Sonderabdruck aus der Monatsschrift «Dic Erdbebenwarte», Nr. 3, 4, 5, tli. Jahrg., 1903/04. Die Stellung Alexander von rtumboiclts zur Lehre von den Erdbeben. Es ist ein eigentiimlicher Zug des Menschen, dafi er von allem, was sich seinen Sinnen aufdrangt, zunachst die Ursache zu ergriinden, fast inochte man sagen, zu erraten sucht; erst spater, manchmal sogar viel spater, denkt er daran, die Ereignisse selbst in ihrem Verlaufe zu beobachten, sie zu analysieren und so die Ursache zu erforschen. Dies konnen wir iiberall bestatigt finden; ganz abgesehen von den taglichen Erscheinungen, wie Krankheiten, Feuersbrunste u. dgl., nehmen wir das vor allem auf dem Gebiete der Naturwissenschaft wahr. Wie viele Jahrhunderte mufiten so vergehen, bis man sich nach Ubervvindung aller moglichen Hindernisse entschlofi, die Kenntnis des menschlichen Korpers und seiner Organe dadurch zu erzielen, dafi man diesen menschlichen Korper zergliederte! Und so erscheint uns heute als erstes Erfordernis einer «wissenschaftlichen» Behand- lung die Analyse des betreffenden Gegenstandes. Und wieder gerade in der Natunvissenschaft sind wir deshalb zur Induktion gekommen. Die Erdbeben nun sind etwas, das sich den Menschen von jeher mit unwiderstehlicher Gewalt bemerkbar machte. Ja, nach dem heutigen Stande der Wissenschaft konnen wir behaupten, dafi die Erdbeben auf unserem Planeten schon viel langer vorgekommen sind, als der Mensch denselben bewohnt; aufierdem spricht alle Wahrscheinlichkeit dafiir, dafi diese Natur- erscheinung in friiheren Zeiten nicht schwacher, sondern eher starker und haufiger aufgetreten ist als heutzutage. Die Menschen hatten also genugend Grund, sich mit derselben zu befassen. Was sehen wir nun? Wenn wir von dem einzigen Seneka absehen, enthalten fast alle friiheren Berichte liber Erdbeben kaum mehr als eine Aufzahlung der Zerstorungen, wenn es gut geht, auch noch eine meist recht unbestimmte Zeitangabe. Das ist — manchmal in phantasiereicher Ausschmuckung — der ganze Inhalt fast aller Erdbebenberichte aus dem Altertum, dem Mittelalter und eines grofien Teiles der Neuzeit. Die Philosophen, die sich auflerdem noch mit den Erdbeben be- schiiftigten, hatten nur die eine Frage: «Woher?», die sie aus ihrem System Von Johannes Diick. Einleitung. 2 heraus zu beant\vorten suchten; eine Grundlage durch genaue Beobachtungen zu gewinnen, versuchte — auBer Seneka — keiner. Unter solchen Um- standen ist es nicht zu vervvundern, wenn die gewiB auch heute noch wichtigste Frage nach dem «Woher?» grundverschiedene, oft sogar sich direkt vvidersprechende Beantwortungen erfuhr. Sind wir doch auch heute noch nicht včllig im reinen mit dieser Frage, wenn auch durch auBerst exakte Beobachtung der einzelnen Ereignisse ein verlassiges Material geboten wird. Frtiher hing eben diese Frage zu sehr mit religiosen und philo- sophischen Ansichten zusammen, um vorurteilsfrei beantwortet zu vverden. In der Reihe der Naturforscher nun, welche die «exakte- Beobachtung als Grundlage jeder Forschung nicht nur durch Aufstellung der Forderung, sondern vor allem durch Selbstbetatigung zur Geltung brachten, nimmt Alexander von Humboldt gewifi die erste Stelle ein. In manchen Punkten sind aber die Ergebnisse seiner Forschung spater verandert, zum Teil sogar widerlegt worden. Dazu gehoren auch die Ansichten, welche dieser un- ermtidliche Forscher im Laufe derjahre auf dem Gebiete der Seismologie entvvickelte. Diese Ansichten sollen im folgenden dargelegt vverden. I. Die Wernersche Schule. Wenn wir Humboldt recht verstehen wollen, so mtissen wir uns zu- nachst liber die Stellung klar vverden, vvelche die Manner der Wissenschaft unmittelbar vor Humboldt diesem Gebiete der Naturvvissenschaft gegenuber einnahmen. Der Freiberger Gelehrte Werner hatte am Anfang des 19. Jahrhunderts einen Weltruf erlangt. Aus allen Teilen der Erde kamen Manner, darunter auch solche, die schon selbstandig vvissenschaftlich gearbeitet hatten, nach Freiberg, um dort zu den FtiBen Werners zu sitzen. Der Neptunismus, den dieser als Grundlage seiner Anschauungen predigte, blieb zwar nicht un- widersprochen, aber das Ansehen, das der Gelehrte iiberall genoB, verhalf seinen Ansichten doch vorlaufig zum Siege. Es ist nun ein eigentumliches Verhangnis, dafi gerade die Schiller Werners berufen waren, die Anschau¬ ungen des Lehrers zu korrigieren. Dies fiihrte zunachst zu einem erbitterten Kampfe zvvischen Neptunisten und Vulkanisten, der in Deutschland erst nach dem Tode Werners seinen Abschlufi fand. Durch den Streit mit seinem Schiller Vogt wurde nun Werner zu der Erklarung gedrangt, daB die Vulkane nur in Brand geratene Kohlenflotze seien. Im Auslande war dieser Kampf nun schon langst zu Ungunsten Werners entschieden, vvahrend er in Deutsch¬ land noch mit unverminderter Heftigkeit fortdauerte. DaB er auch hier mit einer vollstandigen Niederlage Werners endigte, ist zum grofiten Teil auf den Einflufi zuruckzufiihren, welchen die beiden hervorragendsten Schuler Werners, Leopold von Buch und Alexander von Humboldt, durch ihre tief- gehenden und exakten Forschungen ausubten. Humboldt legte durch seine 3 Beobachtung der Vulkane auf den Kanarischen Inseln, in Quito, Peru, in Mexiko und Neugranada (= Kolumbien) sowie in Venezuela den Grund zu einer genaueren Kenntnis der Vulkane. Aus diesen seinen Forschungen und der ihm eigenen Gabe, alle Erscheinungen zu verkniipfen und in Zusammenhang zu bringen, ergeben sich auch seine Ansichten iiber die Erdbeben, wie in den folgenden Kapiteln naher dargetan wird. II. Vulkanismus. Der Begriff des «Vulkanismus* spielt in der Erdbebenlehre Idumboldts eine so groBe Rolle, daB man notwendig vorher sich klar werden muB, was er darunter versteht und was wir heute damit meinen. Die klare Antwort auf den ersten Teil der Frage finden wir im 4. Band des «Kosmos», S. 144. Dort heifit es: «Die zweite Abteilung dieses Bandes ist dem Komplex der- jenigen tellurischen Erscheinungen gewidmet, welche der noch fortwahrend wirksamen Reaktion des Innern der Erde gegen ihre Oberflache zuzuschreiben sind. Ich bezeichne diesen Komplex allgemein mit dem Namen des Vulkanismus oder der Vulkanizitat und halte es fur einen Gewinn, nicht zu trennen, was einen ursSchlichen Zusammenhang hat, n ur der Starke der KraftauBerung und der Komplikation der physischen Vorgange nach verschieden ist.» Humboldt nimmt also — das ist, wie wir spater sehen werden, besotiders festzuhalten — fur alle Vorgange, die er mit dem Ausdruck Vulkanismus belegt, einen gemeinsamen Grund an, eine gemeinsame Ursache; eine Verschiedenheit kennt er nur in quantitativer oder gradueller Beziehung. DaB Humboldt die Erdbeben — und zwar alle ohne Ausnahme! — unter die Gruppe dieser Vulkanizitatserscheinungen einreiht, beweist die Stelle, die gleich auf das obige Zitat folgt: »Unter den mannigfach sich steigernden Phanomenen der Reaktion des Erdinnern gegen die auBere Erdrinde sondere ich zuerst diejenigen ab, deren wesentlicher Charakter ein bloB dynamischer, der der Bewegungs- oder Erschtitterungswellen in den festen Erdschichten ist: eine vu 1 k anisc h e Tatigkeit ohne notwendige Begleiterscheinung von chemischer Stoffveranderung. > Ein weiterer Beleg hiefur findet sich im «Kosmos», 4. Band, S. 150; Humboldt sagt da: «Die vulkanische Tatigkeit, zu deren niederen Stufen das Erdbeben gehort, umfaBt fast immer gleichzeitig Phanomene der Bewegung und physischer stoffartiger Produktion.» Hier ist ganz klar gesagt, daB Humboldt alle Erdbeben zu den vulkanischen Tatigkeiten rechnet. 1 Wir sehen, Humboldt faBt den Begriff des Vulkanismus wesentlich weiter als wir heutzutage. Wir betrachten 1 Eine weitere Belegstelle ist «Kosmos», I., S. 234: «Man mufi sorgfaltig unter- scheiden zwischen mehr oder weniger gesteigerten vulkanischen Erscheinungen, als da sind: Erdbeben . . . endlich Aufsteigen cines permanenten Vulkans.* 4 namlich bloD diejenige Reaktion des Erdinnern gegen die Erdoberfiache als vulkanisch, in deren Gefolge feuerfltlssige Massen an die Oberflache befordert werden. 1 Wir durfen also bei den Erdbeben durchaus nicht alle als vulkanische Erscheinungen auffassen, sondern miissen von vornherein alle diejenigen ausscheiden, bei denen bloG eine dynamische Wirkung zu verzeichnen ist. Vom Standpunkte Ilumboldts aus aber war es nur eine logische Folgerung, die Vulkanschlote, die Krater, durch welche die Lava austritt, als Sicherheitsventil gegen Erdbeben zu betrachten. Wenn wir also schlieGIich nochmals die Stellung Ilumboldts zum Vulkanismus betrachten, so kommen wir zu dem Ergebnis, daG die s er Forscher unter Vulkanismus jede KraftauGerung des Erd¬ innern gegen die Erdoberfiache versteht, ohne Riicksicht darauf, ob eine feuerfliissige Masse (Lava) dabei zutage gefordert wird oder nicht. III. Einteilung der Erdbeben. Im vorigen Kapitel haben wir gesehen, daG Humboldt die Erdbeben ohne Ausnahme nur als Teilerscheinungen des Vulkanismus auffnGt. Es ist daher selbstverstandlich, daG bei ihm von einer genetischen Einteilung dieser Naturereignisse keine Rede sein kann, weil er eben als Ursache fur alle den Vulkanismus annimmt. Tatsachlich spridit er sich auch gegen eine derartige Einteilung aus. «Die Erderschiitferungen,? sagt er im «Kosmos», 4. Band, S. 228, . . . «welche in keinem Zusammenliang mit den Vulkanen stehen 2 ; diese hat man neuerdings plutonische Beben im Gegensatz der eigentlich vulkanischen genannt, die meist auf kleinere Lokalitaten ein- geschrankt sind. In Hinsicht auf allgemeinere Ansichten tlber Vulkanizitat ist diese Nomenklatur nicht zu billigen. Die bei weitem groGere Anzahl der Erdbeben auf unserem Planeten miiGte plutonisch heiGen.* Und weiter (a. a. O., S. 214); «Auf einen genetischen Zusammen- hang der hier bezeichneten Klasse vulkanischer Erscheinungen deuten die vielfachen Spuren der Gleichzeitigkeit und begleitenden Ubergange der einfachen und schwacheren Wirkungen in starkere und zusammen- gesetztere hin.» Nirgends finden wir ferner die Erdbeben vom genetischen Gesichts- punkte aus unterschieden, sondern uberall ist von den Erdbeben, also von allen, die Rede. Es ware jedoch verkehrt, wenn man annehmen wollte, Humboldt habe nur vulkanische Beben in unserem Sinne angenommen, Beben also, bei 1 Vgl. Gunther, «Lehrbuch der Geophysik», I.Teil, 2.Auflage, Stuttgart 1897— 1899. 2 DaG er hier nur den aufierlich erkcnnbaren Zusammenhang meint, ergibt sich aus den unmittelbar folgenden Worten. 5 denen ein vulkanischer Ausbruch die Ursache ist. So sagt er z. B. im 2. Bande seines «Kosmos», Buch 3, Kap. 6, S. 73, daG «der Mittelpunkt der vulkanischen Wirksamkeit nicht in den Sekundarschichten gesucht werden diirfe, welche nur die auGere Rinde des Erdballes bilden, sondern daG diese ihren Sitz im Urgebirge und in einer sehr groGen Entfernung von der Erdoberflache hatten.» Wir weichen heutzutage von dieser Auffassung Humboldts ganz erheb- lich ab. Wahrend wir dem Vulkanismus bei Erdbeben nur eine sehr geringe Tatigkeit zusprechen (nur bei Beben, die Folgen eines Vulkanausbruches sind oder einen solchen erwarten lassen), hali en wir die Schrumpfung der Erdrinde, die Bildung groGer Ilohlraume und die Ubertragung fiir die Ursachen weitaus der meisten Beben; alle diese Grunde haben aber mit dem Vulkanismus gar nichts zu tun. Die Einteilung, die Humboldt getroffen hat, faGt vielmehr die Fort- pflanzung der Erdbeben ins Auge. Das hat er in seinem Werke «Zentral- Asien» (Obersetzung von Mahlmann, S. 424) ausgesprochen. «Wie (iberall in der neuen und alten Welt,» heiGt es da, «scheinen auch hier die Erd¬ beben entweder linear zu sein oder von gevvissen Mittelpunkten auszugehen und ihre Wellen nach verschiedenen Richtungen fortzupflanzen.» Nacli diesen beiden Gesichtspunkten teilt er auch die Beben in den Gegenden Europas und Amerikas ein, die er speziell zu seinem Forschungsgebiet gevvahlt hat. Die Einteilung nimmt also die Angriffslinie, beziehungsweise den Angriffspunkt zum Ausgang, in welchem dieselbe Ursache fiir alle Beben, namlich Dampfe wirken (vgl. «Kosmos», I., S. 223). IV. VVirkungen der Erdbeben. Wenn man an die Wirkungen der Erdbeben denkt, so ist man ver- sucht, sich darunter nur die verheerenden und zerstorenden Wirkungen derselben vorzustellen. Tats&chlich enthalten auch die meisten Erdbeben- berichte, besonders die vor dem 19. Jahrhundert, nur solche Angaben, die noch dazu meist recht tibertrieben und recht allgemein gehalten sind. Ein so scharf beobachtender Forscher wie Humboldt konnte sich nattirlich nicht mit der Aufzahlung der eingestiirzten Hauser usw. begniigen, sondern lieferte uns eine Menge genauer, vvichtiger Angaben. a) Magnetische Begleiterscheinungen. Wie Humboldt durch exakte Messungen festgestellt hat, ist durch das von ihm so oft ervvahnte Erdbeben von Cumana vom 4. November 1797, das er selbst miterlebt hat, die magnetische Inklination dieses Ortes um 90 Zentesimalminuten vermindert vvorden. (Vgl. «Reise in die Aquinoktial- gegenden*, 4. Buch, 10. Kap., S. 277 [II. Band]). Demgegentiber bemerkt er aber ausdrucklich (a. a. O., S. 280), daG er «bei den ofteren und heftigeren 6 ErdstoBen in den Kordilleren und von Quito sowie an den Ktisten von Peru niemals eine zufallige Variation der Inklination bemerkt habe.» Zur Erklarung dieser Tatsachen nehmen wir wohl am besten an, daft das Gebiet von Cumana aus Gesteinsmassen besteht, die Trager von lokalem Magnetismus sind, wahrend das bei den anderen von Humboldt beobachteten und angeflihrten Gebieten nicht der Fali ist. Bei dem ersteren Gebiete kann daher ganz gut durch die Erschutterung eine Anderung des lokalen Magnetismus und damit der Gesamt-Inldination eingetreten sein, indem die Eisenkobalt- oder Nickelmolekule der Gesteinsmassen eine Verlagerung erfuhren. (a. a. O., S. 280.) Bei den letzteren Gebieten jedoch konnte das nicht der Fali sein, weil diese Ortlichkeiten keine lokalmagnetischen Storungen aufwiesen. Jedenfalls sind die Beobachtungen Humboldts viel zu gewissenhaft ausgefiihrt, um als irrig in Zrveifel gezogen werden zu konnen. b) Biologische Wirkungen. Von groBem Interesse ist auch die Behauptung Humboldts, durch die von ihm beobachteten Erdbeben seien auch verschiedene Veranderungen an Pflanzen hervorgerufen worden. So bemerkt er (»Reise in die Aquinoktial- gegenden>, L, S. 484), «es seien einige giftig geworden und dadurch seien epidemische Krankheiten unter den Tieren entstanden; er gibt als wahr- scheinlichen Grund dafiir an, daB schadliche Diinste, die dem Boden ent- stromten, die Ursache dieser Veranderung gewesen seien. Humboldt stellt sich, wie aus einer oben angefuhrten Stelle hervorgeht, bei den Erdbeben die Entwicklung von Dampfen vpr; da ist es nun allerdings nicht un- moglich, daB diese Dampfe giftige Bestandteile, z. B. Schwefeldampfe, ent- halten und so diese giftigen Erscheinungen hervorrufen. So sagt er auch (•Reise in die Aquinoktialgegenden>, I., S. 499); «Alles scheint bei den Erdbeben die Wirkung elastischer Dampfe anzuzeigen, die einen Ausgang suchen, um sich in der Atmosphare zu verbreiten.» Wir haben uns diese Dampfe nach Humboldt aber nicht als lange vorher schon gebildet vor- zustellen, sondern als solche, «die weniger den StoBen vorangehen, als sie begleiten oder ihnen folgen.» («Reise in die Aquinoktialgegenden», I., S.490.) Aus diesem letzteren Umstand folgert Humboldt eine neue Wirkung, namlich c) Beeinflussung des Klim a s. Der oben angefiihrte Umstand «gibt die Erklarung zu einer Tatsache, die unbezvveifelter erscheint, dem geheimnisvollen EinfluB, welchen im aquatorialen Amerika das Erdbeben auf das Klima und auf die Anordnung der Regenzeit und des trockenen Wetters hat.> In dieser Beziehung nun sind wir heute noch um keinen Schritt weiter gekommen. Wir konnen die Moglichkeit einer derartigen Einwirkung nicht unbedingt abweisen, aber ein festes Urteil, das mehr als Hypothese ware, konnen wir dariiber auch nicht abgeben. Man denke nur an die merkvvurdige Wahrnehmung, die ebenfalls 7 «unbezweifelt feststeht*, daG auf der Erde Perioden trocken-warmer und feucht-ktthler Jahre miteinander abwechseln; daG eine ahnliche RegelmaGig- keit bei den Sonnenflecken beobachtet wurde und daG gar viele der neueren Forscher dieses Zusammenfallen der verschiedenen Naturereignisse auch in bezug auf die Haufigkeit der Erdbeben behaupten. V. Zusammenhang zvvischen Vulkanen und Erdbeben. Das Wichtigste und Interessanteste an der ganzen Erdbebenlehre Humboldts ist der Bevveis, den er fur seine Hypothese von der Zusammen- gehorigkeit der Vulkane und Erdbeben (Vgl. oben «Vulkanismus») zu erbringen sucht. Getreu seinen Grundansichten iiber Vulkanismus behandelt Humboldt auch die Erdbeben, die sich weit vom Schauplatze eines Vulkans mit erup- tiver Tatigkeit ereignen, ganz im Gegensatz zu modernen Anschauungen, doch als solche vulkanischen Ursprungs. Er erblickt in dem raumlichen Auseinanderliegen vielmehr einen Beweis, daG «diese Krafte riicht oberflach- lich, auf der auGeren Erdrinde, sondern tief im Innern unseres Planeten durch Kliifte und unausgefiillte Gange nach den entferntesten Punkten der Erdoberflache hinwirken.» (Humboldt' «Ober den Bau und die Wirkung der Vulkane*, S. 12 ff.) Schon im vorausgehenden sagt er, daG «selbst die Erdbeben, welche so furchtbar diese Erdteile (die aquatorialen) heimsuchen, merkvviirdige Beweise von der Existenz unterirdischer Verbindungen liefern, nicht bloG zwiscben vulkanischen Landern, was langst bekannt ist, sondern auch zwischen Feuerschliinden, die weit voneinander entfernt sind.» Der Forscher ftihrt dann zur Bestatigung seiner Ansicht mehrere Beispiele an, von denen eines wegen der groGen Ausdehnung des betreffenden Gebietes von besonderem Interesse ist. Er ervvahnt namlich eine Erschiitterung, die sich zunachst auf den Azoren zeigte, sich dann in den Antillen, am Ohio und Mississippi bemerkbar machte und endlich die Gegenkiiste von Venezuela heimsuchte. Von unserem modernen Standpunkte aus betrachtet erscheint nun dieses Beben und auch die tibrigen am gleichen Orte angefuhrten (a. a. O., S. 13 ff.) gewiG nicht als vulkanisch, da wir als eines der Merkmale der vulkanischen Beben die enge Begrenzung des Schutterbezirkes ansehen. (Vgl. Gunther, «Geophysik>.) Diese Verschiedenheit der Auffassungen hangt nun aufs innigste mit den Anschauungen iiber das Erdinnere zusammen, die wir deshalb etwas naher betrachten wollen. Die Mehrheit der jetzt lebenden Geologen vertritt die Ansicht, daG zvvischen der festen Erdkruste und dem einatomigen Gas ali e Aggregat- zustande vertreten sind, daG es also kein sprungvveises Obergehen des festen in den fliissigen Zustand gibt, sondern noch eine groGe Reihe von Mittel- gliedern eingeschaltet ist. Am vvichtigsten ist fiir uns das Mittelglied, dessen 8 Materie sich in latent-plastischem Zustande befindet, also sich in gewisser Beziehung wie ein Stiick Gummi verhalt. Deshalb konnen wir auch nicht annehmen, daB die Vulkane durcli Verbindungskanale aus dem feuer- fltissigen Teile unseres Planeten gespeist werden, da ein Kanal durch die oben angegebene Schicht nicht denkbar ist. Wir nehmen daher an, daB sich Lava in sogenannten * Magmanestern* nicht allzuweit von der Erd- oberflache vorfindet, die dann durch die Vulkane ausgeworfen wird. Diese Magmanester sind beim Schrumpfungsprozefi und den damit verbundenen tektonischen Umvvalzungen auf unserem Planeten vom Erdinnern abgeschniirt worden und so als Lavabehalter in die Nahe der Erdoberflache gelangt, wo sie naturlich nur eine sehr begrenzte Dauer haben. Deshalb haben die Beben, die wir als »vulkanische* bezeichnen, auch nur einen ziemlich eng begrenzten Schiitterkreis. Eine Verbindung unter mehreren Magmanestern ist zwar an und ftir sich nicht ausgeschlossen, jedoch in allzugrofiem Um- fange sicher nicht anzunehmen. Ganz gut aber ist es moglich, dafi ein Magmanest mehrere einander nahe liegende Vulkane speist, wie z. B. auf Java oder «im klassischen Lande des Vulkanismus», in Japan. Humboldt dagegen ist der Ansicht (die auch heute noch von einigen englischen Forschern geteilt wird), dafi die Erdkruste ohne Ubergangsschichten in die feuerfliissige Masse hinabtaucht, mit der er sich das Erdinnere ausgefullt denkt. «Der Zusammenhang der Vulkane bald in einzelnen runden Gruppen, bald in doppelten Zugen liefert den entschiedensten Berveis, dafi die vulkanischen Erscheinungen nicht von kleinen, der Oberflache nahen Ursachen (also unseren Magmanestern) abhangen, sondern grofie, tief gegriindete Er¬ scheinungen sind.» («Uber den Bau und die Wirkung der Vulkane*.) Wie er dann weiter ausfuhrt, stellt er sich vor, dafi die Erdrinde gezackt, «zer- kliiftet, in Gange zerrissen* in das grofie Magmameer hineinragt; diese «unausgefullten Gange* laufen vielleicht viele Plunderte von Meilen durch die Erdrinde hindurch und jeder einzelne steht nun mit der Oberflache wieder durch verschiedene Offnungen in Verbindung; auch die einzelnen Risse konnen sich kreuzen, sich vereinigen und so erscheint es naturlich, dafi ein grofier Zusammenhang zwischen den verschiedenen Vulkanen der Erde besteht. Ganz deutlich spricht sich Humboldt hiertiber im 2. Bande seines «Kosmos» aus (Buch 3, Kap. 6, S. 73): «Betrachtet man die Erscheinungen der Vulkane und der ErdstoBe im allgemeinen und erinnert man sich an die tiberaus weiten Entfernungen, auf welche sich die Erschtitterungen unter dem Grande des Meeres fortpflanzen, so verzichtet man leic.ht auf eine Erklarung, die von kleinen Schichten Schvvefelkies oder bituminosem Mergel ausgeht. Ich halte dafiir, die ErdstoBe, die man so haufig in der Provinz Cumana verspurt, diirfen ebensowenig den zutage liegenden Felsen zugerechnet werden, als die ErdstoBe in den Apenninen sich aus Asphalt oder aus Quellen entzundeten Bergols erkdaren lassen. Alle diese Er- 9 scheinungen gehen aus allgemeineren, ich mochte beinahe sagen, tiefer liegenden TJrsctchen hervor und der Mittelpunkt der vulkanischen Wirksamkeit darf nicht in den Sekundarschichten, welche die aufiere Rinde des Rrdballes bilden, gesucht werden, sondern er hat seinen Sitz im Urgebirge und in einer sehr grofien Entfernung von der Erdoberfldche.» Was das letztere betrifft, das Hinabreichen der festen Erdkruste in das Erdinnere, so sind wir heute allerdings der Ansicht, dafi die Tiefe, in der die innere Erdwarme schon so bedeutend ist, dafi das Gestein seine ursprungliche Festigkeit einbiifit, verhaltnismafiig ge ring ist. (Vgl. Gnnther a. a. O.) Diese Ansicht Humboldts, die aus seinen «allgemeineren Ansichten. tiber Vulkanizitat« herausgenommen ist, verteidigt er auch tiberall und sucht neue Beweise fiir seine Hypothese zu finden. So folgert er («Uber den Bau und die Wirkung der Vulkane«) nach dem Bericht liber das Erdbeben von Lissabon vom 1. November 1755: