheidet sie in zwei Hauptgruppen. (Siehe Central-Alpen, S. 24 und 25.) — Die sudlichen Kalkalpen gehoren zumeist als Grenz- gebirge dem Lande an. Zwischen dem Garda-See und der Etsch ist der schroffe Rilcken des Monte Baldo; osdich von der Etsch sind die Gruppen der Venetianer-Alpen, deren Masse im Venetianischen liegt und wovon nur Verzweigungen nach Tirol auslaufen. (Siehe siidliche Kalkalpen S. 27.) — Die Tiroler Gletscher („Ferner“ genannt) nehmen einen Baum von fiber 23 QMeilen ein ; der Haupt- stock ist die Eismasse der Oetzthaler Ferner, zu welchen der Hoch- vernagt, der Gebiitschferner u. a. gehoren, fiber mehrere derselben fiihren Saumpfade (der belebteste fiber den Jaufen von Sterzing in das Passeyerthal). — Yon Bedeutung fur die gesammten Kultur- verhaltnisse des Hochgebirgslandes sind die sehr zahlreichen Th a- ler, welche in der Regel enge, selten fiber eine Stunde breit, da- gegen langgestreckt sind; bedeutende Thalweitungen und Ebenen kommen gar nicht vor. Das langste Thai ist das Innthal (33 M. lang, his zur Melach-Mfindung Ober-, dann Unterinnthal), in welches das Oetz th a 1 und das Zillerthal mtinden; dem Elachen- inhalte nach ist jedoch das Etschthal grosser; der obere Theil — Vintschgau — ist durch die grossartige Alpennatur, der untere durch seine uppige Vegetation und sein mildes Klima ausgezeich- net. Das von der Rienz bewasserte Pusterthal ist besonders we- gen der Zucht des Hornviehes bekannt. Im Vorariberg sind das Rheinthal, das Illthal (Ochsenthal), Vermontthal, Montavon- thal) und bei Bludenz der Walgau. (Jewasser. Die Gewasser Tirols gehoren drei Flussgebieten an, jenem des Rhein, der Donau und der Etsch. Der Rhein gehfirt nur etwa auf einer^ fiinf Meilen langen Strecke als Grenz- fluss zu Oesterreich. Er nimmt die meisten Wildbache Vorarlbergs auf, der namhafteste Nebenfluss desselben ist die II b — Die be- 131 deutendsten Flusjse des Landes gehoren zum Geader der Donau. Der Lech und die Isar erhalten ihre Bedeutung erst nachdem sie nach Baiern getreten (ersterer unterhalb Fiissen , der zweite durch den Scharnitz-Pass). Der grosste Floss des Landes ist der Inn, der durch Finstermiinz-Clus nach Tirol eintritt und es unter¬ halb Kufstein verlasst. Schon nach der Einmiindung des Oetzbaches wird er flossbar, doch erst von Hall ab schiffbar. Er nimmt sehr viele Wildbiiche auf, die wegen der haufig wiederkehrenden Verheerungen beriichtigt sind. Die Drave vom Toblacher Felde wird erst nach ihrem Eintritte in Karnten schiffbar. — Die E t s c h, welche bei Gargazan flossbar, unterhalb Botzen schiffbar wird, nimmt den Eisack, den Lavis und den Nosbach (Noce) auf. Dem Gebiete des adriatischen Meeres gehoren noch die Brenta, Sarca, Chiese und Piave. Seen hat das Land sehr viele, aber meist hoch- gelegene, ldeine Alpenseen. Yom Bodensee gehoren 4% Meile zu Vorarlberg, vom Garda-See 2% Meile zu Tirol. An Gesund- brunnen ist das Land ebenfalls reieh, die besuchtesten sind Mit- terbad (im Ultentbale), Rabbi und Pejo (im Sulzberg), May- statt, Innichen, Altprax u. a. im Pusterthale. Politisclie Eintheiliuig. Die Landeshauptstadt Innsbruck ist der Statthalterei unmittelbar untergeordnet. Bemerkcnswerthe Orte sind in: 1. (Nordtirol) In nsb r u ck (14.200 Einw.), Hall, Kufstein, Sehwatz, Rattenberg, Kitzbiicbel, Achenrain, Imst, Landeck, Zirl, Rente ; 2. (Mittel-Tirol) Brixen (3500), Sterzing, Brunecken, Innichen, Lifenz, Win- diseh-Matroi, Botzen, Klausen, Moran, Glurns; 3. (Sud-Tirol) Trient (14.000), Roveredo, Riya, Arco, Ala, Levico, Lavis; 4. Vorarlberg: Br egenz (3500), Feldkirch, Bludcnz, Hohenembs, Dornbirn. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen, Die BodenverhiUtnisse des Landes sind mit Ausnahme eini- ger Thaler fitr die physische Kultur nicht giinstig. . Werden auch etwa 2 / 3 der Gesammtflache auf nutzbaren Boden im Allgemeinen gerechnet, so entfallen von der produktiven Flache doch nur an 8% auf das Ackerland, doppelt so viel auf Wiesen und Garten, an 6 QMeilen auf Weingarten; dagegen iiber 50°/ o auf Waldungen und iiber 20% auf Weiden; — an 195 QMeilen (oder mehr als ein Drittheil des Landes) aber ist ganz odes, unkultivirbares Land. Es hat somit kein Kronland in Oesterreich so viel unbenutzbaren Boden. Im Stiden kommen in geringerer Ausdehnung auch Kastanien- und Olivenwalder vor. Der Ackerbau ist vielfach mit grossen Schwierigkeiten ver- bunden und liefert auf der geringen Flache bei weitem nicht fur den Bedarf, welcher durch Getreidezufuhren aus dem benachbarten Baiern gedeckt wird. Auf den Wiesenbau wird grosse Sorgfalt ver- wendet, die vortrefflichen Alpenwiesen („Alm“) sind der Viehzucht sehr dienlich, welche eine Haupterwerbsquelle bildet. Trotz des gros¬ sen heimischen Bedarfes an Milchprodukten gelangt (zumeist aus dem Bregenzer Walde) doch vorziiglicher Kase zum Export. Unter der Viehzucht hat jene des Rindviehes den ersten Rang (Bregenzer Wald, Lechthal, Pusterthal); — die S chafzucht wird nur fur den Hausbedarf betrieben; — die Bienenzucht ist in Vorarl- 9 * 132 berg, jene der Seidenraupe sehr schwunghaft in Siidtirol. Die Obstkultur ist sehr bedeutend, namentlich bei Meran; die Citro- nengarten am Garda-See diirften ihresgleichen schwerlich irgendwo finden; auch das Montavon-Thal ist im Obstbau bekannt. Der Wein ist ein Hauptprodukt in Siidtirol, doch gibt es nur wenig bessere Sorten; bei Feldkirch kommt ebenfalls einiger Weinbau vor. Flachs, Hanf und Tabak werden in grosseren Mengen gebaut. Den be- sten Flachs liefert das Oetzthal (an 3500 Zentner), der Leinsamen aus dem Inn- und Oetzthale wird exportirt. Der ehemalige Reichthum an edlen Metallen besteht nicht mehr. Den Hauptreichthum in dieser Beziehung hat jetzt das Land an Salz (Hall), Kohlen und Eisen; doch erreichen die Produkte des Bergbaues (mit Ausnahme von Salz) kaum den Werth von % Million Gulden jahrlich, wovon an 3 / t auf ararische Werke ent- f alien. Tirol ist im Allgemeinen zwar kein Iiidustrieland ; doch lassen sich in dieser Richtung drei Hauptgruppen aufstellen : V o r- arlberg, Siidtirol mit dem Charakter der italienischen Land- schaft und das iibrige Deutschtirol mit seinen zahlreichen Tha- lern. — Yorarlberg hat eine ausgedehnte Industrie, insbesondere eine sehr schwunghafte Baumwollindustrie (an 20 Spinnereien, viele Webereien, Druckereien, Rothfarbereien, Bleich- und Appretur- Anstalten), und ist nachst Niederosterreich und Bohmen der starkste Produzent (Geldwerth der jahrlichen Fabrikate beililufig 2 Millio- nen Gulden). Fabriksorte sind: (Spinnereien) Kennelbach, Feld¬ kirch, Biirs, Thiiringen, Fussach, Bludenz, Dornbirn, Hohenembs, Mehrerau, — (Gusswerke) in Dornbirn und Frastanz, — (Ma- schinenbau) in Frastanz und Feldkirch, Papierfabrik in Blu¬ denz, Schiffbau und Verfertigung von Alpenhiitten fur die Schweiz. — Die relativ meisten Fabriken sind im Rheinthal und im Wall- gau; — auch die Handweberei und Stickerei ist wie im Nachbar- gebiete der Schweiz. In Siidtirol gibt die Seide den Haupterwerb durch die zahlreichen Filanden (uber 800) und Filatorien (iiber 50); dagegen bestehen wenige Etablissements fur die Verfertigung von Seiden- waaren. Die grosste Filande in der Monarchic ist zu Lizzanella (bei Roveredo), auch die umfassenderen Filatorien sind um Roveredo, Mori, Borgo u. s. w.; bei Ala bestehen (schon seit dem Jahre 1640) Sammtfabriken. In den ubrigen Theilen von Deutschtirol kommt die In¬ dustrie nur vere i nzelt, hauptsachlich in den Thalern vor, und treten die Leder- und Eisenindustrie verhaltnissmassig am stark- sten hervor; erstere um Roveredo, letztere hauptsachlich im Stubai- thale, dann im Puster- und Fleimserthale und in den sudlichen, in das Venetianische ausmiindenden Thalern. Im Oetz-, Passeyer-, Inn- und Pusterthale kommt die Leinen-Handweberei, die Verfertigung von Lodentuch und Teppichen vor, — im Zillerthale und im Pu¬ sterthale jene der Ilandschuhe, — im Grodnerthale herrscht die Holzschnitzerei und die Spitzenkloppelei. Einzelne dieser wohlfeilen Erzeugnisse kommen sogar zum tiberseeischen Export. Bedeutendere 133 Industrieorte im genannten Theile Tirols sind: Imst, Innsbruck, 1 ilfa (fur Baumwollwaaren); — fiir Metallwaaren: Brixlegg, Achen- rain (Messingwerk), Stans, Schwatz; — endlich kommen Papier-, Tabakfabriken, Zuckerraffinerien u. s. w. vor. Hauptpl'atze fiir den Ilamlel sind: Innsbruck, Botzen (mit vier stark besuchten Messen), Feldkirch (bedeutender Speditions- handel), Trient (Viehmarkte und Handel mit den Industrie-Erzeug- nissen der Umgebung), Roveredo (Haupthandelsplatz fiir Seide), Riva (Haupthafen des Garda-Sees, Handel mit Holz, Kohle, Oel und Seide). Der Hausirhandel wird in sehr ausgedehntem Masse betrieben, und man nimmt an , dass bei 30.000 Tiroler mit ein- heimischen Produkten halb Europa durchziehen; aber mit dem ersparten Gewinne kehrt der Tiroler gerne in die ibm liebeHeimat zuriick. §. 88. Das Kiinigreicli Bolimcn. 944 □Meilen; — 4,705.530 (relativ 4985) Einwohner, — uberwiegend Katholiken (etwa 90.000 Protestanten, 76.000 Israeliten); — nach der Natio- nalitat iiber s / 5 Slawen (Ceehen) und nahezu % Deutsche. — Grenzen: im N. Preussen, Sachsen, — im W. Baiern, — im S. Ober- und Nieder-Oesterreich, — im O. Mahren. linden. Bohmen ist mit Ausnahme des Elbethales (yon Pode- brad ab) ein Hocbland. Das b oh mi s ch-mah r is ch e Plat e au mit durchgehends wellenformigem Charakter und einer zwischen 1200—2000 , wechselnden Erhebung erfiillt den ganzen ostlichen, siidlichen und westlichen Theil des Landes. Im Inneren des Landes ist es gebirgiger als im Osten, es ist der relativ minder fruchtbare Theil, reich mit Waldern bedeckt, erzeugt Getreide, Obst, aber kei- nen Wein und wird nur von der Wittingauer und Budweiser Ebene unterbrochen. Die Moldau durchzieht das ganze Plateau in einem engen felsigen Thale, dessgleichen beinahe alle in die Moldau sich ergiessenden Fliisse, Mit diesem Plateau hangt im Westen der Boh- merwald zusammen, der jedoch ein eigenes Gebirge bildet; cha- rakteristisch sind dessen langgezogene Rilcken, durch Langenthiiler von einander getrennt, und die dichten Waldungen. Er erstreckt sich in einer Lange von 28 Meilen bis zur Donau herab, fallt an der bairischen Seite steiler ab und wird in einen hoheren (siid¬ lichen) und einen niederen (nordlichen) Theil getrennt. Das Fich- telgebirge gehort nur zum geringsten Theile nach Bohmen; der Fuss dieses Schieferplateaus zieht sich nach Bohmen bis Eger. Durch die Einsenkung nordostlich von Eger ist davon das Erz¬ gebirge getrennt, welches nach Bohmen steil abfallt, von vielen kleinen Thalern durchschnitten ist und eine mittlere Kammhohe von 2200' mit einzelnen hoheren Kuppen besitzt. Es ist gut bebaut oder bewaldet und der Sitz eines regen Bergbaues so wie einer leb- haften Industrie. — Am rechten Elbeufer ist das Lausitzer- Plateau (2000'), bestehend aus einzelnen, unzusammenhangenden Gruppen. Hoher erheben sich die parallelen Kamme (durchschnitt- lich 3000') des Isergebirges, welches durch die Einsattlung von Neuwelt vom noch hoheren (iiber 4000' hohen) Granitriicken des Riesengebirges getrennt ist. (Schneekoppe 5095, Sturmhaube 134 4666 r ). Das Riesengebirge bat den ausgepr>esten Gebirgscharakter; die Gipfel reichen schon iiber die Baumgrenze hinauf, auf dem brec- ten Riicken kommen sumpfige Wiesen und Knieholz vor, wahrend an dem tieferen Gehange ansehnliche Waldungen stehen. Das Ad- lergebirgs (Schneeberg 4429') endigt mit der „hohen Mense“ (3614') und ist durch die Triibauer Einsenkung vom bohmisch- mahrischen Plateau geschieden, — Breite Thaler hat Bohmen wenige. Die Elbe bildet zwischen Josephstadt und Leitmeritz, die Moldau erst unterhalb Prag, die Eger die E b n.n e von Laun; Tiefebene ist jedoch bios das erwahnte Elbethal von Podebrad an. Ausser den bereits friiher genannten Ebenen ist die Georgenthaler Ebene im Saazer Kreise vielleicht die am meisten horizontale Flache Bohmens. Gewasser. Bohmen erfreut sich eines grossen Wasserreich- thums und gehort fast ganz zum Gebiete der Elbe, welche jedoch sowohl nach der Wassermenge, ala der Lange des Laufes und der Grosse des Gebietes von ihrem bedeutendsten Nebenflusse — der Moldau — ubertroffen wird. Nachst der Moldau ist der wichtigste Nebenfluss die Adler. Vom Fichtelgebirge fliesst ihr die Eger, vom Erzgebirge die Bela zu. Die Iser ergiesst sich, nachdem sie mehrere Zufliisse aufgenommen, oberhalb Alt-Bunzlau in die Elbe. Die Moldau f'iihrt die Wasser der Luschnitz, Wotawa, Sa- zawa, Beraun mit zahlreichen kleineren Fliissen zu. Ausser eini- gen unbedeutenden Gebirgsseen im Bobmerwalde besitzt das Land keine Seen, dagegen im Stiden viele, mitunter grosse Teiche, aber nur einen Kanal, der die kalte Moldau mit dem Miihlflusse (oberhalb Haslach in Oesterreich) verbindet und zum Flossen des Holzes aus den ftirstlich Schwarzenbergischen Waldungen benutzt wird. Von Wichtigkeit sind die Torfmoore im Bohmerwalde. — Weltberiihmt sind die „bohmischen Bader,“ welche alljahrlich von Tausenden von Ivurgasten aus alien Landern Europas, ja aus den andern Erdtheilen besucht werden. Darunter sind besondcrs be- ruhmt: Karlsbad, Marienbad, Franzensbad, Teplitz, Bilin, Seidschitz, Piillna, Sedlitz, Giesshiibel u. a., deren Wasser auch weithin versendet werden. Politische Eintheilung. Das Konigreich Biihmen wird in 13 Kreise eingetheilt, welchen die Bezirksamter unterstehen. Der Sitz der Statthalterei ist in der Landeshauptstadt Prag (143.000 Ein- wohner). Prag (cechisch Praha) besteht ans vier Stadten, der Alt- und Neustadt, der Kleinseite und dem Hradschin, und den Vorstildten Smichov und Karolinenthal. So- wolil die herrliche Lage der Stadt an bciden Ufern der schiffbaren Moldau und zum Theil auf den sie begleitenden Auhohen, als auch die Menge alter und kunstreicher monumentaler Gebaude zeichnen die altebrwiirdige Resident der bdbmischen Konige vor den meisten andern Stadten der Monarchic aus. Zahlreiche Palaste, darunter die weitlaufige k. k. Burg, herrliche Kirchen (Metropolitankirehe St. Veit, die Teinkirche u. v. a.), die grosse Karlsbriicke und viele historisehe Monumente gehoren zu den Sehenswurdigkeiten, Die Stadt ist der Sitz der liOchsten Landesbehorden und eines Bnrsterzbischofes. An Bildungsanstalten besitzt Prag die iilteste Universitat Deutsch- lands (gegriindet von Carl IV. im J. 1348) mit alien nOthigen Hilfsanstalten, die kijnigl. Gesellschaft der Wissenschaften, die Gesellschaft des vaterlandischen Museums (eine Abtlieilung bildet die Matice ccska fiir die wissenschaftliche Pflege der bOhmi- schen Sprache und Literatur) und andere wissenschaftliche Vereine. Ferner eine 135 standische technische Lehranstalt, 3 Gymnasien, eine deutsche and eine dechische Oberrealsohule, eine hohere Ilandeislehranstalt, eine Kunstakademie, Conservatoriura der Musik u. s. w. Nieht minder zahlreich sind die Wohlthatigkeits- nnd Heil- anstalten. Sehr bedeutend ist der Gewerbfleiss dieser beriihmten Stadt und ilirer nachsten Umgebung; die meisten Zweige der techniseben Kultur sind ruhmenswerth vertreten. Besonders sind die Kattnndruckerei, chemische Produkte, Leder, Iland- schuhe Silberarbeiten, Maschinen, musikalische Spielwerke n. s. w. erwahnenswerth. Prag ist der Mittelpunkt des bOhmischen Handels; die grossen Fabriken des Landes halten hier ihre Niederlagen, und die Eisenbahn begunstiget aueh den Durchfuhr. handel. In neuester Zeit sind Industrie und Handel durch mehrere zeitgemasse An- stalten gehoben worden. Andere bemerkenswerthe Orte *) sind : 1. Prager ICreis: Melnik, Pribram, Bnstehrad, Konigsaal, Enle, Beraun, Brandeis, Rakonitz, Schlan, Biilimisch-Brod, Iiorovvie, Itladno, Alt-Bunzlau; 2. Leitmeritzer Kreis: Leitmeritz (5500), Theresienstadt, Bohmisch- Leippa, Rumburg, Teplitz, Tetschen, Biirgstein, Bodenbach, Lobositz, Warnsdorf, Ilaida, Auscha, Aussig, Grauppen, Zinnwald, Raudnitz, Sandau, Nixdorf, Schonlinde, Schluckenau, Zwickau, Georgenthal; 3. Jiciner Kreis: Jicin (oder Gitschin 4500), Hohenelbe, Arnan, Lom- nitz, Jungbuch, Starkenbach, Trautenau, Chlumetz, Lanterwasser, Nenwelt, Rochlitz, Schatzlar, Semil; 4. Bunzlauer Kreis: Jung-Bunzlau C5500), Reichenberg (18.000), Reichstadt, Niemes, Eriedland, Liebwerda, Tannwald, Gablonz, Libenau, Turnau, Miinchengratz, Hirschberg, Gabel, ICosmanos, Josephsthal, Bohmisch-Aicha, Eisenbrod, Kratzau; 5. Kon i ggra tzer Kreis: Koniggriitz (8000), Josephstadt, Braunau, Koniginhof, Reichenau, Grulich, Senftenberg, Adersbach, Skalitz, Wiesen, Weekelsdorf; 6. Chrudimer Kreis: Chrudim (6000), Pardubitz, Leitomischl, Hohen- mauth, Policka, Landskron, Wildenschwert; 7. Caslauer Kreis: uaslau (3500), Ifuttenberg, Humpolec, Polna, Cho- tiibor, Kladrub, Ilaul-im, Kolin, Ledec, Peles, Elbe-Teinitz, Switla, Podebrad ; 8. Taborer Kreis: Tabor (4500), Beneschau, Patzau, Pilgram, Wlasim; 9. Budweiser Kreis: Budweis (11.000), Krumau, Neukaus, Rosenberg, Wittingau, Gratzen, Adolphsthal, Goldenkron; 10. Piseker Kreis: Pisek (G300), Horazdiowic, Bergreicbenstein, Strako- nic, Winterberg, Adolph- und Eleonorenhain, Schiittenhofen, Praehatic ; 11. Pilsner Kreis: Pilsen (12.000) Klattau, Mies, Neugedein, Hepomuk, Taus, Plas, Rokyean, Radnitz, Bisehofteinitz ; 12 Eger Kreis: Eger (11.000), Eranzensbad, Marienbad, Karlsbad, Elbo- gen, Joachimsthal, Ascii. Gottesgab, Schlaggenwald, Graslitz, Konigswart, Platten, Maria-Kulm, Altsattel, Ilirsehenstand, Dallwitz, Alt-Rohlau, Pirkenhammer (Ham¬ mer), Heinrielisgriin, Heudeclc, Tachau, Bucbau ; 13. Saazer Kreis: Saaz (5700), Brux, Kaaden, Iilosterle, Pressnitz, Dux, Bilin, Sedlitz, Pulna, Seidschitz, Komotau. Kulturverhaltnisse im Allgeminen. Ueber 7 / 8 der Gesammtflache Bohmens sind nutzbarer Bo- den; fast die Halite davon (an 400 □Meilen) ist fruchtbares, gut bestelltes Ackerland, nahezu l / 3 entfallt auf Waldungen, / 8 auf Wiesen und Garten und an 60 '□Meilen sind Weideland. Die Plache des Ackertandes ist somit so gross, als jene der iibrigen Kulturgattungen zusammen genommen, und Bohmen niramt in Be- zug auf den Ackerbau den zweiten Rang im Kaiserstaate ein. Der Brutto-Ertrag der Kornerfrucht, wovon im Jahresdurchschnitt iiber 1 V, Million Metzen exportirt werden, hat einen Werth von mebr als *) Zur Aussprache: c = z; — 6 = tsch; — 6 = je ; — z — geljndes s ; — z = gelindes sch (= franz. j in jour ); — s = scharfes sch ; — r = rz. 136 90 Millionen Gulden. Geringere Sorgfalt wird der Wiesenkul- tur zugewendet; im Siiden wird viel Klee gebaut. Der Obstbau wird stark betrieben; der Ertrag deckt nicht nur den bedeutenden Bedarf, sondern liefert auch fur den Export nach Norden. Auf gleicher Hohe steht im Allgemeinen der Gemiisebau, wo von jahr- lich an 50.000 Zentner ausgefuhrt werden. Der Weinbau hat einen beschrankten Bezirk und ist eher in der Abnahme, er liefert e v twa 13.000 Eimer, darunter die gesch&tzten Sorten Melniker und Cernoseker. Yon besonderer Wichtigkeit ist der Hopfenbau im Saazer- und Leitmeritzer Kreise, welcher nicht nur den ansehn- lichen inlandischen Bedarf deckt, sondern auch sehr gesuchte Waare, die keine Konkurrenz zu scheuen braucht, zum Export bringt. Flach s wird in alien Gebirgsgegenden angebaut und sind in neue- ster Zeit im Biesengebirge wesentliche Verbesserungen im Anbau und in der weiteren Bearbeitung eingefiihrt worden. — Der Anbau der Runkelriiben wachst fast mit jedem Jahre.—Einen grossen Reichthum bilden endlich die Wald ungen, deren durchschnitt- lichen Holzertrag man jahrlich mit mindestens 3‘/ 2 Million Klafter veranscblagt. Den Gesammtwerth der landwirthschaftlichen Produk- tion (mit Ausschluss der Yiehzucht) schatzt man im Jahresdurch- schnitt auf beilaufig 190—200 Millionen Gulden. — Diese allge- meine Charakteristik erleidet jedoch in dem ausgedehnten Lande mancherlei Abstufungen, insbesondere in Bezug auf die vier nord- ostlichen Kreise Bohmens: Leitmeritz, Jicin, Bunzlau und Konig- gratz oder den „Bezirk der Reichenberger Handelskammer.‘‘ (Jngeachtet der relativ grossen Ackerflache reicht deren Ertrag doch lange nicht hin, den Getreidebedarf dieses Kammerbezirkes zu decken, da in Folge der Lage die durchschnittliche Fruchtbarkeit des Bodens eine geringe, die Bevolkerung dagegen ausserordentlich dicht ist *)• Auch das Verhaltniss des Wald bo dens ist, trotzdem der Kam- merbezirk vorwiegend Gebirgsland ist, ein auffallend geringes und erklart die Hohe der Holzpreise, was namentlich auf die Rohglas- erzeugung nachtheilig einwirkt. Die Vichzucht steht noch nicht durchgehends auf der wiin- schenswerthen und erreichbaren Hohe; nur die S ch afzucht macht die grossten Fortschritte, denn mehr als dieHalfte sind bereits hoch- veredelt. Fiir die Pferdezucht ist das Hofgestiit zuKladrub wich- tig. Die Zucht des Gefliigels (besonders Ganse und Hiihner) ist sehr bedeutend; im Budweiser Kreise und um Pardubitz die Teich- wirthschaft.. Der Wildstand ist gegen friiher sehr gesunken. Wichtig und von Alters her beriihmt ist Bohmens Reichthum an Produkten des Mineralreiches; gait es doch ehemals fiir das gold- und silberreichste Land. Eule liefert noch immer etwas Gold, in Pribram und Joachimsthal wird Silber, in dem ehemals be- riihmten Kuttenberg Kupfer undBlei gewonnen, dannfindetman Zinn, Bleiglatte, Eisen, Schwefelu. s. f. — Die Aus- beute an Steinkohlen (in Kladno, Radnitz, Nachod, im Bud- *) l m Durchschnitte kommen hier anf 1 □Meile fiber 6’GOO Bewohner; im Bezirke Warnsdorf fiber 19.100, — Beichenberg fast 15.740, — Starkenbach 11.100, — Na- cliod fiber 8600 Einwohner auf eine □Meile.) 1B7 weiser Kreise) betrug im Jahre 1855 an 18 Millionen Zentner, auch Torf wird viel gewonnen. Nur Salz fehlt, Bohmen hat weder Salzberge noch Salzquellen. —• In den nordostlichen Theilen hat Bohmen einen ansehnlichen Reichthum an Edel- und Halbedelstei- nen; die zahlreichen Mineralquellen im Nordwesten sind weltberiihmt. Die natiirliche Beschaffenheit des Landes ist auch fiir die In¬ dustrie ausserst gunstig, in manchen Beziehungen vielleicht noch giinstiger als jene von England. Der Reichthum an Waldern, Stein- kohlen und Wasserkraften ist dem englischen verhaltnissmas- sig fast gleich; dazu aber kommt in Bohmen die grcissere Produk- tion des Bodens und darum viel geringere Arbeitslohne. Bei giin- stigen Handelsverhaltnissen wird Bohmen den besten lheinischen, belgischeii und englischen Industriebezirken zur Seite gestellt wer- den konnen. In Oesterreich nimmt es in dieser Richtung unbestritten den ersten Rang ein. Sind auch einzelne Industriezweige im ganzen Lande vertheilt; so sind doch die Gegenden langs des Erz- und Riesengebirges bis zur mahrisch-schlesischen Grenze, zumeist die Kreise Leitineritz, Bunzlau, Jiein und Koniggratz, welche den Bezirk der Handels- und Gewerbekammer zu Reichenberg bil- den, die Hauptsitze der Industrie. Den ersten Rang mit dem relativ hochsten Ertrage nehmen die beilaufig 150 Fabriken fiir Schafwo 11 waaren ein, unter de- nen Reichenberg den Hauptsitz fiir Tuche und Wollwaaren bildet. Die Schafwoll-Industrie dieses Kammerbezirkes beschaftigte (im Jahre 1856) fiber 25.400 Arbeiter, und der Gesammtwerth der Produktion erreichte die Hohe von fast 18 Millionen Gulden. Aus- ser Reichenberg sind hierin bemerkenswerth Gablonz, Senftenberg, Bodenbach, Pisek, Klattau, dann viele Orte langs der bohmisch- mahrischen Grenze; — tiirkische Miitzen in Strakonic und Pisek. Die Fabrikate haben nicht bios im Inland guten Absatz, sie gehen auch nach Italien, der Levante und nach Nordamerica. Reichenberg ist gleichfalls der Hauptsitz fiir die Kammgarnmanufaktur, welche sich mit grosser Schnelligkeit entwickelt hat. In der Leinenindustrie, welche ihren Hauptsitz gleich¬ falls im nordlichen und nordostlichen Bohmen hat, steht Bohmen alien Kronlandern voran, wozu sowohl der treffliche Flachs der Sudeten, als die bessere Zubereitung des Rohmaterials und die Ein- fiihrung mechanischer Flachsspinnereien (mit mehr als 52.000 Spin- dein) wesentlich beitragen. Dessenungeachtet zahlt man noch iiber 15.000 Handspinner im Reichenberger Kammerbezirke. Im Ganzen finden iiber 52.000 Arbeiter bei dieser Industrie ihren Erwerb, deren Produktionswerth auf mehr als 24 Millionen Gulden geschatzt wer- den kann. Die bedeutendsten Orte und Bezirke fiir diesen Industrie- zweig sind: Rumburg, Warnsdorf, Starkenbach, Georgswalde, Reichenberg, Hohenelbe, Braunau; — for die Bandweberei: Taus •, fiir Zwirn waaren: Schonlinde, Hainspach, Kamniz (im_Rei- chenberger Kammerbezirke beschaftigen sich mit der Zwirnerei auf Maschinen 13 Etablissements, mit der Handzwirnerei etwa 1260 Fa- milien); — die Sp itzenkloppelei und Stickerei finden sich am starksten im Erzgebirge (um Gottesgab, Wiesenthal, Pressnitz). 138 Die Baumwollinclustrie beschaftiget wohl iiber 80 Fabri- ken mit mehr als 1 j a Million Spindeln, welche iiber 90.000 Ztr. Garn liefern. Der Hauptbezirk dieses Industriezweiges zieht sich gleich jenem der Leinen- und Wollindustrie vom Fichtelge- birge langs des nordlichen und nordostlichen Gebirgssaumes hin, und ist am stiirksten in der Umgebung von Reichenberg *). — Das Garn wird zum grossen Theile zu Kattun verarbeitet, dessen Druck von Prag, Kosmanos, Reichstadt, Bohmisch-Leippa, Hirsch- berg u. a. O. sehr vortheilhaft bekannt ist. Bedeutend sind in die- ser Industrie: Reichenberg, Hirschberg, Friedland, YVarnsdorf, Kru- mau, Neugedein, Asch, Hohenelbe, Bodenbach, Schluckenau, Boh- mischbrod u. s. w. In der Glasfabrikation nimmt Bohmen den ersten Rang auf der Erde ein, trotz der in neuester Zeit aufgetretenen Konkur- renz von England, Belgien und Frankreich, wahrend es friiher un- beschrankt auf dem Weltmarkte herrschte. Unter den 23 Glas- fabriken im nordlichen Bohmen sind die Fabrikate aus Haida, Gablonz, Steinschonau, Neuwelt u. a. O. auf alien bedeu- tenden Handelspliitzen geschatzt. Im Bohmerwalde sind etwa 85 Glashiitten (darunter Eleonorenhain), welche viel und gesuchte Waaren liefern. Im Reichenberger Kammerbezirke wird die Roh- glas -Produktion in 12 Glashiitten betrieben. DieFIutte zu Iioste n (bei Teplitz) erzeugt ausschliesslich Tafelglas, drei andere ordinares Ilohl- und Tafelglas, die iibrigen nur Stangen- und Hohlglas fiir die Raf'finerien. Neuwelt allein veredelt das eigene Rohglas in den eigenen Schleifwerken. Den Mittelpunkt der Raffinirung des Hohlglases bilden Haida und Steinschonau, welche an 10.000 Arbeiter beschaftigen, und der Produktionswerth betragt iiber 2,600.000 Gulden. Fiir die Quincaillerie - Produktion ist Gablonz sammt Umgebung der Ilauptsitz, wo nahezu 15.000 Ar¬ beiter Bijouteriewaaren im W erthe von fast 2,600.000 Gulden er- zeugen. Die kiinstlichen Edelsteine, Luster- und Schmucksteine, Glasperlen, Glaskorallen (worin Turnau gute Waare in grosser Menge liefert) sind weltberiihmt. Fiir die Spiegelfabrikation ist am bedeutendsten Burgstein, dann auch Ne u h ur k en thal, deren Fabrikate sich eines wohlbegriindeten Rufes erfreuen. Der Gesammtwerth dieser Erseugnisse betragt jahrlich iiber 10 Millionen Gulden und iiber 5000 Zentner gelangen zum Export. Nachst diesen Hauptzweigen der Industrie sind auch fast alle iibrigen Zweige gewerbJicher Thiltigkeit mehr Oder minder vertreten. So verarbeiteten 52 ltiiben- zuckerfabriken, welche den Colonialzucker in Bohmen grdsstentheils verdrangt haben (im Jahre 1858} an 4,600.000 Zentner Ruben, unter denan Cakowic, Libnowes, Caslau, Schijnhof, Postelberg, Konigsaal die bedeutendsten sind. Wichtig sind die Eisenwerke, welche Guss- und Schmiedeeisen, die grossten Maschinen (Prag, Reichenberg, Tannwald und Harzdorf, Miihlwerke, Spinn- und Webe- *) Dieser Kammerbezirk allein zahlte im Jahre 1856 — 42 Spinnereien mit iiber 256.600 Garn- und tiber 8900 Zwirnspindeln,—48Fabriks- und 2175 kleinere Webereien mit oiO Maschinenstuhlen, 1238 Regulator- und 56.874 gewohnlichen Handstuhlen ; —dann 25 grossere Dru ckf abriken mit 17 Peroutinen, 15 Rouleaux und 2000 Drucktischen; — 5 Rothgarnfarbereien, 10 grossere Bleichereien, 4 Bandfabriken. Das Arbeitspersonale betrug naliezu 98.000 Individuen, und der Werth dor Produktion belief sich auf mehr als 28 Millionen Gulden. 139 maschinen, Chi umetz Dampfmaschinen und landwirtbschaftliehe Maschinen) und die feinsten, elegantcsten Gusswaaren liefern (Plass, Pilsen, Horowie, Alt- und Neu- hfttten). In der Lederfabrikation mit einem Werthe yon fiber 10 Millionen Gulden steht dieses Kronland den ubrigen deutseben und slawischen Provinzen eben- falls voran (Kbniginhof, Elbe-Teinitz); — die Papierfabrikati on mit etwa 20 Fabriken und fiber 100 Papiermfihlen (Wran, Arnau, Trautenau, Lauterwasser u. a.), sowie die der chemischen Produkte sind sehr belangreich. Ueber 1000 Bierbrauereien liefern fiber 15 Millionen Eimer Bier, mitunter von vorztiglieher Qualitat (Pilsen, Prag). Dazu kommen die zahlreichen vorzfiglichen Porzellan- und S t eingu tfabr iken (in und urn Karlsbad, Dallwitz, Pirkenhammer (Ham¬ mer), Elbogen, Alt-Rohlau, Budweis u. a.), — Stahl- und Nfirnbergerwaaren (Nixdorf), Eisenkochgeschirr (Purglitz), Waffen, Handsckuho, Hfite u. s. w. Her Gesammtwerth der jilhrlichen Industrie-Erzeugnisse in den beiliiufig 1400 Fabriken und Manul'akturen Bohmens dfirfte wohl mit 200 Millionen Gulden angenommen werden; berechnete man doch die Produktionswerthe in der Fabriks-Industrie des Reichenberger Kammerbezirkes (mit Ausschluss der Produktion der Kleingewerbe) im Jahre 1856 mit fast 105 Millionen Gulden C. M. Der Handel Bohmens ist schwunghaft. (Einfuhr etwa 19, Aus- fuhr 20, Durchfuhr 40 Millionen Gulden), Es importirl Salz aus dem Salzkammergute iiber Budweis, Kolonialwaaren und Baumwolle meistens aus Hamburg; zum Export gelangen die Erzeugnisse der Landwirthschaft und der Industrie. Ausser den bereits im Betriebe stehenden Eisenbahnen sind noch einige projektirt, darunter die bohmische Westbahn zum Anscblusse nach Baiern (bereits conces- sionirt). An Wasserstrassen ist es im Yerbiiltnisse zur grossen An- zahl der Fliisse arm, da nur die Elbe von Melnik und die Moldau von Budweis ab fur Schiffe fahrbar sind. Dagegen hat es treffliche Reicbsstrassen (uber 500 Meilen) und mehr als dreimal soviel gut unterhaltener Landesetrassen. Das Centrum des Strassennetzes bil- det Prag, der Hauptsitz fur den Handel und die Gewerbe mit mehr als 270 Fabriken und Manufakturen, sowie das Centrum des geistigen Lebens in Bohmen mit mehreren Lebranstalten fur kom- merzielle und technische Bildung. Die Handelskammer, der Gewerb- verein, Geld- und Creditinstitute u. s. w. fordern den materiellen Auf'schwung dieses gesegneten Landes. Aus den ineisten bedeu- tenden Stiidten verzweigen sich zablreiche Strassen und Kommu- nalwege, und dehnen die Adern des Yerkehrs durch das ganze Land aus. §. 89. Die Markgrafscbaft Miiliren. 404 □Meilen; — 1,867.100 (relativ 4623 Einwohner); iiberwiegend Ka- tholiken (beilaufig 53.000 Protestanten und gegen 40.000 Israeliten); — nach der Nationalitat fiber 7 /, 0 Slawen (Milhrer), sonst Deutsche, einige Kroaten u. s. f. •— Grenzen: im N. listen-, und preuss. Schlesien, — im W. Bohmen, — in S. Nieder-Oesterreich und Ungarn, im 0. Ungarn und osterreichisch Schlesien. liodeii. Milhren ist im Allgemeinen betrachtet eine Hochebene, welche im Westen, Norden und Oaten von grosseren Bodenerhebun- gen eingeschlossen ist, wahrend die tiefsten Punkte in der Mitte des Landes von Norden nach Suden ziehen, Im Westen senkt sich das wellenformige.bohmi sch-mahri s ch e Plateau bis zum Thale der March, welche es vom Adlergebirge trennt. Eine Fortsetzung des Letzteren ist das Gesenke („Jesenik u -Eschengebirge) oder das mahrisch-schlesiscbe Gebirge, welches vom Spieglitzer Schnee- berge an der Nordgrenze Mahrens uber die Einsattlung von Gol- denstein (2000") zum Altvater (4700') streiebt und sich bis zum 140 Marchthale herabsenkt. Die siidostlichen, hiigelformigen Verzweigun- gen bilden als Odergebirge den Uebergang zu den Karpathen. Im Osten sind die mahrischen Karpathen; durch das Thai der obern Becwa in zwei Theile geschieden, namlich: a) die kleinen Karpathen zwischen der March und Waag bis an die Quellen der Bebwa, mit einer mittleren Kammhohe von 2000' und Kuppen mit uber 3000' (Jaworina 3060), im Ganzen steil und mit wenigen Passen nach Ungarn; — b) die Bieskiden in zwei Hauptarmen von Wisoka nordwestlich und westlich. — Das Innere des Landes ist eine Fortsetzung des Wiener Tertiar-Beckens, theilweise Hiigel- oder Wellenland, theilweise Ebene. — Unter den Thalern ist das bedeutendste das Marchthal, dann das „Kuhlan d ch en“ oder das Oderthal, die fruchtbare und weite Hanna siidlich von Olmutz (die eigentliche Kornkammer des Landes), das pittoreske Thai der Thaya und jenes derTess (Schonberg), endlich dieThalweitungen der Iglawa, Schwarzawa und Zwittawa. Mahren ist ferners durch grossartige Erdfalle aasgezeichnet, unter denen die M&zocha der grosste in Oesterreich ist; auch hat das Land nachst dem Karst- lande die meisten Hohlen (Slouper-Hohle mit Tropfsteingebilden, im Nordosten von Blansko, — Bejdi Skala bei Adamsthal, — Tu- raldshohle bei Nikolsburg). Gewasser. Mit Ausnahme des geringen Geaders der Oder, welche ihre Wasser der Ostsee zufiihrt, gehort das ganze Land zum Gebiete der Donau, denn fast alle Gewasser des Landes fliessen der March zu, deren Quellen vom Spieglitzer Schneeberge kom- men und die von Goding ab schiffbar ist. Ihr bedeutendster Neben- fluss ist die Thaya, zu deren Gebiet der ganze Siidwesten des Landes gehort, und welche die durch die Iglawa und Zwittawa verstarkte Schwarzawa aufnimmt. Die Nebenfliisse der March am linken Ufer (Oskawa, Becwa) sind unbedeutend. Die Oder, deren Quellen im Gesenke liegen, nimmt auf ihrem kurzen (etwa 12 Meilen langen) Laufe durch Oesterreich mehrere B&che auf; ihre eigentliche Bedeutung fur die Schiffahrt erlangt sie jedoch erst nachdem sie die Monarchic verlassen. Ein paar Bache senden ihre Wasser der Waag zu. — Seen hat das Land keine, dagegen ziem- lich viel Teiche; die Zahl und Grosse der Siimpfe an der March, Hanna und Ostravizza vermindert sich fortwahrend, Unter den zahl- reichen Mineralquellen sind die Schwefelquelle zu Ullersdorf (im Tessthale) und die alkalischen zu Luchaeowic (Luchatschowitz) die bekanntesten. Politische Eintheilung. Der Statthalterei inBriinn ist nebst der Markgrafschaft Mahren auch das Herzogthum Schlesien admi- nistrativ untergeordnet. Bemerkenswerthe Orte sind: 1. Briinn (59.000 Einw.), Lnndenburg, Mahrisch-Trubau, Wischau, Gross- Seelowitz, Raigern, Rossitz, Oslawan, Eibenschitz, Austerlitz, Blansko, Lettowitz, Auspitz, Boskowitz, Budschowitz, Zwittau; 2. Olmutz (14.000), Sternberg (12.000;, Mahriscli-Neustadt, Schonberg, Wiesenberg, Frossnitz, Prerau, Janowitz, Briedland, Altstadt, Hohenstadt, Romerstadt, Littan, Miiglitz; 3. Neutitsehein (8000), Fulnek, Weisskirchen, Freiberg, Frankstadt, Mistek, Leipnik, Mahrisch-Ostrau, Walaohisch-Meseritsch (Meserid), Bistritz; , 141 4. Hradisch (Ungarisch-Hradiseh 2500), Krenasier, GQdiDg, Napagedl, Klo- bauk, Gaya, Holleschau, Ungarisch-Ostrau, Ungarisch-Brod, Wisowitz, Bisenz, Pole- schowitz, Straiimc; 5. Znaim (6500), Nikolsburg, Namiescht, Frain, Krawska, Kromau, Budwitz; 6. Iglau (18.000), Gross-Meseritsch, Teltsch, Trebitsch, Datschitz, Ingrowitz, Neustadtl. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Der grosste Reichthum des Landes liegt in den Produkten der Landwirthschaft. Von der Gesammtflache Mahrens sind iiber 93°/o produktiv und mehr als die Halfte davon ist dem sorgfaltig betriebenen Ackerbau gewidmet, worm es den ersten Rang un- ter den Kronlandern Oesterreichs behauptet und bedeutende Quan- titaten an Kornerfriichten exportirt. Auf Waldungen entlallen etwa 25 %, auf Weiden 10 %> — die Wiesen und Garten nehmen bei- laufig 33, die Weingarten an 4 QMeilen ein. — Hauptfriichte des Ackerbaues sind Hafer und Roggen, an welche sich Gerste und Weizen sowie der geschatzte Spelz in der Hanna anschliessen. Die Runkelriibe gewinnt iinmer mehr an Ausdehnung, der Kleesamen bildet einen ansehnlichen Ausfuhrartikel, sowie einige Gewiirz- und Apothekerpflanzen. Der fruchtbarste Theil des Landes ist die Ebene der „Hanna.‘ £ Auf die Wiesenkultur wird verhaltnissmassig geringere Sorgfalt verwendet; die besten Wiesenprodukte sind in den Flusegebieten der Tbaya, Zwittawa und Schwarzawa. Der Ob s t- b a u ist am vorziiglichsten im Kuhlandchen, besonders nimmt die Zwetschke einen bedeutenden Platz ein, welche zumeist gedorrt in den Handel kommt. Der Gemiisebau wird sorgfaltig betrieben (Spargel von Eibenschitz). Wein wird wenig, aber von ziemlich guter Qualitat in der Gegend von Bisenz, iiberhaupt an den Hii- geln langs der Thaya, von Znaim bis zur March gebaut. Der Hanfbau ist um Holleschau und Kremsier, Hirse in der Um- gebung von Prossnitz erwahnenswerth; an Mohn liefert die Hanna iiber 30-000 Metzen, wovon der grosste Theil ausgefiihrt wird. In den Gebirgsgegenden wird trefflicher Flachs in grossen Mengen angebaut. Die jahrliche Holz produktion belauft sich iiber l'/ 4 Mil¬ lion Klafter. Unter der Viehzucht nimmt jene der hochveredelten Schafe den ersten Platz ein und die mahrische Wolle wird zu den feinsten und gesuchtesten gezahlf. Zudem hat das Land schones Rindvieh; die Hanna liefert starke und schone Pferde und Ganse in gros¬ ser Menge. Endlich verdient noch die Bienenzucht Beachtung; das mahrische Wachs ist von vorzuglicher Giite. Mahren besitzt kein Kochsalz und keine edlen Metalle; der Bergbau ist auf Eisen, Steinkohlen, Alaun und Graphit beschrankt. An Steinkohlen wurden (1856) 3 */ 2 Million Zentner gewonnen (in Rossitz, Mahrisch-Ostrau, Oslawan, Triibau, Lettowitz, Bosko- witz, Gaya und Gliding), an Roheisen 2 2 / s Millionen, an Guss- eisen V 7 Million, an Graphit 20.000 Zentner, im Gesammtwerthe von etwa 2 l / i Million Gulden. Die Industrie steht in Mahren auf einer hohen Stufe. An Man- nigfaltigkeit der Produkte steht sie zwar der bohmischen nach, doch ist der Werth der Produktion relativ grosser. Die Hauptartikel sind Tuch, Leinen und Riibenzucker. Der Hauptsitz der 142 industriellen Thatigkeit ist Brunn. Der bedeutendste Industrie- zweig ist der in S ch afwoll w a a r e n, worm Mahren fast die Halfte des Gesammtwerthes der Monarchie reprasentirt, und durch die Menge und Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse von den ordinarsten bis zu den feinsten Qualitaten den ersten Rang in Oesterreich ein- nimmt. Die bedeutendsten Orte sind: Brunn, Iglau (ordinare Waare), Zwittau und Namiest (f'eine Tiicher), Teltsch, Gross-Meseritsch, Neutitschein und Freiberg, nebst vielen Orten im Gebiete der Baum- wollindustrie. Mahren liefert jahrlich iiber 600.000 Stiick Tuch im Werthe von iiber 25 Millionen Gulden. Die Lein enin dus t r ie bliiht im Gesenke und im bohmischen Scheidegebirge. Der Haupt- sitz ist Scbdnberg, wahrend Gross-Meseritsch mit seinen Flachsspinnschulen der Reformator der Leinenkultur und Flachs- bereitung genannt werden kann. Weiter sind bemerkenswerth: Stern¬ berg, Janovie, Miihrisch-Triibau, die grossartigste Bobbinetfabrik der Monarchie ist zu Letovic, endlich Briinn, Romerstadt u. s. w. Die jahrliche Erzeugungsmenge ubersteigt 600.000 Stiick im Werthe von iiber 4 Millionen Gulden. — Die Industrie in Baumwoll- und Halbwollstoffen schliesst sich an das Gebiet der Leinen- industrie an, ist in rascher Zunahme begriffen und wird nur von Bohmen iibertroffen. Sie liefert hauptsachlich Barchents, Kannevas und Tiichel. Am schwunghaftesten ist sie in und um Sternberg (iiber 1 Million Stiick), dann in Prossnitz, Zwittau, Triibau, Tre- bitsch und imNordosten zu Mistek, Franksfadt, Braunsberg u. s. w. In der Eisenindustrie liefert Blansko Gusswaaren und Maschi- nen, Petersdorf Dampfkessel, Friedland und Witkowitz Maschinen- bestandtheile, Zoptau Eisenbahnschienen. Im Ganzen zah.lt Mahren an 115 Eisen- und Schmelzwerke. — Auch die Runkelriiben- zucker-Erzeugung ist in der Aufnahme, worunter die Fabriken zu Selowitz, Doloplas, Grussbach, Martinitz, Rossitz, Modritz die bedeutendsten sind. — Wichtig ist ferners die Fabrication in Leder zu Briinn, Trebitsch, Iglau und Znaim, dann die Rosoglio- und Branntweinerzeugung, die Bierbrauerei, Steingutfab- rikation, die Wagen von Neutitschein (Neutitscheinka); minder wichtig die Papier- und G1 asfabrikatio n, Der Handel ist bedeutend, denn es kommen sowohl Robpro- dukte als Manufakturwaaren zum Export, und die vier Briinner- markte gehoren in letzterer Beziehung zu den besuchtesten in der Monarchie. Olmiitz ist der Hauptstappelplatz fiir den Viehhandel (es kommen jahrlich iiber 100.000 Ochsen auf den Markt). Auch der Speditionshandel ist von Bedeutung. Dem Mangel an Wasser- strassen helfen die im Ganzen gut unterhaltenen Strassen und Ei- senbahnen ab, ivelche das Land durchziehen. Dieses Kronland nimmt sonach in der physischen und technischen Kultur einen der ersten Platze im Kaiserstaate ein, und ist noch fortw'ahrend im Vorwarts- schreiten begriffen, woran die Brunner Handelskammer redlichen Antheil hat. §. 90. Das llerzogtliuin Sclilesien. 93V, □Mcile; — 443.900 (relativ 4747) Einwohner, iiberwiegend ICa- tlioliken (beilaufig 62.000 Protestanten und an 2500 Israeliten); — nach dor m Nationality nahezu die Halfte Deutsche — im westlichen Theile —, die andere Halfte Slawen (30% Polen, 22% Mahrer). — Grenzen: im N. Preussisch-Schle- s ien, — im W. die preussische Grafschaft Glatz und Mahren, — im S. Mahren, — im 0. Ungarn und Galizien. lioden. Schlesien, welches aus zwei getrennten Gebietstheilen besteht, ist im Ganzen ein Hochland, insbesondere ist der westliche Theil sehr gebirgig. Diese Gebirge gehoren theils zum Hauptkamme, theils zu den Auszweigungen desGesenkes; der ostliche kleinere Theil des Landes liegt am Nordabhange der Bieskiden, durch welche der J ab 1 unk a-P as s geht, der Schlesien mit Ungarn ver- bindet. (Lissahora 4176', der grosse Baranio 4300). Die flachen Stellen sind an der Oder und gegen Galizien zu. Von den T ha¬ ler n sind das Oderthal mit theilweise sumpfigen Ufern, das rechte Ufer der Oppa und das Weichselthal, sowie die fruchtbaren Flachen von Weidenau, Troppau und Skotschau bemerkenswerth. Gewasser. Schlesien gehort zu dem Gebiete der Ostsee, wo- hin sich die beiden Hauptfliisse O-der und Weichsel ergiessen. Die bedeutendsten Nebenflusse der Oder sind die Oppa und die Mora, welche durch den westlichen Theil fliessen und die kleine- ren Gewasser aufnebmen; erstere bilden von Jagerndorf bis zur Einmundung die Reichsgrenze. Auf der rechten Seite nimmt die Oder die Ostravizza und die Olsa auf, welche aus dem west¬ lichen Landestheiie ihr zufliessen. Der wichtigste Nebenfluss der Weichsel ist die Biel a, der Grenzfluss gegen Galizien. ■—- Nebst ein paar ldeinen Seen in den Sudeten hat das Land mehrere grosse Teiche theils im Oder-, theils im Weiehseltbale. Unter den Mi- neralquellen ist die bedeutendste der Sauerbrunnen Carls- brunn am Fusse des Altvaters. Politische Eiutheiluug. Schlesien mit der Landeshauptstadt Troppau (14.000), ist der Statthalterei in Briinn administrativ untergeordnet, jedoch unter ausdrucklicher Wahrung der Stellung als Kronland des Reiches mit eigener Landesvertretung. Der politische Chef in Schlesien ist der Landesh auptmann. Bemerkenswerthe Orte sind: Teschen (7000), Bielitz, Jagerndorf, Freiwaldau, Grafenberg, Jauernig, Karwin, Wiegstadtl. Odrau, Wurbcnthal, Freudenthal, Zuckmantcl, Olbersdorf, Endersdorf, Jablunka, Beniscb, Freistadt, Ilotzenplotz, Polnisch-Ostrau, Oderberg, Wagstadt. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Von der Gesammtflache des Landes sind nahe an 84 QMei- len, d. i. beilaufig 96 % produktiv, wovon etwa 41 □Meilen auf Aecker, iiber 30 QMeilen auf Waldungen, der Rest zur Halfte auf Wiesen und Garten, zur Halfte auf Weiden entfallen. Trotz des Fleisses und der rationellen Bebauung deckt wegen des rauhen Klimas und der relativ geringeren Fruchtbarkeit des Bodens der Ertrag der Landwirthschaft selbst in ,,guten il Jahren nicht den Bedarf der relativ dichten Bevolkerung. Haupteachlich werden Roggen, Ilafer und Gerste, weniger der Weizen angebaut. Der Flachsbau wird im nordwestlicben Theile, urn Freiwaldau, Freu- denthal und an der Oder mit Eifer betrieben. Der Gartenbau hat geringe Ausdehnung; auf die Obstkultur wird zwar Sorgfalt verwendet, doch ist sie von keinem Belange. Auch die Wald- 144 wirthschaft ist nicht besonders erfreulich. Die Viehzucht liefert schone Pferde, die ausgefiihrt werden; die Hornviehzucht ist im Steigen, den Glanzpunkt aber bildet die musterbaft veredelte Schaf- zucht. Einige schlesische Schafereien geniessen europaischen Ruf (Freistadt, Hennersdorf, Hotzenplotz, Gross-Herrlitz, Kreuzendorf). Die bochfeine Wolle wird nach Brilnn, Reichenberg und nach Frank- reich ausgefiihrt, wahrend zur einheimischen Verarbeitung vielfach geringere Qualitaten der ungarischen und russischen Wolle einge- fiihrt werden. Der Bergbau wird nur auf Steinkohlen und Eisen in grosse- rem Umfange, dagegen auf Gold, Silber, Blei und Gyps nur wenig betrieben. In Bezug der Steinkohlenausbeute wird es nur von Boh- men iibertroffen (im J. 1856 — 5*4 Million Zentner), und die vor- ziigliche Kohle deckt nicht nur den grossen Bedarf des Landes, sondern wird auch (vorziiglich nach Wien) ausgefiihrt. An Roh- und Gusseisen werden iiber 100.000 Zentner erzeugt. Die wichtig- sten Orte fur den Bergbau sind: Steinkohlen: Polnisch-Ostrau, Karwin, Hruschau, Orlau, — Eisen: Klein-Mohrau, Ludwigsthal (bei Wiirbenthal), Raschka, Wildschitz, Buchbergihal, Teschen, — Gold: am Goldgrunde bei Zuckmantel, — Silber und Blei: Benisch, Kleinmohrau, Jahannisberg. In der Gegend von Troppau (Durstenhof) wird ein lebhafter Schiefer abbau betrieben, dessen Werth wohl die Summe von '/ 4 Million Gulden jahrlich iibersteigt. Die Qualitat ist vorziiglich und steht dem besten englischen Schie¬ fer nicht nach. Nebst dem bedeutenden Absatze im Lande selbst wird auch viel (etwa % der Produktion) exportirt. Die Bevolkerung zeichnet sich durch Gewei'bfleiss wie durch Geniigsamkeit aus. Viele Produkte der schlesischen Industrie wer¬ den im Handel geschiitzt. Der wichtigste Zweig ist die Leinen- industrie, und die schlesischen Leinen, so wieZwirnprodukte ge¬ niessen w r ohlverdienten Ruf. Die Musterbleichen und Flachsspinn- schulen trugen zum Aufschwunge dieses Industriezweiges, der sich liaupts&chlich langs der mahrischen Grenze hinzieht, wesentlich bei. Die armere Gebirgsbevolkerung beschaftigt sich auch mit der wenig lohnenden Handweberei (Freiwaldau, Zuckmantel, Wiirben- thal, Engelsberg, Freudenthal, Bennisch, Wiegstadtl und im Tesch- ner Kreise). — In der Tu chfab ri kation ist hervorragend Bie- litz, dann im westlichen Theile: Jagerndorf, Troppau, Wagstadt, Odrau..— Im Teschner Kreise, zu Frideck ist die Baumwoll- industrie vorherrschend. Die Zuckererzeugung aus Runkelruben beginnt ebenfalls sich auszubreiten; ansehnlich sind die Fabriken zu Ober-feuchau, Barzdorf, Stauding, Troppau, Hotzenplotz u. s. f. — Die E is e n Industrie findet sich so wohl in den Thiilern des Ge- senkes als der^ Karpaihen vor. Bemerkenswerth sind die Iliitten- werke zu : Baska, Iriniez, Ustron und Karlshiitte, die Drahtfabriken bei Wiirbenthal und Klein-Mohrau, die Blecherzeugung zu Enders- dorf, die Maschinenfabriken zu Freudenthal und Bielitz. — Die Branntweinbrennereien sind bedeutend, auch die Liqueur- fabriken und die Kasebereitung bei Teschen sind erwahnenswerth. Die Wagen von Bielitz werden nach Galizien, in die Bukowina 145 ja selbst nach der Moldau und Walachei ausgefiihrt. Die Loh- und Weissgarbereien werden umfangreich, obwohl nur hand- werksmassig betrieben; die iibrigen industriellen Beschaftigungen sind von geringerem Belange. Ein eigenthiimlicher Industriezweig ist die Bereitung von Waldwolle (Weiss in Zuckmantel), wel¬ ches Material aus den grunen Nadeln der Kiefern und Fbhren er- zeugt, anstatt Kosshaar mit Yortheil verwendet und in jiingsterZeit sogar nach America und Ostindien versendet wurde. In letzterer Zeit ist auch ein Seiden b au - Ver ein begriindet worden, welcher bereits eine Auestellung mit Pramienvertheilung veranlasst hat. Der Handel wird mit den Fabrikserzeugnissen nach auswarts betrieben; der Kommissions- und Speditionshandel ist belangreich mit osterreichischen und ungarischen Weinen, mit russischen Juch- ten, Talg, Leinsamen und Pelzwerk, — mit galizischem Steinealz, moldauischem Schlachtvieh und Wiener Modewaaren. Sehr fiirder- lich sind die grosstentheils guten Strassen und die Eisenbahn von Wien nach Breslau. §. 01. Das Konigreich Galizien und Lodomcrien (mit den Herzogthumern Auschwitz und Zator und dem Gross- herzogthume Krakau). 1422% QMeile; — 4,597.470 (relativ 3232) Einwohner, iiberwiegenil Katholiken (beiliiufig die Halfte rOmisch-katholiseh und die Halfte griechisch-ka- tholisch), dann bei 300,000 nicht unirte Grieehen, 30.000 Protestanten und 400.000 Israeliten; —• nach der Nationalitat etwa 50°/„ Eutbeneu, 48% Polen, 1% Deut¬ sche, dann Slovaken, Armenier und Juden. — Grenzen: irn N. Russland, — im W. Schlesien, — im S. TTngarn und die Bukowina, — im 0. Russland. linden. Galizien ist im siidlichen Theile Gebirgsland, imnord- lichen Tiefland , welches zur grossen slawischen (sarmatischen) Ebene Nordost-Europas gehort. Die Bieskiden treten aus Schle¬ sien in das Land, breiten sich zwischen der Sola und Skava aus und werden durch das Thai des Dunajec von den Central-Kar- pathen geschieden. Letztere sind wildromantische, dichte Walder, deren rauhe Felsgruppen, saftiggriine Matten, Wasserfalle und „Meer- augen“ diesem Hochgebirgslande den Charakter grossartiger Alpen- natur gewahren, obwohl keine Gletscher vorkommen und die gali- zischen Centralkarpathen den ungarischen an Htihe nachatehen. Ost- warts vom Popradthale ist das karpathische Waldgebirge (Werchowyna), ein steiler, minder hoher, jah abfallender Gebirgs- zug mit einigen Passen und kurzen Querthalern. Zwischen den Kar- pathen und der podolischen Landhohe, einem wellenformigen Plateau (um Lemberg), erheben sich die mazurischen Hiigel, welche das ganze Land von den Vorbergen der Bieskiden bei Boch- nia bis an den Dnjestr erfullen. Die Tarnowitzer (oderpolnische) Platte reicht nur in den Umgebungen von Krakau nach Galizien herein. Jenseits des Dnjestr und der podolischen Landhohe dehnt sich die galizische Ebene aus. Die wenigen Uebergange iiber die Bieskiden sind meistens beschwerlich, somit fiir den Ver- kehr von geringerer Bedeutung; wichtig ist der Du kl a -Pass im Waldgebirge fiir die Handelsverbindungen zwischen Galizien und Ungarn. Klun’s Ilandels-Gcographie. 2. Aufl. 10 14(5 Gewasscr. Galizien ist ein wasserreiches Land. Die zahlrei- chen Fliisse und Bache mit vielen Wasserfallen, welche in den Karpathen entspringen, sind meiatentheils flossbar und ergiessen sich entweder in die Weichsel (Ostsee) oder durch den Dnjestr, den Pruth und den Styr in das schwarze Meer. — Die schiffbare AAeichsel bildet auf einer grossen Strecke die Eeichsgrenze, welche sie bei Popowice verlasst und nimrnt in Galizien die Skawa, Sola, die Wisloka, denDunajec (mit dem Pop rad), den San und den Bug auf, welche ihr alle Gewasser von Westgalizien zufiihren. — Der wichtigste Fluas Ostgaliziens ist der Dnjestr, der den Stryi, die Lomnica, den Grenzfluss Pod ho rc e und denSered nebst sehr vielen kleineren Zuflitssen dea ostlichen Abdachungs- gebietes aufnimmt. Der Pruth ist auf bsterreichischem Gebiete, das er bei Nowosielica verlasst, von keiner Bedeutung. — Seen hat das Land nicht, dagegen an Umfang zwar kleine, aber sehr tiefe „Mee r- augen,“ und viele fischreiche Teiche, welche einen Gesammt- fl&ehenraum von fast 10 [jjMeilen einnehmen. Fast alle galizischen Fliisse bilden Sumpfe (Bory-Sumpf in den Centralkarpathen). — Unter den zahlreichen Min er al quellen sind besonders bekannt: der Sauerling Szcawnica (am Nordabhange der Tatra), die Schwe- felquellen Konopkavka, Lubien, Sklo u. s. f. Politische Eintheiluiig. In administrativer Beziehung bilden Galizien, Krakau und die Bukowina das Verwaltungsgebiet der Statthalterei in Lemberg, welcher auch die Landeshauptstadt Lemberg unmittelbar untersteht. Bemerkenswerthe Orte sind: 1. Lemberger ICreis: Lemberg (70.000 Einw., — an 20.000 Israeliten), Grodek, Janow, Winniki. . 2. Zotkiewer Ivreis: Zolkiew (5000), Belz, Sokal, Lubaczow, Glinsko 3. Brzemysler Kreis: Przemysi (5000), Jaroslaw, Jaworow, Sklo, Mosciska, Sieniawa. 4. Sanoker ICreis: Sanok (3000), Dobromil, Lisko. 5. Zloczower ICreis: Zloczovv (7000), Brody (18 000), Busk, Zalosce. 6. Brzezaner ICreis: Brzesan (8000), Bobrka, Bohatyn, Przemyslany. 7. Tarnopoler Kreis: Tarnopol (18.000), Miknlinee, Zbaraz. 8. Czortkower ICreis: Czortkow (4000), Zaleszezyki, Borszczow. 9. S t ani si aw o we r Kreis: Stanislau (Stanislawow 12.000), Halicz, Tysmienica, Nadworna, Buezasz, Ttumacz, Delatyn. 10. Kolomea’er Kreis: ICoIomea (13.000), Sniatyn, ICutty, Obertyn, ICossow, Horodenka. 11. Samborer Kreis: Sambor (12.000), Drohobycz, Komarno. 12. Stryi’er Kreis: Stryi (5500), ICalusz, Bolechow, Dolina. 13. ICrakauer Kreis: Krakau (41.000 Einw.), Chrzanow. 14. Wadowicer ICreis: Wadowice (4000), Biala, Auschwitz (Oswiecim), Zator, Lipnik, ICenty, Seybusch (Zywiec), Mislenice, Andrychau, Swoszowice. 15. Sandecer Kreis: Neu-Sandec (6300), Alt-Sandec, Neumarkt, Zako¬ pane, Kamiemca. 16. Jas 1 o’er Kreis: Jaslo (2500), Dukla, ICrosno, Gorlice, Kolaczyee, Bopa. 17. Bzeszower ICreis: Bzeszow (6300), Przeworsk, Bozwadow, Lancut. 18. Tarnower Kreis: Tar now (17.000), Dembica, Pilsno. 19. Bochnia’er Kreis: Bochnia (6000), Wieliczka, Podgorze. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Mehr ala in irgend einem Kronlande Oesterreichs werden in Galizien alle Interessen des Handels und der Gewerbe, die Regsam- 147 keit des Verkehrs, die Steuerkraft der Gesammtbevolkerung, der Privatkredit, kurz alle Elements des Nationalwohlstandes durch die landwirlhschaftlichei Produktioli bestimmt. Von der Gesammt- flache sind fiber 1100 nMeilen produktiver Boden; davon entfallen etwa 650 QMeilen auf Aecker , 350 QMeilen auf Waldungen, 115 QMeilen auf Weiden und an 77 QMeilen auf Wiesen und Garten. Die natiirliche Bodenbeschaffenheit ist dem Ackerbau giinstig, insbesondere die grosse Ebene im nordlichen und nordiist- lichen Theile; eigentlioh steriler Boden ist fast gar nicht vorhan- den. Ein Joch Ackerland liefert in fruchtbaren Jahren 12—14, in schlechten 6—8 Metzen Getreide; im letzten Falle deckt somit die Production nieht den Bedarf, im ersteren iiberschreitet sie um ein Bedeutendes das Bediirfniss des Verbrauches. Leider kann dieser Ueberschuss wegen der Entlegenheit von den westlichen Kornmark- ten und wegen Mangels ausreichender Kommunikationsmittel nur selten als Getreide verwerthet werden, sondern muss zum Maisch- bottich wandern, um als Spiritus leicbteren Absatz und billigeren Erachtlohn zu erzielen. Dieses gilt jedoch nur von der Produktion ties „grossen Grundbesitzes,“ denn der eigentlicbe Bauer produzirt selten fiber seinen eigenen Bedarf, und die im Allgemeinen niedere Stufe der Intelligenz, auf der sich das galizische Landvolk befindet, ist eines der grossten Hindernisse im Fortschritte der Landwirth- schaft. Die Bestrebungen der galizischen Landwirthschaftsgesellschaft zur Hebung des Landbaues und der landwirthschaftlichen Industrie, die angestrengtesten Bemiihungen der grossen Grundbesitzer, die Wirthschaft zu heben und dem Boden eine grossere Rente abzu- gewinnen, sind bis jetzt vielt’ach an der Lassigkeit und Arbeits- scheu des Bauers gescheitert, wodurch auch die Arbeit vertheuert wird und die Produktionskosten sich steigern. Es ist jedoch in die¬ ser Hinsicht Aussicht auf Besserung vorhanden. Einerseits wird die Aufhebung der Robot nach und nach die freie Thatigkeit for- dern und andererseits werden die im Baue begriffenen Eisenbah- nen (galizische Karl-Ludwigs-Bahn), denen wohl auch die nothwendige Regulirung der schiffbaren Fliisse (Dnjestr, Weichsel, San und Bug), so wie die Schiffbarmachung der bis nun fliissbaren folgen wird, den Handel in Landesprodukten beleben und heben. Ausser den Cere a lien produzirt das Land an Handel s- pflanzen: Tabak (iiber 100.000 Zentner), Flachs und Hanf, Mohn, Rhabarber, Raps u. s. w. Der Gartenbau ist noch in der Ivind- heit, nur beim Obstbau ist ein erfreulicher Fortschritt bemerkbar. Der Walds tand ist im Ganzen ziemlich bedeutend; im Rzeszo- wer Kreise wird der Holzhandel schwunghaft betrieben, es wird viel Schiffbauholz nach Danzig exportirt. Der Tarnopoler und der Czort- kower, zum Theil auch der Bochnia’er und Krakauer Kreis leiden hingegen mitunter Holzmangel. Die Waldungen im Kammerbezirke Brody bestehen zumeist aus Eichen und Buchen, und werden fast nu r flir den eigenen Bedarf an Brenn- und Bauholz ausgebeutet. Bar Kohlen- und Holzhandel nach dem Westen so wie auf dem 10 * 148 Dniestr hat bis jetzt die wiinschenswerthe Ausdehnung noch lange nicht erreicht. Die Viehzucht bildet nacbst der Feldwirthschaft die Haupt- nahrungsquelle der Bewohner. Die Zucht von Pferden, Schafen und Borstenvieh erfreut sicli keiner besonderen Ausdehnung, obwohl das Land in neuerer Zeit viel dauerhafte Pferde erzeugt, und die ver- edelte Schafzucht im Aufnehmen ist. Die Branntweinbrennereien bef'assen sich mit der Mastung von Rindvieh, welches auf dem Olmiitzer Markte Absatz findet. Die Bienenzucht wird vorziiglich in den Kreisen Tarnopol, Zolkiew, Przemysl, Stry und Stanislaw gepflegt. Der Honig wird zumeist zum Methbrauen ("Lemberg) ver- wendet, das Wachs gelangt in den Handel. Geflugel wird in gros¬ ser Menge gezogen; sehr ergiebig ist die Fischzucht; die Jagd hin- gegen bietet nicht mehr den ehemals gekannten reichen Ertrag. Unter den Produkten des Bcrgbaues nimmt das Salz den ersten Rang ein. Das unerschopfliche Salzflotz dehnt sich von Wie- liczka bis in die Bukowina im Halbkreise aus, und Salz wird vor- ziiglich zu Wieliczka und Bochnia bergmannisch zu Tage gefordert. Die jahrliche Ausbeute betragt fiber 2 Millionen Zentner. — An Steinkohlen wurden im Jahre 1856 an 1'/ 2 Million Zentner gewonnen. Die Gebirgsgegenden im Sandecer, Samborer und Stryi’er Kreise sind zudem reich an Eisenerz, zu dessen Bearbei- tung mehr als 20 Schmelz- und Eisenbammerwerke bestehen. Aus- serdem liefert das Land etwas Silber, Blei, Kupfer, Zink, Schwefel, Kreide u. s. f. Mit dertlebung der Landwirthschaft halt auch die Beniitzung der Naturschatze und die Verwertbung der Arbeitskrafte zu industriellen Zwecken gleichen Schritt und ist ein Aufschwung in der Industrie insbesondere in jenen Zweigen bemerkbar, welche landwirthschaf't- liche Produkte verarbeiten. Einzelne Gewerbe, namentlich im west- lichen Theile, sind im bliihenden Zustande; aber eine selbstandige, von der Urproduktion des Landes unabhangige Fabriksindustrie hat sich noch nicht herangebildet, trotzdem die Bedingnisse hierzu im Lande nicht fehlen. Der Reichthum an Flachs und Hanf begiinstigt die Leinenindustrie in den westlichen Kreisen, wo auch Da- mast und feinere Waaren erzeugt werden, wahrend die mittleren und ostlichen Kreise ordinare Sorten, Packleinwand, Segeltuch, feeilerwaaren (in Radymno) fabriziren. Komar no liefert den be- sten Zwillich, Jaroslaw den grossten Theil fur den Bedarf der Militarverwaltung. Die bedeutenderen Orte fur diese Industrie sind: Kenty, Biala, Dukla, Tarnow, Rzeszow, Lancut, Przemysl, Zloszow, Tarnopol,^Andrychau, Jordanow und Gorlice. Die meisten Bleichen sind im Ropa-lhale (Gorlice), zu Krasiczin, Lancut u. s. f. Die Sackleinwand wird haupts'achlich nach Ungarn, Russland und der Moldau exportirt. An der Erzeugung von Leinen-, Hanf- und Schafwollgeweben (letztere zu Halina-Tuch) sind vorzugsweise die kleinen Grundbesitzer zur Winterszeit betheiligt, in den Stad- ten bestehen Weberzunfte. Eine Spezialitat der Wollenindustrie bil¬ det die im Kreise Przemysl fabriksmassig betriebene Erzeugung von Bethmanteln (Tales). — Die Spiritus-Er zeugun g bildet den 149 Hauptzweig gewerblicher Thatigkeit. In den letzten Jahren ist die- ser Geschaftszweig zwar im Abnehmen, dessenungeachtet ist er nocb immer sehr bedeutend, da er z. B. im Lemberger Kammer- bezirke (1854 — 1856) im Durchschnitte jahrlich an 180.000 Eimer (dreissiggradig) lieferte (gegen 225.000 Eimer in den Jahren 1851 bis 1853.) Auch im Kammerbezirke Brody ist er im Abnehmen (im Jahre 1856 iiber 211.000 Eimer). Die Bierbrauerei ist in Gali- zien im Allgemeinen von geringer Ausdehnung und gleichfalls in der Abnahme. — Wichtig ist die Lederfabrikation mit dem Hauptsitze zu Bole chow (Kreis Stry), wo, sowie in den zahlrei- chen Garbereien der Kreise Stry, Zolkiew, Przemysl, Sanok, Sam- bor und Stanislaw, Loh-, Alaun- und Samisch-Deder, dann Juch- ten, im Kreise Kolomea (zu Kutty) hingegen vorwiegend Korduan- leder erzeugt wird. — In der Runkelriib enz u ck er-Fabrikation nimmt Tlumacz den ersten Rang in der Monarchic einj es verar- beitete (in der Campagne 1857—1858) nahezu % Million Zentner Riiben; auch Lancut ist bedeutend. — Weiters werden erzeugt: Tuch (in Mikulince, Brzezany, Zolkiew, Jaroelaw, Biala u. a. O.); — Glas — ordinare Sorten — zu Sokal, Milkow und in mehreren Glashiitten; — die westgalizischen Papiermiihlen erzeugen zumeist ordiniires Biittenpapier, im Kammerbezirke Brody bestehen drei grossere Etablissements. Die Erzeugung von Pottasche vermin- dert sich; dagegen gewinnt die Theer-, Terpentin- undCam- phin-Erzeugung an Bedeutung; —fur Baumwoll-und Galan- teriewaaren, fflr Stearinkerzen, Zundholzch en, Surro- gat-Kaffee u. s. w. bestehen vereinzelte Etablissements. — Die Me t al 1-Indu s tri e (mit Ausnahtne einiger Kupferbammer) ist verh<nissm&ssig unbedeutend; sie ist zumeist durch Kleingewerbe vertreten und beschrankt sich auf ordinare Waare. — Im Betriebe der Kleingewerbe ist kein wesentlicher Aufschwung bemerkbar; dagegen hat der Besuch sowohl der Yolksschulen als der Real- und Handelsschulen in den letzten Jahren an Ausdehnung sehr gewon- nen, wodurch ein Aufschwung in der technischen Kultur in siche- rer Aussicht steht. Der Handel erstreckt sich zumeist auf die Ausfuhr von Rohprodukten, als: Getreide, Salz, Holz, Rindvieh, Wachs und Honig, auf ordinare Webe- und Seilerwaaren; auf den Transit der osterreichischen Industrie-Erzeugnisse nach Russland und auf die Einfuhr von Manufakten und Kunstprodukten. Der Holzhandel auf den Fliissen Bug, San, Dnjestr und Pruth ist sehr bedeutend, und sieht noch einer grosseren Entwickelung entgegen, wenn die Karpathenwaldungen mit Hilfe der zahlreichen Gebirgsbache zur Ausnutzung gelangen werden. Von Wichtigkeit ist der Verkehr von Brody mit Russland. Als Zollausschluss vermittelt Brody cinen bedeutenden Absatz von Manufakten aus England und dem Zoll- vereine nach Russland; aus Oesterreich werden dorthin exportirt: Sensen (2% Million Stuck), ungeschliffene Glaswaaren, Glasperlen, Leinwand , Plandschuhe und Weine. Die Hauptartikel der Einfuhr aus Russland bilden Schafwolle, Unschlitt, Felle, Haute, Leder und Ge¬ treide. Der Jahrmarkt zu Ulaszkowce (Kreis Czortkow) ist fiir 150 den Verkehr von Getreide, Vieh und Manufakten (Schnittwaaren) von Bedeutung und wird auch vom Auslande besucht. — Auf die Ausdehnung und Verbesserung der Kommunikationsverbindungen wird gegenwartig grossere Aufmerksamkeit verwendet. §. 1)2. Das Ilerzogthuiu Bukowina. 189 VaOMeile;— 456.920 (relativ 2410) Einwohner; iiberwiegend nicht- unirte Griechen (an 36.000 Katholiken, bei 10.000 unirte Griecben, 8000 Pro- testanten, 15 000 Israeliien) ; nacli — der Nationalitat etwa 48% Buthenen, 40% Bomanen, 6%Deutsche, nahezu 4% Israeliten und 2% entfallen auf Polen, Magya- ren, Zigeuner u. s. w. — Grenzen: im N. Galizien, — im W. Galizien, Ungarn, Siebenbiirgen, — im S. die Moldau, — im 0. die Moldau, Eussland. Boden. Die Bukowina ist im Ganzen ein Hochland, nur am Dnjestr und am Pruth ist Tiefland; zwischen diesen Flilssen befin- det sich ein wellenformiges Plateau, das vom Dnjestr-Ufer rasch aufsteigt, dagegen zum Pruth sich langsam herabsenkt. Am rechten Pruth-Ufer findet wieder eine rasche Stufenerhebung statt. Diese terrassenformige Erhebung der Flussthaler wiederholt sich noch beim Sereth und bei der goldenen Bistritz. Im Westen des Landes erheben sich die Karpathen, die theils Auslaufer des Waldgebirges, theils des siebenbiirgischen Hochlandes sind, die Schneegrenze zwar nicht erreichen, aber die Waldregion iiberragen, grosstentheils mit dichten Waldern bedeckt sind, ihre hochsten Spitzen jedoch nicht im Lande haben. — Grossere Ebenen besitzt das Land nicht, son- dern nur mehr oder minder erweiterte Flussthaler, — die bedeu- tendste ist bei Radautz an 4 QM. gross. Einige Jochiibergange fuhren in die Nachbarlander. Cewiisser. Das an Naturschdnheiten reiche Landchen wird von mehreren Fliissen fast parallel von West nach Ost durchflos- sen, doch werden diese bis jetzt noch nicht als Wasserstrassen be- niitzt. Alle Fliisse der Bukowina gehoren zum Gebiete des schwar- zen Meeres. Mehrere derselben sind im Sommer wasserarm, im Friihlinge und nach starken Regengiissen ubersteigen sie hingegen ihre Ufer und richten bisweilen arge Verheerungen an. Der Dnjestr bildet im Norden die Grenze und ist die einzige beniitzte Wasser- strasse. Der wichtigste Landesfluss ist der Pruth, dann der Se^ reth, welchem ausserhalb der Monarchie die Suczawa, die Moldawa und die goldene Bistritz aus der Bukowina zuflies^ sen. Das Land hat keine Seen; einige Teiche liegen zwischen dem Pruth und dem Dnjestr. Das Klima ist im Ganzen zwar rauh aber gesund, mit starken, vorherrschenden Sommerregen und Soni- mergewittern, worauf ein langerer angenehmer Herbst folgt. Politische Eintheilung. Die Bukowina mit derLandeshaupt- stadt Czernowitz (26.000 Einwohner) ist administrativ der Statt- halterei in Lemberg untergeordnet, jedoch unter ausdriicklicher Wahrung der Stellung als Kronland des Reiches mit eigener Lan- desvertretung. Der politische Chef ist der Landeshauptmann. Bemerkenswerthc Orte sind: Suczawa, Sereth, Eadautz, Kimpolung, Kirlibaba, Jakobeny, Nowosielitza, Patna, Sadagora, Scbipat. 151 Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Beilaufig 94% der Gesammtflache kiinnen zum pi;oduktiven Boden gerechnet werden ; doch entfallen davon 47% auf Waldun- gen, von denen ein grosser Theil noch unbeniitzt ist. Dem Acker- iande gehoren etwa 36, den Wiesen und Garten an 29 und den Weiden an 26 QMeilen an. Das eigentliche Kdturland liegt im nordbstlichen Landestheile zwischen dem Dnjestr und Pruth (an 24 QMeilen), wo der Feldhau betrieben wird. Nur der „grossere Grundbesitz" und der mit Landeigenthum dotirte Klerus, so wie die fremden Ansiedler haben eine rationelle Bewirthschaftung und landwirthschaftliche Reformen eingefiihrt; der Bildungsgrad des Bauers ist ein sehr geringer, die Zahl der Volksschulen verh<niss- massig sehr Hein, daher die Landwirthschaft im Allgemeinen viel- fach unbefriedigend. Trotz der unvollkommenen Bearbeitung gibt der fruehtbare Boden doch ein lohnendes Ertr&gniss. Die Haupt- frucht bildet der Mais (die „Mamaliga“ — Maiskuchen, ist eine allgemein verbreitete Speise des Landmannes), der iiber 60% des Ackerlandes einnimmt; doch werden davon noch bedeutende Quan- titaten aus der Moldau und Bessarabien eingefiihrt. Diesem zunachst steht der Hafer; von geringerem Umfange ist der Roggen- und Weizenbau. Die Produktion an Gerste im Dnjestrgebiete reicht nicht einmal fur den Bedarf der Branntweinbrennereien und Bier- brauereien aus. Der Hanf- und Flachsbau deckt nur nothdiirftig den eigenen Bedarf. Die Wiesenkultur steht noch auf sehrun- tergeordneter Stufe. — Die Obstbaumzucht entspricht nicht den gfinstigen klimatischen Verh<nissen des Landes; veredeltes Obst findet man nur in Stadten und bei den deutschen Colonisten; namentlich Aepfel, Weichseln, Wallnusse undPflaumen. — Der Wein- bau ist kaum nennenswerth, da nur in der Gegend von Suczawa eine sehr gewohnliche Sort© vorkommt. Auch die Vichzuclit, fiar deren Gedeihen die giinstigsten Be- dingnisse vorhanden sind, hat nicht die wiinschenswerthe Ausdeh- nung. — Die Pferdezucht im k. k. Militargestufe zu Radautz (2000 Stuck) niinmt den ersten Rang in Oesterreieh ein, dagegen wird sie von den kleineren Grundbesitzern arg vernachlassigt. Aus- gedehnter wird die Hornviehzucht betrieben, so wie jene der gemeinen Schafe; doch ist auch jene der edleren bereits im Stei- gen. Die Wolle der letzteren wird nach Preussisch-Schlesien und Mahren abgesetzt. Die Zucht der Ziegen, Schweine und des Geflu- gels deckt den Bedarf; die Bienenzucht steht auf einer sehr primitiven Stufe trotz aller natiirlichen sehr gunstigen Bedingnisse. Der Verbrauch an ungebleichtem Wachs ist (durch den griechisch- nichtunirten Cultus bedingt) sehr stark und wird' durch die Lan- desproduktion kaum gedeckt. Mit Ho nig wird ein ansehnlicher Handel betrieben. Die Jagd ist sehr ergiebig; die Fischerei hin- gegen hat gegen ehemals abgenommen. Die Industrie in der Bukowina ist kaum im Entstehen, selbst die kleineren Gewerbe sind auf einer noch vielfach primitiven Stufe. Das Ivapital und die Arbeitskraft sind verhaltnissmassig theuer; die Bildungsstufe der Bewohner eine geringe, die Kommumkation 152 noch sehr ungeniigend. Am ausgedehntesten ist die.Branntwein- brennerei, an welche sich die Yerarbeitung einiger landwirth- schaftlicher Produkte anschliesst, ohne jedoch dieHtihe einer selbst- standigen Fabriksindustrie zu erreicben. Die Bierbrauereien decken nicht den Bedarf; die P o 11 a s chensiederei wird nicht mehr in der friiheren Ausdehnung betrieben. In der Eisenindustrie nimmt Jakobeny und die dazu gehorigen Hammerwerke einen be- achtenswerthen Rang ein. Die Gewinnung des Waschgoldes aus der „goldenen Bistrica* nimmt stets ab und ist hochst unbedeu- tend; — das Si 1 bergewerk inKirlibaba erzeugt nur 3—400 Mark Silber; — zu Poczoritta unit der Bergkolonie Louisenthal wird K u- pf er gewonnen. Salz gewinnt man ebenfalls nicht hinreichend fur den Bedarf, die bedeutendste Saline ist zu Kaczika, welche an 20.000 Zentner liefert. — Fabriksmassig werden betrieben die zwei P apierfabriken zu Radautz und Wasskouz, die Maschi- nen- und die Broncefabrik in Czernowitz, ferner drei Glashut- ten (Fiirstenthal, Czudin und Serecel); Suczawa liefert Saffian und Korduan. Der Ilandel beschrankt sich fast ausschliesslich auf Rohpro- dukte, als: Getreide, Branntwein, Schlachtvieh, Holz, Rohh'aute, Wolle und Pottasche. Yon Wichtigkeit ist der Grenzverkehr nach Bessarabien und der Moldau, zunachst der GrenzortFolticzeny (in der Moldau) — wohin auch osterreichische Fabrikate jahrlieh im Werthe von % Millionen Gulden exportirt werden; —auch der Transit nach Galizien, Ungarn und Siebenbiirgen ist belangreich. Jahrm&rkte werden in Czernowitz, Suczawa, Seretb, Radautz, Sada- gura, Kimpolung, Wiznitz und Bojan abgehalten. §. 1)3. Das Konigreicli Dalmatien. 232 QMeilen; — 404.500 (relativ 1740) Einwohricr, iiberwiegend Katho- Jiken (an 80.000 Griechen, einige wenige Protestanten und Israeliten) ; — nach der Nationalitat uber “/, 0 Slawen (Kroaten, Serben, Morlaken), dann Italiener, Deut¬ sche. — Grenzen: im N. die kiistenlandische Militargrenze, das adriatische Meer, — im W. das adriatische Meer, — im S. das adriatische Meer, die Tiirkei, — im O. die Tiirkei. Es wird zweimal vom turkischen Gebiete, das bis an das Meer reicht, in der Art unterbrocheD, dass der Kreis Ragusa nirgends an osterreichisches Gebiet grenzt. Boden. Dalmatien ist ein Terrassenland, welches, so wie die zahlreichen vorgelagerten InselD, zum Karstgebiete gehort. DerHoch- rand streicht aus der kilstenlandischen Militargrenze nach Dalma¬ tien unter dem Namen Velebic, auf einer langeren Strecke als Kronlandsgrenze; — mehrere parallele Gruppen ziehen in siidost- licher Richtung, erheben sich jedoch nirgends uber die Mittelhohe („dinarische Alpen"). Vom Urlica-Berge bei Knin (an der drei- fachen Grenze von Dalmatien, Militargrenze und Tiirkei) zieht sich der eine Zug als Reichsgrenze gegen die Tiirkei in siidostlicher Richtung (Dinara 5700), bei Sebenico erhebt sich das Tartaro- Gebirge, siidlicher das Moss o r-Gebirge. Hier beginnt ein eigent- liches Bergland mit zahlreichen fruchtbaren Mulden und Thalfurchen. Gegen die Kiiste haben die Berge zumeist einen sehr steilen Abfall, der vielfach zerkluftet und zerrissen ist. Die Jura-Kalkformation des Festlandes von Dalmatien findet sich auf den Inseln vor, welche 153 nur eine Fortsetzung der Gebirge des Festlaades sind, und gross- tentheils mit diesem parallel laufen. — Das Land besitzt keine aus- gedehnten Ebenen, die fruchtbarsten flachen Strecken sind bei Trail und Spalato, bei Macarsca und Cattaro. Das Karstland bat keine grosseren offenen Thaler, doch kommen auch hier die cha- rakteristiscben muldenformigen Einsenkungen im Karstboden zahl- reich vor. Unter den Einsattlungen, welche aus Dalmatien nacb der Militargrenze fiihren, ist jene von Popina (zwischen dem Velebic und der Urlica) fiir den Verkehr die bedeutendste. Sehr reich ist endlich das Land an Engpassen und Hohlen, mit pracht- vollen Stalaktiten (Aeskulap-Grotte im Snjznica-Berg, grotta diVer- licca, Risano, auf Meleda u. a. f.). Gewiisser. Dalmatien ist im Ganzen arm an fliessendem Ge- wasser; es hat nur vier grossere und mehrere kleine Fliisse. Die Quellen derselben liegen im Verhaltnisse zu ihrem kurzen Laufe hoch, daher ist das Gefalle grosstentheils stark, was nebst mehreren Wa3serfiillen ihre Bedeutung fiir die Schiffahrt vermindert. Mit Aus- nahme der Narenta sind die grosseren Fliisse in hohe Felsenufer eingeengt, welche einen natiirlichen Schutz gegen Ueberschwemmun- gen bilden. Die kleineren Fliisse trocknen zur Sommerzeit im Kalk- boden ganz aus. Die bedeutenden Fliisse sind: 1. Die Zermagna aus der Licca, hat ein starkes Gefalle bis Obrovazza, eine mittiere Breite von 20°, wird voin Meere bis Obrovazzo mit kleinen See- schiffen befahren und miindet bei Novigrad. 2. Die K e r k a ent- springt in der Nahe von Knin, bildet auf ihrem etwa 8 Meilen lan- gen Laufe mehrere Wasserfalle (den bedeutendsten bei Scardona), und miindet nordlich von Sebenico ins Meer. Von ihrer Miindung bis zum Wasserfalle bei Scardona wird sie selbst bei niederemWas- serstande von Seeschiffen mit 30—50 Tonnen, zwischen den Was- serfailen mit Kahnen zu Thai und zu Berg befahren. 3. Die C4- tina kommt fast vom Fusse des Dinara, fliesst anfanglich zwischen niederen Ufern, liber die sie haufig hinaustritt und Ueberschwem- rnungen verursacht; spiiter ist, der Fluss bis zur Miindung bei Al- missa in steile Felsen eingeengt und bildet den imposanten Wasser- fall bei Duare. Er wird nur vom Meere bis Vissech ('/ 2 Meile weit) von kleinen, flachen Schiffen befahren. 4. Die fischreiche Narenta entspringt im Grenzgebirge zwischen Bosnien und der Herzegowina (Berg Weljak), tritt bei Metkovich, bis wohin sie von ihrer Miindung (unterhalb Fort Opus) mit Segelschiffen von 100—150 Tonnen be¬ fahren wird, nach Oesterreicb. Durch Regulirung des Fiussbettes konnte die Narenta zum Flossen des Schiffbauholzes aus der Herze¬ gowina beniitzt werden. Die Landseen Dalmatiens sind (mit Ausnahme des salzigen Sees von Vrana) periodische Seen, d. h. sie bestehen nur zur Re- genzeit und trocknen im Sommer ganz oder zum Theile aus. Be- deutendere Seensind : der Boccagnazzo, nordlich von Zara, des- sen hohere Stellen im trockenen Zustande kulturfahig Bind; der Na¬ di n, Prolosaz u. s. w. — Auch die von den Fliissen gebildeten, verhaltnissmiissig zahlreichen Siimpfe, welche eine Flache von beilaufig 23.600 osterreichischen Jochen einnehmen, trocknen im 154 Sommer aus. — An Mineralquellen hat Dalmatien nur den schwachen Gesundbrunnen bei Verlicca und das kalte Schwefelwas- ser bei Spalato. (Das adriatische Meer siehe Seite 101.) Politische Eintheilung. Dalmatien mit der Landeshauptstadt Zara untersteht der Statthalterei in Zara. Bemerkenswerthe Orte sind: 1. Zara (7500 Einw.), Scardona, Sebenico, Knin, Novigrad, Nona, Obrovazzo, Demis. Die Inseln Arbe, Pago. 2. Spalato (11.000), Salona, Almissa, Makarska, Trail, Sign, Metkovich, Fort Opus. Die Inseln : Brazza, Lesina, Lissa. 3. Bagusa (5000), Stagno, Slano. — Die Halbinsel Sabioncello. Die Inseln: Curzola, Lagosta, Meleda. 4. Cattaro (2000), Castelnuovo, Budua, Castel Lastun. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die Erwerbsquellen der frugalen Dalmatiner sind Ackerbau, Viehzucht, Fischfang, Schiffahrt und Handel; im Ganzen bietet je- doch dieses Land kein erfreuliches Bild der Volkswirthschaft. Sind auch die Bewohner geistig reich begabt und ist das Klima ein iiusserst mildes, so geniigt doch die Produktion nicht fiir den Be- darf. Der Ackerbau befindet sich in Dalmatien, trotz der vielfachen Bemiihungen der Landwirthschafts-Gesellschaft, in einem traurigen Zustande; der Grundbesitzer bezieht ein hochst geringes Einkom- men von seinen Grundstiicken. Nur die Halfte der gesammten Bo- denflache ist kultivirt und von dieser entfallt etwa y i0 auf den Weinbau; die andere Halfte nehmen unkultivirte Weidegriinde, Stimpfe, Seen, Fliisse u. s. w. ein. Dem Wiesen- und Garten- bau sind nur an 2/ a QM. zugewandt, etwas mehr kommt auf die Oliven-, Lorbeer- und Kasfanienwalder *). Die Hauptfriichte sind Mais undGerste; die wichtigeren Han- delspflanzen anderer Kronliinder werden gar nicht, Hanf und Flachs nur sehr wenig angebaut; das Ackerland wird vielfach zugleich mit Oelbaumen und Reben bepflanzt. — Das Hauptprodukt des Lan¬ des ist der Wein, doch ist er durchschnittlich von geringem Werthe; ausgezeichnet sind nur die vielen Sorten von Dessert-Wei- nen (Sebenico, Almissa). — Zunachst steht das Olive nol, da der Olivenbaum langs der Kiiste sehr verbreitet ist, und hierin behaup- tet Bagusa den ersten Rang, Auch Feigen, Mandeln und das Jo- hannisbrot gedeihen gut, vorzitglich aber die Steinweichsel (Mn- rasca), aus welcher der bekannte Maraschino-Liqueur gebrannt wird. Die Vichzueht steht gleichfalls auf sehr niederer Stufe; nur die der Forstkultur nachtheilige Ziege ist sehr verbreitet, dessglei- chen das gemeine Schaf, dessen Wolle fur die Bediirfnisse der Na- tionaltracht venvendet wird. Die Stallfutterung, der Anbau von *) Als Ursaehen dieses unbefriedigenden Zustandes des Ackerbaues werden ange- geben: Mangel an Arbeitskralten, Armuth der Colonen und kleineren Grundbesitzer, die geringe Stufe der BUdung unter den Morlaken, deren Ackergoriltlie sich vielfach in einem fast noch primitiven Zustande befinden, Mangel an brauchbaren Gemeinde- strassen, Vorliebe der Gebirgsbauern fiir das Hirtenleben, endlich die grosse Zer- stackelung der Grunde. 155 Futterkrautern u. dgl. sind in Dalmatien so zu sagen unbekannt; der Bauer zieht seine Rinder bios zuin Behufe der Feldarbeit auf. Den sehr beliebten Kase bereitet er in der einfachsten Art fur den eigenen Bedarf. — Der Fischfang an den Kusten ist sehr be- deutend. — Die Zucht der Seidenraupen und Bienen steht ebenfalls nicht auf der dem Klima entsprechenden Hbhe, nur der weisse Honig der Insel Solta ist ausgezeichnet. In den letzten Jah- ren hat jedoch die Zucht der Seidenraupe ungemein zugenommen (Scardona, Sign); die Regierung sieht in dieser Richtung ihre viel- jahrigen Bemiihungen mit dem besten Erfolge gekront und die Landwirthschafts-Gesellschaft, welche im Laufe der letzten Jahre Tausende von Maulbeerbaumchen im Lande unentgeltlich im Auftrage der Regierung vertheilt hatte *), sieht bereits ansehn- liche Summen fur den Samen etc. in das Land fliessen. Dalmatien scheint fur die Seidenkultur mindestens gleich giinstige Verhaltnisse zu besitzen als das Venetianische; Kenner meinen sogar, Dalmatien sei dafiir noch vortheilhafter. Wein, Oel, Seide, Fische, Seesalz kon- nen noch bedeutende Kapitalien ins Land ziehen. — Gelingt es, Dalmatien durch eine Reihe von Jahren auf der Bahn des Fort- schrittes zu erhalten und die Gewohnheiten des Landmanns den eigenthiimlichen Anforderungen der Seidenkultur in alien ihren Stadien anzupassen, so wird sich bald die Physiognomie Dalmatiens verandern und aus einem armen Lande wird ein reiches werden. Auch das Mineralreich bietet kein erfreuliches Bild, die Ar- muth an Metallen ist grosser, als in jedem der iibrigen Kronlander. Die Ausbeute an Braunkohlen bei Dernis und Sign ist sehr geringe. — Asphalt h<ige Steine werden vorziiglich auf der In¬ sel Brazza gebrochen und nach Venedig gefiihrt, wo der Dalmatiner- Asphalt daraus destillirt wird. — Die Erzeugung von Meersalz wird zu Stagno und auf der Halbinsel Sabioncello vom Aerar, auf den Inseln Arbe und Pago von Privaten betrieben. Die techiiische Kultur steht auf eben so niederer Stufe als die Landwirthschaft, und der Werth der Kunstprodukte ubersteigt kaum 4 Millionen Gulden, wovon uber die Iialfte auf die Hand- werke entfallt. Dalmatien ist in Bezug auf den Produktionswerth das schwachste aller osterreichischen Kronlander. Grosse industrielle Etablissements bestehen gar nicht, aber auch die Zahl der Gewerbe ist eine geringe. Nur der Schiffbau ist bedeutend, besonders die Werften in Lussin piccolo, Gravosa und Curzola, wo die meisten Schiffe (allerdings iiberwiegend Kiistenfahrer) gebaut werden. Die- sem folgen die Gewinnung des Meersalzes, dann die Erzeugung von ordinaren Schafwollwaaren (Rasche), welche auf hochst einfachen, fast primitiven Webestiihlen fur den bescheidenen Haus- gebrauch von der Landbevolkerung erzeugt werden. Am zahlreich- *) Die Anzabl dor Maulbeerbaume, die in Dalmatien in den letzten Jahren ge- pflanzt warden, hat in folgender Progression zugenommen: Im J. 1855. 35.000 Maulheerbauine Im J. 1858.... 130 000 Maulbeerbaume „ 1850. 62.000 „ „ 1859 fiber 200.000 „ 1857. 95.000 156 eten sind die Maraschino- und Rosoglio-Fabriken (in Zara und Ra- gusa), — in Lederarbeiten Cattaro, Spalato undRagusa; — hier- zu kommt die Erzeugung von Unschlitt- und Wachskerzen u. dgb Vortrefflich ist der dalmatinische Weinessig, und bei dem gros- sen Reichihum des Landes an aromatischen Kr&utern konnte dieser Zweig eine sehr lobnende Ausdehnung erlangen, wie dieses in Frank- reich bereits der Fall ist. Dass bei dem dargelegten Stande der physischen und tech- nischen Kultur des Landes, sowie der geringen Bildungsstufe und schwachen Consumtion der Bevblkerung der Handel im Allgemeinen in beschrankteren Kreisen sich bewegt, ist begreiflich. Zur Ausfuhr gelangen: Baumol, Wein, Feigen, Sardellen, robe Haute, Schafwolle, Rosoglio, Meersalz; — eingefiihrt wer- den: Getreide, Mehl, alle Arten der Webe- und Wirkwaaren, Ta- bak, Rindvieh nebst den Kunstprodukten der deutschen Kronlander. Lebhafter Verkehr findet zur See, dann auch zu Land mittelst Ka- ravanen und Saumthieren nach der Tiirkei und Montenegro Statt; in Cattaro und an verschiedenen Punkten an der tiirkischen Grenze bestehen desshalb Bazare. Ziemlich bedeutend ist auch der Transit- handel. Die Hauptstadt Zara weiset die grdsste Einfuhr und die grosste Geldcirculation aus; der „Grosshandel“ und die Schiffahrt sind unbedeutend. Wichtiger ist Spalato in beiden Beziehungen so wie fiir den Binnenhandel; Cattaro unterhalt seinen Verkehr mit Montenegro; Ragusa treibt Schiffbau und ansehnlichen Handel. Die Inseln finden in der Seefischerei bedeutenden Erwerb. §. 94. Die Konigreiche Kroatieu und Slavonien. 333 □Meilen; —- 865.000 (relativ2599) Einwohner, uberwiegend Katho- liken (an 90.000 Griechen, 5000 Protestanten, 4000 Israelite!)); — nach der N a- t i o n a 1 i t a t an 98% Slawen (’/a Kroaten), dann Deutsche, Magyaren, Italiener u. s. f. — Grenzen: im N. Steiermark, Ungarn, die Wojwodina, — im O. die Wojwodina, — im S. die Militargrenze, — im W. das adriatische Meer, Istrien, Ifrain und Steiermark. Boden. Dieses Kronland besteht aus zwei getrennten, nur im Siiden zusammenhangenden Theilen. Der grossere, westliche ist Kroatien mit dem (kroatischen) Kiistenlande; der kleinere, ostliche Slavonien. Beide sind theils Berg- theils Tiefland; doch berrscht im Allgemeinen im Westen die Form des Berglandes, im Oaten und Siideu jene des Tieflandes vor. Das nordliche und nordwest- liche Bergland Kroatiens gehort zum Alpensysteme, der nordliche Bergzug durchzieht als Warasd iner-Gebirge mit verschiedenen Lokalbenennungen das Land; — das siidwestliche Bergland gehort zum Karstgebiete, zu welchem auch das aus Unterkrain nach Kroa¬ tien sich hinziehende Uskokengebirge (Goriance) gezahlt wer- den kann. In Slavonien ziehen sich die letzten Vorberge der Ostalpen (Fruska gora, Wrdnik-Gebirge) bis zur Donau. — Das Tiefland breitet sich an der Save und Drave aus, beide sind fruchtbar, vorziiglich die Murinsel (zwischen Mur und Drave) sowie die Flus8thaler der Kulpa und Krapina ; in Slavonien sind die Drave- ufer stellenweise sumpfig und morastig. Gewiisser. Mit Ausnahme einiger Bache, welche ihren Lauf in westlicher Richtung gegen das adriatische Meer nehmen, aber 157 grosstentheils in dem Kalkboden sich verlieren, gehort das Kron- land zurn Flussgebiete der Donau. Der wichtigete FIuss ist die Save, welche an der krainisch-steierisehen Grenze (bei Rann) nach Kroatien kommt, das Land in siidostlicher Richtung durchschneidet, von der Einmiindung der Kulpa (bei Sissek) die Grenze gegen Militar-Kroatien bildet und dann ganzlich in die Militargrenze tritt. Sie ist zunachst fur den Getreidetransport nach Krain wichlig, in welcher Beziehung Sissek den Hauptstapelplatz bildet. — Die Drave kommt aus Steiermark (unterhalb Friedau), bildet nach der Einmiindung der Mur (bei Legrad) die Grenze gegen Ungarn und ist von hier bis zu ihrer Miindung in die Donau (unterhalb Essek) schiffbar, Durch die vorgenommene Regulirung wurden Ueber- schwemmungen vermindert, die Schiffahrt verbessert und die Lange des Flusses um 24 Meilen abgekiirzt. — Yon der Dravemiindung an bespiilt die Donau die Nordgrenze des Kronlandes und der Dampfschifi'ahrtsverkehr belebt diese an Naturprodukten reiche Pro- vinz. — Eigentliche Seen hat das Land keine, im Karstboden fin- den sich ubrigens auch hier die bereits mehrerwahnten periodischen kleinen Seen; dagegen ziehen sich langs der Drave und Donau ausgedehnte Siimpfe hin. Diese sumpfigen Niederungen sind die einzigen ungesunden Strecken, wahrend in den ubrigen Landesthei- len zumeist ein mildes und gesundes Kliina herrscht. — An Mi- neralquellen besitzt das Land die Schwefelquelle Toplice (bei Warasdin), Krapina, dann bei Daruvar in Slavonien, Jamnica, Stub- nica und Lippik. Politische Eiutheilung: Die Konigreiche Kroatien und Sla¬ vonien bilden das Verwaltungsgebiet der Statthalterei in Agram, welches in ftlnf Comitate (Kreise) eingetheilt wird. Die Hauptstadt Agram ist der Statthalterei unmittelbar untergeordnet. Bemerkenswerthe Orte sind: 1. Comitat Agram: Agram (16.600 Einw.), Carlstadt, Sissek, Szamobor. 2. ComitatWarasdin: Warasdin (10.000), Cakathurn, Legrad, Krapina, Toplice, Kreutz, Kopreinitz, ltadaboj. 3 . Comitat I’iume: Biume (14.000), Buccan, Portore, Delnice. 4. Comitat Poiega: Po^ega (2700), VerOie (= Verovitiz, Werowitz). 5. Comitat Essek: Essek (14.000), Djakovar, Vukovar. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Von der Gesammtflache des Kronlandes sind etwa 87% pro- duktiver Boden und davon entfallen mehr a!s 40% auf Waldungen, an 30% auf das Ackerland, 16% auf Wiesen und Gartenland, 13% auf das Weideland und 1% auf Weingjirten. ° Die wicbtigste Nahrungsquelle ist die Luiidwirthsciiaft, vor- ziiglich der Ackerbau in der sehr fruchtbaren Drave- und Save- Ebene und in der sogenannten Mur-Insel (Murakoz, zwischen Drave und Mur). Kroatien erzeugt nicht genugend fur den Bedarf; da¬ gegen bringt Slavonien einen anaehnlichen Ueberschusa zurn Export. Hauptfriichte sind Weizen, Mais und Bohnen. Der Weinbau ist sehr ergiebig, die Mur-Insel erzeugt grosse Quantitaten, doch ist der sonst kraftige Wein nicht dauerhaft. Der Obstbau liefert be- deutende Mcngen guler Zwetschken, aus denen der Pflaumen-Brannt- 158 wein (Slivovic, von Sliva = die Pflaume) gebrannt wird, nebst alien Arten von Wirthschaftsobst. — Der Waldstand (mehr Eichen und Buchen, weniger Nadelholz) ist ein befriedigender und liefert viel treffliches Bauholz, sovvie als Nebennutzung Knoppern und Eicheln; dagegen ist das Wiesland sowohl der Menge als der Kultur nach unzureichend. — Die Viehzucht ist unzulanglich und auf einer niederen Stufe, mit Ausnahme der Schweinezucht, nament- lich in Slavonien, wo grosse Eichenwalder vorkommen; Kroatien iibertrifft nur in der Zucht des Geflugels und der Schafe (zum Theil auoh schon veredelte) sein Nachbarland. Die Bienenzucht ist schwunghaft, die S e i denr a up en zucht in fortwahrendem Steigen. Die kroatische Seide ist fein, aber ihre Menge gering; in Slavonien ist das gerade Gegentheil. Die Teiche und Sumpfe um Essek lie- fern grosse Mengen von Blutegeln in den Handel. Im Allge- meinen kann die Produktion in diesem Kronlande noch namhaft gesteigert werden. Die Produkte des Mineralreiches nehmen eine untergeord- nete Stelle ein, nur die vorziiglicbe Qualitiit des Schwefels in Badaboj (Kroatien) ist bemerkenswerth, sowie die Kupfergruben zu Rude bei Szamobor und einige M arm or- und Baustein- bruche im kroatischen Kxistenlande. Die Industrie beschrankt sich zumeist auf die stadtischen Ge- werbe und die Hausindustrie auf dem Lande; aucli macht die fleissige Bevdlkerung hierin merkliche Fortschritte. Eine selbststandige, von der Urproduktion des Landes unabhangige Fabriksindustrie ist kaum im Entstehen. Die bedeutenderen grosseren Etablissements sind in Fiume (Papier, Zucker, Seife, Rosoglio, Tabak, chemische Pro¬ dukte, Schiffbau und Segeltuch u. s, w.), Agram liefert Porzellan, Eisenwaaren, Leder; — Glas erzeugen mehrere Fabriken (Marien- thal bei Essek, Zvecevo im Pozeganer Comitat); — Steingut in Warasdin und Krapina; — Messer in Legr&d; ferner Pottasche, Holzwaaren, Slivovic, ordinare Hausleinwand und derlei Tilcher, welcbe zum Familienbedarfe auch zu Hause gefarbt werden. Der Handel Kroatiens ist hauptsaohlich Zwischenliandel fiir Cerealien und sonstige Naturprodukte, welcbe aus den Kornkammern (Banat und Ungarn) nach dem Westen abgesetzt werden; dann Holz- und Weinhandel. Im Kiistenland ist der Export an Nutzholz wie der gesammte Ilandel sehr im Wachsen. Slavonien hat bedeutende Ausfuhr in Getreide nach Sissek, in rohen Hauten und Fellen (Essek), dann Ochsen, Schweinen, Honig und Wachs. — Eingefuhrt werden alle Arten dsterreichischer Manufakte, Kunst- und Luxus- artikel. Die wichtigeren Handelsplatze sind: Fiume, Buccari, und Portorb, Agram, Sissek, Carlstadt und Essek. An der Verbesse- rung alter und . der Herstellung neuer Strassen und dem Bau von Eisenbahnen wird rilstig gearbeitet, die Schiffahrt auf der Save, Kulpa und Drave sowie die Seekiiste sind beachtenswerth; insbe- sondere macht Fiume grosse Anstrengungen und der jahrliche See- verkehr dieser Stadt iibersteigt bereits den Werth von 10 Millionen Gulden (Import etwa 5, Export 5 l / 5 Million Gulden). 159 §. 95. Die Militargrenze. (Die kroatisch-slavonische und banatisch-serbisehe Militargrenze.) 609 □Meilen; — 1,064.900 (relativ 1747) Einwoliner, darunter etwa 45% Katholiken, 52% Griechen, 2% Protestanten, an 500 Israelite^; — nach der Natioua- 1 i tat fast 84% Slawen (51% lvroaten, 32% Serben. dann Oechen und SlovakenJ), 12% Romanen, 4% Deutsche. — Grenzen: im W. das adriatische Meer, — im IV. Kroatien, Slavonien, Ungarn, — im 0. Siebenburgen, die Walachei, — im S. Serbien, Bosnien. Bodt'ii. Die Militargrenze ist theils Bergland, theils Tiefland. Das Bergland des westlichen Theiles (kroatische Militargrenze) ge¬ hort zum Karstgebiete, in welchem die parallelen Arme der grossen und kleinen Kapella sowie des Velebic hervortreten. Jener Theil, welcher siidlich der Drave zwischen Kroatien und Sla¬ vonien liegt, wird von Vorbergen der Alpen (Warasdiner Gebirge) ausgefiillt. In dem aussersten Osten der serbischen Militargrenze ziehen sich Auslaufer der siebenbiirgischen Karpathen (Banater Gebirge) herein. Die slavoniache, banatische und zum Theil die serbische Militargrenze sind theils Ebene, theils Hugelland. Die Ebenen an der Drave und Save sind ungemein fruchtbar. — Das Karstgebiet behalt auch hier seinen Charakter mit den zahl- reichen Tropfsteinhohlen; im ostlichen Theile sind die Herkules- D ampfhohle mit den heissen D'ampfen und die historische vete¬ ran ische Hohle besonders bekannt. Gewiisser. Das adriatische Meer bespiilt die kroatische Militargrenze auf einer Lange von etwa 16 Meilen; die Koste ist steil, hat wenig zugiingliche Buchten und bildet mit den gegenuber- liegenden Inseln den ,,Canale di Morlacca.“ Zwischen dem Velebic und der Kapella sind zahlreiche Bache, welche gleich den iibrigen Karstgewaseern plotzlich hervorquellen, nach Regengiissen Ueber- schwemmungen verursachen, und sich dann in den Sauglochern des Kalksteinplateaus verlieren, ohne einen sichtbaren Abfluss zum Meere zu haben, Der bedeutendste unter diesen ist die Lika. — Das ganze irbrige Land gehort zum Gebiete der D o n a u, welche von Peterwardein bis Semlin das Land durchstromt und von hier bis Orsowa die Reichsgrenze bildet. Die Drave scheidet einen Theil des Kronlandes von Ungarn; — die Save kommt aus Kroatien, nimmt die an der kroatischen Grenze fliessende und durch die Glina verstarkte Kulpa, spater den Grenzfluss Unna auf, von dessen Einmiindung sie bis Semlin-Belgrad die Reichsgrenze bildet. Aus der Wojwodina kommt die Temes, welche unterhalb Paneowa in die Donau miindet, ferner die Karas und Nera. Auf einer lturzen Strecke gehort auch die Theiss der Militargrenze an. — An der Save, Drave und an der Miindung der Temes breiten sich weite Siimpfe aus; uberdiess hat das Land auch mehrere Seen. — Unter den Mineralquellen haben die Schwefelquellen der Her- kulesbader von Mehadia verbreiteten Ruf’ und werden sehr stark besucht, auch die eisenhaltigen Quellen von Topuszko er- freuen sich eines zahlreichen Besuches und steigender Anerkennung. Politische Eintlieiluiig. Die politische Eintheilung dieses Kronlandes ist militarischer Natur. In miliiarischer und admini- strativer Beziehung ist die Militargrenze in zwei Landes-Militar- 1flO Commanden eingetheilt, u. z. das kroatisch-slavonische mit dem Sitze des Commandanten in A gram, und das banatisch- serbische mit dem Sitze des Commandanten in Temesvar. Jedes Commando wird in Regiments- oder Bataillonsb e- z i r k e eingetbeilt; von den ersteren zerfallt jedes wieder in 12, von den letzteren jedes in 6 Co mpagniebezi rke. Einen Com- pagniebezirk bilden endlich entweder eine oder mehrere ldeinere Ortegemeinden. In jedem Landes-Militar-Commando bestehen freie Mil it ar-Commu ni taten, im ersteren 7(Carlopago, Zengg, Petrinia, Kostainica, Bellovar, Ivanic, Brod), im letzteren 5 (Peter- wardein, Karlovic, Semlin, Pancova, Weisskirchen). Diese 12 Mi- litar-Communitaten sind von der besonderen Wehrpflicht der Gren- zer ausgenommen und nur der allgemeinen Wehrpflicht unterwor- fen; sie sind von dem Regiments-Commandanten unabhangig und unterstehen direkt dem Milit&r- und Civilgouverneur. Ibre vorge- setzten , aber ebenfalls militarisch organisirten Lokalbehorden sind die Magistrate. Sie haben die Beetimmung, Gewerbe und Handel zu treiben und die Produktion wie den Absatz zu erleichtern und zu fordern. Bemerkenswerthe Orte sincl : 1. Im St. Georgner Regiment: St. Georgen. 2. Im Iireutzer Regiment: Belovar. 3. Im ersten Banal-Regim ente: Glina. 4. ImzweitenBanal-Regimente; Petrinia(5000), Kostainica, Dubica. 5. Im Sluiner Regimente: Sluin, Carlstadt. 6. Im Oguliner Regimente: Ogulin. 7. Im Otocaner Regimente: Zengg (3000), OtoJafi (oder Otochaz). 8. Im Likkaner Regimente: Carlopago, Gospifi. 9. Im Gradiskaner Regimente: A11-Gradiska, Neu-Gradiska. 10. Im Broiler Regimente: Brod, Vinkovce. IX. Im Peterwardeiner Regimente: Carlovic (6000, Karlowitz), Pe- terwardein (5000), Semlin (10 000), Mitrovic (Mitrowitz), Slankamen. 12. Im Caiki s ten - Bat ai 1 Ion: Titel. 13. Im Deutsch-Banater Regimente: PanSova (12.000). 14. Im Romiinen-Banater Regimente: Karansebes, Mehadia, Alt- Orsova, Neu-Palanka. 15. Im Illirisch-Banater Regimente: Weisskirchen (6000). Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die eigenthiimlichen Einrichtungen und das patriarchalische Leben des Grenzvolkes iiben ihren unmittelbaren Einfluss auf Acker- bau und Viehzucht, auf Gewerbe und Handel aus. Alle waffen- fahigen Manner sind vom zwanzigsten Lebensjahre waffenpflichtig. Die Wehrpflicht besteht in der Bewachung und Vertheidigung der Landesgrenze, in der Aufrechthaltung der Ruhe und Ortlnung im Innern, und in der Pflicht, auch ausser Landes ins Feld zu rxicken. Der Grenzsoldat erh'alt vom Staate vollstandige Bekleidung, Be- waffnung und Munition, den Sold jedoch nur im Felddienste. Zur Erfiillung der Zwecke der Grenze besteht der Cordon, der nach Massgabe der Gefahr 5000, 7000, bei naher Gefahr 11.000 Mann bedarf. Den Cordon bilden Wachhauser (Cartake) langs der gan- zen Grenzlinie, jede. mit 4, 8 oder 12 Mann; in den sumpfigen Niederungen stehen die Wachhauser auf erhohtem Mauerwerke und sind durch Dammwege mit einander verbunden. In der Regel ist 161 der Grenzer eine Woche ,,im Dienste," zwei Wochen bei der Wirth- schaft. Im Falle der Noth bilden die Grenzer ein Kriegsheer von 100.000 Mann, welche zu den beaten Truppen gehoren. Die nicht im aktiven Dienste stehenden Grenzer beschaftigen sich mit Acker- bau, Viehzucht, Gewerben und Handel. In hauslicher Beziehung fuhren die Grenzer ein patriarcha- lisches Familienleben und diese Nationalsitte steht unter dem Schutze des Gesetzes. Die Folge dieser patriarchalischen Yerbaltnisse ist, dasa Industrie und Handel sich grosstentheils auf die M i 1 i t & r- Communitaten beschranken, wahrend die Mehrzahl der Bevill- kerung sich mit Ackerbau und Viehzucht beschaftigt und die hochst geringen Bediirfnisse an Kleidung durch die Hausfrauen befriediget werden, welche die Kleider fur Mann und Kind spinnen, weben, farben und nahen. Mehrere verwandte Oder verschwagerte, Oder frei in die Hausgesellschaft auf- genommene Personen Oder Familien bewohnen Ein Hans und bilden zusammen eiua Haus-Communion. Alle liegenden Giiter der Greazbewohner sind gegen Erffil- lung der Grenzobliegenheiten vollstandiges Eigenthuin der Grenz-Communionen. Alle Manner der Haus-Communion haben gleiche Rechte auf das unbewegliche Eigenthum des Hauses ; bei dem Austritt aus dem Hause verliert jedoch das Mitglied sein Recht., welches von selbst den fibrigen zuwachst. 1st kein Mann mehr im Hause, so geht das Recht in gleicber Weise auf die Weiber fiber. Der letzte Sprosse einer Haus- Communion kann fiber das unbewegliche Vermiigen letztwillig verfugen; ist kein Testament und keine erbfahige Person verhanden, so fallt das Vermfigen dem Grenz- institute anheim. Als Familie eines Hauses werden alle Personen betrachtet, welche bei dem Hause konskribirt und nicht Dienstboten sind. Um Ruhe, Ordnung, Eintracht, Reli- giositat und Sittlichkeit unter der der Haus-Communion zu erhalten, hat in der Regel der alteste fahige und dienstfreie Mann die Hausvaterstelle zu fuhren und das Ver- mogen zu verwalten ; sein, Oder ein hierzu geeignetes Weib hat die Hausmutter zu sein. Die Wahl des Hausvaters muss durch die Familie geschehen, und der BehSrde angezeigt werden. Alle Mitglieder der Haus-Communion nehmen alle Obliegenheiten des Hauses und die Feldwirthschaft ohne Lohn auf sich; was die Haus-Communion mit gemeinsamen Kraften erwirbt, ist gemeinsames Hausgut, welches zur Bestreitung der Auslagen des Hauses und des Unterhaltes aller Familienglieder dient. Kein Hansgenosse darf fiir sich Oder seine Familie eine abgesonderte Wirthschaft treiben, fiberhaupt nichts unternehmen, was die gemeinsame Hausarbeit stort. Nur wenn an Zeit erubrigt wird, darf er dieselbe fiir sich verwenden, Geld oder Geriithe erwerben und besitzen; doch muss ein Theil davon in die Hauskasse abgegeben werden. Die Tbeilung einer Communion ist nur unter gewissen Bedingungen gestattet. Von der Geeammtflache der Militargrenze sind nur etwa 79°/o produktiver Boden. Dieses ungiinstige Verhaltniss hat seinen Grund in den vielen Sumpfstrecken der Ebenen und in der steinigen Hoch- flache des westlichen Karstgebietes. Vom produktiven Boden ent- fallen ‘/ 3 auf Waldungen (162 QM.), J/ 4 auf Aecker (137 QM.), 77 QM. auf Weiden, 79 QjM. auf Wiesen und Garten, und fast 5 QM. auf Weingarten. Die Produktion des Ackerbaues geniigt nicht fiir den Be- darf und es findet ein ansehnlicher Import statt. Die Hauptfrucht ist der Mais, dem folgen Weizen und Hafer, endlich Roggen und Gerste, auch Hanf, Flachs und Tabak werden angebaut. Futter- k r a u t e r gedeihen trotz des ganzlich ungeregelten Wiesenbaues in grosser Menge. Wein wird uberall gebaut (iiber 500.000 Eimer), darunter ist jener von Karlowic, Wgisskirchen und Mehadia von vorziiglicher Qualitat. Unter den Obstsorten nimmt auch hier die Klun’s Handels-Geogrupliie. 2. Aufl. 162 Zwetschke und die Bereitnng des Slivovic eine hervorragende Stelle ein. Die ausgedehnten W al dun gen (insbesondere die Eichenwal- der an der Save, Kulpa und Drave) gewahren reiche Ausbeute an Bau- und Schiffbauholz. — Der Viehstand ist gross, aber von minderer Qualitat, nur die syrmischen Pferde haben besseren Werth. DasPIornvieh wird hauptsachlicb als Zugvieh beniitzt, dasSchaf wird mehr wegeu des Fleisches als wegen der Wolle gehalten. Sehr stark ist die Gefliigelzucht, dann jene der Schweine; auch die Bie- nen und Seidenraupen finden gute Pflege, und die Blutegel bilden einen namhaften Ausfuhrartikel. Der Bergbau und die Mineralproduktion sind unbedeutend. Zwiechen der Unna und Save kommt Eisen, in den Auslaufern der Karpathen kommen silberhaltige Bleierze vor und in den Gebirgs- bachen wird etwas Waschgold gesammelt. Sowohl die vorwaltend militarische Bestimmung dieses Kron- landes, als auch die geringen Bediirfnisse der Bewohner erklaren den tiefen Stand, auf dem sich die Gewerbsthatigkeit in diesem Lande befindet; von hoherer Industrie kann nicht die Rede sein. Die in den Militar-Communitaten lebenden Handwerker sor- gen nebst den Weibern durch die hiiusliche Regsamkeit fiir die Bediirfnisse, zunachst fiir die Bekleidung und die militarische Aus- riistung. Lederarbeiten, Lein wand und die Verarbeitung der Schafwolle bilden die Hauptbeschaftigung; am gewerbereichsten sind die ostlichen Bezirke. Einen besonderen Zweig der Thatigkeit bilden Teppiche und Tapeten, welche von den Klementinern in guter Qualitat geliefert werden. Erwahnenswerth ist die steigende Kultur des Seidenbaues, zu welchem Zwecke schon iiber 30 Filanden bestehen und wofiir Klima und Bodenbeschaffenheit vor- zuglich geeignet scheinen, so dass auf diesen Zweig alle Sorgfalt verwendet werden wird. Auch der Schiffbau zu Jasenovac (an der Save) und in Zengg ist nicht ganz unbedeutend. Die Eisen- hammer zu Russberg, Ferdinandsberg und Tergove, die Yerfer- tigung von Thongeschirren und IIolz w aar e n, die Brannt- w einbrennereien u. s. w. sind nicht von erheblichem Umfange, Der Eigenhandel ist bei dem geringen Umfange gewerblicher Thatigkeit unbedeutend; desto wichtiger ist der T ran si t h an del, vornehmlich zu Semlin, dann in Pancova, Orsowa, Brood und Mitrovic. Salz und Getreide werden importirt, Holz und Vieh ex- portirt, zur Durchfuhr gelangen die bsterreichischen Manufakte und die Rohprodukte der Donaulander. Fur den unter strengster Auf- eicht betriebenen Verkehr mit den Tiirken bestehen Rastelle (um- zaunte Marktplatze). Die vier Seehafen: Zengg, Carlopago, St, Giorgio und Jablonac sind nicht bedeutend, doch betrug der Ver¬ kehr im Jahre 1851 nahe an 4 Millionen Gulden (iiber 2*4 Millio- nen Gulden die Einfuhr und fast s / 4 Millionen Gulden die Ausfuhr). Die Landstrass en der Militargrenze sind unstreitig viel besser und zahlreicher als in den Nachbarlandern. Wichtiger sind die Wasserstrassen und vorzilglich das Meer. Auch ist es bereits in das Eisenbahnnetz der Monarchic einbezogen. 163 §. 96. Die Wojwodschaft Serbien und das Temeser Banat. (Wojwodina und Banat.) 545 □Meilen; — 1,540.050 (relativ 2827) Einwohner, darunter etwa 49 % Griechen, 43% Katholiken, 6% Protestanten, an 17.000 Israeliten u. a.; — nach der Nationalitat 29% Slawen, 28'% Romanen, 24% Deutsche, 18% Magyaren, dann Armenier, Juden u. s. f. — Grenzen: im N. Ungarn, — im 0. Ungarn und die Miiiiargrenze, — im S. die Milii&rgrenze und Slavonien, — im W . Slavonien und UDgarn. JSoden. Der grosste Theil dieses Kronlandes gehort der gros- sen ungarischen Tiefebene an; im Osten verzweigen sich die Aus- laufer der siebenbiirgischen Karpathen und im Sfiden erheben sich die syrmischen Hiigel als ausserste Vorberge der Alpen. In der Tiefebene, welche durchechnittlich 2—300' Seehohe hat, kommen bedeutende Siimpfe vor; sonst aber ist die Oberfliiche des Landes die fruchtbarste Dammerde. Ciewasser. Das ganze Kronland gehort zum Donau-Ge- biete, welche die Theiss, die Ternes und den Karas aufnimmt. Die Theiss theilt die weetliche Halfte (Backa) von der ostlichen (Banat) und nimmt die Maros und Bega auf. Die Lange der schiff- baren Strecken betriigt ilber 80 Meilen, die Donau und Theiss wer- den mit Dampfschiffen befahren, die Maros ist scbiffbar und die Temes von Lugos an flossbar. Wichtig sind auch die beiden Ka- nale: der Franzens- oder Backer- und der B e g a - Kanal. Der erste ist fiber 14 Meilen lang, trilgt Schiffe bis 8000 Zentner Last und fiihrt aus der Donau durch die Backa in die Theiss. Der Bega- Kanal ist 16 Meilen lang; er besteht zum Theil aus dem regulir- ten Bette der Bega, wird durch die Temes mittelst eines Verbin- dungskanals gespeist und verbindet Temesvar mit Gross-Beckerek. — Unter den Seen ist nur der Palicer Salzsee (bei Theresiopel) bemerkenswerth. — Siimpfe und Moraste hat das Land viele und weit ausgebreitete in den Niederungen der langsam hinlliessen- den Donau und Theiss. Von den Mineralquell en sind die be- kanntesten jene zu Buzias, zu Murany und die Wasserkuranstalt zu Lunk4ny. Politische Eintheilung. Ausser der Landeshauptstadt Te¬ mesvar, welche der Statthalterei unmittelbar untergeordnet ist, wird dieses Kronland in fiinf Kreise eirigetheilt. Bemerkeuswerthe Orte sind: 1. Kreis Temesvar: Temesvar (22.o00 Einw.), Neu-Arad, Weisec, 2. Kreis Lugos: Lugos (6000), Oravica, Moldova, Ciklova, Bogsan- 3. Kreis Gross-Beckerek: Gross-BeiSkerek (16.000), Gross-Szent- Miklos (17.000), Gross- Kikinda (18.000). 4. Kreis Zombor: Zombor (22 000), Apathin, Theresiopel (= Maria- Theresiope), Szabatka, 48.000), Baja (16.000), Zenta (15.000). 5. Kreis Neusatz: Neusatz (10.000), Alt-Be6e (12.000), Palanka, Ru- ma, Illok. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Von der Gesammtflache des Kronlandes sind uber 86% pro- duktiver Boden, davon entfallen iiber die Halfte (uber 250 1Z]Mei¬ len) auf das Ackerland, fiber 86 QM. auf Weiden, an 68 QM. auf Waldungen, 48 QM. auf Wiesen und Garten und fast 8 QM. auf Weingarten. 164 Die Landwirthschafi ist hauptsachlich wegen des ausserst fruchtbaren Bodens von hoher Bedeutung; der Ackerbau, der wichtigste Theil der Landwirthschaft, liefert nebst der Befriedigung des eigenen Bedarfes noch bedeutende Mengen Getreides zum Ex¬ port und nimmt den ersten Rang im b s terrei chi schen Ge- treidehandel ein. Der Banater Weizen gilt als der beste, der Hafer aus der Backa ist der ausgezeichnetste in der Monarchic, auch der Hanf und der Mais sind sehr geschatzt. Der Reisbau ist in der Abnahme, dagegen hat der Repsbau in neuester Zeit grosse Bedeutung gewonnen. Der Obetbau liefert grosse Mengen des gewohnlichen Wirthschaftsobstes; die Bienen- und Seidenrau- penzucht sind jedoch eher im Riickschritte ; auch das Forst- wesen befindet sich nicht in wiinschensweithem Zustande. Nachst dem Ackerbau bildet die Viehzucht die wichtigste Erwerbsquelle. Im Allgemeinen ist die Viehzucht zwar erheb- lich, doch keineswegs auf dem Standpunkte, den sie in diesem Lande einnehmen kijnnte. Insbesondere ist die Zucht der Pferde, Schafe und Schweine beachtenswerth; die Wojwodschaft hat rela- tiv die meisten Pferde in Oesterreich (762 auf 1 □Meile). Die Pferdezucht wird vorziiglich von den Deutschen und Magyaren be- trieben, wahrend sich die Serben mehr mit der Hornviehzuch t befassen, welche jedoch der Grosse und dem Naturalreichthum des Landes durchaus nicht entspricht. An Borstenvieh muss eine be- trachtliche Menge aus Serbien und der Walachei eingetrieben wer- den; — die Schafzucht, haupts&chlich im Berglande, befriediget „ weder durch die Quantitat noch die Qualitat der Wolle. Der Bergbau ist zumeist auf das karpathische Bergland im Osten beschrankt. Oravica und Dognacka liefern etwa 40 Mark Gold; in den genannten Orten sowie in Szaszka und Neu-Moldova wird aufSilber gebaut (circa 4000 Mark jahrlich),—die Kupfer- ausbeute betragt jahrlich an 10.000 ZentDer, ferner findet man Ei- sen und Blei. Machtige Lager ausgezeichneter Steinkohle sind in Oravica, Steierdorf und Gerlistje, und betrug die Ausbeute im Jahre 1855 an l‘/ s Million Zentner. In gewerblicher Beziehung nimmt das Land noch keinen be- deutenden Platz ein; es ist eben ein vorwiegend Ackerbau treiben- des Kronland. Eine eigentliche Fabriksiudustric hat sich trotz des Ueberflusses an einheimischen Rohstoffen noch nicht entwickelt und beschrankt sich die ganze Industrie auf Kleingewerbe, sowie auf die Nebenbeschaftigungen der Landleute, welche sich mit Flachs-, Hanf- leinwand- und Schafwollwebereien sowie mit Branntweinbrennerei fur den Hausbedarf beschaftigen. Gewerbreicher ist die Backa, wo Teppiche, Kotzen und Flechtwerk erzeugt werden; — beach¬ tenswerth sind die Lederfabrikation in Syrmien, die Poitaschensiede- reien und Oelmiihlen. Zu den grOsseren industriellen Etablissements gehoren : die ararischen Eisenwerke zuReschica, die Glasfabrik zu Tomest, die ^labak- und Kerzenfabriken zu Temesvar, die Kunstmahlmuhle in Lugos und die Seidenfilanden in Apathin, Palanka, Kolluth und Versecz. Ueberhaupt sind Syr¬ mien und die Babka in dieser Richtung am meisten vorgeschritten. 165 Der geringe Stand der gewerblichen Industrie und die ver- baltnissmassig wenigen Bediirfnisse der Bevolkerung erklaren den wenig ausgedehnten Handel. Am ausgebreitetsten ist jener in Roh- produkten, welche exportirt werden, insbesondere Getreide; wo- gegen Colonialwaaren und Industrieerzeugnisse eingefiihrt werden; auch der Detailhandel ist im Steigen. Die Donau und die Theiss, welche mit Dampfschiffen befahren werden, vermitteln den Verkehr, zum Theil auch die Maros und Temes, sowie der Franzens- und der Begakanal. Von grosserer Wichtigkeit werden die Eisenbahnen sein. Dieses Kronland tragt alle Bedingungen in sich, um einer hoheren Kultur entgegen zu schreiten. §. 97. Das KOnigreich Ungarn. 3266 □Meilen; — 8,125.800 (relativ 2489) Einwohner, — fiber die Hiilfte Katholiken, gegen 2 Millionen Protestanten, an l'/ 5 Million Grieehen, 330.000 Israeliten; — nach der Nationalitat 48% Magyaren, 32% Slawen (Slowaken 23%, Ruthenen, Kroaten, Serben, Slowenen), ll°/ 0 Deutsche, 6% Roma- nen, dann Juden, Zigeuner u. a. — Grenzen: im N, Schlesien, Galizien, — im 0. die Bnkowina, Siebenburgen, — im S. Serbien mit dem Banate, Slavonien, die Militargrenze, Kroatien, — im W. Steiermark, Nieder-Oesterreich, Mahren. Koden. Ungarn ist zum Theile Tiefiand, zum Theile Ge~ birgsland. Zum Tieflande gehoren die kleine und die grosse ungarische Ebene (siehe §.75 S. 98); das Bergland gehort theils den Karp at hen an (siehe Seite 30), theils sind es Vor- gruppen der Alpen, u. z, das Leithagebirge, der Bakony- wald vom Platten-See gegen die Donau, die minder hohe Fiinf- ki r chn er-Gruppe zwischen der Drave, Sarviz und dem Platten- See. Der gebirgigste Theil ist somit Nordungarn, wahrend sich im Innern des Landes das grosse einformige Tiefiand ausbreitet. Gewasser. Ungarn gehort mit Ausnahme des Poprad (Popper), der zum Geader der Weichsel gehort und einigen zum Sereth abfliessenden Bachen zum Flussgebiete der Donau, welche bei Pressburg das Land betritt. Sie durchstromt die kleine ungarische Ebene; an beiden Ufern treten unterhalb Gran Berghohen heran, welche den Fluss bis unterhalb Ofen begleiten. Mit geringem Ge- falle fliesst sie dann zum Theile zwischen waldigen und morastigen Ufern durch die grosse ungarische Tiefebene, tritt unweit Baja auf die serbische Grenze und verlasst Ungarn unterhalb der Dravemun- dung. Sie bildet zahlreiche Inseln : die grosse und kleine Schiitt (unterhalb Pressburg), die S t. A ndr e as - In s el, Csepel und Margita in der grossen ungarischen Ebene. Zu den bedeu- tenderen Nebenfiussen gehoren: die March mit der Miava; — die Waag, welche bei Szered in die Ebene tritt, sich bei Guta im Sumpflande mit der Neuhausler Donau vereinigt und als V&gduna bei Komorn miindet, nachdem sie kurz vorher die Neutra aufge- oommen; — die Gran (von der Krai ova horn, Konigsberg, Kiraly- begy) fliesst im Unterlaufe durch Sumpfstrecken und miindet, ohne 8c hiffbar zu sein, gegeniiber von Gran; — die Eipel (Ipoly) mun- j t nach einem tragen, zwischen engen Hiigelthalern vielfach ge- Y'iitnmten Laufe bei Szob; — die Theiss (Tisza) > entspringt in er Marmaros (schwarze und weisae Theiss), welche sie mit starkem 166 Gefalle durchfliesst, wird bei Sziget fur kleine Fahrzeuge schiffbar, tr> von Tokaj an Dampfschiffe. In unzahligen Kriimmungen, zwischen ausgedehnten Siimpfen fliesst sie durch das ungarische Tief- land und tritt bei Szegedin in die Wojwodina. Die „Theiss-Regu- lirungs-Commission" entfaltet bereits eine anerkennenswerthe Tha- tigkeit in der Regulirung dieses fiir den Verkebr und wegen des ausserordentlichen Fischreichthums wichtigen Flusses. Am rechten Ufer nimmt sie die Borzova, den Bodrog, den Hernad, die Eger und die Zagyva, am linken die Szamos, Koros und Mar os auf. — Die Leytha aus Nieder-Oesterreich miindet bei Ungarisch - Altenbnrg. — Die Raab kommt aus Steiermark und wird von Kormend, wo sie in die kleine ungarische Ebene tritt, bis zu ihrer Miindung bei Raab befahren. — Die Sarviz entsteht aus den Siimpfen des Bakonywaldee, hat vielfach sumpfige Ufer, fliesst (von Stuhlweissenburg) in einem Kanale und nimmt vom Plattensee den Sio und von der Funfkirchner Hochebene den Ka- po s auf. — Die Drave bildet die Grenze des Landes gegen Kroatien und Slavonien. — Die bedeutendsten Seen sind der Plat¬ tensee und der Neusiedlersee, erwahnenswerth sind iiberdiess die zahlreichen kleinen Hochgebirgsseen (Meeraugen) in den Kar- pathen. — Beide Tiefebenen haben grosse Moras te langs der Donau, Theiss und deren Zufliissen, zwischen der dreifachen Koros. — Sehr reich ist Ungarn an Min eral qu ellen, als= Szlatina (Slatna), Bartfeld (Bdrtfa), am Sudabhange der Karpathen, die Trentschiner Quellen, die Ofner Schwefelquellen, Postyen (Piestjan) im Waagthale, die Parader Stahlquellen, die Sauerlinge Lublo, Schmecks (Tatra-Fiired), Szulin u. a. Politiselie Eintheilung. An der Spitze der Verwaltung des Konigreiohs Ungarn steht der kaiserliche Statthalter (Civil- und Militargouverneur), welcher in Ofen residirt. In administrativer Be- ziehung ist das Land in 43 Comitate (Kreise), und diese sind in Stuhlbezirke eingetheilt. Die Hauptstadt des Landes ist. Ofen (magy. Buda) mit 55 240 Einwohnern. Hier sind das k. Residenzschloss, die Statthalterei und andere Landesbehorden. Die Stadt liegt auf dem rechten Donau- nfer, theils auf einem Berge (Festung), durch welehen ein Tunnel fiihrt, theils ringsum am Fusse desselben. Schlosskirche mit den Beichskleinodien; Hentzi-Monument. Polytecknisches Institut, Ohergymnasium, Oberrealschule. Am Fusse des Bloeks- barges wavme Schwefelbiider ; in den sehOnen Umgebungen ausgezeichneter Weinbau. Zwei Dampfmfihlen; Arsenal und Altofner Schiffswerfte der Donau-Dampfschififahrts- Gesellschaft. Am linken Donauufer, mittelst einer Kettenbriieke von 1230' Span- nung mit Ofen verbunden liegt die sehonste, reichste und bevolkerteste Stadt Ungarns, Post (magy. Pest) mit 131.700 Einwohnern. Schone Platze, Strassen und stattliche Gebaude zieren diese rasch aufblfihende Stadt. Wissenschaftliche Anstalten sind: die Universitat, die ungarische Akademie der Wissenschaften, das reiche Na¬ tional-Museum, mehrere wissenschaftliche Vereine, die Handels-Akademie, Maler- Akademie, Gymnasium, Bealschule u. s. w. Fiir den Handel und Industrie sind th&tig! die Handelskammer, Bankfiliale, Filiale der Wiener Creditanstalt, ungar. Commerzialbank, die^ Lloyd-Gesellschaft u. a. Pest hat ansehnliche Fabriken in Seide, Tuch, Leder, Oel, Tabak, Bijouterien; besonders wichtig sind die Branntwein- und Mehlerzeugung. Hier ist der Mittelpunkt des reichen ungarischen Handels, vorziiglich in Landesprodukten und Manufakten. Der Umsatz auf den 4 grossen Messen ist ein sehr bedeutender (liber 30 Millionen Gulden). Die Lage der Stadt ist fiir den Handel iiberaus giinstig; hier ist eine Hauptstation der Dampfschiffe; Eisenbahnen verbinden Pest mit der Residenz nnd den bedeutendsten Stadten des Landes. In der Umgebung ist vortrefflieher WeiDbau. 167 Andere bemerkenswerthe Orte in Ungarn sind *) ; 1. Comitat Pest (Pest-Pilis): Pest, Ofen, Waizen (Vacz), Godollo, Pilis, R&czkeve. 2. Comitat Solt (Pest-Solt): Kecskemet (40.000), Czegled, Kalocsa Nagy-KorSs, Duna-Vecse, Solt. 3. Comitat Stuhlweissenburg: Stuhlweissenburg (Szekes-Fehdr- var, 24.000), Mo<5r, Csakvdr, Bicske. 4. Comitat Gran: Gran (Esztergom 13.000), Dotis, Babolna, Almas, Neszmdly. 5. Comitat Borsod: Miskolcz (30 000), Borsdd, Mezo-Kovesd. 6. ComitatHeves:Erlau (Eger 19.000), GyOngy&s, Hatvan, Debro, Parad. 7. Comitat Szolnok: Szolnok (12.000), Mezd-Tur, Tisza-Fured. 8. Comitat Csongrad: Szegedin (40.000), Csongrdd (16.000), Szentes, Vasarhely. 9. Comitat Jazygien und Kumanien: a) in Jazygien: Jasz Berdny (19.000), Jasz Apati, Arok-Szallas ; — b) in Klein-Kumanien: Felegyhaza (18.000), Dorosma, Halas, Kun Szt. Miklos; — c) in Gross-Kumanien: Kardszag-TJj-Szallas, Turkeve, Madaras, Kis-Uj-Szallas, Kun Szt. Marton. 10. Comitat Oedenburg: Oedenburg (Soprony, 16.000), Eisenstadt (Kis Marton), Eszterhaz, Bust, Letting, Mattersdorf, Kapuvar. 11. Comi ta t Wie selburg: Wi e s elburg (Mosony, 4000), Ungarisch-Alten- burg (Magyar Ovar), Neusiedl (am See, Neziddr), Kittsee (Kopcsen). 12. Comitat Eisenburg (Vasvar): Steinamanger (Szombathely, 5000), Guns (Koszegh), Pinkafeld (PinkafO), Oberschiitzen (Felsii-LSvO), Tatzmannsdorf, St. Gotthard, Kormend, Eisenburg, Sdrvar. 13. Comitat Zala: Zala-Egerszeg (4000), Gross-Kanizsa, Keszthely, Sumegh, Filred. 14. Comitat Somogy (Sumegh): Kaposvar, Szigetvar, Marczali. 15. Comitat Fiinfkirchen (Baranya): F iinf kirchen (Pdcs, 16.000), Mo- hacs, Villany, Siklos. 16. Comitat Tolna (Szekszard): Szekszard (oder Szexard, 12.000), Foldvdr, Bonyhad, HSgyesz. 17. Comitat Veszprim: Veszprim (11.000), Papa (16.000), Vasarhely, Palota, Deveczer, Herend. 18. Comitat Baab: Eaab (Gyor, 18.000), Szent-Marton (Martinsberg). 19. ComitatPressburg:Pres sburg(Pozsony, 45.000), St. Georgen (Szent- gyOrgy), Theben, Bosing (Bazin), Modern (Modor), Wartberg (Szempes), Sommerein (Somorja). 20. Comitat Ober-Neutra (Nyitra): Tj rnau (Nagy-Szombat, 7500), Leopoldstadt, PSstydn (Oder Pistyan), Neustadtl, Miava, 0 Tura, Holies, Skalitz (Szakolcza), Brezova. 21. Comitat Unter-Neutra: Neutra (9500), Neuhiinsl (Ersek Ujvar), Urmbny, Freistadtl (Galgdcz), Gross-Topolcsany. 22. Comitat Komorn: Komorn (Komarom, 11.000), Perbet.e, Guta. 23. Comitat Bars: Aranyos-Marot (1300), Kremnitz (Kormoczbanya 5000), Kdnigsberg (Ujbanya), Szkleno, Verebely. 24. Comitat Hont: Ipolysag (2000), Schemnitz (Selmecz, 20.000), Dilln (Belabanya), Pukancz (Bakabanya). 25. Comitat Beograd: B a 1 a s s a - G y a r m a t (4600), Neograd, Lo- sonez, Gacs. 26. Comitat Sohl (Zolyom): Neusohl (Beszterczebanya, 6000), Altsobl (Zolyom), Bries (Breznobanya), Libeten (Libetbauya), Herrengrund (Urvolgye), Her- manetz, Bonecz, Szliacs. *) Zur Aussprache: a =» lautes, helles a, sonst oT; — d = Mittellaut zwi- schen e und i; — cs == tseh; — cz = z; — ds = dsch; — gy == dj; — h = nur vor Vokalen wie h, am Ende lautlos;— ly — lj (in billet); — ny = dem franz. Oder italien. gn. (compagnie, vergogna); — s = seh; — sz = ss; — y — w', 2 “■* gelindes s; — zs oder ’s — franz. j (jour). - Hier sind griSsstentheils die ungarischen und die deutseben Namen der '-'ttschaften angegebon, insoweit solche im Gebrauehe sind. 168 27. Comitat Liptan: Szent-Miklos (Nicolau, 2000), Bocza, Deutsch- Lipcse, Rosenberg, Szlees, Lucski. 28. Comitat Arva-Turocz: Szent-Marton (1500), Alsd-Kubin, Mo- socz, Arva, Stuben (Stubnya), Jablonka, Turdosin, Trsztena. 29. Comitat Trencsin: Trencsin (2600), Teplitz, Waag-Bistritz, Rajecz, Sillein (Zsolna). 30. Comitat Abauj - Torna: Kaschau (Kassa, 14.000), Torna, Moldau (Szepsi), Metzenseif, Goncz, Szantd, Szikszo. 31. Comitat GOmbr: Rima Szombat (Gross-Staffelsdorf, 8300), Rima Brez<5, Theissholz (Tiszolcz), Dobsina (Dobsehau), Pohorella, Csetnek, Rosenau (Ros- nyo), Gomor, Aggtelek. 32. Comitat Zips (Szepes): Leutschau (Loose 6000), Wallendorf(Szepes Olaszi), Gollnitz, Schmolnitz (Szomolnok), Neudorf (Igld), Kesmark, Lublau (Lubld), Sohmecks (Tatra-Lured). 33. Comitat Saros: Eperjes (10.000), Sdvar (Salzburg), Cservenieza (Vords-Vagas), Gross-Saros, Klein-Szeben, Bartfeld (Bartfa), Szulin. 34. Comitat Zemplin: SStorallya IJjhely (7200), Zemplin, Sfiros- Patak, Tokaj. 35. Comitat Ung: Ungvdr (6000), Dubrinics, Szobrancz. 36. Comitat B ereg-Ugocsa: Munkacs (4300), Beregszasz, Tisza-Ujlak, Nagy-SzOllos. 37. Comitat Marmaros: Nagy Sziget (Marmaros Sziget, 6000), Huszt, Rduaszck, Borsa, Suliguli. 38. Comitat Siid-Bihar: Grosswardein (Nagy-Yarad, 25.000), Bihar Margitta, Belenyes, Rdz-Banya, Nagy Szalonta, Sarkad. 39. Comitat Nord-Bihar: Debreczen (40.000), Didszeg, PuspOk-Ladany, Nadudvar, Boszormdny, Szoboszld, Nanas, Dorog. 40. Comitat Arad: Arad (28.700), Pdcska, , Menes, ViJagos, Magyarat, Dezna. 41. Comitat Bdkds - Csanad: Gyula (16.000), Be'kds, Szarras, Oroshaza, Mezdbereny, Csanad, Nagylak, Szeghalom, Mako. 42. Comitat Szabolcs: N a gy - Kali d (6000), Nyiregyhaza, Nyir-B4tor. 43. Comitat Szatmdr: Szatmar (15,000), Nagy-Banya, PelsO-Banya, Nagy-Karoly, Ecsed. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Von der Gesammtflache Ungarns sind iiber 85% produktiver Boden ; wovon 45% (an 1012 QMeilen) auf Aecker, 30% aufWal- dungen, 14% auf Weiden, 8% aufWiesen und an 3% (=43nM.) auf Weingarten entfallen. Die Lamlwirthschaft wird in neuerer Zeit besonders auf den grossen Grundkomplexen weit rationeller betrieben als ehemals. Die Produktion iibersteigt jederzeit den heimischen Bedarf, daher gelan- gen ansehnliche Quantitaten zum Export. Die eigentlichen Getreide- distrikte sind die beiden Tiefebenen, und ganz vorziiglich die grosse Ebene jenseits der Theiss ; der Flugsand an der Donau und Theiss sowie die haufigen Ueberschwemmungen sind hingegen Hindernisse des Getreidebaues. Die grossten Quantitaten erzeugt das Land an Hafer, dann Gerste, Roggen, Mais und Weizen. Der Weizen widr am st’arksten in jenen Gegenden angebaut, wo geregelte Ver- kehrsverbindungen den Absatz erleichtern; von vorzuglicher Quali- tat ist die Frucht aus der Umgebung von Miskolcz und Arad; das Arader-Mehl ist ein sehr geschatzter Artikel. Der Roggen wird uberwiegend von den Slawen in den nordlichen Theilen, in ge- ringerem Grade jedoch iiberall in Ungarn angebaut; das gleiche Verhaltniss findet bei Hirse und Buchweizen Statt. Die Gerste wird bedeutend starker angebaut, sowohl zur menschlichen 169 Nahrung als zur Bierbrauerei und das Gerstenstroh als Viehfutter verwendet. Die Produktion des Hafera ist am starksten in den nbrdlichen armeren Comitaten (Arva, Trencsin), aber auch im Siiden von beachtenswerther Menge; viel davon wird exportirt. Der unga- rische Mai a ist vorziiglich, dessen Produktion sehr gross , insbe- aondere im ostlichen und siidlichen Theile; im Iunern dea Landes wird davon auch viel zur Viehmast verwendet. Unter den Handelapflanzen nimmt der Tabak den ersten Rang ein und wird die Produktion uber V 2 Million Zentner berech- net. Im Jahre 1851 war die Tabakpflanzung auf etwaa iiber 31.000 Joch beschrankt, im Jahre 1858 war sie bereits auf 133.000 Joch geatiegen. Dieser Aufschwung wurde durch die Aufmunterung und Unterstutzung der Regierung erzielt, welche den Pflanzern Geldvor- schiisse machte und deren Streben dahin ging, nicht nur das zur Deckung des Staatsbedarfes erforderliche Quantum zu erzeugen, sondern auch einen Absatz nach demAualande sicherzustellen. Die beaten Qualitaten liefern die Komitate Oedenburg (Lettinger), He- ves, Neograd, Komorn, Eisenburg u. a. w. Hopfen wird bei der gesteigerten Bierkonsumtion aus Bohmen eingefiihrt, da dessen An- bau nur in wenig Komitaten landwirthschaftlich betrieben wird. Der Hanf kommt in grosser Menge und in guter Qualitat in den siidlichen Landestheilen vor, die F1 a c h s kultur ist dagegen mit geringen Aus- nahmen (darunter die Zips und einzelne Gegenden der Komitate Arva, Turocz, Liptau, Marmaros und Eisenburg) nicht befriedigend. Der Anbau von Reps ist im Steigen, dessgleichen von Runkelriiben. Das Land ist weiters reich an Farbpflanzen, an Zwiebelgewachsen, Melonen, Kiirbissen, Hiilsenfriichten u. s. w. Die Obstkultur, ob- wohl gegenwartig im erfreulichen Aufschwunge, steht doch nicht auf jener Stufe, zu der sie durch Klima und Boden befahigt ist. In den Handel kommt das Oedenburger Obst, bekannt ist jenes aus Gomor, dann die „Briinner Zwetschke" aus den deutschen Kolonien der nie- deren Karpathen. Dieses an alien Naturprodukten so reich gesegnete Kronland ist relativ auch das erste Weinland der Erde, denn in Hinsicht der Qualitat wird es von keinem Lande, hinsicht- lich der Quantitat nur vo n F r a n kr ei c h fibertroffen. Den ersten Rang nimmt der auf der Hegyallya auf 5 QMeilen wach- sende Tokajer ein; weiters sind der Menescher, Ruster, Ofner, Er- lauer, Visontaer, ViMnyer, Schomlauer, Szekszarder, St. Georg- ner u. s. w. als vorzugliche Weine bekannt. — Die Weinkultur Un- garns ist iibrigens noch einer sehr grossen Vervollkommnung fahig. In der That ist der Wein Oesterreichs ein Artikel, welcher mit Siegeszuversicht den Weltmarkt betreten kann und keine Konkur- renz zu scheuen braucht. Die Waldkultur befindet sich nicht in wunschenswerthem Zustande, auch ist der Waldboden ungleich vertheilt, indem sich die waldigen Berghohen Iangs der Grenzen hinziehen, zwar einzelne Zweige, namentlich im nordlichen und westlichen Theile, in das Land hineinsenden; allein im Inneren des Landes, in den Tiefebe- nen herrscht empfindlicher Holzmangel. Zudem sind die noch unge- 170 niigenden Kommunikationsverbindungen des Landes ein Hinderniss, um diese Gegensatze auszugleichen, und fur Waldanlagen ist man bis jetzt noch wenig thatig gewesen. Trotz der grossen als Weide beniitzten Flachen, welche das Wiesland fast um das Doppelte iibersteigen, bietet das Land doch einen reichen Viehstand, und bildet dieser einen eintrag- lichen Handelsartikel Ungarns. Das Hornvieh, die mitunter hoch- veredelten Schafe und dauerhaften Pferde werden in denEbenen gezogen; in den fruchtbareren Gegenden kommt das ungarische Zackelschaf, in den sumpfigen Landstrichen und in den grossen Eichenwaldern der Baranya, des Zalaer, Arader, Biharer Komitates, im Bakonywalde u. s. w. das Borstenvieh in ungeheuerer Menge vor. Auch die Zucht der Ziegen und des Gefliigels ist sehr ausge- breitet; dagegen jene der Bienen von relativ untergeordneter Be- deutung und jene der Seidenraupe erst im Entstehen, Auch die Blutegel bilden einen namhaften Exportartikel nach Deutsch¬ land, der Schweiz, Frankreich und England. Ungarn besitzt die Be- dingungen fiir eine grossartige Entwickelung der Viehzucht und konnte dahin gebraeht werden, den noch inangelnden Bedarf' der Monarchie, wofur gegenw&rtig an 10 Millionen Gulden an dasAus- land bezahlt werden, vollstandig zu decken. — Die Jagd bietet ebenso mannigfaltige und reiche Ausbeute als der Fischfang. In letz- terer Beziehung sind die fischreiche Theiss, die Donau, der Poprad (Forellen und Lachse) und der Plattensee besonders bekannt. Der reiche Segen an fast alien Naturalien Ungarns kaun jahrlich auf wenigstens 600 Millionen Gulden bewerthet werden. Bergbau. Ungarn ist ebenso durch die Mannigfaltigkeit an Mineralien iiberhaupt, als durch deren Menge und die Qualitat der edlen Metalle ausgezeichnet. Das Gold kommt hier meist rnit Sil- ber vermengt vor. Die reichhaltigsten Goldgruben sind zu Schem- nitz, Kremnitz, Nagybanya, Neusohl, welche nebst den geringon Goldwaschereien im Jahre 1855 an 1587 Mark (a 385 fl. Oe. W.) lieferten ; die Silber gewinnung belief sich im genannten Jahre nahe an 53.900 Mark (h 25 fl. 20 kr. 6. W.), welches in den erwahn- ten Goldbergwerken, dann in Schmollnitz, Kapnik etc. zu Tage ge- fordert wurde. Die Ausbeute an Kupfer (vorziiglich im Schmoll- nitzer Distrikt, dann bei Neudorf, Szlovenka etc.) ist so ergiebi-j wie in keinem anderen Kronlande, denn sie betrug mehr als 32.000 Zentner. — Eisen wird am meisten im Gomorer- und im Zipser- Komitate (an 160.000 Zentner), dann in der Gegend um Ivaschau, Torna, Sdros, Zemplin, so wie im Liptauer- und Sohler-Komitate gewonneu; doch steht es in der Qualitiit dem steirischen nach. Steinsalz liefert das Marmaroser- (uber l 1 /^ Million Zentner) Kochsalz das Saroser- (nahe an 200.000 Zentner) Komitat. Soda, Glaubersalz, Salpeter, Alaun u. s. w. kommen in erheblichen Men- gen in den Handel. — An Steinkohlen betrug die Ausbeute (1855) nahe an 3'/ 2 Million Zentner, insbesondere kommt die Braun- kohle sehr haufig und in grosser M&chtigkeit vor. Die Neugestaltung unseres Vaterlandes, das Yorwartsstreben auf dem Gebiete der materiellen Entwickelung macht verhaltniss- 171 massig in keinem Kronlande so grosse Fortschritte als in Ungarn, wo von Jahr zu Jahr die Herrscherin unseres Jahrhunderts — die Industrie — neue Distrikte sich erobert und ihr Reich ioi raschen Siegesfluge vergrossert. Allerdings hat die Natur hierzu viele na- tiirliche Grundlagen geboten; allein die Regierung hat durch Hin- wegrautnung so vieler Hindernisse, welche fruiter den industriellen Aufschwung hemmten, eigentlich den machtigsten Anstoss gegeben, die reichen Naturschatze zu heben und sie hither zu verwerthen. Dessenungeachtet deckt die ungarische Industrie bis jetzt noch lange nicht den Bedarf, denn sie ist erst auf einzelne Gegen- den und auf verhaltnissmassig wenige Fabriken beschrankt. Die rei¬ chen Geldmittel, der sichtliche Wetteifer zwischen dem Adel und den Stiidten, die rasche Errichtung zahlreicher technischer Anstalten sichern dem Lande auch auf diesem Gebiete eine grosse Zukunft. Betrachtet man die gewerbliche und industrielle Thatigkeit nach deren geograp hi 8 ch e r V er b r e i t ung in Ungarn, so kann man folgende Gebiete hervorheben: Ober-Ungarn ist ver¬ haltnissmassig reich an gewerblichen Unternehmungen. Im ehemali- gen Pressburger Verwaltungsgebiete sind das Neograder und das Neutraer Komitat beachtenswerth, wo Garbereien und Tuch- webereien, Runkelriibenzucker- und Glasfabriken bestehen; auch die Handweberei und Leinenweberei, obwohl iiberwiegend als hausliche Nebenbeschaftigung, werden ziernlich lebhaft betrieben. Das friihere Oedenburger Verwaltungsgebiet hat die meiste Riibenzucker- fabrikation in Ungarn, ausserdem Rosoglio-, Spiritus- und Brannt- weinbrennereien, Bierbrauereien und Eisenwerke; — die grossarti- gen Schmieden liefern vorziigliche Ackergerathe. Im mittleren Ungarn nimmt nur Pest eine bemerkenswerthe Stellung sowohl in Bezug auf das niedere Gewerbewesen als auf die Fabriksindustrie ein. Dampfmiihlen, die Erzeugung von Seiden- und Baumwollwaaren, Kerzen, Leder, Maschinen, dann chemische Produkte u. s. w. sind gut vertreten; auf dem Flachlande ist ein Aufschwung im Gewerbewesen kaum merkbar. Die Alt-Ofner Do- nauschiffswerfte ist bestens bekannt. Im ostlichen Theile Ungarns ist die technische Kultur imGan- zen minder vorgeschritten als im westlichen. Die niederen Gewerbe besch&ftigen sich fast ausschliesslich nur mit Artikeln, welche fur den taglichen Bedarf unumgiinglich nothig sind. Die relativ gerin- gere Kulturstufe der Bevolkerung kennt noch wenig hohere Bediirf- nisse; desshalb sind diese Erzeugnisse mehr durch ihre M e n g e , als wegen der technischen Vollkommenheit bemerkenswerth. Fabriks- massig werden im Gross ward ein er Distrikte Eisenwerke, Oel- miihlen, Spiritusbrennereien betrieben; erheblich sind die Dampf- und Kunstmiihlen, Bierbrauereien und die Fabrikation von Glas, Seife, ordinarenThonwaaren, Lederarbeiten u. dgl. — ImKaschauer Gebiete gehoren in den Rang der hoheren industriellen Unterneh¬ mungen nur die vielen (178; Eisenwerke, einzelne Steingut- und Porzellan-Fabriken und jene fiir Glas und Papier. Der wichtigste Gewerbszweig ist unstreitig die Eisenindustrie, na- mentlich im Gomorer und Zipser Komitate. An diese schliesst 172 sich zuniichst nach ihrer relativen Wichtigkeit die Erzeugung ge- brannter Fliissigkeiten an. Die Zahl der Branntweinbrennereien belief sich im Jahre 1858 auf nahe 4000, und wird dieser Industrie- zweig hauptsachlich im Interesse der Landwirthschaft betrieben. Die Bi er er ze ugung ist in der Zunahme begriffen; von Riiben- zuckerfabriken besteht nur eine in Kaschau, welche im Jahre 1858 an 26.000 Zentner Riiben verarbeitete. Das Kleingewerbe sorgt fiir die gewohnlichen Bediirfnisse. Im Allgemeinen wird die Verarbeitung der Rohstoffe ii b e r- wiegend gewerbsmassig betrieben; die Zahl der Fabriken (wovon relativ die meisten auf das vormalige Kaschauer Verwaltungs- gebiet kommen), ist verhaltnissmassig geringe. Auch die Zahl der in Verwendung stehenden Dampfmaschinen ist relativ eine geringe; doch werden hierin vou Jahr zu Jahr riesige Fortschritte geinacht. Von den Gewerben kommt die grosste Anzahl auf den Distrikt Oedenburg, dann Pest-Ofen, Pressburg; in Kaschau ist deren An¬ zahl schon geringer und am kleinsten ist sie im Grosswardeiner Gebiete. Die Hauptsitze gewerblicher Thatigkeit sind sonach im Norden und Westen des Landes; die Ausbreitung nach Osten und Siiden geht in Bezug auf die Anzahl der industriellen Unterneh- mungen langsam vorwarts, dagegen werden die neuen Etablissements grosstentheils im grossartigen Umfange und nach den neuesten Sy- stemen angelegt. Die Industrie gewinnt sonach inUngarn sowohl an Umfang als an Ausdehnung. Betrachtet man die Industrie Ungarns nach den verschiedenen Zwei- gen, so findet man, dass die L ode rb erei t ung relativ am ausgedehntesten betrieben wird. Grflssere Fabriken bestehen zu Buda-Pest, Erlau, Eisenstadt, Finta (C. Saros), grossere Garbereien zu Funfkirchen, Oedenburg, Raab, Pressburg, Pest, Debreczin, Grosswardein, Kaschau, in den Comitaten Gomor und Neutra. — Die Leinen- vveberei hat ihren Hauptsitz in Nordungarn, vorzuglich in den Comitaten Zips, Saros, Arva, Trencsin, Thurocz, Zemplin, Sohl, Liptau, Marmaros; in Pinkafeld (an der steirischen Grenze) Battist; auch die Kunstweberei, Farberei und Druckerei beginnen sich auszubreiten. •— 1 Die Industrie in S c ha fwoll waar en beriihrt Ungarn wegen der erheblichen Menge des Rohproduktes, welche dieses Land produzirt, sehr nahe. Ungarn erzeugt viel und darunter ausgezeichnete Wolle, und diese „urvvuchsige“ In¬ dustrie kann noch hohen Aufschwung nehmen. Industrielle Etablissements, welche sich mit der Erzeugung von Schafwollstoffen befassen, bestehen fast gar nicht. Da¬ gegen ist der Pester Platz fur diese Artikel in kommerzieller Beziehung von Be- deutung, indem der Umsatz von inlandischen Tuchwaaren und Hosenstoffen auf 4—5 Millionen, in anderen Schafwollwaaren auf das Zwei- bis Dreifache geschatzt wild. Briiun nimmt hierbei eiuen ehrenvollen Platz ein. Zu Skalitz, Zay-Ugrocz, Gacs bestehen Tu ch fa briken; langs der Grenze gegen Steiermark, Oesterreich, Mahren, Schlesien und Galizien wohnen Tuchmacher in grosser Anzahl, welche je- doch ijbervviegend nur die gewohnlichen ordinilren Xuehe fur den Hausbedarf liefern. — Die E i s e n industrie ist am stiirksten in Nordungarn, itn Giimorer Comitate ver- treten, wo bedeuteude Walzwerke und Gie6sereien bestehen; Maschinen werden in Buda-Pest und Munkacs, Kails in Bohnitz, Brzova und Pohorella, sehr guter Stahl in DiosgySr verfertiget. Beachtung verdienen die K upferwaaren, die chemischen Produkte, die Fabriken fur Tabak, Pulver, die Oel- und Dampfmuhlen, die Seifen- siedereien vou Debreczin, Szegedin, Ketskemet und Kumanien; — die vielen Glas- hutten und Papiermiihlen im Norden, die Ziegelbrennereien bei Pest nnd die Erzeugung von gebrannten Fliissigkeiten. Im Steigen sind die Riibenzuckerfabriken; auch die Baumwolle kommt zur Geltung. Im Sohler Comitate (Bries) und im Liptauer bildet die Kasebereitung einen namhaften Erwerbszweig. Ungarn besitzt die Vorbedingungen fiir die Entwickelung eines schwunghaften Handels sowohl fiir den Verkehr im Innern 173 als nach den Nachbarlandern. Die mannigfache Yerschiedenheit in der Lebensweise und Gesittung der Bewohner des Landes bedingt einen lebbaften wechselseitigen Austausch. Der Ueberfluss an Roh- produkten und der Mangel an Industrie-Erzeugnissen, welche iiber den nothdurftigsten Bedarf reicben, veranlassen den Handel mit den Nachbarprovinzen, welche aus Ungarn Getreide, Mehl, Wein, Thiere und thierische Produkte beziehen, und dagegen Colonial-, Baum- woll-, Schafwoll-, Seiden- und Eisenwaaren, sowie Leinen, Luxus- und Modeartikel dorthin importiren. Der Haupthandel konzentrirt sich auf den vielen Jahrmarkten, welche in mehr als 900 Ortschaf- ten gehalten werden und worunter die Markte von Pest, Debreczin, Alt-Arad und Szegedin den ersten Rang einnehmen. Auf diesen grossen Miirkten ist eine erhebliche Konkurrenz verschiedener Waa- ren bemerkbar, wahrend fur den Absatz der einzelnen nationalen Produkte einzelne Platze dienen. Hieher gehoren unter anderen die Viehmarkte in Pest, Waitzen, Kecskemet, Debreczin, Arad, Oeden- burg; — die Pferdemarkte in Raab, Debreczin, Stuhlweissenburg; die Schweinemarkte in Oedenburg, Gross-Kaniza, Debreczin, die Wollmarkte in Pest, Losoncz, die Tuchmarkte in Tyrnau ; von be- sonderer Bedeutung sind die grossen und vielen Getreidemarkte, als in: Debreczin, Kaschau, Miskolcz, Nagy-Kanizsa, Wieselburg, Szegedin, Raab u. s. w. Jedes der vormaligen Verwaltungsgebiete hat gewisse Eigenthiimlichkeiten in Hinsieht der Handelsartikel und der Richtung des Verkchrs. Im Pressburger Distrikte betreiben Tyrnau und das Trencsiner Comitat einen ansehnlichen Export- handel mit gedOrrten Zwetschken, das Thuroczer und Liptauer Comitat mit alien Arten Holz, das Sohler Comitat exportirt viel Brinsenkase. Im Oedenburger Bezirk bilden der Kornerfriichten- und der Wein- h an del die bedeutendsten Zweige des Verkehrs. Fiir ersteren ist Wieselburg das Entrepot last aller bedeutenden Fiiichtenhandler Ungarns, der Bacska und des Banates, und der Umsatz auf diesem Platze, der zu den Fruchtpliitzen ersten Ranges in Oesterreich gehort, beliiuft uch zwischen 4 bis 7 Millionen Metzen. Auch der Raaber Platz erhalt seine Getreidezufuhren von der Donau aus dem Banate und der Umsatz ist beilaufig 2 Millionen Metzen. Der Viehhandel konzentrirt sich in Oedenburg. Der ehemals Starke TranBitohandel hat bedentend abgenommen, dage¬ gen wird in Oedenburg der Hausirhandel sehr stark betrieben. Im Pest-Ofner Distrikte konzentrirt sich fast der ganze Handel in Pest, welches fiir den Handel eine so giinstige Lage hat, wie vielleicht keine Stadt der Monarcliie. Pest ist der natiirliche Vermittlungspunkt fiir den Handel zwischen den Ilafenplatzen des schwarzen Meeres und der Donaulander mit dem industriellen Westen und Nordwesten der Monarchic. Die Pester Jahrmiirkte gehiiren zu den besuchtesten der Monarchie und der jedesmalige Verkehr belauft sich auf mehrere Millionen Gulden. In der Ausdehtmng nnd dem Aufschwunge des Handels liegt die Grdsse und Bedeutung, die Zukunft dieser Stadt. Unter den ubrigen Stadten dieses Bezirkes, welche Handel mit Rohprodukten betreiben, ist nur noch Miskolcz erwahnenswerth. Im Grosswardeiner Distrikte wird der Handel in Schafwolle, Federn, Lammfellen, in Getreide, Tabak, dann mit Pferdtn, Hornvieh und Schweinen lebhaft betrieben. Die vier Debrecziner Jahrmkrkte werden aus alien Theilen von Ungarn und Siebenbiirgen, ja selbst aus dem Auslande stark besucht und ist der Verkehr auf denselben ein sehr becleutender, nicht uur in Hornvieh, Pferden und Schweinen, sondern auch in den Erzeugnissen der mannigfaltigen Industrie von Debreczin (wollene Zeuge, Mantel, Miitzen, Csizmen, Schafpelze, thonerne Tabakspfeifen u. s. w.). Be- riihmt sind die Soda-Seife und der Debrecziner Tabak. Auch der Fischhandel ist von Belang, da die aus der Theiss und Maros gewonnenen Fisehe an der Luft ge- trocknet, in grosser Menge in den Handel kommen. Der Handel im Kaschauer Distrikte umfasst ebenfalls vorwiegend die Er- 174 zeugnisse der Bodenwirthschaft, worunter sowohl das Getreide als die Haudelspflan- zen, noch mehr aber Holz und die oberungariechen Weine ansehnlichen Absatz fin- den ; — auch die Erzeugnisse der Metallindustrie bilden einen erwahnenswerthen Handelsartikel. Von nicht geringerer Wichtigkeit als der innere Handel ist jener mit den Nachbarlandern. Seit dem Auflassen der Zoll- schranken gegenilber den westlichen Kronlandern (im J. 1851) und der grossen Energie, mit welcher an Kommunikationsverbindungen durch die Erweiterung der Schiffahrt *), die Regulirung der Fliisse, den Bau der Eisenbalinen, die Verbesserung der Landstrassen und Gemeindewege u. s. f. gearbeitet wird, — ist der Verkehr stets im Steigen und er sichert dem Lande eine erfreuliche Zukunft. §. 08. Das Grossfiirstcnthum Siebenbiirgen. 1102 [JMeilen; — 2.172.750 (relativ 1971) Einwohner, — davon fiber 230.000 Itatholiken, uber 1,3000.000 Griechen (die grOssere Hsilfie unirte Griechen), fiber % Million Protestanten (etwa % A. C. und fiber */ 5 H. C.), dann Uni- tarier, Israeliten;—nach der National itat fiber 1,200.000 Romanen, etwa 540.000 Magyaren, 200.000 Deutsche, 80.000 Zigeuner, dann Armenier, Bulgaren, Friauler, Juden. — Grenzen: im N. Ungarn und die Bukowina, — im 0. die Tfirkei (Mol. dau), — im S. die Tfirkei (Walachei), —im W- die Militfirgrenze, das Banat, Ungarn. Boden. Siebenbiirgen ist ein Hochland, Die in Gestalt eines unregelmassigen Viereckes emporgehobene, nur im Nordosten der Theissquellen mit dem karpathischen Waldgebirge zusammenhan- gende Bergmasse ist von 4—6000’ hohen Randgebirgen umscblossen, welche im Osten die Siebenbiirger Karpathen genannt wer- den. Der grossartige siidliche Hohenzug heisst das Fogaraser- Gebirge (ostlich der Aluta das Slaraga3eher-, westlich das Hateze- ger-Gebirge); — am Nordrande zieht das Nagy-B&nya und das Bukk-Gebirge, am Wesfrande das siebenbiirgische Erzge¬ birge (das Reuss-Gebirge, der Bihar). Im Innern des Landes strei- chen zahlreiche Berggruppen und Hiigelreihen, unter denen die zwei bedeutendsten, von Nordosten nach Siidwesten streichenden die drei Hauptflussgebiete des Landes abgrenzen. Der Boden ist nirgends eine weit ausgedehrite Hochebene, sonderu uberall von Thalern mit vorherrschend westlicher Richtung durchschnitten. Das tiefstgelegene Thai ist das der Maros, hfiher liegt das Szamosthal, am hochsten das verhaltnissmassig breitesfe Alt- (oder Aluta-) Thai; von ziem- licher Breite sind noch das Aranyos-, Hatszeger- und Zibinthal, wahrend die Kokelthaler schmaler und kiirzer sind. Eine der am meisten ebenen Gegenden des Landes ist die K1 ausenburger s Kampia" oder „Mezosdg. u Fiir den Verkehr mit den Nach- *) Die F1 ussschiffahrt in Ungarn umfasst auf der Donau und deren Neben- flfissen 552 grOssere und 186 kleinere, zusammen 738 Fahrzeuge. Den grOssten Sehiffsverkehr hat Szeged in, welches allein 115 grOssere und 94 kleinere Fahr¬ zeuge besitzt, und vermoge seiner glticklichcn geographischen Lage an der Mundung der Maros in dem getreidereichsten Tbeil Ungarns diesen Vorzug auch in der Folge behaupten wird. Den zweiten Rang hinsiclitlich der Anzahl der Schiffe nimmt Raab mit 73 ein, dann Sissek mit 59, Pest mit 31 n. s. f. Die Baukosten eines Kuderschiffes griisster Gattung betragen 10—12.000 fl„ kleiner Art etwa 2000—3000fl. Im Jabre 1858 befOrderten diese Schiffe 7,680 000 Metzen Getreide, in welcher Ziffer jedoch der Verkehr auf der Save und Kulpa, sowie auf der Donaustrecke oberhalb Pest nicht mit inbegriffen ist. 175 barlandern sind die Passe von Bedeutung. Der Pass Rodna fuhrt nach der Bukowina, — der Borgo-, Gymes- und Ojtos- Pass nach der Moldau, — der TOrz burger-, Rothenthurm- nnd Vulkan-Pass nach der Walachei; der Pass des eisernen Thores in die Milit&rgrenze (von Hatszeg nach Karansebes). Gewiisser. Siebenbiirgen, welches von zahlreichen, vielver- zweigten aber diinnen Wasseradern durchzogen wird, gehort zum Gebiete der Donau. Am wasserreichsten ist die Mar os, welche im ostlichen Karpathenzuge entspringt, im grossen Bogen das Land durchfliesst, von Karlsburg an schiffbar ist und die Aranyos, die Kokel (KiikiillO) und den Miihlenbach aufnimmt. Die Szamos entsteht aus der Yereinigung der grossen und kleinen Szamos (bei Dees), wird zum Holzflossen beniitzt, nimmt zahlreiche Biiche auf und verlasst in nordwestlicher Richtung das Land. Die Aluta(Alt) hat ihren Ursprung in der Nahe der Maros-Quellen; sie wird we- der zum Flossen noch zur Schiffahrt beniitzt und tritt durch den Rothenthurmpass in die Walachei. Auch die Kbros hat zwei ihrer Quellen in Siebenbiirgen. — Das Land hat ke-ine nennenswerthen Seen und nur wenige ldeine Teiche; dagegen viele Heil- quellen, darunter jene von Borszdk die bekanntesten sind. In bedeutender Menge werden auch die Sauerbrunnen von Rakos und Ellopatak versendet; letzter Ort erfreut sich zudem eines leb- haften Besuches von Badegasten. Auch die Bader von Thorda, Salz¬ burg, Korond u. s. w. werden besucht. Politische Eintheilung. Das Grossfiirstenthum Siebenbiirgen wird in zehn Kreise eingetheilt. Die Landeshauptstadt Hermann- stadt ist der Statthalterei unmittelbar untergeordnet. Bemerkenswerthe Orte sind: 1. Kreis Hermann! tadt: Hermannstadt (Nagy Szeben 18.600 E.), Schassburg (Segesvar), Mediasch (Medgyes), Salzburg (Viz-Alna), Miihlenbach (Szasz-Sebes), Olah-Pian, Elisabethstadt (Erzsebetvaros), Eeismarkt (Szerdahely). 2. Kreis Broos: Broos (Szdszv&ros 5000), Hatszeg, Deva, Gyalar, Vajda- Hunyad, Nagyag. 3. Kreis Karlsburg: Karlsburg (Karoly-Fehdrvar 12.000), Abrudbanya (= Gross-Schlatten), Zalatna (= Klein-Schlatten), Vor&spatak, Offenbanya. 4. Kreis Klausenburg: Klaus enb urg (Kolosvar 25.000), Torda (= Tho- renburg), Toroczkd, Kolos. 5. Kreis Szi 1 agy - Somly o: Szilagy-Soml yo'(3300), Zilah (=> Zillen- raarkt), Tasnad. 6. Kreis Dees: Dees (5500), Szamos-Ujvar, Olah-Lapos, Kapnik-Banya. 7. Kreis Bistritz: Bistritz (7000), Rodna, Borgo, Szdsz-Regen. 8. Kreis Ma r os - V asar h e ly: Maros-Vdsarhe ly (10.000), Bonyba, Parajd. 9. Kreis Udvarhely: Ud var be ly (6000), Borsze'k, Gyergyd-Szent-Miklos, Csik-Szereda. 10. Kreis Kronstadt: Kronstadt (Brassd 32.000), Zeiden (Feketehalom), Fogaras, Reps (KShalom), Kezdi-Vasarhely, Bereczk. Kulturverhaitnisse im Allgemeinen. Von der Gesammtflache dieses Kronlandes entfallen nur bei- liiufig 76% au f produktiven Boden; davon gehoren jedoch 43 % den Waldungen und 12% den Weiden an. Dem Ackerbau sind etwa 216 □Meilen, dem Wiesen- und Gartenbau nahezu 160 [jMeilen und dem Weinbau 4 .„ QMeilen gewidmet. Das Bergland weiset herrliche Laubwalder mit eanften Abhangen, welche gut bebaut und mit ausgedehnten Rebenanlagen geschmiickt sind; in den wiesen- reichen Th&lern stehen Dorfer mit zablreichen Obstgarten und bie- ten in den meisten Landstrichen ein sehr freundliches Bild. Die Fruchtbarkeit des Landes ist im Ganzen befriedigend, obwohl sehr verschieden in den einzelnen Landestheilen. Zu den fruchtbarsten Gegenden gehoren das Marosthal, die beiden Kukiillo- (Kokel-) Thaler, das Szamos-Thal und die Mezosdg. Relativ die meisten aber minder fruchtbaren Aecker sind im Aluta-Thale, auch an der Aranyos ist der Ackerbau bedeutend mehr ausgedehnt, als in den beiden Kokelthalern ; den relativ grossten Ertrag liefert der Acker¬ bau im Maros- und Szamosthale. Unter alien Kornerfruchten nimmt der Roggen den ersten Rang ein, doch werden auch Weizen, Mais und Hafer angebaut. Gegenuber der Ertragsfahigkeit des vorhande- nen Ackerbodens bleibt in Folge der mangelhaften Bewirthschaf- tung der wirkliche Ertrag mitunter um 50% zuriick; er deckt nur bei giinstigen Ernten den einheimischen Bedarf, in gewohnlichen Jahren werden namhafte Mengen von Getreide aus den Donaufiir- stenthiimern und dem Banate eingefuhrt. In Bezug auf die laiitl- wirthschaftliehe Produktion lassen sich drei geographische Be- zirke unterscheiden: a) das Weinland, wozu das Szamosthal, die beiden unteren Kokelthaler, das untere Marosthal und zum Theil die Mezoseg gehoren; Mediasch und Umgebung stehen an der Spitze der Weinproduktion beziiglich der Quantitat und Qualitat; — b) der Landstrich mit iiberwiegendem Mais-und Weizenbau, wozu der grosste Theil des kuitivirten Landes gerechnet werden kann, und c) das Hafer land mit theilweisem Roggen- aber hochst sparlichem Mais- und Weizenbau, hauptsachlich in den Gebirgs- gegenden an den Grenzen. In der Obstkultur, welche sich einer ziemlichen Ausdehnung erfreut, sind die Pflaumen im Kreise Broos (zur Produktion von Slivoviz) und die Kirsche um Hermannstadt be- sonders erwahnenswerth, T a b a k gedeiht am besten bei Blasendorf (Balasfalva), Fogaras und Maros-VAsdrhely ; von der Geeammtpro- duktion entfielen (im Jahre 1855) etwa 86% ( auf das Hiigelland 46% und auf die Ebenen 25%. — Im Westen bildet ein Theil des Schwarzwaldes mit seinen dunklen Nadel- waldungen die Grenze , wahrend der schwabische Jura (oder die R a u h e A 1 p) in einer Hohe zwiscben 1800' und 2800 von Siidwe- sten nach Nordosten das ganze Land durchzieht. Dieser bildet ge- gen Nordwesten einen eehr steilen, felsigen, durch anmuthige Tha¬ ler unterbrochenen Abhang; gegen Suden senkt er sich allmahlig zur Donau herab, und ist durch viele merkwtirdige Hohlen ausge- zeichnet, welche Versteinerungen und fossile Knochen vorweltlicher Thiere enthalten. Nordlich der Alp sind die reizendsten und frucht- barsten Parthien des Landes; freundliche Hiigelzuge, welche ab- wechselnd mit Laubwaldungen, Reben- und Obtsgelanden prangen und von fruchtbaren, wiesenreichen Thalern durchzogen sind, wech- seln mit flachen, wohlbestellten Aekern, die Getreide in Fiille lie- fern. Sudlich der Alp und der Donau dehnt sich die Hochebene Oberschwabens bis zum Bodensee aus, in deren Flachthalern hau- fige Moorgriinde vorkommen. Zahlreiche Passe und Gebirgs- stras sen durchschneiden den Schwarzwald und die Alp als will- kommene Forderungsmittel fiir den Verkehr. Gewiisser. Das Land ist mit Ausnahme der Hochflache der Alp reich bewiissert und gehort theils zum Donau-, theils zum llheingebiete. Die Donau betritt bei Tuttlingen das Reich und 13 * 196 verlasst es bei Ulm, wo eie erst schiffbar wird. Sie nimmt auf der rechten Seite die aus Vorarlberg kommende Iller, dann die Riss und mekrere kleine Bache auf, am linken Ufer fulirt die Blau ihr einige Gewasser zu. Der wichtigste Fluss des Landes iat der Neckar, welcher aus dem Schwarzwalde kommt, bei Kannstadt schiffbar wird und nach einem Laufe von etwa 40Meilen (unterhalb Gundelsheim) Wurttemberg verlasst. Unter seinen vielen Nebenfliissen sind be- merkenswerth: (rechts) die Fils, der Kocher und die Jaxt, dann (links) die Enz. In den Rhein fliessen weiters die Murg und Kin- zig, und in den Main die Tauber, — Nachst dem Bodensee ist der Federsee der bedeutendste, doch kommen in Sehwaben zahl- reiche kleinere Seen und Weiher vor. Auch an Mineralquellen ist ein ansehnlicher Reichtbum: Niederau, Boll (bei Goppingen), Kannstadt, Mergentheim, Wildbad u.a. — Schiffbare Kanalesind: der Wilhelms kanal, durch welchen der Neckar von Heilbronn bis Kannstadt schiffbar wird, die Kanale zu Esslingen, Berg bei Kann¬ stadt und Besigheim. Politische Eiutheilung. Das Kdnigreich Wurttemberg wird in vier Kreise eingetheilt, deren Unterabtheilung Oberamter genannt werden. 1. Neckarkreis (60 HIM., — 510.000 E.), — Stuttgart (50.000), Ludwigs- burg, Kannstadt, Hohenheim, Esslingen, Marbach, Heilbronn, Weinsberg; 2. Schwarzwaldkreis (86 DM., — 450 000 E.), Reutlingen (12.000), Tuttlingen, Ebingen, Sclnvenningen, Rottweil, Rottenburg, Tubingen (8000), Calw, Wildbad; 3. Jaxtkreis (93 []M., — 380.000 E.), — Ellwangen (4000), Heidenheim, Schvvabisch-Gmiind, Sehwabisch-Hall, Oehringen, Mergentheim; 4. Donaukreis (113 QM., — 420.000 E.), — Ulm (15.300), Biberach, Ravensburg, Eriedricbshafen, Goppingen, Geisslingen, Kirchheim unter der Teck. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Eine der Flaupfnahrungsquellen des Volkes bildet die sorgfal- tig betriebene Landwirthsohaft. Das verhaltnissmassig mildeste Klirna und die grosste PTuchtbarkeit ist im Neckarthale und dessen Seitenthalern. Von der Gesammtflache werden uber 60% Jandwirth- schaftlich beniitzt, nahezu J / 3 entfallt auf die Waldungen, das nicht kultivirte Areale ist demnach sehr geringe. Das meiste Getreide wird zwischen dem Schwarzwalde und der Alp gewonnen; Ge- miise, Kiichen - und Garten gewiichse in der Umgegeud von Ulm, Stuttgart und Heilbronn; edles Obst im Neckarkreise und am Bodensee; — die hoheren Gegenden, vorzuglich im Do- naukreise liefern trefflichen Flachs, im Neckar-und Schwarzwald- kreise Hanf, — Tabak am meisten der Neckarkreis. Ein wichti- ger Nahrungszweig ist auch der hochst bedeutende Weinbau ini Neckar-, Rems- und Tauberthale und am Bodensee. Das Ertragniss kann mit etwa 100,000 wiirttembergischen Eimern berechnet werden und ist von guter Qualitat. Die W ie s en k ul t u r ist sebr ansehnlich, Futterkrauter sind in Menge vorhanden. Die Waldkultur steht namentlich im Schwarzwalde auf einer hohen Stufe, mit Holz wird ein sehr eintraglicher Handel nach Holland getrieben. Auch die Nebennufzungen der Forste sind betrachtlich. Der Reichthum des Landes beetebt daher in Getreide, Obst, Wein und Holz, welche 197 Produkte nicht nur den Bedarf der Bevolkerung decken, sondern zum Theile auch exportirt werden. Die Viehzucht ist ebenfalls bedeutend, vor allem jene des Hornviehes im Allgau und im Jaxtkreise ; die Pferdezucht wird in neuerer Zeit mit Fleiss behandelt, die meisten Pferde sind im Do- naukreise, die sehdnsten an der Alp. In der sich ausbreitenden Schafzucht sind die Schaferei auf der Achalm (bei Reutlingen) und die konigliche Privatschaferei zu Seeheim besonders erwahnenswerth. Die Schweinezucbt ist am erheblichsten im Jaxt- und Donaukreise, die Schneckenzucht auf der Alp, die Bienenzucht in der ostli- chen Landeshiilfte und im siidlichen Theile des Schwarzwaldkreises. Zur Einfiihrung und Hebung der Seidenzucht besteht ein Seiden- bauverein. Unter den Produkten des Bergbaues sind nur E i s e n und S a 1 z von Belang ; die Gewinnung beider ist Staatsregal. Das meiste Eisen liefern die Gruben bei Wasseralfingen und Aalen, die Gesammtproduktion der Eisenerzgruben betragt an 400.000 Zentner Erze. Die Staatssalinen von Sulz, Friedrichshall, Klemenshall und Wilhelmshall am Neckar liefern fiber den Bedarf (fiber 700.000 Zent¬ ner). An Erden und Steinen trifft man viele Arten, Bau-undWerk- steine, Gyps, Marmor u. s. w. In Oberschwaben wird auch viel Torf gestochen. VonAnstalten ffir Hebung der Landwirthschaft sind bemerkenswerth die grosse land- und forstwirthschaftliche Schule in Hohenheim bei Stuttgart und die „Zentralstelle des land- wirthschaftlichen Vereins" in Stuttgart, mit welcher fiber 40 Be- zirksvereine in Yerbindung stehen ; ferner der Kreditverein und die V ersicherungsanstalten. Besitzt auch Wfirttemberg nicht die Menge grosser Fabriken wie manche andere Staaten, so herrscht auf dem Felde gewerblicher Industrie doch ein reges Leben, das an Umfang und Ausdehnung progressiv steigt. Einen der wichtigsten Zweige bildet die L i n n e n- fabrikation, welche, obwohl in der Alp und Oberschwaben fast durchgehends Handspinnerei , fiber den Bedarf des Landes produ- zirt. Urach besitzt eine mechanische Flachsspinnerei. Die Bleicherei und Weberei ist zumeist auf der Alp ausgebreitet. Die Wollindu¬ st rie, eine der altesten des Landes, hat. sich seit dem Aufhoren der Handspinnerei und der Einfiihrung des Maschinenbetriebes sehr ver- vollkommnet. Calw, Kannstadt, Warthausen, Heilbronn, Reutlingen nehmen hierin den ersten Rang ein. Unter den grosseren Tuchfabri- ken sind erwahnenswerth jene in Ludwigsburg, Waiblingen, Calw, Esslingen, Kannstadt, Stuttgart, Goppingen. Die zahlreichen Farbe- reien leisten Ausgezeichnetes. Die Teppichfabrikation und die Woll- stickerei sind in der Aufnahme. — Die Baum wo 11-Industrie ist relativ bedeutend und ebenfalls im Wachsen. Die bedeutendsten Fabriken sind in Bempflingen, Ravensburg, Spiegelberg, Heiden- heim , Esslingen, Hall. Ausser mechanischen Spinnereien bestehen grosse Webereien (in Goppingen, Biberach, Ravensburg), Manchester- Fabriken, Tfirkischroth-Farbereien (Berg, Kannstadt, Esslingen, Calw) und Strumpfwebereien. In neuester Zeit ist auch die Weiss- stickerei in grossem Umfange eingefuhrt worden. Die Seiden- 198 Industrie ist noch unbedeutend. Ein besonderer Erwerbszweig ist (zu Schwabisch-Gmiind und Biberach) die Haube n s ticker ei und die Gold- und Sei den stickerei in Stuttgart. Eines guten Rules erfreuen sich die Holzwaaren des Schwarzwaldes, darun- ter „Schwarzwalder-Uhren,“ Tabakspfeifen aus Ulm und Kinderspiel- waaren. Die G e r b e r e i wird ausgedehnt in Calw (Saffian), Tuttlingen, Reutlingen, Heilbronn, Ulm betrieben. — In der M et al 1 waar e n- Industrie nehmen die Eisenwaaren den ersten Rang ein. Die Ei- senschmelzwerke befinden sich in Eigenthum und Selbstverwaltung des Staates. Die grosste Eisengiesserei ist in Wasseralfingen ; Ma- schinen werden in Esslingen und Stuttgart erzeugt, Messerschmied- waaren in Heilbronn, Heidenbeim, Tuttlingen, lackirte Blechwaaren in Esslingen, Biberach, Stuttgart, Goppingen. — Die meisten Glas- hutten finden sich im Schwarzwalde und auf der Alp, doch gibt es auch einige Fabriken. Sehr gutes Porzellan wird in Lud- wigsburg, Steingut zu Schratnberg im Schwarzwald erzeugt, viel und gutes Papier in Heidenheim, Heilbronn, Ravensburg, Urach, — mathemathische und physikalische Instru- mente in Stuttgart, Esslingen, Ulm. Von nicht zu untersch&tzen- dem Einflusse ist die Wirksamkeit der „Zentrals telle fiir Gewerbe und Handel,“ der Handelskammern und Gewerbvereine. Der Handel ist bedeutend, insbesondere der Binnenhandel. Die Schiffuhrt auf dem Neckar, der Donau und dem Bodensee, die guten Landstrassen und Eisenbahnen fordern den Verkehr. Zu den wichtigeren A u sf u h r-A r t i kel n gehoren: Getreide (nach der Schweiz), Schlachtvieh (nach Frankreich), Holz (nach den Rheinlan- den), Salz, Wein und mehrere der genannten Manufakturwaaren. Ein- fuhr-Artikel sind: Kolonialwaaren, Siidfruchte, Oel, Baumwolle, Hopfen, Farbepflanzen, Tabakblatter, Eisen, Manufakte. Sehr wich- tig sind der Holzhandel und der Buchhandel (suddeutsche Buch- handlermesse in Stuttgart). Der Eigenhandel ist aktiv. Der Spedi- tionshandel uinfasst hauptsachlich Farb-, Material- und Kolonial¬ waaren und Vieh; die wichtigsten Platze hieftir sind Friedrichshafen, Ulm, Heilbronn, Kannstadt, Stuttgart. — Unter den vielen Jahr- und Wochenm&rkten verdienen besondere Hervorhebung die Tueh- messen zu Stuttgart, die Wollm&rkte zu Kirchheim, Goppingen und Heilbronn. — Auch die geistige Kultur weiset einen erfreulichen Stand. Selbst unter den untern Volksklassen herrscht ein ziemlich befriedigender Grad allgemeiner Bildung; die vielen Gelehrten die¬ ses Landes waren und sind eine Zierde des gesammten deutschen Vaterlandes. Wurttemberg bietet sonach in alien Richtungen ein er- freuliches Bild. §. 106. Das G I'osslierzogthiiin Baden. 278 □Meilen, — 1,400000 (relativ 5035) Einwohner, — uberwiegend Katho- liken (liber 900.000), etwa 4o0.000 Proiestamen, einige Dissidenten und an 24.000 Israeliten; — nach der Nationalitiit Deutsche. — Grenzen: im 0 Wurttetn- berg, Hohenzollern, Baiern, im N. Baiern, Hessen-Darmstadf, — im \V. bairische Itheinpfalz, Frankreich (Rhein), im S. Schweiz, Bodensee. — Konstitutionelle Erbmonarchio in mannlieher und weiblicher Linie des Hauses Zahringen. Itoden. Das Grossherzogthum Baden gehbrt zum siiddeutsehen 199 Berg- und Hiigellande. Etwa 44% konnen auf das Bergland, an 40% auf das Hiigelland und 16% auf die Ebenen gerechnet wer- den. Fast parallel mit dem Rheine erhebt sich der Schwarzwald mit steilem Abfall nach Westen, mit sanfterem gegen Osten und Norden. Im Nordosten breitet sich der Oden w aid aus, auch Theile des Neck a r geb i r g es und der Rauhen Alp, sowie der schwabischen Hochebene streichen in das Land herein. Die Ebene breitet sich nur langs des Rheines aus; das Bergland ist reich an abwechselnd wilden und reizenden Thalern, welche meist sehr fruchtbar und gut angebaut sind. Wegen ihrer Schonheit sind namentlich das Neckar-, das Murg- und das Kinzigthal bekannt. Am Rhein und Bodensee ist das Klima mild, nur die theils kah- len und felsigen, theils mit jVloorgriinden bedeckten Hohen des Schwarzwaldes sind rauh, Gewasser. Das Land ist gut bewassert. Der Hauptfluss ist der Rhein, in welchen fast alle Fliisse sich ergiessen, unter denen der Neckar der bedeutendste ist; dann die Murg, die Kinzig, die Wiesen und die Elz (mit der Dreisam). Der Main beriihrt nur die nordliche Grenze und nimmt bei Wertheim die aus Wurttemberg kommende Tauber auf. Die Donau hat ihre Hauptquelle, die Brege ( 3 / t Meilen nordwestlich von Furtwangen) am Schwarz- walde, welche sich durch mehrere Bache verstarkt und (nach einem Laufe von fiinf Meilen) unterhalb Donaueschingen mit der Brigach vereinigt. Der durch die Vereinigung der Brege und Brigach ent- standene Fluss heisst Donau , welche nach einem Laufe von 16 Meilen nach Wurttemberg tritt. — Unter den vielen Seen ist der Bodensee (Ueberlingersee mit der Insel Mainau) fur Baden der bedeutendste. — Sehr reich ist das Land an Mineralquellen, unter denen Baden-Baden, Badenweiler, Rippoldsau die bekannte- sten sind. Politisclie Einttieilung. Das Grossherzogthum Baden wird in vier Kreise eingetheilt: 1. Mittelrheinkreis (73 DM., - 465.000 E.); - Karlsruhe (26.000), Rastatt, Lahr, 0 fieri burg, Kehl, Leopoldshafen, Baden, Iturlach, Bretten, Bruchsal, Pforzheim; 2. Unterrheinkreis (63 DM., - 350.000 E.), Mannheim (30.000), Hei¬ delberg, Schwetzingen, Weinheim, Wertheim; 3. Obcrrheiitkrcis (75 QM., — 350.000 E), — Freiburg (im Breisgau, 17.000;, Tryberg, St. Blasien, Waldkirch; 4. Seekreis (67 C]M-, —200.000), ■—• Constanz (8000), Meersburg, Ueber- lingen, Donaueschingen, Stockach. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Der fruchtbare Boden und das gunstige Klima fordern in hohem Grade die Lanclwirlhschaff, welche eine der wichtigsten Nahrungsquellen der. Bevolkerung bildet. An % der Bevolkerung betreiben die Landwirthschaft in rationeller Weise und der Ertrag ubersteigt den Bedarf. Zunachst ist es die Rheinehene, welche grosse Mengen des schonsten Getreides liefert , in der Pfalz werden besonders Hulsen f r ii c h t e angebaut. Von Handelspflanzen sind zu erwahnen: der II a n f (auch in betrachtlicher Menge fur den Export) urn Altbreisach, Eitlingen, Pforzheim, — der Flachs in 200 den Thalern des Schwarzwaldes, — der beste T a b a k Deutsch- lands urn Mannheim und Ladenburg, ferner Raps, Hopfen und Krapp. Die Wiesenkultur ist musterhaft. — Alle Sorten selbst des feinsten Obstes sind in Menge vorhanden, namentlich an der Bergstrasse von Weinheim bis nach Hessen. Sehr betraehtlich ist der Wei n b au , dessen Jahresertragniss mit etwa 700 000 Eimer an- genommen wird (Markgrafler, Wertheimer, Affentlialer und See- wein). Die Forstwirth schaft wird ebenfalls sorgfaltig behandelt, aus dem Schwarzwald und dem Odenwald wird Holz auch ausge- fiihrt. ■— Die bluhende Landwirthschaft hat eine vortreffliche Vieh- zucht zur Folge. Die Rindvieh zuch t ist im ganzen Lande sehr ausgebreitet und durch fremde Racen vielfach veredelt; — fur die Forderung der Pferdezucht sorgen die Landesgestiite, fur die Veredlung der Schafzucht die Landesstammschafereien. In ein- zelnen Gegenden kommt die Bienenzucht und hie und dji auch die Seidenraupenzucht vor. Fischerei und Jagd bieten ansehnliche Beute. — Unter den Produkten des Bergbaucs kommen nur Ei- sen und Salz in betrachtlicher Menge vor; Blei, Kupfer und Sil- ber sind im Ganzen unbedeutend, sowie auch das Waschgold, wel¬ ches (in Darlanden, bei Kehl und in Philippburg) aus dem Ehein- sande gewonnen wird. Fiir die Eisengewinnung sind Kandern, der Klettgau, die Donaugegend u. s. w. beachtenswerth; fiir Salz die Staatssalinen zu Diirrheim (im Seekreise) und Eappenau (bei Wimpfen). Baden ist iiberwiegend ein Agrikulturstaat; dessenungeachtet erfreut sich auch die Industrie eines guten Rufes. Im Kleingewerbe herrscht eine grosse Eiihrigkeit und die mehr vereinzelt vorkom- menden Fabriken stehen zumeist in hoher Bliithe. DieGarnspin- n e r e i und Leinweberei istim Breiegau, im Oden- und Schwarz- walde, vor Allem in und um Lahr am starksten. Die Mascbinen- spinnerei gewinnt an Ausdehnung. In der Baumwollindustrie sind hervorzuheben die Spinnereien zu Constanz und St. Blasien, die Webereien zu Waldshut, Lahr, Constanz etc.; — in derWoll- industrie die Tuchfabriken zu Pforzheim und Neustadt, die Kat- tunfabriken zu Freiburg, Constanz, Lorrach und Bingen. Ausser den Seidenwebereien zu Kandern und Lahr gibt es deren noch an zwanzig im Lande. — Papier wird viel und von sehr guter Qualitat im Mittelrheinkreise (Ettlingen), im Oberrhein- und See¬ kreise erzeugt. Ferner sind zu erwahnen: die Lederfabriken von Pforzheim, Karlsruhe, Heidelberg, Rastatt, die Strohflech- tereien, ■— Papiermiihlen und die Verfertigung der Holz- waaren (insbesondere Holzuhren in Neustadt, Tryberg und Hornberg) im Schwarzwalde, — die auegedehnte Tabakfabrikation (Karlsruhe, Lahr, Mannheim), — die Sagemiihlen an der Murg, — die Mahlmiihlen, Cichorien- und Runkelriibenzucker - Fabriken in der Rheinebene, — die Eisenwerke von Pforzheim und Zell, — der Maschinenbau in Karlsruhe, —- die Stein- und Kupferdruckereien in Freiburg, — zahlreiche Bierbrauereien, Branntweinbrennereien (Mannheim und Wertheim) u. a. f. Die relativ am meisten indu- striellen Stadte des Landes sind: Mannheim, Pforzheim, Karlsruhe, 201 Heidelberg, Lahr, St. Blasien. Mehrere Gewerbevereine und tech- nische Schulen , unter diesen die beriihmte poly techni sc h e Schule in Karlsruhe, uben auf die Gewerbe einen sehr vor- theilhaften Einfluss aus. Der Handel ist sehr lebhaft. Der Bodensee, der Rhein, der Neckar und der Main werden mit Dampfschiffen befahren, die zahl- reichen Strassen befinden sich im besten Zustande und durchschnei- den nebst den Staatseisenbahnen, welche alle wichtigen Stadte ver- binden, das Land in alien Richtungen. Die geographische Lage eignet das Land zunachst fur den Speditionshandel zwischen Frank- reich, der Schweiz und den deutschen Nachbarstaaten; doch hat auch der Eigenhandel Aufschwung genommen. Zu den wichtigsten Expor t ar tik e 1 n gehoren : Holz (nach den Niederlanden „Hollan- derholz"), Wein (nach der Schweiz), Schlachtvieh (nach Frankreich), Getreide, Hanf, Tabak, Obst, Holz- und Strohwaaren, Papier u. s. w.; — die bedeutendsten Importartikel: Sudfriichte, Kolonialwaaren, Pferde, Wolle, Baumwolle, Seide und Seidenwaaren, Eisen, Stahl. Galanterie- und Luxuswaaren u. a. m. Die Hauptorte filr den Han- delsverkehr sind: Constanz, Ludwigshafen, Kehl, Pforzheim, Mann¬ heim, Heidelberg, Wertheim, Leopoldshafen und Knielingen (am Rhein). — Grosse Fruchtmarkte sind in Mannheim. — Die gei- stige Kultur erfreut sich einer ganz besonderen Pflege und weiset sehr erfreuliche Ergebnisse. Die Volksbildung steht im Ganzen auf einer sehr achtenswerthen Stufe, alle Arten von Unterrichtsanstalten, ob sie die gelehrte oder eine auf das „praktische“ Leben abzielende Bildung als Aufgabe haben, sind vortrefflich eingerichtet; Wissen- schaften und Kiinste bliihen in diesem schonen, fruchtbaren und be- triebsamen Lande. §. 107. Das Fiirstentlium Liechtenstein.?] Das Fiirstenthum Liechtenstein, nicht ganz 3 QMeilen gross, ist von Yorarlberg und der Schweiz umgeben, meist von hohen Bergen bedeckt, votn Rheine, der Samina (Nebenfluss der 111) und mehreren Bacben bewassert. In den Gebirgen ist das Klima rauh, milder am Rheine. — Es besteht aus den zwei Ilerrschaften Va- duz und Schellenberg. Die Bewohner, 7000 an der Zahl, sind Deutsche, alemannischen Stammes und, wie ihr in Wien residi- render Fiirst, katholischer Religion; ihre Wobnplatze sind lMarkt- flecken: Vaduz (1000 Einwohner) und 13 Dorfer. Die vorzuMiche Erwerbsquelle ist die Lan d wi r t h s c h a f t. Der Boden ist im Allgemeinen fruchtbar; Acker- und Flachsbau, Obst- und Weinbau (am Rheine) — und die Rindviehzucht werden gut gepflegt. — Die gewerbliche Thatigkeit^beschrankt sich auf Baumwoll- spinnerei filr die benachbarten Schweizer Fabriken und ordinare Holzarbeiten. Liechtenstein ist (am 5. Juni 1852) unbeschadet der landeshevrlichen Hoheits- rechte dem osterreichischen Systeme der Zolle, Staatsmonopole, Verzehrungssteuer u nd Stempel beigetreten. Untersuchungen gegen Gefallsilbertretungen fuhren oster- reichische Beamte und die Zoll- und Steueramter sind gemeinschaftlich. Oesterreich besoldet und beeidet die Zollbeamten. Die Jahreseinkiinfte werden nach Abzug der Auslagen den furstlichen Kassen zugewendet, aueh verburgt Oesterreich ein j'ahrliches iwineinkommen von 2 fl. far jeden Kopf der Bevolkerung. Der Vertrag daucrt bis 202 Ende 1863, und wird, wenn keine Kundigung erfolgt, als auf weitere 12 Jahre ver- liingert angesehen. Posten, Miinzen, Masse und Gewichte sind die osterreichischen. Das Eiirstenthum hat eine landstandisehe Verfassung. Die Landstande bestehen aus der Geistlichkeit und der Landmannschaft, welcbe in einer Kammer yereinigt sind, und sich jahrlich im Landtage versammeln, auf welchem der Landes- verweser yon Vaduz a!s landesfiirstlicher Cornmissarius den Yorsitz hat. Die oberste Behorde der Staatsverwaltung ist die „fiirstliehe Hofkanzlei“ in Wien, welcher der „Landesverweser“ und ein „Adjunkt u (fiir die Justiz in erster Instanz) in Vaduz unterstehen. Gesetze fiir Liechtenstein sind meistens die Osterreichischen. B, Westliche Staaten. §. 108. Das Kurfiirstenthuin Hessen. (Hessen-Kassel Oder Kurhessen.) 173 QMeilen; — 756.003 (relativ 4832) Einwohner, — uberwiegend Fro- testanten (iiber 620.000 E.), an 120.000 Katholiken; dann Mennoniten und etwa 11 000 Israeliten; — naeh der Nationalitat vorwiegend Oberdeutsehe. — Bestand- theile: das Hauptland, die Grafscbaft Schaumburg, die Herrschaft Schmalkalden. — Grenzen (des Hauptiande6) im N. Hannover, Preussen, — im 0. Preussen, Weimar, Baiern, —• im S. Baiern, Hessen - Darmstadt, Frankfurt a. M., — im W. Hessen-Darmstadt, Nassau, Preussen, Waldeck; — Schaumburg ist yon Hannover und Lippe, —• Schmalkalden von den sachsischen Herzogthumern und Preussen begrenzt. — Konstitutionelle Erbmonarchie im lutherischen Hause Hessen nach der Linealfolge mit dem Rechte der Erstgeburt im Mannessiamme. linden. Kurhessen ist vorherrschend Bergland, am meisten gebirgig ist Schmalkalden. Das Hauptland wird von Zweigen des Spessart, der Rhon und des Yogelgebirges im Siiden, vom Reinhards- und H abichtswalde im Norden durchzogen. Schmalkalden ist vom Thiirin gerw aide erfiillt, nach Schaum¬ burg streichen Theile des ostlichen W esergebirge s (Siintel). — Die ebenen Gegenden am Main und das Kinzigthal haben mildes, die Gelande an der Rhon ein rauhes Klima. Gewasser. Die Fliiase des Landes gehoren dem grosseren Theile nach zum Geader der Weser, im sudlichen Landestheile zu jenem des Main. Der wichtigste Flues ist die Fulda (mit der Schwalm und Edder), welche sich mit der Werra (bei Miinden) zur Weser vereinigt. Der Main ist auf einer kurzen Strecke Grenzfluss und nimmt die Kinzig auf. — Kurhessen hat keine Seen, aber viele fischreiche Teiche, aueh mehrere Mineralquellen. Politische Eiiitheilting. Das Kurlurstenthum Hessen wird in vier Provinzen eingetheilt : 1. Proving Niederhcssen und Schaumburg (80 QM., — 370.000 E.), — Kassel (37.000), Wilhelmshohe, Karlsbafen, Grossalmerode, Hof-Geismar, Esch- wege, Witzenhausen, Atlendorf, Kotbenburg; — (in Schaumburg): Rinteln ; 2 Provinz Oberhessen (36 QM., — 130.000 E.); — Marburg (8000), Ziegenhain. Frankenberg; 3. Provinz Fulda und Schmalkalden (33 DM, — 140 000 E.)j — Fulda (10,000), Hersfeld, Hiinfeld; — (in Schmalkalden): Schmalkalden; 4. Provinz Ilanau (23 QM., — 130.000 E.), — Hanau (17.000), Geln- hausen, Bockenheim, Nauheim. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Kurhessen ist vorzugsweise ein produzirendes Land. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist sehr verschieden; in einigen Theilen deckt die Produktion nicht den Bedarf, in andern wird nur durch Fleiss und Kunst ein massiger Ertrag abgerungen; am fruchtbarsten 203 sind die Mainebene und das Werrathal. Die Getreideproduktion ge- niigt nur in guten Jahren. Gutes Gemiise findet man in Hanau und in der Umgebung von Kassel. — Unter den Handelspflanzen ist der Flachsbau in Schaumburg und Niederhessen am bedeutend- sten, Tabak wird viel im Werrathale und Hanau gepflanzt; iu Ietzterer Provinz gedeihen auch recht gutes Obst und Wein. — Die Wiesenkultur macht bedeutende Fortschritte. — Die Forst- kultur ist sehr ansehnlich und liefert bedeutende Mengen Holz zum Export. — Die Viehzucht ist befriedigend, sie deckt hinlang- lich den Bedarf. Relativ vorzuglich ist die Rindviehzucht, jene der Pferde, Schafe und Sehweine geniigt. Bluhend ist die Bienenzucht; Fischerei und Jagd gewahren reiche Ausbeute. Der Bergbau liefert Eisen und Salz, Stein- und Braun- kohle, dann Kupfer und Kobalt. Grosser Eisenbau ist um Schmal- kalden, Kupfer wird zu Richelsdorf, Kobalt zu Richelsdorf und Bieber zu Tage gefordert. Salz liefern in bedeutender Menge die Staatssalinen zu Allendorf, Nauheim und Bodenberg; Steinkohlen gewinnt man in Schaumburg, Braunkohlen in Niederhessen. — Vortrefflichen Thon hat das Land bei Grossalmerode, von dein grosse Quantitaten nach America exportirt werden; endlich viele und gute Bausteine. In der gewerblichen Industrie nimmt Kurhessen keinen be- deutenden Rang unter den deutschen Staaten ein. Das niedere Ge- werbe ist ziemlich verbreitet; Fabriken sind nur in grosseren Stad- ten. Die Garnspinnerei und Leinweberei, der alteste In- dustriezweig, ist im ganzen Lande als Nebenbeschaftigung des Landmannes verbreitet, am betrachtlichsten in Niederhessen, dann um Marburg und Fulda, und liefert sogar fur den iiberseeischen Export. Die Wollweberei ist ansehnlich, besonders in Hersfeld, Melsungen und Eschwege. Die Baumwollindustrie beginnt sich auszubreiten, und sind Hersfeld, Fulda, Kassel, Hanau, Esch¬ wege hierin nennenswerth. Hanau liefert Seidenzeuge; auch die Strumpfwirkerei, die Farbereien und Lederfabriken sind hier an¬ sehnlich. Einen guten Ruf geniesseu ferners die Topferwaaren von Marburg und besonders die Schmelztiegel von Grossalmerode, dann die Blaufarben von Karlshafen. Die bedeutendsten Eisen- und Stahlfabriken sind in Schmalkalden und zu Steinbach im Thii- ringerwalde; — Maschinen werden in Kassel gebaut; — Gold-und Silberwaaren werden zu Kassel und Hanau, Bijouteriewaaren in letz- terer Stadt am schonsten verfertigt; Kassel liefert iiberdiess Tapeten, Tabak, Kattune, mathematische und physikalische Instrumente. — Die wichtigsten Industrieorte sind: Hanau, Kassel, Hersfeld, Mel¬ sungen, Eschwege und Bockenheim. Der Handel ist lebhaft. Die schiffbaren Flusse (Main, Weser, Werra und Fulda), gute Landstrassen, Eisenbahnen und die alten Handelswege zwischen Frankfurt und Leipzig, von Thuringen nach Westphalen befordern den Verkehr mit dem Auslande und zumeist den Transithandel. Karlshafen, Eschwege und Hanau sind Haupt- platze fiir den auswartigen Handel, Witzenhausen ist Stapelplatz fur die Almeroder-Waaren. Fur den inneren Handel ist Kassel, 204 insbesondere die Kasseler Ostermesse von Bedeutung. Die Werra- stadfce treiben vorzugsweise Getreidehandel. Die wichtigsten Aus- fuhrartikel sind Leinwand und Garn („Hessengarn“), dann Ei- sen, Schmalkaldner Eisen- und Stahlwaaren, Thongeschirre, Holz (nach Bremen), Salz und Hanauer Fabrikate; — Einfuhrartikel sind Kolonialwaaren, Sudfriichte, VVein, Getreide, Wolle, Baum- wolle, Seide und Seidenwaaren, Glas, Luxus- und Galanterieartikel aus Frankfurt. —• Fiir die geistige Kultur ist gut gesorgt, die Lehranstalten sind zweckmassig eingerichtet, und sowohl fiir gelehrte als gewerbliche Bildung in hinreicbender Anzahl vorhanden. §. 109. Das Grossherzogthuin Hessen. (Hessen-Darmstadt.) 152 QMeilen, — 855.000 (relativ 5625) Einwohner, — fiber % Protestanten, nahe y, Ifatholiken, fiber 4000 christliehe Sektirer, an 29.000 Israeliten; — nach der N a ti o n al i t a t zumeist 0 ber d eu tsc h e. Zwei dureh das Gebiet von Frankfurt und Kurbessen getrennte Lamleslheile und mehrere (18) kleine Exclaven. — Gren- zen: im 0. Baiern, B'rankfurt, Kurhessen, — im N. Kurhessen, — im W. Freussen (Rheinprovinz), Nassau, Landgrafschaft Hessen, — im 5. Baiern (Rbeinpfalz), Baden. — Konstitutionelle Erbmonarchie in mannlicher und weiblicher Linie des lutherischen Hauses Hessen. Boden. Die natiirliche Bodenbeschaffenheit der beiden Landes- theile ist verschieden. Der nordliche ist vorwiegend Hflgel- und Bergland; im Osten ist das Vogelsgebirge, an welches sich das hessische Hiigelland ansebliessf, im Norden und Nord- westen streichen Zweige des Westerwaldes und des Roth- lagergebirges, im Siidwesten des Taunus in das Land; im Siidwesten des Yogelgebirges breitet sich die wellenformige, f'rucht- bare Ebene der Wetter au aus. Der sudliche Theil wird durch den Rhein in zwei Parthien getrennt. In der ostlichen erhebt sich der Odenwald mit herrlichen Thiilern. An seinem westlichen Rande zieht von Siiden nach Norden (von Heidelberg nach Darm¬ stadt) zwischen Weinbergen und der Ebene des Mittelrhein die ,,B ergstrasse/ 1 beriihrnt wegen ihrer Naturschonheiten, des mil- den Klima und der trefflichen Obstbaume. Rheinhessen (am linken Rheinufer) ist im Ganzen ein Hiigelland, ausgezeichnet durch die mannigfaltige Abwechslung des landschaftlichen Charakters, durch ein mildes Klima und eine iippige Vegetation. Gewasser. Die Fliisse gehoren grosstentheils zum Geader des Rhein, welcher das Land von Worms bis Bingen durchfliesst und den Neckar, den Main und die Lahn nebst mehreren kleineren Fliissen aufnimmt. ■— Die Fulda nimmt die Edder und Schwalm auf, —- VieleWeiher und Teiche ersetzen den Mangel an Landseen. — M i n e ra 1 qu e 11 e n hat das Land mehrere, aber von keinem be- deutenden Rufe. Politische Eintheilung. Das Grossherzogthum Hessen wird in drei Provinzen und diese in Kreise eingetheilt. 1. ProvifiZ (Furstenthum) Starkenburg (54., □Meilen, — 320.000 E.), — D arms tadt (31.000), Offenbach, Heppenheim, Ludwigshall, Seligenstadt, Erbach ; — (in Baden) Wimpfen 2. Provinz Rheinhessen (24., qm., — 226.000 E.); — Mainz (38.000), Worms, Nierenstein, Laubenbeina, Ingelheim, Bingen, Oppenheim, Alzey; 205 3. ProvillK (Fusteuthuro) Oberhessen (72. # □Meilen, — 310.000 E.), — Giessen (9000), Friedberg, Laubach, Lauterbaeb, Alsfeld. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die wichtigste Erwerbs- und Nahrungsquelle der Bewobner des Grossherzogthums Hessen ist die Landwirlhschaft, welche rationell betrieben vvird. Der Ackerbau liefert Getreide aller Art, selbst zur Ausfuhr. Der Odenwald, der Vogelsberg und Rhein- hessen sind reich an Futterkrautern, — Gemiise wird am vor- zuglichsten urn Darmstadt, Offenbach und Mainz, — Flachs am Vogelsberge, Hanf in Rheinhessen, Tabak in Rheinhessen und an der Bergstrasse angebaut; — der Hopfenbau reicht fur den inneren Bedarf nicht aus. Obst kommt in Menge, besonders in den Rhein- gegenden, in der Wetterau und an der Bergstrasse, Wein von bester Art am Rhein und an der Bergstrasse vor (Liebfrauen- milch bei Worms, Nierensteiner, Laubenheimer, Bodenheimer), — Sehr viel Holz liefern die Waldungen von Oberhessen und der Odenwald; in Rheinhessen ist dagegen zum Theil Holzmangel. Die Viehzueht wird am st&rksten in Oberhessen und im sud- dstlichen Starkenburg betrieben, und zwar vorziiglich die Zucht des Rindviehes, der Schafe und Schweine; — in Rheinhessen ist sie im Allgemeinen nicht gentigend. Der Bcrgbau wird relativ am starksten in Oberhessen, am schwachsten in Rheinhessen betrieben; Hauptprodukte sind Eisen, Kupfer, Braunkohle und vorziiglich Salz (uber 200.000 Zentner), welches in den Salinen zu Wiinpfen, Salzhausen und bei Kreuznach gewonnen wird. Die gewerbliche Thatigkeit ist namentlich in der Lei n- weberei, Strumpfstrickerei und Wollweberei von ziem- licher Bedeutung und fortschreitend. Die Lein wan d fabrika- tion hat ihren Sitz in Oberhessen (Lauterbach, Alsfeld, Schlitz, Griinberg etc.); — die Baumwollindustrie ist von geringem Belange, von grosserem die Tucherzeugung. obwohl in der Abnahme (Fabriken in Michelstadt und Erbach, Tuchmacher in mehreren Orten); — bedeutender ist die Papierfabrikation, sowie die Papiermache-Waaren, Tapeten u.dgl. in Darmstadt und Offenbach. Letztere Stadt, die Hauptfabrikstadt des Landes, ist bekannt wegen der ausgezeichneten Leder- besonders Portefeuillearbeiten, der Holz-, Metall- und Lackirwaaien, des Maschinenbaues, der Bijouterie-, Luxus- und Seiderifabriken. Weitere Produkte der In¬ dustrie sind die Strohflechtereien (in Oberhessen), — die zahlreichen Tabakfabriken (Offenbacher Schnupftabak), — die Holzarbeiten, _ der Schiffbau in Mainz, chemische Fabriken, — grosse Mehl- und Oelmuhlen, •— die musikalisehen Instrumente (IVIainz, Darmstadt) u. s. w. Von woblthatigem Emflusse auf das Gewerbewesen ist der grossherzoglich hessische Gewerbeverein in Darmstadt, eine der thatigsten und erf'olgreichsten Anstalten dieser Art in Deutschland. Der Handel ist ansehnlich, zumeist der Durchfuhr- und Spe- ditionshandel nach den untern Rheinlanden, nach Baden, Frank- reich und der Schweiz. Die Dampfschifiahrt auf dem Rhein, dem 206 Main und dem Neckar* die beruhmte Bergstrasse, die Eisenbahn von Frankfurt nach Heidelberg, sowie die andern Eisenbahnen und die guten Landstrassen sind wesentliche Forderungsmittel dessel- ben. Die bedeutendsten Handelsplatze sind Mainz, Offenbach, Bingen, Worms, Darmstadt, Giessen und Seligenstadt. Speziell sind bekannt: Worms fur Wein, Getreide und Leder, Mainz fur Wein und Getreide, Offenbach fur Lederwaaren, Gernsheim fur Pferde, Erbach und Alsfeld fiir Wolle. Hauptartikel der Ausfuhrsind: Getreide, Wein, Holz, Obst, Krapp, Hanf, Leinen- und Wollwaaren, Offenbacher und Mainzer Fabrikate; — der Ein- fuhr: Kolonialwaaren, Sfidfrtichte, Pferde, Scblachtvieh, Tabak- blatter, Seide, Papier, Glas, Kunstartikel u. s. f. — Forderlich fiir den Handel wirken zudem die Telegraphen, die drei Handelskam- mern zu Mainz, Offenbach und Worms, die „Bank fur Handel und Industrie* 1 und die ,,Bank fur Siiddeutschland§ ** zu Darmstadt. — Die geistige KuBur ist bedeutend, fur Volkabildung sowie fiir spezielle Fachbildung und fiir gelehrte Ausbildung wird sehr gut gesorgt. Die zahlreichen Handwerks-, Real- und Industrieschulen, insbesondere die „hoh ereGe werbeschule** in Darmstad t iiben wohlthiitigen Einfluss auf Industrie und Handel. § 110. Die Landgrafscliafi llesseu-IIoinbisrg'. Die Landgrafschaft Hessen-Ilomburg, nahezu 5 QM. gross, besteht aus den zwei getrennten Gebieten: Herrschaft Horn- burg vor der Hohe, in der Wetterau gelegen, und der Herr¬ schaft Meisenheim an der Nahe. — Der Boden ist im Ganzen gebirgig, doch sehr fruchtbar, gut angebaut, reichlich bewassert und das Klima angenehm. Berfihmt sind die Kochsalz - Wasser- quellen inHomburg. — Die Bewohner, iiber 25.000 an Zahl, sind deutschen Stammes, iiberwiegend Protestanten (nur an 4000 Ka- tholiken, dann etwa 1000 Israeliten), und bewohnen vier Stadte, 34 Dorfer, mehrere Weiler und Hofe. Die Stadte sind: Homburg (6000), Meisenheim (2600), Ottweiler (1600) und Merxheim (1400). Die Ilauptnabrungsquelle der Bewohner ist die Landwirth- schaft, welche viel Getreide, Obst, Wein (in Meisenheim) und Gemiise liefert. Die Waldungen sind ansehnlich. Von der Viehzucht ist jene des Rindviehes und der Schafe besondere bliihend. Bergbau wird (in Meisenheim) auf Eisen und Stein- kohlen betrieben. — Die gewerbliche Industrie beschaftiget sich xnit Wollenzeug-, Leinen- und Strumpfweberei, sowie (Herr¬ schaft Homburg) mit Garn^pinnerei; in Meisenheim auch Eisen- fabrikation und zwei Glashiitten. — Im Handel ist vorzugsweise die Versendung des Homburger Mineralwassers (jiihrlich fiber 300.000 Kriige) bemerkensw’erth. Die Landgrafschaft ist eine unumschrankte Erbmonarcbie im lutherischen Hause Hessen. § 111. Das llerzogthain Nassau. 86 QMeilen, — 432.000 (relativ 5023) Einwohner; — an 225.000 Protestan- ten, gegen 200.000 Katholiken, mehrere christliche Sekten und beilaufig 7000 Israeli- ten; —- nach der Nationalitat Deutsche frankischen Stammes (auch einige Nach- 207 kommen franzOsischei 1 Hugenot.ten). — Grenzen; im 0. Frankfurt, Ifurhessen, Hessen-Darmst adt. Preussen (Rheinpreussen), — im N. Preussen (Westphalen, Rhein- provinz), — im W. Preussen (Rheinprovinz), •—• im S. Hessen-Darmstadt. •— Kon- stitutionelle Erbmonarchie im lutherisehen Hause Nassau. Bodeil. Das Herzogthum Nassau ist fast durchgehends bergig und von vielen Thalern durchschnitten. In der sudlichen Halfte erhebt sich zwischen dem Main und der Lahn der Taunus oder „dieHohe“ vonNordosten nach Siidwesten streichend, — ein wal- diges Gebirge, welches gegen die Lahn sanft, gegen Siiden hin steil abfallt. Siidlich vom Taunus gegen den Rhein und Main breitet sich das milde Rheingau aus, eine hochst fruchtbare, herrliche Land- Bchaft. Nordlich von der Lahn wird das Land vom rauhen Wes ter- walde durchzogen. Im Ganzen ist der Boden fruchtbar und gut angebaut, einzelne Strecken gehoren zu den schonsten, am meisten romantischen in Deutschland. Gewasser. Alle Fliisse gehoren zum Geader des Rhein, welcher von Biberich bis zur Lahn-Miindung Grenzfluss des Lan¬ des ist. Auf einer kurzen Strecke ist der Main, der bei Hochst die Nidda aufnimmt, ebenfalls Grenzfluss. Der bedeutendste Fluss ist die schiffbare Lahn, welche mitten durch das Land fliesst und bei Nieder-Lahnstein mundet. In Nassau ergiessen sich in dieselbe (links): die Weil, Embs, Aar und der Miihlbach. — Seen hat das Land keine, aber viele Weiher. Sehr reich ist das Land an Mi- neralquellen (iiber 150), unter denen jene von Wiesbaden, Selters, Ems, Fachingen, Geilnau, Schwalbach, Schlangenbad, Soden, Weilbach u. a. besonders beriihmt sijid, deren Wasser auch weit versendet wird. Politische Eintheilung. Nassau wird in 28 Aemter eingetheilt. Bemerkenswerthe Orte sind : Wiesbaden (17.000), Biberich, Hochst, Johannisberg, Hochheim, Geisen- heim, Riidesheim, St. Goarhausen, Selters, Schwalbach, Schlangenbad, Fachingen, Geilnau, Kronberg, Dietz, Holzappel, Ems, Nassau, Weilburg, Caus, Eltville, Limburg. Knlturverhaltnisse im Allgemeinen. Die wichtigsten Nahrungszweige der Bewoliner sind die Laild- wirthschaft und der Bergbau. Der grosste Theil des Landes ist gut kultivirt und gibt ansehnlichen Ertrag. Der Ackerbau wird sehr fleissig betrieben; in den hoheren Gegenden wird vorwie- gend Roggen, an der Lahn und Aar vortrefflicher Weizen gebaut, der namentlich in Holland sehr geschatzt wird. Sehr stark ist der Rapsbau, der fur den Export lieiert; auch Flachs und Hanf erfreuen sich guter Pflege; an Tabak werden jahrlich iiber 150.000 Zentner producirt. Nassau ist das Vaterland der edelsten, feurigsten Rhein- weine (Johannisberg, Riidesheim, Markebrunn, Hochheim, As- mannshausen u. a. — jahrlich an 70.000 Eimer). Der Obstbau liefert Obst in Menge und von vorziiglicher Giite (grosse Baum- schule in Dietz). — Die Wiesenkultur ist ausgezeichnet; die sehr ansehnliche Forstkultur bietet viel Holz zur Ausfuhr. Auf gleicher Hohe steht die Viehzucht. Die bedeutendste Hornviehzucht ist am Westerwalde, wo auch ein betrachtlicher Handel damit getrieben wird. Auf die Schafzucht wird in den Lahngegenden grosse Sorgfalt verwendet, dessgleichen auf dieVer- 208 edlung der Pferde. Im Rhein ist die Fischerei bedeutend, und die zahlreichen Forste sind reich an Wild. Mehrere landwirthschaft- liche Vereine und Assekuranzen sind von wesentlichem Einfiusse fiir die Hebung der Landwirthschaft. Der Bergbaii ist lebhaft. Ausser etwas Silber, Blei und Kupfer wird viel Eisen von vorziiglicher Giite gewonnen, die Erz- ausfuhr ist auch zieinlich bedeutend. Die Ausbeute an Braurikoh- len (an 900.000 Zentner) ist erheblich, ebenso an Thon und schonen Marmorarten (im Westerwalde); hingegen an Salz nur wenig in den Salzquellen von Soden. Im Verhaltnisse zur Landwirthschaft und zum Bergbau ist die gewerbliche Thatigkeit mit Ausnahme des sehr ansehnliche n Hiittenbetriebes eine nur geri'nge. Nur die Leinen- und Wollwebe- rei, die Gerbereien (Idstein), Topferwaaren (steinerne Kriige bsi Selters) und die Papiererzeugung sind erwahnenswerth. Ferners bestehen fiber 1000 Branntvveinbrennereien und Bierbrauereien, einige Schneide- und Pulvermiihlen und viele jPottaschesiedereien. Die grossten Eisenwerke sind im Westerwalde und an der Lahn. — Zur Forderung der technischen Ivultur ist (im J, 1856) der „Nassau’sche Kreditverein fiir Handel, Industrie und Gewerbe“ (Grundkapital 12 Millionen Gulden) concessionirt worden. Der Handel wird befordert durch die Schiffahrt auf dem Rhein, dem Main und der Lahn, durch sehr gute Landstrassen und Eisenbahnen. Nassau selbst ist jedoch kein Handelsstaat; den Ver- kehr nach auswarts vermitteln Frankfurt, Mainz, Koblenz und Bingen; nur fur den Weinhandel sind Biberich, Eltville und Riides- heim, fur den Wollhandel Dietz bemerkenswerth. Zur Ausfuhr gelangen: Wein, Mineralwasser, Eisen und Eisenwaaren, Yieh, Wolle, steinerne Geschirre, Papier, Getreide aus dem Rheingau u. a,; — eingefiihrt werden: Kolonialwaaren, Sudfriichte, Salz, verschiedene Fabrikate (Tuch, Baumwollwaaren aus Preussen, Ga- lanteriearbeiten u. s. f.). Die Volksbildung ist bedeutend; sowohl die Volks- als die Gelehrtenschulen erfreuen sich ,besonderer Pflege. Fiir die technische Ausbildung sorgen die Realschulen und Realgymnasien, dann mehrere Spezialschulen, unter denen das landwirthschaft - licbe Institut auf dem Geisberge bei Wiesbaden besondere Ilervor- hebung verdient. §. 112 Die freie Stailt Frankfurt am Main. Das nicbt ganz 2 QMeilen grosse, in neun getrennte Theile zerstilckelte Gebiet der freien Stadt Frankfurt a. M. liegt an den beiden Seiten des Main zwischen Kurhessen, Nassau und dem Grossherzogthum Hessen. Der Boden ist eben und fruchtbar, wird vom Main, der Nidda und Ursel bewlissert und gut an- gebaut, obwohl die_ Landwirthschaft den grossen Bedarf der star- ken Bevolkerung nicht zu decken vermag. — Die Bewohner, iiber 76.000, sind iiberwiegend Protestanten, dock leben auch fiber 11.000 Katholiken und an 5000 Juden in Frankfurt. Zum Ge- biete des Freistaates geboren zudem eine Vorstadt (Sachsenhause n und 8 Dorfer. 209 Frankfurt-, seit 1816 der Sitz des deutschen Bundestages, be- sitzt zahlreiche Manufakturen und Fabriken in Baumwollwaaren, Seiden-, Gold-, Silber-, Bronce- und Galanteriewaaren, Wachstuch, Tabak, Papiertapeten, mechanischen und physikalischen Instrumen- ten, chemische Fabriken, Kupferdruckerschwarze, Eisengiesserei u. g . f, — Wichtiger ist der Handel, Frankfurt ist eine der eraten Handelsstadte Deutschlands. Die Lage am Main, die von alien Seiten einmiindenden Landstraasen und Eisenbahnen, die zwei gros- sen Messen tragen zur Bliithe des Handels nicht wenig bei. Ist die Stadt auch der wichtigste Plafz fur Deutschlands Handel in Wein, Wolle, Seide, Leder, Tabak und Bauholz, so liegt der Schwer- punkt dock im Wechsel- und Geldhandel, der Speditions- handel ist von sehr grosser Ausdehnung und auch der Buchhandel ist betrachtlich. — Unter den Aktiengesellschaften sind jene der frankfurter Bank,“ der „Rhein- und Main - Schiflahrt“ und die Yersicherungsgesellschaft „Providentia“ besonders bedeutend. — Zahlreiche Yereine, Lehranstalten und Zeitschriften haben die For- derung der technischen und geistigen Kultur zum Zwecke; insbe- sondere entwickeln die wissenschaftlichen und Kunstanstalten und Vereine in dieser Richtung eine hochst anerkennenswerthe Thatig- keit, deren wohlthatiger Einfluss auch in den verschiedensten Zwei- gen bemerkbar ist. §. 113. Das Fiii'stcntluiin Waldeck. Das Furstenthum Waldeck, nahezu 22 QM. gross, besteht aus zwei getrennten Parzellen. Waldeck, iiber 20 QM. gross, ist von Preussen und Plessen eingeschlossen, — Pyrmont, iiber 1% QM., umgeben Lippe-Detmold, Hannover und Braunschweig. Beide Landestheile sind gebirgig, vorziiglich der erstere; die Ge- -wa8ser gehoren zum Flussgeader der Weser. Nebst vielen Fisch- teichen hat es einige Mineralquellen, unter denen der Stahlbrunnen von Pyrmont der beriihmteste in Deutschland ist, von dessen Wasser jahrlich iiber 400.000 Flaschen versendet werden. — Die Bevolkerung belauft sich uber 58.000 Seelen, welche mit Ausnahme von etwa 1000 Katholiken und 500 Juden sammtlich Protestanten sind. Die bedeutenderen Orte sind : A r o 1 s e n (2300 Einw.), Korbach (2300), Niederwildungen (2000) und Pyrmont (1400). 1st auch der Boden im Ganzen steinig und wenig fruchtbar, so hat doch der Fleiss der Bewohner denselben fiir den Acker- bau derart giinstig gestaltet, dass er den Bedarf deckt, und in giinstigen Jahren sogar fiir den Export liefert. Auch die Vieh- zucht wird rationed und sorgfaltig betrieben und ubersteigt den Bedarf. Der Bergbau wird zumeist auf Eisen, doch auch auf Kupfer und Salz betrieben, _ und in der Edder wird etwas Gold gewaschen. Die gewerbliche Industrie ist von geringem Belange. Der Handel geht auf der Weser nach Bremen, und um- lasst in der Ausfuhr nebst dem Mineralwasser auch Erzeugnisse der Landwirthschaft. Das Postwesen wird von Preussen verwaltet. ~ Waldeck ist eine konstitutionelle Erbmonarchie im lutherischen Hause Waldeck. Klun’s nandels-Geographie. 2. Aufl. 14 210 §. 114. Das Grossherzogthum Luxemburg und das Herzogthuin Limburg. (Siehe Konigreich der „Niederlande.“) C. Mittlere Staaten, §. 115. Das Konigreich Sachsen. 272 QMeilen; 2,040.000 (relativ 7500) Einwolmer; — vorherrscbend Pro- testanten, an 37.000 Katholiken (darunter die regicrende Familie), etwa 1200 Israeliten ; —nach der Na tion ali t a t Oberdeutsche und gegen 50.000 Wenden (slawischer Abkunft). — Grenzen: im 0. Oesterreieh, Preussen, —im N. Preussen, — im W. Preussen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Weimar, lleuss, Baiern, — im S. Oesterreieh. — Konstitutionelle Erbmonarchie in der mannlichen und weiblichen albertinisehen Linie des Hauses Wet tin. Bodeil. Der Boden des Konigreiches Sachsen ist zum Theile hiigelig und bergig, zum Theile eben. Beilaufig 2 / 5 des Areals ent- fallen auf' das Gebirgsland, eben so viel auf das Htigelland, und ’/ 5 auf die Ebene. Der efidliche Theil gehort dem mitteldeutschen Gebirgslande an. Hier zieht sich das Erzgebirge langs der bohmischen Grenze hin, an welches sich ostlich das niedere Elbe- sandsteingebirge anschliesst. Dieses, zu beiden Seiten der Elbe gelegen, zeiehnet sich durch schroffe Felsmassen in den sonder- barsten Gestalten , durch freistehende Felsenkegel, tiefe und enge Abgriinde, romantische Thaler, Hohlen und Felsenspalten aus, und heisst die „sachsische Schweiz.“ Noch weiter gegen Osten erhebt sich das Lau sitzer-Geb irge (der wohlische Kamm) als das nordlichste Glied der Sudeten. Gegen Norden geht das Bergland in sanfter Abdachung in das Hugelland, und dieses in das Flachland fiber, welches allmalig den Chavakter der norddeut- schen Tiefebene annimmt. — Das Erzgebirge und das Voigtland (Elstergebirge zwischen der Zwickauer Mulde und Saale) haben rauhes Klim a und wenig ergiebigen Boden; milder ist das Fliigel- land, am angenehmsten im fruchtbaren Elbethale. Gewiisser. Das Land ist gut bewassert und gehort mitAus- nahme eines sehr geringen Theiles (in der Oberlausitz) zum Ge- biete der Elbe, welche auf ihrem 16 Meilen langen Laufe durch Sachsen von Dampfschiflen befahren wird. Ihre bedeutenderen Nebenflfisse sind: Am rechten Ufer die schwarze Elster und die Spree; auf dem linken die M u 1 de , welche aus der Zwickauer- Mulde (mit der Chemnitz) und der Freiberger- Mulde (mit der Zschoppau) entsteht (bei Grimma), dann die weisse Elster (mit der Pleisse), welche der Saale zufliesst; — alle diese Gewasser er- giessen sich jedoch erst ausserhalb Sachsens in die Elbe. -- Die Lausitzer-Neisse fliesst der Oder zu. Eigentliche Seen hat das Land nicht ? aber viele Teiche (um Moritzburg). Auch Mine- ralquellen gibt es in nicht unbedeutender Anzahl. IPolitisclie Eiiitheilung. Das Konigreich Sachsen zerfallt in 4 Kreisdirektions-Bezirke, welche in Amtshauptmannschaften und Aemter eingetheilt sind. Die Reichshaupt- und Iiesidenzstadt des K5nig8 ist: Dresden (llOOOOEinwohner), in lieblicher Gegend an der Elbe, iiber welche 2 steinerne Brucken fiihren. Konigl. Schloss mit dem „griinen Gewolbe“ nnd sehens- werthen Kostbarkeiten; neues Museum mit der beriihmten Bildergallerie (Sixtinische 211 Madonna von Raphael, die heil. Nacht von Correggio), Kupferstichkabinet; der Zwinger mit dem histor. Museum, Naturaliensammlung; japanischer Palast mit der Bibliothek, Antiken-, Miinz- und Porzellansammlung; scbOne kathol. Hofkirche, Frauen- und Kreuzkirche. Akademie der Kunste, mediz.-chirurg. Akademie, poly- teehnisebe und Kriegsschule, Handelslehranstalt, 2 Gymnasien und zahlreiche Privat- lehranstalten. — Industrie in physik. und chirurg. Instrumenten, Bijouterien, Tapeten u. a • Bierbrauereien, Riibenzuckerfabrik, Stfickgiesserei, kiinstliche Mineralwasser tStruve’s Anstall). Lebhafter Handel und Verkehr auf der Elbe und den Eisenbak- nen; Wollmarkt; sehr Starke Fremdenfrequenz (das „deutsche Florenz"). Der Plauen’sche Grand dureh geognostische Merkwiirdigkeiten, Steinkohlengruben mid industrielle Etablisscments ausgezeichnet. In der Nahe des konigl. Lustsehlosses Pillnitz (an der Elbe) der Eintritt in die vielbesuchte „silchsisehe Schweiz.“ — Nacbst der Residenzstadt verdient besondere Hervorhebung: Leipzig (70 000) an einem Arme der weissen Elster und an der Pleisse, mit einer im J. 1409 gestifteten Universitat, 2 Gymnasien, Conservatorium fur Musik, Zeichenakademie, polytechni- sehe und Handelsschule, zahlreiche Anstalten fur Beforderung von Wissenschaft, Kunst, Gewerbe und Handel. Allgemeine deutsche ICredit-Anstalt, Bank, Diskonto- kasse, rittersehaftlicher Kreditverein; ausgedehnte Industrie in Bijouterien, Leder, ICunstblumen, Messer- und Nadelwaaren, Wachstueh, Liqueure, musikalische Instru- mente, Oelraffinerjen. Grossartig sind die Buchdruckereien in alien Richtungen die¬ ses Ivunstzweiges. Leipzig ist der Mittelpunkt des deutschen Binnen- und des nord- deutschen Buchhandels und nachst Hamburg die erste Handelsstadt Deutschlands ; auf den 3 Messen grossartiger Waarenverkehr. •—Sieg der Verbundeten iiber Napoleon in der grossen Schlacht vom 16.—18. Oktober 1813. Andere bemerkenswerthe Orte sind : 1. Kreisdirektion Dresden (79 DM., — 520.000E.): Dresden (110.000), Tharand, Pillnitz, Pirna, Schandau, Konigstein, Meissen, Lommatsch, Freiberg, Altenberg. 2 Kreisdirektion Leipzig (63 [DM., — 450.000 E.): Leipzig (70.000), Hubertsburg, Grimma, Wurzen, Oschatz, DObeln, Hainichen. 3. Kreisdirektion Ziwiekuit (85 GMeil., — 750.000 Einw.): Zwickau (14.000) , Marienberg, Annaberg, Zschoppau, Frankenberg. Mittweida, Chemnitz (32.000) , Johann-Georgenstadt, Eibenstock, Glauchau (30.000), Schneeberg, Werdau, Crimmitschau. Plauen, Reichenbach. 4. Kreisdirektion linutzen („Oberlausitz“ 45 GMeilen, — 300.000 E.): Bautzen (11.000), Kamenz, Lobau, Herrnbut, Zittau, Waltersdorf, Gross-Schonau, Hirscbfeld, Ostritz. Kulturverhaltnisse im Allgemeinea. Das Konigreich Sachsen gehort in jeder Beziehung zu den kultivirtesten Landern Europa’s, und der Wohlstand des Landes hat in der grossen Thatigkeit seiner intelligenten Bewohner eine sichere und feste Grundlage. Der Boden ist zwar mehr bergig als eben, in grossen Strichen (wie im hohen Erzgebirge) sogar mager; dessungeachtet werden fast alle gewohnlichen Produkte in reichem Masse gewonnen, weil die sehr rationell betriebene Landwirth- scliaft auf einer hohen Stufe steht. Trotz der Sorgfalt jedoch, welche dem Ac ker b au zugewendet wird, deckt der Ertrag an Getreide nicht den Bedarf der in Deutschland relativ dichtesten Bevolkerung. Den fruchtbarsten Getreideboden haben die Gegen- den um Meissen (Lommatsch’scber Pflege), Pegau, Leipzig, Grimma, Leissnig, sowie um Bautzen, Lobau und Zittau; dagegen gedeihen on rauhen und gebirgigen Siiden des Zwickauer Kreises nur Hafer und Ivartoffeln. — Der Anbau der Hiilsenfru chte ist allgemein; Wiesenkultur wird insbesondere im Erzgebirge und in den Elbeniederungen gepflegt, Unter den Handelspflanzen sind Laps und Riibsen (Dresden, Meissen, Oschatz, Leipzig), der Flachs 14 * 212 5m Erzgebirge, im Voigtlande und in der Lausitz (Jahresproduk- tion fiber 23.000 Zentner), der Tabak um Dresden nnd Leipzig (jahrlich an 900 Zentner), die Weberkarde (Lominatsch, Pegau, Dtibeln u. s. w.), endlich Hopfen, Krapp und Saflor erwahnens- werth. — Der verbreitete Obstbau (Dresden, Meissen, Leipzig, Kodlitz) liefert vorziigliche Qualitaten, die „Borsdorfer Aepfel“ bilden einen ansehnlichen Handelsartikel zumeist nach Nord-Europa. Auch an der Hebung des Weinbaues (zwisehen Pillnitz und Meissen) wird ernstlich gearbeitet. — Die Forstkultur ist aus- gezeichnet und erfreut sich eines europaischen Rufes. Der grosse Reichthum an Waldungen, namentlich im Erzgebirge, deckt nicht nur den bedeutenden Bedarf des Huttenbetriebes, es gelangt Holz auch zur Ausfuhr. Fur die Ausbildung der gesammten Landwirth- schaft und des Forstwesens besteht die k, landwirthschaftliche und Forstakademie zu Tharand. Unter der bedeutenden Viehzueht nimmt die sachsische Schaf- zucht nicht bloss in Sachsen, sondern in ganz Deutschland den ersten Rang ein , und liefert einen der ausgezeichnetsten Rohstoffe („sachsische Elektoralwolle 41 ) fur die inlandische Industrie und zur Ausfuhr. (Wollproduktion jahrlich an 12.000 Ztr.) Beruhrnt sind die k. Schafereien zu Rennersdorf (bei Stolpen), Hohnstein und Lohmen (sachsische Schweiz). — Ihr zunachst steht die Rind- viehzucht im Voigtlande und im Erzgebirge (erzgebirgische Butter, voigtlandisches Mastvieh). Von geringerer Bedeutung ist die Pferdezucht, auch jene des Borstenviehes ist nicht ausreichend. Viel Federvieh halten die Wenden, die Bienenzucht kommt in der Lausitz vor, und fiir die Seidenraupenzucht besteht eine Muster- anstalt in Leipzig. In Hinsicht des Bergbaues behauptet Sachsen ebenfalls den ersten Rang unter den deutschen Staaten. Hierin hat es in wissen- schaftlicher wie in technischer Beziehung eine hohe Stufe der Voll- kommenheit erreicht, und die beruhmte Bergakademie in Freiberg tragt hierzu vorzfiglich bei. Der Hauptsitz des Bergbaues und Hfittenwesens ist das Erzgebirge, namentlich Freiberg. Der Me- tallbergbau erstreckt sich auf eine grosse Menge von Erzen; am bedeutendsten ist die Gewinnung silberhaltiger Erze, der Zinn-, Eisen- nnd Kobalterze. Die Anzahl der gangbaren Bergge- baude (Gruben und Stollen) betragt an 400, die meisten um Frei¬ berg. Die Ausbeute betragt jahrlich beilaufig an Silber 80.000 Mark, an Eisen 150.000 Zentner, fiber 700 Zentner Zinn u. s. w. im Gesammtwerthe von mehr als 1 ’/ 2 Million Thaler. — Beiche S t ei n k o hi e n 1 ag er sind im Plauen’schen Grunde, bei Dresden und Zwickau, Braunk ohlenlager vorzugsweise um Zittau und an mehreren Stellen der Oberlausitz. Endlich besitzt das Land viel Torf (auf dem Erzgebirge), Kalk- und Sandsteine (Pirna), vor- treffliche Porzellanerde (bei Aue); mehrere Arten von E deist ei¬ nen (im Erzgebirge), als Opale, Karneole, Rubine u. s. w. — Nur Salz fehlt, doch erhiilt es dieses nach einer besondern Ueberein- kunft von Preussen zu einem bestimmten Preise. Von grosserer Wichtigkeit als die Urproduktion ist in Sachsen 213 die gewerbliche Industrie, die Hauptgrundlage des Nationalreich- thums. Schon seit Jahrhunderten genossen die sachsischen Fabri- kate einen wohlbegriindeten Ruf und in neuerer Zeit haben sie eine solclie Vollkommenheit erreicht, dass Sachsen zu den ersten Industrie- staaten Europa’s gebiirt. Mehr als die Halfte der Bevolkerung fin- det hierin ihre Hauptnahrungsquelle und ausser Grossbritannien besitzt kein Land verhaltnissmassig so viele Fabriken als Sachsen. — In der Gross-Industrie nimmt die Baum w ollf abr ikati on den ersten Rang ein. Der Hauptsitz der Spinnerei und Weberei ist Chemnitz, die erste Fabrikstadt Sachsens, dann Plauen, Franken- berg, Zschoppau, Mittweida, das ganze Voigtland, ein Theil der Oberlaueitz (uni Zittau). „Ch emn i t zer - ffaare“ nennt man Kattun, Piqud, Tiicher, Strumpfwaaren, halbseidene und halbwollene Modezcuge, •— ,,Plauen’sche Waare“ sind feine, weisse Baum- wollengewebe, oder Mousselin, Schleier, Gaze, genahte Waare, — — und „Sebnitzer-Waare“ bunte Halbleinen, besonders Zwil- licli. Die Kattun- und Kaliko-Druckereien sind in und um Chem¬ nitz, auch in Leipzig, — Strumpfwaaren in den Bezirken Chemnitz, Augustusburg und Stollberg, — ferner baumwollene Bander, Posa- mentirarbeiten u. s. f. um Annaberg, Buchholz, Scheibenberg u. a. O., — Bleichen zu Chemnitz, Glauchau, Wersau. Die Fabrikate haben auch im Auslande, selbst auf den uberseeischen Markten (Strumpf¬ waaren, Kattune und Mousseline) guten Absatz und ehrenvollen Ruf. — Yon kaum geringerer Wichtigkeit ist die auf das ausge- zeiclmete sachsische Rohprodukt sich stutzende Woll waare n- fabrikation, und die Fabriken in Tuch, Casimir, Merinos, Thi¬ bet, Flanell, Band- und Strumpfwaaren, Miitzen setzen ihre fast durchgehends ausgezeichneten Fabrikate in den Nachbarlandern, aber auch in Amerika und im Oriente ab. Die Tuchfabrikation sowolil in hochfeiner als mittelfeiner Waare wird sehr ausgedehnt betrieben und arbeitet fur den Export; am starksten um Zwickau (Werdau, Crimitscliau, Reichenbach, Kirchberg u. a.), dann Oschatz, Bischofswerda, Grossenhain, Kamenz, Bautzen, Zittau u. s. w. Un- ter den Kammwollfabrikaten nehmen die Thibets, Merinos und die leiehten Gewebe einen hohen Rang ein, worin Reichenbach im Voigtlande sehr vortheilhaft bekannt ist. — Der alteste Industrie- zweig des Landes ist die Fabrikation von Leinenwaaren, wo¬ rin die Lausitz, vorziiglich Zittau nebst Umgebung den Haupt¬ sitz bildet. Die Leinendamaste von Gross- und Neu-Schonau und Waltersdorf, die Zwilliche und Drells des letztercn Ortes stehen unerreicht da; erstere zieren die Tafeln der Fiirsten und sind ge- sucht auf alien Markten. Die Handspinnerei des Flachses ist zwar im ganzen Lande ausgebreitet, doch ist sie am vorziiglichsten in der Oberlausitz. Die sachsischen Spitzen, Blonden und ausgenah- te n Waaren aus dem Erzgebirge (Annaberg, Sclmeeberg, Johann- Georgenstadt, Schonheide, Eibenstock u. a. O.) konkurriren mit Erfolg mit den schweizerischen, englischen und belgischen Waaren. Die zahlreichen Kloppel- und Nahschulen tragen zur Vervollkomm- nung dieses Industriezweiges nicht wenig bei. — Die wachsende Eabrikation in Seidenwaaren kommt zumeist in Annaberg, Chem- 214 nitz, Frankenberg und Penig vor. Die bedeutenden Papier fa- briken von Bautzen, Leipzig, Plauen u. s. f. decken nicht den gros- sen Bedarf der zahlreichen und ausgedehnten typographiscben An- stalten von Leipzig, des wichtigsten Platzes in Deutschland in dieser Richtung. — Sehr bliihend ist die Industrie in Metallwa aren. Die grossten Eisenhammer und Walzwerke sind um Zwickau, Schnee- berg und Potschappel bei Dresden, — Maschinenwerkstatten in Chemnitz. — Bekannt sind endlich die: Lederarbeiten, chemisehen Fabrikate, leonische Gold- und Silberwaaren in Freiberg, — Holz- waaren iin Erzgebirge (Seifen), ■— die musikalischen Instrumente in Leipzig und im Voigtlande, — ausgezeichnetes Porzellan in Meis¬ sen und Zwickau, — vortreffliche Farben (Meissen, Zwickau, Dres¬ den) ( — Strohwaaren auf dem linken Elbeufer, Tabakfabriken, Bierbrauereien , Branntweinbrennereien , Schriftgiessereien , Buch- druckereien u. s. w. — Zahlreiche Gewerbvereine, sehr gut be- stellte technische und gewerbliche Schulen und die permanente In- dustrieausstellung in Leipzig fordern den Aufschwung der sachischen Industrie. Die ausgebreitete gewerbliche Thatigkeit hat einen lebhaften Hamlel im Gefolge. Die Elbeschiffahrt, die zahlreichen, gut unter- haltenen Landstrassen , die Eisenbahnen, die Bank zu Leipzig und andere Kreditanstalten , die Bbrsen, die Leipziger Messen fordern den sachsischen Handel, der in Hinsicht auf die Leipziger Mes¬ sen (Ostern, Michaelis undNeujahr) mit Recht Welthandel genannt werden kann. Auf diesen Messen entwickelt sich ein ausgedehn- ter und vielseitiger Yerkehr, wie nur auf wenig Platzen der Erde, und der Waarenumsatz betragt im jahrlichen Durchschnitte an 75 Millionen Thaler. Nicht nur fast alle europaischen Lander schicken hieher ihre Kaufer und Verkaufer, auch Asien (vornehmlich aus Armenien, Grusien, Persien) und Amerika sind dabei vertreten. — Die Ausfuhr umfasst alle friiher genannten Kunsterzeugnisse des sachsischen Gewerbfleisses (im Jahre 1856 im Werthe von 216 Mil- lionen Thaler); — bei der Einfuhr sind ausser Kolonialwaaren, sonstigen uberseeischen Importartikeln und den Rohprodukten fiir die Industrie auch Getreide, Salz, Wein, bohmisches Glas, Papier u. s. f. im Werthe von etwa 186 Millionen Thaler (im Jahre 1856) vertreten. Der Kommissions- und Speditionshandel, wie auch die Wechselgeschafte sind in Leipzig gleichfalls sehr bedeutend. Leip¬ zig ist endlich der Hauptort des Buchhandels fiir die ganze civilisirte Welt; auf den sachsischen Buchhandel entfallt ungef&hr der sechste Theil der gesammten deutschen Buchhandlerschaft und in Leipzig bestehen an 150 Buchhandlungen (davon etwa 50 reine Verlagshandlungen). Ausser Leipzig sind wichtigere Flandelspliitze: Chemnitz, Dresden, Plauen, Zwickau, Zittau und Bautzen. Be- deutende Wollmarkte werden jiihrlich zu Leipzig und Dresden ge- halten. Eine so hohe Stufe in der physischen und technischen Kultur setzt einen bedeutenden Standpunkt in der geistigeii Kultur eines Volkes voraus. Der Einfluss von Wissenschaft und Kunst auf die Urproduktion, auf Gewerbe und hohere Iudustrie, auf den Handels- 215 verkehr ist unbestreitbar ein machtiger;— ist er anch unmittelbar dem gewohnlichen Auge nicht sichtbar, so wird er bald fiihlbar in dem Wachsen des Nationalwohlstandes, in dem Kampfe mit der Konkurrenz des Auslandes, In der That nimmt Sachsen in der geistigen Bildung einen der ersten Platze unter den deutschen Staaten ein; in alien Volksklassen ist ein erfreulicher Fortschritt bemerkbar. — Die untersfe Stufe bildet die Volksschule, welche jedes Kind vom sechsten Jahre an durch 8 Jahre zu besucben hat. Sowohl die gelehrten Schulen, als die technischen und sonstigen sehr zablreichen Spezialscbulen sind trefflich eingerichtet und ge- niessen sorgfaltige Pflege und Unterstiitzung. Die polytecbnische Schule in Dresden, die mittleren Gewerbeschulen (in Chemnitz, Zittau, Plauen), die Baugewerkschulen (Dresden, Chemnitz, Leipzig, Plauen, Zittau), die Bergakademie in Freiberg, die Akademie in Tharand, die landwirthschaftliche Anstalt zu Lutzschena bei Leipzig, die Handelsschulen, Buchhandlerschule, Kloppel-, Weber-, Stroh- flecht-, Nah-, Stick-, Zeichnenschulen u. s. f. haben glanzende Er- gebnisse bereits geliefert, und Sachsen auf die hohe Stufe der Bil¬ dung und Kultur zu heben mitgeholfen, auf welcber wir es jetzt erblicken. §. 116. Das Grosslicrzogthum Saehscn-Weimar-Eiscnach. Das 66 QMeilen grosse Grossherzogthum besteht aus drei grosseren, von einander getrennten Landestheilen und 23 Enklaven, und ist von etwa 264.000 meist lutherischen Thiiringern bewohnt, unter denen an 11.000 Katholiken und gegen 1500 Juden leben. Die grosseren Landestheile sind: Kreis Weimar (33 DM., — 134.000 E.), Weimar (13.000), Jena (7000), Apolda. Kreis Neustadt (11 DM., — 48.000E.), Neustadt an der Orla (6000). Kreis Eisenach (22 QM., — 82.000E.), Eisenach (11.000), Euhla (znr Halfte). Die grosseren Parzellen sind Ilmenau, Altstedt, Ostheim und Kalten- nord heim. Der Boden ist theils Berg-, theils Plugelland, ebene Strecken finden sich nur in den Flussthalern. Am gebirgigsten ist das Fiir- stenthum Eisenach, im Norden vom Thiiringerwald e (Wart- burg 1315'), im Suden vom Rhongebirge durchzogen , von der Werra und deren kleinen Zufliissen bewassert. — Der Kreis Wei¬ mar liegt im Thiiringer Hiigellande, durch welches die Saale mit der Urn und einigen anderen Flrisschen den Lauf nimmt. — Ilmenau liegt im Thiiringerwajde, Altstedt auf dem sudostlichen Abhange des Harzes, der Kreis Neustadt gehort dem Voigt- 1 a n d e an. Der Boden ist (mit wenigen Ausnahmen) fur den Ackerbau nicht besonders giinstig; doch hat der Fleiss der Bevolkerung viele naturliche Hindernisse. besiegt und den Ertrag derart gesteigert, dass die Produktion in der Regel den Bedarf vollstandig deckt. Der ostliche Theil erzeugt viel Roggen und Gerste, urn Altstedt Weizen, in den gebirgigeren Gegenden Hafer; im wesflichen Theile ist die Ernte nicht ausreichend. Hiilsenfruchte, Gemuse und Kar- tofteln werden in Menge produzirt. An Handelspflanzen werden 216 viel Flachs, Hanf (an der Saale), Riibsamen, Mohn (in Eisenach), etwas Hopfen und mehrere Farbekrauter gewonnen. Der Obstbau ist namentlich bei Ostheim bedeutend; die Forstkultur liefert Holz liber den Bedarf (Eisenach, Neustadt),. und die Wachholderbeeren gelangen zum Export. — In der Viehzucht steht am hochsten jene der Schafe, zunachst stebt die Rindviehzucht (Eisenach, Neu¬ stadt) und die Borstenviehzucht; die Jagd gewahrt reiche Beute. — Der Bergbau auf Eisen (Ilmenau), Kupfer (Eckartshausen), Stein- und Braunkohle ist unwichtig. Salz liefert die Saline Wil- helmsgliickbrunn (bei Kreuzberg an der Werra). Fehlen auch grossere Fabriken, so ist die gewerbliche Th&tigkeit im Kleinen doch beachtenswerth, namentlich in Ei¬ senach und Ruhla. Die wichtigsten Gewerbe sind: Die Woll- und Leinweberei (Neustadt, Weida), die Strumpfweberei in Apolda; Ilmenau erzeugt Eisenwaaren, Glas, Porzellan, — Ruhla Eisen- und Holzwaaren, vorziiglich Pfeifenkopfe; — Flanellfabrikation ist in Lengsfeld; bekannt ist die Stein- und Kupferdruckerei in Weimar (insbesonders gute Landkarten aus dem geographischen Institute). Dei' Handel hat in neuerer Zeit zugenommen, er wird durch die thiiringische Eisenbahn und die Bank in Weimar gefordert. Zur Ausfuhr gelangen: Wolle, getrocknetes Obst, Beeren, Woll- und Leinenwaaren, Kurzwaaren aus Ruhla, Fabrikate aus Eisenach und Ilmenau, Topferwaaren, Landkarten aus Weimar. Bedeutsamer ist der Transithandel. Hauptplatze des Handels sind Weimar (mit be- deutenden Wollmarkten) und Eisenach. Die geistige Kultur steht auf einer hohen Stufe. Die Volks- bildung sowie die hohere wissenschaftliche und gewerbliche Bildung erfreuten sich seit jeher besonderer Pflege, Weimar uud Jena haben stets einen grossen Einfluss auf die geistige Entwickelung des Ge- sammtvaterlandes ausgeilbt; ein grosser Theil von Deutschlands gross- ten Mannern wirkte in diesem kleinen Lande (Gothe, Schiller, Plerder, Wieland). Zahlreiche Anstalten fur WissenschaftundKunst sichern dem Landchen einen bleibenden Einfluss in dieser Richtung auch fur die Zukunft. §. 117. Das Jlcrzogtluun Saclisen-Meiningen-IIildbiirgliausen. Das Herzogthum Sacbsen-Meiningen-Hildburghausen zieht sich in der Hauptmasse am sudlichen Abhange des Thiiringerwaldes hin, wahrend zwei grossere Gebiete und eilf Parzellen davon getrennt sind (Krannichfeld zwischen Preussen, Weimar und Schwarz- burg, — Hamburg zwischen Preussen und Weimar). Auf den 46 QMeilen leben an 166.000 meist lutherische Bewohner in IT Stadten, mehreren Marktflecken und Dorfern. Die bedeutcndsten Orte sind : Moi ningen (7000 E.), Hildburghausen (5000 E.), Salzungen, Saalfeld, Sonnenberg, Piissneck, Eisfeld, Wasungen, Sioinaeh.^ Das Land ist gebirgig und hat fruchtbare Thaler mit gutem Ackerbaue und ansehnlichem Viebstande. Das Bergland gehort theils dem Thilrin ge r wal de , theils der ostlichen Rh on an. Fast das gauze Land durchstromt die Werra, einen kleineren Theil die Saale, welche die zalilreichen Fliisschen des Landes aufnehmen. Die Hauptprodukte der L an d wir thsch af t, der wichtigsten Erwerbsquelle, bilden Getreide, Obst, Tabak, Gartengewachse und 217 Futterkrliuter; der Ackerbau liefert jedoch nicht hinreichend Ge- treide. Die Forstkultur ist sehr bedeutend. Reich ist das Land an schonem Rindvieh und Schafen. — Der Bergbau liefert Eisen (bei Steinach), Steinkohlen, viel Schiefer (bei Sonnenberg und Saal- feld), sehr viel Salz, (Salzungen, Neusulza, Friedrichshall), Kupfer und Porzellanerde. In der sehr lebhaften gewerblichen Industrie sind hervor- zulieben: die starke Eisenfabrikation (im Oberlande, um Saalfeld), — die Webe- und Wirkwaaren, die Glas- und Porzellanfabriken in Lauscha bei Steinach, — die Blech- und Holzwaaren, Papiermache- arbeiten, Schiefertafeln, Spielwaaren in und um Sonnenberg, — die Messerschmiedwaaren in Steinbach und Wasungen , — dann che- mische und Farbwaaren-Fabriken, Gerbcreien, Tcipfereien, Brannt- weinbrennereien, Tabakfabriken, Getreide-, Schneide- und Schusser- miihlen u. s. vv. Der Handel ist verhaltnissm&ssig ziemlich bedeutend und hierin nimmt Sonnenberg den ersten Platz ein, welches seine „Son- nenberger Waaren“ bis nach America versendet. Auf der Werra ist starke Holzflosserei; ferners werden ausgefiihrt: Mastvieh, Eisen und Eisenwaaren, Glas, Farben, Porzellan, Grafenthaler Wetzsteine und Schiefertafeln. Forderlich fur den Handel sind die „Landes- Kreditanstalt“ und die *mitteldeutsche Kreditbank fi'ir Industrie und Handel" zu Meiningen, sowie mehrere landvvirthschaftliche und ge- werbliche Vereine. Die Volksbildung ist erfreulich vorgescbritten; fiir gewerbliche und gelehrte Bildung wird durch mehrere Lehranstalten bestens Sorge getragcn. §. 118. Das IIiTzogtlimn Sacliscn-Kobiirg-Gotha. Dieses Herzogthum besteht aus zwei, durch Sachsen-Meinin- gen und Preussen von einander getrennten Gebieten, dem Ilerzog- thume Ivoburg und dem Ilerzogthume Gotha (und melireren Enkla- ven). Jenes liegt am sudlichen, dieses am nordlichen Abhange des Thiiringerwaldes. Der Flacheninhalt betragt an 37 QMeilen mit 151.000 meist protestantischen Einwohnern, welche in 9 Stadten und melireren Marktflecken und Diirfern leben. Die wichtigeren Orte sind: Koburg (10.000), Ehrenburg, Neustadt; — Gotha (15.500), Waltershausen (Sehnepfenthal), Ohrdruf, Friedrichsroda, Tambach, Blasienzella (oder Zella), Iiuhla (zur Halite). Der Boden von Koburg ist fast durchgangig Hiigelland, von Gotha gebirgig. Koburg gehort dem frankischen Hflgellande an, Gotha ist zumeist von dem nordiistlichen Abhange des Thii- ringerwaides bedeckf. In den ebeneren Gegenden ist der Boden sehr fruchtbar, das Klima der Produktion zutraglich. — Beide Landestheile sind gut bewassert. Koburg durchfliesst die Itz, welche mehrere Fliisschen aufnimmt und nach Baiern zur Miindung in den Main tritt. In Gotha sind die Leine (spater Horsel ge- uannt), die Nesse (Nebenfliisse der Werra), und an der nordost- lichen Grenze die Unstrut (Nebenfluss der Saale). Die wichtigste Nahrungsquelle der Bevtilkerung ist die sorg- faltig betriebene Landwirthschaf t, welche namentlich in Gotha 218 viel Getreide, Hiilsenfriichte, dann Flachs, Obst, Anis, Koriander, Kiimmel, Hopfen und Arzneikniuter liefert. Die Forstkultur ist hochst bedeutend, der Thiiringerwald hat Ueberfluss an Holz. In der Viehzucht ist der grosse, starke Sohlag der Kinder bemerkens- werth, die Schafe sind meist veredelt, die Pferde von dauerhafter Race; die Waldungen beherbergen sehr viel Wild. — Bergbau findet auf Eisen, Braunstein, Kobalt und Steinkohlen statt; dann werden gewonnen Thon und Porzellanerde, vortreffliche Miihlsteine (Krawinkel bei Ohrdruf), Marmor und Salz. Die gewerbliche Thatigkeit ist in Gotha viel lebhafter als in Koburg. Zu den wichtigsten Erzeugnissen gehoren die Garn- Bpinnerei und Leinenweberei in den Gebirgsgegenden, — die be- riihmten Bleichen in Friedrichsroda, — Eisen- und Kupferwaaren in Blasienzella, Ohrdruf, Ruhla, — Holzwaaren in Ruhla, — Por- zellan in Gotha, — Lederwaaren, chemische Fabrikate in Gotha und Koburg, —■ mehrere Steinschleifereien, Marmornauhlen, Brannt- weinbrennereien, Tabak- und Seidenfabriken etc. ; — beriihmt sind die Landkarten und geographischen Lehrmittel aus dem Verlage von Perthes in Gotha. Der Eigenhandel ist ziemlich ansehnlich, auch der Transit ist beachtenswerth. Zum Export kommen: Farbe- und Arzneikrau- ter, Garn, Leinwand, Ruhla’er Metall- und Holzwaaren (Messer, Pfeifenkopfe, Pfeifenbeschlage), Theer, Kienruss, Porzellan, Mar- morkugeln, Gotha’er Landkarten. Die wichtigeren Pliitze sind Gotha, Koburg, Neustadt und Ruhla; die zwei ersten versorgen das Land mit Kolonialwaaren. •— Bedeutende Geschafte unterhalt die Feuer- und Lebensassekuranz-Anstalt in Gotha. Auch die „Zettel- und Diskontobank,“ die „Privatbank“ und die „Koburg-Gotha’sche Kre- ditanstalt" entwickeln ansehnliche Thatigkeit. — Die Fliisse sind nicht schiffbar, doch fordern die thiiringische Eisenbahn und die guten Landstrassen den Verkehr. — Die Yolksbildung steht im All- gemeinen auf hoher Stufe; fiir Unterricht und Erziehung bestehen sehr gute Lehranstalten, und zahlreiche Anstalten fiir Wissenschaft und Kunst iiben einen erfreulichen Einfluss. §. 119. Das Uerzogthum Sachsen-AItenburg. Das Herzogthum Sachsen-AItenburg, iiber 24 □Meilen gross, und. von etwa 134.000 lutherischen Thuringern bewohnt, besteht aus zwei, durch Gera und den Weimarer Kreis Neustadt von einander getrennten Landestheilen. Der ostliche Theil, von der Pleisse und deren Zufliissen bewassert, liegt auf dem aussersten Nordabfalle des sachsischen Berglandes, ist hugelig, fruchtbar, vortrefflich an- gebaut und bringt viel Getreide, Hanf, Flachs und Obst hervor, bat bedeutende Viehzucht, aber keinen Bergbau. Die Einwohner, welche sich durch eine eigenthunoliche Tracht und altherkumrnliche Sitten auszeichnen , scheinen urspriinglich wendischen Stammes zu sein. Die wichtigeren Orte sind: Altenburg (16.000), Ronneburg, Schmolln, Gossnitz, Meuselwitz. Der westliche Theil liegt theils im sachsischen, theils im thiiringischen Berglande, ist bergig und waldig, weniger fruchtbar 219 und von der Saale bewassert. Die wichtigeren Orte sind: Eisen- berg (5000), Kahla, Roda. Die gewerbliche Industrie ist von geringem Belange. Grosse Fabriken, wie im benachbarten Konigreiche Sachsen, finden sich nicht. Erwahnenswerth sind nur wenige Gewerbe: die Wollen- und Leinweberei, die vortreffliche Gerberei (Altenburg, Kahla, Ei- senberg), Topferei (Altenburg, Kahla), Porzellan- und Steingut- Fabrikation , Holzwaaren und die Verarbeitung einiger Boden- Erzeugnisse. Der Handel ist ziemlich bedeutend. Aus dem Osttheile wer- den exportirt: Getreide, Vieh, Wolle, Wollgarn, aus dem Westtheile: Brenn- und Nutzholz und Holzwaaren. Auch der Durchfuhr- und Speditionshandel ist ausgedehnt und Altenburg, der ansehnlichste Handelsplatz, macht grosse Wechselgeschafte. Die Leipziger Eisen- bahn und die Saale fordern den Verkehr. Die geistige Kultur desVolkes steht auf erfreulicher Hohe; Volksschulen , gelehrte und technische Anstalten sind in entspre- chender Anzahl vorhanden. 120. Das Furstenthum Scliwarzbiirg-Somlershausen. Die Lander der beiden Filrsten von Schwarzburg bestehen ausser einigen kleinen Parzellen je aus zwei Theilen : der oberen und der unteren Grafschaft (Oberherrschaft und Unterherrschaft). Schwarzburg - Sondershausen hat den grosseren Theil der Unter¬ herrschaft. Schwarzburg - Sondershausen, mit einer Gesammtflache von 15 QMeilen und von etwa 62.000 lutherischen Thiiringern bewohnt, besteht aus einer Ober-und einer Unterherrschaft. Die Oberherr¬ schaft, aus zwei grosseren Gebieten bestehend, liegt am Nordab- hange des Thiiringerwaldes und im Thiiringer Hiigelland ; die Gebiete sind durch YVeimar’sches, Rudolstadt’sches und Koburg- Gotha’sches Gebiet getrennt, und von der Gera und Ilm bewassert. Bemerkenswerthe Orte sind: Arnstadt (6000), Breitenbach, Geh- ren, Langewiesen. Die Unterherrschaft, zwischen Preussen und Schwarz- burg-Rudolstadt, dehnt sich uber einen Theil des Thiiringer Hiigel- landes aus und wird von der Helbe und Wipper bewassert. Grossere Orte sind: Sondershausen (6000), Greussen. Der Boden ist in der Unterherrschaft fruchtbarer, das Klima milder. DieLandwirthschaft wirdrationell betrieben und der er- giebige Ackerbau liefert in der Unterherrschaft Getreide uber den Be- darf, Kartoffel- und Flachsbau sind sehr ergiebig, Gartengewachse und Obst werden in erheblicher Menge gewonnen. Die Forstkultur lie¬ fert IIolz fur den Export. Die Viehz ucht, namentlich des Rind- und Borstenviehes wie der meist veredelten Schafe ist bliihend. Der Bergbau geht auf Eisen (bei Gehren), Blei, Miihlsteine, Salz (Fran- kenhausen), etwas Silber und Kupfer. — Die gewerbliche In¬ dustrie ist von geringer Bedeutung, am starksten in und um Arn¬ stadt. Relativ am bedeutendsten sind: die Garnspinnerei, Lein- und Wollweberei, der Hiittenbetrieb und die Metallwaaren, Weiters die 220 Gerbereien, ein paar Porzellanfabriken und Glashiitten, musikalische Instrumente zu Breitenbach. — Der Handel ist geringe. Zur Ausfuhr kommen: Holz und Holzwaaren, musikalische Instru¬ mente (Drehorgeln), Eisenwaaren, Arzneikrauter. Arnstadt ist der bedeutendste Handelsplatz. Zu Sondershausen besteht die „thiirin- gische Bank" (Zettelbank und Hypotheken-Institut). — Der Volks- unterricht wird zweckm&ssig geleitet, die geistige Kultur ist befriedigend. §. 121. Das Fiirstentliun) Scliwarzbnrg-Rudolstadt. Das Furstenthum Schwarzburg-Rudolsiadt, mit einer Flache von 17 QMeilen und 69.000 lutherischen Thiiringern, hat den gros- seren Theil der Oberherrschaft. Die Oberherrschaft besteht aus einem grosseren und mehreren kleinen Gebieten, liegt zwischen den sachsischen Herzogthumern und Schwarzburg - Sondershausen am Nordabhange des Thiiringerwaldes, und wird von der Saale, der Ilm und einigen Fliisschen bewassert. Der Boden ist meist steinig , das Klima rauh. — Grossere Orte sind: Rudolstadt (6000 E.), Ilm, Konigsee, Oberweissbach, Blankenburg. Die Unterherrschaft breitet sich im Thtiringer Hiigel- lande (Kyflhauser 1400') zwischen Schwarzburg-Sondershausen und Preussen aus, ist von der Wipper durchflossen, hat einen sehr er- giebigen Boden und ein milderes Klima. — Wichtigere Orte sind: Frankenhausen (5000 E.), Schlotheim. Der Produktenreichthum besteht in Getreide, Kartoffeln, Flachs, Obst, etwas Wein (Frankenhausen), Holz und Waldproduk- ten. Der Viehstand ist erheblich. Der Bergbau liefert etwas Silber (bei Leutenberg), Eisen, Kupfer, Blei, Schwefel, Steine und Porzellanerde; bei Frankenhausen ist eine Saline (60.000 Zentner Salz). Die Industrie ist schwunghafter als im benachbarten Fiir- stenthume. Bekannt sind die Medizinalwaaren von Oberweissbach. Wollenzeug- und Leinweberei sind ziemlich belangreich (in Ilm), dessgleichen die Branntweinbrennereien und Bierbrauereien , einige Glashiitten, Papiermiihlen und die Holzwaaren. In Konigsee ist eine Bleiweiss- und eine Farbenfabrik, in Frankenhausen eine grosse Bunkelrubenzuckerfabrik und Leimsiedereien; zahlreiche Gerbereien sind zu Leutenberg, zu Blankenburg eine Lederfabrik u. s. w. — Zum Export gelangen Salz, Holz, Getreide, Eisenwaaren, Wollen- zeuge, Porzellan u. dgl. — Frankenhausen hat ansehnlichen Woll- handel. Einige Gewerbevereine und das wohleingerichtete Schul- wesen sind anerkennenswerthe Forderungsmittel der physischen, technischen und geistigen Kultur im aufstrebenden Fiirstenthume. §. 122. Das Fiirstcnthuin Itcuss iiltercr Linic. Das Furstenthum Reuss iilterer Linie oder Reuss-Greiz ist ein gebirgiges, nicht ganz 7 QMeilen grosses Liindchen, im Voigt- lande und im Frankenwalde gelegen, welches durch das Fursten¬ thum Reuss jiingerer Linie in drei Gebiete getrennt ist. Es wird von der weissen Elster und der Saale bewassert, ist reich bewaldet, hat in den Thalern einen fruchtbaren Boden und gemiissigtes Klima. 221 Die Zahl der Bewohner betragt nahezu 40.000, welche in zwei Stadten, Greiz (8000), Zeulenroda (5500), zwei Marktflecken und mehreren Dorfern leben. Die Landwirthschaft wird zwar rationell betrieben, der Ackerbau liefert Getreide, Kartoffeln, Flachs, Garten- und Fliilsen- friichte, jedoch wegen der gebirgigen Bodenbeschaffenheit und der aus^edebnten Waldungen fiir den Bedarf nicht ausreichend. — Die Viehzucht, besonders des Rindviehes und der Scbafe ist bedeu- tender, das wichtigste Landesprodukt ist Holz. — Der Bergbau lie¬ fert nebst Eisen viel Schiefer und Sandstein, — Die gewerbliche Industrie ist in wollenen und baumwollenen Stoffen zu Greiz und Zeulenroda recht lebhaft, unter dem Landvolke sind die Spinnereien und Holzarbeiten verbreitet. — Der gesammte Handel konzentrirt sich in den genannten zwei Stadten; zur Ausfuhr kommen nebst Holz und Vieh die erwahnten Industrie - Erzeugnisse, vorzuglich Strumpfe, Miitzen und Eisenwaaren. — Fiir die geistige Kultur der Bevolkerung wird bestens gesorgt. §. 123. Das Fiirstcnthum Rcuss jiiugerer Linic. Dieses Fiirstsnthum, etwa 15 QMeilen gross und mit einer Bevolkerung von 80.000 Seelen, liegt im Frankenwalde und im Voigtlande , wird von der Saale , der weissen Elster und mehreren Flusschen bewiissert, und besteht aus drei grosseren nebst einigen kleinen Bestandtheilen. Die grosseren Gebiete sind die Herrschaf- ten Schleiz, Lobenstein und Ebersdorf, Gera und Saalburg. — Die bedeutenderen Orte sind: Schleiz (6000 E.), Gera (14.000), Lobentsein, Ebersdorf, Hohenleuben, Langenwetzendorf, Ilirschdorf, Kostritz. Das Land ist theils gebirgig, theils hirgelig, mit weiten Thti- lern und kleinen aber fruchtbaren Ebenen. Die Landwirthschaft wird sorgfaltig betrieben und liefert in den meisten Landestheilen Getreide iiber den Bedarf, dessgleichen viel Flachs, Riibsamen und Obst. Der Viehstand, insbesondere des Rindviehes, ist sehr be- deutend und bildet den Hauptreichthum des Landes; auch gibt es mehrere veredelte Schiifereien. Die Forstkultur ist von Wiehtigkeit. — Der Bergbau geht auf Eisen und Sak, ersteres im Loben- steinischen , das zweite liefert die Saline Heinrichshall (bei Gera); auch Alaun, Vitriol, Porzellanerde, Topferthon und Schiefersteine werden gewonnen. — Die Industrie ist recht lebhaft, namentlich in Wollle und Baumwolle in fast alien obgenannten Orten. Die be- deutendste Fabrikstadt ist Gera (Gerbereien, Farbereien, Tabak-, Hut- und Kutschenfabriken, Eisengiesserei, Bierbrauereien, Brannt- weinbrennereien u. s. f.), die Bierbrauereien von Kostritz sind be- riihmt; vortheilhaft bekannt sind die Eisenwerke zu Saalburg, die chemische Fabrik in Fleinrichshall u. s. w. — Der Handel um- fasst nebst den Fabrikaten noch Holz, Schlachtvieh, Butter und Ks.se. Der wichtigste Handelsplatz ist Gera, bedeutend sind iiber- diess: der Holz- und Ochsenhandel zu Saalburg, der Ochsenhandel 2, t Tanna, sowie die Platze Schleiz, Lobenstein und Hirschberg. Gera besteht eine Handelskammer und die „Gera’er Bank." — 222 Das Furstenthum ist durch hohe geistige Kultur ausgezeichnet und auch hierin stehen die gelehrten, gewerblichen und kommer- ziellen Lehranstalten in Gera obenan. Zu Ebersdorf haben die Herrnhuter eine Erziebungsanstalt. D. Norddeutsche Staaten. §. 124. Das Konigreich Preussen. 5103 GMeilen; — 17,200.000 (relativ 3370) Einwohner, darunter an 61% Protestanten (in Pommern, Brandenburg, Sachsen, Ostpreussen, Schlesien), 37% Ka- tholiken (in Kheinpreussen, Posen, Westphalen), dann Dissidenten und Israeliten; — nach derNationalitat etwa 75% Deutsche, an 4 Millionen Slawen und Juden.— Der ostliche Theil hat 4227 QMeilen, fiber 12,500.000 Einwohner, — der west- liche 855 [)]Meilen, fiber 4'/ 2 Millionen Einwohner, — Hohenzollern 21 QMei- len, fiber 63 000 Einwohner, — Gebiet am Jahdebusen % QMeile mit 230 Ein- wohnern. — Untheilbare konstitutionelle Erbmonarchie. Die Krone ist in dem Man- nesstamme des protestantischen Hauses Hohenzollern nach dem Kechte der Erst- geburt und der agnatischen Linealfolge erblich. Das Konigreich Preussen besteht aus zwei getrennten Haupt- theilen, dann einem isolirten Gebiete in Siiddeutschland — Hohen- zollern — und mehreren kleinen , auf fremdem Gebiete liegenden Enklaven. Es grenzt mit geringen Ausnahmen an alle deutschen Bundesstaaten, Botlcn. Der ostliche Haupttheil bildet mit geringen Ausnah¬ men eine ebene oder wellige Flache; nur am siidlichen Rande der- selben sind einige Gebirge, als: die Sudeten, der Harz und der Thtiringerwald. Der Boden gehort im Ganzen zu dem minder fruchtbaren , besonders sind die Gegenden zwischen der Elbe und der ostlichen Grenze Preussens eine nur durch reichliche Bewasse- rung und fleissigen Anbau veredelte, von einzelnen fruchtreichen Stricben unterbrochene Sandflache. Die Gegenden westlich der Elbe bingegen gehoren zu den fruchtbarsten in Deutschland. — Der west- licbe Haupttheil zu beiden Seiten des Rhein ist grosstentheils Hii- gel- und Bergland, und wird von Aesten des Wesergebirges, des Wes tertvaldes, des Hunsriick, der Eifel und der ho- hen Veen durchzogen; nur der nordliche Theil ist eben. Die lange Kiiste an der Ostsee ist durchaus flach, den Versandungen ausge- setzt und bildet keinen bedeutenden Hafen. (Siehe das norddeutsche Bergland S. 29.) Gewasser. Preussen wird im Norden von der Ostsee bespiilt (siehe §. 102), das Jahdegebiet liegt an der Nordsee. — Die Fliisse der beiden Haupttheile ergiessen sich in diese zwei Meere; Hohenzollern hingegen gehort zum Donaugebiete. In die Ostsee fliessen: die Memel (Njemen), der Pregel, die Weich- sel, die Oder (siehe S. 49); — in die Nordsee: die Elbe, die Weser, die Ems, der Rhein (siehe S. 50). — Die vielen Seen sind Strand- und Landseen. Die meisten und grossten liegen in Ost- und Westpreussen, in Brandenburg und Pommern. Die Zahl der Siimpfe und Moore verringert sich iinmer mehr, sie werden in trockenes und fruchtbares Land verwandelt. — Kanale sind sehr zahlreich, welche theils zur Schiffalirt, theils zum Holzflossen, theils zur Entwasserung dienen. (Siehe §. 102.) — Preussen besitzt end- lich viele Mineralquellen, besonders in Schlesien, in der Rhein- 223 provinz und Westphalen (Aachen, Kreuznach, Rehme und Salzbrunn in Schlesien). Politische Eintheilung. Die preussische Monarchie wird mit Ausnahme des „Regierungsbezirkes der hohenzollern’schen Lande“ und des „Jahdegebietes“ in acht Provinzen eingetheilt. Jede Provinz wird in mebrere Regi e ru n gs be z i rke (zusammen 25) und jeder Bezirk inKreise, welcbe von Landrathen verwaltet werden, getheilt. Ausser den zwei Provinzen Preussen und Posen gehoren alle andern zum deutschen Bunde. Die Haupt- und Residenzstadt ist Berlin (450.000 Einw.) an beiden Ufern der Spree, Sitz aller hohen Staatsbehorden. Die Stadt hat neuerbaute, regelmassige Stadttheile, selir schone Strassen und offentliche Platze, unter denen der Wilbelms- platz mit Bildsaulen pveussischer Generale; der Lustgarten; der Pariserplatz an dem schonen (mit der Quadriga gesehmuckten) Brandenburger Thore. Die Friedrichs- strasse; „unrer den Linden"; Opernplatz, Gensdarmenplatz, das Schloss, Museum, Universitats- und Bibliothekgebiiude, die kathol. Hedwigskircbe u. v. a. Berlin ist Mittelpunkt fur Wissensehaften und Kiinste in Norddeutschland; auch Industrie und Handel nehmen ungemeinen Aufschwung. Akademie der Wissensehaften, der bil- dcnden Kiinste und mechanisehen Wissensehaften, Universilat (iru J. 1810 gestiftet) mit ausgezeichneten Anstalten und Sammlungen, 6 Gymnasien und viele andere Spezial- und Mittelschulen, sowohl offentliche als private. — Viele Fabriken und Gewerbe fiir Seiden-, Baumwoll-, Gold-, Silber- und Lackwaaren, Mobel, Masehinen, Eisengusswaaren, Porzellan; Biirse; bedeutende Geldinstitute; wiclitiger Bueb- und Wollhandel. Viele HumanitSits- und Sanitatsanstalten. Andere bedeutendere Orte sind: 1. Provinz Brandenburg, — 734 DM., — 2,254.000 (relativ 3076) Einwohner : Berlin (450 000). 1. Reg. -Bez. Potsdam: Potsdam (41.000), Sanssouci, Charlottenburg, Span- dau, Brandenburg, Neu-Ruppin, Prenzlow; 2. Eeg.-Bez, Frankfurt: Frankfurt an der Oder (33.000), Kiistrin, Gu- ben, Kottbus, Landsberg, Ziillichau, Krossen, Sorau. 2. Provinz Pommern, — 577 DM., — 1,290.000 (relativ 2240) Ein- ■wohner: 1. Eeg. Bez. Stettin: Stettin (52000), Swinemunde (auf der Insel Usedom), Stargard, Wollin (auf der Insel Wollin); 2. Eeg.-Bez. Stralsund: Stralsund (20.000), Greifswalde, Bergen (auf der Insel Kiigen), Wolgast, Barth; 3. Eeg.-Bez. Koslin: KOslin (10.000), Kolberg, Stolpe. 3. Provinz Sachsen, — 460 QM., — 1,862.000 (relativ 4040) Einwohner : 1. Eeg.-Bez, Magdeburg: Magdeburg (78000), Schonebeck, Ilalberstadt, Quedlinburg, Aschersleben, Burg, Wernigerode, Salzwedel; 2. Eeg.-Bez. Merseburg: Merseburg (12.000), Halle, Wittenberg, Torgan, Naumburg, Eisleben, Zeitz, Liitzen, Eossbach; 3. Eeg.-Bez. Erfurt: Erfurt (34.000), Langensalza, Nordhausen, Muhlhau- sen, Suhl. 4. Provinz Schlesien,— 742 OM., — 3,182.000 (relativ 4300) Einwohner: 1. Eeg.-Bez. Breslau: Breslau (122.000), Brieg, Glatz, Schweidnitz, Wal- denburg, Eeichenbaeh, Frankenstein; 2. Eeg.-Bez. Liegnitz: Lie gn i t z (14.000), Gorlitz, Glogau, Griineberg, Ilirsch- berg, Schmiedeberg, Jauer, Zillerthal, Goldberg, Bunzlau; 3. Eeg.-Bez. Oppeln: Oppeln (8400), Neisse, Kosel, Ratibor, Gleiwitz, Tar- nowitz, Malapane. 5. Provinz Posen, — 536 QM,, — 1,393.000 (relativ 2600) Einwohner: 1. Eeg.-Bez. Posen: Posen (45.000), Meseritsch, Lissa, Krotoschin, Kempen, Rawica; 2. Eeg.-Bez. Bromberg: Bromberg (10.000), Gnesen. 0. Provinz Preusseil, — 1178 QM., — 2,637.000 (relativ 2240) Einwohner: 1- Reg.-Bez. IC onigsbe r g: Kon igsberg (83.000), Pillau, Memel, Brauns- berg; 224 2. Reg.-Bez. Gumbinnen: Gumbinnen (7000), Tilsit, Insterburg, Lotzen, Trakehnen; 3. Reg.-Bez. Danzig: Danzig (70.000), Weichselmiinde, Marienburg, Elbing; 4. Reg.-Be z. Marienwerder: Marienwerder (6500), Thorn, Graudenz, Kulm. 7 . Provinz Westphalcn, — 368 DM., — 1,527.000 (rolativ 4150) Ein- wohner: 1. Reg.-Bez. Miins terMunster (26.000), Warendorf, Bocholt; 2. Reg.-Bez. Minden: Minden (14.000), Bielefeld, Paderborn, Herford, Hox- ter, Korvey; 3. Reg.-Bez. Arnsberg. Arnsberg (5000), Iserlohn, Soest, Hamm (in der Emperstrasse: Hagen, Gewelsberg, Schwelm, Langerfeld), Altena, Dortmund, Bochum. 8. Itlieinproviuz, — 487 QM., — 3,040.000 (relatiy 6240) Einwohner: 1. Reg.-Bez. K6ln (100.000), Bonn, Deutz, Muhlheim; , 2. Reg.-Bez. Diisseldorf: Dhsseldorf (30.000), Elberfeld (42.000), Krefeld (46.000), Barmen (42.000) — das Wupperthal —, Solingen, Remscheid, Cleve, Wesel, Kaiserswerth, Ruhrort, Burscheid, Lennep, Muhlheim, Duisburg, Kempen, Geldern; 3. Keg.-Bez. Koblenz: Koblenz (26.000), Ehrenbreitstein, Rhense, Kreuz- nach, Neuwied, Andernach, Wetzlar; 4. Reg.-Bez. Trier: Trier (20.000), Saarbriicken, Saarburg, Saarlouis; 5. Iteg.-Bez. Aachen: Aachen (54.000), Burtscheid, Stollberg, Eschweiler, Eupen, Malmedy, Montjoie, Jiilich. !). Fttrstenthuin tloliciizollerii, — 21 QM., — 63.000 (relativ 3040) Einwohner: Sigmaringen (2700), Hechingen (3600), Burg Hohenzollern. 10, llafengcbiet ties Jahdcbliscns. Das Kriegshafengebiet zu beiden Seiten des Jahdebusens ist von Oldenburg begrenzt und hat seine eigene unter der Admiralitat stehende Verwaltung. Die kleineren preussischen Gebietstheile Oder Ellklavcn, die in andern Siaa- ten liegen, sind: Duckow, Zettemin, Peenwerder, Rottmannshagen, Riitzenfelde, Karlsruhe, Pinnow und Lindow (6 d]M. zum Reg.-Bez. Steitin) in Mecklen¬ burg - S ch werin; — Benneckenstein, Hehlingen, Wolfsburg, Hesslingen, Liich- tringen, die Enklave bei Calvorde und d»r Regenstein (9 QM.) in Braun¬ schweig; — Sehierau, Priorau, Most, Phssigk, Repau, Lobnitz und IClinkow (7-3, QM.) in Anhalt; — Kischlitz in Altenburg; — Mollschutz, Alt- lobnitz (l.jj C]M.) in Meiningen; — Wandersleben, Miihlberg (3., 5 []M.) in Gotha; — der Kreis Ziegenriick zwischen Reuss, Rudolstadt, Meiningen, Weimar; — Gefell, Sparenberg, Blaukenburg, zum Thcil Blintendorf in Reuss- Schleiz; — Sehleusingen, zwischen Gotha, Kurhessen, Meiningen, Weimar; — Wetzlar zwischen Grossherzogthum Hessen und Nassau; •—< Lfigde in Lippe; — Gross-Menow in Mecklenburg; — die Grenzdorfer Porep, Suckow, Drenikow und das Rittergut Wolde gemeinschaftlich mit Mecklenburg-Schwerin. Kultuiverhaltnisse im Allgemeinen. Itn Konigreiche Preussen sind guter, mittlerer, sandiger oder felsiger Boden in ziemlich gleichem Verhaltnisse vorhanden, aber auf verschiedene Weise in den einzelnen Landestheilen vertheilt. Trotz- dem bildet die Laudwirthschaft, mit welcher sich mehr als die Halfte der Bevolkerung beschaftigt, eine der Ilauptquellen des Er- werbes. Am sorgfiiltigsten wird sie in den Provinzen Sachsen, Schle- sien, Brandenburg, in Pommern und Preussen betrieben. Der Acker- bau, der immer mehr an Ausdehnung gewinnt, liefert Getreide so- gar zum Export. Die getreidereichsten Provinzen sind Sachsen, Schlesien, Posen, Preussen und die Rheinprovinz; relativ werden weit mehr Roggen und Hafer als die iibrigen Getreidearten ange- baut, doch ist der Export an Weizen mehr als doppelt so gross, denn jener des Roggens. Am ausgedehntesten ist der Weizenbau 225 5m ostlichen Schlesien, dann um Magdeburg, Erfurt, in Pommern (Stralsund) , in den Niederungen der Weichsel, in den Bezirken Aachen und Dfisseldorf; — Spelz im Grossen nur in der Rhein- provinz; — Roggen in Preussen, Schlesien und Westphalen, doch ist der preussische auf den auslandischen Markten der geschatzteste; — die Jahresernte an H a f e r ist die relativ starkste. Unter den H u 1- senfruchten nimmt der Anbau der Erhse den ersten Rang ein. Von hoher Bedeutung ist der Kartoffelbau, namentlich in den ost¬ lichen Sandgegenden (fiber 280 Millionen Scheffel). Gemfise ist in alien Theilen reichlich yorhanden, feinere Sorten vorzfiglich im Rheinthale. Die Runkelruben, zumeist fur die steigende Zucker- fabrikation, gewinnen immer mehr an Ausdehnung, namentlich in Schlesien, Sachsen, Brandenburg und in der Rheinprovinz. Der Flachs, welchen man unter den Handelspflanzen am meisten kul- tivirt, wird am starksten und sorgfaltigsten in Schlesien und West¬ phalen (den Hauptsitzen der Leinenindustrie) gebaut, und gelangen erhebliche Mengen noch zur Ausfuhr. Die Produktion an Hanf deckt hingegen nicht den Bedarf. Der Raps ist stark verbreitet, am starksten in den Bezirken Magdeburg und Erfurt. Krapp kommt besonders in Schlesien (Breslau), Waid um Erfurt und in der Rheinprovinz, Safflor um Erfurt und in Schlesien vor. Die Cichorie wird um Magdeburg und in Schlesien, Karden um Breslau, Halle, Burg und Aachen angebaut. Hopfen wird nicht genfigend produzirt; an Tabak wird am meisten in Brandenburg, am wenigsten in Westphalen gewonnen (Jahresproduktion etwa 220.000 Zentner). — Durch Gartenkultur sind ausgezeichnet Erfurt, Halberetadt, Magdeburg, Berlin, Dusseldorf und vorzfiglich Schlesien. Das beste Obst wachst am Rhein und an der Mosel.— Hinsichtlich desWeinbaues ist nur die Rheinprovinz von Bedeutung, auf welche an 80% des gesammten Weinbodens entfallen; doch ist die Qualitat nach den Flussgebieten verschieden. Die Jahresproduk¬ tion (mit etwa % Million Eimer) deckt nicht den Bedarf. ■■— Bei- nahe 20% der Gesammtflache nehmen die Waldungen ein. Den grossten Holzreichthum hat die Provinz Preussen, zunachst stehen Schlesien , Brandenburg und die Berggegenden der Rheinprovinz. Wenig Holz findet sich in den Bezirken Dusseldorf, Merseburg, Erfurt und Minden. Der Holzbedarf des Landes wird im Allgemei- nen gedeckt. Mit den Fortschritten des Wiesenbaues und des Ackerbaues hat sich die Viehzucht zwar gehoben, doch hat sie die wunschens- Werthe Hohe noch nicht erreicht. Am bluhendsten ist die Schaf- zucht (fiber 16 Millionen). Ueber 30% sind Merinos, an 50% halbveredelt, die ubrigen Landschafe, Am starksten ist die Zucht in Brandenburg (Potsdam), Schlesien und Sachsen ; geringe in West¬ phalen und in der Rheinprovinz. Zu Frankenfelde (im Bezirke Pots- dam) ist eine Stamm- und Musterschaferei mit einem „Schafer- Lehrinstitute." — Die Rindviehzucht hat sich bedeutend gehoben; schones Rindvieh wird gezogen an der Havel, Warthe und Netze, ] n den Seitenthalern des Rhein, in den Niederungen der Weichsel, ln Pommern, Posen und den Gebirgsgegenden Schlesiens, — Der Klim’s Flandcls-Geographie. 2. Aufl. 25 226 Pferdestand deckt zwar den Militarbedarf, aber nicht den Be- darf der Landwirthschaft. Die schonsten Pferde bat Ostpreussen. Hauptgestiite sind zu Trakehnen (bei Gumbinnen), Neustadt an der Dosse und Graditz. — Die Zabl der Esel und Maulthiere ist ge- ringe, am grossten in Westphalen und in der Rheinprovinz. —■ Die Ziegenzucht findet sich vorzugsweise in den Gebirgsgegenden, Schweine in Westphalen, Pommern und Preussen, Federvieh in Pommern (Giinse) und Preussen, die Bienenzucht zurneist unter der slawischen Bevolkerung; Honig wil d geniigend, Wachs jedoch nicht ausreichend gewonnen. An der Ostsee und in mehreren Flussen ist die Fischerei ansehnlich. D er Bergbau und das Hilttenwesen etehen in Preussen auf sehr hoher Stufe, insbesondere haben der Ko h 1 enbergbau und das Eisenhiittenwesen in neuester Zeit einen beispiellosen Aufschwung genommen. Der Werth der Erzeugnisse betrug im Jahre 1854 iiber 81 Millionen Thaler, wovon auf die Rheinprovinz an 36% und auf Westphalen 24% entfielen. — Die Gold gewinnung ist unbedeu- tend, dagegen betrug jene des Silbers nahezu 53.000 Mark (in den Bezirken Oppeln, Merseburg und in der Rheinprovinz). — Das meiste Eisen wird im rheinischen und schlesischen, das wenigste im sachsisch-thiiringisclien Hauptbergdistrikte produzirt; im ersten namentlich in den Bergamtern Siegen, Saarbrficken und Diiren. Im Jahre 1857 belief sich der Ertrag aus den gesammten (1615) Gru- ben auf iiber 3% Million Tonnen Eisenerz. — Zunachst steht an Wicbtigkeit die Gewinnung der Steinkohlen (im Jahre 1857 in 503 Gruben iiber 47% Million Tonnen) und der Braunkohlen (im Jahre 1857 in 440 Gruben an 18% Millionen Tonnen). Die meiste Steinkohle wird in Westphalen, Schlesien und der Rhein¬ provinz, die Braunkohle im saohsisch-thuringischen Distrikte (Mer¬ seburg), Brandenburg und der Rheinprovinz gewonnen. — Zink und Galmei hauptsachlich an der belgischen Grenze bei Aachen, im Bezirke Diiren und in Oberschlesien, —Kupfer im Mansfeldi- schen, im Harz, in Schlesien (Tarnowitz), — Blei im Bezirke Aachen (Stollberg, Gemiind), dann um Saarlouis, Trarbach, Siegen und in Schlesien (Tarnowitz) u. s. w. — An der ost- und west- preussischen Kiiste (zumeist im Konigsberger Bezirke) wird Bern¬ stein theils durch Schopfen und Sammeln, theils durch Graben gewonnen, und viel davon nach dem Oriente ausgefiihrt. — Auoh an Salz ist der Staat reich; die 23 Salinen lieferten im Jahre 1857 nahe 77.000 Lasten im Werthe von fiber 1,750.000 Thalern. Grosse Salinen sind^ in Halle, Diirrenberg (bei Merseburg), Schonebeck, Kiisen (bei Naumburg) u. a. m. Von den nutzbaren Erden sind die Porzellanerde (Mori in Sachsen), der Pfeifen- und Topferthon er- wahnenswerth. In Hinsieht der gewerblichen Industrie nimmt Preussen eine sehr bedeutende Stelle ein; es gehort unter die wichtigaten Manufakturstaaten Europa’s. Erst in unserem Jahrhunderte (seit der Gesetzgebung im Jahre 1810 und der spateren Bildung des Z o 11 v er ein es), seitdem der Fabriksindustrie und den technischen Gewerben alle Freiheit gegeben ist, und diese durch die Konkurrenz 227 mit dem Auslande zur Nacheiferung und zum Wettkampfe in der vollkommensten Bearbeitung gezwungen wurden; seitdem einerseits industrielle Unternehmungen nicht dureh kiinstliche Mittel und Ilil- fen hervorgerufen, sondern aus freiem Antriebe unternommen wur¬ den, wahrend andererseits griindlicher Gewerbeunterricht, vermehrte und verbesserte Kommunikazionen, Gewerbevereine und Gewerbe- ausstellungen die junge Industrie kr&ftigten und forderten; — erst seit dieser Zeit haben Gewerbe und Handel den Aufschwung ge- nornmen, der diesem Lande eine so bedeutende Stelle unter den europaischen Industriestaaten anweiset. Allerdings steht insbesondere die Grossindustrie mit den klimatischen und sonstigen natiirlichen Verh<nissen in vielfacher Verbindung. Grosser Reichthum an Me- tallen und an Feuerungsmateriale , bedeutende Wasserkrafte , die Dichtigkeit der Bevolkerung, die landwirthschaftliche Produktion wirken unmitt el bar auf die Fabriksthatigkeit ein ; aber viel wich- tiger noch sind die geistigenFaktoren, namlich: Volksbildung und tuchtiger gewerblicher Unterricht, dann die Moglichkeit, seine geistige und physische Kraft unbehindert und frei auf dem unend- licben Gebiete der Arbeit verwerthen zu konnen. Die meiste Fabriksthatigkeit finden wir in den Provinzen: Rheinprovinz und Westphalen, in Mittel- und Nieder- schlesien, in Sachsen und in einigen Gegenden der Mark. Die wichtigsten Erzeugnisse der Industrie sind: die Leinen-, Wol- len-, Baumwollen- und M e t al 1 waar e n. — Die Industrie in Flachs und Hanf ist eine der bedeutendsten und altesten in Preussen. Die Gar n sp i n ne rei ist als landwirthschaftliche Neben- beschaftigung im ganzen Reiche, am starksten im schlesischen Ge- birge, in Ostpreussen (grobes Garn), in Westphalen und am Rhein verbreitet; auch die mechanische Spinnerei gewinnt an Ausdehnung, besonders in Schlesien. Das Gleiche gilt von der Leinenweberei, welche ihren Hauptsitz in Schlesien hat, dann in Sachsen , West¬ phalen, Brandenburg und einigen Theilen der Rheinprovinz verbrei¬ tet ist. Die beste Waare liefert Schlesien in den Regierungsbe- zirken Liegnitz und Breslau (Hirschberg [Leinwand, Schleier, Brabanter Spitzen], Schmiedeberg, Jauer, Gorlitz , — Reich en- bach, Waldenburg, Glatz, Frankenstein); — in Sachsen sind die Regierungsbezirke Magdeburg und Erfurt, — in Brandenburg jene von Potsdam und Frankfurt, — in Westphalen die Regierungs- bezirke Munster (Warendorf) und Minden (Bielefeld), in der Rhein¬ provinz der Ilegierungsbezirk Dusseldorf (Barmen, Elberfeld, das Wupperthal) die starksten Produzenten. Die Gesammtproduktion an Leinwand kann j'ahrlich annahernd auf 300.000 Zentner (iiber 120 Millionen Ellen) und die Mehrausfuhr auf etwa 50.000 Zentner ge- schatzt werden. Vorziigliche und grosse Bleichen sind im Wup- perthale und in Schlesien. Fur Segeltuch sind Hauptorte: Stet¬ tin, Konigsberg (sehr gute Taue nach Holland) und Danzig. Auch die preussischen Seilerwaaren sind geschatzt. Auf einer bedeutendenHohe steht die Schafwollindustrie. Lie jahrliche Produktion in Wolle- und Halbwollegeweben ist auf etwa 70 Millionen Ellen (jene in Tuch auf 56 Millionen Ellen) an- 15 * 228 zunehmen, und die Mehrausfuhr an Wollwaaren betrSgt an 77.000 Zentner. In der Spinnerei ist das Handgespinnst vom Maschinen- gespinnst fast ganz verdrangt worden; ersteres kommt verhaltniss- massig am starksten noeh in den Regierungsbezirken Erfurt, Trier, Liegnitz und Diisseldorf vor; — die Maschinenspinnerei ist am stark¬ sten zu Streichgarn (liber */ 2 Million Feinspindeln, fur Kammgarn etwa 41.000 Feinspindeln), und zwar in Berlin und in der Provinz Brandenburg, in Schlesien und der Rheinprovinz, wo auch fur Kammgarn die grossten Spinnereien bestehen. Bei dem Aufschwung der Fabrikation von Tuch und wollenen Zeugen muss iibrigens Wollengarn noch importirt werden. In der Wol 1 enweberei (vor- ziiglich Tuchfabrikation) sind bedeutend: die Rheinprovinz (Aachen, Eupen, Malmedy, Burtscheid, Elberfeld, Lennep, das Wupperthal), Brandenburg (Kottbus, Guben, Berlin, Potsdam), Sachsen (Burg, Magdeburg, Quedlinburg, Muhlhausen) und Schlesien (Breslau, Gor- litz). Schone Shawls werden in Berlin, Teppiche ebenda und in Schonberg gefertigt; der Hauptsitz der Bandweberei ist im Regie- rungsbezirke Diisseldorf. Die Baumwollindustrie macht gleichfalls grosse Fort- schritte; sie deckt nicht nur den inlandischen Bedarf, sondern bringt erhebliche Mengen von Fabrikaten zum Export. Die Gesammtpro- duktion von baumwollenen und halbbaumwollenen Geweben kann jahrlich mit mindestens 356.000 Zentnern (an 320 Millionen Ellen) angenommen werden und die Mehrausfuhr davon betragt an 80.000 Zentner. Auch hierin ist fast ausschliesslich die Maschinenspinnerei vorherrschend, obwohl der Bedarf an Garn nicht durch die einhei- mischen Spinnereien gedeckt wird. Die meisten und grossten Spin¬ nereien sind in Westphalen und der Rheinprovinz (Warendorf, das Wupperthal, Diisseldorf, Gladbach, Lennep, Kempen u. s. w.) und in Schlesien, — die Webereien im Wupperthale, Bielefeld, Schwelm, Gorlitz, Berlin, Zeitz, Eilenburg u. a. m. In der Me t all w aar en -1 n du s tr i e nimmt die Eisen-In- dustrie den ersten Platz ein. Diese ist zunachst von dem Vorkommen des Eisenerzes abhangig. Die meisten Eisenwerke besitzen die Regie- rungsbezirke Oppeln, Arnsberg, Danzig, Aachen und Koln. Am ausgebreitetsten und grossartigsten ist in dieser Richtung die Indu¬ strie in Westphalen, dann in der Rheinprovinz, in einzelnen Zwei- gen sind auch Schlesien, Brandenburg und Sachsen beachtenswerth. Insbesondere sind vortheilhaft bekannt: Gusswaren in Berlin, Malapane, Gleiwitz, Konigs- und Laurahutte (Schlesien) und Her- mannshiitte (Westphalen); — S tahl in den Regierungsbezirken Arns¬ berg und Dusseldorf, ebenda B 1 e ch und B le ch w a aren, Draht; — Nadeln in Iserlohn, Altena, Aachen, Burtscheid, Koln, Xan- ten ; — die E mper strass e (Westphalen) enthalt zwei Meilen weit eine ununterbrochene Reihe von Eisen- und Stahlhammern, und liefert eine grosse MengeMesser, Scheeren, Sensen, Sicheln, alle Ar- ten grober und kurzer Eisen-, Stahl- und Messingwaaren; — fur S ch n e id ewerk zeuge ist besonders Solingen beruhmt (Klingen, Messer, Scheeren), dann auch Remscheid; — Gew ehrfabriken in Potsdam und Sommerda a. d. Unstrut; — Stu ckgies se reien 229 in Spandau und Sayn (bei Koblenz); — der Maschinenbau ist am erheblichsten in Aachen, Koln, Stettin und Berlin nebst Um- gebung (Moabit), in Buckau, um Konigsberg, Breslau und Liegnitz; — die meisten und besten Messingwaaren liefern Remscheid, Stollberg (bei Aachen) und die Umgegend von Potsdam. — Die grossten und zahlreichsten Kupf erhammer sind in der Rhein- provinz, dann in Westphalen, Sachsen, Preussen und Brandenburg; die meisten Kupferscbmiede haben die Regierungsbezirke Diissel- dorf und Munster, wo auch viele Roth-, Gelb-, Zinn- und Glockengiesser thatig sind. — Die Bronzewa aren-Fabri- kation ist schwunghaft im Regierungsbezirke Arnsberg und in Ber¬ lin ; — die Industrie in Gold, Silber, Neugold und Neusil- ber u. s. w. ist durch zahlreiche Gewerbe und Manufakturen ver- treten (in Brandenburg, Sachsen, Westphalen u. a. O.); — bedeu- tend ist die Uhrmacherei (Berlin, Breslau, Diisseldorf). End- lich bestehen viele Manufakturen und Fabriken fiir einzelne Zweige der reicbgegliederten „Metallwaaren-Industrie,“ wodurch diese In¬ dustrie zu einer der wichtigsten in Preussen heranwachst und nebst der Deckung des inlandischen Bedarfes noch fiir den Export liefert. Nebst diesen llauptindustrien sind in Preussen noch hervorzuheben: Die S eid eni n dus trie hauptsachlich in der Rheinprovinz (Elberfeld, Krefeld, Barmen, Gladbach, uberhaupt im Regierungsbezirke Diisseldorf), dann in Berlin, Frankfurt a. d. Oder, Potsdam u. a. O. — Die Produktion betragt fiber 30 Millionen Ellen seidener und halbseidener Waaren, wovon etwa die Hiilfte ausgefuhrt wird. — Die Lederindustrie ist theils handwerksmassig, tbeils fabriksmassig im ganzen Reiche verbreitet und in der Aufnahme, obwobl an Rohprodukt (schwere Felle und Haute) zum Theil ein Import stattfindet. Die grossten Gerbereien sind in der Rheinprovinz (Malmedy, Koln, Siegen), dann in Berlin, Trier, Stendal. Be- rfihmt sind die Saffiane von Berlin, Stettin, Kfinigsberg, — Handschuhe von Berlin, Halle, Magdeburg, Breslau, Halberstadt u. a., — fur Sattler- und Riemerwaaren sind bekannt Berlin, Breslau, Aachen, Koln, — fiir Kurschnerwaaren Posen, Schlesien und Preussen. ■— Auch in der sehr wichtigeu nnd ausgebreiteten Ta b akfabrika- tion steht die Rheinprovinz an der Spitze, zunachst stehen Westphalen und Bran¬ denburg. — Sowohl die Zuckerr af f in er i en als die seit dem Jahre 1837 ent- standenen Run kel r ub enzueker fab ri k en sind grosse Anstalten und haben sich in den mittleren Provinzen, namentlich in Sachsen, ungemein gehoben. Zu den be- deutendsten Raffinericu fiir Kolonialzucker gehOren jene in Berlin, Stettin, Konigs¬ berg, Koln, — fiir Runkelriibenzueker Magdeburg, Quedlinbnrg, Koln, Berlin, Breslau. — Die Pap ierfabrikation ist bedeutend, obwohl das Pabrikat in der Qualitat dem englischen, franzdsischen und schweizerischen nachsteht, und die Papier mfihlen noch zahlreich bestehen. Das beste Papier liefern die rheinischen, westphalischen und Berliner Fabriken ; die bckanntesten sind in Aachen, Diiren, Gladbach, Iserlohn, Berlin, Liegnitz, Merseburg u. a. Das gleiche Verhaltniss besteht bei der Erzeugung von Papiertapeten. —- Die Glasf ab r ik a tion ist am siarksten in Schlesien, in der Kheinprovinz und Westphalen ; die meisten Glaser und Glasschleifer sind in den Re- gierungsbezirken Diisseldorf, Merseburg und Potsdam, Spiegelfabriken in Neustadt a * d. Dosse und Koln. — Vorzugliches Porzellan liefern Berlin, Waldenburg (Schle¬ sien), Trier und die Umgegend von Magdeburg; die meisten Handwerker fur irdenes 6e9ehirr leben in den Regierungsbezirken Konigsberg, Posen, Frankfurt und Liegnitz. ' Sehr ehrenvollen Ruf geniessen endlich die chemischen Fabriken (Rhein- Provinz, Brandenburg, Sachsen, Schlesien), die S tarkef a b r iken (Halle), Oel- ® 0hlen (Halle, Tilsit, Konigsberg), Strohhut- und Wach stuchfab riken (Ber- Jj 11 ), Cichorienfab riken (Magdeburg), wohlriehende Wasser (Koln pro- duzirt jahrlicb fiber vier Millionen Flaschen „kfilnisch Wasser 11 ) und Seife, Brannt- w einbrennereien, Bierbrauereien u. s. w. Zu den einflussreiehston For- derungsmitteln konnen gereehnet werden: die Gewerbeausstellungen, die Ausdehnung der Gewerbefreiheit, technisehe Vorbereitungsanstalten, Gewerbevereine, Kredit- und Assekuranz-Gesellschaften u. s. w. 230 Der Ilamlel ist sehr lebhaft. Zahlreiche schiffbare Fliisse und eine lange Seekuste, mehrere Kanftle, gute Landstrassen, ein weit- verzweigtes Netz von Eisenbahnen, die vielen Wochen- und Jahr- markte, die Messen, Assekuranzen, Banken, Borsen und Handels- kammern befordern denselben. Von besonderem Einflusse sind der „deutsche Zollverein,“ die Konsulate und Handelsagenten, Zoll-, Handels- und Schiflahrtsvertrage und der hohe Stand der geistigen Kultur. Auch der Transit- und Spedition3handel ist bei der geogra- phischen Lags des Reiches ziemlich erheblich. Die bedeutenderen Handelspiatze fur den inneren Hande sind: Berlin als Mittelpurikt des gesammten preussischen Handels, — Breslau fur den schlesischen, zum Theil auch polnischen Handelsverkehr mit einem der wichtigsten europaischen Wollmarkte, wichtigen Flachsmarkten und einem eigenen Honigmarkf, — El- berfeld und Barmen, Koln und Diisseldorf fur die rheini- schen Industrie-Erzeugnisse; letztere Stadte sind zugleich Haupt- platze der Rhein-Dampfschiffahrt und des Rheinhandels, — Kob¬ lenz fiir den Weinhandel und die Mosel- und Rheinschiffahrt, — Aachen und Gorlitz fur Tuchgeschafte, — Bielefeld fiir den Leinwand- und Malmedy fiir den Lederhandel, — Solingen, Remscheid undlserlohn mit starkem Handel in Eisen-, Stahl- und Quincailleriewaaren, —Magdeburg fiir Kolonialwaaren, Spe- ditionsplatz fiir den Elbehandel und mit ansehnlichen Wollmarkten, — Frankfurt a. d. Oder mit drei besuchten Messen, starkem Transit auf der Oder und den mit ihr verbundenen Fliissen. — Auch Halle, Erfurt, Naumburg (Petri-Paul-Messe) u. a. sind fiir den inneren Verkehr von Wichtigkeit. Der starkste Getreide- handel wird in den Ostseestadten getrieben, dann in Neuss, Jauer in Schlesien. Fiir den Handel nach aussen sind nebst den genannten Markt-, Mess- und Speditionsplafzen noch die Seeplatze an der Ostsee wichtig: Memel, Kcinigsberg mit Pillau, Danzig mit der Rhede Neufahrwasser, Stettin mit Swinemiinde, Stralsund, Greifs- ■walde. Zu Anfang des Jahres 1857 zahlte die Handelsmarine 933 Schiffe langer Fahrt mit nahezu 300.000 Tonnen. Der Seehandel geht vorziiglich nach Grossbritannien, Danemark, Schweden und Norwegen, Russland, den Niederlanden, dann nach Frankreich, Spa- nien, Italien, der Levante und Nordamerika. Gegenstiinde des Im- portes sind: Baumwolle, Twist, rohe Seide, Farbstoffe, etwas Rohr- zucker, Kolonialwaaren und Slidfriichte, Wein, Thiere und thierische Produkte, Eisen, Hanf und Leinsaat. Ueber die Idalfte des Importes entfallt auf Grossbritannien. Gegenstande desExportes sind: Ge- treide und Holz (die wichtigsten Ausfuhrartikel der Ostseehafen) nach Grossbritannien und den Niederlanden, die Erzeugnisse der bedeutenden, friiher genannten Industrien. Nahezu % der Gesammt- Ausfuhr geht nach Grossbritannien (Getreide, Holz , Flachs, Hanf, Oelsaat, Talg, Zink), etwa 11% nach den Niederlanden (Oelsaat, Flachs, Hanf, Getreide, Holz), dann folgen Danemark, Frankreich, Schweden und Norwegen, Liibeck, Russland u. s. w, — Der Export ist bedeutend starker als der Import. 231 Zu Folge des seit dem Jahre 1818 freieren Handelssystems sind alle fremden Waaren (mit Ausnahme der monopolisirten und priviiegirten Artikel) zur Ein-, Aus- und Durchfuhr erlaubt; sie bezahlen nach einem bestiramten Tarife einen Ein-, Aus- oder Durchgangszoll, wenn nicht voile i’reiheit stattfindet. •— Seit dem 1. Januar 1834 besteht der deutsche Zollverein, welcher mit Ausnahme der beiden meck- lenburgischen Grossherzogthiimer, der Hansestadte, von Limburg, Holstein und Lauen- burg alle deutschen Staaten umfasst. Mit dem Osterreichischen Zollvereine ist er seit 1854 und mit Bremen seit 1856 enge verbunden. Freibeit des inneren Ver- kebrs zwischen den theilnebmenden Staaten, — Annahme eines gemeinschaftlichen, durch ein verbindlicbes Zollgesetz gesieherten Zollsystems, — nnd Theilung der rei- nen Einkiinfte des Vereines nnter die Theilnehmer nach dem Massstabe der Bevol- kerungsmenge sind die wesentliehen Grundlagen des deutschen Zoltvereines, dessen Einfluss auf Industrie nnd Handel Deutschlands ein bedeutender ist. Die geistige Ilildimg des preussischen Yolkes ist eine hochst bedeutende. Die Elementarkenntnisse sind allgemein verbreitet, be- sonders unter der deutschen Bevolkerung. Die Lehranstalten sind in der Regel trefflich eingerichtet und gut geleitet. Nebst den vielen mittleren und hoheren Anstalten fur gelehrte Bildung bestehen auch viele filr den Erwerb und Verkehr. Die Burger-, Gewerbe- und Handwerksschulen, die technischen, land- und forstwirthschaftlichen und bergmannischen Schulen, die Handelslehranstalten (Handels- akademie in Danzig und viele hohere Schulen zu Diisseldorf, Koln, Berlin, Magdeburg, Elberfeld, Aachen, Erfurt, Konigsberg u. a.), die Schiffahrtsvorbereitungs- und die Navigationsschuien verbreiten die erforderlichen Kenntnisse von der untersten bis zur hochsten Stufe technischer und kommerzieller Ausbildung; ihr machtiger Einfluss ist nicht zu verkennen und ein sich stets steigernder. In jeder Richtung gehort somit Preussen zu den kuhivirtesten Staaten Europa’s. §. 125. Das Konigreicli Hannover. 700 □Meilen, — 1,820.000 (relativ 2600) Einwohner, iiborwiegend Prote- stanten, an 220.000 Katholiken, dann etwa 12.000 Israeliten. — Zwei durch Braun¬ schweig getrennte Haupttheile und einige kleinere Gebiete. — Grenzen: im O. Braunschweig, Preussen (Sachsen, Brandenburg), —im N. Mecklenburg-Schwerin, Lauenburg, Hamburg, Holstein, Nordsee, Oldenburg, im W. Niederlande, — im S. Preussen (Westphalen), Lippe-Schaumburg, Kurhessen, Lippe-Detmold, Waldeck, Preussen (Sachsen). — Konstitntionelle Erbmonarchie im lutherischen Hause Braun. schweig-Luneburg. Boden. Der grosste Theil Hannovers gehort dem norddeut- schen Tieflande an, nur beilaufig 20 % sind IFiigel- oder Bergland. Gebirgig ist der ganze siidliche -Theil, vom ntirdlichen Theile nur der Siidrand. Das Hauptgebirge ist der wald- und metall- reiche Harz, wovon ein grosser Theil des Oberharzes und ein kleiner des Unterharzes zu Plannover gehoren. Ferner durchziehen das Land Theile des T hiiringer-FI u g ella n des (mit dem Got- tingerwalde) und des westlichen und ostlichen We s er g e b i r g e s ; zurn westlichen Wesergebirge gehoren der T eutoburger wal d und das Osnabr ticker- II ii gel land, zum ostlichen der So 1- lingerwald zwischen Weser und Leine, und nordlich von diesem der Siintel, das Deister- und Os t e r ge b i rge. — Das ebene Land (mit 80 % der Gesammtflache) ist theils Geest-, theils fruchtbares M ars chi and ; ersteres besteht aus Haiden, Sand- und Moorboden, letzteres aus l'ettem Boden. Das Tiefland (an der 282 Nordsee am niedersten) wird durch kiinstliche Damme (Deiche) und Schleussen (Siele) vor den Meeresuberschwemmungen geschiitzt und von einzelnen Hugelgruppen (die jedoch nirgends 600' Hohe erreichen) durchzogen. Das Geestland ist zum Theile vollige Ein- ode, zum Theile wird es, wie die von grosstentbeils wohlhabenden Landwirthen bewohnte L ii n e bu rg er - Haide, von Jahr zu Jahr mehr kultivirt. Die am meisten wiiste Haide und die bdeste Ge- gend Deutscblands ist der 5 QMeilen grosse Huimling (ostlich der Ems, Landdrostei Osnabriick). Yon den vielen Moo re n (in Ostfriesland, Meppen, iiberhaupt in den Landdrosteien Aurich und Osnabriick) sind die meisten wegen des grossen Reichthums an Torf von hoher Bedeutung; in neuester Zeit sind grosse Moor- strecken durcb Entwasserung in frucbtbares Land verwandelt wor- tvo sie Torf stechen, mahen und an Deichen arbeiten. Die geographische Lage Hannovers an der Nordsee mit ihren sicheren Hiifen, Landungsplatzen und Buchten, sowie an den durch eine grossartige Schiflahrt belebten grossen Fliissen Deutschlands, und durchschnitten von zahlreichen schiffbaren Fliissen ist fiir den Handel, der sich schon friihzeitig in bedeutendem Umfange, zu- mal an der ostfriesischen Kiiste entwickelt hat, ausserst giinstig. 236 Kanale, gute Landstrassen, mehrere Eisenbahnen, die Banken und Handelsvereine, die hervorragende geistige Kultur und besonders der im Jabre 1854 erfolgte Beitritt zum deutschen Zollvereine iiben einen sehr erfreulichen Einfluss auf die Entwickelung der Industrie und des Handels aus, welche in bedeutendem Aufsehwunge begrif- fen eind. Hannover nimmt Antheil am deutschen Grosshandel und hinsichtlich der Qualitat seiner Rhederei den ersten Rangein. Haupt- seeplatz ist der Freihafen Emden, nachst diesem: Haarburg (mit einem Freihafen), Leer (regelmassige Schiffahrtsverbindungen mit den hollandischen und norddeutschen Seestadten), Bremerlehe und Papenburg. Die Handelsmarine zahlt an 680 Schiffe und nahezu 1900 Kiistenfahrer. Fiir den Flussverkehr sind wichtig: Munden (Weser), Celle (Aller), Hannover (Leine), Stade und Haarburg (Elbe), Liineburg (Ilmenau). Ausser den Letzteren sind im Binnen- handel noch bedeutend: Gottingen, Meppen, Lingen, Osnabriick und Bremervorde. Den Handel mit Bergwerksprodukten besorgen Gos- lar und Osterode, Pferdemarkte sind in Weener, Norden und Aurich, im letzteren auch grosse Getreidemarkte, in Uelzen sind Flachs- und Viehmarkte, in Wittmund fiir Butter und K&se, in Hannover gros¬ ser Wollmarkt. Fiir den sehr lebhaften Transit- und Speditions- handel sind Celle, Hannover, Haarburg, Liineburg, Osnabriick und Munden die Haupfplatze. Zur Ausfuhr kommen: Pferde, Rindvieh, Salzfleisch, Milch- produkte, Flachs, Garn, Leinwand, Wolle, Bergwerksprodukte, Ge- treide, Iiolz und Holzwaaren, Tabak, Wache, Papier u, a.; — zur Einfuhr: Kolonialwaaren und Siidfriichte, Ilopfen, Wein, Seide und Seidenwaaren , Wollen- und Baumwollwaaren, Glas-, Eisen- und Stahlwaaren, Galanteriewaaren u. a. Die geistige Kultui* steht auf hoher Stufe. Die Volksbildung ist im Ganzen sehr beachtenswerth. Jedes Kind ist verpflichtet, die Schule zu besuchen. Fur die gelehrte Bildung bestehen zahlreiche, treffliche Anstalten, unter denen die weltberiihmte Universitat Got¬ tingen den ersten Rang einnimmt. Unter den Lehranstalten fiir Erwerb und Verkehr gehort die polytechnische Schule in Hannover zu den vorziiglichsten in Deutschland. Die Navigationsschule zu Emden, die Baugewerks- und Handelsschulen, die zahlreichen Ge- werbe-, Real-, Industrie- und landwirthschaftlichen Schulen gehoren in jeder Hinsicht zu den besten und fordern die technische und geistige Kultur in sehr anerkennenswerther VVeise. Gelehrtenvereine, Vereine fiir Landvvirthschaft, Industrie und Handel bilden das be- lebende Moment in diesem aufstrebenden Lande. §■ 126. Das Drossherzogthuin Oldenburg. 116 QMeilen, — 288.000 (relativ 2480) Einwohner; (iberwiegend Protestanten, etwa 73.000 Katholiken, dann 1500 Israeliten. — Drei getrennte Gebiete: Das Hauptland, Herzogthum Oldenburg, zwischen Hannover, Bremen und der Nordsee, — das Fiirstenthum Llibeek (oder Eutin) liegt in zerstrenten Par- zellen in Holstein, — das Furstenthum Birkenfeld jm sudiichen Tbeile der preussischen Itheinprovinz. — Konstitntionelle Erbmonarchie im lutherischen Hause Oldenburg. Boden. Das Herzogthum Oldenburg hat die gleiche natiir- liche Bodenbeschaffenheit wie das Naohbarland Hannover, es gehort 237 zum norddeutschen Tieflande. An der Nordsee, der Weser und der Jahde ist sehr fruchtbares Marschland, welches durch kostspie- lige Deiche gegen das Eindringen des Meeres geschiitzt wird. Das Innere des Landes ist Geestland, theils Haiden und Sandboden, theils Torfmoore (nahezu 50 □ Meilen). — Der Boden des Fursten- thums Lhbeck ist ebenfalls fast durcbgehends flach, mehr geest- als marschartig, zum Theil mit anmutbigen Hiigeln und mit Seen, die mit Buchenwaldern umkranzt sind. — Das Fiirstenthum Birkenfel d ist ein meist steiniges Bergland mit vielen kleinen Thalern ; die wald- reichen Hohen sind Zweige des Idar- und Hochwaldes (Hunsriick). Gewasser. Die Nordsee mit dem (an 4 □Meilen groseen) Jahdebusen bespult Oldenburg, die Ostsee das Furstenthum Lii- beck. Der wichugste Fluss ist in Oldenburg die Weser, welche die schiffbare Hunte (bei Elsfleth) aufnimmt. Im Norden ist der kleine Kustenfluss Jahde, im Siiden fliesst die Hase. In Lubeck ist die schiffbare Trave, in Birkenfeld die Nahe von Bedeutung. — Die meisten Seen hat Lubeck (der Ploner-, Eutinersee u. a.), in Oldenburg sind der Zwischenahn- und der Diimmersee die gross- ten, Die vielen jedoch kleinen Kan ale (,,Sieltiele“) dienen haupt- sachlich zur Entw&sserung, werden aber auch zur Schiffahrt 6e- nutzt. — Das Klima ist im Ganzen gem&ssigt, an den Kiisten feucht und nebelig mit haufigen Winden, in Birkenfeld ist es rauher. Politische Einlheilung. Das Grossherzogthum Oldenburg wird in drei Provinzen, das flauptland dann in Kreise, diese in Aemter und Kirchspiele eingetheilt. Bedeutendere Orte sind im: ]. Ilerzogthuin Oldenburg, — 100 □&!., — 232.000 (relativ 2325) Ein- wohner: Old enburg (9000), Braeke, Elsfleth, Varel (3800), Jever, Delmenhorst, Kloppenburg, Vechta. — Die Insel Wangeroge (400 E.). — Die vormals (bis zum 1. August 1854) graflich Bentink’sehe Herrschaft Ifniphausen am Jahdebusen. 2. FUrstenthum Liibeck, — 7 DM., — 23.000 (relativ 3300) Einwohner: Eutin (3000). 3. Furstenthum Birkenfeld, — 9 DM., — 33.000 (relativ 3600) Eiu- wohner: Birkenfeld (2700), Idar, Oberstein (2800). Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die wichtigste Erwerbsquelle der Bewohner bilden der Acker- bau und die Viehzucht, welche sorgfaltig betrieben werden. Am ^rgiebigsten ist der Ackerbau im Marschlande, besonders im >3utjadingerlande‘' (zwischen Jahde und Weser) und im Kreise Jever. In den Marschen wird hauptsachlich Weizen, Gerste, Ilafer und sehr viel Raps gebaut, auch Bohnen und Erbsen; im Geestlande Derate, Hafer, Buchweizen, Flachs und Hanf, Kartoffeln und Ta- bak. In Lubeck wird die Feldwirthschaft auf holsteinische Art be- trieben und der gute Boden liefert reichlichen Ertrag; hingegen deckt in Birkenfeld der Ackerbau nicht den Bedarf. — Der Waldboden nimmt nur etwa 12% der Gesammtflache ein, zumeist in Birkenfeld nnd hie und da im Geestlande von Oldenburg, in den Marschen 238 berrscht jedoch Holzmangel. — In Oldenburg und Liibeck ist die Viehzucht, namentlich vorzliglicher Pferde und Kinder (in den Marschen) sebr bedeutend. Im Geestlande lierrscht die Schafzucbt vor, insbesondere viel Haideschnucken. In den Haiden ist auch die Bienenzucht schwungbaft. Die Seefischerei ist bedeutend, dess- gleichen im Zwischenahner - Meer; in den Moorgewassern werden viel Blutegel gefangen und exportirt. — Der Bergbau, zumeist auf Eisen (Jahresproduktion iiber 10.000 Zentner), dann auf Kupfer, Blei, Steinkohlen, Schiefer, schone Acbate und Karneole u. s. f. wil'd nur in Birkenfeld unterhalten. In Oldenburg und Lubeck sind ausgedebnte Torfstechereien. — Die Gewinnung von Seesalz (iiber 30.000 Zentner) ist ansehnlich. Fur die Hebung der Land- wirthschaft ist die ,,oldenburgische Central-Landwirthschafts-Gesell- scbaft“ mit mehreren Filialvereinen sehr thiitig. Die gewerbliche Industrie ist von geringem Belange; gros- sere Fabriken sind nur in geringer Anzalil vorhanden. Verhiiltniss- massig am starksten ist die uberall verbreitete Garnspinnerei und Leinwandweberei (um Varel), dann die Wollstrumpfstrickerei urn Vechta und Kloppenburg. Baum wollfabriken hat V ar e 1, derwich- tigsteFabriksort in Oldenburg. Ziemlich erheblich sind die Gerbereien (Birkenfeld) und die Verfertigung von Ilolzwaaren, sowie einige Tabak- und Zuckerfabriken in Oldenburg, endlich der Schiffbau und die Schiffahrt. Sehr vortheilhalt bekannt sind die Steinschleifereien, besonders der Achate und Karneole zu Idar und Oberstein. Auch in Oldenburg (Vechta und Kloppenburg) ist das „Hollandsgehen“ ziemlich zahlreich. — Mehrere Industrievereine und Biirgerschulen fordern die gewerbliche Thatigkeit. Trotz der giinstigen Lage des Landes ist der Handel mit dem Auslande von keiner Bedeutung. Die verhaltnissmassig wichtigsten Handelsplatze sind: Oldenburg, Jever, Varel (bedeutender Produk- tenhandel), Bracke (Freihafen), Vechta, Elsfleth. Zur Ausfuhr kommen: Pferde, Schlachtvieh, Getreide, Milchprodukte, gesalzenes und gerauchertes Fleisch, Paps, Leinwand, Blutegel, Torf; — zur Einfuhr: Kolonial- und Materialwaaren, Sudfriichte, Wein, Bier, Salz, Eisen, alle Arten von Fabrikserzeugnissen. — Die Khederei und Schiffahrt wird am starksten in Oldenburg, Elsfleth, Varel, Jever und auf Wangeroge betrieben. Im Jahre 1855 zahlte die Handelsmarine etwa 560 Fahrzeuge mit nahezu 50.000 Tonnen. In der Vol ksb i Id ung steht das Land auf der mittleren Stufe unter den deutschen Staaten; die vereinzelten, von einander ent- fernten Wohnungen im Geestlande erschweren den Schulbesuch, Oldenburg besitzt ubrigens eine grosse Anzahl von Volksschulen sowohl, als von^ Mittel- und hoheren Schulen filr gelehrte Bildung, sowie fur den Erwerb und Verkehr. §. 123. Das Herzogthum Braunschweig. 68 QMeilen; — 270.000 (relativ 3970) Einwohner; fast ausschliesslich Pro- testanten (nur beilaufig 3000 Katholiken, dann etwa 1500 Israeliten). — Drei ge- trennte Gebiete und einige kleine Parzellen, welche sammtlich von Hannover, Preus- sen (Westphalen, Sachsen) und Anhalt-Bernburg eingeschlossen sind. Das nOrd- liche Gebiet bilden die Iireise: Braunschweig, Wolfenbuttel, Helmstedt, — das 239 mittlere: Holzmindcn, Gandersheim, — dassiidliche: Blankenhurg. Enklaven: KalvOrde in Preussisch-Sachsen, — Thedinghausen siidlich von Bremen in der han- noverschen Grafsehaft Hoya und drei kleinere in Hildesheim. — Konstitutionelle Erbmonarchie im lutherischen Hause Bra u ns eh weig-Wolfenbutt el. Goricn. Der siidliche und mittlere Theil des Herzogthums Braunschweig sind gebirgig, der nordliche ist eben. Blankenburg und Gandersheim durchzieht der metall- und waldreiche Harz mit weiten und gut angebauten Thalern; dessen an grotesken Tropf- steingebilden reiche Hohlen (die Baumanns- und die Biel sh oh le bei Riibeland im Kreise Blankenburg), sowie die wilde ,,Teufels- mauer“ sind beriihmt. (Berghohen: Wormberg 3000', Achtermanns- hohe 2700'). In den Kreis Ilolzminden streichen Theile des ost- lichen Wesergeb i r g es (des Sollingerwaldes) herein. Das nordliche Gebiet gehort zur norddeutschen Tiefebene, aus welcher sich einzelne Hugelreihen (der Elm) erheben. Die genannten grosseren Enklaven sind Flacldand. Gewasser. Die Fliisse des Landes gehoren zum Flussgeader der Weser und der Elbe. Die erstere beruhrt die Westgrenze des mittleren Gebietes. Die A Her, ein Nebenfluss der Weser, durch- diesst den nordostlichen Theil des nordlichen Gebietes. Der wich- tigste Fluss des Herzogthums ist die Oker; sie entspringt auf dem Harze, fliesst in nordlicher Richtung, nimmt nebst andern Fliiss- chen die Schunter auf und miindet in Hannover in die Aller. Auch die Fuse und die den siidwestlichen Theil durchfliessende Leine sind Nebenfliisse der Aller. — Zum Geader der Elbe ge- horen die Ohre und die Bode, der bedeutendste Fluss des Har- zes. — Das Land hat sehr viele Teiche (an 600) und einige Mineral quellen (Helmstedt, Harzburg, Seesen). Polilische Eintheilung. Das Herzogthum ist in sechs Kreise eingetheilt, die in Aemter zerfallen. Bedeutendere Orte sind im: 1 . Kreis Braunschweig, — 9 [DM., — 70,000 (relativ an 7800) Einwohner: Braunschweig (42.000), die Enklave Thedinghausen; 2. Kreis WolfenbUttel, — 11 QM , — 53.000 (relativ an 4820) Einwohner : Wolfenbuttel (9000), Scheppenstedt, Harzburg; 3. Kreis Helmstedt, — 15 DM., — 45.000 (relativ 3000) Einwohner: Helmstedt (7000). Konigslutter, Schoningen; 4. Kreis Gandersheim, — 12 C]M., — 43 000 (relativ an 3800) Einwohner: Gandersheim (3000), Seesen, Butter am Barenberge; 5. Kreis Ilolzminden, — 12 QM., — 40.000 (relativ an 3330) Einwohner: Holzminden (4000), Oldendorf; 6. Kreis Ulankenbiirg, — 9 C]M., — 23.000 (relativ an 2550) Einwohner: Blankenburg (4000), Hasseltelde, Huttenrode, Tanne, Eilheland, Zorge. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Das Herzogthum Braunschweig zeichnet sich sowohl durch den Reichthum seiner Urproduktion, als durch die ansehnliche ge- ■werhliche Industrie und den Handel aus. Vor Allem ist es ein reiches Getreidelaml, und der Ueberfluss der nordlichen Theile deckt nicht nur vollstandig den Mangel des gebirgigen Siidene, son- dern liefert auch fiir den Export. Gleichen Reichthum hat es an Hiilsenfruchten und Kartoffeln, Gartengewachsen und Oelpflanzen, sowie an sehr gutem Flachs, trefflichem Hopfen (bei Braunschweig), 240 Cichorie, Tabak (um Kalvorde), Fatter- und F&rbekrautern (Scbarte zum Gelbfarben). Im Harz und am Soiling ist viel Holz, wovon erhebliche Mengen ausgefiihrt werden. In der sehr bedeutenden Viehzuclit (besonders anf dem tlarze) sind das starke Hornvieh, die schonen Pferde, die grosstentheils veredelten Schafe und die sehr betrachtliche Bienenzucht (in den Haiden) besonders hervorzuheben. Die Jagd bietet reiche Beute, auch die Fischerei ist erwahnenswerth. Der Bergbau und das Huttenwesen sind im Fiirstenthume Blankenburg sehr bluhend, namentlich im Kommunionharze; Silber (1600 Mark), Eisen (an 120.000 Zentner), Blei (4000 Zentner), Glatte und Kupfer u. s. w. Das meiste Eisen liefern die Gruben von Hiittenrode, Tanne, Zorge, Riibeland; das meiste Kupfer (an 1000 Zentner jahrlich) am Rammelsberge im Kommunionharze. Vorziigliche Braunkohlen werden bei Schoningen, Steinkohlen bei Ilelmstedt gebrochen. Die zwei Staatssalinen (Schoningen und Salzdahlum) geben liber 30.000 Zentner Salz. Auch Marmor, Sand- steine (am Soiling), Gyps, Alabaster, Porzellan- und Pfeifenerde, Topferthon und andere Erdarten werden in ansehnlicher Menge gewonnen. In der gewerblichen Thatigkeit treten uberwiegend das Kleingewerbe und die als „landwirthschaftliche Nebenbeschaftigung“ sehr verbreitete Verarbeitung der Landesprodukte hervor; eigent- liche Fabriken und grossere Manufakturen bestehen nur in den be- deutenderen Stadten, als: Braunschweig, Wolfenbiittel, Helmstedt und Holzminden, wo namentlich Tiicher und andere Wollenzeuge, sowie Leder verfertigt werden. Auf dem Lande und in den klei- nen Stadten sind Garnspinnerei und Leinweberei fast die allgemeine Beschaftigung. Ferners besitzt das Land viele Oelmuhlen, Brannt- weinbrennereien, Bierbrauereien (Braunsehweiger „Mumme“ und der „Duckstein“ zu Kcinigslutter), einige Tabak-, Papier-, Leder-, Farben- („Braunschweiger Grun“), Cichorien- und JRunkelriiben- Zuckerfabriken, besonders in und um Braunschweig und Holzminden. Sehr schones Porzellan erzeugt die herzogliche Fabrik von Fiirsten- berg fam Soiling). Auch Handschuhe, Striimpfe, Blech- und Holz- waaren von Braunschweig sind bekannt. Auf dem Harze (Zorge, Riibeland, Ocker) und bei Holzminden sind grosse Eisenwerke, Kupferh&mmer und chemische Fabriken und Glashiitten thatig; in Zorge besteht auch eine Maschinenfabrik. In Braunschweig ist ein Gewerbeverein thatig. Das Land hat eine fur den Ilandel sehr giinetige Lage. Die alten Handelsstrassen von den Elbelandern nach dem Rhein, von Hamburg nach Siiddeutschland und die Eisenbahn von Berlin nach Kfiln durchziehen Braunschweig. Diese Lage der Stadt Braun¬ schweig und die zwei noch immer stark besuchten Messen (anfangs Februar und anfangs August) mit bedeutenden Wollmarkten reihen sie unter die wichtigsten Handelsstadte Norddeutschlands ein. Fiir die Flussfahrt ist Holzminden der Hauptstapelplatz. Zur Ausfuhr, welche bedeutend starker als die Einfuhr ist, gelangen: Getreide, Riibsamen, Flachs, Garn, Leinwand, Wolle, Leder, Papier, Hopfen^ 241 Eigen, Holz, Sollinger Sandsteine, Tabak, Braunschweiger Honig- kuchen u. a. m.; — eingefiihrt werden: Kolonialwaaren und Stidfriichte, Wein, Obst, Baumwolle, Seide und Seidenwaaren, Eisen-, Stahl-, Gold- und Silberwaaren. — Sehr betrachtlich ist der Spe- dilions- und Tninsitohandel. Die geistige Kultur ist gleiehfalls eine bedeutende, wie es die verbaltnissmassig grosse Anzahl von Schulen zur Genttge be- statigt. Sowohl die Anstalten fur gelehrte Bildung, als auch jene fur Ervverb und Verkehr erfreuen sich sorgfaltiger Pflege und einer guten Organisation. §. 128. Das Fttrstentliuin Lippe (Lippe-Detmold). Das Furstenthum Lippe-Detmold, ein grosstentheils bergiges, doch in den gut angebauten Thalern fruchtbares Land, mit schonen Eichen- und Buchenwaldungen, ist umgeben von Preussen, Hessen und Hannover. Der Flacheninhalt betragt iiber 20 '/ 2 QMeile. Die fast durchgehends protestantische Bevolkerung von 106.000 Seelen lebt in sieben Stadten, mehreren Marktflecken und Dorfern. Im Siiden ziehen als Fortsetzungen des Teutoburgerwaldes die Ketten des lippisohen Waldes (Deutschlands klassischer Boden : Ar- min, Varus), im ilbrigen ist es Hugelland, nur zum kleinen Theile Tiefland. Die Fliisse (Bega, Werre u. a.) fliessen in die Weser, welche das Land im Norden beriihrt; die Lippe und Ems haben ihre Quellen im Lande. Bekannt sind die Schwefel- und Eisen- quellen bei Meinberg (stidostlich von Detmold) und die Soolbader von Salzuflen. Grossere Orte sind: Detmold (6000), Lemgo, Lage, Horn, Salzuflen, Varenholz, Barntrup, Blomberg, Sehwalenberg- Die bedeutendste Ervverbsquelle bildet die Landwirthschaft. Der gute Boden und der ausgezeichnete Ackerbau gewahren die gewohnlichen deutschen Produkte fiber den Bedarf, namentlich Getreide, Hiilsenfriichte, Biibsamen und Flachs. Auch die Vieh- zucht ist ansehnlich, besonders des Hornviehes und der veredelten Schafe; im siidwestlichen Landestheile, d. i. in der Sennerhaide, werden vortreffliche Pferde („Sennerpferde“) gezogen. Nicht min¬ der sind die Schvveine- und die Bienenzucht bedeutend. Der land- wirthschaftliche Verein von Detmold hat in dem kleinen Lande vierzehn Bezirksvereine. — Metalle hat das Land keine; da- gegen liefert die Staatssaline zu Salzuflen an 30.000 Zentner Salz. Die gewerbliche Industrie sowie der Handel sind in Lippe von geringem Belange; doch nahren sich ganze Ortschaften von der Garnspinnerei und Leinweberei, welche Manufakte in den Handel gebracht werden. Zudem bestehen einige Wollenzeugwebereien, mehrere Gerbereien, einige Glashiitten und Papiermuhlen, viele Oel- und Sagemiihlen, dann Bierbrauereien u. dgl. Am bekanntesten sind die Meerschaum - Pfeifenkopfe aus Lemgo; zu Horn ist eine grossere Sensenschmiede. — Die A u s- f u h r besteht in Holz, Leinwand und Garn , Schlachtvieh , Pfer- den, Wolle und Meerschaumkopfen. — Fiir die Volksbildung Kluo’s Handels-Goog-rnphic. 2. Aufl. 242 wild sehr viel gethan, die zahlreichen Lehranstalten sind trefflich eingerichtet. §. 129. Das Fttrstentbum Lippc-Scliaumburg. An den nordwestlichen Abhiingen des Sun tel breitet sich dieses hiigelige, zurn grosseren Theile jedoch dem Tieflande ange- bdrige, etwa 8L]Meilen grosse Fttrstentbum zwischen Kurhessen, Hannover und Preussen aus, von keinem grosseren Flusse (nur von der Aue und Geble und einigen Bachen) bew&ssert. An der Nord- grenze liegt das Steinbudermeer, und auf einer kttnstlichen Insel m demselben die Festung Wilbelmestein. Etwa 30.000 protestan- tische Sachsen, welehe die Landesbevolkerung bilden, wohnen in den zwei Stiidten: Bttckeburg (4000) und Stadthagen (2500), zwei Marktflecken und in hundert Dorfscbaften. Die Hauptbeschaftigung bildet die Landwirthscbaft, welehe Getreide iiber den Bedarf, Htilsenfrttchte, Kartoffeln und Flachs als Fabrikspflanze liefert. Die Hornvieh- und Pferdezucht ist ausreichend, die Schaf- und Schweinezucht gewahren Artikel zur Ausfuhr. Die waldigen Biicken- berge geben schones Holz und gute Steinkohlen, das Steinhuder- meer viel Fiscbe. Eilsen ist ein Badeort mit Schwefelquellen und Schlammbadern. — Die gewerbliche Industrie und der Handel gestalten.sich bier wie in Lippe-Detinold. Die Verarbei- tung des Flacbses ist der wichtigste Industriezweig der Landbevblke- rung und die Umgcgend von Ha gen burg ist dafiir der Hauptsitz. Sonst sind noch die Branntweinbrennerei und einige kleine Zucker- siedereien. Zu Buckeburg ist die „nieders&chsische Bank“ (12Mil- lionen Thaler Grundkapital) in Wirksamkeit. — Die geistige Kul t u r steht auf gleicher Stufe wie im Fiirstenthume Lippe- Detniold. §. 130. 1) as llerzogthum AnliaU-Dvssau-KOtlien. Dieses uber 28 QMeilen grosse, von beilaufig 115.000 meist protestantischen Sachsen bewohnte Herzogthum ist von Preussen und Anhalt-Bernburg begrenzt, und gehort zum norddeutseben Tieflande. Es besteht aus einem Ilauptgebiete, dann einem kleineren westlieb von Bernburg gelegenen , und fiinf im Regierungsbezirke Magde- burg gelegenen Parzellen. Nachdem (am 23. November 1847) die Time Kothen im Mannesstamme erloscben -war, kam (am 4. Fe- bruar 1853) in Folge eines Vertrages mit Bernburg das Ilerzogthum Kothen ausschliesslich an Dessau. Das Land ist von der Elbe, der Mulde und Saale und einigen kleineren Nebenflussen der Elbe bewassert; ttberdiess gibt es mehrere kleine Seen und viele Teiche, In Zerbst ist eine sali- nische Mineralquelle. Bemerkenswerthe Orte sind: Dessau (14.000), Zerbst (10.000), Kothen (7000), Jessnitz, Oranienbaum, Sandersleben, Worlitz, Nienburg. Der ebene Boden ist am linken Elbeufer sehr fruchtbar und der Ackerbau mit der Viehzucht bilden die wichtigste Nahrungs- quelle der Bewohner. Am^ rechten Elbeufer ist der Boden mehr san- dig, kleine Haiden und hie und da Waldungcn bedecken denselben. Die landwirthschaftliche Produktion ubersteigt den Bedarf und bringt vorziiglichen Weizen, gute Obstsorten, einige Handelspflanzen (Krapp, Tabak), Produkte der Milchwirthschaft und Borstenvieh in den Handel. — Metalle besitzt das Land keine; aber gute Bausteine, Schiefer, Braun- und Steinkohlen, Topferthon, Porzellanerde und Torf. — Die gewerblicbe Thatigkeit ist im Ganzen wenig erheblich; sie arbeitet zumeist nur fur den Lokalbedarf. Die land- liche Bevolkerung spinnt Flachs und Wolle, die Leinweberei er- streckt sich auf den Hausbedarf; die Tuchweberei ist in Dessau, Jessnitz, Raguhn und Zerbst mehr ausgedehnt. Bedeutender eind die Bierbrauerei, die Branntweinbrennerei, einige Gerbereien (Dessau, Zerbst, Kothen), die Tuchfabrikation (Dessau, Zerbst); relativ am wichtigsten ist die Riibenzuckerfabrikation ; in Nienburg werden auch Schiffe gebaut.—Der Han del ist von untergeordneter Bedeutung, der wichtigste Platz ist Dessau, wo (seit 1856) die „deutsche Centralbank,“ die „Kreditanstalt fur Industrie und Handel,“ die „Landesbank“ und die „Landrentenbank“ besteben. Dessau und Kothen halten ansehnliche Getreide-und Wollmarkte, Zerbst grosse Vieh-, namentlich Pferdemarkte. Mehrere Vereine sind fur die He- bung der Landwirthschaft und Gewerbe thatig. Die Unterrichtsanstalten sowohl fur gelehrte als fiir gewerb- liche und kommerzielle Bildung sind in bliihendem Zustande, sie er- freuen sich sorgfaltiger Ptlege und stai’ken Besuches. DO O §. 131. Das Herzogthum Anhalt-Bernburg. Das Herzogthum Anhalt-Bernburg besteht aus mehreren ge- trennten Gebieten, welche zusammen uber 15 0Meilen gross und von etwa 54.000 meist lutheriscben Sachsen bewohnt sind. Das Staats- gebiet zerfallt in das Unterherzogthurn (die zerstreuten Lande an der Saale und Elbe umfassend) und in das Oberherzogthum am Unterharze. Ersteres ist ein grosstentheils fruchtbares Flachland, letzteres ist gebirgig und waldig. Die Elbe, Saale und Bode bewassern das Land; zudem hat. es mehrere kleine Seen und die zwei Mineralquellen Alexisbad und Beringerbad. Grossere Orte sind: a) imUnterherzogthume: Bernburg (10.000),Koswig,Hecklingen; b) imOberherzogthume: Ballenstedt, Harzgerode, Gernrode, Hoym. Im Flachlande bilden der Ackerbau und die Yiehzucht die wichtigste Nahrungsquelle; im Harze der Bergbau und der Hiitten- betrieb. Der Ackerbau liefert Getreide, Hiilsenfriichte, Flachs, Tabak und Riibsamen in ausreichender Menge, auch schones Obst; in der Viehzucht ist die Rindvieh-, Schaf- und Schweinezucht er¬ heblich. — Der Bergbau liefert viel Eisen, Silber (jahrlich an 1800 Mark), Blei und Steinkohlen. Der Mittelpunkt des Bergbaues ist Harzgerode. —• Mit Ausnahme des bedeutenden Hiittenbetriebes im Selkethale (im Harze) ist die gewerbliche Industrie sehr untergeordnet. Sie arbeitet fiir den Lokalbedarf und ist zu¬ meist nur durch das Kleingewerbe oder die mehrerwahnten „land~ wirthschaftlichen Nebenbeschaftigungen“ vertreten. Sie erstreckt sich auf Garnspinnerei, Leinweberei, Tuchmacherei, Leder und Papier, 16* 244 Stein gut und Holzwaaren. — Dass der Handel ebenfalls nicht hervorragend ist, ist erklarbar aus dem verhaltnissmassig geringe- ren Stande, welehen die physische nnd technische Kultur in dem kleinen Lande einnehmen. Handelsplatze sind Bernburg und Koswig. — Fur die g e i s t i g e Bildung des Volkes ist durch viele und zweckmassig eingerichtete Lehranstalten sehr gut gesorgt. §. 132. Das tii'ossherzogtliam Mecklenburg-Schwerin. 244 □Meilen, — 539 000 (relativ 2112) Einwohnerj fast ausschliesslich Pro- testanten (nur etwa 1000 Katholiken, 3000 Israelite!)). — Nach der National! tat slavischen (wendischen) Ursprunges, aber vollstandig germanisirt. — Grenzen: im N. die Ostsee, — im 0. Pommern, Mecklenburg-Strelitz, — im S. Brandenburg, Hannover, — im W. Lauenburg, Mecklenburg-Strelitz (Ratzeburg). — Konstitu- tionelle Erbmonarchie im protestantischen Hause Mecklenburg. Boden. Mecklenburg-Schwerin liegt im norddeutschen Tief- lande. Der Boden ist flach, nur hie und da von einzelnen Hiigel- ketten (bis hochstens 570') durchzogen. Die tiefsten Punkte sind an der Ostsee und an der Elbe. Der grossere Theil des Bodens ist fruchtbar, zumeist im nordwestlichen Landestheile; im Stiden kommen Sandflachen und Torfmoore vor. Gewiisser. Das Land ist wasserreich. Auf einer Lange von 25 Meilen wird es von der Ostsee, welche mehrere Meerbusen und Buchten bildet, Wismar (mit der Insel Poel), Salzhoff, Warne- miinde (bei Rostock) bespiilt. Die fliessenden Gewasser gehoren theils zum Gebiete der Ostsee, theils zum Flussgeader der Elbe. In die Ostsee fliessen: die Stepnitz, die War now (der bedeutendste Fluss des Landes), die Recknitz und die Peene; in die Elbe: der Grenzfluss Steckenitz, die Sude mit mehreren Zufliissen und die schiffbare E1 d e. — Unter den vielen Seen (329) sind viele sehr klein, der grosste See Norddeutschlands ist der Miiritz-See, welcher mittels der Elde mit dem Male how-, K alp in-, Flee- sen- und Plauer-See in Verbindung steht. Der Schweriner- See steht (durch den Abfluss Stoer zur Elde) mit der Elbe in Verbindung. Die Peene fliesst durch den in der „mecklenburgischen Schweiz" gelegenen Mai chin- und den K u m m er o w - See. — Zahlreiche Schiffahrts-, Verbindungs- und Entwasserungska nale durchschneiden das Land. — Die meisten Quellen entbalten Eisen, Salz, Kalk oder Schwefel; besuchte Seebader sind Dobberan, Warne- munde und Boltenhagen (bei Wismar). Politische Eintheilung. Die Bestandtheile des Grossherzog- thums sind: 1. der meck 1 enburgische Kreis oder Herzog- thum Schwerin, — 2. der wendische Kreis des Herzogtburns Giistrow, — 3. der Rostocker Distrikt, — 4. das Fursten- tbum Schwerin — und 5. die Herrschaft Wismar. — Die Kreise werden in Aemter und Vogteien eingetheilt, Bemerkenswerthe One sind: Schwerin (22.000), Ludwigslust, Domitz, Boitzenburg, Grabow, Parchim, Dobberan, Eldena, Gustrow, Biitzow, Ivenack, Rostock und Warnemiinde, Wismar, Basedow. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Mecklenburg-Schwerin ist ein Agrikulturstaat, nahezu drei 245 Viertheile derBewohner finden in der sorgfaltig betriebenen Land- wirthschaft ihre wichtigste Erwerbs- und Nahrunggquelle. Ueber 70°/ o der Gesanuntfliiche sind dem Ackerbaue zugewiesen, der an Roggen, in den sandigen Gegenden an Buchweizen den reicbsten Ertrag bietet; aucb Weizen, Gerste und Hafer werden angebaut. Die Ernte an Hiilsenfriichten (besonders Erbsen), Knollengewachsen (Teltower Ruben um Giistrow), an Handelspflanzen, Farbekrautern ist ziemlich erheblich, — Die Forstkultur ist ansehnlich, sie liefert Holz, vorziiglich Tannen in ausreichender Menge. — Der treffliche Wiesenbau hat eine ausgezeicbnete Viehzucht im Gefolge. Den ersten Platz nimmt die Pferdezucht ein; die mecklenburgischen Pferde, auf deren Yeredlung und Pflege eine grosse Sorgfalt ver- wendet wird, sind die kraftigsten in Deutschland und werden vom Auslande, namentlich von Frankreich, stark gekauft. Die Rind- viehzucht und die Zucht veredelter Schafe (Giistrow, Toddin) sind bedeutend, mecklenburgische Butter und Wolle sind im Handel geschatzt. Der grosse Bedarf an Schweinefleisch wird durch die Schweinezucht gedeckt und gelangt auch zum Export. Bei dem Wasserreichthum des Landes ist die Fischzucht von Bedeutung; die sehr ausgebreitete Federviehzucht liefert ger&ucherte Ganse- briiste und Federn in den Handel. — An Mineralien ist das Land arm, es besitzt keine Metalle, nur Torf, Kalk, Braunkoh- len, Gyps (bei Lubtheen) und Salz in der Saline zu Siilze (bei Giistrow). Die gewerbliche Industrie ist von keiner Bedeutung. Das Kleingewerbe ist in den Stadten fiir den Lokalbedarf hin- reichend vertreten, dagegen kommen Fabriken und Manufakturen nur sehr vereinzelt und in geringer Anzahl vor; die meisten Kunst- erzeugnisse werden aus dem Auslande bezogen. Die Leinen- und Wollenweberei ist ziemlich verbreitet, liefert jedoch nur ordinare Waare. Die meiste industrielle Thatigkeit findet sich in Rostock (25.000 Einwohner), wo die Gerbereien, Branntweinbrennereien, Baumwoll-, Tabak-, Papier- und Ziindwaarenfabriken, eine Zucker- siederei und ansehnlicher Schiffbau (Warnemirnde) u. s. f. bestehen. In letzterer Hinsicht ist auch Wismar beachtenswerth. In Plan ist eine Maschinenfabrik thatig. Erwahnenswerth sind einige Glas- hiitten, Oel- und Papiermiihlen. Die geographische Lage des Landes zwischen der Ostsee und der Elbe ist fiir den Handel sehr giinstig und wurde seit jeher zu einem lebhaften Schiffahrtsverkehr beniitzt. Die Verbesserung der Landstrassen, die Anlegung der Eisenbahnen, die durch Ka- nalisirung hergestellte Verbindung zwischen Schwerin und Hamburg hat auch dem inneren Plandel grosseren Aufschwung gegeben. Im auswartigen Handel sind Rostock (mit Warnemiinde) und Wismar, dann Boitzenburg an der Elbe die bedeutendsten Platze; an diese schliessen sich (auch fiir den inneren Handel) Giistrow, Schwerin, Grabow, Domitz, Parchim und Ribnitz an, wo wie in vielen Dorfern stark besuchte Jahrmarkte gehalten werden. (Wollmarkte und Vieh- piarkte in Giistrow, Rostock, Wismar, Boitzenburg, — Buttermarkte in Grabow.) Ist die Einfuhr an Manufakten, Wein, Kolonialwaaren und Siidfriichten , Steinkohlen und Metallen bedeutend, so w5rd sie doch von der Ausfuhr im Geldwerthe iibertroffen; letztere umfasst Getreide (nach England, Skandinavien und Hamburg), Wolle (bach Berlin, Hamburg, Liibeck), Tabak, Mastvieh (nach Hamburg und Berlin), Pferde (nach Frankreich, auf die Messen nach Leipzig), Butter und Kase u. s. f. — Die Schiffahrt ist sehr ansehnlich, namentlich in Rostock und Wismar. Dampfschiffahrten bestehen zwischen Rostock und St. Petersburg und den mecklenburgischen Hafen, zwischen Wismar und Kopenhagen, zwischen Boitzenburg und Hamburg; auch die Elde, Stoer, Havel und Warnow werden befahren. In Hinsicht der unteren Volksbildung steht das Land den iibrigen deutschen Staaten zuriick, obwohl in jiingster Zeit hierin ein sehr erfreulicher Aufschwung bemerkbar ist. Fur hohere Bil- dung ist gut gesorgt, und zwar sowohl fur die gelehrte als fur die auf Gewerbe und Handel abzielende. Eine Hochschule besitzt das Land in der im Jalire 1419 gestifteten Universitat in Rostock. §. 133. Das Grossherzogtliuin Mecklenburg-Strelitz. Das Grossherzogthum Mecklenburg-Strelitz besteht aus zwei Gebieten , welche durch Mecklenburg-Schwerin von einander ge- trennt sind. Der ostliche Theil, die Herrschaft Stargard, ist von Mecklenburg-Schwerin und Preuasen (Brandenburg, Pommern), —- der westliche , die Herrschaft Ratzeburg, von Mecklen¬ burg-Schwerin, Lauenburg und Liibeck begrenzt. — Der Flachen- inhalt des Landes betragt an 50 QMeilen mit etwa 100.000 fast ausscnliesslich protestantischenEinwohnern. — Der Bo den ist durch- aus eben, mit nur wenigen Hugellietten (Helpterberge 600'), und jenem des benachbarten Grossherzogthums gleich. — Der bedeu- tendste Fluss ist die Havel, welche mehrere Seen mit einander verbindet und ihren Lauf siidwarts nach Brandenburg nimmt, Die Trave ist Grenzfluss gegen Liibeck, dessgleichen deren Nebenfluss die Wackenitz. Unter den sehr zahlreichen Seen ist der Tollense- See der grosste; die vielen Kan ale sind zuineist Verbindungs- und Entwasserungs-Kanale. Bemerkenswerthe Orte sind : a) in der Herrschaft Stargard: Neu-Strelitz (8000), Nen - Brandenburg, Stargard, Friedland, Alt-Strelitz, Waldegk, Fiirstenberg, Wesenberg, Mirow; b) in der Herrschaft Ratzeburg: Schonberg (2000), und ein kleiner Theil der Stadt Ratzeburg. Mecklenburg-Strelitz ist in Bezug auf die physische und tech- nische Kultur seinem Nachbarlande fast ganz gleichgestellt. Auch bier bilden die Landwirthschaft, und zwar vorzuglich der Ackerbau und die sehr ansehnliche Viehzucht die Hauptnahrungs- quellen der Bewohner, indem sie nicht nur den inlandischen Bedarf vollstlindig decken, sondern auch fiir den Export liefern. — Ebenso besitzt das Land keine Metalle, aber Torf und mehrere Erdarten. — In der wenig bedeutenden gewerblichen Industrie nehrnen die Lein- und Wollweberei den ersten Rang wegen der grossen Verbreitung ein; die Erzeugnisse sind fast ausschliesslich ordiniirer Sorte. Die verhaltnissmassig wiehtigsten Orte sind Neu-Strelitz, 2-17 Stargard, Wesenberg und Fiirstenberg. Erwahnenswerth sind noch: die Lohgerberei, die Tabak- und Papierfabrikation, die Glashutten, Bierbrauereien, Branntwein-Brennereien, Ziegeleien u. s. f. Der Handel ist relativ lebhaft und umfasst beim Export die Natur- und landwirthschaftlichen Erzeugnisse , beim Import Indu¬ strie- und Kunstprodukte; der Geldwerth des Exportes ist jedoch grosser als des Importes. — Auch in Hinsicht der geistigen Kul- tur walten die ganz gleichen Verhiiltnisse vor, wie in Mecklenburg - Schwerin. §. 134. Die Ilerzogthiimcr Holstein und Lauenbnrg. (Siehe das Konigreich Dane mark.) §. 135. Die freie und Ilansestadt Liibeck. Die freie Stadt Liibeck ist vom holsteinischen Gebiete und Mecklenburg umgeben ; einige kleine Parzellen liegen in Holstein und in Lauenburg. Das Staatsgebiet, etwa 6 QMeilen gross, von 55.000 meist lutherischen Sachsen bewohnt, liegt in der norddeut- schen Tiefebene. Es wird von der Trave bewassert, mit welcher sich die Steckenitz und Wackenitz vereinigen. Der Steckenitz-Kanal fiihrt in die Elbe und verbindet Liibeck mit Hamburg, die Ostsee mit der Nordsee. — Das Staatsgebiet besteht aus der Stadt Liibeck sammt Yorstadten (40.000), einigen Landbezirken (Ritzerau, Trave- miinde u. a.) und dem Amte Bergedorf (gemeinschaftlich mit Ham¬ burg). — Der Bo den ist eben und fruchtbar. Der Ackerbau bildet den Haupterwerb der Landbewohner, welche gutes Korn, Hiilsen- und Gartenfriichte, Flachs und Riibsamen bauen; auch die Rindvieh- und Schafzucht wird stark betrieben. Sehr bedeutend ist die Fischerei sowohl in der Ostsee als in den Fliissen.— Die gewerbliche In¬ dustrie ist geringer als in den anderen Hansestadten. Den wichtig- sten Zweig bildet der Schiffbau mit den dazu. gehorigen Gewerben, nebstdcm sind die Tabak- und Woilenindustrie, der Maschinenbau, die Oelmuhlen, die Lederbereitung, die Essigsiedereien, Brannt- weinbrennereien, Bierbrauereien, die Lichterfabrikation, die Spiel- karten u. a. m. erwahnenswerth. Die Hauptnahrungszweige der Bewohner bilden Handel und Sehiffahi t. Liibeck, zur Zeit der frankischen Einfalle unter Lud¬ wig dem Frommen erbaut, breitete im Mittelalter seinen Handel und seine Schiffahrt grossartig aus. Es war das Haupt der mach- tigen Hans a, an deren Spitze es durch fast drei Jahrhunderte stand und vermittelte in seiner giinstigen geographischen Lage den Handel zwischen den Ostseelandern und dem Weston und Siiden Europas. Doch ist es von seinem alten Glanz derart herabgekom- men, dass dessen Handel nur mehr 1 / 3 so umfangreich ist, als jener Bremens; beide zusammen aber bewegen nur etwa den dritten Theil des Werthes, welchen Hamburg in einemJahre umsetzt. — Verhalt- nissmassig ist der Handel noch imhier bedeutend, besonders der Kommissions- und Speditionshandel zwischen den Ostseelandern, Deutschland und Frankreich, welcher durch den Anschluss an die Berlin-IIamburger Eisenbahn (Liibeck-Buchen) und den Steckenitz- 248 Kanal bedeutend gefordert wird. Am starksten ist der Verkehr mit den nordischen Staaten, mit Russland, Sehweden, Norwegen und Danemark. — Die wiohtigsten Export-Artikel sind: Getreide, Wein, Zucker, Baumwolle, Leder und Fabrikate der deutschen Industrie; — importirt werden hauptsachlicli: russische Er- zeugnisse (Pottasche, Hanf, Leinwand, Segeltuch, Oele, Leinsamen aus Riga, Theer, Pelzwaaren, Bretter), — aus Scbweden Eisen und Holz, aus Preussen Getreide und Manufakte, aus England Steinkohlen, Steingut und Glaswaaren, aus Frank reich Wein, aus deni deutschen Zollvereine verschiedene Industrie- und Kunstprodukte. Ueber dieMengeund denWerth derAusfuhr fehlen die An- gaben, weil dariiber keine Zollkontrolle gefuhrt wird; die Total- einfuhr in den letzten Jahren betrug hingegen: Den starksten Antkeil im Seeverkehr haben Russland (mit Finnland) und Sehweden, dann Grossbritannien, Holstein, Danemark und Preussen; beim Land- und Plussverkehr steht obenan Hamburg mit 34% des Wortbes und M°/ 0 des Gewichtes *). Die Anzahl der eingelaufenen Schiffe ist im J. 1858 die geringste (940) in den letzten 6 Jahren gewesen, desgleichen jene der abgegangcnen (959); in der Zahl der ersten sind 111, in der letzteren 122 Lubeeker. Liibeck unterkalt regelmassige D ampfs chi ff ahr ts - Verbindung en mit Gothenburg, Helsingfors, Kopenhagen, Molmo, Riga, St, Petersburg und Stockholm. Zu den Forderungsmitteln des Handels gehOren insbesondere die Borse, die 215 ) zwei Banken („Bubeoker Privatbank 1 ', und „Kredit- und Versicherungsbank“), meh- rere Versicherungsanstalten, Handels- und Sehiffahrtsvertr&ge, und ein sehr ausge- breitetes Ifonsularwesen. Filr die geistige Bildung sind sowohl die Yolks- als die Gewerbe- und Indusdrieschulen, die gelehrten und gemeinnutzigen Anstalten sehr thatig. — Die Yerfassung ist die republilcanische ; die Staatsgewalt wird vona „Senate“ und der „Biirgerschaft“ ausgcttbt. Der Senat besteht aus 14 Mitgliedern, von welchen stets 8 dem Gelehrtenstande und wenigstens 5 dem Kaufmannsstande angehiiren miissen; der Vorsitzende fflhrt den Titel „Biirgermeister.“ Die Burgerseliaft be¬ steht aus 120 Vertretern; sie iibt ihre Thatigkeit theils in ihrer Gesammtheit, theils durch einen Aussehuss. Den Vorsitz fflhrt der „Wortfubrer.“ Bei Meinungsver- sehiedenheiten dor zwei Korporationcn wird eine „Entscheidungskommission“ von 14 Mitgliedern aus beiden Korporationen zu gleichen Theilcn gewaklt. §. S30. Die frcic uml Hansestadt Bremen. Das etwa 4 ! / 2 QMeile grosse Gebiet der freien Stadt Bre¬ men liegt im norddeutschen Tieflande zu beiden Seiten der Weser, eingescblossen von Hannover und Oldenburg; an der Wesermun- dung und der Einmundung der Geeste in die Weser liegt das Amt und der Hafenplatz Bremerhafen. Die 90.000 meiet protestantischen Bewohner niedersachsischen Stammes leben in den 3 Stiidten Bre¬ men (64.000), Vegesack (4000) und Bremerhafen (6000) und 55 Dorfern und Weilern. Der Boden ist flach, griisstentheils Marsch- land, von vielen Kanalen durchschnitten. In den Hauptfluss Weser miinden die Wumme, Ochte und Geeste. Ein wichtiger Erwerbszweig der Landbewohner ist am linken Weserufer die vortreffliohe Hornviehzucht, am rechten der Ackerbau. Mit grosser Sorgfalt werden der Garten- und Ge- mtisebau betrieben, worunter auch das Obst besondere Hervorhe- bung werdient. — Von Wichtigkeit ist die industrielle Thatig¬ keit, welche sich zumeist mit der Yerarbeitung uberseeischer Roh- stoffe und jenen Gewerben befasst, welche mit der Schiffahrt in Verbindung stehen. Obenan steht die Tabak-und Zigarrenfabrikation (an 180 Fabriken und 1650 Cigarrenmacher), welche. sogar filr den Ex¬ port nach dem eigentlichenTabaklande, nach America und Westindien arbeitet. Dieser Fabrikation stehen zunaohst die der Schiffahrt die- nenden Gewerbe, dann die zahlreichen Baumwollgarnspinnereien, die Leinwand-, Leder-, Bleiweiss-, Chokolade-, Oel- und Seifefabriken, die Zuckersiedereien, Branntweinbrennereien, Bierbrauereien, Dampf- miihlen u. s. f. Im Allgemeinen besteht der Zunftzwang; doch sind in neuerer Zeit einzelneZilnfte ganz aufgehoben, andere in ihren ein- schrankenden Bestimmungen bedeutend modifizirt worden. Obwohl Bremen schon im 8. Jahrhunderte eine nicht unbedeu- tende Stadt gewesen, spater durch freie Verfassung, durch Handel und Schiffahrt lcraftig geworden ist, und seit dem Beitritte zum hanseatischen Stiidtebunde (im J. 1284) immer an Macht. und Ein- fluss zugenommen hat; so haben doch die Erwerbung eines Gebie- tes in der Nahe der Wesermundung von Hannover (im J. 1827) und die Griindung dee Seeplatzes Bremerhafen ganz besonders zur Hebung des Eigenhandels, der sich in neuerer Zeit bereits uber alle Meere erstreckt, beigetragen. — Bremen betreibt fast die ganze Weserschiffahrt, insbesondere seitdem mancherlei Iiindernisse in die¬ ser Beziehung beseitigt wurden. Bis zum J. 1820 bezahlten alle in 250 die Weser kommenden Schiffe zu Elsfieth einen Seezoll an Olden- denburg , ferner konnen grossere Schiffe nur bis Brake und Els- fleth, hochstens bis Vegesak die Weser hinauffahren; seit derGriin- dung Bremerhafens sind diese Hemmnisse nun beseitigt, Dieser Iiafen, erst im Dezember 1830 eroffnet, ist im raschen Aufbliihen; im J. 1836 hatte der Ort 1500, im Jahre 1855 schon iiber 5500 Einwohner, welche sich mit Schiffbau, der Fabrikation von Segel- tueh und Tauen und der Spedition beschaftigen, oder Lootsendienst treiben. Zur Stadt Bremen konnen nur Lichterschiffe, Boote und Weserkahne komraen, doch ist auch mittels der platten Schiffe zwischen Bremen und Hamburg ein lebhafter Verkehr. Bremens Geschaft ist hauptsachlich auf Bhederei und Waar enhan del basirt; der Verkehr ist theils S ee-, theilsFIuss- verkehr; letzterer wird in den Ober- und den Unterweserverkebr geschieden. Die Hauptrichtung des Handels ist von und nach America, welcher sich in stets grosserer Ausdehnung entfaltet. Fur die Gesammt -Handel sbewegung der zwei Jahre 1856 und 1857 ergibt sich folgende Uebersicht: *) Einfuhr: Ausfuhr: Zcntner Reichsthaler Zentne r Reichsthaler 1856 seewavts.... 5,505.539-38,114.327.3,633.838_30,509.626 Iandwarts ... 5,441.728 - 27.977.195.3,024.7S2_30,965.671 Zusammen .. 10,947.267_66,091.522..6,658.620_61,475.297 1857 seewarts_ 6,095.695-46,335.780.3,493389_31,889.198 Iandwarts ... 5,194.981... .27,669.000.2,357,448... .30,720.274 Zusammen .. 11,2.90.676_74,004.780.", .5,850.837_62,609.472 Zur See kamen 2985 Schiffe mit iiber 275.000 Last an, und gingen 3053 Schiffe mit nahe 278.000 Last ab. •— Von der Unter-Weser kamen 6382 mit 185 000 Last an, und gingen 6387 Schiffe mit 185.253 Last ab. — Von der Ober- Weser lcamen iiber 2000 Fahrzeuge mit nahe 60.000 Last an, und gingen 1097 Fahrzeuge mit iiber 42.000 Last ab. Bei der Wesersebiffahrt sind am starksten ver- treten : Hannover, Preussen, Kurhessen und Braunschweig. — Die Zahl eammtlicher an der Weser heimathberechtigter Schiffe bestand zu Ende 1857 aus 834 Segeln mit fiber 124.000 Last Tragfiihigkeit. — Von wachsender Bedeutung ist die Gesellschaft der „N or d d eu ts che LI o y dwelche zu Ende 1857 schon 24 Dampfsehiffe besass. Dampfsehiffahrts-Verbindungen werden nnterhalten mit New-York. London, Hull, auf der Unter- und Oberweser. Bremen ist endlieh fiir Deutschland der Haupthafen fiir die Ueberfahrt der Auswanderer nach America, Im J. 1855 wurden 31.550, — im J. 1856. . .36,517 und im J. 1857.. .48.123 Personen befiirdert. Zu den FSrderungsmitteln des Handels gehOren die Borse, zwei Banlten („Discontokas3e“ und „Bremer Bank 11 ), vierzehn See-Asselcuranz-Kompagnien, der Kaufmannskonvent, die Handelskaminer, die Behiirdea fiir Handelsstatistik, fiir Han¬ dels- und Sehiffahrt=angelegenheiten, Handels- und Schiffahrtsvertrage, Ilandelsagenten u. s. t. Die geistige Kultur weiset einen befriedigenden Stand. *) Einfuhr und Ausfuhr eiuiger Hauptartikel im J. 1857 war nach dem Gewiehte: Einfuhr: Aus fuhr: Baumwolle nahe 35 Millionen Pfd. Kaffee „ 16 „ „ Farbeholzer fiber 17'/ 2 „ „ 1 abak ^ 45 /, ,, ,, Cigarren „ 6200 „ Stfick Zucker „ 14 „ Pfund Getreide „ 6300 Tausend Last. 251 Die Staatsform ist die repuhlikanische. Zur Ausubung der Staatsge- walt bestehea der „Senat“ und die „B1irgerschaft.“ Der Senat besteht aus 18 Mit- gliedern, von welehea wenigstens 10 Rechtsgelehrte und 5 Kaufleute sein mussen. Zwei Senatoren werden auf 4 Jahre zu „Bfirgermeistern“ gewahlt, der eine ist zu- gleich President des Senates. Die Burgerschaft besteht aus 150 Vertretern, a!s Ausschuss besteht das „Burgeramt.“ Pur die gemeinschaftliehe Wirksamkeit des Senates und der Burgerschaft bestehen standige Deputationen. §. 137. Die freie und Ilansestadt Hamburg. Das Gebiet der freien Stadt Hamburg, fiber 6 QMeilen gross, liegt im norddeutschen Tieflande an der untern Elbe, begrenzt von Holstein und Lauenburg, und durch die Elbe von Hannover ge- trennt. Es besteht aus der Stadt Hamburg und mehreren zerstreu- ten Parzellen, darunter Bergedorf gemeinschaftlich mit Liibeck. Die meist protestantische, iiber 217.000 Seelen starke Bevolkerung nie- dersachsischen Stammes lebt in 2 St&dten, Hamburg (150.000) und Bergedorf, 2 Marktflecken (Ritzebttttel, Kuxhafen) und fiber 50 Dor- fern. — Der Boden ist eben, theils fruchtbares Marseh-, theils Geest- land , und bewassert von der Elbe und ein Paar kleineren Neben- fliissen derselben (Alster, Bille). Eine ansehnliche Nahrungsquelle fur die Landbewohner bildet die Lan d wir th s cha f t; der Ackerbau, der Garten- und Obstbau und die Viehzucht sind erheblich. Im Amte Ritzebfittel sind die Fischerei, der Robbenschlag, die Muschelkalkbrennerei und die Schiffabrt erwahnenswerth. Von hoher Bedeutung ist die gewerbliche Industrie, doch besteht nebst voller Handelsfreiheit ein Zunftzwang bei den Gewerben. Die umfangreiohsten Manufakturen und Fabriken sind in Segeltuchbereitung, 200 Zuckerraffinerien mit der beaten europtii- schen Raffinade, Tabak- und Cigarrenfabrikation, Eisengiessereien, Maschinenbau, die Wollen-, Leder- und Papierfabrikation, der Schiff- bau, die Bereitung von Schreibfedern (Hamburger Kiele), Seifen- und Leimsiedereien, Holz- und Elfenbeinwaaren, Dampfmahlmiih- len u. s. f. Im J. 1855 war der Werth der deklarirten Ausfuln- ham burgis cher Fabriks- und Gewerbserzeugnisse fiber 25*4 Millionen Mark Banko. Hamburg ist der erste Handelsplatz De utschlands. Der auf freien Prinzipien beruhende Handel umfasst alle Natur- und Industrie-Erzeugnisse Deutschlands, sowie alle Produkte, welche aus den anderen Erdtheilen nach Deutschland kommen; denn Ham¬ burg steht mit alien wichtigeren Lilndern der Erde in kommerzieller Verbindung, und Deutschland bezieht den grossten Theil der Kolo- nialwaaren fiber Hamburg. Einen grossen Theil seines blfihenden Handels verdankt es seiner gi'instigen Lage, die in gleicher Weise den binnenlandischen wie den auswartigen Verkehr begunstigt. Durch die Elbe-Schiffahrt, die Lebensader fur den deutsohen Verkehr, werden diesem Lande nioht nur viele Erzeugnisse Oester- l 'eichs und Bohmens, Ober- und Niedersachsens zugefuhrt, sondern es dehnen sich seine Handelsoperationen. begunstigt durch die zahlrei- chen Nebenfliisse und deren reiche Kanalverbindung aucli auf die dstlichen Lander aus. Allein nicht bios fur den Waarenverkehr, 252 auch fiir den Wecbselverkehr ist Hamburg der erste Platz Deutsch- lands. Zum ausgedehnten Eigenhandel kommen noch die grossartig- sten Speditions- und Kommissionsgeschafte; nur die Auswanderung ist uber Hamburg weniger lebhaft als liber Bremen. Hamburg unterhalt den S ee verk ehr hauptsachlich mit Eng¬ land, Frankreich, Russland, Nord-Amerika, West-Indien, Brasilien und Chili; in neuester Zeit hat es auch den Yerkehr im mittellan- dischen und adriatischen Meere, endlich nach Ostindien und Australien eroffnet. Der Flussverkehr ist am starksten mit Preussen und Polen, dann mit Mecklenburg, Sachsen und Buhmen, Hannover, Lauenburg, Liibeck und Anhalt. Der Seeverkehr Hamburgs ist fortw&hrend im Steigen, vom Jahre 1845 bis zum Jahre 1858 be- trug diese Zunahme 89%. (Im J. 1845 betrug der Gesammtgehalt der damals eingelaufenen 3990 Schiffe nur liber 292.000 Last a 4000 Pfund, — im J. 1858 dagegen 4364 Schiffe mit 552.000 Last.) Zu Anfang des Jahres 1858 zahlte Hamburg 491 eigene Schiffe mit beilaufig 64.000 Lasten. — Seit dem Jahre 1857 hat die Ver- pflichtung zur Deklarirung der Ausfuhr aufgehort, und wir kon- nen sonach nur mehr die Einfuhr zur Beleuchtung des Handels- verkehrs Hamburgs angeben, wozu folgende Uebersicht dient: Gcwicht (Netto-Zentner h 100 Pfund) l Werlh in Mark Hamburger Banko Von dem fiir das J. 1858 bezifferten Werthe der Einfuhr per 502 Millionen M. B. entfallen auf: Bohstoffe und Halbfabrikate nahezu 177 Millionen M. B. Verzehrungsgegenstande „ 99 „ „ Manufakturwaaren „ 90 „ „ Kunst- und Industrieerzeugnisse „ 44 „ „ Kontanten und edle Metalle fiber 93 „ „ Hie wicbtigsten Import-A.rtike 1857 Kaffee.92% Million Pfd. Zucber. 51 „ „ Thee fiber.... 25.000 Viertel Iiisten sind: 1858 Kaffee. 67 Millionen Pfd. Zucker •••#•••• 4/7 ^ Thee fiber. 18.000 Viertel Kisten *) Im J. 1858 waren die Folgen der Handelskrisis der letzten Monate von 1857 ungemein ffihlbar; doch hat sich Hamburg seitber wieder bedeutend erbolt. 253 Reis, Cacao, Gcwfirze, Sfidfriichte, Wolle, Baumwolle, Tabak, Wein, Webe- and Wirkwaaren u. s. f. Zum Expo rt gelangen : Getreide, Leinwand, Wolle, Tuch, bohmisehes Glas, Eisenwaaren, Holz, Salz- und Raucbfleisch a. s. f. Der Flassyerkehr Hamburgs and Altonas aaf der Elbe ist gleichfalls an- sehnlich. Im J. 1857 betrug die Zahl der angekommenen Eahrzeage nahe an 5000 mit fiber 5 Millionen Zentner and jene der abgegangenen fiber 4700 mit Waaren im Gewichte von 5% Millionen Zentner. — Die Zahl der Hambnrger Flnssschiffe betrfigt fiber 1500. Hambnrg unterhalt regelmassige Dampfschiffahrts - Yerbindangen mit: Amsterdam, Barcelona, Bergen (Norwegen), Bremerhaven, Christiania, Dfin- kirehen, Gool, Gothenbnrg, Grimsby, Harbnrg, Havre, Helgoland, Hall, Leith, Lon- don, Kuxhafen, Magdebnrg, Newcastle, New-York, Rotterdam, Stade and Brasilien. An Forderungsmitteln des Handels besitzt Hambarg 1 Borse, 3 Banken „Hamburger Bank" (die alteste in Dentschland, seit 1619), die „Vereinsbank K and die „norddeatsche Bank“ (beide seit 1856), xnehrere Versieherungsanstalten, Handels- and Schiffahrtsvertrage mit fast alien handeltreibenden Staaten, zahlreiche Konsular- beamte a. s. w. Die vielen Lehranstalten, sowohl ffir gelehrte Bildung als zur Hebang der Indnstrie, des Handels and der Schiffahrt wirken nebst mehreren Ver- einen erfolgreich and wohlthatig, and erfreaen sich sorgsamer Pflege. Die Staatsform ist die republikanisehe. Die hochste Gewalt ist deni „Senate“ and der „Biirgerschaft“ fibertragen. Der Senat Oder Rath ist die Exekutiv- behbrde, er besteht ans 4 „Bttrgermeistern“ and 24 Senatoren, welche das Raths- kollegiam bilden, za dem aueh 4 Sindici (gleichsam Minister) and 7 Sekretarien ge- hfiren. 3 Bfirgermeister, 11 Senatoren, die Sindici and Sekretare mtissen Rechts- gelehrte sein, die andern dem Kaufmannsstande angehoren. Die Burgerschaft besteht ans 4 „bfirgerlichen Kollegien.“ Ditlerenzen zwischen Rath and Bargerschaft werden dnrch eine inapellable „ausserordentliche Deputation" ausgeglichen. IIS. Die Schweiz. (Die seliweizerisclie Eidgenossensehaft.) §. 138. Grenzcn. SSestandtlicile. Bevttlkerung. 752 □Meilen; — 2,398.400 (relativ 3190) Einwohner, darnnter 593 per Mille (°/oo) Frotestanten, 406% 0 ICatholiken, l°/ 00 Israeliten.— Nach der Nationa- litat 7O2 0 / oo Deutsche, 226°/ 00 Franzosen, 55°/ 00 Italiener, 17% 0 Rhiitoromanen. — Grenzen: im 0. Oesterreich (Vorarlberg, Tirol), Liechtenstein, — im S. Sardinien, — im W . Frankreich, — im N. Baden, der Bodensee. —■ Ein Bundesstaat aus 22 soaverfinen Kantonen, von denen drei in je zwei selbststandige Landestheile zer- fallen: Unterwalden (in Ob- und Nidwalden), Appenzcll (in Ausser- und Innerrho- den), Basel (in Basel-Stadt und Basel-Land). Bestandtlieile der schweizerischen Eidgenossenschaft. *) Sarnen Hauptort von Obwalden, Stanz von Nidwalden. 254 In geschichtlicher Beziehung heissen die ersten 13 Kantone „die alten Kan tone" (Uri, Schwyz und Unterwalden auch „Urkantone“), die andern 9 „die neuen." — In sprachlicher Beziehung: die „welsche Schweiz" (Tessin, zum Theil Graubiindten); — die „franz6sisehe Schweiz" (Wallis, Waadt, Genf, Neuen¬ burg, zum Theil Freiburg); — und die „deutsche Schweiz" die iibrigen Kantone. — Zum grosseren Theile sind katholisch: Solothurn, Luzern, Zug, Schwyz, Uri, Un¬ terwalden, Freiburg, Wallis und Tessin, — uberwiegend p r o tes tan ti seh : Glarus, Zurich, Schaffkausen, Basel, Bern, Neuenburg, Waadt, — gemischt (paritiltisch) sind: Graubundten, St. GalleD, Appenzell, Thurgau, Aargau und Genf. ISodenverhaltiiisse und Klima. Die Schweiz ist das hochste Gebirgsland in Europa. An 75°/ 0 sind A1 pen land, der Rest ent- fallt auf die Hochebene und den Jura; die Form des Tieflandes fehlt ganzlich. Etwa 125 [JMeilen sind Schneefelder, die Gletscher nehmen an 50 und die Seen iiber 38 QMeilen ein. — Yon den Alpen durchziehen Zweige der grajisehen und ein grosser Theil der ostlichen Ur alpen das Land (die Walliser-, Adular-, Berner-, Glarner-, Schwyzer-, Osturner-, Vierwaldstatfer-, Thur- und Rha- tischen Alpen, sielie §. 25, S. 23, 24), Die K'amtne dieser viel- iaeh nach alleD Richtungen verzweigten Ziige sind reich an Kuppen und Spitzen, welche hoch iiber die Schneegrenze emporragen; zwi- schen den Verzweigungen dehnen sich mehr oder minder breite Alpenthaler aus, die meisten eigenthiimlich durch die Kulturver- haltnisse der Bewohner, reich an erhabenen , oft wildromantischen Naturscenen. Zahlreiche Fliisse, welche bisweilen prachtvolle Was- *) Basel Hauptort von Basel-Stadt, Liestal von Basel-Land. — **) Trogen Hauptort. des protestautischen Ausserrhoden, Appenzell des katholischen Innerrho- den. — ***) Die Regierung cles Kant.ons Tessin hat abwechselnd ihren Sitz in den gmannten drei Stadten, und iibersiedelt alle 6 Jahre aus einer zur andern. 255 serf&lle bilden aber durch Ueberschwemmungen schon oftmals grosse Verheerungen angerichtet, bewassern die Thaler und werden haufig zu industriellen Zwecken beniitzt. Dagegen sind die Thaler auch furchtbaren Lawinen und verheerenden, wenn gleich selteneren Bergstiirzen ausgesetzt. Die meisten Thaler sind mittels Gebirgs- p&ssen und Einsattlungen unter einander verbunden, iiber mehrere fuhren mit grossem Kostenaufwande ausgefiihrte Kunststrassen. (Ueber den Simplon, St. Gotthart, St. Bernhardin, Spliigen, Julier, Bernina und die Maloja). Gegen Norden senken sich die Alpen langsamer zur Hochebene herab, der Sudabfall in die Po-Ebene ist rascher und vielfach steiler. Im grossen Halbkreise vom Genfer- bis zum Bodensee an dem Nordwest- und Nordabhange der Alpen ist die durch Mannigfaltig- keit und Fruchtbarkeit so wie durch viele Seen ausgezeichnete, zwischen 900 — 1400' hohe Hochebene, aus welcher sich einzelne Hugelketten, aber auch grossere Bergreihen erheben. Yon Siidwest nach Nordost begrenzt das Kettengebirge des Jura die genannte Hochebene (siehe S. 28). Die Mannigfaltigkeit der Bodenverhaltnisse bedingt eine grosse Verschiedenheit der klimatischen Verbaltnisse. Wahrend in den siidlichen Gegenden von Tessin, in Unterwallis, Waadt und Genf fast italienisches, rnildes Klima herrscht; ist es auf der Hochebene und den niederen Alpenthalern gemassigt; dagegen folgt in den hoheren Alpenthalern sowie auf den Alpen unter der Schneegrenze auf einen kurzen , sehr heissen Sommer ein sehr strenger, langer Winter. Die Schneegrenze beginnt am Nordabhange bei 8200', am Siidabhange erst bei 9500'; von da an breiten sich die grossen Schnee- und Eismassen aus, von denen sich in die muldenformigen Bergabhange die Eisfelder und Gletscher herabziehen. Im Allge- meinen herrscht eine grosse Veranderlichkeit in der Witterung; die atmospharischen Niederschlage fallen sehr reichlich , die Luft ist vein und scharf, das Klima gesund. — Unter den Winden tobt der > : Fdhn“ (Siidwind) namentlich imFriihlinge und Herbste, und richtet bisweilen grosse Verwiistungen an. In den hoheren Bergregionen herrschen haufige Stiirme. Gewasser. In den ausgedehnten Schnee- und Gletscherfeldern sind die Quellen sehr zahlreicher Fliisse, welche im Friihlinge und Sommer sehr wasserreich sind. In ihrem Quellgebiete sind sie zu- meist reissende Wildbache, welche nicht, selten uber Felsen hinab- stftrzen und die prachtvollsten Wasserfalle bilden (Staubbach bei Lauterbrunnen , Giessbach bei Brienz, Rheinfall un- terhalb Schaffhausen und viele andere). Fur die Schiffahrt sind »ur wenige geeignet. Die Fliisse der Schweiz ergiessen sich in Meere: a) in die Nordsee: der Rhein (siehe S. 50), nimmt rechts die Plessur und die Landquart, — links die Thur mit der Sitter), die Toss, die A a r und einige kleincre Fliisse vom Jura auf. In die Aar ergiesst sich die Reuse aus dem Vierwaldstiitter- und die Limmat aus dem Ziircher-See. (Letzterer See steht durch den Idnth-Kanal mit dem Wallenstatter-See in Verbindung); b) in das mittellandische Meer: die Rhone (Seite 53), welche den Genfer-See durchfliesst; c) in das adriatische Meer geht der Tessin (Nebenfluss des Po) durch den Langen-See (lago maggiore); d) zu dem Gebiete des schwarzen Meeres gehiirt der Inn. Yon den vielen Seen gehoren die meisten dem Flussgebiete des Rhein an. Die meisten werden mit Segelschiffen, folgende auch mit Dampfschiffen befahren: Genfer-, Neuenburger-, Bieler-, Murtner-, Brienzer-, Thuner-, Vierwaldstatter-, Zuger-, Wallen- statter-. Zurich-, Boden-See, der lago maggiore und der Luganer- See. (Siehe §. 44, S. 58). Sehr reich ist das Land an Heilquellen , darunter sind vor- nehmlich bekannt: die Bader von Baden und Schinznach (K. Aargau), Pfaeffers und Ragatz (K. St. Gallen), Leuk (K. Wallis), St. Moriz, Tarasp (K. Graubundten) und andere. Politisclie Eintheilting. Die 22 Kantone bilden einen Bun- desstaat. Dem Bunde obliegt die Wahrung der Unabhangigkeit nach Aussen, Handhabung der Ruhe und Ordnung im Innern, Schutz der Freiheit und der Rechte der Eidgenossen und Beforde- rung ihrer gemeinsamen Wohlfahrt. — Die oberste Gewalt des Bundes wird durch die „Bu n d e 8 ve r s am m 1 u n g“ ausgeiibt, welche aus dem „N a ti on a Ir a t h“ (120 Mitglieder) und dem „S tan de¬ rat h (44 Mitglieder) besteht. Die oberste vollziehende und leitende Behorde ist der „Bun des rath“ (T Mitglieder), abwechselnd ftihrt ein Mitglied desselben durch 6 Monate den Vorsifz als „Bundes- Prasident." — Die Rechtspflege, soweit sie in den Bereich des Bundes f'allt, iibt das „B un de sger i c ht“ (11 Mitglieder); in den Kantonen sind Landes- und Bezirksgerichte. — Die Bundesbehor- den haben ihren Sitz in der Landeshauptstadt Bern. Jeder Kanton ist souveran, er ordnet seibststandig seine inneren Angele- genheiten. In den Kantonen Uri, Glarus, Unterwalden und Appenzeil versam- melt sieh die gesammte, stimmberechtigte Biirgerschaft (die „Land sgem eind e“), und stimmt iiber vorgeschlagene Gesetze, Vertrage, Besetzung der Amtsstellen u. s. w. ab; in den iibrigen Kantonen wiihlt das Volk (in den „Bezirksgemeinden“) Keprii- sentanten zu einer Versammlung, gewohnlich der „Grosse Rath“ (die Mitglieder „Kantonsrathe“) genannt. Dieser wahlt eine vollziehende Behorde, welcher „Kleiner Rath“ oier „Staatsrath“ Oder „Begierungsrath“ heisst, an dessen Spitze steht der „Landamman“ als Prasident. I)er Kanton zerfallt in Bezirke mit je einem „Bezirks- amman“ an der Spitze, der Leiter der autonomen Gemeinde ist der Gemeindeamman.“ Bemerkenswertlie Orte sind im: 1. Kanton Zurich : — Zurich, Winterthur, Eglisau, Bu- lach, Cappel, Ilorgen, Wadenschwyl, Uster, Pfaffikon, Griiningen. 2. Kanton Bern: Bern, Thun, Interlacken, Meyringen, Brienz, Langnau, Burgdorf, Laupen, Biel, St. Imier, Munster, Delsberg (Delemont), Pruntrut (Porrentruy). Th&ler: Haslithal, mit einem Saumweg fiber die „Grimsel w in das obere Rhonethal, Zugang zum „Finsteraarhorn; u — Lauterbrunnenthal von der Jungfrau, dem Finsteraarhorn und andern hohen Bergen eingeschlos- sen, viele Wasserfalle (Staubbachfall beim Dorfe Lauterbrunnen); — Grin- delwaldthal mit tief herabreichenden Gletschern, Weg auf das „Faulhorn K ; Simmerithal mit schonen Alpen, vorzuglichem Hornvieh, beruhmten Kise- re j en . — Emmenthal, scbr fruchtbar und wohlliabend, Emmemhaler Kiise; — im Jura: das Erguel- Oder St. Immerthal, gewerbsfleissige, wohl- 257 habende franzosische Bevolkerung, Uhrmaeherei, Spitzen; — Miinsterthal mit Eisenh&mmern. 3. Kanton Luzern: — Luzhn, Sempach, Sursee, Willisau. Das grosse, fruchtbare Thai Entlibuch mit einer frGhlichen Bevolkerung, bekannt auch durch gymnastisehe Feste. 4. Kanton Uri: — Altdorf, Fluelen, Biirglen, Seelisberg, Amsteg, Andermatt. Das Urserenthal von der Furka zum Urnerloch; die alte und die nene „Teufelsbriicke“ iiber die Renss; „Tellsplatte“ am Fusse des Axenberges am Vienvaldstatter-See; gegenuber, am Fusse des Seelisberges das „Griitli.“ 5. Kanton Schwyz: — Schwyz, Brunnen, Gersau, Weggis, Kussnacbt, Immensee, Einsiedeln, Lachen, Wollerau, Insel Uffnau im Ziirich-See. „Hohle Gasse“ mit der „Tells-Kapelle“ bei KQssnacht; — der (5540' hohe) Rigi zwisehen dem Vierwaldst&tter-, Lowerzer- und Zuger-See, gegeniiber dem „Pilatus“ mit der prachtvollen Rundaussieht; — das sehone Alpenthal Muottathal. — Am 2. September 1806 wurden 5 Dbrfer (Goldau, Busingen) dureh einen Bergsturz (Rossberg) verschuttet. 6. Kanton Unterwalden: — Sarnen, Engelberg, Stanz, Beckenried, Stanzstadt, Alpnach. Das wilde Melchthal und das wildromantische E ngelber ger-Thal. 7. Kanton Glarus: — Glarus, Mollis, Nafels, Linththal (Stachelberger Bad), Elm, Schwanden. 8. Kanton Zug: — Zug, Baar, Morgarten (Kapelle St. Jakob). 9. Kanton Freiburg: — Freiburg, Murten, Gruyeres, (Greyerz), Bulle, Iiomont, Rue. Die sumpfige Landschaft zwisehen dem Neuenburger-, Bieler- und Murten- See heisst das Uechtland. 10. Kanton Solothurn: — Solothurn. 11. Kanton Basel (a. Baaelstadt): — Basel, St. Jakob, Schweizerhall; — (b. Baseband): Liestal, Sissach, Basel-Augst. 12. Kanton Schaff hausen : — Schaffhausen. 13. Kanton Appenzell: — (a. Innerrhodeii) —Appenzell, Weiesbad; — b. Ausserrboden) — Trogen, Speicher, Herisau, Gais, Heiden. 14. Kanton St. Gallen: — S t. G alien, Rorschach, Rheineck, Altstetten, Werdenberg, Sargans, Rag&tz, Pfafters, Rapperscliwyl, Uznach, Wallenstadt. — In der Landschaft Toggenburg: Wyl, Flawyl, Lichtensteig, Wattwyl, Ebnat, Wildhaus. 15. Kanton Graubuudten (ital. Grigione), — Chur, Dis- sentis, Mayenfeld, Reichenau, Hinterrbein, Splugen, Thusis, Malans, St. Moriz, Tarksp, Puschlav (Poschiavo). Thaler, Das Vorderrheinthal mit vielen grossen Seitenthalern; — das milde und fruchtbare Rheinthal zwisehen Chur und Mayenfeld; — das Frattigau, ein wildromantisches Thai am Fusse der Rhatikonkette, be- wassert von der Landquart; — das Eng a din, ein langes Hochthal, das Quelland des Inn, mit vielen Seitenthalern, schonen Dorfern, einer wolilhaben- den romanischen Bevolkerung und den boruhmten Badeorten St. Moriz und Tarasp. (Der Maloja-Fass verbindet das Engadin mit dem Bregellthal, der Bernina-Pass mit dem Pusehlav, mehrere Passe mit dem Veltlin und dem Rheinthal); — das Miinsterthal, Weg iiber das Wormserjoch in das Velt¬ lin; — das Mis oxer-Thai zum St. Bernhardin-Pass; von Misoeco an ita- lienischer Himmel, italienisehe Vegetation und Bevolkerung; — die Land- tttun’s lluiidels-Geographic. 2, Aufl. 17 258 schaft Euschlav, Hochland ron der Bernina bis zum Veltlin, im Suden italieni8eher Charakter. 16. Kanton Aargau: — Aarau, Aarburg, Zofingen, Lenz- burg, Zurzach, Laufenburg, Seckingen , Rheinfelden , Windisch (Vindonissa), Brugg, Baden, Schinznacb (Ruine Alt-Hab sburg), Konigsfelden. IT. Kanton Thurgau: -- Frauenfel d, Romanshorn, Arbon (Schlosser Gottlieben und Arenenberg), Bischofszell, Weinfelden, Diessenhofen. 18. Kanton Tessin (ital. Ticino). — Bellinzon a (Bellenz), Locarno, Lugano, Airolo, Magadino. 19. Kanton Waadt (franz. Pays de Vaud). — Lausanne, Yevay (Vivis), Morges (Morsee), Aubonne, Noyon (Neuss), Yver- dun (Ifferten), Grandson (Gransee), Moudon, Orbe. 20. Kanton Wallis (franz. Valais). — Sion (Sitten), Martigny (Martinach), Leuk, Brieg, Sierre (Siders). 21. Kanton Neuenburg (Neuf'chatel): — Neuenb urg(Neuf- chatel), Valengin, Boudry, Locle, La Chaux de Fonds. Das sehr gewerbreiche Jurathal Yal de Travers, — das sehanerliche Felsenthal Val deBuz, —die Jurathaler von Locle, la Chaux de Fonds mit der beriihmten Uhrenfabrikalion. 22. Kanton Genf (Geneve): — Genf (Geneve), Carouge, Kultnrverhaltnisse im Allgemeinen. Das Hocbgebirgsland mit den grossen unproduktiven Stricken kann trotz der im Allgemeinen fleissig und rationell betriebenen Landwirihschaft den Bedarf der dichten Bevolkerung nicht decken, und nahe an 2 /s des benothigten Getreides milssen importirt wer- den. Nur die Kantone Aargau, Luzern und Solothurn erzeugen Getreide iiber den Bedarf; in Schaffhausen, Basel, Thurgau und Waadt geniigt nur in „guten“ Jahren die Produktion; — alle iibrigen sind auf den Import angewiesen. — Viel Flachs und II anf eowie Oelpflanzen haben Thurgau, St. Gallen und Bern; Tabak wird in den ebeneren Gegenden in Freiburg, Waadt und Tessin gebaut. — Der O b s t b a u wird sorgfaltig betrieben , der reiche Ertrag befriediget einerseits den starken Konsum, andern- seits wird Obst zu Obstmost verwendet, oder in gedorrtem Zustande auch exportirt. Basel, Bern, uberhaupt die Ilochebene zwischen den Alpen und dem Jura, dann Graubilndten sind bierin besonders erwahnenswerth. Das Basler w Kirschwasser“ wird ausgefiihrt; in den siidlichen Kantonen werden auch Kastanien, Niisse, Mandeln und Feigen gewonnen. Ein wichtiges Erzeugniss ist der Wein. In der siidwestlichen Schweiz, besonders an den Ufern des Genfer-Sees wird vorzuglicher Wein (La Cote) gewonnen , auch in Waadt (la Vaud) und ^ bei Neuenburg , dann im Kanton Schaffhausen, im St. Galler Rheinthale, in Tessin, in Graubilndten, Thurgau und am Ziirich-See ist die Erzeugung eine der Quarititat nach zwar ansehn- liche, doch in der Qualitat vielfach verschiedene; sie deckt ubrigens den Bedarf nicht. Die Gewachse von la Cote, la Vaud (Ryfwein) und Yvorne gelten als ausgezeichnet. IIolz ist trotz der vielen Waldungen nicht im Ueberflusse vorhanden, da eine geregelte Forst- 259 kultur erst in neuester Zeit Plafz gegriffen hat; reich sind in dieser Beziehung die Urkantone und Graubiindten, eigentlicher Mangel herrscht kaum irgendwo. Das Ahorn- und Buchsbaumholz werden zu den geschmackvollen Sclinitzereien und vielen Gerathen beniitzt. Einen grossen Reichthum besitzt die Schweiz an nahrhaften Alpen- pflanzen und Grasern, an Farbekrautern und vorzuglichen Medi- zinalkrautern. Einen Glanzpunkt bildet die Rindviehzucht, unterstiitzt durch die vortrefflichen Weiden in den Alpenthalern und an den krauter- reichen Bergabhangen, w r o die Alpenwirthschaft in sehr gewinn- reicher Art betrieben wird. Der Stand des Rindviehes, auf dessen Veredlung man eine grosse Sorgfalt verwendet, und welches fast den grossten Reichthum des Landes bildet, wird im Sommer auf 900.000, im Winter auf 600.000 Stuck angesetzt. Zu oberst steht hierin Bern (Emmen- und Simmenthal) , dann Freiburg (Gruy^res), Schwyz, Appenzell und Glarus, sowie die Urkantone und Grau- biindten. Beriihmt ist der Schweizer Kase, welcher einen hochst bedeutenden Handelsartikel bildet, und die Butter (in Bern: Emmenthaler-, Simmenthaler- und Saanenkase, — in Frei¬ burg: Gruyeres-Kase [Groyer], — der Urserenkase aus Uri, — der Sehabzieger [griiner Krauterkase] aus Glarus und Appenzell u. s. w.)*). — Die Schafzucht ist bei weitem minder erheblich, in den ho- heren Gebirgsgegenden werden vielZiegen gehalten. DiePferde sind meist grosser, schwerer Rice (Schwyz, Freiburg, Berner- Oberland), in Tessin und Wallis halt man viel Esel und Maulthiere. Die Bienenzucht wird in Tessin, Wallis und Bern, die Zucht der Seidenraupe in Tessin gepflegt. — Die Fischerei gibt eine relativ grossere Ausbeute als die Jagd. Der liergbau ist im Ganzen von geringerer .Wichtigkeit , da Metalle, namontlich edle, fast ganzlich fehlen. Die Eisengewm- nung deckt etwa die Halite des Bedarfes: relativ^ am starksten ist sie im Juragebiete (Bern, Solothurn); —■ auf Zink und Blei wird in Graubiindten gebaut. — Braun- und Steinkohlen- lager finden sich sowie Torf zumeist in den nordlichen Ivantonen, obwohl nicht in grosser Ausdehnung. Bergkrystalle von be- sonderer Schonheit liefern alle Ilohen der grossen Alpenkette in Wallis und im Berner-Oberland, besonders. der St. Gotthart und Griraselwald. Vorziiglicher Marmor wird im Melchthale und auf dem Spliigen gebrochen. An Salz hat das Land bei dem starken Bedarfe (iiber 600.000 Zentner) zur Kasebereitung u. s. w. grossen Mangel; die heimischen Salinen zu Bex (Waadt) und Schweizerhall (Baseband) decken kaum ein Viertheil des Bedarfes. Die Industrie in der Schweiz steht im Ganzen auf einer sehr hohen Stufe. Hat sich dieselbe bis jetzt in den Urkantonen, in Tessin, Wallis und Graubiindten noch minder entfaltet; so stehen Zurich, Basel, Bern, Genf, Neuenburg, St. Gallen, Glarus und Ap- *) Die Ausfuhr an Schweizerkase betrng im J. 1855 nalie 131.000 Zentner; im J. 1850 fiber 147.250 Zentner. An der Pariser landwirthschaftlichen Ausstellung von 1850 w jes die Schweiz die vorziiglichsten Qualitaten anf. Sehweizerkase bildet auch einen der hanptsiichlichsten Itinfuhrartikel in Californien. 17 * 260 penzell-Ausserrhoden mit den ersten industriellen Staaten Europas in vielen Zvveigen auf gleicher Stufe , in einzelnen sind sie sogar unubertroffen. Die geographische Lage der Schweiz ist zwar der Entwickelung der Industrie nicht besonders giinstig. Nirgend pro- duzirt das Land die rohen Stoffe fur seine Eabriken , es besitzt keinen Hafen fiir die Ausfuhr ausser unter Bedingungen, welche die seefahrenden Nachbarn ihm auferlegen. Die Baumwolle komnit vom Mittelmeere oder vom Atlantik auf einem langen und beschwer- lichen Wege fiber die Alpen nach der Schweiz; — die Seide holen sie aus Italien, — die Welle aus Deutschland, — die Fabriken sind durch keinerlei schiitzende oder besonders begfinstigende Ge- setzgebung unterstfitzt; und doch haben sich die industriosen, unter- nehmenden Schweizerfabrikanten durch tiichtige technische Bildung und festhaltend an dem Prinzipe eines freien Verkehrs anfangs un- beachtet, ganzlich unbeschiitzt, durch eigene Thatkraft siegreich den Weg zu alien Markten der Erde gebahnt. Die epeziellen Industriekreise der Schweiz lassen sich zwar auf die Boden- und geschichtlichen Yerhiiltnisse zurfickffihren; wichtiger jedoch ist die Betrachtung der geographischen Lage und Oertlichkeit der verschiedenen gewerblichen Bichtungen. — Her- vorragend sind die Alp e n wirth sch aft und die Viehzucht. Der Ertrag der Milch-, Butter- und Kasebereitung wird mit min- destens 33 Millionen Francs bewerthet. Unweit der Alpenwirth- schaft haben die Holzschnitzerei und die mechanise hen Sagemiihlen mit den Pa r qu e ter i e- und M ob elwerkstat- ten sich angesiedelt. An der Verbindung der Thaler mit den vor- liegenden Ebenen, wo laufende Wasser den Betrieb erleichtern, zieht sich die Zone der Garbereien hin. Der Tabakbau hat sich mehr nach dem Absatze gerichtet, das heisst gegen die west- liche und siidliche Grenze, doch bestehen auch im Norden mehrere Fabriken. — Nach den Industriezweigen vertheilt ergibt sich fol- gende Uebersicht: Der bedeutendste Zweig ist die Baumwollindustrie. Das Land verarbeitet fiber 26 Millionen Pfund, welche mit mehr als 1,200.000 Spindeln versponnen werden. In feinen Geweben (Mus- selinen) und Druckwaaren (Calicos und Indiennes) konkurrirt es nicht nur mit England, sondern es gehen sogar grosse Quantitaten dort- hin. Der Hauptsitz ist der Kanton Zfirich (Wadenschwyl, Uster, Winterthur u. a.); zunfichst steht das Glarner-Land (Glarus, Mollis) , welches der Ausgangspunkt aller bedeutenden Spinnereien, Webereien und Kattundruckereien war; die Druckereien und (Tfirkischroth-) Farbereien arbeiten zumeist ffir den Export nach der Levante. Dann folgen Frauenfeld, Schaffhausen, St. Gallen mit dem betriebsamen „Toggenburg“ (Wyl, Flawyl, Watt- wyl, Ebnat u. a.), dem Mittelpunkt der Buntweberei mit erheblichem Export nach der Levante und Indien; — ferners Appenzell (Heri- sau, Gais), Zofingen, Solothurn, Biel, Neuenburg und Genf. ■— Leinwand liefern fast alle Kantone, doch bildet St. Gallen den Mittelpunkt, wo auch die grossten Bleichen bestehen und dessen Fabricate sehr geschatzt werden. St. Gallon und Appenzell fabri- 261 ziren die schonsten Leinen, Musseline und sonstige feine Stoffe, die Weissstickereien der Ostschweiz sind selir beriihmt. Schleier und Tafelzeuge erzeugt Ilerisau (Appenzell), Damast Borschach (St, Gallen); im Kanton Neuenburg, und zwar in den Jurathalern Travers und Locle werden die bekannten „Lausanner“-Spitzen ver- fertiget. Auch Thurgau und Bern (Emmenthal) sind in dieser In¬ dustrie bekannt. — Die Fabrikation der Seidenwaaren ist in forlwahrendem Wachsen. Nebst der eigenen Produktion von Boh- seide (in Tessin und Wallis) wird noch viel an importirter roher und gefarbter Seide verarbeitet. Im J. 1857 betrug die verarbeitete Bohseide fiber 21 Tausend Zentner im Werthe von iiber 55 Mil- lionen Francs, woraus 31V3 Tausend Zentner Waare im Werthe von iiber 233 Millionen Francs erzeugt wurden. Im grossen Mass- stabe wird dieser Iudustriezweig in Zurich und Basel und in deren Umgebungen betrieben. Die meisten Seidenstoffe (Florence) fabrizirt Zurich (im Werthe von 35—40 Millionen Francs), welche es nach Deutschland, Russland, Italien, England und America, ja selbst nach Frankreich exportirt. Hier konzentrirt sich auch fast der ganze Handel mit roher Seide, welche aus Italien und aus Brussa bezogen wird. Basel erzeugt zumeist Modebander, deren im Betrage von iiber 10 Millionen Francs ausgefiihrt werden, dann auch Taffet und Atlas (im Gesammtwerthe wie fast Zurich). Ge- schatzt sind die einfacheren Bander aus Aarau und Zof'ingen, der Taffet aus Bern; Genf, Neuenburg, Winterthur, Luzern, Frauen- feld, Glarus und Solothurn beschaftigen sich gleicbfalls mit dieser Industrie. — Sehr ausgedehnt und wichtig ist die Uhrenfabri- kation, welche den ersten Bang auf dem Weltmarkte behauptet. Der Hauptsitz ist in Genf und Umgebung, in den Juratbiilern von Neuenburg (Locle, la C haux de Fo nds, Fleurier, Val Travers), zum Theil in Waadt und Bern. Es werden im Jahresdurchschnitte fiber 200.000 Taschenuhren (darunter iiber 80.000 goldene Damen- uhren), dann Spieldosen, Toilettenldistchen mit Spielwerken, rone Uhrwerke, Gold-, Silber- und Bijouteriewaaren der feinsten Art verfertiget, und alle europaischen und aussereuropaischen Markte damit versorgt. Die Ausfubr an Uhren und Uhrenbestandtheilen erreichte im J. 1857 einen Werth von nahe 102 Millionen Francs (die Einfuhr 8% Million Francs). — Auch in der Stahlwaa- renfabrikation geniessen die gewerb- und kunstreichen Jura- thaler begriindetcn Buf, die Mechaniker, Messer- und Waff'enschmiede, Vergolder, Emailleurs u. s. f. liefern gesuchte Waare, dessgleichen die dortigen Gold- und Silberarbeiter, Juwelen-, Achat- und Kry- stallarbeiter. — Aarau, Bern, Genf liefern mathematische und physikalis che Ins truraente, Zurich Maschinen , die Guss- etahl- und Gewehrfabrik in Schaffhausen sowie die Gewehrfabrik Genf und die Kanonengiesserei in Aarau sind bekannt. — Die Tuchf abrikation ist verhaltnissmassig minder bedeutend ; wich- %er ist jene in Leder, worunter das Sattler- und Biemerzeug u nd feines Schuhwerk von Genf, Lausanne, Vevay und Noyon, sowie Zurich und Wadenschwyl sehr geschatzt sind und zur Aus- fuhr kommen. Basel und Liestal verfertigen feine Handschuhe, 262 das zubereitete und gefarbte Gemsenleder wird aus dem Hasli-Thale (Bern) exportirt. — Das Papier, welches im vorigen Jahrhunderte nachst dem hollandischen den beaten Ruf in Europa genossen, hat mit der Entwickelung dieses Fabrikationszweiges in manchen Staa- ten nicht gleiehen Schritt gehalten ; doch iibersteigt die Erzeugung noch immer den inl&ndischen Bedarf. Insbesondere ist Basel be- kannt, auch die Kantone Zurich, Solothurn, Bern und Luzern er- zeugen gutes Papier. — In Holzwaaren geniesst den grossten Ruf das Berner Oberland, wo die meisten Schneide- und Sagemiih- len thatig sind; die feinen Holzschnitzarbeiten haben europaischen Ruf. — Strohgeflechte nach italienischer Art werden in den Kantonen Aargau, Bern, Freiburg, Luzern, Genf und Schwyz ver- fertiget. Porzellan- und S te i n gu t fabriken sind in Genf und Noyon, G1 as fabriken in Bern, Solothurn (optische Glaser), die P u 1 v e r fabrik in Bern hat bedeutenden Ruf. — Im All- gemeinen ist somit die Industrie der Schweiz sehr bliihend und mannigfaltig. Mit der grossartigen Alpenwirthschaft und der sehr schwung- haften Industrie halt der Ilanilel gleiehen Schritt. Die riihmliche Thatigkeit und Ausdauer, sowie die Beharrlichkeit, mit der die Schweiz an dem Prinzipe eines freien Yerkehrs festhalt, haben viele natiirliche Hindernisse besiegt und dem Handel eine grosse Aus- dehnung verschafft. Die Schiffahrt auf den Fliissen (Rhein, Aar, Rhone), noch mehr auf den Seen, vorziigliche Strassen, ein viel- verzweigtes Eisenbahn- *) und Telegraphennetz, zahlreiche Geld- institute fordern den inneren wie den ausseren Handel, Den an- sehnlichsten Eigenhandel betreiben: Basel, Zurich, Genf, Bern, St. GalleD, Herisau, Neuenburg; — fur den Speditionshandel sind ausser Basel, Zurich und Genf besonders wichtig: Chur, Lu¬ zern, Rorschach, dann noch Brunnen, Fluelen, Altdorf, Bellinzona, Vevay und Spli'igen. Die beiden Hauptlinien fur den d euts ch¬ it alienischen Verkehr sind fiber Luzern, den Vierwaldst&tter- See und Altdorf nach dem St. Gotthart, dann fiber Zurich, den Zurich- und Wallenstiitter-See nach Chur, von da uber den Bern- hardin nach Bellinzona oder fiber den Spliigen nach Chiavenna. Wichtige Alpens trass en sind ferners jene fiber den Simplon von Brieg (Wallis) nach Domo d’Ossola (Piemont), fiber den gros- sen St. Bernhard von Martinach nach Aosta, dann fiber den Sep- timer, den Julier, die Bernina , fiber die Furka und viele andere im Innern des Landes. Die Ilandelsbewegung der Schweiz mit den Nachbarstaaten ist fast fortwiihrend im Steigen. Wahrend sich der Jahresdurch- schnitt in dem Zeitraume 1840—1844 bei der Einfuhr mit nahezu 270 und bei der Ausfuhr mit 195 Millionen Francs (einschliess- lich des Transites) berechnet, stellt er sich ffir den Zeitraum 185S bis 1855 bei der Einfuhr mit 479, bei der Ausfuhr mit 538 *) Zu Anfang 1858 waven 127 schweizerische Stunden Eisenbahnen im Betrieb, 115 Stunden im Bane und man hofft bis 1863 an 400 Stunden Eisenbahnen zu besitzen. (1 Schweizer Wegstunde = 0.647 geographische Meilen.) 263 Millionen Francs (ebenfalls einschliesslich des Transites) heraus, Der Export, wesentlich gefordert durch die vielen Commanditen und Comptoirs, welche die Schweizer im Auslande etabliren, geht nicht bios nach den Nachbarstaaten, sondern auch nach Spanien, nach der Levante, nach Russland und America. Er umfasst nebst Thieren und thierischen Produkten die erwahnten Erzeugnisse der Schweizer-Industrie. Unter den Artikeln des lmportes stehen obenan Getreide (Rorschacher-, Ziiricher- und Sursee - Getreide- markte) und Salz (aus Deutschland und Oesterreich), deutsche und franzosische Weine, Kolonialwaaren und uberseeische Rohprodukte fur die Industrie, Eisen und Stahl und derartige Fabrikate u. s. f. Zahlreiche Jahr- und Wochenmarlcte beleben hauptsachlich den inneren Yerkehr. In Idinsicht der geistigcn Kultur stehen die Schweizer auf gleicher Stufe mit den benachbarten deutschen Staaten. Zu¬ rich steht in der deutschen, Genf in der franzosischen Schweiz auf der hochsten Bildungsstufe. Der Elementarunterricht iet sehr gut bestellt, zahlreiche Real- und Spezialschulen, ,,Kantonsschulen“ und Gymnasien, sowohl offentliche als viele Privatlehranstalten sorgen bestens fur gevverbliche wie gelehrte Bildung. Besondere Erwahnung verdienen die Universitaten (Zurich, Basel, Bern), die beiden Akademien (Genf, Lausanne) und das „eidgen ossische Polytechnikum“ in Zurich, welches wahrend seiner kurzen Dauer sich bereits Anerkennung und Ruf erworben hat. Ein ge- wisser Grad allgemeiner Bildung herrscht im ganzen Volke; aus- gezeichnete Manner in Wissenschaft, Kunst und Industrie hat das Land zu jeder Zeit besessen. In materieller wie in geistiger Be- ziehung gehort sonach die Schweiz zu den kultivirtesten Staaten Europas. IV. Die Ilalienlschen Staaten. (Mit Ausschluss von Venedig.) §. 139. Bestandtheilc. Bevfllkerung. Wozu Sardinien mit Monaco, die Lombardei, Venedig und die 204 HerzogthiimerParmaundModenagehoren; — Mittelitalien: Tos¬ cana und der Kirchenstaat mit San Marino; — Unteritalien mit dem Konigreich beider Sicilien. — Die Italiener, lateinischer Ab- stammung aber mehrfach vermischt mit Volkerschaften germanischen und griechischen Stammes, die sich zu verschiedenen Zeiten in der apenninischen ITalbinsel niedergelassen hatten, bekennen sich fast ausschliesslich zur r omisch-kath olis chen Kirche (mit Aus- nahme der Waldenser in einigen Thalern Piemonts, der Protestan- ten, Griechen und Israeliten in den grosseren Handelsstadten). Bodenverhaltnisse und Kliina. Die Halbinsel Italien ist zum grossten Theile (das ist nahe an 80°/ o der Gesammtarea) Bergland, nur etwa */ 6 entfallt auf das Tiefland. Das Bergland gehort theils den Alpen, theils den Apenninen an. Erstere ziehen vom Bocchetta - Passe bei Genua westlieh langs des Golfes von Genua (Seealpen), dann nordwarts als Grenze zwischen Italien und Frankreich (cottische und grajische Alpen), end- lich nach Osten zwischen Italien einerseits, der Schweiz und Deutsch- lands andernseits (penninische,lepontinische und rhatische Alpen). — Siehe 25. A und B. a, S. 23. u. ff. — Im Osten der Bocchetta beginnen die Apenninen, welche sich durch die ganze Halbinsel bis zu den Yorgebirgen Cap di Leuca (Apulien) und Cap Spartivento (Calabrien) ziehen, und dann nach Sicilien ubersetzen. Anfanglich bilden sie eine vom ligurischen zum adria- tischen Meere streichende Kette; den mittleren Apenninen sind an der Westseite mehrere Parallelketten als Vorapenninen vorgelagert; im Ilochlande der Abruzzen endlich spalten sie sich in die apu- lischen und kalabrischen Apenninen. — Siehe §. 26. S. 33. Yon den Alpen im Norden und Westen, von den Apenninen im Siiden eingeschlossen, dehnt sich die fiber 600 QMeilen grosse, fruchtbare Tiefebene desPo aus. Kleinere Ebenen sind: die toskanische Tiefebene am untern Arno, die romische (cam- pagna di Koma) mit den pontinischen Siimpfen langs der Kiiste des tyrrhenischen Meeres, die kampanische zwischen den Busen von Gaeta und Salerno, aus welcher sich der Yesuv erhebt, end¬ lich die apulische Ebene im Siidwesten des Golfes von Manfre- donia. — Die Inseln sind meist gebirgig, nur auf Sardinien und Sicilien finden sich einige Ebenen. Im Klim a herrschen bedeutende Abstufungen, doch ist in den Niederungen die mittlere Sommerwarme minder verschieden, als die mittlere Winterwarme, welche nach Siiden hin rasch zu- nimmt. Die mildeste Luft haben nebst Sicilien und der kampa- nischen Ebene noch Genua und Nizza, wo ein kurzer Schneefall zu den Seltenheitcn gehort, indess die Apenninen vom Oktober nicht selten bis anfangs Mai mit Schnee bedeekt sind. Auch die Po-Ebene. und die in diese ausmiindenden Alpentbaler haben ein mildes Klima, grossen Pfianzenreichthum edler Fruchte. — Von den Winden ist der heisse und ermattende Sirocco zu erwahnen. Gegen Siiden nehmen die Sommerregen ab, dagegen Herbst- und AVinter- regen zu. — Die Siimpfc von Commachio (an der Po-Miindung), die Mare mm en am Ombrone (in Toscana) mit der ungesunden 265 Luft („malaria“), welcher auch die romische Campagna ausgesetzt ist, und die beriichtigten pontinischen Slimpfe (am Siidwest- ende des Kircbenstaates) sind der Gesundheit schadlich. Gewasser. Die apenninische Halbinsel wird vom mittel- landischen und adriatischen Meere mit ihren Busen bespiilt. Die West- und Sudkiiste ist mehr gegliedert als die Oatkiiste und bietet mehrere gute Ankerplatze und Hafen. (Siehe §. 15, S. 15. Nr. 8). — Sie hat nur einen groasen Hauptfluss, den Po, einige grossere und schiffbare Fliisse, viele Bache und Kiistenfliisse, grosse und schone Seen, namentlich am Sudabhange der Alpen; ist somit im Ganzen gut bewassert. Zahlreiche Kanale in Norditalien dienen sowohl fiir die Schiffahrt als die Wiesenkultur. — Unter den Fliis- sen sind zu nennen : der Po mit den vielen Nebenfliissen, der Var, Arno, Ombrone, dieTiber, der Garigliano, Volturno, Sele, Brandano, Ofanto, die Ma re chi a, der Montone. — (Siehe §. 43 S. 53 und 54; — dann §. 44. S. 57.) Mehrere Mineralquellen sind nebst den Seebadern als Kurorte bekannt: Aix (Savoyen), Acqui (bei Alessandria), Pisa (Toscana), Viterbo (Kirchenstaat), Ischia (Neapel). Verfassung. Von den Staaten Italiens haben alle, mit Aus- nahme der Bepublik San Marino, eine monarchische Staatsform, und unter diesen das Konigreich Sardinien und das Konigreich beider Sicilien eine eingeschrankt-monarchische Verfassung. — Mo¬ naco steht (seit 1815) unter dem Schutze Sardiniens.— Der Kir¬ chenstaat ist eine uneingeschrankte geistliche Wahlmonarchie, deren Oberhaupt, der Papst, von den Katholiken als das sichtbare Oberhaupt der christlichen Kirche, als Nachfolger des heiligen Petrus und als irdischer Statthalter Christi anerkannt wird. Er wird auf Lebenszeit von den Kardinalen aus ihrer Mitte im Kon- klave durch eine eminente Mehrheit von % der Wahlstimmen ge- wahlt; Oesterreich, Frankreich, Spanien und Neapel besitzen hier- bei eine ausschliessende Stimme (sententia exclusiva), das heisst sie haben das Becht einen zu wahlenden Papst zu verwerfen. Der zum Papste Wahlfahige muss ein Italiener sein^, keiner grossen Familie angehoren, keiner fremden Macht den Kardinalshut ver- danken, mit keiner regierenden Macht verwandt sein und minde- stens das 55. Lebensjahr zuruckgelegt haben. Dor Neugewiihlte nimmt einen andern Namcn an (mit Ausschluss des Namens Petrus) und wird einige Tage nach der Wahl vor der St. Peterskirche in Bom mit der ,,Tiara“ gekront. — Parma, Modena, Toscana sind unumschrankte Erbmonarchien. Polifische Eintheilung. I. Kbiiigreich Sardinien. — Es besteht aus dem Fiir sten- thum Piemont mit dem Herzogthum Montferrat,— dem Herzogthum Genua, -— der Lombardei, und der Insel Sar¬ dinien*). — Das Konigreich wird (mit Ausnahme der Lom- *) Im Friihjahre 1860 sind die Herzogthiimer Parma und Modena, das Gross- herzogthum Toscana nnd die „Romagna“ mit dem Itonigreiche Sardinien „anne- Xirt“ worden; dagegen hat Sardinien das Herzogthum Savoyen und die Grafschaft Nizza an Frankreich abgetreten. Die erwahnte ,,Annexion“ ist von den europaischen Machten nicht anerkannt, mehrere haben dagegen protestirr. Auch dem Konigreiche 266 bardei, deren politische Administration noch nicht organisirt ist) in 14 Generalintendanzen (Divisionen) und diese in 50Pro- vinzen eingetheilt, welcbe meist nach ihren Hauptstadten benannt sind. 11 Generalintendanzen mit 39 Provinzen liegen auf demFest- lande, die ubrigen auf der Insel Sardinien. Bemerkenswerthe Orte* *) sind in: 1, Piemont mit Montferrat: Turin (180.000), Pignerolo, Susa, Coni (21.000), Alba, Mondovi, Saluzzo, V ere ell i (20.000), Casale, Ivrha (9000), Aosta, Alessandria (46.000), Asti, Tortona, Voghera, Novara (18.000), Mortara, Vigd- vano, Domo d’Ossola. 2, 'Genua. — Genua (130.000), Chiavari, Spezzia, die rnsel Capraja, Novi, Savona (18.000), Acqui. 3. Insel Sardinien (433 [JMeilen, — 550 000 Einwohner, und an 40 kleinere Inseln). — Cagliari (32.000), Nuoro (4000), Sassari (26.000). 4. Die Lombardoi (370 □Meilen, nahezu 3,000.000 Einwohner). — Mai- land (170.000), Monza, Como (20.000), Varese, Sondrio (5000), Bormio, Chia- venna, Bergamo (35.000), Treviglio, Caravaggio, Lodi (20.000), Crema, Codogno, Pavla (27.000), Buffallora, Cremona (30.000), Pizzighetone, Brescia (40.000), Toscolano, Desenzano, Chiari, Montechiaro. — Ein Theil der Provinz Mantua mit: Castiglione, Sabionetta. (Siehe Anmerkung auf S. 178.) II. Flirstcnthum Monaco. — Der kleine, in der Grafschaft Nizza gele- gene Staat zahlt 3 Gemeinden: Monaco, Mentone und Roccabruna, die 2 letzteren von Sardinien besetzt. Der Boden ist sehr fruchtbar, besonders an Oel und Sud- fruchten. Monaco hat einen guten Hafen und treibt Handel. Die furstliche Dynastie der Grimaldi (seit 1856 Carl III.) herrscht bier sehon sett dem Jahre 968. Die oberste Behorde ist der Staatsrath; die Jahreseinkunfte betragen etwa 40 000 Gulden. III. Ilerzogthum Parma. — Parma (45.000), Piacenza (30.000), Pon- trdmoli (12.000). IV. Herzogthum Modena. — M(5 den a (32,000), Reggio, Guastalla, Massa, Carrara. V. lirosslierzogthum Toscana. —• Eintbeilung in 6 Compartimenti und 2 Gouvernements. — Florenz (114.000), Signa, Pistoja, Prato, Lucca (25.000), Arezzo (10.000), Montepulciano, Sifena (24.000), Grosetto (3000), Piombino, Soana, Pisa (22.000), Livorno (90.000), Insel Elba (7 QMeilen — 22.000 Ein¬ wohner): Porto Ferrajo. —-Die Inseln: Gorgona, Pianosa, Formica, Monte Christo, Giglio, Gianutri. VI. Ilcpublik San Marino. — Die kleine, unter p&pstliehem Schutze ste- hende demokratische Uepublik besteht aus der Stadt San Marino und 3 Land- gemeinden. Die Bewohner nahren sich vom Landbau. Die gesetzgebende Gewalt ist dem souveranen ,,grossen Rathe“ (60 Mitglieder) tlbertragen, ans welchem jahrlieh der „Rath der Zwolf' 1 gew&hlt wird. An der Spitze des Ereistaates stehen zwei „Capitani reggenti“ (regierende Hauptleute), welche aus den adeligen Mitgliedern des grossen Rathes auf 6 Monate gewahlt werden. VII. Kirchenstaat. — Der Kirchenstaat zerfallt in den Stadtbezirk von Rom und in 4Legationen, welche in 20 D e 1 eg a ti one n (Provinzen) eingetheilt und nach ihren Hauptstadten benannt sind. 1. Stadtbezirk: Rom (176.000), Ostia, Tivoli, Albano, Viterbo, Orvieto. 2. Legation der Campagna und Maritima: Velletri (11.000), Ter- racina, Frosinone (6000); — die beiden Exklaven im Neapolitanischen: Bene- vento (17.000), Ponte Corvo. 3. Legation von Umbrien: Perugia (32.000), Assisi, Spoleto (7000), Rihti (12.000). 4. Legation der Marken: Ancona (36.000), Urbino (12 000), Pbsaro, Sinigaglia, Macer ata (18.000), Loretto, Fe mo (16.000), Ascoli (9000), Ca¬ me ri no (7000). J beider Sicilien steht eine ahnlicbe Annexion bevor, Auf diese revolutioniiren Besitz- veranderungen wurde selbstverstandlich hier keine Rucksicht genommen. *) Die mit durchschossenen Lettern gedruckten Stadte sind Hauptorte der gleich- namigen Generalintendanzen oder der Provinzen. 267 5. Legation der Romagna: Bologna (75.000), Ferrara (30.000) Commachio, Ravenna (16.000), Faenza, F'orli (18.000). VIII. Konigreich beider Sicilien. — Das Festland des KOnigreiches wird in 15, die. InselSicilien in 7 Inten danzen (Provinzen) eingetheilt. Gebr&uchlich ist anch die Eintheilung des Festlandes in 4 Landschaften: Campanien (Neapel), Abbrnzzo (Aquila), Calabrien (Reggio), Apulien (Lecce). Bemerkenswerthe Orte sind: 1. Campanien: Neapel (420.000), Portici, Resina, Puzzuoli, Torre del Greco, Castellamare, Sorrento (die Inscln: Capri, Ischia, Procida), Cas erta (18.000), Capua, Gaeta, Nola, Salerno (12.000), Amalfi, Avellino (15.000). 2. Abbruzzo: Aquila (15.000), Cbieti (14.000), Terramo (11.000), Lanciano, Peschra. 3. Apulien: Lecce (25.000), Brindisi, Otranto, Taranto, Bari (22.000), Molfetta, Barletta, Canne, Foggia (27.000), Manfredonia, Campo Basso (9000), Potenza (10.000). 4. Calabrien: Reggio (20.000), Sciglio (Seylla), Cosenza (15.000), Ca- tanzaro (12.000), Pizzo, Monteleone. 5. Insel Sicilien (477 QM.): Palermo (200.000), Monreale, Messina (85.000), — (die 12 liparischen (oder iiolischen) Inseln, die bewohnte Insel Stromboli und die unbewohnte Volcano), — Trapani (26.000), Marsala, Castro-Giovanni, — (die fruchtbaren und bewohnten Inseln Aegaden), — Girgenti (18.000), Favara, — (die Inseln Pantcllaria, Lampedusa u. a.) —, Caltanisetta (17.000), Sira- gossa (20.000), Modica, Catanea (70.000), Maseali, Agosta, Aci-Reale, Cal- tagirone. Unter den zablreichen, an Denkmalern und Kunstschatzen des Alterthums und des MitteJalters reichen, Oder durcb reizende Lage, den Kunstfleiss, durch Gewerbe oder Handel ausgezeichncten Stadten auf der apenninischen Halbinsel sind besonders liervorzuheben: lioill, die „ewige, einzige“ Stadt, mit 178.000 E., eine Weltstadt, wie es in diesem Sinne keine zvveite gibt. Hier stand die (im J. 753 v. Ch. G. gegrfindete) grosse Metropole des heidnischen Romerreiches, und hier ist nach Besiegnng des Heidenthums der Miltelpunkt der christlichen Welt, denn der Statthalter Christi auf Erden, der Papst, hat hier seinen Sitz. An beiden Ufern des Tiberflusses auf 12 Hfigeln erhebt sich die Stadt voll grossartiger Bau- und Bilderwerke des Alterthums, reich an Kirchen (328) und Palasten mit herrlicben Kunstschatzen. Die St. Peters- kirchc, die grOsste und prachtvollste auf der Erde, mit dem Grabe des heil. Petrus, und der beruhmten auf 4 kolossalen Pfeilern ruhenden Iiuppel; vor der Kirche der St. Petersplatz, der schonste auf Erden, mit lcreisfOrmigem Saulengang und kolossalen Statuen. (Zu der St. Peterskirche wurde im J. 1450 ein Anfang gemacht, 1506 der Grundstein gelegt, eingeweiht ward sie 1626. Die Kosten belieten sich auf 64 Mil- •ionen Thaler). — Die eigentliche bisehOfliche und Hauptpfarrkircho des Papstes ist St. Johannes im Later an (omnium ecclesiarum urbis et orbis mater et caput) mit der fiberaus prachtigen Kapelle Corsini, dem Battisterio (Taufe von Juden und Tiirken am Ostersonnabend). Andere beriibmte Kirchen sind: die St. Pa u Ps- Kirche, St. Maria ad martyres (das Pantheon des heid. Rom, eine Rotonda), S. Onofrio auf dem Gianicolo mit Tasso’s Grab, die deutsche Nationalkirche S. Maria dell’ anima, deren Pfarrer Oesterroich ernennt; S. Mari a Mag g i or e u. v. a. —• Papstliche Palaste: der Vatikan, der grosste Palast in Europa, (22 HSfe, 200 Preppen, 4422 [nach andern, wahrscheinlich iibcrtriebenen Angaben fiber 11,000] Zimmor und Sale, aber in der Regel nur zur Zeit des Conclave bewohnt) mit der Sixtinischen und Paulinischen Kapelle, den Logen und Salen mit Raphael’s Meister- werken ; die beruhmteste Bibliothck mit wicluigen Handschriften ; Gemiildesammlung ; erste Antikensammlung der Erde im Belvedere (Laokoon, Apollo vom Belvedere, der Torso u. a.); Museum Chiaramonti, Gregorianum u. a.; — der Lateran, bis 1304 papstliche Residenz; der Qui ri n al (Monte Cavallo) gewohnliche Residenz Sr. Heiligkeit. (Pius IX., der 259ste Papst, frfihcr Johann Maria Graf Mastai Feretti, geb. zu Sinigaglia am 13. Mai 1792, gekront am 21. Juni 1846.) Man zahlt fiber W grosse Palfiste und nicht weniger Villen (Landhfiuser, —villa Borghese) mit Garten, a Usgezeichnet durch Bauart, Pracht- und Kunstwerke. — Die Engelsburg (Castello di S. Angelo), aus dem Grabmal Hadrians (moles Hadriani) entstanden, mit dem bronzenen Erzengel Michael auf der Spitze dient als Arsenal, Staatsgef&ngniss, Ar- chiv, Aufbewahrungsort der plpstl. Iileinodien. Campidoglio an der Stelle des 268 altcn Capitol’s mit vielen Kunstwerken; zahlroiche Ruinen von Tempeln, Amphi- theatern, Badern, Triumphbogcn, Saulen, Obelisken, Wasserleitungen, Katakomben u. s. w. Bedentende wissenschaftliche Anslalten: Universitat, Collegium de propa¬ ganda fide fur Zbglinge aus alien Erdtheilen zur Heranbildung von Mission&ren, die Academia di San Luca fur alle Zweige bildender Kunst; viele Akademien, Schulen, Kloster. Grosser Zusammenfluss von Fremden, namentlich Ktinstlern, Kunstliebhabern und Altertbumsforschern. — Die Industrie ist ziemlich ansehnlich in Kunstblumen, Darmsaiten, Essenzen, Farbwaaren, Seidenwaaren, kirchlichen Stoffen und Paramen- ten. —Einige Theile dev Stadt und die Umgebung (Campagna di Roma) sind im Som¬ mer wegen der schlechten Luft (malaria) nngesund. Neapel (ital. Napoli, im Alterthume Parthdnope), 420.000 Einwohner (darunter an 70 — 80.000 Lazzaroni). Weltberubmte amphitheatralisehe Lage am gleichnamigen Golf zwischen dem Yesuv (im 0 .) und dem Berg Posilippo (im IP.). Das Innere der Stadt entspricht wenig der reizenden Lage, denn die Stadt mit bei- laufig 50.000 Hausern ist weder regelmassig noeh schon gebaut. Die Altstadt mit dem Geprage des ital. Mittelalters durchkreuzen enge Gassen in regellosen Windun- gen, die Pliitze (larghi) sind unbedeuteade Erweiterungen. Prachtvoll dagegen ist die Neustadt, insbesondere der palastreiche Quai „Chiaja“, die Villa Reale, Strasse Toledo u. a, Neapel ist die reichste und belebteste Stadt Italiens, mit schonen Kir- chen (Kathedrale S. Genaro u. a.), Palasten, vielen Klostern, Hospitalern, Armen- und Arbeitshausern. (Konigl. Palast Capo di Monte.) — Universitat, Akademie, Schulen der schOnen Wissenschaften, der Zeichenkunst und Musik; grosse Kunst- und Alterthumssammlungen (aus Herculanum und Pompeji), bourbonisches Museum. — Das grOsste Theater in Europa (San Carlo). — Die Industrie ist erst im Beginne; einer der wichtigsten Handelsplatze am Mittelmeere, jahrlich laufen an 3000 Sehiffe ein; Nationalbank, Biirse und einige Geld- und Creditinstitute. Dampfschiffahrt nach Marseille, Genua, Livorno, Malta. — 6 Iiastelle, darunter S. Elmo und Dell’ Uovo die stiirksten. ■— Die Umgebungcn schfin und reich an Sehenswurdigkeiten aller Art. Palermo (200.000) in fruchtbarer Gegend, regelmassig gebaut, die grosste Stadt anf Sicilien. Prachtvolle Kathedrale und andere Kirehen; ICapuzinerkloster mit beruhmter Gruft; Grabmal Friedrich II.; griechisehe Denkmaler; grosser konigl. Pa¬ last mit beruhmter Sternwarte, Universitat, Navigationsscbule; ansehnliche Industrie in Seidenzeug, Leder, Wachs, Korallen, Gold- und Silberwaaren; lebhafter Handel, Dampfschiffahrt nach Marseille, Malta und Neapel; Rosalienfest im Juli. Florenz (ital. Firenze), 114,000 Einw., in fruelitbarer reizender Ebene am Arno, eine der sehonsten Stadte in Europa („la bella“). Prachtige Kirehen (Kathe¬ drale St. Maria del Fiore; die St. Lorenzkirehe mit den Begrabnissen der Medici, das berubmte Battisterio; die Kirche zum heil. ICreuz mit den Grabmalern von Dante, Miehel-Angelo, Macchiavelli, Galilei, Viviani u. a.); viele burgartige Palaste dureh architektonische SchOnheit und Kunstwerke aller Art ausgezeichnet (palazzo Pitti, grossherz. Residenz, mit herrlicber Gemaldegallerie; pal. degli uffizj .mit einer der ersten Kunstsammlungeu der Welt [mediceiscke Venus, Gruppe der Niobe, andere Antiken), die loggia dei ianzi, die schonste Hauptwache der Erde; Universitat; Ac- cademia della crusca; Lyceum der Musik; Akademie der bildenden Kunste; uber- haupt vorziigliche Sammlungen fur Wissenschaften und Kunste. Industrie in Seide, Strohgeflecht, Kunstblumen, Parfumerien, plastisehe Arbeiten in Marmor, Alabaster, Mosailc und Korallen. — Der Handel concentrirt sich in dem befestigten Ereihafen Livorno ; Verkehr mit der Levaute, Odessa; in Kolonialwaaren, englischeu, fran- zosiseben und schweizerischen Manufakten; regelmassige Dampfschiffahrt nach Mar¬ seille, Malta, Neapel und der Levaute; auch die Industrie stets wachsend. Turin (ital. Torino), 180.000 E inw., sehr regelmassig gebaut, mit sclionen Strassen, grossen Platzen, langen Bogengangen und praehtigen Palasten ; viele reiche und herrliche Kirehen (Kathedrale S. Croce; S. Giovanni u. v. a.) ; zahlreiche wis¬ senschaftliche Anstalten, Universitat, Akademie, k6nigl. Museum mit Sammlung iigyp- tischer Alterthiimer, Militar- und Marine-Akademie; Arsenal; Bank, Borse, Miinze, prachtvolles Theater; bedeutende Industrie in Sammt, Bandern, Tapeten, Fayence, Stahl- und Eisenwaaren, Kanonengiesserei; Industrieschulen fur Arme. demiel (ital. Gdnova), 130,000 Einw., amphitheatralisch am steilen Abhange des ligurisehen Apennin gebaut, mit nur wenig fahrbaren Strassen; die meisten Strassen sind enge, von vielstockigen Hausern eingefasst und fuhren auf- und ab- wiirts, sind hie und da durch Treppen verbunden, Felsenspalten sind uberbriickt (Briicke „del Carignano“). Viele Pachtbauten: der Dom; Kirche Annunziata, San Lorenzo; der konigl. Palast, der ehemalige Dogenpalast; Uuiversitat, Marine-Akademie, Navi- gationsschule; Bank, Biirse, See-Arsenal. Die industrielle Stadt liefert viel beruhmte Artikel, als: schwarze Seidenstofle, Sammt, Korallen-, Alabaster-, Elfenbein-, Gold- und Silberwaaren, Stickereien, Kunstblumen, Mehlspeisen. Yortrefflicher Hafen; re- gelmassige Dampfschiffahrt nach alien Hafen des Mittelmeeres; die alteste Geld-Bank (seit 1407), lebhafter Handel. In der Umgebung prachtvolle Landhiiuser. Midland (ital. Milano), 170.000 Einw.; in schoner Fruchtebene zwischen der Olona und dem Lambro an schiffbaren Kanalen, die den Te6sin mit der Adda verbinden. Das Aussehen des oft zerstorten und wieder aufgebauten Mailand ist modern und stattlich. Zahlreiche Kirehen und schOne Paliiste; unter den ersten der berlibmte Dom, nachst der St. Peterskirehe in Rom und dem Dorn in Sevilla die gvosste Kirche in Europa (begonnen im J. 1386 vom deutschen Baumeister Heinrich Arler von Gintind). zwar widersprechende Baustylc, aber vorherrschend gothisch; aus weissem Marmor mit 4500 marmornen Bildsaulen und durchbrochenen Thiirmchen; auch im Innern prachtvoll. (Grabmahl des heil. Carl Borromaeus). Institut der Wis- senschaften und Kunste in der ,,Brera“, chemaligen Jesuitencollegium, mit Bibliotliek, Gemiildegallerie, Mtinz- und Medaillencabinet, Sternwarte; ambrosianische Bibliothek ; grosses Theater (della Scala); Musikkonservatorium; Friedenstriumphbogen (arco della pace) u. a. Praehtbauten. — Lebhafte Industrie in Seide, Bijouterien, Wagen, Tischlerarbeiten, Glasmalerei, Zucker, Tabak u. a.; die bedeutendste Handelsstadt in Ober-Italien, insbesondere in Seide, Reis und Kase. Auf der Strasse nach Pavia das boriihmte ICarthauserkloster La Certosa mit einer der prachtvollsten Kirehen in Europa. Kulturverlialtnisse im Allgemeinen. Die mannigfaltigen Abstufungen im Klima liaben ebenso inannigfaltige Yersohiedenheit in der Vegetation zur Folge. Im Ganzen ist der Boden von der Natur reich begiinstiget und bringt ohne grosse Anstrengung in der Bebauung einen Ueberfluss der gewohnlichen Ackerprodukte hervor. Der Norden Italiens ist in Hinsicht der Landwirthschaft, der Industrie und des Handels, so- wie des sich daran kniipfenden Wohlstandes, der Civilisation und Aufklarung dem Siiden mehrfach iiberlegen. Weizen, Mais, Maul- beerbaume und Wein gedeihen in grosser Menge in ganz Italien. — In Oberitalien ist der Eeis nebenWeizen und Mais charak- teristisch, dann der Kastanienbaum und die ausgedehute Zucht des Maulbeerbaumes; — der Oelbaum, Siidfruchte und Sussweine beginnen erst jenseits der Apenninen , in Mi tt e li tal ien, doch baben Nizza und Genua ebenfalls so ziemlich die gleichen Produkte; Orangen werden erst allgemein von Neapels Nordgrenze; —- Tro- peDprodultte kommen nur im ilussersten Siiden vor, in Unter- it alien, wo die Baumwollstaude (Sicilien und Sardinien), Man- deln, Feigen. Datteln, Granatapfel, das Johannisbrod u. dgl. ge¬ deihen. •— Die Walder in den untern Regionen der Apenninen (unterhalb der Eichen, Buchen und Ulmen) sind reich an immer- griinen Baumen, besonders Pinien, Cypressen, Lorbeerbaumen, Myrten u. s. w.; in den hoheren Regionen der Aiienninen undAl- pen an Eichen, Buchen und Nadelholzern. Die Thiere spielen in Hinsicht der Physiognomie des Landes keine so wichtige Iiolle als die Pflanzen; mit Ausnahme des Biiffels, der ein wichtiges Last- thier ist, das zum Theil in halbfreiem Zustande lebt und. sich Bamentlich in morastigen Gegenden auf halt, sind hier die gleichen Hausthiere wie in Nord-Europa; nur Esel und Maulesel kommen viel zahlreicher vor. 270 Urproduktion. Kaum die Halfte des italienischen Bodens erfreut sich einer rationellen, fleissigen Bebauung, und doch liefert derselbe einen grossen Reichthum an Ackerprodukten. Am fleis- sigsten ist die Bebauung in der Lombardei, in Piemont, Modena, Lucca, im Arnothale und einigen Landstrichen Neapels; in der Kornkammer des Alterthums, Sicilien, insbesondere der Ebene von Catania, ist fur den Landbau noch wenig geschehen. Yon Wich- tigkeit ist die Reiskultur, durch kiinstliche Bewasserung zur hochsten Vollkommenheit gebracht, wovon die Lombardei, Piemont, die Umgebung von Ferrara und Bologna, und aucli die Insel Sar- dinien grosse Quantitiiten zum Export bringen. Weizen und Mais werden ebenf'alls in grosser Menge, ersterer vorziiglich in Toscana und Neapel, letzterer in Oberitalien gewonnen ; sie liefern das Mebl fur die Nationalspeisen Maccaroni und Polenta. Ein anderes Haupt- produkt sind die O liven; das daraus gewonnene Oel, namentlich die feinen Qualitaten von Genua, Nizza, Lucca, aus Apulien (Gal¬ lipoli) bilden einen bedeutenden Ausfuhrartikel. Der W i e s e n bau ist insbesondere in der Lombardei und in Parma ausgezeichnet; er wird durch die zahlreichen Bew&sserungskanale wesentlich gehoben. Unter den Handelspflanzen sind erwahnenswerth Hanf und Flachs um Bologna und in der Lombardei, Safran und Siissholz in Calabrien und Sicilien, Karden um Bologna, viele Medizinal- kriiuter. •— Mit Ausnabme der hohen Alpengegenden Savoyens ge- deiht der Wein in ganz Italien, obwohl die Behandlung der Rebe wie des Weines vieles zu wiinschen iibrig lasst. Einige Weine gelten dessenungeachtet als vorzuglich, als: Lacrym& Christi und vino greco des Vesuv und mehrere neapolifanische und sicilianische Weine, der Pulciano und Montefiascone in Toscana, die Weine von Modena und Reggio und andere. — Einen grossen Reichthum be- sitzt Italien an Sudfruchten. Orangen und Citronen beginnen echon an den Alpenseen, mehr um Nizza, Genua, Massa, besonders in Neapel und auf Sicilien. Mit Feigen, Mandeln und Korinthen wird von Sicilien ein starker Verkehr getrieben, dann mit Kap- pern, Triiffeln; auch findet sich Johannisbrot, Aloe und Manna, sowie etwas Baumwolle (Altavilla, Biancavilla, in den Provinzen Lecce, Bari und Basilicata) und Zuckerrohr auf Sicilien und in Calabrien, Unter den Zweigen der Viehzuelit stelit jene der Seiden- raupe am hochsten, welche in ganz Italien verbreitet ist, am starksten in Piemont mit der Lombardei, dann in Parma, Calabrien und auf Sicilien. Sardinien mit der Lombardei ist der grosste Seidenproduzent in Europa und die Waare wird fur die vorziig- lichste in Europa gehalten. Zunachst eteht die Rind vieh zucht in Ober-, zum rheil noch in Mittelitalien, In der Lombardei und in Parma bildet sie eine der Hauptquellen des Wohlstandes, weil die Kasebereitung vortrefflich und in grossem Umfange betrieben wird. Die Erzeugung des Parmesankilses hat nachst dem Gebiete von Parma ihren Sitz in den Umgebungen von Lodi, Pavia und Mailand; dazu kommt der in Gorgonzola (bei Mailand) bereitete Strachinokase. Auch in Toscana und im Kirchensfaate ist die Zucht 271 starken Rindviehes anseknlich. In Toscana beginnen bereits die Biiffelheerden, welche gegeu den Stiden zu stets zahlreicher sind und auch in der Ackerwirthschaft verwendet werden. Namentlich sind der Kirchenstaat undNeapel reich an Bfiffeln. •— Die Schaf- zucht ist im Allgemeinen bedeutend, obwohl grbsstentheils geringe- rer Race; in Toscana sind fiber 30 % durch spanische Merinos veredelt. Sehr verbreitet sind die Schafe in Savoyen und auf Sardinien (MuffIon-Schafe wild auf den Bergen), in Parma, am Mittelmeere im Kirchenstaate (Negretti und Pouille, letztere mit sehr feiner Wolle), und grobwollige in Neapel. Ziegen werden gleichfalls in grosser Menge gehalten, doch zumeist zur Milchwirth- schaft und Kasebereitung (Chefrotin-Kase in Savoyen); an Bor- stenvieh haben Piemont, Toscana, Modena (Wiirste: Zampette di Modena), Toscana, der Kirchenstaat (Wiirste: Mortadelle di Bologna) grossen Reichthum. Schone Pferde ziehen nur Neapel und Toscana, die iibrigen Theile beziehen Pferde aus dem Aus- lande; dagegen gibt es viel Maulthiere und die schonsten Esel in Europa (Toscana, Kirchenstaat und Neapel). Die Bienenzucht wird auf der ganzen Halbinsel gepflegt, am meisten auf Sicilien, welches sehr guten Honig exportirt, dann in Savoyen, auf Sardinien und in Toscana. Die Seefischerei bietet aneehnlichen Ertrag, insbesondere an Thunfischen, Sardellen, Korallen (an der Kfiste von Sicilien und Sardinien) und Aalen (in den Sfimpfen von Comachio). Dem Bergbau wird noch lange nicht die wiinschenswerthe Aufmerksamkeit zugewendet; er biefet keine grosse Mannigfaltig- keit. Die Ausbeute an edlen Metallen ist kaum nennenswerth; an Eisen hat Elba (200.000 Zentner) grossen Reichthum; in Sa¬ voyen, auch in der Lombardei, Parma und Calabrien ist die Eisen- gewinnung ziemlich ansehnlich, obwohl sie den inlandischen Bedarf nicht zu decken vermag, wesshalb Eisen- und Stahlwaaren vielfach aus dem Auslande eingefiihrt werden. Toscana hat auch etwas Kupfer, Blei und Quecksilber. DerSchwefel bildet einen wich- tigen Exportartikel Siciliens und der liparischen Inseln. Grossen Reichthum hat Italien an schonen Marmorarten (Carrara, Massa, Pisa, Siena). Erwahnenswerth sind der vortreffliche Alaun (Tolfa im Kirchenstaate, Volterra, Sicilien), Alabaster (Sestri bei Genua), Kreide (Bologna), Gyps (Parma), Siegelerde (Siena), Puz- zuolanerde (Neapel, Kirchenstaat) und etwas Quellsalz. Die Gewinnung an Seesalz ist in den am Mittelmeere gelegenen Staa- ten bedeutend. In der gewerblichen Industrie ist Italien von der hohen Stufe, auf der es vor ein paar Jahrhunderten gestanden, sehr herabge- kommen. Eine Konkurrenz mit den iibrigen europaischen Industrie- staaten, deren Lehrmeisterin die apenninische Halbinsel in manchen Gewerben gewesen, vermag sie nicht mehr auszuhalten. Die indu- Btrielle Thiitigkeit beschrankt eich nur mehr auf einzelne Stadte und Zweige, grosse Industriebezirke finden sich gar nicht. Verhaltniss- massig macht Oberitalien, namentlich die Lombardei mit Piemont hierin die meisten Fortschritte. In Sardinien sind Genua und Turin die bedeutendsten In- 272 dustrieorte; in Savoyen und auf Sardinien ist die Geiverbsthatigkeit kaum auf die Erzeugung der nothdiirftigsten Artikel beschrankt. Im Allgemeinen ist der handwerksmassige Betrieb ilberwiegend; die Gross - Industrie ixn Binne unserer Zeit ist nur durch wenige vereinzelte Etablissements vertreten. Am wichtigsten sind die Sei¬ de nwaaren, darunter der Sammt aus Genua; dann folgen Baumwoll- und Wollenwaaren, doch nicht ausreichend fur den Be- darf, ferners Segeltuch, Tauwerk, Korallenarbeiten, Gold-, Silber- und plattirte Waaren, Seife, Essenzen, Liqueure, candirte Friichte, kiinstliche Blumen, Papier u. a. m. — Die Lombardei, unbestrit- ten die industriellste Provinz auf der apenninischen PXalbinsel, ist in jeder Beziehung der gewerblichen Thatigkeit am meisten vor- geschritten, und zwar zunachst in jenen Zweigen , welche sich auf die Landwirthschaft stiitzen , als die Sei denindustrie und die Kii sebereitung. Die Seide aus der Brianza ist beriihmt; die Fi- landen und Filatorien zu Como, Bergamo, Brescia, Mailand, Cre¬ mona u. s. w. erzeugten (im J. 1857) iiber 25.000 Zentner Bohseide im Werthe von iiber 32 Millionen Gulden. Diese Provinz besass an 3600 Filanden mit 40.000 Kesseln und beschaftigte hierbei iiber 95.000 Arbeiter und iiber 550 Filatorien; die meisten werden fabriksmiissig betrieben, insbesondere in Mailand und Bergamo. In der Metallwaarenindustrie haben guten Ruf: die zahlreichen Betriebsanstalten fiir Kupferwaaren (Provinz Como) der Stahl aus Brescia, Bergamo und Bagolino, Bajonette und Gewehrliiufe aus Gardone, gewalztes Eisenblech aus Dongo, Messerschmiedvvaaren aus Brescia und Mailand, Bronzewaaren aus Mailand, desgleichen bier die vorziiglichen Juwelierarbeiten, worin Mailand der Haupt- platz fiir den Siiden ist, viele Eisenhammer (Val Trompia) und Etablissements fiir Kurzwaaren. Auch die Lederwaaren von Mailand und Umgebung (an 60 Fabriken) sind sehr geschatzt. In Hinsicht der Baumwoll Industrie behauptet diese Provinz sowohl in der Spinnerei, noch mehr in der Druckerei und Farberei einen be- achtenswerthen Rang, obwobl die ziemlich zahlreichen Fabriken (darunter: Solbiate Olona, Chiavena, Legnano) den inlandischeri Bedarf noch nicht zu decken vermiigen. Erwahnenswerth sind noch: Wagen, Tischlerarbeiten, Glasmalerei, Zucker in Mailand, beriihmte Violinen in Cremona, die Papierfabrikation (Toscolano), die Leinenindustrie in Brescia, Lodi und Pavia (Damast aus Mailand). In Parma ist die gewerbliche Thatigkeit unbedeutend, sie konzentrirt sich auf die Stadte Parma und Piacenza; von eigent- licher Fabriksindustrie kann gar nicht die Rede sein. Nebst Kiise werden noch etwas Papier, Stroll waaren, Seidenvvaaren und Gold- arbeiten erzeugt. Gleiche Zustande weiset Modena, wo Modena, Reggio und Massa relativ am meisten in Tuch, Papier, Seide und Strohwaaren thatig sind. Nachst der Lombardei besitzt Toscana die bliihendste und lebhafteste Industrie in^ Italien, und liefert mehrere Erzeugnisse fiir den Export. Die wichtigsten Industriepliitze sind: Florenz, Prato, 278 Pistoja, Pisa, Livorno, Lucca, Siena und Signa. Die bedeutend- sten Zweige sind: die Strohflechterei (insbesondere Strohhiite, Mittelpunkt dafur ist das Dorf Signa am Arno „Florentinerhute“)> die Seidenweberei (Siena), und Sammt, das beste Papier in Italien, mittelfeine und grobe Wollwaaren und Leinen ; die Baumwollindu- strie deckt nicht den Bedarf. Ferners sind bekannt: die Leder-, Eisen-, Stahl- und Kupferwaaren, Porzellan, Majolica, Steingut und Grlas; beriihmt sind die Kunstblumen, Moeaik- und Ala- basterarbeiten und der Malerlack, dann Teppiche, Tapeten, Koral- lenarbeiten und Bijouteriewaaren aus Florenz, schones Pergament aus Lucca und die (in Italien bedeutendsten) chemischen Fabriken. Im Kir«henstaate findet sich wenig gewerbliche Betrieb- samkeit. Das Kleingewerbe und die Manufakturen arbeiten zumeist fiir den Lokalbedarf, der im Allgemeinen ein geringer ist. Ver- haltnissmassig am starksten ist die Industrie in Seidenwaa- ren (Bologna, Perugia, Rom, Ancona und Forli), zunachst jene in Leder (Ancona, Rom, Rimini), insbesondere liefern Rom und Foligno schones Pergament. Die Woll- und Leinenindustrie sind schwach, mit Ausnahme von Ancona, wo Segeltuch und Tauwerk, Zucker-, Oel-, Seifen- und Bleiweissfabriken von einigem Belange sind. Bekannt sind: fiir Thongescbirre Faenza (Fayence), dann Rom fiir Darmsaiten, Kunstblumen, Silberwaaren, Mosaik- und Marmorarbeiten, Glaspasten, fiir Schmuck- und Kirchengerathe. Die Industrie in Eisenwaaren nimmt gleiohfalls einen untergeord- neten Rang ein. Im KOnigreiche beider Sicilien sind in neuerer Zeit beach- tenswerthe Fortschritte gemacht worden, ein Aut'schwung in der Baum woll-, Schafwoll- und Seidenindustrie ist unverkennbar, und auch manche andere Artikel haben sich Anerkennung selbst im Auslande errungen. Die Zahl der grosseren Fabriksetablissements ist im Steigen, dessgleichen deren Produktion. Neapel nebst Um- gebung weiset die grosste Thatigkeit auf, die geringste Sicilien, wo nur Palermo und Messina von einiger Bedeutung sind. — Die iilteste Industrie, jene in Leinenwaaren, deckt kaum den Be¬ darf an ordiniirer Waare (Neapel, Reggio), bessere Qualitaten wer- den importirt. Etwas bedeutender sind die Wo 1 lenmanufakturen im Westen des Reiches (Amalfi, Arpino, Chieti in den Abruzzen); noch wichtiger ist die sich immer mehr ausbreitende Fabrikation von B au m w o 11 waaren, vorzuglich in Neapel, Salerno und Otranto, dann in Palermo, Catania und Messina; am erheblichsten ist jedoch die Seidenindustrie (Neapel, Catania, Palermo, Caserta, Portici, Sorrento und Bari). Die L e derindustrie ist in der Zunahme, die Handschuhe aus Neapel sind sehr vortheilhaft bekannt. Die meisten Industriezweige beschr&nken sich auf die Sta,dte. Neapel ist weiters kekannt durch die vortreffliche Seife (auch Gallipoli), die Violin- saiten und Maccaronibackereien; Palermo durch ausgezeichnete Tischlerarbeiten; Lecce durch Baumwoll-, Spitzen- und Holzwaaren; Balerno durch Eisen- und Kupferhammer, Glas- und Porzellan- fabriken, und die erwahnten Webewaaren. Beriihmt sind dieSchmuck- arbeiten aus Lava und die Steinschleifereien mit ihren schbnen Klun’s Ilandels-Geographie. 2. AuD. Jg m Marmor- und Achatarbeiten. Die Metallwaaren - Industrie steht im Ganzen nocb auf geringer Stufe. Der Handel. Die Lage der apenninischen Halbinsel am Mit- tellandischen und Adriatischen Meere mit der ziemlich reich geglie- derten Kiiste und mehreren guten H&fen ist dem Seehandel ausserst giinstig. Hat auch Italien seine welthistorische Bedeutung als Sitz des grossartigen Handels eingebiisst, seitdem der Atlantische Ocean die Hauptstrasse ward fiir den Welthandel, und Venedig und Genua von den Stadten am Atlantik iiberfliigelt worden sind; so ist der Handel nach der Levante und Nordafrica, nach Westeuropa, Ame¬ rica, nach der Schweiz und Deutschland noch immer beachtens- werth. Genua, Livorno, Civita vecchia, Neapel, Messina, Palermo, Gallipoli, Ancona vermitteln den Seeverkehr; sic exportiren die heimischen Produkte und treiben auch erheblicbe Spedition. Dem inneren Handel stellen sich mehrere Hinderuisse entgegen; das Land besitzt ausser dem Po und der Tiber keine grosseren schiffbaren Fliisse; an guten Strassen ist nur Oberitalicn reich, vorziiglicb die Lombardei; Eisenbahnen sind erst im Entstehen, dessgleichen griis- sere Geldinstitute zur Belebung der Industrie und des Verkehrs. Turin, Florenz, Rom, die beriihmten Messen zu Sinigaglia (Kir- chenstaat), Foggio (Neapel), Neapel sind zun&chst fiir den inneren Verkehr von Wichtigkeit. — Zur A us fullr gelangen vorziiglich : Seide, Oel, Siidfriichte, Schwcfel, Alaun, Seesalz, Seefische, Mac- caroni, Kiise, Glas-, Korallen- und Kunstarbeiten in Marmor und Gyps; zurEinfuhr: Kolonialwaaren, Baumwolle, Leinwand, Wol- len- und Baumwollengewebe, Eisen- und Stahlwaaren, Pferde; Ge- treide wird von Sicilien ausgefubrt, dagegen in den sudlichen Ge- birgsgegenden eingefiihrt. Geistigc Kultur. Italien ist nachst Griechenland die Wiege europaischer Kultur, das Vaterland der Wissenschaften und Kiinste. Leider steht es niebt mehr auf jener bohen Stufe, auf der es im 14., 15. und 16. Jahrhunderte gestanden. Die allgemeine Volks- bildung ist eine geringe, der Elementarunterricht arg vernachlassigt, nur Norditalien und Toscana weisen einen gunstigeren Stand. Dass einzclne strebsame Geister unter diesem hochbegabten Volke auch in unaern Tagen als wiirdige Stiitzen und Triiger der Wissenschaft emporragen, ist nicht zu laugnen ; doch wachst die grosse Masse vielfach ohne alien Unterricbt auf. Yerhiiltnissmassig bestehen ziem¬ lich viele Schulen fur gelehrte Bildung, dagegen sehr wenige fiir industrielle oder kommerzielle Ausbildung. Dieser nichts weniger als befriedigende Standpurikt der geistigen Kultur ist auch eine der Hauptursachen der relativ geringen techniscben und physischen Kultur. — Aut dem Gebiete der schonen Kiinste behauptet jedoch Italien innner noch einen sehr anerkennenswerthen Rang, wozu nebst der gliicklichen Begabung des Volkes die zahlreichen Kunstanstalten und die Schatze der einstigen Grosse des Landes sehr viel beitragen. Italien tr> aomit in sich die Vorbedingungen fur eine grossere Entwickelung seiner geistigen und materiellen Wohlfahrt. 275 V. Das Kftnigreich Spanien. §. 140. Bestandtheile. Beviilkerung. QMeilen Einwohner 1. In Europa; KOnigreich Spanien und die Balearen-Inseln 8776 16,075.000 2. „ Africa: Provinz der kanarischen Inseln (152 QM., 227.000 Einw.), die Presidios in Nord- africa (1. 5 DM., 12.000 Einw.), die Gui- nea-Inseln (23 DM., 5600 Einw.) u. a.. 176 S 244.600 3. „ A s i e n: Generalkapitanat der Philippinen (der grOsste Theil der Philippinen, die Babuyanen-In- seln, ein kleiner Theil der Baschi-Inseln, die Marianen). 2500 3,500.000 4. „ America: Generalkapitanate Cuba und Puerto-Rico, die Jungfrau-Inseln. 2500 1,400.000 Gesammtmonarchie.. .. 13.952, 21,219.600 Nach der Nationalititt (in Europa) fast ausschliesslich Spanier, dann etwa % Million B as ken (in Biscaja nnd Navarra), Moris cos oder Mod ej ares, Reste der Mauren (in den Thalern der Sierra Nevada nnd Sierra Morena), deut- sche Kolonisten (in der Sierra Morena), viele Zigeuner (Gitanos), wenig Juden. — Die romisch-katholische Kirche ist mit Ausschluss jedes andern Kultus die allein herrschende. ■—■ Grenzen: Im N. der Biscaysche Meerbusen, Erankreich; im 0. das Mittelmeer; im S. das Mittelmeer, die Strasse von Gibraltar, der Golf von Cadix; im W. Portugal, der atlantische Ocean. — Untheilbare konstitutionelle Erbmonar- chie in mannlicher und weiblicher Linie des romisch-katholischen Hauses Bourbon jiingerer Einie. Bodenverhaltnisse und Kliina. Die hesperische Halbinsel ist ein zusammenhangendes Hoc hi and, ein abgeschlossenes Ge- birgsganzes. Zwei grosse (2000' bis 2600' hohe) Hochebenen bilden ein Tafelland, welches im Norden und Siiden Hochgebirge begren- zen, und aus welchem sich von Ost nach West parallele Gebirgs- ziige erheben. — Die Hochebene von Altcastilien und Leon wird begrenzt im Norden vom kantabrisch - asturischen , im Nordwesten vom iberischen und im Siiden vom castilischen Scheide- gebirge; zwischen dem castilischen und dem andalusischen Scheide- gebirge dehnt sich die Hochebene von Neucastilien aus, — erstere bewassert der Duero, letztere der Tajo. Die Tiefebe- nen an den Kiisten sind von verhaltnissmassig geringer Ausdeh- nung: die aragonische am untern Ebro, die andalusische am untern Quadalquibir. — Sammtliche Gebirgsziige gehoren zum pyrenaischen Gebirgssysteme. — Siehe §. 26. S. 32. Das Klim a ist sehr verschieden. In den Hochpyrenaen und in der Sierra Nevada ist es am rauhesten und kaltesten, das centrale Tafelland hat kontinentales, die niederen Kustenstriche haben oceanisches Klima. Nach horizontaler Ausdehnung kann man unterscheiden : eine nor dliche Zone, welche wohlbewassert, baum- und wiesenreich und milde, den nordlichen Kustenstrich und Ga- licien umfasst; die mit tie re, das ganze Innere Spaniens umfas- send, ist diirr, im Winter kalt, im Sommer heiss, verbrannt, und fast ganz baundos; die siidliche sehr heisse, erzeugt Siid- friichte und die feurigsten Weine. Wahrend auf den Hochebenen die mittlere Jahreswarme an 15 0 R. betragt, ist diese an den Kflsten um ein paar Grad hoher und die Sommerwarme steigt in Granada 18 * 276 und Andalusien fast zur africanischen. Dio Kegenmenge ist eine geringe (beilaufig 10"); Hauptwinde sind im Nordwesten der kalte GalOgo, im Siiden der erstickend-heisse Solano. Gewiisser. Der Atlantische Ocean und das Mittel- meer bespiilen das Land, und schneiden mehrere Golfe und fur den Seehandel sehr geeignete Buchten und Hafen ein. Der Ocean bildet die Golfe von Ferrol, Coruna und Cadix, das Mittel- meer die Golfe von Almeira, Cartagena, Alicante und Valencia. 250 Leguas (20 = 1°) der Kiiste entfallen auf das Mittelmeer und 237 auf den Atlantik. — Die F1 ii s s e, von denen nur wenige schiffbar, im Sommer gewohnlich wasserarm sind, wah- rend die kleinen ganz austrocknen, ergiessen sich in die beiden Meere. Dem Atlantik fliessen zu: der Min ho aus Galicien, zum Theile Grenzfluss gegen Portugal; der Duero aus dem iberischen Gebirge, Spaniens grosster Fluss; der Tajo, der Guadiana und der Guadal quib ir, der wichtigste Fluss des Landes, der wasserreichste und fur die Schiffahrt, welche bei Sevilla beginnt, der geeignetste. In das Mittelmeer: der Segura, Xucar, Gua¬ dal avia r und der schiffbare E br o. — Siehe §. 43. S. 52 und 53. — Grossere Landseen gibt es nicht, wohl aber an der Ost-, zum Theil auch an der Siidkiiste Lagunen und Teiche. Der einzige nennenswerthe See ist der fischreiche Albufdra bei Valencia. — Unter den wenigen und meistens entweder gar nicht oder nur un- vollstandig ausgebauten Kanalen ist nur der von Kaiser Karl V. begonnene Kaiserkanal wichtig. Er beginnt unterhalb Tudela am Ebro und reicht bis unterhalb Saragossa. — Mineralquellen besitzt das Land viele von verschiedenen Temperaturen und Be- standtheilen. Politische Eintheilung. Spauien bestand nach seiner fruhe- ren, auf die Geschichte des Landes sich griindenden Eintheilung aus vier Haupttheilen: Castilien, Aragonien, Navarra und den baskischen Provinzen, wozu noch die K o 1 o n i e n kamen. Diese Haupttheile bestanden aus mehreren Provinzen. — Im Jahre 1833 wurde eine neue Eintheilung der Gesammtmonarchie in 49 Provinzen vorgenommen: 1. das eigentliche Spanien, das Fest- oder Mutterland (peninsula) mit 47 Provinzen; 2. die be- nachbarten Besitzungen (adyacentes), als : die Balearen, die an der Nordkiiste von Afrika gelegenen festen Platze (los presidios de Africa), die kanarischen und Guinea - Inseln (48. Provinz) und 3. die uberseeischen Kolonien (ultramar) als 49. Provinz. — Bekannter und gebrauchlicher ist die a 11 e Eintheilung. Bemerkenswerthe Orte sind *): A. Das Reich Castilien. 1. Konigreich Neucastilien und Landschaft la Mancha: Madrid (302.000), Guadalaxara, Toledo, Aranjuez, Cuenca, Ciudad Beat, Almaddn, Alcala. 2. Konigreich A1 teas ti lien: Burgos (16.000), Avila, Segovia, Escorial, Soria, Logrono, Santander. 3. Konigreich Leon: Valladolid (21.000), Salamanca. Leon. *) Zur Aussprache: c vor e und i => ss, sonst = k; — ch = tsch; — g vor e und i = ch, sonst = g; — j =■ ch; — 11 = lj; — h — nj) — x im All- gemeinen = ch; — 7, = gelindes s. 277 4. Fiirstentbum Asturien: Oviedo (20.000), Gijon. 5. Konigreich Gali cien: La Coruna (20.000), ElFerrol, San Jago de Com- pestella, Lugo. 6. Landsehaft Estremadura: Badajoz (12.000), Merida, San Juste. 7. Konigreich Andalusien (oder Konigreiche Sevilla, Cordova, Jaen): Se¬ villa (152.000), Cadix (72.000), Jaen (20.000), Cordova (38.000), Xeres de la Frontera, Huelva, Palos. (Cap Trafalgar und Cap Tarifa.) Zur Provinz Cadix gehoren die vier befestigten Stadte (Presidios) an der Nordkiiste von Maroeeo in Africa: Ceuta, Pehon de Velez, Alhucemas, Melilla, und die 3 Zaffarinen-Inseln (l 1 /, U]Meile mit 12.000 Ein- wohnern). 8. Konigreich Granada: Granada (100.000), Malaga (113.000), Almeria. 9. Konigreich Murcia: Murcia (110.000), Cartagena (34.000), Albacete. Die 12 kanarischen Inseln liegen 15 Meilen vom africanischen Cap Bajador im atlantischen Ocean. Die 7 griisseren (Teneriffa, Gran Canaria, Palma, Lanzerote, Fuerteventura, Gomera und Ferro) sind bewohnt. Sie baben mildes, gleichfOrmiges, sehr gesundes Klirna, liefern viel Wein, Sudfrtichte, Getreide, Baumwolle; der Ackerbau ist vernachlassigt, die Zucht der Seiden- raupe, der Fischfang und Seehandel bedeutend. Hauptort: Santa Cruz de Teneriffa (9000). B. Das Reich Aragonien. 1. Konigreich Aragonien: Zaragoza (oder Saragossa 83.000), Terudl, Huesca. 2. Filrstenthum Catalonien: Barcelona (252.000), Tarragona, Tortosa, Lerida. In der Provinz Lerida liegt die Iicpublik Andorra im gleichnamigen Hoehthale (9 QM., 16,000 15inw.). Unter den 34 Dorfern und Weilern ist Our die am wiebtigsten. Die selbstgewaltlte Rathsversammlung besteht aus 24 Mitgliedern; den Vorsitz mit der Exekutivgewalt hat der auf Lebenszeit gewahlte Syndicus, dem 2 Landvogte (Vegueres) zur Seite stehen, deren einer vom Bischofe zu Urgel (in Catalonien), der andere von Frankreich er- nannt wird. 3. Konigreich Valencia: Valencia (146.000), Murviddro, Castellon de la Plana, Alicante. 4. Konigreich Mallorca: a) die Balearen (77 [DM.); 3 grossere Inseln, Mallorca, Hauptort Palma (36.000), Menorca, Cabrera ; b) die Pithyusen (9 DM.): Ivica, Formentera. C. Das Reich Navarra. 1. KSnigreieh Navarra: Pamplona (12.000), Tudela. D. Die baskisclien Provinzen: Biscaya, Guipuzcoa, Alava mit den Stadten: Bilbao, San Sebastian, Vittoria, Tolosa. Besondere Hervorhebung verdienen die Stadte: Madrid, die kOnigl. Residenz, fast in der Mitte des Reiches am Manzanares- Fliisschen auf einer wasserarmen Iloehebene gelegen. Der konigl. Palast einer der priicbtigsten in Europa; Palast Buen Retiro mit grossen Garten. Universitat, meh- rere Akademien und gelehrte Institute mit reichen Sammlungen, besonders Gemalden. Grosse Cigarrenfabrik, sonst nicht bedoutende Industrie. National-Bank, Handels- gesellschaft der fiinf Gremios. Schtine Spaziergiinge (Orado); grosses Amphitheater fur Stiergefechte. In der Nahe konigl. LustschlOsser, darunter El Escorial, in einer Eintide am Guadarrama-Gebirge mit dem von Philipp II. nach dem Siege von St. Quentin 1557 erbauten prachtvollcn Kloster, dem Begrtibnisse der spanischen KOnige. Reiche Bibliothek und Gemaldesammlung. Toledo, ehemalige Residenz der maurischen Konige mit dem Sitze des ersten Erzbisehofes von Spanien. Sevilla, beriihmte Kathedrale mit dem hohen Giralda-Thurme; Alcazar, der Palast der mau¬ rischen Konige; BOrse mit reichen Urkunden iiber die von spanischen Seefahrern gemachten Entdeckungen; grosste Tabakfabrik in Europa; sehr lebhafte Industrie und bedeutender Handel. Universitat nebst andern gelehrten und Spezial-Lehr- anstalten. Granada, romantische Lage in fruchtbarer Gegend; Ueberreste alter Pracht; Alhambra (Palast der maur. Konige), viele Alterthfimer; Universitat; ba- rilhmte Kathedrale. 278 Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die naturliche Bodenbeschaffenheit und das Klima sind in dem grossten Theile Spaniens der Bodenkultur sehr giinstig; allein derselben wird noch lange nicht die wiinschenswerthe Aufmerksam- keit zugewendet, obwohl in neuester Zeit die zahlreichen landwirth- schaftlichen Yereine zur Hebung dieses Nahrungszweigea erspriess- lich thatig sind. Nur wenig mehr als die Halfte des Flacheninhal- tes nimmt das bebaute Land ein (etwa 25 Millionen Hectaren h 1. 74 Wiener Joch); auf das unbebaute Land mit den Haiden und auf den unproduktiven Boden entfallen je 15%> auf die Waldungen jedocb kaum 3%- Allerdings ist die Diirre des Bodens und der Wassermangel ein Hemmniss der Bodenbebauung , welches durch die nicht ausreichenden Bewasserungsanstalten und Kanale nicht gehoben wird; und der geringe Waldstand iibt auf die klimatischen Verhaltnisse einen nachtheiligen Einfluss aus. Wird auch eine re- lativ nur geringe Flache und wenig rationell und fleissig angebaut; so deckt doch in der Regel die dermalige Produktion an Getreide den heimischen Bedarf, in guten Jahren gelangen Produkte des Ackerbaues noch zum Export. Am meisten wird Weizen ange¬ baut , dann Gerste; in den nordlichen Gegenden mehr Roggen, Hirse und Buchweizen, in den mittleren Mais, in Catalonien und um Valencia Reis. £?ehr bedeutend ist die Produktion an Hulsenfriichten, Gemiisen und feinen Gartenfruchten. Der Suden liefert vorziigliche Siidfruchte (Mandeln, Rosinen, Feigen, Datteln, Orangen, Kastanien u. s. w.) in den Handel. Wichtig ist der Olivenbau, obschon das Oel wegen mangelhafter Behandlung dem franzosischen und italienischen nachsteht. Fur Safran ist es das wichtigste Land in Europa (in Neucastilien, namentlich um Cuen 9 a); von Bedeutung sind ferner: die F&rberrothe (Segovia, Ga- licien, Leon, Estremadura) , Sumach oder Gelbholz (Valladolid), Waid, Krapp, Saflor, spanischer Pfeffer (Estremadura), Siissholz, Hanf und Flachs (Castilien, Galicien, Leon), etwas Baumwolle in Valencia und Granada. Die Zuckerpflanzungen (um Malaga) haben in den letzten Jahren im Durchschnitt an 75.000 Zentner Zucker- rohr gegeben. Einer der wichtigsten Exportardkel ist der Wein; die Vortrefflichkeit der siidspanischen Weine ist bekannt, nament¬ lich.- Xeres, Malaga, Alicante, Tinto, Malvasier u. a. Die Jahres- produktion kann auf etwa 18 Millionen osterreichische Eimer (an 63 Millionen Arrobas) geschatzt werden. — Die untergeordnete Stufe, auf welcher die Forstkultur steht, erklart den Holzmangel in den meisten Provinzen, ausgenommen in den nordlichen Ge¬ genden. In der Viehzucht nimmt seit jeher die Schafzucht den ersten Rang ein, wenn gleich die Wolle nicht mehr die ehemalige Beruhmtheit geniesst. Die Zahl der Schafe wird auf 19 Millionen geschatzt, worunter 7 Millionen Wanders chafe (merinos) mit langer feiner Wolle, die iibrigen von geringerer Race und der jahr- liche Wollertrag soil sich auf 85 Millionen Pfund belaufen, wovon noch immer ein ansehnlicher Theil, wenngleich weniger als ehemals, nach England abgesetzt wird. Die Merinos leben stets in freier 27 !) Luft, im Sommer ziehen die Heerden (10.000 bis 40.000 Stuck) in den gebirgigen Gegenden, im Winter haupts&chlich in Estrema- dura herum. Die Heerdenbesitzer bilden (im Jahre 1854 neuer- dings organisirte) Korporationen (mesta), das Umherwandern und Abweiden geschielit nach bestimmten Gesetzen. — In den Gebirgen ist die Ziegenzucht, in Estremadura die Schweinezucht, jn den Nordprovinzen die Zucht zahmer Rinder, im Guadarrama-Gebirge, in Navarra und der Sierra Morena jene der wilden Stiere (zu Stier- gefecbten) am erheblichsten. — Ein vorziiglicher Pf erdeschlag ist in Andalusien, doch wird dem Maulthiere und Esel eine noch grossere Aufmerksamkeit zugewendet. Nennenswerth sind endlich: die Bienen- zucht (Sevilla, Cordova), die S eidenzuc h t (Valencia, Murcia). Coche¬ nille und Kermes (Valencia, Alicante), Canthariden oder spanischen Flie- gen. Die Fischerei auf Thunfische und Sardellen ist ziemlich bedeutend. Der Bergbau ist in Spanien hochst wichtig. Die Erzak- lungen des Alterthums von den fabelhaften Reichthiimem des Landes an edlen Metallen geniessen zwar keine grosse Glaubwixr- digkeit, dessungeachtet kann ein ehemals relativ grosser Reich- thum nicht gelaugnet werden. Nach der Entdeckung America’s ist der Silber- und Goldreichthum Spaniens, theils wegen der Ver- nachlassigung des Bergbaues im Mutterlande, theils wegen der verhaltnissmassig viel grosseren Menge edler Metalle in der „neuen Welt" auf ein sehr bescheidenes Mass herabgesunken. In neue- ster Zeit wird dem Bergbaue wieder eine grossere Sorgfalt zuge¬ wendet; besonders erheblich ist die Ausbeute an Blei, Queck- silber und Eisen; auch Kupfer, Silbererze und Steinkohlen so- wie andere mineralische Produkte werden in ansehnlicher Menge gewonnen. Im Jahre 1856 standen 386 Gruben im Betriebe und die Ausbeute betrug an: Blei iiber 5 Millionen, Quecksilber liber 420.000, Eisen iiber 1 / 2 Million, Kupfer iiber 1% Mil¬ lion, Silbererze 770.000 (mit etwa 300.000 Mark Silber) und Steinkohlen nahe an 2 Millionen Zentner. Die ergiebigsten Bergwerke sind : fiir Zinnober und Quecksilber Almaden, Blei Al- pujarras in Granada, Eisen Asturien, Leon, Granada, Sierra Mo¬ rena, Kupfer Sierra Nevada, Rio Tinto u. s. w. Die bedeutendsten Hiittenwerke sind in Almaden, Rio Tinto (Cementkupferfabrik), Malaga (Eisenhiitten), Cartagena (Bleischmelzhiitten), Hellin (Schwe- felhiitten) u. a. — Sehr grossen Reichthum besitzt endlich das Land an Steinsalz, Salzquelien und Seesalz; 87 Salinen, unter de- nen jene zu Cardona die wichtigste ist, erzeugen jahrlich etwa 5'/ 2 Million Zentner Salz; Seesalz gewinnen Sevilla, Cadix, Va¬ lencia und die Balearen. In der gewerblichen Industrie nimmt Spanien keine her- vorragende Stelle ein. Auf eine langdauernde Vernachlttssigung gewerblicher Thatigkeit, welche theils index- Bequemlichkeit und den geringen Bediirfnissen des Volkes, theils in den haufigen inne- ren Unruhen und Kriegeri und in dem ausgedehuten Monopol- systein ihren Grund hatte, folgte in neuerer Zeit ein erfreulicher Aufschwung, der zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft berech- tiget. Gegenwartig deckt die einheimische Industrie im Allgemeinen 280 noch nicht den Bedarf; sie ist jedoch mannigfaltig und in manchen Artikeln so vorgeschritten, dass sie eine Konkurrenz mit dem Aus- lande wohl auszuhalten im Stande ist. Die Hauptsitze der Indu¬ strie, insbesondere des eigentlichen F a briks wesen s, sind Ca- talonien und die baskischen Provinzen; doch ist auch in Valencia, Galicien, Asturien, in Andalusien und Murcia das Ge- werbewesen ziemlich ausgebreitet. — Hinsichtlich des Umfanges des Geschaftsbetriebes sowie der Qualitat der Produkte nimmt die im raschen Aufbliihen begriffene B au m w o 11 - Industrie den er- sten Rang ein, und zwar in Catalonien (Barcelona, Vich, Tarragona, Reus, Mataro), zum Theile auch auf den Balearen und in Valen¬ cia. Die Einfuhr an Baumwolle steigt fortwahrend, die Zahl der Spindeln soil an 1 '/ 4 Million betragen, welche die hochsten Num- mern von Garn liefern und dermalen diirften an 150 Dampfmaschinen in den Baumwollenfabriken Cataloniens thatig sein. Die Seiden- industrie hat ihren Sitz gleichf'alls in den Konigreichen Catalonien und Valencia, zum Theil auch in den Umgebungen von Madrid, Toledo, Talavera, Sevilla, Malaga, Saragossa und Granada. In Valencia selbst werden nahezu jahrlich an ! / 2 Million Pfund roher Seide gesponnen und iiber 1 ’/ a Million Ellen Seidenzeuge fabrizirt. Die S c h afwollindustrie steht in keinem Verhiiltnisse zu der Menge und Qualitat des im Lande gewonnenen Rohproduktes; die besten Waaren erzeugen Segovia, Barcelona und Burgos. Fur Wollen- tiicher sind erwahnenswerth : Terraza, Burgos, Segovia, Guadalaxara, Alcoj u. a.; fur Wachstuch: Barcelona. Die Erzeugung an Lein- wan d und Damast (Galicien, Valencia, Malaga u. a.) ist nicht erheblich; wichtiger ist jene von Segeltuch in einigen Seestadten. Bedeutender ist die Fabrikation von M et all waaren, obwohl ebenfalls nicht im Verhaltnisse zur Roherzeugung des Landes. Die meisten Eisenhammer sind in Biscaya, auch in Burgos, Leon und Cuen 9 a, das grosste Eisenwerk ist in Malaga. Geschatzt werden die Feuergewehre (Cybar und Plasencia in Biscaya), Messer, Klingen (Toledo), Bijouterie-, Gold- und Silberwaaren (Madrid, Sevilla, Bar¬ celona u. a.), Kanonen (Sevilla, Barcelona) u. s. f. Madrid liefert gutes Porzellan (konigliche Fabrik), Alcora und Medina Fayence und Topferwaaren, S. Ildefonso (in Segovia) Spiegel. Beriihmt sind die im grossartigsten Massstabe betriebenen Ledergerbe- reien Cataloniens, dann von Cordova, Malaga, Burgos und Toledo, sowie die Weissgerbereien in Valladolid, Sevilla, Granada. Schone Seife erzeugen Mataro, Alicante, Valenca, Malaga. Die Fabrikation und der Verkauf des Tabaks ist Staatsmonopol; die grosse Cigarrenfabrik in Sevilla liefert taglich 650.000 Stuckzunachst steht Madrid. Das meiste Papier er¬ zeugen die Papiermiihlen in Catalonien und Valencia. Endlich be- stehen Branntweinbrennereien , einige Bierbrauereien, Zuckerraffine- rien u. s. f. Der Handel Spaniens hat die hohe Bedeutung, welche ihm die reichen Entdeckungen und Eroberungen in der neuen Welt, die gewinnreichen Geschaftsverbindungen mit beidea ladiea ver- schafft hatten, langst verloren. Nach den grossen Kampfen in un- 281 serem Jahrhunderte war derselbe noch mehr gesunken, und erst in den letzten 20 Jahrsn ist wieder ein progressiver Aufschwung be- merkbar. Zu Anfang dieses Jahrhunderts erreicbte der Werth des Jahres -1 mp or t e s etwa 220 Millionen, des Exportes 210 Mil- lionen Realen (4 10 % Neukreuzer); im Jahre 1857 dagegen war der Import schon fiber 1500 Millionen, der Export auf nahezu 1170 Millionen Realen gestiegen*). Der st&rkste Verkehr ist mit den americanischen und africanischen Kolonien, auf welche fiber % des erwahnten Geldwerthes kommen; bedeutend geringer sind die Geschiifte mit Ostindien. Die Ha n d e 1 s ma rine zahlt fiber 5200 Schiffe mit etwa 220.000 Tonnen (ungerechnet die Kfisten- fahrer). Die wichtigsten Seeplatze sind: Barcelona, Valencia, Alicante, Cartagena, Malaga (Ausfulir der Sudfriichte und Wein), Cadix (Hauptplatz fur den Kolonialhandel), Coruna, Gijon, Santan¬ der, Bilbao und San Sebastian. — In grosser Ausdehnung wird der S chmuggelhandel betrieben (mit Frankreich, Portugal und den Englandern in Gibraltar) , und es wurde vor wenigen Jahren der Betrag desselben auf 30% mehr als der des gesetzmassigen Handels angegeben. Der Binnenhandel ist wegen Mangels an guten Strassen, an 8chiffbaren Flfissen, Kanalen und guosseren Eisenbahnlinien ziemlich beschrankt. Den Verkehr im Innern vermitteln: Madrid, Sevilla, Burgos, Saragossa, Cordova, Granada und Murcia. — Fiir die Forderung des Handels bestehen in neuester Zeit mehrere Ban- ken (Madrid, Barcelona, Cadix, Malaga, Valladolid, Coruna), die industrielle und kommerzielle Kreditgesellschaft in Madrid, viele Assekuranzen, Handelsrathe, Handelsschulen und Konsulate, und eine sehr lebhafte Dampfschiffahrts - Verbindung langs der Kiiste. Die geistige Kultur hat im grossen Ganzen die gleichen Wandlungen durchgemacht, die wir auf dem Gebiete der materiel- len Thatigkeit der Spanier gesehen haben. Von der hohen. Stufe, auf der sie vom 15. bis zum 17. Jahrhunderte gestanden, sind sie allmalig herunter gestiegen und erst in neuester Zeit ist wieder eine erfreuliche Veriinderung eingetreten. .Die. Zahl der Volksschu- len ist weder ausreichend, noch befinden sie sich in einem unserem Zeitgeiste entsprechenden Zustande, der allgemeine Bildungsgrad der grossen Masse ist sonach ein geringer. Die gelehrten Mittel- und Hochschulen stehen den analogen deutschen Anstalten weit zurttck, fiir technische und kommerzielle Fachbildung ist gleichfalls noch viel zu wenig geleistet worden. Es ist jedoch sichere Aus- sicht auf entschiedene Besserung vorhanden, indem in den letzten Jahren ein ernstes, entschlossenes Vorwartsstreben, ein Aufschwung in der gesammten geistigen und materiellen Thatigkeit der Na- *) Beim Import sind am bedeutendsten: Zucker (110 Millionen Realen), Baum- wolle (90 M. R.), Wollwaaren (43 M. R.), Cacao (42 M. R.), Stockflsche, Banm- woll-, Seiden- und Leinenwaaren, Maschinen n. s. f., — beim Export: Weine (290 Millionen Realen), Mehl (125 M. R.), Korn (84 M. R.), Blei (83 M. R.), Oli- venal (67 M. R.), Qnecksilber (25 M. R.), Scbafwolle (22 M. R.), Salz (17 M. R.), Reis, Seife, Gerste u. s. f. 282 tion, gefordert durch die Bemiihungen der Eegierung, sich bemerk- bar macht. VI. Das Kdnigreich Portugal. §. 141. Bcstamltlieilc. Bevfilkerung. QMeilen Einwohner 1. Das Mu tterl and . { Azoren 1 Madeira-Gruppe >. Kapverdische j 3. DieKolonien; in Asien: VicekOnigreich Indien mitt den Gouvernements: Goa, Damao,! Diu (in Vorderindien), Macao (ink China), Diild auf der Insel Timor, u. a. in Africa (ausser den oberwahnten' Inseln) die Gouvernements: St. Tho¬ mas und do Princide und einige Fak- toreien (Guinea), Angola und Ben- > guela (Westrand von Siidafrica), Niederlassungen auf der Kliste Mo¬ zambique. Gesammtmonarchie *). .20.383 6,000.000 Nach der Nationalitat (in Europa) moist l J ortugiesen, ein Mischlingsvolk wie die Spanier, dann Gallegos (Galicier), Englander, Franzosen, Deutsche und Italiener. — Die r&misch-katholische Kirche ist Staatsreligion. Den Protestan- ten und Juden ist die AusiibuDg ihres Ifultus gestattet. — Grenzen: im A. und 0. Spanien, im S. und W. der atlantische Ocean. — Untheilbare, konstitutionelle Erbmonarehie. Die Thronfolge geschieht in der in&nnliehen und weiblichen Linie des rOmiseh-katholischen Zweiges des Hauses Sach sen-Kob urg-Go tha, der durch Vermahlung mit dem letzten weiblichen SprOssling des Hauses Braganza iu den Besitz der Krone von Portugal gekommen ist. Oberfliiche und Klima. Portugal ist der westliche Abhang des centralen Hochlandes der pyrenaischen Halbinsel, welches sich von Osten nach Westen gegen den Atlantischen Ocean neigt. In diese geneigte Hochflache schneiden die vier bedeutendsten aus Spanien kommenden Flusse Min ho, Douro, Tejo, Guadi ana die Hauptthaler, aus welchen sich die rauhen Berginassen der *) Die Flach enza h 1 der portugiesischen Kolonien ist nur unsicher bekannt, und die Zahlen stimmen in den verschiedenon Schatzungen, besonders bei den Ko- lonien in Africa (welche ohnehin nicht gcnau abgegrenzt sind) gar nicht iiberein. Die wichtigsten auswiirtigen Besitzungen sind iibrigens Madeira und Goa, wah- rend die sogenannten africanischen Kolonien mit ihren Tausenden von Quadratmeilen grosstentbeils unkolonisirbare Wildnisse und sehr diirftig berolkert sind. — Die gleiche Unsicherbeit. herrscht bei der Bevolkerungszahl, da ofiiciell nur die Feuerstellen, nicht die Einwohner gezahlt werden. Die Anzahl der Feuerstellen mit dem gewohn- lichen Faktor (9 Kopfe auf 2 Feuerstellen) multiplizirt, gibt nahezu obige Zahlen. — Im Jahre 1860 ist ein Vertrag zwischen den Regierungen der Niederlande und Portugal liber die Grenzen der beiderseitigen Besitzungen auf Timor im ost- indischen Archipel geschlossen werden. Nach demselben gelangt Holland in den vollen und untheilbaren Besitz der nfirdlich von Timor gelegenen Inseln: Flores, Solor, Lomblem, Pantare nnd Ombai, sowie aller kleinen Eilande, welche zum Ar¬ chipel von Solor gehbren. Das von den Portugiesen abgetretene Gebiet ist an Hol¬ land gegen Bezahlung von 200,000 Gulden iiberlassen worden. 1740 3,500.000 143 200.000 250 1,000.000 18.250 1,300.000 283 West-Enden der spanischen Gebirgsztige erheben. Zwiscben Minho und Douro gehort die Bergmasse — Serra de Montezinho'— dem kantabrisch-asturischen Gebirge an (Gaviarra 7400'), zwiseben Douro und Tejo die Serra Estrella dem kastilischen Scheide- gebirge, zwischen Tejo und Guadiana dem Gebirge von Estrema- dura, und das andalusische Scheidegebirge sendet seine Auslaufer durch den siidlichsten Theil (Algarve) als Serras de Monhique bis zum Cap S. Vincent. An der Kiiste dehnen sich schmaleTief- ebenen aus, die breiteste siidlich vom Tejo. Bedeutendere Kiisten- fliisse sind der Mon d ego aus der S. Estrella (schiffbar von Coim¬ bra ab) und der fahrbare Sado aus den Serras de Monhique. — Portugal hat keine grosseren Landseen, wenig Sumpfland; fiber 50 Mineralquellen. In horizontaler Ausdehnung ergeben sich keine bedeutenden Verschiedenheiten der Temperatur, grossere nach vertikaler Erhebung, doch reichen die Gebirge nirgends in die Schneeregion hinauf. Das ganze Land liegt in der Zone des Oelbaumes und der Siidfruchte, und hat im Allgemeinen ein sehr gesundes K1 i m a. Wahrend die Kustenstriche durch Seewinde etwas mehr abgekiihlt werden, herrscht im Innern des Landes in den Sommermonaten africanische Hitze. Der Schneefall gehort zu den Seltenheiten, dessgleichen Hagel; Regen und Gewitter sind haufig im Herbst und Winter, urn welche Zeit auch Erdbeben um Lissabon und den Tejo - Landschaften offers bemerkt werden. (Lissabon, am 1. No¬ vember 1755.) Politische Eintheilung. Die Gesammtmonarchie wird in 8 Provinzen eingetheilt, an deren Spitze Civilgouverneure stehen; das Festland besteht aus 6 Provinzen, die benachbarten Inseln bil- den 2 Provinzen. Bemerkenswerthe Orle sind : 1. Provinz Estremadura: Lissabon, Santardm. Setuval. Lissabon (port. Lisboa) mit 270.000 Einw., prachtvolle Lage an der Miindung des Tejo, aber sehr unreinliche Stadt; viele Kirchen und Itloster; mehrere Palaste seit dem grossen Erdbeben (1755) nicbt ganz wieder hergestellt. KOnigl. Residenz und Sitz eines Patriarchen. Zahlreiche schone Landhauser (Quinta’s). Wichtig fiir den Handel, der fast ganz in Handen der Englander sich bclindct. Kriegsbafen mit dem Port Belem, wo die Schiffe anlegen. Bank, Borse, Schiffswerfte. Grosse Wasserleitung von Alcantara. 2. Provinz Alemtejo: Evora (12.000), Elvas; 3. Provinz Bdira: Coimbra (35.000), Lamego, Ovar; 4. Provinz Tras os Montes: Braganza (16.000), Villa Real; 5. Provinz Entre Minho e Douro: Oporto (81.500), Braga, Vianna, Guimaraes; 6. Provinz Algarve: Faro (17.000), Tavira, Sagres; > 7. Provinz der Azoren: Eine Gruppe von 9 bewohnten Inseln (Corvo Flores, Pico, S. Jorge, Fyal, Graciosa, Terceira, S. Miguel die grOsste, S. Maria); alle vulkanischer Natur; sehr mildes gesundes Klima. Der Ackerbau ist nicht er- beblich; dagegen produciren die Inseln Siidfdichte und Wein von vortrefflicher Qua- litkt und unterhalten lebhaften Seehandel. Die bedeutendsten Hafenplatze und Orte sind: auf Terceira: Angra (24.000), auf S. Miguel: Punta Delgado (29.000). 8. Provinz Maddira: Die vulkanische Gebirgsinsel Madeira, Hauptort Funchal (25.000), hat ein gleichfdrmiges, sehr gesundes Klima und ausgezeichne- ten Weinbau. Auch Porto Santo ist bewohnt. — Die Inseln des grunen Vor- gebirges sind ungesnnd und wenig fruchtbar; ihr Hauptprodukt ist Salz. 284 Xulturverhaltnisse im Allgemeinen, Der sehr fruchtbare Boden und das der Vegetation zutragliche Klima begiinstigen in hohem Grade die Bodeakultur; doch wird der Landwirthschaft bei weitem nicht die wiinschenswerthe Sorg- falt zugewendet. Das eigentliche Ackerland, zumeist in den nord¬ lichen Provinzen, nimmt nur etwas mehr als 18% der Gesammt- flache ein, und deckt kaum den Bedarf des Landes an Getreide; die Reiskultur gewinnt hingegen an Ausdehnung. Noch schwacher ist der Wiesenbau bestellt, auf welchen kaum 1 % % entfallen; die Forstkultur mit etwa 4% % der Area ist ebenfalls nicht aus- reichend. Reich ist das Land an Siidfruchten, besonders in Al¬ garve, wahrend die mitteleuropiiischen Obstarten in der nordlichen Landeshalfte in grosser Menge gebaut werden; auch der Hanf- und Flachsbau ist in den nordlichen Gegenden von Bedeutung. Der wichtigste Exportartikel ist der Wein, insbesondere sind beruhmt die Weine von Oporto , dann um Lissabon, Setuval. — Auf einem verh<nissmassig besseren Stande steht die Viehzucht. In den Agrikulturgegenden des Nordens wird schones Rindvieh gehalten; sehr bedeutend ist die Zucht der Maulthiere und Esel, namentlich in Tras os Montes; die Schafzucht wird wie in Spanien betrieben, zumeist in Beira und Alemtejo, in den Gebirgen ist die Ziegen- zucht stark verbreitet; die Bienenzucht wird im Grossen nur in Alemtejo und Beira, die Seidenraupenzucht in Tras os Montes ge- pflegt. Die Seefischerei liefert Thunfische und Sardellen in gros¬ ser Menge. Der Bergbau ist bis jetzt ganz vernachlassigt, obwohl Spuren wahrscheinlich ansehnlichen Reichthums an edlen und un- edlen Metallen vorhanden sind. Die dermalige Gewinnung von Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei, Steinkohlen u. s. f. ist kaum nennenswerth. Seesalz wird (besonders um Setuval, Aveiro) weit tiber den Bedarf gewonnen, Quellsalz nur bei Santarem am Tejo. Hat sich in neuerer Zeit die gewerbliche Industrie auch gehoben, so reichen die Erzeugnisse fast in keinem Zweige firr den inlandischen Badarf aus, und auch hinsichtlich der Qualitat stehen die meisten Artikel den ahnlichen Produkten anderer Lan¬ der zuriick. Im Jahre 1855 berechnete man die Zahl der industriel- len Etablissements mit 1600 und die Zahl der darin beschaftigten Arbeiter nur mit 20.000, was auch auf einen geringen Umfang der meisten Etablissements schliessen lasst. Die industriellsten Orte und Oporto. Relativ am starksten ist die Industrie der Webe- und Wirkwaaren, namentlich die L eine nindustrie (in Douro und Minho, Beira und Lissabon), dann in Baumwollwaa- ren (Oporto, Braga, Braganza, Lissabon und Evora), firr Seide bestehen an 50Iabriken (Lissabon, Oporto, Braganza), firr Schaf- wolle sind Covilha (an der Siidseite der S. Estrella) und Porta- legre (Alemtejo) am bekanntesten. Erwahnenswerth sind Porzellan, Fayence und Glas, die Gold- und Silberarbeiten, das Tauwerk in Algarve, Hiite und Papier, einige Zuckersiedereien, Tabakfabriken und Branntweinbrennereien. Zur Hebung der Industrie haben sich in letzter Zeit zu Lissabon, Oporto und Coimbra Industrie-Asso- ciationen gebildet. Der aussere Ilandel, ebcmals grossartiger Welthandel, be- schrankt sich gegenwartig au£ die Seeplatze Lissabon, Oporto, Setuval, Faro und fiir den Verkehr nach Spanien Elvas, und ist beim Import zum grbssten Theile in den Handen der Englander. Regelmassige Dampfschiffahrt besteht zwischen Lissabon, Havre, Rotterdam und Brasilien. Zur Ausfuhr gelangen: rothe Portweine (tiber Oporto und Setuval), Sudfruchte, Oel, Seesalz, Schinken, Wolle, Kork; zur Einfuhr: Webe- und Wirkwaaren, Metalle und Metallwaaren, Kolonialwaaren, Modeartikel, lturz fast alle Artikel der englischen Industrie. Der Werth der Einfuhr betrug in den letzten Jahren beilaufig an 15 Millionen, jener der Ausfuhr an 9 Millionen Gulden. — Der innere Handel kann sich bei dem schlechten Zustande der Strassen , dem Mangel an schiffbaren Kanalen, der noch geringen Menge der Sehienenwege und trotz der schiffbaren Fliisse nicht entfalten. In der letzten Zeit haben sich einige Gesellschaften konstituirt (Bank von Portugal mit nahe 20 Millionen Gulden Stammkapital mit einer Filiale in Oporto, Weinhandelsgesellschaft in Oporto u. a.), um den Verkehr zu heben. Die geistige Kultur weiset ebenfalls kein erfreuliches Bild. Die lange nicht in ausreichender Anzahl bestehenden Schulen und der Unterricht befanden sich seit jeher in einem traurigen Zustande; gegenwartig erst beginnt eine grossere Rllhrigkeit. in dieser Richtung. Die politechnische Akademie in Oporto, mehrere Ackerbau-, Ge- Werbe-, Handelsschulen und nautische Lehranstalten haben ihre Thatigkeit begonnen, und es ist somit Aussicht auf Besserung die¬ ser Verhaltnisse vorhanden. Fiir gelehrte Bildung sorgen zun&ehst die Lyceen , die Universitat zu Coimbra und einige gelehrte Gesell¬ schaften. Bei der geistigen Begabung des Volkes , den giinstigen Uatiirlichen und klimatischen Verhalfnissen und der sehr giinstigen geographischen Lage des Landes diirfte bei ernstlicher Bestrebung ein Aufschwung in der physischen, technischen und geistigen Kul¬ tur zu erwarten sein. VII. Has Kaisertlmm Fraiikrelch. §. 142. Bestandthcilc. Bevolkernng. QMeilen Einwohner 1- Kaiserthum Frankveich (in Europa mit Savoyen [200 [HM.] und Nizza [80 DM.]). 9999 36,00b 000 Kolonien: in Asien: (Pondichery in Vorderindien). 6 206.000 in Africa: Algier. 10.145 2.880.000 „ „ (Senegal, Gorde, Reunion, St. Marie, Mayotta, Kossi-Be). 92 200.000 in America: (St. Pierre und Miquelon an der Siidkiiste von Newfoundland, Quadeloupe und ein Theil der kleinen Antillen, Insel Marti¬ nique 67 QM.; Guyana 1822. 1889 280.000 286 £]Meilen Einwohner in Australien: (Neu- Caledonien, Mendana- Archipel [Marquesas- und Washington-Inseln], Gesellscbaftsinseln und Gambier. 435 133.000 Gesammtmonarchie... 22,466 39,699.000 Naeh der Nation al i tat fast aussehliesslich Franzosen; im Norden etwa l”/ t Millionen Wallonen, ebensoviel Deutsche in Elsas und Lothringen, fiber 1 Mil¬ lion Bretonen (Kymren in der Bretagne), Italiener, Basken, Israeliten u. s. f. — Vom Staate anerkannt sind die katholische Kirche, die reformirte und lutherische Konfession, die Israeliten und in Algier die Muhamedaner. — Gr en zen: im N. Kanal Oder la Manche, Belgien, Deutschland ; im 0. Deutschland, die Schweiz, Sardinien; im S. das Mittelmeer, Spanien; im W. der atlantisehe Ocean. — Untheilbare kon- stitutionelle Erbmonarchie; die Thronfolge geschieht in der jn&nnlichen Linie des romiach-katholisehen Hauses Bonaparte. Bodenbeschaff'enhcit. Frankreich liegt zwischen zwei Meeren (dem Allan tik und dem Mittelmeer) und zwei Hochgebirgen Europa’s (den Pyrenaen und Alp en). Getrennt von den beiden Gebirgssystemen erhebt sich Plochfrankreich oder das siid- franzosische Bergland, welches durch Plateaulandschaften mit dem nordlichen deutsclien Berglande (Vogesen, Ardennen u. s. w.) in Verbindung steht. Mehr als die Halite des Landes aber gehort theils der wellenformigen Ebene, theils dem Tieflande an. Diese Ebenen, welche ein zusammenhangendes Gebiet von dem Fusse der Westpyrenaen bis an den Rhein bilden, werden „von einer schon geordneten Flusswelt“ reich bewassert. In der Halb- insel Bretagne erhebt sich ein kleines isolirtes Gebirgssystem. A. Die Grenzgebirge. Der (an 8000' hohe) Kamm der Pyrenaen scheidet Frankreich von Spanien; die Centralpyreniien sind reich an ewigen Schneefeldern und Gletschern, der Nordabfall sendet seine Auszweigungen in die sudfranzosischen Provinzen. Die Verbindung zwischen beiden Landern wird mittels vieler Passe und dreier Kunststrassen unterhalten. — Im Osten der Rhone erhebt sich der Westabfall der Westalpen; ein rauhes, wildes Gebirge mit zahlreichen Schneefeldern und Gletschern, mehreren nur fiir Saumthiere gangFaren Pfissen und zwei Kunststrassen. Zwischen dem Mittelmeere und der Durance (sp. Diiranss) erheben sich die Seealpen; zwischen den Thalern der Durance und der Is&re die cottiechen Alpen mit den beiden Kunststrassen, und zwar fiber den Pass des M. Genevre (sp. Schnfevr) und den Pass des M. Cenis (sp. Seni); — zwischen den Rhonethalern und der Isere die grajischen Alpen mit dem hochsten Berge Frankreichs (Mont Olan 12.960'). Der Kamm dieser Gebirge scheidet theilweise Frank- reich ^ von Sardinien. — Zwischen den Thalern der Rhone, Saone (sp. Sohn) ^und des Doubs (sp. Du) zieht sich als Grenzgebirge zwischen Frankreich und der Schweiz der Jura, im siidlicheren Theile der Kettenform , im nordlicheren der Tafelform angehorig, mit dicht bevolkerten, industriereichen Thalern, welche mittels Durch- gangen (cluses) mit einander verbunden sind, B. Das Bergland im Innern von Frankreich (welches nicht zu den Ausastungen der genannten Grenzgebirge gehort), be- steht aus einer Reihe einzelner Bergzuge und Plateaux, sammtlich 287 mit dem Charakter des Mittelgebirges und kann in abgeson- derte Gruppen zerlegt werden: 1. Das Hochland von Siidfrank reicb (Hochfrank- reich) hat semen Centralknoten in Hochterrassen im Quellge- biete der Loire, des Allier und der Ardbche (sp. Loar, Allife, Ardesch). Von hier ziehen die Sevennen (im Mittel 3000') gegen Siidwest bis zum Kanal von Languedoc. Gegen Norden erstrecken sich von den Hochterrassen bis zur tiefen Senkung (nur 933" Seehohe), durch welche der Kanal du Centre (sp ; dii Santr) oder von Charolais (sp. Scharola) geht, drei Bergketten: a) das Gebirge von Lyonnais und Charolais zwischen der Rhone mit der Saone im Osten, der Loire im Westen und dem erwahnten Kanal im Norden (M. Pilat 4200'), — b) das Gebirge von Forez (sp. Fori) zwischen Loire und Allier (Pierre sur haute 5000'), — c) das Hochland von Auvergne (sp. Owernj), welches durch einzelne Bergketten (Magaride-, Aubrac - Gebirge) mit der Hochterrasse in Verbin- dung steht. Dieses zeichnet sich durch wilde, imposante Ge- birgspartien, schauerliche Felsenthaler und Bergstrome, den Reichthum an kalten und warmen lleilquellen aus, und tragt uberall den Charakter vulkanischer Revolutionen (Cantal 5900', Mont d’or 5800', Puy de Dome 4500'). — Im Osten und Siiden fallt Ilochfrankreich unmittelbar zur Ebene herab, und zwar in das Rhonethal und zur Seekiiste; an alien iibrigen Seiten vermitteln Terrassenlandschaften den Uebergang zur Tiefebene, und zwar die Terrassen von Rouergue (sp. Ruirg) (zwischen den Sevennen und der Dordogne), von Limousin (sp. Limus&n) (zwi¬ schen der Dordogne und dem Cher) und von Bourbonnais (zwischen Cher und Allier). 2. Das nordostliche Mittelgebirge beginnt nord- warts der Bodensenkung des Canal du centre und heisst bis zur Senkung des Kanal von Burgund Cote d’or, welchem nordlich (im Quellgebiete der Seine) das Plateau von Lan- gres (sp. Langr) und nordostlich (zwischen Saone und Doubs) das Plateau von Hochburg un d vorgelagert sind. — Aus dem Plateau von Langres erheben sich die Montagnes de Faucille (sp. Montajn do Fossilj) (Sichelberge), welche mit den rasch aus der Rheinebene aulsteigenden Vogesen (Was- gau) und den am linken Maasufer nach Nordwesten ziehenden Argonnenwalde das Plateau von Lothringen ein- schliessen; im Norden dieses Plateaus und des Argonnenwaldes erheben sich die Ardennen. 3. Zwischen den Ausastungen des nordostlichen Mittel¬ gebirges und dem Berglande der Bretagne und der Nor¬ mandie breitet sich das Plateau von Orleans aus, wel¬ ches zu den TiefHndern der Seine (sp. Sehn) uud Loire sich herabsenkt. Diese beiden Pieflander mit jenem der Garonne bilden die Hauptmasse des franzosischenFlach- und Tieflandes, welches im Allgemeinen den Charakter der wellenformigen Ebene tragt und nur an den Kiisten vollig eben 1st. 288 Der Kiistenstrich zwischen den Miindungen des Adour und der Gironde ist Haideland (les landes), von der Gironde bis zur Loire ist die eintonige Kiiste von Sand- und Moorflachen (les sab¬ les und les marais) bedeckt. Am Mittelmeere ist die proven 9 a- lische Tiefebene, welche den westlichen Kustenstrich und das Miindungsland der Rhone umfasst. Die Rhone-Ufer gehoren zu den gesegnetsten Erdstellen, die Provence (sp. Prowanss) geniesst seit jeher den Ruf hoher landschaftlicber Reize und Fruchtbarkeit. Nur das Deltaland der Rhone macht davon eine Ausnahme, im Westen sind Sumpfgegenden, im Osten das Kieselfeld Crau (sp. Kro). Gewasser. Die Lage Frankreichs am oflenen atlantiscben Ocean mit seinen beiden Theilen, dem Canal oder la Mane he (mit der Bai St. Michel zwischen der normannischen und der bre- tagnischen Halbinsel) und dem Mittelmeer (mit dem Golf von Lyon) ist eine ausgezeichnete. Die Kusten der Normandie, Bre¬ tagne und Provence sind felsig, von der Seinemiindung bis Calais (sp. Kala) steil, die iibrigen sind mehr oder minder flach, sandig, zum Theil auch sumpfig, mit salzigen Strandseen (etangs) begleitet. Unter etvva 5000 fliessenden Wassern sind iiber 100 schiffbare Fliisse und von den sogenannten „2l Hauptfliissen (21 fleuves prin- cipaux)“ sind die vier bedeutendsten: Loire, Seine, Garonne und Rhone. Die Loire, der eigentliche Hauptstrom, die langste Wasser- rinne des Landes, verbindet das siidfranzosische Hochland mit dem centralen Flachlande. Fast ein Viertheil Frankreichs bildet ihr Quellgebiet, an ihren Ufern liegen machtige Stadte, durch ein ver- zweigtes Kanalsystem wird ihre Bedeulung fur die Schiffahrt miich- tig gehoben und sie miindet nach einem Laufe von 130 Meilen unterhalb Nantes (sp. Nant) bei Paimboeuf (sp. P&mbof) in den Ocean. — Ihre Nebenfliisse sind: (rechts) der Arroux, die Mayenne (mit der Sarthe), — (links) derAllier, Cher, Indre (sp. Aendr) und Vienne. — Die Garonne, aus den Pyrenaen, empfangt mehrere Fliisse aus den Pyrenaen und Sevennen, tritt bei Toulouse (sp. Tulus) in ein breites Thai, tragt nach der Einmiindung der Dor¬ dogne (sp. Dordojn) SeeschifFe und bildet, nun Gironde (sp. Schi- rond) genannt, unterhalb Bordeaux (sp. Bord6) den liingsten der franzosischen Limane. Die bedeutendsten Kiistenfliisse sind der Adour (bei Bayonne) und die Charante (bei Rochefort). — Die Seine entspringt mit mehreren Zufliissen am Cote d’Or, wird bei Troyes (sp. Troa) schiffbar und ergiesst sich in breiter Golfmiindung, an deren ausserstem Ende Havre liegt, in den normannischen Busen des Kanals. . Sie nimmt rechts die Aube (sp. Ob), Marne und Oise (sp. Oas), links die Yonne und Eure (sp. Oer) auf. Zwei paral- lele Kiistenfliisse sind ihre Begleiter, nordostlich die schiffbare Somme, siidwestlich die Orne. — In das Mittelmeer ergiesst sich die Rhone, welche aus dem Rhonegletscher entspringt und den Genfer-See durchfliesst. Dann wendet sich der Fluss nach Westen, bis er bei Lyon nach dem Einflusse der durch den Doubs verstarkten Saone sich gegen Siiden wendet, wo der 289 Untcrlauf beginnt. Unterhalb Avignon beginnt das Miindungsland und bei Arles (sp. Arl) die Deltabildung (Insel Camargue), deren ostlicher Arm die Hauptmiindung ist. Unter den Nebenflussen am linken Ufer sind die schiffbare Isere und die Durance die bemer- kenswerthesten. Dem Gebiete der Nordsee gehort der Grenzfluss Rhein an. Seine bedeutenden franzosischen Nebenfliisse die Mosel (mit der Meurthe [sp. Miirt] und Saar) und die Maas bewassern das Plateau von Lothringen. Iin nbrdlicben Hugellande (von St. Quentin [sp. San Kantan] bis CondQ fliesst die Schelde. — Land seen von Bedeu- tung hat das Land nicht, dagegen viele Strandseen, die wegen der reicblichen Seesalzgewinnung beaehtenswerth sind. Yon hoher Bedeutung ist die vielfach verzweigte Kan a 1 v er- bindung. Ueber 90 Kanale mit einer Gesammtlange von 635 Mei- len verbinden die Meere und alle grdsseren Flilsse des Landes un¬ ter einander, und bilden ein enges Netz guter Wasserstrassen. Die wichtigsten sind: 1. Der Siidkanal (Kanal von Languedoc) ver- bindet den atlantischen Ocean mit dem Mittelmeere. Er fuhrt aus der Garonne bei Toulouse, nordlich an Carcassone vorbei in den Strandsee Thau bei Adge, welcher durch den Hafen von Cette mit dem Mittelmeere inVerbindung steht. — 2. Der Canal du Centre (von Charolais) setzt die Loire mit der Saone in Verbindung. Er geht von Chalons (sp. Schalon) an der Saone bis Digoin (sp. Digoan) an der Loire. — 3. Der Kanal von Burgund vereinigt (durch dieYonne) die Seine mit der Saone und durch diese mit der Rhone; also eine VYasserverbindung des Kanals mit dem Mittelmeer (Havre, Paris, Lyon, Marseille). — 4. Der Rho n e-Rhei nkanal verbindet die Rhone durch Saone und Doubs mit dem Rhein, er geht fiber Be¬ gan eon, Miihlhausen nach Strassburg. — 5. Der Rhein-Marne- Kanal verbindet den Rhein mit der Seine; er fuhrt von Strassburg liber Nancy, Toul, Bar-le-Duc (Bar le Diik) nach Vifry an der Marne. — 6. Der Kanal von Bri a re mit seiner Fortsetzung, denr Kanale des Loing (von Montargis) verbindet die Loire mit der Seine; — dessgleichen der Kanal von Orleans, der aueh bei Montargis in den Kanal des Loing miindet. — 7. Der Kanal von Saint-Quentin verbindet die Seine (mittels der Oise) mit der Schelde und geht von Chauny (Schoni) (an der Oise) fiber St. Quentin bis Cambray. Aus diesem Kanal verzweigt sich der Kanal der Somme ilber Amiens zur Somme. Unter der grossen Menge von Miner aiquellen haben nur vvenige einen verbreiteten Ruf: Bareges (Baresch), Biariz (bei Ba¬ yonne) und Bagn&res (Banjbr) in den Pyreniien, Aix (Aehs) in der Provence, Plombieres, Vichy (Wischi) am Allier u. a. m. Klima. Frankreich hat im^ Allgemeincn ein gemassigtes und mildes Klima; doch bedingen die grosse horizontale Ausdehnung, die Nachbarschaft der Meere, die bedeutenden vertikalen Erhebun- gen eines Landestheiles und andere ortliehe Umstande mannigfache Abweichungen. An den Klisten des Mittelmeeres herrscht italie- nisches Klima und Oelbau, derNorden Frankreichs niihert sich den kiilteren Zonen Europa’s; die Mittelwarme des Jahres betragt in Ktua’8 Handols-Geographie. 2. Anil. JQ 290 der siidlichen Region an 14, in der ndrdlichen etwas fiber 8 Grad. Die westlichen Tiefebenen haben oceanisches, die ostlichen Berg- gegenden Binnenklima, die Gebirgsgegenden sind zum Theile sehr rauh. An den Kiisten des Mittelmeeres bringt der wnthende Mi¬ stral (Nordwestwind) bisweilen einen strengen Winter, die lauen Sudwinde hingegen richten niclit selten arge Yerheerungen (durcb Schmelzen des (Schnees) an. In den siidlichen und westlichen Ge- genden sind die Herbstregen, in den tibrigen Landestbeilen die Som- merregen vorherrsehend. Im Ganzen erfreut sich Frankreich eines gesunden, der Vegetation zutraglichen Klimas. Politische Eintheilung. Frankreich war vor der Revolution von 1789 in 36 Provinzen von ungleicher Ausdehnung einge- theilt, gescbichtlich in 51 Lan d s ch a ft en. Jetzt zerfallt es in 86 Departements, diese in 363 Bezirke oder Arrondis se¬ me nts, die letzten in (2847) Kan tone und diese endlich in 36.826 Gemeinden oder Kommunen. Jedes Departement wird von einem Prafekten, das Arrondissement von einem Unter- Prafekten, jeder Kanton und jede Kommmie von einem Maire (Biirgermeister) verwaltet. In militarischer Ilinsicht bildet Frankreich 5 Armee- nnd Landes-Ober- kommandos, die unter je einem Marschall stehen (Paris, Nancy, Lyon, Toulouse, Tours), und in 21 Divisionen zerfallen. In Bezug auf das Seewesen sind die Kiisten Frankreiehs in 5 S e e-P raf ek t u reu (Cherbourg, Brest, l’Orient, Rochefort, Toulon), mit See-Priifekten an der Spitze, eingetheilt. Eintheilung und Orte:*) 1. Isle de France (Departements: 1. Seine, 2. Seine und Oise, 3. Seine und Marne, 4. Aisne, 5.Oise): Paris (fiber 1% Mill. E.), St. Denis, Vincennes; Ver¬ sailles (36.000), Severs, Saint Cloud, Saint Germain en Layo; Melon (10.000), Fontainebleau; La on (10.000), Soissons, Saint Quentin; Beauvais (14.000), Noyon, Compihgne, Crespy. 2. Picardie (Departement: 6. Somme): Amiens (50.000), Abbeville, Saint Valery. 3. Artois (Departement: 7. Pas de Calais): Arras (25,000), Boulogne, Calais, Azinconrt, Saint Omer. 4. Flandern (Departement: 8. du Nord): Lille (80.000), Dunkirehen, Cam- bray, Valenciennes. 5. Champagne (Departements : 9. Ardennen, 10. Marne, II. Aube, 12 haute Marne); Mdziferes (5000), Charleville, Sedan; Chalons s u r Marne (15.000), Epernay, Kheims, Saint Mdnehould; Troyes (27.000), Clairvaux, Brienne; Chau- mont (7000), Langres. it I J °diringen (Lorraine, Departements: 13- Vogesen, 14. Meurthe, 15. Maas, E P inaI (12000); Nancy (41.000), Luneville, Toni; Bar-le-Duc (15.000) , Verdun, Vareunes; Metz (58.000). mu- n ‘ Jklsass (Departements: 17. Niederrhein [Bas Ehin], 18. Obcrrhein [Haut S'nJP sburg (80,000), Schlettstadt, Ilagenau, Weissenburg; Kolmar (21.000) , Muhlhausen, Be'fort. Comte (freie Grafschaft Burgund, Hoch-Burgund, Departe¬ ments: 19. Doubs, 20. Jura, 21. Haute Saone): Besancon (42,000), Montbdliard; Lons-le-Saulmer (19.000); Vesoul (7000). 9. Bourgogne (Nieder-Burgnnd, Departements: 22. Saone et Loire, 23. Cote *) Die alte Provmz-Eintheilung ist bekannter und im tagliehen Verkehr gebrituchlicher als die neue D epar tome n t s-E in th ei lun g, welche iedoch die officielle ist; es werden desshalb hier beide gegeben. Die mit durchschossenen Lettern gedruckten Stadte sind Departements-Hauptstadte, und zwar in der Reihenfolge dor in der Klammer aufgefuln-ten Departements. 291 d’Or, 24. Yonne, 25. Ain): Macon (13000), Clugny, Chalons sur Saone; Dijon (33.000) ; Auxerre (14.000), Bourg-cn-Bresse (12.000), Fort de l’Ecluse. 10. Normandie (Departements: 26. Seine inferieure, 27. Eure, 28. Orne, 29. des Calvados, 30. la Manche): Rouen (110.000), Elbeuf, Havre de Grace, Dieppe; Evreux (14.000): Alenijon (1G.000); Caen (42.000); Saint-LO (10.000), Cherbourg. 11. Bretagne (Departements: 31. llle ot Vilaino, 32. Cotes du Nord (Nord- kiisten), 33. Finisterre, 34. Morbihan, 35. Loire infdrieure [untere Loire)): Rennes (40.000) , Saint Maid; Saint Brieux (12.000); Quimper (11.000), Brest, Insel Sein, Insel Quessant; Yannes (12.000), L’Orient, Insel Belle Isle; Nantes ( 100 . 000 ) . 12. Touraine (Departement: 36. Indre und Loire): Tours (30.000). 13. Orleanais (Departements: 37. Eure und Loire, 38. Loiret, 39. Loire und Cher): Chartres (18.000), Orleans (48.000), Bio is (15.000). 14. Nivernois (Departement: 40. Nievre) : Ncvers (18.000). 15. Itoiirbonnais (Departement: 41. Allier) : Moulins (17.000). 16. Berry (Departements: 42. Cher, 43. Indre): Bo urges (25.000), Ch&- teauroux (16 000). 17. Anjou (Departement: 44. Maine und Loire): Angers (40.000). 18. Maine (Departements: 45. Mayenne, 46. Sarthe): Laval (20.000), Le Mans (25.000). 19. Marche (Departement: 47. Creuse): Gudret (5000). 20. Limousin (Departements: 48. Haute Vienne, 49. Correze): Limoges (30.000) ; Tulle (10.000). 21. I’oitou (Departements: 50. Deux Sfevres, 51. Vendee, 52. Vienne) : Niort (20.000) ; Bourbon-Vendde (6000); Poitiers (30.000). 22. Auilis (Departement: 53 Charentc infdrieure): La Rochelle (16,000), Rochefort, die Inseln Rd und Oleron. 23. Saintonge und Augouinois (Departement: 54. Charente): Angou- 1 e m e (20.000), Cognac. 24. Guyenne (Departements: 55. Gironde, 56. Dordogne, 57. Lot, 58. Lot und Garonne, 59. Aveyron): Bordeaux (130.000); Pdrigueux (13.000); Ca- hors (14.000); Agen (17.000); Rhodez (11.000).' 25. Gascogne (Departements: 60. Les Landes, 61. Hautes Pyrenees, 62. Gers, 63. Tarn und Garonne): Mon t-d e-Mars a. n (5000); Tarbes (13.000), Bagneres de Bigorre; Aueh (12.000); Montauban (25.000). 26. Navarra und Bearn (Departement: 64. Basses Pyrenees): Pa u (14.000), Bayonne, Biariz. 27. Foix (Departement: 65. Arrihge): Foix (5000). 28. Roussillon (Departement: 66. Pyrdndes orientals, Ost-Pyrenaen): Per¬ pignan (22 000). 29. Languedoc (Departements: 67. Haute Garonne, 68. Aude, 69. Hdrault, 70 Tarn, 71. Lozcre, 72. Gard, 73. Ardfeche, 74. Haute Loire): Toulouse (100.000); C ar cass onne (21.000), Narbonne; Mont pollier (46.000), Cette, Bbziors; Alby (13.000) ; Mende (7000); Nimes (54.000), Beaucaire, Alais; Privas; le Puy en Velay. 30. Auvergne (Departements: 75. Pay de Dome, 76. Cantal): Clermont (38.000) ; A urillac (12.000). 31. Lyonnais (Departements: 77. Rhone, 78. Loire): Lyon (212.000); Saint Etienne (80.000). 32. Dauphine (Departements: 79. Isere, 80. Hautes Alpes, 81. Drome): Grenoble (32,000), Vienne; Gap (11.000), Briamjon; Valence (17.000). 33. Avignon, Venaissin und Orange (Departement: 82. Vauclusc): Avignon (36.000), Orange (10.000). 34. Provence (Departements: 83. Bouches du Rhone = Rhonemiindungen, 84. Bassos Alpes, 85 Var): Marseille (200.000), Aix, Arles; Digne (5000); Draguignan (9000), Frejus, Cannes, Toulon (70.000); die vier hyerischen Inseln. 35. Insel Corsika (Departement: 86. Corsica): Ajaccio (12.000), Bastia. 36. Savoyen*): Chambery (17.000), Aix, Annecy (9000), Chamouny, Thouon; — Nizza (37 000), S. Remo. *) Von Sardinien im J. 1860 an Frankreich abgctreten. 19 * Besondere Hervorhebung unter den Stildten Frankreichs verdienen *): Paris (Lutet.ia Parisiorum) an der Seine, die stark befestigte Hauptstadt mit -i r / 2 Million Einwohner, die Residenz dea Kaisers, der liochsten Staatsbehorden und eines Erzbisehofes. Der Fluss theilt die Stadt in eine nordliche und eine sudliehe Halite, beido durch 23 Briicken mit einander vei'bunden. Zwischen der Stadt und den Vorstiidten 22 Boulevards mit eleganten Hotels, Kaffeehausern, Kaufladen, zu- gleich Spaziergange. Obwohl in den letzten Jahren Hnnderte von Hauscrn nieder- gerissen wurden, um freiere Communikation zu gewinnen, gibt es doch vieie enge und schmutzige Strassen, Dagegen hat die Stadt aueli vieie grosse, mit Monumenten gezierte Platze. (Carroussel-PJatz, der Eintrachts-Platz vor dem Tuileriengarten mit. dem Obelisk von Luxor, der Vendome-Platz mit der Triumphsaule und dem Stand- bilde Napoleons, der Bastille-Platz mit der Juliussaule, der Siegesplatx mit der Statue Ludwig XIV. u. a. m.) — Bemerkenswerthe Gebtiude: die gothische Domkircbe Notre Dame aus dem 12. Jahrhundert, der Invaliden-Dom mit Napoleon’s Gruft, die Magdalenenkirche, u. a. Der kais. Palast die Tuilerien (1564 von Catharina von Medicis erbaut) und damit inVerbindung der Louvre (Luwr) mit prachtvollen Kunst- sammlungen; Palais Royal (Pala Roajalj mit Gallerien; Palast Bourbon, Versamm- lungsort des gesetzgebenden KOrpers; das Stadtliaus (hotel de ville), das prachtigo Borsengebande; die Militarschule in der Nahe des grossen Marsfeldcs u. v. a. In Paris befinden sich die grossartigsteu wissenschaftlichen Ahstalten und Sammlungon. Das „Institut de France” besteht aus SAkademien; Universitat, mehrere hohere ge- lehrte Anstalten (Colleges), politeebniscbe Schule, zahlreiehe Spezialsehulen jeder Art; die grosste Bibliothek und vieie gelelirte Gesellschaften. Paris ist der Mittel- punkt des gesammten geistigen Lebens sovvie der technischen und commerziellen Thii- tigkeit von Frankreich. Nicht minder reich ist die Stadt an Wohltbatigkeitsanstalten jeder Art; der Kirchhof Fere la Chaise (Per la Scbas) ist der merkwurdigste der Erde. — Paris ist die erste Fabriks- und Handelsstadt Frankreichs, einer der wieli- tigsten Wechselplatze der Erde. Bank, Biirse, grosse Geldinstitutc, vieie Banquiers. Die Pariser Industrie beschaftigt etwa 1 /, Million Menschen. Unter den verschie- densten Industriezweigen sind liber 100 Buchdruckereien (grossartige Staatsdruckerei) erwahnenswertb. Audi in socialer Beziehung ist diese Weltstadt, die Tonangeberin in Mode und Luxus sowie haufig aueli in Kunst nnd in manchen Riclitungen der Literatur, von nicht zu unterschatzender Bedeutung. Kaiserliehe L.ustschliisser zu Neuilly, St. Cloud (San Klu), Malmaison, Fontainebleau (Fontiinblb), Ver¬ sailles (Versailj) u. a. — Orleans, an der Loire, schone Kathcdrale ; bedeutende Industrie ; Bildsiiule der Jeanne d’Arc, welche am 8. Mai 1429 die Stadt von der Belagerung der Englander belreite. — Strassburg, am Rhein- und Ul-Kanal, in einer fruchtbaren, gewerbreichen Ebene, seit 1681 franzOsisch; bertihmter Munster 1015—1273 erbaut, mit dem von Erwin von Steinbach vollendeten 438' bohen Thurme ; i'akultiit fiir protest. Theologie, ein Ueberrest der alten beruhmten Universitat; wichtige Unterrichtsanstalten und offentliehe Bibliotbeken. Guttenberg machte 1439 bier den ersten Versucb, mit bewegliclion Lettern zu drueken (erste deut.sche Bibel 1466 von Mentel gedrnckt). Bedeutende Industrie in Baumwollen-, Wollen- und Seidenwaaren, Kutschen, Leder, Handscbuhen, Pasteten u. a. Handel mit Hanf, Krapp, Oel, Wein; wichtiger Pferdemarkt; Haupthandcls- und Speditionsplatz zwischen Frankreich u-nd Deutschland. — Die Handelsplatze: Bordeaux, Marseille, Cette, Havre, dann Lyon, St. Etienne, lleaucaire sieh unter „ Handel Frankreichs" S. 301 ; die wichtigsten Industrieorte bei den betreffenden Industrieen. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die Bodenbeschaffenheit ist im Allgemeinen fiir den Ackerban sehr giinstig. und das Land ist reich an mannigfaltigen Produkten der Landwirthschaft. Nur etwa 1,200,000 Hektaren (k l 3 / 4 Wie- *) Dermalen besitzt Frankreich zwei Stadte zwischen 200 und 300 Tausend Einwohner (Lyon, Marseille), 4 zwischen 100- 200 Tausend (Bordeaux, Nantes, Rouen und Toulouse), 11 zwischen 50—100 Tausend (St. Etienne, Toulon, Lille, Strassburg, Metz, Havre, Amiens, Brest, Nimes, Rheims, Angers), 7 zwischen 40—50 Tausend (Montpellier, Nancy, Orleans, Limoges, Rennes, Besanpon, Caen). — Paris hatte im J. 1801 nur 552.000 Einw.; — im J. 1831, 785.000; — im J. 1855 schon 1,174.000; — gegenwiirtig (mit der S t adt erwei t er ung) iibei' l’/ a Mill. Einw. 293 ner Joch) sind bia jetzt unkultivirbar, und zwar im Tieflande zwi- schen der Garonne und den Pyrenaen (die Moor- und Sandstriche: les Landes), die Marais an der Loire-Miindung und das an 2 QMei- len grosse unfruchtbare Kieselfeld Crau in der Provence. Im All- gemeinen ist der Landbau im Aufschwung und es beschaftigen sich an 20 % Million Einwohner mit demselben. Die Cere alien nehinen etwa 53% der Gesammtflache ein; deren Anbau ist im Norden beeser als im Siiden. Die Produktion deckt den inneren Bedarf nicht, und es lindet ein ansehnlicher Import von Getreide aus Siid-Russland (Odessa) fiber Marseille statt. Der W al ds t an d hat seit der Revolution von 1789 um die Plalfte abgenommen, wodurch einige Departements sehon holzarm geworden sind (Provence, die Kiisten von Languedoc, die Nordwest-Provinzen). — Das Haupt- produkt ist der Weill, dor in 76 Departements, von den Ufern des Rhein bis zu den Pyrenaen, vorzuglicb aber im Siidwesten des Lan¬ des, das ist um Bordeaux, an der Charente und an der unteren Loire gebaut wird, dem 33% der Bevolkerung leben und dessen Ausdehnung durch die unbedingte Theilbarkeit des Grundeigen- thumes unterstutzt wurde. Wahrend die Produktion am Schlusse des vorigen Jahrhunderts nur mit 1672 Million Hektoliter (a 1% osterreichische Eimer) berechnet ivurde, ist sie jetzt schon auf 60 (= 105 Millionen Eimer) gestiegen, wovon iiber zwei Drittheile exportirt werden. Von wachsender Bedeutung ist auch die Cham- pagnerfabrikation (Rheims, Epernay und Chalons s. M.), in man- chen Jahren werden davon an 8 Millionen Flaschen versendet. Ilin- sichtlich der Quanti tat dps erzeugten Weines ist Frankreich das erste Land der Erde. In der Obstkultur nehmen die nordlichen und nordwest- lichen Departements in Bezug auf Menge (da hierdurch der feh- lende Wein durch sCider und Kirschwasser ersetzt wird), jene am Mittelmeere in Bezug auf vorziigliche Q u a 1 i t & t (Pro- vencer-Oel [Aix], feine Kastanien etc.) einen bedeutenden Rang ein. Die Garten kultur steht im Allgemeinen auf einer sehr hohen Stufe, sowohl in Hinsicht des Anbaues feinerer Gemiisearten, als der Blumenpflege, deren Erzeugnisse auch nach England ex¬ portirt werden. (Jahrlicher Umsatz auf den Blumenmarkten zu Paris iiber 4 Millionen Francs; — an 800.000 Rosenstocke, aus Ilonfleur um 1 Million Francs, Melonen aus Epinay, um % Million Francs Spargel werden im Jahresdurchschnitte nach England aus- gefiihrt.) Doch wird aus Algier viel Gemiise fiir den Verbrauch in Frankreich und zur Durchfuhr importirt. Die botanischen Ac- elimatisationsgiirten in Bordeaux und Lyon tragen zur Iiebung der Gartenkultur viel bei. Unter den Han delspfl anzen behaupten Tabak (ein Regie- rungs-Monopol) dann Flachs und Iianf im Elsass, Oelpflanzen, Siid- fruchte, Safi an, der vorziiglichste Krapp (um Avignon) einen hohenRang. Die Viehzucht deckt nicht den grossen Bedarf Frankreichs. Belativ das beste und meiste Hornvieh wird in der Auvergne, Gascogne und Bretagne gezogen, doch nicht ausreichend. (Anzahl im Jahre 1857 bei 12 Millionen Stiick.) In gleichem Verhaltnisse 294 steht die Pferdezucht (Anzahl 3 Millionen Stuck); Deutschland deckt hauptsachlich den Abgang. Einzelne Racen (in Limousin, in der Normandie) sind geschiitzt, und die zahlreichen atarischen Gestiite (27) tragen fur deren Hebung bei. Im Suden kommen Maulthiere und Esel in grosser Menge vor. Yon den etwa 34 Millionen Schafen sind kaum 15% veredelt, wesshalb viel Wolle importirt werden muss. Die aravischen Merinos-Schafereicn in Perpignan und Rambouillet haben den Zweck, auf Veredlung der Racen hinzuarbeiten. Obwohl in Lothringen, im Elsass und in Bearn auf die Zucht des Borstenviehes Sorgfalt verwendet wird, so wird der grosse Fleischbedarf dock nicht gedeckt. Sehr verbreitet und mit Erfolg werden ferners die Kan inchen- und die Federvi e h zuch t betrieben. Die Bienenzucht gibt nicht wiinschenswerthe Resultate, doch sind der Honig von Narbonne und das Wachs aus der Bretagne geschatzte Artikel. Die Seiden- zucht hat in den letzten Jahren zwar abgenommen, allein sie ist inrnier noch wichtig und Frankroich ist nachst Italien der starkste Producent in Europa. Sehr wichtig ist sie im Siidosten (Provence, Dauphind, Languedoc), am starksten an der unteren Rhone.in den De- partements Yaucluse (Avignon) und Gard (Nimes). Die sehr sorg- faltige Behandlung beim Abhaspeln und Filiren verleiht, der fran- zosischen Seide grosse Vorziige. Sehr bedeutend ist die S e ef i sch erei. Dieppe und Boulogne senden auf den Haringsfang; — Nantes, Port Louis und Belle Isle auf Sardellen (Sardines de Nantes) und Thunfische aus ; — Bor¬ deaux und Dieppe treiben Stockfischfang, vorziiglich an der Siid- westkiiste von Neufoundland (franzosische Inseln: St. Pierre und Miquelon); — auf den Wallfischfang sendet Havre am starksten aus; — die meisten und grossten Austern werden in der Bretagne gefischt (St. Malo in der Bai von Cancale jahrlich iiber eine Mil¬ lion Stuck), dann zu Marenne bei Rochefort. Die Flussfischerei hat zwar abgenommen, doch beginnt man der kiinstlichen Fisch- zucht besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, Unter den Kredit- und sonstigen Anstalten zur Forderung der Landwirthschaft ist derCrddit foncier erwahnenswerth, wel- cher Anlehen gegen hypothekarische Sicherstellung verschafft, wo- fiir er Obligationen ausgibt. Bis zum 31. December 1857 belief sich die Summe der bei ihm realisirten Darlehen auf circa 83 V 2 Mil¬ lion Francs. Der Bcrgltnu ist, obwohl fortschreitend , doch in mehrfacher Hinsicht noch unzureichend. Forderungsmittel sind zwar die guten Bergwerksschulen in Paris und St. Etienne, dagegen ist der llolz- mangel vielfach ein Hinderniss fiir grossere Entfaltung. Die Gold- gewinnung^ ist unbedeutend (etwa 60.000 Francs im Werthe), dessgleichen jene von Siiber (bei Grenoble und aus Blei, Geld- werth circa 1 % Million Francs); — Kupfer wird in den Pyrenaen (Navarra), Alpen (Dauphind), Yogesen (Elsass) und in Lyonnais gevvonnen (an 5 Millionen Francs). Den relativ grossten Reichthum besitzt es an Blei (iiber 1 Million Francs), obwohl die Produktion noch sehr gesteigert werden konntc. Sind auch der Jura, die Vo- 395 gesen, die Champagne und Berry reich an Eisen, so geniigt die Ausbeute doch nicht fur den grossen Bedarf und es stellt sich die Nothwendigkeit einer Einfuhr von Boheisen heraus (im Jahre 1856 im Werthe von 26 Millionen Francs). Die bedeutendsten Eisen- werke sind in Chatillon le Due (Doubs), Commentry (Alli&r), Ne- vers (Nievre), Auzin (Nord), Niederbronn (bei Strassburg), Uzemain (in den Vogesen, vorziiglich fur die Waffenfabrikation), Creusot (Saone-Loire) *). Die Ausbente an Steinkohlen ist bereits (im Jahre ISST) auf nahe 90 Millionen Zentner gestiegen, doch geniigt sie n icht fur den Bedarf und der Bezug aus Belgien ist noch immer sehr bedeutend. Die stiirkste Ausbeute .ist in den Umgebungen des Canal du Centre (an 30 Millionen Zentner), dann bei Valenciennes (eine Fortsetzung der belgisehen Kohlenlager), endlich im Departement Hdrault **). Das bedeutendste S t ei n s a 1 z 1 ager ist zu Vic (bei Nancy), wel¬ ches jahrlich liber eine Million Zentner liefert. Noch wichtiger sind die Meersalinen an der Westkiiste (das beste Seesalz zu Gudrande, nahe der Loire-Miindung), aus denen im Jahresdurchschnitt an 800.000 Zentner insbesondere nach den Nord- und Ostseelandern ausgefiihrt werden. Frankreich ist endlich reich an Erden und Steinen, sowie an Mineralquellen. Industrie. Der Franzose hat im Allgemeinen mehr Sinn und Geschmack fur den Kunstfleiss und die feine, elegante Bear- beituug, als fiir die miihsame Gewinnung der Bohstoffe; daher sind die Landwirthschaft und die Viehzucht verhaltnissmassig geringer, die Fabriksindustrie dagegen r/achst England die grosste und in manchen Zweigen wird die letzte sogar iibertroffen. Der wachsende Associationsgeist, die Gewerbefreiheit, der erfinderische Sinn der Franzosen und deren praktisches Geschick beleben die Industrie fortwahrend, Intelligenz und Kapital widmen sich ihr willfiihrig. Obwohl in alien Theilen des Landes kleinere oder grossere indu- strielle Unternehmungen bestehen, so bildet doch Paris sammtUm- gebung deren Mittelpunkt. Zunachst sind es der Norden, Osten und Sudosten , wo in den letzten 25 Jahren ein ausserordentlicher Aufschwung stattgefunden hat. Die wichtigsten Zweige sind: die S eidenindustrie im Rhone - Departement mit dem Mittelpunkte Lyon und St. Etienne dann Nimes, Alais, Avignon, deren Fabrikate sich durch Geschmack Schonheit und Giite auszeichnen und einen Weltruf erlangten. Die unbedingte Ueberlegenheit haben zwar die franzosischen Fabrikate *) Chatillon le Due, Commentry etc. gehSron einer Aktiengesellschaft, welche zalilreiclie IlochOfen besitzt, grosse Qnantitaten Stabeisen und Gusswaaren erzeugt und iiber 20 Millionen Francs jahrlich umsetzt. Auf fast gleicher Hiihe steht Creusot. **) Im J. 1858 wurden in Frankreich eingeflihrt: nahezu 87 Millionen Zentner Steinkohlen (ans Belgien und Saarbrflcken G4'4 Million Zentnerl, — 1,270.000 Zentner ltoh- und Gusseisen, — 260.000 Zentner Stabeisen, — 11.000 Zentner Stahl, — 480.000 Zentner Zmk, — iiber 400.000 Zentner Blei, — 223.700 Zentner Kupfer, — 50.700 Zentner Zinn, ohne dass in diesen Artikeln wieder eine Ausfuhr stattge- unden hiitte. 296 auf dem Weltmarkte zum Theile eingebiisst, dock bestehen sie in vielen Richtungen nocb immer siegreicb die fremde Konkurrenz. Auf beilaufig 40 | |Meilen sind an 60.000 Maschinen thatig und der jahrliche Werth der Seidenfabrikate belauft sich auf 450 Mil- lionen Francs, wovon an zwei Drittel (insbesondere nach Amerika) exportirt werden. Hinsichtlich der Menge und des Werthes der verbrauchten Baumwolle nimmt Frankreich nach Grossbritannien den ersten Rang in Europa ein ; an Mannigfaltigkeit der Fabrikate, sowie in dem Geschmack und der Schonheit seiner Gewe.be iibertrifft es so- gar Grossbritannien. Frankreichs Fabriken liefern alle Arten von Baumwollwaaren, von den gewohnlichen Kalikos von Rouen bis zu den kiinstlichen Mousselinen von Miihlhausen, den ausserst feinen Tiillen von St. Quentin .und den ausgezeichneten Tarlatanen von Tarare. Die ersten Yersuche im Baumwollspinnen wurden vor etwa 60 Jahren in Paris gemacht; von dort dehnte sich dieser In- dustriezweig hauptsachlich in die nordlichen und ostlichen Departe- ments aus. Gegenwartig wird Frankreich hinsichtlich seiner Baum- wollfabriken in drei grosse Gruppen („Kreise“) eingetheilt: die Normandie mit dem Mittelpunkte Rouen, der Os ten mit Mfihl- hausen und derNordosten (franzosisches Flandern) mit St. Quen¬ tin , Roubaix, Lille, Rheims, Chalons s. M. bis Troyes. ■— Der erste Kreis ist fur grcibere und billigere Stoffe, der zweite fiir feine Indiennes, gedruckte Mousseline, die an Schonheit und Reichthum des Gewebes und der Farben sowie an Geschmack in ihren Des- seins alle ubertreffen, der dritte fur die feinsten Tulle beriihmt. Lille und Valenciennes liefern die scbonsten Spitzen; Tarare (bei Lyon) sendet die kostbarsten Tarlatane und Stickwaaren, worin es mit der Schweiz konkurrirt, auf den Markt; Calais produzirt Bob- binets und konkurrirt in Spitzen mit Nottingham. Es bestehen iibrigens mehrere Spinnereien, Webereien, Bleichen u. s. w., wclche innerhalb keines dieser Hauptdistrikte liegen. Dieser Industrie- zweig ist sehr bliihend und gewinnbringend (der jahrliche Pro- duktionswerth ubersteigt 600 Millionen Francs). Die Theue.ung des Brennmaterials wird durch die Fulle und Billigkcit der Ar~ beitskrafte, die grosse Nachfrage nach franzosischen Luxusstoffen und das Monopol des heimischen Marktes aufgewogen. Das Stei- gen ist ersichtlich aus der Einfuhr von Rohbaumwolle, welche im Jahresdurchschnitt 1827—1836 etwa 73 V 2 Million Pfund (offizieller Worth nahe an 55 Millionen Francs), im Jahre 1856 dagegen fast 184 ‘/ 2 Million Pfund (offizieller Werth an 140 Miliionen Francs). betrug. Die Ausfuhr an Baumwollgeweben und Garnen er- reichte im Jahre 1856 liber 20 3 / 4 Millionen Pfund im wirklichen Werthe von fast 75 Millionen (offiziell 185 Millionen) Francs *). Die Leinenindustrie ist ebenfalls in Flandern und der *) Im Ostlichen Kreise bestantlen (1856) 109 Spinnereien mit circa V/ 2 Million Spindeln, 8200 Pferdekriiften und 30.000 Arbeitern, welcho 44 Millionen Plund Game im Werthe von 65 Millionen Francs erzeugten* — Webereien 136, Produktion der- selben 280 Millionen Metres, Geldwerth an 100 Millionen Francs. — 25 Druckereicn 297 Normandie, dann in der Picardie und Bretagne verbreitet. Feine Waare (Bat ist, Gaze, Spitzen) liefern Valenciennes, Alencon, Ren¬ nes, Calais; schone Damaste und Tafelzeuge St. Quentin; — Segel- tuch wird hauptsiichlich in den grossen Seeplatzen (Cherbourg, Brest, Toulon u. s. w.) verfertigt. Uebrigens bezieht Frankreich viel Maschinengarn aus England und Leinengarn aus Deutschland. Die Fabrikate konnen jedoch im Allgemeinen mit den irischen, bel- gischen und deutschen nicht konkurriren. Die Wol leni n du s tri e hat denHauptsitz in der Normandie (Elbeuf, Louviers, Evreux), dann in der Picardie (Abbeville und Amiens), in Flandern (Cambray); auch in der Languedoc ist sie stark verbreitet (Carcassonne, Toulouse, Castres, Narbonne, Lodeve, Bezieres). Der jahrliohe Werth der Wollwaaren kann anf minde- stens 700 Millionen Francs geschiitzt werden. In der Tuchfabrika- tion behauptet Sedan (Champagne) den ersten Rang, insbesondere in feinen schwarzen Tiichern (Sedan-Tuche); Louviers liefert feine Tucher allerFarben; Elbeuf sehrgute mittelfeine, worin die Fabri- kation liochst ausgedehnt ist, und der Geldwerth dieser Fabrikate ist hdher als jener von Sedan; Castres verfertigt starke, das siidliche Frankreich ordinare und sehr leichte Fabrikate, zunachst fiir den Ex¬ port nach der Levante. Teppiche erzeugen Paris (die beriihrnte Savonnerie seit Heinrich IV.) und Aubusson (Auvergne) von vor- zuglicher Qualitat; Tapeten Paris (hier die durch Colbert begriin- dete Gobelin - Fabrik), Shawls Paris (Fabrik von Ternaux liefert die Ternaux-Shawls); die Bonneterie ist in Orleans am starksten. Nachst. diesen Ilanpi-Ilidil.strieil sind die untcr dem spezifischen Namen „Pariser-Fab rikat e“ bekannten, von hochster Eleganz — aus Paris und Urn- gebung (St. Denis, Neuilly, Choisy, Sevres etc.), und zwar Tableterie- oder Kurz- waaren, Bijouterie- und Orfevrie-Waaren, alio Putz- und Modeartikel (doren Export im Jahre 1857 an 82 Millionen Francs betrug), Mcubles, musikalischc Instrumente (sehr viel nach Kussland); — ferner Lederfabrikate, Chemikalien, Metallwaaren und Maschinen, Seife, Porzcllan (Sevres), Glas, Runkelrubenzucker u. s. w. von Bedoutung. In der Lederfabrikation sind am besten vertreten die Wcissgarberei, die Saffian- und Maroquin-Fabrikation. Starke Ledersorten werden in Blois (De- partement Loir et Cher), den englischen fast gleich, erzeugt; die Production an lackir- tem Leder, namentlicb feinerer Qualitat, ist stets im Waehscn. Gate, starke Gar- bercicn bestehen in: Strassburg, Troyes, Niort, Nantes, Grenoble; Maroquin (tvelclics Frankreich der Berberei [Marocco] abgclernt), wird am ausgedehntesten in dor Provence (Marseille) und Languedoc, am besten in Choisy (bei Paris) und Miihlhausen erzeugt. Die Wei s s gar b e r ei hat die grossten Fortschritte gemacht und hat alle Lander, auch England Ubertroffen; Beweis die enormo Ausfuhr von Handschuhcn (Produktionswerth fiber 36 Millionen, Export fiber 34 Millionen Francs); Annonay garbt fiber 4 Millionen Ziegenfolle; •—■ die Handschuhe von Grenoble, fails, Chaumont (in der Champagne) und Lunevillc (fiber 10.000 Arbeiter) sind be- t'uhint; — Vendome (in Orleanais) liefert ordinare, — Rennes (Bretagne) aus Ilirsch- ledor, — Niort Castorhandschube; — nach England werden fiber 2 Millionen Paar Han else huh c export irt. — Sattler- und Riemerarbeiten aus Paris stehen fast auf druckten an 52 Millionen Metres Stoffe im Werthe von fast 52 Millionen Francs. Werth siimmtlicher Etablissements 150 Millionen Francs, jahrlicher Werth aller Er- zeugnisse nahezu 210 Millionen Francs. -— Die Grnppe der Normandie ist in An- sehung der Spiudelzahl und des Bedarfes an Rohm ate rial die erstc in Frankreich, jedoch nicht in Ilinsicht des Werthes der Erzeugnisso. Bohmaterial (viol aus Ost- indien) verbraucht sie an 30 Millionen Kilogramm, 1 '/ 2 — 2 Millionen Spindeln, Ex¬ port im Jahre 1855 fiber 9 4 / 5 Million Pfund. 2y8 gleicher Hohe mit London und Bristol, wovon cine stavke Ausfuhr nach America stattfindet. Elegante Fussbekleiilung aus Paris und Strassburg. Papier erzeugt es fur den Export; das mciste liefern die Normandie, Loth- l'ingen, Champagne, Elsass, im Jura und Languedoc, — Annonay ist der Hauptsitz, dann Limoges und Lille; — vorzugliehe Pap iertapeten werden in Paris, dann Miihlhausen, Rixheim, Alikireh verfertigt. Outer den Metallwaaren behaupten don ersten Bang die gcschrnackvollen Galanterie-, Bronce- und Gusswaarcn, deren Hauptsitz Paris ist, wo die Bronco- fabrikate den Worth von 30, die Bijouterien von 42 Millioncn Francs erreiehten. Eisenhutten sind in den Pyrenaen, Alpen, Coted’or; — Waffen: St. Etienne und im Departement Niederrhein ; — Gewehre: Paris, Versailles, St. Etienne und Mutzig;— Uhren: Paris, Besan<;on, in den Departements Doubs, Jura, Ober-Saono und in Beaumont (Oberrhein). Die Mas chi n en fab ri k a t ion ist sehr vorge- schritteu, der Werth der exportirten stieg im Jabre 1857 auf 48 Millionen Francs. Die Glas-, Spiegel- und Iirystallglasfabriken liefern fur den Ex¬ port. Beriihmte Spiegelfabriken sind in Tour la ville (bei Cherbourg) und St. Gabin (Departement Aisne), dann St. Quirin und Cirey (Lothringen), welche in Paris ge- schliffen und weiter bearbeitet werden. Die Einfuhr fremder Glaswaaren, mit Aus- nahme von Spiegeln, ist in Frankrcich verboten. — Die grosstcn IC ry s tallgl as- l'abriken sind in Choisy le Roi (bei Paris), Baccarat (Lothringen), St. Louis und la Gare (Lothringen); alle sind associirt und halten cine gemeinschal'tliche Niederlage in Paris. — Fur gewohnliches Glas bestehen uber 200 Hutten im Lande, davon ilber 100 fur Bouteillen (bei Bordeaux deren 8). Das franzosische P orzellan zeichnet sich durch schones Ansehen, blendende Farbe, pracht- und geschmackvolle Malereien aus, ist aber minder daucrhaft als das deutsehe; — Nationalfabrik in Sbvres, dann Limoges; — Fayence ausgezeichnet von Nevres, Rouen, Paris, Luneville, Strassburg und Arboras (Departement Rhone) und macht im Mittelmeere England bereits Konkurrenz. Die grossartige Anwenduug der Fortschritte in den Naturwissenschaften, ins- besondere in der Chemie, hat auf die Gewerbc viellcicht in keinem Lande solche Resultate hervorgebracht, als in Frankreich, welches in der Fabrikation von Che- mik alien Ausgezeiehnetes leistet. Lille ist der Hauptsitz der Bleiweissfabrikation, Montpellier fur Griinspan, Scheidewasser, Vitriol. Paris besitzt in alien diescn Rich- tungen grossartige Etablissemeuts; Franzbranntwein (Cognac, Liqueure etc.) in der Gascogne und Guyenne; chemische Fabrikate verschiedener Art in Neuilly, Lyon, Montpellier, Rouen, —Seife in Marseille und Toulon, — Parfumorien in Paris. Die Runkelriibcnzuckerfabrikation macht erstaunliche Fortschritte, wobei die nordlichcn Departements am st&rksten vertreten sind und zwar um Lille, Valencien¬ nes, Diinkirchen, Arras, Amiens, dann in Lothringen, im Elsass und bei Paris. Bei der Erzeugung wurden die wichtigsten Verbesserungen vorgenommen und mit dor Produktion hat sich begreiflieh auch die Konsumtion bedeutend gesteigert. Eine wichtige Rolle in der Industrie Frankreichs nehmen die Bekleidungs- artikel der Residenz der Weltmode ein, welche mindestens einen jahrlichen Werth von 300 Millionen Francs darstellen und in grosser Menge gleich den geschmack- vollen und billigen kleinen „Luxusartikeln („Articles de Paris 1 ') und den Kinderspicl- waaren (Bimbeloterie) zum Export gelangen. Der Luxus in der Einrichtung der Wohnungen steigert die Fabrikation aller Mobiliargegenstande, wovon gleichfalls enorme Mengen nach dem Auslande zum Export kommen, da sich dieses freiwillig immer mchr von der franzosischen Mode abhangig macht und immense Kapitalien fiir Luxus- und Modewaaren aller Art nach Frankreich sendet. Der Einfluss der fran¬ zosischen Industrie auf Deutschland und Oesterreich ist ein mftchtiger und leider bis jetzt ein stets sich steigerndor gewesen. Handel. Frankreichs geographische Lage an dem am meisten befahrenen Meere der Erde ist fiir den Seehandel ausserst. giinstig. Die vielen schiffbaren Fliisee, deren bedeutendste mittelst Kanalen unter einander verbunden sind und somit die Meere in Verbindung bringen, fordern den inneren Verkehr fast nicht minder als die zahl- reichen Eisenbahnen (im J. 1858 waren im Betriebe 7442, kon- 299 zessionirt und im Baue 13.870 Kilometer), welche, von alien be- deutenden Seehiifen und den Industriegegenden auslaufend in der Hauptstadt des Landes zusammentreffen. Bis zum Jahre 1865 hofft man das gesammte bisher konzessionirte Eisenbahnnetz dem Verkehre zu iibergeben, Mit alien Nachbarlandern ist das Land durch treffliche Strassen verbunden. Nach Italien fiihren: die Kiistenstrasse von Marseille nach Nizza, die Kunststrasse von Brian^on nach Turin (fiber den Mont Gen&vre); nach Spanien von Perpignan nach Barcelona (von Bajonne nach Yittoria u. s. w.). Diess Alles hat Frankreich seit jeher zu einem der machfigsten Handelsstaaten Europa’s gebildet und dessen Antbeil am Welthan- del wird nur von jenem Englands iibertroffen. Die Bewegung im Generalhandel *) Frankreichs mit seinen Kolonien und fremden Landern hat in der dreissigjiihrigen Periode 1827—1856 fast um das Vierfache zugenommen (von 1168 auf 4587 Millionen Francs); die grosste Zunahme stellt sich in den letzten 10 Jahren heraus. Aehnliche Resultate evgibt der Spezial- h an del, welcher sich in der genannten Periode von 921 auf 3148 Millionen Francs gehoben hat. Beim Generalhandel ergibt sich fur jene Zeit durch sch ni 111 ich ein jahrliches Mehr fiir die Ausfuhr von 55,800.000, und beim Spezialhandel ein Mehr der Ausfuhr fur den Jahresdurchschnitt mit 60,500.000 Fes., wobei die iiberwiegenden Zablen auf den Seeverkehr entfallen. Die Gesammtmenge der wiihrend der letzten zehnjahrigen Periode durcb- schnittlich in jedem Jahr zur See transportirten VFaaren reprasen- tirt die Summe von 2,251,600.000 Francs, wobei auf die franzosische Flagge 1026, und auf die fremden Schiffe aller Flaggen 1224. 7 Mil¬ lionen Francs entfallen. Der Werth**) der Waarenausfuhr Frankreichs (im Generalhandel) hat den der Einfuhr in dor dreissigjiihrigen Periode durchschnitllich riborstiegen: bei Grossbritannien um .86 Millionen Francs ,, den vereinigten Staaten um .... 44 „ ,, „ Spanien um. 38 ,, „ „ Algier um. 49 ,, „ ,, Brasilien um. 14 ,, ,, Dagegen hat eine Mehreinfuhr nach Frankreich stattgefunden: aus Belgien um. 49 Millionen Francs ***) „ der Schweiz nahe um. 4 „ ,, ,, Sardinien und Monaco.23 „ „ *) Der Spezialhandel (commerce special) begreift bei der Einfuhr die zum Verbrauche im Inneren hestimmteu und bei der Ausfuhr die Gegenstande heimi- sohen Ursprunges in sich; — der Generalhandel (commerce general) umfasst den ganzen Verlcehr ohne derartige Bcschrilnkungen. **) Die franzosische Handelsstatistik stellt den Werih der Ein- und Ausfuhr zu- vdrderst nach den ein- fiir allemal auf Grundlagen, welche im Jahre 1826 aufgestellt sind, und in der Ordonnanz vom 27. Miirz 1827 ihre Genehmigung fanden, festge- setzten Normalproisen der einzelnen Ifandelsgegenstande fest („amtlicher Werth, v a 1 e ur o f f i ci e 1“), nnd sodann nach dem naturgemass dem Wechsel unterwori'enen Verkehrswerth, wic dertelhe sich von Zeit zu Zeit bildet und wie ibn eine zu dicsem Zwccke cingesetztc Kommissiou jedesmal angibt (,,wirklicher Werth, valeut actu e 1“). ***) Im Jahre 1857 iiberstieg die belgische Ausfuhr nach Frankreich jene der Ein¬ fuhr um 85., Millionen Francs officieller Worth (= 81., Millionen Francs wirk- licher Werth). 800 bei Jem Zollverein um . 13 Millionen Francs „ der Tiirkei nm. 15 ,, „ „ Russland um. 28 ,, „ ,, beiden Sicilien um. 7 „ „ „ Britisch-Indien um. 28 „ ,, Beim SpeZialh andel zeigen sich ziemlich abweichende Re- sultate. Ein Mehr der Ausfuhr ergibt sich auch bier nach Gross- britannien (mit 63 Millionen), Spanien (28), Algier (44), Brasilien (10), aber nach den vereinigten Staaten nur mit 6 Millionen, da- gegen bei der Schweiz mit 21 Millionen und im ahnlichen Ver- haltnisse befinden sich der Zollverein und die nioht specifici rten Lander *). Betrachtet man den Handelsverkehr nach der Gattung der Waaren, so findet man die erheblichsten Zunahmen bei folgen- den Exportwaaren: Seiden-, Bauinwoll- und AVollengeweben, Wei- nen, Cerealien, Kunsttischler- und Spielvvaaren, W eisszeug und fertigen Kleidungsstiicken, bearbeiteten Htluten, Topfer-, Glas- und Krystallwaaren, Papier- und Pappwaaren, raffinirtem Zucker, Spiri- tuosen, Metallwaaren, Goldschmied- und Juwelierarbeiten, Haare,. Uhren, Farbwaaren. Uebrigens zeigt sich zwischen dem wirklichen und offiziellen Werthe in den letzten 10 Jahren ein nicht unbedeu- tender Unterschied. Hoher ist der wirkliche Werth bei Seide, Ce¬ realien, Rohwolle, Zucker, Steinkohlen, IIolz, rohen Hauten, Kaffee, Olivenol, Kupfer und Flachs; niederer dagegen bei Baumwolle, Oelf'ruchten, Blattertabak und Indigo. Auch beim Trans it- V er kchr finden wir im mehrerwilhn- ten Decennium gfinstige Resultate, welche hauptsachlich aus der Periode 1852—1856 herruhreD. Der Jahresdurchschnitt dieses De- cenniums ist iiber 576.000 metr. Zentner im offiziellen Werthe von 307 Millionen Francs ; das ist gegen das Jahr 1833 cine Zu- nahme von 131 °/ 0 nach dem Gewichte und von 106% nach dem Werthe. Die grosste Steigerung findet man bei Seiden-, Baumwol- len und Wollengeweben, sowie bei Uhrenwaaren; den starksten Abschlag bei Rohseide; — bei rober Baumwolle ist keine wesent- liche Veranderung, Die grosste Menge von Transitgiltern kam fiber Marseille, dann fiber Havre und Strassburg; fiber Valen¬ ciennes hat der Transit seit der Erbauung der Eisenbahn erst be- gonnen. Her Sccvcrkehr Frankreichs vvird hauptsachlich durch drei Hafen, Handcls- pliitzc ersten Kangos, vermittclt: Marseille, Havre, Bordeaux, deren Zunahme sowohl hinsichtlich des Tonnengehaltes, als der Schiffszahl und der franzijsischen Flagge gegeniiber fremdcn Fiaggen in bedeutenden Dimensionen wsichst. *) Einfuhr: Im Jahre 1857 . 1837 „ „ 1858. 1561 und zwar: Baumwolle . 145 Wolle. 105., liohseide. 102., zugerichtete Seide. 88., Steinkohlen. 81., 301 Marseille verkehrt iiberwiegend mit tier Levante unci den Kiistenlandern des Mittelmeeres. Die Ilauptsfapelartikel waren fruher Oele und Seifen; gegenwiirtig ist Marseille einer der wichtigsten europaischen Miirkte fill' Getreide, welches aus Russland (Odessa) hexogen wird und womit Siidfrankreich und Nordspanien versorgt werden. Mit clem Steigen des Handels im Mittelmeer steigt fortwahrend auch Mar¬ seille. Der Yerkehr mit Algier hat sich seit dem Beginne bis jetzt um 526% und gegen das Decennium 1836—1847 um 85°/ 0 gesteigert, dessgleichen ist die Schiffahrt unter frauzosischer Flagge im letzten Decennium (1847—1857) gegen das voraus- gegangene gestiegen im Handel mit der Tiirkei um 90%, mit Spanien um 27%, mit Russland um 45“/,,; dagegen hat sie um 15% beim Handel mit Sardinien eingebiisst. Wahrend der letzten Periode liofen in Marseille durch sch n i tt li ch im Jahre 4408 beladene Schiffe langer Pahrt von nahe an 780.000 Tonnen ein, wobei die fran- ziisische Flagge nahezu zur Hiilfte vertreten war; es zeigt sich in dieser Periode eine Zunahme um 42% fur die Schiffe und um 74% fur den Tonnengehalt. Den bedeu- tendsten Einfluss iiusserte darauf Algerien. Die Ilauptprodukte Algeriens sincl Ge¬ treide, Tabak und Gemiise, minder die Baumwolle; dagegen bezieht es fast alle Er- zeugnisse der Kunst und Industrie aus dem Mutterlande. Marseille vermittelt sonach den Handel mit Algier, Sudrussland, den italienischen Staaten nebst Griechenland und der Tiirkei. Der zweite wichtige Handelshafen am Mittelmeer ist Cette, der Stapelplatz fiir den Kanal von Languedoc und Montpellier. Ausfuhr von Seiden-, Wollen- und Baumwollwaaren, Leder, Cette-Wein u. s. w. im Wertke von 30 Millionen Francs. Einfuhr von Flachs, Hanf, Talg, Juchten, Getreide, schwcdischem Eisen, Bauholz. Havre kann der Hafen von Paris genannt werden und in dem enormen Wachscn der Industrie in dieser Weltstadt, sowie in dem Umstaude, dass der Schwer- punkt des Welthandels nieht mehr im Mittelmeere, sondern im atlantischen Oeeane zu suchen ist, liegt die Bedeutung und die Zukunft dieses rasch aufbluhenden Hafens. Durch das Eisenbahnnetz und die direkte Verbindung mit Paris steht Havre mit alien wichtigen Industriebezirken Frankreichs in unmittelbarem Verlcehr. Ueber Havre be- ziehen diese ihre iiberseeischen Rohprodukte und Havre ist der Verschiffungsplatz fur alle Fabrikate, welche den Wasserweg beniitzen mussen. Paris mit seinem grossen Konsum und die diehte Bevolkerung in den industriellen Rayons bezieht aus Havre den grossen Bedarf von Kolonialprodukten (Kaffee, Zueker, Cacao, Reis, Tabak u. s. w.). Es ist der Hauptmarkt fur Baumwolle, fiir Wolle, Indigo, Farbeholzer, Gummi und Harze u. s. w., fiir die fruher erwahnten Kolonialprodukte. — Ausser Frankreich bezieht die Schweiz einen grossen Theil von ubersoeisehen Rohstoffen und Verzelirungsgegenslanden direkt Oder Transito von Havre, auch suddeutsehe Baumwollspinnereien beziehen die Baumwolle vielfach von dort. — Die Schiffahrt von Havre hat im letzten Decennium fiir den Jahresdurchschnitt beim Eingange ein Mehr von 21% fiir die Schiffe, und von 31% fiir den Tonnengehalt. Bordeaux ist der Ausfuhrhafen fiir franzosische Weine, da der Sudwesten Frankreichs nahezu die Hiilfte des Weinbaues besitzt. Von der Grosse dieser Pro- duktion hilngt dnher grosstentheils die Wichtigkeit des Ausfubrhandels auf diesem Platze ab, wie es die Missernten in den Jahren 1855—1857 beweisen; dagegen hat die reiche Produktion des Jahres 1858 auch die entsprechende Steigerung hervorgerufen. Niiohst Wein gelangen Alkohol, getrockncte und eingemachte Friichte (Pflaumen) und derartige Fische, sowie das an den Abhangen der Pyrenaen gewonnene Terpen- tinol zum Export; unter den Einfuhrsartikeln nimmt das IIolz (Fassdauben) den ersten Rang ein. Im letzten Decennium zeigt sich im Jahresdurchschnitt eine Zu¬ nahme von 36% rficksichtlich der Schiffszahl uud um 32% riicksichtlich des Ton- nengehaltes. In fast gleichem Verhaltnisse hat der Verkehr in Rouen und Nantes zuge- nommen. Betrachtet man die Dainpfschitlahrt abgesondert, so stellt sich fiir den Eurchschnitt dcs letzten Decenniums gegen das vorangegangene eine Zunahme um 38% fii r die Schiffe und von 87% fiir den Tonnengehalt. Im Allgemeinen hat bei '■ci Rhederei die Zahl der Sehilfe von mehr als 30 Tonnen zugenommen, wahrend Gio kleinoren eine bedeutende Verminderung erfahren haben, Schliesslieh bleibt noch zu erwahnen, dass die kleine „Kabotago“ (Kustenfahrt von einom Hafen zum andern in demselben Meere) verhiiltnissmassig bedeutend mehr zu genommen hat, als die „grosse Kabotagc 11 (Fahrt von einem Meere in das andere). Marseille behauptet in der KGstenfahrt fortwahrend den ersten Rang; dann folgt 802 Bordeaux, Havre nimmt erst die dritte Stelle ein; Nantes hat bedeutend hierin zu- genommen, wahrend Rouen Riickschritte gemacht hat. Fur den inueren Handel sind die wichtigsten Platze: Paris, Lyon, St. Etienne, Strassburg und Beaucaire. Paris ist fur Luxus- und Modewaaren die erste Stadt der Welt, zugleich die erste Fabrikstadt und Entrepot des gesammten franzosischen Plandels , sowie der erste Wechselplatz Frankreicbs. Banken , Handels- und Assekuranz - Gesellschaften, kommerzielle, technisehe und Kunstschulen und alle Arten Fbrderungsmittel der Industrie und des Handels sind liier vertreten, Zunachst steht Lyon, mit der grossartigen Seidenindustrie, der bedeutendste Seidenmarkt in Europa. Die Produktion berechnet eich auf 100 Millionen Francs, wovon uber 80Millionen exportirt werden. Auch als Entrepot zwischen Slid - und Nordfrankreich macht es be- deutende Speditions- und Koinmissionsgeschiifte, halt vier stark besuehte Messen. Besonders rasch bliiht St. Etienne empor, dessen Stahl-, Eisen-, Gewehr- und Kunstwaarenfabriken noeh wichtiger sind als die vortheilhaft bekannten Seiden- und Sammt- bandfabriken, Strassburg ist der wichtigste Speditionsplatz fur den Yerkehr zwischen Frankreich und Deutschland. Nebst den eigenen Industrie-Erzeugnissen (Garbereien, Wagenfabriken, Stuckgiesserei, mechanische Arbeiten etc.) treibt es ansehnlichen Handel in Wein, Oel, Hanf und Krapp. Beaucaire ist vor- zuglich bekannt wegen der grossen Messe im Juli, die von Tau- senden aus Europa, Afrika und der Levante besucht wird, auf welcher Seide und Seidenwaaren , Tuche , Shawls, Leder , Wein, Oel u. s. f. nicht selten um mehr als 30 Millionen Francs urnge- setzt werden. Der Stand der geistigen Kultur dieses reichbegabten Vol- kes ist ein mehrfach verschiedener. Die unteren Yolksklassen, ins- besondere im Siiden und Westen Frankreichs, sind in der Bildung sehr zurfick; es fehlen oft die allerersten Elementarkenntnisse, da sowohl die Anzahl als die Einrichtung der vorhandenen Elementar- scbulen bei weitem nicht zureichend ist. Unter den im Jahre 1854 militarpflichtigen jungen Leuten befand sich fast ein Drittheil, welche des Lesens und Schreibens unkundig waren. In neuerer Zeit wird ubrigens eine grossere Aufmerksamkeit dem V ollc s un ter ri ch t e zugewendet. Auch der „gebildete Mittelstand“, wie wir ihn in Deutschland so wiirdig vertreten sehen, fehlt grossen Theils. Dagegen ist es nicht zu laugnen , dass Wi s sen s ch af ten und Kilns te in hohem Grade bliihen; die „grosse Nation" hat eine grosse Menge von Celebritaten aller Art hervorgebracht, auf dem Throne, m der Kirche, im Kabinet und im Feld, sowie in den mannigfaltigen Kulturzweigen; die franzosiche Literatur ist eine der reichsten in Europa. In alien Zweigen der exacten Wissen- schaften besass es stets eine achtungswerthe Anzahl von Talenten ersten Ranges. Der Einfluss der Wissenschaft auf die industrielle Technik ist in Frankreich ganz besonders be¬ deutend , die Zahl der technischen und kommerziellen Lehranstal- ten ist stets im Wachsen, und es ist nicht zu zweifeln, dass die 303 Gegenslitze in der geistigen Kultur durch Vermehrung und He- bung der Yolks- und Mittelschulen nach und nach minder grell hervortreten werden. VIII. Pas Eionigrelch Belgicn. §. 143. Bestandtlieile. Bevdlkerung. 537 pMeilon; — 4,530.000 (relativ 8436)*) Einwohner, welche sich fast ausscliliesslich zur ro mi s c h- k a th olis ch en Kirche bekennen; wenig Pro tea tan ten und wenig Israeliten. — Nach der Nationalist gehoren iiber 60°/ 0 dem vlami- sehen Stamme an, nahe an 40% sind Wallonen, erstere im Tieflande, letztere in den Ardennen; zudem noch (etwa 40.000) Deutsche, Englander und andero. Schrift- und Staatssprache ist franzosisch. —• Grenzen: im 0. Luxemburg, Preussische Rhein- provinz, Limburg; im N. Niederlande; im W. Nordsee; im S. Frankreich. — Kon- stitutionelle Erbmonarchie; die Succession in der Thronfolge ist in mannlicher Linie nach dem Rechte der Erstgeburt im Koburger Zweig der ernestinischen Linie dcs Ilauses W e 11 i n. lloden. Belgien bestebt theils aus einem niederen Berglande, den Ardennen (bis 1200'), mit dem mittleren Becken der Maas, theils gehort es dem nordeuropaischen Tieflande mit dem Fluss- geader der Schelde an. Den Ardennen ist (im Nordcn der Sambre) ein Hiigelland vorgelagert, welches sich allmalig zur iiberaus fruchtbaren Ebene in Flandern und Siidbrabant verflacht; w&hrend in den Provinzen Antwerpen und Limburg grosse Haidestrecken und Moore (Campine oder Kempen im Gebiete von Antwerpen) sich ausbreiten. An den Kiisten der Nordsee liegt das Flachland so tief, dass es durcli Damme (Deiche) gegen die Ueberschwem- mungen geschutzt werden muss. Die durch Damme geschutzten Gegenden heissen Polder. Gewasser. Das Land wird nur auf der kurzen Strecke von 10 Meilen von der Nordsee bespiilt, welche keine grdsseren Buchten in das Land schneidet. — Unter den fliessenden Gewas- sern ist der bedeutendste Fluss die Schelde mit zwar kurzem Laufe (von Tournay bis zum Fort Bath) aber bedeutendem Was- serreichthum, schiffbar von Cambrai an und von Antwerpen fur Seeschiffe. Im Flussgebiete der Schelde liegen alle grossen Stadte des Landes (ausser Liittich), und die Wichtigkeit dieses Flusses fur Belgien wird nur dadurch gemindert, dass die Miindungen ausser Landes liegen. Mehrere der zablreichen Nebenflusse sind ebenfalls schiffbar, als : die Den der, die aus der Vereinigung mehrerer Zufliisse entstandene Rupe 1, die Henne (Haine) und die wasserreiche Lys (sp. Leis), -— Im belgischen Oberlande bildet das tiefe Thai der Maas einen Hanpteinschnitt; sie tritt siidlich von Dinant aus Frankreich nach Belgien, fliesst anfanglich durch enge Scldiinde mit steilen Wiinden, dann aber zwischen niedern Ufern und nimmt (rechts) die Semoy, Ourthe und (links) Sambre auf. *) Nach den Provinzen zeigt sich eine grosse Versehiedenheit in der relati¬ on Volkszahl. In Ostflandern kommen auf eine □Meile 14.228 Einwohner, in Brabant 12.520, in Hennegau 11.353, in Westflandcrn 10.603, in Liittich 9557, in Antwerpen 8419, in Limburg 4361, in Namur 4288, in Luxemburg nur 2408. 304 — Zahlreiche Kaniile befordern die Schiffahrt, unter denen die bedeutendsten sind: von Charleroi nach Brussel, von Liittich nach Mastricht, von Gent nach Brugge, von Briigge nach Ostende, von Gent nach Terneuzen, Verbindung der Maas mit der Sambre, Ka- nal der Campine u. s. w. Das K1 i m a ist gemassigtes Seeklima, im Flachlande feucht und verilnderlich, in den Poldern ungesund; in den Berglandschaf- ten zwar rauher aber trockener und bestandiger. Politssche Eintheilung. Belgien ist in 9 Provinzen, diese in 41 Arrondissements und letztere in Gemeinden eingetheilt. Bemerkenswerthe Orte *): 1. Siidbrabant : Brussel (Bruxelles, 2G1.000), Laeken, Liiwen (Louvain 32 000), Anderleeht, Waterloo, Tirlemont. 2. Antwerpen: Antwerpen (Anvers 110.000), Mccheln (Malines 31.000), Lier (Lierre), Turnhout. 3. Ostflandern: Gent (Gand, 110.000), Dendermonue, Aalst, St. Nicolaes, Lokeren, St. Renaix. 4 . Westflandern: Briigge (Bruges 50.000), Ostende, Kortryk (Courtray), Yperen, Nieuwpoort. 5. Hennegau (Hainaut): Ber gen (Mons 2G.000), Jemappes, Doornik (Tour- nay), Charleroi, Pleurus. 6. Namur: Namur (25.000), Andenne, Dinant. 7 . Liittich: Liittich (Liege 90.000), Seraing, Ilerstal, Verviers, Spaa, Limburg. 8. Limburg: Hasselt (10.000), Tongern, Beverloo. 9. Luxemburg: Arlon (G000), Bouillon. Yon besonderer Bedeutung sind die Stadte: ItriisscI, an der Senne, mit 261.000 Einw., die in raschem Wachsthum be- griffene schiine Hauptstadt und Residenz des KOnigs, Sitz der hoehsten Staatsbehijr- den, mit prachtvollen Palasten, zahlreichen wissenschaftlichen und Kunstinstituten und Sammlungen, schwunghafter Industrie in Spitzen (Ilriissler odor Brabanter), Webe- und Wirkwaaren, Tapeten, Leder, Papier, ICrystallglas, Chemikalien, Bijoute- terien, Maschinen, bedeutende Buckdruckerei und Buehhandel u. a. m. Centralsehule fur Handel und Gewerbe mit reichen Sammlungen; Borse, Banken und grosse Geld- institute. Universitat. In der Nahe kfinigl. Schloss Laeken (Lahken), und die Diirfer Waterloo, Mont Saint Jean (Mon San Schan) mit dem Vorwerke Belle A1 lian cc (Bill’Aljanss). Sieg der Preussen und Englander liber Napoleon am 18. Juni 1815. — Der wichtigste Handelshafen ist Antwerpen, eine Welthandelsstadt mit der illtesten Borse in Europa, drei starken Messcn, Bank, Assekuranz- und Handels-Gc- sellschaften, grossen Entrepots , unterhalt regelmiissige Dampfschiffahrten nach Eng¬ land , Havre und New York. Den Hafen besuchen jillirlich fiber 3000 Schiffe. Im 1G. Jahrhunderte stand diese Stadt in ihrer Bliite und ziihlte damals fiber 200.000 Einwohner. Auch die Industrie ist sehr bedeutend; sie liefert Tuch, Seiden- und Baumwollwaaren, Spitzen, Leder, Waehstuch, Gold- und Silberwaaren; boriihmt sind endlich die Diamantenschlcifereien , sowie die Schiffswerften , Bloicben und Eaibe- reien. — Die zweite Hafenstadt des Landes ist Ostende, welche lebhuften Verkehr mit England (Dampfsehiffahrt zwischen Ostende und Dover) und den benachbarten Staaten. unterhalt. Die Seebader, Eischerei, Rhederei und die Leinenindustrie bringen ansehnliehen Gewinn und sind in der Aufnahme. — Briigge, ehemals die Haupt- niederlage der Hansa mit den borubmten grossen Messen , hat seine Wichtigkeit als Handelsplatz verloren, behauptet jedoch einen hohen Rang als Fabriksstadt fur Lein- wand , Damast, Spitzen, Baumwoll- und Sehafwollzeuge; nur in Landosprodukten und in Leinwand ist der Handel noch hedeutend. Im letzteron Artikel arbeitet aucli Cent, welches zuglcich fur Leder und Baumwollwaaren der wichtigste Manufaktur- platz ist. Industrieplatze ersten Ranges sind: liriissci (Spitzen, Blondcn, Teppiclie), Liittich (Metallfabrikation, Waffen, Geschutze, Maschinen), Seraing (Maschinen), Lbwen (Tuchweberei, Spitzen, Blonden, Bierbrauereien), Courtray (Leinenwaaren), Tournay (Teppiche), Verviers (Tuch), an welche sieh Namur, Mons, Charleroi anschliessen. *) In der Klammer sind die hfiufig franzfisiseh gebrauchten StHdtenamen. 305 Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die natfirliche Beachaffenheit des Bodens ist zvvar nur in einigen Provinzen fiir den Ackerbau sehr giinstig, dennoch ist der Ertrag in Folge der rationellen und fleissigen Bearbeitung ein relativ sehr hoher, wenn er gleich fiir die dichte Beviilkerung nicht ausreicht. Durch Austroeknung der Siimpfe und Moraste wird fortwahrend neuer Boden fur den Feldbau gewonnen. Mit dem Ackerbaue beschiiftigt sieh etwa ein Viertheil der Bevolkerung und die bearbeitete Bodenflache ist beilaufig 475 QMeilen gross, wo- von fast die Halfte von Pachtern bearbeitet wird. Dem Getreide- bau sind an 160 QMeilen, den Handelspflanzen an 12 QMeilen zugewiesen. Die Einfuhr von Cerealien wechselt im Jahresdurch- schnitt zwischen 1 — 2 Millionen Zentner; dagegen liefert der An- bau von Handelspflanzen noch fiir den Export. Darunter nimmt der vortreffliche Flachs (Ostilandern) den ersten Rang ein (Jahresproduktion etwa 373.000 Zentner im Werthe von 4‘/ 2 Mil¬ lion Gulden); dann folgen Hanf, Krapp (in den „Poldern“ von Westflandern), O elpfl anzen (Flandern und Brabant), sowie Hul- senfriichte, Gemfise und Futterkrauter (Klee); auch der Hopfenbau gewinnt an Ausdehnung. Yorzuglich ist endlich die Obstkultur in den Thalern der Maas und Sambre, und die ausgezeichnete Blumenzucht in Brabant und zu Gent, deren Produktionswerth auf 2 Millionen Gulden geschiitzt wird. In der Viehzucht ist das Hornvieh aus Flandern und Bra¬ bant, sowie aus Limburg und Luxemburg besonders geschatzt. Brabant und Hennegau liefern gute Pferde, obgleich nicht in aus- reichender Menge. Das grosse, aber nicht feinwollige Schaf in Flandern gibt den Rohetoff nur fiir Tuche geringerer Qualitat, in Limburg ist dessen Hauptertragniss der Limburger-Kase. Flandern schickt jahrlich iiber 2 V 2 Million abgehautete Kaninchen nach England, die Felle gehen nach Frankreich, Russland und Amerika. Die Schweinezucht ist sehr verbreitet, die Bienenzucht vorzuglich in der Campine (bei Antwerpen). Die Seefischerei geht bauptsach- lich auf den Stockfisch- und Hiiringsfang aus. Der relativ grosste Theil des Nationalvermogens liegt im Bergbau, denn die vier Minen-Provinzen Hennegau, Namur, Luxem¬ burg und Liittich besitzen einen fast unerschopflichen Reichthum an Steinkohlen und Eisen. Erstere werden aus mehr denn 400 Gruben gefiirdert und die dermalige Ausbeute betr'agt wohl an 160 Millionen Zentner im Werthe von iiber 43 Millionen Gul¬ den, wovon (im J. 1857) fiber 57 Millionen Zentner (fast aus- scbliesslich nach Frankreich) zur Ausfuhr kamen. Die reichsten Gruben sind bei Liittich, Mons, Namur und Charleroi *). Die Pro- duktion an Roh-, Guss- und Stabeisen betr'agt fiber 4 Mil¬ lionen Zentner im Werthe von 33 Millionen Gulden (um LUttich, *) Belgiens Steinkohlenfelder nehmen 4% der Gesammtarea, die Englands 5%, jene Frankreiehs dagegen kaum 1% ein. Im Verhallniss zur BevOlkerung produzirt. Belgien zehnmal so viel Steinkohlen als Frankreich, aber '/, weniger als Gross- fcritannien; — im Verhaltniss zur Oberflaehe 24mal so viel als Frankreich und fast am die Halfte mehr als Grossbritannien, Kluo’s Handels- Geograpbie. 2. Aufl. 20 306 Namur und Limburg), wovon (1857) nach Deutschland und Frank- reich iiber 1. 14 Miliionen Zentner exportirt wurden. Zink wird bei Luttich (vieille Montagne), Verviers und Membach in grosser Menge (iiber '/ 3 Million Zentner), dessgleiehen auch Blei gewon- nen. Endlich sind erwShnenswerth der Torf (in Flandern), der schwarze Marmor (an der Maas), der Schiefer (in den Ardennen) und die Mineralquellen in Spaa (Stahlquellen), Tongern, Luttich, Chaudfontaine. Industrie. Der reiche Ertrag der Urproduktion wird von je- nem, welchen der beriihmte belgische Gewerbfleiss bietet, weit uber- troffen. Flandern und Brabant versorgten schon vor Jahrhunder- ten fast alle europaischen Markte mit ihren ausgezeicbneten Fabri- katen. Haben auch die vielfachen Wechself&lle dieses Landes zeitweise Stockungen hervorgebracht, sind auch machtige Konkur- renten auf dem industriellen Gebiete aufgetreten; Belgien hat ins- besondere seit der Lostrennung von Holland mit jugendlicher Kraft auf eine Hfihe sich geschwungen, dass es gegenwartig eine in- dustrielle Macht ersten Ranges genannt werden muss. Grossartige Etablissements, nach den vollkommensten, neuesten Methoden und Systemen eingerichtet, mit mehr als 3000 Dampf- maschinen, konkurrireh mit ihren Fabrikaten auf dem Weltmarkte mit den Erzeugnissen aller Lander. Zur Belebung und Forderung der Industrie tragen die Musterwerkstatten und die permanente Gewerbsausstellung in Brussel (im palais d’industrie) nicht vvenig bei. Die industriellen Provinzen sind: Hennegau, Ostflandern, Luttich, Westflandern und Brabant. Den Glanzpunkt bilden die Metallwaaren und darunter der (von John Cockerill — f 1840 — begriindete) Maschinenbau in Sera in g (bei Luttich), nach dessen Muster die grossartigen Fabriken in Namur, Gent, Mecheln, Charleroi u. s. w. erstanden. Der Centralpunkt ist Luttich nebst Umgebung; die Erzeugnisse sind: Maschinen, die schonsten Ge- wehre und vortreffliche Kanonen, Eisendraht, Blechhammer und Walzwerke (auch im Hennegau), Nagel und Nadeln; — Gent lie- fert Bleiwaaren; in Gold- und Silberarbeiten sind Brussel und Gent die Hauptorte. Den starksten Export bilden Eisenbahnschie- nen und Dampfmaschinen, Eisenblech, Nagel und Stabeisen. Die Leinenmanufaktur, der alteste Iudustriezweig Bel- giens, welcher schon zu sinken begonnen hatte, entfaltete sich seit der Einfiihrung von Musterwerkstatten (1847) von Neuem; sie hat ihren Sitz in den Provinzen Flandern, Brabant, Antwerpen und im Hennegau. Zwirn von Courtray und Mecheln, die Batist- und Damastweberei von Courtray, vor Allem die kostbaren Brabanter- oder Brtisseler-Spitzen (Brussel, Gent, Mecheln, Lowen und Brugge) geniessen, wie tlberhaupt die hochfeinen Leinen schwerer Qualitat, wohlbegriindeten Ruf auf dem Weltmarkt, und der Werth der Aus- fuhr von Leinenweben betrug (im J. 1857) an 20 Miliionen Francs. — An W ollstoffen — wozu das Rohmaterial vielfach aus Deutschland bezogen wird — behaupten die billigeren Fabrikate, welche sehr schon appretirt werden, den Vorrang vor denen der meisten Fabrikslander. Der Hauptsitz ist die Provinz Luttich; Yerviers 307 nebst Umgebung mit mehr als 200 Fabriken (Dison, Ensival, Hodimont) produzirt feine Tucbe und Zeuge fiir den Export, be- eonders nach Amerika, in die Levante und nach Holland. Tuche werden ferners erzeugt zu Brugge, Liittich, Antwerpen, Lowen, — Zeuge und Wollstoffe in Brugge, Gent, Mecheln, Brussel; — Teppiche in Brussel und Tournay; — bekannt sind die Strumpf- webereien im Hennegau. — Dieser Fabrikationszweig ist zwar in etetigem Steigen , doch war in den letzten Jahren die Einfuhr von Tuchen und Wollzeugen noch immer starker als die Ausfuhr. Sehr bliihend ist jetzt die Baumwollindustrie, Zur Zeit der Kontinentalsperre hatte sie ihren Aufschwung genommen, dann wurde sie durch den Bezug des Rohmaterials aus den „niederlan- dischen Kolonien" gefordert; seit der Trennung von Holland kam sie jedoch in Abnabrae, da sie auch den Export nach den erwahn- ten Kolonien verloren hat. Am erheblichsten ist sie in Ostflandern (Gent, Lokeren), in Westflandern (Brugge, Courtray), Brabant (Brussel — viel Indiennes —, Lowen, Anderlecht), — und im Hennegau (Tournay und Mons). Die Ausfuhr von Gespinnst ist grosser als die Einfuhr. Verbreiteten Buf und starken Absatz auf den Messen zu Frank¬ furt, Leipzig und Braunschweig haben die Lederwaaren (Ma- strichter und Liitticher Ober- und Sohlenleder), worin die Provinz Limburg den ersten Rang behauptet; begriindeten Rut geniessen ferner Liittich (Liittich, Stabelot), Namur (Namur, Dinant), Flan- dern (Brugge, Gent), letzteres vorziiglich wegen seiner grossen Garbereien. Nachst diesen Hauptindustrien sind noch auszuzeichnen : die Glaswaa- ren im Hennegau, Namur, Brabant (farbiges Glas und Krystallglas) und Liittich tHerstal), besonders die Spiegel von Charleroi, — auch ordinftres Glas gelangt wegen der grossen Billigkeit zum Export; — Porzellan und Fayence von Brussel, Gent, Mons und Tournay; — Papier von Brabant, Liittich, Namur, die Ausfuhr in fei- neren Qualitaten ist in der Zunahme; — Zu ckerraffineri e n in Antwerpen, Brugge, Ostende, Gent, Mons, Brussel und Lowen; — Runkelrubenzuckeriabriken in Antwerpen, Gent, Brugge und Ostende, die Raffinerien von Kolonialzueker vermin- dern sich, dagegen steigt die Riibenzuckerfabrikation, wofiir bereits iiber 40 Fabriken bestehen; — feine und lackirte Hoizwaarea in Spaa; — Handscbuhe von Lu¬ xemburg; — Seidenwaaren von Antwerpen. Handel. Der Handel im Inneren wird durch schiffbare Flusse, Kan&le und vorziiglich durch Eisenbahnen sehr begunstiget. Die Gesammtlange der letzteren betriigt uber 100 Meilen, sonach relativ am me is ten unter alien Staaten. Mecheln bildet das Cen¬ trum des Schienennetzes, von wo die Radien nach alien Industrie- gegenden des Landes auslaufen und diese sowohl mit den einhei- mischen Industriestadten, als den bedeutendsten Siadten in den Nachbarlandern (Paris, Aachen, Koln) verbinden. Fiir den aus- seren Handel bat das Land keine eben gunstige Lage , da von der etwa 140 Meilen langen Grenzlinie nur an 10 Meilen vom Meere bespult werden, und die zwei grossten Fliisee (Schelde und Maas) nicht im Lande ausmiinden; hierin wird Belgien von seinem nbrdlichen Nachbarlande iibertroffen. Dessenungeachtet ist der aus- vvartige Haudel im Steigen und wird durch die rasche und wohl- 20 * 308 feile Kommunikation im Innern , sowie (lurch die unbehinderte grosse Thatigkeit der Bewohner stets mehr gehoben. Die offiziellen Nachweise iiber die Ergebnisse des belgischen Handels weisen in den Durchschnittszahlen fur die drei funfjahrigen Zeitraume 1842—1846, 1847—1851, 1852—1856, sowie im J. 1857 ein stetiges Steigen sowohl im General- als im Spezialhandel nach*). Der Gesammtverkebr (Ein- und Ausfubr) betrug im J. 1857 im Generalb and el 1631. s off. (oder 1819. 2 act.), und im Spezial¬ handel 843. 9 offiziell (oder 849 actuel), und zwar: Ei nfuhr 393. 3 , Ausfuhr 450. 7 Millionen Francs, wornach sich (nach dem offiziel¬ len Wertbe) eine Zunahme gegen das Jahr 1856 von 101., und gegen den funfjahrigen Durchschnitt 1852—1856 von 335. t Millio¬ nen Francs herausatellt. Der Verkehr zu Lande und auf den Fliissen hat sich gegen das Vorjahr um 10%, dagegen jener zur See nur um 1% gehoben; von dem Gesammtverkehr entfallen 63. g % auf den Transport zu Lande und auf den Fliissen, und 36. 2 % auf den Seetransport. Den Hauptverkehr (mit 82.,%) un- terhalt Belgien mit den europaischen Staaten: Frankreich, England, Holland und dem Zollverein; auf den Verkehr mit Amerika, Asien und Afrika entfallen nur 17. 8 %. — Im Verkehr mit Frankreic h iibersteigt (im J. 1857) die belgische Ausfuhr jene der Einfuhr um 85. 7 Millionen Francs off. (oder 81. 5 act.); — nach dem Zollver¬ ein betragt die Mehrausfuhr 26.7 off. (= 12. 9 act.) Millionen Frcs.; — im Verkehr mit Holland zeigt sich eine charakteristische Ver- schiedenheit, indem nach den offiziellen Werthsbestimmungen ein Mehr fiir die Ausfuhr von 4.3 Millionen Francs, dagegen nach dem wirklichen Werthe ein Weniger von 23.7 Millionen Francs sich beziffert; — im Verkehr mit England iibersteigt der Werth der Einfuhr jenen der Ausfuhr um 4. g offiziell (= 6. s act.) Mil¬ lionen Francs**). Unter den ausser-europaischen Landern nimmt Amerika (Vereinigte Staaten, La Plata, Mexico, Cuba, Portorico, Haiti und Chili) den ersten Rang ein. Hier zeigt sich (1857) eine Zunahme sowohl in der belgischen Ausfuhr (gegen den funfjahrigen Durchschnitt 1852—1856 um 20%), welche 1857 den Werth von 35. t Millionen Francs erreichte, als auch in der Einfuhr (analog um 26%), deren Werth auf 104., Millionen Francs ge- stiegen war. *) Die Eintheilung in General- und Spezialhandel ist wie bei Frank¬ reich (siehe Anmerkung 1) Seite 299J; auch jene binsichtlich des Werthes in „amt- Iichen“ und „wirklichen“ („valeur offieiel“ et „actuel“) ist wie in Frankreich (siehe Anmerkung 2 ) Seite 299), nur bilden die Werthe des^Jahres 1833 die Grundlnge fiir den officiellen Werth in Belgien. **) Di 0se mitunter grossen Unterscbiede zwischen dem „offiziellen“ und dem „wirklichen“ Werthe ruhren zum Theil von dem Riickgange her. welchen alle Preise im genannten Jahre erfahren haben; zum grdssern Theile aber haben sich die Preise seit dem J. 1833 in der Weise geandert, dass Gegenstande der Naturalproduktion im Allgemeinen im Preise gestiegen, jene der Gewerbsindustrie mit dem Wachsen der Industrie im Allgemeinen gefallen sind. Aus der Gegeniiberstellung der beiden Werthe beim Import und beim Export kann sonach anniihernd auch auf die Artikel des Verkehrs geschlossen werden. 309 In Bezug auf Waarengattungen gehoren zu den vorziig- licheren Exportartikeln: Eisen und Eisenwaaren, Steinkohlen, Spiegel, Glaswaaren, Spitzen, Tuohe, Teppiche, Leinengarn, Baumwollwaaren u. s. w. Unter den auslandischen Rohstoffen, welche Belgien im- portirt, stehen die Baumwolle, der Bohzucker, Kaff'ee und die Wo lie im Vordergrunde. Aus Frankreich bezieht Belgien: Oelfrfichte, Weine, Getreide, rohe Haute, kurze Waaren und Gewebe — und setzt dorthin ab: Gevvebe , Leinengarn, Flachs Hanf und Werg, Vieh, Eisen- und Metallwaaren, Steinkohlen, Lederarbeiten, destil- lirte Getranke, Bauholz, Cichorien u. s. w.— Aus England bezieht es : Maschinen und Werkzeuge, Gewebe, Wolle, Rohhaute, chemische Erzeugnisse, Harz, Pech und Theer u. s. w. — und exportirt dorthin: Glas- und Krystalhvaaren, raffinirten Zucker, Getreide, Kartoffeln, Baurawollgarn, Wachs u. s. w. — Aus den Nieder- landen bezieht es: Danger, Robzucker, Wolle und Baumwolle, Oelfrfichte, Vieh, Indigo u. s. w. und exportirt dorthin: Getreide, Zink, Flachs, Gewebe, Tuche, Eisen¬ waaren, Bauholz, Leder, Steinkohlen, Porzellan, Glas- und Krystallwaaren u. s. w. — Aus dem deutschen Zollvereine bezieht es: Getreide und Oelsamen, Vieh, Wein, Bauholz, Schafwolle, Flachs und Hanf, Gewebe u. s. w. und exportirt dorthin: Game, Tuche, Gewebe, Eisen, Maschinen, Waffen und Seidenwaaren, Oele, Glas¬ waaren u. s. w. — Aus Amerika bezieht es Kaffee, Rohzucker, Baumwolle, Ta- bak, Nutz- und FarbehOlzer, rohe Haute u. s. w., und exportirt dorthin: Tuche, Zink, Waffen, Glas- und Krystallwaaren. Ausser dem Eigenhandel ist auch der Tr an s i tohand el, der fiir das Jahr 1857 mit 386. s Millionen Francs bewerthet wird, gegen den fiinfjahrigen Durchscbnitt um 27% gestiegen, wobei sowohl in Hinsieht der Ilerkunft der Waaren als der Be- stimmung der Durchfuhr die fruher genannten Staaten, und beziiglieh der Waaren die Seidengewebe relativ am stiirksten vertreten sind. Insbesondere ist der Transit aus und nach Deutschland selir bedeutend, da er iiber 45% der gesammten Durch¬ fuhr betrkgt. Dagegen hat sich die Niederlage fremder Waaren in den Entrepots im J. 1857 gegen die mehrerw&hnte Periode um 12% vermindert. Der Schi ff ahr t sv erkehr umfasste im Jahre 1857 auf 2791 angekommenen und 2768 ausgelaufenen Schiffen fiber 700.000 Tonnen und zeigt ebenfalls eine ansehn- liche Zunahme; doch zfthlt die belgische Handelsmarine nur etwa 160 Schiffe. In den belgischen Fahrzeugen zeigt sich im Jahresdurchschnitt der letzten Periode eine Abnahme von 2. 5 %; unter den fremden Schiffen war am starksten die englische Flagge (mit 43°/ 0 der Fahrzeuge) vertreten. Die Dampfschiffahrt beschaftigte im J. 1857 51 Fahrzeuge, darunter nur 8 belgische, aber 36 englische, dann 5 franzo- sische und je ein dfinisches und oldenburgisches. welche die Fahrten zwischen Bel¬ gien und G-rossbritannien , den Hansestadten , Frankreich , Nordamerika, Russland, Dfinemark und Brasilien vermitteln. Belgien unterhUlt Handelsverbindungen mit fiberseeischen Staaten, auch hat sich in ueuerer Zeit eine Kolonisations-Gesellschaft gebildet, welche in Guatemala Fflanzstatten angelegt hat. Geistige Kultur. Die Volksbudung steht im Ganzen auf einer ziemlich befriedigenden Stufe und zahlreicbe Lebranstalten sorgen sowohl fiir gelehrte als gewerbliche und kommerzielle Bil- dung. An Elementarschulen bestehen fiber 6000, jede grossere Stadt hat ein Gymnasium („Athenaeum“); vier Universitaten (Brus¬ sel, Gent, Lowen, Luttich) sorgen fiir die Pflege der Wissenschaf- ten; SchifFahrtsschulen, Ingenieur-, Gewerbe- und Bergwerksschulen, sowie Handelsschulen hingegen fiir spezielle Fachbildung. Das Land besitzt bedeutende wissenschaftliche und Kunstanstalten, ins¬ besondere erfreuen sich seit Jahrhunderten die schonen Kiinste einer sorgfaltigen Pflege (flandrische Malerschule), und deren Ein- fluss auf die Gewerbe ist unverkennbar. In Belgien erblicken wir somit auf dem Felde der geistigen und materiellen Interessen einen erfreulichen Fortschritt. 310 IX. Das KOnigrcich der Xiederlande (oder Holland) mit dem Herzogthume Limburg und dem Grossherzogtliume Luxemburg. §. 144. Bestandtheile. Bevolkerung. 1. In Europa: 641 O Meilen; — 3,544.000 (relativ 5500)*) Einwohner, in Luxemburg und Limburg Katholiken, sonst Protestanten und auch Israeliten. — Nach der Nationalitat grosstentbeils Hoiliinder (an 2‘/, Million), Vlamlander (an 350.000) nnd Niederdeutsohe fI'riesen). —Grenzen: im O. Preussen und Han¬ nover, im S. Belgien, im W. und N. die Nordsee. —■ Konstitutionelle Erbmonarchie nach dem Rechte der Erstgebnrt in mannlicher und weiblicher Linie des reformirten Hauses Nassau. Der Konig ist als Grossherzog von Luxemburg und Herzog von Limburg Mitglied des deutschen Bundes. Q Meilen Einwohner 2. In Asien. General - Gouvernement von Niederlfindisch- Indien. 28.923 16,354.000 Java und Madura (11 Millionen Einw.), auf Sumatra (1,650.000 E.), Borneo, Celebes, die kleinen Sunda - Inseln, die Molukken, Amboina- und Banda-Gruppe, Wesikiiste von Neu-Guinea; 3. In Amerika: St. Eustaehe, Cur» 9 ao (Westindien), Suri¬ nam etc. 2.830 87.000 4. In Afrika: Die Faktoreien an der Kiiste von Ober-Gui- nea (Elmina, Axim, Accra etc.). 500 100.000 32 253 16 541.000 Dazu in Europa... 641 3,544.000 Gesammtstaat. 32,894 20,085.000 Bodei). Daa Kdnigreich der Niederlande gehort zum nord- wesdiehtn T'eflnnde Eoropa’s, mit Ausnahme von Luxemburg, in welches der Ardennen wald mit Hfigelreihen (bis zur Hohe von 1500) hineinstreicht, In.-besondere ist das Miindungsgebiet des Rhein, der Maas und Schelde ein Produkt der Anschwemmung dieser Fliisse , welches kiinstlich gegen das Hereindringen der hoher als das Land iiegenden Nordsee geschiitzt wird und kunstlich bewohn- bar gemacht wurde. Eine dhnliche dureh Kunst gebildete Ober- flache fimlet sich wohl nirgends auf der Erde. Der einfonnige Boden ist theils Morast (Peel, Bourtanger- und Grenzmoor), theils Haide- und Sandland ohne Wald und mit wenig Quel- len, theils fruchthares Marsohland. Viele Sumpfgegenden sind durch Abztigsgraben (Slonteri), Einfassung mit Diimmen (Deichen) und (lurch Auspumpcn in „r older" mit ergiebigem Acker- und Wiesenboden Vi rwandelt wordtn. Vor den Flussmiindungen und vor der Zuider-See (*pr. Seuder-See) liegen flache, sehr fruchtbare Inseln. Hohe Fluthen und gewaltige Siurme mit Einbrtichen des Met res liaben nicht selten die Deiehe durchbrochen, ganze Land- strecken mit zahlreichen Ortschafien und Tausenden von Bewoh- *) In Hen einzelnen Provinzen herrscbt eine grosse Verschiedenheit in der re- lativen Volkszahl. In Nordholland kommen auf 1 Q Meile 12,071 Einwohner, in Sildhol and 11.254, Utrecht 6 386, Limburg und Zeeland iiher 5 000, Groningen nahe 5.000. Friesland, Gelderland , Nordbrabaut, Luxemburg fiber 4.000, Overyssel 3.887 uud Drenibe nur 1938. 311 nern durch Ueberschwemmungen verschlungen. Dei- Biesbosch (spr. Bihsbos’ch), gegenwartig zum Theil in Polder verwandelt, ist durch eine Ueberschwemmung, welche 72 Ortschaften verschlang, gebildet worden (im J. 1421); das jetzt trocken gelegte Haar- lemer-Meer, die Zuide r- See, die Lauwer-See, der Dollart sind ebenfalls durch grosse Ueberschwemmungen, deren man seit dem 6. Jahrhunderte an 190 zahlt, entstanden. Die Anlage und Unterhaltung der Deiche haben in Holland einen besonderen Zweig der Wasserbaukunst entstehen lassen, von welchem die ganze Exi- stenz des Landes abh&ngig ist. Gewasser, Der Westen und Norden des Landes werden von der Nordsee bespiilt, welche die Zuider-See und den Dol¬ lart in das Land schneidet. — Unter den fliessenden Gew&ssern nehrnen die fiinf Haup tmlln dun gen des Rhein den ersten Rang ein : Rhein (krummer und alter Rhein), Yssel (spr. Eissel), Vecht mit Amstel, Leek und Waal. — Siehe §. 43. Seite 51. — Dann die drei Hauptmundu ng en der Maas (siehe Seite 51), und zwei Hauptmiindungen der Schelde (siehe Seite 51). Endlich hat das Land sehr viele Seen, Siimpfe und Moore, so dass es ein insulares Reich zu sein scheint. Eine staunenswerthe Menge von Kanalen, welche das Land nach alien Richtungen durchschneiden, dient nicht bios zur Entwasserung des Landes ; viele sind so breit und tief, dass eie zur Schiffahrt dienen und alle sind mit Schleussen (Siehlen) versehen. Der Hauptkanal (der bedeutendste in Europa) ist der N o o r dholl an d s c h-Can a 1 vom Helder (an der Nordspitze von Nordholland) bis Buiksloot (gegeniiber von Amsterdam), auf welchem jahrlich liber 5000 See- schiffe fahren*). Ein Kanal verbindet Rotterdam, Delft, Leiden, Haarlem und Amsterdam. Das Klima ist oceanisch mit ziemlich kiihlem Sommer und gelindem Winter. Die grosse Wassermenge bedingt eine sehr feuchte Luft mit dichten Nebeln (die Herbstnebel heissen „Nicht“) und vielen Regentagen. Im siidostlichen Theile ist es weniger feucht und gesunder, Politische Eintheilung. Das Konigreich der Niederlande wird in 11 Provinzen, diese werden in Bezirke und letztere in Kreise eingetheilt; die Verwaltung geschieht durch Provinzial- staaten. Bemerkenwerthe Orte; **) 1. Stid-IIollaild: Haag (der Haag, s’Gravenhage, 75.000), Scheveningen (S’cheveningen), Leyden, Ifatwijk, Delft, Gouda (Chauda), Gorkum (Gorkomm), Hordrecht, Rotterdam, Schiedam (S’chihdara), Vlaardingen, Helvoetsluis (Helvutsleus); Die In s e In : Ysselmonde (Eisselmonde), Beyerland, Land van Voorn, Suid- Yoorn, (Seud-Vohrn). 2. Nord-IIoIIand : Amsterdam (260.000), Haarlem, Zaandam (Sakndam Oder Saardam), Broek (Bruck), der Helder. *) Er ist von Blanken vom Jahre 1819 bis 1825 mit einem Kostenaufwande v on 6,800.000 Thalern gebaut worden, ist 14 Stunden lang, 120' breit, 20' tief, zwei Uegatten konnen nebeneinander auf demselben fahren. Die Schleussenthore am Eingange sind die grossten, die es gibt; er hat zehn Schleussenwerke, Schiffe pas- siren ihn in 18 Stunden; im Winter muss er oft aufgesagt werden. **) Die bedeutend abweichende Aussprache ist in der Klamm er angegeben. 312 3. Zcelnild (Seeland): Mehrere bewohnte, fruchtbare Inseln innerbalb der Scbelde-Mundungen : Middelburg (16.000) auf Walcberen, Vliessingen. 4. Nord-Brabant: Herzog enbusch (s’Hertogenboscb, 22.000), Tilburg, Breda, Bergen-op-Zoom. 5. Gcldcrn: Arnhem (25.000), Nymwegen, Zutphen, Het Loo (das Loo). 6. Utrecht : Utrecht (50.000), Amersfoort, Rhenen. 7. Over-Yssel: (Over-Eissel): Zwolle (20.000), Deventer (Demter Oder Devnler), Kampen, Almelo. 8. D rent he: Assen (5000), Meppel. 9. Friesland: Leeuwarden (Lijhwarden, 24.000), Dokkum, Harlingen; die Inseln: Ameland, Schiermonnikoog- 10. Groningen: Groningen (35.000); die Inseln: Booscb-Plaat, Rottum. 11. Limburg; Mastrieht, (22000), Venloo, Roermond (Rurmond). 12. Luxemburg: Luxemburg (11.000), Diekirch, Echternach. Der wichtigste Platz ist Amsterdam mit einem geraumigen tiefen Ilafen, beriihmten Schiffswerftcn, der Hauptmarkt fur Getreide, franzosische Rothweine, americanische Tabakblktter und alls Kolonialwaaren. Vorzbglich bedeutend ist das Wechselgeschaft, und der Handel in Staatspapieren ist nur in London und Paris von gleicher Wichiigkeit. Ein grosses Entrepot mit 60 Waarenhiiusern, in welchen solche Waaren unentgcltlich geUSscht werden kOnnen, die als Transitwaaren weiter gehen, befOrdert den Zwischenhandel. Eine mannigfaltige Industrie, Handels- gesellschaften, Geldinstitute, wissenschaftliche, technische und kommerzielle Anstalten beleben den gesammten Handel. Die Stadt ist an der Amslel und dem Y (Ei) mit- tels Pfahlwerks auf 90 moorigen Inseln, die dureh 290 iiber die zahlreichen Kanale oder Gracbten fuhrenden Briicken verbunden sind, in Form eines Halbmondes erbaut. Konigl. Schloss, Stadthaus, Borse, Admiralitatsgebaude; zahlreiclie Kirclien, Bethiiuser und Synagogen. IlOnigl. Institut der Wissenschaften und Kiinste, Athe- naum, Seemannsschule, Kunst- und Naturaliensammlung, grosse Hospitaler, Armcn- und Waisenhauser. Bedeutende Diamantenschleiferei und Diamantenhandel. Von fast gleicher Bcdeutung ist der Grossbandel in Itottcrdam, erst seit dem Aufhoren der Kontinentalsperre und der Trennung von Belgien stets im Wachsen, und zwar in den gleichen Artikeln wie Amsterdam. Die Stadt, als Sitz der niederl&ndischen Dampfschiffahrtsgesellschaft, umerha.lt bcdeutcnden Verkehr mit den europaischen und transatlantischen Ha,fen, und die vielen Kanale, welche die Stadt durchschneiden, tragen grosse Seeschiffe in die verschiedenen Stadttheile. Wichtig sind die Fabriken, namentlich die Zucker- und Salzraffinerien, Tahak-, Papier-, Nadeln-, Korkpfropfen-, Bleiweiss-, Seifenfabriken u. a. Dordrecht unterlialt Schiffahrt und Handel auf dem Rhein nach Deutschland, hauptsachlicher Platz fiir den Holzhandel. Ilaarlcm hat den bedeutendsten Handel in Leinwand und Blumen. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die Einformigkeit des Bodens bedingt auch Einformigkeit in der Pflanzenwelt. Von der Geeammtfiache sind etwa zfvei Drittel kultivirtes Land, von dem lefzten Drittheil entfallen iiber 70 [JM. auf Gewasser, Wege u. 8. w. und fiber 140 QM. sind unkultivirtes Land; doch mindert sich die Grosse des Letzteren fortwahrend durch das riistig fortschreitende Entwassern von Sfimpfen und Seen , und seitdem die Drainage in den nordlichen Provinzen grosse bortsebritte macht. Wo es das Terrain gestattet wird die jlJodenliiiltur musterhaft sorgfiiltig betrieben. Was Fleiss und Kunst einem diirftigen Boden abzugeivinnen vermogen, das ist in Holland gesebehen, und dieses zum Theil dem Meere abgewonnene Land ist durch die ausdauernde, intelligente Bctriebsamkeit. seiner Bewohner vielfacb in einen Garlen verwandelt worden. Dessen- ungeachtet kann die Produktion des Landbaues den Bedarf der relativ dichten Bevolkerung nicht decken. Am blfihendsten ist der Ackerbau in Zeeland, vorzfiglich der Weizenbau, zunachst 313 stehen der Roggenbau in Friesland und Hafer in Groningen; auch in Nordbrabant, Geldern und Limburg wird der Feldbau sorgfaltig gepflegt. Ein ansehnlicher Theil der Bodenflache wird zum Anbau von Han dels pflanzen, namentlich Tabak, Hanf, Flachs und Krapp beniitzt; Tabak wird zumeist gebaut in Ut¬ recht und Geldern (Jahresproduktion an 14 000 Zentner), Flachs um Dordrecht, in Zeeland, Geldern, Groningen und Luxemburg; Hanf in Sud - Holland; Krapp auf den Maas- und Scheldeinseln und im westlichen Brabant. Ein Hauptzweig der physischen Kultur ist die theils wegen des Gewinnes, mehr noch aus Liebhabe- rei betriebene Blumenzucht, besonders grossartig in Haar¬ lem, Leyden u, a. O. — An Holz ist das Land sehr arm; die Stelle des Brennholzes vertritt der Torf, den Bedarf fur den Deich-, Hauser- und Schiffbau liefern der Schwarzwald und die Ostseel&nder. Einen grossen Reichthum hat das Land in der Rindvieh- zucht , und Butter und Kase sind die bedeutendsten im Lande gewonnenen Handelsartikel. Die fetten Weiden, namentlich in Friesland, Nord- und Siidbolland, der Fleiss und die grosse Rein- lichkeit befordern ausserordentlicb diesen Erwerbszweig. Im Jahre 1856 betrug die Kaseerzeugung an 115.000 Zentner, wovon etwa 5°/ 0 im Lande konsumirt und um nahe 20 Millionen Gulden expor- tirt ward. Grosse Kasemarkte sind in: Alkmaar, Edam, Hoorn, Gouda etc.; die meiste und beste Butter liefern Leyden, Delft und Friesland. Die Zucht der Pferde, Schafe und Bienen ist nicht er- heblich. Ein bedeutender Nahrungszweig ist seit Jahrhunderten die S ee fi sch e rei, insbesondere der Haringsfang an der englischen und schottischen Kiiste. Trotz der erwachten Konkurrenz der iibrigen Nord- und Ostseestaaten gelten die hollandischen Haringe doch fur die besten, da die Hollander die Zubereitung am besten verstehen, das beste (spanische und portugiesische) Salz verwenden und iiusserst piinkt- lich und sauber dabei zu Werke gehen. Im Jahresdurchschnitt der letzteren Zeit belief sich die Menge der Haringe uber 60 Mil¬ lionen und der Werth des Exportes j&hrlich wohl an 600.000 Gul¬ den. Der Sammelplatz der Haringsfanger ist Vlaardingen, das die meisten Fahrzeuge (Buizen) aussendet. Die Rtickkehr vom Fischfange ist mit vielen nationalen Festlichkeiten und alten Ge- brauchen verbunden. Aus tern fa.ngt man bei Schouwen und Texel, der Stockfisch fang wird an der Doggersbank vor der englichen Kiiste, der Wallfisch- und Robbenfang in den beiden Eis- meeren betrieben. An Milieralien ist das Land arm, selbst Bausteine und gutes Trinkwasser fehlen in vielen Gegenden. Nur Ziegel- und Topfer- thon wird viel gewonnen, dann Pfeifen- und Fayencetlion. Die Hauptausbeute ist vorzuglicher Torf, Salz wird importirt. In Luxemburg, dessen gutbewasserter Boden sehr fruchtbar ist, und reichen Ertrag an Getreide, Hanf, Flachs, Rubsamen und et- was Wein liefert, ist auch die Gewinuung von Eisen, Blei und Schiefer von einigem Belange. In der gewerblichen Industrie werden die Niederlande von 314 Belgien weit fibertroffen; die Niederlande sind kein Fabriks- land, obwobl manche Industriezweige eehr bliihend sind und die Handvverke uberall grosse Fortschritte machen. Der alteste und wichtigste Zweig ist die Leinenindustrie, und hollandisehe Leinen behaupten den Ruf der feinsten und weissesten. Beruhmt ist hierin Haarlem, unerreicht in seinen Bleichen und dem Spitzenzwirn, dann Herzogenbusch und Umgegend, Almelo in Over-Yssel und andere. Viel Segeltuch, Taue und dergleichen werden in Zaardam, Amster¬ dam und in andern Seeplatzen erzeugt. Ausgezeichneten Ruf ge- niessen die hollandischen oder niederlandischen Tuche, doch bat die Wollindustrie in der Quantitat abgenommen und ist meist nach Belgien ubersiedelt, Feine Tucbe erzeugen Tilburg, Leyden, Delft, Utrecht. Die Baumwollfabrikation ist ziemlich verbreitet, beson- ders in Over-Yssel; die S e i d e n fabriken sind nicht sehr erheblich (Haarlem, Amsterdem, Breda). In der Pa pi e rerzeugung behaup- tete Holland ehemals den ersten Rang in Europa, und „hollandische Leimvand", — „hollandisches Tuch", — „hollandisches Papier" galten fiir die besten. Gegenwartig bestehen uber 130 Fabriken im Lande, welche noch immer sehr geschatzte Waare auch fiir den Export liefern. (Wapenvelde in Geldern, zu Apeldoorn, zu Epe, Zaardam, Groningen, Leeuwarden erzeugen schemes Postpapier, in Over-Yssel Druckpapier, um Leyden und Gouda Packpapier). — Kornbrann twein- und Genbvre-Brennereien erzeugen viel- leicht eine Million Eimer, wovon fast zwei Drittel zum Export nach England und Australien kommen. In Schiedam bestehen uber 170 Brennereien, dann in Weesp, Rotterdam, Dordrecht, Delft u. a. m. Die Tab akfabriken von Amsterdam und Rotterdam, die Z ueker fabriken in den genannten zwei Stadten, sowie in Dord¬ recht, Utrecht, Zwolle sind ausgedehnt. Gouda und Gorkum lie- fern die besten europaischen Thonpfeifen, wovon bei der gros- sen Liebhaberei des Tabakrauchens enorme Mengen im Lande selbst abgesetzt werden. Fiir die Le derfabrikation ist der Hauptort Mastricht, in der Diamantschleiferei ist Amsterdam weltbe- rOhmt. Von hoher Wichtigkeit ist der Schiffbau; unter den mehr als 600 Werften sind die bedeutendsten zu Amsterdam, Rot¬ terdam, Zaardam, Dordrecht und Vliessingen. Ausgezeichnet wegen der Dauerhaftigkeit und Schnelligkeit sind die hollandischen Ost- indienfahrer. Den Schiffsbedarf (Segeltuch, Taue, Anker, Pumpen etc.) bereifen alle Kustenprovinzen. Der Ifandel Hollands ist sehr bedeutend, namentlich zur See grossartig. Holland ist zwar von der HOhe in der Mitte des 17. Jahr- hundertes, zu welcher Zeit es die erste Handelsmacht Europa’s ge- wesen, herabgekommen; allein seit der Trennung von Belgien ist der Handel des Landes wieder im Steigen. Die „Ostindische Handelscompagnie" (seit dem Jahre 1602), —• die „West- indische H an dels com p ag n ie“ (seit 1621), — die „nieder- landjische Hand el - M aatsch ap py“ (spr. Maatskappei, seit 1824), — der im Jahre 1824 abgeschlossene Vertrag mit England zur Regelung der beiderseitigen Kolonialverb<nisse, — die durch Gouverneur Bosch auf Java eingefiihrten prinzipiellen Verbesse- 315 rungen in der Verwaltung und Bodenkultur, — der liberale Zoll- tarif bei der Einfuhr, — die Neigung und Kraft des Volkes zu grosaartigen Unternehmungen und das zahe Ausharren bei densel- ben; — diesa Allea hat auf den niederlandiachen Handel ausserst wohlthuend eingewirkt. Amsterdam und Rotterdam vermit- teln einen groasen Theil dea europaischen Verkehrs mit Amerika, Ostindien, China und Japan; mit letzterem Staate atanden bia in die jungate Zeit nur die Hollander in Handelsverbindung. Ala See- platze aind noch bekannt Vliessingen, Dordrecht (Holzhandel), Middelburg, Leyden, Utrecht, Nymwegen, Gronmgen. Die Han- delaflotte zahlt iiber 2230 grossere Fahrzeuge mit mehr ala 550.000 Tonnen. Die Maas und Schelde verbinden daa Land mit Belgien, der Rhein mit Deutschland, wohin der Verkehr am lebhafte- sten von Rotterdam aus geht, der durch Vertrage mit den deut- achen Zollvereinataaten unterstutzt wird. Zahlreiche regelmassige Dampfschiffahrtsverbindungen unterhalten Amsterdam und Rotterdam nach London, Hull, Havre, den Hanseestadten u. a. f. Gegenatande der Ausfuhr aind: Leinwand, Wollenstoffe, Rindvieh, Butter, K&se (vorzfiglich nach England), S&mereien und Blumen, Krapp, Fische, Kolonialwaaren (nach Deutschland) u. a. m. (Im Jahre 1856 im Werthe von 300 Millionen Gulden.) — Zur Einfuhr kommen: Kaffee (Java und Westindien, im Jahre 1859 fiber 1 Million Ballen und 2883 Fasser), Thee, Reis, Zinn, Indigo, Zucker, Gewurze (aus den Kolonien), Getreide, Hanf, Bauholz (aus Deutschland und Nord-Europa), Steinkohlen, Metalle und Metallwaaren, Webewaaren, Wein, Stein- und Seeealz, Porzellan, Glas u. a. m. (im Jahre 1856 um mehr ala 350 Millio¬ nen Gulden). Der Binnenhandel wird gefordert durch die grosse Menge von Kanalen, durch achiffbare Fliisse, durch daa Eiaenbahnnetz, welches Rotterdam, Haag, Leyden, Amsterdam und Utrecht ver- bindet, und von da fiber Arnheim nach Deutschland fiihrt, durch zahlreiche Geldinstitute, Boraen, Handela- und Schiffahrtsachu- len u. a. f. Die Hollander haben die Vorzuge und Schattenseiten eines echten Kaufmannsvolkes; der Yolkscharakter hat durch den fort- w’ahrenden Kampf mit der Natur ein festes Geprage bekommen. Phlegmatiach, kalt berechnend, aparsam, unternehmend und aus- dauernd liebt der Hollander Ordnung und Reinlichkeit bis in daa Kl einliche, er fiihlt aicb ala Herr des Landes, das er miihsam dem Meere abgetrotzt. Er halt auf Zucht und strenge Sitte, hangt am Alten, liebt sein Vaterland, und die Wohlbehabigkeit gibt ihm das Bewusatsein von Sicherheit und Unabhangigkeit. Dieses thatkraf- tige und arbeitaame Volk ist in der geistigen Kultur weit fortge- schritten; die zahlreichen Volksschulen sind gut eingerichtet, trelf- liche wiasenschaftliche und Kunstanatalten und Sammlungen, vor- ziiglich in der Residenz Haag, beleben stets den Sinn fiir daa Schone und Grosae. Das Land hat zu jeder Zeit ausgezeichnete Manner besesaen, welche als Ktinstler, Gelehrte, Staatsm&nner und Seehelden den Ruhm dea Vaterlandes erhoht haben. 316 X. Das Kttnigreicli Grossforitaimien. §, 145. Bcstandthcilc. Bevfilkerung. Geograph. QMeilen Einwohner 1, in Europa. Konigreick England und Fiirstenthum Wales 2743 19,520.000 „ Schottland . 1445 3,094.000 „ Inland. 1533 6,552.000 Inseln in den britischen Meeren (nebst Armee und Flotte). 18 311.C00 Sclmtzstaat: jonische Inseln, dann Gibraltar, Helgoland, Mali a etc. 55 400.000 5794 29,877.000 2. Kolonien *) in Asien (nebst den Sohutzstaaten).. .. •.. 63,860 182,000.000 3. „ „ America (nebst den IIudsonsbai-Lan- dern). 200.000 4,400.000 4. „ „ Africa . 6403 860.000 5. „ „ Australien . 21 387 1,000.000 Gesammt-Monarchie. 297.444 218,137.000 Zwei Drittheile der Bevtilkerung gehiiren dem germanisch'en Stamme an (das englische Volk), ein Drittel besteht aus Cambriern, Walisern, Galen und Iren, auf den normannischen Inseln wohnen Franzosen. Die tlberwiegende Menge ist pro- testantisch, doch wohnen aueh viele Katholiken, insbesondere ist Irland der katholi- scben Kirche treu ergeben. Selir zahlreich sind die Dissenters (= Andersdenkende). Israeliten gibt es im ganzen Reicho. — Untheilbare, konstitutionelle Erbmonarchie in der jiingeren (hannoveranischen) Linie des welfisehen Haases Braunschweig. Das Oberhaupt des Reiches ist zugleich Oberkaupt dor anglikaniscben Kirche, Boden. D ie Insel Grossbritannien hat zum grosseren Theile eine wellige Obei'flache; der ostliche Theil ist Flachland, im Weslen und Norden herrscht der Gebirgscharakter vor. Das Bergland besteht aus mehreren Gruppen, welche durch Hiigelreihen unter sich in Verbindung stehen. Diese Gebirgsgruppen sind: das Bergland von Corn wall (Karn’ual) **) auf der siidwestlichen Halb- insel bis zum Cap Landsend; — das Hochland von Wales (U&ls); — daB ntirdliche Gebirgsland und zwar westlieh da3 Bergland von Cumberland (Kommberland), ostlich das Peak- (Pihk-) Gebirge; als Grenzgebirge zwischen England und Schottland das Cheviot- (Tschiwiott-) Gebirge. Im Norden des Letzteren liegt das schot- *) Asiatische Besitzungen: Indo-britisches Reich: die Priisidentschaften Bengalen, Madras, Bombay, die Inseln Ceylon, Labuan, Hong-Kong, Halbinsel Aden, Insel Perim, Sarawak auf Borneo. Americanische: General-Gouvernement Canada, die Gonvernements: Neu- braunschweig, Neuschottland, Prinz Eduards-Insel, Neufoundland mit den Kiisten von Labrador, Gebiet der Hudsonsbai-Compagnie mit dem arktischen Archipel, die Gou- vernements : Columbia, Bermuda, Jamaica mit Honduras und dem Mosquitogebiete, St. Christoph, Antigua, Dominica, St. Lucia, St. Vincent, Grenada, Barbados, Tabago, Trinidad, Bahama-Inseln, Guayana, Falklands-Insel, Staatenland. Africanische: General-Gouvernement: Kapland, Gouvernements: Natal, Gam¬ bia, Sierra Leona, Goldkuste, St. Helena, Mauritius (Sechellen, Amiranten, Tsehagos- Archipel). Australische: Gouvernements: Neu-Sad-Wales, Victoria, Siid-, West-, Nord-Australien, Tasmania (Vandiemens-Land), Neu-Seeland. **) Die anniihernd bezeichnete Ausspraehe ist in der Klammer einge- schlossen. 317 tisclie Niederland oder die Lowlands (Loh’lands), aus welchem sich Hochschottland erhebt, bestehend aus dem Grampian- (Grampi&n-) und dem nord-kaledonisc hen Gebirge, und der schottischen Spalte zwischen beiden. — Die Insel Irland ist ini Innern Tiefland , aus welchem sich namentlich an der Nord- und Westkiiste einzelne Berggruppen erheben, die jcdoch nirgends eine grossere, geschlossene Gebirgsgruppe bilden. Gewasser und Kliina. Die beiden Inseln werden vom at- lantischen Ocean und seinen Theilen (der Nord see, dem Ca¬ nal mit derStrasse von Dover oder Calais, und der irischen See mit dem S f. Georgs- und dem Nord-Kanal) bespiilt, welche bedeutende Meerbusen und sehr zahlreiche Buchten und Hafen in das Land schneiden, wodurch Schiffahrt und Handels- verkehr ungemein begiinstigt werden. — (Siehe S. 12 und §. 15. S. 14, Nr. 1-5.) Die Fliisse ergiessen sich theils in die Nordsee, theils in den Ocean. Zu den ersteren gehoren: die T h e m s e , Gross- britanniens wichtigster Fluss mit ungemein starker Dampf- und Segelschiffahrt, — der Humber (Hommbr), der Tweed (Tuihd), der Forth (Fohrts) und der Tay (Teh); — zu den letzteren : der Severn (Sewern) und in Irland der S h a n o n (Schannonn). Das Land hat endlich viele aber kleine Seen, zumeist in Cumberland und W estmoreland (Uest’morl&nd), dann Siimpfe und Moore. Das Inselklima Grossbritanniens ist ziemlich gleicbformig mit nicht sehr grossem Temperaturwechsel. Der Winter ist ver- haltnissmassig milde, der Sommer nicht gar heiss; der Himmel ist in der Regel triibe, dichte Nebel mit grosser Feuchtigkeit und vielem Regen sind haufig. Der Schnee bleibt nur in den hoheren Berglandschaften langer liegen; wegen der grossen Feuchtigkeit ist die Insel den grossten Theil des Jahres mit saftigem Griin bekleidet. Politischc Eintheilung. Das Konigreich Grossbritannien besteht in Europa aus den Theilen: 1. Konigreich E n g 1 a n d, 2. Furstenthum Wales, 3. Konigreich Schottland, 4. Konig¬ reich Irland und 5. den europaischen Nebenl&ndern.. — Das Reich ist in Counties (Kauntis) oder Shires (Shihrs), das ist Grafschaften, eingetheilt. Nehstbei sind noch alte Einthei- lungen im Gebrauche. I. Konigreich England zerfiel (vom Jahre 455 — 827) in 7 angelskchsische KOnigreiche, gegcnwilrtig wird es in 40 Counties eingetheilt. 1. K8nigreich Essex (2 Grafschaftsn: Middlesex [Middlseix] und Essex): London (2,880.000), Colchester (Koltschestr), Harwich (Harritsch); 2. Konigreich Ostangeln (3 Grafschaften: Suffolk (Stiffok), Norfolk (Noarfok), Cambridge (Kehmbridsch): Ipswich (Ipsuitsch), Norwich (Noaritsch, 70.000), Cambridge (30000), Newmarket (Njumiirket); 3. Konigreich Mercia (Merssih , — 19 Grafschaften: Buckingham (Bockingitm), Oxford (OaksfOrrd), Gloucester (Glosstr), Monmauth (Mannmots), Hereford (Herri- 318 forrd), Shropp Oder Salopp (Sallopp), Chester (Tschestr), Derby, Nottingham (Noattingilmm), Lincoln (Lingkfinn), Huntingdon (HOnntingd’n), Bedford (Bed- fiirrd), Hertford (Harforrd), Northampton (Noatsfimmt’n), Butland (BOttland), Leicester (Lestr), Stafford (StaffOrrd), Worcester (Wuster) Warwick): Buckingham, Oxford, Gloucester, Bristol (137000), Monmauth, Hereford (40000), Shrewsbury, Chester (54.000), Macclesfield (Makkelsfield, 64.000), Stockport (92.000), Derby (44.000), Nottingham (60.000), Birkenhead, Boston, Lincoln (43.000), Huntingdon, Bedford, Hertford, Nort¬ hampton, Oakham, Leicester (61.000;, Stafford, Worcester, Warwick, Birmingham (233.000), Stratford, Etruria (the Potteries); 4. KOnigreich Northumberland (NoahrtsOmbarlfind) mit 6 Grafschaften: York, Lancaster (Lank'astr), Westmoreland (Uest’morl&nd), Cumberland (Kbmmberl&nd), Durham (DOrrfimm), Northumberland); York (60.000), Hull (H611, 60.000), Leeds (Lihds, 172 000), Huddersfield (HOddrsfild), Halifax (Hal)ifex), She ffield (135.000), Lancaster, Man¬ chester (Milnntschestr, 303 000), Liverpool (Liwerpuhl, 376.000), Pres¬ ton (100.000), Oldham, Carlisle (Karleil), Durham (57.000), Newcastle (Niukasl, 140 000); 5. KOnigreich Kent (gleichnamige Grafschaft): Canterbury (Kfinterberri), Greenwich (Grihnitsch, 100.000), Woolwich (Wulitsch), Chatam (Tschattam), Dover (30.000); 6. KOnigreich Sussex (Sossex, 2 Grafschaften: Sussex, Surrey [SOrri]): Chichester (Tschitschestr), Brighton (Breitn, 66.000), Hastings (Hehstings), Guilford, Bichmond (BiischmSnd); 7. KOnigreich Wessex (7 Grafschaften): Berk, Wilt, Southampton (Saut- sammtn), Dorset, Sommerset, Devon (Divn), Cornwall: Beading (Bedding), W i n d so r (UindeOrr), Salisbury (Sahlsberi), Winchester (Uintschestr), Portsmouth (Pohrtsmots). Spithead (Spitthed), Insel Wight (Uoit), Southampton, Dorchester, Bath (Bats, 70.000), Exeter, Plymouth (PlimmOts, 84.000), Launceston (Lahnstn), Falmouth (FallmOts). II. Fiirstenthuin Wales (12 Grafschaften): Pembroke, Kardiff (47.000), Merthyr Tydvil (80000), Swansea JSuansi 48 000), Caermarthen (Karmartsen), Holywell (Halliuell), Insel Anglesea (Anglsi), Insel Holyhead (Hollihed). III. KOnigreich Schottland (33 Grafschaften): a) Sfid sello 11lan d (19 Grafschaften): Edinburgh (200 000), Leith (hits), Glasgow (Glasko, 334.000), Paisley (Pesli, 50.000), Greenock (GrinOck, 40.000), Kilmanok; b) Mi 11 el - Sch o ttland (8 Grafschaften); Perth (Perts 24.000), Dundee (Ddnndi 80.0001, New-Aberdeen (NjuAberdihn 73.000). c) Nord-Schottland (6 Grafschaften): Inverness (17.000), Wick. Die Inselgruppen: a) Hebriden. — An 50 Inseln, von etwa 85.000 Menschen bewohnt, die sich vom Fisch- und Vogelfang und der Yiehzucht n&hren. Die grOssten sind : Jona (Dschonfi) Oder Icolmkill (EikOmkill), Staffa (Staffs.; — Fin- galshfihle), Skye (Skih), Lewis (Luhis). b) Orkney’s Oder Orkaden. — Auf den 29 bewohnten Inseln leben an 32.000 Einwohner von der Bindvieh- und Schafzucht, Fischtucht und dem SeevOgelfang. Auf der Insel Pomona liegt die Hauptstadt Kirkwall (Kerkua.ll, 3000). Sehr feuchtes aber mildes Klima, viele Stfirme, haufige Gewitter und Nordlichter im Winter. c) S h etland - Inseln. — Auf den 17 bewohnten Inseln leben etwa 31.000 Einwohner. Klima und Nahrungscptellen wie auf den Orkaden. Auf der grossten Insel Mainland (Mehnland) liegt die Seestadt Lerwick (3000), der Sammelplatz der englischen, hollfindischen und d&nischen Haringstischer. IV. KOnigreich Irlanri. Es zerfallt in 4 Provinzen und 32 Grafschaften: 1. Provinz Leinster (Linnster, mit 12 Grafschaften): Dublin (280.000), Wex¬ ford (UexfOrrd), Drogheda (Drachida), Kilkenny; 2. Provinz Ulster (Ollster, mit 9 Grafschaften); Down Patrick (Daun Patrik), Belfast (Bellffist, 100.000), Londonderry (Lond’nderri), Armagh (Arm ah); 3. Provinz Connaught (Canniht), mit 5 Grafschaften): Sligo (Sleigo), Cast¬ lebar (Kftsslbar), Galway (GiUlufeh), 25.000); 319 4. Pro yin z Munster (MCnnster, mit 6 Grafschaften): Limerik (56.000), Cork (Kahrk. 87.000), Waterford (Uaterforrd, 30.000). V. Europaisehe Nebenliinder. 1. Insel Man (M&nn) in der irischen See, mit 53.000 Einwohnern; metallreiche Berge, Seehandel; Hauptort: Casteltown (Kassltaun, 4000); 2. Seilly- (Siili-) Inseln, mekr als 1200 Eelsklippen, yon 3000 Briten bewohnt. Hauptort: Newtown (Njuhtaun) auf der Insel St. Mary; 3. Norm annis che Inseln, 4 grossere, viele kleinere, von 91.000 Franzosen be¬ wohnt und in 2 Gouvernements eingetheilt: a) Guernsey (Gernsi). Hauptort: St. Pierre (20.000), b) Jersey (Dschersi). Hauptort: Sain t - Hellier ( 22 . 000 ); 4. Insel Helgoland (in der Nordsee, vor den Mtlndungen der Elbe und Weser), mit der gleiehnamigen Stadt, 3000 Einwohnern und stark besuchtem Seebad. Die Bewohner treiben Fischerei, Schiffahrt und Lootsendienst; 5. Gibraltar, Festung und Haf'enstadt an der Sudspitze von Spanien. 20.000 Einwohner, starker Sehleichhandel mit englischen Manufakten nach Spanien; 6. Mai ta-In s eln : Malta, Gozzo, Comino, Cominotto, mit 130.000 Einwohnern. Sehr fruchtbar, liefern Baumwolle, Siidfrfichte, selbst Zuckerrohr. Auf Malta Hauptort: La Valetta (60.000), sehr starke Festung, wiehtige Flottenstation der Briten, grosser Seehandel. Unter den vielen bedeutenden Stadten Grossbritanniens verdienen besondere Hervorhebung: London, an beiden Ufern der Themse, im Mittelpunkte der reiehsten nnd fruchtbarsten Provinzen, mit fiber 2‘/, Mill. Einwohnern*), Residenz- und Hauptstadt des britischen Reiches, der grosste und reichste Handelsplatz der Erde. Stadttheile: Westminster und Wes tend, Sitz des Hofes, des hohen Adels, des Parlamentes und der hochsten StaatsbehOrden, —City, Handelswelt, Geld- und Creditinstitute,'— Southwark, eigentlicher Fabriksbezirk, — East-End ist der erste Seehafen des Landes mit seinen Docks, Scbiffswerften, Lagerhausern u. s. f. Wenig grosse Privat- palfiste, aber viele prachtvolle fiffentliche und Staatsgebaude : Pa ul s - Kirche, West- minsterabtei mit den Monumenten der KOnige und berfihmter Manner, die k. Pal&ste St. James und Buckingham (Residenz), Westminsterhall, der oberste Gerichtshof; die neuen Parlamentshauser; dor Tower, friiher Staatsgefangniss, jetzt Zeughaus, Munze, Reichsarchiv, Juwelenkammer u. s. w.; das britische Museum mit Kunstgegenstanden, Raturalien, Handschriften und Bttchern; das ostindische Haus; fiber 500 Gebilude fur den Gottesdienst. Ueber die Themse ffibren 7 Briicken, und unter derselben n entschiedener Riickgang statt; denn fruher (1820 — 1830) r eprasentirte dieser Artikel weit mehr als die Halfte der Gesammt- a usfuhr bridscher Erzeugnisse, wahrend er jetzt nicht ganz ein Drittel derselben ausmacht. Dieser Riickgang findet seinen Grund in den *) (Imperial Gallon a 4 Quarts, a 2 Pints; 100 Gallons >= 321 Wiener Mass.) 330 grossen Fortschritten, welche die Baumwollindustrie auf dem Kon- tinente und in Nordamerika gemacht hat, und statt Ganzfabrikate auszufuhren, muss es sich auch mit dem jahrlich steigenden Export der Halbfabrikate begnugen. Nur in der Spinnerei behauptet es den ersten Rang. Nachdern ein bedeutender Theil der bisherigen Absatzmarkte verloren gegangen, hat England neue gesucht und gefunden; denn in den letzten Jahren (1857 und 1858) vermehrt sich die Ausfuhr von Baumwollfabrikaten nach Ostindien und China ausserordentlich. Die Ausfuhr von Wo 11 man u f akten ist in Zunahme, dessgleiehen jene der englischen Schaf- und Lammwolle, und des Wollengarnes. Nach Nordamerica ist zwar der Export bedeutend geringer als fru¬ iter, dagegen steigert er sich nach Ostindien, Australien und den iibrigen Kolonien, Auch der Export von Leinenwaaren (4. 3 Mil- lionen £) und Leinengarn (1, 0 Millionen £) hat sich in den letzten 25 Jahren verdoppelt, die Fabrikate Irlands bestehen jede Konkurrenz siegreich auf dem Weltmarlste. Die Ausfuhr von Roh- eisen und Eisenf abrika ten hat sich in dem Masse vergrossert, dass sie nur jener von Baumwollwaaren nachsteht. Auch die iibrigen Bergwerksprodukte und Metallfabrikate, Kupfer und Messing, Zinn nebst den daraus verfertigten Fabrikaten sind in progressivem Steigen, besonders Messing- und Kupferfabrikate (im Jahre 1825 nur 500.000 £, im Jahre 1857 dagegen fiber 3., Millionenl£) und Zinn und Zinnwaaren (1825 nur 300.000 £, im Jahre 1857 iiber l 1 /, Mil¬ lionen £). Relativ die grosste Steigeruug aber findet sich bei Steinkohlen (1825 etwa T / 4 Million, — im Jahre 1857 iiber 3'/ 5 Mil¬ lionen £). Die)englischenj’Zuc’k'erra'ffin erien mussten hingegen der Konkurrenz des Festlandes weichen, insbesondere seit der gross- artigeren Entwickelung der Riibenzuckerfabriken. Das Fallen des Exportes ist seitdem jahrlich starker, denn im Jahre 1856 bezifferte sich die Ausfuhr der Raffinade noch mit etwa 117.000 £, im Jahre 1857 nur mehr 57.000 £. — Hervorhebung verdienen noch unter den britischen und irischen Erzeugnissen (im Jahre 1857) Kleidungs- stiicke und Modewaaren (6 Millionen £), kurze Waaren (4 Millionen £), Seidenwaaren (3 Millionen £), Leder- und Lederwaaren (2. 3 Mil¬ lionen £), Bier und Ale (circa 1. 0 Millionen £) und irdene Waaren (1-5 Millionen £). Der deklarirte Wierth der britischen Aus¬ fuhr betrug im genannten Jahre fiber 145. 3 Millionen £. Der wirk- liche Werth von (gemiinztem und ungemfinztem) Gold betrug fiber 15, von Silber fiber 18'/ 2 Millionen £), und der deklarirte der in den Hafen Grossbritanniens umgeladenen fremden Waaren fiber 4 l / 2 Millionen £. Die wichtigsten Absatzliinder waren im Jahre 1857: In Buropa: Hansestiidte (9.,), Holland ( 6 .J, Frankveich ( 6 . 4 ), Tiirkei (3.,)» Russland (3), Spanien (2), Belgian (l 3 /.), Preussen (1VA Hannover (l 2 / 8 ), Sardinien (1.,), Danemark (I Million £). Ausser Europa: Vereinigte Staaten (19'/j)i Brasilien (5'/ 2 )> China (I s /*)* Chile (1V 2 )- Buenos Ayres (l'/J, Peru (l '/ 5 Million £). Britisclie Besitzungen: Ostindien (13), Australien (ll 1 /^), Canada (4'/a)' Capland (l*/ 5 ), Westindien und Guyana (2'/ a Millionen £) u. s. w. DerUmfang der Sch iffahr t sbewegun g ist stets durch den 331 Umfang der Ein- und Ausfuhr bedingt, und die Schwankungen sind erklarbar. Anders verhalt es sich mit der Rhederei und es ist nicht zu laugnen, dass in der letzten Zeit in der englischen Rhe- derei ein Stillstand eingetreten ist, welcher jedoch die auftauchenden Besorgnisse eines Verfalls ebenso wenig rechtfertigt, als die hie und da befiirwortete Beschrankung der fremden Flagge. Die eng- lische Rhederei ist sicherlich jeder Konkurrenz gewachsen. — Die britische Ha nde 1 smarine zahlte im Jahre 1857 mit Ausschluss der Kolonien: Segelschiffe. 24.480 Tonnengehalt 3,981.494 Dampfschifie. 1697 „ 386.462 Zusammen. 26.177 Schiffe, „ 4.367.956 mit circa 200.000 Mann britische Kolonien . 8874 „ „ 799.351 „ „ 50000 „ 35.051 , „ 5,167.307 „ „ 250.000 „ Gebaut und registrirt wurden im genannten Jahre 1278 Schilie (228 Dampf- schiffe) mit fiber 250.000 Tonnen. Die Preise der nenon Schiffe sanken in den letzten Jahren um 10 bis 15%. In die britischen Hafen waren (im Jahre 1857) 32.693 Schiffe mit 8,732.180 Tonnen einge lauf en und 44.401 Schiffe mit 10,340.399 Tonnen ausgelaufen, wobei die fremde Flagge von Jahr zu Jahr starker betheiligt ist. Der Verlust an Schiffen zur See iiberstieg im genannten Jahre nicht die durchschnittliche Zahl in den letzten Jahren und betrug 2002 Schiffe. Unter den F order ungsmi 11 ein des Handels nehmen etwa 300 Banken eine hervorragende Stelle ein; damn ter die Bank von England, die konigliche Bank und die Bank von Schottland, die National-Bank von Schottland, die Bank von Irland, die London- und Westmiinster-Bank u. s. w. Ferners die Sparkassen*) unddiegros- sen Handelsgesellschaften, unter welchen die ostindische, die af'rikani- sche, die russische, die levantische, die Sttdsee-, Hudsonsbai-, Ostsee-, Sierra Leone- und die Hamburgergesellschaft die bedeutendsten sind. Geistige Kultur. Bei allem Reichthume Englands sind die Unterrichtsanstalten noch immer mangelhaft und unzureichend. Fur die Yolksbildung ist im Allgemeinen noch immer zu wenig gesorgt, viele Tausende wachsen ohne alien Unterricht auf, Hunderte von Ortschaften sind ohne Schulen; die meisten Dorfschulen sind Pri- vatunternehmungen, wo bezahlt werden muss, und der Arme schickt seine Kinder ohne Schulunterricht in die Fabrik. In neuester Zeit wird durch Privatgesellschaften, welche Schulen fur Arme und Sonntagsschulen in den Fabrikstadten grunden, ausserordentlich viel geleistet. Allerdings ersetzen einige andere Institutionen im offent- lichen und Gemeindeleben Manches^ was die Schule versaumt, und dem strebsamen Geiste bieten Vereine und Bibliotheken mehrfache Gelegenheit zur Ausbildung. Besser ist das Unterrichtswesen in Schottland bestellt, wo in jedem Kirchsprengel Schulen bestehen; Irland dagegen ist ebenfalls hierin den germanischen Staaten des Kontinents weit zuruck. Auch die Mittelschulen und Universitaten (zu Oxford, Cambridge, Edinburgh, Glasgow, Aberdeen, St. Andrews, Dublin) konnen sich mit den deutschen und osterreichischen nicht *) Bcstand im Jahre 1843.27,177.315 £, „ „ 1857.35.108.596 „ 332 messen. Kbnigliche Schulen gibt es uberhaupt wenige und sind in der Regel kostspielig; der bei Weitem grosste Theil der Lehranstalten sind Privatschulen und Pensionsanstalten ohne dffentliche Aufsicht. Wohlbabende Leute geben ihren Kindern gewohnlich hauslichen Unterricht. — An grossen Miinnern in alien Zweigen der Wissen- schaft und Literatur hat iibrigens England eine erfreuliche Anzahl, zumeist in den physikalischen und technischen Wissenschaften. Na- mentlich steht diese Nation in der Technik gross und uniibertroffen da. Die Anwendung der enormen Resultate in den gesammten Na- turwissenschaften auf die Industrie hat bier weltumwalzende Erfin- dungen zur Folge gebabt. Die geographischen Entdeckungsreisen sind bei keinem Yolke Europas so zahlreich, und deren Einfluss auf Ausdebnung der Handelsverbindungen und der Industrie so erfolg- reicb; keine Nation hat eine solche Menge ausgezeichneter Staats- manner, Seehelden, denen tiefe Denker und umfassende Gelehrte wiirdig zur Seite stehen. Die engliscbe Literatur zeichnet sich in Poesie aller Gattungen und in Geschichtschreibung aus; dagegen besass es bis jetzt nur wenig hervorragende Kunstler. Der Aufschwung, in welchem alle Verhilltnisse und Zustande des Reiches begriffen sind, verbiirgt den Fortschritt in Wohlstand, wie in Sitte und Kultur uberhaupt. XS. Das Kttnigrcich Danemark (mit den Herzogthiimern Schleswig, Holstein und Lauenburg), §. 140 . 3120nMeilen; — 2,915.000 Einwohner;* *) das KBnigreich bewohnen Diinen, die Herzogthiimer Deutsche; fast aussehliesslich Protestanteu. — Bestand- theile: 1. der danische Arehipel in der Ostsee, — 2. die Halbinsel Jutland, — 3. die FarBer-Inseln, — 4. die Inset Island, — 5. die Kolonien. — Untheilbare, kon- stitutionelle Erbmonarchie, die Thronfolge ist im Gesammtstaate in der mannlichen Linie des lutherischen Hauses Danemark (oldenburgischer Stamm), nach deren Aus- sterben suecedirt Prinz Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Gliicksburg und dessen mannliehe Nachkommenschaft. Ofocrflache. Die Halbinsel Jiitland gehort dem nordeuro- paischen Tieflande an. Llings der Ostki'iste zieht sich ein niederer QJMeilen *) A. KBnigreich Danemark: . 096 B. Die Herzogthiimer: a) Schleswig.... 167 QM., 396.000 Einw. b) Holstein.155 „ 524.000 „ c) Lauenburg ... 19 „ 50.000 „ C. B eilander . 2083 (FarBer, 17 bewohnte Inseln, 24 OM., 8650 Einw., — Island 1867 QM., 65.000 E.’ — Gronland 186 QM., 9400 E.; — in Westindien: St. Croix 3% QM-, 23.000 E-, — St. Thomas 1'/, DM,, 12-500 E., — St. Jean 1 QM., 1800 E.) Die Gesammtzahl der Bevolkerung aller zu Danemark gehBrigen Lander betrug naeh dem koniglich danischen Hof- und Staatskalender fur 1859 am 1 Februar 1859 beilaufig 2,915.000Seelen. Einwohner 1^500JXX) 970.000 120.000 338 Landriicken (200—-500') bis zur Nordspitze (Kap Skagen), dessen hochster Punkt, der Himmelberg, nur etwa 500' hoeh ist; das Innere des Landes ist zum grossten Theile Haideland, und langs der Westkiiste finden sich Marschen durch Diinen, welche auf weite Strecken durch Deiche gegen die Meereswellen geschutzt sind. Ins- besondere ist in Holstein langs der Elbe und Nordsee fruchtbares Marschland (Dithmarschen) mit kostspieligen Deichen. Die Inseln in der Nordsee sind flach, hochstens hiigelig , an den Siidkiisfen von Seeland, Fiinen undMoen erheben sich 400'— 500' hohe, schroffe Kreidefelsen und Klippen, nur Bornholm und die Ertholme sind Gebirgsinseln. •— Die Fa roer sind kahle, baumlose, bis fiber 2000' liohe Felseninseln aus vulkanischen Gesteinen bestehend. — Island ist nur an den Kiisten, welche von vielen, tiefeingreifenden Buchten (Fjorden) durchscbniften sind, bewohnbar; nur bier finden sich Weideplatze und von Baumen die Birke. Das Innere der In- sel ist eine schauerlicbe Einode. liable, bis fiObO 7 hohe Berge, die von 2500' an mit ewigem Schnee bedeckt sind, Gletscher, die bis zum Meere hinabreichen, schroffe Felsen, ode Hochflacben , tiefe Thaler, reissende Bergstrome, gegen 30 Vulkane (Hekla 5200 ), Schwefelflachen und heisse Quellen (die beiden 80’—10(1 lroch auf- steigenden G ei s e r) geben derlnsel ein eigenthiimliches wildesAus- sehen. Die meisten und liingsten Fliisse miinden an der Nord- und Stidwestkuste. Das Inselklima ist hier verhaltnissmassig nicbt sebr rauh, besonders im stidlichen Theile. Jutland wird vorn Skagerak und dem Kattegat besplilt. Aus dem letzteren ftihren der Sund (zwischen Schweden und See¬ land), der gross e Belt (zwischen Seeland und Fiinen) und der kleine Belt (zwischen Fiinen und Jutland) in die Ostsee. Das Land hat keine bedeutenden Fliisse, ausser die Eider, welche Holstein von Schleswig trennt und durch einen Kanal die Ostsee niit der Nordsee verbindet (aus dem Kieler Busen durch den Flern- huder-See bis Rendsburg); aber viele Bache, zahlreiche, meist kleine Seen und salzige Strandseen in Jutland, viele Torfmoore, Siimpfe und Moraste. — Im Allgemeinen ist ein nebliges, feuchtes und un- bestandiges Kiistenklima, ohne grosse Temperaturunterschiede, in den einzelnen Landestheilen vorherrschend. Politische Eiiitheihiiig. Das eigentliche Danemark wird in sieben Stifte eingetheilt, deren drei auf die Inseln: Seeland, I^finen und L a a 1 a n d - F a 1 s t e r und vier, namlich : Aal¬ borg, Viborg, Aarhuus und R i b e oder Ripen a,uf Jutland kommen. 1. Stift S e el and (bestehend aus den Inseln : Seeland, Amak, Mijen, Samsoe; Bornholm und die drei Ertholme): Kopenhagen (144 000,), Helsingor (mit der h'estung Iironborg), Roeskilde, Leire. 2. Stift Fiinen: a) Insel Fiinen: Odensee (11.000), Nyebork, — b) Insel hangeland: Rudkiobing. 3. Stift L aaland-Fals ter: a) Insel Laaland: Mariboe (1S.000), — b) tnsel Falster: Nykjobing. 4. Stift Aalborg: Aalborg (8000), Frederiltsbaven, Skagen, InselLaessOe IQ1 Kattegat. 5. Stift Viborg'! Viborg (4000), Skive. 6. Stift Aarhuus: Aarhuus (8000), Randers. 381 7. Stift Ribe: Ribe (in einer Exklave in Schleswig, 3000), Fridericia, Hol¬ ding, Ringkiobing. Herzogthum Schleswig: Schleswig (12.000, Eckernforde, Flensbarg (16.000), Apenrade, Iladersleben, Tondern, Husum, TOuningen, Friedrichsstadt. Bewohnte Inseln (an der Ostktiste): Alsen (Augustenbnrg, Sonderburg), Arroe, Fehmern; (an der Westkfiste): RomOe, Sylt, FOhr, Pelworn, Nordstrand etc. Herzogthum Holstein: Gllickstadt (6800), Altona (40.000), Kiel (16.000), Rendsburg, Itzehoe, Oldesloe, Meldorf, Heide, Neustadt. Herzogthum Lauenburg: Ratzeburg, Lauenburg. Die Faroer-Inseln. Von der aus etwa 25 Inseln bestehenden Gruppe sind 17 bewohnt. Hauptort: Thorshavn (800) auf Stromoe. Island: Reykjavik (1000). Niederlassungen in GrOnland: Julianenbaab, Christianshaab u. a. m. Die westindischen Inseln: St. Croix, St. Thomas, St. Jean. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Danemark ist im Ganzen ein Ackerbau treibender Staat; die Landwirthschaft und Fischerei sind die wichtigsten Nahrungs- zweige der Bewohner. An zwei Drittel der Gesammtflache sind Ackerland und Marschboden, nur ein Sechstel entfallt auf das Haide- land und den Flugsand. Sehr viel Getreide, besonders Korn, wird in den Herzogthiimern, auf’ Laaland und Falster, zum Theil auch auf Fiinen und Seeland gewonnen, wovon, sowie an Hiilsen- friichten und Oelpflanzen, ansehnliche Mengen exportirt w’erden. Der Obstbau ist nicht bedeutend, auch Tabak, Hopfen, Flachs und Hanf sind nicht in ausreichender Menge vorhanden. Den Mangel an Holz deckt der Ueberfluss an Torf; getrocknetes Seegras wird theils als Brennmaterial benutzt, theils wird es ausgefuhri. — Mit grosser Sorgfalt wird die Viehzucht betrieben. Das beste Rindvieh wird in den Marschen von Holstein gezogen (Eiderstadter Kiihe in Schleswig), Holsteiner Butter und Kase werden sehr geschatzt; — vorziigliche Pferde in Holstein und Schleswig, kleiner aber kraf- tiger ist der Schlag in Jutland, auf Fiinen und Seeland. Pferdeniarkte werden zu Husum, Tiinningen, Friedrichsstadt (Schleswig) und Itzehoe (Holstein) gehalten. Die Schafzucht ist verhaltnissmassig am starksten in Schleswig und auf den Faroer-Inseln, obwohl noch wenig veredelt. In Jutland und Schleswig ist die Schweinezucht sehr in der Aufnahme. Ungemein stark ist die Gansezuchr, Eider- ganse auf Bornholm, Island und den Fariiern. Die Ausfuhr von Schreib- und Flaumfedern sowie von Eiderdunen ist betrachtlich. Yon grosser Bedeutung ist die Fischerei und Norddeutschland bezieht aus Danemark einen grossen Theil von Haringen (Aalborg, Altona), Biicklingen (Kiel), Austern und Hummern. An der Kiiste von Jutland wird der Stockfischfang betrieben, Altona, Gllickstadt, Flensburg und Kopenhagen senden auch auf den Wallfisch- und Robbenfang an die Kiisten Gronlands aus. Der Bergbau ist kaum nennenswerth, indem das Land keine Metalle, wenig Quellsalz (Oldsloe in Holstein), aber viel Seesalz und wenig Steinkohlen besitzt; dagegen werden Porzellanerde, Bau- und Miihlsteine auf Bornholm, und an vielen Orten Torf gewonnen. Moen und Nordjiitland liefern viel feine Kreide. Die gewerbliche Industrie ist von geringem Belange. Das eigentliche Fabrikswesen beschrankt sich auf wenige Orte, als: 385 Kopenhagen, Allona, Kiel, Flensburg; das Kleingewerbe ist ziem- lich verbreitet und sorgt fur die Bediirfnisse der Heimat. Kein Industriezweig ist so hervorragend, dass er eine Konkurrenz mit den eigentlichen Industriestaaten auehielte. Relativ am grossten sind die Zuckerraffinerien und Tabakfabriken in den genannten Stadten, welche iiberdiess auch Tuch und YVollenzeuge, Leinwand, Segeltuch, Tauwerk, Wachstuch, Kattune, Seidenzeuge, Leder und Lederwaaren (danische Handschuhe zu Odensee und Randers), Pa¬ pier u. s. f. erzeugen. Grosse Bierbrauereien sind in Altona, sehr viele Branntweinbrennereien in alien Tkeilen des Reiches und viel Oelmiihlen in den Herzogthiimern ; Eisengiessereien und Maschinen- bau haben Kopenhagen und Kiel; die Fabrikation von Eisen- und Stablwaaren, Glas, Porzellan, Steingut deokt bei Weitem nicht den Bedarf. In Kopenhagen, Kiel, Altona und Flensburg ist der Schiff- bau ziemlich erheblich. Auf den Faroern und auf Island ist die Wollweberei und Strickerei (Handschuhe, Striimpfe, Jacken) als haus- liche Nebenbeachaftigung erwahnenswerth, Die geographische Lage Danemarks ist fur den Handel gun- stig, insbesondere die Veibindung zwischen der Nord- und Ostsee. Hat der Handel auch die ehemalige grosse Bedeutung als Welt- handel eingebiisst, so ist er noch immer ansehnlich sowohl mit den nordischen Staaten, als mit Amerika, den beiden Indien, Frankreich und England. Nebst dem Eigenhandel ist der Kommissions- und Speditionshandel von grosser Ausdehnung. Die wichtigsten Orte in kommerziellor und industrieller Beziehung sind : Kopenhagen, welches ein Drittheil des gesammten Handels umfasst, und durch Dampfschiffahrt mit Schweden und Norwegen, Kiel, Lhbeck, Stettin und den danischen Inseln verbunden ist. Von den harien Schlagen zu Anfang dieses Jahr- hunderts hat sich die Stadt grOsstentheils erholt. Mehrere Assekuranzen, die Bank, Horse, Scbiffswerften, Docks, grossartige Magazine und Waarenhauser fordern den Handel, Den Hafen besuchen jahrlich an 2000 Schiffe. — Altona verdanlct seine Wohlhabenheit dor grossen Betriebsamkeit, der Nabe Hamburgs und den Freihandels- Ptivilegien, wodurch es znr zweiten Handelsstadt des Reiches sich erhoban hat. In Helsingor wurde bis zum Jahre 1857 von den vorheisegelnden Sehiffen (jahrlich a n 16.000) der „Sundzoll“ entriehtet, welchcr jahrlich an 2 Millionen Thaler ein- brachte, aher um 30 Millionen Thaler fur immer abgeldst worden ist. Kiri hat einen der vorzjjglichsten Hafen in Europa, der die grSssten Flotten sieher und beqnem zu bergen vermag; doch hat der Handel nicht die entsprechende Ausdehnung und Hrossartigkeit. Regelmassige Dampf-Paeketbootfahrten zwischen Liibeck, Kopenhagen B »cl den Ostseehafen unterstiitzen den Verkehr. Die Spedition und der Transit *Wischen Hamburg und Kopenhagen ist gleichfalls bedeutend. Flensburg unterhalt *erbindungen mit Russland und Westindien, sowie mit Island. Zur Ausfuhr bringt 08 Vieh, Haute, Getreide, Rtibsamen und Branntwein, und sendet auf den Wallflsch- Bnd Robbenfang nach GrOnland aus. — Als Verkehrsplatze sind noch bekannt: Aalborg (Getreide- und Haringsbandel), Viborg (mit einer Messe), Aarhuus (Handschuh-Handel), Gliickstadt, Schleswig, Friedrichsbafen, TOningen. Iu der geistigen Kullur ist die Bevolkerung weit vorgeschrit- te o, selbst auf den Faroern und auf Island konnen fast alle Be¬ rliner lesen und schreiben, weil auf diesen Inseln jeder Hausvater Abend seine Kinder zu unterrichten pflegt. Das offentliche Hnterrichtswesen ist im Ganzen gut bestellt, unter den deutseben ^S-dten, welche zu Danemark gehoren, nimmt die Universit&tsstadt Kiel den ersten Rang ein; fur die Danen ist Kopenhagen der Mit- te lpunkt des technischen, kommerziellen und geistigen Lebens. Von 336 den danischen Gelebrten und Schriftstellern gehoren mehrere der deutschen und danischen Literaturgeschichte an, da sie in beiden Sprachen geschrieben haben ; auf alien Gebieten wissenschaftlicher Thatigkeit finden wir bedeutende Manner, welche diesem Lande angehoren. XII. Die Kdnigreiche Schweden und Xor- wegen. §. 147 . 13803 □Meilen; — 5,074.000 Einwohner*) (Scliweden: 8002 □Meilen, 3,640.000 Einwohner; Norwegen: 5800 QMeilen, 1,434.000 Einwohner. Insel Barthelemy in Westindien 1 QMeile, 15.000 Einwohner). Die Hauptbewohner der skandinavischen Halbinsel sind germanischen Stammes, Schweden undNorweger! im Norden wohnen die Lappen (auch Finnen — „Fjallman“ — genannt), dem Siamme der Samojeden angehorig. —■ Fast ausschliesslich Luthevaner. — Beide Reicbe sind unter einem Konige vereinigt, und bilden eine konstitutionelle Erbmonarchic in der Intherischen Familie Bernadotte. — In Norwegen wird der Kiinig durch einen Reicbsstatthalter yertreten. Boden. Die skandinavische Halbinsel gebort iiberwiegend der Form des Hochlandes an, namentlich ist der Westen und Norden yen einer zusammenhangenden Gebirgsmasse erfiillt, welche im Westen so sehr steil zum Meere abfallt, dass an der Kiiste des atlantischen Oceans nur wenig Stellen anbaufahig sind; gegen Osten und Sxiden ist der Abfall allmalig, zum Theil terrassenformig, von zahlreichen parallelen Hauptthiilern in sudostlicher Ricbtung durch- schnitten. Die am meisten ebenen Flachen sind im siidostlichen Theile Schwedens. Wahrend in Norwegen mehr als die Halfte des Landes eine absolute Seehohe von mehr als 2000' bat, iibersteigt in Schweden kaum ein Zwolftel des Landes diese Hohe, und mehr als die Halfte Schwedens hat eine Seehohe von nur 300 bis 900 • Schon diese vertikalen Verschiedenheiten und deren Einfluss auf die Temperatur beweisen die gunstigeren agrikolen Verhaltnisse Schwedens. Jene Gebirgsmasse hat keinen Gesammtnamen, son- dern die einzelnen Partieen heissen: im Norden das lap plan d is che Gebirge, dann die Kjolen, gegen Sudwesten das Dovrefjeld, gegen Siiden das Longfjeld; dazu kommen viele Lokalbenen- nungen. Im Ganzen hat das Gebirge alpine Natur, nicht so sehr wegen der vertikalen Erhebung als wegen der borizontalen Aus- dehnung gegen Norden. Im Dovrefjeld beginnt die Schneelinie bei 5000, in den Gebirgen Lapplands schon bei 2800', und an der Seeseite immer um einige Hundert Fuss friiher als an der Ostseite. Daher ist der grosste Theil der Berge mit ewigem Schnee bedecktj Lawinenstilrze sind baufig und Gletschermassen steigen bisweilea *) Schweden und Norwegen gehoren zu den am dfinnsten bevolkerten Staateh Enropa’s. In Schweden lehen im Durchschnitte auf Einer QMeile 455, in Not' wegen 256 Bewohner. In Schweden variirt die relative Volkszahl von 3200 bis auf 41, in Norwegen von 1742 bis auf 42 Mensclien auf 1 □Meile. Schweden b®* 90 Stadte, Norwegen 40, der bei weitem grOsste Theil der Bewohner entfallt » u ‘ die Landbevolkorung. 337 tief herunteiv Die Regionen der Nadelholzer und Birken reichen ziemlich hoch, an diese schliessen sich Alpenpflanzen, Flechten und Moose an. Nirgends auf der Erde reicht eine so grossartige Alpen- natur mit Bergmassen, Passen, Schneefeldern und Gletschern so hoch gegen Norden hinauf, als auf dieser Halbinsel. Einzelne Bergspitzen ragen iiber 7000', viele zwischen 5000 und 6000' empor. Gewasser. Die skandinavische Halbinsel wird vom nord- lichen Eismeer und dem atlantischen Ocean nebst seinen Theilen (Nordsee, Skagerrak, Kattegat, Ostsee mit dem bottnischen Busen) besplilt. Diese Meere sind in der Regel stiirmisch und der Schiff- fahrt gefahrlich. Die Westkiiste ist ungemein zerrissen; zahllose Buchten und Einschnitte (Fjorde) bilden zwar geraumige Hafen, doch sind sie wegen der starken Brandung kaum benutzbar. Vor der West- wie vor der Ostkiiste liegen zahlreiche Felsinseln und Klippen; die letzteren werden Scheeren (Skaren) genannt. Die nor- wegische Kiiste heisst auch Fjordenkiiste, die schwedische am bottnischen Meere die Scheerenkiiste. Die Halbinsel ist sehr reich an Fliissen und Seen, doch sind in Schweden nur wenige Fliisse, in Norwegen keiner fur die Schiffahrt geeignet. Zu den grosseren (Elf genannt, die kleineren heissen A = oa) gehciren : die Gota-Elf, Abfluss des Wenern-Sees in das Kattegat, bildet die schonen Trollliattawasserfalle, neben wel- chen der fur die Schiffahrt wichtige Trollhattan-Kanal fiihrt; — die Motala-Elf, fliesst aus dem Wettern-See in die Ostsee; — in den bottnischen Busen ergiessen sich: die Da 1-Elf, Schwedens grosster Fluss, die Angermann-, Umea-, Pitea-, Lulea-, Tornea-Elf mit dem Munio, letztere zwei als Grenzfliisse gegen Russland. Die norwegischen Fliisse, welche in das atlantische Meer fallen, haben den Charakter von Bergstromen und ergiessen sich nach kurzem , reissendem Laufe mit vielen hohen W asserfallen in die gleichnamigen Fjorde. Bemerkenswerth sind die mit siidlicher Richtung: die Klara-Elf durchfliesst den Famund-See und ergiesst sich in den Wettern-See, — der Glomen, der Drammen und der Louven miinden in das Skagerrak. — Sehr zahlreich sind theils im Gebirge, theils am Fusse derselben die Seen: der Wenern-See, mittels des Gota-Kanals mit dem Wettern-See verbunden (durch den Gota und Motala und diese zwei Seen be- steht eine Verbindung zwischen Nord- und Ostsee); — der Hjal- mar-See und Schwedens schonster See, der Malar-See, welche letzteren der Hjalmar - Kanal verbindet. In den Malar - See fiihrt weiters der Stroms ho lms-Kanal aus den Bergwerksdistrik- ten von Dalarne und der Sodertelge-Kanal aus dem Malar in die Ostsee. — Im Norden breiten sich grosse Siimpfe und Mor&ste aus. Politischc Eintheiluug. Norwegen ist ein eigener Staat in Personal-Union mit Schweden, das heisst in alien inneren Verhalt- Mssen ist es ein vollig unabhangiges Konigreich, steht aber unter Kemeinschaftlichem Oberhaupte mit Schweden, und der schwedische Kronprinz ist Vicekonig von Norwegen. Rluu’s Haudels-Geograpliie. 2. Aufl. 22 338 Schweden wil'd eingethcilt in drei Landstriche: 1. Schwedenland (oder Swealand): Stockholm (100.000), Nykbp ing, Upsala, Dannemora, Falun (Landschaft Dalekarlien), Sala, Elfdalen. 2. 6o t h en 1 an d (Gotaland): GOteborg (Gothenburg 32.000). Landskrona, Helsingborg, MalmO, Lund, Karlskrona, Calmar, NorkOping; — Inseln: Oeland und Gotland (Stadt: Wisby). 3. No rdland (Norrland) mitLappland: Gcfle (10.000), Hornosand, Lulea (im Norden nur unbedeutende Dbrfer). Norwegen wird eingetheilt in ffinf Stifte: 1. Stift Christiania oder Aggerhuus: Chris t ia n i a (40.000), Horten, Frederikshald, Drammen, VallOe, Lanrvig, Kongsberg. 2. Stift Christian sand: Chris tians and (10.000), Arendal, Stavanger. 3. Stift Bergen: Bergen (26.000). 4. Stift Dronthoim (Trondhjem): Drontheim (16.000), Roeraas. 5. Stift Tromsoe (Nordland, Finnmarken oder norwegisches Lappland und die finnmarkisehen Inseln): TromsOe (2000, auf der Insel TrorasOe), Hammerfest (4000, auf der Insel QualOe), Kjelviig (auf der Insel MagerOe, — Nordkap), Wardoehuus. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die naturliche Beschaffenheit des Bodens mit den ausgedehn- ten Gebirgen, Fliissen, Seen und Sumpfen, dann das vielfach rauhe Klima sind der Landwirthschaft, insbesondere dem Ackerbau, nicht giinstig. Von der Gesammtfiache entfallen Dur etwa 7% auf Ackerland und nicht ganz 3% auf Wiesen; dagegen nimmt der Waldboden liber 60% ein. Der grosste Theil des Bedarfes an Ge- treide, namentlich in Norwegen, muss durch fremde Zufuhren gedeckt werden. Nur die stidlichen Provinzen Schwedens bis gegen Stockholm hinauf erzeugen hinreichend fQr den Bedarf, in den nordlichen Gegenden gewinnt der Kartoffelbau an Auebreitung; der Ertrag in Norwegen ist dagegen ein sehr geringer. Weizen wird etwa bis zum 60° n. B., Hafer bis zuin 64°, Roggen und Hanf bis 67°, die Gerste bis 70° und die Kartoffel bis iiber 71° n. Br. angebaut. Die Jahresproduktion an Handelspflanzen, als Hanf, Flachs, Hopfen, Tabak u. s. f. ist gleichfalls nicht ausreichend. Grossen Reichthum hat das Land an Beeren aller Art, Haselntisse exportirt Norwegen in Menge, die Gewinnung des islandischen Mooses ist bedeutend. Zu den Hauptprodukten beider Lander gehort das Holz, Bretter und Bauholz werden in grosser Menge ausgefiihrt; die Forstwirthschafl lasst jedoch noch Vieles zu wiinschen iibrig, obwohl in den letzten Jahren hieffir vieles geschehen ist, und die For a tschul en zu Stockholm und Nora bereits ihren Einfluss an Tag legen. In den weidereichen Gebirgsgegenden ist die Viehzucht von Bedeutung, die mehrfach nach Schweizerart betrieben wird. Die Pferde sind klein aber ausdauernd; die Schafzucht. beginnt sich zu verbessern, in Berggegenden ist die Ziege einheimisch. In den Polarlandern ist das niitzlichste Hausthier das Rennthier. Pelzthiere kommen in sehr grosser Menge vor, dessgleichen Federwild (Schwane und Eiderganse). Ungemein ergiebig ist die Fischerei, sie reicht fiir den grossen Bedarf der Nordgegenden aus und bringt Haringe, Strotnlinge, Stockfische, Lachse, Hummern und Austern zur Ausfuhr. Der grosste Reichthum Skandinaviens liegt im Bergbau, KeH> 339 Land derErde besitzt so viel und so treffliches Eisen als Schwe- den, und zwar in den Provinzen Wermland, Dalarne, Nerike, West- manland und Upland (zwischen 59 und 61° n. Br.) mit dem Haupt- sitze Dannemora (4’/ 2 Meile von Upsala). Im Jahre 1855 betrug die Gesammtproduktion Schwedens an Bergerzen uber 6,400.000 Zent- ner und an See-Erzen 290.000 Zentner. An Roheisen wurden im genannien Jahre produzirt nahe an 3,360.000 Zentner, woraus an 165.000 Zentner Gusseisen und 2,132.000 Zentner Stabeisen ge- wonnen wurden*). Nachst dem Eisen ist das Kupfer das wich- tigste Produkt und zwar zu Falun (Schweden) und Roraas (Norwegen); doch hat die Gewinnung in den letzten Jahren abge- nommen. Die Ausbeute an edlen Metallen ist relativ geringe (Sil- ber zuKongsberg in Norwegen und Sal a in Schweden, Gold in Sala und Adelfors, letzteree doch unbedeutend). Die Fiille von Waldungen lasst die geringe Menge des mineralischen Brennstoffes nicht fiihlen. Im Siiden von Schweden finden sich Braunkohlen, an vielen Orten Torfmoore, welche theilweise fiir die Eisenindustrie ausgebeutet werden; die Einfuhr von englischer Steinkohle nach Gotheborg und von da uber Stockholm zu den Eisenwerken ist iibrigens ziemlich bedeutend. Zudem ist noch die Gewinnung von Kobalt und Alaun (Oeland) nennenswerth. Reich ist das Land an Marmor, Bau- und Schiefersteinen; sehr schonen Porphyr hat die Umgegend von Elfdalen. Empfindlich ist der Mangel an Salz wegen des grossen Bedarfes zum Einpokeln der Fische; die einzige Saline ist in VallO (Norwegen), etwas Seesalz wird in Drontheim bereitet, doch ist die Einfuhr aus Frankreich, Portugal und Spanien erheblich. — Die vorhandenen M in eral qu ellen sind fiir das Aus - land nicht von Bedeutung. Gewerblichc Industrie. Die natiirlichen Verhaltnisse des vielfach unwirthbaren Landes mit dem rauhen Klima, den Siimpfen und Mor&sten, dann die relativ geringe Bevolkerung haben bis jetzt grosse Hindernisse einer grosseren Entfaltung der Industrie ent- gegengestellt. Diese ungiinstigen Faktoren nehmen gegen Norden zu und es ist erklarlich , dass iiber vier Fiinftel der Bevolkerung ihren Erwerb in der Landwirthschaft, Fischerei und Schiffahrt suchen, dass die inlandischen Fabriken die Bediirfnisse des Landes nicht befriedigen konnen. An der Westkiiste ist das Hauptgeschaft der Bevolkerung die Fische re i, imlnneren des Landes der Holz¬ schlag, Bergbau und Huttenbetrieb, im ostlichen und siid- lichen Theile Schwedens der Ackerbau und die Viehzucht. Lie hausliche Gewerbethatigkeit sorgt fiir die Befriedigung der ge- I'ingen Bediirfnisse; der Landmann verfertigt im Winter seine Ge- r&the und Werkzeuge, Wollenzeuge und Leinwand. Trotz der Be- strebungen der Regierung hat eine ausgedehntere Fabriksindustrie *) Im Jahresdarchschnitt 1834—1838 betrug die Roheisenerzeugnng 1,858.452 Zentner, im Jahre 1854; schon 2.612.344 Zentner. In den Gruben von Dannemora werden mit Hilfe von etwa 400 Arbeitern 300.000 Zentner Erze gewonnen, woraus an 150.000 Zentner Roheisen in 19 HochOfen erblasen werden. Im Ganzen besitzt Schweden an 300, jedoch meistens kleine Hochofen. Die Stabeisenerzeugung geschieht >n mehr als 1000 ErischOfon und nur 16 Puddelofen, wovon 6 in der grossen Ma- achinenfabrik zu Motala am Gothakanal sind. 22 * 340 noch nicht Wurzel geschlagen *). Voran ateht Stockholm, wel¬ ches wohl mehr als die Halfte der feineren Erzeugnisse des Landes liefert; zunachst stehen : Gothenburg, Norkoping, Karlskrona, Malmo, Gefle; in Norwegen: Bergen, dann Christiania, Drontheim und Arendal. — Am bedeutendsten iat die Industrie in Metallwaa- ren und unter dem eigentlichen Manufaktureisen haben Anker und Ketten den grossten Ruf. Schmieden und Stahlfabriken sind in der Umgegend von Dannemora, eine Stiickgiesserei in Stockholm, Gewehrfabriken in Kongsberg, Orebro und Eskilstuna, die beriihmte Maschinenfabrik zu Motala **). Ein sehr grosser Theil des Roheisens geht theils in Form von Gusseisen und Stahl, besonders aber als Stabeisen ins Ausland ***'). — Der Schiffbau ist ausgezeichnet und werden auch vollstandig ausgerustete Schiffe an das Ausland verkauft. Bekannt sind die Schiffswerften von Stockholm, Gothen¬ burg und Bergen, das Segeltuch und Tauwerk von Stockholm, Karlskrona, Malmo und Gothenburg, wo sich auch treffliche Anker- schraieden befinden. Der grosse Waldstand begunstigt die Ver- arbeitung von Holz; an jedem Flusse findet man Sagemiihlen (die grossten in der Umgegend von Drammen) und das Kohlen-, Pech-, Theer- und Pottaschebrennen beschaftiget viele Tausende. — Zuckerraffinerien und Tabakfabriken sind in Gefle und Malmo, grosse Gerbereien in Christiania, Bierbrauereien in Gothenburg und Sudschweden , leider nehmen die Branntweinbrennereien ungemein iiberhand. Ansehnlich sind die Tuchfabriken zu Norkoping, Stock¬ holm, Nykoping und Linkoping, die Baumwoll- und Leinenfabriken zu Stockholm, Gothenburg, Karlsham, Leder zu Stockholm, Glas- hiitten, Spiegel zu Kalmar u. s. f. Im Allgemeinen steht die In¬ dustrie in Schweden auf einem viel hoheren Standpunkte als in Norwegen. Handel. Der bedeutende Seehandel und die Schiffahrt reihen die vereinigten Konigreiche unter die grossen Handelsstaaten ein. Die ansehnlichsten Handelsplatze sind: (in Schweden) Stockholm, welches allein mehr als die Halfte der gesammten Handelsgeschafte betreibt, dann Gothenburg, Gefle, Norkoping, Wisby, Calmar, Malmo und Karlskrona; — (in Norwegen) B e rg e n, Drammen, Christiania, Drontheim, Laurvig. — Schweden. DerWerth der importirten Waaren betrug im Jahre 1857 nahe an 57 Millionen Reichsthaler- Banko und jener der exportirten nahe 52V 3 Million Reichs- *) Ende des Jahres 1856 bestanden in Schweden 2462 Babriken mit etwa 29.000 Arbeitern; davon waren 106 Tuchfabriken, 28 BaumwoHen- und Leinen- webereien, ^19 Baumwollspinnereien, 12 Seidenfabriken, 16 Zuckerfabriken, 110 Tabak¬ fabriken, 571 Lederfabriken, 16 Papierfabriken, 15 Glasfabriken, 33 mechanische Werkstatten n. s. f. **) Ein machtiger Hebei zurPorderung der Eisenindustric ist das Jern Contor, das ist ein Verein der moisten Stabeisen-Produzenten, welcher ein Kapital von iiber 2 Millionen Gulden besitzt und mit dem kOniglichen Bergkollegium vereint wirkt, Sammlungen anlegt, Schuleu griindet und unterstlitzt, Versuche veranstaltet, Be- reisungen vornehmen l3,sst u. s. w, ***) Die Preise sind je nacb den verschiedenen Hutten sehr verachieden, im AH" gemeinen aber nicht hoch, denn ein Zentner Boheisen kommt in Stockholm etwa aui 2'/, Gulden, Stabeisen auf 6—8 Gulden und Stahl auf 10 20 Gulden zu stehen. 341 thaler-Banko, wobei Grossbritannien und Lubeck, dann Russland am starksten vertreten waren. Aucb mit Hamburg, Bremen, Dane- mark, den vereinigten Staaten von Nordamerika, Preussen und dem Oriente ist der Verkehr lebhaft. Bei der Einfuhr nimmt der Rohzucker den ersten Platz ein, dann folgen Kaffee, Baumwolle, Tabak, Wolle, Haute und verschiedene Manufakte, namentlich Baum- wollwaaren; die Einfuhr von Steinkohlen ist imWachsen. ZurAus- f u h r gelangten am starksten: Eisen und Stahl (roh und verarbeitet), Bauholz und Schiffholz, Bretter (meist nach England), die Neben- nutzungen der Will der (Pech, Pottasche, Theer u. a.), Leder, Pelz- werk, Fische u. dgl. — Die Zahl der angekommenen Schiffe betrug 6474 mit etwa 245.000 Lasten (darunter 3337 schwedische mit 106.000 Lasten), der abgeg a n genen 8123 mit nahe 420.000 La¬ sten (4627 schwedische mit 163.000 Lasten). In Norwegen entfallt uber die Halfte des Exportwerthes auf Fische (im Jahre 1854 um etwa 14 Millionen Gulden), zunachst stehen: Tbran, Kartoffel, ge- schmiedetes Eisen, Holzer und Bretter; bei der Einfuhr stehen am hochsten: Getreide (im Jahre 1854 um beilaufig 7 Millionen Gul¬ den), Kaffee und Zucker (an 4 l / 2 Million Gulden) Tabak, Hanf und Flachs, Webe- und Wirkwaaren, Eisenwaaren u. s. f. Bei der Einfuhr, welche im Jahr 1855 an 36 Millionen Gulden betrug, sind am starksten betheiligt: Danemark (mit etwa einem Drittel des Gesammtwerthes), Grossbritannien, die Hansestadte, Schweden, Hol¬ land und Belgien, Frankreich ; —bei der Au sfuhr (mit etwa 59 Mil¬ lionen Gulden im Jahre 1855) Grossbritannien (nahe 13 Millionen Gulden), Holland und Belgien (12 Millionen Gulden), Danemark, Schweden , Frankreich u. s. f. Fiir Schweden sowohl als fur Nor- wegen sind die Handelsbe ziehungen mit Ham burg, von wo Baumwolle und Baumwoilwaaren, Wolle, Seidenwaaren, Glaswaaren, alle Kolonialartikel bezogen werden, von hoher Wichtigkeit, und die Riickwirkung der jeweiligen Geldverhitltnisse dieses Platzes ist jeder- zeit in Schweden fiihlbar. — Der Binnenhandel wird zumeist auf den Seen und Kanalen vermittelt, die Flusse sind der Schiff- fahrt sehr wenig gilnstig; im Siiden sind vortreffliche Landstrassen, im Norden ist der Hausierhandel vorherrschend.^ Eisenbahnen, viele Banken, die Ga.rantievereine zu Stockholm und Christiania, Handels- gesellschaften, As sekuranzen, zahlreiche Dampfschiffahrtsverbindungen fmit St. Petersburg, Hamburg, Lubeck, Stettin, Kopenhagen u. s. w. ordern den Handel. Der Zustand der gcistigen Kultur ist ein erfreulicher. Die zahlreichen Volksschulen sind vortrefflich eingerichtet, und die oft weit auseinander liegenden landlichen Wohnungen werden von Schullehrern besucht. Fast alle schwedischen und norwegischen Bauern ktinnen lesen, die meisten auch schreiben; in Norwegen bestehen darauf beziigliche strenge Gesetze. Die Mittelschulen als Vorberei- tung ftir die Universitaten (Upsala, Lund, Christiania), sowie letztere selbst, sind nach deutschem Systeme organisirt. Viele Spezial- Anstalten fur Ackerbau, Forstwesen, Gewerbe, Schiffahrt u. s. w. sorgen sowie die Kunstanstalten fiir die Hebung der geistigen Kul¬ tur und Schweden hat sich namentlich durch seine hohen Ver- U2 dienste urn dieNaturwissenschaftenausgezeichnet, Wahrend Schweden und Norwegen eine sehr beachtenswerthe Stellung unter den euro- paischen Volkern einnehmen; stehen die im Norden wohnenden Fin- nen und Lappen noch auf einer sehr niederen Kulturstufe, insbesondere sind die Lappen noch Nomaden, welche mit ihren Rennthieren im Sommer die hoher gelegenen Weiden suchen. In Drontheim bestebt jedoch ein Seminar zum Unterricbte junger Lappen, und bei den Bestrebungen der Regierung zur Forderung der Volksbildung ist nicht zu zweifeln, dass nach und nach auch diese Volkerschaften auf einen hoheren Grad geistiger Kultur werden gebracht werden. XIII. Das Kaiserthimi Russland. §. 148. Bestandtlieile. Bevolkcrung. □Meilen Einwohner □Meilen Einwohner 1. In Europa: a) europaischer Theil Russlands. 88.072 52.320.000 b) KOnigreich Polen. 2320 4,850.000 c) Grossfiirstenthum Finnland. 6844 1,637.000 2. In Asian: a) Kaukasien(Gouver- nement Stawropol und das Kosaken- land am schwarzen Meere). 8042 3,200.000 b) Sibirien. 255.155 4,867.000 c) Amur-Gebiet. 9800 unbekannt 3. In America: russisch-amerieanische Compagnie Gesammtmonarchie*) 394.533 66,928.000 *) Besitzver&nderungen : 1. Die Abtretung, welche der Pariser Friede vom 30. Marz 1856 dem russischen Reiche auferlegte ("mit 205 □Meilen), wurde bei den Berechnungen der „statistischen Central-Kommission" noch nicht in Abschlag ge¬ bracht. — 2. Seit den erwahnten Berechnungen (vom Jahre 1856, publizirt in St. Petersburg im Jahre 1859) hat sich das russische Asien ungemein vergrossert, Durch den am 28. Mai 1858 zu Aigun mit China geschlossenen Vertrag erwarb llussland einen Theil der Mandschurei mit einem Flachengebiet von etwa 9800 □Meilen, indem der Amur von seinem Ursprnnge bis zur Einmiindung des Ussuri als Grenze zwischen beiden Reichen bestimmt ward, unterhalb des Us6uri dagegen beide Ut'er des Amur als Eigenthum Russlands erkl&rt wurden. Der jiingste Vertrag mit Japan sprach Russland den nQrdlichen Theil der Insel Sachalin (im Ochozki- schen Meere) zu. — 3. Durch die im September 1859 beendete Unterwer- fung des Daghestan (der BergvBlker des Kaukasus) hat das Reich abermals eine sehr wichtige Vergrosserung erlangt. Staatsrath P. v. K6 pp en berechnet den El&chen- raum der ganzen kaukasi.schen Statthalterschaft auf 8041 ,, □Meilen (Petermann’s Mittheilungen, Nr. I u. II 1860); die hie und da auf 1,400.000 bis 1,500.000 an- gegebene Bevdlkerungszahl des neu erworbenen Gebiets diirfte zu hoch gegriffen sein, doch ist bis jetzt nichts Bestimmtes daraber bekannt. Berger (Sekretar der geogr. Ges. zu Tiflis) gibt die Bevolkcrung des Kaukasus auf 399.761 an. Die Seelenzahl ist nach den in den Jahren 1846 und 1852 gesammelten Berichten angegeben. (Pe¬ termann’s Mitth. 1860 V. pag. 165.) — Im September 1858 hat das statistische Central-Comitd „statistische Tabellen des russischen Reiches'* verOffent- licht; das ganze fruhere, ohnehin sehr unvollst&ndige Material stellt sich jetzt als veraltet oder unrichtig heraus. 97.236 58,807.000 272.997 24.300 8,067.000 54.000 m Der grosste Theil der BeviSlkerung bekennt eich zur griechiseh-nicht- uuirten Religion (fiber 50 Millionen), an 7% Million gehOren zur rOmisch-ka- tholisehen Kirche, ferner sind Armenier, Protestanten (an 2'/, Million), Israeliten (l'/i Million), Muhamedaner (nabezu 3 Millionen) und Heiden. — Nach der Na- tionalitat sind beinahe 53 Millionen Slaven, dann finnische, tfirkische, lithauiscbe, germanische, lateinische Volker, mongolische Stamme u. s. w. Im Ganzen leben fiber 100 an Sprache und Sitte verschiedene Vfilker. — Russland ist eine untheil- bare, unumschrankte Erbmonarchie. Die Thronfolge geschieht naeh dem Rechte der Erstgeburt in niannlicher und weiblicher Linie des Hanses Ho Is t ei n-Go t to rp vom oldenbnrgischen Stamme. Boden. Der grOsste Theil des europaischen Russland gehort dem grossen Flachlande Nordost-Europas oder der sarmatischen Tiefebene an. Kaum der zehnte Theil ist eigentliches Gebirgs- land, wahrend sich das einfOrmige Tiefland fiber 400 Meilen in die Lange und fiber 300 Meilen in die Breite ausdehnt. Das Ber gland tritt nur an den Grenzen empor. Als Grenze zwisohen Europa und Asien, zwischen der sarmatischen und si- birischen Tiefebene zieht sich das 330 Meilen lange Meridian- gebirge, der Ural, der auf Nowaja Zemlja beginnt, die Insel Wa- jatsch durchzieht und sich im Siiden gegen das kaspische Meer und zum Aralsee zur Tiefebene herabsenkt. Er wird in drei Partien geschieden ; der nordliche, wfiste und kahl, reicht hinunter bis zu den Petschora-Quellen ; — der mittlere, reich an Erzen und Hoch- gipfeln, erstreckt sich bis zu der Einsenkung bei Jekatarinburg; — der siidliche waldreiche besteht aus drei Parallelketten, es beginnt die Plateaubildung, an welche sich die sudlichen Steppenlandschaf- ten anschliessen. — Vom schwarzen bis zum kaspischen Meere zieht sich der Kaukasus (150 Meilen lang) in mehreren Ketten, welcher sich durch seine plateauartige Gestaltung in hohen Terras- sen auf beiden Seiten des Hauptkammes auszeichnet. (Elbrus 17.000.) — Im Sfiden der Halbinsel Krim ist das Jaila-Gebirge, welches sich zu einem wellenformigen Flachlande herabsenkt; im Norden des letzteren und der Landenge von Perekop liegt eine wasser- und baumlose Steppe. — Im Westen Btreichen Verzweigungen der Kar- pathen in das Land, welche am Dnjestr das Medoborskische Gebirge (Honigwald) genannt werden. — Das finnische Gebirge, eine Fortsetzung des skandinavischen , erstreckt sich als schmaler Landriicken von geringer Hfihe (hochstens 1200 ) zwischen dem bottnischen Busen und dem weissen Meere. Das Tiefland imlnneren Rus s lands wird durch zwei breite Landhohen unterbrocben und in ein nordliches, ein mittleres und ein sfidliches Tiefland geschieden. Die nordliche oder uralisch- baltische Landhohe zieht vom Quellengebiete der Kama (im Westen des Ural) westlich bis zur Norddeutschen Landhohe an der Ostsee, wo die preussische Seenplatte deren Fortsetzung bildet. Charakteristisch sind die zahlreichen Seen. Die grfisste Erhebung ist die Waldai-Hohe oder der W olchonski - Wald, das Quellenland der Wolga. Im Norden dieser Landhohe liegen weite Walder, Sfimpfe und Seen, an welche sich eine wuste Wildniss mit Flechten und Moosen (Tundra genannt) anschliesst. — Die siid- Bche oder uralisch-karpat hische Landhohe beginnt als Obstschij-Syrt am Siidende des Ural, zieht gegen Westen als do- 344 nische, ukrainische, podolische und wolhynische Landhohe, an welch e sich die polnische anschliesst, wo die Lysa-Gora nahe an 2000' Hohe erreicht. Zwischen den beiden Landhohen liegt das grosse, fruchtbare und angebauteste Tiefland des mittleren Russland, reich an Ackerprodukten und Waldern. Im Siiden der uralisch-karpathi- schen Landhohe liegen die Steppen Sfidrusslands; doeh ist das Land im Westen des Don fruchtbar, auch breiten sich grosse Grasfluren aus. An der Ostsee und im Siiden des finnischen Meerbusens gibt es viele fruchtbare Getreidegegenden und schone Wiesen, aber auch Waldungen , Haiden und Moraste; zwischen dem finnischen und bottnischen Busen liegt die finnische Seenplatte. Gewiisser. Das europ&ische Russland bespiilen das nord- liche Eismeer (mit dem karischen Meer, der Tscheskaja-Bai, dem weissen Meere: Dwina-, Onega- und Kaudalaskaja-Busen), die Ostsee (bottnischer, finnischer, rigaischer Busen) und das schwarze Meer (Golf von Odessa, todtes Meer, azow’sches Meer). Die Kfiste des bottnischen und die Nordkiiste des finnischen Busens sind felsig und steil, vor denen zahllose Felseneilande liegen, ahnlich der Fjordenkiiste in Norwegen; im Siiden des finnischen Busens und am rigaischen sind die Kusten meist flach und sandig. Das Eis¬ meer hat flache Kiiste, dessgleichen das schwarze Meer mit Ausnahme der Halbinsel Krim und im Osten der Strasse von Kertsch. Kein Land der Erde hat verhaltnissmassig so viele bedeutende und schiffbare Fliisse und eine so ausgebreitete durch Kan ale vermittelte Wasserverbindung. Die uralisch-baltische Landhohe bil- det die Wasserscheide zwischen dem nordlichen Eismeere und der Ostsee im Norden und Nordwesten, dem schwarzen und kaspischen Meere im Siiden und Siidosten. — Unter den nordlichen Flussen sind die bedeutendsten die Petscbora und Dwina. Erstere er- halt ihre Wasser vom Ural, bespiilt in ihrem Laufe (150 Meilen) keinen Ort von einiger Bedeutung, ihr Gebiet (fiber 3000 QMeilen) sind fast durchgehends Wfisteneien; letztere entsteht aus der Ver- einigung der Wytschegda und Suchona (unterhalb Ustjug Weliki), und mfindet bei Archangel. Sie hat rechts im Me sen, links in der Onega zwei begleitende Fliisse, — In den bottnischen Busen ergiesst sich der Grenzfluss Tornea; die New a (der „euro- piiische Lorenzstrom") ist der kurze Abfluss des LAdoga-Sees in den finnischen Busen. Unter den vielen Zuflfissen des Lddoga-Sees sind die wichtigsten: der Wuoxa aus dem Saima-See, der Swir aus dem Onega-See und der Wolchow aus dem Ilmen-See. Aus dem Peipus-See fliesst die schifibare Narwa in den finnischen, aus den Silmpfen des Wolchonski-Waldes die D fin a in den rigaischen Meer- busen; der schifibare Njemen ergiesst sich in das kurische Half und die Weichsel durchfliesst als Hauptfluss Polen, wo sie den Bug aufnimmt. — Der griisste Theil des mittleren Eussland bildet das Stromgebiet der Wolga; sie ist die wichtigste Verkehrsader des Eeiches, welches sie von der Waldai-IIohe bis zum kaspischen Meere durchsfromt und ist mit den nord-und sfidrussischen Flussen durch Kanale verbunden, wodurch eine schiffbare Verbindung zwi- 345 schen dem weissen Meere, der Ostsee, dem schwarzen und kas¬ pischen Meere besteht. (Siehe S. 56, III. 1.) Ihre grossten Neben- flilsse sind die Oka mit den zahlreichen Zufliissen des Tieflandes aus dem mittleren Russland und die Kama, welche zahlreiche Gewasser des Uralgebirges bia von den Quellen der Petschora her sammelt und der Wolga zufiihrt. Vom Siid-Ural fliesst der Ural (auch Jaik) dem kaspischen Meere zu, er wird als Grenzfluss zwi- schen Asien und Europa angenommen. Vom Kaukasus ergiessen sich in das kaspische Meer die Kuma, der Terek und der Kur. —- Die beiden grossen Strome, welche aus dem inneren Russland durch die uralisch-karpathische Landhohe und die Steppenzone zum schwarzen Meere heraustreten, sind der Dnjepr und der Don. Ersterer erhalt seine Zufliisse aus dem Quellenlande der Wolga und Dwina (Suchonaj (siehe S. 56), wird schon oberhalb Smolensk (von Dorogobusch) schiffbar, aber unterhalb Kiew wird die Schiffahrt durch Wasserfalle („Porogen“) erschwert. Drei Kanale verbinden ihn und das schwarzeMeer mit der Ostsee. (Nebenfliisse: Beresina, Pripet, Dosna u. v. a.) Das Wassergebiet des zweiten ist fast ebenso gross als jenes des ersteren (iiber 10.500 QMeilen); der Don ist durch Kanale mit der Wolga verbunden und mundet in das azow’scbe Meer. Vom Nordostabhange der podolischen Landhohe kommend, mundet der Bug bei Nikolajew. Der Kuban, vom Nordabfalle des Kaukasus, bildete ehemals die Grenzen zwischen Russland und dem Lande der Tscherkessen, ergiesst sich in die Strasse von Kertsch — Aus den Karpathen koinmen der Dnjestr (siehe S. 56) und der Pruth als Grenzfluss gegen die Moldau und der sich bei Remi in die Donau ergiesst. Endlich gehort die Donau in ihrem Mundungsgebiete (siehe S. 54) diesem Reiche an. Unter den zahllosen Binnenseen sind in Europa die be- deutendsten: die fin'n i s chen Seen, welche einen grossen Theil des Landes bedecken und meistens unter einander in Verbindung ste- hen (Paijane, Salma, Enara), — der Onega-, der L&dog^a- (Eu- ropas grosster Landsee), der P dip us- und der Ilmen-See, der Salzsee Elton (im Nordwesten des kaspischen Meeres). Die mei- sten Seen sind in Finnland, in den Gouvernements Archangel und Olonetz, und in den Ostseeprovinzen. Im siidlichen Russland befinden sich nur viele Salzseen. In Archangel, Lithauen und Wolhynien sind viele Siimpfe. Das Kanalsystem Russlands ,ist von grosser Wichtigkeit, indem durch dasselbe sammtliche, die Grenzen des Reiches bespii- lende Meere mit einander in Verbindung gesetzt sind. Verbin¬ dung der Ostsee mit dem kaspischen Meere: a) Kanal von Wischnij - Wolotschok vereinigt die Twerza mit der Msta (Zufluss des Ilmen-Sees), und dadurch die Wolga mit der Newa; — b) der Marienkanal, welcher die Kowsha (Zufluss des weissen Sees [Bjelosero]) mit der Wytegra (Zufluss des Onega-Sees), also wieder Wolga mit Newa verbindet; — c) der Tichwin’sche Kanal, welcher durch Vermittlung mehrerer kleiner Fliisse die Mologa (Nebenfluss der Wolga) mit dem Ladoga-See in Verbindung setzt. Mehrere andere Kanale dienen zur Vermeidung der oft sehr gefahr- 346 vollen Schiffahrt am Ladoga-, Onega-, Bjeloje- und Ilmen-See, und erleichtern die Schiffahrt in dieser Richtung. — 2. Verb in¬ dung zwischen dem weissen und kaspischen Meere: a) der kubenische Kanal verbindet die Suchona (Dwina) mit der Scheksna (Wolga); — b) der nordliche Katharinenkanal verbindet die Nebenfliisse der Kama (Wolga) mit der Wytschegda (Dwina). — 3. Verbindung zwischen der Ostsee und dem schwar- z en Meere: a) Beresina - Kanal, verbindet die Beresina, somit den Dnjepr mit der Diina; — b) der oginskische Kanal zwischen der Schtschara (Njemen) und Jasiolda (Dnjepr); — c) der konig- liche Kanal verbindet den Bug (Weiehsel) mit der Pina (Jasiolda, Dnjepr). — 4. Verbindung zwischen dem schwarzen und kaspischen Meere: a) der Graben Peters M zwischen Nebenfliissen des Don und der Wolga ist noch unvollendet, doeh werden Versuche, theils den Dnjepr, theils den Don mit der Wolga zu verbinden, fortgesetzt. Klinia. Bei der grossen horizontalen Ausdehnung des Reiches ist das Klima sehr verschieden und man unterscheidet diessfalls vier Landstriche: den warmen (siidlich vom 50° n. Br.), sehr fruchtbaren, mit vorherrschender Weizenkultur und grossen Laub- holzwaldern; in den siidlichen Thalern gedeiht die Rebe, der Oel- baum u. s. f., der Sommer ist lang, drtickend heiss, der Winter kurz (Odessa, Sebastopol, Astrachan); —.die mittleren oder gemassigten (50—57° n. Br.), mit den fruchtbarsten und bestange- bauten Theilen des europaischen Reiches; grosse Walder wechseln mit Feldern und Wiesen, der rauhe Winter dauert an sieben Mo- nate, der heisse Sommer an fiinf Monate (Warschau, Moskau, Nishnij- Nowgorod, Kasan, Jekatarinburg, Orenburg); — den kalten (57—67° n. Br.) mit langem rauhem Winter, die Fliisse sind ge- wohnlich von Mitte Oktober bis Ende Mai zugefroren , Friihling und Sommer sind kurz, letzterer sehr heiss, Ackerbau bis 60° n. Br.; bei 65° n, Br. hort die Viehzucht auf (St. Petersburg, Abo, Archan¬ gel); — 4. den arktischen, nordlich von 67°n. Br., unempfang- lich fur europaische Kultur, der Boden unwirthbar, theilweise Sumpfland, haufig gefrorne Moraste, die Nachte des kalten, langen Winters werden vom Nordlichte erhellt. Die traurigen Einoden be- wohnen Lappen, Samojeden. Politische Eintheilung. In administrativer Hinsicht wird das russische Reich in Gouvern ements und Gebiete (oblastj) ein- getheilt, deren es gegenwartig 65 hat. Einige sind General-Gou- vernement8 (im Ganzen 10). Erstere werden iin europaischen Russ- land und in Kaukasien in Krei se (Djesde), in Sibirien, so wie in den Kosakenlandern in Bezirke (Okruge) eingetheilt. In geographischer und historischer Riicksicht unterscheidet man: 1. die Ostsee -Provinzen, — 2. Grossrussland, — 3. das Czarthum Kasan, — 4. das Czarthum Astrachan, — 5. Kaukasien, — 6. Kleinrussland, — 7. Sildrussland, — 8. Westrussland, — 9. Konigreich Polen. 1. Ostsee-Pro vinzen (Gouvernement Inaermannland, Finnland, Esthland, Licvland, Kurland): St. Petersburg (530.000 Einwohner), (Lustschlosser: Cars- 347 koje-Selo, Gatschina, Peterhof, Oranienbaum), Kronstadt, Schlusselburg, Narwa; — Helsingfors (16.000) Sweaborg, Wiborg, Abo, Tornea, Uleaborg, Alands- Inseln; Reval (30.000), Insel Dagoe; — Riga (71.000), Dorpat, Pernau; Inseln: Oesel, Moen; — Mietau (30.000), Liebau. 2. Gross-Russland (Gouvernement Moskan, Wladimir, Nishnij-Nowgo- rod, Smolensk, Kaluga, Tula, Rjasan, Tambow, Orel, Kursk, Wordnesh, Pskow, Ndwgorod, Twer, Jaroslaw, Kostroma, Wologda, Olonez, Archangel): Moskan (370.000) , Wladimir, Nishnij-Nowgorod (31.000), Smolensk, Kaluga (36.000), Tula, (55.000) , Rjasan (20.000), Tambow, Orel (33.000), Kursk (36.000), Wordnesh (44.000), Pskow, Ndwgorod-Weliki (15.000), Twer (24.000), Jaroslaw (35,000), Rybinsk, Kostroma, Wologda, Ustjug-Weliki, Petrosawodsk, Archangel, Kola; — Inseln : Kalgujew und Wajatsch mit wenigen Samojedenfamilien; — Nowaja-Zemlja nur zeitweise von Pischern und Jagern besucht; — die gebirgige lnselgruppe Spitzber- gen, unbewohnt, nur wegen des Fischfanges besucht; sehr wenig Pflanzen, viel Renn- thiere und Fflchse, Wallfische und Robben; Hafenplatz Smerenburg; der langste Tag und die langste Nacht, je vier Monate; — die Inseln: Hoffnung, Jan Meyen und die Baren- oder Cherry-Inseln sind unbewohnt. 3. Czarthum Kasan (Gouvernement Perm, Wjatka, Kasan, Simbirsk, Pensa): Perm (12.000), Jekatarinenburg (20.000), Nishnij-Tagilsk, Werchoturje, Kasan (50.000), Simbirsk (20.000), Pensa (20.000). 4 Czarthum Astrachan (Gouvernement: Orenburg, Samara, Sardtow, Astrachan, Stawropol): Ufa (14.000), Orenburg (21.000), Uralsk, Samira, Sa¬ va tow (46.000), Sarepta (unter den mehr als 100 deutschen Kolonien langs der Wolga), Astrachan (50000), Stawropol, Georgiewsk. 5. Kaukasien: Tiflis (50.000), Erivan (15.000), Kisl&r, Baku (10.000) Derb ent (12.000). 6. Klein-Russland (Gouvernement: Kiew, Tschernigow, Poltawa, Char- kow): Kiew (63.000), Tschernigow, Poltawa (16.000), Charkow (33.000). 7. S0d-Rll8sland (Go uverne ment: Bessarabien, Cherson, Taurien, Tscher- nomorien, Jekatarinoslaw, Land der donischen Kosaken): Kischenew (45.000), Chotim, Bender, Akjermann, Cherson (30000), Nikolajew (30.000), Odessa (107.000) , Simpheropol, Baktschi-Sarai (13.000), Perekop, Eupatoria (13.000), Se¬ bastopol (45.000), Kaffa (Fcodosia), Kertsch (10.000), Jekatarinodar (im Lande der Kosaken am schwarzen Meere). 8. West-Russland (Gouvernement: Kowno, Wilna, Grodno, Witebsk, Mohilew, Minsk, Wolhynien, Podolien): Kowno, Wilna (56.000), Grodno (16000), Bialystok, Witebsk’ (20.000), Dttnaburg, Mohilew (24 000), Minsk (24.000), Bo- vissow, Bobruisk, Shitomir, Berdyczew (35000), Kaminiee-Podolski. 9. KOlligreich Poll'll (Gouvernement: Warschau, Radom, Lublin, Plozk Aug us to wo): Warschau (170.000), Kalisch (15 000), Censtochau, Radom (7000) Lublin (17.000), Plozk (10.000), Modlin (10.000), Sandomir, Kielce, Ostrolenka. Suwalki. Kulturverh<nisse im Allgemeinen. Die Hauptbeschaftigung dea russischeu Yolkes bilden der Ackerbau und die Yiehzucht; diese sind die Hauptquellen dea Nationalreichthuma. Die Menge des kulturfahigen Bodena wird auf 61,500,000 Dessjatine*) geschatzt, eine Summe, welche im Verhaltnisse zur Gesammtflache unbedeutend ist, da sie kaum et- 'vas mehr als 18°/ 0 der letzteren betragt. Dagegen nehmen nahezu 38% des ganzen Areals die Walder und die mit grosserem Ge- strauche bewachsenen Strecken und iiber 6 Millionen Dessj. die Wiesen ein; iiber 44% werden als fast vbllig unproduktives Land gerechnet. Die ackerbautreibende Bevolkerung wird auf 38 Mil- *) 1 geogr. Grad ist = 104. 88 russischen Wersten. 1 □ Werst „ — 104.Dessjatine. 1 Dessjatina „ =** 2400 Sashen. 1 Dessjatina ist «■ l. lt , niede rOs ter rei chischen Joch. 348 lionen geschatzt. Die letzte Ziffer beweiset, dass die Landwirth- schaft, welche in jiingster Zeit in grossem Fortschreiten begriffen ist, die Hauptbeschiiftigung der ansassigen Stamme bildet; doch gibt es in dem ausgedehnten Reiche noch Fischer- und Jagervolker im nordlichen Asien, sowie zahlreiche Nomadenstamme. Ueberhaupt hat kein europaisches Reich eine so buntgemischte Bevolkerung, uber hundert an Sprache, Sitte und Lebensweise verschie- dene V olksstamme, woraus die vielfachen Verschiedenheiten und Abstufungen in der Beschaftigungsart dieser Volker erklarbar werden. Besondere Beachtung muss auch der Dichtigkeit der Bevolkerung in den verschiedenen Gouvernements und Gebieten gewidmet werden, weil die Menge der A rbeit skrafte als ein wesentlicher Faktor bei Betrachtung der Urproduktion wie bei der Industrie zu berticksichtigen ist. Im AUgemeinen entfallen in Eu- ropa an 660, in Kaukasien an 478, und in den sibirischen Gebie¬ ten 15 Einwohner durchschnittlich auf 1 QMeile, doch herrscht in einzelnen Theilen wieder eine grosse Verschiedenheit *). Im Allgemeinen lasst sich vom Ackerbaue sagen, dass der - selbe in den mittleren und siidwestlichen Provinzen des europaischen Russland, in den Ostseeprovinzen und in Polen am ausgedehnte- sten und lohnendsten betrieben wird, obwohl das Ergebniss wegen Mangels an Arbeitskraften verhiiltnissm&ssig hinter jenem der europaischen Kulturlander zurtickbleibt. Auch die haufig grossen Entfernungen von den Marktplatzen, der Mangel an guten Strassen, und das zabe Festhalten am Altgewohnten hemmen den rasche- ren Aufschwung; obgleich die grossen Grundbesitzer die neuesten Yerbesserungen anderer Lander auf ihren Grundkomplexen einffihren, durcb Errichtung von Ackerbauschulen und Mustermeiereien auf die Hebung des Landbaues einwirken. Die eingeleitete Aufhe- bung der L eibe i g en sch af t wird zunachst in dieser Richtung gewiss sehr wohlthatig einwirken. PI a u p tp r o d uk t e sind Wei- zen, Roggen und Gerste, welche in ungeheurer Menge erzeugt werden (man schatzt die j&hrliche mittlere Ernte auf 250 Millionen „Tschetwert“ k 3. 41 Wiener Metzen). Ausser dem grossen Bedarfe des Landes (iiber 165 Millionen Tschet.) und der enormen Menge, welche fur die Branntweinerzeugung verwendet wird (fiber 10 Mil¬ lionen Tschet.) gelangen doch Millionen Metzen fiber Odessa, dann aus Polen fiber die Ostsee, selbst fiber das weisse Meer aus Ar¬ changel zum Export. In den letzten Jahren kann dieser Export- werth wohl jabrlich auf 60 Millionen Silberrubel geschatzt werden. Nach dem Getreide werden am starksten II an f und Flachs ex- portirt. Die Gegenden um Nowgorod, Twer, Riga, an den Ufern des Terek, der Wolga und im Ural wird an Iianf weit fiber den Bedarf gewonnen; der Flachs ist durchgehends von vorzfiglicher Qualitat (besonders an den Ufern der Kama) und gedeiht in gros¬ ser Menge sowohl im mittleren Russland als in den Ostseeprovinzen. Der Export (nach England fiber 61%) ist sehr gross und betrug *) Es kormnen z. B. im Gouvernement Moskau an 2700, im Gouvernement Tomsk 95, Archangel 17, Jakuzk 4 Einwohner auf ] [HMeile, in Kamtschatka sogar 1 Bin- wohner auf 2 P]Meilen, 349 im Durchschnitt der letzten Jahre jahrlich bei Flachs etwa 3‘/ 2 , bei Harrf 3 Millionen Pud (a 40 russische Pfund, 1 russisches Pfund = 0. 731? osterreichische Pfund). Auch russischer Lein- samen (vorziiglich der rigaische und lieflandische) wird wegen der ausgezeichneten Qualitat im Handel sehr geschatzt. Unter den Handelspflanzeu werden noch Raps, Mohn, Krapp (um Kislar), Waid, Hopfen (haupts&chlich in der Ukraine) und Tabak ge- baut. Der Tabak ist ein wichtiger Zweig des Landbaues in den deutschen S a r k t o w’schen Kolonien, in Bessarabien und der Ukraine *). Sehr starke Verbreitung findet in neuerer Zeit der Runkelrubenbau in den mittleren und siidlichen Gouverne- ments (Tula, Charkow), welche Kultur bereits auf inehr als 40.000 Desejatinen betrieben wird. Der Gartenbau ist im Allgemeinen noch auf keiner bedeutenden Stufe, doch ist er in vielen Gouver- nements bekannt; am besten ist er in Bessarabien, Astraehan, vor- ziiglich in Taurien, wo grosse und wohlunterhaltene Garten viel und edies Obst und Gemiise liefern. In Bessarabien (am Pruth, Dnjestr und den kleineren Fliissen) bildet der Obstbau einen wesentlichen Theil der Wirthschaft, vorzugliche Pflaumen- und Aepfelsorten gelangen zum Export. — Der Weinbau vervoll- kommnet sich fortwahrend und nimmt an Umfang zu. Am stark- sten wird er im taurischen Gouvernement, besonders an der Sud- westkiiste der Krimm, in Podolien und Bessarabien, dann in den Gouvernements Kiew, Jekaterinoslaw, Cherson, Astraehan und im Lande der donischen Kosaken betrieben. Man berechnet den Wein- ertrag im europaischen Russland auf beilaufig 7% Million Wedro (a 8 Stoof, 1 Stoof ist gleich 1. 08 Wiener Mass); in Transkauka- sien ist der Ertrag noch grosser (an 8% Million Wedro). Dess- ungeachtet ist die Einfuhr, insbeeondere franzosischer Weine, sehr betrachtlich und stieg in letzterer Zeit jahrlich bis zum Werthe von nahe an 10 Millionen Silberrubel. — Der Waldwirthschaft stellen sich fast unuberwindliche Hindernisse entgegen, welche im Klima, im Ueberfluss an Holz, im Mangel an Iransportmitteln bei grossen Entfernungen begriindet sind. Doch finden auch hierin Abstufungen Statt. Wahrend der Norden Ueberfluss an Holz hat, leidet z. B. Kleinrussland Mangel daran. Zu den grossten Wal- dungen gehoren der Wolchonskiwald und der Wald Bialowescha (GouvernemeDt Grodno) im Umfange yon 160 Werst. Die Kron- waldungen nehmen eine Flache von beilaufig 22.000 [_|Meilen ein. Am waldreichsten sind der siidliche Theil der Gouvernements Ar- changelsk, Olonez, Wologda und Perm*), am holzarmsten die *) InTjahre 1851 betrug die Krzeugnngsmenge der Kolonien iiber 374.000 Pail auf einem Plachenraurae von 7000 Dessjiitinen; gegenwiirtig mag sich das Ertragniss auf nahe 3 Millionen Pud bclaufen. Das Landwirthschafts-Departement lasst all- jahrlich frischeu Samen aus Havannah, Maryland, Virginien und Persien kommen, uad vertheilt ihn unentgeltlich unter die Landbauer. Ueberhaupt wird dem Tabakban eine besondere Aufmerksamkeit zugewendet, obwohl bis jetzt der grosse Bedarf durch d ie heimische Produktion noch nicht gedeckt wird. **) Das Gouvernement Archangel liefert jahrlich 25.000 Fichtenbaume von 20' Lauge und etwa 13" Durchmesser zur Verschiffung, und an 20.000 Stuck fur die Admiralitat. In den Gouvernements Wologda und Olonez werden jahrlich je fiber 1 Million Biiume gefallt. 350 Gouvernements Astrachan , Jekaferinoslaw, Cherson, Esthland. Der Verbrauch fur die Marine, den Bergbau und die Hiitten- werke ist sehr gross ; aber trotz der Holzverschwendung im Klei- nen und Grossen exportirt man von dem Ueberflusse fiber die Ostsee und das schwarze Meer. In neuester Zeit ist in den Kron- forsten eine streng geregelte Forstwirthschaft eingefiihrt worden, wodurch das eigenmachtige Holzfallen und die Waldbrande immer seltener werden. Im Jahresdurchschnitt betrug bis jetzt der Werth des ausgeffihrten Holzes etwa 4 Millionen Silberrubel, Der Ex¬ port an P o 11 a s c h e ist sehr bedeutend, weiters bildet T h e e r einen Hauptartikel fiir den Export in Archangel; aucb Bast zu Schiffstauen , Matten u. s. w. wird in grosser Quantitat be- reitet. Die Viehzucht ist in Russland eine feste Grundlage des Wohlstandes. Die absolute Menge von Vieh beweiset jedoch an sich noch nicht den Reichthum an Vieh, das Uebergewicht eines Staates fiber den anderen in dieser Beziehung; es muss vielmehr das Verhaltniss der Stiickzahl des Viehes zur Flfiche des zur Vieh¬ zucht geeigneten Bodens und zur Zahl der Einwohner beriicksich- tigt werden, sollen hierin nicht Fehlschliisse gezogen werden. Vergleicht man Russland in dieser Beziehung mit den anderen vier Grossmachten, so ergibt es sich, dass Russland an absoluter Viehzahl reicher ist als jeder der vier Staaten; — hingegen ist auf einem gleichen Flachenraum in Russland weniger Vieh vorhanden als in irgend einem jener Staaten; — im Verhalt¬ niss derStiickzahl zu ein und derselben Anzahl Bewohner ist Russland endlich iirmer als England, aber reicher als die fibrigen grossen Staaten *). Trotz des absoluten Reichthums steht somit Russland hierin noch nicht auf der wiinschenswerthen Hohe und bei Vergleichen auf der bezeichneten Grundlage gelangt man nicht bios zu statistisch interessanten Resultaten, sondern auch zu be- lehrenden Fingerzeigen fiir die Praxis; doch fehlen auch hierin noch vielfach detaillirte Nachweisungen. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Viehzucht im sudlichen und sfidostlichen Russland, bei den nomadischen St&mmen und im hoheren Norden (besonders die Rennthierzucht) vorherrscht; die westlichen und sfidwestlichen Gouvernements, sowie Transkaukasien, gehoren zu den relativ arme- ren in dieser Hinsicht. Um Orenburg herum ist die Kameelzucht sehr beachtenswerth. Hervorragend ist die Pferdezucht (mehr als 18'/ 2 Million). Die bedeutendste Anzahl ist in den Gouver¬ nements Orenburg, Perm und Tobolsk, die geringste in Eriwan, Derbent und Kamtschatka. Relativ am ausgebreitetsten ist diese Zucht unter den sibirischen Kirkisen, wo die ungeheuren Tabunen ( M Pferdeherden“) eines der wesentlichsten Existenzmittel der No- 351 maden bilden. Geschatzt sind ferners die eathhindischen Bauern- pferde, dann in Podolien, im inneren Grossrussland, iiberhanpt in den ostlichen Gebieten und im Lande der donischen Kosaken. — Die Hornviehzucht ist dort am auBgebreitetsten, wo aie von der Natur am meisten begiinatigt wird. Die Hauptaitze des Rind- viehea sind Podolien, da3 Gouvernement Charkow, die Kirgisen- eteppe und die Gouvernementa Archangel und Esthland; weniger reich an Hornvieh sind die Gouvernementa im Inneren und in Kaukaaien. In den nordlichen Theilen dient das Hornvieh zur Erlangung von Fleiseh, H&uten (Leder) und Milch, in den aiidlichen wird ea zudem noch ala Zugthier und zum Ackerbaue beniitzt. Relativ am armsten an Hornvieh ist im europaischen Russland daa Gouvernement von St. Petersburg und in Aaien das Gebiet von Kamtschatka. In Polen verwenden die Gutsbeaitzer und auf den Krondomanen die Regierung grosae Sorgfalt auf die Veredlung der Racen ; das Rindvieb des Bauers ist in der Regel in schlechte- rem Zuatande *). — Die Schafzucht ist so bedeutend gestiegen, dass gegenwartig die Anzahl der Schafe (im Jahre 1856 nahezu 52 l / g Million Stuck) die des Hornviehs um mehr als das Doppelte tibersteigt und darunter sind bereits itber 15% veredelt. Am ausgebreitetsten iat sie im sudlichen Theile (von der Wolgamiindung zwischen dem kaspischen und schwarzen Meere bis zur Dnjestr-Miin- dung), wo daa Klima und die Steppenweiden hierzu sehr giinatig sind. Ungemein stark ist sie unter den nomadisirenden Kirgisen, welchen eine biirgerliche Organisation und der Ackerbau noch fast ganz unbekannt sind. Den Kirgisen dient das Schaf statt des Geldes, um den Werth aller Dinge zu bestimmen; auch bildet es den Hauptgegenstand des Handels mit den benachbarten Volkern. Re¬ lativ am armsten sind in dieser Beziehung die Gouvernementa Wladimir und Moskau, dann die am baltischen Meere und am finnischen Busen gelegenen. Die Zucht feinwolliger Schafe bildet in Russland eine Hauptquelle des Reichthums**). — Die Schweine- zucht hat noch bei weitem nicht die wiinschenswerthe Auabrei- tung, am starksten ist sie in Mittelrusaland, im Suden und in den kleinrussischen Gouvernements, wo Schweinefleisch und Fett den bedeutendsten Theil der Volksnahrung ausmachen. — An Kamee- *) Im Jahre 1856 zkhlte man an 26'/, Million Stlick, durchschnittlich kamen 249 Stuck auf 1 QMeile und 41 Stlick uuf 100 Einwohner. Im Verhaltniss zu den europaischen Grossraachten stellt sich folgende Debersicht heraus : anf 1 QMeile auf 100 Einwohner tn Grossbritannien. 8 Millionen Stlick 1390 Stlick 28~Stiick a Frankroich. 10 „ „ 993 „ 29 , a Oesterreich. 12 „ , 886 „ 30 a a Preussen. 5 „ * 1057 , 33 „ Pussiand ist also in Hinsicht der Gesammtzahl des Hornviehes, als auch nach deren Verhaltniss zur Zahl der Einwohner reioher als diese Staaten, im Verhaltniss der Sttickzabl zum FJ&cbenraum jedoch armer. **) In Hinsicht der absoluten Anzahl ist Russland reicher als die vier anderen Staaten (Grossbritannien 40, Frankreich 32, Oesterreich 30, Preussen 17 Millionen Stack), im Verhaltniss zur Zahl der Einwohner ist es nur reicher als Oesterreich, im Verhaltniss znm Flacbenraum jedoch weit inner als jeder der vier Staaten. 352 Ien sind zumeist reich Astrachan, Taurien und Kaukasien, wo sie fast ausschliesslich von Kalmfiken und Tataren gehalten und zum Transport verwendet werden. — Den Reichthum der Samojeden und Lappen bilden die Rennthiere, deren Menge auf beilaufig 450.000 geschatzt wird. Auf Nowaja - Zemlja kommen auch wilde vor. Die Rennthierzucht bildet fiir das Gouvernement Archangel eine sehr lohnende Beschaftigung und jene Stamme unterhalten einen lebhafteren Tauschhandel als man gewohnlicb annimmt. Im Friibjahre ziehen Tausende auf die Jagd und ,den Fischfang aus, und sie bringen dann die reiche Beute fiber den Ural nach Ob- dorsk (an der Obmfindung)fund die grossen russischen Viehmarkte. Diese ktihnen und unternehmungslustigen Tauschhandler bleiben mehrere Monate auf den beschwerlichen Zfigen; doch bringt der Lappe ausser reichlichem Gewinn auch Begriffe einiger Civilisation in seine Heimat. Die Jagd bildet vorzuglich in den nordostlichen Landstrichen einen hochst bedeutenden Verkehrszweig. Das Pelz- werk aus Sibirien und Kamtschatka ist kostbar und sehr theuer; fiir die Hebung des Pelzhandels hat die „r u ssis ch - amerika- nische Kompagnie" sehr viel beigetragen. Ganze Volkerschaf- ten zahlen ihren Tribut der Regierung in Pelzwaaren, andere mtts- sen statt der Abgaben die Pelzwaaren zu einem festgesetzten Preise tiberlassen. Die grossten Pelzwaarenmagazine sind in Moskau; auf den berfihmten Messen zu Nishnij-Nowgorod bilden Pelzwaaren den Hauptartikel. — Fiir andere Volker, insbesondere im Nordosten des Reiches, bildet der Fischfang fast die einzige Nahrungsquelle; die Gegenden an der unteren Wolga erzielen den grossten Gewinn durch die Caviarbereitung und die Gewinnung der Hausenblase. Von Archangel und Kola wird der Wallfischfang betrieben, zu welchem Zwecke auch eine Aktiengesellschaft in Abo besteht. Der Fischfang auf dem Caspi - See ist einer der bedeutendsten Erwerbszweige des Gouvernements Astrachan; er gehort theils der Krone, theils den Landbesitzern am Seeufer, zum Theil ist er freies Gewerbe. — Die Bienenzucht wird im Allgemeinen schwunghaft betrieben, namentlich in Mittel- und Siidrussland, wo sie eine Lieblingsbeschaftigung der Baschkiren, Tataren und an- derer Stamme bildet. Wachs und der sehr geschatzte Honig sind wichtige Exportartikel. — Der Seidenbau wird in Sttdruss- land, Transkaukasien, Bessarabien und in der Krim betrieben, und breitet sich von Jahr zu Jahr aus. Besonders blfiht die Seidenzucht am Kaukasus, wo auch recht gute Stoffe („Kanaus“) erzeugt werden, langs des Kurflusses von Kutais (Mingrelien) bis zum Caspi - See, urn Derbent, Astrachan, dann am azow’schen Meere u. s. w. Eine Berechnung des Ertragswerthes der Erzeugnisse der Urproduktion ist unter den gegebenen Verhaltnissen und den viel- fachen Abstufungen der socialen Verhaltnisse und Kulturzustande der Volkerschaften und Landstriche nicht wohl moglich; doch dfirfte eine annahernde Schatzung derselben auf 2000 Millioneu Silberrubel (nach Tengoborsky) sicherlich nicht zu hoch gegrif* fen sein. In neuerer Zeit wird sowohl seitens der Regierung 353 ala durch zahlreiche landwirihschaftliche und Geldinstitute, so wie durch Belehrung sehr viel zur Hebung der Landvvirthschaft geleistet, und ein Fortschritt in dieser Richtung kann nicht ge- laugnet werden. Der Bergbau. Der Reichthum Russlands an Metallen und Mineralien iiberhaupt ist so bedeutend, dass er von keinem Staate iibertroffen wird. Die Bergwerke sind theils Eigenthum der Krone („Kronbergwerke“), theils Eigenthum von Privaten; die Zahl der letzteren ist die starkere, insbesondere besitzen die Fiirsten von Demidoff die meisten und reichsten Gold- und Platinawerke. An Gold betrug die Jahresausbeute in den letzten Jahren beilaufig 1500 Pud und an S i 1 b e r jahrlich fiber 1000 Pud. Den gross- ten Antheil daran hat das asiatische Russland, — in Europa sind hierin die Gouvernements Jekaterinoslaw, Perm und Orenburg ausgezeichnet; — die Goldminen und Goldwaschereien am Ural waren ehedem die reichsten auf der Erde. Silber wird weniger am Ural, dagegen zumeist am Altai und in den taurischen Berg- werken (sibirisches Gouvernement Irkutsk) gewonnen. Auch im Kaukasus und der Kirgisensteppe wird der Silber- und Bleihiitten- betrieb gepflegt. Plat in a oder M das weisse Gold" gewinnt man im Gouvernement Perm , meistens in den Demidoff’schen Grubeu und zwar in manchen Jahren iiber 100 Pud. Die Ausbeute an Iiupfer betragt im Jahresdurchschnitte nahezu 400.000 Pud, vor- ziiglich im Ural, Altai, im Gouvernement Olonez, auch in Polen und Finnland. An Eisen von vorzitglicher Qualitat ist ebenfalls grosser Reichthum, denn in den letzteren Jahren stellte sich die Ausbeute schon iiber 25 Millionen Pud. Die Eisenerze kommen zwar in alien Gebirgcn Russlands vor, doch hat die Eisenproduk- tion ihren Hauptsitz im Ural (in den Gouvernements Perm,. Oren¬ burg, Wjatka, dann Wologda); die bedeutendsten Werke sind bei Nishnij-Nowgorod (vorzugliche Stahlofen). In Polen ist das Gou¬ vernement Radorn fur Eisen sowie Kupfcr bedeutend, auch in Finnland ist der Eisenbau schon von Alters her bekannt. Russland deckt nicht nur seinen Bedarf an Eisen, sondern exportirt noch (im Jahre 1857 iiber 800.000 Pud). Zinn wird. am Ladoga-See (bei Pitkaranda), Zink in Finnland und.Polen, Galmei in Polen zu Tage gefordert. Die wichtigsten Bleigruben liegen in Sibirien, wo sich Silbererze mit Bleierzen zusammen linden und grossten- theils gemeinschaftlich bearbeitet werden. Die im Allgemeinen bedeutende Gewinnung von S a 1 z (an 30 Mil¬ lionen Pud) reicht jedoch fur den Bedarl (fiber 34 Millionen Pud) nicht aus und es findet hierin ein ansehnlicher Import statt. Stein- salz wird in den Gouvernements Orenburg und Astrachan, — Quell- salz in Perm, am Ilmen-See und anderen Orten gewonnen. Sehr viel Salz gewinnen die Kalmiicken aus dem ,,goldenen See“ (Salzsee Elton und mehreren Salzseen, alle siidostlieh von Saratow); die kalzseen in der Krim (bei Perekop) und in Bessarabien liefern eben¬ falls erhebliche Quantitaten. Die grosste Salzsiederei ist in Charkow. In den sudlichen und westlichen Provinzen ist auch ein Ueberfluss Sa 1 peter. — Die Ausbeute an Steinkohlen, diesem wesent- KUin’s Handols-Geog-rapliie. 2. Aufl. 23 354 lichen Hilfsmittel fiir Industrie und Verkehr, ist bei Weitem nicht ausreichend, sie iibersteigt bis jetzt kaum 1 Million Zentner. Die relativ reichsten Gruben sind in der Umgegend von Perm, Now- gorod am Ilmensee, Moskau, im siidlichen Russland und Polen. Zahlreiche und ausgedehnte Torflage r sind in Kurland, Liefland, um St. Petersburg und Moskau. — Unter den nutzbaren Mineralien verdienen Erwahnung Alaun, Vitriol und Schwefel. In Taurien grabt man Porzellanerde; im Ural findet man Diamanten, Smaragde, Topase; am schwarzen Meere sind Naphtaquellen. An Mineral- quellen ist Russland nicht besonders reich; sehr bekannt ist iibrigens der Sauerbrunnen von Lipezk (nordlich von Woronesch). Gewerbliche Industrie. Russland ist vorherrschend ein acker- bautreibender Staat im ausgedehntesten Sinne des Wortes; das Fa- brikswesen in bedeutenderem Grade wird nur in einigen Gouverne- ments betrieben und gehort erst der neueren Periode an. Seit Peter dem Grossen, unter welchem europ&ische Kultur und hohere ge¬ werbliche Thatigkeit in Russland Eingang zu finden begannen, bis auf Kaiser Nikolaus war die Entfaltung der technischen Kultur eine fast unbedeutende; erst unter Nikolaus und dem gegenwartigen Mon- archen begann ein hoherer Aufschwung, der jetzt in frfiher nicht geahnter Weise sich kund gibt. Es ist bis jetzt noch nicht moglich gewesen, vcillig genugende Nachweise iiber die Anzahl der Fabriken und Manufakturen und der in denselben beschaftigten Arbeiter zu liefern ; doch diirfte die Zahl der ersteren hoher als 10.000, die der letzteren iiber I Million eein. Der Werth der Fabriks- und Manufakturerzeugnisse wird fur das Jahr 1856 offiziell mit 224'/ 3 Million Silberrubel angegeben (also um beilaufig 68 l / 2 Million Silberrubel me hr als im Jahre 1849), wovon auf Kaukasien nur etwas iiber '/ 2 , auf die sibirischen Gou- vernements iiber 1 1 / 2 Million Silberrubel, — der ganze grosse Rest jedoch auf die europaischen Gouvernements entfallt. Es kommen sohin in Russland auf einen Einwohner etwa 3 T / 2 Silberrubel*). Die griissere Halfte des Werthes der industriellen Erzeugnisse (mit 117 Millionen Silberrubel) entfallt auf die vier europaischen Gou¬ vernements Moskau, St. Peter sburg,Wladimir und Perm, welche schon den Vergleich mit den anderen europaischen Industrie- staaten aushalten konnen**). — Moskau, der Mittelpunkt des Rei¬ ches, ist zugleich der Mittelpunkt fiir die ganze industrielle Thatigkeit; von Moskau verbreitet sich die gesammte nationale Entwickelung auf alien Gebieten menschlicher Thatigkeit. In der Fabriksindustrie nimmt gegenwartig jene in Baum- woll e den ersten Rang ein. Die Einfunr von Baumwolle zum innern *) Tengoborski berechnet scbon fiir das Jahr 1851 den Werth der Fabriks- und Manufaktnrprodukte mit 550 Millionen Silberrubel und den Durehschnittswerth fur jeden Einwohner auf circa 8 1 /, Silberrubel, wobei er jedoch nicht nur speziell die Fabriken und Manufakturen, sondern aueh die Handworker und die hausliche gewerb- liche Bescbaftigung mit in Rechnung zieht. **) Im Gouvernement St. Petersburg entfallen an Fabriks- und Manufakturer- zeugnissen auf einen Kopf fast 3o, in Moskau 25, in Wladimir 17, in Perm f® s ^ 10 Silberrubel (in Grossbritannien 48, in Franltreich 27’/ a , in Preusscn 26, und in Oesterreich 16 Silberrubel). 355 Verbrauch ist void Jahre 1822 mit 70,000 bis zum Jahre 1857 auf nahe 2V 2 Million Pud gestiegen. Der Hauptsitz der Fabrikation ordiriarer und mittlerer Gattung ist in und bei Moskau (Schuja, Wladimir, Iwanow), dann Kasan, Kaluga und St. Petersburg, welches letztere sich besonders durch feine Zeugdruckereien auszeichnet. Uebrigens werden ordinare Waaren fur den Hausbedarf und den Absatz nacb den benachbarten asiatischen Landern vielfach von den Landleuten verfertigt; an feineren werden namhafte Mengen im- portirt, da die Erzeugung der Fabriken nicht ausreicht. In Polen ist die Baumwollspinnerei undWeberei ziemlich bedeutend, dagegen in Pinnland kaum nennenswerth. Neuere verlassliche Daten fiber die Anzahl der Fabriken, die Menge und den Werth der Er- zeugnisse fehlen noch; die alteren geben bei dem dermalen nicht zu ver- kennenden Aufschwunge in der raschen Entwickelung dieses Indu- striezweiges kein richtiges Bild. — Die Leinenindustrie bildet in Hinsicht der Menge der Erzeugnisse und der dabei verwendeten Arbeiter einen der Hauptzweige russischer Gewerbsthatigkeit; allein in der Qualitat stehen diese Fabrikate vielfach den iibrigen euro- paischen weit zurtick. Wie in einigen anderen Landern wird die Ilandweberei fast durchgehends als ,,landwirthschaftliche Nebenbe- schaftigung“ betrieben, der Bauer deckt nicht nur den eigenen Be- darf an grober Leinwand, er bringt davon noch zum Verkaufe, Die Erzeugung feiner Fabrikate ist relativ eine geringe. Das russische Segeltuch und Tauwerk wird seit jeher sehr geschatzt und in be- deutender Menge exportirt. Der Hauptsitz der Leinenindustrie ist der Landstrich in Mittelrussland, zwischen Wologda, Nishnji- Nowgorod, Rjasan, Tula, Kaluga, Moskau und Twer, iiberhaupt der industriellste Theil Russlands. Ein zweiter industrieller Bezirk zieht sich von St. Petersburg iiber Pskow, Marienburg, Koop nach Riga und Mietau, das ist zwischen dem finnischen und rigaischen Meer- busen. Auch die Seestadte Archangel, Odessa und Cherson eind in der Fabrikation vortrefflicher Seilerwaaren bekannt, — Die Fa- brikation in Schafwolle isF'zunachst von der Veredlung und Vermehrung der Schafe abhangig, worin Russland riesige Fortschritte tnacht. Auch hierin muss die Erzeugung des ordinaren Bauern- tuches durch die Landbevolkerung von den mittelfeinen und feinen Fabriktiichern geschieden werden. Die Fabrikation der letzteren deckt nicht den Bedarf des Landes ; es warden zwar an 20% der Fabri¬ kation iiber Kiachta nach China exportirt, doch miissen auch bedeu- tende Quantitaten nach Russland importirt werden. Fiir Tuche sind Moskau, Sarepta, St. Petersburg, Kaluga, Rjasan und andere bekannt; — fiir Teppiche: Smolensk, Woronesch, Warschau, fiir feine Teppiche und Tapeten vor allem St. Petersburg. Die Tuch- fabrikation in Polen hat unbedingten Vorzug vor der russischen, vorziiglich in feinen Tuchsorten und zwar Opatowek, Tomaszow (feine Tuche), Alexandrow, Ozorkow, Lodz und Zgierz (mittlere Qualitaten) und andere. Auch die Kashmirspinnereien, die Erzeu¬ gung von Shawls u. s. w. gewinnt an Ausdehnung, Fiir diesen Industriezweig ist sowie fiir die Leinenindustrie der Rohstoff in grosser Menge vorhanden und diese kann noch sehr bedeutend ge- 23 * 35(5 steigert werden. — Die Kattun- und Schafwolldruckereien haben in neuerer Zeit sehr grossen Aufschwung genommen. Der Verbrauch an Seidenwaaren ist fortwahrend im Steigen, doch kann er durch die einheimisehe Produktion bei Weitem nicht gedeckt werden, da das Land aucb Rohstoff nicht in ausreichender Menge erzeugt, welcber aus Italien, Persien und China bezogen werden muss. Nichts desto- weniger scbreitet die Fabrikation in Moskau, St. Petersburg, Astra- chan, Pensa u. s. f. in der Quantitat und Qualitat erfreulich vorwarts; den grosseren Bedarf deckt das Land durch Import aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Einen grossen Grad der Vollkom- menbeit haben die mit Gold und Silber durchwirkten, dann die halbseidenen und die Mobelstoffe erlangt. — Die L ed e r ber ei t ung geniesst seit jeher ausgezeichneten Ruf. Der grosse Reichthum an Roh- und Gerbestoffen hat diesem Zweige eine enorme Ausdebnung gegeben, obwobl namentlich die kleineren Gerbereien in tecbnischer Beziehung mehrfach hinter den raschen Fortschritten mancher Lander zuriickgeblieben sind. Auch bei diesem Industriezweige findet zwi- schen der im ganzen Reiche verbreiteten handwerksmassigen Be- reitung und dem Fabriksbetriebe ein grosser Unterschied in der Qualitat statt. Den ersten Rang haben die russischen Juchten (oder Juften), welche zumeist im mittleren und nordlichen Russland er¬ zeugt werden (Jaroslaw, Kostroma, Pskow, Moskau, Wladimir und Astrachan); — ausgezeicbnete Saffiane und das beste Glanzleder liefern Kasan, Twer, Astrachan, die Krim; aucb Schaf-, Ziegen- und Rennthierfelle werden in grosser Menge verarbeitet. Unter den Fabrikaten sind erwahnenswerth: die schonen Handschuhe (doch nicht in ausreichender Menge) von Moskau und St. Petersburg; die Schuhmacherarbeiten, welche vorziiglich im Gouvernement Twer eine ungemeine Ausdebnung erlangt haben, und wo jahrlich an 2 l / 2 Mil¬ lion Paar Stiefel, Schuhe u. s. w. zu Markt gebracht werden. Unter diesen sind die Schuhe, Stiefel und Pantoffel, deren Oberleder mit Gold- und Seidenstickereien geziert ist, bemerkenawerth, obgleich diese Fabrikate mehrfach den ausl&ndischen in der Qualitat nach- stehen. Auch Polen besitzt grosse Lederfabriken, Finnland jedoch nur wenige. — Zu den Hauptindustrien Russlands gehort noch die Fabrikation in Metallwaaren, wobei ebenfalls die Hand- arbeit von der Fabriksarbeit unferschieden werden muss. Keine der beiden Richtungen deckt. den inneren Bedarf, obwohl beide an Um- fang, zum Tbeil auch in Hinsicht der Qualitat, sebr bedeutend vor¬ warts gesehritten sind. Die Einfuhr fremder Waaren der feineren Sorte ist trotz der hohen Zolle so bedeutend, dass sie im Jahre 1857 den Werth von 7 l / 2 Million Silberrubel uberstiegen bat. Die Ilandarbeit ist im ganzen Reiche mehr oder minder verbreitet; die Fabriken konzentriren sich in vereinzelten Gruppen. Mehrere hundert Eisen- und Kupferhiitten, Hocliofen und Hammerwerke sind hierbei thatig. Fiir die verschiedenen Artikel verdienen Erwahnung: fiir Schnei- dewerkzeuge St. Petersburg, Moskau, Tula, Pawlow, Worsma (bei N. Nowgorod), — fiir Handwerksgerathe Tula, — fur Gewehre Tula, Wotka, Sestrabek, — Kanonengiessereien in St. Petersburg, Kron¬ stadt, Cherson, Lipezk, — liir Stablwaaren Tula, Moskau, Warschau, 857 Kasan, — fur Bronze-, Gold- und Silberwaaren Moskau und St. Petersburg, — Edelsteinschleifereien sind in Jekaterinoslaw und St. Petersburg, — die schonsten Uhren in Moskau u. s. w. Ausser diesen Hauptzweigell der russischen Industrie verdienen noch Be- achtung: die grossen Papi erf ah r i ken in Jaroslaw, Kostroma, Moskau, Kaluga, um Petersburg, in Jeziorna in Polen. Auch die Fabrikation von Papiertapeten ist sehr ausgebreitet. Trotz des unverkennbaren Auf’schwunges dieses Industriezweiges, mit dem sich fiber 200 Etablissements beschaftigen, genfigt die Produktion nicht fur den Bedarf. — Glasfabriken sind in Wolhynien, Liefland, Wladimir, in Polen, die schonsten Spiegel- und Krystallwaaren liefert die kaiserliche Fabrik in St. Peters¬ burg. — Porzellan und Fayenee von bester und schiinster Art wird in Gat- scliina (bei Petersburg) und in Twer gefertigt; ausgebreitet ist diese Industrie zu- meist im Gouvernement Moskau, wo (im Jahre 1853) 33 Fabriken bestanden. — llolzwaaren, namentlich Hausgerathe fur die Bauern, liefern fast alle Stadte und Dorfer; die schonsten Mbbeln: St. Petersburg, Moskau, Warschau. — Zucker- raffinerien sind in St. Petersburg, Kiga, Moskau; Run kel r fib en zucke r- fabriken sind in grosser Anzahl durch das ganze Land verbreitet. — Die chemi- sehen Fabriken, die vorziiglich im Gouvernement Moskau zahlreich vertreten sind, liefern fiber don Bedarf Pottasche, Vitriol, Salpeter, Alaun, Schwefel, Farben, Schiesspulver. — Ungemein zahlreich sind die Branntweinbrennereien, doch sind auch die Essig- und B ierb r aue r ei en sehr ausgedehnt; — die vielen Ta- bakfabriken in den Gouvernements St. Petersburg, Moskau, Bessarabien, Liefland, Kiew und Minsk decken nicht den grossen Bedarf. — Ein eigenthumlicher Industrie- zweig ist die Lindenbast-Mattenfabrikation, welche am starksten in den Gouvernements Wjatka, Kostroma, Kasan, Wologda und Ponsa betrieben wird und jahrlich fur 3 Millionen Silberrubel Lindenrinde von 700.000 bis 1 Million Linden- bfiumen zu etwa 14 Millionen Matten und Mattensacken verbraucht. Davon gehen etwa 3'/, Million Stack fiber Archangel, St. Petersburg, Riga und Taganrog ins Ausland. Sehr bcdeutend ist auch der Verbraueh des Bastes zur Fussbekleidung, wozu fibrigens auch Birkenrinde und Weidenbast verwendet wird. In vielen Gouver¬ nements werden Fassbiinder in grosser Anzahl verfertigt; diese sowohl als die in zahlreichen Sagemuhlen erzeugten Bretter, Latten, dann Bauholz aller Art gelangen in bedentender Menge zur Ausfuhr. — Sehr wichtige Artikel der russischen Industrie sind forners Seife, Talglichter (Archangel, St. Petersburg), Stearin- und Wachskerz en, Borsten, endlich Theer (Archangel, Wologda), welcher fast ausschliesslich fiber Archangel in grosser Menge ausgeffihrt wird. — Schliesslich verdient noch derSchiffbau besondere Hervorhebung, wclcher in alien Seestiidten und an den grosseren Flussen betrieben wird. HandelsverhaKnisse. Mit Peter dem Grossen begann fur den Handel Rueslands eine neue Aera. Wahrend vorher fast aller Verkehr nach aussen nur zu Lande betrieben wurde, Kiew der Stapelplatz fiir den gewinnreiehen Landliandel aus dem Oriente nach dem Norden und Archangel der einzige Hafen war; gewann das Reich durch die Eroberung der Ostseeprovinzen und durch die Griindung der Stadt St. Petersburg mehrere wichtige Handelshafen an der Ostsee. Die grosse Ratharina II. erweiterte das Reich durch Eroberungen im Siiden, erwarb die Provinzen am schwarzen Meere und (im Jahre 1774) die freie Schiffahrt auf dieaem Meere. Durch diese direckte Verbindung mit Konstantinopel und dem Mittelmeere belebte sich der Handel; Cher son und noch mehr der im Jahre 1792 gegriindete Freihafen Odessa bluhten rasch empor, und letztere Stadt wurde bald die zweite Ilandelsstadt des Reiches. Bedeutende Fortschritte hat der Handel seit dem Frieden 1815 gemacht. Die Lage des Landes an vier Meeren, die vielen meist vortrefflichen Hafen, die zahlreichen naturlichen und kiinstlichen Wasserstrassen, welche in naher Zukunft durch eine Kanalverbin- dung des schwarzen mit dem kaspischen Meere noeh an Ausdehnung gewinnen werden, der grossartige Schlittentransport und die im Allgemeinen entsprechend unterhaltenen Strassen tragen wesentlich zur Forderung des inueren und &usseren Handels bei. Der Handel Russlands ist tibrigens in steter Steigerung begriffen, welcbe in den grossen Hilfsquellen des ungeheuren Reiches ihre Begriindung findet. Die Eman¬ cipation der Leibeigenen und ihre Umwandlung in erbzinspfiichtige oder ganzlich freie Bauern wird die Produktionskrilfte ungemein vervielfachen, den Handel erweitern und cine volkswirthschaftliche Umwandlung hervorrufen. Noeh grossartiger dfirfte sich der asiatische Handel wegen der zunehmenden Bedeutung Sibiriens gestalten, indem Russland dnrch die Gewinnung des Ainur-Gebietes zu einem Haupttheilnehmer am Handel im grossen Ocean berufen ist, und durch die Eroberungen im Kaukasus mit Central-Asien in n&here direkte Verbindung tritt. Ohne Zweifel stehen Russ- lands Industrie und Handel gegenwartig auf einem hOchst bedeutenden, folgenreichen Wendepunkte. Der fiussere Handel wird in einen europkiscben und einen asiati- schen eingetheilt. Diese Eintheilung hat weniger in geographiscben Riicksichten, als in dem Unterscbiede der Handelsbeziehungen Russlands zum Westen und Osten ihren Grund, welcher Unterschied durch den Zustand der einheimischen Industrie und durch die Stellung Russlands als vermittelndes Element zwischen Europa und Asien bestimmt wird. Wahrend namlich Russland in seinen auswartigon Beziehungen dem Westen gegeniiber als Agrjkulturs taat erscheint, tritt er dem Osten ge- geniiber als Manuf akt ur s t a a t auf. Allein das Uebergewicht des russiseh- europHischen Handels liber den asiatischen beweiset, welches grosse Uebergewicht die Landwirthschaft und die landwirthschaftliche Industrie fiber die Manufaktur-Industrie Russlands besitzen. Der russisehe Handelsstand wird in drei Gil den getheilt. Die Kaufleute der ersten Gilde haben das Recht im In- und Auslande unbescbriinkten Handel, sowie Banquier-, Wechsel- und Assekuranzgeschafte zu betreiben; — jene der zwei- ten Gilde kSnnen im Inlande unbeschrankten Handel, mit dem Auslande jedoeh nur bis zum Betrage von jahrlich 90.000 Silberrubel, — und endlich jene der drit- ten Gilde nur im Inlande jede Art von Handel, sowohl mit inlandischen, als mit den durch Kaufleute der beiden ersten Gilden eingefiihrten, auslfindischen Waaren betreiben. Zur Erlangung dieser Handelsrechte ist die Anmeldung der Kapitalien erforderlich, mit welchen sie jahrlich Gesch&fte machen wollen, und zwar fiir die erste Gilde mindestens 15.000, fur die zweite 6000 und fiir die dritte 2400 Silberrubel im Jahre. Im Lande der donischen Kosaken und in Transkankasien existiren diese Gilden nicht. Im Jahre 1856 waren angemeldet: Kapitalien erster Gilde 1149, Kapitalien zweiter Gilde 2909, Kapitalien dritter Gilde 51.012, zusammen 55.070, wovon auf die europaischen Gouvernements 53.072 kamen. Diese geringe Zabl von Kaufleuten (da im ganzen Reiche auf 1160 Einwohner 1 Kaufmann und auf fast 16.000 Ein- wohner 1 En-gros-H&ndler kommt) erklart die noeh herrscheude Theuerung vieler Gegenstande ausltindischer Fabrikation, da bei der geringen Konkurrenz der Gross- liandel fast als Monopol in den Ilanden sehr weniger Personen sich befindet. Legt man den Berecbnungen auch die relativ geringsten jahrlichen Einnahmen der Kauf¬ leute zu Gruude, so ergibt sich, dass im Jahre 1856 beilaufig 540 Millionen Silber¬ rubel im russisclien Handel sich befanden. Der Grosshandel mit dem Auslande ist sowohl iiber die europaische. als die asiatische Grenze im Wachsen und lassen sich im Allgemeinen fur die letzten Jahre (1856, 1857 und zum Theile 1858) folgende Ergebnisse zusammenstellen. Der Gesammtwerth der Einfuhr betrug im Jahre 1857 nahezu 152 Millionen, jener der Ausfuhr an 170 Millionen Silberrubel; in beiden Beziehungen war der Verkehr iiber die europaische Grenze bei weitem iiber- wiegend, indem er fast 80°/ o des Gesammtwerthes erreichte. Unter den importirten Waaren erreichten den grossten Wertb: Wein und Getranke (iiber 9 Millionen Silberrubel), fast ebenso viel die 359 Farben, dann Maschinen und Modelle (iiber 7 l / 2 Million Silber¬ rubel), Webe- und Wirkwaaren (Baumwoll- und Seidenwaaren je iiber 7 Millionen Silberrubel), und Baumwolle (bei 2% Million Silberrubel); — unter den exportirten nimmt das Getreide den ersten Rang ein, auf welches an 36% des gesammten Exportwerthes entfallen; — zunachst stehen Holzwaaren (mit 6 Millionen Silber¬ rubel), rohe Haute und Flachs (mit je iiber 4 T / 2 Million Silberrubel), Talg, Hanf, verarbeitete Haute, Schafwolle, Lein- und Hanfsamen. Bei der E i n f u h r sind am starksten betheiligt: England (welches fast den vierten Theil des Importes liefert), Preussen (43 Millionen Silberrubel), Oesterreich (7y s Million Silberrubel), Frankreich, die Hansestadte, die Tfirkei, Amerika, Spanien und Neapel. — Bei der Ausfuhr: England (an 45% des Gesammtexportes), Preussen (18 Millionen Silberrubel), Oesterreich (fast 6 % Million Silberrubel), Frankreich, die Niederlande, die Tfirkei und Sardinien. Der Ver- kehr mit Finnland ist gleichfalls erheblich. Aus Finnland werden nach Russland importirt: Eisen, Kupfer, Gusseisen, Baumwollfa- brikate, Pelzwerk und Theer; aus Russland dorthin exportirt: Getreide (im Jahre 1857 iiber 3 Millionen Silberrubel), Tabak, Seilerwaaren, Oel, Pottasche, Hanf, Leder und Salzlleisch. Der Import nach Russland betrug im Jahre 1857 an 2%, der Export nach Finnland iiber 6% Millionen Silberrubel, — Ueber die asiatische Grenze kamen (im Jahre 1856) Waaren fur beilaufig 17 Millionen Silber¬ rubel, hauptsfichlich chinesischer Thee, persische Seide und Baum¬ wolle, kirgisische Felle und Haute, transkaukasische Friichte u. s. w. Die Ausfuhr belief sich auf 10 T / 2 Million Silberrubel, meist aus Fabrikaten bestehend. — Im asiatischen Handel ist der Verkehr mit China der starkste, welcher sowohl mit den west-chinesischen Stadten Kuldscha und Tschugutschak (auf der orenburgischen und sibirischen Linie), als auch mit Kiachta (Tauschhandel) stattfindet. Diese Handelsbeziehungen erweitern sich fortwahrend. Zunachst steht der Verkehr mit Persien und der Kirgisensteppe. Die Schiffahrt in den russischen Hafen des baltischen, weissen, schwarzen und kaspischen Meeres ist im Allgemeinen fortschreitend. Im Jahre 1857 waren an 8850 Schiffe mit 1.800,000 Tonnen ein- gelaufen und an 9100 Schiffe mit 1.900,000 Tonnen ausgelaufen, Wobei fiber die Halfte auf die Hafen des baltischen kommen, die geringste Zahl entfallt auf jene des weissen Meeres. Den bedeutendsten Antheil an dieser Schiffahrtsbewegung hatten englische, hollandische, schwedische, danische und griechische Schiffe, zunachst stehen die osterreichischen und tfirkischen; auf die russische Flagge kommen nur etwa 9% der Schiffszahl. Besonders rasch steigen die Dampf- schiffahrtsverbindungen sowohl in der Ostsee als im schwarzen Meere; doch wird auch zwischen den Hafen im azow’schen und im kaspischen Meere sowie auf der Wolga eine bestandige Verbindung imterhalten. Kronstadt (St. Petersburg) hat die lebhafteste Schif¬ fahrtsbewegung und Dampfs chif f ahrts-V erbi ndun g en mit Riibeck, Stettin, London, Rostock, Havre, Rotterdam, — Riga mit Lfibeck und Stettin, — Odessa mjt Cherson, Konstantinopel und Galacz, 860 Von besonderer Wichtigkeit sind die Stadte: St. Petersburg (530.000 Einw.) von Peter M. erbaut (der Bau begann am 16. Mai 1703), zeiehnet sich dureh die Regelmiissigkeit der Strassen, die moderne Eleganz der Gebaude und den Ueberflnss an Raum, welcher der inneren Entwiekelung der Stadt gewahrt ist, vortheilhaft aus. Die Stadt hat so viele Palaste nnd riesige Gebilude mit weiten Hofen und Nebengebiiuden, wie vielleieht keine andere; alles ist jedoch von einer ermiidenden Gleichmassigkeit. Ein grosser Theil der Hauser ist aus Holz, welche in Russland sehr beliebt sind. (Im J. 1857 waren unter den 8779 Hansern 5010 holzerne.) Oeffentliche Gebaude: die Admiralitat, mit priichtiger Eronte, von der Thurmgallerie die schonste Aussieht iiber die Stadt; — der Winter- palast; die Eremitage mit Gemaldegallerie und Bibliothek; der Marmorpalast. Kir- chen: Kathedrale des h. Isaak, eine der praehtvollsten der Erde (im J. 1858 vollendet); das Alexander-Newsky-Kloster, gleicht einer Stadt, Residenz des Metropoliten, mit einem Seminar. Zahlreicbe Staats- und Privatpal&ste. — Kaiserliche Akademie der Wissenschaften, Universitat, 4 Gymnasien, kais. Rechtsschule, technische Schule, Commerz-Scbule und mehrere grosse Spezialschulen. Kais. Bibliothek (400.000 Bande und 17.000 Handschriften). — Viele Wohlthittigkeits- und Humanitatsanstalten. Bedeutende Industrie, namentlich mehrere kais. Eabriken, welehe Spiegel, Krystall- und Porzellanwaaren, Gobelins u. a. verfertigen; Privatfabriken besonders in Baum- wollwaaren. — Sehr umfangreicher Handel, grossartige Verbindungen nach alien Theilen des Reiches; viele Kaufhiiuser, darunter Gostinoi-Dwor, mit geraumigem I-Iofo und zahlreichen Buden. Borse, Bank, Credit-, Assekuranz- und Handelsge- sellschaften. illoskau (russ. Moskwa, 370.000 Einw.) die zweite Hauptstadt des Reiches, mittels Eisenbahn mit St. Petersburg verbunden, im Mitteipunkt russischer Macht, das Centrum der altrussischen Sympathien, die „heilige Stadt“ der Russen, besteht aus coneentrischen Kreisen und Ilalbkreisen. In ihrer Bauart, in dem Contraste dicht bevOlkerter Stadttheile und unbebauter Flachen tr> die Stadt halb europai- schen, halb asiatischen Charakter. Die ungeheuro Grosse, die Tausend vergoldeten oder bunt bemalten Kuppeln, die cult.ivirten Bodenflachen, welche die Stadtviertel von einander trennen, die Boulevards und herrlichen Promenaden, endlich der Kreml mit seinen 32 Kirchen und vielen Palasten, seinen Thurmen, Zinnen und mittelalter- lichen Befestigungen; — diess alles zusammen gewahrt einen grossartigen, pracht- vollen Anblick. Ilier ist der geographische, ethnographische und naturhistorische Mitteipunkt des Reiches. Priichtiger kais. Palast. Grosse und reiche Kirchen; der Thurm Iwan Weliki (mit der ungeheuren Glocko von 4000 Zentnern Gewicht) ; Ka¬ thedrale des h. Michael und noch andere 6 Kathedralen, im Ganzen gegen 300 Kir¬ chen, viele grosse Kldster. — Universitiit, 3 Gymnasien, zahlreiche technische, Han¬ dels- und Spezialschulen. Hauptsitz der Industrie mit vielen, nach den ncuesten Systemen eingerichteten Fabriken fur die verschiedenartigsten Richtungen. Mittei¬ punkt fur den inneren, und Hauptstapelplatz fflr den asiatischen Handel mit vielen Geld-, Assekuranz- und Ilandelsinstituten. VVnrschau (170.000 E.), stark befestigt; kOnigl. Schloss, viele Palaste und hohere Lehranstalten. Borse, Nationalbank. Bedeutende Industrie ; lebhafter Handel insbosondere auf den 2 Messen; wichtiger Wollmarkt. Den grossten Wollbandel hat jedoch Charkow. Andere Platze von Bedeutung sind: Rybinsk (Gouvernement Jaroslaw) ver- dankt seine Wichtigkeit der gliicklichen Lage in der Mitte der Kanalverbindungen zwischen der Woiga und Dwina; hier werden gewBhnlich die auf den grosseren Wolgaschiffen ankommenden Waaren auf die kleineren, welche die benachbarten Fliisse und Kaniilc befahren solien, umgeladen — Samara ist dor Hauptstapelplatz fdr den Getreidehandel auf der Woiga, wo gegen 9 Millionen Pud jithrlich verladen werden; wichtig sind in dieser Beziehung Jaroslaw, Kiew, Warschau, Kaluga, Tula, Twer, Perm, Orenburg, Kasan u. a. m. —- Die bedeutendste Messe (die grosse Peter-Paulmesse wurde im Jahre 1817 von Makarjew hieher verlegt) findet im Juli und August in Nislinji-Nowgorod (oder Nishegorod) statt. Diese Messe, mit welcher wohl keine andere der Erde verglichen werden kann, und wo zwei Welt- theile ihre Waaren tauschen, besuchen jithrlich iiber 300.000 Menschen, darunter Bu- ebaren, Kirgisen, Hindu und Chinescn*). Der Waarcnumsatz hat in manehen Jah- *) Auf der Messe (im Jahre f858) solien auf dor schmalcn Landzunge, wel¬ che (lurch den Zusammenfliiss der Oka und Woiga gebildet wird und wo der 361 ven don Werth von naho 150 Millionen Silberrubel erreicht. Russische Landespro- dukte, vorzfiglich auch Leder, Pelzwerk, Eisenwaaren, Webewaaren; andererseits Thee, welchen lange Karawanenzuge auf Tausenden von Kameelen von der chinesischen Grenze fiber Orenburg und Kasan hieher bringen, turkische und persische Teppiehe, ostindische Shawls u. s. w. bilden die Hauptgegenstande dieses grossen Handels. Mehrere tausend Kaufhauser, Buden und Niederlagen bedecken die ungeheure Flache, meilenlange lleihen von Barken, welche ebenfalls als Buden verwendet werden oder zum Theil anch ihre Waaren am Ufer ausstellen, bedecken die Oka und die Wolga. An die reichen Pelzwerks-, Shawls- und Perlenbuden mit dem ganzen orientalisehen Prunk schliessen sich die noch einen Urzustand bekundenden Pferchen der Vieh- hiindler; Gegenstiinde des hochsten europaischen Luxus und der Mode liegen neben den Urprodukten der halbcivilisirten Stiimme und den Produkten der asiatischen Ver- weichlichung anfgestapelt. Diese Messe ist der eigentliche Centralpunkt fur den ge- sammten Landverkcbr zwischen Europa und Asien. — Beachtenswertbe Messen wer¬ den noch abgehalten in Moskau, Dorpat, Kiew, Taganrog. Warschau, Lo- Wicz (Gouvernement Warschau), Lenczna (Gouvernement Lublin), Skaryszew (Gouvernement Radom), Lublin u. s. w. Die wichtigsten Seehafen sind: a)amschwarzen undazow’schen Meere: Odessa (die grosste Getreidcausfuhr; — Gesammtwerth derEinfuhr im Jahre 1858 bei 10 Millionen, der Ausfuhr an 30 Mil¬ lionen Silberrubel), Cherson, Eupatoria, Feodosia, Kertsch, Tagan- rog; — b) am kaspischen Meere : Astrachan (asiatisoher Handel); — c) am weissen Meere: Archangel, Onega, Kola; — d) an der Ostsee: Kronstadt, Riga (starkste Holzausfuhr), Libau, Reval, Pernau, Helsingfors, Wiborg. Fur den Landhandel nach dem Auslande sind wichtig: Dubno, Kaminiec, Berdiczew (zun&chst nach Brody), Warschau, Lublin und Kalisch. Zu den wichtigsten For de run'gsan s ta 1 te n des Handels gehoren nebst den zahlreichen Wasserstrassen die im Ganzen gut unterbaltenen Landstrassen. Von Eisenbahnen stehen jetzt funf Linien in einer Gesamintlange von etwa 177 Meilen im Betriebe* *), zehn andere Linien in einer Gesammtliinge von beilaufig 850 Meilen sind theils konzessionirt, theils bereits im Baue begriffen. Das Telegraphennetz wird fortwiihrend erweitert, es um- fasst 30 Gouvernements-IIauptstadte, liber 80 Stationen und wohl viber 1200 Meilen. — An Banken, Kreditan stal ten und Ak- tiengesellschaftenist Russland relativ reich. Unter den ersteren stehen die Reichs-Kreditanstalten obenan, als a) die Reichs-Leihbank, b) die Reichs-Kommerzbank, c) die Expedition der Reichs-Kredit- billete, d) die Bank von Polen, e) die Bank von Finnland (zu Hel¬ singfors) u. 8. w. Die Zahl der bedeutenderen Aktiengesellschaften ist bereits liber 90 gestiegen; zu den wichtigsten gehoren: die „rus- sisch-amerikanische Kompagnie", die „grosse Gesellschaft der russi- schen Eisenbahnen', — die Handelsgesellschaften fiir die Schiffahrt auf der Wolga, dem Dnjepr, zu grossen industriellen Unterneh- tuungen die Assekuranzen gegen Feuerschaden, u. s. w. oi gens fur die Messe erbaute prachtige Kaufhof mit 2522 Kaufgewolben steht, an tnancheu Tagen fiber eine halbe Million Menschen sich befunden haben. Die Ge- sammtanfuhr soil fiber 100 Millionen Silberrubel betragen haben. *) Petersbnrg-Pawlowsk (3. 5 , Meilen), Petersburg-Moskan (88 Meilen), Petersbnrg- Pskow (40 Meilen), Petersburg-Peterhof (3.,, Meilen), Warschau-Szczakowa (41. s Meilen) mit der Zweigbahn nach Lowicz. m Die geistige Kultui* Russlands hat seit Peter M. iiberraBchende Fortschritte gemacht. Allerdings beschr&nken sich diese Fortschritte nur auf den Adel, die Bewohner der Stadte und deren niichste Umgebungen, wahrend die grosse Masse der Landbevolkerung sich nur wenig iiber primitive Zustande halbcivilisirter Volker erhebt. Die Anzahl der Lehranstalten und der Schuler im europ&ischen Russland hat sich in letzter Zeit bedeutend vermehrt; doch kommt im Allgemeinen erst auf 133 Einwohner 1 Schuler, bei der stadti- schen Bevulkerung hingegen auf 17 Einwohner 1 Schuler (in Deutsch¬ land auf je 5—9 Ein Schuler). Am giinstigsten ist dieses Verhalt- niss in den Ostseeprovinzen, dann in St. Petersburg und Moskau, am ungiinstigsten in Wolhynien (1:435). Fur Kaukasien und Sibirien liegen sehr unvollstandige Nachweisungen vor, der Stand der geisti- gen Kultur ist iibrigens in jenen Landern ein sehr tiefer. — Fur technische und kommerzielle Ausbildung sorgt sowohl das Finanz- ministerium als mehrere Korporationen. Relativ zahlreicher sind die Lehranstalten fur militarische und jene fiir gelehrte Bildung, in letzterer Hinsicht bestehen sechs Universitaten (St. Petersburg, Mos¬ kau, Charkow, Kasan, Kiew und [die deutsche Universitat] Dorpat). Fast ein Dritttheil der Schulen wird aus Staatsmitteln erhalten. — Mehrere wissenschaftliche Hilfsanstalten und Gelehrtenvereine zahlen zu den ausgezeichnetsten Instituten dieser Art, namentlich haben sie sich um die Wissenschaft der Erdkunde, Ethnographic und Physik sowie der slawischen Philologie grosse Verdienste erworben. Die Aufhebung der Leibeigenschaft und die ernstlichen Bestrebungen der Regierung werden sicherlich gfinstige Resultate geben, und Russlaud diirfte in nicht zu ferner Zeit eine neueroberte Provinz des grossen Reiches werden, in welchem die Intelligenz auf die geistige und materielle Entwickelung der Volker den maehtigsten Einfluss ausiibt, und sie ihrem hochsten Ziele, der grosstmoglichen Vervollkommnung, entgegenfuhrt. XIV. Republik der jonischen Inseln. §. 149 . Der seit dem Jahre 1815 gebildete Freisfaat der jonischen Inseln besteht aus sieben grosseren und mehreren kleineren Inseln. Die ersteren sind: Corfu, Paxo, Santa Maura, Theaki, Cefalonia, Zante, Cerigo; der Flachenraum betragt 51. 80 geographische QMei- len und die Bevolkerung ist nahe an 228.000 Seelen stark. Der Bo den ist fast durchgehends gebirgig, mit wenig Wal- dungen, wasserarm, doch meistens ziemlich fruchtbar. Die meisten Inseln sind an 1000—1500' hoch, die Berge auf Cefalonia und Corfu tibersteigen 4000'. Die Kilsten sind steil, hoch und reich an sicheren Ankerplatzen. Der Lauf der Gewasser ist kurz, nur der Mis- songi auf Corfu ist fiir kleine Schiffe fahrbar. Das Klim a ist sehr milde, die Sommerhitze driickend (bis + 35° R), der Winter regnerisch; Sttirme und Erdbeben sind haufig. IJnter den Erzeugnissen der Landwirths chaft sind am 363 wichtigsten Korinthen, Oliven und Wein. Erstere sind be- sonders auf Cefalonia und Zante von hoher Bedeutung, dann auf Theaki und Santa Maura *); sie bilden das Hauptprodukt und die ansehnlichste Einnahmsquelle der Bevolkerung. Von Weinen ist der rothe Muskatwein der beste; Cerigo erzeugt vorzugsweise Ro- sinen. Oliven werden jahrlich zweimal geerntet, hauptsachlich auf Paxo und Zante, mitteleuropaische Obstbaume und Siidfriichte ge- deiben recht gut. Auf Cefalonia und Zante wird aucb Baumwolle, auf Corfu Zuckerrobr gebaut. Die Getreideernte deckt jedoch bei- laufig nur ein Drittel des Bedarfea. Der Vieh stand ist relativ geringe, am stilrksten ist die Zucbt der Scbafe, Ziegen und Esel. — Kein Bergbau; berilhmte Pechquellen auf Zante und er- giebige Seeaalzgewinnung. Die gewerbliche Industrie ist von keiner Bedeutung. Die Wollenspinnerei und Weberei wird bie und da als landwirth- schaftliche Nebenbescbaftigung betrieben; zudem kommen nocb Baumwoll- und Seidenweberei, Teppichwirkerei aus Ziegenhaaren, Seifenbereitung und Topferei vereinzelt vor. — Fischerei und See- fahrt dagegen sind erbeblicher. In neuester Zeit hat der Handel sehr zugenommen. Zur Ausfuhr gelangen: Korinthen, Olivenol, Rosinen , Wein und Salz ; — zur Einfuhr Schlachtvieh, Holz, Getreide, Kolonial- und Fabrikwaaren. Im Jahre 1856 betrug der Werth des Importes uber 9, des Exportes iiber 5'/ 2 und der Durchfuhr nahe an 5 Millionen Gulden. Sammtliche Hafen sind Freihafen, der von Corfu der bedeutendste. Die Inseln sind durch regelmassige Dampfschiffahrten unter einander und mit den wichtige- ren Hafen der Levante, Slid- und Westeuropas verbunden, ins- besondere vermittelt der osterreiehische Lloyd in Triest einen sehr lebhaften Verkehr. Auf Corfu bestehen die jonische Bank und einige Leibbanken, welche auf den Handel fordernd einwirken. Die geistige Kultur hebt sicb, seitdem die Inseln unter englischem Schutze stehen. In alien grosseren Dorfern bestehen Elementarschulen, auf jeder Insel ein Lyceum fur den Mittelunter- richt und in Corfu eine Universitat. Zu Unterrichtszwecken wer¬ den jahrlich an 100.000 Gulden verausgabt. Oeffentliche Wohl- th'atigkeitsanstalten und Gesellschaften fur Hebung der Agrikultur, Industrie und des Handels entwickeln eine rege Thatigkeit. 1. Corfu (Corcyra, 10. c „ [JMeilen, 68.000 Einwohner), Hauptort Corfu (20.000), hat reichliche Salinen, Wein, Oel und viel Eeigen ; einen geraumigen sehr sicheren Hafen. Mittelpunkt der ltegierung, Sitz einer griechischen Universitat. — Corfu geh&ren noch siehen kleinere Inseln. 2. Paxo (Paxos, 1„ 2 QMeilen — 4800 Einwohner), Hauptort Porto Gai (odor St. Nicolo, 400 Einwohner). Das Hauptprodukt sind die Oliven. — In der ^he die kleine, baumlose aber fruehtbare Insel Anti-Paxo. 3. Santa-Maura (Leueadia, 8.,, □Meilen, — 20.400 Einwohner), Haupt- 0r t Amaxichi (oder Amakuki, 4600 Einwohner), hat in neuester Zeit durch Erd- beben ungemein gelitten. An der Sildspitze das Cap Ducato (Promontorium Leucine). 4. Theaki (Ithaca, 2. 0I □Meilen, — 11.600 Einwohner), durchgehends ge- *) Im Jahre 1856 war der Korinthen-Ertrag auf Cefalonia 8,300.000, — auf ^aate 7,500.000, — auf Theaki 520.000, — auf St. Maura 36.000 englische Pfund. 364 birgig, rauh, nackt. Die kleine Stadt Vathi (4400 Eimvohner) hat einen sehr guten sieheren Hafen. 5. Cefalonia (Cephallenia, 16. S9 QMeilen, — 72.300 Einwohner), die grosste dieser Inseln, ist gebirgig und hat raehrere vortreffliche Hafen. Die Be- wohner sind unternehmende geschickte Seefahrer, Hauptort: Argdstoli (9300), dann Lixuvi. 6. Z ante (Zakynthos, 7. ss QMeilen, — 37.000 Einwohner), wegen derFrucht- barkeit (naraentlich im sudlichen Theile), vorzuglich an Wein und Oel die „Blume dcs Ostens“ (fior di Levante) genannt. Hauptort: Zante (14.000). Bei dera Dorfe Chieri wird auf dem Wasserspiegel mehrer Quellen fliissiges, vortreffliehes Erdpecli gewonnen. 7. Cerigo (Cythera, 5. 46 Q]Meilen, — 13.400 Eimvohner), meist kahler Fel- sen. Der kleine Hauptort Kapsali hat einen guten Hafen. In der Nahe des Forts St. Nicolb sind die Triimmer der alten Hauptstadt Cythera. — Siidostlich die kleine Insel Cerigotto. Die Republik der „Vereinigten Staaten der jonischen Inseln“ ist ein unab- hangiger, nnter den fortwiihrenden Schutz der englischen Krone gestelltcr Staat. Die gesetzgebende Gewalt steht der Versammlung der 42 Abgeordne- ten, die ausiibende dem Senate zu, welcher ans 6 Senatoren und 1 Staats- sekretar besteht. Der Stellvertreter des Schutzherrn ist der Lord-Oberkom- missar, welcher Chef der gesammten Civil- und Militarverwaltung ist, das Veto in alien vom Senate und dem Parlamcnte gefassten Beschlussen besitzt, die Senatoren ernennt., das Parlament beruft und vertagt. Jede Insel besitzt ihre eigene Verfassung mit einem Municipalrath als Lokalregierung; ein Resident ist Stellvertreter des Lord-Oborkommissiirs. XV. Dag lioiiigrcfch Griechenland. §. 150 . 900 □Meilen; — 1,067.000 Einwohner, im niirdlichen Theile alban esis cher (arnautiseher), im Silden und auf den Inseln grieehischer (hellenischer) Ab- stammung; dann Walachen, Armenier, Italiener, Deutsche u. s. w. — Staatsreligion die orientalisch-griechische mit der „heiligen Synode“ in Athen; etwa 25.000 R6- misch-Katholische, einige Protestanten, Juden und Muselmanner. — Konstitutionelle Erbmonarchie in der miinnlichen Linie eines Zweiges des bairisehen Hauses Wi ttels- bach (seit'1832). Oberfliiche. Das Konigreich Griechenland besteht aus zwei Halbinseln (Livadien oder Hellas und Morea oder Peloponnes) und mehreren Inseln im agaischen Meere. Die beiden Halbinseln, durch den schmalen. Isthmus von Korinth mit einander verbunden, sind durchaus gebirgig; doch steht das Bergland diess- undjenseits des Isthmus in keiner Verbindung. Die Centralmasse der nord- lichen Halbinsel (Livadien) bilden der Schar Dagh und der Or- belus, ersterer steht mit den dalmatinischen Karsthohen in Verbin¬ dung sowie mit dem Balkan. Es sind theils steile, nackte, von furchtbaren Abgriinden unterbrochene Felszacken; theils plattere, ampbitheatralisch gebildete Bergreihen, welche letztere grosstentheils mit fetten Weiden und schonen Waldern bedeckt sind. — Das Bergland der sudlichen Halbinsel (Morea) ist ein abgesondertes, von Randgebirgen eingefasstes Hochland, welches sich gegen Silden allmahlich abdacht. Mit Ausnahme des sudlichen Theiles ist es sehr reich an Waldungen und trefflichen Viehweiden. (Siehe „griechische Halbinsel" S. 33 und 34). — Die Insel Negroponte ist von einer Gebirgsketfe durchzogen, deren Gipfel liber 5000 3(55 reichen; die kleinen Inseln sind meist felsig und kahl, nur einio'e wenige haben guten Boden und uppige Vegetation. Griechenland wird vom jonischen und agaiscben Meere bespult. Kein Land in Europa hat im Verhaltnisse zum Flachen- inhalte eine so grosse Kiisten - Entwickelung, und die vielen tiefen Einbuchtungen sind fur die Entfaltung und Ausdehnung des Ver- kehrs ungemein giinBtig. Die gliickliche Kiistenbildung mit der bequemen Zuganglichkeit und der reichen Inselwelt, welche gleich- sam eine Briicke zwischen Asien und Europa bildet, haben Grie¬ chenland seit jeher die Vermittlerrolle zwischen dem Abend- und Morgenlande zugewiesen. Die wichtigsten Meerbusen sind: (im Westen) die Busen vonArta, Patras, Lepanto (oder Korinth) und von Arkadien; — (im Siiden): von Koron (oder Messe- nien), Kolokythia (oder Lakonien); — (im Osten): die Bai von Napoli di Malvasla, Busen von Nauplia (oder Argolis), Hydra, Aegina (oder Athen); die Kanale von Egribos (Eu- ripus) und Talanti fiihren in den Busen von Zeituni, und aus diesem der Kanal von Trikeri in den Busen von Volo. Letztere Kanale trennen Negroponte vom Festlande. Die Fliisse sind meist unbedeutende Kiistenfliisse. In Li¬ vadien sind erwabnenswerth: der Aspropotamos (Achelous), Griechenlands grosster Flues , in seinem unteren Laufe schiffbar, mtindet in das jonische Meer; der Mav ro-n er o (Kephissus) in den See Topolias (Kopais); und der Hellada (Spercheus) in den Zeituni; — in Morea: der Ruphia (Alpheus) in den Golf von Arkadia, Vasi lipotamos (Eurotas) auch Iri genannt, in den Busen von Kolokythia. — Unter den Seen ist nur der Topolias (Kopais) in Livadien bemerkenswerth. Das Klima ist im Allgemeinen milde und gesund, doch berrschen grosse Temperaturverschiedenheiten in senkrechter Aus¬ dehnung. Die Inseln und Kiisten haben mildes, angenehmes See- blima, die hoheren Gebirgsgegenden kontinentales Klima; wahrend an den Kiisten fast nie Schnee fallt, sind die hohen Gebirgsgegen¬ den monatelang mit Schnee bedeckt. Die Regenzeit ist der Winter; (m Sommer ist die Hitze gross, die Fliisse trocknen aus, der Boden *st durr; Friihling und Herbst sind in der Regel sehr schon. Politischc Einthciluiig. Das Konigreich wird in zehn No- utarchien (jede mit einem Nomarch), diese in 49 Eparchien (®it je einem Eparch) eingetheilt, welche wieder 278 De men (jeder Hemos mit einem Demarch an der Spitze) enthalten. A. Livadien. 1. Nomarchie Attilca und BOotion: Athen (50.000), Eleusis, Vrana (Marathon), Blataa, Thiva (Thebcn), Livadia (6000), Aulis; — Inseln: Sa¬ lmis, Aegina, Hauptstadt Aegina (10.000); 2. Phthiotis und Phokis: Lamia oder Zeituni (4000), Bodonitza (Thermopylae), Salona (4000), Kastri (Delphi); 3. Akarnanien und Aetolien: Missolunghi (4000), Naupaktos (Le- P a nto), Vrachori; B. Morea. . 4. Argolis und Korinth: Nauplia (Napoli di Romania, 13.000), Argos 1:1.000), K orin th (4000); — Inseln (mit den gleichnamigen Heuptstadten): Poros ^ydra (20.000), Spezzia (7000); 366 5. Achaja and Elis: Patras (20 000), Kaiavrita, Miraka (Olympia), Pyrgos; 6. Messenien; Ilalamata (3000), Arkadia, Navarino (Pylos); 7. Lakonien: Mistra (Sparta), Napoli di Malvasia (am Westabhange des Taygetns die Landschaft Main a, wo an 60.000 tapfere Mainotten leben); 8. Arkadien: Tripolitza (8000), — Ruinen von Mantinea; C. Die Inseln. 9. EuboU: Insel Negroponte (Eubija) : Chalkis (oder Egribos, 15.000), — die Inseln: Skyro, Skiathos, Skopelo u. a. (Nord-Sporaden and Teufels-Inseln)» 10. Cykladen: Insel Syr a: Syr a (Hermopolis 20.000), die Inseln: An¬ dros, Tino, Mikone, Naxos, Paros, Milos, Amorgo u. v. a. Atlien (50.000 Einw.) in einer schonen bergumgrenzten Ebene zwischen den klei- nen Fliissen Ilissos und Kephissos, seit 1835Haupt- und Residenzstadt. Im Alterthume die glanzvollste Stadt, der Wohnort grosser Dichter, Heerfuhrer und Staatsmanner, fiberhaupt die „Stadt der Weisen“ mit prkchtigen und grossartigen Kunstbauten, Denkmalern und Anlagen, war Athen durch eine Reihe von Ungliicksfallen von sei¬ ner Hiihe herabgesunken. Weder unter byzantinischer, noch weniger unter tlirkischer Herrschaft konnte die Stadt zu einiger Bedeutung gelangen. Die alten Tempel und andere Prachtbauten warden in Kirchen, dann in Moscheen umgewandelt, oder zu profanen Zwecken verwendet. In unserem Jabrhunderte wurden dureh Lord Elgin eine Menge Statuen, Reliefs und andere Antiken far das britische Museum (Elgin Marbles) angekauft. Im griechischen Dnabhiingigkeitskampfe (1821 — 1828) hatte Athen ungemein gelitten; am Ende des Krieges war es ein Ruinenhaufen, man zahlte noeh etwa 300 Hauser. Eine neue Epoehe begann, als Konig Otto 1834 seine Residenz von Nauplia nach Athen verlegte. Die verfallene turkiscbe Ringmauer wurde entfernt, der Neubau nach dem Plane regelmassiger Stadte unternoromen. Die Hermes-Strasse schneidet die Stadt von W. nach 0., am bstlichen Ende steht das konigl. Schloss; parallel mit ihr lauft die Strasse der Athene; andere Strassen sind nach beriihmten Mannern des Alterthums benannt (Demosthenes-, Euripides-, Sopho- kles-Strasse). SchOne Gebaude und Kirchen erstchen fortwahrend; die 183Y gegrun- dete Otto-Universitat mit 700 Studenten und meist deutseh gebildeten Professoren ; Akademie der Wissenschaften, die Sternwarte auf dem alten Hiigel der Nymphen, das Stadthaus, Theater u. s. w. Die sehbnste Zierde bilden die Bauwerke des Al¬ terthums: Theseustempel, von Kimon aufgefiihrt, jetzt ein Museum fur Alterthftmer, Akropolis mit den Trummern der Propylaen, Tempel der Nike, Erechtheum und Par¬ thenon, das Odeum u. a. Die Mischung des Antiken und Modernen macht einen eigenthiimlichen Eindruck; der alte Zauber attischen Bodens und griechischen Him- mels ist geblieben. Kulturverhaltnisse im Allgemeinen. Die Landwirthschaft in Griechenland lasst noch Vieles zu wunschen iibrig. Einerseits gehort der Boden wegen seiner ge- birgigen, felsigen Beschaffenheit und der Wasserarmuth nicht zu den fruchtbaren; andernseits wird selbst der kulturfahige Boden, welchem jtwa 33°/ 0 der Gesammtflache angehoren, nicht Yollstan-- dig bebaut. Von dem produktiven Boden werden auf dem Fest- lande beilaufig 40% wirklich bebaut, auf den Inseln ist dieses Verhiiltniss ein viel giinstigeres. Am meisten wird Weizen gebaut, dann Gerste, Hirse und Mais , doch reicht die Produktion fur den Bedarf der Bevolkerung nicht aus. Sorgfaltiger werden Hulsen- friichte und Gemuse gezogen. Von Handelspflanzen sind er- wahnenswerth: vorziiglichei Krapp, Tabak (dem tiirkischen an Giite gleich, uber die Halfte der Ernte wird exportirt), Baumwoll e geringerer Qualitat, Mohn. Der Weinbau ist sehr bedeutend, die Qualitat insbesondere auf den Inseln (Santorin , Tinos u. ad vorziiglich, und die Jahresgewinnung diirfte auf 750.000 Wiener Eimer zu schatzen sein, wovon ziemlich viel ausgefuhrt wird. Def 367 wichtigste Zweig des Landbaues ist der Korinthenbau, vor- ziiglich an dem Ufergebiete der Golfe von Patras und Korinth, und man schatzt den Ertrag (fur das Jahr 1857) auf 80 Millionen Pfund; die Ausfuhr geht hauptsachlich nach Triest und England. Unter den Siidfruchten nehmen Feigen (Messenien, im Jahre 1856 an 92,000 Zentner, Ausfuhr nach Deutschland), Mandeln, Limonien, Oran gen, Kastanien einen ansehnlichen Rang ein, obwohl deren Kultur noch sehr gehoben werden konnte. DiePflege des Oliven- baumes (bei Salona, Korinth, am Eurotas u. a. O.) und des Maul- bee rbaumes ist stets in derZunahme. — DieForstwirthschaft macht einige Fortschritte; am bedeutendsten sind die Walder im Innern von Morea. Die Viehzucht erstreckt sich zumeist auf die Pflege der Schafe und Ziegen; die Milch wird zu Butter und Kase benutzt, an Wolle werden bedeutende Mengen ausgefuhrt. Die Zucht des Rindviehes, der Pferde, Esel und Schweine ist verhaltnissmassig unbedeutend; dagegen liefert die Bienenzucht vortrefflichen Honig (vom Hymettus bei Athen) und viel Wachs. Die durch das Klima begiinstigte Seidenzucht. ist einer grossen Ausdehnung fahig; die meiste Seide wird in Morea gewonnen, die Ausfuhr findet vorziig- lich nach Triest und Marseille statt. Die Fischerei ist an den Kiisten und Inseln sehr lebhaft, dessgleichen der Blutegelfang und die Gewinnung von Badeschwammen. — Der Bergbau liegt dar- nieder, obgleich die Gebirge nicht arm an Metallen sind; man findet Braunkohlen (auf Negroponte), den besten Meerschaum (in Liva- dien) und Marmor (auf der Insel Paros), verschiedene Salze und treffliche Thonarten. Unter einem Jahrhunderte langen Drucke und durch die lang- wierigen Kriege in den Grundfesten des volkswirthschaftlichen Lebens tief erschiittert beginnt die gewerbliche Industrie jetzt erst lang- eam sich zu heben, obwohl sie sich nur noch auf wenige Zweige und wenige Landstriche erstreckt. Am bedeutendsten ist die Verar- beitung von Seide in Attika, auf Negroponte und Tino. Die L e in e n Industrie ist fortschreitend und liefert ziemlich gute Waare ; die W ollweberei deckt den heimischen Bedarf an Manufakten geringerer Qualitat. Die B au m w ol 1 industrie kann den oster- reichischen und englischen Import noch nicht entbehrlich machen, ebenso die P ap ier f abrikation. Erwahnenswerth sind Mie Stroh- flechtereien (in Athen, auf Hydra), die Lederfabriken (in Lepanto, Athen und auf Syra), Meerschaumkopfe u. s w. Die grosse Vor- liebe fur die Schiffahrt hat den bedeutenden Schiffbau im Ge- folge, namentlich haben Hydra, Spezzia und Syra vorziigliche W erf ten, wo auch sowie in Argos, viel Segeltuch und Tauwerk er- z eugt wird. Die gunstige Lage Griechenlands zwischen dem Morgen- und Abendlande, und die in Europa am reichsten gegliederte Kiiste baben auf die Entfaltung des Handels seit den altesten Zeiten ausserst vortheilhaft eingewirkt; ihm verdankt das Land den stei- genden Wohlstand. Der noch wenig befriedigende Zustand des Ackerbaues und der Industrie erheischt eine ansehnliche Einfuhr, 368 welche im Jahre 1857 den Werth von nahe 37 Millionen Drach- men (1 Drachme zu 100 Lepta = 36. 3 Neukreuzer) erreichte; da- gegen werden haupteachlich Wein, Korinthen, Feigen, Citronen und dergleichen ausgefiihrt (im Jahre 1857 um nahe 24'/ 2 Million Drachmen). Bei der Einfuhr sind am starksten vertreten: Ge- webe (nahezu 10 Millionen Drachmen), Getreide (fast 4 Millionen Drachmen), Yieh (iiber 3 Millionen Drachmen), Zucker (2Y 2 Mil¬ lion Drachmen), Kaft'ee, Bauholz, Eisen u. s. w.; — bei der Aus- fuhr: Korinthen (13 Y 2 Million Drachmen), Cocons (l'/ 2 Million Drachmen), Wein (1 Million Drachmen), Felle (Mehrausfuhr 1 ] / 2 Million Drachmen), Feigen und Tabak (je 800.000 Drachmen), Wolle, Kase u. s. w. — Die vorziiglichsten Handelsplatze sind: A then mit seinem Hafen Piraeus, Syra, Nauplia, Patras und Kalamata. —Nach den Landern der Herkunft oder derBestim- mung gestaltet sich der Verkehr am lebhaftesten mit: Gross- britannien, Oesterreich, Frankreich, den jonischen Inseln, Holland, Russland und der Tiirkei, in welehen Staaten griechische Handelshauser etahlirt sind. Die Han delsmarin e zahlte (im Jahre 1857) 4379 Schiffe mit 325.000 Tonnen und 26.000 Mann; der grosste Schiffsbauplatz ist Syra, wo jahrlich an 300 Schiffe vom Stapel laufen. Zwischen den Hafen des Konigreiches und auch des Auslandes bestehen regelmassige Dampfschiffahrten („grie- chische Dampfschiffahrts - Gesellschaft"); fiir den Landverkehr sorgt die Regierung eifrigst durch Anlegung von Fahrstrassen. Handelskammern bestehen an mehreren Orten, zu A then ein Ge¬ neral-Handelscomite und eine Nationalbank (Stammkapital 5 Mil¬ lionen Drachmen). Gcistigc Kullur. Die gegenwartige Regierung Griechen- lands ist eifrigst bemiiht, durch Griindung von Lehranstalten die allgemeine Volksbildung zu heben, die Liebe fur wissenschaftliche und kiinstlerische Beschaftigung zu beleben. Bei Griindung der Lehr¬ anstalten dienten die vortrefflichen deutschen Elementar- und Mit- telschulen zum Muster, und auch die Universitat in Athen ist nach deutscher Art organisirt. Das rasche Emporbliihen der zahlreichen Anstalten ist Beweis fiir den wiedererwachten Geist dieses begab- ten Volkes, welches in neuerer Zeit in alien Richtungen erfreuliche Fortschritte aufweiset; Athen ist der Mittelpunkt des geistigen Lebens fiir die gesammte griechische Nation. XVI. Das osmaiilsclie ILaiserreich (das Kaiserthum Oder das Sultanat Tiirkei). § 151 . Gcograph. Geograph. QMeilen Einwohner QMeilen Einwohner In Europa: unmittelbare Besitaungen 6507 10,500.000 Moldau (Boghdan). 736 1,400.000 Walachei (Iflak). 1330 2,600.000 Serbien (SyrpJ. 998 1,000.000 9571 15,500.000 . 31.482 16,050.000 .. 44.958 5,050.00£ Gesammtmonarchie... 86.011 36,600.000 In A s i e n. In Africa Nach der Nation ft 1 i tat: fast 50% der Bevolkerung in der europaischen Turkei sind Slaven, an 4% Million Walaohen und Moldauer, 1% Million Alhanesen, ] Million Griechen, etwa 1% Million Osmanen, dann Armenier, Zigeuner etc.; — der Islam Oder der Muhamcdanismus ist Staatsreligion, zu welehem sich (in Enropa) beilaufig 4 Millionen bekennen, Griechen und armenische Christen iiber 10'/ Million, an 650.000 riimische Katholiken, endlich Protestanten, Jnden. — Unum- schriinkte Erbmonarchie in der mannlichen -Linie der Familie Osman. Oberfliiche. Die Ti'trkei oder die Balkan-Halbinsel ist gross- tentheils Gebirgsland. Die Gebirge haben zwei Hauptrich- tungen; die eine (im westlichen Theile) ist von Nordwesten nach Siidosten, die andere (im ostlichen Theile) von Westen nach Osten. Die erstere Gruppe bildet die Wasserscheide zwischen dem adria- tischen und dem &gaischen Meere, die zweite zwischen dem letzte- ren und der Donau. Das westliche Bergland ist im Nord¬ westen eine Fortsetzung der aus Oesterreich (Militar - Kroatien, Dalmatien) hereinstreichenden Karsthohen, welche sich vielfal- tig in Bosnien und Serbicn verzweigen, und mehrere Plateaux bil- den. Die Centralmasse bildet der Schar Dagh, das hochste und wildestc Gebirge der Halbinsel. In sudostlicher Richtung zieht sich das Rhodope-Gebirge (Despoto - Dagh) bis an das Meer. Der ostliche Grenzwall Albaniens heisst. im nbrdliehen Theile Bora Dagh, im siidlichen der Pin due. — Der Hauptrichtung von Westen nach Osten folgt der Balkan oder Ham us, der sich vom Schar Dagh zum schwarzen Meere fast parallel mit der Do¬ nau (jedoch etwa 10—15Mcilen si'tdlich von ihr entfernt) als Grenz¬ wall zwischen Bulgarien un da der tiirkische Landmann, mit Ausnahme der thatigen Bulgaren, meist nur fur die Befriedigung der eigenen Bedurfnisse sorgt und grossere Vorrathe zu sammeln nicht gewohnt ist. Die Produktion an Weizen, Mais, Hirse und Buchweizen liefert dennoch zum Ex¬ port, welcher im Jahresdurchschnitt den Werth von ein Paar hun- *) Die hOchsten Staatsbeamten und Generale flihren den Titel Pascha, die lb' 1 ' heren Beamten —Efendi, die Sohne der Pascbas und die obercn Offiziere_— Bei, die niederen Offiziere und Beamten — Aga. 371 dert Millionen Piaster (k 9 Neukreuzer) erreicht. Die grosste Menge an Mais wird gewonnen in der Moldau, Walachei, Serbien und Bosnien, an Reis in Rumelien, Macedonien und Albanien; Flachs undHanf werden am starksten in den nordlichen Provin- zen gebaut, Baumwolle in Macedonien, Thessalien, Albanien und auf Candia, vortrefflicher Tabak in alien Theilen des Reiches, besonders in Macedonien*). Der Weinbau liefert ausgezeichnete Sorten , namentlich in Bulgarien , Bosnien und der Herzegowina ; Obst wird uberall in bedeutender Menge gewonnen; der Oel- baum wachst besonders an den Kusten des Archipels und des adriatischen Meeres, und Oel bildet einen der Hauptexportartikel. Eine grosse Aufmerksamkeit wird der Blumen-, insbesondsre der Rosenzucht, gewidmet; dagegen liegt die Forstkultur ganz- lich darnieder. Erwahnenswerth ist noch der starke Mohnbau. Den Hauptreichthum der Landbewohner in der europaischen Tiirkei bildet die Viehzucht. Schone Pferde, auf welche eine bedeutende Sorgfalt verwendet wird, werden in grosser Anzahl in der Moldau, Walachei und in Bulgarien gezogen; gleiche Aufmerk¬ samkeit geniesst die Rind viehzucht. Die meisten S chafe sind in den Donaufurstenthiimern, in der Dobrudscha, in Macedonien und Thessalien, die starkste Schweinezucht ist in Bosnien und Serbien; Ziegen, Esel und Maulesel findet man in alien Provinzen. Ausgezeichnet in der B i e n e n zucht sind die Bulgarei, Moldau, Albanien und die Inseln; jenseits des Balkan ist die Seiden- zucht so bedeutend, dass die jahrliche Seidenproduktion auf zwei Millionen Zollpfund geschiitzt wird. Die Jagd ist ziemlich eintrag- lich, dagegen die Fischerei arg vernachlassigt. Der Bergbau ist schlecht bestellt; bei rationellem und sorg- faltigem Betriebe diirfte er reiche Ausbeute liefern. Relativ am besten stehen hierin Bosnien, Macedonien und Serbien, wo etwas Gold und Silber, mehr Eisen, Blei, Kupfer, Quecksilber und Schwefel gewon¬ nen wird. Viel Steinsalz haben die Moldau und Walachei an den Siidabhangen der Karpathen (Okna, Rimnik), dann auch Stein- kohlen und Salpeter; auf mehreren Inseln. wird schoner Marmor gebrochen, die rothe Siegelerde der Insel Stalimene ist beri'ihmt. Den tneisten und besten Meerschaum hat die asiatische Tiirkei (bei Konieh, Karahissar, Brussa). Die gewerbliche Industrie steht im Allgemeinen in der Tiirkei auf einer sehr niederen Stufe; nur einzelne Fabrikate und *) Die Tabakproduktio n betrbgt annahernd 39,434.000 Pfund. Die Qualitat des Produktes ist so verschieden als seine Verwendung; sie wechselt naeh den Pro- v inzon, wo die Pflanzc wachst. Die vorzfiglichsten Orte der Produktion sind Mace¬ donien, Thessalien und der nOrdliche Theil von Anatolien. Die Urngebungen von Karissa und Armyra in Thessalien produciren ca. 5 Mill. Pfund. Davon wird nur 4 im Lande consumirt, der Rest geht nach Grieehenland und dem tibrigen Europa. Preis variirt von 1—1% Fr. per Okka. Macedonien bringt j&hrlich ca. 8 Mill. Diind hervor, es exportirt davon nahe an 1 Million Pfund nach Russland und Oester- reich; der grosste und beste Theil der Ernte aber wird auf den Markten von Kon- stantinopel und 3., Mill. Pfnnd allein fur Erankreich nnd England verkauft; der Rest wird in den iibrigen Provinzen nnd Egypten consumirt. Die Turken selbst z iehen den syrischen Latakieh vor. Man gewinnt aus Syrien l. s Mill. Pfund Tabak erster und 1., Mill. Pfund zwei ter Sorte. 0 or* vvenige grossere Stiidte machen hiervon eine Ausnahme. Ein Haupt- artikel der Landesindustrie ist Lcder, namentlich Korduan und Saffian in rother und gelber Farbe (in Larissa, Janina, Saloniki, Gallipoli); in Konstantinopel werden schdne Lederarbeiten (Brief- taschen, Giirtel, Schabrakcn und dergleichen) gemacht. Beriihmt sind die Farbereien von Larissa, Ambelakia und im Thale des Salambria, in Janina, Saloniki und Konstantinopel, vorzfiglich das „tfirkischrothe“ Baumwollgarn. Auch in der Verfertignng von feinen M e t all w aa r en, besonders Waffen (Semendria, Konstantinopel) wird Vorzugliches geleistet. Die Wollen-, Baumwollen- und Seiden- zeuge, dann Teppiche (Saloniki, Adrianopel) iibertreffen nur in der Farbe die europtiischen Fabrikate. Die Bereitung von Essenzen, besonders Eosenol (Adrianopel) gehort zu den nainhafteren In- dustriezweigen. Alle iibrigen Fabrikate werden aus den europaischen Industrie-Staaten importirt. Handel Die geographiscbe Lage der Tiirkei als Vermittlerin des produktenreichen Asiens mit dem industriellen Abendlande, die lange, reichgegliederte Kiiste mit den viclen guten IJiifen begitn- stigen ungemein den Seehandel, welcher hauptsachlicb von Aus- landern (Griechen und „Franken“ , das ist Abendlandern, Englan- dern, Franzosen, Italienern, Dcutschen) betrieben wird. im Allge- meinen kommen viele und inannigfaltige Rohprodukte zum Export, und europiiische Manufaktur- und Fabrikwaaren zum Import. Der gesammte Handelsverkehr der Tiirkei (mit Einschluss der Donaufiirstenthiimer) wird in der Einfuhr nach der Tiirkei mit beilaufig 102 [Millionen Gulden (aus Oester- reich um 25*/ 2 , aus England um 28 Millionen Gulden), und in der Ausfuhr aus der Tiirkei mit 112 Millionen Gulden (nach Oesterreich um 26 * l / 2 , nach England um 36 Millionen Gulden) berechnet. Genaue, offizielle Nachrichten fiber den Verkehr fehlen noch bis jetzt*). Die wichtigste Flussschiffahrt wird auf der Donau be¬ trieben ; der Dampfschiffahrtsverkehr zwischen Wien und Konstan¬ tinopel sowie den an der Donau liegenden ansehnlichen Stiidten ist sehr lebhaft. Aus dem schwarzen Meere fahren Kauffahrteischiffe bis Galacz und Braila. Auch die Nebenflusse (Save, Morawa, Aluta, Sereth, Pruth), dann die Maritza und der Strymon haben ziemlich ansehnliche Schiffahrt. Der schlechte Zustand der Land- st rassen, das mangelhafte Postwesen, hie und da auch Unsicher- heit hindern die Entfaltung des Binnenhandels. Die bedeutendste Strasse ffihrt von Konstantinopel fiber Adrianopel nach Belgrad, *) Exportirt werden: Baumwolle, rothes Garn, Saffian, Wein und Obst, Wollc, rohe Seide, labak, Ilonig und Waehs, Krapp, Siidfriichte, GalJapfel, Meerscbaum- kdpfe, Kosenol, Teppiche, Sabel; — aus den D o na ufii r ste n thiimern : Getreide, l J ferde, Schlacbtvieh, Haute, Talg, Borsten, Salz, Salpeter, Ilonig und Wachs ; — von den Inseln: Wein und Sudiriichte. — Eingefuhrt werden alle Arten euro- piiischer I’abrikate, namentlich: Eiscn und Eisenwaaren, Baumwollstoffe, Tuche und Wollenzcuge aus England, Oesterreich, Frankreich, Belgien, aus dem Wupperthale und der Schweiz, — dann! Pelzwerk, Hanf und Flachs aus Russland; Glas, Spiegel, Papier, Wiener Fabrikate aus Oesterreich; kurze Waaren aus Nurnbcrg; deutsche, franzosische und englische Fabrikate u. s. w. eine zweite von Bukarest nach Siebenbiirgen. Eisenbahnen be- stehen noch keine, dagegen mehrere Telegraphenlinien. Zu Kon- stantinopel hat die ottomanische Bank (Aktienkapital 200 Millionen Piaster) ihren Sitz, Von der geistigeu Kultiir im Sinne des christlichen Abend- landes kann in der Tiirkei keine Rede sein. Die Tiirken haben im Ganzen ihre asiatischen Sitten und Gebraucbe beibehalten nnd sind als Bekenner des Islam von geistigen Anstrengungen keine Freunde; Kiinste und Wissenschaften haben so zu sagen keinerlei Fortschritte aufzuweisen. Es bestehen zwar mancherlei muhame- danische Schulen (Elemental'-, Mittel- und Spezialschulen), allein die Resultate derselben sind nach unseren Begriffen hochst unbe- deutend. Unter der christlichen Bevdlkerung sind die Griechen die intelligentesten, industriellsfen und thatigsten, am meisten befassen sich die Geistlichen mit der Pflege der Wissenschaften. In neue- ster Zeit beginnt jedoch die europaische Kultur hie und da Wurzel zu schlagen. Die bedeutendsten Falniks- und llamlelspliitzc in der europaischen Tiirkei sind : Iionstantinopel hat eine so gunstige und herrliche Lage, wie vielleicht keine Stadt der Erde. An drei Seiten wird sie vom Meere bespult, im ,, „ 185S .! 9,501.605 „ **) Im Jahre 1859 besass die Kolonie Victoria: 35 Bierbrauereien, 15 Seife- und Lichterfabriken, 12 Gorhereien, 11 Giessereien, 77 Getreidemiihlen (darunter 61 mit Dampf), 45 Sagemiihlen, 80 Dampfmaschinen (olme die obigen Dampfmiihlen). 472 Jahre 1857 an 274.000 Zentner Kupfererz (mit einem Durchschnitts- gehalt von 25 °/ 0 ) lieferten , das Kapu n d a - Bergwerk lieferte (1857) liber 80.000 Zentner Erz. Bei der eersten Grube ist zwar ein Schmelzwerk errichtet, doch gcht das meiste Erz nach England (Swansea in Wales). Der Hafen zur Verschiffung der Kupfererze ist Port Henry. Auch die Blei- und Silberbergwerke sind von Bedeutung; die Ausbeute der ersten war (im J. 1857) uber 12.000 Zent¬ ner, der zweiten liber 90.000 Unzen. Besonders beliebt sind die deutschen Grubenarbeiter. Der Ackerbau wird sehr stark, namentlich von den Deutschen, betrieben. Im Jahre 1857 waren nahe an 236.000 Acres angebaut. Weizen bildet die Hauptfrucht, und die Mehlausfuhr belief sich im mehrgenannten Jahre uber 580.000 Zentner. Unter den 70 Getreidemiihlen werden 63 mit Dampfkraft betrieben. Ohne je gediingt zu werden, hat der Boden noch nie eine eigentliche Missernte geliefert; erst jedes dritte Jahr wird der Acker ordentlich umgepfliigt und bes&et. Die Viehzucht ist geringer, als in Victoria, doch in Aufnahme; dessgleichen meli- ren sich die industriellen Unternehmungen. Zum Export gelangen Wolle, Mehl, Kupfer und andere Metalle; im Jahre 1857 betrug die Einfuhr uber 1. 4 , die Ausfuhr uber 1. 9 Millioneri £. Ansehnliche Orte sind: Adelaide (25.000) nahe der Mundung des Torrens in den St. Yincent-Golf, schon gebaut, mit mehreren Schulen (aueh eine deutsehe h o h e r e B ii r g e r s e h u 1 e), Haupthandelsplatz der Kolonie. Zum Hafen Port Adelaide fiihrt eineEisenbahn, wo sich das Zollhaus, eine Schiffswerfte, Waa- renmagazine u. s. w. befinden. Andere Hafenplatze sind: Port Henry (fur die Ausfuhr von Kupfererz), Port Wakefield (fiir Kupfererz und Wolle), Port Robe (fiir Wolle), Port Elliot (fiir Mehl). — Am Siidende des Golfes St. Vin¬ cent Hegt die Insel Kanguruh (92 k]M.). Viele Kiinguruhs. Ansicdlung Kingscote fiir Robben- und Wallfischfanger. 4. Wesi-Australieu (45.000 QMeilen, 13.400 Einwohner).— Das grosse westliche Ktlstenland besteht grossentheils aus sandigem Flachlande oder steilen Diinen, hat weder gute Hafen noch grosse Fliisse, und ist zur Kolonisation minder geeignet. An gutem Weide- land fehlt es nicht, auch gibt es einige Striche guten Ackerlandes, sowie man Spuren von Metallreichthum findet. Hauptort ist P e r t h (3000) am Schwanenfluss mit einigem Handel, der sich jedoch mehr in der Ha- fenstadt Freeman tie (spr. Frihmantl, 3000), an der Miindung des Schwanenflusses, concentrirt. Andere Hafenplatze sind Albany und Guildford. Zwischen diesen Orten und Perth besteht eine Dampf- bootverbindung; Perth, Freemantle und Albany treiben Wallfischfang. Am obern Schwanenflusse ist die Stadt York begriindet worden. 5. Nord-Ausfralien. In den Jahren 1824 und 1826 ist eine Ansiedleung an der aussersten Spitze der Nordwestkiiste gegriindet worden; allein die Niederlassungen auf den Inseln Melville und Bathurst mussten wegen des ungesunden Klima’s und Mangels an frischen Lebensmitteln (im Jahre 1829) aufgelassen werden. — Im Jahre 1831 wurde ostlieh von Melville auf der Halbinsel Co¬ burg der Ort Victoria am Port Essington begriindet; allein auch diese vereinsamte Station wurde spater aufgegeben, (Im J. 1857 bewilligte iibrigens die britische Begierung die Summe von 5666 £. fiir Nord-Australien; es ware demn ach moglich, dass man die Station doch noch beizubehalten wiinscht). 473 §. 186. Die australischen Inscln. A. Der innere Inselgiirtel. 1. Tasmania *), eine britische Insel, durch die 32 Meilen breite Bass-Strasse von der Sudspitze des australischen Kontinentes getrennt, ist etwa 1150 □ M. gross, hat auf alien Seiten sehone nnd sichere Steilkiisten, namentlich gehoren die Hafen der stark gegliederten Sudostkiiste zu den besten der Erde. Die Oberflaehe zeigt einen Wechsel von rauben Gebirgslandern (Western-Mountains, Benlomond 4700', Humboldt 5200') und reieh bewiisserten, fruchtbaren Hoehebenen; Derwent, Ta¬ mar und Arthur sind die grossten Fliisse; die Form des Flachlandes fehlt. Das Klima ist ahnlich dem von Siiddeutschland, obgleich mehr dem Wechsel unter- worfen. Die Vegetation ist viel frischer und iippiger als auf dem Festlande. Von den ungefahr 16 Millionen Acres, welcbe Tasmania besitzt, ist das meiste Wald- land; iiber 2 Millionen Acres sind Weideland, wahrend kaum 20,000 Acres ange- baut sind; docb wird an Weizen noch fur den Export (nach Victoria) gewonnen. Die Zucht der Schafe, Kinder, Schweine und Pferde ist sehr im Zunehmen. An Mineralien findet man Eisen, Kupfer, Blei, Silber, Gold und Steinkolilen (zu Fingal). Die Ausfuhr gelit zumeist nach dem australischen Kontinent und England, und umfasst Bauliolz, Schafwolle, Getreide, Wallfischthran, Seehundsfelle u. s. w., welche im Jahre 1856 an 700,000 £ betrug; die Einfuhr aus England und den Kolonien erreieht den Wertli von fast l‘/ 2 Millionen £. — Im Marz 1857 war die Bevolkerung scbon iiber 80,000 und hatte wahrscheinlich keine Eingebornen mehr (im Jahre 1815 zahlte man noch 5000 Eingeborne, im Jahre 1835 nur noch 210 und im Jahre 1S54 nur mehr 16). Ansehnlichere Orte sind: Hobarton (oder Hobarttown, 20,000), die modern und geschmackvoll gebaute Hauptstadt, liegt am Fusse des Tafelberges (3064') und am Derwent, nicht weit von dessen Miindung in die Sturmbai; der Hafen ist sehr giinstig fur die Wallfisch- und Seehundfanger der Siidsee. Ausser mehreren Thran- brennereien gibt es hier Bierbrauereien, eine grosse Tuchfabrik u. a.; Launceston (8000), Binnenstadt am Tamar, Stapelplatz fur den Nordtheil der Insel. Der AVest- theil enthalt ausser einzelnen Stationen noch das Gebiet der Agrikulturgesellschaft von Tasmania, welche die Viehzucht in grossem Umfange betreibt. — In der Bass- Strasse sind die Inseln (Flinders-, Kings-Insel u. a.) Stationsplatze fiir denAVall- fisch- und Kobbenfang, 2. Neu-Seelaud, eine Doppel-Insel, gehort den Briten. Die Nord-Insel (Neu-Ulster, von den Eingebornen Ikanamawi oder Ainomawi genannt) ist durch die Cook’s-Strasse von der Siid-Insel (Neu- Munster, Punamu oder Tawai) getrennt; im Siiden der letzten liegt die Ste¬ wart- (spr. Stjuli’ord) Insel. Der Flacheninhalt betragt 2853 Q Meilen, wo- von 1200 auf die nordliche, 1653 auf die beiden siidlichen ltommen. Die Ge- sammtbevolkerung wird auf etwa 200,000, darunter die europaische auf 50,000 (im Jahre 1858) angegeben. Die Nord-Insel ist an der Ostkiiste stark gegliedert. Die Nord-IIalbinsel ist niedere Hochebene, das Uebrige ein von Fliissen zerschnittenes Liingengebirge, mit schneebedeckten Bergriicken. Die hochsten Gipfel sind: Berg E g m o n t (8290'), Kuapahu und Tongariro. Von den zahlreichen Vulkanen (Dr. Hochstet¬ ter fand deren fiber 60) ist (ausser dem Tongariro) keiner thatig; dagegen gibt es eine Menge Solfataren, Dampfhohlen, Seen mit heissem Wasser und heisse Quellen. Fruchtbare Landstriehe liegen nur vereinzelt; AValdungen und Fan'en- krauter bilden den Pflanzencharakter des Landes. Hauptort ist Auk land ( 10 , 000 ) mit dem Sitze der Regierung, sehr gutem Hafen und lebhaftem Seehandel; — Kororarika ist der Hauptsammelplatz der AVallfischfanger; Wellington (6000) blfiht rasch empor. Die Siid-Insel hat eine hafenreiche Ostkiiste mit fruchtbaren Thalern und grasreichen Ehenen bis an das Bergland im Innern, aus welohem sich schnee- bedeckte Gipfel erheben. Die hochst eigenthfimliche Vegetation weiset indische, australische und sudamerikanische Pflanzen auf. Unter den Baumen zeiehnen sich die Fichten durch ungewohnliche Grosse und Starke aus. Der neuseelandi- sche Flachs ist beriilimt. Eiu-opaische Kulturpflanzen gedeihen vortrefflich. Land- thiere sind reich vertreten; der Fischfang ist ausserst ergiebig. Audi an Mine- *) Der seitherige Name „Van Diemen’s-Land“ wurde im Jahre 1855 von der britischen Regierung in Tasmania umgeandert, zu Ehren des ersten hollandischen Entdeckers Abel Jansen Tasman (1642), und weil auch schon im Norden von Australien ein Van Diemen’s-Land liegt. 474 ralien ist Neu-Seeland reieh; Steinkohlen und Eiseu werden auf der Nord-, Ku- pfer und Gold auf der Siid-Insel gefunden. Das Klima ist oceanisch; milde Winter, kiihle Sommer; Nebel und Orkane haufig. Das Thermometer sinkt“sel- ten auf -f- 0° und steigt nicht leieht iiber -j- 24 l> R. — Orte sind: Nelson (9000); — Canterbury (7000) an der Ostkiiste, starke Ausfuhr von Wolle; — die seliottisehe Kolonie Ottago (4000), gleichfalls an der Ostkiiste. Audi die Stewart-Iusel ist bewohnt, nnd reieh an Borstenvieh und GefHigel. Englisch sind ferners mehrere Inseln und Gruppen, die um Neu-Seeland her zerstreut sind. (Kermandee-, Chatam- [spr. Tsehiittamm] Inseln , dann Bounty [spr. Baunti), Campbell, Macquarie u. a. m. Die meisten sind unbewohnt, nur Stationsplatze fiir Wallfisdi- und Kobbenfanger.) 3. Das franzosische Gouveriiement Neu-Caledonien mit der gleiehnamigen Insel und dem Hafen Balade (Porte de Eranee), dann den Loyalty- (spr. Leualti) Inseln, von Menschenfressern (Papuas) bewolint, an denen die Bekeli- rungsversuche der franzosischen Missioniire nur sehr geringe Fortschritte machen. Auf den Loyalty-Inseln waren Gotzendienst und Menschenfresserei im Jahre 1855 schon ausgerottet. 4 Die ncueu Hebrideii sind holie Gebirgs- und Wald-Inseln, die Kiistenstriche nieder und ausserordentliek fruchtbar. Im Innern Vulkaue und heisse Quellen. Die Bevolkerung bilden Papuas, wilde Mensehenfresser. Auf einigen Inseln hat das Christenthum Eingang gefunden, auf den meisten aber, ist der Boden mit Martyrer- blut gediingt. Die grbsste Insel istEspiritu Santo oder „Heiligen-Geist-Insel.“ 5. Archipel von Santa Cruz. Die grosseren Inseln sind gebirgig mit thatigen Vulkanen, die kleineren Flachholme, von Korallenriffen umgeben. Es gedeiheu Pisang, Kokospalmen, Bataten und andere tropische Gewiichse. Die Bewohner sind Papuas. Die grossten Inseln sind Nit end i und Santa Cruz. 0. Die Salomons - Inseln, noch sehr ungeniigend bekannt, ziehen sieh in zwei Reihen. Die grbsste ist Bougainville (dann: Choiseul, Isabel, Malayta, Neu- Georgia, Guadalcanal, San Cristoval). AUe Inseln sind gebirgig, zum Theil vul- kanisch (Lamas 8000'); die Vegetation ist reieh und iippig. Die Schiffahrt ist wegen der zalilreichen Korallenrilfe sehr gefahrlich. Die mensohenfressenden Papuas sind im Verkehr mit den Europiiem sehlau und hinterlistig, im Kampfe muthig und tapfer. Vor wenigen Jahren sind alle katholischen Missioniire (aus Frankreich) grausam ermordet worden. 7. Neu -Brita unien besteht aus mehreren grosseren und kleineren Inseln (iiber 700 [)] Meilen), welche meist gebirgig und waldig', zum Theil vulkaniseli sind. Ueppige Tropenvegetation, zahlreiche Thierwelt. Die Bevolkerung geliort dem Stamme der Papuas an, unter denen sicli katholische Missioniire (aus Italien) augesiedelt liabeu. Die grossten Inseln sind: Neu Britannien (oder Birara) und Neu-Irland (oder Tom bar a). 8. Die Aduiiralitats-Inselii, einegrossere,.die Admiralitiits-Insel, undviele kleinere, theiis holie und waldige Inseln, theils flache Koralleneilande, im Ganzen nocli wenig erkundet. Die Bewohner sind menschenfressende Papuas. 0. Die Lotlisiade, eine Kette bergiger, von Papuas bewohnt.er Inseln, die sieli als Fortsetzung von Neu-Guinea nach Ostsiidost ziehen. Die Gruppe ist noch die unbelcannteste, kein europaisclies Seliiff hat liier noch gelandet. 10. Mill-Guinea (auf 12.600 QMeilen geschiitzt). Die Insel besteht aus einer kom- pakten Masse im Innern, von welcher 2 weitgestreckte llalbinseln nach Westen und Osten auslaufen ; die erste Halbinsel ist der hekannteste Theil von Neu- Guinea, sonst kennen wir nur erst einzelne Stellen der Kiistenrander. Diese sind liberal! mit dioliten AValdern bedeckt und zeigen die iippigste Vegetation. Unter der Thierwelt sind bemerkenswerth die prSchtigsten Vogel der Erde (Paradies- vogel, Korntaube). Das Innere scheint ein holies Gebirgsland zu sein. Die uu- gemein hasslichen Papuas und Alfurus sind Mensehenfresser, lcriegeriscli, doeh stehen sie iin AVesten mit den Niederlandern und Chiuesen im Handelsverkehr. Die NiederlSlider nelimen den AVcsttheil der Insel in Anspruch, und haben (im August 1858) wieder eine Expedition dorthin abgeschickt, um die Insel wis- senschaftlicli zu erforschen und zu kolonisiren. Im Hafen von Dorey (Dori) an der Nordwestkuste der Geelvinks-Bai soil ein Fort angelegt werden. B. Der aussere Inselgiirtel. 1. Die Pelevv- (PalaOS-) Inseln (im Norden von Neu-Guinea, im Osten von den Philippinen). Die Gruppe besteht aus mehreren Attols, welche grossere und kleinere Inseln umschliessen. Die grbsste ist Babethuap. 475 2. Die Marianen Oder Larfronen (spanische Kolonie, etwa 57 □ Meilon mit 5500 Einwohnern). Von den 17 von Norden nach Suden sich ziehenden Inseln sind nur Guahan und Rota (die sudlichsten) bewohnt. Die siidlichen sind fruchtbare, hugelige Kalkeilande, an den flacben Kiisten mit Korallemiffen urn- geben, hinter denen sehone Hafen liegen; die niirdlichen sind steil, bergig und vulkanisch. Die Bewohner (ein Gemiseh von TJreinwohnern der Philippinen, Spaniern und Indianern aus Peru, — Ureinwohner gibt es nicht, mehr) treiben Landbau. Hauptort ist A f ana (auf Guahan, 2000 Einwohner). 3. Die Carolilieil, an 400 grossere und kleinere Lagunen-Inseln von koralliniseher Natur. Auf mehreren erheben sich Vulkane. Das Hauptgewiichs ist der Brod- fruchtbaum. Die Einwohner, malayiscber Race, stehen unter kleinen Konigen, zeichnen sieb durcb Handelsverkehr (nach Guahan) und kiihne Seefahrten aus, und sind friedlieher Natur. 4. Der Lord Mulgrave's-Arcllipel (oder auch ,,Central-Arcllipel“) besteht aus 2 Inselgruppen : 11 die Mar sc h al Is-Insel n , welche aus 2 parallelen lteihen von Attols (einer ostlichen und einer westiichen Reihe) bestehen, und deren Bewohner als freundlieh und milde geschildert worden. — 2. Die Gil¬ berts-Inseln zerfallen in eine nordliche und eine siidliche Reihe. Die hochste dieser Korallen-Inseln ragt nicht iibcr 20’ iiber den Meeresspiegel. Die Vege¬ tation ist durftig; die Bewohner sind wie auf den Marschalls - Inseln, stehen jedoch in fast ear keinem Verkehr mit den Europaern. 5. D ie Sehiffer-Inseln (odev Samo a -Inseln, Navigatoren), alle vulkanischen Ursprungs, hoch und bcrgig. die Kiisten steil und sicher, Korallenriffe selten. Die grfisste (westllchste) ist Sawaii ; die wichtigste am meisten bevolkerte Insel ist Upolu. Ueberall fruchtbarer Boden, prachtvolle Tronenwalder. Die Be¬ wohner sind (in den letzten 30 Jahren) fast siimmtlich zum Cbristenthume bekehrt worden; es bestehen zahlreiche katholisehc Kirchen und protestantische Bethauser, 150 Wochen- und 147 Sonntagssehulen. ..Die Leute verlangen nur Mission&re, Bucher, Eedern, Tinte, Schreibtafeln und Papier; es ist vergeblich, Elinten und Pulver zu Markte zu bringen“ — lautete der Bericht, eines englischen Capitains. (i. Die Frenndscliafts-Inseln Oder die Tonga-finippe sind meist niedere Korallen - Inseln, einige darunter jedoch hohe vulkanische Gebirgsinseln , mit reicher Vegetation und grosser Eruchtbarkeit. Sie zerfallen in drei Grnppen. In dev niirdlichen ist Vavao die griissie, in der mittleven Narauka, in der siidlichen Tongatabu mit dem Hauptortc Nikualofa. Die Bewohner waren unter alien Inselviilkern des Oceans in der Ilultur am meisten vorgeschritten. Sie leben in kleinen Staaten, treiben Feldbau, Fischerei, zeichnen sich durch nicht geringc ICunstfertigkeit aus, und sind fast siimmtlich Christen, welche zahl¬ reiche Gotteshauser haben Auf den niirdlichen und mittleren sind uborwiegend Protestanten , auf der siidlichen Katholiken. 7. Der Fidschi-Archipel besteht aus vielen Inseln, von denen die griisseren vul- kanisch und gebirgig, die kleineren Koralleninseln sind. Unter der iippigen Tropen- vegetation bildet das Sandelholz den ansehnliehsten Anikei. Die Bewohner treiben Landbau und leben in vielen kleinen Staaten. Das Christenthum gewinnt stets an Ausbreitung und mit ihm Civilisation und Ilultur Die griisste Tnsel istWiti-Lewu. Die W al 1 i s-Inselgruppe mit dor praehtvollen Vegetation steht unter dem Protektorate F r a n k r ei oh s. 8. Die Cooks- (spr. Kuhk’s) Inseln (oder Ilervoy-Gruppe) sind niedere Koralleninseln, nur die Hauptinsel Rarotonga ist gebirgig und vulkanisch, mit breiten, selir fruchtbaren und gut bewiisserten Kiistenebenen, die bewohnt und angebaut sind. Die Bewohner sind zum Christenthume bekehrt, treiben Landbau, verfortigen liubsche Zeuge, europaische Gerathsehaften, Klcidcr, kurz, schreiten in der Kultur raseh vorwarts. Die ganz glcichen Verhaltnisse finden sich auf dem Tubai-Archipel oder den Austral-Inseln. 0. Die Gesellscliafts- (oder Societats-) Inseln oder Tahiti - Archipel. Alle Inseln sind hoch und bergig, vulkanischer Natur, von Korallenriffen image- ben. Von den fruchtbaren, gut angebauten Kiistenebenen stcigt das Land in Ter- rassen bis zu den dichtbewaldeten Gebirgen hinan. Dio Vegetation ist ebenso rippig als prachtvoll, das Klima angenehm und gesund, der Reichtlmm an Kul- turpflanzen selir gross. Diesem freundlichem Gemalde entsprechen auch die gast- lichen milden Bewohner. Das Christenthum hat milde Sitten und Redlichkeit er- zeugt; Menschenopfer und andere Grauel und Laster sind verschwunden; kurz, die beseligenden Wirkungen des Christenthums treten bier besonders lebendig 476 hervor. Es gibt schon zahlreiche Kirchen, Schulen, Buchdruckereien fiir Bucher in der Landessprache, hiibsehe Hauser und Orte, Fabriken, religiose, politische und biirgerliche Gesetze, ein regelmassig gerichtliches Verfahren u. s. w. Und so grosse Erfolge sind seit der Bekehrung des verstorbenen Konig-s Pomare II. im Jahre 1813 erzielt worden ! Jetzt ist es ein geordnetes, christliches Konigreich. — Die bedeutendsten Inseln sind ; Tahiti, M a i t e a und E i m e o. Die Hafenstadt Papaiti (oder Papiti) ist Sitz des franzosisclien Gouverneurs, da Frankreich iiber die ostliche Gruppe der Inseln („iiber dem Winde“) das Protektorat ausiibt. Die Iionigin (Pomare) herrselit unumsohrankt noeh fiber die westliehe Gruppe (Inseln „unter dem Winde“) und residirt zu Utumadro auf derlnsel Kajatea. 10. I'aiimotu-Arcllipel (auch „Perlen-Inseln,“ — „Niedrige“ oder„Gefahr- liche Inseln"). Dieser Arcllipel besteht aus etwa 80 Attols, welche kleine, langliehe Inseln einschliessen. Alle sind sehr flach, der Boden ist sandig und kalkig mit dfinner Erdschichte und leidet Wassermangel. Bei der sparlichen Vegetation leben die Bewohner, welche im Ganzen den Tahitiern iihnlich sind, kfimmerlich vom Fischfang oder dienen den Schiffen in diesen hochst gefalirli- ehen Gewassern. Die ansehnliehste ist die vulkanische Insel Pitcaire, welche jedoch nuran zwei Puncten eineLandung zulasst. — Die Gambier- oderMau- gareva-Gruppe stehtunter franzosischem Protektorate ; die Bewohner sind romisch-katholisch. 11. Die lie iidaim- oder jMarqnesas-Inselii sind franzosisches Besitzthum. Die sfidliche Gruppe heisst Marquesas- oder Nukahiwa-, die nordliche Washington - Arcllipel. Es sind durchgehends gebirgige, vulkanische Inseln mit heissem, doch gesundem Klima. Im Innern gibt es gut bewiisserte, fruehtbare Thaler mit herrlicher Vegetation; die Landschaften sind dicht bevolkert von den sclionsten und kraftigsten aller Oceanier ; sie sind jedoch wild, kriegerisch, der Kultur fast unzugiinglich und Menschenfresser. Nur ein geringer Tlieil ist zum Christenthume bekehrt und dadurch fiir die Civilisation zuganglich gemaclit wor¬ den. Der Hauptverkehr ist in Tahuata auf Nukahiwa coneentrirt. Zwei Inseln sind zu franzosischen Deportationsorten bestimmt. 12. Der Sandwich- (spr. Sanduitsch) Arcllipel (oder Hawaii-Inseln). Diese Gruppe bestelit aus 14, darunter 4 grosseren Inseln; alle vulkanischer Gebirgs- natur, mit Steilkiisten aber wenig guten Ilafen. Die grosste Insel Hawaii oder Owaihi (187 Q Meilen) ist im Innern Hochland, welches im Westen steil zur ICiiste abfallt, gegen die iibrigen Kfisten aber sich zur fruchtbaren Ebene senkt. Das Hochland ist waldig, die Thaler dagegen sind fruchtbar. Aus der Hochebene erheben) sich die machtigsten thiitigen Vulkane der Sfidsee : Mauna Kea (12.800'), Mauna lloa (12.C00') Ilualai u. a. ; auf der Insel Maui erhebt sich der Halaa ICala (10.000). In dem gleichformig tropischen Seeklima gedeihen Tro- pengewachse, sowie eingeffihrte Pflanzen; auch sind alle europaischen Hausthiere einheimisch geworden. Die Bevolkerung ist (seit dem Jahre 1820) fast ganzlich zum Christenthume bekehrt und fiir die europaische Bildung gewonnen worden, welche ungemeine Fortschritte maeht. Die Inseln bilden ein christliches Erb- konigreich mit europaischen Staats-Einrichtungen. Landbau, Viehzucht, mehrere Gowerbe und Handel werden mit Erfolg betrieben; namentlich ist die giinstige geographisclie Lag-e auf dem Wege von Amerilca nach China fiir den Seeverkehr von hoher Bedeutung. Zahlreiche Schulen, nach europiiischem Muster, erfreuen sich eines walirhaften Zudranges von Jung und Alt; christliche Bucher und Zei- tungen erscheinen in der Landessprache ; kurz, der ausgestreute Same des ver- edelnden und beseligenden Christenthums tragt schon in so kurzer Zeit segensreiclie Friichte. DieHaupt- und liesidenzstadt H o n o 1 u 1 u (12.000) auf der Insel Oahu ist ganz europaiseli eingerichtet. Das Regierungsgebaude, das lleprasentanten- haus, der Konigspalast, zahlreiche Kirchen, Kaufladen, das Waisenhaus, die Forts zeichnen sich durch die Bauart aus. Der Handel der Sfidseeinseln coneentrirt sich immer mehr in dieser Stadt. — Lahaina, auf der Insel Maui, 10000 Ein- wohnern, ist nach Honolulu der grosste Handelsplatz ; in der „Holien Schule" werden die europaischen Wissenschaften gelehrt. Ausserdem gibt es zahlreiche Ortschaften und Missions-Stationen. 13. Vollig isolirt und am weitesten gegen Osten liegen: die Ostcr-Insel und Sala y Gomez. Die Erste ist cine gebirgige, vulkanische, schwer zugSngliche Insel, deren Bewohner (etwa 2000) ziemlich regelmiissige Wohnungen und Pflan- zungen haben, Kiirbe und Zeuge verfertigen; die Zweite „ragt aus den Fluthen — ein Steingestell, ohn’ alles Gras und Moos"; nur zahllose Schwitrine von See- vogeln haben hier ihren Aufenthalt. I n li a 1 t. Scite Eiuleituiig'. §. 1. Allgemeine Vorbegriffe. 1 I. Astroiiouiisclie Geographic. 2—9 A. Die Erde als mathematischer Korper. §. 2. Vorbegriffe S. 2. — §. 3. Grossenverhaltnisse S. 3. — §.‘4. Entfemung einzelner Punkte auf der Erdoberflache S. 4. B. Das Verhaltniss der Erde zur Sonne. §.5. Vorbegriffe S. 6. — §. 6‘. Bewegung der Erde S. 6. — §. 7. Tages- und Jahres- zeiten S. 7. — §. 8. Das Planetensystem S. 8. 31. Topisclie Geographic ... 10—67 §. 9. Kaumliche Verhaltnisse im Allgemeinen S. 10. — §. 10. Die Meeresraume im Allgemeinen S. 10. — §. 11. Die Landmasse im Allgemeinen S. 11. A. Beschreibung der Meere. §. 12. Das nordliche Eismeer S. 12. — §. 13. Das siidliche Eismeer S. 13. — §. 14. Der indisehe Ocean S. 13. —• §. 15. Der atlantische Ocean S. 14. — §. 16. Der grosse Ocean S. 17. B. Beschreibung der Erdtheile. §. 17. Die horizontale Glie- derung Europas S. 18. — §. 18. Die horizontale Gliederung Asiens S. 18. — §. 19. Die horizontale Gliederung Afrikas S. 19. — §• 20. Die horizontale Gliederung Amerikas S. 19. — §. 21. Die horizon¬ tale Gliederung Australiens S. 20. — §. 22. Die horizontale Gliede¬ rung der Erdtheile im Allgemeinen S. 20.— §. 23. Die vertikale Gliederung S. 21. — §. 24. Die vertikale Gliederung von Europa S. 22. — §. 25. Uebersiclit des europaischen Gebirgslandes (a. Im kontinentalen Dreiecke) S. 22. — §. 26. Fortsetzung (A. Diej ge- trennten Gebirgsglieder Europas) S. 32. — §• 27. Das Tiefland von Europa S. 34. — §. 28. Die vertikale Gliederung von Asien S. 34. — §. 29. Das Hochland von Hinter-Asien S. 35. — §. 30. Das Hochland von Vorder-Asien S. 36. — §■ 31. Die getrennten und auslaufenden Gebirgsglieder in Asien S. 36. — §• 32. Die Stu- fen- und Tief-Lander in Asien S. 38. — §■ 33. Die vertikale Glie¬ derung von Afrika S. 38. — §. 34. Hoch-Afrika S. 38. — §. 35. Die getrennten Gebirgsglieder in Afrika S. 39. — §. 36. Die Tief- und Stufen-Lander in Afrika S. 40. — §-37. Die vertikale Gliederung von Amerika S. 41. — §. 38. Die Cordilleren S. 41. — §. 39. Die getrennten Gebirgsglieder von Amerika S. 44. — §. 40. Die Tief- lander in Amerika S. 45. — §. 41. Die vertikale Gliederung von Australien S. 45. C. Beschreibung der Gewasser des Festlandes. §.42. Vor¬ begriffe S. 46. — §. 43. Das Flussgeader in Europa S. 48. — §. 44. Landseen von Europa S. 57. — §. 45. Das Flussgeader in Asien S. 58. — §. 46’. Landseen von Asien S. 61. — §• 47. Das Flussgeader in Afrika S. 61. — §.48. Landseen in Afrika S. 63. — §. 49. Das Flussgeader in Amerika S. 63. — §. 50. Landseen von Amerika S. 66. — §. 51. Die Gewasser von Australien S. 67. 478 III. Physische Geographic. §. 52. Vorbegriffe. A. Die Luft. §. 53. Allgemeines S. 68.— §.54. Geographische Ver¬ breitung der Warme nacli horizontaler Ausdehnung S. 68. — §. 55. Geographische Vertheihmg der WSrme in vertikaler Rich- tung 8. 70. — §. 56. Winde 8. 70. — §. 57. Luftersclieinungen S. 72. B. Das Wasser. §. 58. Zur Physik des Oceans S. 74. — §. 59. Die Bewegungen des Meeres S. 75. — §. 60. Einige der gebrauch- liehsten, auf die Sehiffahrt beziiglichen Seemanns-Ausdriicke S. 77. C. Das Land. §. 61. Der Bail der Erdrinde S. 80. — §. 62. Ver- breitnng der Mineralien 8. 81. — §. 63. Die vulkanische Thii- tigkeit der Erde S. 81. — §. 64. Physische Beschaffenheit des Flachlandes S. 83. — §.65. Geographische Verbreitung der Pflan- z e n S. 84. — §. 66. Geographische Verbreitung der T h i e r e S. 87. IV. Politisclie Geographic. §. 67. Die Bevolkerung der Erde ira Allgemeinen 8. 90. — §. 68. Die Bevolkerung der Erde nacli ihren korperlichen Verschie- denheiten 8. 90. — §. 69. Die Bevolkerung der Erde nacli ihren geistigen Verschiedenheiten. 1. Die Spraclie 8. 91. — §. 70. Eortsetzung. 2. Die Religion S. 92. — §.71. Fortsetzung. 3. Der Kulturgrad S. 93. — §. 72. Schluss. 4. Die Staats verhalt- nisse S. 94. Stautcu von Kuropa — Das Kaiscrthum Ocstcrreich. •. A. Die Monarchic im Allgemeinen. §. 73. Lage, Grenzen, Grosse S. 97. — §. 74. Bestandtheile der Monarchic S. 97. — §. 75. Bodenverhaltnisse und Klima im Allgemeinen S. 98. — §. 76. Gewasser S. 101. — §. 77. Fortsetzung S. 105. — §. 78. Be¬ volkerung S. 106. — §. 79. Kulturverhaltnis.se im Allgemei¬ nen S. 106. B. Die einzelncn Bestandtheile der Monarchie. §.80. Nie- derosterreich S. 109. — §. 81. Oberosterreicli S. 113. — §. 82. Salzburg S. 115. — §. 83. Steiermark S. 117. — §. 84. Kamten S. 121. — §. 85. Krain S. 124. — §. 86. Kiistenland S. 127. — §. 87. Tirol und Vorarlberg S. 130. — §. 88. Bohmen S. 133. — §. 89. Mahren S. 139. — §. 90. Schlesien S, 142. — §. 91. Gali- zien S. 145. — §. 92. Bukowina S. 150. — §. 93. Dalmatien S. 152. — §. 94. Kroatien und Slavonien S. 156. — §. 95. Militiirgrenze 8. 159. — §. 96. Serbien und Banat S. 163. — §. 97. Ungarn S. 165. — §. 98. Siebenbiirgen S. 174. — §. 99. — Das Lombardiseli- Venetianisehe Konigreicli 8. 178. Deutschland. A. Deutschland im Allgemeinen. §. 100. Bestandtheile. Be¬ volkerung S. 183. — §. 101. Bodenverhaltnisse und Klima im All¬ gemeinen S. 185. — §. 102. Gewasser S. 186. — §. 103. Kulturver- haltnisse im Allgemeinen 8. 188. B. Die cinzelnen Staaten Deutschlands. §. 104. Baiern S. 190. — §. 105. Wurttemberg S. 195. — §. 106. Baden S. 198. — §. 107. Liechtenstein S. 201. — §. 108. Kurhessen S. 202. — §. 109. Hessen-Darmstadt S. 204. — §. 110. Hessen -Homburg 8. 206. — §. Ill- Nassau 8. 206. — §. 112. Frankfurt am Main 8. 208. — §• 116. Waldeck 8. 209. — §. 114. Luxemburg und Limburg S. 210. — §• 115. Sachsen S. 210. — §. 116. Sachsen- Weimar-Eisenach S. 215. — §. 1 17. Sachsen-Meiningen-Hildburg- liausen 8. 216. — §. 118. Sachsen- Koburg- Gotha S. 217. —- Seite 68—89 90—96 97—183 183—253 479 Seite §. 119. Sachsen-Altenburg S. 218. — §. 120. Schwarzburg-Sonders- iiausen S. 219. — §. 121. Schwarzburg-Rudolstadt S. 220. — §. 122. Reuss-Greiz S. 220. — §. 123. Keuss-Sehleiz S. 221. — §. 124. Preussen S. 222. — §.125. Hannover S. 231. — §.120. Oldenburg S. 230. — §. 127. Braunschweig S. 238. — §. 128. Lippe-Dettmold S. 241. — §. 129. Lippe-Schaumburg S. 242. — §. 130. Anhalt- Dessau-Kothen S. 242. — §. 131. Anhalt - Bernburg S. 243. - §. 132. Mecklenburg - Schwerin S. 244. — §. 133. Meeklenburg- Strelitz S.240. — §.135. Liibeck S. 247. — §.136. Bremen S. 249. — §. 137. Hamburg S. 251. Die Schweiz. -53 263 Italienische Staaten. 263 274 Das Konigreich Spanien.„. 275 282 Das Konigreich Portugal. 282—285 Das Kaiserthum Frankreicb. 285—303 Das ICiinigreich Belgien. 303—309 Das Konigreich der Niederlande.. ■ . 310—-315 Das Konigreich Grossbritannien.. 310—332 Das Konigreich Danemark. 332—336 Die Konigreiche Sehweden nnd Norwegen.. 336—342 Das Kaiserthum Iiussland. 342—362 Republik der joniechen Inseln. 362—364 Das Konigreich Griechenland. 364—368 Das osmanische Kaiserreich. 308—37-X/ Staaten von A.sicn. Staatenbildungen; die Staaten Asiens. 375 Die asiatische Tiirkei. 376—382 Arabien. 382—384 Iran (Persien S. 384; Afghanistan und Beludschistan S. 386). 384—387 Vorder-Indien. 387—393 Hinter-Indien. 393—395 Indischer Archipel... 395 — 398 China.. 398—402 Japan. 402-404 Turkestan. 404—405 Asiatisches Russland. 405—408 Staaten von Afrika. Staatenbildungen. 409 Vicekonigreich Aegypten (Aegypten, Nubien mit Senaar und Kordofan) 409 Habesch oder Abyssinien. 413 Die Berberei (Tripolis und Tunis S. 414, Algier S. 415, Marokko S. 416). 414 Die S&hara. 417 Sudan oder Nigritien. 419 Lander und Staaten an der Westkiiste (Senegambien S. 421, Ober- Guinea S. 421, Nieder-Guinea S. 422). 421 Das Kapland. 423 Lander und Staaten an! der Ostkiiste (Kafern-, Suaheli- und Somal- Land). 424 Das siidafrikanische Hochland. 425 Die afrikanischen Inseln. 425 480 Seite Staaten von Anierika . 427 A. Nord-Amerika. §. 174. Gronland S. 427. —• §. 175. Das bri- tische Nord-Amerika S. 427.— §.176. Das russische Nord-Amerika S. 430. — §. 177. Die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika S. 431. B. Mittel - A merilc a. §. 178. Die Bepublik Mexiko S. 445. — §. 179. Central-amerikanische Republiken S. 447. — §■ ISO. West- Indien S. 449. C. Siid-Ame rika. §.181.— §. 182. Der tropisohe Norden von Siid- Amerika S. 453. — §. 183. Der tropische Siiden von Siid-Amerika S. 456. — '§. 184. Der aussertropische Siiden von Siid-Amerika S. 463 Anstralien _•.. 468 §. 185. Das Festland Anstralien S. 468. — §. 186. Die anstralischen Inseln S. 473. A. Der innere Inselgiirtel... . 473 B. Der aussere Inselgiirtel. 474 ___