Land und Lente. Ilnlt»' Ulitmilkuuss deutscher imd slnllischlr Grlclilte» lind üchriftlltller Hrrmnnu VoZlwschulj. Leipzig. Kresmer K Schrnuim. c^c^c^) ^/ Rußland. tand und teute. herausgegeben von Hermann Roskoschny. Erster V a n d. Leipzig. Greßner ^- Schramm. ll ^.60062 2llle Rechte vorbehält!,'!!. 5^c ^2/>/2 Dlllck l>>)i, Greßorr sl ^chraiinil ln t>'ipzlg. Inhalt des ersten Dandes: Sei!»- Einleitung, von Friedrich Vodenstedt..................... , Moskau................................ ,i Der topographische Teil von I. N, 1?ise!nski; der historische Teil von l?er,nann Roskoschny; Seite ^«—2<> von Mar Trausil. Russisches Landleben........................... «7 Seite y?—u>'< von Friedrich Vodeeistedt; Seite ^»5—^72 von Heriuanu Roskoschily, Die Wolga...............................^75 Seite ^75—1,7«, ^y^—208, 2^5^21» von 1V. Niemeier; Seite ,79 ^«2, 208 —2<5 von Mar Transit Seite ^5».^^ 22^—26^, 2b5"275> von Hermann Roskoschuy; Seite 2^8—22 l von 3. lverblunsky; Seite 2<>l,—2(>5 von Th. Errleben. Dic Rosaken..............................276 Seite 27!,- 287 von Friedrich Vodenstedt; Seite 287^299 von Hermann Roskoschny. Die User des Schwarzen Meeres......................500 Seite 300—505, 507^3 ;2, 5^5, "5 ;8 von Hermann Roskoschny; Seite 205-307 von Mar Traust!' Seite 2^2—3^^ von S. lverl'lnnsky. Verzeichnis der Abbildungen. Selie Titel-Vignette.............. < Kirche l0assili Vlashcnny in Moskall...... .1 (i)l's!r>erfänferin. ^ilderdändler. RIciderdändler ... 5> ^flaninenverkänfcr. Milchfrau......... ^ Vrosäikcnklitscher. ^esenverkänfer........ 7 T>ie große Glocke in Moskau......... « Der Kreml von der Moskwa ans gesehen .... <> Schloß petrowsky (Vignette)......... U verkänfer von Singvögeln, Geflügel, Kariar nnd warmen G^ränken ........... ^2 Saal im Tcrrm des Kreml.......... »5 Vrotverkäufer, Kutscher ans vornehme,» l?anse . . ^5 Der Dwornjik .............. l> Line Ehcvcrinittlerin............ 57 Unterhandlung mit einem )slv«''Stschik ...... ^y Der Kaldnn............... 2a Das ^rlöserthor iin Kreml .......... 2^ Eine Moskauer Viirgerfainilie ........ 23 Der Turin Iwan der Große......... 2<^ Ein L^motschniik ............. 25 Ein Iamschtschik . . ^........... 2? Der silberne Thron............ 2« ^5rustkreui Monomachs........... 2<> Teller des Zaren Alexei Michailoivitsch ..... 57 Die Erlöserkirche hinter dem goldenen Gitter ... ^n Die Erzengelkirche............. ^ Muttcrgottesl'ild in der Erzengelkirche...... ^^ Herolde verkünden den Tag der Krönung .... qi» Die Krönung............... ^« Zar nnd Zarin aus dem ^?. Jahrhundert .... 4'i Zar Iwan III., der Große ......... 52 5ei!o Zar Iwan IV., der Schreckliche........ .»,z ^ojar nnd Vojarcntochtcr aus dem ^7. Jahrhundert . 5>c. Die Erlöserkirche ............. 5.7 Der Rote plah ............. <,,, Kirche des hl, Nikolaus des I^underthaters .... <>, Kirche der georgischen Mutter Gottes ...... ,, ^ Das große Theater ............ c>,', Das Haus der vo^aren ^vonlanoff....... <>? In einem Theehause . . ,......... <,^ Die rote Pforte.............. <,<) Verkäufer von Heiligenbildern ........ 7^ Metropolit............... 72 Eine Traunng.............. 75 In einem Mönchskloster........... ?c» In einem Nonnenkloster .......... 77 Prozession in der Kirche........... ^ Die ^egräbnißstätte der Godunoffs ....... «^ Der S>>charen' Tilrin............ «5, Thorbogen des Oalastes in Zarizyno bei Moskan . . «« Das Nonnenkloster auf dem Inngfernfelde .... »<) CroitzkyKIoster.............. ,,.-; Hoch^eits^ug anf dein Tande (Vignette) ..... <)7 Russische Nanern ............. ^o<, Frühlingstag ans dem Lande........ . >^ Anf eiuein lvaldu»eg............ ^,5 Dorf im Gouvernement Twer......... ^^ Totenfest auf einein Friedhof......... ^n) Rnssisches Vanernhaus ilnd Schenne im Üoroen . . ^ ^3 Russisches ^anernhans i>n Süden ....... i^<,, Heuernte am Flusse ............ ^7 Ivallfalner vor einer Kirche lagernd ...... 1^21. Bettler auf dein ü^ande........... ^24 bettelnde Frail »lit Kindern......... ^25 Ein Star^tz............... ^28 Russisches Vanernkind im Norden ....... ^2') 5e!tr j?0pe im Ornat............. 532 Altgla'nbiger............... 155 2^etoersannulnng der Malakanji....... . ^3? Anf den Kircheustufeu ........... IvN Vanern bei der beichte........... l ^5 Altgläubiger Kaufmanu........... ^^ Gebet iiu Dorfe anl Georgstage........ i'^<) Dorfmusikaut.............. l">7> Ausfahrt in der ^utterwoche......... Z5<> Gutsve» Walter aUS ^Üdrllsilaud........ 15,7 Begräbnis auf dem ^ande . ......... N>l Hausdiener den ^amowar bringend....... ^>'< Überschwemmung nn lvolgagebiet ....... >c><) Dor ciner ^oststatiou............ »71 25aucruwageu (Oiguette .......... <72 vurlaki auf der NV'lga........... <<2 Fischfang auf der Wolga (vignette) ...... >7'> Kathedrale in ^arosknvl .......... »77 Auf cmcm N^olgadainpfcr.......... »m» ckis<;aug auf der 1vc>laa........... l«^ Dcr wolgadainpfcr Missouri......... !^5> Auf der Wolfsjagd ............ '«» Eiu ^chucol'l'stöln'r............. !«'» Eiu Ruüpp^idaunu i,u Maide......... 5<>2 tager der ^cimatloscu iiu Walde ....... <<).> Frauen oon Rursf, Orel liud K^stioiuä..... ^6 liol^fäUcr i,u Walde............ '/17 Frauen aus Wjatka und ^»cnn........ 2<>^! Tschuwaschen an der wolaa ........, 2<>l Vic Ilrenll Aathedralc iu Njisl^ny^iougorod .... 20^ Marienkirche iu Njislniy Nowgorod ....... 2 Ansicht vou ^iishily ^owgm>id . '...... 2 Rechtes Wolgaufer unterhalb Njisliny Non'gorod . . 2^2 ?er schiefe Glockeuturiu in Cschel'ossary..... 2'5. 2lnsicht lxin ^asan............. 2^«, Kathedrale in Kasan............ 2!7 Ain alten Stadtgraben in Kasan ........ 22^ Tatar uiid Tatarensrauen ans Kasan ...... 225 Markt in Kasan ............. 225. Tatarendorf............... 22« waldlaudi'chaft an der Kama......... 22>i Der Zürew ^»g>'»r an der Wolga...... . 27>2 Mondnacht an der Kama.......... 2',,> Wohnstube in einem Tatarcuhause....... 25«, Asyl iu 3aratoff ............. 237 deutsche Kolonisten an der Wolga ....... 2^ „3aal" uud ^orsteherwohuuna, i,l !?arepta .... 2^^ Ansicht der l)errnhntergemeinde 3arepta..... 2^5> Frau aus ^aratoff............. 24« ^törfaug bei Astrachan........... 2H<) Jagd in« wolgadelta............ 25,2 persische Moschee in Astrachan........ 257> Kalmyk ................ 257 Kalmy?enlager.............. 2«,«» Pelikane auf der Wolga ........... 2<>^ Kalluykeuchuru! bei Astrachan......... 2<^ Orenburg oor dem ^raude.......... 265 Sonnenaufgang in der steppe......... 2üq Kalinyk wappeil des ?ouschen Heeres......... 2?b (3iu Kosak r>oiu Don............ 27? Palast des l)etmans in ^lowotscherkask ..... 2»l> Kosakenfran vom Don........... 2«^ Pferdehändler in der 3teppe......... 2«^ Kosakeneskorte .............. 285, Kosaken beim ?cheibeuschies;en......... 2«« 3pähei't>n'm bei einem Kosakenpostrn ...... 28<) Alter Kosak............... 292 wilder ans der Ukraine . . . . ,...... 293 Zchach spielende Kosaken (Vignette) ..'.... 2c)<> 2chlo<; Alnpka (Vignette) .......... 50«, Aln ^üdllfer der Krym ........... 7,0^ 3>,^Ios; Grianda.............. zo,-» t)of eines Tatareuhauses .......... ,-<y Ansicht von Valaklawa...........3^7, !5i!nferopol und die !5tras;e nber den ^ailaDagh . , 7.^7 Venkmal der gefalleneu Russen iu 3cwast''>pol . . . 525 Ruinen des taurischeu Chersoues........ 324 Innere Ansicht des Denkmals der gefallenen Russen , 7.25 ^eivasti'pol . ,.............Z2Y Der Palast in ^achtschi!?arai.........332 Die l>öheu von Inkjermau..........3.^5 ^iogaier aus der 3teppc ...........33? Tatarischer wacker.............3^0 Inden i,l Odessa.............^,^ Wdessa.................I^7 )5auerulvagen in ^5cssarabien (^iguette) .....3/^« Sunstbeilagen. SeÜe ^wcii, III. verweigert den Gesandten des Chans, den Tribut .........,..... 52 Der Tod ^)wan des schrecklichen ...:.................... 56 wilder aus dein russischen Landleben....................... I^OH Totenfeier auf einen» Kirchhof iin Gouoeriieinent Twer ................ 168 Die neue Lisenbahnbrucke über die Wolga..................... 256 Astrachan................................ 272 Denkmal des ^Zogdan Chmelnicki........................ 288 Vorwort. 3vußland, unser großer Nachbarstaat, mit dem wir durch tausend Vande eng verknüpft sind, dessen politische, soziale und kommerzielle Verhältnisse wir mit dem größten Interesse und der regsten Aufmerksamkeit verfolgen, soll durch dieses werk dein deutschen Publikum zum ersten Male in umfassender Schilderung in Wort und Vild vorgeführt werden. Zweihundert Jahre sind verflossen, seitdem dcn Völkern Rußlands die Segnungen der europäischen Rultur erschlossen wurden, aber unsere Kenntnis des unermeßlichen Reiches ist während dieser Zeit nicht in demselben Maße fortgeschritten, wie das russische Volk auf der Vahn der Zivilisation, welche ihm sein großer Reformator Peter I. vorgezeichnct. Allerdings haben, namentlich im letzten Jahrzehnt, die Schriften englischer, französischer und deutscher Reisenden und Forscher uns mit einer Flut von Enthüllungen über Rußland über' schüttet, aber alle diese Schriften haben doch mit nur wenigen Ausnahmen ihre Stoffe überwiegend, ja mit einer gewissen Vorliebe den Schattenseiten des russischen Bebens entnommen, ohne in gleicher weise die vielen rühmenswerten Eigenschaften des russischen Volkscharakters hervorzuheben und das an interessanten, originellen Erscheinungen reiche Volksleben in den Rreis ihrer Betrachtungen zu ziehen. Dem Sensationsbedürfnis des großen Publikums wurde reichlich genüge geleistet ^ ein neues Vuch über Rußland und Enthüllungen über Mißbrauche und Übelstände sind ja bereits unzertrennliche Vegriffe! — aber das Volk und seine Sinnes- und Denkungsart, die nicht identisch sind mit den Ausartungen bevorzugter Klassen, blieb uns dennoch fremd. In gleicher weise ist unsere Renntnis des Landes selbst eine mangelhafte geblieben. Obwohl Rußland heute bereits über 22 000 Werst Eisenbahnen verfügt, hat sich doch der Touristenschwarm den ungeheuren Tändergebieten innerhalb der russischen Grenzpfähle noch nicht zugewendet, und demgemäß hat sich auch das Vedürfnis nach ausführlichen Beschreibungen Rußlands, wie wir solche von allen europäischen Tändern besitzen, noch nicht geltend gemacht. So kam es auch, daß von Städten mit 50000 und mehr Einwohnern bei uns oft kaun, der Name bekannt ist, obwohl sie von unserer Tandesgrenze nicht entfernter sind als manche viel kleinere italienische Stadt, mit deren Sehenswürdigkeiten wir auf das genaueste vertraut sind. Unsere Jugend lernt zwar in der Schule die Namen der bedeutendsten russischen Städte, der Verge, Seeen und Flüsse des Tandes, seine politische Einteilung kennen, aber die Zahl derjenigen, deren wissen über die dürftigen Mitteilungen der öchulgeographie hinausreicht, ist eine verschwindend kleine. Fremd sind uns die Denkmäler der russischen Vaukunst, die dem Volke durch Jahrhunderte alte Erinnerungen geheiligt worden — fremd sind uns die Wunderwerke der Natur, welche in allen Abstufungen von der starren Ruhe des eisigen Nordens bis zur üppigen Vegetation des Südens vertreten sind - wir wissen auch nur wenig davon, welchen Einfluß die Rultur des Westens auf die äußere Physiognomie des Tandes ausgeübt und wie sie dieselbe umgestaltet hat. Noch weniger aber kennen wir die Etappen auf der langen Vahn, welche das russische Volk zurückzulegen hatte, bevor es auf jener Stufe der Entwicklung anlangte, auf der es heute steht. Uud doch sind alle diese Einzelheiten nötig, wenn wir ein richtiges, vollständiges Vild von Tand un5 Teuten gewinnen wollen! ^ch werde daher iu der vorliegenden Beschreibung Rußlands dcn ausgetretenen Geleisen der bisherigen Schilderer des tandes nicht folge». Die Bemerkung einer wielier Kritik: daß, wo viel schatten sei, auch ctwas Licht sein nnisse, uintchrend, sage ich: wo viel ^icht ist, muß auch viel Schatten sein. Das Tadelnswerte, de>n mir begegnen, soll den Vlick für das wahrhaft Gute und Schöne nicht trüben. Der o kam es auch, daß von Städten mit 50 UW und mehr Einwohnern bei uns nicht viel mehr als der Name bekannt ist, obwohl sie von unserer Landesgrenze nicht entfernter sind als manche viel kleinere französische oder italienische Stadt, mit deren Sehenswürdigkeiten wir -^ f>rospelt und Illuftratio»sprobon. —^- auf das genaueste vertraut sind. Unsere Jugend lernt zwar in der Schule die Namen der bedeutendsten russi« scheu Städte, der Verge, Seeeu uud Flüsse des Maudes, seme politische Einteilung kennen, aber die Zahl der» ieuigen, deren Nissen über die dürftigen Mitteilungen der öchulgeographie hinausreicht, ist eiue verschwindend kleine. Fremd sind uns die Denkmäler der russischen Vaukunst, die oft Jahrhunderte alte Erinnerungen dem Volke geheiligt haben —> fremd sind uns die Wunderwerke der Natur, welche in allen Abstufuugen von der starren Nuhe des eisigen Nordens bis zur üppigen Vegetation des Südens in Nußlaud vertreten Frauen aus der Um^rgrnd uou Psloff. sind — wir wissen auch nur wenig davon, welchen Einfluß die Uultur des Westens auf die äußere phvswgnomie des Tandes gewonnen und wie sie dieselbe umgestaltet hat. Noch weniger aber kennen wir die Ltappen auf der langen )5ahn, welche das russische Volk zurück» zulegen hatte, bevor es auf jener ötufe der Entwicklung anlangte, die es heute erreicht hat. Und doch sind alle diese Einzelheiten nötig, wenn wir ein richtiges, vollständiges Nild pon Land und beuten gewinnen wollen! -3" slrospofi und ^Ililsiralwnspi'cl'v'il. ^"^ wir werden daher bei unserer Beschreibung 3^ußlands dor breitgetretcnen Vahn der bisherigen Schilderer des Landes nicht folgen. Mir übersehen nicht, daß, wo viel Licht ist, auch viel Schatten sein muß. Das Tadelnswerte, dem wir begegnen, soll nnsern Vlick für das wahrhaft Gute und Schöne nicht trüben. Wir führen den Leser durch die Städte und Dörfer Rußlands, durch seine Wälder und Steppen, über seine Gebirge, Küsse und Seeen; wir schildern ihm die Sehenswürdigkeiten der Städte, die bitten und Gebräuche der Dorfbewohner, die Naturfchönheiten des Landes; wir machen ihn vertraut mit dein bunten Völkergemisch, aus welchem Rußlands Bevölkerung mosaikartig zusammengesetzt ist. In diese Schilderungen verflechten wir an geeigneter Stelle ^ene Mitteilungen, die dem Leser einen Überblick über das gesamte Schaffen und wirken der Nation gewähren sollen. Ohne Voreingenommenheit werden wir die staatlichen und religiösen Einrichtungen und die sozialen Verhältnisse in den Areis unserer Vetrach-lungen ziehen, nie vergessend, daß unsere Aufgabe uur die objektive Beschreibung, nicht die Polemik ist. Wo wir über die Fortschritte berichten, deren sich Rußland auf den verschiedensten Gebieten zu rühmen hat, werden wir Rückblicke auf seine Vergangenheit einfügen, um eine richtige Würdigung der einzelnen Errungen» schaften zu ermöglichen, und wir werden nichts übergehen, was wissenswert und was geeignet ist, be« stehende Vorurteile und irrige Anschauungen zu beseitigen. wir bringen zunächst die Beschreibung des europäischen Rußlands, welche zwei ^ände umfassen wird. Nahezn ^l)U ^Ilnstrationen nach Zeichnungen dande wird ein ausführliches wrts- und Namenregister, sowie ein ver« zeiclmis der ^llnstralionen beigcfilgt. Am Scl^Insse eines jeden Bandes ivird angegeben, an welcher Stelle die Aunstbeilagen einzulx'flen sind. ^' t p,-, i g. Greßncr 6c ^chranlni. Einleitung. von Friedrich Vodenstedt. wohnlichen kebeu, bei der Arbeit und an Feiertagen, im Hause und auf dein Markte offenbart. Und hier zeigt der russische Volkscharakter überall ein so friedfertiges, ich möchte fast sageu kindliches Gesicht, wie man de» gleichen bei anderen europäischen Völkern nicht findet. Zwar machen auch die Italiener auf dem ^andc oft den Lindruck von großen bindern, aber doch in ganz anderer Art als die russischen dauern, bei denen man, wenn sie sich geben wie sie sind, nie einen Dolch iu der Tasche vermutet. Der Italiener ist nüchtern und mäßig in seiner Lebensweise; er trinkt seinen wein mit Wasser verdünnt, und doch treibt sein heißes 25Iut ihn leicht zu gefährlichen Händeln, denen der echte Russe so fern bleibt wie dem Gedanken, ein starkes Getränk durch Wasser abzuschwächen; der stärkste Branntwein ist ihm noch nicht stark genug und muß in ansehnlichen Dosen genommen werden, um zu wirken. Allein diese Wirkung ist bei ihm ganz eigener Art, sie schläfert alle etwa vorhandenen wilden Triebe ein, statt sie heraus» zufordern. ^cmehr der echte Nüsse trinkt, desto zärtlicher wird er und die Thränen kommen ihm dabei oft vor Rührung in die Augen, ^n solchen Momenten ist kein Mensch, und sei es sein schlimmster Feind, vor seinen Umarmungen sicher; er fällt jedem an den Hals, wer sich in seiner Nähe befindet oder ihm beim nach Hause gehen in den weg kommt, ^ch habe nie eine ernsthafte Prügelei zwischen betrunkenen Bussen gesehen, weder auf dem tande noch in der Stadt. Sie küssen sich untereinander ab wie junge Backfische, geben sich gegenseitig zärtliche Namen und schwanken mit vergnügtem Gesichte umher bis sie lallend am Wege liegen bleiben, wo dann die nüchtern Vorübergehenden sie ruhig liegen lassen, denn es ist gefährlich, den Vudotschniks (öicherheitswächtern) ins Handwert' zu pfuschen. ^n Norddeutschland würde es unter dem Volke — bei gleichen Trinkverhältnissen wenigstens ebeu» soviele Vüffe und Prügel setzen wie in Nußland Küsse, und wer könnte sich eine bayerische Airchweih, wo doch ineist nur Vier getrunken wird, ohne blutige Röpfe denken! Allein ebensowenig kann man sich in Nußland bei Volksfesten — von denen einige dort wochenlang dauern, wie z. V. die ^utterwoche und die Gsterwoche — eine so helle, himmelaufjubelnde Freudigkeit denken wie sie sich in Bayern, besonders im Hochlande, bei jeder festlichen Veranlassuug offenbart. Über diese Gegensätze in den Volkscharakteren ließe sich — mit Herbeiziehung der romanischen Stämme, welche den germanischen in leicht erregbarer Nechthaberei, Zanksucht und Nauflust nicht nachstehen — ein ganzes Vuch schreiben, mit überzeugenden Beispielen und lehrreichen Nutzanwendungen aller Art gespickt; allein Rircho Wassili ^lasl^'nny in INoskau. 5 hier müssen wir uns auf die notlvendigsten Andeutungen beschränken, nin die Eigenart des russischen volks-charakters erkennen zu lassen, wie er aus semer Natur, unter Einwirkung ganz absonderlicher äußerer Verhältnise, sich inl Laufe von Jahrhunderten entwickelt hat. »Venn der angeborene friedliche Zug in den Vordergrund gestellt wurde, so sollte damit nicht gesagt sein, daß der ^usse in kriegerischer Tüchtigkeit hinter irgend einem andern Volke zurückstehe, sonder»: nur dieses: daß er von l>ius aus keine kriegerischen Neigungen hat, also nicht aus Liebhaberei Soldat wird, sondern nur aus ,^)wang oder Pflichtgefühl. Es würde demnach gar nicht denkbar sein, daß sich in Friedenszeiten — etwa nach englischem Beispiel — ein stehendes Heer in Rußland bilden ließe, aus lauter Freiwilligen oder Angeworbenen zusammengesetzt, hingegen würde das Volk, von äußeren Feinden bedroht, wie ein Mann aufstehen und ganz Rußland in einen Wald von Bajonetten verwandeln. ^uimcl'^ l^cil-'l^^'!!: ^bin^lfäüsoim, ^in'ci^iu^icr, ^i^i)^>!^i!lblor. Unter Volk ist hier natürlich immer nur die große, noch ungeschulte Masse der dauern und Arbeiter zu verstehen, welche von der Hand in den Mund lebt und an ihrem Heimatlande so fest hängt wie unreife Frucht am Naume. IVie sich die höheren, mehr oder weniger von europäischer Bildung durchdrungenen schichten der Nation dazu verhalten, wird der ^eser später bei der Besprechung der parteioerhältnisse in ^nßland kennen lernen. Die große Masse der Bevölkerung ist bisher von den parteikämpfen der Alt- und Neurussen, oder Moskowiter und Petersburger, so ziemlich unberührt geblieben, allein so lange diese Rämpfe fortdauern, kann zur Vesscrung der V,lvc'l^insc». in Rußland inuner das vorherrsclxmde gewobn; der ^oiuadencharakter geht durch alle stände; Crbansässigkeit gehört zu den seltenste»! Ausnahine»; die ^esitzcr sind immer gern auf Reisen; nur die Not oder der Zwang bannt an die Scholle. was mir immer am meisien aufgefallen ist und jedem vergleichenden Beobachter russischen Bebens auffallen muß, ist die merkwürdige Lrscheiuuug, daß der russische Vauer sich zu allem besser schickt als zu», Ackerbau. Er ist unglaublich anstellig lind geschickt zu jeder Arbeit, die seine Kräfte nicht so sehr iu Anspruch nimmt wie der Acterbau- nur muß er gute Vorbilder haben, denn seine Kunstfertigkeit bleibt immer in den Grenze«, der ^achalimung. ?>ie einzige Handhabung, worin er unvergleichlich erscheint, ist die Führung der 7 _____ g _____ Axt. Er braucht kein anderes Werkzeug, uni fast im Handumdrehen ein Holzhaus zu bauen, darin sicl^, salbst bei wind und Wetter, gut wohnen läßt. Aber soll er sich selbst gemütlich darin fühlen, so muß es „ein bischen nach der wobnnng riechen". Er fann Düfte vertragen wie kein anderer 3Nensch und haßt die frische Tuft, wenn cr sie nicht unter freiem I'^nnmel genießen kann. 5eine liebsten Tage sind immer die 5o>m- und Feiertage, von denen kermontoff fingt: ,Mit l'iill'r ,src»d>,', di» »licht ^llc ^'üncü, 3cls ich iin Ncrl'st !>!>' flirn^efülltl'u Tcinil'», Das ^cnicrichalls init strohi'^dc^'t^in I>ach^, (Geschnitzten 3ädcn vor dein Fenstl'rfachc. lind 3omiwgs gern in trämnerischer 2x»li ^els ich dein !5är,n botriliikiier sailer,, ^i, i^eilü stanipfeiid sie iin Tan, die ?chvitte inosscn, In Lust und Lärm der Moche (Hual vergessen." was den russischen Vaner in dem traurigen ^eben, da5 er seit Iahrhnnderten geführt, immer aufrecht erhalten hat, ist sein felsenfester Glaube an eine bessere Welt, wo er einst belohnt werden wird für Alles wa5 er hienieden ausgestanden, öo lange dieser Glaube währt — an welchem bis Hetzt die Nihilisten vergebens gerüttelt haben — wird anch die alte Tiebe zum ^arenhanse — gleichviel, welcher l)ar gerade auf dem Throne sitzt — unerschüttert bleiben, und es ist nur zu wünschen, daß dieser Glaube und diese Tiebe die wirren der Gegenwart glücklich überwinden und Rnßland dauernd auf die bahnen friedlicher Tnlwickelung führen mögen. Denkmal des ^5ogdan cülnnclnicki, (Fill Ni^'w bostinunt,) 2er nruc Palast. E^engelkirche. Himnielfa!'ricbenhügelstadt der russischen Zaren, wenn man zum ersten 217al dieses Hänsermeer mit den roten und grünen Dächern, mit den goldenen Nuppeln und Kreuzen und buntbemalten Türmen der Kirchen erblickt, zum ersten N^al sich von dem fremdartigen Trciben in den ^traßcn Kitai gorods uinfluten läßt, ivird nian die Begeisterung erklärlicli sinden, mit welcher der ^usse von seiner alten Aeichshauptstadt spricht. Anf öchritt und Tritt fesseln den Fremden überraschende Erscheinungen, was ihn hier umgiebt, ist nicht der Grient mit seiner ^2 vom l'leildendsten ^onnenglanz überstrahlten Farbenpracht, es ist aber au.'l^ nicht mehr das ^nropa jenseils der russiselien Grenzpfähle; es ist ein Gemisel^ von beiden, dabei aber doch voll charakteristischer Ligenart, Durch diese iiberrascht es den Fremden, entzückt den Bussen. Der Russe sieht in Moskau nicht nnr die Stadt, »nit deren Namen die heiligsten «Lrinnernngen aus der Vergangenheit seines Volkes auf's engste verknüpft sind, sondern cs ist ihm auch in« Gegensatz zu der modernen Schöpfung Petersburg die Vertreterin des echten, unverfälschten 2xussentums, 5ieben Jahrhunderte sind über Moskan dahingezogen, Varbarenhorden haben es geplündert und verwüstet, gewaltige Brände wiederholt die ganze Stadt oder große Teile derselben vernichtet, aber stet^ ist sie dein pho'nir gleich aus der Asche wiedererstanden als das was sie früher war: eine echt russische ^tadt. Darum verehrt sie das Volk, darum liebt es sie, giebt ihr die zärtlichsten Kosenamen. „Mütterchen" sm^n^c 1il ^iiigv^oln, (Ncflilgcl, K^rim- und u^nincu Getränken, Die neue Zeit hat zwar auch schon in Moskau sich geltend zu machen gesucht, und in den letzten Jahrzehnten sind ganze Straßen mit stattlichen Neubauten und breite Boulevards entstanden, die nicht recht hineinpassen in das Gewirr enger und winkliger Gassen und Gäßchen dieses Nürnbergs der russischen Baukunst, aber alle solche Neuerungen gleichen hier exotischen pflanzen, die man in einen ^oden versetzt hat, der ihnen nicht Zusagt. Gegen den patriarchalischen Geist, der hier überall zu Tage tritt, kämpft bisher der moderne Geschmaek noch vergebens. Der 2?nsse verlangt weniger nach einen: schönen als nach eine>n behag« lichen und bequemen I^aus. Lr wohnt darum auch nicht gern zur ^Niete. Ein eigenes 1'^aus zu erwerben, ein komc, in dessen vier ivänden er thun nnd lassen kann was ihm beliebt, das ist auch des ärmsten Nlannes Ideal. Dieses zu verwirklichen, spart und darbt er. Nach und nach, sozusagen Tag für Tag, wie sich Ge- ^5aal im u.crcm 0cs Rreml. ^5 legenheit bietet uud seine Mittel es erlauben, kauft er das Material auf, das er zum Van eines bescheidenen Häuschens brauäst, und wenu anch manches ^ahr darüber vergeht, schließlich kommt doch der Tag, au dem der kluge Sparer seinen Lieblingstraum verwirklicht sieht und in sein eigenes Haus einziehen kaun. Ein guter Aeller wird darin nicht fehlen — ein Reller, in dem er seine Speisenvorräte aufbewahren kann, ist für ihn wichtiger als die Wohnstube, und er besichtigt ihn, wenn er eine Wohnung mietet, viel sorgfältiger als die Räume, in denen er selbst seinen Aufenthalt nehmen will. Ebensowenig fehlt ein kleiner Hofraum hinter dein Häuschen, wo er Geflügel züchten kaun. Ist auch die Wohnstube niedrig und klein und gewährt wenig Vequemlichkeit — der Russe sieht über solche Mängel hinweg; das eigene Heim, das er sich nun erworben, ist ihm zehnmal mehr wert als das was er in demselben entbehren muß. Ausfische Dolksty^'n: ^nodoerkäilfer. Kutscher aus vornehmem Hause. So kommt es, daß heute noch Moskau eiue Unzahl vou Gebäuden besitzt, dereu mehr als bescheidenes Aussehen eineu grelleu Gegensah zu den Palästen bildet, in dereu stolze Reihe sie sich wie ungeladeue Gäste eindrängen, rücksichtslos die Regelmäßigkeit der Straßenanlageu störend. Da tritt solch ein Haus weit aus der Häuserreihe hervor, gleich als wollte es neugierig Umschau halten in seiner Nachbarschaft, während sich dort ein anderes ebeuso weit hinter die angrenzenden Häuser zurückzieht, gleich als schämte es sick? seiues ärmlichen Aussehens. Große Gbst° und Gemüsegärten, ja Ackerfelder, Seeen und Ceiche liegen hiuter den Häusern und tragen weseutlich dazu bei, das ländliche Ausseheu, welches viele Stadtgegenden durch ihre Häuscrbauten und die mit hohen Mauern oder Holzzäunen umgreuzten Höfe erhalten, noch zu erhöhen. Nach dem großen 25rande in den Septembertagen des Jahres !>^2 war Gelegenheit vorhaudeu, die Stadt nach einen» bessern, einheitlichen plane wieder aufzubauen; man hat sie versäumt, vielleicht absichtlich. Jeder baute sein l^ans an derselben stelle, wo es gestanden, wieder auf und ^ieinaud hinderte ihn, bei der Anlage seinen Neigungen rückhaltlos die «Zügel schießen zn lassen, ^o wnrde das nelle INoskau eine ebenso unregelmäßige I^änsermasse wie das 3Noskau des Mittelalters, nnd der bekannte ^lusspruch des Fürsten von ^igne — Moskau sei keine ^tadt, sondern nnr eine Oereinignng von vier bis fünfhundert, von ihren Dörfern nnd Bärten mngebenen ^clsiössern — hatte seine volle ^erechtignng. Der Flächenraum, den die ^tadt bedeckt, ist infolge der vielen Gärten, Felder nnd nnbebanten platze, welche sie umschließt, ei,, ganz lmverhältnisma'ßig großer: er beträgt 7^ ^Kilometer, sein U»nfang ^,"> 'I'lilo- ^lilssischc Dolkstypc'n: D»r ?>vor>ljik. meter. Die Nlo^kwä, wel.che oberhalb der 5tadt für größere Fahrzeuge schiffbar wird und mit viele>i kleinen Dampfern nnd hnnderteu von Barken bedeckt ist, tcilt diesen großen Raum in zwei ungleiche Teile, welche durch zahlreiche brücken (Rrasnocholmsky, Usyinsky, Moskwaretzky, Volschoj kmnenny, Rrynisky und Dorogomilowsky inost) mit einander verbunden sind, nnd nimmt innerhalb der Stadtmauern mehrere großo T3äche ans, die ^)ausa und die jetzt überwölbte Neglinnaja u. a. 5ie durchfließt die ötadt in vielen großen lDindungeu nnd besitzt hier bereits eine ziemlich ansehnliche breite, parallel mit der Most'w/l läuft eine strecke weit ein Ranal, der zuni öchntz gegen Hochwasser angelegt wnrde. Ferner befinden sich im lveichbild der 5tadt ^ 5>eeen und Tei.che, ^ Boulevards, 8^ Plätze, 2^,^ l>ulptstraßen und 7^<> Gassen D^r Tod ^wans dcs Schl.-cklichc". ^^' gezoichii.'t oon 2^. Giljeditsch. und Nebenstraßen mit (nach der Zähll,ng von, Jahre ^87^) ^2.552 steinernen und ^8.^,79 hölzernen Häuser» ? Uathedralen, gegen ^(X^ Uirchen und öffentlichen Kapellen und 2^ Alöstern. Unter den Gotteshäusern sind alle Haupt-Religionen des Reiche vertreten. Es besindeii sich darunter zwei römisch-katholische und zwei lutherische Rirchen, eine reformierte, eine anglikanische und eine armenische; eine jüdische Synagoge und eine inohainedanische Moschee beschließen den Neigen. Mitten im Herzen des Tandes der „Rechtgläubigkeit" sind diese vielen Tempel Ander-gläubiger cine überraschende Erscheinung. wenn man weiß, wie sehr der Russe, namentlich der genieine Mann, von der allein seiigmachenden Macht seiner Religion durchdrungen ist, erwartet man gewiß nicht, einer solchen Toleranz zu begegnen, wie sie, nicht nur von feiten der Regierung, gegen die dem russischen Szepter unterworfenen andersgläubigen Völker geübt wird. Frei nnd ungehindert kann in Rußland der Ralmyk seinen Dalai ^ama, der parse sein ewiges Feuer, dcr Inder seinen Brahma anbeten, der Mohamedancr Allah anrufen, der Tunguse vor seinen Götzenbildern im Stanle liegen, ebenso wie die verschiedenen christlichen Selten von, ^acholike», Qttheraner und Reformierten bis zu den Mennoniten und Herrnbutern sich ungehinderter Religionsilbllna erfrelien. Auf dieser Toleranz beruht aber auch hauptsächlich Rußlands Wirksamkeit als Verbreiter europäischer Rultur. Die in ihren nationalen Eigentümlichkeiten und ihrem Glauben geschützten Völker gewöhnen sich all-mälig daran, sich als Angehörige des russischen Reiches zu betrachten, das drückende Gefühl des Verhältnisses zwischen Herrschern und beherrschten, zwischen 5>iegern und besiegten schwindet immer mehr, und im regen verkehr der Völker unter einander wird so manches Samenkorn nach fernen Gegenden getragen, aus dein sich die ersten Anfänge civilisierter Lebensweise entwickeln. l Nußland stehen eben die Unterschiede schroff neben einander, und im Herzen dieses riesenhaften Organismus, in Moskau, kommen sie ganz besonders grell Zur Erscheinung. wie sehr dies der Fall ist, werden wir sofort erkennen, wenn wir ein wenig unter den Mo-kaucr Straßennomadcn und untcr jenen charakteristischen Volkstypen Umschau halten, welche cbcnso eine Spezialität der alten Zarenstadt sind wie der groteske ^anstyl ihrer Kirchen und Kathedralen. Dort an dcr Straßenecke bei dem Laden des Läwotschnjik (Krämer), der alles Mögliche und noch einiges Andere verkauft, hat sich ein Menschenknäuel vor einem Vilderhändler angehäuft. Kiuder und Erwachsene drängen sich um den Mann mit dem Knotenstock, um die roh geklecksten Märtyrer und Madonnen zu bewundern, die er an einer Schnur angereiht um den Hals trägt. Dieser Vilderhandel ist eine echt russische Eigentümlichkeit, während die kaiserlichen Museen und die Privatsammlungen der Aristokratie mit den Meisterwerken aller Länder prunken, kümmert sich das Volk nicht im geringsten darum und schätzt nur die schwarzen Heiligenbilder. Der verkauf dcr Heiligenbilder ist streng untersagt, was aber den schlauen ^ilderhändler nicht abhält, dennoch ein gutes Geschäft damit zu inachen, indem er sie den Kauflustigeu tauschweise gegen Nahrungsmittel überläßt, die er sofort bei dem Lärootschujik in Geld umsetzt. Gleichwie das Gouvernement Twer ganz Nußland mit Zimmerleuteu versorgt, so war es der au der Moskau-Njischny-Nowgoroder Eisenbahn gelegenen Stadt Wladimir und ihrer Umgebung, wo die Heiligenbilder massenhaft erzeugt werden, vorbehalten, Nußland 5'1 vom Ural bis zur DÜ!»a mit Tausenden von Händlern mit Heiligenbildern zu überschwemmen. Da das heutige Rußland eine ungeheure Menge solcher wilder, die auf Kunstwert nicht den geringsten Anspruch machen können, kauft, so ist es auch begreiflich, daß alle Vilderhäudlcr bei ihrem Geschäft ein reichliches Auskommen finden. Für die zungenfertigen Gesellen, die dem neuigkeitslüsternen 25aucr so unentbehrlich sind wie dem Städter die Zeitung, eristiert das moderne Beförderungsmittel, der Dampf, noch gar nicht, deun sie wandern per pedes Us>ci5to1oluin »on Dorf zu Dorf und machen das beste Geschäft dort, wohin die wandelnde Rauchsäule der Lokomotive noch nicht gedrungen ist. ^n Moskan, wie in allen größeren Städten, treten sie nnr vereinzelt auf, finden aber stets ein kauflustiges Publikum. n,dlimg mit einem Iswüstschik. geballten Droschka nach Moskau, nm dort seinen Lebensunterhalt als Iswüstschik zu verdienen. Es ist ein hartes Stück ^5rot, Tag und Nacht, im Sonnenschein und im Schneegestöber auf den wink eines Fahrgastes die Straßen für geringen Tohn zu durcheileu oder Stunden lang gleich einer Vildsäule auf dein Autschbock zu hocken. Die weltergebräunten Vurscheu, deren Muskeln eisern zu sein scheinen, können zwar einen aroßen Aältegrad aushalten, aber gegen die dämonische Macht der Elemente vermag menschliche 1l halten, in früheren Zeiten aber kainen und gingen die Mietskutscher, ohne daß die Polizei von ihnen ^otiz nahin, als echte 2^omade>i, ohne feste Haltestelle, von Straße zu Straße wandernd. Der ^swüstschik ist die fügsamste Maschine, die unter dem Inbegriff 1u)ino »api^n^, gefunden werden kann. Der Fahrgast besteigt das Vehikel des russischen Diomedes, ohne cin Wort zn sagen. Der Isw<'>stschik jagt in sausendem Galopp davon, daß Kies und Funken stieben. An der Kreuzung einer Straße zieht ihn der Fahrgast rechts am Gürtel, wenn er rechte, oder links, wenn er link? fahren soll, und dasselbe unverfängliche Zeichen bedeutet Halt. Der Isw<>s< tschik hat seine Taxe, die er im ^ande der Trinkgelder allerdings niemals cinhält. Selbstverständlich ist er für Extradienste zur Entgegennahme eines Trinkgeldes nicht abgeneigt, ertrotzt cs aber nicht wie der wiener Fiaker und erbettelt es nicht wie der italienische vetturin. Durch die scholl oben erwähnte Abhärtung und seine mehr als frugal.' Lebensweise erfreut sich der ^)swüstschik einer ausdauernden Gesundheit, die nur Russische Volkstypen: Dor R.üd»n. ab und zu durch einen bausch und dem darauf folgenden obligaten Katzenjammer alleriert wird. Die Folge seiner unverwüstlichen Gesundheit ist wohl auch sein unverwüstlicher i'^umor, der ihn zum Straßens^miker stempelt. An launigen Einfällen ist ihm nur der Gestügelhändler überlegen. lLin dritter Nomade unter den Moskauer Straßontypen ist der Tatar. Aus den Uferländern des Schwarzen Meeres eingewandert, hat er in ?.Noskau die Mission des deutscheu Kleiderjuden zu erfüllen. Ebenso schlau und ebenso friedliebend wie der westeuropäische Semite, hat er sein Augenmerk auf die abgelegten oder abzulegenden Kleider seiner Mitmenschen derart scharf gerichtet, daß er überall die Duelle seines Absahgebietes erschnüffelt. Anspruchs- und bedürfnislos wie ein indischer Fakir und geistigen Getränken abhold, sammelt der Tatar in einigen fahren eine Geldsumme, mit welcher er im Stand.' ist, in seiner sonnigen Heimat ein ^and-gütchen Zu erwerben und dort von dessen Erträgnis im Kreise seiner Familie sorgenlos zu leben. Wer wollte diesem Manne das Prädikat eines Philosophen streitig machen! Pas Erlöscrchor im Rn'inl. Ein Philosoph, freilich ganz anderer Art, ist auch der Dworn^ik, seit jeher der geheiine Age»«t seiner Hausinsas>en. (3r drückt ein Auge zu, wenn der Herr ^»taaisrat aus der 25eletage der Tänzerin int zweiten ^tock einen besuch macht; cr drückt beide Augen Zu, »veim bei dem Gffizier in, dritten ^tock noch spät in der ^acht lärmende Gesellschaft versammelt ist, vorausgesetzt, daß er erwarten kann, daß ihm von den heimkehrenden kästen ein Rubel in die Hand gedrückt wird; die Gläubiger des Studenten in der Dachkammer weist er mit moralischer Entrüstung zurück, während cr selbst vor dem Kammerdiener des Hausherrn unterthänigst die Ausfische volkstypcn: ^inc Ulcst'mlor Mrgcrfmnilio. Nütze zieht — aber in dem tadeu des Oiwotschnjik, wo ihm manches Gläschen Wodka (Branntwein) kostenlos verabreicht wird, ist er für die ^5rot» und Obstoerkäufer, die Dauern und Isux'stschiks ein Orakel, welches über alles, auch über Fragen der hohen Politik Auskunft zu erteilen vermag, öeiu einziger Uummer besteht darin, daß er nicht lesen und schreiben kann, doch darin hat er unter Denen, die ihn für ein Vrakel ansehen, sehr viele teidensgenossen, denn der ^5rowerkäufer, der einen wahren Christuskopf auf seinen schultern trägt, bedient sich bei der Abrechnung mit seinen Runden eines Uerbholzes und die dralle Milchfrau muß bei der ^»kontierung der Lieferungen ihre zehn Finger zu Mfe nehmen, was aber alle diese Naturmenschen von ihren civilisierten Nerufsgenossen in, Westen Zu ihren: vorteile unterscheidet, das ist die Gabe der fließenden Rede, die sie selbstverständlich bei jeder Gelegenheit möglichst geltend zu machen suchen. 5ie artet aber niemals in Zanksucht aus, denn eine der hervorragendsten Eigenschaften des Russen ist die Verträglichkeit und Gutmütigkeit. Doch halt! Dort vom ^niolensker Bahnhof naht ein ,Hug, der diese Gutmütigkeit des Bussen über-Haupt und der Moskauer Bevölkerung insbesondere ins hellste Licht zu stellen berufen ist. <3s sind Verbrecher, die aus allen Teilen Rußlands, nota den« des europäischen Teiles desselben, hierher gebracht werden, um dann in großen Kolonnen mittelst Eisenbahn die Reise nach Sibirien anzutreten. Man glaube nicht etwa, daß es in Rußland mehr Verbrecher giebt als in anderen tändern, wenn man aber den Abhub von 7(1 Millionen Menschen auf einer Stelle beisammen sieht, so erschrickt man über die menschliche Verworfenheit, wärmn macht man aber in Rußland mit Räubern und Mordbrennern so viel Aufhebens und überliefert sie nicht dem Denker? weil man, wird uns der Russe antworten, in Rußland das sieben nicht so niedrig tariert wie anderswo. Man geht noch weiter: man erlaubt den Verbrechern das Mitnehmen ihrer Weiber und binder und spediert ?cv U.M',1! ^.U'an dcv l^l'oßc mid dic G!c>ck^ ,7)ai i^lol^l. 25) dieselben auf Staatskosten nach dem fernen unwirtbaren Gsten, uin sie dort für kommende Geschlechter als Rulturdünger zu verwenden. Die Rultur, die Alles beleckt, hat sich auch auf die Spitzbuben erstreckt. Statt der frühern beschwerlichen Fußreise kommen sie ^etzt von allen Richtungen der Windrose per Eisenbahn nach Moskau und gehen nur zum Übernachten in die alte Duma zu Fuß; ihre Angehörigen kommen hinterher zu wagen nach. Zwischen den Gefangenen und den sie begleitenden Soldaten scheint ein herzliches Einvernehmen zu herrschen. Der Vefehl des vorgesetzten macht zwar den Russen, allerdings gegen seinen Wunsch und gegen seine Neigung, zu dem zuverlässigsten Soldaten, er hört aber doch niemals auf, ein gutmütiger Mensch zu sein. wer das letztere bezweifelt, der sehe nur, wie die Soldaten milde Gaben für die Gefangenen in ihre großen Tellermützen sammeln. An der Wohlthätigkeit, die wohl in erster Anie den Familien der Deportierte» gilt, beteiligen sich Arme und Reiche; der Raufmann streckt seine beringte Hand zur Rutsche heraus, um dem Soldaten eine Handvoll von Fünfzig-Kopeken-Stücken zu verabreichen; der arme Vesenverkäufer, der sein !l»ssisch^ Dolkstyp^l«: Ein ^'lwctschu^'. Scherflem zur Unterstützung der „Unglücklichen" — so nennt der Volksmund die Verurteilten — ebenfalls bei-stcuern will, muß sich auf ein Fünf-Ropeken-Stück beschränken, aber dieses ist vielleicht die Hälfte seiner ganzen Barschaft; der Obsthändler reicht den Rindern eine Düte voll Gbst in den wagen, und der Theehändler, der den Samowar in den Straßen herumschleppt, erquickt die Frauen mit einer Tasse Thee. Selbst Schulkinder opfern ihre Frühstücksemmel auf dem Altar der Nächstenliebe. wenn die Reichen mild und die Ärmel, ergeben sind, müßte das soziale Problem leicht zu lösen sein. Ha, wenn es nur nicht so viel Drohnen in den» vienenkorb gäbe! Dort von der Nikitskaja um die Ecke der Universität kommt schon so eine Drohne, die auf Rosten des Volksaberglaubens lebt. Es ist der Raldun. Der' verwahrloste wicht könnte einem Maler oder Bildhauer als Modell zum ewigen Huden sitzen. Angeblich ist er immer auf der Pilgerfahrt nach dem Heiligtum irgend eines berühmten Rlosters und sammelt zu diesem «Zweck Gpfergaben, die er als echter cynischer Epikuräer im nächsten Rabak in Wodka aufgehen läßt. Er 5 -------- 26 -------- heilt Krankheiten der Menschen und Tiere durch bespreche»! und verkauft selbstverfertigte Reliquien. In abgelegenen waldschenken läßt er seinem frivolen Humor die Zügel schießen, aber unter opferwilligen beuten hält er auf Anstand und fromme Sitte. Namentlich beim passieren der großen Städte geht er ganz in Frömmigkeit auf. So bekreuzt er sich auch jetzt, als er vor dein Kreml angekommen, sehr umständlich vor dem Bilde des Erlösers über der Spaßt'y-Pforte, murmelt aber im nächsten Augenblick einen Fluch beim Anblick eines Konkurrenten, eines entlassenen Soldaten, der in seinem langen grauen Mantel mit demütig herabgezogener Mütze daherkommt. Da bettelt nun der Mann, der vielleicht vor wenig Monaten für sein Vaterland geblutet, im Angesicht des Kreml, des Herzens diese? Reiches, das durch seine treuen, gottesfürchtigeu, tapferen und alles ohne Murren ertragenden Soldaten groß wurde, besteht uud bestehen wird! Das Tos dieser Vaterlandsverteidiger, denen während ihrer Dienstzeit die Kaserne Heimat und Vaterhaus ersetzt und die nun, aus dem Dienst entlassen, infolge der eigenartigen Agrarverhältnisse Rußlands als Heimatlose in« buchstäblichsten Sinne des Wortes dastehen, da der fünfzehn Jahre Abwesende der Gememdeangehörigkeit verlustig wird — dieses Los ist ein so trauriges, daß deformen Zu Gunsten des Soldaten dringend not thun und wohl auch nicht lange mohr ausbleiben werden . . . Eine Sotnja (Abteilung von hundert Mann, Compagnie), die mit klingendem Spiel in den Kreml marschiert, um dort die Thorwache abzulösen, entzieht uns den Anblick dieses Dulders im Soldatenrock, wir wollen ihr folgen und den Boden betreten, der durch hundertjährige Erinnerungen geheiligt ist, die Wiege russischer Größe, das Capitol des nordischen Noms. Es ist eine Stadt in der Stadt, die wir da betreten, denn setzt noch schwankt die Zahl der Bewohner des Kreml zwischen ^5W und 2Ml), in früherer Zeit aber war sie bedeutend größer, da der Kreml nicht nur den Zaren als Wohnsitz diente, sondern auch alle zur Hofhaltung gehörigen Personen, die höhere Geistlichkeit und viele der mächtigsten Bojaren (Magnaten) darin wohnten. Noch in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts gab es im Kreml über zwanzig Gassen, während jetzt nur noch eine einzige, die Kommandantenstraße, vorhanden ist, doch trotzdem wäre es übel angebracht, wenn man in Bezug auf den heutigen Kreml von geschwundener Oracht reden wollte. Eher könnte man ihn mit dein verzauberten Schloß des Märchens vergleichen, welches des erlösenden Erscheinens des Gitters harrt, der in all die schlummernde Fracht und Herrlichkeit neues Teben bringt. Außer dem großen kaiserlichen Palast, dem riesigen Synodalgebäude, dein Scnatspalast, dem Arsenal und der Kaserne und vielen anderen großen Gebäuden enthält der Kreml heute noch nicht weniger als 5 Kathedralen, ^2 Kirchen, 1^ Kapelle und 2 Klöster. Gewaltige Mauern, durch welche fünf Thore führen, umgeben ihn. Der Graben, der ihn früher von der Stadt trennte, ist zwar ausgefüllt und ein schöner breiter Boulevard an sen.e Stelle getreten, aber die alten Burgmauern mit ihren ^8 Türinen werden sorgfältig in gutem Stand erhalten und bei allen Umbauten und Ausbesserungen im Kreml wurde streng darauf geachtet, daß der ursprüngliche Charakter dieser alten Befestigungswerke gewahrt blieb, wie überhaupt der ganze Kreml vor den Einflüssen der Geschmacksrichtungen späterer Jahrhunderte so bewahrt geblieben ist wie kein anderes Fürstenschloß. Nur so war es möglich, daß er in einein Zustand sich erhielt, in dem man ihn die Stein gewordene Geschichte Außlands nennen kann und in dem er all die wechselnden Geschicke, welche in frohen und in schlimmen Tagen dem von Bussen bewohnten Tand beschieden waren, wiederspiegelt. Der Name Kreml, dein wir noch in vielen anderen Städten begegnen werden, ist nicht russischen, sondern tatarischeil Ursprungs. Das Schloß erhielt ihn erst im Jahre ^328, als Iwan Danilowitsch mit dem Beinamen Kalita (d. i. der Beutel), an Stelle des vom Mongolen-Khan wegen Ermordung einer mon» golischen Gesandtschaft abgesetzten Alexei II. zum Großfürsten ernannt, Moskau zu seinen: Herrschersitz machte. Der frühere Name des Kreml war Djetjinetz (Zitadelle). Die ältesten Nachrichten über Stadt und Burg reiche»: bis in das ^2. Jahrhundert zurück. Es wird erzählt, daß der Fürst von Kijew, Georg wladjinnrowitsch Dolgoruky (d. i. Langhand), im Jahre 1^ ^58, als er zu seinem Sohn Andreas nach wladjmn'r reiste, auf dem Grund und Boden des reichen Bojaren Stefan Kutschko von diesem nicht nur nicht mit den gebräuchlichen Ehrenbezeigungen empfangen, sondern sogar noch von dem übermütigen Unterthan beschimpft wurde. Darüber erzürnt, ließ der Fürst den Bojaren töten. Die herrliche ^age der Kutschko gehörigen Dörfer gefiel ihm aber so sehr, daß er beschloß, an dieser Stelle eine Stadt zu gründen. Er nannte sie Moskwcl, nach dein Namen des Flusses, _____ 27 _____ an dem sie angelegt wurde, und übergab sie scincm Sohn Andreas, den er mit Nlita, einer Tochter des hin« gerichteten Vo^aren vermählte. Auf einem mit Wald bedeckten Hügel, dem ^orowitzky Tholm, fand die erste Ansiedlung statt und die stelle, wo die erste Kirche erbaut wurde, soll dieselbe sein, an welcher noch beute die Kirche Spaß na born (Erlöser im Walde) durch ihren Namen an ein im Walde errichtetes Gotteshaus erinnert. So lautet die Überlieferung. Die Chroniken wissen das Gründungs^ahr Moskaus nicht anzugeben; sie nennen die Stadt zum ersten Mal bei Erwähnung eines Gastmahls, welches der Großfürst Georg Dolgoruky im ^ahre ^47 dort zu Ehren seiner verbündeten veranstaltete, jedenfalls blieb Moskau noch lange ,^eit nach seiner Gründung ein ziemlich unbedeutender Olatz. Erst als Daniel, der Sohn Alerander Newskis, den Titel Fürst von Moskau annahm, beginnt sich das Dunkel, das die Stadt umgiebt, allmählich zu erhellen und das Moskauer Fürstentum gewinnt durch glückliche Ariege und durch Erbschaften rasch Macht und Ansehen. Russische Volkstypcn: Ein I"»lschtsä,ik. Als dann Dwau Danilowitsch Ualita ^7,28—^7^0) die bisherige Residenz der Großfürsten, Wladimir an der Uljä'sma, verließ und nach Moskau übersiedelte, dieses durch Anlage des Rreml und zahlreiche große Vauten verschönerte, und als schließlich auch der Metropolit seinen Sitz dorthin verlegte, erlangte Moskau eine so hervorragende Stellung unter den russischen Städten, daß es allgemein als die Hauptstadt ganz Nußlands angesehen wurde. Schwere Drangsale hatte die Stadt bereits in der kurzen Zeit seit ihrer Gründung überstehen müssen; noch schwerere waren ihr in der Folgezeit beschieden. Uamn eine mideiv Stadt hat so viel durch 25rand und plündennm und feindliche Überfälle gelitten wie Moskau, wiederholt ist cs ganz oder zum großen Teil ein» geäschert worden. Schon im I^ahre ^23? hatten es die Tataren unter 25atu niedergebrannt. AIs ^)wan IV. (1527,— i5l^) die Aeaierung antrat, war Moskau bereits fünfmal durch Feuer völlig vernichtet worden, darunter dreimal durch die Tataren. Unter die Regierung desselben Fürsten fallen die beiden Brände des Jahres ^5iH?, 4* --------28 -------- die an verheerender ZDirknna den bekannten Riesenbrand in: ^ahre ^^2 wohl noch übertreffen, wochenlang wütete das Fener, von einem furchtbaren Sturmwind angefacht, in der ineist ans Holzbauten bestehenden ötadt; wer das nackte ^eben rettete, mochte froh fein, denn etwa ^700 Menschen fanden in den Flammen den Tod. Und kanm hatte sich Moskau von diesem großen Unglück erholt, so traf es ein neues: Dewlet Girei, der Chan der Krnn. erschien mit seinen Horden vor den Nlanern, nnd wenn auch der Rreml erfolgreich widerstand, so Schätze des Kreml: Ver silberne Chro». wurde doch die ganze übrige Stadt eingeäschert und Tausende fanden den Tod in den Flammen oder dnrch Feindeshand, So furchtbar war die Verwüstung, daß noch ^5 ^ahre später ihre Spure»« sichtbar waren^ die Nevölkerungszahl war von 200 000 auf 30000 gesunken und die Ausländer, welche den Hof des ,^aren besuchten, staunten nicht minder über den Glanz der Hofhaltung als über die zahlreichen rauchgeschwärzten Ruinen i>l den Straßen der Residenz. Der Rreml bat glücklicherweise, seitdem er mit starken Befestigungen versehen worden, die traurigen schätze des Areml: Vrustkrcnz Monomachs. Schicksale der Stadt nicht mehr geteilt. Uur einmal drohte ihn, noch ernstliche Gefahr: zu Anfang dieses ^ahr« Hunderts, als Napoleon i. in seinen verödeten Sälen sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. I>« seinen Erwartungen, Moskau zum Stützpunkt fernerer Operationen machen Zu können, durch die Einäscherung der Stadt getäuscht und zum Rückzug gezwungen, gab er in ohnmächtiger Wut den Befehl, den lireml in die Qift zu sprengen. Die Ausführung dieses vaudalischeu Vefehls scheiterte aber an der Stärke der Rreml-Mauern. Nur ein unbedeutender Teil des Schlosses wurde zerstört, und noch vor Alexanders I. Negierungsende waren die letzten Spuren der französischen Varbarei bereits verwischt. -------- 50-------- An die Raubsucht des französischen Imperators lvird man auch noch durch das erste Gebäude erinnert, das man erblickt, wenil man sich Moskau nähert: durä? den gewaltigen Glockenturm Iwau der Große im Ureml. Napoleon ivollte das riesige Kreuz, welches die Kuppel des Turmes zierte, herabnehmen lassen, weil man ihm gesagt hatte, es sei aus reinem Golde gefertigt und beim Dolke herrsche der Glaube, daß der Untergang des Kreuzes den Untergang des Reiches nach sich ziehen werde. Lr wollte es als Siegestrophäe nach Paris mitnehmen, aber keiner seiner Ingenieure getraute sich, das Kreuz herabzuholen, ohne vorher feste Gerüste errichtet zu haben, was viel Zu viel Zeit erfordert haben würde. Da erbot sich ein 25auer, die Arbeit auszuführen. An einem Seil erkletterte er die Höhe der Kuppel, erreichte das Kreuz und ließ es an demselben Seil herab. Napoleon behandelte ihn getreu seinem Grundsatz: ^'aime 1a tr.ün«un ot, ^ ky (der große Iwan oder Johann) von den Russen als ein Wunderwerk angestaunt worden, und noch heute ist das Lrste, was der zum ersten Mal nach Moskau kommende Russe mit ehrfurchtsvoller Schen besichtigt, der Glockenturm; für den gemeinen Mann ist er die größte Sehenswürdigkeit der Stadt, zugleich eine Art Heiligtum. Iu der Gsternacht, wenn auf dem platze, den die drei großen Kathe° dralen umschließen, Tausende von Andächtigen mit brennenden Kerzen in den Händen versammelt sind, richten sich alle blicke erwartungsvoll zum Glockenturm empor, bis endlich von ihm der Schlag der großen Glocke erdröhnt, ein Zeichen für alle auderen Kirchen, mit dein Glockengeläute zu beginneu und das Fest der Auferstehung zu verkünden . . . Die große Glocke wird nur zweimal im Jahre in Bewegung gesetzt: iu der Gsternacht und in der Christnacht, Sie ist 66 00(1 Kilogramm schwer und aus dem Material einer kleiner»', welche bei den Sprengungsversuchen im Jahre ^8^2 beschädigt wurde, gegossen worden. Ihr dumpfer Ton ist auch in den entferntesten Stadtgegenden deutlich zu vernehmen. Die Glocke hängt nicht in« Turm selbst, sondern in einem Anbau, welcher von dem Metropoliten f?hilaret errichtet, im Jahre 1.8^2 von den Franzosen in die Luft gesprengt, später aber wieder vollständig hergestellt wurde. Außer ihr befinden sich dort noch die 55 000 Kilogramm schwere Meßglocke, unter der Regierung des Zaren Michael Feodorowitsch gegossen, welche nur an den höchsten Festtagen geläutet wird; die ^7 000 Kilogramm schwere Sonntagsglocke; die zum alltäglichen Geläute verwendete Glocke im Gewicht von ^5 000 Kilogramm. Von der Riesengroße dieser Glocken kann man sich erst dann eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß die berühmte Kaiserglocke im Kölner Dom kaum 9000 Kilogramm wiegt! Sie werden aber alle noch übertroffen durch den 200 000 Kilogramm schweren, 60 Fuß im Umfang und ^ Fuß in der Höhe messenden Zar Kc'ilokol (Glockenkönig). Der Zar K<',lokol ist die größte Glocke der U)elt, aber er war nie mehr als ein Schaustück. Sein eherner Mund hat noch nie gesprochen. In Folge verfehlter Berechnungen — die Glocke ist am Rande doppelt so stark als in der Mitte — mißlang der Guß und iu dein dünnern Teil entstanden zahlreiche Risse, so daß man gleich von vornherein darauf verzichtete, die Glocke im Turm aufzuhängen. Sie wurde am Fuße desselben unter einem Holzdach aufgehängt und blieb dort, bis das sie tragende Gerüst, entweder bei dem großen brande von ^75? oder weil das Holz morsch geworden war, zusammenbrach und die Glocke herabstürzte, wobei das mehr als mannsgroße Stück herausbrach, das noch heute neben ihr liegt. Fast huudert Jahre lang blieb sie uun allen Einsiüssen der INitterung schutzlos preisgegeben und sank immer tiefer in den durch Regengüsse aufgeweichten ^oden, so daß sie schließlich fast gar nicht mehr sichtbar war. tück au sie angelehnt, neben ihr liegend ein ^7 Fuß lauger Klöppel, der aber zweifellos zu eiuer audern kleinern Glocke gehört hat, deuu für deu Zar K6lokol wäre er trotz seiuer Größe doch uicht groß genug gewesen. Die Ornamente sind nur teilweise von dem Formenlehm gereinigt; da mau gleich uach dem Guß von der Uubrauchbarkeit der Glocke sich überzeugte, unterließ mau die Abputzung, die erst, soweit sie heute bewerkstelligt ist, durch Montferrant erfolgle. Eine bloßgelegte Inschrift auf der Glocke besagt, daß sie aus dem Metall einer unter dem Zaren Alexei Michailowitsch (1.6^5) hergestellten, 8000 Pud (altes russisches Gewicht) schweren Glocke, die bei einem brande den Klang verloren, gegossen worden sei, wobei noch 2000 Pud zugefügt wurden. Mehr als solche wortkarge Glockeninschrifteu weiß die Geschichte aus der Vergangenheit der Glocken, des Glockenturmcs und seiner Umgebung zu erzählen, hier im Kreml hat ^a ^edes Fleckchen Erde seine interessante Geschichte. Auf dein platz, auf welchem der Zar K.Uokol steht, wohnten zur Zeit der Mongolen-Herrschaft die Naskaken, Beamte des Chans, die darüber zu wachen hatten, daß seine Vefehle genau ausgeführt wurdeu. In dem Anbau au den Iwan weliky, wo die großen Glocken hängen, befindet sich eine Kapelle des heiligen Nikolaus von Gostun, die in einer Geschichte der Aufklärung iu Rußland gewiß nicht unerwähnt bleiben Alter Galan'^n'n dcr ,^äre!l. wird, denn ei» bei dieser Kapelle angestellter Diakon, Iwan Feodoroff, war der erste Buchdrucker Rußlands, aber seine schwarze Kunst trug ihm keine goldenen Früchte, er wurde der Hexerei angeklagt und starb in der Verbannung. Die Kapelle des heiligen Nikolaus von Gostun aber kam später noch zu hohem Ansehen: Zar Peter der Große begab sich stets, bevor er in deu Krieg zog, nach Moskau, um dort in der Nikolaus-Kapelle den Schutz des heiligen zu erstehen. Reich an Erinnerungen ist anch der platz, dcr sich vom Zar K«',lokol nach dein Tschndoff-Kloster hin erstreckt, die Iwnnowskaja pl^stschad (Johannisplatz). 3ie ist ein blutgeträukter 35oden, denn hier war in alten Zeiten die Richtstätte, auf der bis zum Jahre ^s,8.') die Hinrichtungen stattfanden; hier wurden auch die Verordnungen der Zaivn durch öffentliches verlesen bekannt gemacht, und wer einen Kauf- oder Mietvertrag abschließen wollte, der waudte sich an die dazu bestellten Veamten, die sich hier anfhielten. Line fast unerschöpfliche Fülle geschichtlicher Erinnerungen bietet aber der links vom Iwan lveliky gelegene, mit Steinplatten belegte und mit einem Gitter eingefaßte platz vor den drei Kathedralen. Da liegt zunächst der Uspönsky öobc'ir (Mariä-Hinm«elfahrts-Kathedrale) vor uns. ^)n dieser Kirche wurde der Metro» polit Isidor, der nach seiner Rückkehr vom Florentiner Concil hennliche Verbindungen mit Rom unterhielt und die Unterwerfung der griechischen Kirche unter das papsttun, anstrebte, im Jahre ^^0 vom Zar Wassili dem Geblendeten feierlich abgesetzt und in den Kerker geworfen — in derselben Kirche donnerte später ein ___I2 ___ anderer Metropolit, Philipp, in: Iahre ^5<><) unerschrocken gegen die Greuelthaten Iwans dos schrecklichen nnd verweigerte ihn» seinen öegen, welche kühne That er mit seinen: teben büßte — und hier wurde auch, nach langer „schrecklicher, kaiserloser Zeit" ^6^3 Michael Feodorowitsch aus dein Hause Romanoff zum Zaren gewählt. Der llsv^nsky 5ob<',r ist die berühmteste unter allen Kathedralen Moskaus, ja des ganzen russischen ^chätzi' des ^llvml: Rronc d^s Zaren Michael Feodorowitsch. Reiches, denn in ihn, werden seit mehr als 7>Ul) Jahren die Beherrscher Rußlands gesalbt und gekrönt. Der erste hier gekrönte Zar war Iwan der Schreckliche (^7). Unter seinen: Großvater, Iwan III., war der pracht» volle Dom erbaut worden. Da sich die einheimischen Vaumeister der ihnen gestellten Aufgabe nicht gewachsen Zeigten und der vo„ ihnen schon fast vollendete ^5au bei einem Lrdbeben plötzlich zusammenstürzte, sandte der Zar 5ic Nimmelfcchrtskirchc (N5p6,,sky 5ob«'n). >'^ Zar eine Gesandtschaft an den Dogen von Venedig, welche von ihm einen Baumeister erbitte« sollte, Ridolfo Fioravcnti aus Bologna, bekannt dadurch, daß er in seiner Vaterstadt eincn Glockenturm nach einein 55 Schritts entfernten platze versehte, folgte dem ehrenvollen Ruf, der an ihn erging, und vollendete in vier fahren den großartigen Prachtbau. Er schuf, sagt mit gerechten: Stolz der Chronist, eine Kirche, bewundernswert durch ihre Größe und Höhe, wie es ihresgleichen in Rußland bis dahin noch nicht gab. jedenfalls hat cr sich redlich bemüht, der ihm erteilten Weisung, sich streng an inländische Vorbilder Zu halten, nachzukommen, aber völlig vermochte er sich doch nicht von den abendländischen Regeln zu emanzipieren, So kam es, daß in der Kirche Eigentümlichkeiten der Renaissance, romanischer, byzantinischer und tatarischer Vauweise durcheinander schwirren und es dem Auge bis hinauf zu der Kuppel von persischer Zwiebelform an der sichern Leitung einer einheitlichen Geschmacksrichtung fehlt. In ihrem Innern aber bietet sie in erdrückender Überfülle alles, was der Russe von einem Gotteshause beansprucht: blendende Pracht, Gold- und Silberschmuck, Vilder aus der biblischen Geschichte und wilder der Heiligen, auf Goldgrund gemalt, die hier nicht nur die wände, sondern auch die Säulen bis empor zu den Kapitalen bedecken, und in dem riesigen Raum Grabesstille und ein mystisches Halbdunkel, welches die Phantasie erregt und die zur Andacht gestimmte Seele mit ehrfurchtsvoller Scheu erfüllt. Die Ikonostas, die mit Heiligenbildern geschmückte wand, die sich in griechischen Kirchen vor dem Allerheiligsten erhebt, glitzert und funkelt von Gold und Edelsteinen. Zahllose Edelsteine schmücken auch das Palladium des Reiches, das angeblich von dem Evangelisten Tukas gemalte 25ild der Mutter Gottes von wladjimir, dessen Anwesenheit in der Schlacht (^5^)5) der Sieg über die Mongolenhorden Timurs zugeschrieben wird. Der wert der Einfassung des vildes wird auf 650 000 Mark geschätzt. Und derartige Kostbarkeiten besitzt die Kirche in Menge. In der Sakristei zeigt man kostbare Kirchengefäße, mit perlen und Edelsteinen verzierte altertümliche Gewänder, wertvolle Evangelien, darunter ein von Natalia Naryschkin, der Mutter Peter des Großen geschenktes, im werte von 200 000 Silber-Rubeln, und andere Schätze. Solcher Reichtum hat natürlich auch die Raublust fremder Eroberer gereizt. Als von ^6^0—1^3 die Polen in Moskau herrschten, wurde die Himmelfahrtskirche wiederholt durch Plünderung heimgesucht; mehr noch litt sie aber im Jahre 1^81.2. Vei der eiligen Flucht vor den anrückenden Franzosen war nur ein geringer Teil der Schätze der Kathedrale, nur das Kostbarste in Sicherheit gebracht worden; was man zurücklassen mußte, wurde von den eindringenden Siegern geraubt. Der Verlust, den die Kirche bei dieser Plünderung erlitt, wird auf 5500 Kilogramm Silber und 500 Kilogramm Gold berechnet. So groß dieser Verlust war, so vermochte er doch das Ansehen, welches die Kathedrale genoß, nicht zu mindern, denn dasselbe beruhte weniger auf den großen Schätzen, welche sie besaß, als auf ihrer im ^aufe von Jahrhunderten erworbenen Bedeutung als Krönungskirche. Wer da weiß, wie tief und fest der monarchische Sinn im Herzen des russischen Volkes wurzelt, der wird auch das hohe Ansehen ermessen können, welches eine Kirche bei diesem Volke erlangen mußte, in der die kaiserliche Macht durch die Krönung und Salbung die göttliche weihe erhält. Zeigt sich doch das Zarentum nirgends so von allem Glanz der Krone umgeben nnd nirgends tritt die Erhabenheit des Selbstherrschers so zu tage wie bei den Feierlichkeiten, deren Schauplatz am Krönungstage der Uspunsky Sobur ist. Der Kreml ist an diesem Tage nicht wiederzuerkennen. Der Ritter, der das schlummernde Zauberschloß zu neuem teben erweckt, ist erschienen, und Schloß und Stadt prangen in festlichen» Schmuck. Die Kunde von der bevorstehenden Zeremonie der „Vermählung des Zaren mit dem russischen Volke" ist in die fernsten Gegenden des Reiches gedrungen, und Tausende und aber Tausende hat diese Kunde herbeigelockt, die alle den Zar, das „Väterchen", wie ihn das Volk noch immer in altpatriarchalischer Weise nennt, an seinem Ehrentage von Angesicht Zu Angesicht sehen wollen. Und allen wird Gelegenheit zur Erfüllung dieses Wunsches geboten, denn während der Festtage bewegt sich der Zar unablässig inmitten des Volkes, bald zu Fuß, bald zu Pferde oder zu wagen, und auch am Krönungstage selbst wird das Volk ohne Unterschied der Standes zu den Festlichkeiten in» Kreml zugelassen. An l>0 000 Eintrittskarten sind am Abend vorher in den Straßen der Stadt verteilt worden, und die Vorweisung derselben beim betreten des Kreml wird nur verlangt, um dort allzu großen Andrang zu vermeiden, durch den die freie Entfaltung des imposanten Krönungszuges gehindert werden könnte. 5* schätze des Areml: Kren' di,'s Zarcu In'.nl Alol^jcwitsch. Reichs 3^'ptcr. ^iwnischo und Iwläiidischc l^ellne. währciid nun in TNoökau l^undcrttauscnde in freudiger Lnvarwnci dcu Fostli6^kcitcn entgegensehen, l^at der Zar bereits das etwa 5 Kilometer von Moskau entfernte, an der alten f?ctersdnrger Sliaße gelegene Schloß j?ctrow2k^' bezogen (siehe die Titelvignette S>oitc 9), wogegen die Großfürsten nnd der größere Teil des -------- 3? -------- Hofstaates, zu deren Unterbringung das schloß zu klein ist, in Moskauer Palästen ein Unterkommen gefunden haben. <3rst am dritten Tage nach seiner Ankunft im Schlosse bcgiebt sich der Zar in feierlichen« Zuge in die Stadt. An der INoskreMnsky-Oforte vom Kommandanten des Kreml empfangen, verläßt er den N>agen und begiebt sich zu Fuß in die Iberische Kapelle, wo er der Messe beiwohnt und vor dem berühmten wunderthätigen Marienbild seine Andacht verrichtet. Dann bewegt sich der Zug Zu den Kathedralen des Kreml, vor denen Schatze des Areml: Crllor des Z^ren Alcxei !Nichailowitsch. der Senat den Zar erwartet und der Metropolit von Moskau ihn begrüßt, und nachdem der Zar in der Erzengelkirche an den Gräbern seiner vorfahren gebetet, geht es weiter zur berühmten roten Treppe. Am Fuße derselben wird dem Zar nach alter russischer Sitte Vrot und Salz als willkommgruß gereicht. Er steigt mit der Kaiserin die Stufen der Treppe hinan, begrüßt von oben herab dreimal das Oolk und betritt den Palast. Der erste Akt des glänzenden Schauspiels ist zu Ende. Am nächsten Tage findet auf der Zarskaja M,5tschad (Zarenplah) eine ^vevue über die aus Anlaß -------- 7.8 dcr Krönung in Moskau zusannnengezogenen Truppen statt, und am zweiten Tage nach den: Einzug wird durch Herolde iu mittelalterlicher Tracht der Tag der Krönung angekündigt — zunächst im Kreml, auf dem f)Iatzc vor dem Senatsgebäude, wo der verlesene kaiserliche Erlaß iu taufenden von Exemplaren unter das Volk verteilt wird, dann auf dem roten Llatz, und so weiter durch die Stadt, auf jedem f)latz, an jeder Straßenkreuzung, bis die Herolde die ganze Stadt durchzogen haben. Endlich bricht der sehnsüchtig, mit fieberhafter Ungeduld erwartete Tag an. Tauseude lagern auf den Straßen, wo sie die Nacht unter freiem Himmel zugebracht, da sie in der überfüllten Stadt kein Gbdach mehr finden konnten — in lautlosein Schweigen, noch starr von der Nachtkälte, plötzlich kommt Leben und Vewegung in die Menge. Kanonendonner ertönt vom Kreml, die Glocken des Iwan weliky schlagen an, und alsbald stimmen alle Glocken der H00 Kirchen Moskaus im Chor mit ein. Aber noch lange Zeit muß die schaulustige Menge ihre Ungeduld zügeln, bis sich endlich der Krönungszug ordnet und in Bewegung setzt — eine bunt schillernde und glitzernde, unabsehbare Reihe von goldstrohcnden Uniformen, altertümlichen Kostümen und malerischen Volkstrachten, zwischen denen unter einem von Generälen getragenen Baldachin der Zar und seine Gemahlin daherschreiten. An der großen Pforte des Uspönsky Sob6r empfängt der Metropolit von Moskau die Majestäten, reicht ihnen das Rreüz zum Kuß, und die Metropoliten von Nowgorod und St. Petersburg besprengen sie mit Weihwasser. Nachdem das Zarenpaar sich auf den für dasselbe bestimmten Thronen niedergelassen hat, tritt der Metropolit von Moskau wieder vor und fragt den Zaren nach seinem Glauben, welche Frage dieser dadurch beantwortet, daß er mit lauter Stimme das Nicänische Glaubensbekenntniß spricht. Hierauf beginnt ein feierliches Hochamt, bei welchem den» Metropoliten von Moskau zwölf Erzbischöfe assistieren, während das Evangelium gelesen wird, steigen die Metropoliten von Moskau, Nowgorod und St. Petersburg zum Thron empor und bekleiden den Zar mit den, kaiserlichen Grnat und der Metropolit von Moskau spricht den Segen über ihn. Dann verlangt der Kaiser die Krone. Sie wird ihm überreicht, und er setzt sie sich selbst auf das Haupt. In gleicher weise nimmt cr Szepter und Reichsapfel in Empfang, und Glockengeläute, Trompetengeschmetter und Kanonendonner verkünden dem draußen harrenden Volke, daß sein Herrscher gekrönt ist. Nun erhebt sich die Kaiserin und kniet vor ihrem Gemahl nieder, der die Krone einen Augenblick vom Haupte nimmt, mit ihr leicht das Haupt der vor ihm Knieenden berührt und sie daim mit der kleinen Kaiserinnenkrone krönt. Nachdem die Kaiserin sich erhoben, drängen sich die Großfürsten und die höchsten Würdenträger heran, um dem gekrönten Aaar ihre Glückwünsche darzubringen, während die Messe ruhig ihren Fortgang nimmt. Aber noch ist ein wichtiger Teil der Krönungsfeier zu vollziehen: die Salbung mit dem heiligen (!)l. Zwei Erzbischöfe nähern sich den Majestäten und geleiten dieselben zum Altar, wo der Metropolit von Moskau zuerst den Zar — an Stirn, Augen, Nase, Mund, Ghren, Vrust und Händen — dann die Zarin, diese jedoch nur an der Stirn, salbt, womit die Krönung vollzogen ist. Der Krönungszug ordnet sich wieder und kehrt durch die jubelnde, Spalier bildende Menge hindurch in den f?alast zurück. Die jetzigen Krönungszeremonien sind in ihrer ursprünglichen Anlage auf Iwan III. zurückzuführen; früher, namentlich unter der Mongolenherrschaft, erfolgte die Thronbesteigung in viel einfacherer Weise: die Geistlichkeit zog dem Großfürsten mit den Heiligenbildern entgegen und geleitete ihn in die Kirche, wo er sich auf dem fürstlichen Sitz niederließ und den Eid der Treue empfing. Erst Iwan III. führte bestimmte Zeremonien ein, die später fast von jedem seiner Nachfolger vermehrt wurden. Der erste, der nach dem neuen Krönungszeremoniell gekrönt wurde, war Dimitri, der Enkel Iwan III., dem dieser damals noch mit Über-gehung seines jünger,, Sohnes wassily die Nachfolge überlassen wollte, welchen Alan er jedoch zum Glück für Rußland, das dadurch vor eincr neuen Doppelherrschaft bewahrt blieb, später entsagte. Damals (im Jahre ^l)tt) ging die Krönung in folgender weise vor sich: Der Zar führte den fünfzehnjährigen Dimitri in die Himmelfahrtskirche, wo sie der Metropolit empfing, welchen: nach einen: gemeinsamen Gebet Iwan mitteilte, daß er seinen Enkel zum Großfürsten von wladjmur, Moskau uud Nowgorod ernenne. Auf Geheiß des Metropoliten trat der f?rinz vor ihn hin, der Metropolit legte die Hand auf sein Haupt und segnete ihn. Dann bekleidete ihn Iwan mit dem Krönungsmantel, del, ihn: die Archimandrite» reichten, und setzte ihn: die Krone auf. Eine Messe schloß die Feier, worauf sich der Orinz noch mit der Krone auf den: Haupte in die __......^. ^:^ _____ Erzengelkirche und den Alagow^'stschensky Sob'^r begab, um dort an den Gräbern seiner vorfahre», und vor dm berühmten Heiligenbildern zu beten. Diese einfache Krönungsfeier erfuhr aber schon mitcr Fedor Iwl>,no-witsch (1.58H—^5Y8) wesentliche 2lbänderungen: dem Zaren wurde cm Szepter überreicht, der Metropolit salbte ihn mit dem heiligen Gl, rechte ihm die Sakramente und hielt auch eine Alisprache an ihn, in welcher er die pflichten des Herrschers betonte. Diese Krönung hat dann allen folgenden Herrschern als Vorbild gedient, und aus ihr hat sich allmählich das oben von uns geschilderte Zeremoniell entwickelt, welches noch bei der letzten Krönung beobachtet wurde, die im Uspimsky Sob«'>r stattfand, bei der des Kaisers Alezander II. im Jahre ^85ss. In nicht zu ferner Zeit wird die ehrwürdige Kathedrale wohl abermals ein erlauchtes paar durch ihre Pforte einziehen sehen und für wenige stunden die in ihr herrschende Grabesstille dein festlichen Gepränge einer Krömmgsfeier weichen müssen, Für wenige Stunden — denn sobald das seltene Schauspiel vorübergerauscht, tritt im Nsplmsly Sobür die Vergangenheit wieder ganz und voll in ihre Rechte ein. Die tobenden treten von der ^iihne ab, die Toten nehmen ihre Stelle ein. Die Krönungskirchc trilt, mutmaßlich für lange Zeit, in den Hintergrund, und der l^mi>0 5nnU) der Höchsten Geistlichkeit des Reiches nimmt das Interesse des Vesuchers für sich in Anspruch. Hochgelehrte und durch Frömmigkeit ausgezeichnete Männer ruhen hier. Die Metropoliten Moskaus, die so oft in dieser Kathedrale auf steinernem Thron, von allcm Glanz ihrer würde umgeben, gesessen, haben unter den Steinplatten, über die wir wandeln, ihre letzte Ruhestätte. An Grabdenkmälern ist übrigens im Kreml, der so viele Erinnerungen an seine glorreiche Vergangenheit umschließt, kein Mangel; man findet sie auch in den anderen Kathedralen und Kirchen. Der Archangölsky Sobor (Erzengelkirche), die Zweite der drei großon Kreml-Kathedralen, war bis ans Ende des ^7. Jahrhunderts die Negräbniskirche des russischen Herrscherhauses. Sein Erbauor, Großfürst Johann Kalita, eröffnet selbst die stattliche Reihe von 5,2 bärgen der Angehörigen seines Geschlechtes, welche hier von ^7>^()—!^)l)6 ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Freskogemälde an den wänden zeigen uns die wilder der Großfürsten und Zaren, und goldene Tafeln künden uns ihre Namen. Es sind nur wenige unter ihnen, die auch außerhalb Rußlands bekannt sind, aber gar manche waren zu ihrer Zeit hoch berühmt. Gewaltige Helden und sieggewohnte Heer' führer sind darunter. Ihre Reihe schließt ein bedauernswerter Jüngling, Iwan, der geistesschwache Vruder Peter des Großen. Nach ihm wurde nur noch ein Romanoff in der Erzengelkirche begraben: Peter II., im Jahre ^77,0. Die folgenden Herrscher ruhen alle in der Kathedrale der Peter-Pauls-Festung Petersburgs. Die Grabdenkmäler stehen in hohem Ansehen beim Volke, Stets trifft man Andächtige ill ihrer Nähe, und auch die Zaren kamen früher häufig hierher, um an den Gräbern ihrer vorfahren zu beten oder bcvor sie in den Krieg zogen den Veistand des Führers der himmlischen Heerscharen, des Erzengels Michael, Zu erflehen. Die von Johann Kalita erbaute Erzcngelkirche war noch ein Holzgebäude; den fetzigen ^au ließ an der stelle des alten im Jahre ^."il),') Iwan III. durch einen Mailänder Baumeister Namens Aloisio aufführen, dein die benachbarte Himmelfahrtskirche als Vorbild diente, das er allerdings nicht erreichte. Ein werk desselben Baumeisters ist auch die dritte Kreml-Kathedrale, der VlagowMschensky Sob,'>r (Kathedrale zu Maria Verkündigung), der gleichfalls die stelle einer alten, unter dem Großfürsten wassily ^7,H7—^^s> erbauten Holzkirche einnimmt. Iwan III., dessen Streben dahin ging, alle Holzbauten im Kreml durch feuersichere Stcingebäude zu ersehen, ließ diese Kathedrale in den Jahren ^80—1/)0tt erbauen. Auch bei ihr hat der Usp^nsky Sob<»r als Vorbild gedient, doch erhielt sie statt fünf Kuppeln noun. Die innere Ausschmückung der Kirche ist eine so absonderliche, daß sie in der ganzen Christenheit nicht ihresgleichen habeil dürfte: man erblickt nämlich zwischen den Heiligenbildern, welche die wände bedecken, die Porträts vieler heidnischen Philosophen und Forscher, so den Aristoteles, Thukydides, Plutarch u. A. An Gold, öilber und Edelsteinen ist auch hier kein Mangel. Mit kostbaren Einfassungen von perlen und Edelsteinen geschmückte wilder zieren die Ikonostas, und die zum Allerheiligsten führende Thür ist aus massiven» Silber gefertigt, augeblich z96 Kilogramm schwer. Der ^lagowj.'i'tschensky 5ob«'>r war über 200 Iahte lang die Hofkirche der russischen Herrscher; in ihn» wurden die Großfürsten durch die Taufe in dcn Schoß der Kirche aufgenommen, hier empfingen sie das heilige Abendmahl, hier verband sie der ^egen des Priesters mit der erwählten Vraut. «Line Erinnerung an die frühere Nedentung dcr Kirche sind die 60 Vrustkreuze von Großfürsten und Hären, die an einem Pfeiler befestigt sind. Ein Korridor verbindet heute noch die Kirche mit dem Palast; die Zarinnen und die Prinzessinnen pflegten sich früher durch denselben aus ihren Gemächern nach dem Chor zu begeben, wo sie dem Gottesdienst beiwohnten. Dieser Korridor erinnert an eine der traurigsten Erbschaften, welche die Bussen aus der Zeit ihrer Knechtschaft unter mongolischem Joch in ihren Einheitsstaat mit hinübernahmen: die Ausschließung der Frauen vom öffentlichen Leben. Vis ans Ende des ^7. Jahrhunderts war in Rußland auch bei den höheren Klassen das tos der Frauen nicht viel besser als das der in den Harem eingeschlossenen mohamedanischen Frauen. Fast ohne alle geistige Bildung, von Jugend auf in den Franengemächern des väterlichen Hauses vor allen I>ie Erlöscrkn'chc hintcr dom gcldl'M'n ^ittcr. Die Crzengolkirche (Archaitgslsky 5ob<'r). q5 Mänueraugen sorgfältig verborgen, erlangte das Mädchen auäz durch die Heirat keine größere Freiheit, sondern wechselte nur die Gemä6^er, in denen sie nach wie vor zu einem einförmigen Einsiedlerleben verdamntt blieb. Bei Gastmählern erschien die Frau nur, um die Gäste zu begrüßen, zog sich aber, nachdem sie ihnen einen Becher wein kredenzt, sofort wieder in ihre Gemächer zurück. Mit ganz besonderer Sorgfalt wurden aber die Zarinneu und die Prinzessinnen des Zarenhauses bewacht, so daß nur wenige Männer sich rühmen konnten, je ihr Antlitz gesehen zu haben. Als die Gemahlin des Zaren Alerei krank wurde und ein Arzt zu Rate gezogen werden mußte, wurde dieser »licht früher in das Zimmer der Rranken eingelassen, als bis alle Fenster dicht verhängt worden waren, und beim pulsfühlen durfte er nicht den bloßen Arm berühren, wenn die Zarin ausfuhr, geschah dies stets in verschlossenen: wagen, hinter dessen dichten vorhängen verborgen sie wohl Alles sehen, aber nicht selbst gesehen werden konnte. Noch steht jener Teil des alten Zarenpalastes, in dem sich die Frauengemächcr befanden, der tenwmy sumok. Er bildet die nördliche Hauptseite des Rreml-Palastes. Man zeigt dort noch das sog. „goldene Gemach", welches der Zarin zum Aufenthalt diente, ein niedriges, düsteres Zimmer mit schmalen Fenstern, durch welche das Tageslicht nur spärlich einzudringen vermag, die wände mit stark nachgedunkelten wand» Malereien auf Goldgrund bedeckt. Es war eiu Aufenthalt, passender für eine Nonne, die bei Gebet und Uasteiungen ihr Teben einsam beschließen will, als für die Fürstin eines mächtigen Reiches, aber die Zarinnen fanden sich in ihr 60s, ohne sich durch dasselbe gedrückt zu fühlen, prinzessinneu aus fremden Fürsteuhäusern würden allerdings ein solches Leben unerträglich gefunden haben, aber seit wassily Iwänowitsch bis auf Peter deu Großeu heirateten die russischen Herrscher nur Töchter ihrer Unterthanen, die von Kindheit au die Einsamkeit der Frauengemächer gewöhnt waren. Gewöhnlich brachte der Adel au einen« bestimmten Tage seine Töchter nach Moskau, wo der Zar, ohne nach der Abstammung zu fragen, diejenige durch Überreichung eines Taschentuches zu seiner Gemahlin wählte, die ihm am besten gefiel. So kam es, daß sehr viele der russischen Adels-geschlechter mit dem Herrscherhause verschwägert waren- die Dolgorukis, Naryschkins, Apraxius, Soltykoffs, Topuchins und viele andere. Die erste Zarin, welche die durch das Herkommen ihrer Freiheit gezogenen schranken zu durchbrechen suchte, war die zweite Gemahlin des Zaren Alerei, die schöne Natalia Narvschkin, die Mutter Peter des Großen. Hie erlangte vou ihrem sanften Gemahl sogar die Erlaubnis, ihn in offenem wagen nach dem Troihky-Uloster begleiten zu dürfen, was ungeheures Aufsehen erregte. Als sie aber später den Wunsch äußerte, dem Empfang der Gesandten des deutschen Aaisers Leopold beizuwohnen, welche im Jahre ^s,75 am Zarenhofe erschienen, mußte sie sich doch damit begnügen, daß ihr Gemahl ihr gestattete, in einem Gemach ueben dem Audienzsaal den Verhandlungen zu lauscheu und durch kleine Köcher, welche man in der Thür angebracht hatte, das sie interessierende Schauspiel zu betrachten. Dergleichen war übrigens am Zarenhofe uichts Neues. In den, alten Audienzsaal der Zaren, in der auch noch erhaltenen granowitaja paläta (Facetten» Palast, so genannt nach den facettierten Steinen, aus denen seine Mauern besteheu) befindet sich über der Eingangsthür ein kleines Fenster, durch welches die Zarinnen und Zarmvnen mit ihrem Hofstaat aus dem „Tainjik" (geheimes Versteck) die unten stattfindenden Festlichkeiten mit anzusehen pflegten. Dieser Audienzsaal war einst eine der größten Sehenswürdigkeiten des Ureml; die Gesandten und die Ausländer, welche hier den am Ende des 1.7. Jahrhunderts an» Zareuhofe herrschenden orientalischen Qirus und die eigenartige Hofetikette kennen lernten, wußten nicht genug des Rühmenden von diesem Saale zu erzählen, wenn mau durch die schwere, reich mit Holzschnitzereien und Vergoldung verzierte, noch jetzt vorhandene Thür eintrat, gewahrte mau zur Rechten den Thron des Zaren. An derselben Stelle steht auch jetzt noch unter einem Thronhimmel der kaiserliche Thron, auf welchem der Kaiser nach der Krönung dem Bankett beiwohnt, zu welchen, uur die höchsten Würdenträger und Vertreter fremder Mächte geladen werden. Dem Thron gegenüber befindet sich eine Estrade für die Musiker. In der Mitte des Saales erhebt sich ein mächtiger Pfeiler, auf welchem das Gewölbe ruht. während der Anwesenheit des Raisers find auf Gestellen, die um diesen Pfeiler angebracht sind, kostbare Geräte aus der Schatzkammer zur Schau aufgestellt. Früher waren die wände mit Freskomalereien bedeckt; jetzt sind sie mit dunkelrotem Sammet überzogen, in welchen goldene Adler ______HH ______ geflickt sind. ilber den breiten, hohen Fenstern mit altertümlicher Glasfassung prangen mit Kronen geschmückte kappen, und von den Rosetten dor Vogenwölbungeu hängen massive Campen herab. Die granowitaja paütta wurde i>n ^ahre ^9^ unter ^wan III. durch !Narco Fresini erbant, einen der vielen Architekten, welche nach Iwans Vermählung mit der griechischen Prinzessin Sophia an den Hof berufen wurden. Durch die swjat^e sjenv, die heilige Vorhalle, so genannt nach den an ihren INänden befindlichen Heiligenbildern, gelangt man aus der granowUaja paläta auf die von uns schon erwähnte rote Muttergottesbild !n der Crzengelkirche. Treppe (krasnoje krylzci), vou welcher der ^ar bei seinem ^rönungszug das Volk begrüßt. Durch den an die heilige Vorhalle grenzenden IVladjimir-Saal, einen der fünf Grdenssäle des Palastes, erreicht man eine andere Treppe, die in der Geschichte des Kreml eine wichtige Rolle spielt, die Schlafzimmer.Treppc (postülnoje krylz/,). Hier versammelten sich am 2Norgen die ,;ur nächsten Umgebung des ,)aren gehörigen Vojareu und Hofbeamten, um den Herrscher, sobald er sich vom Lager erhoben hatte, zu begrüßen, und die an die Schlafzimmer-Treppe stoßende Bojaren-Terrasse (NoM-skaja plostsch^dka) war tagsüber ein ^endez-oousplatz der Bojaren, wo sie Neuigkeiten austauschten und von den Erlasse» des Zaren, für deren Bekanntmachung damals noch keinc Zeitungen sorgton, Renntnis erhielten. An das hier befindliche sog. goldene Gitter (solatia reschotka) knüpft sich eine interessante Erinnerung. Der Zar Alexei Michailowitsch hatte den Ausländern de»> Handel in den Städten des russischen Vinnenlandes untersagt und sie auf den Hafen von Archangelsk beschränkt. Als infolge dc,sen die Silbereinfuhr aufhörte, sah man sich gezwungen, Kupfermünzen zu prägen, die Zwangskurs erhielten und zu Silberwcrt angenommen werden sollten. Darüber empörte sich das schon lange wegen drückender Steuern unzufriedene Volk. Der Aufstand wurde zwar unterdrückt, aber der Zar hielt e5 doch für geraten dem Unwillen des Volkes nachzugeben und die Kupfermünzen einzuziehen. Ans den, Metall derselben wurde m, Jahre ^i70 das goldene Gitter gegossen. Nach ihm heißl die hier im Jahre ^,Zt, erbaute frühere Haus» kirche d^r Zaren „Lrlöserkirche hinter dem goldenen Gitter", Spas sa solotm resch«'itkoi (Siehe Seite 4s>). NrölttMgsfelerlichkeiteu: l'^rolde vcrfiliid^n don Clig der Krönung. Ivir steigen nnn zu,n sog. ^elvedöre-palast empor, den im Jahre ^636 der Zar Michael Feodorowitsch erbauen ließ. von außen ein ziemlich geschmackloses Bauwerk, ist er in, Inneru eiu wahres Juwel für deu Altertumsfreund, ^olvie ,nan seine Gemächer betritt, welche das durch gefärbte Fenster eindringende ticht magisch beleuchtet, glaubt man sich in die längst geschwundeue Vergangenheit zurückversetzt. Nichts ist bier geändert, alles ist in demselben Zustand erhalten und au demselben platze gelassen worden, an dein es sich befand, als an, 27. April 1/,tt2 hier der Zar Feodor AlexHcwitsch die Angen für immer schloß, vor den, Thronsessel in, Kabinett des Zaren liegt noch dcr Teppich, welchen die Töchter des Zaren selbst gearbeitet habeu sollen; im Schlafzimmer sieht man hinter einem schweren öeidenvorhang von chinesischer Arbeit das mit Schnitzereien verzierte hölzerne Aelt, auf welchen: dcr Zar starb; und das Speiseziimner schmücken noch dieselben Gemälde — Heiligenbilder und Porträts -— die schon vor fast 250 Jahren sich hier befanden. Mächtig holländische Kachelöfen und niassive Möbel aus Eichenholz, die Stühle in neuerer Zeit mit rotem Sammet überzogen, sind auch noch Überbleibsel aus alter Zeit. Auf einer schmalen Wendeltreppe gelangt »nan in eine Mansarde. In dieser wohnten die Söhne des Zaren, welche das Herkommen zu einem ähnlichen Einsiedlerleben verdammte wie die Zarinnen und Prinzessinnen, Sie wuchsen im Palast auf, ohne denselben jemals zu verlassen; nur der Thronfolger trat nut dem achtzehnten Lebensjahre in die (Öffentlichkeit. Ihre Tage besserte sich erst nach dem Tode des ältesten Sohnes des Zaren Alexe», als die Ärzte darauf hinwiesen, daß die Ursache seines Todes nur die verkehrte, unzweckmäßige Erziehung der Prinzen sei, worauf der Zar auch seinen jüngeren löhnen größere Freiheit gestattete. An dem „roten Fenster" des Thronzimmers wurde zur Zeit des Zaren Alexei ein Rasten angebracht, der zur Aufnahme von Bittschriften diente, die man direkt in die Hände des Zaren gelangen lassen wollte. Schon früher bestand zur Entgegennahme von Vittschriften eine eigene 2)ittschriften-Kammer, welcher auch alle jene Gesuche überwiesen wurden, die der Zar bei Ausfahrten oder ill der Kirche selbst in Empfang nahm; durch die von Alexei getroffene Einrichtung wurde aber der perkehr des Volkes mit seiuem Fürsten wesentlich erleichtert. Bittsteller hatteu nun nicht mehr nötig, auf dem Umwege über die Frauengemächer, den Herd zahlloser Hofintriguen, die Erreichung ihrer wünsche anzustreben und durch Vojarenfrauen der Zarin ihre Bittschriften zur Weiterbeförderung an ihren Gemahl übergeben zu lassen. Solche Erinnerungen an vergangene Zeit werden beim Durchschreiten des alten Teiles des Kreml-Palastes auf Schritt und Tritt in uns erweckt; sie sind unzertrennlich von dein alten Vau, sie bilden aber auch seine wesentlichste Anziehungskraft. Der neuere Teil des Schlosses vermag darin mit dem alten nicht zu wetteifern; er hat keine Geschichte, keine interessante Vergangenheit, und nur durch die Fracht der Ausstattung seiner Säle fesselt er den Besucher. Dieser, der Moskwa zugekehrte Teil des Schlosses wurde im Jahre ^8^) nach den Entwürfen des Architekten Konstantin Thon erbaut und besteht aus zwei Stockwerken, die terrassenförmig übereinander angelegt sind, überragt von einer vergoldeten Kuppel, welche den Flaggenstock trägt. Die Höhe des Palastes wird (den Flaggenstock mit eingerechnet) mit 00 Meter, die ^änge seiner Hauptseite mit ^2^ Meter angegeben, wir wollen den Teser nicht einladen, uns bei einer Wanderung durch den ganzen Palast zu folgen, denn die Schilderung der Sehenswürdigkeiten, welche er enthält, würde allein einen Vand für sich in Anspruch nehmen. Enthält doch der Kreml-Palast nicht weniger als 700 Säle und Zimmer, zu denen 32 Treppen den Zugang vermitteln! wir beschränken uns auf die Erwähnung des wichtigsten. Dazu gehören in erster Reihe die fünf großen Ordenssäle: der c>^ Meter lange, 2l, Meter breite Georgen-Saal, an dessen wänden Marmortafeln die Namen und das Grüudungsjahr der Regimenter künden, welche sich auf dem Schlachtfelde besonders ausgezeichnet haben, sowie die Namen aller Gffiziere, die seit Gründung des Grdens dieses eiserne Kreuz der russischen Armee erhielten — der gewölbte Alexander-Saal, der schönste des Palastes, in dessen riesigen Wandspiegeln sich bei Tage das Vild der unter den Fenstern sich ausbreitenden Stadt wiederspiegelt, während am Abend, wenn die ^500 Kerzen der Kronleuchter ihr ticht verbreiten, der taghell erleuchtete Raun: mit seinen roten Seidentapeten, dem reichen Schmuck an Gemälden, Wappen und Vergoldung, dem aus etlichen zwanzig Holzarten zusammengesetzten Fußboden und den altertümlichen roten Sammetmöbeln einen feenhaften Anblick bietet — der Andreas-Saal mit dem aus reinem Golde verfertigten Kaiserthron, bei welchen: stets eil« Unteroffizier wache hält — der Katharinensaal mit den» Thron der Kaiserin, der Großmeisterin des Sankt Katharinen-Vrdens — und endlich der schon erwähnte Wladjimir-Saal mit seinen, ^»00 Kilogramm schweren bronzenen Kronleuchter. Gleiche Pracht herrscht in den anderen Räumen. Überall trifft man Kunstschätze und Seltenheiten von fast unschätzbarem wert. In dem prachtvollen Paradeschlafzimmer stehen vor dem paradebett zwei Säulen aus verclo antl^u, die auf über 5 Millionen Mark geschätzt werden. Aus derselben kostbaren Marmorart sind die achtzehn Pfeiler an den mit Silberbrokat überkleideten wänden verfertigt. Das Empfangszimmer der Großfürstin Thronfolgerin ist eines der kostbarsten Gemächer der ganzen Welt; es führt den Ramen Silber-Zimmer nicht mit Unrecht, denn wohin wir auch die Vlicke wenden, überall blitzt uns Silber entgegen: sieben silberne Tische befinden sich unter den das Zimmer füllenden vergoldeten Möbeln, silberne Kronleuchter hängen von der Decke herab und große Spiegcl in Silberrahmen strahlen das «ucht der Kerzen hundertfach wieder. — 4? — Gegenüber solcher Fracht erscheinen die Räume, welche der Kaiser während seines Aufenthaltes im Kreml zu bewohnen pflegt, mehr als einfach. Das Kabinett deiner Majestät hat ,nit Eichenholz bekleidete wände, Stühle und Sopha sind mit grünem Saffian überzogen, Bücherschränke, auf deren einein sich eine ^ronzestatuclte Napoleons I. befindet, stehen neben der Thür, auf den, weißen Marmorkamin eine Uhr. Über dem Sopha hängen die Porträts der Kaiser Alexander I. und Nikolaus I., und außer ihnen schmücken die wände Gemälde, sämtlich Szenen aus Napoleons Rückzug aus Moskau darstellend, die »neisten von Adam gemalt. Auf einem derselben sieht man Napoleon inmitten seiner Marschälle, wie er finstern Blickes in das Flammenmeer hinabschaut, welches den Kreml mnbraust. Mir können von den, Kreml-Palast nicht scheiden, ohne dieser einzig in der Geschichte dastehenden Schreckenstagc Moskaus noch nut einigen Worten gedacht zu haben. Es war um die Mittagsstunde des ^. September ^8^2, als die ersten französischen Kolonnen vor dem Dorogomilow-Thor anlangten, während auf der andern Seite die letzten russischen Truppen die Stadt verließen. Napoleon wartete mehrere Stunden, immer hoffend, es werde eine Deputation erscheinen und ihn: die Schlüssel der Stadt überbringen, aber die Deputation kam nicht. Als endlich ausgesandte Kundschafter 'neideten, die Stadt sei von der Vevölkerung verlassen, gab er mürrisch Vefehl zum Einmarsch. Derselbe erfolgte in düsterem Schweigen und glich nichts weniger als einen, Triumpheinzug siegreicher Truppen. Die Einwohner, die sich nicht schon früher oder mit der abziehenden Besatzung geflüchtet hatten, hielten sich in den Häusern verborgen, alle Kaufläden, alle Hausthore waren geschlossen, kein Mensch auf den Straßen zu sehen, außer hie und da herumstreichendes scheues Gesindel. Gegen Abend färbte sich der Himmel. An drei Stellen brachen fast zu gleicher Zeit Vrände aus, die sich, da es au Löschvorrichtungen fehlte, rasch weiter verbreiteten. Der folgende Tag brachte neue Brände, die Vrandstifter aber blieben uncntdeckt, und als sich am dritten Taae, "Nn 1,b. September, ein furchtbarer Sturmwind erhob, der den Funkenregen weithin über die Holzdächer trieb ergossen sich die Flammen wie eine Sturmflut von Gasse zu Gasse, und bald war Moskau ein einziges Flammenmeer. Dieses entsetzliche Vernichtungswerk war von den, Statthalter Grafen Rastoptschin angeordnet worden, uin zu verhindern, daß die Franzosen in Moskau behagliche Winterquartiere fanden, und sie zu zwingen, den Rückzug anzutreten. Der Graf ging mit einem Veispiel der Opferwilligkeit voran, indem er selbst in sein prachtvolles Qlstschloß zu woronowo die Vrandfackel schleuderte. Die entsetzten Einwohner Moskaus flüchteten m die Kirchen, deren massive Mauern allein den Flammen widerstand zu leisten vermochten, oder verbargen sich in den Kellern, vergebens griff Napoleon zu dem verzweifelten Mittel, die Russen durch Strenge einzuschüchtern, lnden, er zwanzig dauern, die sich geweigert hatten, den Truppen tebensmittel zu liefern, unter dem vorwand »-er Brandstiftung erschießen ließ — die armen Gpfer schritten todesmutig und gottergeben auf den Richtplatz, bekreuzten sich und erwarteten ruhig die tödliche Kugel. Die Hinrichtung verfehlte aber völlig ihren Zweck: Ye steigerte nur die scheue Zurückhaltung der vevölkerung und Napoleon stand ratlos den, passiven widerstand gegenüber. Seine Soldaten jedoch, die in Moskau reiche Veute und angenehme (Quartiere zu finden erwartet, luchten sich fiir die Enttäuschung so gut es ging Zu entschädigen; sie erbrachen die Häuser und begannen zu plündern. Mitten zwischen dem wüten des entfesselten Elementes spielten sich die empörendsten Szenen ab. kein Alter, kein Geschlecht fand bei den Plünderern Schonung; Männern und Frauen wurden die Kleider vom Ceibe gerissen, um sich zu überzeugen, daß sie keine Wertsachen an ihrem Körper verbargen, vor der Raubgier der Soldateska war auch das Heiligste nicht sicher. Die Kirchen wurden ebenso geplündert wie die ^ rwalhäuser. Nm die 25ivouakfeuer in den Kremlhöfen, die in Ermanglung andern Brennmaterials mit Gemälden, Möbeln u. dergl. erhalten wurden, lagen zechende Gruppen, denen aus den Kirchen geraubte Pokale als Trinkgefäße dienten, während andere sich zum Schutz gegen die Kälte in Kirchengewänder hüllten, was in den Kirchen nicht niet- und nagelfest war, das wurde fortgeschleppt, die Heiligenbilder aus ihren kostbaren Rahmen gebrochen, die (einwand durch Säbelhiebe und Bajonettstiche zerfetzt. Nach der Plünderung mus-ten die entweihten heiligen Stätten als Ställe und Magazine dienen. Aber das Maß war bereits voll die Stunde der Rache und Sühne nahte. Napoleon hatte bereits am ^?. September den Flammen weichen und sein Hauptquartier nach dem Schloß Petrowsky verlegen müssen. Einsehend, daß der Trümmerhaufen, in den rulsischn- Patriotismus die Hauptstadt verwandelt, unhaltbar sei, gab er endlich am ^. September Vefebl m — ^ft jenein unbeilvollen Rückzug, der in der Geschichte aller Zeiten nicht seinesgleichen hat. Gegen ^0000 Mann hatte er in der eingeäscherten Stadt verloren, aber auch auf russischer Seite war der Sieg teuer erkauft; man bat den durch das Feuer angerichteten Schaden auf fast 700 Millionen Mark berechnet. 6502 Däuser, 7^5 Verkaufs- laden mit einer Unmasse von Warenvorräten waren vernichtet, vor dem Abmarsch erteilte Napoleon dem General Mortier d<'n Befehl, den Kreml in die Qift zu sprengen, aber bei der l3ile, init der die Franzosen den Rückzug antraten, wurden die Vorbereitungen Zur Sprengung nicht mit der nötigen Sorgfalt betrieben nnd der vandalischc elt. Armee in die Stadt drangen, entdeckten dies noch zu rechter Zeit und retteten das ehrwürdige Bauwerk vor der Vernichtung. So schwer die wunden waren, welche die Katastrophe geschlagen hatte, so erholte sich Moskau doch rasch von denselben. Ein neuer, prachtvollerer Zareupalast erhob sich im Rreml und auch die Stadt erstand ------.'i0 schöner als sic je gewesen aus den Trümmern. Im Jabre ^^i> zählte sie zwar erst ^,7 000 Einwohner, während vor dem brande 21)5000 gewählt worden, aber nacl^ einein viertel Jahrhundert hatte sie bereits 350000 überschritten und heute ist diese Zahl mehr als verdoppelt. Die Verluste an Kostbarkeiten und Altertümern wären nicht so groß gewesen, weun die Bevölkerung sich nicht gar Zu zuversichilich dein Glauben hingegeben hätte, die Hauptstadt des sandes könne nicht ohne Schwertstreich dem Feinde überliefert, i.a überhaupt nicht von demselben besetzt werden, war doch seit zweihundert Jahren, seit der polnischen Schreckensherrschaft unter den, falschen Demetrius, kein Feind mehr bis vor ihre Mauern gelangt! Diese Vertrauensseligkeit rächte sich nun, und namentlich die Geistlichkeit und die Kirchen erlitten schwere Verluste. Die unermeßlichen schätze der kaiserlichen Schatzkammer waren dagegen rechtzeitig zum größern Teil in Sicherheit gebracht worden und Napoleon sah sich auch hier in seiner Hoffnung auf große 3?eute getäuscht. Die Schatzkammer ist noch heute eine der reichsten der Welt. Unter der Regierung Peter des kroßen war eine Schätzung der vorhandenen Kostbarkeiten vorgenommen worden, doch die damals bestimmten werte können heute nicht mehr als richtig gelten, wenn man aber bedenkt, daß die meisten Gegenstände das vier-bis Fünffache des wertes repräsentieren, der ihnen im Jahre ^702 zuerkannt wurde, so erhält mau eiue so fabelhaft klingende Summe, daß man sich. um sie nicht für übertrieben zu halten, vergegenwärtigen muß, wie sehr stets die am Zarenhofe bei festlichen Anlässen entfaltete Pracht das Stauneu fremder Gäste erregt. Die lange Reihe der in neun Sälen zur Schau gestellten Gegenstände eröffnen die Kronen, Szepter und Reichsäpfel. Die älteste Krone ist die vom griechischen Baiser Alerius Comnenus im Jahre I.l.^6 dem Zar wladjimir Monomach übersandte, zu welcher ein m't 257 Edelsteinen besetzter Reichsapfel gehört, die kostbarste dagegen ist die Krone Edigers, d<'s letzten Zaren von Kasan, der im Jahre ^553 sich taufen ließ und zu Gunsten Rußlands dem Throne entsagte- sie wurde schon in: Jahre ^?02 auf 5,85 000 Rubel geschätzt. Ihr kommt an wert zunächst die Kaiserkrone, mit 2500 Edelsteinen geschmückt, unter denen sich ein großer Rubin befindet, desseu Wert im Jahre ^725 auf l>0 000 Rubel veranschlagt wurde. Dann folgen die Kronen der Zaren Michael Feodorowilsch und Iwan Alerl'jewitsch (siehe Seite 36), letztere mit über lM) Diamanten, und zwei Kronen Peter des Großen, deren eine 825 Diamanten enthält. Peter der Große, der kein Freund von großer Prachtentfaltung war, hat sie nur ein einziges Mal getragen. Die Malteserkrone beschließt die kostbare Sammlung. Nachdem Napoleon auf der Fahrt nach Aegypten sich der Insel Malta bemächtigt hatte, flüchtete der Malteserordeu nach Rußlaud und der Großmeister Hompesch übergab dem Kaiser Paul die Grdenskrone. Nnter den Dntzenden von Szeptern der Zaren und geistlichen Würdenträger, die in demselben Saale aufgestellt sind, besindet sich auch ein unheimliches Stück, der Elfenbeinstab Iwans des Schrecklichen, mit welchem derselbe in einem Anfall von Jähzorn den Vojaren Schibanoff durchbohrte. Die Tbrone entsprechen den kostbaren Kroninsignien; sie sind besät mit Perlen, mit Diamanten, Rubinen und anderen Edelsteinen. Da stehen der mit 2300 Edelsteinen besetzte Thron, welchen der persische Schah Abbas im Jahre ^l»04 dem Zar Voris Godunoff sandte — der mit ^800 Edelsteinen geschmückte Thron des Zaren Michael Feodorowitsch — der Thron des Zaren Alerei Michailowitsch, nut <)00 Edelsteinen — und dort ein zwar minder kostbarer, aber um so interessanterer Thron, der vergoldete Doppel-Thron der Zaren Iwan und Peter, auch der silberue Thron genannt (siehe Seite 28), mit einer (Öffnung in der Rückenlehne, durch welche wohl deu iungen Fürsten die Autworten zugeflüstert wurden, welche sie den von ihnen empfangenen Gesandten zu erteilen hatten. An diese ältere Sammlung schließen sich im zweiten Saal die Throne aller russischen Kaiser und Kaiserinnen von Alexander II. und seiner Gemahlin Maria Alexandrowna bis auf die Kaiserin Elisabeth. Große Porträts an den wänden zeigen uns die Herrscher und Herrscherinnen, die auf diesen Thronen gesessen. !!>,d nun folgen in blendender Zusammenstellung taufende und aber taufende von Gegenständen, Schätze, welche wohl das Auge erfassen, aber nicht das wort im engen Rahmen dieser Schilderung zu beschreiben vermag: zunächst die kostbaren Geschenke, welche im Taufe der Zeiten der russische Hof von befreundeten Fürsten erhielt, ferner alles, was an Gold- uud Silbergerät früherer Zaren noch vorhanden ist. Kein europäischer Hof hat sich wohl jemals eines solche» Reichtums an Gold- und Silbergeschirr rühmen können wie der gastfreundliche Zarenhof zu Moskau, der darin einen wahrhaft orienlalischen kuzus clttfaltete. Der Teller des Zaren Alerei Michailowilsch, der alif Seite 5? abgebildet ist, eines der wertvollsten Stacke der Sainmlung, ist der Überrest eines Service von gleicher Ausstattung für 1^20 Personen, das der Zar besaß. Der Teller ist von Gold, mit reicher bunter Emailarbeit geschmückt. Die Gabel, welche dem Teller beigefügt ist, war zur Zeit, als sie sich im Gebrauch befand, noch eine große Seltenheit. Noch im 1.7. Jahrhundert gab es Gabeln nur am Zarenhofe und in den vornehmen Familien; die große Masse des Volkes kannte nur besser und Löffel als Tischgerät, die Speisen wurden beim Zerschneiden mit den Fingern gefaßt und mit diesen auch zum Munde geführt, weshalb bei Tische nach ^edcm Gericht ein tvaschbecken zum Deinigen der Hände herum« gereicht wurde. viel zahlreicher waren in ^edem Haushalt die Trinkgeschirre vorhanden, und auch die Schatzkammer der Zaren enthält von solchen eine stattliche Sammlung, silberne und goldene Uecher aller Größen bis zu dem mächtigen Silberhumpen, den Iwan der Schreckliche in Gebrauch hatte. Die drei nächsten Säle füllt eine Ivaffensammlung, die an Großartigkeit ihres gleichen sucht. Da sieht wan ganzer und Helme von Zaren und Bojaren, erbeutete Fahuen, Schwerter, tanzen, Armbrüste, Köcher aus den verschiedensten Zeiten, von europäischen und asiatischen Völkern, Feuerwaffen von den ersten Anfängen ihrer Verwendung in allen Stadien der Vervollkommnung bis zu den neuesten Erzeugnissen, eroberte Kanonen und andere Kriegsbeute. Hier. steht auch der Thron des Khans von Thiwa, der bei der Eroberung seiner Hauptstadt im Jahre ^875 erbeutet wurde. Ein kostbarer Sattel, der auf 200000 Silber-Rubel geschätzt wird, «st ein Geschenk des Sultans Abdul Hamid I., der ihu im Jahre 1,775 der Kaiserin Katharina sandte. Ein anderer Saal (der achte) enthält die Hofequipagen der Zaren und die Galawagen der Patriarchen. Hofequipagen gab es in «Rußland erst seit der Vermählung Iwans III. mit der griechischen Prinzessin Sophia, durch welche außer anderein Zeremoniell des byzantinischen Hofes auch diese eingeführt wurden. Der Galawagen, der Seite 7>j^ abgebildet ist, wurde von der englischen Königin Elisabeth in, Jahre 1^705 ^oris Go> dunoff geschenkt und war, im Jahre ü/>7^ einer gründlichen Ausbesserung unterzogen, noch am Ende des Iahrhunderls in Gebrauch. Außerdem sind bemerkenswert die Schlittenknlsche, in welcher Kaiserin Elisabeth zur Krönung nach Moskau reiste, und der riesige, mit Malereien von voucher verzierte Galawagen, den sie von dem ihr heimlich angetrauten Grafen Kyrill Rasumoffsky im Jahre ^?5H zum Geschenk erhielt. Kuriositäten aller Art und eine Unmasse von Gegenständen, an welchen Erinnerungen an Kaiser oder berühmte Persönlichkeiten haften, beschließen die Sammlung. Mit pietätvoller Sorgfalt hat man auch die Kleidungsstücke vieler Herrscher in der Schatzkammer aufbewahrt, von den Aurpurmäntcln Alexander II. und seiner Gemahlin Maria Alerandrowna bis auf die Matrosenkleidung und die Stiefel j?eter des Großen, und noch viel weiter zurück. Manches kostbare Kleidungsstück befindet sich darunter. Die alten Zaren trugen, wie die Masse des Volkes, den langen Kaftan mit hohem steifen Kragen, welcher vorn mit Knöpfen geschlossen wurde, deren Stelle jedoch bei dein Zarengewand perlen oder Edelsteine vertraten, mit denen das ganze Kleidungsstück reich besät war. Die Krone setzten sie nur beim Empfang von Gesandtschaften auf, bei welcher Gelegenheit sie auch die Varmen, ein mit Heiligenbildern geschmücktes Geschmeide und ein großes Diamantenkreuz anhingen und Szepter uud Reichsapfel in den Händen hielten. Lines der kostbarsten noch erhalteneu Vrustkreuze ist das sog. Kreuz Wladimir Monomachs (siehe ^eile 2^)), ein Geschenk des griechischen Kaisers Konstantin, das im VlagowMschensky Solwr im Kreml auf» bewahrt wird. Sehr alte barmen, aus dem ^2. Jahrhundert stammend, enthält die Schatzkammer. Es kann nicht überraschen, wenn man hört, daß solche Reichtümer, wie man sie hier angehäuft findet, ihren Besitzern auch große Sorgen verursacht haben. So groß der Kreml war, so fehlte es doch in demselben an einem Gebäude, welches vollkommene Sicherheit gegen Feuersgefahr bot und im stände war, alle Schätze unter seinem Dach aufzunehmen. Wiederholt mußten Um- und Anbauten an der Schatzkammer vorgenommen werden, weil die vorhandenen Räume wieder überfüllt waren. Die fetzige Schatzkammer wurde erst von Kaiser ^likolaus (^^)—4^^) erbaut. Ihre Vorgängerin stand auf einem denkwürdigen Voden, auf der Stelle, welche am Ende des sechzehnten Jahrhunderts das Haus Voris Godunoffs einnahm, in welchem seine Mutter und sein Sohn ermordet wurden. Jetzt erhebt sich dort die ^80'/<, ^Tleter lang. Das ^iesengeschütz, welches nut 2M0 Kilogramm schweren Kugeln geladen wurde, ist im ^ahrs ^58d in ,Har Iw^n II!., der Hrcs;». 2Nc»5kau gegossen «vorde», aber von seinen Thaten weiß die Geschichte nicht viel zu erzählen, ^ald nach seiner Fertigstellung wurde es bei einein Oolksaufstand von den« aufgeregten Volk gegen den Kreml in Position gebracht, doch gelang es, das Volk zu beruhigen bevor der erste Schutz abgefeuert wurde. Die fünf anderen Geschütze, welche vor der Kaserne stehen, sind zwar bedeutend kleiner als der Zar f)uschka, aber doch noch von sehr beachtenswerter Größe. Das kleinste ist die „Gnager" genannte Wurfmaschine ^wans des Schrecklichen. 55 5Nl)l) Kilogramm schwer^ das größte das unter der Legierung des <)aren Alorei A'iichailowits'.ch gegossene „Einhorn", dessen Gewicht angeblich fast ^IOlX) Kilogramm beträgt. Nahezu gleich kommt ihm ein etwa ^2 000 Ailogramiu schwerer Alörser, der seiner Zeit zu dein Artilleriepark des ersten falschen Dimitri gehörte. Der Kaserne gegenüber gewahren wir schon wieder eine der fast zahllosen Sehenswürdigkeiten des Kreml: das beriihnite Aloster der wunder, Tschndof ^Honastvr. Ls hat seinen Namen von einer im Kloster- Zar ^wan IV,, dcr ^chrclkliche. Hofe stehenden Airche >uin wunder des Erzengels Michael, die eine der berühmtesten Wallfahrtsstätten Rußlands ist und jährlich von vielen Tausenden von nah und fern besucht wird. An und für sich bieten das Kloster und die zu demselben gehörenden Airchen wenig Vemerkenswertes, aber die Lreigmsse, die sich hier abgespielt, nehmen dafür unser Interesse in um so höherem Grade in Anspruch. )n Tschudof Nlonastvr -------- 54 -------- lebte der Mönch Grischka Gtrüpjeff, der durch Schillers herrliche Dichtung auch bei uns bekannt gewordei,e falsche Deinetrius; hier ersam, er iu ei>isa»ner Alosterzelle den Olan, dessen kühne Durchführung ihn für kurze Zeit auf den Zarenthron erhob, bis er endlich seinen Betrug mit dem Leben büßte. Hier lebte später der nach dem Sturz des falschen Dimitri in Moskau zum Zaren ausgerufene Fürst Wassili Schuisky, der nach der Niederlage beim Dorfe Kluschino, als die polen vor den Thoren Moskaus erschienen, vom Volke wieder abgesetzt und ins Kloster gesteckt wurde, lind noch eines dritten Zeitgenossen Name ist mit den Klostermauern iu Verbindung: Der Patriarch Hermogen, ein edler vaterlandsfreund, der nach der Absetzuug des Zaren Wassili Schuisky den widerstand des russischen Volkes gegen den Herrscher aus polnischem Geschlecht, den man ihm nut Waffengewalt aufzwingen wollte, organisiert hatte, starb hier nach Niederwerfung seiner Anhänger in dumpfer Kerkerzelle als Gefangener der polen. Neben dem Tschndof Monastvr befindet sich das ehemalige Senatsgebäude, unter Kalharina II. von einein emheimischen Baumeister, Kasakoff, erbaut, jetzt der Sitz des Bezirksgerichts, und ihm gegenüber auf der andern Seile des großen Senatsplatzes das Arsenal, in den Jahren ^)2 bis ^?7> delttsche und ^89 österreiäsische. wenn man diese stattliche Menge von Kriegstrophäen überblickt und all die bluligen Begebenheiten, deren Schauplatz im Laufe von fünf Jahrhunderten der Kreml war, an sich vorüberziehen läßt, fühlt man unwillkürlich das Bedürfnis nach einem freundlichern Bild. Der Kreml vermag uns auch ein solches zu bieten. Die Slätle, an der sich alles konzentrierte, spielt auch in der Geschichte der geistigen Entwicklung des russischen Volkes eine bedeutende Nolle, wenn man von der Kreml-Kaserne in die benachbarte Kommandantenstraße einbiegt, sieht man em seltsames Gebäude vor sich, ein altertümliches Giebelhaus mit weit vorstehendein Lrker, grün angestrichen, die Fenster und Thüren durch ihre schwerfälligen, geschmacklosen Verzierungen an eine weit hmler nns liegende Zeit erinnernd. Niemand wird es diesem alten Bau ansehen, daß er einst das Hoftheater der Zaren war, daß unter seinem Dach die dramatische Kunst die erste Heimstätte auf russischen« Bodeu gefunden hatte. c Nusseu bereits an, mit der europäischen Zivilisation vertrauter zu werden, und in den höheren Gesellschaftskreisen begann man ihren wert und ihre Bedeutung richtig zu würdigen, ^iner der eifrigsten Pioniere des Fortschritts war der Bojar Matw^jeff. Sein werk war es auch, daß der Zar Alezei Michailowitsch, der ihu sehr schätzte, eine deutsche Komödiantentrupps unter der Leitung eines gewissen Johann Gottfried nach Moskau berief und derselben gestattete, an seinem Hofe ihre Kunst zu zeigen. Da der» gleichen Aufführungen in Rußland noch etwas Unerhörtes waren, hatte aber der Zar für nötig gehalten, vorher seinen Beichtvater um Rat zu fragen, und erst als dieser erklärte, daß ja auch die griechischen Kaiser iil Konjlanlinopel Schauspieler an ihren: Hofe unterhalten hätten, gab der Zar seine Einwilligung. Direktor Johann Gottfried hatte aus einigen Leibeigenen, die man ihn, überwiesen, ein Grchester gebildet, das nuu so gut es gehen wollte die Aufführungeu mit Musik begleitete. Die Schauspiele, die zur Darstellung gelaugten, waren die>elben, die damals an allen deutschen Fürstenhöfeu Mode waren, die alten^ stets aufs ueue variierten Historien vom Holofernes und der Judith, vom Hamau, der auf den hohen Galgen gehängt wird, und ähnliche. Der Zar wohnte mit seinem ganzen Hofstaate den Vorstellungen bei — die Frauen sahen auch hier aus einem „Ta^niik" zu — und die Schauspieler ernteten reichlichen Beifall. Alezei Michailowitsch war so entzückt von dein ihm neuen Schauspiel, daß er den Bo^areu Matw^jeff beauftragte, ein ständiges Theater einzurichten und Leibeigene in der Schauspielkunst ausbilden zu lassen. Später überließ der Zar den Schau» spielern ein Haus, welches dein Bojaren Miloslawski gehört hatte, und dort fanden fortan durch lange Zeit alle theatralischen Aufführungen statt. Das Haus, der pot^schny dwor^z (Haus der Vergnügungen) genannt, erhielt dann unter Fcodor Alex^ewitsch sein jetziges wunderliches Aussehen, welches alle Umbauten und Restaurierungen überdauert hat. Jetzt bewohnt dieses ehemalige Hoftheater der Kommandant von Moskau, welchem Umstand die Straße, in welcher der potjvschny dwor^z liegt, ihren Namen verdankt. wir sind nun auf unseren Kreuz- und (huergängen durch den Kreml wieder auf uns bekanntem 55 T5oden angelangt. Die Kommandantenstraße hinabschreitend, kommen wir unter der Arkade hindurch, auf d.l' sich der kaiserliche Wintergarten befindet, und sind im Hofraum des Palastes. Noch einige schritte, und zu unseren Füßen breitet sich ein herrliches Panorama aus. Fast unübersehbar dehnt sich die Hä"sermasse nach allen Seiten. In silberglänzenden Windungen schlangelt sich die Moskwa hindurch, und auf der breiten steinernen brücke, dem im I)ahre ^8."/) (an stelle des ^65^ r»on dem Straßburger Johann Kristler begonnenen) erbauten kamenny most, wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, (beschäftige Mens6?en eilen hinüber und herüber. Drüben liegt das sog. San,oskwar«tscbje, die Halbinsel, auf der sich zur Zeit der Mongolenherrschaft das Tatarenviertel befand, zweimal der Schauplatz blutiger Schlachten, später das (Quartier der Strelzi, d.r gefürchteten Zarenleibgarde, jetzt eine friedliche, rasch aufblühende Fabrikstadt. Dichte Rauchwolken entsteiaen den zahllosen hohen Esse», und ziehen wie ein endlos langer Trauerflor über die Ebene hin, bis sie in der nebligen Ferne, wo waldige Hügel die Aussicht begre izen, mit den Wolken in Eins verschwimmen. Dort liegen die worob^wy gory, die Sperlingsberge, und auf ihnen beim Dorfe worobjewo, den: höchsten Punkt dor legend, die Ruinen eines unvollendeten Vaues. Baiser Nikolaus wollte dort eine große Käthe-drale zum Andenken an das ^ahr ^(2 errichten, und der Van wurde eifrig betrieben, trotzdem alle Fachmänner abrieten, weil der lose Hügelboden keinen festen Grund für ein Kolossalgebäude bieten konnte. Nacb-dem der Vau ^/^ Millionen Rubel verschlungen, wurde er nach des Kaisers Tode eingestellt uud die Gedächtmskirche — die Erlöserkirche — in der Stadt erbaut, wir sehen sie von unserem Standpunkt auf dem Kreml-Hügel zu unserer Rechten. Das mächtige weiße Marmorgebäude mit der vergoldeten Kuppel hebt sich höchst wirkungsvoll ab von dem buntfarbigen Gemisch von Häusern, Kirchen und Türmen, das sich hinter ihm ausbreitet. Zu unseren Füßen aber erblicken wir den Kreml-Garten, in welcbem Peter der Große als Kuabe zu spielen pflegte, und hinter den grünenden Gebüschen erhebt sich am Fuße des Hügels der düstere Tüinjitzky-Turm, in dem sich eine der fünf Pforten des Kreml, die tä'niitzkije worota, befindet. Durch den Namen des Turmes verleitet — t-üny heißt im Russischen geheim — hat »nan angenommen, daß der Turm irgend ein Geheimnis berge, aber welcher Art dasselbe sei, darüber gehen die Meinungen sehr auseinander. Die einen behaupten, in dem Turme münde ein alter unterirdischer Gang; die anderen wissen nur von einem sehr tiefen Brunnen, der mit dem Flusse in Verbindung stehe»' soll und während der Velaae-rungeu die Vesatzung mit Trinkwasser versorgte. Der Tnrm wurde im ^ahre ^()^ von einem Italiener erbaut und ist noch sehr gnt erhalten. Aus seiner Platform sind einige Geschütze aufgestellt, aus denen bei festlichen Gelegenheiten geschossen wird. Ein Spaziergang um die zwei bis vier Meter breite Umfassungsmauer des Kreml, zu deren ^efestigunas-roerken der TlUnjitzky-Turn, gehört, ist wegen der herrlichen Aussichte»,, die sich da bieten, sehr lohnend, aber ohne besondere Erlaubnis des Leiters des Hofcomptoirs nicht gestattet. 2?ei einem solche», Rundgana aewimit man auch erst eine richtige Vorstellung von der frühern Bedeutung des Kreml als Zitadelle der Stadt, denn mit peinlicher Sorgfalt wird darüber gewacht, daß bei nötig werdenden Ausbesserungen die Mauer nnd die Türme nicht durch störende Zuthaten ihr ursprüngliches Aussehen verlieren und alles so erhalten bleibt wie es zur Zeit war, als noch die Zaren im Kreml residierten. Die beachtenswertesten unter den l,tt Türinen der Kreml-Mauer sind außer dein eben genannten der ^orowitzky-Turm, der durch eine steinerne Vrücfe mit den, Vorwerk Kutafsa verbundene Tr<'>itzk>'-Turm, dor im ^ahre ^^2 von den Franzosen in die ^uft gesprengte, später wieder aufgebaute Nikolsky- und der Spasky-Turm. Durch sie führen die fünf Pforten, die den Zugang zum Kreml vermitteln. Der Spasl> (Erlöser-) Turn» mit dein in ihm befindlichen Erlöserthor ist ein Rival des ^wan Woliky, der diesen» an Popularität zum miudesten gleichkommt, wenn er ihn nicht gar noch übertrifft. Seinen Namen erhielt er von einem Vilds, welches Wassili lll. über dem Thor anbringen ließ. Dasselbe stellt den Erlöser dar, vor welchen, die Heiligen Sergius und warlaam tmeen. ^)n der linken hält er ein offenes Evangelium, in welchen, die Worte zu lesen sind: „Und es sprach der Herr Zu den zu ihn, gekommenen ^uden: >ch bin die Thür"; die Rechte ist segnend nach unten gesenkt, gleichwie um anzudeuten daß jed.r, der durch das Th r geht, des Segens des Erlösers teilhaftig wird. Den, 25ilde, vor welche»,, eine ewige ^ampe brennt, wurde der Sieg über die Tataren unter Mahmed Girei (in, ^ahre ^52trafe jeder NIann, der durcl^ das Thor gehe, seine Kopfbedeckung abnehmen und sich vor dein 25ilde verneigen nlüsse, die Ilberlreter dieses Gebotes mußten ibr !?^l gehen dm-ch hnndert Kniebcugungon vor der neben dem Thor befindlichen Kapelle sühnen. 1ve>n> anä^ heute diese Dcrordmmg niclst nieln- in Kraft ist, so geht doch keil» Russe, durch das Thor ohne dem ^ilde des Erlösers seine Ehrfurcht bezeugt zu haben, und es ist nicht ratsam, der herrschenden Snlte sich nicht zu fügen; so gutmütig der Russe sonst ist, in solchen Dingen versteht er keinen öpaß. ^c>M- mid ^oM'>,'nwchtcr au5 >xm >7, Ialn'lnm^rt. Auf der andern, dein ^nncrn des Rreml zugekehrten 5»eite des Turmes befindet sich noch ein hoch verehrtes Vild: Die INutter Gottes, vor ihr die Heiligen Petrus und Alexei. ^n früherer Zeit war- der 5>paskV'Turm eines der Hauvtbollwerke des Rrcutl. Er war mit Schießscharten versehen und schwere Geschütze in ihm aufgestellt. Das Thor koimte durch ein Fallgitter geschlossen werden, das noch am Anfang unseres Jahrhunderts vorhanden war. Die Geschichte des Erlöserthors ist identisch mit jener des Rreml. 10as dieser während vierhundert fahren in heiteren und traurigen Tagen erlebt hat, das hat das Erlöserthor alles miterlebt. Durch dasselbe Die Lrlöserkirche (Chrüm <5l^rista Kpaßlteha). zogen die Zaren zur Rrönung in den Ureml ein, und an: palfnsonntag kam durch das Grlöserthor über die mit rotem Tuch bedeckte Straße die Prozession, in welcher der Zar den Lsel, auf dem der Patriarch saß, demütig am Zügel führte, eine Zeremonie, welche erst Peter der Große nach dem Tode des Patriarchen Adrian abschaffte. Namen neue Reliquien oder hochverehrte wunderthätige Heiligenbilder zu den Schätzen des Ureml hinzu, so trug man sie stets in feierlichein Zuge durch das «Lrloserthor. Durch dasselbe verließ der Patriarch Nikon den Rreml, als er, von« Concil zu Moskau abgesetzt und für Lebensdauer in ein Kloster verbannt, zu Fuße den weg nach seinen: 30 Werst entfernten Rerker antreten mußte, In: Jahre ^005 sah das Erlöser-thor den Linzug des falschen Demetrius, und kaum ein Jahr später schleppte hier hindurch das rasende Volk den blutigen Leichnam des Prätendenten. In: Jahre ^?9H wurde vor dem Lrlöserthor Iwan Timofejeff Susloff hingerichtet, der sich für Christus ausgab. Wer aber zählt die Tausende, welche der Turm auf ihrem letzten ^ebensgange, auf den: weg zur Richtstätte, an sich vorüberziehen sah! Der große platz vor den, Lrlö'serthor ist ein im buchstäblichsten Sinne des Wortes blutgetränkter Voden, und man fühlt sich veranlaßt, seinen Namen „Roter platz" (kräsnaja vlostschad) von dem vielen Nlut abzuleiten, das auf ihm vergossen wurde. Jahrhunderte lang war der Rote platz die Richtstätte, wenn es Hinrichtungen in Masse zu vollziehen gab; als der milde Peter II. (^727—^730) Alles vernichten ließ, was an die in früheren Zeiten vollzogenen Hinrichtungen erinnerte, wurden fernere Hinrichtungen im Rreml untersagt und der Rote platz nunmehr die alleinige Richtstätte. So wenig anziehend solche wilder sind, so wollen wir doch bei denselben noch einen Augenblick verweilen, weil diese Schattenseiten der russischen Geschichte noch heute das Urteil des Auslandes über Rußland und das russische Volk beeinflussen, gleich als gehörten sie noch der Gegenwart und nicht der Vergangenheit an, andererseits aber auch, weil so mancher Zug des Volkscharakters ein Lrzeugnis der schrecken» und leidoollen Vergangenheit ist. wie ein psychologisches Rätsel mutet es uns an, wenn wir die Schilderungen der größten Schreckenstage der russischen Geschichte, dieVerichte über die entsetzlichen Greuelthaten eines Iwan des Schrecklichen lesen, und wir finden keine andere kösung des Rätsels als jene, welche Rußlands bedeutendster Geschichtschreiber Uaramsw mit den Worten giebt: „So war der Zar, so waren seine Unterthanen! Ihre Geduld kannte keine Grenzen, denn die Herrschaft des Zars war ihnen gleichbedeutend mit Gottes Herrschaft und sie hielte», jeden Widerspruch für eine Gesetzesübertretung. Sie gingen zu Grunde, aber sie retteten für uns die Macht Rußlands, denn in der Stärke des volksgehors«ms besteht die Rraft des Reiches." Das Jahr 1.570 ist das schrecklichste von allen, welche der Rote platz erlebt hat. Nach dem furcht' baren Gericht, welches über das den: Zaren so verhaßte, einst als Handelsplatz mächtige Nowgorod ergangen war, wobei nach dem Zeugnis eines Chronisten in fünf Wochen (>0 000 Menschen hingeschlachtet worden sein sollen, kam die Reihe an Moskau. Heimlichen Einverständnisses mit den Nowgoroder „Verrätern" beschuldigt, wurden angesehene Männer in den Rerker geworfen und so lange gefoltert bis sie, von: Schinerz übermannt, falsches Zeugnis gegen andere ablegten. Nach fünf Monate,: solcher Vorbereitungen, erzählt Raramsin, begannen am 25i. Juli ^570 die Hinrichtungen. Auf dem Roten platze waren ^8 Galgen und ein hoher Scheiterhaufe,: errichtet, über welchem ein riesiger Rubel voll Wasser hing. Der Zar ließ das Volk, das sich scheu fern hielt, auf dem platz zusammentreiben, damit es Zeuge des Gerichtes sei, das zunächst über 300 Vojaren gehalten werden sollte. ^80 weniger Schuldigen schenkte Iwan das Tcben, die übrigen wurden unter entsetzlichen Martern hingerichtet. Die Feder sträubt sich, wiederzugeben was die Chronisten berichten. Die verurteilten wurden abwechselnd nut eiskalten, und siedendem Wasser Übergossen, die Gelenke stückweise abgehauen oder der Körper mit Schnüren zerschnitten, den noch tebenden die Haut abgezogen, Riemen aus ihren« Rücken geschnitten. Allerdings kannte in jener Zeit auch im Westen Luropas die Justiz die Grundsähe der Humanität noch nicht, von denen sie heute geleitet wird, und es können solche qualvolle Hinrichtungen wie die eben geschilderten keineswegs als eine Ligenheit Rußlands bezeichnet werden, aber die Männer, die bier geschlachtet wurden, gehörten der Vlüte des Volkes an und ihr einziges verbrechen bestand darin daß sie entweder durch das Ansehen, das sie genossen, den Argwohn des Wüterichs oder durch ihren Reichtum die Habgier der sein Gefolge bildenden Mordbande erregt hatten, wir können dem keser nicht zumuten uns durch ein Meer von Vlut Zu folgen und auch nur den kleinern Teil des Entsetzlichen kennen zu lernen, dessen 8- -------- 60-------- Schilderung sich nach den Erzählungen der Chronisten und Geschichtschreiber fast ins unendliche fortspinnen ließe. !l)ir eilen dariiber hinweg, un« bald zu heiterern wildern zli gelangen. 3^Ioch eininal sah in späterer Zeit der Rote slatz 3)Iassenhinrichtungen, aber diese erregen nicht mehr solche», Abscheu wie die früheren; sie waren eine durch das 5taatswohl gebotene Gewaltthat eines Reformators. Die aufrührerischen Strelzi wurden hier auf Befehl Oeter des Großen hingerichtet. Diese, die ganze Roheit und Unwissenheit vergangener feiten personifizierende Zarenleibgarde fühlte das INehen der ?,euen Zeit, die ihrer bevorrechteten Stellung ein Lnde machen mußte, und sie machte verzweifelte versuche, die letztere zu behaupten. lvährend sich f)eter auf Reisen im Auslande befand, brachen wiederholt Verschwörungen der Ttrelzi aus, die jedoch jedesmal von f)eters Anhängern unterdrückt wurden, ^ach seiner Rückkehr beschloß Dcv Rote Platz (kräsnaja pl'>stschad). der ^ar das Abel mit der IDurzel auszurotten. «Line strenge Untersuchung, die unter persönlicher Aufsicht des Zaren wochenlang dauerte, enthüllte das ganze Gewebe der Verschwörung. Meters Schwester Sophia wurde als die Hauptanstifterin erkannt, und nur mit 2Nühe gelang es, den erzürnten Herrscher zu bewegen, daß er das Todesurteil, welches die intrigante Frau verdient hatte, in lebenslängliche «Linsperrung in einein Kloster verwandelte. Don einen» Fenster ihrer Zelle aus mußte sie es aber mit ansehen, wie die von ihr Verführten hingerichtet wurden. Linige hundert Strelzi, die schuldig befunden wurden, starben durch das T3eil des Henkers oder am Galgen. Nein Angehöriger der alten Garde wurde mehr in 2Noskau geduldet; die dort ansässigen wurden gezwungen, ihre Häuser zu verkaufen und nach weit entfernten Gegenden überzusiedeln. Vereits hatten die ötrelzi begonnen, nach römischer Orätorianer Art über den Zarenthron zu verfügen, und noch in der jüngsten Zeit waren zwei Gheime Peters von ihnen ermordet, ihm selbst durch die ^trelzi der ihm gebührende -------- 6;-------- Thron sieben Jahre vorenthalten worden. Nun war ihre Macht für immer gebrochen; dem Namen nach, aber nicht mehr mit den früheren Dorrechten, erhielt sich das Corps der Strelzi noch eine Zeit lang in Astrachan, Asoff und anderen Grenzstädten, an» Lnde des ^?. Jahrhunderts aber wurde es völlig aufgehoben. Die Massenhinrichtung auf dem Roten platz kann als der Abschluß ihrer Geschichte gelteu; sie bezeichnet aber auch für Rußland den Veginn einer neuen, segensreichen Zeit, in der das große Reich die Grenze zwischen Barbarei und (Zivilisation überschritt, um dann das in Jahrhunderte langer Abgeschlossenheit versäumte mit Riesenschritten nachzuholen. Heute merkt es dem imposanten platz gewiß niemand mehr an, daß er einst der Griwe-PIatz von Moskau war. Die fünfzehn Rapellen, die früher hier standen, zum Andenken Hingerichteter von deren ver« Kirche des heiligen Nikolaus des !D»ndcrthäters. wandten erbaut, sind verschwunden, und nur eine steinerne, mit einen, «Lisengitter umgebene Tribüne ist aus jenen Schreckenstagen noch übrig geblieben. 3ie führt den Namen Tubnoje mjesto (Schädel statte), weil an der Stelle, welche sie einnimmt, beim Graben der Grundmauer zahlreiche Menschenschädel gefunden wurden. von dieser Tribüne wurden früher die Erlasse der Zaren dem Volke verkündet. Am Palmsonntag verteilte hier der Patriarch palmzweige unter das Volk. von derselben Tribüne herab klagte sich im Jahre ^5H? Iwan der Schreckliche vor dem versammelten Volke feiner Sünden an. Die furchtbaren Vrände, welche vom April bis Juni dieses Jahres fast ganz Moskau in Asche gelegt, der darauf folgende Aufstand, bei welchen: ein Gheim Iwans am Altare der Himmelfahrtskirche, wo er Zuflucht gesucht hatte, ermordet wurde, hatteu das Gemüt des damals noch jungen Herrschers heftig erschüttert. Man sprach auch davon, daß ein Manu von sonderbarem Aussehen, ein Mönch Namens _____ ss2 _____ Sylvester beim Zar erschiene,, sei und ihn im Namen des strafenden Gottes beschworen habe, sich zu bessern. Der Zar gelobte, in Zukunft den Ausschreitungen der Bojaren zu steuern, Recht und Schutz zu gewähren jedem, dein Unrecht geschehen, und bezeigte aufrichtige Reue über die Bedrückungen, denen das Volk bisher preisgegeben gewesen, keider war diese Reue nicht von langer Dauer. Je älter Iwan wurde, desto mehr traten die schlimmen Eigenschaften seines Charakters hervor. Er blieb ein blutdürstiger Wüterich, bis am ^8. März ^5ttH sein durch Ausschweifungen geschwächter Körper einer Krankheit erlag, die in ihren Symptomen große Ähnlichkeit mit dem Lude Ludwig XIV. zeigte. Don Sterndeutern, die er in abergläubischer Angst befragt hatte, war sein Tod für den ^8. März vorausgesagt worden und er hatte, als er sich an, Morgen dieses Tages wobler fühlte, bereits Befehl zur Hinrichtung der lügnerischen Weissager gegeben, als er plötzlich bei dem Damenbrett, auf dein er die Steine aufstellte, um mit dem Bojaren B^elski eine Partie zu spielen, tot zusammenbrach. wenige Schritte von den« Tobnoje mjesto entfernt, ill der Mitte des Roten Platzes, erhebt sich ein 3 Meter hohes Bronze-Denkmal. Dem Bürger Minin und den: Fürsten posharski hat, wie die Inschrift besagt, das dankbare Rußland dieses Denkmal gesetzt. Kosma Minin war ein schlichter Fleischer in Njischny Nowgorod. AIs nach dem Sturze des Zaren Wassili Schuisky Moskau in die Hände der polen fiel und das ganze Reich in Gefahr war, ihre Beute zu werden, rief Minin seine Mitbürger zur Befreiung des Vaterlandes zu den Waffen. Seine Begeisterung teilte sich der ganzen Bevölkerung mit und bald war ein großes Aufgebot versammelt. Der edle vaterlandsfreund trat nun bescheiden zurück und übertrug die Leitung des Befreiungskampfes den, Fürsten posharski, einen: bewährten Heerführer, aber er blieb deshalb doch die Seele der ganzen Bewegung und der Erfolg derselben war in erster Reihe sein werk. Das Denkmal, welches nach einem Entwurf des Bildhauers Martos gegossen und ^8^8 aufgestellt wurde, zeigt uns den Volkshelden, wie er mit begeisterten Worten, mit hoch erhobener Rechten den kränklichen, gebeugten Fürsten auffordert, zur Befreiung des Vaterlandes die Waffen zu ergreifen. Der Sockel ist mit Basreliefs geschmückt, auf deren einem man die Nowgoroder sieht, wie sie Geld und Kostbarkeiten opferwillig zur Bestreitung der Rüstungen herbeibringen, während das andere den Abzug der polen aus Moskau darstellt. Unter der Regierung Peter des Großen befand sich auf dem Roten platz auch ein Schauspielhaus, in welchem eine deutsche Schauspieltruppe für das Volk berechnete Schwanke aufführte. Es stand nicht weit von der Stelle, wo früher die Köpfe der Hingerichteten auf eiserne pfähle aufgesteckt wurden. Und noch einmal wurde der Rote platz für die Moskauer Bevölkerung zu einem platz des Schreckens. Das war unter der Kaiserin Anna, als ihr allmächtiger Günstling Biron das Staatsruder führte. Damals pflegte man Verbrecher aus den Gefängnissen maskiert auf den Roten platz zu führen, damit sie unter der dort verkehrenden Menschenmenge ihre Genossen und Helfershelfer bezeichneten. Da das Gesindel dies dazu benutzte, die angesehensten Bürger als Mitschuldige zu bezeichnen, war die Folge ihres Erscheinens eine allgemeine Flucht. Sobald man ihrer ansichtig wurde, ertönte es von allen Seiten: iasyk! iasyk! (Zunge! Zunge! — d. i. ein Angeber), die Raufleute schloffen ihre täden, und wer nicht schnell genug entfliehen konnte, der suchte sich so gut es ging in der Menge vor den forschenden Blicken der Vermummten zu verbergen. Heute merkt man es dem Roten platz nicht mehr an, was er alles in früherer Zeit erlebt. Hunderte von Fremden überschreiten den weiten Raum ohne eine Ahnung dessen, was sich einst auf demselben abgespielt hat. Das Denkmal Minins und posharskis und die Kirche Wassili Blashenny sind für die meisten stärkere Anziehungspunkte als der durch kein Denkmal geschmückte Boden, an dein doch zahllose Erinnerungen haften. Der Rote platz hat eben eine Konkurrentin, die sofort, wie man sie erblickt, alles Interesse für sich allein in Anspruch nimmt: die an seinem Ende gelegene Kirche Wassili Blashenny, auch pokrowsky Sobwr, Käthe« drale zu Maria Schutz und Fürbitte genannt. Der pokrowsky Sob^r (siehe Seite 5) ist eins der wunderlichsten Bauwerke, welche jemals die Phantasie eines Baumeisters geschaffen, vergebens sucht man diesen Bau oder einzelne Teile desselben unter eine bestimmte Bauweise einzureihen. Es sind wohl zahlreiche Anklänge an Gothik und Renaissance vorhanden, daneben orientalische Vorbilder zu erkennen, aber das Ganze ist doch etwas Eigenartiges, es ist ein Vriginalwerk einer ausgearteten Phantasie. Der Mann, der diesen Bau geschaffen, hätte vielleicht unter günstigeren Verhältnissen für ---- 63 — den Gsten Europas das werden können was Vrunelleschi, der Schöpfer der Renaissance, für den Westen geworden, wem« die Ideen, die ihn erfüllten, sich zur völlige» Klärung durchgerungen hätten. Seine Phantasie gleicht aber dem zügellosen Steppenroß. Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit sind ihm ein Greuel, von den fünf Türmen der Kirche gleicht nicht einer dein andern, weder in der Form, noch in der Größe, noch in der Farbe. Der eine hat pvramidenform, ein anderer ist spiralförmig gewunden, ein dritter hat die Knollenform, der vierte sieht aus als wäre er mit Schuppen bedeckt und der fünfte ist oval; einer ist grün, der andere rot angestrichen, der dritte mit goldenen Sternen übersät u. s. w. Die niedrigen, auf die Türme gesetzten Tambours tragen Kuppeln, die zu ihnen passen wie der Kopf eines Riesen auf die Schultern eines Zwerges, und unter diesen orientalischen Geschmacklosigkeiten streben über Rundbögen gotische Giebel empor, und Rundbögen und gotische Giebel erblicken wir überall bunt durch einander, wohin wir auch die Vlicke wenden. Trotz dieser bunten Nlusterkarte von Baustilen, welche uns die Kathedrale präsentiert, macht aber das Ganze doch den Eindruck eines aus einem Guß hervorgegangenen Werkes. Der Name des Vaumeisters, der diesen seltsamen Van aufgeführt, ist leider nicht bekannt. NIan erzählt sich nur, daß Iwan der Schreckliche zur Erinnerung an die Einnahme Kasans diese Kirche in« Jahre I^55i^ erbauen ließ und nach Dollendung derselben Befehl gab, dein Baumeister die Augen auszustechen, damit er nicht noch anderswo ein gleiches Wunderwerk erbaue. Später wurde an die Rathsdrale eine Kapelle des heiligen Wassili angebaut, aus Anlaß einiger wunder, die sich an seinem Grabe ereignet hatten, und der Name dieser Kapelle verdrängte allmählich den Namen der Kathedrale, die jetzt als Kathedrale Wassili Vlashenny bekannter ist als unter ihrem alten Namen pokrowsl^' Sobor. Eine der elf Kapellen, welche in die Kirche eingebaut sind, führt den Namen Eingang zu Jerusalem, wchod w Jerusalim. Sie hat diesen Namen erhalten, weil von ihr die schon erwähnte Prozession am Palmsonntag, welche Christi Einzug in Jerusalem vergegenwärtigen soll, auszugehen pflegte. Diese Prozession war im ^6. Jahrhundert eingeführt worden. Aus dem Uspönski Sobnr wurde in feierlichem Zuge ein großer, mit allerlei Früchten behängter Vaum herausgetragen, in einen Schlitten gestellt und langsam durch das Erlöserthor hinausgefahren, leibeigene in schneeweißer Kleidung, welche Engel darstellen sollten, umgaben den Schlitten. Indessen hatte der Zar mit den Vojaren im Usp«nsky Sobor seine Andacht verrichtet und schloß sich dem Zuge an. Ihm voran schritt der Patriarch, neben diesem Diakone, welche die Evangelien, ein mit Edelsteinen ver« Zicrtes, goldenes Kreuz und auf einer hohen Stange eine Laterne trugen. Hinterher kam die ganze Geistlichkeit mit weihrauchfässeru und die Chorsänger. Auf dem Wege bildeten die Strelzi Spalier, und in kleinen Ent' fernungen waren buntbemalte Fässer aufgehängt, in welchen Osterpalmen steckten. Im pokrowsky Sobor angekommen, begaben sich der Zar und der Patriarch in die Kapelle Eingang zu Jerusalem. Der Patriarch legte dort seine goldgestickten Gewänder an und der Zar wurde mit den, fürstlichen Ornat bekleidet. Das töbnoje mjesto, wohin sich darauf die Prozession Zunächst wandte, war mit rotem Tuch bedeckt und mit Palm» zweigen geschmückt. Der Patriarch reichte dort dem Zar, dann den anderen Teilnehmern an der Prozession, genau in der Reihenfolge nach Rang und Stellung, einen palmzweig, und ein Diakon las das Evangelium. Nach Beendigung desselben wurde ein Eselsfüllcn vorgeführt, der Patriarch bestieg dasselbe, Kreuz und Vibel in den Händen, der Zar ergriff die Zügel und der Zug setzte sich wieder in Vewegung. Der Patriarch erteilte unablässig nach allen Seiten hin dem sich herandrängenden Volke den Segen, während ein protodiakon es mit Weihwasser besprengte. Vei dem nur wenige Schritte entfernten Erlöserthor wnrde wieder Halt gemacht und der Patriarch sprach ein kurzes Gebet für das wohl der Stadt. Darauf erfolgte unter dem Geläute aller Glocken der Einzug in den Kreml, wo der Patriarch vor dem Usp, solchen Festtagen und Volksfesten bedeckt sich heute noch der riesige platz mit Vuden und Verkaufsstellen, aber im vorigen Jahrhundert -------- 65 -------- war or mit solchen ständig übersät. Da standen auf dem ungepflasterten, großenteils mit Gras bewachsenen platz 25uden, in denen Mühen, Leibbinden, Handschuhe und sonstige Kleidungsstücke feilgeboten wurden, und in anderen wurde gekocht, gebraten und gebacken und der Duft frischer pirogi (Pasteten), der beliebten russischen Nationalspeise, erfüllte die tuft. Das ist ^etzt alles anders geworden. Die Vuden haben den platz räumen müssen. Die Garküchen und Rabaks sind durch eine Verordnung von« Jahre ^??8, welche sie in allen Hauptstraßen und auf allen Plätzen untersagte, in die nahe Ihinkastraße Zurückgedrängt worden und die Raufleute wurden auf den goMnnv dwor beschränkt. Der goshmny dwor (Kaufhaus) ist eine Eigentümlichkeit russischer Städte. Fast iede größere ötadt hat einen solchen. Es ist eine Mahnung an die Nähe Asiens, zu welchem Nußland den Übergang bildet, eine Erinnerung an die Zeit, in der es noch unter der Herrschaft asiatischer Horden lind unter ausschließlich Vas große Theater. asiatischem Einflüsse stand. Der goshmny dwor ist der 23esestan des Vrients in wenig europäisierter Gestalt, ein Gewirr von Gassen und Gäßchen, in denen in zahllosen Vcrkaufsläden die verschiedenartigsten waren feilgeboten werden. Ursprünglich war er die Herberge der mit ihren waren in das Tand gekommenen fremden Raufleute, denen er gleichzeitig als Warenmagazin und verkaufslokal diente. Gost (das deutsche Gast, d. i. Fremder) nannte man diese Kaufleute, und das Haus, in dem sie wohnten, hieß der Hof der Gäste, gostjinny dwor. Der Moskauer gostjinny dwor ist uralt. Die Menge und Mannigfaltigkeit der hier ausgestellten waren erregte schon im ^6. Jahrhundert das staunen der Kaufleute der Hansa, die nach Moskau kamen, öchon im ^. Jahrhundert war Moskau eine bedeutende Handelsstadt, obwohl sein Handel nach Gsten ausschließlich Rarawancnhandel war. Er wurde wesentlich erschwert durch die Unsicherheit und den schlechten _____ HH _____ Zustand dor Verkehrsstraßen, den Mangel an Plätzen, welche zur Nacht ein Gbdaä^ boten. Dein erstern Übelstand suchte man zu begegnen, indem man in großen Gesellschaften reiste. Der Gesandtschaft, welche den Tribut des Astrachanschen Fürsten überbrachte, schlössen sich stets einige hundert Raufleute an, die unter dein Schutz des Gesandtengeleites die Reise nach Astrachan zurücklegen wollten. Trotzdem war die Reise reich an Beschwerden aller Art. In vielen Gegenden waren die Straßen im Frühjahr, wenn der Schnee auf' gegangen war, ein endloser Sumpf und oft noch im Herbst stellenweise unter Wasser. Das erklärt es, warum man gewöhnlich im Winter reiste: wenn der Schnee mit seiner weichen Decke den Voden bedeckte, fuhr man im Schlitten leicht über alle Unebenheiten dahin. Nur langsam, wie überhaupt die Rultur sehr langsam im Tande Eingang fand, änderten sich diese Verhältnisse. Ein Machtspruch des Zaren führte dem Moskauer Handel neue Lebenskraft zu. Die alte Stadt Nowgorod, die iu frühem regen Verkehr mit der deutschen Hansa zu Macht und Ansehen gelangt war und sich allen Centralisationsbestrebungen der Zaren gegenüber eine bevorzugte Stellung gewahrt halte, war Iwan I V. schon lange ein Dorn im Auge. Er brach ihre Macht und zwang ^8 WO reiche Geschlechter zur Übersiedlung nach Moskau und in die angrenzenden Gebiete. Von seiner Nebenbuhlerin befreit, wurde nun Moskau der Mittelpunkt des ganzen russischen Handels. Tief nach Asien, nach Sibirien, nach Chiwa, Vokchara und China reichten seine Handelsverbindungen, und im Norden an der Dwinamündung, sowie über Dorpat, Reval und Riga verkehrte»' Moskauer Raufleute mit Engländern, Holländern, Hainburger und Bremer Kaufleuten, ^ald erhielten die Fremden auch Zutritt in das Innere des weiches und durften in mehreren Städten Raufhöfe errichten. Der Handel mit den Ausländern wurde durch die auf ihn gelegten Steuern eine der Haupteiunahmequelleu des Zaren. Er war selbst Raufmann, der erste Raufmann seines Reiches, wie ihn ein Engländer nannte, der unter der Herrschaft des Zaren Alexei Michailowitsch Moskau besuchte. Dic besten waren, welche ein Raufmann mitbrachte, nahm die zarische Rammer für sich in Anspruch, und auch die einheimischen Raufleute mußten die besten Erzeugnisse des Inlandes und des Gstens, die sie auf dcn Markt brachten, dem Zar abtreten, der sie dann weiter verkaufte. An Räufern fehlte es in Moskau nicht. Der Zarenhof übte eine große Anziehungskraft aus, die reichsten Solaren halten in Moskau ihren ständigen Wohnsitz, und durch den Aufwand, in dem sie mit ihrem Herrscher gleichsam wetteiferten, kamen große Summen in Umlauf. Moskau war bereits eine reiche Stadt, als f)eter der Große den Thron bestieg, und es konnte es verschmerzen, daß ihm der Ertrag der Hofhaltung entging, als der Sitz der Negierung nach Petersburg verlegt wurde. Trotzdem gewann ihm die junge Nebonbuhleriu Ziemlich rasch den Vorrang auch als Handelsstadt ab, und erst in der jüngsten Zeit ist wieder ein Umschwung zu Moskaus Gunsten eingetreten. Durch die vielen, von Nord und Süd, von Ost und West in Moskau mündenden Bahnlinien und eine rasch aufblühende Industrie ist die alte Hauptstadt heute wieder das geworden, was sie früher war: der Mittelpunkt des russischen Handels. Unter anderen Verhältnissen zwar, aber ebenso rasch wie 25erlin ist Moskau gewachsen und nimmt noch immer mit derselben Schnelligkeit an Alisdehnung und Vevölkerungszahl zu, während Petersburg bereits auf der Höhe seiner Entwicklung angelangt zu sein scheint. Noch günstigere Aussichten als bei den Zählungen der Bevölkerung eröffnen aber die Zahlen der Statistik für Moskaus Zukunft, wenn man den Handel und die Industrie der beiden Städte vergleicht. In: dritten und vierten Jahrzehnt des gegenwärtigen Jahrhunderts nahm die Moskauer Industrie einen solchen Aufschwung, daß jetzt in den: Gouvernement weit über tausend Fabriken gezählt werden, wovon nach den bisher vorliegenden statistischen Ausweisen schon im Jahre 1^872 allein auf Moskau 8^6 entfielen, in denen 7H000 Arbeiter beschäftigt waren. Man zählte in dem genannten Jahre 2^8 Fabriken für Seiden-, Tuch-und wollwaren, ^5 Lederfabriken, ,"> Zucker-, 50 Tabak- und ."> Stearinlichtfabriken mit ^5 Talgsiedereien, welche den von den Steppenländern gelieferten Talg konsumierten, etwa 70 Fabriken, in denen die verschiedenartigen Metalle, welche die Gebirge des Bandes lieferten, verarbeitet wurden, 28 Vrennereien u. s. w. Die Uhrenfabrikation, die Möbelindustrie, die Wagenbauer und die Grgeln- und j)ianofabriken beschäftigen heute viele Tausende von Arbeitern und die Zufuhr der Rohprodukte, welche in Moskau Verwertung finden, nimmt vo»i Jahr zu Jahr immer riesigere Dimensionen an. Auf der Moskwü, wird jährlich für mehr als 2 Millionen Rubel Vauholz herbeigeschwemmt; die ganze Seidenproduktion des Raukasus Hut ihren Markt in Moskau, und <»7 so strömt noch eine Unmasse anderer ^andeserzeugnisse in Moskau zusammen, teils mn dort konsumiert, leils uin in rohem oder verarbeitetem Zustande nach anderen Gegende?l des Reiches oder ins Ausland weiterbefördert zu werden, Rechnet man dazu noch die Zufuhr der ganzen Masse von Tebensmit^ln aller Art, welche eine so große Htadt täglich verbraucht, so kann man sich annähernd eine Vorstellung von dem regen geschäftigen Treiben machen, das in Moskau herrscht. Das verkehrskapital der Moskauer Fabriken wurde im Jahre ^72 auf 9^500 000 Rubel (über 2^0 Millionen Mark) geschätzt, dencn eine Einfuhr ausländischer waren für 95 582 000 Rubel gegenüberstand. Der Transitverkehr inländischer Rohprodukte und Industrieerzeugnisse, über den uns genaue Daten fehk'n, hat die vorgenannten Zahlen zweifellos weit überstiegen. iXis l>n>5 der ^ojarcn ^emalioff. Und alle die mannigfaltigen Erzeugnisse des ganzen Reiches finden wir vereint in dem riesigen gostiinny dwor, einer warenniedorlage, die in ganz Luropa an Größe ihres gleichen nicht hat. Heine Entstehung reicht iveit in das russische Altertum zurück, doch der jetzige ^?au wurde erst im ^ahre ^(>,"> errichtet, nachdem man gezwungen gewesen, den alten, im ^aufe der Zeit baufällig gewordenen, im Jahre ^78l) niederzureißen. Der alte gostiinny dwor war von den Zaren erbant und seine ^äden dienten teils als l)erkaufslokale der waren, welche den Zaren abgeliefert werden mußten und dann an bestimmten Tagen zum verkauf ausgestellt wurden, teils wurden sie — für ^ bis 25 Rubel jährlich — vermietet. Unter Michael Feodorowitsch wurden im I^ahre l.626 die sogenannten Rjädy (Reihen) dem goshinny dwor hinzugefügt, ein Ronglomerat von in langen überdachten Gängen errichteten düsteren Derkaufsläden. Lin Vrand hat hier in jüngster Zeit arg unter den zerfallenen, in das Moskau von heute nicht mehr passenden Bauwerken aufgeräumt, und er wird vielleicht die Veranlassung sein, daß in nicht zu ferner Zeit die letzte 9^ _____HH _____ Stunde der Njädy schlägt. Gin lpchinteressantes Stück altrussischen Gebells wiirde allerdings nut ihnen zu Grabe getragen werden. Wer die russische l^andelswelt kennen lerne«, wollte, so wie sie vor hundert und zweihundert fahren war, der brauchte nnr die Rjädy zu besuchen. Dort hatte sich in der stillen Abgeschlossenheit von der Außenwelt inmitten aller Umwälzungen, welche sich in dem langen Zeitraum vollzogen, das Altertnm rein und unverfälscht konserviert. Nicht nur die Häuser, auch die Menschen waren dieselben geblieben, ihre Kleidung noch immer die von dem l^ollblutrussen unzertrennliche altehrwürdige Nationaltracht. Veränderungen in der Lebensweise und den Gewohnheiten der Inhaber dieser Verkaufsläden, welche sich meist schon seit vielen Generationen von, Vater auf den Sohn forwererbt, waren nur insofern eingetreten, als die Uehörden durch ihre Verordnungen die Beibehaltung solcher Gewohnheiten unmöglich gemacht halten. Die ^äden der Kaufleute waren in früherer Zeit auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet, aber um die Mittags- In einem Theehause. stunde wurden sie täglich geschlossen. Dann herrschte Grabesstille in den noch kurz vorher von lebhaften: Geschäftsverkehr durchwogten Straßen. Moskau hielt seine Siesta, der reiche Kaufmann erster Gilde ebensowohl wie der ärmste Krämer. Die Nudeninhaber hatten ihr bescheidenes Mittagmahl in ihrer )5ude verzehrt und sich dann vor derselben zum Mittagsschläfchen auf den blanken Voden niedergestreckt. Auch heute verlassen viele Kaufleute ihren Stand in den Ajädy den ganzen Tag nicht, so wenig angenehm der Aufenthalt in denselben auch ist. Da wegen der Feuersgefahr das Anbringen eines Gfens nicht gestattet wird — auch das bauchen ist aus diesem Grunde streng verboten — so muß der Kaufmann in diesen im Sonnner dumpfigen, im Winter eisig kalten Gängen für innere Erwärmung sorgen. Er findet Speisen und Getränke in reicher Auswahl in den Eßbuden, die in allen !^ädy vorhanden sind. Da giebt es mit Fisch oder Fleisch gefüllte sirogi, Fluß- und Seefische, während der Vutterwoche (den« russischen Karneval) mit Kaviar belegte 25linv -------- 69 -------- (Pfannkuchen aus ^uchweizemnehl) und wie die beliebten Nationalspeisen alle heißen. Gilles ist vorzüglich zubereitet, aber auf die dunklen ^uden kann man die Worte des Dichters anwenden: „Der Mensch versuche die Götter niäst und begehre nimmer und nimmer zu schauen, was sie gnadig bedecken mit Nacht und Grauen." Die in ihnen herrschende Nnreinlichkeit erinnert lebhaft an ihre türkischen und arabischen Schwestern in den Vasaren des Glients, doch hält dies auch den wohlhabenderen Klassen angehörige 3eute nicht ab, in den 25uden ein Frühstück einzunehmen. Die Raufleute in den RMdv brauchen übrigens zur Befriedigung ihrer leiblichen Vedürfnisse ihren ötand nicht zu verlassen. Theeoerkäufer durchziehen ohne Unterlaß die Gassen und kredenzen für geringen f)reis ein Glas des dampfenden Getränkes, während andere mit schnarrender stimme ihre flirog, ausrufen, 5ehr oft kommt es dann vor, daß man von einem Kaufmann angehalten wird, der in der einen Hand ein Glas Thee oder Himbeerkwas und in der andern eine angebissene fastete hält und im ?ic roto Pforte. Geschäftscifcr nicht Zeit findet, beides beiseite zu stellen. Der Kaufmann in den 2^ädy ist eben Kaufmann durch und durch, der Handelstrieb ist bei ihm, der meist einer Jahrhunderte alten Kaufmannsfamilie angehört, in Fleisch und Vlut übergegangen, öo wie die Riädy selbst vielfach an den Grient erinnern, so ist auch in dem ganzen Auftreten der dortigen Kaufleute mancher orientalische Zug unverkennbar. chuh vor feindlichen Überfällen mit einer Mauer umgeben, und seitdem führen sie den Namen Kitaigorod. Früher wohnten in demselben viele angesehene Adelsgeschlechter, die sich hier niedergelassen, als der Kreml für die i^ rasch zunehmende Veoölkerung Zu eng wurde; ^etzt wohnt außer Nlönchen und der zu den Rirchen gehörigen Geistlichkeit niemand mehr in Ritaigorod, die Däuser dienen nur noch zu Comptoirs oder NIagazinen. Der 2Taum, den Aitaigorod bedeckt, ist nicht groß. 2200 Häuser, auf 5 Plätze, q. ötraßen und ^ ^ Gassen verteilt, Russisch? Gastlichkeit: Metropolit. werden von einer 2 Kilometer langen NIauer im Halbkreis umschlossen^ den Durchmesser dieseö iialbkreises bildet der Rote platz. Acht Thore führen durch die Stadtmauer. Das bedeutendste und außerhalb Nloskaug bekannteste derselben ist die woskressensky- oder Iberische Pforte, durch welche man aus Kitaigorod auf den Roten platz gelangt. --------?3 Die Iberische Pforte wird von den strenggläubigen Glissen ebenso in Ehren gehalten wie die ^pasky» Pforte des Rrenü. Auch hier ist es ein in hohem Ansehen stehendes Heiligenbild, dein die Pforte ihre ^edeu« tung verdankt' cin A^nttergottesbild, da5 in der an die Pforte angebauten Rapelle der Iberischen Mutter ^ Uussischo Geistlichkeit: Cino u.rauuilc;. Gottes hängt. Dieses ^ild, den, zahlreiche lvunder zilgeschrieben werden, ist eine Kopie eines Muttergottesbildes, welches sich über dein Thor des Iberischen Klosters auf dem Verge Athos befindet, tetzteres wäre, wenn man der Überlieferung vollen Glauben schenken könnte, uralt. Zur Zeit der Vilderstürmer, in, <), ^ahr hundert nach Christus, soll eine Witwe unweit Nicäa, um das Vild vor der ihm drohenden Entweihung und Vernichtung zu schützen, es ms Meer geworfen haben. Erstaunt sah sie, wie das Vild, anstatt unterzusinken, aufrecht auf dem Wasser stand und so allmählich ihren blicken entschwand. ^)hr Sohn, der später im, Iberischen Kloster alls dem Athos eine Zufluchtsstätte fand und dort starb, erzählte seinen Klosterbrüdern das wunder und diese überlieferten den bericht von einer Generation zur andern. Zweihundert Jahre vergingen. Da bemerkten die Mönche eines Tages draußen auf dem Meer ein Muttergottesbild, über dem eine Feuer-säule zum Himmel emporragte, Sie sandten ein Voot aus, um das Vild zu holen, aber die Ruderer ver> mochten es nicht zu erreichen: Je weiter sie in das Meer hinausrnderte?i, desto weiter wich das Vild vor ihnen zurück. Dem Abt des Klosters aber erschien in der nächsten Nacht im Traum die Gottesmutter und forderte ihn auf, getrost über die Wellen auf das Vild zuzugehen, das sie seinem Kloster als ein Palladium schenken wolle. Der Abt that wie ihn: geheißen, erreichte auf dem Wasser wie auf festem Voden dahinschreitend das Vild und brachte es ius Kloster, wo demselben der Ehrenplatz auf dem Hauptaltar eingeräumt wurde. Am nächsten Tage jedoch fand man es über dem Klosterthor, und es kehrte immer wieder dahin zurück, so oft man es auch auf den Altar stellte, bis dem Abt, abermals im Traum, geheißen wurde, das Vild an dem platze zu lassen, den es sich selbst ausgewählt hatte. Dort hängt es nun seit siebenhundert fahren und soll manches Ungemach und manche Drangsal von der Klosterpforte fern gehalten haben. Line Kopie dieses Vildes wurde in« Jahre ^l>4^ nach Moskau gebracht und erlangte bald durch mehrere wunder, die ihm zugeschrieben wurden, großes Ansehen. Kein Russe geht an der Iberischen Kapelle vorüber, ohne sich zu bekreuzen; kommt der Kaiser nach Moskau, so ist sei», erster weg zur Iberischen Kapelle, um dort seine Andacht zu verrichten, deiche Moskauer Vürger lassen sich das Heiligenbild ins Haus bringen, um es zu Hause anzubeten, und die Vestellungen auf solche Vesuche mehren sich oft so, daß das Vild ganze Tage unterwegs ist. In einer prachtvollen Karrosse, deren Kutscher und vorreiter barhaupt sind, macht es seine Vesuche, welche dem Kloster schweres Geld einbringen, denn die reiche Handclswelt weiß die Ehre eines solchen Vesuches zu schätzen und zahlt bedeutende greise. Man nimmt aber auch Rücksicht auf die ärmeren Klassen, denen durch solche Vesuche der Anblick des wunderthätigcn Vildes oft zu lange entzogen wird, und hat eine Kopie der Kopie anfertigen lassen, welche, wenn sich lehtere unterwegs befindet, ihren Platz in der Kapelle einnimmt. Neben der Iberischen Kapelle, zwischen sie und die Kremlmauer gleichsam festgekeilt, befindet sich ein der Dollendung naher prachtvoller Neubau, der einzige Repräsentant der Wissenschaften in dein ganz von der Geistlichkeit und der Handelswelt eingenommenen Kitaigorod: Das Moskauer Historische Museum. Der durch den Architekten Sherwood im Jahre ^877, begonnene Vau hat bereits 2 Millionen Rubel gekostet, aber Moskau gewinnt durch ihn eine monumentale Zierde ersten Ranges, und man muß nur bedauern, daß für das palastartige Museum kein günstigerer platz ausgesucht wurde, woran doch in Moskau gewiß kein Mangel ist. wir betreten nun den dritten Stadtteil Moskaus, Vjeloi gorod, die weiße Stadt, welche den Kreml und die i^hinesenstadt in weitein Halbkreis umspannt. Die vor der letztern entstandene Vorstadt wurde ^itt7 mit eii,er Mauer umgeben, deren Stelle ^eht herrliche Voulevards einnehmen. Hier liegt die Vergangenheit weit hinter uns, was uns umgiebt, ist Alles Schöpfung der Neuzeit. Die weiße Stadt ist der elegante Stadtteil von Moskau, der Sitz der Aristokratie und der meisten Verwaltungsbehörden, seine Promenaden, namentlich der Kusnjetzky Most, ein Rendez-vous-platz der eleganten Damenwelt, schöne, breite Straßen, geschmackvolle Wohnhäuser und großartige öffentliche Gebäude lassen uns völlig vergessen, daß wir in Moskau sind; die engen winkligen Gassen, durch die wir in Kitai gorod gewandelt, sind verschwunden, und die Großstadt Moskau präsentiert sich uus, ausgestattet mit allen Errungenschaften moderner Kultur, welche man im Westen Europas in großen Städten zu finden gewohnt ist. Auch in der weißen Stadt berrscht ein reger verkehr, aber er ist hier anderer Art als im goshinny dwor und in den R^ädy. Nach allen Richtungen hin ziehen sich hier die Geleise der Pferdebahn, welche täglich viele Tausende befördert. In« Jahre ^880 betrug bei zwölf Routen mit einer Schienenlänge von 50 Werst die Zahl ihrer Passagiere j^6 Millionen. Im Sommer, namentlich an Sonn-und Festtagen, verkehren die pferdebahnwagen bis Mitternacht zwistchen der Stadt und den entfernteren ver-gnügungslokaleu. Zahllose Droschken mit zum Teil vorzüglichen Pferden, die als gute Traber berühmt sind, tragen auch nicht wenig zur Velebtheit der Straßen bei, in denen - mit Ausnahme der rein aristokratischen «Huar- ill tiere, wie die voil der Großen Nikitskaja abzweigende Powarskaja, wo Ms eine vornehme Ruhe herrscht — bis tief i,l die Nacht ein reger verkehr fortdauert. wenn drüben in Kitai gorod längst alle dichter erloschen sind und der Tärm, der tagsüber dort geherrscht, längst verstummt ist, geht es in Bjeloi gorod noch lnstig zu. Dort findet jeder, der nach des Tages Arbeit Zerstreuung und Erholung sucht, reichliche Gelegenheit dazu, in den Theatern und Konzerte»,, im Zirkus, in den Klubs und vereinen, oder den zahllosen Restaurants und Trak-tlrs. In den letzteren ist für jeden Geschmack gesorgt. Man trifft hier hochelegante lokale, nach pariser Vorbildern eingerichtet, mit vorzüglicher französischer Rüche, daneben east russische Restaurants mit kostbarer, aber höchst behaglicher Einrichtung und der unvermeidlichen, ein ganges Orchester ersetzenden Riesenorgel, die in den letzten Jahren auch bei uns vielfach Eingang gefunden hat, und — la^t not wu()W Nummern hauptsächlich Muster altrussischer Malerei, Skulptur und Baukunst und ist gegen das geringe Eintrittsgeld von ^0 Kopeken jedermann täglich zugänglich. In dem noch nicht vollendeten polytechnischen Museum hat ein großer Teil der Gegenstände Aufnahme gefunden, welche die polytechnische Ausstellung im Jahre ^72 enthielt. Sonntag abends finden in dem Museum unentgeltliche sür das !?olk berechnete vortrage statt, und an demselben Tage bietet von ^2 bis 2 Uhr cine Erklärung der Sammlungen jedermann Gelegenheit, sich über die einzelnen Gegenstände zu belehren. Das Museum enthält in elf Abteilungeu belehrendes ans der Schiffsbaukuude, Mineralogie und Bergbau, Architektur, aus dem postwesen, der Land- und Forstwirtschaft, Viehzucht, Zoologie, Physik und Pädagogik, sowie eine Ansstcllung der Erzeugnisse Turkestans. Daß es in Moskau auch nicht an Kunstsinn fehlt, davon legen «Zeugnis ab die großen Gemälde-gallerien, welche der Stadt zur Zierde gereichen. Die bedeutendste ist die von dein frühern russischen Gesandten am spanischen Hofe, Fürst Michael Golizyn gegründete. Die italienischen Schulen des ^5. bis ^7. Jahrhunderts sind in der Sammlung unter anderen durch ^ionardo da Vinci, Caravaggio, Correggio, ^assano, Annibalo Caracci, Carlo Dolce, die Franzosen durch Gaspard poussin, Charles ^ebrun, Claude Joseph Oernet, die deutschen Schulen durch Rafael Mengs und Alexander Calame, die holländische durch Rembrandt, Gerhard Dow, Gstade, Ivouvcrman, Ruysdael, Hobbema, die flämische durch Rubens und David Tcniers und deren Schüler vertreten. Auch beachtenswerte Gemälde russischer Meister aus der Zeit von ^7^ — ^7)0 trifft man in der Gallerie. An dieselbe schließt sich eine wertvolle Antikensammlung. Unter den Erzeugnissen neuerer Kunst fesseln da namentlich die in» vierten Saal der Antikensammlung aufgestellten Fayencen. Das i'^<.n7> Stück bekannt sind, ist durch ein ^iberon, das einen U)ert von etwa 30000 Francs repräsentiert, vertreten. Auch altes Sevres und altes sächsisches Fayence ist in schonen Lr>'mplaren vorhanden. Die einheimische l(unst ist hauptsächlich in der Tret^akoffschen und Soldatenkoffschen Gallerie vertreten. Dort trifft man Gemälde aller hervorragenden Meister der neuen russischen Schule, von Vrüloff, Aiwasowsky, Iwanoff, Repin ll. s. w. bis auf die Sammlung der wilder aus Indien von Uiereschtschagin. In Votkins und Chludoffs bildergallerie herrschen dagegen Franzosen und Deutsche vor: Meissonier, Delaroche, Oautier, Achenbach, Hildebrandt, Calame, Hans Makart und andere. Das Rumjanzoff-Museum, eine Schöpfung des Grafen Nikolai Run^anzoff, der unter Alerander l. Reichskanzler war, enthält auch eine große Gemälde- -------- 79 —— sammlung, ineist wilder, die sich früher in der berühmten Galleric der Lrenntage in St. Petersburg befanden und auf Befehl des Baisers 2llez ander ll. für das Rumja,izoff-Museu,n ausgewählt wurden. Das Museum befand sich früher in Zt. Petersburg und kam erst im Jahre ^8l>^ nach Moskau. Ls enthält außer der ^ildergallerie eine Antiken-Sanunlung, ein mineralogisches Kabinett und das Daschkoffsche «Lthnograpl^ische Museum, welches besonders für da? Studium der Völkerschaften Rußlands und ihrer Sitten und Gebräuche reiches und kostbares Material bietet, ferner eine 200000 Vände zählende Bibliothek, die bedeutendste Moskaus, in welcher besonders die ihr einverleibte, ^000 Vändc starke theologische Vibliothek Noroffs durch viele höchst seltene Drucke Beachtung verdient. Alle diese Sammlungen sind jedermann zngänglick?. In der Bibliothek findet ,nan ein Journalzimmer »lnd ein geräumiges Lesekabinett. In gleicher weise stehen die mit der Universität verbundene, ^72 000 ^ände und ^7>l100 Hefte zählende Vibliolhek und das «Zoologische Museum in der Universität dem Publikum zur Verfügung. Die Universität zählt 2700 Studenten, 59 ordentliche, 23 außerordentliche Professoren und 2^ Dozenten. Sie hat slehrstühle für Philologie, Philosophie, Theologie, Jurisprudenz, Medizin, Naturwissenschaft und Matheinatik. Außer dem schon erwähnten zoologischen Museum besitzt die Universität ein botanisches Kabinett mit einen, liOOOO Nummern zählenden Herbarium, ein mineralogisches Kabinett mit 1^500 Nummern, ein zoologisches mit ^"iOOO, ein Altertums-Kabinett mit 20 000 Nummern, ein Anatomisches Theater imd eine Sternwarte. Mit den medizinischen Tehrstühlen ist eine Klinik verbunden. Die Universität ist eine der jüngsten Luropas — sie wurde erst im Jahre 1^755 gegründet — aber mit den ihr zur Verfügung stehenden Lehrmitteln hat sie sich rasch eine geachtete Stellung unter ihren älteren Schwestern errungen. Und es sind hier nicht wic in Deutschland vorwiegend die wohlhabenderen Klassen der Bevölkerung, welche ihre Söhne an die Universität senden, sondern die Mehrzahl der Spiel Karten ein ziemlich bedeutender Vetrag als Stempelsteuer zu entrichten ist, in den höheren Kreisen der Gesellschaft aber sehr viel uud selbstverständlich nicht mit abgenutzten Karten gespielt wird, ist der Ertrag des Kartenstempels ein sehr großer. Er wird ausschließlich Zur Bestreitung der Rosten der Findelhäuser verwendet, deren Monopol die Uartenfabrikation ist. Neben dem Findelhaus befindet sich das Nikolai-Institut, ein Waisenhaus, in welchem 5inu, den sie durch reiche beisteuern in Kriegszeiten bewiesen, gewannen sie die Zuneigung der Fürsten, ^chon frühzeitig hatten Künste und Wissenschaften in den Klöstern eine Heimstätte gefuuden; bald waren diese ihre einzige Heini' statte iu dem von blutigen Kriegen heimgesuchteu ^aude. Ihr Kloster mit selbstgefertigten Gemälden und kunstvollen Mosaikarbeiten zu schmücken, war der Stolz der Mönche; aber auch die ältesten Denkmäler der russischen Litteratur stammen aus den Klöstern. Die Mönche schrieben Nußlauds Geschichte, und es gab damals keine berufeneren Geschichtschreiber als sie. Nicht nur daß die Fürsten die Geistlichkeit in allen wichtigen Angelegen« heiten zu Nate zogen, sich der Mönche als diplomatischer Agenten und Überbringer wichtiger Botschaften bc> dienten, Nrkuudeu und Vriefe von diesen einzigen öchriftkundigcn ausfertigen ließen, sondern namentlich auch die Nachrichten, welche die vou uah und fern nach deu Klöstern strömenden Pilger überbrachten, befähigten den Geschichtschreiber in der Klosterzelle, ein umfassendes und genaues bild seiner Zeit zu entwerfeu. ^ald wurden die Klöster auch Mittelpuukte eines regen Handelsverkehrs. Mit den Festen der Heiligen, welche die Pilgerzüge heranlockten, wurden Jahrmärkte uud Messen verbunden, die zu einer reichen Einnahmequelle der Klöster wurden, namentlich durch die Privilegien, die sie sich für den Handel mit verschiedenen waren zu verschaffen wußten. Die Mouche befaßteu sich zwar nicht selbst mit den: Handel, sondern überließen ihn ihren Knechten und kaufmännischen Agenten, der Ertrag jedoch fioß der Klosterkasse zu. ^ Russische Geistlichkeit: Prozession in drr Airchc. Die Lebensweise dcr Mönche in den rasch reich werdenden Klöstern blieb eine einfache, aber frei von den vielfachen Entbehrungen der römisch-katholischen Mönchsorden. Zur Askese hat der Russe von ^eher reine Neigling gezeigt. Der russische Alönch verstand es, sein Rloster in ein behagliches Heim zu verwandeln und sich auch hinter Alostermcmcrn ein warmes kferz fur seiner Stammesbrüder Freud und teid zu bewahren. _____ ß2 ^^____ schmückten Heiligelibilderii und kostbaren Kirchengeräten. Nnd auch in Kirä^enbauten offenbart sich der fromme Sinn der Moskauer. Die Mehrzahl der jetzigen Kirchen Moskaus nimmt die stelle früherer Holzbauten ein. Oom Patriarchen Nikon war im ^7. Jahrhundert die Anregung ausgegangen, die hölzernen Airchen wegen der Fenersgefahr durch steinerne zu ersehen, nnd seiner Aufforderung war mit großem «Lifer Folge geleistet worden. Auch in den letzten Jahrzehnten ist noch gar manche Kirche und Kapelle in Moskau zu der großen .^ahl der vorhandenen hinzugefügt worden. Der Kaiser selbst ging mit gutein Beispiel voran', indem er jenen Prachtbau aufführen ließ, den wir bereits bei unserer Rundschau vom Kremlhügel aus bemerkt haben: die Erlöser kirche. wenn man alle Dome und Kirchen Moskaus durchwandert hätte und ermüdet von dein Gesehenen keine Neigung mehr fühlte, noch Neues zu sehen, beim Betreten dieses Domes würde das Interesse aufs neue angeregt werden. Man hat etwas Großes schaffen wollen, eine Kirche, die sich dein Petersdom in Rom als ebenbürtig zur Seite stellen konnte, und es ist wenigstens bei der innern Ausschmückung gelungen, einen überwältigenden «Lindruck hervorzubringen, Sinneberückendc Pracht umgiebt uns, sobald wir die Kirche betreten habe,^. vor uns liegt das 66 Meter lange und 72 Meter hohe Kirchenschiff, über dem sich, von vier Pfeilern getragen, die riesige Kuppel erhebt. Galeriefenster ein: zur Beleuchtung der Kirche am Abend dienen aber ^2^0 in der Kuppel und an der Galerie angebrachte Kerzen, drei große vergoldete Kronleuchter und zahlreiche lustres mit zusammen ^960 Kerzen. Im Licht dieser dreitausend Flammen erscheint die Kirche wie von hellem Sonnenglanz übergösse!« und die bunte Farbenpracht der wände wirkt blendend auf den Beschauer. Der Boden ist mit Marmor-Mosaik, die wände mit Marmor verschiedener Färbung bedeckt oder mit kostbaren Gemälden geschmückt. Über eine Million Rubel haben allein diese Gemälde gekostet. Die bcden-tendsten rnssischen Maler sind da vertreten: wereschtschagin, Siemiradzki, Makowski, Twaroschnikoff, Prof. Koschelew, Markoff und andere. Ein Kolossalgemälde des letztern füllt die Wölbung der Kuppel, in der eineil Hälfte die heilige Dreieinigkeit, in der andern die Erschaffung der Welt zeigend. Das Bild wird auf über 300 000 Mark geschäht. Die Ikonostas von weißem Marmor vor dem Hauptaltar zieren mehrere Reiheil Heiligenbilder, von Timotheus Neff gemalt, den Hauptaltar selbst vier Bilder von wereschtschagin: Christi Geburt, das heilige Abendmahl und zwei Passionsdarstellungen. In der Galerie im obern Stockwerk der Kirche aber sind die Wände mit zahllosen Gemälden stellenweise völlig überdeckt. Da sieht man Bildnisse von Kirchenfürsten, von Patriarchen und Bischöfen, auch von Zaren und Großfürsten, Heiligenbilder, Darstellungen von Begebenheiten aus dem Leben der Heiligen und aus der Geschichte der rus« fischen Kirche, wie die Taufe der Großfürstin GIga, die Gründung des Tr<»ihky.Klosters, die Anknnft des Bildes der Mutter Gottes von Wladimir in Moskau ?c. Je weiter man schreitet, desto mehr wird man überrafcht von der Großartigkeit und Pracht dieses Domes. An seine Bestimmung, ein Andenken au die große Zeit des Befreiungskrieges zu seiu, wird man erinnert durch die Marmortafeln an den wänden des untern Korridors. Auf diesen sind alle Schlachten und Gefechte des Befreiungskrieges uud die Namen der in ihnen gefallenen oder verwundeten Gffiziere verzeichnet. Eine Tafel enthält auch das Kaiserliche Manifest, durch welches der Krieg angekündigt wurde. Diesem blendenden Schmuck der inneren Räume gegenüber macht das Äußere mit seinen Wänden von weißem Marmor und dunkelrotem Granit keinen besondern Eindruck. In Kreuzform erballt, hat die Kirche an jeder ihrer 83 Meter langen Fa^aden drei große Pforten, zu welche,! Freitreppen von Granit emporführen. Zwischen den schmalen Bogenfenstern steigen 3c, Marmorsäulen zu dem ill Rundbögen auslaufeuden Haupt-gesimse empor, über welchem sich aus den vier winkeln des Krenzes kleine Glockentürme erheben. In diesen Türmen hängen ^3 Glocken, die schwerste 27 000 Kilogramm wiegend. Inmitten der vier Türme, welche durch einen Gang mit vergoldetem Gitter mit einander verbunden sind, erhebt sich die 30 Meter im Durch» -------- 8q -------- meffer zählende vergoldete Ruppel bis zur Höhe von ^05 Meter, und ein großes, gleichfalls vergoldetes Rreuz bildet auf ihr deu Abschluß des riesigen Domes. Die Frontons und die Thürbögen sind reich mit Skulpturen verziert. Man hat sie für nötig gehalten, um den etwas monotonen Lindruck, den die kahlen Marmorwände hervorbrachten, ein wenig abzuschwächen, aber das ganze hat durch diese Schöpfungen der Vrüder Rlodt und der Professoren ^aganowsky und ^ama-sanoff keineswegs gewonnen. Die Skulpturen sind nichts weniger als Meisterwerke und verunstalten nur die reinen Formen, des Domes. Die Hautreliefs stellen symbolisch die bedeutendsten öchlachttage des Vefreiungs- Die Begräbnisstätte der Godunoffs. krieges dar, durch das Bildnis des Heiligen, dessen Festtag mit dem öchlachttage zusammenfällt. 5>o ist zum Veispiel die Schlacht bei Leipzig durch das Vild des heiligen ^ergius dargestellt. Von den vielen Plänen, welche seiner Zeit dem Kaiser Alexander I. vorgelegt worden, hatte keiner sein Interesse so in Anspruch genommen wie der d.'s jungen Malers witberg. wäre witbergs genial entworfener f)lan zur Ausführung gelangt, würde die Lrlöserkirche g.'wiß auch von außen gesehen einen nicht minder bedeutenden Hindruck hervorbringen wie in ihren inneren Räumen. Der Rolossalbau, mit dem er die Hperlingsberge schmücken wollte, fand wie schon erwähnt an dein lockern Voden ein unüberwindliches Hindernis, und nach des Raisers Tode (^825) wurden die Arbeiteu auf den öperlingsbergen eingestellt. Raiser Nikolaus, weniger für Witberg uud seine phantastischen f)läne eingenommen als sein Vater, übertrug dem Architekten Der 5ücharew-Turm. -------- 8? —— Karl Thou die Ausarbeitung eines neuen Planes, und im September ^8."9 f""d die Grundsteinlegung der Erlöserkirche an der Stelle statt, auf der sie sich jetzt befindet. Im Jahre ^5i7 stand die Kirche i,n Rohbau fertig da und »nan begann mit der Ausschmückung der inneren Räume. Jetzt ist sie, nachdem der Van etwa <><) Millionen Mark gekostet, vollendet. Nur ihre Umgebung harrt noch der Veränderungen, die vorgenommen werden müssen, um sie in harmonische Verbindung mit dem Dom zu bringen. Der freie platz um die Kirche soll mit einem Gitter umschlossen und aus eroberten Kanonen gegossene Obelisken sollen innerhalb desselben aufgestellt werden. Doch genug von den Kirchen! wochenlange Wanderungen durch Moskau wären nötig, wenn man sie alle besuchen, alle Schätze, die sie enthalten, besichtigen nnd die an ihnen haftenden Erinnerungen kennen lernen wollte, wenden wir uus lieber den öffentlichen Gebäuden zu, welche in Moskau allerdings an Schönheit mit ähnlichen Gebäuden in anderen Großstädten nicht wetteifern können, die aber doch viel des Interessanten bieten. Nächst dein Kreml erfreut sich in Moskau kein Gebäude einer so großen Popularität wie der Sücharew-Turm, durch den die ^. miestschanskaja Straße mit der Sretenka in Verbindung steht. Derselbe wurde von Peter dem Großen (^c»l)2—^s»»)5) an der Stelle des früher hier gestandenen Thorturmes erbaut, zu Ehren des taurentius pankratjewitsch Sncharew, des Gbersten des einzigen Strelzi-Regimentes, welches bei der durch die Prinzessin Sophia gegen Peter angezettelten Verschwörung diesem treu geblieben war. Der Turin zeigt jene Mischung des lombardischen und gotischen Baustils, der man bei bauten aus dem ^?. Jahrhundert in Rußland so häufig begegnet, und erinnert in manchen Teilen an das Rathaus in Amsterdam. Über dem Thor, welches als Durchgaug von der Mjestschanskaja in die Sretenka dient, erhebt sich ein zweistöckiger, viereckiger Vau, im ersten Stock von einer gedeckten Galerie umgeben, und aus diesem steigt in vier Etagen der l>5 Meter hohe achteckige Turm empor. Zu Peter des Großeil Zeit befand sich in dem Turin die Navigationsschule; nachdem diese im Jahre ^7^5 nach Petersburg verlegt worden, wurde der Sücharew-Turm Sitz des Admi-ralitäts-Kollegiums, und als auch dieses (^806) nach Petersburg übersiedelte, verwandelte man ihn in einen Wasserbehälter. Die Mylischtschi-Wasserleitung, nach dem Dorfe gleichen Namens so genannt, führt ihm das Wasser von ^3 (yuellen zu und er versorgt die Stadt täglich mit .'i5M)N() Wedr«> (Eimer). Die Versorgung Moskaus mit Trinkwasser läßt bisher noch viel zu wünschen übrig. Außer der eben genannten führt noch die im Jahre ^tt?^ angelegte Chodynka-Wasserleitung der Stadt täglich >^500(D wedr<'> zu. Dadurch wird aber, da kaum ein wedrn auf den Kopf kommt, der bedarf der rasch sich vermehrende!' Bevölkerung nicht gedeckt und häufig, namentlich bei Feuersbrünsten, ist der Wassermangel recht fühlbar. Die .frage, wie ihm abzuhelfen sei, wird daher auch schon ernstlich erwogen, (^hne große Kosten wird es kaum möglich sein. Die Mytischtschi Wasserleitung, welche in den Jahren ^85.> bis ^8>'i8 angelegt wurde, hat ^'/2 Millionen Rubel gekostet. Das Wasser hat eine Strecke von ^8 Kilometer zu durchlaufe,: bevor es nach Moskau gelangt; während der letzten ^ Kilometer wird es durch Dampfmaschinen der Stadt zugetrieben. Die Wasserbehälter befinden sich in den großen Sälen des ersten Stockwerkes des Hauses, aus dem der Sücharew-Turm aufsteigt. Im Zweiten Stockwerk wohnte früher der Graf Jakob Vruce, der Gründer der Artillerie- und Ingenieurschulen in Moskau und Petersburg. Als solcher hatte er auch maßgebenden Einfluß auf die im Sncharew-Turm befindliche Navigationsschule. Das Volk, damals noch roh und ungebildet, hatte aber kein Verständnis für Vruces mathematische Arbeiten und chemische Experimente. Es erklärte ihn für einen Kaldun und Zauberer, der mit dem ^ösen im ^unde stehe, und erzählte sich allerlei wunderbare Ge schichten von ihm, die sich bis auf unsere Zeit im Volksmunde erhalten haben. Im Turm sollen noch seine Zaubcrbücher verborgeu sein, welche das Geheimnis der Unsterblichkeit enthalten. Wer sich durch solche Spukgeschichten nicht abhalten läßt, den in eine mit dem Kaiseradler geschmückte Pyramide auslaufenden Turin zu ersteigen, der wird durch eine herrliche Ausficht gelohnt, die man von dort oben genießt, denn der Sücharew-Turm, „die Ü5raut des Iwan weliky", ist einer der höchsten Aussichtspunkte der Stadt. Im dritten Stockwerk des Turmes befindet sich ein Saal, der den Namen Nappiersaal führt, wahrscheinlich, weil in ihm früher Fechtübungen abgehalten zu werden pflegten. Unter Katharina II. wurden in diesem Saal von Moskauer ^5eamtcnkindern allerlei Schauspiele aufgeführt, teils Mysterien wie „Esther und Ahasver", teils Darstellungeil im Genre unserer passionsspiele. _____ ßg_____ ^n dor Mitte des Gebäudes befindet sich das Thor, welches die beiden oben genannten Straßen verbindet. Über demselben hängt auf der dcr Sretenka zugekehrten Südseite des Gebäudes ein 25ild der Kasan-schen Gutter Gottes, über deni Thor auf dcr Nordseite ein Vild des heiligen Sergius, des Schutzpatrons der Artillerie. Früher stand iu der Mjcstschanskaja ncben dem Sncharew-Turm noch ein kleiner Uhrturm, vor welchem ein buntes 25ettlergesindel auf dem voden lagerte, Krüppel und Narren, die in nicht sehr harmonischein Chor bieder zn Ehren der heiligen sangen und die Vorübergehenden um milde Gaben anflehten. wenige schritte oom Tnrm entfernt befindet sich das vom Grafen Nikolai ^cheremetjeff gegründete, mit einem Armen- und Armckenhcms verbundene Hospiz, das alljährlich eininal dcr Schauplatz einer hochinter- ^.horb^gon des f>alais i>: ^ariiv,!^ l'ci INoskaii. esscmten Scene ist. Dcr edle Gründer der Anstalt hat nämlich ein großes 'Kapital dazu bestimmt, das; r>on seinen Zinsen arme Mädchen ausgesteuert werden, und die Auswahl der Glücklichen erfolgt an einen, rorher bestimmten Ziehungstage durch das Tos. Unter Moskaus neueren Vauten nimmt die erste Stelle das Kaiserliche große Theater (impenUorsfy bolsch,»i tentr) ein. Nur durch San Carlo in Neapel wird es an Größe übertroffen — es faßt HMO Zuschauer - seine ^übne aber ist die größte der l^elt, die Avant-Scene 2l^ Meter lang. Das Große Theater ist nur für Oper imd ballet bestimmt. An Stelle eines im ^ahrc ^82^ abgebrannten winde es ^855 von dem Architekten Cavos erbaut und seine feierliche «Lröffnung im August ^856 bildete einen programmpunkt der mit der Krönung Alerander ll. verbundenen Festlichkeiten. Die Preise sind hier, im Verhältnis zn anderen russischen ,2 Das Nonnenkloster auf dem Iilii^fornfolde. ,____ l),____ Theatern nicht hoch. Die teuersten togen kosten ^2, bei ballet ^0 Rubel, währeild sic in» Kaiserlichen Kleinen Theater ^5 Rubel kosten. Das Theater (siehe Seite 05) liegt auf dcm 330 Meter langen, ^bO Meter breiten Theaterplatz; schräg gegenüber befindet sich das unansehnliche Kleine Theater. Der Theaterplah, einer der größten Moskaus, ist der paradeplatz der Moskauer Garnison. Den gewöhnlichen Übungen der Mannschaft dient die Stadt'Mani>ge, ein riesiges Exerzierhaus, ^70 Meter lang, H6 Meter breit, ^2 Meter hoch — eine Einrichtung, die durch die tlimatischen Verhältnisse ins (eben gerufen wurde. Der Ivinter ist in Moskau sehr streng, obwohl das (Quecksilber selten gefriert und die Kälte höchstens H0" Reaumur erreicht. Da ist nun das durch zahlreiche Gfen mit einer angenehmen Temperatur erfüllte Exerzierhaus ein sehr brauchbares Gebäude, um so mehr, da es auch die Entfaltung großer Massen ermöglicht. Es können in demselben 2000 Infanteristen und ^000 Kavalleristen exerzieren. Die Stadt-Manige dient jedoch nicht ausschließlich als Exsrzierhaus, sondern wird auch zu Konzerten und zur Abhaltung von Volksfesten benutzt. Die meisten öffentlichen Gebäude Moskaus überraschen mehr durch ihre riesigen Dimensionen als durch Schönheit, so die große für 2300 Mann berechnete Pokrowsky-Kaserne, das vorzüglich eingerichtete Kriegs» Hospital, welches 2000 Kranke beherbergen kann, und auch das an seinen Fa^adeu mit korinthischen Säulen geschmückte Golowinsche Palais, jetzt Militärgymnasium, unter Kaiserin Katharina von Rinaldi mit einem Aufwand von ^3 Millionen Rubel an stelle des abgebrannten Annenhof-Palais der Kaiserin Anna erbaut, wenn wir nun noch die von der Kaiserin Maria Feodorowna, der Gemahlin Alexander I., in, Jahre ^832 erbaute Kaiserliche Technische Schule, das auf einer Anhöhe in der Snamenka-Straße gelegene paschkoffsche Palais, einen herrlichen Renaissancebau, welcher jetzt das Rumjanzoff-Museum beherbergt, und das allerliebste, in alt' russischem Stil ausgeführte Bahnhofsgebäude der Smolensker Bahn erwähnen, so haben wir ziemlich alles erschöpft was von öffentlichen Gebäuden in Moskau nennenswert ist. An Monumenten ist die Stadt arm, und das wenige, was vorhanden ist, kam» keinen Anspruch auf besondere Beachtung erheben. Das lebensvolle Denkmal Minins und posharskis auf dem roten platz, und das auf dem Twerskoi Boulevard stehende Denkmal Alexander Puschkins, des russischen Byron, den zu früh für die russische litteratur im Duell die tödliche Kugel traf, sind die einzigen Ausnahmen. Nnd noch zwei Denkmäler müssen wir erwähnen, doch um zu diesen zu gelangen, gilt es einen weiten weg durch die ganze Stadt zurückzulegen, über die zweite, den Vjeloi gorod einschließende Boulevardreihe hinweg, nach jenen: noch zum großen Teil aus Holzbauten bestehenden Stadtteil, welcher, der räumlichen Ausdehnung nach der größte von allen, den Namen Semljannoi gorod (Erdstadt) von dein Erdwall erhallen hat, der ilnz, einst von der weißen Stadt trennte. Dort steht am Ende der großen Twerskaja jämskaja die Triumphpforte, die im Jahre 1^26 zur Erinnerung an die glorreichen Feldzüge gegen Napoleon errichtet wurde. Sie besteht aus drei hohen, von Säulen flankierten Thorbögen und ist mit Basreliefs und Statuen geschmückt. Auf künstlerischen ivert kann sie keinen Anspruch erheben, ebenso wenig wie die auch am äußersten Stadtende errichtete Rote Pforte ^krüsnije woröta), welche im )ahre ^7^2 aus Anlaß der Krönung der Kaiserin Elisabeth an Stelle eines hölzernen Stadtthores errichtet wurde (siehe Seite 69). lehren Namen Rote Pforte führt sie jetzt mit Unrecht, denn sie ist seit kurzem weiß angestrichen worden. N?ir sind damit an einem der äußersten Grenzpunkle der Stadt angelangt, wo hinter den Bahnhöfen das Sokolniker Feld sich bis zum park von Sokolniki hinzieht. In anderen Städten pflegen die Sehenswürdigkeiten in den Brennpunkten des Verkehrs konzentriert zu sein; nicht so in Moskau. Auch bei einem Gang um die äußersten Grenzen der Stadt stößt man fast Schritt für Schritt auf Interessantes. Da ist im Nordosten der Stadt die deutsche Straße (njem^tzkaja nliza) und der deutsche Markt (njemützk^ r^nok), an derselben Stelle, wo sich schon im ^i. Jahrhundert eine deutsche Niederlassung befand. Hier war es, wo der nachmalige Zar Peter der Große im Nmgang mit Ausländern den tvert der westeuropäischen Bildung kennen lernte und aus dieser Erkenntnis in ihm seine großen Reformpläne heranreiften. Nicht weit von der deutschen Vorstadt lagen die Dörfer preobrashenskoje und Semenowskoje, wo der jugendliche Zarensohn sich eine ihn, blind ergebene Leibgarde heranbildete. Der Genfer 3efort hatte ihm viel von den staatlichen Einrichtungen in den tändern des Ivestens erzählt. Entzückt lauschte Peter seinen Schilderungen und beschloß, zunächst ein Heer nach europäischem Muster zu bilden. Aus !3* ------- 92 seinen zahlreichen Spielkameraden, Kindern der Vo^aren, Stolniks und anderer Beamten, bildete er eine Compagnie, lies; sich und seine Mannschaft von (efort in allen Handgriffen und allen soldatischen Übungen unterrichten, verrichtete selbst die schwierigsten Arbeiten, half beim Schanzenbau, stand Schildwache, der grimmigsten Kälte trotzend u, s. w. Seine Schwester Sophia legte ihm kein Hindernis in den weg, da sie in dem, was er tbat, nur eine kindische Spielerei erblickte, die Meters Vlicke in ihr willkommener weise vom Throne ablenkte. Das Dorf preobrashenskoje, »vo diese soldatischen Übungen stattfanden, erwies sich aber bald als zu klein für die von Tag Zu Tag sich vermehrende Truppenzahl; letztere mußte in zwei Compagnien geteilt werden, deren eine in das nahe Dorf Semenowsko^e verlegt wurde, und als dann diese teibgarde bei Niederwerfung der Strelzi die vorzüglichsten Dienste geleistet und das Übergewicht der europäischen Heeresorganisation über die alte russische sich dabei glänzend bewährt hatte, bildete Peter aus den beiden Compagnien durch Einreihung vieler Dienstleutc das preobrashenskische und semenowskische Garde^egiment. Diese beiden Regimenter wurden der Kern der neuen Armee, welche der Zar nach europäischen Vorbildern ins ^eben rief. Unsere Wanderung um die Stadt in der Richtung von ' erhalten haben. In dem zur Erinnerung an die Wiedereroberung von Smolensk l,52H gegründeten Kloster hat manche Fürstentochter in stiller Zelle ihr teben beschlossen: Juliane, die Schwiegertochter Iwans des Schrecklichen, die Schwester Noris Godunoffs, die Schwester Peter des Großen, die ränkesüchtige Sophia, und seine erste Gemahlin Eudoria. Nach Unterdrückung des Aufstandes des Strelzi wurden hier 27)0 derselben hingerichtet; drei, welche Sophia in einer schriftlichen Petition die Krone angeboten hatten, wurden vor den» Fenster ihrer Zelle, mit Papierrollen in den gefesselten Händen, aufgehängt. Napoleon besichtigte während der Invasion das Kloster mit großem Interesse, gab aber doch beim Rückzug aus Moskau Befehl zu seiner Zer« störung. Durch die Geistesgegenwart und den Mut der Äbtissin Sarah Nikoli'^ewna, welche die zu der pulvermine führenden glimmenden Tunten rechtzeitig erstickte, wurde das Kloster vor den« Untergang bewahrt. wir werfen noch einen 25lick hinüber auf die am andern Ufer, neben dein in die Moskwa einmündenden Flüßchen Sjetun sich erhebenden Sperlingsberge, den berühmten Aussichtspunkt und beliebten Spaziergang der Moskauer, und setzen unsere Wanderung fort, um uoch dem letzten Stadtteil, dem Samo» skwarl'ztschje einen flüchtigen besuch abzustatten. Die zahlreichen dampfenden Essen verkünden uns schon von weilem, daß wir uns einer Schöpfung der Neuzeit nähern, aber inmitten des regen Bebens und Treibens der Troitzky-Rloster. -------95 ------- Fabrikstadt hat sich hier die Vergangenheit doch noch ein stilles Asyl bewahrt. Unweit des Bolota-Plahes — auch einer alten Richtstätte, anf welcher im Jahre ^??5 der in einem eisernen Käfig nach Moskau gebrachte Empörer pugatscheff hingerichtet wurde — befindet sich bei der sog. Steinernen Vrücke, kamünny most, ein kleiner Häuserkomplez-, in welchen» das Altrussentum aus der Zeit vor Peter dein Großcn in starrer Negation aller Fortschritte der Neuzeit noch fortvegetiert. Da sieht es nichts weniger als großstädtisch ans. Man glaubt eher, sich in einem unbedeutenden Tandstädtchen zu befinden, und in einem kandstädtchen zur Zeit dcr Urur-großväter der heutigen Bussen, denn in dem Äußern und den Sitten und Gebräuchen der hier wohnenden reichen Kaufleute hat sich seit zweihundert fahren nicht die geringste Änderung vollzogen. Und doch muß man bedauern, daß diese kleine altrussische Insel von Jahr zu Jahr kleiner wird, deuu gute, liebenswürdige, treuherzige Menschen sind diese Altrussen — sie sind es, bei denen die berühmte russische Gastfreundschaft jeden Fremden sich rasa? heimisch fühlen läßt, und mit vergnügen denkt man noch nach Jahren an die Abende zurück, die man da beim dampfenden Samovar in« traulichen Familienkreise verlebt ... wir können von Moskau nicht scheiden, ohne seiner schönen Umgebung gedacht zu haben, in welcher namentlich die zahlreichen alten Adelsschlösser viele Vcsucher anlocken. Die vorzüglichsten sind das Schloß Gstankino, wo der excentrische Graf Scheremetjeff, als ihn Kaiser Paul besuchte, iu einem Wald alle Bäume ansägen und dann auf ein Zeichen umstürzen ließ, damit die Aussicht frei werde — und die Ruine des Schlosses Zarizyno, welches Graf pat^mkin für die Kaiserin Katharina zu bauen begann, das aber nie vollendet wurde, weil Katharina beim Anblick des düstern Gebäudes sofort umkehrte mit den Worten: „Ihr habt mir kein Schloß, sondern ein Grab gebaut!" (Siehe Seite 83.) Die größte Sehenswürdigkeit in Moskaus Umgegend ist aber das an der Moskau-Iaroslawer Nahn im Sergijewski Possad gelegene Trüitzky'Kloster, welches im Jahre ^33? der heilige Sergius gründete. Nichts vermag die hohe Bedeutung der Geistlichkeit für die Entwicklung Rußlands uns so klar zu machen wie die Geschichte des Tr,',itzkv-Klosters. Hier liegt der Grundstein der heutigen russischen Macht, das Bündnis, welches hier in schwerer Zeit zwischen Zarentmn und Kirche geschlossen wurde, hat Jahrhunderte überdauert, und Hand in Hand mit einander haben die beiden Gewalten an dem Riesenwerk der Einigung und der Befreiung Rußlands gearbeitet, den Boden für die Reformen Peter des Großen vorbereitet. Die Tatarenhorden Mamais wälzten sich gegen Rnßland und dieses hatte nur die Wahl zwischen Unterwerfung oder Kampf auf Tod und ^eben. Der Großfürst Dimitri Donskoi, eine der vielen Heldengestalten der rnssischen Vorzeit, wählte den Kampf. Bevor er aber ins Feld zog, begab er sich in das Tr^itzky-Kloster zu den: hochverehrten Sergius. Der heilige Mann segnete ihn, prophezeite ihm den Sieg über die Tataren und gab ihm auch zwei seiner Mönche, zwei gewaltige Streiter, als Begleiter mit. Die Prophezeiung ging in «Lrfüllung. Auf dem Felde von Kulikowo kam es zur Schlacht. Wie im Jahre !,5^5, als der Preußenkönig sein Volk gegen den fremden Unterdrücker aufrief, alt uud jung begeistert die Waffen ergriff, so war aus deu fernsten Gauen Rußlands alles was Waffen tragen konnte zu des Großfürsten Fahnen geeilt und über ^50 000 Mann, ein Heer, wie es noch nie ein russischer Großfürst befehligt, stand den Tataren gegenüber. Das Tatarenheer war noch viel zahlreicher, aber der Begeisterung der für ihr Vaterland und ihren Glauben kämpfeuden Rnssen vermochte es nicht Stand zu halten. In erbitterten: Kampf wurde das Tatarenheer vernichtet. Dieser Sieg, den er vorausgesagt, vermehrte noch das Ansehen, welches der heilige Sergius bereits genoß, und die Verehrung, die ihm das Volk entgegenbrachte, ging nach seinen« Tode auf das von ihm gestiftete Kloster über, welches die von seinen, Stifter überkommenen Traditionen tren bewahrte. ll für sich, au dessen Spitze ciu 3lrt<)llschtschik steht, der hier dasselbe bedeutet, was der Starosta in der Landgemeinde. Rein Soldat der Compagnie besitzt Eigentum für sich; was ^eder einzelne an Löhnung erhält oder durch Nebeuarbeit verdient oder im Kriege erbeutet, das liefert er sofort dem Art^llschtschik ab, der alles zu verwalten hat, was allen gemeinsam gehört. Frühlingstag auf dem Tande. -------- ^03 -------- will ein Nauernsohn sich einem Handwerk widmen, so tritt er seine Umänderung nach der Stadt an ohne cincn geller in der Tasche zu haben, aber vollkommen überzeugt, daß er sofort Unterkommen und ^ohn in irgend einer Genossenschaft finden wird. Unterwegs läßt ihn die russische Gastfreundschaft uicht umkommen. )n der Stadt angelangt, sucht cr sofort den gostjinny dwor auf, wo alle Handelszweige und Handwerke nach besonderen leihen geordnet sind. Da ist z. V. eine Reihe der Schneider, der Schuhmacher u. s. w., derei, jede eine besondere Genossenschaft für sich bildet, ähnlich wie auch bei nus im Mittelalter die Handwerks-genossenschaften sich in besonderen Straßen zusammenfanden, was in Nürnberg die Namen der Straßen noch heute bezeugen, will nun der junge Nauer Schneider oder sonst etwas werden, so findet er ohne Schwierigkeit Aufnahme in die betreffende Genossenschaft, uicht als Lehrling, uicht als Gesell — diese Abstufungen kennt der Russe nicht — sondern als Arbeiter. Seine geübteren Mitarbeiter unterweisen ihn entgegenkommend in den nötigsten Handgriffen und nach dem Maße seiner Anstelligkeit und Ausdauer findet er Beschäftigung nnd ^ohn. Hat er es in einen« Fache zu etwas gebracht und seinen ^eruf liebgewonnen, so strebt er in« 3aufe der )ahre danach, bei einem deutschen Meister ein Unterkomme» zu finden, um diesem noch die letzten Geheimnisse der Runst abzulauschen. Der gewöhnliche Russe entschließt sich zu solchem Schritte nnr ungern, da das geregelte deutsche Handwerkerleben seiner ganzen Natur zuwider ist; die höher strebenden Geister aber, denen die Gleichförmigkeit des Genossenschaftslebens nicht genügt und die etwas für sich bedeuten «vollen, bringen das schwere Gofer, ein paar ^ahre dem deutschen Zwange sich zu fügen, um späler auf eigene Faust ihr Glück zu versuchen. Diese Erscheinungen gehören jedoch zu den Ausnahmen. Der Regel nach kann der Russe ohne Genossenschaft nicht leben. Das Bedürfnis dazu ist ihn« zur zweiten Natur geworden und äußert sich bei jeder Gelegeuheit in auffallender weise, wenn z, ^. in einem Herrschaftshanse Gesellschaft ist und die bedienten in den Vorzimmern zusammen kommen, bilden sie uuverzüglich ein Artüll, wählen einen vorstand und Ausschuß, den« die Bewachung der ^>elze, Mäntel n. s. w. anvertraut wird und dem es zugleich obliegt, die anderen, welche sich in die benachbarten Wirtshäuser zerstreueu, zu benachrichtigen, wenu ihre Herrschaft nach ihnen verlangt. Das Prinzip des Art«'>lls, der beweglichen Gemeinde, beherrscht das ganze russische Teben, soweit es nicht durch Regierungs- und Oolizeimaßregeln beschränkt wird. was wunder, daß ein solches Volk die Bureaukratie nach deutschen« Zuschnitt unerträglich findet, sich bei jeder Gelegenheit dagegen auflehnt und sich niemals ein Gewissen daraus macht, ihre Vorschriften zu umgehen. ne ausstrahlen, uud es ist dies auch nötig, wenu der Aufeuthalt in der ^)sba nicht u>,erträglich uud diese zu einem wahren Seuchenherd werdeu soll. )u den kälteren Gegenden wird im Sinter auch das Dich, namentlich das )uugvieh, seltener das Geflügel, in der I)sba untergebracht, da es in den leicht gebauten stallen zu sehr von der Kälte zu leiden hätte. Der Duust, der sich dann in der ^)sba entwickelt, müßte feuchte wände erzeugen, wenn nicht durch starkes Heizen und durch den Gfenrauch dafür gesorgt würde, daß sie trocken bleibeu. sobald Feuer angemacht ist, wird ein Fenster oder die Thür geöffnet, um dem Rauch einen Abzugskanal zu schaffen, und wenn er sich verzogen hat und die Thür geschlossen wordeu ist, herrscht in der I^sba eine angenehme wärme, welche Stunden lang anhält. Über Nacht sinkt die Temperatur in der ^sba allerdings wieder so sehr, daß der Unterschied zwischen ihr und der draußen herrschenden Kälte ziemlich gleich Null wird. Der Bauer sucht sich deshalb so viel als möglich gegen die Kälte zu schützen: er kleidet sich warm und legt die warme Kleidung auch zu Hause nicht ab, er bedeckt die stelle seines Hauses, wo die ^sba sich befindet, r»om Dach bis zum Boden mit Stroh, aber alles das schützt ihn in den nördlichen Gegenden nur unzulänglich gegen den grimmen Feind. 2Nag die ^sba noch so groß sein, so ist ein ständiger Aufenthalt in ihr doch nichts weniger als angenehm, da sich zu den allerlei Ausdünstuugen, welche durch das Vieh uud die Zubereitung der Speisen erzeugt werdcu, und zu der Feuchtigkeit, welche die zum Trocknen ausgehängte Wäsche hervorbringt, noch viele andere ilbelstände gesellen. Reiner der kleinsten ist der kalte kuftzug, der sofort die Temperatur am Boden der ^sba um einige Grad uud recht empfindlich erniedrigt, sobald die Thür geöffnet wird, welche nach den sogenannten chülod-nije sjenji (kalter Korridor) führt. Diese trennen die ^sba von der Vorratskammer, in welcher allerlei Geräte, Lebensrnittel uud Kleidungsstücke aufbewahrt werden; in» Sommer dient sie auch als Wohnstube, uud weun sie bezogeu wordtallm»gen befindet sich der Düngerhaufen, der den kleinen Hof ziemlich füllt. Die Scheune steht nicht immer im Hof, sehr oft in einer Reihe nnt den» wohngcbäude, unmittelbar neben dein großen Hausthor, oder auch auf dcr andern öeitc der Straße. Ziergärten, wie sie im Westen heute ^eder ^auer bei seinem Hause anlegt, kennt der russische ^auer nicht. Durch und durch praktisch, immer nur auf Lrwerb bedacht, sieht er nicht ein, wozu er Blumen pflanzen sollte, die ihm doch nichts einbringen, da niemand sie ihm abkauft, ^inen Garten hat er zwar, wenn auch nicht immer nahe am Hause, aber dort pflanzt er nur Gemüse, sein Leibgericht, den Aohl, Zwiebel, fettig und dergleichen. «Line Dornenhecke umgiebt diesen Garten und trennt ihn von dem des Nachbarn, aber kein Cotciifcst auf dem Friedhofe. ----- U! ----- Strauch, kein Vaum bringt angenehme Abwechslung in dio Monotonie der 3)eete ^- höchsten-- daß in einer Ecke am Zaun eine Gruppe Sonnenblumen ihre gelben Häupter erhebt, und auch diese einzigen Vertreter der Rinder Floras verdanken die Erlaubnis zur Eristenz in ihrer nüchternen Umgebung nnr dem Umstand, daß ihre Körner als Leckerbissen sehr begehrt sind. Gbstbäume findet man höchst selten, auch dort, wo das Klima ihrem Gedeihen nicht ungünstig ist. vom Väumepstauzen ist der russische Vausr überhaupt kein Freuud. Da blinken dem Wanderer, der auf der staubigen Bandstraße daherkommt, keine freuudlichen, weißgetünchten Häuser zwischen grünein Taub entgegen, da spendet kein 25anm, kein Strauch schatten — zwischen den Häusern, die dicht zusammengedrängt, als. snchte eins beim andern Schntz, zu beiden leiten der Straße stehen, geht es auf holprigem, verwahrlosten» w.'g Hügel auf Hügel ab durch das Dorf, vielleicht vorbei an einer großen steinernen Kirche mit mächtigen Knppeln, aber nicht an einem einzigen Baum, Bäume sind für den Bauer nnr als Brennmaterial wichtig, und da ihm die Wälder solches noch in Hülle und Fülle lieferu, fühlt er keine Veranlassung zu neuen Anpflanzungen. Einige wenige Gouvernements, wie das Rjäsansche, ausgenommen, ist der Waldreichtum in Rußland noch unermeßlich, von der Wolga bis hinauf nach Finnland uud Archangelsk ziehen sich, nur von kleinen Streifen bebauten Tandes unterbrochen, jene riesigen Urwälder, in deren Mitte noch nie der Schlag der Axt erklang und wo der wilde Stier und der Bär noch unumschränkte Herren sind. Niemand hindert den Bauer, sich aus solcher Fülle seinen bedarf zu holen. Findet man daher in einen: Dorfe Bäume, so kann mau überzeugt sein, daß sie nicht gepflanzt worden, sondern schon dagestanden, als das Dorf angelegt wurde, vielleicht die letzten Reste eines früher diese Stelle bedeckenden, i.etzt ausgerodeten Waldes. Alleen, die hier namentlich im Winter, wenn der Schnee die Straßen bedeckt und ihren Tauf unkenntlich macht, von großem Nutzen wären, findet man nirgends. Die Beschaffenheit der Straßen selbst läßt viel zu wünschen übrig. Die Hauptstraßen, namentlich in der Nähe von Petersburg, Moskau, sind allerdiugs gut erhalten, aber sowie man von diesen auf eine der Seitenstraßen ablenkt, lernt man alle (Fialen <^ues schlechten Weges kennen und darf von Glück sagen, wenn man nicht umgeworfen wird oder im Schlamm oder Schnee stecken bleibt. Die Dorfstraße ausbessern, den das Dorf durchziehenden Bach regulieren oder eindämmen, um sich gegen Überschwemmungen zu sichern, das sind alles Arbeiten, für die der Bauer kein Verständnis hat, und die folglich auch die Gemeinde, der sie obliegen, nie unternimmt. So sieht es in den Dörfern im allgemeinen aus, aber es giebt auch Ausnahmen, sehr erfreuliche Ausnahmen, uud als ein Anzeichen der Möglichkeit allgemeiner Besserung müssen wir es hervorhebe,,, daß solche Ausnahmen immer häufiger werden. Auch auf die Gefahr hiu, daß unser Bild der ländlichen verhält« m'ssc für den Rahmen des Werkes zu breit werde, wollen wir uicht unterlassen, einige solcher Dörfer ausführ, licher zu schildern. Geht doch unser Bestreben dahiu, Ticht und Schatten gleichmäßig Zu verteilen! Ein solches Dorf liegt eiwa H0 Werst von Njischny Nowgorod entfernt, in einer äußerst fruchtbaren Gegend. Es führt den Namen Bogorodskoje, wurde in« I^ahre ^6^5 vom Zaren Michael Feodorowitsch dein uns schon bekannten Volkshelden Kosma Minin zum Tohn für die „Säuberung Moskaus von den Polen" geschenkt und kau, später in den besitz der Scheremetjeffs, denen es bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft gehörte. Das Dorf zählt etwa 8N0 Häuser, darunter auch einige steinerne, vier steinerne Kirchen und über 6(100 Einwohner, ist also, nach unseren begriffen, ein sehr ansehnlicher Marktflecken. Seine Wohlhabenheit verdankt es aber — ein neuer beweis für das von uns oben Gesagte — nicht der Tandwirtschaft, sondern der Industrie, der Verarbeitung von Fellen aller Art. Es liefert jährlich etwa 300 000 Felle, bei deren Verarbeitung etwa H50 Arbeiter beschäftigt sind. Zu Tausenden werden die Schafe in das Dorf getrieben, dort geschlachtet und ihr Fell in die Fabriken geliefert. Aus dem Schafleder werden dann im Grte selbst Handschuhe verfertigt, und die Ware von Vogorodsko^e ist in ganz Rußland wegen ihrer Güte und saubern Arbeit sehr gesucht. Die jährliche Produktion beziffert sich auf nahezu eine Million paar Handschuhe, wovon mehr als die Hälfte nach Petersburg gesandt wird. Die Einwohner des Dorfes erhalten von den Fabrikanten das Material geliefert und arbeiten in ihren Wohnungen. Für ein paar Handschuhe werden ^>"i Kopeken Papiergeld Arbeitslohn gezahlt, wogegen das fertige paar mit 50 bis 35 Kopeken Silber verkauft wird. Außerdem werden in dein Dorfe noch in bedeutenden Quantitäten Filzschuhe und Filzstiefel fabriziert. Die fleißige --------U2 -------' Bevölkerung erfreut sich fast durchgehends einer ziemlichen Wohlhabenheit und einzelne haben Oermögen angesanunelt, die man sonst nicht in Dörfern zu finden gewöhnt ist. Zwei dauern, beide Namens Markoff, gelten als RubclMillionäre, und niehrere andere werden anf ^00000 bis ^.^0 000 Rubel geschätzt. Und diese Wohlhabenheit zeigt sich nicht nur in der saubern, netten Kleidung der Frauen und Mädchen, sondern auch in den Wohnungen, unter denen manche mit allem (Komfort russischer Stadthäuser versehen sind. Dier gut einge-richtete schulen, in denen der Unterricht durch die Grtsgeistlichen besorgt wird, zeugen davon, daß die Bewohner dieses Dorfes auch den wert einer guten Schulbildung zu schätzen wissen und darauf bedachr sind, sic ihren Rindern zu teil werden zu lassen. Ein anderes derartiges Musterdorf, das aber auch nur der Industrie seinen Wohlstand verdankt, ist (üholui im Gouvernement Wladimir. Die tausend Einwohner, die es zählt, sind dauern nur den« Namen, nicht ihrer Beschäftigung nach, denn Ackerbau treibt nicht einer unter ihnen und die mit demselben verbundenen Arbeiten sind ihnen fremd. Alt und Jung ist hier Maler und führt den Pinsel mit mehr oder weniger Geschick. Auf Holztafeln werden Heiligenbilder gemalt, ganz fabriksmäßig, indem der eine die Kleider, der andere die Köpfe malt, ein dritter die wilder mit Firnis überzieht, und alles mit so überraschender Gewandtheit, daß zwei Maler imstande sind, in der Woche bis 000 wilder fertig zu stellen. Es sind allerdings keine Meisterwerke, aber für 2 Rubel, die das Hundert solcher wilder kostet, kann man auch »licht mehr verlangen als hier geboten wird, und die Käufer solcher wilder sehen auch mehr auf die Billigkeit als auf Schönheit der Farben und die Korrektheit der Körperformen der dargestellten Heiligen. Die in den Klöstern auch für den Massen« verkauf gemalten Heiligenbilder sind zwar unvergleichlich schöner, aber sie sind auch bedeuteud teurer. Ho kommt es, daß iu ^Iholui gegeu 2 Millionen Vilder jährlich verkauft werden. Auf den fünf Jahrmärkten, die daselbst abgehalten werden, finden sich Händler von nah und fern ein, die auf Hunderten von wagen die gekaufte Ware fortführen, während im Winter, besonders nach Weihnachten, die Zufuhr des Materials beginnt, das die Heiligenmaler brauchen. Da, wie erwähnt, die wilder auf Holztafeln gemalt werden, sind Hunderte von Fuhren nötig, um das zur Verwendung gelangende Holz — meist Anden, Erlen, Tannen, Espen — herbeizuschaffen. Die Kirche geht dabei nicht leer aus, denn der Vauer hält es für seine Pflicht, von jeder Wagenladung einen Klotz der Kirche zukommen zu lassen, welche auf diese Art jährlich über ,"000 Stüek erhält. Neben den in Cholui fabrizierten wildern werden auf den Jahrmärkten auch auswärtige Produkte feilgeboten; neben der Kunst tritt die Literatur auf — aber was für eine Literatur! Der Vauer will ein buch mit nach Hause nehmen, aber er weiß nicht zu bestimmen, was er brauchen kann, und nimmt daher das, was ihm d.r Händler am meisten anpreist. Daß die 'Schundliteratur, welche auf diese weise an den Mann gebracht wird, dem bauer gar nichts nützt, kümmert den Händler, der ja sein Geld dafür in der Tasche hat, nicht, der Umstand aber, daß nach vorliegenden statistischen Angaben in sechs buden von auswärts gekommener bücher-und bilderhandler für 30 000 Rubel Ware vorhanden gewesen sein soll, wovon für 25 000 Rubel verkauft wurde, dieser Umstand giebt zu denken. Er zeigt, daß der russische bauer das Bedürfnis fühlt, sich geistig zu vervollkommnen und sich über Dinge zu belehren, die ihm fremd sind, und daß es sehr leicht wäre, auf dem-selbeu Wege, auf dem jetzt Schauerromane und ähnliche Erzeugnisse in die Dörfer dringen, gute, den: Tandmann nützliche Schriften zu verbreiten. Die ältere bauerngeneration ist zwar selten des Besens kundig, ist nicht, wie der Russe sagt, grimiotny, aber die jüngere hat bereits Schulunterricht genossen, und auf dieser, nicht auf jeuer beruhen ja die Hoffnungen für die Zukunft. Und auch die Malergemeindc in Cholui verdiente mehr Beachtung als ihr geschenkt wird. Durch Errichtung einer Schule, welche dem Künstlervölkchen im bauern-kaftau Gelegenheit zu weiterer Ausbildung böte, könnte zweifellos bedeutendes erzielt werden. Ein drittes Dorf, dessen wir gedenken müssen, ist Iwmiowo, in dem industriereichen Gouvernement Wladimir nicht weit von der Grenze des Gouvernements Kostromu gelegen. Es ist eine der ältesten bauern-gemeindcn und wird schon zur Zeit Iwan Hl. genannt; später kam es in den Vesitz der Familie Scheremetjeff. In der ganzen Gegend stand die Weberei frühzeitig in Flor, und schon Oeter der Große hielt es für nötig, dort einen Steuereinnehmerposten zur errichten. Das eigentliche Iwänowo ist ein unscheinbares Dörfchen, aber rings um dasselbe liegt eine Menge Ansiedlungen, die alle dazu gezählt werden und in denen etwa 7000 Menschen ansässig sind, zu denen noch eine fluktuierende Bevölkerung von ^0000 Arbeitern kommt. Hier ist der Sitz _________ 1 ,". _____ einer in ganz Nußland berühmten Kattuufabrikation, welche sich über die ganze Umgegend in beiden Gou« verncments ausdehnt nnd außer Ilvc'l,nowo no6? an 20U00 Nienschen beschäftigt. Der große Aufschwung Iwilnowos datiert seit dem brande !Noskaus im Jahre ^8^2. Ehe die niedergebrannten Moskauer Fabriken wieder aufgebaut wurden, bemächtigten sich die Fabrikanten von Iwünowo des ganzen !7Iarktes. Sie zogen die beschäftigungslosen Arbeiter ihrer Konkurrenten an sich, und überdies blieb so mancher intelligente Ausländer, der in Kriegsgefangenschaft geraten war, auch nach dem Friedensschlüsse in Rußland uud suchte Arbeit in den Fabriken. Dabei waren die Itix'mower allezeit darauf bedacht, alle ^encrungeu und Verbesserungen bei der Fabrikation, die sich in: Auslande bewährt hatten, auch in ihren Fabriken einzuführen und so auch dein Aus» lande gegenüber stets konkurrenzfähig zu bleiben, von Jahr M Jahr wuchs der Reichtum der Fabrikanten, Russisches VaucnilMis uild Scheune im ^lcn^n. aber sie wurden ihres Reichtums doch nie recht froh. Ivaren sie doch leibeigene, öklaven eines Herrn, der ihnen oft in einen, Jahre mehr abnahm als sie verdient hatten, uud der sie ^eden Augenblick zwingen konnte, ihrer Beschäftigung zu entsagen und gleich anderen Leibeigenen den Oflug zu führen. Das Ideal aller war daher die Erlangung der Freiheit, doch erst in den Jahren ^825 bis ^85^ gelang es einzelnen, sich loszukaufen — um hohen Oreis. Zwauzigtausend Rubel uud mehr mußten für den Kopf — oder wie man zur Zeit der Leibeigenschaft sagte: für die „öeele" — gezahlt werden, und damit hatten die Fabrikanten nur ihre und ihrer Angehörigen persönliche Freiheit erkauft. Die Gutsherren, die öcheremetjeffs, wußten gar wohl, was ihnen die Leibeigenen in ihren großen Industriebezirken wert waren, und sie waren nicht willens, die Henne, welche goldene zeichnet — ein vergleich, der in jedweder Veziehung ein übel angebrachter war. Die Industrie, welche plötzlich so großes Aufsehen erregte, war schon Iahrbunderte alt. Sie hatte bereits die Aufmerksamkeit Peter des Großen auf sich gelenkt und es war damals versucht worden, auch die Gewehrfabrikation hier einzuführen, doch vermochten die Fabriken in pawlowo nicht mit den berühmten Er-Zeugnissen von Tula zu konkurrieren. Das Dorf pawlowo, von welchem alle in der ganzen Umgegend verfertigten Stahlwaren den Namen erhalten haben, zählt in etwa ^000 Häusern über 7000 Einwohner und besitzt etwa 700 Werkstätten. Nächst ihm ist das ^0 Werst entfernte Dorf worsnül der wichtigste platz der Stahlindustrie, und an diese Dörfer reihen sich auf einem Flächenraum von 200 Hüwerst noch .",2 Dörfer des Kreises Gorbatoff im Gouvernement N^ischny Nowgorod an. Über 200(10 Mensche»: sind in diesen Dörfern in etwa 2000 Werkstätten beschäftigt, aber hier ist die Lage des Arbeiters keine so günstige wie in Vogorods-koje und Iw^nowo, denn im Schweiße seines Angesichts verdient er kaun, das tägliche Vrot. Die Mehrzahl der Arbeiter verarbeitet zu Hause das ihnen von den Fabrikanten gelieferte Material und verdient dadurch bis vier Rubel Silber wöchentlich, von diesen: Gelde müssen alle Haushaltungsausgaben bestritten werden. Ackerbau giebt es in den meisten Dörfern nicht, der Voden ist nicht sehr ertragfähig, und wo einige Äcker vorhanden, da sind sie gewöhnlich verpachtet. So muß alles, was die Familie zum ^eben braucht, in: Nasar gekauft werde»,, und wenn Krankheiten eintreten, ist der Ruin der Familie kaun: abzuwenden. Die Armut, die hier herrscht, zeigt sich schon in der Kleidung. Männer und Frauen kleiden sich in den billigen Rattun von Iw^nowo, denn Leinwand oder gar Tuch zu kaufen erlauben ihnen ihre Mittel nicht. Alt und Dung, die Greise und Frauen ebensowohl wie die Kinder, alle müssen sich tüchtig rühren, um das zum Lebensunterhalt nötige Geld zu verdienen. In den Dörfern, in denen auch noch ActVrbau betrieben wird, besorgen diesen die alten teute und die Frauen, die Männer arbeiten in den Werkstätten und verlassen diese nur zur Zeit der Ernte auf 8 bis ^ Tage. In: Winter suchen auch die alten (eute in den Werkstätten Beschäftigung. Das beste Er» trägnis liefern noch die Wiesen, und das Heu wird von hier zu Schiffe auf der Gka nach weiten Entfernungen versandt (siehe Seite ^?). Trotz der Armut ihrer Bewohner haben aber alle diese Fabrikdörfer ei» freundliches, sauberes Aus» sehen, worsnu'l sowohl als pawlowo kann man kaun: mehr Dörfer nennen. Das erstere, an der Kischma und den Ufern eines schöne«: Sees gelegen, hat breite, gerade Straßen, hübsche Gärtchen befinden sich bei den Häusern, gut erhaltene Holzzäune trennen die einzelnen Grundstücke von einander und mehrere stattliche Kirchen zeuge»: von dem frommen Sinn der Vevölkerung. Das hoch über der (Vka gelegene pawlowo sieht »»och stattlicher aus. Es hat zwar enge, winklige Gasse»:, aber dieselbe«: sind stellenweise mit Holz gepflastert, in den große«: Vasare»: und an: Tandnngsplatz der Schiffe herrscht stets ein reges Lebe,: und Treibe,:, und unter den neun Kirchen sind mehrere, die durch ihre Größe und ihre innere Ausschmückung das Staunen der Fremde»: erregen. Früher gab es in dieser Gegend viele Sektierer (RaskülnM), sie sind ^etzt aber alle in den Schoß der Staatskirche zurückgekehrt und haben ihre Rechtgläubigkeit durch stattliche Kirchcnbauten dokumentiert. Auch die reiche»: Fabrikanten habe»: es an Spenden zu gunsten der Kirchen nicht fehlen lassen. Sie können dies auch, denn viele sind unermeßlich reich. Ein gewisser AkisM, der sich später unter die Nowgoroder Kaufleute auf' nehmen ließ, war ein mehrfacher Millionär. Er hat allein für eine Kirche in pawlowo ^00 000 Rubel gespendet. Das ganzc Geschäft ruht hier so zu sagen in den Hände,: von drei großen Firmen, die schon von Anbeginn die tonangebenden waren. Nald nachdem Sawjaloff der einheimischen Industrie die ihr gebührende <5* Veachtung errunge>i hatte, folgten zwei andere Fabrikanten ans j?awlowo, Iwan Aol^akli, und Oeter Gorschkoff, seinem Beispiel nnd setzten ebenfalls ihre Firma auf ihre Erzeugnisse, und diese drei sind bis anf den heutigen Tag die bedeutendsten Fabrikanten geblieben- von ihnen hängt die Mehrzahl der Arbeiter ab. Neben diesen Vertretern des Großkapitals giebt es anch kleine Tente, die dnrch etwas bares Geld in der ^age sind, selb« ständig zu arbeiten. ^>ie kaufen das nötige Material, verarbeiten es zu Hause mit ihren Familienangehörigen und verkaufen dann die fertige Ware an die Händler und die reichen Fabrikanten oder übergeben sie den herumziehenden Hausierern zum verkauf. Manche bringen auch ihre waren nach N^ischuy-Nowgorod auf die Jahrmärkte und vcrkanfen sie dort selbst. Durch Sparsamkeit — und der geineine ^usse, hat ia nicht viel Vcdürfnisse — vergrößern sie mit der Zcit ihr Betriebskapital, nehmen Arbeiter in Dienst und werden schließlich Ivussisch^s ^aucl'ichmis im ^ii!>^n. vielleicht Fabrikanten. Neben solchen vom Glück begünstigten quälen sich freilich viele andero ihr ganzes ^eben lang, ohne ihre 3agc verbessern zu können. Ghne Kapital, ohne bekannten Namen, sehen sie sich außer stände, mit den großen Firmen zu konkurrieren, solche ^eute versehen ihre Erzeugnisse mit irgend einen: englischen Stempel -— wobei es auf einige orthographische Fehler nicht ankommt — und die Hausierer verkaufen sie dann in den kleineren Grten zu bedeutend höheren greisen als englische, importierte Ware. solche, meist an (Dualität schlechtere, Ware wird auch in großen Massen nach Asien versandt, nach Chiwa, Vochara, Taschkend und f)ersien, und der englische weisende, der in jDersien mit einer der dort gebräuchlichen eigentümlichen Gabeln speist, ahnt nicht, daß dieselbe trotz des englischen Stempels russisches Erzeugnis ist, Ls werden jährlich etwa ^0000 Dutzend zweischneidiger Federmesser aus j)awlowo nach j)crsien exportiert, dort an den 5eitsn stumpf gemacht und als Gabeln verkauft. Tief drinnen in Mittel-Asien trifft man auch noch ein anderes Erzeugnis t?cucrntc am Flusse. ------ U9------ von pawlowo: die Schlöffer au den hölzernen Roffern, welche bci den wrientalen iin Gebrauch sind. Ltwa 60(X) Rosier mit Schlössern aus den Werkstätten von pawlowo werden jährlich anf dc,n Markte zu Njischny-Nowgorod verkauft und nach Armenien, pcrsien, ja bis Afghanistan versandt. Außerdem werden in pawlowo und Umgegend noch verschiedene andere Gegenstände verfertigt, wie Hammer, Zuckerzangen, Achtscheren, Vürsten für Tuchfabriken, Dolche, Degen, Gewehre u. s. w. Die preise sind sehr niedrig; ein Dutzend Cisch-messer kann man schon für einen Silber-Rubel erhalten, ein Dutzend zweischneidiger Federmesser, von der Sorte, die hauptsächlich nach Asien versandt wird, für 60 Ropeken Silber. Alle diese Industriedörfer liefern durch ihr Gedeihen den beweis, daß der russische Nauer imstande ist, etwas zu leisten, daß es ihm weder an Fähigkeiten noch an Qist zur Arbeit gebricht, wenn man nur nicht von ihm verlangt, daß er seinen Fleiß der Scholle zuwende, auf der er geboren ist. wenn er iin Hause des Gutsherrn irgend eine kunstvolle Schnitzerei erblickt, wird er sie vielleicht sofort und mit den unzulänglichsten, primitivsten Werkzeugen nachzuahmen suchen und mit bewundernswerter Ausdauer auch eine gute Nachahmung fertig bringen, nie aber wird ihm einfallen, bei der Bewirtschaftung seiner Grundstücke jene Verbesserungen nachzuahmen, welche auf dem Gute seines frühern Herrn der deutsche Gutsverwalter eingeführt hat. usse ka»m freinde Not nicht tall' blutig mit anseien, und so bekommt sie vielleicht schließlich doch die Summe zusammen, welche sie braucht, (eider fehlt es auch hier an den Drohnen im Bienenkörbe nicht, von denen wir schon früher gesprochen haben, und gar viele geben sich für Abbrändler ans, nur um das Mitleid zu erregen und eine größere Gabe zu erhalten. wohl in keinen« andern ^ande der Welt wird so viel unter der Firma des vrandnnglücks geschwindelt wie in Rußland. Da liegt im Gouvernement Moskau, im Kreise vogorodsk, eine Gruppe Dörfer, benannt Sachod. Die Bevölkerung derselben lebt nur vom Vetteln, wenn der Herbst gekommen ist, werden die Dorf-Verwaltungen unablässig nut der 33itte um Pässe bestürmt, deren sie an 2000 auszustellen haben. Auf elenden Narren, deren Holzwerk vielfach vrandspuren zeigt und die von abgemagerten Gäulen gezogen werden, verlassen UN, diese Zeit die Sachodjinzy ihre Dörfer und verbreiten sich wie ein Heuschreckenschwarm über die angrenzenden Gouvernements. Der Ausse kennt die sauberen Brüder, aber sein Unglück ist, daß er gutmütig und sein Mitleid leicht erregt ist. wer scheidet da die Spreu vom Weizen? wer kann die wirklichen Unglücklichen von den das Unglück fingierenden Sachodjinzv unterscheiden? Die letztereil wissen den vrand, der ihr Dorf heimgesucht, das namenlose Elend, das er zur Folge gehabt, mit so glühenden Farben zu schildern, daß sie selten die beabsichtigte Wirkung verfehlen. Mildthätige Hände spenden ihnen Gaben aller Art in Hülle und Fülle, wenn sie dann in: Frühjahr in ihre Dörfer znrückkehren, bringen sie Geld, Kleidungsstücke lind Tebensmittel in Menge mit. Die Polizei hat zwar in der lehten Zeit ihr möglichstes gethan, um die Sachod-jinzy von diesem leichten und einträglichen, in der industriellen und höchst arbeitsamen Gegend aber sehr außergewöhnlichen Erwerb abzubringen, jedoch die strengsten Maßregeln haben nichts anderes erzielt, als daß die Verfertigung falscher Pässe und Dokumente, in welchen Vrandbeschädigte oder Kollekteure für Kirchenbauten empfohlen werden, immer häufiger wurde. Das Vettlerunwesen grassiert übrigens auch in anderen Gegenden Rußlands. Das Comity für !)er-sorgung der Vettler hat eine Statistik darüber veröffentlicht, der wir folgende Daten entnehmen! ^n 7^ Gouvernements giebt es 2Z7, ^^ Vettler beiderlei Geschlechts; davon sind ,"»27)5 Edelleute, 5^9^ geistlichen Standes, 20 Kaufleute, ^3^ Kleinbürger, 1.8^97,2 Vauern, ^ ."'^ Soldaten mit ihren Familien. Namentlich das vauernvolk betreibt den Vettel gewerbsmäßig; bei ihn« ist er nicht die Folge von Not und Llend, sondern eine seit undenklichen Zeiten bestehende und wegen ihrer Einträglichkeit sehr beliebte Industrie. Diese Bettler sind nicht arm, sie haben zu Hause ein Wohnhaus, Felder und Vieh, besitzen wohl auch ein gut Stück bares Geld — sobald aber der Schnee zergeht, regt sich in ihnen die Wanderlust. Die elendesten, zerlumptesten Anzüge werden hervorgeholt, und dann geht es frisch und munter „in die Welt hinaus". An beuten, die mit lauschender Naturwahrheit die ^olle von blinden oder Stummen spielen können, an wirklichen und an fingierten Krüppeln ist kein Mangel. Der vauer, der einen solchen als Vegleiter mitnehmen will, kann seine Auswahl unter Hunderten treffen, besonders gesucht sind die Vlinden. wenn der Führer eines solchen Starc-tz (Greis) sein Geschäft versteht, kann die goldene Ernte gar nicht ausbleiben. Wo sich das paar zeigt, in den Dörfern, in den Vasaren, auf den Jahrmärkten, überall finden sich gute Seelen, die dem bedauernswerten Greis eine Gabe reichen, und der Polizei, welche die Vlindheit näher untersuchen könnte, geht das edle Paar wohlweislich aus den« Wege, hält sich deshalb auch von allen Städten fern, wo ohnehin die Bevölkerung nicht so freigebig ist wie auf dem Lande. Ein charakteristisches Kennzeichen dieser Sorn Aabak will er nur trinken und sich nach Herzenslust austoben. Hier, wo er bezahlt, ist er Herr; hier war er auch zur Zeit der Leibeigenschaft ein freier, durch nichts in seiner tollen laune beschränkter Mann. Das hat ihm den Kabak lieb gemacht, und die Gewohnheit zieht ihn auch heute uoch immer nach der ihm lieb gewordenen Stätte. Überhaupt steckt dein Vauer trotz zwanzigjähriger Lmanzipation noch so viel von den Gewohnheiten der leibeigenen im Vlute, daß noch manches Jahrzehnt vergehen wird, bevor die letzten spuren der ver» gangenheit in neuen Generationen verschwunden sein werden, und es dürfte daher wohl angezeigt sein, hier einige Mitteilungen über das Wesen der Leibeigenschaft einzuschalten, über die im Auslande noch viele irrige Ansichten verbreitet sind. Der leibeigene haftete an der Scholle und konnte nur mit ihr verkauft werden, leibeigene ohne land zu verkaufen war verboten. Mann und Frau, sowie Geschwister, mochten sie nun Waisen sein oder nicht, durften beim verkauf nicht getrennt werden. Dagegen konnte der Herr den leibeigenen auf ein anderes, vielleicht weit entferntes und viel fchlechteres Grundstück versetzen; er konnte ihn züchtigen lassen und ihn« die strengsten strafen auferlegen, ihn nach Velieben mißhandeln, wenn nur der lsibeigsne nicht verstümmelt oder lebensgefahrlich verletzt wurde, verbrechen der leibeigenen straften die gewöhnlichen Gerichte, deren Beistand die Herren jedoch häusig auch bei geringeren vergehet» in Anspruch nahmen. Der Herr konnte auch seinen leibeigenen der Regierung zur Deportation nach Sibirien oder zur Linreihung ins Heer übergeben, beides sehr gefurchtste Strafen; der Militärdienst war damals unter der strengen Zucht noch eine schwere, drückende last, und schon bei dem Gedanken an eine Deportation nach Sibirien vermochte sich der beherzteste eines Grauens nicht zu erwehren, denn damals wurde den Herren Verbrechern die Reise in das land jenseits des Ural noch nicht so bequem gemacht wie heute und Humanität kannte man jenseits des großen Grenzgebirges noch viel weniger als diesseits desselben, wurde ein leibeigener von den Gerichten zu Deportation oder zu Zwangsarbeit verurteilt, so wurde dadurch die leibeigenschaft aufgehoben und auch seine Frau wurde frei und konnte ihm nach seinem Verbannungsorts folgen. Der Herr konnte seine leibeigenen jederzeit für frei erklären, ohne Rücksicht darauf, ob er ihneu das bisher bebaute land ließ oder es ihnen abnahm. Außerdem wurde jeder leibeigene mit seiner ganzen Familie frei, der ein von seinen: Herrn geplantes Attentat gegen den Raiser oder sonstige hochverräterische Handlungen --------;24 -------- desselben znr Anzeige brachte. Ram das Gut durch Kauf, ^»chenkung odor Erbschaft in den besitz ei>«es Üicht» christen, so wurden alle auf demselben befindlichen leibeigenen frei, mußten aber dem Besitzer des Gutes für den Kopf 5)>/2 Rubel zahlen. )n gewissen Fällen zahlte auch die Legierung cin loskaufgeld an den Herrn des leibeigenen und zwar ^^. Rubel für den Mann und 57 Rubel für die Fran- so in dem Falle, wenn die Freilassung nachträglich angefochten und für ungiltig erklärt wurde, der Freigelassene sich aber inzwischen bereits ein Gewerbe gewählt hatte, ^eder Freigelassene war nämlich verpflichtet, sich bis zur nächsten Mahlung ein Gewerbe zu wählen. Unterließ er dies, so wurde er von der Legierung als Kolonist verschickt oder kam unter die Soldaten, und seine Kinder in eine Militärschulc. leibeigene, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, wurden freie leute, wenn sie aus derselben zurückkehrten. öo sehr jedoch der leibeigene der Willkür des Herrn preisgegeben war, völlig rechtlos war er nicht. Grundbesitz durfte er zwar nicht erwerben, und wenn ihm solcher zufiel, wurde das Grundstück verkauft und Bettler lins dcm L^iide. ihm das Kaufgeld eingehändigt, aber «Ligentum an Nlobilien zu erwerben, war ihm nicht verwehrt. Allerdings war es eine seltsame Art Eigentum, kaum dem ^»LouUum der römischen öklaven vergleichbar, da der Herr es ihm jeden Augenblick abnehmen konnte, aber es bildete sich doch allmählich zur Regel heraus, daß die Haus-einrichtung, das Ackergerät und das !?ieh als unantastbares Eigentum des Vauern angesehen wurden. Ls lag ja im eigenen Interesse der Herren, den ^auer nicht in dem zu schädigen, worauf seine leistungs- und Zahlungsfähigkeit beruhte. Der leibeigene konnte sich auch mit Bewilligung seines Herrn in einer ^tadt niederlassen, dort ein Gewerbe betreiben, oder sich in die Kaufmannschaft aufnehmen lassen, aber dem Herrn stand es jederzeit frei, ihn zurückzurufen. Diele dauern, die sich als Kaufleute iu Städten niederließen, wurden Alillionäre, erwarben vielleicht mehr Dermögen als ihre Harren besaßen, aber sie blieben trotzdem leibeigene, die Herren dachten -------- ;25 nicht daran, in einen loskauf zu willigen, da jeder solche leiboigeile für sie eine hohe ^ente repräsentierte, die sie jeden Augenblick noch erhöhen konnten, indem sie seinen fernern Aufenthalt in der ötadt von der Zahlung größerer Abgaben abhängig machten. wie die leibeigenen unter der unermeßliche!, Grausamkeit vieler Herren zn leiden hatten, ist in Schriften, die es auf Erregung von Sensation abgesehen hatten, schon oft genug geschildert worden; wir können darüber hinweggehen, wie jede 5klaoerei, erzengte auch die Leibeigenschaft entsetzliche Scheusale. Und doch wurden bald nach der Aufhebung der Leibeigenschaft sehr viele stimmen laut, die der Sehnsucht nach den früheren Zuständen Ausdruck gaben, und heute noch trifft man ältere leute, welche sich nach den Tagen der Leibeigenschaft zurücksehnen! Die Ursache dieser befremdenden Erscheinung ist unschwer zu erkennen, ^n dem Ilber-gangsstadium, in dem er sich jetzt befindet, hat der ^auer einen schweren ^aner mit Erlaubnis des Herrn sein Vieh auch auf die herrschaftliche weide treiben, was ihm jetzt verwehrt ist, und weun — was in einem Tande wie Rußland, wo mau Hecken und Einzäunungen gar nicht kennt, kaum zu vermeiden ist — sein Vieh sich einmal auf den herrschaftlichen ^5oden verirrt, so muß der ^5auer jetzt dafür eine empfindliche Geldstrafe zahlen, während er im gleichen Falle früher nur einen verweis oder im schlimmsten Fall Orügel erhielt, die er ja gewöhnt war lind sich nicht zu sehr zu Herzen nahm. Ebenso konnte der Vauer, wenn beuchen ihm sein Vieh geraubt hatten oder ihm in Folge von Mißernten Getreide zur Aussaat fehlte, auf Nntcrstützuug seitens des Herrn rechneu. Dieser war sogar verpflichtet, den in Not geratenen leibeigenen zu unterstützen, und der Gutsbesitzer, dessen leibeigene beim betteln erwischt -------- ^26 -------- wurden, mußte ^ Rubel 50 Kopeken für den Kopf Strafe zahlen. Der Bauer hatte daher stets einen Rück-halt an seinen, Herrn und war vor völliger Verarmung geschützt. Das hat nun alles aufgehört. Dagegen sind viele neue tasten an Stelle der alten getreten, die durch die Art ihrer Verteilung höchst drückend sind und jeden Aufschwung des Bauernstandes hindern. Der Baner hat dem Staat, dem Kreis (dem Zemstwo) und seiner Gemeinde Abgaben zu entrichten. Diese Abgaben betragen zusammen etwa 9V2 Rubel für jedes mann-liche Mitglied des Hausstandes, da aber das Rind in der wiege schon ebenso besteuert wird, wie der erwachsene, arbeitsfähige Mann, so sind sie ungemein drückend. Dazu kommt noch ein anderer Übelstand. Der Besteuerung liegen die Zensuslisten zugrunde, in welche die gesamte männliche Bevölkerung eingetragen wird. von Zeit zu Zeit — die Zeiträume sind nicht bestimmt und in den einzelnen Gouvernements verschieden — werden diese Asten „revidiert" und die Zahl der steuerpflichtigen, der „Revisionsseelen", richtig gestellt. In dem Zeitraum von einer Revision zur andern aber hat die Gemeinde so viele einzelne Steueixnioten zu entrichten als in die Asten Revisionsseelen eingetragen sind, ohne Rücksicht auf die inzwischen Gestorbenen und Geborenen, gleichviel ob die männliche Bevölkerung in den, Zeitraum zu- oder abgenommen hat. Die Steuerquote ist überall dieselbe, ohne Rücksicht auf die (Dualität, ja ohne Rücksicht auf die Quantität des Ackerlandes, über welches eine Gemeinde verfügt. Daraus ergeben sich nach unseren Anschauungen ganz abnorme Verhältnisse. .'n ^tand des Vaters zu wählen. Man trifft heute Popensöhne unter den Nnivcrsitä'tsprofessoren, unler Beamten, Fabrikanten und Raufleuten. Die abermalige Entstehung eines geistlichen Proletariats ist also nicht zn befürchten, In sozialer Beziehung hat sich die Stellung des Popen in den letzten zwanzig Jahren auch gebessert; allerdings ist dies nicht sein Verdienst, sondern nur eine Nachwirkung der großen Reform Alezanders ll. Zur Zeit der Leibeigenschaft war dcr Pope nicht viel besser ^^'tl'o>iVi!!>!nIll!ig !>er ^Nalak^ii^i. gestellt als die leibeigenen, vom Gutsherrn veraastet, wurde er von diesem oft arg mißhandelt und mußte zur Zielscheibe roher scherze dieuen, wurde überhaupt nicht viel besser behandelt als ein leibeigener, wagte cr, sich gegen den Gutsherrn aufzulehnen, so war sein Verderben besiegelt, denn in ^ener Zeit ging in Rußland noch Geld und Ansehen vor Recht, und es wurde dem Gutsherrn leicht, durch einflußreiche Verbindungen iede Alage des Popen niederzuschlagen. Anstatt Genugthuung und Entschädigung erhielt dann der unvorsichtige Kläger im günstigsten Fall einen Verweis von seiner obersten Behörde, häufig aber wurde er nach einer schlechteren Pfarre versetzt. Die Popen ergaben sich daher geduldig in ihr trauriges Los und ertrugen ohne Murren die ärgsten Mißhandlungen, da sie wußten, daß widerstand ihre läge nur verschlimmern konnte. Zeigten sie sich unterwürfig und fügten sie sich allen launen des Gutsherrn, dann siel ^a auch manchmal eine kleine Gabe für sie ab, die ihnen in ihrer bedrängten läge hoch willkommen war. Arm waren die Popen stets. Ihre pekuniäre läge erheischt zu ihrer Vesserung so tiefgreifende Reformen, daß in 25ezug auf sie wohl nicht so bald eine Initiative, weder von der weltlichen noch von der geistlichen Obrigkeit zu erwarten ist. Der Pope bezog niemals eincn festen Gehalt; fein Einkommen <7 ^8 besteht noch heute uur aus dein Ertrag des ih»n angewiesenen Grundstückes, aus don Gebührcn fin- die von ihni vorgenonimenen kirchlichen Handlungen, Taufen, Trauungen, Beerdigungen undMessenlesen, und den Ges6?c»iken an Geld oder Wirlschaftserzeugnissen, die er bei dem lingua nnt dein Heiligenbilde erhält. Der Tag, an den, dieser Umzug stattfindet, ist der größte Festtag im ^eben d,-s Popen, denn, we»m er auch von dem einzelnen meist nur wenig erhält, so bilden doch viele kleine Väche auch einen Strom uud die Vorratskammer der Popenfrau, in der es gewöhnlich unheimlich leer aussieht, füllt sich für einige Zeit. Die Popen-frauen pflegen zuweilen den Gemahl bei diesem Umzug zu begleiten, unter dem vorwand, die Geschenke, die er erhält, tragen zu helfen, in Wirklichkeit aber, weil sie hoffen, ein besseres Gescheut zu erlangen als der gutmütige, mit allein zufriedene Gemahl. Das Gesetz verbiete! aber den Popenfrauen eine solche Beteiligung an dem Nmzug des Popen. Aus alledem ist schon ersichtlich, daß das geringe Ansehen, welche- der Pope genießt, und sein geringes Einkommen die Hauptschwierigkeiten sind, die einer Hebung des ganzen Standes im Wege stehen. Männer von Talent und Bildung werden sich einem Stand nicht zuwenden, der so wenig verlockendes bietet, um so weniger, da ihnen der Eintritt in ein Kloster die Möglichkeit bietet, die höchsten würden in der Hierarchie zu erlangen. Man darf aber auch nicht außer acht lassen, daß der Pope mit dem Bildungsgrad, den er besitzt, doch vollständig den Anforderungen entspricht, die an ihn gestellt werden. Ein protestantischer Pastor z. N. wäre in einem russischen Dorfe nicht am platze. Der russische Vauer verlangt nicht einen Pfarrer, der schön predigen kann und ihn» zuweilen derb ins Gewissen redet, er braucht keinen Pfarrer, der mit dem Anhalt der Vibel wohlvertraut ist, denn auf das ^eseu der Vibel legt der Russe nicht ein solches Gewicht wie der deutsche Protestant', der T5auer verlangt nur, daß der Pope mit dem kirchlichen Ritus wohl vertraut sei und mit peinlicher Gewissenhaftigkeit an den alten Gebräuchen festhalte, was der Protestant unter innerer Vertiefung versteht, ist dein russischen 35auer völlig fremd. wie streng die große Masse des Volkes bei der Beobachtung von Ceremonien und anderen Äußerlichkeiten vorgeht, zeigt am dentlichsten die Geschichte des russischen Sel'tenwesens, in erster Reihe der großen Spaltung der russischen Kirche, welche unter dem Namen Rasknl bekannt ist. Der russische Rask<',l (Schisma) datiert aus deu Tagen des Patriarchen Nikon (geb. ^605, gest. ^65^), seine Veranlassung aber ist in viel früherer Zeit zn suchen. Durch verschulde»: wenig geschulter Abschreiber halten sich schon im ^2. Jahrhundert in die Kirchenbücher, namentlich in die liturgischen Schriften, viele Fehler und Irrtümer eingeschlichen und in den nördlichen Gegenden Rußlands, wo der verkehr mit der Mutterkirche in Konstantinopel kein so reger war wie in den südlichen Gegenden, kamen allmählich auch verschiedene kirchliche Gebräuche zur Geltung, welche von den traditionellen der griechischen Kirche wesentlich abwichen. Als sich später das Vand, welches die russische Kirche mit Konstantinopel vereinte, immer mehr lockerte und schließlich das Moskauer Patriarchat völlig unabhängig wurde, gewannen diese abweichenden Gebräuche immer mehr Verbreitung und wurden schließlich allgemeine Regel. Als die Vuchdruckerkuust in Rußland Eingang fand, hoffte man, fehlerfreiere Vücher als durch die Abschreiber zu erhalten, aber die Drucke wurden nach den fehlerhaften Abschriften angefertigt, wimmelten also selbstverständlich wieder von Fehler,,, Die traurigen Zustäude, welche bis ins zweite Jahrzehnt des 1^7. Jahrhunderts herrschten, die wirren, welche dem Aussterben des alten Herrscherhauses folgten, verhinderten die oft beabsichtigte Revision und Säuberung der Kirchenbücher, bis endlich der Patriarch Nikon, der „persönliche Freund" des Zaren Alerei Michailowitsch, die Reform in Augriff nahm. ^Lr beschloß, ein Rituale herauszugeben, welches von allen in» ^aufe der,)eit ein geschlichenen Irrtümern und Zuthäte»! frei war, und dieses im ganzen ^ande an Stelle der unrichtigen geschriebeneu oder gedruckteu einzuführen. Das werk war im Jahre j^li5^ vollendet und wurde an alle Kirchen des Großfürstentums versaudt. Die Wirkung war eine sehr verschiedene: während die gebildete schwarze Geistlichkeit, in richtiger Würdigung der Absichten des Patriarchen, sein Vuch austandslos beim Gottesdienst einführte, sahen andere voll Entsetzen, daß es eine ganze Reihe von Gebräuchen abzuschaffeu suchte, und erblickten in dein vorgehen des Patriarchen eine verwegene Neuerung. An der Spitze der nnt derselben nicht einverstandenen stand die Zarin Maria Ilinischua, eine fromme, iu allen religiösen Gebräuchen wohl erfahrene Frau, die aber nicht genügende Bildung besaß, um Nikons Thätigkeit richtig beurteilen zn können. Durch ihren Beichtvater, der sie in ihrer Abneigung gegen Nikons Reformen bestärkte, wurde die ganze Geistlichkeit des Kreml gegen diesen aufgehetzt, und nicht lange währte es, so pflanzte sich der Streit aus den fürstlichen Gemachem auf die Straße fort. Auf dein ^ande machten sich die Neuerungen nicht so bald bemerkbar. Die Popen legten zwar die ihnen zugesandten Bücher auf dein Thor aus, nahinen sich aber nicht die Mühe, ihren Anhalt zu prüfen, und sangen die Messe ohne in die Bücher hineinzublicken ruhig in der alten weise. Da jedoch die Klostergeistlichkeit Nikons Anordnungen annahm, mußte es schließlich doch den ^aien auffallen, daß der Gottesdienst von der weißen Geistlichkeit anders abgehallen wurde als von der schwarzen. Das Volk begann zu murren, es kam zu Streit und heftigen Auftritten, Die schwarze Geistlichkeit denunzierte die weiße beim Patriarchen, daß sie seinen Anordnungen nicht Folge leiste, Strenge Untersuchungen folgten, die schuldigen wurden mit Geldstrafen belegt, die hartnäckigsten, die sich nicht fügen wollten, in Klöster gesteckt, einzelne wohl auch mit Stockschlägen bestraft oder in die Verbannung geschickt. Die Aufregung wuchs von Tag zu Tag. Die Kartei der Zarin beschuldigte den Patriarchen immer lauter des Verrats am Glauben und das Volk begann allmählich den Einflüsterungen Gehör zu schenken. Man fragte sich, was den Patriarchen bewogen habe, die Neuerungen einzuführen, und seine Feinde waren um eine Antwort nicht verlegen: iu erster Reihe, das war ^a selbstverständlich, war er ein Werkzeug des Satans, des ewigen Feindes der Christenlehre; nächst dem Satan beeinstnßte ihn aber der römische Papst. Nun war in ^ener Zeit in Rußland nichts so verhaßt wie der Katholicismus, der allgemein als die größte Ketzerei galt, welche die Kirchengeschichte kennt. Es war anch noch in, frischen Angedenken, wie die Polen am Anfang des Dahr» Hunderts in Moskau und den von ihnen besetzten russischen Gebieten gehaust hatten, und pole und Katholik war ja gleichbedeutend. ^)etzt halte sich allerdings das ^latt gewendet: der Zar kämpfte siegreich gegen die polen, schon waren wilna und Grodno besetzt und Warschau selbst war von dem russischen Heer bedroht. „Die polen," erzählten die Feinde des Patriarchen dem Volke, „sehen ihr verderben vor Augen und suchen sich zu retten, indem sie durch den Verräter Nil'ou Unfrieden in Rußland erregen. Taßt Euch von ihm nicht betören. Die Rechtgläubigfeit ist in Gefahr!" ^m Usp<'>nsky Sobor des Kreml kam es zn hefligen Austritten zwischen dem Patriarchen und der Geistlichkeit, die anch in seiner Gegenwart die alten Gebräuche hartnäckig verteidigte. ^)n demselben Dahr wütete eine schreckliche Pest in Rußland. Tausende starben, Dörfer und Städte verödeten, die wichen lagen unbeerdigt in den Häusern, auf den Straßen. Die Felder wurden nicht bestellt, und der Pest folgte Hungersnot und Teuerung. Dazu gesellteu sich schreckende Zeichen am Himmel: ein Komet, eine Sonnenfinsternis, blutige Wolken. Das Volk sah darin Äußerungen des göttlichen Zornes über den abtrünnigen Nikon und wurde in seiner (l)ovosition gegen die Verordnungen des Patriarchen nur noch bestärkt. Dieser aber dachte nicht daran, nachzugeben, was er einmal begonnen hatte, pflegte er mit eiserner Energie, durchzuführen; für ihn gab es nur ein vorwärts, kein Rückwärts. Gbwohl nur ein Vauernsohn aus einem Mordwinendorfe an der Wolga, war er doch ^etzt der »nächtigste Mann im ^ande; er war des Zaren Stell» Vertreter, während dieser in, Felde weilte, die mächtigsten Bojaren beugten sich vor ihm, und sogar die Zarin fürchtete ihn. Als dann der Zar aus den, Feldzuge heimkehrte, ließ Nikon durch eine Versammlung sämtlicher Erzpriester des landes seine Reformen bestätigen. Liner der Hauptstreitpunkte, einer wenigstens, der der großen Masse des Volkes als der wichtigste erschien, war das Kreuzeszeichen: ob wan sich wie bisher mit zwei Fingern, oder wie Nikon vorschrieb mit drei Fingern bekreuzen sollte. Die erstere Kreuzesform wurde nun für eine Ketzerei erklärt, die der nestorianischen und anderen Ketzereien gleich komme, und mit verdoppelter Slrenge wurde gegen die Ungehorsamen eingeschritten. Abgesandte Nikons sollten überall die alten Kirchenbücher konfiszieren, aber es gelang ihnen nur in wenigen Orten. Die als Ketzer verfluchten Anhänger des Kreuzes-zeichens nut zwei Fingern erklärten ihrerseits Nikon für einen Ketzer und setzten seineu Abgesandten entweder thätlichen widerstand entgegen oder flohen mit den Kirchenbüchern in die Wälder und Einöden. Indessen hatte sich bei Hofe allmählich ein Umschwung zu Ungunsten Nikons vollzogen. Der glückliche Au5gang des Krieges gegen polen, den der Zar auf Nikons Rat unternahm, hatte dessen Einfluß auf den Herrscher sehr erhöht, so daß er ihn, nach seiner Rückkehr jenen Ehrentitel zuerkannte, den der erste Romanoff seinen, Vater, dem Metropoliten Philaret bcigclegt: großer Herrscher. Nikon lehnte abcr diese hohe Ehre ------- ^o------ bescheiden ab und beanspruchte diesen Titel nie, obwohl es später von seinen finden behauptet wurde. Durcl? die Hoffnung, die zil dein unverfälschten Glauben der griechischen Kirche sich bekennenden Bewohner Kareliens und Ingerinanlands mit Rußland zu vereinigen und dadurch seine Kartei zu verstärken, ließ sich aber Nikon nuu verleiten, den Zar zum Kriege gegen Schweden zu bereden. Der unglückliche Verlauf dieses Krieges verstimmte den Zar uud führte zu einer Erkaltung seiner Beziehungen zu Nikon, welche seiue zahlreichen Feinde bei Hofe wohl zu benutzen und durch immer neue Verleumdungen den Zar gegen ihn aufzubringen wußten. !Vie sich früher alles vor Nikon als Günstling des Zaren gebeugt hatte, so wurde er jetzt vou seinen täglich kühner werdenden Feinden mit Schmähungen uud Beleidigungen überhäuft, und alle Versuche Gut^ gesinnter, den Zar zu versöhnen, blieben erfolglos. Da legte Nikon feierlich in der Kirche sein Patriarchengewand ab uud zog sich in ein Kloster zurück, nachdem er die Leitung der Kirchenangelegeuheiten dem Metropoliten Pilrim übertragen, Seine Feinde aber erhoben nun nur um so kühner ihr Haupt; sie verlaugteu die IVahl eines andern Patriarchen, wozu jedoch Nikon seine Zustimmung nicht geben wollte. Er vermochte sich nicht mit dem Gedanken vertraut zu machen, einer Macht zu entsagen, die er doch faktisch gar uicht mehr besaß, und so lain es denn zu einem Jahre dauernden Proceß, in dem Nikons Gegner alles aufboten, um ihn zu verderben, wobei der Zar ein ziemlich teilnahmloser Zuschauer blieb. So kam das Jahr ^606 heran. Anknüpfend an die apokalyptische Zahl 666 erwartete man in diesem Jahre das Erscheinen des Antichrist. Nach der Meinung der strenggläubigen war dies kein anderer als Nikon, und Pflicht cines jeden war es, ihn zu bekämpfen. Ein Concil, das im Dezember des Jahres im Kreml eröffnet wurde, sollte endlich den kirchlichen wirren ein Lude machen. Außer den Häuptern der russischen Kirche waren die Patriarchen von Antiochien und Ale^andrien, ein georgischer, ein serbischer und sechs griechische Metropoliten, die Erzbischöfe vom Berg Sinai und von der wallachei erschienen, «Line solche heilige Versammlung mußte die Glaubensreinheit wieder herstellen und den Glaubensverräter Nikon bestrafen. Aber die große Masse, welche so urteilte, wurde arg enttäuscht: Nikons Feinde setzten zwar auf dcm Concil seine Absetzung durch, doch er wurde nicht wegen seiner Neuerungen abgesetzt, sondern auf Grund einer Reihe von falschen Anklagen, die ihn des Übermuts und der Habgier beschuldigten, das eigenmächtige verlassen des Patriarchensitzes ihm zum Vorwurf »nachten, uud dergleichen mehr. Alle angeblichen „Neuerungen" Nikons jedoch bestätigte das Concil als mit der reinen Glaubenslehre völlig übereinstimmend. Ein Schreckensruf flog durch das ganze 3and. Nun konnte das Weltende nicht mehr fern sein, denn selbst das Toncil fiel vom rechten Glauben ab. Jetzt hieß es, allen Verkehr mit den Irrlehrern abzubrechen, um sein eigenes Seelenheil zu retten. Das Schisma war unvermeidlich geworden. Gleich anfangs kam es jedoch zu einem Schisma innerhalb des Schismas. Ein Ceil der Altgläubigen, besonders die Landbevölkerung im hohen Norden und in Sibirien, wollte von der priesterschaft überhaupt nichts mehr wissen, erklärte, jeder Mensch sei sein eigener Priester, und schaffte auch die Ehe ab. So entstand die Gemeinde der priesterlosen, die Bespopnwschtschina. Die Altgläubigen in den Städten dagegen behielten sowohl die Geistlichkeit als auch die Ehe bei und bildeten die altgläubige Priestcrgemeiude, die Popmvschtschina. Religiöser Fanatismus wird durch Verfolgungen nur mehr angefacht, selten unterdrückt; so auch hier. Die scharfen Verordnungen, welche gegen die Altgläubigen erlassen wurden, bestärkten sie nur in ihrem Glauben. Ganz in apokalyptischen Phantastereien befangen, erwarteten sie vom Ende des Jahrhunderts noch Schlimmeres als schon über sie gekommen war. Nnd darin wenigstens täuschten sie sich nicht: die schlimmsten Tage kamen erst nach dein Regierungsantritt Pcter des Großen. Voll Entsetzen blickten die Altgläubigen auf seine Reformen und verkündeten es immer lauter, der Antichrist selbst sitze auf dem Throne und arbeite unter der Maske des Zaren an der Vernicbtung der Kirche. Alle Reformen Peters waren ihnen ein Greuel: seine europäische Kleidung, die er auch den, Volke aufzunötigen suchte, das Verbot der langen Bärte, durch welches das Gesicht der Rechtgläubigen nach deren Ansicht so entstellt werden sollte, daß es der Herr an, jüngsten Tage nicht wiederzuerkennen vermöge, ferner Peters Umgang mit Ausländern, mit offenbaren Ketzern, die Einführung der Censuslisteu, die als Asten des Satans erklärt wurden, und ganz besonders die Einführung des neuen Kalenders. Daß das Jahr am ^. Januar und nicht wie bisher am ^ September bcginnen solle, wollte den Altgläubigen nicht in den Sinn. Das Argument, das sie dagegen anfiihrten, charakterisiert sie treffend, Gott kann, sagten Alls d^n UinI^üstüf^I, — ^.' — sie, die w Vilder ans dcm russischen Landleben. «') dauern bci dcr ^?ciätc. — n? — Neben allen diesen Sekten, die ihre Entstehung aus den Tagen des großen Schisinas ableiten, giebt es in Rußland noch verschiedene andere, die man cmch »inter dem Namen NaskolnMy zusanl,nenfaß<, obwohl einzelne schon vor dem Rask.'.l existierten. Sie sind teils unter dem Einfluß gnostischer kehren, teils unter dein Einfluß des Protestantismus entstanden, und des letzteru wegen bezeichnet das Volk ihre Anhänger kurzweg als Freimaurer — mit dem alls Onnon^m^ korrumpierten Ausdruck Farmass<'»n^i. hierher gehören die sogenannten Napoleonisten, welche in Napoleon, als er im Jahre ^8^2 gegen Moskau heranrückte, den von den Propheten angekündigten „Töwen aus den» Thal Josaphat" zu erblicken glaubten und ihm zur Begrüßung eine weißgekleidete Deputation entgegensandten, der jedoch das kleine Mißgeschick passierte, daß sie den Kosaken in die Hände fiel, welche leider in Bezug auf den verkehr mit dem Feinde andere Ansichten hatten. Hierher gehören auch die Malakan^i (Milchesscr), welche im Gegensatz zu der orthodoxen Tehre auch in der Fastenzeit den Genuß von Milch für gestattet erklären, und andere. Sie haben sämtlich weder große Bedeutung noch Verbreitung, da sie auf einzelne Gouvernements oder gar bezirke beschrankt sind. Die russischeu Sekten haben sämtlich nur in den niederen Klassen der Bevölkerung, hauptsächlich unter dem Tandvolke, Verbreitung gefunden, viele Sektierer gelangten zwar als Raufleute oder Fabrikanten zu großem ^eichlum, aber in die höheren, gebildeteren Kreise der Gesellschaft konnten die kehren der Sekten nicht einzudringen, die Bildung erwies sich überall als unüberwindlicher Damm gegen ihre Verbreitung. Infolge dessen erschienen sie um so eher der großen Masse als die echte nationale Glaubensgemeinschaft und ihre Tehre als der Volksglaube l>ar excellence. Äußerlichkeiten, auf die ja der gemeine Mann so unendlich viel Gewicht legt, waren auch hier von entscheidendem Einfluß. Der Bauer sah, daß zu der Staatskirche sich alle Beamten, Militärs und Gutsbesitzer, überhaupt die höheren Stände bekannten, während die Altgläubigen sich nur aus dem Volke rekrutierten; andererseits sah er auch, daß alle ^enen bevorzugten Ständen Angehörigen sich den Bart rasierten und ihn nicht lang wachse»: ließen wie der gemeine Mann, und daß sie auch sämtlich die europäische Kleidung im Gegensah zu seiner nationalen Tracht trugen — Grund genug für ihn, zu glauben, daß die Staatskirche nur für die „Herren" da sei, während die alle Neuerungen verwerfende Sektiererkirche so recht die Kirche des treu am Alten festhaltenden gemeinen Mannes sei. Dies verschärfte einerseits den Gegensatz zwischen dem Bauernstände und den übrigen Ständen, andererseits trieb es große Massen ins Tager der Sektierer. Dieses Verhältnis hat sich nun auch wesentlich geändert. In den Gouvernements in der Mitte des Tandes gab es noch am Anfang des Jahrhunderts kaum ein Dorf, in dem sich nicht mehr oder weniger Raskoln^iky befanden, auch in all den großen Industriedörfern, deren wir Erwähnung gethan, waren sie vorhanden, aber heule sucht man sie dort vergebens, sie siud sämtlich in deu Schoß der Staatskirche zurückgekehrt und zahllose von ihnen aufgeführte Kirchenbauten zeuaen von dem religiösen Eifer der Neubekehrten. Als Nachwehen der früheren Zustände sind nur die Abneigung, das Mißtrauen gegen die höheren Stände zurückgeblieben. Dieselben richten sich hauptsächlich gegen die Beamten und Gutsbesitzer. Als im. Jahre ^8<^ das kaiserliche Befreiungsdekret bekannt gemacht wurde, verursachte das Mißtrauen gegen diese beiden Stände an vielen Mrten ernste Unruhen. Daß der Kaiser sie für frei erklärte, das glaubten die dauern gern; sie konnten sich aber mit dem Gedanken, daß sie für den Boden, den sie seit Menschengedenken bebaut hatten, eine Ablösungssumme zahlen sollten, nicht befreunden, und behaupteten, die Beamten hätten ihren Freunden, den Gutsbesitzern zu Tiebe das kaiserliche Dekret gefälscht und jene Bestimmung hineingesetzt. Der Glaube an ihren guten Vater, den Zar, unerschütterlich in« russischen Bauernstände, machte lange Zeit alle Belehrungsversuche zu schänden. Sie konnten und wollten nicht begreifen, daß der Zar nicht kurzweg den Gutsbesitzern ihr Besitztum nehmen und es den Bauern geben könne. „Unser Vater kann alles," erklärten sie hartnäckig, „ivenn er uns das Tand der Herren giebt, wird er für diese schon ein anderes Unterkommen an seinem Hofe finden." vielleicht beeinflußte diese Meinung auch eine dunkle Erinnerung daran, daß aller Großgrundbesitz in Rußland sich aus Tehen herausgebildet hatte, welche die Zaren ihren Hofleuten und verdienten Kriegern verliehen, wie des Zaren Macht Hofleute zu Gutsbesitzern gemacht hatte — so mochten die Bauern denkeu — ebenso konnte dieselbe auch wieder Gutsbesitzer zu einfachen Hofleuten machen. Solche Belehnungen hatten ^____ IHN____ schon vor Jahrhunderten stattgesunden, aber sie reichten bis in die neueste Zeit herauf und waren noch in frischem Angedenken. Kaiserin «LIisabet erhol'» bei ihrer Thronbesteigung alle Unteroffiziere und Gemeine des preobrashenskischen Garderegiments, welchem sie in erster 3^eihe ihre «Lrhebilng alif den Thron verdankte, in den Adelstand und schenkte ihnen land nut zusammen ^ MO 5eelen, so daß ^eder Gemeine nundestens 29 leibeigene nebst entsprechendein Grundbesitz erhielt, wenn auch später solche uiassenhafte Güterschenkunaen »licht mehr vorkamen, so ist es doch bis in die neueste Zeit Gebrauch geblieben, daß die Raiser verdiente Personen mit (and und keuten beschenkten. 5o hat sich, wie alles in Rußland, auch der russische Großgrundbesitz in einer wesentlich von deu westeuropäischen Verhältnissen abweichenden weise entwickelt. Wie er uns heute erscheint, ist es fast unmöglich, in Rürze ein umfassendes ^ild desselben Zu geben; der charakteristischen, originellen Gestalten, welche für ganze Kalegorieen des Standes typisch sind, giebt es zu viele. Auch der Großgrundbesitz befindet sich in einem Über-gangsstadium, wo das Alte uoch nicht völlig verdrängt, das ^eue noch nicht völlig zur Herrschaft gelangt ist. Neben der alleu Fortschritten der Landwirtschaft in anderen Zaudern mit wachsamem Auge folgcuden Intelligenz des Standes ist der alte Schlendrian noch in zahllosen Varianten vorhanden und vegetiert fort, obwohl es ihm in der modernen Umgebung von ^)ahr zu Jahr ungemütlicher werdeu mag. Altgläubigcr Rmifmann, Gcbct im Dorfe am Georgstago. '.............- ^^ Wir wollen versuche«, dein ^5eser die Porlräts einiger dor originellsten Gestalte,, vorzuführen, um ihn auch nut diesem Stande vertrauter zu »nachen. Da ist zunäcl st der alte General Peter ^wanowitsch von ^5. Er stammt aus einer alten deutschen Adelsfamilie Kurland?, die in anderthalb Jahrhunderten Rußland eine ganze Reche tüchtiger Soldaten geliefert, wclche sich ans den verschiedensten Schlachtfeldern in Europa und Asien ausgezeichnet und fast alle ihre taufbahn mit dem Generalsrang beschlossen haben. Der Ur-Großvater unseres Generals hatte das Gut M., wenige Werst von der Gouverncmentsstadt gelegen, von Katharina II. als ^ohn für ausgezeichnete Dienste Zum Geschenk erhalten, und seitdem ist dasselbe im Vesitz der Familie geblieben und seine Besitzer haben daselbst, wenn sie in späteren fahren dem Soldatenstand Ade gesagt, von den überstandenen Strapazen in ländlicher Einsamkeit ausgeruht, bis sie zu ihren Dät^rn versammelt wurden. Auch Peter ^wanowitsch hatte sich, der Sitte seiner l)äter gctreu, nachdem durch die Verleihung des Alerander Newski der höchste seiner wünsche erfüllt war, auf das Gut zurückgezogen, um dort den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Trotz seines deutschen Namens ist Peter Iwanowitsch vollständig Russe. Er spricht zwar geläufig deutsch — mit den» etwas hart klingenden kurlä'nder Accent — aber in seinem Hause wird uur russisch gesprochen, denn die Generalin versteht nicht deutsch. Noch als junger Gffizier hat nämlich Peter ^wanowitsch die einzige Tochter eines Gutsnachbaru geheiratet, die ihm eine bedeutende Mitgift mitbrachte und deren Erbe später seinen Grundbesitz hübsch abrundete. Marfa Feodorowna ist weder besonders hübsch, noch hat sie in ihrer fugend von ihrer französischen Gouvernante viel profitiert, aber sie hat ein gutes Herz, ein sanftes Gemüt, und hat ihrem Gatten gewiß noch nie einen ernsten Widerspruch entgegengesetzt, was allerdings zum weitaus größern Teil ihrer Neigung zur Bequemlichkeit Zuzuschreiben ist. Man kann ihr das Zeugnis ausstellen, daß sie jetzt eine recht würdige Dome ist, die zu repräsentieren versteht. Die Neigung zur Bequemlichkeit, die sie so sanftmütig macht, beeinflußt auch ihre ganze Tageseinteilung. ^)hre Thätigkeit als Hausfrau beschränkt sich fast nur auf Feststellung des Menus zu den täglichen Mahlzeiten, welches in langer Konferenz mit der Regentin der Aüchen-ränme lestimmt wird. ^)st diese wichtige Arbeit vollbracht, so ist die Generalin für den Rest des Tages frei. Ein Gang durch Hans und Garten, bei weichein der Dienerschaft noch verschiedene Anordnungen erteilt werden, füllt den Oormittag. Die Zeit des Mittagessens naht heran, und da der General die in seinen Soldatenjahren gewohnte Pünktlichkeit bei nichts so gewissenhaft zur Geltung bringt als bei der Einhaltung der Mahlzeitsstundcn, so eilt die Generalin ins Haus zurück, um nicht Anlaß zu einer Störung zu geben. Nach Tische liebt der General, bcvmcm auf das Sofa hingestreckt, seinen Regierungsanzeiger Zu lesen — das heißt, er beginnt ihn stets Zu lesen, dcnn schon nach wenigen Minuten enlsällt ihn« das ^5latt und Gott Morpheus legt seine weiche Hand auf seine Augenlider, Da aber der General bci seiner Lektüre gern ungestört ist, Zieht sich Marfa Feodorowna in ihre Gemächer zurück, in denen die Ialousieen geschlossen find und wo es sich im Halbdunkel nach des Tages Mühen so angenehm träumeu läßt. wenn nach zwei Stunden der General seine Zeitung zu Ende gelesen hat und Marfa Feodorowna wieder im Speisesaal erscheint, stellt sich gewöhnlich auch bald besuch ein. Der General liebt die Geselligkeit, und sein Haus ist wegen seiner Gastfreundschaft berühmt. Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft kommen mit Frauen und Töchtern angefahren, aus der Gouvernementsstadt kommt der Gouverneur mit mehreren seiner T>chinnwnjiks (Veamte), es kommt auch der Vberst des dort garnisonierenden Regimentes, ein alter Kriegskamerad des Generals, und einer oder der andere der dienstfreien (Offiziere, wenn ihrer noch so viel kämcn, sie wären alle willkommen. Die Gäste bleiben bis in die Nacht, einzelne vielleicht gar einige Tage. So verläuft em Tag wie der andere im leben des Generals, und eine Abwechslung tritt nur dann ein, wenn Regenwelter das Oerlassen des Hauses unmöglich macht und Gäste fern hält, oder wenn das würdige paar sich aufrafft, um einmal selbst besuche bei den Nachbaren Zu machen oder in die Gouvernementsstadt zu fahren. Dazwischen kommen auch häusliche Feste, die schon Wochen vorher viel Sorge und Aufregung verursachen und, wenn der große Tag endlich erschienen ist, im Hause eine völlige Umwälzung hervorrufen, so der Namenstag des Generals und der Generalin, namentlich der letztere, der stets mit großem Aufwand gefeiert wird. Das Haus vermag die Gäste kaun» zu fassen, der Gberst, ein galanter Mann, hat die Musik seines Regimentes, die ja in der langweiligen Garnison ohnehin nicht viel Zu thun hat, heransgeschickt, und -------- ;52 ihr Erscheinen hat die ganze Dorf^ugend in Alarni gebracht, die sich nun vor dem Hoflhor, übcr das hinaus sie den Soldaten nicht folgen durfte, herumbalgt. Die Dorfbevölkerung hat schon am Morgen der guten Värin^a, die stets ein williges Vhr für ihre Klagen und eine freigebige Hand für alle Notleidenden hat, ihre Gratulation dargebracht. In hellen Haufen sind sie herbeigeströmt und von der Generalin unter der Veranda, wohin man ihr einen Lehnstuhl gebracht, gnädig empfangen worden. Für die gute Frau eristieren die Umwälzungen der letzten zwanzig Jahre einfach nicht. Die dauern sind ihr noch immer „ihre Kinder", denen in Not bcizustehen, sie trotz der geänderten Verhältnisse für ihre Pflicht hält, bei deren Rindern sie patcnstellc vertritt — letzteres mit einer gewissen Vorliebe, denn es giebt im Dorf kein Haus mehr, das nicht eines ihrer Patenkinder birgt — und mit deren Frauen sie sich gern über ihre häuslichen Verhältnisse unterhält. Sie will für die dauern nach wie vor die Gutsherrschaft sein, und mit peinlicher Sorgfalt achtet sie darauf, daß keine der patriarchalischen Sitten, die sie zur Zeit der Leibeigenschaft beobachtet, in Vergessenheit gerate. So erwidert sie denn auch die Begrüßung der Gratulanten, bei Mann und Frau, bei alt und )ung mit einem Kuß auf die Stirn. Selbstverständlich gehen die Gratulanten nicht leer aus. Für Mittag ist das ganze Dorf ins Herrenhaus zu Gaste geladen, und was nicht sterbenskrank ist, das kommt. Auf dem großen Rasenplatz vor dem ivohnhause sind Tische und ^ä'nke hergerichtet, und mitten dazwischen brodelt und siedet es auf einem für die Massenbewirtung erbauten Herd in einem Dutzend von Pfannen und Töpfen, ^iesenschüsseln voll Schtschi (Kohlsuppe), mit gehackten, Fisch nnd Sauerkraut gefüllten pirogi (Pasteten), Kascha (Hirsebrei) und Lammbraten sind kaum aufgetragen auch schon geleert und werden immer wieder durch neue ersetzt, und ebenso geht es mit dem Branntwein, der vorsichtshalber nur in kleinen Dosen verabreicht wird, um die Festfreude nicht zu rasch auf ihren Gipfelpunkt zu treiben. Je näher der Abend kommt, desto lustiger wird die Gesellschaft, der allmählich der Branntwein zu Kopfe zu steigen beginnt, und wenn droben hinter den erleuchteten Fenstern des Herrenhauses der General mit der Frau des Gouverneurs die Polonaise eröffnet, hat unten auf den» Rasenplatz der Vall längst begonnen. Ein Vauer hat eine Geige mitgebracht und kratzt, auf einem Tische stehend, aus Leibeskräften auf ihr Heruni, und bei dieser nichts weniger als melodiösen Musik dreht sich alt und ^ung in, Kreise und singt und iauchzt. Immer geräuschvoller wird das Treiben, der Geiger und die Tänzer sind ebenso unermüdlich wie der Durst der bald heiser geschrieencn Kehlen unstillbar, aber man läßt die Leute thun was sie wollen, denn die Generalin würde es den, übel vermerken, der „ihre Kinder" in den Vezeigungeu der Freude über ihren Namenstag beschränken wollte. Erst wenn im Herrenhause in später Nachtstunde die Lichter verlöschen, mahnt man die lauten Gäste an die Heimkehr, zu der sie sich nur schwer entschließen, denn am liebsten würden sie bis zum Morgen bleiben. Singend ziehen sie endlich ab, und auf dem Schauplatz des wüsten Gelages bleiben nur noch ^ene zurück, die des Guten zu viel gethan und längst schon unter einein Tisch oder einer Vank in tiefem Schlafe liegen. Aber, wird der Leser fragen, was treibt denn der General den ganzen Tag? Ein so großes Gut will doch bewirtschaftet sein, da giebt es hunderterlei Arbeiten, die angeordnet und überwacht werden müssen und angestrengte Thätigkeit erfordern. Gewiß — doch dafür hat der General seineu Verwalter, und auf den kann er sich verlassen. Der alte Andrei ist die Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit selbst, und an was der General nicht denkt, daran denkt er gewiß; ^a er überhebt den General in ^ezug auf die Ivirtschafts-augelegenheiten alles Denkens. Unser Porträt eines südrussischen Gutsverwaltcrs (siehe Seite l.5?) ist einer vorzüglichen Aquarell» sammluug des Freiherr» C. von Winzer in München entnommen, der einen langen Aufenthalt in Südrußland zur Zeichnung charakteristischer Volkstypen benutzte. Es zeigt den unverfälschten Typus der Gutsverwalter vom Schlage unseres Andrei. 25laue Augen, das iu der Mitte gescheitelte lange Haar, der sorgfältig gepflegte hellblonde Vart, der gutmütige Gesichtsausdruck lassen auf den ersten Vlick den vollblutrussen erkennen, wie er in den fruchtbaren Gouvernements des Südens zu Hause ist. pflichttreue und Arbeitsamkeit sind schon in dem Äußern des Mannes ausgeprägt, aber — viel mehr wird man von ihm auch nicht verlangen können. Für Einführung von Neuerungen hat er kein Verständnis, will von ihnen nichts sehen und hören. Er ist und bleibt ein Ivirtschaftcr der alten Schule, „lvozu teuere Maschinen kaufen, wenn wir für geringen Lohn genug Menschenhände bekommen?" sagte er einst, als der General davon sprach, englische Maschinen kommen -------- ;53 -------- zu lassen wie cm Gutsnachbar, der seine ganze wirtschaft nach englischen: Muster einrichtete. Unser Andrei kann übrigens leicht mit Geringschätzung von den Maschinen reden, denn das leutselige Wescn do wird denn in der alten weise fortgewirlschaftet, genau so wie es auch die Vauern thun. ^)st die Ernte vorbei, stellt sich der )nde ein, ?c>rsnmsil^!!t. der schon seit vielen fahren regelmäßig um diese Zeit kommt, um das Getreide zu kaufen. Räme er nicht, so wäre der General in der größten Verlegenheit, denn er wüßte nicht, was mit seinen Vorräten beginnen, die dann wahrscheinlich verfaulen würden, wenn sich ein Räufer nicht zufällig fände. So ist denn der alte Aaron noch stets ein willkommener Gast, obwohl er, im Bewußtsein, daß er keine Uonkurrenz zu fürchten braucht, die preise möglichst hcrabzudrücken sucht und auch erst nach Monaten bezahlt, wenn er das Getreide weiter verkauft hat. ü>en den Geora anaernfen, I>en INakarms gepriesen. " (>) I>u unser tapf'rer Gem'g! O heiliger lUakcn'i»^! beschützet unsre 1?crl>c>i A»f dem Fl'I!)!,' und hmil'l' ,', )m Maldc und hinter dem Maide, Unter dein belle» !1wndensche!n, Unter dem goldene» Sonnenschein, I^oi' dem räuberischen Molf, I-Vr dein cniimnen ?.x1ven, l.V>r den listigen Ranl'tielen. Dor heilige Georg, dor am Lnde des 5. Jahrhunderts lebte, gilt fast bei allen christlichen Oölkern als Schutzpatron der Herden und des Ackerbaues, in Rußland aber ist der ihm geweihte Tag ga»'z besonders cm ländlicher Festtag und namentlich ein Festtag der Hirten. Ghne seinen willen kann ^a kein Wolf ein Schaf aus der Herde rauben, und wenn er eins entführte, dann hatte gewiß der Hirt durch irgend eine tadelnswerte Handlung den Zorn des Heiligen erregt, weshalb die ^eute zu sagen pflegen: was der Wolf in den Zähneu hat, das hat ihn« der heilige Georg gegeben. Die Gebräuche an« Georgstage sind in ihreu Einzelheiten sehr verschieden. Nachdem der Pope das Oieh mit Weihwasser besprengt, wird es mit geweihten Virkenrnten auf die weide getrieben. Der Hirt erhält an diesem Tage Lier und Milch und bereitet sich inmitten der Herde anf dein Felde einen Eierkuchen. In «5,«?M Vegrälmis auf dem Lande. einigen Gegenden ist es gebräuchlich, nach dein Austrieb der Herden mit den Heiligenbildern einen Umzug um die Felder zu halten. Im Gouvernement Olonetz. wo am 25. April der Schnee gewöhnlich noch sehr hoch liegt, treibt man an diesen, Tage das Vieh nicht auf die weide, aber die Jugend zieht mit Glocken von Haus zu Haus, läutet vor allen Fenstern und sammelt Gaben ein. In Rleinrußland zieht die Gemeinde mit dem Popen au der 5>pihe auf das Feld hinaus, wo er ein Gebet verrichtet und das hervorsprossende Rorn mit Weihwasser besprengt. Die Jugend beiderlei Geschlechtes pflegt sich darauf im Felde herumzuwälzen, denn der Georgstau macht kräftig und erhält gesund. In anderen Gegenden wird alles Vieh, das sich in« Dorfe befindet, zusammengetrieben, der Pope spricht ein Gebet über dasselbe und besprengt es mit Weihwasser (siehe 5eite ^9); auch der ötall wird mit Weihwasser besprengt und in ihm Weihrauch angezündet, um die bösen Geister fern zu halten, die den Geruch desselben nicht vertragen können. Die bösen Geister sind nämlich am 2; -------- ^62-------- Georgslage, an dein die Menschen Schutzmaßregeln gegen sie ergreifen, auch nicht müßig. In der Ukraine, dem LIdorado der russischen Hexen, wo sie so zahlreich sind wie in keiner andern Gegend, sammeln die Hexen den Morgentau in Tüchern, welche sie dem Hornvieh an die Hörner hängen, das dann abmagert und keine Milch giebt. Der heilige Georg, der schon bei Lebzeiten viel mit allerhand Ungeheuern und bösen Geistern Zu kämpfen hatte, ist auch jetzt noch der unpersönliche Feind der lctzleren. Namentlich den Teufel verfolgt er ohne Unterlaß, sowie er ihn erblickt, mit Blitz und Donner. Der Teufel flieht vor ihm und nimmt bald Menschengestalt an, bald verwandelt er sich in ein vierfüßiges Tier oder einen Vogel, aber Ruhe findet er erst, wenn er einen Menschen gefunden hat, der über etwas sündhaftes nachsinnt, in den er hineinfährt. Darum sucht man während eines Gewitters nur an Gott zu denken, und betet, daß man vor den: Versucher bewahrt bleibe. Bis ins ^6. Jahrhundert erhielt sich in Rußland auch der schon von Herodot erwähnte Glaube, daß am Meere Menschen leben, welche am Georgstage im Herbste sterben und am Georgstage im Frühling wieder erwachen. Diese Teule waren Handeltreibende und brachten vor ihlvm Tode alle ihre waren an einen bestimmten Grt, von wo die Nachbaren sich während dcs winters holen konnten was sie brauchten, und es dann im Frühling bezahlten. Der Glaube an Zauberer und Hexen ist in Rußland noch sehr stark verbreitet. Man schreibt ihnen die Fähigkeit zn, mit Hilfe des bösen Wesens sowohl das Vieh als die Menscheil zu „behexen" und allerhand Krankheilen über sie zu bringen, und da der Bauer die Hexe als Urheberin der Krankheit ansieht, so wendet er sich selbstverständlich auch an sie, um für sich oder sein Vieh Heilung zu erlangen. Epileptische Anfälle werden allgemein dem Teufel zugeschrieben. Der in Krämpfeu sich Windende ist vom bösen Geist besessen, und der B^uer schlägt ein Kreuz vor ihm. solche Besessene, aus denen, wie der Bauer sagt, „der Böse spricht", namentlich Frauen, trifft man in den Dörfern sehr häufig. Nicht minder häusig trifft man Blödsinnige, denen das Volk stets mit einer abergläubischen Verehrung begegnet. Der Jurodjiwy, wie solche Unglückliche genannt werden, soll nämlich die Gabe des zweiten Gesichts besitzen, und seine verworrenen Reden werden deshalb als Prophezeiungen aufgefaßt. So zieht sich der Glaube, daß man unter gewissen Umständen die «'Zukunft erforschen könne, wie ein roter Faden durch das ganze Teben der Landbevölkerung, wie die Mädchen am Sennk durch das Kränze-werfen das Schicksal befragt haben, so werden von ihnen in« Taufe des Jahres ähnliche Fragen noch sehr oft gestellt. Die Neujahrsnacht ist besonders zur Erforschung der Zukunft geeignet, wenn in den Feiertagen ein Schwein geschlachtet worden, bewahrt man dessen Schwanz sorgfältig auf, und in der Neujahrsnacht erhält jeder, der sich beteiligen will, ein Stückchen davon. Man setzt sich im Kreise nieder, spießt das Schwanzstückchen auf ein zugespitztes Holz und steckt dieses vor sich in den Boden. Dann wird der Hund in die Stube eingelassen, wessen Stück er zuerst frißt, der heiratet im Taufe des neuen Jahres. Die Mädchen erforschen die Zukunft auf folgende weise: vier Schüssel»! werden auf den Tisch gestellt. In eine legt man ein Stück Kohle, in die zweite ein Stück Holz, in die dritte Asche, in die vierte einen Ring. Die Mädchen greifen nun der Reihe nach in die verschiedenen Schüsseln, und je nach dem Gegenstand, den sie herausziehen, wird ihre Zukunft bestimmt: die Kohle bedeutet Trauer und Teid, das Stück Holz einen alten Mann, die Asche baldigen Tod, der Ring Heirat und ein freudenvolles Teben. In der Neujahrsnacht begeben sich die Mädchen auf einen Kreuzweg, um dort ihre Zukunft kennen zu lernen. Sie nehmen eine Kuhhaut, ein Taib Brot und ein Tischtuch mit, uud gewöhnlich begleitet sie bei diesem Gange eine alte Frau, von der es bekannt ist, daß sie in solchen Dingen Erfahrung besitzt. Auf den, Kreuzweg breiten die Mädchen die Kuhhaut aus, legen das Brot darauf und setzeu sich um dasselbe herum, indem sie ihr Gesicht mit dem Tischtuch bedecken. Die alte Frau zieht nut einem Brotmesser einen Kreis um die Sitzenden, und nun lauschen diese nut angehaltenem Atem auf jedes Geräusch, das sich vernehmen läßt. Die eine hört dann vielleicht aus der Ferne das Glockengeläute eines heimkehrenden Wagens und schließt daraus, daß sie bald heiraten wird, denn das Geläute meldct den Freier an, der gefahren kommt, um sie zu holen. Zu den Festen, welche ansschließlich von der weiblichen Jugend gefeiert werden, gehört auch der Tag der Heiligen Kosmus uud Damian, der ^. November. Das ganze Iah: sparen die Mädchen und sammeln _____ Iü3 __-__- Geld für diesen Tag, um die zu Besuch kommenden Freundinnen und jungen Francn bewirten zu können. )n jedem Vaucrnhause wird am ^. November ein Hahn nnd eine Henne geschlachtet, eiu Gpfer für die heiligen des Tages, das diesen schon im Frühling versprochen worden. AIs die Zeit kam, in der die Hennen zn brüten anfangen, ging die Chosjüika von Hans zu Hans, nnd nachdem sie ein Gebet gesprochen, bat sie um „eiu Hähnchen und ein Hühnchen". Sie erhielt darauf zwei Eier, die sie ohne zu danken einsteckte und weiterging. Hatte sie so viel Eier erhalten, daß sie in ihren Kleidern nicht mehr fortbringen konnte, kehrte sie nach Hause zurück. Am Abend, nach Sonnenuntergang, sehte sie sich, die gesammelten Eier in einer Mühe auf dem Schoß haltend, auf eine Bank und betete zu den beiden Heiligen, wobei sie gelobte, an ihrem Festtage einen Hahn und eine Henne zu schlachten, wenn aus den Eiern recht viel junge Hühner hervorgehen würden. Darauf wurden die Eier in den Hühnerstall gebracht und der Henne zum Ausbrüten in das Nest gelegt. Der meiste Aberglaube spukt überhaupt in den Köpfen der Frauen. Die Männer lachen meist darüber und verspotten die Frauen, wenn sie ihr Geld zu irgend einer angeblichen Hexe oder einen» Zauberer (snüchar, kluger Mann) tragen, um seinen Rat und Beistand zu erlangen. Die Hausfrau kann fast gar nichts unternehmen, ohne sich vorher solchen Nat geholt zu haben, verschwindet irgend ein Gegenstand, wird er gestohlen oder verloren, so sucht sie den sni»,char auf, damit er ihr für gute Bezahlung den Dieb nenne, worauf ihr der Schlaue wie alle Orakel eine Antwort erteilt, aus der sich alles Mögliche herauslesen läßt, die aber doch nichts bestimmtes enthält, wie z. B. Dein Messer hat jemand gestohlen, den Du Dir zum Feilid gemacht hast, und dergleichen. Sehr nachteilig erweist sich der Aberglaube, wenn Krankheiten ausbrechen. Anstatt sich sofort an einen Arzt zu wenden, wird der snächar geholt, und erst wenn dessen Beschwörungen nichts genutzt und die von ihm verordneten Kräuter deu Zustand des Kranken wesentlich verschlimmert haben, sucht man Hilfe bei dein Arzt — allerdings dann sehr oft zu spät. Die männliche Bevölkerung, so sehr sie über die Leichtgläubigkeit der Frauen spottet, ist aber doch auch von Aberglauben nicht völlig frei. Um keinen preis würde ein Bauer in der Gsterwoche irgend eine Feldarbeit verrichten, denn es ist ja von altersher bekannt, daß Getreide, das in der Msterwoche ausgesäet wird, uicht aufgeht. Dagegen muß der Kohl am Donnerstag der Charwoche gepflanzt worden, wonn er gut gedeihen soll. An diesem Tage pflegen in einigen Gegenden die Bauern das Eis aufzuhacken und sich zu baden, weil man nach einem solchen Bade das ganze ^ahr gesund bleibt. Derselbe Glaube veranlaßt viele, an» Dreikönigstag, sobald die Ceremonie des Eintauchens des Kreuzes ins Wasser vollzogen ist, sich zu entkleiden und ins Wasser zu stürzen — in den „Jordan" — und dann mit einein Kübel voll Wasser nach Hause zu eilen, wo sie sich am Gfen wieder wärmen. Das mitgebrachte „^ordanwasser" wird sorgfällig aufbewahrt, denn es ist ein vorzügliches Heilmittel für alle Krankheiten und hält auch, im Felde aufgestellt, die Hagelwolken ab. Auch sobald es zum ersten Mal donnert, eilen alle Leute ins Bad; wer sich nicht in» Bach oder Fluß baden will, der wäscht sich wenigstens zu Hause, indem er das Wasser aus einem Melkeimer, auf dessen Boden ein Ei liegt, durch einen Trauring gießt; das soll bewirken, daß der sich waschende gesund bleibt, die Kühe viel Milch geben und die Hennen fleißig Eier legen. Erbsen baut man stets auf solchen Feldern, die an der Landstraße liegen oder durch welche ein weg führt, damit die Vorübergehende«» nach Beliebe»» junge Schoten abreißen können, denn Gott vergilt tausendmal, was »nan auf diese Weise einen« armen Wanderer überlassen hat. An einem Tage der Gsterwoche geht der Pope mit den Heiligenbildern von Haus zu Haus, stellt die Bilder neben der Thür auf und verrichtet ein Gebet, worauf er bewirtet und beschenkt wird. Die Geschenke sind in jedem Dorfe durch das Herkommen genau vorgeschrieben; gewöhnlich erhält er ^0 bis 5l/, Kopeken, einige pirogi und Brot. Nachdem alle Häuser besucht worden, findet noch ein Gottesdienst in der Kirche statt; am Schlüsse desselben segnet der Pope einen der zwei zur Eröffnung der Feldarbeiten bestimmten Bauern und reicht jedem ein Stück Brot. An allen dem Erlöser geweihten Tagen (präsdnjiki SpGa) werden Erzeugnisse des Feldes oder der wirtschaft in die Kirche gebracht, um von, Priester geweiht zu werden. Am ^. August (pörwy Spaß, der erste Erlöser, auch meddwy, Honigtag, genannt) findet eine Prozession statt, wobei alle Pferde des Dorfes zusammengetrieben und von» Popen mit Weihwasser besprengt werden; ist bei dem Dorfe ei,» Fluß, so weiht 2," der Pope diesen und die Pferde wcrdeu in das geweihte Wasser getrieben. Die Bienenzüchter aber bringen die ersten Honigscheiben in die Rirche, uin sie dort weihen zu lassen, wovon der Festtag seinen Veinamen medowy erhalten hat. Darauf folgt am (,. August, dem Fest der Verklärung (Ühristi, (wtoroi Spaß, der zweite Lrlösertag), das sogena?n«te Apfelfest, wobei die Vauern Apfel in die Kirche bringen und weihen lassen und darauf zum ersten Mal die neuen Früchte kosten, denn vor dem 6. August frische Äpfel zu essen, gilt als eine große Sünde. Für die Rinder ist wie überall das größte Fest die Weihnachtszeit, während die Hausfrauen schon vom frühen Morgen an beschäftigt sind, Vlin^' zu backen, ziehen die Rinder von Haus zu Haus und singen vor den Fenstern uralte Weihnachtslieder, wie sie unter den Namen koleda oder koljada bei allen slavischen Völkern bis auf unsere Zeit sich erhalten haben; nachdem sie ihr tied beendet, beschenkt sie die Hausfrau mit frischgebackenen Vlinv und sie ziehen weiter. Auch der Pope zieht am Weihnachtstage mit den: Kreuze von Halls zu Hans und erhält überall Vlin^ und ein kleines Geschenk. Am glänzendsten wird das Fest des Grtsheiligen gefeiert. Dedes Dorf, in dem sich sine Rirche befindet, besitzt auch das Vild eines Heilige?,, der sein besonderer Fürbitter bei Gott ist und seine Macht schon häufig durch allerhand wunder bethätigt hat. Die stillen Dorfstraßen sind an einem solchen Tage nicht wieder zu erkennen. Der Markt, der gleichzeitig stattfindet, hat von nah und fern Besucher herbeigeführt, und auch Verkäufer von Lßwaren aller Art — Pfefferkuchen, Äpfeln, Nüssen, Gurken und dergleichen — haben sich eingefunden und ihre waren unter Zelten ausgestellt; andere verkaufen gleich von den wagen herab, auf denen sie die waren herbeigeführt haben. Der Festtag begann mit einen» feierlichen Gottesdienst, während dessen der Geistliche eine auf das Fest bezügliche predigt hielt. Nach dem Gottesdienst eilt alles nach Hause, wo schon die festlich gedeckte Tafel bereit steht. Schon am Tage vorher begann die Hausfrau zu kochen, zu braten und zu backen, denn heute erwartet man Gäste, und da muß alles in Hülle und Fülle vorhanden sein, und keines der Leibgerichte des Vauern darf fehlen. An einem bis ^0 2?ubel, erhalten. Außerdem giebt der Vräutigam den jungen Männern und Fraueu Geld zu Thee, und den Mädchen und der Jugend Geld zum Einkauf von Rüchen. Ist das Geschenk nach Ansicht der Veschenkten zu klein, so pflegen sie sich durch allerlei Schabernack zu rächen, indem sie z. V. die ^äder an den wagen abschrauben. Zur Vewirtung der Gäste stehen im Gouvernement Jaroslaw lind einigen -------- ^68 -------- anderen im Hause der ^raut zwei Tische bereit, der sog. „süße Tisch" und der „Verlobungstisch", sgow«'>r. Der süße Tisch, so genannt, weil auf ihm Met kredenzt wird, ist nur für die verwandten bestimmt, und 25raut und 25räu1igam setzen sich nicht zu demselben. Aber auch wenn spater am verlobungs tisch das eigentliche Festmahl beginnt, bleiben ^raut und Vräutigam zur Rolle vou Zuschauern verurteilt. Man legt zwar ^5rot »lnd Messer, Gabel und Löffel vor ihren Sitz, aber das herkommen verlangt, daß sie alle Speisen unberührt an sich vorübergehen lassen und auch den Getränken nicht zusprechen. Dafür werden sie an ihrem Ehrentage mit der größten Auszeichnung behandelt. An der Spitze des Tisches steht eine Vank, über die cm Schaffell gebreitet ist, das man mit einem weißen Tnch überdeckt hat, unter welches man Geldstücke legt — damit es dein Brautpaar in der Ehe nie an Geld fehle, Der Taufpate der ^raut geleitet das Paar zu diesen, Lhren-sitz und ladet es ein, ihn einzunehmen. vor dem Brautpaar steht auf dein Tisch ein aus Holz geschnitzter Leuchter, krassot^ (Schönheit) genannt, mit Kerzen, welche mit Bändern und buntem Papier verziert sind. Zunächst werden nun die Brautgeschenke überreicht, und der Bräutigam erhält von der 25raut für jeden einzelnen Gegenstand drei Nüsse. Dann beginnt das Mahl. Sind die Litern der 25rcmt arm, so pflegt der Bräutigam ihnen einige Rubel na stol (für den Tisch) zu geben, in einigen Gegenden ist aber ein solches Geschenk bereils zur ständigen Regel geworden und beläuft sich zuweilen bis auf 50 Rubel, während die Gäste speisen, singen die Brautjungfern Lieder, welche auf das Fest und die anwesenden Gäste Vezug haben, und nach jedem Tied kommt eine von ihnen mit einein Teller zu dem Gast, der soeben besungen worden, und holt sich eine Gabe. wenn die Mahlzeit zu Ende ist, wird für 25raut und Bräutigam The.' aufgetragen, den sie, wenn eine solche vorhanden ist, in einer Rebenstube zu sich nehmen. Den Schluß der Feier des ersten Hochzeitstages bildet der Abschied der Vraut von ihren künftigen verwandten, wobei es an Thränen nicht fehlen darf, dic endlich der Bräutigam durch Überreichen eines Geschenkes stillt. Räch einer solchen Dorfeier erscheint die Verwandtschaft am nächsten Morgen meist etwas angeheitert in der Kirche. Die Swacha ist auch zugegen. ^)hr obliegt es, während der Pope die Brautleute um das Lesepult herumführt, unbemerkt einen hölzernen Löffel vor die Füße derselben zu legen. wenn das Brautpaar diesen zertritt, so hat es sich gleichzeitig von allen Krankheiten und Übeln befreit. Räch vollzogener Ceremonie lehrt man ins Haus der 35raut zurück, wo dem Brautpaar Wodka (^rannlwein) gereicht wird. Dann setzen sich Vraut und Bräutigam neben einander auf eine ^ank, zwei Personen hallen zwischen ihnen ein Tuch so, daß sie sich nicht sehen können, und hinter dieser improvisierten wand siechten die Frauen der ^raut die Haare und setzen ihr den Frauenkopfputz auf. Ist die Toilette beendet, wird ein Spiegel herbeigeholt, in den Vraut und Vräuligam zu gleicher Zeit blicken müssen. Run werden die wagen oder Schlitten bestiegen, und es geht, so schnell die Pferde laufen können, der neuen Heimat der Vraut zu. ^)st der 25räuligam in seinem Heimatdorfe eine beliebte Persönlichkeit, so empfängt man ihn bei feinem Einzug mit Pistolenschüssen, eine nut Fahnen geschmückte Triumphpfortc ist er» richtet, die Häuser sind mit Tannenzweigen verziert, und die jungen Vurschen begleiten Zu Pferde den Hochzeitszug (siehe Seile ^)7). Am Hausthor erwarten Vater und Mutter des Bräutigams mit Vrot und Salz und den Heiligenbildern die Reuvermählten. Diese verneigen sich vor den wildern, küssen die Litern und erhalten ein Stück Tuch und eincn Rubel als Geschenk, worauf die Lltern mit den Heiligenbildern dreimal um sie Heruni schreitet,, ^n die Stube eingetreten, wird das Vrautpaar von dem Taufpaten zum Tische geleitet, wo es sich niederläßt. Deder der Anwescnden tritt heran, trinkt ein Glas auf das wohl der Reuosrmählten und küßt dicse, worauf er auf einen vor ihnen stehenden Teller einige Geldstücke legt. Räch jedem Kuß, den sie von einem der Gäste empfangen, küssen die Brautleute sich selbst dreimal. Räch dieser Ceremonie werden sie in ein Rebenzimmer geführt, wo ein Mahl für sie bereitet ist, das sie allein verzehren, während die Gäste ill der Wohnstube an dem Tisch, an dem das Vrautpaar soeben gesessen, bewirtet werden. Rachher folgt eine mehrstündige pause, welche die Gäste benutzen, frische Luft zu schöpfen oder ihren Rausch auszuschlafen. wenn sie sich später, neu gestärkt, „zum Thee" einfinden, nimmt auch das Vrautpaar in ihrcr Mitte platz und spricht nun bereits ohne Scheu auch in Gegenwart Fremder den Speisen und Getränken wacker zu. Man nennt den Tisch, an dem diese Schlußbewirtung stattfindet, die Fürstentafel, weil der Vräutigam neben seinen Litern sitzend wie ein Fürst dcn Vorsitz führt. Mit dem „Thee" schließt die Reihe der Hochzeitsfestlichkeiten. 22 Überschwemmung im 1^ol^,gcbict. Der Hochzeit folgt melst am nächsten Morgen noch eine kleine luslige Nachfeier. N,n die junge Frau auf die j)robe zu stellen (pität uina-rasuma) wird allerlei Rurzweil mit ihr getrieben. Man versperrt ihr den weg- da nimmt sie den Aehrbesen und fegt den Weg von der Thür bis Zum Tische rein. Die verwandten werfen kleine Münzen auf die Lrde, die sie aufhebt und einsteckt. Dann hindert man sie beim Holzholen; sie legt es neben die Thür auf die Vank. Der 5wat wird für ihre Ungeschicklichkeit und jugendliche Nnerfahrenheit verantwortlich gemacht und eine strafe ihm zuerkannt, die sofort auf der Straße vollzogen wird. ^iue 25ank wird vor das Haus getragen, der 5wat darauf gelegt und mit Ruten und teibgürteln tüchn'g durchgehauen. Endlich tritt der ^5räntigam dazwischen und biltet um 65nade für dex 5»ch»lldigen, den er mit cinigcn Gläsern Wodka loskauft. Die Gast.' k.hren in das Haus zurück, wo sie nochiuals, aber diesmal ohne alle besonderen Ceremonien, bew.rtet werden und sich dann verabschieden. Dor filier ^ostslaücil. ^n einigen Gegenden herrscht auch die ^itte, daß sich die ^raut ain Morden vor dein Hochzeitstage in die Kirche begiebt, nm dort einein Dankgebet (mol^bna) beizuwohnen oder, wenn sie NXnse ist, eine 5>eelen° inesss (panichida) für ihre Eltern lesen zu lassen. Nach der Messe wirft sich dann die ^raut weinend dem Oopcn Zu Füßen und fleht um seinen 5>egen, worauf sie sich auf den Friedhof, zu den Gräbern der Lltern begiebt. Line Frau, gewöhnlich die Taufpatin, begleitet sie und stützt und tröstet die heftig weinende, obgleich diese einer stütze nicht bedarf, denn sobald sie dem Herkommen genüge gethan und den Friedhof verläßt, ist die Nraut sofort wieder munter und guter Dinge und eilt in der fröhlichsten Stimmung zu den Hochzeitsfeierlichkeiten. _____l72 _____ So bietet das ^eben alif dem ^ande in »nannigfaltigster Abwechslllng eine fast ununterbrochene ^eihe von Qlstbal keilen nnd Vergnügungen — aber es bietet deren auch leider »,ur 51» viel. Die große !Ue»ige der Feiertage, während welcher alle Arbeit ruht, ist einer gedeihlichen Entwicklung der Landwirtschaft nicht förderlich. Über eine Ivoche dauernde Feste, wie die ^ntterwoche, haben ohnehin noch cine, kürzere oder längere ^eit andauernde, Unlust zur Arbeit im Gefolge, die sich nur zu oft dann einstellt, wenn der Feldban am meisten rastlose Thätigkeit erfordert, In Rußland ist aber dieser Übelstand nicht so leicht zu beseitigen, wie er bei uns in katholischen Gegenden, in denen an Feiertagen auch kein Mangel war, in den letzten Jahrzehnten so ziemlich beseitigt worden ist. Da-- russische Volk hängt zäh an allem alten Herkommen, und ein Versuch, ihm seine Feiertage zu beschränken, würde auf den hartnäckigsten Understand stoßen und eine allgemeine Erregung zur Folge haben, an der er unbedingt scheitern müßte. Das starre Festhalten am Alten dokumentiert kein Fest so deutlich wie die jährliche Totenfeier (trisna) anf dem Friedhofe, auch ein Überbleibsel aus heidnischer Oorzeit, das tausend Jahre Christentum nicht zu beseitigen vermochten, ^n ^hren der Vorfahren auf deren Gräbern zu essen und zu lriuken — letzteres besonders ohne !11aß — das ist eine ^ilte, die mit unseren Anschauungen schwer vereinbar ist. ^in solches fröhliches Treiben, wie es während der trisna auf einem russischen Fricdhof herrscht ^siehe 5eite ^O^ würde bei uns vielen geradezu als Enlweihnng der heiligen statten erscheinen. In Rußland aber nimmt niemand Anstoß daran, wenn an diesem Tage die 2?uhe des Friedhofes durch die Rlänge einer Drehorgel gestört wird und man am Abend im feuchten Grase hingestreckt Leute erblickt, die nicht mehr im ötaude sind, ohne Unterstützung nach Hause zu gehen. Die Gewohnheit ist der Despot !X'r Menschen, sagt Puschkin — nn> in Rußland ist sie es mehr als irgendwo in der ganzcn 1^. ^ahrhuuderts wurde dort von ihnen Rischny-Nowgorod gegründet. Der Einfall der Tataren und die Herrschaft der goldenen H^orde unterbrachen zwar bald darauf den Strom der Auswanderung nach den fruchtbaren Wolgagegenden, aber sowie Rußland wieder erstarkte, machte sich auch sofort der Drang, der den Russen unwiderstehlich nach Gslen zog, wieder geltend. Unter ^)wan III. wnrde das Zarentmn Rasan, das aus den 6>mnmern von 33atus Reich entstanden war, trilutpstichtig, und ^»vcm IV. unterwarf sich alles Tand an der Wolga bis hinab nach Astrachan. !"i Mail hat sicl> im Ausland gewöhnt, nut grower Geriilgsel^atziuig von d,r Knltnr.nbe^! ^xßl.nids z^ sprechen und dem Bussen jede Befähigung als Kulturträger zu bestreileil. ^nßland, so hört inan hälisig sagen, vermag zwar Bänder zu unterwerfen und ihm widerstand leistende Oölker auszurotten, es hat abl>0, der Uhein 1,225 Werst lang ist. (Eine Werst ^s)008 Kilometer gleich,) Noch größer wird jedoch der Unterschied, wenn mau die Stromgebiete vergleicht: das Stromgebiet des Rheins umfaßt qOM (Yuadrat-Meilen, das der Douau 1,4 ^<>0, das der Wolga aber etwa 3()a()O (Quadrat-Meilen, also ein Gebiet, das ungefähr so groß ist wie Deutschland, (Österreich und Frankreich. Und dieser großen Ausdehnung entspricht auch der Wasserreichtum der Wolga. Unterhalb Nischny Nowgorod ist sie bereits über eine Werst breit, unterhalb Dubowka, wo sie sich dein Don nähert, 7 bis tt Werst, im Frühjahr aber, wenn der zerfließende Schnee all die taufende von Gewässern, die sich in die Wolga ergießen, aus ihren Ufern treibt, verwandeln sich die ^änderstrecken an der Wolga in ein unübersehbares Meer. !?on der Mündung der Sura bis Kasan bedeckt die Wolga im Frühling häusig bis 20 Werst, weiter unten, mit der Achtuba vereint, bildet sie eine wasserstäche von 7,0 bis 5)0 Werst breite und bei Astrachan verschwimmt die bis auf 200 Werst sich aus-l reitende Wassermasse in der Ferne völlig mit dein Horizont. Eill so gewalliger Fluß mußte schon im frühesten Altertum für den Handelsverkehr in den Grenzgebieten Europas und Asiens von großer Wichtigkeit sein, trotzdem sind die Nachrichten über ihn, welche uns griechische und römische Schriftsteller vermittelt haben, sehr spärlich. Hcrodot weiß nur zu berichteil, daß an der Wolga Kathedrale in Iaroslawl. die Tissageten wohnten; spätere Geographen lassen die Wolga durch das Tand der Sarmaten und Stylen fließen. Über den Tauf der Wolga fehlten nähere Angaben, und noch Oomponius !Nela und andere wissen >mr zu berichten, daß östlich vom schwarzen Meer ein großer Strom vorhanden. Später rückten lammen, Alane»i, Vulgären und Chasaren in die wolgagebiete ein. Als die Slaven Rußlands zum ersten 2Aal in der Geschichte auftraten, wohnten südöstlich von ihnen die Chasarcn, ein mächtiges, räuberisches Volk, in mehrere Stämme geteilt, die sich teils zur jüdischen, teils zur christlichen Religion belannten uud deren Fürsten von einem Gberfürsten (Chakan) abhingen, welcher in der Stadt Atel oder 35alangiar an der ll)olga residierte. Die Slaven sind, wic schon erwähnt, erst spät aus ihren Stammsitzen in der !17itte des Tandes bis Zur Wolga 23 1.7? vorgedrungen, aber nach der Bezwingung des ^asanschen Fürstentums muß die Rnssifici.'illng an der Wolga rasche Fortschritte gemacht haben, da bereits wenige Jahrzehnte später von dorther der Anstoß zu einer nationalen Erhebung ausgehen konnte. Nischny-Nowgorod, die jüngste unter den russischen Städten, war es, i>l welcher der Fleischer Minin da? Volk zum Befreiungskämpfe gegen die f)olcn aufrief, und die Wolgagegenden lieferten die ersten Freiwilligen zu seinem und des Fürsten posharski ^efreiungsheer. Tanger dauerte es jedenfalls, ehe Gesetz und Grdnung in Neurußland zur vollen Geltung gelangten, Neben den russischen Kolonisten in den Städten »ind der meist nomadisierenden eingeborenen Landbevölkerung war massenhaft Gesinde! aller Art vorhanden, das von Raub und Plünderung lebte und sich wiederholt in für Rußland verderblicher weise bemerkbar gemacht hat — so bei den Aufständen des Stenko Rasin und des ^emeljan pugatschew. Die Zeiten solcher Unsicherheit sind nun längst vorbei, und heute kann man die Wolga entlang ebenso sicher reisen wie irgendwo im Herzen Deutschlands. Überall herrscht reger verkehr. Schon wenige Werst von ihrem Ursprung wird die Wolga für kleinere schiffe fahrbar, und von da ab schwillt sie durch zahlreiche Zuflüsse so an, daß sie von Twer abwärts bereits jene großen Dampfer zu tragen vermag, welche durch Vau und Einrichtung vielfach an die Mississippidampfer erinnern. Dem breiten, in majestätischer Ruhe dahingleitenden Strom sieht man es nicht an, wie unscheinbar sein Ursprung ist. Sieben kleine (Duellen kommen aus den sümpfen im Südwesten des waldaiGebirges hervor und vereinigen sich zu einem ^ächlein, das bald wieder in einem See verschwindet. Die sümpfe, aus denen die Wolga entspringt, sind offenbar Überreste eines großen Sees, der in grauer Vorzeit die ganze Umgegend bedeckte. Mehrere derselben sind nur mit einer dünnen Schicht Moos und Wasserpflanzen bedeckt, unter der sich Wasser befindet, dessen Tiefe noch .nicht ergründet wurde. Nachdem die Wolga die Sumpfgegend verlassen, stießt sie noch durch mehrere Seen, deren letzten, den wolgo°See, sie nach ihrer Bereinigung mit der wasserreichen Shukopa bereits als breiter Fluß verläßt, Hier befindet sich, etwa zwei Werst von dem Dorfe Chotoschichin (Gouvernement Twer) entfernt, ein großartiges Wasserwerk, welches verdiente, daß ihm mehr Veachtung zu teil würde, als es bisher gefunden hat. ^st es doch sogar in Rußland nur wenig bekannt! wenn wir durch die sumpfigen Schluchten emporsteigen, wird die tiefe Grabesstille, die uns umgiebt, plötzlich von einein dumpfen brausen unterbrochen, welches sich, indem wir weiter schreite!', allmählich zu einem donnerartigen Getöse steigert. Aus dem Walde heraustretend, erblicken wir vor uns eine breite Wasser-masse. «Line Pappelallee zieht sich am Ufer hin, und hinter grünen Gebüschen blinkt uns ein freundliches Häuschen entgegen, cm willkommener Anblick in dieser Einöde. Hier wohnt der Anfseher, dessen Gbhut die großen Schleusen anvertraut sind. Er geleitet uns gern zu dem Wasserwerk und erläutert uns dasselbe. Etwa H Millionen Kubikfuß Wasser werden hier in einen: großen Reservoir angesammelt. Gewaltige wälle und Dämme, durch eingerammte, mit Steinen belastete Baumstämme gegen den Wasseranprall geschützt, sind hier aufgeführt worden, hoch in den bergen, fern von allem Verkehr, in einer öden Gegend, in der im Winter nur das Geheul der Wölfe die Stille unterbricht. (Line starke Holzbrücke, von mächtigen Pfeilern getragen, verbindet die beiden Ufer bei der Schleusenöffnung und trägt das Räderwerk, welches die fünf Durchlässe öffnet, durch welche die Fluten in das hier an beiden Ufern bedeutend erhöhte wolgabett sich stürzen. 25ei normalem wasserstand lassen die Schleusen so viel Wasser durch, daß die Schiffbarkeit der Wolga bis zur Einmündung der Maloga, also auf einer Strecke von etwa 500 Werst, erhalten bleibt. ^)hre hohe Wichtigkeit für die Schiffahrt zeigt sich erst bei anhaltender Dürre, denn der Einfluß des (hffnens der Schleusen ist so bedeutend, daß nach demselben noch auf etwa H00 Werst Entfernung in Ualitsch ein Steigen des Wasserstandes bemerkbar ist, und 65 Tage lang bis zur Maloga der normale wasserstand erhalten werden kann. voli nun an wächst die Wolga rasch. Nachdem sie sich mit ihrem ersten bedeutenden Nebenfluß, der wasusa vereinigt, ändert sie ihren Qn,f und fließt anstatt nach Südosten 1/i5) Werst weit nach Nordosten. Sie hat nun bereits eine ansehnliche breite und wird auch schon von größeren Schiffen befahren, so daß die Städte Rshew und Subzow, an denen sie vorbeistießt, unter den Handelsstädten an der Wolga eine beachtens« werte Stellung einnehmen. Die ganze Physiognomie des Flusses ist verändert, Fischerboote, Flöße und schwerbeladene Segelschiffe durchziehen seine wellen, und reges, geschäftiges Treiben herrscht an den vielen Landungsplätzen. Vald lernen -------- !.?9 wir auch cm feltsamcs Völkchen kennen, das so viel interessante Eigenart entwickelt, daß es verdiente, einen Historiographen Zu finden, der iu ausführlicher Monographie seine Sitten und all die verschiedenen Einrichtungen des — «it venia v^rdo — Staates, den es bildet, »ms schilderte. Es sind fahrende (eute, aus allcn Teilen Rußlands zllsaminengeströ>ntes Volk, Zigeuner auf der Wolga — und man faßt sie zusammen unter dem Gesammlnamen Vurlaki (siehe Seite ^73). Das Volk nennt ^urlaki „die Herumirrenden von da unten", wenn sie Schiffsdienste auf der Wolga von Astrachan bis Nischny-Nowgorod nehmen, und „die Herumirrenden von da oben", wenn sie Matrosen-arbeit zwischen Nischn^-Nowgorod und Rybinsk und weiter hinauf auf den Schleusenkanälen zwischen Rybinsk und Sankt Petersburg verrichten. Es ist ein interessantes Völkchen, das noch seines Geschichtschreibers harrt, von den Zigeunern durch seine Betriebsamkeit und von den Tazzaronis durch seine Rechtlichkeit unterschieden, gleicht es doch beiden durch Armut und Bedürfnislosigkeit, was jedoch die Burlaki vor allem fahrenden Volk wesentlich auszeichnet, ist die patriarchalische Rechtspflege, welche sie unter sich ohne Zuziehung studierler dichter üben, ^)n Nußland ist die Familie der Mikrokosmos des Staates. Deshalb ist die väterliche Macht die Basis für allen Rechtszustand, Der Russe mus; überhaupt eineu Herrn haben; hat er keinen, dann sucht er sich einen. So war es seit Jahrhunderten in dem waldreichen Norden und in dem kornreichen Süden, und so wird es trotz aller Umwälzuugen bleiben. Diesem Grundsatz huldigend, haben die besitz- und heimatlosen Burlaki einen weiter gewählt, den sie B Fuß für ihren Tiefgang noch vollkommen genügend sind und sie deshalb hoffen, über die Untiefe anstandslos hinwegzukommen. Einige Minuten später sitzen auch sie fest. Uin das Hindernis, welches das festgefahrene Schiff bildet, hat sich auf dem Strombette inzwischen ringsum ein Sandhügel gebildet, die ganze Sandbank ist gewachsen und die Tiefe jetzt schon eine viel geringere. In solchen: Falle kann es vorkommen, daß vier bis fünf Schiffe nahe bei einander im Sande feststecken und sich Stunden lang vergeblich bemühen, wieder frei zn werden, wenn sie in vier Stunden frei werden, können sie von Glück sagen; häusig dauert die Gefangenschaft bis zwölf Stunden und darüber. Solche Untiefen sind auf der Wolga zahlreich vorhanden, am zahlreichsten auf der Strecke zwischen Twer und Rybinsk. Sie sind eine Folge des geringen Gefälles der Wolga, welches von ihren (Duellen bis zur Mündung nur wenig über 2H Meter beträgt, und des vielen Sandes, den sie mit sich führt. Im Frühjahr, während des «Lisgangs, reißt der Strom oft große Felsstücke mit sich fort, lagert sie irgendwo am Ufer ab, Sand hänft sich uin dieselben an, und nach wonigen Tagen ragt vom Ufer eine Sandbank in den Strom hinein. Dielleicht entstand an: gegenüberliegenden User eine ähnliche Sandbank, beide nähern sich mit der Zeit, und die Ufersandbänke (pob<'»tschnja genannt) vereinigen sich zu einem die Wasserstraße sperrenden Damm, dem perekat. An einer andern Stelle bildete sich eine Sandbank mitten im Flusse, sie wächst von Tag zu Tag, erhebt sich über den Wasserspiegel, und in: nächsten Frühjahr befindet sich eine stellenweise schon mit Gras bedeckte Insel an der Stelle, über welche vor zwölf Monaten noch die größten Dampfer ohne Anstoß hinwegfuhren. Die Wolga ist deshalb so reich an Inseln wie kein anderer europäischer Fluß. Auf der Strecke von Twer bis Nischny-Nowgorod sind bereits gegen ^0 vorhanden, doch sie sind noch unbedeutend; unterhalb ll1 verminderte. Der weitaus größere Teil der Waldungen ist ötaatseigenlnm oder — wie man in Rußland sagt — „Kronsgul", namentlich in den nördlichen Gouvernements. Im Gouvernement Glonetz z. B. sind 8ti Prozent alles Waldbodens Eigentum dcr Regierung, ^eit den letzten zwanzig Jahren hat man angefangen, die ötaatsforsten einer rationellen Bewirtschaftung Zu unterziehen, und dieselbe ist heute bereits auf etwa ^ Millionen Dessjatinen ausgedehnt, gegenüber den ^5 Millionen Dessjatinen, welche der Krone gehören, allerdings noch eine sehr kleine Zahl, aber immerhin schon ein Anfang. Jedes Gouvernement hat seine Forstoerwaltung, an deren Spitze ein Oberforstmeister steht, und ein Heer von 27^9 Forstbeamten wacht über den 5>chntz der ^laatsforstcn. In den Waldungen jedoch, die sich in privatbesitz befinden, ist von einer rationellen Forstwirtschaft so gut wie nichts zu merken, riesige waldstrecken werden alljährlich Zum Abholzen verkauft, und an eine Aufholzung des niedergeschlagenen Waldes denkt niemand. «Line Waldbauverordnung soll zwar demnächst zu erwarten sein, bis heute aber existiert keine, und der einzige Schutz gegen Waldverwüstung sind die lokalen Verordnungen, zu denen sich einige Hemstwos (^andämter) durch die Holznot gezwungen, aufgerafft haben, und durch welche bestimmt wird, wie viel Waldboden jeder Grundbesitzer in Kultur zu erhalten verpflichtet ist. Die Mißwirtschaft der Besitzer von Privatwaldungen und der Mangel einer rationellen Waldwirtschaft würden aber nicht imstande sein, in einem Cande, welches heute noch das waldreichste Europas ist, solche Kalamitäten hervorzubringe?,, wie sie bereits in Zahlreichen Gegenden herrschen, wenn nicht noch andere Ubelstände hinzukämen. Hat doch noch im Jahre ^872/73 die Kommission für Erforschung der 3age der tandwirtschaft das Waldareal des europäischen Rußland (abgesehen von dem gleichfalls waldreichen polen) auf ^2 500 000 Dessjatinen berechnet. Und solche Nbelstände sind in der That auch recht Zahlreich vorhanden. Keiner der geringsten unter ihnen ist der unausrotlbare Waldfrevel, wenn man liest, daß in den ^taats-forsten trotz des großen Beamtenheeres jährlich 62^^ Fälle von Waldfrevel vorkamen, so kann man sich annähernd eine Vorstellung davon machen, wie es in den Privatwaldungen zugeht, die nicht über ein so großes Forstpersonal verfügen und überdies fast ausschließlich darauf angewiesen sind, zu Waldhütern Ballern zu bestellen, die ihresgleichen gegenüber stets gern ein Auge, wenn nicht beide Zudrücken. Der russische Bauer kann sich nun einmal nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß der Wald nicht für jedermann da sei, sondern seine Ausnutzung ei,»c»n Einzigen zustehe. Er sieht nichts Unrechtes darin, wenn er seinen Holzbedarf aus dem Walde des Gutsherrn deckt, der iu seinen Augen doch nur der Usurpator des allen gemeinsam gehörenden Waldes ist, und blutige Zusammenstöße Zwischen Holz stehlenden dauern und Waldhütern gehören durchaus nicht zu den Seltenheiten. Der Gutsbesitzer steht dem allgemeinen Angriff auf sein Eigentum ziemlich wehrlos gegenüber. Der waldfrevler kann sicher sein, daß seine ganze Gemeinde alles thun wird was in ihren Kräften steht, um ihn der Bestrafung zu entziehen, das Gerichtsverfahren ist mit so vielen Umständen verbunden und die Beurteilung der vergehe»» seitens der Richter eine so milde, daß die Geschädigten meistens auf eine Verfolgung des schuldigen verzichten. Rommt es aber zu einer Verurteilung, so sitzt der verurteilte die wenigen Tage Gefängnis, die ihn, zuerkannt wurden, ab und — ist ein nächstes Mal beim Holzholen vorsichtiger. Der Waldeigentümer jedoch muß noch froh sein, wenn der Waldfrevel nicht größere Dimensionen annimmt. Es kommt auch vor, daß dauern, obwohl sie ihren Holzbedarf aus den Staatswaldungen deeken dürfen, dies doch nicht thun, weil der nächste Rronswald mehrere Werst entfernt ist und ihnen der Transport des Holzes zu beschwerlich wird. In solchem Falle wird einfach der Wald des Gutsherrn angezündet, denn die dauern rechnen darauf, daß ihnen nachher die verkohlte»» Baumstämme überlassen werden und sie in den: niedergebrannten Walde später gute weidegründe für ihr Vieh finden. In welcher weise die Vauern in den Wäldern wirtschafte»», kann man aus der Schilderung der Ver< Hältnisse in dein waldreichen Gouvernement Nowgorod ersehen, welche der vor kurzem verstorbene Fürst Suworow entwarf. väume, äußert er sich, die zu Mastbäumen dienen könnten, werden von den vauern gefällt, um aus ihnen Bretter zu einem Sarg zu gewinne»». Die dichtesten Dickichte werden angezündet und niedergebrannt, um auf dem vodcn ohne Düngung zwei Jahre säen zu können, worauf derselbe unbebaut liegen bleibt, Infolge dessen, fügt der Fürst hinzu, ist die Alage über Holzmangel allgemein. Und so geht es nicht nur in« Gouvernement Nowgorod, sondern ziemlich überall zu. Es wird versichert, daß in den Gegenden am Ural jährlich über 20 000 Dessjatinen Wald den Flammen zum Gpfer fallen, und daß, abgesehen von verhältnismäßig wenigen Fällen, in denen Unvorsichtigkeit den Vrand verschuldete, vauern die Vrandstifter waren. Teute zum löschen aufzutreiben, ist in solchen Fällen fast unmöglich. Die Vauern sehen rnhig zu, wie das gierige Element sich ausbreitet, und freucn sich schon der vorteile, die ihnen aus seinen» verheerungswerk erwachsen werden. Mit Mühe und Not gelingt es schließlich den vehördcn, sie zum Einschreiten zu veranlassen, um zu verhindern, daß die Flammen auch die Wohnhäuser ergreife»». Neben den durch Unvorsichtigkeit der das Vieh in» Walde weidenden Hirten entstandenen und den böswillig angelegten Vränden räumt aber auch noch die in vielen Gouvernements übliche Vrandkultur unter den Holzbeständen auf. Und dabei wird überall die nötige Vorsicht außer acht gelassen, an eine Einschränkung des entfesselten Elementes wird stets erst da»»»» gedacht, wenn sie nur noch mit einem Aufgebot aller Kräfte zu erzielen ist. wiederholt habeil schon bei solchen Waldbränden ganze Dörfer, Marktflecken, ja sogar kleine Städte den Untergang gefunden, aber der landläufige Schlendrian ist dadurch nicht gebessert worden. In den Jahren ^8^9 und 1^8^ wurden allein in» Rreise wetluga 50000 Dessjatinen Wald durch zwei vrände ver-nichtet, wobei auch mehrere Dörfer und eine Stadt den Flammen zum Gpfer fiele»». Auch wenn ein Dorf nicht unmittelbar am Walde liegt, von demselben vielleicht durch feuchtes Wiesenland oder steinigen Voden getrennt ist, bleibt die Gefahr für die Menschcnwohinmgen, welche durch das Anlege»» eines waldbrand^s heraufbeschworen wird, immer noch eine sehr große. Gesellt sich zu demselben ein Sturmwind, der den Funkenregen weithin über die Felder treibt, so sitzt oft der rote Hahn auf dem Dache, lauge bevor der Waldes» säum in Flammen steht. Die einzige Waffe, mit welcher die Landbevölkerung das Feuer bekämpft, ist dieses selbst. Wie man in Amerika ^räriebrände dadurch aufzuhalten sucht, daß man dem nahenden Feuer ein anderes entgegensendet, so verfährt man auch in Rußland bei waldbrändex. Männer und Frauen, alt und jung wird aufgeboten zur vekämpfung des Feuers und zieht in den Wald hinaus. Dort werden die Tente in langer Reihe aufge» stellt uud müssen mit möglichster Schnelligkeit einen etwa eine Arschin (russische Elle) breite»« Graben auswerfen, worauf das Gesträuch und trockene Moos jenseits dieses Grabens angezündet wird. Auf der andern Seite stehen die Vanern, bereit, herübergewehte Funke»» sofort zu ersticke,», so daß das Feuer sich nur nach der ihm 2^ -------- l.38 -------- vorgeschriebenen 2Tichtung ausbreiten kann. Anfangs brennt es langsam, sowie es sich aber allmählich weiter ausbreitet, und die Atmosphäre sich erwärntt, tritt es auch immer gewaltiger auf und schließlich wälzt sich ein Flammenmeer dem andern entgegen, ein großartiges Schauspiel voll wilder Naturschönheit. Nicht immer ist jedoch dadurch die Gefahr schon abgewendet. wenn die an dein Graben aufgestellten dauern nicht genau aufpassen und die herübergewehten Funken im vertrockneten Moos und taub Nahrung finden, zucken vielleicht plötzlich die Flammen inmitten der Vauernreihe auf und erreichen nun doch noch die Menschenwohnungen, von Auf der wolf^igd. denen man sie ablenken wollte, wenn es nicht gelingt, nochmals einen Graben zu ziehen und nochmals ein Gegenfeuer anzulegen, oder wenn nicht ein ausgiebiger Regen als Better in der höchsten Not sicb einstellt und die Flammen erstickt. In anbetracht solcher Verwüstungen ist das Erträgnis der Waldungen immer noch ein überraschend großes. Man schätzt den durchschnittlichen Holzexport auf 30 Millionen Nubel, den wert des im Anlande jährlich verbrauchten Holzes — wohl kaum zu hoch — auf über 260 Millionen, wovon etwa ^ Millionen auf den Vau von 80 000 neuen Nauernhäuseru entfallen, die teils zur Begründung neuer Hausstände, teils an stelle von etwa 60 000 jährlich baufällig werdenden oder niederbrennenden Hänsern erbaut werden. Der jährliche Holzverbrauch der Eisenbahnen wird nur auf 500000 bis 600000 Rubikfaden im werte von ^in Schneegestöber. ____^ , H»_____ etwa 2 Millionen Rubel geschätzt — in cmbetracht der verschwenderischen Feuerung unzweifelhaft viel zu niedrig, obwohl man ^'tzt angefangen hat, auf den Eisenbahnen und den l>()l) bis 700 Dampfschiffen, welche den verkehr auf der Wolga nnd ihren Nebenflüssen vermitteln, mit Steinkohle zu heizen und vielfach auch Rohnaphta oder Naphtarückstände als Heizmaterial verwandet, Jedenfalls ist es hoch an der Zeit, daß endlich dcr Holzverschwendung Einhalt gethan wird, denn noch wenige Jahrzehnte ähnlicher Mißwirtschaft, und das heute waldreichste 3and Europas würde ebenso holzarm sein wie es heute schon einzelne seiner Vezirke sind. Hat man doch bereits berechnet, daß Rußland 6H Prozent mehr Holz verbraucht, als es im Verhältnis zu seinen Holzbeständen verbrauchen darf, und daß seine Waldungen bei unvermindertem verbrauch in einem Vierteljahrhundert erschöpft sein müssen. welchen Schatz Rußland, ohne ihn gebührend zu würdigen, in seinen Wäldern besitzt, kann man daraus ersehen, daß in denselben alle Vaumarten vorkommen, die zum Waldbau geeignet sind. Fichten und Tanueu trifft man vom hohen Norden, wo sie dominieren, bis zur Grenze der Schwarzerde, und die polnischen Wälder sind zu drei vierteilen Fichten« und Tannenwälder. Neben Fichten und Tannen trifft man im Norden den Tärchenbaum und die sibirische Ceder (I'inu5 cemdra). Erle und Pappel bilden den Übergang von den Nadelholzern des Nordens zu den Laubwäldern des fruchtbarern Südens. Im Centrum des Bandes sind am häusigsten die Virke, Eiche und Schwarzeller; der Südosten, zwischen Nischny-Nowgorod und Rasan, hat Elchen, Ebereschen, Linden, Ulmen und Pappeln; im Südwesten trifft man Anden, Sommereichen (<^uercU5 i'eduncu-Inta), Weißbuchen und eine Ulinencirt (l^Imu^ ^am^o^li-!--,); im Süden neben buchen, Eichen, Eschen, Ulmen und Pappeln Nußbäume, tatarischen Ahorn, Wegedorn, wilde Apfelbäume u. s. w. Rechnet man für die ^500 (XXI Dessiatinen, welche von den ^2 300 000 Dessjatineu Waldareal des europäischen Rußlands wirklich mit Holz bestanden sind, nur durchschnittlich 50 Rubel — obwohl der wert einzelner sechs bis zehnmal höher ist — so erhält mau als beiläufigen Gesamtwert der Waldungen im europäischen Rußland 5725 Millionen Rubel, und die besser verwertbaren polnischen Waldungen hinzngerechnet über 6 Milliarden Rubel. So sind die Waldungen Rußlands eine (yuclle des Nationalreichtums, um welche es alle anderen Tänder beneiden müßten, wenn es ihnen eine bessere pflege zu teil werden ließe. Der russischen Regierung gebührt alle Anerkennung, daß sie mit guten: Beispiel vorangeht und sogar große pekuniäre Gpfer nicht scheut, um entwaldete Gegenden aufzuforsten, wie sie es z. ^, in den Steppen des Südens versucht, aber sie steht leider vor einem Augiasstall und hat gegen alte verrottete Gewohnheiten zu kämpfen, die sich nicht über Nacht beseitigen lassen. Zu wünschen ist, das; der Regierung die Aufforstung des Südens, dieser Kornkammer Europas, gelinge. Heute hat der Landwirt einen schweren Rampf mit den durch die Ausrodung der Wälder beeinflußten klimatischen Verhältnissen zu bestehen, und er darf beanspruchen, daß das Interesse aller recht und billig Denkenden sich ihm zuwende, denn auf der andern Seite steht nur ein Häuflein verschuldeter Gutsbesitzer, die ihren Wald opfern, um sich aus einer Geldklemme zu ziehen, und spekulierender Holzhändlcr, die durch derartige Gelegeuheitskäufe auf Rosten des Tandes zu Millionären werden. Dein leichtsinnigen Abholzen sowohl als den Waldbränden muß energisch entgegengetreten werden. Solche Sommer wie jene der Jahre ^85? und 1M2, in denen die berichte über waldbräude eine ständige Rubrik in den Journalen bildeten, kann Rußland nicht mehr oft ver> tragen. Doch wie ist diesen Ubelständeu abzuhelfen? Eine gute Dorfpolizei würde das sicherste Mittel sein, aber in Rußland ist eine solche Einrichtung geradezu unmöglich. Die riesigen Landstriche mit dünner Bevölkerung lassen sich »ücht uuter Polizeikontrolle stellen. Uns dünkt, daß Abhilfe nicht vom Ministerinn, des Innern, sondern vom Ministerium der volksaufkläruug zu verlangen ist. Tehrer und Geistlichkeit müssen das Volk darüber auf» klären, daß der Schaden, der ihm durch einen waldbrand erwächst, unendlich größer ist als der momentane Nutzen, den die gewonnene Viehweide gewährt. So lange das Volk nicht den wert des Waldes kennen lernt, ist auch nicht zu erwarten, daß es ihn wie eine wertvolle Sache behandelt. Dabei darf man aber auch uicht übersehen, daß Ermahnungen zur Schonung des Waldes häufig deshalb auf unfruchtbaren 35oden fallen würden, weil der vauer von der Ausnutzung des Waldes lebt. Es hieße, einem Hungernden die vorteile des Fastens preisen, wenn man in Gegenden, in denen der Feldbau nicht genng Getreide zur Ernährung der Familie liefert und die männliche Bevölkerung daher einen Nebenerwerb als Holzhauer sucht, diesen beschränken wollte; hier müßte das Gesetz eingreifen, um zu verhindern, daß ohne Wahl mit den ältesten ^aumriesen zugleich dor sic umgebende ^unge Nachwlicl^s niedergelegt werde, und der erste Schlag einer Art, der in einem Walde ertönt, nicht für alle Zeiten den völligen Untergang de-sclben bedeute. Heute ist für ganze Dörfer an der Wolga und ihren Nebenflüssen die Arbeit als Holzfäller ein Nebenerwerb, der bei der geringen «Lrtragfähigkeit des Bodens nicht entbehrt werden kann. wie der Winter kommt und der sumpfige ^oden vom Frost gebartet ist, zieht dort die ganze männliche Bevölkerung in den Wald, um im Solde der Holzhändler zu arbeiten, und erst im Frühjahr, wenn die Feldarbeiten beginnen, kehrt sie wieder. Durch angestrengte Arbeit kann der Mann bis hundert Rubel Papiergeld verdienen — ein T^lnt-geld, wenn man bedenkt, zu welcher Existenz er bei dieser Arbeit während der langen Wintermonate verdammt ist. wäre der ^auer imstande, einen auch noch so kleinen Teil Wald zur Abholzung selbst zu ersteben, so würde seine ^age unstreitig eine zehnmal bessere sein- dazu fehlt ihm aber das bare Geld, und ihm bleibt keine andere Wahl, er muß die Bedingungen eingehen, welche der Holzhändler stellt, ^'dingungen, die ihn zum Sklaven desselben machen. Ein Rnüppcldamm im !vall>e. Da die Holzhauer den ganzen Winter im Walde bleiben, so ist ihre erste Sorge vor beginn der Arbeit, sich dort eine Hütte, zu erbauen, falls eine solche von der letzten winterarbeit her nicht noch vorhanden ist. Viel Arbeit wird auf eine solche Winterwohnung (simn^itza) nicht verweudet, uud infolge dessen ist sie auch keiu besonders behaglicher Aufenthaltsort, aber der Vauer, der an das Teben in niedriger, rauchgeschwärzter Hsba gewöhnt ist, macht keiue großen Ansprüche an Bequemlichkeit. ^)n einen: zwei Fuß tiefen und zwei bis drei (yuadratklafter Flächeninhalt umschließenden Graben werden starke ^alkenwände errichtet, in einer Höh.' von fünf bis sechs Fuß mit einer Balkenlage überdeckt, und die Hütte ist fertig. Der Voden bleibt uugedielt, eine Gffnung in der einen wand ist zugleich Fenster, Thür und Rauchfang, breite Holzbänke dienen als Lagerstätten, eine von festgestampfter Lrde gebildete Lrhöhung als Herd, auf welchem die ganze Nacht ohne Unterlaß ein Holzfeuer erhalten wird und wo auch die Speisen zubereitet werden. Die Thür schließt die Öffnung in der wand nur bis etwa zu dreiviertel der Höhe, damit über sie hinweg der Rauch freien Abzug finde. Daher ist der obere Raum einer solchen Hütte stets mit dichtem Rauch gefüllt, so daß es unmöglich ist, in derselben lange aufrecht zu stehen, aber unterhalb der Rauchschicht herrscht behagliche Wärme, zu deren Lrhaltung schon ein kleines Holzfeuer genügt. Neben dieser Hütte befindet sich eine ähnliche, in welcher die Pferde untergebracht werden. Schon früh am Morgen, noch im Halbdunkel, beginnt die Arbeit. M ---- Durch langjährige llbu»ig haben die dauern darin große Gewandtheit erlangt. (I)bwohl sie keine anderen Werkzeuge besitzen als ihre Axt, werden dock) die größten Väume niedergelegt, die Aste und die Rinde entfernt und der ötamm so glatt behaucn, daß er wie poliert aussieht. Dann wird er mit Hilfe der Pferde Zum nächsten Fluß gebracht, wo er bis zum Frühjahr liegen bleibt. Gewaltige Holzmassen türmen sich so während der Wintermonate am Flußufer auf, die, wenn die Eisdecke geschmolzen ist, zu Flößen zusammengebunden in die Wolga hinabgeschwemmt und auf dieser zum Wohnort des Holzhändlers befördert werden. seltsamerweise, der Gewohnheit des Russen völlig zuwider, kommt bei den Holzfällern niemals ein Art6l vor. Jeder schließt selbst seinen vertrag mit dem Holzhändler ab und jeder führt auch in der fimnjiha seine ^a^l'r öl'r l^miml^'ü im 11?aldo. eigene Wirtschaft. ^5rot, Rartoffeln und Hülsenfrüchte bildcn die Nahrung der Holzfäller, und eine Abwechs» lung kommt in diese Speisekarte nur dann, wenn sich ein wild in einer der kunstreich gestellten Fallen fängt oder die Jagd Ausbeute liefert. An wild ist glücklicherweise in den russischen Wäldern noch kein Maugel, so sehr Menschen und Raubtiere demselben nachstellen. Die letzteren — im wolgagebiet allerdings meist nur Wölfe, da Vären dort schon sehr selten geworden sind — werden aber auch zuweilen den Arbeitern im Walde recht lästig. Im Sommer halten sich die Wölfe zwar in den waldigen Schluchten verborgen, leben einzeln und meiden die belebteren Gegenden, im Winter aber vereinigen sich große Rudel zu geineinsamen Raubzügen, und der Hunger treibt sie sehr oft in die Dörfer, wo sie mitten in den Vauernhöfen die Hunde anfallen. (3s sind verwegene uud dabei äußerst schlaue Gesellen, und der Vauer hat mit ihnen seine liebe Not, denn wenn ein Wolf irgendwo einen erfolgreichen Raubeinbruch ausgeführt hat, kommt er nie in der nächsten Nacht wieder, 25 ---- m---' gleich als wüßte er, daß mm, ihn, mm auflauert, sondern kommt erst dann wieder, wenn er glaubt, daß die Wachsamkeit nachgelassen hat. Die Wolfsjagd bildet in ganz Rußland einen beliebten Sport. Vesonders beliebt ist die Jagd im Schlitten, aber zugleich auch eine der gefährlichsten von allen, da bci aller Kühnheit und Kaltblütigkeit ein unvorhergesehener Zufall dem Jäger verderblich werden kann. Man wählt zu solcher Jagd einen großen, geräumigen Schlitten, bindet scharfe Sensen an die Seiten und an die Rückwand, um die Wölfe am Herauf» springen zu hindern, stellt Vänkc so hinein, daß jeder Jäger mit dem Gesicht nach einer andern Seite sitzt, gute, erprobte Pferde werden vor den Schlitten gespannt, und gegen Abend verläßt die Jagdgesellschaft — gewöhnlich vier bis fünf Personen — den Hof und fährt in den Wald, einer Gegend zu, in welcher man Wölfe vermutet. An eiucm langen Strick schleppt der Schlitten ein 2)ündel Heu nach, das als Aöder für die Wölfe dient und ihren ersten Ansturm von dein Schlitten selbst ableukeu soll. In einem Sack wird ein junges Schwein mitgenommen. Sobald man im Walde angekommen ist, beginnt einer der Jäger das Schwein zu zwicken, um es zu veranlassen, laute Klagetöne auszustoßen, durch welche die Wölfe herangelockt werden sollen. Das Mittel verfehlt nie seinen Zweck, erreicht ihn gewöhnlich sehr rasch. Nicht lange währt's, da kommt in langen Sähen ein ganzes Rudel Wölfe hinter den, Schlitten her. Sind ihrer nicht zu viele, so fährt man langsam weiter und streckt von Zeit zu Zeit einen der sich weiter vorwagenden Wölfe durch einen gut gezielten Schuß tot in den Schnee; ist dagegen das Rudel zahlreich und verkündet das Geheul und die Keckheit, mit der sich einzelne ganz nahe heranwagen, daß der Hunger der Raubgesellen sehr groß ist, so heißt es beizeiten an den Rückzug denken. So schnell die Pferde laufen können, geht es der Heimat zu, die Wölfe immer hinterher. Schliß auf Schuß kracht aus dein Schlitlen und streckt bald hier bald dort einen der Verfolger nieder, aber die übrigen lassen sich nicht abschrecken und ermatten auch nicht, keuchend, mit wild funkelnden Augen stürmen sie vorwärts. Kann man sich ihrer nicht mehr erwehren, wird das Schwein geopfert, um einen Vorsprung zu gewinnen, während sie darüber herfallen. Doch wehe den Jägern, wenn der tenker des Schlittens seiner Aufgabe nicht gewachsen ist oder derselbe in der Dunkelheit vom Wege ab auf unebenen Voden gerät, wo er gegen Steine oder hervorragende wurzeln anstoßen und umgeworfen werden kann! Die Jäger haben zwar, um für alle Fälle gerüstet zu sein, außer ihren Schußwaffen noch Säbel und 25eile mitgenommen, aber sie würden kaum Zeit finden, von denselben Gebrauch zu machen: ehe sie sich aufraffen könnten, wären sie bereits von der gierigen Meute zerfleischt. Schon oft sind Jäger, die so zur Wolfsjagd auszogen, nicht wiedergekehrt . . . später aber hat man irgendwo in« Walde, umgeben von einigen Wolfsleichen, menschliche Gebeine gefunden, die man an noch vorhandenen Fehen von Kleidungsstücken als die Gebeine der vermißten Jäger erkannte. Noch gefährlicher als die Jagd im Schlitten ist eine andere, gleichfalls sehr beliebte Art, den Wolf zu jagen. An eine Stelle, wo sich häusig Wölfe zeigen, wird irgend ein Aas gelegt, und die Jäger verstecken sich wohl bewaffnet im Gebüsch, um von dort die durch den Geruch der Lockspeise herangelockten Wölfe niederzuschießen. Kommen die Wölfe in großer Anzahl, so kann ein solches Wagnis leicht ein schlimmes Ende nehmen, da die Jäger nicht entfliehen können und gezwungen sind, sich auf Tod und Teben zu verteidigen. , Die Wolfsjagd erfordert einen geübten Schützen. Der Wolf hat ein zähes Leben und setzt auch mit mehreren Kugeln im ^eibe noch die Verfolgung fort, bis ihn ein Schuß in den Kopf niederstreckt. Die Thiere haben die Gewohnheit, auch im schnellsten Taufe, ohne anzuhalten, nach der Stelle zu schnappen, an der sie verwundet wurden, so daß ein Jäger stets genau zu erkennen vermag, wo seine Kugel den Wolf getroffen hat. Gewöhnlich richtet der Wolf seinen Angriff nur auf Tiere, auf Pferde, Riuder und die Huude in den Bauernhöfen, doch wenn er einmal Menschenfleisch gekostet hat, sucht er solches mit großer Vorliebe und dringt dann nut beispielloser Verwegenheit in die Menscheuwohnuugen sin. Gar nicht selten kommt es vor, daß Dörfer, in denen Schußwaffen nicht vorhanden sind, Tage lang durch ein Rudel Wölfe von allem verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten werden, da niemand sich auf die Straße wagt, aus Furcht, von den Wölfen angefallen zu werden. >Ls nützt dann wenig, wenn die Hofthore sorgfältig verschlossen gehalten werden: über den an der Rückseite der Gebäude klafterhoch liegenden, bis zu den Dächern reichenden festgefrorenen Schnee gelangen die Wölfe in den Hof, und gelingt es ihnen dann noch, in den Stall einzudringen, --------595 so genügen wenige Minuten, eine große Herde zu vernichten. Sehr oft bekommt aber den Eindringlingen ihre Dcrwegenheit doch schlecht, Sie finden die Stallthür offen und stürzen sich heißhungrig auf ein in der Mitte des Stalles liegendes tamm, ohne die um dasselbe aufgestellten Fallen zu bemerken — und am nächsten Tage wandert ihr Fell in die Stadt und der Bauer holt sich die für Erlegung eines Wolfes von der Regierung versprochene Prämie. Dinch die Prämien, welche die Regierung für jede»: erlegten Wolf zahlt, werden jährlich große Wolfsjagden veranlaßt, aber die Landplage scheint unausrottbar, und wie für jeden abgeschlageneu Ropf der Hydra hundert andere hervorwuchsen, so vermehren sich die Wölfe trotz des unter ihnen angerichteten Blutbades noch unaufhörlich. Es ist noch gar nicht abzusehen, nach wie viel Generationen wenigstens in den kultivierteren Teilen des kandes Zustände eintreten könnten wie z, V. in England, wo die Wölfe heute völlig ausgerottet sind. In den riesigen Wäldern werden sie noch lange Schlupfwinkel finden, in denen sie sich allen Nachstellungen entziehen können, geradeso wie dieselben Wälder noch lange das Vagabundenleben der Stranjiki, der Heimatlosen, begünstigen und ermöglichen werden. Gbwohl die Mehrzahl dieser Glaubcnsfanatiker (vergleiche das Seite ^^ Gesagte) die Urwälder der nördlichen Gouvernements Archangelsk und Gloneh vorzieht, so finden sich doch auch viele in den Waldungen an der Wolga. Neben den Gaben, welche sie von ihren noch unter anderen Menschen wohnenden Gesinnungsgenossen, den As>'Igebern, erhalten, bilden Dagd und Fischfang ihre Hanpternährungsquelle, und die wildreichen Wälder und die fischreiche Wolga sorgen dafür, daß sie nicht Not leiden müssen. Die Wolga ist nicht nur sehr fischreich, sondern die in ihr vorkommenden Fischgattungen zeichnen sich auch sämtlich durch Größe und Schmackhaftigkeit aus. Da werden oft Hausen gefangen, die bis ^0 Pud schwer und so groß sind, daß ein auf ihnen sitzender Mann mit den Faßen den Boden nicht erreicht. Anßer-dem giebt es wachse und Slerlets, Welse und Störe in Menge. Diele tausend Menschen leben an den Ufern der Wolga ausschließlich vom Fischfang, und von Simbirsk abwärts, namentlich aber im Achtuba-Arm der Wolga und im Delta bei Astrachan trifft man häufig große Fischerdörfer, deren Bewohner durch den Fischfang wohlhabend werden, trotzdem daß die Abgaben, welche die Regierung für die Bewilligung des Fischfangs erhebt, ziemlich bedeutend sind. Gute Fische werden in den größeren Städten heute gut bezahlt, und jene goldenen Zeiten find längst vorüber, in denen, wie z. B. unter der Regierung Peter des Großen, ein ziemlich großer Fisch im Wolgaland nur 2 Roveken (etwa 3^-H Pfennig) kostete und man dort für (» Ropeken ein Pfund Kaviar erhalten konnte. was wir über die waldknlwr in Rußland gesagt haben, gilt jedoch leider auch in Bezug auf die Ausbeutung des Fischreichwms des Landes: wir begegnen auf den Flüssen und Seeen Rußlands derselben rücksichtslosen, schonungslosen Ausbeulung der vorhandenen Schätze wie in den Wäldern, und auch hier ist es hoch an der Zeit, in andere Bahnen einzulenken, denn der Fischreichtum hat bereits in vielen Flüssen in bedenk licher weise abgenommen. An eine rationelle Fischzucht, durch welche sich der Wohlstand großer Landstrecken heben ließe, an künstliche Zucht der nützlichsten und im Handel begehrtesten Fischgattungen dachte bis vor kurzem niemand. Ein erfreulicher Anfang anf dem Wege zum Vesseru wurde durch Gründung einer Fischzuchtgesellschaft gemacht, deren Wirkungskreis zwar ein beschränkter ist, die jedoch in diesen, bereits bedeutende Erfolge aufzuweisen hat und wohl berufen sein dürfte, in der Geschichte der russischen Fischerei eine epochemachende Rolle zu spielen. In seinen zahlreichen Flüssen, Seeen, Teichen und Bächen besitzt Rußland wirtschaftliche Hilfsquellen, die nur zu sehr geringen: Teil erschlossen sind und noch dadurch an hoher Bedeutung gewinnen, daß ein Netz von Ranälen die fischreichsten Flüsse mit einander verbindet und dem Fischhandel, namentlich dein Export, ungemein günstige Verkehrswege eröffnet. Schon Peter der Große hatte die hohe Wichtigkeit einer Wasserstraße erkannt, durch welche seine neue Hauptstadt mit den fernsten Gegenden des Reiches verbunden werden konnte. Nach seinein großartig angelegten plan sollten durch Ranäle, welche zwischen der Wolga, dem Dnjepr, der westlichen und nördlichen Dwina angelegt wurden, das weiße Meer, die Gstsee, der Raspisee und das Schwarze Meer verbunden werden. Unter seiner Regierung wurde nur der Ranal zwischen den Flüssen Msta und Cwerza vollendet, später Zwar durch ein ganzes Jahrhundert fleißig an der vervollständiguug des Ranalnehcs 25* ---- M ---- gearbeitet, aber Meters Riesenprojekt ist trotzdem bis auf den heutigen Tag unvollendet geblieben. Zwischen dem Aaspisee lind der Gstsee sind heute drei Wasserstraßen hergestellt: das wischnjewolotzkische, !Narien« und Tichwinsche Kanalsysteni, von denen besonders das crste durch die Großartigkeit seiner Vauten Beachtung verdient. Die schiffe gehen aus der Wolga in die Twerza, dann in den Wischnjewolotzki-Ranal, das Flüßchen Zna und den damit verbundenen Ranal, durch de?i See Mstjino in die !7ista, weiter durch den ^)lmensee-Ihdoümki, große siacho Fahrzeuge, welche die Kama herabkommen und hauptsächlich zum Salztransport bis Niischny-Nowgorod verwendet werden, u. a. Dem bedeutenden Schiffsverkehr, der sich an den Alisgangspunkten der Kanalsysteme konzentriert, verdanken auch die Städte Twer und Rybinsk den bedeutenden Aufschwung, den sie in den letzten Jahrzehnten genommen haben. Twer, die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements, hatte bei der letzten Volkszählung 58 2H8 Einwohner. In der Geschichte Rußlands hat die Stadt und ihr Gebiet durch die endlosen Kriege, welche die Fürsten von Twer mit den anderen russischen Teilfürsten führten, eine traurige Berühmtheit erlangt. Auch unter der Mongolenherrschaft ruhte der Streit nicht. Nach dem Tode des Großfürsten Andrei bewarben sich Michael von Twer und Georg von Moskau beim Chan Usbek um die großfürstliche Würde. Der Chan verlieh sie dem erstern, sein Nebenbuhler wußte sich aber später in die Gunst des Chans einzuschmeicheln, heiratete dessen Schwester Rontschaka und erhielt als Mitgift die großfürstliche würde. Michael verzichtete, um den Chan nicht zu erzürnen, auf den Titel Großfürst, als aber Georg ihn auch aus seinein Lrbfürstentum vertreiben wollte, setzte er sich tapfer Zur wehr, schlug das mit Georg in sein Gebiet eingefallene Mongolenheer und nahm seines Nebenbuhlers Gemahlin Rontschaka gefangen. Gleich darauf aber bot er die Hand zum Frieden und erklärte, sich dem Schiedsspruch des Chans unterwerfen zu wollen, leider starb Kontschaka _____ Is)s>_____ während der Unterhandlungen, Georg wußte den Chan zu berede», daß sie von Michael ermordet worden, und als dieser, um sich zu rechtfertigen, in der Horde erschien, wurde er auf Vefehl Usbeke grausam ermordet. Das Herz soll, wie die Chronisten berichten, dem kebenden aus der Vrust geschnitten worden sein. Die russische Uirche hat ihn als Märtyrer unter die .Hahl ihrer Heiligen aufgenommen und seine sterblichen Überreste ruhe», jetzt in der Rathedrale von Twer. Dem Trauerspiel in der Horde aber folgte noch ein blutiges Nachspiel. Georg genoß die'Früchte seiner Verleumdung nicht lange. Dmitri, der ^>ohn des Ermordeten, gewann die Frauen aus wjatw und pcrin. Gunst des Chans, Georg winde abgesetzt und Dmitri als Großfürst bestätigt. Auf seinen Einfluß vertrauend, eilte Georg an den Hof des Chans, um diesen unizustimmen, doch gleichzeitig erschien dort auch der Fürst von Twer. Die erste Vegeguung der beiden endigte damit, daß der Fürst von Twer seinen Gegner niederstieß, doch er selbst wurde bald darauf auf vefehl Usbcks getötet. Die ötadt Twer, welche den 5uprematiebestrebungen Moskaus unter allen russischen ötädten den hartnäckigsten widerstand entgegensetzte, verlor seit den Tagen Hwans IN. alles Ansehen und sank zum Rang 2(1^ einer uubedelitenden Provinzstadt herab, bis die Anlage der Kanäle neues ^leben in ihre stillen ötraßen brachte, l^eute ist Twer ein Hauvtstapelplatz für dcu Lzai'del zwischen Petersburg und ^iga einerseits und dein öüden Rußlands andererseits, und seine günstige ^age am Zusammenfluß dreier Flüsse, der Wolga, Cwerza und Tmaka, entschädigte es reichlich dafür, daß es beim Vau der Eisenbahn von Petersburg nach Moskau so wenig beachtet wurde, daß man die nächste Eisenbahnstation zwei Werst von der Stadt anlegte. Malerisch an beiden Ufern der Wolga gelegen, ist Twcr reich an statllichen Stcinbautcn, namentlich in der großen, paralkl mit der Wolga laufenden !Nilliona^a (Millionenstraße — ein in russischen Städten sehr beliebter Straßenname), die meistei, Straßen sind gepflastert, große Plätze und freundliche Anlagen befinden sich in der Mitte der ötadt, und auch au historischen Erinnerungen, an alten Vaudenl'mälern ist kein Mangel. Unter den vielen Kirchen fesselt uns besonders die imposante, fünfknppelige Kathedrale, in welcher der als Märtyrer verehrte Fürst Michael und noch zehn Fürsten und Fürstinnen von Twer die letzte Ruhestätte gefunden haben. Der kaiserliche Palast, früher Residenz des Prinzen von Holstein°l)() Schiffe, mit etwa ^> Millionen Pud Fracht im werte von 5 Millionen Rubel. Heute ist der Schiffsverkehr ein so enormer, daß neu,, Landungsplätze auf einer mehrere Werst langen Strecke eingerichtet werden mußtm lind trotzdem zuweilen die ganze ^rcüc des Stromes durch die vor Anker liegenden Schiffe gesperrt wird (siehe Seite ^M. Die großen Schiffe, welche von Astrachan heraufkommen, laden hier ihre Fracht auf die kleinen tjichwinki über, die sie auf dcu Aauälen weiter befördern, wogegen von den kleinen Ranalbarken, die von Petersburg kommen, die Fracht auf die großen wolgaschiffe überladen wird. Tansende sind tagtäglich, den ganzen Sommer hindurch, beim verladen der waren thätig; andere beschäftigt der Schiffbau uud das Zerlegen der ausrangierten Varken, die nach vielen taufenden zählen, da alle kleinen Schiffe zum Zerschlagen verkauft werden uud nur die großen, bis Astrachan verkehrenden die Tour mehrmals zurücklegen - auch eine Illustration der im wolgagebiet herrschenden Holzverschwendung! Rybinsk, das auch Eisenbahnstation ist, bildet jedoch nicht nur den Hauplstapelplatz für den Handel zwischen Astrachan und Petersburg, sondern auch zwischen dem erstern und Archangelsk, durch ein im Jahre ^823 vollendetes Ranalsystcm, welches die Scheksna mit dem Rubinski-See verbindet, auf dessen Abfluß, der Suchoua, die Schiffe in dic nördliche Dwina gelangen. Die bedeutendsten Handelsartikel sind Getreide, (?)l, Fische, Thee, Zucker, Salz, Tabak, Hanf, Leinwand, Talg, Teer, potasche, Holz und Metalle, namentlich Eisen. Das aus den südlichen Gouvernements kommende Getreide wird meist hier zunächst in die Mühlen gebracht und als Mehl weiter verfrachtet, gleichwic das angeschwcmmte Holz zum großen Teil hier zum Schiffbau verwendet wird. 20H Dem Reichtum seiner Kauflelile und dem bedeutenden verkehr entspricht jedoch das 3lusseheu der Stadt keineswegs. Iver an die Prachtbauten westeuropäischer Handelsmetropolen gewöhnt ist, wird sich hier sehr enttäuscht finden. Die Millionäre von Rybinsk leben recht bescheiden in einfachen Holzhäusern, und obwoh! sich die Zahl der Steinbauten von Jahr Zu Jahr vermehrt, so sind doch noch reichlich zwei Dritteile der Stadt von Holz gebaut. Am Ufer zieht sich ein aus Granit errichteter (Huai hin, auch ein Boulevard und ein Theater sind vorhanden, aber damit ist das Verzeichnis der Sehenswürdigkeiten erschöpft. Die elf Kirchen sind fast alle erst in diesen, Jahrhundert erbaut, und nur die Kathedrale verdient wegen ihrer gewaltigen Dimensionen Beachtung. Die Stadt besitzt zwei Krankenhäuser, eins für die Einheimischen und eins für die Schiffer, schr schlecht aber ist für 25ildung und Unterricht gesorgt; die öffentliche Bibliothek ist ziemlich unbc deutend, und an Schulen sind nur eine ^ezirksschnle, Zwei städtische Knabenschulen und eine Mädchenschnle Die Rrcml-Ratlicdwle i>i ^islmy-Nowgcrod. zweiter Grdnung vorhanden. Vefremden kann dies eigentlich nicht: Menschen, die gleich den Rvbinsker Kaufleuten so zu sagen von der f>ike auf sich emporgearbeitet haben, stellen gewöhnlich die praklisele Thätigkeit über alles und sehen auf die Theorieen der Schule mit Geringschätzung herab. Daß aber solche Slädte zu den immer seltener werdenden Ausnahmen gehören, werden wir auf unserer weitern Wanderung durch 2vus;land zur Gellüge kcnnen lernen. Schon die beiden nächsten großen Wolgastädte, Jaroslawl und Kostronil',, liefern uns sehr erfreuliche belege für die Thätigkeit der Regierung und der privaten auf dem Gebiete des Unterrichts und der Volksbildung. Jaroslmvl ist eine der ältesten Städte Rußlands; seine Gründung wird zwischen die Jahre ^(125 und l.056 verlegt. Der Großfürst Jaroslaw soll, auf einer Reise durch sein Gebiet von seinem Gefolge getrennt, in einer waldschlncht am Ivolgaufer, nahe dein Flüßchen Kotorost, von einer Värin angefallen worden scin, Marienkirche in N^siiny-Nowgorc»^ _____ 20? _____ die er mit seinem ^eil erschlug. Zur Erinn,rung an diese That erbaute er au jener stelle eine Stadt, welche er Jaroslawl ilainlte. wie alle russischen Städte hat auch Jaroslawl durch vrände, Belagerungen uud Plünderungen im Laufe der feiten v!el gelilten, aber trotzdenl ist eine Menge alter ^audenkinäler erhalten geblieben, von denen einzelne bis ins ^3. Jahrhundert Zurückreichen, von den 7? Kirchen sind H2 vor dem ^8. Jahrhundert erbaut worden, doch die alten kanten beeinflussen nur wenig die Physiognomie der Stadt, die eine durchaus moderne und freundliche ist. Jaroslawl ist eiuer der Hauptvlähe des russischen Eisenhandels, zu dessen Lebhaftigkeit die Nähe Njishny.Nowgorods, des wichtigsten Marktes für den Handel mit Metallen, viel beiträgt, doch viel bedeutender ist seine Industrie. In der Stadt salbst befinden sich l,^ Fabriken, vor derselben ^?. Leinwand von Jaroslawl erfreut sich in Rußland eines guten Rufes. Die größte der vor» handenen Fabriken wurde schon im Jahre ^722 durch deu Aauftnann Trapesnjikoff gegründet und liefert heute jährlich für eine Million Rubel sowohl feine Leinwand als auch grobes Segeltuch. Gegenwärtig ist sie Eigentum einer Aktiengesellschaft. Früher blühte in Jaroslawl auch die Lederindustrie, und das Duchtenleder von Jaroslawl war als das beste Rußlands berühmt, doch jetzt ist Jaroslawl '" dieser Industrie von Njishny-Nowgorod und Kasan längst überflügelt. Nahe bei Jaroslawl liegt Welikoje, eines der vielen russischen Industriedö'rfer und jetzt der Hauplsitz der Leinwandindustrie des ganzen Gouvernements, von wo auch der kaiserliche Hof seinen Leinwandbedarf bezieht. Jung und alt arbeitet dort in den Fabriken, die Kinder bereiten das Garn zn, die Männer und Frauen weben. vor dem Dorfe sind große VIeichanstalten nach holländischem Muster eingerichtet. In der Geschichte der Volksaufklärung in Rußland spielt Jaroslawl eine bedeutende Rolle. Im Jahre ^7>)8 wurde hier durch den Raufmann Molkoff das erste Theater Rußlands erbaut, und schon im Jahre l^786 erschien hier eine Zeitung. Schon zu Anfang des 1^5. Jahrhunderts befand sich in einen, der Klöster Jaroslawls eine berühmte schule, welche jedoch ^2^ nach Rostoff verlegt wurde. Jetzt befinden sich in der Stadt außer dein berühmten Demidoff-Lyceum ein Gymnasiuni, zahlreiche Mittel» und Volksschulen und zwei Bibliotheken. Noch bedeutend besser ist für den Unterricht in Kostroma gesorgt, das auf dem Gebiete des russischen Schulwesens als eine Musterstadt bezeichnet werden kann. Die etwa ."»«MOO Einwohner zählende Stadt besitzt ein Kuabengymnaslum, ein Seminar, eine mit dem Krankenhaus verbundene Feldschererschule, eine Bezirks- und zwei städlische Schulen, ein Mädchen-Gymnasium, das älteste Rußlands, eine Klosterschule für Mädchen, ein Kindcrasyl mit einer Schule für verwaiste Mädchen, eine Vezirks-Mädchcnschule, eine Schule für Knaben uud Mädchen, in welcher unentgeltlich unterrichtet wird, fünf Schulen für die Kinder der Arbeiter, von den Besitzern mehrerer großen Fabriken bei diesen gegründet, einzelne mit 60 bis IM) Schulkindern beiderlei Geschlechtes. Dazu gesellen sich ein ziemlich gutes Theater, die große Bibliothek des Casinos, welche nebst dem Lesezimmer, in dem Zeitungen aufliegen, wöchentlich an drei Tagen jedermann zur unentgeltlichen Benutzung offen steht, und die Leihbibliothek Archivoffs, bei der das Monatsabonnement nur 25 bis 5)0 Kopeken beträgt. Außer dein großen, vorzüglich eingerichteten städtischen und dein Militärkrankeilhaus befinden sich noch Krankenhäuser bei den vier größten Fabriken, und cine der vorhandenen drei Apotheken liefert Unbemittelten die Arzneien unentgeltlich. Die Industrie Kostroma ist sehr bedeutend. Vbenan steht die Maschinenfabrik der Herren Schipoff, die sich auch mit dem Vau von Dampfschiffen beschäftigt. Außerdem sind mehrere Leinwandfabriken, eine Wachskerzen« und eine Tabakfabrik vorhanden; der Jahresumsatz der beiden letztgenannten wird mit ."''/.^ Millionen Rubel angegebe>l. Die Stadt Kostroma ist jedoch auch durch die an ihrem Namen haftenden geschichtlichen Erinnerungen hoch interessant, wir meinen damit nicht die vielen Baudenkmäler aus dem 1,5. und ^. Jahrhundert, nicht die 7>5 Kirchen uud die großen Klöster, sondern ganz besonders zwei Begebenheiten, durch welche der Name Kostroma, in Rußland zu einem populären gewordeil ist. Ls war iu jener traurigen ^eit, als noch die j?oleu ill dem niedergeworfenen Rußland hausten. Der letzte Sprößling des Geschlechtes Rnriks, der junge Michael Romanoff, hatte vor den Nachstellungen des von den polen begünstigten falschen Dmitri Zuflucht in der Stadt Kostroma gefunden, aber seine Feinde spürten ihn auf und er verdankte seine Rettung nur der heldenmütigen Aufopferung des vürgers Iwan Susanjin, den die Mörder im Glauben, er sei der Fürst, niederstießen, während Michael Romanoff unvcrfolgt entkam. Lin Denkmal, welches im Jahre 1^85^ errichtet wurde, erinnert a„ -------- 203 -------- diese That heroischer Nnterthanentrcue: auf einc«n Granitsockel erhebt sich eine Säule, welche die ^ronzebüste Michael Romanoffs trägt, und zu Füßen der Säule kniet Susanjin, den Vlick zuiu Himmel gerichtet. An die andere oben erwähnte Begebenheit erinnert kein Denkmal, sie lebt aber noch frisch im Angedenken der Generation, welche Zeuge derselben war. Noch einmal wurde in jüngster Zeit ein Linwohner von Kostrom-,, der Lebensretter seines Fürsten, wenn auch nur durch eincn Zufall: der Hutmachergeselle Komissaroff, welcher das Leben Alexanders II. rettete. Vom Raiser und dem ganzen Hofe mit Ehrenbezeigungen und Geschenken überhäuft, hat aber leider der reich gewordene Hutmachergeselle bei dem plötzlichen Glückswechsel alle Selbstbeherrschung verloren, und seine Rangerhöhung ist nichts weniger als ein Segen für ihn gewesen. Zu seinen vielen Vorzügen gesellt sich bei Kostronm auch noch die Schönheit der Umgebung. Wenn wir nun dem ^auf der Wolga weiter stromabwärts folgen, ändert sich plötzlich die Scenerie, bisher hatte die Wolga wenig, fast gar keine landschaftlichen Reize; ietzt entschädigt sie uns überreichlich für das, was wir bisher entbehren mußten. Freundliche Dörfer und Städte, von großen Gärten umgeben, wechseln mit Saatfeldern und waldigen Höhen, von denen vergoldete Kirch enkuppcln herabblinken, der Strom selbst hat eine majestätische breite erlangt, und Schiffe aller Größen bedecken die klaren Fluten. Das links Ufer stacht sich allmählich ab, während.am rechten der waldige Höhenzug sich fast ununterbrochen hinzieht. Die nächste Aletropole dos Wolgahandels, Njishny-Nowgorod, zeichnet sich daher durch landschaftliche Schönheit vor allen den Wolgastädten aus, die wir bisher kennen gelernt. Sie ist die Diamantenschließe auf dem silbernen Wolgagürtel, der Russias kraftstrotzende Glieder umspannt, und als solche der sehenswerteste Mittelpunkt des inter^ nationalen kebens auf und an der Wolga. Es giebt auf dem Erdenrund keinen zweiten Fluß wie die Wolga, dessen Anwohner von so grundverschiedener Abstammung und Eigenart wären. Und doch hat die Notwendigkeit des Warenaustausches und nicht der Krieg oder cine durch denselben bedingte Staatsaklion diese Nferbewohner trotz ihrer Verschiedenheit schon in unvordenklichen Zeiten zu einer gewissen Gemeinsamkeit zusammengeschmolzen. Mit der zunehmenden Gesittung uud der Vermehrung der Bedürfnisse stellt sich aber auch die Notwendigkeit eines genteinsamen G,-^ zur Verwertung der Tandeserzeugnisse und der Jagdbeute ein. Dieser Markt zog ebenso von Ort zu Grt wie die Menschen, welche ihn als Käufer und Verkäufer zum Behufe des Tauschhandels besuchten, wir wollen seine urkundlich bestätigten Wanderungen im knappen Umriß wiedergeben, denn über seine Schicksale in der geschichtlich nicht beglaubigten Vorzeit giebt es nicht einmal Vermutungen, weil die Sturmflut der Völkerwanderung alle Spuren früherer Handelsbeziehungen verwischte. Erst das neunte Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung hat die sichere Runde vom Warenaustausch europäischer und asiatischer Kaufleute auszuweisen. Zu jener Zeit war es die an» Zusammenfluß der Wolga uud der Kama gelegene Hauptstadt des bulgarischen Königreiches, wo die handelsbcsiissenen Nomaden von der sibirischen Tundra, aus den» Hochlande Mittelasiens, von Ocrsien, Indien und Arabien zusammenkamen, um für ihre Rohprodukte die Erzeuguisse des europäischen Kunsisteißes einzutauschen. Nach dem Zusammenbruch des ^5 ulg arenreich es und der Aufrichtung des tatarischen Thauats wurde der Markt in Kasan abgehalten, um in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts in die Nähe der Stadt Makariew, vor das Kloster Icltowodsk, einen vielbesuchten Wallfahrtsort, verlegt zu werdeu. Hier, von allen großen Städten entfernt, auf einer sandigen Fläche, in deren regenerweichten 25oden die Lastfuhrwerke bis zur'Achse versanken, erhob sich die Zelt- und ^udenstadt, bis sie im Jahre ^8^6 eine Feuersbrunst zerstörte. Dieser Umstand, verbunden mit den örtlichen Verkehrsschwierigkeiten, trug wesentlich dazu bei, den Markt nach dem 80 Werst entfernten Njishny-Nowgorod zu verlegen. So entstand im Knotenpunkt der kaspischen Handelswege, die bereits den Griechen und Phöniziern bekannt waren, am Zusammenssuß dNowgorod nie zu schlichten. Desto strenger hält sie das verbot des Rauchens innerhalb des Marktes aufrecht. Daß auch Diebe iu einem vierzig Tage währenden Gedränge ihr straffälliges Handwerk auszuüben bemüht sind, wird wohl niemanden überraschen, doch giebt es ihrer anf-fallend wenig, weil sie, auf frischer That ertappt, exemplarisch bestraft werden. Gefährlicher sind die falschen Spieler, die als Gffiziere und sonstige Würdenträger verkleidet, in den ersten Hotels ihren Unfug treiben, und die Schwindler, die unter der Maske von biederen Krämern den Meßkredit mißbrauchen und deu asiatischen Kaufleuten waren entlocken. Nachdem wir die Verkäufer uud was drum und dran hängt geschildert haben, wollen wir uns auch die Käufer und die Marklbummler ansehen. In erster Time ist daruuter die ganze Musterkarte des russischen völkermosaiks von Archangelsk bis Astrachan vertreten. Der immer zu einen: Scherz aufgelegte Großrusse ist wie sein melancholischer Stammverwandter vom Don und Dniepr, der Kleinrusse, von dem Gedanken beseelt, soviel wie möglich einzukaufen, was beide leider nur zu oft im Theehaus vergessen. Der sonst so lustige Kosak ist als berittene Stadtwache in N^ishni-Nowgorod Staudesperson und zieht sein verschmitztes Gesicht in offizielle 2?* Fallen, d. h. so lange cr im Dienst ist, dein, außer dem Dienst trinkt er selbst mit den verrufenen Fabrikarbeitern von Oawlowo und den Webern von Klasma Brüderschaft, die in scharen herbeiströmen, mn die Herrlichkeiten des Marktes zu bewundern, in der Regel aber mit blau geschwollenen Wangen und eingeschrumpftem Geld' bentel heimkehren, ohne etwas gekauft zu haben. Njishnv-Nowgorod bei Nacht ist eino interessante Studie, die sich jedoch der öffentlichen Besprechung entzieht. Alle diese anrüchigen Belustigungen werden aber wegen der strengen Marktobseroanz so geheim gehalten, daß sie nur dem Eingeweihten zugänglich sind. Der Tatar, f)erser und Tscherkesse übernachtet im GoWmv Dwor und verläßt, wenn er seine Einkäufe bewerkstelligt hat, den Markt, ohne seine Verlockungen kennen gelernt zu haben, und die westeuropäisch.'" Räufer kommen am frühen Morgen von Moskau mit der Eisenbahn an, besorgen im taufe des Tages ihre Einkäufe und dampfen Rechtes lliolgaufer u»terhalb ^^iswiy Nowgorod. am Abend wieder nach Moskau zurück, um den hochgeschraubten Meisen der ^^ishnv ^owgoroder (Rasthöfe nicht zum Opfer zu fallen. t)or der Einführung der Eisenbahn war es freilich anders. Da brauchten die Meßbesucher einige Tage Rast, um ihre durchgeschüttelten Knochen wieder zu spüren. ^)etzt vermitteln zahllose Dampfschiffe den Waren- und Personenverkehr auf der Wolga und Aama und die länderverbindenden Eisenbahnschienen sind schon bis Orenburg gelegt. Und doch haben alle diese Oerkehrscrleichterungen dem Markt eher geschadet als genützt. 5o z. 25. hat der chinesische Theehandel seit Eröffnung des Suezkanals andere Wege eingeschlagen, die nicht nach 2,^ishny°Nowgorod führen. Wie einst Genua und Venedig durch neuentdeckle Handelswege nach Indien ihre kaufmännische Bedeutung verloren, so kunn einst Njishnv-Nowgorod aufhören, der Knotenpunkt des orientalischen und occidentalischen Handelsverkehrs zu sein, doch so lange es der am weitesten nach Nordost vorgeschobene Eisenbahnausläufer bleibt, ist an eine öchmälerung seiner Marktbedeutung ?cr schiofc Glockenwrm in u.schcb^ksary. 2^5 nicht zu denke,». Übrigens wäre es nicht das erste Mal, daß Njishny«Nowgorod seiner Bedeutung verlustig ginge, um sie wieder zu erlangen. Ausgrabungen, welche Altertumsforscher in Oerekop am schwarzen Meer und in Taganrog am Asowschen Meer veranstalteten und die in Charkow, Woronesch und Tanwow fortgesetzt wurden, lassen die Vermutung aufkommen, daß es schon in uralter Zeit Handelswege gab, welche von« schwarzen und Asowschen Meer ausgingen, um sich an der Mündung der Gka in die Wolga zu vereinigen. Folglich bestand damals schon an der stelle des heutigen Njishny-Nowgorod ein wichtiger Handelsort, an welchen, sich wie heute Arier und Mongolen zum Warenaustausch einfanden. Auf der Messe in Makariew betrug der tvert der vorhandenen waren im Jahre I.09? etwa 80 000 Rubel, im Jahre ^7^ etwa H90000 Rubel, aber H9 Jahre spater war er bereits auf 30 Millionen angewachsen. Nach Verlegung der Messe nach Njishny'Nowgorod wuchs der Geschäftsunisatz mit Riesenschritten. Auf der ersten in Njishny^Rowgorod abgehaltenen Messe hatte er 5^Id5000 Rubel betragen — im Jahre ^880 war er bereits auf ^70 27^9^3 Rubel gestiegen, Im Jahre 1,881^ wurden für mehr als 2^6 Millionen abgesetzt, also um etwa 73 Millionen mehr als im vorfahre. «Lin weniger günstiges Resultat ergab die Messe im Jahre ^682. Die Warenzufuhr repräsentierte einen wert von 223 502 978 Rubel, blieb also hinter jener des Vorjahres um 22 677 200 Rubel zurück. Unverkauft blieben für 23^2^ !^ Rubel waren, das heißt für ^99^6 0^6 Rubel mehr als im Jahre 1M^. Im ganzen betrug der Rückgang des Iahrmarkthandels im Jahre ^882 gegen das Vorfahr ^,2 623 306 Rubel. Der jetzige Markt ist im Jahre ^82^ von dem Ingenieur-General Vetancourt erbaut worden, welcher den Überschwemmungen ausgesetzten Voden bedeutend erhöhte und dann 60 Gebäude mit 252^ Verkaufsläden, eine rechtgläubige und eine armenische Kirche, eine tatarische Moschee und das Vörsengebäude nebst vielen anderen dort aufführte. Die Rosten dieser Vauten beliefen sich auf 3 ^50000 Rubel und zur Erhaltung der Gebäude wurde von den Geschäftsleuten eine jährliche Steuer im Vetrage von etwa 25 000 Rubel erhoben. Der Markt befindet sich auf einer Tandzunge, welche durch die in die Wolga einmündende Gka gebildet wird. Überschreiten wir die brücke, welche den Markt mit der Stadt verbindet, so fällt uns alsbald eine gewaltige Kirche mit fünf Nuppeln auf, welche über die Häuser am andern Ufer emporragt. Es ist die Marienkirche, oder, wie sie häufiger genannt wird, die Slroganoffsche Kirche (siehe Seite 205). Die letztere Benennung erhielt sie nach ihrem Erbauer, einem reichen Kaufmann Hamens Gregor Stroganoff, der keine Kosten schellte, um in seiner Vaterstadt ein in jeder Veziehung großartiges Gotteshaus zu erricht»,n. Unter den vielen Gemälden, welche es enthält, sind besonders ein Christus und eine Mutter Gottes von iQiravaggio bemerkenswert, Stroganoffs Eifer, die im Jahre ^7^) eingeweihte Kirche auch im Innern d^r imposanten Außenseite entsprechend auszuschmücken, verdankt eine Sage ihre Entstehung, die sich bis heute in, voll-mund erhalten hat. Stroganoff soll, erzählt man, für seine Kirche Gemälde aufgekauft haben, welche der Zar bestellt hatte, und darüber erzürnt, habe dann der letztere befohlen, die Kirche zu schließen und den Gottesdienst in derselben einzustellen. Thatsache ist nun allerdings, daß die Kirche bald nach ihrer Einweihung auf Vefehl des Zaren geschlossen wurde, aber die Veranlassung war eine andere als gewöhnlich angenommen wird. Stroganoff hatte sich mit seiner ganzen Familie einem falschen Propheten Namens prokop tupchin angeschlossen, der sich für Christus ausgab, und in den oberen Räumen der Kirche fanden die Versammlungen dieser Sekte statt. Als die Regierung davon Kunde erhielt, ließ sie die Kirche für einige Zeit schließen, um den Sektierern die Gelegenheit zu Versammlungen zu entziehen. Die eigentliche Sladt, die wir nun betreten, erhebt sich amphithealralisch auf den niedrigen Anhöhen am rechten Ufer der Wolga und Oka. Der Vlick. der einmal auf dem reizenden tandschaftsbild geweilt, vermag sich nur schwer von demselben zu trennen. Aus den, frischen Grün der Gärten und Naumanlageu blinken uns freundliche, weißgetünchte Häuser entgegen, malerisch an den Abhängen gruppiert, und darüber erheben sich schlanke Kirchtürme mit im Sonnenglanz funkelnden vergoldeten Kuppeln, und alte Kirchen mahnen an vergangene Zeiten. Hoch über der Stadt, auf der tschasowaja gora (Uhrberg) liegt der Kreml, die alte Citadelle, welche im Jahre ^372 gegründet wurde. Die elf Türme der Kromlmauer sind noch wohl erhalten. Im Kreml wohnt der Gouverneur; außerdem befinden sich dort große Kasernen und ein Arsenal. Ein Denkmal Minins uud posharskis erinnert an Njishny-Nowgorods glorreichste Tage, als es der Mittelpunkt _____ 2l6 _____ dcr national?», «Lrhebnng gegen die polen war. Im preobrashenski 5obor des Kreml, welcher iin Dahre ^22^ erbaut wurde, liegt ^Ninin begraben. Als peter dcr Große in N^ishny-Nowgorod sein fünfzigjähriges ^ilbiläum feierte, kniete er vor Minilis Grabe nieder und rief: „Hier liegt der Befreier Rußlands!" — und keiner der folgenden Hären, dcr Nowgorod besuchte, hat es unterlassen, den gefeierten Nationalhelden durch einen besuch seines Grabes zu ehren. Trotzdem ist da» Denkmal desselben, welches im Kremlhofe steht, höchst verwahrlost. Die Nowgoroder Kaufmannschaft hat für die großen Thaten ihrer Dorfahren, welche das ganze übrige Rußland heute noch preist, ein schlechtes Gedächtnis, ebenso wie ihr aller Tinn fnr Natnrjchönheit und die landschaftlichen Reize der Nmgebung Nowgorods zu fehlen scheint. Il^enn man den Kreml dnrch das Dmitri Thor verläßt, gelangt man ans den r>on hübschen ^teingebäuden im Halbkreis umgebenen ^lagow^schtschenski-f)latz und über diesen auf einen Boulevard, der am Fuße des Kremlhngels Ansicht veil Aasan. hinführt. Dort ist an einer 5>telle, von der ans man eine herrliche Fernficht genießt, ein Pavillon errichtet worden, in welchem sich ein Lesezimmer mit in° und ausländischen Heilungen befindet, aber dieses reizende Nelved«>re wird von den Nowgorodern fast gar nicht besucht- ^0 Ropeken — so viel beträgt dcr Eintrittspreis — für bloßen Naturgenuß zu zahlen, ist ihnen ein zu hoher j)reis, während sie anstandslos das drei' bis vierfache an Eintrittsgeld zahlen, um in dunstigen öälen oder feuchten, ungesunden Gärten den Produktionen einiger Chansonetten und Akrobaten zuzusehen. Außer Nliniu sind in der Preobrashenski-Rirche viele Großfürsten lind Metropoliten von Njishnv« Nowgorod begraben, darunter Konstantin wassil^witsch, der Urenkel Alezander Newkis, Nowgorods erster Metropolit philaret, welcher Peter den Großen taufte, der «Lrzbischof pitirim, der anfangs sich zu den Lehren der Raskoln^iki bekannte, später aber einer der unerbittlichsten Verfolger derselben wurde, und viele andere mehr. 2^7 Kathedrale in Kasan. In der zweiten Areml-Airche, dent Aivch/mgelski 5ob<>r, ruhen die 2^a6)kommen der ehemaligen Großfürsten von ^ishny-Rowgorod, welche bereits Zinn Hofstaat der Moskauer Fürsten gehörten. Das Groß-fürstentmn 2,^ishny°Nowgorod war nicht lange selbständig gewesen. Anfangs zum Fürstentuin öusdal gehörig, erlangte es erst im ^)ahre ^,V)l) unter Konstantin wassiljewitsch die Selbständigkeit, und verlor sie schon im Hahre ^^8 wieder, seit welcher Zeit es ununterbrochen mit den: Moskauer Fürstentun, vereinigt blieb. Der Aremlhügel mit dem ^)!inski- und dem 2Znschewa-Hngel bilden die sogenannte obere 5tadt, würchny gorod- der zn Füßen der Hügel bis Zum Flußufer sich ausbreitende Stadtteil heißt die untere 5tadt, njishny gorod. Früher litt die obere Stadt an Wassermangel, und die Einwohner waren gezwungen, ihren Wasser- bedarf aus dcr untern Stadt zu holen, jetzt aber ist am Wolgaufer in einen: gros;e>: Gebäude eine Dainpf-maschine in Thätigkeit, welche das Wasser durch eiserne Röhren in den Kreml hinauftreibt. Zwischen der obern und untern Stadt liegt am Hügelabhang der „englische Garten", eine zwei Werst bedeckende Parkanlage mit langen, schattigen Alleen und vielen Aussichtspunkten, von denen aus man namentlich im Kommer eine entzückende Fernsicht genießt. Der Fluß Lotschaina, welcher früher die untere Stadt durchstoß — an seinem Ufer soll Minins Wohnhaus gestanden haben — ist jetzt nur noch ein unscheinbares Bächlein. Der Sage nach soll cr aber noch eines Tages riesig anschwellen und dann die ganze Stadt in seinen Fluten begraben. Wir können dem L^'ser nicht zumuten, uns alls einer Wanderung durch das halbe hundert Kirchen zu begleiten, welche Njishny-Nowgorod besitzt und die neben dem Jahrmarkt seine Hauptsehenswürdigkeilen sind. Es befinden sich unter ihnen H.) rechtgläubige, 2 Kirchen der Altgläubigen, ^ protestantische, ^ katholische und ^ armenische Kirche, ferner eine Synagoge und eine Moschee. Doch der Besucher Njishny-Nowgorods kehrt immer und immer wieder von solchen Sehenswürdigkeiten zu dem zurück, was der Stadt den meisten Reiz verleiht: der Handel. Ungemein lohnend ist eine Wanderung längs der Ufer.Hnais und weiter hinaus, die endlosen Landungsplätze entlang, wenn man diesen Wald von Masten vor sich sieht, der unübersehbar längs der Ufer sich hinzieht, so gewinnt man schon annähernd eine Vorstellung von dem Oerkehr, dcr sich in Njishny-Nowgorod konzentriert. Auf einer Strecke von 2l) Werst ziehen sich die Landungsplätze hin. Schon die Landungsplätze der Dampfschiffe der vielen Dampfschiffahrtgesellschaften, welche auf der Wolga verkehren — des „Samolet", der „Kama>wolga-Da,npfschiffahrtgesellschaft", des „Neptun", „Raukasus" u. s. w. ^ nehmen eine große Uferstrecke in Anspruch. Da die meisten Dampfer die Wolgatour mehrmals im ^ahre zurücklegen und also auch Njishny-Nowgorod mehrmals berühren, beläuft sich die Zahl der in, Laufe des Jahres bei der Sladt ankommenden Dampfer auf mehr als tausend. Dazu kommen gegen ^000 Ruder« und Segelschiffe und etwa anderthalb tausend Flöße, welche ankommen, und an 5000 Schiffe, welche von hier auslaufen. Und solche Zahlen erscheinen uns fast noch klein, wenn wir die Warenmassen in betracht ziehen, die ans so vielen Gouvernements und aus fernen Bändern in diesem Sammelbecken zusammenströmen! Da kommen auf der Wolga die Ergebnisse der Ernten alls Rußlands Kornkammer, aus den Gouvernements Saratow, Oensa, Samara, Simbirsk und Kasan, Fische vom Kaspisee, Salz von, Eltonsee, Talg aus Samara, Senf von Scuepta, Felle aus Kasan, wein von Kislar sowie auch Seide vom fernen Kaukasus. Auf der Kama schwimmen Schiffe in die Wolga und auf dieser nach Njishny-Nowgorod hinab, welche Seide aus Bokchara, allerlei Metalle aus Sibirien, Eisen vom Ural, Salz aus j?erm bringen, und auf demselben Wege kommt nach Njishny-Nowgorod der Thee, der von Kjachta aus die weite Landreise zurückgelegt hat. Nicht so groß wie die Warenzufuhr auf dem Wasserwege ist jene auf dem Landwege, aber doch immerhin sehr bedeutend, ^n gutein Stand erhaltene breite Straßen führen von Njishnv-Nowgorod nach wjatka und Kasan, nach Oensa, Saratow und Simbirsk, und ein dichtes Straßennetz verbindet Njishny-Now' gorod auch mit allen kleineren Städten des Gouvernements. Größere Bedeutung als die Landstraßen hat für den Handel der Stadt die Eisenbahn, welche sie über Wladimir mit Moskau verbindet. Die Produkte dcr indnstriereichen Gegend, welche di>.se Eisenbahn durchschneidet, sind durch sie dein Markt von Njishn^-Nowgorod näher gerückt und die Schwierigkeiten beseitigt, welche früher ihrer Oerwertung entgegenstanden (siehe Seite ^ 1,^). Für viele Nowgoroder Handelsartikel war die Eröffnung dieser Bahn geradezu epochemachend, da durch sie die Koukurrenz des Weltmarktes ermöglicht wurde, die sich zu allererst bei den Theepreisen fühlbar »nachte. Als in» ^)ahre ^8^2 die Einfuhr des englischen, auf dein Seewege aus China gebrachten Thees gestattet wurde, erschien der englische Thee bereits auf der nächsten Messe in Njishny>Nowgorod, und der neue Konkurrent rief unter der ahnungslosen Kaufmannswelt eine beispiellose Oanik hervor. Es ist nicht uninteressant, die Bedeutung der Eisenbahnen in Rußland mit jener der anderen Verkehrs« slraßen zu vergleichen, und da wir gerade von ihrem größten Konkurrenten, Rußlands bedeutendster Wasserstraße, der Wolga, reden, so wollen wir hier noch einige Worte über das russische Eisenbahnwesen einfügen. Ein flüchtiger Blick auf die geographische ^age Rußlands und seine lokalen Bedingungen genügt, um die außerordentliche Wichtigkeit, von welcher die Eisenbahnverbindung gerade für dieses Reich sein muß, voll und ganz zu ermessen. Nicht nur der große Umfang seines Territoriums und die kolossalen Entfernungen, welche zwischen den einzelnen Produktionsdistrikten und ihren naturgeniäßen Absatzorten liegen, aNein sind es, welche die Schienenwege für Rußland so wichtig erscheinen lassen, sondern der denkbarste Mangel an anderen Verkehrswegen, vor allein an ausgedehnten Wasserstraßen, war bei der Einführung der Eisenbahnen in Rußland — als die erste Eisenbahnverbindung in, )ahre ^8.^, zwischen Moskau und Petersburg, hergestellt worden war — der maßgebendste Faktor. Es ist merkwürdig, wie arm Nußland an Wasserstraßen ist, nnd wie geringen Nutzen selbst dieses geringe Maß von Wasserstraßen dem öffentlichen verkehr darzubringen vermag, während z. V. Frankreich 26 Kilometer, England 9 Kilometer Wasserstraßen per (ynadratmeile ihres Gesamt» areals aufzuweisen haben, besitzt Rußland, einschließlich aller seiner künstlichen und natürlichen Wasserläufe, nur '2 Kilometer Wasserwege per (yuadratmeile, ist also in dieser Hinsicht 52 mal schlechter gestellt als Frankreich, und ^8 mal schlechter als England. Nicht genug an diesem Übelstandc, sind diese wenigeil inneren Wasserwege Rußlands, wie gesagt, bei weitem nicht von dem Werte, hinsichtlich des allgemeinen Güterverkehrs wie auch der anderen Kulturzwecke, wie die Wasserwege im übrigen Europa. Erstens ist die Menge der Wasser» kommunikation sehr ungleich verteilt zwischen den verschiedenen Tandesteilen des unermeßlichen Reiches, so daß ganze Landstriche selbst den Segen dieser, wenn auch sehr knappen Verbindung zu Wasser entbehren müssen. Außerdem aber ist folgender Umstand von noch größerer Bedeutung, während in Deutschland sämtliche größere Flüsse ins offene Meer münden und hierdurch einen direkten internationalen verkehr herstellen, fließt der größte und wichtigste Strom Rußlands, die Wolga, in das Kaspische Meer, welches sowohl für den internationalen als auch überhaupt für jeden andern verkehr gänzlich ohne Vedeutung ist. Vei denienigen einiger Flüsse Rußlands, welche ins offene Meer fließen, wie z. 25. dem Niemeu (N.nnan) uud der Weichsel (wissla), liegen die Verhältnisse insofern unglücklich für Rußland, als die Mündungen derselben auf dem Gebiete eines fremden Staates, in diesem Falle in Preußen, sich befinden. Und noch ein Umstand! während z. V. in Deutschland die Ackerbaugebiete und Kohlenreviere zumeist am oberen Teile der Flüsse gelegen sind und mithin ihre Produkte viel leichter stromabwärts verfrachten können, liegen in Rußland diese Verhältnisse gerade umgekehrt, und auf der Wolga müsse»: die großen Frachten mit bedeutenden Kraftanweudungen stromaufwärts geleitet werden. Zu dieser langen Kette von Mängeln kommt nun ergänzend das Hauptübel hinzu, daß sämtliche Binnengewässer im Taufe von 5—6 Monaten des Jahres überhaupt für die Schiffahrt nicht existieren, indem sie durch die Eisdecke gefesselt sind. wir glaubten diese kurze, wenn auch mehr ins rein volkswirtschaftliche Gebiet einschlagende Betrachtung vorausschicken zu sollen — über den ungenügenden Stand der Chausseen und sonstigen Tandstraßen Rußlands wollen wir keine vielen Worte verlieren — um darüber klar zu werden, wie sehr die Schienenwege für Rußland von viel wichtigerer Bedeutung seieu, als für irgend einen andern europäischen Staat — europäischen deswegen, weil das asiatische Rußland als „eisenbahnloses" noch gar nicht dabei in Vetracht kommt. Man muß es dein Kaiser Nikolaus lassen — und hiermit gehen wir direkt zu unserem Gegenstand über — daß er die ganze Sachlage richtig erfaßt hat und daher, im Gegensah zu vielen anderen europäischen Monarchen jener und früherer Zeiten, sich rasch und leichten Herzens zum Vcm der ersten russischen Eisenbahn entschloß. Es ist dies die Vahn zwischen Petersburg und Moskau (ihrer Tage und Ausdehnung nach etwa mit der Nahn zwischen Berlin und Königsberg zu vergleichen), welche daher auch den Namen „Nikolaibahn" führt und im ^ahre ^85^ eröffuet wurde. Der kaiserliche Ukas, welcher an das damalige Ministerinn: in dieser Angelegenheit erging, lautete kurz: „will Eisenbahn zwischen Petersburg und Moskau!" Aber um so länger dauerten die Veratungeu, welche hierauf in dem Ministerinm begannen und kein Ende nehmen wollten, da man sich über die Vaueutwürfe nicht einigen konnte. Endlich riß die Geduld des Kaisers Nikolaus, und als der Minister eines Morgens wiederum mit einem neuen Bauprojekt kam und über die Schwierigkeiten klagte, welche bei der Tösung dieser Frage kaum zu überwinden seien, da sagte Nikolaus, welcher bekanntlich in wort und That die äußerste Kürze liebte: „Hier hast Du die Route für diese Eisenbahn." Mit diesen Worten trat der Kaiser an seinen Arbeitstisch, nahm Tineal, Fedcr und eine Karte Rußlands zur Hand und führte auf letzterer eine gerade Time zwischen Petersburg und Moskau. „So baut ^hr mir die Nahn!" sagte der Kaiser, und übergab dem verblüfften Minister die Karte. Die Nikolai°^ahn wurde nach jener Aufzeichnung des Kaisers erbaut, wie dies ein Vlick auf die Ejsenbahnkarte Rußlands sofort zeigt, und die Folge hiervon 2ß* ,,. ^>20 _____- war, daß alle rechts und lint's von dieser geraden Linie liegenden Städte und Grtschaften ohne Bahnverbindung geblieben sind. Nur eine einzige Gouvernementsstadt, die Stadt Twer, kan« glücklicherweise auf der geraden « großen Gläsern — wie man sie besser in den renommiertesten Caft- der westeuropäischen Hauptstädte nicht haben kann. lind dies nicht etwa auf gewissen einzelnen Stationen, sondern auf allen ohne Ansnahme! Die greise sind v.'r-bältni^mäßig nicht hoch, d. h. sie entsprechen den allgemein in Rußland üblichen greisen. was nun die Bahnhöfe im allgemeinen anbetrifft, so muß man es wiederum den russischen Eiscn-bahnverwaltungen ohne weiteres lassen, daß sie die beste Lösung für diese Frage, wen» man die Bahnhofs. _____ 225 _____ bauton überhaupt als eins Frage bezeichnen darf, gefunden haben. Die Vahnhäfe in Nußland find keine Qixusgebäude, wie dies im Auslande zumeist der Fall ist, sind aber äußerst praktisch angelegt. Nutzland hat an Vahnhöfen auch keinen einzigen aufzuweisen, welcher irgend einen vergleich z. V. mit den Bahnhöfen von Berlin, Il^ien, f)aris n, s. w. aushalten könnte. Speziell in Verlin gehören M einige Bahnhöfe iu die Neihe Markt in Rasan. der fogenannten AIo»uunentalbauten der Residenz. Hingegen find die fechs Bahnhöfe Moskaus und die vier Bahnhöfe Petersburgs von so bescheidener Natur, daß sie kaum Veachtung verdienen. Den polizeidienst auf den Vahnhöfen verrichten merkwürdigerweise nicht die lokalen Grgane der Polizei, sondern die Gensdarmcrie, so daß an den Bahnhöfen keine Schutzleute, sondern Gensdarmen postiert sind, welche während des Haltens des Zuges sich auf dem Perron befinden. 2? -------- 226 -------- Zu dem äußern Eisenbahndienst in Rußland sei noch bemerkt, daß eins einheitliche Uniform für das Zugpersonal nicht existiert. viele bahnen haben für die Konduktcure die russische Nationaltracht eingeführt: hohe Stulpstiefel, kurzer Kaftan mit Gürtel und Tammfellmütze. Andere bahnen hab.'n wiederum andere Vekleidungsarten, so z. v. sieht man das Zugpersonal der Tiebau-Romnybahn mit weißen Mützen uud mit ebensolchen Kitteln. was aber die Eisenbahnfahrt in Rußland sehr verleiden kaun, ist die überaus ungenügende Art, wie für die etwaigen Anschlüsse gesorgt oder, richtiger gesagt, nicht gesorgt ist. Sobald überhaupt das Umsteigen von einer Bahnlinie auf eine andere erforderlich ist, da liegt der Hase im Pfeffer, und der Reisende muß sich da auf viele Unannehmlichkeiten gefaßt machen. Es geschieht dies zumeist aus dem Grunde, weil die ver» schiedenen Eisenbahndirektionen sich in dcn Haaren liegen wegen Tarifstreitigkeiten, Konkurreuzfragen u. s. w., und ihrem Unwillen dadurch Qift machen, daß sie sich gegenseitig die Anschlüsse verleiden! Hat man es doch eine Zeit lang mit ansehen müssen, wie in Petersburg der Zug nach Moskau abging kurz bevor der Zug aus Warschau eintraf, und das war noch zu einer Zeit, wo der verkehr Zwischen dem Westen des Reiches und Moskau zum größten Tci! über Petersburg ging. Auf den kleineren ZwischeU'Stationen liegen die Angelegenheiten der Anschlüsse noch bis auf den heutigen Tag sehr im argen, und es ist leider gar nicht abzusehen, wann in dieser so wichtigen Angelegenheit Wandel geschaffen werden wird. Die russischen Eisenbahnbillets enthalten außer den üblichen Rainen der Stationen, der Rummer und dem Datumstempel noch ein ganzes Rechenexempel, und Zwar dcn ursprünglichen Fahrpreis, den 33elrag der Staatssteuer und die Totalsumme — für das ungewohnte Auge eine seltsame Erscheinung. Es wurde uämlich in Rußland durch Verordnung des Finanz-Ministers General Grcigh von« 8. (20.) Januar ^8?9 eine Eisen-bahnbilletsteuer eingeführt. Diese Steuer beträgt: für die I. und II. Wagenklasse 25"/,i der Fahrpreises, für die III. Wagenklasse ^5 "/„ des Fahrpreises, bei allen Zügen; für Passagiergepäck und für Eilgüter 25 "/„ der Frachtpreise. War schon bisher der Personenverkehr anf den russischen Eisenbahnen kein besonders starker, infolge der verschiedenen Schwierigkeiten, welche sich für die Einheilnischen bei jedem Ortswechsel bieten, so hat diese Steuer die Hemmnisse des Verkehrs noch um eins vermehrt, vor allem äußerte sich diese Folge darin, daß die meisten Passagiere, welche bisher I. Klasse fuhren, nunmehr II. Klasse fahren, und somit die Scharte, welche ihnen diese Steuer geschlagen, auswehen. Die Passagiere II. Klasse tragdn diese Steuer geduldig, haben aber noch immer die Möglichkeit, dieselbe abzuwälzen, indem sie, wenn nur irgend möglich, III. Klasse fahren. Hingegen ist aber für die Reisenden dieser letztern Wagenklasse gar kein Ausweg vorhanden, dieser Steuer zu entgehen, dieselbe fällt daher gerade den weniger bemittelten Ständen an, meisten zur Tast. Es ist schon vielseitig der russischen Regierung zum Vorwurf gemacht worden, daß sie eines solchen, für einen großen Staat wie das russische Reich verhältnismäßig geringen Ertrages wegen — die Eisenbahnbilletsteuer bringt dem Fiskus im ganzen gegen drei Millionen Rubel jährlich eiu — den öffentlichen verkehr in solch empfindlicher weise hemmt und schädigt. Aber selbst dieser geringe jährliche Ertrag der bezeichneten Steuer wird für dcu Staatssäckel sehr illusorisch gemacht, denn da die Eisenbahnen, welche fast sämtlich vom Staate garantiert sind, infolge dieser Steuer schlechtere Geschäfte machen, so muß der Staat womöglich den einzelnen Vahnen dasjenige Geld an Subsidien zugeben, was er von der Eisenbahnbilletsteuer einnimmt, keider ist die russische Regierung entschlossen, die Eisenbahnbilletsteuer für immer bestehen zu lassen. von allen russischen Städten ist es die alte Zarenstadt Moskau, welche für die Eiseubahnverbindungcn Rußlands die größte Bedeutung hat, welche es aber auch zum guten Teil den Eisenbahnen verdankt, daß sie auf die gegenwärtige Hohe der Entwickelung gekommen ist. Richt weniger als. sechs Eisenbahnlinien münden in Moskau, welche allesamt zu den bedeutendsten Bahnlinien des russischen Reiches zählen uud dabei eine sternförmige, systematisch-radiale Richtung von Moskau nach allen Seiten des Reiches einschlagen, und auch eine geschickt angelegte Verbindung der Hauptstadt mit allen Teilen des tandes herstellen, daß in dieser ^eziehuug kaum irgend eine Hauptstadt in den europäischen Staaten sich mit Moskau vergleichen könnte, wir wollen diese sechs Eisenbahnlinien — da in diesem werke Moskau und desseu verhältnisseu eine besonders eingehende Behandlung, uud dies mit gutem Recht, zu teil wird — im folgenden kurz aufzählen: ^) Die Nikolai-Nahn, verbindet Moskau mit Petersburg. 2) Die Vahn Moskau-Vrest, verbindet Moskau mit _____ 22?_____ Warschau, 3) Moskau-Kursk, Verbindung mit Südrußland, ^) NloskauIaroslaw, Verbindung mit dem worden Rußlands bis wologda, 5i) Moskau-R^äsan, verbinduug mit dem Gebiet der untern Wolga und 6) Moskau-^jishny-^owgorod, Verbindung mit dein oberen wolgagebiet und der berühmten Messe zu Njishny-Nowgorod. Jede dieser Linien hat ihren eigenen Vahnhof in Moskail. Außerdeni hat Moskau eine Verbindungsbahn, welche Zwischen den Vahnhöfen dieser Vahnen um die Stadt herum kursiert. Kurz, in dieser Veziehung hat Moskau die Schwesterstadt an der ^ewa derartig überfiügelt, daß sich kaum ein vergleich zwischen ihnen noch austollen läßt. Petersburg mit seinen vier Eisenbahnlinien eigentlick? nur drei, dcnu die vierte ist eine kleine Lokalbahn nach Zarsko^c-Selo — erscheint als kleine provinzialstadt gegenüber Moskau. In Petersburg münden nämlich: ^) Die Nikolai-Vahn, welche wir schon von Moskau her kennen, 2) die Petersburg-Warschauer Vahn, I) die Valtische Eisenbahn, nach Finnland, und H) dieZarZkoje^ Selo° Eisenbahn, welche wie gesagt eine 3änge von nicht mehr denn vier Meilen hat. Ihr Vau kostete im ganzen nur ^'/^ Millionen Rubel, so das; der bekannte Vankier Varou Stieglitz sie auf eigene Rechnung erbaut hatte. Linen geraden Schienenweg von Petersburg nach Südrußland giebt es nicht und wird es wohl auch schwerlich je geben, da große Terrainschwierigkeiten in dieser Richtung zu überwinden wären. Man muß dalx-r, will man von Petersburg nach dem Süden des Reiches gelangen, einen ganz bedeutenden Vogen machen, entweder nach rechts über Dünaburg oder wilna, oder nach links über Moskau. In den meisten Fällen wird der weg über Moskau vorgezogen. Diese unglückliche tage Petersburgs zu Südrußland, wie denn überhaupt die Newastadt eine äußerst ungünstige ^. Die Gegenden, in denen sie heute ansässig sind, waren früher von Uulgareu, Khasaren und Vurtassen bewohnt, und viele Ethnographen neigen sich daher der Ansicht zu, daß die Tschuwaschen mit den Vurtassen identisch sind. Jedenfalls waren die Tschuwaschen früher unter einem andern Namen besann!, da es geradezu unmöglich ist, daß den über russische Verhältnisse stels sehr gut orientierten arabischen Schriftstellern ein so großes Volk völlig unbekannt geblieben wäre. Die Mehrzahl der Tschuwaschen ist schon unter der Regierung der Kaiserin Elisabeth Octrowua graust worden; der Rest, etwa ^>()() Seelen, bekennt sich zur !5chre Mohammeds, hält aber dabei immer noch zäh an den alten heidnischen Gebräuchen fest. Gleich den Tscheremissen legen sie ihre Dörfer gern am Waldesrand an und pflanzen Väume vor den Häusern und in» Hofe. Ackerbau, Viehzucht und Vienenzüchterei bilden ihre Hauptbeschäftigung, Jetzt ist die Kleidung der Männer von der gewöhnlichen russischen, dem Kaftan, nur wenig unterschieden, früher aber kleideten sie sich genau so wie die Tataren, mit denen sie überhaupt in enger Verbindung standen. Heute noch kommt es häusig vor, daß ein nicht getauftes Tschuwaschcnmä'dchen einen Tataren heiratet. Die Frauen und Mädchen trage«» einen mit mehreren R>>ihen kleiner Münzen und Glasperlen verzierten, eigentümlichen Kopfputz (siehe Seite 20^), der beim gemeinen Volk sehr hoch, bei den vornehmen Frauen so niedrig ist, daß er sich nur wenig über die Stirn erhöbt. Ihre Hemden sind stets mit reicher bunter Stickerei verziert, namentlich an» Halse und über der Arust, und über dieselben ziehen sie einen weißen oder grauen Kaftan von gleichem Schnitt wie jener der Männer an. 20* —^. 236 -------- Die Tschuwaschendörfer haben fast alle zwei Namen, einen der Tschuwaschensprache entnommenen und einen russischen. Die nicht zum Christentum bekehrten Familien wohnen stets abgesondert von den anderen. Früher baute ^eder sein Haus wo es ihm gefiel, ohne sich um die anderen Gemeindeangehörigen zu kümmern, seit dein Jahre ^35H aber wird darauf geachtet, daß die Anlage der Dörfer nach einem einheitlichen Alan erfolgt. Der Hang zum Nomadentum und zu ungebundener Lebensweise steckt dem Tschuwaschen noch viel mehr in den Gliedern als dem schon längst an die Seßhaftigkeit gewöhnten Tscheremisscn. «Line Gelegenheit, seinen Wohnsitz zu verlassen und einige Tage auswärts zuzubringen, läßt er gewiß nicht unbenutzt vorübergehen. Gbwohl er das ^ebcn in seinem Hause und im Sommer in einer vor demselben errichteten elenden Hütte dein lvohnstnbe in einein ^awrcichcmse. 5lad,">(X> Einwohnern, aber durch seine ^2 Kirchen und sein Dreifaltigkeiisfloster ist es weit und breit berühmt geworden, In der groß.n Mutlergotteskirche befindet sich ein uraltes Bildnis der Mutter Gottes, welches der Stadt im Jahre l/»,",,"i von dem heiligen Georg, Erzbischof von Kasan, geschenkt worden. Das mit einer kostbaren Einfassung umgebene ^ild wird besonders von den Tschuwaschen hoch verehrt, die es in ihrer Sprache Toramum (Mnlter Gottes) nennen. In der Dreifaltigkeitskirche befindet sich ein Bildnis des heiligen Nikolaus des Wunderthäters, der mit der ei^blschöflichen Mitra auf den» Haupte dargestellt ist, in der rechten Hand ein Schwert, in der linken eine Kirche haltend. Nüssen, Tscheremisscn, Tschuwaschen und Tataren, gleichviel ob Thristen oder Nichlchristen, pflegen vor diesem ^ilde ihre Slreiligkeiten zu schlichten, da der schuldige Teil beim Anblick des als Schiedsrichter angerufenen Heiligen stets von Schrecken ergriffen sein Unrecht eingesteht. Mehr jedoch als diese wunderthätigen Helllgen bilder interessiert den Fremden, der die Stadt bclritt, der schiefe Glockenturm (siehe Seite 2(>>. Er hat sich nicht wie das berühmte werk Wilhelms von Innsbruck, der (^uin^lnilc in Oisa, schon während des Vaues gesenkt und es ist bei ihm nicht wie bei jenem den Wirkungen der Senkung durch Verstärkung der Mauern auf der einen Seite entgegengewirkt worden, sondern die Neigung nach rechts erfolgte laxge nach Vollendung des Vaues. Erscheinungen dieser Art sind in Nußland gar nicht selten, ja in der Stadt Iaroslawl giebt es sogar mehrere Türme, die heute schief stehen. Es sind sämtlich ältere Kaulen, und die Schuld an der Senkung der Grundmauern lrifft in den meisten Fällen die unerfahrenen einheimischen Äaumeistcr und das von ihnen verwendete schlechte Material. Vei Tscheboksarv endet bereits das rein russische Gebiet, wir nähern uns nun der ehemaligen Hauptstadt jenes Neiches, welches aus den Trümmern der „Goldenen Holde" entstand und dessen Herrscher lange «Zeit bald verbündete der Nüssen, bald gefürchtete Feinde derselben waren. Kasan, die Hauptstadt des gleichnamigen tatarischen Fürstentums, wurde im Jahre ^52? von Sam, einem Sohne des Khans Vatt,, on Stelle der zerstörten Vulgarenstadt Vriarkinoff erbaut. Der Name Kasan bedeutet in der talarischen Sprache 5^ --------2^ „Kessel", und die Stadt soll ihn der Sago nach davon erhalten haben, daß cm Sklave des Khans Sam, während dieser an einein hier in die Wolga münde»iden Flüßchen seine Waschungen vornahin, einen vessel, mit dein er Wasser schöpfte, in den Fluß fallen ließ, in welchen: er trotz eifrigen Suchcns nicht mehr gefunden werden konnte. Das Flüßchen soll danach Kasanka, nnd die Stadt Kasan benannt worden sein. Das von Sani gegründete Reich war nicht von langer Dauer. Schon im ^)ahre ^29l>, als sich die Kasanschen Tataren in die Streitigkeiten der russischen Teilfürsten mischten, wurde Kasan von Georg, dem Vruder des Großfürsten Wassili Dmitrhewitsch, erstürint und zerstört, der Zar von Kasan selbst gefangen genommen. Die Stadt lag lauge in Ruinen, bis endlich Ulu Machmet, eiu Flüchtling aus der Horde von Kiptschak, in derselben Gegend eins 2?urg erbaute, um welche rasch eine neue Stadt emporwuchs, die er mit seinen ihm gefolgteu Anhängern und aus Astrachan, Asoff, der Krim und anderen Gegenden herbeigerufenen Tataren bevölkerte. So entstand das zweite Zarenreich Kasan um das Iahc ^,">tt. Schon im nächsten ^ahre erschien Ulu Machinet mit seinen Horden vor A7oskau, um sich dafür zu rächen, daß ihn der Großfürst „2aal" und vorstcherwohmmg in Zarepta, Wassili der Düstere ans der Stadt Vjeleff, in welcher er sich nach der Flucht aus der Horde von Kiptschak niedergelassen, vertrieben hatte. Zu eincm Swrm auf Moskau kam es jedoch nicht, die Tataren lagen zehn Tage lang unthätig vor der Stadt und zogen dann ab, sich damit begnügend, alles Land ringsum zu verwüsten. Ulu NIachmet führte seitdem fast ununterbrochen Krieg mit Rußlaud, eroberte im ^ahre ^^ Njishny-Nowgorod, verlor es bald darauf, eroberte es aber zum zweiten Mal, schlug das russische Heer und nahm den Großfürsten gefangen. Vald darauf wi.rde er jedoch selbst vom Thron gestürzt und sein Nachfolger wurde der Usurpator Mamutek, welcher sich zuerst den Titel Zar von Kasan beilegte. wir können hier keine Geschichte des Reiches Kasan bieten; so reich dieselbe an Vegelx-nheiten ist, so ist sie doch für den Nichtrussen von geringen: Interesse. Die Kämpfe mit den Russen dauerten fast ohne Unterbrechung fort, dabei gab es endlose Thronstroitigkeiten in Kasan, ein Usurpator stürzte den andern, bis endlich I^wan ^IV. den schon wiederholt von seinen Vorgängern verfolgten plan, Kasan sich zu unterwerfen, aufnahn, und im ^ahre ^55i2 mit einem ^50 000 Mann starken Heer vor der Stadt erschien. Am 2o. August 2^5------- begann die Belagerung und an, ^. Vktober siel Rasa« nach hartnäckiger Verteidigung durch Sturm. Iwan hatte selbst, als die bereits in die Stadt gedrungenen Russen wankten und zu weiche»: begannen, das Vanner ergriffen und hatle sie gegen den Feind geführt. Der letzte Zar von Kasan lLdiger wurde gefangen nach Moskau gebracht, die Tataren aus der Stadt nach den Vorstädten verwiesen, in jener dagegen russische Kolonisten angesiedelt. Noch unter Iwan wurde Kasan Sitz eines Erzbijchofs; Oeter der Große erhob es im Jahre ^7^ zur Gouvernementsstadt. Das heutige Kasan ist eine neue Stadt. Große Vrände haben es wiederholt in Asche gelegt. ^??^ brannte es der Rebell pugatschew nieder, ^8l/i fiel ein großer Teil der Stadt und ^8^2 fast die ganze Stadt den Flanunen zmn Opfer. Der Kreml aber hat alle Stürme überdauert. Lr soll in» ^5. Jahrhundert vom Khan Ul»i Machmet erbaut worden sein und war mit einer doppelten Ofahlmauer umgeben, vor der sich cin tiefer Graben befand. Im Kreml befinden sich der schöne kaiserliche Palast, in welchem der Gouverneur wohnt, drei große Kirchen und ein Kloster. Das interessanteste von allen seinen Vauten ist der Turm Sujumbekas. Ansicht der I^rrnhutergemeindo sarepta. Die Tataren erzählen, daß er von der Zarin Sujumbeka erbaut worden, welche in der lctzten Zeit vor dem Fall Kasans cine große Rolle spielte, doch ist der Turin seiner ganzen Vauart nach zweifellos erst unter der Kaiserin Anna Iwanowna erbaut worden, wofür auch der Umstand spricht, daß Iwan IV. nach der Einnahme Rasans Vefehl gegeben, alle Gebäude von Grund aus zu zerstören. Die Tataren glaubten, daß in dein Knopf des Turmes für sie wichtige Schriftstücke geborgen seien, als aber derselbe im Jahre ^830 auf Befehl der Regierung herabgenommen und untersucht wurde, fand man, daß er leer war. In der Nähe des Kreml befindet sich das Nonnenkloster zur Kasanschen Mutter Gottes, welches im Jahre ^79 aus Anlaß der Auffindung des berühmten wunderthätigen Vildcs erbaut wurde. Am 27». Juni ^57^ brach in dem Hause eines gewissen Daniel wnulschin ein 35rand aus, der einige Straßen in der Nähe des Kreml in Asche legte. Als Vnutschin den Wiederaufbau seines Hauses beginnen wollte, erschien seinem zehnjährigen Töchterchen in: Traume die Mutter Gottes und teilte ihm mit, daß unter den Trümmern des Hauses ihr getreues vild verborgen liege, was Matrona — so hieß das Mädchen — den Vehörden anzeigen —^ 2H6 -------- solle. Das Kind erfüllte den ihm erteilten Vefehl, aber die Geistlichen, denen sie dies mitteilte, schenkten ihr kein Gehör, und selbst der Erzbischof, an den sie sich schließlich wandte, erklärte ihre Erzählung für eine Ausgeburt erregter Phantasie. Da begann Matrona selbst die Ruinen zu durchforschen und fand nach kurzem Suchen ein wohlerhaltenes 2Zild der Gutter Gottes, das anssah, als wäre es erst vor kurzem gemalt worden. Nun waren die Zweifler bekehrt, das Vild, welches man für eine getreue Kopie jenes Wunderbildes erklärte, welches die Kaiserin Eudozia aus Jerusalem nach Konstantinipel gebracht hatte, wurde in feierlicher Prozession in eine Kirche getragen, und als es bald darauf einige wunder verrichtete, sandle der Erzblschof eine Kopie desselben mit einem bericht über die wunderbaren Ereignisse an den Zaren Iwan IV. Die Folge war, daß auf Vefehl des Zaren an der Stelle, wo das Vild gefunden worden, ein Nonnenkloster und eine hölzerne Kirche erbaut wurde. Im Jahre ^9^ wurde die letztere durch eine steinerne Kirche ersetzt und das Muttergottcs-bild, reich mit Edelsteinen verziert, in ihr aufgestellt. Die jetzige große Muttergolteskirche wurde im Jahre ^7^ zu bauen begonnen und der Nau ^8^6 vollendet. Heute noch kommen Tausende jährlich von nah und fern nach Kasan, um vor dem Muttergottesbild zu beten, das zu den verehrtestcn Heiligenbildern Rußlands gehört, wo die Kasanka sich in die Wolga ergießt, befindet sich das unter Peter dem Großen erbaute Admiralitätsgebäude. Da wurden auch die schiffe geballt, welche für die Flotille auf dem Kaspisee bestimmt waren. Heute noch zeigt man dort die Galeere, auf welcher die Kaiserin Katharina II. die Reise durch die Wolgaländer zurückgelegt hat. Zum Andenken an die Russen, welche bei Erstürmung Kasans den Tod fanden, ist ^82,"> an: Ufer der Kasanka ein Denkmal errichtet worden; es hat die Form einer Pyramide, in der sich über dem Grab, welches die Gebeine der gefallenen Krieger enthält, eine Kirche befindet. I,n Frühjahr, wenn die Wolga und Kasanka ans ihren Ufern anstreten, ist diese Gegend nicht wieder zu erkennen. Wolga und Kasanka sind verschwunden, soweit das Auge zu sel>'u ixrmag, erblickt es ein schälimendes Meer, welches Wald und Feld verschlungen hat. wie eine grüne Insel ragt dann die Stadt mit ihren Gärten aus der Wassermasse hervor, und die vielen vergoldeten Kuppeln, die Türme und die schlanken Minarets bilden mit den buntfarbigen Gebäuden ein überraschendes vild. Kasan hat 8l>2<»2 Einwohner, aber die Holzhäuser sind trotzdem immcr noch vorherrschend. Die Stadt selbst ist eine vollkommen russische Sladt, Tataren — etwa 8000 — wohnen fast nur in den Vorstädten, uv sich auch ihre <) Moscheen befinden. Der ötaatskirche gehören in Kasan ^2 Kirchen und d Klöster, den Altgläubigen eine Kirche; außerdem ist noch eine römisch-katholische und eine protestantische Kirche vorhanden. Die hübscheste ist die Peter-Pauls-Kirche, die besonders wegen ihrer zierlicheu For,neu Beachtung verdient (siehe Seite 2^7). Unter den Lehranstalten nimmt die erste Stelle die im Jahre ^81. Gouvernements kaum mehr als 6l/,2 Millionen Rubel betragen dürfte. Die Übelstände, welche bei dieser Hausindustrie am meisten gerügt -------- 2^8 -------- worden, sind: daß die Häute nicht lauge genug im Kalk liegen gelassen werden, uud daß zu wenig Thran, dagegen zu kräftige ^auge angewendet roird. «Line kaiserliche Komniissiou, die sich mit Erhebungen über die Hausindustrie beschäftigte, hat in ihrem Gutachten erklärt, daß der IVert des so erzeugten Leders um ^5 bis 20 Prozent gesteigert werden könnte, wenn diese Übelstände beseitigt würden, und daß demzufolge selbstverständlich auch die Einnahmen des Arbeiters bedeutend wachsen würden, ^m Gouvernement f?erm, welche- jährlich für Frmi aus !5amtoff. ^50000 Rubel teder erzeugt, hat man Vcrechnuugeu augestellt, um zu ermitteln, wie viel ein Lederarbeiter durchschnittlich jährlich verdiene. Da die Preise in den anderen Gouvernements nur unwesentlich verschieden sind, können wir diese Berechnung immerhin auch für diese gelten lassen. Danach stellt sich in den Basaren und auf den Märkten, wo rohe Häute gekauft werden, der Engrospreis einer Kuhhaut auf ^ Rubel 80 Kopeken bis 7> Rubcl, einer Roßhaut auf ^ Rubel 20 Kopeken bis ^ Rubel 85 Kopeken. Nimmt mau an, daß 50 Roßhäute i'> ^ Rubel 5>0 Kopeken, also für 75 Rubel gekauft werden, daß Zu ihrer Verarbeitung — wie in oben erwähnter Berechnung angenommen — Weideurinde, Kalk, Teer u. s. w. für ^ Rubel ^ Kopeken _____ 249 verbraucht werden, so verdient der Arbeiter cm den 50 Stück ^0 Rubel 86 Kopeken, da er die Haut mit 2 Rubel 60 Ropeken verkauft. Da er aber im ^aufe des Jahres 400 Häute zu verarbeiten imstande ist, beträgt sein Jahreseinkommen 526 Rubel 8l> Kopeken, wooon allerdings noch verschiedene Unkosten abzuziehen sind, wie seine Ausgaben beim Vesuch der Märkte, der Unterhalt der j)ferde, kohn für Arbeiter u. s. w. jedenfalls aber bleibt ihm auch dann noch ein reines Einkommen von 500 Rubel, gegenüber den Erträgnissen der anderen Hausindustrien eine riesige Summe; doch ist auch hier dafür gesorgt, daß die Väums nicht in den Himmel wachsen: die Zahl der Glücklichen, welche in der Tage sind, zu Engrospreisen und gegen bare Kasse einzukaufen, ist nicht groß. Der Mangel jeglichen Velriebskapitals hindert, wie überall so auch hier, den Aufschwung der Hausindustrie. Der Arbeiter ist nicht imstande, zu Engrospreisen einzukaufen, er muß sein Roh« Ztorfang bei Astrachan. material beim Detailhändler kaufen, oder er bezieht es vom Großhändler. Im lehtern Falle ist er am schlimmsten daran, denn nicht genug, daß er das Rohmaterial sehr teuer bezahlt, er muß auch die fertige Ware viel billiger liefern als ein Arbeiter, der nicht von des Großhändlers Gnade abhängig ist. Um so mehr ist es anzuerkeuuen, daß die ländlichen Arbeiter sich immer noch gegen die Fabriken behaupten können und im großen und ganzen eine gute Ware liefern. l)on einem andern Zweig der häuslichen Lederindustrie, der Fabrikation von Schuhwerk, kann man das letztere heute nicht mehr behaupten. Die Schuhwaren aus den Gouvernements wjatka, Grel, Twer (namentlich die beiden letzteren sind Hauptplätze der Schuhfabrikation) können mit der städtischen Ware weder in Eleganz noch in Dauerhaftigkeit wetteifern. Der Ruf, dessen sie sich früher erfreuten, ist durch nachlässige Arbeit schwer geschädigt worden, und es ist fraglich, ob die Hausindustrie das verscherzte Derlrauen des kaufenden Publikums jemals wieder gewinnen wird. Nur die Schuh- 5.2 _____2 t)0 _____ waren ans 1schlenost, über dessen eigentliche Bedeutung viel gestritten worden ist. Das wort von kuMrnM (Strauch) abzuleiten, ist auf ieden Fall unzulässig. Uns scheint am annehmbarsten die von Orof. Ostrowski in Kasan gegebene Deutung. Derselbe meint, das Wort kust^r sei nichts als ein korrumpiertes deutsches wort, in ähnlicher weise entstanden, wie Art,'?! (die russische Bezeichnung des Genossenschafts» wesens) aus dem deutschen „Anteil" entstand; ein kustür wäre demnach ein „Kunstarbeiter", und kuMrnaja prom^schlenost würde eine Beschäftigung bezeichnen, zu welcher eine gewisse, größere oder geringere Kunstfertigkeit erforderlich ist. wir geben dieser Deutung den Vorzug vor allen anderen, weil in allen slavischen Sprachen ähnliche Korrumpierungen deutscher Worts häufig vorkommen. Die pekuniären Angelegenheiten der arbeitenden Familie oder — um sie mit dem landläufigen Namen zu bezeichnen — der kuMri werden in der weise geordnet, daß der Dater alles verdiente Geld einnimmt, dafür aber verpflichtet ist, die Familie zu ernähren, für ihre Kleidung zu sorgen, die Steuern zu bezahlen u. s. w. Bei Industriezweigen, in denen zeitweilig große Nachfrage herrscht, genügt oft die Anzahl der Familienmitglieder nicht zur Bewältigung der Arbeit. In solchen Fällen werden Lehrlinge anfgenommen, die für den Unterricht, den sie genießen, ein kleines Lehrgeld zahlen, oder es werden Arbeiter gemietet. Das Verhältnis, in welchen: die letzteren zu dem Familienoberhaupt stehen, ist sehr verschieden; sie erhalten entweder einen bestimmten Lohn — wöchentlich, monatlich oder nach Ablauf eines Jahres — oder sie erhalten Anteil am Gewinn. Im letztern Falle ist eine Situation geschaffen, durch welche das Wesen der Hausindustrie bedeutend alteriert wird, denn es liegt dann ein Art»',! vor und die Hausindustrie verwandelt sich in eine genossenschaftliche. Ls ist nun die Frage: ist eine solche Umwandlung zu wünschen, oder soll die Hausindustrie in der Fabrikindustrie aufgehen? Die Regierung hat sich viel und in höchst anerkennungswerter weise mit dieser Frage beschäftigt; sowohl das Finanzministerium als das Ministerium der Rcichsdomänen haben durch Kommissionen die Lage der Hausindustrie in den einzelnen Gouvernements prüfen lassen, und diese Kommissionen beschäftigen sich ständig mit der Beratung von Mitteln zur Beseitigung der jetzt herrschenden Übelstände. Man ist darüber einig geworden, daß die Weiterentwicklung der Hausindustrie in eine genossenschaftliche wünschenswert und zu fördern sei. Als Mittel dazu wurden vorgeschlagen die Gewährung eines genügenden Kredits und die Verbreitung von Kenntnissen, welche den KuMri bei Ausübung ihres Gewerbes von Nutzen sein können. Das erstere ist mit ziemlichen» «Lrfolg angestrebt worden und namentlich das im Jahre I^86H gegründete Komittec für ländliche Leih-, Spar« und Industriekassen hat sich große Verdienste erworben; weniger erfolgreich waren bisher die Bemühungen zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse. Die Semstwos haben zwar viel gethan, aber dem vorhandenen Bedürfnis vermochten sie bisher nicht zu genügen. Man hat Schulen errichtet, man hat industrielle Museen gegründet, in denen alle Erzeugnisse des Gouvernements und die besten Erzeugnisse anderer durch Muster vertreten sind, aber alle diese Muster kranken an dem Fehler, daß sie mehr die städtische als die ländliche Industrie berücksichtigen. Landwirtschaftliche Museen bestehen in Kostrom^, Nowgorod, Simbirsk und anderen Städten, aber alle liegen den Gegenden, auf deren Bevölkerung sie einen Einfluß au5-üben sollen, viel zu fern. Anerkennung verdienen auch die von vielen Privatpersonen herausgegebenen Broschüren, welche in populärer Forin technische Kenntnisse zu verbreiten suchen, aber diesen steht wieder die fast unüber« windliche Abneigung der russischen Landbevölkerung gegen Neuerungen hemmend im Wege. wie sehr man mit dieser rechnen muß, mag der folgende Fall zeigen: Im Jahre ^872 hatten zwei Firmen in Moskau gefärbte Felle ausgestellt, die in» Handel sehr gesucht sind. Diese Felle waren in Rußland gefärbt, während man bisher derlei Ware von, Ausland bezogen hatte, vergebens bemühten sich aber die Fabrikanten, die Kustäri zu überzeugen, »vie vorteilhaft die Verfertigung solcher Felle für sie wäre; sie erhielten stets die stereo» type Antwort: Das kann nichts gutes sein, denn sonst hätten es unsere Väter auch schon erzeugt. „____ 252 _____ Solche Ansichten und Vorurteile werden um so häusiger und um so unüberwindlicher, je weiter man gegen Norden vordringt, wo der schwerere Rampf ums Dasein den Vaucr auch immer mißtrauischer gegen alles macht, was ihm nicht bekannt ist und was er noch nicht erprobt hat — sie werden aber immer seltener, je weiter man nach Süden kommt. Schon in dem an dns Rasansche angrenzenden Gouvernement Simbirsk, wo wir den ersten Ausläufern der Schwarzerde, dieser Kornkammer Rußlands, begegnen, ist ein Umschwung bemerkbar. Die Industrie ist hier unbedeutend, aber durch rationelle Feldwirtschaft uud Einführung guter Maschinen haben hier sehr viele Tandwirte ihren Grundbesitz zu eiuem sehr einträglichen geinacht. Das Gouvernement ist noch reich an Wäldern, es besitzt aber außer seinem fruchtbaren Ackerland auch große Jagd im lvolg^dclta. N?iesen und Viehweiden, und infolge dessen ist die Zucht von Pferden, Hornvieh und Schafen überall in Flor. Auch der Gartenkultur wendet sich die Landbevölkerung mit Erfolg zu, und Äpfel von Simbirsk find in allen angrenzenden Gouvernements ein begehrter Artikel. Die Gouvernementsstadt Simbirsk, die malerisch inmitten von Gärten sich am steilen Wolgaabhang erhebt, ist eine freundliche Stadt mit breiten Straßen, denn im IHahre ^6^8 brannte sie vollständig nieder und ist seitdem als völlig moderne, europäische Stadt ans den Trümmern wieder erstanden. Vei der letzten Zählung hatte sie bereits nahezu 2? 000 Einwohner uud nimmt als Handelsstadt eine hervorragende Stellung ein. ^n der Nähe von Simbirsk ist Rußlands größter Geschichtschreiber, Nikolaus Aaramsin, am ^5. September ^?66 geboren worden, und ein Denkmal auf dem f)latze vor dem Gouverneurspalast erinnert an seine unsterblichen Verdienste. j?crsiiche INoschee in Astrachail. -------- 255 -------- Unterhalb Simbirsk wird allmählich der Charakter der Wolgalandschaft ein anderer. Das bebaute kand entschwindet den Vlicken, die Dörfer werden seltener, am rechten Ufer steigen hohe, mit dichten« Wald bedeckte Felsen empor, während am linken Ufer sich unübersehbare Steppen ausdehnen. Die Wolga selbst ist breiter geworden und hat eine bedeutende Tiefe, so daß hier die Schiffahrt niemals mit Hindernissen zu kämpfen hat. Der Höhenzug am rechten Ufer sind die Shegulewskischeu Verge. Auf ihrem höchsten Gipfel liegt das von der Wolga aus nicht sichtbare Dorf Usoljs. Im ^<>. Jahrhundert ließen sich dort Russen nieder, angelockt durch den Ruf der großen Wälzlager, deren Ausbeutung sie bald begannen, Sie umgaben ihre Niederlassung mit Mauern und Türmen, und errichteten einen hohen wachtturm, von dem aus sie die Wolga weithin übersehen und rechtzeitig von dem Herannahen räuberischer Horden, besonders der an der Wolga nomadisierenden Nogaischen Tataren Kunde erhalten konnten. Der fetzige Vesitzer des Salzbergwerkes hat ^8^0 an derselben Stelle, an der einst dieser Wachlturm gestanden haben soll, einen Turm erbauen lassen, von dem aus man eine herrliche Fernsicht über die Shegulewskischen Verge genießt, deren weiße Kalksteinwände, riesige» Vollwerken aus grauer Vorzeit gleich, oft bis 200 Meter hoch aus dem Waldesdickicht emporragen. An diesen Vergen haften tausenderlei Erinnerungen aus jener Zeit, in der die Wolgapiraten der Schrecken der Schiffer waren und Stenka Rasin hier sein Unwesen trieb. An den letztern erinnern auch zahlreiche Kurgäne (Grabhügel), welche das Volk heute noch nach ihm benennt, weil er auf seiner Flucht eine Zeit lang auf ihnen eine Zufluchtstätte vor seinen Verfolgern gefunden haben soll. Diese Kurgäne sind eins Eigentümlichkeit der Wolgaländer, in denen man sie vou Kostronul an fast bis zur Mündung des Flusses häufig trifft. Der berühmteste ist der Zärew Kurg:in oder Zl'lrew Vug/ir (Zarenhügel; siehe Seite 232), der sich unterhalb der Einmündung des Sok in die Wolga mitten im Flusse erhebt. Der Sage nach soll er einst zum Andenken an einen großen Helden errichtet worden sein. Line andere Sage meldet, daß ihn russische Arieger errichteten, die hier am Wolgaufer von Tataren umzingelt wurden; außer Stande, der Übermacht der Gegner in» offenen Felde entgegenzutreten, flüchteten sie sich auf ein Inselchen in der Wolga, warfen dort einen wall auf und schlugen hinter demselben den Angriff der Tataren zurück. Die im Kampfe Gefallenen wurden auf der Insel begraben und über ihren» Grab nach alter Sitte ein Hügel errichtet. So berichtet die Sage. Der Zärew Vugur ist jedoch keinesfalls ein Grabhügel, sondern während der Frühjahrshochwasser allmählich durch Anschwemmungen entstanden, für welche Annahme auch seine ovale Form spricht. Veim Z^rew Vug<',r wendet sich die Wolga, welche von Stawropol an etwa 60 Werst in östlicher Richtung geflossen, plötzlich nach Süden, ändert aber bald abermals ihre Richtung und stießt ^50 Werst weit gegeu Westen. An» südöstlichsten funkte des großen Vogens, den die Wolga beschreibt, liegt an der Mündung des von» Ural kommenden gleichnamigen Flusses die Stadt Samara. Im Jahrs ^635 wurde hier eine Vurg zum Schutze des Wolgahandels angelegt, um welche rasch eine Stadt entstand, doch als fünfunddreißig Jahre später der Rebel Stenka Rasin sich derselben durch verrat bemächtigte und sie niederbrannte, später dann noch die Wolganomaden den Grt verwüsteten, verlor sie ihre Stadtrechte. Erst als das Gebiet Samaras von der Kaiserin dem Fürsten Dolgoruki und dem Grafen Grloff geschenkt wurde, begann Samara sich von den Schlägen, die es getroffen, wieder zu erholen, wurde in« Jahrs ^780 wieder zur Stadt erhoben und ^850 Gouvernementsstadt. Gegenwärtig ist die 53 000 Einwohner zählende Stadt einer der Hauptplätze des Getreide-uud Viehhandels an der Wolga. Man hat die wolgagouverncments wegen ihrer Fruchtbarkeit gepriesen, aber trotzdem stehen dieselben heute vor einer wirtschaftlichen Katastrophe, wenn sich die dortigen Tandwirte nicht bald zu einer Änderung ihrer bisherigen Vewirtschaftungsweise entschließen. Jahre lang haben sie so zu sagen von der Hand in den Mund gelebt, durch forcierten Getreidebau deu Voden rücksichtslos ausgebeutet, ohne an die Zukunft zu denken, und als nun noch anhaltende Trockenheit eintrat, war die Klage über Mißernten allgemein. Ja noch mehr: in den mit Grasland so reich gesegneten Tändereien ist in den letzten Jahren wiederholt Futtermangel eingetreten. Samara hat 2 6H8000, Saratoff 3300000 Dessjatjinen Grasland neben je 2000 Ackerland und ^3^3000, beziehuugsweise 5H2 000 waldland, und dennoch konnte in den Jahren ^87<) und ^880 der Futtermangel so groß werden, daß man gezwungen war, viele hunderttausend Stück der verschiedenen Viehgattungen zu schlachten! Es ist eine überraschende Erscheinung, daß in Rußland die von der Natur am meisten begünstigten Gegenden _____2 ^ t) _____ sehr weit davon entfernt sind, jene Stufe wirtschaftlicher Entwicklung einzunehmen, zu welcher sie berufen erscheinen. Auch hat das unproduktive (and in ihnen noch eine ganz unverhältnismäßig große Ausdehnung: in Samara giebt es 8^88 000 Dessjatjinen unproduktives tand, in Saratoff ^oii OOU, in Orenburg 930()000 (gegenüber 503000 Acker- und 2 6H0000 Grasland) und in Astrachan gar ^9 ^2 000 (gegenüber 23^ 000 Acker-und 980000 Grasland), wie groß dieses Mißverhältnis ist, erhellt am besten aus einer Zusammenstellung der sieben Wolgagouvernements Kasan, Simbirsk, Samara, Saratoff, Ufa, Orenburg und Astrachan. In Prozenten ausgedrückt beträgt in diesem Gebiet das Ackerland ^.3, das Grasland ^5.3, das waldland ^.3 und das unproduktive isand 33.9 Prozent der Gesa»n begonnen worden, da man sich aber durch den außergewöhnlich hohen wasserstand im nächsten Frühjahr überzeugte, daß dic Vrücke noch nicht genügend hoch sei, um von jedem Hochwasser unberührt zu bleiben, wurden dic j)läne nochmals umgearbeitet und der 27»au dann in den fahren ^878 bis 1.880 in der Weise ausgeführt, wie wir ihn nun vor uns erblicken. Die großen, drei Stockwerke hohen amerikanischen Dampfer, die heute unier der 25rücke durchfahren, erscheinen ihr gegenüber wie unscheinbare Zwerge. Der Kalmyk. f)lan zu dieser Riesenbrücke wurde von einem Russen, dem Ingenieur N. A. Veleljubski entworfen und die Ausführung dem bekannten Unternehmer A. E. 5mc <,l^ Ilaut-^ourneanx verfertigt, und die gesamten Herstellungskosten der ^ Werst ^)l> Sash^n langen brücke betrugen ^s>7,N00() Rubel. Unterhalb der großen brücke beginnt ein Gebiet, welches Jahrhunderte lang zu den unruhigsten und gefährlichsten ganz Rußlands gehörte. Eine lange Reihe Abenteurer ist hier mit mehr oder minder Lrfolg aufgetreten, und manch verwegener Betrüger hat von hier aus Ansprüche auf den Zarenthron erhoben. Als in Moskau der falsche Dmilri thronte, tauchte hier ein Alaun auf, der behauptete, er sei Octer, ein 5ohn des Zaren Feodor Michailowilsch, dem nach seiner Geburt ein Mädchen unterschoben worden sei, das bald darauf starb. Im Jahre ^609 traten hier sogar drei Thronprätendenten auf: August, der sich für einen 5ohn Iwan IV. ausgab, mid 7 an der Wolga nut einer Schar Dolischer Kosaken, verstärkte sich durch allerhand räuberisches Gesiudel, an dem im untern wolaagebiet damals nie Mangel war, und zog mit diesen» die Wolga abwärts an deu Kaspisee. Auf ihren leichten Fahrzeligen wurde die Piratenschar bald der schrecken aller Uferlandschaften des Kaspisees. Mit reicher Veute kehrte sie im Jahre l^<><>9 heim und begann nun in gleicher Weise an der Wolga zu rauben und zu plündern. Die Stadt Zarizyn fiel durch Verrat in ihre Hände, und bald daranf bemächtigte sich Stenka Rasin auch Astrachans; ein gegen ihn gesandtes russisches Heer ging zu ihm über. Dadurch kühner geworden, brach er gegen Norden auf, verkündend, er führe nur Krieg gegen die Reichen und Vornehmen, deren Gut an die Armen verteilt werden solle, aber unter den Mauern von Simbirsk erlitt er die erste Niederlage, von der er sich nicht wieder erholte. «Line Zeit laug behauptete er sich noch an der '.intern Wolga, von wo er Raubanfälle in die Gouvernements Pensa und Tamboff unternahm, aber am ^. April ^(>?2 wurde er gefangen und bald darauf in Moskau hingerichtet. Sein Name lebt noch frisch im Angedenken des Volkes an der Wolga, und manche Sage und manches Volkslied berichtet von seinen Raub- und Mordthaten. Seine Hinrichtung stellte aber die Ruhe im wolgagebiet nur für kurze Zeit her. Unter Peter dem Großen brachen, durch seine Reformen veranlaßt, wiederholt Unruhen aus, die blutig unterdrückt werden mußten, und dazmischei« kamen vom linken Ufer Kalmyken und Kubausche Tataren herüber, plünderten uud sengten und schleppten die Vevölkerung in die Sklaverei. Unter Katharina II. wurden viele Kolonieen an beiden Ufern der Wolga gegründet, fremde Ansiedler, namentlich deutsche, dorthin gesandt, aber immer noch wollten Ruhe und Grdnung im wolgagebiet nicht einkehren. Der Vauer Fedor T^ogowoloff, der sich für f>ter lll. ausgab, wurde bald gefangen und seiner Herrlichkeit eine Ende geinacht, aber «kmeljan pngatschew, der bald daranf, banend auf seiue große Ähnlichkeit mit Peter III., als Prätendent auftrat, fand massenhaften Znlauf. Kasan wnrde eingenommen und zerstört, Saratoff fiel durch verrat, Sarepta wurde erstürmt, verstärst dnrch Kosaken, Kalmyken uud Tataren, bedrohte er schließlich bereits Moskau, aber nun verließ ihn seiu Glück, von dem Obersten Michelson in der Nähe von Zarizyn geschlagen, wurde er auf der Flucht gefangen und in Moskau hingerichtet. Der Umstand, daß die an der Wolga ansässigen Kosaken sich stets an den dort ausgebrochenen Unruhen in hervorragender weise beteiligt hatten, veranlaßte nun die Regierung, mit Strenge gegen sie vorzugehen. Sie wurden zur Übersiedelung au die Ufer des Terek gezwungen, um dort als Grenzwache gegen Tscherkessen und Kubanschc Tataren zu dienen, und die von ihnen verlassenen Gebiete nahmen mm Ansiedler ein. Seildem ist das untere Wolgaland ohne Störung der Segnungen des Friedens teilhaftig geworden und hat sich unter den steißigeu Häuden der neueu Kolonisten in eine blühende Provinz verwandelt. Die Stadt Saratoff, der Hauptort des gleichnamigen Gouvernements, zählt heute über 65 000 ckin-wohner und ist eine der schönsten russischen Provinzstädte. Sie besitzt große Plätze mit stattlichen Gebäuden, gerade und breite, gut gepflasterte Straßen, freundliche Gartenanlagen, ein städtisches und ein Sommertheater, und bei Nacht sind seine Straßen mit Gas beleuchtet. Unter deu tehranstalten der Stadt befinden sich ein Knaben« und ein MädchewGymnasium, ein Institut für adelige Fräulein, eine Vezirksschule, zwei Mädchenpensionate, ein Seminar u. s. w. Im Jahre Is 85? wurde eine öffentliche Bibliothek gegründet, mit welcher ein Lesezimmer verbunden ist, in dem Zeitungen aufliegeu. Die Staatskirche hat in der Stadt 2l^ Kirchen und ein Kloster, die Altgläubigen besitzen zwei, die Protestanten und Katholiken je eine Kirche; letztere ist gleich der mohammedanische», Moschee ein Holzbau. Handel uud Industrie wolleu hier trotz der großen und wohlhabenden Bevölkerung nicht in Flor kommen. Die Klage hierüber ist schon fast so alt wie die Stadt selbst. Und doch könnte Saratoff sehr leicht ein Hauptstapelplatz für deu Handel mit ganz Asien, den Steppen und den Uralländern werden! Der geineine Mann ist hier, wie die auffallend geringe Zahl der Gewerbetreibenden beweist, einer geregelten, andauernden Thätigkeit völlig abgeneigt. Anstatt in den Werkstätten sucht er lieber Beschäftigung am Landungsplatz der Schiffe, wo er im Sommer oft mit Leichtigkeit einen Silberrubel täglich verdieueu kaun, und das schnell gewonnene Geld wird dann gewöhnlich noch schneller in irgend einem Kabak oder Traktir verjllbelt. Der Kaufmannschaft wird Mangel an Unternehmungslust und an Verständnis für _____ 25H die Vedürfnisse der umwohnenden Bevölkerung zu,n Vorwurf gentacht — wohl nicht mit Unrecht, da die Zahl der bedeutenden industriellen Etablissements nicht größer ist als in dem viel kleinern öamara; anch der Umsatz auf den Jahrmärkten bleibt weit hinter jenem der Märkte Samaras Zurück. öolche Verhältnisse überraschen u,n so mehr, als Saratoff eine sehr reiche Umgebung besitzt. Wenige Werst von der Stadt beginnt im ^üden und Gsten an beiden Ufern der Wolga jener große Komplex deutscher Kolonieen, von denen die meisten hier schon über ^00 Jahre bestehen und wo in mehr als hundert Ansiedlungen eine bereits auf ^500(10 Seelen angewachsene deutsche Vevölkerung Musterwirtschaften in des Wortes vollster Bedeutung geschaffen hat. Der Veginn der deutschen 2Zauerncinwanderung nach Rußland datiert seit dein Manifest, durch welches die Kaiserin Katharina II. am 22. Juni 1.765 jedem, der nach Rußland auswandern wollte, die unentgeltliche Überlassung von Grund und ^oden verhieß. Der «Erfolg dieses Manifestes übertraf die kühnsteu «Erwartungen. von Jahr zu Jahr wuchs die Zahl der «Einwanderer; die bevorzugte Stellung, welche den fremden Vauern gegenüber den damals noch leibeigenen russischen eingeräumt wurde, lockte immer neuen Zuzug herbei. Hede Familie erhielt zu vollen« «Eigentum, ohne Rücksicht alls die Zahl der Familienmitglieder, unentgeltlich 30 Dessjatjinen Land, darunter ^5, Dessjatjinen Ackerland, 5> wiesen-, 5 Waldland und 5 Dessjatjineu zur Anlage der wohn« und Wirtschaftsgebäude, Gärten u. s. w. Die russische Regierung fand aber bald, daß unter der Masse neuer Unterthauen, die sie erwarb, sich sehr viele befanden, die keine wünschenswerte «Erwerbung bildeten. Man hatte eben jeden angenommen, der sich meldete, und so war es unvermeidlich, daß in den Rolonieen auch viele schlechte «Elemente «Eingang fanden. Unter dem vorwand, daß der Krieg mit der Cürkei und polen ihr unmöglich mache, sich augenblicklich weiter mit der Kolonisationsfrage zu beschäftigen, stellte daher die Regierung im Jahre ^770 die Heranziehung neuer Kolonisten ein, uud als zwölf Jahre späler wieder Aufforderungen an Auswanderungslustige erlassen wurden, nahm man nicht jeden ohne Auswahl, sondern nur solche erhielten von den russischen Gesandtschaften Reisegeld zur Ubersiedlnng nach ihren: ^estimmnngsorle, die einiges vermögen — mindestens 7>l)U Gulden — in barem oder in waren und Ackergeräten nachzuweisen imstande waren. Zur Leitung der Kolonisation wurde in Petersburg eine „Vormundschafts-Kanzlei für Ausländer" errichtet und nut allen Rechten eines Ministeriums ausgestattet, die darüber zu wachen hatte, daß alle berechtigten wünsche der «Einwanderer berücksichtigt wurden und diese bis zu ihrer Ankunft in der Kolonie genügenden öchutz fanden. Zur Beherbergung der ankommenden «Einwanderer, zum Ankauf von öaatgeireide, Ackergerälschaften, Vieh und Pferden für dieselben wies die Regierung 20^() Meter in kahlen Abhängen an, die nur in den Schluchten nut niederem Gebüsch bestanden sind. So öde diese Höhe» an sich sind, so tragen sie doch ebenfalls dazu bei, die StV'ppenanlage des Grtes vergessen zu machen, wenn man ihre Höhen über die Dächer der Häuser sich erheben sieht. Eigentümlich mutet es uns an, wenn wir an mehreren stellen des Grtes Spuren früherer Befestigung, Bastionen, wälle und Gräben entdecken. Es erinnert uns daran, daß die Anfänge der Kolonie in eine Zeit fallen, in welcher die Verhältnisse in dieser Gegend noch völlig unsichere waren. Die Kaiserin Katharina ll. hatte in ihrem bestreben, zur Hebung des Ackerbaues und der Industrie fremde Kräfte ins tand zu ziehen, sich auch an die Direktion der evangelischen 2.'rüdergemeine (der sogenannten „Herrnhuter") gewendet, und diese, in der Hoffming, unter den heidnischen Kalmyken Mi>sion treiben zu können und dabei zugleich dem vertrauen zu entsprechen, das die kaiserliche Negierung in die GewerbsthäligtVit der Mitglieder der Vrüdergemeine setzte, hatte ^?ti5 die Gründung einer Kolonie an der Sarpa ins Werk gesetzt. Ernste Gefahren drohten der jungen Pflanzstätte den Untergang; so mußte ^77^ die gesamte Einwohnerschaft vor dem Kosakenrebellen pugatschew fliehen, der den verlasseneu Grt verwüstete; so drohte die ^77^ nach Asien entweichende Kalmykenhorde den Grt zu plündern; so legte endlich ^827, eine nach wochenlang anhaltender Dürre entstandene Feuersbrunst über die Hälfte der Häuser in Asche, wäre nicht materielle Hilfe vom Heimatlande gekommen, die Kolonie wäre wohl trotz der Verleihung ausgedehnter Ländereien und trotz sonstiger weitgehender Privilegien den wiederholten Unglücksfällen erlegen, dcim lohnende Erwerbszweige waren nicht leicht zu finden. Der Ackerbau erscheint für gewöhnlich nicht sehr lohnend, denn der Voden ist nicht die vorzügliche „schwarze Erde" (Tschernosem, sprich: Tschornasiom) der nördlichen Steppen des südlichen Rußland, sondern an vielen Stelleu sandig oder salpeterhaltig oder ganz unfruchtbarer steinharter ^elt, und Dürre oder Ziegel» mäuse, Heuschrecken, Erdflöhe und anderes schädliche Gelier verursachen Mißernten. Für ausgedehnten Handel aber ist die Gegend zu menschenarm; kommen doch in den» Gouvernement Astrachan, wohin sich der pertrieb besonders richten müßte, nur 7, Menschen auf ^ Quadrat-Kilometer! Dagegen haben die Vcreitung des Senfs und des Balsams prosperiert. Aus dem Senf, welchen man übrigens meist jenseils der Wolga baut, wird in zwei Fabriken, welche Tag und Nacht arbeiten, Senfmehl und Senföl, sowohl Speise- als Vrennöl gewonnen, während eine dritte Fabrik aus den Abfällen d<'r Senfbereitung Senfäther herstellt. Unser vild auf Seite 2^5 zeigt die Senffabrik der Firma Glitsch, an einen: durch Abdämmung der Sarpa gebildeten Teich gelegen. Die sarpatische 35alsamessenz wird aus Steppenkräutern destilliert; mit Spiritus verseht giebt dieser Balsam ein sehr kräftiges Heilmittel bei äußeren Verletzungen, besonders Quetschungen, ab »nid leistet auch bei Verdauungsstörungen die besten Dienste. Übrigens sind auch mehrere kaufmännische Geschäfte in Sarepta und in anderen Städten des Reiches (Moskau, Petersburg, Astrachan) etabliert, welche teils von privaten, teils von seilen der Kolonialverwaltung zum besteu der Kirche betrieben werden. Zum besten der Kommunalverwaltung wird das meiste zur Kolonie gehörende ^and verpachlet und teils als Viehweide, teils als Ackerland benutzt. Gebaut werden Getreide, Kartoffeln und Arbusen; in den Gärten wird Tabak» und Gbstbau getrieben. Eine (Duelle, welche etwa eine Stunde von Sarepta enlfernt ist und besonders Glauber-, filter- und Kochsalz enthält, wurde zeitweise zu 35adekureu benutzt; im ^ahre ^?Hs, weilten dort am „Gesundbrunnen" 7>W zum Teil vornehme Badegäste, obgleich es dem Vade an jedem Comfort mangelte. werfen wir noch einen kurzen Nlick auf das Verhältnis der Kolonie zum Staate! Sie verwaltete ihre kirchlic!>bürgerlichon Angelegenheiten selbst nach Maßgabe der für diese Kirchengemeinschaft in Deutschland bestehenden (Ordnungen; dazu hatte sie Freiheit vom Militärdienst, von Einquartierung, vou Gildensteuern und Kreisabgaben. Auf die Dauer konnte eine solche fast völlige ^ostrenuung vom Staatsganzen nicht fortbestehen, und so sind denn die staatlichen Verhältnisse der Kolonie durch den Ukas vom ^8. 7>mi ^87? neuerdings mit schonendster Nelbehaltung der Eigentümlichkeilen als evangelische vrüdergemeine so geordnet, daß der Kolonie in kirchlichen und Schulangelegenheiten die volle Selbstverwaltung belassen ist, im übrigen aber die Bewohner _____263 _____ zur Kategorie der Landbewohner gerechnet find, Militärdienste zu leisten u„d sänitliche landschaftlichen und allgemein sträflichen kästen zu tragen haben. Vei der bisher bestandenen völligen Isolierung der Kolonie von ihrer Umgebung lviid n«an sich nicht wundern, das; die deutsche Sprache sich als U»ngangssprache erhalten hat; wir können aber auch noch berichten, daf; deutsche Intelligenz in schule und Haus gepflegt wird und deutsche Disciplin fortbesteht, so daß man diesen Faktoren, verbunden mit der sittlich-religiösen Grundlage der ganzen Gemeinschaft den verhältnismäßig blühenden Zustand dieser Kolonie zurechnen kann. teider konnte die evangelische Vrüderkirche Deutschlands ihren Hauptzweck bei Gründling dieser Tochtergemeinc im fernen <)7 wieder aufnähn». <3r ließ die Arbeiten etwas südlicher beginnen als 5vlim, jedoch schon nach drei fahren geriet da5 Unternchlnen ins stocken und wurde nicht fortgesetzt. Das Volk erzählt sich, daß der sleilal^ lager, sowohl was seine Unerschöpflichkeit anbetrifft, als auch inbezug auf die Güte dos hier gewonnenen Malzes, tauge Zeit waren die Schätze, welche der 5ee barg, nur den hier nomadisirenden ötä'mmen und den m der Nähe wohnenden Ualmyken bekannt, und erst als diese im Caufe des 1^7. I-^rhunderts unter russische Herrschaft kamen, wurdeu die Bussen auf den 5ee aufmerksam ^m ^ahre ^?(),') ließen sich einige Orenburg vor dem Arandc. Russen an dem See nieder, befestigten ihre Niederlassung, um von den Nomaden bei ihren Arbeiten nicht gestört zu werden, und begannen die Salzlager auszubeuten. Bald erkannte aber die Regierung die hohe Wichtigkeit und den wert des Elton-Secs, der bisher jedermann gestattete Salzhandel wurde eingeschränkt und der See kam ^?^? unter kaiserliche Verwaltung, von den Staatsdomänen am Achtubaarm wurdeu H000 Bauern an den See verpflanzt, und als deren Zahl sich bei rasch steigendein Vertrieb als nicht genügend erwies, wurde?» noch Kronbauern aus Kleinrußland dorthin geschickt. Eine Straße nach der Wolga wurde angelegt, längs derselben Brunnen gegraben und Wachtposten zum Schutz gegen die Nomaden errichtet. Die dauern, welche Salz grnbcn, erhielten für das Graben und die Zufuhr des Salzes zu den Magazinen 7,5 Kopeken pro Pud. ^),n T^ahre ^8^8 wurde jedoch die Ausbeutung der Salzlager einem Unternehmer in Akkord übergeben, und bei dieser weise der Ausbeutung ist man bis heute geblieben. Das Salz wird gleich an Grt und Stelle in großen Klumpen verkauft, doch hat die Regierung in Kamischyn, Nikolajew und Saratoff Salzniedorlagen errichtet, um ein übermäßiges Hinaufschrauben der preise seitens der Händler zu verhindern. Seinen Salzgehalt verdankt der Elton-See seinen Zuflüssen, vielen Bächen und acht Flüßchen, welche auf ihrem Wege durch Salzmorästo Salz in sich aufnehmen, das sie dann im Elton-See ablagern. Das See» wasser enthält über 29 Proccnt Satzteile, hat also das größte specifische Gewicht und die größte Tragkraft unter allen Gewässern der Erde. ^)m ^ahre ^805 suchte man durch Nachgrabungen zu erforschen, wie tief die Salzlager seien. Man fand, daß die oberste Schicht 2 bis 2'/^ Zoll dick war; die Zweiundvierzigste Salzschicht erwies sich als so hart, daß die Vohrinstrumente brachen, und als man etwa zwei Klafter tief unter die Gberfiäche gedrungen war, mußte mau die Arbeiten, einstellen, da die Arbeiter den unten herrschenden Geruch nicht mehr vertragen konnten. Der See ist ^6 Werst breit und 20 Werst lang, und bei umfassender Ausbeutung wäre er imstande, den Salzbedarf von ganz Europa zu decken. Man bricht jedoch jetzt nur an einer einzigen Stelle, etwa 5 Werst vom Ufer entfernt, Salz. Ende Mai beginnen die Arbeiten. Die Salzdecke wird mit Brechstangen gesprengt, die Bruchstücke herausgeschaufelt, gewascheu und dann zum Trocknen in einiger Entfernung vom Ufer aufgehäuft. Durchschnittlich werdeu etwa 6 Millionen Pud Salz jährlich gewonnen, wobei 1^2") Arbeiter zur.Gewinnung einer Million Pud erforderlich sind, doch richtet sich der Salzbau im großen und ganzen nach dem vorhandenen bedarf; so wurden z. B. im ^ahre ^2? nur ^)?6<)^0 Pud, im Dahre ^8.")7> dagegen ^3."i00N0(> Pud gewonnen. Der Elton-Sec und seine Umgebung gehörten einst zu dem Tand Kiptschak, welches einen Teil des Reiches der „Goldenen Horde" bildete. So weit das Auge hier zu sehen vermag, erblickt es keinen Baun:, keinen Strauch, nichts als dürren, steinigen Boden mit spärlichen! Graswuchs bedeckt, dessen Grün durch den Steppenstaub mit einer dichten grauen Hülle überzogen ist. Und so geht es fort, ohne Unterbrechung, bis zum Ufer des Kaspisces. Noch trauriger sieht die Steppe am rechten Wolgaufer aus. Der Charakter ehemaligen Meeresbodens ist hier unverkennbar. Die zahlreichen Salzmoräste, die vielen Seemuscheln, die hier gefunden werden, bestätigen eine solche Annahme. Der salzgesättigte Lehmboden kann keine pflanzen ernähren; nur hie und da fristen einige wcrmutstauden ein kümmerliches Dasein, Bloß im Frühjahr bieten die Steppen am linken Ufer ein freundlicheres Bild; sowie die milde Frühlingsluft zu weheu beginnt, bedeckt sich der Bodeu mit üppigem frischen Graswuchs, aber schon nach wenigen Wochen ist alles wieder mit der Staubhülle überzogen, der Burun, der gefürchtete Wirbelwind braust über die Steppe und fegt den Boden so glatt, daß nicht cin Hälmchen übrig bleibt. Besonders furchtbar wird der Burun im Winter, wenn er die Schneemassen, welche die Steppe bedecken, mit sich fortreißt, wehe dem lebenden Wesen, das dann von ihm ereilt wird: an Rettung ist kaum mehr zu deuken. Erst vor wenigen fahren trieb ein solcher Wirbelwind die Steppennomaden bis gegen Kasan hinauf, wobei etwa ^ Million Schafe, 280000 Pferde und ^0000 Kamele in den, Unwetter zu Grunde gingen. vom Elton-See führt durch die Steppe eine Straße nach Zarew, einem am Achtubaarm liegenden Städtchen mit etwa 7,000 Einwohnern. Nahe bei demselben befinden sich die Ruinen von Sarai, der ehemaligen Residenz der Khane der „Goldenen Horde". Mehr als ^,', üü Werst bedecken die Trümmerhaufen, aber vergebens sucht man nach irgend einem Denkmal, das von vergangenen Tagen Kunde giebt — die Ruiuen von Sarai -------- 268 -------- sind stumm, nur der Name Vatus, der Völkergeißel, schwebt über den Trümmerhaufen, So wie von hier aus Tod und Verwüstung in blühende Bänder getragen wurde, so ist nun die Residenz der Khane selbst zur totcn Neuste geworden. Man findet hier noch häufig Reste kunstvoll gearbeiteter Gäulen, mit reicher Vergoldung verzierte Gewölbe und Bruchstücke von Mauern, Marmor und Mosaikplatten, alles Anzeichen, daß Sarai einst eine prächtige Stadt gewesen sein muß, und Nachgrabungen haben einen großartigen Palast zu Tage gefördert, in welchen: man den Palast der Khane vermutet, aber nicht eine einzige Inschrift ist gefunden worden, keine Nachricht von den Thaten der Herrscher, welche hier regiert. Es ist als hätten sie gewußt, daß ihr Name unverlöschlich im Gedächtnis zu Voden getretener Völker eingegraben sei, und daß es daher nicht der Inschriften auf Stein bedürfe, um ihn auf die Nachwelt Zu bringen. Heute ziehen die Nachkommen der stolzen Eroberer als bescheidene Hausierer durch die Trümmerhaufen nach dem Städtchen Zarew und ahnen vielleicht gar nicht, daß hier einst die Paläste ihrer Vorfahren gestanden, daß hierl^er die Fürsten Rußlands als demütige Unechte kamen, um sich dem Tataren-Khan zu Füßen zu werfen, von dessen ^aune ihre Herrschaft, ihr Teben abhing . . . wir wissen nicht, wann und durch wen Sarai zerstört worden ist. Am Ende des 1^6. Jahrhunderte lag es jedenfalls schon in Ruinen, denn der Kreml in Astrachan, welchen Zar Feodor Iwanowitsch im Jahre 1^5>^2 zu bauen begann, ist zum großen Teil mit Steinen erbaut worden, welche man von dein großen Trümmerfeld Sarais nach Astrachan brachte. In der Nähe Sarais befand sich auf einer Insel der Achtuba die Stadt Sumarki-n, die Hauptstadt der Vulgären, welche Vatu zerstörte; sie ist spurlos verschwunden, und die Ufer, an denen einst das rege Teben und Treiben einer Residenz geherrscht, sind öd uud menschenleer. Zuweilen nur beleben sich die Ufer der untern Wolga, wenn eine Kalmykenschar von der Steppe herüberkommt und auf Flößen und Kähnen ans andere Ufer fährt. Ein solcher Wolgaübergang bietet ein hochinteressantes Schauspiel. Die Nomaden kommen mit ihren Herden gezogen, mit Kamelen, Pferden, Kühen und Schafen. Die Herden werden in den Fluß getrieben, um schwimmend an das andere Ufer zu gelangen; nur die Kamele werden auf Flößen hinübergefahren. Ghne Verluste wird der Wolgaübergang selten bewerkstelligt, aber die Herden der Kalmyken sind so groß, daß es für sie kein fühlbarer Verlust ist, wenn die Strömung einige der schwächeren Tiere mit fortreißt. Die Kalmyken sind heute fast die einzigen Vewohner der großen Steppen zwischen Zarizyn und Astrachan, in denen sie ohne festen Wohnsitz umherziehen und, sobald ihre Herden einen Weideplatz abgeweidet haben, die Zelte von Filzdecken (Kibitken) abbrechen, um einen neuen Weideplatz aufzusuchen. Sie gehören zur mongolischen Rasse und waren einst ein großcs Volk, das sich durch seine Raubzüge einen gcfürchteten Namen geinacht hatte. Heule noch sind die Kalmyken ein streitbarer Stamm, und sie haben seit ihrer Niederlassung im wolgagebiet Rußland als Grenzwächtcr gegen die räuberischen Kirgisen gnte Dienste geleistet. Sie sind von mittelgroßer Gestalt, haben schmale, schief geschlitzte Augen, eine platte Nase und weit abstehende Ghren, welche Merkmale ihrer Physiognomie einen seltsamen Ausdruck verleihen. Die Kalmyken bekennen sich zum ^amaismus, und ihr geistliches Gberhaupt ist der Dalai Lama in Tibet, der ihnen auch ihre Priester sendet. Gbwohl sie bis auf den heutigen Tag Nomaden geblieben sind, haben sie doch zahlreiche Tempel (churuls) erbaut. Dieselben gleichen in ihrer absonderlichen Vauart vollständig den Tempeln der VurMen in Sibirien und den Vuddha-Tempeln in Thina und Japan. Nnser Vild auf Seite 26^ zeigt einen solchen Thurul in der Nähe von Astrachan, umgeben von einem Vegräbnisplatz. Auf einer Erhöhung steht die Vronzestalue des Dalai ^ama, ill der Hand eine Schale haltend, um dieselbe herum zahlreiche andere, uralte Götzenbilder, deren Namen ineist sogar den Gberpriestern nicht mehr bekannt sind. Der Gottesdienst wird in tibetanischer Sprache abgehalten. Die Priester lesen, in zwei bis vier Reihen vor dem Götzenbild sitzend, in singendem Ton ans irgend einein heiligen 25uche vor, zuweilen diese Andacht durch einen entsetzlichen 3älin unterbrechend, den sie mit ihren Gebetinstrumenten verursachen, während durch Aufeinanderschlagen kupferner Teller, durch Hoboen und Muscheln eine nicht minder unharmonische Musik erzengt wird. Die lamaitische Geistlichkeit ist sehr zahlreich; bei einem Tempel sind meist einige hundert Personen angestellt, als Priester, Vorsänger, Vorleser, Aufseher, Musikanten u. s. w. Die Geistlichen sind zum Cölibat verpflichtet und es giebt innerhalb der Hierarchie eine Unzahl von Abstufungen. Man unterscheidet eine gelbe, rote, weiße und schwarze Geistlichkeit; die erste ist dem Goit der Tiebe und Barmherzigkeit, dem Schahamuni, geweiht, die übrige,, dagegen don bösen Geistern, den Dokschiten. Vei»n Volk steht die Geistlichkeit in großein Ansehen und sie beherrscht dasselbe völlig, wobei der Aberglaube des gemeinen Mannes, den sie fleißig nährt, ihr sehr zu statten kommt. Früher besaßen die Tempel auch Zahlreiche Leibeigene, da vornehme Kalmyken oft ganze Familien der Geistlichkeit schenkten, und damals bildete diese mit allen von ihr abhängigen Personen, die sämtlich von Abgaben befreit waren, fast ein Fäustel der kalmykischen Vevölkerung. Neben der Geistlichkeit giebt es bei den Kalmyken noch einen bevorzugten Stand, die Nachkommen der ehemaligen Fürsten, welche die Aristokratie des Volkes bilden. Viele sind sehr reich, besitzen taufende von Kibitken, und die meisten dienen als Gffiziere in den uralischon Kosakenregimcntern. Die Toten dcr kalmykischen Aristokratie werden auf Scheiterhaufen verbrannt und aus ihrer Asche, die mit Teig vermischt wird, kleine Kuchen gebildet, welche die verwandten und Freunde als Andenken erhalten. Die deichen dcr geineinen Kalmyken dagegen werden in die Steppe hinausgetragen und dort liegen gelassen; die Raubtiere übernehmen dann die Albeit des Totengräbers. So unwirtlich die steppe ist, beherbergt sie doch eine zahlreiche Tierwelt, darunter auch viele Raubtiere, namentlich Wölfe. Wilde Pferde und Hasen sind sehr zahlreich vorhanden, und Schlangen, Taranteln, Skorpione und giftige Spinnen vermehren die vielen Unannehmlichkeiten, mit denen man in der Steppe zu kämpfen hat. Erleichtert atmet dcr Reisende auf, wenn er endlich an: Horizont die Kuppel:, und Türme von Astrachan auftauchen sieht, die ihm verkünden, daß cr sich wieder einer civilisierten Gegend nähert. Die Wolga teilt sich hier in 72 Arme, das Wolgadelta, an dessen beginn die Stadt Astrachan sich auf einer Dnsel, dem sogenannten Hasenhügel, erhebt. Der Kaspisee ist von Astrachan noch 8l) Werst (etwa ^'/'2 Meilen) entfernt und die in geographischen Lehrbüchern immer noch auftauchende Angabo, daß Astrachan an der Mündung der Wolga in den Kaspisee liege, daher nicht zutreffend. Gbwohl jedoch das Meer noch sehr weit von der Stadt entfernt ist, so hat es doch auf deu Aufschwung derselben einen ebenso großen Einfluß ausgeübt als wenn es unmilt?lbar ihre Mauern bespülte. Die Stadt verdankt ihren Reichtum fast ausschließlich dem hier in großem Maßstabe betriebenen Fischfang, welcher viele lausend Menschen beschäftigt. ^)n Astrachan werden die großen Schifferboote gebaut, welche zum Fischfang auf den Kaspisee hinausziehen, hier wird alles verfertigt, was der Fischer braucht, und hier strömt dann auch das ganze Ergebnis der Fischerei auf dem See zusammen. Astrachan ist daher auch am volkreichsten, wenn die Fischerei begonnen hat. Die großen Fischzüge finden dreimal jährlich statt, im Sonnner, Herbst und Winter, von den Fischerdörfern ans, die an der Mündung der Wolga liegen. Die Wolga sowohl als dcr Kaspisee sind uugcmein reich an Fischen, aber fast eine ^ede der vielen Fischarten hat ihre besonderen Lieblingsplähe, und so erscheinen denn die Fischerboote bald hier, bald dort an den Ufern des Sees, ienachdem es dem Fang des Dachses, des Störs, des Haufen oder anderer Fische gilt. Der Sterlet hält sich am liebsten in der Wolga auf, außerdem am uördlichen Seeufer, wo der Salzgehalt des Wassers ein geringer ist; dort finden sich auch vorzüglich die Sewrugen, die ebenfalls das Seewasser nicht lieben. Der tachs und die sehr fctten kaspischen Heringe lieben die starke Strömung und werden daher vorzugsweise an den Mündungen des Kur uud Terek gefangen, wo der Fischfang im Spätherbst beginnt, wogegen Stör uud Hausen das tiefe Wasser am Südende des Sees bevorzugen. Sewruga und Hausen ziehe,, iin Herbst die Flüsse auf-rvärts, um dort zu überwintern, und auf diesen» Zug erwarten sie die Fischer mit ihren Netzen. ^)m Winter wird das Eis aufgehackt uud mil Netzen und starken Grundleinen, an welche Angeln befestigt sind, gefischt, oder mit Harpunen nach den an der Gffnung vorüberschwimmenden Fischen gestoßen. Der Ertrag der Fischerei, welche vom kaiserlichen Fischereikontor verpachtet wird, ist ein riesiger: es werden gefangen Störe, Sterlets, Sewrugen uud Welse in, Gewichte von etwa ^/^ ^Mioncn Pud, ferner 22'/,^ Millionen Pud Vrassen, ^00000 Pud Salm und Forellen, ^550000 Pud Karpfeu, ^0 Milliouen Pud Heringe, 50000 Pud Qichs, HI^/2 Millionen pnd Sander, außerdem noch über eine halbe Million Pud anderer Fischarten. Der Jahres» umsatz im Fischhandel wird auf 7 Millionen Rubel geschätzt. Ein interessantes Schauspiel bildet die Rückkehr eiuer Fischerflotte und das Ausladen der Fische. Unter denselben befinden sich oft riesige Tiere, namentlich große Störe (siehe Seite 2^)). ?>en Fischern ist nicht gestattet, von ihnen gefangene Fische selbst zu verzehren oder zu verkaufen, sondern sie mü^seu alles, was sie _____ 272 _____ fangen, dcm Herrn abliefern. Lin Fisch muß cine bestimmte Größe haben, wenn cr dem Fischer für voll angerechnet werden soll. Die zum Trocknen bestimmten Fische werden an bestimmte eingezäunte Trockenplätze gebracht, jene aber, welche eingesalzen werden sollen, am Tande in große Gruben gelegt, wo man sie mit einer Salzlauge begießt. Das Aufschneiden der Fische und das Entfernen der Eingeweide besorgen Frauen, deren jede durchschnittlich tausend der kleineren Fische täglich herzurichten imstande ist. Tag und Nacht herrscht am Ufer geschäftiges Treiben. Vricht dann die Nacht an, werden große Feuer angezündet, und die Arbeit nimmt ungestört ihren Fortgang. Hier wird auch aus riesigen Stören und Hausen der Rogen herausgenommen, aus dem der Kaviar, russisch ikrä, Astrachans berühmtester Erportartikel, bereitet wird. Man unterscheidet zwei Sorten: die schlechtere wird gesalzen und in kleine hölzerne Fässer gefüllt; aus der bessern Sorte wird der gepreßte und der körnige Kaviar erzeugt. Der erstere wird zuerst sorgfältig auf einem Sieb zerrieben, in einer konzentrierten Salzlösung umgerührt und dann gepreßt; nachdem er die fresse verlassen, wird er in Fässer oder leinene Säcke gefüllt und darin festgestampft. Der körnige Raviar wird nur zerrieben und dann gleich verpackt. Verge von Tonnen sind am Nfer aufgestapelt, um die gesalzenen Fische und den Raviar aufzunehmen. Auch lebende Fische werden versandt. In großen, mit Wasser gefüllten Fässern versendet man lebende Sterlets bis Moskau und St. Petersburg, wo der delikate Fisch, der beste von allen Fischen der Wolga und des Kaspisees, ein gesuchter und theuer bezahlter Leckerbissen ist. wird doch ein großer Sterlet oft mit 200 bis 300 Rubel bezahlt! Etwa 500 Schiffe verschiedener Größen bringen jährlich die Ausbeute des Astrachaner Fischfanges nach dem Norden; vom Norden her aber werden die Materialien gebracht, die zum Fischfang nötig sind, jährlich im werte von über H5 000 Rubel, und mehr als ^ Million Pud Salz zum Einsalzen der Fische. Trotz des großen Geschäftsverkehrs ist Astrachan, welches heute nahezu 5000(1 Einwohner zählt, in Vezug auf Vauteu und städtische Anlagen weit hinter vielen gleich großen russischen Städten zurückgeblieben. Es ist mehr eine orientalische als eine europäische Stadt. Der Vuruu, der in seiner Umgebung wütet, läßt keine Vegetation aufkommen, und man muß es fast als ein wunder ansehen, daß es gelungen ist, eine Allee an, Warwazijeff-Kanal anzulegen und zu erhalten. In, Frühling bedeckt sich zwar die ganze Umgebung mit frischem, saftigem Grün, aber unter der glühenden Sonne, welche auch das geschäftliche Treiben in der Stadt lahmt, ist in wenigen Wochen alles verdorrt. Man hat im vorigen Jahrhundert, um die Stadt gegen das verheerende wüten des Burun zu schützen, rings um dieselbe «Lichen zu pflanzen versucht, aber der furchtbare Steppensturm hat sie alle entwurzelt und weit weg geführt. Trotzdem bietet die Stadt, wenn mall sich ihr auf der Wolga nähert, einen entzückenden Anblick, besonders zur Zeit des Hochwassers. Inmitten des Mastenwaldcs der hier ankernden Schiffe steigt dann eine große häuserbedeckte Insel aus den Fluten empor, überragt von den Türmen des Kren»! und den Kuppeln der Kathedrale, von den schlanken Minarets der Moscheen, auf deueu der goldene Halbmond im Sonnenlicht funkelt, und über allem wölbt sich der klare blaue Himmel des Südens . . . Jener Teil der Stadt, welcher an den mit Gartenanlagen geschmückten Hauptplatz grenzt, hat vollständig das Aussehen einer russischen Gouvernementsstadt; da befindet sich der Palast des Gouverneurs, die im Jahre ^><)tt erbaute, an Kostbarkeiten aller Art ungemein reiche Kathedrale, das Museum, welches außer einem Naturalien» und einen: Münz» und Antiken-Kabinct eine interessante Sammlung von Schiffsmodellen und alten Schiffen enthält, und die Vibliothek. Ein ganz anderes Gepräge tragen aber jene Stadtgegenden, in denen sich der Handelsverkehr konzentriert. In den Vasars überwiegt der Grient, besonders in dem sogenannten asiatischen Vasar. Da sieht man fast alle Völkerschaften Asiens an sich vorüberziehen: Armenier, Perser, Vok-charesen, Tataren, Kalmyken, Kirgisen, Georgier, Tscherkessen, Karakalpaken, Türken, Turkmenen u. s. w., alle in ihrer bunten Nationaltracht. Im russischen Vasar versammeln sich die russischen Kaufleute und außer ihnen trifft man hier nur Deutsche, während im dritten Vasar die bronzefarbigen Söhne des pendschab indische Shawls und Seidenstoffe feilbieten. Ein ebenso lebhaftes Treiben wie in den Vasaren herrscht in» Hafen. Der Hafen wurde in» Jahre ^722 von Peter dem Großen angelegt und bald darauf auch eine Schiffswerfte errichtet, doch begann der Vau von Schiffen auf derselben erst in» Jahre ^82^. Hier liegt stets ein Teil der Flotte, welche Rußland ^.____2?3 _____ auf dem Kaspisee unterhält, und die i>, den Kriegen mit f)ersien und bei der Bezwingung des Kaukasus vortreffliche Dienste geleistet hat. Der Kommandant der Flotte ist jetzt zugleich Militär»Gouverneur von 2lstrachan und führt auch die Aufsicht über den Verkehr im Hafen. Auch für den Fischfang auf den« Kaspisee ist die Flotte wichtig, da sie die Uferbewohner in Respekt erhält und dadurch die Fischerboote vor Überfällen schützt, was hier, wo nur der Mächtige angesehen ist, nicht zu unterschätzen ist. Für den Schutz der Fischerei und Schiffahrt auf der Wolga und die Sicherheit der Verkehrswege auf dem festen Lande sorgt das aslrachanische Kosakenheer. Schon im Jahre 1^73? wurde aus Russe» und getauften Kalmyken ein Korps zum Schutze der Kalmykenniederlassungen gegen die räuberischen Überfälle der Kirgisen und Karakalpaken gebildet, welches allmählich verstärkt wurde und später den Grundstock für drei Kosaken^ regimenter abgab, die im Jahre ^80b genau nach dem vorbilde des Donschen Kosakenheeres errichtet wurden lind seitdem eine lange Postenkette von Astrachan über Zarizyn bis Saratoff besetzt halten. Die Kirgisen, gegen welche diese Postenkette errichtet wurde, sind ein Nomadenvolk, welches das Gebiet zwischen dem Kaspisee und den Flüssen Ural, Ischini, Tobol und Irtisch bewohnt, welches einst den Namen Tatarei führte und im Mittelalter unter den« Namen Dschagatai bekannt war. Wir werden später bei Beschreibung jener Gebiete reichlich Gelegenheit finden, uns mit diesem Dolle zu beschäftigen, und beschränken uns deshalb hier auf einige Bemerkungen über die Kaissak« Kirgisen, welche von den steppen am Ural bis zur Wolga streifen. Hm Jahre ^750 hatte der Khan der sogenannten Kleinen Kirgifenhorde, Abul-Chair, eine Gesandtschaft nach Petersburg gesandt, durch welche er seine Unterwerfung anbot. Das Anerbieten wurde angenommen, und vier Jahre später erkannte auch die Mittlere Horde die russische Oberhoheit an. Die Khane verpflichteten sich, die russischen Grenzen und die nach Centralasien ziehenden russischen Karawanen zu schützen, im Kriegsfalle Truppen zu stellen und einen Tribut zu zahlen, wogegen Rußland sie in ihrer würde bestätigte, teider verfolgte Rußland in der nächsten Zeit eine Politik, die nicht geeignet war, seine Stellung in den Steppen zu befestigen. Ohne Rußlands Vestätigung wurde keiner der Nachkommen Abul-Chairs Khan der Horde, aber viele erlangten diese würde gegen den willen ihres Volkes, und es gab infolge dessen im Kirgisenlande unablässig Streit und Unruhen. Als Rußland zu Anfang dieses Jahrhunderts von den Kirgisen für das Veziehen ihrer Winterlagerplätze einen Tribut zu erheben suchte, kam der schon lange von Chiwa aus geschürte Unwille des Volkes zum Durchbruch. Unter Führung eines gewissen Vukei trennten sich etwa 7000 Kibitken von der Horde, gingen auf das rechte Ufer des Ural über und begründeten dort die sogenannte Vukeische oder Innere Horde, deren Khan Vukei wurde, von dieser Zeit an hatten die Reibereien zwischen den freien und den unter russischer Herrschaft stehenden Kirgisen kein Lnde. Im Jahre ^825 griffen die ersteren eine von tiOO Soldaten eskortierte russische Karawane an, die nach erbittertem Kampf mit Verlust von waren in« werte einer halben Million zur Umkehr gezwungen wurde. Lude der dreißiger Jahre gab es in der Steppe wieder viele blutige Zusammenstöße mit Kirgisen unter Führung der Sultane Kaip (^3?) und Kassim (^,",8). Durch eine Reihe von Befestigungen, die längs der Grenze de- Gouvernements Orenburg angelegt wurden und die Übersiedlung von Kosaken in die Grenzgebiete (^8W wurden zwar schließlich die Raubzüge der Kirgisen eingeschränkt, aber erst nach dem Feldzng gegen Chiwa und Taschkend, von wo die Kirgisen unablässig aufgehetzt wurden, und nach dem vordringen bis Kaschgar gelang es Rußland, seiner Oberhoheit über die Steppen allgemeine Anerkennung zu verschaffen. Heute zerfallen die Kirgisen in vier Horden: Die Große Horde oder die djikokamennije Kirgisy in dem sogenannten semirjetschenskischen ^ande, unter eigenen Sultanen, die keinen Tribut zahlen; die Mittlere Horde oder die sibirischen Kirgisen; die Kleine Horde, die zum russischen Gouvernement Orenburg gehört; die Nukeische oder Innere Horde in den Gouvernements Astrachan, Samara und Orenburg. Die letztere wird auf 80 0U0 Seelen geschätzt, die übrigen, nut Ausnahme jener, welche in China nomadisieren, auf nahezu ^ Million. Ihre Khans und Sultane erkennen die russische Oberhoheit an, werden jedoch, wenn sie in die Gouvernementsstadt zn Vesuch kommen, mit allen Ehrenbezeigungen empfangen, welche man souveränen Herrschern erweist. Die Regierung wendet in neuerer Zeit den Kirgisen besondere Aufmerksamkeit zu. Die versuche, den Ackerbau bei ihnen einzuführen und sie alls Nomaden zu seßhaften teulen zu machen, sind zwar erfolglos 55 geblieben, aber da die Kirgisen der europäische»» Civilisation keineswegs völlig abgeneigt sind, hat man sich durch diesen einen Mißerfolg nicht abschrecken lassen. Für Rußlands civilisatorische Thätigkeit in Asien, für di? so oft gelengnete, liefern die Kirgisen mehr als einen veweis. I,n Jahre ^850 wurde in Orenburg eine S6?ule für Kirgisenkinder eröffnet, und da sich diese, bewährte, im Jahre ^86^ eine zweite in Troitzk. An der Kriegsschule in Orenburg bestehen 20 Stiftungsplätze für Kirgisenkinder. Außerdem ist die Errichtung von Kirgisenschulen in vier Grenzfestungen schon feit längerer Zeit beschlossen. Den Vemühungen der Regierung ist es auch gelungen, die Kirgisen, welche nur Hirse — ihre Hauptnahrung — und Hafer für ihre Pferde bauen, in einigen Gegenden zum Anbau von Roggen und Kartoffeln zu bewegen, die namentlich am Kuban-Darja vorzüglich gedeihen. Die große Trägheit der Kirgisen ist das Haupthindernis, welches der Einführung des Ackerbaues bei ihnen im Wege steht. Die Viehzucht, welche weniger Mühe und Arbeit erfordert, ist und bleibt ihre Lieblingsbeschäftigung, Sie besitzen große Herden von Pferden, Kamelen, Hornvieh. Schafen und Ziegen. Das Hnvieh wird fast ausschließlich nur von den Ärmeren gezüchtet und steht im Preise bedeutend unter den Pferden, welche durch ihre bewundernswerte Ausdauer berühmt sind; sie sind imstande, ohne Nahrung und Trank und ohne auszuruhen ^00 Werst zurückzulegen. Die Zelte der Kirgisen (gurten oder Kibilken genannt) uuterscheiden sich fast gar nicht von den Kibitken der Kalmyken (siehe Seite 2t>8). Ihre Kleidung ist aus haarlosen Ziegenfellen oder den Fellen junger Füllen verfertigt, Sie rasieren den Kopf und tragen gleich den Tataren ein mit Stickerei verziertes schwarzes Käppchen oder eine kegelförmige Mühe mit Pelzbesatz, dazu Stiefel von Ziegenleder mit so hohen Absätzen, daß sie kaum noch darin gehen können. Die Frauen tragen weite Beinkleider, darüber ein blaues Hemd und auf dem Kopf einen aus zusammengewundenen buntfarbigen Tüchern gebildeten Turban. Obwohl die Kirgisen Mohammedaner sind — freilich mehr dem Namen nach, denn der religiöse Indifferentismus ist sehr groß —, so genießen doch ihre Frauen volle Freiheit der Veweguna, und namentlich bei den Kirgisen zwischen dein Kaspisee und (Orenburg verkehreu beide Geschlechter ganz ungehindert mit einander. Kirgisen kommen anch häufig mit ihren Frauen nach Orenburg, wo sie mit Vokcharesen, Tataren, Kalmyken und anderen Asiaten die bunte Staffage bilden, welche dieser Gouvernementsstadt das überwiegend orientalische Aussehen verleiht. Die Stadt, welche vor ^0 Jahren als eine Art Zwingburg in der Steppe erbaut wurde, ist jetzt eine Stätte friedlichen Warenaustausches zwischeu den ehemaligen Feinden geworden lind aus der Kirgisensteppe, aus 25okchara, Thiwa und Taschkend erscheinen hier Käufer und Verkäufer. Schon ein Jahr nach seiner Gründung, ^7H/^ wurde Orenburg von der Kaiserin Elisabet pelrowna zur Hauptstadt des gleichzeitig geschaffeneu Gouvernements erhoben, sank zwar später, als im Jahre ^802 der Sitz des Gouvernenrs nach Ufa verlegt wurde, zum Rang einer Kreisstadt herab, aber ^8(»5, nach der Trennnng der Gouvernements Ufa und Orenburg, wurde es wieder GouvernemeutssNdt. Heute zählt es 5600!) Einwohner, außer der bedeutenden Garnison und ungerechnet elwa 7,000 Schüler, welche die städtischen Lehranstalten besuchen und die znm großen Teil von auswärts stammen. In jüngster Zeit ist Orenburg durch ein schweres Unglück heimgesucht worden. Am ^6. April ^8?H brach ein Vraud aus, der, von einem furchtbaren Sturmwind angefacht, in drei Tagen den größern Teil der Stadt m Asche legte. Mehrere Kirchen, das Gebäude der Duma, der gostjinny dwor, das Telegraphenamt, viele Lehranstalten und Staatsgebände, kurz der schönere Tcil Orenburgs, wurdeu eiu Raub der Flammen, in denen auch viele Menschen den Tod fanden. Tausende waren in wenigen Stuudeu obdachlose Bettler geworden, das Elend grenzenlos. Aber Orenburg hat sich von diesem schweren Schlag ziemlich rasch erholt. Seine günstige kage am «Lude der Eisenbahn, welche es über Samara und Sysran mit der Mitte Rußlands verbindet, und an der Grenzscheide Europas und Asiens, wo es gleichsam das Thor des letztern bildet, sichern ihn» trotz aller wechselfälle einen neuen Aufschwung, Festung ist Orenburg schon längst nicht mehr, da die Steppennomaden aufgehört haben furchtbar zu seiu; im Jahre ^8l>7, wurdeu die Festungsmaueru niedergerissen und der Raum, den sie eingenommen hatten, bebaut. Orenburg war eine schöne, an stattlichen Gebäuden reiche Stadt, als der große Vrand ausbrach. In der Milte der Stadt befand sich ein großer, mit Väumen bepflanzter platz, den eine Fontäne zierte, und die Hauptstraßen waren mit Steinen gepflastert. Den Vrand haben noch ^5 rechtgläubige Kirchen überdauert; außer ihnen besitzt Orenburg l^ protestantische, ^ katholische Kirche, 3 Moscheen und 2 Velhäuser der Altgläubigen. Zll <3hren ^lei ander I., dem Grenblug viel verdankt, wurde ain 3lusgang der !^ikolaistraße am Nfer des llral ein großes Granitdenkinal errichtet, das auch von den Flammen unversehrt geblieben ist. Das zu Grenburg gehörige Gebiet ist im ^laufe der ^eit bedeutend verkleinert worden, während es anfangs 26^00 geographische ^Neilen umfaßte, beträgt es jetzt, uachdent daraus noch die Gouvernements Samara und Ufa gebildet worden, 5H75 H^ Meilen mit einer Bevölkerung von etwas über 9^69(w Seelen, so daß nur 5 Menschen auf den ^Kilometer kommen. Trotz dieser dünnen Bevölkerung herrscht dranßen in den Steppen, welche unmittelbar bei Grenburg beginnen, ein reges Leben und Treiben. So wie der Frühling kommt, seht sich so zu sagen die ganze Steppe in Bewegung. Die großen Filzzelte, unter denen die Kirgisen wohnen, werden auf Kamele geladen und die Horde zieht mit allein Hausgerät und allen Herden langsam nach worden an die Grenburgische Grenze auf die ihr gehörenden Weideplätze. Früher machten sich die einzelnen Horden den Vesitz der Weideplätze häufig streitig, und es kam zwischen ihnen zu heftigen Kämpfen, sogenannten Varantüs, doch jetzt ist jeder Horde ein genau bestimmter Tallin angewiesen, den sie nicht über« schreiten darf. Sobald ein Weideplatz abgeweidet ist, wird auf den nächsten weitergezogen, und im Herbst zieht alles wieder nach dem Süden, nach den Winterweideplätzen, jene ausgenommen, welche Heuvorräte angelegt haben und daher in« Norden überwintern können. ^)m Frühjahr stecken die Kirgisen auch gewöhnlich einzelne Teile des Steppenlandes in Vrand, um das dichte, zähe Gras zu vernichten. ^)n wenigcn Tagen bedeckt sich dann die Steppe wieder mit frischein Graswuchs, denn der Übergang vom Winter zum Frühling ist hier ein jäher, unvermiltelter. Der Kowyl ^tipa i»onnaw), ein fadenariiges f)friemengras, sproßt üppig empor, und zwischen ihm blühen taufende von Tulpen und anderen Feldblumen und die frische Steppenluft ist mit herrlichen Wohlgerüchen geschwängert. Leider währt diese Herrlichkeit nicht lange. Schon im ^)uni ist das Gras von den glühenden Sonnenstrahlen versengt, und nur an den wenigen Steppensiüßcheu, die meist im Sande verlaufen, trifft man noch grüne Weideplätze. Dann kommt der Winter, in der Steppe ein böser Gast. Das Thermometer, welches im Sommer oft 55" ^^aulnur im Schatteil zeigte, sinkt nun zuweilen bis 35" unter Nnll, der Vurun braust über di.' Steppe, und sein wüten, das oft drei Tage währt, bringt Hunderttausenden von Schafen und anderem Dich den Tod. wenn der Schneesturm sie im Freien überrascht, stürmen die Herden wie toll in die Steppe hinein, bis sie erschöpft niedersinken oder in Schluchten stürzen, wo sie der Schnee rasch unter seiner weißen DectV begräbt . . . 35," 276 Die Kosaken. Die Kosaken werden mit Unrecht gewöhnlich als ein besonderer Volksstamm bezeichnet, da sie bei ihrem eisten Auftreten in der Geschichte nichls anderes waren als eine Verbrüderung freier Krieger, ans den verschiedenartigsten Elementen vieler Herren tänder zusammengewürfelt nnd dnrch gemeinsaine Interessen Znsannncngehalten, nntcr ganz absonderlichen Verhältnissen, deren Schilderung wir mit der Erklärung des Wortes Kosak beginnen müssen. Das wort ist tatarischen Ursprungs nnd heißt bei allen, die sich danach nennen: Kasak. Als die ursprüngliche Vedeutung des Wortes wird angegeben: bewaffneter Vagabund oder Räuber. Vagabunden und Räuber bildeten einen beträchtlichen Bestandteil des Kosakentums in seinen Anfängen; mit seiner Macht wnchs auch der Wert seines Namens. Kasak hieß fortan jeder leichtbewaffnete und berittene freie Krieger, der einer Genossenschaft angehörte, die sich ihren Führer selbst wählte. Das wort wurde zugleich ein Ehrentitel, denn jeder Kosak fühlte sich hocherhaben in seiner Freiheit über die Söldlings aller Kriegsherren der Welt. ^n den endlosen Steppen, welche sich zwischen dem untern Don und dem Dnjepr ausdehnen, hatten seit den ältesten Zeiten Nomadenhorden und Räuber ihre Zelte und Schlupfwinkel. Die Grenzen des alten Rußland erstreckten sich im Süden nicht weiter als bis Zur !Nündung der Sula (linkes Dnjeprufer) und des Oruth (rechtes Dnjeprufer). Don dort an begannen die Zelte der Steppenbewohner, der Chasaren, Letschenägen und f)olowzen. 5eit Ruriks Zeiten bis zum «Lude des zwölften Jahrhunderts waren diese Völker durch ihre Räubereien und ^treifzüge furchtbar. He nachdem sich ihnen Aussicht auf 25eutc darbot, machten sie Einfälle in Rußland oder verbanden sich mit den Russen, um ihnen gegen andere räuberische Völker beizuftchen; sie plünderten die Reisenden und Karawanen und lebten selbst in beständigen: Hader unter einander. Der Tandmann fand bei seiner Rückkehr vom Felde statt der verlassenen Hütte nur Schutt und Trümmer; Ackerbau und Gerwerbe konnten Zu keinem Aufschwung gelangen, geregelte lebensverhältnisss sich nicht entwickeln, und 27? das Bedürfnis des auf friedliche Thätigkeit angewiesenen Teils der Bevölkerung, in größeren, befestigten Plätzen Scluitz und Sicherheit Zu suchen, wurde immer fühlbarer. Doch war es schwer zu befriedigen, denn es gab nnr sehr wenige Städte, die überdies in großer Entfernung von einander lagen, lind die unbeschützten Landbewohner wurden, um sich ihrer Haut zu wehren, allmählich selbst gezwungen, den Pflug mit dem Schwerte zu vertauschen. Häufig genug kam es anch vor, daß die durch Raub und Plünderung dem Llcnd preis^ gegebenen Vauern und Hirten keine andere Wahl hatten als Hungers zu sterben oder ihrerseits auf Raub Cm Rosal vom Do». und Plünderung auszuziehen und sich irgend einer gefürchteten Horde anzuschließen. Aus solchen Anfängen bildete sich das Rosakentum. im grünen l^ald verflogen? Ghue Nutzen, ohlw 55egl'n Hchwindct dcs Ac>sclscn Vcut^v !^as er gestern schwer crrmlgl'ü, leichte,, 3iin,s vertrinkt er's heute. AIs Gegenstück zu diesen: möge das, einer gleich wehmutvollen Stimmung seine Entstehung verdankende Tied eines Kosakenmädchens folgen i Eine l,)opfe>lraufe im Garten allem Schlangelt zur Erde sich, Ilnter l>en lilenscheu ein INa'adelein Weinte bitterlich. G grüner, blühender lx'pfen, warum Rankst nicht nach oben zu? O liebes, juugcs INädchcu, warum Fluchst Deinem Schicksal Vu? Kaun die li^pfenrauke nach oben ziehu, iveilu keiue Stütze sie hält? Aann !>as Uladchen vc>r Freude glühu, i^eilu ihr Kosak ihr fehlt? Solche bieder lassen tiefere Vlicke in die Volksseele thun als die ausführlichsten Schilderungen. — Zum Schluß möge noch eine Duma (poetische Erzählung kontemplatwer Art) hier Olah finden, welche das ethische Element im Kosaken so tief wie anschaulich zum Ausdruck bringt. 285 --------- Ver stürm auf dv'm schwarzen Meer. Auf dem Schwarzen Meere, ans iveißem Stein Zitzt oiu Edelfalk, klagend und jammernd laut, U»l> aufs Schwarze Meer forschenden Blickes schaut. Er sieht, wir an« l^inlinel die Sterne »erglühen, wie die Wolken die Hälfte des Mondlichts nmziei^en, lind seltsame Ahnung seiil lier; durchgrant. Siehe, da naht es schwarz heben die Stürme zu sausen an, lieben die wogen zu rollen, zu brausen an, Und wie die Meerkinder springen nnd die Windsbraut heult, wird die Flotte der Kosaken in drei Teile geteilt. Der ciue bricht fern bei Agara ans kand, Der andre zerschellt an der Donau Strand, Doch der dritte — was soll mit dem dritten geschehn? wird er sinken, im Schwarzen Meer untergehn? In dem dritte,! fährt Gritzko Slwrowsky j?an, Der Kosaken von Saporosh Ataman. Lr geht auf dein Oerdecke in düsterer Ruh Nnd spricht diese !I?orte den Schiffern zu: „Unter uns, prüder, ist ein Oerbrcchen geschehe», Das; die NVllen so toben nnb die stürme so wehen: — Fangt (Hott, dein gnädigen, cnre künden ,^n beichten an, Dem Zchwar^en INeer n>ld inir, euren» Ataman! Naht euch allesamt, sagt enre 3ünden her: Der schuldige soll sterben in» schwarzen lileer! Die Flotte der Rosaken soll nicht untergehn, ll?cil von einein unter ench ein verbrechen geschehn!" Und voll ^chn'eigen stand der Kosaken 3char, Denn es wusste keiner, wer schuldig war. Da Aleris, Tohn de^ ^ril'sl^^ l'o,! ^ir^itsiü, Ni'umt das lvort und tritt oor die Krieger hin: „Nehmt und opfert mich, Brüder, ,u elircr ^vuh; Vindet mit rotem Tuche die Augen mir ;u, Hängt a» den Hals mir einen 3tein Und wcrst mich ins ^chll'arze iUcer hinein, saßt mich. Vrüder, alleiil in den Metten sterben, 3^o wird nicht die Flotte der Aosaken verderben," Die Kosaken hörten ibiu schweigend ,;u Und sprachen: „AIrris, wir sind schlechter als Du! Du kannst die heiligen Bücher lesen, ^ist uns allen ein Oorbild und Führer gewesen, Dnrch Deine Lehren lernten wir (Hutes thun: Mie kann anf Dir so schwere 3ünde rnhn?" „Ivohl seid ihr mir nicht an wissen gleich, )ch lese die Schrift nnd erkläre sie cnch, trhr' euch !5öses meiden und (Hutes thun — Und doch auf mir schwere Sünden ruhn! Ich bin ans j)iriatjin fortgeritten Ghne Pater und Mutter um ihren 5egen zu bitten; Meinein Vruder hab' ich scheidend im Zorn gedroht, Meinen Nachbarn nahm ich ihr letztes 3tück 25rot; 3tol; ritt ich einher, stieß mit dem Fuß alls der Straße Die !>rust der U.V'iber, die 3tirn der Kinder ',lin! 5pasze. Ich pflegte die Kirchen vorbeiplsagen (lihne die Mütze ^u ,;ichn und das Kreuz zu schlagen. Fii» meine künden, Brüder, ,nuß ich jetzt untergehn, ^eht, wie es wogt nnd branst auf dem schwarzen Meer! Das komnlt von Mutter nnd Katers Gebeten her." Als noch Alexi5, 3ohn des Priesters, seine beichte sprach, Kies; der Sturm auf dein Schwarzen Meere nach, Die Flotte ward gerettet durch des höchsten i?and Nnd kam glücklich bei der Insel von Centra ans taut». 56' —— 28H --------- Vic Kosaken aber standen und staunten sehr, Daß die F!c>ttc nicht versunken im Schwarzen Meer llnd kein einziger erirunken voin ganzen Heer. Und Aleris, Sohn des Priesters, ans dein schiffe ai,,g, 2'cahm die heilige Schrift, an zn lesen fing, Erklärt sie den Kosaken, durch weise Lehren Ihre Laster zu nnndern, ihr wissen zu mehren: „Tren sollen wir, Brüder, uilsern Nächsten lieben, Nie durch Missethat l.'Xiter und Mutter betrüben; Den Menschen, die gerecht ror dein Herren stehn, IDird es wohl auf Erden uud i>n I^iimne! gehn! Des Mörders 3chwert dringt ihnen nicht den Tod, Der Eltern Gebet führt sie durch 3tnnn und ^ct, Macht von Codsünden ihre 5ee!e rein. N^ird idr i?ll^ntz M Meer und ,^n !3ande sein." Nm das ^clxn und dic Geschichte dcs Rosakentlnus in seiner scheinbar gleichförmigen nnd doch in Wirklichkeit so mannigfaltigen wie farbenreichen Lntwicklnng verstehen zu lernen, mnssen wir einen Vlick auf den 25oden werfen, dem es entwachsen ist. Das führt uns in die endlosen steppen 5üdrnßlands, wo das hohe Aeihergras wogt wie die wellen des Meeres, nnd zahllose Oogelschwärme und wilde Steppenpferde mit den N?olken nm die tvelte dahinfiiegen. Don der untern Donau erstrecken sich, einerseits den Fuß der Rar-pathen umsäumend, anderseits am Schwarzen NIeere hinter dem Dn^epr und Don bis zum Kaukasus, diese krä'utcrreichen Steppen, wo einst die Gottesgcißeln Attila und Timurleng ihre 2^osse weideten. «3s ist dies die große Ader, welche Europa mit den Flächen und Salzwüsten Mittelasiens verbindet. Pferdehändler in der Steppe. 285 Zugvögel, Heuschrecken, Ratten- und Mäusescharen, wandernde Insekten aller Art, die Oest und wilde Raubhorden selben wir diesen schattenlosen Lrdgürtel durchziehen. Die Völker, welche eine schranke gegen die «Linbrüche aufrichten, oder mit einander kämpfen wollten, begegneten sich auf diesem neutralen Voden, auf dieser baumlosen, wüsten Malstätte, wo, wie ein polnischer Dichter sagt, die Überlieferung keinen ötein findet, auf dem sie ausruhen könnte, ^a nicht einmal einen Baumstumpf zum Anlehnen. Die Fäden der Geschichte und 3age knüpfen sich hier nicht an hochragende Denkmäler, Burgen, Tempel und andere Bauwerke von Menschenhand, welche als steinerne Zeugeu vergangener Jahrhunderte der Forschung zu Hilfe kommen, denn wo fortwährend ^ede Ansiedlung von Zerstörung bedroht war, beschränkten die Menschen beim Vau ihrer Hüllen und Häuser sich auf das Notwendigste. Die einzigen Denkmäler, welche Rosakcneskortc. man findet, sind die kegelförmig geschichteten Nurgane (Grabhügel, Totenhügel), welche sich in langen leihen, oft Hunderte von Apersten weit, hinziehen, den iveg bezeichnend, den die Mongolenhorden genommen, welche sie für ihre gefallenen Führer uud Rrieger errichteten. Die Geschichte und öage der Kosaken hat keine anderen Anhaltpunkte als ihre alten Chroniken und Volkslieder. Ohne diese reiche ::nd belebende (Duelle winde die sogenannte Geschichte des Volkes in eine trockene Aufzählung seiner kriegerischen Lrfolge und Unfälle zusammenschrumpfen und uns über die wesentlichen Triebfedern seiner Uraftäußernng ganz im Dunkeln lassen. Als solche Triebfedern müssen wir besonders hervorheben den unerschütterlichen Glauben des Volkes an die Satzungen seiner Kirche, verbunden mit unbegrenzter öucht nach Ruhm und Auszeichnung, öie gingen dem Tode mit fatalistischen: Gleichmut entgegen, weil sie fest darauf rechneten, in, Himmel für ihre Tapferkeit 286 -------- belohnt zu werden. Zu gleicher Zeit waren sie nicht unempfänglich für einen guten Nachruhm auf Erden: Der Gedanke, verherrlicht zu werden im (iede, fortzuleben im Munde des Volkes, war ihnen ein Sporn zu den kühnsten Wagnissen. „Der junge Kosak mußte nntergchn lvie die 23lumc der steppe i» l^turmesweh»; Voch sein Ruhm starl' nicht nut ihm — noch in spätster Zeit Singen, preisen die Kosaken seine Tapferkeit." Dieser Schluß des Liedes, welches die Thaten Iwan Conowtschenkos rühmt, findet in vielen ähnlichen Liedern seinen Wiederklang, worin die vegräbnisfeierlichkeiten bestanden, wird uns in demselben Tiede folgendermaßen geschildert. „Mit ihren Schwertern gruben die Kosaken sein Grab, Mit den Mützen trugen sie die Erde ab, denkten die teiche hinein und bestatteten so Der l1)i. ^)uli ^,50 in der Schlacht bei Veresteczkow, da die Tataren sich feig zur Flucht wandten und das ganze Heer mit sich fortrissen. Chmelnicki hatte aber bald wieder 5>0 000 Mann um sich gesammelt, und die poleu muhten im vertrag zu Viala-Cierkew nochmals die Freiheiten der Kosaken anerkennen und die «Lrhöhung ihres Heeres auf 20 000 bewilligen. Und nochmals brachen die polen den Vertrag und erlaubten sich neue Vedrückungen, welche einen dritten Aufstand Zur Folge hatten. r Zeiten sich wild Deine Flut erbest, lvie sie wild sich ergos; und doch so klar und »ei,,, Aber setzt, mein Ernährer, so trüb fließest ?u, Hast getrübt Dich vcm oben bis nuten hin! ^ sprach zur Autwort der herrliche stille Don: Aber wie soll ich uicht trübe, nicht finster sei»! Hab' ich ziehen lassen meine hellen F'alkcn all', Nlciue hellen Falkeu, die Aosaken oom Dou! Zpült sich ab ohue sie meiu Uferland, 2treut hinab ohue sie viel gelben öaud. Die jungfräuliche öteppenwildnis findet man natürlich heute nicht mehr auf der großen Heerstraße, sondern nur da, wo der Pflug noch nicht seine Furchen durch die uuermeßlichen, oft zu weitgeschwungenen Kreidehügeln ansteigenden grünen Flächen gezogen. Da ist die ganze öteppe wie ein Meer vou goldenen, >VüV'!lz)ost(,'n. höhere Entwicklungsstufe erreicht als in den meisten anderen Staaten Europas. Rußland war von jeher durch seinen Reichtum a»i Pferden und seine trefflichen Pferderassen bekannt, Schon die alten kriechen wissen viel von der trefflichen Reiterei der Sk^thcn, der Ureinwohner des Tandes, zu erzählen und rühmen dieselben als vorzügliche Pferdezüchter. Da Pferde in Rußland — die südlichen Gouvernements mit ihrer podolischen Rindviehrasse abgerechnet — viel mehr als in anderen Ländern in der Landwirtschaft als Arbeitstiere Verwendung finden, hat die russische Regierung schon frühzeitig dem Arons» und privatgestütwescn besondere Aufmerksamkeit zugewendet. ^)m ^)ahre ^879 bestanden in Rußland 7 Slaats- und 5H50 Privatgestüte, die auf 52 Gouvernements verteilt waren; in den ersteren befanden sich 72 Haupt- und 25 Reservehengsle, 856 Mutterstuten, ?000 in» Jahre ^87^. In den übrigen Steppengouvernements — Iekaterinoslaw, Taurien, Cherson, Nessarabien — hat sich dagegen der pferdebcstand in dem gleichen Zeitraum bedeutend vermehrt. Die jetzige Donsche Pferderasse ist nicht alt; sie entstand erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, als die Kosakeii'Atamans sich erfolgreich bemühten, durch Kreuzungen mit guten arabischen, persischen und 2^ -- — westeuropäischen lassen die Steppenpferde zu veredeln. Seitdem sind Donsche Pferde in allen russischen Feldzügen zur Verwendung gelangt, und erst jüngst, im russischtürkischen Kriege, haben sie aufs neue bewiesen, daß ihre alten Eigenschaften, denen sie ihren Ruf verdanken, außerordentliche Kraft und bewundernswerte Ansdauer, ihnen noch nicht abhanden gekommen sind. Weniger bekannt dürfte sein, daß auch in» letzten deutsch-französischen Kriege das Kosakenpferd eine Rolle gespielt hat: ein Teil der preußischen Kavallerie, die gefürchteten Ulanen, war mit Kosakenpferden beritten, welche die preußische Regierung noch kurz vor Aus-bruch des Krieges angekauft hatte. Der südöstliche Teil des Donschen Kosakengcbietes wird nach seinen Bewohnern Kalmyken-Kreis genannt. Die Mehrzahl derselben zieht nomadisierend ill der Steppe umher und nur die zum Christentun» bekehrten haben kleine Niederlassungen gebildet. Die Hauptbeschäftigung aller ist die Pferdezucht, meist in Tabuns, nur in seltenen Fällen mit Stallfüttcrung. Neben der Pferdezucht blüht im Kosakcngcbiet die Zucht von Rindern und Schafen. Der Rindvieh« stand im Donschcn Gouvernement — ^7^0 000 Stück im ^ahre ^876 — ist der stärkste von allen südrussischen Gouvernements. Am zahlreichsten sind die tscherkessische und die tlcinrussischc Rasse vertreten. Neide Rassen sind sowohl als Arbeitsvieh als auch als Fleischvieh sehr geschätzt — das Schlächtergewicht beträgt durchschnittlich 2s>2 bis o27 Kilogramm — und Vieh vom Don wird viel exportiert, olwohl es dem ungarischen bei weitein nicht gleichkommt. Die Zeiten, in denen man in Rußland Rindvieh nur der Talggewinnnng wegen schlachtete, sind nun vorbei und die Viehzüchter haben überall, und ganz besonders am Don, Gelegenheit, bei verkauf ihrer Zuchttiere als Schlachtvieh ansehnliche greise zu erzielen. Die Milchwirtschaft ist dagegen überall sehr unbedeutend; die wenig milchreichen Kühe werden fast ausschließlich zur Zucht verwendet und ihre Milch von den Kälbern verbraucht. Auch in der Schafzucht übertrifft das Donsche Kosakengebiet alle benachbarten Gouvernements, das einzige Taurien ausgenommen. Man zählte im Dahre ^76 am Don 3 ^55 000 Landschafe und ^ 1^000 Merinoschafe. Unter den Tandschafen findet man das Fettschwanzschaf in großen Herden. Das Donsche Kosakengebiet ist eine der kostbarsten perlen in der russischen Krone. Zu seinor günstigen Tage, der Nähe des Asoffschen Meeres und der Wolga, zu den« herrlichen Klima mit der frische», gesunden Steppenluft gesellt sich hier eine solche Überfülle von Produkten aller Art, wie sie kaun« eine andere rnssische Provinz auszuweisen hat. Da trifft man herrliche wogende Mais- und Weizenfelder, grünende wiesen, auf denen taufende von Rindern uud Schafeu weiden und große Pferdeherden sich tummeln, die Weinrebe »nid der Aprikosenbaum gedeihen hier, der Maulbecrbaum hat die Zucht der Seidenraupe ins Teben gerufen, die I^agd in der Steppe und der Fischfang im Don liefern reiche Ausbeute, und aus dem dunkeln Schoß der Erde wird die Steinkohle hervorgeholt, die in mächtigen lagern vorhanden. , ein solches Haus eintritt, wird man angenehm überrascht durch die Sauberkeit, die in allcn Räumen herrscht, und durch die nette Einrichtung, welche in den Häusern der wohlhabenderen Kosaken meist auch mit einen« gewissen Comfort verbunden ist. Dm Wohnzimmer hängen an den Wänden Heiligenbilder, die Porträts des Kaisers und des Großfürsten-Thronfolgers, stets in Kosakenuniform, und Porträts berühmter Atamans. Hinter den spiegelblank geputzten Scheiben eines Glasschrankes gewahrt man den Stolz der Hausfrau, ihr Tischgeschirr und den Samowar, und der Gast, der von langer Reise ermüdet hier einlVhrt, findet statt der harten, unsauberen Holzbänke der nordischen Bauernstuben bequeme, mit Kattun überzogene Nänke, und auf sorgfältig gescheuertem ^5 Tisch wird ihn: ciu reichhaltiges, vortrefflich zubereitetes ^Uahl geboten. Kein ^anch, kcinc Ausdünstung verleidet hier dem Fremden den Aufenthalt in der Wohnstube — die Familie schläft nicht liier, sondern i>, dem angrenzenden geräumigen Schlafzimmer, und die speisen werden in der Küche zubereitet. f)ferde, Rindvieh, ^cl^afe und Schweine befinden sich in vom Hauptgebäude getrennten 5tallungen, hinter denen sich der große Gemüsegarten ausbreitet, in welchen» der zur beliebten öchtschi (Kohlsuppe) verwendete Kohl deil weitaus größern Teil des Areals bedeckt. Hm Hofe aber wimmelt es von Hausgeflügel aller Art, das häufig zu Hunderte?» gehalten wird. Alt^ Rcscik. Noch gar nicht lange ist es her, seit den Kosaken gestattet worden, Ackerbau zu treiben; früher war dies sireng verpönt/ und noch in, ^ahrc ^6^0 wurden den: Rosaken, der sich mit Ackerbau beschäftigte, grausame strafen angedroht. Allmählich sah man aber ein, daß der Ackerbau ein vortreffliches Mittel war, die unruhigen Gesellen am Don an eine ruhigere, friedlichere Lebensweise zu gewöhnen, und nach Unterdrückung der Rosaken« ausstände Vulowins und Nclrassoffs hob Peter der Große das bisher bestehende verbot auf und befahl nun den Aosaken, sich mit Ackerbau zu beschäftigen. Seitdem wird der Ackerbau allgemein betrieben, allerdings ^ll!x'r a»5 dor Nkraiue. ------- 295 ------- mehr von den nördlich von der Mündung der Medwedjitza in den Don wohnenden Kosaken, wo der ^oden für den Ackerbau günstiger als im Süden. Dort verschwinden die grünen Steppenländereien immer mehr nnd mehr und unübersehbare Weizenfelder treten an ihre Stelle. Alle Stcppengouvernements im Süden Rußlands gehören Zu den fruchtbarsten Gebieten der ganzen Erde, aber auch sie haben mit witterungsertrcmen zu kämpfen, die nun einmal von allcm russischen Vodcn unzertrennlich zu sein scheinen. Da sind in erster Reihe die heftigen winde, welche im Winter zu den gefährlichen Schneestürmen, den Vuruns, anschwellen, im Sommer abcr häufig anhaltende Dürre erzeugen; im Winter fallen ihnen oft taufende von Haustieren zum (t)pfer, und im Sommer verdorrt das Getreide unter ihren: Hauch. Wälder, welche feuchte Niederschlage erleichtern können, giebt es hier nicht, aber den unermüdlichen Bestrebungen der russischen Regierung werden wenigstens kommcnde Geschlechter eine Vesserung der Tage verdanken, da seit mehreren fahren von Staatswegen die Aufholzung geeigneter Landstriche mit großer Energie betrieben wird und zu erwarten ist, daß dies gute Veispiel und der erzielte Erfolg über kurz oder lang auch die Tandstände (Semstwos) veranlassen werden, an die Anzucht von Waldungen zu denken. Dann werden sie abcr auch dem in vielen Gegenden herrschenden Wassermangel mehr Beachtung schenken müssen. (»(X!(> Eimer wein; die Traubenlese betrug ^0 Pud per Dessjatine, der Nettoertrag einer Dessjatine schwanlte, da die ^earbeitungskosten sehr verschieden sind und auch die preise der weine sehr differieren, zwischen ^0 und 1^5l) Rubel, war also immer noch günstiger als in manchen kaukasischen Gebieten, wenn er auch weit hinter dem höchsten Ertrag russischer Weingärten, jenem der deutschen Kolonieen im kaukasischen Kuragebiet (600 Rubel), zurückblieb. wichtiger als der Weinbau sind für das Dongebict seine großen Kohlen- und Anthrazitlager. Wir hatten schon wiederholt Gelegenheit, des in Rußland herrschenden Kohleumangels zu gedenken, dem in erster Reihe die walddevastatiou längs der Eisenbahnen und der von Dampfschiffen befahrenen Flüsse zuzuschreiben ist. In den Kohlenlagern des Dongebietes und Neurußlands sind Vorratskammern erschlossen worden, die fast unerschöpflich sind. Schon Peter der Große trug sich mit dem Plan, die Kohlenlager in großem Maßstabe auszubeuten. Er soll beim Anblick derselben sich geäußert haben: „Dieses Mineral wird, wenn nicht uns, so doch unseren Nachkommen von überaus großen: Nutzen sein", und er beauftragte im Jahre ^72^ eine Kommission nut dor bergmännischen Durchforschung Südrußlands. Nach seinen» Tode kam jedoch das Unternehmen ins Stocken, und viel, sehr viel Zeit verging, bevor den Kohlenlagern wieder Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Die Kosaken beuteten indessen allein die 3ager aus, jedoch ohne Schachtbau, indem sie die Kohle nur dort brachen, wo sie zu Tage lag. Sie verkauften sie als Vrennmaterial in den benachbarten Städten; weiter hinaus konnte die einheimische Kohle nicht dringen, da nach Norden billige Transportwege, wie sie später durch die großen Eisenbahnlinien geschaffen wurden, nicht bestanden, und in den Häfen des Schwarzen und Asoffschon Meeres die von englischen Schiffen als Ballast mitgebrachte englische Kohle so billig war, daß der Kohlentransport vom Don nach den Häfen unmöglich wurde. Erst im Jahre ^8>)7 wurde der erste Schacht Totenfeier auf einem Friedhofe in: Gouvernement Twer. ------ 29? -------- angelegt, und Zwei Jahre später wurde bereit? in sechs Schachten gearbeitet, die jährlich etwa ^20000 Pud liesvrten. Da die Regierung befürchtete, daß die Kosaken der Ausbeutung der von ihnen als ihr Eigentum betrachteten Kohlenlager widerstand entgegensetzen würden, war bestimmt worden, daß für jedes Pud zu Tage geförderter Kohle an die Kasse des Donschen Heeres eine Abgabe von 2 Kopeken entrichtet werden solle; desgleichen für jeden 25ergwerksanteil 50 Rubel. Die größten Kohlenbergwerke liegen im Süden des Dongebictes, an dem Flüßchen Gruschowka, nord° östlich von der Hauptstadt Nowo-Tscherkask. Rings um die werke ist seit Eröffnung der das Kohlengebiet durchschneidenden Eisenbahn eine ansehnliche, einer Stadt ähnliche Niederlassung entstanden. Don Jahr zu Jahr nimmt jetzt der Bergbau größere Dimensionen an und Zugleich wird sein Einfluß anf die Steigerung des Verkehrs auf den Tand- und Wasserstraßen immer fühlbarer, da hier nun bei Eisenbahnen lind Dampfschiffen die billige Kohle anstatt des selten und dadurch teuer gewordenen Holzes als Feuernngsmatcrial verwendet wird. Auch die Fabriken in Cherson und Gdessa, ja die ganze Fabrikindustrie des russischen Südens ist durch die Erschließung der Kohlenlager wesentlich gefördert worden, und nun wirkt wieder der Aufschwuug der Industrie auf die Rentabilität der Bergwerke zurück, mit denen die englische Kohle am schwarzen Meere längst nicht mehr konkurrieren kann. In den letzten fahren hat der Kohlenbergbau in Rußland — Anthrazit, Stein- und Braunkohlen — sich in erfreulicher weise gehoben. Im Jahre ^6?^ wurden 78 8^5 5^7 Pud gewonnen, im Jahre ^8?H dagegen bereits ^7^238 0^3 Pud (über 2q. Millionen Mehrertrag gegen das Vorjahr und tic»'/,^ Millionen gegen den mittleren Ertrag der vorangegangenen 5 Jahre). Dieses günstige Resultat verdankt man zunächst dem Umstand, daß sich in den letzten zehn Jahren die Kohlenproduktion in polen vervierfacht hat, außerdem aber auch der Steigerung der Produktion im Dongebiet. Das letztere lieferte im Jahre ^87<) bereils H0H76 58.") Pud und nahm demnach inbezug auf Kohlenproduktion die zweite Stelle unter allen russischen Gouvernements ein, da es nur noch von dem Gouvernement piolrkoff Millionen Rubel erreicht. Im Süden des Bandes wird aber doch mit der Zeit unter dem Einfluß der Kohlenbergwerke die industrielle Thätigkeit die vorherrschende werden, während dem nördlichen Teil Ackerbau und Viehzucht als sein Monopol verbleiben werden. Der Norden und Süden des Dongebietes sind schon heute wesentlich von einander verschieden, sowohl das Tand als die Menschen, die es bewohnen. Die Kosaken unterscheiden sick? selbst in obere und untere Kosaken, das ist in solche, die am obern, und in solche, die am untern Tauf des Don wohnen. Die ersteren sind ein kräftiger, an Arbeit und Strapazen gewöhnter Menschenschlag, blondhaarig und blauäugig, und die meisten bewahren sich die körperliche und geistige Frische bis ins hohe Greisenalter. Die unteren Kosaken dagegen sind schwächlicher gebaut, der T^'pus des weichlichen Südländers prägt sich in ihrer Erscheinung aus, und fast ausnahmslos sind Haare und Augen bei ihnen von schwarzer Farbe, vei den oberen Kosaken haben sich die alten patriarchalischen Sitten rein und unverfälscht erhalten: der Vater ist das Haupt der ganzen Familie, und wenn er stirbt, geht' die Teitung an den nächst Ältesten über. Die Söhne bleiben, auch wenn sie geheiratet haben, im Hanse, und was sie erwerben, ist Familieneigenlnm. Ackerbau und Viehzucht, zuweilen noch der Weinbau, bilden die ausschließliche Beschäftigung, aber alles wird noch so betrieben wie zu Zeiten der Urgroßväter, für Neuerungen wendet der Kosak nicht gern Geld anf, das er überhaupt sorgsam zusammen» 28 --------298 -------- hält; reich werden hier wenige, aber es kommt andererseits auch sehr selten vor, daß sich ein Landwirt zu Grunde richtet, Nicht so im Süden! Von den alt.n patriarchalischen Sitten ist dort keine Spur mehr zu finden, und auch die Gastfreundschaft, die im Norden noch zu Hause ist, wird immer seltener, sobald ein Kosak heiratet, will er auch seinen eigenen Hausstand haben, verläßt das Vaterhaus und baut sich ein neues Haus. während die Frauen der oberen Kosaken schlicht und einfach gekleidet sind und Schmuckgegenständo und f)elzwerk dort von Generation zu Generation vererbt und immer wieder sorgsam aufbewahrt werden, sind die Frauen im Süden, namentlich in Nowo-Tscherkask, elegante Modedamen, die sich in Sammet und Seide kleiden, mit kostbarem Oelz verbrämte Gewänder tragen, mag nun ihr Einkommen zu einem solchen Aufwand genügen oder nicht. Die Männer halten sich schöne ^eilpferde, die Frauen fahren in ihrer Equipage spazieren, und wenn sie in ihre elegant möblierten IVohnungcu zurückkehren, finden sie vielleicht ungeheizte Zinnner und cm ärmliches Mahl, das schlecht zu ihrem öffentlichen Auftreten paßt. Allerdings giebt es unter den Kosaken des Südens auch viele sehr reiche Teute, die sich ungescheut einen großen Aufwand gestatten können und bei denen der zur Schau getragene Reichtum nicht bloßer Schein ist, sondern auch eins solide Grundlage hat. Der Kosak des Südens ist nicht so schwerfällig, nicht so pedantisch wie jener des Nordens, er hat ein scharfes Auge für alles, woraus sich Nutzen ziehen läßt, und weiß günstige Situationen stets geschickt zu seinem vorteil zu benutzen. Er ist, kurz gesagt, mehr Raufmann als Ackerbauer und Viehzüchter. Die Privilegien des Kosakenheeres — der Fischfang im Don, die Ausbeutung der Vcrgwerke, die Gewinnung von Salz aus den im 3ande zerstreuteu Seen, die Pferdezucht in den Tabuns — interessieren ihn weit mehr als seinen Stammesbruder im Norden, dem die 3age seiner Stanjitzen nur in seltenen Fällen gestattet, von diesen Privilegien des Kosakentums Gebrauch zu machen. Der Unterricht war im Dongebiet bis in die neueste Zeit sehr vernachlässigt. Noch im Jahre ^8^^) kam auf ^ 000 ackerbauende Tandleute gar nur sieben Schulbesucher. Das ist nuu wesentlich anders geworden, Der Umschwung datiert seit dem Jahre ^60, in welchem in ganz Rußland das Streben nach erhöhter Vildung und Aufklärung sich bemerkbar zu machen begann. Auf Anordnung der Legierung sorgte nun die Gbcrleitung des Donschen Heeres dafür, daß in allen Stanjitzen Schulen für Knaben und Mädchen errichtet wurden, bei den Kreisschulen wurden Bibliotheken gegründet, Zeitungen begannen im Dongebiet zu erscheinen, der Sinn für vaterländische Geschichte, für das Studium der Altertümer, der Volksgebräuche und alten Einrichtungen erwachte — kurz, es wehte plötzlich am Don ein anderer IVind, ^and und 3eute waren wie umgewandelt. Es giebt für Angehörige des Donschen Heeres Freiplätze an der Universität in Charkoff und an anderen Lehranstalten; nun aber begannen viele der wohlhabenderen Kosaken auf eigene Kosten sich den Studien zu widmen, die Universitäten in Moskau und Petersburg zu besuchen. Eine neue Epoche hatte für das Dongebiet begonnen, eine Epoche des geistigen Aufschwungs, uachdem jene des materiellen bereits vorangegangen war, und das Donsche Kosakenvolk wird noch eines Tages in Arbeiten des Friedens sich einen glänzendern Namen schaffen als es bisher auf huuderten von Schlachtfeldern sich errungen hat. Seitdem die Kosaken im ^?. Jahrhundert sich mit Rußland vereinigt, haben sie fast au allen Kriegen teilgenommen, welche das Zarenreich führte. Sie kämpften an dcr Seite der Bussen gegen die Tataren, gegen die Nogaier, gegen die Türken, Oolen und Schweden, erschienen in den Kriegen Friedrichs des Großen zum ersten Mal auf deutschem Voden, zogen am Ende des vorigen Jahrhunderts mit Suwaroff über den Sankt Gotthard, erwarben sich unter ihrem Ataman Olatoff bei der napoleonischen Invasion neue Lorbeeren und nahmen dann mit den Heeren der Alliierten teil an den Schlachten der Befreiungskriege von ^8^2 und ^^7>. Noch lebt in Deutschland in der Überlieferung die Erinnerung an die wilden Steppensöhno fort, die in den Grten, in welchen sie einquartiert wurden, ein nichts weniger als freundliches Andenken zurückgelassen haben, aber die bessere Mannszucht haltenden, militärischer auftretenden Kosaken vom Don hat man auch damals schon in Deutschland gar wohl von ihren Vrüdern vom Ural und der Grenburger Steppe zu unterscheiden gewußt. In neuerer Zeit haben die Kosaken in den russischen Feldzügen in ^entralasicn und im letzten russisch-türkischen Kriege, namentlich bei General Gurkos berühmtem ^alt'anübergang, ihren Jahrhunderte alten ^uf als kühne, unermüdliche weiter aufs neue glänzend bewährt. ------299 —- Das Donsche Kosakengebiet umfaßt ^60 35^,9 ^ Kilometer, auf welchen: 2^aum ini Jahre ^870 (neuere statistische Daten über das Gesamtgebiet liegen uns noch nicht vor) ^086 2l,^ Einwohner gezählt wurden, Im südliche,, Teil liegen ziemlich bedeutende Städte, wie Taganrog (gegen 50 000 Einwohner), ?lsoff (gegen 2<)l1U<) Einwohner), beide zum Gouvernement Iekaterinoslaw gehörige Enklaven des Dongebietes, gleichwie Nostoff an« Don (etwa ^!>000 Einwohner), und die Hauptstadt Nowo-Tscherkask mit (nach der Zahlung vom ^0. Dezember ^tt?5) III9? Einwohnern. 35is zum Jahre ^8l)5 war das am rechten Donufcr gelegene Staro-Tscherkask (Alt-Tscherkask) die Hauptstadt des Donschen Heeres gewesen, welches im ^>. Jahrhundert von hierher vorgedrungenen Kosaken an stelle einer alten tatarischen Niederlassung gegründet worden, um welche rasch in weitein Umkreise ein halbes hundert befestigter Stauchen (Stationen) entstand. l)on dort gingen den Don hinunter in das Asoffsche und dann in das Schwarze Meer die Schiffe, welche die zu ^aub und Plünderung ausziehenden Kosakenscharen an die Nfcr Anatoliens trugen, und mehr als einmal wagten sich die kühnen Abenteurer bis vor die Thore von Konstantinopel. Die russische Legierung hatte ihre liebe Not mit den unruhigen Unterthanen, die kein Verständnis dafür hatten, wenn man ihnen sagte, daß der Zar mit dem Sultan in Frieden lebe und sie alle Naubzüge auf türkisches Gebiet unterlassen müßten. Sobald die Veute eines Zuges verzehrt war und es sie nach neuer gelüstete, sah StaroTscherkask seine tapferen Söhne sich alsbald zu neuein Kriegszug rüsten, Darum steht Staro-Tscherkask, obwohl es nicht mehr Hauptstadt ist, heute noch in hohem Ansehen bei den Kosaken, die mit einer gewissen Ehrfurcht von dem Voden sprechen, an dem so viele Erinnerungen an kriegerische Großthaten ihrer Vorfahren haften. An eine ihrer glänzendsten Thaten erinnert dort die großartige Verklärungskirche, die an Fracht der innern Ausstattung mit den reichsten Kirchen des ganzen Reiches wetteifert. Ihr Vau war in» Jahre ^650 nach der Einnahme Asoffs begonnen worden. Nach harten Kämpfen waren die Kosaken endlich Herren der kaum >^ Meilen von ihrer Hauptstadt entfernten starken Festung geworden. Auf den« Zuge gegen dieselbe hatten der Ataman Tatarinoff und seine Mannschaft das Gelübde gethan, wenn sie Asoff eroberten, eine Kirche zu bauen. Die Festung wurde erobert, aber viel Kosakenblut floß noch, bevor die Eroberung endgiltig behauptet war. Einein 500 000 Mann starken türkischen Heer mußten die Kosakeu Stand halten, aber sie hatten von Moskau Befehl erhalten, Asoff bis auf den letzten Mann zu verteidigen, und sie hielten ans. Die von Gold und Silber strotzende Kirche in Staro» Tscherkask ist ein Andenken an diese schlimmen Tage. Seine Stellung als Hauptstadt büßte Staro-Tscherkask am Anfang dieses Jahrhunderts wegen der jährlich wiederkehrenden ilberschwemmungen ein, welche die Heeresleitung wiederholt zur zeitweiscn Übersiedlung nach Aksai genötigt hatten. viele Kosaken wünschten Aksai zur Hauptstadt, aber auf Veranlassung des Grafen platoff wurde eine neue Niederlassung an der Stelle gegründet, welche das heutige Nowo-Tscherkask einnimmt. Die Zahl der Donschen Kosaken wird gegenwärtig auf 650000 geschätzt. Der Kaiser ernennt ihren Ataman, der jeweilige Thronfolger aber ist Vberster Ataman aller Kosakenheere. Im Jahre ^tt?0 sind die Tändereien, welche den einzelnen Kosaken zur Bewirtschaftung überwiesen waren — ^e nach dem ^ang 7,0 bis ^0(10 Dessjatinen ^ in das Eigentum der Besitzer übergegangen. Die alte Verpflichtung zum Dienst im Kosakenhcer war für die adligen Kosaken — etwa ^2 000 an der Zahl längst aufgehoben; erst in neuester Zeit hat die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht das Privilegium des Kosakeuadcls zerstört und auch ihn wieder zum Militärdienst herangezogen. 38" 2«ll Die Afcr des öchwarzcn Macros. N7an hat sich im Ausland gewohnt, Rußland und unermeßliche ^chneefeldcr für unzertrennliche begriffe zu halten. Was von einzelnen Teilen Rußlands gilt, das hat man auf alle anderen übertragen. ^Uan vergißt eben, daß das ^iesenreich sich durch HO Breitengrade erstreckt und daher in ihm Lisberge und Lorbeerhaine vorhanden sein können. Die Halbinsel, welche, nur durch einen schmalen Randstreifen mit den steppen Südrußlands verbunden, in das schwarze ^Neer hinausragt, ist einer jener slandcstcile, in denen 'Klima und Degetation einen ausgeprägt südlichen Charakter tragen. 3Nit Venedig unter demselben Breitengrade liegend, zeichnen sich namentlich die 5üdufer der l(rvm durch eine völlig italienische Flc»ra aus. Da trifft inan Zypressen und Linien, Granatbälnne, Weingärten, Grangenpslanzungen, (!)I- und 3,1Iatidelbäun«e, Myrten, großblättrige Feigenbäume, alle Nuancen von Grün, von den hellsten Tönen bis zum tief dunkeln ^>latt, und eine blendende Vlütenpracht ergötzt das Auge, welches trunken über alle die sonnenbestrahlte Herrlichkeit unter dem tiefblauen Himmel dahinschweift, von dem reizenden üfcr hinaus auf die „smaragdne N'leeresslut", welche dieses Nfer l^ Am ^üd:ncr !>or Kr - ',. bespült. Hier darf, wie Puschkin singt, der Schnee die ^orbeerhaine auf den Hügeln nicht bedecken; dcu Winter kennt inan hier kcmm dem Rainen nach, denn hohe Felsenzügo schützen die Rüste gegen die von Norden kommenden kalten winde. Gar manchen Dichter hat dieses herrliche s^and begeistert. Mickiewicz, Puschkin, Tolstoi haben hier geweilt, und in glühenden Farben sind die Reize dieser llfer von den ersten Dichterheroen der Slaven gepriesen worden. c^elieiligt durch kriuneruugeu, 3.x'za»l>erud bist du, sinnig Land, 1Dc> einst Di.^ueus Teiilpel stau!), lind wli N'liefieu'iez uns gesuuge», D^rt anf dem Fels, vc>m Meer uinschänmt, ^c>n seineiu lx'imatland geträliint . . . So preist Puschkin das Tand in „Lugen Gnägins Reise", aber eine noch begeistertere Schilderung entwirft er vom Krymufer in seinem „Springseil von ^achtschi-Sarai": Der I^audersmauu hält au eutzückt, Ivenn er auf steilem Fclseupfad Am Mcrgeu dnrchs Gclnrge reitet Uud die smaragdne Flut erblickt, Die sich zu seineu Füßen breitet Ilud mit gemaltem ^lielleuschl^g Nmschänmt deil Fuß des A)» Dagb . . . Die Natur hat jedoch das Füllhorn landschaftlicher Reize nicht über die ganze Südküste der Krym ausgeschüttet; nur ein kleiner Teil derselben bildet die paradiesische Gase, nur der schmale Landstrich zwischen Aluschta und Valaklawa, und in diesem wiederum ist das schönste Fleckchen Lrde die Strecke von Ialta bis zu dem kaiserlichen Lustschloß twadia. Die kunstvoll angelegte Straße, die sich an den herrlichen Oillen vorbenvmdet, welche die ganze Entfernung von ^alta bis Alupka einnehmen, ist malerisch im verwegensten Sinne des Dortes. Sie geht im Zickzack längs dem Meeresufer hin und steigt unmerklich bis zn einer Höhe von ^800 Fuß. ^5ei jedem Schritt eine wundervolle Aussicht . . . bald das üppige, mannigfaltige Grün der reichsten Vegetation, bald Abgründe und wilde Felsen, die unordentlich über einander geschichtet sind, bald gotische Schlösser mit kunstvollen Gärten und mit Guirlanden der seltensten Blumen. Rechts bleibt immer die bewaldete Kette des i^aila, die ihre nackten Gipfel von der seltsamsten Form aus den dichten Eichenwäldern hervorstreckt, und um den Zauber zu erhöhen, dehnt sich links das Meer mit seinen schillernden, immer wechselnden Farben bis an den Horizont aus und kommt dem Wanderer niemals aus dein Gesicht. Auf der siebenten Werst dieser wundervollen Wandeldekoration, anderthalb Werst von Tivadia, befindet sich das majestätische kaiserliche Schloß Vrianda, welches jetzt dem Großfürsten Konstantin gehört. Das Schloß steht, von grandiosen Felsmassen umgeben, anf einer geräumigen, dein Meere sich zuneigenden Terrasse. Auf der einen Seite desselben erhebt sich ein Felsen, hundert Fuß hoch über dem Meere, auf dessen schwer zugänglichem Gipfel ein großes vergoldetes Arenz aufgerichtet ist. Auf der andern Seite steht auf einem weniger hohen, aber seltsam zerklüfteten Felsen ein griechischer Tempel. Das Schloß und seine zahlreichen Nebengebäude liegen in einem Meer von Grün, bei dessen Anblick man über die Fruchtbarkeit dieses gesegneten Bodens staunen muß. Den Fuß der üppigen Villa netzt das silberschäumende Meer. Dies alles sieht man anf den ersten ^lick und schon von der Straße aus. ^)e weiter man kommt, desto mehr staunt man über die Mannigfaltigkeit und seltene malerische Schönheit der Ansichten. Das Auge bleibt bald an den unförmlichen Felsmassen hängen, die sich auf allen Seiten erheben, bald senkt es sich in die tiefen, waldbewachsenen Niederungen, bald erhebt es sich wieder zu den unersteiglichen bergen, die sich mit ihrem lichten grünen Laub bis in das Meer hinabsenken. Kleine Vergwasser drängen sich durch das üppige Grün und auch sie eilen dem Altvater Gkcanos zu. Der kunstvolle park ist mitten in diesem Chaos der Natur angelegt. Finstere Felsen, üppig wachsende südliche 23äume und das Meer am Horizonte wechseln auf jedem Schritt mit einander ab. 30^ Vei dieser übersprudelnden Triebkraft begreift mau vollkommen, wärmn Kaiser Alexander der Erste gerade diesen fwnkt wählte und hier eine einsame Residenz anlegen wollte, wo er, fern von den Geschäften, inmitten dieser wunderbaren Naturschönheiten, mit einigen ihm lieben Menschen leben konnte. Alexander der Erste beschloß Grianda zu kaufen, welches ihm der frühere Besitzer, Graf Kuschelest-Vesborodko, bereitwillig überließ, Hicr war jedoch alles sehr vernachlässigt, und eine griechische oder tatarische Hütte, das einzige bewohnbare Gebäude, wurde uotdürftig für den zeitweiligen Aufenthalt des Beherrschers des siebenten Teiles der gesamten Erde eingerichtet. Die steilen Felsen, die noch deutliche Spuren von Befestigungen der tatarischen Eroberer tragen, Terrassen, von denen »nan fast das ganze südliche Ufer bis an den Aju-Dagh übersieht, furchtbare Abgründe, steile bewaldete Abhänge, (Huellen, Wasserfalle — alles das gab einen herrlichen lahmen fnr einen j?ark und das schloß ab, welches jedoch erst nach dem Tode des Kaisers Alexander, als die Besitzung nach dem willen des Kaisers Nikolaus an die Kaiserin Alexandra übergegangen war, erbaut wurde. Die Tage des Schlosses in einer Niederung fast am Meeresnfer giebt ihm ein etwas philiströses Aussehen. Die einfache und ernste Architektur entspricht vollkommen der Tage Vriandas. Dafür ist die Ansicht des Schlosses vom Meere aus außerordentlich malerisch. Es ist nach allen Seiten von Terrassen umgeben und mit herrlichen 25lumenanlagen geschmückt. Guirlanden von Kletter-Rosen und anderen Schlingpflanzen ziehen sich üppig wuchernd an allen ^allustradcn und Balkons hinauf; besonders schön ist der von acht Karyatiden getragene Balkon auf der Meeresseite. ^m Innern des Schlosses ist der sogenannte pompejanische Hof besonders bemerkenswert durch seine Wandmalereien. Er ist von hohen Säulen Krymschen Marmors, von wundervoller Skulptur und f?olitnr, getragen. Die Mitte desselben ziert eine Fontäne, die Decke ist aus Glas und die Ecken sind mit den seltensten tropischen pflanzen gefüllt. Don einem der Felsen stürzt sich über spitze Steine der Vrianda'sche wasserfall in eine tiefe, mit üppiger Vegetation bekleidete Schlncht. Die über den Felsen hinüberhängenden 25äume und die Schlingpflanzen, welche die Schlucht mit ihren senkrechten Abhängen nahezn verhängen, geben dem Ganzen etwas Wildes und erinnern an albanesische Gebirgspartieen. Die uächste der herrlichen killen auf dem Wege von ^)alta nach Alupka ist Tivadia, die Besitzung der Kaiserin Maria Alexandrowna. Nach ihren: vor drei fahren erfolgten Tode wurde ihr Sohn, der jetzt regierende Zar Alexander der Dritte, ihr Erbe. Auf der dritten Werst schon beginnen die Weinberge und der umfangreiche Oark. Dom dunkeln Hintergründe hebt sich das helle Schloß wirksam ab. Es ist im orientalischen Geschmack gebaut. Die tiefen Balkons in Form von Kiosken, mit feinem Gilterwerk umgeben, die buntcu Farben, die hohen Kamine in Form von Türmchen oder Minarets sind wie geschaffen zu dem farbenprächtigen 2)lumenteppich, dem sie wie anf den Wunsch eines Zauberers zu entsteigen scheinen. Die innere Ausstattung des Schlosses entspricht den, Äußeren. Vunte Sophas, Teppiche, kleine gemütliche Gemächer — alles atmet geschmackvolle Zier und Bequemlichkeit. Eine zierliche, leichte Treppe führt auf das Dach des Schlosses, wo eine geräumige Terrasse angelegt ist, die gleichfalls von seinem Gittorwerk umgeben und mit einem Dach verschen ist, das vor den brennenden Sonnenstrahlen der Krym schützt, von hier bietet sich die bunteste und belebteste Aussicht dar. Das truukene Auge schweift von der Kette des ^aila bis zum Meer. von der einen Seite Dalta, Massandra, Nikita in ihrer ganzen Schönheit, und von der andern Seite die phantastischen Felscngebilde Griandas, die graziösen buchten gegen Alupka hin und das unabsehbare Meer, welches sich am Ende des Horizontes mit dem Himmel zu vermählen scheint. Hinter dem Schlosse des lebenden Zaren steht oas Schloß des verblichenen, Alexander des Zweiten. Auch dieses Gebäude zeichnet sich weder durch übermäßigen Turns, noch durch große Dimensionen, sondern durch kunstvolle Einfachheit und Bequemlichkeit aus. Es ist fast unverändert geblieben, wie es der frühere Besitzer Graf f?otocki aufführen ließ, und wurde nur durch den Anbau einer geräumigen Galerie, die als Speisesaal dient, vergrößert. Hier springt eine Fontäne und steht die Statue Penelopes aus carrarischem Marmor, ein Geschenk der Kaufmannschaft Gdessas. Die katholische Kapelle des Grafen j^otocki ist in eine lleine griechische Kirche von ernster Schönheit des Stils umgewandelt. I') 3chloß Vrianda. 30? Die Hauptfacade des Zarenschlosses ist ^alta zugewandt. Die Formen der Balkons, Fenster, Galerien und alle äußere Ausschmückung des Gebäudes bekunden einen hochbeanlagten Architekten. Auf den Terrasse» vor dem Schlosse sind Vlumenbeete von seltener Schönheit und in einiger Entfernung erhebt sich ein herrlicher, mit Kletterrosen und anderen Schlinggewächsen gedeckter Vogengang, der von feinen gußeisernen Säulchen getragen ist. Auch die Höhe dieses Bogenganges bietet eine lohnende 2?undsicht. Den Vordergrund bildet auf diesem Panorama der weitläufige park, der Weinberg mit seinen zierlichen Wächterhäuschen und der mit einer Balustrade umgebenen platform. Nicht weniger schön ist der Vlick nach der andern Seite: Das ganze Meeresufer bis zu dem Vorgebirge Ai-Todor, das fast senkrecht abfällt, mit allen Schlössern und Villen, das nahe Grianda mit seinen gigantischen, über dem Meere hängendeil Felsen, etwas weiter Gaspea, Koriis, Mischoe und endlich Alupka. Auf einem der Felsen glänzt zwischen dunklen: Nadelholz ein weißer Leuchtturm. Diese Ansicht ist besonders beim Mondlichte, wenn das Meer unter Tunas sanften Strahlen zittert und ihr phantastisches Ticht in all die Nferberge, Schluchten und blühenden Gärten dringt, berückend. Der Leuchltnrm wirft einen hellen Achtstreifen weit in das Meer hinein. Der (Vrangenduft, das Meeresrauschen und der tiefblaue Himmel vollenden das bezaubernde, märchenhaft schöne Vild, das seinesgleichen nur im Golf von Neapel findet. Line hervorragende Stelle unter den vielen landschaftlichen Schönheiten des Südufers der Krym nimmt auch der wasscrfall Utschan-Su ein, der sich in einer wild romantischen Gegend, fünf Werst von Dalta entfernt, befindet. «Line gute Straße führt jetzt von Tivadia zu dem wasserfall, welche angelegt wurde, da die Kaiserin Maria Alerandrowna ihn von Tivadia aus häufig zu besuchen pflegte, wie man ans dem Walde heraustritt, sieht man die Wassermasse vor sich, die brausend und schämnend 350 Fuß tief herabstürzt, erst in gewalligen, Vogen zwischen dem zerklüfteten, kahlen Gestein hervorschießend und dann vom ersten Absatz abwärts sich in eine Menge kleiner Kaskaden auflösend. Nach starken Regengüssen, wenn das ihn bildende Flüßchen, welches die Tataren Ntschan Sl, (fliegendes Wasser) nennen, stark angeschwollen ist, kann sich der wasscrfall an Schönheit und Großartigkeit den wasserfällen der Schweiz und des Salzkanunerguts würdig zur Seile stellen, aber er liegt leider in dem vom Touristenzug noch nicht überschwemmten Rußland, uud darum wird wohl noch viel Zeit vergehen, bis er die ihm gebührende Beachtung findet und häufiger Vesncher sehen wird als jetzt. Das ganze Gebirge, das sich längs des Südufers hinzieht, ist reich an herrlichen Fernsichten und an romantischen partieen, aber cine Wanderung durch dasselbe ungemein beschwerlich. Schroff und steil fallen die Felsen gegen die Meeresküste zu ab, Thäler sind nur jenseits des Höhenzuges vorhanden, die Dörfer, Schlösser und Villen an der Seeseite sind alle am Vergabhang erbaut und hängen wie hmgellebt an den Felsvorsprüngen und Terrassen, buchten und Häfen sind ebenfalls stlten, weit und breit ist hier für Schiffe kein Schutz gegen das wütcn der Seestürmo. Nur die Vucht von Valaklawa und die ^hede von Ialta kommen für die Schiffe sahrt in ^elracht, aber die !^hede von ^alta ist ein schlechter Zufluchtsort, da sie gegen Ostwinde gar keinen Schutz gewährt, wenn das Meer schr bewegt ist, namentlich in den winlermonaten, können die Dampfer anf der Rhede von ^alta nicht Anker werfen. Sie ist durchschnittlich ziemlich tief, aber die Tiefe wechselt häufig, da sich plötzlich Sandbänke bilden, wo eben noch tiefes Fahrwasser war. Dieser llbelstand wird um so schwerer empfunden, als in der jüngsten Zeit das Südufer der Krym als Tieblingsaufenthalt des Kaisers Alexander II. und des damaligen Großfürsten-Thronfolgers, jetzigen Kaisers Alexander III. große Anziehungskraft auf das reisende russische Publikum auszuüben begann und namentlich )alta als Badeort sehr beliebt wurde, trotzdem daß das dortige unruhige Meer zu Seebädern nicht recht geeignet ist, -,uküst^ -------- 3^0 -------- dic Badegäste fern hielt, sah sich der verein außer Stande, das Unternehmen fortzuführen, und das Hotel wurde verauktioniert, wobei die Unternehmer mehr als 75)'/,, ihrer Einzahlungen einbüßten. Ihre Absicht, den Aufenthalt in Jalta den Vadegästen angenehmer zn gestalten, war jedoch erreicht, denn der neue Besitzer wußte das Unternehmen auf derselben Höhe zu erhalten. Allerdings kommen dabei stets nur die reichen Badegäste in Vetracht, denn für jene, welche nicht über große Mittel verfügen, ist Ziemlich schlecht gesorgt. Jalta ist ein sehr teueres Vad; dadurch, daß die kaiserliche Familie lange Jahre während der Sommermonate an den Ufern der Krym zu verweilen pflegte, wurden diese zu einem Rendezvous-platz der Hofkreisc, was auf die greise der Wohnungen und tebensmittel nicht ohne Einfluß geblieben ist. Am strande trifft man stets die feinste Gesellschaft Petersburgs, die Damen in prachtvollen Toiletten, und auf der Straße, welche die Küstenplätze verbindet, herrscht ein reger verkehr: Herren und Damen zu Pferde, stattliche Kavalkaden, elegante phaetons und Kabrioletts jagen an einander vorüber, und nur dann und wann taucht zwischen den leichten Gefährten ein schwerfälliger Madshar (Lastwagen) auf, schwer beladen mit Früchten oder mit Holz, das ein Tatar nach Jalta zu Markte bringt. Am Abend aber erwartet die Vadegä/te vielleicht ein hier gewiß nicht erwarteter Genuß, da die französische Schauspielgesellschaft des Herrn Forcatti ans Odessa herübergekommen ist, um im großen Saale des Klublokals einige Vorstellungen zu geben, und die (Yffenbachsche Muse feiert dann Triumphe in einein der fernsten Winkel unseres Erdteils . . . Draußen aber, in den still gewordenen Straßen tönt durch das Abenddunkel die monotone Stimme des Mulla, der die Gläubigen zu», Gebete ruft: I I^.K' nNnl 5uku wo'. Ii^l ^liw! tVIcil,! (versammelt euch, Rechtgläubige, zum Gebet! versammelt euch zum frommen werke!) — und alsbald vernimmt man den schlürfenden Schritt der Tataren, welche ihre Hütten verlassen und zur Moschee eilen. Die Tataren, welche heute in der Krym wohnen, sind die Nachkommen ^ener, die oft ^00000 bis <50000 Mann stark sich über polen und Rußland ergossen und aus den verwüsteten Gebieten oft bis ,,0 000 Menschen forüschlepplen, um sie dann auf den Sklavenmärkten der Krym zu verkaufen. In dem aus Russen, Deutschen, Armeniern, Karaiten, Juden, Zigeunern u. s. w. bestehenden bunten Völkergemisch der Krym sind sie der stärkste volksstamm; man schätzt sie auf 280000 Seelen, von ihren Stammesgenosscn in anderen Gegenden Rußlands unterscheiden sie sich durch strenge Beobachtung der Vorschriften des Korans und unterlassen niemals die von demselben als erste Pflicht eines Gläubigen bezeichneten Gebete, gleichwie sie stets mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die vorgeschriebenen Waschungen verrichten. Die Rosenkränze, die sie beim Gebet durch die Finger gleiten lassen, bestehen aus (>0 Holzkügelchen, die auf einer Schnur an einander gereiht sind; da der Gläubige beim Morgen-, Mittag- und Abendgebet den Rosenkranz dreimal betet, so entfällt auf den Tag die stattliche Zahl von .'i^O Gebeten. Ebenso streng beobachten die Krymschen Tataren das Gebot, Armen Almosen zu geben: wenn ein Tatar stirbt, fällt stets ein Drittel seines Vermögens Mekka und den Armen zu. Auch die Fastenzeit wird sehr streng eingehalten, und während des ganzen Monats Ramasan nimmt kein Tatar vor Sonnenuntergang Nahrung zu sich. Große Selbstüberwindung ist in einem so warmen Tande wie die Krym erforderlich, dieses Gebot während eines Sommermonats zu halten, aber mit bewunderns-werter Geduld ertragen die Tataren die (Hualon des Durstes, und nicht Einer läßt sich verleiten, gegen das Gebot des Korans zn verstoßen. Erst wenn die Sonne im Westen hinter den Höhen verschwunden ist und der erste Stern am Himmel blinkt, sehen sie sich, nachdem sie das vorgeschriebene Gebet verrichtet, zum Mahle nieder, und dann kommt oft die Mitternacht heran und trifft sie noch immer rauchend und plaudernd versammelt. Ebenso wie durch ihre Religiosität unterscheiden sich die Krymschen Tataren von den Tataren im Gouvernement Kasan (siehe Seite 2^2) auch durch ihre Abneigung gegen alle Bildung und allen Unterricht. Schulen giebt es nicht in den Tatarendörfern, und vor dem dreizehnten Jahre erhält überhaupt kein Tatarensohn auch nur den geringsten Unterricht, wenn er das dreizehnte Lebensjahr erreicht hat, bringt ihn sein Vater zu einem Mulla, der gegen ein bestimmtes jährliches Entgelt es übernimmt, den Jungen im Cesen und Schreiben zu unterrichten, lind diese Lehrzeit dauert bei geringen Fähigkeiten des Schülers unter Umständen 5 bis ^0 Jahre, wenn der Vater aber zu arm ist, um ein Lehrgeld für seinen Sohn zu zahlen, bleibt dieser im Hause und wächst ohne allen Unterricht auf, Mädchen aber erhalten niemals Unterricht. Die landwirt» schaftlichen Arbeiten oder ein Handwerk erlernt der junge Tatar von seinem Vater, genau nach denselben 3U Neaeln und nut denselben Handgriffen, die dieser von seinen: vatcr gelernt; Fortschritt ist in den Tatarendörfern ein unbekannter begriff. Die Tatarenhäuser sind ineist klein. «Line Mauer von Ziegeln oder mit Steppengras vermischter Erde umgiebt den Hof, in welchem große Massen Steppengras und getrockneter Auhmist, die als Brennmaterial benutzt werden, aufgeschichtet sind. letzterer wird gleich Torf auf den Weideplätzen gestochen, wo das Hornvieh und die Schafe überwintert haben, und dann an der Sonne getrocknet. Ställe sind selten vorhanden, die wenigen vorhandenen in ziemlich schlechtem Zustand, da eben die Herden das ganze Jahr hindurch im Freien bleiben. Auf sein eigenes Gbdach aber verwendet der Tatar stets große Sorgfalt; obwohl in dcn kleineu Häusern meist sehr viel Menscben beisammen wohnen, herrscht doch überall die größte Vrdnung und Sauberkeit. Der 2^oden der Wohnstube ist mit Teppichen bedeckt, auf welchen bei Anbruch der Nacht eine Menge Polster ausgebreitet werden, die den Bewohnern zur Lagerstätte dienen. Gewöhnlich schlafen 6 bis tt Personen in einer Stube. Die Frauen schlafen abgesondert von den Männern, genau nach den Vestimmungen des Korans, der vorschreibt, daß jede Fran ihr eigenes Gemach haben und sich auch ihre Speisen selbst zubereiten müsse. Diese Bestimmung ist im Verein mit den mangelnden Mitteln zur Vc-streitung des Lebensunterhaltes die Hauptursache, warum die Mehlzahl der Tataren statt der gesetzlich erlaubteu vier Frauen sich nut zweien beanügt. Die Krymschen Tataren sind mongolischen Stammes; rein ist derselbe jedoch nur bei den Nogaiern in der Steppe erhalten: unlersetzte Aörpergestalt, gelbe Gesichtsfarbe, die kleine platte Nase, schwarze Augeu und schwarzes Haar, sowie der spärliche Varlwuchs unterscheiden sie von den Tataren an der Nord» und Südküste. Die Tataren an der Nordküste sind ein großer, kräftiger und schöner Menschenschlag mit gebräunter Gesichts« färbe, der kaukasische»: Nasse schou ziemlich ähnlich, mit schwarzen Augeu und dichtem schwarzen Haar- und Bartwuchs. Die Bewohner der Südküste aber sind ein Mischvolk; ihre gelbe Gesichtsfarbe und die häusig vorkommende griechische Nase verraten einerseits die mongolische Abstammung, andererseits das in ihren Adern stießende griechische Vlut. Wegen ihrer von den, mongolischen Typus abweichenden Physiognomie werden sie von den anderen Tataren Mur-Tat (Neuegaten) genannt. Sie sind viel fleißiger und intelligenter als jene, die oft Stunden lang pfeife rauchend träge in ihren Hütten liegen oder mit untergeschlageneu deinen vor einer Moschee sitzen, aber alle Tataren ohne Ausnahme sind höchst genügsame, ehrliche ^eule, und gastfreundlich gegen jedermann ohne Rücksicht auf sein Glaubensbekenntnis. Ihre Zahl hat sich in der letzten Zeit in der Arym, wo sie fast zwei Dritteile der Bevölkerung bildeten, sehr vermindert. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre ^87H war nicht nach ihrem Geschmack, und gegen die zwangsweise Impfung zum Schutz gegeu die unter ihnen große Verheerungen anrichtenden Pocken sträubte sich ihr religiöser Siuu; so hat denn im Jahre !^?H eine starke Auswanderung nach der Türkei und nach Asien begonnen, wohin den jetzt Auswandernden der größere Teil dcs Adels des Volkes schon nach Unterwerfung der Rrym durch die Nüssen vorausgezogeu war, da er sich mit der Idee einer christlichen Oberherrschaft nicht befreunden kouuto. Ihrer Beschäftigung nach sind die Tataren meist Ackerbauer und Viehzüchter; frühzeitig haben sie dem Nomadenleben entsagt und feste Wohnsitze gewählt. Die in den Städten wohnenden sind nieist Handwerker, wogegen der Groß- und Kleinhandel fast ausschließlich iu den Händen der Griechen, Armenier und Juden ruht. So war es in der Rrym schon zur Zeit der Tatarenchane, und über hundert Jahre russischer Herrschaft haben an diesem Verhältnis nichts geändert. Unter den Erzeugnissen der verschiedenen Gewerbe verdienen die Sattlerarbeiten Erwähnung, die des weichen, glänzenden (eders wegen teuer bezahlt werden; ferner allerhand Erzeugnisse aus Aamelhaaren, wie inau sie in allen größeren Vasaren des Vrients findet. Vedeutend ist der Export von Lammfellen, unter denen die von Aosloff die geschähtesten siud. Die zartesten Felle werden gewonnen, indem mau das Mutterschaf schlachtet, bevor das 3amm noch die volle Neife erlangt hat; infolge dessen sind sie auch die teuersten. Sehr bedeuteud ist der Handel mit Salz und dessen Ausfuhr nach den nördlicheren Gouvernements. Im Gouvernement Taurien, zu dem die Arym gehört, bcfindeu sich sehr viele Salzseeen, bei Jenitschesk, bei Aertsch, bei Feodosia, bei Rosloff (^8 Seecn), perekop und Ainburn (60 Seeen). Seitdem der Elton°See (siehe Seite 26?) weniger ausgebeutet wird, ist die Salzproduktiou in der Arym bedeutend gestiegen. Im Jahre ^8?H betrug die Aus« beute bereiis ^HH^^HH ^^h gegenüber ^ti8^?0?^ Pud, welche sämtliche Secen Astrachans lieferten, und sie 3^2 ........ -. wird zweifellos in den nächsten Jahren noch bedeutend steigen, nachdem nun durch kaiserlichen Vefehl von, 23. November ^880 die lästige Salzsteuer, welche bis 3^ Kopeken per Pud betrug, aufgehobeu ist. Der Salz-konslun Rußlands -- welcher, nebenbei bemerkt, sowohl in der Landwirtschaft al5 in der Industrie heule nocl? nicht so entwickelt ist als es für den Volkswohlstand wünschenswert erscheint — wird doch durch die gesamte inländische Salzprodnktion noch lange nicht gedeckt, und den H8?^<)ti5 Pud derselben (im Jahre ^8?^)) stehen noch bis ^2 Millionen Pud «Linfuhr gegenüber, trotzdem das ausländische Salz noch vor kurzem einen Liw gangszoll von fast einer Kopeke per Pfund (38 ^ Kopeken per Pud) zu tragen hatte, der nun auf 20 Kopeken per Pud ermäßigt ist. Andere ^andcserzeugnisse, welche in größeren (Quantitäten in den Handel kommen, sind Tabak, Ghst und wein, letzterer sowohl in gekellertem Zustande als in Trauben, die bis Petersburg versandt werden und ^edeu: Besucher der Residenz gewiß durch die vielen ambulanten Traubenverkäufer bekannt sind. Ls werden in der Krym 250 weiße uud l/)5 rote borten kultiviert und ^5?^ Dessjatineu (3,82 Prozent der russischen weinländereien) sind nut Wein bepflanzt. Die Traubenlese liefert meist ^0 Pud per Dessjatine, nur der Schwarzmeerkreis, wo man die Reben an Bäumen zieht, liefert eine bedeutend geringere Grute, 20 Pud per Dessjatine. Der Nettoertrag schwankt auch hier, wie im Dongebiet und au andereu Grten, sehr bedeutend, zwischen ^3 und 333 Rubel. Die Weingärten bei Jalta sind nächst denen der deutscheu Kolonieen im Kuragebiet die ergiebigsten, sie liefern bis 333 Rubel Nettoertrag. In Magaratsch, in der Nähe Maltas, besteht eine weinbauschule, und da das Domänenministerium derselben ill ueuerer Zeit besondere Aufmerksamkeit znwendct, so stcht zu erwarten, daß der Weinbau iu der Krym in nicht zu feruer Zeit erfreuliche Fortschritte aufzuweisen haben wird. Der Schrecken aller Winzer, die Reblaus, ist im November ^880 auch iu Rußland erschienen und hat sich von den Weingärten bei Jalta, wo sie zuerst auftrat, rasch weiter verbreitet, doch soll es, wie verlautet, gelungen sein, das gefährliche Insekt auf ein Gebiet vou 20 Dessjatinen zu beschränken und seine weitere verbreilung zu verhindern. Die Regierung hat es au Energie nicht fehlen lassen, wenn man aber bedenkt, wie schwer es in Westeuropa wurde, die phylozera auszurotten, so kann man wohl schließen, daß der Kampf auch in Rußland nicht so schnell beendet sein wird. Lin Krebsschaden des russischen Weinbaues ist die Abhängigkeit der Winzer von Zwischenhändlern. Die ersten Aufkäufer, fast ausnahmslos Juden, wissen die Geldverlegeilheiten des kleinen Landwirts vortrefflich zu ihrem vorteil zu benutzen, um den preis zu drücken. Aus den Händen des Aufkäufers geht der wein schon zu bedeutcud teuererem preise an den Zwischenhändler, der ebenfalls gewöhnlich Jude ist, und dann wandert er noch durch 3 bis Flaschen) kostet, in den beiden Residenzen der wedro aber mit 3 bis 5 Rubel bezahlt werden muß, trotzdem die Transportkosten höchstens z. Rubel betragen. Ein solches Gebahren schadet aber der einheimischen Weinkultur noch mehr als die Reblaus, da der in der Mehrzahl seiner Sorten vorzügliche Krymwein durch die schlechten Sorten, die ihn allein auf den: Markt repräsentieren, diskreditiert wird und immer mehr sein altes Renommee verliert. Fürst woronzoff hat mit großem Kapital dem russische,, wein zu der ihm gebührenden Beachtung zu verhelfeu und seinen Absatz zu fördern gefucht, aber gegenüber der geschlossenen Phalanx der Zwischenhändler ohne Lrfolg; vor kurzen« sollen sich zwei reiche Kaufleute assoziiert haben, um gemeinsam für die Verbreitung des russischen weiues zu wirken, aber solche Bestrebungen Linzelner, so lobenswert sie sind und mit Dank anerkannt werden müssen, werden doch keine durchgreifende Änderung der Tage hervorzubringen imstande sein. Große Handelsgesellschaften, welche über genügendes Kapital verfügen, um fchou den Most in großen Massen bei den Produzenten aufzukaufen und ihn, in großen Gähr- uud Lagerkellern eine sorgfältige Behandlung zu teil werden zu lassen, dürften das einzige Mittel sein, den wein pflanzende» Landwirt aus den Händen der Juden Zu retten, ihn» bessere Bezahlung für 5^ seme Arbeit zu verschaffen und dennoch einen ivein auf den Markt zu bringen, der in Güte und Billigkeit die Konkurrenz mit den importierten U)einen bestehen kann. Am 5>üdufer der Krym selbst sind Weintrauben ziemlich teuer. Man erzählt, daß die ersten Touristen, reiche Teute, welche die Krym noch vor Eröffnung der Eisenbahn bereisten, durch die greise, die sie anstandslos für alles zahlten, die Tataren verwöhnt haben. Thatsache ist, daß das ^eben am öüdufcr sehr teuer ist, der Badegast alle Tebenslnitt^l förmlich mit Gold aufwiegen muß. Das f)fuud Trauben kostet 20 Kopeke», ein in Anbei rächt der riesigen Mengen Trauben, welche hier von Kranken sowohl als von Gesunden täglich ver» Ansicht 00» ^alaklawa. zehrt werden, ziemlich hoher f)reis. Die Kranken, welche hier die Traubenkur durchmachen, verzehren durch« schnittlich 8 Ffund täglich, doch es giebt auch welche, die es bis zu 20 Ofund täglich bringen. Die Trauben müssen während eines ^pazierganges genossen werden, weshalb ^eder Kurgast sein (Quantum in einem ^etz mit sich trägt. Der Traubengenuß wird empfohlen als Mitlei gegen Nerven« und Herzkrankheiten, Hämor« rhoiden und teberleiden. Um zu sehen, wie die Kur wirkt, muß mau die Kr^'m im Herbst besuchen: da trifft man in allen Vadeorten frische blühende Gesichter und hört liberal! das lob der Kr^mschen Trauben fingen — man erfährt dann allerdings nicht, wie viele Kranke schon im Frühjahr hier gestorben sind, da sie d^n U)echsel des Klimas nicht vertragen konnten ... 40 wir haben den <5cser bereits mit einen, Badeort, in welchen, die Traubenkur ciue große Rolle spielt — mit Feodosia — bekannt geinacht; ein anderer, zur Traubenkur von Kranken zahlreich besuchter Olatz der Südküste ist Aluschta, aber leider niüssen wir auch hier dasselbe rügen, was wir als Schattenseiten des Badelebens in Feodosia hervorgehoben haben: die zum Auskleiden bestimmten Nadekammern sind so primitiv wie möglich, über spitzes Felsgestsin muß der Rranke vox ihnen aus zu der Slelle wandern, die als Ladeplatz dient, und in dem nach Rnoblauch duftenden Gasthause, das einem Juden gehört, vermißt mau jegliche», (üomfort. Und doch ist Aluschta ein so reizend schöner Olatz, daß i.eder Aufwand für «Lrrichtung eines anständigen Hotels und Verbesserung der Ladeeinrichtungen sich rasch tausendfach durch den gesteigerten Fremden-zustuß bezahlt machen würde! Als Raiser Justinian in, (,. Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Stadt Chcrfoues (das heutige Sewastopol) und andere Plätze an, Schwarzen Nicer aufs neue mit Mauern umgeben und befestigen ließ, legte er auch am Südufer der Rrym eine neue Festung an, welche den Namen Aluston erhielt. Dieses Aluston ist zweifellos das fetzige Aluschta. Noch sieht man auf einer Anhöhe an, Flüßchen Ulu-Nsen Ruinen gewaltiger Festungswerke, unter denen sich drei starke Türme befände»,. Die Stadt, welche um die Citadelle herum entstand, muß in, Mittelalter, nach den uns erhaltenen Nachrichten zu schließen, sehr volkreich gewesen sein, dein, sie war Bischofssitz, und zur Zeit der Genuesenherrschaft stand sie unter der Teilung eines Konsuls, von der alten Herrlichkeit ist aber heute keine Spur mehr vorhanden; die Ruinen der byzantinischen und genuesischen bauten waren für die späteren Bewohner dieser Gegend so verlockend, daß sie sich ihren bedarf an Baumaterial für ihre Häuser aus ihnen holten — so lange es noch etwas zu holen gab. So kommt denn auch am Südufer der Rrvm das alte Gesetz zur Geltung, daß wo viel ^icht ist, auch viel Schatten vorhanden sei», muß, aber dabei ist es doch im großen und ganzen — nicht schlimmer als anderswo, wir wollen damit selbstverständlich keinen vergleich zwischen Deutschland und der Rrym ziehen, sondern nur darauf hinweise»,, daß in vielen, sehr vielen, von der Natur noch freigebiger als die Rryn, ausgestatteten Gegenden Westeuropas Verhältnisse herrschen, die, wenn man gerecht sein will, mit derselben Elle gemessen werden müssen wie j^'ne in der Rrym, die aber doch ganz anders beurteilt werden — Rußland genießt nun einmal das traurige Vorrecht, daß ihn, alle seine Schulden mit doppelter Kreide angeschrieben werden. In „Russisch-Italien" muß mau aber .den dem hellen Ncht entsprechenden tiefen Schatten ebenso mit in den Rauf nehmen wie auf der illyrischen, iberischen oder apeninischen Halbinsel. Und daß es hier an geradezu blendenden» Licht nicht fehlt, davon mag sich der Teser überzeugen, ind.'m er uns nuu, bevor wir ihn über das Gebirge nach den einförmigere,, Gegenden der Rrym und dann weiter hinaus in die Steppe führen, nochmals die ganze Strecke von Jalta nach Westen zurück begleitet, nochmals all die hier in verschwenderischer Fülle vorhandenen Naturschönheiten an seinem geistigen Auge vorüberziehe,, läßt und schließlich mit uns Schloß Alupka besucht, eine der herrlichsten perlen in dein f?rachtgewande der Rrvm (siehe Seite 7i(>0), Als Graf Michael woronzoff, nach der Rückkehr aus den, französischen Rriege zum Geueralgouverneur Neurußlauds ernannt, die Rrym bereiste, war er entzückt von den landschaftlichen Reizen der Südküste und beschloß dort ein Schloß zu erbauen. In, Jahre ^82,^ wurde der Bau, nachdem der Graf von den hier lebenden Tataren den nöligcn Grund und Boden erworben, nach den Plänen des englischen Architekten Vlore durch aus England verschriebene Baumeister und Arbeiter begonnen und in verhältnismäßig kurzer Zeit vollendet. Die langgestreckte Front den« Meere zugekehrt, zu dem eine breite Freitreppe herabführt, erhebt sich das ganz aus Rrymschem Granit erbaute, mit seinen Türmen und Ruppelu und dem hohen Aortal an indische Vorbilder erinnernde Schloß auf sanft abfallendem Hügelrücken inmitten eines fast unübersehbaren Haines von Cypressen, Lorbeer«, Granat« und Glbäumen, Magnolien und Myrten, zwischen deneu als Sendboten des fernen Nordens auch Gruppen schlanker Tannen und andere nordische Bäume vertreten sind. von den, stachen Dach , des Schlosses, welches auf der den, Meere zugekehrten Seite mit einer zierlichen Balustrade versehen ist, genießt man eine entzückende Aussicht. Hinter uns steigen über einen, Meer von Grün aller Schattierungen die schroffen, kahlen Höhen des Iaila auf, zu unserer Rechten die gewaltigen Felsmasseu des Ai-Petri bis zum Meeresufer vorschiebend, vor uns aber breitet sich das klar durchsichtige Meer aus, über welches die weißen Segel der Schifferboote Möven gleich dahinschwebeu — eine im Soimeuglanz flimmernde und glitzernde Spiegelstäche, die am fernen Horizont »nit denr Vlau des Hiin,nels in eins verschwimmt. Mit verschwenderischer, üppiger Fracht ist das Innere des Schlosses ausgestattet, wo gegen 200 Zimmer zur Aufnahme von Gästen bereit stehen und aller Comfort des Westens sich mit dem üppigen Raffmoment des Grients vereint. Die Erhaltung des Schlosses und des dasselbe umgebenden Markes soll einen jährlichen Aufwand von nahezu 1^00000 Rubeln verursachen — um so mehr muß man staunen, daß der Lrbe all dieser Herrlichkeiten Alupka nur selten besucht und dasselbe schon Jahre lang wie Dornröschens Zauberschloß still und verlasse»! inmitten der herrliche,i Pflanzungen lag. Seinen Namen Alupka soll das schloß nach einer alten T^urg Alupka-Isaur erhalten haben, welche einst die Gegend beherrschte und deren Ruinen man heute noch eine halbe Stunde vom Schloß entfernt auf einem steilen Felsen bemerkt. Mächtige Fichten sind aus den Trümmern emporgewachsen, nnd den Gipfel des Felsens, von dein einst der Halbmond herabblinkte, ziert jetzt des Kreuzes Zeichen. Solche Vurgen gab es zur Zeit der Herrschaft der Genuesen eine Menge an der Südküste, und auch die Tataren unterhielten dort befestigte Plätze; jetzt ist die Südküste in militärischer Beziehung von keiner Vedcutung mehr, die großen Waffenplätze, welche die neuere Zeit hier geschaffen, liegen jenseits der Berge am westliche»! Ufer, auf jenem Voden, der in den fünfziger Jahren der Schauplatz des erbitterten Ringens des russischen Volkes mit den Heeren Frankreichs und Englands und ihrer verbündete»! war. Das Flüßchen Alma, das im Iaila, nicht weit von Aluschta entspringt, begrenzt gegen Norden das Gefilde der Schlachten des Rrymkrieges; im Westen und Süden schließt es das Meer, im Osten der Iaila ein. Dort liegt verborgen in tiefer Bucht Balaklawa, und um Kap Chersones herum gelangen wir nach Sewastopol und zu den blutgetränkten Höhen von Inkjerman. Die anmutigen Uferlandschaften, durch die wir bisher gewaudert, find verschwunden; hohe kahle Felsen, schroff und steil zum Wasser abfallend, sind an ihre Stelle getreten. Gigantischen Wächtern gleich stehen die Felsen am Lingang der Bucht von Balaklawa, und als wollten sie den: Meer den weg versperren, dringen sie wiederholt von beiden Ufern aus weit in die Flut hinein vor, so daß diese nur in mehreren Windungen sich eine enge Bahn durch die Felsenbarre brechen kann, bis endlich in der eigentlichen Bucht, die wie ein 3andsee so still und ruhig daliegt, ihr ferneres vordringen eine unüberwindliche Schranke findet, wenn auch draußen auf dem Meer die heftigste,! Stürme toben, ist doch in der Bucht der Wasserspiegel glatt und eben; man ahnt hier nicht, daß man Meeresflut vor sich hat, und man sieht das Meer anch nicht, die Felseil entziehen es völlig unserem Blick. Rings um den Wasserspiegel steigen unmittelbar aus demselben die starre»! wände empor, und nur an einer Stelle treten sie ein wenig zurück — an der Stelle, welche jetzt das Städtchen Balaklawa einnimmt. während des Rrymkrieges war die sonst so stille Bucht sehr belebt. Die ganze englische Flotte lag hier, die Engländer hatten große Hafenbauten ausgeführt, Magazine errichtet, Verschanzunge»! aufgeworfen — von alledem sind jetzt nur Ruinen vorhanden und Balaklawa selbst ist ei»! sehr stilles Städtchen. Die auf dem Schwarze»! Meer verkehrende»! Dampfer halte»! hier nicht, und seitdem die Ooststraße, welche früher von Sewastopol aus in das Vaidarthal führte, aufgelassen worden, ist Balaklawa inmitten seiner herrlichen Alpennatur völlig vereinsamt und verschollen. In ^Z^ steinernen und .",^ hölzernen Häusern wohnen etwa 800 Menschen, von denen die Mehrzahl sich mit den: Fischfang beschäftigt, der hier ungemein ergiebig ist. Die günstigste Zeit für den Fischfang ist der Winter; dann werden Meeräschen, Seebarbe»! und Anchovis in großen Massen gefangen. Im Jahre ^5l) käme»! eines Cages Anchovis, von Delphinen verfolgt, in solchen Massen in die Bucht, daß sie dieselbe fast ganz ausfüllten. Millionen Fische fanden in dein Gedränge den Tod, und da unter den warnten Strahlen der Sonne des Südens die Verwesung rasch eintrat, wurde die Tust in der Umgebung der Bucht so verpestet, daß kein Mensch sich dort aufhalten konnte. Ganze Wagenladungen faulender Fische wurden als Dünger auf die Felder gefahren oder verscharrt, aber der üble Geruch war noch ein ganzes Jahr lang aus der Bucht nicht zu vertreiben. «Line ähnliche Invasion von Anchovis, wenn auch nicht in solchen Massen, sah die Bucht im Jahre 1^7. Die Fischer in Balaklawa sind samtlich Griechen. In dem Türkenkrieg der Jahre ^768 bis z?7H hatten sowohl im Heere als in dor Marine viele Griechen unter dein Oberbefehl des Grafen Vrloff-Tsche» menski auf Seite der Russen gekämpft. Nach beendigten: Rriege lud die russische Regierung sie ein, mit Bei» 31.6 behaltung ihrer uulitärisckicu Grade in russische Dienste zu trete,,, und die Mehrzahl nahm dieses Anerbieten an. Die Griechen wurden nach Balaklawa und den umliegenden Dörfern Kadikö, Auta, Kamara, Aleu u. s. w. geschickt und aus ihnen eine griechische Legion gebildet, welche ebenso organisiert wurde wie die irregulären russischen Truppen. Für das ihnen überlassene s!and mußten sie HO ^)ahre lang Waffendienst verrichten, durften aber m ihrer freien Zeit sich mit Handel oder Fischfang beschäftigen. Die militärische Organisation der Kolonie hinderte diese jedoch, erfolgreich mit den anderen Häfen Zu konkurrieren, und der Handel blieb immer unbedeutend. Am ^5. November ^85Z wurde die Legion aufgelöst und ihren Angehörigen gestattet, eine beliebige Beschäftigung zu wählen; die wohlhabenderen übersiedelten nach größeren Städten und zurück blieben nur jene, die sich' mit dem Fischfang beschäftigten, dem einzigen hier möglichen Erwerbszwcig, da der steinige Boden Ackerbau nicht gestaltet, seitdem ist Valaklawa eine der sogenannten bezirkslosen Städte (saschlütuy gorod); neue Ansiedler, denen früher die Niederlassung gar nicht gestattet war, kommen nicht her, und so bleibt denn Balaklawa trotz seiner 3 großen Airchen mit 2 Ilhrtürmeu und trotz seiner Steingebäude nur ein großes Fischerdorf. Die ältesten Nachrichten über die Blicht von Balaklawa reichen bis in die graue Vorzeit zurück. Diele wollen in ihr den von Homer iu der Gdvssee geschilderten Hafen der tästrygonen (d. i. Piraten) erkennen, und thatsächlich hat seine Beschreibung desselben große Ähnlichkeit mit der Bucht von Balaklawa. Nber die Entstehung des Namens Balaklawa sind die Meinungen verschieden; die wahrscheinlichste ist jene, welche schon IN. Bronjewski, der zweimal als Gesandter Vathorvs den Hof des Tatarenkhans besuchte, in seiner 'i^lUlri^ Di^lipliu (Köln ^596) vorbringt: daß der Name des Grtes von dem türkischen Worte balik (Fisch) stamme, für welche Deutung sowohl der Fischreichtum der Bucht als auch die gleiche Benennung anderer Grte spricht, an deneu Türkeu oder Tataren dem Fischfang oblagen. von Balaklawa aus führeu mehrere Wege auf das 200 bis 7,00 Fuß über dem Meere gelegene, ^"/, > ^Meilen große f>lateau au der Südseite Sewastopols, wo die verbündeten nach der Schlacht au der Alma ihr Tager aufschlugen. Da sieht man den ganzen Meerbusen vor sich, der sich über eine Meile weit ins ^aud erstreckt, und die Bucht Karabelnaja, wo das Wasser so tief ist, daß die größten Kriegsschiffe ganz nahe an die 'Küste heransegeln können. Die Stille des Todes lagert über dieser Landschaft . . . das weite Meer, kahles Gestein, hie und da blinkende Grabsteine und Denkmäler der Vpfer des Krymkrieges, und tief unten die Festungswerke mit der stillen Stadt, das ist das Bild, das man hier vor sich erblickt, ^n der Bucht, iu welcher Sewastopol liegt, entstand schon 500 ^ahre vor Christus eine griechische Kolonie, die Stadt Chersones, und der hier befindliche Dianentempel erfreute sich großen Ansehens. Die Ruinen dieser Stadt sieht man noch in der Nähe Sewastopols (siehe Seite 32^). Für die Russen, welche es Korsun nannten, hat Chersones dadurch große Bedeutung erlangt, daß hier der Großfürst wladi/imir sich taufen ließ. Die Tataren, welche später in der Krym herrschten, gründeten in der Bucht von Sewastopol ebenfalls eine Niederlassung, Achtiara, welches aber keine Bedeutung erlangte uud ein ärmliches Dorf blieb. Als die Russcu im ^)ahre ^787> der Tatarenherrschaft ein Ende machten, erkannten sie alsbald die hohe Wichtigkeit der Bucht und gründeten hier eine Stadt, der sie den griechischen Namen Sewastopol (erhabene Stadt) gaben. Die Tatarenhäuser verschwanden und große Kaserucu, Magazine und Schiffswerften entstanden an ihrer Stelle. Schon unter Katharina II. hatte Rußland im Schwarzen Meer drei Linienschiffe, ^2 Fregatten und 25> kleinere Schiffe; im ^ahre ^80H wurde Sewastopol zum Ankerplatz der Schwarzen Meer-Flotte bestimmt, und seitdem gewann es rasch immer mehr an Bedeutung als Kriegshafen, während zugleich auch die Flotte unter der teitung der Admirals tasarew sowohl durch Zahl und Ausrüstung der Schiffe als auch durch die Tüchtigkeit ihrer Offiziere und Mannschaften sich rasch eine Achtung gebietende Stellung errang. Als Rußlands bedeutendster Kriegshafcn im Schwarzen Meer erhielt die Festung riesige Vorräte an Kriegsmaterial aller Art sowohl für die Flotie als für das slandheer, und ihre Befestigungen wurden bedeuteud verstärkt. Die Stadt selbst gedieh unter dcm Schutz der Kanonen vortrefflich; man zählte iu Sewastopol gegen 2, meist steinerne Häuser mit einer Bevölkerung von H0 600 Seelcu, als sich plötzlich jenes unheilschwangere Gewitter am politischen Himmcl zusammenzog, welches die schöne Stadt in einen Trümmerhaufen verwandeln und auch der iu ihrem Hafen liegenden statllicheu Flotte den Untergang bereiten sollte. öimfcropol no!) di» ^uas^' iidrr t»c,i ^^il^i 3)a^. I^ — Die fast elf Monate dauernde Belagerung Sewastopols, bei der sich die russische Armee und Marine, obwohl unterliegend, doch mit unsterblichem Ruhm bedeckten, ist ein würdiges Seitenstück zu der heroischen Zerstörung Moskaus in« ^)ahre ^8^2, und sie ist für den russischen Volkscharakter so kennzeichnend, daß wir nicht umhin können, einen Augenblick bei ihrer Beschreibung zu verweilen. Die Veranlassung Zum Krymkrieg ist bekannt. Zwischen griechisch« und römisch-katholischen Mönchen in Jerusalem herrschte seit langer Zeit Streit über die Ausübung gewisser Rechte an den heiligen Stätten. Die römischen Mönche sahen auch mit wachsendein Neid, daß die Einnahmen, welche dcn griechischen Mönchen der Mgerbesuch einbrachte, bedeutend größer waren als die ihren, Sie fanden für ihre Beschwerden bei dein Präsidenten der französischen Republik williges Gehör, da für diesen die Freundschaft der römischen Geistlichkeit großen Wert hatte, und auf Napoleons Veranlassung ernannte der Sultan eine gemischte Commission, welche den Streit entscheiden sollte. Rußland aber, welches stets alles, was am Vosporus vorging, mit aufmerksamen Blicken verfolgte, verlangte energisch die unveränderte Aufrechterhaltung des l,taw5 fand für die Wahrung seiner und der griechischen Christen Rechle in Besitz nehmen, dabei auf dem ß 7 des Friedensvcrtrages von Kainardschi fußend, der ihm selbstverständlich das Recht einräume, darüber zu wachen, ob der christlichen Religion auch wirklich der ihr vertragsmäßig zugesicherte Schutz gewährt werde. Die Pforte zögerte, durch die Diplomatie eingeschüchtert, lange mit der Kriegserkläruug, bis eudlich der steigende Unwille der mohamedanischen Bevölkerung den Sultan zwang, eine Entscheidung herbeizuführen. Am H. Gktober wurde Rußland der Krieg erklärt, und Anfang November begannen die Feindseligkeiten mit dem mißglückten Angriff der Russen auf Glteuitza, der in ganz Luropa unermeßlichen ^)ubel hervorrief. Doch der ^ubel verstummte nur zu bald vor der Nachricht von der völligen Vernichtung der türkischen Flotte. Durch einen dichten Nebel begünstigt, übersiel der russische Admiral Nachimoff die aus ? Fregatten, 5 Korvetten, 7> Dampfschiffen und 3 Transportschiffon mit H50 Kauonen und 0000 Mann Besatzung bestehende türkische Flotte in» Hafen von Sinope und vernichtete sie in drei Stundcu vollständig, weniger glücklich waren die Russen an der Donau. Die Festung Silistria widerstand einer neun-unddreißigtägigen Belagerung, während welcher der kommandierende russische General Schildcrs fiel und Fürst paskewitsch, der Oberfeldherr, der nach ihm die Leitung der Belagerung übernahm, verwundet wurde. Als Rußland die Forderung der westmächte, die Douaufürstentün»er zu räumen, entschieden ablehnte, erklärten ihm Lngland und Frankreich den Krieg und 50000 Lugländer und Franzosen landeten bei varna, um die Russen 520 ------ aus den, ^ande zu vertreiben. Ehe sic ankamen, war jedoch der Krieg au der Donau schon entschieden; er war entschieden nickst durch die Gewalt der Ivaffen, sondern durch die drohende Wallung (Österreichs, welchem am ^. ^)uni mit der Türkei einen vertrag zum Schutze der Fürstentümer schloß und an Rußland eine Note richtete mit der Aufforderung, das Land unverzüglich Zu räumen. Raiser Nikolaus, der auf den Dank des Hauses Habsburg für die im I^ahre ^8^9 in Ungarn geleistete Hilfe gerechnet hatte, sah sich bitter enttäuscht, und um zu verhindern, das; seine Truppen durch Einmarsch der (Österreicher von» Norden her von Rußland abgeschnitten würden, mußte er der Donauarmee den Vefehl zum Rückzug geben. Die verbündeten waren nicht einig darüber, wo sie Rußland angreifen sollten; endlich entschied man sich für einen Angriff auf Sewastopol, wo die russische Flotte lag und unermeßliche Kriegsvorräte angehäuft worden waren, doch kam der September heran, bevor die vereinigten Flotten nach der Krym absegelten, wenig Feldzüge sind so leichtsinnig unternommen worden wie dieser: man glaubte das feste Sewastopol durch einen Handstreich nehmen zu können, und der Kommandant, der französischen Expedition, Marschall Samt-Arnaud, sprach in einer Proklamation an die Armee von der Einnahme Sewastopols wie von einer bereits vollzogenen Thatsache. Die Enttäuschung blieb nicht lange aus. Fürst Mentschikoff, der russische Vberbefehl^ Haber, störte die tandung der verbündeten nicht; er erwartete ihren Angriff in einer stark befestigten Stellung an der Alma, die er so lange halten zn können glaubte, bis Verstärkungen ankamen, denn zur Zeit der Landung hatte er nur ^0 000 Mann zur Verfügung. von französischen Zuaven, die wie Ziegen die steilen Felsen hinankletterten, unerwartet in Flanke und Rücken bedroht, mußte aber Fürst Mentschikoff nach hartnäckigem Mider-stand seine Stellung räumen und sich hinter den Katschka-Fluß nach 25achtschi-Sarai zurückziehen, ohne daß die verbündeten, denen Kavallerie fehlte, imstande waren, ihn zu verfolgen. Die Nachricht von diesem von den verbündeten teuer erkauften „Siege" kam in überaus übertriebener Form nach Konstantinopel und von dort nach Paris. Es hieß, Fort Konstantin in Sewastopol sei genommen, 6 Kriegsschiffe vernichtet, ^8 0l)() Russen gefallen und 20,'r ^o'f^ll^'n',1 ^nsscn i» 5clvasti'>pol. ^^ Vorstoß 31Ieutschikoffs, dcr bei Rächt, durch Regen und Rebel begünstigt, die Engländer bei Illk^crinali überfiel. Nur dein Umstaud, daß der russische General Soimonoff einen ihm erteilten Vefehl mißverstand, verdankten die Engländer ihre Rettuiig: dcr General, der voin linken Rand der S^chlucht Kile»i-T?alka aus in den Kampf eingreifen sollte, rückte auf der rechten Seite der Schlucht vor — ein Irrtum,, der sicher vermieden worden wäre, wcnn man statt „links" nnd „rechts" die Bezeichnung „östlich" nnd „westlich" gewählt hätte, der aber hier dcn Bussen verhängnisvoll wurde. Die überraschten Engländer konnten von ihrer Flanke die Truppeu, welche General Soimonoff dein j?lan des Gberfeldherrn nach hatte festhalten sollen, Mr Verstärkung heranziehen und sich so lange halten, bis die Franzosen ihnen zu Hilfe kamen. Der mörderische Vaionetlkampf, der acht Stunden lang in dem engen Felseuthal gewütet hatte, endete mit dem Rückzug der Russen, der in bewunderns-wcrter Ordnung ausgeführt wurde. Der Verichterstatter der londoner „Times", Herr A. Russell, schildert dcn Kampf in sehr anschaulicher Weise: „Etwas Mörderischeres als die Schlacht bei Ink^erman kann es nicht gegeben haben, seit der Krieg die Erde mit seinem Fluch heimgesucht hat. wir glaubten stets, daß einem britischen Bajonettangriff nichts widerstehen könne. Diesmal hatten wir felbst ganzen NIassen russischer Infanterie Stand zu halten, die sich nur mit dem Va^onctt auf uns stürzten und immer und immer wieder mit gesteigerter Erbitterung auf uns eindrangen. Die Schlacht bei Inkjerman ist schwer zn beschreiben. Es war eine Reihe dcr schrecklichsten, kühnste», Thaten, ein blutiges Handgemenge, Zurückweichen, Znsammenstoßen, Ansturm und Kampf in Schluchten und Thälern, im Gebüsch, in Hohlwegen und. abgelegenen Gruben . . . Don kemcm Standpunkt aus konnte man anch nur einen kleinen Teil der Begebenheiten dieses ereignisreichen Tages genau beobachte»,, da der Rebel und der sprühende Regen das Schlachtfeld so verhüllten, daß man kaum auf weuige Ellen die Gegenstände vor sich uuterscheiden konnte ... So nahe waren sich die Gegner, daß nach einmaligem Abfeuern des Gewehres keine Zeit zum wiederladen war; man stürzte mit dcm Va^onett auf einander los oder schlug den Feind mit dein Kolben nieder. So oft die Russen zurückgeworfen winden, ließen sie Hügel von Toten zurück, aber immer wieder gingell sie über die Leichen ihrer Kameraden zu neuem Angriff vor ..." Die Spuren dcs heißen Kampfes sind in Inl^erman heute noch nicht völlig verwischt, wenn man mit der Eisenbahn nach langcr Fahrt durch kahles Gcbirge, vorbei an tiefen Schluchten und Abgründe», und durch einen Tunnel endlich Inkjerman erreicht, gewährt diese Gegend keinen unfreundlichcn Anblick, aber im Kloster droben zeigt man noch die Verwüstungen, welche die i>« dasselbe gefallenen Geschosse aligerichtet haben. Die Trümmer, welche man auf der Höhe des Felsens gcwahrt, stammen jedoch aus viel älterer Zeit: sie sind die Überreste einer Festung, von der noch gilt erhaltene Ruinen, Türme, brücken und Wälle vorhanden warcn, als die Russe»: sich der Krym bemächtigten. Dcr Raine Ink^crman ist türkischen Ursprungs und bedeutet eine Höhlenfestung. Die großen Höhlen, welche man da erblickt, dienten der 25esahung der Festung als Kasernen; später wurden einzelne in Kirchen verwandelt. Die Bewohner der Südufer der Krym wurden sehr bald zum Christentum bekehrt. Schon um das Jahr 9^ uach Christus fand der Bischof Klemens, ein Schüler des Apostels Petrus, in Inkjerman gegen 2lX)0 Christen, und im ^aufe der nächsten zehn Jahre bekehrte er noch sehr viele zum Christentum und gründete in der Kryni ?li Kirchen. Unter den älteren Kirchen der Krym findet man noch sehr viele, als dcren Gründer der hcilige Klcmens genannt wird; auch eine Höhleilkapelle in Inkjerman soll von ihm gegründet worden sein, und die ganze Anlage und innere Einrichtung derselben deutet auch auf ein hohes Alter hin. Die Eisenbahnschienen laufen unmittelbar unter einem Kirchlein vorbei, das vor der gähnenden Gffnung einer großen Höhle erbaut ist. Auf der den« Schiencngeleise zugekehrten Seite ziert das Kirchlcin ein kleiner ^alko»<^ von dem aus »nan eine herrliche Aussicht auf den Hafen und die umliegenden Höhen genießt. Doch kehren wir nach dieser kurzeil Abschweifung wieder zum Krymkrieg zurück! Die mörderische Schlacht bei Intjerman änderte die tage vor Sewastopol nicht im geringsten; weder die Belagerer noch die belagerte,, konnten sich eines errungenen Vorteils rühmen, aber dcn Russell kam nun ein Bundesgenosse zu Hilfe, der bisher noch allen auf russisches Gebiet gedrungenen feindlichen Heeren verderblich geworden war: dcr Wiiitcr. Die verbündeten waren auf einen Winterfeldzug nicht vorbereitet uud litten so sehr durch Krankheiten allcr Art, daß eine Zeit lang die Zahl der wirNich Kampffähigen vor Sewastopol nur etwa 6000 betrug, 52^ bis mit neuen» Truppennachschllb cms der i^einlat anch die l?erpsiegung cine bessere lvlirde. ^edocl? auch die tage der 2^ussen war keiue beneidenswerte: sie hatten ix der Krvm ein Heer von ^20 000 Ulann zu erhalte»,, und alle Bedürfnisse desselben nmßten, da die Flotten dcr verbündeten das Meer beherrschten, auf dem tand-wegc herbeigeschafft werden, Tausende vc>^ Fuhrwerken führten oon f)<-rekop her der Armee Proviant und Kriegsmaterial zu, aber auf den grundloscn, von Regengüssen duräuveiästen liegen blieben oft große j)roviant> znge sleeken und ganze Truppenabteilungen gingen in ^chneestnrnien zn Grunde, während im englischen kagcr an Fleisch, Kaffee und Thee kein Mangel war, und Oelze und winterzelte au5 England in genügender Zahl gesandt wurden, leble der russische Soldat nur r»on schwarzem Vrot — nur zweimal in der Woche wurde ein halbes f)fund Fleisch geliefert und j?elze und Zelte waren fast gar nicht vorhanden, der Soldat Ruinen dos Wunsche,, ChclscmcZ. war, wenn er nicht einquartiert wurde, gezwungen, unter freiem Himmel beim Lagerfeuer zu übernachten. )n 5>ewasl«''pol war der Dienst ein aufreibender; biZ «Lnde November hatte der Feind schon liOM)W Kanonen^ lugeln in die Festung geworfen, und die ganze Nacht hindurch mußte die Vesatzuug thätig sein, den durch das Vombardemcnt während des Tages angerichteten schaden wieder auszubessern. Indessen bemühte sich die Diplomatie, einen Ausgleich auf friedlichcm Wege herbeizuführen, doch die Bedingungen, die man Rußland stellte, waren derart, daß sie einem niedergeworfenen, zu ferneren« widerstand völlig unfähigen Feinde wohl annehmbar erscheinen mochten, aber nicht dem mit noch ungeschwä'chter Araft im Felde stehenden Rußland. Auch der am 2. März erfolgte Tod des Raisers Nikolaus änderte die tage nicht, denn sein Nachfolger Alexander II. war fest entschlossen, den Rampf fortzusetzen. An stelle des Fürsten Mentschikoff, der aus Gesundheitsrücksichten da» Kommando niederlegte, wurde Fürst Gorlschakoff zum Gber- Iü.unc Ansicht 5cs I)cnkn^.i,s der acfallencn ^usson in ^cw.iftopol. -.............- 52? befehlshaber i>, dor Krym ernannt, nnd dieser unternahm gleich nach seiner Ankunft in der Nacht des ^2. März init ^5 000 Maiin einen Ausfall gegen die Approcheu der Franzofen vor den» Malachoffturm — dein Schlnfselpunkt der Festung — bemächtigte sich derselben in« ersten Ansturm, wurde aber nach einem erbitterten Kampf im Dunkeln, wobei mit ^ajoneit, Kolbeil Mld Messern gefochten wurde, nach Sewastopol zurückgetrieben. Reuige Tage später eröffneten die Verbündeten aus 500 Geschützen ein zehntägiges ^om-bardenieut und schleuderten gegen 2bOOOO Geschosse in die Festung — doch ohne deu geringsten Erfolg. Für die geringen Erfolge vor Sewastopol suchten sich die Verbündeten an anderen stellen der Rüste schadlos zu halten. Die Flotte fuhr gegen Kertsch und ^)enikale, welche G^w beseht wurden, nachdem die Bussen die vorhandenen Geschütze vernagelt und sich zurückgezogen hatten. Die wohlhabenderen Einwohner wcnen den abziehenden Truppen gefolgt; nur das ärmere Volk uud Tataren und ^uden waren zurückgeblieben. Der Kommandant der Flotte versprach zwar den friedlichen Einwohnern Schonung ihres Eigentums, aber er hielt nicht tVort: sowohl Kertsch als ^enikale wurden geplündert, die Türken hausten in beiden Grlen wie echte Barbaren, Frauen wurden geschändet, russische Rinder in Stücke zerschnitten. Das für die Geschichte der Krym so hochwichtige Museum in Kerlsch wurde mit allen seinen Altertümern eine Veute der Plünderer, die unbefestigte Stadt Taganrog ohne alle zwingende Veranlassung niedergebrannt, über hundert Handelsschiffe in den Grund gebohrt. Die Engländer saunten keinen Unterschied zwischen Staats» und Privateigentum; ihr gauzes Streben war daranf gerichtet, Rußland so viel Schaden als möglich zuzufügen. Unter solchen Expeditionen verging das Frühjahr und ein Teil des Sommers. General pelissier, der an Stelle Tanroberts, des Nachfolgers des im Gefecht bei Aalaklawa tödlich verwuudeten Saint-Aruaud, das Kommando der französischen Armee erhalten hatte, gebot nun über ein Velagerungsheer von 1^0 000 Fran^ zosen; dazu kamen noch 50000 Engländer, ^5 000 Sardinier und 60000 Türken. Am 7. )uni errang endlich diese große Truppenmacht den ersten Erfolg gegen die Velagerten; die Vorwerke des Malachoffturmes, die sogenannten weißen IVerke und der grüne I^ügel, wurden mit einem Verlust von 5000 Mann erstürmt und 70 Geschütze uedst 500 Gefangenen sielen in die i^ände der Sieger, doch ein voreilig am l^. ^uui gegen den Malachoff unternommener Sturm mißlang trotz der glänzenden Vravour der Truppen und Gffiziere infolge fehlerhafter Anordnuugen und kostete den Verbündete,, nach eigenen Angaben 5000 Mann. General pelissier sah nun eiü, daß der Malachoff ohne regelrechte Belagerung nicht zu nehmen sei, die Laufgräben wurden daher wciter geführt, ueue parallelen eröffnet, uud »ml^r beständigen Ausfällen der Bussen rlickteu die Belagerer eudllch bis auf 25 Meter Emferuuug gegen den Malachoft heran. Die Stunde der Entscheidung kam immer näher. Fiel der Malachoff, so war die Festung nicht länger zu halten. Fürst Gortfchakoff dachte daher bei' zeiien daran, sich den Rückzug zu sichern, und l>eß ül^er die 5000 Meter breite )5ucht nach dein Fort Michael an der Nordseile eine Schiffbi üci'e schlagen. Mehr um die IDaffenehre zu retten, als im Vertraueu auf einen Erfolg unternahm er dann am ^.August mit den HO 000 Mann seiner Feldarmee von deren stark befestigter Stellung zwischen ^nkjerman und dein Vaidarthal einen Angriff auf die Verschanzuugen der Sardinier und Türken an der Tscherna^a. Der uuerwartete Vorstoß wäre wahrscheinlich gelungen, da das Kriegsglücl' den ^usseu anfangs hold war, doch General ^tead, welcher ihren rechten Flügel befehligte uud zu früh, ohne Befehl dazu erhallen zu haben, den Feind angriff, vereitelte den sorgfältig vorbereiteten Plan. Nead wurde uach der Tscherna^a-brücke zurückgedrängt, geriet dort in ein verheerendes Kreuzfeuer und fand selbst den Tod. Der Rückzug wurde trotzdem unter Teilung des sofort herbeigeeilten Gorlschakoff in guter Grduung bewerkstelligt und die Bussen erwarteten vier Stnnden lang auf deu Mackenzie ^c> gen den Angriff der Vcr bündeien, der jedoch nicht erfolgte. Seit diescm mißglückten Angriff konnte das Schicksal Sewastopols für entschieden gelten. Endlich waren die Belagerer den Festungswerken so nahe, daß nun der Sturm beginnen konnte. Ein furchtbares Bombardement, das seines gleichen in der IVeltgeschichte nicht hat, leitete ihn ein. Etwa 1,500 Geschütze waivn von beiden Seiten in Thätigkeit, die Stadt Sewastopol war bald uur ein einziges Flammenmeer, ein Pulvermagazin flog in die Qift, im ^afen verbrannten zwei Fregatten, die erschülterlen IVälle vermochten dem Bombenhagel nicht mehr zu widerstehe», sie stürzten ein und begruben Geschütze uud Kanoniere unter ihren Trümmern. „Am ^7. August," so berichtete Fürst Gortschakoff an den Kaiser, „eröffnete der Feind auf der --------328 Karabelnaja ein verstärktes Geschützfeuer, welches zwanzigmal 2^ stunden währte. wir verlorell während dieser Zeit am ersten Tage ^500 Mann, in den folgenden Tag.'n l^)00, und vo»u 22. August bis zum 5i. September täglich 500 bis 000 Mann." Um ^2 Uhr Mittags am 8. September begann der Sturm, und unter dem Krachen auffliegender Minen wurde der Malachoff von den Franzosen erstiegen, dagegen mißlang der Sturm auf das große Redan und die Centralbastion. Die Engländer, die das erstere bereits genommen hatten, wurden wieder hinausgeworfen, und als sie zum zweiten Mal zum Sturm geführt wurden, blieben sie an der Arustwchr stehen und wagten nicht, weiter vorzudringen, weil sie die vorhandenen Minen fürchteten. Der fluchtartige Rückzug der Angriffskolonnen war eine grelle Illustration des kläglichen Zustandes der englischen Armee in der Krym. Mit der Einnahme des Malachoff war die Südseite der Festung unhaltbar geworden, und der Rückzug dcr Russen nach den starken werken auf der Nordseite begann — in musterhafter wrdnung, und ohne daß die verbündeten aus Furcht vor Minen die Abziehenden verfolgten. Fürst Gortschakoff ließ zwar vor seinem Abzug alle noch von den Flammen unversehrten Stadtteile in Brand sehcn und ließ auch viele Magazine und Festungswerke in die tust sprengen, aber der Erfolg dcr verbündeten war doch ein sehr großer. Die Krym war allerdings anch jetzt noch nicht erobert, auf der ^ordseite Sewastopols, in pcrekop und bei Simferopol standen die Russen in festen Stellungen und mit trotz der schweren Unfälle ungebrochenen: Mut, jedoch sie hatten 4<»00 Kanonen, ihre Flotte, ihre Docks, ungeheure Vorräte aller Art verloren, so daß ihr Verlust wohl nicht zu hoch auf 80 Millionen Francs geschätzt wurde. Während des letzten Sturmes hatten bei Verteidigung der Festung ^5 000 Mann und 28^ Offiziere den Tod gefunden. Der Kampf sollte vor Sewastopol nicht wieder aufgenommen werden. Die Festung, gegen welche 700 Geschütze während der Dauer der Belagerung 1^600000 Geschosse geschleudert, hatte ihre Schuldigkeit gethau und ihr Rest sollte vor der Vernichtung bewahrt bleiben. Der glückliche Fortgang des Krieges in Asien und namentlich der Fall von Kars ermöglichten Kaiser Aleiandcr, was seinen: Vater nicht möglich gewesen: in Friedensverhandlungen einzutreten, ohne dadnrch dem Ansehen Rußlands etwas zu vergeben. In der Kr^'m hatte Rußland zwar schwere Verluste erlitten, aber die Siege auf der einen Seite glichen die Verluste auf der andern aus. Die verbüudeteu dagegen, welche reichlich Gelegenheit gehabt, die zähe Widerstandsfähigkeit des Riesenreiches zu erproben, waren froh, aus ihrer keineswegs brillanten Tage sich mit Ehren zurückziehen zu können. Am ^. Februar ^856 wurden in Wien die Friedensverhandlungcn begonnen, denen an« 28. April der vom 50. März datierte Friede von Oaris folgte. wenn man die Verluste überblickt, welche die kriegführenden Staaten erlitten, so findet man, daß der wert des Errungenen in keinem Verhältnis zu denselben ste-ht. Frankreich kostete der Krieg 70000 Mann und ^7(10 Millionen Francs; England 22 000 Mann und 76 Millionen j)fuud. Rußland hatte auf den Schlachtfeldern etwa ^00000 Mann verloren, ziemlich ebensoviel waren durch Krankheiten und auf andere Art zu Grunde gegangen; die Höhe der Kriegskosten ist nicht bekannt geworden. Und was war durch diese l,l)pfer an Geld und Menschenleben erreicht? Veide Teile gaben die von ihnen besetzten ^änderteile heraus und Rußland willigte in eine unbedeutende „Rektifikation" seiner Grenzen Bessarabiens; die Donauschisfahrt wurde für frei erklärt, das Schwarze Meer neutralisiert und Rußland schloß ein besonderes Abkommen mit der Türkei über die Zahl der Kriegsschiffe, die es künftighin auf dem Schwarzen Meer sollte unterhalten dürfen; die Pforte aber, welcher alle den Friedensvertrag unterzeichnenden Mächte die Integrität ihres Gebietes „für immer" garantierten, erließ einen Ferman, durch welchen allen christlichen Konfessionen in der Türkei bedeutende Begünstigungen zugestanden wurden, so daß jene Angelegenheit, welche die eigentliche Veranlassung des Krymlrieges gewesen war, eine Lösung fand, mit welcher Rußland völlig zufrieden scin konnte, l^eute hat Rußland alles wieder erlangt, was es im pariser Frieden verlor: das einer Großmacht unwürdige verbot, im Schwarzen Meer keine Kriegsflotte unterhalten zu dürfen, siel schon während des deutsch-französischen Krieges, und im berliner Frieden nach dem letzten Türkenkrieg erhielt Rußland auch die früher abgetretenen Teile Bessarabiens zurück, mit ihnen den Kilia-Arm der Donau, einen der beiden Endpuukte dieser bedeutenden Handelsstraße, und zwar zweifellos den wichtigern, welcher ihm für die Zukunft einen maßgebenden Einfluß auf dcn Handel dl. Anschrift auf seinem Denkmal meldet, auf seinen besondern Wunsch in Sewastopol beigeseht (^862). Nnd auch eine Frau hat auf diesen» Friedhof die letzte Ruhestätte gefunden, eine heldenmütige Samariterin, praskowia ^wanowna Grafowa, der gefeierte Liebling der ganzen Garnison; neben den von der Großfürstin Helena pawlowna auf dcn Kriegsschauplatz gesandten barmherzigen Schwestern war sie als freiwillige Krankenpflegerin thätig, sich für die armen Soldaten aufopfernd, im heftigsten Kugelregen den verwundeten zu Hilfe eilend, bis beim Sturm auf deu Malachoff ciue platzende Vombe ihr das leben raubte. All die Kreuze von Granit und Marmor, die Obelisken, Pyramiden und mannigfaltigen anderen Denkmäler überragt aber das große Denkmal in Pyramidenform, welches den Verteidigern der Festung errichtet wurde, ^n ganz Rußland waren Veiträge zu diesem Monumentalbau gesammelt worden. Am 1/. September 1^85? fand die Grundsteinlegung 42 _____ 330 _____ stall, und am ^7. September ^85H wurde das Denkmal eingeweiht (siehe Seite 52^). Das riesige Granitkreuz, welches sich auf dem Gipfel der Pyramide erhobt, ist ^)0 Pud schwer. Große schwarze Marmortafcln an den Außenwänden enthalten die Verlustlisten der bei der Verteidigung beteiligten Regimenter. Da liest man: Das ^nfanterie°Regiment Murom verlor vom 7. Mai bis 27. August ^855 2571^ Mann. Das Infanterie-Regiment ^ekaterinenbnrg verlor vom 25. Gktober ^85^ bis zum 27. August ^855 <^ü^8 Mann u. s. w. Der innere Raum der Pyramide ist in eine Kirche des heiligen Nikolaus verwandelt (siehe Seite 325); auch hier befinden sich an den wänden schwarze Marmortafeln, auf denen die Namen der Generale, Stabs« und Gbcroffiziere verzeichnet sind, die in Sewastopol gefallen — <)H5 an der «Zahl. Doch wir verlassen nun Sewastopol, bei dem wir lange genug geweilt. Wir widmeten ihm eine ausführlichere Schilderung, weil, Moskau ausgenommen, vielleicht nicht eine einzige russische Stadt sich in Rußland so großer Popularität erfreut wie Sewastopol, das durch seinen elf Monate langen widerstand gegen die Heere uud Flotten der Verbündeten Anspruch auf ein dauerndes Andenken im herzen eines jeden russischen Patrioten sich erworben hat. Vorbei an den Höhen von ^nkjerman wandern wir nun nach Norden, wo etwa 50 Werst von Sewastopol entfernt, in einem tiefen Thal an den Ufern des Flüßchens Tschuruk° Su die ehemalige Residenz der Khane der Krym, die jetzige Kreisstadt Vachtschi-Sarai liegt, das krymsche Granada, wie man es auch treffend genannt hat. Der Name Vachtschi-Sarai bedeutet Stadt der Gärten, und auch heute noch trifft man hier herrliche Gartenanlagen, welche diesen Veinamen vollkommen gerechtfertigt erscheinen lassen, uud zahllose Springbrunnen und (Duellen verbreiten überall angenehme Kühle. Die Straßen sind eng und staubig, hölzerne Vnden, in und vor denen waren aller Art aufgestapelt sind, hemmcn überall den Verkehr, aber in diesen Straßen pulsiert echt orientalisches teben. wenn man in der zwei Werst langen Hauptstraße, die zu dein großen Vasar führt, all die bunten Trachten an sich vorüberziehen sieht, am Abend von den stachen Dächern der Häuser herab den mouotonen Gesang der Tatarenfrauen und die lärmende Musik der Cymbeln und pauken vernimmt, da glaubt man sich unwillkürlich in jene Tage zurückversetzt, in denen hier noch Girei-Khan von seinen blutigen Raubzügen ausruhte und alle Pracht eines mächtigen Fürstenhofes in Vachtschi-Sarai entfaltet war. ^n dem 25asar, wo die Verkäufer nach orientalischer Sitte mit untergeschlagenen Vcinen inmitten der ausgelegten waren sitzen, ist zwar jetzt kein solcher Reichtum vorhanden wie damals, als noch Raubzüge nach Rußland, polen und den» Raukasus mit den Erzeugnissen dieser tänder alle Märlte der Krym überschwemmten, aber reichhaltig ist der ^asar immer noch. Neben lebende»! und geschlachteten Schafen trifft man da Tschibuks, Pfeifen, Kleidungsstücke aller Art, wie Filzmäntel, Shawls, gestickte hacken, Pantoffeln, Schuhe u. s. w., Tuch» uud Seidenstoffe ans russischen und asiatischen Fabriken, Teppiche und Decken und allerhand Hausgerät, und dazwischen in den Vuden der tebensmittelverkäufer alles, was der Voden der Krym hervorbringt; es fehlen auch nicht die von asiatischen Vasaren unzertrennlichen Garküchen, in denen für die leiblichen Bedürfnisse der Räufer und Verkäufer gesorgt wird und wo Rebaf eine der Hauptdelikatcsseu ist, kleine Stücke Hammelfleisch, die auf einem eisernen Rost gebraten werden. Der Hauptreiz für den Fremden ist aber das am Ende der ^asarstraße gelegene Schloß der Khane, das einzige große Denkmal maurischer Architektur im europäischen Rußland. Da ist alles vereint, was asiatische Weichlichkeit und Sinnenlust zur Ausschmückung von wohnräumen zu erdenken vermag. Gold, Silber, Perlmutter und blendende Farben — überwiegend weiß, rot und blau — bedecken die wände, überall sieht man herrliche Stukkaturarbeiten uud kunstvolles Schnitzwerk, Wohlgerüche erfüllen das ganze Haus, Springbrunnen plätschern an lauschigen Stellen im Garten und in den Gemächern, wo längs der wände weiche Divans angebracht sind und das eindringende Tageslicht durch die bunten Scheiben der seltsam geformten Fenster gedämpft wird. lind Wollust atmen bier noch nnmcr ?ic «Närtcii ww du' ödon Zimmer, Die lNaucr glänzt oon goldiil'in ^chiimiu'r. Der ^prmgcnn'll rauscht, mit» ^oseu bliiln>, Ilnt» sanftHrschwellto Traubeu ^liihu )u .süllo von den Iiohcn ^cmscii, ?>e frischen Hriiuä den ^5an nnischwanken.' ___ «, ___„ «Line breite Freitreppe führt zu den Gemächer,« empor, welche die Rhane einst bewohnten. In der Mehrzahl derselben ist die orientalische Ausschmückung noch rein erhalten, nur drei oder vier bilden eine Aus» nahmc, da sie, als mau deu Vesuch der Raiserin «Llisabeth II. erwartete, nach europäischem Geschinack eingerichtet wurden. Der ganze Palast ist so wohl erhalten, daß nur die Phantasie die ^eht öden Säle und Gemächer mit dem Hofstaat der Rhane zu beleben braucht, um ein getreues Nild des Palastes zur Zeit seines höchsten Glanzes vor unsere Vlicke zu zaubern. Verfallen und verwahrlost ist uur ein Teil des weitläufigen Gebäudes: die Räume, welche einst der Liebe geweiht waren, der Harem, in den: so mauche schöne „geseufzt in ihrer Schönheit Lenze". Dcr Harem ist ein großes, von einer hohen Mauer umgebenes Gebäude, in dessen erstem Stockwerk sich die Wohngemächer der Luuuchen befanden und in das nur ein einziger Lingang durch die Schlafstube des Rhans im zweiten Stockwerk führte, Jetzt sind nur noch drei Gemächer erhalten, iu denen stets die Lieblingsfraucn des Khans wohnten, und die Stube, in welcher die Frauen zu baden psiegten. Hinter eiuem vergitterten Pavillon konnte der Ahan die Frauen im Vade beobachten und sich au ihren Reizen erfreuen. In einen: der uoch erhaltenen drei Gemächer wohnte ^ene sagenhaste Maria Potocka, welche Puschkin in seinem glutvollen Gedicht „Der Springquell vou Vachtschi'Sarai" besuugen hat. von hier führte eine Treppe zu dein Vassin, in welchem die bedauernswerte Gefangene gebadet haben soll. Nach ihrem Tode ließ Girei an Stelle des Bassins ^ene Fontäne errichten, auf welche sich Puschkins Verse beziehen: Nachdem mit .sener nnd mit 3chwcrt Der nahe ilalisasns verheert Und auch der ^»sjen friedlich 3and Des Siegers schwere I^aud empfand, Nach Canris kam der ^shan zurii^. Das; or das traurige Geschick, Das ihm Marie so rasch entführt, ^or Augen iminer möge schaucn, Üiies; or a» traulich stillem Grt Im lwfc des Palastes dort I^on Mariner einon 25r>Ulurn ba»c>i. Das Aronz man sieht sich drauf erhob«,'», ^l»n i^all'moiid M^!>limrds uma>'Ix'n — Das richtiao l)erstä>il»!is wohl , Girci fehlt' für das ^yml'ol. Dcu ^runucil oiuc Inschrift ziert, Doin Zahn der Zeit noch unberührt, Nnd über sie, die niemand deutet, Das Ivasser langsam uiedergleitet, 1ln!> Chränen gleich es tropfenweise Ins ^Narnwrl'eckcn rieselt leise. 3o pflegt die INlltter zu beklagen Deil !?ohn, der ward im Arirg erschlagen. Die jmlge» Hlädchen hier zn Land, Die wohl die alte 3age keimen, !1ut der den Brunnen man verband, Fontäne ihn der Chränen nennen. Diese Fontäne der Thränen oder Fontäne Marias, wie sie auch genannt wird, ist kein Springquell nach unseren ^griffen, der seinen Strahl hoch in die Wfle sendet, sondern ein viereckiger, in pyramidenform auflaufender Vau, aus welchem das Masser durch mehrere kleine (')ffnungen „Thränen gleich" in zehn über einander befindliche Veckeu rinnt. Line Inschrift in tatarischer Sprache preist die Schönheit der Fontäne: „In Damaskus, in Bagdad giebt es viele ivunderwerke, aber auch dort giebt es keine so herrliche Fontäne." Wir beschränken uns hier auf die Abbildung eines Teiles des Palastes (siehe Seite 57,2) und verweisen deu Leser auf das demnächst erscheinende Supplement zu „Rußland": „Dichterfürsten der Russen. Liue Auswahl aus ihren Meisterwerken, von Hermann Roskoschny", in welcher mit Puschkins Gedicht „Der Spring-qnell von Vachtschi.Sarai" viele Ansichten des Palastes und der Stadt verbunden sein werden. Unter den vielen Sälen und Gemächern, welche der Palast enthält, verdient besonders ein Saal Erwähnung, dessen Wände mit Gedichten bedeckt sind. Irgend ein tatarischer ^ardc hatte diese Gedichte dem Rhan Rerun» H2* -------- 332 -------- Girei überreicht, der von ihnen so entzückt war, daß er befahl, sie an die wände eines Zimmers zu schreiben. Anf orangefarbenem Grund mit schwarzer Farbe geschrieben, sieht man noch heute diese Dichtungen in dem mit Gold und bunten Arabesken reich verzierten Gemach, und wer sie zu lesen versteht, dem wird es auch klar sein, wärmn Rerini'Girei den Dichter so ehrte, wird er doch als das Muster aller Herrscher, als der weiseste der weisen gepriesen! Kernn Girei — so lautot beiläufig das Gedicht — ist ein Khan, der seinesgleichen nicht hat; seine Augen gleichen der Sonne; sein Vlick beglückt die sterblichen; sein Ruhm und seine Weisheit haben allen andern Ruhm und alle andere Weisheit verdunkelt. Die Moschee der Ahanc ist cin düsterer 5>aal, dessen weiß getünchte wände mit Aoransprüchen geschmückt sind. Teppiche bedecken den Voden, große lustres hängen von der Decke herab. Während des Arymkrieges war die Moschee in ein lazaret verwandelt und hat bci dieser Vestimmung viel von ihrem altertümlichen f>apillou m ^5achtschi-3arai. Aussehen eingebüßt; überhaupt haben Kriege und Brände in: f)alast zu T3achtschi°Tarai vieles vernichtet und ungeschickte Restaurierungsversuche nachher noch vertilgt was erhalten geblieben war. Nur die Grabstätten der Rhanc und ihrer Frauen haben siegreich dem Zahn der Zeit widerstand geleistet. Die Gebeine der einst gefürchteten Herrscher der Krym ruhen in einem blühenden Garten. Zwischen üppig wucherndem Gras erheben sich ?io Tänlcn mit dem !Nm'mc>rknanf, !>!>.' l>ort ^ni keiiil'm Gmbe fehle», und in einzelne sind Zeichen cingehauen, welche auf das Thun und wirken des unosse weiden rings umlx'r, Und hinterm ^clt voll woIM'l>!gl,'>t )n Freiheit ruht der zahme ^är. Die ganze 3teppe ist voll Leben, Denn jeder hat dafür z» sorgen, bereit zu sein am nächsten Ulorge», 3laoen und Gcrnianen teilen sich hier in die Kulturarbeit, erstere mehr in den 5>tädlen, letztere auf den: stachen ^ande thätig. ^)n Simferopol am 5algh,r, der ^?ll()O Einwohner zählcnden Hcmplstadt des Gonverneinents Tanrieli, ist neben der alten Tatarenstadt, der Ak^Netsched, eine freundliche, echt »nssische 5tadt entstanden, neben der das Tatarenvierlel Üo^ai^r ailö t»cr 3tcppe. mit seinen engen und unreinen Gassen wie ein absterbender Zweig an einem frisch grünenden 5>tamm erscheint, und auch an der öüdküste uud in dcn größeren Städten der (')stküste, in Rerlsch, Ienikale gewinnt das Uussen« tmn immer mehr Voden. Mitten zwischen tatarischen ölädten uud Dörfern aber liegen als äußerste Vorposten europäischer Kultur zahlreiche deutsche Niederlassungen, von denen einzelne bereits eine stattliche ^evölkerungs-zahl anfzuweisen haben. Auf den« Wege von Simferopol nach der rein tatarischen ^tadt Rarasubasar (^2 000 Einwohner) trifft man die erste dieser deutschen «Lnklaoen, die Kolonie Rosenlhal; weiterhin folgen Zürichthal, Heilbrunn, Marienthal bei Rerlsch, Neudorf, Friedcnthal, Neusah u. s. w. Mehrere tausend Deutsche wohnen in diesen Dörfern, fast ausschließlich mit Ackerbau beschäftigt. Mit Ausuahme eines schmalen Landstrichs am Faulen Meer hinter der Landzunge von Arabat stud aber hier die deutschen liolonieen wie Gasen in der öteppe zerstreut; größere, von Deutschen bewohuto tandkomplexe trifft man erst jenseits perekop auf X'M Festlande. Dort liegt in der Nogaiersteppe bei Melitopol die Kolonie Darnistadt, ferner Dornburg, Altona, Neilhoffnnngsthal, Neu>Stuttgart, Nückenau, Fis6>au, Halbstadt, Heidelberg, T^lumenfeld, Wernersdorf, (sinaden-feld nnd andere »nehr. ^n der Krym, im Kaukasus, iu Vessarabien, Klein» uud Nenrnßland, an dor Wolga nnd in der Umgebung von Petersburg wohnen ^etzt über ^MMt) deutsche Kolonisten, die nach mid nach ins ^and gezogen ivurden und ^oden zur Urbarmachung z»igewiesen erhielten. Da iede Familie durchschnittlich HO bis 6s) Dessjatinen erhielt, so dürften wir die Thätigkeit der Kolonisten kann, überschätzen, wenn wir annehmen, daß dieselben allmählich etwa 7, Billionen Dessjatinen (e!wa 7>MNMl) Hektaren) wüstes kand jn blühendes Acker- nud Gartenland verwandelt haben. Die reichsten deutschen Kolonieen find die oben znletzt genannten, welche an deni FInßchen Molotsclma nördlich von Melitopol liegen. Einer der Kolonisten — es sind Mennoniten — hat es sogar bis zmn Millionär gebracht, aber ein größeres verdienst als durch seine industriellen Schöpfungen hat er sich dadurch erworben, das; er große ^andstivcken mit Wald bepflanzte — ein Beispiel, das iu ^ener legend ebenso nachgeahmt zu werden verdiente, wie seine erfolgreiche Durchführung so lange als unausführbar erklärt worden war, bis endlich doch der Erfolg zeigte, daß der deutsche Kolonist sich nicht getäuscht hatte. Der ganze Nordosten des Festlandes von: Gouvernement Taurien ist mit deutschen Kolonieen bedeck, und an diese schließen sich inmitten griechischer uud jüdischer Dörfer die deutscheu Kolonieen des Gouvernements ^ekaterinoslaw an, die sich in mehreren Gruppen längs der ganzen Nordgrenze des (Gouvernements Taurien bis zum I^n^epr hinziehen: Schönthal, Tidenhof, Marienfeld, Grünfeld, Neu (l)sterwik, Nenenburg, Eiulage u. s. uv wir werdeu im ziveiten 25ande dieses Werkes bei Schilderung der Ackerbmwerhä'ltnisse in ^üdrußland uns eingehend mit den deutschen Kolonieen beschäftigen, und beschränken uus daher auf diese kurzeu Angaben, um nicht zu weit von den Nfern d^'s ^»chwarzen Meeres, welci^e wir hier schildern wollen, iu das Innere des landes abschweifen zu müssen. Unmittelbar an der ?7Ieeresküste liegen im (Nonvernement Taurien inir zwei deutsche Niederlassungen in der Nähe von serekop, eine derselben noch auf dem s^malen Randstreifen, welcher die Halbinsel mit dem Festland verbindet. Hicr war einst die Grenze der Krym und ein tiefer (traben, wälle und Türme schützten die Halbinsel vor feindlichen Einfällen von Norden her. Das Thor, durch welches man in diese Festnngswerke gelaugte, war buchstäblich das Thor der Krvm. Dnrch dasselbe zogen früher die Khane mit ihren raubgierige,, Horden, wenn der ^nltau iu Konstautmovel ihnen Befehl erteilt halte, Nußland oder f?olen anzugreifen. Niesige Heeressäulen, zuweilen zehn Meilen lang, wälzten sich dann durch das Ausfallthor bei Oerekov gegen Norden, 5s»NlM bis ttl)ei bis dreimal so viel Pferden. Die Raubzüge wurden meist im Januar unternommen, »venn iin Norden die Flüsse noch mit Lis bedeckt waren und die hart gefrorenen Straßen, die iin ^onnner wegeu des tiefen Kothes schwer passierbar waren, den Marsch großer Kolonnen erleichterten, und nach mehreren Monaten kehrten die Nä'uber durch dasselbe Thor in die Krym znrück, reich mit 2^ente beladen und Tausende gefangener f)olen oder Russen mit sich schleppend, die sie auf deu Sklaven-märkteu der Krvm verkauften. Die Tataren nennen die Stadt Gr oder Grkapu, im Mittelalter hieß sie Tosla, anch Sofiati, und im Altertum staud au der Slelle, welche sie heute einnimmt, eine griechische Stadt, Taphros, von der aus ei« befestigter Graben zum Schuh gegeu die im Norden hausendeu Skythen deu Isthmus zwischen dem Toten und Faulen Meer durchschnitt. Die Festungswerke sind heute verfallen und f)erekop ist trotz seiner bedeutenden Einwohnerzahl (nahezu 5l)Ol)) und des starken Oerkehrs, den der Salzhandel hervorruft, jetzt nicht mehr als ein großes Dorf. wären die großen Karawanen nicht da, welche die Salzladunaen von der Meeresküste uud deu Taudseeen bringen, so würde die lange Straße mit niedrigen Hänschen, welche den Namen Oerekop führt, ziemlich öd und verlassen erscheinen. Hinter f)ere?op dehnt sich uuübersehbar die Nogaiersteppe aus. So unwirtlich dieselbe auf deu ersten ^lick erscheiut, so ist doch der Oerlust, deu Rnßlands Nationalreichtmn iu jüngster Zeit durch die Masseuaus-Wanderung der Vevölkernng dieses Gebietes erlitten hat, ein sehr bedeutender, wir erwähnten schon früher (siehe Seite 5^), was die Auswanderung der Tataren veranlaßt hat. Sie begann im I)ahre ^855, und 55^ —^------ erreichte ihren Höhepunkt im Jahre ^8(i0. Im Hafen von Eupatoria allein schifften sich in dem zuletzt genannten Jahre 8^2H0 Mäuner, Franen und Rinder ein, welche ^3 700 Slück Rindvieh, Kamele, Pferde und Schafe nut sich nahmen, „lassen Volkes," so schreibt ein Augenzeuge, „welche auf immer ihr Vaterland verließen, um in der Fremde einem nnsichern Schicksal entgegen zu gehen, zogen von allen Seiten mit Fuhrwerken und Viehherden der ötadt und dem Hafen zu. In den engen Straßen von Eupatoria konnte man kaum nocii vorwärts kommen. Zu gleicher Zeit giug auch von Sewastopol, Feodosia, Kertsch und 2.'erdjansk aus die Auswanderung, wenn auch in kleinerein Maßstab, vor sich. Nach ziemlich genauen Zählungen betrug die Auswanderung während des Sommers ^8(»0 aus allen Hafen der Krym 250(XX) Tataren und Nogaier beiderlei Geschlechtes. Nachdem nun die frühere Gesanubevölkerung der Tataren und Nogaier auf der Halbinsel im ganzen 52^0ll0 Seelen betrug (nämlich 2^ )dessaer Juden ist ihr festes, solidarisches Zusammenhalten. Diesem verdanken eine Menge wohlthätiger Stiftungen, Asyle und Lehranstalten ihr Entstehen und ihre Erhaltung. Die Synagoge, welche die Gemeinde erbaut hat, ist durch ihren Reichtum und die in ihr herrschende Fracht ebenso berühmt wie durch ihren vorzüglichen Sängerchor. . Der Hauptanteil fällt auf die MouatsMlrnale, von welchen wir weiter unten einige Worte sagen werden. Zuvor wollten wir nur der Taaesvresse in der Provinz kurz erwähnen. Mit Ausnahme der größeren provinzialstädte hat das platte kand allerdings fast keine presse aufzuweisen, und selbst in den größereu Städten führen die Slätter eine nur bescheidene «Lnstenz. In Rijew erscheinen 20 periodische Zeitschriften, wovon der „Uiewlianjin" („Uiewer"). die „Sarja" („Morgenröte") und der „Iushui Rraj" („Süd-Gebiet") als die hervorragendsten Organe zu betrachten sind; Warschau besitzt W Zeitungen. Es wird soviel gesprochen von dem Hang der russischen Gesellschaft zum Französischen und von einer angeblichen Abneigung derselben gegen alles Deutsche. <3s dürfte daher interessant sein zu seheu, in welcher weis.' sich dieser Umstand bei den russischen Preßverhältnissen geltend macht. Nun, in dieser Beziehung ist das Resultat ein sehr überraschendes. Es erscheinen im ganzen Rußland: in französischer Sprache 2 Zeitschriften, in deutscher Sprache Zl> Zeitschriften! Selbst die alte Zarenstadt Moskau hat ihre „Deutsche Zeitung". Die tatarische Sprache, welche ebenfalls zwei Zeilschriften aufzuweiseu hat, ist also in der russischen presse in demselben Maße vertreten, »vie das französische Idiom! Als epochemachend wird übrigens auch der Umstand bezeichnet, daß seit dem Iahrc ^882 in Petersburg eine Zeitung in polnischer Sprache, der „^raj" erscheint, von» selben Jahre datiert auch die Gründung eines polnischen Theaters in der russische» Hauptstadt. -------- 344 Was die Verbreitung der russischen Zeitungen anbetrifft, so ist namentlich der Leserkreis derselben als ein enormer zu bezeichnen, im Vergleich zu der Vorstellung, welche man hierüber in, Auslande hat. Die Zahl der festen Abonnenten ist zwar nicht groß, dafür steht aber der Einzelverkauf auf Straßen und Plätzen in voller Nlüte. In den niedrigen Volksschichten, soweit dieselben des Besens kundig sind, wird die Tagespresse eifrig studiert, und wer nicht des Lesens kundig ist, der verfehlt es nicht, sich zu seinem „kundigen" Nachbar heranzusetzen und sich da- Nlatt vorlesen Zu lassen. Für den Ausländer dürfte es gewiß von Interesse sein, wenn er sich an einem Sonnnertage nach dein Chitrow'Rynok in Moskan, diesen: klassischen und sprichwörtlich gewordenen platze der alten Zarenstadt, auf welchem die Vagabonden und der sonstige Abschaum der Moskauer Vevölkerung, in zerlumpter, kaum die Nlöße ihres Körpers bedeckender Kleidung Cag und Nacht herum» lungern, begeben würde, um nur zu sehen, wie diese Nassermann'schen Gestalten sich dort an der Sonne wärinen und — die Zeitnng in der Hand halten. Allerdings ist es zumeist der von uns schon gekennzeichnete „Mosk^»wski Ast<''k", der da auf dem „ChitrowRvnok" ansliegt. Das Zeitungs-Eremplar wandert von Hand zu Hand und findet so lange Leser, bis es gründlich zerfetzt ist, Schätzen wir die durchschnittliche Auflage jeder der größeren russischen Zeitungen auf ^l)—^2 000 Exemplaren, so steht doch diese Ziffer in einem sehr geringen Verhältnis zu der Zahl der Leser. Es sei hier noch auf die äußere Ausstattung der russischen Tagespresse hingewiesen, welche wiederum ganz enorme Vorzüge vor der deutschen, speziell der Verliner fresse aufzuweisen hat. Es werden für die Tagesblätter das beste Druckpapier und ein möglichst splendider Satz verwendet — ein Umstand, welcher zwar die Herstellungskosten des Vlattes wesentlich erhöht, zugleich aber dein Leser einen um so größern Genuß verschafft, wer an die berliner Tagesblätter gewöhnt ist, deren Papier znmeist von ciner solchen kümmerlichen Beschaffenheit ist, das es zwischen den Fingern des Lesers zerfällt, und deren Schrift nachgerade dazu berechnet zu sein scheint, das Augenlicht eines eifrigen Zeitungslesers binnen kurzen, gründlich zu verderben, der wird nicht ohne ein gewisses behagen eine russische Zeitung in die Hand nehmen. Selbstredend giebt es Ausnahmen auf der einen, wie auf der andern Seite, wir haben nur ein Nild entworfen, wie es im großen und ganzen zutreffend ist. Giebt es doch noch viele andere Vranchen, — wir verweisen nur auf die Gold- und Silberwaren, auf einige Produkte der Tertilindustrie 2c. — in welchen Rußland Gediegeneres und Vesseres leistet als das Ausland. lVir glaubten diese Bemerkung hinzufügen zu sollen, um nicht etwa dem Vorwurf zu be» gegnen, als wollten wir gar für eine allgemeine Präponderanz Rußlands den beweis führen. wir dürfen das Thema „russische fresse" nicht verlassen, ohne mit einigen Worten speziell der Monatslitteratur, d. h. der Monatsjournale Erwähnung gethan zu haben. Gerade in diesen Journalen besteht die Stärke der russischen presse, und es herrscht allgemein die Ansicht, daß die Monatslittcratur in keinen: Lande einen solchen hohen Entwickelungsgrad erreicht hat, wie in Rußland, In Petersburg erscheinen nicht weniger als ti5 Monats-Zeitschriften — also um das Dreifache mehr als t<" '.che Zeitungen! — und in Moskau 22 solcher Zeitschriften, mithin um das Doppelte mehr als tägliche ,^itungen. An der Spitze dieser Litteratur marschieren: der „wjestnjik Ewropy" („Europäischer Note"), „Gtutschestwennija Sapiski" („Vaterländische Annalen"), „Russki wjestnjik" („Russischer Note"), „Russkaja Starinu" („Russische Altertümer"), „Russkaja Myssl" („Russischer Gedanke") :c., 2c. Alle diese Journale erscheinen in Monats-Heften von sehr voluminösem Umfange, so daß ein Jahrgang eines derselbe», seinem äußern Aussehen nach, sehr lebhaft an ein Nrockhaus'sches oder sonstiges Lexikon erinnert, wenn man sich letzteres aus nur zwölf Vänden bestehend denkt. Es wird in diese Zeitschriften nur das gediegenste Material auf den, Gebiete der schönen Litteratur, Runst, Wissenschaft, Politik ic. aufgenommen. Auch die verschiedenartigsten Tagesfragen sind keineswegs ausgeschlossen, vielmehr finden dieselben eine sehr eingehende Behandlung in einen: eigens hierfür bestimmien Teile. Die verschiedenen Fächer, wie z. 2). Jurisprudenz, Militarismus, Medizin, Erziehung, Landwirtschaft :c. haben ihre besonderen Monats »Zeitschriften, welche zumeist den Titel „wjestnjik" („Note") oder „Journal" führen. Diese MonatsLitteratur ist in der gebildeten Gesellschaft und namentlich bei der jüngern Welt und bei der studierenden Jugend außerordentlich beliebt, so daß manche Monatsjournale eine größere Abonnentenzahl besitzen als die Tagesblätter. Der jährliche Abonnementspreis der täglichen Zeitungen sowohl, als anch der Monatsjournale schwankt zwischen ^0 bis ^ Rubel. Ansicht "0" Astrachan. -------- 3^5 -------- In Gdessa — zn dem wir nach dieser kleinen Abschweifung zurückkehren — sind alle Bedingungen vorhanden, die der Journalistik Zu einem bedeutenden Aufschwung verhelfen können, und sie hat denselben, wie wir gesehen haben, auch erzielt. Der rege Verkehr der Handelsstadt, die mannigfaltigen, hier nach Vertretung strebenden Interessen waren für sie eine gute schule, aus der manches schöne Unternehmen hervorgegangen ist, und die Gdessaer fresse dürfte berufen sein, in der russischen Journalistik noch eine bedeutende Rolle zu spielen, ebenso wie Gdessa selbst zweifellos eine große Zukunft vor sich hat. Die Stadt bedeckt jetzt einen Flächenraum von fast ^0 Werst im Umfang, Sie ist sehr regelmäßig gebaut, und der vorzügliche Baustein, der in ihrer Nähe gebrochen wird, hat die Ausführung monumentaler Bauten wesentlich gefördert. Dcr Bodeu besteht aus einer Mischung von Sand und Seemuschsln, die unmittelbar nach dem Bruch weich und bildsam ist, an der Tuft aber bald erhärtet. Die Gdessaer Steinbrüche versorgen viele der naheliegenden Städte mit Baumaterial. An 500 Arbeiter sind ständig in ihnen beschäftigt, und die Ausfuhr von Steinen nach Kherson und Nikolajew, ja sogar bis Sewastopol, repräsentiert etwa 50 00s) Rubel jährlich. In der Stadt selbst inacht diese Bodenformation das Ausmauern der Keller überflüssig: dieselben werden aus den» steinigen Boden ausgehauen, und in vielen Häusern sind nicht nur die Höfe derart unterminiert, sondern die unterirdischen Gänge erstrecken sich auch noch bis unter das Straßenpflaster, was allerdings den gefährliche?, Ubolstand zur Folge hat, daß namentlich im Frühjahr der erweichte Boden sich senkt und Fußgänger und lVagen zuweilen nur mit Not einem Sturz in die Kellerräume entgehen. Der schönste Punkt Gdessas ist der am Meeresufer sich hinziehende, 500 Nieter lange Boulevard, von wo man den ganzen Hafen übersehen kann. Man hat auf diesem Boulevard drei Akazienalleeen gepflanzt, aber die gewaltigen Staub- und Sandwolken, welche der U)ind hier so häufig vom (ande herüberweht, bedecken das 3aub bald mit einer grauen Kruste, und nur während weniger Ivochen im Mai prangen die Alleeen in frischem Grün. Hier ist die Aeblingspromenado der Gdessaer, besonders am Morgen, ehe die Sonnenglut lästig wird, und so lange noch der von der See wehende frische Morgenwind eine angenehme Kühle verbreitet. Auf dem Voulevard steht eine Statue des Herzogs von Richelieu, dem die Stadt so viel verdankt — im Piedestal des Denkmals steckt eine Kanonenkugel, welche es während der Beschießung Odessas durch die Flotten der verbündeten getroffen hat. An den Voulevard grenzt der eleganteste Teil der, Stadt, welcher früher griechische Vorstadt hieß. Dort befinden sich die vornehmsten Hotels, das Theater, die Börse, die Universität, die öffentliche Bibliothek und die Kontors der bedeutendsten Geschäfte. Gegen das Meer zu senkt sich der Voulevard terrassenförmig und eine breite Sandsteintreppe führt zum Ufer hinab. Dort sind zwei große Molen in das Meer hinausgebaut, die zwei Häfen bilden, den Rriegshafen und den (Huarantä'nehafen. In den erstern, der auch Kronshafcn genannt wird, laufen nur jene Schiffe ein, die aus russischen Häfen kommen, während alle anderen in dem (yuarantänehafen Anker werfen. Der (yuarautänehafen Gdessas ist die großartigste Anlage dieser Art in ganz «Lnropa. Alle Schiffe, die aus Gegenden kommen, in denen die cüholera oder die Pest wütet, müssen bei der sogenannten „Brandwache" Anker werfen und dürfen erst nach vierzehn Tagen in den Nuarantänehafen einlaufen. Je nach der Gefährlichkeit der Lpidemie dauert die (Quarantäne kürzere oder längere Zeit, bis H0 Tage. Die Passagiere werden in besonders dazu eingerichteten Räumen einer gründlichen Räucherung unterzogen, die waren ausgebreitet oder aufgehängt, die Briefe in einen Sack geschüttet und ebenfalls mit Chlor durchräuchert. Das (t)ffnen der IVarenballen und das Durch» räuchern derselben wird durch Sträflinge besorgt. Für die Verpflegung der Passagiere während der Dauer der (Quarantäne ist reichlich gesorgt. In dem Gebiet, in dem sie eingeschlossen sind, befinden sich gute Restaurants, ein Garten mit schattigen Alleeeu ladet zu Spaziergängen ein, ein postbureau vermittelt den Verkehr mit der Außenwelt. Befinden sich unter den Passagieren Pest- oder Cholerakranke, so werden diese sofort von den anderen getrennt und in dem Hospital für pestkranke untergebracht, wo ihnen die sorgfältigste pflege zu teil wird. Die in der (Quarantäne Befindlichen werden aber trotz aller Annehmlichkeiten, welche dieselbe bietet, unablässig daran erinnert, daß sie Gefangene sind. wachtschiffe kreuzen draußen im Hafen, und hinter dem doppelten Gitter, welches das (Yuarantänegebiet von der Stadt abschließt, stehen Soldaten mit geladenen Gewehren, um sowohl ein Entweichen der Eingeschlossenen als auch einen unerlaubten Verkehr derselben mit der Bevölkerung der Stadt zu verhindern. 44 -------- 5^6-------- In« Uronshafen bilden die Schiffe der Odessaer Reeder einen sehr beachtenswerten Vruchteil der dort vor linker liegenden schiffe. Odessas Handelsflotte bestand im Jahre ^3?5 aus 8H Dampf- und ^0« Segelschiffen mit zusammen 63 680 Tonnen Anhalt, In; Hafen verkehrten ^9^7 Schiffe mit ^ 800 000 Tonnen Inhalt, davon nach fremdländischen Häfen gesandt oder von ihnen kommend 232«) mit ^500000 Tonnen. Im Jahre ^87H betrug die Einfuhr ^70 Millionen, die Ausfuhr 20^850000 Francs. Hauptausfuhrartikel find Getreide, Wolle, Flachs und Talg, Einfuhrartikel Kolonialwaren. Manufakturen aller Art, weine und luxusgcgenstände. Die Industrie Odessas ist auch nicht unbedeutend: unwahre ^87H bestanden daselbst bereits ^66 Fabriken, welche 3700 Arbeiter beschäftigten und einen Jahresumsatz von über 50 Millionen Rubel erzielten. Der wichtigste Artikel bleibt bei alledem doch das Getreide. Hinter den letzten Häusern Odessas beginnt die Steppe. Die traurige Einförmigkeit der Steppen« landschaft wird aber hier durch zahlreiche grüne Oasen gemildert, welche die von Gärten umgebenen Villen der reichen Odessacr bilden. Diese Gärte?, sind mühsam, mit großen, Rostenaufwand geschaffen worden. Aus meilenweiter Entfernung hat man Gartenerde holen müssen, um jeden Vaum, den man pflanzte, in eine für sein Gedeihen genügende Schicht derselben setzen zu können. Die Vaumpflanzungen, welche die sorgfältigste pflege und fleißiges Vegießen erfordern, fristen in dein steinigen Voden, der sie umschließt, nur ein kümmerliches Dasein, aber für den Gdessacr sind die Thutors — so heißen derartige Pflanzungen — doch sehr schätzbare Sommerfrischen, wohin er sich gern aus der stauberfüllten Atmosphäre der Stadt zurückzieht. Lin Haupthindernis des Gedeihens der Thutors ist der in der Umgebung Odessas herrschende Wassermangel. Die Stadt selbst war lange Zeit, von zwei unbedeutenden (Duellen abgesehen, auf schlechtes Vrunncnwasser und auf das Wasser mehrerer hundert Tisternen angewiesen, welche letztere im Sonnner austrockneten. Vis aus der Arv,n wurde früher Trinkwasser zugeführt und teuer bezahlt. Jetzt ist eine Wasserleitung angelegt, welche von Majaki am Dnjestr her, aus einer Entfernung von etwa HO Kilometer, Odessa gutes Trinkwasser zuführt, welches in großen, 27 Millionen liter fassenden Reservoirs gesammelt wird. Lin anderer Übelstand, die Holzteuerung, ist jedoch noch nicht beseitigt. Väume sind in und bei Odessa fast so kostbar und rar wie exotische pflanzen im hohen Norden, und Waldungen giebt es auf viele Meilen im Umkreise nicht. Das nötige Vrenn- und Vauholz wird nicht nur aus den nördlicheren Gouvernements, sondern auch aus dem Auslande, aus Rumänien, ja sogar bis aus Anatolien zugeführt, und es darf daher nicht überraschen, wenn in strengen wintern Holzmangel eintritt und die Holzpreife dann eine fabelhafte Höhe erreichen. Ls sind schon 50 Rubel für die Alafter gezahlt worden, und 25 Rubel ist kein außerordentlicher preis. Odessa ist überhaupt ein teueres Pflaster. Ls ist unbestreitbar außer Petersburg und Moskau die einzige Stadt Rußlands, in welcher sowohl in den Hotels als in den Wohnhäusern aller Tomfort westeuropäischer Großstädte vorhanden ist, aber man bezahlt auch für alles ziemlich großstädtische preise. An Gelegenheit zur Unterhaltung ist in Odessa kein Mangel. Außer dem Theater mit italienischer Oper und russischem Schauspiel kann man die Ronzerte der philharmonische?, Gesellschaft besuchen, und außerdem bieten Alub und Rasino, die großen Gartenrestaurants mit Militärmusik, der botanische Garten, und im Winter Välle und Maskeraden Unterhaltung in Hülle und Fülle. Französisches Wesen hat die Etablissements Odessas verhältnismäßig wenig beeinflußt; man erwartet, es hier dominierend zu finden, da doch ein Franzose, der Herzog von Richelieu, so lange als Gouverneur hier gewirkt und außerdem noch die Namen zweier anderer Franzosen — des Generals Ribas und des Ingenieurs de voland — mit der Geschichte der Stadt eng verknüpft sind. Doch seit dein wirken dieser Männer ist mehr als ein Menschenalter verflossen, und die französische Sprache hat sich gegenüber der italienischen, die im ganzen Orient die Handelssprache par exc<^Icnc(.> ist, nicht behaupten können. Die italienische Sprache hatte hier so große Verbreitung erlangt, daß sogar die Straßennamen in russischer und italienischer Sprache an den Straßenecken angebracht wurden, und heute noch ist das Russisch, welches in Odessa gesprochen wird, stark mit italienischen Ausdrücken vermischt. wenn man von Odessa längs der Meeresküste nach Süden fährt, trifft man auf russischem Voden keine Städte mehr. Meilenweit dehnen sich bis zur Riliamündung der Donau die peresyps vor stellenweise tief ins !^and hinein sich erstreckenden Vuchten. Das Tand zu unserer Rechten ist das Gouvernement Vessarabien, inbezug auf seine Vevölkerung der bunteste Teil der bunten Musterkarte von Volksstämmen, als welche wir -------- 5^7 ------- Rußland bereits kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Neben den Moldauern, welche ziemlich drei vierteile der Bevölkerung bilden, trifft man hier Russen, Deutsche, Vulgären, polen, derben, Griechen, Arnauten, Armenier, ^uden nnd Zigeuner. Das 'tzland ist fruchtbar, und die Felder lohnen reichlich die Mühe des Ackerbauers, aber das Volk, welches diese Gegenden bewohnt, ist meist träge und arbeitsscheu, obwohl ein kräftiger, muskulöser Körperbau es recht wohl zu schwerer Arbeit befähigt. Die gebräunte Gesichtsfarbe und die tief-dunkle»: Augen lassen in dem Moldauer sofort den 5ohn des Südens erkennen, doch sind in seinen Gesichtszügen spuren der Mischung mit slavischem Vlut ebenfalls meistens unverkennbar. Unter den Frauen trifft .«'/ir^rci^^ I^afen von Gdoss^. man viele schöne Gestalten, bei denen die Reize der Körperformen und der glutvollen Augen noch durch die graziöse Haltung und die anmutigen Vewegungen erhöht werdeil. Wie alle südlichen Schönheiten werden aber auch die Frauen Vessarabiens frühzeitig alt, und selten trifft man eine, die nach dem dreißigsten Lebensjahre noch auf das Prädikat „hübsch" Anspruch erheben kann. Die Männer tragen lange Kaftans, welche um die Hüften durch bunte shawls oder s^edergürtel zusammengehalten werden, und darüber eine ärmellose bunte ^acke. Grelle Farben sind überhaupt bei beiden Geschlechtern sehr beliebt. Die Frauen sieht man auch in: Hause selten ohne die Kazawaika, eine mit Oelz gefütterte und verbrämte ^)a^e, und gewöhnlich sind sie mit allen: schmuck, den sie besitzen, mit Perlenschnuren, Ghrringen, Armbändern so behängt, als wären sie ein wandelndes --------ZH8-------- Schaufenster eines Juwelierladeus. Trotz dieser Putzsucht sind die Moldauerinnen brave, tüchtige Hausfrauen, und die ganze Last der Wirtschaftsgeschäfte, um die sich die trägen Gatten wenig kümmern, ruht auf ihren schultern. Viele Touristen haben die Dörfer Vessarabiens so geschildert, als beständen sie nur aus elenden Lehmhütten, in denen die größte Armut und Unreinlichkeit herrsche. Ausnahmen mag es wohl wie überall so auch hier geben, aber die beiden Stuben, welche das Vauernhans enthält, sind gewöhnlich sehr sauber, die wände weif; getüncht, und wer nicht mlt der Absicht zu tadeln und zu schmähen in das Haus tritt, sondern das, was cr sieht, vorurteilsfrei auf sich einwirken läßt, der wird sich überzeugen, daß das Vauernhaus mit seinem festgestampften Lehmboden, den mit Blumen geschmückten Heiligenbildern, dem teppichbedeckten Tisch und dein die ganze ^länge einer wand einnehmenden Divan ein ganz gemütlicher Aufenthaltsort ist. Die Umgebung der Dörfer trägt auch dazu bei, ihr Aussehen zu einem freundlichen zu gestalten. Die baumlosen steppen, durch welche wir von perekop an gewandert, sind verschwunden, und Felder, wiesen und Waldungen, deren Gedeihen die vielen Flüßchcn, die dem Dnestr zueilen, begünstigen, drängen hier die Steppe immer mehr zurück. Das Gouvernement Vessarabicn hat nun seit dem berliner Frieden wieder seine frühere Ausdehnung, ^5)0,^!^ Meilen. Der Hauptort des Gouvernements ist die malerisch am rechten Ufer des Vyk, eines Nebenflusses des Dnjestr, gelegene Stadt Rischinew. Als im Jahre ^8^2 Vessarabien mit Rußland vereinigt wurde, stand an der Stelle des heutigen Rischinew das von Moldauern und Armeniern bewohnte Städtchen Rischnau, eine uralte Niederlassung, deren Spuren sich bis ins ^. Jahrhundert zurück verfolgen lassen. Unter russischer Herrschaft wuchs die Stadt ungemein rasch. Im Jahre ^8^8 besaß sie bereits ein Seminar und mehrere Vezirrsschulen, im Jahre ^6,",3 erhielt sie ein Gymnasium, und in den sechziger fahren ein Progymnasium, ein Mädchengymnasium und eine Realschnle. Die engen Straßen mit den alten Häusern verschwanden, stattliche Neubauten traten an ihre Stelle, Fabriken wurdeu erbaut, Eisenbahnen verbanden Rischineff mit Gdessa und Jassy, und die Einwohnerzahl stieg auf ^02 WO. Das jüdische Element ist in der letztern sehr stark vertreten, wie schon daraus ersichtlich ist, daß es hier gegen ,">0 jüdische Schulen giebt. Die bedeutendste Stadt Vessarabiens nach Kischinew ist Vender, eine starke Festung am Dnjestr. Hier leb:e Rarl XII. von Schweden, als er nach der Schlacht bei poltawa auf türkisches Gebiet geflüchtet war; hier verteidigte er mit einein Häuflein Getreuer sein Haus gegen die türkischen Truppen, die ihn zum Oerlassen des Bandes, dessen Gastfreundschaft er mißbrauchte, zwingen sollten, Vei der Erstürmung Venders durch die Russen unter Panin (^770) wurde die Stadt ein Raub der Flammen und gegen 50 000 Menschen fanden den Tod. Vender hat seine frühere Vedeutung seitdem nicht wieder erlangt; die Einwohnerzahl beträgt gegenwärtig 2H000. Als Grenzfestung gegen polen war iühocim früher sehr wichtig, da es die nahe gelegene polnische veste Ramenetz Podolskj in Schach hielt. Es liegt ebenfalls am Dnjestr und ist eine unsaubere, ärmlich aussehende Stadt mit ^8 000 Einwohnern, unter welchen Juden und Zigeuner sehr Zahlreich vertreten sind. Man sieht hier noch die Ruinen genuesischer Festungswerke, denn Chocim (Chotin) war eine genuesische Kolonie, der äußerste Oorposten, den dieses Handelsvolk vom Schwarzen Meer aus gegen Norden vorgeschoben hatte.