wyo/, x>.ff: Gm ^pnziergttng um äie Nie^t. Ein Spaziergang um die Welt Alexander Freiherrn von Hübner. Deutsche Ausgabe pom Versasser. Zweite Auflage. EMr Band. Leipzig, T. O. W e i g e l. 1675. 13. Wai 1871. Jenseits der Nocky-Mountains, in de,n Urwäldern der Sierra Nevada den Kampf der Civilisation mit der wilden Natur, Im Reiche der aufgehenden Sonne den kühnen Versuch einiger merkwürdiger Männer zu sehen welche ihre Nation plötzlich in die Bahnen des Fortschrittes zu schlendern suchen, Im Reiche der Mitte den versteckten aber beständigen, meist passiven aber stets hartnäckigen Widerstand des chinesischen Geistes gegen das Eindringen europäischer Gesittung zu beobachten, Dies ist der Zweck meiner Reise oder besser gesagt, meines Spazierganges um die Welt. Meme Zeit ist zu beschränkt für einen Besuch Indiens. Einer anderen Neise, so Gott mir Leben und Gesundheit lätzt, bleibe die Prüfung der Zustände vorbehalten welche aus dem hundertjährigen Verkehr zwischen einem großen christlichen Volke und den ihm nnterthämgen Millionen Hindus und Mohamedanern hervorgewachsen sind. Am Wege gedenke ich mich zu unterhalten, das heiftt seltsame und mir neue Dinge zu sehen, und wa^ ich den Tag über hörte und sah, jeden Abend, in meinem Tagebuche zu verzeichnen. Inhalt. Amerika. Seite I. Von Queenstown nach New-York...... 3 II. New-York............... 22 III. Washington.............. 36 IV, Von Washington nach Chicago....... 47 V Chicago.............. . 62 VI. Von Chicago nach Salt-Lake-City...... 92 VII, Salt-Lake-City............. 1^ VIII. Corinna............... 187 IX. Von Corinna nach Ban-Francisko ...... 202 X. San-Francisko............. 215 XI. Dosemiti............... 257 XII. Von San-Francisto nach Yokohama..... 290 Erster Tkeil. A IN orik a. I. Von Oucenstown nach New-Yort. vom 14. zum 24. Mai. Mreift. - 5o,»!tag5n>!)c in N^«,5!ow,i. — Emigranw, an V"ld dc, China. ^ Vcdeülk'ü gegen dcn 'Mn'5 nördlich ,wm ^!. I',ei!e»gl'ide. - AullüüN in '!>!'»' 1.!orK. (14. Mai.) Queenstown, dcr Hafen von Cork, der Ausgangspunkt der grofteu Dampfer welche zwischen Europa und der neuen Welt einen fast täglichen Verkehr unterhalten, schien mir nie reizender als im Augenblicke wo ich es verließ. Das Wetter prachtvoll, der Himmel duftig aber wolkenlos und beinahe blcm, die Luft feucht, lau und voll der Wohlgerüche des Frühlings. Abgerechnet die Orangenbäume, die leuchtendere Sonne und die tiefblauen Tinten des Südens, besitzt Queenstown die Vegetation, das Klima, den Himmel Portugals. Als ich diesen Morgen zur Kirche hinauf wanderte — sie krönt eine der Höhen im Nucken der Stadt — da ging ich unter einem Blüthenregen, im Schatten ehrwürdiger Lorbeerbäume, 1" 4 zwischen wohlriechenden Büschen, Hecken entlang welche seufzten unter der Last von Rosen und Jasmin, und, wessen sich Cintra, die Tapada und die Gärten Lissabons nicht rühmen können, auf dem smaragdgrünen Sammet-teftftiche Altenglands. Sonntagsruhe schwebte über der kleinen Stadt. Halbversteckt in den Biegungen der grünen Abhänge, spiegelte fie ihre weißen Häuser in den glänzenden, heute glatten Fluchen der weiten Bucht. Den: Sonntage Zu Ehren sind die Schiffe beflaggt. Gestreckte Hügelzüge, bedeckt mit Wiesen und prachtvollen Bäumen und zahllosen Landhäusern, umschlingen die Bai mit ihren grünen Armen. Ein einziger schmaler Kanal führt nach dem Meere hinaus,- er gestattet den Blick nach einem Stückchen Ocean. Dort, etwa zwei Meilen von hier, harrt unser bereits der große Cunarddamftfer China. Er hat gestern Liverpool verlassen und heute Queenstown angelaufen, um die Postfelleisen und einige Passagiere einzuschiffen. Wie nahe bereits die Stunde der Abreise, beweisen seine rauchenden Essen und die vielen ihn umgebenden Boote. Auf den Quais, den Häusern entlang, drängt sich eine bunte Schaar von Spaziergängern: Offiziere in Uniform, Gentlemen, Leute aus dem Volle, Fischer in Sonntagsröcken, Frauen und Mädchen die, in ihre dunklen Mäntel gehüllt, uns mit ihren großen, schönen, tiefbraunen Augen neugierig und melancholisch betrachten. Man kommt 5 aus der Kirche und wohnt nun der Einschiffung bei. Die Auswanderer machen den Anfang. Händcdrücke werden gewechselt, einige Thränen vergossen — es ist ein Abschied für das Leben — der Kummer ertränkt in einem letzten Glase Whisky. Ein kleiner Dampfer kommt und geht zwischen dem Quai und dem Cunardschiff. Einige Herren vom Jachtklub in Cork, dem ältesten Englands*), der österreichische Konsul, der Pfarrer von Qucenstown und seine Kooperatoren geben mir das Geleite, und wir sind Zeugen mancher rührenden Scene. Doch fehlt das komische Element nicht gänzlich. Endlich kommt die Reihe an mich. Der Antritt einer langen Seereise hat immer etwas Feierliches. Selbst die Wärme mit welcher die Freunde eine glückliche Ueberfahrt wünschen, erinnert an die Unbeständigkeit der Verrätherischen Elemente denen man sich anvertraut. Um drei Uhr an Bord der China: um vier Uhr unter Dampf. (17. Mm.) Das Netter vortrefflich. Der Himmel klar. Die Luft frisch und elastisch, eine wahre Oceanluft die Appetit, Schlaf und heitere Stimmung gibt. Wir legen täglich dreihundertzwanzig bis dreihundertvierzig Mei- *) Gegründet 1727. 6 len zurück. An Bord herrscht das kaledonische Element vor. Kapitän, Offiziere, Aufwärter, mehrere Passagiere sind Schotten. Wenig Reisende erster Klasse. General K., von der Armee der Vereinigten Staaten, und seine Tochter sind meine Tischnachbarn. Der General hat gedient in den Urwäldern, in Californien, in Idaho und Arizona, bald mit den Nothhäuten jagend, bald auf sie Jagd machend, je nach den wandelbaren Erfordernissen der Umstände und der wandelbaren Politik seiner Regierung. Wie Schade, daß ich seine Erzählungen nicht stenographiren kann! Wie interessant sind sie, wie sehr tragen sie das Gepräge der Wahrheit, und mit welcher Einfachheit und Bescheidenheit werden sie vorgetragen! Männer der That sind eben meist einfach und bescheiden. Ein Schritt führt mich aus den Einöden Amerika's nach China. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann. Eine elegante Erscheinung. Die Toilette gewählt. Dazu das Benehmen der großen Welt. Es ist einer der Kaufherren der englischen Faktorei in Schanghai. Mit merkwürdiger Klarheit, kurz und bündig, entwirft er mir ein Bild des brittischen Handels und der brittnchen Interessen in China. Er denkt wie die meisten seiner S'andesgenossen im äußersten Orient. Das Neich der Mitte sei mit Kanonenschüssen der Civilisation zu eröffnen; viele, sehr viele Chinesen, darunter sämmtliche Mandarine und Literaten, vom Leben ? zum Tode zu befördern: dann von der chinesischen Negierung eine tüchtige Entschädigung zu erzwingen. Und nun nach Mexiko! Da sitzt mein Mann: klein, schwarzhaarig, halb Spanier, halb Indianer. Teint und Wäsche lassen, was Frische anbelangt, zu wünschen übrig. Er ist Kaufmann in Monterey am Nio Grande, spricht gut und viel. Seiner Ansicht nach ist nichts so malerisch wie die Reisfelder von Texas, nichts so eivilisirt wie die einsamen Ranchos am Paso del Norte. Chihuahua, seine Vaterstadt, sei ein zweites Paris, eigentlich noch viel besser; das gelbe Fieber nicht so arg als man sagt. Es reinigt vielmehr und erneuert das Blut. Ner davonkommt, fühlt sich frisch, munter und kräftig. Es ist eine wahre Lebens-assekuranz. Das sind nun freilich poetische Lieenzen, das Erzeugnis; einer andalusischm Phantasie und einer glühenden Vaterlandsliebe, aber hinter diesen Uebertreibungen erkennt man den praktischen Sinn des Mannes und eine genaue Kenntniß seines Landes. Seine Auffassungen sind originell, seine Witze urwüchsig, weunglcich ein wenig derb. Seine Sprache veredelt sich aber, seine kleinen Augen funkeln, wenn er vom Kaiser Marimilian spricht. Diesen unglücklichen Fürsten — ein Märtyrer seiner Sache und im Tode ein Held — hat sein tragisches Ende mit einer dauernden Glorie umgeben. Schon erscheint er dem Lande, welches er aufrichten wollte und das ihn geopfert hat, als eine 8 jener legendenhaften Gestalten deren Andenken sich verewigt von Geschlecht zu Geschlecht. Auch die Kaiserin ist nicht vergessen. Noch bestehen ihre philanthropischen Schöpfungen. Ihre von barmherzigen Schwestern geleiteten Kindcrasyle überlebten die Blutthat von Queretaro. Auch ein Halbdutzend junger Yankees haben wir an Bord. Kaufmänner, sämmtlich aus derselben Form gegossen : hohe Gestalt, schmale Schultern, flache Brust; verständige, forschende, unruhige Augen: der Mund fein, der Ausdruck sarkastisch. Sie verbreiten um sich eine Atmosphäre von Geld, und Geld haben sie oder werden es haben. Das Wetter ist schön und das Vorderdeck überfüllt mit Auswanderern: Männer, Weiber, Kinder, sitzend, kauernd, liegend. Wären es Leute aus dem Süden, etwa Bauern aus Latium, Welch' schöne Studien für einen Künstler! Aber diese Gruppen haben nichts Malerisches. Gleichgültigkeit und dumpfe Ergebung liest man in den durch übermäßige Arbeit oder Entbehrung entstellten Zügen. Doch fehlt das heitere Element nicht gänzlich. Junge Leute singen im Chor. Andere plaudern mit den Mädchen die stricken. Einige elsässische Arbeiter, welche nicht wieder Deutsche werden wollen, fragen mich um Nath. Sollen sie nach den Nord- oder Südstaaten, oder nach dem tur Wogt gehen? Welchen: Berufe sollen sie sich widmen? 9 und wie muß man es anfangen um, gleich bei der Ausschiffung, in den Straßen von New-Iork nicht Hungers zu sterben? Von der Geographie des neuen Vaterlandes haben sie nur eine dunkle Ahnung, nicht die geringste wie sie ihren Unterhalt gewinnen werden. Welcher Mangel an Voraussicht! Und doch ist dies, wie man mir sagt, der Fall der meisten Auswanderer. Leute, die sich zu Hause unglücklich fühlen sagen sich; nach Amerika! Die wenigen Habseligkeiten werden verkauft; der Erlös genügt eben für die Ueberfahrt, und dann auf gut Glück abgereist ! Gin achtzigjähriger Greis, ein englischer Bauer aus Sommersetshire, der Typus des Patriarchen, gestützt auf zwei hübsche junge Bursche, wankt über das Verdeck. Seine Haltung ist die eines Mannes der sich und Andere zu achten weiß. „Sir", sagt er mir, „für mich ist das Auswandern ein wenig spät, aber ich lasse hinter mir, in England, das Elend, und ich hoffe in der neuen Welt wenigstens Brot zu finden. Dies sind meine Enkel". Dabei sah er die beiden jungen Leute an mit einem Gemisch von Zärtlichkeit, Vertrauen und Stolz. „Ihr Vater und meine Tochter sind im Dorfe geblieben. Ich werde sie nicht wieder sehen", dazu lachte er laut auf. Ich wandte den Blick ab, und er fuhr mit dem Aermel über die feuchten Augen. 10 Die Schiffsbibliothek ist gut bestellt: die englischen Klassiker, Geschichtswerke, einige Revüen nnd Walter Scott'sche Romane. Aber die Vücher, in welchen ich am liebsten lese, sind meine Reisegefährten. Sie gehören allen Theilen der Welt an und allen Schichten der Gesellschaft. Der Tag vergeht also schnell. Die Kost ist vortrefflich, wenigstens was die Lebensmittel anbelangt. Zubereitung, Dienst, Einrichtung der Kabinen gehören Altcngland an, wie es vor der Neformbill war. Ich klage nicht darüber; ich erwähne nur die Thatsache. Die Herren Direktoren der Cunardlinie sind Konservative. Minder angenehm als der Tag ist der Abend. Erstlich ist es kein Leichtes zu lesen beim flackernden Scheine einer Kerze, bei einem Luftzuge der unmittelbar vom Nordvol kommt, kräftig genug um Rheumatismen zu geben, aber zu' schwach um die alkoholischen Ausdünstungen des Soupers zu verscheuchen. Was sodann die Schlafkabinen anbelangt, so findet man dort, unter dieser Breite und im Monat Mai, die Temvevatur eines Eiskellers. (ütt. Mai.) Während der zwei letzten Tage heftige Windstöße aus West-Süd-West. Die Engländer nennen dies eine I«-ti^j'l!i'0(>xu. Sväter artete diese sogenannte Vrise in einen halben Sturm aus, lmlt' .l ^.lle. So lange der weifte Schaum der Wellenkämme über die Flanken der Woge gleich GiesMchen herabstürzt, weht 11 eine doppelte top-roes-Brise. Beim Sturm entsticht der windgepeitschte Schämn ill Honzontaler Richtung. Dies und Anderes lehrte mich der freundliche Kapitän. Die Winde und die Wogen sind sein geringster Kummer. Weniger gleichgültig ist er für Nebel und Eis die man, in dieser Jahreszeit, auf den „Bänken" fast immer antrifft. Gestern aber ward das Wetter wieder schön. Wir sahen ein Nordlicht und einen groften Eisberg. Ein prachtvolles Schauspiel! Er schiffte neben uns einher, etwa eine Meile entfernt. Glänzend weiß auf der Oberfläche, grün in den Spalten, in zwei hohe Gipfel auslaufend, rollte der ungeheuere Block schwerfällig auf und nieder. Die See ging hoch und die Wogen brachen sich schäumend an der schwimmenden Eismasse. Ungeachtet des Lärmens unserer Maschine vernahmen wir deutlich das donnerähnliche Dröhnen der Brandung. Dabei übergoß uns die arktische Sonne mit ihrem fahlen Licht. Schön, großartig, aber unheimlich! Wir sind nun auf den Bänken von Neufundland. Diesen Abend werden wir Cap Race umschiffen. Glücklicher Weise ist die Luft klar. Hätten wir aber, was im Mai die Regel, hier Nebel gefunden; wären wir auf den Eisberg gestoßen, was dann? „Oh", sagte der Kapitän, „binnen zwei Minuten in den Grund gebohrt". Dies ist die Schattenfeite dieser Ueberfahrten. Ich mache sie jetzt 12 zum dritten Male innerhalb zehn Monate, und fast immer bei dunklem Himmel und dichtem Nebel. Daher so häusig die Unmöglichkeit den Meridian zu nehmen, wcil Sonne und Horizont unsichtbar sind; und daher die Nothwendigkeit den Weg d/ dem Leben der Befehlshaber dieser atlantischen Packetdamftfer. Findet ein Zusammenstoß statt, so führen die Beschädigten Klage. Ist das Ergebniß ungünstig für die Kompagnie, so wirb in den meisten Fällen der Kapitän verantwortlich gemacht. Also auf der See steht sein Leben, zu Lande sein Nuf und sein Vermögen am Spiel. Ein hartes Brot, und eine gräuliche Sache, dieser abscheuliche Nebel! Aber wir Passagiere haben nichts zu fürchten. Kapitän Mac-Aulay beruhigt uns. „Wir sind die Stärkeren", sagt er. „Kein Segelschiff ist im Stande der China die Stirne zu bieten. Wird Jemand diese Nacht in den Grund gebohrt, so sind sicher nicht wir es." Diese tröstlichen Worte geben der Gesellschaft ihre ganze Heiterkeit wieder. Ein jeder trägt in seine kalte Schlafkabine das erhebende Gefühl seiner Kraft und Unverletzlichkeit. Ein jeder ist fest entschlossen die Unglücklichen, Welche ihm in den Weg geriethcn, unbarmherzig zu vernichten. In dieser heroischen Stimmung suchen und finden wir, uncrachtet des unab-läßlichen Stöhnens der Lärmpfeife, den erquickenden Schlaf des Gerechten. (2!i. Mai.) Während sechs und dreißig Stunden waren Nebel und Alarmsignale unsere Gefährten! Heute 21 Morgen sahen wir Sonne und Land. In diesem Augenblicke, acht Nhr Abends, geht die China in der Quarantänestation vor Anker. Es ist noch heller Tag: aber der Arzt und der Beamte, welche uns Praktik geben sollen, nehmen im Familienkreise das Nachtmahl ein, bei welcher Funktion, gerade wie ihre Amtsbrüdcr in Europa, sie Störungen nicht lieben. Wir werden also erst morgen amerikanischen Boden betreten. Man benachrichtigt uns jedoch daß diese Herren nach ihrem Frühstücke kommen, daß die Förmlichkeiten des Mauthauses zwei bis drei Stunden nehmen, und wir nicht vor Mittag ausschiffen werden. Genau so verliefen die Dinge auf meiner vorjährigen Reise. Die Dauer der Ueberfahrt wird auf diese Art um achtzehn Stunden verlängert. Da war es wohl kaum der Mühe werth, mit Gefahr für Leib und Leben, und mit einer Schnelligkeit von vierzehn Knoten die Stunde, durch Eis und Nebel über den Ocean zu jagen. Aber es scheint, daß die Bureaukratie in beiden Hemisphären dieselben Pfade wandelt. Als guter Patriot freue ich mich, uns in in diesem Lande des Fortschrittes so wenig überholt zu schen. 22 II. New-York. vom 24. jum 26. Mai. Broadway, — Hisih-Anemie. — Cinsiiist ^ew-j,)or!ls aus die Geschicke der vereinigte» 5taalm. In New-York ist Alles interessant. Damit sei nicht gesagt, daß mir Alles gefällt. Man wird nicht müde dm Tag über die unablässige, fieberhafte Thätigkeit von Broad- und Wallstreet zu beobachten, gegen Abend in der prachtvollen fünften Avenue die elegante Welt, die Masse unbeschäftigter Spaziergänger, die zahlreichen Equipagen zu mustern. Der Luxus der Wagen, deren viele mit Wappen geschmückt sind, die allzureichen Livreen, die theuren Pferde, die Toiletten der Damen (besser bedacht von der Natur als von ihren Modistinnen), Alles in diesem wechselnden Bilde erregt die Neugierde des Ankömmlings, wenn es ihn gleich vielleicht nicht in Allem befriedigt. Man forscht nach dem moralischen Bande zwischen diesem großen Aufwande der sich auf dem republikanischen Boden so breit macht und zwischen dein Durste nach Gleichheit, dem Lebensprinciv, dem Zwecke, dem Stachel, der Belohnung und der Strafe demokratischer Gesellschaften. Gewiß, diese fashionable Welt wird nur geduldet von dem Proletarier, von dem Blusenmanne, von dem Manne des vier- 23 ten Standes, wie man in Europa sagen würde; aber diese Duldung erklärt sich durch die Hoffnung, welche hier zu Lande ein jeder hat — und sie ist nicht ganz chimärisch — seiner Zeit zu ähnlichem Wohlstande zu gelangen. Warum soll er nicht auch sein Weib, welches heute Wäsche wäscht oder in einem Ginftalacc Gläser und Flaschen spült, eines Tages hier in einem schönen Landau fahren sehen; warum soll er nicht vor seinen eigenen Gig ein Pferd spannen, das fünftausend Dollars gekostet hat; warum wäre es ihm versagt, sich einst mit all dem Lurus zu umgeben, mit all den materiellen Genüssen, welche sich hier vor seinen Augen entfalten und deren Anblick sein Gelüste danach weit mehr erregt als seinen Ncid? Und hierin liegt der große Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Demotraten. Der letztere verzweifelt sich zu erheben. Daher sucht er die Anderen zu erniedrigen. Seine moralische Triebfeder ist der Neid, sein Beruf zu nivelliren und zu zerstören. Der Amerikaner sucht den Genuß. Um zu genießen, muß er durch Arbeit Geld gewinnen, was in der neuen Welt immer möglich und zuweilen leicht ist. Ist er reich geworden, so hält er sich für gleich mit Jedermann. Er trachtet also zu steigen: denn er sucht die Gleichheit in einer höheren Sphäre als die wo seine Wiege stand. Der europäische Demokrat hofft die Gleichheit zu verwirklichen indem er die Anderen zu sich 24 herabzieht. Ich gebe der amerikanischen Methode den Vorzug. In Amerika wie bei uns scheint die Gleichheit nur in der Theorie möglich. Nirgend bewahrt sich dies mehr als in den Vereinigten Staaten. Kehren wir zu unserem Blusemnann zurück. Es ist fünf oder sechs Uhr Abends, und er lustwandelt in der fünften Avenue. Das Schauspiel das sich vor ihm aufthut fesselt aber ärgert ihn nicht. Sein Antlitz verräth im Gegentheil freudige Erregung. Was er sieht ist das Vild seiner eigenen Zukunft. Der Gedanke schmeichelt ihm; er weiß nicht daß diese Träume sich, im besten Falle, nur unvollkommen verwirklichen lassen. Es ist möglich daß er zu großem Reichthum gelange, daß er einstens alle diese Krösusse von Wallstreet an Aufwand überbieten werde. Aber der Zutritt in gewisse Regionen bleibt ihm verwehrt. Bald wird er die Neberlegen-heit derer, welche ihnen angehören, fühlen müssen. Sein Sohn, sein Enkel wird vielleicht Einlaß erhalten: er selbst ist ausgeschlossen. Weil er sich aber in der Lage der Mehrzahl befindet, und seine Kraft fühlt, so verliert er den Muth nicht. Unablässig und auf alle Weise, aber immer erfolglos, jagt er nach dem Traumbilde der geistigen und socialen Gleichheit. Was ist die Folge? Die wirklich Gebildeten, die Verfeinerten, die Verehrer der geschichtlichen Tradition, die 25 Freunde europäischer Gesittung, entziehen sich gewissermaßen dem öffentlichen Anblicke, bilden eine Welt für sich, fliehen, als ihnen feindlich, die Berührungen mit dem wirklichen Leben, mit den Männern der That welche diesen unge« hemen Kontinent ausbeuten, seine Schätze entdecken und zur Geltung bringen, und deren erstaunliche Leistungen mit Recht der Gegenstand unserer Bewunderung sind. Es ist erlaubt den übertriebensten Luxus zur Schau zu tragen, Weil die materiellen Güter einem jeden zugänglich sind. Unerlaubt ist, weil die Menge sich nie zu solcher Höhe erheben kann, das Schauspiel geistiger Bildung und ver-femerier Sitten. Diese Schätze werden verhüllt, wie die Juden des Mittelalters, wie noch heute im Orient reiche Leute die Pracht ihres Haushaltes hinter unansehnlichen Ringmauern sorgfältig verbergen. Daher kommt es, daß der Reisende in den Vereinigten Staaten mehr rohe als gebildete Leute begegnet; und daher rührt auch die in Europa so allgemein verbreitete aber irrthümliche Meinung, der Nordamerikaner wisse nicht M leben. Die Wahrheit ist, daß die Emporkömmlinge — aber empor gekommen durch Verstand, Muth und Thätigkeit — daß diese merkwürdigen Männer welche Mittel fanden sich zu bereichern, aber nicht sich zu erziehen, welche ihren eigenen Werth kennen und daher um so bitterer die Zurückhaltung derer fühlen welche ihnen durch Erziehung 26 und Lebensgewohnheiten überlegen sind — die Wahrheit ist daß diese Männer sich überall vordrängen, während die wahren Gentlemen und die wahren Ladies in der Zurückgezogenheit leben, durch ihre Nnsichtbarkeit gegen jene aufgezwungene Gleichheit ftrotestiren, und, in den großen Städten des Ostens, namentlich in Boston und Philadelphia, eine Gesellschaft bilden, welche an Exklusivität die unzugänglichsten Kreise unserer Höfe und Hauptstädte bei weitem übertrifft. In der Physionomie New-Dorks spiegelt sich gewissermaßen die Union. Ich möchte sagen, das geistige, moralische, und kommerzielle Leben des Amerikaners strahlt von diesem Brennpunkte nach allen Theilen der Vereinsstaaten aus. Broadway ist der Vertreter und das Vorbild der großen Schlagadern welche Nord-Amerika von Meer zu Meer durchziehen. Die tw»i's,i,<;'1if:!,l-e» der Londoner City, die Pariser Boulevards, die Ringstraße Wiens und seine hundert verschlungenen Irrgänge sind gewiß eben so belebt als Broadway, aber diese Bewegung entspringt aus den Bedürfnissen jener Städte, während Broadway mehr ist als die Gasse einer Stadt; es ist die große Heerstraße der Union. Nachdem rechts und links eine Menge von Menschen und Waaren abgesetzt worden, bleibt von diesen und 2? jenen noch immer genug um die Eisenbahnzüge zu belasten deren Netz sich über den Kontinent ausspannt. Die Leute welch e in den zahllosen und vielgestaltigen Wagen, Karren Omnibussen umher fahren, sehen mehr wie Reisende denn wie Fahrgäste, mehr unruhig als geschäftig aus. Man sollte meinen, ein jeder fürchte seinen Zug zu versäumen. Gewiß, New-Iork ist eine Stadt im europäischen Sinn, wie London, wie Paris, wie Wien. Aber es ist zugleich mehr als eine Stadt; es ist auch ein ungeheurer Bahnhof, ein Depot wie man in Amerika sagt, für Reisende und Waaren. Eine sich immer erneuernde Bevölkerung strömt ab und zu, und verleiht der großen Metropole den fast allen amerikanischen Städten eigenthümlichen Anstrich der Unruhe, der Sorge, des Unvollendeten und Provisorischen. Alles in Allem, vertritt Broadway das Princip der Beweglichkeit. Gehen Wir nach Wallstreet, dem Stadtviertel der hohen Finanz. Hier ist die Aehnlichkeit mit der Londoner City unverkennbar. Die Gebäude welche Banken sind, die Menge auf der Gasse welche Vorsenmänner sind, die Luft die man athmet, Alles riecht nach Millionen. Doch ist die Analogie nicht vollständig. Ich citire, unter taufenden, nur Ein Anzeichen: die Bankiers haben nie Baargeld im Hause. Ihre Fonds sind in einer öffentlichen Bank deponirt von wo sie mit Hilfe des Telegraphen und eines Kommis ihren 28 Bedarf beziehen. Eine höchst verständige, aber zugleich für die hiesigen Zustände bezeichnende Einrichtung. Die öffentlichen Banken sind kleine Festungen. Einbruch und gewaltsamer Naub sind da kaum möglich. Selbst im Falle eines Aufruhrs bieten diese Geldburgen große Sicherheit. Nicht als ob bedeutende Unruhen dermalen in New-Z)ork zu besorgen wären. Aber Geld ist furchtsam; furchtsam und erfinderisch. Am Ende thut cs nur wie Jedermann in Amerika: es sorgt selbst für seine Sicherheit, wie der Backwoodman, der seine Penaten an den Saum der Civilisation getragen hat, mit der Erbauung eines Blockhauses beginnt: wie der Offizier im Reviere der Rothhäute jede Nacht mit seiner Mannschaft hinter Gräben und Schanz-körben biwakirt. Wir sind in der Fünften-Avcnue, also weit von den Stadttheilcn des Handels und der Betriebsamkeit. Hier ergötzt sich das Auge an der Betrachtung der dort erworbenen Reichthümer. Den künstlerischen, den architektonischen Werth dieser pomphaften, überladenen, anspruchsvollen Prachtgebäude, die sich in das Unendliche an einander reihen, wollen wir nicht allzu kritisch untersuchen. Dieser Styl von fraglichem Geschmacke ist nach Europa gedrungen und verbreitet sich bei uns immer mehr. Belgravia und die Ringstraße kennen ihn. Auch Hausmann und seine Gefährten haben in dieser Quelle geschöpft, die französische mit der 29 amerikanischen Renaissance verquickt, den Uebergang vom Mignon Heinrichs III zum heutigen Jankee vermittelt. Doch kehren wir nach Fifth-Avenue zurück. Die kleinen Vorgärten sind allerliebst. Immer grün, und in diesem Maimonate, weiß, roth, und lila gesprenkelt, ziehen sie sich wie Blumengewinde von Haus zu Haus: ein Gewebe von feinblätterigen Schlingpflanzen: von dustigen Büschen und glänzendem Südlaub. Dazwischen bleibt noch Platz für kleine kokette Rasenplätzchen welche zierliche Marmorgelän-der umfrieden. So niedlich, so reizend, so ideal und poetisch, daß man weder Muße noch Lust hat zu den überladenen Fassaden der Häuser aufzublicken. Alles in Allem fesselt Fifth-Avenue das Auge durch den Wechsel großartiger Fernsichten und lieblicher Landschaftsbilder. New-Iork besitzt eine große Anzahl von Kirchen und Kapellen. Hier spreche ich nicht von der noch unvollendeten gothischen Kathedrale der Irländer: denn dieser Vau entspringt einfach aus dem Bedürfnisse der Seelsorge. Was mir auffällt sind die vielen kleinen, den verschiedensten Kulten gewidmeten, und mit großein Aufwande und in allen möglichen und unmöglichen Stylen errichteten Tempel. An sich klein, scheinen sie noch winziger neben den monumentalen und verhältnißmäßig ausgedehnten Wohnhäusern die sie umgeben. Unseren Städten verleihen die massenhaften Umrisse des Münsters, die hohen Thürme und Dächer der 30 anderen Kirchen ihr eigenthümliches Gepräge. Von weitem erkennt man sie daran. In New-Iork, gerade das Gegentheil. Vom Strome ans betrachtet oder von Jersey-City, wo die aus Europa Kommenden landen, zeigt die große Metropole nichts als eine verworrene Ziegelmenge, roth, gelb, grau, überragt von zwei oder drei Kirchthünnen. Die Umrisse der Hausdächer verfließen in eine einzige, konfuse Masse. Eine Hurizontale Linie schneidet sie vom Himmel ab. Die paar Thürme verschwinden dagegen oder werden Nebensache. Die Ankömmlinge fragen sich, wie so wenige Kirchen für eine Million Christen ausreichen können. Betritt man aber die Stadt, so erkennt man alsbald seinen Irrthum, zumal wenn man Fifth-Avenue erreicht, von wo die Geschäfte verbannt sind, wo die Nuhe in ihr Recht tritt, und mit der Nuhe die Befriedigung der geistigen Bedürfnisse, und, ein wenig, auch die Erhebung des Gemüthes, die Sammlung und das Gebet. Nicht als ob alle diese kleinen Tempel der eben genannten Straße das Gepräge einer besondern Frömmigkeit verliehen! Im Gegentheil die «n,n«tit.i8 looi fehlt diesem eleganten und vornehmen Stadtheile ganz und gar. Die kleinen Kirchen, unerachtet ihrer anspruchsvollen Architektur, bleiben Nebensache. Sie sind nur während des Gottesdienstes geöffnet der, wenn ich nicht irre, nur an Sonntagen stattfindet. Aber sie bestehen, und ihr Dasein beweist das Dasein re- 31 ligiöser Gefühle im Herzen dieser reichgcwordenen Männer. So lange sie im Schweiße ihres Angesichtes nach Gold rangen, hatten sie wenig Zeit für die Ansprüche des inneren Lebens. Seit sie Millionäre geworden, erinnern sie sich daß auch sie eine Seele besitzen. Sei es aus religiösem Bedürfnisse oder blos der Schicklichkeit halber, und um ihre l-68p^t3,dilit^ aufrecht zu erhalten, genug sie steuern reichlich bei zur Gründung von Gemeinden, und die vielen schönen Kirchen der Fifth-Avenue sind grösttentheils ihr Werk. In einer Gesellschaft, deren eine Hälfte in einem beständigen Kirchthurmrennen begriffen ist, erstarrt das Seelenleben. Aber der Tod ist nur scheinbar. Von Zeit zu Zeit erwacht man. Die Amerikaner nennen dies rov i vu 1». Man versammelt sich in den Urwäldern, in den Prairien des fernen Westen, man betet, man singt, man lauscht den Predigern. Man fühlt sich plötzlich ergriffen von dem Bedürfnisse geistiger Tröstungen. Diese i-oviviUs und die Kirchen von Fifth-Avenue sind verschiedene Offenbarungen desselben religiösen Gefühles welches der Kultus des goldenen Kalbes, die Staatsrcligion des goldsuchenden Iung-amerika zwar einzuschläfern, oder vorübergehend zu unterdrücken, aber nicht auszurotten im Stande war. Auf meinen Wanderungen durch New-Z)ork konnte ich mich, wie während meines ersten Besuches, des Eindruckes 32 nicht erwehren, daß diese Metropole, wie bereits oben erwähnt, allen größeren Städten der Union mehr oder weniger ihr Gepräge aufdrückt. Ich habe diese Bemerkung nirgend gelesen noch gehört, aber sie scheint mir unbestreitbar. New'Pork wohnt eine centralisirende Kraft inne. Weder der autonome Geist der Staaten, noch die Beweglichkeit der amerikanischen Gesellschaft noch der fast unbegrenzte Naum über den man verfügt, vermögen sie zu überwältigen. Ich könnte viele Belege anführen; aber man schreibt nicht gern bei -j- 30" R. Ich komme so eben aus dem großen, ziemlich ordinär aussehenden Stadtviertel der Deutschen. Dort finden die neu angekommenen Auswanderer dieser Nation Nath und Beistand, bevor sie die Neise nach dem Westen antreten. Sie bringen die Luft aus dem „Vaterlande" mit, und erneuern die Atmosphäre ihrer hier lebenden, meist zu Yankees gewordenen Landsleute. Diese, ihrer Seits, suchen die allzuhochgespannten Erwartungen der eben ausgeschifften Brüder herabzustimmen, ihren republikanischen Feuereifer zu kühlen, kurz ihnen die Dinge darzustellen wie sie sind, und sie vorzubereiten auf ihr künftiges Dasein. Dergestalt vollzieht sich in letzteren, binnen wenigen Tagen, eine merkwürdige Umgestaltung. Der Rückschlag wird sich fühlbar machen in den fernsten und entlegensten Theilen der Union, an den bewaldeten Gestaden des Lake-Superior, in 33 den Kornkammern von Minesota und Wiskonsin, auf den Prairien von Nebraska und Arkansas, am Redriver von Texas, in den einsamen Ranchos des Oregon, in den grünen Schluchten der Sierra-Nevada. In geringerem Grade ergeht es den Irländern eben so. Ich sage, geringer, weil der Sohn des grünen Erin sich gegen äußere Einflüsse mehr abschließt als der Deutsche; weil der Celte überall sich selbst genügt, und sich in England, wie in Amerika, wie in Australien, der Einwirkung der modernen Civilisation gerne entzieht. Der überwiegende Einfluß welchen die zuerst der Barbarei entledigten Nationen auf jüngere Volksstämme ausüben, scheint ein Naturgesetz. An der Grenzscheide sind in dieser Beziehung immer die ersteren die Eroberer, die letzteren die Eroberten, selbst dort wo zwischen beiden Theilen politische Gleichheit obwaltet, ja sogar wenn die letzteren politisch überlegen sind. Allerdings bleiben diese Eroberungen der Aelteren über die Nachgeborenen der menschlichen Familie innerhalb enger Grenzen eingeschränkt, aber die Thatsache ist unleugbar. Zum Beispiele, auf der ganzen Linie wo die österreichischen Provinzen an Italien stoßen, erscheint das italienische Element gegenüber dem deutschen und slavischen als vorwiegend, freilich nur m sehr geringem Maße. In Ungarn, für den Magyaren und Slaven, in Böhmen und Illyrien, in Polen und Nußland ist der Deutsche der an- 34 erkannte Bote und Zwischenträger der Civilisation. Die der Celten reicht in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurück, wenn man, wie ich glaube, das Christenthum als die Wiege der wahren Civilisation betrachten muß. Insofern sind sie die älteren Brüder der anglosäch-fischen und deutschen Stämme. Aber nach allen Richtungen von diesen überflügelt, tonnten sie ihr Erstgeburtrecht nie anders geltend machen als durch den passiven Widerstand gegen die Einflüsse moderner Gesittung. In New-Z)ork sind sie, in Folge des allgemeinen Stimmrechtes, eine gewaltige Macht geworden. Bei den Wahlen geben sie häufig den Ausschlag. In den Staaten bilden sie vorzugsweise das katholische Element, so wie die Deutschen hauptsächlich das protestantische vertreten. Daher sind sie auch die gebornen Gegner der letztern. Die Auswanderer aller anderen Nationen kommen mit der Absicht Amerikaner zu werden, die Söhne der grünen Insel bleiben überall Irländer. Nicht als ob sie oder ihre Kinder nach der Heimath zurückzukehren gedächten; aber ein ideales, ein mystisches Band knüpft sie an das Vaterland. Sie haben es mit sich gebracht. Der Ocean besteht nicht für sie. Er ist höchstens ein Vach. An einem bestimmten Tage, Gott allein kennt ihn, werden die amerikanischen Brüder — so nennt man sie in Irland — ihn wieder überschreiten und den Daheimgebliebenen die Freiheit bringen, nicht 35 die Freiheit im modern europäischen, im liberalen oder demokratischen Sinne, sondern die Unabhängigkeit, die Losreißung von England. Sie werden kämpfen und siegen. Aus diesen Träumen entsprang der Fenianismus, diese unfaßbare Verschwörung welche sich den Detektivs der englischen Polizei und den Wachtposten der englischen Garnisonen ebenso entzieht wie den Gegenvorstellungen der katholischen Geistlichkeit, und für Irland nicht minder als für das brittische Neich eine Quelle von Verlegenheiten und Gefahren ist. Die Irländer sind also den anglosächfischen Gewohnheiten und Lebensansichten sehr wenig zugänglich. Aber gänzlich entgehen sie diesen Einflüssen doch nicht, und New-Vork ist es welches den irländischen Irländer in den amerikanischen Bruder verwandelt. Die Emigranten anderer Nationen erleiden hier auf der Durchreise, nur in erhöhtem Maße, eine ähnliche Umgestaltung. In dieser Hinsicht wird New-York seine Suprematie bewahren, so lange es den Kopf der großen Brücke bildet zwischen den beiden Weltiheilen. Die ungeheure Mehrzahl der Menschen, für welche Europa keinen Raum mehr besitzt, schlagen den Weg nach der Mündung des Hudson ein, betreten amerikanischen Boden in New-Mrk, nehmen dort ihre ersten Eindrücke auf, und verbreiten sie sodann über alle Theile des Kontinents. 36 III. Washington. vom 20. zum 29. Mai. Die ladle IayresM in der offiziellen Hauptstadt. — wie die Amerikaner Wer den MMma - ^erlnig »rlheilen, — Aiickwirkung des Ml-W-Krieges ans Ideen mid 5ilten. -^ Getheille Anlichlen iilicr die FreiüWng der Aeg«, — wachsendes Übergewicht des schwanen Eleineüleä i,< den '»üd-staale,«. Wer sich ein richtiges Vild von der offiziellen Hauptstadt der Vereinigten Staaten machen will, mit Vermeidung aller Neisebeschwerden, der lese die Beschreibung des H. Antony Trollofte. Eine wahre Photographie! Die Farben fehlen, aber Zeichnung und Aehnlichkeit sind vollkommen. Fast bereue ich mich nicht damit begnügt zu haben. Die Luft schwer, die Hitze erstickend. Staub und Mus-kitos unbarmberzig. Arlington-House, das Hotel der offiziellen Welt, der Senatoren, der Männer der Politik, der Stellenjäger und Sollicitanten höherer Art, ein unbehagliches Karavanserai. Die schlaflosen Nächte verbringt man unter einem durchlöcherten Mückennetz, die heißesten Stunden des Tages in den Sälen des Erdgeschosses oder auf der Veranda. Da liegen mehrere Gentlemen, in Niegcn-stühle ausgestreckt. Sie rauchen, sie kauen, sie spucken mit gegen die Decke gerichteten Blicken, aber sie sprechen nicht. 37 In den weiten Räumen herrscht dumpfes Schweigen, nur unterbrochen durch das Summen der Fliegen, von Zeit zu Zeit durch den schweren Tritt eines Farbigen der Erfrischungen bringt, Zeitungen, Briefe oder Telegramme. Zuweilen dringen plötzlich heiße mit Staub geschwängerte Luftstro'me in den Saal. Dazu Branntweindünste und Speisengeruch. Der Sommer in Vuenos-Ayres und Rio de Janeiro ist nicht unerträglicher, und jedenfalls minder nachtheilig für die Gesundheit. Es eilt auch Alles fort. Der Präsident geht dieser Tage; M. Fish ist abgereist. Das diplomatische Korps und die Vorstände der Ministerien rüsten sich zum Aufbruche. Das Repräsentantenhaus ist geschlossen: die Senatoren im Begriffe dem Beispiele zu folgen. Ich wohnte einer ihrer letzten Sitzungen bei. Man sprach mit Ruhe und Anstand. Mir that es fast leid. Wir Europäer stellen uns amerikanische Staatsmänner meist mit geballten Fäusten und gezücktem Revolver vor. Nichts von dem Allem. Zwei ehrenwerthe Senatoren bekämpften sich mit den Waffen einer tönenden, vielleicht etwas hohlen Deklamation, etwa wie Advokaten, was sie auch ihres Zeichens sind. Sie sprachen abwechselnd laut und leise. Stellen besonderer Beredsamkeit ward dadurch Nachdruck verliehen das; der Redner mit dem Zeigefinger der rechten auf seine flach ausgestreckte linke Hand schlug. Mittlerweile lasen, schrieben. 38 schlummerten die Kollegen. Niemand sprach, Niemand flüsterte, aber Niemand, so schien es, hatte von dem Dasein der beiden Redner die geringste Ahnung. Das Ereigniß des Tages ist der eben erfolgte Abschluß des Alabama-Vertrages. Die Engländer welche ich darüber sprechen hörte betrachten ihn als ein dem Frieden gebrachtes Opfer: die Amerikaner halten mit ihrem Urtheile zurück; die Kanadier klagen über Verrath. Sie behaupten, das Mutterland opfere sie selbstsüchtigen Zwecken. Schon vor meiner Abreise hatte mir in London ein hochgestellter brittischer Staatsmann gesagt.' „Die Trennung Kanada's ist nur eine Frage der Zeit. Dieser Vertrag wird die Scheidung beschleunigen. In vier, in fünf Jahren dürfte sie stattfinden." Sonderbar, wie sich die Zeiten ändern. Wer vor dreißig Jahren in England eine ähnliche Ansicht geäußert hätte, würde, wenn ein Ausländer, für einen Feind, wenn Engländer, für einen Hochverräther gegolten haben. Die heutige Generation hat sich mit dem Gedanken an den Verlust der Kolonien vertraut gemacht. Daß sich Kanada und Australien, beim ersten Kanonenschusse Englands gegen einen auswärtigen Feind, unabhängig erklären werden, bezweifelt fast Niemand. Die util!t.>n-ion wünschen sogar die Lossagung der Kolonien und sprechen von ihren Vortheilen, wie Höflinge welche ihrem Souverain zum Verluste einer Provinz Glück wünschen. 39 Während meines dreitägigen Auftnthaltes in Washington speiste ich an einem kleinen Tische neben einem sehr anständig aussehenden Ehepaare. Es waren der Gouverneur eines der Weststaaten und seine Gemahlin. Der Headwaiter, welcher im Speisesaal den Dienst leitet und über die Plätze als Selbstherrscher verfugt, hatte uns bekannt gemacht. Der Gouverueur eröffnete das Gespräch mit dem landesüblichen Verhöre. „Erlauben Sie mir, sagte er, Sie mit einigen Fragen zu belästigen. Woher kommen Sie? Was ist Ihre Beschäftigung, und was hat Sie nach den Vereinigten Staaten geführt? Was sagen Sie zu unserem Amerika? Nicht wahr, ein schönes, ein großes, ein sehr großes Land, i>, V6I-/ diss oaimti'/?" Es ist oft, besonders von englischen Schriftstellern bemerkt worden, wie sehr der Yankee Schmeicheleien über sein Vaterland liebe, ja daß er selbst die übertriebensten Lobsprüche mit Wollust annimmt, dagegen die geringste Kritik, ja selbst bloßes Schweigen sein patriotisches Gefühl unangenehm berührt. Heute ist dies nicht mehr ganz der Fall. Der Bürgerkrieg hat vieles geändert. Die Geister sind reifer, die ehemaligen 6ns-mtn teri'U,!«» zu Männern geworden. Man besucht Europa häufiger als vor dem Kriege, der Gesichtskreis erweitert sich, man schämt sich der kindischen Selbstvergötterung von ehemals. Dies gilt Haupt- 40 sächlich von Neu-England, wo sich die Brennpunkte des geistigen Lebenb befinden. Die Männer des Westens sind weniger vorgeschritten. Der Süden, einst berühmt durch die fürstliche Gastfreundschaft, die aristokratischen Sitten seiner großen Pflanzer, durch seinen Reichthum an Staatsmännern welche fast ausschließlich die Union regierten, der arme Süden ist heute ein aus tausend Wunden blutender, verstümmelter Körper. Die Zeit allein kann Heilung bringen. Seine Lage ist anormal; und da ich ihn nicht besuchen, und daher nicht mit eigenen Augen sehen werde, so ist es mir versagt über die dortigen Zustände ein Urtheil zu fällen. Mein Gouverneur, ein Mann aus dem Westen, ge. hörte offenbar der alten Schule an: ich hütete mich also seine Empfindlichkeit zu verletzen. In diesen schwierigen Lagen, wo die Pflichten der Artigkeit mit der Wahrheitsliebe in Widerspruch gerathen, zieht man sich aus der Verlegenheit wie man kann. Man spendet Lob, und mildert es dann durch irgend eine kritische Bemerkung. Aber die Zuhörer nehmen nur von den Komplimenten Notiz und nicht von den kleinen oratorischen Vorbehalten durch welche der Reisende sein Gewissen zu beschwichtigen oder dessen Stimme zu ersticken sucht. Uebrigens habe ich mehr als einmal erfahren, daß je enthusiastischer der Fremde die Glanzseite der amerikanischen Zustände hervorhebt, desto 41 mehr der Ginheimische sich geneigt zeigt der Wahrheit die Ehre zu geben, und die Gebrechen des staatlichen und geselligen Lebens in den Vereinsstaaten ohne Rückhalt zu enthüllen. „Ja, sagte der Gouverneur nachdem er meine Lobrede mit unverkennbarem Wohlgefallen eingeschlürft, ja wir sind eine große, eine glorreiche Nation. Aber wir sind trank. Wir leiden an den Folgen einer vorzeitigen und zu raschen Entwickelung. Als Knaben sind wir zu schnell gewachsen, als Männer haben wir zu viel auf uns genommen. Uebertriebene Arbeit entkräftet uns. Es ist möglich, aber nicht wahrscheinlich daß wir ein vorgerücktes Alter erreichen. Ich fürchte, die Union hat keine Zukunft. „Sie fragen mich, fuhr er fort, um meine Ansicht über die Freigebung der Neger. Ein bestimmtes Urtheil zu bilden ist dermalen kaum möglich, aber, aller Wahr. scheinlichkeit nach, ist die Emancivationsatte das Todesurtheil der schwarzen Nasse. Der Neger ist, seiner Natur nach, träge und ohne Voraussicht. Seit er frei ist, arbeitet er wenig oder gar nicht. Um den nächsten Tag kümmert er sich nicht. Ausnahmen gebe ich zu. Seit der Abschaffung der Sklaverei zahlen die Plantagenbesitzer den Schwarzen Lohn, oder, noch besser, sie sichern ihnen einen Antheil an dem Erträgnisse der Ernte. Dies System hat hier und da sich so ziemlich bewährt. Aber, ich wiederhole 42 es, der arbeitsame und sparsame Neger macht die Ausnahme. Wenn die letzten Baumwollernten reichlich sind, so ist dies Ergebniß nicht, wie einst ausschließlich, nicht einmal großentheils, der Sklavenarbeit zu verdanken. Diese Menschen besitzen keinen Arbeitstrieb. Nie werden sie mit den Weißen konturriren können; sie werden vielmehr in Armuth und Elend gerathen. Sie sind, wie gesagt, ohne alle Voraussicht und sie sind schlechte Eltern. Nie haben sie sich um ihre Kinder bekümmert. Dies war Sache des Eigenthümers. Wenn nicht aus Menschlichkeit, so aus Interesse, um sein Kapital zu erhalten und zu vermehren sorgte er für gute Pflege der schwangern Negerinnen und ihrer Kinder. Heute ist die Sterblichkeit unter den letzteren geradezu grauenhaft. Nebrigens, eine langjährige Erfahrung hat es bewiesen, blieben die schwarzen Bevölkerungen in den freien Staaten, was die Zahl betrifft, unverändert oder sie nahmen ab. In den Sklavenstaaten, ganz abgesehen von den durch die Einfuhr gelieferten Zuflüssen, vermehrte sich die schwarze Rasse in erstaunlicher Weise. Diese Thatsache erklärt sich durch die soeben erwähnte Fürsorge des Besitzers für die Mütter und Kinder, sodann durch die Vorliebe des Negers und namentlich der Negerin für die weiße Farbe. In den Südstaaten kamen, vor Aufhebung der Sklaverei, Ehen zwischen Schwarzen und Weißen nie vor. Illegitime Verbindungen zwischen 43 Weißen Männern und schwarzen Frauen, stets als gesetzwidrig betrachtet, machten die Ausnahme. Heute hat sich dies geändert. Das Gesetz ist kein Hinderniß mehr, und eine Masse weißer Feldarbeiter strömt aus dem amerikanischen Norden nach den Südstaaten. Die ehelichen Verbindungen Zwischen Schwarzen und Weißen fangen an häufiger zu werden. Also, die Trägheit und die Gedankenlosigkeit, das Elend und die Krankheiten, besonders Kinderkrankheiten, werden die schwarze Bevölkerung vermindern. Hierzu kommt daß fortan die allerdings schwerlich zahlreichen Neger, welche etwas Vermögen erwarben, ihre Töchter mit Weißen oder wenigstens mit minder Schwarzen, als sie selbst sind, verheirathen. Sie sehen, ihre Laster wie ihre Tugenden, der Müßiggang und die Arbeit, haben sich zu ihrem Untergang verschworen." Arbeiten die Neger? Dies ist die Frage. Aber über diesen Hauptpunkt sind die Ansichten getheilt. Ein in der öffentlichen Meinung Amerika's hochstehender Staatsmann und Vertreter an einem europäischen Hofe sagte mir: „Die Arbeitsscheu der freigelassenen Neger galt allgemein für erwiesen. Die großen Erträgnisse der letzten Baumwollernten beweisen daß sie, unter dem System des Lohnes oder der Vethciligung, vortreffliche Arbeiter geworden sind. Sie galten für dumm, und nun zeigt sich daß 44 fie seltene Fähigkeiten besitzen, sowie den lebhaftesten Wunsch sich und ihre Kinder zu unterrichten." Ueber die wachsende politische Bedeutung der Schwarzen sprach sich dieser Diplomat folgendermaßen aus: „Die Anhänger der Emancipation hatten befürchtet, die ehemaligen Sklavenhalter würden auf Nmwegen das neue Gesetz zu umgehen suchen, und die große philanthropische Akte der Freilassung ein todter Buchstabe bleiben. Als Gegenmittel gewährte man den Schwarzen die Theilnahme am allgemeinen Stimmrecht. Die Folge wird sein daß letztere bei der nächsten Präsidentenwahl den Ausschlag geben werden*) daher bewerben sich auch Republikaner und Demokraten um ihre Gunst." Ich möchte hinzufügen, Niemand verkennt ihre Bedeutung weniger als Präsident Grant. Den Beweis liefert die Gunst welche er ihnen zuwendet, und in Folge dessen ihr fortwährendes Zuströmen nach Washington, dem Sitze der Centralregierung. In den Südstaaten sind sie mehr oder weniger die Herren. In Südkarolina ist der Vice-Präsident der Legislatur ein Farbiger. Hören wir den Newport Observer: „Die Zustände in Südkarolina sind nachgerade unerträglich. Dies ist zwei Ursachen zuzuschreiben: Die Schwar- *) Diese Voraussagung hat sich seither, bei der zweiten Wahl Grant's, bis zu einein gewissen Grade, bewährt. 45 zen sind zahlreicher als die Weihen, und die ehemaligen Sklaveneigenthümer, empört durch die neue Ordnung der Dinge, verschmähen es die Gesetzgebung und Regierungsgewalt mit den Schwarzen zu theilen. ^ So geschieht es daß letztere mit den neuen, weißen Einwanderern aus den Nordstaaten in den Besitz der Macht gelangt sind. Von hundertfünfundzwanzig Mitgliedern der Repräsentantenkammer sind neunzig Schwarze. Im Senat beinahe dasselbe Verhältniß. Die Mehrzahl dieser Leute sind käuflich. Hie-zu kommt daß der Grundbesitzer in Südkarolina durch den Krieg Alles verloren hat außer sein Grundeigeuthum, daß ihm Vaargeld mangelt und die stets steigenden und unerbittlich eingeforderten Steuern ihn erdrücken..." Ueber die Verschleuderung der Staatseinkünfte, unter den schwarzen Regenten, erzählt der Artikel haarsträubende Dinge. Diese und ähnliche Behauptungen werden von allen Südländern bestätigt und von allen Männern aus dem Norden bestritten. Wo liegt die Wahrheit? und wie sie entdecken? Eine Thatsache wird aber von beiden Seiten zugcgegeben: die Schwarzen sind, im Süden, die Herren der Weißen. In einigen Staaten besitzen sie die Negie-rungsgewalt: in andern bilden sie, in den Legislaturen, die Mehrheit. Ueberall sind sie eine wahre Macht, die sie, noch vor wenigen Jahren, in denselben Gegenden, für die niedrigsten Wesen der Schöpfung galten. Dies erklärt 46 die Wuth, die Verzweiflung der Weißen, den in ihrem Herzen angehäuften Haß, nicht gegen ihre ehemaligen Sklaven, sondern gegen den Norden, in ihren Augen, den Nrheber all' dieser Uebel. Man sehe nur was im Süden vorgeht: Gegenwärtig reist H. Davis in jenen Staaten. Ein wahrer Triumphzug. Seine Worte zünden; und doch sagt er nichts Anderes als: „Schweigt und hofft"; mit anderen Worten: „Wartet bis die Stunde der Nache schlägt." Die Eigenthümer enthalten sich der Wahl und verlieren hiedurch den Boden welchen die Schwarzen und ihre neuen weißen Freunde aus dem Norden sogleich einnehmen. Die Regierung findet keine weißen Beamte. Kaum angestellt, verlassen sie den Dienst, entweder eingeschüchtert oder weil sie selbst für die Sache des Südens schwärmen. Die Frauen noch entschiedener, noch opferwilliger als die Männer, schüren das Feuer der Vaterlandsliebe, und die Vaterlandsliebe des Südländers ist, in den Augen des Gesetzes, Nebellion oder Verrath. Ein solches Bild entwerfen die Unparteiischen, Mitglieder des diplomatischen Korps in Washington, Reisende die aus den Südstaaten kommen, Männer die jenen Interessen völlig ferne stehen. Einige dieser Schilderungen werden selbst von Gegnern der ehemaligen Kon-föderirten als wahr anerkannt. Jedermann, ich wiederhole es, gesteht das unleugbare Vorwalten des schwarzen 47 Elementes im Süden. Dies sind naturwidrige und auf die Länge unhaltbare Zustände. IV. Von Washington nach Chicago. 29. und 30. Mai. Die Aeismden im fernen Westen. —Drangsale der einzelnen yenen, — Aristokratische Aeguugcn im ^ande der Gleichheit, — Die Susqnehanna. — Die Iunial'i. — Aicknnst in Chicago. Auf der Eisenbahnfahrt von NewHork nach der offiziellen Hauptstadt der Vereinigten Staaten sieht der Europäer nichts Neues und wenig Interessantes. Fast könnte er sich in Europa glauben. Zieht er aber westwärts, so ändert sich allmälig die Physiognomie der Reisenden. Die Kaufherren mit ihren Kommis, die eleganten Damen aus Boston, Philadelphia, Baltimore, die Bureaukraten von Washington, all' diese Kosmopoliten, Ww wir sie deren auch besitzen, verschwinden nach und nach. Dagegen sieht man fast nur junge Männer, bärtig, ohne Sorgfalt gekleidet, nicht übermäßig reinlich, einen oder zwei Revolver in den Hosentaschen; um die Lenden den Gürtel mit grob« leinenen Säcken welche leer sind, wenn der Mann nach dem Westen geht, gefüllt mit Gold wenn er wieder heim- 48 kehrt. Auch Landwirthe von minder bedenklichem Aeußeren trifft man und Fuhrleute unterWeges nach den Ufern des Missouri, nach Leavenworth oder Kansas-City, um dort die Leitung ihrer Karavane zu übernehmen. Dies sind wichtige Personen. Nnerschrockenheit, Ausdauer, die Gewohnheit des Befehls — erstreckte er sich auch nur auf ihre Knechte und Ochsentreiber — unverwüstliche Gesundheit, Gutmüthigkeit, Rohheit liest man auf ihren Gesichtern welche der Whisky geröthet hat, der Whisky und die sengenden Winde von Neu-Mexiko und Arizona. Die von ihnen nach Santa-Fe, nach Prescott, nach San-Diego nach Nieder-Californien, über Paso del Norte nach Chihuahua gebrachten Waaren rchräsentiren den Werth von Millionen. Diese Leute trotzen allen Gefahren, den Indianern und den wilden Thieren der Wüste, den Schneestürmen auf den Hochebenen, den entsetzlichen Nebergängen der Canones. Drei, vier, fünf Monate sind sie auf der Reise. An gewissen Orten finden sie Vorräthe von Lebensmitteln. Für diese Männer, Kreuzritter ohne Kreuz und ohne Ritter-thum, sind diese Haltstellen ein irdisches Paradies, bezauberte Schlüsser, wo wohlthätige Feen, in Gestalt schöner Indianerinnen, ihrer harren, wo, während der wenigen Ruhetage, alle Genüsse dieser Welt, die Genüsse deren fie fähig sind, die schauderhaften Entbehrungen der Reise vergessen lassen. Da sitzen sie in einer Ecke des Wagens. Nenn 49 ich vorübergehe, blicken sie mich mitleidig und spöttisch an. Armer Mensch, denken sie, wozu ist der zu gebrauchen? Dann schütteln sie mir schweigend die Hand, und lassen mich ziehen. Auch Deutsche sind in dem Zug. Man erkennt sie an ihren lauten Stimmen; denn der Amerikaner ist in der Regel schweigsam, und Wenn er spricht, so lispelt er. Auch die Frauen sehen anders aus. Wie überall, reisen sie häufig allein, aber die eleganten Toiletten sind verschwunden. Man hatte mir in New-York gerathen, mich mit Empfehlungsbriefen zu versehen für die tt«nt,l6MLn at, tlio Olül',0 der Gasthäuser und für die Vorstände der Bahnhöfe. Schon auf einer früheren Reise hatte ich die Vortheile solcher Briefe erprobt. Der Zug ist angekommen. Wir find in der Nähe einer kleinen Stadt, und gedenken dort zu übernachten. Sie besitzt ein oder zwei Hotels, ein jedes mit acht- oder zwölfhundert Zimmern. Dennoch sind sie immer überfüllt. Alles stürzt auf die Omnibusse welche die Reisenden dahin bringen. Andere laufen zu Fuß. An unser Gepäck brauchen wir nicht zu denken, denn wir haben einen Check genommen. Es wird sicher und rasch besorgt. Jetzt sind wir angekommen. Nir haben eine Art von Heersäule gebildet, und nähern uns allmälig dem Bureau hinter Welchem der ttontiomun n,t td« OMru steht, ein Herr von ernster wenn nicht majestätischer Haltung. Hübucr, Sftaziergang I. ^ 50 Die Damen haben den Vortritt, und bekommen ihre Zimmer in den elegant eingerichteten Stockwerken, dem ersten oder zweiten des Hotels. Ihre Gatten, Brüder oder sonstige Reisegefährten männlichen Geschlechtes theilen dieses Vorrecht. Aber einzelne Herren werden erbarmunglos, mittelst des Elevators, oder Aufzuges, in die großen Dachräume verwiesen. Endlich lange ich vor dem Minos an und überreiche ihm meinen Empfehlungsbrief. Sein Kollege in dem Hotel wo ich die letzte Nacht geschlafen gab ihn mir. Minos erbricht ihn, mißt mich mit einem kalten aber forschenden Blick, dann wendet er sich zu den noch unversorgten Reisenden, und sendet sie nach wie vor in die luftigen Höhen der Karavanserai empor. Endlich ist Jedermann versehen, und ich stehe allein vor dem wichtigen Manne. Nun wendet er sich an mich: die Amtsmiene Verschwindet: er reicht mir die Hand und drückt die meine gewaltig- dann lächelt er anmuthig. „Was steht zu Befehl, Baron?" sagt er. „Sie wünschen ein gutes Zimmer, Baron? Wohl denn, Baron, Sie sollen es haben." Und er giebt mir das beste Appartement im Hause. Daß der Amerikaner den Durst der Gleichheit verbindet mit großen Gefallen an Titeln, ist hundertmal bemerkt und gesagt worden. Wer Senator, Gouverneur, Oberst, General, wäre es auch nur Milizgeneral, heißt, und die Anzahl ist Legion, wird immer bei seinem Titel 51 und niemals bei seinem Namen genannt. Wer den Titel gibt und wer ihn erhält findet sich gleichmäßig geehrt. Was nun gar Adelstitel anbelangt, die verbotene Frucht des Republikaners, so spricht man sie mit wahrer Wollust aus. Dies ist keine Uebertreibung. Jeder der in Amerika gereist ist kaun die Thatsache bestätigen. Der Analogie halber erwähne ich hier den naiven Stolz auf ihre Abkunft, welche man in den alten Familien findet, den Abkömmlingen der ersten holländischen Einwanderer, oder englischer Puritaner und französischer Hugenotten. Ich habe nie mit Jemandem dieser Klasse Bekanntschaft gemacht ohne sogleich zu hören: „Meine Familie ist sehr alt: meine Vorfahren kamen vor zweihundert Jahren nach Amerika-, wir haben in England Verwandte die in der Pairskammer sitzen, oder wir stammen von hugenottischen Edelleuten welche, vor dem Widerruf des Ediktes von Nantes, gut gesehen warm am französischen Hofe." Und diese selben Personen welche unaufgefordert ihren Stammbaum entfalteten zeichneten sich durch Erziehung und feine Sitte aus. Sonderbare Anomalie, aber leicht erklärbar, weniger durch die Eitelkeit welche andere Befriedigungen sucht und findet, als durch das Wesen der menschlichen Natur die, gleich der unbelebten, der Mannigfaltigkeit bedarf und die Gleichheit Von sich weist. Auch für Eiscnbahnreisende, besonders für einzelne 4" 52 Männer, ist das Empfehlungsschreiben von Nutzen. Dcr Stationschef eröffnet die Unterhaltung mit einem Händedruck, überschüttet mich mit dem „Baron" und führt mich, mit dem herkömmlichen Zeremoniell, bei dem Zugführer ein. Dieser gibt mir gleichfalls meinen Titel, und ich nenne ihn Mister. Im fernen Westen sagt man nicht Sir, sondern Mister ohne den Namen beizufügen, denn man hat nicht Zeit darnach zu fragen oder man hat ihn sogleich wieder vergessen. Man ist Weißer und Amerikaner, dies genügt; hiermit bekundet man die Ueberlegenheit über die wilden Thiere der Wüste, über die Nothhäute der Prairien, über alle Nationen der Erde, mit Inbegriff des Europäers. Die Gattung der man angehört zählt, und nicht das Individuum. Sie sind also Mister, Meister, Meister der Schöpfung. Regelmäßig und schuldigermaßen dem Zugführer vorgestellt, bleibt eine letzte, aber darum nicht unwichtige, Förmlichkeit zu erfüllen. Der Zugführer macht mich mit dem Farbigen bekannt; das heißt mit dem Aufwärter des Wagons. Hiebei, in Anbetracht der mehr oder minder dunklen Hautfarbe, entfällt der Händedruck. So weit ist man noch nicht gekommen, unerachtet der Emancipation der Schwarzen. Man macht Gesetzgeber aus ihnen, sogar Vice-Präsidenten. In Washington, am Sitze der Centralregierung ist ihnen gestattet, in den öffentlichen Wagen die besten Plätze einzunehmen und diese nur farbigen 53 Frauen abzutreten. Aber ihnen die Hand schütteln, um keinen Preis! Der Kondukteur, als Freund, der ooicmrua mim, als Diener, machen sich sehr nützlich, suchen ihrem Schützling einen guten Platz, warnen ihn vor schlechter oder gefährlicher Gesellschaft, bringen ihn, falls er auf die Cigarre verzichtet, bei den Damen unter, belegen für ihn eine Sektion, d. h. die vier Plätze eines Fensters welche Nachts in ein Schlafgemach verwandelt werden. In Baltimore eiliges und grauenhaftes Frühstück in einem 6ÄtinF'I»ou8o; dann Abreise auf der vensylva-nischen Centralbahn. Mehrere Linien führen nach dem Westen. Ihrer Konkurrenz verdankt der Reisende eine bis an die Grenzen des Möglichen getriebene Raschheit der Beförderung. In diesem Augenblicke, und während ich unerachtet der Stöße des Wagens, meiner Gewohnheit gemäß, einige Notizen in mein Taschenbuch schreibe, dampfen Wir fünfzig und sechzig Meilen die Stunde! Mit dem Erstbesten zu schwätzen ist nicht der geringste Neiz des Touristenlebens. An Bücher kann man leine Fragen stellen, und Bücher ermüden das Auge. Manche sind auch langweilig: aber es giebt kein menschliches Wesen dem sich nicht etwas Interessantes abgewinnen ließe: eine Idee, ein 54 glückliches Wort, eine seltsame Auskunft, eine neue Auffassung alltäglicher Verhältnisse. Zuweilen stößt man allerdings auf verschlossene Naturen. Nichts dringt durch ihren Harnisch. Am Ende aber, weiß man sie nur zu nehmen, erschließen sie sich doch. Man frage sie nur um ihre Lebensgeschichte. Da werden sie gesprächig, und es giebt immer etwas zu lernen. Nur entsprungene Sträflinge und leichte Tugenden, die unter dem Inkognito einer trauernden Wittwe reisen, finden solche Fragen zudringlich. In der höheren Gesellschaft, welche überall mehr oder minder mit den Regierungskreisen zusammenhängt, stehen Frivolität und gewöhnliches Salongeschwätz einer ernsten Unterhaltung häusig im Wege, und verläßt man auch zuweilen das Gebiet der nichtssagenden Phrasen, so erschweren die einem jeden durch seine Stellung auferlegte Zurückhaltung, die Besorgniß sich bloßzustellen, tausend Rücksichten den freien Austausch der Gedanken. Solche Gespräche bedürfen einer chemischen Sichtung um ein Resultat zu geben. In den mittleren Kreisen des Lebens findet man, in allen Ländern, ein weites Feld der Beobachtung: mehr Kenntnisse als in den höheren Klassen und mehr Abwechselung, aber weniger Verständniß des menschlichen Herzens und des wirklichen Lebens! der Horizont eines jeden ist beschränkter, denn dies ist die Welt der Fachmänner. Der Gelehrte, 55 der Künstler, der Kaufmann, der Gewerbtreivende, so lange sie sich auf ihren Beruf beschränken, sind Fundgruben der Belehrung. Die mindest interessanten aller menschlichen Wesen sind die Handelsreisenden, die Oommi» vo^xsni's. Wenn sie noch von ihren Mustern und Waaren sprechen Wollten, aber sie gefallen sich in der hohen Politik. Ein jeder von ihnen sagt, mit großer Offenheit, was er denkt und fühlt, und er denkt und fühlt was er Morgens in seiner Zeitung gelesen hat. Diese Menschen sind erstaunlich. Sie wissen buchstäblich Alles. Die Premierminister der Großstaaten haben keine Geheimnisse für sie. Als vernünftige Leute würden sie zögern, sie wären denn ihres Zeichens Handschuhmacher, über einen Handschuh ein endgültiges Urtheil abzugeben, aber in der Diplomatie halten sie sich für Meister. Rühmliche Ausnahmen gebe ich natürlich zu. Am lehrreichsten finde ich die Plaudereien mit Leuten aus dem Volke. Ein oberösterreichischer Bauer, eine alte Wirthsmagd in irgend einem abgelegenen deutschen Städtchen oder in einem Badeort der Pyrenäen: der Pfarrer, der Sangrador wie man den Arzt bedeutsam nennt, der Alkalde eines alten Marktfleckens in der Sierra Morena, welche beim Apotheker ihre Tertulia halten; ein irisches Mädchen, das mich durch den Torfgrund führt — ein klassisches Profil, eine klassische Gestalt unter schwarzen Lumpen, 56 eine Kanephore würdig des Phidias — ein Fabriksarbeiter, ein armer Amtsdiener, fesselten oft meine Aufmerksamkeit, überraschten mich durch die Tiefe oder Neuheit ihrer Gedanken, warfen Licht auf verworrene und dunkle Fragen, erregten dabei meine Lachlust oder rührten mich zu Thränen. Der Geschichtschreiber, will er wirklich in den Geist des Jahrhunderts dringen das er behandelt, höre das Urtheil der Zeitgenossen; der Reisende veranlasse die Leute des Landes das er besucht sich über sich selbst auszusprechen. Dies war stets meine Methode; sie wird es auch sein auf meinem Spaziergange um die Welt. Der Zug vermindert seine Schnelligkeit. Wir legen nunmehr dreißig bis fünfunddreißig Meilen in der Stunde zurück: das Maß der englischen Expreßtrains. Wir sind im Thale der Susquehanna. Der Pensylvania Central schlangelt sich ihren Ufern entlang: bewaldete Hügel, bald einsam bald belebt durch Dörfer, Gußwerke, Bauernhöfe und Landhäuser. Eine schöne poetische Flußlandschaft. Mir fällt die große Abwechselung auf. Hier keine Spur von Kultur. Ueber dichtem Gehölz, über blühenden Büschen ragen Ulmen empor oder Tannen, Fichten, Lerchenbäume, alle schmächtig, schlank, mager wie der Mensch der anglo-amerikanischen Nasse. Zwischen diesem doppelten Vorhange 57 eilt die Susquehanna dahin, blaugrün wie der Türkis. Ein ungeheurer Gießbach. Da siedet und wallt sie, und bricht sich an den tausend Eilanden ihres Bettes, die schwarzen Granitblöcke mit schäumenden Kreisen umschlingend. Dann ermattet ihr Lauf. Nie athemlos, wie beschämt ob ihres ohnmächtigen Zürnens, entfaltet die Nymphe ihre Stirne, lächelt und kost sie mit den Büschen der Ufer, mit den wilden Rosen, den tiefblauen Enzianen welche, leise zitternd, sich spiegeln in der krystallhcllen Fluch. Dies ist der klassische Boden der ersten Berührungen zwischen dem weißen und dem rothen Manne. Wer gedenkt da nicht der trefflichen Schilderungen Coopers! Indeß, hier floß niemals Blut. William Penn gewann in diesen Gegenden seine friedlichen Schlachten. Die Einbildungskraft führt uns zurück in jene so nahen, und doch so fernen Tage, wo der Far West vor den Thoren Philadelphia's und New-York's, des damaligen Neu-Am-fterdam, begann. Wir umgehen ein kleines Vorgebirge, und siehe da! ein breites Thal erschließt sich unsren Blicken. Die Civilisation entfaltet hier ihre Schätze: allenthalben bebaute Felder, rauchende Essen, Dörfer und Marktflecken, kleine nette Häuser, alle nach demselben Modell erbaut, die Bauernhöfe halb versteckt in den Pflanzungen, überall das Bild der durch theilweisen Erfolg gekrönten Thätigkeit, des noch nicht völlig siegreichen Kampfes mit der wilden Natur. Aber einige Schritte weiter umfangen den Wanderer 58 abermals Wildniß und Einsamkeit. So ist das Susque-hannathal das Sinnbild des großen Staates welchen dieser Fluß in seiner ganzen Breite durchströmt. Pensylvanien besitzt in den Vereinigten Staaten die meist entwickelte Industrie, und verwerthet mit steigendem Erfolge seine ungeheuren Mineralschätze: Eisen und Kohle. Aber ungeachtet der ihm gewährten Schutzzölle, ungeachtet des beständigen Anwachsens seiner Bevölkerung, ermangeln noch drei Viertheile des Flächenraumes der Bebauung, und überall, wie an den zauberischen Ufern der Susquehanna, Wechselt die laute Thätigkeit des modernen Daseins mit dem Schweigen und der Einsamkeit der Wildnift. Nachmittags hatten wir Harrisburg ftassirt. Jetzt ergießt die sinkende Sonne ihr rosiges Licht über die idyllischen Gestade der Iuniata. Die bewohnten Stellen sind zahlreicher als an der Susquehanna. Die Dörfer folgen sich häusiger, und hie und da, immer von schönen Gärtchen umkränzt, zeigen sich wohlhäbige Landhäuser, etwas überladen in der Architektur, etwas zu anspruchsvoll, aber doch willkommen dem Auge des Europäers den sie an die alte Welt erinnern. Ein sanfter Hauch poetischer Wehmuth weht über dieser Gegend. Die Susquehanna wirkt auf das Gemüth wie ein Epos, die Iuniata wie eine Ekloge Garcilaso's: Corrid sin duelo lagrimas corricntes. 59 Um zehn Uhr Nachts große Bewegung in den Wagons. Man stürzt auf die Platformen. Mit Hilfe des Vollmondes geräth man in Entzücken über die Schönheit der Landschaft welche mich kalt läßt, über den kunstvollen Bau der Bahnstrecke worüber ich mir kein Urtheil zutraue. Der Zug dringt in die Schlucht von Jack's Mountain und Passirt sodann bei Sidelmg-Hill die Alleghames, die Wasserscheide zwischen dem mexikanischen Golf und dem atlantischen Meer. Schauderhaft ist die Herabfahrt, aber glücklicher Weise auch kurz. Ueber diesen Genüssen und Gemüthsbewegungen ist es spät geworden, und Jedermann sucht die Nuhe. In den Schlafwagens verwandeln sich die Lehnstühle in Betten. Vreterwände trennen sie. Gin schwerer Vorhang schließt sie gegen den Gang in der Mitte ab. Jedes Fenster gewährt Raum für zwei übereinander angebrachte Schlafstellen. Wer eine „Sektion" gemiethet, besitzt ein ganzes Fenster. Unter dem Schutze des Vorhanges entkleiden sich Männer und Frauen, heften mit Nadeln ein Taschentuch an das von der Verwaltung gelieferte, allzu banale, Kopfkissen, kriechen oder klettern in ihr Bett, versuchen endlich zu schlafen unerachtet des Lär-mens, der Bewegung, des Staubes, unerachtet der ekelhaften Ausdünstungen, welche diese scheußlichen Schlafstuben verpesten. Entschlossen dem allgemeinen Beispiele nicht zu folgen, lasse ich meine Sektion unbenutzt und sbiwakire auf 60 der Platform. Die Nacht ist herrlich. Der Mond verbreitet über die Landschaft sein Silberlicht. So weit das Auge reicht zieht die Bahn in gerader Linie fort, daher die Möglichkeit, fast während der ganzen Nacht mit der ungeheuren Schnelligkeit von fünfzig bis sechzig Meilen dahin zu rasen. Ich sitze auf den Stufen der Platform etwa zwei Fuß über dem Erdboden. Die Kieselsteine zwischen den Schienen funkeln wie Diamanten und machen den Eindruck eines horizontalen Wasserfalles. Wenn der Zug über Brücken passirt — immer Holzbrücken, sogenanntes Trestlework — gleicht die Bewegung der eines Schiffes bei hohler See. Da halte ich mich, mit aller Kraft, an dem Geländer fest und beruhige mich mit dem Gedanken, daß auf dieser Bahn, einer der übelberüchtigsten in Amerika, dennoch die Mehrzahl der Züge ihre Bestimmung erreicht. Von Zeit zu Zeit kommen die Breakmen auf die Platform gestürzt, sperren die Räder und verschwinden dann eben so eilfertig im nächsten Wagon. Wer sie laufen sieht, sollte meinen es handle sich — und es handelt sich wirklich — um Leben und Tod. Auch der Kondukteur kommt und geht, nie ohne mich anzulächeln oder ein freundliches Wort zu sagen, wäre es auch nur: „^ow, ttnron" oder „^Voli, Uni-on" oder „hüten sie sich einzuschlafen, Baron!" Zuweilen, zur Abwechselung, sagt er nichts, drückt mir aber schweigend die Hand. So oft ich ihn 61 sehe, frage ich: „Wie viel, Mister?" und die Antwort ist fortwährend: „8ixt?." Sechzig Meilen die Stunde! Der Morgen graut und es wird kühl. Ich begebe mich in den Wagon. Der Farbige ist bereits beschäftigt die Matrazen zu entfernen. In der Rotonda, eine Art von Vorzimmer, machen die Reisenden Reihe vor einem kleinen armseligen Waschtische. Ein anderer ist den Da« men vorbehalten. Diese erscheinen im Schlafrocke, den Reichthum ihres Haares in der Hand tragend, und machen sodann in Gegenwart sämmtlicher Wagonsgenosscn, in aller Unbefangenheit und mit voller Wahrung des Anstandes, eine allerdings unvollständige Toilette. Praktisch, aber nicht schön. Um zwei Uhr Morgens waren wir über Pittsburg hinaus. Um neun Uhr Frühstück in Glastine. Die magern Wälder des Staates Ohio werden im Fluge durchreist. Um Mittag halten wir im Fort Wayne. Um fünf Uhr haben wir Indiana in seiner ganzen Breite durchreist, und die Grenzen von Illinois erreicht. Das Land ist eine nur durch den Horizont begrenzte Ebene. Einige niedere wellenförmige Hügelzüge vermehren die Einförmigkeit dieser unschönen Gegenden. Endlich ist der See Mi. chigan in Sicht. Gegen Nord dem Ocean ähnlich, macht er mit seinen Dünen und niedrigen Sandufern den Eindruck der äußersten Verlassenheit. 62 Genau um sechs Uhr, mit Staub gesättigt, von der Hitze überwältigt, ziemlich müde, aber Gottlob! mit gesunden Gliedmaßen, ohne Beinbruch und ohne schwere Kontusion, erreichen wir den Bahnhof von Chicago. V. Chicago. vom 30. Mai ?um I. Zuni. silMonomie der 5tadt. — Iteigende Vedentung des deutschen Clemenles. — Die grosien Aarauiniserai. — wie man hanslM mit den menschlichen Masten, — Überlegenheit der lwtereii Ächichlen der amerillanischen Ge-jellschasl, — Chicago, der grofte wellplatz des Westens, — Michigan-Avenue. — Ein wandelndes Hans. — General bheridan. — Das Europa» reisen der Amerikaner. — Die 5'lelümg der Frau in der Familie. Ich steige in Shermanhouse ab. Es ist der Nrtyft der großen amerikanischen Hotels. Einem Empfehlungsschreiben an den Gentleman des Bureau, dessen Herablassung ich nicht genug rühmen kann, verdanke ich ein gutes Zimmer mit Badekabinet im ersten Stock. Die Nasserröhren versagen zwar wie gewöhnlich den Dienst, aber der Farbige des Quartiers verspricht sie herstellen zu lassen, to fix it. Mittlerweile ergehe ich mich in den Straßen. Die Hitze ist überwältigend und der erste Anblick Chicago's für 63 den Müßiggänger wenig einladend. Es ist die Stunde um welche man Feierabend macht. Massen von Arbeitern -- Männer, Weiber, Kinder — Ladendiener, Kommis, ziehen an mir vorüber, zu Fuß, im Omnibus, in Tram-Wagen, fast alle in derselben Richtung. Alle haben Eile ihre bescheidene Wohnung in den fernen Stadttheilen zu erreichen. Alle sehen traurig aus, wie in Gedanken versunken, und todesmüde. Die Gassen gleichen denen aller amerikanischen Städte. Die Häuser sind von Holz*) gebaut, ahmen aber die Steinkonstruktion nach. Schwarze, kohlengeschwängerte Dampf-Wolken steigen aus unzähligen Essen der Fabriken empor, sinken in die Gassen hinab, werfen ihre dunklen Schatten über die glänzenden Auslagen der Kaufläden, über die in riesigen Goldbuchstaben prangenden Ankündigungen, welche die Wände der Häuser bis unter das Dach bedecken, über die Menge der Fußgänger die, gebeugt und schweigsam, gemessenen Schrittes, die Arme pendelartig schwingend, den Ort fliehen wo sie den Tag über ihren Schweiß vergossen. Für Augenblicke zerreiht die Sonne den düstern Baldachin welchen die Industrie über die Hauptstadt der Arbeit aus- *) Wenige Monate nach meinem Besuche ward Chicago eme Bcutc dcr Flammen. Wenige Monate später war es aus der Asche neu erstanden. Seither ist es theilwcise wieder abgebrannt. 64 gespannt hat! aber diese plötzlichen, vorübergehenden, schwebenden Streiflichter erheitern das Vild nicht: im Gegentheile, sie erhöhen den unheimlichen Eindruck. In den Hauptstraßen gewahrt man unabsehbare Reihen von Telegraphenstangen. Sie folgen sich in geringer Entfernung und endigen in dem doppelten Bischofskreuz, dem einzigen Zeichen der Erlösung in diesen Regionen deren Gott das Gold ist. Ich mische mich unter die Menge, und sie zieht mich mit sich fort. Ich suche in den Gesichtern zu lesen, und ich finde überall denselben Ausdruck. Alles hat Eile. Alles will möglichst rasch den eigenen Herd erreichen, die wenigen Stunden der Ruhe ausnützen, wie man ausgenützt hat die langen Stunden der Arbeit. Em jeder scheint in dem Nachbar einen Nebenbuhler zu vermuthen. Der Stempel der Vereinsamung ist auf die Stirne dieser Leute gedrückt. Argwohn und nicht christliche Liebe bildet die moralische Atmosphäre ihres Daseins. Die Nacht bricht herein, und die Gassen werden all-mälig leer. Allenthalben höre ich deutsch reden. Ich spreche einige meiner Landsleute an. Zuerst scheint man etwas verwundert, mehr scheu als neugierig; dann gewinnt die deutsche Gemüthlichkeit die Oberhand über die anglo-ame-rikanische Zurückhaltung. Man wird gesprächig, beantwortet meine Fragen, spricht von dem letzten Kriege, und mit 65 Welcher Begeisterung! Das befriedigte Nationalgefühl, der Siegesrausch beleben die sonst ruhigen, ehrsamen, bürgerlichen Physionomien. Die Waffenerfolge der überseeischen Brüder waren für sie eine unerwartete Offenbarung, hoben ihr Selbstgefühl, vermehrten ihre Thatkraft, riefen Bestrebungen wach, welche die Amerikaner bereits für unvereinbar erklären mit der Verfassung und den: Bestände der Vereinsstaaten. Bisher waren unter allen Einwanderern die Deutschen diejenigen welche sich, absichtlich und so rasch sie konnten, mit der anglosächsischen Nation, der Stammrasse der Oststaaten, verschmolzen. Ich habe dies auf meiner vorjährigen Neise nach dem Niagara öfters beobachtet. Unsere, vor etwa zehn oder fünfzehn Jahren eingewanderten, Landsleute sprachen zu ihren Kindern deutsch, und diese antworteten englisch. Es ist bekannt daß die dritte Generation — die Vorliebe für Musik und Vier abgerechnet — sich vollkommen amerikanisirt. Dies ereignet sich auf dem ganzen Gebiete der Union, aufter in Pensylvamen wo die Deutschen sehr große Gemeinden bilden. Daher bewahrten sie dort auch mehr als anderwärts die Traditionen, Sitten und, obgleich sehr entartet, die Sprache des Vaterlandes. Heute, unter dem Gindrucke einer gewaltsamen und, wahrscheinlich, dauernden Reaktion, ist der Deutsche in Amerika aus dem Schlummer passiver Ergebung in der er sich gefiel mit Einem Male erwacht-. ist 66 stolz auf seine Nationalität geworden und entschlossen sie zu bewahren, zu pflegen, wo nöthig mit Nachdruck in Anspruch zu nehmen. Sie sind wie Menschen welche plötzlich ihren eigenen Werth erkannt haben und daher geneigt sind sich selbst zu überschätzen: mit denen fortan schwer zu leben ist, und die immer bereit sind sich mit ihren Freunden zu überwerfen. In diesem Punkte ist man in Washington nicht ohne Sorge. In New-L)ork erzählte man mir sogar, die Deutschen beabsichtigten ein selbstständiges Glied des Staatenbundcs zu werden. Ich gestehe daß ich diese Befürchtungen nicht theile. Ich kenne uns. Wir Deutsche gerathen leicht in EiMse. Man sagt uns sogar nach daß wir mit mehr Einbildungstraft und Logik gesegnet seien, als politischem Verständniß und politischem Instinkt. Gewiß sind wir geborene Professoren und lieben zu dociren; aber wir sind selten übermäßig eitel und im Grunde der Uebertreibung abhold. Ich fürchte, wir sind keine vorzugsweise liebenswürdige Nation. Wir sind zu rechthaberisch. Ein Amerikaner sagte mir: „Ich bin selbst deutscher Abkunft, aber ich liebe die Deutschen nicht. Sie waschen sich wenig, wollen immer Recht haben und prügeln ihre Frauen."*) Dies ist leider der Ruf der Deutschen von Meer zu Meer. *) Natürlich von den Einwanderern der untersten Stände sprechend. Aehnlich äußert sich Julius Froebel. 67 Aber je tiefer der Reisende im Westen vordringt, desto wehr häufen sich die Spuren ihrer Anwesenheit, die wundervollen Ergebnisse ihres Fleißes, die beredten Zeugen ihrer Thatkraft, ihrer geistigen Begabung, ihrer eisernen Ausdauer, des großen Platzes den sie bereits in der neuen Welt einnehmen, die verheißungsvollen Anzeichen der grö-heren Zukunft die ihrer zu harren scheint. Diesen und ähnlichen Betrachtungen entreißt mich der Anblick mehrerer ungeheuren Standarten, welche die Abendluft leise bewegt. Es ist die deutsche Fahne. Ueber dem Stadthause, über allen öffentlicheu Gebäuden, über vielen Privathüusern weht sie. Die Veranlassung ist die gestrige Feier zu Ehren des Versailler Friedens, das heißt der deutschen Siege. Da die Deutschen den vierten, wenn nicht den dritten Theil der Bevölkerung von Chicago ausmachet«, tonnte der Stadtrath seine Betheiligung an dem Feste nicht wohl verweigern. Nnn ist es ganz Nacht geworden. Die schlecht beleuchteten Straßen haben sich geleert. Die Deutschen sitzen in ihren Bierhäusern, trinken ihren Schoppen und ergötzen sich an dem elenden Spiel kleiner Banden, unwürdiger Vertreter des Vaterlandes der Musik. In andern Lokalen wird im Chor gesungen. Welche melodische, Sammtstimmen! Echt deutsch. Wo nicht musicirt wird, macht man 5* '68 Konversation, das heißt alle sprechen sehr laut und zu gleicher Zeit. Die Amerikaner versammeln sich an den Zugängen und in der Vorhalle der großen Hotels. Jedermann hat dort bekanntlich freien Zutritt. Omnibusse kommen ohne Unterlaß, halten vor dem Thore, entledigen sich ihrer Reisenden. Diese treten sogleich in Neihe und Glied, harren geduldig und schweigsam, rücken langsam vor, empfangen endlich aus den Händen des mim at tlw (Mee veraussetzt. In diesem Falle erwarten sie ein kleines Geschenk, fletschen ihre großen, weißen, scharfen Zähne, verziehen ihre wulstigen Lippen zu einem anmuthigen Lächeln, nehmen sogar eine ehrerbietige Haltung an, und tragen Leckerbissen auf, uiovtiu», welche nicht auf der Speisekarte erscheinen. Alles ist in Ueberfluß vorhanden, die Ventilation vortrefflich, die ganze Einrichtung des Wirthshauslebens praktisch und widerwärtig. 71 In den Hauptstraßen Chicago's und auch anderer Städte des Westens gewahrt man starke Ninge von Eisen, Welche dem Trottoir entlang in das Pflaster eingelassen sind. An diesen Ringen befestigt man sein Pferd. Hierdurch werden Kutscher und Reitknechte entbehrlich. Man Will eben mit der menschlichen Kraft und mit der Zeit haushalten, von beiden auch nicht das Geringste verlieren, vielmehr den möglichsten Vortheil erzielen. Dies ist einer der großen Grundsätze, oder vielmehr ein großes Gesetz. Jedermann fügt sich ihm willig; Niemand vermöchte sich ihm zu entziehen. Da gibt es keine falsche Scham, keine menschliche Rücksicht! Das in den höheren Kreisen der alten Welt noch bestehende Vorurthcil gegen Händearbeit ist hier unbekannt. Allerdings, die Verfeinerung unserer Lebensweise verflüchtigt sich unter dem Einflüsse dieser frischen aber rauhen Luft, und ich glaube nicht daß ein Mensch in vorgerückten Iahreu, gewöhnt an die eleganten sanften und vornehmen Lebensformen unseres Kontinents, sich hier zu Lande auf die Länge gefallen könne. Selbst Amerikaner, welche einige Zeit in England, Frankreich oder Deutschland gelebt haben, sehnen sich lange, zuweilen bis an ihr Ende' nach Europa zurück. Am meisten gewinnen bei diesen: Systeme die unteren Klassen, denn es hebt sie moralisch indem es ihnen geistige und materielle Genüsse zugänglich macht welche in Europa 72 das ausschließliche Eigenthum der höheren Stände find. Daher kommt es daß Einwanderer aus dem Volk, wenn sie, zu Wohlstand gelangt, nach Europa zurückkehren, sich dort nicht mehr gefallen, und daher meist wieder nach Amerika übersiedeln. Ich begegnete einigen Italienern. Sie hatten in Californien und Nevada als Hausirer sich einiges Geld erworben, waren dann nach ihrer Hcimath, Pie-mont, zurückgekehrt, und begaben sich jetzt wieder nach den Gestaden des stillen Weltmeeres. Einer von ihnen sagte mir: „Wir sind etwa vierhundert Italiener in Nevada und Californien. Wir haben mchr oder weniger gute Geschäfte gemacht. Vierundzwanzig von uns sind, die Säckel mit Gold gefüllt, nach unserem Dorfe heimgezogen. Aber Europa gefiel uns nicht mehr. Mit Ausnahme von Dreien, kehren wir sämmtlich nach Californien zurück. Dies begreift sick). Mit den Signori können wir nicht, mit un-seresgleichen wollen wir nicht verkehren, denn ohne es zu merken haben wir uns über sie erhoben. Wir fühlen uns vereinsamt, werden trübselig und brechen wieder nach Amerika auf." Der Morgen herrlich. Der Himmel wolkenlos und von jenem metallischen Blau welches man im Innern von Nordamerika so häusig sieht. Die Sonne erbarmungslos. Selbst der schwarze Dampfqualm der Manufakturen ver- 73 mag nicht zu widerstehen. Nur der Mensch trotzt ihr. Die Bewegung in den Gassen übertrifft Alles was ich, in dieser Art, in England, in den großen Mittelpunkten des Handels und der Industrie sah. Chicago, erbaut vor sechszehn Jahren, zählt bereits drcimalhunderttausend Einwohner. Der Boden war ein Sumpf und die Luft ungesund. Dem Uebelstande ward abgeholfen indem man die Häuser hob, und zwar ohne Dampf, blos mittelst Schrauben und Menschenkraft, und ohne die Inwohner irgend zu behelligen. Viele Häuser wurden von einem Ende der Stadt nach dem anderen versetzt. Chicago trägt das Gepräge der beiden Betriebszweige denen es seine Bedeutung verdankt. Es ist die große Getreidefruchtkammer für Minesota und Niskonsin, und für sämmtliche Weststaaten — seit dem Anschlüsse von Cali-fornicn und Oregon, sollten sie eigentlich Centralstaaten heißen — der Stapelplatz ihres Bedarfes an <1r)' 300^3 und Manufakturwaaren aller Art. Zu Wasser und auf den Bahnen kommt das Getreide in ungeheuren Massen an. Hier werden die Erzeugnisse der unerschöpflichen Kornkammern von den Nachbarstaaten zur Waare, zum Gegenstande der Spekulation. Hier wird das Getreide gekauft und verkauft, in den Magazinen beigesetzt, und im günstigen Augenblicke verschifft, sei es durch die Seedampfer sei es auf den Eisenbahnen, nach den Oststaaten und nach 74 Europa. Die mechanischen Vorrichtungen, welche diese Operationen erleichtern, die Elevators und Magazine, sind der Stolz der Einwohner und eine Quelle ihres Reichthums. Eine andere Gelegenheit Geld zu machen bietet der Kleinhandel mit den unzähligen Hausirern welche hier ihren Waarenvorrath einkaufen. Während mehrerer Jahre haben Cincinnati und St. Louis sich dieser Konkurrenz zu erwehren gesucht. Heute ist das Uebergewicht Chicago's gesichert, und zwar um so mehr als es sich hauptsächlich auf die geographischen Vortheile seiner Lage gründet. Ich suche Kühlung, und schleiche daher nach dem Seeufer. Vergebens! Kein Hauch kräuselt das ungeheure Becken. Unbeweglich und schweigsam spiegelt es Sonne und Himmel, eine unerträgliche Fülle von Licht um sich verbreitend. Ueber das Seecnde geht eine Eisenbahn wie auf Stelzen. Weiterhin zeichnet ein Dampfer seine schwarze Silhouette auf der glatten, leuchtenden Fläche. Die Sonne schüttet ihr Gold aus über Wasser und Land, und dennoch macht das Bild einen düstern, unheimlichen Eindruck. Vielleicht in Folge des Gegensatzes zwischen dem lebendigen Treiben in den Straßen welche ich eben verließ und der ungastlichen Einsamkeit die sich hier vor mir aufthut. Aber dieser Kontrast gehört zu den Eigenthümlichkeiten Amerika's. Man ist bezaubert über den Fortschritt, den Reichthum, die Civilisation; aber fünf Schritte weiter, um jene Ecke her- 75 UM, geräth der Wanderer plötzlich wieder in die Wildniß. Die Ergebnisse der Thatkraft, des Genies, der Verwegenheit, des praktischen Verstandes dieser Nation, nach ihrem Werthe beurtheilt, erfüllen mit Erstaunen. Aber wie klein, wie ungenügend erscheinen sie, wenn Verglichen mit dem was noch zu thun übrig bleibt! Ich betrete eine große Avenue. Auf der einen Seite begrenzt sie der See, auf der andern eine Neihe stattlicher Gebäude. Es ist die berühmte Michigan-Avenue, das Stadtviertel der Plutokratie. In diesen prachtvollen Häusern, sämmtlich aus Holz aber mit Gyps übertüncht, und in den verschiedensten Stylen erbaut — klassisch, barock, gothisch, italienisch — fast alle mit kleinen, schönen Gärt-chen umgeben, wohnen die Familien von Männern welch^ in wenigen Jahren Millionen gewonnen, und wenn sie sie seither verloren, das Leben neu begonnen und neue Reichthümer erworben haben. Weiter oben verläßt die Avenue das Seeuftr und wird zur Gasse. Hier zieht sie zwischen zwei Häuserreihen hin. Die Gebäude sind kleiner, weniger ansehnlich aber doch wohnlich und mehr im Charakter der Villen errichtet. Ich gehe über eine Stunde, und noch ist das Cnde nicht erreicht. Hier glaubt man sich auf dem Lande. Man sieht nur Frauen und Kinder, wenig Nagen, keine Omnibusse. Alles athmet Muße und Zurückgezogenheit. Babies spielen in den kleinen Gärten. Elegant 76 gekleidete Damen pflegen auf der Veranda der Ruhe, schaukeln sich in weiten Wiegenstühlen, halten in der einen Hand den Fächer, in der andern einen Noman. Eines stört mich: ein Haus mitten in der Straße. Welch' sonderbarer Gedanke! Doch nein, das Haus bewegt sich, es Wankt, und nähert sich allmälig. Bald ist kein Zweifel möglich. Es ruht auf einer Platform von Balken, diese auf Walzen. Ein Pferd und drei Männer schleppen es mit Hilfe eines Taues und einer Winde. So zieht es langsam an mir vorüber. Es ist ein zweistöckiges Haus im Spitzbogenstyl. In der Küche wird gekocht, denn die Esse raucht. Aus einem offenen Fenster des zweiten Stockwerkes hallen die Töne eines Klaviers herab. Eine bekannte Arie der Traviata verschmilzt mit dem Knarren der Balken die das wandelnde Gebäude tragen. Ich halte vor einem kleinen Hause. Es hat zwei Stockwerke und drei Fenster in jedem derselben, sieht niedlich und ganz neu aus. Einige Stufen führen zur Thüre. Man läßt mich einige Minuten warten und ich fürchte allen Ernstes den Sonnenstrahlen zu erliegen. Es ist der tropische Sommer ohne seine Feuchtigkeit, der Polarsommer ohne seine erquickenden Brisen. Endlich werde ich eingelassen und in einen Salon geführt welcher die ganze Tiefe des Häuschens einnimmt: elegant, einfach, militärisch. Ich bin bei General Sheridan. 77 Im vorigen Sommer habe ich mit ihm die Ueberfahrt nach Europa gemacht, ihn im Winter in Rom auf einige Augenblicke gesehen, und mit lebhaftem Vergnügen begrüßen Wir uns jetzt wieder. Grant, Sherman, Sheridan! die drei Gestirne, die drei Helden welche die Konfederation gebrochen, die beiden Hälften der Union mit ihrem Degen, so gut als möglich, wieder zusammen gelöthet haben. General Sheridan ist von irischer Abkunft, und hat seine Bildung in der Militärschule von Westpoint erhalten. Wie die meisten Zöglinge dieser berühmten Anstalt, vereinigt er gründliche Kenntnisse mit einer kriegerischen Haltung und den Formen eines Gentleman, ich möchte sagen, mit dem europäischen Wesen durch welches die Offiziere der Vereinsarmee auffallen. Man könnte Sheridan für einen österreichischen General nehmen. Er zählt erst achtunddreißig Jahre, sieht aber viel älter aus. Durch eine seltene Gunst des Schicksals war es ihm gegönnt, in einem Alter wo junge Offiziere noch am Beginn ihrer Laufbahn stehen, einen Namen zu verewigen. Sein Antlitz, gebräunt von Wind und Wetter, durch Wachen, Gemüthsbewegung und Sorgen vor der Zeit gefurcht, trägt das Gepräge naiver Bescheidenheit und edlen Stolzes. Die dunkelbraunen Augen sprühen Feuer, und zeugen von dem celtischen Blut das in seinen Adern rollt. Sie verrathen Verstand, Einheit, Verwegenheit und jenen kaltblütigen Muth der die Gefahr 78 herausfordert, mit ihr kost, ihr die Stirne bietet. Sheridan trägt das Haar kurz geschnitten, ist von mittlerer Statur, hat breite Schultern und gedrungene Gliedmaßen. Seine Gegner beschuldigen ihn der Grausamkeit, und nennen ihn den Vertilger der Indianer. Von seinen Freunden wird er angebetet. Die einen wie die andern sagen er sei a d^nnß,- mnn. In der That, ein Blick genügt um in ihm den Führer zu erkennen der den Soldaten mit sich fort reißt, der ihn, ohne Widerstreben, zum Siege führt oder in den Too. Sein Kommando umfaßt beinahe den dritten Theil des Unionsgebietes. Es reicht von den Ufern des Illinois bis nach Nevada, von der kanadischen Grenze bis an die von Neu-Menko und Arizona. Um alle seinem Befehle untergebenen Posten zu besuchen, hätte^er zwei Jahre zu reisen. Und dieser große Feldherr bewohnt einen kleinen Käsig den er sich selbst gebaut, und den er wenn von hier abberufen ohne Verlust zu verkaufen hofft. Seine Bureaux sind in der inneren Stadt untergebracht, im zweiten Stocke eines jener großen, banalen Häuser wo Industrie, Groß- und Kleinhandel, Kunst und Wissenschaft sich begegnen, wo aber Häuslichkeit, Ruhe und Vergnügen keinen Einlaß finden. In den Vereinigten Staaten, in diesem Mittel in welchem sich Alles bewegt ist nichts beweglicher als das öffentliche Leben und die officielle Welt. Die oberste Ge- 79 Walt wird auf vier, höchstens acht Jahre vergeben. Beim Austritte des Präsidenten werden sämmtliche Staatsdiener, hohe und niedere, man berechnet die Zahl auf vierzigtau-send, auf das Pflaster gesetzt. Die Armee macht die einzige Ausnahme, weil angenommen wird, und bisher mit Recht, daß sie der Politik fremd bleibt. Sie ist der Fels inmitten des Flugsandes. Daher auch das Gefühl der Würde und Selbstständigkeit welches man in ihren Reihen häufig und im Civildienste selten trifft. Was insbesondere Sheridan und Sherman anbelangt, so sichert sie ihr Verdienst, wie man mir sagt, gegen feindselige Intriguen. Weder der Präsident, noch eine Kammermajorität würden es wagen sie ihrer Kommandos zu berauben. Merkwürdige Anomalie! Eine Republik in der Alles wechselt, wo keine Stellung gesichert oder selbstständig ist, außer die Militärgewalt > Während unserer langen Wanderungen an Bord der Scotia sprach mir der General oftmals von den brennenden Fragen seines Landes, immer mit der Klarheit des gesunden einfachen Menschenverstandes, mit der zuweilen rauhen, stets patriotischen Freimüthigkeit eines Mannes der zu hoch steht um mit seinen Gedanken zurückzuhalten. Wenn er die Schattenseiten nicht verhüllte, so belehrte er mich auch über die großen Hilfsquellen, über die moralischen 80 und materiellen Schätze seines großen Vaterlandes.*) Wie alle der Oeffentlichkeit angehörigen Männer, welche wirklich Großes geleistet, nicht Menschen welche blos Geltung haben durch ihre amtliche Stellung die sie vielleicht der Ironie des Zufalls oder einer Intrigue verdanken, uud die sie früher oder später mit Spott und Schande verlieren werden — wie alle wirklich tüchtigen Männer, verabscheut Sheridan die Popularität. „Ovationen", rief er aus, „ich hasse sie. Diese Bursche, die Ihnen heute die Ohren zerreißen mit ihrem Beifallsgebrülle, beWerfen Sie morgen mit Steinen und Koch." Im vorigen Sommer, gerade bei Uusbruch der Feindseligkeiten zwischen Deutschland und Frankreich, landeten wir in Queenstown. Der Telegraph berichtete den Beginn, noch nicht den Ausgang der Schlacht von North. General Sheridan beabsichtigte sich nach dem Hauptquartier des Kaisers Napoleon zu begeben. Die Ereignisse und, wenn ich nicht irre, eine ablehnende Antwort der französischen Militärbehörden bestimmten ihn seine Schritte nach dem preußischen Lager zu richten, wo er die beste Aufnahme fand. Man kennt seine fruchtlosen Bemühungen vor Paris *) Ich bedaure diese Unterredungen nicht wiedergeben zu können. Der Leser billigt ohne Zweifel meine Zurückhaltnnss. Sie wird mir gewöhnlich auferlegt sein, wo ich den Namen des Redenden gebe. 81 einen Waffenstillstand zu unterhandeln. Später bereiste er ganz Europa und besuchte fast sämmtliche Höfe -. kam dann, wenige Tage vor mir, nach Chicago zurück, und übernahm wieder sein Kommando. Diese, etwas encyklopädische, Art die alte Welt in kürzerer Zeit zu durchfliegen als wir brauchen winden um unseren Neiseplan zu entwerfen und die nöthigen Vorstudien zn machen, ist echt amerikanisch. Für uns wäre dies eine Verschleuderung von Zeit und Mühe, eine Pein. Aber der Amerikaner ist aus anderem Stoff gemacht. Vertraut mit der Anstrengung; stets, selbst in den gewöhnlichsten Verrichtungen seines Berufes, eilfertig; gewohnt große Entfernungen in wenigen Stunden znrück zu legen, seine Mahlzeit in zehn Minuten einzunehmen, immer und überall zu laufen, besitzt er das Monopol der Ortsveränderung. Reisen ermüdet und langweilt ihn nicht. — Zugegeben, aber die geistigen Genüsse, das Studium der Kunstgegenstände, die geschichtlichen Erinnerungen! — Oh, jeden Abend liest man im Guidebook, im Nppleton oder Murray was man den andern Tag besichtigen wird. — Aber der Geist wird müde so viele, so verschiedenartige Eindrücke in kurzer Zeit aufzunehmen. — Nicht im Geringsten! Erstlich sind diese Eindrücke nicht tief; sodann hat der Amerikaner eine andere Bildung erhalten. Ich gebe zu daß die wenigen Neisebeschreibungen solcher Touristen welche ich las ziemlich, leer und oberflächlich lsind. Hübner, Sftazicrgaug l. f> 82 Auch das gebe ich Zu das; die meisten Reisenden aus den Vereinsstaaten welchen man bei uns begegnet in die Klasse der Emporkömmlinge gehören. Aber ich habe Andere begegnet die zwar gleichfalls die europäische Pilgerfahrt in wenigen Monaten abgethan, aber deren Erzählungen mich überraschten durch die Nichtigkeit des Urtheils, zuweilen durch die Urwüchsigkeit der Auffassung. Dieser Gattung gehört offenbar auch General Sheridan an. Uebrigens ist er Soldat, und als solcher ist er gereist. Ein neues Schießgewehr, eine neue Fußbekleidung, die Besichtigung der verschiedenen Armeen boten ihm mehr Interesse als der Rheinfall bei Schaffhausen oder dic Peterskuppel in Rom. Eine liebenswürdige Dame, liebenswürdig durch ihr Benehmen und ihre Bildung, aus einem der Oststaaten wo sich der brittische Typus am reinsten bewahrt hat, war auf einer meiner Amerikafahrten bei Tische meine Nachbarin. Sie kam auch von ihrer großen Tour zurück, und ich brachte sie häusig auf dieses Thema. Was mir besonders gefiel war die Abwesenheit von Vorurtheilen. Nichts Konventionelles. Dazu der Muth die eigene Meinung frei heraus zu sagen. Das Urtheil vielleicht etwas oberflächlich, aber der Instinkt gesund, und die Aufmerksamkeit vorzugsweise auf praktische Dinge gerichtet. „Ach", sagte sie, „Oesterreich, welch' schönes Land! Die Zollbeamten haben uns zwar an der ungarisch-türkischen Grenze ent- 83 schlich gequält. Aber ich verzeihe es diesen guten Oester-rcichern, weil sie im Uebrigen so praktische Leute sind." Ich fühlte daß ich crröthete und zwar aus Vergnügen. Jedenfalls war mir dies Kompliment neu- ich hatte es früher nie gehört. „Wie man bei Ihnen', fuhr sie fort, «die Telegraphenstangen so gut befestigt! Und in Wien! haben Sie je beobachtet wie man bei den Bauten die Ziegel aufzieht mit Ketten, in kleinen Hüllen die sich Von selbst leeren? Wie einfach und sinnreich! Und die Bauern im Salzburgischen! Ich bewunderte die Gerüste auf denen sie ihr Heu trocknen." Die Reisen nach Europa sind ein wesentliches, beinahe ein unentbehrliches Element des socialen Daseins geworden. Wer Ansprüche erhebt auf Eleganz muß die alte Welt besucht haben. Ehemals schmückten sich die Heimkehrenden mit dem Titel Hadji, Pilger; aber die heutige Generation verschmäht diese lächerliche Bezeichnung. Die Reisen der Amerikaner erinnern an die sogenannte große Tour der jungen Engländer von Stand im siebenzehnten Jahrhundert. Besonderen Werth legen die Frauen darauf. Es kommt häufig vor daft neuerlich reich gewordene Familien sich absichtlich zu Grunde richten um dieser Mode zu fröhnen. Sie reisen mit Kourieren, wohnen in den Prachtappartemcnts der ersten «Hasthöfe, fahren in den elegantesten Equipagen, kaufen Kunstgegenstände ein, und 6* 84 kehren nach Amerika zurück, wenn ihr ganzes Vermögen vergeudet ist. Ihren Zweck haben sie aber erreicht. Sie fühlen sich gleichsam geadelt und innerlich befriedigt. In dieser gehobenen Stimmung beginnt man das Leben von Neuem, steigt ohne Murren zu dem ersten, niedrigen Ausgangspunkte herab, wird wieder was mal: ursprünglich War, Metzgergeselle, Aufwärter, Hau sirer oder Porter, ein jeder nach Maßgabe seiner Fähigkeit und physischen Kraft. Junge Leute, wenn sie ihrer Natur nach vorsichtig und sparsam sind, nehmen ehe sie heirathen, darauf Bedacht daß ihre Flamme nicht von dem Europafiebcr ergriffen sei. Auf einer meiner Ueberfahrten beobachtete ich einen jungen Mann der, die Berührung mit Anderen vermeidend, allein in einer Ecke saß und seine Nhr unaufhörlich betrachtete. Eines Tages erlaubte ich nur ihn nach der Ursache seiner Ungeduld zu fragen. „Nicht Ungeduld", war die Antwort, „Trauer". Damit reichte er mir die Uhr. Auf das Zifferblatt war die Photographie eines Frauenkopfes geklebt. „Dies ist", sagte er, „meine Frau. Wie finden Sie sie? Schön? In der That sie war es. Sie ist gestorben, und ich wollte mich zerstreuen. Ich bin Pelzhändler, und ein Geschäftsfreund sagte mir Petersburg sei eine lustige Stadt. Ich ging also nach Petersburg, aber ich fand dort nichts Lustiges, und kehre, wie ich gekommen, nach Amerika zurück. Ich glaube immer die 85 Schritte meiner Frau zu hören, bald neben bald hinter nur; aber wenn ich mich umwende, ist Alles stille. Darum sehe ich meine Uhr an, an welcher ich ihr Porträt befestigt habe. Sie war mir sehr zugethan, sie hielt mich von dummen Streichen ab, gestattete mir keine üble Nach-nde gegen den Nebenmenschen, und verhinderte mich Abends m den Var-room zu gehen. Sie war eine gute Haushälterin und verlangte nie nach Europa zu gehen. ^0 Nui'OM<;m,^ im 8ue1> ,wn»«,l8(>." Das Alles sagte er in der trockensten Weise, nnd ohne daß sein Alltagsgesicht die geringste Bewegung verrieth. Nährend der übrigen Zeit der Neise verlor ich ihn aus dem Gesichte. Erst bei der Ausschiffung stieft ich wieder auf ihn. Ich verlangte nochmals seine Uhr zu sehen. Das rührte ihn. Er er-röthete und eine Thräne glänzte in seinen matten nichtssagenden Augen. 8I,L ^vn5, sagte er, v6i>>- tun6 ol w6 Änä ,iLvc>r 3i>ok« of NuroM^mF. Es ist der dritte Tag meines Aufenthaltes, und ich habe hiemit, scheint mir, des Guten genug gethan. Die Städte des Westens sind bald gesehen, und eine gleicht der andern. Dasselbe läßt sich sagen von den Hotels welche nicht nur im Leben des Fremden sondern auch des Einheimischen einen so bedeutenden Platz einnehmen. Viele Angesiedelte, besonders junge Ehepaare leben im Wirthshaus. Diese Sitte erspart die Ausgaben der ersten Ein- 86 richtung und die lästigen Sorgen des Haushaltes; sie erleichtert auch die so häufig vorkommenden Umsiedelungen nach fernen Gegenden. Aber sie verurtheilt die junge Frau zur Einsamkeit und zum Müßiggang. Den Tag übcr ist der Mann bei seiner Arbeit. Zu den Essensstunden erscheint er, verzehrt sein Mahl mit dem Schweigen und der Eilfertigkeit des Heißhungers, dann kehrt er zurück unter sein Joch. Hat er Kinder, so schickt er sie, im Alter von fünf oder sechs Jahren, zur Schule. Sie gehen und kommen allein, bringen die übrige Zeit zu wie ihnen gefällt, thun mit Einem Worte was sie wollen. Die väterliche Gewalt ist beinahe null: jedenfalls wird sie nicht ausgeübt. Erziehung gibt man den Kindern nicht, aber der Unterricht, immer öffentlich, ist verhältnißmäßig gut und, was die Hauptsache, Jedermann zugänglich. Diese kleinen Gentlemen führen das Wort mit großer Unbefangenheit, haben altkluge Augen mit einem verwegenen und schlauen Vlick, und reifen vor der Zeit. Die kleinen Damen von acht bis zehn Jahren sind bereits Meisterinnen in den Künsten der Gefallsucht, der Flirtation und versprechen zu tn8t ^minz; liulicn heranzuwachsen. Aber sie werden als treue Gattinnen dem Manne zur Seite stehen, wenn er gute Geschäfte macht ihn durch ihre Putzsucht zu Grunde richten, dann das Elend mit Heiterkeit und Ergebung 37 tragen, und, hat das Glück wieder gelächelt, sich in denselben Aufwand und dieselben Thorheiten stürzen. Die dem Anglosachscn so theure Häuslichkeit zählt wenig im Leben seiner überseeischen Vettern. Die Erklärung ergibt sich von selbst. In der neuen Welt erblickt der Mann als Eroberer das Licht. Sein ganzes Leben ist ein ununterbrochener Kampf, ein Wettlauf über furchtbare Hindernisse hinweg, um einen Preis von unberechenbarem Werth. Er muß auf der Nennbahn erscheinen. Er kann nicht innehalten auf die Gefahr hin von den Nachfolgenden zertreten zu werden. Er dringt in die Urwälder, lichtet fic wo er kann, bereitet die Wege den nachkommenden Geschlechtern, den Brüdern der Zukunft. Den grünen Ocean der Prärien verwandelt er in Uckergrund, die Rothhäute entreißt er der Barbarei (indem er sie vertilgt!)-, der Gesittung, dem Christenthum erschließt er die Wege. Er besiegt die wilde Natur und erobert einen Welttheil. Dies ist seine Bestimmung. Sein Leben ist ein Feldzug, eine Neihe von Schlachten, von Märschen und Gegenmärschen. Die sanften Freuden, das traute Zusammensein, die Gemüthlichkeit des Familienlebens bilden nur Episoden in seinem fieberhaften, kampfbewegten Dasein. Ist er glücklich? Sein müdes, trauriges, unruhiges, zuweilen kränkliches Aussehen gestattet den Zweifel. Uebcrmäßige Arbeit ist selten Zuträglich. Sie erschöpft die Physischen Kräfte, sie verschließt gegen geistige Genüsse, und verhindert die Sammlung der Seele. Aber mehr noch leidet unter diesen Verhältnissen die Frau. Sie sieht ihren Mann den Tag über nur Ginmal, höchstens während einer halben Stunde und Abends, wenn er übermüdet heimkommt um sogleich den Schlaf zu suchen. Sie kann ihm nicht beistehen, nicht mit ihm die Bürde des Lebens tragen, seine Hoffnungen, Mühen und Sorgen theilen. Kaum daß sie sie kennt, denn zu traulichen Mittheilungen, zu geistigem Verkehr fehlt die Zeit. Auch als Mutter ist ihre Thätigkeit beschränkt. An der Erziehung der Kinder nimmt sie nur geringen Antheil. Letztere sind meist außer Hause und erziehen sich selbst. Gehorsam und Ehrfurcht für die Eltern kennen sie nicht. Dagegen lernen sie sehr frühzeitig die Fürsorge und Unterstützung des Vaters und der Mutter entbehren. Sie reifen rasch und bereiten sich, schon im zartesten Alter, für die Kämpfe vor, für die Stürme und Abentheuer die ihrer harren. Ja sogar die kleinen Sorgen nnd Zerstreuungen des Haushaltes fehlen der Frau, wenn man, wie dies häufig der Fall ist, in einem iener großen Karavanserai als Kostgänger lebt. Gleichsam als Entschädigung für so große Entbehrungen gewährt die amerikanische Gesellschaft der Frau Vorrechte und Rücksichten die in der alten Welt unbekannt find. Allenthalben und zu jeder Stunde kann sie sich al- 89 lein zeigen. Allein reist fie von dm Ufern des atlantischen Oceans nach dem mexikanischen Golf und dem stillen Weltmeer. Ueberall wird sie mit Artigkeit überhäuft. Eine Galanterie welche man ritterlich nennen könnte, wäre sie minder banal und manchmal nicht geradezu grotesk und lächerlich. Ich sitze in einem der Tramwaycars welche in den Hauptstraßen der großen Städte auf- und abfahren, schlummernd oder in Gedanken versunken. Da weckt mich ein leichter Fächerschlag auf die Schulter. Vor mir steht in voller Majestät, ein junges Wesen, Frau oder Mädchen. Sie mißt mich mit einem hochmüthigen, befehlshaberischen, beinahe zornigen Vlicke. Ich trete ihr sogleich mit größter Vereitwilligkeit meinen Platz ab. Sie nimmt ihn ein ohne mich eines dankenden Wortes oder Lächelns zu würdigen. Sie bemerkt nicht, daß ich den Rest der Fahrt stehend zurücklegen muß, in der unbequemsten Stellung mich an dem Gangricmcn festhaltend. Einmal geschah es daß eine junge Dame einen hinfälligen Greis in dieser lakonischen Weise exproftrürt hatte. Als sie an einer Haltestelle den Wagen verlassen wollte, rief ihr einer der Fahrgästc zu: „Madame, Sie haben etwas vergessen". Sie eilt suchend nach ihrem Platz zurück. „Sie vergaßen diesem Herrn zu danken." Europäische Reisende bewundern diese Galanterie. Ich gestehe sie scheint mir übertrieben und unnatürlich, wie so vieles Andere in Amerika, wie zum Veispiele, in den Sä- 90 len der Wirthshäuser, die Pracht der Möbel, Spiegel, Teppiche und Vorhänge. Sie steht im Widersprüche mit der sehr gemischten Gesellschaft. Dagegen ist es Mode die Amerikanerin zu tadeln. Man findet sie kokett, frivol, verschwenderisch und vergnügungssüchtig. Diese Beschuldigungen halte ich für ungerecht. Die Frau trägt das Gepräge der Stellung welche man ihr gibt und der Luft die sie athmet. Als junges Mädchen folgt sie den Neigungen ihres Geschlechtes welche nicht, wie bei uns, durch die Lehren und das Beispiel der Mutter geregelt, geläutert und veredelt werden. Sie will gefallen, und, ist sie lebhaften Geistes, wird sie eine i^8t ^o»:^ l'n sich hauptsächlich auf die Zustände der westlichen und pacifischcn Staaten. Neu-Ena land ähnclt auch, in diescm Punkte, dcr altcn Welt. 92 VI. Von Chicago nach Salt-Lake-City. Vom !. MN 4. Juni. h. stüllmn» und jeilic Car». — Der W>!slsfipi, "- Annchmllchkeüen eines wcll!eü!!e»5 aus des Eisenbahn, — Vniaha, — Die Prärie, — Das Thal der Platte,— Die Indianer.— Ein scalpirter 5lali«nschcs. — Die Nahn-Höfe der PacislWahn, — CfMemieä. — Die Aoiigh^. — i.'cl>m dtt Vsti' zire der Umonsarmee im ün- >V«8t, — Uet'er die Aosß^.Mounlains. — Das wahsalch.Oel'nge, — Brighani Vounß '" Vgden, — Anluiilst in der haMstM der Monnonen. In Chicago lernte ich einen großen Mann kennen. Wer hat nicht von den Pullman-Cars gehört? Wer weite Fahrten vorhat, sucht in diesen Wagen zu reisen und wundert sich das; das philanthropische Fuhrwerk noch nicht in Europa eingebürgert sei. Der Erfinder kommt eben von Wien und Konstantinopel zurück. Er sagte mir: „Die Europäer wissen diesen Komfort noch nicht zu schätzen; sie verstehen sich nicht auf das Reisen, aber sie werden es lernen und mich dann würdigen." H. Pullman ist noch ein junger Mann. Er hat ein intelligentes Geficht, ein gravitätisches, ich möchte sagen majestätisches Wesen. Er spricht wenig, kennt seinen Werth sowie auch den Werth seiner Zeit. Jede Minute gilt eine gewisse Anzahl Dollars und Cents. Nach langen Studien und vielfachen Versuchen ist es seinem praktischen und er- 93 sinderischen Sinne gelungen den Eisenbahnreisenden gegen die Kälte, die Hitze, den Staub, den Lärm, die Erschütterung zu schützen, und mit allen Bequemlichkeiten eines wohlbestellten Haushaltes zn umgeben. Der Luxus der Einrichtung und der Verzierung seiner Wagons zeugt vielleicht nicht von Geschmack, aber er behagt dein amerikanischen Publikum. Ein solcher Wagen kostet zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Dollars. Hieraus ergibt sich natürlich eine Vertheuerung der Neise, aber die Mehrausgabe Wird reichlich aufgewogen durch die Bequemlichkeit deren man in diesen Cars genießt und die größere Gewähr für Erhaltung der Gesundheit. In Amerika sind die Entfernungen sehr groß, und »nan legt sie in der Negel ohne Unterbrechung zurück. Von New-Dork nach Neu-Orleans zählt man achtzchnhundcrt, nach San-Francisko dreitausend-drcihundert Meilen. Die Reise nach letzterer Stadt wird in sieben Tagen und Nächten zurückgelegt. Dies erklärt die Vorliebe des Publikums für die Pullman-Cars. In Europa reist man selten ohne anzuhalten während mehr als sechsunddreißig oder achtundvierzig Stunden. Eine Erhöhung der Neisecmsgaben der Bequemlichkeit halber ist also weniger gerechtfertigt. Hieran ist wohl die Einführung dieser Wagen bei uns bisher gescheitert. Sie befahren fast alle großen Bahnen der Union. Das gesammte Material gehört einer Gesellschaft deren Präsident, Generaldirektor 94 und größter Aktionär H. Pullman ist. Die Aktien geben mehr als zwölf Procent und Pullman ist Millionär. Diesen Morgen hat er mich am Bahnhofe empfangen und in eincm State-room untergebracht. So nennt man einen kleinen Salon der, in der Mitte des Wagens befindlich, fast defsen ganze Breite einnimmt, und nur an der Einen Seite für einen Verbindungsgang zwischen den beiden Enden des Cars Platz läßt. Während der Nacht verwandelt man den Salon in ein Schlaf-, Morgens in ein Ankleidezimmer. Alle diese Einrichtungen sind trefflich bis zur Vollkommenheit. Ein Mann, was auch immer sein Wirkungstreis sei, welcher Vollkommenes leistet, ist in seinem Fache ein großer Mann. Mit Vergnügen bemerkte ich mit welch' ehrerbietiger Zuvorkommenheit Jedermann, Reisende, Beamte, Arbeiter, H. Pullman begrüßten, als er mich langsam und feierlich durch die großen Hallen des Bahnhofes geleitete. Ludwig XIV der durch seine Vorzimmer schreitet! Wer mit Händen greifen will daß Gleichheit auf unserm Planeten ein leerer Wahn sei, der komme nach Amerika. Hier wie anderwärts, wie überall gibt es Könige und Prinzen. So war es, so ist es, so wird es sein bis an das Ende der Zeit. Drei Eisenbahnen, welche drei verschiedenen Gesellschaften gehören, führen von hier nach dem linken Ufer des 95 Missouri, gegenüber von Omaha. Man hat für mich die längste gewählt. Sie heisit C.-V.-Q.-N., nämlich Central Burlington and Quincy-Railroad. Auf den drei Linien gehen die Züge zur selben Stunde ab, und erreichen ihre Bestimmung fast zur selben Zeit. Es ist eine Art von Kirchthurmrennen. Zu beiden Seiten der Schienen entfliehen den Blicken des Reisenden die wellenförmigen Ebenen von Illinois. Ueberall Meierhofe, Gärtchen, Felder, hie und da einige hochaufgeschossene magere Bäume. Im Ganzen der fälschliche Eindruck eines ganz bebauten Bandes. In der That aber wäre eine Million von Armen nicht zu viel um den Boden dieses Staates urbar zu machen. Wir sind Vormittags abgereist. Um fünf Uhr wird das Diner angesagt, und in Dining-Car aufgetragen. Es wäre der besten Hotels von New-Iork würdig, immer Pre-vost-house ausgenommen, welches ohne Gleichen ist in beiden Hemisphären. Diese Mahlzeiten während der Fahrt bieten nur Einen aber nicht zu beseitigenden Uebelstand Der Zug bewegt fich fortwährend in einer dichten Staub-Wolke. Daher die Nothwendigkeit die Ventilatoren und die doppelten Fenster zu schließen, und in Folge dessen eine erstickende, heiße, wegen des Speisegeruches widerwärtige Atmosphäre. Ueberdies zahlt sich das Unternehmen nicht. Jenseits des Missouri hat man es Mch bereits aufgegeben. Um sieben Uhr überschreiten wir langsam den Mis- 96 sissivi auf einer, in neuem und kühnstem Style errichteten Brücke. Sie beugt sich unter unserer Last, und die Wagen schwanken wie ein Nachen auf leicht bewegter See. Diefcr Niesenstrom rollt seine stillen Wasser zwischen niederen, bewaldeten Ufern; die letzten Strahlen der Abendsonne übergießen sie mit zauberhaftem Lichte. Der eigenthümliche Neiz der Landschaft überrascht vielleicht gerade wogen der Einfachheit ihrer Bestandtheile. Die tiefe Melancholie, die wilde Größe des Bildes machen einen überwältigenden Eindruck. Am jenseitigen Ufer angelangt, gestattet uns eine Wendung der Vahn den Blick zurückzuwerfen nach der Brücke: ein oben horizontal abgeschnittenes Spinnengewebe! Im Hintergrunde der flammende Abendhimmcl. Ich frage mich wie diese Filigranarbeit Bahnzüge zu tragen vermag. In diesem Augenblicke fährt eine einzelne Lokomotive langsam und wie Zögernd über die Brücke. Blondin auf seinem Seile! Unwillkürlich schließe ick) die Augen. Nach einein kurzen Halt in Burlington dringt der Zug mit voller Dampfkraft in die grünen Prärien des jungen Staates Iowa. Schöne Vaumgrupvcn unterbrechen zuweilen die Eintönigkeit der Landschaft. Es ist Nacht geworden, ober im Nauchkoupe hat sich die Gesellschaft noch nicht getrennt. Der Bankier B. aus San-Francisko, ein Weltmann von tadellosen Manieren, 97 em Attorney-General aus Nebraska, der Urtyft des Landökonomen im fernen Westen — vom Nechtsgelehrten keine Spur —, ein großer Gcwerbsbesitzer aus Pcnsylvanien führen das Wort. Der Alabama-Vertrag, die Unzufriedenheiten im Süden, der Präsident, seine Aussichten bei der nächsten Wahl und ^ letzteres ohne die Heiterkeit des Attorney-Generals im Geringsten zu stören — die bedauerliche Käuflichkeit der Nichter bilden den Stoff der Unterhaltung. Auch die Tariffrage, ein zarter Gegenstand, kommt zur Sprache, und wird Uon dem kalifornischen Geldmann und den: pensylvanischen Eisenwerkbesitzer mit großer Lebhaftigkeit erörtert. Man erhitzt sich, aber man zankt nicht. Neben kolossaler Uebertreibung in der Redeform, dock) keine eigentlich verletzende Aeußerung. Ich habe öfters ähnlichen Wortkämpfen beigewohnt. Gewöhnlich ein großer Aufwand von hohlen Redensarten, wenn es sich von Theorien oder von Politik handelt, aber viel gesunder Menschenverstand bei Besprechung praktischer Fragen. Dabei fiel mir auf wie wenig beleidigend die Sarkasmen klingen, mit denen man sich gewöhnlich bekämpft, und welche vielleicht gerade die Uebertreibung ihrer Schärfe beraubt. Daneben hie und da ein gutmüthiger Spaß, fast niemals Me Bitterkeit die sich bei unseren Diskussionen geltend wacht. Die Erklärung Uegt nicht ferne. In dieser jungen, über unermeßliche Räume gebietenden Gesellschaft gibt es 93 eigentlich für den Einzelnen keine Lebensfragen. Jeder ist sicher sein Vrot zn finden. Keinen bedroht der Hungertod. Kommt er nicht im Osten fort, so Zieht er nach Nord oder West. Im Widerstreile der Interessen — ich spreche hier vom Privat- und nicht vom politischen Leben — kommt es zwar vor daß man an einander prallt. Es gibt Stöße, Quetschungen, leichte Wunden, aber keine Todten. Keiner wird für immer zertreten. Höchstens daß er aus der Bahn geschleudert wird, in welcher er sich bewegte. Es steht ihm frei eine andere zu wählen. Kein Vorurtheil hindert ihn, und, was die Hauptsache, es gibt Platz für Alle. Daher geschieht es daß, auch in den Worttämpfen, man sich nur bis zum ersten Blute schlägt, und nie auf Leben und Tod. Europa entbehrt dieser Vortheile. Vorgefaßte Meinungen, Traditionen, der Gebrauch, zuweilen gesetzliche Bestimmungen, vor Allem die Konkurrenz, dieser furchtbare Feind der in das Leben tretenden Jugend, sind in unseren alten Gesellschaften schwer, oft nicht zu durchbrechende Schranken. Wer gestrandet ist, wird selten wieder flott. Wer Schiffbruch litt, wird schwerlich dem Untergang entfliehen, ein neues Schiff finden, einen andern Kurs einschlagen können. Er kann nicht, wie dies hier täglich vorkommt, heute Metzger oder Kellner sein und morgen Bankier, dann zu seinem Ausgangspunkte zurücklehren um später als General der Miliz zu figuriren, als Advokat oder Minister irgend einer 99 kirchlichen Gemeinde. Kurz, in Europa ist es schwerer sein Vrot zu finden. Die Konkurrenz ist größer, und man ringt um größere Interessen, um die ersten in diesem Leben, um die Bedingungen des materiellen Daseins. Der Erbitterung des Kampfes entspricht natürlich die Erbitterung in der Diskussion. Die Nacht ist bereits vorgerückt. Wir rasen sechzig Meilen die Stunde' aber die Unterhaltung nimmt ihren Fortgang. Die Gruppen welche wir bilden, die grotesken Stellungen der Reisenden findet man, in dieser Vollkommenheit, nur im fernen Mesten. Mem Kopf ist zwischen zwei großen Kappenstiefeln eingekeilt. In ihnen stecken die Füße meines Hintermannes, eines langen, mageren Gesellen, der es bequem findet seine Beine über meinen Lehnsitz auszustrecken. Er ist ein wohlhabender Grundbesitzer in Illinois. Er öffnet den Mund nur selten um sich des gekauten Tabakes zu entledigen; wenn er aber spricht, so geschieht es mit dem äußersten Nachdrucke. „Die republikanische Form, sagt er, hat ihre Zeit gemacht. Was wir brauchen ist eine Diktatur. Es gibt in den Staaten zwei Klassen von Menschen: Zahlende und Gezahlte. Die Ersteren verabscheuen und verachten die Letzteren. Es steht sehr schlecht mit uns, und ein Militärdiktator wird allein im Stande sein die Dinge wieder in ihr Geleise zu bringen." Es ist nicht das erste Mal daß ich dergleichen höre. Sonderbar genug wird die Regierungsform häusig besprochen. Die heutige Verfassung wird angenommen als eine Thatsache und, für die Gegenwart, als eine Nothwendigkeit. Aber ein besonderes Gefallen an der Republik habe ich nirgend wahrgenommen, Viek sind ihrer überdrüssig und machen dessen kein Hehl. Die Wärinsten Republikaner sind die neu eingewanderten Deutschen; aber auch ihr Eifer erkaltet allmälig. Indes; man würde sich sehr täuschen wenn man deshalb den Bürgern der Vereinigten Staaten monarchische Tendenzen zuschriebe. Die Abwesenheit einer kräftigen Negierungsgewalt wird allenthalben tief und blttcr gefühlt. Daher spricht man gerne von einer Militärdiktatur, nicht als ob sie bevorstände, sondern von einem schönen, aber kaum zu verwirklichenden Traum. Anders verhält es sich mit der Frage des Ge-sammtbestandes der Union. Sie entflammt die Gemüther, im Norden, weil der Nordländer die Integrität des großen Reiches um jeden Preis wahren will, und der Bürgerkrieg hat bewiesen daß dies keine leeren Worte sind; im Süden, Weil man dort mit gleicher Entschlossenheit die Losreisiung anstrebt. Diese Frage bleibt am besten unberührt, denn sie gibt zu den heftigsten Auftritten Anlaß, eben weil man hier um unversöhnliche Gegensätze und um Lebensfragen streitet. 101 (2. Juni.) Um neun Uhr Morgens Council-Bluffs Passirt. Es sind cm Paar vereinzelte Hügel, einst der Zu^ sammenkunftsort zwischen indianischen Häuptlingen und den Agenten der Regierung. Daher der Name. Gleich darauf kommt der Missouri in Sicht. Er Windet sich traurig und träge zwischen baumarmen, und wie mir schien, unbebauten Ufern dahin. Wasser und Land tragen dieselbe Farbe, die des Koches. Nichts Eintönigeres als diese Handschaft. Dagegen entschädigt uns eine jener Gemüthsbewegungen welche hier zu Lande dem Eisenbahnreisenden von Zeit zu Zeit bescheert werden. Es wurde erwähnt daß drei Bahnen von Chicago nach Missouri-Station führen, und das; die Gesellschaften, deren Gigenlhmn sie sind, sich Konkurrenz machen. Diese Bahnen trennen sich in geringer Entfermmg von Chicago und nähern sich erst wieder, unweit von Missouri-Station, ihrem gemeinsamen Endpunkte. Auf diesen drei Linien, wie bereits gesagt, gehen die Züge Zur selben Stunde ab. Wenige Minuten bevor wir den Bahnhof erreichten, kam einer der gegnerischen Züge in Sicht. Unser Maschinist hielt es natürlich für eine Ehrensache der erste anzukommen, und vollführte auch glücklich die tühne That. Wie es geschah, dasi die beiden Züge nicht im Bahnhofe an einander prallten, das; sie sich nicht beide in den ganz nahen Strom schleuderten, kann ich mir nur durch ein Wunder erklären. 102 Da die Brücke noch nicht vollendet ist, so seht uns eine Fähre nach dem rechten Ufer über. Wir sind in Omaha. Die junge Stadt entlehnte ihren Namen einem einst zahlreichen Indianerstamme. In der Umgebung begann man erst unlängst die Urbarmachung des Bodens. Die Einwohnerzahl war vor zehn Jahren tausend, erreichte während des Baues der Pacisitbahn die vierfache Zahl und vermindert sich seit der Pollendung der letzteren. Auch als Handelsplatz hat Omaha seither verloren. Die Reisenden verweilen hier zwei Stunden. Ein junger Franzose in der vaterländischen Blouse, mit gescheitem Gesicht und schwieligen Händen, schließt sich mir an. Er drückt sich gut lind mit Leichtigkeit aus, und spricht von dem Unglück das über Frankreich hereingebrochen mit merkwürdiger Unbefangenheil. Er ist der erste Auswanderer seiner Nation dem ich begegne seit ich die atlantische Küste verließ. Er führt mich vor die Stadt. Ja, hier sind die Grenzmarken der Civilisation: jenseits herrscht die «»gebändigte, die wilde Natur. Alles athmet den Kampf, den siegreichen Kampf mit dem Boden der, wie unwillig, seine Schätze erschließt, mit dein Ungemach des Klimas, mit den entthronten Gebietern der Wildniß, dem Büffel und der Rothhaut. Um Mittag verlassen wir den Bahnhuf von Omaha 103 um das Territorium von Nebraska in seiner ganzen Länge zu durchziehen. Die Vahn: U. P. N. N. das heißt Union Pacific Railroad, hat nur ein Geleise. Vorläufig vollkommen genügend für den Bedarf. Man reist mit sehr geringer Schnelligkeit, zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen die Stunde und es gibt nur einen Zug im Tage, Der Himmel prachtvoll, die Luft warm, die Gegend dem Meere auffallend ähnlich. Kein Land in Sicht. Soweit das Auge reicht, der Ocean: hier dunkelgrün und glänzend, dort lichtgrün und durchsichtig je nach dem Stande der Sonne. So wären wir denu in den wahren, in den großen Prärie»,. Beim bloßen Anblick athmet man frei aus tiefster Brust, und welche Luft: elastisch, lau, balsamisch! Ja, diese Prärien sind das Sinnbild der Freiheit. Ich genieße ihrer obgleich ein Gefangener in meinem Stateroom. Wie beneide ich jene zwci Reiter, die nntcr dem Grase bald verschwinden, bald wieder zum Vorschein kommen! Die Vahn verläßt nirgend das linke Platteufer. Am rechten gewahrt man noch die Spuren der Karavanenstraße von ehedem. Der Kondukteur zeigt uns einige kaum aus-zunehmende schwarze Punkte. Es sind Antilopen. Aber in Fremont am Mittagstische, in Grand-Island beim Abendbrot machen wir die nähere Bekanntschaft dieses 104 Thieres. Das Fleisch ist etwas hart, der Geschmack erinnert an das Neh. In Columbus, zwciundneunzig Meilen von Omaha, haben wir den geographischen Mittelpunkt der Vereinigten-Staaten erreicht. Der Abend ist von seltener Schönheit. Das Firmament, im Westen flüssiges Gold, blaßgrün im Zenith, dunkelblau im Osten. Die Luft von unbeschreiblicher Klarheit. Nur Eine Wolke sichtbar. In unmittelbarer Nähe der sinkenden Sonne reißt sich ihre dunkle phantastische Silhouette von dem goldigen Abendhimmc! ab. Von Zeit zu Zeit entfahren zackige Blitze der schwarzen Masse. Vei Einbruch der Nacht geht ein Regenschauer über uns hinweg, und empfindliche Kälte folgt auf die sengende Hitze des Tages. (8. Juni.) In der Nacht, immer der Platte entlang, erreichen wir das Land der Büffel. Hier setzen sie über den Fluß zweimal im Jahre, im Spätherbste am Wege nach den milderen Winterquartieren, im Frühling auf der Heimkehr. Diese Region umfaßt von Ost nach West ungefähr zweihundert Meilen. Aber wo sind die Büffel-heerden von denen die Beschrciber der Pacifikbahn erzählen? Sie haben sie gesehen, aber nur mit dem Auge ihrer schöpferischen Phantasie. In Wirklichkeit sind diese Thiere, 105 außer während der kurzen Zeit ihres Flußüberganges, auf dem ganzen Bahngebiet verschwunden. Wir dampfen jetzt im Thale des Wood-Niver, dem Schauplätze blutiger Kämpfe zwischen den ersten Ansiedlern und den ehemaligen Herren der Gegend. Manche ungeschriebene Tragödie ward hier zu Ende gespielt. Kein Weißer überlebte den letzten Akt. Weiter hin, noch in der Nacht, zeigt man mir während der Zug in Willow-Island hält. einige mit Zinnen und Schießscharten versehene Blockhäuser. Auf allen Stationen sieht man kleine Truppenabtheilungen deren aufreibende und zuweilen gefahrvolle Aufgabe die Ucberwachung der Indianer und der Schutz der Züge und Bahnhöfe ist. Glücklicher Weise befinden sich die Rothhäute gegenwärtig nicht auf dem Kriegspfade. Kein Angriff von größeren Schaaren ist daher zu befürchten, aber wehe dem Wanderer der sich hier an einem einsamen Orte, und die Einsamkeit ist allenthalben, überraschen ließe! Wehe dem Ansiedler der nicht bereit ist nächtliche Angriffe mit Flintenschüssen abzuwehren! Selbst in friedlichen Zeiten, wie die gegenwärtigen, fehlt es unter den Nothhäuten nie an Leuten die den Weißen nachstellen Wie dem Wilde. Es ist eben ihre Liebhaberei, Waidlust! Wer schwache Nerven besitzt lausche ja nicht den haarsträubenden Erzählungen die man in den Wagons und "uf den Haltestellen zum Besten gibt. Alles ist freilich 106 nicht Glaubensartikel, aber die augenscheinliche Uebertreibung abgerechnet bleibt des Haarsträubenden noch immer genug. Ein Hausircr, der gewöhnlich in Montana reist, weiht mich in die Sensationen eines Scalpirten ein. Die Operation ist die Sache eines Augenblickes, aber dem folgt ein langsamer und furchtbarer Todeskampf. Sealpirte kommen äusicrst selten mit dem Leben davon. Einer dieser Ausnahmsmcnschen amtirt nicht weit von hier als Stationschef. Der Zugführer wird mich ihm morgen vorstellen. Uebrigens, Dank den trefflichen Vorkehrungen des General Sheridan, wird die Bahn jetzt mit Sicherheit befahren, unvorhergesehene Fälle natürlich ausgenommen. Der Himmel gebe nur daß keine Entgleisung, überhaupt kein gezwungener Aufenthalt zwischen zwei Stationen stattfinde; auch setze man sich nicht in den letzten Wagon. Gegen Morgen wird North-Platte-City erreicht, einst ein blühender Ort, weil hier die nach Colorado und Merico ziehenden Fuhrwerke beladen wurden. Die Vollendung der Bahn hat die Stadt zu Grunde gerichtet, und in den letzten zwei Jahren die Bevölkerung auf ein Zehntel herabgedrückt. Vci Sonnenaufgang befinden wir uns viertausend Fuß über der Meeresfläche. In Sidney gefrühstückt. Alle Stationen gleichen sich. Es sind einige wenige hölzerne Häuser, zuweilen auch nur ein mit Leinwand über» spanntes Fachwerk. Da stehen Indianer, die Lumpen in 107 die sie sich hüllen sind die letzten Neste der Nasche und Kleider, welche der große Vater, t>w l>>^ !':,l1x>,', das heißt der Präsident der Republik alljährlich unter sie vertheilen läßt. Die Leute betrachten uns mit stieren Augen, kratzen ihr struppiges Haar, sind mit Einem Worte das Bild der tiefsten Verkommenheit. Sie gehören zu den sogenannten Friendlies; das will sagen sie haben auf das nomadische Leben verzichtet und sind in den Schooft der Civilisation aufgenommen worden. Die Weiber binden ihre Kinder auf den Nucken. Die kleinen Geschöpfe müssen also die Bewegungen der Mutter theilen. Ich sah Indianerinnen die, über einen Bach geneigt, Wäsche wuschen so daß ihre armen Kinder Stunden lang buchstäblich am Kopfe standen. Doch unsere Zeit ist kurz bemessen. Drei Aufenthalte im Tage, jeder zu dreißig Minuten. Alles stürzt gegen den Farbigen der, vor der Thüre des Speisesaales stehend, auf einen Gong mit Leibeskräften trommelt. Zugleich entledigt sich die Maschine ihres Dampfes. Alles in Allem ein höllischer Lärm. Die Passagiere eilen in die Restauration, suchen einen Platz zu erobern, benutzen bestmöglich ihre halbe Stunde. Bei den drei Mahlzeiten ist die Speisekarte dieselbe: Antilopendraten, eine oder zwei süße Speisen und Kaffee; im Ganzen eine emfache und gesunde Kost, und mehr als man in dieser Einöde erwarten kann. Der Dienst wird gut versehen, meist von 108 jungen Mädchen. Auf den Höllenspektakel draußen folgt hier tiefe Stille, nur unterbrochen durch das Klappern der Gabeln. Nach zehn Minuten ist Jedermann fertig. Man läuft nach der Thüre wo der Wirth steht, zahlt ihm einen Dollar, und dann eilends nach dem Bar-room. Die weiblichen Passagiere, die nicht sehr zahlreich sind, ergehen sich am Perron. Sind die dreißig Minuten vorüber, so schreit der Kondukteur n.11 on dnarä! und unter dem Geläute einer Kirchthurmglocke, welche über jeder Lokomotive angebracht ist, setzt sich der Zug in Bewegung. Von Sidney ab ist das Land flach. Am Horizont einige schwarze Hügel in Sicht. Der Boden trefflicher Weidegrund. So behaupten wenigstens die Landagenten der Pacisikbahngesellschaft welche diese Ländereien besitzt. Zweifel sind gestattet. Wir befinden uns im Territorium von Wyoming, berühmt durch das kühne Experiment seiner Legislatur: die Emancipation der Frauen. Kein anderer Staat fühlte bisher den Muth diesem Beispiele zu folgen. Um Mittag Ankunft in Cheyennes - City, mehr als sechstausend Fuß über dem Meere. Diese Stadt, die wichtigste westwärts von Omaha, bestand vor vier Jahren aus einem einzigen Hause. Bald darauf zählte sie sechstausend Einwohner, feit der Vollendung der Bahn nur mehr dreitausend. In ihren Anfängen war sie wie Denver, wie Iulesburg, wie 109 so viele andere improvisirte Städte dcr Wildniß, das Stelldichein der Roughs. Die Orgie hatte sich in Permanenz erklärt, Mord und Todtschlag standen auf der Tagesordnung. In der landesüblichen Weise ausgedrückt, verzehrten diese Herren, die Rowdies, jeden Morgen einen Menschen zum Frühstück; mit andern Worten es verging keine Nacht ohne daß in den Schenken und verrufenen Häusern aus welchen diese jungen Städte größtentheils bestehen nicht mindestens Ein Mensch um das Leben kam. Am Cnde traten die friedlichen Bürger von Cheyennes zusammen, und bildeten einen Uebcrwachungsausschuß und „eines Morgens", sagt mein (Frunt-trnli^oontilloiitlii-iuu-ro.la-Lmäobook, „eines Morgens hatte man die Befriedigung mehrere solcher Desperados aufgeknüpft zu sehen, und zwar in gehöriger Höhe über dem Fußboden. Ihre Spießgesellen verstanden den Nink, und da sie an dem Seile keinen Geschmack fanden, so gingen sie nut Druck ab, und seither ist Oheyennes eine friedliche und anständige Stadt geworden." Am Bahnhöfe sahen wir mehrere Offiziere des drei Meilen entlegenen Fort Russell. Sie kamen mit ihren Damen in stark gebauten, wohl bespannten Wagen angefahren um den Zug zu sehen, und sich während einiger Minuten an dem Anblick der Civilisation zu erquicken. Eine Vision, die alsbald zerfließt, aber nebst der Büffeljagd 110 ihre einzige Zerstreuung bildet. Was für ein Leben! Man schaue um sich. Allenthalben die Wildniß! Wir sind Hetzt in der schönen Jahreszeit, und dennoch nichts als Sand, getrockneter Koth, graues Gras vom vorigen Jahre: hie und da ein wenig frisches Grün. Wie wird die Gegend im Sommer aussehen? Ihm folgt alsbald der strenge Winter. Und diese Herren, Männer von Bildung, von den feinsten Sitten, gewohnt an den Ueberfluß und den Luxus der atlantischen Städte, verbringen die schönsten Jahre ihres Lebens in dieser grauenhaften Einöde, im Umgänge mit Wilden und Nowdles. Sie sind, das ist wahr, gut besoldet, aber die reichliche Löhnung fesselt sie gewiß nicht an den Dienst. Wer in Amerika Geld machen will wird nicht Soldat. Nein, Pflichtgefühl und die Lust an ihrem Stand? hält sie unter den Fahnen. Wie schön! Wie schön auch daß sie Frauen finden, muthig und hingebend genug um ihre Verbannung zu theilen. Von Cheyennes ab steigt die Bahn rasch aufwärts. In Sherman, dem höchsten Punkte der Pacifikbahn*), hat sie den Kamm der Nocky - Mountains erreicht. Die Luft trocken und dünne, das Athem beschwerlich. Die gefährliche Herabfahrt nach dem Hochplateau, dem sogenannten Parke von Laramie, findet ohne Unfall statt. Die Aus- *) 8342 Fuß über dem Meere. Ill sicht nach den Gipfeln der Felsketten läsit sich mit Worten nicht beschreiben. Tiefe Abgründe wechseln mit flachen Thälern. Nach allen Seiten hin unermeßliche Fernsichten. Uncrachtet der äußersten Durchsichtigkeit der Luft, scheint der Horizont sich dem Auge zu entziehen. Zwei schneebedeckte Gipfel, Long Peak und Pike Peak gewahren wir m einer Entfernung von siebenzig und hundertscchzig Meilen. Nings um uns eiu Meer von schwarzen Granitblöcken. Hie und da einzelne Baumgruppen: Fichten und Baumwollbäume (cotton w!!«ä). Der Gesammteindruck großartig, wild und malerisch. Die Fahrt über eine hundertzwanzig Fuß hohe Trcstlebrücke entriß mich der Extase. Gottlob, wir sind hinüber. Nm fünf Uhr in Laramic-City. Wieder eine Stadt von Holz und Leinwand. Nicht Ein Baum zu sehen. Am Eingänge empfängt uns das Gebrüll zweier an Pflöcke geketteter Bären. In Lumpen gehüllte Indianer, bis an die Zähne bewaffnete Desperados und einige Soldaten aus dem Fort Sanders stehen an den Zugängen des Bahnhofes. Wir speisen zu Mittag, wie wir gefrühstückt haben und wie wir supiren werden: der Mann mit dem Gong, die Mädchen welche Antiloftenfleisch auftragen, der Mann der den Dollar in Empfang nimmt. Dann: :ül on daaiä! Die Landschaft ist immer dieselbe. Der Reisende vergißt keinen Augenblick daß er fich auf einer Hochterrasse 112 befindet. Die Durchsichtigkeit der Luft rückt die fernsten Verge in scheinbare Nähe. Die Höhe des Plateaus erniedrigt die mit ewigein Schnee bedeckten Berggipfel und verleiht ihnen das Ansehen von Maulwurfshügeln. All-mälig zeigen sich auf dem wellenförmigen Boden weihgraue Flecken von Alkali. Von Zeit zu Zeit brausen wir an tiefen Erdrissen vorüber. Da unten rollen Bache oder Flüsse oder Ströme ihre bittern Wasser. Niemand weiß zu sagen von wo sie kommen, wohin sie ziehen. Wir sind in unerforschten Landstrichen. Wahrhaftig diese Neise erregt meine Neugierde mehr als sie sie befriedigt. Bald fahren wir in finstere Felsenschachte ein, bald eröffnet uns der Weg unermeßliche Fernsichten. Aber sonderbar, in dieser Landschaft gibt es keine Mittel-, keine Hintergründe. Alles scheint nahe, und mit den Händen greifbar. Die Nmrisse erinnern an die römische Campagna; nur fehlen die Kuppel der Peterskirche, die Stadtmauern Velisars, die Gräber und Wasserleitungen, die weißen Dörfer und Landhäuser, halb versteckt im Laubholze der lateinischen und sabinischen Verge. Gerade vor Sonnenuntergang scheucht unser Zug ein Rudel Antilopen auf. Verfolgt Von ihren langen Schatten, springen sie über die Felsen hinweg. Eine prächtige Vision! Ein Widerspruch mit dem Charakter der Gegend die nichts sagt als: Unbeweglichkeit, Einsamkeit, Tod! 113 (4. Juni.) Die Nacht empfindlich kalt. Im ersten Morgengrauen gewahren wir Bitter-Creek, und bald darauf, zwischen bewaldeten Hügeln und zerklüftetein Erdreich die rasch dahin eilenden, durchsichtigen Fluthen des Green-river. Seine blau-grüne Farbe erklärt und rechtfertigt den Namen. An seinem linken Ufer erhebt sich eine beträchtliche Stadt. Aber kein menschliches Wesen ist fichtbar, kein Nauch steigt auf aus den vielen Essen. Der Tod scheint über dem Orte zu schweben. Und so ist es auch. Der Ban der Bahn hat sie ins Leben gerufen, die Vollendung hat sie vernichtet. Sie entstand vor drei Jahren, und heute ist sie eine Ruine. Man lebt und stirbt rasch im fernen Westen: oder vielmehr das Leben wechselt ohne Unterlaß den Platz. Hinter diesem düstern Wirrsal von verlassenen Wohnstättcn, wo heilte wilde Thiere hausen, dringt der Fluß, sich den Blicken entziehend, in felsige Engpässe. Hohes, zum Theil schneebedecktes Gestein schließt gegen Südost den Horizont. Die edlen und einfachen Formen dieser Massen, ihre Farbe — unter der Wirkung der aufgehenden Sonne abgestuft vom Nosig- zum Purpurroth ^. erinnern an die edomitischen Berge der großen arabischen Wüste. Hier stoßen wir auf die ersten Chinesen. In keinem der folgenden Bahnhöfe fehlten sie. Wir sahen sie im Gespräche mit Indianern. In welcher Sprache verkehren Hiibner, Spaziergang I. 8 114 sie? Wären die beiden Nassen wirklich verwandt? Offiziere, welche ihr Leben in diesen Gegenden zubringen, behaupten daß die gelben Einwandrer sich leichter als die weiften mit den Rothhäuten verständigen. Die Thatsache scheint festzustehen, aber die wissenschaftliche Erklärung ist noch zu liefern. In Aspen") erreicht die Nahn den höchsten Engpaß über die Wahsatch-Mountains. Diese bilden den westlichen Abfall des amerikanischen Hochplateaus. Die Nocky-Moun-tains find der östliche. Bei der Herabfahrt, in der Richtung des großen Salzsees, wird kein Dampf gebraucht. Der Zug bewegt sich einzig durch sein Gewicht. Obgleich alle Räder gekuppelt sind, rasen wir pfeilschnell bergab; denn die Schnelligkeit steht im geraden Verhältnisse zur Last, und unser Zug ist sehr groß und daher sehr schwer. Hiezu tummen die häufigen und sehr kleinen Krümmungen und die Abgründe längs der Bahn. Kein Wunder daß man in den Wagons blasse Gesichter sieht. Für Freunde von Naturschöuheiten hat man auf der letzten Station einen sogenannten Veobachtungs-Car angehängt. Es ist ein einfacher Kohlentruk, ohne Sitze und ohne Dach. Hier, der Sonne und dem Luftzuge ausgesetzt, taun der Nei- *) 7835 Fuß über dem Meere. 115 sende die malerischen Punkte dieser Strecke betrachten: die Canones von Echo und Weber, den Tausendmeilenbaum, so gencvnt weil man von ihm nach Omaha tausend Meilen M)lt, das Teufelsthor und andere, wie mir scheint, über dic Maßen gerühmte Stellen. Zugleich ist dies auch für die Passagiere eine gute Gelegenheit mit eigenen Augen die Gefahren zu ermessen denen sie ausgesetzt sind, nicht durch die Schuld der Zugführer sondern durch den fehlerhaften Bau der Bahn. Anfangs drängte man sich in dem Observations'Car, aber alsbald leerte er sich. Wenige fühlten ihre Nerven stark genug um den Anblick zu ertragen. Endlich vermindert sich die Schnelligkeit der Fahrt. Der letzte Engpaß ist ftassirt. Vor uns erschließt sich das gelobte Land der Mormonen, die ungeheure Wasserfläche des Salzsees, das mit einem grünen Teppich überspannte Thal der Heiligen, bewaldete Hügel und ringsum Bergriesen, jetzt übergössen mit rosigen, mit tief-, nüt lichtblauen Tinten. Der Reisende ist geblendet durch die Fülle von Licht, entzückt durch die Schönheit der Landschaft, überrascht durch den Gegensatz mit der Wildniß die er soeben verlassen hat. Nm fünf Uhr laufen wir im Bahnhofe von Ogden ein. Er liegt am nördlichen Seeende und bildet den Ter- 8* 116 minus der Union-Pacisik-Bahn.*) Eine von Brigham V)oung erbaute Zweigbahn führt nach SaWLake-City. Ogden prangt in vollem Festschmucke. Am Perron, in den Hallen des Bahnhofes nnd in den Zugängen drängt sich die Menge, Alles in Sonntagskleidern. Hier wären wir nun mitten im Mormonenreich. Der große Prophet, Präsident Brigham Mung, hat das Städtchen heute mit seiner Gegenwart beehrt, und im Tabernakel gepredigt. In diesem Augenblicke reist er ab. Der gewohnliche Zug nach Salt-Lake-City wird zwar in einer Viertelstunde abgehen, aber Brigham Aoung, einige seiner Frauen, die ihn begleiteten, und sein Gefolge reisen mit Extratrain. Natürlich! Ist er ja doch der Gebieter von Deseret, der König von Neu-Ierusalem. Da steht er auf der Platform seines Staatswagons, mit der Hand majestätisch grüßend, indeß sich der Zug in Bewegung setzt. Alles erstirbt in Ehrfurcht. Die Männer ziehen den Hut, die Weiber verneigen sich zur Erde. Eine Scene wie man sie an Höfen sehen kanni wie man sie zuweilen auf unsern Bahnhöfen sieht, wenn gekrönte Häupter reisen. Aber ganz so war es hier doch nicht. Nichts schien mir in den Untcrthänigkeitsbe-zeugungen der Mormonen erkünstelt oder blos Sache des *) Von Ossdrn nach Omaha zählt man 103A, nach San Francisto 882 MUcn. 117 Herkommens. Und doch auch keino Spur von Enthusiasmus auf diesen gespannten Gesichtern, in diesen gebeugten Gestalten. Der Zug war bereits aufter Sicht, und noch standen sie da unbeweglich, wie in Verehrung versunken: das Bild des Aberglaubens welchen keine Zweifel stören, aber geheimnißvolle Schrecken zu quälen scheinen. Das Bild der Anbetung eines übernatürlichen Wesens, an das man sich für immer gebunden weiß, und das man mehr fürchtet als liebt. Der Stationschef überhäuft mich mit Artigkeit. Natürlich habe ich ihm eineu Empfehlungsbrief gebracht. Er hat drei Züge fast zu gleicher Zeit abzufertigen. Aber das verhindert ihn nicht mir tausend kleine Dienste zu leisten. Er wechselt meine Greenbacks welche, jenseits Ogden, nicht angenommen werden. Er besorgt mein Gepäck. Er bricht mir Bahn durch die Menge, welche zwar ruhig und schweigsam ist aber im Gedränge von den wuchtigen Ellbogen Gebrauch macht. Er gibt interessante Aufschlüsse über die Heiligen, erzählt mir die Erlebnisse des heutigen Tages und sogar seine eigene Geschichte. Man ist nicht liebenswürdiger und nicht flinker. Vor Kurzem noch Associe eines großen Pelzhändlers in New-Iork, hat er rasch ein Vermögen gewonnen, und es rascher verloren. Um das Leben zu fristen nahm er die bescheidene Stellung in Ogden an. Seine Frau theilt sie mit ihm. Sie ist von einer guten 116 Familie im Osten jung, hübsch, elegant und entschlossen die Entbehrungen ihrer gegenwärtigen Lage muthig zu ertragen. Die Wohnung des jungen Paares besteht aus einem einzigen Zimmer, aus dem man unmittelbar auf die Bahn tritt. Aber wie niedlich ist das Stübchen eingerichtet! Alles trägt den Stempel des Geschmacks, der Eleganz, des Schönheitssinnes einer Frau der höhern Stände. Da gibt es Blumen, zwei Fauteuils, ein Oelbild, einige Chinoiserien von irgend einem wandernden Sohne des Reiches der Mitte erstanden. Aber wie winzig ist das Nest! Fast die Hälfte des Raumes nimmt das blendendweiß verhängte Bett ein. Und der Lärm der Züge! — Oh, man gewöhnt sich daran. — Nnd die Fliegen und Moskitos, diese Landplage von Deseret! — Gibt es keine Fliegennetze? — Gewiß, aber der Staub, und welcher Staub, reines Alkali! — Ei, man schließt die Fenster. — Dann seid Ihr beide die einzigen „Heiden" im Ort. — Gewiß, aber wir genügen uns. Auch weist man uns im Hotel einen eigenen Tisch an. — Und so wird Allem die Lichtseite abgewonnen. Man lebt in der Erinnerung und in der Hoffnung. Man genießt im Voraus das künftige Glück, und erträgt muthig die schlimmen Tage in Erwartung besserer. Die Menschenmenge am Bahnhof siel mir auf durch ihren entschieden europäischen Anstrich. Mein neuer Freund löst das Räthsel. Alle diese Männer die aussehen wie Ar- 119 better im Sonntagsrock, alle diese einfach aber reinlich gekleideten Weiber sind Engländer, Norweger, Dänen, aber das brittische Element waltet vor. Das größte Kontingent liefert Wales. Nachdem der große Mann abgezogen war, steigt Alles in die Wagons. Frauen und Kinder sieht man in Menge. Erstere sehen traurig und unterwürfig aus, die Männer gemein und unbedeutend. Die einzige, verhältnißmäßig vornehme Erscheinung ist ein Indianer. Er trägt Federn im Haare, und sein Gesicht ist mit einer dicken Schicht gelben Okers überlleistert. Mit verächtlichen Blicken betrachtet er die an ihm vorüber schreitenden Mormonen. In meinem Wagon habe ich Gelegenheit mich mit der Polygamie vertraut zu machen. Die meisten Männer reisen mit zwei, einige mit drei Frauen; die jüngste ist immer die Begünstigte. Der Gemahl beschäftigt sich und spricht nur mit ihr, kauft ihr an den Stationen Zuckerwcrk, und vergißt die Anwesenheit seiner übrigen Lebensgefährtinnen, der traurigen oder mürrischen Zeugen seiner Galanterie. Widerwärtig aber natürlich. Wir brauchen zwei Stunden um die siebenunddreißig Meilen zwischen Ogden nnd der Hauptstadt der Mormonen zurück zu legen. Der Zug hält sehr häufig in der Nähe kleiner Dörfer oder einzelner Meierhöfe. Die Bahn folgt in einiger Entfernung den Ufern des Salzsees, aus dessen 120 metallischer Wasserfläche steile Felseilande emporsteigen. Die untergehende Sonne röchet sie: ein Korallenzweig auf einem silbernen Teller. Die Gegend ist schön und die Beleuchtung magisch. Wären nicht die goldigen und blaß-gelben Töne welche vorherrschen, die merkwürdige Durchsichtigkeit der Atmosphäre, und der Abgang duftiger Schat-tirungen, wie sie unserem Süden eigen sind, so könnte man sich in Sicilien oder Andalusien glauben. Bei dunkler Nacht erreichen wir Salt-Lake-City. Ich steige bei dem Eider Townsend ab, in einem der scheußlichsten Gasthäuser in welche mich je mein Unstern geführt hat. VII. Salt-^ake-City. vom 4. zum 7. Äuni. ftWmwmie der 5>M, ^ Die mudmien NreüAhm-, — Tawnjend Hotel- — Die Ündinner und die India« Agents. — Camp Douglns, — Die Caiiones. — Bngyani Z.)°m,g. — Das Monnonenthmn. Eine sonderbare Stadt! Die Häuser verstecken sich hinter Obstgärten. Uebcrdies bilden Akazien und Vaum-wollbäume längs den breiten, unabsehbaren Straßen einen dichten Vorhang. Nie in allen amerikanischen Städten, laufen die Gassen von Nord nach Süd, von Ost nach West 131 und durchkreuzen sich im rechten Winkel. In den Gossen fließt Gebirgswasser, der große Schatz, die belebende Kraft des Landes. Die wenigen Abenteurer welche diese Terra incognita besuchten als sie noch zu Mexiko gehörte hatten erzählt, trinkbares Wasser fehle gänzlich. Aber Brigham Joung hat das geändert. Der Auserwählte Gottes, der Moses der Mormonen schlug Wasser aus dem Felsen. Ich ergehe mich allein in den stillen Vaumgängen. Neben mir rauschen die Bäche. Die Akazien werfen ihre Vchatten über den Wegfahrer, die Vaumwollbäume, von der Morgenluft leicht bewegt, beschneien ihn mit ihren weißen Flocken. Hie und da dringt der Blick durch das Laub zu den Zwillingsbrüdern empor. Es sind die beiden höchsten Gipfel der Wahsatch-Mountains: Zwei Diamanten, funkelnd im Sonnenschein, uud fünfzchntausend Fuß über dem Meere am blauen Himmel aufgehangen. Auf diesem Hochplateau folgen sich die Jahreszeiten mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes. Nach den Herbsttagen die Stürme und Schneegestöber des Winters: dann nach einer kurzen Epoche von Wind und Regen die Frühling heißt, durch sechs Monate, Sommer, das ist Sonne, Hitze, Dürre. Mangel an Regen, Staub und, im Spätsommer, Fliegen, bilden die großen Landplagen in dem Thale der Heiligen. Aber jetzt verschenkt die Natur mit vollen Händen die Schätze ihrer jugendlichen, berauschenden 133 Schönheit. Mit Wollust athme ich die elastische Gebirgs-luft ein, mit Entzücken labe ich mich an den Wohlgerüchen der Wiesen. Ja, der Wiesen, denn ohne es zu bemerken bin ich am Rande der Stadt angelangt. Längst schon ließ ich die letzten Häuser hinter mir. Die Alleen führen noch immer weiter, aber sie verhüllen keine Gebäude mehr. Die Bauplätze sind ausgcsteckt, aber sie harren noch der Mormonen welche (.'inst dort hausen sollen. Die Stadt ist all-mälig in Felder und Ackergründe aufgegangen. Ein paar Schritte und ich stehe am Ufer des Jordan. Zwischen ErM spalten rieselt er dahin. Unwillkürlich gedenkt man des biblischen Flusses. Auf der ganzen Wanderung begegnete ich nur einigen Frauen und einem kleine»! Trupp Kinder, die das Ränz^ chen am Rücken zur Schule gingen. Auf ihren Gesichtern liest man bereits die Sorgen des reifen Mannes. Der Anblick eines Fremden reizt ihre Neugierde. Mit forschenden Blicken betrachten sie mich. Aber keines grüßt, keines lächelt. Schweigend gehen sie ihres Weges. Ueberall Einsamkeit und lautlose Stille. Ein Krieger aus dem Stamme der Utah sprengt an mir vorüber. Wie stolz er herabblickt von seiner magern Mähre! Ueber dem langen, straffen, rabenschwarzen Haare trägt er einen Federschmuck. Sein Gesicht ist gelb und roth lackirt; die Züge wild, dazu ist er bis an die Zähne bewaffnet. Ein schauerlicher Anblick! 123 Hinter ihm laufen zu Fuß seine beiden Squaws, dcr Inbegriff des Elends, des Schmutzes und der weiblichen Verkommenheit. Main-street gl^ch den Hauptstraßen jeder andern Stadt im fernen Westen. Nur die vielen Weiber und Kinder und die Ntah erinnern an das Mormonenthum. Main-street hat wenige Bäume unb daher sichtbare Häuser. Die meisten sind mit Adobes, d. i. mit an der Sonne getrockneten Ziegeln, gebaut. Andere sind Bretter- oder Balkenhütten und stammen noch aus den ersten Tagen der Ansiedelung. Ginige wenige Gebäude der neuesten Zeit machen Anspruch auf architektonische Verzierung. Die Erdgeschosse sind sämmtlich Kaufläden, und gegen die Strafte in ihrer ganzen Breite offen. Ankündigungen bedecken die Mailern bis unter das Dach. Längs den Häusern laufen hohe, holperige Vrettergehwege hin. In der Gasse ein Gedränge von Wagen, Ochsenkarren, Fuhrwerken aller Art. Eine mit zehn Pferden bespannte Diligcnee von der in den Pacifitstaaten wohl bekannten Firma Nells, Fargo und Co. erregt die Aufmerksamkeit und vermehrt die Unordnung. Ehemals war der Reisende, welcher Eile hatte, auf diese Wagen angewiesen. Seit der Eröffnung der Eisenbahn sieht man sie nur mehr selten. Welch' bunter Knäuel von Menschen: Krämer und Goldgräber, Noßknechte und Ochsentreiber, Alles Leute mit schlaucn, verwegenen Augen, 124 sonnegebräunten Gesichtern, und kräftigen Armen. Man sieht es ihnen an, ihr Leben ist ein ununterbrochener Kampf. Dies sind die sogenannten Pioniere der Civilisation. Auch die Indianer, die ehemaligen Grundherren vom Stamme der Utah, sind heute durch mehrere Krieger vertreten. Sie haben vor einigen Tagen ihr Lager in der Umgegend aufgeschlagen, und kommen in kleinen Gruppen zur Stadt. Hinter einem jeden schreiten seine Ehehälften einher. Die Nase hoch tragend, und ohne die geringste Neugierde zu verrathen, betrachten sie schweigend die Wunder der Civilisation. Ich begegnete deren mehreren in den elegantesten Kaufläden. Sie besahen sich die Waaren aufmerksam aber mit erkünstelter Gleichgültigkeit. Nur die Spiegel brachten sie außer Fassung. Welche Ueberraschung! Dann folgte ein wieherndes Gelächter! Die häßlichen Bursche konnten sich nicht losreißen von der Bewunderung des eigenen Ich. Unter einem Zelt sitzt eine Gruppe weißer Männer. Ich geselle mich zu ihnen, und sie erzählen mir ihre Erlebnisse. Es sind Leute die zwischen hier und Montana reisen. Neben ihnen rasten ihre Pferde; sie sind an eiserne Ringe gebunden, fressen und recken die müden Glieder. Diese Reiter kommen von Virginia-City (Idaho). Sie haben Tausende von Meilen zurück gelegt, die Quellen des Missouri gesehen, mehr als einmal die Bitteren Berge überschritten; sie haben die Indianer vermieden wo sie konnten, 125 mit ihnen gekämpft wenn sie muftten, und den Diligenccn in gefährlichen Gegenden das Schutzgeleite gegeben. Diese Wagen verlassen Corinna immer nüt einer vollen Ladung von Reisenden, Männern, Weibern, Kindern, aber nicht immer erreichen alle ihre Bestimmung. Kälte, Hitze, Entbehrungen, zuweilen Angriffe von Wilden lichten die Reihen der Passagiere. Man begräbt die Todten am Saume der Straße und fährt weiter. Verschiedenartig ist der Beruf meiner neuen Freunde. Ihr Leben ist ein Heldengedicht; jede Stunde hat ihre Gefahr; Gewaltthaten werden zur Pflicht, Abenteuer ein alltägliches und unentbehrliches Element ihres Wanderlebens. Man setze sich an die Stelle dieser neuen Kreuzfahrer; man vergleiche ihren Geschmack, ihre Sitten, ihre Begriffe mit den unsrigen, und man wird den Abgrund gewahren der uns von ihnen trennt. Daher die Schwierigkeit sie zu verstehen und billig zu beurtheilen. Einige dieser Leute sind Trapper, andere Pferdehändler oder Mou-stanger. Ihre kleinen indischen Pferde, Moustang, sind nach mexikanischer Art, eigentlich in andalusischem, noch eigentlicher in .arabischen: Style gezäumt und gesattelt. Dieselben Steigbügel in Pantoffelform, welche den Fuß gegen Regen und Sunne schützen; dieselben hohen Sättel fand ich in Maroto und bei einigen arabischen Stämmen in der syrischen Wüste. Bis auf den heutigen Tag haben sie 126 sich in den Provinzen Spaniens erhalten welche die maurische Herrschaft am spätesten abschüttelten. Die Reiter tragen den Sombrero und, über einer in Newport oder San-Francisko verfertigten Jacke, die spanische Cinta. Aber das Vlut, welches in ihren Adern flicht, ist anglosächsisch oder celtisch. Indianerinnen sind oder werden die Mütter ihrer Kinder sein. Es war eine schöne Gruppe, wie sie nur die Meister des siebenzehnten Jahrhunderts zu malen verstanden. Nicht Ein nichtssagendes oder alltägliches Gesicht! Auf einigen sah ich die Spuren der Leidenschaft, vielleicht des Lasters, auf allen den Ausdruck der Tollkühnheit. Der Eine verbirgt seine angeborene ,Gutmüthigkeit hinter einem cynischen Lächeln; jener verräth Entschlossenheit, Thatkraft, Grausamkeit unter dem Anstrich unstör-barer Seelenruhe. Der Elder Townsend geleitet mich zum Tabernakel: ein niederer, nackter, aller religiösen Embleme lediger Saal. Auf einer Estrade stehen der Lehnstuhl des Propheten und die Sessel der Bischöfe. Das Dach ist eine kürbisartige schwerfällige Kuppel. Engländer haben s« treffend mit ihren Sfteiseglocken verglichen. Nebenan hat man den großartigen Neubau im romanischen Style begonnen, ist aber bisher nicht über die Grundfesten hinausgekommen. Niemand hofft, und Niemand verlangt den neuen Taber- 127 nakel vollendet zu sehen. Gearbeitet wird beinahe gar nicht, denn es fehlt an Geld und am Eifer der Gläubigen. Populärer ist das Theater, eine der zahlreichen Unternehmungen ?)oungs ^o der einzige Belustigungsort in Salt-Lake-City. Fast jeden Abend wird gespielt. Der Saal ist einfach ausgeschmückt und nothdürftig beleuchtet. Im Parterre sah ich viele Kinder, die wie mir schien ohne Begleitung gekommen waren. Auf den übrigen Bänken und in den Gallerien saßen Männer in der Blouse oder Arbeiterjacke, neben einem jeden die Gemahlinnen in gewählterer Toilette. Die Hofloge des Präsidenten befindet sich neben der Bühne. Gegen seine Gewohnheit ist er jedoch heute Abend nicht gekommen: aber zwischen den Vorhängen sehe ich seine letzt angetraute Gemahlin, jung, hübsch, fast kokett und nicht ohne Anspruch auf Eleganz. Eine der Töchter Vrighams, Mrs. Alice Clawson, eine ganz tüchtige Schauspielerin, trat in der Hauptrolle auf. Ihr Mann besitzt einiges Vermögen. Demungeachtet spielt sie für Geld. Das Stück, ein seiner Zeit in England beliebtes Melodram, paßte wenig für die Zuhörerschaft in Neu-Jerusalem. Das Zeitalter Shakespeare's steht uns näher, als das englische Highlife unserer Tage den socialen Zuständen der Mormonen. Dennoch folgte man der Aufführung mit gespannter Aufmerksamkeit, aber ohne zu lachen und ohne Beifallsbezeigung. Ein langweiliges, !29 trockenes, trübseliges Publikum. Vrigham beschäftigt sich viel mit dem Theater, muntert zum Besuche auf, übt selbst die Censur und sorgt für Wahrung des Anstandes. Unter seiner Leitung ist es gewissermaßen eine literarische Vildungs-anstalt geworden, ein Werkzeug mit welchem er den Geschmack zu läutern und die Sitten zu verfeinern sucht. Ein löbliches Bestreben im Schooße einer durch die Umstände zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilten Gesellschaft. Es ist zwei Uhr; die Hitze unerträglich; die Sonne wie weißglühendes Metall. Dies ist die Stunde des Haufttmahles und die Gäste des hochwürdigen Townsend harren ihrer in Ungeduld. Eine zahlreiche Gesellschaft hat sich auf der Veranda versammelt. Die Damen, darunter mehrere in gesuchter Toilette, bilden Gruppen für sich. Es sind meist die Gattinnen von Gold- und Silbergräbern. Ihr sorgfältiger Anzug und die Mühe welche sie sich offenbar geben !lo und der Aufwärter. Der Dienst entspricht dieser Stimmung. Das Zuströmen der Ungläubigen verdrießt und ängstigt. In der That scheinen die schönen Tage des Mormonenthums zu Ende zu gehend) Die große Masse der Heiligen ahnet dies noch nicht, aber bei den Führern scheint mir Selbsttäuschung bereits unmöglich. Wie dem auch sei, H. Townsend, obgleich ein hoher Würdenträger im Tabernakel, läßt als Nirth zu wünschen übrig: er beschäftigt sich wenig mit dem Haushalt und gar nicht mit den Gästen: diese Pflicht überläßt er seinen beiden Ehehälften und letztere, obgleich so ungefällig als möglich, thun ihre Schuldigkeit und tragen allein die Last des Tages. Außer ihnen arbeitet nur der Oantwm.-iu llt tlio OMo«, *) Die spätern bekannten Ereignisse rechtfertigten seither diese Ansicht des Verfassers. 130 der nicht durch Artigkeit glänzt, und wenn man nach dem Zimmerschlüssel fragt, antwortet: Sucht ihn Euch! Der Herr des Hauses führt ein beschauliches Leben. Sein Schaukelstuhl stcht am Ende der Veranda. Elder Town-send sitzt auf dem Nucken, mit zurückgeworfenem Kopfe und Wie versunken in die Betrachtung seiner Füfte welche er, gerade über seinem Antlitz, gegen den Ast einer schönen Akazie stemmt. Die Stellung ist nicht schön, aber wahrscheinlich bequem, da er sie Stunden lang einnimmt. Endlich erschallt die Speiseglocke. Die Damen ziehen mit einer gewissen Feierlichkeit ein. Hinter ihnen läuft, stößt, drängt und tritt man sich auf die Zehen. Dokto/r C. hat mich glücklicherweise unter seine Obhut genommen. Er ist Stammgast und Notabel, und verschafft mir als solcher einen Platz an seiner Seite. Diese Mahlzeiten haben nur das Verdienst nicht über zehn Minuten zu währen; sie bestehen in einem Braten und zwei Sorten von Kuchen. Zum Dessert köstliche Walderdbeeren; als Getränt Nasser. Wein und Alkohol sind offiziell verpönt, der Bar-room desgleichen; aber zu Hause, i„w>, mu,-«^, sagt man, wissen sich die Mormonen zu entschädigen. Der schönste Augenbick des Diners ist der wo man die Tafel verläßt mit dem erhebenden Gefühle eine peinliche Pflicht gewissenhaft erfüllt zu haben. Während meiner drei Tage in Salt-Lake-City schenkt 131 mir Doktor C. seine müßigen Stunden. Er hat durch mehrere Jahre am Lake-Sufterior und am obern Mississipi bei den Indianern seine Kunst geübt, und seine lebendigen Schilderungen bestätigen was ich bereits in New-York und Washington über dies traurige Kapitel, t!»L inäi^n luw8tion, gehört habe. „Ich erlaube mir kein Urtheil", sagte er, „über das gegenwärtig obwaltende, vom Kongreß gebilligte System. Ich nehme cs als eine Thatsache an, und glaube gerne daß der Präsident, der dlF-t'utliLl- dieser unglücklichen Menschenrasse, den Willen hat die mit den einzelnen Stämmen eingegangenen Verpflichtungen zu halten. Aber unter seinen Organen, den i»,>>.,!> ^gmit« giebt es traurige Sub-jekte. Sie unterschlagen oder vertauschen mit schlechterer Waare die Geschenke an Tuch und Lebensmitteln welche die Centralregierung ihnen zur Vertheilung an die Indianer zuschickt. Dies erklärt die rasche Bereicherung der ersteren und die Unzufriedenheit, die periodischen Schilderhebungen der Rothhäute so wie die ebenfalls periodische Niedermetzelnng der weißen Ansiedler. Es ist immer dieselbe Geschichte: die Indianer führen in Washington Klage gegen die Agenten; die Regierung ernennt eine Unter-suchuugs-Konmnssion; die Kommissäre begeben sich an Ort und Stelle; die Agenten suchen sie zu bestechen, und nehmen, wenn dies nicht gelingt, zu einem äußersten Aus- 9* 132 kunftsmittel Zuflucht. Sie verbreiten untcr den Indianern den Glauben, die Kommissäre seien in feindseliger Absicht gekommen. Erstere treten nun zu einem Pow-Wow zusammen, und berathen die Kriegsfrage. Da ereignet sich daß die Alten, deren einige Washington besucht und von der Macht des großen Vaters eine hohe Meinung nach Hause gebracht, fast immer zum Frieden rathen, aber von den jüngern Hitzköpfen, welche ihre Wälder nie verließen, überstimmt werden. Sofort wird der Kriegspfad betreten. Sendboten gehen und kommen, Pow-Wows werden gehalten; Besprechungen der Kommissäre mit den Häuptlingen sind natürlich unmöglich geworden. So verfließen einige Wochen mit Vorbereitungen. Den Ansiedlern bleibt nur die Wahl zwischen Flucht, wenn sie noch möglich ist, oder einem martervollen Tod. Sie flehen um Militärschutz, aber die Truppen befinden sich in den Forts, deren nächstes vielleicht hundert, zwei-, dreihundert Meilen entfernt ist. Dazu tritt noch die Frage ob die Mannschaft stark genug sei, um sich in Feindseligkeiten einzulassen. In den meisten Fallen kennen die Befehlshaber die Anzahl und die Bewegungen der Indianer wenig oder gar nicht. So bricht denn der Krieg aus, allerdings ein kleiner Krieg von dem man so wenig als möglich spricht. Das Ergebniß sind mehr oder weniger skalpirte Weiße und niedergebrannte Ansiedlungcn; auf der andern Seite die theilweise oder 133 gänzliche Vertilgung dieses oder jenes Stammes. Dies ereignet sich gegenwärtig in Arizona wo weißes Vint in Strömen fließt. Aber die Zeitungen hüten sich davon zu sprechen. Traurig, besonders für die Skalpirten, für ihre in die Gefangenschaft geschleppten Weiber und Töchter, für die Eigenthümer der zerstörten Meierhöfe und der weggetriebenen Heerden. Aber die Agenten gewinnen dabei: die Untersuchung hat nicht statt gefunden." Hier zu Lande ist die Indianerfrage fortwährender Gegenstand der Besprechung. Auch in Washington drängt sie sich den leitenden Staatsmännern immer wieder auf. Sie suchen die Lösung, aber sie finden sie nicht. Leider ist sie durch die Nmstände gegeben. Die Berührung mit europäischer Gesittung, die Kreuzung mit weißem Blute und die Einführung des Genusses geistiger Getränke haben in die rothe Bevölkerung den Keim der Zerstörung gelegt. In vielen Stämmen des Nord-Westens, nämlich in den von den Voyageurs und Trappern besuchten Gegenden, findet man kaum Eine Familie von rein indischein Blute. Die erste Generation, welche aus den Verbindungen zwischen französischen und englischen Abenteurern mit Indianerin« nen hervorgegangen war, machte sich bemerkbar durch eine glückliche Vereinigung der guten Eigenschaften beider Nassen. Aber schon die folgende war minder iräfiig und wenig fruchtbar. Heut zu Tage sind die Mestizen Schwächlinge 134 und moralisch verkommene Leute. Es wurde beobachtet, daß die Entartung im geraden Verhältniß steht mit der Zunahme des weißen Elementes. Die Kveuzuug mit dem Europäer ist ein langsam, der Branntwein ein rasch wirkendes Gift. So geschieht es daß die Indianer verschwinden, langsam, allmälig, aber wie es scheint, unwiederbringlich. Gleich am ersten Tage hatte ich das Vergnügen mit dem Befehlshaber von Camp Douglas, General Morrow, Bekanntschaft zu machen. Dies Lager krönt einen Höhenpunkt im Osten der Stadt, auf drei Meilen Entfernung, am westlichen AbHange des Wahsatch - Gebirges. Der Punkt ist gut gewählt, denn wer ihn einnimmt beherrscht die Stadt. Das Lager wurde vor neun Jahren errichtet. Damals war die Aufgabe des Kommandanten keine leichte. Mit seiner kleinen Mannschaft mußte er die Miliz des Propheten und die Indianer überwachen uud im Zaume halten. Wie verloren in diesen unermeßlichen Räumen, ohne gesicherte Verbindung mit seiner Operationsbasis, ohne rechtzeitige Unterstützung erwarten zu können, war er auf seine eigenen, offenbar unzureichenden, Mittel angewiesen. Das Alles ist nun anders geworden. Die Pacifikbahn setzt ihn in raschen Verkehr mit den längs dem Schienenwege befindlichen Forts und mit Chicago, dem 135 Sitze des Oberbefehlshabers der Militärdivision. Daher weit mehr als vordem die Möglichkeit einer dringenden Gefahr die Stirne zu bieten. Ich fahre nach Camp Douglas in einem von zwei muntern Pferden gezogenen Wägelchen. Der Kutscher, ein junger Mormone aus Manchester, seines Standes ein Mechaniker, hatte bei einem Eisenbahnunfall einen Arm verloren, war in das tiefste Elend gerathen, und sodann von Missionären der Sekte zur Auswanderung nach dem Thale der Heiligen beredet worden. Unerachtet seiner Verstümmelung wurde er Kutscher und gewinnt, als solcher, nothdürftig sein Brot. Wagen und Pferde sind sein Eigenthum. Freilich hat er sie noch nicht bezahlt: Der Präsident streckte das Geld vor. Auch drückt ihn seine Schuld; aber ist in Salt-Lake-City nicht beinahe Jedermann in ähnlicher Lage? Seine beiden Weiber sorgen für sich selbst. Da die Miethpreise hoch stehen, hat er sie in entlegenen Gassen bewohnt, die eine im östlichen, die andere im westlichen Theile der Stadt. „Ein Ersparniß", sagte er mir, „und auch gut gegen Eifersucht." Dieser kluge und umsichtige Ehegatte diente mir während meines Aufenthaltes als Klitscher, und seine Gespräche waren nicht ohne Interesse. Er sah sanft, ergeben und etwas melancholisch aus. In religiösen Fragen schien er mir äußerst unwissend. Offenbar hatte er in der Kindheit nic den geringsten. 136 Religionsunterricht genossen. Jetzt ist er gläubig. Er glaubt an Vrigham Joung. In seinem Kopfe begegnen sich der nüchternste Realismus und eine entschiedene Vorliebe für das Wunderbare. Die Straße steigt allmälig zum Lager hinan. Vor uns in einiger Entfernung fuhr ein gut bespannter Phaeton. „Es ist der General", sagte mein Mormone. „Suchen wir ihn einzuholen." Fast gleichzeitig mit dem Wagen des Kommandanten hielten unsere Pferde vor seiner Wohnung. Der General ist eine sympathische Erscheinung: hohe Gestalt, militärische Haltung, ein offenes Gesicht, Züge in denen sich Sanftmuth mit Thatkraft paart: dazu das Benehmen des vollendeten Gentleman und die offenbare Gewohnheit des Befehles. Er war mit Spielzeug beladen, als er aus dem Wagen fprang und mich freundlich begrüßte. ,.Sie wurden uns angekündigt", sagte er, „also willkommen in den Bergen! Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht die Hand reiche; Sie sehen warum. Ich habe ein krankes Kind; auch Mrs. Morrow ist unwohl." Darauf führte er mich in einen kleinen einfach eingerichteten Salon, und eilte zu seinen Patienten. Wenige Minuten später kam er zurück. Der Ausdruck von Besorgnis; war von seiner Miene verschwunden. „Der Kleine", rief er fröhlich, „ist ganz munter, und die Spielsachen haben gewirkt. Nun gehören Sie mir!" Er zeigte mir seilte Be- 137 hausung, ein niedliges Cottage um welches eine Veranda läuft; seine kleinen Schätze, die er im Laufe vieler Dienst-jähre gesammelt hatte: prachtvolle Bärenfelle mit seltsamen Verbrämungen, indianische Kleidungsstücke, Fedcrmützen, Bogen, Pfeile und andere Waffen. Einige dieser Seltsamkeiten sind wahre Kriegstrophäen, erbeutet von dem jetzigen Eigenthümer auf kleinen und namenlosen aber blutigen Schlachtfeldern, andere wurden ihm als Andenken von Häuptlingen verehrt welche ihn, unerachtet seiner weißen Haut, mit Leidwesen scheiden sahen. Den großen Losreißungstrieg abgerechnet, hat General Morrow fast seine ganze Dienstzeit unter den Indianern zugebracht. Er erzählte mir, einfach und bescheiden — muthige Männer sind immer bescheiden — einige Episoden aus seinem Leben. Es klang wie ein Cooper'scher Roman, oder wie da6 Bruchstück einer Epopöe. Während er sprach, gleichsam als Illustration, nahm er einen der Mäntel um, setzte eine Federkrone auf, warf sich in die Stellung der kämpfenden Wilden und stieß den Kriegsruf aus. „Dies Geschrei", sagte er mir, „ist von großer Wirkung. Es spornt die Nothhäute an, und verwirrt die Weißen. Aber nichts entmuthigt unsere Soldaten mehr als der gellende 66ietism, dsnocliotion! luolc, 1uo!<, lueld (Segen und Glück). Brigham Aoung ist aus dem Staate Vermont ge- 149 bürtig, und hat so eben sein siebenzigstes Jahr zurückgelegt, sieht aber bedeutend jünger aus. Er ist über mittler Größe, hält sich sehr gerade und scheint eine treffliche Gesundheit Zu besitzen. Sein Haar ist blond mit einem kastanienbraunen Schimmer, sein sorgfältig gekräuselter Bart, ein <'s'!Ii(>,' ^i'cc, vollkommen weiß. Der große Kopf sitzt ziemlich tief zwischen den breiten Schultern. Die Augen, welche den Blick Anderer nicht ertragen, verrathen mehr Schlauheit als Geist: der Mund grobe Sinnlichkeit: das übergroße eckige Kinn Thatkraft wenn nicht Grausamkeit. Alles in Allem eine auffallende Erscheinung. Zugleich anziehend und abstoßend. Man begreift daß der Mann seine Opfer fascinirt wie die Schlange-, daß, hat er sie einmal in seiner Gewalt, er sie beugt unter das Joch seiner Schreckensherrschaft: daß er sie ohne Zögern und ohne Barmherzigkeit zermalmt, wenn sie Miene machen sich seiner Umarmung zu entreißen. Ich sage nicht daß Brigham so sei. Ich sage nur daß er diesen Eindruck auf mich machtc. so wie auf die meisten seiner Besucher. Gewiß, es wäre Vermessenheit, einen Menschen nach seinem Aeußern und in Folge einer flüchtigen Bekanntschaft zu beurtheilen. Was ich hier sagen will ist nur daß mir Brigham ^loung im höchsten Grade mißfiel. Auch sein geziertes Wesen hat nichts Gewinnendes. Abwechselnd pomphaft und zuthulich, salbungsvoll und schäckernd, strenge und süßlich, vergißt 150 Joung keinen Augenblick die Rolle des Propheten. Ehe er einen orakelhaften Ausspruch thut, neigt er das Haupt, legt sein Gesicht in majestätische Falten und heftet den stieren Blick auf den Boden. Wenn er spricht, so geschieht dies mit gebieterischem Tone und lauter Stimme. Zwischen jedem Worte wird innegehalten. Dann richtet er sich plötzlich auf, wirft den Kopf zurück, zeigt seine großen, weißen, spitzen Zähne, und verzieht die wulstigen Lippen zu einem unheimlichen Lächeln. Zugleich schließt er die Augen, und flüstert. Dies ist der Augenblick wo er scherzt. Aber nichts stimmt weniger zur Heiterkeit. Mir machten diese theatralischen Uebergänge vom Erhabenen zum Niedrigen einen widerwärtigen Eindruck. Aber man begreift die Wirkung solcher Kunstgriffe auf ein unwissendes Publikum. Auch die Bischöfe und Elders waren oder schienen in diesen Augenblicken wie verzückt. Nach seinem Aeußern, nach seinem Benehmen, nach dem Unsinn beurtheilt welchen er die Stirne hat vorzubringen, ist Brigham Joung ein frecher Betrüger. Aber Werft den Blick um Euch! Laßt Euch — nicht von seinen Akolvthen welche in ihm eine Gottheit verehren, sondern von unparteiischen Zeugen oder vielmehr von Männern die ihn nicht lieben aber kennen, ihn und seine Werke — laßt Euch von ihnen die Hindernisse nennen die er besiegt, die Gefahren die er bestanden, die wundervollen Werke die 151 er geschaffen hat — und das größte aller dieser Wunder ist daß er den Willen von zweimalhunderttausend menschlichen Wesen dem seinigen unterwarf — laßt Euch alles dies an Ort und Stelle erzählen von unbefangenen Männern, wie der Kommandant von Camp Douglas, der Oberrichter, der Attorney-General, die Aerzte welche hier seit Jahren leben, von den Minenarbeitern die kommen und gehen, und Eure Abneigung wird dem Erstaunen Weichen, und Euer Erstaunen der Bewunderung. Bewundern werdet Ihr, nicht Brigham young's Glaubenslehren und sein Sittengesetz, nicht einmal seine Schöpfungen als Kolonisator, denn Andere haben anderwärts eben so viel geleistet, noch die Beweggründe die ihn leiten und welche wir nicht zu beurtheilen vermögen weil wir sie nicht kennen: sondern die verschwenderischen Gaben mit welchen die Vorsehung diesen merkwürdigen Mann überschüttete, seine Menschenkenntniß, seinen hellen, obgleich ungebildeten Verstand, seine Ausdauer, seine unbezähmbare Thatkraft, und, als Wirkung und endlichen Erfolg, die unumschränkte, geheimniß-volle Herrschaft über seine Anhänger. Mehrere Bücher, viele Vrochüren und zahllose Zeitungsartitel wurden geschrieben über Arigham Joung, über Deseret, über die Mormonen, ihre Glaubenslehren und ihre Sitten. Einige dieser Druckschriften geben eine wahrheitsgetreue Darstellung der Oertlichkeiten und einzelner Ver- 152 Hältnisse. Aber keine von ihnen hat Licht verbreitet über den Ursprung und das Wesen der dunklen, der furchtbaren Macht mit deren Hilfe jener Mensch Zustände schuf welche, in politischer, religiöser und socialer Hinsicht, im entschiedenen Widersprüche stehen mit den Ueberzeugungen, den Ideen und den Sitten unserer Zeit. Ioc Smith ist der Stifter oder Erneuerer des Mor-monenthums. Er stand unter dem Einflüsse der unmittelbaren göttlichen Eingebung, und war zugleich ein liederliches Subjekt. Gr lehrte nicht die Vielweiberei, aber er übte sie, nur ohne Trauung. Als, lange nach seinem Tode, Vrigham Joung, bei Einführung der Polygamie, sich auf den Stifter der Sekte berief und zu diesem Ende einc, wie behauptet wird, unechte Schrift Joe's vorwies, betheuerten und beschworen die Wittwe, Söhne und Anhänger des letzteren, das; er nie der Vielweiberei das Wort geredet habe. Die Folge war ein noch heute bestehendes Schisma. Die Vertreibung der Mormonen aus ihren Ansied-lungcn am Mississipi (Illinois) bildet eine nach vielen Seiten hin interessante und lehrreiche Episode der amerikanischen Zeitgeschichte. Der arme Ioc, der vom Propheten nichts hatte als die Inspiration, wurde mehr als fünfzigmal vor Gericht gezogen, kam aber immer mit mehr oder minder heiler Haut davon, hi') ihn eines Tages der Tod des Märtyrers ereilte. Er saß in Carthago (Grafschaft Hancock, Illinois) 153 im Gefängniß, als eine Rotte Bewaffneter mit geschwärzten Gesichtern eindrangen, und ihn und seinen Bruder Hy-ram niederschössen.^) Die Mörder wurden gegen Bürgschaft auf freien Fuß gesetzt, und, nach kurzem Proceß, wie natürlich, freigesprochen. Zur Zeit der Mordthat war Brigham Mung, seines Zeichens Zimmermann, Präsident der zwölf Apostel. Sofort trat er an die Spitze des Gemeinwesens. Die Zeiten waren schlimm. Demungeachtet gelang es ihm, die Dissidenten zu versöhnen, alle Gläubigen in derselben Schafhürde — der seinigen — zu vereinigen, kurz der so grausam verfolgten und der Auflösung nahen Sekte neues Leben einzuhauchen. Mittlerweile dauerten die Gewaltthaten fort. Häuser wurden niedergebrannt, das Vieh fortgetrieben, die Ernten vernichtet. Die Behörden schritten zum Schutze ein, aber nur schüchtern, vielleicht nicht einmal aufrichtig. Ein öffentlicher Aufruf des Sheriffs von Hancock entwirft ein düsteres Bild der Lage. „Während ich schreibe", sagt er, „steigt der Nauch gegen Himmel. Wittwen und Waisen werden nicht verschont." Der Gouverneur von Illinois schickte Milizen, aber ihr Anführer erklärte den Mormonen er vermöge sie nicht zu schützen: die öffentliche Meinung sei ihnen abhold, der Pöbel entschlossen sie zu verjagen; nichts bleibe ihnen übrig *) Juni 1844. 154 als fort zu ziehen. Unter diesen Umständen beschlossen die Elders die Auswanderung nach dem Salzsee. Brigham Doung unternahm es mit einigen Pionnieren die Gegend zu erforschen. In den ersten Tagen des Jahres*) brachen sie auf. Im Februar folgten tausend Familien. Dies war der Beginn des großen Exodus. Während der Präsident mit seinen fünfhundert Gefährten unter großen Schwierigkeiten langsam vordrang, hatte das in aller Eile befestigte Nauvoo, der Hauvtplatz der Sekte in Illinois, eine regelmäßige Belagerung auszuhalten. Die Gegner der Mormonen waren militärisch organistrt, besaßen schweres Geschütz und lieferten häufige Gefechte. Endlich, am 17. September, nach einem mehrtägigen Bombardement, räumten die Belagerten die Stadt und flohen nach dem rechten Mississipiufer. Die Sieger drangen in die verlassene Stadt, plünderten nach Herzenslust und äscherten viele Gebäude ein, darunter auch den Tabernakel dessen Bau eine halbe Mllion Dollars gekostet hatte. Dies Alles geschah, so zu sagen, unter den Augen des Gouverneurs und des Befehlshabers der Milizen von Illinois. Mittlerweile hatte Brigham Voung seine besten Leute an die Vcreinsarmee abtreten müssen — es war zur Zeit des mexikanischen Krieges — und kehrte, nachdem er die tausend Familien *) 1646. 155 die ihm gefolgt waren vorläufig in Florenz (Nebraska) untergebracht, nach den Ufern des Mississifti zurück. Der fernste Punkt den er erreicht hatte war Council-Bluffs am Missouri. Nun hieß es die Abreise der Hauptmasse vor» bereiten. Eine himmlische Vision tam ihm hiebei zu statten. Im Traume hatte er einen kegelförmigen Fels gesehen, hart am Rande eines großen Sees. Er nannte ihn Ensign-Peak. Noch einmal machte er sich auf den Weg, diesmal nur mit cincm Gefolge von vierzig Männern. Im Frühling"') reiste er ab, im Iull kam er am Salzsee an. Dort steckte er den Platz für Neu-Jerusalem aus. Im December kehrte er zurück. Auf dieser zweiten Reise hatten Indianer vom Stamme der Sioux ihm und seinen Gefährten die Pferde abgenommen. Man reiste also zu Fuß. Endlich schlug für das Mormonenvolt die Stunde des Ab-zugcs.**) Der Neg führte über die Prärien von Nebraska, durch die Engpässe der Rockv-Mountains, durch die große Wüste, das heißt das öde Hochplateau zwischen diesem Gebirge und der Wahsatchlcttc, endlich hinab nach dem Necken des Salzsees, welches vor Brighams Erforschungs« reise, außer einigen Voyageurs und Trappern, kein Weißer betreten hatte. Nach der Aussage dieser Abenteurer war -) 1847. **) 184h. 156 es eine Wüste welche ein todtes Meer umfängt, und selbst nach allen Seiten von nackten, steilen, hohen Felsgebirgen eingeschlossen ist. Das Wasser, sagten sie, sei bitter; Vegetation fehle gänzlich, ausgenommen einige elende Büsche, ga^w-n^i, und im Frühlinge einige wilde Blumen, die alsbald verzehrt werden von den gierigen Lokusten — neben den Bären der Berge, den Schlangen der Prärien, den grausamen Wilden aus dem kriegerischen Stamme der Utah — den einzigen Bewohnern dieser unwirthlichen Einöde. Da man dennoch die Nebersiedelung dahin beschloß, so waren wohl die von Vrigham Mung an Ort und Stelle gemachten Wahrnehmungen minder entmuthigend als die Erzählungen der Trapper. Mitten im Winter ward aufgebrochen. In mehrere Karavanen getheilt, Männer, Weiber, Kinder, in Wagons, zu Eseln, in Schubkarren, zu Fuße, zog man nach den Ufern des Missouri, und von dort in gerader Linie nach den Rocky-Mountains. Die Entfernung betrug fünfzehnhundert Meilen, und der Weg führte fortwährend durch ein von allen Hilfsmitteln entblößtes Land. Elend, Entbehrungen, eine furchtbare Sterblichkeit erprobten aber lahmten nicht den Muth, die Ausdauer, den erfinderischen Geist des Propheten, noch die Ergebung, die Geduld, das blinde Vertrauen der Gläubigen. Seit dem Auszuge der Israeliten hat die Geschichte kein ähnliches Unternehmen in ihre Blätter verzeichnet. Eines Abends 157 endlich erblickten jene deren Gebeine nicht am Wege bleichten, als sie aus einem Engpasse traten der den Namen Emigration-Canon bewahrt hat, zu ihren Füßen einen See, ein Thal, einen Fluß, den sie Jordan nannten. Es war das Land der Verheißung, erkenntlich an dem tonischen Vorgebirge, welches Gott seinem Auserwählten im Traume gezeigt hatte, und das deshalb Ensign-Peak heißt.*) Den Entschluß gefaßt, ihn ausgeführt zu haben, mit ungeheurem Verlust an Menschen, aber ohne das Vertrauen eines Einzigen der Uebcrlebenden zu verlieren, diese Thatsache gehört der Geschichte an; sie genügte um den Namen eines Monarchen, eines Feldherrn, eines Propheten zu verewigen. Brighmn ?)oung vereinigt in sick) diese drei Eigenschaften. Als Prophet, der sich übrigens hütet zu prophezeien, beherrscht er die Gewissen; als Monarch übt er die unbeschränkteste Gewalt; als Feldherr verfügt er über eine von ihm geschaffene kricgstüchtige Miliz. Der Bestand der letztcrn erklärt, neben anderen Rücksichten, warum man in Washington noch immer zögert diesen Potentaten mit Waffengewalt zur Achtung der Gesetze zu verhalten. *) Utah gehörte damals zu Mexiko. Später an die Vereinigten Staaten abgetreten, bildet es laut Kongreßakte von 1650 ^n Territorium. Arigham ^)ounq wurde zum (Gouverneur er-"aunt, und übte dies Amt bis 1657. 153 Die ersten drei Jahre waren eine Zeit der äußersten Entbehrung. Georges Smith, der Historiker, erzählte mir daß er und seine Frau, wie übrigens Jedermann, sich zuweilen mit dem dritten Theile der Nahrung begnügen mußten, welche zur Fristung des Lebens für unentbehrlich betrachtet wird. Oft nährten sie sich, wochenlang, mit Wurzeln. Die ersten Mormonenmissionen reichen in das Jahr 1837 zurück. Jetzt wurden sie mit frischem Eifer aufgenommen. Die meisten Proselyten machte man in England, besonders in Wales, im skandinavischen Norden und in Australien. Deutschland, die Schweiz und andere von den Missionären Moungs besuchte Länder lieferten sehr wenige; China und Ostindien gar keinen Bekehrten. Brigham wählt seine Sendboten mittelst Inspiration. Er wandelt in den Gassen, begegnet einem Menschen den er nie gesehen. Da erfolgt plötzlich die göttliche Eingebung. Er spricht ihn an, befiehlt ihm als Missionär nach Europa zu gehen, nach Australien, nach den Inseln der Südsee. Der Mann verläßt seine Frau, seine Kinder, seinen Kaufladen oder Meierhof, und ergreift den Wanderstab. Diese Emissäre wenden sich ausschließlich an den ärmsten und unwissendsten Theil der Bevölkerung, sei es in den großen Städten Englands, Herden von Laster und Elend, wie allenthalben wo viele Menschen beisammen wohnen, sei es 159 am Lande, namentlich in Wales dessen Söhne, wie ihre celtischen Brüder die Irländer, sich leicht vom Wandertrieb bestimmen lassen. Nach dem einstimmigen Zeugnisse derer welche mir hier in Salt - Lake - City über diese Verhältnisse Aufschlüsse gaben, stehen die europäischen Mormonen in jeder Beziehung, tief unter ihren amerikanischen Glaubensbrüdern. Die Missionäre bewirken also die meisten Bekehrungen unter Menschen welche im Elende geboren sind, oder in Elend geriethen durch eigene Schuld, oder durch die Schuld der Umstände; die nichts zu verlieren haben, die nur gewinnen können indem sie sich der moralisch und Physisch verpesteten Luft entziehen die sie athmen. Die Thatsache ist wichtig, denn sie gibt, mit anderen, den Schlüssel zu der raschen und großen Verbreitung der Sekte. Diesen Leuten predigen sie, und zwar Folgendes: Gott ist ein Wesen von Fleisch und Blut wie der Mensch. Er hat die Leidenschaften des Menschen, aber in Allem ist er vollkommen. Jesus-Christus hat er auf natürlichem Wege gezeugt. Vater und Sohn gleichen sich! nur ist der Vater älter. Der Mensch ist nicht von Gott geschaffen: denn er besteht von allem Anfange. Er ist nicht in Süude geboren, und nur verantwortlich für seine eigenen Handlungen. Er heiligt sich durch die Ehe. Es gibt Götter, Engel, Menschen und Geister. Es gibt eine Auferstehung 160 in der andern Welt. Diese ist aber nur die Fortsetzung der gegenwärtigen. Gott steht mit dem Phropheten in unmittelbarem Verkehr. Worte und Handlungen des Propheten sind Werk der göttlichen Eingebung. Die Bischöfe besitzen gleichfalls, jedoch in geringerem Maße, das Privilegium der Eingebung. Von allen Religionen ist die der Mormonen die vollendetste, aber Heiden (Andersgläubige) werden nicht nothwendig verdammt. Ich frage, können solche Lehren die Geister erregen, die Herzen rühren und entzünden, mit andern Worten aus den verrufensten Stadtvierteln Londons, aus den Werkstätten Liverpools, von den welschen Weidegründen drei bis vier tausend Menschen jährlich nach dem Salzsee locken? Wer wollte dies im Ernste behaupten? Erstlich ist es unwahr, wie von einigen Schriftstellern aufgestellt wurde, daß die Neuheit dieser Satzungen lebhaft auf die Einbildungskraft wirke. Dies könnte vielleicht zugegeben werden, wenn die Proselyten Schwärmer wären. Aber Theologie ist ihre geringste Sorge. Es sind Leute die im Elende schmachten, und sich aus ihrer elenden Lage befreien wollen. Hätten Joungs Missionäre ihnen nichts Anderes anzubieten als die Fortdauer ihres Daseins, möglicher Weise ihres gegenwärtigen Elendes in einer andern Welt, so würden sie wohl schwerlich viele Bekehrungen machen. Aber sie haben ihnen noch Anderes zu sagen. Nach- 161 dem sie ihnen die Glückseligkeit in einem künftigen Leben als möglich versftrochen, wie dies alle Religionen thun, eröffnen sie ihnen, was keine andere thut, schon in dieser Nelt die glänzendsten Aussichten. Unter der einzigen Bedingung der Arbeit, und zwar einer sehr mäßigen Arbeit, verbürgen sie ihnen, für die nächste Zukunft, alle Genüsse welche des Menschen Herz verlangt, welche der Zufall nur seinen Günstlingen gewährt, welche er ihnen bisher so unerbittlich verweigert hat. Seht jenen Fremdling! Er dringt in eine dürftige Wohnung. Gesegnet sei der Tag an dem er diese Schwelle überschritt! Hört ihn! Zuerst, aber sehr kurz, sehr bündig, legt er die Glaubenssätze dar. Dann geht er über zu einer langen Erörterung der materiellen Zustände im Reiche der Mormonen. Er spricht von Industrie und insbesondere von Ackerbau, von den Vorzügen des Klimas und des Bodens, von dem raschen und wundervollen Erträg-niß der Arbeit. Er lüftet die dunklen Schleier welche bisher das Dasein semer unglücklichen Zuhörer verdunkelten, erfreut sie mit ungeahnten Bildern der Zukunft, erweckt alle Begierden, verspricht sie alle zu befriedigen, zeigt ihnen in der Ferne, jenseits des Meeres, jenseits unermeßlicher Ebenen und schrecklicher Felswände, das Ghor des neuen Jordan, die beiden silbernen Seen der Bibel, die Berge von Neu-Iudäa, das gelobte Land! Dort harrt ihrer end- Hiibncr, SpazicrzMig I. H 162 lich, was sie bisher so unerbittlich floh, — das Glück. Hier, sagt er ihnen, seid Ihr Sklaven, Sklaven des Elendes oder Eures Brotherrn. Im Thale der Heiligen findet Ihr die Unabhängigkeit, und mit der Unabhängigkeit, den Wohlstand gewiß, vielleicht den Reichthum. Keine Unterwürfigkeit mehr. keine Entbehrung; keine Sorgen! In dieser Nelt, wie in der anderen, seid Ihr versorgte Leute. Dann wendet er sich an die Jugend mit dem unheimlichen Lächeln des Provheten, und svricht ihnen von den berauschenden Freuden des Harems, von der Schönheit der Töchter von Deseret, verheißt ihnen Frauen nach Herzenslust, entwickelt die Lehre von der Pluralität. Vergleicht, so schließt er, was Ihr seid mit dem was Ihr sein werdet, und wählt! Wie sollten diese armen Menschen die durch keine christlichen Ueberzeugungen, die ihnen ja eben fehlen, zurückgehalten werden, wie sollten sie der glänzenden Versuchung widerstehen? Hiezu kommt daß, sobald sie ihren Veitritt erklärt, die Geschäftsfreunde Mungs sie mit dem nöthigen Reisegeld versehen. In New-Vork, auf der ganzen Neise finden sie Unterstützung und Vorschub. Halten wir uns die wichtige Thatsache vor Augen, welche soeben, wie ich hoffe, nachgewiesen wurde, und alle unparteiischen Zeugen bestätigen: daß nämlich, äußerst seltene Ausnahmen abgerechnet, die Proselyten keine Schwärmer sind: daß nicht der Durst nach Wahrheit, keiner jener 163 Anfälle von religiöser Uebersvannung oder von Skrupeln welche sich zuweilen der Gemüther bemächtigen, sie nach dem Salzsee führt, sondern einzig und allein der Wunsch ihre Lage zu verbessern. Rein weltliche Triebfedern wirken auf sie. In dieser Beziehung unterscheiden sie sich nicht von den andern Auswanderern. Ihrer Bekehrung fehlt das religiöse Element. Geleiten wir die Neovhyten nach ihrem neuen Vaterland. Die Bischöfe und Elders verschaffen den Gesunden Arbeit, den Kranken Arznei, Allen Lebensmittel: sorgen für ihre ersten Bedürfnisse, bis es möglich ist ihnen den Boden anzuweisen den sie urbar machen sollen. Moung streckt das Baumaterial vor, Adoben, Bretter, Geräth-schaft und Werkzeug. Der Werth des ihnen abgetretenen Grundes und aller gelieferten Gegenstände wird, in Dollars berechnet, im Schuldbuch eingeschrieben. Die Abzahlung geschieht in gewissen Terminen. Der Zehent für die Kirche wird im vorhinein erhoben. Er beträgt den zehnten Theil des Vruttoerträgnisses der Wirthschaft. Ich übergehe die Einzelheiten der finanziellen Beziehungen zwischen dem Gläubiger, nämlich Mung, und dem Schuldner, nämlich Jedermann. Bemerkenswert!) ist nur, daft die große Mehrzahl der Mormonen ihre Schulden nie getilgt hat, und nie tilgen wird. Durch Arbeit gewinnen sie ihr Leben. Sie können auch, doch sind die 11" 164 Beispiele schon selten, es zu einem gewissen Wohlstande bringen: aber Ersparnisse zu machen ist äußerst schwierig. Reiche Leute gibt es sehr wenige. Die Seltenheit des baren Geldes und die Schwierigkeit sich Silbermünze der Vereinsstaaten zu verschaffen sind ein anderer Uebelstand, und vermehren die Verlegenheit. Noch vor zwei Jahren, bis zur Eröffnung der Pacisikbahn, war Utah ein Gefängniß, weil es für den Einzelnen keine Mittel gab sich zu entfernen; in geringerem Maße könnte man dasselbe noch heute sagen. Um Utha zu verlassen müssen die Heiligen ihre Schulden zahlen; um sie zu bezahlen ihre Gründe verkaufen. Aber wo Käufer finden welche baares Geld und zwar Vereinsgeld besitzen? Ein einziger Mann wäre in dieser Lage, Vrigham Joung; aber Brigham Joung hat das größte Interesse solche Verkäufe nicht zu begünstigen. Das Geheimniß seiner kirchlichen und staatlichen Macht beruht größtentheils, nicht ausschließlich wie sogleich gezeigt werden soll, auf seinem finanziellen Verhältniß zu der Mehrheit der Mormonen die, in verschiedenem Maße, seine Schuldner sind. Wenn also die Missionäre Unabhängigkeit versprechen, so lügen sie. Die Mormonen sind nicht nur von Joung abhängig, sie sind thatsächlich seine Gefangenen. Aber, merkwürdig genug, der Einwandrer fand hier, statt der gehofften Unabhängigkeit, was ihm in Europa, 165 im Augenblicke als er zu den Mormonen ging, fehlte — den Glauben. Ja, der Ungläubige von gestern, ungläubig wenigstens mit Bezug auf seine neue Religion, ist aufrichtig bekehrt: er glaubt fest und blindlings, er glaubt an den Propheten, an Brigham ?)>ulng. Die Thatsache, so unwahrscheinlich sie klingt, ist unbestreitbar und unbestritten, aber bisher unerklärt. Gelingt es über diese dunkle Seite Licht zu verbreiten, so ist das Räthsel des Mormonismus gelöst. Wagen wir den Versuch! Der vor zwei Jahren vollendete Schienenweg und die ganz neuerliche Entdeckung von Silberminen im Wah-satchgebirge, so wie das große Zuströmen von Metall-gtäbern und Wäschern, sämmtlich Heiden, müssen natürlich eine bedeutende Wirkung auf die hiesigen Zustände ausüben. Ich lasse aber diese wesentlichen Elemente absichtlich vorerst unberücksichtigt, um sie später zu erörtern. Betrachten wir die Gesellschaft der Mormonen, wie sie sich im Jahre !8W zeigte. Damals stand Brigham Joung auf dem Höhenpunkte seiner Macht. Ohne Uebertreibung kann »nan behaupten, der Prophet, so lange er V»ung ist, verfügt als unbeschränkter Gebieter über die Seelen und Leiber der Gläubigen. Diese Gesellschaft kennt nur Gläubige. Wer abfällt, wird rechtslos. Seine Güter werden eingezogen, er selbst ist zur Flucht, und da die Flucht unmöglich ist, zur 166 Unterwerfung gezwungen. Er erweckt also Rene und Leid, macht Buße, und beginnt ein neues Leben; nur beginnt er es ohne sein Ackerland, sein Haus, sein Geräthe und s^in Vieh, die konsiscirt bleiben. Gefährliche Ketzer verschwinden. Zuweilen fand man ihre Leichen im Walde. Die wenigen hier ansässigen Heiden sind kaum geduldet und führen kein beneidcnswerthes Leben. Wehe dem der um ein Mormonenmädchen zu freien wagte. Er wäre den äußersten Mißhandlungen ausgesetzt. Beispiele fehlen nicht. Hiezu die Schwierigkeit zu kommen, die Unmöglichkeit zu gehen ohne die Erlaubniß des Propheten. Es gibt keine größere Abgeschlossenheit. Ich habe gesagt, Brigham sei Herr der Seelen und der Körper. Dies ist buchstäblich zu nehmen. Hinsichtlich der Seelen verfügt er über den Willen und über das Gewissen der Mormonen, ja sogar über ihre Gedanken, denn er gab letzteren eine gewisse Richtung und erhält sie in derselben. Uebrigens, wer denkt in Utah? Man arbeitet, man glaubt, man genießt, aber man denkt nicht. Sonntags der Tabernakel, die Woche über der Meierhof oder der Kaufladen; das Theater und der Harem jeden Abend. Wo bliebe da zum Denken Zeit? Alles geschieht unter göttlicher Eingebung. Gott insftirirt und der Inspirirte ist Brigham Joung. In allen Verlegenheiten, Zweifeln oder Schwierigkeiten des Lebens, bei allen Unternehmungen und 167 Geschäften wird Brigham um Rath gefragt. Wenn er schweigt, so beweist dies daß ihm die Eingebung fehlt; wenn er aber spricht so glaubt jeder das Wort Gottes vernommen zu haben. Brigham gilt nicht für den einge-bornen Gott; aber es läuft auf dasselbe hinaus. Darum sagte ich, er verfügt über die Seelen. Und wie steht er mit den Leibern? Die Fäden aller Geschäfte laufen durch seine Finger. In seiner Hand hält er die Gesammtheit der materiellen Interessen. Er beutet den Boden aus, und sein Boden ist das Gebiet von Utah, so groß glaube ich wie halb Frankreich. Er beutet aus die physischen Kräfte und die geistigen Fähigleiten von zweimalhunderttausend Menschen. Ein Monopol, wie es nicht wieder vorkam seit den Tagen der Pharaonen! Er gilt aber auch für einen der reichsten Bürger der Vereinigten Staaten. Man schätzt ihn auf zwölf Millionen Dollars. Er beherrscht den Markt, er regelt die Preise. Er baut Straßen und erhebt ungeheure Zölle.*) Jede Thätigkeit des Lebens geht von ihm aus: in Allem hat er die Hand, aus Allem zieht er Gewinn. Mit Hilfe seiner trefflich gerüsteten und wohlgeübten Miliz, mit Hilfe des Telegraphen der sein Netz über Utah ausspannt, verschafft er *) Ich sah einen Waldweg der nach einem Canon führt. Die Bewohner von Salt-^akc-City versehen sich dort mit Brennholz. Die Ladung jedcr fünften Fuhre gehört dem Propheten. 168 sich, Corinna ausgenommen, allenthalben Gehorsam, hält die noch schwache Opposition im Zaum, imponirt sogar der Centralregierung in Washington. Hiezu tritt (hiezu trat noch vor zwei Jahren) der unberechenbare Vortheil der geographischen Unzugänglichkeit. Eine summarische, theils geheime, durch einen religiösen Anstrich verklärte Gerech-tigkeitsftflege vervollständigte, bis zur Zeit der Einsetzung ordentlicher Gerichtshöfe, die unerhörte Machtfülle des Mannes. Sage ich zu viel, wenn ich behaupte daß er über die Leiber verfügt? Aber noch in anderer Beziehung läßt sich dies sagen. Brigham Joung galt, im üblichen Sinne des Wortes, nie für einen Heiligen: dennoch hatte keiner seiner Anhänger vermuthet daß er es wagen würde die Vielweiberei einzuführen. Eine Nacht*) wurde er mit einem Gesichte begnadigt. Gott hatte ihm die Rückkehr zu den Uebungen der Patriarchen, zur Muralität der Frauen eingegeben. Die Ueberraschung war groß und allgemein. Die Gewissen schienen beunruhigt, der Kühlerglaube der Getreuen erschüttert. Um die Opposition zu brechen, versammelte Joung Abgeordnete, ungefähr zweitausend Elders, aus allen Ansiedlungen Utah's und legte ihnen eine Schrift vor, die Darstellung einer angeblichen Offenbarung welche *) 1852. 169 Joe Smith ein Jahr vor seinem Tode gehabt hätte. George Smith giebt dies seltsame Aktenstück in seinen oben erwähnten Antworten auf Fragen unter dem Titel: Offenbarung über himmlische Ehen. Man hat, gesehen, daß die Wittwe und die Söhne Ioc's das Schriftstück für geschmiedet erklären. Verfaßt ist es im Style des alten Testamentes. Iehova scheint nicht mit der Zeit fortgeschritten zu sein. Seine Sprache ist dieselbe geblieben in Welcher er zu Abraham redete, aber was er sagt ist neu. Hier folgt ein Auszug. Wenn cm Mann eine Frau ehelicht ohne Mitwirkung des Gesalbten des Herrn, so werden Mann und Frau Engel sein im Paradiese, aber Knechte der Seeligen, und in ehelosem Stande verbleiben in Ewigkeit. Diejenigen welche den Ehebund schließen im Einklänge mit dem Gesetze werden unter die Götter versetzt! Joe Smith stammt von Abraham. Gott ertheilte seine Befehle an Abraham, und Sarah gab ihm die Ha-gar. Warum? Wcil das Gesetz es so wollte. Aus Hagar ging eine zahlreiche Nachkommenschaft hervor. Hat Abraham gesündigt? Keineswegs. Er hatte Konkubinen und von ihnen, viele Kinder. David desgleichen, und er hat wohl daran gethan, weil Nathan und andere Propheten ihm die Weiber gaben, und die Propheten besitzen den Schlüssel, sie haben die Gewalt Frauen zu verleihen. David hat nur gesündigt indem er die Gattin Uriah's zum 170 Weibe nahm. Auch Salomon und Moses hatten mehrere Frauen. Eine Frau, deren Gemahl Ehebruch trieb, kann, wenn sie selbst tugendhaft ist, einen andern Mann ehelichen. Neber diesen Punkt behält sich Gott vor, in jedem einzigen Falle, Joe zu erleuchten, damit er die Ehe bewillige und segne oder untersage. Bleibt Joe treu dem Gesetz, so wird Gott ihm, in dieser Welt, Häuser und Felder, Frauen und Kinder schenken, und, am Ende seiner Tage, die Kronen der Ewigkeit. Der Priester welcher eine Jungfrau geheirathet hat kann, mit ihrer Bewilligung, eine zweite zur Frau nehmen. In Gemäßheit dieses Gesetzes kann er zehen ehelichen ohne in Ehebruch zu verfallen. Wenn eine dieser Frauen sich einem andern Manne ergibt, so begeht sie Ehebruch und muß vertilgt werden, denn sie und ihre Gefährtin wurden dem Priester gegeben zur Fortpflanzung des Menschengeschlechtes. Mit Hilfe dieses Dokumentes erlangte Bngham Joung die Zustimmung der Versammlung. Sie nahm die Vielweiberei grundsätzlich an. Diese wurde für eine Pflicht und ein Vorrecht erklärt; doch konnte das Vorrecht nur erworben werden auf ausdrücklichen Befehl Gottes. Aus der Offenbarung Smith's erhellt daß Gott das Privileg gibt oder verweigert durch Vermittelung seines Propheten, heute Brigham Joungs, der, bevor er seinen Aussftruch thut, den Fall selbst prüft oder durch die Bischöfe prüfen 171 läßt. Neber die Aufführung der Braut und des Bräutigams vor der Ehe, über den Lebenswandel der Ehegatten, über alle diese zarten Fragen, entscheidet Brigham Doung, im besonderen Auftrage und unter unmittelbarer Eingebung Gottes. Kurz, neben dem Monopole welches der Prophet ausübt über Lebensmittel, Waaren, Erzeugnisse des Bodens, über die Arme und den Schweiß der Männer, verfügt er auch über die Ehre der Frauen, mischt er sich in die innigsten Angelegenheiten des Familienlebens. Der materielle Wohlstand, der Hausfriede, der Nuf eines jeden Einzelnen hängen von dem Willen des Propheten ab. Weit von mir die Absicht, Joung des Mißbrauches der Macht zu beschuldigen welche ihm das Gesetz einräumt, das Gesetz welches er selbst gegeben hat. Ich spreche nicht von den Personen. Ich spreche von dem System, und dies System ist scheußlich, fratzenhaft und ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit. Je höher man in der Hierarchie gestiegen ist, je mehr ist man verpflichtet von dem Privileg der Vielweiberei Gebrauch zu machen. Brigham Voung besitzt zur Zeit sechzehn angetraute und sechzehn angesiegelte (sc>Äl(xy Frauen. Einige der letzteren leben mit ihm: andere, bejahrte Wittwen und ältere Jungfrauen, hoffen durch das Mittel der Ansiegeümg, im Jenseits zu erreichen, was ihnen diese Welt versagt hat, das Glück zu dem Range wirtlicher 173 Gattinnen des Propheten vorzurücken. Georg Smith besitzt fünf Weiber, die anderen Apostel begnügen sich mit vieren, weniger als drei zu haben ist Sünde. Es wird vorausgesetzt daß Niemand mehr Frauen nimmt als er ernähren kann. Aber in Wirklichkeit kommt es häufig vor daß die Weiber ihren Gatten durch ihrer Hände Arbeit erhalten. In der ärmeren Klasse ist dies sogar die Negrl. Hat ein Mann zwei Frauen, so wohnt eine jede für sich in einem Zimmer, selten im selben Hause. Deshalb sieht man am Lande, in den Mcierhöfen gewöhnlich zwei Hütten. Die Frauen treiben irgend ein Handwerk, erhalten sich selbst, und ziehen den Gatten an sich indem sie ihm von Zeit zu Zeit einen Imbiß bereiten, meist um den Preis ihrer mühselig zurückgelegten Ersparnisse. Die wirklichen, nicht die angesiegelten Frauen des Propheten wohnen im Bienenkorb, so heißt die Residenz, jedoch in abgesonderten Gemächern. Sie alle haben angeblich durch Arbeit für ihren eigenen Unterhalt zu sorgen; sie speisen an einem gemeinschaftlichen Tisch und stehen in jeder Beziehung unter einem strengen, büreaukratisch geregelten Regiment. Einer der Schwiegersöhne Joungs, der kleine Buckelige der mich im Bienenkorb empfing, ist diesem Dikasterium vorgesetzt, und übt sein heikliches Amt mit Ordnung und Unparteilichkeit, die nicht seltenen Fälle ab- 173 gerechnet wo die wechselnde Laune des Gebieters ihm Ausnahmen von der Regel auferlegt. Was ist nun der Sinn von 36n1mF, was eine ange-siegelte Frau? Ich habe weder Zeit noch Lust mich in Studien der mormonischen Theologie zu vertiefen und die verschiedenen, wohl sehr übertriebenen und entstellten Angaben, die man in Neisebeschreibungen liest, zu prüfen. Eine Frau^ so scheint es, wird an ihren Mann gesiegelt für dieses und für das künftige Leben. Eine Frau kann auch mit einem Verstorbenen eine Ehe eingehen: man versichert mir daß eine Frau auch an zwei Lebende gesiegelt werden kann, an den einen für diese Welt, an den andern für das Jenseits: versteht sich immer nur mit Genehmigung des Propheten oder der Bischöfe. Was für Zustände! Die Unwissenheit und Leichtgläubigkeit, ausgebeutet unter Anrufung Gottes, zum Vortheile der Ueppigkeit! An Kindern besitzt Salt-Lake-City Ueberfluß. Ueberall begegnet man ihnen. Es ist dies eine der auffallenden Eigenthümlichkeiten dieser wie aller andern Mormonenstädte. Die Kleinen sind gut gehalten, anständig gekleidet und besuchen fleißig die Schule; aber die meisten derer welche ich sah schienen mir zart, wenn nicht schwächlich. Die väterliche Gewalt geht auf in der Gewalt des Propheten. Kaum baß die Väter die Anzahl und die Namen ihrer Kinder wissen. Ohne die verstorbenen zu zählen besitzt der Prä- 174 sident deren achtundvierzig. Sein jüngster Baby ist fünf Monate alt! Eines Tages, auf einem Sftaziergange, kam er zu einem Naufhandel zwischen Knaben. Er trat zwischen die kleinen Störenfriede und verabreichte mit seinem Rohre dem Ungestümsten unter ihnen eine ausgibige Züchtigung. Nach vollzogener Strafe frug er: wessen Sohn bist du? Der Knabe antwortete: l »m pseM^ut Voung'» bo^. Und in der That, es war einer der achtundvierzig. Von welcher Seite man, hier an Ort und Stelle, die Polygamie betrachte, man gewahrt allenthalben die Keime der Zerstörung: Zerstörung der Familie, Zerstörung der Gesellschaft. Doch die ersten Opfer sind die Frauen. Die ich zu Gesichte bekam, sahen traurig und eingeschüchtert aus. An ihrem Herde nehmen sie nicht den Platz ein welcher der Hausfrau gebührt. Die Männer vermeiden von ihnen zu sprechen und sie dem Fremden zu zeigen: als ob sie sich ihrer Gefährtinnen schämten; oder vielmehr, sie schämen sich vor sich selbst. Die Weiber des Beduinen oder des Türken kannten nie den hohen Rang welchen das Christenthum für die Frau erobert hat; aber die armen Mormoninnen stiegen herab von dem Platze den sie einst einnahmen: sie fühlen sich entwürdigt, und die Entwürdigung spricht aus ihren blassen abgehärmten Zügen. Vrigham, die halbe Gottheit, genießt mehr als königliche Ehren. Kurze Zeit vor meiner Ankunft hatte er sein 175 siebenzigstes Jahr vollendet. Bei diesem Anlasse brachten ihm die Apostel, Bischöfe und Aelteren ihre Huldigung dar. Giner von ihnen nannte ihn Souverain. „Sie werden", fügte er hinzu, „den Tag erleben an welchem sämmtliche Könige der Erde vor Ihnen erscheinen und um Ihren Nath bitten Werden." Das Hofjournal gab natürlich die Ansprache. An Sonntagen predigt Brigham Doung zuweilen im Tabernakel. Nach allgemeinem Ausspruche der Heiden welche ich befrug, sind diese Vorträge eine Anhäufung unzusammenhängender Bibelstellen, persönlicher Anspielungen und Schimpfworte, die mit salbungsvollen, hohlen Phrasen abwechseln. Die Sprache ist unedel und der Redner verräth häufig seine haarsträubende Unwissenheit. Von Beredsamkeit keine Spur. In den letzten Jahren predigte er fast immer über Polygamie. Es ist dies seine Art auf die Angriffe der amerikanischen Zeitungen zu antworten. Letztere sind ihm entschieden abhold, und darin der getreue Ausdruck der öffentlichen Meinung in den Vereins-Staaten. Unlängst, um seine Duldsamkeit zu bekunden, hat er Geistlichen anderer Bekenntnisse gestattet im Tabernakel zu Predigen. Ein durchreisender anglikanischer Minister machte von der Erlaubniß Gebrauch, und zwar in seinem geistlichen Gewände. Kaum hatte er die Kanzel verlassen, als sie Brigham bestieg. Er war in ein Betttuch gehüllt, 176 und hielt unter dem schallenden Gelächter der Heiligen einen spaßhaften Vortrag in welchem er den englischen Prediger auf das Gröblichste verhöhnte. Fassen wir das Gesagte zusammen! Der Absolutismus, getrieben zu seinen äußersten Grenzen, und personi-ficirt im Haupte der Kirche. Von Seite der Sektirer unbedingter Glaube an die Person des Propheten. Kein Gottesdienst, denn die kurzen Sonntagsftredigten und Gesänge im Tabernakel verdienen diesen Namen nicht. Im Allgemeinen, so weit es sich von den Massen handelt, kein religiöses Gefühl, oder vielmehr alle religiösen Gefühle vereinigt und verbraucht in der fanatischen Verehrung Brig-ham Aoungs. Arbeit und Glaube, als oberster Grundsatz aufgestellt. Die Arbeit, nothwendiger Weise, Händearbeit und zwar bis an die Grenzen des Möglichen ausgedehnt, weil man nicht nur das tägliche Brot erwerben muß sondern auch die Schulden an den Präsidenten abzuzahlen hat. (Diese übertriebene Arbeit erklärt die raschen und großen Erfolge auf dem Gebiete der Kolonisation.) Ein vom Propheten ausgebeutetes Monopol welches sich auf Alles und Alle erstreckt. Einmischung youngs in die Familienverhältnisse und Angelegenheiten aller Art. In allen schwierigen Augenblicken Zuflucht zum Propheten und blinde Unterwerfung unter seine Aussftrüche. Endlich die 177 Vielweiberei als Pflicht und Vorrecht, ausgeübt seit zwanzig Jahren. Dies ist die Wesenheit des Mormonismus. Aber wie entstand der Glaube im Herzen derer die ihn nicht besaßen, als sie die neue Lehre annahmen? Wie ist diese Umwandlung in ihnen vor sich gegangen? Welche geheime Triebfedern haben da gewirkt? Wie kommt es daß Leute welche bei ihrer Abreise aus der Heimath nichts glaubten, kaum angelangt im Thale der Heiligen, Alles glauben, Alles was Joung beliebt sie glauben zu machen? Die Erklärung der Mormonen: das sei eben Eingebung, kann man natürlich nicht zulassen. Aber auch die mir von den Heiden gegebene Auslegung schien mir unzureichend. Näher befragt, gaben letztere das selbst zu. Hier liegt wie bereits gesagt der Schlüssel zum Verständniß des Mormonismus. Ich widmete daher diesem Punkte meine ganze Aufmerksamkeit, und gelangte mit Hilfe der eingezogenen Erkundigungen und eigener Beobachtung zu nachstehenden Schlüssen. Die Anfänge der Sekte gleichen denen aller anderen. Vei einer gewissen Anzahl von Menschen erwachen plötzlich und unvorhergesehen das Bedürfniß nach geistigen: Trost, der Durst nach übernatürlicher Hilfe, das brennende Verlangen Gott zu nahen! Es sind dies Instinkte welche, mehr oder minder, in allen Herzen schlummern. Je seltener dies 178 Erwachen eintritt, je heftiger ist es, nicht unähnlich einer lange verschlossenen nnd plötzlich geöffneten Schleuße. Die aufgestauten Wasser stürzen hervor, rasen mit Ungestüm dahin; verlaufen sich allmälig, bis das Gleichgewicht hergestellt ist, und, nlit dem Gleichgewicht, die Nuhe. Dies ist die Geschichte der berühmten i'^viv^. Es ist auch die Geschichte der Entstehung der Sekten, besonders in Amerika, in dieser vom materiellen Treiben so sehr in Anspruch genommenen Gesellschaft, welcher so wenig Zeit übrig bleibt für das innere Leben. Die lange vernachlässigten moralischen Bedürfnisse, die lange nicht vernommene Stimme des Gewissens treten mit Einem Male in ihre Rechte. Neue und Verzweiflung bemächtigen sich der Gemüther. Man lechzt nach Trost, und man empfängt ihn aus den Händen des Ersten Besten. In diesen Augenblicken fehlt es nie an Menschen welche bereit sind sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, sie zu leiten, zu beherrschen, wo möglich auszubeuten. Wahrscheinlich sind es Sykofthanten, möglicher Weise Schwärmer, vielleicht Beides. Aber dem Heuchler gebricht die Leuchte des Glaubens, dem Fanatiker das Licht der Vernunft. Da finden die üblen Leidenschaften, die Geldgier, die Sinnlichkeit ihre Rechnung. Was Wunder daß man in kürzester Frist beim Unsinn und der Verruchtheit angelangt ist. Unter ähnlichen Verhältnissen entstand der Mormonismus. Die ersten Adepten Joe 179 Smiths, des Schurken, wie die Einen sägen, des Heiligen, wie ihn Andere nennen, waren ganz gewiß aufrichtige Schwärmer. Sie waren überdies Amerikaner. Sie bildeten die moralische Atmosphäre welche die Ankömmlinge aus Europa fortan ein athmeten. In der Geschichte der Sekte macht die große Wanderung nach dem Salzsee Epoche. Sie befestigte das Ansehen des neuen Moses. Unüberwindlich scheinende Hindernisse hat man unter seiner Leitung besiegt, das Ziel der Reise gefunden, wie Gott es seinem Auserwählten geoffenbart hatte. Kein Zweifel daß Vrigham ein übernatürliches Wesen ist. Wenn er nicht selbst Gott ist, so steht er der Gottheit nahe. Und überdies, was ist Gott? Die Mormonen kümmert das nur wenig, um so weniger als Vrigham lehrt der Mensch sei Gott gleich. Gewiß Niemand ist es mehr als er. Das ist augenfällig, sonnenklar! Jedermann denkt es, Jedermann sagt es, Jedermann glaubt es. Wehe dem der zu zweifeln wagte! Das ist die moralische Luft die sich im Thale der Heiligen gebildet hat, die Jedermann einathmet, die sofort auf den Neuangekommenen ihren Einstuft übt. Er bringt aus der Heimath nichts mit was ihm helfen könnte sich dieser Einwirkung zu entziehen. Er ist unwissend, arm, und, indem er unter die Mormonen ging, hat er die Religion Verleugnet in der er geboren ward. Nicht in den Sätzen 12" 180 des Glaubens von dem er abfiel wird er Waffen suchen gegen die Irrthümer der Sekte welcher er sich eben anschloß. Ueberdies hat er seine Schiffe verbrannt. Mit Leib und Seele gehört er dem Präsidenten. Er thut wie Jedermann, er schließt die Augen und glaubt, glaubt an Brigham Noung. Die Weiber aus Wales, unter den Mormonen die Mehrzahl ihres Geschlechtes, und wie man mir sagt mehr als alle anderen abergläubisch und unwissend, nehmen einen thätigen und wirksamen Antheil an der Bekehrung der Männer. Uebrigens wer einmal diese Pfade betreten hat wird sie nicht wieder verlassen. Die Schwierigkeit der Umkehr, man könnte sagen die Unmöglichkeit, ist bereits erörtert worden. Das Auge des Propheten wacht über der Heerde, die Nacheengel, die Danitcn erwürgen die räudigen Schaafe. Die Wichtigkeit des Einflusses der Sphäre in der man lebt ist unberechenbar: sie wächst im Maße der Abgeschlossenheit. Irrenärzte versicherten mich sie würden selbst den Verstand verlieren, wenn sie durch längere Zeit verhindert wären ihre Anstalt zu verlassen. Das Duell, als Gottesgericht oder Krieg zwischen Einzelnen vollkommen erklärlich, ist in seiner gegenwärtigen Uebung barer Unsinn. Der Beleidigte ist entehrt; hat er aber überdies von dem Beleidiger einen Säbelhieb oder eine Kugel in den Leib bekommen, so ist seine gekränkte Ehre gerettet. In England 161 hat die jüngste Generation dies Vorurtheil abgeschüttelt: aber am Kontinent besteht es noch als Glaubensartikel, allerdings in verschiedenem Grade, je nach der Verschiedenheit der Lebenskreise. In Deutschland, zum Beispiel, ist es im Volke unbekannt; der Bürger hält wenig darauf; aber im Adel, in der Armee und auf den Universitäten, also in den noch oder einst ftrivilegirten Ständen, finden wir es tief eingewurzelt. Nun sind aber die ftrivilegirten Klassen, innerhalb der Grenzen und Kraft des Privilegs, von den übrigen Staatsbürgern abgeschlossen. Betrachten wir einen jener vielen, kleineren Kreise wo Kunst und Literatur getrieben werden. Nehmen wir an, es herrsche dort der Kultus der Zukunftsmusik. Ncr sich da den gering' sten Zweifel erlaubte an der Unfehlbarkeit des verehrten Meisters, würde sogleich vor die Vehme gezogen, verurtheilt und hingerichtet, das heißt ausgeschlossen. Legst du Werth darauf im Heiligthume zu verweilen, so lasse dich bekehren, verneige dich vor der Gottheit die hier herrscht, und bekämpfe die Stimme deines Gewissens welche dich der Heuchelei beschuldigt. Verharre in dem neuen Götzendienst und die Gnade des Glaubens wird dich allmälig rühren; du wirst glauben an Wagner, und bist du von Natur der Begeisterung zugänglich, so wirst du mit der Zeit bereit sein für die Zukunftsmusik dein Blut zu vergießen. Die große Mehrzahl der Menschen unterliegt ähnlichen Ein- 182 flüssen. Feste Grundsätze, ein richtiges Urtheil und Charakterstärke vermögen allein der Atmosphäre zu widerstehen die in abgeschlossenen Kreisen herrscht. Diese Bedingungen finden sich selten vereinigt. Sie fehlen natürlich den armen Katechumenen welche alljährlich von den Emissären des Propheten zusammengerafft und nach den, bis vor Kurzem unzugänglichen und hermetisch geschlossenen Gegenden von Neu-Ierusalem gesandt werden. So erkläre ich mir die plötzliche Umwandlung von Leuten, die zu Hause an nichts glaubten, in Gläubige, in Leute welche zwar nicht mit Inbrunst aber mit naivem und aufrichtigem Köhlerglauben sich der Person und den Lehren Brigham Joungs blindlings unterwerfen. Noch vor zwei Jahren waren Abtrünnige sehr selten. Es war oben die Nede von den Mitteln mit welchen man sie in den Schoos der Kirche zurück führte. Seit Eröffnung der Eisenbahn konnten einige protestantische Minister, Geistliche der Episkopalkirche und Presbyterianer, ohne besondere Gefahr zu laufen, hier ihrem apostolischen Berufe nachgehen. Es war aber verlorene Mühe. Die wenigen Mormonen welche sich zum Austritte aus der Sekte bereit erklärten, erwiesen sich als Menschen ohne alles sittliche und religiöse Gefühl. So lange sie unter der eisernen Zuchtruthe Poungs lebten, waren sie arbeitsam und gläubig, gläubig im Sinne der Mormonen. Aber indem sie 183 den Zauberkreis verließen, verwandelten sie sich in Freigeister und unverbesserliche Taugenichtse. Diese, vielseitig bestätigte Thatsache scheint mir höchst bedeutungsvoll. Sie liefert den praktischen Beweis der inneren Hohlheit des Mormonismus. Dieser Gesellschaft fehlen alle sittlichen Elemente. Ihr Wesen ist die rohe Gewalt. Entfesselt diese Menschen und sie werden zu Ungethümen. Die Pacifitbahn und, in Folge der vor zwei Monaten entdeckten Silberlager, das massenhafte Zuströmen der Bergleute, üben bereits ihre Wirkung. Zunächst hat das Schreckcnsregnnent aufgehört unter welchem die hier lebenden Heiden d. h. Christen schmachteten. Visher waren sis Heloten; jetzt fühlen sie sich, rühmen ihre Bedeutung und tragen den Kopf hoch. Bald werden sie eine wirkliche Macht sein. Die kleine Stadt Corinna, welche einige Heiden vor wenigen Jahren gegründet haben, ist der Sitz der Opposition geworden. Dort hausen die Söhne Ioc Smith's, die Dissidenten und persönlichen Feinde Vrigham Mungs. Es ist die Zufluchtsstätte aller jener welche das Joch des Präsidenten abschütteln oder sich ihren pekuniären Verpflichtungen gegen ihn entziehen wollen. Aber auch im Mittelpunkte des Gemeinwesens, im Salt-Lake-City, hat sich die Lage geändert. Einwanderer, die keine Mormonen sind, bringen Kapitalskräfte mit sich, eröffnen Kaufläden, nehmen einen wachsenden Antheil an 184 dem Handelsverkehr. In der That, Alles ist anders geworden. Man hört nicht mehr von geheimen Verurthei-lungen und Hinrichtungen. Keine Leichen abtrünniger Mormonen, keine Würgengel mehr! Selbst die jungen Mädchen hat der Geist der Widerhaarigkeit erfaßt. Sie wollen von Polygamie nichts wissen, und geloben sich unter einander Freier, welche bereits eine Ehehälfte besäßen, mit Körben zu betheilen. Das Bedenklichste ist daß die neue Strömung sogar in den Bienenkorb drang. Der älteste Sohn Aoungs hat erklärt, daß er seine in späteren Ehen erzeugten Geschwister für unehelich halte. Alles weist auf eine bevorstehende Krisis hin.*) Vrigham scheint es zu ahnen, und unerachtet seiner vorgerückten Jahre einen zweiten Exodus nach Arizona oder den Südseeinseln zu beabsichtigen. In Washington zögert man noch. Die öffentliche Meinung in den Staaten verlangt immer lauter ein energisches Einschreiten der Centralregierung. Die bisherigen, materiellen Hindernisse sind verschwunden. Warum entsendet Präsident Grant nicht, auf der Eisenbahn, eine hinreichende Truppenmacht um Zuständen ein Ende zu machen welche unvereinbar sind mit den bestehenden Gesetzen, mit den Sitten und dem Geiste des Jahrhunderts? Hierauf ^) Sir ist seither eiiMtrctcn. In Washington betrachtet 'man dcn Mormonismns als in voller Auflösung bcgnffcn. 185 erwidert man im weißen Hause daß der Mormonismus keine Lebensfähigkeit besitze, und ehestens von selbst zerfallen werde. Mit Brigham Voung, der ein Greis, werde er verschwinden. Es wäre ein politischer Fehler die Auflösung der Sekte zu beschleunigen. Besser sei sie eines natürlichen Todes sterben zu lassen. Dies ist gegenwärtig die Ansicht der Negierung aber nicht des Publikums und Alles deutet darauf hin, daß General Grant ?)oung in Anklagestand versetzen, und, im unwahrscheinlichen Falle eines Widerstandes, mit Waffengewalt einschreiten werde. Besitzt dies große Gemeinwesen eine Zukunft? Wird es mit seinem Häuptling verschwinden? Um mich herhöre ich die letztere Frage mit Bestimmtheit bejahen. Und, in der That, könnte hierüber kein Zweifel obwalten, wenn die Ereignisse immer den Gesetzen der Logik folgten. Angenommen, die Auflösung habe statt gefunden! Was würde die sittliche und sociale Lage der Bruchstücke des großen Körpers, der getrennten Glicdmasien des Leichnams sein? Wir würden eine Gesellschaft, wenn diese Benennung paffend ist, von Menschen sehen ohne Glauben und ohne Gesetz. Ohne Glauben, denn sie bcsaften nur den Glauben in die Person Brigham Voungs, und Vrigham Joung ist, in unserer Voraussetzung, verschwunden. Ohne Gesetz, denn bies Gesetz hatte Er ja gegeben und Er allein hatte vermocht ihm Achtung zu verschaffen, und dieser Wunder- 186 thäter ist verschwunden. Was kann aus dieser Gesellschaft werden deren einzige Grundlage das moralische Ansehen, die materielle, unbegrenzte, unerbittliche Macht eines Mannes war, nachdem dieser Mann aus dem Leben geschieden ist? Niemand wird ihn ersetzen. Mit ihm stirbt der Mormo-nismus. Auch ist keine Auferstehung, wenigstens nicht zur selben Lebensform denkbar. Die Macht der Dinge, ein eigenthümliches Zusammentreffen von Umständen: der Bau der Eisenbahn, die Entdeckung der Silberminen, das Zuströmen amerikanischer Staatsbürger, die früher oder später unvermeidliche Dazwischmkunft der Centralregierung, die Entrüstung der öffentlichen Meinung bilden unüber-steigliche Hindernisse. Dann könnte das jetzt friedliche Thal der Heiligen der Schauplatz werden eines scheußlichen Kampfes Aller mit Allen, der Söhne der ersten Frau mit denen der zweiten und dritten. Die Familienbande, gelockert und entheiligt durch die Uebung der Polygamie, werden zerreißen; das Eigenthum eines Jeden wird die Beute des Stärkeren werden. Ein grausenhaftcs Bild von Bruderkrieg, Faustrecht, Gesetzlosigkeit, chaotischer Verwirrung. Hoffen wir für die Armen ein milderes Geschick. Aber eine Betrachtung drängt sich hier auf, und, zu meiner Verwunderung, hörte ich sie, auf dieser Wanderung durch Amerika, schon mehrmals aussprechen. Der Mormomsmus mit seinen glänzenden Früchten und scheußlichen Auswüchsen 187 und der noch scheußlicheren Katastrophe die seiner zu harren scheint, ist entstanden und aufgewachsen unter dem Schirme des obersten Princips der amerikanischen Gesellschaft: unbeschränkte Freiheit für Alle. Hat in diesem Falle die Anwendung dieses Grundsatzes zur Freiheit geführt? Das Merkwürdige ist nicht die Frage, sondern daß man sie sich stellt. VIII. Coriuu a. Am 7. und 8. Ämn. Corinna der TuMs einer AosmopaMenjlM, — Ein Now-wo,» am M-renssust. — Iu die Verge, — AopenlMen, — was ist der Nowdu/? Die drei Tage in Salt-Late-City sind rasch verstrichen. Das materielle Leben läßt allerdings zu wünschen übrig-. aber gibt es ein größeres Vergnügen als in einem offenen Buche zu' blättern, voll von neuen Gedanken, unbekannten Aufschlüssen, Bildern und Räthseln die man durch eigenes Nachdenken oder mit Hilfe liebenswürdiger Freunde zu lösen sucht? Der Kommandant von Camp Douglas, der Oberrichter, der Richter überhäuften mich mit'Artigkeit, begleiteten mich auf meinen Spazierfahrten und beantworteten meine zahllosen Fragen. Abends auf der Veranda sitzend bin ich des Doktors sicher. Er schiebt seinen Lehn- 188 stuhl neben den meinigen, reckt seine Glieder, sucht und findet endlich eine, nach landesüblichen Begriffen, bequeme Stellung, nimmt seine Erzählung auf wo er sie am Morgen gelassen hat. Es sind meist Schilderungen aus seinem Leben, abwechselnd tragisch und drollig, zuweilen in höchstem Grade spannend, und, was ich nicht verbürgen kann aber gerne annehmen will, wohl auch wahrheitsgetreu. Jedenfalls zeichnen sie sich durch stark aufgetragene Lokal-farbcn aus. Ein paar Mal verlockte mich mein Aeskulaft zu einem nächtlichen Svaziergang, aber wir traten mit jedem Schritte auf riesige Kröten. Am Ende flüchteten wir zurück nach dem erhöhten Bretterbodcn der Veranda. Die schweigsame Gesellschaft die dort versammelt ist begibt sich gegen neun Uhr zur Nuhe. Nur der Herr vom Hause, Elder Townsend, bleibt. In Betrachtungen versunken sitzt er wieder am Ende der Terrasse, in derselben unbeschreiblichen Stellung wie am Morgen. Seine schwarze Silhouette schneidet sich scharf ab von dem lichten Hintergrunde, den vom Vollmonde versilberten Akazien. Der Mann sieht aus wie ein am Reck kovfabwärtshängender Akrobat. Und dies nennt man hier zu Lande sitzen. Der liebenswürdige Stationschef von Ogden hatte mich, seinem Versprechen gemäß, besucht. Mit ihm verließ ich die Hauptstadt der Mormonen, und bin nunmehr auf der Pacifikbahn in dem sechzig Meilen entfernten Corinna 189 angelangt. Von Nom nach Karthago in der kurzen Frist von drei Stunden! Ganz Utah ist von Heiligen bevölkert. Nur Corinna, dieser Dorn im Fleische des Mormonismus, hat gewagt Brigham die Stirne zu bieten, und sogar den Neberläufern ein Asyl zu gewähren. Kein kleines Wagnist noch vor zwei Jahren, aber vollkommen gefahrlos seit die Eisenschienen die junge Stadt dem schützenden Arme der Washingtoner Regierung erreichbar machten. Zwei Notabeln erwarten mich am Bahnhof. Es sind Rheinländische Juden, der eine der Besitzer des ersten Hotels in Corinna, der zweite sein Gehilfe. Letzterer ist zugleich Metzger, Ladendiener — denn sein Herr besitzt auch eine Handelsbude — Oberkellner und Omnibuskutscher. Ueber-dies wirbt er um die Tochter des Patrons. Alles dies erfahre ich während man mich in den Stnhlwagen hebt der zwischen der Stadt und der Bahn fährt. Wir halten vor dem Hotel der Metropole, eine elende Bretterbude in Main-Street, besser gesagt in der einzigen Straße die für eine Gasse gelten kann. Das Haus ist mit Gästen überfüllt. In der Halle, welche als Kaufladen dient, drängen sich die Kunden. Neben an, in der Küche, bereiten die noch junge und schöne Hausfrau und ihre Tochter das Abendbrot. Die beiden „Ladies" machen sich auch durch ihre sorgfältige Toilette bemerkbar, insbesondere aber, sei rs Kunst oder Natur, durch einen riesigen Haarwuchs. 190 Vor der Hausthüre sitzen mehrere Honoratioren: Nichter, Advokaten, Krämer. Fast alle sprechen oder verstehen Deutsch. Sie warten wie ich auf das Souper, befragen mich äo uimii v« 8(>ldlli und bieten ihre Dienste an. Soshones-Indianer sind dieser Tage angekommen und haben ihre Zelte am Bärenflusse, unweit der Stadt, aufgeschlagen. Morgen werden die Häuptlinge zu einem Pow-Wow zusammentreten. Man schlägt mir einen Besuch des Lagers vor. Für morgen hat auch die schöne Welt von Corinna einen Ausflug in die Berge verabredet. Ich werde aufgefordert Theil zu nehmen. Welch glückliches Zusammentreffen, um so mehr als Pow-Wows und Pikniks hier zu den Seltenheiten gehören. Ein Gentleman, der Herausgeber einer der beiden in Corinna erscheinenden Zeitungen, überreicht mir das Abendblatt. Mehrcrc Artikel haben mich zum Gegenstand. Es ist ein Bericht über meinen Aufenthalt in Salt-Lake-City, meine angeblichen 8li^m^8 anä äoinxs, natürlich im Geiste der Corinnescn, das heißt entschieden anti-mormonisch. Wahrscheinlich die Verrätherische That meines Freundes, des Doktors. Ich ftrotestire ein wenig gegen dies Verfahren. Aber man beruhigt mich. „In Corinna", sagt man mir mit Selstgefühl, „haben Sie nichts zu besorgen von den Würgengeln des Propheten. Sie haben in der Oeffentlichkeit gewirkt; Sie gehören der Oeffentlichkeit an. Gestatten Sie uns die le- 191 gitime Neugierde der Zeitgenossen zu befriedigen." Der Gong macht der Tertulia ein Ende. Die Hausfrau trägt ein köstliches Abendmahl auf. So beurtheilte ich es wenigstens. Allerdings, wer soeben don Händen des Hochwürdigen Townsend entrann, ist leicht zu befriedigen. Unvergleichliche nach Urwald riechende Erdbeeren bilden den Nachtisch. Die Mahlzeit dauert nicht zehn Minuten. Alle Gäste sehen blaß, schläfrig und erschöpft aus. Der liebenswürdige Wirth hat mir das beste Zimmer vorbehalten. Es mißt genau sechs Fuß im Gevierte. Dünne Holzwände trennen mich von den Nachbarn: rechts ein mexikanisches Ehepaar, links ein chinesischer Kaufmann und seine Begleiter. Der junge Mexikaner singt, seine Gemahlin begleitet ihn auf der Guitarre. Falsche Töne kommen da wohl vor; doch seien wir nicht zu wählerisch. Wer nur einschlafen könnte! Mein anderer Nachbar mu-sieirt nicht, aber er riecht übel. „John", sagt der Wirth, — es ist dies die allgemeine Bezeichnung für die Söhne des Reiches der Mitte, — „John riecht wie alle seine Landsleute. Es ist ein Geruch »m xenon«, und für Sie eine gute Gelegenheit sich auf die Reisen in China vorzubereiten." Corinna besteht erst seit vier Jahren. Die Stadt ist wie ein Pilz aufgeschossen, besitzt bereits zweitausend Ein- 192 Wohner und gewinnt zugleich an Bedeutung. Sie versieht die Vorposten der Civilisation in Idaho und Montana mit ihren Bedürfnissen. Eine Diligence geht zweimal die Woche nach Virginia-City und Helena; erstere Stadt ist dreihundertfünfzig, letztere fünfhundert Meilen von hier gelegen. Unerachtet der ernsten Gefahren und der furchtbaren Mühseligkeiten der Neise sind diese Marterkarren immer überfüllt. Die Güter werden auf Lastwagons mit massiven Rädern versandt. Die Spuren der letzteren bilden die sogenannte Heerstraße. In den Gassen begegnet man bis an die Zähne bewaffneten Weißen, verkommenen Indianern in Lumpen, die Reste der Blusen und Beinkleider welche der di^-fatllor geschenkt hat; geschäftigen Chinesen mit klugen Augen und harten widerwärtigen Gesichtszügen. Kein Ort des äußersten Westen gab mir mehr, als diese kleine Stadt, einen Begriff dessen was gewöhnlich dur^ei-llfc genannt wird, und im Grunde nichts Anders ist als der materielle Kampf der Civilisation mit den ungebändigten Naturkräften. Die wundervolle, aber nervöse und unruhige Thätigkeit der Weißen, die geregelte und systematische der Chinesen, der unverbesserliche Müßiggang der Nothhäute fallen hier durch ihren Gegensatz mehr als irgendwo in die Augen. Im Aeußeren, in seinem Wesen und Anzüge ist dcr amerikanische Grenzer vernachlässigt, schmutzig, ungehobelt; da- >93 gegen kleidet sich der Chinese sorgfältig, ist artig nnd von ehrbarem Aussehen: der Indianer das Bild des Elends und der tiefsten Verkommenheit. Der Handelsverkehr beschränkt sich auf Main-street. Die Häuser welche sie bilden sind aus Brettern gebaut. Mehrere haben sogar nur Wände von Segeltuch. Die anspruchvollsten thun sich durch hölzerne Fassaden hervor welche die Giebeldächer überragen, und wie schlecht aufgestellte Theaterkoulissen aussehen. Vor den Häusern läuft ein holpriger, bald hoher bald niederer, oft durchlöcherter Gangwcg hin. Die Seitengäßchen, in welchen chinesische Weiber hausen, nicht die Zierden ihres Geschlechtes, führen direkt in die Wlldniß. Diese beginnt, wo die Stadt endet. Außerhalb der Stadt einige kümmerliche Gärtchen. Uebrigens nicht Ein Baum! Wüste, nichts als Wüste! Nur in der Entfernung, am Fuße der Berge oder auf ihren Abhängen zeigt sich, einer Oasis gleichend, hie und da eine Niederlassung der Mormonen. Corinna liegt nördlich vom Salzsee, in der Entfernung von drei Meilen: eine geringere trennt sie vom Bear-Niver und von den hier nackten und häßlichen Wahsatch-bergen. Die einzige Anziehungskraft dieser prosaischen und unschönen Stadt ist die Aussicht auf raschen Erwerb den sie ihren Bewohnern zu bieten scheint. Am westlichen Zugänge steht eine kleine presbyterianische Kirche. Die Epis- Hülmer, Sftaziergang I. 1I 104 kopalen bauen ihr Gotteshaus. Die Katholiken haben bisher weder Kirche noch Priester. Die weiße Bevölkerung ist ein Gemisch aus den verschiedensten Nationen. Deutsche und Irländer sind besonders zahlreich. Erstere und Jankees, meist Pensylvaner, scheinen obenan zu stehen. Im Ganzen überwiegt der kosmopolitische Charakter den amerikanischen. Drei Gentlemen holen mich ab in einem leichten aber stark gebauten Char-ä-bancs den sie um eine fabelhafte Anzahl von Dollars für den Tag gemiethet haben. Wir fahren nach dem Lager der Indianer. Es ist am Ufer des Vear-River aufgeschlagen, und die beträchtliche Anzahl der Zelte läßt auf zahlreichen Besuch schließen. In der That sind mehrere Häuptlinge mit ihren Familien eingetroffen. Andere werden noch erwartet. Alle gehören dem großen aber sehr herabgelommenen Stamme der Sashonen an. Besprechung ihrer Beschwerden und Vertheilung der jährlichen Gaben des Präsidenten sind Gegenstand der Berathung. Am Saume des Lagers halten junge Bursche die Wache. Weiber und Knaben hüten die Moustang welche auf der sandigen Ebene weiden. Es sind kleine, magere Pferde offenbar von guter Zucht; einige von auffallender Schönheit, alle, wie man mir fagt, kräftiger als sie aussehen. 195 Wir werden in das größte Zelt geführt, wo vierzehn Krieger im Kreise sitzen oder kauern. Der Häuptling allein erhebt sich um uns zu begrüßen. Die übrigen bleiben unbeweglich, würdigen uns kaum eines Blickes, und bemühen sich offenbar den Schein von Neugierde oder Verwunderung zu vermeiden. Der Vorsitzende weist mir an seiner Seite meinen Platz an und die, einige Augenblicke unterbrochenen, Verhandlungen nehmen ihren Fortgang. Die Redner sprechen langsam und mit klangvoller Stimme. Zuweilen wird man lebhaft, aber ein Blick des Häuptlings reicht hin um die Aufregung zu beschwichtigen. Eine dickleibige Pfeife macht die Nunde. Sie geht von Mund zu Mund, und ich gestehe, Bangen überfiel mich als sie sich mir das erste Mal näherte. Aber, sei es aus Zartgefühl, sei es in einer der meinigen ähnlichen Stimmung, meine beiden Nebenmänner reichten sie sich über meinen Kopf weg. Ich gestehe, daß in dem Pow-Wow das Ca-lumet mich am meisten beschäftigte. Ich gedachte der Romane Coopers, seiner wilden, urkräftigen aber oft ritterlichen Helden deren glänzende Thaten, leider nicht als Beispiel aber als Legende, noch fortleben in der Erinnerung ihrer entarteten Söhne. Ich betrachte diese Leute. Einigen haben Krankheit, andern der furchtbare Branntwein, allen das Elend ihr trauriges Gepräge aufgedrückt, und dennoch gewahrt man noch in den Zügen dieser Unglücklichen die 13* > 196 Spur der wilden und männlichen Tugenden ihrer Väter. Wenn sich die Debatte belebte, erkannte ich, für Augenblicke, den Ausdruck von Würde, Selbstgefühl und unbeschreiblicher Trauer. Es war wie eine plötzliche und rasch vorüberziehende Vision: die vom Sturme gefällten, vom Blitz erleuchteten Baumriesen des Urwaldes. Diese Menschen sind sehr zu beklagen. Dem Untergang geweiht, erliegen sie der Krankheit oder dem Laster. Sie haben die Ahnung der nahen Vernichtung. Sie wissen was sie sind und, um das Elend voll zu machen, sie wissen was sie waren. Wir setzen die Fahrt fort und nähern uns den Bergen. Nrigham-City, eine der blühendsten Mormoncnstädte, liegt zwischen Feldern und Obstbäumen. Es ist ein kleines Salt-Lake-City : groftc, lange Baumgänge, die Häuser versteckt hinter den Laubwänden, ein Tabernakel, das Gerichtshaus, einige wenig ansehnliche Gebäude, im Ganzen ein Anstrich von Wohlstand und Heiterkeit der den Ansicd-lungen der Mormonen gewöhnlich fehlt. Ein „Oberst" bewirthet uns mit Milch und Erdbeeren. Das Wahsatch- . . . Nessim maggior dolore Clie riccordarsi del tempo felice Xella miseria. 197 gebirge hat hier seine Schrecknisse, aber auch seine Schönheit eingebüßt. Es hat sich erniedrigt, und seine ragenden Zinken durch flache Kuppen ersetzt. Magere, staubfarbige Büsche verhüllen nothdürftig die Blößen seiner Abfälle. Ein enger, schlechter Fahrweg führt zwischen La-vablocken und längs einem prosaischen aber halsgefährlichen Canon hin. Endlich erreichen die athemlosen Pferde ein kleines, flaches Hochthal, das Ziel unserer Reise. Hier hausen Dänen, und ihren Wohnsitz, eine Gruppe armseliger Hütten, haben sie Kopenhagen genannt. Ein Greis bietet uns einen Teller halbreifer Erdbeeren zum Kaufe an, und einer meiner Gefährten ersteht sie für zwei einen halben Dollar. Auf eine Bemerkung über den übertrieben hohen Preis erhielt ich eine Antwort die mir durch ihre Lokalfarbe auffiel: „In Corinna kosten viel bessere und reife Erdbeeren einen halben Dollar, aber hier in den Bergen ist die Vegetation zurückgeblieben. Es sind Erstlinge. Deshalb kaufte ich sie für meine Frau der ich ein wohlfeileres Geschenk nicht wohl anbieten kann." Endlich, nach einigem Suchen, entdecken wir das Rmdez-vous, ein kleines Gehölz von jungen Ahornbäumen und verkrüppelten Pappeln. Im spärlichen Schatten dieser Bäume kampiren ein Dutzend Männer, etwa eben so viele Frauen, diese in sehr gesuchter Toilette, und an zwanzig Kinder. Jede Familie hat ihren Mundvorrath mitgebracht. 198 und bildet eine eigene Gruppe. Den dringenden Einladungen Folge leistend, gehe ich von einer zur andern. Nach dem Imbiß versammeln sich die Männer, imftrovi-siren einen Bar-room, und trinken stehend ihren Sherry-Kobler. Gesprochen wird fast gar nicht. Nur die Kinder scheinen sich zu unterhalten, die Kinder und der Pfarrer dcr Episkopat-Gemeinde, ein junger kürzlich angekommener ^xonier, ein echter Sohn des fröhlichen Alt-England. In seinen Armen hält und betrachtet er mit den Blicken eines Verliebten ein prächtiges, bausbackiges Baby, das Bild der Gesundheit, der Lohn mütterlicher Vorsorge. Solche Kinder sieht man selten hier zu Lande. Ich plaudere mit dem Papa der ein Mann von Bildung ist und von Haus aus den höheren Lebenssphären angehört. Er gefällt sich in Corinna! Begreife wer kann. Das ist aber eben das Geheimniß der amerikanischen Luft. Kopenhagen, obgleich von allen Ansiedlungen die entlegenste und ärmste, besitzt eine Telegraphen-Station. Unter Weges Hieher war einer der jungen Leute des Pikniks vom Pferde gefallen ohne Schaden zu nehmen, aber nicht ohne den spöttischen Bemerkungen der Gefährten zu entgehen. Einer von ihnen lief nach Kopenhagen und ließ den Telegraphen spielen. Bei unserer Rückkehr nach Corinna fanden wir bereits den Vorfall mit schauderhaften Einzelheiten ausgeschmückt, unter dem Titel n:n'ro>v e80!»p6 in einem 199 der Abendblätter. Der Held des Abenteuers schien sehr geschmeichelt. Ich habe heute mit vielen Leuten geschwätzt und meine Sammlung von Biographien nicht unbeträchtlich vermehrt. Es wäre Stoss vorhanden zn einer Fortsetzung des Plutarch. Freilich, Alles was erzählt wird kann nicht für reine Wahrheit gelten, aber eben so wenig für reine Erfindung. Die Thatsachen mögen übertrieben oder entstellt sein: selten sind sie ganz erlogen. Ein nüchtern ausgedrücktes Gefühl ist in der Regel wahr. Dagegen bedürfen die Beweggründe, welche der Erzähler für seine Handlungen angibt, einer kritischen Prüfung. Wenn, zum Beispiel, ein vierschrötiger Geselle erzählt er habe einen Nebenbuhler in der Schenke oder an einer Straßenecke mit seinem Revolver niedergeschossen, so bin ich sehr geneigt ihm Glauben zu schenken. Wenn er aber hinzufügt, er habe hierauf den Schauplatz seiner Thätigkeit aus Gesundheitsrücksichten verlassen, so erlaube ich mir dies zu bezweifeln. Wer einen Todtschlag oder, noch besser, mehrere am Gewissen hat, besonders wenn die That verübt ward bei hellem Tage und unter den Augen der Mitbürger: wer hierauf dem Arme der Gerechtigkeit zu entgehen wußte sei es durch List oder Frechheit oder durch Bestechung: wer den Ehrentitel eines 8i>.:i'p erwarb, d. h. von dem es offenkundig daß er beim Spie! und in Geschäften betrügt ohne 300 sich je auf frischer That ertavften zu lassen, ein solcher Mann ist was man im äußersten Westen einen Rowdy nennt. Der Schrecken der Hausväter, das beneidete Vorbild der männlichen Jugend erfreut er sich der besonderen Gunst des schönen Geschlechtes. Er ist nicht nothwendiger Weise und für immer ein Vösewicht. Zuweilen bessert er sich bis zu einem gewissen Grade, und da er Meister ist in der Kunst Schrecken einzuflößen, so geschieht es häusig daß er in seinem Dorfe die oberste Gewalt an sich reißt, und nichts hindert dann daß er sie übe bis an das Ende seiner Tage, ein Gegenstand der allgemeinen Verehrung und ein unbeschränkter Tyrann seiner freien Mitbürger. Es ist dies die Laufbahn vieler Rowdies. Andere, weniger gewandt oder weniger glücklich, beschließen ihr junges Leben am Galgen oder an irgend einem Baumaste. Dies sind die Märtyrer, jene die Helden der Civilisation. In andern Lebenskreisen geboren, ausgerüstet mit sittlichem Ernst, der ihnen fehlt, mit Thatkraft, Muth, Verstand und Gesundheit, Eigenschaften die sie meist besitzen, wären sie wahrscheinlich nützliche Glieder der Gesellschaft geworden. Einige von ihnen würden, durch das Schicksal auf eine höhere Bühne geführt, ihre Namen verzeichnet haben in den Annalen der Republik die so reich ist an großen Ereignissen, und, verhältnißmäßig, so arm an großen Männern. Aber so wie sie sind, erfüllen diefe Abenteurer eine ftrovidenticlle 201 Sendung. Ihr Dasein ist nicht zwecklos. Wer die unge-zähmte, die wilde Natur zum Kampfe herausfordert, wer diesen Kampf siegreich besteht, besitzt offenbar gewisse Vorzüge und diesen Vorzügen entsprechen gewisse Fehler. Wenn man zurückblickt, so gewahrt man die Wiege aller Kulturvölker umgeben von Giganten, von herkulischen Gestalten, von Wesen voll urwüchsiger Kraft, bereit Alles zu wagen, fähig Alles zu thun, weder zurückschreckend vor der Gefahr noch vor dem Verbrechen. Die Götter und Helden Griechenlands hatten über Moralität ziemlich weite Begriffe; die Gründer Roms, die Adelantados der Königin Isabella und Karls des Fünften, die holländischen Ansiedler des siebzehnten Jahrhunderts glänzten nicht durch ein Uebermaß von Zartgefühl, durch die Verfeinerung des Geschmackes und der Sitten. Was jene waren, sind, im Gewände der Gegenwart, in den Farben der Oertlichkeiten, die amerikanischen Backwoodmen und Nowdics unserer Zeit. 202 IX. Von Corinna nach San-Francisko. t>om 8. MM 10. Zuni. Der (ireltt American I)^«s i-t. — D3 tl-66?, von Mariposa anzusehen. Mit uns fahren ein Milizgeneral aus Virginien, ein Gentleman wie die meisten Südländer sind, sein Sohn und ein Freund des letzteren. In dieser neuen und sympathischen Gesellschaft, nicht mehr genöthigt die Witze des Fräuleins aus Omaha zu belachen und dem dicken Passagier den Kopf zu halten, athme ich leichter auf, und erfreue mich ungestört an der Frische des Abends und der wundervollen Gegend. Die Straße durchzieht eine enge mit schönem Nadelholz bewaldete Schlucht. Von Zeit zu Zeit genießen wir die Durchsicht nach der blaßgelben, schwarz gesprenkelten Ebene von Californien zwischen Lichtungen des Waldes oder über die Vaumwipfel hinweg, jetzt vergoldet von der untergehenden Sonne. Später umfängt uns das Dunkel des Waldes und bald darauf die Finsterniß einer halb tropischen Nacht. Um neun Uhr 363 verrathen ein schwacher Lichtstrahl und wüthendes Hundegebell die Nähe der Nachtherberge. Wir find im Nancho der Herren White und Hatches, mitten im Urwald. Diese Pflanzer geben den wenigen Touristen Obdach. Das Haus, ein allerliebstes Cottage, ist von einer Veranda umgeben: eine Carcellamfte erleuchtet den einfach aber elegant eingerichteten Salon. Das Abendmahl mundet uns trefflich. Hunger ist eben der beste Koch. Die Frau von: Hause ist hübsch, liebenswürdig und !a6Mko. Sie tritt mir ihr reinliches und nettes Schlafzimmer ab; ein weiß verhängtes Bett, ein kleiner Schreibtisch und ein Lchnstlihl bilden die Ginrichtung. Auf einer Konsole liegen eine Guitarre, Noten und ein offenes Buch, Tennyson's Gedichte. Dagegen bestehen die Wände des Zimmers aus ungehobelten Brettern. Ueber der Thüre läßt ein unverschließbares Fensterchen ohne Glasscheiben — Glas ist ein kostbarer Artikel — die frische Waldluft herein: ein Kern von Civilisation in rauher Hülle. Von Modesto zum Rancho der Herren White und Hatches vierundachtzig Meilen. (15>. Juni.) Vogelsang, ein vom Himmel herabtönendes Koncert, und die kühle Morgenluft die durch die Fmstcrlücke dringt wecken mich aus dem Schlafe. Um 364 halb sieben Uhr Abfahrt. Der Weg, man kann ihn nicht Straße nennen, ist steil; die Reisenden sind aus dem Wagen gestiegen und erklimmen die Höhe zu Fuß. Der Wald wird immer dichter. Kaum daß das Tageslicht in den gothischen Dom dringt: tausend schlanke, rothe, kannellirte oder glatte Säulen tragen ihn, hochoben verlieren sich ihre Kapitale in der grünen Wölbung. Zu ihren Füßen undurchdringliches Dickicht und schwarze Schluchten. Hie und da zittern flüchtige Lichter auf den blühenden Büschen, den rosigen, purpurfarbigen, violetten Azalien, auf den weißen sanft geneigten Kelchen der Mahagoni-Blume, auf den glänzenden Blättern des Arbustus. Einige Schritte weiter weicht die Dämmerung wieder der Nacht. Aber plötzlich, durch eine unsichtbare Oeffnung des Laubgewölbes dringend, übergießt uns die Sonne mit blendender Klarheit. Feiner Goldstaub flimmert in der Luft, und der Nald entfaltet die ganze Fülle seiner Pracht. Da stehen, neben den hundertfältigen Koniferen Cali-forniens, europäische Eichen, riesiger Ahorn, Lerchen und viele andere in Europa heimische Väume. Nir befinden uns bereits hoch im Gebirge. Auf einem Bergkamm *) angelangt, gestattet uns eine Thalöffnung den letzten Blick auf die blaßblonde Ebene. Fn Folge einer optischen Täu- 5300 Fuß über dem Meere. 265 schung scheint sie senkrecht zu stehen, etwa wie eine an der Wand hängende Strohmatte. Jener bläuliche Streifen im Westen ist das Mittelgebirge, jener andere entferntere der Küstendamm. Die Luft ist mit durchsichtigen Dünsten erfüllt i Himmel und Erde verschwimmen am Horizont. Gegen Osten gewandt gewahren wir, in einer Schlucht zu unseren Füßen, ein Meer von Baumwipfeln, und jenseits, auf den Abfällen der Sierra Nevada deren erste Staffel wir erstiegen haben, rothe Baumstämme unter einem dichten Laubdache. Zuweilen kommen wir über abgerundete, schwarze Granitkuftften. Sonst keine Spur von Felsen. Auch hier, wie weiter im Norden wo die Pacifikbahn sie überschreitet, erinnert die Sierra Nevada wehr an den Jura als an die Alpen. Um zehn Uhr steigen wir in ein kleines flaches Kesselthal herab. Hier befindet sich der Nancho des Herrn Clarks. Es ist dermalen die äußerste Grenzmarke am Rande der Civilisation. Hier endet auch die, euphemistischer Weise, so genannte Fahrstraße. Der Nalb ringsum ist ein wenig gelichtet. Ein Paar Bäume ließ Herr Clarks in der Nähe des Hauses stehen. Wie winzig sieht dies aus im Vergleiche mit den Waldriesen die es beschatten! Von dieser Pflanzung zu den di^ tr«o8 beträgt die Entfernung nur einige Meilen, Wir waren am Morgen 266 vor der Karavane aufgebrochen: und mußten sie nun abwarten. Endlich erschien sie: der dicke Herr, der heute nicht krank ist, mit seinem „pm-i^", und das Fräulein aus Omaha mit Verehrern, Bruder und Eltern. Alles steigt zu Pferde, kleine muntere Moustang die nach mexikanischer Weise gesattelt und gezäumt sind, und nach kurzem Galopp umfangen uns die geheimnißvollen Schauer des Nrwaldes. Die l,i^ trL«8 von Mariposa^) verdienen ihren Ruf. Ein von der Legislatur des Staates votirtes Gesetz sichert dies Revier gegen die Verwüstungen der Goldsucher und der Spekulanten im Allgemeinen. Leider kann es sie nicht gegen die Vrandfeuer der Indianer schützen. Aber kein „großer" Baum darf gefällt werden. Den Ehrentitel In^-ti-e!>lf n-,v limits genannt, weil auf halbem Wege zwischen Clarks und Aosemiti. ^^ ^^ -^ erstickend. Nach einem dreistündigen Marsch im Walde erreichen wir, allmälig gegen Norden niedersteigend, den Nand eines Abgrundes. Zu unsern Füßen, zweitausend Fuß unter dem Standpunkte den wir einnehmen, schlangelt sich, be« 271 reits von Bergschatten umdämmert, die Merced wie ein weißer Faden. Diese tieft, gewundene, enge Schlucht, bis an den Ncmd gefüllt mit dem üppigsten Wachsthum, mit riesigen Eichen und Koniferen die den 'mg- tro«» von Ma-riftosa nur wenig nachstehen, ist das Dosemitithal, das Ziel unserer Reise. Die Kuppe, auf der wir stehen, heißt der Pik der Begeisterung. Gegenüber, jenseits Dosemiti, ragt ein ungeheurer, quadratförmiger Granitblock in die Lüfte. Die Mexikaner nannten ihn El Caftitan. Weiter nordwärts nähern sich die beiden Thalseiten des Abgrundes: sie bestehen aus Zinken, Domen und Terrassen auf glatten, beinahe senkrechten Felswänden. Hie und da gewährt ein luftiges Gesimse für einige Tannen den nöthigen Raum. In derselben Richtung bildet eine jene Vorberge überragende Granitmauer den Hintergrund. Ihre Zinnen verschwimmen für das Auge in eine beinahe gerade, horizontale Linie. Dies ist, wie man uns sagt, der höchste Kamm der Sierra Nevada. Wir steigen auf einem engen steinigen und steilen, aber nirgend schwindeligen Pfad in die Tiefe. Er folgt Zuerst der Flanke des Felsens der Begeisterung, und dringt sodann in Dickicht und Wald. Von Zeit zu Zeit gewahren wir zwischen Laub und Resten die schäumenden Wasser einer der vielen Kaskaden deren Getöse uns fortwährend begleitet. Die Vraut, der ln-iäni tÄl!, stürzt von einem 272 neunhundert Fuß hohen Fels, ohne Unterbrechung, in die Tiefe. Wir brauchen zwei Stunden um das Ufer der Merced zu erreichen, und von dort noch eine Stunde zur Herberge. Vom Rancho Clarks nach Josemiti vierundzwanzig Meilen. (17. Juni.) Die Legislatur von Californien hatte den glücklichen Gedanken den Josemitidistrikt für den Staat anzukaufen und dadurch vor den Verwüstungen der Goldsucher zu bewahren. Um die Naturschönheit dcs Thales zu retten, entsagt sie den Metallschätzen seines Bodens. Drei Pflanzer erhielten Erlaubniß sich in dem Thale niederzulassen. Zu dem Ergebnisse ihrer Aecker fügen sie die Dollar welche die noch seltenen Sommerreisenden zurücklassen. Ihnen verdankt der Tourist, in diesem entlegenen Erdwinkel, Kost und Unterkunft. Die heißesten Stunden des Tages werden im Schatten des Waldes zugebracht — er beginnt in unmittelbarer Nähe der Häuser — oder auf der Veranda, wo uns einige rohe Lehnstühle die Arme öffnen. Gegenüber in der Entfernung von zwei Meilen stürzt die Josemiti von einem zweitausend sechshundert Fuß hohen Felsen. Es ist dies der berühmte Wasserfall, einer der größten der Erde, die Hauptsehenswürdigkeit des 273 Thales. Er theilt sich in drei Kaskaden, deren höchste sechzehnhundert Fuß miftt. Die durch die niederstürzenden Wassermassen komftrimirte Luft und eine zwischen den Felsspalten entstandene, beständig aufsteigende Vrise vermindern die Geschwindigkeit des Falles, und verleihen der schäumenden Fluch die Form unzähliger Fallschirme. Un-erachtct der Entfernung und des Geflüsters der nie schweigenden Wälder, vernimmt man, hier im Nancho, bei ruhigem Netter ganz deutlich den dumpfen Donner der Katarakte. Am Fuße der Felsenwand bilden abgerundete Granitblöcke einen Cirkus über den der feine Staub der Brandung einen leuchtenden Schleier wirft. Auf der Veranda sitzend gewahrt man ihn über den Baumwipfeln in Gestalt einer weißen Wolke. Heute morgen sind die letzten Nachzügler unserer Ka-ravane eingetroffen, und, in kleinere Gruppen vertheilt, ist man zu Pferde und von den Moustangcrn geleitet zur Besichtigung der „Löwen" aufgebrochen: „Vridal-Fall", „Spiegelsee", die „Kathedrale" und die anderen Wasserfälle. Ein Tourist im Urwald, dies ist mindestens mein Eindruck, vermeidet gerne die nichtssagenden Gespräche mit Unbekannten und die lärmenden Späße einer Jugend deren Erziehung noch nicht vollendet ist. Ich gedenke also die Löwen meinen Gefährten zu überlassen und nur zu besehen was mich anzieht und zwar ganz allein, sogar ohne 374 Führer. Unser Wirth hat ein anziehendes patriarchalisches Acußere. Die Dollarfrage abgerechnet, flößt er mir Vertrauen ein. Ich frage ihn also um Nach. „Das Thal", sagt er, „ist voll von Schlangen, Bären und Indianern, aber die Indianer sind üu:nM, — !.'!>!! ^rciül'isko vom Meere gesehen. — Die paci-fische Om,!psschiffsahl!5ge>M'chlis!, ^ Die China. - - Die Nebersahtt. ^ Ve!ll>ch!»>!gel! Wer die 'ill^md,' >>' l>e» ^creiniglen ^lnlilen. AnkuuN ix l^'lilihanin, (1. Juli.) Genau um Mittag verläßt die China ihren Ankerplatz. Die Freunde der Abreisenden drücken ihnen zum letzten Male die Hand und stürzen in ihre Boote. Um Ein Uhr haben wir die Schwelle des Goldenen Thores überschritten. Vom Meere gesehen bietet San-Francisko einen seltsamen, wenig reizenden Anblick: Sandhügel welche breite mit Holz gepflasterte oder pflasterlose Gassen in grader Linie durchschneiden: Hügel wie Gassen scheinen senkrecht empor zu steigen. Die hölzernen Häuser sind braun, der Sand gelb; der bläuliche, grau gefleckte Himmel gleicht einem zerrissenen Schleier. Nach 291 beiden Seiten hin, gegen Nord und Süd, entweichen die Felsgallerien der Küste. Auch da herrschen die braunen und gelben Töne vor. Dichte unbewegliche Wolken umhüllen den Damm der Berge und springen in das Meer vor, in Form eines Baldachins. Cliffhouse mit seinen drei Klippen, dem Belustigungsorte der Seelöwen und Wasservögei, ist das letzte ^and das wir gewahren. Vor und unter der China rollt bereits das Stille Meer seine grünlichen Fluchen. Ein Nebelflvr verhüllt den Horizont und die Inselgruppe der Farallones. Alsbald umfängt er auch uns. Welch traurige Abfahrt! (2. Juli.) Das Wetter prachtvoll: der Wind Nord-Ost; das leicht gekräuselte Meer ultramarinblau und verklärt durch einen eigenthümlichen Purpurschein. Niesige Möven treiben ihr Spiel über unserem Hinterdeck. In der Tiefe, ein Gewimmel von Plattsischen: die englischen Matrosen nennen sie Mw^u68e mou ol' vvlu-, ein Name der wahrscheinlich aus der Zeit stammt wo England sich der Seeherrschaft bemächtigte. Die Schiffe Vasco de Ga-ma's und der nachfolgenden Konquistadoren waren keine Modele maritimer Baukunst, aber in ihren Weichen bargen sie Helden. Was damals für einen Spottnamen galt, erinnert heute an den erblaßten Ruhm einer ritterlichen Nation. 292 (3. Juli.) Die Dampfschifffahrt zwischen San-Fran-cisko, Yokohama und Hongkong ist erst kürzlich in das Leben getreten. Wenn eine nur dreijährige Erfahrung zu einem endgültigen Urtheile berechtigen könnte, so ließe sich behaupten das so lange für ein Traumbild geltende Problem, das Stille Weltmeer mit Naddampfern in seiner ganzen Breite zu durchschiffen, sei durch die amerikanische Gesellschaft in glänzender Weise gelöst worden. Aber bisher wurden in allem nur sechsunddreißig bis vierzig Reisen (Him und Rückfahrt) gemacht, was kaum genügen dürfte um die erhobenen Bedenken zu beseitigen. Indeß, bisher hat kein ernster Unfall statt gefunden. Die Schiffe gehen ab und kommen an mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes. Mit einer Bestimmtheit welche abergläubischen Menschen Angst einflößen könnte, sagen die Ofsicicrc den Passagieren, am 1. des Monats bei der Abreise von San-Francisko: am 24. um neun Morgens werden Sie in ?)o-kohama landen. Ein Mal geschah es daß am fünften Tage der Reise die Maschine thcilweise den Dienst versagte, und nur Ein Rad arbeitete. Dennoch, statt umzukehren, hatte der Kapitän die Verwegenheit die Fahrt fortzusetzen, und das Glück, mit fast erschöpftem Kohlen- und Mundvorrath, nach neuntägiger Verspätung Yokohama zu erreichen. Ein anderer Steamer gerieth in einen Typhon, und entrann nur mit äußerster Noth dem Untergang. 293 Werden die Bürgschaften geboten, welche jede Schifffahrtsgesellschaft für Mannschaft, Passagiere und Ladung zu geben verpflichtet ist? Hierüber sind die Ansichten getheilt. Offieiere der englischen und französischen Kriegsmarine, und andere Fachmänner, so wie Glieder der höheren Kaufmannschaft in San-Francislo, mit denen ich hierüber sprach, bezweifeln es oder behaupten geradezu das Gegentheil. Ihrerseits betheuern die amerikanischen Kapitäne daß keine Seereise weniger Gefahren biete, leine die Meere des Erdballes durchschiffenden Dampfer besser geeignet seien ihnen zu trotzen als die Steamer dieser Gesellschaft. Hier folgen die Einwürfe her Zweifler: Die 1^. N. K. 8. <^., d. h. 1'ltt'ijic, ^luil swum ^liij) Om!M,i.y, bezieht von der Washingtoner Regierung eine jährliche Subvention von fünfhunderttausend Dollar. In Anbetracht der, im Verhältniß zu den Auslagen, geringen Anzahl Passagiere und des noch unbedeutenden Handelsverkehrs, ist die Subvention ungenügend. Die Gesellschaft hat sich verpflichtet alle Monate ein Boot von San-Francisko nach Hongkong, und ein anderes von letzterem Hafen nach ersterem abzufertigen. Die Kosten sind sehr groß, und, mn fie möglichst herabzusetzen, ist die Kompagnie genöthigt die Anzahl der Steamer, und den Stand der Officiere und Mannschaft auf das möglichst geringe Maß zu beschränken. Die großen atlantischen Gesellschaften in Europa und die 394 französischen Messageries-Maritimes unterhalten ein wenigstens doppelt starkes Personal, nnd dasselbe Verhältniß besteht in Bezug auf Schiffe und Ausrüstung. Die Paei-fik-Comftany besitzt nur vier Boote. Gin jedes derselben hat, auf jeder Neise, Hin- und Rückfahrt, die ungeheure Entfernung von vierzchntausendvierhundert Seemeilen *) zurückzulegen. Hieraus folgt daß die Schiffe sich sehr rasch abnutzen, daß der Aufenthalt an den Ausgangspunkten für Besichtigung und Reinigung der Maschine zu kurz ist, und daß man insofern mit Recht behaupten könne, es fehle den Booten an der nöthigen Seetüchtigkeit. Ueberdies bestehe, auch aus Gründen der Sparsamkeit, mit Ausnahme der Officiere und Maschinisten, die gesammte Mannschaft aus Chinesen. Nun seien aber die Chinesen schlechte Matrosen; bei üblem Wetter verlieren sie den Kopf, bei ernster Ver-, legenheit den Muth; auch die Mannszucht sei dann schwer aufrecht zu erhalten. Die Aufwärter sind gleichfalls Chinesen. Hiezu kommen die immer sehr zahlreichen Passagiere dieser Nation; während die Anzahl der weißen Reisenden noch verhältnißmäßig gering ist. Fälle können eintreten wo dies Mißverhältniß ernste Folgen haben dürfte. Von San-Francisko nachDokohama hat man in Einem Zuge fünftausend Meilen zurückzulegen und zwar ohne die *) Sechzig auf dm Grad. 295, Möglichkeit, im Nothfalle, einen nahen Sicherheitshafen aufzusuchen oder frischen Mundvorrath einzunehmen. Daher ist man gezwungen bei Beginn der Neise die volle Kohlenladung einzuschiffen, und hiebei auch auf die durch schlechtes Wetter oder Störung der Maschine entstehende Verlängerung der Ueberfahrt Bedacht zu nehmen. Die Folge ist daß die Schiffe während der ersten Tage überladen und dahcr schwerfällig, mnvlold.v sind. Es fehlt ihnen daher an der nöthigen Elasticität, 'Uiov^n^v, ein großer Uebelstand an der californischen Küste wo die Stinme in gewissen Monaten, an der iapanesischen wo sie den größten Theil des Jahres über häufig vorkommen. Aber auf noch ernstere Bedenken anderer Art lenkt man die Aufmerksamkeit der Gesellschaft so wie der sie subventiomrenden Centralregienmg. Sie beziehen sich auf den Bau der Schiffe. Diese sind Raddampfer von fünftausend Tonnen und können sich nur mittelst Dampfkraft bewegen. Die Bemastung ist außer allem Verhältniß schwach und winzig, und sie muß es sein, da das Problem Dampf und Segel in gleichem Maße zur Wirksamkeit zu bringen, für so große Schiffe welche so ungeheure Entfernungen zurücklegen müssen, bisher ungelöst blieb. Wahr ist daß Dampfer sich, in gerader ^ime und ohne unter Weges anzulaufen, von England nach Australien begeben: aber dies sind in Wirklichkeit Segelschiffe welche die Passatwinde und 396 gewisse regelmäßige Strömungen benutzen, und nur wo diese oder jene fehlen zur Dampfkraft Zuflucht nehmen. Ihnen ist das Segel die Haupt-, die Schraube Nebensache. Daher werden diese Ueberfahrten unter den bestmöglichen Bedingungen gemacht. Aber die Schifffahrt im Nord-Pa-cifik ermangelt dieser Vortheile. Die fehlerhafte Konstruktion der Steamer wurde bereits hervorgehoben. Sie entspringt aus dem, bei dem gegenwärtigen Stande der nautischen Kunst und Wissenschaften, ungerechtfertigten und tollkühnen Wagnisse mit so großen Schiffen so weite ununterbrochene Reisen Zu unternehmen, was nur zu billigen wäre wenn man Mittel gefunden hätte Dampf und Segel in gleichem Maße Zu verwenden. Hiezu tritt noch der Umstand baß das Stille Meer keinen der Vortheile bietet welche die Australienfahrer, sämmtlich Auxiliaries*) oder Skipper, so tresslich auszunutzen verstehen. In den nördlichen Gewässern des pacisischen Oceans gibt es weder Passalwinde noch regelmäßige Strömungen. Die Winde beschreiben dort häufig einen Kreis. Während unter dem sechsunddreißigsten Breitengrade, welchen die Dampfer der Gesellschaft im Sommer einhalten weil er die gerade und mithin kürzeste Linie ist, schwache Ostbrisen vorherrschen, Wehen achtzig oder hundert Meilen nördlich heftige Wch- 5) Segelschiffe mit emcr Alishilfsschraube. 297 winde. Die Segelschiffe — sie laden califormsches Mehl und Bauholz für Japan, und als Rückfracht japanischen Thee, und sind im Ganzen wemg zahlreich -- die Segelschiffe nehmen immer den nördlichen Kurs, und vermeiden dadurch die häufigen Windstillen der südlichen Regionen. Daher kommt daft die Dampfer der Gesellschaft auf der Ileberfahrt nie ein Segel sehen. Also, die Mittel der Gesellschaft sind unzureichend für ihre Aufgabe: das Mißverhältniß zwischen dem weißen und gelben Elemente am Bord ihrer Schiffe kann zu Gefahren Anlas; geben: endlich, und dies ist die Hauptbe-fchwerde, die Gesellschaft ist genöthigt fehr große Dampfschiffe zu verwenden, und sie mit Kohlen zu überladen: denn wenn der Vorrath des Brennmaterials erschöpft wäre, so würden die Segel von sehr geringem oder keinem Nutzen sein. Man räth daher, daß die Schiffe in Zukunft in Honolulu anzulaufen hätten, wodurch die Reisedauer zwar erhöht aber die bezeichneten Gefahren wenigstens einigermaßen vermindert würden. Hierauf entgegnen die Amerikaner: die Mittel' über welche die Gesellschaft verfügt sind mehr als genügend. Ihre Steamer sind, wie allseitig anerkannt wird, Muster der Schiffsbaukunst. Sie werden weniger abgenutzt als die Boote der atlantischen Kompanien weil sie langsamer fahren, nämlich in vierundzwanzig Stunden nur zweihun- 298 dertvierzig Meilen zurücklegen, während die Dampfer der Cunard, und der andern Gesellschaften über dreihundert Meilen laufen. Der Aufenthalt an den beiden Enden der Linie, San-Francisko und Honkong, genügt reichlich für die nöthigen Arbeiten, Besichtigung, Ausbesserung und Reinigung der Schiffe und des Materials. Es gibt keine Dampfer die besser und reinlicher gehalten wären. Das Personal ist nicht auf das kleinste Maß herabgesetzt, sondern im Gegentheile den Anforderungen des Dienstes vollkommen gewachsen. Freilich, alles Ueberflüssigc wird vermieden. Keine nutzlose Schreiberei, keine bureaukratische Verschleppung der Geschäfte, keine hierarchischen Auszeichnungen: an Etikette gerade nur das unumgänglich Nöthige. Der Kapitän spielt nicht den Komodorc oder den Admiral. Nachdem er täglich dem ersten Officier seine Befehle gegeben hat, hält er es nicht unter seiner Würde, der Vorschrift gemäß, jeden Morgen und jeden Abend die Maschine, die Küchen, die Kajüten der Passagiere, alle Theile bis Zum Schiffsraum herab in eigener Person zu besuchen und sorgfältig zu prüfen. Im Vergleich mit Euren Einrichtungen in Europa, macht jeder unserer Ofsiciere doppelten Dienst, bezieht aber auch doppelten Sold. Unser System hat alle Vortheile der äußersten Vereinfachung, und bietet größere Sicherheit als das Eure, denn bei uns ist jeder Agent durchdrungen von dem Gefühle seiner Ver- 299 antwortlichkeit, hält sich nicht für zu gut um überall selbst mit Hand anzulegen, und verläßt sich nie auf seine Untergebenen, deren er in der Regel keine besitzt. Die Mannschaft besteht aus Chinesen. Wir geben zu daß die europäischen Matrosen den chinesischen überlegen sind. Aber, was Mannszucht anbelangt, ziehen wir die Chinesen den in den ftacifischen Häfen angeworbenen Amerikanern und Europäern, der Hefe der weißen Bevölkerung, bei weitem vor. Letztere sind verkommenes Gesindel, Rauf- und Trunkenbolde, immer bereit bei der ersten Gelegenheit zu deser-tiren. Der chinesische Matrose ist, im Gegentheil, sanft, gehorsam und ordentlich. Streit und Insubordination kommen nie vor. Was die Reisenden dieser Nation anbelangt, so sind alle Vorkehrungen getroffen, sie beim ersten Anzeichen einer Meuterei unter Schloß und Riegel zu setzen. Auch sind sie unbewaffnet, und der Kapitän wird nöthigen Falles Revolver an die weißen Passagiere vertheilen, welche letztere bei der Abreise die Verpflichtung eingehen sich, wenn von ihm hiezu aufgefordert, unter seine Befehle zu stelleu. Uebrigens sind auch die Schiffe der Herren Iardine und Rüssel m Shangai durchwegs mit Chinesen und die der Peninsular-Company gröfttentheils mit Malaien bemannt. Die angebliche Gefahr die hieraus erwachsen soll können wir also nicht zugeben. Eine Hauftteinwendung bezieht sich auf die Konstruktion 300 unserer Schiffe. Allerdings bildet die Dampfkraft unser Hauptelement, und sie muß es sein da es gilt ungeheuere Räume mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes zu durchlaufen. Gewiß ist hier das Segel nur Nebensache, und wünschenswerth wäre ihm eine bedeutendere Rolle anzuweisen! aber selbst in der beschränkten Weise in der wir vom Segel Gebrauch machen kann es die wichtigsten Dienste leisten. Unsere kleinen Mäste können übrigens durch große ersetzt werden. Jedes Schiff ist mit einem solchen versehen. Ihr könnt ihn am Verdecke liegen sehen. Also selbst den unwahrscheinlichen Fall angenommen daß die Maschine ganz den Dienst versage, hat man immer die Möglichkeit Yokohama oder San-Francisto mit Hilfe der Segel zu erreichen, oder mindestens sich in dem Kurse unserer Boote zu erhalten und daher von einem derselben gesehen zu werden. Denn, so groß ist die Regelmäßigkeit unseres Dienstes daß, sehr scltcne durch Nebel veranlaßte Ausnahmen abgerechnet, die beiden Steamer, deren einer San-Francisko, der andere Jokohama verlassen hat, sich regelmäßig an einem gegebenen Punkte und an einem im Vorhinein berechneten Tage begegnen. Mit Lebensmitteln ist man stets reichlich versehen. Endlich bestreiten wir daß unsere Schisse je überladen sind. Im Ganzen reisen sie unter den bestmöglichsten Verhältnissen. Am Meere haben der Zufall, das Spiel der Elemente immer ihre Rechte. 301 Dies gilt von allen Seereisen. Wir fürchten nur Einen Feind: das Feuer, und gegen ihn sind die sinnreichsten und wirksamsten Maßregeln getroffen. Wir empfehlen sie Euch zur Nachahmung als einen von Euch noch zu machenden Furtschritt. Aber was zu unseren Gunsten lauter spricht als alle Beweisgründe, das ist die Erfahrung von vierzig Reisen, das heißt achtzig Ueberfahrten im Stillen Meere und in den mit Recht verrufenen chinesischen und japanischen Gewässern. In den drei Jahren des Bestandes der Gesellschaft haben unsere Schiffe mehr als sechshunderttausend Meilen zurückgelegt, und alle sind nach dem Goldenen Thor heimgekehrt ohne Verlust eines Menschen oder eines Waarenbündels.^) Wir haben das Für und Gegen vernommen. Wer hat Recht? Laien steht hierüber kein Urtheil zu. Also, auf gut Glück vorwärts! Und da wir uns nun einmal an Bord der China befinden, so nehmen wir Partei für die Kompagnie, und erklären ihre Schiffe für die sichersten und besten der Welt. Gewiß es gibt nichts Stilleres als 5) Dieftr kühnen Berufung auf eine kurze aber glänzende Vergangenheit folgten seither zwei furchtbar Katastrophen auf den, Fuß: die Amerika, der Stolz der Gesellschaft, verbrannte in, Hafen von Uokohama wenige Stunden nach ihrer Ankunft (24. August 1872) und die zwischen New-Z)ork und Asftinwall fahrende Bienville (im selben Monat) unweit Bahama. 302 das Stille Meer, und dem Anscheine nach nichts Friedfertigeres, wenigstens in dieser Jahreszeit und in dieser Breite. Im Winter nehmen die Steamer einen südlicheren Kurs, was die Entfernung um zweihundert Meilen vermehrt. Tiefer unten ist auch in den rauhen Monaten das Wetter meist schön. Also das ganze Jahr über kann man auf ruhiges Meer und heiteren Himmel zählen, abgerechnet eine etwa dreihundert Meilen breite Zone an der califor-nischen Küste und eine doppelt so breite an der japanischen. Zwischen beiden aber lächelt die Natur unablässig: sie lächelt und gähnt. Alles schläft, die Menschen, die Luft, die See. Ja wir sind im Stillen Meer. (4. Juli.) Der Himmel ist perlgrau: das Schiff in allen Theilen weiß getüncht: weis; sind auch die Masten, die Deckkajüten, die Bordwände und das über den ganzen Fußboden gespannte Wachstuch. Vom Hintertheil zum Bugspriete bildet das Deck eine ununterbrochene Fläche, somit einen trefflichen Spaziergang. Den größten Theil des Morgens habe ich es zu meiner ausschließlichen Verfügung. Die Passagiere der ersten Kajüte stehen spät auf, die der zweiten Klasse, die Chinesen, niemals. In San-Francisko haben sie sich niedergelegt und verlassen ihr Bett nur während es gemacht wird. Am Deck erscheinen sie nie. Auch die Ma- 30Z trosen verschwinden sobald ihr Dienst gethan ist, und dieser lst bei solchem Wetter kein schwerer. Als wir das Goldene Thor verließen wurden die Segel gesetzt und seither sind sie nicht mehr berührt worden. Der stetige Ostwind ist gerade kräftig genug um die Wirkung der Schiffsbrise aufzuheben. Die Nesultirende gibt den Eindruck vollkommener Windstille. Der Rauch steigt in Form einer senkrechten Säule gegen Himmel. Das sind also gute Zeichen für die Matrosen. Sie schlafen, oder spielen und rauchen unten in Gesellschaft ihrer Landsleute. Auch die beiden Männer am Ruder, beide Amerikaner, sind unsichtbar. Sie stehen im Steuerhaus und bei ihnen sitzt gewöhnlich auch der diensthabende Officier. Ich bin also einziger Besitzer dieses ungeheueren Decks. Von einem Ende zum anderen durchschreite ich es: hin und zurück vierhundert Schritte! Nur Ein Hinderniß gibt es zu überwinden: eine dünne, eiserne Querstange die im Centrum, nicht ganz in der Höhe eines Mannes, die beiden Schisssbordc verbindet. Sie ist gleichfalls weiß angestrichen, und schwer auszunehmen. In keiner Lage des Lebens fehlt der nagende Wurm, der Dorn im Fleische, der schwarze Punkt. Hier an Bord der China ist mein schwarzer Punkt diese weiße Stange. Nicht nur stoße ich unzählige Male daran: sie erinnert mich auch fortwährend an die Gebrechlichkeit der menschlichen Dinge. Sie ist sehr dünn und doch, wie mir der Ingenieur sagt, hat 304 sie die Bestimmung in: Sturme den ungeheueren Schiffs-körver zusammen zu halten. Es gibt Augenblicke wo unser Leben an einem Faden hängt i hier hängen wir von einer Eisenstange ab. Immerhin besser, aber nicht genug. (5. Juli.) Gestern Abends feierte man den Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung. Die Amerikaner hielten natürlich Neden. Sie sprachen mit Leichtigkeit, nicht ohne Geist und mit einer etwas banalen Beredsamkeit. Den Schluß machte gewöhnlich ein Nitzwort und schallendes Gelächter der Zuhörer. Für den Augenblick hatte man sich aus dem Zustande der Schläfrigkeit die am Bord herrscht einigermaßen aufgerüttelt. Heute Morgens ist das Wetter unbeschreiblich prachtvoll. Alles ist Vlau und Gold. Ueber dem Wasser schimmern noch immer jene seltsamen Purvurrestexe die mir bereits am zweiten Tag der Ueberfahrt auffielen. Am Deck nicht Eine Seele. Die Balancierstange der Maschine steigt langsam auf und nieder. Das Meer schwillt und sinkt wie die Brust eines Schlafenden. Rings um mich, außer dem Plätschern der Näder und den: Flügelschlage der uns noch immer folgenden Möven, tiefe Stille. Desgleichen unten in den Kajüten. Von Zeit zu Zeit vernehme ich die Töne einer Guitarre. Sie kommen aus der 305 Varbierstube. Der Künstler ist ein Mulatte. Am andern Ende des Schisses vertreibt sich der Purser mit demselben Instrumente die Zeit. Die Passagiere sind noch nicht aufgestanden, oder sie ruhen im Salon auf den Kanapcs und Rollstühlen lesend oder schlummernd. Erst spät Nachmittags erscheinen sie am Deck. In der ersten Kajüte sind wir nicht zahlreich: zwei englische Touristen, angenehme junge Herren der Gesellschaft: zwei englische Kaufleute von Yokohama, der eine in Begleitung seiner Frau; einige Amerikaner, ein Handelsherr aus Boston, ein junger Arzt der auf den Sandwichinseln practicirt hat, und nun in Japan sein Glück machen will; zwei italienische Seidenagenten, man nennt sie Grai-ncurc i zwei Spanier die, in Macao ansässig, Menschenhandel treiben, das heißt Koulis nach Chili und der Havana ausführen. Während meines langen Aufenthaltes in Lissabon hatte ich in den Gesichtern reichgewordener Sklavenhändler — dieser Handelszweig blühte damals noch — stets eine unschöne Familienähnlichkeit bemerkt! ich fand sie wieder bei einem der Spanier. Diese wenigen Passagiere haben sich in zwei Koterien geschieden: die anglo-amerikanische und die lateinische. Außerdem haben wir eine junge farbige Frau, eine Wittwe an Bord; ein wahrer Madonnenkopf. Sie geht nach Yokohama Um einen Haarkünstler zu heirathen. Ihr Kmd ist ein Hiibner, Epazirrgang 1. 20 306 kleines taubstummes Ungeheuer das rauhe, unarticulirte Töne von sich gibt. Aber die Zärtlichkeit der Mutter gewährt einen so rührenden Anblick daß wir das arme kleine Wesen gerne ertragen. Die mongolische Rasse vertreten mein Freund Fang-Tang und zwei Japaner, letztere in europäischem Anzüge. Sie sehen wie Affen aus. Der Eine, vormals Gouverneur einer Provinz, spricht nur japanischi der Andere, der Sohn eines Daimio wie man uns sagt, hat in England studiert, es aber in der englischen Mundart nicht sehr weit gebracht: doch stammelt er lln^lmä .-,1! xoocl, ^apim nil d^. Hlles ist gut in England, Alles schlecht in Japan. Dies ist das Schlußergebniß seiner europäischen Erziehung und eine Bürgschaft daß er sich fortan in seinem Vaterlande gefallen werde. Von uns allen ist offenbar ein alter Parsi aus Bombay die interessanteste Gestalt. Seines Zeichens Bäcker aber ein Fürst unter seines Gleichen, liefert er den europäischen Residenten in Yokohama, Shanghai und Honkong das beste Brot. Vor Errichtung der Dampflinien, besaß er einige Schiffe in den Gewässern von China und Japan. Sein schöner Kopf mit dem langen weißen Bart, die würdevolle Haltung, seine Artigkeit, auch sein einfacher aber malerischer Anzug, die ganze äußere Erscheinung entsprechen seiner geistigen Beschaffenheit, den Erfahrungen die er gesammelt, 30? der geselligen Stellung die er einnimmt. Bekanntlich stehen in der muselmännischen Welt die Kaufleute obenan. Wir verkehren oft und ohne Schwierigkeit, denn er spricht englisch mit großer Geläufigkeit. Er erzählte mir daß er die europäische Civilisation mit eignen Augen betrachten wollte: daher sei er nach San-Francisko gegangen. Dies genüge ihm. Nachdem er sich zuerst versichert hatte daß ich kein Amerikaner sei, brach er in den lebhaftesten Tadel aus. „Welcher Skandal in den Straßen!" rief er, „Frauen laufen da herum, und welche Frauen! Pfui! Dann erst die Männer! Welcher Mangel an Anstand! Wie ganz anders ist dies in meinem Vaterlande. Der Orientale liebt seinen Nächsten; er ist gut, dienstfertig, anständig. Niemals sieht man in den Gassen unserer Städte Betrunkene oder liederliche Dirnen. Aber der Amerikaner denkt nur an sich, ist roh und ergibt sich öffentlich dem Laster." Mit Ungeduld erwartete er den Abgang des Dampfers, um dein antipathischen Lande für immer Lebewohl zu sagen. Kapitän Cobb gefällt mir sehr. Aus einem der Oststaaten stammend, gilt er für einen trefflichen Seemann, ist artig und voll Aufmerksamkeit für die Passagiere. Mehr oder minder theilt er diese Eigenschaft seinen Untergebenen mit. Hr. O., der Oberingenieur, gehört einer alten spanischen Familie an. Er wurde auf den canarischen Inseln 20" 308 geboren und erhielt in der Havana seine Erziehung. Zugleich Cavallero und kastilischer Ascet, bildet er mit den amerikanischen Kameraden einen auffallenden Gegensatz. Beim ersten Blick erkennt man in ihm die auserwählte Seele. Seine Gespräche bestärken diesen Eindruck. Noch ein junger Mann, verdankt er seinen Platz allein dem Verdienst. Mühige Stunden widmet er ernster Lesung. Seine Kajüte die sich auf der einen Seite nach dem Decke, auf der anderen nach dem Maschinenraum öffnet, entspricht der Gesinnungsart und dem Seelenzustande des Mannes. Da sieht man eine kleine Bibliothek in der sich theologische Abhandlungen an naturwissenschaftliche Werke reihen, und wo die spanischen Klassiker und Donoso Cortes nicht fehlen; zwei Vasen mit sorgfältig gewarteten Blumen, ein Abschiedsgeschenk seiner Frau, noch frisch und duftig trotz der salzigen Seeluft: endlich das Porträt der jungen Dame. Ein Anflug poetischer Trauer weht in dem kleinen Naum. Welch sonderbare Anomalie! O. liebt seinen Stand, und steht mit den Gefährten auf bestem Fuße. Aber, eifriger Katholik, verbringt er das Leben im Umgänge mit Menschen deren letzter Gedanke die Religion ist: junger Ehegatte, sieht er seine angebetete Frau alle drei Monate während achtzehn Tagen: ein leidenschaftlicher Freund der spekulativen Wissenschaft, ist sein Beruf die Ueberwachung einer Dampfmaschine. 309 Der Schisssarzt, em bejahrter Mann aus dem Süden, ist Philosoph. Er betrachtet die Dinge von ihrer wenigst glänzenden Seite. Aber sein origineller Geist, sein spöttisches Wesen gemildert durch einen Anflug von Gemüthlichkeit, und reiche Erfahrungen verleihen seinem Gespräche einen eigenthümlichen. Reiz. Ucberhaupt macht dies ja eben weite Reisen so anziehend, daß wir Menschen begegnen die in Allem so ganz anders sind als wir selbst. Nichts haben wir mit ihnen gemein, weder den Ausgangspunkt, noch die Erziehung, die Lebensweise und Lebensansichten. Der Doktor ist zugleich Bibliothekar. Alle Tage, um Ein Uhr, vertheilt er die verlangten Bücher: englische Klassiker und die besten und neuesten Werke über China und Japan. Unerwähnt darf auch nicht der Purser bleiben. Cr hat den Seckel in Verwahrung, und ist, weit höher stehend als die Stewards der europäischen Packetboote, für den Reisenden eine wichtige Person. Uebrigens betrachtet und benimmt er sich als Gentleman, lächelt die Passagiere herablassend an, schüttelt ihnen von Zeit zu Zeit die Hand, und nimmt kein Trinkgeld. Ich liebe den unseren ungemein; noch mehr würde ich ihn lieben wenn er weniger auf der Guitarre spielte. Der erste Aufwärter ist ein Hamburger. Er und sein weißer Kamerad führen ein angenehmes Leben. Sie 310 beschränken sich auf die Oberaufsicht über die chinesischen Diener, und''machen zum Zeitvertreibe den Kammerfrauen den Hof. Es sind die einzigen Müßiggänger an Bord. Den Dienst bei Tische und in den Kajüten versehen zweiunddreißig Waiters von gelber Farbe. Sie sind von kleiner Gestalt, und sehen sehr gut aus: schwarze Filzmütze, schwarzer bis zu den Fersen herabfallender Haarzopf, dunkelblauer Leibrock, weite, kurze Beinkleider, weiße Strümpfe, und schwarze Filzschuhe mit dicken weißen Sohlen. Sie kommen und gehen immer in symmetrische Gruppen geordnet, und thun Alles mit Methode. Der Tisch mit den zweiundzwanzig Speisenden verliert sich in dem ungeheuerm Saal. Die kleinen Chinesen erscheinen und verschwinden, geräuschlos und ehrerbietig wie Gnomen in einem Zauberschloß. Dies ist der große Moment im Dasein des Hamburgers. An eine Konsole nachlässig gelehnt, die eine Hand in der Hosentasche, leitet er mit dem Zeigefinger der andern die Evolutionen seiner gehorsamen Bande. ss>. Juli.) Alle Tage um elf Uhr Morgens und um acht Uhr Abends besichtigt der Kapitän in Begleitung des Pursers sämmtliche Näume des Schiffes. Beim Morgen-besuche müssen alle Kajüten geöffnet werden. Nur für Damen wird eine Ausnahme gestattet, aber kaum haben 311 sie ihre Cellen vorlassen, so dringt auch in diese das Auge der Vorsehung, das heißt die Luchsaugen des Kapitäns und des Pursers. Zündhölzchen werden ohne Weiteres weggenommen. Heute Morgen habe ich den Kapitän auf seinem Rundgange begleitet. Ueberall herrschte die äußerste Reinlichkeit, Ordnung und Zucht. Nichts ist appetitlicher als was man sonst nicht gerne sieht, die Küchen. Der Chef und die Jungen, sämmtlich Deutsche, machten die Honneurs. Allenthalben befanden sich die Vorstände und das gesammte Personal eines jeden Dienstzweiges auf ihren Posten, und öffneten die geheimsten Behältnisse des Ortes. Es war eine gewissenhafte Gewissenserforschung. Die Vorrathskammern sind musterhaft gehalten, Alles von erster Gattung, Alles im Ueberfluß, geordnet und mit Aufschriften versehen wie die Arzneien in einer Apotheke. Im Vordertheil befinden sich die chinesischen Passagiere. Es sind deren an achthundert an Bord. Sie lagen alle im Vette, rauchten, schwätzten laut und genossen des in ihrem Leben so seltenen Glückes fünf Wochcu mit Nichtsthun verbringen zu können. Unerachtet der großen Menschenmenge die in einem verhältnißmäßig kleinen Raume untergebracht ist, war, Dank der trefflichen Ventilation, die Luft rein und geruchlos. Der Kapitän besichtigte alle, ohne Ausnahme, alle Räume-, und überall fanden wir dieselbe Reinlichkeit. In einer hiezu bestimmten Kammer sahen 312 wir mehrere Oftiumraucher. Die Einen sogen das Gift mit gieriger Miene, Andere empfanden bereits die Wirkung. Sie lagen auf dem Nucken in tiefem Schlafe. Tödtliche Blässe übergoß ihr Antlitz. Ich hielt sie für Leichen. (7. Juli.) Heute hat uns die gewöhnliche Schläfrig-teit verlassen. Alles ist in größter Aufregung. Die China hat die Stelle erreicht wo sie mit der Amerika zusammentreffen muß, wenn letztere der Fahrordnung gemäß, Hongkong vor fünfundzwanzig Tagen verlassen hat. In den Körben unserer kleinen Masten kauern kleine Chinesen, ihre kleinen Augen weit geöffnet, und den Horizont durchforschend. Am Bugspriet stehen der Kapitän und seine Ofsiciere. Alle Fernrohre sind nach West gerichtet. Auch mein Freund O. hat seine Maschine, seine Blumen, das Portrait seiner Frau verlassen, und späht wie Alle nach der Amerika. Das Meer ist blau, leicht bewegt und leer Wie immer. Von der Amerika keine Spur. Der Kapitän wird unruhig. Er befrägt seine Karten, seine Instrumente, seine Ofsiciere; aber der Tag vergeht, und kein Dampfer wird signalisirt. Am Mittagstisch ist Alles verstimmt, auch der Kapitän bleibt schweigsam und in Gedanken versunken. Die Direktoren der Gesellschaft legen besondern Werth auf die Begegnung der Boote. Es ist für sie ein Beweis daß die Ka- 313 pitäne ihren Kurs genau einhalten, und daß der von San-Francisko abgegangene Steamer den dritten Theil der Reift ohne Unfall zurückgelegt hat. Auch für die Passagiere hat die Begegnung eine Wichtigkeit, denn sie gibt ihnen Gelegenheit an ihre Freunde zu schreiben. Den Kapitänen ist es eine Art von Ehrensache. Sie wollen den Beweis liefern daß es ihnen gelang, trotz der veränderlichen und, ich glaube, noch sehr unvollkommen bekannten Strömungen des Stillen Meeres, in gerader Linie die ungeheuere Wasserfläche zu durchschiffen. (3. Juli.) Um fünf Uhr Morgens stürzt der zweite Officier in meine Kajüte: „Die Amerika in Sicht!" Ich fahre in meine Kleider und eile auf das Deck. Der Morgen ist lieblich und der Riesendampfer, nach dem Great-Eastern, der größte aller die Meere befahrenden Schisse, nähert sich uns majestätisch.*) Der übliche Gruß wird gewechselt und ein Gig der Amerika bringt einen Auszug seines Logbuches, die Passagierliste und die neuesten Zeitungen von Honkong, Shanghai und Yokohama. Es übernimmt auch unsere nach Amerika und Europa bestimmten *) Nie oben in einer Note bemerkt wurde, ging dieses prachtvolle Schiff ein Jahr nach dieser Begegnung durch Feuer zu Grunde. 314 Briefe. Ginige Augenblicke später setzt die Amerika ihre Fahrt fort. Die noch tief stehende Sonne übergießt die hochragenden schwarzen Schiffswände mit flüssigem Golde. Langsam zieht der Leviathan von dannen. Um sechs Uhr ist er verschwunden. Ein prachtvolles Schauspiel und ein ergreifender Gegensatz zwischen den beiden schwimmenden Palästen und der unermeßlichen Einöde des Stillen Meeres l An dem Punkte wo die beiden Schiffe sich trafen, haben wir genau fünfzehnhundert Meilen zurückgelegt, also die Hälfte der Entfernung zwischen Liverpool und New-?)ork, (9. Juli). Die Passagierliste der Amerika ist angeschlagen. Sie hat ihre Bedeutung. Es befinden sich darauf an fünfzig japanische Namen. Die meisten dieser Herren gehören dem Adel an. Die gegenwärtige aus Fortschrittsmännern bestehende Negierung schickt sie auf Staatskosten für ein Jahr nach Amerika und Europa. Ihre Aufgabe ist dort die Keime der Civilisation in sich aufzunehmen und nach der Heimath zu bringen, gerade wie die italienischen Graineure alle Jahre nach Japan gehen um Seidenwürmer zu kaufen. Wenn unsere beiden japanischen Reisegefährten zu einem Schlüsse berechtigen, so würde ich den Erfolg der Methode bezweifeln. Der alte Parsi, ein genauer Kenner der gegenwärtigen Zustände im Reiche der 315 aufgehenden Sonne, sagte mir „die Japaner sind Kinder, gute Kinder, aber jung und alt, immer Kinder. Die welche nach Europa gehen nehmen meist viel Geld mit, fallen aber gewöhnlich in die Hände von Gaunern die sie in verrufene Orte führen und ihnen ihr Geld ablocken. Dann lehren die armen Leute zurück mit langen Gesichtern, leerem Seckel und ebenso unwissend als sie ausgezogen waren. Unsere beiden Genossen haben nichts gelernt und Alles verloren. Der eine, der Gouverneur, sagt mir er sei gänzlich zu Grunde gerichtet." Mein Freund Fang-Tang bestätigt dies. Er ist ein intimer Freund des Exgouverneurs geworden. Bekanntlich haben die beiden Sprachen, uner-achtet der gemeinsamen mongolischen Abstammung, nur eine sehr geringe Familienähnlichkeit bewahrt. Aber in Japan gelangten vor langer Zeit die chinesischen Schriftzeichen zur Aufnahme. Chinesen und Japaner können daher schriftlich mit einander verkehren, selbst wenn fie nur ihre eigene Sprache wissen. Fang-Tang und der Gouverneur bedienen sich dieser Methode. Neben einander sitzend sehe ich sie Stunden lang schreiben und ihre Noten austauschen. Was sie sich doch nur erzählen mögen? lio. Juli.) Heute haben wir den 164. Längengrad (Greenwich) passirt. Er entspricht dem Meridian von Wien. 316 In den Kajüten zcigt der Thermometer 21" R. Am Deck unter dem Zelt ist die Hitze noch empfindlicher. Dazu die sehr große Feuchtigkeit der Luft. Der Wind bläst stetig und unablässig von Ost. Seit San-Francisko sind die Segel nicht geändert worden. (11. Juli.) Ein langes Gespräch mit einem Südländer. Die Südstaaten sind unser Thema. Ein Prophet des alten Testamentes könnte sich nicht anders ausdrücken. Ich habe noch nicht Einen Mann aus dem Süden begegnet der nicht dasselbe sagte! aber nie vernahm ich den Schmerz des Patrioten in so einfacher, so edler, so ergreifender Sprache. In großen Zügen entwarf er ein lebhaftes und reizendes Bild der Zustände wie sie waren. Dann schilderte er den Süden wie er ist: eine einzige klaffende, blutende Wunde. Ein Fremder der die Lage nicht an Ort und Stelle studiert, kann natürlich kein Urtheil fällen: aber ich frage mich ob die Menschen, selbst beim besten Willen, ob die Zeit die so viele Wunden schließt, Uebel zu beseitigen vermögen welche von den damit Behafteten als unheilbar betrachtet werden. Ich gestehe es, die Gegengründe der Männer aus den Nordstaaten, welche natürlich die Lage für minder schlimm erklären, überzeugen mich nur wenig. Sie zählen auf die Gemeinsamkeit der 317 Interessen — aber ist es nicht gerade die Verschiedenheit der Interessen welche zum Bürgerkrieg führte? — auf die Wirkung der Zeit welche die Leidenschaften beschwichtigen, die Ansichten der nachfolgenden Generationen verändern, ihre Gefühle umstimmen werde. Aber worauf gründet sich diese Hoffnung? Die Geschichte zeigt wenige Beispiele aufrichtiger Versöhnung einer sich gekränkt glaubenden Nation mit ihren wirklichen oder vermeintlichen Unterdrückern. Sie ergibt sich vielleicht in ihr Loos, aber Hoffnung und Haß leben fort; die feindselige Gesinnung, der Durst nach Rache verpflanzen sich von Geschlecht zu Geschlecht. Hierauf erwidert man: die Southener sind keine Nation für sich; sodann, die Vodenfläche der Südstaaten ist ungeheuer und die weiße Bevölkerung im Vergleiche klein. Die Einwanderung aus dem Norden nimmt zu. Die neuen Ankömmlinge sind geborne Gegner der alten Grundbesitzer d. h. unserer Feinde. Sie werden sie verdrängen, nach und nach die Mehrzahl bilden, am Ende die Herren sein. Die ehemalige weiße Bevölkerung wird verschwinden, jedenfalls alle Bedeutung verlieren. Daher sagen wir: die Zeit ist für uns. Gegen diese Beweisführung läßt sich allerdings nichts einwenden. Es ist eine Lösung welche die Zeit herbeiführen kann, und vielleicht, die Lossagung der Südstaaten von der Union abgerechnet, die einzig mögliche Lösung. 318 Aber für die gegenwärtige weiße Bevölkerung der Südstaaten bedeutet sie Ausrottung, Vernichtung. Wie die ersten Bewohner des Bodens, die Indianer, wären sie verurtheilt früher oder später zu verschwinden. Was folgt daraus? So lange sie bestehen werden sie die neuen Zustände offen oder insgeheim bekämpfen, denn sie fühlen daß es sich um ihr Dasein handelt. Wenn dies so ist, wo finden sich da die Elemente der Versöhnung? (12. Juli.) Um Mitternacht haben wir zwischen San-Francisko und Yokohama halben Weg gemacht. Heute Morgens zähle ich, wie täglich, unsere Möven. Der größere Theil hat uns verlassen. Sie kehren heim im Gefolge der Amerika. Nur sechs blieben treu. Sie durchsegeln das Stille Meer in seiner ganzen Breite, schwingen sich durch die Lüfte in der Nähe des Bootes, schießen dann mit ausgebreiteten Flügeln über den Meeresspiegel dahin, benetzen sie mit dem Schaume der Wellenkämme, suchen und finden den Schlaf die Nacht über auf einer Woge sitzend, und holen uns bei Sonnenaufgang wieder ein. (13. Juli.) Heute Abends werden wir den 180. Längengrad durchschneiden; für den Seefahrer ist dies der 319 Augenblick um mit Sonne und Erde abzurechnen. Wir unterdrücken Freitag den 14, und gehen von heute Donnerstag den 13 auf morgen Sonnabend den 15. über. Auf den von Westen kommenden Schiffen geschieht das Gegentheil; man wiederholt einen Tag der Woche. An Bord ist dies der Hauptgegenstand der Unterhaltung. Wenige begreifen die Sache, und Niemand weiß sie den Andern klar zu machen. Einige Reisende bedauern allen Ernstes einen Tag ihres Lebens in den Fluthen des stillen Oceans zu ertränken. (15. Juli.) Das schöne Wetter, bisher so treu, macht Miene uns zu verlassen. Den ganzen Tag über fällt ein lauer Regen in Strömen. In den Kajüten herrscht die Temperatur eines Backofens. Die Passagiere werden nachgerade ungeduldig, und zählen die noch bleibenden Tage der Ueberfahrt. Auch die Kost wird nicht mehr mit dein Wohlwollen der ersten Wochen beurtheilt. Die Zahl der Schüsseln sei zwar groft, aber ohne alle Abwechselung: die Eintönigkeit in der Mannigfaltigkeit. Zum Kochen werde destillirtes Seewasser verwendet. Solches werde auch zum Trinken gereicht: dies schwäche den Magen. Dazu die Feuchtigkeit der Atmosphäre, die Hitze und seit heute Morgen die Abwesenheit der Sonne! Diese Beschwerden vernehme 320 ich von allen Seiten. Nur die Asiaten bewahren den Gleichmuth. Gegen Abend fällt der Barometer sehr rasch, und der Kapitän erwartet Wind. Glücklicher Weise sind wir noch nicht in der Region der Typhone. (19. Juli.) Seit vier Tagen fortwährend schlechtes Wetter. Die Nacht, wegen des gewaltigen Rollens, schlaflos zugebracht. Heute weht ein heftiger heißer Monsoon. Nach dem Frühstück führt mich der Kapitän in seine Kajüte und erklärt mir unsere Lage mit den guten und üblen Möglichleiten. Der Monsoon ist beinahe in Sturm übergegangen. Indeß, das hätte nichts zu bedeuten. Es sind aber Anzeichen vorhanden daß ein Typhon von Nord-West heranzieht. Welche Richtung wird er einschlagen? Hierauf kommt Alles an. Vielleicht befinden wir uns schon in seiner Peripherie: vielleicht nicht. Bald wird man hierüber im Klaren sein. Die Schissfahrt in den japanischen und chinesischen Gewässern ist eine Lotterie, aber die schlechten Nummern sind nicht zahlreich. Kapitän Cobb spricht mit der heitern Unbefangenheit eines Arztes der, von einem Krankenlager kommend, einem Dritten die Natur des Uebels erklärt. Während ich seinem klaren Vortrage mit Aufmerksamkeit folge, vergesse ich daß wir der Kranke sind. In diesem Augenblicke bietet der Ocean ein erhabenes 32l Schauspiel. Siedendes Wasser! Der Schaum der Wellenkämme entflieht in horizontaler Richtung. Das Meer schwarz mit weißen Lichtern. Der Himmel eisengrau. Im Westen ein Vorhang von derselben Farbe aber dunkler. Der Barometer ist wieder sehr plötzlich gefallen. Ich sehe unter mir einen weißen Regen. Es sind kleine Stückchen geweihten Papieres, .jo«» paper, welches die Chinesen durch die Lücken in das Meer warfen um die Götter zu besänftigen. Ich schreite an der Kabine meines Freundes, des Ingenieurs, vorüber. Die Thüre steht offen: er begieht seine Blumen. Die Reisenden sind im Salon versammelt mehrere tief bewegt. Um Mittag klärt sich der Himmel ein wenig auf, und alsbald verschwinden die besorgten Mienen. Ich habe oft bemerkt daß die Menschen, Wenn sie sich in Gefahr befinden oder in Gefahr glauben, Kindern gleichen. Der geringfügigste Umstand ändert ihre Stimmung. Auf Thränen folgt Gelächter und umgekehrt. Der Bäcker aus Vom-bay, der chinesische Kaufmann und die beiden Japaner be-wahren ihren vollen Gleichmuth. Ersterer flüstert mir in das Ohr: „Die Gesellschaft sollte Malaien als Matrosen Verwenden und nicht Chinesen: diese verlieren leicht den Muth, und würden sich sogleich der Rettungsboote bemächtigen." Fang-Tang beurtheilt seine Landsleute nicht besser. Gr sagt mir: ßooä mon vor/xoocl, lmä guilor» vorv Km!. Hiibuer, Spazicr>ia»g I, 21 322 Ich frage ihn: Was wird mit Fang-Tang geschehen wenn wir untergehen? Er antwortet: It' 3006, pkwo -idovs; ik daä, d6lo^'8tair8, pnnisnycl.*) (20. Juli.) In der Nacht fällt plötzlich der Wind, und die See glättet sich. Die China hat die Region des Sturmes verlassen. Das Wetter lieblich und das Meer wie ein Spiegel. Aber um vier Nhr Nachmittags gerathen Wir mit Einem Male in eine äußerst bewegte See. Riesige Wellenberge prallen an einander. Dabei kein Lufthauch. Hier war, wie man mir sagt, wahrscheinlich der Mittelpunkt des gestrigen Typhon. Er hat den Ort gewechselt, oder sich erschöpft, aber das von ihm aufgeregte Meer will sich noch nicht zur Ruhe begeben, so wie der Puls eines Fieberkranken noch einige Zeit forttobt nachdem bereits der Anfall vorüber ist. (22. Juli.) Die Tage folgen und gleichen sich. Die kurze Episode des schlechten Wetters abgerechnet, machen mir diese drei Wochen den Eindruck eines schönen Traumes, eines Feenmährchens, einer idealen Wanderung in einem bezauberten Schlosse, in unermeßlichen Sälen mit Wänden von Gold und Lapislazuli. sticht Ein Augenblick der Ungeduld und Langenweile. Auf weiten Seereisen ist *) Wenn gut, Zimmer oben; wenn böse, zu ebener Erde, bestraft. 323 eine gute Zeiteintheilung und strenge Befolgung derselben nicht genug zu emftfehlen. Man gewöhnt sich dann in Kürze an das Klosterleben, ja man lernt es sogar lieben. Morgens nach dem Bade, während ein paar Stunden, einsamer Sftaziergang am Deck. Dann mehrere Stunden Lektüre in meiner geräumigen Kabine. Um vier Uhr ist immer Reifsftiel am Deck. Man schleudert aus Seilenden gefertigte Ninge nach einem mit Kreide am Boden verzeichneten Viereck. Dies Spiel verlangt mehr Geschick-lichkeit und Uebung als man meinen sollte. Die zwei englischen Herren schlagen alle andern. Um fünf Uhr wird das Diner in dem großen Saale aufgetragen. An Bord der China ist Alles geräumig und reichlich bis zum Ueberflusse. Nach Tische begegnen sich die anglosächsische und die lateinische Rasse im Rauchzimmer. Nur an diesem Orte tauschen sie ihre Gedanken aus. Der Sftanier aus Macao, der Händler mit Menschenfleisch, ist seiner Seelenstimmung nach Philantroft. Nichts leichter als ihn zu Thränen zu rühren. Mit Entsetzen erfüllen ihn die Erzählungen seines Nachbars, des italienischen Graineurs der, seiner eigenen Angabe nach, Ganbaldischer Held ist und grausamer Vourbonenvertilger. Aber im Punkte haarsträubender Geschichten reicht Niemand dem jungen amerikanischen Arzte das Wasser. Seine Abenteuer unter den Wilden, das Vlutbad welches er so oft unter ihnen an- 21* 324 gerichtet hat, passen wenig zu dem sanften Gesicht und dem bescheidenen Wesen des Mannes, aber sie zeugen von einer fruchtbaren Phantasie. All' dies ist kurzweilig genug während der Dauer einer Cigarre. Der schönste Theil des Tages ist die Nacht. Nirgend funkeln die Sterne wie hier. Die Milchstraße webt am Himmel ihr strahlendes Band, und spiegelt sich in der Meeresfluth. Unsere Bauern sagen sie führe nach Rom. Hier führt sie nach den Südseeinseln, nach dem irdischen Paradiese, dem Ideale der Philosophen des vorigen Jahrhunderts. Mit ihren Werken großgezogen, wird es Dir leicht sein Dich dahin zu versetzen: mit dem geistigen Auge die naiven Insulaner, edle Naturmenschen zu gewahren wie sie im Schatten der Kokuspalme sich des Lebens erfreuen: die keuschen Najaden zu belauschen die von sittsamen Wallfischfängern verfolgt ihre schönen Glieder in die krystallhelle Fluth tauchen. Dann erscheinen die Manen der Königin Pomare und des hochwürdigen Pritchard. Die Wirklichkeit entreißt dich den poetischen Träumen! In den ersten Stunden der Nacht begegne ich gewiß dem Ingenieur, oder er ruft mich in seine Kabine wenn ich vorübergehe. Noch immer sitzt Fang-Tang neben dem japanischen Exgouverneur. Veido betrachten die Sterne, denn das nächtliche Dunkel hat ihrem schriftlichen Gespräche ein Ende gemacht. Auch der Parsi hat sich noch nicht zur 325 Nuhe begeben. Er kauert alls den Fersen, und streicht seinen schönen Bart. Ich setze mich neben ihn, und er öffnet die Schleuße seiner Gedanken. Von den verschiedensten Dingen erzählt er mir, vom Weißbrot das er für die brittischen Merchant Princes bäckt bis zur tückischen Politik der Tsungli-Damen und der japanischen Reform. So haben wir das Stille Meer durchschifft. (23. Juli.) Heute ist Alles anders geworden: der Himmel, das Klima, die Stimmung der Reisenden. Noch wenige Stunden, und wir werden landen. Die Luft hat ihre Durchsichtigkeit verloren, die Sonne ist blässer geworden, der Himmel weniger blau. Große fantastisch geballte Wolken treiben am Himmel einher, noch die Umrisse der Berge bewahrend welche sie kürzlich umhüllten. Sie sind die ersten Boten die uns das Land zusendet. Um Mittag kommen andere an: zahl lose Schmetterlinge, artige Thierchen mit langen schmalen Körpern und durchsichtigen Flügeln. Der Sturm hat sie ihren blühenden Büschen entrissen und nach den unwirthlichen Regionen des Oceans verschlagen. Erschöpft lassen sie sich am Deck, auf den Masten und Segelstangen nieder. Aber sie sind willkommen. Niemand thut ihnen etwas zu Leide. Wir werden sie nach der Heimath zurückführen. Sie sind übrigens nicht die einzigen Schiffbrüchigen 326 welche die China an Bord hat. Auf ihrer letzten Rückreise geschah es, daß, mehrere hundert Meilen östlich von Japan, eine entmastete Djonke in Sicht kam. Ein Boot Wurde ausgesandt und man fand in der verunglückten Barke, neben mehreren Leichen, zwei Menschen die noch athmeten. Die kleine Nußschale war auf der Fahrt von Hiogo nach Jokohama vom Sturm überfallen und nach dem Stillen Ocean verschlagen worden: dann trieb sie während sechs Monaten, ein Spiel der Elemente, auf dem Meere umher. Die beiden Neberlebenden wurden gerettet und nach San-Francisko gebracht. Eine reichliche Sammlung ward unter den Passagieren veranstaltet. Jetzt bringen wir die beiden zurück. Es sind schmucke junge Leute die sich vor Freude nicht zu fassen wissen. In wenigen Tagen werden sie bei den Eltern eintreffen. In einem hübschen Matrosenanzug und mit einer namhaften Anzahl Dollar im Seckel, als reiche Leut^, kehren sie in ihr Dorf zurück. Welch' sonderbarer Wechsel des Schicksals! Unsere Ueberfahrt war im Ganzen eine glückliche. Mit Hilfe des beständigen Ostwindes hätten wir schon heute wenn nicht gestern in Uokohama einlaufen können. Aber seit zwei Tagen wurde die Geschwindigkeit absichtlich vermindert. Ein Kapitän der vor der vorschriftmäßigcn Zeit einträfe würde ohne Weiteres des Dienstes entlassen. Mehrere Gründe sprechen dafür daß die Reisen nicht in dem 337 möglichst kurzen Zeitraum zurückgelegt werden dürfen. Hier sei nur der zwei wichtigsten erwähnt. Der Kohlenverbrauch steigt in einem sehr großen Verhältnisse zur Geschwindigkeit: man wäre daher, abgesehen von den erhöhten Kosten, genöthigt die Dampfer zu überladen. Sodann würden auch die Kapitäne unter einander wettfahren zum großen Nachtheile der Maschine. Gegen Abend sehen wir einen Dreimaster, der alle Segel aufgesetzt hat und gegen Nord-Ost steuert. Es ist, seit wir das Goldene Thor verließen, außer der Amerika, das erste und einzige Schiff das wir zu Gesichte bekamen. Die Fahrt geht also zu Ende. Indem wir die China verlassen, scheiden wir von amerikanischem Boden. Ich blicke zurück nach Amerika, und sammle die Eindrücke meiner Reise. Ja, es ist ein großes, ein glorreiches Land. Mit Recht seid Ihr stolz und bereit Euer Blut zu geben für das junge, das edle Vaterland. Kaum erstanden zu einer Nation aus der Berührung so verschiedener Menschenstämme auf jungfräulichem Boden, besitzt Ihr bereits die Tugend welche die erste Bedingung ist für das Wachsthum, den Wohlstand, den Ruhm großer Völker! die Tugend der Vaterlandsliebe. Den Beweis hat Euer, bedauerlicher, Bürgerkrieg geliefert. Hier bleibe unerörtert ob er zu vermelden war; ob Ihr, Männer des Nordens, Euern Sieg mit 326 Mäßigung verwerthet: ob Ihr, Männer des Südens, nicht besser thätet die Hand der Brüder zu ergreifen, vorausgesetzt daß sie Euch aufrichtig gereicht wird; ob es nicht besser sei für jene die mit Waffengewalt errungenen Vortheile nicht allzu sehr auszubeuten, für diese einem, vielleicht ohnmächtigen, Hasse zu entsagen und unersetzliche Verluste zu vergessen; ob beide Theile nicht vor Allem, falls sie möglich, auf Versöhnung bedacht fein sollten. Alle diese Fragen, insbesondere letztere welche nicht nur den Süden in seinem Dasein, sondern möglicher Weise den Bestand Eures großen Freistaates berührt, lasse ich hier unbesprochen. Ihr steht noch zu nahe an dem brudermörderischen Kampfe als daß Ihr geneigt sein könntet ähnlichen Rathschlägen Gehör zu schenken, selbst wenn sie von mehr berechtigten Stimmen geboten würden. Auch von dem Getriebe Eurer politischen Parteien will ich nicht reden. Ich kenne es nicht, und gestehe, es flöstt mir wenig Interesse ein. Für mich gibt es weder Demokraten noch Republikaner. Ich sehe in Euch nur Amerikaner. Was ich hier hervorheben will ist daß Ihr im Bürgerkriege dieselben Tugenden bewährt habt: dieselbe Ilnerschrockenheit, dieselbe Ausdauer, denselben Opfermuth. Auf diesem Felde gibt es weder Sieger noch Besiegte. Ihr habt Eure Stammesverwandtschaft bethätigt, Euch als Glieder derselben Familie bewährt, würdig die Einen der Andern, ein Volk reich an Lebenskraft, an Iu- 329 gendfrische, und wenn Ihr Euch nicht durch schwere Fehler versündigt reich auch an Zukunft. Dieselben Eigenschaften kommen Euch zu statten auf einem anderen Gebiete, wo mehr Ruhm und mehr Gewinn zu ernten ist: im Kampfe mit der wilden Natur. Mit Eurem Schweifte habt Ihr, in weniger als einem Jahrhundert, einen halben Welttheil befruchtet. Mit Eurem Unternehmungsgeiste und Euren kräftigen Armen habt Ihr Wunder verrichtet. Die Welt sieht Euch beim Werke, und sie bewundert Ench. Wenn wir Kinder des alten Europa, wir die, ohne uns dem Fortschritte zu verschließen der unsere Zukunft umgestalten soll, an unserer Gegenwart halten, die ja nichts Anderes ist als die folgerichtige, natürliche, regelmäßige Entwickelung unserer Vergangenheit, an unseren Erinnerungen, an der Erbschaft der Väter, an unscrcn Sitten: wenn wir dennoch Eure Erfolge preisen, obgleich sie errungen wurden unter dem Schilde einer Verfassung Welche in mehrfacher und wesentlicher Beziehung der Gegensatz der unsrigen ist, so geben wir, glaube ich, einen Beweis der Unparteilichkeit, und unser Lob ist für Euch nur um so schmeichelhafter. Denn hierüber darf man sich nicht täuschen, Amerika ist der geborne Gegner Europa's. Ich spreche von Eurem Amerika, von den Vereinigten Staaten, und von Europa, so wie es ist, wie es sich ent- 330 Wickelt hat im Laufe der Jahrhunderte und nicht wie Ideologen es umformen möchten nach Eurem Vorbilde oder nach irgend einem in ihrem Gehirn entsprungenen Ideal. Die ersten Ankömmlinge, die Vorläufer Eurer heutigen Größe, die welche die Saat ausstreuten, waren Mißvergnügte. Vürgerzwist und religiöse Zerwürfnisse hatten sie ihrer Heimath entrissen und nach Euren Ufern verschlagen. Sie brachten mit sich, sie pflanzten in den Boden des neuen Vaterlandes die Keime des Gedankens für den sie geduldet und gekämpft: die Autorität des Einzelnen. Ner sie besitzt gilt für frei im weitesten Sinne des Wortes. Und weil Ihr, in dieser Beziehung, alle frei seid, so seid Ihr auch alle untereinander gleich. Euer Land ist also der klassische Voden der Freiheit und Gleichheit, und er ist es geworden durch das Werk von Menschen welche Europa von sich stieß. Darum sind wir, Ihr in Folge Eurer neuerlichen Entstehung, wir in Gemäßheit einer sich im Dunkel der Vorzeit verlierenden Genesis, darum sind wir geborene Gegner. Möglich, daß dieser Antagonismus mehr scheinbar als wirklich ist. Vielleicht seid Ihr nicht so ganz frei, vielleicht auch nicht unter Euch so gleich als man in Europa glaubt, und die alte Gesellschaft ist gewiß weder so geknebelt noch in Kasten getheilt als Ihr Euch vorstellt. Doch lassen wir diesen Punkt unerörtert. Die Besprechung hierüber würde zu weit und, in Hinsicht auf unsere beider- 331 seitigen Ueberzeugungen, zu keinem Ergebniß führen. Nur Eines will ich bemerken. Je mehr ich vorrücke in Jahren und je mehr ich reise, um so mehr erkenne ich daß der Grund der menschlichen Dinge sich allenthalben ähnelt, und die Gegensätze meist nur auf der Oberfläche liegen. Ueberall gewahre ich dieselben Leidenschaften, dieselben Bestrebungen, dieselben Enttäuschungen und Schwächen. Die Verschiedenheit liegt meist nur in der Form. Aber Ihr bietet Jedermann Freiheit und Gleichheit. Dem Zauberreize dieser beiden Worte, mehr als Euren Goldlagcrn, verdankt Ihr den Zufluß der Einwanderer und das wunderbare, rasche und stetige Wachsthum Eurer Bevölkerung. Auch Rußland und Ungarn verfügen über unbebautes Land, auch Algier sucht Arme. Aber nur Wenige finden sich angezogen. Die Engländer wandern auch nach Australien aus, weil dies noch England ist und zwar ein England welches mehr Aehnlichtät mit Euch bietet als mit ihrem Vaterlande. Aber die ungeheure Mehrzahl der Auswanderer zieht nach Nordamerika. Warum? Zunächst, um Vrot zu suchen, ein in dem übervölkerten Europa nicht mehr leicht zu findender Artikel: sodann um Freiheit und Gleichheit zu finden. Ich weiß nicht ob Ihr wirklich im Stande seid den Ankömmlingen, in dem von ihnen geträumten Maße, diese beiden Schätze zu liefern nach welchen die Menschheit, schon in ihrer Wiege, ein so 332 heißes Sehnen fühlte? Aber ganz gewiß bietet Ihr ihnen Raum. Der Raum hat Euer Glück gemacht und wird das ihrige begründen, und zwar weil Ihr die nöthigen Eigenschaften befitzt um ihn auszubeuten, und weil die germanischen und celtischen Stämme, gleichfalls mit ihnen ausgerüstet, sie unter Eurer Leitung und nach Eurem Beispiel entwickeln und ausnutzen lernen. Es gibt noch andere Länder denen es an Naum nicht fehlt. Zum Beispiele die Pampas, alle die weiten noch unbebauten Gegexden Südamerika's harren der Menschen die es verständen den Schatz zu heben der in ihrem Boden schlummert. Aber, abgesehen von dem ungesunden Klima, sind die Bewohner den Mühen des Kampfes mit der Natur nicht gewachsen, und obgleich auch sie die Worte Freiheit und Gleichheit auf ihren Fahnen schrieben, so schenkt ihnen doch Niemand Glauben. Emporgekommene Soldaten, welche in periodischer Wiederkehr von Nebenbuhlern verdrängt oder ermordet werden, halten die sogenannte Freiheit in ihrer rohen Faust, und die Gleichheit besteht nur in der gleichen Unterwürfigkeit Aller unter die Willkür und Laune der vorübergehenden Herrscher des Tages. Man zieht also zu Euch. Man sucht Brot, persönliche Freiheit und sociale Gleichheit: und man findet Raum, das heiftt die Freiheit in der Arbeit und die Gleichheit im Erfolge, vorausgesetzt daß man die dazu nöthigen Bedingungen mitbringt. 333 Ich sagte, Jedermann bewundert Euch. Aber nicht Jedermann liebt Euch. Diejenigen von uns welche Euch von ihrem ausschließlich europäischen Standpunkte beurtheilen, sehen in Euch nur die Feinde der Grundbedingungen unserer Gesellschaft. Je mehr sie Eure Werke anerkennen — und nur Blinde könnten Euch ihre Anerkennung versagen — um so mehr bewundern, und um so weniger lieben sie Euch. Ja mehr noch, sie fürchten Euch. Sie fürchten Euren Erfolg als ein für Europa gefährliches Beispiel und sie trachten das Eindringen Eurer Ansichten abzuwehren. Aber sie bilden die Minorität. Viel zahlreicher sind Eure Freunde. Diese sehen in Euch das Urbild, das Endziel aller menschlichen Gesittung. Auf ihre Sympathien könnt Ihr unbedingt zählen. Sie haben den lebhaftesten Wunsch, wenn nicht in staatlicher Beziehung was sie nicht immer zu gestehen wagen, so doch in socialer, Europa nach Eurem Vorbilde umzugestalten. Es gibt noch eine dritte, die am meisten verbreitete Klasse, die der Ergebenen. Sie lieben Euch nicht, sind aber bereit Eure Gesetze, Eure Sitten und staatlichen Einrichtungen anzunehmen. Europa sei nun einmal bestimmt ein zweites Amerika zu werden. Das Schicksal wolle es so, und mit dem Schicksal sei nicht zu rechten. Dies ist ihr politisches Glaubensbekenntniß. Ich theile weder diese Befürchtungen noch diese Hoff- 334 nungen. Ich glaube auch nicht an das angebliche Ver-hängniß, und hier folgen die Gründe meiner Ungläubigkeit. Vor Allem behaupte ich daß all' diesen Hoffnungen und Befürchtungen, so wie dem blinden Glauben an eingebildete Beschlüsse der Vorsehung, die Grundlage einer richtigen Auffassung und Kenntniß der amerikanischen Zustände mehr oder minder fehlt. Der Reisende mag ganze Bibliotheken verschlungen, Alles gelesen haben was ausgezeichnete Schriftsteller über die Vereinigten Staaten drucken ließen, und dennoch, in dem Augenblicke wo er den Fuß auf Euren Boden setzt, erkennt er wie weit ab die Wahrheit von dem Vilde liegt das er sich ans Büchern zusammenfügt. Auch nicht die geringste Aehnlichkeit ist vorhanden. Dies sind die ersten Eindrücke des Europäers, möge er nun als Einwanderer oder als Tourist gekommen sein. Man bringt Vorurtheile gegen Euch mit und vorgefaßte Meinungen zu Euren Gunsten, und nun da man gelandet ist erkennt man den Irrthum in den einen und den andern. Die europäischen Demokraten fühlen sich verletzt. Euer Luxus, die sociale Ungleichheit welche New-Jork zur Schau trägt empören sie. Dem Nicht-Demokraten ist dieselbe Entdeckung eine angenehme Ueberraschung. Die Deutschen, von allen Auswanderern die am weitesten Vorgeschrittenen, landen als feurige Republikaner, aber alsbald begreifen sie wie wenig Eure Republik ihrem Ideale 835 entspricht. Auch fie haben Alles anders gefunden. Ich könnte die Beispiele vervielfältigen. Auch der verschiedene Geschmack hat da ein Wort mitzureden: aber man streitet nicht über Geschmackssachen. Also kein Wort hierüber! Ich wollte nur andeuten daß das aus Büchern gelesene und das an Ort und Stelle betrachtete Amerika zwei verschiedene Dinge sind, und daß die gänzliche Umgestaltung Europa's anzustreben nach dem wandelbaren, äußeren und meist unrichtigen Bilde das sich ein jeder von Amerika und den Amerikanern in seinem Kopf zusammengesetzt hat, ein leerer Wahn ist, eine freiwillige Selbsttäuschung, höchstens ein mehr oder minder geistreiches Spiel, nie aber ein ernstes und gedeihliches Werk. Mit Europa verglichen, ist Euer Land ein noch leerer Baugrund. Jedes Gebäude wird von den Grundfesten auf neu errichtet. In Europa restaurirt man; man ändert, höchstens daß man einen neuen Flügel anbaut, vorausgesetzt daß man den nöthigen Raum besitzt, was bereits zu den Seltenheiten gehört. Aber von den Grundmauern auf neu zu bauen ist nur dann möglich wenn man vorher das Bestehende abgetragen, zerstört hat; denn was Ihr im Ueberflusse besitzt, der Naum, das fehlt uns ja eben. Ein Amerika werden heißt einfach die Zerstörung Europa's wollen. Ich hege eine zu hohe Meinung von dem praktischen Sinne unserer Kinder und Kindeskinder um eine 336 so tiefgreifende Zerstörung für möglich zu halten, und ich kann mit Vergnügen betheuern daß, wenn es in Europa viele Träumer gibt die Euch zu ihrem Vorbild erkoren haben, ich nicht Einem Amerikaner begegnete dem es beifällt sein Land als endgültiges Muster für andere aufzustellen. Was würdet Ihr sagen, Ihr Herren in Boston und New-Vork, wenn man Euch vorschlüge nach dem Beispiele der californischen Piomüere die den Urwald lichten in der Nähe ihrer Nanchos, wenn man Euch vorschlüge die alten Eichen Eurer Parke und Lustgärten zu fällen? Ihr würdet antworten: so thaten unsere Urgroßväter und sie thaten recht; heute haben sich die Dinge bei uns geändert i alles an seinem Orte und zu seiner Zeit! Noch aus einem anderen Grunde könnt Ihr, obgleich mit Recht bewundert, bis jetzt nicht als Vorbild dienen. Das Model ist nicht fertig! es ist noch in den Händen der unermüdlich wirkenden Zeit; welche die immer neuen Zuflüsse aus Europa und, seit den letzten zwanzig Jahren, aus Asien bei ihrer Arbeit verwendet. Ner Euer ungeheures Land durchreist findet allenthalben, außer in dem jetzt kranken Süden, dieselbe Lebensfrische, dieselbe Fülle der Gesundheit, denselben Reichthum an Kraft: nur der Grad der Entwicklung ist verschieden. Aber eigentlich sind Eure,Zustände unfertig, und Ihr selbst seid es, denn Ihr befindet Euch noch im Alter des Wachsthums. 337 Was werdet Ihr sein wenn zu voller Neife gediehen? Ihr Wißt es nicht, und Niemand kann es voraussehen, denn Eure Entstehung ist ohne Beispiel in der Geschichte. Die Nationen des Erdballes, die europäischen insbesondere, die großen wie die kleinen, sind Nationen insofern sie einen gemeinsamen Ursprung haben und in den Adern derer die ihnen angehören dasselbe Blnt fließt. Es gibt Staaten mit verschiedenen Nationalitäten; aber diese Volksstämme leben neben einander indem sie ihre Eigenthümlichkeit bewahren. Sie haben den Landesfürsten gemein, oder eine republikanische Centralgewalt, zuweilen die Gesetzgebung, die ftrovincielle Zusammengehörigkeit und eine Menge hieraus erfließender Interessen, aber sie haben ihre Sprache bewahrt, ihre Sitten, zuweilen ihre Religion, vielleicht besondere historische Rechte. Physisch verschmolzen in einander sind sie nicht. Wo eine solche Verschmelzung statt fand, ging sie sehr langsam vor sich, war in der That das Werk von Jahrhunderten. Endlich, als allgemeine Regel, hat jede Nation ihre Religion. Heute wurde in den meisten Ländern die sogenannte Staatsreligion abgesetzt und die Gewissensfreiheit als Grundsatz aufgestellt. Gegenwärtig ist man noch mit der Einbürgerung dieses Princips beschäftigt. Noch liegen keine praktischen Wirkungen vor, daher auch ein begründetes Urtheil hierüber noch nicht gefällt werden kann. So zeigt sich Europa mit Beziehung auf die Menschenstämme die es bewohnen nnd auf seine Hiibncr, Epazicrgang I. 32 338 Staaten mit gemischter Bevölkerung. Ganz anders haben sich die Dinge in Nordamerika gestaltet. In den Anfängen gab es allerdings eine gewisse Analogie. Das anglosäch-sische Element war das herrschende, die Mehrzahl der Einwanderer Engländer. Holländer und Franzosen konnten gegen sie nicht anftommen. Der Indianer floh in seine Wälder wie das Thier der Wildnis; bebaute Gegenden flieht. Die Engländer waren also die Herren des atlantischen Ufergebietes, und der damals vollkommen richtige Name von Neu-England hat noch heute seine Berechtigung. Innerhalb dieser Grenzen konnten die Nachkommen der brittischen Kolonisten, eben durch ihr numerisches Uebergc-wicht, die fremdartigen Elemente mit Leichtigkeit aufsaugen und eine Nation bilden im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Der Engländer konnte geben und gab den Vereinigten Staaten, innerhalb ihres damaligen sehr engen Umfanges, das Blut, die Sprache, die Sitten, den Geist des Mutterlandes, beeinflußt allerdings und zum Theile umgestaltet durch die politische Losreißung, durch die republikanischen Regierungsformen und durch die Beschaffenheit des Bodens. So waren die Zustände noch bis vor dreißig Jahren. Aber seither ist ein durchgreifender Umschwung eingetreten. Die englischen Einwanderer, abgerechnet von den irischen welche einer andern gegnerischen Klasse angehören, bilden nicht mehr die Mehrzahl. Deutsche dringen in die Weststaaten ein und mehren sich täglich in den ftaeisischen. 339 Hiezu treten die Chinesen. Nenn, wie höchst wahrscheinlich, das Zuströmen nichtenglischer Elemente fortwährt, kann man glauben daß der anglo-sächsische Stamm im fernen und äußersten Westen das politische und sociale Nebergewicht bewahren werde, welches ihm in den atlantischen Uferstaaten offenbar für immer gesichert ist? Wird er seine Herrschaft befestigen am Gestade des Stillen Meeres, wird er sie ausdehnen können über die neuen und täglichen Eroberungen der Irländer, der Deutschen, der Chinesen? Auf das Gelindeste gesagt, ist dies sehr zweifelhaft. Aber wer wird die Erbschaft der anglo-sächsischen Hegemonie antreten? Welche neue Nasse wird entspringen aus den Berührungen zwischen Celten, Deutschen und Mongolen? Wer weiß es? Niemand. Nur Eines wissen wir: daß große Umgestaltungen bevorstehen. Deshalb sagte ich, Ihr seid noch nicht fertig. Bleibt die Lösung des Problems der unbegrenzten Gewissensfreiheit, das heißt des Rechtes für einen jeden das höchste Wesen, wenn er eines anerkennt, auf beliebige Weise zu verehren. Bisher gibt dies System, hier zu Lande unter den gegebenen Verhältnissen wie mir scheint das einzig mögliche, befriedigende Resultat. Die katho« lischen Priester die ich sprach beloben sich der ihnen gestatteten Freiheit. In dieser Beziehung wollten sie mit keinem europäischen Lande tauschen. Ich vermuthe daß die Minister der protestantischen Glaubensgenossenschaften eben so 22* 340 denken. Aber das beweist nichts. Das Leben wird einem jeden leicht, weil für Jedermann Platz vorhanden ist. Will man eine unangenehme Begegnung vermeiden, so gehe man auf die andere Seite der Gasse. Sie ist breit genug für Alle. In Beziehung auf diese große Frage vom Naum, betrachtet von der religiösen Seite, bietet die Geschichte der Mormonen ein reiches Feld der Belehrung. Sie wohnen im Staate New-Pork. Man liebt sie dort nicht, man mißhandelt sie; sie ziehen nach dem Ohio. Auch dort genießen sie keiner besonderen Popularität: um einer gewaltsamen Vertreibung zuvor zu kommen, ziehen sie abermals ab, diesmal nach Illinois, und lassen sich am Mississifti nieder. Dort ereilt sie dasselbe Geschick: nur werden sie diesmal nicht mit Schimpfworten und Stockstreichen sondern mit Kanonenschüssen vertrieben. Schleunige Flucht allein rettet sie. Glücklicher Weise fehlt es nicht an Naum. Sie können, ohne irgend Jemanden zu beeinträchtigen, ihre Penaten weiter tragen. Auch in Utah wird ihre Lage kritisch, und bereits ist die Rede von einem vierten Exodus nach Arizona. Dies beweist zweierlei: zunächst daß in Amerika für Jedermann Platz vorhanden, und sodann daß die Gewissensfreiheit nur eine Wahrheit für den Stärkeren ist der den Schwächeren mit Stockstreichen oder Kanonenschüssen vertreibt. Aber der, allerdings noch sehr, sehr ferne Tag wird kommen wo der unbesetzte Platz nicht mehr so groß, und wo es nicht mehr 341 so leicht sein wird sich durch die Flucht den Nachstellungen Andersgläubiger zu entziehen. Also auch bei Euch ist, im Vorbeigehen erwähnt, die Frage der Gewissensfreiheit noch nicht endgültig gelüst. Das Gesagte kurz zusammengefaßt, besitzt Ihr Naum Woran es uns gebricht, und Ihr befindet Euch noch in der Epoche des Wachsthums. Niemand kann wissen ob der reife Mann die Hoffnungen erfüllen wird welche der Jüngling gibt. Aber so wie Ihr seid liebe ich Euch, und ich werde Euch sagen warum. Nordamerika bietet dem Einzelnen ein Feld unbegrenzter Thätigkeit. Es gewährt ihm nicht die Gelegenheit zu arbeiten, es zwingt ihn alle seine Kräfte auf das Aeußerste zu entfalten. Die Ringbahn hat sich ihm erschlossen'. sobald er sie betritt beginnt der Kampf, ein Kampf mit Aufgebot aller Kräfte. In Europa, im Gegentheile, sieht sich em jeder in den engen Kreis gebannt wo seine Wiege stand. Um ihn zu verlassen, mutz er sich erheben über seines Gleichen, was ihm nur gelingt um den Preis unerhörter Anstrengung und wenn ausgerüstet mit außergewöhnlichen Eigenschaften des Geistes und des Charakters. Was bei Euch die Ncgel, ist bei uns Ausnahme. Ein Mann der, in Europa, seine durch die Umstände mehr oder minder eng begrenzte Standespflicht erfüllt und den gewöhnlichen, auch durch die Umstände geregelten Preis 34ä seiner Mühe erntet, hat den Anforderungen seines Berufes, in seinen wie in seiner Mitbürger Augen, reichlich entsprochen. Warum die gebahnten Wege verlassen? Warum sich über die Gepflogenheit hinauswagen, da dcr Erfolg ungewiß, der Lohn unerheblich ist? In Folge der großen Konkurrenz hat ein jeder genug zu thun um sein Brot zu erwerben. Die Ehrgeizigen, die Unruhigen machen zwar Lärm, aber im Vergleich mit der Masse die ich hier schildere sind sie wenig zahlreich. Zum Beispiele, ich kenne einen Grosistaat dessen Industrie, obgleich sehr vorgeschritten, noch einer bedeutenden Entwickelung fähig wäre. Wenn man aber die vorzüglichsten Industriellen auffordert ihre Produktion zu vermehren um mit andern Nationen auf den Hauptmärkten des Auslandes zu konkurriren, so erhält man zur Antwort: Wozu? Der Absatz unserer Erzeugnisse im Inland genügt uns. Sie geben sich zufrieden mit geringem Gewinn, gering im Vergleich zu dem möglichen aber von ihnen verschmähten Gewinn. Sie finden dies System bequemer und sicherer. Von ihrem persönlichen Standpunkte aus haben sie vielleicht Necht; aber die Nationalindustrie verliert dabei. In Amerika, wohin man blickt, in allen Sphären der menschlichen Thätigkeit, thut ein jeder sein Aeußerstes. Die Konkurrenz, eher ein Hinderniß als ein Antrieb, ist hier geringer, aber der Welteifer viel lebhafter, weil der Erste Preis ein höherer und doch zugleich ein leichter zu gewinnender ist. In Eu- 343 ropa wird gearbeitet um Zu leben, höchstens um zu Wohlstand zu gelangen; hicr um reich zu werden. Nicht Jedermann gelingt dies, aber Jedermann beabsichtigt es. Den ungeheuren Anstrengungen eines jeden entsprechen außerordentliche Erfolge: am Ufergebicte des atlantischen Meeres Städte die es an Luxus, geistiger Bildung und, was auch gewisse Reisende dagegen sagen mögen, an Geschmack und in den höchsten Ständen an feiner Sitte unsern großen Hauptstädten gleich thun; im Innern Prärien und Urwälder, binnen wenigen Jahren, Dank der Thatkraft und Ausdauer einer Hand voll Pflanzer, umgewandelt in die reichsten Kornkammern der Welt; Eisenbahnen von Nord nach Süd, von einem Meere zum andern; die Flüsse belebt durch Dampfer welche schwimmende Paläste tragen; in den entferntesten, unzugänglichsten Gegenden des ungeheuren Kontinents Pionniere die die Wildniß urbar machen und der Gesittung neue Bahnen brechen. Und wenn wir diese Wunder vergleichen mit der kleinen Schaar der Wun-derthäter, so steigert sich unser Erstaunen. Kaum haben die Auswanderer sich in der Heimath von der Menge getrennt, kaum find sie gelandet auf dem Boden des großen Freistaates, so vollzieht sich bereits in ihnen die Metamorphose: alls Atomen die sie waren sind sie Individuen geworden, berufen, ein jeglicher nach seinen Kräften, zur Theilnahme an dem gemeinsamen Werk. Diese wunderbare Umgestaltung ist wohl großen Theiles 344 dem Ginflusse Eurer staatlichen Einrichtungen zuzuschreiben. Ein Blick auf Canada scheint dies darzuthun. Mit Aus« nähme der alten französischen Kolonie die in ihrer bukolischen Abgeschiedenheit an dem allgemeinen Fortschritte stets Wenig Theil nahm, sind dort die Einwanderer fast aus-schlichlich Engländer. Klima und Bodenbeschaffenheit unterscheiden die Kolonie wenig von den alten atlantischen Uferstaaten der Union. Man sollte also meinen daß die Ergebnisse dieselben sein müszten. Dem ist aber keineswegs so. In Canada findet man weniger Betriebsamkeit und weniger Fortschritte. Vielleicht sind seine Bewohner nur um so glücklicher: aber Alles in Allem genommen, steht in materieller Beziehung die brittische Kolonie, unerachtet ihres blühenden Zustandes, offenbar hinter Neuengland zurück. Ich könnte noch andere Tugenden und Vortheile aufzeigen die Ihr besitzt. Hier seien nur erwähnt die Euch angeborene Unbefangenheit des Geistes, insofern ihn die Leidenschaften des Tages nicht trüben, die Klarheit Eures Urtheils und, im Denken wie im Handeln, eine gewisse Großartigkeit, l^i-aetoi' minima non ouvat. Ihr habt in Euch wenig Kleines und nichts Kleinliches. Dies ist einer der vorzüglichen Neize die Amerika und Amerikaner auf mich ausüben. Personen die Euch besser und länger kennen als ich behaupten daß Ihr in den letzten Jahren viel gelernt habt in der bitteren Schule der Leiden und Prü- 345 fungen des Bürgerkrieges: daft Ihr gereift, weniger von Euch selbst eingenommen, weniger vorlaut seid als vordem: daß Ihr was Europa Gutes besitzt mehr als ehemals zu würdigen wißt, kurz daß Euer geistiger Horizont sich erweitert hat. Meines Theiles habe ich mich noch Eurer übrigens weltbekannten Gastlichkeit zu rühmen. So vielen glänzenden Seiten entsprechen natürlich ihre Schatten. Jedes geschaffene Wesen ist mit den Fehlern seiner Tugenden behaftet. Auch Ihr unterliegt diesem Gesetze. Ihr habt große Erfolge errungen, und jeder Tag bringt deren neue: aber es geschieht um den Preis großer Anstrengungen, einer beständigen Spannung des Geistes und eines gleichfalls ununterbrochenen Verbrauches physischer Kraft. Dies Uebermaß von Arbeit, so erklärlich es ist durch die gegebenen Zustände, halte ich für ein großes Uebel. Es muß vor der Zeit zur Abspannung führen, zur Erschöpfung, zum Alter: es beraubt die sich dem Uebermaß von Arbeit ergebenden schon jetzt der Zeit, und später der Fähigkeit die Ergebnisse ihrer Anstrengungen zu genießen: es verhindert sie die höheren Ansprüche des Gemüthes zu befriedigen: macht den schnöden Gewinn, das Geld zur Hauptsache im Leben, schließt die Freudigkeit aus, stimmt vielmehr Zum Trübsinn der jedem Uebermaße, auch dem der Arbeit, auf dem Fuß folgt: tritt endlich der Erfüllung der Familienpflichten und den stillen Freuden am 346 häuslichen Herde hemmend in den Weg. Auf diese Bemerkung erhalte ich immer dieselbe Antwort „Ganz richtig, aber dies Alles wird anders werden mit der Zeit. Wir leben jetzt in der Epoche der Arbeit. Wir s uchen und machen unser Glück; später wird die Epoche des Genusses und der Nuhe eintreten." Ich gebe dies nicht zu. Em trübseliges und vorzeitiges Alter erwartet die Menschen welche ihre Kräfte mißbraucht haben. Dasselbe gilt von den Nationen. Eine der Nrsachen Eurer Größe ist die fast unbegrenzte individuelle Freiheit. Aber die Freiheit des Einzelnen muft nothwendiger Weise beschränkt sein durch die vom Staate vertretene Freiheit Aller. Auf dem Gleichgewichte zwischen diesen beiden Freiheiten beruht ihre gegenseitige Bürgschaft. In den meisten Ländern der alten Welt nimmt der Staat zu viel für sich in Anspruch, und dcm Individuum bleibt zu wenig. Ihr verfallt in dcn entgegengesetzten Fehler. Wenigstens, viele Eurer hervorragenden Staatsmänner meinen daß dem Individuum zu viel gegeben werde und dem Staate zu wonig. Nnd wirklich die bei Euch vorkommenden Aergernisse und Mißbrauche entspringen großen-theils aus dieser Quelle. Die Ueberwachung durch die Zeitungen reicht nicht chin. Es fehlt an einer wachenden und schützenden Macht die Jedermann anerkennt und deren Ausspruch sich Jedermann fügt. Von allen Seiten hört man Klagen deren Berechtigung Niemand bestreitet. Ich .".47 könnte sie nicht besser zusammenfassen als mit den Worten eines Buches das soeben die Presse verließ, und dessen Verfasser Eure Landsleute sind. „Die erzählten Thatsachen verrathen die faulen Schäden. Kein Glied unseres Körpers hat sick) als gesund erwiesen. Die Börse ist eine Hölle, die Bureaux unserer großen Gesellschaften geheime Raubhöhlen in denen die Administratoren den Nuin ihrer Aktionäre vorbereiten: das Gesetz ist eine Angriffswasse in dcr Hand der Bösewichte: Parteigeist hüllt sich in den Hermelinmantel des Nichters: der Gerichtssaal ist die Markthalle wo Gesetze an den Meistbietenden veräußert werden, und die öffentliche Meinung schweigt oder läßt, in ihrer Ohmnacht gewähren."^) Sind diese so schweren Anklagen nicht übertrieben? Ich weiß es nicht: ich weiß nur daß sie Jedermann auf den Lippen hat, daß Jedermann Reformen verlangt. Aber was für Reformen? Auf welcher Grundlage, innerhalb welcher Grenzen? Hier liegt die Schwierigkeit. Die große Reform durch welche Ihr die Verfassung Washingtons in einem wesentlichen Punkte geändert, hat Euch kein Glück gebracht. Durch die Abschaffung des Wahleensus den Euer erster weiser Gesetzgeber aufgestellt, durch Einführung des allgemeinen Stimmrechtes habt Ihr Eure großen Städte *) Chapters of Erie by Oh. mid H. Adams. Boston 1871. ©iejje SUläSug tit bet Kevue des Deux Mondes 1. SCpviC 1872. 548 mehr oder weniger der Pöbelherrschaft preisgegeben, jedenfalls dem rohesteu Theile der Einwohner einen ungebührlichen Einfluß eingeräumt. Die Wirkungen liegen bereits am Tage. Sie sind im Westen weniger fühlbar, weil dort fast Jedermann Grundeigenthümer und insofern, bis zu einem gewissen Grade, ein Konservativer ist. Aber in den Städten nimmt das Uebel bedrohliche Verhältnisse an. Die Verderbtheit und Käuflichkeit über welche Ihr klagt entspringen zum Theile aus der Einführung des allgemeinen Stimmrechtes. Früher oder später wird man eine Gegenreform versuchen müssen, was immer schwierig und oft gefährlich ist. Neben diesen, in ihrem inneren Wesen socialen Fragen, drängt sich eine große politische Frage immer mehr in den Vordergrund. Zwischen dem Sankt-Lorenzstrom und dem Potomak, zwischen dem atlantischen Meer und dem Missouri dürfte schwerlich ein Mensch zu finden sein der nicht bereit wäre für die Aufrechterhaltung des Gesammtbsstandes Eures großen Freistaates mit dem Leben einzustehen. Dies aber setzt die moralische Unterwerfung der Südstaaten voraus. Die materielle genügt nicht. Auch der äußerste Westen, nämlich die pacisischen Staaten erheischen Eure Fürsorge. Neben großen Fortschritten vollzieht sich dort ein gewaltiger Umschwung. Fremde Elemente strömen zu, und immer mehr verliert die Bevölkerung ihr anglo-amerikanisches Gepräge. Zählt daher nicht 349 allzusehr auf die Gemeinsamkeit des Blutes die ja kaum mehr besteht: vergeßt auch nicht daß diese Gemeinsamkeit — zwei große Ereignisse beweisen es: Eure Losreißung vom Mutterlande und der Aufstand der Südstaaten — keine hinlängliche Bürgschaft gewährt, wenn die Gemeinsamkeit der Interessen fehlt. Auf diese letztere Gemeinsamkeit müßt Ihr also Vedacht nehmen. Ihr müßt Euren Mitbürgern an den Gestaden des Stillen Meeres das Leben leicht machen, sie durchdringen von der Ueberzeugung daß die Zusammengehörigkeit mit der Union ihnen wesentliche und dauernde Vortheile bringt. Diese große Frage von der Aufrechthaltung der Ne-vublil in ihrem heutigen Bestände steht mit einer andern, äußerst schwierig zu lösenden Aufgabe in innigem Zusammenhang. Wie auf der einen Seite jedem Einzelnen und dem Staate, das heißt der Gesammtheit der Individuen die ihn bilden, das richtige Maß der Freiheit gewährleistet sein soll, so muß auch zwischen der Autonomie der Staaten und der Centralgcwalt das Gleichgewicht bewahrt werden. Als Gegengewicht der Staatcnautonomic aufgefaßt, ist Washington nicht nur der Ning welcher die verschiedenen Glieder der Republik zusammenhält. In Anbetracht der Machtfülle mit welcher die Verfassung den Präsidenten ausrüstet, des Einflusses den er durch eine mit ihm stehende und nach vier, höchstens acht Jahren verschwindende Legion von Funktionären, Beamten und Agenten ausübt; in An- 350 betracht dcr ungeheuren Mittel über die er verfügt sei es zur Handlung sei es Zum Widerstände, vertritt Washington, als dcr Sitz des Präsidenten, auch das Princip der persönlichen Regierung. Man schreit nach Reform, und Reformen werden stattfinden, und vielleicht in weiterer Ausdehnung als die welche sie verlangen heute ahnen oder wünschen. Es könnte geschehen was bei Ausbesserung bau° fälliger Häuser zuweilen vorkommt. Eine Wand soll erneuert, ein Gewölbe gestützt werden, nichts Anderes: aber je weiter die Arbeiter vorschreiten, je größere Schäden Werden entdeckt. Nicht selten ist der Architekt genöthigt die Grundfesten zu erneuern. Die öffentliche Meinung klagt mit immer lauterer Stimme über Mißbräuche aller Art. Man wird genöthigt sein bis auf den Ursprung hinabzusteigen, eine Aufgabe die sehr weit führen kann. Bei diesem schwierigen und eine feste aber zugleich zarte Hand erheischenden Unternehmen, — Eure Vaterlandsliebe und Eure Weisheit bürgen für den Erfolg — werdet Ihr bedacht sein müssen die persönliche Gewalt des Präsidenten nicht dem Staatenrecht, und das Staatenrecht nicht dem persönlichen Negimente zu opfern. Im erstern Falls würde der Gesammtbestand der Republik bloßgestellt, im zweiten würdet Ihr das Wesen Eurer Institutionen vergiften und dem Cäsarismus Bahn brechen; der Cäsarismus aber ist, die Anarchie ausgenommen welche geordnete Zustände ausschließt, von allen Regierungsformen die übelste. Es gab und gibt, nicht 351 unter Euch aber in Europa, oberflächliche Träumer welche Euch am Vorabende einer monarchischen Umgestaltung wähnen. Diese Täuschung verdient keine Widerlegung. Die Monarchie ist und bleibt Euch versagt: denn es fehlen Euch ihre wesentlichen Elemente. Könige lassen sich nicht improvisiren. Die Throne gleichen den Niesen Eurer Urwälder. Sie erheischen einen eigenthümlichen Boden, und wachsen nur langsam im Laufe der Jahrhunderte. (24. Juli.) Der Morgen graut und schon sind die Passagiere am Deck versammelt. Zu beiden Seiten haben wir Land in Sicht. Bewaldete Hügel, hie und da saftgrüne Rasenteppiche und Reisfelder. Weiße Dunstwolten verhüllen die Umrisse der Berge. Ueber ihnen zeigen sich Abfälle eines riesigen Kegels. Andere Wolken lagern über seinem Scheitel. Es ist der Fujiyama, ein sich vierzchn-tausend Fuß über den Meeresspiegel erhebender, seit Langem erloschener Vulkan. Nun rücken wir den Ufern näher, und der Blick dringt in zahlreiche kleine Buchten. Prachtvolle Bäume beschatten sie, lange Reihen von Häusern ziehen sich am Ufer hin: Djonten liegen in großer Anzahl vor Anter, andere sind. in Bewegung rudernd oder von ungeheuren Schilfsegeln getrieben. Mehrere dieser seltsamen Schiffe welche an die Galeeren der Alten erinnern steuern an der China vorüber. Nackte Männer führen das Ruder und fingen dazu oder begleiten sich, vielmehr, 832 im Takt mit weithin schallendem Geschrei. Ihre erzfar--bigen, glatten oder tattuirten Körper entfalten bei der anstrengenden Arbeit in klassischen Stellungen das Ebenmaß ihrer Glieder. Gegen acht Uhr befinden wir uns den Bluffs von Yokohama gegenüber. Der Dampfer umsegelt langsam diese Anhöhen auf welchen wir schöne Koniferen und die Fahnenstangen der englischen Gesandtschaft und einiger anderer Legationen gewahren. Gleich darauf fahren wir in die Nhede ein. Sie ist mit Segel- und Dampfschiffen aller Nationen bedeckt. Große und kleine Djonken kommen und gehen. Weiter hinaus reißen sich die anmuthigen und imposanten Umrisse mehrerer Kriegsschiffe vom lichten Himmel ab: sie tragen die Flaggen von England, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Vor uns erstreckt sich eine lange Reihe schöner mit Bäumen untermischten Gebäude: der Bund, die Hauptstraße von Yokohama. Um acht Uhr geht die China vor Anker. Kurz vor neun Uhr, genau wie man uns in San-Francisko gesagt hatte, betreten wir den noch geheimnißvollen Boden des Reiches der aufgehenden Sonne. (Ende des ersten Theiles. Gedruclt bci H. Ncubürger in Dessau M