^7 5 ^ Nußlands i li i! c r r *V L c b c lt. Erster Band. Nußlands inneres Leben. Drci »u5 dreißigjährige Ersalzrungen eines Deutschen in Nußland. Drei Nänd« Zweite Ausgabe. Erster Baud. Brattllsch weiss, Druck lind Verlag o»n George Wcftc, m>i»!'. 1855. Meinen deutschen Landsleuten. Mit A ch im vo n A r u im' s Worten: „So nehmt dies Buch, cs ist das schönste nicht, Doch ist's empfangen und gereift am Licht, Es ist sich selber keiner Schuld bcwusit, Und was ihm fehlt, das fehlt der Menschenbrust." überreiche ich Euch ein Gemälde des innern Lebens Nußland's. Reisen durch dieses Neich, selbst mit Unpartheilichkcit und lauterer Wahrheit geschrieben, wollen Eurer Liebe zur Gründlichfeit nicht genügen. Sie will den Kern, die Bewegung der Innenwelt des Landes, bei dessen Betrachtung die Gegenwart Euch zum Aufmerken vielstimmig rnft. Ich habe das Verlangen gelesen nach einer Karte sittlicher Beobachtungen innerhalb der Kreisstäche der Euch geographisch, statistisch, historisch, naturgcschichtlich und sonst mannigfach gezeichneten Peripherie. Euer Blick geht in ein Kaleidoskop, wo Wahrheit, Irrthum, Widerspruch, Lüge, so untereinander fallen, daß der Sehcr zu keinem feststehenden Wandtablcau gelangen kann, vm um sich in die Gegenden himcr Verg Ulld Thal, in dic vor-gemaltcn Städte und Dörfer hineinzudenken, ohne nachher dic Emdeckung zu »nachcn, daß cr wie dic vermeintliche nordische Eemiramis von aufgetünchten Bretterwänden unb getriebenen, aufgeputzten Menschenhaufen ans frohlockende Städte geschlossen, und einen offenbaren Betrug als Lohn seines Denkens empfangen habe. Wenn ich cS versuche, jenem ausgesprochenen Verlangen hier entgegen zu kommen, so geschieht es nicht, weil meine Erfahrungen und die Resultate meiner Beobachtungen nur m's Papier fahren wollen; sondern weil sie als schlichte Boten, die Hand auf das Herz gelegt, Euch zur Mittheilung sich verpflichtet fühlen. Nicht zu Ohren und Augen möchten sie reden, sondern wie Euterpe gerade in's Herz, und zwar auf heimathlicher Erde, nicht wie von Eurer Vrust verwiesene Stimmen. Mein Wille, Vollendeteres zu geben, ist meinem eigenen Wunsche weit nachgeblieben. Empfangen aber selbst die Wünsche mit Seraphöflügcln ihr LooS nicht auch aus den Handen der Sterblichkeit? Könntel Ihr meinen das; meine Farben an dem Euch gereichten Bilde erschöpft wären, so erinnere ich Euch nur daran, baß schon 1752 auf den Grund russischer Beschwerde eine Frankfurter Zeitung ihr Ende erreichte. Befragt Euch selbst, ob Ihr nm so weit seid, die freie Sprache der Wahrheit über cin in jeder Rücksicht Euch fremdes Voll vernehmen zu dürfen. Der Guß meiner und aller Klänge überhaupt, die zu Euch rcdrn, würdc anders sein, wcnn nicht die störende Idee wie cin unreines Fossil hinein sich mischte, daß die bcstcn Gefühle und Gedanken, die heiß an dic Brust des Vaterlands sich wcrfcn möchten, nur plattirt nnd in ihrcr Natur-krast verstüminclt, vor Euch erscheinen sollen. Unser deutsches Volk ist im Ganzen vom Geist des Rechts beseelt. Diese Seele regt sich. Glück aufl Bei Dem nun, was ich Euch aus dem Norden und seiner Automatopolis, wo die siedenden Theekessel die Frci-heitslicder singen, mitgebracht habe, hielt ich vorzüglich den Zweck im Auge, Euch Gelegenheit zu geben, Eure Ncchts-gcsinnnng möglichst deutlich mit der des nordischen Wandnachbars vergleichen zu können. Getreue Nachbarn und desgleichen, stehen ja nach unserm Luther in der Rubrik vom täglichen Brod. Zwei mächtige Nachbarn berühren unser Vaterland. Zweifelt Ihr, ob der im Westen die Rechtsgcsinnung mit Euch theile? Meint Ihr, er sei Euer Feind, so lange Ihr ihn zwingt, Euch zu achten? Oder könntet Ihr Euch für fähig halten, ohne Anreiz von ihm, den Höhcnpunkt seiner Nationalität, die Nationalchre, zu kränken? Gcrmania's Ruhe baut sich von dieser Seite in den bcidm Völkern selbst eine eherne Mauer. Die Zeiten, wo die Tugend nur in Unterwürfigkeit bestand, die Moral in der Macht, der höchste Begriff der Mcnschennatur im Kriege, die Zeiten sind vom Rechte der L Vernunft und dor Philosophic verdrängt. Licht fordert das Christenthum, und gesittete Völker sind bereit, sich zu umarmen. Dic Menschheit steuert im Vertraue!: auf die Macht, die immerfort Lichtwcltcn säet, der Epoche des Völkerglücks und tugendhafter Regierungen entgegen. Im Norden habt Ihr den Nachbar, der sein Maaß überschritten und das Gleichgewicht verloren hat, er kann nicht rasten. Ist sein Visier Euch aufgeschlagen? Wollt Ihr die Rcchtsgesinnung auch in ihm suchen? Oder kommt die Stimmung, in die er Euch versetzt hat, aus einem gesrornen Starrscin, aus einem Zustande, der Euch abstößt? Verbürgt dieser Nachbar, in äußere Gesetzlichkeit gehüllt, auch die Deutschland so nöthige Nuhc bei dem Nachdenken über die schwierige Aufgabe, ohne zu radircn, aus einer 39 eine 1 zu machen? Wäre sein Schütteln am Baume, den Ihr pflegt, Euch unsichtbar? Als die Idee des Panslavismus vor einigen Jahren auftauchte, gleich kehrte sich Euer Auge nach der leitenden Ori-fianunc im Norden. Die Idee war eine ausgesprochene Drohung gegen alle Völker Europa's, zunächst gegen Deutschland. Das Miasma hat Wachsamkeit geboten, denn in der Idee lag die Predigt der Vernichtung des Staatcnbestandes und der Völkeraufwiegelung. Gibt jener ominöse Gedanke Euch Vertrauen zum nordischen Nachbar? Nm persönliche Freiheit und gesicherter Nechtszustand entscheiden über die Wohlfahrt der Völker. Blickt ihn all auch von dieser Seite! XI Das Bild seiner Seele, das ich Euch reiche, bittet um Emc Prüfttng, u,n Belehrung, was Ihr darin vermißt und deutlicher zur Ueberzeugung gegeben wünscht. Lernt cS kennen das Land, dessen rauschenden Nadelhölzern und flüsternden Birkenwäldern verboten ist, von dem Geschehenen in ihren Schatten zn reden, dessen Stimmführer Willkürhcrrschaft und Knechtschaft lobpreisend bis zum Ungeheuer des Fanatismus schrauben, das seine Hörner in den Wolken und seine Krallen ill her Erde verbirgt. Seht Euch vor! Man reiset bei Tage, und das Vcr-hängniß kommt bei Nacht. Die russischen Winde verderben jeden germanischen Frühling. Wahrheit geb' ich, dafür bürge schon meine Achtung in diese Adresse gelegt. Jetzt nach der Beendigung meiner Zeichnung des innern Lebens von Nußland, habe ich die „Ncisc im europäischen Nußland in den Jahren 1840 und 1841 von Professor Blasius" gelesen. Ueberzeugt Euch von dem werthvollen Werke dieses Guten und Ausgezeichneten in Eurer Mitte, ob seine Bemerkungen über dies Land, das er nur als Reifender, aber mit scharfsichtig geistigem Auge sah, meiner Zeichnung widersprechen. Seiner Aufgabe nach reiste er als Naturforscher im Auftrage der russischen Negierung. Der Horizont seines Geistes ging weiter. Auf solche Ehrenmänner der unverrückbaren Wahrheit berufe ich mich mit Freuden. Wie Viele wären in seiner Stellung vom Boden der Redlichkeit zu Ucbcrläufern in das Treibhaus der Ordcnspftanzen geworden, und hätten Unsinn idealisirt! Er der Mann der Wahrheit, bekennt an der Schwelle des Reichs mit dcr Scheu vor Grenzen, und im Tempel des Oberpriesters der geheimen Polizei, lieber freimüthig: „Es war mir zu Muthe wie einem, der merkt, daß er mm bald erstickt." Es ergreift den Deutschen, der sein Vaterland im Innersten des Herzens trägt, ticfbctrübend, wenn er aus der Stimme der Würdigsten desselben sich überzeugen muß, wo das Vaterland ist, und wo es sein könnte und sollte. Ist's nicht der Schlag des deutschen Pulses, der in der jüngsten Adresse des freigesinnten Heidelberg, an deren Spitze der ehrwürdige Paulus, der begeisterte Wclcker und der unablässig für bürgerliche Srlbstständigkeit kämpfende Vater Winter, zu deutschen Mannern spricht? „Schon stehen wir Deutsche hinter den freien Völkern der Erde in der Ehre der Nationen, in der staatsbürgerlichen und religiösen Freiheit, auf eine uns tief beschämende Weise zurück." ES schmerzt das Bewußtsein, daß wir Deutsche als Nation keine politische Geltung haben, während ein Sklavenvolk, aus mehr denn 5)0 verschiedenen Völkern zusammengestöppelt, das in der Totalität seiner geistigen Lebcnsfunc-tionen so weit unter germanischer Bildung steht, und in seinen gesellschaftlichen Verhältnissen noch nicht einmal im Besitz von Menschenrechten ist, durch seine Willkürherrschaft als Ganzes politische Vertretung nach Außen genießt. Die Zustände würdet Ihr allerdings nicht tauschen wol- XUl lm. Ton beschenkt der Despotismus sein Volk, darum besitzt es Nichts. Die Nationalorganisation, die Ihr Euch sclbst erringt, wird wahres Eigenthum. Durch Licht und Recht wollt Ihr die Weisheit dcr Völker, dic Freiheit erobern. Gnade vom Himmel zu Deinem Streben, Tn redliches Volk, dem die erste Stellung in europäischen Staatmvereinc gebührte! Wie Viel ist noch zu wollen, zu handeln und abzulegen! Kaum schimmert ein Anfang von Sternentwickelung im politischen Licht und Nebelgebilde. An Edlen und Weisen ist kein Mangel, aber am Geiste und Willen, sie zu fassen, fehlt noch Viel. Durch Wahrheit, Oeffentlichkcit und Freiheit wurde der Mangel sich legen, weil nur durch sie das Gcschwisterpaar, Heimlichkeit und Censur, als die Hyder, des deutschen Nationallebcns erwürgt werden kann. Weniger Toaste und Converts bei Nationalzwcckcn, denn Traume kommen aus den» Magen! Nationalthatigkeit und Natwnalwirksamfeit! Noch weniger Landeöschlummcr bei den Blitzen in der Finsterniß! Gar keine Katzenbuckel, lauter lothrechtstehcnde Rückenwirbel! Ungeduld für Nebuslösung, Geduld für Entwickelung des allgemein von Vernunft anerkannten Guten ! Was die Todtenrichter für todt erkannt haben, sei beerdigt, und dem Leben sein Necht gelassen! WaS blos dem Augenblicke nützt, ist noch keine Vorarbeit für die Zukunft! Hülfe für Volk und Negierung durch freie Presse! Erkannt sei des lebenden deutschen Königs Wort.- „der Staat, dcr nicht fortschreitet, geht rückwärts!" und dem königlichen XIV Wortc dic That! Das Ganze stchc vor Augen, nicht cm Urtheil nach Mo,ncntm! Versteht Ihr dic Zeit, so seid dic Zeit selbst, sie steht nicht aus dem Nucken des Krebses! Was zunächst zu thun sei? Der jugendliche Dichter singt's: „Wic Ihr die Blumen des Feldes, So bindet Euch Dm Hcrrn, dm Knecht, Den Mister und dm Schüler, Die Gleichheit in einen Strauß zusammen, Und reicht ihn selig dem Ewigen, Der ihn lächelnd steckt an seine Brust, Und unerkannt Auf Erden wallt Im schlichten Kleide." Der Verfasser. Inhalt des ersten Bandes. Seile, Grundirung , ,........ 1 (5nnncrmMN au Ostpreußen....... ?il Von Polangm nach Petersburg...... lU3 Petersburg......... 121 Die baltischen Provinzen....... ld. I. 1 Die Bahn der Menschheit geht von der Nacht durch die Dämmerung zum Tage. Wer den Bürgen in dcr Prust und daö Zeugnis; dcr Natur versteht, weiß daß das schwerste Gewölk, welches über ihm steht, nicht festgebannt bleibt, daß eö »iedcrthaut, und daß ein neuer Stern durchbricht. Die Welt ist das sich immerwährend entwickelnde Ehaoö. Einst konnten Eichel und Hagebutte die Bedürfnisse dcr Mcnschcn stillcn. in der Gegenwart hangt der Zustand derselben an unzähligen Fäden. Die Natur giebt durch ihr langsamcs Porschreiten in il'rcm Wirken von Saat zu Erndte auch dcr Menschheit zu verstehen, daß sie von ihr Thätigkeit zu immer erweiterter Hoffnung und zu Geduld bis zur Frucht, unter wccbseludcn Jahreszeiten mit ibrcn Zufällen erwarte. Das Salz der großen Gesellschaft ist spärlich, aber es mehrt sich. Wem der Fortschritt sichtbar, dem ist er auch einc Entdeckung des Nebelstcruö, um den das sittliche Weltall kreiset. Doch die Freude über diese Entdeckung »nacht auch die Schwingungen im Busen empfänglicher für die namenlosen Leiden der Menschen. Selbst in dem gebildetsten Erdthcile hat das Geschick noch über ganze Völker, gleich einzelnen Klassen und Individuen, den Stab 1* 4 Gl'lindiruug. gebrochen, in langer Nacht der Knechtschaft und deS Etnmpfsinns ihr Sein hinzubrütcn, ohne sich mit andern einer geistigen Erhebung erftcncn zn dürfen. Ein solches Volk ist das russische, über dessen Schwelle ich führe. Ich habe 33 Jahr nntcr ihm gelebt. Ich spreche jetzt meine Ueberzeugung vou demselben vorzüglich meinem Vaterlande ans. Ihm besonders reiche ich meine (^rsahrnngen in Beziehung auf Nußland, »veil es als (5nropa's Herz desto größere Pflichten gegen andere freie Völker ans sich hat. jcmehr sie auf seine Wachsamkeit wie auf ihre Vormauer ballen. Mögen die Treueu und Aufgeklarten den Spiegel dieser ssrfahruugcn dem Himmelsstriche des Doppeleuropas cnlgegen halten, und nach eigenem Gefühle entscheiden, ob sic in den zurückgeworfenen Strahlen seiner Sonuc Kälte erschrecke oder Wärme durchdringt. Das Mitgebrachte schreibe ich ans eiuem Boden nieder, den ich für so frei halte, daß innerhalb seiner Kreuzen das Wort der Wahrheit über ein fremdes Land, nicht nur iu den engen Schranken der Nedc bleiben, sondern auch geschrieben und gedruckt werden darf. Ich gehöre keiner Partei an. Meine Echusucht geht nach dem Bunde, „der das Schwert des Geistes in der Hand der moralischen Kraft hält." Vor ihm stelle ich mich hin, mit der Versicherung, daß Achtnng vor der Wahrheit uud Menschheit ties in meine Seele geschrieben ist. Ich habe den mir selbst gewählten Richter gcnaunt, ich habe daher über Motive und Betrachtungen meiner Darstellungen in ihrem sittlichen Auftreten mehr nicht beizufügen. Freund der Wahrheit, Feind der Halbheit, Heimlichkeit, Ungerechtigkeit und Unterdrückung, in diesem Kreise bewegt sich Das, was ich hier vor der öffentlichen Meinung niederlege. Ueber drei Dezennien hab' ich in der Schule hoövitirt, wo der Mensch unterrichtet wird, unter der Taucherglocke des Autoritats-glaubcns nicdcrznfahreu im dunkeln Meere, um Perleu zn fischen. Ich habe, die Fahrt nie crlcrilen köunen. Ich bin ohne Perlen heim» gekehrt, aber ich weiß, wie sie aussehen und was sie gelten. Sie sind es die ich beschreibt. Wer mich fragt- wic hast Du es so lange dort aushalten können? dem werde ich antworten, wcun er inir sagt, auf welche Art cr Meister des Schicksals geworden sei. Wer mir aber cntgegncte, daß es doch in einem Lande, wo man sich ein ganzes Generations-alter freiwillig niederläßt. nicht so schlimm als man vorgibt, sein könne, dem bliebe ich vielleicht die Antwort schuldig, weil ich ihm nicht erwiedern möchte wie iencr Schalk: „Ihr heimischen Stockfische seid mir gegrüßt! Wie schwimmt ihr klug in der Butter! Wie ich cö anfing, mich als Hospes in der schweren Schule zn erhalten? Mein Wille war, in Nußland nur eiu Nomadcnzelt aufzuschlagen. Deuuoch war ich nicht gekommen, um Land und Leute anzu--gaffen; ich war vielmehr aus die Menschen recht aufmerksam. Als ich aber fand, daß ich das Nomadenleben mit einem festern Wohnsitz Vertauschen werde, besuchte ich auch die Comiticn, und die Kenntniß der Verfassung zeigt sich überhaupt iedem Fremden so zudringlich, daß feiner das Land verläßt, ohne eine klare Ansicht davon in die Heimat mitzunehmen. Ich sah ein erstarrtes Leben. Doch die Sonne beschien mich glücklicher Weise, daß das Leben um mich nicht erstarrte, und das Leben in mir kein Frost tödtetc. Meine Lage stellte mich ganz zu^ frieden. Wenn ich aber zum Fenster hinaussah, da brauste es wie Mecrsturm. Es ging Denen, mit welchen ich lebte, auch nicht besser. ft Gruüdirüiig, Nicht gerade dies ,,8ol.lmon mise, um" bcrnhigte mich, sondern mehr der herzige Matthison^ Laß die Woge donnernd branden! Nur bleib inuner. rnagst du landen Oder scheitern, selbst Pilot! ES sind doch wohl nur Achtel- und Viertel »Menschen, die Vurch Veränderung des Bodens und änßercr Verhältniffe selbst mit verändert werden. Wer sich den Fokus im Innersten, in welchem sich Das gestaltet, waö wir Glück oder Unglück nennen, hin nnd herschiebcu laßt, der kann nicht anders als ebben, und Antonio in ShakeöpcarS Sturm sagt^ .....freilich, wer da ebbt, Muß hänsig auf den Grund beinah gerathen Durch eigne Furcht uud Trägheit. Der Inhalt des Mitgebrachten? Etwa Beschreibungen von Städten? Von Schlössern? Ein Modenjournal? Theaterzettel? Handelsbilanzen? Oeburts- nnd Etcrbclisten? Wieviel hunderttausend Fuhren nöthig sind, um die Brillanten des Uralö nach Petersburg zu schaffen? Wieviel Webstühlc und Maschinen das öffentliche Wohl verarbeiten, und wieviel Schiffe den Ucberftuß desselben verfuhren? Nichts! gar Nichts davon! Aber ein Bild des Lebens möchte ich geben. Ich will sagen, wie man in Rußland lebt, denkt nnd handelt. Lieber Leser, wir besuchen die Familien, wir schauen in das öffentliche Leben, in die Residenz, tn die Provinzen, in Schule, Kirche, Justiz. Den Sklaven und Armen wollen wir betrachten, den Freien nnd Reichen nnd den Adel. Den Polizey- und Militairstaat wollen wir nicht vergessen, und sogar Gruudirung. 7 zu seinen Gefangenen steigen. Wir lassen die Metalle in Ruh, blicken aber auf die Unglücklichen, die sie graben müssen. Ich will es an Interesse nicht fehlen lassen, Dich zu unterhalten. Dir jedoch auch Lchre und Beispiel aufstellcu zu Deiner ftcieu Prüfung, ob Du sie zu Warnung oder Nachahmung gebrauchen willst. Ich habe die Grundidee des Begriffs „Staat", das Necht und dlssen Vollziehung, zum Standpunkte meiner Zeichnung genommen, weil ich meine, daß die Hand der Justiz den Codex der Moral des Staats aufschlage, und die Thür seines Gewissens öffne. Glaubt das Ausland, Nußland zu kennen? Wenn nun meine Ueberzeugung verneinend antwortet, würde man mich anmaßend Neunen? Gibt es ein Land, schwer kennen zu lernen, so ist es Rußland, weil cS zu Viel verbirgt, weil der Blick, der sich in andern Staaten ergangen und geübt hat, hier auf so Ungewohntes, Unglaubliches stößt, daß die Seele wie aus einem Traume erwacht, und sich erst besinnen muß, wo sie ist, und daß sie im Gebiete der Wirklichkeit lebt. Die russische Welt kann nur aus sich selbst erklärt werden. Wer cS mit europäischen Ideen sich verständlich machen will. gcrä'th in ein Labyrinth, aus dem er sich selbst incht zurecht findet, und er kann am wenigsten Andern einen Zwimknaul in die Hand geben, um danach in den Irrgängen zu wandern. Ich gebe nur ein Miniaturbild, in dem aber das lebende Original in Lebensgröße kenntlich sein wird. Ich gebe Thatsachen, meist össcutliel'e, (5igenerlebtcö, und wo ich nicht selbst Zeuge war, schöpfte ich aus Duellen vru Berghohen uud in Thalgründen, kristallhell und nur Wenigen zugänglich. Ich berühre aber auch Vieles, was an die große Glocke gebunden ist. Im Weizen wächst überall Unkraut. Auf jedem Boden findet V Grund, rung. die Ungerechtigkeit Nahrung und günstige Witterung, allein ein Boden ist reicher und fruchtbarer dara» als der andere. Wem das glänzende Diner, unter dem Schwerte am Haare in brustbeklemmender Lnft, lockender ist als das Gericht einfacher Hausmannskost bei leichtem Athemzuge auf freier Erde, der ziehe uaiomeere sich verlieren. Wer wird der Feder zumuthen. ciuc Schilderung Dessen zu liefern, waö nur die warme Kraft der Sinne sich zu verwirklichen vermag, um den siiudruck zu machen, den cs hervorbringen soll! Wer unternimmt cS, das langtonige Ach. das in der drückenden Luft hin-schwebt, dem fremden Ohr begreiflich zn machen? Wo ein Volk den Hals noch in das Joch steckt und unter der (Ynindn'uug. 41 Peitsche den Pflug zieht, wo nocb unübersehbare Hindernisse tüchtigen Einrichtungen entgegen sich stammen, da erscheinen Gebrechen und das absichtlich Böse in ander» Weisen nnd Gestalten als bei andern Nationen. ssine despotische Verfassung erzeugt Menschen anderer Art. Ich kann mich darüber nicht kürzer nnd belegender ausdrücken, als wenn ich eine Stelle ans „Thiers Geschichte des Konsulats und Kaiserreichs" anführe. Der Verfasser veraleicbt bei der Vrzäblung von dem schrecklichen Tode Panls I. dessen blödsinniges Versabren mit dem des gleichzeitigen. 11 Monate der Vernunft beraubten Georgs des Dritten. Vr spricbt von den bei dem Tode des sszars tbatig gewesenen russischen Großen, wie in England die Konstitution an die Eeitc des Königs Minister gesetzt hatte, welcl'c für ihn regierten, so daß dnrch den Blödsinn des Königs dem Lande kein Nachtheil erwachsen konnte, wie entgegengesetzt aber die Wirkung in Rußland gewesen sei. Thiers sagt i „Der Gedanke an ein abscheuliches Verbrechen war in England Niemandem in den 3inn gekommen. In Petersburg ruf dagegen der Anblick eines blödsinnigen Fürsten anf dem Throne dic finstersten Pläne in's Leben. — In einem geregelten Ttaate können Männer große Bürger werden, die in einem despotische» Gouvernement zn Verbrecbern werden, wenn der Verbrecher unter gewissen Umständen eines der nicbt gebilligten aber gebrauchten Hülfsmittel dieses Gouvernements ist. Das Verbrechen ist überall zu verwerfen, vor Allem aber sind Institutionen zu verwerfen, welche es in das Leben rnfen." Wir finden in Nufiland nur 3teilabgeschnittenes. daher kein Verschmelzen verschiedener Ttände nnd Znstände. Herr und Stlave, Ueberflnß und Elend, Extreme in Allem ohne versöhnende, vcrbin- 12 Gl'ündirung. dendc Mitte. In keinem der beiden an einander lagernden Ständen grünt cinc Bürgschaft für eine Kraft zu einem Frühlinge. Aber zu Ausbruch ron Unheil haben sich iin gebietenden sowohl als gehorchenden Stande Symptome geäußert, welche der Zukunft Gebmts-schmerzen nicht ersparen werden. In Rußland hat man sich nicht zu beschweren, von dem Lichte geblendet zu werden, welches mau daselbst znlaßt. um die Stimmung des Auslands über das sszarenrcich zn erfahren. Wer die wenigen Strahlen nicht wahrnimmt, die der eigene Verstand, wenn auch nur wie im Nordschcine, bemerkt, sieht gar nichts, cinc Ursache, warum so viel Deutsche gegen ihr Vaterland total erblinden, und steh mit der russischen Laterne begnügen, oder wohl gar damit als Wegweiser für Andere an den Weg sich stellen. Niemand wird bestreuen, wie schwierig es sei, sich über Das verständlich zu machen, was der Sitte. Gewohnheit, dem Ehrgefühl, dem Verstande anderswo schnurstracks widerspricht. Gar zu leicht tritt wohl gar die Ungläubigkeit vor. und umhängt dic lauterste Wahrheit mit Zweifclu. Die heutigen rnssischen Schriftsteller, die den Prüfungen ihres Landes von Fremden nicht Stich halten wollen. nennen ihr Volk cin jlmgeö, erst zn Anfang des vorigen Jahrhunderts geboren. Und warum nicht Stich halten? Weil sie sich blind gesehen haben im Spiegel der Eitelkeit, weil sie die Wahrhaftigkeit, die ihnen den Spiegel wegnehmen will, als bodenlose Frechheit anörufeu, weil sie den Maßstab, den sie von ihren Vorfahren überkommen haben, an ihr Wachoihum nicht wollen anlegen lassen, uud weil Erziehung und (Newohnbcit über ihnen immer ciue Zornwolkc voll Blitze schweben lassen, die anf die laut ausgesprochene Ueberzeugung der Aufrichtigen niederfallen. Selbst wenn die bevormnudcude Macht den Wahrheits- (Nrmldivuüg, 43 spiegel ergreift, uin ein wahres Bild zu erblicken, so sind flugs tausend Odem bereit, ihn trübe zu hauchen. Russen können in das Gesicht ihres Landes nicht sehen, ihr Auge thränt, denn sie starren in die Sonne czarischer Göttlichkeit. Den russischen Schriftstellern ermangelt es, sobald sie über ihr Land schreiben und reden, an zwei Kleinigkeiten, an Ueberzeugung und Material, welches sie bearbeiten dürfen. Sie schrauben sich also künstlich in die Hohe, begeistern sich phantastisch, und sprudeln Dinge von sich. von deneu ihr Inneres nichts weiß. Der innere Beruf fehlt. Jedes Uebcrbleibsel von Wahrheit geht ihnen im Verthcidi-gungseifer verloren. Sie wetten Zinsen ausgeben nnd haben kein Kapital, und sieh. da stehen die Repräsentanten der Lügen'. Wer soll also über Rußland schreiben, »renn die Eigenen nicht wollen, uicht dürfen oder nicht rönnen? Ich habe auf russischem Boden keine Beschreibung mit Beurthei» lung dieses Landes gelesen, auch nicht lesen mögen, sss ging mir wie allen Ausländern und Nationalen, welche die Vergrösienmgs-odcr VerfleiuerunMiascr k.nnitcn. unter denen allein skizzirt werden darf, und welche den Hügel erstiegen hatten, von dem siel' die Wahrheit überschauen ließ, daß der Scherz des Leipziger Schneiders mit seiner Annonce „von cenfurfteien Sommerhoscn" in Nußland wie Ernst klingt. Wo mall mir vorschrieb, was ich, wohl gar gegen das Zeugnis! meiner gesunden Sinne, glauben sollte, da wollte ich mir das Feld nicht nnt Unkraut besäen lasscn, das am Ende den Weizm überwuchert uud erstickt. In Rußlaud sind Manner gewesen, an deren Namen Fama und das Verdienst sich schließt. Sie brachten dein Auolaude Steine, Holz, Schutt, b'rzählungcn von glänzender Aufnahme bei Hofe, von Humanität, Loyalität und mehr, daß der Fluß des Lobes wie der Nil 14 Grund irunH. unter Waffer setzte, aber sie brachten keine Beschreibung vom wirklichen Leben Rllßlands. Wer würde den russischen Hof für so ungalant und zugleich für so politisch unklug halten, daß seine Maßregeln nicht genommen wären, einen Besuchenden entweder selbst aufzunehmen oder zuvorkommend aufnehmen zu lassen, von dem sich präsumi-rcn läßt, er komme mit hörcudcn Ohren und sehenden Augen. Ich bin doppelt aufmerksam auf dergleichen Männer von Werthe gewesen. Ich habe daun gewartet, erwartet, und — cö ward Nichts. Andere Auöläuder leben noch dort, die ihre gepuderten Echmcttcr-lingsflügel in der ersten Zeit ihres Ankommeus schwangen. Fort ist der Staub, die Flügel von Fingern begriffen. Nichts mehr von Dem, waö da war. Ein gewordenes Halbding, kastrirt um Hofs-singvogel zn wcrden. Unter ihnen fonnirt sich die schlimmste. Section im Ncptiliencabinet, die Vipern mit (Niftzähncn, gespaltener Zunge, sehr elastische!» Maul und abgerichtet. Will man denn auf die Waaren, die zum Verlauf ausgelegt sind, nicht bieten? Ich frage, will, und nicht kann; denn unter den Deutschen, Franzosen und Engländern, die in Rußland gewesen sind, habe ich viel gekanut. die Wollen und Können harmonisch rerbaudeu. und doch stumm an der Waare vorübergingen und nicht boten. Der deutschen Gründlichkeit kann gewiß nicht der Vonvnrf ge-inack't wcrden, daß sie es verschmähe, sich mit russischer Wissenschaft-lichkcit zu befassen, wenn sie nur etwas anf diesem Felde fände. Der wissenschaftliche Weist der Nüssen bat den wißbegierigen Nachbar so wenig wie vor 150 Jahren aufgemuntert, sich durch Erlernung seines Idioms vertrauter mit ihm zu machen. Uebcrnahm cö doch Varnhage» v. (5n sc die russische Tprachc zu studiren. um dic Deutschen mit der belletristischen Literatur der Nüssen zu bereichern, und doch bekannte nuparteiische Kritik bei den ersten Schritten darin: Gruntn lniH. tit „ Gott sei Dank, daö Wesen hat nicht munden wollen, und die Be-mübuuM Varnh agents, dem Genius der deutschen Poesie dm Wladimirorden siebenter Klasse nm die Brust zli hängen, sind vergebens gewesen." Auf diese Art bleiben allerdings nur zwei Klassen von Relationen über Rußland übrig, die Neisebeschrcibungm der Ausländer nnd die Gaben der Agenturen. Jene können bei dein Vermummen und Versteckspielcn, dem sie entgegen ziehen, das überfirnißtc Wesen des russischen Geistes vielleicht bemerken, aber wegen Kürze der Zeit sind sie nicht im Stande, sittliche Karten der Beobachtung zu entwerfen. Desto rüstiger arbeiten die Agenten mit der Devise auf der Medaille zur Erinueruug an die Pariser Industrieausstellung I«i4' „lu m'mn'iolli«, ^ l'Iwuoi-e." Sie rücken in die fremden Länder, an deren Stimmung eben gelegen ist, mit einer Avantgarde von Proklamationen der Ohrlich-keit lind des Wunsches, irrige Vorstellungen zn berichtigen, die auf Nechnnng Rußlands verbreitet waren. In die Hauptarmec stellen sie einige Ukasen und Ministerialtabcllen als Glaubenofahnen. „nd die Reserve bilden die Magen über Leichtgläubigkeit an die Mittheilungen der Feinde Rußlands. Als Nachzügler folgen die äußerst freund-schaftlichcn Warnungen vor den abgeschmackten Schriften gegen daS den ganzen Erdball beglücken wolleudc Reich. An Leichtgläubigkeit fehlt es in Deutschland eben nicht. Der Bär in der Fabel scheint ihm jedoch wieder ciumal ins Ohr geflüstert zu babcu, es solle nicht allen Freundschaftsversicherungm Glauben beimcssen. Es ist aufmerksam auf seinen nordischen Nachbar geworden, und cö muß im Innersten freuen, wie wackere Männer dies Aufmerken mit ihren Krästeu uutcrstützen. Das Bedürfniß regt sich m Dentschland, Denken nnd Handeln 16 Grundiriüig, le58l0Ul»! ^ »»i^ v,''l^ll»Hii<>, von» ^tl!>, numoll« m>„i»2l-0llle oder trimnplliml,« war. Die Zunge hatte nur zu sagen, ob das vorgesetzte Getränt Vicressig oder Chokolade sei.' Damit nun das Kind, daö man übrigens bei jeder Gelegenheit als Wunderkind im Selbst-dentcu in die Höhe hält, nicht Gefahr laufe, sich in seinem Geschmack zu irren, so erschienen die Cnratorcn seines Denkvermögens und erklärten ihm, wofür eö den Trank zu nehmen habe. Grund irling. 27 Snner politischen Färbung nach hatte das antirussische Werk Cnstine's schon in Frankreich an nnd für sich drei Feinde, die Aristokratie des Marquis, die wennanch scl'wache französisch russische Alliancepartei nnd die russische Gesandtschaft, ohne daß man erst die mostowitischen Unterstützungen französischer Blätter zu erwähnen nöthig hat. u st ine zusammengesetzt balle, baarklcin genannt und der schärfsten chemischen Analyse unterworfen haben würde, wenn es nicht Etickgas aus Moor gewesen wäre? Anch Marktschreier haben ihr Publikum und oft glückliche» Zufall zur Seite. Ein Wunndoktor pries mit gellender Stimme auf dem Markte zu Lübek seine Waare einer ihn anstaunenden, doch noch ungläubigen Menge als untrüglich an. als ein !)o^c»r-meälci>,>l0 sich vorbcidrängtc und rem Quaksalber, zurief: Ganz recht, ganz recbt, mm,«!,,!, voll «l<>! „Ja, ja Herr Doktor! fiel dieser hurtig ein. m„mw5 v„ll «I^c-lzn! Habt Ihr'ö gehört Leute, wie der Herr Doktor AlleS bestätigt? Kauft, kauft! denn könnt Ihr ein gültigeres Zeugniß für meine Wahrheit haben?" Und die Käufer stürmten den Wunderkram. Dem äbnlich stellte sich der Petersburger Missionär in Heidelberg auf. Welcher Ariel hätte nicht auch in Dentschlaud auf eine Zunft rechnen können! Enthielt sie in diesem Falle etwa dic Eingeweihten M Glundirung, in die tiefe Kenntniß vom eigentlichen Leben Rußlands? Nein! sie kaute nur was dic 6^eguer C» st ine's ihr in den Mund stopften. Custint wurde nicht widerlegt, sondern zerrissen, und die reine, ehrliche, wahrhafte, meisterhafte Sache der russischen Agenten und deutschen Doppelgänger gepriesen. Unnatürlich war daö nicht. Wie konnte die deutsche Coterie einem Franzosen Necht geben! Wie kann ein Franzose Deutsche belehren! Wie finster sieht tö in Frankreich gegen das blendende Licht in Deutschland aus! Was versteht ein gallischer Aristokrat von Freiheit und Despotie, im Vergleich mit den „Sie sollen ihn nicht haben!" ßwteö kann vom Nhcinc herüber nicht kommen, also nieder damit in den Koth, im Bunde mit den aufrichtigen, frcihcitlicbcnden Russen! Auch am gesunden Fruchtbaumc kann ein Brandfleck sich zeigen. In Deutschland ist Kern und Saft so frisch und kraftig, das, ein Stück anf seiner Rindc sich nährendes Moos den Baum nicht verdirbt. Der deutsche Verstand läßt sich kein 3c! für ein U machen, und wenn dieser Glaube nicht in meinem Herzen wohnte, so würde ich die Feder verfluchen, die nichts Besseres thun könnte, als ein Bild von einem Lande vergeblich zu zcichuen, an daö man nur mit Widerwillen sich erinnert. Schön malt sich der Himmel Italiens, die Gluth in der Atmosphäre nnd in den Menschen des Südens, belehrenden Stoss reicht die Natur noch in ihren Felsenwunderwerken Norwegens. Allein auch dem Pinsel Vcruets gab die russische Natur nur ein Bild dts erstarrten und erfrierenden Lebens, öde Landschaft, Schueehimmcl, Schneegestöber, einen Schlitten mit einem Os-ficicr bis über den Kopf gegen die Kälte verhüllt, und Krähen. Mehr wie bisher brauchte ich über das Grctsch-Cnstinesche Geplänkel kaum zu sagen. Meine Meinung liegt bereits in der Sonne. Allein es befremdete mich nicht wenig, ohnlängst eine deutsche Stimme Grundirung. 2O zu vernehmen, die rund heraus tönte: „unstreitig hat Gretsch die Glaubwürdigkeit des Marquis von Custiuc nicht bloß erschüttert, sondern durch Anführung beglaubigter Thatfachen vernichtet." Diefc Stimme, bic eigentlich selbst nicht weiß. ob sie olüei-emo oder llmorima singen soll, hat sich in den Leipziger Blättern für li-terarische Unterhaltung untcr der Rubrik .neueste russische Literatur" erhoben. Die Versichening des Referenten dieser Artikel, vor 40 Jahren 14 Jahr in Nustland gelebt zu haben, vermochte micb, dieser Kritik zu folgen, die mir als der letzte Nachtigallenschlag für tie ehrliche, aufrichtige Sache der moskowitischen Schneeammern bekannt ist. Wenn trotz der freudlosen Zeit ein edler Fortschritt im öffentlichen Leben Deutschlands unverkennbar ist. wenn alle Pulse freudiger schlagen, sobald eine Leuchtkugel ans dem stillen Bimdc der Tugendhaften in das Dunkel über ihnen aufsteigt; so sind die klugen Manner desto widerlicher, die das deutsche Volk wieder fleißig an das Spinnrad hinter den Ofen setzen, auf Studium in Wissenschaft beschränken, und mit dem Titel „gelehrtestes Volk der Welt" wieder einlullen möchten, damit es den Glauben verliere, es gehe in der Richtung nach Freiheit und Macht. Andere dieser Klugen wollen es mit der ganzen Welt nicht verderben. „Leise! Gemach!" ist ihre Mahnung. Sie erschrecken, wenn daS Noß über den Graben setzt, und den: Wolfe die Hufe entgegen feuert. Wird eö der Wolf nicht übel nehmen? Wollen wir nicht das Noß belehren, künftig bedächtig durch den Graben zu gehen? Der Kritiker, der es übernommen hat, das Bild der ncucstm russischen Literatur in seinem Spiegel zu zeigen, scheint sein Hasenlager in der Weisheitsfurche der Letztem zu haben. Scheint. DaS Scheinen sei geprüft, mit der vorangehenden aufrichtigen Erklärung, 90 Grundn'ung. daß cr gewiß ein biederer Deutscher ist, dem ^cre kleine Flur seines Vaterlandes theurer ist, als alle Gubcrnim Rußlands. So glaube ich. Jedem Manne von Werth verdiente Achtung,' Es kann nie eine Zeit geben, ungerecht zu sein. Es kann aber eine Zeit geben, wo cs doppelt Ungerechtigkeit ist, den Muth der Gerechtigkeit dämpfen und schwächen zu wollen. »Das ist's, worüber jetzt Deutsche sich einigen wollen, die zuverlässig ein und dasselbe Ziel vor Augen haben. Referent in den angeführten literarischen Blättern und ich, wir sind, so nehme ich an, darin vollkommen einig, daß wir weder z» Baal noch zn Israel gehören, daß unsere Unparteilichkeit für Cnstinc und seine (Gegner von der Zunge der Waage so scharf markirt ist, daß tein Härchen weder in die eine noch die andre Waagschale gelegt, werden darf. Da ferner der IWHrige Aufenthalt des Referenten in Rußland unter die Regierungen Katharina's und Paul's fällt, und cr zugegeben hat, „daß das b'ustineschc Wert es verdient habe, Aufsehen zn erregen", so werden wohl auch Manner, die mit sehenden Augen seit 20 — 30 und mehr Jahren in dieses Tempe geflötet worden sind, und alle Herrlichkeiten bis auf die Gegenwart darin genossen habm, mit der Bitte auf der Scene erscheinen dürfen, man möge sie nicht für Stöpsel halten, die nicht zn beurtheilen wüßten, ob Jemand eilt richtiges oder falsches Urtheil über Rußland fälle, ob, wer im Ansänge dieses Jahrhunderts Petersburg und Nnßlaud gesehen habe, beide heute wiedererkennen würde oder nicht, ob die Zeit seit 40 Jahren, so reich und schwer in ihren Ereignissen und Wirkungen auf Außen und Innen der Lander Vuropas, auch auf Nußland einen Einfluß gehabt habe, daß man sehen könne, ob und worin das Damals und das Jetzt ähnliche Zwillinge geblieben, sind. Nun zu Ulcincr Beurtheilung der Rezension dcr neuesten russischen Literatur. Grctsch sagt: „Sklaverei existirt ill Rußlaud nicht. Adel. Geistlichkeit, Kauf-N'annschast. Bürgerschaft, dic gcsaunntc Bevölkerung ganzer Provinzen, als Finnlands, der Ostseeprovinzen. Pessarabicns, und andrer südlichen Gegenden, Sibiriens (!!!) u. s. w sind so frei (?) wie dieselben Städte in Mm monarchischen Staate. Iu den übrigen Provinzen herrscht theilweise nicht Sklaverei, sondern Leibeigenschaft." An diese russische Wetterfahne hat Referent, abgesehen von seinen Ausrufnngs- und Fragezeichen, folgende Antwort gehängt: „ Es giebt selbst unter der russischen Kaufmannschaft und den Fa-l'rikherrn, so wie unter den feinern Gewerben, wie Silberarbeitcr u. s. w. uoch viele Leibeigene, und dann die Freiheit der sogt' nannten freien Stände in Nußland, gegen die in Staaten ohne Leibeigenschaft, scheint uns denn doch nach den neuesten Pasmias^ regeln sehr problematisch; es geht daraus hervor, daß anch der sogenannte freie russische Unterthan vom Fürsten bis zu dem Niedrigsten, von jedem (Geschlechte, von iedem Alter, ohne selbststän-dige Rechte dem unbeschränkten Willen des Gewalthabers unterworfen sei in allen seinen Privatverhältnisseu, und das scheint uns Dcöpotiomus und Sklaverei. Wo dic Gesetze von der Willkühr, sei diese mild und weise, oder rauh und gewaltthätig, auögchen, das ist Despotismus, und wer einem solchen Dcspotwmus unterworfen ist, der ist ein Sklave, und wenn wir uns auch unsrer übergroßen Freiheit grade nicht rühmen wollen, so haben wir doch — wenigstens in constitutionellen Staaten unantastbare gesetzliche I2 Grundiruu^. Privatrcchtt, nebst manchen andern Elementen der Freiheit, von denen sich Rußland nichts darf träumen lassen." An einer andern Stelle heißt es dieser Antwort analog: „Ein Sklavenstaat, wenn er durch äußern Anstrich und im Einzelnen auch noch so glänzend erscheinen »nag, hat an sich etwas so Unheimliches, daß sich 'der denkende Mensch unmöglich zu ihm hingezogen fühlen kaun. Er sieht darin die Menschheit erniedrigt, «nd in ihrer Entwickelnng nicht nur gehemmt, sondern verzwickt; und wer nun sich gar einen solchen Staat als weltherrschend denkt, so muß ihn ein inneres Granen anwandeln." An einem dritten Orte sagt Nezciisent: „Mit Rußland zu svmpathisirm kann einem vernünftigen und denkenden Menschen nicht zngemuthct werden.,, Wer nach 40 jähriger Entfernung alls Rußland noch im Stande ist, diesem Lande ein solches Denkmal zu setzen, der müßte doch dem Reisenden, der mit derselben Meinnng und gleicher Stimmung von da zurückkommt, wenigstens das Zutrauen nicht entziehen, daß er wahr schildere, besonders wenn Zeichnung und Colorit durchgängig in dicscm Sinne gehalten sind. In der That läßt sich auf ein Fundament, wie gegeben, ein Gebäude wie das Cüstineschc sehen, ohne befürchten zu müssen, dasselbe von einigen Muschelwürfen umgeworfen zu sehen. Man blicke doch ernstlich nach, ob der Marquis nicht ciu uud dasselbe Gemäuer zur Grundfeste sich gewählt hat. Ein Sklavcnstaat, wie er gegen sein Erwarten vorfand, konnte die unheimliche Wirkung auf einen yeist- «nd herzvollen Mann in der Kraft des Lebens unmöglich verfehlen. Das Gemisch von dargereichtem Perfectibilitätsglaubeu, von sichtbaren: Gaukelspiele mit einer Blendlaterne, und von Weh der Grlinvn'liug. 32 Täuschung, wie in Cnstine sich gcstattcu mußt^ kann die Seele zu Haß, zu Verachtung und zu Satyren stimmen, und desto schärfer, je größer die Täuschung war. (5s ist noch etwas Anderes, die leidende Menschheit in Blichern und auf der Bühne zu schei,. oder wirtlich unter dein erdrückten Geschlechte zn stehen. Wer m, mm schmfttundlichcs Herz mit nach Nußland nahm, und cö von den Con-tagionen zu retten vermochte, denen es ausgesetzt war, der kann cs nur mit blutendem Schmerz der Welt zeigen. Hart und stumpf wird nur, wer in diesen Leiden geboren, crzogm, und sich keincö bessern Zustandes bewußt ist. Wird es doch der Krieger aus dcu Schlachtackern und in den Lazarcthcn, sei ihm auch da3 weichste Gemüth in die Brust gegeben. Man lese aufmerksam und nicht mit eingetrichtertem Vorurthcil den französische» Reisenden, und man wird finden, daß sich in ftiu Gefühl, er möge tS einem Gegenstände widmen welcher cs sei, augenblicklich der ihm unerträgliche Gedanke, von Despotismus und Sklaverei mischt. Ich begreift nicht, welche Pinsel und Farben gebraucht werden müssen, um ein heiteres Gemälde von einem Znstande zu Ueftr», wo despotische Herrschaft vorschreibt, waS und wieviel der Mensch wissen, redm und lesen soll, wo jedes Geschäft so gut wie jede geistige Bewegung eingeengt ist. Dein Aufmerksamen ist nicht immer nne geraume Zeit zu Beobachtung nöthig, oder Erforderniß, Zug für Zug die Erscheinungen in einem Lande durchzugehen. Wem der Stern dcö Aufmerkend und Nachdenkens aufgegangen, wird auch aus Ursach Wirkung sich erklären. Leicht verständlich wird ihm fti», daß da, wo der Verstand im Gehorchen besteht, ein Großer eben so gut den allgemeinen Typus aufsprechen kann, indem cr seine Muße, Muse. Kraft und Gcschicklichteit am Tnckrahmen untcr Gedanken-losiMt hinbringt, und scinc Nullität beweist, wie die Sklavin, 34 Orundn'ung. die nüt ibrer Familie verkauft oder auf einen cn^n- valot gefegt Wird. Anders ist da der Kern deb Menschen. Der Gewalt und Ncbermais't tritt die List entgegen, der Straffalligkeit die Lüge. nnd selbst die Rache wählt nur daö Hinterrücks. Andere Ursachen geben andere Resultate. Das Strafhaus zu Philadelphia ist für 1800 Verbrecher eingerichtet, und für den ganzen Staat von Pensylvanim mit anderthalb Millionen Piiiwobuern berechnet. 18Z", warm darin 200 befangene. Wie viel Tausende kommen auf Petersburg oder Moskau allein? Und die Ursachen des Minder oder Mehr? So hat Cnstinc gesehen, gefühlt, erwogen und gemalt. Meint Rezensent die Züge der Pl'vsiognomie russischer Sklaverei, wie der Franzose sie gab, durch sein Schäfergcdicht zu verwische»? „Wie würden Sie sich wundern, verehrter Frcnud, wem» Sie unter diese gedrückten Sklaven träten, und sie mit kindisch leichtem Sinn im heitern Spiele und lautem Lachen und Scherzen fanden; der Herr Marquis hat nie eine Masse Muschiks (Vauern) beisammen gesehen, ich Hunderttansende bei Schaukeln und Eisbergen, und sie haben sich nicht erdrückt, und wenu cs Händel gab, so reichte ein Wasserstrahl auo einer Sprühe hin, sie triefend und lachend auseinander zu sprengen." Wo cö Sklaverei giebt, da kann Fröhlichkeit nur ein momentanes Vergessen der tiefsten (5rinedrigung heißen; da sind die Freuden so mager, dasi man an diesem Gerippe die Osteologic deö Lebenö stu-diren kaun. lvin Vernünftiger zweifelt nicht, daß ein Sklave sogar lachen könne. Lacht doch auch, der seinen Verstand vertrunken hat. der Wahnsinnige, lacht doch sogar die Verzweiflung. Der lachende Zustand der russischen Sklaven, wie Rezensent ihn malt, hat blos einen unhaltbaren Austrich mit Kalkwasser. ss ustincn ist daS Weiucn darüber näher als die Freude darau. Icdcr darf seinen ei- yencn Standpunkt wählen. In Petersburg lind in allen Starten Nußland« aus dcn Märkten nnd vor alle» Kramblide« tunlmeln sich dic Rusftn im strengsten Winter unler Lachen nnd Echerzen im Tchnee, während man in freien Ländern nichtö von solchen Freuden kennt. Jene spielen unter schallendem Gelächter mit grosieu ledernen Bällen, die sie mit den Füßen schlendern. Anö Frohsinn etwa über ihr glückliches Loos odcr daö bcneideuswerthc Klima? Nein, weil sie dort stehe» nrlisscn, um Käufer anzulocken, nnd weil sie srieren. Dic Freuden des russischen Volkes sind die Wonne des Krähigen, wenn "' sich kratzt. Nm die beiden Freudenfeste im Jahre, die dem armen Volte unter strenger Polizeiaufsicht aufgetischt siud, das achttägige Nlssische Karneval und die Qsterfeier in demselben Znschnitt, welche Rezensent als Zeugnisse gegen Custine crwähltt. nm diese Lnstbar-knt wird der Neid im dcntschcn Baner nicht rege. und cm Bauer-junge von Venedig. Rom oder Neavel würde sich wohl gar wundern und ärgern, daß man sich ans diese rnssischc Art vergnügen könne. 9u Katharina der Zweiten Zeit sind vielleicht die Streitigkeiten der Bauern dnrch Wasser abgekühlt worden, heute jedoch schlichtet sie die Polizei auf ganz trockuem Wege. Ja man muß annebmen. daß die Bauern stit vierzig Jahren bohucnstrohgröber geworden sind, denn cö hat in der spätern Zeit 5älle gegeben, wo die Wassertauft sie nicht zu sumsten machte, nnd wo die Polizei mit ihren Karben sich sogar vor ihnen verkroch. Bei der Cholerav^isitc z. B. mnßtc sogar der Kricgb- nnd Gcucralgouvemeur von Petersburg ein Imleum singen, daß die Steine, Kartoffeln und Sellericwurzel», die auf dein Hcumarktc von der erbosten Masse ihn, in den offenen Wagen nachflogen, ihn am Leben gelassen hatten. Bei anderen Gelegenheiten wurde statt mit Wasser, mit Schiesipulver und Kartätschen geschossen. Sic tempora imitanlur, el ruslici imitantur in illis! 3" 3s Grund irun^. Zu dem vorhin angefühlten Fundamente, welches Rezensent selbst für das (Wincsche Werk gelegt hat, fübrt er aueb >:ach folgenden Mörtel herbei: „Dao Grundübel (in Nußland) ist jenes traurige und unnatlw lichc Verhältniß des Volks zum Besitzer von ('wind und Boden, daö freilich Peter dem Ersten zur Last fallt, der dies; Verhältniß gesetzlich bestimmt hat. bei der unbegreiflichen Verblendung, in solchem Verhältniß sein Volk freien Völkern in der Kultur gleichstellen zu wollen. — Die griechische Kirche besteht in bloö sin«' Mm Äußerlichkeiten, «nd mit der Wirkung der Religion auf das Volk alo geistiges Element ist eo in Nußland traurig bestellt. Die niedere Geistlichkeit erhebt sich wenig über das rohe Volk. und steht in keiner besonder» Achtung. Im russischen Volke liegt rc» ligiöser Tinn. allein er zeigt sich nur als fromme Dressur zu Kniebcugungen. Meutzschlagen, Reliquien und Heiligenbilderküsseu und Aehnlichem. Die Polizeigcwalt in Rußland ist sehr groß, und muß es Vielleicht sein, die Polizeirohm ist aber nicht minder groß. und mnß sie eü auch sei»? Der dirigircnde Senat, dessen Mitglieder der Kaiser ernennt, kann keine Stellnng gege» den Kaiser annehmen." Mit diesem Mörtel zum Nutzen der Cüstincsel'en Grundmauer verbinde man fmtcr das Geständniß ,'on einem Gegner desselben: (Tolstoi) „Die Civilisation ist wie eine Fluth über uns (Nüssen) hereingebrochen, sie hat alle Tpitzeu der Gesellschaft überschwemmt, und liegi nocl' auf der Oberflache. Die Russen sind eine jugendliche Nation, denn was sind anderthalb Jahrhunderte im Leben eines Volks? In Wissenschaften und Künsten ahmen sie nach wie die Jugend überbaupt, welche zunächst Vorbilder haben muß, ehe sie il're eigne Eigenthümlichkeit entfalten kann. Jetzt noch tappen sie von Muster zu Muster, und haben sich selbst uoch nicht gefun-den. Aber sie suchen ihr Wtscn, und werden eS mit Gottes Hülfe wohl noch finden. Sie sind nock in der Verdorbenheit dcr Völ' kcr iu ihrer Kindheit. Diese ist weniger eine natürliche Frucht des Bodens, als vielmehr Ergebniß schlechter Angewöhnungen, die durch Unwissenheit und Vonircheil erhalten werden, sie gründet sich auf festgewurzelte Mißbräuche, welche die (Gewohnheit mehr oder wenig geheiligt hat. hier ist daö Laster unschuldig iu seiner Unverschämtheit, es hat kein Bewußtsein über sich selbst, und gestützt auf zahlreiche Beispiele, sinket es sein Benehmen ganz natürlich. " Wem nun all dies Material, für dessen Hcrbeischaffung zu Gunsten ssu st ine's Rezensent selbst sich in's Geschirr legt. noch nicht genügt, der nehme den Granit aus dem Gespräch dcS Kaisers mit dem Marquis zu Hülfe, der zum größten Aerger aller Franzosenfres» ser weder zerstampft noch beHauen werden konnte; und wobei Rezensent selber sagt: „wir danken aufticl'tig dem Marquis für die Mit' thcilmig. Dcs Kaisers Worte nemlicl, sind: „Ich begreift die Republik, das ist eiuc bestimmte und redliche Negierung, oder kann es wenigstens sein; ich begreife die absolute, Monarelne, weil ich das Haupt einer solchen bin. aber ich begreift nicht die repräsentative. DaS ist eine Regierung, der Lüge. des Betruges, der Bestechung, und ich würde mich lieber bis nach China zurückziehen, als jemals eine solche annehmen. Ich war repräsentativer Monarch (in Polen) und die Welt weiß. waö es mich gekostet hat. daß ich mich dieser infamen NegimmgSform nicht habe unterwerfen wollen. Stimmen erkaufen, Gewissen vcr- 38 Gl'ündn'iing. giften, die Einen verführen, um dic Andern zu betrugen, alle diese Mittel habe ick veraltet als eben so erniedrigend für die (behorchenden wie für den Gebietenden, und ich habe meine Offenheit theuer bezahlt; aber Gott sei Dank! ich habe mit dieser abscheulichen politischen M.isckinc für immer ein Ende ssemacht. Nie werde ich wieder constitutioncller König. Es ist mir viel zu sehr Bedürfniß, Das zu sagen was ich denke, als das; ich jemals mich dazu verstedeu würde, über irgend ein Volt durch List und Intrigue zu herrschen." Gibt man dergleichen feste Familienzüge einem Künstler zur Ausführung eines Portraits an die Hand, und er sieht dann Pas Original, obgleich nur wie im Vorbeiflüge, wird man zweifeln in der ssopie das Original treu wieder zu erkennen? Und von den Künstlern mit Kenncrangen möchte ich Küstine nicht ausschließen, der auch die rübmlichsten Notabilitäten der französischen Literatur, z. B. Hugo. Lamartine, in seinem befreundeten Verkehr hat. Folgt man der Rezension der neuesten russischen Literatur weiter, so crgicbt sich, daß Rezensent durch eine Menge Frag' und Auöru-fungs^eicl'en seinen Unglauben an die Behauptungen der sogenannten Widerleger Cü st ine's zu erkennen gegeben, uud seinc Zweifel daran auch häufig mit Worten ausgesprochen hat; wie: „Gretsch macht Miene aufzuhellen, aber — man erfährt nichts, als was mau scbon wußte, — Der Ausruf von Gretscl' „kein wahres Wort" ist nicht so buchstäblich zu nehmen. — Wir müssen das dahin gestellt sein lassen. — Wir glauben nicht, daß dic Sache von Cüstine erfunden worden. — Ueber den kitzlichen Punkt, das, die russische griechische Kirche nichts zur Kultur beitrage, geht Grctsch gar leise hinweg. — Die Berichtigungen der Cüstine'schcn Angaben sind nur unbedeutend. — Man hat bei s^retsch nichts Nencs, oder besonders Treffendes gefunden. — Französische, deutsche und englische Literatur findet in Nnß-land Leser, wenn sie ihnen zugelassen wird. — Man kann in Petersburg eben so frei denken wie in Berlin, London und Paris, wenn man es sich uicht etwa dort von selbst abgewöhnt u. dergl. m." Dnrch Zweifel an der Lauterkeit und Wahrhaftigkeit einer Sache, für die man ficht, greift man derselben nicht unter die Arme, man .baut vielmehr dem Gegentheil ein Gerüste, und es bleibt Jedermanns Prüfung überlassen, woher nach Allem, was die Rezension selbst zugetragen hat, sic das Recht genommen habe, dic russische Partei für siegreich, und (5 üst ine's Glaubwürdigkeit sogar für vernichtet zu erklären. Von hieran ist unr davou die Ncde, wie rezensirt wird. Um die höchst unpoetische Ansicht des Narqnis von Sibirien ganz zu entkräften, stützt sich Rezensent auf die Autorität August von Ko-tzebuc's uud ungenannter englischen Reiscudcn; daß uemlich das Leben in Sibirien gar nicht so schrecklich sei, wie mau sich gemeinhin vorstelle. Kotzcbue hat wohl noch nie die Ehre gehabt, lebend oder nach dem Tode. als Autorität fnr die Beglaubigung einer Meinung oder Thatsache angepriesen zu werden. Wem noch in unsern Tagen sein „merkwürdigstes Jahr mcineS Lebens" mehr als ein Nomalt sein sollte, der sei aus die allgemeine klimme darüber von Kurland, Liefland und Esthland verwiesen. Nie oft, wenn ich Kotz ebne's kleinen Georg auf dem Schooß hielt, und mich über das geistige Frühroth im Kinde freute, war es im Gespräch mit des Dichters nächsten Verwandten unser Wunsch, daß das Kind dem Vater nie ähnlich werde» möge. Staunen wirr man dort, daß in Deutschlaud 40 Grllndil'uiig. die Männer der Gründlichkeit auf leffcn Wahrheitölicbc sich berufe». Die Autorität fti beleucbtet. Hat Kotzcbnc Tibirim beschrieben? Nur eine klciue kruinme Linie im Gouvernement Tobolsk, bcnl sibirischen Elysium. Wie hat er es beschrieben? Echon an den Gränzpfählcn ward, wie cr selbst erzählt, sein Herz zerrissen, mit Flammcnzügm hat sich die Ankllnft in seine Brust gegraben. Vin blödsinniger, herbeieilender Greis, seit 33 Jahren von Frau und Kindern getrennt, und allein als Invalide, i» diesen Kirchbos lebendiger Schrcckbilder in Ruhe verseht, begrüßte den neuen Ankömmling in dem über den Gräbern gefolterten Tod-tenreiche. In Tobolsk selbst wird er, der vom günstigen Eteru eines menschenfreundlichen Gouverneurs Begünstigte, in eine Behausung gebracht mit zerbrochenen Fenstern, kahlen Wanden, mit Streifen von ehemaligen Tapeten geziert, voll Ungeziefer, ein großer Sumpf vor den Fenstern, und von da ein mepbitistl'cr Geruch. Auch Gesellschaft. Verwiesene. Deutsche. Franzost», Polen, Russen. Ohne Kopfschmerz, ohne Hitze, bei vollem Bewußtsein, gerath Kotzcbuc in den Zustand der Tolll'äuöler. Sein nächster Gefährte ist ein Rebell mit einer Tcclc reif zn Mord. Verrath, Dieberei und Betrug. Der kaiserlich römische Hostheaterdichter.wird .nub dort auf jedem Gange von Wache begleitet >md befehligt, mit Niemandem zu sprechen. Der Gouverneur, selbst sich unglücklich fühlend. b> schreibt ihm sein Gouvernement. „Wälder, ununterbrochen über 150 Meilen an ras Eismeer reichend, keines Menschen Fuß hat sie betreten, blos von wilden Thieren bewohnt, ein ödes Land. ein rauhes Klima, und die Gesellschaft von Unglücklichen." Kotzel'uc st'udet in Tobolsk cm Theater. Die Truppe besteht ganzlich aus Verwiesenen. Kanaillen spielen die edlen Mütter. De- Grundiruug. 41 korationcn. Kleidung. Spiel und Gesang unter aller Kritik. Nine Ressource, gehalten von cincm geknutcten Mörder, einem Italiener mit aufgeschlitzten Nasenlöchern. Im Sommer eiuc Hitze von 26 big 28 Grad Neaumur, im Winter 40 Grad unter Null. Aus dem festen Quecksilber werden Figuren geschnitten. Kein einziger Obstbaum. Nur an dcr Bretterwand um den (karten deö Gouverneurs gemalte Obstbäume. Im Inuern Faulbaum uud verkrüppelte Virkcn. Südlicher, an der sibirischen Grenze, wächst eine Art von Apfelbaum, deren Früchte groß wie eine Wallnnß. Das Klima gestattet nur zwei Hautkrankheiten, Erkältung nud die Kranlhcit der christlichen Liebe (vem>5 cNl^lillnn). Kotzebue wird nach Kurgian gebracht, gegen 70 Meilen weiter. Seine neue Wohnung sind düstere Löcher, in denen er kaum ausrecht geben kann. Ein Tisch, zwei hölzerne Bänke, kein Bett, kleine mit Papier bekleblc Fenster. Auf der stlnvarzen Diele Ungeziefer. Er seufzt, die Wirthin auch. Ein anderer verwiesener Gutsbesitzer wohnt mit einem stctö betrunkenen Wirtbe. einer stets zankenden Wirtlnu, Katzen, Hunden. Hübnern, Schweinen zusammen in einem immer finstern Loche; im Sommer im Stalle, ^'o Kotz ebne Visiten abstattet. Die Honoratioren und die Iwnue comp.-igmL bestehen aus dein Polizcimcister, in dessen Etube gemalte Präsentirteller statt der Gemälde an den Wänden bangen, und abgenommene Tiscbfüsie als Zierrathen aufgestellt sind. Dann zwei Beisitzer, einer dümmer als der andre, ein Secrctair mit hobcm Dünkel von sicb, uud ein uuwissendcr Chirurg. Entlaufen? Aber wohin? Vor der Stadt fangen die Kirgisen die Leute, binden sie an den Pferdeschweif, nnd zwingen sie znm M Gvinldn'ung, Laufen so schnell das Pferd jagt. Lebt dann dcr Gefangene au Ort und Stelle noch, so wird er Sklave, oder an die Bucharcu verkauft. Dennoch hat dor Himmel alich in Kurgian einvfänglichc Seelen nicht ohn: Genus« der Freude Klassen. 5kotzebnc findet vor seinem Fenster einen Wasch- und Badeplatz, wo die Nymphen des Orts öffentlich badend tnrnen. Kotz ebne mit dein Bilde der Gattin im Herzen, findet dadurch (Erleichterung, kommt aber doch auf TodeS-gedanken. die indes« nach seinem Gestäudnisi eine Prüfung nicht aushalten, die er al^o natürlich bei Seite wirft, bis die Sonne der sirlö'sung ihm aufgeht, zur Fortsetzung seiner Unbesonnenheiten und anderer dahin einschlagenden Härten. So hat Kotzebue Sibirien beschrieben. Was wird mm wohl Rezensent in dieser seiner Antoritat streichen, nm daö Land, welches er in seinen Schutz genommen, nicht so schrecklich erscheinen zn lassen, wie man sich gewöhnlich vorstellt! Das Kotzebnesche Gemälde sei indeß anch von dcr Seite der Wahrheit beleuchtet- also dao Fundament der Provokation auf dasselbe. lieber „dao merkwürdigste Jahr incincs Lebend" habe ich das der Wahrheit gctrcnsic Urtheil eines der geachtetsten Männer Licv-landö, des Kammerherrn von Beyer ans Stoklnanohof an der Dnna, wo Kotz ebne auf seinem Transport nach Sibirien einen, Theil seiner Rolle spielte, den er sich als Lustspicldichter nnd Lustspielkaper so abentbenerlich als möglich ansgcdacht hatte. Alle Theilnahme an seinem Schicksale schwand, als sich in der Beschreibung, sogar noch auf heimischem Boden, Lüge nnd Verlaunidnng in Masse erwies. «Ärundil'uiiH. äH Dicht am Schloß zu Stokmansbof ist eines der reizendsten Thäler Lievlands. vom Besitzer zu Ehren seiner durch Liebe glücklich gewordenen Tochter „Liebthal" genannt. Tief unten büvft cm ziemlich breiter Bach, der die hohen Thalwände scheidet, welcher bei den Ruinen, cincr alten Pnrg, die Kotz ebne zm» Versteck auf seiner Flucht sich dachte, in die Düua auWniudet. Hoch oben biegt sich eine Adansonia unter den wichen, wie eine Mutter über ihr Kind, über Bach und Thal, und trägt aus ihren starken, knotigen Armen cm Belvedere mit geräumigem Zimmer. Da war cö, wo mir und einer zahlreichen Gesellschaft der Kammcrhcrr v. Bei er de» Auftritt mit dem ftücbtig gewordenen Kotzebuc erzäblte. Ich habe das Mädchen gesprochen, die Pflegetochter des Hauses, die erschrocken dem Flüchtlinge die Thür öffnete. Ich bin in der Stube, rechts im Schloß-Hofe gewesen, wo er übernachtete. Aber ich habe auch die geputzten Lügen gebort, die er der Lcscwelt aufgetischt hat. Derselbe, welcher z. B. noch am Morgen im Schlamme eine« Morastes bis an die Knie eine Stunde lang gewatet, dann durch einen Gewitterguß bis auf die Haut durchnäßt war, und doch vor Durst die Regentropfen vom Walde um sich herum ableckte, derselbe erschien am Abend in Stokmanobof in Stiefeln und Kleidern, die von Regen lind Schlamm nichts gelitten hatten. Kurz die ganze Kotzebucschc Phantaömagorie von dem vcrlälimdcten Herrn v. Korf zu Krcutzburg bis hiuab in das PostbaliS zu Kotenhustn ist mit so breiten. schwarzen Lügen-pflästevchen belegt, das; man nicht das (Besicht eines Europäers, wohl aber da? eiues Leibgardisteu der marokkanischen Majestät zu erkennen vermag. Die Gewohnheit der Verlänmdung war dem Dichter znr anderen Natur geworden, dcun aucli dem ibn begleitenden russischen Hofrache hat er gegen bessere Ueberzeugung Unrecht gethau. Log der Bühncnpoet aber unter so vielen höchst achtungswerthm Zeugen, wer M Grund »rung. möchte dann etwas auf den Werth stiller Erzahlnngen auf unbekanntem Boden bieten? Ich habe dics Alles nilr in der Absicht umständlicher berührt, um Rezensenten darzuthun, daß mir dic Mauern, auf die er baut, sehr genau bekannt sind. Auf solche Autoritäten bcrnft sich noch die deutsche Kritik, um russischen Pauegvristen des sibinschcn lebendigen Todtenreichs gefällig nacbzilplandern, daß sie Necht hätten. Man weiß in der That nicht, ob man dergleichen apologetische b'inlenknngcn für Spott oder Denkschwäche halten soll. Vierzehn Jahre in Rußland gewesen zu sein, noch dazu unter der Herrschaft eines Paul I.. wo es kaum Feldjäger genug gab. sie iu die Provinzen des zitternden Reichs zu senden, um die curopäische Hölle mit Schuld und Unschnld zu bevölkern; und so wenig durch gesammelte Erfahrungen zu wissen, dasi man sich genöthigt siebt, aus einen Ko^ebnescben Roman zn provociren; ich gestebe. das geht mir noch über cine Komödie. Ich werde mich nicht auf Unglückliche stützen, die durch A l c x a udcrs weicheres Gemüth wieder uutcr Menschen kamen, und eine Beschreibung des Mendö machten; wie z. B. der Pastor Teiler, dem in der reinsten Unschuld vom Senat auf ausdrücklichen Bcfchl dcö Kaisers Paul zwanzig Kmitcuhiebe zuerkannt wurden, und der nach seiner Befreiung aus Sibirien nach Niga kam. Reichlich habe ich Gelcgcuheit gcbabt, sibirisches Land und Leben durch Staböofficicre, die dort ibrc Garnisonen batten, tennen zn lernen, uud die nur Frenudcn vertrauen durften, was nie ein menschliches Ohr hörte, was kein Utenschliches Ange zu lesen bekommt, und kein Verstand der Verständigen sieht. Zn anderer Zeit mehr. Die weichgeschaffcnc Seele, die den rnssischen Tartarus noch beschönigen will. mag auch wohl zerrissene Pockennarben für Grübchen der Grazien haltcn. Ich bekenne sogar, daß ick' das sibirische Elend jetzt noch für größer erachte, als zu den Zeiten rer Schreckensregierung Pauls. Warum? Damals tonnten die Verwiesenen noch mit Hülfsmitteln versehen werden, die ihren unglücklichen Zustand dort erleichterten. Kotzebuc ist Beweis. Eben so der Gras Ungern Sternbcrg, der das Unglück durch Sturm geängstigter Schiffer auf seinem Eilande schelis'licher wie ein Seeräuber benutzte. Ferner der Falschmünzer Gump recht, der im Keller seines Hauses auf stillem Gute in Esthland geranlne Zeit cine Werkstatt zu falschen Banknoten errichtet hatte, uud diese selbst mit seltener Frechbcit in Äeval und andern Orten, oft mit den scherzenden Worten vertheilte: „Nicht wahr? schönes Papier, nagelneues Geld, ich habe es auch eben erst ans meiner Presse genommen." Es ist bekannt, daß beide Verbrecher auf der langwierigen Reise sowohl, als in Tobolsk durch Unterstützung ihrer Verwandten ein Leben führten, wie es Reichthum und Bestechung dort nur irgend erträglich zu machen im Stande sind. Ueberhaupt konnte sich jeder Unglückliche durch Mitnahme ciuiger hundert bei sich verborgener Papierrubcl gegen die äußersten Fälle der Noth einen leidlichen Trost gewähren. Jetzt ist auch diese Aussicht dem Elende entwunden. Ein neuer Mag gebietet allen Polizeibehörden, „den nach Sibirien Verbannten die Mitführung von Eigenthum nicht zu gestatten, sondern ihnen dasselbe schon auf dein Transport dabin abzunehmen." Eine Wallfahrt nach den Gräbern der Ricscnbärm und Niesen-büssel, des aumuthigen und bereichernden Zobel- uud Fuchsfanges, der geschickten Biberkolonien am Ob und an der Lena, führt cine l'tredctere Sprache als mein Gänsekiel, der schon längst alles Fidmit zu den sibirischen Verbesscrungsmcthoden verloren hat, und ich bin fest überzeugt, daß wenn mau seinem Führer alle tobolskischc. oms- 4ft G r li >idi r ü >i >z. tische, kanttschadalische und alcutischc Herrlichkeit verspräche, ilnn alle Riesenclephanlen und Rhinozcrosorden' umwickeln, und mim blauen Zobclpclz mit uralschen Diamanten gestickt umhängen wollte, cr doch so hartnäckig wäre und spräche: „ich gehe nicht nach dem Riesen elysium !" Referent der neuesten russischen Literatur dreht in seinem Caroussel unter Begleitung seines Leierkastens auch einen ungenannten Kämpen mit herum, der in die Schranken, aber gegen die Rebellen wider Clistine eingeritten ist, und den cr so kahl vorgeführt hat. daß man nicht einmal au einer Schrift im Schilde lesen kann, wao cr eigentlich im Schilde siihrt. Nnr auf dem Wege des Buchhandels war zu erfahren, was der Kämpe, der Verfasser des „Noch (<> ulll^! Sagen daS nicht ganz deutlich die darin angesprochenen Worte: „Man hat Grctsch nur andeuten wollen, dasi in Deutschland Man-ncr leben, die Petersburg und Rußland geuatirr und richtiger kennen als er selbst, weil sie ihre Beobachtungen von einem völlig freien Standpunkte anstellen kounien, nud weil sie nicht durch die Brille eines Brotherrn blickten." (?d crgiebt sich deutlich aus der Broschüre, daß der Verfasser den russischen sttatsrath ron Petersburg auö kennt, und daß cr von keiner günstigen Idee sür ihn beseelt ist. b'r. der sein Vaterland voil Herzen liebt, findet unu Grctsch mit der ehrlichen Sache aus dessen Boden. Die ehrliche Tachc desselben kommt ihm verdächtig vor, da mahnt ihn Liebe nnd Pflicht für sein Vaterland und ohne zu fragen, werde ich das Zicl erreichen? jagt er zwei Deutschen mit verhängtem Zügel entgegen, uud ivirft sie da, wo cr sie anrennt, um uut um, lachend nnd ernst. (5r fürchtet durchaus nicht, wie Rezensent im Gegentheil meint, irgend eine Gefahr für deutsche Gesinnung, cr hat recht reichlich gesagt, was und wie viel die Russen noch thun müssen, um die Antipathie der Deutschen zu tilgen. Er ist gegen dab ^inschmarozcn von Personen, die ihm als antideutsch bekannt sind. mehr eingenommen, als gegen ihre literarischen Neiseessectcn. Wer nun, wie er, lauge in Petersburg, dem Wohnorte von G retsch und Grimm, gelebt hat, der dürfte, wohl möglich, eine Witterung kennen, mit welcher man Lander, die man liebt, cben nicht überziehen lassen möchte, da bekanntlich die Petersburger Witterung, die abscheulichste von ganz Rußland ist, und die besonders den Etock- 82 Grundilnng. schnupfen bringt. Alo nun gar der Etatsrath den Handschuh den Deutschen inö Gesicht warf, da gab ihm der Deutsche nur zu verstehen, man könne wohl, es lohne sick» aber nicht der Mühe; was das Bündel mit der ehrlichen Sache betraft, st' wüsttcu die Deutschen, was darin wäre. Ihm war Gretsch ein listiger Nebelcr. er sah den Draht, der ihn lenkte, und nahm ihn sür einen von den schlechten Schauspielern, die nur aus das Publikum scheu, nick't aus das Stück selbst und wie sie die Nolle ausführen. Ich gestehe, ich denke cbm so. Auch mir ist der russische Tschi> nowuik nicht nur dein Namen noch bekannt. Von seinen nächsten Verwandten au, ächtem deutscheu Blute und vortrefflichen Seelen, die ihre deutsche Natur nicht verändert haben, von seinen Vckannten an bis hinab in sein Treiben im gretsch-bulgarinschen Wespenneste, vulßo „die nordische Biene" genannt, ist er mir nicht fremd, und es käme auf den Versuch einer Collectc von Ttimmeu an, ob sein Klaug silberu oder bleiern sei, Ist cö denu so schwer, in die Karten zu sehen, die das Mitglied des Petersburger BerichtigungöbüreauS in Deutschland aus den Spieltisch legt. und von dem noch im vorigen Herbst eine Zeituug vom Nheine, bei Erwähnung von bekannten russischen Agenten, meldete, das< er von Heidelberg aus Fraukfurt fleißig besuche. Rezensent sagt: wir können den Keguern l>ü st ine's die Kriegslist nicht verargeu. daß sic dm moralischen Charakter ihres Feindes, der allerdings manche Blöße darzubieten scheint, in's Spiel ziehen. Da stehen wir vor der köstlichen loyolaschcn Loyalität. „Wage dich nicht an die Wahrheit, sondern greife tückisch den moralischen Charakter dciucs Feindes an." Das ist ein Recitativ aus der Liedertafel des TeufclS. Man lasse den Nusscnadvokaten blicken, daß man geneigt sei, anf ein „ scheint" einzugehen, so verstümmeln sie die Weltgeschichte, und werfen den ganzen Weltcubau nm. Pope nennt Alexander, den Maeedouier, einen Narren, und Add isou schimpft ihn einen Straßenräuber. Mau sage nur - es scheint so! und G r c t sch wird aus allen Poren Veweisc schwitzen, daß der König in der Schlacht bei Arbela vernichtet worden, wenn ihm nicht Suwarow zu Hülfe gekommen wäre. Arago ist. indem er die Strahlen der Himmelskörper durch den Turmaliu prüfte, aus den Schluß gerathen, daß die Sonne nichts sei als eine große, im Raume schwebende Ansammlung von Gas. Man sage: so scheint es! und Gretsch wird demoustriren, daß es gar keine Sonne gebe, sondern daß unser Nit-tagöstern nur der Widerschein des ungeheuern Nordlichts sei. welches vom Muterpalast in Petersburg ausgehe. Worauf gründet sich denn das „scheint" des Rezensenten gegen Austine? Weil Gretsch dessen Erzählungen die Mieder auszurenken sucht, uud nicht vermag? WcilKüstinc eineS Busenfreundes halber in den Kampf gegen Nußland gegangen sein soll? Wäre das unedel gcwcsen? Hat denn Grctsch sein selbsterdachtes Larifari bewiese», auch nur scheinbar bewiesen? Sind Fakta, bei denen der französische Reisende selber sagt. er werde ai,o Rücksichten nicht zeigen, an welchen Punkten er sie angeknüpft habe, devhalb nnwabr? Ja wohl Lichten b erg! „ Der Kluge wird nie superklug, allein der Superkluge kam,, wenn er aushört aus dem Erfinden ein Geschäft zu machen, am lnide noch klug wcrdcu." sss sei nun einmal das Gestatten des Nezeusentcn angenommen, den moralische» Charakter mit in's Spiel ziehen zu dürfen. Es heißt dies hoffentlich nichts audcro. als mau kann aus die Person llt Grundirunq. eines Schriftstellers so writ Rücksicht nebmen, als diese vielleicht auf sein Werk cm helleres Licht wirft. Austine und Gretsch sollen also auf gleicher Waage stehen, und nack Dein geprüft werden was, bekannt ist. Gretsch bat gewiß nichts unterlassen, über die Moralität des Marquis so viel einzusammeln, als seine Geschäftigkeit nnd Pflicht vermochte. Das Gescbick ließ ihn in sciucr Emsigkeit im Stich, und die Tcufelchen, die er allein in Pech und Harz modellirte. schmolzen an jedem Dreierlichtchen der Vernunft, und schadeten der Sache des GegucrS nicht im Geringsten. Der Marquis lebt in Pans als ein geachteter Mann. Sein Werk über Rußland fand überall Theilnahme, und der Verfasser hatte nicht nöthig, wic Gretsch erst anzukündigen, „daß er durchaus ohne officiellc Aufforderung geschrieben habe." Er suchte nicht ängstlich im fremden Lande nach Anhängern für seine Veröffentlichungen, sondern blieb damit in seinem Vaterlande, überzeugt, daß ihm die öffentliche Meinung mit keinem pleinioi- «ixpioil ,!<> !^> l^i-Hnes zum Neujahr gratuliren würde. und das; ihm weder von einer Zeitung noch sonst von Jemand nachgesagt werden könne, er bemüht sich nm Interessenten unter den Literaten für Dinge von einer Natur, deren Annahme zur Unchrc gereiche. Cüstinc hat das gntc Gewissen, daß man sich in seinem Wolmorte und überall erkundigen könne, und man werde nicht hören, das! er sich durch Geld oder andere Autoritäten suchen und zu Geschäften brauchen lasse, die einem ehrlieben« dm Manne Niemand anzubieten wagt. Hoffentlich hat der russische Tschiul'N'nif allerwtnigftens denMen Pariwcrth einzulegen. Cu stin e steht ferner allen literaristden Verbindungen fern, deren Reflex sein moralisches Gefühl zu scheuen hätte. Grctsch hingegen Grün dir ling, Hit steht mit cincm Bulgarin in Verbindung, und scheut keinen Neflex. Von diesem Journalisten hicr noch kcin Wort, nur dic Bemerkung, daß er nicht nur im Vaterlandc. sondern auch in Deutschland seiner richtigen Taxation nicht entgeht. In Giihkow's Telegraphen z. B. ist er „als ein bekannter sehr serviler russischer Schriftsteller" namentlich aufgeführt. Wer die Parallelen (vustine und Orctsch weiter ziehen will, möge beide Männer in ihren Soireen aufsuchen. Heinrich Laubc beschreibt einen Abend bei dem Marquis in Paris; und der Wirth kann mit der Beschreibung zufrieden sein. Ein Ocstrcichcr gedenkt der Art eines Festessens. wie sie überhaupt in der Ezarenstadt vom Aeheimenrath bis zum Gouvernementosecretair, diesem Kehraus der 14 Titelklassen, dic übliche ist. Orctsch gab ncmlich zu Ehren der Sabine Hcinefctter einen dergleichen Genuß. „Halter ein guteö Essen, ein gutes Trinlcn. gnte Musik, schöne Damen, aber — es geht Halter mi' über ein Bisftl Geist!" — Gretsch, der schon unter dem milden Zepter des Kaiscrö Alexander die eigene Erfahrung auf der Hauvtwachc gemacht hatte, der aus scincS nächsten Freundes Bulgarin Verweisung aus der Residenz ivnßte, aus der Festungshaft des Etatsrath (5. wegen Erlaubniß als Censor eines Exemplars des Brockhaus'schen Conversationslezikons, und dlirch viel andre Beispiele belehrt war. wie gefährlich co ist, nur eine gegen den Geschmack der Regierung anstößige Meinung auszu-sprechen; dieser ftll'c Kretsch, den das stmnmgeknechtcte Polen mit seinem ganzen Unglück auf den Mund schlägt, war im Stande, den Deutschen vorzuposaunen, in Petersburg könnc man eben so frei ,denke» und sprechen, wie in Berlin. Paris und London. Nr rede toch dort nur einmal öffentlich und freimüthig wie einst Gans vom Katheder in Berlin: „Meine Herrn! Dic französische Revolution lw Grundn'ung, war cine Nothwendigkeit!" Wo werden wir ihn das Jahr darauf sehen? Vor dcn Thetschenzen, oder hinter dm Zobeln? Geschieht ihm also Unrecht, wenn ein Journal treffend von ihm sagt: möge Rußland nie einen bessern ^Ivo»'i>l,i» lliiilmli gewinnen!? Ist es zn verwundern, wenn durch solche vortreffliche Leute Gutes und Schlechtes zusammengeknetet wird, und auch der achtuugowcrthc Theil der Nüssen seine Würdigling im Auslande verliert? Nur Ein Beispiel. Die herzlose Weise, wie Grctsch die Geschichte von der Gräfin Trubetkoi berichtigen will, hat in Deutschland sehr natürlich zn dem öffentlich auch ausgesprochenen Urtheil geführt, das; der kalte, vcrkleincrungssüchtigc Ton, mit dcm Grctsch von der unglücklichen, großen Frau sprecht, nur zu deutlich verrathe, daß man in Petersburg weit davon entfernt sei. ihren Heroismus zu bewundern, ja daß nia» vielleicht eher unwillig sei über die unkluge, taktlose Fürstin, die statt am Hofe ein glänzendes Leben zu führen, vor ganz Europa solch ein Aergerniß gebe. und eine Selbstaufopferung, die eigentlich nur dcm Allerhöchsten, dem Kaiser gebühre, ihrem verbrecherischen Manne widme; daß man solche Dcnkungs weise freilich weiter nicht anklagen tonne, ebm wcil sic russisch sei. Wahr! Unter dem li l. Grade nördliche" Breite ist's kalt, kalt daß die Thräne auf der Wange oft gefriert, aber so schneidend geht die Luft nicht durch die Herzen, daß eine große, schöne That die Thränen darin nicht warm crhalten könnte. Mochte es donnern und blitzen über den« unerwarteten Entschlüsse der Fürstin, die rührmdjte Theilnahme sprach sich doch für sie durch ganz Petersburg, nnd durch alle Klaffen aus. Jedes Gefühl flüsterte dcm andern in's Ohr: einc Seele, schön zum Anbeten! Einer Sprache 5 W Gretsch über Grundirung. ll? das Unglück hat sich Niemand schuldig gemacht. Die Sünde des Mannes hat der weibliche Engel gesühnt, und die Familie, die einst den Romanows auf den Thron half. führt nun einc höhere als lzanschc That in ihrer Geschichte. Kommt es bei einem politischen Schriftsteller, der um das Vcr-tranen der Lesewclt sicb bewirbt, gan^ besonders darauf an, ob er Wahrheit habe geben können und wollen, so läßt sich dies Können und Wollen für ssustine bejahend beantworten, für Grctsch ^ir« verneinend. Denn eben weil die Nüssen ihre Ueberzeugung über die Zustände ihres Landes nicht ausspreehen dürfen, reden sie gegen ihre Ueberzeugung, was sie sind, waö sie- wollen könnten, und wollen sollten. Wo eS der Wahrheit ohne Kappe gilt, da behängen sie ihre Reben dick mit Gänseblümchen. Echaafgarbe, Pechnelken und andern Blumen. Wenn die Russen von ihrem Lande reden, so gerathen sie unwillkürlich in die Offenbarung der innern Lüge ihres Denkens. Den Absollltionuis, den Kncchtbkittel ihres Polko, in dessen Acrmeln sie initstccken, leugnen sie rund ab. Darum legt man sich auf eignes logi-. schcs System. Man legt absoluter Herrschaft einen andern Begriff unter. Sie schleppen Dinge in den Begriff, die gar nicht darin enthalten sein können -. nnd ebc sie sich dies eingesteben, belügen sie lieber Andere und sich selber. Sie dürften nur an dem Verstande festhalten, daß Absolutismus nichts Atmres sein kann alo Absolutismus; es ist ein durch sich selbst nur begränzter und erstarrter Begriff, ein festes zu aller Fortbildung untangliches Wesen. Statt dessen sagen sie.-Unsre Staatsgewalt überragt die ungeheure Masse der Negierten an Einsicht weit, sie ist alle» vernünftigen Gründen zugänglich, und ist, V8 Grundirung, bestimmt noel' lange an der Epitze de? Fortschritts zu stehen. Das Volk liebt dicsc Regierung aus Naturtrieb, aus Gewohnheit und Religiosität, aus Aberglauben sogar. Es erwartet die Abschaffung der Nebelständc von der Zeit. von der Verbefsmmg der Sitten, und von den guten Absichten der Negierung; vule Tolstoi «^iUl-H C li st i n e. Ohne in diese Strickstrumpfphilosophic weiter einzugehen, heißt das Alles etwas Anders, als sich auf das freie Feld setzen, und abwarten, daß die Naben herbeifliegen und Futter bringen? Auf solchem Wege erwarten die Russen ein ueucs Etaatslebcn? Ein solches soll sich also doch entwickeln. Ohne Keim ist abcr keine Entwicklung. Kann sich denn nun ein reiferes Volksleben aus dem Begriff eines asiatischen Absolutismus entwickeln ohnc That. die ihm entgegen tritt'? Man nehme an, diese absolute Monarchie wecke «inen Keim zu einem freiem Staatslebcn. Was der gute Herrscher erwärmt und baut, reißt das der Nachfolger willkürlich nicht wieder ein zum Erstarren, oder wird es nicht Einer derselben thun? Wird der Absolutiomuo an seiner eigenen Vernichtung arbeiten? Und ist denn der vorhandene reise Kern im Apfel, oder, in die Erde gelegt, der aus ihm hervorbrechende Keim auch schon der fruchttragende Baum? Einen bloßen Keim behängen aber die Russen mit Früchten, daß sie wie Trauben voll die Aeste schon niederbeugen, und ausländische Fruchtbamnc an sijröße und Qualität überlegen, ohne zu begreifen, daß Das, was sie Frucht nennen, noch gar nicht bei ihnen sein kann. sondern geborgte Mittheilung von anderswoher ist. Dennoch fährt man mit einer enormen Idee von sich und den sclbstgczogenen, silßsaftigcn Früchten zu Markte, und schimpft und ärgert sich, wenn die Nachbarn, wie gegen alle Wahrheit eingenommen, von dem feilgebotenen Zeuge nicht kaufen mögen. Man geht noch weiter. Damit der Absolutismus ja allein das kräftige, künftige Leben aus- brüte, werden alle Brücken abgebrochen, die eine Kommunikation mit andern ältern und vorgeschrittenem Völkern unterhielten. Deutschland hat zwei Feinde, die es jetzt zu seiner Besorgniß sieht, den Icsuitismns und den Nussiomus. Vcide Feinde haben eine so große Aehnlicl'kcit mit einander, dasi man dem Einen, wie den rnssischen Rekruten, den Vordcrkopf abrasiren mnft, um sie zll unterscheiden. Beide stießen schon in ihren Eroberungen und Tendenzen nach gleicher Herrschaft, wie einst Nom und Karthago, aneinander. Der Meichc erkannte den (bleichen. Reineke witterte den Fuchs, uud Einer verjagte den Andern. Was will der Iesnitismus? Expansion nach Weltherrschaft von Außen, Kompression von Innen. Mvkie «t imi»eii> als Mittel. Zwietracht aussäen, Gewalt arndtcn. Flirsten reizen, um Völker zu knechten, und Völker zu spornen, ihre Fürsten zu Haffen. Keine, Ruhe, bis dao germanische lichte Element seine heiligsten Interessen fahren, und über sciu Wissen und Wolle» die Todtemneffc lesen läßt. Was sagt der Nussismus dazu? Wodurch ward denn sein Land so ssrosi? Wer hat denn den Eabinetten die Besorqnisi eingegeben: Vis hieher und nicht weiter! Wusite Deutschland noch vor I l^o Jahren etwas von dem russischen Einfluß auf sein inneres politisches Leben? Brauchte sich Europa lim Rußland zu kümmern, wcnn es seine Fragen in Ost und West und Süd entschied? Nnssiscl'c Tender zen haben in Dentschland eben so gut Boden gefunden wie jesuitische. Konnte die bedeutungsvolle Stimme am Nhein gehört werden „wir rnhen nicht, bis wir die Jesuiten wieder am Nhein haben! " ist der AuSrnf der Sehnsucht nach Russcnthum uicht eben so möglich? Schaut es denn nicht deutlich genug aus Phänomenen unsers poli« tischen Lebens hervor? Hat nicht der Nussisnius schon erreicht, daß stille Politik der Deckel auf deutsche und dcr Nacbbarn Literatur ist, wenn Nußland znm Gcgcnstande genommen wird? Hat nissischc Po^ litik in Hinsicht auf Deutschlaud einen andern Zweck als jesuiNschcn? Eö soll seine H^nrdc bei Seite setzen, es soll zu befühl nud Ans-spruch kommen: wir dürfen sorglos sein. denu Nußland beschützt uns! Die Politik dcr Moskowiten huldigt allen Prinzipien, wenn cö daraus ankommt, ihre Ora'nzen zu erweitern. Sie liegt sprnng-fcrtig iu die Gärten des Bosporus. Sie springt, allein gelingt ihr dcr Sprung nicht, so ist sie die l^rste mit der Forderung: die Türkei bleibt eine heilige Unthcilbarkeit! Die Unschuldige n'perimcn-tirt ja nur. um ihre Kräfte zn üben; mid was ist ein (^rMiment anders als eine Frage, ob es wohl augchen werde. Wo legt man dic Gedanken in Fesseln? Wer stammt sich im Hmtcrgrundc gegen die Energie des deutschen Nationalgcistes? Dcr heilige Nock ist ausgeklopft, und wird in Deutschland schwerlich wieder eine Wallfahrt erleben. Die alte Mauer des Obscuran-tiümus hat dcr rauschende Strom der Zeit durchgewnl'lt, sie dämmt ihn nimmer wieder ein. Der Blick ist auf das gerichtet. was im Wcstcu sich gestaltet, es stellt sich offen dar. Aber stl'limmer ist eiue durch dic Adern Deutschlands schleichende, arsenikhaltigc Macht, wenn auch nur cinc materielle, siinc physische. Macht sucht ihr Faustrecht durchzusetzen. Wären dic Angeu überhaupt aufmerksamer auf die Schritte physischer Macht gewesen. so würde das geistige Recht nicht mit den Legionen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zn kampfm haben. Deutschland ist sehend geworden, (is sieht Frcuud Ncinc ke. der Lampen die christliche Nächstenliebe predigt. Aber ist seine patriotische Tugend schou so taktfest und stark, daß cs den' Wotsc, der, in's Schafskleid genäht, herumgeht, das Lamm ("llilldiruug. st zum Kuß darreichen, und neckend wieder wegziehen kanu? Kömmt Wir in einem Pliaswagen der himmlischen Gewißheit entgegen fahren, daß wir allesammt wachen und nicht in Ansechtung fallen? Wo feindliche Wirkungen so offen am Tage liegen, wollen wir warnende Stimmen nicht fnr zn gcnng achten, die aus den Waldungen kommen, wo die, Wölfe heulen. Rußland hat keine Sympathien in Europas Völkern, allein wir als die Nachbarn wollen uns nicht der Träumerei hingeben, seine Grundsätze tonnten gar keine Neiguug und kein Entgegenkommen finden. Sciuc Agenten sind zahlreich in unsrer Mitte, nicht um sich von uns stimmen zu lassen, sondern nm unsre Saiten nach ihrer Stimmgabel in Schwingung zu bringen. Die deutsche Natur hat ihre Neigung zn fremden Opferdicnst. nnd eine viz inol'liiio fnr eigene Interessen nie verleugnet. Wer könnte die Verstimmung, die zu immer mehr Kalte führt, übersehen, welche zwischen dem gebildeten Theil, diesem klaren nnd wahren Quell des Bewußtseins unsers Vaterlands, und den Negierungen desselben sich gelagert hat! Selbst in den gebildeten Klassen wollen wir mahnen, immer zu streben, noch deutscher zu werden. Von der Freiheit, die ans dem Leben deö Volks organisch sich entwickelt, die allein wahre, sichere und schützende, von ihr scheinen die Deutschen noch weit entfernt zn sein. Eine blos konstitutionelle Freiheit ist noch keine Freiheit, ein Hauch bläst sie nm. Sollte cs an sprechenden Beispielen dazn fehlen? Die Natioualcrhel'ung zn jenen Kriegen, welche die Freiheit bringen sollten, haben wenigstens fnr die Deutschen das durch Nichts zu ersetzende Gnt gehabt, dasi ihre Augen wie Hirschaugen groft offeu stehen. Ist'S aber weise, den gefährlichsten Feind immer noch in Westen zu snchcn? Die Zeit mit dem Nhemlicdc und dem papicrnen V2 Grund ir ling. Säbel dabei, ist verschwunden. Au die Stelle des Hasses tritt ruhige und besonnene Achtung. Die Verkcnnung dcö Guten, was von Drüben geworden, verliert sich, und Deutschland hat noch eine innere, eine glühende und gemüthliche Jugend. Soll daher in Deutschland ei« öffentliches, eiu einiges Staats« leben von Volk und Regierungen verwirklicht werden, so darf auch der Rath nicht in den Wind geschlagen werden, dasi man sich vor den Con-trabandisten mit der ehrlichen Sache am Meisten zu wahren habe. Glaube man lieber, die hausirenden Seelen wären zu ehrlich, dann gleichen sie wenigstens nicht den Sterblichen, und die Organe können sie nicht fassen. Ich bin wahrlich nicht von der Zahl derer, die den nordischen Koloß wie eiu überwältigendes Schreckbild au die Wand malen. Fürchtet eine halbe Million Tscherkesfcn nicht den 120 Mal zahlreichern Unterdrücker, so ist auch die cingefuchteltc Tapferkeit der russischen Regimenter für Deutschland von keiner Gefahr. Ich weiß, man durchschallt die Absichten der russischen Politik und ihre Agenten. Allein meine Ueberzeugung sagt mir auch. daß Nußland, um seine wahren Absichten zu lagern, immer erst stille leeren Tonnen Europa vorausschickt. (5s giebt noch gcnng phlegmatische Süffisance, und die Irrlichter ans dem Moraste, in welchem das junge Palmira liegt, haben schon manchen Wanderer zu falschen Wegen verleitet, und die Verführerin dcklamirt dann lächelnd aus Racine: vous m'avez vuc atlachee ä vous nuiro; dims le fond dc tnon coour vous no pouviez pas lire. Die warmen Mairegcn von Orden und andern Schenkungen schmelzen oft genug deu Schnee, der gegen russische Winde unempfindlich sich hielt. Die Russen l'abcn hinreichend bewiesen, daß da, wo sic sich fest-keilen, alles Glück verschwindet. Der wahrheitliebcndc Scumc, der selber Rußland sah, sprach vor 4s) Jahren auö: ein Fluch ruht auf dem Schalten und Walten der russischen Regierung. Arndt, der wahre Deutsche, als Greis ruft er zu: „die russischen Entwürfe und Umtriebe müssen mit rastloser Aufmerksamkeit beobachtet und verfolgt werden." Ich, der 33 Jahr das russische Treiben mit ansah, vethcnre: so ist'?, wie tieft Redlichen gesprochen! Wenn ein Schauspieler in Frankfurt a. M. in dcm Lustspiel „der alte Student" zu sagen hatte: „ich esse kciucn Kaviar," statt dessen aber sprach: „ich esse keinen rnssischen Kaviar!" nud dafür donnernd applandirt wurde; so ist es ein Zeichen, daß Deutschlands öffentliche Meinung überall das richtige Feldzeichen sich aufsteckt. Wir wollen also auch Männern, die man, wie Rezensent, sogleich für geistreich, wohlorientirt, mit guten Absichten u. s. w. anerkennt, daö Feuer, welches wir an ihnen bemerken, weder schwächen noch lösche», sondern wünschen, daß überall ein heiliges, lebendiges, nicht ein gemaltes und geschriebenes Feuer für unser Vaterland brenne. Wer die Rezension über die neuste russische Literatur scharf nch-men wollte, könnte auf den heillosen Gedanken gerathen, sie habe versteckt der russischen Partei gegen den Franzosen in dic Hände arbeiten wollen. To ist es gcwisi nicht. Sie ist nur die Frucht eines ruhigen Nachdenkens, welches mit der Oberfläche recht zufrieden ist, und aus Bescheidenheit sich in die Tiefe nicht wagt, um nicht hie oder da das Ansehn eines burschikosen Bergmanns zu haben. Leider ist nur wahrscheinlich, der schöne Traum des Rezensenten, werde scifcnblasig zerplatzen, „daß die Geschichte den Russen die würdige Bestimmung zn ertheilen scheine, die es auch gewiß erfüllm 64 Grlnldiruüg. werde, die abendländische Kultur in den Orient zu tragen, und dem Skandal unemopäischcr Türkenbrntalität welligstcns i>n christlichen Europa cin Ende zu machen." Ich bin nicht im Stande, mcinc Meinung mit der des Rezensenten unter einerlei Hnt zu bringen. Denn erstens, wüßte ich nicht, woher der Schein zu jener Bestimmung jetzt 1845 kommen sollte. Vor 50 Jahren ließ sich iu Petersburg cin solcher bedanke allenfalls fassen. Zweitens halte ich Mio für zn klng, als daß sie ihre Geschäftsträger uicht besser zu wählen verstände. Drittens, taun man nicht weg und übertragen, was man nicht hat. Viertens, weil durch die Erfüllung nicht ein Lappen vom heiligen Rock des Christenthums gewonnen würde, indem Zeitnngen und Reisende and der Türkei viel weniger Skandal als aus Rußland erzählen. In Betreff der Brutalität, so baben die Russen das Monopol auf diese Kardinal-tugend. Die schönste Ktlogc. welche je dieser russischen Grazie dedi-cirt worden, hat daö .luuimll <1c5 ^ in Musik gesetzt. Ströme rauschen und Bäche flüstern von dieser Tugend, die besonders in Petersburg und Moskau den eigentlichen Schmelz der Liebenswürdigkeit in das gesellige Leben haucht. Doch am reinsten murmeln die Netten der Weichsel von dcn Karpatheu an bis hinab nach Dan-zig ihr Lob. O es ist cin unanssprechlicher Zanber um Lippen und Nase, wo diese Huldin sich ausspricht! Nur de.i Nüssen legen die Cha« ritmnen dies Angebinde mit dem seelenvollcn Ausdrucke in die Wiege. So lange Europa die Augenlider nicht wieder znfallen, wird wohl dafür gesorgt sein, dnß die Kultnr des Westens nicht den alten Handclsweg nach dem Orient über Nowgorod nehme. Auch die Türken danken in allen Moscheen dem Propheten, daß wir jetzt an der Donau hinaus einen ganz herrlichen Wachter haben, der anfängt, dem russischen Niesen graue Haare zu machen. Ui-omus! lNruudiruilg. 68 Wenn ssnstine von der russischen Nachfeier des Cieges bci Borodino spricht, wie die Geschichte und das allgemeine Urtheil aller noch lebenden Mitkämpfer bewahrheiten, so macl't es Rezensent ganz recbt, daß er sich ein Schmerzgefühl erspart, mid sich lieber dem russischen Enthusiasmus mit den Worten anschließt: „wenn der Kaiser nur nicht die Siege seines Volks gegen die Franzosen zu stiern sich vermäße!" Ich kann dem Rezensenten zn seiner ächt inoskowitischcn Idee vorzüglich die Feldzugobeschreibungm von General Dani-ltfski auf Treu und Glauben cmvfeblen. Ueber diesen Siegeskollcr geht nichts. Die Nüssen haben dariu von jeher tine herkulische Stärke bewiesen. In den Türkcnkriegm unter Katharina ll. fiw den sich in den Berichten der Nüssen sogar Siege derselben in Schlachten, von denen kcinc muhamedanische, oder russisch griechische, noch sonst cinc gläubige oder ungläubige Seele je etwas gehört oder erlebt hat. Daher ziehen auch am Victoriawagcn über der gewölbten Durchfahrt dem Winterpalast gegenüber, nicht vicr, sondern sechs Pferde, vielleicht gar acht. Die Last ist zn groß. Nur a»s dieser Siegcswuth läßt sich erklären, wie Rezensent behaupten konnte, Gretsch habe die Glaubwürdigkeit des Marquis erschüttert und gänzlich vernichtet; wie er ferner den russischen Mitstreiter Tolstoi, der nnr hardline, den Siegreichsten, folglich Gretsch den Siegreichen zu ncunm vermochte. Pnstinc selbst nennt sein Werk nicht mangelfrei, allein die Kritik muß die Mängel nicht benutzen, um das Werk zu veruicbten. stine Kritik, die sich für freimüthige Mittheilung von Gesinnungen, die für das Allgemeine wichtig sind, aufrichtig bedankt, müßte wenig' stens behutsamer und kritischer auftreten, ehe sie ein solches Verdammungsurtheil auöspricbt. (?ine Kritik, der sich nachweisen läßt. daß sie im Allgemeinen und Besondern ein Fremdling auf dem Felde ist, 3!»ß,and, I, ü bft Grundirnng. welches sie bearbeitet, kaun cm Gebilde, welches verwirklicht, welches vom Gefühl und Geist für Wahrheit erkannt wird, nicht gefährden, und Irrthümer, wie der Franzose sie begangen, verschwimmen am Ende doch nur wie Nuancen der Wahrheit selber, dürfen also die Sache an sich weder verwerflich n^chcn. noch verleiden. Die Deutung, die ihnen von den Gegnern gegeben, ist eine arrogirtc, die Schlechteres an ihre Stelle setzen, Leugnen, Verwischen und vorsätzliches Umgehen mit Lügen. Man begreift nicht, ivas denn eigentlich nach der Ansicht des Rezensenten dem ssüstineschen Werke fehle, wenn er selbst gesteht, daß die Grundzngc desselben richtig seien, nämlich: „drückende Sklaverei, Begnügsamkeit und Prunken mit dem Scheine, Servilitat und Verdorbenheit des Adels, Mangel der nicht geordneten Rechtspflege, Mangel an Redlichkeit in der Administration, Mangel an Beförderung nicht äußerer, wohl aber innerer Cultur, und zur Leitung des Ganzen mi Wille, der gegen in sich unnatürliche Verhältnisse zu kämpfen hat, und sich nnr durch Strenge und Gewalt behaupten kann und muß, wenn nicht Alles in der gräulichsten Anarchie zn Grunde gehen soll, die keinen Gesetzen unterworfen ist, und folglich bei dem reinsten Willen in Willkür ausartet." Und trotz dieser als richtig zugestandenen Grundzüge behauptet Rezensent wieder, die ssustinescbe Karrikatlir sei in Verhältnissen ausgeprägt, daß ein anderes Bild daraus hervorgehe als die Wirklichkeit darbiete. Wenn Rezensent Peter den Ersten der unbegreiflichen Verbleudung beschuldigt, sein Volk freien Völkern in der Kultur gleichstellen zu wollen, thut denn O rctsch durcb seinen offenbaren Unsinn etwas Anderes, wenn er die russische Gedanken- und Sprcchfrcihcit Gvlindil'nng, s? mit dcr Englandö und Frankreichs gleichstellt? Und sindcn wir denn überhaupt das heutige Nnßland in Auöspruch seiucö WabnS nicht übereinstimmend mit dcr Verblendung Petcro? Rezensent sagt, „jedem unbcfaltgen sick Umschauenden erscheine Petersburg als eine grosie bildung^reichc Beamten ^ und Gelcbrten-stadt." Worauf stützt er diese Behauptung, welcbc die Wirklichkeit so grell wider sich hat? Wein ist Petersburg je bildung«reich und gelehrt erschienen! Wo ist der Scharfsinn, wenn Rezensent Ixml» jkle glaubt, dasi Gretsch erst in Paris beim Herumschlendern Custine's Werk an einem Fenster cineö Buchiadenö entdeckt habt! — Warum könnte man von einem Franzosen kein trcucö Bild von Nußland erwarten?-— Warum ist es lacherlich. N'enn (vnstinc erzählt, dic Leibeigenen würden von ihren Herrschaften zum Fest nach Peterhof beordert? — Warum war Miloradowitsch einer der edelsten Männer Nußlands? — Diesc und mehr Fragen wollen nicht mehr sagen, alö daß man von einer deutschen Hlntik in einem literarischcn Journal mehr erwartet hatte. Rezensent nist, wenn dcr Staatörath Grctsch Wort haltt. Cu« stine zu widerlegen: ,>o,'^ mil>i i»ü^n,l> ^mllo!" Gretsch hat nnn aber nach dem Wortlaut der Rezension nicht mir widerlegt, sondern „erschüttert und vernichtet." Lsl, «lßo 'lil)i mnßllu« ^ullol Der 6'eist Nnsilands ist's, den das französische Werk in seinem eigentliche» Wesen alifgef^stt hat, nnd welchen eö in den erlebten oter mitgetheilten Thatsachen al6 leitendes Prinzip aufstellt. Dicse Verbindung von Leib und Seele ist es, die dem Werke den Werth verleiht, und die den Nliffcn durch Mark und Bein ^cdrnngen ist' weil nur so da5 maokirte, gehcimthucndc Neich in seiner Nacktheit Mtd Wahrheit dem Denker sich aufschließt. So wenig wie der mensch- U' 68 Vlundirung. liche Körper ohne die ihm inwokuendc Seele als Mensch beurtbeilt werden lanu. so wenig lvrzahlungen von Schlachten. Fricdcuöschlüsscn und andern merkwürdigen Begebenheiten den Namen „Geschichte" verdienen, wenn die Begebenheiten nicht zum Spiegel des in der Menschheit wirkenden Universums gemacht sind; eben so wenig können einzelne Facta im ssustiueschen Werke ohne den dazu gehörigen Geist als ein Ganzes beurtheilt werden. Wer Dinge beurtheilen will, von denen ihm keine Idee erschienen, lauft Gefahr entweder zu glauben, daß diese Dinge gar nicht erMren, oder seine Urtheile erstrecken sich über seine Ansichten hinaus. Er sieht nur einseitig, und will doch das Ganze mit seinem Urtheile umfassen, sein Urtheil wird also unstreitig ein Irrthum. Auf diese Weise fielen die Antipoden des französischen Reisenden über dessen Werk her. Sie gruben und gruben, die Grube war fertig, nnd — sie fielen hinein. (56 bleibt ein Münchhau-senschcr Versuch, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpfe zu ziehen. An unsrer Uutcrbaltung nimmt noch Jemand Theil, wer es aber ist, weiß ich nicht. Im Grenzboten, dritter Jahrgang, erstes Semester liest man: „Wenn das Buch deS Marqnis von Cüstine auch sonst nichts geleistet hatte, alü daß es die Aufmerksamkeit (5uropa'o auf das Schicksal der heroischen Fürstin Trubetztoi lenkte, so wäre es cinö der verdienstlichsteu, die seit Iahreu geschrieben wurden. In Rußland ist mau über das ssüstinesche Buch empört. In Verzweiflung aber ist man über die Sensation, die eS in Deutschland gemacht hat. Der russische (5tatörath G r e t sch hat eine Widerlegung Cnstine's geschrieben, ein russischer Gesaudtschaftssckretair hat die Widerlegung in's Deutsche übersetzt, und um seiner Wirkuug gauz sicher zu sein, laßt Gretsch in öffenNicheu Blättern erklären, daß er durchaus ohne ofsiciellc Aufforderung, sondern rein Grund innig. 9« aus innerm Drang. — in stille» Stunden der Begeisterung — dic Widerlegung abgefaßt, und daß sein Freund, der Gesand-schaftösekretair, ebenfalls reiu aus inncrm Dränge, dieselbe iu's Deutsche übersetzt habe! — Der Ctatsrath Grctsch giebt eben kein Beispiel von der Feinheit russischer Diplomaten, und wenn seine Schrift gegen Cüstine in demselben Geist und Ton abgefaßt sein sollte, wie einst sein Pamphlet gegen König und Mel-gunof, so wird er das Gegentheil von dem. was er will, erreichen. In der Broschüre gegen König schmähtc er IcanPaul und Schiller auf etwas gemeine Art, um es dcr ruffischen Literatur alö Verdienst aurechncn zu können, daß sie keine Schiller und keine Jean Paul hat. Vielleicht wird er auch hier aus mancher russischen Noth eine Tugend. und auS mancher französi< schen Tngcnd ein Laster machen." Nur im Gefühl warmer Vaterlandsliebe konnte nmn Auftreten gegen die Rezension dcr neusten russischen Literatur polemisch werdcn. Zweifelsohne ist dem Verfasser derselben um Wahrheit zu thun. llm so weniger wird er ein Besehen dcr Medaille ans beiden Seiten mißbilligen, da er den Feingehalt nicht abzustreiten wagt, indem er zugiebt, die Möglichkeit liege im (>üstmeschen Werke vor. daß es, dem Gemälde nach, in Nußland so sei» könne. Ich scheide von ihm mit der Versicherung, daß Kritiken wie seine nur unter die hall'verbotcncn Schriften in Rußland gehören, und mit dcr freimüthigen Erklarnng. daß Gujzkow nnd Vischer ganz aus meiner Seele geschrieben haben. Jener sagt: „siS giebt nur zwei Sprachen, die alle Reize und Schönheiten der Entschicdenbeit für sich haben, Für uud Wider. Jede Vermittelung wo das Viertel gegen daö Achtel, das Drittel gegen das Neuntel cinn Meinung kämpft, ist etwas Unnatürliches, we- TV Grund irung. nigstens etwas Schwächliches, und auch von der Lüge kaum zu Unterscheidende." Bischer in seinen „kritischen Gängen" spricht: „Im Kampfe wirkt Niemand, der nur immer ordentlich und billig ist. Ein Schwert ist kein Schwert ohne die Tcharfe, nnd man kann nicht bei Zoll und Linie bemessen. wie tief es geht, wenn man cinhauct. Ihr inüßt nicht meinen, ihr könnt uns unsern Zorn nnd unsere Leidenschaft nebmen, nnd dann etwa eine müssig wackere Gesinnung zurückbehalten. Wir haben anch eine Begeisterung, wir haben auch einen Haß. und die sogenannten Gemäßigten stehen nicht in der Mitte, sondern sie stehen bei den Feinden, ibrc Meinung ist nicht mäßiger Fortscbritt. sondern herzliches Stehenbleiben und Rückschritt." Ich habe den Standpunkt zn meiner Zeichnung des russischen Organismus in der Residenz genommen, weil Nußland in Petersburg liegt. Ich mag damit nicht behaupten, daß gerade das Auogezeich-nete nur an den Hof und in die Nahe desselben gezogen sei. sss finden sich in dtll Provinzen leichter alü in der Residenz, wenn auch als Seltenheiten. Talent, Geist nnd Charaktere, deren Herz vcr Ehrgeiz noch nicht, wie die Gallweöpe ein gesundes Blatt, angestochen hat. Allein der Beobachter, dem nicht blos am Klappern der Mühle gelegen ist, sondern mehr am Räderwerke und dessen leitenden Kräften, orientirt sich innen, nicht außen. Von der Residenz aus wird die Elastizität des enormen Ganzen niedergehalten, das Ausland erfahrt von dessen Lebenöwirksamleit nicht mehr und nur Gruiiriruug, 7t das, was in dcr Residenz zum Lcbensollen verarbeitet ist, und der Koloß selbst erkennt und fühlt sich nur durch den einen bewegend«! Nerr. Es ist wohl unmöglich, daß ich nicht Mancheö berühre, was von Andern schon und gewiß besser erzählt und besprochen worden ist, als ich cö vermag, allein ich glaube recht zu thun, wenn ich nichts auslaffc, was zu meinem Eigcnerlcbten gehört. Das Böse müßte immer namentlich ausgeführt werden. Es soll nicbt sein. Ich hoffe es erweckt also keinen Zweifel an der Wahrheit meiner Beispiele, weil sie ohne Namen erscheinen. Meine Per-souen sind die unbekannten Größen A. U. Z. Die Erfahrung redet aus mir, die so mannigfach gegen das rasendste Unrecht glücklich durcbgcführten dampfe. Waö mir das Herz mit süßem Gefühl schwellte, war, wenn ich dem unterdrückten Nccht, der Unschuld, auf dcn Dornenwegen russischer Instiz meinen Arm reichen konnte. Zu wie viel hohen Gewaltigern hab' ich für Recht »ind Gerechtigkeit geredet, bei manchen vergeblich, bci andern mit Erfolg. Oft Sachen, von Ministern und Behörden definitiv ent. schieden, wußte ich unmittelbar in die Hände der Kaiser Alexander imd NicolauS zu bringen, gerechte von allen Seiten verweigerte Bitten ihnen nnd den Kaiserinnen zu unterlegen, und von daher hab' ich die gerechteste» Entscheidungen, niemals eine verneinende Antwort erhalten. Das eben hat mein Vertrauen zu der Gcrechtigkcitolicbe des regierenden Kaifers gegründet. Man rede nur wahr, man überzeuge, und von oben herab kommt gewiß nie die Bestätigung eines Unrechts. Ob aber die Wege dahin leicht oder schwer, davon hier nicht. ÜV Gl'undiruilg. Man weiß in Nußland zu gut, daß, wenn cine Bestätigung vom Kaiser ausgeht, dic dem allgemeinen anerkannten Rechte zuwider läuft, dies nur die Wirknng des ihm gewordenen Vertrags ist. Daß der Kaiser bei der Wahl derer, denen er die Verwaltung seines Neichs anvertraut, selten glücklich ist. dies Looö tl'eilt er auch mit anderen Kroncnträgeru. Allein schwerer wic anderwärts wird dem Oberhaupt das Prüfen und Wählen in Nußland, wo moralisches Verderben seine Wurzeln durch alle Stände geschlungen hat, wo es so selten ist, einen Mann, vom Giftzahnc nicht lädirt, anzutreffen. Nach der Orundirung meiner Erfahrungen und Ansichten ist Je-dermann zu dem Schlüsse berechtigt, daß Nußland nicht der Augapfel meiner Liebe sei. Der Schluß ist vollkommen richtig. Hassen? Gewiß nicht! Ich könnte es »licht, der lvrinnenmg halber an dcn Kreis edler, lieber Menschen. Viele vo» ihnen sind abgetreten von der Bühne der Welt. viele denken dort mit Liebe noch meiner wic ich mit Innigkeit ihrer. Ich hasse Nusiland nicht, aber ich hasse das unübersehbare Meer von Lastern in ihm. O wic oft schwellte Sehnsucht Freunden und mir die Segel nach freieren Küsten, wie oft fühlte die Seele reebt tief: „ssilrudc Wolken. Segler der Lüfte, „Wer mit euch waudertc, wer mit euch schiffte! Es wäre traurig um mein Inneres bestellt, wenn ich nun auf freierer Erde den Wolken, die jetzt eulgegengesetzt ziehen, nicht auch dieselbe Sehnsucht mitgeben könnte. Dott galt es der Heimath. hier gilt cö nicht Nußland. Es gilt seltenen, vortrefflichen Seelen. Grund il,'ung. 73 Ich steh' auf dem Verge. Dcr Frühling blüht. Die Seele ist innig gemüthlich durchglüht. Wic flüssiges Gold schwimmt dao Licht ans dm Höh'n, Das knieendc Thal kaiui ich bettn seh'n. Euer Herz ist bei mir, Wie schön ist es hier! Die Fahne am Thurme entrollet dcr Wind, Als wußt' er, ich wäre für Freiheit gesinnt. Keiu König ist oben, kein Stand nnd kein Rang, Es wohnt die Freiheit den Gipfeln entlang. Euer Sinn ist bei mir. Wie frei ist es hier! Ein silberner Gürtel liegt unten im Thal. Wer hat ihn gewebt? Wem wär' er zur Qual? Wer gab ihm durch schwellende Glieder den Lauf? Wer hat ihn gebunden? Wer löset ihn auf? Euer Herz ist bei mir, Und das Göttliche hier! Das blaue Gewölbe läßt wundervoll schön Den glänzenden Atlas durch Wölkchen mich seh'n, Es flüstern die Blätter, eö rauschet ein Fall Hoch oben ist Liebe und Fried' überall. Euer Herz ist bei mir. Welch ein Himmel ist hier! ^74 ^ruudivling. Da hör' ich wie Ossians Harftngetön' Von Lüftchen bcweqt, nücl' von Oeistern uniweh'n, Und übcr die Saitcn dcr Scclc entschwand Ein stlig Gchihl, eine liebende Hand. Euer Herz ist hei mir, Die Hand wäret ibr. Erinnerungen an Ostpreußen. Du s^gssl Vicl wird dir draichrn xicht >Mllc,i, We»» dor! d» suchest dcme Zcdf,ij>i,ss! Ich ^knU'' cö wohl. Des Himmel« schöossc Hallm Eiüd ewig dr!,>»r>i ix dcr tigue» Brust, Wcr iil'rr scml-,i Wandcist^b sich diicht, Der lcmit sich scll'st, lc»u! ^nich das Lcbc» nicht. Nach Oelilciischläger, Ncism war mein tt^-dankc bei Tage. und des Nachts hob mich der Traumgott bald in einen Wagen, bald schaukelte er mich in einem Schisse. Daz» hatte Nicmeycr zeitig schon den Grnnd gelegt. „Die Wett fenuen lernen!" AuS meinem Fenster? Ans Büchern? Ans dem blühenden Park in der Stadt auf den Fensterbn'ttchcn oder unter den Linden? Ans Suschcn'S Augen v,F ü vi«? Die Negation hatte ich bereits fern von der Heimath versucht, und das Geschick war mir dabei recht günstig gewesen. Desto schlimmer! „Kcinc Nnh bei Tag und Nacht, Nichts was mir Vergnügen macht." Da sang mich Thümmel wieder hinaus. „Wer sagt es mir, was doch im Schalle Des Posthorns, in dem muth'gen Knalle Der Peitsche, für cm Zauber liegt!" Aber wohin! Den Westen kannte ich. Alls der deutschen scheckigen Jacke wusite ich anch so ziemlich alle Flicken sclbstbcschant anzugeben. Jeden Tag. manchmal gar jede Stunde mich von einem grauen, blauen, grünen, rothen, weißen Antomaten mit den Mordgcwchreu auf der Schulter und am Hintern anschreien lassen - Halt! — wer sind Sic? Wohcr? Wohin? Warum? Wie lange? Den Erlaub-«ißschml! Den Paß! Wr werden Sie logiren? Was haben Sie im 78 ^rinncruiigen an Ostpreußen. Koffer? Die Plombe! Haben Sie außerdem etwas Accisbares m der Tasche oder in den Stiefeln? lind so fort in den deutsch-pnbli-cistischen Inquisitorien, — das Alles mochte ich nicht wieder hören. Die französischen Paßvorschriften waren ebenfalls mehr Recepte zu Abfübrungölatwergen alles Reifens ans deutscher Erde, als zn Stärklmgsmizturcn. Mein Zutrauen konnten alle diese Reiseplackercien nicht gewinnen, denn wahrend meine Neisepapiere immer in Ordunng gewcscn waren, hatten sich Industrielle zweimal in Residenzen mit der größten Gc-schicklichkcit meiner Effecten bemeistert, und zuverlässig waren diese Herren so gut wie ich mit Legitimationen nach nenen Paßgesetzen verschen. Dennoch reisen! Das wünschte ich. Nur rccht weit, wo man nur Einmal fragt und dm Koffer umwühlt, und dann in Ruhe läßt! Recht weit! Wo gab es denn ein Land. wo ich die Meilenstiefel meiner Sehnsucht hätte brauchen können! Sieh, da flog eine Tanbc an das Fenster. Ich ließ sie ein. Sie brachte mir einen Brief mit einer Einladung. Auf der Tan-bcnpost wnrdc die Sache gleich in'S Ncinc gebracht, und ich zog in das Land, das sich damals auö Furcht vor Verflüchtigung seines Geistes noch nicht verharzt hatte. Meine Reise ging nach Nußland. Nun konnt' ich die Meilen, stiefcl brauchen. Ich streifte an Polen hin, zu der Zeit wo die Aare dem weißen Adler abermals heilig gelobt hatten, seinen Horst als unverletzlich zu beschirmen. Der Zug des Herzens ließ mich nicht vorbei an einigen befreundeten Söhnen Polonia's. Unser Wiedersehen war eine Fortsetzung von Iugendgcnuß, der nimmer verflüchtigt. Aus der Universität war der Bund dtr Freundschaft geschlossen. lflinncnüigcn >ni Ostpreußen. 7K Auch heute kann ich dm Namen „Polen" nicht sprechen, nicht schreiben, ohne Grüße der Ehrfurcht über die Grenzen seines Trägers zu senden und Kranze der Liebt zu werfen. Ich habe ja so viele edle Polen gekannt, und kenne dcrcu noch, daß das Maaß meiner Erinnerung nur ein volles Maaß des Eindrncks sein kann. Heute kann ich an Polen nicht denken, ohne daß sich der Gedanke an Rußland zugleich daneben stellt. Ich soll zwei Völker wie eine chemische Elcmentarwclt zusammen schütteln, die ewig sich Haffen und fliehen. Die Gewalt bringt wohl auf Minuten ein Chaos hervor, aber die Elemente scheiden sich. und haben kein Gefühl für einander. Heute soll ich glauben, daß Polen im Grabe liege, wenn ich das Feuer in seinem Auge sah. und wenn ich es aufrecht im Sarge sehe! Es hat sein Kreuz bis zur Schädclstättc geschleppt. Es ist erschöpft unter dein Druck des Geschicks aus die Knie gesunken, aber dcr Abcndstern schimmert durch den sinkenden Tag mit der Wahrheit: „ich kehre als Morgenstern wieder." Der frciheitlit-bende Sinn rüttelt sich in dcr letzten Stunde noch gegen die Kette und den Nina, in der Nase. Erst wenn der Tod als lehtcr Kra-kust mit dcr Sense das letzte Feld abmäht, dann erst mögen moskowitische Schwämme nach Willkür darauf wachsen. So lange ei»e Polcnbrust athmet, gibt cö cin Polen, und den Puls der nahm und fernen Völker wird es nimmer vermissen. Und wer stände denn nicht gern einen Augenblick mit still bei einem Volkc von denen, die zum Unglück geboren scheinen, die das Elend in allen Zeiten umklammert, und die als historische Lastträ-ger nur traurige Geschicke zu erfüllen haben, sie mögen beginnen, Was und wie sie wollen! Und dennoch, geht Polens Freiheitökämpfm nicht die Unsterblichkeit voran? A <>riuucvu>igen au Ostpreußen. Du unglückliches Land! Der Bär auf der Eisscholle denkt über Dein Schicksal nach. Dcr Ton Deiner Harfe ist immer noch Trauer. Ja, da hängt sie am Baume mit den blutenden Zweige». Ist es der Windhauch, der sie bewegt? Oder fährt die Hand eines Geistes darüber hin? Sobies°ky. bist Du es? Oder Du Zol-kiewsky? Koscziusko Du? Du PoniatowSky? Gebt ihnen die Harfe! Ein neuer Gesang muß ertönen, dcr die Erschlagenen aus der Erde weckt, uud die Lieben aus der Fremde wiederbringt. Die Väter in den Hallen der Ewigkeit müssen ihn hören, und aus den Wolken Arme langen, die freudig die Sänger der jnngen Braut umfangen. Als der königliche Eolon der Sarmaten an der Sonnenuhr seines Ocistcs sah, daß es Zeit sei, ans seiner Titulatur den „Erz-sandstreucr des heiligen römischen Reichs" auSzustreichen, so hätte cr sich mittelst der 5!mcw ?>o!Ii i-iilin keinen schönern Kronjuwel zu seinem Erbgutc an der Nernsteinküstc wählen können als Schlesien. Durch beide Herzogthümcr hatte er nun in seiner Front nach Norden zwei Flügelmänner von gleichen Gesinnungen für in Recht gegründete Freiheit beseelt. Beide reichen einander die Hände über Polen. Wer blickte naher in dessen Wunden als seine beiden Nach-barcn! Wer hat sie schmerzlicher gefühlt? Dic Worte Maria Theresias, die sie an ihren Minister schrieb, sind im Herzen der Schlesier und Preußen mit unvergänglicher Schrift gedruckt: „In dieser Each, wo nit alleiu das offenbare Recht Himmel-schrcient, fondern auch alle Billigkeit und die gesunde Vernunft wider uns ist, muß bckhennen, daß zeitlebens nit so beängstiget . mich befunten, und mich sehen zu lassen schäme. Bedenkh dcr Fürst, was wir aller Welt für ein Ezcmpel geben, wenn wir um liriniltrmigtn an Ostpreußen. M ni «m ellendes Stück von Pohlcn unser Ehr und Reputation in chilbie Schanz schlagen. Ich mcrkh woll, daß ich allem bl», darum lasse ich die Sachen, jedoch mt ohne meinen größten Gram ihren Weg gehen!" WaS der edle Fürst Rabziwil spracb, als Katharina II. ihm seine Güter genommen hatte, und ihn in dieselben wieder einsetzen wollte -'s „Ich bin ein fteigcborncr Mann. Frei sind meine Väter gewesen, frei. wenn auch unglücklich will ich sterben." das ist der Quell der Besinnung Polens und der theiluchmcndm Jene beiden preußischen Wachen, germanische Vorhut, haben eiu Herz für den Frieden, aber glühende Freude würde der Ruf,des Königs dmch ihre Adern jagen: Marsch! gegen die Russen!!^!w? :!" Rußland hat einzelne gar zärtliche Freunde, aber es kann sich mit keinen Smnpathicn in irgend einem Volke schmücken. Mügge hat sich selbst überzeugt, daß in ganz Skandinavien Sinn und Empfindung deö Volks den russischen Principien und aller russischen Freundschaft entgegen, daß ein glühender Haß in allen Herzen ist, und nirgends hat sich Idiosynkrasie gegen Nussismus so festgeschraubt, als in den beiden hochsimügcn Provinzen Preußens. Polen lag hinter mir, uud nun kam ich zu dem linken gcrma--nischcn Flügelmann gegen Norden. Ich war in BraunSberg an der Passarge. Der ostpreußischc Boden sagte mir. daß er mir Viel aus junger Vergangenheit zu erzählen habe. und damit ich wie ein Schwan mit geknicktem Flügel auf dem historischen Fluschen bleiben möchte, knickte mir ein preußischer Postillon in einem Graben den linken Arm. Drum hatte ich Zeit, in Braunsberg die Geschichte der Icit von der Hälfte des Jahres 1607 im Original zu lesen. Rußland. I. 6 M lfriuntrilngci, an Ostpreußen. Hier empfing ich den ersten gründlichen Elementarunterricht in den künftigen russischen Studien, der so gehaftet hat, daß ich mich Wort für Wort der Kapitel daraus erinnere. Ich war nicht Mi' chcl, der m vl:,!,a mn^i^lii schwor, aber (5, n kl id's Elemente bleibt« denn doch die Basis der Hähern Analyse. Manner, die mir jene Epoche vorführten, gab es in Menge. Sie lieferten die Anmerkungen dazn nickt nach dem „ so viel Köpfe, so viel Sinne", sondern waren alle einstimmig darüber, was an ihrem schmalen Flüßchen. beiden Ufern entlang, bis an die nahe Mündung geschehen war. und wie sich bei ihnen die Franzosen nntcr DnPont, und die Preußen nntcr Lestocq jenseits des Büchleins aufgefüllt hätten. IhreFnndamcntalansicht war, das; die Braunöberger damals aufrichtig gewünscht hätten, die Preußen kämen herüber, und befreiten sie von ihren antipreußischen Gästen. Das hätten zwar die Preußen anch einmal versucht, allein sie. die Braunöbcrgcr wären bei der Gelegenheit zu der Ueberzeugung gelangt, daß ihre Sehnsucht voreilig gewesen, nnd die Tafel für die vaterländischen Herren zu früh gedeckt worden fei. In Opposition mit den Braunöbergem hätten aber die jenseitigen Dörfler und Städte an der Passarge und Alle, den glühenden Wunsche gehegt, die Franzosen mogtcn sie doch sobald wie möglich von ihren russischen Gästen befreien. Ob diese Sehnsucht guten Grund gehabt habe, und wie die Echolien redlicher Männer lauteten, das sollen die Erzähler selbst berichten. Alle bombardirten meine Reiselust nach Nußlaud. Ich zeichnete mir Notizen in meine Echrcibtafel besonders von einem schon bejahrten Manne, der mit ganzer Seele Preuße war, nur keiner der blinden, der aber seinen König mehr liebte als ganz Berlin es vermochte, und der bei der Erinnerung an die verstorbene Königin immer noch mit Thränen sprach. Daher ließ er seinen Groll Erinnerungen an Ostpreußen. V^ vorzüglich gegen das Regiment aus, dessen Chef die Fürstin gewe^ sen war, und von dem er behauptete, daß es sich 1806 dieser Ehre zu unwürdig bewiesen babe. „Aus dcr Vorlesung," sagte er einst, „welche-Raroleon ans dcr Universität zu Jena hielt, hatte unser Heer die rühmliche Ueberzeugung mitgenommen, daß unser König die schnellste Armee besitze. Sie hatte dem Feinde ihr Feldgeschrei empfinden lassen ,,v^^,,l« ou ouui'ir!" Das doppelte Dragonencgimcnt der Königin vor< züglich war von cinein wahren Ncittcnfcl besessen, und stürzte sich unter Schillers Neiterliede ,^,j, ^.^ ^,,^,, „Dcr Neitcr und sein geschwindes Roß ,^ ^^ Das sind gefürchtetc G.iste, ^,. .-.«, mit furchtbarer Erbitterung über gepflügte Aeckcr v0,UlC! « ^ire, daß den Feinden die Hufeisen an die Köpfe flogen. „Die Federbnschc sind seitdem gewachsen. Vcschühc der Himmel, dasi sie nicht wieder einen Dünkel beschatten, der in die allerliebste Form bis zum 14. October ittMi sich verstiege! Jetzt freilich klingt es unsern Ohren hoffährtig »nd unerträglich, wenn unö der französische Enthusiasmus von seinem Gestirne ror-singt. die Tterne am Himmel müsum enger zusammenrücken, damit die Sonne ihres Ruhmes unter ihnen Platz habe. Allein tlang denn das Lied, das uns unsere Corncto und Lieutenants vorsangen, auch bloö hossährtig? War es nicht zum Ekel. wenn sie mit den Sporen die verhungerten Gallier bis über die Pyrenäen jagten, beim Frühstück über den Nhein stürmten. Mittag in Paris speisen, und Abends das Lunvre als Trophäe zurückbrachten. . „Der Voltigeur trällert beute ans alle diese Fanfaronade«: Je le crois, Quand je vois a* birgc. und zwei eben so beschaffene FlußtlMr. In dieser Stellung sollte dem Feinde der Untergang werden, wahrend er dnrch das Loch. welches ihm die Zimmerleutc offen gelassen hatten, zwischen der Saale und dem Erzgebirge vordrang, und die HecleLabtheilim-gen vernichtete oder zersprengte, die er auf seinem Wege sand. Der Gegner gab auf dem Landgraftnbergc durch sein: „<> «e« pc.'ri'u-«1>i<^ 1ü!" zu l'l'kmtten. wie wenig er vor bcm kommenden Tage zitterte, und daß es nicht Angst war, die ihn die Nacht tviu Auge schließen ließ, während die Schüler Friedrichs des Großen in aller Scclcnruhc schliefen, und ihre Heere durch Hunger vor der Schlacht zum Angriffe leichter und dadurch geschickter nmchwi. „Da lag ein ganzes Königreich mit Krone, Scepter, Schwcrdt und Lcmd zu den Füßen dcs Siegers. „Wcr noch scin Vaterland liebte, rettete sich m>S der unver 86 (triüncruttgeu an ^stvreusirn, schämten Schlaebt. Aufgemuntert durch den Vers aus dcm Hudibras: „Wer heut' davonläuft, spart sein Leben Und kaun noch einen Helden geben." hielt Jeder cs für Pflict't, sein« geslinden Glieder zu bewahren, um in Tilsit an der großen Parade Theil zu nebmen. „Der nordische Prlades bat sich zum Andenken seiner Hülse als Freund in der Roll, vom freunde anch tin Haarlocke aus. und wird niemals unterlassen, im lyel'eimcn „in die Haut seiner Freunde zn würfeln. „Cie wundern sicb, daß ick' micb für die rllssischc Hülfe in unserer Misere nubt bedanke? Ist Rußland je ein freund des Friedens gewesen? Es will erobern, und dieses Zwecks wegen ist ihm jede Kriegsfiamme in der Nahe und Ferne ein Freudenfeuer. Alle seine Mittel, es z» sllmren, sind augenblicklich in Thätigkeit gesetzt. Ihm selbst sind die Kriegsschauplätze fern, und auf seine Wüsteneien kann es pochen, dasi cin solves Theater bei ihm nicl't so leicht heimisch wird. Nur Nuhen sieht es vor sub, und wenn es kein anderer wäre, als seine rohen Horden in civilisirten Landern ernähre«! und bilden zn lassen. Das Pferd, auf den» eö sich tummeln will, muß erst zugeritten werden, also am besten in der Manege, die ihm nichts kostet als Menschen. „Der s>zar ist der Frclmo unsers KönigSliauses, allein wenn er cS nie gewesen wäre. so wären auch wir nicht da. wobin er uns geholfen hat. Was kann uns der Wind von Norden her anders bringen als EiSnadcln! Ich will die freundschaftlichen Gesinnungen des Kaisers für unser» König nicbt bezweifeln. Ich glaube aber nicht, daß eö reine Freundschaft war, die ibn vermochte, bei Napoleon die Rückgabe eines Theils der preußischen Länder zu erwirken. Erinnerungen an Ostpreußen. 87 Wem wäre wohl ein unmittelbarer Nachbar wie Napoleon am unliebsten gewesen! Wir wollen allerdings in der Politik keine Moral suchen, dann wollen wir aber auch nicht Moralität iu die Politik ziehen, die diese weder versteht noch verstehen will. „ Es sei indeß hier nicht von Politik, nicht von Moral die Rede. sondern von Thatsachen, die wir erlebt haben^^M, ^M „Das ganze rnssischc Wesen und seine Art zu handeln widerstrebt dergestalt unsern deutschen Gesinnungen, daß ich cm aufrichtiges Bündniß zwischen Deutschland und Rußland niemals sür möglich halte, im, M», tznu „Ich habe mich gegen den Fehler der Prahlerei des Offiziercorps unsers Heers ausgesprochen, aber ich bin weit entfernt, es mit dem russischen in einerlei Geltung, zn stellen. Ich lasse anf unsre preußische Kriegsmacht nichts kommen, sobald sie von Geist geführt wird. Das hat unser kleines Lestoeqstbes l^orps bei Eilan klar bewiesen. Ohne dessen zeitige Hülse waren die Rnssen verloren, mögen sie es anerkenuen oder nicht, und das Verhangniß möge über uns verfügen wie eö wolle, Auerstadt wiederholt sich für das preußische Heer nicht ein zweites Mal. Wir können auch eiuc russische Tapferkeit nicht absprechen, denn wir sahen sie. (5s ist al'er eine gepeitschte, nnd da? hnbeu wir auch zur Genüge gesehen. Nur die Art, wie die Russen zu täuschen vcrstcheu. und sich als Frcuude, als Beschützer benehmen, daö will ich berühren. „Ich war eben in Königsberg, als der russische Bericht an den König über deu außerordentlichen Sieg bei Pultusk ankam. Die Glocken klangen von der Vernichtung der französischen Macht. Dic freudige Stadt wogte vor dem Schlosse am glücklichen Vormittage auf und nieder. Unser König schöpfte Hoffnung nnd sah, wie tren er im tiefsten Unglück von seinen Königsbergem geliebt wurde. Die DA Erinnerungen an Ostpreußen. Königin erschien mit den kleinen Prinzen und Prinzessinnen auf dem Balkon, und hob sie den Augen der Jubelnden in die Höhe^ Bei dem Hoch warf ich meinen Hnt so hoch, dasi er gar nicht mehr zu mir zurückkehrte, und ich deu halben Weg nach Hause mit unbedecktem Kopfe machen mußte., „O über die siegreichen Nüssen! Bald darauf hatten wir dic Ehre. diese unüberwindlichen Mauern in unsrer Nähe zu sehen, und ihre Liebenswürdigkeit genau keimen zu lernen. „ So verhaßt mir die Kette ist, mit welcher der fremde Despotismus uns reibt und drückt, so will ich tausendmal lieber unter Franzosen als Feinden leben, als tic Wirkungen des Brcchpulvers russischer Freundschaft ertragen. Nie kann ich ails meinem Gedächtniß vcrtil-gcn, was sich vielfältig darin als Beweis für meine Ueberzeugung eingeschrieben hat. Was meinen 2ie zu folgendem Beispiel. „Familienangelegenheiten nöthigten mich während der Waffenruhe 1807 zu einer Reist nach Königsberg und Tilsit. Ich war mit allen möglicheil Sicherhcitspapieren zu dieser Neisc versehen, französischer Seits von dem General Dnpont und von dem in Braunöberg den Vorposten tommandircnden Oberst Bon ding ton, preußischer Scits von dem Obersten des Vorpostens und im Hauptquartier vom General Lestocq. „Meine Geschäfte hielten mich in Königsberg 11 Tage und in Tilsit 8 Tage auf. Auf meine und allgemeine Versicherung, daß Reisenden sowohl durch die preußisch-russische als durch die französische Armee nicht das geringste Hinderniß entgegen stehe, fuhr ein Verwandter von mir mit seiner jnngen Frau mit mir zliruck, die schon lange vor Sehnsucht brannten. ihre Heimat bei Bromberg wieder zu schcn. Wir mußten einer Erbschaftosacht halber deu Mg (fiinlicrungtn ^n Ostpreußen. 89 zurück über Gumbinnen nehmen. Die Paffe warm in der vollkommensten Ordnung, wir fanden nirgends ciuen Aufenthalt. Kurz vor dem russischen Hauptquartier gcricthcn wir in da5 größte Gedränge. Bagagcwagen. 5lanonen, Reiter, Infanterie bedeckten Wege und Felder. Der Feind hatte sich gezeigt. Jeder Ausweg war uuo verrammelt. Fuhrknechte dcs rctirirenden Trains warfen unsern Wagen auf Befehl eines donnernden Lieutenants in einen Graben. Welch eine Angst gab eö, und doch war kein Kanonenschuß zu hören. Endlich Nachmittags kam die beruhigende Ordrc nicht weiter zu rctinrcn. der Feind sei zurückgeworfen, habe über 300 Todte zurückgelassen und ein Regiment sei gefangen genommen. Endlich fand sich die Wahrheit. Der Schreck, der das ganze Lager aufgewühlt hatte, war durch nnige Tirailleurs verursacht, die von einem Gute einige Kühe abgeholt, und sich damit augenblicklich wieder davongemacht hatten. „Vor einem Dorfe erblickte ich in geringer Entfernung zwei preußische Stabsoffiziere. Sie hielten an, alö sie mich auf sie zueilen sahen. Ich fragte sie. ob es nicht gerathener sei, umzukehren, allein sie beruhigten mich: „ Tic haben nicht das Geringste zu befürchten, reisen Sie mit Ihren Freunden unbesorgt, diese Papiere schützen Sie überall. Sie kommen letzt gleich an den russischen Vorposten, zeigen Eic dort nur Ihre russischen Certisikate. „Wir kamen in das Dorf der Vorhut. Wir wurden in das Haus deo Dorfschulzen cökornrt, wo ein Oberst im Quartier lag. Dem Accent nach war er kein Deutscher, sprach aber sehr gut deutsch. Der lange Schnauzbart fuhr uns an: „Woher? Wer wird bei solcben Zeiten reisen! " Er laö unsere Paffe. „Faule Fische! Paffe haben auch Spione. Was haben Sie in Braunöbcrg bei dem Feinde zu suchen!" »0 Erinnerungen an ^stpltußcn. „Ich hoffe Herr Oberst, unsere Papiere werden uns hinläng' llch gegen den entferntesten Verdacht schützen." „Was Papiere! Ich muß Sie visitiren lassen." „Wir widersetzen uno in Nickto Ihren Befehlen, überzeugt daß wir uns in den Händen eines.gebildeten Mannes befinden, dcr unfähig ist, das weibliche Zartgefühl zn verletzen." „Ein Paar kleine, langgezogene Augm lacl'tm höbnW. „Ihre Dame kann eben so gnt ein verkleideter Bursch sein als ein Frauenzimmer. Wir sind hier auf dem Vorposten, wo kein Ansehen der Person gilt. Entkleiden Sie sich alle drei." „Wenn Ihre Befehle so streng sind, Herr Oberst, so ersuche ich Sie. uns in das Hauptquartier zurück begleiten zu lassen! " „Das fehlte noch. mir von Ihnen Vorschriften machen zu lassen. Ich lasse Sie nach Braunsbcrg oder behalte Sie hier. je nachdem ich die Umstände finden werde. Herunter mit den Kleidern! " „Mein Verwandter war erschrocken, daß ich das Wort allein süh« rcn mußte, und seine Gattin zitterte an allen Gliedern. Bei dem letzten barschen Kommando sank sie ans einen Stulil. „Herr Oberst, wenn Ihnen die Menge unserer Sicherheits» Papiere noch nicht hinlänglich scheint, so haben Sie die einzige (Mte. und lassen Sie uns zurückbringen, schonen Sie die Frau meines Verwandten, Ihre Augen werden sick schon ron ihrem Zustande überzeugt haben. Lassen Eie unü Männer allein im Nebenzimmer untersuchen. Darf ich so frei sein, im Vorhansc ein Glas Wasser zu holen?" „Sie bleiben! Dergleichen Ohnmachten sind nicht gefährlich, kann denn der dicke Bauch nicht auch künstlich sein?" „Diese Sprache trieb mir das Blut in Wangen und Seele. t5riuncruilgtl! an Ostpreußen. s< „Wcnu Gewalt vor Recht gehen m»ß, so prctcstirc ich gegen alleö Weiterreisen, und wir dürfen auf den Grund der uns schützende» Papiere verlangen, entweder nnter der strengsten Bewachnng hier zu bleibe», oder in das Hauptquartier gebracht,zu werden." ^'' „ Schweigen Sie!" >'ü ll^i'^i ^7 "/< -' „Er laS jetzt zwei meiner Geschäftsbriefe, und fand darin, daß ich vo» Vanqnier Iakobi iil Königsberg «35 Friedrichsd'or erhalten hatte, wclchc wir nebst unscrin Rcisegelde an uns drei zur Ver-Wahrung vertheilt hatten. Auch die letztere Summe gab ich dem Obersten genau au. Ohne erst seine Frage danach abzuwarten, legte» wir vier Beutel auf den Tisch. „Wozn schleppen sic sich mit so viel Geld zum Feinde, ist das nicht verdächtig genug?" „Mf dm Ruf des Obcrsteu erschien ein Uutcrofficicr, der noch drei Mann eintreten liesi. Aus seiner Handbcwegung verstand ich, dasi sie auf die Frau und den Mau» Acht habcu sollten. Mich hieß er mit sick in seine Schlaftammcr gehen. „Sagcn Sie mir jetzt aufrichtig, wem Sie das Geld bringen. Sie sind unsillicklich, wenn sie ein Wort verschweigen, denn retten können Sie sich nicht mehr, ich werde nicht eher Mitleid mit Ihnen haben, bis Sie die Wahrheit gestanden haben." 1 ',< „Hier, Herr Oberst, ist die beste Legitimation über das Geld!" Ich zog aus meiner Tasche einen Schein licrvor, der mir dnrch die Güte zweier (Ehrenmänner über daö Geld auMstcllt war, eines Grafen v. Dönhof und eines Oberst v. Mal bürg, welche in Königsberg unter Prinz Wilhelm eine Commission bildeten. Er las. „Ich kann mich anf dein Vorposten an solche Papiere nicht kehren. Sie kommen nicht los. Wer weift, wer Ihnen die Scheine ni Ostpreußen. geschrieben hat. Sic sind mir zll verdächtig, daS beweist das Zittern des Mannes und der Frau, und Sie selber werden mich mit Ilncm scheinbaren Muthe nicht täuschen. Indes; will ich ein Auge zudrücken, wenn Sie die Hälfte des Geldes geben, die ich unter die Husaren vertheilen will, damit sie schweigen, wenn mich eine Verantwortung traft, daß ich Sie dnrchgelasscn habe, denn ich lasse meine (Hre zum Pfande, das« das Veld Spioneugeld ist." „Herr Oberst, Ihre Kränkung ist diesen Dokumente» gegenüber zugleich eine Beleidigung Ihrer Obern, haben Sie wohl daS Reise-attcstat von General Benningsen berücksichtigt? Das Geld ist nicht mein ftigentbum. ick kann darüber nicht verfüge», uud hieße eö uns nicht höchst verdächtig machen, wen» ich in Ihr Ansinnen willigte?" »j ft Waö! Sie wollen nicht? Dann will ich Ihnen wohl zeigen! Hinaus!" Sclmaubend befahl er den Soldaten, uns zn visitiren. Nochmals bat ich, unS Männer in der Kammer untersuchen zu lassen. „Wozu das! Sie sind ja Verwandte. Keine Zeit verloren! Runter die Kleider!" „Fertig saßen wir Männer im Hemde, wahrend das züchtige Weib mit geschlossenen Augen wie todt lag. Nähte, Falten, Taschen, Alles wurde durchsucht, Nock» und Westenfuttcr thcilwcisc losgetrennt. „Jetzt befahl er die Entkleidung der Frau. All meine Fassung verließ mich. Ich und dcr Mann stellten unö vor die Ohmnächtige. Wir wurden wcggeschlcudert. „O Tie niedrige, gemeine Seele, schrie ich vor Wuth. ist das Soldatcnchrc! Jetzt sahren wir nicht nach Braunrberg, sondern zu General Bcnningsen." lkrinncluugrn an Ostpreußen. V3 „Da wurde ich zur Thür hinausgedrängt, und mir die Kleider nachgeworfen. Inzwischen war auch der Fuhrmann visitirt, und alle Polster im Wagen losgeschnitten. Ich war darauf gefaßt, die Nacht am Orte zu bleiben. Statt dessen mußten wir in den Wagen. Die Augen wurden verbunden, und über Hals und Kops brachte unö eine siskorte weiter. Das Geld war zurückgegeben, cimgc Zeugnisse zurückbehalten. „Erlöst waren wir aus den Händen des Satans. Wer war froher denn wir, als wir wieder bei einem Feinde waren, der uns behandelte wie es Männern von Ehre gebührt. Wir zahlten zuerst das Geld nach. Es fehlten 123 Friedrichsd'or. „ Der Oberst Boudington zeigte sich bereitwillig, meine Klage dem General Lestoeq zuzusenden, und nach wenigen Tagen schon crfnhr ich, daß dieser sie an General Benningscn befördert hatte. Mehr ergab sich aber auch nicht, denn bald daraus vcrwaudclte sich das ganze KrieMhcater, indem Napoleon seine Vorlesungen nach Friedland und Tilsit verlegte. Dergleichen Skizzen gaben >nir die guten Braunsberger viel mit auf die Reise. Je größer ihr Unwille gegen die Nüssen war, desto mehr hofften sie uach dcr wolkigen Nacht, durch welche Preußen gegangen war, und die noch immer ihren schwarzen Mantel um dasselbe schlug, auf eine Morgeuröthe durch eigenes Verdienst. Ich gewann dies patriotische Volt mit den gesunden Augen recht von Herzen lieb. '>'- Wir Preußen, sagte cm anderer Sohn an dcr Passarge, sind jetzt auf das Studium des Despotismus beschränkt. Im Westen hat der große Philadelphia des Iahrhnnderts sein Theater aufgeschlagen, und die Wunder erregenden Kunststückcheu mit Königen, 94 ifrinncrungcn an Ostpreußen. Papst, Groß- und Klein - Herzöge» gezeigt. Das ist der z nüxln^. Im Norden haben wir den (I^'o^nn" "'^iji^ll^iiml». Da läßt sich der Patriot die Zähne einschlagen, zn Brei prügeln> und schreit aus voller Kehle dazu sein Hnrrah. Und m dieses Reich wollen Sie sich wagen? , Seit Napoleon, versetzte ich. meinen schönsten Traum durch seine schwere Kaiserkrone erdrückt hat, bin ich nicht der Phantast, zn glauben, in einem «zarcnthnmc könne ich wieder anfangen zu schwärmen. Den Staat, den ich möchte, finde ich weder rechts noch links als Staat schon ausgesprochen, aber ich halte ihn nicht für unmöglich, sogar für das Ziel, das sich die Menschheit gesetzt hat. tvo ist der Staat als Domaine dcr gesunden Vernunft, mit dem Pantheon dcr Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person, und mit der Bnndcsladc einer geregelten Verwaltung. Dcr Anfang Hü tinem solcl'en ssreistaatc der Menschheit wurde 178<) gemacht, unv seine Flagge wehte um den Erdball. Die Fahne trug kein Napoleon, kein Alexander, kein König noch anderer Fürst, sondern der unsichtbare Vund der Geister, der weder in Paris noch in Moskau, noch sonst wo seinen Olymp hat. Wieviel dazu gehört. Völker glücklich zu machen, an Beantwortung einer solchen Frage darf sich meine Jugend noch nicht wagen. Daß abcr Vieles von Dem, wag sie glücklich machen soll, nicht dazu gehört, das, glaube ich, liegt mir nicht im Dunkel, so wie daß Viele, denen obliegt, ohne gerade Fürsten zu sein, Mcnschenglück zu fördern, gar nicht einmal daran denken. In Preußen brauchte ich meine politischen (Besinnungen nicht zu verschließen. Volk nnd Regierung glaubten an einen lichten Morgen. Doch desto fester war mein Beschluß, sie in dem Laude im höchsten Norden nicht auszukramen, obgleich die Lüste von Nuß- sirillucviiNsscn an Ostprcußcn. 9» land wehten. daß die Mtnschhcit unter einem Alexander sich vor Seligkeit nicht zu lassen wisse. skM„ :ii^ WM wo «ds.i:s Auch batte ich bereits in den politischen Tag soviel hineingelM daß ich nicht wie eine Tlmrmnhr aller Welt verkündet bätte. welche Ieit es in meinem Reiche sei. Vielmehr gii g der Pendel meines Herzens ohne klingelnden Wecker und rufenden Kukuk. Denn ich hatte, wie wir Alle. sselernt, wie heilsam es sei, das Ideenreich vom Despotismus aus des Gedankeukossers tiesnnterstcm Grunde zu lassen, und Freunden, die mich abhalten wollten, nach Rußland zu gehen, begegnete ich damit, daß ich recht gut wisse, warum dem König Marsyas das Fell über die Ohren gezogen worden sei. Mein Weg ging zunächst nach Königsberg. Da fand ich viel deutsche Wanderer. Wohin? Alle nach Rußland. Die russische Paßkanzlei stand voll. Als ich mich daselbst zum Empfange eineö russischen Passes meldete, nahm mir ein Kalmückengesicht, mit einer Schrcibscdcr hin-tcr dem Ohr und einem Orden im Knopfloch, die zcithcrigen Legitimationen ab. Ohne einen Laut dabei von sich zu geben, trug er mehre der abgenommenen Papiere von Zeit zu Zeit in ei» Nebenzimmer, trat dann unter den wandcrsüchtigm Schwärm, beschaute Jedermann nochmals vom Scheitel bis zur Sohle, und eröffnete endlich in zerbrochenem Deutsch: Ihr seid alle Deutsche, Ihr müßt über zwei Wochen wieder kommen, dann Ihr höret, wer crbalt die Erlaubnis, nach Rußland zu fahren." Dann bitte ich, versetzte ich. um die Zurückgabe meiner Papiere, die Zeit des Brachcliegens ist mir zu lange und die Erlaubniß ungewiß. Verstanden hatte er mich. Vr runzelte die Stirn wie ein Al-tenburger Wciberrock. drehte sich stumm auf dem Absätze mn, und 96 Vriuncrungcn an Ostpreußen. ging in das Nebenzimmer. Der Wichtige kam znrück und schnurstracks auf mich zu: „Mich nicht ein andermal incommodir! " scknauztc er, und warf mir die Papiere mehr zu als daß er sie gab. Zwei Blätter fielen auf die Erde. Mir schwoll der Kamm über die russische Flegelei, und gereizt rief ich: „Die Papiere hebt Ihr mir alls! " <5r lachte höhnisch und wandte sich ab. „Haben Sie die Güte, sagte ich zu den andern Anwesenden, einige Minuten zu warten, ich komme augenblicklich zurück." Ich war schon an der Thür, als der Grobian mir nacheilte: „Hier habt Ihr! " Aergcrlich ballte ich die gcfaltcnm Bogen zusammen in die Tasche, und warf sie in meiner Wohnung auf den Tisch. Einige hier wiedergefundene Freunde aus frühern Jahren besuchten mich Nachmittags. Ich erzählte ihnen meine Verlegenheit wegen meiner Weiterreise und das Betragen des Russen, als einer derselben, der jene Papiere aufgeschlagen hatte, laut -— auflachte, und mir die Hand drückte: „Bruder Baicr! versteht sich. baß ich künftig meine Garderobe lieber von Dir machen lasse, als von Andern, kannst mir gleich Maaß zu einer Weste nehme»! " Es fand sich ucmlich. daß mir der Nüsse fremde Dokumente eingehändigt hatte. Ich war jetzt ein untadelhaster Schneidergeselle alls Ingolstadt. Nebenbei hatte ich ein ssertifikat als guter Porzellanmaler von Gcra, noch ein Zeugniß von einem Schlächtermeister zu Hamcln, daß ich besonders wescbicklichkcit in Bereitung allerlei Wurstartcn besitze, und noch ein Attestat von dem Polizeiamte zu Hamburg als Kammerjäger, mit dem Ausweis, daß ich auch in Hamburg bei einem hochweisen Senat Nattcn, Mäuse und Wanzen vertrieben habe. Ich hatte also die Wahl, in welcher Metamorphost ich künftig auftreten wollte. Da ich aber in allen vier Rollen bei einem Eza- (5riunclllngcu an Ostpreußen. V7 men als Vagabond hätte bestehen müssen, so stiefelte ich ohne Zö« gern über den Kneiphos abermals in die russische Kanzlei. Sie war verschlossen. Am andern Morgen fand ich sie los. Despotische Stille. Man hörte nur das Knistern von Federn. Ein Mann, dessen Miene nnd Benehmen mir sagten, wofür ich ihn zu nehmen habe, fragte mich in französischer Sprache nm mein Anliegen. Ich entschuldigte mich, in vierfacher Gestalt als Nadel-Held, Tellermaler, Wurstgeuic und Natteumörder erscheinen, und um die Verwandlung in mein wahres Sein bitten zu müssen. Er erwehrte sich des Lachens nicht, als er die vier te^imonl» muluri-l,ati-> las. Hierauf wandte er sich aber au die Gesellschaft an den Pulten mit einer Stimme, in der ich keine Liebeserklärung erkannte, die mir nachmals übersetzt wurde uud also lautete i „Welcher sssel hat nun wieder sein Talent bewiesen!" Ich sah, das Gewitter zog über meinen gestrigen Grobiau. Bon der russischeu Hymne verstand ich nichts. Eingeschlagen hatte das Vetter. Alle Federn lagen erschrocken, nud der arme Sünder staud wie eine Trauerweide am Denkmal seiner vaterländischen Grobheit. Nach meinen Angaben wurden meine Dokumente vorgesucht und als der Chef sie durchlief, fragte er wie überrascht: Reisen Sie etwa zu Fürst X?" Ich bejahte, und er fuhr fort: „Der Fürst hat Sie bereits vor drei Wochcu bei mir angemeldet, er erwartet Sie mit Sehnsucht, und hat Sie mir auf das Angelegentlichste empfoh» len. Aufhalten will ich Sie kciüc Stunde, Ihre Papiere sollen augcublicklich ausgefertigt werdeu. Weun Sie jedoch die Güte ha-bcu und bis morgen nur warten, so verbinden Sie mich außerordentlich, weil ich Ihnen einen Brief an den Fürsten mitzugeben Nlchl.iüd, I. 7 HG (fvinncvlin^ü >i n Ostpreußen. wünsche. Ich erwarte Sic aus jeden Fall bei mir heute zu Mittag, lassen Sic mich für Ihre Reise sorgen." Ehe ich also russischen Boden betrat, batte ich russisch? Urbanität und Rusticitat auf einem Teller. Graf Z. bei dem ich den Tag bis Mitternacht verbrachte, gel/örte, mit seiner äußern Feinheit und Geschmeidigkeit der Hoswclt, und mit seinem Inncm der wissenschaftlich gebildeten Selccta. Ohne seiner Stellung, seinen cdelpa-triotischen Gcsinnnngen das Zilindeste zu vergeben, verstand cr den Schleier über sein Vaterland doch nut einer Unbefangenheit zu he» ben, dasi er dadii»cb die ersten richtigen Grundzügc voll dem russische» Leben und Weben in mcine Seele legtc, nach denen ich nachmals mit Sicberhcit fortzeichnen und genau unterscheiden konnte, wo dic Täuschung die M'a^ke der Wahrheit anlegte, oder die verdeckt gehaltene Wahrheit durch dicke Waldung sich durcharbeitete. Nach dem. was ich vorfand, el'c ich russische (vrde betrat, sah ich, daß Rußland nur von Weuigen gekannt, und dem Aublande überhaupt, troh aller Zablcn und Beschreibungen, uoch fremd war. Darf ich fragen, ob eö henle viel anders ist? Gar Vielc N'ol-lm daö Bildniß kennen, taö inl ttise deS Nordpols sich spiegelt. Sic reden davon, und theilen sich m Parteien. Die Schlimmsten entstellten das Bild. Sie hatten sich ihre Seelen vergolden lassm. Sie redeten vou nicbts als von schillernden Goldflügeln der Käfer, und deckten die Haufen deo Unraths, in denen die Käfer wie in ihrem Lebenselemente wühlen, mit geschlagenen Goldblättchen zu. Darum ward ihnen ein goldenes Bild. Andere sprachen wie Icsaia. Der Himmermann hätte die Blechschmicde zu sich genommen, dic machten mit dem Hammer das Blei glatt aus dem Ambos und meinten, das werde fein stehen, und sie hätten es mit Nägeln gc- sf,in!,cr>lngcn an Ostpreußen. 99 hcsict, damit es nicht wackle. Das solle die Wahrheit sein. Aber die Hölle lobe sic nicht, und dic in dic Grube führen, warteten uicht auf ihre Wahrheit. Demi dort liefen unter einander Marder und Geier, cin Feldteuscl begegne dein andern, anch der Kobold hause daselbig und lasse Niemandem Ruh. Das goldene Bild sei gegen Abend ansgcstellt. um den Philistern auf dem Halft zu sein, nnd indessen Die zu berauben, die gegen Morgen und Mittag hm wohnen. Auch mir waren nur abgerissene Stücke gcgebeu. Am Anginal, dacht' ich, will ich sie zusammensetzen nnd znsel'en, cin trenes Ge-maldc zu gewinnen. Was hätte ick auch aus allen gegebenen Zügen macbcn können als cin Bild ähnlich wie der Prophet Daniel im Traume sah uud dem NcbnMuezar offenbarte und deutete. Das Haupt oon Grld. der Rnmvf von Blei, die Fuße von Lehm. Ich wollte kein Traumgesicht. Die Mosaik war hinreichend, mich zum Umkehren zu bewcgeu. Mein Wort war aber gegeben. Ich reiste vorwärts. Anf der Schiffbrücke zu Tilsit gewahrte mir der alte Niemm interessante Unterhaltung. Er erzählte mir vlm dein Floße mit dem ewigen Frieden und dessen drei »'^»'l-vuliomim^ imülkliil»,«, den Frieden nickt nur uicht zu halten, sondern bei der ersten (^ legenheit mit tausend Frendcn zn brechen. So verständige Nedcn der Alte führte, so hatte er doch mitunter eine souderbarc Logik. AlS ich ihn z. V. ftagtc, waö er meine, wann wobl die Deutschen wieder cin freies Volk werden würden, entgegnetc er: „In einem Dorfe w>n Airchmeß. In der Schcnkc saßen Aristokraten nnd Pfaffen an einem Tische, dcr andne Pöbel am zweiten, b'ben debattirte tOtt El'lnüevliügcil au Ostpiciißcn, man bunt an beiden Tafeln über Freiheit, als ein Kettenhund, das Halsband noch um die Gurgel, durch die Thür sich klemmte, und, ohne um (vrlaubnisi zu bitten, einen Haufen vor Augen und Nasen der Magnaten und Geistlichkeit setzte. Torys und Klerisei sprangen mit Stöcken alls. Halt I rief ein Plebejer, Freiheit I Freiheit nach der Charte! Der Hund lief ohne Prügel davon. Aber die Aristokraten und Pfaffen merkten sich das. Wie paßte das auf meine Frage! Ick bat ihn um eine Haarlocke zum Andenken. Er gab mir ein Kalmnöblatt. Darauf stand eine Weissagung von Montesquieu: „Sobald der Tag erscheint, umarmen sich die Volker, und rächen sich an Dem, der sie betrog. Wen» die Philosophie den Völkern die Augen öffnet, werden sie. sich umarmeu im Angesicht der entthronten Tyrannen, der beruhigten (5rde und des befriedigten Himmels." Halt, dachte ich, den Kalmns darfst du nicht nach Nußland bringen. Das Blatt warf ich weg, den Gedanken behielt ich. Die beiden lchtm Punkte Preusienö, wo es hinter Memel seinem Wandnachbar die Hand reicht, versenkten mich nochmals in Betrachtungen, rechts ncmlich die Poststation Nimmersatt und links ein Zollhaus. Nun stand ich an der Schwelle des Reichs, wo der Mensch dafür zahlen musi, daß ihm Gott eineu Kopf gegeben hat. Ick' will nnch nun selbst überzeugen, ob daö Bild im Medaillon, das man unr auf die Br»st gebangt hat, amb wirklich so aussieht. Und wie wird mil's bei ihm ergeben? Das weiß unr Der, von dessen Allwissenheit Muhamed ein Bilr giebt: „ssr der in der schwärzesten Nacht eine schwarze Ameise auf schwarzem Marmor kriechen sieht." Ich klopfte an die Thür eines Autokraten. ßrinncnii'gci, an Ostpreußen. 101 Hi)nh! ein Gesang! Welche Zanber, welche Tom! Wic verführen sie mein Ohr! Leb wohl Johanna! Lebt wohl ihr Bcrgc. ihr geliebten Tristen. Leb wohl deutsches Lied! Mich empfangen Kacken. 'D Von Polangen nach Petersburg. Pss.iüjs» a»ch div Tn'!»,»„g Dcr,i tn's Heiz, Wo bin ich! Das konnte ich auch ohne Kosacken errathen, die mich am Schlagbaum Polangens wie eincn Verhafteten empfingen, und mit der Nagaila am Säbel, neben nniuem Wagen herschrcitcnd, bis zum Zollhausc begleiteten. Ich kam nämlich eben zu cincr exegetischen Vorlesung über das l^uollil. mm'c^. in ein Collegium, wic cö zwar als Hülftwissenschaft der Etaatökunst im größten Theile des aufgeklärtesten l^rdthcilö znr moralischen Erziehung des Nnterthancn-geschlechtö gelesen wird, allein nicht in der Vollkommenheit und Popularität wie in Mookowieii. Nicht weit von dem kingangc zur Wohnung des Zollinspcclorö standen zwei jnnge russische Offiziere, die mm: lustigen Gegenstand behandeln mußten, denn sie lachten gewaltig. Dicht neben ihnen garbten zwei Soldaten mit Pletten auf clwas Unbeweglichem tüchtig und raschtaktig wic das Picken einer Taschenuhr. Ich hielt den Gegenstand für einen Pfahl, üben den ein graueö Ziegeufell hing, und schob dcn bcidc» Arbeitern die Absicht unter, dasselbe gcfnger zu machen. Wic langt sie schon so gega'rbt hatten, konnte ich nicht wissen, doch nach zehn Minuten etwa stand die Uhr still, der Pfahl bewegte sich uud kroch zu den Füße» eines der Lacher, der ihn mit Fußtritten von sich stieß. 1W Von Po laugen nach Petcrobi, r^, sss war, wic ich vernalnn, ein Dentschtschick (Soldat, einem Offizier als Diener gegeben) der dao nnerhotte Verbrechen begangen hatte, zu vergesftn, seinem Herrn die lange Tabacksvfeise in cm anderes Hauo nachzubringen, und dcr Herr hatte sic ttlbst holm D^io ommiittWc Zicgcnftll >var das Hcuidc dcö Dieners, Welches sich zulcht ganz lotl, gefärbt batte. Und doch unter der Marter kein Perziel'ci, einer Miene, kcin Lant dcö Tchmerzeö, kein bittendes Wort. War es ein Mensch, ein Antomat? Aus dem Nucken floß ia Vlut. l^s ivar einer d^r llilübcrwindlichen, cin Sklave. Nicht noch weniger? Der Stier wüthet bei dem Schlagt vor die Stirn. Der blutende sslmdc troch, sicl' unter Fußtritten zu bedanken. Welch ein gelehriges Thier ist der Mensch! Geschah es nicht anch anderwärts, daß dcr Vaterlandsvcrthei-digcr durch eine lange Spießruthengasse gepeitscht wurle, und mit zerfleischtem Nucken, vielleicht gar nach zwei- und dreitägigem Spitz' ruthenlanfen. mit Zähuetlappem und dem Tode ual'e, nach dem letzten Hiebe beichten mußte' „Herr Oberst, ich danke für gnädige Strafe!" Welchen Menschenfreund hätte es nicht in der Seele ergriffen, daß sich in der neuern Zeit der Senator Hut walker in unserm „freien, glücklichen" Hamburg das unsterbliche Verdienst erworben hat, fur die Beibehaltung des schätzbaren Prügclcollcgimns, dessen Abschaffung deutsche Schwächlinge das Wort reden wollten, seine ritterliche Stimme zu erheben: „ Man würde recht eigentlich daS Regiment aus den Hände» geben, wollte man Menschen fur Prügel-frei erklären; dcr Himmel bewahre alle Menschen davor, wenigstens Von Pklangen nach Peters l'iirg. 107 so lange noch der Krieg Aller gegen Alle über daö Hcimatsrecht unter den deutschen Regierungen fortdauert." ?lrch. d. triiu. N. N. ff. Ente 1<>:). Jedem Ruhme ein Denkmal! Ich halte es für überflüssig, mich über die eindrucksvolle ruffi-sche Doktrin umständlicher cmszlllassen, da die ssriuncrnugen iu Dentschland an die eigeuersebte systematische Behandlung der Ruffcu unter sich noch nicht erloschen sein können. Ich war also wirklich auf russischem Gebiete. Der erste Eindruck auf meine eben nicht ledcrartigcn oder hansenen Nerven hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Mich hatte gehungert. Der Appetit war vergangen. Mn Deutscher empfahl mir einen knrlandischen Gasthos einige Stunden weiter. Mein Koffer wurde nicht geöffnet, meine andern Reisecffekten blieben unbesichtigt. Der Zöllner stellte sich über seinen neuen harten Friedrich Wilhelm den Drittcu. zu dem er mir freundschaftlich die Hand gereicht hatte. Fort aus Po langen. Ich halte vor dem mir empfohlenen stattlichen Gasthofe au. Ich lehne mich mit aller Kraft an das Thor. Es knarrt, und ich trete in einen Stall groß wie der des Augias. Voll Ochsen war er nicht, aber voll Husaren. Mitten stand gebückt ein Unteroffizier mit einem Karabiner borü zontal ans jeder Schulter, die hinten querüber mit einer Menge anderer belegt waren, b'in Unteroffizier stand hinter ihm, und rückte bisweilen daö Folterinstrumeut in's Gleichgewicht, wenn der Lastträger die Kraft verlor. Mau wies mir die Stubenthür. Im ersten Zimmer saßeu vier Offiziere und spielten Karten. Im zweiien hielt ich mein Mahl. t08 Von P^l.ingcn inich Petersburg. Alü ich wieder in meine Postmnldc klettern wollte, lag auf den Stnfen, die ans den Zimmern in dcn Stall fulnten. der gepeinigte Unteroffizier llnd die Gewehre um ihn her. Er war nicht vermögend auf den Fußen zu stehen, die Schultern waren angeschwollen, daß man cs außen an der Uniform sal), Bei jedem Versuche, ihn zum Stehen zu bringen, sank er um. „Er ist schon seit mehr als zwei Stunden unter dieser Strafe," sagte mir der deutsche Wirth, „der Mensch kann sie nicht länger ausbaltcn, wahrscheinlich hat ihn stin Rittmeister im Kartenspiel vergessen." Die Husaren sprachen mit dem Wirth. Was wollen sie? fragte ich. „Sie ritten mick." versetzte er, „dem Rittmeister deu Znstand deö bestraften zu sagcn, allein was geht eö mich an, der Rittmeister ist ein wüthender Meusch." „Uud weun er Beelzebub selber ist!" antwortete ich, und kehrte um in die Stube. Der Wirth war mein Dollmetscher. Ich cr> zal'lte, wa« »or der Tlnir vorgehe, und bat die fürchterliche Strafe zu enden. „Ner sind Sie?" fragte der Nottmiscer. Ich gab ihm Bescheid. „Wenn Sie ein Fremder sind, waü geht Sie die Sache an? Nn^ terossizier! Bindet die Bestie an einen Baum an, wenn er nicht stehen will." ,,8ln5c!iu!" (ich gehorche). Meine Bitte, mein Gefühl so weggeworfen zu sehcn. empörte mich. Mochte es nuu Jemand der Spieler verstehe:: oler nicht, ich grollte in französischer Sprache: ,,il l'^l. cllil'cux «zn« ce n'e^t t^»c 1« Nu^8o, ml>ll>nl l»8ex- V0U8 j>2ilcl' l1'(«ll>eux!" fuhr er mich an< " In Königöberg hatte mir Graf X. ein Papier gegeben. „ Soll-tcil Sic in die Verlegenheit kommen, Nnamiehmlichkeiten unterwegs Von Pl'sangcu n.^ch Pcteröblirg. 109 zu haben, so zeigen Sic dies Blatt; in unsenn Lande hat man des Schutzes nie zu viel." Jetzt machte ich die erste Anwendung von seiner Güte. Ich nahm den Bogen anö meiner Brieftasche, nnd nichte es dem Nottmistcr hin. Er laö. nnd stand ans. „Wann» sagten Sie mir nicht, wohin Sie reisen? Es ftcnt wich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Unteroffizier! Laß ihn frei nnd in's Dorf!" Welche Geschmeidigkeit, welche Artigkeit um mich! „Bleiben Sie hente bei lins. Das Wetter ist schlecht. Morgen bringen Eic meine Pferde bis anf die Station. Wenigstens ein Glas Madeira anf eine gliickliebc Ncise." Ich dankte für Alles, in Gedanken anch dem edlen Manne sur den Talisman. Von der preußisch-rnffischen Grenze an bis Petersburg verschwinden alle Verschalten und Thalbilver. Monoton lind trivial geht es l2N deutsche Meilen fort, und auf dem ganzen Wege berührt man nur vier eigentliche Städte. Mitau, Riga, Dorpat und Nanva. Kein Wunder wenn dem Reisenden, der aus Ländern der Kultur in diese menschenleere Welt kommt, wlmderlich zu Muthe wird. Anf dem ohngefahr gleichen Wege von Leipzig l'io au die ruffische Grenze liegen über zwanzig Städte, nnd nntcr ihnen bedeutende. Berlin allein faßt die gesammte Einwohnerzahl jener vier russischen Städte mehr als viermal in sich. Dreißig Meilen jagte ich schon auf rnffischem b'igenthume. nud ich hatte noch keine Stadt, kein Städtchen gesehen. Alle ron mir in Dentschland durchreisten Richtungen von gleicher Länge ging ich in Gedanken dnrch, von Dresden nach Vreslau, von Köln nach Frankfurt am Main am linken Nheiuufer, von Berlin nach Dresden «. s. w., und in allen Entfernungen fand ich zehn und mehr lit) Veil Pol^igcn nach Pcteröbur^. Städte. Dergleichen Additionser/mpcl und Vergleichungen stimm« tm nnch schon in, Vorchnmcr der llnermeßlicbkeit fast zur Nücttehr. Endlich erschien Mitau. Da vergaß ich dao Umkehren. Ich kam gar auf den Gedanken, daß eö sich in Rußland recht gut und gemüthlich leben lasse. An diesem Gedanken war jedoch Nußland ganz unschuldig. Mitau trug allein die Schuld: Gebildetes, gesittet eS Leben. Hiev wünschte man mir Glück, lebendig ans jenes Rittmeisters Handen davon gekommen zn sein. b'r sei. meinte man, der gc-fürchtctste HeroS der Armee, ersteche Iederiuann nieder, der sich ihm ovvonire, habe er doch in Riga eine Schildwache auf der Stelle erstochen, die ihm den Gang über den Watt vertrat; dagegen sei er allen Chloen, Daphnen und Amarillis der gefährlichste und weichherzigste Ritter. Fräulein v. H. in MiUiu saß am schwülcn Sommertage in ihrem Zimmer >'!lr loi'i-« mit den« Nucken gegen das offene Fenster an ihrem Piano und sang Mchnl'ö: „vue/., vone^ ^ lnOii ^mn>!" P., jener wüthende Rittmeister, geht eben vorüber. Leicht wie eine Gazelle schwingt er sich durch das Fenster in die Stnbe, nnd singt dem Fräulein zu Füßeu: ,,^0 vi^n5. ^«> vi',cn liacl, Potclsl'liv^. till Da rasselt von Petersburg her cm Dreigespann mit Tchaum bedeckt. Ein Kosack springt von der Telege. Der Postschreibcr eilt ihm entgegen, und empfängt seine Podoroschna. Es ist ein Courier, der über Riga in die Moldau geht. Freundlich grüßt nns d.er Urädnik (Unteroffizier). Er erkennt an der Uniform de» französischen Feldjäger. „Xmli? (Wohin?)" fragt er. Ich verstand daö Wort, »nd antwortete: nach Petersburg! „^lwrci^l! li? fragte der Kosack anf den Wein zeigend. o^il>!" (Wirth) schrie er. indem er aufstand. Der Postschreiber erschien. „Bist du der sNw^in? fragte er ihn. „Nein. der «üx^cm ist im Stalle." „I»^l'!l«,l .luri.K! (Fort Narr! Nuf den Mm^'m!" Er wedelte mit der Pleite, und der Schreiber flog von damien. Der Posthaltcr kam. Der Urädnik zahlte für stinc Pferde. Allein nun stieg unerwartet ein Donnerwetter auf. welches einen äußerst befruchtenden Negen mit sich führte. Nach einer cuttadencn Batterie von polternden Worten, von denen ich nur die Bonbons: Durak. Canaille, Bestie, Schelma verstand, folgte unmittelbar 8' 116 Von Po laugen nach Petersburg. der Wolkcnbruch. Der Kosack löste seine Nagaika vom Säbtlgriff, und dicht wie Hagelkorns sielen die Hiebe auf des PosthalterS Rücken, kr entsprang. Der stinke Kosack mit dem Hagelwetter immer frisch nach über den Hof. Der Vortrag des Urädniks war von einer Präzision, daß man dergleichen Natiouallieder gehört haben muß, um den ganzen Schatz von phantastischer Poesie zn begreifen, der in diesen schnellen Urber-gangen von Dur zu Dur liegt. Ohne sich bei dem Nezitative erhitzt zu habe», führte der behende Done seinen Kameraden an der Hand zu dem für ih» selbst als russiscben Pourir bestimmten Wagen, befahl umzuwenden, und bat den Franzosen aufzusteigen. Dieser schüttelte ihm dankbar die Hand. Einige derbe Hiebe erhielt erst dessen Postillon. „8l»^n !<2il^»>! " schrie ihn der Kos.uk au, lind v<>,U!« i> !,0irl! jagte der Franzose davon. Noch hatte die Plettc keine Ruh. Die gasseuden Postkncchte mußtm ihre Wohlthat cmpfiudeu, ehe sie wußten warum. Der Done jagte sie tu den Stall, und folgte ihnen dahin. In wenigen Minuten fuhren wieder zwei Telegen, jede mit drei gnten Pferden bespannt, vor. l^ine bestieg ich, die andere der Nrädnik. Wie dankte ich dem Sohne des Donö, wie pries ich dic geschmeidige Sprache der Nagaika. Nie ist sie mir in dem Wohlklauge wieder vorgekommen. Wie kann Leder solche große Dinge thuu! Auf den andern Stationen erfuhr ich, daß der Herzog erst nach zwei Tagen erwartet werde. Doch überall waren eine Menge Pferde uud Menschen vom Lande mehre Tage vorher gefordert, welche die PostHalter nach ihrer Willkür benutzten. Gegenwärtig sind znr Abstellung der Beschwerden strengere Post' maßregeln gegeben. Anf jeder Station ist ei» Buch. in welches der Von Polangcn nach Pctelöl'iirg. it? Reisende jedes ihm zugefügte Unrecht anschreiben kann. Diese Bücher werden vom Gouvernement untersucht, allein wo dic Chikanen wie die Schwalben an allen Fenstern, unter allen Dächern nisten, da sind sie nicht blöde nud kleben ihre Ncstcr anch a» die Pfosten der besten Gesetze. Noch vor Dorpat verliert sich die lettische Sprache, die esthnische fängt an. Ans die Stiftung Oustav AdolpbS. von Alexander!, wieder angefrischt und durch deutschen Fleiß zn Odem gebracht, freute ich mich sehr. Freundliche Stadt in schöncr Lage mit freundlichen Bewohnern. Die Universität hatte das Recht, für die Beschung der Prosts» suren nach eigener Wahl zu sorgen, und sie gab sich Mühe, tüchtige Männer für ihr aufstrebendes Leben zu gewinnen. Noch be. dauerte man Roscnmüllcrs Antwort. Um der medizinischen Fakultät den ausgezeichneten Mann zn gewinnen, waren ihm größere Vortheile angeboten, als irgend einer der Professoren sich zu erfreuen hatte. Nosenmüller lehnte den Nutrag mit großer Vorliebe für Leipzig ab. setzte die großen Ancrbietunge» klar auseinander, daß sie nur aus Schein beruhten, und daß er offenbar im Nachtheil sein würde, wenn er die Einladung annähme, selbst wen» man in deren Waagschale noch mehr Gewicht legen wollte, die alle nur materiell warm. und das geistige Leben, die literarischeu Verbindungen in seinem bereits erworbenen Wirkungskreise nie überwiegen konnten. Einige der Berufenen, «nz» frieden mit dem vorgefundenen Geiste, waren bereits nach Deutschland zurückgekehrt, andere bereiteten sich vor, Dorpat zu verlassen. Zu einer Blüthe hat es nie,kommen können. Auf Wiedersehen, heiter ansprechender Ort! 118 Von Pl,'laugen nach Petersburg. Fünfundzwanzig Malm weiter kam ich nach Narwa. Hier hielt Karl XII. dem begonnenen Jahrhunderte vor, was freie Männer über Sklaven vermögen. (5ö N'ar die Seblacbt europäischen Bewußtseins gegen dcn asiatischen Polvpen. Im Buche des Schicksals standen die Folgen für die Welt anders geschrieben, als Recht nnd Genie erwarten dursten. Wic sind Europa seitdem die Schwingen gewachsen! Und welche Nuthc ist ihm geworden, die sich rührte und wuchs, so oft eo rom Wege der Klugheit und deö NechtS sich entfernte ! Tiefuuten iui Thale. zwischen dem alten Narwa am linken und Iwaugoroi) am rechten Ufer, schießt die Narew der Ostsee zu, als Ware sie froh. fort vou russische! Erde zu kommen. Aus der Schiffbrücke ein liebliches Thall'ild. Meine Sehnsucht spannte alle Segel nach Petersburg, in den geographischen und politischen Augen der Nussm m'l'5 nnd m'!^ Wie kann ich mm an cuch noch denken ihr deutschen Kleinstädte, du Wien, Berlin. München, Drcöden! Mit welchem Stolz will ich aus cuch uiederblickm! Aehulichcs. dm, ich cntgcgen eile, hat die Welt nicht geseheu. Dentsch gefiel mir nnn gar nicht mehr, ich hatte mehr als hnn-dcrt russische Vokabeln im Gedächtniß. „ktul'i»! I'oix'luihnil!" rief ich, als ich von der letzten Station Strelea abful'r. „llu wol!«'!" Potz. die drei Ga»lc flogen daß Kies und sunken stoben, denn die silbernen Zeugen der Wahrheit meiner Worte blitzten in der Hand. Geld. Branntwein. Plette. Dm Hebel, welche die ganze Willenskraft des Russen aus den Wurzeln heben. Ueber ihre inwoh- Von Po laugen nach Petersburg, 419 nende vi« rnor^ic» kann sich jeder Reisende auf dem Wege von der Grenze bis zm- Residenz genügend oricntiren. welchen der drei Talismane er ebm in Anwendung zu bringen für nöthig erachtet. Zwei Meilen vor der Residenz fangen Parks an, zwischen denen ich hinjagte. Sie gehören den Großen und Kleinen, den Reichen und Verschuldeten. Von der Kaiserstadt sah ich nicht ein Hans eher bis ein Unteroffizier anrief: „xwi!" Thore giebt es nicht. Ich war am Schlagbaum. Auf dem Wege von der Wache bis in daö Hotel Demuth, wo ich mich erst umkleiden wollte, sah ich von dcr Stadt eigentlich nichts, denn mein Postillon, von dem verheisunen Nawotke beseelt, jagte dergestalt über daS aufgefahrene Steinpflaster, daft ich mit beiden Händen mich festankerte, und die Zähne zusammenbiß. um die Zunge nicht in die Klemme zu bringe». Zum Unglück verwechselte ich ans dieser Höllenfahrt die Worte: ,,«kai-ou und u«c,l»e" (schneller und langsamer). „8kai-el!! t,k»i-oe!" rief ich in meinem Unmuth statt „tlxcllo." darum wedelte die Plette beständig zwischen Himmel und ssrde. Das Geschrei des Postillons scbmchte schon von fern Fus-gänger und Wagen. Flink war dcr Nüsse mit seinen Stahlknochen vom Wagen. Mir schien das ganze Kuochensystcm zu Brei zerquetscht. Petersburg. Ali! si Ton connaissait lc nOant des grandeurs, Leurs tristes vanitts, leurs fantömes Irompcurs, Qu' on en detesterait le brillant esclavagc. Voltaire. Meinst du, lieber Leser, ich werde jetzt eine Beschreibung des Diamantpflasters, der Göttcrtempel und Götterverschwendung be-ginnen, und dich gähnen und schläfrig machen'? Irrst dich ganz. Wie Hänser, Paläste. Straßen. Marktplätze, Theater. Kanäle u. s. w. aussehen, das weißt dli. Zu dergleichen Besichtigungen habe ich keine Füße. uud zu ibrcn Beschreibungen keine Feder. Allein du hast von dem großen, prächtigen Petersburg gelesen und gehört. Giuc» Umriß nur will ich dir also von der Größe und Pracht der Residenz des Ricsenreichö geben. Riesig ist Alles. Auch sein Nubm. besclnrmt von einem Nieseuheerc. Laß ab von der Zwergidee, ein deutsches Ländlein vor Dir zn haben, dessen Armee ink Feld zieht, und dem sein Feldherr zuruft! „Hier unter diesem Zwetschenbaume kann das Heer sich lagern! " Materielle (Vrößc imponirt. Diesen Hauptgedanken halte fest auf russischer Erde. Ich habe einen Veteran in der Tasche von 1745, netto cm Jahrhundert. „Peter von Havens ans Kopenhagen. Magister der Philosophie, Reise in Rußland." Mit ihm will ich die gren zculose Stadt durchwandern, mit ihm von Damals und Heute plaudern. Wenn au? einigen Fischerhüttcn in einer Wüstenei, aus einem 42t Petersburg. Moraste, mir von Fröschen. Fischottern und Seehunden bewohnt, eine Stadt steigt, die 54 Millionen Menschen, darunter -42 Millionen Leibeigene an der Leine führt, eine Stadt, von welcher Könige und Königinnen behaupten, daß sie ohne diesen Engel nichts mehr auszurichten vermögen; so schcint'cs der Mühe werth zu sein, das em'i'iculm» vl!<><> dieses Seraphs etwas näher an's Licht zu halten, nicht um ihn zu versengen oder zu verbrennen, sondern nur zu bewundern, waö Dünste aus Sümpfen für Versteinerungen erzeugen können. Was aus Zirgelscheuuen werden kann, das hat uns die Seine gelehrt. Geben sich nicht in Deutschland Städte und gauzc Länder, die schon stit vielen Jahrhunderten trocken hinter den Ohren sind, die crsinnlichste Mühe, zu wachsen, und bleiben doch Kindlcin, die sich wickeln uud wischen lassen, wie es das Schicksal großmüthig und erbarmend zulaßt? Sieh mein liebes, guteö Sachsen, von dem ein neues Licht der Welt ausging, das sich an Niemandem vergriff, und treu im gegebenen Worte die angestammte Tugend nicht untergehen laffen wollte, es hnckt noch immer anf seinem (Hütchen, während der Nnssc wol hundert solche Ländchcn in die Tasche gesteckt, und es zu verkümmern geholfen hat. Woher mag das kommen? — Im Vorworte zu meinem wahrhcitliebcnden Dänen wird at' testirt! „Diese gegenwärtige Schrift ist die erste, welche zeiget, was Rußland aujetzo wirtlich ist." Ferner wird darin schon vor hundert Jahren das Klagelied angestimmt : „Eö ist zu beklagen, daß unter so vielen hundert reisenden Personen sich Niemand gefunden, der bei seiner zu Hausekunft Petersburg. 42» sein Vaterland nni dnn regaliret hätte, was er auf ausländische Reisen ssesehen und gelernct habe, so daß dieselben zum Beweis ihrer Reisen anders nichts anzuführen habm, als die Attestate derjenige»! Mchselircr. welche die Gelder an sie mnlttiret. ingles chen ein und andere Olimno,^ und neue I^on« von Kleidern-" Haven fängt bei Kronstadt an, dem Bollwerk Petersburgs von der Sccscite. Ich will Dich, lieber Leser, in dieser Hummer nicht herumführen, die auf ciucr Insel, vier Meilen von Petersburg liegt, wo sich die Newa in zwei Armen in den finnischen Meerbusen ergießt. Peter I. gründete zugleich mit Petersburg diese kleine Festung, ssron-Slot bis 1721 genannt, zur Deckung des Hafens, so wie schräg gegenüber auf der Ingcrmanlandischm Seite sein kleines Lustschloß uwn ^I.-l^il' in Peterhof, von wo er den Bau der Inselfeste und der Residenz unter Augen hatte. Einer femdlichen Flotte wird ts nicht einfallen, sich um einen Schlüssel zu schlagen, wenu man anf anberm offnem Wege in die Schublade» kommen kann. Der nördliche Arm der Newa zwischen der fmnischen Provinz Karelicn und Kronstadt hat keine Tiefe für die Schifffahrt, und der südliche, an Ingermanland's Seite, hat kaum tausend Fuß breit hinlänglich Tiefe für Kriegsschiffe. Große Handelsschiffe kommen nicht weiter als Kronstadt, die Waaren werden umgeladen, und Fregatten, in Petersburg vom Stapel gelassen, werden erst in Kronstadt annirt. Um die Insel schlingen sich dreifache Werke, welche drei Hafen bilden. Im äußern Haftn liegt die Flotte. Diese deckt im zwei' ten die Handelsschiffe, uud im dritten die ladeudeu und kleinern Fahrzeuge. 426 Petersburg. Peter Haven sagt! „Die russische Flotle bci Kronstadt bestand wohl beinah aus 4U großen Kriegsschiffen von Range, doch warm sic nicht alle brauchbar, dergestalt das; sic konnten in See geben. Man konnte nicht viele aliftechncu, so im Nothsall zu gebrauchen. Hierüber muß man sich um so viel mehr verwundern, da jährlich zn St. Petersburg und zu Archangel zwei biö vier neue Kriegsschiffe erbaut wurden, um die Kronstädtsche Flotte damit zu verstärken. Dessen ohngeachtet blieb dieselbe doch immcr so schwach, wie sic zuvor gewesen; denn so viele neue Schiffe erbaut wurde», so viele wurden auch jährlich unbrauchbar von den alten. Matrosen waren 6000. Doch hält man sie nicht für gute Seeleute, allcrmaßen sie i>, ihrer Jugend nur mit klmien Fabrzeugen umgegangen, so auf den Flüffcn und Seen gebräuchlich. Endlich wird auch bei der Flotte nicht geringe Confusion dadurch verursachet, daß die ausländischen, nieist engländische Offiziers, nur wenig oder nichts Russisch verstehen. Deshalb c6 denn kein Wunder, daß als vor etlichen Jahren der Admiral Kordon mit der russischen Escadrc von 12 Kriegsschiffen von Range vor Danzig lag, er mit aller Mühe dieselbe nicht einmal in eine Linie zu bringen vermochte. Führer der Flotte waren Aueländer, Admiral Gordon ein Schotte, Viccadmiral Bred a hl ein Nor-mann. Admiral Nil st er ein Däne. Admiral Sivcrö ein Däne." Das war vor hundert Jahren. Die Gegenwart antwortet: In Kronstadt sind heute nicht 40 Kriegbscbisse von Range zusammen zu bringen. Die gesammte russische Flotte besteht aus 50 Linienschiffen und 25 Fregatten, und wenn ich von Nußland eine Zahl angebe, so verstehe ich in i^scnliic^l immer „auf dem Pa- Petersburg. 127 picre." Daß die Nüssen ihre vaterländischen Gegenstände mit Lv bellenaugen betrachten, setze ich alö bekannt voraus. Sie sind mit der blrsien vollständigen Armatur ihrer Hauptflotte aller Weltmeere nicht zufrieden, ihre Phantasie füllt diese auch mit allen möglichen Provisionen auf Monate, so das; die Gskadern auf einen Wink des Telegraphen von« Winterpalais jeden Augenblick, und noch dazu nach allen Richtungen, auslaufen können. Vi,bki!,d, i, . v zßO Petersburg. ließ der Polizist ihm die Hände auf den Rücken knebeln, und zu dem niedrigsten Pöbel werfen. Nochmals salbte ihn der Poli-zcimcister nlit einer Tracht Schimpfwörter, ehe er ihn entließ, und der nüchtern gewordene Sklave dankte und bat um Verzeihung. Der Kaiser Nicola us nimmt sich der Flotte thatiger an als sein Vorgänger, und daß er sich Meere wünscht, zu denen er nicht,, wie jetzt, die Schlüssel zu erbitten braucht, wird Niemand bestrei-tcn, der überdenkt, wie sehr es von jeher der Wunsch Nnßlands war, datz Schlüssclamt selber, »nd wo möglich über alle Meere zu führen. Neid und Miögunst verkennen leider immer das Gute, welches bereit ist, sich über die Erde zu breiten! Der Kaiser Alexander nahm seinen Sommcraufenthalt in Zarökoic Selo; der Kaiser Nicolaus zieht Peterhof vor. Von da besticht er seine Flotte oft. Man muß daö ängstliche Lauern, Besorgen, Verdecken, Befehlen, Putzen. Scheuern, Fegen selbst sehen, wenn der Telegraph des Monarchen Ankunft verkündet, um cimn klaren Begriff von dem Diensteifer russischer Beamten zu bekommen. Ehe noch der Kriegsgonverneur oder Kommandant einen Befehl ertheilt, weiß jeder Polizcisoldat. der Zöllner. Matrose, Proviautbcamte, wenn und weohalb der Czar kommt, aber immer heißt es, er überraschte. Noch graut kaum der Morgen, so ist AlleS gestriegelt und gebügelt an den angewiesenen Posten. Die Straßen sind gefegt, daß der Wirbelwind kein Stäubche» aufjagt, an allen, Ecken lauert Polizei, neue Uniformen ziehen wie die grünende Hoffnung umher, das kaiserliche Auge werde Das nicht entdecken, waö sie zu verdecken bemüht sind. Alle andern Haupt- und Neben-gcschäfte ruhen, alle Blicke sind dem Einen zugekehrt. Seht' da naht er sich einem Schiff! Er macht Miene in den Petersburg. t3t Haftn einzulaufen. Er naht sich einem Magazine. Die Angst ist groß. Znm Glück kann er nicht alle Rällme selbst durchkrischen. Er schickt einen Ossizier. Alles musterhaft. Alles thätig. Sogar dtc Galeerensklaven sind reinlich gekleidet. Sie arbeiten rüstig. Fort ist er. Kehrt er nicht um? Endlich! Man schöpft wieder Athem, klinv^ I.o^u! Gott sei Dank' er hat nichts gesehen; das heißt, er hat Alles gesehen was wir sehen ließen. Ach, wie ich müde bin! Den ganzen Tag in der Hitze! Hol der Teufel den Dimst! Flotte nnd Scekadetten manövriren jeden Sommer unter den Augen ihres Kaisers, Codrington kam nach Petersburg. Mit ihm cin Kapitain der englischen Marine. Wic konnte man ihnen größere Aufmerksamkeit erweisen als durch ein Secmanövcr. Der brittische Kapitain batte sich vorgenommen, sich nicht auf dem ihm angewiesenen Schisse unter Aufsicht stellen zu lassen, sondern bat, seinen Platz wählen zu dürfen. Der Kaiser befehligte selbst. Kann, hatte das Manöver begonnen, als ein Linienschiff in vollen Segeln gcgen das Admnalschiss anstieß, ans dem sich der Kaiser mit Co-drington befanden, daß der Stoß dieses Schiff für die Fortsetzung des Manövers unbrauchbar machte, und der Kaiser daö Commando abgab. Nach der Erzählung des englischen Kapitains war daö Zusammenstoßen der beiden Schiffe zufolge des ergangemn Commandos unvermeidlich gewesen, und nicht nnr er, sondern anch die rns-Wen Offiziere des Schiffs, auf dem er sich befunden, hatten das Ereigniß vorausgesehen und vorausgesagt. Ich schreibe schr oft nur Noten, uud überlasse dem Leser, sich einen Text dazu zn machen. Wollen wir nnu Kronstadt mit den monotonen, schnurgeraden, und znm Erbarmen todten Straßen verlassen, uud uns lieber an 432 Petersburg. das Spiegelbild dcs Ganzen hallen, an die Residenz. Was unter den Augen des Kaiserö, der czarischcn Familie, der Minister und Großen geschieht, sei uns der Faden Ariadne's, i»n uns zurccht zu finden. Wenn Du, mein Begleiter, deo Domherrn Meyer „Darstellungen auS Rußlands Kaiserstadt" aufschlägst, so wirst Du deutlich ausgesprochen finden, daß, wer Petersburg uicht gesehen, gar Nichts gesehen habe. Der stolze Spanier sagt Dasselbe von Sevilla. Wem nnn glauben? Doch möchte ich Jedem rathen, der dem Gc-prable unter den Hnt gneken will, lieber über die Pyrenäen zu ziehen, als deu b'isbären entgegen. Nicht wahr. London, Paris. Wien sind groß? Aber ihre Große ist gegeben. Innerhalb ist Alles gefüllt, jede Erweiterung ist nach Außen verwiese». Anders die ttzarenresidenz. Größer und immer größer zn werden, ist, wie bekannt, das Streben des Reichs, sein Gebieter kann also nicht in gegebenen Schranken wohnen. Vor zwanzig Jahren war Petersburg noch i'iber eine Meile wohl im Umfange kleiner als hente. Der stets erweiternde Gedanke konnte sich damit nicht begnügen. In der letzten ^,eit hatte sich das Reich ausgedehnt. Auch der Athem der Residenz dehnte den Busen, und die leicht beweglicheil Schlagbänme wurden weit, wett hinausgerückt, in der Hoffnung, daß nach hundert Jahren die leeren Näume vielleicht gefüllt sein können. deren unal'ftl'barc Grenzen sie jetzt markircn. Meinst Du, Du sähest cine Stadt? Du irrst! Du siehst fünf bis sechs aneinander gehestete Städte; jede, von eigenem Wuchst und Gesicht, doch mit gemeinschaftlichem Husten und Schnupfen. Elic wir jedoch unsre ReeDgnoocirung innerhalb dcr Stadt antreten, erst einige Blicke in die Vorzeit Petersburgs. Petersburg. «3 Man denke sich eine rauhe Gegend unter dem cm und sechzigsten Grade der Breite, verlassen von jeder hülftcichen Haud dei« Menschen, einen vom Meere verlassene» Sumpf, viele Meilen groß, mit Schilf und Waldung bedeckt. Robben und Fischottern nnr finden ihre Nahrung barin, nnd nähren wieder die Bewohner von zwei Fischcchütten an einem breiten, mächtigen Strome. Außer ihnen dort kein vernünftiges Wesen. Den schwammigen, schwankenden Boden betritt kein Wild. Die Waldungen schweigen, kein Vogel singt in ihren Zweigen. Ein Mann. der Millionen Menschen zum ssrbe bekommen, dic wie Hammer. Schaufel. Balken und Stem ibm geborcben. tritt in diese Wasserwüstc. Nine Feste will er sich bauen miticn in diesen unzugänglichen Morast, die ilm schützen soll gegen den Feind, den cr im freien Felde fürchtet. (5r will! Sklaven, wie dürft ibr nicht wollen! l5r pcitscbt die Kreisel, sie schnurren herbei, und die Nachkommen rühmen die Kreisel als fröhliche Tänzer, ftr legt dcu Grundstein mit mehr alo hundert tausend seiner Moskowiten, die im Enmvfe begraben liegen. Aber die Ach sind nicht begraben. Sie schweben noch ül'er der t^rdc bei Tage und Nacht, und werden nicht eher verschwinden, als bis der Genius der Menschheit sie beruhigt. Die Wälder gaben ihre Aeste hcr, und das ferne Erdreich seinen Boden. Ans diesen Damm gebot Peter dem Adel seines Reichö für eigeue Kosten Paläste sich zn banen. Die Newa floß noch fort durch Moor und Wald, doch nun auch durch eine l?zaren-stadt. In Moökan liesi der Grüudcr Vögel kaufen, und belebte die Wälder in seiner Schövfnng damit, die aus seinem ferndeöpo-tischcn Gedanken entsprang. Ein Bild von dieser Residenz kann man sich nach dem Häuschen machen, welches Peter für sich und selbst zimmerte. Jeder Wagen? 134 Petersburg. schovycn, jeder Stall für drei Pferde übertrifft es an Größe und Höhe. Ihin gegenüber, am linfVn Uftr des Flusses, tm heutigen Sonnnergarteu war da« steinerne tleine Han^, das Sommerschloß, wo die kaiserliche Herrschaft rcsidirte. wmn sie Peterhof verließ. Die Stadt dem Strome aufwattö anzulegen und fortzubaucn, um sie den gefährliche» Ueberschwentmuügen zu entziehen, daran dachte weder Peter noch seine Nachfolger. Abgesehen von der Strenge, mit welcher Peter aus Moskau und den Provinzen die Bewohner sciucr neuen Anlage zusammen trieb, bevölkerte sich der Pzarensitz in kurzer Zeit auch noch auf andere Art. Der Hof mit dem ihn, zugehörigen großen Personal, die von Moskau nach Petersburg verpflanzten Kollegien und andem Behörden, die Garde von l 0,000 Mann, die Menge der reichen Sklavcnbesitzer, die durch Vortheile und Vergnügungssucht angelockt wurden, die Habsucht der Händler, Alles dies zog Menschen herbei. Ein Raub der Sabincriunm wav da nicht nöthig, wo eiu unumschränkter Herrscher ohne Vaterherz eine Kultur einführen konnte, von der die Rücken bluteten. Der Lnzuö. den die Großen zeigen konnten, zog mit ein. Und der bestand? In Sklaven. Je reicher, desto größer das Hansheer von Leibeigenen. Vor hundert Jahren bestand die Leibgarde nnr aus Adligen. Zog eiue Pompaa,>nc derselben auf die Wache, so folgte eiue gauze Compagnie Laqnais zu Pferde hinter ihnen her. Je nachdem der Lupiö seine Macht übte. je nachdem mehrte oder minderte der Eigenthümer von Leibeigenen sein Vermögen durel, Kanftu, Perkaufen. Verspielen. Verschenke», Entlassen derselben. Zu diesem Troß kam eine Menge Ausländer, die Peter und seine Nachfolger versäiricbm, um den Hof europäischer, und die Residenter menschenähnlicher zu machen. DaS neue Babel war fertig und nocli heute ist das gewöhnliche Petersburg. «5 Sprachgewirrt zu hören. Ach Vatuschfa! ol!iu«1,> >v,>? Cie gulaien LtHt viel, man sieht Sie trö« r.iromonl. ^,n»! lill« l>,i liil,!>« an tausend Hauser in Asche legte. Auch daS Jahr darauf brannten etliche der schönsten Straßen ab. und seit der Zeit hat sich Proteus iahrlich verwandelt. Beginnen wir mm unsere Wanderungen. Zuerst an die Newa. Nimm der jungen Kokette dicseu langen, breiten Spiegel mit dem (üranitrahiuen, so hätte sie nichts, worin sie sich beschauen könnte. Jener Engländer, welcher gelesen hatte, daß, wer auf der Newa bis an dm Sommergartcn hinauffahre, auch das Sebenswürdigstc von Petersburg geseheu babe, verdiente gar nicht das Auslachen, als er sich in London einschiffte, in Kronstadt in ein Boot stieg, sich die Newa hinauf bis au den Sonnnergarten, zäun rudern liesi, uud dann schnurstracks wieder heimkehrte, ohne an das Land gestiegen zu seiu. Einzelner Paläste wegen wird kein Reisender so weit sich verirren, die cr in Deutschland. Frankreich, Italien. England und anderen Landern schöner und majestätischer als hier sieht, denn unter allcu ist das ncnc Michaelowskischc Schloß, durch die (Nruppirung begünstigt, das ausgezeichnetste. Sieh den töniglicheu Strom, klar wie Kristall, den Einzigen welcher der l>zarmmacht bisweilen zuruft: Ohnmacht! wohin? Bei Südwestwind wird die Newa im freien Lauft aufgehalten. IM Pcttröl'lirg. Das mächtigere Meer drängt sie zurück. Im Hafen, auf Wasilt Ostrow, und in allen niedrigern Gegenden verursacht sie jährlich Überschwemmungen. Die von 1824 war arg. Der Schaden war bedeutend, viel Menschen verloren dabei in ihren niedrigen Wohnungen das Leben. Eine große Matrosenkascrne ist nah am Strande des Flnsscs. aber an Rettungsböte war und ist nicht gedacht. Mit welcher Macht Sturm und Wasser mit einander kämpften, war furchtbar, aber es war der erhabenste Kampf, den j< meine Augen gesehen. Schäumend vor Wuth warf der breite, mächtige Strom, erbittert über den gewaltsamen Eingriff in seine natürliche Freiheit, seine weißen Wogen oben rückwärts, wie ein Erschrockener, der den Flammen enteilt, lind unten schob er ucuc Fluthcn dem Meere entgegen. Aber das Meer, bis in scine Tiefen empört, nahm sie nicht an, und drückte sie zurück. Von Minute zu Minute deckte das Wasser ucne Höhen des Landes, und überraschte mit ciuer Hast, daß die Menschen von den Straßen in fremde Häuser flüchten mußten. Die Kanäle schwollen über ihre eisernen Geländer. alts dm Kloaken in den Straßen sprang die Flnth wie Fontaincn. Durch die Höft der Häuser rauschten die Wellen, und trugen davon was ihren Kräften gewachsen. In den Stallungen der Neiterkascrncn waren die Pferde von den Krippen gelöst, und sie schwammen auf den Straßen herum, die höchsten Stellen sich suchend. Der Sturm heulte in das Tosen dcr Wogen, und schüttelte die Ciscuplatten der Dächer, daß sie bebten und dröhnten; es war, als sänge er dcr Stadt den Untergang. Vom Giebel des HauscS sah ich keine Newa mehr, sie hatte sich verkrochen in das Meer, das jetzt an ihrer Stelle war; und die Czarcnstadt lag angstvoll mitten darin. In Stucke zerriß die Isaatöbrückc. die armsdicken Taue waren Zwirnsfäden Petersburg. 1« dcm grollenden Elemente, aber Niemand hörte Krachen oder Fallen, denn du Stimme des Sturmes war stärker alö Alles. Vom Mor« gen bis Abend am 24. November herrschte das Wasser in der Residenz. Alexander I. stand auf dcm Balkon, sah erschüttert das Unglück, und konnte nicht helfen. Welch ein Anblick, als der Morgen die Verwüstung beschaute! In manchen Häusern, der Mündung naher, war keine Rettung möglich gewesen. Man fand die Menschen, an den höchsten Platzen darin, ertrunken. Eine junge Mutter und ihr Kind, in ihre Arme gepreßt, lagen todt auf dcm Ofen an der Stubcndeckc. Eine Menge Leichen spülte das Meer an die Ufer. Am Morgen nach der Ucberschwemmnug lag nicht weit vom Senat eine große Barke, mit Branntwein beladen, umgekehrt das Unterste nach Oben über das hohe Uftr und das drei Fuß hohe wranitgcländcr geschleudert. Die Matroftnkascrne in der Nahe war völlig in Aufruhr. Die Matrosen priesen Gott für die Fluth und den köstlichen Flmd. Alle raunten mit leeren Eimern nach der Quelle der Scligkcit, und kamen »lit vollen zurück. Am romantischsten war das Bild an der Barke selbst. Sie lag hohl. Darunter lagen Matrosen auf die Erde in's Nasse gestreckt, und sogen mit den Lippen wie Kinder an der Mutterbrust, oder richtiger wie durstige Ferkel an den Zitzen der Alten, an den theils angebohrten, theils gespaltenen Fässern. Die Krone meldete sich nun alo Vigen-thümerin des Strandguts, und that Einspruch gegen das fernere Stehlen. Die Senatswachc erhielt Befehl, das Gescheiterte zu schützen. Die Wache, ziemlich mannstark, erschien. Da zeigte sich Löwenmuth. Die unerschrockenen Matrosen ließen sich nicht stören. Sie krochen haufenweise in die eroberte Festung, und behaupteten, daß der Himmel ausschließlich an sie gedacht habe. Bajonette, Flin- 144 Petersburg, tenstöße, Stöcke, Stricke. Nichts vermochte die Säuglinge zu besänftigen. Einer lag über den andern, und ließ sich lieber braun und blau pnsscn, als daß er dem kurzen Augeublicke des Paradieses entsagte. „Einmal im Paradies gelebt, ist nicht zu theuer mit dem Tod gebüßt!" Während ein Seemann unter der Ncdoute bei den Bci-ncn hervorgezogen wurde, kroch ein anderer hinein an dessen Stelle. Die Mannschaft der Wache, müde deß vergeblichen Kampfes, ging über ans die feindliche Seite, und hing die brennenden Lippen mit an die hcrvorgclangten Eimer mit dem Nektar gefüllt. Erst völlige Erschöpfung der Fässer, und die mathematische Ueberzeugung, daß der Kaiser sein Recht verloren habe, weil nichts mehr da war, stellte die Ordnung wieder her. Fünf Monate steckt die Newa unter einer zwei bis drei Fuß dicken Eisdecke, die ihr die Mutter, der Ladogasee, schickt. Scholle kommt an Scholle geschwommen, ein geringer Frost kittet sie zusammen. Selten und nur bei strenger Kälte friert der Fluß ohne Treibeis zu. Vor hnndcrt Jahren gab cö nur eine Brücke über denselben, jetzt drei Schiffbrücken, und eine vierte bleibende Eisen-brücke wird gebaut. Starker Eisgang hemmt die Communication zwischen den Stadttheilen, die der Fluß trcunt. Seht sich das Eiö fest, so fehlt es an Waghalsen nicht, die über das breite, erst vor wenigen Stnnden zusammen gefrorne, unsichere Eisfeld wandern. Es soll nicht sein. Abcr der Nussc klebt nicht so ängstlich am Leben. Die Gewohnheit stumpft seinen Gang auf Dornen ab. das Eis kann höchstens brechen, und seinen Znstand nicht verschlimmern. „Du darsst nicht hinüber!" rief ein Polizeisoldat einem Nüssen zu, der nach Wasili Ostrow über den eben erst zugefrorenen Strom wollte; „es ist streng verboten, Jemanden hinüber zu lassen." Der Petersburg. 155 Nüsse huschte dock) vorbei, und kam glücklich an das andere Nftr. „Zurück!" schrie ihm wieder ein Polizeisoldat z«; „zurück! es ist scharf befohlen, Niemanden über das (5iö zu lassen." „Sei doch kein Narr! ich bin ja glücklich herüber gekommen, laß mich hinauf!" „Zurück! ich habe Dir gesagt, ich darf Niemanden herüber lassen." Mit der Hellebarde wurde der Waghalö zurückgestoßen. Andern Stellen, als die er schon erprobt hatte, traute er nicht, er mußte umkehren. „Zurück!" brüllte ihm wieder der jenseitige Wächter schon von Weitem entgegen, „es ist verboten, herüber zn kommen, gleich zurück!" So war der kühne Eisgängcr in Gefahr, auf Befchl der vcr^ ständigen Polizeidiener entweder auf dem (?isc hin und her zn wandern, bis ein ihn erlösender Befehl kam, oder zu ertrinken. Der Magnet ,.n» ^vnlko!" zog ihn empor. Einen Pendant dazu erzählt auch Peter Haven aus seinen Zeiten. In Petersburg war eine Polizciverordmmg pnblieirt, daß Niemand des Abends nach zchn Uhr sich auf den Straßen ohne Laterne sollte antreffen lassen. Als nun darauf ein General spät auf der Straße ging, und sich von seinem Diener mit der Laterne voranleuchten ließ. so versammelten sich die Wächter, umstellten den General, und ließen nach wenig Wortwechsel den Diener laufen, weil er eine Laterne hatte, den Herrn aber schleppten sie, aller Vorstellungen ungeachtet, in die Wache, wo er so lange sitzen mußte, bis der Diener es dem Polizeimeister hinterbracht hatte, der ihn frei gab. Mhland. l. 10 «« Petersburg. Im Winter führt der Weg von Petersburg nach Kronstadt über das Eis. Auf beiden Seiten ist der Weg mit Tanucubäumchcn abgesteckt. Wächter in kleinen Häuschen läuten in der Nacht von Zeit zu Zeit mit Glocken. Dennoch ist es oft eine schauerliche und gefährliche Fahrt. An manchen Stellen hat das Eis breite Spalten, es knackt und donnert wie mit Kanonen. Ueber den Spalten liegen schmale Brückchcn, und das Mecrwasscr spritzt darunter hervor. Auf der vicr Stunden weiten Fläche wird man leicht von Nacht und Schneegestöber überfallen, wie ich es mit einigen Freunden erlebte. Wir besuchten einen Freund in Kronstadt, dm Etatsrath Mi lins. Heiter und still war das Wetter den ganzen Tag. Der srcundlichc Wirth hielt uns auf. Der Mond schien hell. Auf der Hälfte des Weges verkroch sick' der Mond hinter dicke Wolken. und ein furchtbares Schneegestöber hüllte unö ein. Nach einer Weile stand der Schlitten. „Wir sind vom Wcgc gekommen!" sagte der Kutscher, „ich weiß nicht, wv wir sind." Kein Ohr vernahm im Sturme eine Mocke. kein Auge konnte sich öffnen. Das Meer krachte, wir glaubten, es müsse bersten. Hier half kein Rufen. Beten, Fluchen. Er-gieb dich! Erst als der Morgen graute, und die Schncewirbel nachließen, wurde in der Ferne ein Wachhäuöchcn sichtbar. Die Vaumchcn am Wege waren umMvorfen und verschneit. Wir erhielten Hülfe um aus dein Schneeberge zu kommen, den der Wind um unsern Schlitten aufgethürmt hatte. Sechs Stunden hatten wir an einer Stelle die fürchterliche Nacht zugebracht. Zwanzig Schritte nur halten wir weiter fahren dürfen, und die See hätte uns in einein offnen Abgrunde, der vor uns gähnte, verschlungen. Das Newawasser ist weich, widerlich weich für den, der Qucll-wasser zu trinken gewohnt ist. Bei den meisten Anreisenden wirkt eö wie Ialappe und Aloe, und schwächt ungcmein. Doch wohl Petersburg. . 447 dem. der das Wasser zll Getränk lind zu Speisen aus der Newa bekommt. Denn wer nicht, wie cm Nüsse, nicht weiß waö Ekel ist. dem ist's ein (bläuet, das Wasser anö den Kanälen nur anzusehen, welches er zu seiner Nahrung zu sich nehmen muß. Alle diese Ka-Me, ohne Ausnahme, sind die Neeipienten von allem möglichen Unflath. Die Jauchen von Färbereien in allen denkbaren Tinkturen, die Kloaken der Straßen laufen und münden hinein. Von früh biö in die Nacht wird darin gewaschen und gespült, und dicht daneben das Trinkwasser geschöpft. Wenn <>n Frübjahr die Newa längst vom tt'isc befreit ist, liegt es noch starr, mit dem abscheulichsten Schmutz bedeckt, in der Moika, im Katbarinentanal und andern Kanälen, und daö Wasser, welches auf den Tisch kommt, stinkt. Wie oft bin ich im Tommer res Nachts bei dcm Ministe-rixm des Inner» den Karren, welche die Abtritte reinigen, begegnet, die ihre Ladungen dort bei den Holzhöfen in die Fontanke fließen ließen, daß die Luft verpestet wurde. Am Morgen schöpfte man Theewasser nnd Kasseewasser daselbst, lnne Menge Menschen sehe ich einst bei den Mlulinschen Badestnben am Kcläildcr der Fontanka in das Wasser schauen. Ich biege mich hinüber. Aus den Bade-stubcn wälzt sich das Teifenwasser des Verbrauchs, nnd färbt die Fontanka eine Strecke weit weiß, grün und gelb. Wie Wolken zieht sich der Schanm. Mitten aus dieser schenßlichen Jauche schöpft ein Wasscrführcr iu sein Faß, und dit zusehende Menge jubelt ihm Beifall z«. Der Polizcisoldat, der dort seinen Posten hat. witzelt mit über den gntcn Thee, und das treffliche lassen, welches die Empfänger dieses Wassers heute bekommen. M'en kommt der Nadöiratcl anö der kleinen Gasse. lFin Herr eilt auf ihn zu. und zeigt ihm den öffentlichen Unfug. „I'ü^wi i'.imüili»?!" schreit er den Wasserführer an; „ich will doch gleich mit dem Badstüber reden!" 10' tt8 Petersburg. Fort ging tl in dessen Hans, wahrscheinlich zum Frühstück. Er kam nicht wieder, und das Schöpfen wurde fortgesetzt. Mcin Däne, der immer mit gesunden Augen sich umsah, sagt: „Petersburg bekam ich nicht eher zugehen, bis ich wirklich schon darin, war. Denn obgleich es ein ebenes Land um sich herum hat, so ist doch die Gegend voller Wälder, daß solche einer dicken Mauer ähnlich sind. Der Bischof von Oowgorad, der auf Alt-Petersburg wohnte, hatte verschiedene Perspektiven durch den Wald hauen lassen." Die Wälder inwendig und ansien sind heute verschwunden. Nur auf de» Inseln Petrowsk und Krestrowski saust uoch Nadelholz um die Sommerhäut'chen. Man tilgt jetzt lieber was einem Naume ähnlich sieht. Der Kaiser Alexander hatte in der zu breiten Hauptstraße eine Lindenallee angelegt. Viele der Bäume blühten seit Jahren und versprachen Schatten gegen den Brand in den Som-uiermonatcn. Vor einigen Jahren wurden auch sie hingerichtet, und um sich im Iuny zu überzeugen, ob die Bäume schon auöge-schlagcn sind, musi man sich den Beweis in der stäubigen Lindenallee an der Admiralität oder im Sommergarten holen. Indeß werden auch keine Fichten und Tannenzapfen in der Stadt mehr gesammelt, so sind doch noch Nachkömmlinge derselben geblieben, und die Moräste haben uns noch nicht verlassen, in denen diese nordischen Orangen gcdeiheu. An der Ligowta ist der sogenannte Wladimirgarten. Da wird heute noch Hm gemäht, cm Kieferwäldchen erinnert an dic Vorzeit, und der Morast streitet lebendig gegen dic Bchauptnng, alö ob wir in einer Residenz wäre». Anch an eingcstädtetcn Viehweiden fehlt eS nicht, auf Wasili Ostrow, bci Newski Kloster, aufderPeski; mitunter von einer Ausdehnung für Städte von 5 bis 6000 Einwohnern. Nur bitte ich dabei immer zu recapituliren „ innerhalb der Residenz." Petersburg, 44V Erst Alexander gab ihr die Schönheit und hinterließ seinem Nachfolger gar viel unvollendete Bauten. Hätte man dic verwendeten Millionen nickst nützlicher und zu Nothwendigerm verwenden können, als zu Palästen, die heute leer stehen, als zu Theatcrgarderobcn? Giebt es,... Still! still! Auf der gleichen Fragen wollen wir uns einlassen, wenn wir einst Nußland mit dem Nucken ansehen. Wenigstens sieht doch der Nuffe, wenn er icht in die Residenz kommt, wo sein Geld hingekommen ist, und ist ein solcher Blick nicht tröstend und aufmunternd. Schon mein offenherziger Dane warnt, indem er von seinem Bekannten, einem Herren v. Huysen redet, dem Erzieher des unglücklichen Alexei Petrowitsch. Peters I. Sohn. Seine Worte Worte sind- „Diesem (Huvscn) war die Historic und dic Beschaffenheit Rußlands so rollkommen bekannt, als Jemandem der Minister sein konnte. Allein er hatte auch gelernt zu schweigen, sintemahl die Verschwiegenheit in dergleichen Diugen das vornehmste Ncqmsitnm bei dem. der in diesem Reiche sicher leben will." Wo sich Nnsiland also vollkommen gleichgeblieben ist, da sei Gott für, menschliche Fragen über die Lippen zu lassen. Erlaube, mein Cicerone, hier einen Cinwurf. Ich habe neuerdings gelesen, daß sogar Koryphäm der russischen Literatur öffentlich und ohne Blödigkeit in Deutschland bekannt machen, man könne in Petersburg ebcu so srei, wie in London, Paris und Berlin denken und sprechen. Wie paßt das zu deiner Warnung? Das sind keine Korypbäcn, sondern Korybanten, die bekanntlich ihren Götzendienst mit vielem Lärm feiern, damit die Leute vor dem Geklapper mit den Schilden nickt merken, was sie eigent« Ill« Petersburg. lich inl Schilde führe». Ihre Bestimmilng ist. Blinden Lichter an-zustecken, lind Sehenden sic auszublaftn. Nunmehr zeige ich Dir das Petersburg, von welchem die heuti^ gm Schriftsteller reden. Wir nehmen daö Wiutcrpalais oder die Admiralität zum Mit telpnnkt. Wir ziehen Radien bis an die Etückhof. und Wladimir-straßc. die ssrbseustraße wieder zurück, und fassen auch noch jenseits der Newa vom Bcrgcorvs bis au die chirurgische Akademie die Gebäude am Ufer dazu. Wir haben in diese» Umfang Raume vo» wenigstens 4 QuadratWerst oder über ciner halben deutschen Meile Inhalt eingekreist, den leeren AdmiralitätSplah, das Mars' feld, den Tommergarten, den Miehaelowskischcu Garten, die Ingenieurschule mit dem großen (nercierplatze, die breitesten Straßen, die Flache des Newaspiegelo, größer noch alö alle diese Flächen zusammen, und wer sich dergleichen leere Räume vou seiner Phantasie in jede beliebige Mittelstadt Deutschlaudb tragen läßt. der hat cin ganz richtiges Bild von der angestaunten Kroße Petersburgs, so weit sie schon genannt werden kann. An zn'ti Drittel dieses Iu-halto, dieses eingekreisten Bodenö mit seinen Gebäuden schreibe er: „sszarisches Eigenthum." und es wird sich in seiner Seele auch der Begriff formiren. wieviel für eigentlich städtisches Wesen übrig bleibt. Mit wenigen Worten, man denk», sich ein großes Herrenhaus, in welchem das Vorhaus den meisten Platz einnimmt, und in« Flügel einige Zimmer vermiethel sind. Das ist das berühmte grosie Petersburg als Pichdocke. Was siehst du»nun vom Isaaksplahe als dem Centrum aus? Das Wiuterpalais, eine uusörmlichc Stciumasse. drei schnurgeraden Straßen entlang, einen ungeheuern, leeren Platz, eingefaßt Petersburg, t»t von Admiralität, Senat, Synod, einer l^rercicr' und Reitbahn, die Isaakskirche. das Zlegieriülgsgebäude. den Generalstab, andere öffentliche, und einige Privatgebäude. Icl' sehe Akademie, ^adet' teueorps. Börse, lauter korinthische Säulen, Alles von Stein. Gefällt dir die Stadt? Allerdings! Doch mehr Geschrei wie Wolle! Tie ficht mir gar zn monoton aus; nnd die gelben und grünlichen Gesichter der Häuser gewähren meinem Auge auch keine Abwechselung. Die geraden Straßen ermüden dm Blick, und wie es scheiut, wenn cs auf die russischen Baumeister ankäme, sic würden die Wellenformen an der Venus sogar so lange bemeißclu und behacken, bis das Lineal überall an den Gliedern sich anschlösse. Du tadelst die rnssiscben Architekten mit Unrecht. Alles was ausgezeichnet in Petersburg ist, vom Winterpalast an, ward von Italienern. Franzosen und anderen Ausländern aufgeführt; die nur rnssischcr Aufgabe und russischem Geschmack huldigen mußten. Mon« ferand z. B. würde die noch unbeendete Isaakskirche. an der er beinahe volle 30 Jahre schon baute, längst beendigt und zuverlässig anders und vollkommener ansgeführt haben, wenn ein Nothschild behülflich geweseu wäre. uud nacb Gesehen des russischen Nitns bei einem Nenbau eine alte Kircbc ganz abgerissen werden dürfte. Ausier den größten Bauten gmgen auch die bedeutendsten Dcnk-m.iler der Residenz aus der Kunst dcö Auolandes hervor. Peters l. Neiterstatnc anf dem geborstenen Felvstück, Ninmanzow's Säule auf Wasili Qstrow, Peter I. vor dem größtcnthM abgerissenen Men Miebaclowscben Palais, und Suwarow's Statue, die den qrvßeu kostspieligen Paraden auf dem Maroftlde. ich iveiß «icht warum, den Mücken kehrt, sind aus Katharina's li. und Alexanders l. Zeiten. Aus der jüngsten ragen die bolic Aleranderstatue tA2 Petersburg. mit dem 8l) Fliß hohen Schaft, und dessen Verlornen Werth durch den Niß, und die beiden bronzenen Männer vor der Kafanfchen Kirche, Kutusofund Barklay dc Tolly. Einige Minuten nur weile mit mir vor Peters Bildsäule auf dem Fels. von welcher der Hamburger Kanonikus Meyer schreibt, daß man sich bei ihrem Anblick begeistert, entzückt, und über sich selbst erhaben fühle, die Seele werde in ihren Tiefen bewegt. Hau» dels göttliche Akkorde, und die Großthaten der Helden Homers gäben eine Idee des Eindrucks, den dieses steinerne Bild errege. Der Domherr ward, nach seiner Versicherung, bei dem Anblick wie von Zauber, vom plötzlichen Blitz geblendet. angewurzelt und fast scheuen Blicks sei er von einem umvillkührlichcü Schauder ergriffen worden, daß er sich habe abwenden müssen. So komm! und überzeuge Dich selbst, was ein Kanonikus für läppisches Zeug schwatzen kann. Fürchte Dich nicht vor dcm lebensgefährlichen Anblick. Der Peter von Erz hat noch Niemanden geblendet noch angewurzelt, noch mit eiucr Gänsehaut überzogen. Auch ich fühle nichts von dcm Meyer scheu hitzigen Fieber. Doch heraus Bleistift und Papier! zeichne» will ich im Fluge den Mann, von dem die Welt keine so hohe Idee gehabt hat, als er selbst. Um seine Größe richtig gewürdigt zu wissen, gab er selber den Gedanken zu einem Denkmal für sich an. Aus einem Kamco ließ er sich als Bildhauer darstellen, der ciuen Fclsblock, als Symbol seines Volks, zu einer bildlichen Figur Rußlands aushaut. Diese Idee bearbeitete Falcouet, dcm von Kaihariua II. der Auftrag zu dein Denkmal für Peter wurde. Er setzte den Bildhauer zu Pferde auf den Klotz, den sszar reitend anf seinem Volke. Erhabener Gedanke! Ein Ritt auf Anthropolithcn! Auch bei einer andern Gelegenheit sprang die Sclbsttaxation -Petersburg. l«3 über Peters Zunge. Bei einem Sturme im Boot auf dem Ladoga rief er den bangen Matrosen zu,- „was zagt Ihr Feigen, ist nicht der Czar bei Euch? Du siehst daraus, daß auch die Elemente vor einem Czar Respekt haben sollen. Zeichne nur schnell. Wer weiß, ob dem Domherrn nicht dieselbe Geschichte eingesallen ist, als er den Despoten besah, denn da ist ein heimlicher Schänder wohl möglich, mit dem man sich abwendet. Warum hat Peters Pferd keinen Zaum? Wie würdest Du die Willkür andcrö ausdrücken? Ich verstehe! Indem ich zeichne, komme ich auf den Gedanken, ob die Schlange, die Peters Noß tritt, nicht etwa gar Europa vorstellen soll. Deuten die Nesseln, die hier am Geländer um den Ncpräsentan, ten des Volks wachsen auf..... Wer seid Ihr? schnautzt uns plötzlich ein Soldat, in voller Armatur, au. Kommt auf die Wache! Warum? Der Offizier hat befohlen! Siehst Du. der Domherr hat doch Recht, der Anblick ist gefähp lich! Zum Glück ist die Scnatswachc nah. Wer sind Sie? fragt der Osszier. Zwei Auoländcr. Was standen Sie dort so lauge? Ich zeichnete die Statue Peters I. Habm Sie Erlaubniß dazu? Nein! Geben Sie mir die Zeichnung! Hm ist sie, nur angefangen! 484 Petersburg. Ich muß rapportiren! Tie bleiben so lange hier! Von der Wache zum Obcrpolizcimeister. 6inc Epoche von 8 Stunden^ 3 auf der Wache, und von 2 Uhr bis 7 in der Behausung des Polizcidingenten. Eine Inquisition .-nl lil.ilum. in der Kanzlei Alles lang und breit zu Protokoll genommen: wozu wir uns mit Zeichnen abgäben, ob wir schon andere Dinge in Petersburg gezeichnet und welche, ob wir bekannt bei der französischen Gesandtschaft wären, oder bei welcher andern; welches unser m^i,»^ sei, wer unsere hiesigen Bekannten wären, n. s. w. Spät endlich erscheint der Obcrdirigent in Person. Er wiederholt die Frage» des Protokolls. Aber sagen Sie mir. hier lese ich, Sie wohnen bci Graf B.? Ja! Ach mein Gott! warum ließen Eie es mir nicht gleich sagen? Wäre dann meine That in einem andern Licht erschienen? Ach mein Gott! Ihre That ist ja die unschuldigste von der Welt, hätte ich aber diese li^on gewußt, so würden Sie kemm Augenblick Unannehmlichkeiten gehabt haben. Ich bedaurc daher von ganzem Herzen, ich bitte meine Herren, vergessen Tie. Mr müssen streng sein, die Zeiten .... Sie wissen selbst .... man kann den Leuten mcbt immer die Unschuld vom Besicht lesen. Ich werde selbst dem Grafen meine Bestürzuug erzählen, ich bitte, empfehlen Sie mich indessen, oder besser, wir sprechen gar nicht mehr von der Sache. Ich hoffe. Sic pressiren Ihre Rückreise nicht. Pc^ teröburg hat viel Angenehmes. Kann ich Ihnen irgend womit dienen, mit dem größte» Vergnügen, und wenn...... Hört! hört! Zur Ordnung! Abgang der Post. Hunger und Durst! Ja! Händel's göttliche Akkorde »nd die Helden der Iliaö bewegten die Seele in ihren ungeahnten Tiefen! Petersburg. HW Von heute an kein Spazicrgang wieder mit Papier und Bleistift. Lernst Du nun Meyer und die noch weit schlimmern Gretsch et !!^lli<: begreifen? Geneigter Leser! das war eine eingewebte, buchstäblich wahre Begebenheit aus dem Sein cineö meiner Freunde, während seines kurzen Aufenthalts in Petersburg. Ich habe Dir die eigentliche Residenz in der Nuß, und zugleich ihren heiligen Gnst gezeigt. Heute sollst Du das Fleisch herum sehen.> Setz Dich zu mir auf die Droschke, zum Gehm ist es zu weit. Wo sind wir jetzt? In einem Dorfe! Getroffen! Im Dorfe Groß- und Klein-Dchta. Kö ist der MilclMcr von Petersburg, und die Strafanstalt für die Polizei. Wenn ein Glied derselben, Polizeimeister oder Eckensteher, gleichviel, in den übrigen Stadttheilcn sichtbar zu fett, und auf dem sogenannten ,i8 ertappt wird. so begeht mau nicht, wie in andern Landern, die Nnmenschlichkeit, und setzt dies mem^llm ab, sondern deckt die ,>l!>!.l'!!i, p<'!',<^!»5 mit christlicher Liebe zu, und setzt den Sünder nur auf mehr Fastcnspeisc unter die Milchwcibcr und die Pilzcnsuchcr, die dicht hinter Dchta ihr großartiges Geschäft treiben. Nicht wahr? Ein sonderbares Gelüste einer prunklirbenden Residenz, sich durch ein wirkliches Dorf mit Hütte» und Häuschen, durch ein Dorf. länger wie sie selbst ist, zu vergrößern, nnd Tausende von Bauern darin zu großstädtischen Bürgern zu erheben, damit sie zum Stadtbeutcl Beiträge liefern. Ein Dorf. nicht mit einer Mctze Getreideaussaat! An den Hänschen nur ein Gärtlein zu cinigeu Heuhaufen, um eine oder etlicke Kühe zu ernähren. Den« 1ll6 Petersburg. noch verstehen sich die Häusler, so gut wie ihre nunmehrigen Mit-und Ehrenbürger auf üblichen Erwerb. Die Weiber quirle» Wai-zcmnehl in die himmelblaue Milch, und verkaufen sie theuer für die fetteste Sahne, und die Männer arbeiten mit Axt, Säge und Hobel wohlfeile Möbel, dcnm man die Betrügerei in allen Fugen und unter dem Firniß, nicht eher als nach einigen Wochen ansieht. Besehen wir nun einen andern Stadtthcil, den Wiburger! Also zurück durch das lange Dorf ohne Breite bis an die Wosncscnskische Brücke, wo die Newanixcn !824, trotz der Entfernung von der Mündung des Flusses, die Gärten und Wohnungen auch dieses Stadttheilö besuchten. Was siehst Du? Kasernen, dic medizinisch chirurgische Akademie, das Lanbhos-pital, Küchlein und Häuslein, gar oft zum Erbannen. Eine ennyantc Partie! Kehren wir um; der Weg ist zu schlecht! Nur Rom in «>i<> laß uns auf dieser Route noch bewundern! Wie verstehe ich das? Es wird sich gleich zeigen. Hier rechts sind wieder neue Kasernen. Von nun an aber nehmen wir Abschied von Allcm. was einer Menschenwohnung ähnlich sieht. Selten begegnet uns ein Bauer. Bemerke links eine fortlaufende Planke an Küchengärtm, deren Spinat, Zwiebeln, Kohl. Kartoffeln, mit einer Nngcnweide nicht abwechseln. Rechts, so weit daö Auge reicht, kein Vaum, nur niedriges Birkengestrivve in cincm Sumpfe. So fahren wir über eine halbe deutsche Meile weit. Jeder Gedanke an Stadt oder Dorf ist verschwunden. Wir sind völlig im Frcicn. — Hicr er-scheint also dic Residenz in der That als der aufgeblasene, zerplatzte Frosch in der Fabel. Hicr ist ein wcrstwciter Morast, wie eine sibirische Nilduiß an einc Stadt gehängt, in deren Raume noch mehrere Städte angelegt werden können, und doch soll ich in der Petersburg. i»7 Wüstenei den Glauben nicht aufgeben, daß ich in einer schonen, modernen, geselligen, geschäftigen, stark bevölkerten Nesircnz sei. Ridiculum est credere! Sed periculosmn mm credere I Still! still! Wenn die MM bald sichtbare Thorwache daö Latein hört, so hält sie uns für Spione, und wir haben ein Examen wie gestern zu bestehen. Jetzt sind wir am Ziele! Ans einem Hügel steht der Schlagbamn. Bei der Wache ein Kirchlein, und ein Krankenhaus, eine Demidowsche Stiftung. Ein liebendes Mutterherz verlor an dieser Stätte einen Sohn im Zwei-kampf. ES ehrte sein Andenken in diesem Denkmale des Wohl-thlms. Die Zahl der Verpflegten ist. glaub' ich. zwölf. Einfach« heit. Sauberkeit, gute Nahrung, Klostcrstille. Das Bild der Wohlthäterin im Speisesaale spricht mehr znm Herzen als die beiden müßigen Popen bei der Kirche. Möge der Dank für thätige Menschenliebe die tiefe Wunde des Engelherzens wenigstens verharschen. Wir wählen nun einen andern Weg zurück, hin am Stroga-nofschen und andern wcitläuftigen Garten. Wir besehen die Petersburger Seite und Wasili Ostrow biö an den Hasen. Fort ist der halbe Tag. Wir wechseln die Pferde. Nachmittag durchstiegen wir Smolna, Ncwsky, die Peöky. den Moskowscheu. kurz alle übrigen vom Winterpalast und der Residenz um denselben, abgelegenen Theile. Was haben wir gesehen? Eine Menge geradlinigte Straßen und Sträßchen und Winkel. Die meisten menschenleer und mit jämmerlichen Hänslciu, uuge-heure. leere Plähe, nirgends etwas Ausgezeichnetes oder nur Be-imrkenswerthes. Waö irgend berücksichtigt worden ist. drängt sich um die Admiralität zusammen. 158 Petersburg. Mitten in dcm aneinander gestickten Ocsilrc gar noch cine Festung mit einem Ravelin. auf dem wieder eine Stadt Platz hätte, oder wie jetzt angelegt ist. cin großer Park zum Vergnügen des Publikums, dessen Augen ohnehin sich mehr am Grün auf wandelnden Uniformen als auf Lanbc zu stärken haben. Die Feste, ist ein todtes, schauerliches Nest mit drei Thoren. Von den Wällen tönen die Posaunen der Großen'der Erde, wenn eine neue Größe in die Welt kriecht, oder wenn cin Einzug, cin Fest. cin Jubel bei Bechcrklang verkündet wird. Unter diesen Posaunen grinsen die tiefen grauitnen, engzulaufcnden Löcher der Kasematten, hinter, denen nicht immer nnr die Schuldigen der Menschen, wie Unken in düstern, fenchten Mauern sitzen. In einem dieser scheußlichen Löcher war es, wo die Prinzessin Tarakanof, eine Tochter Elisabeths und von Katharina II. eingekerkert, bei einem Anotrctm der Newa ertrank. In der Kirche dicsts Zwing »Uri's werden die balsamischen Leiber der czarischm Familie bewahrt- in einem andern Gebäude wird die Münze bewacht, und in («cwölben der neuste Schatz von 7U Millionen Eilbcrrnbcl. Also Elend, Gold und Tod, die drei Parzen des Seculums, in Vanban- und Pagansche Idem gefaßt. Vor 1W Jahren wehtc auf einer Bastion, nach dem Schlöffe zu, bei großen Festmahlen eine Flagge mit dein russischen Adler, welcher in seinen Flügeln und Klaue» das caspische, schwarze, weiße und baltische Meer hielt. Welch ein Durst! Schon die Wege deuten an. wo und wie weit dic Benennung Residenz gelten kann. Alle versuchten Verbesserungen geschahen nur in der Nähe des Winterpalasts; bald Steinpflaster und bald lfhaus-see; jetzt Holzwege, welche dic entferntem Stabttheilc. der Thcurung halber, nicht nachmachen können. Auf der Peski und vielen andern Gegenden giebt es noch ungepftastcrtc Straßen, wo in den nassen Petersburg. Hlw Monaten die Wagen bis an die Achsen im Kothc stecken. Ich weise nicht etwa nur auf die Petersburger. Wiburger Eeitcn und andere, Stellen, ich zeige z. B. ganz nahe am Molo der Residenz, nah an den, Ncwski Prospekt auf den Weg aus der ungepstasterten Straße der Peöki. den Vadstubeu vorbei nach der Liteine. Jeder Nachlaß des Winters, denn Frühjahr kann man in Petersburg nicht sagen, im April und Mai. macht das tief außgefahrne Steinpflaster zu einer wahren Marter für Menschen und Pferde, und auf den hohldonnernden bretternen Trottoirs in den meisten Stadt, theilen kaun man das ganze Jahr durch Halö und Beine brechen. Die Reparatur des Straßcnvflasterö verursacht dem Hausbesitzer in ten Hauptstraßen sehr hohe Ausgaben, die bei seinen eigentlichen Abgaben gar nicht berücksichtigt werden, ftiner meiner Bekannten in der Morskri hatte, um ein festes Pflaster vor seinem Hallst zu erlangen. mit vielen Kosten Steine sich angeschafft. Er zahlte die Pflasterung theurer wie gewöhnlich. Vbcn war sie vollendet, er glaubte nun auf lange aller Ausgaben deshalb übcrbobcn zu sein, als er den Befehl erhielt, das Pflaster wieder aufreißen, und einen getäfelten Holzweg anlegen zu lassen. Länger als drei Jahr ist ein solches Parquet nicht von Dauer. Daö schlechte Holz, der sumpfige Boden, die Stein und ssistn erweichenden Monate. April, Mai, September, October, die schlechte Arbeit und das beständige Fahren, bringen dic Bahn bald in den elendesten Zustand. Die „Reinliche «x oslicio" darf man Petersburg, i. «5. die eigentliche Residenz, wohl nennen. Reinlichkeit ist hier keine Tugend, nur eine unerläßliche Tcrvitnt für die Hausbesitzer. Wenn die Polizei, einige Tage nur, ihre dienstbaren Quälgeister zur Ausführung der Straßcnrcinigung mit unerbittlicher Strenge nicht ausschickte, so würde man vor Schmutz in den elegantesten Straßen iso Petersburg, weder fahren noch gehen köilnen. Der Hang zur Unsauberkeit in ihrer Bodcnlosigkcit ist cm Elenient rllssischer Nationalität. Spre« -chendc Zeugen sind die Höft der nur von Nussm bewohnten Häuser, da wo der Polizeidespotismns sich in eine repräsentative Eocho» neric auflöst. Eine geschmackvolle Ansicht davon verschafft man sich schon in den Häusern mit den Lcdcrbnden jenseits der Anitschkow-brücke im Newsti Prospekt. Dars ich nun um Dcin Urtheil über das Ganze, was Du ge-sehcn hast, bitten? Nur lcift. Mein Urtheil? Das könnt' ich knrz in des Dichters Worte, fassen: ., Welch ein Nest! O schöne Herrn! „ Große Nuß, doch — ohne Kern." Nichts Außerordentliches! Kein Splitter von Dem, was ich erwartete. Aber eine ächte luttianische Abgeschmacktheit ciucS Kanonikus, wenn er sagt: „ich möchte Jede» beklagen, der ohne das Erschauen der Kaiserstadt deö Nordens vom Leben scheidet." Der erste Eindruck hat ja wohl auch von seinem Rechte zu reden. Bei mir ist er auf der Oberhaut sitzen geblieben. Sein Nccht, pro oder contra zn bestechen, übt daher aus mich keinen Einfluß. Petersburgs Größe ist die der Eitelkeit. Sie soll analog der Größe des Reichs sein. Immerhin! dadurch schadet man Niemandem. Aber das Gefühl wird erweckt, daß es wirklich ist, größer zn scheinen alS inan ist. Wenn ich über drei Werst gehen muß, um an eine Barriere als den Markstein der Stadt zu kommen, nnd ans diesem Wege keine Hütte, vielweniger ein Haus erblicke, sondern nur Aecker, Gebüsch, Fläche ohne den mindesten Reiz. soll ich dann glauben, daß ich in der schön gepriesenen Residenz bin? Ist es denn ergötzlich, wenn ich einen Freund besuchen will, daß ich mich über Plätze erst Petersburg. t»t müde gehe, dit Jedermann schcut im Dunkeln zu betreten, um nicht geplündert oder erschlagen zu werden, wie Beispiele nicht selten sind? Soll ich von diesen Einöden sagen, sic freuen mich, sie sind schön? Soll ich vor den enormen, das Auge ermüdenden Kasernen aus» rufen, sie sind wundervoll? Sicht man Paläste etwa nirgends als in Petersburg? Eicht man sie in London, Paris. Berlin, München, Wien, Braunschweig und vielen Hauptstädten nicht schöner? Weil der Rayon um den Winterpalast unter die Neubauten gehört, ist er einzig? Ueberall wo die Gegenwart in Architektur und Anlagen auftritt, bleibt Petersburg nach. Ohne Vergleiche mit Residenzen einzugehen, frage ich nnr, ob Petersburg eine einzige so großartige Anlage hat wie Hamburg um das große Alsterbassin? Wie will sich die Czarcnstadt mit Bremen's herrlicher Häuserreihe, mit den köstlichen Kunstanlagen. auch innerhalb der Stadt, messen! Giebt also Petersburg kein Bild des Schönen und Großen im Ganzen, sondern nur theilweise, ja nur im kleinsten Theile, wie viele Städte des Auslandes bieten dann Dasselbe, und weit Schöneres und Größeres in Einzelheiten. Sie bieten es dar mit Bescheidenheit, nicht als Wunder, nicht als das Höchste der Kunst, nicht als das Erste der Welt. Leere Plätze vou ermüdender Weite, einförmige, über das Maaß breite Straßen, warum nicbt. man kann auch von ihnen wie ron Steppen, von: Sandmeere der Sahara sagen, sie imponircu. Allein man stelle allcs Ausgezeichnete, was plastische Kunst nur hervorzubringen vermag, zusammen, wird eö die Seele stendig durchdringen, wird es die Wellen des Gefühls eines menschenfreundlichen Herzens heben, weun der bleierne Gedanke den Blick führt, daß diese Bauteu uud Anlagen auf mehr «als hunderttausend Menschenopfer gegründet sind, und daß ein Menschengeschlecht darin in Knechtschaft haust, um ein weit größeres 162 Petersburg. noch in reibendem und schwerern Fesseln halten zu helfen! Kann der Gedanke zu Bewunderung von Größe und Schönheit in Gebilden menschlicher Kunst begeistern, wenn die inwohnendc Menschheit dnn physischen Gesetze der Schwere Unterthan ist. Druck übt wieder Druck?! Mitten in der kühnen, blendenden Säulmstadt sagt. die moralische Welt: was hilft alle Pracht um mich, wenn ich sehe, daß auch der beste und reinste Wille an dicscn steinernen Zierden zerschellt. und es nicht einmal dahin bringen kann. der Gerechtigkeit eine Hütte zu bauen. Eine Soldatenstadt, nicht von Volksleben und Bürgcrthum in's Dasein gerufen, kann ihren Zuschnitt nie verleugnen, die steift Dressur geht immer durch die Straßen. Woher nahm man denn die Bürger znr Stadt? Jeder Sklavcngebletcr konnte durch die gemachte Stadt seine Einkünfte vermehren. Gegen eine Höhcrc Abgabe wie gewöhnlich, entließ er auf Zeit seine Leibeigenen. die sich in der neuen Stadt mit ihren steigenden Bedürfnissen durch die niedrigsten Arbeiten mehr zu erwerbe» suchten, als der Pflug ihnen Erwerb gewahrte, den sie mit Freuden wegwarfen, wcil er in einem Boden ging. der ihnen nicht gehörte. Gewöhnlich ergriffen sie Dienste bei reichen Spcku» lantcn im Handel. Die angebornc Gaunerei brachten sie mit, sie gewannen Snmmm, diese Summen brauchten ihre Gebieter, sie kauften sich daher frei, sie blieben in der Stadt und mehrten sich, und ihre Kinder setzten in der Vater Geiste den städtischen Betrieb fort. Das sind die Bürger der Residenz. DaS Geld, der ^il>il.:r tunan«-!. wurde dcr Bürgergcist. und das Gesetz immatrikulirte die Bürgerschaft nach der Größe ihrer Abgaben. In dcr letzten Zeit wurde dcr Geldmangel, folglich Gcldhunger von Magistratöwcgcn so kritisch, daß die Bürgerschaft vergrößert werden mnßtc, wcnn die Petcicl'iii^. ISA kommandirten neueil Aulagen ausgeführt werden sollten. Woher wicdcr Bürger nehmen.' Das macht in Nusiland leine Schwierig' kcit. Jeder Handwerker, der inehr alo cm Paar Lehrblirschen hält. und ci>« Schild am Hause hat, mußte höhere Abgaben entrichten, oder in die dritte Kaufmannsgilde treten mit 500 Rubcl jährlicher Beisteuer. Fragt »nan daher jetzt einen Schuster. Schneider. Niemcr. Trödler. Schacherer n. s. w.: was bist Du? so antwortet er stolz-pelerkul^zkoi kui>c>/.! Peterbbllrger Kanfmann! Ferner wurden die Schlagbamnc viel weiter hinaus angelegt. Waö Dors war, wnrdc init znr Stadt ssezogen, nnd alle freien Dienstboten, männlich nnd weiblich, erklärte man gegen 40 bii) 50 Äubel Eiuschreibcgebnhr für Bürger. Ueber alle diese Meschtschaninc und dic drei Kaufmanns-gilden schnf man noch Ehrenbürger. Leicht könnte dic Benennung auf den Begriff »on ^hrc oder etwas Ausgezeichnetem bringen. Allein so ist's nicht gemeint. Es kommt nur anf eine gewisse Zeit an, welche eine Firma hindurch bestanden hat. Ein solcher Ehrenbürger bekommt ein roth angefärbtes Blech mit seinem Namen und dieser Titulatur an die Hanopforte. Die Ehre hat damit nichts zu thun. Ob eine solche Zierde der Stadt durch Bautrnt sich hervorthut, oder allgemein alö Gauner bekannt ist. das verdient keine Nucksicht, der oilmen uol,i»1il<' klebt am Hanse. So sieht es mit der Bürgcrschöpfung aus. Wird man nun auch nach Bürgersinn und Bürgcrlhnm fragen? Dann sind wohl die zahllosen grünen, steifen, gebiegelten Her-reu, die alle Etrasicn füllen, die Bürgermeister und Nathe dieser gemachten Bürger? Wenigstens sagt ihre WeschästSmicnc, daß das Neich auf eines Jeden Schultern rnbe. Nein! Unter ihncn ist tbcnfalls kein sich selbst gemachter Mann, 11* 164 Petersburg. alle sind gemachte, gehauchte und aufgeblasene Leute, das Grün ist die Farbe des schreibenden Adels. Wa^ schreibt er denn? Rechnungen, Protokolle. Pässe, Rapporte. Scheine, und dit cö am Weitesten gebracht haben. schreiben nur ihre Namen, soviel wie möglich vornehm unleserlich. Ich verstehe! das sind die Beamten. Auch nicht! Aemter giebt es in Rußland imd in russischer Sprache nicht, eS gibt nur Schuldigkeiten. Diese Herren heißen Tschi-nownite, Vetitelte, die sämmtlich über ihrc Schuldigkeit thun, und vor deuen mau wirtlich allen möglichen Respect hat; obgleich sie ehrlichen Leuten und ihrem Oberhaupte gewaltigen Verdruß macheu. Darüber zu einer andern Zeit! Wie stark ist Petersburg bevölkert? Wer hat die Einwohner gezahlt? Der iiumm'u^ i-ntimilul, von Polizeiwegm ist 450,000, da herum dreht sich ihr Einmaleins. Wem auch an dem Werthe der Zahl liegt, prüft wie folgt. Die Polizei selbst rechnet als Hälfte dieser Summe leibeigene Bauern, die theils vom Lande aus dem gauzen Reiche herbeiströmen, um im Sommer, bei der sparsamsten Lebensweise, sich mühsam soviel Geld zu verdienen, daß sie im Winter davon zehren können, indem sie dann haufenweise wieder mit ihrer geringen Habe auf dem Nucken an ihrc Wohnorte davonziehen, oder theils in dcr Stadt zu serne,n Arbeiten bleiben. In den Bestand der andern Hälfte jener Summe gehören mm 50.000 Handwerker, ebensoviel leibeigene und freie Dienstboten, und Mescht-schaninc aller Sorten, 00,000 Soldaten, 10F00 Handler, sogenannte Kaufleute, alle Baueru. Z» dieser Masse setze man 24.000 Ausländer, die Tausende vou der llaute nol»l0«80 und von der nodlezse comm^ML, und Jedermann kaun sich die eigentliche Petersburg M Einwohnerzahl denken und sortiren. Davon sind 32,000 Lutheraner und Neforiuitte, 23,000 Katholiken, über 2000 Mohame-daner. Die männliche verhält sich zur weiblichen Bevölkerung wie 2 - 1. Nuu erkläre ich mir alttb die Fluth von Pöbel bei allen Festlichkeiten , wie, keine Statt und noch weniger eine Residenz in Vu» rova auszuweisen hat! Oauz recht! Auch die Ursache findet sich, daß m>r die Hauptstraßen belebt sind. und das Lebendige in den entferntem Straßen sick» verliert, und warmu man spät Abends nur mit Todesangst oder wenigstens mit unheimlichem Gefühl viele Gegenden betritt. Fehlt nicht überhaupt der Residenz die Poesie derNatnr? stwr zu viel verlaugt! bat sie doch nicht einmal eine historische Natur. Desto voctiscbtt' smd die Bewohner gestimmt, wenn sie im Sommer auf Nasen, unter Birken und Tannen, in Dorfhüttcn athmen und sich überzeugen können, daß es auch krumme Linien iu der pro-saiscben Welt gibt. Wer rö irgend vermag, fliebt im Sommer auf daö Land. Die Stadt wird eine Tortur. Früh schon, wenn erst Adjutanten, Lehrer nud Wasserträger auf den Straßen sich zeigen, oder hie und da eiu Fuhrmann mit seiner schimchigeii Droschke und noch schmutzigern Krake seinen kümmerlichcn Erwerb beginnt, rühren die Besen der Hausknechte den dürren. feineu Sand auf, den Tausende von Fuhren jährlich zum Bestreuen der Trottoirö und zur Pflasterung in die Stadt liefern, und die Räder zum feinsten Staube zermahlcn. Bei Winde werden Wolken häuserhoch gethürntt. Der dicke Staubncbel hilft Aerzteu. Schneidern und Hutinachern zu Brot. In den Zinnnern nach den Straßen tanzen die Staub-wellen iu der Lust, und durchdringen die festesten Schränke. Um Mittag brennen die steinernen Trottoirö unter den Füßen. Alles 166 Petersburg. flieht die Südseite und sucht den Schatten dcr Nordlinie. Nnr die Nacht ist Sommerschönhcit der Polarwelt und ihrer Angränzung. Schön, ultvergleichlich schön sind die Mai- nnd Iuninachte des ho. hen Nordens! Helios bückt sich nur wenig unter den Horizont, cr fährt dicht daran hin. Ein Bad von einigen Stunden reicht hin, die Nosse zur langen heißen Fahrt zu ermuntern. 3)ft hab' ich lim Mitternacht bei der Helle des Himmels gelesen und geschrieben. Was vermag aller LuxuS, alle Verschwendung zu Sommcrftcu-dcn, wo die Natur die kärglichsten Gaben nur spendet, „Wo sche» der Mensch den F«ß vom Noden hebt. Und Fels und Stein allein nach oben strebt." Herweg h. Frühling, Sommer und Herbst iu Juni und Juli zusammen« gedrängt. Selbst diese, wie oft eine Lüge! Stockholm, Du Bescheidene! Du wahre Königin des Nordens! Ein Blick nur von Deiner Felsenhöhe 5l«8Ll»:,K auf Deine Reize, auf Dein himmlisches Bild im Malarspiegcl, wie bleicht er die Schminke deiner stolzen Rivalin, die selbstsüchtig an ihren Wagen bewundernde Sklaven spannt! Stockholm und Petersburg! Nein! Nein! Keinen Vergleich! Ks käme doch nichts heraus, als eine jugendlich liebliche Braut im Myrthenkrauze. und ein blank gewichg. ter Stiefel von Lorbeeren und Palinen umkränzt, wie das Berliner Schustcrwavven. Hu! und dcr Winter! Mich friert in den Hundstagcn. wenn ich nur an das eiskalte Leichentuch denke. Die ganze Schöpfung ist cingeftoreu. und das gesammtc Firmament bei Tag und bei Nacht blickt ohne alles warme Gefühl auf das Elend herab. Nach 9 Uhr fangt der Tag an zu dunkeln, um 12 tröstet die Sonne PctcvZblivg. 107 tits unten im Meridian, daß sie noch anf der Welt sei, und nach L Uhr ist sie schlili wieder da, wo der Pfeffer wächst. Wcnn im Norden Deutschlands der Frühling die harzigen Knospen längst gebrochen hat, der Baum im grünen Laube mit Blüthen wie mit Schwancudaunen überschüttet ist, da trägt die Newa crst die (nödccke des Ladoga fort. Die erstarrte Erde hält noch den Keim zurück, die Birke reicht der Sonne die nackten Ruthen hin. und in den Fichtenwäldern schläft ruhig noch der Oktober- und Novembcrschnee. Allein ist das Klima nicht anch ein Benins? Kann dcr Hyperboräer, im Rauhen geboren und daran gewöhnt, nicht anch den Seinigen feiern? Wohl, sagt er, behandett uns die Natur wie ungerathene Kinder. Sie steckt uns nur in heis;c Badstnben und Schnee. Euer M'thc hat allerdings nicht an unö gedacht, als er sang: „Kennst d» das Land, wo die ssitroneu blühn?" und „Blühe liebes Veil' chen" laßt sich auf unserm ßrdschwamme auch nicht singen. Aber Orangen und Veilchen könnten doch bei uns wachsen, wcnn unser eisiger (Benins nicht so voll Launen säße. Würdet Ihr am gute» Willen zweifeln, daß wir sie pflücken würden? In den Hitzmonaten, in denen uns Stiesmama zum Glück nur flüchtig schmachten läßt. tauschen wir nicht mit b'uch, denn an Schatten sind wir rci' cher als Ihr, unsere Kieferwälder, die nassen Füße vom perlenden Grase, kühlen mehr als Eure Gärte» mit Fruchtbänmen. Unsre , Phantasie ist reich genug, daß wir nnS Pfirsichen. Mandeln und Feigen an linste Tannen denken können. An Mangel an Einbildung haben wir noch nix gelitten. Ergötzt Euch an der profanen Wirklichkeit, wir haben die Idealität, die Luftspiegelung, eine Fata Morgana schöner und bewundernswürdiger als au Siziliens 5tt8 Petersburg. Küsten, die dort oft irre führt. Wir sind von Polizciwegen vor jeder Täuschung geschützt. Sticfmama hat uns freilich Kunst und Wissenschaft nicht vorenthalten, wir habm Gehirn wie andere Na» tioncn. Allein den Musen frieren die Finger, und bei kalten Füßen läßt sich nicht studirm. Fehlt es unS deshalb an Akademien? Wer des Frostes wegen nicht schreibt, wird Akademiker, wer schreibt, wird eingesperrt. Unsere akademischen Glieder haben eben die Eigenschaften wie die ausländischen, sie sind mehr noch wie diese in die Steinchen und Vö-gclchen auf den Nocken verliebt. Was lockt Euch Auoländer denn zu uns als unsere Schätze! Golkouda, Peru schämen sich vor unö. Gold wächst bei uns auf Kirchthürmen. Silber schlägt wie Salpeter an allen Lehmmauern aus. An den Wänden der Papiermühlen und an einem steinernen Gemäuer an der Fontanka wuchern sogar weiße, rothe und blaue Papierlappen. um die man sich eben so wie um Gold zankt und todtschlägt. Alle Versuche sie zu tilgen, sind vergeblich. Man verbrennt sie in einem eisernen Gittcrkasten, damit sie nicht wieder zum Vorscbein kommen sollen. Hilft nichts, daö Unkraut wuchert aus der Asche und dem Gemäuer. Dennoch thun wir mit diesem Pa-picr mehr Wunder als Ihr mit den Gold- und Silberfischchen. Bald ist'S ein Pflaster, bald ein Hebcbaum. eine I«x 1:U», ei» Sul« tan. ein Pascha, ein Christoph Kolumbus, ein Teufel, ein Kuppler, für uns Seele und Leib. Behalte den Vär, behalte den Wolf! Will gar nichtö von Deinem Gelüste. Und bötest Du mir voll Silber den Golf Bis hin an die bottnischc Küste; Petersburg. t«9 Ich kämc nicht wieder, ich weiß warum. Jetzt will ich cö sagen; bei Dir war ich stumm. Behalte die Tulpen, die schucidcndcr Frost Auf die Augen der Wohnungen malet; Ich neide Dir nicht der Moosbeere Most, Dcn Thurm nicht, der golden Dir strahlet. Kannst Ehren mir geben, und Güter und Stern, Und ich sollte zurück? — Ich bliebe doch fern. Behalte die Tannen und Kicfcrufrucht, Die Früchte in Lohe getrieben. Mag des Urals allergicbigste Schlucht Deine Seclc crfrcu'n nach Belieben; Gib zu Deine Flotte voll (Edelstem, Für Leben und Stcrbeu bei Dir? — O Nein! Du brächtest mich nicht ein zweites Mal Lebendig über die Schwelle, Wo das Unrecht prunkt wie ein Vildersaal, Nur Lüge sich schallt in der Welle, Wo die Selbstslicht bei gieriger Mißgunst brennt, Die Ander» die Schaufel voll Erde nicht gönnt. Behalte deu Dünkel, o Pzarcnstadt, Dcn Wahn unerreichbarer Größe, Aufschlage g»ldschillernd das Pfaucmad, Aus den Spiegeln schaut dennoch die Blöße. Der Himmel ist weit. Das Sklavcnthum Kriecht über daö Feld. Kein Segen, kein Ruhm! Die baltischen Provinzen. Die Herzen der Völker, sie wollen vcvdic,it scm. Wie alten Hausralh erbt nmn sic nicht. Beck. Die Aufnahme, die ich in dm Familien in Petersburg, denen ich zugewiesen war, gefunden hatte, ließ mich eine Abgeschiedenheit von Deutschland lange nicht gcwabren. In meinein Leben lag durchaus nichts vor, daß Wolken der Unzufriedenheit au meinem Horizonte hätten aufsteigen tonnen. Dennoch war mir noch in keiner großen Stadt so schwillluftig gewesen wie in dieser Residenz. Ich war in meine» Verhältnissen frei beweglich, nnd doch tam es mir vor, als ginge ich in einem engen Mühlengange, wo ich beständig rechts und links blicken mußte, um mit dcm Rockschöße nicht an einem Nade hängen zu bleiben und zermalmt zu werden, s^ing ick in'ö Freie, und ließ die laugen Oreuadiere und grün und weiß augestrichenm Schlagbäume hinter mir, so sah ich mich um, ob mir nicht ein Kosack nachsprenge und mich aus die Wache schleppe, weil ich den Großfürsten Konstantin ans Verseben nicht gegrüßt habe. Dies Berücksichtigen, dies stete Frontstehen, diese Gesellschaften ivo Niemand froh ist, und Einer dcm Andern als Freund höchstens zwei Fingerspitzen in drei Fingerenden zum Herzensgruße legt, dies öffentliche Leben, in welchem die türkische Trommel als Puls schlägt, diese Leere im Gewühl und das monotonischc Eumsen zum Eilv schläfern gut, das Alles gab Tausenden und abermals Tausenden j74 Die baltischen Provinzen, Geunß. Mir nichl. Ich mußte unter Menschen sein, denen die Hand auö dem Herzen der Liebe gewachsen ist, nm zu drückm und wicdcrgedrückt zu werden. Scbr willkomiuen war nur ein Aliasing nacb Moskau lind Tula. Das immer Neue. von b'urop.1 Abweicheude nnd Abstechende erhielt mich in beständiger Zerstreuung. . „Aber in Rußland möchte ich doch nicht bleiben!" äußerte ich, als eben wieder ein Gouverneur mit seinem ganzen Militär nnd ssivilgefolge seine Auswanung gemacht hatte. Versteht sich. nicht mir. „Ich hoffe, daß Sie sich an die Pbvsiognomie dcö Landes ge-. wölmen werden. Die Natnr hat durch ihre Reize r>en Ausländer zmn c'nüml ^iU<> gemacht, lind es ist wieder natürliche Folge dieser Verwöhnung, daß eo il'in da nicht gefallt, >vo er keine Berge und Wasserfalle siel't." „Gewöhnt bin ich a>l Alpe nn? Tl'al, entgegnetc ich. aber verwöhnt hab' ich deol'alb meine Pbaiitasie nicht, und ich habe wohl das Vertrauen zu ibr, daß sie mir durch den Huf dcö Pegasus auch auö russischer Erde eine Hippokrcnt hervorschlagen ließe. Ich schmolle nie mit der Natur, ihr Puls ist mir überall fühlbar. Allein nicht dab Matte der Gegenden war Ursache, daß mein Gefühl Zunge bekam „icl, möchte nicl't in Nußland bleil'en," sondern die Menschen. Olme Menschen sind mir <.lle Tcmv^ ein Grab, so wie ich kein Elysinm möchte, wenn ich t'einco Menschen Spur in den Blumcufturcil sähe." „Ich verstehe, wohin Sie wollen. Auch bicrin sind Tic vcr-verwöhnt. Ich kann von Ihrer lebcnöfrischcn Jugend nicht verlangen, und wenn ich e6 könnte, so würden wir uns schwerlich gefunden haben, ich sage, ich kann nicht verlangen, daß Sie sich mit Die baltischen Provinzen. 47!5- ihrer Sehnsucht nach Menschen, welche answärts blicken, in dlc daran arme Region meines Berufs versetzen sollen, aber reden sollen Sie zn mir wie ein guter Sohn zum Vater, warum gefallen Ihnen die Rnffm nicht?" „Weil sie kriechen, weil sie alle aussehen, als ob das Gewissen in der Schlinge hinge. Warum können sie nicht senkrecht vor Ihnen stehen, warum wie ein Kameel, als ob sie Kornsackc auf den Rücken erwarteten. Wozn das bei einem so freundlichen Entgegenkommen und Empfangt!" „Fordern Sie nicht zn Viel vom Menschen, der in Einrichtun« gen lebt. die ihn zn dem machen, was er ist." „Welche Einrichtungen kann cS in Europa geben, die vom Menschen soviel wegnehmen, daß er sogar sein physisches Gefühl verleugnet, selbst wenn der Anstand dessen Aeußerung nicht verbietet." „Wie meinen Sie das?" „Ganz im Hintergründe der Gruppe stand ein beordncter Beamte unbeweglich steif, als steckte ihm eine Bohnenstange durch Genick und Nucken. War cö nun sein Angstschweiß oder sonst ein Aufguß auf seinem Gesicht, ein ganzer Fliegeuschwarm klebte aus seinem Antlitz, der seine punktirte Arbeit darauf trieb, daß er einem Mohr ähnlicher als einem Europäer war. Wenn der Statist doch nur gewagt hätte, einen Zug mit den Backen zn thu», oder eine Hand zu heben, um die beschwerlichen Gäste in die Flucht zu schla-gen. Ei bewahre! Er hätte sich nicht gerührt und wenn man mit der Flicgenklatsche das Heer in einzelnen Divisionen erschlagen hatte. Sobald Ihr Blick einer Linie entlang ging. warfen sich alle Augen zur Erde, als wenn der Blitz an einem Drahte hinführe. Sah nicht der Gouverneur selbst wie die ertappte Sünde aus? Als ich durch das Vorzimmer ging. welch ein Bücken und Lächeln vor nur 176 Die baltischen Provinzen. Unbekanntem und Nnbebändertem. welch eine Mauer von beiden Seiten! Würden mich diese Leute wohl ansehen, wenn ich nicht in Ihrer Sonne stände? „Ich steu're hier nicht gegen Ihre Ansicht. Ich getraue mir a«S dem Klumpen, den Sie eben gesehen, keinen Smaragd zu finden, noch überhaupt Brillanten, zu einem Orden nur, aus unserm Beamtcnstandc zusammen zu lesen, aber ich denke Sie dennoch mit Männern in nähere Bekanntschaft zubringen, die Sie die Aeußerung „ich möchte nicht in Rußland bleiben" nicht wiederholen lassen werden. Um Sie die scharfen (5ckm deö russischen Kiesels nicht empfinden, Sie nach und nach selbst finden zu lassen, wie man den Kanten ausweichen kaun, ohne sich zu verwunden, und seinein Eigen-Wesen nichts zu vergeben, dazu, glaub' ich, wird Sie ein Aufenthalt in unsern Ostseevrovinzen vorbereiten. Sobald wir zurückkommen, reisen wir mit meiner Familie dahin." Darauf freute ich mich. Die Reise nach Licvlaud ging bald vor sich. Menschen und Felder werden anders, wenn man das Petersburger Gouvernement hinter sich hat. Niga ward zuerst besucht. Die Tage. die da kommen sollten, zeigten kein Morgenroth. Noch war nur von der Möglichkeit deS Kriegs die Nede. Niga wurde am linken Dnnaufer befestigt. Ich froch gern zu dem Ingenicur-offizicr in die Wache an den neuen Werken, ßs machte mir Vergnügen in seine Zeichnungen und Berechnungen zu blicke«. Alle diese Fortifikationcn waren so gebrechlich, daß sie das Nasser einigemal abriß, und wenn nachmals der Feind einen Angriff gemacht hätte, so wäre auö diesen Schanzen kaum cine Stunde Widerstand möglich gewesen. Die Wollen zogen höher. Die Heere stellten sich gegen cinan- Die baltischen Provinzen. 177 der auf. An Titanen, welche mit einigen Coinpagnien über das erschlagene feindliche Heer siegreich in Pario einrückten, gab eö anch in Nusiland und in Lievland. Fähnriche brachten Napoleon im Käsig, und Landpastoren waren entschlossen, ihrc Kirchen herzugeben, um die Mcngc gefangener Marschällc darin einzusperren. Al-ltin dem Ganzen sah man doch die Miene der Verlegenheit, die Blässe des Schrecks an. Alexander l. war noch in seinen humanen Wollungen und Wallungen. Seine Forderungen in der Zeit der Noth fanden daher anch keine Unzufriedenheit. Alö cr zu einer Kriegöstencr in Licvland aufforderte, stellte er Jedem seinen Beitrag frei, und vc» bot die Vermögenotaxation. Nichts als der gntc Wille ward in Anspruch genommen. Die Druschinrn wurden errichtet. Willig brachten die Gemeinden ihre Söhne, und der Adel säumte nicht, ans seiner Mitte die sachverständigen Offiziere zu stellen. Alexander war geliebt von allen seinen Völkern, und mancher schöne Zug des leibeigenen Nüssen gab sich kund in dieser bedrängten Lage scü ms Herrn. Jetzt aber gab es auch Momente, wo Alexander sehr bereute, der euglischen Stimme zu weit gefolgt zu sein. Sein Herz war gut, aber der Mangel an Festigkeit des Charakters brachte ihn in Collisioneu, auö welchen ihn der Zufall mehr alo Geistcogabc ret^ Wc. Sein größter Fehler war. nie treuer, aufrichtiger Freund, mc offener Feind sein zn können. Von allen seinen Brüdern war cr in dieser Hinsicht der schwächste. Er hatte Napoleon versprochen, sein Reich England zu verschließen, und die Engländer haben nie stärker und freier in alle russische Häfen importirt, als eben in den Zeiten der Dauer des Versprechens. Napoleon kannte den rnssischen Kaiser zu genau, um sich 9ii,Mnd. I, 12 j?8 Die baltischen Provinzen. auf scinc Freundschaft zu verlassen, und Alexander konnte zu wenig redlich sein, um uicht immer Verstecke in seinem Innern bereit zu haben. Napoleon hat die Welt nicht Manscht, aber Alexander hat ! ««>. ^I«ll-, I«8 Nu»8eä vouienl czu^ nouZ Volksanfschwung, dem Feinde gegenüber, gab es weder in Rußland noch in Licvland. Ein Spartakus war auch uicht da. Sogar die Renommisten wurden kleinlaut, als Macdonald in Kurland einrückte, und als es gar hieß: „Der Russen schreckliches uim»!. (Vorwärts) Setzt sich nun als n^aä (Zurück) in Trott"; da war der Ruf „Franzuö" für die Landcskindcr, was der Schornsteinfeger für kleine Kinder ist. Dünaburg. seit Jahren mit ungeheuerm Aufwandc zu einer wichtigen Festung gemacht, wars vor Angst sein Geschütz in'ö Wasser, und scine Besatzung suchte daö Freie. Der Feind besetzte das ganze linke Dünaufer. Kurland war occupirt. Licvland blieb frei vom Feinde. Während des ganzen Fcldzugs wurde das Macdonaldsche Corps nur ein Mal durch einen Ausfall von Riga beunruhigt, der den Russen allc Lust benahm, Die baltlschcu Provinzen. 479 sicl' wieder über lie Düna zn wagen. Weder Essen noch Stein-heil warm dm Preußen gefürcl'tete Gaste. Außer dem feindlichen Besuche auf der Dünainsel Dahlen. war die Festung wie im tiefsten Frieden unangefochten. Wollte der Feind den Flnß passiren. so tonnie es an mcbrern Stellen geschehen, ohne sich eineni Verluste unter den Werken einer Verftbanzung anöznsetzen. Preußische Husaren nnd Baiern plänkelten, nm zn recognosciren, tiüigc Meilen weit in den Gegenden von Krcutzburg in Lievland heium, und erwarben sich durch ihr Betragen solches Vertrauen, daß ihre Gegenwart weder in Dörfern noch auf Edclhöfcn gescheut wurde. Ich begleitete einen befreundeten Übevst, der vom Knegsgouvcr-mur der Düna entlang zur Nceognoscirung in diese Gegenden gesandt wurde. Wie groß war weine Freude, alo ich in den« Besitzer eines Landguts, dessen Cdelhof dicht an der Düna lag. einen Bekannten von Deutschland her fand, der mit seiner Familie vor cim-gen Jahren eine Neise in die Tcl'weiz gemacht hatte. Seine Gebäude waren von einem starken Piket Kosackcn in Beschlag genommen, die nicht nur wie auf ihrem Eigmthume, sondern mehr wie in Fcindebland wirthschafteten. Ihre Patrouillen gingen gegen Hühner, Gänse. Kälber, Kühe, die sie von den Dörfern und besonders einzeln liegenden Bauerhöfen tl'eilo stahlen, theilö mit Gewalt wegtrieben. Dagegen bewiesen sie auch ihre Bravour am Feinde. Am andern Ufer standen vereinzelte Wachen der feindlichen Vorposten. Bisweilen schwammen sie deö Nachts auf ihren leichten Pferden durch den Etrom. und hoben eine Schildwache auf, warfen ihr cinc Schlinge um den Halo und scbleppten sie hinter sich durch das Waffer. Zwei Baimi, auf diese Art erwürgt, lagen noch in ihrer Uniform am Ufer, alö wir in den Ebelhof einritten. Allerdings 12' 18N Die baltischen Provinzen. hielt der Oberst dem Sotuick (Kosackenofsizier über 100 Mann) «ine Ermahnnng zur Humanität, war aber überzeugt, daß cr sich Zorn und Worte an Krieger hätte ersparen können, die den Feind nicht alö Menschen, sondern alö zu hetzendes Wild betrachten. Der Rückweg führte nns durch den Wcndenschcn Kreis, wohin der Oberst wegen ProviantlicfcruMn und Druschineu beordert war. Wir batten eben ein Krlengebüsch verlassen, nnd ritten auf einer Anhöhe hin, als nns aus dem Thale herauf eine unzählige Menge Ochsen. Kübt. Pferde, Wagen, Banern. Drnschinen. im bunten Durcheinander entgegen stürzten. DaS Geschrei „Franzusi! Fran« znsi! " bewirkte diese wilde Flucht. Ueber alle Felder wurde Vieh fortglpeitscht. „Wo sind Franzosen?" „Dort! dort! " schrie man zur Antwort. Aber nirgends war tin Verfolger zu sehen. Ein Dragoner auö uuserm Gefolge hielt einen Druschiu fest, dem große Angstschweiß tropfen über das Gesicht rannen. „Warum lauft Ihr so? " „Die Franzosen f'ommcu." „Von wo? " „Ich weiß nicht." „Hast Du sie gesehen? „Ich habe Nichts gesehen." „Wer hat sie gesehen?" „Ich weiß nicht." „Nnd Ihr lanft, ohne einen Fciud gesehen zn haben?" Die Gefahr klärte sich auf. In einem nahen Dorfe war Vieh' markt. Ewige juugc Herren von einem benachbarten Gute hatten sich einen Spaß gemacht. Sie sprengten zu Pferde von fernher und Die baltischen Provinzen. 48t liefen: „Die Franzosen kommen! " Der Name reichte hin. Alles in rasender Bestürzung auseinander zu jagen. Wie hier, so ging es dmch ganz Rußland. Leer blieben die Dörfer, wo ein noch ferner Feind ein unerhörtes Schrecken verbreitete. Der russische Enthusiasmus sah gar komisch aus, so lange sich ein höherer rettender Arm nicht sichtbar machte. Jedes Weib wurde dann ein Held. Verwundete und Halberfrorene konnten diesem unbezähmbaren Muthe nicht widerstehen. (3s gab weniger eine prosaische als eine dichtende Zeit. Die Regierung ging mit der Dichtung voran, der Nückzng der Nüssen sei weise abgewogener Operationsplan gewesen, das starke, kostspielige Befestigen nnd Aufstelleu der ganzen Hecresiuacht au den Grenzen, das Hinopfcrn von Menschen in Tressen, denen man nicht ausweichen konnte, das Trennen der beiden Armeecorps nud das angstvolle Wicdcrzusammcntreffen bei Smolensk, die Schlacht von Borodino, wo festen Sinns nnter Besicgclnng des Abendmahle beschlossen wurde, lieber zu sterben, als dem Feinde noch cinen Fuß-breit Landes einzuräumen, das Verwüsten des Landes auf dem Rückwege, das Einpacken aller Kostbarkeiten in Petersburg, das Aufgebot der äußersten Kräfte des Reichs bis zum Herbcitreiben der Baschkireuflitzbogen, das Verleiten deo Feindes »ach Moskau u. s. w.. das Alles sei nur Lockung, nur die dem leichtgläubigen Kegncr vorgehaltene Maske, nnd dessen schmachvoller Untergang weise durchdacht uud vorhergesehen gewesen. Als die ekelhafteste Schmeichelei dem Kaiser unverdiente Beina» men entgegen trug. scheute er sich, sie vor der Mit- nnd Nachwelt anzunehmen, scin Gewissen gestand ehrlich die Wahrheit über dm Untergang des Feindes: „das hat Gott gethan! " l82 Die baltischen Provinzen. Daß die gcsammte russische Armee, chc sie noch einen Malin ein-gebüßt h^ittc und durch Netiriren cntmuthigt war. gleich anfangs verloren gewesen wäre, wenu sie Widerstand geleistet hätte, davon wollten dic Poeten uichtö wissen. Daß Barclay de Tolly. der Erhalter dcc> Heeres, selbst dcn Kaiser bitten mußte, einem Russen, dad Obercommando zn geben, und daß er dem Geschrei der Russell als Vcnäther preisgegeben wurde, daö scheutcu sich die Dichter nicht, als ebenfalls im Plane Gelegenes aufzunehmen. Daß der Kaiser über des Mannes Werth anders urtheilte, bewies er durch dessen abermalige Zuziehung zur Armee. Barclay war viel zu bescheiden, um nicht zu sagen: „ich kaim mich mit einem Ncy nicht messen;" und wenn es der russischen Mißgunst immer lästig war, einem Auölander dankbar zu sein, so muß sie wenigstens dulden, den Mann. den sie lebend verunglimpfte, heute in (5rz v»r der Ka--sanfchen Kirche zu seheu. Einen Rückblick will ich nur Nl)ch auf jcue Zeit und auf eine Begebenheit werfen, der, wic mir schemt. zu wenig Gewicht in Prüfung ihrer Folgen beigelegt ist. nnd die dennoch bei Beurtheilung jener großeu Ereignisse mit in deu Vordergrund gestellt werden muß. Ich gebe sie nur einseitig, von russischer Teite betrachtet, doch auch so. wie sie sich auf dieser Eeite wirklich zugetragen hat, und welche Motive dabei in Anreguug gebracht wordeu sind. Als das Heer Napoleons in die russischen Grenzcu rückte, schwebte der Geist alter Zeiten einschüchternd über dem ganzen russischen Volke mit seinen bewaffneten Verteidigern, Wclcbe zahllofm Heere stellte Nnßland dcn Mongolen entgegen, so oft diese sich veranlaßt fanden, die Wüsteneien dieses Reichs wieder einmal zu durchziehen. Wic geschüchtcrtes Wild flohen die Russen bei dem Anblick des Feindes. Demetrius mit feinem Haustein Polen war Die baltischen Provinzen. 183 ihnen dasselbe Phantom. Bei jeder Nahenm^ eincö Feindes zogen sie sich in ibre Hauptstadt zurück. Napoleons Wnnsch. den Feind zum Ttel'cn zn bringeil, war vergebens. Der Rückzng des russischen Heeres war das Zeichen auch für das Volk znr Flucht. Habe hat der rnssische Bauer nicht zn verlassen. Sein Pferd nnd seine Kuli treibt er vor sich hin in dicke Waldung, und die elende Hütte, die ein Ranb der Flammen wird, zimmert er selbst wieder auf, und der Nrbherr musi sie il,m aufbauen helfen. Der nngehenrc waldbcdccktc Länderstrich zwischen der Düna, dem Dnepr nnd dem Riemen hin war dem Verbergen vor einem gcfürchtetcn Feinde günstig. Wer die Angst und die Flucht mit angesehen hatte, dein mußte das Herz vor Wonne zar und Vaterland ereifert, und der Amnstc lieber seine Hütte in Brand gesteckt haben sollte, als sie einem verhaßten Feinde zu überlassen, nachdem die eigenen Toldaten die leeren Dörfer in Asche gelegt hatten. Wie Heerden wnrdcn die Leibeigenen in die, Gouvernements seitwärts der Hccreszügc getrieben, um die starken Verluste der retiri-renden Krieger zn ergänzen. Keiucr der Töhne sah den Heerd seines Dorfs wieder. Weit nnd breit hln über dic Provinzen flog, wie eine Todten-cnle. das cyeschrci von der Nähe des Feindes. Hie und da erselnm cine Flngschrift, in welcher alle Verwüstung, von den fliehenden Nüssen verübt,, dem Feinde aufgebürdet wurde, und durcb welche das Volk durch das Popengebenl empört werden sollte, seine Tcm-ptl nnd göttlichen Bilder würden zerstört nnd entheiligt. Es half Alles nichts. Der Schreck war allgemein, und ließ sich nicht aus deu Gliedern bringen. Papierene Tiegcsbotm flatterten umher. 184 Die baltischen Provinzen. Dort waren dic feindlichen Schaaren mit blutigen Köpfen nach Häuft geschickt, da waren sie gänzlich vernichtet. Die Kur schlug nicht an. Man erfuhr, das; die vernichteten Heere wieder aufer-standen waren, und die vermeintlichen Sieger der Hauptstadt zueilten. Das Vertrauen zu Regierung, Sieg und Rettung war dahin, und alle Heiligen konnten den Unglauben an eigene Macht nicht tilgen, noch ciuc Hoffnung auf eine Intervention dcS Himmels wecken. Woran sollte auch der Klaube an einen Sieg der Nüssen einen Halt finden, nachdem Napoleon die Absicht der ersten und zweiten Westarmcc unter Barclay und Vagration vereitelt hatte, sich im festen Lager bei Driffa zu vereinigen, um in dieser fcstcn Position den Feind vom weitem Eindringen in das Land abzuhalten, er mock'te sich nach Petersburg als feinem präsumirten Ziele wenden, oder den Weg nacl' Moskau einschlagen wollen. An die Befestigung dieses Lagers war die größte Kunst aufgeboten worden, und enorme Summen dazu verwendet. Ncdouten. Bastionen, Batterien mit Hnndertm von (Neschüh, Ovaben mit Pallisaden, geschützte Brücken über die Düna, knrz Alles, was die Fortification zur Sicherung darstellen kann, war hier gebraucht. Völlig verdrängt von ihrer Opcrationsbasis. blieb den rnssischen Hauptheeren nichts übrig, als alle früher gefaßte» Pläne aufzugeben, nnd sich Dem zn überlassen, waö ihnen der Zufall und die Demonstrationen des Feindes an die Hand geben würden. Das erste Glück war die Vereinigung bei Smolensk. Der Wille-Barclay's, eine Schlacht vorher anzunehmen, fühlte sich zu vereinzelt und zu schwach, als Nagratiou dlirch den Kampfversuch bei Mohilew in großen Nachtheil gekommen war. Mit ienem Muck Die baltischen Provinzen. 18» stellten sich die unter der russischen Generalität üblichen Reibungen ein. und wenn mich das Geschrei über Barclay's Mangel an Feldhcrrntalent die Nctiradc des großen Heeres verdecken wollte, so wußte doch der Verständige zu entgegnen, daß Rußland seine grösilc militairische Nationalintclligenz beim Heere hatte. „ Kutaizof, 5Nilnicf, Tutschkow. Platow, Schachawskoi, 5tamcnski, Schuwalow, Großfürst ssoustantiu, Uwarof, Doktorow, Bagration, iyermolof. Nejcwski, Woronz ow, Wasilt-schikof und andere Obergeneralc. War das Heil der Russen in diesen Händen allein gesicherter, wenn das nichtnationale Talent fel'lle, „ein Wittgenstein, Dicl'itsch. St. Priest, Tvous-son. Korf, Pablen. Knorring, Siewers, Lambert. Tschapliz und mehr? Alle Gefechte, in welche sich die Rnssen hatten einlassen müssen, bei Iakobowo, Mohilew. Smolenök u. s. w. bewiesen nur Men-schcnvcrlliste, aber keinen Gewinn. Da kam die Botschaft „Hier wollen wir siegen oder sterben!" Bei Borodino sollte der Feind erschlagen werden. Kutusow sandte seinen Siegsbericht an den Kaiser, nach Riga, an Wittgenstein, er tauschte sogar das anders unterrichtete Moskau damit, und daß der Siegeswabn nicht untergebe, ward fast volle drei Dezennien nachher das Andenken dco Sieges auffrischt, wörtlich: „Soldaten! ihr seht das Denkmal des Ruhms eurer WassenaMhrten oor ench. ' Der Unvernünftige wähnte zu siegen, die Knochen seiner Eindringlinge wnrdttt «mhergeworstn von Mookan bis znm Niemen und — wir zogen in Paris ein!" Der Kaiser hatte den Bitten Barclav's nachgegeben, den Neid der rnssischen Generale und deren (Mtanen niederzuschlagen, und einen Nationalruffcn an die Spitze der Armee zu stellen. „O 18N Die baltiscbcn Provinzen. nun wird Alles sich anders gestalten, schallte es durch Fllir und Wald. der Nemez (Deutscher) der Venäther hat uns ins NnMck gebracht, endlich hat der Kaiser eingesehen, daß er verrathe» ist; Kutusow, ja Kutusow ist unüberwindlich, cr wird dem stolzen Gegner zeigen, daß ein Russe dessen Weltrnhm zu zerschmettern vermag; wie ein Glasgeschirr wird die feindliche Macht an diesem Felsen zerschellen." Wollte Gott, Nußland hatte immer Männer redlich wie Barclay de Tolly gehabt! Wie fern er dem gemeinen Neide in den russischen Heerführern und überhaupt im russischen Charakter stand, bewies er dnrch die That. Bekannt nüt der niedrigen Meinung der Nüssen, cr sti ein Vcrräthcr, wich cr nicht cine Minute, nie durch cincn Gedanken von der Bahn des Edelsinns, für das Wohl Nußlands jede Kränkung und Rücksicht bei Seite zu setzen. O er empfand schmerzlich die Schmach, von cincm Volke, dem er seine Kräfte nnd seinen Biedersinn gewidmet hatte, mit wirklichen Ver-räthcnl in Petersburg und beim Heere in Neih und Glicd gestellt zu sein. Es war ihm ein Dolchstich durch das Hcrz, die eifrige Bemühung zu sehen, ihn aus dein Vertrauen seines Monarchen zu reißen. Ich wünschte, ich dürfte den Inhalt eines Briefes veröffentlichen, den der Ehrenmann in diesem Betreff an die fernen Seinigcn scbrieb. ich wünschte es zur ewigen Veschämnng der Nüssen, die von jeher Freude daran gefunden haben, hochgestellte Männer, nicht ihres Stammes, zu verunglimpfen, selbst wcnn sie ihnen zum größten Danke verpflichtet waren. Aber wo hätte der schwärzeste Undank je keine Siege gefeiert! Ruhig in seinem Gewissen, unerschütterlich fest in dem Vertrauen seines Kaisers, befolgte Barclay die Brfehlc Kutusow's bei Borodino mit der strengsten Gewissenhaftigkeit. Er gab dasselbe Beispiel der Subordination Die baltischen Provinzen. t87 noch auffallender gegen dm wackern Wittgenstein, ehe er, Barclay, nach der Schlacht bei Bautzen den Oberbefehl wieder übernahm. „Wir bleiben Freunde!" hatte Alexander I. gerührt zn Barclay gesagt, als er von diesem den Commandostab in Ku-tu sow's Hände legte, und er hat sein Wort treu und kaiserlich gehalten. Sehr zu bedauern war. daß Wittgenstein, der Netter von Petersburg und ganz Nusiland. der sich von demselben Geiste wie sein Oberer Barclay fnr Nußland beseelt fühlte, aus ter Gunst des sszars unverdient verdrängt werden konnte. Je mehr Niga und Petersburg bewiesen, welchen Dank sie ihm schuldeten, desto kleinlicher war es, diese Liebe durch höfisches Mißfallen beseitigen zu wollen, und sich durch die unbändige Freude der russischen Kaufleute und dnrch andere dem Netter der Ncsidcnz bereitete Chren verletzt zu finden. Wenn die Natioualruffen von demselben Geiste hätten beseelt sein können wie diese Männer, so würde so Manches sich anders gestaltet haben, was Deutschland das edelste Blut kostete, ohne etwas anders als Verluste dafür erkauft zu haben. 6ö ist mir unbekannt, ob da« Auoland von der Scheelsucht der russischen Heerführer, die au entscheidenden Schlachten theilnahmen, je Kenntniß gehabt hat. In Nusiland blieb dieser Neid, der in dem russischen Heere auö der Quelle verletzter, oder sich verletzt glaubender Anw cnnetät fließt, oder aus irgend einem Dünkel durch das Gelingeil eines Coups im Kriege erzeugt wird, Denjenigen kein Geheimniß, denen Gelegenheit ward. auf die Weise des Würfclwerftus blicken zu können. Es dauerte lange, ehe man in Nußland vor dem Siegcönebcl, den die russischen Triumphe «ber das Land steige» ließen, die Sonne 488 Di« baltischen Provinzen. der Mahrbeit eiltdeckeil konnte Die Nüssen hatten als denlcudeö Haupt und nunberwindlichc Fäuste und Ar,ue Allco allein gethan, und den Alliirtcu großmüthig vergönnt, al? Partisane mit zu fcch-tcn und ihnen z» folgen. Erst als die wahrheilliebcndcn Männer, welcbe Nechenscbaft geben konnten, in den Echoosi ihrer Familien zu^ rnckgekelut wav^n, war mau im Stande, daö Schwarze vom Weißen zu sichten und in die Tücken und dm Egoismus zu schauen, welche daS russische Blut auch auf fremdem Boden zu üben, nicht hat unterlassen können. Uork war ter rechtc Maun fur die Russen. Kaum witterte her Russiblmii,' ci„ unbehagliches Verhältniß zwischen Maedonald und Uork. als tl seiner immer dienstfertigen Iuttignengewandt-htit Pulver auf die Pfanne schüttete. Die heimlichen dicustbareu (Bister der Regierung erschienen in Niga schon zurIeit als Vssen noch 6>eucralgouvtrneur war. Mit ihm wurde der Acker gepflügt, der Taame ausgeworfen, «nd er fiel in V^'rk aus keinen nnftuchtbaren Boden. Unterl'andlungell mit ihm fandcn eine Crleichtcruug darin, daß sich Maedonalb der Düna hinauf nacl' Dünabur.i gewandt, und dao preußische (5orpö unter Mork in ziemlicher (iutfcrnung in Mitau gelassen halle. Ich will l'ier nicbt mein, sondern das Urtheil eines Mannes, der ein Hauptwort bei dieser von russischer Seite eingeleiteten In-trignc gefülnt hat, über deu preußischen Heerführer aufsprechen. „General Uork ist ein Mann mit einem abstoßenden Sinn, mit einem Eioherzcn für daö Wohl der Meuschen, abcr mit einer glühenden Leidenschaft für Rache uud Haß, wo niel'tö z» hassen, nichtö zu räck'en ist, alo ein beleidigter Slol^. der wieder keinen andern Gruud als tvgoiomuö hat. (fr kmnt keiuen andern Götzen Die baltischen Provinzen 18Y als sich selbst. Nachdem unsre wohlgeordnete geheime Polizei das innere Porträt dieses Mannes ausgekundschaftet hatte nnd ans die Neigung zu Perrath gestoßen war, ward nichts versäumt, den für uns wichtigen Mann zu umspinnen, und wir waren seiner Gesinnungen schon sicher, als er sich bei dem Auöfallc unter Vssen zn unsern Gunsten in seiner Vertheidigung benahm. „Der Hauptperson waren wir gewiß, allem die Vemübungen unsrer Agenteli stießen im preußischen Heere selber unter den Offizieren sowohl als Gemeinen, anf gewaltige Hartnäckigkeit. Etc waren Macdonald zugethan, und bewiesen zur Zeit des unbestechlichen Grawert. wie sebr es ihnen darnm zu thun war, sich bei dem französischen Heerführer Ruhm einzulegen. Nnscr Glück-stern wollte, daß Das. was an den Gesinnungen eines Grawert gescheitert wäre, zur Ausführung kommen sollte. „Im Penatbe lausen immer zwei Kräfte am Rade. lfine. die Leidenschaft, scbicbt vorwärts, die andere, die zitternde Furcht, rückwärts. Noch war diese damals zu stark, denn offenbar sollte dic Verrätl'erci nicht werden, und. wie deutlich sich ergab, auch in lmscrn Augen nicht dm Anstrich des Vcrraths annebmeu. Dieser Schein mußte also unsrerseits in den Glauben an eine ausicrordent-lichc Tugend verwandelt werden. Die Gelegenheit fehlte, den Verrath uncutdeckt ;u vollführen. Der Geist im preußischen Heere war noch nicht genug verarbeitet, die Nachnchteu von Moökau ber noch zu impouirend. Tteinheil und öewis, welcher das für die Belagerung Riga's bereit stehende Geschütz als Vcutc über die Düua-brücke zu bringen glaubte, als die Preußen in drei Kolonnen angegriffen wurden, kamen mit blutige» Kopsen nach Hanse. Gescheitert war deshalb der Plan nicht, nur verschoben. „Unsre Geheimräthe. Fjork unbewußt, arbeiteten gut. Es war <90 Die baltischen Provinzen. ihm dcr Abfall von Napoleon eben ft brennender Wunsch, als er es uns. am Nandc des Unglücksabgrnndcs sein mußte, denn die schwimmenden Bmtchcn im Meere, an die sich Rußland halten konnte, hätten das l^anzc kaum noch einige Monate getragen, besonders wenn Macdonald über die Düna sttztc. Der Himmel stand unö bei. „Kaum waren die ersten Voten von dem Unglück des feindlichen Heeres, welches dasselbe auf dem Rückzüge ereilte, uns bekannt, so ward anch Zork aufs schleunigste davon unterrichtet, und die Antwort lautete, seine Besinnungen waren unverändert geblieben. Daß wir in dieser Hinsicht nicht mißtrauisch zn sein brauchten, ergab sich aus seiner Absendung von Offizieren, die er zum Schein vor» nahm, um Erkundigungen einzuziehen, die er von uns schon kannte. „Von unserer schon frohlockenden Seite war der Gehler begangen worden, daß Jork eine übertriebene Angabc unsrer übrig gebliebenen, aber in der That eben so wie der französischen Armee zusammengeschmolzenen Streitkräfte, mitgetheilt war. Dcr Schlaue hatte hierauf genauere Erkundigungen eingezogen, und die Furcht dcr Entdeckung seines Vorhabens dominirte vo» nun an desto stärker über ihn. Er ließ uns sein Mißtrauen in unsere Ueberlcgenhcit merken, >md Macdonald's Zuversicht, das Wittgenstcinschc Corps von der Mnml zurückzuwerfen^ er zweifelte sogar später, daß unsre großgewcscne Armee es wagen würde, den Feind an der Weichsel anzugreifen. Genug er war haarklein von unserer wahren Lage und Schwäche unterrichtet und überzeugt. Das erschwerte die Sache, und cö mußten nnn, ehe nnc Wendung des Schicksals eintrat, die im Kriege oft eine Viertelstunde entscheidet, Schritte geschehen, die den einmal gcwounencn Mann nicht wieder rückgängig werden ließen. „Als Macdonald den Rückzug an die Memcl antrat, zögerte Dic baltischen Provinzen, 19t zwar York, mit seinen Preußen ihm auf dcm Fuße zu folgen, indeß verstaub er. sich so zu stellen, daß cr nach seinem Belieben sich mit ihm vereinigen, oder auch ihm abtrünnig werden konnte, je nachdem er Veranlassung finden würde, sich auf die cine oder die aildcrc Seite zu schlagen. „Km klcineö Avantcorps, zu Wittgensteins l^orpö gehörig, wurde in sciuc Nähe geschickt, um bereit zu einem Vorwandc zu sein, uud seine Abtrüunigkeit zu decken, falls er endlich die Gelegenheit wirklich benutzen wollte, uni seinen längst genährten Plan auszuführen. „ N>.'ch immer war eo schwer. seine Furcht vor Entdeckung zu btsiegcu, alö ein von Macdonald befehligter Augriff mit preußischer Cavallcrie den Vortrapp von Wittgenstein's Heere zurückwarf. Und Mork. um den Marschall nicht in seinen vorauszuseheuden Siegen zu unterstützen, zu der Zusammenkunft im Dunkeln in der Poscherunschm Mühle vermochte, wo cr sich aus eigener Macht, einverstanden mit Masscnb ach und einigen Andern, zur Ausführung des Abfalleö von Napoleon bereit erklärte. Nachdem cr sich hierauf durch eine zu diesem Behuf geforderte Stellung des Wittgcn-stcinschen Corps überzeugt hatte, daß man seinem Vorhaben einen Deckmantel umgehängt hatte, sührte er cö aus. „Der Himmel hatte (kroßes an uns gethan. Deunoch würde, ohne Uorko Abfall, Europa seine gegenwärtige politische Form nicht haben. „Seit dem Weihnachtsgeschenk, welches cr uns in der Mühle gebracht hatte, war es ihm unmöglich, seinem Versprechen untreu zn werden, cr gehörte uuö seit dieser spätcu Abendstunde, nicht nur mit seinem bei sich habenden (>orps an, sondern auch mit den unter Masscnbach stehenden Preußen, welchen cr vollständig instruirt hatte. 492 Dic baltischen Pr^'inze,,, „Zwei polnische Offiziere und cin Burger, welche mit dem Be-fehle von Mac dona lv an 3)vrk gesandt wurden, ohne Sämnm zu ihm zu stoßen, wurden von unsern Kosacken aufgefangen. Die Polen versicherten, daß unter den Franzosen, Baiern und Polen, welche der Marschall bei sich habe, Niemand zweifle, das; der preu-siischc General bestochen sei, und zu den Nüssen übergehen werde, wenn es noch nicht geschehen wäre. Sie erzählten, daß sie von mehreren preußischen schwarzen Husarcnoffizicren gehört hatten: „wenn wir nicht niederträchtige Teelen unter uns hatten, so wären die, Nüssen längst über die Düna gejagt und Riga genommen!" Diese Polen nannten sogar Dort als den Chef einer Verschwörnng. „Zwei Preußen hingegen waren unseren Streifcommando's, die wir mit Wissen Morkö zwischen ihm und Macdonald unterhielten, um ihm stets die Entschuldigung offen zu lassen, cr sei ohne Befehle vom Marschall, trotz aller Wachsamkeit entgangen. Uork ignorirte den Befehl, der ihn anwies, sich augenblicklich an den Marschall anzuschließen. „Als Ehrenmann hatte cr seinem Obern den. wenn auch straffälligen Entschluß gleich und aufrichtig mittheilen sollen, denn er gefährdete durch diese Bekanntmachung weder seine persönliche Sicherheit, noch sein Heer. da cr in überlegener Macht und unsers Beistandes gewiß war. Wir hielten es nicht für unsere Pflicht, uns in die Angelegenheiten seines Gewissens zn mischen. Er ließ aber den Marschall ohne jede Nachricht, brachte diesen tn die gefährlichste Lage. in die ein ehrenvoller Militär nur versetzt werden kaun, und uns ließ er dadurch im Hintergründe die Aussicht, auch das französische Corps, welches er in sm,c Uebemnkunst nicht ziehen konnte, nus mit zu überliefern. Wirklich rettete sich Macdonald nur durch seinen forcirten Rückzug nach Königsberg, denn cr war Die baltischen Provinzen. 5yg durch das Corps, welches Panlncci nach Memel geführt hatte, und durcb das Wittgcnsteiuschc lvorpö schon überflügelt, so daß seine Avantgarde nnt unsern Vortruppcn ein hartnäckiges Gefecht zn bestehen hatte." „Wir haben in Deutschland den Tchritt Yorks tadeln, wir haben ihn loben hören. UnS kann er mir in einem ungünstigen Lichte erscheinen, welches des eben gedachten Betragens wegen gegen einen Mann von sehr edler DcnkungSart, noch tadclnt'werthcr wird.-York nnd Massenbach trieben ihre Verstellung so weit, natnr lich nnr nm die Welt zn täuschen, daß sie, jeder in einem besondern Schreiben, ohne die Motive ihrer Untreue mit Aufrichtigkeit zn bekennen, fast könnte man glauben höhnend, bei Macdonald sich zu entschuldigen suchten i „ die Pflicht gegen ihre Truppen. und die reinsten Vcwcgnugsgrnnde wären ihre Leiter gewesen, sie hätten ihren Herzen einen schmerzlichen Abschied ersparen wollen, indem sie ohne Abschied von ihm geschieden wären." „Daß Preußen und Deutschland ans dem Ercigniß Nnhen zogen , kann der Handlung. wie sie uns in ihrer Nacktheit erscheinen muß, in ihrer Moralität nicht zn gute gerechnet werden, oder wir stürzen die ganze Moral nm. Wollte man das Verfahren noch intensiver verfolgen, und z. V. daraus Rücksicht nehmen, daß Napoleon, voll Vertrauen aus deutsche Redlichkeit, den linken Flügel semcö Heeres, dem größten Theile nach, Dentschen in die Hände gab, unabgcsehen davon, ob dies ein Fehler war oder nicht, so steigt man ans einen Gipfel, von dem aus man ein weites Feld von Nnmoralität übersieht, auf welchem freilich die Politik die Augen zudrückt." So weit und nur in Kürze die Erzählung und Meinung von Nlssischer Teite. Rußend, I. 13 594 Die baltisclicn Provinzen, Nachdem der Himmel den Feind erschlagen hatte, da gab eS Euthustaömuö und Staatskluabeit in jedem Kaftan. Auch in Liev-land wachten Schulmeister und Landpastoren auf, und schrieben Pamphlete, welch ein Einfaltspinsel Napoleon gewesen fci, daß cr sich habe einfallen lassen, die Unbesiegbaren schlagen zn wollen, daß er sich nicht einmal mit einem russischen Oberst, viel weniger mit einem Kutnsow messen könne. Was in Wirklichkeit nicht gc« schehen war. daraus schuf die Dichtung unsterbliche Thaten der Russen. „Einigemal wurde „der Braud von Moskau" auf dem Theater zu Riga gegeben. DaS Hochgefühl, mit welebem die Russen ihre Hauptstadt angezündet hatten, wurde dm Deutschen vorgeränchert. um sie für dergleichen Opfer zum Preise despotischer Herrschaft empfänglich zn machen; allein den Brand der reichen Vorstadt des licvländlschen Haupts zum Gegenstände eines Epos zu erheben, dazu fand sich kein Dichter. 3:; Jahre sind seitdem verflossen, dessen icb hier gedenke. Begebenheiten verharschen wie Wunden in ilner Bedeutsamkeit, so wi« oft die nöthigsten Wahrheiten einschlummern. Jene wollen in Erinnerung gebracht, und diese geweckt werden, wenn die Zeit nach der Wahrheit, und die Geschichte nach Ursach und Zweck einer Begebenheit fragt. Die Welt hat ein weibliches Wesen erzogen, einer Verstellung und Verwandlung fähig, das; die Fabel vom Proteus cin Kindcrmährchcn gegen ihre Zauberkräfte ist. Wenn wir die Begebenheiten, die der Geschichte gehören, immer aus der Hand der Politik empfangen sollten, so würden wir der Mühe überhoben, die Annalen ror unserm Nichterstuhlc aufzuschlagen, wir verleimten uns selbst wie Schnecken, wir würden nissifizirt. Besser ist auf jeden Fall. der kernhafte Menschensinn laßt die Die baltischen Prroinzeu. 195 gefärbten Blasen, die um ihn berumgehaucht werden, an sich stoßen und zerplatze»; so manches Wunder der herrschenden Verworrenheit wird dann klar. aus den« Irrwisch ein Fir,stern und umgekehrt. Besscr ist immer der Traum von einer Veredlung, als die Wirklichkeit, daß Planeten und Milchstraßen nber uns hinziehen, wie über dclt Himmel am Mastkorbe. Besser ist. wenn der reclttstbassene Minister des Innern die irdische nnd geistige Wirthschaft besorgt, und dem Minister des Aeußern sagt. er möge sich auch um die Meinung der Fürsten unter sich bekümmern, als umgckebrt. Ich gedenke hier der schrecklichen Nacht, welche dem Wohlstände Riga's eine Erschütterung gab, die auf lange Zeit hinaus in alleit Nerve» desselben fühlbar blieb, und Tausenden Das für immer verschlang, was ihr Fleiß mühsam errungen hatte. Ich rede von dcr Nacl't. da die große, reiche Vorstadt am rechten Dünauftr im Jahre 1812 nicht vom Feinde, sondern aufBefehl des General- und Kriegs-gouverncurö v. Essen, ohne nur die mindeste Veranlassung dazu, in Asche gelegt wurde. Riga war vom Feinde nicbt belagert. Die Düna war durch die Festung und Kanonenböte gedeckr. Dcr englische Admiral hatte auf das Gerücht, die Vorstädte sollten bci eiucm erfolgten Neber-gangc des Feindes über den Ttrom in Brand gesteckt werden, die Erklärung gegeben, daß ein voreiliges Abbrennen nicht uotbwendig sei, indent er mit ssongrevschen Raketen deu Feind vertreiben tonne, falls dieser in den Vorstädten sich festzusetzen Miene macbeu sollte. Die Unbeweglichkcit des feindlichen Corps gab Ruhe. Die Aligen waren nur auf das Scbicksal dcr großen Armee qcriebtet. In Niga gingen die Geschäfte obne Unterbrechung, den gcwöhulicbcn Gang. Eincö Abends gehe ich uüt einem Freunde, dessen Eltern in dcr Vorstadt nicht fern von dcr Gertrudcnkirchc, wohnten, diese zu l'r- 13* 4W Die baltischen Provinzen. suche». An der inilern Pforte des Stadtthors erblickten wir cine neue Bekanntmachung. Viele standen und lasen. Tic lautete, das Gerücht sei verbreitet, die Vorstädte würde» abgebrannt werden, die Einwohner sollten aber dieser falschen Sage keinen Glauben beimesse», da vom feinde nichts zu fürchten sei. nnd sie könnten sich ohne jede Besorgniß der Nuhe überlassen. Wir glaubten, diese beruhigende Nachricht zucrst zn bringen, man hatte sie jedoch schon erfahren. Ick' verspätete mich bei meinem Besuch. Ich fand das Thor verschlossen, welches nur nach vielen Weitläufigkeiten geöffnet wurde. Ich kehrte also zurück, um bei den Freunden zu übernachten. Die auf Befehl deö Kriegsgouvcrneurö durch die Polizeibehörde gegebene Versicherung senkte alle Besorgnisse in den ruhigsten Schlaf. In der Nacht weckte ein furchtbarer Lärm. Dachte ich doch, das ganze Macdonald'schc Heer sei mit den Russen in unserer Straße im mörderischsten Handgemenge, so ein Gebrüll, Pochen, Krachen und Getöse jagte Alles aus den Betten. Aexte dröhnten an Thüren und Fensterladen, Fensterscheiben klirrten, und ein durch Mark und Bein dringendes Geschrei wogte immer starker heran. Wenn die Hölle ihre Geister aussvicc, Schreck und Toben könnten größer nicht sein. Wir alle, nur in einem Uebcrwurfe über das Hemde, den die Angst in der Hast ergriffen hatte, stürzten aus allen Thüren zu gleicher Zeit. als anch die dicke starke Hausthür, durch Beile zersplittert, zu unsern Füßen fiel. Polizeisoldaten und anderes Volk mit brennenden Fackeln und lodernden Holzstücken strömten ein und schrieen- „raus! rau«! wer nicht verbrennen will!" Zu» gleich schleuderten sie Brände durch die nächsten Thüren. Zwei Betten flammten augenblicklich hoch auf. Von der Straße quoll Die baltischen Provinzen. 19? ein schwarzer erstickender Dampf in daö Haus. Rettung nach rorn war unmöglich. Wir faßten uns bei den Händen, nm uns nicht zn verlieren. Durch den karten war die einzige Möglichkeit, dem Feucrtode zn entfliehen. Wir rafften hastig noch einige nahe Klei, dungsstücke zusammen, und kaum waren wir aus der Hinterthür, als die Lohe schon aus den Fenstern siblug. Welch ein Anblick! Ringsum wirbelten Feuersäulen in die Höhe. ssm ziemlich fernes Taumagazin warf bereits Stücke glimmender Lunten in den Oarten. Der Zaun war neu. hoch und verschlossen. Die Angst zu verbrennen trieb hundertfache Kraft in die Arme. Mit Stangen brachten wir zwei Bretter aus den Fugen, und gelangten durch die Lücke auf die Straße, in der sich eine gedrängte Masse auf daS Stadtthor znflüchtete. Wo emdershin gab es keine Zussucht. Mehr fortgeschoben als gehend folgten wir dem Zuge. Familienweise klammerte sich (lins an daö Andere. Bar-fnsi, nur halb bedeckt, die Arme bepackt mit Kindern oder Bündeln, begegneten sich Freunde und Bekannte wie eine Schaar Flüchtlinge, die der verfolgende Feind dem Tode geweiht hat. Ich trug zwei Kinder, deren Arme um meiuen Hals sich schlangen, mich fast erstickten, und mit ihrem Iammergesel'vei mir die Seele zerrissen. Die (?rde schien eine Fackel. Blutrot!) leuchtete der Himmel in die geschlossene, erschrockene Stadt, und ließ sie sehen, was außerhalb vorginq. Mit Lebensgefahr, von den einstürzenden Däcbern und brennenden Balken erschlagen zu werden, l^mm wir aus der sengenden Gluth. An der Stadt stand und häufte sich jede Minute, mehr eine sich drückende Menge Menschen. Das Thor war ver-scl'lossen. kein Geschrei um Hülfe öffnete es. Der Held des Trauerspiels ließ nicht ehcr öffnen, bis vor seiner Phantasie die Preußen und Franzosen als Phantome verschwunden waren. Natürlich konnte 498 Die lettischen Provinzen. er diese l^'espenster nicht eher los werden, biö sich der Nebel vor seinen Sinnen gesenkt hatte. Er nnd der Polizeimeister hatten am Abend der Unglückouachi tavfer mit Gott Bacchus gerungen, lind im Zustande Silen6 il>ren Sieg über den Rebengott nicht würdiger zn feiern ge>vußt, alo durch das Nauchopfer einer begüterten Stadt, denn so dürfte man die zerstörte Vorstadt nennen. Die wackern Mitbürger innerhalb der Walle nahmen geflüchtcte Bettler auf, die noch vor einigen Stunden über Reichlhmn nnd Wohlhabenheit geboten. Erst jetzt löste sich die beklommene Brnst über erlittenen und unersetzlichen Perlust in den Schmerz ans, zu dessen Darstellung die Knnst Pinsel nnd Feder weglegt. Ein anderer Theil der ans den flammen sich Geretteten war in fernen vom Feuer verschonten Hausern und Dörfern aufgenommen. Unbekleidete Armuth richtete jetzt den Blick znm Himmel, fragend, warum er Das zugelassen, und was sie verschuldet. Man hörte nur Verwünschungen der Urheber der nun angehenden Entbehrungen. Waren sie ungerecht? Man lasse doch das Aehn-liche in einem andern Lande geschehen! Der Umfang des Unglücks ware noch größer geworden; Hunderte mehr der Vorstädtcr hätten Hab und Out verloren, wenn die entfernteren Hausbesitzer, cm der Spitze ein Herr v. Reimers, ehe die flammenden Pcchkränze in ihre Häuser geschleudert wurden, sich nicht mit Stangen und Knit-teln bewaffnet, und einen Cordon gezogen hatten, über welchen sie keinen Brandstifter kommen ließen. Einige hartnäckige Polizeisoldaten wurden erschlagen. Mehre Tage nach der furchtbaren Nacht sah ich ftiraf Essen zu Pferde mit seiner Suite auf den rauchenden und flammenden Trümmern wie einen Zufriedenen mit seinem Werke. Er schaute den schwarzgraucn Wirbeln zu. die aus einem Getreidemagazinc aus- Dic baltischen Provinzen, 1-99 quollen. Da eilten Bürger herbei, jetzt Bescher der Aschen-statten. „Das ist der Mordbrenner! herunter mit ihm vom Gaule! " erschallte es vielstimmig. Doch daS Roß Dcsscn, dem die Drohung galt. war schnell. Vr jagte übcr die Zugbrücke hinter die Walle. Er nahn: sich mm die Freiheit, in einer öffentlichen Bekanntmachung sein Verfabren durch srüber schon zum Abbrennen der Vorstädte erhaltene Befehle z» rechtfertigen. Hatte cr sich doch zu dieser Necht-ftrtignng noch einen andern Pntschuldigungsgrnnd für sein Verfahren angesucht. Aus dem Volke, welcheo der Polizci beim Anbrcn-nen behnlssich gewesen war, ließ cr drei als unbefugte Gehülfen erschießen. Die Bewohner Riga's wußten die Sache richtiger zu be-urtbeilen. Die Brandstifter gingcn ohne Schmähungen zn hören dem Tode cittgcgm. Essen blaopbemirtc mcbr seinen Kaiser, als daß er sich zu entschuldigen vermochte. Wie fern war die Seele dieses Monarchen, einer Stadt, die ev liebte, ein solches Leid und auf diese Art znzufngen. Die dem Gouverneur vorl'cr gewordenen Befehle konnten nur den Fall der Noth involviren, aber nicht die abscheuliche Weise; und die bloße (vntsctzung deffelbcn von seiner Stelle war weder Recht noch Gnade. Neich ist die neue Zeit an Verwüstlingen dnrch Feuer, in denen beinah ganze Städte verschwanden. Der Hollcnflnß. der Krieg, hat unzählige Schauspiele dcr Vernichtung aufgeführt, Millionen Wohlhabende sind in Bettler verwandelt. Aber ich entsinne mich nicht, welcbc scheußliche That man dieser gleichstellen könnte. Nicht aus dem ("ebot dcr Nothwendigkett, nicbt ans Laune des Zufalls, nicht aus Unvorsichtigkeit ward bur vcrl'cert, sondern auf Bcfehl der Obrigkeit, nicht etwa nach vorheriger Warnung und Anzeige, inn retten zu können waö sich retten lies,, ncin! überrascbcnd im 2oa Die baltischen Provinzen. Schlaf nach vorangegangener Beruhigung, nicht bei Tage, und dell dem Unglück Geweihten wenigstens Zeit lassend, vielmehr in der Nacht, plötzlich zündend, wie ein still hcrangeschlichenes Gewitter, das weit und breit Feuer vom Himmel herunter regnet. Nur in Sodom mag die Verheerung ähnlich gewesen sein. Man vergleiche die Tbat mit dem Brande von Moskau. Dort galt es zum Mindesten einem einrückenden Feinde, hier schlafenden Bürgern und einem Feuerwerke, dem fernen, unbeweglichen Feinde zum Staunen gegeben. Die Namen Rostopschiu und Essen flammten wohl auf. aber Himmel lind Erde wurden roth und schämten sich ihrer Handlungen. Man stelle die Tbat mit Hamburgs Drangsalen zusammen. Davon st vertrieb ohne Mitleid Tausende aus der Stadt, unbekümmert nnl ihr künftiges Loos. Wen traf dies Unglück? Nur Die, welche sich nicht für die festgeschtc Zeit verproviantiren konnten. Sie wurden vorher davon benachrichtigt. Und war Hamburg ohne Schnld an seiner nachmaligen harten Behandlung? Waren die Kränze, die es iauchzend den Kosackcn entgegen trug. nicht höchst un klug gewunden? Streuen die Hamburger heute Tcltcnborn bei den unzähligen Opfern, die bio znr Erschöpfung gebracht wnrden, Wcih-vanch? Alö die kostbaren Ringe, die zur Rettung der Stadt mit Freudenthräucn gespendet waren, statt zu dieser Hülfe verwendet, an den Fingern einer V«',,,^ >^!l,i'ix in der Thecitcrloge »eben dem russischen Heerführer blitzten, da folgte die Nemesis unmittelbar auf dem Fnße, und belehrte Gegenwart und Zukunft. wenn sie es nur verstehen wollen, das« nur das geistig blinde Auge von den Moskowiten Hülse erwarten könne. Essen war anf sem Gut verwiesen. Der Kaiser, der zu spät fühlte, wem er sein ihm immer lieb gewesenes Riga anvertraut gc- Die baltischen Provinzen, 201 habt hatte, rief den Italiener, Kmeral Paulucci in dessen Ttelle. Der ^eldmarscball Barclay hatte kein rechtes Vertrauen zn ihm. Als der neue Ttattbalter sich bei ihm meldete, sagte cr ibm obne Nückbalt! „Der Äaiser hat Sie berufen. Glauben Sie aber nicht, daß Licvland Orusien ist. und daß Sie darin wie dort wirthschaften können wie Sie wollen. Auch ich gehöre Lievland an, und wenn Tie dieser gnten Provinz weh thun könnten, ft wäre ich der Erste, der eü empfinden und für Ihre Entfernung sorgen würde." „Ich werde beweisen, antwortete der neue Gouvernenr, das» ich micli in Niga zu des Kaisero, zn Ibrer nnd der Licvlander Zufriedenheit zu behaupten wissen werde." Er hat Wort gehalten. Daß er Allen nicht Alles recht machen konnte, darüber ist nicht ein Wort zn «crliercn, daß cr aber die der bedeutenden Handelsstadt geschlagene Wunde zn heilen sich bemühte, daß er das ihm anvertraute (^onvernemcut vorzüglich gegen russische Uebergriffc in dessen Gerechtsame energisch schützte, das ist gewiß, und von den Lievlandern dankbar anerkannt worden, (vr gehörte unstreitig unter die treuen Diener deö Kaisers, und im ganzen Reiche wurde kmi Gouvernement so gnt verwaltet, wie das seine, so gering anch dies Lod in Betracht russischer Statthaltern still kann. Das; ihn die Müssen anfeindeten, ist eben so gewiß, ssin Mann, der gegen ibre Maschinerien und Ungerechtigkeiten bei dem Mollarchen allein, fnrchllos, nnd immer mit schwer wiegenden Grün-den, siegend auftrat, tonnte für sie nur ein l'assm5wetther Anstoß sein. Wie konnte der Senat an das Dnrchsetzen irgend eines Plans gegm die deutschen Provinzen denken, wenn Paulucci z. B. die Auöfübrung von Senatsendurtbeilen ans eigener Macht und nach smm bessern Ueberzeugung von Necht inhibirte, und Recht behielt! 3N2 Die baltischen Provinzen, Nach seinem Temperamente war cr oft anfbrausend, aber oft auch bekannte er ftin Uniecht laut. Eben so wie cr aufmerksam auf die Grenze war, die sein amtliches Gebiet umfaßte, «ben so war es in dieser Hinsicht ein anderer kräftiger Mann. der General-Superintendent Tonn tag. Beide gcriethen in ihren Ansprüchen anf Unverletzbarkeit deS Kreises ihres Berufs nicht selten aneinander/ Sonntass selbst erzählte mir z. B. Folgendes: Sonntag setzt einst den Bußtag fest, und erlaßt deshalb an alle Geistlichen die Rundschreiben. Paulueci meint, diese Bestimmung sei Anmaßnng und könne ohne seine Zustimmung nicht geschehen, b'r erläßt anf der Stelle den Befehl an die Geistlichkeit, den von: Obcrhirten festgesetzten Bußtag nicht zu feiern, sondern die weitere Versügnng darüber von ihm, dem Gouvernementschef zu gewärtigen. Sonntag erfährt dies und gebietet hicrans in allen Kirchsprengeln die unverbrüchliche Haltung des von ihm bereits aus, geschriebenen Bußtages. In der Aufwallung des Blutö laßt General Paulucci den GencrabSuperintendcntcn zu sich fordern. Sonntag erscheint. „Wie dürsen Sie sich unterstehen, fährt das weltliche Haupt anf daS geistige zu. und meinen Befehlen Gegenbefehle ertheilen! Wissen Sie als geistlicher Kopf, wessen Sie sich schuldig gemacht haben?" „Und wie dürfen Sie sich unterstehen, antwortete Sonntag, und da befehlen, wo das Gebieten nnd Bestimmen uur in meine Hände gegeben ist! Wissen Sie als weltlicher Kopf, daß Sie sich des Despotismus schuldig gemacht haben?" Siumm sehen nun Beide einander an. „Sie haben Äecht, sagte dann der Geueral-Gouvmmlr, ich habe Unrecht. Dao taugt nicht, wir müssen einig gehen. Wenn Die baltischen Provinzen. 203 die Russen erfahren, daß wir streiten, so brechen die russischen Popen in Lievlands Kirchcnrccht ein, und das will ich nicht; so langt wir hier leben, soll es nicht geschehen. Ihr Bußtag soll bleiben!" Arm in Arm ging er dcmn mit Sonntag im Saale auf und nieder, bis die Ruhe an beiden Grenzen hergestellt war. Vor der freimüthigen Spracht deö licvläudischen Kirchenober-hauptö behielt der Oberbefehlshaber der Proviuz immer Achtung und Scheu. Das Gymnasium feierte tin Fest, an dem die ganze Stadt herzlichen Antheil nahm. Der greise Professor Protz legte sein Amt nieder. Es war eilt Dauffest, von der Liebe dem würdigen Manne bereitet. Die Redner hatten geendigt, da erhob sich mitten in den Reihen der Zuhörer der beste Redner, den ich je innerhalb der Grenzen des russischcu Neichö geHort habe, Sonntag. Tief wurde jedcS Gemüth' ergriffen, als er mit seiner kräftigen und dcntlichen Stimme unerwartet begann: „Auch ich, als berufener Diener der Kirche, segne den Abeub Deines Lcbeus." Sonntag war vielleicht der Einzige im großen Nnche. dtt' mit Nnerschrockenheit die Repräsentanten der Negierung nicht nur an ihre Wichten mahnte, sondern auch ihre Begehungs- und Unter-lassuugosünden öffentlich rügte. Auch bei dieser Feier drangen seine Worte dahin, wohin sie driugeu sollten, als er von der geringen Berücksichtigung verdienter Lehrer, und dcs bclastetsteu, kümmerlich bedachten Standes sprach, als er bewies, wo zu helfen wäre, wer helfen könne, und dazu verpflichtet sei. Der General-Gouvcrneur schob sich gauz leise mit seinem ebenfalls erhaltenen Vündcl auö dein Saale. Die Gymnasien von Mitan. Niga, Dorpat standen den besten in Deutschland nicht nach. Sehr wackere Lehrer erfreuten sich guter Schüler. Nirgends in diesen deutstbeu Provinzen fehlte es über- 204 Die baltischen Provilizeu. Haupt an guten Schulen mit deutscher Zucht und Ordnung, mit deutschem Streben. Alezander I. fügte zu diesen Bildnngsanstalte» noch die Universität Dö'rpt. Er verlieh ihr das Vorrecht, ihre Lehrer im Auslande selbst wählen, nnd von da bevnftn zu können. Mehr als alle anderen seiner wissenschaftlichen Stiftungen lag dem Monarchen Dorvat am Herzen. Von da wollte er dentsche Wiffeuschaftlichkeit und Bildung über sein noch schnarchendes russisches Volk verbreiten. Gaöpari, Psafnnd Andere waren Lehrer mit Namen von gutem Klänge. Tüchtige Männer fühlten aber bald daö Bedürfniß, nach Deutschland zurückzukehren. Eö waren gleich im Anfange dlirch Petersburger sein wollende Mäcenaten Professoren geschaffen worden, welche in jedem andern Lande nie einen Nniversitätskathe-dcr bestiegen haben würden, die, statt eine Harmonie, einen lebendigen Organismus erstreben zn helfen, sich stützend anf ihre Beschützer, zu Parteiformern sich aufwarfen, und dadurch natürlich das abstießen, was, eines Bessern sich bewnstt, sich damit nicht vertragen konnte. Diese Partisauen suchten Protektoren in der Residenz, und jemchr sich von daher russischer Geist einmischte, desto mehr nisteten sich russische Gesinnungen nnd Ansichten l,i^ nach Haust. Der Skandal in Licv- und Esthland wurde zu laut, die andern Professoren schämten sich der Collegcn. ES kam zur Beschwerde. Der Doctor der Rechte wurde wieder Schneider und die bestochenen Professoren verließen das Land. zufrieden mit ihrer Beute. Das Laster der Käuflichkeit ist deshalb auf dieser immer mehr rnssisizirtcn Universität nicht getödtet. Ich mag nicht, aber ich kann durch ein Beispiel der neuesten Zeit beweisen, daß man in Dorpat auch an diesem russischen Nebel leidet. Den Etat der Universität bestimmte Alexander I. anf 300,000 Papienubel; l,000Nnbcl davon für die Bibliothek. So gering sie noch war, so lieft cö doch der russische Dünkel nicht zu, zu gestehen, daß man erst einen Altfang mache. (3s wurden lange hölzerne Kasten mit Vücherrücken und goldenen Lettern darauf angefertigt, welche alle möglichen literarischen Werke zur Schau stellten. Freunde zeigten mir diese Seele der Bibliothek, indem sie von den obern Bücherreihe» nichts wie leere Kasten hervorzogen. An Koryphäen wurden die Lehrstühlc nach und nach immer ärmer. In der Inristcnfaknltät hat nur Einer ron Bedeutung geleuchtet, Dobelow. mein gewesener Lehrer, mit dem ich, wenn das Pivilrecht und der Prozeß in den Ferien ruhte, so manchen Nitt von Halle nach Leipzig gemacht hatte, er zur Pharaobank, ich 20N Die baltischen Prooinzen. Zum Genuß i>l der Mesizeit. Schwer seufzte der Bejahrte, als ich ihn wiedersah, über die Zeit, über sich und das russisch akademische Treiben, in welchem er, schon in jener Zeit, nicht ciumal cinc deutsche Gymnasialeinrichtung und noch weniger Leistung, gelten lassen wollte. Die Theologen hatten in Vater Ewers einen würdigen Lehrer. Grindel, der Niga'sche Apotheker, bewies seineu Zuhörern, das« er seine Chemie answendig wisse, indem er nie anders als mit ftstgcdrücktcn Augen sprach. Die Medicincr hofften beständig auf lehrreichere und lehrkrästigcrc Zeiten. Morgenstern, der gute Philologe mit dem Christuokopfc, den ihm seine sterile Phantasie aufgesetzt hatte, erfreute sich weniger Zuhörer. Der Lehrstuhl für Militärwissenschaften war mit einem Obersten gefüllt, der in seinem großen Lchrsaale mit drei künftigen Fähnrichen furchtbare Schlachten lieserte, nnd alle Festungen der alten Welt ohne Blutvergießen erstürmte. Auch nnter den Stndircndcn sah ich mich um. Ich fand nur Zerstückeltes. Anf Kosten der Krone studiren immer eine Menge Mediziner, fern aller Vorbereitung und Reift zu einer Universität, die ängstlich den Blick an ihre Zukunft heften. Nirgends Frische, uirgends eine frohe, singende, geistig sprudelnde Ingcnd oder lebendige Iugeuderörternng. Im intelligenten Theile athmete ein sichtbarer Schnlzwang, nnd außerhalb desselben wirkte die strenge Ans, ficht des Polizcimcisters. Allerdings gab cö unter den Kur- nnd Lievländcrn gebildete junge Männer, denen anch daö Oesühl nicht fremd war, ein freier Jüngling nnter freien Jünglingen zu sein, allein der von Jahr zu Jahr geschärfte, immer wachcstehendc Mili-tärzwang, die für ihre Versamnüungen gewonnenen Spione, ließen cs zu keiner Aeußerung kommen. Dorpat wie eö früher war, nicht wie cs gegenwärtig ist, konnte Die baltischen Provinzen, 207 noch zu einem Vergleiche mit unsern Hochschulen, Jena, Halle, Göttingcn. Leipzig in den Zeiten vor dem Kampfe gegen Fremdherrschaft verleiten. War auf diesen und andern Universitäten nicht Das gepflegt und mit Liebe genährt, was dem Herzen cin Vaterland giebt? Das war zu Frucht gereift, was im UnablMgigkeits-kampft sich alo Rettung bewahrte. Wer brachte dic Begeisterung zu dem Aufrufe der Fürsten? War eö nicht der jenem Damals noch angehörende Geist der Universitäten? Vernünftige Freiheit war ihnen allen wie cin heiliges Bedürfniß zuerkannt, und wenn das Noß muthwillig in der Fülle seiner Kraft und Gesundheit ausschlug, so fchnitt man ihm nicht die Sehnen der Vorderbeine durch, wcil man sich sagte, daß sein Aufschlagen keine Gefahr brachte, die Hufe feuerten gegen die Luft. Trotz aller Exzesse der Studirendcn dürfte der akademische Senat auf das Necht pochen, die verliehenen Gerechtsame nicht antasten zu lasse», und man vergaß nicht, in dieser sich austobenden Jugend künftige, kräftige Stützen des Staats zu ehren. Wie mußte in meiner Seele der Vergleich mit einer russischen Hochschule ausfallen! Dort Freiheit in den historischen und philosophischen Wissenschaften, nirgends Beschränkung der Lehrfrcihcit. Hier mit jedem Semester wechselnde Ministergedanken, auf welche Weise man am besten aus Hörsalm der Wissenschaftlichfeit geistige Kramladen macheu, und wie der etwa höher wollende Geist durch Sekundamrexamen niedergehalten werden könne. Alles was in der Periode nach 1«15 die deutschen Universitäten als verderbende und verdorbene Institute verarbeitete, wurde in Rußland mit Freuden an die große Glocke gehängt, die Schriften darüber waren nicht verpönt zu lesen. Auf mich und Andere machten die Nachrichten aus Deutschland einen betrübenden Eindruck. 208 Die baltischen Provinzen. Wir fühlten dm finstern Geist, der durch uuser Haus ging. Wir hielten die Stinnngabel zur Prüfling der von daher wehenden Klagen auf dm Ncsonnanzbodcn unserer eigenen Universitätsjahre, die mehr Freiheit anfznweisen hatten, als lie nachfolgende Epoche, aber alle Klänge, die wir zurück erhielten, gingen vom Unison» ans, dafi, wo der Geist ktinc Nosenzeit einer freien Ingend zn feiern habe, Philistcrthum und Rnssenthum° aber nichts Besseres in's Leben zn treten vermöge. Hat man in den Zeiten des Nefonneus dentschen UniversitätS-geistes nicht die Thätigkeit russischer llmissare inl Hintergründe nnd Vorgrundc gesehen? Gab Kaiser Alex a n d c r der Wittwe Kotze-bne's die jährliche Pension von 10.000 ^Ilubel als Wittwe des Lustspieldichters? Als Nusiland in Gefahr war. ist ihm ein nationaler frcicr Geist von seiuen sogenannten Universitäten zu Hülfe gekommen, oder kann cs je darauf rechnen, das? es geschehen werde? In Rußland sind Universitäten nur Rekrutirungölomnnssionen für Toldatcn und Bureaukraten, für künftige Vampyrcn des Landes. Kaiser A ler.and er l'atte Tiun für Bildnngsinstitnte. Bis auf ihn war für öffentliche Bildung von ssrhel'lichkeit nichts gethan, das Bedürfniß dafür aber auch nicht vom Volke gefühlt. War Peter I. auch selbst ohne Echnle und Bildung, so war ihm doch einleuchtend, daß die Finsterniß seines Reichs nnr dmch Licht von europäischer Teile her vertrieben werden konnte. Im Tohu Mabohu fehlteu Lehrer, und Unterricht begehrliche Schüler. Nach seiner Zimmermannsweisc sollte daö flugs mit dem Beile zugehauen werden. Er befahl nicht nur Einrichtungen znr Erlernung des rnssischen A. B. C., sondern anch gleich lateinische nnd griechische Schulen; in denen er sogar Vorlesungen über das Staatsrccht uach Dic baltischen Provinzen. 209 Pusselidorf anordnete. Der Adel blieb taub gegen diese Schöpfungen; nur der Ms, das, ein Adliger, der nicht zu lesen und zu schreiben verstehe, nicht erbfähig eines Besitzthnms sein könne, zwang den Adel. sich wenigstens diesem Maschinenwesen zu fügen, doch auch nnr so lange Peters Stock regierte. Da das Wissen über Hals und Kopf kommen sollte, so ließ der Czar durcb Leibnitz den Entwurf zur Errichtung einer Akademie der Wissenschaften anfertigen, die als Laterne in seinem ungeheuern, dunkeln Gewölbe hängen, und das Licht allgemein verbreiten sollte, wo kein empfänglicher Boden es aufnahm. Pcterö Angen schlössen sich, lind seine Nachfolger befanden sich im Finstern besser als im Hellen. Zeit und Lehrer hatten Alexander I. auf die Biudc aufmerksam gemacht, die seinem Volke um die Augen lag. Um seiner Sorge für Licht eine Stütze zu geben, errichtete er das Miuisterum der Volksaufklärung, welches den reinen Willen seines Monarchen dabin hob. daß cS gegen das 6nde dessen Regierung, selbst von Russen, das Ministerium der Verfinsterung gmanut wnrde. Ohne Alexander I. wäre Gustav Adolphs Stiftung von 1602 anö dem Grabe schwerlich auferstanden. Sein Blick, daß dies Institut einc vermittelnde Sonne zwischen Europa und dem Dunkel seines Reichs werden sollte, war unstreitig richtig, die Ausführung nnd noch weniger die Bevormundung hätte nur nie in Hände seiner Russen fallen müssen. Die Eigenliebe siegt bei dieser Nation über jede Neberzugung von: Gnten und Besten. Wie hätten ihre Stimmführer nicht dahin trachten sollen, den nationalen Egoismus als leitendes Prinzip der Lichtsvhärc zu setzen, die sie nicht sich selbst, sondern dem Fremden zu verdanken hatten. Alexander nnd seine Gemahlin liebten das dörptschc Infti- N>chia»d. I. 14 210 Die baltischen Provinzen. tut, und waren überhaupt gern ill dm baltischen Provinzen, wo wahre Liebe ihnen ininter die herzlichste Aufnahme bereitete. Mit dem Tode dicsts Monarchen änderte sich Viel auch für die Ostsecländer. Schon auS dem Manifeste, welches der Kaiser Nikolaus bald nach seiner Thronbesteigung in Bezug ans öffentlichen Unterricht erließ, war ersichtlich, daß er dein'Felde wissenschaftlicher Bildung engere Grenzen setzen würde, als seiu verstorbeucr Bruder gethan hatte. Noch athmete der Schreck, der in Petersburg den Schlnß dcö Jahres 1825 gemacht hatte, aus diesem Manifeste. Eo sagte: „ Könnte» doch die Familienväter ihre ganze Aufmerksamkeit ans die moralische Erziehung ihrer Kinder richten! Gewiß nicht den Fortschritten der Civilisation, wohl aber der Eitelkeit, welche nnr Mü-ßigaug und Verstandtölecrc erzeugt, und dem Maugel einer tüchtigen Belehrung ist diese Zügcllosigkeit deS Denkens, diese Hitze der Leidenschaften, diese verwirrrtc nnd unheilvolle Halbbildung zuzuschreiben, und diese Liebe zu ausschweifenden Theorien und politischen Visionen, welche anfangs verschlechtern uud zuletzt in's Verderben stürzen. Möge dic Furcht Gottes, und ein grüudlicher und patriotischer Unterricht die Grundlage aller Hoffnungen auf Verbesserung und die erste Pflicht aller Klassen sein! " 1828 begann eine neue Einrichtung des Schulwesens. Im selben Jahr erschien ein Mas an den Senat, ill welchem der Kaiser seine eigene Ansicht über Mangel au Mitteln für Bildnugsanstalten auösprach. „Oeuau eiugchend in die gegenwartigen Bedürfnisse ltn-screr Schulen überhaupt, und beschäftigt, die Mittel znr Verbesserung derselben herbeizuschaffen, sind Wir besonders auf den an mehrern Orten gefühlten wichtigen Mangel zuverlässiger Lehrer aufmerksam geworden." Die baltischen Provinzen. 211 Trotz dieses gefühlten Mangels an Lehrern wurde schon 18^l» allen Ausländern untersagt, dem öffentlichen Unterrichte durch Anlegung von Pensionsanstalten in Petersburg und Moskau zu Hülfe zu kommen, und dieses nur an Orten erlaubt, wo keine Krousfchu« len waren, doch unter der Bedingung, daß die Peusioushalter russische Unterthanen wurden, keine andere als vorgeschriebene Bücher anwandten, und sich der Aufsicht russischer Inspektoren fügten. Trotz dieses Mangels an Lehrern erschien ferner der Ukas, daß alle Lehrcrstellen nur mit Inländern besetzt werden sollten. Einige, Jahre daranf sah sich das Ministerinn: in die Nothwendigkeit versetzt, gegen diesen Befehl eine Vorstellung zu machen. Es bat nm die Erlaubniß, „wegen Mangel tauglicher Subjekte des Inlandes, manche Stellen für Lehr- und Erziehungsfach mit Ausländern bekleiden zu dürfen." Der Kaiser schrieb auf diese Vorstellung die Worte: „mit Ausschluß der Ausländer." In der Idee des Monarchen war also Nußland in Zeit von wenigen Jahren auf eine Hohe geistiger Bildung gelangt, auf der es mit allen gebildeten Nationen rivalisiren konnte, oder cö lag darin, daß Nußland gerade soviel Bildung besitze, als die Regierung zugeben dürft, um als schützende Hcrrschermacht dasselbe gemäß den Ueberlieferungen regieren zu können, mithin die fernere Hülfe deö Auslandes abgehalten werden müsse. Auö dieser Idee flössen auch die Maßnahmen, welche den Osi-sceprovinzen eine andere geistige Nichtung als bisher geboten. In gleicher Art wie die Polen, sollten nun auch diese Deutschen den Effekt des (Nrnndsatzeö empfinden, daß die Nationalität aller dem russischen Scepter unterworfenen Volksstämme ohne Unterschied der russischen Nationalität weichen und in diese völlig übergehen müsse. 14* 212 Die baltischen Provinzen. Um dieo Ziel zu erreichen, gab cm Mao nach deni andern den Deutschen zn verstehen, daß ihr Deutschthum aufgeholt habe. und daß co uutt Zeit sei, ihre Eigenthümlichkeit abzulegen, nud dagegen daö ihren Seelen weit zuträglichere Russenthum anzunehmen. Damit wurde das Beil an die Wurzel eines ächt germanischen EtammeS gcsetzt. Dicsc Wurzel hielt sich abcr iu >incm Boden eigener Verfassung, eigener Gesetze, Vorrechte, Religion, Sitte und Sprache, welche diesen Germanen durch heilige Versprechungen und Verträge volt der Krone Rußlands verbürgt waren. Sämmtliche Bewohner der Küste» des baltischen Meeres fragten ihr Gewissen und Gedächtniß, was sie verschuldet hatten, um ans einmal ihr ganzes Innere gewaltsam gefaßt zu fühlm, und sich gezwungen zu sehen, den innern Menschen, der ihnen angeboren und zu dem sie herangezogen worden, auszurotten und aus dem Hause zu werfen, dagegen einen neuen, ihnen total befremdeten sich anzueignen nnd als SchooMnd zu pflegen. Von einer Verschuldung war nicht die Ncde. Im Gegentheil sagte ihnen die Erinnerung: „Wir sind jetzt sicherer als je, daß die russische Negierung unsere Gerechtsame nicht antasten, nicht verkümmern wird, weil wir auch in der Neuzeit bewiesen haben, mit welcher Treue wir unsern Verpflichtungen unter russischem Scepter nachgekommen sind. Die Russen werden nimmer vergessen, daß daö Mädchcn von Marieuburg, obgleich nur ein schwedisches Sol-datenwcib, nicht nur an die Seite des crstm russischen Kaisers und auf den Thron kam, sondern daß diese Licvlandcrin auch das ganze Rußland sammt seimm Kaiser am Prut aus Türkcuhaud rettete, daß Rußland ihr nnd dem Tölpcl von Vezir noch Monumente schuldig ist. Hätten wir Kuren, Lievcn, Eschen 1812 die Leiden Nußlands vergrößern wollen, welche Macht hielt uns ab, nnö von Die baltischen Provinzen. 2<3 demselben zu trennen, als unser unverbrüchliches Festhalten am gegebenen Worte? Auch Itt^i machten wir mit einem Feinde keine gemeinschaftliche Sache, dessen Tapferkeit Rußland schon so zugesetzt hatte, dasi ein Aufstand von unserer Seite ihm nur höchst verderblich gewesen wäre, und seine ganze (5Menz bedroht hätte. Was der Kaiser Alexander, dessen Andenken der Bruder so hoch zu ehren weis,, uns zu unserm und seines Reichs Besten gegeben und bestätigt hat, wird dieser Bruder nicht wieder zurücknehmen." So meinten die Menschen der baltischen Meeresuftr. Der Nus-sismuß antwortete aber darauf- „Mit cureu deutschen Schwärmereien und ssmpsiudeleien könnt ihr unsere über Natur und Völkerrecht, über Humanität und jeder Rücksicht stehende Staatsidce niel't umstürzen. Was geht uns die, Vergangenheit an, was brauchen wir unö um Das zu kümmern, was unsere Großvater gerettet hat oder nicht, was sie thaten und versprachen! Ihr habt Recht, wir sagten noch vor wenig Jahren, daß wir nicht im Stande waren, aus unsern Nationalen genug taugliche ssrzieher für uuser Volk zu wählen, allein weuu ihr bedenkt, wieviel sich in einer einzigen Nacht ändern kann, so werdet ihr hoffentlich unsern eigenen Versicherungen glanben. das, wir jetzt so reicl'lich mit allen Vildunasfähiqkeiten versehen sind, daß wir nicht nur Polen, den Kaukasus. Sibirien, euch, sondern nöthigen-falls ganz Deutschland damit fülleu können. und wenn die Deutschen sich dazu verständen, so wollten wir keinen Augenblick zaudern cs auszufübren. Wir geben ferner zu. daß die l?zaren euren Voreltern versprachen, sie in ihrer Nationalität zu achten, allein konnten diese Czarcn voraussehen, wie es heute um euch und um uns stehen würde? Wir handeln jetzt nicht als Nüssen, russisch sollt ihr also auch nicht werden, wir sind Slaven, und der Elavieinus 215 Die l'altiscl'en Prol'in;en. zieht euch mit aus Liebe in scum, Vnud. Als Russen branck)tcn wir deutsche lvlleuchtung. alö Slaven erleuchten wir euch. Seht clicl' in Petersburg, Moskau, wo es sei, um. ob uns Wissenschaf-teu und Künste uicbt zu einer Bildung verhelfen haben, die uns aller Vorbilder von Mustmvirthschaft überhebt, die uns selbst zu Vorbildern für Andere macbt. Waruin soll unsere uralte, jetzt neu belebte Idee nicht zur Auöführuiig gebracht werden, ganz Europa nüt unserm schnellen Fassungsvermögen von wahrer Freiheit und Glückseligkeit nach und nach zu beseelen. Uusere Idee, ist reis, weil sie reif tst, or^o werdet ihr euch in euer Glück fügen, und dem Sinne deS Berichts des Ministeriums dcS öffentlichen Unterrichts von 1630 entgegen kommen, der euch wie allen Russen wörtlich sagt: „dasi ihr euch vor den Seuchen zu wahren habt. die in den übrigen Staaten die gegenwärtigen Geschlechter beunruhigen, und das» ihr mit voller Ueberzeugung den Tribnt eurer Talente der schützenden Herrschennacht schuldig seid. die so eng mit den Ueberlieferungen und dem Leben dcö Vaterlandes verflochten ist. Wenn ihr also den Geist dieser Worte nur würdigen wollt, so werdet ihr begreifeu, daß auch in enn- germanisches Leben jene Ueberlieferungen eng verflochten sind." Der Nussiömuü hat also genug niederschlagende Gründe zu einer Neformatiou alles bisher Vestandcuen für sich. Der Universität Dvrpat wurden die Grundpfeiler umgestürzt, ihre Lebrstellen »ach eigener Wahl zu besetzen. Die russische Regierung übernahm diese Wahl i> >»>i,^ei^. Um das ueuc Gebäude auf der richtigen Basis anzulegen, wurde die russische Sprache als die allein vollwichtige in deutschen Gaueit anerkannt. Kein dentscher Ttuleut wird in seinem eigenen Vater-laude immatrikulirt obue vollkommene Kenntniß der russischen Die baltischen Provinzen. 2tV Sprache. Keiner darf in seiner deutschen Heimath Lehrer werden, der seine Vorträte nicht in russischer Sprache halten kann. Das Zeugniß des einfältigsten Lectors der russischen Sprache hat mehr Gewicht, als die Zeugnisse sämmtlicher Professoren. Verweigert er sein 1V"l<.'!l„m <>>;!,, st'gilt kein Genie, keine Wissenschaft, und wenn sie mit ftngelszungen redeten. Vor zwei Jahren kam der Sohn einer mir bekannten Familie von der Universität ans Dorvat zurück. (5r hatte sctnc Zeit gut angewandt, und bereits vo» allen Professoren die schönsten Zeugnisse erhalten, als ihm der russische Lector sein Testimommu verweigerte, weil er als Frucht deutscher Erziehung der russischen Sprache nicht in der möglichsten Vollkommenheit mächtig sei, obgleich er sie als geborner Nüsse völlig korrekt und national spreche und schreibe. Neich war der junge Mann nicht, nm sich augcn-glicklich zur möglichsten Vollkommenheit z» verhelfen, und nur durch Verwendung der Professoren, die scinc Fähigkeiten anerkannten, gelang es, diesen auf der Universität jetzt wichtigsten Beamten zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Die Universität ist ein militärisches Zwing-Uri geworden. Der Student musi vor jedem General, dcr ihm begegnet, wie ein gemeiner Soldat stontstehtn. Dic deutsche Sprache ist also unter Deutschen bei Seite geschoben und die russische dafür als Ersatz gegeben. Das heisit statt Rheinwein eine Pouteille Newawasser zur Bcgeistigung vorgesetzt. Deutsch ist jetzt gut für Dienst- und Handwerkoleute, auf Gänsc-imd stwnüsnnarkten; die feinere Conversation, die literarischeu und gebildeten Zirkel übernimmt die russische Sprache. In diese soll nun der Studirende die Begriffe, dic ihm vom Katheder herab in deutscher Zunge beigebracht sind, übertragen, für 2t6 Die baltischen Provinzen. welche das russische Idiom keine Ausdrücke hat. Was heißt z. B. im Russischen ., stutirm?" M»clnl8«. Was heißt: der Junge soll zum Schuster in die Lehre kommen? I'lx'Ilil^. Was beißt ein Lehrjunge, ein Gymnasiast, ein Schüler? llt^Iimili. Die studi-rcndc Jugend wird zu Aemtern vorbereitet, und man kann ihr keinen Aufdruck für „Amt" geben. Amt „)1l>»ta" heißt im Russischen „ein Platz, eine Stelle. lacu».'" Die Ausdrücke.- „Sehnsucht, Ahnung, Schwärmerei, Gemüth, Eigenthümer, Mündel, Behörde und unzählige andere einer Universitätosprache unentbehrliche sind der russischen Sprache fremd. Man taun keine Worte für Das erfinden, wovon man keine, Idee hat. Anch dic Akademie der Wissenschaften hat nicht helfen können. Eine Sprache zeigt das Maaß des Geistes und Herzens Dessen, der sie redet; lind wer eine Sprache ausschließlich spricht und sich zu eigen macht, der wird bald denken und empfinden wie das Volk, welches sie redet. Soll denn nun wirklieb der deutsche Jüngling seiner Nation entfremdet werden, nnd wie ein Nnsse denken und fühlen? Soll ihm die kostbare Zeit abgeschnitten werden, die er braucht, sich in die Literatur seiner deutscben Zeitgenossen und Vorfahren hineinzuarbeiten, um seine ausgebildete reiche Sprache gründlich erfassen zu lernen? Er will und soll sich in Schrift nnd Laut Hohem nud Ebenbürtigen seiner Nation nähern, nud muß nun seine Zeit dem Studium der mangelhaften, aller Literatur entbehrenden russischen Sprache widmen, die, selbst zum gewöhnlichen Umgänge noch eckig, aus allen russischen Gesellschaften verbannt ist. welche sich über dic Sphäre des russischen Kaufmannöstandcs erheben wollen. Bietet etwa das Russische einen (nsatz für das Studium anderer gebildeten Sprachen mit ihren reichen geistigen Schätzen? Die baltischen Provinzen. 21? Der Deutsche liebt sein Volk. nicht weil cö das seinige ist, sondern wtil er deutsche Denkart, deutsches Gemüth für ein Gemeingut der Menschheit hält. Eben deshalb hat auch der Deutsche allen Reichthum seiner Sprache, aufgeboten, um die Menschheit überhaupt nach den reinen Gefühlen und bestimmtem Begriffen in der vernünftigen Natur darzustellen. Will der Nussismus sich min auch damit messen? Ist es möglich, daß er sein Idiom schon für ein Organ zu höher» Ideen und innigen Gefühlen betrachtet? Worauf fußt er sich. Sind seine Eirenen auch schon Musen geworden? Keine Nation Europas wurzelt mit ihrem Geiste in der Masse, aus welcher Adam seine Form empfing und Töpfe empfangen, noch so fest wie die russische. Ihre Vernunft liegt noch in den Wieam-kissen der Phantasie, und die Sinne, ihre Amme. schaukeln sie; während der deutsche Genius vor allen sich frei in allen Theilen der Nation entwickelt hat und sich bewegt, denn seine Früchte reifen im Sonnenstrahl der Liebe zur Häuslichkeit, für deren Keim die russische Erde noch zu kalt ist. In der russischen Sprache behielt die Energie des Ausdrucks das Gepräge der frühern Nohhcit, als die Nation schon modcrnisirt ward, sie aber dennoch durch das Abschneiden der Freiheit in dem asthenischen Zustande blieb. In dem höhern Stande machten die modernen Gcsinuungen desto mehr und schnellere Fortschritte, jemehr die moralische Kultur die (5ivili< sation hinter sich ließ. So sprach sich auch der Kaiser Nikolaus in dem vorhin erwähnten Manifeste nach seiner Thronbesteigung aus. alö er die Zügellosigkeit des Denkens. die „ unheilvolle Halbbildung rügte". Von der obern Klasse her gab man den Ton an, der im Nationalgewölbc wiederhatten sollte, und leer blieb es an allem geistig sittlichen Werthe. Wenn jedoch der Monarch einen Instand in seinem Reiche fand. 2l8 Dic baltischen Provinzen. den cr selbst „zügellos im Denken, perstandesleer, mangelhaft in Belehrung, verwirrt i»nd unheilvoll" nennt, was war denn in der Zeit von 1826 bis !836 geschehen, das; sich ganz Rußland auf cinuial so umgewandt hatte, um eö als Regulator für Volkostamme aufzustellen, denen man jene Epitheta nicht znm Vorwurf machen konnte? Welches Füllhorn der Kultur ist über Rußland plötzlich ausgeschüttet worden, daß es, sich selbst verwundernd, fragt, wer ihm das nnübersclnvenglichc Heil im Schlaft bescheert, und es zum Vorbilde auderer Europäer gemacht hat! Nomanität. Gcrmauität, Gräcität sind keine Güter, keine Prinzipien, mir für die (kreuzen eines Staats vorhanden, cö siud Men« schcncharaktere, die in allen Ländern sich sindcn, wo cin warmer Boden ihre Keime aufninnnt. Deutschthum ist idealisch, sowie No-mancuthum. Grieclieitthum, aber nicht Nussenthmn. Nein! Das Gesträuch treibt wohl Acste, Knorren und Blätter, aber der zarte Puder der Blumen uud Sä'metterliugöflügel bat darauf keiuen Beruf. Und doch will der Nnssisinnö Ikarusflügel sich anschnallen, um mit dem Germanismus iuöbcsoudere nach den« Parnaß wett-ringend zu stiegen, wo es für ihn doch nur Orakel geben kann. Freilich sie thun. als häiten sie wirklich erobert die Braut, allein Die Blatter glänzen und hauchen Duft, Doch können sic Früchte nicht zeugen. Selbst mit dem Blätterglanze und Dufthauchc ist es noch eine gar dürftige Sache. Zn welcher Stellung hat sich die russische Nation durchgearbeitet? Welchen Platz zeigt ihr geistiger Verkehr, ihre Gelehrsamkeit ihr an? Wie weit ist sie in idealer Richtung, in ihren sittlicl'en Kräften zum praktiseben Leben gekommen? Welche Völker bewnndmi ihr Kapital in Wissensebast und Kunst, dasi sie von dessen Zinsen leben und sie ausgeben will? Nur der gebildete Di« baltischen Provinzen. 2l9 Geist kann den ungebildeten richten, nur dcr Verstand sieht den Unverstand, aber nicht umgekehrt. Welche Perioden hat Nußland in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit mitgemacht? Welche Gesittung ist in ihm durch die Annahme des Christenthums vorgeschritten ? Kein Volk hält so gern die Mängel anderer Völker an seine vermeintlichen ABC-Tugenden als das russische. Man trete doch in den Kreis seiner schriftstellerischen oder anderer Celebritäten und höre das dummdreiste Aburtheln über Deutsche, Franzosen, Engländer u. s. w. Man höre oder lcsc cinen Bulgarin, dcr sich selbst daö Orakel von Petersburg nennt, weil cm Blinder Blinde leitet, oder andere sän wollende Kritiker, welcher Kitzel es ihnen ist, wenn sie irgend einen am Tage liegenden Irrthum bei Fremden entdecken. Ecll'st die Deutschrussen, wie z. B. ein Oldekop, Grctsch u. s. w. die sich von den Zäunen in andern Ländern nie aus ihrer Verpuppung hätten aufschwingen können, mit welchem Behagen fallen sie über daS Fremde her, um es unter das einheimische Niedrige, (Gemeine zu stellen! Mit welcher Unverschämtheit schmähen russische Kritiker das Ausland und dessen Nr theile! Dagegen wird die Regierung nie etwas einwenden. Aber desto schärfere Fragen darf man auch an den Dünkel thun. Literatur ist die Stimme der Kultur eines Volks. Cs gibt noch keine russische Literatur. Was man so nennt, ist nur von außenher angeweht, kein Eigenthum. Weil hier und da ein pocti' schcs Talent den Kenntnissen und Systemen der Schule vorbeiflog, ohne sich in eine höhere Luftschicht zu erheben, alo die eö sich aus dem Fmndm zum Vorbilde gewählt hatte; weil ein Roman, eine Novelle im glatten Npikuräiomus zur Druckerei lief, weil Galanterie und Witzelei für «Aenie und WeltweiShcit gilt, pflanzt sich 22-i 45 in Lievland und Kurland. Neval's Handel sank zuerst; schon seit dreißig Jahren. Ihm folgte Riga. Den Schlägen, dic ftinc großen Handelehanser mnst dnrcl' russische Vech'igmigm erlitten, sah die Negierung kaltblütig zu. und sie haben diese wichtigste Handelsstadt Rußlands, nächst Petersburg, nie wieder zu ihrcm frühern Flor gelassen. Mas war Riga's Handel bis 1820 in Vergleich mit der Gegenwart, und was es ist, das verdankt cS seiner Lage an der Düna und eigener Betriebsamkeit. Es ist wahr, die Dieberei der Zöllner und Sünder ging in's Nnverscbämte. „Bemerken Sie die dicken Nothschimmel." sagte einst General Paulucei zu mir, „wenn Sie dicke Pferde schen. so dient der Herr beim Zoll." Er wnßtc so gut wie Ieder^ mann. daß die Nefasquellen der Douamn durch Protektionen in Petersburg gedeckt waren, und daß ihre Goldadern dahin mündeten. Niemand führte eine so schwelgerische Tafel als ein Zöllner. Dennoch steucrteu Kaufmann. Nheder. Schiffer ohne Klagen ihr Scharf, lein. weil ihre Hand zum Geben freier gemacht war. Der Grundsatz „leben und lebcn lassen" war dem Handel gnustiger als atteS Guckcu auf Finger und Taschen. Die heutigen Douanicrs leiden an denselben nur noch raffinirteren Talenten wie die damaligen, und 224 Dic baltischen Provinzen. bic Konsumenten kauften ihre Bedürfnisse billiger un? besser, als cs heule durch russische Vermittelung geschieht. Es liegt Handels- und Staatswciöhcit genng in dcr Antwort, die einst dit Londoner Kaufmannschaft dem Minister Pitt auf seine Anfrage ertheilte, womit er ihr nützlich sein könne?: „der Minister werde sie ganz besonders zu Dcmk verpflichten, wenn er sich gar nicht um sie bekümmere." Ich möchte zwar der gesammten russischen Kalifmannschaft nicht rathen, ihre Meiilnng in dieser Art auszusprechen, allein mich dünkt, man brauche eben nicht vicljähriger Staatsmann zu sein, um cinznsehen, das« durch unermüdetes Auf' sichteln, Nachfragen, Veschneidcn nud Verordnen, der Freiheit und dem Wohlc dcS Handels scharf auf die Füße getreten wird. Die Wahrheit davon bat sich anch in den Ostseehäfen bewiesen. 6s gab im vorletzten Dezennium Jahre, wo nach Libau cin bis drei Schiffe mit Ladnng jährlich kamen. Nun geht es auch mit (Gewalt a» die Religion. Auf NkaS ist die griechische Kirche als herrschende da eingeführt, wo die lutherische nach bestehendem Vertrage es bleiben sollte. Evangelische sollen jetzt ihre Kirchen auch dem rnfsischen Kultus mit abgeben. Kinder aus gemischten Ehen, so wie uneheliche fallen der griechischen Kirche anheim, und die überall sich ansiedelnden Russen vermehren jene Ehen und diese Kinder. Ueberall ermuntern Negierung nnd Klerus zu Proselyte». In Finnland, besonder«) i«n evangelischen Wiburg, werden gcnng Lutheraner zum Uebertritt in die griechische Kirche überredet, und daß mehrere hundert Letten schon im Anfange dieses Jahres durch weltlichen und geistlichen russischen Einstuft dahin übergezogen sind, und ein lettischer Bauer zu deren Popen eingeweiht worden ist, haben bereits öffentliche Blätter mitgetheilt. Die lutherische Kirche sowohl als die katholische sind von jeher Die baltischen Provinzen, 225 mit Sprenkeln und Netzen von dm Russen umstellt gewesen, und ich wcisi auc« dcm Munde deö Gencralsupcrintendenten Sonntag, wie er gegen dic Einmischung der russischen Geistlichkeit von Petersburg her, für scine Provinzen zu kämpfen gehabt hat. Derselbe Ol'erhirte unterdrückte aber anch seine Unzufriedenheit nicht mit einem großen Theile der Laudgcistlichen. In seinem lite-raristhen Blatte rügtc cr oft, baß die Prediger alle wissenschaftliche Thätigkeit bei Seite setzten, lind ihr Amt wie gemeine Geschäfts-nnd (vrwerb^männer betrieben. (N redete Wabrheit. Den Lanv-geistlichcn der ^ftfteprovinzen sind große ^ändcreien angewiesen, jeder hat an seinem Pastorate ein einträgliches Erbgnt. Acker und Viehstand liegt gar vielen weit mehr am Herzen als das moralische Wohl der Gemeinden, die als Nebensache Sonntag mit einer Rede zum (vrbarmen abgefertigt werden. Man täuscht sich nicht selten, wenn man sich auf die Bekanntschaft eines Predigers freut, um eine ernste, in dic Seele greifende Unterhaltung anzuknüpfen, und statt dessen dabin sich bcrnntei'stimmei! lassen musi, zuzuhören, wie unzufrieden die Frau Pastorin mit dcm flachs sei, welchen ihr die Gemeinde, geliefert habe. wie schlecht die Gerste dieses Jahr lohne, wie der Herr Pastor aber durch die neue (vinricbtnng, die er in seinem KubNalle getroffen habe, kmistig auf mehr Dünger und bessere (nildtc hoffen tonne. Oft liest der ^üstcr aus einer Postille zu erbaulichem Zeitvertreibe vor. Und wo ist der Herr Pastor? Er fuhr gestern über 100 Werst weit nach Neral oder Riga, um eine neue ^per nicht zu versäumen. Möchte?5 doch noch immer das sein! Dennoch dürfen diese Provinzen geistreicher, würdiger Männer des gcist« lichen Standtö sich rühzuen. Der Druck, welchen die katholische Rcligiou von russischer Seite schon erlitten hat, ist bekannt. Daß es bei dem gegenwärtigen !1wßla»d. I. Ill 226 Die baltischen Provinzen. Stande nicht bleibt, ist auch für mathematisch gewiß anzunehincn, doch ebenso, daß eö dcr evangelischen Kirche innerhalb der Grenzen Rußlands nicht um cin Haar besser gehen wird. Der noch weiter von dcr russischen Kirche abweichende Lntheranisnmö ist dein'russischen Klerus cin gehässigerer Gegenstand alo dcr Katholicismus. Wessen Augen das Licht nicht ertragen können, ruft „Licht weg? " Dcr denkende und gefühlvolle Mensch, gleichviel zn welchem Glauben er sich bekenne, kam« nur tiefes Weh empfinden, wenn cr geduldig zusehen muß. wie die katholische Kirche, trotz aller in den Gesetzen des Reichs heilig verbürgten Freiheit des Kultus behandelt wird. Was kann ihm dies öffentliche gewaltsame Einbrechen in alle stipnlirtcn Rechte anders deuten, als daß auch sein Glaube jeden Augenblick ein gleiches Echiäsal zu gewärtigen habe. Der letzte Versuch Polens, seine ihm verhaßten Ketten zu brechen, hat auch den Haß gegen seine Religion zur Flamme gebracht, auf cinc Weise, daß malt fragen darf, ob das Verfahren der russischen Negierung nicht zn ten Phristeiiversolgnngen in den ersten Jahrhunderten zu rechnen sei. Nom erblickt hier im Spiegel sich selbst, was die absolute weltliche und kirchliche Macht, in einen«. Haupte vereinigt, zn tlmn vermögend sind. Man untergrub die Geltung dcr katholischen Kirche auf verschiedenen Wegen. Man entzog ihr die Mitglieder durch zahlreiche Deportationen nach Sibirien oder in die Steppen der dort angrenzenden öden Gouvernements. Diese Kntfülnnngen trafen nicht nnr. Polen am linken Wcichscluftr, sondern noch mehr die alten zu Rußland gehörigen polnischen Th«le, Wilna, Mohilcw n. s. w. In diese Deportationen warf man einen bedeutenden Theil dcr polnischen Nation, die Odnodworzen, oder dcs niedern Adels ohne Bcschthui». Sic wurden ihrer Adelorcchtc für verlustig erklärt,. Dic baltischen Provinzen. 22? und um ihnen glcich ihre (fruiedrigung recht fühlbar zil machen, wurde cine Menge dicser Klassc, die einer guten Erziehung sich cr-freut hatten, in die russischen Negilucntcr als gemeine Soldaten gesteckt, und den russischen leibeigenen Vaucrjnngtn gleichgestellt. In dcr Iitgenienrschule zu Pcttrol'iilg „nd andcm Aiy'tallcn sind sie als gemmie Pftiscr und Dlidler zu sintcn. Um diese frühere Adclökaste ganz zu vertilgen. ist sie, laut neuern Mas, verpflichtet, au jeder Nekrutenmiöbel'una,. sie werde für die östlichen l'der für die westlichen Gonverilcments verordnet, Theil zn uelimen. Absichtlich sind die Tausende der deportirtm Katholikcn in Gegenden geschickt, wo sie jedes religiösen Beistandes entbehren, wo der Mangel an katholischen Geistlichen sie nach und nach zwingen wird, ihrem (Hlanl'cn zn entsagen. Das russische Kultusministerium führt die Aufsicht über die katholische Akademie zu Petersburg. Im katholischen Departement dieses Ministeriums ist ein russischer Etatörath alö Chef. Dcr Ein« stuß deS Bischofs ist von dcr Akademie gänzlich ausgeschlossen, er darf sich weder in Unterricht noch Verwaltung mischen, der russische Gcniuö allein hat das Recht, das geistige und geistliche Wohl aller Bewohner des Reichs zu ordnen. Zun, Schein aber, daß das Ministerium nicht nach Willkür verfahren könne, ist ein katholisch-aka^ demischcr Nath errichtet, dcr aus katholischen geistlichen, nnd russischen weltlichen Professoren coustruirt ist. Ein Buch für die katholische Kirche im ganzen Reiche darf nur durch die Druckerei dcr katholischen Akademie in der Residenz erscheinen. Die b'inküufte dcr Geistlichen aus unbeweglichem Besitz. Kapitalien und Zehnten sind gestrichen, die extraordinären Einnahmcn durch die Gemeinden beschränkt oder ganz verboten. Die kräftigsten Stützen deS katlw-lischen Nlaubcnö unter deu Kloster- und weltlichen Keistlicl'en sind 228 Die baltischen Provinzen, nach Sibirien verwiesen, andere in die russischeu Klöster vertheilt. Die Geistlichen der unirtcn kriechen sind russische Kirchendiener geworden, und diesen Unirten ist nichts übrig geblieben, als sich mit Leib und Seele dem Schisma zn überliefern. Klöster wurden aufgehoben, und in den noch bestehenden darf kein Religionsunterricht ertheilt werden. Mohilew, diese Diöcese btinal) über das ganze russische, Ncich ausgedehnt, hat seinen Bischof nnd sein Seminar verloren. Der gesammten katholischen Geistlichkeit Polens nnd Nußlands ist als einzige Stndienqnelle das Petersburger Seminar angewiesen, dessen entlassene, von Russen zngestnhtc Seminaristen allein als Priester sungiren dürfen. „Ich werde die römischen Katbolikeu nur unter der Bedingung dulden, wenn sie mein Primat anerkennen, nnd jedem Verkehr mit Rom entsagen." So waren die Worte des Kaisers in diesem Seminar. Die Potenzen zu dieser Wurzel sind leicht zu finden. l>s ist nicht die russische Kirche in ihrem Umsichgreifen allein, die verfolgend gegen Mitchristen auftritt, es ist mit ihr die russisch-slavische Propaganda, die nach allen Richtungen hin nnter dem Priestermantel sich ausbreitet, und welche das Christenthum, den Mnhaimdanioinus, das Indenthum nnd Hcidenthum in ihre politischen Berechnungen zieht. Die orientalische Kirche wie die dcS Westens sind von Rußland zu einerlei Zweck angegriffen, nnd die drei Mächte, die Türkei, Oestreich nnd Prcnsien sind davon am nächsten berührt. Bliebe Europa so sorglos ruhig nnd nachgiebig gegen Nußland wie bisher, so wäre es die unverantwortlichste Sünde, die je gegen den Fortstbritt der Menschheit begangen worden, denn Barbarei könnte nur das Resultat sein. Welches Heil ein Poventhmn ge- Die baltischen Provinzen. 229 wahrt, darauf antwortet das russische Volk, das nun seit tausend Iahreu gelenkt und getrieben wird, ohne je mit Liebe verstanden und anf eine moralische Sphäre hiugcleitet zu sein. Man schlage in Rußlands Dasein eine Seite auf welche man wolle, immer wird man auf ein Regimen stoßen, das äußerst klug die Nichtnng nie außer Augen lästt. wclche seinem autokratischm Prinzip zur Basis dient. Dies Regimen hat andere Nationen immer so zu behandeln gewußt, daß sie seine Tendenz nicht als Zweck, sondern als eine unwichtige, vorübergehende Erscheinung erkannt haben. Stieß es auf eine ihm die Spitze bietende Macht, so schmiegte es sich wie das Nohr dem Stnrme, um nicht zn brechen, sondern sich wieder aufzurichten, und einen günstigern Zeitpunkt für sein Ziel abzuwarten. In gerader, kenntlich gezeichneter Liuic ging es nie, nnd wenn Europa dagegen energisch bewiesen hatte, daß der gerade Weg der kürzeste sei. so ware es auf seinen Kurven nicht so weit gekommen, wie eö vorwärts gedrungen ist. Von einer Regierung, die sich zum Gebieter sowohl der gesellschaftlichen als himmlischen Moral macht, die sich zum Herrn nnd Schiedsrichter der Wahrbeit. der religiösen Ueberzeugungen und Meinungen in allen ihr unterworfenen Völkern auswirft, die nicht eher Ruhe hat, bis jeder Mensch in ihrem Reiche glaubt, daß er nnr durch die von ihr gekochte Kuy-» (Todtcnspeise) sich zum Engel schmausen, den Paß zum Himmel nur von ihr ausgestellt aus dem Sarge langen könne, von einer solchen Regicruug läßt sich nur cm Damiurgos erwarten, welcher die Menschheit in ein Kloster der Barfüßer, den Strick um den Leib und die Geißel daran, sperrt. Ueber religiöse Ueberzeugung hat keine irdische Macht zu gebieten. Wer zu Christus Lehre gehört, kann sein Wort nicht ableug- 230 Die baltischen Provinzen. Um: „ Mein Ncich ist nicht von dieser Welt," und wer dem 5faiftr gibt was des Äaifero ist, darf in seinem eigenen Vernlinft- und Gottebrcichc leben, ohne deswegen für Sibirien reif zu sein. Dic Religion des Christen selbst hat ihm gesagt, um wessen willen er die Tngend erstreben soll, aber Kaiser lind Könige sind dabei nicht genannt. Die schismatischcn Popen und ihre Propagandisten sind von Hoffnungen erfüllt, die sich im Oriente und im Westen verwirklichen werden, und haben schon die Deutschen ganz naiv gefragt, ob sie glaubten, daß das Popenreich an der Alcxanderschanzc geschlossen sti. Bekanntlich nimmt sich cinc Sache in der Nahe ganz anders aus, als wenn man sie in der Ferne betrachtet. Nun sah ich ganz nah, daß die Bevölkerung in den Ostseeprovinzen sich anders ausnahm als in den Ministertabellcn. Ich erlebte, daß obzwar Friede im und am Lande, dennoch die fatalen Bergvölker, die Lazarethe, dicHeilkünstler in den Kasernen und viele «>>e5 nol^li so mörderisch in russischen Heeren wirthschafteten, daß viele Kütcr in der größten Verlegenheit waren, einen tauglichen Taugenichts, oder einen guten brauchbaren Sohn aus ihren Gemeinden bei einer Nekrutcnaushcbung zu stelleu. Ich rede nicht von der glänzenden Epoche der heroischen Drnschine, die beim ersten Anblick des Feindes wie Schnee vor hoher Sonne zerschmolzen. Ich rede von spaterer Zeit, wo die ssharpic zwar in den Wnnden noch steckte, wo cS aber doch hieß, wir saßen an unerschöpflichen Quellen. Ich konnte kein Rieseln, kein Murmeln einer Quelle vernehmen. Ich hörte nur Seufzen und Stöhnen, wenn der Befehl da war, neue Jünglinge in daö Labyrinth zu liefern, die kein Theseuö wieder zurückbrachte. Ich will aber sogar annehmen, daß die Aufklärung durch außer-eheliche »nd gutsherrliche Hülfe die Volksmenge vermehrt habe, so Die baltischen Provinzen. 2U gehört doch ein solider Köhlerglaube dazu. daß Rußland in etwa 20 Iabren um 20 Millionen Anihropolithcn reicher geworden sei. Die meisten Menschen überhaupt dnrch Zahlen zn überzeugen, ist keine Kunst, nnd solchen, die ein MinisteriabssinmaleinS für ein Evangelium nehmen muffen, läsit sich auch beweisen, daß zwei mal zwei sechs ist. Wer in Nußland die ungeheure Ausdehnung des Neiebö mit seine» Hunderte Meilen großen Wüsten berücksichtigt, du Untreue «nd Gewissenlosigkeit der Beamten, das Streben derselben dnrch Plllsangabcn nnd Lügen. sich zum lieben einer Belohnung wertl'en Kinde zn machen, die eigene Lnst der Regiernng. Alles immer im Fortschritt und Glänze zn zeigen, der darf wohl fragen, ob die Negierung selber die Richtigkeit der publizirtcn Zahlen beschwören wollte? Im Petersburger Kalender sind sehr oft Verzeichnisse aus den Ministerien zn finden, welche auf das Genaueste an> geben, wie sich daö Heil des Staats in allen lächern in Loth, Solotnik und Kopeken ausdrücken lasse. Man kann sogar von Ländern wie Frankreich und England keine so genane Angaben erwarten, wie Rnsiland von seinem Innern mathematisch gewiß aufstellt. Die Mode, bei Zahlen den Mund recht voll zn mbmcn, ist altes russisches Herkommen. Katharina II. nahm in ihrer Instruction für Gcschgebung und Einrichtung der Kollegien an. dasi auf ein russisches Ehepaar im Durchschnitt zwölf Kinder zn rechnen wären, und sie stützte sich gewisi auch auf Ministeltabellen. Von Meerschweinchen. Mäusen, Sauen n. f. w. ist die Frucl'tbarkeit bekannt. A»f eine christliche sshe aber eine Heckerei von 12 Inngcn im Durchschnitt zn rechnen, ist doch zu stark urintreibeud, der thierische Magnetismus thut in dm russischen Nymphen nicht größere Wunder als in andern. 232 Die baltischen Provinzen. Schon die russischen Nckrutinmgen allein lassen die Volksmenge nicht so schnell anwachsen, wic tic ministeriellen Listen glanbend machen wallen. Rekruten! Das Wort fliegt durch die Dörfer und Städte wic eine krächzende Todteneulc. Die Hausthüren fliegen zu wie vor ciucm stürmenden Hagelwetter. Angst preßt die Familie zusammen, die einen Sohn hat, reif zur Dressur für die Unbesiegbarkcit. Möglichkeiten werden aufgesucht, dem Uebel zu entgehen, sobald der Ukas erscheint, wieviel Prozent von der Scelen;ahl gelben werden sollen. Icdeö Gollvcrncment bcstiiumt später die gräßliche Nacht deß b'infangenl«. denn nicht aufgefordert wird der künftige Landes-Vertheidiger sich zu stellen, sondern heimlich, überlistet wird er wic der gemeinste Verbrecher eingefangen, nud von dem Augenblick cm als solcher scharf bewacht. Die Gutshcrrschaft empfängt den versiegelten Befehl. Tiefes Geheimniß rnht auf dem Inhalte. Immer müssen mehr als die bestimmte Zahl aufgegriffen werden, weil es ungewiß ist, ob die Erwählten tauglich befunden werden. Die, Acltesten der Gemeinde empfangen nuter Verpflichtung des Schweigens vom Gutsherrn den Befehl, in nächster Nacht die Kinder ihrer Brüder von deren Herzen zn reißen. Das (5i»faugen ist jedoch von fernher ruchbar geworden. Die Aeltesten kommen. Alle jungen Bursche sind fort, im Walde oder sonst wo verborgen. Doch das Gebot ist streng und die Verantwortlichkeit groß. Da wird endlich b'iuer ergriffen. Noch ssiner dazu. Sie müsseu dran, dao Land, welches sie nie gesehen haben^ nicht keunen mochten und verwünschten, gegen Feinde zu schützen. Sie haben bis jetzt keine glücklichen Tage gehabt, der Schweiß rann ihnen heiß von der Stirn, ehe sie den Pissen Brod gewannen, der Die baltischen Provinzen. 223' eben hinreicht, sic gegen Hunger zu bewahren. Aber sie sind bei ihrer Familie, die Sonne, nut der sie früh aufstehen, und sich bis nach ihrem Niedergang nuidc arbeiten, bcscheiut ihre Heimat, ihre Arbeit war mit für das Vaterhaus. Der Gefangene wird in die Gouvernemcntöstadt geliefert. Dort ist die Annahmccommission, der Gouverneur an der Spihe. Nackt werden die Opfer ,"'<> i!,»l.il» i» das Sessionszimmer geschoben. Der Arzt untersucht von der Fußsohle bis zum Haupthaar. Der Jüngling ist gesund und fehlerfrei. „Sperr das Maul auf!" Der Arzt guckt hinein mit dem Späherblick des Schatzgräbers. Das Gcbiß ist ohuc Tadel. l5bm will cr sein Zeugniß „gesund" dein Gouverneur zurufen. Doch sieh da! An den Backenzähnen liegt ein Halbimpcrial oder Dukaten. Husch hat der Mbtc ärztliche Finger das l^old aus der Grube in seinen Handteller geschnellt. „Nein, der Kerl taugt nicht, cr hat den Schwamm, alle Zahne wackeln, in 4 Wochen hat cr keinen Zahn mehr!" b'r ist frei. Der Bursch springt hinaus in sein Bauerwams wieder und in sein Dorf. Die winzige Goldscheibe läßt ihn bei den Teinigen bis zum nächsten Tribut. Ohuc diese goldnen Zahne ruft der Gouverneur „Lop l" (die Stirn) und der Rekrut ist angenommen. Der Vordcrschädel wird ihm glatt wie ein Bart abrasirt, damit man ihn erkenne wenn cr entläuft. Verhunzt steht cr da, lvic ein Thier aus dem Viehmarkte gezeichnet. Ist die vorschriftsmäßige Anzahl im Gouvernement voll, so werden die neuen Vertheidiger des Vaterlands cm dic Regimenter versandt, die höchsten Bäume zur Garde. Nun beginnt die Dressur. Den Rekruten empfangt zuerst ein Soldat für den Elementarunterricht im Stehen und in Haltung. Für jede Lection muß der Eleve wenigstens ein Glas Branntwein 234 Die baltischen Provinzcn. zahlen, sonst gibt es gewaltige Rippenstöße. Die Humaniora übernimmt dann tin Unteroffizier. Der Scholar mnsi balancircn lernen, auf eincm Fuße stehen und dm andern steif so hoch ausstrecken, daß ein rechter Winkel am Ansatz seiner Schenkel herauskommt. In diesen W Graden bleibt er so lange es dem Docenten gefällig ist, sonst setzen Hand und Faust den Winkelmesser an, wenn der Winkel um einige Grad verkleinert wird. Sind die ersten Klassen mit den Beinübungen überstanden, so fängt das Ocsicht des Rekruten an, den fahlen Kasernenteint anzunehmen, die Backen sind magerer geworden, und mm swdirt er schon in Masse im Kasernenhofe das donnernde Lauffeuer „Hurrah!" Jetzt drückt er die Flinte au Herz und Wange, und er hat endlich so viel Tollkühnheit innc, daß er keine Miene verzieht, wenn eine Gallwespc seine Nase für ein Mhen-l'latt ansieht, und einen Gallapfel daraus sticht. So harrt der Unüberwindliche nur anf den Feind. Das ist die Schule dcS Militärs in den Ostsecprovmzen, in Polen und in ganz Nußland. Ich kann von den Kinländeru, Lievlaudcrn und Esthlandcm im Allgemeinen mir Gutes reden. Wie in Deutschland die Kur» länder und Licvlander zu dem Epitheton „die stolzen" gekommen sind. daö wciß ich in der That nicht. Ich babe sic auf deutscher, russischer und anf eigener Nrde kennen gelernt, und niemals dies „Stolz" als gleichbedeutend mit Hochmuth gefunden. Ich schöpfe meine Behauptung durchaus nicht aus dem mir persönlich gewordenen Wohlwollen von vielen Familien, sondern aus ihrem Betragen gegen Andere. Wer unter diesem Adel, denn von dem rede ich nur, sich unbehaglich fühlt, wird den das Leben in vielen Landstrichen unsres adligen Dentschlands etwa mehr ansprechen? Wird er die Una/bundenheit, das freundliche und wirklich herzliche Zlivorkom- Die battiscl'en Proving». 23ll men, die allgemein bekannte Gastfreundschaft von dort, auch hier finden? Viele jenes Adels sind in russischen Militär- und l>ivil-diensten, mehr widmen sich am heimatlichen Heerde Aemtern und der Laudwirthschaft. Nirgends bin ich einem schlotternden, unthä-jhigen und uukultivirten Leben begegnet. Ob diese Küstenländer vordem Tvrannen so in Masse gehabt haben, daß Mcrkcl sich bewogen fühlte, um den schrecklichen Zustand der Bauern Licv- und ss-fthlandS zu mildern, die Oeffentlichkeit in Anspruch zu nehmen, möcbtc ich wohl bezweifeln. Einzelne und nicht hänsige Bauernschinder gab es gewiß, ich konnte auch deren nennen, aber das Uebergewicht hatten unstreitig die Guten. Cs sind immer seltene Beispiele geblieben, welche das Ganze verabscheute, in sich nicht duldete, sobald sie zur Kenntniß kamen, und die am Allerwenigsten aus (Neist und Ddem des tanzen hervorge« gangen waren. Merkels Dreschflegel war übrigens nicht gefahrlich, er konnte nur nützen, indem er Die, welche er traf. Zurückhaltung und die öffentliche Stimme Aufmerksamkeit auf sie lehrte. Ich war mit Merkel persönlich bekannt. (?r gestand selbst, zu seinen „Letten" vielfach falsch unterrichtet gewesen zu sein. Lr hattc^fich selbst geschadet. Er war gescheut. Aber er genoß mehr Achtung, als sein Gegner Kotzebue. Merkel besaß weit gründlichere Ktuntuisse, alö der Theaterdichter. Er ließ sich nie wie dieser verleiten. Familiengehmnuisse auszubeuten, um sie in Romanen zu veröffentlichen und zu entstellen, oder gar Andern abgestohlene literarische Tachen sür eigene s^cisteövrodukte auszugeben. Merkel verlies sich in seinen lilerarisä'en Arbeiten nie, wie Immermann sehr wahr von Kotz ebne sagt, in das Dumme und Alberne. Merkel wollte nie ein Allerweisheitöthürmer wie dieser sein, der am ssnde die EMander, die ihn tausendfältig in Kenntniß des Feldbaues 23« Dic baltischen Provinzen. überragten, den Kartosselban lehren wollte, und zu volicischm Agenturen hätte sich der Verfasser „der Letten" nie verstehen können. Zu der Hundsdemuth, wie der Nüsse, müedrigtc sich der Panier an der Ostsee nieinals vor seinem Herrn. Dennoch ist der Name Tschuchoncz (Finne) ein Schimpfwort im Munde des Nüssen, mit dem er auch Letten und Eschen bclcstt, und er denkt sich darunter tin weit unter ihm stehendes Wesen. Der ganzen Ostsee entlang springen dagegen dem Russen Antipathien entgegen. Für lettische und esthnische Sprache ist seit mehr als 30 Jahren Viel gethan, und für Heranbildung des Landmanuö von der Geiste lichkeit sehr thätig gesorgt worden, mehr wie der russische Leibeigene je berücksichtigt worden ist, dessen Adel und vorzüglich Geistlichkeit dahin streben, ihn in der dnmmdumvfen Bcsinnnngölosigkcit hinve-getiren zn lassen, wie es ihrem Zweck am vortheilhaftcstcn ist. Die esthnische Sprache ist wohlklingender und weicher als die lettische, und der Irrthum eines Fremden, der in Esthland bei den Worten an einen Kutscher gerichtet: „zmw tl>88» üll:» ^N.-»" sfahr' langsam über die Brücke.) fragte, ob der Kutscher ein Italiener sei, ist verzeihlich. Am kräftigsten tritt wohl der kurische Lette auf. Welch' ein tüchtiger Männcrschlag! Und waö für schmnckc Mädchen an der ganzen baltischen Küste hin. (5llo, Liso, Kadri, Maie, warum hat cnch noch kein Maler den Dentschen gezeigt, dasi sie sich freuten über die ihnen am nächsten verwandten Züge! Dic Religionsbcgnffe der Esthe», Finnen und Letten sind christlich, die des Nnssen an'ö Heidenthnm gelehnt. In der Gegend von Dörpt und noch anderwärts zeichnen sich die herrnhnt'schen Gemeinden wie überall durch Fleiß, Stille und Ordnnngsliebe aus. Ich habe gesehen, wenn ein guter Herr oder die Erbfrau durch Die baltischen Provinzen. 2Il7 das Dorf gingen, daß ihnen Erwack)ftne und Kinder heiter entgegen kainen und sich freuten, sie bei sich begrüßen zu können. Ich habc aber auch beinerkt, daß man sich bei einer Erscheinung vom Adels-Höft verkroch, nnd daß der Bauer, wenn er Jemanden von da in der Ferne erblickte, Kinder, Weib und Gesinde anglich wie ein Huhn seine Küchel beim Gewahren des Habichts mit dem Rufe in das Haus zog! ,,^,I^> tul^i!" (der Deutsche kommt.) Auf irgcud etwas muß sich diese Scheu gründen. Doch darauf möchte ich ION gegen 1 wetten, daß die Ursachen weniger iu dem Betragen des Herrn zu sindcn waren, und am wenigsten jeht sind, als daß sie ein Nacbhall des unglücklichen Zustandes sind, den die Sklaverei mit sich führen muß. Selbst aus deu fernsten Zeiten wird der Frei' gelassene ctwaö iu sich aufgenommen habeu, das sich nachschleppt, das forterbt, biö eine Verfassung der Freiheit es nach uud nach verwischt. Das Leben in den A Gouverimnentsstädteu Mitau, Niga und Ncval ist angenehm, und zur Zeit der Jahrmärkte und Adels-zusammenkünfte vorzüglich rege und interessant. Heiterkeit und ungezwungener, sittlicher Ton zeichnet besonders Neval aus. Ich zweifle, daß sich in dieser Hinsicht ein Ort in Deutschland mit ihm messen kann. Wie so manches Original gab Stoff zur frohen Unterhaltung. Eiu ausgezeichneter Arzt z. B. war auch wegen seiner großen Zerstreuung bekannt, b'inst ist er in eine große Gesellschaft gebeten. Auf dem Wege dahin macht er noch einen Scitengang in eiu geheimes Gemach. Von da ging er iu deu uahen Damen-und Hcrrenzirkel, und macht verbeugend die Nnude. Uuter dem Arme halt er den Deckel auf das Loch im Appartement, den er in der Zerstreuung mit seinem l>hapeaubas vertauscht hatte. Eine Fran S. v. H. war unumschränkte Gebieterin ihres gc- 238 Die baltischen Provinzen. horsamen Mannes, wie schwerlich noch einer an der Ostsee zu fin' dm ist. Tie konnte sich selber über ihn oft bis zum Mnthwillm belustigen. „Mein Mann ist gut." sagte sie einst in Gesellschaft, „er schlägt mir nie eine Bitte ab, und wenn ich ihn aufforderte, er solle eine Dose mit Pomade ausessen, er würde es thun." Der b'infall gefiel, man lachte, aber maiz zweifelte, daß die Gefälligkeit des Gemahls so weit gehen würde." „Sie zweifeln? Ich bitte um eine Pomadcnbüchse." Man bringt. „ T....'" ruft sie ihren Mann. „Was befeblen Sie mein Schatz?" „Ich habe gewettet, daß Sie diese» Topf voll Pomade aufessen würden, wenn ich e6 wünsche, die Gesellschaft zweifelt an Ihrem Gehorsam, was meinen Sic dazu? „Mein lieber Engel. Sie sollen Recht behalten. Dars ich wohl um einen Theelöffel bitten?" Der Theelöffel wird gebracht, und richtig der Gehorsame löffelt und schmaust zu allgemeiner Belustigung, als ob er eine Portion :> In ^lil^o verzehrte, und kratzt das Tövschen bis auf den letzten Fettrand ans. Noch eine wahre Anekdote aus der Nahe Nevals will ich anführen als Beweis, wie sehr die Mediziner nöthig haben, die Werk-statte der Natur noch anfmerksamer zu beobachten, als es trotz ihrcö Fleißes bisher geschehen ist. Eine Frau v. Str., anf dem Lande wohnend, wird krank. Der Hausarzt aus der nächsten Stadt eilt herbei. Der Sohn des Han-seö fragt ibu gelegentlich um Rath wegen seiner Rcttstutt, sie fei schon mehrere Tage krant »nd fresse nicht. Der Acskulap ist ge^ fallig, und als er die Medizin für die kranke Frau pravarirt, in- Dic baltischen Prooinzcu. 233 dem jeder Arzt eine Haudapotheke bei Besuchen auf dem Lande mit sich führt, so bereitet cr znglVich cine halbe Voutcille Mixtur für die Stalldame. Dllrch tin Gespräch zerstreut, verwechselt er die Etiketten der Flascben. Frau v. Str. nimmt getrost die Medizin dcr Stutc ciu. und diese den Trank der gnädigen Frau. Wcr erräth aber die Wirkling! Frau v. Str. lar,irt zwar dnrch dic wirkliche Pferdekllr. daß man schon nach dem Pastor schicken will, um ihre Tcelc am A»6gangc ^ z,0!<>,n Nu war die andere wicdcr am Rande dcö Boots. Pth verlor sic auf eben die Art, und cine Kugel ins Auge machte seinem Leben ein Eude. Ein am User stehender Baner winkte nnd rief unaufbörlich, während der besiegte Heros, der, mehr als zwanzig Feinden eine Stunde lang widerstanden hatte, an das Land gezogen wurde. Er berichtete, daß eine halbe Stunde weiter ein Bär in einem Haber-ftlde seine Tafel halte. Zwei Bären an einem Nachmittage. Am Pcipus ist daö nichts Seltenes. Leise wurde das Haberfeld umstellt. Es rührte sich nichts. Man rückte näher. Daß sich ein Gast recht dene gethan, und nach dem Mahl sich aus Ueppigkeit gewälzt hatte, lag vor Augeu, aber der Gourmand selbst war verschwunden. Das Signal tönte zum Rückzüge. Eben bogen die vordersten Reiter um einen Zaun, als quer vor ihnen hin aus einem kleinen, frei im Feldc liegenden Dickicht der gesuchte Petz über einen Morast dem Hochwalde zu trottirte. Drei leichte Pferde kamen ihm zuvor. Ein Schuß in die Seite invitirte ihn zur Umkehr. Nun hielten wir ilm im offnen Moraste umschlossen. Alis einem abgehauenen Birken-stamme sitzend, schien er seinen strategischen Plan zu überlegen. Zu ihm durch dm Sumps zu kommen, war unmöglich, man versank gleich am Nande bis über die Knie. Wir schickten »ach mehr Hülfe in das Dorf. Die Bauern umstellten den Morast. Andere brachen einen Zaun ab, und bald war eine schmale fliegende Brücke in den Morast hinein fertig. Die mit Flinten Bewaffneten gingen hintereinander dem Feinde näher, der sich durch eine Schaar großer und kleiner Hofhunde in seiner (ttemüthsruhc nicht stören ließ. Die Klasser standen ohne sich nahe zu wagen, und rasennirten. daß man sein eigenes Wort nicht hörte. Mit jedem Schritte der Jäger vor» Die baltischen Provinzen. 34? wärtö, rückten auch sie wohlbcdächtig dein Gegner auf den Leib, Endlich war Petz schnßrccht. Einige Schritte vor den Jägern stand dcr tüchtigste Schütz. derHosojager, im Wasser. Seine Kugeln psiffm und trafen, aber dcr Petz schüttelte sich nur und blieb sitzen. Die Kugeln waren noch zu matt. Die Brücke wmdc verlängert. Kaum fiel nun dcr crstc Schuß, so schritt der Bär im Sturmschritt und fürchterlich brüllend auf den vordersten Schützen los, dem man zweier andern wegen, die in den Sumpf gcsunten waren, nicht schnell genug folgen konnte. Ehe er es sich versah, stand daö wüthende Thier vor ihm, richtete sich auf, und hieb mit solcher Kraft auf seinen ill die Höhe gerichteten Doppellauf, daß er ihm das Iägcrwams, Weste und Hemde von der Schnlter bis auf den Unterleib zerriß, und die Krallen die Brust blutig rissen. Dennoch verlor der Beherzte nicht die Fassung bei diesem Faustkampfc. Er stieß den Lauf dcö Gewehrs dem Bär in den offenen Nachen, und drückte den Tod für ihn ab. Mehrere Kugeln sausten nach in den stürzenden Unhold. Die Hunde waren nun unersättlich, dem Todten die Haare auszurupfen. Wahrscheinlich war co die Gemahlin des erst vor einigen Stunden gebliebenen Sechcldcn. Znr Warnnng gegen Liebhaberei für gezähmte wilde Bestien hier noch eine Bärengeftbichte, wahr in allen ihrm Einzclnheiten. Gäbe sie nicht Novellenstoff? Ein junger, kaum in die Welt gekrochener Petz hatte daö Unglück, seine zärtliche Mnttcr schon im Wochenbette zu verlieren. Noch war er von ihr nicht zu gehöriger Form geleckt, als er wic ein Nomuluö, Nemus, l^m'ns und mehr solcher unsterblichen Genien, iu der bittersten Armuth, ohne Windeln sogar, von Hirten gefunden wurde, ohnc die er die wichtige Nolle auf einem Hoftheater AW Die baltischen Provinzen. nicht hätte spielen können, zu welcher ihn das Geschick aufgehoben hatte. Die mitlcidigeit Samariter trugen ihn zu ihrem Herrn v o n Harol, einem der berühmtesten Nimrodö des Landes. Dessen Freude war groß über den Findling, b'r adoptirtc ihn. Iu der Taufe erhielt er die Namen Caro, Nocco, Upsi-Tilli, Pharo. Vnru. Wasso lind noch einundzwanzig Namen dazu, aus welchen die Frau deö Hauses „Wasso" alö den schönsten zum gewöhnlichen Gebrauch wählte. Die süße Kuhmilch lind die unaufhörlichen Caresscn machten aus Wasso cm ganz anderes Wesen, als wozu ihn die Natur und seine verewigten Mem bestimmt hatten. Am Hofe erzogen. vergaß er bald, daß es außerhalb desselben auch noch lebende Geschöpft oder gar gleichgeschaffenc Wesen gäbe. Kr wltck's heran wie man unter Hofverhältnissen heranwachsen kann. Er ließ sich's wohlschmecken, hatte immer eine Echmarotzerkastc um sich, die ihm die Langeweile vertrieb, ging spazieren, und begriff in ihren Grundtiefen die Philosophie des Hofes. Wasso wurde nicht in der Ttalllust wie andere Hcfögeschlech-ter erzogen, (ir hatte sein besonderes Echlafgemach ncbeu seines größten Wohlthäters Cabinet, schlief auf weicher Decke uud ließ sich als «nlanl, FiU6 waschcu und kämmen, ohne daß er eine Hand dabei rührte. Vollkommene Güte und Oeduld wurde sein hervorstechender Charakterzug. Jede Hudelei nahm er für himmlische Schiekuug, und dieser ächt delttsch-christlieben Gesinnung halber ließ ihm auch Herr v. Harol die Gcwissenoftciheit bei der Celbstwahl der Religion. Wasso wnrde Protestant, denn er protesiirtc gegen alle Fasten, und in dm spater entstandenen Mäßigkeitövercinen wäre cr Die baltischen Provinzen. 249 nie Mitglied geworden, weil er nach einem Glase schlichten Kartof-felgeistcs auf seiner Decke süßer träumte alö viele Poeten und Poetinnen. Er genoß das Necht, in allen Zimmern herumzugehen. Groß und Klem durfte ihn necken, zupfen, auf ihm reiten. That man ihm weh, so lief er davon. Bissig war weder sein allerliebster Mund, noch seine Seele. Küsse regnete es auf seine treuherzigen Angcu, und wenn ein Landjunker ihm für seine Zärtlichkeit eben seine Lippen zur Belohnung aufgedrückt hatte, so brannte ihm ein Fraulein auf die nämliche noch heiße Stelle ihren Nostnmund auf. Zum Glück verstand er wie viele Geliebten nicht, daß die Gluth nicht ihm galt. Ich hätte dies Alles allerdings in die wenigen Worte sasscn können: „Wasso war außerordentlich zahm." indeß ich versuche Novellen styl. Wasso war also emitr» »>,u>ium zahm, noch zahmer wie ei» Lamm. Pferde, Kühe. Schafe hatten sich so an seinen Unigang gewöhnt, daß er unter ihnen herumlief. Wie ein Bruder spielte er mit Hunden. Er legte sich auf den Nucken und lies; sie auf seinem Bauche sich herumtummeln. Am liebsten hielt er in dieser Situation in den Vorderpfoten einen Mops in die Höhe, der sich dann grimmig ärgerte, wenn ihm der Spaß zu lange danerte. Nur mit Dur,, dem grosimachtigen Hofhunde, hatte er über 6 Monate in beständigem Streite gelebt, ohne daß es jedoch zu blutigen Scenen gekommen war. Doch auch diese Antipathie war besiegt, und man sah Dux und Wasso oft wie zwci Geschwister zusammen an einer Schüssel tafeln. Seinem Herrn war er so zugethan, daß er ihn auf jedem Schritte begleitete. Er war sein Adjutant in den Stallungm und 230 Tit baltischen Provinzen. auf den, Felde. Saß Herr v. Harol vor der Thür. allein oder in Gesellschaft, so lag gewiß Wasso vor seinen Füßen. Manchmal stolzirtc dieser an einem Stäbe, in einem Mantel und runden Hnte, anf dem geraumigeil Hose hcrnm, bisweilen erschien cr in Damenenveloppe nnd Strohhut, kurz- cr diente Jeder» manns Muthwillen mit tanscnd ^relidcn. Er war so klug, daß er bei der Annäherung eines Besuchs sings in sein Zimmer auf seine Decke lies, damit die fremden Pferde vor seinem Anblick nicht schell wurden. Der fromme, guthmüthtge Findling war bereits über ein Jahr in ssnrcbt und Liebe erzogen, der gelehrige Liebling des wohlthäti-tigen Hauses, von Vornehm und (bering geachtet, »ind erweckte seiner Talente wegen die schönsten Hoffnnngen. Seine Seele war allen Verwandten des Forstes entfremdet. Keine Woche verging., ohne das! er neue Fortschritte in Civilisation und Terpsichores Knust gemacht hatte, der er sich mit solcher Leiden-fchaft ergab, daß als einst zum GebnttStag der Hausfrau ein nissi-sches Schwitzbad, nämlich ein Ball, gegeben wnrde, unser Ballet-Meister Wasso mitten unter die walzenden Paare eine Bauerdirne herbeischleppte, die cr trotz ihres Stränbens wie eine leichte Phillis hcrmndrehtc. nnd mit kräftigen Armen vor dem Unfällen sicherte. Von Musik war er als geborner Nnssc ei» großer Verehrer, lind verstand auch bald so viel von dieser Kunst wie seine Nation. Die Cramersche Tchnle dnrftc er anf einem Klaviere, welches Noah auf dem Ararat mit ausgeschifft hatte, studircn soviel er wollte, nnr auf einem guten Flügel stille Gammen und Etüden einzuüben, war ihm streng untersagt, weil er sich die neuste Spielmethode schon damals angeeignet hatte. Bei ielem Griffe flogen il) Saiten in tausend Stücke. Dic baltischen Pvovinzc». 2ilt Er war im zweiten Sommer scineö Lcbenö. als eine nene merk' würdige Epoche für ihn begann. Statt rasi mau ibu bioher gewöhnlich auf zwei Füßen gravitätisch schreiten sah. ging er nun auf allen Vieren, gesenkten Hauptes cinher. l3r wurde tiefsinnig, ein Kopfhänger. Ueberstudirt hatte er sich nicht, gesund war er auch. denn er schluckte sein Stück Fleisch und einen großen Eimer voll Grütze mit Milch mit stets gesegnetem Appetit. Herr v. Harol hielt seinen Wasso geraume Zeit absolut für einen Pietisten, bis ihn ein Frennd von der Idee ablenkte. Dieser erzählte. Vin Pietist gcrieth einst in einen grundlosen Morast. Lr sank immcr tiefer. Als cr schon bis über das Kinn drin steckte, und der Ecl'lamm ihm in den Mund lief, betete er in seiner Frömmigkeit: „Herr! gcsegnc diese Speise! „und verschied. — Also ist mein Wasso kein Mucker, kein Pietist, dachte Herr v. H a ro 1, denn er verzehrt seine Mahlzeit ohne Gebet, und invitirt den lieben Gott nicht zu seiner Schale Milch, sondern verzehrt sie allein. Bei aller KopMngerei blieb Waffo der gntmüthige Allcrwelt-freund. Sein Zustand war also uicht gefährlich, nnr sonderbar. Ihn zu crgrübeln war unmöglich. Dem Hausarzte, dessen Medizinkasten der gefällige Wasso immer auö dem Wagen in die Ttnbc getragen hatte, kam er icht gar nicht mehr entgegen. Dem Koch trng er kein Holz mehr in die Küche. An Tanz und Mnsik fand er kein Vergnügen mehr. Allen hatte er seine Diestlcistnngen gekündigt. Allen aber bewahrte er die anerzogene Liebe und Treue. Der Doctor dichtete ihm ein schleichendes Fieber an. einen zurück getretenen Tcbnupfen, eine Verstopfung und Nervenschwäche. Da sich der verschwiegene Jüngling dnrebaus kein Klystir setzen lassen wollte, so präparirte der Aeskulap als weifer Allopathc drei und 282 Die baltischen Provinzen. zwanzig diocrst Medikamente zli einer Latwerge mit einem Pfunde vorschmeckenden Honig versetzt, von welcher dem m^I.'cl^ lm.^maii-e alle halbe Stnnde zwei Eßlöffel roll auf die Zunge gestrichen werden sollten. Herr v. Harol, welcher den AcSknlap zwar für seine Bauern in bedürftigen Fällen angenommen hatte, aber nicht für sich, seine Familie und Liebling?, traute der Medizin eher cinc schädliche als heilsame Wirknng zn, und verwarf sie, indem cr dem Znstande seines Wasso psychologisch nachspürte. Symptome für's Nachdenken fanden sich. Nachdem er, nämlich nicht der Herr, sondern Wasso, schon einigemal des Nachts zur Amme in das Bette gestiegen war, fragte sich Herr von Harol: ist der Kerl nicht verliebt? — Und so war ts wirklich. Wasso hätte gewiß ,,i«1 c«r pm non mi sentn" schmachtend gcsnngcn. wenn seine Stimme mchr Von der Natur stiefmütterlich bebandelt worden wäre. Die ersten Blüthen del> jugendlichen Herzens schlugen aus. nnd brachen mit tincr Flamme durch allc Kiwspcnhüllcn, daß dic. Schwärmerei den Jüngling alls seiner innern Traumkammcr nicht mehr zn seinen sonst irdischen Geschäften, ausgenommen die des Magens, cr« wachen ließ. Wasso war schön, ein Stntzer, nicht nur mit einem Ilonri «juiilra, sondern mit Barte nin Wangen, Ohren, Kinn und HM für alle modewechselnden Zeilen geschmückt, rer graziöser war als allc Pndcl- und Katzenfelle der modernen Affcngesichter. Wer je cin liebekrankcs Herz im Vnsen getragen hat, und welcher Sterbliche schlösse sich von diescr Epidemic aus, der wird sich auch in den Zustand Wasso's mit all seinen (YaleeremMlen hiueiudcuken können. DaS schöne Geschlecht seiner Nation hatte er nie gesehen, sich Die baltischen Provinzen. 263 allein nur im Spiegel alö Repräsentant des männlichen. Unstreitig wäre er nie ein Apostat seines Stammes geworden, hatte ihn das Geschick nicht in höhern Zirkeln erziehen lassen. Die rohen Gefühle des wilden Waldsohns waren verfeinert, sein Geschmack gebildet, sein Herz für Höbcres empfänglich. lNo lüleiol, ^u,-,! Konnte er. in der Hoflust erzogen, in der Sphäre der Il ^r>in momenta! Wasso stand auf einem Haberkasten unter dcm Stalltborge^ wölbe, und trieb mit Saschinka das von H. Heine s» genannte „horizontale" Handwerk. Ei Mordio! da regnete cö Prügel mit des Herrn Stock, ohne den er, wic ein Peter der Große, nie seine Hoftvisiten abstattete, und zwar zuerst ans die Nucken et cot'N-a der Kuhmägde, welche dieser ssoulissenverbindung neugierig zusabcu, und dann auf dm Väreupclz. laß der Staub wolkig herausfuhr. Wasso stand iu der That wie vom Schlage gerührt, und da die Beweise aus Pussendorfs rcchtlichcn Bedenken wider seine Sodomiterei immer nachdrücklicher wurden, so entfloh er. Taschinka, den störenden Zufall bedauernd, blieb stehen, allein cm derber Lungen- Die baltischen Provinzen. 233 hieb erinnerte sic an die Veinc. Indeß auch des Herrn Zorn über sie als muthmaßlichc Verführerin legte sich bei der Erinnerung, daß es ihr bei der Sehnsucht in das vierte Wochenbett wie jener Actrice gehe, die, als man ihr auch den Vorwurf machte, jedes Jahr im Kindbette zu liegen, mit dcr größten Unbefangenheit antwortete: „Wie leicht ist ein Mäuschen gefangen, welches nur ein Loch hat!" War das Drama mit dem Polterabende der Liebe geendet? S a sch i ll k a erhielt auf unbestimmte Zeit Anest. Wasso vergaß sie, aber die Prügel hatte er sich hinter das Ohr geschrieben. Vcr-litbtscin war sein ganzes Verbrechen, es rcichtc hin ihn unglücklich zu machen, und seine Umgebungen in tiefe Trauer zu versetzen. Welche Warnung für die unerfahrene Jugend! Es kam die Erntezeit. Alle dienstbaren Geister des HofcS waren eines Tages als Garbcnbindcrgchülfen ans daö Feld geschickt. Gegen Abend folgte Herr v. Harol mit seiner Familie nach, versteht sich, nicht um zu helfen. Im Hanse, in welchem zur AbiM lung alle Thüren osscn standen, war die Amme mit dem dreimonatlichen Kinde dcr Herrschaft, mit dem Koch und einem vierjährigen Mädchen zurückgeblieben. Anch Amme und Koch waren im heimlichen Liebcsvcrständniß, nnd während das Kind in der Wiege schlief, genossen sie in der Küche die süße Gewohnheit des Daseins. Da erwachte W a sso, dcr sich in dcr Hitze einem aale« lar nitmt0 überlassen, und den Spaziergang der Familie verschlafen hatte. Er steht auf. Er sticht in allen Zimmern nach Gesellschaft. Er geht an die Wiege. Das Kind schlummert. Er hebt es mit einem Pack Kiffen in seine Arme. Dcr kleine Schläfer erwacht nicht nicht. Wa sso geht auf den Hof, das vierjährige Mädchen mit ihm, das sich vor kindischer Freude kanm zu lassen weiß. Indessen kommt die Amme in die Stube znrück. Die Wiege ist leer. 286 Die baltischen Provinzen. Sie erblickt das weiße Kiffen in Wasso'S Armen, der in dcr Ferne auf- und abspaziert. Mit Angstgeschrci will sie auf ihn zu. Lr dreht sich behende, in einem Arm hält er dao Kind, mit dem ander» stößt er die Amme von sich. Dem Koch geht es eben so. Er ergreift einen Stock und pufft auf dem Pelze herum. Wasso giebt das Kind nicht ab, und- als ihm der Angriff zn bnnt wird, klettert er rasch auf einen Holzhaustn, u»d feuert mit Holzscheiten um sich, sobald man sich ihm nahen will. Güte und Strenge sind vergeblich. Wasso zeigt schon die Zahne. Das Kind fängt an zn schreien. Koch und Amme stürzen sich nun auf diesen Kunz von Kauffungen, er zerreißt beidm die Kleider, und schleudert sie von sich. Die Angst treibt die Amme auf das Feld. Herr v. Harol eilt herbei, und besteigt den Holzstoß. Wasso wirst ihm einm Klotz an die Brust, daß er umtau-melt. Jeder Versuch, das Kind wieder zu bekommen, ist verlorene Mühe. Sein Geschrei mehrt sich. Der Herr fordert sein Gewehr. Man läßt Wasso in Nuhe, er sitzt still und unbeweglich. Eine Kugel fliegt ihm mitten durch den Kopf. Er sinft. und dcr Koch nimmt das Kind unversehrt aus des Sterbenden Armen. Daß die baltischen Provinzen nach und nach verrussen müssen, daran ist nicht zn zweifeln, wenn die Winde vom Eismeer die vor» herrschenden bleiben und die Saaten durchwehen. IedeS Jahr wälzt neue Ballen mit Verordnungen hinein. In den Handelöstand, Lchrstand, Bcamtcustand schiebt Petersburg Nussm. die desto brutaler sich breit machen, jemehr sie untersti'cht werden. Viel deutsche Söhne kehren ans dem Milit.ustaude in ihre Heimath mit deutschem Wesen zurück, viel bringen den russischen Dünkel sammt all seiner widrigen Adjutantur mit, uud befördern unwillkürlich russisches Streben. Das Begehren uach russischen Vcrzieruugcn. sonst unbc» Die baltischen Provinzen, 257 karmt, wird reger. Die Zeiten, wo ein von H., an dcssen Verdienste um seine Provinz die russische Regierung glaubte, auch ein Ordeuchcn hängen zu müssen, sich öffentlich weigerte, dies Zeichen der Belolmung seines Wcrtbs anzulegen, und mit dem Tschinownik-schrcil'cr oder Fähnrich einerlei Geltung und Auszeichnung zu haben, die Zeiten sind nicht mehr. D« Adel, besonders in Esthland, ist nicht durch Verschwendung, sondern durch russisch zärtliche Einmischung in das Wohl seiner Provinzen bedeutend armer geworden. Seine Besitzthümer gehen in die Hände-reich gewordener Handwerker, die an Bildung schwächer, ohne Gesammt- oder Vaterlandsinteresse. ohne Zusammenhalten als Korporation, dem RussismuS weder Widerstand leisten können noch mögen, weil sie gegen den Adel absichtlich begünstigt werden, und eine Schwächung des Adels in» Egoismus der Autokratie liegt. Graf Benk e n dorf war ein (lsthländer. Durch das Gewicht bei zwei Kaiser» war es ihm möglich, russischen (5i»f1usi auf die Provinz seiner Geburt noch in Schranken zu halten. Sehr rechtschaffene Deutsche des alten Adels ant« diesen Provinzen stehen in Petersburg noch an der Spitze russischer Verwaltung, sind in deS Kaisers befolge; aber theils zu weit in das russische Interesse gezogen, theils durch das aufgethürmte Uebergewicht desselben verhindert, kann ihr bester Wille zu keiner gegenwirkenden Kraft mehr werdm. Der junge, dnrch metallene Verdienste geschaffene Adel, vermag seinen Glanz und Stützpunkt nur in Petersburg zn finden, er schließt sich an die russische Influenza, in der Nahe wollen weder Güter, noch Parks, noch Treibhäuser den Häringsschwanz bedecken. 2V8 Die baltisck,!,'!! Pri,''<'i!!;cn. Die Söhne des ärmer gewordenen Adels sind genöthigt, eine Laufbahn in Rußland sich zu eröffnen, und wcnn von denjenigen derselben, die sich dem Tschinownikthnme hingeben, noch cine un Versehrte, frühere, cdle Gesinnung übljg,blM, ft darf man es unter die Wunder zahlen. i>/l^lm ''^ : ' ' " Aus den Marken der Deutschen 'an"der Ostsee ward keine Lyra Vmusiums gehört, keiner war dort, der von der Natur der Oötttr. vom Verhängnis; wie Jener in TuskulumS Schatten schrieb. aber viel Piedertcit herrscht, viel Thäter der Pflichten uud Wächter der Ehre sind da, uud mancher Klang geistigen Herzens verschönt das Kunst und Wissenschaft in ihrer erustcu Würde, nicht in Nachahmung und tändelndem Dilettantismus waren immer gepflegt, wo deutscher Sinn den Ton angab. Vutnpeö Lyra ist da nicht geklimpert, sondern immer verstanden worden. Eine Mara konnte sich wohl in Reval niederlassen, aber uicht in der Residenz, dem Grabe aller Kunst. In Niga hörte mau vor 30 Jahren ein Ensemble im Orchester und in Konzerten des schwarzen Häuptcrsaals. zu dem eö Petersburg bei allem Aufwande hentc uoch nicht hat bringen können, nicht aus Mangel an Künstlern, sondern des nissischen Commandos wegen, dem es fremd und gleichgültig ist. ob die einzelnen Theile eines Kunstganzen sich verstehen oder nicht, ob heute ein Instrument zu diesen, morgen zu jenen beordert wird; und welches ein Opcrnorchester wie russische Negimentömusit traktirt. Hörte man in Petcrbburg z. V> zur Ieit der italienischen Oper ror 10 Jahren etwas Gutes, so dankte man cs theuer verschriebenen Ausländern, und wenn die Deutschen aus den Orchestern davon zögen, so hieße das, Rußland schließt stinc Theater. Die l'a!tis>'s,cn Pvoriuzc». 289 Künstler und Künstlerinnen ans Thalia's und Mclpomcnes Tempel wie Riga und Rcval besaßen, hat Petersburg nie gehabt. In der russischen Akademie der Künste sind noch keine Kugel« chcn, Esthland gehörig, gewachsen, und der Genius von Neffe schwingt sich höher als der gefeierte Schöpfer des höchsten russischen Kunstwerks „der letzte Tag von Pompeji." Blieb der Genius der Gastfreundschaft irgendwo unter Europa's nordischem Himmel zurück, so war es bei den gastfreundlichen Menschen der baltischen Provinzen. Diese Wahrheit gcht nicht um über Kurlands Auen in die Länge und Breite, nicht nur der Düna entlang an ihren anmuthigen Ufern bei Stockmannöhof, Krentzbnrg, und binübev nach dem Tbale Kremonens und Treidens zu dem alten Wendenscblosse. daö lieber in die Luft flog als russisch heißen wollte, sondern binanf an der Narcw Fall, nnd auf ihr hinaus in das Meer. dessen Wellen die Guten grüßen von thcilnchmenden Völkern und Frcnnden. Dies Blatt möcht' ein Denkmal Euch stehn, Es kann nicht, ein Blatt muß vergeh'». Es möchte den Palm unvergänglich Weit über die Zeiten Ench zich'n; Etz kann nicht. Doch uuübcrfchwänglich Wird stets seine Liebe Euch bluh'n. Anb der Vergangenheit haben diese fnichtbaren Küstenländer auf ihrem Boden genug Thaten der Nnsscn auszuweisen, doch nur Greuel der Verwüstung und Nnmenschlichkeit. Walt her von Plcttcul'erg und anlere Anführer, Schlachtebenen von Wcsen- bcrg, Wenden. Fclin nnd mehr Trtcn, bcwiesen schon vor Jahr- 1?" Hsft Die baltischen Pioliiuzcil. Hunderten, wie sehr sich deutscher Sinn gegen russische Annäherung sträube. Es bleibt den Russeufreundcn überlassen, dic Deduction tcs Heils zu sichren, das von Rußland auf deutsche Erde überge« strömt ist. In Narwa scheidet sich Deutsch und Russisch. Ich habe die Feste und ihre b'bene ringsliin nie sehe» können, ohne daß nur dcr Gcist dco tapfern und rechtschaffenen Karl Xll. vorgeschwebt hätie. Ich dachte mir ihn, von eines Ossians Harfe begleitet, seinem Häufchen in jenem Schneegestöber voran, die bangen Schaarcn, wie Wolken vom Sturm gejagt, vor sich hinschcuchend. wie sie sich hinwarfen vor seinem Namcn zu Tausenden als Gcsangcnc. die doppelt an bcr Zahl seinc Getreuen überragten, und wie cr sic dem Czar, der sein Auge mied, verachtend wieder zuschickte. Das war Karls Unglück. Die Nemesis ruft jedem Heros zu. auch den kleinsten nicht zu gering zu achten. Was Karls Mißgeschick vollendete, war des junge» Königs als leerer ssigUisinn verkannter, lvharakter. Nr vermochte cs nicht über seine Seele, Ethik von Politik zu scheiden. An diesem Kreuzwege steht oft das menschliche Leben. Die Fragen, die Karl an das Leben that, nehmen ihm nichts von seinem moralischen Werthe, und die Antworten, die cr vom Geschick erhielt, nehmen ihm eben so wenig den Lorbeer vom Haupte. Was vom Weltmgeistc zu Guropa's künftiger Unruhe einmal geschrieben stand, das mnßtc geschehen. Möchte das launige Glück zehn Pnltawa seinem Günstlinge zugeworfen haben, sie verdunkelten doch einen Sieg bei Narwa nicht. Dies Schlachtfeld, welcher Ideenstoff! Wie viel Tausende russischer Gebeine modern von einem einzigen schwedischen Faustschlage. Dic Faust ist noch kleiner geworden, aber frei und kräftig geblieben. Die baltischen Provinzen. 261 Wenn die russischen Beine aufstanden, und sich wieder mit Fleisch überzögen, was waren sie anders als Sklaven! Narwa steht in der Schlachtenchronik der Russen wie eine Denkfaule, daß sie immer verloren, wenn sie europäischen Heeren gegenüber, allein und ohne begünstigenden Zufall sich überlassen waren. Russen! geht nicht in die Jahrhunderte zurück, wo der mongolische Schatten eure Voreltern erschreckte, blickt nicht aus die Handvoll Kosacken im hölzernen Putiwl und auf die Hasenfurcht eurer ungeheuren Massen vor ihnen, bleibt bei dem lebenden Geschlechte. ?aßt den Turban l828 und die polnische Mütze von 1831 bei Seit«, antwortet nur, ob cd in« Allgemeinen nicht wahr ist, daß ihr nur einen kümmerlichen Sieg mit entschlichcm Menfchcnvcrlnste erringen tonntet, wenn ein Feind mit einer Taktik