Chaos und Chaosiiberwindung in religionsgeschichtlicher Sicht MANFRED GČRG, DEUTSCHLAND Der Umbruch im Machtgefiige der Welt, der Zerfall der Konfrontation zwischen Ost und West insbesondere in Mitteleuropa, die zentrifugalcn Krafte inncrhalb friiherer Staatsgebilde vor allem im Osten und Siidosten Europas haben zu Aufbruchs-bewegungen ganz unterschiedlicher Alt gefiihit. Die Bestrebungen um staatliche Autonomic oder Wiedergewinn nationaler Identitat haben nicht nur positive En-twicklungen, sondern auch neue Konfrontationen ungeahnten AusmaBes zur Folge gehabt. Mit der Genugtuung dariiber, daB ein Land wic Slowenien dem Zugriff des zerstorerischen Desasters entronnen ist, verbinde ich in Solidaritat mit den Betroffenen die Klage und Trauer um die vielfache Zerstorang des Lebens gleich welcher Bevolkerungsgruppe oder Religion bei den siidlichen Nachbam. Nicht wenige ver-wenden zur Charakteristik des supranationalen Desasters den Ausdruck "Chaos": widerstreitende Tendenzen wechselnden Ursprungs und divergierender Zielsetzungen haben Zivilisation und Kultur, ja das Leben insgesamt in den Strudel "chaotischer Machte" gerissen. Es ist daher durchaus aktuell, nach "Chaos" und "Chaos-tiberwindung" zu fragen. Eine soeben zu Ende gegangene Tagung im Osten Berlins mit dem Thema "Chaos und Struktur" hat Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtung zusam-mengefiihrt, vor allem Astrophysiker, Biochemiker, Mediziner, aber auch Politologen, Ethnologen, Soziologen, Philologen und Theologen. Gegenstand war die Chaosfor-schung unter dem Blickwinkel der Disziplinen. Die einermaBen tiberraschende Ubcre-instimmung zeigte sich darin, daB man nicht mehr schlechtweg "Chaos" gegen "Struktur" setzen diirfe, da auch das "Chaos" Ordnungsstrukturen erkennen lassen konne. Naturwissenschaftler wiesen auf das "determistische Chaos" hin, das sich in unvorhersehbaren Auswiichsen kleinster Anfangsdifferenzen manifestiere. Die Geisteswissenschafitler konnten auf die unterschiedliche Wertung des "Chaos" in der Kulturgeschichte aufmerksam machen, daB nicht nur das Negativum des Unvorhersehbaren, sondern auch das Positivum, das Faszinierende, ja sogar das potentiell Schop-ferische am "Chaos" beobachtet worden sei und bedacht werden mtisse. Als Religionsgeschichtler und Bibeltheologe mochte ich hier ebenfalls flir ein re-flektiertes Umgehen mit dem Ausdruck "Chaos" werben. Da auch Religionen und Konfessionen immer wieder zu "chaotischen" Verhaltnissen beigetragen haben, mtissen auch sie sich befragen lassen, ob sie dem Phanomen des "Chaos" eine geniigend intensive und zugleich kritische Beachtung und Auseinandersetzung gewidmet haben. Danach wird sich ihre besondere Funktion zur Bewaltigung des "Chaotischen" in dieser Zeit bemessen und bestimmen lassen. Wollten wir das Wort "Chaos", bekannthch ein Wort griechisch-indogerman- ischen Ursprungs1, im biblischen Urtext suchen, werden wir gerade dort nicht fiindig, wo wir scin Vorkommen aufgrund seines Belegspektrums in der altgriechischen Literatur mit der genuinen Bedeutung "gahnender Abgrund" zur Kennzeichnung des prakosmischen Status2 am chesten vermuten wiirden, namlich dort, wo von der Schop-fung die Rede ist, vor allem zu Beginn des ersten Buches Mose, des Buches Genesis, nach jiidischer Terminologie: des Buches Bereschit ("Im Anfang"). Doch zum einen ist die Ursprache der Bibel das Hebraische, das ein phonetisch oder semantisch ver-gleichbares Nomen nicht zu kennen scheint, zum andern ergehen sich die Schopfung-stexte in knappen Skizzierungen eines Primarzustands mit einer Kollektion von Einzelphanomenen, die als Defizite gegeniiber dem Jetztzustand der Welt in Raum und Zeit charakterisiert werden. Dennoch ist der Ausdruck "Chaos" in der Geschichte der Forschung an den biblischen Schopfungstexten immer wieder ins Spiel gebracht worden und mittlerweile so fest verankert, daB es fast aussichtslos erscheint, ihn zu vermeiden oder durch einen sachgemaBeren ersetzen zu wollen. So steht der Titel der Schrift "Schopfung und Chaos" aus der Feder des prominenten Begriinders der biblischen Formgeschichte, H. GIJNKEL3, paradigmatisch fur ein stereotypes Kontrast-paar: Schopfung beginnt dort, wo das Chaos aufhort. Die Charakterisierung des Urzus-tandes der Erde als "Chaos" beschreibt der altere und von GUNKEL nicht zitierte Genesiskommentar von F. DELITZSCH: "Die Erde in ihrem Urzustand war eine wiiste und dumpfe, leb- und bewusstlose Masse rudis indigestaque moles, mit einem Worte: ein Chaos"4. DELITZSCH versteht den Ausdruck genauer im AnschluB an den orphischen Sprachgebrauch und in Analogie zu altindischen wie altnordischen Ent-sprechungen als "der gahnende Abgrund" und trifft damit etymologisch-semantisch das Richtige. Gehen wir in der Geschichte der Exegese weiter zuriick. Eine Stellungnahme des 18. Jahrhunderts moge hier zu Wort kommen. Im Kommentar von Chr. STARKE zum ersten Buch Mose best man Kritisches zur Mein-ung, das "primum chaos" sei "fur ewig" zu halten5: "Es heisset aber chaos seiner eigentlichen bedeutung nach nicht ein vermengter klumpen, sondem es ist so viel als chasma, eine kluft, eine tiefe, und also soviel als der ersterschaffene grosse weltraum mit der ersten weltmaterie erfiillet". STARKE zitiert auch die Meinung, "es sey das chaos nicht ohnc alle gestalt gewesen, sondern es hatte nur noch nicht die rechte volkommene gestalt gehabt". Die deutschsprachige Auslegung hat also das "Chaos" nicht kontinuierlich und ausschlieBlich als NegativgroBe schlechthin betrachtet. 1 Das Wort meint von Haus aus "Jccrcr Raum, Luftraum, Kluft", sleht in Beziehung u.a. zu ahd. goumo u.a. "Gaumen" und ist abgeleitet von der Wurzel *gheu/*ghu u.a., "klaffen, giihnen": Naheres dazu u.a. bci J.B. HOFMANN, Etymologisches Worterbuch des Griechischen, Darmstadt 1966, 412. Vgl. auch H.G. LIDDELL - R. SCOTT, A Greek-English Lexicon, Oxford 1973, 1976, wo als Bedeutungen u.a. notiert werden: "the first state of the universe", "space, the expanse of air", "the nether abyss, infinite darkness "any vast gulf or chasm". 2 Vgl. zur ersten Information die Angaben von W. FAUTH, in: Der Kleine Pauly 1,1979,1129f. 3 H. GUNKEL, Schopfung und Chaos in Urzeit und En d zeit. Eine religionsgeschichtliche Untereuchung (iberGen 1 und Ap Joh 12, Gottingen 1895. GUNKELs Gebrauch und Charakterisierung des Ausdrucks "Chaos" (ein "uralter Zug" sowie "Dunkel und Wasser am Anfang der Welt" 7) entspricht der Sichtweise J. WELLHAUSENs, Prolegomena zur Geschichte Israels, 5. A., Leipzig 1905, 295: "Im Anfang ist das Chaos; Dunkel, Wasser, briitendcr Geist, der lebenzeugend die tote Masse befruchtet". Dennoch auBert sich GIJNKEL vor allem in seinein Genesiskommentar kritisch zu WELLHAUSENs Meinung, das Chaos sei "im Anfang von Gott geschaffen (Prolegomena, 296), so u.a.: "Der Gedanke einer Schopfung des Chaos ist in sich widerspnichsvoll und wunderlich, denn Chaos ist die Welt vor der Schopfung" (Gottinger Handkommentar zum Alten Testament 1/1, 5. A. Gottingen 1922,102). 4 F. DELITZSCH, Commentar iibcr die Genesis, 3. A. Leipzig 1960, 93. 5 Chr. STARKE, Synopsis Bibliothecae Exegeticae in Vetus Testamcntum. KurzgefaBter Auszug der gnindlichsten und nutzbarsten Auslegungen iiber alle Biicher Altcs Testaments, I. Theil, Biel 1749,65. Trotzdem hat sich ein Verstandnis durchgesetzt, das im "Chaos" in erster Linie nicht nur einen prakosmischen Zustand der abgriindigen Tiefe sondcm "Chaos" auch als Verfassung der absoluten Orientierungslosigkeit und Verlorenheit, ja als NegativgroBe schlechthin begreift. Nur fur den erstgenannten Aspekt hat uns das antike Schrifttum eine Rechtfertigung hinterlassen. Diirfen wir uns erlauben, den Ausdruck in einem wei teren Sinn zu fassen? Nun ist auch in der Bibelwissenschaft Widerspruch gegen die Verwendung des Ausdrucks "Chaos" im Zusammenhang mit der Kosmogonie in Gen 1 laut geworden. So beklagt W. RICHTER in seinem Werk "Exegese als Literaturwissenschaft" gerade auch am Beispiel des vcrbreiteten Verstandnisses von Gen 1,2 als "Chaosschilderung" ein "methodisch unsauberes Vorgehen", da das Wort eine Vorstellung suggeriere, obwohl der Begriff dafur fehle6. Schon Joh. CLERICUS meint in seinem Kommentar zur Genesis von 1733 gegeniiber der Auffassung, Gen 1,2 mit seinem bckannten Ausdruck Tohuwabohu handele doch offensichtlich vom Chaos, dies sei durch die eigene und urspriingliche Wortbedeutung nicht gedeckt7. Obwohl auch in der Religionsgcschichtc insgesamt bisher reichlich unkritisch mit dem Ausdruck "Chaos" umgegangen wurde, indem vor allem die Darstellungen der vorderasiatischen und mediterranen Religionsgeschichte und Theologie den Ausdruck "Chaos" mit groBer Selbstverstandlichkeit verwenden, ist gerade erst mit einer "Problemanzeige" reagiert worden, die den "Chaoskampfmythos" weder in der Umwelt Israels noch im Alten Testament selbst im engen Zusammenhang mit kos-mogonischen Traditionen sehen will. Die Weltschopfung konne nicht als "Folge oder Resultat eines Chaoskampfes verstanden werden"8. Eine ahnlichlautende These hat freilich schon CI. WESTERMANN zu Beginn seines voluminosen Genesiskommen-tars ausgesprochen9: "Das Drachenkampf- oder Chaoskampf-Motiv gehorte ur-spriinghch nicht mit dem der Schopfung zusammen" und "Die fiir Gunkel noch ganz sichere Verbindung von Schopfung und Chaoskampf in der Weise der Ermoglichung der Schopfung durch Besiegung der Chaosmacht im Kampf ist dann nur eine Darstel-lungsweise neben vielen anderen, keineswegs aber schlechthin die mythische Schop-fungsdarstellung". Nach dem besonderen Vorbehalt in der Anwendung des Ausdrucks "Chaos" angesichts des der Befundc in der Religionswissenschaft und Naturwissenschaft konnte es sich empfehlen, ganz auf den Gebrauch des Wortes im Zusammenhang mit den Schopfungsvorstellungen zu verzichten und damit eine GUNKELs Intention geradezu entgegengesetzte Richtung anzusteuern. Mit einer entschiedcnen Zuriickhal-tung gegeniiber einer Bindung des Chaoskampf-mythologems an die kosmogonischen Traditionen solite jedoch nicht das Kind mit dem Bade ausgeschiittet und die Bezeich-nung "Chaos" als solche ausgeklammert werden. Es solite vielmehr versucht werden, ob sich nicht im Sinne des vom griechischen Wort angezielten Sinnhorizonts doch eine Anwendung auf den prakosmischen Zustand im Sinne von Gen 1,2 rechtfertigen laBt. So hicBc es auch das methodisch-kritische Prinzip RICHTERs zu Tode reiten, 6 W. RICHTER, Exegese als Literaturwissenschaft. Entwurf einer alttestamentlichen Litcraturtheorie und Mcthodologie, Gottingcn 1971,188. 7 Genesis sive Mosis Prophetae liber primus ex translatione Joannis Clerici, cum ejusdem paraphrasi per-petua, commentario philologico..., Tubingae 1733,4. 8 Th. PODELLA, Der "Chaoskampfmythos" im Alten Testament. Eine Problemanzeige, in: M. DIETRICH - O. LORETZ, Mesopotamia - Ugaritica - Biblica. Festschrift fiir Kurt Bergerhof zur Vollendung seines 7o. Lebensjahres am 7. Mai 1992 (Alter Orient und Altcs Testament 232), Kcvelacr/Neukirchen-Vluyn 1993, 283-329, hier 319. 9 Q. WESTERMANN, Genesis (Biblischer Kommentar 1/1), 2. A. Neulcirchen-Vluyn 1976,43. wenn man fiir alle semantischen Deskriptionen auschlieBlich des im Kontext genann-ten Begriffsinventars bedienen miiBte, um den gemeinten Sachverhalt zutreffend zu beschreiben. Es muB erlaubt sein, weiterhin mit dem Ausdruck "Chaos" zu operieren. Es sei hier gestattet, auch die besondere Perspektive M. LUTHERs ins Spiel zu bringen. In seinen Vorlesungen zur Genesis setzt er sich bekanntlich auch mit Nik-olaus von Lyra und der aristotelischen Philosophic auseinander. Ohne den auch von ihm bemerkenswerterweise zitierten Ausdruck Chaos kritisch zu befragen, bemangelt er lediglich die fehlende Qualifikation des Chaos, worin die Bibel den Philosophen voraus sei10. Insoweit stehen wir nicht viel anders da. Wir finden den langerprobten Terminus vor und konnen gar nicht anders als ihn semantisch neu zu definieren und plausibel zu vermitteln. Das Wort "Chaos" kommt nun freilich in der Bibel vor, allerdings in der griechischen, auf agyptischem Boden in der Stadt Alexandria entstandenen Uber-setzung des Alten Testaments in das Griechische, der sog. Septuaginta. In Micha 1,6 und Sachaija 14,6 steht das griechische Wort fiir das hebraische Nomen gy\ das gewohnlich mit "Niederung, Tal" wiedergegeben wird11. Wahrend in Mi 1,6 lediglich auf eine Bergschlucht bei Samaria Bezug genommen wird, steht in Sach 14,4 deutlich ein metaphorischer Aspekt im Vordergrund. Es geht hier um die komraende Epiphanie JHWHs, dessen Auftreten auf den Hohen im Osten Jerusalems die Berge spaltet und einen Abgrund offenlegt. Damit ist ein wesentlicher Aspekt des Sinnhorizonts von "Chaos" angesprochen, namlich die abgriindige Welt dessen, was der ordnenden Gewalt Gottes als Widerpart gegeniibersteht, oder - um im Bild zu bleiben - als "ein sehr groBes Tal"12 unterhalb seiner EiiBe liegt13. Das griechische Wort bedeutet eben nicht nur "empty space"14, sondern gerade auch die verlorene Tiefe. Vor allem aber steht die Bezeichnung doch mindestens auch fur eine "mythische GroBe"15, wie sie die prophetische Verwendung des Nomens gy' in Sach 14,4 ebenfalls im Blick zu haben 10 "Quod autcm Lyra putat neccssariam cognitionem scntentie Philosophorum de materia, quod ex ea de-pcndeat intellectus operationis sex dieru, neseio an Lyra intellexerit, quid Aristoteles uocaucrit materiam. Neque enim Aristoteles, sicut Ouidius, materiam uocat informe & rude illud chaos; Quarc omissis istis non necessarijs accedamaus ad Mosen, tanquam meliorem Doctorem, quem tutius possimus sequi, quam Philosophos sine uerbo de rebus ignotis disputantes" (zitiert im AnschluB an die mir vorliegcnde Erstaus-gabe des Kommentars: In primvm librvm Mose enarTationes Reuerendi Patris D.D. Martini Lutheri, plc-nae salutaris & Christiane eruditionis, Bona fide & diligcnter collectae, Vvitcnbergae M.D. XVLIIII, fol. II vs.). 11 Vgl. zuletzt R. MEYER - H. DONNER (Hg.), Wilhelm Gesenius: Hebriiischcs und Aramaisches Hand-worterbuch iiber das Alte Testament, 18. A., Berlin etc. 1987,212. 12 Das Nomen steht im ungewohnlichen Status ahsolutus, vgl. dazu u.a. W. RUDOLPH, Haggai - Sacharja 1-8 - Sacharja 9-14 - Maleachi (Kommentar zum Alten Testament XIII 4), Giitersloh 1976, 231; zur Wie-dergabe zuletzt H. GRAF REVENTLOW, Die Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi (Das Alte Testament Deutsch 25,2), Gottingen 1993, 122. Ein vergleichbares Bild bietet sich auch im Kontext von Mi 1,6, da in 1,3f von der Spaltung der Taler zu FiiBcn des epiphancn Gottes die Rede ist Eine Spur der bild-haften Vorstellung, nach der das tiefe Tal die Zerstorang beherbergt, ist auch noch in 1,6 erkcnnbar. 13 Die Situierung des "Chaos" unterhalb der Fiifle JHWHs entspricht cinem kanonischen Darstellungsmodus in der altorientalischen und agyptischen Bildspraehe und Ikonographie, vgl. dazu u.a. M. GORO, "Allcs hast du gelegt unter seine FiiBe". Beobachtungen zu Ps 8,7b im Vergleich mit Gen 1,26, in: E. HAAG -F.L. HOSSFELD (Hg.), Freude an der Weisung des Hcrm (Festschrift fur H. GroB), Stuttgart 1986, 125-148 = Ders., Studien zur biblischagyptischen Religionsgeschichte (Stuttgarter Biblische Aufsatzbande 14), Stuttgart 1992, 117-136. O. KEEL - Chr. UEHLINGER, Gottinncn, Giitter und Gottessymbole. Neue Erkenntnisse zur Religionsgeschichte Kanaans und Israels aufgrund bislang unerschlossener ikonog-raphischer Quellen (Quaestiones Disputatae 134, Freiburg etc. 1992,129f u.o. 14 Gegen D.T. TSIJMURA, The Earth and the Waters in Genesis 1 and 2. A Lingusitic InvestigaUon (Journal of the Study of the Old Testament Supplement Series 83), Sheffield 1989, 20, der offenbar nur diese Bedeutung zu kennen scheint 15 Gegen RICHTER, 1971,188. scheint16. Im sogenannten priesterschriftlichen Schopfungstext Gen 1,1-2,4a, in der jetzigen Fassung ein Werk jiidischer Autoren zur Zeit des babylonischen Exils, ist nun in der Tat von einem Chaoskampf vor oder zu Beginn des Schopfungsgeschehens keine Rede. Das hindert jedoch nicht, nach der Rolle des "Chaos" bei der hier befiir-worteten Beibehaltung des Ausdrucks zu fragen. Es geht um cine sinn- und sach-gemafie Einordnung insbesondere von Gen 1,2, allgemein als Chaosbeschreibung m.E. zu Recht charakterisiert17. Hiervon wird zu unterscheiden sein, was das Alte Testament an "Chaosmachten" kennt, ohne wiederum das Vorhandensein oder Nicht-vorhandensein dieser begrifflichen Kennzeichnung zum Kriterium der Bejahung oder Negation einschlagiger Vorstellungen zu machen. Bevor wir uns also dem Phanomen des Chaos in Gen 1,2 und den priesterschriftlichen Folgetexten befassen, soil ein Blick auf die Konturen der "Chaosmachte" geworfen werden. Die Bezeichnung "ChaosmachtT'Chaosmachte" suggeriert eindeutiger als die Bezeichnung "Chaos" einen Zusammenhang mit dem "Chaoskampf'. Es geht hier um Agitation und Opposition der das Leben zerstorenden und behindemden Krafte, die von einer machtigeren Instanz iiberwunden werden sollen, die ihrerseits ein Verblei-ben in der Sicherheitszone, die zugleich Lebenszone ist, garantiert. Es ist schon seit langerem und erst jiingst erneut beobachtct worden18, daB das "Chaos-kampfmythologem" in mesopotamischen (vor allem im Epos Enuma elis) und ugaritischen Texten (etwa in dem Baalmythos) eine besondere Rolle in der mytholo-gischen Transformation geschichtlicher Konfrontationen spielt, aber eben nicht unmittelbar auf den SchopfungsprozeB rekurrieren laBt. Auch fiir die agyptischen Texte und Illustrationen gilt, daB ein urzcitlicher oder primordialer Chaoskampf am Anfang des Schopfungsgeschehens nach den Entwiirfen der Kosmogonien nicht situiert werden kann. Stattdessen kommt dem "Chaoskampfmythologem" in den Nachbarkulturen Israels, soweit dies bisher zu beobachten ist, die Funktion eines Ausdrucksmittels zu, das in verschiedenen Bereichen, wie etwa in der Liturgie oder in der Bildsprache zur Charakteristik einer existentiellen Krisensituation und Noter-fahrung in Auseinandersetzung mit einer lebensbedrohenden Gegnerschaft dienen kann. Man solite allerdings bedenken, daB in gcwissem Unterschied zu den mesopo-tamisch-ugaritischen Sprachspielen die Demonstration eines Konnexcs zwischen gegenwartiger Chaosiiberwindung und dem kosmischen ProzeB der Neuschopfung in agyptischen Darstellungen schriftlicher und szenischer Art viel eindringlicher geschieht19. Das "Chaoskampfmythologem" ist hier unmittelbar mit der zyklischen Regeneration der Schopfung verbunden, indem jede Auseinandersetzung des Konigs 16 Obcr die angezeigte mctaphorisch-mythologische Beziehung hinaus wird man bei dem "sclir grofien Tal" ostljch von Jerusalem auch an das im folgenden Vere (Sach 14,5) genannte ge harim ("Bergetal") denken diirfen, das gelegentlich, wenn auch nicht zwingend, zu ge' hinnom ("Tal Hinnom") emendicrt worden ist (vgl. dazu die Angaben in W. BAUMGARTNER, Hebraisches und aramiiischcs Lexikon zum Alten Testament, Liefening 1, Uiden 1967, 181; MEYER - DONNER, Handworterbuch, 212). Das Tal Hinnom ist bekanntlich zum Ort der "Holle" geworden (ge' hinnom = Gehenna), vgl. dazu zuletzt M. GORG, Ge-Ben-Hinnom, in: M. GORG - B. LANG (Hg.), Neues Bibel-Lexikon, Lieferung 5, 1991, 738f., und M. REISER, Holle, in: Neues Bibel-Lexikon, Liefening 7,1990,173f. 17 Vgl. zuletzt vor allem L. RUPPERT, Genesis. Ein kritischer und thcologischer Kommentar. 1. Teilband: Gen 1,1-11,26 (Forechung zur Bibel 70), Wiirzburg 1992,66f. 18 Vgl. hierzu und zum Folgenden zuletzt PODELLA, Chaoskampfmythos, 289ff. 19 Vgl. hierzu vor allem J. ASSMANN, Konigsdogma und Heilserwartung. Politische und kultischc Chaos-beschreibungen in agyptischen Texten, in: D. HELLHOLM (Hg.), Apocalypticism in the Mediterranean World and in the Near East Proceedings of the International Colloquium on Apocalypticism, Uppsala, August 12-17, 1979, Tubingen 1983, 345-377. S. auch PODELLA, Chaoskampfmythos, 297f, der der agyptischen Perspektive im Riickgriff auf ASSMANN (nur) eine langere Anmcrkung (54) widmet. mit seiner Gegnerschaft als Konfrontation des Sonnengottes mit den Chaosmachten zu Beginn und im Verlauf der taglichen Sonnenbahn am Himmel begriffen wird. Hier wird also die bleibende Potenz des Chaos als lebensbedrohender Wirklichkeit nicht nur als phraseologische Umschreibung der aktuellen Gefahrdung verstanden, sondern als unmittelbare und wirksame Provokation. Auch das Alte Testament verwendet das "Chaoskampfmythologem", um aktuelle Bedrangniserfahrungen in ihrer Dimension eines Kampfes auf Leben und Tod auszu-weisen und zu bekennen. Zu diesen geradezu ins Kosmische erhobenen Reflexionen gehoren Texte, die immer wieder als Bezugnahmen auf prakosmische und primordiale Auseinandersetzungen gedeutet worden sind, wie z.B. Jes 51, 9-11: 51,9a "Erhebe dich, b erhebe dich, c bekleide dich mit Macht, Arm JHWHs d erhebe dich wie in den Tagen der Vorzeit, der Generationen von Ewigkeit! e Bist du nicht der Schlachter Rahabs, der Durchbohrer Tannins? 10 Bist du nicht der Trockenleger des Meeres, der Wasser des groBen Tehom, der die Meerestiefen zum Weg gemacht hat, damit die Erlosten hindurch Ziehen konnten? 1 la Die von JHWH Geretteten kehren zuriick b und kommen voll Jubel nach Zion. c Ewige Freude ruht auf ihren Hauptera, d Wonne und Freude stellen sich ein, e Kummer und Notschrei entfliehen." Der Text verbindet die Erinnerung an die Auseinandersetzung Israels mit den Agyptern, gekleidet in die mythologische Sprache des Chaoskampfes mit aktuellen Erfahrungen, d.h. konkret mit der Bewaltigung des babylonischen Exils und dessen Folgen. Die dramatische Beschworung des Vergangenen zielt aber nicht auf eine primordiale Konfrontation, sondern orientiert sich an der Tradition des Geschehens der Errettung Israels am Meer vor den agyptischen Verfolgern. Die Exodusiiberlieferung, nicht das Schopfungsgeschehen, wird zum exemplarischen Beispiel eines Chaoskampfes, das zugleich Hoffnung fiir ein wirksames und erfolgreiches Eingreifen JHWHs in die bedrohte Gegenwart vermittelt. Die Riickkehr aus dem Exil soil ein neuer Exodus werden. Die Uberwindung der Exilssituation wird dabei ins Bild einer kosmischen Chaosiiberwindung gesetzt. In durchaus ahnlicher Weise sind die ebenfalls mythologischen Aussageelemente in Ps 89,11-13 und 74,13-17 orientiert. Wiederum sind Rahab (Ps 89,11) und Tannin (Ps 74,13 im Plural) die Personifikationen des Chaos als lebensbedrohender Wirklichkeit. Dazu treten in Ps 74,16 die "Haupter Leviatans". In Ps 74 kommt freilich zur Bemiihung des Chaoskampfmythologems auch die Erinnerung an die Kosmogonie hinzu, jedoch ohne unmittelbare Verflechtung. Die bemerkenswerte Koordination mit Aussagen iiber den Schopfergott (16f) spricht fiir die These: "Chaoskampfmythologem und Schopfungsaussagen sind Themenbereiche, die JHWHs Konigsmacht entfalten"20. Dennoch bleibt gerade dies nicht ohne Bedeutung, daB sich hier eine Konstellation 20 PODELLA, Chaoskampfmythos, 307. findet, die zwar nicht den Chaoskampf in die Kosmogonie versetzt, wohl aber daran erinnert, da8 die Ordnungsgewalt JHWIIs in seiner souveriinen Erstellung des Kosmos aufgehobcn ist. Auf diese Einsicht wird noch zuriickzukommen sein. Immerhin kann das primare Schopfungshandeln Gottes auch sonst Anhaltspunkt fiir eine Neuorien-tierung und Hoffnung auf Neuschopfung sein. So zeigt sich in Hi 26,8ff 38 Ps 104 Spr 8 und Jer 5 eine Bezugnahme auf die gottliche Konstituiernng des Lebensraums, ohne daB Kriterien fiir die Ansetzung einer Chaoskampfvorstellung gegeben sind. JHWH wird hiemach lediglich als Chaoskampfer gedacht und beschworen, nachdem die grundlegende Setzung der Schopfungsrealitat langst geschehen ist, aber immer wieder unterminiert zu werden droht. Solchen chaotischen Zerstorungstendenzen tritt JHWH als absolute Hoffnungsinstanz entgegen. Die Diskussion um einen Zusammenhang zwischen Kosmogonie und Chaosm-achten wirkt auch in die Auslegung von Ps 104 hinein. Gerade in diesem in gewisser Analogie zu den agyptischen Sonnenhymnen der Amamazeit stehenden Dichtwerk21 scheint der Eindruck einer Interdependenz unabweishch zu sein. Dennoch beschreiben die Anfangsverse die Qualitat der hoheitlichen Dominanz JITWHs vom Himmelsthron aus, indem die kosmischen Realitaten sozusagen selbst ihre Grenzen erkennen und festlegen, so daB JHWII "wie ein Regisseur im Ilintergrund" bleibt22. Ahnlich liegen die Dinge in Spr 8, 27-29, wo JHWHs Schopfungshandeln als eingrenzende und zuweisende Setzung in unvergleichlicher Autoritiit gesehen wird. SchlieBlich darf auch noch im Blick auf Ps 93 und 46 der Uberwindung von Krisensituationen im Sprach-gewand der Uberwindung von Chaosaggressionen gedacht werden. Hier der Wortlaut des kurzen Ps 93: 93,1a "JHWH ist Konig, b Hoheit hat er angezogen. c JHWH hat (sich) angezogen, d (Mit) Macht hat er (sich) umgiirtet. e Fest gegriindet steht die Erde. f Nicht schwankt sie. 2a Fest gegriindet ist dein Thron seit jeher. b Seit Ewigkeit bist du. 3a Es erhoben Strome, JHWH, b Es erhoben Strome ihre Stimme, c Es erheben Strome ihren Schlag. 4 Gewaltiger als das Tosen vieler Wasser, gewaltiger als das Brausen des Meeres ist gewaltig JHWH in der Ilohe. 5a Deine Zeugnisse sind fest und verlaBlich, b deinem Haus kommt Heiligkeit zu, JHWH, fiir alle Zeiten!" Der Text redet von der Aggression der Chaosmachte, hier unter dem Bild der unkontrolherbaren Wasscrfluten. Ohne daB ein Chaoskampf vorgefiihrt wird, crscheint die Souveranitiit JHWHs im hellsten Licht. Die "Gewalt" JHWHs besteht in seiner Dominanz, die jede Gefahrdung seines Thronens iiber der Welt ausschlieBt. Der Tem- 21 Vgl. dazu zuletzt Chr. UEHLINGER, leviathan und die Schiffe in Ps 104,25-26, in: Biblica 71, 1990, 499-526. Th. KROGER, "Kosmotheologie" zwischen Mythos und Erfalirung. Psalm 104 im Horizont al-torientalischer und alttestamentlicher "Schopfungs"-Konzepte, in: Biblische Notizen. Beitrage zur exe-getischen Diskussion 68,1993,49-74. 22 PODELLA, Chaoskampfmythos, 311. pel ist das irdische Wahrzeichen der kosmischen Reprasentanz JHWHs. Die Stilform ist analog zu agyptischen Darstellungsformen in Literatur und Szenerie als "behobene Krise" bezeiehnet worden23, d.h. die Perspektive des Tempelsangers geht von der erfolgreichen Dominanz der Gottheit aus, deren Uberlegenheit zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Frage gestellt ist. Stattdessen kommt der Manifestation des selbstver-standlichen Triumphierens iiber das Chaos die zentrale Bedeutung zu. "Dargestellt wird nicht der Kampf JHWHs gegen das Chaos, sondern der Triumph des Konigsgot-tes, der den siegreich tiberstandenen Kampf gegen das Chaos (die "Fluten") bereits zur Voraussetzung hat"24. Der Aufstand der Chaosmachte, wohl eher priisentisch als perfektiv zu verstehen2S, zeigt an, daB die Aggression in die Gegenwart reicht, aber gegentiber der "Gewalt" JHWHs nichts ausrichten kann. Hier deutet sich bereits ein Verstandnis der Fortwirkung des kosmischen Urprozesses in der Geschichte an, ohne daB eine chaoskampfahnliche Auseinandersetzung im Detail demonstriert werden muB. Kehren wir zum ersten Schopfungstext aus der Tradition der Priesterschrift zuriick. Die Situierung des Chaos und dessen "Schicksal" hat man auf der Ebene des Ps 104 zu deuten versucht: in beiden Fallen bleibe das Chaos vor der Tiir des Lebens-raums. Es steht zur Debatte, ob die Priesterschrift nicht doch eine eingehendere Perspektive bewahrt hat. Dazu ist zunachst ein Blick auf den vermutlichen Werdegang des ersten Schopfungstextes notig. Die literaturwissenschaftliche Analyse des Textes Gen 1,1-2,4a kann Indizien erarbeiten, die von einem zweistufigen EntstehungsprozeB des Textes reden lassen. Anders ausgedriickt: hinter der Jetztfassung des Textes kann eine Vorstufe, sozusagen ein erster Entwurf vermutet werden, der nach einem bestim-mten Schema gegliedert ist. Ein erstes Kriterium zur Annahme einer vorausgehenden Textfassung ist das komplizierte Gefiige der Einleitung. Die langwahrende Diskussion, ob die Anfangsworte der Genesis in V.l als selbstandiger Satz zu fassen sei: "Im Anfang hat erschaffen Gott den Himmel und die Erde" oder ob eine syntaktische Gestaltung vorliegt, die den Satzbeginn "Im Anfang" womoglich mit V.2 oder gar erst mit V.3 fortfiihrt, solite wohl zugunsten der letztgenannten Auffassung entschieden werden26. Dann aber stellt sich die Frage, ob mit V.2 nicht ein alterer, einstmals selbstandiger Bestand aufgenommmen worden ist, der sich jetzt nur sperrig im Kontext einfugt, zumal er liber die Verfassung "der Erde", aber nicht auch liber den vorgenann-ten Himmel Informationen bietet. So kann V.2 mit gutem Grand als ein eigenes, nicht sonderlich gut integriertes Relikt aus der vermutlichen Erstfassung angesehen werden. Das wichtigste Kriterium fiir die Ansetzung fur den weiteren der iilteren Fassung ist freilich die Erwiihnung der Lichtschopfung in 1,3-5 einerseits und der Leuchtkorper in 1,14-19 andererseits. Der erste Tag konkurriert mit dem vierten Tag. Da erst in 1,14-19 die Funktion des Lichtes zur vollen Begriindung, Entfaltung und Bestimmung 23 B. JANOWSKI, Das Konigtum Gottes in den Psalmen. Bemerkungen zu einem neuen Gesamtentwurf, in Zeitschrift fiir Theologie und Kirche 86, 1989, 409f. Es sei hier daran erinnert, daB die Rede von der "behohenen Krise" auf J. ASSMANN, Liturgische Lieder an den Sonnengott. Untersuchungen zur altagyptisehen Hymnik I (Milnehener Agyptologischc Studien 19), Berlin 1969,77, zuriickgeht. 24 JANOWSKI, Konigtum Gottes, 414. 25 PODELLA, Chaoskampfmythos, 315, will hier "perfektiver Akzentuierung" das Wort reden, um sich zugleich gegen eine Deutung zu wenden, die eine Wicderholung des Schopfungsprozcsses unterstelle. Fiir eine solche Abgrenzung von einer Vorstellung, die nach PODELLA agyptischen Konzeptionen ahn-lich sei, steht das Kriterium der Verbrcktion jedoch auf zu schwachen FiiBen. Ich mochte daher hei der gegenwartsbezogenen Wiedcrgabe bleiben, vgl. auch JANOWSKI, Konigtum, 414. Eine vertretbare iterative Wiedergabe wiihlt KRtlGER, Kosmotlieologie, 70. 26 Vgl. dazu W. GROSS, Syntaktische Erscheinungen am Anfang althebraischer Erzahlungen: Hintergrund und Vordcrgrand, in: Congress Volume Vienna 1980 (Vetus Testamcntum Supplements 32), Leiden 1981,131-145. kommt, darf man die Mitteilung iiber das "Licht" gegeniiber der "Finsternis" in 1,3-5 auf das Konto des priesterschriftlichen Bearbeiters einer Vorlage setzen. Dieser Bear-beitung kommt es auf die demonstrative und exemplarische Herausstellung der Li-chtschopfung durch das Wort an. Die versuchsweise Rekonstruktion des alteren Bestandes ergibt vorlaufig, daB einer kurzgehaltenen, immerhin aber in drei Aussagen prasentierten Satzfolge iiber den prakosmischen Zustand der Erde gehandelt wird, daB dann aber zunachst von der Einrichtung und Abgrenzung der Zone die Rede war, die zugleich der geschiitzte Raum fiir das Leben ist. In einer dritten Phase schlieBlich kommt die Lebenszeit zur Geltung, die in der Urfassung also erst nach der Erschaffung des Raumes ihren Platz findet. Fiir unseren Zusammenhang kommt es auf die Position und Funktion der Kurzsatzfolge in 1,2 an. Hier geht es um drei Kernaussagen: 1,2a Die Erde aber war tohuwabohu, b Finsternis (war) iiber tehom, c und Gottes ruach (war) flatternd iiber den Wassern Zur Bestimmung der Terminologie mag es hier geniigen, auf die Problematik einer zutreffenden Ubersetzung der drei iibernommenen Nomina bzw. Nominalverbin-dungen hinzuweisen. Aufgrund eigener Studien zum Vokabular neige ich dazu, im Wortpaar tohuwabohu eine Kombination zweier Worter agyptischen Ursprungs zu sehen, namlich von Derivaten der Basen th3 "das Ziel verfehlen" und bh3 "kopflos fliehen"27. Zusammengenommen ware dies ein singularer Ausdruck fiir deine Wirkli-chkeit "ohne Halt und Gestalt". Auch das Nomen tehom, meist in Verbindung mit dem Namen der babylonischen Gottin Tiamat gedeutet, kann ein friihes Lehnwort aus dem Kanaanaisch-Agyptischen sein und eine Durchbohrung meinen, eine abgriindige Vertiefung28. SchlieBlich ist die Ruach Gottes kaum anders als unter der Vorstellung eines Urvogels zu begreifen, der iiber den Wassern flattert29. Die in V.2 genannten Elemente des Urzustandes der Erde als da sind: Tohuwabohu d.h. die Haltlosigkeit, die Finsternis, die Urtiefe Tehom und die Urwasser reprasentieren die Eigenschaften des prakosmischen Zustandes, wie ihn auch die agyptische Kosmogonie von Hermupolis in Gestalt von vier Urgotterpaaren dargestellt hat30. In das Ensemble der agyptischen Urgotter tritt auch Amun ein, der spiitere Hochgott von Theben, in Gen 1,2 reprasentiert durch die Ruach Gottes, d.h. den gottlichen Urvogel, der die primor-diale Welt ttberwacht. 27 Vgl. dazu M. GORG, Tohu wabohu - ein Dcutungsvorschlag, in: Zcilschrift fiir die alttestamenUiche Wis-senschaft 92, 1980, 431-434. Die Einwande TSUMURAS, Earth, 22 muten etwas beckmesserisch an, wenn er die Existenz der von mir hypothetisch angesetzten Nominalentsprechungen in Zweifel zieht. Ware das Wortpaar auch als solches im Agyptischen nachweisbar, was TSUMURA einfordera will, lagen die Dinge natiirlich leichter zutage. TSUMURAs Ableitung des Wortpaars aus dem Ugaritischen hat ihrerseits keine Gegenliebe gefunden, vgl. dazu W.G. I.AMBliRT, A Further Note on tohu wabohu, in: Ugarit-Forschungen 20, 1988, 135f. 28 Vgl. dazu M. GORG, Komplementares zur etymologischen Deutung von thwm, in: Biblische Notizen. Beitrage zur exegetischen Diskussion 67,1993,5-7. 29 Dazu M. GČ)RG, ReligionsgeschichUiche Beobachtungen zur Rede vom "Geist Gottes", in: Wissenschaft und Weisheit 43, 1980, 129-148 = Ders., Religionsgeschichte, 165-189. Vgl. auch Ders., Vom Wehen des Pneuma, in: Biblische NoUzen. Beitrage zur exegetischen Diskussion 66,1993,5-9. 30 Vgl. dazu zulem M. GČ)RG, Zur Struktur von Gen 1,2, in: Biblische Notizen. Beitrage zur exegetischen Diskussion 62, 1992, 11-15. Ders., Religionsgeschichte, 14. Vgl. jetzt auch O. KEEL, Altagyptische und biblische Weltbilder, die Anfange der vorsokratischen Philosophic und das Arche-Problem in spaten bib-lischen Schriften, in M. SLIVAR - St. KUNZE (Hg.), Weltbilder, Bern etc., 1993,127-156. Das "Chaos" wird nicht mit einem gottlichen Kraftakt nach Art eines spek-takularen Kampfes auBer Wirkung gesetzt, sondern verliert mit dem gottlichen Wort der Scheidung des bewohnbaren Raums vom unbewohnbaren seine universale Prasenz. Das Chaos ist gewissermaBen in die AuBenzonen abgedrangt, die schiitzende Trenn-wand bewahrt die Lebenszone vor dem Einbruch der lebensbedrohenden Sphare. Diese Trennwand, hebraisch raqia', gewohnlich mit "Firmament" iibersetzt, entspricht agyptischem bj3 und meint die diinne, aber stabile AuBenwand der Lebenszone, die allem Anschein nach in der Gestalt eines iiberdimensionalen Eies gedacht ist31. AuBer-halb des Eies gibt es neben dem briitenden Urvogel als Manifestation der gottlichen Wirklichkeit nur noch die chaotischen Machte, die von Gott selbst in Schach gehalten werden, freilich "lediglich" durch das sein gebietende Wort und die Kraft seiner Scheidung. Analog zu dem von J. ASSMANN herausgestellten Schema einer Transformation des Chaos in die Raum- und Zeitdimension in der hermupolitanischen Kosmogonie geschieht in der Urfassung von Gen 1 eben diese Ausgrenzung des Chaos zugunsten einer raumlichen Lebenszone, der die zeitliche Ordnung zugeordnet wird32. In den nunmehr hergestellten Kategorien von Raum und Zeit kann nach den Pflanzen und Tieren schlieBlich auch der Mensch seinen Platz finden, dem die Bearbeitung der Erstfassung dann eine eingehende Quahfikation als "Bild Gottes" widmet (1,26-28). Das Schema einer dreiphasigen Entwicklung oder Transformation kann im Ge-samtwerk der Priesterschrift noch an den drei folgenden groBen Erzahlkomplexen der Priesterschrift beobachtet werden, die jeweils ebenfalls auf ein iilteres Textstadium zuriickschauen33. Da ist eine altere Flutgeschichte, die analog zum prakosmischen Zustand die frustrierende Ausgangssituation mit der iiberbordenden Gewalt (hamas) unter Menschen aufwartet, um dann der Arche als dem Lebensraum und dem Bund unter dem Zeichen des Regenbogens eine Zukunft des Uberlebens zu geben. Nicht anders verlauft im Prinzip die Geschichte Abrahams, dem eine Heimat im siidlichen Mesopotamien attestiert wird und der, wiederum nach der postulierten Urfassung von Gen 11.17 mit dem Tod seines Vaters einen Einschnitt in der Bewegung auf Kanaan zu erfahrt, der aber dann den Lebensraum in Kanaan erreicht und hier mit dem bun-desstiftenden Gott Schaddai zusammenkommt34. SchlieBlich und endlich ist es das Volk Israel in Agypten, das nach der Grundfassung der priesterschriftlichen Exodus-geschichte zunachst eine Phase der Bedriickung hinnehmen muB, um aber dann in den Neuen Lebensraum des gelobten Landes hiniibergefiihrt zu werden und eine Zeit der kultischen Hinordnung auf den innerhalb seines Volkes "wohnenden" Gott erleben zu diirfen in den drei zentralen Erzahlkomplexen der Priesterschrift also finden sich die Friihfassungen des dreiphasigen Prozesses, der einen ungeordneten und frustrierenden Ausgangspunkt kennt. Fiir unseren Zusammenhang gilt, daB die Priesterschrift vom Erstentwurf ihrer Darstellungen her eine "Chaosbeschreibung" liefert, die nicht nur den prakosmischen Zustand charakterisiert, sondern analog dazu auch "chaotische" Vorgange in der 31 Naheres dazu in meinem Artikel raqiai in: H.-J. FABRY - H. RINGGREN (Hg.), Theologisches Worter-bueh zum Alten Testament VII, Liefening 6/7, Stuttgart 1992, 668-675. 32 Vgl. dazu bereits M. GORG, Das Menschenbild der Priesterschrift, in: Bibel und Kirche 42, 1987, 21-29, hier 29 = Ders., Religionsgeschichte, 137-151, hier 150f mit Bezug auf J. ASSMANN, Primat und Transzendenz. Struktur und Gencse der agyptischen Vorstellung eines "Hochsten Wesens", in: W. WESTENDORF (Hg.), Aspekte der spiitagyptischen Religion, Wiesbaden 1979,7-42, hier 30f. 33 Dazu vorlaufig M. GORG, Menschenbild, 21 ff (137ff). 34 Dazu M. GČRG, Abra(ha)m - Wcnde zur Zukunft. Zum Beginn der priesterschriftlichen Abrahams-geschichte, in: Ders., (Hg.), Die Vater Israels (Festschrift J. Scharbert), Stuttgart 1989, 61-71 =Ders., Religionsgeschichte, 152-163. Geschichte Israels beobachtet, die in dem von JHWH initierten Prozessen zu Erlebnis-spharen transformiert werden, die Raum und Zeit mit immer intensiverer Konzentra-tion auf den kultischen Raum und die gottesdienstliche Zeit verdichten. Es ist dies das auBerordentlich fein gesponnene Programm priesterschriftlicher Zukunftsschau, in der das Wohrien Gottes inmitten einer Gemeinde von Gottesdienern anvisiert wird. Nur dann kann dem Chaos in Kosmos und Geschichte wirksam widerstanden werden, wenn die Gegenwart Gottes geglaubt anerkannt wird. Der Darstellungsbefund verdeut-licht indirekt den Erlebnishorizont, in dem die Priesterschrift fiir ihre Zeitgcnossen die "chaotische" Zeit sieht. Es ist das babylonische Exil mit seinen zerstorerischen Im-plikationen. Exil bedeutet den Bruch in der Gemeinschaft des Volkes, den Beginn des Auseinanderfallens, vornehm gesprochen der Diaspora des Judentums. Das Exil ist aber auch Zeit der Lauterung. Die Priesterschrift vertraut darauf, daB das erlebte Chaos nur vorlaufiger Natur ist. In ihm ist Bewegung, ja auch Kreativitat, der Drang nach Befreiung. Noah, Abraham und das alte Israel werden zu Garanten und Hoff-nungstragern fiir eine Zukunft, in der das "Chaos" ausgesetzt wird und die "Chaosmachte" zuriickgehalten werden konnen. Die einzige Bedingung fiir die Be-wahrung des beginnenden Judentums vor emeutem Rtickfall in "chaotische" Existenz in ihrer negativen Auspriigung ist die allumfassende und gelebte Treue zu JHWH. Die "chaotischen" Vcrhaltnisse in Vergangenheit und Gegenwart sind eine ungeahnte und unbegreifliche Zuspitzung einer Perversion des Weges von der un-geordneten Welt zur Welt der Ordnungen. Allzuoft sind Menschen zu Handlangern des lebensfeindlichen Chaos geworden. Die untergriindige Potenz und Kreativitat des lebensstiftenden und lebensgestaltenden "Chaos" haben wir kaum wahrgenommen. Religionen und Konfessionen konnten sich um sensible Erfassung der Positionen der Nachbarrreligion oder -konfession bemiihen. Statt einander mehr oder weniger kurz-sichtig und brutal auszugrenzen und auf Unterscheidungen zu insistieren, kommt es in enormen MaB auf die gemeinsame Entdeckung des Verbindenden an, namlich einer gemeinsamen Orientierung an dem Urtrieb des Lebens und einer menschenwtirdigen Existenz. Dieses Prinzip, ob wir es Gott nennen oder nicht, solite die Instanz sein, in dessen Begleitung wir dem negativen "Chaos" widerstehen und das positive schopfer-isch integrieren. Dazu wird die "chaotische" Kraft der Phantasie ntitig sein. Werden wir es je schaffen, als Hoffnungstrager fiir eine veranderte, in der Hand Gottes ruhende Weltlage in Frieden und Sicherheit dazustehen? Ich mochte es uns alien wiinschen.