167539 S E PA RAT-A B D UC K AUS HIMMEL UND ERDE POPULÄRE ILLÜSTRIRTE MONATSSCHRIFT. »DRUCK VON WILHELM GRONAU IN BERLIN W. J Wh 9 ' 167539 w Ify IV Die hydrologischen Geheimnisse des Karstes und seine unterirdischen Wasserläufe. Auf Grundlage der neuesten hydrotechnischen Forschungen dargestellt von Wilhelm Putick, k. k. Forslinspcktions-Adjunkt. m Süden der Österreich-ungarischen Monarchie erstreckt sich entlang der Steilküste des adriatischen Meeres, über ein weites Gebiet mehrerer Kronländer ausgedehnt und noch weiter südöstlich über die Gemarkungen Oesterreichs hinaus, eine naturseltene Gebirgsforma-tion, die von auffallend zerklüfteten und unterhöhlten Sedimentgesteinen zoogener Bildungen hochmächtig aufgebaut ist. Vorherrschend sind hier überall massig geschichtete Kalksteine, welche der Kreide-, Trias-und Kohlen-Formation angehören, und welche allgemein in gestörter Lagerung von Nordwest gegen Südost streichen, während die Verflachung dieser dislocirten Schichten gegen Südwost unter 10 bis 30 Graden Neigung beobachtet werden kann. Diese plateauförmige Gebirgsformation wird gegen Norden von den Riesendolomiten der Julischen Alpen umrandet und von den Flüssen Isonzo, Idria, Pöllander Zaier und Save nördlich begrenzt. Das Bergland von Idria formirt den Uebergang von den Julischen Alpen zu dem in Rede stehenden, weltbekannten Karst-Plateau. Obwohl der Ternovaner Wald und weiter südöstlich anschliefsend der Bimbaumer Wald bereits dem geologischen Charakter nach zur eigentlichen Karstformation gehören, so vermochte eben diese plateau-förmigen Hochlagen nur der herrliche Waldschmuck, welcher dieselben heute noch ziert, vor jener, für ein ödes Stein- und Felsgelände vulgär gewordenen Bezeichnung „Karst" zu retten. Ebenso zeigen die gleiche Gesteinsformation der sogen. Öiöen-Boden und die gröfsten Flächen der Halbinsel Istrien mit allen zugehörigen Inseln im Quarnero; des- II i mmol und Erde. II. 0 gleichen die Grofee und Kleine Kapella, das Velebit-Gebirge, die Dinarisclieh Alpen und alle dalmatinischen Inseln des adriatisohen Meeres. Zum gröfsten Tlieile sind wohl auch von der nämlichen Beschaffenheit die ausgedehnten Gebirgsplateaux von Bosnien und von der Hercegovina, sowie von Montenegro und theilweise von Albanien und Epirus, wie auch jeno von Griechenland. Doch der klassische Boden des tausendfach zerklüfteten und unterhöhlten Karstkalkes mit seinen merkwürdigen hydrologischen Verhältnissen liegt ohne Zweifel im Herzogthume Kram, und ferner im Küstenlande, in Istrien, in Dalmatien und in Kroatien. Das ganze Karstgebiet bildet in der Hauptsache ein ausgesprochenes Plateaugebirge mit einer verworrenen und unvollendeten Thalbildung von bliebst eigenartigen Erosionsthälern und mit einzelnen aus diesem Kalkmassiv hocliempor-ragenden Kalksteinriesen. Gerade am Fufse dieser dominirenden Hochberge, welche stellenweise noch gegenwärtig von prächtigen Buchen- und Tannenforsten gekrönt sind, breiten sich zumeist sehr ausgedehnte Terramdepressionen aus, die nach allen Seiten von einem wellenförmig auf- und absteigenden Hiigelgeliinde begrenzt erscheinen. Der nahezu ebene Boden dieser l'iir die Karstlandschaft typischen Terrainsenkungen, welche als Thalmulden ohne Ein- und Ausgang unter der bereits eingebürgerten Bezeichnung „Dolinen"— oder eigentliche Kesselthiiler — bekannt geworden sind, besteht aus mächtigen Alluvionen, welche den ertragreichsten Wiesen zum Standorte dienen. Aber jahraus jahrein gewahrt man in den meisten Kesselthälem des Karstes während der beiden Regenperioden zur Tag- und Nachtgleiche eine seltsame Veränderung des landschaftlichen Gepräges. Die üppigen Wiesenmatten des Sommers sind während dieser Jahreszeiten von meterhohen Stauwässern bedeckt, welche unter ungünstigen lokalen Verhältnissen und infolge gröfserer atmosphärischer Niederschläge als „periodische Seen" einen Weltruf erlangt haben. So ist beispielsweise nur infolge der analogen Verhältnisse der sogenannte Zirknitzer See in Kr ain bis auf unsere Tage als Naturwunder angestaunt worden. Wohl treten hier die eigenartigen Hochwasser-Erscheinungen in einer höchst auffallenden Weise hervor, so dafs nicht selten binnen einer Iteüie von 14 Tagen bis 3 Wochen der gänzlich ausgetrocknete Zirknitzer See seinen normalen Stand erreicht und alsbald noch über denselben emporwächst. Dabei sind die oberirdischen Zuflüsse des Seebeckens von Zirknitz im Ver- ') In der Literatur werden meistens nur kleinere Senkungsfelder am Karslo als „Doliiien- bezeichnet. 3 hältniTs zu der rapiden Wasseransammlung dosselben nur geradezu verschwindend. Aber dagegen brechen während der Regenperiodo aus den tributpflichtigen Zuflutehöhlon die unterirdisch vereinigten Meteorwässer mit elementarer Gewalt hervor und füllen in jener ver-hältnifsmäfsig kurzen Zeit das weitgedehnte, ebene Seebecken mit tiefen Finthen an. Alles dies nur als Folgeerscheinung des Mißverhältnisses zwischen Zu- und Abflute der Wässer. Bekanntlich ist dieser See durch seine seltenen Naturerscheinungen bereits von den ältesten Geschichtsschreibern als „Lagus palus," von Strabo als „Lugeus laous" bezeichnet und beschrieben worden. In späteren Schriften erscheint derselbo nur unter dem Namen „Lugeus laous" — „der löcherige See-') — beschrieben und als solcher unter die „Naturrarität en" des Landes eingereiht. Der berühmte Chronist Freiherr von Valvasor widmet dem Zirknitzer Seo in seinem topographisoh-historischen Monumentalwerke — „Die Ehre des Herzogthums Krain-1 (Laibach und Nürnberg 1689) — eine besondere Aufmerksamkeit. Gleich zu Anfang seiner Beschreibung des Landes Krain apostrophirt er von den naturseltenen Erscheinungen des Zirknitzer Sees: „Dafe derjenige, welcher die wunderbare Eigenschaft, durch bloteen Fleifs, sogleich deutlich machen und durch emsiges Nachforschen, wie mit einem Senkblei ergründen wollte, der würde aus Mangel der dazu erforderlichen Zeit, genügsamen Gelegenheit und eines gründlichen und wahren Unterrichte, niemals auf den rechten Grund einer vollkommenen Entdeckung desselben gelangen können; sondern es würde der Riegel des verschlossenen tiefen Busens der Natur, noch alle Zeit vorgeschoben bleiben, mithin zur weiteren Entdeckung der Nachwelt etwas müssen übrig gelassen werden." In weiterer Folge schildert er dann auf Grund seiner eigenen Beobachtungen die Verhältnisse des Zu- und Abflusses der Wässer des Sees. Noch eingehender findet man diese eigentümlichen Wasserverhältnisse in dem Werke von Franz Anton von Steinborg: ■i, Herr v. Steinberg erklärt - in seinem später oiürten Werke «beiden Zirknitzer Seo - die Bezeichnung „Lugeus lacur- nachfolgend: Indem diejenige Gegend, wo dieses Gewässer sieh ausbreitet, voller Locher und Oeff-nungen ist, daher folglich aueh gar möglich seyn könne dafe aus dem al en Worte „LÜeg," teutsch, Loch, das römische Beywort „Lugeus» entstanden sey; mithin Jlugeus iacus» so viel als der „löcherichte See" he.fsen solle." — 4 „Gründliche Nachricht von dem in dem Innerkrain gelegenen Zirknitzer See — Laibaoh anno 1758" dargestellt. Aus den naturhistorisch reichhaltigen Quellen dieser beiden Werko schöpften auch die meisten Schriftsteller der späteren Zeit, wenn dieselben, nach einem mehrstündigen Aufenthalte in Zirknitz, ihre eigenen Wahrnehmungen und die uralten Sagen benützend, einige Nachrichten von diesem wahrhaftigen Weltwunder niedergeschrieben haben. Und selbst bis zur Gegenwart haben sich alle jene Nachrichten über die mysteriösen Verhältnisse des Verschwiudens und Wiedererscheinena der Wässer des Zirknitzer Sees fast unverändert erhalten. Einige sehr komplizirte Hypothesen haben nur noch diese ältesten Daten bereichert, um eine wissenschaftlich plausible Erklärung dafür zu bringen, was der geheimnifsvolle Seeboden Jahr für Jahr hervorzubringen geeignet ist. Fig. 1. Die grosse Karlovca-Höhte am Zirknitzer See.3) •1) In dieser Abbildung erscheint das Eingangsthor einer der bedeutendsten Abllufshöhlcn für dio Hochwasser des Zirknitzer Sees dargestellt. Der unter das Hügelplateau einziehende Höhlengang zeigt in seinem weiteren Verlaufe gröfsore und kleinere Weitungen. Derselbe mündet, wie nunmehr technisch erwiesen ist, ungefähr 2.5 Kilometer in nördlicher Richtung durch dio Fürst "YVindisch-Griitz-Höhlcn bei St. Canzian in die sogen. Rakbachschlucht der Haasborger Forste, wovon in der weiteren Folge oino genauem Angabo vorgebracht wird. 5 Aus jenen Darstellungen ist auch ferner bekannt, data die ungefähr eine halbe Quadratmeile einnehmende, normale Fläche des Zirk-nitzer Seos im Verlaufe eines Jahres die verschiedenartigsten Benützungen gestattet^ und zwar: Nachdem die Wässer vollständig verschwunden sind, dient das ganze ausgedehnte Seegebiet während des Sommers der Landwirtschaft, im Herbste der Jagd auf Sumpf- und Wasserwild, und während der übrigen Jahresperioden, wenn der See wieder angefüllt ist, vorwiegend der Fischzucht zum ergiebigen Operationsboden. Die oberirdischen Karst-Erscheinungen vermochten auch neben den nahegelegenen und den entfernteren Sehenswürdigkeiten von mächtigen Quellen, die unmittelbar am Ursprünge mit einem Wasser-reichthum von respektablen Flüssen aus geheimnifsvollen unterirdischen Räumen zu Tage treten und nach einem verhältnifsmäfsig kurzen oberirdischen Laufe wieder unter das Gebirge einziehen, oder sogar unterseeisch in die Adria einmünden, seit uralten Zeiten die Aufmerksamkeit der Naturforscher und durch dieselben das Interesse der Allgemeinheit rege zu erhalten. So schreibt z. B. in neuester Zeit Dr. Heinrich Noe von dem weltberühmten Timavus bei Duino in Istrien, welcher Strom nebenbei bemerkt, nur ca. einen Kilometer weit vom Ursprünge bis zur Mündung in das adriatische Meer oberirdisch dalierzieht und dabei bis zu seinen mächtigen Quellen mit ansehnlichen Seeschiffen befahren werden kann, Nachfolgendes: „Es giebt viele Dutzende solcher Ausbrüche, ja man kann es vom Laibacher Moor an bis nach Griechenland hinunter geradezu als Regel bezeichnen, dafs die Süfswasser in ähnlicher Gestaltung ihres Auftretens den Weg zum Meere einschlagen. Dafs man nun gerade den „Timavus", (und ich möchte sagen, ebenso den Zirknitzer See), von jeher als ein besonderes Wunderstück betrachtete, hat seinen Grund in dem nämlichen Umstände, welchem es zuzuschreiben ist, dafs man den Vierwaldstädter-See und den Langen See unter den Schweizer und italienischen Gewässern, den St. Gotthard unter den Wundern der Alpenwelt längst vorher nannte, bevor von anderen ähnlichen Erscheinungen die Rede war. Es führte eben der Weg daneben und darüber hin. Genau so verhält es sich mit dein Wasser-Ausbruche des Timavus. Derselbe befindet sich an den Pforten Italiens, an einem Strande, welcher von den Zeiten der Argonauten bis zur Gründung von Aqui-leja immerwährend vom Verkehr belebt und genannt war. Da konnten 6 also (lio Karatflüsse von Krain, dann dio des inneren Dalmatien und Kroatien, dio QueUfliisse von Bosnien und der Hercegovina nicht dagegen aufkommen. Speziell den Timavus mutete jeder sehen, der auf der Yia Aemilia aus Italien nach dem Osten ging, oder die Strafe nach Pannonien, Noricum und Rhaetien einschlug." — Obwohl gegenwärtig die Verhältnisse am Ursprünge des Timavus den poetischen Worten Virgils (im ersten Buche der Aeneide)--- „Antenor pötuit mediis elapsus Aohivis Illiricos penetrare sinus atque intima tutus regna Liburnorum et fontem superare Timavi, unde per ora novem vasto cum murmure montis it inare pro-ruptum et pelago premit arva sonanti" — nicht mehr vollkommen entsprechen, so tragen sie dennoch und immerhin den Charakter dos Ueberwältigenden an sich und wären dadurch nur ein wichtiger historischer Beleg für die Wirkungen oinor verborgenen Erosion, indem sich die mächtigen Fluthen seit jener Zeit ein tieferes Bett ausgewühlt haben und nunmehr mit majestätischer Ruhe zum Meere ziehen. Ebenso wie dort nahe am Timavus führte auch an den Ufern des Zirknitzer Sees eine alte Heerstrafee aus dem Hafen von Tarsatica in Liburnien nach Emona in Pannonien. Und wohl nur dio Unwegsamkeit der einstigen Urwälder in den Karstwildnissen der römischen Provinz Dnlmatia liefe jedoch die weitaus großartigeren Verhältnisse des heutigen „Livansko poljo" bei Livno in der Hercegovina u. A. m. den alten Kultur-Völkern nicht näher und allgemeiner bekannt werden. An die Stelle der vereinzelten topographischen Daten ans dem klassischen Alterthum traten in der späteren Zeit dio unglaublichsten Fabeln und Volkssagen über den Vorlauf der kurzlebigen Karstgo-wässer, so dafe dio kartographischen Darstellungen jener Zeit, wie z. B. Job. Blaevs „Novus Atlas" (Amsterdam 1647) und dio mehrfachen Ausgaben der Karte „Karstia, Oarniola, Histria et Vindorum Marchia" (Oer. Mercatoro Auotore 16(57) genauer betrachtet, den besten Ausdruck für dio damaligen hydrologischen Anschauungen von dieser Gegend abgeben. Auffallenderweise findet man selbst in den Schriften — „Mundus subtorraneus" (Amsterdam 1678) — des gelehrten Paters Athanas Kircher nur vereinzelte Nachrichten von den bekanntesten Karstflüssen und vom Zirknitzer See, woraus angenommen werden inufs, dafs sogar diesem Forscher selbst die sellenswürdigsten und nach- 7 weislich damals schon erschlossenen unterirdischen Räume des Karstes nicht alle genugsam bekannt geworden sind. Aus dem bisher Angeführten erhellt deutlich, daß die Großartigkeit der oberirdischen Erscheinungen ohne Zweifel tief verborgene Ursachen an sich tragen mufs. Die Wirkungen der Höhlenflüsse an den zu Tage liegenden Verhältnissen der Kesselthäler des Karstes, welche auf jeden Naturfreund einen überwältigenden Eindruck zu üben geeignet sind, sind eben der Beobachtung viel leichter zugänglich, als ihre mysteriösen Ursachen, die in dem unerforsclilichen inneren Bau der Gebirgsformation, tief unter der Erdoberfläche, gesucht werden müssen. Die älteren Studien und Beobachtungen der Wasserverhältnisse des Karstes beschränkten sich nur auf die oberirdischen Erscheinungen derselben. Erst unserer Zeit blieb es vorbehalten, mit der Leuchte der Wissenschaft in die dunklen Zellen und Adern der felsigen Erdrinde einzudringen. Wohl greifen die Anfänge einer exakteren Durchforschung dieser merkwürdigen unterirdischen Räume mit den in denselben frei cirku-lirenden Wässern schon in die Zeiten nach dem Erscheinen, des unsterblichen Werkes des Freiherrn von Valvasor, nachdem derselbe durch ein ganzes Buch des I. Bandes der „Ehre des Herzogthums Krain", betitelt „Von den Naturraritäten des Landes", die fruchtbringendste Anregung hierzu gegeben hat. Nach und nach bemächtigte sich die Geologie dieses höchst interessanten Bodens, so dars aus einzelnen anerkennonswerthen Beiträgen über die subterranen Verhältnisse in nicht allzu ferner Zeit alles Dunkel auch hier aufzuhellen, unserer Wissenschaft möglich sein wird Auffallend gleichmäßig, wie schon früher angegeben wurde, streichen am ganzen Karate die mächtigen Schichten des Kalksteines, der zum Theile der Kreide-, Trias- und zum Theilo der Kohlen-Formation angehört, in der Richtung von Nordwest gegen Südost dahin und sind dadurch für die generelle Thalbildung in der nämlichen Richtung als bestimmend zu betrachten. Das ganze Gebiet des Karstes zeigt als Grundgestein vorwiegend den Rudistenkalk der Kreideformation, welcher Kalkstein speziell in Krain die höchsten Erhebungen im Birnbaiuner-Wald und am Krainer Schneeberg formirt. Im Javornik-Gebirge geht derselbe in den Caprotinen- oder Spatangenkalk über. Unmittelbar an dieses Kreidegebirge anschließend, bilden meistens die Hallstätter Schichten der Triasformation emige flach verlaufende Hiigelziigc von vor- 8 herrschend langgezogener Ei-Streckung, oder sie bilden mit den Kreidekalken eine nestweise'Wechsellagerung, um wieder dem vorherrschenden Kreidegebirge das Feld einzuräumen. Speziell über die hydrologische Bedeutung der dolomitischen Nester am Karsto wird sowohl mit Bezug auf seine ober- wie unterirdischen Wasserläufe in der Folge Erwähnung gethan. Weit und breit findet man auf dem vollständig zerklüfteten Kalksteingebirge des Karstes gar keine Wasserquellen und ebenso kaum einen oberirdischen Wasserlauf. Nur dort, wo kleinere oder gröbere Nester des Guttonsteiner Kalkes, sowie dort, wo die festen Schichten des Steinkohlensohiefers und Kohlenkalkes lagern, sind hin und wieder wie auch in den eocänon Ablagerungen krystall-hclle Wasserquellen zu finden. Von dort fliefsen munter sprudelnde Gebirgsbäche in tief eingeschnittenen Schluchten nach den angrenzenden Kesselthälern hinab und sobald sie die unterhöhlten Kalksteinzonen erreichen, beginnt auch schon die Versohlundung ihrer Wässer durch mehr oder minder freie Wassertliore, oder durch die vorherrschenden Schlundtrichter — die sogen. „Ponore" — nach dem eigentlichen Höhlensystem, meistens am Fufse des anstehenden Gesteins der steilen Thalränder. Das ganze übrige Gebiet des Karstes ist an seiner Oberfläche vollständig zerklüftet und von zahllosen Felstrichtern, sowie von enorm tiefen Naturschachten unterbrochen. Infolge dessen ist auch der fühlbare Mangel an oberirdischen Quellen und Bächen erklärlich. Die sämtlichen Meteorwässer finden in dieser weitgedehnten Gebirgs-formation nur auf unterirdischen Wegen ihren anfänglich vertikalen und anschließend horizontalen, wenn auch zeitweise wohl unzureichenden Abflufs. Trotz der hydrographischen Bedeutung und bei dem hohen naturhistorischen Interesse der Wasserhöhlen des Karstes, gehören die Erforschungen dieser ganz eigenthiimlichen Wasserver-liältnisse, wohl nur wegen der grofsen technischen Schwierigkeiten, erst der neuesten Zeitperiode an. Ungeachtet der mannigfachen technischen Schwierigkeiten und trotz der vielen lebensgefährlichen Hindernisse, die sich den bezüglichen Forschungen entgegenstellen, mutete hier unbedingt erst die nöthige Klarheit in die lokalen Wasserverhältnisse gebracht werden, bevor die Praxis einen weitergehenden Nutzen aus diesen seltsamen Verhältnissen ziehen kann. Gleichzeitig mit der Erforschung der hydrologischen Geheimnisse der Unterwelt des Karstes wurde auch einige Keniitnifs über die dynamischen Wirkungen der Meteor- 9 wäaser in den gigantischen Höhlengängen unter der Erdoberfläche erreicht. Obwohl die meisten Mitteilungen, welche man bisher über diesen geheimnisvollen Boden zu verzeichnen hat, vorwiegend die hydrographischen und geologischen Verhältnisse des zu Tage liegenden Karstgebietes behandeln, so findet man dennoch unter diesen zahlreichen Schriften gar viele schätzenswerthe Beiträge zur generellen Kenntnifs des tausendfach zerklüfteten Untergrundes. In dieser Beziehung möge nur in aller Kürze auf die trefflichen Arbeiten und Spezialkarten des k. k. militär-geographischen Institutes hingewiesen werden. Ferner müssen mit Rücksicht auf die Studien und Forschungen der geologischen Beschaffenheit der Karstformation, die hauptsächlich von den Herren M. V. Lipoid, Dr. G. Stäche und D. Stur für die k. k. geologische Reichsanstalt durchgeführten Aufnahmen, sowie die hochverdienstlichen Arbeiten der Herren Urbas, v. Lorenz, Tietze, v. Mojsisovics, Reyer, Hochstetter, v. Hauer, Kraus u. A. m. genannt werden. Die mysteriösen hydrographischen Verhältnisse dieses Gebietes jedoch, die von einem Kesselthale zum anderen führenden unterirdischen Wasserläufe, waren bisher zumeist nur ein Gegenstand der Volkssage und die öfters divergirenden Angaben über die Wechselbeziehung der Theilstrecken ihres oberirdischen Verlaufes und über ihren Zusammenhang entstammten zumeist nur blofsen Vermuthungen. Ich verweise diesbezüglich auf die älteren und neueren Schriften: Zuerst auf Schönlebens Werk „Carniolia antiqua et nova etc." 1681, dann auf das oben angeführte Prachtwerk des Freiherrn v. Valvasor und das naturhistorisch interessante Werk über den Zirknitzer See von Franz Anton von Steinberg. Wissenschaftlich höherstehend sind ferner „Tobias Grubers „„Briefe hydrographischen und physikalischen Inhaltes aus Krain"" an Ignaz Edl. v. Born, (Wien 1781)." Weiter sind erwiihnenswerth die Arbeiten von Nagel (oin Manuscript in der k. k. Ilofbibliotliek in Wien), sowie die wissenschaftlichen Publikationen von Hacquet, von Hohenwart, von Morlot und von Boue u. A. m. — Endlich die mustergiltige Arbeit von Dr. Adolf Schmidl: „Die Grotten und Höhlen von Adelsberg, Lueg, Planina und Laas", Wien 1854, sowie die hochverdienstlichen Arbeiten von Hochstetter und Szombathy, welche in den Denkschriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Bd. XLIII, I. Ablhlg., S. 293, niedergelegt sind; diese haben insbesondere einen berechtigten Anspruch, als geodätisch 10 exakte Forschungen einzelner Tlioile des Höhlengebietes von Tnner-krain angesehen zu werden. Zur weiteren Klarlegung der gesamten lokalen Verhältnisse des Höhlenflursgebietes der Laibach, welche ihr Sammelgebiet in den Ivessel-thälern von Adelsberg, Laas-Alteninarkt, Zirknitz und Planina besitzt, wurde vom k. k. Ackerbau-Minister Grafen Julius von Falkenhayn die Vornahme der hydrographischen Forschungen an den Höhlenflüssen von Ivrain angeordnet, um die exakte Lösung der naturmerkwürdigen Hochwasserfrage in den Innerkrainer Kesselthälern zum Vortheile der dortigen Landwirtschaft zu bewerkstelligen. Diese unterirdischen Flufsaufhahmen erstrecken sich bereits über ein weites Gebiet der Karstformation. Begonnen wurde mit diesen Arbeiten im gröfseren Mafsstabe über Auftrag des Ackerbau-Ministeriums in Innerkrain, wohin der Verfasser dieser Mittheilung schon im Jahre 188G entsendet worden ist. Aufserdem subventionirte das genannte Ministerium die über Anordnung des krainisclien Landesausschusses bald darauf in Angriff genommenen Forschungen au dem Höhlenflufsgebiete der Gurk in Unterkrain, mit deren technischen Leitung der landschaftliche Ingenieur Vladimir Hrasky betraut worden ist. Ferner liefe das gemeinsame Ministerium durch den Oivil-Ingenieur Josef Riedel an den Höhlenflüssen in Bosnien und in der Her-cegovina ganz analoge Studien vornehmen. Endlich müssen auch noch die konformen Arbeiten hervorgehoben werden, wolche an dem unterirdischen Laufe des Rekaflusses bei St. Ganz i an im Küsten lande seit geraumer Zeit ins Werk gesetzt sind. Wie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit angenommen wird, repriisentirt die Roka bei St. Canzian den Oberlauf des früher genannten Timavus bei Duino. Die Entfernung von dem Verschwin-dungspunkte der Reka bis zu den Quellen cles Timavus, also die unterirdische Verbindungsstrecke, beträgt hier ungefähr 34 Kilometer in der Luftlinie, wobei das totale Gefalle 275 Meter ausmacht. Diese Daten sind ohne Zweifel eine genügende Andeutung für die Beurtheilung der Großartigkeit des gesteckten Zieles der unterirdischen Forschungsarbeit. Dieselbe wird auf Kosten der Sektion „Küstenland" des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins von ihren Mitgliedern Anton Hanke, Josef Marinitsoh und Friedrich Müller in aufopfernder Widmung ihrer freien Stunden vorgenommen. Auch die „Sektion für Naturkunde" des Oesterreich. Touristen-Club, welche durch die Erweiterung ihres Arbeitsfeldes Fig. 2. Die grofse Naturbrücke von St. Canzian in den Haasberger Forsten bei Flanina. ' 12 aus der früheren „Sektion für Höhlenkunde" erst jüngst entstanden ist, wendet zum Theile ihre Mittel und Arbeitskräfte auch der Verallgemeinerung dieses Wissenszweiges der Naturkunde zu. Speziell dieser Sektion und ihrem seinerzeitigen Mitgliede, dem Höhlenforscher Re-gierungsrath Franz Kraus, welcher an der Seite ihres Präsidenten Hofrathes Franz R. v. Hauer als Vorkämpfer für das neue System der Höhlenforschung eintrat, gebührt das Verdienst der Bahnbrechung nach der Unterwelt des Karstes. Gleich zu Anfang dieser Sektions-griindung bestand ein engeres Comite derselben, welches unter dem Namen Karst-Comite vom Jahre 1885 bis 1887 tagte und welches speziell die Erforschung der unterirdischen Wasserverhältnisse des Karstes sich zum Ziele der gemeinsamen Arbeit gesteckt hatte. Don Vorsitz führte Hofrath Dr. Franz R. v. Hauer, Intendant dos k. k. Hofmuseums, sein Stellvertreter war Fürst Ernst Windiscli-Grätz. Bereits in seiner ersten Sitzung fafste dieses Comite den Besohlurs, eine Versuchsarbeit in der sogen. „Piuka jania" (Poikhöhle) zwischen Adelsberg und Planina vornehmen zu lassen. Vorerst sollte jedoch unter der Leitung des Herrn Kraus eine Treppenanlage innerhalb des 70 Meter tiefen Felsentrichters zur eigentlichen Poikhöhle hergestellt werden. Nach Ueberwindung dieser grafsen Schwierigkeiten führte Kraus auf Kosten des Comites die äußerst schwierigen und gefahrvollen Forschungen an dem unterirdischen Laufe des Poikflusses in der Piuka jaina durch, während Museal-Custos Josef Szombathy vom naturhistorischen Hofmuseum in Wien und der Verfassor als Forsttechniker des Ackerbau-Ministeriums, die Vermessungsarbeiten daselbst besorgten. Die in Rede stehenden Karstarbeiten wurden überhaupt auf Grund der „Berichte über die Wasserverhältnisse in den Kessel-thälern von Krain" in Angriff genommen. Nachdem Hofrath v. Hauer diese Berichte aus den einzelnen Kesselthiilern von Krain zusammengestellt und in der Monatsversammlung der „Sektion für Höhlenkunde" des Oesterroichischen Touristen-Klub am 17. Januar 1883 vorgelegt hatte, entwickelte sich ein allgemeines Interesse an der Erforschung der hydrologischen Verhältnisse des Karstes. Die bezüglichen v. Ha u ersehen Berichte finden sich vollinhaltlich im dritten Bande No. 3 und 4 der „Oesterr. Touristen-Zeitung" vom Jahre 1883 abgedruckt. Dieselben bildeten die eigentliche Anregung zu den gegenwärtigen im Auftrage des Ackerbauministeriums vorgenommenen hydrotechnischen Forschungen am Karate, welche eine höchst bcachtcnswertho wirtlischaftliche Bedeutung in sich tragen. 13 Gegenwärtig sind gerade die lokalen Vorstudien abgeschlossen und ich bin nun auf Grund dieser eingehenden und systematischen Forschungen in der Lage, über den naturseltenen hydrologischen Befund eines grofsen Gebietes der Karstlandschaft Aufschluß zu geben. Daher möge es mir nun weiter gestattet sein, in dieser Darstellung speziell das mir zugewiesene Arbeitsgebiet näher zu beleuchten. (Fortsetzung folgt.)