69087 ozoofZj^-5 An die Deutschen meiner Didzese. Folgender Ruf gilt den Glaubigen deutscher Nationalitat in meiner Diozese, besonders jenen Laibachs. Wohl \vissend, daB sich unter den meiner Obsorge anvertrauten Glaubigen auch Glaubige deutscher Nationalitat befinden, habe ich von Anfang an betont, dah es mein fester Wille sei, auch denselben vollkommene Gerechtigkeit willfahren zu lassen. Ich suchte Wege, um mich denselben gebtihrend zu nahern. Bei meiner kanonischen Visitation in Gottschee ist mir dies gelungen und ich hoffe, daB ich mit den Gottscheern in jenem vertrauten Verhiiltnisse stehe, in welchem Hirt und Herde sein sollen. Leider \var ich in Laibach nicht so gliicklich. Nur mit \venigen ehren\verten deutschen Personen und Familien bin ich in nahere Beriihrung und Bekanntschaft gekommen. Dieser Umstand bat mich immer geschmerzt. Nichtsdestovveniger habe ich mich bemiiht, dahin zu streben, dah sich betreffs der Seelsorge die deutsche Bevolkerung Laibachs in keinem Punkte solie beklagen k o n n e n. Und in der Tat habe ich keine Klage gehort. Es ist ja die Hauptkirche Laibachs und der Diozese, die Domkirche nanrlich, auch fiir die Deutschen bestiinmt In derselben ist an allen Sonn- und Festtagen deutsche Predigt, vielfach im Laufe des Jahres, besonders im Mai, deutscher Gottesdienst. Bei den Ursulinen ist an allen Sonntagen deutscher katechetischer Vortrag samt Litanei und Segen. In der Domkirche habe ich eine deutsche Mission abhalten lassen und lasse in der Fastenzeit, ja hie und da auch im Mai, auBerordentliche deutsche Prediger komnren. An den groBten Jahresfesten pflege ich selbst in der Domkirche eine deutsche Predigt zu halten. Deutscher Gottesdienst ist auBerdem in der deutschen Ordenskirche. Die Beichtvater in allen Kirchen des Welt- und des Ordensklerus sind jedermann zu Diensten bereit. Zu meinem groBten Kummer und Schmerz bemerke ich trotzdem bei den Deutschen eine stetig abnehmende Beteiligung an den Predigten und am Gottesdienste iiberhaupt, hingegen eine stetig zunehmende Be\vegung in der Richtung „Los von Rom". Was mag die Ursache davon sein? Die nitchste Veranlassung dazu scheint namentlich in Osterreich der liber alle MaBen leidenschaftlich entbrannte nationale Karnpf gegeben zu haben. Es wird ja in diesem Kampfe Deutschtum und Protestantismus als aufs innigste verbunden und letzterer gleichsani als Religion der Deutschen dargestellt. Durch die entschiedene Ab\vehr der Slaven gegen das Vordrangen des Deutschtums wird die Be\vegung noch mehr in FluB gebracht und erhalten. Nun, ist denn dieser Umstand gewichtig genug, urn den Abfall von der Kirche vor Gott und dem Ge\vissen zu rechtfertigen? Fiangt denn die Wahrheit des geoffenbarten Glaubens von politischen Wirren ab? Und ist es \vohl vernunftgemaB irgend einer nationalen Be\vegung halber der VVahrheit den Riicken zu kehren und einen Schritt zu \vagen, von dem ja nicht nur mein kurzes irdisches, sondern auch mein ewiges jenseitiges Leben und Los abhiingt? Die groBte Gnade, die uns im Leben zu Teil \verden kann, ist wohl die Gnade des \vahren Glaubens. Und ist denn dieser wahre Glaube nicht in der katholischen Kirche, v/elche alle Jahrhunderte hindurch bis zu den Aposteln hinaufreicht, von Christus dem Flerrn selbst gestiftet \vurde und die gottliche Vollmacht erhalten hat, sein Erlosungs\verk durch Austibung des Lehr-, Priester- und Hirtenamtes alle Zeiten bis zum Weltende ohne Unterbrechung allen Volkern gegeniiber auszuiiben? Die Kirche hat durch getreue Austibung ihres dreifachen Amtes allen Volkern das Heil von Oben angeboten, sie ist die Mutter aller Kultur und Zivilisation ge\vorden, sie hat im Ver- laufe der Jahrhunderte die ihr anvertraute Wahrheit rein bevvahrt und gegen alle lrrtumer menseh- lichen Denkens bis auf den heutigen Tag siegreich verteidigt. Noch jetzt steht sie da einig in sich selbst, weil gestiitzt auf die Hierarchie, an deren Spitze der Nachfolger Petri steht. Wohl sind im Laufe der Zeit in der Kirche auch grobe Schvvachheiten zu Tage getreten, weil sie ja aus sch\vachen Menschen besteht, deren Leidenschaften ihr ofters tiefe Wunden geschlagen haben. Jedoch gerade zu solchen Zeiten be\vies sich wieder ihre ihr innevvohnende gottliche Kraft, durch \velche sie die Krankheit tiberwunden und die Menschheit gleichsam zum neuen frischen Leben wiedergeboren hat. Eine derartige Erfrischung und Erneuerung vollzieht sich ja eben jetzt vor unseren Augen. O \vie hoch steht da die Kirche und das ganze kirchliche Leben im Vergleich zum kirchlichen Leben am Anfange des XIX. Jahrhundertes! Freilich vollzieht sich auch vor unseren Augen ein sehr trauriger Abfall von ihr als Frucht einer langen Reihe von Versiindigungen gegen den Glauben und gegen die Gebote des christlichen Lebens. Wenn man sich im Glauben nicht unterrichtet, wenn man der Predigt nie beivvohnt, den Sonntag nicht heiligt, die Sakramente verschmaht, am liebsten und zumeist Zeitungs- artikel und Abhandlungen geschrieben von Nichtkatholiken und Feinden der Kirche liest, \venn man akatholische Lehrer herbeiruft, von denselben veranstaltete Versammlungen besucht und deren kirchenfeindlichen Vortragen gerne zuhort, \venn man am Ende auch das Gebet unter- laOt, das sich regende Ge\vissen erstickt: dann freilich hat man gegen die uns von Gott geschenkte Gnade des Glaubens genug gesiindigt und sich freivvillig auf jenen Weg begeben, wo sie am Ende ganz verloren geht: und dieser selbstverschuldete Verlust ist das grof.it e Ungliick, von dem ein Mensch in diesem Leben getroffen werden kann. Wird nicht in diesen und ahnlichen Vergehen auch hier in Laibach der eigentliche Grund zur Teilnahme an der Abfallsbevvegung zu suchen und zu finden sein? Ich ersuche alle jene, die Ihr in den letzten z\vei, drei Jahren die heilige katholische Kirche verlassen habet, erforschet in abendlicher Stille Euer Herz, iiberschauet aufrichtig den Gang Eueres Lebens von der Kindheit an bis zum ungliickseligen Tage des Abfalles von der Wahrheit des katholischen Glaubens und beantvvortet Euch vor Gott dem allwissenden Richter die Prage: \vie bin ich zu diesem fiir Zeit und Ecvigkeit entscheidenden Schritte gekorr.men? Auch alle jene Manner und Frauen, die dem Abfalle mehr und mehr zuneigen, ersuche ich, dieselbe Gecvissenserforschung anzustellen, um das eigene Verschulden gegen die Gnade des \vahren Glaubens und die Nichtigkeit der Grtinde des Abfalles einzusehen. Denn aus rein \vissenschaftlichen Griinden, die halfbar \varen und sich im Laufe der Zeit be\vahrt hatten, hat \vohl noch niemand die katholische Kirche verlassen. Zudem denket auch an die Sterbestunde, an das darauf folgende Gericht und an die Entscheidung Eueres Loses fiir die ganze Evvigkeit. Im Lichte dieser entscheidenden Stunde, \velche ganz ge\viss, vielleicht recht bald kommen \vird, betrachtet Euer Leben, betrachtet den Schritt, den Ihr getan habet oder zu tun gedenket. Zudem nehmet zum Gebete, zu einem recht innigen Gebete Euere Zuflucht! Ohne Gebet bleibt dunkel der Verstand, bleibt schwach und ohnmachtig der Wille. Das Gebet hingegen erwirkt von Gott das zur Erkenntnis der Wahrheit notvvendige Licht und die zu einem Leben nach der Wahrheit notcvendige Kraft. Wendet Euch an die allerseligste Jungfrau Maria, an jene, welche schon durch ihre makellose Empfangnis der alten Schlange den Kopf zertreten hat. Namentlich Ihr, die Ihr treu haltet an Christus und an seiner Kirche, Ihr, die ihr den christlichen Pflichten: zu beten, das Wort Gottes zu horen, die Sonn- und Feiertage zu heiligen, die Fasttage zu halten, die heiligen Sakramente zu empfangen, die ihr also diesen unerlafilichen Pflichten getreulich nachzukommen pfleget, o flehet zur unbefleckt Empfangenen um Gnade und Hilfe fiir Euere in auOerster Gefahr stehenden Brtider und Schwestern. Mit Euerem Gebete vereinige ich taglich auch die meinigen und vertraue fest auf die unbefleckt empfangene Jungfrau und Mutter Maria, dati durch ihre Fursprache und ihre gnadige Hilfe viele unserer Mitbiirger den Versuchungen vviderstehen, in der Wahrheit bleiben oder zu derselben zuruckkehren vverden, um so im Schofie der katholischen Kirche ruhig zu leben, gliicklich zu sterben und ewig selig zu vverden. Laibach, am Charfreitage, den t. April 1904. f Anton Bonaventura Fiirstbischof.