»M,»»»»» Nus 6 er Gücherej Ankündigung. Illustrierte Geschichtsbibliothek für jung und alt. Diese neue Sammlung dürfte eine wirkliche Lücke in unserer Literatur ausfüllcn und vor allem von der Jugend freudigst aus¬ genommen werden. Hat diese doch viel Interesse für geschichtliche Begebenheiten, das sie mit Vorliebe auf einzelne geschichtliche Persönlichkeiten vereinigt. In der Tat bietet auch das Leben der meisten hervorragenden Männer viel des Anziehenden und Be¬ lehrenden, so daß es kaum eine fesselndere Lektüre geben kann, als die Geschichte ihres Lebens, die fast immer zugleich die Geschichte ihrer Zeit darstellt. Die Allstnerte Geschichtsblbliothkll ist nach einheitlichen Grundsätzen durchaus volkstümlich und lcichtvcrständlich, aber unter steter Berücksichtigung der neuesten geschichtlichen Forschungen bearbeitet, so daß sie nicht nur anziehende und unterhaltende, sondern auch im hohen Grade belehrende und bildende Lektüre zu bieten vermag. Eine Reihe hervorragender Namen, die nur für Gutes bürgen, haben bereits ihre Mitarbeiterschaft zugcsagt. Reiches Jllustrationsmatcrial soll dem geschriebenen Worte zu Hilfe kommen und dem Auge das Bild der Ereignisse der ver¬ schiedenen Zeiten, ihres Kulturzustandes u. s. w. verführen. Jeder Band wird ein für sich vollständig abgeschlossenes Ganzes bilden und sollen Wiederholungen in den einzelnen Biographien vermieden werden. Volksbilüiotheken, Schul-, pfarr- und Zngendlnblio- theßen re. werden nicht umhin können, diese Sammlung anzu¬ schaffen, welche gediegene, lehrreiche Darstellung, verbunden mit völlig einwandfreiem Inhalte, im vorhinein verbürgt und eine für die Jugend wie das Volk gleich ansprechende Lektüre zu denkbar billigstem Preise bietet. Smolle, Napoleon I. 1 II Bereits sind erschienen: Prinz Eugen von Savoyen, der Begründer der Großmachtstellung Österreich-Angarns. Ein Lebens- und Zeitbild von Du Leo Sm olle. Mit 23 Illustrationen. Brosch. L 1-— -- Mk. —'90; geb. L 160 — Mk. 1'40. Karl der Große. Ein Lebensbild von Dr. Peter Macherl. Mit 18 Illustrationen. Brosch. L —'80 -- Mk. — 70; geb. L 1-40 -- Mk. 1'20. Napoleon I. Von Dr. Leo Smol le. Mit 43 Illustrationen. Unter der Presse oder in Vorbereitung befinden sich: (Sämtliche Bändchen sind möglichst reich illustriert.) Peter der Große und seine Zeit. Von H. Brentano. Erzherzog Karl. Von Professor Dr. Karl Fuchs. Feldmarschall Radetzky. Ein Lebensbild. Nach den Quellen bearbeitet von Joh. Krainz (Hans von der Sann). Andreas Äoser. Von Heinrich von Wörndlc. Maximilian I., der letzte Ritter. Von Seminarlehrer I. Ni essen. Alexander der Große und seine Zeit. Von Professor Dr. S. Haslhofer? Alfred der Große.' Von !>. Athan. Zimmermann, 8. .1. Ferner sind als nächste Bändchen in Aussicht genommen: Die Völkerwanderung. — Geschichte der Kreuzzüge. — Das Zeitalter der Entdeckungen (Columbus, Ferdinand Cortez, Vasco de Gama). — Kaiser Rudolf von Habs¬ burg. — Der Dreißigjährige Krieg. — Kaiserin Maria Theresia. Vie Sammlung wirä lortgesetrt. Zeichenfolge unä Erscheinung rinä rwanglor. Illustrierte Geschichtsbibliothek. X Napoleon I. als Kaiser im Krönungsornat. K Graz 1907 8 Verlagsbuchhandlung „Styria" Illustrierte Geschichtsbibliothek für jung und alt Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen, Vorbehalten. 1 3831 K. k. Universitäts-Buchdruckerei „Styria", Graz. Niemand wird Wohl in Abrede stellen, daß eine Biographie Napoleons I. in jenen engen Grenzen, wie sie durch die Tendenz der vorliegenden Sammlung geboten ist, abzufassen, keineswegs zu den leichtesten Aufgaben gehört, und zwar ebenso¬ wohl wegen der verwirrenden Fülle des Stoffes, als der oft diametral entgegengesetzten Anschauungen, die über den Charakter und die Politik dieses großen Mannes in der Geschichtschreibung herrschen. Zwar die einseitige Verhimmelung der größten wie der unbedeutendsten Züge in dem Lebensbilde des korsischen Helden ist wohl mit Recht ein überwundener Standpunkt der modernen Geschichtsauffassung, aber ebenso ungerecht ist der alles ver¬ neinende und verkleinernde Maßstab, den manche Historiker Napoleon gegenüber anzuwenden für gut finden. Indem ich mir Mühe gab, zwischen diesen so divergierenden Anschauungen die rechte Mitte zu halten, kam es mir vor allem darauf an, den menschlichen Seiten in Napoleon gerecht zu werden und seine Politik als Ergebnis der Zeitumstände und des persönlichen Charakters erscheinen zu lassen. Daß bei diesem Ziele, das mir vorschwebte, die Darstellung lebhafte und warme Akzente nicht entbehren konnte, ist Wohl selbstverständlich und es dürfte dem Büchlein kaum zum Schaden gereichen, wenn es nicht bloß durch die unparteiische Ehrlichkeit der Auffassung, sondern vor allem durch die anziehende und fesselnde Form auf die Leser, als welche sich der Verfasser natür¬ lich auch die begeisterungsfähige Jugend denkt, zu wirken be¬ müht ist. X Eben dieser Absicht soll auch der ganz besonders reiche illustrative Schmuck dienen, mit dem die Verlagsbuchhandlung das Werk ausstattete, denn es ist nicht zu leugnen, daß die Anschauung das beste Mittel ist, dem Gedächtnisse und der Phantasie des Geschichtsfreundes zu Hilfe zu kommen. So hoffe ich denn, daß sich die vorliegende Biographie Napoleons I. nicht ganz unwürdig an die bereits vorhandenen vielen und zum Teil trefflichen populären Lebensbeschreibungen des französischen Kaisers anreihe und nach Kräften beitrage, die Begeisterung für heroische Persönlichkeiten und denkwürdige Taten zu fördern und wachzuhalten, denn, was unserer Zeit vor allem nottut, ist die Zucht des Charakters und die Stählung des Willens. Beides jedoch ist ohne die Fähigkeit, sich für Großes zu begeistern und ihm nachzustreben, undenkbar. Diese Begeisterung aber wird durch das Studium der Ge¬ schichte geweckt und genährt und das ist nach Goethes so wahrem Ausspruche das Beste, was wir an ihr haben. Welches Zeitalter der Weltgeschichte aber könnte diese hohe Aufgabe in großartigerer Weise erfüllen, als die Epoche, die den Werdegang des großen Napoleon umspannt? Wien, im Juni 1906. Dr. Leo Smolle. Inhalt Seite Vorwort .IX I. Heimat und Kindheit. I II. Militärschule und Garnison. 9 III. Erste Lorbeeren .. 25 IV. Der italienische Feldzug. 38 V. Ägypten. 49 VI. Der Weg zur Alleinherrschaft. 60 VII. Napoleons Kaiserkrönnng. 76 VIII. Die ersten Jahre des neuen Kaiserreichs. 87 IX. Napoleon ans dem Höhepunkte seiner Macht.105 ,X. Das Jahr Neun.116 XI. Der russische Feldzug.133 XII. Deutschlands und Europas Freiheitskampf. . 140 XIII. Die Katastrophe. - Elba.155 XIV. Die Hundert Tage und Waterloo .167 XV. St. Helena. — Das Ende.l78 Rückblick.192 Anhang. — Stammtafel der Familie Bonaparte.196 I. Heimat und Kindheit. !)m Schatten einer mächtigen Ulme liegt an einem kleinen viereckigen Platze von Ajaccio ein Haus, das in seiner gelbgraucn Tünche einen wenig freundlichen Eindruck macht. An der Ecke steht mit fast schon verwischten Lettern „Maos I^astitia" geschrieben. Es ist die „Casa Bonaparte". Der kleine Platz ist meist menschenleer; es ist, als ob die Größe der Erinnerung, die ihn beschattet, alles kleinliche Leben von hier fortscheucheu und die Schwingen eines ungeheuren Schicksals die ganze Umgebung in ihr ernstes Düster einhüllen würden. — Denn hier in diesem Hause wurde am 15. August 1769 ein Mann geboren, der seine Spuren dem Erdball eindrückte und dessen sich die Vorsehung bediente, um Ungeheures auszuführen. Wir sagen die Vorsehung, denn sie wollte durch ihn eine Welt, die in Sünden und Verbrechen ergraut war, zertrümmern, um Platz zu schaffen für neue Schöpfungen, die den Charakter der Dauer in sich trügen. Denn nicht ein Baumeister war der Mann in erster Linie, der in der „Casa Bonaparte" an dem genannten Tage das Licht der Welt erblickte. Er war vor allem ein Zerstörer, aber ein Zerstörer von genialer Wildheit und un¬ gezügelter Kraft. Er war und blieb zeitlebens ein Sohn seiner Heimat mit all den Vorzügen und Fehlern, die den Bewohnern dieses kleinen Eilandes anhaften, in dessen feuriger Sonne die Orangen und Oliven reifen und in dessen tiefblauen, klaren Himmel trotzige, mit dunklen Wäldern umgürtete und wildgezackte Berge cmporragen. Glühende Vaterlandsliebe und todesverachtende Tapferkeit gesellen sich in dem Charakter des Korsen zu ungebändigter Leiden- 2 schaftlichkeit und einem Feindeshasse, der die Blutrache noch heute auf der Insel furchtbar wüten läßt. Dabei ist kaltberechnende Schlauheit ein ebenso hervorstechender Zug im Charakter dieses Jnselvolkes, wie eine eiserne Energie des Willens, die selbst vor dem Äußersten nicht zurückbebt. Und eben diese Eigenschaften sind, oft bis ins Maßlose verzerrt und vergrößert, die Hauptlinien in dem Charakter jenes Mannes, dessen Leben und weltgeschichtliche Bedeutung die folgenden Blätter erzählen wollen. Er hat eine Welt in den Das Laus der Familie Buonaparte in Ajaccio auf Korsika, in dem Napoleon geboren wurde. Staub getreten, weil diese Welt nicht mehr wert war zu bestehen. Und als diese Aufgabe, die der uuerforschliche Ratschluß Gottes auf seine Schultern gelegt hatte, erfüllt war, nahm ein anderes Eiland ihn auf, um ihm ein einsames Grab inmitten des Welt¬ meeres zu gewähren. Von Korsika bis zu St. Helena — welch eine Laufbahn, die in ihrer seltenen Größe ans Wunderbare Hinanreichti Versuchen wir es, die einzelnen Stationen dieser Laufbahn in ihren denkwürdigsten Erscheinungen im folgenden festzuhalten. 3 Als Napoleon auf Korsika geboren wurde, lag die Insel noch in den letzten Zuckungen des Freiheitskämpfer den sie gegen ihre eigennützige Herrin, die genuesi¬ sche Republik, führte. Eben hatte Genua die Insel an Frankreich ver¬ kauft, zunächst freilich nur pfand¬ weise, aber auch Frankreichs Herr¬ schaft wollten die stolzen Korsen sich nicht gefallen lassen. Der Freiheits¬ krieg dauerte fort und setzte die ganze Insel in Aufregung. „Ich ward geboren, als mein Vaterland starb", so sagte Napoleon selbst mit jener unnachahmlichen, man möchte sagen gigantischen Kraft und Kürze, die seine Aussprüche und Anreden meist charakterisierten. Er schrieb diese Worte an Pasquale Paoli, den Helden des korsischen Freiheitskampfes, und er schrieb sie am 12. Juni 1798 in dem Augenblicke nieder, als auch das alte Frankreich mit dem Tode rang und der Himmel sich blutig rötete, nicht bloß den neuen Morgen, sondern auch die furchtbaren Stürme, unter denen er geboren ward, ver¬ kündend. Denn zwei Tage vor diesem Datum hatte Abbö Sieyss die Ab¬ geordneten des dritten Standes auf¬ gefordert, sich als Vertreter der Nation zu konstituieren. Zu den Männern, die am frühesten ihren Frieden mit Frank¬ reich machten, gehörte auch der Advokat Carlo Buonaparte (so und nicht Bonaparte schrieb sich Napoleon noch lange Zeit hindurch). Der Ursprung des Geschlechtes der Buonaparte läßt sich nicht Blick auf Ajaccio auf Korsika. (Nach Photographie.) 4 ganz aufhellen. Sicher ist nur, daß sie einem alten Adelsgeschlechte entstammten, das etwa im vierzehnten Jahrhunderte von Florenz nach Korsika ausgewandert war, wahrscheinlich infolge von bürger¬ lichen Unruhen. Später fand es der begeisterte Anhänger der Jakobiner und intime Freund des jüngeren Robespierre nicht für geraten, seinen Adel hervorzukehren; als er sich aber die Kaiserkrone aufs Haupt gedrückt hatte, fanden sich genug feile Federn, die den Stammbaum der Bonaparte bis ins graue Alter¬ tum, bis auf die sagenhaften nordischen Könige zurückführen wollten. Schon der Name idiapoloons, oder wie die alten korsischen Kirchenbücher schrieben: ibinbnlions, hatte einen seltsamen, fremd¬ artigen Klang. Napoleon war der zweite Sohn unter dreizehn Kindern, die Lätitia, aus der Familie der Ramolino, ihrem Ge¬ mahl schenkte. Carlo Buonapartc war ein Mann von ziemlich ausgebreiteten Kenntnissen, aber ohne hervorragende geistige Be¬ gabung, liebenswürdig, gastfreundlich, gesellig, als Advokat nicht sehr beschäftigt; ein Streit um ein Familiengrundstück, das seine frommen Anverwandten den Jesuiten geschenkt hatten und das er wieder zurückgewinnen wollte, war wohl sein langwierigster, nicht eben einträglicher Prozeß. Die Buonapartc waren nicht reich, wenn sie auch zu den angesehensten Familien auf der Insel gehörten. Ein Haus in der Stadt, einige Wirtschaftshöfe, ein paar Weinberge und Weiden oben im Gebirge, das war so ziemlich der ganze Reichtum der Familie. Dazu kamen die zahlreichen Kinder, die einander so rasch folgten. Begreiflich daher, daß der Advokat Carlo Buonapartc, der sich bald nach der Geburt Napoleons in Pisa den Doktorhut geholt hatte, sobald als möglich seinen Frieden mit dem neuen französischen Regime auf Korsika machte. Seine Frau Lätitia, eine gebürtige Ramolino, über¬ ragte ihren Gemahl, ohne gerade nach unseren landläufigen An¬ schauungen gebildet zu sein, entschieden an Schärfe des Geistes und Energie des Charakters. Wie bei so vielen großen Männern der Weltgeschichte, gingen auch bei Napoleon seine besten Eigen¬ schaften von der Mutter auf ihn über. Naäams-Llsrs, wie Lätitia genannt wurde, als sich ihr Sohn einen Thron erobert 5 hatt?, blieb daher für Napoleon stets ein Gegenstand kindlichen Si .lzes und zärtlichster Fürsorge, soweit Zärtlichkeit überhaupt m der Brust dieses großen Egoisten und dieses Menschen von dahl und Eisen Raum hatte. Zu dem Vater gewann Napoleon, ! 7 weit wir aus seiner Kindheit unterrichtet sind, kein innigeres Verhältnis. Der Advokat Carlo Buonaparte, der Vater Napoleons. Carlo Buonaparte war viel auf Reisen und weilte häufig in Frankreich, wohin ihn seine Stellung als Abgeordneter des korsischen Adels führte. Auf einer dieser Reisen starb er Plötzlich am 24. Februar 1785 zu Montpellier an einem alten Magen¬ übel, das sich auf den Sohn Napoleon vererbt zu haben scheint, denn auch er erlag dem gleichen Leiden in St. Helena. Bei dem Tode des Vaters, der nur ein Alter von achtund- 6 dreißig Jahren erreicht hatte, waren von den dreizehn Kindern noch acht am Leben, fünf Söhne und drei Töchter: Josef, Napo¬ leon, Lucian, Ludwig, Hieronymus, Elisa, die eigentlich Marianne hieß, Pauline und Karoline ; davon war das jünste Kind, JerSme, erst drei Monate alt. Schon zu Lebzeiten des Mannes, der gern in Gesellschaft lebte und dessen leichtmütiges Temperament für ernste Dinge wenig empfänglich war, lastete fast die ganze Führung des Hauswesens und die Erziehung der Kinder auf den Schultern der klugen und scharfblickenden Frau, die nicht bloß in ihrem Charakter, sondern auch in ihren scharf und edel geschnittenen Zügen etwas von einer antiken Römerin an sich hatte. Es war, als hätte sie die künftige Größe ihres Zweit¬ geborenen geahnt, so sehr war sie gerade bei diesem bemüht, alles Unedle und Kleinliche aus seiner Umgebung fernzuhalten und seinen erwachenden Geist mit Bildern sittlicher und geistiger Größe zu erfüllen. Schon früh bereitete ihr die unbändige Wild¬ heit seines Wesens nicht geringe Sorge. Nah am Ende seines Lebens erzählte Napoleon selbst: „Ich war eigenwillig und starrsinnig, nichts imponierte mir, nichts brachte mich aus der Fassung, ich hatte vor niemand Furcht. Den einen schlug ich, den andern kratzte ich, alle fürchteten mich. Mein Bruder Josef war es, mit dem ich zumeist zu tun hatte; er ward gescholten, geschlagen, gebissen. Oft beklagte ich, daß er sich nicht rasch genug erholte." Nur die Mutter vermochte den wilden Knaben zu bän¬ digen. Dem gutmütigen und nachlässigen Vater entglitten die Zügel der Erziehung gegenüber einer so stürmisch hervorbrechenden Wildheit der Naturanlage. Den ersten Lese-Unterricht erhielt Napoleon von seinem Onkel, einem Halbbruder der Mutter, dem späteren Kardinal Fesch, dann kam er in eine Mädchenschule, wo sich der trotzige. Knabe nicht wenig unbehaglich fühlte. Begeistert aber lauschte er den Erzählungen von den Heldentaten eines Pasquale Paoli, der den Frciheitskampf gegen Genuas Zwingherrschaft begonnen und geleitet hatte und nun in England im Exil lebte, denn ehe der Vater seinen Frieden mit Frankreich gemacht hatte, war die „Casa Buonaparte" in Ajaccio der Sammelplatz der korsischen Patrioten gewesen, die, von glühender Frciheitsliebe erfüllt, auch 7 F-üiikreichs Oberherrschaft nur mit Zähneknirschen ertrugen und nichts sehnsüchtiger herbeiwünschten, als die völlige Befreiung der Ai 'el. So wurde Napoleons jugendlicher Geist mit den stolzesten 6) danken erfüllt und sein glühender Patriotismus kannte damals Lätitia Buonaparte, die Mutter Napoleons. und auch noch viele Jahre später nur ein Ziel: die Befreiung der Insel von der Fremdherrschaft, mochte diese auch von der französischen Regierung in der mildesten Form ausgeübt werden. Napoleon war ein Korse, als er nach Frankreich kam; er beherrschte die französische Sprache fast gar nicht; sie völlig 8 fehlerlos zu schreiben, hat 'er nie gelernt. Er wurde eigentlich nie Franzose. Als er aufhörte, ein glühender Korse zu sein, wurde er, wenn man so sagen darf, ein kosmopolitischer Despot, dem die Nation nichts, die Macht alles galt. In seiner Brust hatten die Ideale „Volk und Heimat" nur so lange Platz, als sie nicht von dem Feuer seiner alles aufsaugenden Ehrsucht ver¬ zehrt worden waren. Als Napoleon aufgehört hatte, Patriot zu sein, wurde er Soldat und als solcher befolgte er die Worte, die er einmal seinem Oheim Fesch geschrieben hatte: „Der Soldat darf keiner andern Sache angehören als seiner Fahne." Verfolgen wir die ersten Schritte des jungen Soldaten. II. Mlitärschule und Garnison. Die stete Sorge des Advokaten Carlo Bonaparte (wir bleiben fortan bei dieser Schreibung des Namens), in dessen Hause der französische Gouverneur der Insel, Graf Marboeuf, als gern gesehener Gast verkehrte, war dahin gerichtet, seine prekären finanziellen Verhältnisse durch die Beziehungen zur französischen Regierung zu bessern und vor allem für die Unterbringung seiner zahlreichen Familie zu sorgen. Der älteste Sohn Josef sollte Geistlicher werden und zunächst seine lateinischen Kenntnisse in einem Kollegium zu Autun vervollständigen; dorthin brachte der Vater auch den jüngeren, Napoleon, der vor allem seine überaus mangelhafte Ausbildung in der französischen Sprache ergänzen sollte. Der Vater hatte diesem Sohn einen Freiplatz in der Militär¬ akademie von Brienne erwirkt. Sein Schicksal war entschieden. Der größte Eroberer der. Welt, nach Alexander und Cäsar, begann seine soldatische Laufbahn. Fürwahr ein denkwürdiger Tag der Weltgeschichte, jener 23. April l779, an dem der junge Korse Napoleone de Buonaparte in die Liste der Zöglinge von Brienne eingetragen wurde. Der junge Napoleon stach bald von allen seinen Kameraden in der Schule in der auffallendsten Weise ab. Daß er das Fran¬ zösische nur sehr unvollkommen handhabte und in seinem ganzen Typus, dem olivenfarbigen, mageren und scharfgeschnittenen Gesicht, den feurigen Augen, die die Herrennatur verrieten, den Italiener zur Schau trug, wäre noch das wenigste gewesen; was aber alle verdroß, war sein Hang zur Einsamkeit und seine wilde Un¬ zugänglichkeit. 10 rLÄ? KLÄ? k-LÄ? rL^? KLÄ? r-L»? k^L^? r^>? r^>? r, ^..>< _,v 3 o Nähe. Erst Frau von Beauharnais gab mir meine Sicherheit. Sie sprach sich eines Tages, als ich neben ihr zu sitzen kam, mit schmeichelhaften Worten über meine militärischen Talente aus und dieses Lob berauschte mich. Ich wendete mich fortwährend an sie, folgte ihr überall hin, verliebte mich endlich leidenschast- Bonaparte. Von Alessi, gestochen von Tass ort. lich und unsere Gesellschaft wußte cs bereits, als ich noch keines¬ wegs wagte, es ihr zu gestehen." Übrigens hatte es für Bonaparte in seiner damaligen Lage auch etwas Anlockendes, sich dem einflußreichen Barras, der die Verbindung wünschte, gefällig zu zeigen und mit der alten Aristo- 36 kratic, die wieder auflebte, Beziehungen anzuknüpfen. So fand denn am 9. März 1769 die bürgerliche Trauung statt. Barras und Tallien fungirten als Zeugen. Napoleon und die Braut machten unwahre Angaben über ihr Alter; Napoleon wollte am 5. Februar 1768, Josefine gar am 23. Juni 1767 geboren sein: kleine Lügen im Verhältnis zu denen, auf welchen Napoleon später das Gebäude seiner Weltherrschaft aufrichtete. Z Es ist gewiß interessant, wenn wir in einem Briefe Napo¬ leons an Josefine aus dieser Zeit das glühende Geständnis seiner Liebe lesen. Der Verfasser des „Dialogs über die Liebe", der eiserne Schlachtenlenker, schrieb damals: „Du bist der einzige Gedanke meines Lebens. Wenn ich von dem Wirrwar der Geschäfte gelangweilt bin, wenn ich deren Ausgang fürchte, wenn die Menschen mich anekeln, wenn ich nahe daran bin, das Leben zu verwünschen, dann lege ich die Hand an mein Herz, Dein Bild lebt darin. Zu leben für Josefine, das ist die Geschichte meines Lebens." Josefine erwiderte die Liebe Napoleons durchaus nicht mit gleicher Innigkeit. Sie blieb flatterhaft und genußsüchtig auch nach ihrer Verehelichung und bereitete durch ihr leichtfertiges Betragen Napoleon aufrichtigen Schmerz. Erst als er unum¬ schränkter Machthaber geworden und sie nicht mehr im stände war, die immer deutlicher werdenden Spuren des Alters zu ver¬ hüllen, blieb sie ihm treu und verfolgte ihn mit ihrer Eifer¬ sucht. — Seinen Stiefkindern war Napoleon der zärtlichste Vater und seine Liebe zur Familie breitet über manche Verbrechen seines Ehrgeizes einen mildernden Schleier. Barras hatte Napoleon zur Verbindung mit Josefine haupt¬ sächlich aus dem Grunde geraten, weil diese Ehe am meisten dazu beitragen würde, seine korsische Herkunft zu verwischen und ihn vollständig zum Franzosen zu machen. „Und ich", sagte Napoleon später, „wollte absolut Franzose sein. Unter allen Beschimpfungen, die damals gegen mich geschleudert wurden, war mir die des ,Korsen' die empfindlichste." i) Auch die Brüder Josef und Lucian haben bei ihrer Vermäh¬ lung unrichtige Angaben bezüglich ihrer Geburt gemacht und es ist wirklich komisch, daß sie ebenso wie Napoleon das Jahr 1763 als Ge¬ burtsjahr angaben. 37 Welch ein Wandel der Anschauungen im Laufe weniger Jahre! Nur als Franzose konnte er groß und berühmt werden. Die korsischen Träume lagen weit hinter ihm! Napoleon bekundete diese Sinnesänderung auch äußerlich in der Schreibung seines Namens. Bis zu dieser Zeit hatte er an der italienischen Form Buon aparte festgehalten. Jetzt wählte er die französischer klingende: Bonaparte. Denn nicht als Italiener, als Franzose wollte er sich unsterblichen Ruhm erringen und der Name Bonaparte widerhallte bald in der ganzen Welt. Er findet sich zum ersten Male in dem Schreiben, in dem er dem Direktorium seine Ankunft bei der Armee in Italien anzeigte. Zwei Tage vor der Trauung hatte nämlich das Direktorium das Dekret ausgefcrtigt, durch das Napoleon Bonaparte zum Chefgeneral der Armee in Italien ernannt wurde. Er riß sich aus den Armen seiner heißgeliebten Gattin los, um dem Sterne des Ruhmes zu folgen, der ihn mit seinem funkelnden Glanze auf schwindelnde Höhen führte. Damals freilich wußte er es noch nicht. Er ahnte es bloß. „Der wird nicht weit kommen," sagte er später einmal, „der von Anfang an weiß, wohin er geht." VS Sm olle, Napoleon I. 3 IV. Der italienische Feldzug. Die Lage Frankreichs im Jahre 1795 machte eigentlich den Frieden dringend notwendig. Von dem furchtbaren Alpdrücke des Schreckens befreit, atmete die Bevölkerung auf und sehnte sich nach dem ruhigen Genüsse der Güter des Friedens, wie die Erde nach harter Wintersnot sich dem Frühling entgegensehnt. Aber das Direktorium hätte seine eigene Stellung und den Bestand der republikanischen Einrichtungen in Frage gestellt, wenn es die Waffen niedergelegt hätte. Es konnte nur leben, wenn es den Krieg, den der Konvent begonnen hatte, fortsetzte. In dem Begriffe der französischen Revolution lag die Expansions¬ idee notwendig eingeschlosscn. Schon hatte der Konvent die Einverleibung Belgiens ausgesprochen und den Rhein und die Alpen als Frankreichs natürliche Grenzen bezeichnet. Das Directoire trat sein Erbe an. Woher übrigens bei der wachsenden Lebens¬ mittel- und Arbeitsnot das Geld nehmen, um die Tausende zu ernähren, die, falls Frieden gemacht worden wäre, von den ver¬ schiedenen Kriegsschauplätzen in die Heimat zurückgekehrt wären? Der Krieg mußte sie ernähren und überdies auch die stets leeren Kassen der Regierung füllen. Also Fortsetzung des Krieges nach den Plänen Carnots, der im Direktorium saß! Die Westarmee unter Hoche, dem gefährlichsten Rivalen Napoleons, der aber zum Glücke unseres Helden früh starb, hatte die Aufgabe, den Aufstand der glaubenstreuen Vendser, die für Kreuz und Krone tapfer kämpften, völlig zu unterdrücken und dann durch einen Einfall in Irland England Verlegenheiten zu bereiten. Die Rhein- und Moselarmee unter Moreau, die Sambre- und Maasarmee unter Jourdan sollten am Rhein 39 angriffsweise vorgehen. Der italienischen Armee, die an der Riviera, eingekeilt zwischen dem Meere und dem Gebirge, stand, fiel die Eroberung Oberitaliens als Aufgabe zu, während Kellermann die Alpenpässe schützen sollte. Die italienische Armee schien lange nicht die wichtigste und allgemein glaubte man, daß Frankreichs Geschicke sich am Rhein entscheiden würden. An der Spitze der italienischen Armee stand ein junger Mann, der wohl schon Proben seiner Kühnheit und seines Wagemutes abgelegt hatte, aber als Chefgeneral den wenig¬ sten Vertrauen einflößte. Aber dieser junge Mann hatte, als man ihm mitteilte, daß er durch Barras' Protektion das Ober¬ kommando erhalten werde, geantwortet: „Glauben denn die Leute, daß ich der Protektion bedarf, um emporzukommen? Sie werden eines Tages nur allzuglücklich sein, wenn ich ihnen die meinige zuwcnde. Ich habe meinen Degen an der Seite und mit ihm komme ich weit genug." Dieser 27jährige republikanische General war aus jenem Holze geschnitzt, aus dem große Feldherren und hervorragende Staatsmänner gemacht werden. Er war nicht bloß ein Meister auf dem Schlachtfelde, unübertroffen in der Schnelligkeit seiner Bewegungen und der genialen Ausnutzung der gebotenen Ver¬ hältnisse, er war auch ein unvergleichlicher Organisator und ein Staatsmann von eiserner Konsequenz, der das Gewicht seiner kalten Berechnung in die Wagschale warf und damit hundert Argumente der Gerechtigkeit und Großmut in die Luft schnellte. Am 26. März traf Napoleon im Hauptquartier in Nizza ein; vor seinem Abschied warf er die Worte hin: ,,ll' perirai ou js vainorai!" „Ich werde zu Grunde gehen oder siegen!" — Er siegte. — Er umgab sich mit einem Stab der trefflichsten Offiziere, wie: Junot, Victor, Murat, Marmont, Lannes, Joubert, Suchet, Berthier, alle später Marschälle des Kaisers. Unter den damaligen Generalen ragen hervor: Masssna, das „geliebte Kind des Sieges", Augereau, Ssrrurier und andere, die mit neidischer Bewunderung zu ihrem jungen Oberkommandanten emporblickten. Bald waren alle Soldaten bis zum letzten Mann vom Zauber seiner Persönlichkeit gefangen und hingen mit Begeisterung an dem xstit oapornl, dem kleinen Korporal, den sie zugleich 3* 40 liebten und fürchteten, für den sie lebten und starben, der fast Unmögliches von ihnen fordern durfte, weil er ihnen unerhörten Ruhm und unermeßliche Beute verschaffte. Als Napoleon in Italien erschien, fand er die Truppen so gut wie von allem entblößt. Die Soldaten hatten kaum zu essen; sie liefen barfuß und in zerrissenen Kleidern einher. Den Offizieren ging es nicht viel besser. Die armen Apenninendörfer boten nicht genügend Proviant; die Disziplin war gelockert, der Geist der Soldaten matt; es fehlte an allem. Wie verheißungsvoll klang da das Manifest des jungen Obcrfeldherrn, der Beute und Ruhm verhieß: „Soldaten! Ihr seid unbekleidet, schlecht genährt, die Regierung schuldet euch viel, aber sie kann euch nichts geben. Euere Geduld und euer Mut inmitten dieser Felsen sind bewunderungswürdig, aber sie ver¬ schaffen euch keinen Ruhm und kein Strahl des Glanzes fällt auf euch. Ich will euch in die fruchtbarsten Gefilde der Welt führen; blühende Provinzen, große Städte werden zu euerer Verfügung sein. Dort werdet ihr Ehre, Nutzen und Reichtum finden! Soldaten von Italien! kann es euch da an Mut und Ausdauer fehlen?" Kann man die Worte geschickter wählen, um Soldaten, die der Hunger nach Ruhm und Genuß aufzehrte, zu den äußersten Anstrengungen aufzustachcln? Nichts mehr von Freiheit, Brüder¬ lichkeit und Gleichheit: Napoleon kämpft für seinen Ehrgeiz und das Direktorium will Ruhm und Gold. Jetzt beginnen jene schamlosen Erpressungen, durch die Napoleon Italiens Fürsten und Städte zwingt, ihre wertvollsten Kunstschätze auszuliefern, um sie nach Frankreich zu senden, ebenso viele Herolde seines Ruhmes und Staffeln zu seiner Macht. Mit genialem Scharfsinn durchbrach Napoleon die lange feindliche Kette, die sich vor ihm entfaltete; er warf sich bei Monte notte auf die Österreicher unter Beaulieu, 12. April 1797, und schlug sie vollständig. Das war der Beginn seiner märchenhaften Siege auf italienischem Boden. Wie ein Keil hatte er sich zwischen die Piemontesen und Österreicher hineingcschoben und durch das Gefecht bei Mondovi, 21. April, nötigte er den König von Sardinien, Viktor Amadeus, zum Waffenstill¬ stand. Nach dem glänzenden Siege bei Lodi, am 9. Mai, wo 41 Napoleon die Brücke über die Adda im Sturm zu nehmen befahl, hielt er seinen feierlichen Einzug in Mailand. Beaulieu räumte die Lombardei. Napoleon schrieb nach Paris an die Direktoren: „Ich habe Eueren Friedensvertrag mit Sardinien erhalten. Die Armee hat ihn gut gehe iß en." Das war eine stolze Sprache, die bereits ankündigte, daß jetzt das Schwert zu entscheiden hatte und nicht bloß das Geschwätz von ein Paar „lumpigen Advoka¬ ten", wie Napoleon sich gelegentlich ausdrückte. Das Direktorium erkannte die gegen seine Stellung gerichtete Spitze in dem Schreiben des kommandierenden Generals. Keller¬ mann erhielt den Befehl, seine Alpenarmee mit der Napoleons zu vereinigen; beide sollten fortan gemeinsam operieren. Napo¬ leon war nicht gewillt, sich dem zu fügen. Wie, ein zweiter sollte die Früchte des Ruhmes und der Ehre, mit denen er vor der Nachwelt glänzen wollte, mit ihm teilen? Nein, das durfte unter keinem Ätmständen geschehen. Napoleon schrieb an das Direktorium: „Bei der gegenwärtigen Lage der Dinge in Italien ist es unerläßlich, daß Ihr einen Feldherrn habt, der Euer ganzes Vertrauen besitzt. Bin ich es nicht, so werde ich mich darüber nicht beklagen; ich werde dann meinen Eifer verdoppeln um Euere Achtung auf jedem andern Posten zu verdienen, den Ihr mir auvertraut. Jeder hat seine Art, Krieg zu führen. General Kellcrmann hat mehr Erfahrung und wird ihn besser führen als ich. Aber wir beide gemeinsam werden es schlecht machen." So schrieb damals Napoleon, der seinen brennenden Ehr¬ geiz hinter vorsichtigen Worten zu verbergen trachtete, jener Napoleon, der als Konsul zu Frau von Rsmusat gesagt hatte: „Das Schlachtfeld hat für den Ehrgeizigen keine Gefahren mehr, die Kanone grollt vergeblich und ihr Brüllen ist nichts weiter als der Klang, der nach einem Jahrtausend noch unseren Enkeln den Namen eines Braven verkünden soll." Das Direktorium gab nach. Napoleon blieb alleiniger Ober¬ feldherr und erst von jetzt an glaubte er, wenn man den Denk¬ würdigkeiten von St. Helena Glauben schenken darf, an seine Größe und an seinen Beruf, eine entscheidende Rolle in der Politik Frankreichs zu spielen. Österreich machte die heldenmütigsten Anstrengungen, dem 42 kiLÄ? rLÄ? KLÄ? k? ^LÄ? k-LÄ? k^LÄ? KLN? r^LÄ- stattfand, mit Österreichern bedeckt war, während an anderen Orten nur russische Tornister lagen." Der Frieden von Preß bürg legte Österreich schwere Opfer auf. Es verlor über 1000 Quadratmeilen Landes mit gut drei Millionen Einwohnern. Venedig, Istrien, Dalmatien, Cattaro wurden mit dem Königreich Italien vereinigt. Tirol, das kaiser¬ treue Alpenland, kam an Bayern. Der Breisgau und verschiedene andere süddeutsche Herrschaften wurden zwischen Württemberg und Baden geteilt. So war Österreich aus Oberitalien und Süddeutschland ver¬ drängt, auf welche Gebiete sich bisher seine europäische Stellung gestützt hatte, während sich Frankreichs Machtsphäre bis an die Länder des Balkangebietes ausdehnte. Einen bitteren Tropfen goß allerdings in den schäumenden Becher der Freude die Nachricht von dem Siege der Engländer über die französische und spanische Flotte, die unter dem Kom¬ mando Villeneuves stand, bei Trafalgar, südöstlich von Cadix, am 21. Oktober 1805. Damals signalisierte Nelson seinen berühmten Flottenbefehl: „England erwartet, daß jedermann seine Schuldigkeit tun wird." Und kein Mann ließ es daran fehlen. Allerdings erkauften die Engländer diesen glänzenden Sieg mit dem Tode ihres genialen Admirals Nelson; aber dieser Sieg befestigte für immer die Weltherrschaft der Briten zur See und alle Versuche Napoleons, den englischen Handel auf dem Festlande zu blockieren, schlugen fehl oder hatten nur unzulängliche Ergebnisse. Der Sieg von Austerlitz versetzte dem unversöhnlichsten Feinde Napoleons den Todesstoß. Der jüngere Pitt, Englands Premierminister, die Seele des Weltkrieges gegen Napoleon, hatte seine ohnedies zarte Gesundheit durch übergroße Anstrengungen untergraben; erst 47 Jahre alt, starb er am 23. Jänner 1806. Unmittelbar nach dem Abschluß des Friedens erklärte Na¬ poleon noch von Schönbrunn aus die Dynastie der Bourbonen in Neapel und Sizilien für abgesetzt, weil sie englischen und russischen Schiffen den Einlauf in den Hafen von Neapel gestattet hatte. Es war, um den Hohn noch bitterer zu machen, ein ein¬ facher Armeebefehl, den Napoleon erließ: „Die Dynastie von Neapel hat aufgehört zu regieren. Ihr Bestand ist unverträglich mit der Ruhe Europas und mit der Ehre meiner Krone." 95 Bald folgte diesem Befehle die Ausführung. Am 15. Fe¬ bruar 1806 hielt Napoleons Bruder Josef seinen Einzug in Neapel, am 30. März wurde ihm von Napoleons Gnaden die Krone von Neapel und Sizilien übertragen. Es war ein Gewaltakt, dem bald andere folgen sollten. Am 5. Juni 1806 hörte die batavische Republik zu bestehen auf. Auch sie wurde in ein Königreich verwandelt und als Herrscher des neuen Königreichs Holland wurde trotz seines Sträubens der jüngere Bruder Na¬ poleons, Ludwig, eingesetzt, der mit Hortense, der schönen, aber gefallsüchtigen Tochter Josefinens, eine wenig freudenreiche Ehe Ludwig Bonaparte. König von Lolland. führte; er war vielleicht der ernsteste unter den Brüdern Napoleons, aber als er bald darauf gegen die Sperrung der niederländischen Häfen im Interesse seines Staates Protest einlegte, wurde ihm die Krone genommen. Napoleon duldete keinen Widerspruch, auch nicht unter seinen nächsten Verwandten. Dies erfuhr auch Lucian, der seinem Bruder den Weg zum Konsulate gebahnt hatte. Da er sich beharrlich weigerte, sich von seiner Gemahlin, der Witwe des Bankiers Jouberthou, zu trennen und eine standes¬ gemäße Heirat einzugehen, traf ihn die volle Ungnade des Imperators. Lucian lebte fortan in Rom in der Verbannung, 96 abwechselnd dem leichtfertigsten Genüsse und ernsteren Studien hingegeben, und bekrittelte oft in bitteren Worten die Schritte seines Bruders, ohne sich aber zu einem ernsteren Widerstande aufzuraffen. Auch der jüngste Bruder Jerome, der sich ohne Napoleons Zustimmung mit der Tochter eines Kaufmannes aus Baltimore, Elisa Patterson, verheiratet hatte, zog sich Napoleons Un- Ierüme Bonaparte. König von Westfalen. gnade zu und erlangte die Verzeihung seines kaiserlichen Bruders erst wieder, als er seine Gemahlin verstieß. Damals verschenkte Napoleon Kronen und Titel wie wert¬ losen Tand und schuf sich eine Schar von Vasallen, die freilich mit den Lehensleuten des Mittelalters wenig Ähnlichkeiten hatten, denn selbst auf Thronen und im Besitze von Fürstentiteln mußten sie „loyale Untertanen" des Kaisers bleiben, der immer mehr aufhörte, bloß französischer Regent zu sein, sondern der Auf¬ richtung einer „Weltmonarchie" zustrebte. So wurde der Marschall So ult Herzog von Dalmatien; kL»? r-LN? c^n r^»7 r^Ä? rL-^- r-L^? r-LÄ? ^L»? KLÄ? klLü? k^»? 97 Napoleons treuer und geschickter Sekretär Maret Herzog von Bassano; Caulaincourt Herzog von Vicenza; Marmont von Ragusa, Savary von Rovigo. Das waren bloße Titel, die mit keinem Landbesitz, wohl aber mit ansehnlichen Revenuen, bis zu 100.000 Franken jährlich, verbunden waren. Aber auch souveräne Fürstentümer bildete der französische Kaiser damals, um seine Verwandten und Getreuen zu belohnen. Marschall Soult. Masssna, I'sirkant obsri äs la viokoirs, wurde Herzog von Rivoli, Macdonald Herzog von Tarent, Augereau von Castiglione, Cam- bacsrss Herzog von Parma, Berthier Herzog von NeuchLtcl, das Preußen abtreten mußte; Talleyrand wurde Herzog von Benevent. Napoleons Schwester Pauline, deren erster Gemahl, General Leclerc, in Westindien dem gelben Fieber erlegen war, heiratete in zweiter Ehe den Fürsten Borghese und erhielt das Herzogtum Guastalla. 98 Napoleons Schwager Joachim Murat wurde Herrscher des neugebildeten Großhcrzogtums Cleve-Berg, wo er am 15. März 1806 seinen Einzug hielt. Er ist so recht ein Beispiel der märchen¬ haften Karrieren, die Napoleons Günstlinge und Satelliten damals machten. Ein heißblütiger Südfranzose, ohne alle und jede höhere Bildung, geboren als Sohn eines Gastwirtes zu Bastide in der Nähe von Cahors, war er im Geschäfte seines Vaters tätig, entfloh aber eines schönen Tages, weil er sein ganzes Geld verzecht und verspielt hatte, und ließ sich bei den Dragonern anwcrben. Jetzt wurde er Großherzog, war aber damit noch nicht am Ende seiner fabelhaften Laufbahn; es winkte ihm noch die Krone beider Sizilien. Die Schöpfung des Großherzogtums Berg hängt mit der Neuordnung des Deutschen Reiches zusammen, die Napoleon nach der Niederwerfung Österreichs in Angriff nahm. Napoleon wollte gegenüber Österreich und Preußen ein drittes Deutschland, „la troisisms ^.IIsmaZna" schaffen, das ganz von seinem Willen abhängen sollte. Gleich nach seiner Krönung hatte er eine Kaiser¬ fahrt an den Rhein angetreten, wie einstens die römisch-deutschen Kaiser. Immer mehr befestigte sich in seinem Kopfe, in dem die stolzesten und ausschweifendsten Gedanken hin und her wogten, die Idee eines Kaisertums Karls des Großen. Mußte er in diesen Plänen nicht bestärkt werden, wenn ihm damals Dalberg, der ehemalige Kurfürst von Mainz, schrieb: „Sic sind Karl der Große. Seien Sie der Regler, der Heiland Deutschlands, der Wiederhersteller seiner Verfassung. Möchte das abendländische Kaisertum doch wieder erstehen in Kaiser Napoleon, das Reich Karls des Großen, bestehend aus Italien, Frankreich und Deutschland!" Es wäre ungerecht, solche Worte nur als Ausfluß einer undeutschen Schwäche und eines vollständigen Mangels an Pa¬ triotismus auzusehen. Die Entstehung des Rheinbundes, bestehend aus Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, dem neugeschasfenen Herzogtum Cleve-Berg und einer Anzahl kleinerer Staaten, im ganzen 16 Staaten, mit dem Kanzler des neuen Bundes, Freiherrn von Dalberg, als Stellvertreter des Kaisers, an der Spitze, war doch eine Vorstufe zur Einigung Deutschlands. Was erst in unseren Tagen der eiserne Kanzler des k-LÄ? KLÄ? k^L^? k-LÄ? k^M? k^»? k^Ä? r^M? k-^H? k^Ä? k^Ä? I<^H- 99 preußischen Königs Wilhelm I. durch Blut und Eisen zu stunde gebracht, die Zusammenschweißung der auseinandcrstrebendcn Einzel- staatcn, war hier von Napoleon versucht worden. Freilich, daß an Murat. der Spitze dieses Bundes der französische Kaiser als Schirm¬ herr stand und daß die militärischen Kräfte des neuen deutschen Bundes zu seiner Verfügung stehen mußten, war gewiß tief bc- 100 schämend für das deutsche Nationalgefühl, aber man darf anderer¬ seits nicht leugnen, daß es ein verdienstliches Werk war, „die Mehrzahl der kleineren deutschen Staaten in einen festen, zu kriegerischer Kraftentfaltung nach außen befähigten Staatenbund mit selbständiger innerer Entwicklung unter einer tatkräftigen und zielbewußten Oberleitung zu vereinigen". Z Am 6. August ließ Kaiser Franz II. dem Reichstage zu Regensburg die Mitteilung zukommen, daß er sein Verhältnis mit dem Reiche als gelöst erachte und die deutsche Kaiserkrone nieder¬ lege. Es war nicht möglich, eine Krone noch aufrecht zu halten, die eigentlich schon seit langem nur mehr ein leerer Schatten und hohler Name gewesen war. Das heilige römische Reich deutscher Nation hatte auch dem Namen nach aufgehört zu existieren. Es wurde ihm keine Träne nachgeweint und bezeichnend ist, daß Goethe darüber nur die trockenen Worte niederschreibt: „Indessen war der deutsche Rheinbund geschlossen und seine Folgen leicht zu übersehen; auch fanden wir bei unserer Rückreise durch Hof (Goethe kam damals von Karlsbad) in den Zeitungen die Nachricht, das Deutsche Reich sei aufgelöst." Kein Wort mehr! Keine Silbe der Klage, des Bedauerns, der Überraschung, keine Spur von Besorgnis für die Zukunft! Nun mußte sich auch Preußens Geschick erfüllen. Die zwei¬ deutige Haltung seiner Staatsmänner hatte schon längst Napoleons Groll erregt. Er verlangte eine entschiedene Erklärung, ob der preußische König entschlossen sei, mit ihm ein Schutz- und Trutz¬ bündnis einzugehen und die Häfen der Ostsee den englischen Schiffen zu versperren. Preußen schloß endlich den Pariser Ver¬ trag ab, 15. Februar 1806, durch den es der Besitzergreifung Hannovers gegen Abtretung von Cleve, Ansbach, Neuchatel und der Festung Wesel zustimmte und sich von England trennte. Als aber der Hof von Berlin durch seinen Geschäftsträger in Paris hörte, daß Napoleon mit England heimliche Unter¬ handlungen Pflege und nicht- abgeneigt sei, Hannover wieder an das britische Königshaus zurückzugeben, da gewann die Kriegs- Partei in Preußen die Oberhand und der erzürnte König ent¬ schloß sich, die Waffen zu ergreifen. Er näherte sich Rußland, das für alle Fälle Hilfe zusagte. >) v. Landmann, Napoleon I., S-47. Doch die preußische Armee vom Jahre 1806 war nicht mehr von dem Geiste eines Friedrich des Großen beseelt. Wenn auch die adeligen Offiziere großsprecherisch prahlten: „Offiziere und Generale wie der Herr von Bonaparte hat die Armee Seiner Majestät mehrere aufzuweisen", so entsprachen diesen hochfahrenden Worten nicht die Taten. So endigte denn schon die erste Schlacht bei Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 mit einer Niederlage von Preußen. Bald folgte die schimpfliche Übergabe der Festungen Erfurt, Magdeburg, Spandau, Küstrin fast ohne Widerstand. Nur der 73jährige Kommandant von Graudenz, Franz II., der letzte Kaiser von Deutschland. de Courbisrc, den die Franzosen mit den Worten, es gebe keinen König von Preußen mehr, zur Übergabe auffvrderten, gab die von altpreußischem Mute zeugende stolze Antwort: „Nun, so bin ich König von Graudenz!" und hielt die Festung bis zum Frieden. Am 27. Oktober erfolgte der Einzug Napoleons durch das Brandenburger Tor in Berlin. Die Siegesgöttin, die erst vor kurzem von der Meisterhand Schadows geschaffen worden war, sah mit ernster Trauer auf den fremden Eroberer, der inmitten seiner goldstrotzcnden Marschälle durchs Tor einritt. 102 Zwei Tage zuvor hatte Napoleon die Gruft von Potsdam besucht und mit ernster Ergriffenheit am Sarkophage Friedrichs II. gestanden, dessen militärisches Genie er bewunderte und dessen Schriften er mit Eifer studiert hatte. Noch gab sich Preußen nicht verloren. Männer wie der edle patriotische Heinrich Friedrich Karl Freiherr v. Stein, des deutschen Reiches Eck- und Edelstein, wie man ihn später hieß, die Generale Gerhard David Scharnhorst, Neidhart von Gneisenau, der Mecklenburger Gebhart Lebrecht Blücher, Ludwig v. Jork, Friedrich Wilhelm v. Bülow wußten den König zur Fortsetzung des Krieges zu bestimmen und die Königin Luise, anmutig in der Blüte ihrer Schönheit und verehrungswürdig in dem Adel ihres Herzens, war die Seele des Widerstandes gegen Napoleon. Die russische Armee war eingetroffen, aber die unentschiedene Schlacht bei Preußisch-Eylau am 8. Februar 1807 und der blutige Sieg Napoleons bei Friedland (am 14. Juni) beendigten den Feldzug und zwangen Preußen und Rußland zum Frieden. Der preußische Staat war so gut wie vernichtet, Rußland außer stände, den Krieg fortzusetzen. Am Tage nach dem Siege von Friedland schrieb Napoleon an die Kaiserin Josefine: „Meine Kinder (so nennt er die Soldaten) haben den Jahrestag von Marengo würdig begangen. Die ganze russische Armee in Deroute, achtzig Kanonen verloren, 30.000 Mann tot oder gefangen, fünf¬ undzwanzig ihrer Generale getötet, verwundet oder vermißt. Die russische Garde vernichtet. Das ist eine würdige Schwester von Marengo, Austerlitz und Jena." Napoleon konnte Polen und die Türkei gegen Rußland in Bewegung setzen und dieses Reich vernichten. Er tat es nicht, und zwar wieder nur im Hinblick auf England. Um seine ganze Kraft gegen diesen Todfeind Frankreichs zu wenden, bedurfte er der Ruhe auf dem Kontinente. Schon am 21. November erschien das Berliner Dekret Napoleons, wodurch der Kontinent dem britischen Handel verschlossen sein sollte. Napoleon war sich des Zaubers bewußt, den seine Persön¬ lichkeit auf die Menschen, die mit ihm in Berührung traten, ausübte. Er wollte diesen Zauber jetzt gegenüber dem jungen russischen Kaiser erproben, dessen weiches und schwärmerisches Gemüt ihm wohlbekannt war. Am 25. Juni kam es bei Tilsit zu einer persönlichen Begegnung der beiden Herrscher. In der Mitte des Njemen War auf einem Floße ein prächtiges Zelt errichtet worden, in welchem Napoleon und Alexander I. ohne Zeugen zusammentrafen. Eine Stunde währte die Unterredung. Als Alexander aus dem Zelte heraustrat, war er aus einem Feinde ein Bewunderer Napoleons geworden. Napoleon bot ihm ein Bündnis gegen England an und stellte ihm die Teilung der Welt in Aussicht. Indien mit seinen fabelhaften Schätzen, mit einem Worte der ganze Osten, sollte sich vor Rußland beugen, der Westen dem französischen Kaiser zu Füßen liegen. Eine blendende Perspektive wußte Napoleon vor den Blicken des leicht zu enthusiasmierenden russischen Zaren aufzurollen. Rußland trat aus dem Kriege als Freund und Bundes¬ genosse Frankreichs. Die ganze Härte des Siegers sollte Preußen fühlen. Wenn es nicht ganz vernichtet wurde, so dankte es dies dem russischen Kaiser, der seine schützende Hand über seinen ehemaligen Alliierten ausbreitete. Drückend genug waren die Bedingungen, die Preußen im Frieden von Tilsit (9. Juli 1807) auf sich nehmen mußte. Es verlor fast die Hälfte seines bisherigen Gebiets und mußte sich eine ungeheure Kriegsentschädigung auf¬ erlegen lassen, bis zu deren Tilgung der Feind im Lande blieb. Aus den von Preußen abgetretenen polnischen Landesteilen wurde das Großherzogtum Warschau gebildet, aus den westlichen Gebieten und dem Kurfürstentum Hessen-Kassel das neue Königreich Westfalen, das Napoleon seinem jüngsten Bruder, dem lebensfrohen Hie ronymus, dem König „Morgen wieder lustig" übertrug. „Das Hessen-Kasselsche Haus", so sagte damals Napoleon, „hat seine Untertanen seit vielen Jahren an die Engländer verkauft und dadurch hat der Kurfürst so große Schätze gesammelt. Dieser schmutzige Geiz stürzt nun sein Haus." Es gibt eine Vergeltung in der Weltgeschichte. Vergebens hatte die edle Königin Luise von dem Sieger mildere Bedingungen zu erhalten gesucht. Napoleon, der die pa¬ triotische Fürstin einst eine Armida, ja eine Helena geschmäht hatte, konnte sich doch dem Eindrücke ihrer frauenhaften Schönheit und Würde nicht entziehen. Er bot ihr bei der persönlichen Zusammenkunft in Tilsit galant eine Rose. „Mit Magdeburg!" 104 sagte die Königin, denn sie wollte vor allein diese wichtige Festung retten, doch Napoleon erwiderte nichts, ihn rührte der Schmerz dieser patriotischen Fürstin nicht. Später sagte er zu seiner Um¬ gebung: „Ich will Magdeburg behalten, um jeden Augenblick nach Berlin zurückzukehren, wenn es mich gelüstet." Der Friede von Tilsit hatte Napoleon auf den Höhepunkt seiner Macht gehoben. Die neuere Geschichte kennt kein Beispiel, daß ein Herrscher so unüberwindlich und allmächtig dagestanden wäre, wie Napoleon nach Tilsit. Er war im Zenith seiner Macht und seines Ruhmes, doch in dieser Macht lag kein Moment der Ruhe, sondern nur ein Ansporn zu immer neuen, weitausgreifenden Taten und Unter¬ nehmungen. IX. Napoleon auf dem Höhepunkte seiner Macht. Der Empfang, der Napoleon in Paris zu teil wurde, war enthusiastisch wie immer. Der Präsident des Apcllhofes sagte ihm zum Beispiel ins Gesicht, Napoleon gehöre nun gar nicht mehr der Meuschcngeschichte an, sondern dem Zeitalter der Heroen. Es fehlte nicht an pomphaften Aufzügen, Illuminationen, schwungvollen Adressen, aber dem Scharfblicke des Kaisers entging cs nicht, daß die französische Nation doch nicht mehr mit der¬ selben einstimmigen Begeisterung an seinem Siegeswagcn zog, wie dies etwa nach seinen ersten italienischen Feldzügen der Fall war. Er hatte hiefür eine ungemein feine Empfindung und die Folge war, daß die Maßregeln gegen die Presse und gegen die Freiheit der Literatur immer schärfer und strenger wurden. Jede Anspielung, die gegen den Kaiser gedeutet werden konnte, war verpönt. Als der Dichter Legouvö ein Stück eingereicht hatte: „Der Tod Heinrichs IV." ließ es zwar der Kaiser passieren, aber er tadelte es scharf, daß der Dichter dem König die Worte in den Mund gelegt hatte: „Ich zittere". Ein König darf wohl zittern, denn er ist auch nur ein Mensch, aber er darf es nicht aus¬ sprechen. Die Stelle in Corneilles Tragödie „Heraklius": „Denn wer, wie ich, ein Sprosse dunkler Herkunft, Durch Aufruhr sich den Weg zur Macht gebahnt, Vom Kriegsmann sich znm Kaiser aufgeschwungen, Hat anders nicht als durch ein schwer Verbrechen Den Thron erobert" mußte gestrichen werden, denn sie konnte zu leicht auf Napoleon gedeutet werden. Die Zeitung „Citoyen" (Bürger) mußte ihren Namen in „Courrier franyais" verändern, das „Journal des Dsbats" in „Journal de l'Empire" sich umtaufen. Sehr eingehend beschäftigte sich Napoleon mit der Geschichte der römischen Kaiser und suchte den Geschichtschreiber Tacitus, der die Schandtaten der Cäsaren aufdeckte, ins Unrecht zu setzen und ihn der Parteilichkeit zu zeihen. Einmal äußerte er sich im Gespräche zu Narbonne: „Sind Sie nicht selbst von der Ähnlichkeit meiner Regierung mit der des Diokletian überzeugt? Von dem Netz, das ich so weit spanne, von den Augen des Kaisers, die überall sind, von jener Zivil¬ autorität, die ich in einem durchaus kriegerischen Reiche allmählich zu befestigen gewußt habe?" Frau von Stasl mußte Frankreich verlassen, „weil sie," wie Napoleon sich ausdrückte, „im stände war, Leuten das Denken beizubringen, die es nicht konnten oder es verlernt hatten". Chateaubriand, der sein mit der ganzen Glut religiöser Begeisterung geschriebenes Werk „Us Ksnis äu ollristÜÄniorns" „Der Genius des Christentums", dem „Wiederhersteller der Religion" gewidmet hatte, zog sich durch eine abfällige Kritik der Hinrichtung Enghiens gleichfalls des Kaisers Ungnade zu und mußte aus Frankreich auswandern. In dem Katechismus für die niederen Schulen, der im Jahre 1806 erschien, finden sich die Sätze: „Wir schulden unserem Kaiser Napoleon I. Liebe, Achtung, Gehorsam, Treue, den Kriegs¬ dienst und die zur Aufrechthaltung und Verteidigung seines Thrones gebotenen Tribute; wir schulden ihm auch heiße Gebete für sein Heil und für die geistige und materielle Wohlfahrt des Staates. Wir schulden ihm dies vor allem deshalb, weil ihn Gott, der die Reiche gründet und nach seinem Wohlgefallen ver¬ teilt, in Krieg und Frieden mit seinen Gaben überhäuft, ihn zu unserem Souverän, zum Werkzeuge seiner Gewalt, zu seinem Abbilde auf Erden gemacht hat." Und auf die Frage, was man von jenen zu halten hätte, die ihrer Pflicht gegen den Kaiser untreu würden, findet sich in diesem Katechismus die Antwort: „Nach dem heiligen Apostel Paulus sündigen sie wider Gottes eigene Anordnungen und machen sich der ewigen Verdammnis schuldig." Dabei muß es ausgesprochen werden, daß der Kaiser in umfassendster Weise bemüht war, die materielle Wohlfahrt zu r-.-Mr-s»rr-L»?>!r-L»!rL»?>!srk-sniL-«l?S!r-srkSnc-sn^sirr-s?r!Sirc-s>? 107 heben. Er führte seine ungeheueren Kriege, ohne die Steuern wesentlich zu erhöhen. Der Krieg mußte den Krieg ernähren. Sogleich nach seiner Rückkehr nach Frankreich beschloß er, um der Armut zu steuern und dem Bettelwesen ein Ende zu bereiten, in allen Departements die Errichtung von Arbeitshäusern. Bei diesem Anlasse sprach er zu seinem Minister des Inneren das schöne Wort: „Man soll nicht über diese Erde gehen, ohne Spuren zu hinterlassen, die unser Andenken der Nachwelt emp¬ fehlen." Er hinterließ solche Spuren, und sein Andenken darf daher nicht bloß verflucht werden. Die Vorsehung ließ es zu, daß es auch gesegnet werde. Er erbaute die prächtigen Straßen über den Simplon und den Mont Csnis; er errichtete Kanäle und Telegraphenlinien; er ließ die Königsgräber in Saint-Dsnis, welche die Revolution zer¬ stört hatte, restaurieren; er verschönerte Paris durch den Ausbau der Kais längs der Seine, durch die Anlegung einer breiten Straße, die von den Tuilerien zu den Boulevards führt, der „Friedensstraße", Lns äs tu puix, und der schönen Rivolistraße, ferner durch den Ausbau des Louvre, Errichtung der neuen Brücken: ?ont äss ^.rts, Austerlitz- und Jenabrücke, und durch Aufstellung der Triumphsäule auf dem Vendömeplatz. Zwei Triumphbogen nach dem Vorbilde der in Rom befindlichen wurden errichtet. Mit dem Baue einer großen Ruhmeshalle für die Armee (der jetzigen Madeleinckirche) wurde begonnen. Überhaupt wurde alles getan, um den Geist des Heeres zu heben und seine Begierde nach Ruhm zu befriedigen. Be¬ sonders die Musik und die Dichtkunst sollten diesem Zwecke dienen. Die Musik war auch während der Revolution nie ganz verstummt; sie hatte dem entfesselten Freiheitsdrange ihre rauschenden Weisen geliehen. Jetzt trat LouAst äs Ickslss „Marseillaise" mit ihrer aufstachelnden Melodie mehr in den Hintergrund. Boiel- dieu, Möhul weihten ihre Gesänge dem Ruhme des Kaisers und seiner Soldaten. Mshuls „Obunk äs äspsrk" und andere patriotische Lieder erklangen. Den höchsten Triumph aber feierte Spontini. . „Kein anderer Meister", sagt Naumann in seiner Musik¬ geschichte, „hat dem Imperialismus Napoleons sowie der Glorie jener von Sieg zu Sieg eilenden Nation, bei welcher er das 108 Gastrecht genoß, einen ähnlichen großen Widerhall in der Ton¬ kunst bereitet, wie Spontini in seiner Oper ,Die Vestalin'." Wenn er den heimkchrenden römischen Siegern die Worte in den Mund legt: s, Aaiäs nos pas MX ollkuups äs Ig, visboirs, blos stsnäs,räs sorit ; Uss Nomuiris soni sooors iss suk^ubs äs la, Zioii-s, U'lioQnsur äss llabions st llsllroi äss t^rans/' „Mars selber führt uns auf das Feld des Krieges Und die erprobten Fahnen flattern keck; Noch ist der Bürger Roms der Sohn des Sieges, Der Völker Stolz und der Tyrannen Schreck", so war dies eine deutliche Anspielung auf Napoleon und sein sieggckröntes Heer. Als die Oper zum ersten Male im Jahre 1807 nach der Rückkehr Napoleons aus dem Preußisch-russischen Feld¬ zuge in Paris aufgeführt wurde, erzielte sie eine enthusiastische Aufnahme. Die Poesie trat weniger hervor, denn ihre keusche Schönheit bedarf der Freiheit, um sich ganz zu entfalten. Chateaubriand war der bedeutendste Dichter dieser Epoche, doch er war Legi¬ timist und Napoleons Ungnade verscheuchte ihn aus Frankreich. Die Malerei brachte einen David hervor, der im Vereine mit Künstlern wie Gsrard, Jsabey, Girodet und anderen vor allem das historische Genre Pflegte und großartige Schlachten- bilder schuf. Unter den Wissenschaften begünstigte Napoleon, seinem Cha¬ rakter entsprechend, vor allem die exakten Zweige. Der Natur¬ forscher Cuvier, der Astronom Laplace, dessen Werk: „Be¬ wegung der Himmelskörper" auf Staatskosten gedruckt wurde, der Chemiker Bertholl et waren leuchtende Sterne, die damals den Himmel der Wissenschaft zierten und vom Kaiser hochherzig gefördert wurden. Auch fremden Gelehrten, wie dem berühmten Erfinder der Elektrizitätslehre, dem Italiener Volta, schenkte Napoleon seine Gunst. Durch die antikisierende Richtung kam auch in das Kunst¬ gewerbe nnd selbst in die Kleidertracht ein Stil, den man als den des „Empire" bezeichnet und der in der Ausstattung der Wohnräume und in der Erzeugung von Schmucksachen lange Zeit herrschend war. Der Kaiser drückte auf die ganze Gesellschaft sein Gepräge, er war die Sonne, um die sich alles drehte, von der die Armee ihren Glanz, die Gesellschaft ihre Farbe und Beleuchtung empfing. Alles dieses erreichte er nur durch eine geradezu unglaubliche Tätigkeit und durch eine das gewöhnliche Maß der Menschen weit übersteigende Ausnützung der Zeit. Wir wissen, daß ihm nur wenige Stunden Schlaf genügten; es war ein Glück für ihn, daß er einschlafen konnte, wann er wollte. Seine Lebensweise war außerordentlich einfach. Er aß ungemein schnell, so daß Wieland, der ihn beim Frühstücke zu sehen Gelegenheit hatte, sagte: „Hastiger kann wohl kein gätulischer Löwe, der seit drei Tagen gefastet hat, sein Dejeuner verzehren." Das Frühstück, das er gegen halb zehn einzunehmen Pflegte, bestand meist nur aus Spiegeleiern, einem Ragout von Hammel¬ fleisch und etwas Parmesankäse und dauerte kaum acht Minuten. Das Diner wurde um sechs Uhr eingenommen; in der Regel speiste er mit der Kaiserin allein, nur Sonnabends war die ganze kaiserliche Familie bei Tische versammelt. Es wurde ohne Pausen serviert, jedes Gericht nur einmal; selten dauerte die Tafel länger als zwanzig Minuten. Der Kaiser trank gewöhnlich nur etwas Chambertin, einen guten Burgunder, meist mit Wasser- gemischt, niemals süße Weine oder Liköre. Doch nahm seine Reizbarkeit mit den Jahren immer mehr zu. Während er die Mühsale des Feldzuges mit Leichtigkeit ertrug und in den gefahrvollsten Situationen, wenn der Donner der Geschütze ihn umtoste und die Kugeln ihn umpfiffen, mit keiner Wimper zuckte, war er daheim über die geringfügigste Kleinigkeit aufgebracht und zerriß voll Ungeduld jedes Kleidungsstück, das ihm nur im geringsten unbequem war. Bei den Hofuntcrhaltungen war er fast immer mürrisch und einsilbig und Talleyrand hatte gewiß recht, wenn er einmal zu Herrn von Rsmusat, dem Kammerherrn Napoleons, sagte: „Wie bedaure ich Sie, denn Sie haben die Aufgabe, den Unamüsier¬ baren zu amüsieren." Der ganze Hofstaat litt unter den Launen des Kaisers und der ermüdenden Langeweile des steifen Hof¬ zeremoniells. Dem Kaiser entging dies nicht und als er einmal Smolle, Napoleon I. 6 110 Talleyrand darüber befragte, soll ihm dieser geantwortet haben: „Das rührt daher, weil sich das Vergnügen nicht nach der Trommel bewegt und Sie aussehen, als wollten Sie zu jedem einzelnen sagen, wie Sie es bei der Armee tun: .Vorwärts, meine Herren und Damen, marsch!'" Es ist übrigens sehr zu bezweifeln, ob Talleyrand diese Worte wirklich gebraucht hat, denn es war sehr gefährlich, so freimütig mit Napoleon zu sprechen, und selbst der brutale Ven- damme gestand einmal, er fange zu zittern an, wenn er „diesem Teufel von einem Menschen" in die Nähe komme, Napoleon könne ihn durch ein Nadelöhr ins Feuer treiben. Wesentlich trug zur Verdüsterung seines Gemütes auch der Umstand bei, daß seine Ehe mit Josefine kinderlos geblieben war. Nur durch einen Thronerben konnte er hoffen, seine Herrschaft dauernd zu befestigen, Ludwigs Sohn, der kleine Louis, den der Kaiser adoptieren wollte, war damals (1807) gestorben, und sein Brüderchen Ludwig Napoleon erst wenige Jahre alt. Das Bündnis mit dem russischen Kaiserhause legte Napoleon den Gedanken an eine neue Ehe mit einer europäischen Prinzessin nahe. Schon hatte er die Prinzessin Augusta von Bayern von der Seite des Kurprinzen Karl von Baden gerissen und sie mit seinem Stiefsohne, dem Vizekönig von Italien, Eugen Bcauharnais, vermählt und den Kurprinzen zu der ihm verhaßten Ehe mit der Cousine der Kaiserin, Stephanie de Beauharnais, gezwungen; bald darauf führte er die sanfte und tugendhafte Prinzessin Katharina von Württemberg in die Arme des flatter¬ haften und leichtsinnigen Bruders Jerome und zwang diesen, sich von seiner ersten Fran, der Amerikanerin Elisa Patterson, zu trennen. So verknüpfte er seine Familie mit europäischen Fürsten¬ häusern und dachte selbst an eine solche Verbindung, um seinem Throne den Erben zu schenken. Doch alle diese Gedanken und Entwürfe wichen zurück, als ein Ereignis eintrat, das ihn wieder zwang, seine Rolle auf der Weltbühne fortzusetzen und England, um das sich eigentlich seine ganze Politik in den letzten Jahren bewegte, neuerdings scharf ins Auge zu fassen. Wie die Magnetnadel gegen Norden, War Napoleons Sinnen und Trachten unablässig gegen England gerichtet. Am 9. Juli war Napoleon von Tilsit abgereist und nach kurzem Aufenthalt in Königsberg über Dresden und Mainz nach Paris geeilt. Da kam die Nachricht, daß eine mächtige englische Flotte unvermutet vor Kopenhagen erschienen sei und von Dänemark die Auslieferung seiner Kriegsmarine und den Abschluß eines Bundesvertrages gefordert habe. Da Dänemark diese Zu¬ mutung energisch zurückwies, beschossen die Engländer die dänische Hauptstadt und zwangen sie zur Kapitulation. So war der Sund, an dessen Sperrung für die englischen Schiffe Napoleon vor allem gelegen war, offen. Dieses Vorgehen Englands war eine dreiste Verletzung des internationalen Völkerrechts. Napoleon wußte, woran er war, und traf sogleich seine Anstalten. Alle seine Vasallen in Italien wurden gezwungen, ihre Häfen den englischen Schiffen zu ver¬ schließen. Als Papst Pins VII. für den Kirchenstaat um Neutra¬ lität nachsuchte, verweigerte Napoleon dies und wollte den Papst zu einem Vertrag zwingen, der dessen Besitz und Rechte erheblich geschmälert hätte. Da der Heilige Vater die Ratifikation dieser Urkunde verweigerte, zogen französische Truppen in Rom ein und nicht lange darauf wurde der Kirchenstaat in eine franzö¬ sische Provinz nmgewandelt. Weil Napoleon befürchtete, die Engländer würden Portugal ein ähnliches Schicksal bereiten, wie sie es soeben über Däne¬ mark verhängt hatten, wollte er ihnen zuvorkommen. Er ließ ein französisches Korps unter Junot in Eilmärschen durch das Verbündete Spanien nach Portugal einrücken, um dieses Land zu besetzen und die in dem Hafen befindlichen englischen Schiffe Wegzunehmen. Aber diese waren gewarnt worden und noch recht¬ zeitig aus den Portugiesischen Häfen ausgelaufen. Die Königs¬ familie war, ohne Widerstand zu versuchen, nach Brasilien ent¬ flohen. Junot besetzte am 30. November 1807 Lissabon. Aber schon waren Napoleons Absichten auch auf Spanien gerichtet. Das Wort, das Ludwig XIV. geprägt, aber nicht zu verwirklichen vermocht hatte: „Es gibt keine Pyrenäen mehr!" sollte zur Wahrheit werden. In Spanien regierte damals der schwache und unfähige Karl IV., der ganz unter dem Einflüsse >-^^Dflnigin und ihres Günstlings Godoy stand, der vom Offiz^)ber Leibgarde zllm Fürsten und Premierminister empor- K 6* 112 gestiegen war und den das Volk bitter haßte. Der Kronprinz Ferdinand stellte sich auf die Seite des Volkes und zwang den König zur Thronentsagung. Bald aber bereute König Karl IV. diesen Schritt und Vater und Sohu riefen Napoleons Ent¬ scheidung an. Dieser berief beide nach Bayonne und nötigte sie zur Verzichtleistung auf die Krone, die er sogleich seinem Bruder Josef übertrug, während er mit der Krone Neapels seinen Schwager Murat begnadete. Doch in Spanien sollte Napoleon zum ersten Male erfahren, was es heißt, ein in seiner nationalen Ehre und in seinen heiligsten Gütern gekränktes Volk zum Kampfe aufzureizen. In dieser südwestlichen Ecke Europas ballte sich zuerst jene Gewitter¬ wolke zusammen, die sich dann über den ganzen europäischen Kontinent ausbreiten sollte und aus deren schwarzem Schoße Blitze der Vernichtung auf Napoleon niederzuckten. Um Spanien zu bezwingen, bedurfte es bedeutender Truppen- nachschnbe aus Frankreich und Deutschland, denn dort nahmen die Dinge, besonders seit dem Erscheinen des „eisernen" Wellington in Portugal einen für Napoleon immer bedrohlicheren Verlauf. „Ihr Ruhm wird in Spanien scheitern!" rief der neue König Josef seinem kaiserlichen Bruder zu. Er sollte recht behalten. Jetzt mußte das Bündnis mit Rußland fester geknüpft werden. Napoleon bedurfte des russischen Kaisers zur Deckung gegen England und Österreich, wo die Gärung im Volke mehr und mehr anwuchs und in den Alpcntälern Tirols die Vorboten des Sturmes sich ankündigten. Aber auch Alexander I. lag viel daran, Napoleon in Sicherheit zu wiegen; er wollte Finnland den Schweden, deren König Gustav IV. einer Verschwörung des Adels zum Opfer gefallen war, entreißen und in den Donau¬ fürstentümern freie Hand behalten. So waren denn die Kaiser des Morgen- und Abendlandes, wie sich Napoleon und Alexander gern in ihren stolzen Träumen nannten, aufeinander angewiesen. Schon in Tilsit war eine Zu¬ sammenkunft zur Regelung aller noch schwebenden Angelegen¬ heiten verabredet worden. Jetzt lud Napoleon den Zaren nach Erfurt ein, damals einer französischen Stadt, die am weitesten nach Osten vorgeschoben war. Auch an alle Rheinbuudfürsten erging Napoleons Einladung. Er wollte alle Fürsten um sich versammeln, die seinem Winke gehorchten und durch den Glanz seines Auftretens die Welt blenden. Auch der preußische Kronprinz fand sich ein. Aber Österreichs Kaiser, den Napoleon auch erwartet hatte, fehlte; statt seiner stellte sich nur der Gesandte Baron Vincent ein, den Napo¬ leon, dem die Stimmung in Österreich durchaus nicht verborgen blieb, mit bitteren Worten anließ und dem er ein Schreiben an Kaiser Franz einhändigte, in dem es hieß: „In meiner Macht hat es gestanden, die österreichische Monarchie zu vernichten. Was Eure Majestät sind, sind Sie durch meinen Willen, ein Beweis, daß die Rechnung abgeschlossen ist und daß ich meiner¬ seits nichts von Ihnen verlange. Aber Eure Majestät darf nicht wieder in Frage stellen, was fünfzehn Kriegsjahre entschieden haben — und muß jede Maßregel verbieten, die Anlaß zum Kriege bieten könnte. Eure Majestät enthalte sich jeder Rüstung, die mich beunruhigen könnte." „Ich verstehe jetzt," sagte der französische Monarch zu seiner Umgebung, „warum der Kaiser nicht gekommen ist: es ist schwer für einen Souverän, einem ins Gesicht zu lügen; er hat diese Aufgabe Herrn von Vincent überlassen." Napoleon war am 27. September in Erfurt eingetroffen; noch am selben Tage nachmittags kam Alexander an, dem Napoleon zwölf Kilometer weit eutgegengeritten war. Nun folgten Feste auf Feste. Napoleon hatte den berühmten Schauspieler Talma nach Erfurt kommen lassen, der buchstäblich vor einem „Parterre von Königen" spielte. Das Orchester war ausgeräumt und auf einer erhöhten Estrade waren die Fauteuils für die beiden Kaiser aufgestellt; zu beiden Seiten saßen, aber niedriger und auf ge¬ wöhnlichen Sesseln, die übrigen Fürstlichkeiten. Bei der Aufführung von Voltaires „Ödipe" ereignete sich jene Szene, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Als Talma die Worte aussprach: „I/ninour cl'un üornins S8t na disirtuit äss äieux", „Die Freundschaft eines großen Mannes ist Geschenk der Götter", da erhob sich der Zar von seinem Platze und, indem er sich gegen Napoleon verneigte, reichte er ihm die Hand, worauf die beiden 114 Monarchen einander in die Arme schlossen. Man möchte fast sagen, Alexander war noch ein größerer Schauspieler als der gefeierte Talma. In Erfurt fand auch die berühmte Audienz Goethes bei Napoleon statt. Der Kaiser wollte zeigen, daß er den größten Genius Deutschlands Wohl zu würdigen wisse und daß es ein Unrecht sei, wenn man ihn bloß für einen rohen Eroberer halte. Napoleon, von Goethes Erscheinung eingenommen, empfing den Dichter mit den Worten: „VoiiL uri llomras! Sie sind ein Mann!" Aber auch Goethe hat zeitlebens aus dem tiefen Ein¬ druck kein Hehl gemacht, den der gewaltige Held, vor dem die Welt zitterte, auf ihn ausgeübt hatte. Das Gespräch der beiden Fürsten im Reiche der Waffen und des Geistes drehte sich zu¬ nächst um das Schicksalsdrama, das Napoleon verurteilte. „Es gibt kein Schicksal," äußerte er, „das moderne Schicksal ist die Politik." Goethe war überrascht durch die feinen Bemerkungen, die Napoleon über seinen „Werther" machte, den er siebenmal gelesen zu haben behauptete. Als Napoleon dem Großherzog von Sachsen-Weimar in Weimar, dem berühmten Musensitze an der Ilm, einen Besuch abstattete, wurde Goethe und auch Wieland abermals zur Audienz befohlen. Das Gespräch berührte diesmal Napoleons Lieblingshelden Julius Cäsar; der Kaiser äußerte zu Goethe, der deutsche Dichter sollte diesen Stoff würdiger dar¬ stellen als es Voltaire getan habe. „Man müßte der Welt zeigen, wie Cäsar sie beglückt haben würde, wie alles ganz anders ge¬ kommen wäre, wenn man ihm nur Zeit gelassen hätte, seine hochsinnigen Pläne auszuführen." Ahnte Napoleon schon damals sein frühes Ende und wollte er der Welt verkünden, daß man auch ihm nicht Zeit gelassen habe, nicht bloß ihr Eroberer, sondern auch ihr Beglücker zu werden? Aber alle die rauschenden Feste, die einander jagten, täuschten Napoleon nicht über die drohenden Verwicklungen der Zukunft. Am 12. Oktober 1808 war zwischen ihm und Alexander ein geheimes Abkommen geschlossen worden, das dem russischen Kaiser freie Hand gegenüber der Türkei gewähren sollte, wogegen Napo¬ leon Zurückziehung seiner Truppen aus Deutschland versprach. Beide Monarchen sicherten einander zu, England zum Frieden zu nötigen. Meinte es Napoleon, der stets Konstantinopel und dm Orient als Ziel seiner Sehnsucht betrachtet und von einem Zuge nach Indien, gleich dem Alexanders des Großen, geträumt hatte, mit diesen Abmachungen aufrichtig? War Alexander I. im Grunde seiner Seele gewillt, Napoleons weltumspannende Pläne zu fördern? Wir dürfen beides bezweifeln. Es wird erzählt, daß, als Kaiser Napoleon, der dem russi¬ schen Zaren bei seiner Abreise das Geleite gegeben hatte, allein nach Erfurt zurückritt, sein Gesicht einen besonders düsteren Aus¬ druck zur Schau getragen habe. Er mochte wohl fühlen, daß der Glanz der Erfurter Tage nur ein trügerischer Schimmer gewesen, so sehr die Welt geneigt war, Erfurt für den Höhepunkt seiner Macht anzusehen. Sein durchdringender Verstand ahnte vielleicht die Katastrophe, die in schwachen Umrißlinien sich bereits an¬ kündigte, aber sein eiserner Wille glaubte dem Schwersten ge¬ wachsen zu sein. Vas Jahr Neun. Napoleons trübe Ahnungen waren nicht ganz unberechtigt. Er sah den Krieg mit Österreich kommen. Schon bei dem Emp¬ fange des diplomatischen Korps am 15. August 1808 in dem Schlosse von Saint-Cloud herrschte er den Botschafter Österreichs, den späteren allmächtigen Minister Metternich, mit den drohenden Worten an: „Wohlan, Herr Botschafter, was will der Kaiser, Ihr Herr? Gedenkt er mich nach Wien zurückzurufen?" Und wenige Monate später sagte er zu demselben Botschafter: „Das sind schöne Nachrichten aus Wien! Was soll das heißen? Ist man von der Tarantel gestochen? Wer bedroht euch denn? Wem zürnt ihr denn? Wollt ihr noch das Weltall in Brand setzen? Wie? Als ich meine Armee noch in Deutschland hatte, fandet ihr eure Existenz nicht bedroht, aber jetzt, da ich sie in Spanien habe, findet ihr sie in Gefahr. Das ist doch eine merkwürdige Logik!" In Spanien nahmen die Dinge einen für den Kaiser immer bedrohlicheren Verlauf. Dort schlug der Volkskrieg in Hellen Flammen empor. Von seinen Priestern geführt erhob sich das Volk und leistete in den Tälern und Schluchten des Gebirges den zähesten Widerstand. Palafox verteidigte Saragossa mit einem Heldenmute, der an die Tage des alten Numantia erinnert. *) Der neue König mußte seine Hauptstadt preisgeben. Napoleon sah ein, daß seine Persönliche Gegenwart ans der Pyrenäischen i) Numantia verteidigte sich heldenmütig gegen Kornelius Scipio, den jüngeren Afrikaner, und konnte erst nach siebenjähriger Belagerung und nachdem sich die meisten Einwohner selbst den Tod gegeben hatten, im Jahre 133 v. Ehr. eingenommen werden. Halbinsel unerläßlich sei, um den Krieg mit rücksichtsloser Energie zu führen, denn Spanien wollte er um keinen Preis aufgcben, schon um Englands willen nicht. Am 29. Oktober 1808 verließ er Paris Md war am 5. November in Vittoria. Jetzt folgte Schlag auf Schlag. Bald stand er mit seiner Garde auf der Madrid im Norden beherrschenden Anhöhe und schon nach kurzer Beschießung ergab sich die Hauptstadt, die die ganze Strenge des Siegers über sich ergehen lassen mußte. Der Versuch, die Engländer auseinander zu sprengen, die sich in La Coruua vereinigt hatten, um Napo¬ leon in den Rücken zu fallen und ihn vom Meere abzutrennen, gelang nicht vollständig, denn die schwachen Reste des englischen Korps konnten sich auf die Schiffe retten. Nun überließ Napoleon alles weitere seinen Marschällen, obschon Spanien noch keineswegs als beruhigt gelten konnte und England jederzeit bereit war, mit seiner Flotte ans Land zu gehen und den Volkskrieg, der immer noch fortglomm, zu unter¬ stützen. Aber Plötzlich brach der Kaiser am 17. Januar 1809 von Valladolid auf und eilte mit stürmischer Hast in seine Haupt¬ stadt Paris. Was war die Ursache dieser Eile? Hatte er wirklich in Astorga einen Brief des bayrischen Königs Maximilian Josef erhalten, wie erzählt wird, der ihm von den umfassenden Rüstungen Österreichs vertrauliche Mitteilung machte? Aber diese Rüstungen waren ja dem Kaiser schon lange kein Geheimnis. Viel wahr¬ scheinlicher ist es, daß die innere Lage dem Kaiser seine An¬ wesenheit in Frankreich rätlich erscheinen ließ. Schon waren Talleyrand und Fouchs, früher die festesten Stützen seiner Macht, nicht mehr ganz zuverlässig. Sie verurteilten mit vielen anderen die Unternehmung gegen Spanien und überhaupt die ganze Welt- Politik des Kaisers. Talleyrands Haltung war die eines schnöden Intriganten. Er hatte den Kaiser in seinem Vorgehen gegen Spanien auf¬ gemuntert ; jetzt arbeitete er ihm entgegen. Witterte er die Kata¬ strophe voraus, die freilich sonst niemand auch nur ahnte? Napoleon hatte recht, wenn er Talleyrand mit den harten Worten anfuhr: „Sie sind ein Dieb, ein Niederträchtiger, für den es nichts Heiliges gibt. Sie würden Ihren Vater verkaufen. Ich habe Sie 118 mit Gütern überhäuft und es gibt nichts, dessen Sie nicht gegen mich fähig wären. Seit Monaten, wo Sie vernehmen, daß meine Sache in Spanien schlecht steht, sagen Sie jedem, der es hören will, Sie hätten das Unternehmen stets getadelt, während Sie es waren, der mir den ersten Gedanken dazu eingab und mich fortwährend dahin trieb ... Ich könnte Sie jetzt wie Glas zer¬ brechen, ich habe die Gewalt dazu, aber ich verachte Sie zu sehr, um mir die Mühe dazu zu nehmen." Es blieb bei den drohenden Worten. Schon war die eiserne Kraft, mit der der Gewaltige sonst seine Feinde zerschmettert hatte, von ihm gewichen. Seine Ankunft in Paris hatte genügt, um die murrenden Stimmen, die sich dort und da vernehmlich gemacht hatten, zum Schweigen zu bringen und Napoleons ganzes Sinnen war jetzt Österreich zugewendet, dessen Vernichtung er sich vorgesetzt hatte. Nach alter Gewohnheit suchte er Österreich als den Friedens¬ brecher hinzustcllen und äußerte sich höhnisch: „Dieser Staat scheine das Wasser des Lethe zu trinken." Die Bewegung, die Österreich ergriffen hatte, war nicht vom Kaiser und vom Hof allein ausgegangen, sie war eine Äußerung des Volkswillens. Die Lage schien nicht ungünstig, um einen Krieg zu beginnen: Napoleon war in Spanien be¬ schäftigt, Rußland war keineswegs ein vollkommen zuverlässiger Bundesgenosse Napoleons; vielleicht konnte Preußen mitgerissen werden, Wo die nationale Begeisterung sich immer deutlicher äußerte und Freiherr von Stein unablässig bemüht war, den König für eine Erhebung gegen Frankreich zu gewinnen. Napo¬ leon hatte dies Wohl durchschaut und von Madrid aus hatte er den Mann, einen gewissen Stein, 1s nomms 8tmn, wie er sich verächtlich ausdrückte, geächtet und seiner Güter beraubt. So schien ein Krieg Österreichs gegen Frankreich durchaus nicht aussichtslos, und der damalige leitende Minister Österreichs, Graf Philipp Stadion, ein scharfblickender Staatsmann und ein Politiker von untadelhaft deutscher Gesinnung, tat alles, um den Geist der Bevölkerung für den Krieg zu entflammen und den Staat im Innern zu kräftigen. Ihm zur Seite stand, ganz in demselben Sinne wirkend, der edle Erzherzog Karl, der durch Verbesserung der Wehrverfassung, Errichtung der Landwehr, Einteilung des Heeres in selbständige Armeekorps, zeitgemäßere Gliederung der Artillerie, alles für den Kampf vorbereitete. Außerordentlich zu statten kam damals dem österreichischen Staate die Erhebung der treuen Tiroler gegen die ihnen auf- gedrungene bayrische Herrschaft, denn sie zwang Napoleon zur Entfaltung bedeutender Streitkräfte gegen dieses tapfere Bergvolk, das zur Sense und zum Stutzen griff, um die verhaßte Frcmd- Talleyrand. Nach einer Zeichnung von Kesse. Herrschaft abzuschütteln und seine kirchlichen Einrichtungen zu verteidigen. Schon im April des glorreichen Jahres Neun war das Land zum ersten Male befreit, doch neue Truppenmassen unter dem bayrischen General Wrede und dem Marschall Lefsbvre zwangen den Helden Andreas Hofer und seine Kampf¬ genossen abermals zum Aufstande. Am Feste Mariä Himmelfahrt, 15. August, zog Hofer in die zum dritten Male befreite Haupt¬ stadt Innsbruck ein und wurde Obcrkommandant von Tirol. 120 Aber mittlerweile hatte der Krieg eine Wendung genommen, die Österreich zwang, seine Helden im schönen Alpenlande preis¬ zugeben, deren Andenken unvergänglich fortleben wird, solange man Heldenkraft und Treue, Vaterlandsliebe und Frömmigkeit ehren wird. Napoleon war am 13. April zur „Armee von Deutschland" abgereist und traf sofort mit der an ihm gewohnten genialen Tatkraft die notwendigen Anstalten, um dem Feinde wirksam zu begegnen: „8s präsosnos vaut osnt mills lloininos!" „Seine Gegenwart wiegt hunderttausend Mann auf!" riefen die Soldaten einander zu, als er am 18. April mittags in Ingolstadt eintraf. Sogleich drängte er den Erzherzog Karl, der mit der Haupt¬ armee in breiter Front vom Inn zur Isar vorgerückt war, durch die siegreichen Gefechte bei Abensberg (20. April) und Egg¬ mühl (22. April) nach Regensburg zurück und zwang ihn, sich nach Böhmen zurückzuzichen. Monthyon erzählt, Napoleonsei, als er von dem langsamen Vorrücken des Erzherzogs Nachricht erhalten habe, vor Freude saft außer sich gewesen. „Da war es, als ob er wüchse, seine Augen begannen zu glänzen und mit einer Freude, die sein Blick, seine Stimme, seine Bewegungen verrieten, rief er aus: ,Dann hab' ich sie! Das ist eine ver¬ lorene Armee! In einem Monat sind wir in Wien!'" Der Kaiser hatte unrecht. Er war um eine Woche früher in Wien. Die Franzosen standen schon am 16. Mai vor der Haupt- und Residenzstadt und es war nun des Erzherzogs fester Plan, seine Streitkräfte zu sammeln und Napoleon auf dem linken Donauufcr, auf dem weiten Blachfelde der Marchebene, eine Schlacht anzubieten, die über das Schicksal der Monarchie, über das Geschick Europas entscheiden sollte. Österreichs Aufruf zum Kriege hatte die schönen Worte enthalten: „Der Friede Europas hat sich unter euere Fahnen geflüchtet!" In der Tat, ein einziger Sieg, der den Schimmer der Unbesiegbarkeit von dem Namen des Kaisers Napoleon weg¬ wischte, mußte der Welt eine sichere Bürgschaft des Friedens werden, welchen dieser kühne Korse nun schon so lange gestört hatte. Napoleon wollte zuerst von Wien aus über die Tabor¬ brücke ans linke Donauufer rücken, um dem Heere des Erz¬ herzogs zu begegnen, allein dieser Versuch scheiterte ebenso wie jener, bei Nußdorf ans andere Ufer zu setzen. Es war der Tat¬ kraft und Umsicht des österreichischen Feldmarschall-Leutnauts Freiherrn v. Hiller gelungen, diesen Plan Napoleons zu ver¬ eiteln. Und so beschloß denn der französische Herrscher, bei Kaiser-Ebersdorf den Übergang über den Donaustrom ins Werk zu setzen. Hier umfaßten damals die Arme des Flusses die Lobau- insel; jetzt ist der schmale Arm, über welchen man zu den Auen und Feldern am linken Stromgestade gelangte, versumpft und die Insel ist verschwunden. Er war ein vortrefflicher Punkt für den Übergang, denn die Weidengebüsche und die dicken Baum¬ stämme der breiten Insel verdeckten die Landung und das Vor¬ rücken der französischen Truppen. Erzherzog Karl hatte seine Auf¬ stellung so genommen, daß seine entferntesten Vorposten einerseits bis nach Krems, andererseits bis an den Marchfluß reichten. Er beabsichtigte, den Feind in gewaltigem, immer mehr sich ver¬ engendem Bogen bis an den Strom zurückzudrücken und über diesen zurückzuwerfen. Er gedachte den Augenblick abzuwarten, wo ein Teil des französischen Heeres bereits den Donaustrom überschritten haben und sich zu entfalten beginnen werde. Daher hinderte der Erzherzog nicht den Übergang des feind¬ lichen Heeres, welches bereits am 20. Mai in die Marchebene vorrückte und zur Besetzung der beiden Dörfer Aspern und Eßling schritt. In dem ersteren waren die Kirche und der um¬ mauerte Friedhof davor, in dem letzteren ein fester, steinerner, drei Stockwerke hoher Getreidespeicher, gleichsam von der Natur dargebotene feste Punkte, um welche daher im Verlaufe der Schlacht das heißeste und blutigste Ringen entstand. Am Abend des 20. Mai erließ der Erzherzog einen Schlacht¬ befehl, in welchem es hieß: „Morgen ist Schlacht; das Schicksal der Monarchie hängt von ihr ab. Ich werde meine Schuldigkeit tun und erwarte dasselbe von der Armee." So brach der nächste Morgen an, ein frisch duftiger, rosiger Frühlingsmorgen. Es war der 21. Mai, zugleich der Sonntag des Pfingstfestes, und in herrlicher Pracht stand bald die Sonne 122 am Himmelszelte und streute ihr Gold auf die tauigen Wiesen und die reichen Kornfelder, aus denen da und dort die weißen Kirchtürme und Häuser der stattlichen Dorfschaften hervorblitzten. Die österreichischen Heereskolonnen setzten sich in Bewegung, ein Anblick, der an majestätischer Pracht kaum seinesgleichen in der Geschichte hat. Da sprengten die einzelnen Befehlshaber vor ihre Regimenter, um noch mit wenigen mannhaften Worten ihren Mut zu entflammen. Oberst Gras Hardegg rief seinen Ulanen zu: „Nur Sieg oder Tod kann heute der Spruch eines braven Soldaten sein!" Und die Reiter schlugen ihre Säbel zu¬ sammen, so den schönen Gruß erwidernd, den ein Held ihnen bot. Bei manchem Regimente umarmt der Befehlshaber einen narbenbedeckten Veteranen, dessen Brust mit dem Ehrenzeichen der Tapferkeit geschmückt ist, und ruft den anderen Kriegern zu: „Brüder, dieser Kuß gilt euch allen!" — Im ganzen Heere ist eine große Verbrüderung gestiftet, ein Gruß, ein Händedruck von Mann zu Mann, auf allen Lippen ringt sich ein einziger Schwur los: zu siegen oder zu sterben. Die Feldmusik ertönt, Kriegs¬ lieder erschallen. Jetzt sprengt der Erzherzog vor die Reihen; die Soldaten erblicken den sieggewohnten, verehrten Führer; in seinen Augen leuchtet die Zuversicht eines neuen Triumphes, seine Haltung ist ganz Mut und Entschlossenheit. Da verhallt die Musik, da verstummen die Schlachtgesänge und allen Kehlen ent¬ ringt sich ein brausender Jubelruf: „Hoch Österreich! Hoch der Erzherzog!" — Warm legt sich der Sonnenschein des Frühling¬ tages in jedes Herz hinein und jedes Herz schlägt höher bei dem Gedanken, daß dieser leuchtende Tag auch dem armen Vater¬ lande den Frühling seiner Freiheit, den Lenz des Friedens bringen möge. Wer könnte all die Einzelheiten des Kampfes schildern, der nun entbrennt? Hauptsächlich sind es die Dörfer Aspern und Eßling, um welche mörderisch gestritten wird. Jeder Zaun, jede Hecke, jede Mauerritze speit Verderben. Zehnmal wird Aspern von den Österreichern erstürmt und ebenso oft verloren. In der Vorhalle der Dorfkirche hält Frankreichs tapferer Marschall Mass sna persönlich, um diesen Ort zu behaupten; er geht schließlich doch verloren und ist am Abend endlich im Besitze der Österreicher, deren Vertreibung von dort unmöglich ist. „Das Dorf muß genommen werden!" so erscholl das Kommando. „Wir werden es nehmen!" ertönte es zurück von Bataillon zu Bataillon. Bei dem ersten Hanse fällt ein Offizier; er rafft sich auf und mit letzter Kraftanstrengung ruft er den Brüdern den Scheidegruß zu: „Es lebe das Haus Österreich!" Erzherzog Karst der Sieger von Aspern. Erzherzog Karl sprengt herbei und erhöht durch den Zuruf: „Fürs Vaterland! Mutig vorwärts!" den Mut seiner Braven. „Tausend Leben für unfern Erzherzog! Brüder mir nach!" ruft Hauptmann Murmann, Führer eines Bataillons vom Regi¬ mente Rainer, und stellt sich an die Spitze der Stürmenden. 124 „Wohlan, Major!" feuert der Erzherzog den tapferen Offizier an, „führen Sie das Regiment zum Sieg!" Die Mauern des Kirchhofs werden erstiegen und Aspern mit Sturm genommen. Hauptmann Murmann, der auf dem Felde zum Major avancierte, ist, obwohl verwundet, unter den ersten, welche die Mauer erklimmen. Auf der Walstatt erhielt dieser tapfere Soldat aus der Hand des Erzherzogs das Theresienkreuz. Ebenso heftig ist Eßling umstritten; allein hier sind alle Angriffe der Österreicher vergeblich. Wie eine Festung starrt ihnen der hohe Getreidespeicher entgegen, den die Franzosen zu einer uneinnehmbaren Zitadelle umgestaltet hatten. Napoleon setzt alles daran, wenigstens diesen Punkt zu behaupten, um nicht von der Verbindung mit seinem Heere auf dem jenseitigen Donauufer und der Insel Lobau ganz abgeschnitten zu werden, denn schon war der Kampf, welcher auf dem breiten Felde zwischen den beiden Dörfern sich entsponnen hatte, zu seinen Ungunsten entschieden. Napoleon hatte, wie einst bei Austerlitz, durch einen kräftigen Stoß die Mitte durchbrechen wollen. Seine schweren Reiter werfen das leichte Geschwader der Österreicher nieder und sprengen gegen das Fußvolk, welches wie eine eiserne Mauer, den feind¬ lichen Anprall erwartend, dasteht; Erzherzog Karl war heran¬ geritten, um in diesem furchtbaren Augenblick durch einige feurige Worte den Mut der Seinen zu erhöhen. Oberst Mes ceri hatte auf Befehl Karls das Kommando: „Nicht schießen!" gegeben. Wie eine furchtbare Woge brauste die Masse der geharnischten Reiter des französischen Kaisers über das Feld. Nur noch vierzig Schritte von den Unseren entfernt, hält sie inne, als wäre sie durch die ruhige Entschlossenheit der österreichischen Krieger fast wie mit einem Zauberschlage festgebannt worden. Der französische Marschall d'EsPagne, hoch im Bügel, ruft den Unserigen zu: „Strecket die Waffen!" — „Holt sie euch!" tönt es aus den Reihen der Österreicher zurück, ganz wie damals, als das Häuf¬ lein der Spartaner das ungeheure Heer der Perser aufhielt. Jetzt sprengen die Schwadronen der französischen Kürassiere wütend vorwärts, bis auf fünfzehn Schritte lassen sie die Österreicher herankommeu. Das Kommando erschallt: „Feuer!" und Salven auf Salven donnern in die Reihen der Panzerreiter und schmettern sie nieder. Ein neuer Anprall, ein gleicher Erfolg. Bald ist der Boden mit Menschen, Kürassen und Helmen bedeckt. Die Franzosen fliehen und mit gefälltem Bajonett dringt nun das österreichische Fußvolk vor, um die Davonsprengenden zu verfolgen. Napoleon war bei dem Sturm seiner geharnischten Reiter selbst zugegen; er wollte Zeuge ihres unwiderstehlichen Vordringens sein, er schaute ihre Niederlage. Wenige Schritte vor ihm wurde sein Adjudant, General Durosnel, gefangen. Der Kaiser soll sich damals nur mit Mühe gerettet haben. Das war der entscheidende Augenblick dieses schicksalsvollen Pfingstfesttages. Dieses Augenblickes gedachte der bisher un¬ bezwungene Franzosenkaiser, als er später seinem tollkühnen Schwager Murat, welcher ihm Vorwürfe darüber machte, daß er Österreich nicht zerstückelt habe, die Worte zurief: „Sie urteilen wie der Blinde von der Farbe, Sie haben die Österreicher beiAspern nicht gesehen, also haben Sie gar nichts gesehen." Am Abend des 21. Mai versuchte Napoleon noch einmal, die österreichische Mitte zu sprengen, aber auch dieser Angriff scheiterte wie der zu Mittag. Die Nacht brach herein, aber noch lange erhellten die Feuerstreifen der Granaten und die Flammen der brennenden Dörfer das Dunkel und warfen ihren Schein auf die Stätten des Todes und der Zerstörung. Lange noch durchhallte auch der Donner der Geschütze die Stille der Nacht, welche auf diesen leuchtenden Frühlingstag gefolgt war. Endlich gegen Mitternacht verstummte das Rollen und verblichen die Feuer. Die Schlacht war zu Ende, um mit dem Frühstrahl des nächsten Tages wieder zu beginnen. Der Morgen hatte kaum gegraut und schon war auf allen Punkten die Schlacht im Gange. Als das Feuer der ersten Kanonenschüsse durch den Morgennebel blitzte, war Napoleon an der Front seiner Truppen hinabgeritten; das Pferd seines Begleiters Monthyon wurde an seiner Seite durch eine Kugel niedergestreckt. Wieder war es Aspern, welches zunächst den Zank¬ apfel der Streitenden bildete; doch es blieb in den Händen der Österreicher. Die Entscheidung lag wie am ersten Tage auf dem weiten Kampffelde in der Mitte. Hier war auf österreichischer Seite der linke Flügel des Korps Hohenzollern mit der Reiterei 126 Lichtensteins nur schwach verbunden. Napoleon wollte durch¬ brechen und verwendete diesmal die Infanterie und das Geschütz. Schon waren einige österreichische Bataillone zerrissen und in gewaltigen Wogen brach der Feind in die Zwischenräume. Das Regiment Zach, bisher eines der bravsten im blutigen Waffen¬ kampfe, beginnt zu Wanken, mit ihm andere vom vorigen Tage her geschwächte Regimenter. Alles steht auf dem Spiele. Da eilt Erzherzog Karl herbei, ergreift die Fahne des Regiments Zach und führt ein Bataillon vor den Feind, so nahe, daß ihn die Feinde er¬ kennen. An seiner Seite wurden sein Adjudant Graf Colloredo und andere Offiziere tödlich verwundet und stürzten zu Boden. Doch vorwärts geht es; nur durch einen raschen Händedruck gibt Karl dem zurücktaumelndcn Grafen Colloredo sein inniges Mitgefühl zu erkennen; vorwärts geht es und die weichenden Bataillone, durch den Heldenmut des Oberbefelshabers angeseuert, ordnen sich und stürmen zu neuem Angriffe. Mittlerweile ließ Oberst Smola, einer der Tapfersten der Tapferen, die Artillerie auffahren und unter dem Donner von mehr als vierhundert Geschützen, welcher den Erzherzog inmitten der Seinen umbraust, stürmen die Öster¬ reicher vorwärts und drängen den Feind auf allen Punkten zurück. Napoleon konnte die Schlacht nicht mehr halten, denn mittlerweile war es den Österreichern auch gelungen, durch brennende Schiffsmühlen und mit Steinen schwer belastete Fahrzeuge die Schiffsbrücken der Franzosen zu zerstören. Wurde ihm auch Eßling entrissen, so konnte Napoleon nicht mehr hoffen, den Rückzug auf die Insel Lobau zu bewerkstelligen. Daher will Napoleon auf jeden Fall diesen Punkt behaupten, ebenso heiß bestrebt ist Karl, ihm denselben zu entreißen. Doch alle Anstrengungen der österreichischen Grenadiere, Eßling zu nehmen, sind fruchtlos; sie werden vom Feinde niedergemetzelt. Die Schlacht war entschieden. Alle Versuche Napoleons, den Österreichern den Sieg zu entreißen, waren gescheitert. Zum ersten Male auf deutscher Erde war Napoleon in offener Feld¬ schlacht geschlagen worden. „Das war", wie ein Geschichtschreiber sagt, „das erste Mal, daß dem Gewaltigen, der sich bis zu diesem Pfingstfeste unüberwindlich glaubte, eine unsichtbare Hand über den Scheitel streifte, und daß es über ihn hinrauschte: Gedenke, Kaiser, daß du ein Mensch bist!" Als die Nacht auf den zweiten Tag der furchtbaren Schlacht gefolgt war, fuhr ein einfacher Kahn durch die reißenden und tobenden Wellen des Donaustromes, auf welchem Trümmer und Balken dahinschossen. Ein kleiner Mann mit finsterem, bleichen Gesichte hüllt sich fester in seinen Mantel, an dem der Sturm reißt und zerrt. Es ist Napoleon. In sich versunken und schweigend sitzt er da, endlich wendet er sich zu seinen Marschällen Berthier und Savary, die mit ihm im Nachen sitzen und sagt grimmig lächelnd: „Es ist doch wahrhaftig nichts Merkwürdiges, daß man einmal eine Schlacht verliert, nachdem man vierzig gewonnen hat." Aber dieser Sieg des Erzherzogs Karl, er wog doch viele andere Siege in der Weltgeschichte auf. Dies fühlte die Mitwelt, welche jubelnd den Sieger und sein tapferes Heer pries; dies erkennt dankbar die Nachwelt, welche den Namen Karls nennt, wenn sie der größten Feldherrn gedenkt. Wie wahr und schön sagt Nikolaus Lenau in dem Gedichte, welches den Sieg von Aspern feiert: „Mag immerhin nach Asperns blut'ger Schlacht Der stolze Feind erheben seine Macht, Aufwerfen siegreich seine Heldenfahne: Sie blieb doch krank vom schüttelnden Orkane. Die Donner Asperns haben's ausgesprochen: ,Er ist besiegbar!' unvergeßlich allen. Und Leipzig wird die Donner widerhallen! Napoleons Wasfenzauber war gebrochen." Ja, Napoleons Waffenzauber war gebrochen. Was half es ihm, wenn er in seinem Schlachtenbulletin der Welt verkündete: „Der Feind zog sich in seine Stellungen zurück und wir blieben Herren des Schlachtfeldes"? Niemand glaubte es ihm. Durch Deutschland ging es wie ein Hauch des Frühlings. Dörnberg erhob sich in Westfalen; der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig warb eine Freischar; der tollkühne Husarenmajor von Schill kämpfte mit Löwenkühnheit um Stralsund. Die Engländer machten Miene, an der Weser und Elbe zu landen. Dörnberg, aus hessischem Adel stammend, war als Oberst in die Dienste des Königs von Westfalen getreten, aber, wie das gesamte Hesscnvolk, haßte er glühend die Fremdherrschaft. Mit 128 einer Schar von Bauern wollte er Kassel überrumpeln und JerSme gefangennehmen, aber die Bauern brachen zu früh los und vor den ersten Kartätschenschüssen stob der des Waffen¬ handwerks ungewohnte Haufe auseinander. Im Bauernkittel entkam Dörnberg und- nahm später in preußischen Militärdiensten eine ehrenvolle Stellung ein. Schill, ein feurig schöner Mann und durch und durch ein Held, führte am 28. April des Jahres 1809 sein Regiment wie zum Exerzieren aus dem Tore Berlins heraus. Er rückte dann vor Halle, das den Befreier jubelnd empfing, dann wandte er sich nordwärts und warf sich schließlich in das wenig befestigte Stralsund, doch bald umlagerte ihn eine feindliche Übermacht; im erbitterten Kampfe empfing er die Todeswunde; ohne Ehren, ohne Kanonenmusik und Flintengruß ward er zur Erde bestattet. Els junge Offiziere wurden zum Tode verurteilt; sie brachten ihrem König noch ein Hoch und kommandierten dann Feuer. Zehn sanken sogleich nieder; der elfte war nur leicht verwundet; er riß sich die Weste auf und, auf sein Herz deutend, rief er: „Hieher Grenadiere!" Im nächsten Augenblicke hatte auch er ausgelebt. Der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels war der Sohn jenes Ferdinand von Braunschweig, der in der Schlacht von Jena schwer verwundet worden war und dem Napoleon keine Stätte gönnen wollte, um ruhig zu sterben. Er warb im öster¬ reichischen Schlesien ein Freikorps, wollte aber vom Frieden nichts wissen, in den er als österreichischer Offizier eingeschlossen ge¬ wesen wäre, schlug sich mit seinen Tapferen nach Braunschweig durch und schiffte sich glücklich in Elsfleth ein. Vergebens be¬ schossen die Dänen, Napoleons willfährige Bundesgenossen, das Schifflein, es entkam ins offene Meer und unter britischem Schutze nach Helgoland. Die wackere Schar trat dann in die Dienste Wellingtons und kämpfte in Spanien gegen die Franzosen. Nach der Schlacht von Aspern standen sich die österreichische und französische Armee gegenüber, ohne zu einem neuen Schlage auszuholen. „Napoleon und ich," schrieb Erzherzog Karl an den Herzog von Sachsen-Teschen, „wir beobachteten uns, wer wohl den ersten Fehler begehen wird, den der andere benutzen kann, und ergänzten unterdes unsere Verluste. Ich werde nichts ris- kieren, denn die Kräfte, über die ich verfüge, sind die letzten des Staates, aber ich werde mit der größten Energie jede Gelegen¬ heit ergreifen, um einen entscheidenden Schlag zu führen." Aber Napoleon beging keinen Fehler mehr. Am 5. Jnli ging er abermals über die Donau, diesmal mit mehr Vorsicht als das erste Mal. Am folgenden Tage kam es zur Schlacht bei Wagram; Napoleon vermochte nicht, die Österreicher zum Weichen zu bringen. Sie blieben in ihren Stellungen. Als er aber am zweiten Tage den linken Flügel der Österreicher umklammerte und gleichzeitig, wie er dies in allen entscheidenden Schlachten zu tun Pflegte, einen furchtbaren Stoß gegen das feindliche Zentrum ausführte, war er seiner Sache so sicher, daß er sich mitten in der Schlacht von seinem treuen Rustan, einem Neger, den er aus Ägypten mitgenommen hatte, ein Bärenfell auf den Boden breiten ließ und sich zwanzig Minuten tiefen Schlafes vergönnte. Am Nachmittag trat der Erzherzog einen geordneten Rückzug au. Es war keine vernichtende Niederlage; nichtsdesto¬ weniger bot Erzherzog Karl einen Waffenstillstand an, dem Kaiser Napoleon zustimnite, denn er war seiner Truppen nicht mehr so sicher, wie in seinen besten Tagen. Dem Waffenstillstand von Znaim folgte am 18. Oktober 1809 der Friede von Wien oder Schönbrunn, der Österreich 31/2 Millionen Einwohner kostete und es durch den Verlust Istriens und seiner südlichen Provinzen ganz vom Meere ab¬ drängte. Es war ein zur Ohnmacht verurteilter Binnenstaat ge¬ worden. Franz I. mußte alle schon erfolgten, ja selbst die erst vorzunehmenden Veränderungen in Spanien, Portugal und Italien anerkennen und durch strengste Einhaltung der Kontinentalsperre mit England vollständig brechen. Napoleon triumphierte zum zweiten Male über das niedcrgeworfene Österreich. Aber wie eine ernste Mahnung war es über dem Haupte des unersättlichen Eroberers hingerauscht, als ihm ein deutscher Jüngling, Friedrich Staps aus Naumburg, vorgeführt wurde, der bei einer Revue im Schloßhofe zu Schönbrunn am 12. Oktober ein Attentat auf das Leben des Kaisers versucht hatte. Der Kaiser sah den schwärmerischen Jüngling ungemein ernst und durch¬ dringend an. Regte sich etwas wie Mitleid in seiner sonst so mitleidslosen Seele? Tauchte etwas wie Furcht in seinem Innern auf, Furcht vor jenem Fanatismus der Begeisterung, den er bisher immer verlacht hatte und dem er schließlich doch zum Opfer fallen sollte? „Würden Sie es mir danken," mit diesen Worten wendete sich der Kaiser an den Jüngling, der furchtlos vor ihm stand, „wenn ich Sie begnadigte?" „Ich würde Sie doch zu töten suchen, Sire", antwortete dieser fest und ruhig. Darauf befahl der Kaiser, den Attentäter in aller Stille zu erschießen und über den Vorfall Schweigen zu beobachten. War dieser Unglückliche nicht ein Vorbote dessen, was das deutsche Volk in seinem heiligen Kriege gegen den Usurpator zu leisten fähig war? Doch Napoleon schüttelte die finsteren Gedanken, die mit ihren Fittichen ihn im Schlosse zu Schönbrunn umrauscht haben mochten, von sich. Sein Ziel, das Reich Karls des Großen in Europa wieder herzustellen, war erreicht. Jetzt galt es, dem¬ selben Dauer zu verleihen. Dies geschah durch die Auflösung seiner Ehe mit Josefine und durch Vermählung mit einer Prinzessin aus einem der ältesten Herrschergeschlechter Europas, mit der Tochter des österreichischen Kaisers, Maria Luise. Napoleon erklärte damals einem Familienrate, der in den Tuilerien stattfand: „Die Politik meiner Monarchie, das Interesse und das Bedürfnis meiner Völker, die mich stets in meinen Handlungen leiteten, verlangen, daß ich den Thron, auf den die Vorsehung mich erhoben, Kindern hinterlasse, welche die Erben meiner Liebe zu meinen Völkern sein sollen." Die Kaiserin Josefine erschien zu diesem Familienrate in einem einfachen Weißen Anzug, ohne Schmuck. Sie schien gefaßt, dennoch erstickten wiederholt Tränen ihre Stimme, als sie die Anrede verlas, mit der sie des Kaisers Worte erwiderte. Alles war tief gerührt, als Regnault de Saint-Jean d'Angsly, der der weinenden Josefine das Papier aus den Händen genommen und die Vorlesung beendigt hatte, den Schluß der Rede vor¬ trug: „Ich weiß, wie sehr dieser Akt, den die Politik und die hohen Interessen, die auf dem Spiele stehen, fordern, dem Kaiser nahe geht, aber wir beide setzen unfern Ruhm darein, dem Wohle des Vaterlandes ein solches Opfer bringen zu dürfen." Wo die Politik so gebieterisch sprach, mußte die Stimme des Herzens schweigen, ja, Napoleon mutete sogar seinem Stiefsohne Eugen von Beauharnais, der durch eine neue Ehe des Kaisers Maria Luise. seine Aussichten auf die italienische Krone verlor, zu, vor dem Senate den Dank und die Befriedigung seiner Mutter und ihrer Kinder auszusprcchen, was Eugen, dieser ergebene und treue Anhänger seines kaiserlichen Stiefvaters, auch wirklich tat. 132 Seine Ansprache schloß mit den schönen Worten: „illss Isrms8, gu's oontsss ostts ossolution s, llsmpsrsur sulRssnt L in Aloirs cis INS. MSI-S." „Die Tränen, die dieser Entschluß dem Kaiser gekostet hat, sind ein vollgültiger Ruhmestitel für meine Mutter." Josefine hielt vor der Welt mühsam die Trauer zurück und täuschte durch ein Lächeln über ihre Bereitwilligkeit, in die Auflösung der Ehe zu willigen. Im Jänner 1810 wurde ihre kirchliche Trauung mit Napoleon eines Formfehlers wegen für ungültig erklärt. Am 16. März wurde die hohe Braut in Braunau, wo Palm erschossen worden war, von der Schwester Napoleons, der Königin Karoline von Neapel, in Empfang ge¬ nommen und am 27. März traf der Kaiser mit Maria Luise in Compisgne zusammen, nachdem schon am 11. März die feierliche Einsegnung der Prinzessin in der Augustinerkirche in Wien stattgefunden hatte, bei der Erzherzog Karl, Napoleons größter Gegner, den Kaiser vertrat. Am 2. April fand dann in der Kapelle des Louvre nochmals die kirchliche Trauung statt. Sie wurde vom Kardinal Fesch vollzogen. Napoleon war damals 41, die Braut 18 Jahre alt. Es war eine üble Vorbedeutung, daß das Zeremoniell bis auf die kleinsten Einzelheiten demjenigen nachgebildet war, wie es bei der Hochzeit der unglücklichen Maria Antoinette angewendet worden war. Sogleich nach ihrer Scheidung zog sich Josefine nach Malmaison zurück. Man hat wiederholt gesagt, daß mit ihr der gute Genius von Napoleon gewichen sei. Indem er sich von Josefine trennte, nahm er Abschied von der Morgenröte seines Ruhmes, von den zärtlichsten Gefühlen und den stolzesten Gedanken, die damals seine ruhelose Seele erfüllt hatten. Sollte ihm die neue Ehe neues Glück bringen? Es schien fast so, denn am 20. März 1811 verkündeten die Kanonen¬ schüsse der Invaliden den atemlos lauschenden Parisern die Geburt eines Thronfolgers, dem der erfreute Kaiser den stolzen Titel eines „Königs von Rom" in die Wiege legte ° XI. Der russische Feldzug. Die Hoffnungen, die Frankreich und ganz Europa an Napoleons neue Siege und die Geburt eines Thronerben geknüpft hatten, daß der Kaiser endlich seinem Reiche und der Welt den heißersehntcn Frieden schenken und an die Triumphe der Waffen die Segnungen ruhiger Entfaltung aller inneren Kräfte des Staates knüpfen werde, erfüllten sich nicht. Noch grollte es in Spanien, noch war England, dieser zäheste und ausdauerndste Feind des französischen Kaisers, unbezwungen. Die gänzliche Niederwerfung des stolzen Britanniens sollte durch die rücksichtsloseste Handhabung der Kontinentalsperre erfolgen. Schon litt England nicht nur daran, daß es seine Kolonial¬ erzeugnisse nicht absetzen konnte, sondern vielleicht noch erheblicher an einer Überproduktion der heimischen Industrie, besonders der Maschinenfabrikation. Auch die Festlandsstaaten seufzten unter dem eisernen Drucke, den ihnen die Kontinentalsperre auferlegte, doch ist nicht zu leugnen, daß diese auch manche Vorteile im Gefolge hatte. Die Rübenzuckerfabrikation, von Napoleon lebhaft gefördert, fing an zu blühen, in Westfalen entstand 1810 das Kruppsche Etablissement, das jetzt einen Weltruf genießt. Der Kaiser konnte hoffen, England doch mürbe zu machen. In wenigen Jahren glaubte er es dann mit ihm zur See auf¬ nehmen zu können. Zu diesem Zwecke sollte die ganze Küste der Nordsee in das Gebiet der Kontinentalsperre ausgenommen und Frankreich einverleibt werden. Der Anfang wurde mit Holland gemacht, dessen König Ludwig seinem kaiserlichen Bruder Wider¬ stand zu leisten wagte; bald hielt es dieser mit seiner königlichen Ehre nicht länger vereinbar, die Krone auf dem Haupte zu be- . S m olle, Napoleon I. 7 134 k^!esirr-L>rc-L;?r-SkKL»rKLHr-L;rkS?ksrkL>!issiresi»c-sr6Lirr-s:rc---irc-sr halten. Ein kaiserliches Dekret erschien, dessen erste Bestimmung lautete: „Holland ist mit dem Reiche vereinigt." Bald folgte die Einverleibung der ganzen deutschen Nord¬ seeküste, das heißt der Gebiete von Oldenburg, Lauenburg, der drei Hansastädte: Bremen, Hamburg und Lübeck, und anderer kleiner Fürstentümer. Auch JerSmes ueues Königreich Westfalen wurde in seinem Umfang geschmälert. Schweden, wo nach dem Sturze Gustavs IV. sein Oheim Karl XIII. den Thron bestiegen hatte, wagte es nicht, dem Gewaltigen entgegenzutreten, trotzdem Napoleon Finnland von Schweden losgerissen und es an Rußland verschenkt hatte. Aber der schwedische Kronprinz, der gewesene Marschall Bernadotte, den der König mit Zustimmung des Volkes adoptiert hatte, war nicht Napoleons Freund. Der Kaiser durchschaute dies wohl; er hatte allerdings seine Zustimmung zur Erhebung Bernadottes gegeben, aber als dieser sich von ihm verabschiedete, rief ihm Napoleon die ahnungsschweren Worte zu: „(jus oos ässtius s'aooow- xlisssnt!" „Mögen unsere Schicksale sich erfüllen!" Sie erfüllten sich und sahen Bernadotte an der Seite der Feinde des Kaisers. Alles kam nun darauf an, auch die russischen Häfen den englischen Waren zu verschließen, aber da stieß Napoleon auf den zähen Widerstand seines kaiserlichen Freundes von Tilsit und Erfurt. Schon war durch die kühle Haltung des Zaren gegen¬ über dem Projekte Napoleons, sich mit einer russischen Prinzessin zu Vermählen, einem Projekte, das der französische Kaiser dann schroff fallen ließ, ein Mißklang in den Beziehungen der beiden kaiserlichen Freunde eingctreten. Die Vertreibung des Herzogs Peter von Oldenburg, der in naher Verwandtschaft mit dem russischen Kaiserhause stand, war ein weiterer Grund der Entfremdung. Wollte Napoleon den Krieg mit Rußland? Daß er ihn schon lange voraussah, ist kein Zweifel. Aber wir dürfen sogar behaupten, er habe nichts getan, ihn zu verhindern, Wohl aber alles, ihn herbeizuführen. Denn nur durch die Vernichtung Ru߬ lands konnte Englands gänzliche Isolierung und seine schließliche Niederwerfung herbeigeführt werden. Und dann regten sich wieder die alten Träume in Napoleons ruhelosem Geiste. Durch Rußland wollte er nach Indien vor- dringen und die Pforten dieses Zauberreiches sollten sich ihm öffnen, wie jenem Mazedonier, dem großen Alexander; denn nicht mehr Cäsar, sondern Alexander war jetzt sein Vorbild. „Noch drei Jahre und ich bin Herr des Universums!" sagte Napoleon mit finsterem Trotz in den Mienen zu dem bayrischen General Wrede, als dieser im Frühsommer des Jahres 1811 den Unersättlichen zum Frieden mahnen wollte. Aber es sollte anders kommen. Drei Jahre verstrichen und nicht die Welt, sondern das kleine Elba wurde ihm als Schau¬ platz seines Ehrgeizes eingeräumt. So begann denn im Frühling des Jahres 1812 der furcht¬ bare russische Feldzug, ein Ringen, so gewaltig und folgenschwer, wie es in der Weltgeschichte kaum ein zweites gibt. Napoleon entfaltete schon in den Vorbereitungen zu diesem weltgeschicht¬ lichen Kampfe sein ganzes militärisches Genie. Österreich und Preußen mußten dem französischen Kaiser Bundesgenossenschast leisten, jenes stellte 30.000 Mann unter Schwarzenberg, dieses 20.000 unter General Jork. Aber auch die Rheinbund¬ staaten, Italien, die Schweiz, Spanien und Portugal mußten ihre Kontingente zur großen Armee stoßen lassen. Am 9. Mai 1812 verließ Napoleon Paris und hielt, ein anderer Lerxes, umgeben von dem glänzendsten Hofstaat, in Dresden eine Art Heerschau über diese dem Tode geweihten Scharen. Wie die Gladiatoren des römischen Zirkus hätten sie ihm den düsteren Gruß entgegenrufen können: „Norituri ts sslu- tsut, 0Z.8s.i-!" Aber wer konnte damals das entsetzliche Schicksal dieser Armee ahnen, deren bunte Uniformen und nationale Rüstungsstücke im Sonnenglanze blitzten? So scholl denn ein lautes Vivs i'Lmxsrsnr! dem Kaiser entgegen. Nur die Preußen blieben stumm, als der Kaiser ihre Reihen entlang ritt. Vielleicht war der Tag von Dresden noch geeigneter, Napoleon mit Stolz zu erfüllen, als die Fürstenzusammenkunft in Erfurt, denn in der sächsischen Hauptstadt war auch seine zweite Gemahlin Maria Luise, die Prinzessin aus uraltem Herrscherhause, an seiner Seite sowie die Monarchen von Österreich und Preußen, die in Erfurt gefehlt hatten. Am 24. Juni überschritt die Avantgarde der „großen Armee" den Njemen und am 28. Juni zog Napoleon in Wilna ein, 7* 136 das Alexander I. in fluchtähnlicher Eile geräumt hatte. Nicht um nach Szythenart den Feind ins Innere zu locken und dort zu verderben, setzte man dem Vormarsche der Napoleonischen Armee von russischer Seite wenig Hindernisse in den Weg, sondern weil Rußland weder in Bezug auf Ausrüstung noch hinsichtlich der Führung der großen Armee gewachsen war. Auf Barclay de Tolly folgte im russischen Ober¬ kommando der alte Kutusow, der den gemessenen Befehl erhielt, den Vormarsch Napoleons auf das heilige Moskau aufzuhalten. So wagte er denn bei Borodino an der Moskwa den Kampf; er entfachte den nationalen und religiösen Haß seiner rechtgläubigen Russen und so kam es denn am 7. September zur Schlacht, einer der blutigsten der Geschichte. Als am Morgen dieses Tages die Sonne sich glänzend über die Ebene emporhob, rief Napoleon triumphierend aus: „Das ist die Sonne von Austerlitz I" Es war der Ehrentag Neys, des „Tapfersten der Tupfern" („Is bravs äss dravs8"), wie ihn Napoleon nannte. Am Abend räumten die Russen in guter Ordnung das Schlachtfeld, aber Napoleon war zu erschöpft, um den Feind zu verfolgen. Über 90.000 Tote und Verwundete bedeckten das weite Blachfeld. Die Straße nach Moskau stand dem französischen Kaiser offen. Napoleon konnte seinen berühmten Stoß ins Herz aus¬ führen. Bisher hatte er noch immer durch die Besetzung der feindlichen Hauptstadt den Krieg beendigt; diesmal sollte es anders kommen. Am 13. September sahen die Soldaten der großen Armee die Kuppeln der alten heiligen Hauptstadt Rußlands im Sonnen¬ lichte blitzen. Am 14. erfolgte der Einzug, aber es war keine Kapitulation wie etwa die von Madrid. Niemand erschien, um dem Kaiser die Schlüssel der Stadt zu übergeben. Bürger und Beamte hielten sich ferne. Düsteres Schweigen herrschte in den menschenleeren Straßen; Fenster und Türen der Häuser waren fest verschlossen. Kein Zuruf scholl dem Imperator entgegen, der finsteren Blickes in den Kreml, das alte Zarenschloß, einzog. Bald ereignete sich noch Entsetzlicheres. Da und dort, in ver¬ schiedenen Quartieren der Stadt, züngelten Flammen auf und bald wogte ein Feuermeer durch die Stadt, dessen man nur mit äußerster Anstrengung teilweise Herr werden konnte. Ahnte Na¬ poleon das Strafgericht Gottes, als er von einem Fenster des Kreml aus dieses grausig majestätische Schauspiel betrachtete? Immer unheimlicher wurde es dem Kaiser in der russischen Hauptstadt, aber er zögerte mit dem Abmarsch, denn er hoffte zuversichtlich, der Zar werde den Frieden anbieten, doch alle Ver¬ handlungen Napoleons mit dem russischen Hofe und mit Kutusow blieben erfolglos, sie fanden keinen Widerhall. Marschall Ney. Hätte der französische Kaiser seinen ursprünglichen Kriegs- Plan befolgt, nach welchem er die Winterquartiere an der Düna beziehen und erst im Jahre 1813 den Marsch ins Innere Ru߬ lands fortsetzen wollte, so hätte Wohl der ganze Feldzug und damit auch das Geschick Napoleons eine andere Wendung genommen. Aber diesmal war das Verhängnis stärker als sein Wille; es riß ihn mit sich in den Abgrund. Der Zar blieb fest, war doch an seiner Seite jener Frei¬ herr von Stein, den Napoleon geächtet und der sich hierauf 138 nach St. Petersburg geflüchtet hatte, und sein treuer Begleiter, der wackere Sohn des rügischen Eilandes, der schmetterndste Sänger im deutschen Freiheitskriege, Ernst Moritz Arndt. Napoleon hoffte vergeblich, daß Alexander ihm die Friedens¬ hand entgegenstrecken würde. So verlor er die kostbarste Zeit. Schon drohte der Winter. Endlich, es war bereits Mitte Oktober vorüber, entschloß sich Napoleon zur Rückkehr. Am 19. dieses Monats verließ die große Armee Moskau in südwestlicher Rich¬ tung. Die große Armee! Sie verdiente diesen Namen schon längst nicht mehr, denn von den 360.000 Mann, die den Marsch nach Moskau angetreten, hatten nicht viel über 90.000 die Stadt wirklich erreicht. Aber alle die Leiden und Anstrengungen, die Strapazen und Entbehrungen, die das Heer auf seinem Marsche nach Moskau auszustehen hatte, waren nichts gegenüber den entsetzlichen Qualen und Beschwerden, die der Rückzug mit sich brachte. Anfangs war das Wetter noch ausnahmsweise milde und der Marsch ging in guter Ordnung vor sich. Napoleon hatte sich entschlossen, auf der großen Straße über Smolensk, auf derselben, auf der er in Rußland einmarschiert war, den Rückzug anzutreten. Es war sein Verhängnis, denn weit und breit war die Landschaft aus¬ geplündert und aller Lebensmittel und Vorräte beraubt. Immer war die Armee von Kosakenscharen umschwärmt und absichtlich wich Kutusow jeder offenen Feldschlacht aus. Am 26. November stand das Heer an der Beresina und die An¬ stalten, die Napoleon hier traf, um die erschöpften Truppen angesichts der überlegenen russischen Kräfte über diesen Fluß zu setzen, sind ein unvergängliches Zeugnis seiner kaltblütigen Ent¬ schlossenheit und eisernen Willensstärke, mit der er das Größte und Kleinste umfaßte und auch in Augenblicken der höchsten Gefahr den Mut nicht verlor. Überhaupt hat der preußische General Clausewitz recht, wenn er sagt: „Der Glanz der Siege aller seiner Schlachten erbleicht vor diesem Rückzüge." Am gräßlichsten war der letzte Tag des Überganges über die Beresina, der 29. November. Zu einem furchtbaren Knäuel geballt, drängten sich die letzten Trümmer der großen Armee auf der Holzbrücke zusammen und in den dichtgedrängten Haufen fielen unaufhörlich die Kugeln der Russen. Hunderte begruben die eisigen Fluten der Beresina. Vielleicht noch entsetzlicher waren die Szenen, die sich auf dem Weitermarsche ereigneten, als die Kälte bis zu einer selbst für Rußland ungewöhnlichen Höhe von 27 bis 30 Grad stieg und der Mangel an Lebensmitteln immer furchtbarer wurde. Es bedürfte des Pinsels eines Wereschtschagin, um die grausigen Bilder des Elends auszumalen, von denen der Rückzug der „großen" Armee Tag für Tag begleitet war. Napoleon hatte keine Armee, er hatte nur mehr ein Gefolge. Am 5. Dezember versammelte er seine Marschälle nm sich und erklärte ihnen, daß seine Anwesenheit in Paris dringend not¬ wendig sei. Er gab den Oberbefehl an Murat ab, war am 6. in Wilna, am 10. in Warschau, am 14. in Dresden und am 18. vor Mitternacht in Paris. Fast gleichzeitig traf dort auch sein letztes Bulletin aus dem russischen Feldzug ein. Es stand nichts darin von der Ver¬ nichtung der Armee, die so gut wie nicht mehr vorhanden war. Über die entsetzlichen Leiden seiner Soldaten glitt der Kaiser mit den Worten hinweg, die fast wie ein grausamer Scherz wirken: „Menschen, welche die Natur nicht hinreichend gestählt hat, um über alle Wandlungen des Schicksals und des Glückes erhaben zu sein, verloren ihren Frohsinn und ihre gute Laune und träumten von nichts als Unglück und Niederlagen; diejenigen jedoch, welche die Natur allen überlegen schuf, bewahrten Heiter¬ keit und Haltung und erblickten einen neuen Ruhm in den Schwierigkeiten, die sie zu überwinden hatten." Unter diesen Menschen verstand der Kaiser wohl vor allem sich selbst, von dem es am Schlüsse des Bulletins heißt: „Die Gesundheit Seiner Majestät ist niemals eine bessere gewesen." Aber die Folgen des unglücklichen Feldzuges gegen Ru߬ land sollten immer weitere Kreise ziehen. Nicht bloß Rußland, bald stand fast ganz Europa dem bisher Unbesiegten, dessen Glücksstern in den Eisfeldern Rußlands erblichen war, gegenüber. Den Anfang machte Preußen und seine Erhebung entfesselte im Deutschen Reiche den Sturm der Freiheitskriege, der die fremden Eroberer vom heiligen Boden des Vaterlandes hinwegfegte. XII. Deutschlands und Europas Freiheitskampf. „Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen, Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht! Du sollst den Stahl in Feindes Herzen tauchen; Frisch auf, mein Volk! — Die Flammenzeichen rauchen, Die Saat ist reif: ihr Schnitter, zaudert nicht!" So sang der jugendliche Theodor Körner, der Sohn des besten Freundes Schillers, zugleich ein Sänger und ein Held, der als eines der ersten und erlauchtesten Opfer im heiligen Kampfe für des Vaterlandes Freiheit fiel. Norddeutschland und Preußen schritten in diesem Kriege voran, während Süddeutschland noch lange in Lethargie ver¬ sunken blieb und Österreich, dessen Geschicke Metternich lenkte, eine zuwartende Haltung beobachtete. Zwar der preußische König Friedrich Wilhelm III. konnte sich nicht so bald entschließen, das Bündnis mit Frank¬ reich zu lösen und Rußland, das übrigens durch den Krieg außer¬ ordentlich geschwächt war und keine nennenswerte Armee mehr zur Verfügung hatte, die Hand zum neuen Bunde zu reichen. Auch fühlte er sich in seinem ehrlichen Herzen durch den Vertrag mit Napoleon gebunden. Da geschah das Außerordentliche. In der Poscherunschen Mühle, nahe bei Tauroggen, schloß der preußische General Aork am 30. Dezember 1812 ohne Wissen und Willen seines Königs jene Konvention mit dem russischen Feldherrn Wittgen¬ stein, durch welche er sein Korps von dem Flügel Macdonalds trennte und es für neutral erklärte. Das war der Anstoß zu einer Bewegung, die in der Weltgeschichte kaum ihresgleichen hat. Wie ein Glutstrom brach es aus der Seele des deutschen Volkes hervor und in Liedern voll Kraft und Mark gab sich der Hochschwung kund, der alle vaterländisch fühlenden Herzen ergriffen hatte. Alle diese Gesänge eines Körner, eines Arndt, eines Rückert und wie sie sonst alle heißen, die glühenden Freiheitssänger, waren auf den Ton gestimmt, den Max von Schenkendorf angeschlagen hatte: „Vaterland! In tausend Jahren Kam dir solch ein Frühling kaum, Was die hohen Väter waren, Heißet nimmermehr ein Traum!" König Friedrich Wilhelm III., der sich in Berlin beinahe als Gefangener Frankreichs fühlen mußte, konnte zunächst nichts anderes tun, als den Schritt Jorks mißbilligen und den General seines Amtes entsetzen. Bald aber entschloß sich der König, Potsdam zu verlassen und seine Residenz in dem vom Feinde unbesetzten Breslau aufzuschlagen. Der Philosoph Fichte hielt seine feurigen „Reden an die deutsche Nation" unter den Trommelwirbeln der französischen Garnison, die vor den Fenstern der Berliner Akademie vorüber¬ zog. Der „Turnvater" Ludwig Jahn, formlos und grob, aber ehrlichen Herzens, drang auf Übung und Stählung des Körpers, als Grundbedingung jedes seelischen Aufschwungs. So waren die Kräfte der Nation vorbereitet und geläutert worden. Und nun erfolgte am 17. März 1813 der ewig denk¬ würdige „Artfruf an mein Volk", nachdem schon früher die Aufforderung des Königs zur Bildung von Freiwilligen- korps und die Stiftung des „Eisernen Kreuzes" voran¬ gegangen war für die Tapferen im bevorstehenden Kampfe, von dem der Dichter sang: „Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen, Es ist ein Keuzzug, 's ist ein heiliger Krieg!" Unter den Freikorps ist das Lützowsche das berühmteste geworden. Seine Helden trugen die schwarze Uniform und den Totenkopf am Tschako. Körner, Friesen, Spiegelbilder der deutschen 142 Jugend damaliger Zeit, gehörten diesem Korps an, von dem Körner sang: „Noch trauern wir im schwarzen Rächerkleide Um den gestorb'nen Mut. Doch fragt man euch, was dieses Rot bedeute? Das deutet Frankenblut." Am 28. Februar wurde zu Ka lisch zwischen den Mon¬ archen von Preußen und Rußland ein Vertrag abgeschlossen, dessen Ziel die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Europas war. Und wie verhielt sich Napoleon zu allen diesen Vorgängen? Wieder, wie schon in Spanien und dann in Tirol, trat ihm ein Faktor entgegen, dem sein kaltes, nur vom Verstände gelenktes Herz nicht gewachsen war: die Erhebung eines ganzen, in den tiefsten Tiefen seiner nationalen Ehre verletzten und zu den größten Opfern entschlossenen Volkes. Soweit, ohne die idealen Mächte in Anschlag zu bringen, der bloße durchdringende, scharfe Verstand und der eiserne Wille ausreichen, leistete er auch in diesem Kriege Außerordentliches. Nur ein Napoleon konnte daran denken, nach einer Katastrophe, wie es die russische war, und nach dem Verluste einer so großen Armee wieder mit einem stattlichen Heere auf dem Kriegsschauplatz zu erscheinen und den Kampf mit einem Feinde aufzunehmen, dessen Bedeutung er allerdings tief unterschätzte. Er wußte, daß Rußland sehr erschöpft war, er glaubte sich der Rheinbundstaaten und Österreichs sicher und der Abfall Preußens sowie die feindselige Haltung Schwedens kamen ihm dem französischen Volke gegenüber zu statten, denn so sehr dieses der unaufhörlichen Kriege müde war, so war es doch zu stolz auf die durch Napoleon errungene Machtstellung, als daß es diese ohne ernsten Widerstand hätte schmälern lassen. Dazu kam, daß die große Armee zum kleinsten Teile aus Franzosen, zum größten Teile aus Soldaten der unterworfenen Staaten bestanden hatte. Lagen doch auf den Schneefeldern Rußlands an 30.000 Bayern. Napoleon konnte also hoffen, ohne dem französischen Volke allzu große Opfer zuzumuten, ein neues Heer aus Landeskindern auf¬ zustellen. Freilich bestand dies in seiner Mehrheit aus ergrauten Kriegern und jungen Rekruten, die erst auf dem Marsche ein« exerziert wurden, denen der Kaiser aber rasch den tapferen Geist einhauchte, der ihn selbst beseelte. Zuvor wollte der Kaiser, um die Gemüter seiner gläubigen Untertanen zu beruhigen, mit dem Papste, der von Savona nach Fontainebleau gebracht worden war und dort in einer Art glänzender Gefangenschaft gehalten wurde, Frieden schließen. „Am 19. Jänner 1813 meldete man dem Heiligen Vater plötzlich, daß der Kaiser und die Kaiserin gekommen seien, ihn zu be¬ suchen. Napoleon trat in sein Gemach, umarmte Pius VII. und nannte ihn seinen Vater und der überraschte Papst ließ sich seine Umarmung gefallen, nannte ihn seinen Sohn und beide schienen vollkommen glücklich zu sein, als ob nie ein tiefgreifender Zwist zwischen ihnen gewaltet hätte/") Ein neues Konkordat wurde abgeschlossen, in dem es hieß: „Seine Heiligkeit wird die päpstliche Gewalt in Frankreich und * im Königreiche Italien in derselben Art und Form wie seine Vorgänger ausüben." Die verbannten italienischen Kardinäle durften den Verkehr mit dem Papste wieder ausnehmen, aber sie durchschauten Napoleon, dem es mit dem Verzicht auf die römische Herrschaft nicht ernst war. Träumte er doch von einer ähnlichen Stellung innerhalb der katholischen Kirche, wie sie der Zar in der griechischen einnahm. Der milde Greis Pius VII., der sich so leicht hatte umstimmen lassen, wollte vom Vertrage zurück¬ treten, aber Napoleon ging darüber hinweg. Er hatte erreicht, was er wollte. In allen Kirchen wurde die Versöhnung mit dem Papste durch ein feierliches Tedeum gefeiert. Frankreich war befriedigt. Die nächste Sorge des Kaisers war die Beschaffung von Geld für den bevorstehenden Krieg. Die Staatskassen waren, wie er sich selbst ausdrückte, „bis auf die letzte Birne zum Löschen des Durstes" erschöpft. Napoleon ließ die im Besitze von Ge¬ meinden befindlichen und von diesen verpachteten Grundstücke zum Verkaufe bringen und bis zum tatsächlichen Verkaufe fünf¬ prozentige Anweisungen ausgeben, die als sofortiges Zahlungs¬ mittel dienen sollten; er übernahm selbst einen größeren Posten aus dem Tuilerieuschatze. Weiß, Weltgeschichte, XXII. Baud. Graz, „Styria". 144 So machte er in kürzester Zeit eine große Summe Geldes flüssig. Ebenso rasch gelang die Bildung einer neuen Armee. Durch Senatsbeschluß ließ sich der Kaiser die Rekruten der Jahr¬ gänge 1813 und 1814, ferner die nicht Ausgehobenen der letzten vier Jahresklassen und das sonst nur für den Dienst im Inlands bestimmte erste Aufgebot der Nationalgarde zur Verfügung stellen. So konnte er mit dem noch vorhandenen, aus dem russischen Feldzug geretteten älteren Bestände bis Juni 1813 eine Arniee von 500.000 Mann aufstellen. Vor dem gesetzgebenden Körper, den er am 24. Februar 1813 mit einer längeren Rede eröffnete, erklärte er, „er sei entschlossen, die Machtstellung Frankreichs wie vor dem russischen Feldzug aufrecht zu erhalten". Am 15. April 1813 verließ der Kaiser Saint-Cloud und am 17. war er in Mainz, wo er zunächst sein Hauptquartier aufschlug. Eugen Beauharnais hatte inzwischen, um die untere Elbe zu decken, den Hauptteil seiner Heeresabteilung um Magde¬ burg konzentriert und Napoleon vereinigte sich mit ihm bei Merseburg, wo er gegen Jork den Saale-Übergang erkämpfte und in die Ebene von Lützen vordrang. Hier kam es am 2. Mai 1813 zur ersten größeren Schlacht dieses Jahres, in der die Franzosen nach langem, blutigem Ringen, hauptsächlich infolge der schlechten Führung der Russen, die Wal¬ statt behaupteten. Doch konnte Napoleon zum ersten Male den Sieg nicht ausnützen und die junge Preußische Mannschaft, die Napoleon verächtlich einen Haufen von Bauern schalt, hatte sich glänzend bewährt und wahre Wunder der Tapferkeit ver¬ richtet. Die Verbündete russisch-preußische Armee zog sich hinter die Elbe zurück, bot aber bei Bautzen eine neue Schlacht an, schon um die Begeisterung der Truppen nicht erkalten zu lassen. Am 20. Mai griff Napoleon die Russen unter Wittgenstein an und nötigte am nächsten Tage durch einen Flankenangriff Neys die Verbündeten zum Rückzug. Es war keine ausgesprochene Nieder¬ lage, denn das preußisch-russische Heer zog sich in guter Ordnung zurück. Keine Fahnen, keine Kanonen, keine Gefangenen blieben in den Händen Napoleons. Sein Verlust war größer als der der Verbündeten. Wieder war es Napoleon unmöglich, diesen Sieg auszu¬ nützen, doch konnte er immerhin bis Breslau vorrücken und den größten Teil Schlesiens besetzen. Trotz dieser Niederlagen war die preußische Armee, wie Gneisenau sich ausdrückte, „ge¬ schlossen und ungebrochen in ihrem Mut, obgleich unzufrieden mit den rückgängigen Bewegungen". Er und Blücher, Preußens „Marschall Vorwärts", glaubten fest an den endlichen Sieg und brannten darauf, sich mit Napoleon in einer neuen Schlacht zu messen. Aber Napoleon, der größte Schlachteumeistcr des Jahr¬ hunderts, war nicht mehr von der alten Zuversicht, die ihn in Italien, in Ägypten und selbst noch in Rußland beseelt hatte. Wehte ihn der ihm so unheimliche Geist todesverachtender Vaterlandsliebe an, der jung und alt im Heere der Verbündeten erfüllte, und lähmte seine Kräfte? Wo blieb die Kühnheit, die ihn sonst trieb, durch einen Hauptschlag alles zu gewinnen oder alles zu verlieren und im verwegenen Spiel das Äußerste zu wagen? Wollte er die Armee, die letzte, die er hatte, nicht mehr einem ungewissen Schlachten¬ lose ausliefern, er, der sonst mit Menschen wie mit leblosen Schachfiguren gespielt hatte? Glaubte er seiner Staatskunst mehr Zutrauen zu dürfen als seinem Feldherrngenie? Genug, der Kaiser wich einer neuen Schlacht aus und trug dem russischen Zaren einen Waffenstillstand an, den dieser nur gleichzeitig auch für Preußen annahm. Nun bot Österreich seine vermittelnden Dienste an. Kaiser Franz siedelte mit Metternich nach Prag über, um Napoleon näher zu sein, falls dieser die Vermittlung annehme. Der französische Kaiser war am 10. Juni nach Dresden zurückgekehrt, wo er einen glänzenden Hofstaat hielt und wie es den Anschein hatte, stolzer als je in die Zukunft blickte. Am 26. Juni fand in der sächsischen Hauptstadt die be¬ rühmte Unterredung Napoleons mit Metternich statt, in welcher der Kaiser die volle Schale des Zornes über Österreich und seinen Herrscher ausgoß und Metternich den Rasenden mit würdiger Festigkeit in die Schranken wies. Doch ging Napoleon auf den Vorschlag Metternichs ein, daß in Prag spätestens bis zum 5. Juli ein allgemeiner Friedens- 1 46 >?srrL-^l^nrL-;rcL-nr^irr-!-^rr-irrsLirrL-^r^ncL-i?r!snrLL^iLL;rrL-rrr-sirc^r kongreß zusammentreten und der bestehende Waffenstillstand bis zum 10. August ausgedehnt werden solle. Napoleon hoffte Zeit zu gewinnen und Österreich solange wie möglich Hinhalten zu können. Mittlerweile hatte Österreich mit Rußland und Preußen einen Vertrag unterzeichnet, demzufolge Kaiser Franz sich ver¬ pflichtete, wenn Napoleon bis zum 20. Juli seine Friedens¬ bedingungen nicht annehme, dem Heere der Verbündeten mit einer Armee von 150.000 Mann beizutreten. Und nun folgten die Ereignisse rasch aufeinander. Das Verhängnis näherte sich mit Riesenschritten. Die furchtbare Nieder¬ lage der Franzosen bei Vittoria in Spanien, durch die der König Josef zur Flucht aus dem Lande genötigt wurde, bestärkte Napoleons Feinde in ihrem Widerstande und ermutigte auch Österreich zu einer entschiedeneren Haltung. Napoleon war wie verblendet. Er traf in Mainz mit seiner Gemahlin, der Kaiserin Maria Luise, zusammen und nahm die Huldigung der Rhein¬ bundfürsten entgegen. Am 4. August war er wieder in Dresden und jetzt sendete er, der es mit dem Prager Kongresse nie ernst genommen hatte, seinen Vertranten Caulaincourt zu Metternich, um bei diesem anzusragen, wie Österreich den Frieden verstehe und ob es, wenn Napoleon seine Bedingungen annehme, mit ihm ge¬ meinschaftliche Sache machen oder doch wenigstens neutral bleiben wolle. Aber Österreich verlangte jetzt nicht bloß seine eigene Wiederherstellung in den alten Grenzen, es forderte nunmehr auch die Auflösung des Rheinbundes und die Aufrichtung des preußischen Staates in seinem früheren Zustande. Metternich stellte ein Ultimatum bis Mitternacht des 10. August. Wenn bis dorthin nicht eine befriedigende Er- klÄMng des französischen Kaisers einträfe, so werde Österreich in den Krieg eintreten. Solche Bedingungen wollte, konnte Napoleon nicht an¬ nehmen. Seine Zustimmung wäre gleichbedeutend mit seinem Sturze gewesen. Da entschloß er sich, noch einmal die Entscheidung der Waffen anzurufen. In Dresden hatte der Kaiser Metternich die Worte ent¬ gegengeschleudert: „Will man von mir, daß ich mich entehre? NiemalsI Euere auf dem Throne geborenen Souveräne können sich Zusammenkunft Kaiser Franz' I., Kaiser Alexanders I. und Friedrich Wilhelms III. in Prag im August 1813. Nach der Zeichnung von Ulrich Ludwig Wolf, gestochen von Johann Friedrich Zügel. zwanzigmal schlagen lassen und dennoch jedesmal wieder in ihre Hauptstadt zurückkehren. Ich aber bin nur ein Sohn des Glückes. Ich würde aufgehört haben zu regieren, an dem Tage, wo ich aufgehört hätte, Achtung zu gebieten." Überhaupt ist diese Unterredung des Kaisers, der vor der entscheidungsschwersten Stunde seines Lebens stand, von dem höchsten Interesse und enthüllt den Charakter Napoleons deut¬ licher, als es Bände historischer Schilderung zu tun vermöchten. Das Gespräch zwischen dem Kaiser und Metternich fand im Palais Marcolini in Dresden statt und dauerte ohne Unter¬ brechung fast neun Stunden. Napoleon goß die ganze Schale seines Zornes über Österreich und seinen Minister aus und als Metternich, der ihm die Nutzlosigkeit ferneren Widerstandes auseinanderzu¬ setzen suchte, schließlich bemerkte: „Wenn diese jugendliche Armee, die Sie heute unter die Waffen gerufen haben, hingerafft sein wird, was dann?" geriet Napoleon in die äußerste Wut. Seine Züge verzerrten sich; bleich vor Zorn, warf er den Hut, den er bisher in der Hand gehalten hatte, in eine Ecke des Saales und rief aus: „Sie sind nicht Soldat und wissen nicht, was in der Seele eines Soldaten vor sich geht. Ich bin im Felde aufgewachsen und ein Mann wie ich schert sich wenig um das Leben einer Million Menschen." Metternich, der zwischen zwei Fenstern stand und sich auf die Ecke einer Konsole stützte, erwiderte ruhig: „Warum haben Sie mich gewählt, um mir zwischen vier Wänden zu sagen, was Sie soeben ausgesprochen haben? Öffnen wir die Türen und mögen Ihre Worte von einem Ende Frankreichs bis zum andern ertönen. Nicht die Sache, die ich vor Ihnen vertrete, kann dabei verlieren." Napoleon wurde etwas ruhiger, dann sagte er, indem ein bitteres Lächeln seine Lippen umspielte: „So habe ich denn einen recht dummen Streich gemacht, eine Erzherzogin von Österreich zu heiraten . . . Indem ich eine Erzherzogin heiratete, habe ich das Neue mit dem Alten verschmelzen wollen, die gotischen Vorurteile mit den Institutionen meines Jahrhunderts. Ich habe mich getäuscht und ich empfinde die ganze Größe meines Irrtums. Es kann mir den Thron kosten, aber ich werde die Welt unter seinen Trümmern begraben!" Danach handelte er. Als der zwölfte Schlag der Mitter¬ nacht an jenem folgenschweren 10. August verhallt war, war zugleich Napoleons Schicksal entschieden. Österreich trat dem Bunde gegen den französischen Kaiser bei. Die Herrscher von Österreich, Rußland und Preußen, die persönlich in Prag waren, reichten einander die Hand zum Bunde gegen den französischen Kaiser. Das letzte Ringen begann. Drei Armeen wurden jetzt gegen Napoleon ins Feld gestellt: die Nordarmee unter dem Kronprinzen von Schweden, dem ehemaligen Marschall Bernadotte, die schlesische unter Blücher und die Haupt¬ armee, die in Böhmen stand, unter Fürst Schwarzenberg, dem als Chef des Generalstabs Radetzky zur Seite stand. Zwar gelang es Napoleon noch einmal, die Hauptarmee bei Dresden zu schlagen und sie nach Böhmen zurückzuwerfen (am 26. und 27. August), aber die Niederlage seiner Generale Öudinot bei Großbeeren, Macdonald an der Katzbach bei Liegnitz, und Vandamme, der mit seinem ganzen Korps bei Kulm gefangen wurde, lähmten Napoleons Kraft. Der Kaiser hatte seinen Sieg bei Dresden unterschätzt. Hätte er Kenntnis davon gehabt, in welcher Unordnung der Feind den Rückzug antreten mußte, er wäre wohl nach Böhmen und vielleicht nach seiner altbewährten Taktik bis nach Wien vor¬ gedrungen. So aber hatte er es immer auf Berlin abgesehen; er hielt die Nordarmee für schwächer als sie war; ihm war das zaudernde Vorgehen Bernadottes bekannt und er glaubte auch die schlesische Armee nicht besonders fürchten zu sollen. Als er^seinen Irrtum erkannt hatte, war es bereits zu spät. Wie mit eisernen Armen hatten ihn die Verbündeten umklammert und hielten ihn auf dem weiten Blachfelde vor Leipzig fest¬ gebannt. Aus einem bloßen Rückzugsgefechte, wie Napoleon sich es gedacht hatte, wurde die dreitägige Völkerschlacht bei Leipzig, ein blutiges, männermordendes Ringen, das mit dem Zusammen¬ bruche der Napoleonischen Weltmacht endigte. Am 16. Oktober hielt Napoleon bei Wachau den Angriffen der Preußen und Russen stand und behauptete bei sinkender Nacht das Schlacht¬ feld, aber bei Möckern war Blücher siegreich. Am 17., einem 150 c-LHkSHr-s?^ncSkr-Lirr-s^r-LH6L;?c-Si?r^»rkS?^^r!srr-s»rr-Liriisrrr^rk Sonntag, traf endlich der immer zaudernde Bernadotte ein, aber die Waffen ruhten und Napoleon ließ durch den gefangenen öster¬ reichischen General Merveldt mit seinem kaiserlichen Schwieger¬ vater Unterhandlungen anknüpfen. Sie hatten keinen Erfolg. Am 18. entbrannte der Kampf mit größter Heftigkeit. Die Verbündeten, deren Stärke ungefähr 300.000 Mann betrug, hatten Napoleon, der etwa über die Hälfte gebot, immer enger umschlossen; ein fernerer Widerstand schien wahnwitzig. Unter dem Schutze der Nacht drängte das besiegte Heer in die Stadt; mit klingendem Spiel waren die Sachsen, deren König bis zum letzten Augenblick an der Seite des französischen Kaisers aus¬ harrte, in die Stadt marschiert. Erst spät abends folgte Napoleon. Am folgenden Tage erstürmten die Verbündeten Leipzig. Der Rückzug der Franzosen artete in regellose Flucht aus, be¬ sonders als die einzige Brücke über die Elster zu früh gesprengt wurde. Schwimmend rettete sich Macdonald; der edle Polenheld Poniatowski, den Napoleon mit den Worten befeuert hatte: „Lu avant, 1s rot äs UolvAlls!" („Vorwärts, König von Polen!") fand in den reißenden Fluten seinen Tod. Napoleon wurde von dem Strome der Fliehenden mitge- risfen. Noch einmal gelang es ihm, den Sieg an seine Fahnen zu ketten, als der bayrische General Wrede bei Hanau mit unzulänglichen Mitteln seinen Vormarsch an den Rhein auf¬ halten wollte. Die schwache Verfolgung seitens der Verbündeten erlaubte es Napoleon, bis zum 7. November in Mainz zu ver¬ weilen, jener Stadt, wo er ehemals so stolze Triumphe gefeiert hatte und als Nachfolger Karls des Großen aufgetreten war. Die Lage des französischen Kaisers war ungünstig und sie wurde es immer mehr; er wäre schon damals verloren gewesen, wenn die verbündeten Heerführer von jener Begeisterung erfüllt gewesen wären, die mit solchem verzehrenden Feuer aus der Seele des deutschen Volkes hervorgebrochen war. Aber dies war nur bei wenigen der Fall, unter diesen leuchtet Blücher hervor, der am liebsten in einem Zuge nach Paris marschiert wäre. Die übrigen standen unter dem Einflüsse Metternichs, der damals durchaus noch nicht die Absetzung Napoleons wünschte. So trat für einige Zeit das diplomatische Spiel an die Stelle des Waffengetöses. Von Frankfurt a. M., wo die Ver- Schlacht bei Leipzig. Fürst Schwarzenberg überbringt den verbündeten Monarchen die Nachricht von der Niederlage Kaiser Napoleons. kündeten im November eingezogen waren, ergingen durch den französischen Gesandten, den Marschall von Saint-Aignan, Frie¬ densanerbietungen an den Kaiser, die eine Herstellung Frankreichs in seinen „natürlichen" Grenzen, den Alpen, den Pyrenäen und dem Rhein, in Aussicht stellten. Aber waren diese Anerbietungen wirklich ernst gemeint? Konnte England, dessen Bevollmächtigter, Lord Aberdeen, nur in ganz allgemeinen Ausdrücken seine Zustimmung gegeben hatte, wirklich je daran denken, Frankreich im Besitze der Niederlande zu belassen, und so seinem eigenen Handel die schwerste Benach¬ teiligung zuzufügen? — War es nicht vielmehr bloß darauf ab¬ gesehen, Napoleon von weiteren Rüstungen abzuhalten und so in eine Lage zu versetzen, die es den Verbündeten möglich gemacht hätte, ihm ganz andere Bedingungen des definitiven Friedens ab¬ zupressen, als diese ganz allgemein gehaltenen Zusicherungen ent¬ hielten, die ihm Saint-Aignan in Saint-Cloud unterbreitete? Diese Erwägungen waren es Wohl, die Napoleon, entgegen dem Rate des Herzogs von Bassano, des treuen Maret, be¬ wogen, seine Entscheidung hinauszuschieben. Er lehnte zwar nicht direkt ab, aber er sprach sich in seinem Antwortschreiben über die gestellten Bedingungen gar nicht aus, sondern' schlug nur Mannheim als Kongreßort vor, um über den Frieden zu verhandeln. Er glaubte den Verbündeten noch einen entscheidenden Schlag im Felde beibringen zu können; dann allerdings wäre seine Po¬ sition auf dem Kongresse viel sicherer geworden. Er träumte von neuen Siegen auf französischer Erde. Aber schon machte der „Gesetzgebende Körper", der am 19. Dezember 1813 zusammentrat, Schwierigkeiten und verlangte ernstlich die Herstellung eines ehrenvollen Friedens. „Alle Mittel des Widerstandes," heißt es in der Adresse an den Kaiser, „würden nur dann wirksam sein, wenn die Franzosen überzeugt wären, daß es der Regierung wirklich nur um den Ruhm des Friedens zu tun sei und daß ihr Blut nur für die Verteidigung des Vaterlandes und schützender Gesetze vergossen werden soll." Diese Sprache war das Ohr des Kaisers zu hören nicht gewohnt. Er schloß den Gesetzgebenden Körper und reizte dadurch die Stimmung von ganz Frankreich gegen sich auf. Er wendete sich cin die Nation selbst: „Ich rufe die Franzosen zur Hilfe Frankreichs an! Frieden und Befreiung unseres Gebietes muß das Feldgeschrei sein." Aber dieser Appell fand nur schwachen Widerhall. Die „kiisvss sn mu8ss", das „Massenaufgebot", wie es einst Carnot gegen die Armeen von halb Europa durchgeführt hatte, gelang nicht mehr. Mit der äußersten Anspannung der Wehrkraft, die den Ruin des Landes bedeutete, da der Landwirtschaft fast der letzte Mann entzogen wurde, hatte Napoleon noch 300.000 Mann zur Verfügung. Das war aber auch alles und er stand am Rande des Möglichen. Aber noch lebte sein Genie und sein unvergleichliches Talent der militärischen Organisation. Vor Jahren hatte er einmal zu einem seiner Generale gesagt: „Ich habe 50.000 Mann und ich macht t 50.000 Mann!" Auch jetzt bewährte sich dies stolze Wort. Zwar siegte Blücher in einer entscheidenden Schlacht bei La Rothisre am 1. Februar 1814 und Napoleon war schon zum Abschlüsse eines Friedens bereit, der ihm weit ungünstigere Bedingungen gewährt hätte, als die in Frankfurt angebotenen waren. Er beauftragte Caulaincourt mit der Abfassung eines Friedensentwnrfes. Als Maret dem Kaiser diese Schrift über¬ brachte, fand er ihn in die Lektüre eines Buches vertieft. „Lesen Sie," sagte er zu Maret, indem er mit dem Finger auf eine Stelle deutete, „lesen Sie laut!" Und Maret las: „Ich wüßte nichts Hochherzigeres, als den Entschluß eines Monarchen unserer Tage, sich eher unter den Trümmern seines Thrones zu begraben, als Vorschläge anzunehmen, die ein König nicht hören darf, weil er zu stolz ist, um noch tiefer herabzusteigen, als sein Unglück ihn verstoßen hat." — „Ich aber," rief Maret aus, „weiß etwas Hochherzigeres: wenn Sie Ihren Ruhm hinwürfen und damit den Abgrund ausfüllten, der sonst Frankreich mit Ihnen ver¬ schlingen wird!" Darauf erwiderte der Kaiser lebhaft: „Gut denn, ihr Herren, macht Frieden; Caulaincourt soll ihn abschließen; ich will die Schande ertragen. Aber verlangt nicht von mir, daß ich meine Erniedrigung selbst diktieren soll." Doch schon nach wenigen Tagen war vom Frieden keine Rede mehr. Das Waffenglück hatte sich noch einmal dem Kaiser 154 zugewendet. Wie in den Tagen seiner Jugend, als ihm die Morgenröte des Ruhmes auf Italiens Schlachtfeldern zu leuchten begonnen hatte, entfaltete er noch einmal seine altbewährte Kühn¬ heit und blitzartige Beweglichkeit. Innerhalb zehn Tage schlug er Blücher und dessen Untergenerale viermal, zum Teil ver¬ nichtend, und bereitete auch einem Korps der feindlichen Haupt¬ armes bei Montereau ein ähnliches Schicksal. Aber das war nur ein Aufschub des Endes. Bei Laon fügte Blücher dem Kaiser eine empfindliche Niederlage zu (9. und 10. März). In der Schlacht bei Bar, in der der damals 17jährige Prinz Wilhelm von Preußen, nachmals der erste Kaiser des neu aufgerichteten Deutschen Reiches, die Feuertaufe empfing, wurde Macdonald zum Rückzüge gezwungen. Bei Arais sur Aube wurde Napoleon von der überwältigenden Übermacht des Feindes zurückgedrängt. Er hatte sich selbst den größten Ge¬ fahren ausgesetzt. Ümschwebten ihn die Erinnerungen an seine Jugend? Wie bei Arcole stellt er sich mit gezücktem Degen auf der Brücke, die über die Aube führt, auf und ruft seinen fliehenden Soldaten nach: „Wer will eher hinüber als ich?" So treibt er sie von neuem in die Schlacht. Vergebens! Die Übermacht erdrückt ihn. Die Schlacht geht verloren. Und nun eilt das gewaltige Trauerspiel mit Riesenschritten dem Ende zu. Die Verbündeten marschieren auf Paris. Napo¬ leon wollte sie umgehen und durch einen Angriff im Rücken von der Hauptstadt abziehen, aber der Brief, in dem er der Kaiserin Maria Luise von dieser Absicht Mitteilung machte, fiel in die Hände russischer Kosaken. So erfuhr Schwarzenberg Napoleons Plan. Die Folge war, daß man sich im Hauptquartier der Alliierten in dem Marsche gegen die französische Hauptstadt nicht beirren ließ. Am 29. März war Maria Luise mit ihrem Söhnchen nach Blois entflohen. Am 30. erstürmten die Preußen den Montmartre. Am 31. hielten Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. den Einzug in die Hauptstadt ihres Feindes, der erst vor wenigen Jahren in Berlin und in das heilige Moskau eingerückt war. War das Trauerspiel, Wohl eines der großartigsten der Welt¬ geschichte, wirklich schon ganz zu Ende oder sollte ihm noch ein erschütterndes Nachspiel folgen? VVV XIII. Die Katastrophe. — Elba. Es war cin verhängnisvoller Irrtum Napoleons, zu glauben, daß er mit seinem Umgehungsmanöver die feindliche Armee von Paris abgedrängt und sie gezwungen habe, ihm zu folgen. Als er zur Erkenntnis kam, daß er in dem ihm entgegengeworfenen Reiterkorps Wintzingerodes, nicht, wie er gemeint hatte, das Gros des feindlichen Heeres vor sich habe, war bereits alles vorüber. Die Kapitulation der Hauptstadt war erfolgt: die schwachen Abteilungen Marmonts und Mortiers, die sich unter den Mauern von Paris gesammelt hatten, waren außer stände, einen ernstlichen Widerstand zu wagen. In der Hauptstadt fehlte es an allem, auch an Lebensmitteln gebrach es. Sein Bruder Josef, dem Napoleon die Regentschaft und den Schutz der Kaiserin übertragen hatte, verhehlte in seinen Berichten seinem kaiserlichen Bruder durchaus nicht das Traurige der Lage. Der Kaiser war vor allem um das Los seines Sohnes besorgt: „Das Los des Asty- anax," so schrieb er an Josef, „ist mir immer als das unglück¬ lichste in der Weltgeschichte erschienen." Als sich Napoleon davon überzeugt hatte, daß er den Vor¬ marsch des Feindes nicht aufhalten konnte, eilte er so rasch als möglich zurück, um wenigstens die Hauptstadt zu retten, denn er hatte oft erklärt, solange er lebe, werde Paris nie besetzt werden. Aber bereits vor Fontainebleau, wohin er am Abend des 30. März gelangte, erfuhr er die Übergabe der Hauptstadt. Der Einzug der Verbündeten in Paris erfolgte unter ungeheurem Jubel der Bevölkerung. Überall verschwand die Trikolore; alles trug weiße Kokarden, denn die Rückkehr der Bourbonen, für die 156 hauptsächlich der russische Kaiser sich einsetzte, gewann immer greifbarere Gestalt. Nationalgardisten schleiften den Stern der Ehrenlegion am Schweife ihrer Pferde über das Pflaster und aus den Fenstern der Häuser regnete es Lilien auf die einziehenden Truppen nieder. Die vornehmsten Damen winkten den „Befreiern" Grüße zu und der russische Kaiser, dem vor allem die Huldigungen galten, betrachtete sich immer mehr als Lenker der Geschicke Frankreichs und als von der Vorsehung dazu ausersehen, den Thron der Bourbonen wieder aufzurichten. Am meisten hatte zu dieser Wendung der Fürst von Talley- rand-Psrigord beigetragen, den Napoleon mit Ehren und Reich¬ tümern überschüttet hatte. Schon lange hatte er an dem Sturze des Kaisers gearbeitet. Jetzt war der russische Kaiser in seinem Palais in Paris abgestiegen und bei den abendlichen Whist¬ partien wurde das künftige Los Frankreichs geregelt. Talleyrand hatte anfänglich an eine Erhebung des Kaiser¬ söhnchens und eine Regentschaft gedacht, bei der er wohl für sich selbst die erste Rolle in Anspruch genommen hätte. Dieselben Pläne hegte auch der listige Fouchs, Napoleons Polizeiminister, dessen eifrigstes Bestreben es jetzt war, seine Vergangenheit als Königsmörder vergessen zu machen und sich den neuen Herren unersetzlich zu erweisen. Aber die Einsetzung der Bourbonen war beschlossene Sache. Jetzt erlebte Napoleon in Fontainebleau furchtbare Tage und kein Mensch, der weltgeschichtliche Tragik zu erfassen vermag, wird dem gestürzten Imperator sein Mitleid versagen. Er sühnte nun bitter, was er in seiner maßlosen Verachtung der Menschen an diesen verbrochen hatte. Er mußte die Wahrheit des Satzes an sich erfahren, daß, wer nicht Liebe sät, auch nicht Liebe zu ernten hoffen darf. Er hatte wohl einst in seinem „Discours de Lyon" geschrieben: „Man muß stark sein, um gut sein zu können", aber in den Zeiten, wo er stark war, vergaß er darauf. Er wollte nur Sklaven neben und unter sich, die er durch Be¬ friedigung der gemeinsten Instinkte an sich kettete. Es kümmerte ihn nicht, ob er seine Gunst an Unwürdige verschenkte, wenn er nur ihres schweigenden Gehorsams sicher zu sein glaubte. Von seinen Generalen sagte er: „Ich will sie so reich machen, daß sie nicht mehr stehlen." Damals in Fontainebleau sollte er erfahren, daß Eigen¬ nutz und Gewinnsucht schlechte Mittel sind, um die Freundschaft Napoleon I. in Fontainebleau. Gemälde von Delaroche. und Treue der Menschen sich auch im Unglücke zu bewahren. Zwar er selbst dachte noch nicht an Ergebung; er wollte die letzten Reste seiner Truppen um Paris zusammenziehen und S molle, Napoleon I. 8 158 die Hauptstadt zum Kampfe gegen die Fremden aufrufen. Auch daran dachte er, nach Orleans zu gehen und den Krieg hinter der Loire fortzusetzen. Auf seine Soldaten hätte er sich Wohl noch zum größten Teile verlassen können, aber die Mehr¬ zahl seiner Marschälle und Generale, die er mit Gnadenbezeu¬ gungen überhäuft hatte, versagten den Dienst. Sie waren des ewigen Kriegführens müde und wollten ihre Beute in Ruhe ge¬ nießen. Marmont, sein Jugendfreund, war zu dem Feinde über¬ getreten. Ney, Macdonald, Lefsbvre, Oudinot machten Schwierig¬ keiten. Sie forderten vom Kaiser, daß er zu Gunsten seines Sohnes abdanke. Er entschließt sich hiezu und unterzeichnet folgendes Dekret: „Nachdem die verbündeten Mächte den Kaiser Napoleon als das einzige Hindernis der Herstellung des Friedens in Europa be¬ zeichnet haben, erklärt der Kaiser Napoleon, treu seinem Eide, daß er bereit ist, vom Throne herabzusteigen, aus Frankreich zu ziehen und selbst das Leben zu lassen für des Vaterlandes Wohl, das untrennbar ist von den Rechten seines Sohnes, von der Regentschaft der Kaiserin und den Gesetzen des Kaiserreiches." Aber der russische Kaiser erklärte den Marschällen, daß nur eine bedingungslose Abdankung Napoleons die Gewähr eines dauerhaften Friedens in sich schließe. Mit diesem Bescheide kehrte Caulaiucourt nach Fontainebleau zurück und am 11. April 1814 unterzeichnete der Kaiser die Urkunde, in der er „für sich und seine Erben auf die Throne von Frankreich und Italien ver¬ zichtete". In der Nacht, die diesem an den erschütterndsten Auf¬ regungen so reichen Tage folgte, soll Napoleon einen Selbst¬ mordversuch unternommen haben. Doch fehlt es an unwiderleglichen Zeugnissen hiefür und der Kaiser selbst scheint das Gerücht zu widerlegen, wenn er bald darauf zu einem seiner Begleiter auf der Reise nach Elba sagte: „Man tadelt mich, daß ich meinen Fall habe überleben können. Mit Unrecht. Ich sehe nichts Großes darin, sein Leben zu endigen, wie einer, der sein Geld im Spiel verloren hat. Es gehört ein viel größerer Mut dazu, unver¬ schuldetes Unglück zu überleben." So spricht wohl nicht ein Mensch, der eine Woche zuvor sich töten wollte. Vielleicht war es ein Ncrvcnchoc, der ihn nieder- Warf, oder ein ernster Anfall der Krankheit, die seinen eisernen Körper auf St. Helena untergrub und ihn schon damals zwang, ein Opiumpräparat einzunehmen? Man wird dies wohl nie mit Ausschluß aller Zweifel fcststellen können. So viel ist sicher, am nächsten Tage fühlte sich der Kaiser wieder wohl und war voll neuen Mutes und voll Zuversicht. Glaubte er noch immer an feinen Stern und an eine Erneuerung seines Glanzes? Abschied Napoleons von seiner Garde in Fontainebleau. Vorläufig sollte sein Los freilich bescheiden genug aus¬ fallen. Durch den Vertrag von Fontainebleau wurde Napoleon der Kaisertitel und die Insel Elba als souveränes Fürstentum zugcsprochcn. Auch durfte er einige hundert Mann seiner alten Garde in sein neues „Reich" mitnehmen und sollte jährlich zwei Millionen Franken Revenuen erhalten. Auch die Kaiserin Maria Luise behielt ihren kaiserlichen 8* 160 «-L»?r-LHKS»rl-L>rkLiris»rr-L»rr-sHlL-nr-sH6S!kL>rrLSHk^>?c-LHrLirr!Lrrr-L»r Titel und erhielt für sich und ihren Sohn die Herzogtümer Parma, Piacenza und Guastalla. Sie ertrug die Trennung von ihrem Gemahl ohne Schmerz, sie hatte ihn eigentlich nie geliebt. Josefine, die ihm wenigstens in den letzten Jahren ihrer Ehe mit eifer¬ süchtiger Zärtlichkeit zugetan war, lebte nach ihrer Verstoßung, wenn sie nicht auf Reisen war, teils in Malmaison bei Paris, teils auf dem Schlosse zu Navarre in der Nähe von Evreux in der Normandie. Sie hatte ihren Hofhalt beibehalten und die Verbündeten, besonders der russische Kaiser, erwiesen ihr alle Huldigungen, die ihrer Person und ihrem Schicksale geziemten. Ihr Tod erfolgte am 29. Mai 1814. Sie starb zu Mal¬ maison an einer Halsentzündung. Die Nachricht von dem Abfalle Murats, der seinen Frieden mit den Verbündeten gemacht hatte, brach ihr das Herz. Sie starb mit einem Blicke auf die Büste des Kaisers, der sie so hoch erhoben und als Frau so tief gekränkt hatte. Ihre letzten Worte waren: „Ich darf wohl sagen, daß durch mich nie eine Träne geflossen ist." Immer leerer und stiller wurde es um den gestürzte» Imperator in Fontainebleau; nur wenige Getreue harrten bei ihm aus; auch Marschall Bcrthicr nahm Abschied, um niemals wiederzukchren. Selbst sein Arzt Corvisart, mit dem er so oft bei der Frühstücksvisite gescherzt hatte, und sein treuer Rustan, den er sich aus Ägypten mitgebracht hatte, verließen ihn. Bevor Napoleon den Wagen bestieg zur Abreise für immer, wie es schien, nahm er in dem Schloßhofe, der fortan Io, oonr äss »äisnx, der Hof der „Lebewohl" hieß, noch rührenden Abschied von den zurückbleibenden Garden, den braven „Bärenmützen," die er so oft in den Tod und fast immer zum Siege geführt hatte. Er umarmte ihren wackeren General Petit, küßte die zerfetzte Fahne, die in so vielen Schlachten geflattert hatte, und warf sich unter dem lauten Schluchzen der sturmgewohnten Veteranen in den Wagen, der ihn einem neuen, so ganz andern Leben zusühren sollte. „Ich hätte mein Dasein endigen können," rief er den alten Soldaten noch zu, „aber ich will weiterleben, um zu schreiben und der Nachwelt die Großtaten meiner Krieger zu verkünden." Wer kennt nicht das herrliche Bild Horace Bernets? Auf der Reise durch das südliche Frankreich sollte der ge¬ stürzte Kaiser den bitteren Kelch der Verbannung noch bis zur Neige leeren. In wilder Leidenschaft erhob sich das Volk in der Provence; mehr als einmal war das Leben Napoleons bedroht und nur der Umstand, daß er auf den Rat der ihn begleitenden fremden Kommissäre eine österreichische Uniform anzog und die Weiße Kokarde aufsteckle, rettete ihn vor der ent¬ fesselten Volkswut. Man sah Tränen in den Augen des ge¬ stürzten Kaisers. Am 28. April ging er an Bord und am 4. Mai warf der „Undaunted" im Hafen von Porto Ferrajo an der Küste von Elba Anker. Kaum hatte Napoleon eine Deputation seines kleinen Insel- reiches empfangen und seinen neuen Untertanen erklärt, daß er wie ein Vater für sie sorgen wolle, so stieg er auch schon zu Pferde, um sein Reich kennen zu lernen. Auf der Höhe seiner Macht hatte Napoleon einmal von sich gesagt: „Ich bin geboren und gebaut für die Arbeit; ich kenne für die Arbeit keine Grenze, ich arbeite immer!" So war es auch wirklich. Der Rastlose, Unermüdliche gönnte sich auch auf dem winzig kleinen Schauplatz, den ihm die Mächte ein¬ geräumt hatten, keinen Augenblick Ruhe. Es war eigentlich eine arge Unbesonnenheit, einem Manne wie Napoleon ein Gebiet anzuweisen, welches ebenso nahe dem Lande gelegen war, in dem er seine ersten Triumphe gefeiert und das er mit den stolzesten Träumen nationaler Einigkeit erfüllt hatte, wie auch jenem Frankreich, das er zum Mittelpunkte eines Weltreiches hatte machen wollen. Talleyrand hatte recht, wenn es auch seinem menschlichen Charakter gewiß keine Ehre machte, daß er schon bei den Verhandlungen über den Vertrag von Fontainebleau darauf drang, man sollte Napoleon auf irgend eine einsame Insel des Weltmeeres verbannen. Aber schließlich setzte der russische Kaiser, in dem vielleicht die Erinnerungen an Tilsit und Erfurt noch nicht ganz verblaßt waren, seine Ansicht durch. Das erste Anliegen des Kaisers auf Elba war, ein paar Befestigungen, die er vorfand, zu verstärken, zwei Batterien auf¬ zustellen und sich eine Wehrmacht zu bilden, zu der die vier¬ hundert Mann Garde, die man ihn: mitzunehmcn gestattet hatte, den Grundstock bildeten und die er mit den eingeborenen 162 Rekruten auf 1000 Mann brachte. Auch eine kleine Flotte, die er stets segelfertig hielt, rüstete er aus. So baute er sich gewissermaßen eine neue Macht auf. Da die Revenuen, die sich die bourbonische Regierung ihm zu zahlen verpflichtet hatte, ausblieben, so sah er sich auf seine eigenen Ersparnisse angewiesen und war auch genötigt, die Steuerschraube etwas fester anzuziehen und seine Insulaner aus ihrem idyllischen Dasein aufzuschrecken. Übrigens bewährte sich sein eminentes organisatorisches und administratives Genie auch in den kleinen Verhältnissen, die seiner Betätigung jetzt zu Gebote standen, ganz ausgezeichnet. Er ließ neue Wege bauen; die Ausbeute der Eisen¬ gruben und Salinen auf der Insel wurde gehoben und vieles zur Verschönerung der Kulturen und Anlagen getan. Llaäaws-Llsrs, die ehrwürdige Mutter des Kaisers, hatte sich sofort nach Elba begeben, um die Verbannung des Sohnes zu teilen; sie stellte ihm auch ihren reichen Geldschatz zur Ver¬ fügung, was dem Kaiser sehr zu statten kam. Ebenso war die Schwester Pauline, die Fürstin Borghese, gekommen und eifrig bemüht, das Dasein ihres Bruders durch ihren Geist und ihre Liebe zu verschönern. Sein Sohn, nach dem der Kaiser heftiges Verlangen trug, blieb ihm fern, ebenso wie seine Gemahlin, diese freilich nicht bloß durch ihr Verschulden, denn Kaiser Franz war aufs ängst¬ lichste bemüht, jeden Verkehr seiner Tochter mit ihrem kaiser¬ lichen Gatten zu verhindern. Das war bei Marie Luise nicht allzu schwer zu erreichen, denn sieben Jahre später, als Na¬ poleon schon gestorben war, schrieb sie an eine Freundin, sie habe für Napoleon niemals eine lebhaftere Empfindung gehegt, doch hätte sie ihm, der ihr stets Aufmerksamkeit erwiesen habe, gern noch manches glückliche Jahr vergönnt, „vorausgesetzt, daß er recht weit von mir wegblieb". Als die Sommerhitze den Aufenthalt in Porto Ferrajo un¬ angenehm machte, übersiedelte Napoleon auf die Höhe von Mar- ciana, wo er unter alten Prächtigen Kastanien ein Zelt bewohnte. Von hier genoß er eine herrliche Aussicht weit übers Meer hinüber bis zum korsischen Bastia. Erinnerte dieser Blick ihn an die Tage der Kindheit mit ihren ersten leisen Regungen eines noch ziellosen Ehrgeizes und befestigte er ihn in den gewaltigen Entschlüssen, mit denen sein ruheloser Geist sich trug? Im lieblichen Tale von San Martino Napoleons Sohn, der spätere Lerzog von Reichstadt. Gemalt von M. Gorard, gestochen von F. Lignon. bewohnte er ein Landhaus, vor dem jetzt ein mächtiger, reichen Schatten spendender Baum steht, den der Kaiser während seines Aufenthaltes auf der Insel selbst gepflanzt hatch. 164 So viel ist sicher, daß er immer schärfer die Möglichkeit einer Wiederherstellung seiner verlorenen Herrschaft ins Auge faßte. Der Versuch schien ihm keineswegs aussichtslos, denn mit wachsendem Interesse verfolgte er den Gang der europäischen Ereignisse und den inneren Zustand Frankreichs. Es war ihm kein Geheimnis, daß im Schoße des Wiener Kongresses, der sich die Ordnung der europäischen Angelegen¬ heiten zum Ziele gesetzt hatte, Zerwürfnisse ausgebrochen waren, die es nicht unmöglich erscheinen ließen, daß die Höfe, die sich gegen den Friedensstörer geeinigt hatten, gegeneinander zu den Waffen greifen würden. In Frankreich selbst war unter den breiten Schichten des Volkes, vor allem aber unter den ehemaligen Soldaten des Kaisers, die nun aus aller Herren Länder in die Heimat zurück- gekehrt waren, die Erbitterung über die neue Regierung stetig im Wachsen. Ludwig XVIII., der den blutbefleckten Thron seiner Ahnen bestiegen hatte, war persönlich gutmütig und ohne Zweifel von den besten Absichten beseelt, aber er vermochte den Übereifer seiner Anhänger, die nicht schnell genug niederreißen konnten, was Napoleon aufgebaut hatte, nicht zu zügeln. Bald sahen die Soldaten und der noch demokratisch gesinnte Teil der Bevölke¬ rung in den Bourbonen ihre geschworenen Feinde und in dem Verbannten von Elba den Inbegriff der Größe Frankreichs. Man begeisterte sich aufs neue in der Presse und in der Literatur für Napoleon, man vergaß der Leiden, die er dem Lande auferlegt hatte und sah ihn nur umflossen von dem Glanze eines unverdienten Martyriums. Bsranger dichtete im echtesten Volkston seine bissigen Lieder gegen die Bourbonen und die Fremdherrschaft und verherrlichte den Soldatenkaiser mit dem historischen kleinen Hut und dem grauen Überrock. ll avait potit olmpsau ^.vss rsäinAots Friss. In den Kasernen rief man wieder: „Vivs ILraxsrsur!" und wenn sich ein Mitglied der königlichen Familie zeigte, so verweigerten ihm die Soldaten ihren Gruß, oder sie riefen wohl laut: „Vivs ls rot!" setzten aber leise hinzu: „äs Loms!"') Des Kaisers Sohn hatte, wie wir wissen, diesen Titel „König von Rom" schon in der Wiege erhalten. Von diesem Stimmungswechsel in Frankreich war der Kaiser wohlunterrichtet. Ebenso günstig für ihn war die Lage in Italien, wo sein Schwager Murat, der im Jahre vorher von Napoleon abgefallen war und sich so die Krone von Neapel gerettet hatte, diesen Schritt schon längst bereut hatte und mit allen unruhigen Elementen der durch Napoleon aufgewühlten Halbinsel in Be¬ ziehungen getreten war. So verdichtete sich denn in Napoleons Gehirn der Gedanke einer Landung in Frankreich immer mehr. Es war ihm nicht unbekannt, daß Talleyrand und sein korsischer Todfeind Bozzo di Borgo auf dem Wiener Kongresse unablässig daran arbeiteten, ihn von Elba wegzubringen und auf irgend einem wüsten Felsen¬ eiland auszusetzen. Sollte er warten, bis seine Feinde ihm das Netz über den Kopf geworfen haben würden, aus dem es dann kein Entrinnen mehr gab? Es fehlte nicht an Stimmen, die ihn nach Italien locken wollten. Aber Italien war für ihn nur insofern von Bedeutung, als er es zu Frankreich gehörig betrachten konnte. Es war das Land seiner Jugend gewesen; es war nicht mehr das seines Mannesalters, seines weltumspannenden Ehrgeizes. Das war Frankreich. Hier oder nirgend konnte er an ein Wiederauftauchen seines Ruhmes denken. ässtin!" also, wie er seiner Braut Josefine seinerzeit, als die ganze Welt seinem Ehrgeiz offen lag, in den Verlobungs¬ ring hatte gravieren lassen. Dem Schicksal entgegen! Mag das Geschick ihn führen, wohin ihm zu kommen bestimmt sei. Im tiefsten Geheimnis ward alles vorbereitet. Am 26. Fe¬ bruar 1815 wagte er das ungeheure Abenteuer. Nachdem er Murat in Kenntnis gesetzt, nahm er von Mutter und Schwester, die seine Pläne billigten, Abschied und überließ sein betrübtes Völkchen, das ihn ganz liebgewonnen hatte, seinem ungewissen Schicksal. Mit. 1100 Mann und einigen Kanonen schiffte er sich auf sieben Fahrzeugen ein. Er selbst fuhr auf dem „Jn- constant" einer Zukunft entgegen, die für ihn noch völlig ver¬ hüllt war, die ihm Schmach und Tod, aber vielleicht auch neues Glück und neue Macht bringen konnte. Am l. März warf die Flottille im Golf von Juan zwischen Cannes und Antibes Anker und bald flatterten die Proklamationen, 166 die schon vorbereitet waren, in alle Gegenden Frankreichs. Sie enthielten die stolzen Worte: „I/aiAs irnpsrikä avso Is8 soulsurs rmtionkäss volsra äs oloollsr sn oloollsr jnsgn'anx tonrs äs Notrs-Onrns." „Der kaiserliche Adler, geschmückt mit der nationalen Tri¬ kolore, wird von Kirchturm zu Kirchturm fliegen bis auf den Turm des Doms von Notre-Dame." Der Aufruf an die Soldaten schloß mit folgenden flammen¬ den Worten: „Soldaten! Wenn ihr alt geworden seid, werden euere Mitbürger euch mit Staunen von eueren Taten erzählen hören. Ihr werdet dann mit Stolz sagen: ,Auch ich gehörte jener großen Armee an, die zweimal in Wien einmarschierte, die in Berlin, in Madrid, in Moskau einrückte, die Paris von dem Schmutz befreite, mit dem der Verrat und die Gegenwart des Feindes es befleckt hatte/ Ehre den tapferen Soldaten, sie sind der Ruhm des Vaterlandes! Und ewige Schmach jenen verbrecherischen Franzosen, mögen sie in welchem Range immer geboren sein, die fünfzehn Jahre das Ausland bekämpften, um schließlich die Brust ihres Vaterlandes zu zerreißen!" Napoleon stand wieder auf französischem Boden. Die letzten Szenen der Tragödie spielen sich vor unseren Augen ab. XIV. Die hundert Tage und Waterloo. Wie Napoleon es vorausgesagt hatte, traf es auch ein. Der kaiserliche Adler flog von Kirchturm zu Kirchturm, um sich nach kurzem, stolzem Fluge auf der Spitze von Notre-Dame niederzulassen. Mit gutem Vorbedacht wählte der Kaiser nicht die große Straße, die von Cannes über Aix und Avignon nach dem Norden führt; zu fest hafteten die traurigen Eindrücke seiner letzten Reise noch in seiner Erinnerung. Er entschloß sich, auf den noch be¬ schneiten Pfaden der Seealpen die Dauphinöe zu erreichen, wo, wie er wußte, das Landvolk ihm treu ergeben war. In Paris tobten mittlerweile die Feinde des Kaisers, als die Nachricht von seiner Landung dort eingctroffen war. In den Zeitungen hieß es: „Die Erde Frankreichs stößt ihn von sich; er kehrt dahin zurück; sie wird ihn verschlingen." Man nannte Napoleon „den neuen Satan, den Henker von sechs Millionen Franzosen, den feigen Mörder des Herzogs von Enghien, den Briganten der Insel Elba und den Menschenfresser von Korsika". Der Kriegsminister, Marschall Soult, den Napoleon zum Herzog von Dalmatien gemacht, verbürgte sich beim König Lud¬ wig XVIII., daß kein Oberst Napoleon ein Regiment zuführen werde. In seinem Tagesbefehl vom 8. März sagte er: „Buona- Parte schätzt uns gering genug, um zu glauben, daß wir einen legitimen und hochverehrten Souverän verlassen könnten, um eines Menschen Los zu teilen, der nichts als ein Abenteurer ist." Aber es kam anders, als diese großsprecherischen Verräter, die einst an des Kaisers Tafel sich vollgemästet hatten, pro¬ phezeiten. 168 Bei La Mure, unweit von Grenoble, stieß der Kaiser¬ aus Soldaten des fünften Linien-Regiments unter dem Befehl des Generals Marchand. Sie hatten erklärt, sie würden nicht zu Napoleon übergehen, sondern auf ihn schießen. Napoleon näherte sich auf Schußweite, lüftete seinen grauen Überrock und rief, seine Brust darbietend, hinüber: „Wer von euch wird auf seinen Kaiser schießen wollen?" — Zuerst ein Augenblick dumpfer Stille, dann rissen die Soldaten ihre Mützen ab, steckten sie auf die Bajonette und das alte Feldgeschrei brauste durch die Lust: „Vivs I'Dwpsrsur!" Die Truppen fraternisierten mit dem Gefolge, das Napoleon aus Elba mitgebracht hatte, und schon marschierten sie, wie ehe¬ dem, begeistert hinter dem „kleinen Korporal" einher. Bald ergab sich auch Grenoble, die erste größere französische Stadt, in die Napoleon einzog, und triumphierend setzte er seinen Marsch auf Lyon fort, wo er unter enthusiastischem Jubel der den Bourbonen abgeneigten Bevölkerung seinen Einzug hielt. Jetzt hatte er bereits 12.000 Mann hinter sich und seine Sprache klang viel stolzer und majestätischer. Von Lyon aus löste Napoleon die Kammern auf und berief eine Reichsversammlung nach Paris, der er den karolingischen Namen „Maifeld" gab, um die Verfassung zu verbessern und an der Krönung seines Sohnes teilzunehmen. Denn das sah Napoleon ein, ohne Aufrechthaltung der konstitutionellen Frei¬ heiten werde er sich diesmal keinen Tag lang behaupten können. Auch von einem Einvernehmen mit Österreich sprach er damals. Täuschte er sich selbst oder wollte er durch Verbreitung solcher Gerüchte nur seine Stellung befestigen? Ein anderes Dekret des Kaisers wies alle im Jahre 1814 zurückgekehrten Emigranten aus und konfiszierte ihre Güter. Talleyrand, Marmont, Augereau, der Herzog von Dalberg wurden geächtet. Immer mehr wuchs die Armee Napoleons an, je näher er der Hauptstadt kam. Überall dasselbe Schauspiel. Soldaten und niedere Offiziere fielen voll Begeisterung ihm zu. Nur die Ge¬ nerale zauderten, aber auch sie konnten schließlich dem Zauber, der von dem Kaiser ausging, nicht widerstehen. Ney, der Fürst von der Moskwa, der bravste der Braven, der dem König Lud- w-'- sein Wort gegeben hatte, er werde Napoleon tot oder lebendig n..1 Paris bringen und, wenn es sein müßte, ihn wie ein wildes Tier in einen Käfig sperren, ließ sich durch Napoleon gewinnen, der ihn von Auxerre aus zum Abfall aufforderte. In Lons-le-Saulnier versammelte der Marschall seine Truppen und erklärte sich vor der Front für den Kaiser. Von allen Seiten scholl ihm der donnernde Ruf entgegen: „Es lebe der Kaiser!" Zu MLcon umarmten sich Napoleon und sein tapferer General, dem sein kaiserlicher Herr den Abfall verzieh. Was half angesichts dieser Vorgänge die ohnmächtige Wut der Royalisten? Ihre Schmähungen ließen Napoleon kalt. Der „Moniteur", der noch vor wenigen Tagen von dem neuen „Attila und Dschingis-Khan" gesprochen hatte, schrieb am 17. März, daß der Kaiser in Lyon empfangen worden sei, nnd am 20. März stand zu lesen: „Seine kaiserliche Majestät werden in ihrem Schlosse der Tuilerien erwartet." Am 19. März verließ die könig¬ liche Familie die Tuilerien und am 20. März um vier Uhr früh traf Napoleon im Schlosse von Fontainebleau ein. Um an einem denkwürdigen Tage in den Tuilerienpalast zurückzukehrcn, warf sich der große Schauspieler in einen Wagen und setzte seine Reise mit größter Eile fort, denn er wollte noch an demselben Tage, dem Geburtstage seines Sohnes, in Paris anlangen. Den ganzen Tag über wogten dichte Menschenmassen durch die Straßen der Hauptstadt. Tausende riefen: „Nieder mit den Bourbons! Es lebe der Kaiser!" Überall wurde die weiße Kokarde entfernt und auf dem UaviUon äs 1' llortsAs eine riesige drei¬ farbige Fahne aufgehißt. Als der bestaubte Reisewagen am Abend dieses Tages in den Tuilerienhof einfuhr und man den Kaiser erkannte, trugen ihn Offiziere und Würdenträger über die Treppen des Schlosses hinauf. Paris war wieder sein und damit Frankreich. — Es beginnt die Herrschaft der „Hundert Tage". Wenn Napoleon wirklich gehofft hatte, der Wiener Kongreß werde sich auflösen und Österreich die Hand, die er ihm bieten Wollte, gern ergreifen, so sollte er sich alsbald bitter enttäuscht sehen. 170 Am 11. März hatte Metternich, Österreichs allgewaltiger Staatskanzler, die erste Nachricht von der Landung Napoleons an der französischen Küste erhalten. Mitten in einem Walzer auf einem jener glänzenden Ballfeste in Wien, wie sie zur Zeit des Kongresses so häufig stattfanden, verstummten plötzlich die rauschen¬ den Klänge der Kapelle und das Gerücht durchschwirrte den Saal: „Er ist in Frankreich!" Der russische Kaiser Alexander trat sofort auf Talleyrand zu und sagte: „Ich habe es Ihnen ja prophezeit, daß dies nicht dauern würde." Aber Alexander war es selbst gewesen, der die Verbannung des Kaisers nach Elba betrieben hatte; deshalb waren die bitteren Vorwürfe, die ihm Kaiser Franz jetzt machte, nicht unbegründet. Der Zar konnte nur erwidern: „Das ist wahr; aber um mein Unrecht wieder gutzumachen, stelle ich meine Person und meine Armee in den Dienst Eurer Majestät!" Die polnische und die sächsische Frage, die beiden gefährlichsten Zankapfel auf dem Kongresse, waren, dank der Nachgiebigkeit Preußens und Ru߬ lands, befriedigend gelöst/) die Einmütigkeit der Mächte her¬ gestellt und auf Antrieb Tallcyrands einigte sich der Kongreß am 13. März zu der Erklärung: Napoleon Bonaparte habe sich selbst außerhalb des bürgerlichen und politischen Rechtes gestellt und verfalle als Feind und Zerstörer der Ruhe der Welt der öffentlichen Rache. Die vier Großmächte verpflichteten sich, je 150.000 Mann ins Feld zu stellen und „die Waffen nicht eher niederzulegen, bevor Bonaparte nicht völlig außer stand gesetzt sei, je wieder Unruhe zu stiften und seine Versuche, die höchste Gewalt in Frankreich an sich zu reißen, zu erneuern". Das war die Achtserklärung Europas und Napoleon sah sich einer Welt in Waffen gegenüber. Alle seine Versuche, Öster¬ reich oder Rußland auf seine Seite zu ziehen, waren fehl¬ geschlagen. Vergebens erbat er sich vom Kaiser Franz die Rück- Der Streit war hauptsächlich darüber entbrannt, daß Rußland auch die vor dem Tilsiter Frieden zu Preußen gehörigen Teile Polens für sich in Anspruch nahm, während Preußen das ganze Königreich Sachsen als Entschädigung forderte. Schließlich fand eine Einigung da¬ hin statt, daß Rußland die Provinz Posen an Preußen überließ und dieses sich daraufhin mit der größeren Hälfte Sachsens zufriedenstellte. sendung seiner Gemahlin und seines Sohnes. Sie blieben beide fern und die Krönung des Thronfolgers, die er den Franzosen v Heißen hatte, sollte nicht erfolgen. Marie Luise erklärte den Mitgliedern des Kongresses, daß keine Macht der Erde sie je¬ mals bewegen könnte, sich wieder mit Napoleon zu vereinigen. Aber auch Napoleons Stellung im Innern war trotz des Beitrittes der erprobten Veteranen tief erschüttert. Immer deutlicher erkannte er, daß es für ihn keine andere Rettung gebe, als sich auf die Demokraten und Jakobiner von ehemals zu stützen. Und gerade diese Partei war dem Manne soldatischer Ordnung und unbeugsamer Staatsautorität unter allen am verhaßtesten. Er wollte als Diktator auftreten und er mußte die ihm so un¬ bequeme und widerwärtige Rolle eines konstitutionellen Herrschers spielen. Es gelang seiner gewinnenden Überredungskunst, die ihm zu Gebote stand, wenn er sich ihrer bedienen wollte, einen seiner erbittertsten Feinde, Benjamin Constant, den Führer der kon¬ stitutionellen Partei, auf seine Seite zu ziehen. Durch ihn ließ er einen Verfassungsentwurf ausarbeiten, der aber nicht, wie man doch allgemein erwartete, als ganz neue Verfassung, sondern nur als sogenannte „Zusatz akte", ^.ots aääitiouasl aux ooa- stitutiorls äs I'siapirs veröffentlicht wurde. Sie enthielt in der Tat fast alle wünschenswerten Frei¬ heiten und übertrug die gesetzgebende Gewalt auf eine Pairs- kammer und eine Repräsentantenkammcr. Der Kaiser sollte fortan nur die vollziehende Gewalt ausüben. Damals sagte Napoleon zu Benjamin Constant: „Ich bin kein Eroberer mehr, kann es nicht sein, denn ich weiß, was möglich ist und was nicht. Um Frankreich allein zu regieren, ist eine Verfassung vielleicht besser. Daneben will ich den Frieden. Ich werde ihn durch Siege er¬ kämpfen. Ich mag in Ihnen keine falschen Hoffnungen erwecken. Wenn ich auch aussprengen lasse, daß Verhandlungen mit den Mächten im Zuge sind: es gibt keine Verhandlungen. Ich sehe vielmehr einem schweren und langwierigen Krieg entgegen. Um ihn zu bestehen, muß mich die Nation unterstützen. Dafür wird sie die Freiheit fordern. Sie soll sie haben." Auch der theatralische Prunk, den Napoleon so gern zu entfalten liebte, sollte nicht fehlen. Zuerst aber wurde die neue 172 Verfassung der Volksabstimmung unterworfen, die ja bei Napo¬ leon, dem Iioinms-psnpls, wie er sich so oft genannt hatte, schon häufig eine Rolle gespielt hatte. Aber welch ein Unterschied zwischen diesem Plebiszit und den Abstimmungen, durch welche das französische Volk das lebenslängliche Konsulat und das Kaiserreich sanktioniert hatte. Jetzt wurden nur 1,300.000 Stim¬ men, einschließlich jener der Armee, abgegeben, von denen aller¬ dings nur ein paar Tausend dagegen waren; aber mehr als die Hälfte der Wähler hielt sich gleichgültig oder grollend abseits. Endlich, am 1. Juni, fand das immer hinausgeschobene „Maifeld" statt. Im Krönungswagen und in der phantastischen Tracht eines römischen Imperators fuhr Napoleon auf den Champ de Mars hinaus, umringt von seinen Marschällen und den Mitgliedern seiner Familie. Vergebens suchte die schaulustige Menge die Kaiserin und den Sohn an seiner Seite. Nur seine greise Mutier und die entthronten Könige seiner Dynastie um¬ ringten ihn. Am meisten wurde Lucian akklamiert, weil er keine Krone angenommen hatte. Trotz des glänzenden Gepränges und der Tausende von Zuschauern, die zusammengeströmt waren, lag doch über dem ganzen Feste ein frostiger Hauch, der eher zur Wehmut als zum Jubel stimmte. Der Kaiser schien gedruckt und sein Blick ernst und traurig. Er sprach zur Versammlung als „Kaiser, Konsul und Soldat, der alles vom Volke habe", und erklärte „er würde den fremden Königen gern sein Dasein opfern, gegen das sie sich so erbost zeigen, wenn er nicht sähe, daß sie es auf das Vater¬ land abgesehen haben". Er verglich sich mit Kodrus, der sich für Athen aufgeopfert habe, aber es machte keinen günstigen Eindruck, daß er, der Sprosse der Revolution, immer nur die Ausdrücke „Mein Volk", „Meine Hauptstadt" im Munde führte. Man bemerkte, vielleicht nicht ohne Genugtuung, daß die Nationalgarden auf die ihnen vom Kaiser zugerufene Frage, ob sie ihre Adler mit ihrem Blute zu verteidigen bereit wären, nur mit schwachen Zurufen ant¬ worteten. Das waren nicht die Rufe von Austerlitz und Wagram. Dem Kaiser entging dies nicht, seine Miene verdüsterte sich. Nur die Kaisergarde schwor mit Enthusiasmus. „Als die Soldaten der Garde vor dem Kaiser defilierten", berichtet ein Augenzeuge, „leuchtete es in ihren Blicken wie von einem düsteren Feuer; man glaubte auf ihren Lippen das Lloritnri ts sstutkwt zu lesen." Das große Publikum blieb ziemlich kalt und teilnahmlos. Nur ein Knabe von ungefähr sieben Jahren war enthusiasmiert und bewahrte die Eindrücke dieses Tages in unauslöschlicher Erinnerung. Es war Louis Napoleon, der Sohn des Königs Ludwig und der Hortense, der spätere Kaiser Napoleon III. Der Tag des Festes war verrauscht, bald sollte auch die neue Herrschaft des Kaisers in Nichts zerfallen. Am 7. Juni eröffnete Napoleon die beiden gesetzgebenden Körperschaften mit einer Thronrede, in der er die Notwendigkeit des Krieges, aber auch sein unerschütterliches Festhalten an der Verfassung betonte, und am 12. Juni eilte er auf den Kriegsschauplatz, nachdem er seinen Bruder Josef zum Vorsitzenden des Regierungskonseils ernannt hatte. Wer konnte es ahnen, daß er schon nach neun Tagen zurückkehren würde, besiegt, vernichtet, ein Geächteter und Ge¬ fangener Europas? Bei den Verbündeten bestand die Absicht, mit vier Armeen unter Wellington, Barclay de Tolly, Blücher und Schwarzenberg in Frankreich einzurücken und vereint gegen Paris zu marschieren. Aber die Bewegungen dieser großen Armee vollzogen sich äußerst langsam, man wartete lange auf das Er¬ scheinen der Russen, deren Kaiser wieder, wie bei dem ersten Einzuge in Paris, den Löwenanteil der Siege für sich in An¬ spruch nehmen und die Rolle des Friedensvermittlers spielen wollte. Am raschesten erfolgte unter der genialen Leitung Gnei¬ sen aus die Konzentration der Preußischen Armee in der Rhein- Provinz, während sich die Truppen Wellingtons, die zum klein¬ sten Teile aus Engländern und Schotten, der Mehrzahl nach aus Niederländern und deutschen Hilfsvölkern, Hannoveranern, Nassauern, Sachsen und Braunschweigern bestanden, in Belgien um Brüssel herum sammelten. Der englische Feldherr hatte ganz richtig vermutet, daß Napoleon nicht die Vereinigung der gesammelten feindlichen Streitkräfte abwarten, sondern sie getrennt angreifen und zu schlagen versuchen werde, denn nur ein rascher Sieg konnte seine 174 unsichere Herrschaft befestigen und ihm das Vertrauen der fran¬ zösischen Nation und den blinden Gehorsam der Massen wieder geben. Ein solcher Sieg, so rechnete Napoleon, scharfblickend wie immer, mußte auch die Einigkeit der europäischen Mächte zer¬ stören und alle die Mißhelligkeiten wieder zum Ausbruch bringen, die unter dem Eindrücke seiner Rückkehr nur schwach verhüllt worden waren. So beschloß denn Napoleon, sich sofort auf die in Belgien stehende Armee zu werfen, ihre Mitte zu durchbrechen und so Wellington und Blücher zu trennen — ein kühner Plan, der ihm schon so ost gelungen war und, wie es den Anschein hatte, ihm auch diesmal glücken sollte. Am 15. Juni griff der Kaiser das von den Preußen besetzte Charleroi an und nahm es mit leichter Mühe. So bewerkstelligte er den Übergang über die Sambre, aber die Überraschung des Feindes wurde zum guten Teil durch den Verrat des Generals Bourmont, des Führers der vordersten Division, eingebüßt, der zu dem Feinde überging. Nichtsdestoweniger drängte Napoleon in mehreren sieg¬ reichen Gefechten die Preußen bis gegen Ligny zurück. Hier beschloß Blücher im Vertrauen auf Wellingtons Versprechen, er werde ihm rechtzeitig zu Hilfe kommen, die Schlacht anzunehmen, die ihm Napoleon anbot. Aber der gegen Wellington detachierte Ney hielt diesen bei Quatrebras fest und Blücher, ohne Beistand gelassen, verliert die Schlacht von Ligny, eine der blutigsten in den Feldzügen des Kaisers; es war sein letzter Sieg. Fast hätte Blücher, dieser zäheste Feind Napoleons, auch sein Leben eingebüßt. Im Getümmel der Schlacht stürzte er nämlich mit seinem Pferde. Man hielt ihn für verloren und Gneisenau über¬ nahm das Kommando. Dieser erteilte sofort den Befehl, den Rück¬ zug zu unterbrechen und gegen Wavre vorzurücken; denn es war klar, daß Napoleon sich nunmehr auf Wellington werfen werde und dieser sollte nicht vergeblich auf die Hilfe des Freundes warten, wie Blücher es bei Ligny getan hatte. Blücher, der längere Zeit unter dem schweren Pferde gelegen war, erholte sich ziemlich rasch; er billigte vollkommen das von Gneisenau gegebene Kom¬ mando. Damit war der Feldzug so gut wie entschieden. Napoleon war nicht mehr der Alte. Anstatt den geschlagenen Blücher zu verfolgen und sein Korps zu zersprengen, erteilte er, in der irrigen Voraussetzung, der Feind ziehe sich ostwärts nach Namur und Lüttich zurück und entferne sich von den Engländern, dem General Grouchy den Auftrag, mit 30.000 Mann den Preußen zu folgen. Grouchy verzettelte die Zeit in nutzlosen Märschen; er fand die Preußen nicht, sie waren eben nicht auf dem Rückzüge gegen Namur, sondern auf dem Vormarsche nach Wavre. Daß eine geschlagene Armee, die einen Verlust von 20.000 Mann an Toten, Verwundeten und Vermißten zu be¬ klagen hatte, sich sofort wieder sammeln und gleich vom Schlacht¬ feld weg aufbrechen werde, um dem bedrohten Verbündeten Hilfe zu bringen — eine solche heldenhafte Kühnheit traute Napoleon dem Feinde nicht zu. Er hat dann später Grouchy die Schuld an der Niederlage bei Waterloo beimessen wollen. Mit Unrecht. Es war seine eigene Verblendung, die ihm den Sieg, dessen er schon sicher zu sein glaubte, aus den Händen wand. Er selbst rückte am 18. Juni mit dem Hauptheer gegen Wellington und besetzte die Höhen von Mont-Saint-Jean. Um i/s l.2 Uhr mittags eröffnete Jerome die gewaltige Schlacht, die über das Schicksal Europas entscheiden sollte. Dieses Zögern Napoleons, ein Zeichen, daß die frühere Kühnheit von ihm gewichen war, war sein Verderben. Er verlor die kostbarsten Morgenstunden. Bevor der Kaiser den unerklärlicherweise so lang hinausgeschobenen Befehl zum Angriffe gab, nahm er noch im Angesichte des Feindes eine Revue ab über seine Soldaten, die Sieger von den Pyramiden, von Austerlitz, Borodino, von denen er in seinen Memoiren auf St. Helena sagte: „Die Erde war stolz, so viele Tapfere zu tragen!" Es war ein Anblick, um auch ein weniger stolzes Soldaten¬ herz, als das Napoleons war, höher schlagen zu machen. Die Feldmusik spielte „Uartank Is. 8^ris" und in langen Linien sah man die Bärenmützen der Grenadiere, die von Ro߬ schweifen umflatterten Helme der Kürassiere, die Tschakos der Voltigeure mit den goldenen Troddeln, die im Winde flatternden Fähnchen der Lanciers! — Fürwahr, es war eines der schönsten Heere der Welt — und in zehn Stunden war diese herrliche Armee vernichtet, zu Boden geschmettert, die letzten Schwadronen in alle Winde verweht! Die Franzosen nennen die Schlacht nach dem Pachthofe Belle-Alliance, dem Zentrum der Schlachtlinic Napoleons, 176 Während Wellington sie nach seinem Hauptquartier, das eigentlich ganz außerhalb des Kampfes lag, die Schlacht von Waterloo benannte. Es war ein entsetzliches Ringen, in dem Napoleon anfänglich siegreich war. Die Einnahme des Vorwerkes La Haye- Sainte war ein bedeutender Vorteil. Napoleon setzte alles aufs Spiel; er operierte mit einer wilden Leidenschaftlichkeit. Er mußte den Sieg an seine Fahnen heften; er wußte, daß sonst alles ver¬ loren war. Wellingtons Kampfmittel waren beinahe erschöpft, seine besten Regimenter lagen zu Boden gestreckt. Aber der eiserne Herzog blieb standhaft, er vertraute dem Worte Blüchers, der ihm hatte sagen lassen, er werde mit seiner ganzen Armee zu ihm stoßen. Doch Stunde auf Stunde verrann. Schon war es spät am Nachmittag und die Sonne neigte sich zum Untergange. Nur ein Gedanke beschäftigte den englischen Feldherrn; er gab ihm Ausdruck in dem Stoßseufzer: „Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen!" Da — es war gegen halb fünf Uhr — brachen die ersten Preußen unter Bülow aus dem Walde von Frichemont hervor. Napoleon glaubte zuerst, Grouchy, den er sehnsüchtig erwartete, komme ihm zu Hilfe. Es war aber Blücher mit seinen wackeren Pommern und Brandenburgern. Er war, so rasch es der in der Nacht gefallene Regen, der die Feldwege aufgeweicht und stellen¬ weise in Sümpfe verwandelt hatte, gestattete, westwärts marschiert, um seinem Freunde, dem Herzog von Wellington, noch recht¬ zeitig Hilfe zu bringen. Leute, Pferde und Kanonen sanken in dem morastigen Boden unter, aber unaufhörlich mahnte Blücher zur Eile. „Kinder!" sagte er zu seinen Soldaten, „ich habe meinem Bruder Wellington versprochen, ihm zu Hilfe zu kommen, ihr werdet doch nicht wollen, daß ich wortbrüchig werde?" Sie wollten es nicht und noch rechtzeitig trafen die wackeren Preußen, Bülow voran, auf dem Schlachtfelde ein. Nun schickte Napoleon seine letzten Reserven ins Feuer und ein heißer Kampf entbrannte um das Dorf Planyenoit; die Franzosen wurden herausgetrieben. Ein zweiter und dritter Angriff — dasselbe Er¬ gebnis. Um acht Uhr rücken die letzten Preußen auf den Kampf¬ platz. An eine Fortsetzung der Schlacht auf französischer Seite ist nicht mehr zu denken. Ein geordneter Rückzug ist nicht mehr möglich. Alles löst sich in wilde Flucht auf. Die gellenden Rufe: „vluuvs Mi psut!" „Rette sich, wer kann!" durchdringen die Nacht. Auch der Kaiser wird vom Strom der Fliehenden fort¬ gerissen. „Es ist zu Ende, retten wir uns!" ruft er aus, ver¬ läßt den Wagen und wirft sich ohne Hut und Degen auf seinen Schimmel, einen edlen Perserhengst, der ihn in Sicherheit bringt. In voller Karriere reitet er querfeldein nach Gemappe, nur noch von den Grenadieren u ellaval gedeckt. Es gibt kein Anhalten, keine Rast, denn die Preußen sind Vinter den Fliehenden her wie dec leibhaftige Satan und gönnen ihnen bis in die späte Nacht keinen Augenblick Rast. Der Kaiser, dem damals schon jeder kurze Ritt Schmerzen bereitete, muß bis fünf Uhr morgens im Sattel bleiben, bis er endlich in Charleroi ein Gefährt findet, das ihn nach Philippeville bringt, wo er sich einige Stunden Ruhe gönnen darf. Der Wagen, den er auf dem Schlachtfelde hatte im Stich lassen müssen, fiel in die Hände der Preußen. Als die Soldaten die Sitzkissen aufhoben, blitzten ihnen Gold und Edelsteine ent¬ gegen, der Kaiser hatte seinen Schatz mitgenommen. Er dachte an das Äußerste, vielleicht an eine Flucht aus Europa. Mancher Pommcrsche Bauernbursch gab damals ein solch glitzerndes Ding um wenige Groschen her, so wie einst die Schweizer, als sie Karl den Kühnen vor Nancy besiegt hatten. Auf dem Schlachtfelde aber ließ Major Grolmann die Trompeter das schöne Lied anstimmcn: „Nun danket alle Gott!" und die weihevollen Klänge brausten übers leichenbedeckte Blach- feld, auf das die Sterne niederblinkten. Blücher aber sagte zu Wellington, der ihn in seine Armee schloß: „Ich hoffe, mein Verehrter Freund, Sie sind von mich zufrieden." Und Napoleon selbst? Hielt er wirklich alles für verloren? Gab er das Spiel auf, bei dessen letztem Trumpf ihm das Glück versagt geblieben war? Man muß an das Gegenteil glauben, wenn man den Brief liest, den er noch auf der Flucht an seinen Bruder Josef diktierte. Noch sei nicht alles verloren, hieß es darin, noch blieben ihm mit den Nationalgardcn 300.000 Mann. Der Bruder möge dafür sorgen, daß die Kammern ihm in wür¬ diger Weise beistehen. „Mut! Festigkeit!" fügte er eigenhändig am Schluffe des Schreibens hinzu. XV. 5t. Helena. Das Lnde. „Ä)cut und Festigkeit!" hatte der Kaiser seinem Bruder ans Herz gelegt. Er selbst hatte sie nicht. Anstatt in Laon auf Grouchy zu warten und die Reste des Heeres zum letzten Ver¬ suche des nationalen Widerstandes zu sammeln, trieb es ihn nach Paris. Er fürchtete die Kammern und nicht mit Unrecht, denn ein gefallener und besiegter Cäsar hatte seine Rolle ausgespielt. Er wollte versuchen, ob es ihm nicht gelinge, die Diktatur und damit die Leitung der ganzen Staatsmaschine an sich zu reißen. Am Morgen des 21. Juni kam er in Paris an, bleich, gebrochen, zum Tode ermattet. Er war marmorblaß; seine schmalen Lippen, die sich so gern zu einem Lächeln kalten Hohnes kräuselten, waren fest zusammengepreßt. Aus seinen graublauen Augen sprühte nicht mehr das Feuer von Arcole; der Glanz kaltblickender Hoheit und unnahbarer Majestät, der sonst aus ihnen hervorblitzle, war verschleiert; das stark gelichtete kastanien¬ braune Haar hing ihm wirr von der Stirn. Napoleon stieg im Elisse ab, denn in den Tuilerien tagten die verhaßten Kammern. Dort hatte sich Fouchs zum Führer einer ziemlich ansehnlichen Partei gemacht; er wollte eine ähn¬ liche Rolle spielen wie Talleyrand im Jahre 1814, aber dazu war es notwendig, daß Napoleon abdanke und eine Regentschaft eingesetzt werde, die er dann zu lenken gedachte. Er verbreitete das Gerücht, Napoleon gehe mit dem Gedanken um, die Kammern aufzulösen. Man wollte ihm zuvorkommen. Die zweite Kammer erklärte sich sofort in Permanenz, brandmarkte jeden Versuch, sie aufzulösen, als Verrat und bedrohte jeden, der dies wagen würde, mit gerichtlicher Verfolgung. Das war der Staatsstreich von unten, die Rache für den 18. Brumaire. Die Revolutionäre und Republikaner von ehedem, an ihrer Spitze Carnot, rieten Napoleon zu einer Wiederholung des 18. Brumaire, zur Anwendung von Gewalt, zur Herstellung der Diktatur, aber er hatte den Mut hiezu verloren; er wollte sich nicht auf eine Partei stützen, durch deren Niederwerfung er emporgekommen war. Immer stürmischer wurde das Begehren, der Kaiser möge abdanken. Der Ruf: „Uors la loü", der am 19. Brumaire ihm so furchtbar in die Ohren gegellt hatte, ohne aber damals seinen Mut zu brechen, ließ sich wieder hören. Die Deputierten wählten aus ihrer Mitte fünf Kommissäre, die mit fünf Mitgliedern der Pairskammer und den Ministern gemeinsam die Mittel zur Rettung des Staates beraten sollten. Endlich entschloß sich Napoleon am Nachmittag des 22. Juni zur Abdankung. Er entsagte dem Throne zu Gunsten seines Sohnes. In dem betreffenden Manifest an das französische Volk heißt es: „Mein politisches Leben ist zu Ende und ich proklamiere meinen Sohn unter dem Namen Napoleon II. zum Kaiser der Franzosen. Die im Amte befindlichen Minister werden einen Provisorischen Regierungsrat bilden. Das Interesse, welches ich für meinen Sohn hege, veranlaßt mich, die Kammern einzuladen, ohne Verzug ein Gesetz über die Regentschaft zu beschließen. Mögen alle sich einigen in dem Gedanken an das öffentliche Wohl und an die Unabhängigkeit der Nation!" Aber die Regentschaft wurde nicht gebildet, trotzdem Lucian in der Pairskammer für die sofortige Proklamation Napoleons II. zum Kaiser eintrat. Man rief ihm zu, er sei ein römischer Fürst und habe hierin nicht mitzurcden. Der Antrag fiel. Und Foucho, der die Rückkehr der Bourbonen für unausweichlich hielt, unter-, handelte aufs lebhafteste mit den Emissären des königlichen Hofes. Während aller dieser Vorfälle war Paris, wie es schien, ohne besondere Erregung. Ein Augenzeuge berichtet: „Die voll¬ ständigste Ruhe herrschte in der Stadt und wurde nicht einen Augenblick gestört. Vo^ Megierung zu Regierung hin und her geworfen, hatte das Volk weder Neigung für den, den es verlor, noch für den, den es bekommen sollte. Es schlief in der Er- 180 Wartung, daß man ihm bei seinem Erwachen sagen werde, ob es Napoleon H. oder Ludwig XVIII. zu gehorchen habe." Nur ab und zu zeigten sich Trupps aus den niedersten Volksschichten vor den Fenstern des Elissepalastes, schrien nach der Diktatur und verlangten Napoleon zu sehen. „Kam nun ein gut gekleideter Spaziergänger vorüber" — so schrieb Metternich damals an seine Tochter — „so hielt man ihn an und fragte ihn, ob er den Kaiser sehen wollte; es koste zwölf Sous. Bejahte und bezahlte er, so machte sich der Haufe daran und schrie: „Vivs Is psrs la Violstts!*) Vivs Is bonllornras! Vivs Is xstit Oaporal! Vivs I Dinpsrsur!" und schrie so lange, bis sich der Veilchenvater, der gute Kerl, der kleine Korporal seinen lieben Kindern zeigte." Nicht ein Regentschaftsamt wurde gebildet, sondern eine Regierungskommission, an deren Spitze Fouchs trat, der offen die Rückberufung der Bourbonen betrieb. Napoleons Anwesenheit in Paris war für Fouchs und seinen Anhang eine stetige Gefahr, daher wurde der Marschall Davout zum Kaiser geschickt, um ihn zu bewegen, die Hauptstadt zu verlassen. Napoleon willigte ein und begab sich, von Königin Hortense und Lucian be¬ gleitet, nach Malmaison, nach jenem Schlosse, wo er die schönsten Tage der Jugend mit Josefine verlebt hatte. Hier hatte er als Konsul die Pläne zu seiner Weltherrschaft entworfen. Hier umrauschten ihn die stolzesten Erinnerungen. Noch standen ihm etwa 60.000 Mann zur Verfügung. Erwartete er irgend eine außerordentliche Wendung in seinem Schicksal? Wer kann dies wissen? Aber er tat nichts, um sie herbeizuführen, es sei denn, daß er den Beschluß faßte, sich der provisorischen Regierung als einfacher General zur Verfügung zu stellen. War es ihm wirklich Ernst mit diesem beinahe naiven Vorschlag? Konnte Napoleon einfacher General bleiben? War er siegreich, wurde er dann nicht wieder der absolute Monarch? Der Weg vom General zum Kaiser, er hatte ihn schon einmal zurückgelegt, zum zweiten Male ist eine solche Karriere nicht denkbar. Fouchs gab daher auch dem Überbringer der kaiserlichen Botschaft zur Antwort, Napoleon se> durchaus irriger Ansicht, _ " Das Veilchen war die Lieblingsbln ' Napoleons. Daher sein Name: I?srs Violstts. wenn er die Mitglieder des Gouvernements für so verrückt halte, auf seinen Vorschlag einzugehen. Er könne ihm nur raten, schleunigst abzureisen, da man für seine Sicherheit nicht mehr einstehen könne. Und das war durchaus nicht unwahr. Schon näherte sich der Feind der Hauptstadt und ein Preußisches Detachement hatte geradezu den Befehl erhalten, sich der Person des Kaisers zu bemächtigen und ihn zu erschießen. Napoleon war über den Ernst Fouchs. Nach einer Zeichnung von L. Grevedon. seiner Lage nicht im Zweifel. So nahm er denn am 29. Juni von den Seinen, die er nie mehr Wiedersehen sollte, ergreifenden Abschied und verließ Malmaison. Er zog seinen Soldatenrock aus und fuhr in bürgerlicher Kleidung, von Savary und den Generalen Bertrand und Gourgaud sowie dem Kommissär der Regierung, General Becker, begleitet von dannen. ässtin! Dem Schicksal entgegen! Denn bis zum letzten Augenblick glaubte der entthronte Kaiser noch an das Eintreten irgend eines um Smolle, Napoleoni. 9 182 Vorhergesehmen Ereignisses, an die Erhebung des Heeres, eine Empörung des Volkes zu seinen Gunsten. Daher wurde die Reise an die Küste, nach Rochefort, im allerlangsamsten Tempo fortgesetzt. Napoleon hatte den Gedanken gefaßt, sich nach Amerika einzuschiffen und in dem Lande der Freiheit ein letztes Asyl zu suchen, aber noch auf dem Wege nach Rochefort gab er den Plan, sich mit der Armee in Ver¬ bindung zu setzen, nicht ganz auf. Er trat sogar mit den Generalen Clauzel und Lamarque, die in Bordeaux und in der Vendse kommandierten, in einen geheimen Briefwechsel, aber der Gedanke, nach Paris zu marschieren, war zu wahnwitzig, er gab ihn rasch wieder auf. Erst am 3. Juli gelangte man nach Rochefort; noch zögerte der Kaiser mehrere Tage, endlich läßt er sich auf die nahe Insel, Jsle d'A ix, hinüberführen. Die englischen Schiffe, die vor dem Hafen kreuzten, schienen ein Entkommen unmöglich zu machen. Bruder Josef, der sich schon einen Platz auf einem ameri¬ kanischen Schiffe zur Überfahrt in die Neue Welt gesichert hatte, bietet Napoleon diesen an; er will mit ihm die Rollen tauschen. Der Kaiser verwirft diesen edelmütigen Vorschlag und läßt wieder einige Tage verstreichen, unentschlossen, zaudernd, untätig. Am 8. Juli waren die ersten Preußen unter Zielen in Paris eingerückt, zwei Tage darauf trafen die Verbündeten Monarchen in der französischen Hauptstadt ein. Ludwig XVIII. bestieg aufs neue den französischen Thron. Die Entscheidung drängte. Endlich faßte Napoleon einen Entschluß. Er sandte Las Cafes und Gourgaud an Kapitän Maitland, Kommandanten des eng¬ lischen Schiffes „Bellerophon", das vor dem Hafen kreuzte, mit einem Schreiben an den Prinz-Regenten von England, das folgenden Inhalt hatte: „Eure königliche Hoheit! Im Streite der Parteien, die mein Vaterland zerreißen und angesichts der feindlichen Haltung der europäischen Großmächte, habe ich meine politische Rolle aus¬ gespielt. Ich komme, wie einst Themistokles, um mich an den Herd des britischen Volkes niederzusetzen. Ich begebe mich unter den Schutz seiner Gesetze, die ich für mich in Anspruch nehme Von Eurer königlichen Hoheit, als dem mächtigsten, standhaftesten und großmütigsten unter meinen Feinden." Am 15. Juli bestieg er den Bord des feindlichen Fahr¬ zeuges, ehrerbietigst begrüßt von der Manschest und dem Kapitän, der ihm aber nur mitteilen konnte, daß er die Befehle seines Admirals, Lord Keith, abwarten müsse. Am 26. Juli landete der „Bellerophon" vor Plymouth an der Küste Englands und am 30. wurde dem Kaiser, der den Boden Frankreichs niemals mehr betreten sollte, sein endgültiges Schicksal mitgeteilt. „Europa", so lautete dieses, „habe ihm die Insel St. Helena zu seinem künftigen Aufenthalte bestimmt. Man gestatte ihm, drei Offiziere, einen Arzt und zwölf Diener dorthin mitzunehmen, die aber ohne Erlaubnis der britischen Regierung die Insel nicht wieder verlassen dürfen." Er und seine militärischen Begleiter sollten entwaffnet werden, doch ein letztes Gefühl der Scham hielt die britische Regierung ab, dem General Bonaparte — denn nur diesen Titel sollte er künftig führen — seinen gefeierten Degen abzunehmen. Man beließ ihm die ruhmreiche Waffe, ent¬ waffnete aber seine Begleiter. Vergebens protestierte Napoleon gegen diese Gewalttat, ver¬ gebens berief er sich darauf, daß er ohne Zwang auf ein englisches Schiff gekommen sei, daß er Englands Gastfreund, aber nicht sein Gefangener sei. „Ich stellte mich freiwillig unter den Schutz der englischen Gesetze. Man verletzt in mir die geheiligten Rechte der Gastfreundschaft, ich werde niemals freiwillig mich der Schmach beugen, die man mir zufügt. Nur die Gewalt allein könnte mich hiezu zwingen." Napoleon ahnte es wohl selbst, daß dieser feierliche Protest eine leere Drohung sei. England war nur der Vollstrecker der Wünsche Europas. — Las Cafes tröstete den Kaiser mit den Worten: „Wer kennt die Geheimnisse der Zukunft?" Er stellte ihm die Möglichkeit vor, „von der Vergangenheit zu leben". „Wohlan," rief Napoleon aus, „schreiben wir unsere Memoiren. Übrigens, man muß sein Schicksal erfüllen, das ist eine große Lehre. Möge also das meine seinen Lauf nehmen!" Am 7. August bestieg Napoleon das Linienschiff „Northum- b erlaub", das ihn nach St. Helena bringen sollte. Er hatte sich Bertrand, Las Cafes und Montholon als Begleiter erwählt, die auch ihre Familien Mitnahmen. Auch Gourgaud setzte es schließlich durch, den entthronten Heros be¬ tt* 184 gleiten zu dürfen. Wahrhaft rührend war der Abschied von Sa- vary und den übrigen Personen seiner Suite, die zurückblieben. Alle waren in Tränen aufgelöst, so daß Las Cafes zu Lord Keith bemerkte: „Sie sehen, Mylord, hier weinen die Zurück- bleibenden." Als das Schiff auf der Höhe von La Hogue angelangt war, grüßte Napoleon zum letzten Male die Küste Frankreichs; er stand auf dem Verdeck und, indem er seine Rechte erhob, rief er lebhaft aus: „Adieu, Vaterland der Tapferen! Adieu, geliebtes Frankreich! Einige Verräter weniger und du wärest noch die Herrin der Welt." „Laiat-HÄöos, pstits ils", so lesen wir noch in einem Exzerpte, das sich der Unterleutnant Buonaparte aus einem geo¬ graphischen Lehrbuche angelegt hatte. Fürwahr eine kleine Insel, kaum zwei Geviertmeilen im Umfang, umbrandet von den Wogen des unendlichen Weltmeeres. Hier vollendete sich die Laufbahn des Mannes, dem die Geschichte wenig gleich große an die Seite zu setzen hat. Vier Inseln waren für Napoleon von schicksalsschwerer Bedeutung und ein altes lateinisches Distichon faßte dies fol¬ gendermaßen zusammen: „Oorsios. mi Aoustrix, uuäisgus Lrituräu viotrix Uvs,, grro ässicliLS, guiä, nist mors, Uslsuu? Korsika hat mich geboren, es hat mich England bezwungen, Elba schenkte mir Rast, Helena gab mir den Tod." Am 15. Oktober kam die düstere Felseninsel mit ihren fast senkrecht ins Meer abstürzenden Wänden in Sicht. Sie erinnerte mit ihrem klippigen Ufer, in dessen Schluchten wildes Buschwerk wucherte, ein wenig an das Gestade Korsikas. Tauchte diese Er¬ innerung auch in dem Haupte Napoleons auf, der schweigend seine Blicke auf den Felsensitz heftete, der fortan seinen Thron bilden sollte? Korsika und St. Helena! Welch ein Leben lag dazwischen, welche ans Wunder grenzende Laufbahn, welcher Ruhm, der seine Strahlen über ganz Europa ergoß und auch den Orient erleuchtete! „Ach, ich wollte, wir wären vorübergesegelt!" seufzte Frau Bertrand, als sie das ungastliche Eiland aus den Fluten des Napoleons Wohnhaus Longwood (vorn der Aufgang zum Spielzimmer). 186 Ozeans auftauchen sah. Fast sechs Jahre mußte Napoleon auf dieser Insel verbringen, ehe der Tod ihn von seinen Leiden er¬ löste, denn Leiden waren es immerhin, Physische und seelische, denen dieser bisher so gesunde und eiserne Mann auf St. Helena unterworfen war, wenn auch seine Freunde absichtlich die Kränkungen übertrieben, denen er infolge der harten Behandlung des Gou¬ verneurs Sir Hudson Lowe ausgesetzt war. Das für Napoleon bestimmte Landhaus zu Longwood, auf einer etwas kühleren Hochebene der Insel gelegen, war noch nicht in Stand gesetzt und so wohnte der erlauchte Gefangene zunächst in der nahe dem Strande gelegenen Villa „Briars" des Kaufmannes Balcombe, wo er mit den Hausleuten aufs freundlichste verkehrte, mit den Kindern spielte und sich manchen Scherz gefallen ließ. Im Dezember siedelte er nach Longwood über und im April 1816 traf der neue Gouverneur Hudson Lowe ein, der die Pflichten seines Amtes allerdings in einer pedantisch rück¬ sichtslosen Weise auffaßte, die den hohen Gefangenen zu den heftigsten Rekriminationen veranlaßte. Jeder Verkehr mit Europa war ihm abgeschnitten und seine Korrespondenz unterlag der peinlichsten Durchsicht. Das tropische Klima, vor allem der Mangel an jeder Bewegung, die dem Ruhelosen stets Bedürfnis gewesen war, erschütterten seine bis¬ her so feste Gesundheit. Die „Briefe vom Kap der guten Hoffnung", die Napoleon zum Verfasser haben und die er heimlich durch Las Cafes nach London gelangen ließ, in denen alle Qualen des hohen Ge¬ fangenen in übertriebenen Farben geschildert wurden, änderten nichts an dem traurigen Geschicke des Helden, sie verschärften im Gegenteil noch dessen Lage. So mußte Las Cafes auf Hudson Lowes Befehl die Insel verlassen und auch der Arzt O' Meara, der das ganze Vertrauen des Kaisers gewonnen hatte, wurde von dem gleichen Schicksal betroffen. Als sich Napoleon von diesem treuen Freunde verabschiedete, trug er ihm auf das angelegentlichste auf, sich um das Schicksal seiner Familie und die Lage seiner Verwandten zu erkundigen. „Drücken Sie ihnen", sagte er zu dem scheidenden Arzte, „die Gefühle aus, die ich für sie bewahre. Seien Sie der Dolmetsch !LS?KLiriSkr-s»r^Lrk>-sr^L>»i^r^skr^r-s?^L»r5!s»rksnkL»rr-sr^L>i>L>r 187 meiner zärtlichen Neigung bei meiner lieben Marie Luise, bei meiner ausgezeichneten Mutter und bei Pauline?) Wenn Sie meinen Sohn sehen, umarmen Sie ihn statt meiner; möge er nie vergessen, daß er ein geborener Prinz von Frankreich ist. Trachten Sie darnach, mir genaue Nachrichten über die Art, wie er erzogen wird, ein¬ zusenden." Bei diesen Worten ergriff er die Hand des Arztes, schloß ihn leidenschaftlich in seine Arme und rief ihm zu: „Leben Sie Wohl, O'Meara, wir werden uns niemals wiedersehenl" Llaäams-Nsrs, die durch die Nachrichten über den schlechten Gesundheitszustand ihres Sohnes auf das tiefste erschüttert worden war, trat klagend vor ganz Europa auf; sie bot ihm ihr Vermögen an und wollte seine Gefangenschaft mit ihm teilen. Napoleon lehnte das großmütige Opfer der verehrungswürdigen Greisin ab, ebenso die ähnlichen Anerbietungen seiner Schwester Pauline und der Brüder Josef, Lucian und Jerome, dem sich auch dessen Gemahlin, die württembergische Prinzessin Katharina, angeschloffen hatte. Im Jahre 1818 verließ den Kaiser infolge von Differenzen mit Montholon auch General Gourgaud, dem Napoleon, der un¬ ablässig an seinen Memoiren arbeitete, den Feldzug von 1815 diktiert hatte, und auch der mit Napoleon befreundet gewesene Admiral Malcolm schied von der Insel. Immer rücksichtsloser war der Kaiser der kalten Strenge seines Kerkermeisters ausgesetzt. Den von Hudson Lowe ihm an¬ gebotenen englischen Arzt schlug er aus, trotzdem sich sein Zustand von Tag zu Tag verschlimmerte und schon die Beine zu schwellen anfingen. Durch Vorstelluugen bei den europäischen Höfen setzte es Napoleons Oheim, Kardinal Fesch, durch, daß er einen kor¬ sischen Arzt, Antommarchi mit Namen, auswählcn durfte, der im September 1819 auf St. Helena eintraf. Von ihm ließ sich Napoleon zu einer Änderung seiner Lebensweise bewegen, indem er täglich im Garten arbeitete und größere Spazierritte unternahm. Der Gouverneur hatte das dem Gefangenen zugewiesene Gebiet, das er ohne militärische Be¬ wachung durchstreifen durfte, auf dreizehn englische Meilen erweitert. Aber trotz der geänderten Lebensweise, die dem Kaiser anfänglich i) Pauline, die Fürstin Borghese, war seine Lieblingsschwester. 188 gut bekam, machte die Krankheit bald wieder zusehends Fort¬ schritte. Der Kaiser selbst gab sich keinem Zweifel darüber hin, daß er an Magenkrebs leide, an dem auch sein Vater gestorben war. Die Anfälle wurden immer schmerzlicher und sein Puls, der gewöhnlich nie mehr als 60—65 Schläge gezählt hatte, wurde fieberhaft. In der Silvesternacht des Jahres 1820 war er zum letzten Male heiter und mitteilsam und erzählte viel aus seinem tatenreichen Leben. Seitdem lag er fast immer auf seiner Vergäre, war zu keiner Arbeit aufgelegt und magerte zusehends ab, da er fast gar keine Speisen mehr vertrug. Am 19. April 1821 verkündete er selbst den um ihn ver¬ sammelten Freunden sein nahes Ende. „Täuscht euch nicht," sagte er, „wenn es mir heute etwas besser geht. Ich fühle nichtsdesto¬ weniger mein nahes Ende. Jeder von euch hat den süßen Trost, nach meinem Tode nach Europa zurückkehren zu dürfen. Ihr werdet eure Verwandten, eure Freunde Wiedersehen. Was mich betrifft, ich werde meine Tapferen in den elysäischen Gefilden wiederfinden. Ja," setzte er mit erhobener Stimme hinzu, „Kleber, Desaix, Bessisres, Ney, Murat, Z Massen«, Berthicr, alle werden kommen, mich zu begrüßen. Sie werden mir von den Taten er¬ zählen, die wir miteinander vollbracht haben. Ich werde ihnen die letzten Ereignisse meines Lebens berichten. Wenn sie mich Wiedersehen, werden sie von Ruhm und Enthusiasmus trunken sein. Wir werden uns von unseren Kämpfen mit Scipio, Hannibal, Cäsar und Friedrich unterhalten. Das wird ein Jubel sein . . . Wenn man nur", fügte der Kranke lächelnd hinzu, „hier unten über die Ansammlung so vieler Helden keine Furcht empfinden wird!" Schon vier Tage vorher diktierte er Montholon sein Testament, in dem er die sechs Millionen Franken, die vor seiner Abreise von Malmaison beim Bankhause Lafitte hinterlegt worden waren, sowie verschiedene Andenken und Reliquien unter seine getreuesten Anhänger verteilte. Am 21. April ließ er den Abbs Vi gnali, Ney wurde am 7. Dezember 1815 im Garten des Palais Luxem¬ bourg kriegsgerichtlich erschossen; Murat, der sich in Italien an die Spitze einer antiösterreichischen Bewegung gestellt hatte, ward bei Tolentino besiegt, gefangen genommen und am 13. Oktober 1815 im Schloßhofe zu Pizzo erschossen. Napoleon als Leiche auf seinem Feldbette von Austerlitz. Nach einer Zeichnung des Schiffskapitäns Marryat. 100 der mit Antommarchi von Korsika gekommen war, an sein Krankenlager rufen und sagte zu ihm: „Ich bin in der katho¬ lischen Religion geboren; ich will die Pflichten, die sie auferlegt, erfüllen und die Tröstungen empfangen, über die sie verfügt." Zugleich erteilte der Kaiser den Auftrag, täglich im Nebenzimmer die Messe zu lesen, was bisher nur an Sonntagen geschehen war; er befahl ferner, das Allerheiligste auszusetzen und nach seinem Tode zu Häupten seiner Leiche die Messe zu zelebrieren und die vorgeschriebenen Zeremonien zu vollziehen. Am 3. Mai begann sich sein Bewußtsein zu trüben und Abbs Vignali spendete ihm die letzte Ölung. Am 5. Mai, zehn Minuten vor sechs Uhr morgens, war der große Kaiser eine Leiche. „Desaix" soll das letzte Wort gewesen sein, das seinen Lippen entglitt. Marchand, Napoleons treuer Kammerdiener, bedeckte den Körper, aus dem die ruhelose Seele entwichen war, mit dem blauen Mantel, den der Imperator bei Marengo getragen hatte. Er lag auf dem Feldbette von Austerlitz. Sein klassischer Kopf zeigte wieder die edlen Züge der Jugend. Mit allen militärischen Ehren wurde, was an ihm sterblich war, nahe einer Quelle unter einer Gruppe von Weiden, wo Napoleon gern geweilt hatte, der Erde übergeben. So blieb der Wunsch des Kaisers zunächst unerfüllt, den er in einem Kodizill seines Testamentes vom 16. April 1821 aus¬ gesprochen hatte: „Ich wünsche, daß meine Asche an den Ufern der Seine ruhe, inmitten des französischen Volkes, das ich so sehr geliebt habe." Erst im Jahre 1840 wurde seine Leiche von St. Helena nach Cherbourg überführt und unter unermeßlichem Zudrang im Dome der Invaliden zu Paris beigesetzt. Damals sagte der Minister des Königs Ludwig Philipp von dem großen Toten, dessen letzten Wunsch Frankreich nunmehr erfüllte: „Er war Kaiser und König, der legitime Souverän unseres Landes; als solcher könnte er in Saint Danis ruhen. Aber ihm gebührt mehr als die gewöhnliche Grabstätte der Könige." Was er verbrach, hat er durch die furchtbaren Leiden auf St. Helena gesühnt. Was ihm gebührte, hat sein Volk, hat die Menschheit ihm gegeben — ein Andenken, das nie erlöschen kann, so lange inan die Erinnerung an große Männer feiern wird. Im Marmorpalaste wie unterm Strohdache der Bauern- hütle lebt sein Name fort und wird fortleben bis in die fernsten Zeiten. On Meisen äs sn Zloies 8on8 Is slennrns bisn tonAtsinps. Man wird von seinem Ruhme singen Wohl unterm Strohdach lauge Zeit. Veranger. Totenmaske Napoleons. Von der Brüderschaft Misericordia in Portoferraio aufbewahrt. Rückblick. Wir sagten am Eingänge unserer biographischen Schilderung, daß sich die Vorsehung häufig gewaltiger Menschen bediene, um Schlechtes zu zerstören und Morsches aus dem Wege zu räumen, und wir bezeichneten Napoleon als ein solches Werkzeug. Um ein Beglücker der Menschheit zu werden, fehlte ihm jener Adel großer Seelen, die ihr Interesse dem allgemeinen Wohle hint¬ ansetzen. Er gebrach ihm, wie Gagern sich einmal ausdrückte, an jenem königlichen Öl, womit der Himmel selbst die Besseren salbt und das er über ihre Züge und Handlungen ausgießt. Es gebrach ihm an jener Liebe, von der der Apostel sagt, daß ohne sie des Menschen Tun gleich ist dem tönenden Erz und der klingenden Schelle. „Ausgewachsen", sagt A. Kleinschmidt,') „in einer Epoche, in welcher der Egoismus des kältesten Raisonnements herrschte, in welcher der Sinn für Religion, Gottheit, Treue gegen die Regierung, Zucht und Sitte abgestreift waren und Gallia nackt dastand, gelehnt auf die morsche Lanze der Freiheit, brach Na¬ poleon völlig mit der Vergangenheit. Er wollte den Ruhm der Vorzeit vernichten und die neue Ära mit dem seinigen erfüllen. Durch ihn, ihr eigenes Kind, sollte die Revolution gebändigt werden; er wollte eine militärische Diktatur begründen. Das war der Mann des 18. Brumaire." Die Triebfedern seines Handelns waren Ehrgeiz und Herrsch¬ sucht; aber sein Genie fand sich nicht befriedigt mit dem Zer¬ stören des Bestehenden, sein wunderbares Organisationstalent ') Neuer Plutarch, herausgegeben von R. Gottschall, Band VII, S. 54. r«?KS?r!S»?i2S>?KL»riA°»>k-srirs?r«sr>!s:rr!S!ksrkLNk-sir-LN>rL»?rL»?r-Lir 193 schuf auch Institutionen, die freilich zunächst nur feinen Herrscher- zwecken dienen sollten, die aber in ihrer Folgerichtigkeit und Großartigkeit das Gepräge der Dauer an sich trugen. Wenn der entthronte Kaiser auf St. Helena von sich sagte, er habe in Frankreich den Abgrund der Gesetzlosigkeit geschlossen, die Ordnung wieder hergestellt und die Revolution von ihrem Schmutze gereinigt, so hat er gewiß nicht zu viel behauptet. Aber auch die Bourbonen mußten auf den Grundlagen, die Napoleon neu geschaffen, weiter bauen. Nicht den Thron seiner Väter bestieg Ludwig XVIII., sondern den Kaisersitz Napoleons. Die Gemeinde- und Departemental-Versassung blieb so gut wie unangetastet. Sie entsprach dem Nationalgenius des französischen Volkes. Ebenso blieben die anderen Denkmäler seines organi¬ satorischen Geistes aufrecht: der Ooäs Xaxolsoo, die Universität, das Institut äs Uranos, der Orden der Ehrenlegion mit seinem stolzen Wahlspruch: „Ilonnsnr st Uatris", „Ehre und Vater¬ land". Das Konskriptionsgesetz hat bis zum Jahre 1872, das Konkordat, durch das die Rechte der Kirche gegenüber dem Staate geregelt wurden, bis 1905 bestanden. Adel und Bürger¬ stand, Arbeiter und Bauern leben noch jetzt in Frankreich in denselben Beziehungen zu einander, wie sie durch Napoleon ins Leben gerufen waren. Anders freilich gestalteten sich die auswärtigen Verhältnisse Frankreichs. Der Traum einer Weltherrschaft mit dem französischen Staate als Mittelpunkt war, wie alle Träume, nur von kurzer Dauer. Dennoch hat Napoleon auch auf die künftige Gestaltung Europas Einfluß genommen und seine ehernen Spuren in die Geschichte der europäischen Staaten eingedrückt. Indem er Italien auswühlte und die nationalen Instinkte des italienischen Volkes wachrief, hat er den Anstoß zu jenen Bewegungen gegeben, die schließlich zur nationalen Einigung der Apenninenhalbinsel führten. Und Deutschland, an dem er sich am schwersten versündigt hatte, erlebte durch ihn jenen nationalen Aufschwung, der in der Erinnerung des deutschen Volkes nie¬ mals erlosch und in unseren Tagen zu dem glorreichen Waffen¬ gange mit dem französischen Erbfeinde in den Jahren 1870/71 und zur Wiederaufrichtung des Deutschen Kaiserreiches auf 194 modernerer und gesunderer Grundlage führte. Der morsche und altersschwache Bau des heiligen römischen Reiches deutscher Nation mußte erst durch die eiserne Faust des korsischen -Eroberers in Trümmer geschlagen werden, ehe ein neues, wohnlicheres Gebäude entstehen konnte. Napoleon glich in seinem Vorgehen gegen Preußen und die übrigen deutschen Staaten jenem Geiste, der stets das Böse will und stets das Gute schafft. Wenn Ludwig I. von Bayern auf weitschauender Höhe bei Regensburg einen deutschen Ruhmestempel, die Walhalla, er¬ richtete und bei Kehlheim an der Donau die Befreiungshalle erbaute, auf deren Boden die Worte stehen: „Möchten die Deutschen nie vergessen, was den Befreiungskampf notwendig machte und wodurch sie gesiegt!" so hat er die Bedeutung Napoleons I. für das deutsche Volk richtig aufgefaßt. Ungeheuer aber ist die Bedeutung, die Napoleon für die Entwicklung des Kriegswesens in Anspruch nehmen darf. In seinen Feldzügen hat er uns Meisterwerke hinterlassen, „deren Betrachtung", wie Landmann*) sagt, „sich jeder mit heiliger Be¬ gierde hingibt, der sich an großen Taten begeistern, die Bedeutung der im Kriege wirkenden Kräfte kennen lernen und sich ein Urteil über deren Einfluß bilden will". Ebenso wahr bleiben die Worte desselben Verfassers: „Die Pflicht des Staatsbürgers zur Vaterlandsverteidigung, der General¬ štab, die Armeekorps, Infanterie- und Kavallerie-Divisionen, die Trainbataillone und Intendanturen bestehen noch heute. Man will auch heute im Kriege sich trennen, um zu leben, sich vereinigen, um zu schlagen, die Kräfte zusammenhalten und nicht zersplittern. Die Verwendung großer Kavalleriekörper vor der Front der Armee, von Kavallerie- und Artilleriemassen in der Schlacht, energische Verfolgung nach dem Siege, einfache und klare Befehl- gebung, dabei Heranbildung eines kriegerischen Geistes werden noch heute angestrebt." Hat daher der englische General Wolseley nicht recht, wenn er in einer geschichtlichen Abhandlung Napoleon als das größte menschliche Wesen bezeichnet, das Gott je auf die Erde geschickt hat? Napoleon I. München 1905. Im Guten wie im Bösen, mögen wir hinzusetzen I Mit Alexander dem Großen hat sich Napoleon gern in seinen kühnsten Träumen verglichen. Aber des Mazedoniers Schicksal war freundlicher. Sanft berührte ihn, als er noch in der Blüte seines Lebens stand, der Stab des Götterboten und mhrte ihn in die Unterwelt. Ihm blieb erspart, den Zusammen¬ ruch seiner Schöpfungen mit eigenen Augen zu sehen. Ein schmerzlicheres Geschick war Napoleon beschicken. Er wurde vom Throne gestoßen und sah sein Reich zusammen¬ brechen, seinen Sohn, den Stolz und die Hoffnung seines Lebens, in der Verbannung trauern. Ihm blieben nur die großen Erinnerungen, deren Fittige ihn noch in der Sterbestunde umrauschten, und er mochte am Ende seines Daseins der Worte gedenken, die er einst als zwei- undzwanzigjähriger Leutnant niedergcschrieben hatte: „Uss Irominss äs Asräs sout äss mstsorss, ässtinsZ ü brräsr, xonr solairsi' Isnr sisols." „Die Menschen von Genie gleichen den Meteoren, bestimmt, zu verbrennen, um ihr Jahrhundert zu erleuchten." Knhang. — Stammtafel der Familie Bonaparte. Unsere Leser werden uns vielleicht Dank wissen, wenn wir unserer Biographie des Kaisers Napoleon I. eine kurze Stammtafel der Familie Bonaparte anschließen, einer Familie, deren weltgeschichtlicher Glanz ebenso blendend als verhältnis¬ mäßig von kurzer Dauer war. Wir fügen zugleich einige Bemerkungen über die Schicksale der hervorragendsten Mitglieder dieses Hauses nach dem Tode des großen Napoleon hinzu. Lätitia, die ehrwürdige Nnäniuo-Nsrs, lebte in tiefster Zurückgezogenheit in Rom, unablässig bemüht, an der Ruhmes- legende ihres großen Sohnes weiter zu spinnen. Man sah sie beinahe nie außer Hause, denn wenn sie ihre bescheidene Wohnung verließ, fuhr sie fast immer nur im verschlossenen Wagen aus. Die kleine, magere Dame mit den dunklen, aber feurigen Augen, in dem einfachen, beinahe ärmlichen schwarzen Wollkleid und dem turbanähnlichen Kopfschmuck, wie er zur Zeit des Empire Mode war, glich einer Reliquie aus langst vergangenen Tagen. Alle Welt begegnete ihr mit Ehrerbietung, man achtete in ihr die Mutter des großen Toten von St. Helena. Ihre reichen Ersparnisse, die sie angesammelt hatte, kamen ihren Kindern zugute, für die sie bis zu ihrem Ende, das im Jahre 1836 erfolgte, sich aufopferte. Napoleons ältester Bruder, Josef, lebte als Graf von Survilliers in Amerika, sein Landgut bebauend; er starb im Jahre 1844. Der zweite Bruder, Lucian, wohnte in Tuscu¬ lum, der klassischen Stätte in der Nähe Roms, mit Ausgrabungen und archäologischen Studien beschäftigt; sein Tod erfolgte im Jahre 1840. Der dritte Bruder, Ludwig, der die Königskrone Hollands niedergelegt hatte, weil er dem Wohle seiner Unter¬ tanen nicht im Wege stehen wollte, lebte als einfacher Graf von Saint-Leu größtenteils in Florenz. Er schloß sich von jedem Verkehr ab und beschäftigte sich, der edlen Richtung seines Geistes entsprechend, ausschließlich nur mit Poesie und wissen¬ schaftlichen Arbeiten. Aus seiner Ehe mit Hortense Beauharnais, der Stieftochter Napoleons I-, stammten nach dem frühen Tode des ersten Knaben noch zwei Söhne, Louis Napoleon und Charles Louis Napoleon; jener starb schon im Jahre 1831, dieser wurde nach dem Sturze des Julikönigtums Präsident der französischen Republik und bahnte sich so den Weg zum Kaiserthron, den er am 2. Dezember 1852 als Napoleon III. bestieg. Aber auch ihm blieb es wie seinem großen Oheim versagt, eine Dynastie zu begründen. Die Schlacht von Sedan beraubte ihn des Thrones und der Freiheit. Er starb in England im Jahre 1873; sein einziger Sohn Napo¬ leon Eugen Ludwig endete im Jahre 1879 im 23. Lebens¬ jahre in Südafrika im Kampfe gegen die Zulukaffern. Napoleons I. jüngster Bruder, Hieronymus, überlebte alle seine Geschwister. Er war noch als Greis von jenem Leicht¬ mut und jener frischen Beweglichkeit, die ihn in seiner Jugend als König von Westfalen zum Mittelpunkte der ausgelassensten Lustbarkeiten und rauschendsten Feste gemacht hatten. Er lebte teils auf dem Schlosse Göppingen, das ihm sein Schwiegervater, König Friedrich I. von Würtemberg, zum Geschenke gemacht hatte, teils in Rom und starb erst im Jahre 1860 im Alter von 76 Jahren. Er setzte den Stamm der Napoleoniden fort, denn sein zweitältester Sohn Napoleon, der sich mit Mathilde, der Tochter des Königs Viktor Emanuel II. von Italien, vermählte, wurde der Vater zweier Söhne: Napoleon, Napoleon Ludwig und einer Tochter Lätitia. Von den Schwestern Napoleons lebte die älteste, Elisa, die einstige Fürstin von Piombino und Großherzogin von Toskana, als Gräfin C a m P i g na n o in Italien und starb im Jahre 1820. Ihr Tod erschütterte den kranken Gefangenen von St. Helena und erschien ihm als Vorbote seiner eigenen baldigen Auflösung. Die zweite Schwester, Karoline, die Witwe Murats, starb als Gräfin Lipona (Anagramm von Napoli, wo sic einst als 198 Königin regiert hatte) im Jahre 1839. Pauline Borghese, die Lieblingsschwester des Kaisers Napoleon, starb in der Villa ihres Gemahls, des Prinzen Kamillo Borghese, mit dem sie sich zuerst entzweit, dann aber wieder ausgesöhnt hatte, in Rom im Jahre 1825. Die Stiefkinder Napoleons, die an dem Glanze, mit dem er seine Verwandten umgab, Anteil hatten, Eugen Beauharnais, der gewesene Vizekönig Italiens, der nach dem Sturze Napoleons den Titel eines Herzogs von Leuchtend erg angenommen hatte, und die durch Anmut und Geist ausgezeichnete Hortense, die Mutter Napoleons III-, starben, der eine im Jahre 1824, die andere im Jahre 1837. Die Kaiserin Marie Luise, Napoleons zweite Gemahlin, starb als Herzogin von Parma im Jahre 1847. Sein Sohn, das Kind von Frankreich, dem der Vater den Titel eines Königs von Rom beigelegt hatte, mußte das herbe Leid der Verbannung erdulden, das Brot der Fremde essen, das Dante als das bitterste bezeichnet hat. Es war dem Vater nicht geglückt, das Los des Astyanax von seinem Kinde, mit dem sich seine letzten Gedanken beschäftigten, abzuwenden. Sein Großvater, Kaiser Franz I. von Österreich, verlieh ihm den Titel eines Herzogs von Reichstadt. Als solcher starb er im kaiserlichen Lustschlosse Schönbrunn bei Wien am 22. Juni 1832 an einem rasch verlaufenden Lungen¬ leiden in demselben Zimmer, das der kaiserliche Vater in den Jahren 1805 und 1809 bewohnt hatte. Stammtafel des Hauses Bonaparte. Carlo Maria Bnonnparte (1746—1785) — Maria Lätitia Ramolino (1750—1836). Josef Napoleon I., Lucian, Elise, Ludwig, Pauline, Karoline, Bonaparte, 1769—1821, f 1840 1777—1820, 1778—1846, verm. mit 1782—1839, 1768—1844, verm. mit verm. mit Felix verm. mit Hortense Kamillo verm. mit Gemahlin 1. Josefine Beau- Fürsten von Beauharnais Borghese, Joachim Murat. Marie Julie Harnais, ' Piembino. ch 1825. Clary aus 1763—1814, Louis, Ludwig Napoleon, Charles Louis Marseille. 2. Maria Luise, -l- 1807. 1804—1831. Napoleon f 1847 Charlotte, ) 1802—1839, -Franz Napoleon verm. mit Lud- (113, Herzog von wig Napoleon,,/"Reichstadt, zweitem Sohn 1811—1832. des Königs Ludwig von " Holland. Stiefkinder Napoleons I.: (Napoleon 111.), 1808-1873, verm. mit Maria Eugenia Montijo, geb. 1826 (lebt noch) Napoleon Eugen Ludwig, 1856 -1879. Hieronymus, 1784-1860, zweite Gemahlin Katharina von Württemberg Eugen Beauharnais, f 1824. ! Hortensia, 1783-1837. August, verm. mit Maria da Gloria von Portugal, f 1835. Maximilian, verm. ! mit Großfürstin Maria von Rußland, s- 1852. Hieronymus. Mathilde. Napoleon (Plon-Plon), j 1822—1891, verm. mit Klothilde, Tochter des Königs Viktor Ema¬ nuel II. von Italien .... l. Napoleon Napoleon Lätitia, geb. 1866, l Viktor, Ludwig, Witwe des Prinzen geb. 1862. geb. 1864. Amadeus von Aosta. Verlagsbuchhandlung „Styria", Sra^ Volksbücherei. (Sammlung der empfehlenswertesten Unterhaltungs- Literatur der Vergangenheit und Gegenwart.) preis aer Nummer 20 k --- 20 Pf. kinvanaaecken 2? li --- 24 Pf. Vollständiges Verzeichnis (bis Mitke 1006): Preis Nr. brosch. geb. Achleitner Artur, Der Lawinenpfarrer. Mit 9 Jllustr. . . . — Der wilde Galthirt.. Mit 6 Jllustr. — Der Nadmeister von Vordernberg. Mit 7 Jllustr Beatnshöhle. Mit Titelbild und Einleitung. Bliimcke Ludwig, Die Sühne des Fischers Conscience Hch., Der Löwe von Flandern. Mit Titelbild . . — Der Rekrut. Mit Bild des Dichters. . . — Der Bahnwächter '. Daudet Alphonse, Tartarin von Tarascon Droste-Hülshofs Annette, Gedichte. Mit Bild der Dichterin . — Die Judenbuche, Erzählung. — Das geistliche Jahr. Dyherrn Gg., Auf der Schwaige. Hochlandsnovelle. Mit 9 Jllustr. — Am Alpsee. Hochlandsuovelle. Mit Jllustr. — Stasi. Geschichte aus dem Hochland. Mit Jllustr Eversberg Jul., Geschichte eines alten Kommißmantcls . . . Eichendorfs Jos., Aus dem Leben eines Taugenichts. Mit Bild des Dichters. — Schloß Dürande . Fleuriot Zenalde, Eine unsichtbare Kette. Mit Titelbild . . Flir Alois, Bilder aus den Kriegszeiten Tirols. Fridolin vorn Freithal, Das Hochgericht im Birkachwald . Francisci Blütengärtlein. Fullerton, Sieben Geschichten Gerstäcker Friedr., Das sonderbare Duell — Verhängnisse. — Der Wilddieb. Mit Bild des Verfassers Mahlhubers Reiseabenteuer. Humorist. Erzählung .... Gorki Maxim, Novellen. Mit Bild des Verfassers Gould S. B., Domitia. Grillparzer Franz, Die Ahnfrau. Mit Titelbild — König Ottokars Glück und Ende. Mit Titelbild — Weh dem, der lügt!. — Ein trener Diener seines Herrn 143/144 145 31/33 100/103 3 4 187/189 183,186 37 38/39 105/106 107/108 130/131 178/182 14/15 16/17 57 58 1 5 11 68/69 157 59/65 70/71 72 168/169 84 85 194/195 86/87 90/91 104 35/36 —-20 —-40 — 20 1-40 2'- — 40 —-90 — 40 --90 —-40) — 40) 1'50 —-20) — 40 "o —-60 110 — 80 1-30 — -40 — 60 110 — 80 1-30 -N "° ^1oj — 40 —S0 I— i-so Verlagsbuchhandlung „Schrla", Sraz. Nr. Herbcck Josef. Weltferne Geschichten. Mit Jllustr 158/159 Hirlanda. Mit Titelbild . 67 Hoffmann E. T. A., Meister Martin nnd seine Gesellen ... 9 Kleist Hch., Michael Kohlhaas. Mit Titelbild.20/21 Kocrbcr Paul, Hie Teufel — hie Engel. 39 Künstlergeschichten. Mit Bildern.98/99 Lagerlöf Selma, Unsichtbare Bande. Mit Bild der Ver¬ fasserin .190/193 Lentncr I. F., Zwischen Lech und Inn. Novellen, Sagen und Schilderungen.123/121 Ludwig Otto, Zwischen Himmel und Erde. Mit Bild des Verfassers.92/98 — Ans dem Regen in die Traufe 93/97 Melatti von Java, Michael der Sänger 173/174 — Die Amerikanerin 178/177 Meßner Jos., Die Handwerksburschen 12/13 Mörike Eduard, Mozart auf der Reise nach Prag. Mit Bild des Dichters.136,137 Mügge Th., Ter Bogt von Sylt 132/135 Okonski W., Arm- Menschen. Drei Zeitbilder 138/139 Profchko Fr. I., Erasmus Tattenbach. Mit 6 Vollbildern . . 126/129 — Ein deutsches Schneiderlein. Mit Vollbildern.163/167 Reimmichl, Aus den Tiroler Bergen.49/59 Rosegger Peter, Steirische Geschichten 29 Schiller Friede., Wilhelm Tell. Mit Titelbild und Karte . . 88/89 Schimpf und Ernst und aus dem Rollwagcnbiichlein. Mit Bildern. 34 Schrott-Ficchtl Hans, Zwischen Joch und Achen. Tiroler Bergbauerng'schichtcn. Mit 18 Illustrationen.150/182 Schuppe A., Laura Bassi — Emanuel Astorga 51 Stcnkiewicz Hch., Die Kreuzritter. Mit 6 Vollbildern . . . 40/48 — Ums liebe Brot. Mit Bild des Verfassers.52/53 — Janko, der Musikant, und andere Novellen 54 — Der Leuchtturmwächter. — Lilian Moris 55/56 — tZno vaäis? Historischer Roman aus der Zeit des Kaisers Nero. Mit 9 Vollbildern 73/81 Smolle Leo, Der letzte Graf von Cilli. Mit Vollbildern. . . 160/162 Spindler C., Nach Amerika! 2 — Ritter und Bürger. - Ein echter Edelmann 6 — Ter Hofzwerg. 10 Stifter Adalbert, Der Hochwald. — Das Heidedors .... 7/8 — Feldblumen 18/19 — Die Narrcnburg. Mit Bild des Dichters 146/147 — Die Mappe meines Urgroßvaters.148/149 Tolstoi Leo, Die Kosaken. Mit Bild des Verfassers .... 140/142 — Russische BolkSerzählungen und Legenden. Mit Bild des Verfassers.170/172 Trucba Ant. de, Baskische BolkSerzählungen 125 Volksbücher, Deutsche. (Schwab.) I. Doktor Faustns.... 82/83 -II. Die Heimonskinder. 153/154 Wallace Lewis, Ben Hur. Erzählung aus der Zeit Christi. Mit Bild des Verfassers und 12 Vollbildern.113/122 Widmapcr Barth., Bunte Geschichten 66 Wicsing Hans, Agnes vom Palteutal. Mit 6 Bildern . . . 109/112 Wifeman Nil. Kard., Fabiola oder Die Kirche der Katakomben Mit 10 Bildern. . 22/28 Zeiler I. N., Lose Blätter 155/156 Preis brosch. geb. —-40 —90 —-20 "° --20 — 40 —90 —-80 1-30 —-40 —90 ^01 i-go -'40/ — 40 —'90 -'60 1'10 —-40 -'40 —-90 — 80 1-30 — 40 —90 —-80 1-30 --80 1'30 --40 —-90 --20 —-40 —90 —-20 —-60 1-10 --20 1- 80 2-50 —-40/ —-20^ 150 --401 180 2'50 — 60 110 —-20/ mit --20 Nr.3/4 —-20) 1'50 ^1o! I SO ^60) 1SI -.60 110 -'60 110 -20 —-40 —90 — 40 —-90 2— 2-70 —-20 — 80 1-30 1-40 2-— --40 -'90 Verlagsbuchhandlung „Styria", Sraz. Gen f>ur. Line Erzählung aus äer T!eit Ehristi. Von luewis Wallace. ?4us ckem englischen übersetzt von Dr. Nd. sinter. Mit 11 Vollbildern von Garais und Schumann, Bild des Verfassers und einem Wortverzeichnis. M. 43 Bogen. In elegantem Originalband (Leinen mit Farbendruck) L 4'20 — Mk. 3'75. Volksausgabe (Grün¬ leinen mit Rotschnitt) L 2-70 — Mk. 2'70. Über die Schönheiten und Vorzüge dieses — man möchte fast sagen einzig dastehenden — Romanes sagt der als gewiegter Kritiker bekannte verstorbene .1?. W. Kreiten, 8. 0.: „Der Verfasser hat es ver¬ standen, uns auf dem Hintergrund seiner Handlung die lichtvolle Gestalt seines Heilandes zu zeigen, die um so erhabener hervorragt, je weiter sie dem Alltagsblick des Lesers entrückt ist. Nur gegen das Ende des Romanes treten wir dem Erlöser selbst gegenüber, wir wohnen dem Zuge nach Golgatha und der Kreuzigung bei und müssen uns sagen, daß der Dichter hier in seiner schlichten Einfachheit etwas ergreifend Großartiges geliefert hat." Das Werk ist denn auch vom Jahre seines Erscheinens 1880 bis l887, wo die erste deutsche Ausgabe veranstaltet wurde, in 150.000 Exemplaren in englischer Sprache abgesetzt worden, und auch die erste deutsche Ausgabe zählte eine an 100 grenzende Zahl von Auflagen. Das Buch sollte jedermann gelesen haben. Diese weltberühmte Erzählung verdient die Krone unter allen Werken der Romanliteratur. Tas Buch ist fesselnd, belehrend und erbauend und eignet sich insbesondere als Gelegenheitsgeschenk für die reifere Jugend und für Erwachsene. Verlagsbuchhandlung „Schrla", Sra?. 6uo vcrclis? fnstorlscher l^oman aus cler F^elt des Kaisers Nero. Von Heinrich Sienkiewicz. Nus ciem Polnischen übertragen von Eheo Kroc^ek. Mit einer Einleitung von Dr. Johann l^anttl. Mit 9 Vollbildern und einer Planskizze des alten Rom. M, 35 Bogen. In elegantem Originalband (Leinwand mit Farbendruck) nur L 4-— Mk. 3 60. Volksausgabe (Grünleiuen niit Rotschnitt) L250 — Mk. 2-50. - billigste illustrierte Ausgabe. —-— In Bezug auf dieses hochbedeutende Werk aus Sieukiewicz' Feder, das mit Recht einen Weltruf genießt, wurde schon oft bedauert, daß manche der zahlreichen und oft ausführlichen Sittenschilderungen es bedenklich erscheinen lassen, diesen Roman bedingungslos zu empfehlen. Aus diesem Grunde wurde hier von dem Grundsätze, nur unverkürzte Ausgaben zn bieten, ausnahmsweise abgegangen, um das so viele Vor¬ züge ausweisende Werk der Familie zugänglich zu machen. Wenn die vorliegende, aus bewährten Händen hervorgegangene Neu-Übersetzung auch einige Kürzungen aufweist, so hat doch andererseits der Übersetzer sich sorgfältig bemüht, die Schönheit der Sprache nnd den Schwung der Darstellung voll wiederzugeben. Eine Reihe von Künstlerhand gestellter Bilder, der schöne Druck und die gute Ausstattung lassen auch äußerlich diese Ausgabe allen anderen ebenbürtig erscheinen. Verlagsbuchhandlung „Stpria", Sra^>. Die Kreuzritter, fnstorjscher l^oman VON Heinrich SienkiewiLZ. Übersetzt von Theo ttroctzek. Linleitung von Dr. ss. ttanttl. Mit 6 Bildern. 8«, 600 S. In eleganten! Originalband (Leinwand mit Farbendruck) I<4 — — Mk. 3 60. Volksausgabe (Grünleinen mit Rot¬ schnitt) X 2-50 - Mk. 2-50. Seit dein Erscheinen des ersten großen Werkes des berühmten polnischen Erzählers („Mit Feuer nud Schwert", „Die Sturmflut", „Der kleine Ritter") ist der Name Sienkiewicz nicht nur in seiner Heimat, sondern im ganzen gebildeten Abendlande bekannt. „Die Kreuz¬ ritter" sind das bedeutendste literarische Ereignis der letzten Jahre. Den geschichtlichen Hintergrund der Dichtung bilden die erbitterten und blutigen Kämpfe des mächtigen Deutschen Ordens mit den Polen um 1400. In farbenprächtigen Bildern führt uns der Dichter die ein¬ zelnen Phasen des Niederganges des Ordens vor, mit dem die aben¬ teuerlichen Schicksale des jungen Polen Sbyschko verknüpft sind. In ihren phantasievollen Schilderungen, gewaltigen kulturhistorischen Dar¬ stellungen und ihrem künstlerischen Aufbau stellt sich die vorliegende Erzählung neben die besten englischen und deutschen geschichtlichen Romane. — Vorliegender Bearbeitung liegt die von Sienkiewicz be¬ sorgte Volksausgabe zu Grunde, in der das vom Gange der Hand¬ lung allzuweit Abweichende, dann die scharfen Worte gegen die Deutschen weggelassen sind. Der Genuß am künstlerisch Schönen wird dadurch nicht gekürzt, er wird dadurch erst ein ungestörter. Eine ausführliche Einleitung von Dr. Ranftl sowie eine kurze Geschichte des Kreuzritter-Ordens leisten dem Genüsse des Werkes gute Dienste. Die „Kreuzritter" waren bisher nur in ziemlich teuren Aus¬ gaben zu haben; hier wird nun eine gute illustrierte Ausgabe in prächtigem Original-Geschenkband zu überaus billigem Preise geboten, die dem Roman als Geschenkwerk die weitesten Kreise öffnen dürfte. 10 Verlagsbuchhandlung „Schrla", Sraz. Llms liebe Brot uncl anäere Novellen. Von Heinrich Sienkiewic^. Pius clsm Polnischen übertragen von Tcheo Rroczek. Wit 6em Gilöe cles Verfassers. 8°^ 283 S- In Leinwand-Geschenkeinband Iv 2'80 -- Mk. 2 40. Volks¬ ausgabe (Grünleinen mit Rotschnitt) L 1'50 — Mk. 1'50. Inhalt: Ums liebe Lrot. — ^anko, cler TNusikant. — Orso. — Oie Komödie cler Irrungen. — Oer lüeuchtturmwächter. — Liilian N)oris. Die meisten Sienkiewiczschen Novellen zählen zu den ersten Arbeiten aus der Jugendzeit des Dichters. Anfang der Siebzigerjahre bereiste er Amerika und hielt sich länger dort auf; diesem Aufenthalte verdanken fast alle vorliegenden Novellen ihr Dasein, wie sie sich denn auch (mit Ausnahme des „Janko") in der Neuen Welt abspielen. Tiefe Tragik und übermütiger Scherz sind hier vertreten, aber jede dieser Novellen ist ein Kabinettstück in ihrer Art, spannend bei aller Einfachheit, voll seelischer Tiefe. Den Titel hat die erste Novelle gegeben, eine er¬ greifende Answanderergeschichte, die auf der Überfahrt und in der Neuen Welt spielt. Für die Entwicklung des Dichters und seiner Werke sind diese Novellen von Bedeutung und großem Interesse. Verlagsbuchhandlung „Schria", Sraz. Auf einsamer Höh'! tiroler Novellen von Artur Achleitner. Mit Illustrationen von Professor Matthias SchmicI unä Nciolk Schumann. Inhalt: Oer Lawinenpfarrer (72 S.). — Oer wilöe Salthlrt (Sö 6.). 4. Auflage. 1905. In elegantem Originalband (Leinwand mit Farben¬ druck nur X 1'50 — Mk. 1'20. Volksausgabe (Griinleinen mit Rot¬ schnitt) X - 90 --90. Oer 1?a6ineister VON Vorciernberg. Lin Sewerkschattsbilö cler ehernen Mark. Von Artur Achleitner. Mit 8 Silcisrn von st. Schumann uncl einem Panorama cler Lrchergbahn. Dritte Auflage. (8. bis 12. Tausend.) In elegantem Geschenkeinband X 1-50 -- Mk. 1'20. Hochlandsnovellen. Von Georg ^reiherrn von Opherrn. Inhalt: ?tut iftorischer vornan von Neinrich donscience. 8», VIII und 804 S. Mit Titelbild. Preis in Original-Geschenkband mit Deckenzeichnung L 3-60 -- Mk. 3-20. Volksausgabe (Griinleinen mit Goldschnitt) L 2-— ---- Mk. 2 —. Das Erzählertalent Cousciences ist von allen, die ihn gelesen, und von jeder Literaturgeschichte so anerkannt und geschätzt worden, daß es überflüssige Mühe wäre, lange Worte des Lobes über den „Löwen von Flandern" hier beizufügen. Die Erzählung spielt in einer der interessantesten Geschichtsperioden Flanderns, in der, nach rücksichts- und treuloser Unterdrückung des Landes durch Philipp von Frankreich, Pieter Deconinck, der mutvolle Patriot, seinen flämischen Stammesgenossen mit dem Schwerte in der starken Faust die Freiheit wiedererrang. Eine neue Macht, nämlich das durch die Zünfte vertretene Bürgertum, war es, das zu Anfang des 14. Jahrhunderts unter Führung des Wollenwebers Deconinck für seine Freiheit dem König von Frankreich entgegentrat und an der Seite der Ritterschaft das Vaterland befreite, wahre Wunder der Tapferkeit verrichtend. Es ist ein buntbewegtes und farbenreiches Bild aus der glänzendsten Zeit des Mittelalters und des Rittertums, das der Verfasser hier zeichnet; seine Erzählung ist keine Phantasie, sondern beruht durchweg auf Tatsachen, die er mit wahrer Vaterlands¬ liebe schildert. Das Kriegsdrama schloß mit der Schlacht bei Cortryk (1302), der sogenannten Sporenschlacht, weil in ihr die Flamländer den erschlagenen französischen Rittern ungezählte goldene Sporen abnahmen und sie in der Frauenkirche zu Cortryk darbrachten. Seines Inhaltes wegen eignet sich das Buch auch als Geschenk für die reifere Jugend. Verlagsbuchhandlung „Schna", Gra^i. Wilhelm ^ell. Lln Schauspiel. Von ?riec1rjch von Schiller. für cisn Schulgsbrciuch hsrausgsgsbsn von Dr. Nnton Sattler, Lpmuasialprokossor. Mit einer Karte und 5 Vollbildern sowie Einleitung und Anmerkungen, LXIV u. 150 S, In Ganzleinen L 1'- --- Mk. -'85. „Wilhelm Tell" bildet das erste Bändchen der „Styria-Aus- gaben deutscher Klassiker"; als nächstes Bändchen wird erscheinen Schillers „Maria Stuart". Mit Titelbild sowie Einleitung und An¬ merkungen von Dr. A. Sattler. Vorliegende Tell-Ausgabe dürfte in Bezug auf Sorgfalt des Textes und der Erklärungen zu den besten gehören, die es gibt. Eine vorausgehende Einleitung erläutert Geschichte und Inhalt des Dramas, Würdigung der Dichtung in Bezug auf die ihr zu Grunde liegende geschichtliche Wahrheit, eine Würdigung der Personen, der Sprache und der Ausführung des Schauspieles. 27 Seiten Anmerkungen im Anhänge bieten jedwede Erklärung von Orts- und Personennamen, näheren Um¬ ständen, weniger geläufigen Ausdrücken — kurzum ein sehr reichhaltiger erklärender Anhang. Gerichte (Auswahl). Von Annette von Oroste-^ülshOff. Mit Einleitung und mit Anmerkungen sowie mit Bild der Dichterin. 1.—11. Tausend. 7'/» Bogen. In elegantem Geschenkeinband L 1-20- Mk. 1-. Die schönsten Gedichte der bedeutendsten katholischen und allgemein als vollendete Meisterin anerkannten Dichterin sind hier ausgewählt. Verlagsbuchhandlung „Stgrla", Sraz. Erzählungen aus Steiermark? Vergangenheit. Erasmus Tattenbach. historischer Roman von Franz I. proschko. Mit Einleitung und 6 Vollbildern. Zweite Auflage. VIII u. 213 S. In Ganzleinen II 150 — Mk. 1'20. Der vorliegende Roman „Erasmus Tattenbach" ist auf steier¬ märkischen und ungarischen Geschichtsquellen begründet. Er enthält im historisch-romantischen Rahmen das Bild eines wankelmütigen, selbstsüchtigen und ehrgeizigen Mannes. Aber auch manche schöne Sage und historische Mitteilungen aus älteren Zeiten sind in den Rahmen eingeflochten. Agnes, der Engel vom paltental. Line geschichtliche Erzählung aus der Zeit des Abfalles vieler Steirer von der katholischen Kirche zum Luthertum. Nach alten Urkunden bearbeitet von Hans wie sing. Vierte Auflage. Mit 7 Vollbildern. 300 S. In Ganzleinen L 1'50 — Mk. 1-20. Dieser preisgekrönten Erzählung liegen teilweise wirkliche Gescheh¬ nisse zu Grunde und sind dieselben Urkunden aus damaliger Zeit ent¬ nommen. Der Verfasser hat die urkundlichen Tatsachen in anziehender Sprachweise zu einer Erzählung verwendet und werden die Leser sowohl Unterhaltung als auch manche Belehrung und Ausschluß über Dinge finden, die ihnen bisher unbekannt geblieben sind. Das Hochgericht im Birkachwald. Line Erzählung nach wahren Begebenheiten von Zridolin vom Zreithal. Vierte Auflage. II.—17. Tausend. 141 S. In Ganzleinen L 1-20 - Mk. 1'-. Verlagsbuchhandlung „Schrla", Sra^. Line deutsche Klassiker-Bibliothek (mittel- un6 hochdeutsche Dichtungen). Deutsche Dichtung kür die christliche Familie und Schule. Von Christian Stecher. 15 Bände. 8°. Falls zusammen bestellt nur L 9-— — Mk. 7 50. Nnhalt: DeS Pfaffen Konrad RolandSlicd oder KarlS deS Grotzen Zug nach Spanien. X 1'- - Mk. — 80. Cäcilie oder Sturz des Odinsdicnstes in Dänemark. Romantischer Helden-Epos von Ernst Schulze. (Doppelband.) X 2-— -- Mk. t'<». Twain oder Der Ritter mit dem Löwen. Romantisches Epos von Hartmann von Aue. X 1' — — Mk. —'80. Der Held des Nordens. Bon Friedrich de la Motte-Fouqnö. X 1'25 — Mk. 1'-. Wallenstein. Dramatisches Gedicht von Friedrich v. Schiller. X 1'25 — Mk. 1'—. Schillers Maria Stuart und Jungfrau vo» Orleans. X 1 25 — Mk. 1—. Der Erlöser oder Nene Evangclicn-Harmonie. X 1'25 — Mk. 1—. Kaiser Oktaviauns. Schauspiel von Ludwig Tieck. X 1'25 — Mk. l —. Leben und Tod der heiligen Genovefa. Trauerspiel von L. Ticck. X 1— — Mk. --80. Schillers Braut von Messina oder Die feindlichen Brüder und Wilhelm Dell. X 1'25 Mk. 1'-. Erelund Enite. Romantisches Epos von Hartmann von Aue. X 1 — — Mk. —'M. Wilhelm von Oransc, romantisches Epos, und Lothcr und Maller oder Das Lied vo» den zwei treuen Geselle», romantisches Heldengedicht. X 1'25 — Mk. 1'-. Barlaam und Josaphat, Legenden-EpoS von Rudolf von Enis, und Legende» der Heiligen: Christoph, Georg, Ida von Toggenburg, Notburga, Fridolin. Bon Chr. Stecher. X 1- Mk. -'M. Marienlcven, Legenden-Epos, nnd Maricnlcgcndcn. Bon Chr. Stecher. X 1'— -- Mk. —'80. Die Ausstattung der Sammlung ist vornehm: Chamois-Papier, Initialen und Kopf¬ leisten, Schwabacher-Schrist, Einband Ganzleinwand, Decken- nnd Rückenverziernng und Rotschnitt. sseclss Günächen ist auch einzeln käuflich. Verlagsbuchhandlung „Schrla", Srar. Line willkommene un6 sinnige Festgabe kür clie Jugenä uncl äas Volk ist ciie Seschichte Österreichs kür 6as Volk. Dritte, bis in 6ie neueste Leit fortgeführte Auflage. Von Or. Peter Ndacherl. Mit zahlreichen Illustrationen. Lex.-8<>. Hocheleganter Band mit reicher Goldverziernng X 12 — Mk. 10'—. -^lü^- Das Werk bietet den behandelten Stoff in einer äußerst klaren Einteilung und Gruppierung. Die Darstellung und Schilderung der geschichtlichen Ereignisse ist ebenso instruktiv wie fesselnd und durchweht von edlem, wahrem Patriotismus. Diese Vorzüge sowie die reiche Illu¬ stration, das schöne Papier, der klare Druck machen das Werk zu einem unschätzbaren Familienbuche, das für jung und alt ein reicher Born der Belehrung, Erholung und Unterhaltung sein wird. Das Werk kann auch in 17 Lieferungen ä X —BO — Mk. —'45 bezogen werden. Einbanddecke apart X 2— Mk. 1'80. Verlagsbuchhandlung „Schrla", Graz. Vollständig in 22 Länden. — sssder Land ist einzeln käuflich. Preis äes Landes gebunden in elegantem uncl dauerhaftem Nalbfran^r mit Äotschnitt L 10-40 MK. 8 70 (Land 7 unä 8 je L 12 80 ---- N)k. 10 70). Inhalt: I. Geschichte des Orients. — II. Bellas und Nom. — III. Das Ohristen- tum. Die Völkerwanderung. — IV. Oer Islam. Karl der Große. Gregor VII. - V. Oie Teit der Kreurrüge. — VI. Nudolt I. Oolumbus. — VII. Oie neue ^elt. Maximilian I. Luther. — VIII. Neligionsstreit. Kunst und Literatur 1530—ISIS. — IX. Oer Dreißigjährige Krieg. Kunst und Wissenschaft. — X. Oie englische Revolu¬ tion. Ludwig XIV. — XI. Geschichte von 1701 bis 1744. Literatur. — XII. Maria Oheresia. Friedrich II. Polen. — XIII. Aufklärung und Absolutismus. — XIV. Nord- amerika. französische Revolution. — XV. Ludwig XVI. und die Revolution. — XVI. Oer Konvent. Oie Republik. Oer Krieg. — XVII. Oie Schreckensherrschaft. Oer Krieg 1793—1794. — XVIII. fiöhe und Sturz der Schreckensherrschaft. - XIX. Oas Direktorium. Oer Krieg 1795-1799. — XX. Allgemeine Geschichte 1S0O—180S. — XXI. Allgemeine Geschichte 180S-1S09. — XXII. Allgemeine Se- schichte 1609—1815. Adit vorliegenden Länden ist leist' Weltgeschichte, neu be¬ arbeitet von Prok. Dr. Vockenhubsr, nunmehr vollständig in Neuauflage (1898—1905) durchgetührt. — Die Fortführung über 1815 hinaus bis ^ur Gegenwart wird von Archiv-Direktor und k. k. Univ.-Prof. Dr. M. Mayr Innsbruck) besorgt werden. Ein ganz außerordentlicher Erfolg ist es, daß ein Werk von solchem Umfange binnen wenigen Jahren wiederholt in neuer Auslage erscheinen mußte. Weiß' Werk ist nicht nur ein Lehrbuch der Geschichte im umfassendsten Stil, sondern wahrhaft eine hohe Schule allgemeiner Bildung. Was dem Gebildeten von heutzutage wissenswert erscheinen, alles was den Geist erregen, das Herz erwärmen kann, findet hier seine Stelle und dies mit so frischer Begeisterung, solch idealem Schwünge, daß der Leser unwiderstehlich davon ergriffen wird. Es ist in der Tat geeignet, den Gesichtskreis weit aufzntun, reiches Wissen zu vermitteln und die edlen Saiten des Menschenherzens in Schwingung zu versetzen. 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