105 Kafka und der Habsburgische Mythos: „Eine kaiserliche Botschaft“ Johann Georg Lughofer Abstract Claudio Magris’ Konzept vom Habsburgischen Mythos war wohl das wirkmächtigste Kon- zept zu Spezifika der österreichischen Literatur. Bereits 1963 formulierte Magris darin ein Bündel von literarischen Motiven und thematischen Traditionen, darunter Bürokratismus, Kaiserkult, Eskapismus, Hedonismus und Todessehnsucht. Gerade was Bürokratie angeht, wird Kafka als einzigartiger Experte zitiert – insbesondere mit den Romanen Der Prozess (1925) und Das Schloss (1926), womit sich Kafka eigentlich hervorragend in den Mythis einreihen würde. Doch bezüglich des Habsburgischen Mythos wird Kafka von Magris nur marginal genannt, obwohl sich der Germanist der Bedeutung des Autors bewusst war. Die Gründe dafür sowie der erst spät erfolgte Einbettung von Kafkas Texten in die Ge- schichte des Habsburger Reichs werden exemplarisch an „Eine kaiserliche Botschaft“ und „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ gezeigt. Schlüsselwörter: Franz Kafka, Habsburgischer Mythos, Donaumonarchie, österreichi- sche Literatur ACTA NEOPHILOLOGICA UDK: 821.112.2(436).09Kafka F. DOI: 10.4312/an.58.1.105-116 Acta_Neophilologica_2025-1_FINAL.indd 105 23. 05. 2025 12:59:15 106 Johann GeorG LuGhofer Claudio Magris‘ Idee vom Habsburgischen Mythos wurde wohl das wirkmäch- tigste Konzept zu Spezifika der österreichischen Literatur – in nicht allzu lange vergangenen Zeiten, als man Literatur in der österreichischen Germanistik noch gerne national fassen wollte. Bereits 1963 formulierte Magris darin ein Bündel von literarischen Motiven und thematischen Traditionen, darunter Bürokratis- mus, Kaiserkult, Eskapismus, Hedonismus und Todessehnsucht. In der klassisch gewordenen Dissertation des damals blutjungen italienischen Germanisten wird zwar Kafka mehrfach namentlich erwähnt, aber zumeist nur in Aufzählungen, z. B. von Prager Literaten, bezüglich innerer Monologe, der Vaterverhältnisse oder des Bruchs zwischen Individualität und äuβerer Welt. (Magris 1966: 176f., 204, 208 und 279) Kaum zwei Paragraphen werden ihm wirklich gewidmet, sein Œuvre da- rin als „Seismograph der erschöpften europäischen Agonie, deren Erschütterungen und Schwankungen sie alle verzeichnet“ (ebd. 183), genannt. Das oftmalige Name- dropping zeigt, inwiefern Magris Kafkas Bedeutung durchaus bewusst war. Doch wird Magris auch in folgenden weiteren Vorworten des mehrfach neu aufgelegten Standardwerks Kafka nicht mehr Aufmerksamkeit widmen, obwohl er sich noch spezifisch mit dem Autor auseinandersetzt (Magris 1979 und 1981) und dessen Relevanz sicher nicht verkennt. Immerhin gilt Kafka als der „wirkungsmächtigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“ (Alt 2005: Klappentext), Peter von Matt schreibt von seinem Werk als die „Bibel des 20. Jahrhunderts“ (Matt 2001: 305). Claudio Magris ist sich dessen bewusst, er formuliert selbst an anderer Stelle nicht weniger markant: „In einigen Jahrhunderten, wenn man eingesehen haben wird, daβ auch unsere Zeit ihren Dante hatte, wird dieser wohl Kafka heiβen.“ (Magris 1981: 32) Doch im Habsburgischen Mythos findet Kafka keinen veritablen Platz; er passt einmal mehr einfach nicht ins Schema. Lapidar wird dort angemerkt, dass die österreichische Bürokratie „der düster-strengen Atmosphäre der Kafkaschen Welt mehr als einen Anhaltspunkt“ gibt. (Magris 1966: 183) Diese kurze Aus- einandersetzung verwundert, wenn man bedenkt, dass gerade, was Bürokratie – also ein zentraler Motivstrang des Mythos – angeht, insbesondere mit den – bekannterweise erst postum von Max Brod herausgegebenen – Romanen Der Prozess (1925) und Das Schloss (1926) Kafka als einzigartiger Experte zitiert wird, womit sich Kafka eigentlich hervorragend in den Mythos einreihen würde. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti stellt fest: „Unter allen Dichtern ist Kaf- ka der gröβte Experte der Macht. Er hat sie in jedem ihrer Aspekte erlebt und gestaltet.“ (Canetti 1981: 135) Kafkas Werk wurde von Joseph Vogl in Hansers Sozialgeschichte als „Analyse und Genealogie moderner Mächte“, ja selbst als „bürokratisches und kapitalistisches Aufschreibsystem“ (Vogl 2000: 483 ind 488) verstanden, das den Übergang von den Disziplinarmächten des 19. Jahrhunderts wie Gefängnis, Anstalt, Fabrik zu den Kontrollmächten des 20. Jahrhunderts wie Kapital, Versicherung und Selbstreproduktion begreift. (Ebd. 487) Acta_Neophilologica_2025-1_FINAL.indd 106 23. 05. 2025 12:59:15 107Kafka und der Habsburgische Mythos: »Eine kaiserliche Botschaft« Doch nicht nur Magris scheut sich, Kafka in seinem Habsburgischen Mythos einzuordnen, auch seine Nachfolger in diesem Erfolgskonzept lasen Kafka wenig in diesem Bezug. Ein Grund dafür mag wohl in der Problematik liegen, dass sich wohl niemand bei einer nationalen Eingrenzung Kafkas wohl fühlen kann, auch wenn er auf einer Berliner Gedenktafel als „österreichischer Dichter“ – einer Idee, die ein neuer Sammelband nachgeht, sonst gerne als „tschechischer Schriftsteller deutscher Sprache“ genannt wird und in der früheren Literaturgeschichtsschrei- bung als einer der wichtigsten Exponenten der „deutschen Literatur“ auftaucht. (Pesnel und Paumgardhen 2024) Heilige stehen über nationalen Einordnungen, und als eine Art Heiligen sieht ihn nicht nur Günter Anders (1963: 7) von vielen beansprucht. Die Nicht-Etikettierbarkeit und die Nicht-Zugehörigkeit war ein früher und mittlerweile traditioneller Teil der Lektüren des einsamen Genies, noch einmal dazu Anders: Als Jude gehörte er nicht ganz zur christlichen Welt. Als indifferenter Jude – denn das war er ursprünglich – nicht ganz zu den Juden. Als Deutschsprech- ender nicht ganz zu den Tschechen. Als deutschsprechender Jude nicht ganz zu den böhmischen Deutschen. Als Böhme nicht ganz zu Österreich. Als Ar- beiterversicherungsbeamter nicht ganz zum Bürgertum. Als Bürgersohn nicht ganz zur Arbeiterschaft. Aber auch zum Büro gehört er nicht, denn er fühlt sich als Schriftsteller. Schriftsteller aber ist er auch nicht, denn seine Kraft op- fert er der Familie. Aber „ich lebe in meiner Familie fremder als ein Fremder“. (Brief an seinen Schwiegervater) (Ebd. 18) Insgesamt wurde also von zwei Seiten – von der Perspektive des isolierten Genies als Einzelgänger sowie von der klaren Festlegung des Habsburger Mythos – die Verortung Kafkas in der Donaumonarchie verstellt. In Max Brods Logik wurde er höchstens weiter als Prager Literat gesehen, beispielsweise rühmt Georg Lukács die einfache, unmanieristische Sprache Kafkas und führt sie auf das „Pra- ger Lokalkolorit“ zurück, das historisch die alte Habsburger Monarchie spiegle (Lukács 1958, 87). Dass es wohl berechtigt ist, auch Kafka mit einem Bezug zur Donaumonar- chie, eventuell zum Habsburger Mythos zu lesen, mag insbesondere „Eine kaiser- liche Botschaft“ und deren Textumfeld veranschaulichen. Die „Sage“, die Kafka im März 1917 im Produktionskontext der erst postum erschienenen Erzählung Beim Bau der chinesischen Mauer (1931) verfasste, wurde am 24. September 1919 selbstständig in Selbstwehr. Unabhängige jüdische Wochenzeitschrift (1919) und im Sammelband Ein Landarzt (1920) veröffentlicht. Zu Beim Bau der chinesischen Mauer weist Martin Beckmann noch darauf hin, dass diese Erzählung in der Se- kundärliteratur „bisher verhältnismäβig geringes Echo gefunden“ hat. (Beckmann 1993: 423) Er sieht für die geringe Resonanz in erster Linie die beträchtlichen Acta_Neophilologica_2025-1_FINAL.indd 107 23. 05. 2025 12:59:15 108 Johann GeorG LuGhofer Deutungsschwierigkeiten ausschlaggebend. (Ebd. 423) Heute ist diese Erzählung sowie die darin eingebettete Sage vielfach und sehr verschieden interpretiert – in wissenschaftlichen Artikeln, Monographiekapiteln und Interpretationsbändchen für den Schulbedarf zu finden. Die Sage selbst liest sich folgendermaβen: EINE KAISERLICHE BOTSCHAFT Der Kaiser – so heißt es – hat dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Unter- tanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr geflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, daß er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes – alle hindernden Wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Großen des Reichs – vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor – aber niemals, niemals kann es geschehen -, liegt erst die Resi- denzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. – Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt. (Kafka, Erzählungen 1983: 128-129) Allein die Thematisierung des sterbenden bzw. gestorbenen Kaisers im Früh- jahr 1917 legt einen Bezug zu der Habsburger Monarchie nahe. Immerhin ist vier Monate davor der am längsten dienende Herrscher am Wiener Thron überhaupt, Franz Joseph, verstorben. Kafka bis 1918 österreichisch-ungarischer Staatsbür- ger sah dessen Abbild zeit seines Lebens in jeder Amtstube und Schulklasse vor sich. Dazu erlangte Kafka in dieser Zeit die schmerzhafte Gewissheit, dass der Acta_Neophilologica_2025-1_FINAL.indd 108 23. 05. 2025 12:59:15 109Kafka und der Habsburgische Mythos: »Eine kaiserliche Botschaft« Krieg für die Mittelmächte nicht zu gewinnen sei und dass seine Investitionen in Kriegsanleihen sicher keine Früchte tragen werden. Dieses Bewusstsein mag sich auch im viel diskutierten und gefeierten Schlusssatz niedergeschlagen haben, der als Schlusspointe das Erlöschen der kaiserlichen Sonne anzeigen mag. (Neymeyr 1994: 349f.) Barbara Neymeyr weist in ihrer Analyse des Textes darauf hin, dass die Sage unbedingt im textlichen Kontext der Erzählung Beim Bau der chinesischen Mauer zu lesen ist. (Ebd. 346) Dabei werden die Bezüge noch deutlicher: Österreich wurde nicht nur in satirischen Auseinandersetzungen bereits des 19. Jahrhundert gerne als China bezeichnet. Die zwei östlichen Traditionsreiche wurden beide stereotypisch als dekadent, autoritaristisch und politisch sowie ökonomisch sta- gnierend abgetan. (Meng 1986: 17f.) Einer von Kafkas Lieblingsautoren, Franz Grillparzer, zeichnet den Habsburger Kaiser als orientalischen Despoten. (Le- mon 2011: 120) Jiří Gruša betont in Franz Kafka aus Prag sogar, dass die chine- sischen Metaphern nicht exotistisch sind, sondern direkt die korrupten „konfuzi- anistischen“ Reichsinstitutionen und -ideologien, die Behörden der „Mandarine“ (Meng 1986: 17f.) im „Reich der Mitte“ Europas meinte. Diese Texte können also durchaus im Kontext der Habsburger Monarchie ge- lesen werden. Die Schaffung der Einheit durch das Projekt des Mauerbaus und der Idee des Kaisertums, das Framing der „Nordvölker“ als benachbarte Feinde können wie die Einstimmung auf den Mauerbau mit den realen Kriegsvorberei- tungen parallelisiert werden. Der Einsatz der Bauarbeiter weit weg der Heimat entspricht dazu der gleichen Aufgabe des Nation-building wie die damalige ös- terreichisch-ungarische Armee. Die bestimmende und verwaltende Führerschaft kann als mächtiger Beamtenapparat verstanden werden. Berichtet wird in Wor- ten, welche direkt die Donaumonarchie zu behandeln scheinen. Konkretere Lesarten, die sich an der historischen Donaumonarchie orientie- ren, sind erst langsam auf mehr Interesse gestoßen, setzten sich dafür mittlerwei- le durch. Insbesondere Peter-André Alt in seiner gewaltigen Biographie Franz Kafka. Der ewige Sohn von 2005 bettet Kafka im Habsburger Kontext ein und versteht ihn als schreibenden Beobachter seiner Zeit. In der Kaiserlichen Botschaft wird das Scheitern der Kommunikation mitunter zur Reflexion der fehlgeschla- genen Kommunikation, die in Kriegsberichterstattungen von der Front des Ers- ten Weltkrieges zu lesen waren. (Alt 2005: 517) Beim Bau der chinesischen Mauer liest Alt angesichts der ungeheueren Ausdehnung des Landes und der entrückten Figur des Kaisers als Spiegel der sinkenden Donaumonarchie. (Ebd. 583) Dies scheint wie ein Startschuss für weitere germanistische Auseinanderset- zungen mit diesem Zugang, denn danach wurden diese zwei Texte oft und ver- stärkt mit Bezug auf die Habsburgermonarchie gelesen. Benno Wagner versteht 2008 Beim Bau der chinesischen Mauer als zeitgenössische politische Intervention Acta_Neophilologica_2025-1_FINAL.indd 109 23. 05. 2025 12:59:15 110 Johann GeorG LuGhofer nach dem Kriegseintritt der USA und der Russischen Februarrevolution, wel- che das Endstadion der europäischen Monarchien klar erkennbar machten. Nicht zufällig habe Kafka damals zum ersten Mal die familial-soziale Matrix seiner erzählten Welt gegen eine historsich-politische Matrix ausgetauscht. (Wagner 2008: 91) Wagner argumentiert, Kafka schreibe „in einer für den Bestand der po- litischen Ordnung kritischen Situation über das österreichisch-ungarische Kai- serreich im Zeichen des chinesischen“ und „stellt sich damit in eine ihm fraglos bekannte böhmische Tradition der Krypto-Staatskritik“. (Ebd. 92) Auch Robert Lemon geht 2011 dem Orientalism as Self-Critique in the Habs- burg Fin de Siècle in Bau der chinesischen Mauer nach und bezieht sich dabei di- rekt auf Magris‘ Der Habsburgische Mythos, wenn er die mythische Verklärung des Kaises im Text bespricht und feststellt: „By creating an allusive China that invites comparison with his homeland, Kafka is thus able to penetrate to the core of the Habsburg Empire’s nebulous self-identity.“ (Lemon 2011: 137) Verita Sriratana weist in ihrer Auseinandersetzung mit „temporal spatialisation“ (Sriratana 2015: 44) im gleichen Text darauf hin, dass auch dieses Werk der Moderne in einem lokalen und historischen Produktionskontext gelesen werden sollte und nicht nur in einer übergordneten allgemeinen Moderne. Simona Moti unterstreicht 2019 in ihrer Auseinandersetzung mit der Situati- on in Habsburgs Zentraleuropa im Chinesischen Mauer-Text, dass Kafkas Werk die Politik seiner Zeit indirekt reflektiert. Dabei untersucht sie die Spuren der imperialistischen, nationalistischen und ethnischen Diskurse der Zeit im Text. Die Mauer zeigt sich als Denkbild bzgl. der heterogenen politischen Struktur der Monarchie, der Kaiser als Symbol für den Zusammenhalt, wenn auch selbst machtlos. Dabei verweist sie auf die Manuskriptfassung, wo auch vom „Aufstand“ und „Umwälzungen“ zu lesen ist, welche durch das imperiale Narrativ ruhig ge- halten werden. Die Parabel wurde immerhin nur drei Wochen nach der russi- schen Februarrevolution verfasst. Letztendlich deutet sie konkret die Aussage, dass der erzählende Bauführer es besser wisse als der Kaiser, als Sehnsucht nach einem Europa der Völker, welche aber durchaus einen Kaiser wünschen – eine Nationswerdung beim Erhalt des Reichs. Vor allem der österreichische Kulturwissenschaftler und Historiker Moritz Csáky, Doyen der Austrian Studies, widmet in seinem Das Gedächtnis Zentral- europas dem Text ein Kapitel und liest dieses China mit der Funktion des Kai- sertums als verbindendes Element, als Metapher des Habsburger Vielvölkerstaa- tes – mit seinen Schwächen und der Orientierungslosigkeit seiner Bewohner. Er geht dabei einer Vielzahl an überzeugenden Indizien nach, mit denen die Er- zählung implizit die Habsburgermonarchie thematisiert: der Tod des Kaisers, die Komplexität und Ausdehnung des Reichs, das Beamtentum – die „Führerschaft“ im Text und der Bezug auf den Turmbau zu Babel mit seiner Konsequenz als Acta_Neophilologica_2025-1_FINAL.indd 110 23. 05. 2025 12:59:15 111Kafka und der Habsburgische Mythos: »Eine kaiserliche Botschaft« verwirrende Mehrsprachigkeit. Die herbeizitierte Einheit des Volks im Text wird auf das franzisko-josephinische Motto „Viribus Unitis“ bezogen. (Csáky 2019: 126) Bezüglich des Kaisers, des Garants des Zusammenhangs trotz seiner Re- gierungsunfähigkeit, dessen mythische Verfremdung und Entfernung mit einer Omnipräsenz einherging, zitiert Czsáky Joseph Roth: „Einsam und alt, fern und gleichsam erstarrt, dennoch uns allen nahe und allgegenwärtig im groβen, bunten Reich lebte und regierte der alte Kaiser Franz Joseph.“ (Roth 1991: 227) Ähnlich wie Kafkas Chinesen zeigen sich die Österreicher in einem angeführten Zitat des sonst recht kritischen Hermann Bahr: „Das Gefühl, das wir für den alten Kaiser hatten, galt nicht bloβ […] seiner ehrwürdigen, auch noch durch Leiden gehei- ligten und durch das Alter verklärten Person, es galt nicht bloβ dem Menschen Franz Joseph, es galt vor allem einfach dem Kaiser […] Er ist der Einzige, worin sich alle vereinigen.“ (Nach Csáky 2019: 129) Dazu wird das im Text diskutierte allmähliche Verblassen des Kaisermythos auf Österreich bezogen – der Bauführer spricht immerhin vom Kaisertum als einer der „alleruneindeutlichsten“ „volkli- chen und staatlichen Einrichtungen“ (Kafka 1983: 57) –, was einem Zitat von Kafkas Freund Franz Werfel nahekommt: „Bei jeder mythischen Gestalt kommt der Augenblick, in dem die Menschen an deren wirklicher Existenz zu zweifeln beginnen. Im Falle Franz Josephs geschah es noch zu Lebzeiten. Die Sage ging um, der Kaiser sei längst gestorben und im Erbbegräbnis der Kapuzinergruft zu Wien beigesetzt.“ (Nach Csáky 2019: 134) Von diesen Gerüchten, der Kaiser wäre tot und mehrere Männer hätten die Aufgabe den Kaiser in der Öffentlich- keit darzustellen, berichten übrigens Historiker*innen auch anderweitig. (z. B. Gies-McGuigan 1966: 387) Diese Punkte werden noch bedeutender, wenn man bedenkt, dass es in Beim Bau der chinesischen Mauer im Gesamttext nach der ein- gebauten Sage heiβt: Genau so, so hoffnungslos und hoffnungsvoll, sieht unser Volk den Kaiser. Es weiß nicht, welcher Kaiser regiert, und selbst über den Namen der Dynastie bestehen Zweifel. In der Schule wird vieles dergleichen der Reihe nach gelernt, aber die allgemeine Unsicherheit in dieser Hinsicht ist so groß, daß auch der beste Schüler mit in sie gezogen wird. Längst verstorbene Kaiser werden in unseren Dörfern auf den Thron gesetzt, und der nur noch im Liede lebt, hat vor kurzem eine Bekanntmachung erlassen, die der Priester vor dem Altare verliest. Schlachten unserer ältesten Geschichte werden jetzt erst geschlagen und mit glühendem Gesicht fällt der Nachbar mit der Nachricht dir ins Haus. […] So verfährt das Volk mit den vergangenen, die gegenwärtigen Herrscher aber mischt es unter die Toten. (Kafka 1983: 60) Dazu verweist Csáky auf den unsicheren Namen der Dynastie, die nach Maria Theresia eigentlich als Habsburg Lothringen oder nur Lothringer zu bezeichnen Acta_Neophilologica_2025-1_FINAL.indd 111 23. 05. 2025 12:59:15 112 Johann GeorG LuGhofer wäre. Die Unsicherheit nahm damit kein Ende. Kafka selbst schrieb als Antwort auf eine Einladung, sich österreichischen Schriftsteller anzuschlieβen, wie un- möglich es ihm wäre, sich ein einheitliches Österreichertum vorzustellen. (Csáky 2019: 136) Dazu führt Csáky Kafkas bereits erwähnte problematische Zugehö- rigkeit an. Die Entsprechung der nebulösen Staatsidee des Texts in der histori- schen Situation des Habsburger Reichs wird nicht zuletzt anhand eines Briefs von Leopold von Andrian an Hugo von Hofmannsthal gezeigt: wir haben eine Heimat, aber kein Vaterland – an dessen Stelle nur ein Gespinst. Daβ man für dieses Gespinst vielleicht einmal das Blut seiner Kinder wird hinge- ben müssen, ist bitter zu denken. Nicht als ob mir der Gedanke erwünscht oder auch nur erträglich wäre, dieses alte Reich auseinanderfallen zu sehen. Aber für ein bloβes Bestehen, ohne jede Idee, ja ohne Tendenz über den morgigen, ja heu- tigen Tag hinaus – für die bare Materie, nach auβen u. innen – kann man seine Seele nicht einsetzen, ohne an der Seele Schaden zu leiden. (Ebd. 142f.) Burkhardt Wolf beleuchtet bereits 2018 in seinen ausführlichen Artikel „Kaf- ka in Habsburg. Mythen und Effekte der Bürokratie“ den Autor explizit mit Be- zug auf Magris. Er liest das Werk bezüglich der Tätigkeit des Autors bei der Pra- ger Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt. Kafkas Literatur und Bürotätigkeiten schlossen sich nach Wolf keineswegs aus, sondern bedingten nach Wolf sogar einander. Immerhin beklagte sich Kafka nur in akuten Schreibkrisen über sein „schreckliches Doppelleben“ als Autor und Angestellter (Wolf 2018: 197). „Was Kafka also vom Leben fernhielt, war ‚der tief in mir sitzende Beamte‘ – und nicht, wie Max Brod und nach ihm zahllose andere behaupten, seine Amtstätigkeit in der AUVA.“ (Ebd. 200) Der internalisierte Beamte würde hervorragend in den Habsburgischen Mythos passen. Doch Wolf zeigt den zentralen Aspekt auf, mit dem sich Kafka dem Mythos entzieht: „Kafka blickt nicht melancholisch zurück auf den habsburgischen Mythos. Er blickt vielmehr erschöpft nach vorn – nach vorn in unsere Gegenwart.“ (Ebd. 215) Nur mit dem heute relativierten Mythos, der nicht durchgeghend von Nostalgie geprägt sein muss, kann Kafka auch dies- bezüglich gelesen werden. Selbstverständlich soll das nicht als einzig mögliche Textfolie dargestellt werden. Beispielsweise Rüdiger Safranskis neue biographistisch-textinterpreta- tive Kafka-Darstellung verzichtet auf jeglichen Einbezug Österreich-Ungarns. Selbst die „Kaiserliche Botschaft“ und Beim Bau der chinesisichen Mauer werden nur abstrakt als Parabel der misslingenden Kommunikation zwischen Zentrum und Peripherie bzw. als Variation auf das Thema „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ gelesen. (Safranski 2024: 140-144) Zurecht bezeichnet Heinz Politzer Kafkas Parabel als „Rorschach tests“ der Literatur, die mehr über den Charak- ter der Deutenden verraten als über ihren Autor (1965: 43). Susan Sontag sah Acta_Neophilologica_2025-1_FINAL.indd 112 23. 05. 2025 12:59:15 113Kafka und der Habsburgische Mythos: »Eine kaiserliche Botschaft« in ihrem berühmten Essay „Against Interpetation“ Kafka ja gar als Opfer einer „Massenvergewaltigung“, einer „Vergewaltigung nämlich durch eine Armee von Interpreten“. (Nach Anz 1992: 7) Das Bild der Vergewaltigung passt wohl nur bedingt, denn anhaben konnten die Interpretationen den Texten wenig. In einem Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Kafka-Forschung stellt Horst Steinmetz 1983 fest: „Die unzähligen, da unzählbaren Deutungen, Interpretationen, Analy- sen, die in den letzten fünfzig Jahren Kafka gewidmet worden sind, haben unsere Kenntnis über diesen Autor und sein Œvre unendlich vermehrt; und doch ist es, als ob die Werke daraus gleichsam unberührt hervorgegangen wären, als ob wir dem Kern ihres Wesens nicht näher gekommen wären.“ (1985: 156) Der Kontext der Habsburger Monarchie und Mythos braucht ebensowenig als Kern ihres Wesens aufgefasst werden. Als bedeutend hat sich dieser Kontext al- lemal bewiesen. Doch die klar definierte Festlegung des Habsburgischen Mythos sowie die Sicht des unbeeinflussten Genies haben diesen Ansatz zu lange verstellt. Dieser Beitrag wurde an der Philosophischen Fakultät der Universität Ljubl- jana im Rahmen des von der Slowenischen Forschungsagentur finanzierten For- schungsprogramms „Intercultural Literary Studies“ (P6-0265) verfasst. 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Magris je že leta 1963 oblikoval snop literarnih motivov in tematskih tradicij, med katerimi so birokracija, imperialni kult, eskapizem, hedonizem in hrepenenje po smrti. Predvsem, ko gre za birokracijo, Kafko navajajo kot edinstvenega strokovnjaka – predvsem z romanoma Proces (1925) in Grad (1926), s čimer bi se Kafka pravzaprav odlično ujemal z mitom. Glede habsburškega mita pa Magris Kafko omenja le obrobno, čeprav se je zavedal avtorjevega pomena. Razloge za to, in pozno vključitev Kafkovih be- sedil v zgodovino habsburškega cesarstva, ponazarjata »Cesarska ambasada« in »Gradnja Kitajskega zidu«. Ključne besede: Franz Kafka, habsburški mit, Donavska monarhija, avstrijska literatura Kafka and the Habsburg Myth: “An imperial message” Claudio Magris’s concept of the Habsburg myth was probably the most powerful concept regarding the specific nature of Austrian literature. As early as 1963, Magris formulated a bundle of Austrian literary motifs and thematic traditions, including bureaucracy, impe- rial cult, escapism, hedonism and a longing for death. When it comes to bureaucracy in particular, Kafka is cited as a unique expert – especially with his novels The Trial (1925) and The Castle (1926) – which would make Kafka an excellent fit for the myth. But with regard to the Habsburg myth, Magris only mentions Kafka marginally, although he was aware of the author’s importance. The reasons for this and the late embedding of Kafka’s texts in the history of the Habsburg Empire are exemplified by “An Imperial Embassy” and “The Building of the Great Wall of China.” Keywords: Franz Kafka, Habsburg myth, Danube Monarchy, Austrian literature Acta_Neophilologica_2025-1_FINAL.indd 116 23. 05. 2025 12:59:15