Prolin» in univei'ritelns knjiLnicn v!.jubij»ni 112135 klimut Edeltraut. Ein pädagogisches Vermächtnis von Friederike Hallada. CM. Im Selbstverlag». 1912. Vorwort im späteren Alter auf die Jahre seiner ersten Wirksamkeit zurück- blickt, sieht gewöhnlich mit Bedauern, wie viel vergebliche Mühe er sich und andern aus Mangel an Erfahrung gemacht hat und er wünscht, sein Leben wieder beginnen zu können, um im schnelleren Schritte, auf kür¬ zeren, besseren Wegen ein höheres Ziel zu erreichen. In meinem Buche „Edeltraut" habe ich den Versuch gemacht, durch die Früchte meiner Erfahrung jüngere Lehrerinnen auf dankbare, sanft an¬ steigende Wege zu freundlichen Zielen mit schönen Fernsichten zu locken. Sie dürfen getrost der Lockung folgen, denn ein wahrhafter, gottfroher, pflichtge¬ treuer Geist ist ein guter Wegweiser. Wer ein Werk mit Gottes Hilfe ersinnet, wandelt jedoch nie ganz die Wege der Erde. Ihn hebt der Himmelsfunke Ideal auf lichtere Höhen. Und so ist „Edeltraut" mehr, als die Verfasserin je hat sein können. Was ich nur spät errungen, Edeltraut wird es schon im Eltern¬ hause zuteil. Was ich nie besaß, Edeltraut fiel es in den Schoß, wie eine Goldfrucht aus der Götter Hand. Was ich gelitten, ist Edeltraut erspart geblieben, und was ich unter Cypressen betten mußte, blieb ihr unverloren. Ernst und dürftig, Freunde, ist ja immer das Leben, so webe ihr schimmerndes Gewand darum die Himmelstochter Poesie. Cilli» im Jänner 1912. Die Verfasserin Inhalts-Verzeichnis. Seite I. Edeltraut. 1 H. Edeltrauts Schulzimmer. 3 III. Edeltrauts pädagogische Prinzipien. 5 IV. Edeltrauts Rechenunterricht .. 6 V. Edeltrauts Wohnort.17 VI. Edeltrauts Lesemethode. 20 VII. Edeltrauts Heim.34 VIII. Edeltrauts Sprachunterricht.52 IX. Edeltrauts Anschauungsunterricht. 76 1. 2. 3. Bau des Schwanenhofes.76 4. Speisezimmer — (die Familie) ..89 5. Das Schlafzimmer der Eltern (Lebensweise im Schwanenhof) . 93 6. Die Kinderstube (Kleinkinderpflege im Schwanenhofe) .... 87 7. Das Kinderschlafzimmer (die Schwanenhofkinder als Schüler) . 101 8. Mutter Mariemartens Reich.115 9. Die Kinder des Schwanenhofes. 128 10. Das Bilderbuch der Schule.131 Die Ziege .131 11. Das Reh.138 12. Die Erschaffung des Distelfinkes ..143 Der Hahn.144 13. Die Libelle.152 14. Der Mensch .15b X. Edeltrauts Ferien.161 XI. Edeltrauts Zeichenunterricht.. 187 XII. Die Schillerfeier (Deklamationsunterricht). 189 XIII. Edeltrauts Rechtschreib- und Gesangunterricht.200 XIV. Edeltrauts Turnunterricht.213 XV. Dreißig Jahre Lehrerin. 215 H I. Edellraut. ^Mn einer Stadtschule war eine junge Lehrerin angestellt worden. Vater und Mutter, Brüder und Schwestern hatten sie mit dem holden Namen Edeltraut gerufen und Edeltraut nannte sie auch noch das Großmütterchen, das mit ihr in die Fremde gezogen war. Die jnnge Lehrerin hatte ihr Amt mit ehrlicher Begeisterung angetreten und Natur wie Erziehung schienen sie für den Lehrstand gebildet zu haben, den sie als eine Art Priestertum auffaßte. Edeltraut hatte Religion nicht erlernt, sie hatte sie erlebt. Sie glaubte nicht bloß, sie wußte, daß ein Gott ist. Er hatte ihre kindlichen Bitten so oft, und oft in so wunderbarer Weise erfüllt, daß ihr Herz in vertrauernder, dankbarer Liebe für ihn erglüht war. Dank ihres wunderbaren Bildungsganges — sie war durch Mitleid wissend geworden — verstand sie Gottes Wege, wie Men¬ schen sie verstehen können, so daß kein Zweifel an ihn je mehr in ihrer Seele erwachte. Sie hatte erkannt, daß jene unbegreiflichen blitzartigen Erleuchtungen, von denen alle großen Männer zu er¬ zählen wissen, von Gott kommen, daß es ohne seine Hilfe keine wahre Geistesgröße gebe und daß auch alle echte Menschengunst — 2 — sein Geschenk ist? Konnte Edeltraut also einen besseren Führer aus dem selbstgewählten Lebenspfade haben, der so reich an gefährlichen Klippen ist, und so ost im Schatten hinläuft? Edeltraut hätte den Weg zu Gott nicht gefunden, wenn ihr Volk ihr nicht den wundertätigen Wanderstab einer unbeirrbaren Wahrheitsliebe vererbt hätte. Weder Rücksichten eines augenblicklichen Iiutzens, noch solche der Höflichkeit, weder Rücksichten der Autorität, noch der Prüderie vermochten ihr jemals eine Lüge zu entlocken. Untrüglich war daher auch ihr Wahrheitsgefühl, das sie überall in Menschenseelen und in ihren Werken das Echte vom Falschen unter¬ scheiden lehrte. Aber ihre Wahrheitsliebe war mit Weisheit gepaart. Edeltraut konnte schweigen, wo die Wahrheit zu sagen Torheit oder Grausamkeit gewesen wäre. Aus dieser Wahrheitsliebe war Edeltrauts unbestechliches Ge¬ rechtigkeitsgefühl geboren, eine Liebe, der die Achtung aller Redlichen gewiß ist, aber sicher auch der Haß aller klebrigen. Außer einer Frömmigkeit, die sie keinen Schritt ohne Gott gehen hieß, einer Wahrheitsliebe, die sie unabhängig machte vom Urteile aller Bösen und Toren, einer Gerechtigkeitsliebe, die ihr die Neigung der Besseren gewann, brachte sie für ihren Beruf noch viel ehrlichen Fleiß und einen großen sittlichen Ernst mit. Edeltraut liebte die Menschen und suchte in jedem, ob er hoch oder niedrig gestellt war, vor allem den Menschen. Darum konnte sich niemand rühmen, um äußerer Vorteile wegen von ihr um¬ schmeichelt worden zu sein und niemals hatte sie nur ein Glied gerührt, um irdische Güter zu erraffen. Deshalb bewegte sie sich so stolz und frei unter Vornehmen wie unter Geringen. Konnte jemands Charakter sich besser für den Lehrberuf eignen als der Charakter Edeltrants? Und wie Edeltrauts Gesinnung, so war die Art ihrer Geistes¬ bildung, die denkbar geeignetste für die Wirksamkeit einer Lehrerin. Was Edeltraut wußte, war selbstgeschant und selbstersahren. Ihre Erlebnisse illustrierten ihr das Gelernte oder regten sie zum Nachlesen an. Und diese Erlebnisse waren dank der idealen Ver¬ hältnisse ihres Vaterhauses keine alltäglichen, so daß Edeltraut weder abstrakt dachte, noch flach war. Wenn sie sprach, sprach sie — 3 — nicht wie ein Buch, sondern wie das Leben. Alles, was sie sprach, war selbst gedacht, nicht bloß nachgesagt und daher mit der Klar¬ heit und dem Nachdruck der Ueberzeugung vorgebracht. Wenn sie unterrichtete, schien sie zu plaudern, zu spielen und es war im Gegenteil völlige Beherrschung des Stoffes durch die Form, war Kunst. Edeltraut hatte keinen Lieblingsgegenstand. Sie war jedem getreu und deshalb und wegen ihres vielseitigen Interesses und ihrer mannigfachen Ausbildung, war es ihr möglich, in jedem Fache Gutes zu leisten. Außer der rechten Gesinnung und der geeigneten Geistes¬ verfassung hatte nun überdies Blutter Natur ihr auch die rechte Gestalt gegeben. Das ideale Kiudergemüt verlangt Schönheit und Edeltrauk war schön. Mit ihrem klassischen Chameenköpfchen glich sie einer Psyche. Ihre Haut war alabasterweiß, aber ihre Wangen erinnerten an sounengeküßte Pfirsichwangen. Ihr Mund war purpurn, ihr Haar glänzend schwarz und leicht gelockt, ihre nachtfchwarzen Augen hatten die Weiche des Sammtes. Und dieses reizende Köpfchen saß auf einer schlanken, ebenmäßigen, überaus graziösen Gestalt. Eine gütige Fee hatte Edeltraut als Patengeschenk überdies die seltene Gabe einer herrlichen Stimme verliehen. Da sie ein ebenso feinsinniges Berständnis für die Dichtung wie für die Musik hatte, so erregten ihre Licdervvrträge das Entzücken aller Hörer. Edeltraut, die in ihrem Elternhanse mit Malern, Poeten und Tondichtern verkehrte, hatte manch sehnsüchtiger Wunsch erregt. Ihre himmlische Selbstgenügsamkeit aber hatte sie unnahbar ge¬ macht. So war sie Lehrerin geworden und das Schicksal hatte sie in einer kleinen Stadt wohnen und wirken heißen. II. Edeltrauts Schulximmer. Die Schule, an welche Edeltraut berufen worden war, hatte erst kurz vorher ein neues Haus bezogen, das eine sehr schöne Lage hatte. Es berührte Edeltraut heimatlich, daß Berg und Fluß, — 4 — Wald und Wiese zu seinen Fenstern hereingrüßteu. Es war ihr lieb, daß die rosensarbige Poesie blühender Obstbäume in die graue Prosa des Lernzwanges hereinlüchelte, lieb, wenn eine durchs Schul¬ zimmer irrende Schwalbe, eine summende Biene, ein bunter, gau¬ kelnder Falter das gebundene Lachen der Kinder entfesselte, lieb, wenn das Jubilieren eines Finken, der Ruf des Kuckucks oder das süße Lied der kleinen Grasmücke Wohllaut in den eintönigen Rede¬ fall des Lehrgespräches brachte. Wenn sie des Morgens durch die schattenseitigen Gänge des Schulhauses ihrem Lehrzimmer zuschritt und seine Türe öffnete, so strömte ihr eine goldene Helle entgegen, die durch vier hohe morgen¬ seitige Fenster in das große, lange aber nicht tiefe Zimmer herein¬ quoll und allerliebste Schattenbilder bezopfter kleiner Mädchen an die Türwand warf. Daß die Fenster mit weißen Spitzenvorhängen umwallt und mit Fenstergärten geschmückt waren, erschienen Edel¬ traut stets ungemein wohnlich und für ein Mädchenschnlzimmer überaus passend. Sehr zweckmäßig und hübsch kam ihr auch die in sehr schönen Verhältnissen gehaltene Vertäfelung der Wände vor, in welche Lehrtisch und Bühne, Kasten und Wandbrnnnen organisch eingegliedert waren und außerordentlich wohltuend, namentlich im Winter, wirkte auf Edeltraut die bunte Bemalung der Wandflächen über der Vertäfelung, für die man biblische Landschaften und Szenen zum Vorwürfe genommen hatte. Ein sehr hübscher Einfall däuchte es sie, daß der Maler den blauen Himmel dieser Landschaften ganz allmählich in das weiße Gewölk der Decke übergeführt hatte und daß diese sich über einen lichten, festgefügten Boden dehnte, der außerordentlich rein gehalten wurde. Auch daß die Schülerinnen in schweren Schraubstühlen mit siebartig durchlochten Sitzbrettern vor einzelnstehenden Schreibstellen saßen, kam ihr sehr vorteil¬ haft vor. Nicht minder gefiel ihr eine andere Einrichtung. An den Kleiderrechen in den Gängen hingen nämlich bunte Schürzen¬ kleider, welche die Kinder anlegen mußten, sobald sie sich ihrer Ueberkleider entledigt hatten. Unter den Wandbrunnenmuscheln aber befanden sich Bassins, in welche die Barfüßler ihre Füße zu reinigen hatten, ehe sie die Lehrzimmer betreten durften. Die Haare mußten nach dem Schulbrauch auf irgend eine hübsche Art am — 5 — Kopfe befestigt sein, so daß sie keinen Unfug anrichten konnten. Welch' lieblichen Anblick gewahrte die bunte Schülerschar, wenn die Sonne auf sie hereinlächelte und all die Hellen Aeuglein der Blnmen- gcsichter erwartungsvoll auf Edeltrant gerichtet waren. III. Edeltrauks pädagogische Prinzipien. Und die Erwartungen der Schülerinnen wurden nie getäuscht. Es war immer etwas besonderes, was Edeltraut ihnen gab, oder auf eine besondere Art dargereicht. Edeltraut selbst hatte allezeit nur das Beste von allem genügt und so bot auch sie nur stets das Beste. Sie hatte sich mir immer an das Wesentliche gehalten und so pflegte sie überall nach deutscher Art nur das Wesentliche. Sie hatte begriffen, daß alles geworden ist und daß man jedes Ding am leichtesten und am besten versteht, wenn man es werden sieht. Sie ließ daher alles vor oder mit Hilfe der Kinder entstehen, entweder vor ihrem leiblichen oder vor ihrem geistigen Ange. Sie wußte, daß man erst die Sach» Verhältnisse verstehen müsse, ehe man die Sprache und die Sprach¬ lehre begriffe. Sie meinte oft scherzend, dem Menschen ginge alle Erkenntnis mehr noch durch die Hände als durch Augen und Ohren ein. Und sie ließ ihre Schülerinnen sich ihre Kenntnisse erarbeiten. Im übrigen ging sie, wie sie sagte, nicht in die Schule, nm Rechnen, Lesen und Schreiben zu lehren, obwohl sie die Klaffenforderung nicht aus den Angen ließ. Sie ginge vielmehr aus, um die Phan¬ tasie der Kinder zu wecken, ihren Witz zu bilden, um ihre sprach¬ bildende Kraft zu üben, sie wolle sie sehen, hören und sühlen lehren und ein vielseitiges Interesse in ihnen anlegen. Sie suche ihnen Liebe zu Menschen, Tieren und Sachen einzuflößen, denn jedes Interesse sei eine Art von Liebe und Liebe nur beflügle die Seele und trage sie im Adlerfluge auf alle Geisteshöhen. Das Endziel alles ihres Unterrichtes sei aber: die Kinder Gott zuzuführen. Trotzdem hatte Edeltraut nicht lauter Erfolge. Nicht immer lagen die Seelen ihrer Schülerinnen vor ihr, wie ein aufgeschlagenes Buch. „Denn Kinder sind Rätsel von Gott und schwerer als alle — 6 - zu lösen, aber der Liebe gelingts, wenn sie sich selber bezwingt." Und Edeltraut bezwang sich, denn sie sührte ihren Namen mit Recht. Nicht immer auch wußte sie ihre Zöglinge sogleich zur Ueber- zeugung ihrer Pflichten zu bringen, aber Gott lehrte sie es und ihr eigenes Beispiel gab ihren Worten den wirksamen Nachdruck. Nicht gleich auch zeigte sich ihr von ihrem Standpunkte aus immer der beste Weg zum gewollten Ziele. „Aber dem Ernst, den keine Mühe bleichet, rauscht endlich doch der Wahrheit ties ver- steckter Born." Die viele Nachhilfe, die sie einzelnen Schülerinnen nach der Schule widmete, das Nachdenken über die örtlichen Verhältnisse und ihre Wirkung auf die Schule, der Nutzen, den sie als ehrliche und denkende Lehrerin aus ihren Mißerfolgen zog und die Lektüre pädagogischer Werke führte sie allmählich auf so elementare Methoden, daß ihnen jedes normale Kind folgen konnte und jede Nachhilfe überflüssig war. IV. Edeltrauts Rechemnethode. v. So hatte Edeltraut für einen Gegenstand, der in der Schule als der schwerste gilt, für das Rechnen in den unteren Klassen eine Art unfehlbare, eine absolute Methode gefunden, welche allerdings bessere Köpfe nicht nötig haben, die aber schwachen und mittel¬ mäßigen Schülern einen Weg eröffnet, auf dem auch sie ans Ziel kommen, eine Methode, welche überdies zerfahrenen Geistern einen Zügel anlegt. Edeltraut hatte einst in der Klasse einer Studiengenossin ge¬ sehen, wie die Kinder, hundert an der Zahl, alle die Hände in die Höhe gestreckt hatten und mit Hilfe der Finger gemeinsam die Rechenaufgaben lösten und so nicht nur alle mittälig waren, sondern der Lehrerin auch zugleich den Beweis für ihre Geschicklichkeit er- — 7 — brachten. Das schien Edeltrant von großem Nutzen. Doch sie wirkte damals an einer Oberklasse und hatte keine Gelegenheit das Ge¬ sehene zu verwerten. Als sie nach Jahren einer Unterklasse vor¬ stand, fiel ihr wieder ein, weich' ein vortreffliches Anschauungs- u»d Rechenmittel eigentlich die Finger seien, an denen offenbar die Menschen rechnen gelernt hätten. Die Fingerbenützung schließt alle jene Störungen des Unterrichtes aus, die andere Rechenmittel durch Entgleiten verursachen. Die Kugeln einer Rechenmaschine müssen stets gezählt werden, da sie alle gleiche Größe und Form haben, indes man die Finger nur zu übersehen braucht. Dabei sind sie das billigste und allgegenwärtige Mittel. Edeltraut entschloß sich daher nun auch zum Fingerrechnen. Sie hatte aber die Art des einst gesehenen Fingerrechnens längst vergessen; auch wirkte sie nicht in der Elementarklasse. Nun hatte sie aber in dem Buche eines Kollegen zum erstenmal vom rhythmischen Zählen gelesen und sie beschloß nnn dieses an ven Fingern zu üben. Das Buch des Kollegen war wieder für die Elementarklasse. Sie aber benötigte das Verfahren für den Zahlenraum bis hundert. Da mußte man beim Zählen der Finger eine genau vorherbestimmte Reihenfolge einhalteu. Edeltraut ließ von links nach rechts zählen, fing also vom kleinen Finger der linken Hand an und ließ an den zehn Fingern in verschiedenen Rhythmen bis hundert zählen. Es wurde zu und abgezählt. Ans dem rhythmischen Zuzählen wurde mit Leichtigkeit das Vervielfachen, aus dem rhythmischen Abzählen das Messen entwickelt. Auch das so schwere Rechnen über den Zehner machte auf diese Art keine Schwierigkeiten mehr. Edeltraut ließ in der Folge das rhythmische Zählen mit Zahlenschreiben verbunden, betreiben. Sie benützte die Rechen¬ maschine, wo es nötig ist, die Zehner und Einer gleichzeitig zu sehen, lehrte dann aber durch Wagrechthaltung der Finger die Zehner, durch Senkrechtstellung der Finger gleich darauf die Einer bilden. Sie erklärte die wahrscheinlichen Gründe für die Benennung der Zahlen und für ihre Ausschreibung und ließ fast das ganze Jahr hindurch alle Zahlen als Zehnerzahlen mit eingeschriebenen Einern darstellen. Sie übte nach dem rhythmischen Zählen mit dem Zahlen¬ schreiben hauptsächlich die fünf Hauptrechnnngsarien, in welchen — 8 Zehner mit Einern durch Zahlen mit Zehnern und Einern vermehrt oder vermindert und Zahlen aus Zehner und Einer bestehend vervielfacht, geteilt und gemessen werden. Sie nahm nebenbei oas Einmaleins ans die mannigfachste Weise, als reines und angewandtes Rechnen und hatte die Genugtuung, daß alle normalen Schüler das Lehrziel der Klasse erreichten. Und bei alledem war diese Methode so wenig monoton, daß ausgenommen in jenen Stunden, da sie jene fünf Hauptarten wiederholte und prüfte, jede Rechenstnude etwas Neues und Interessantes bot. ö. Als Edeltraut die Kinder in das Fingerzühlen einführte, er¬ zählte sie ihnen folgendes Märchen: Es waren einmal fünf Brüder; der älteste war größer und stärker als alle andern und diese nannten ihn daher immer nur den Großen. Der zweitälteste war lang und schlank; der hieß bei seinen Brüdern stets der Lange. Der dritte war von mittlerer Größe und Stärke und liebte es, einen goldenen Gürtel zu tragen. Darum hatten ihm die Leute den Beinamen der Schöne gegeben. Der vierte war klein und dick; der war jedermann unter dem Namen der Kurze bekannt. Der jüngste aber war nur ein Zwerg gegen die anderen und diese riefen ihn allezeit nur Kleiner. Der Kleine, der Schöne, der Große, der Lauge und der Kurze lustwandelten einst am Ufer eines Flusses. Da geschah es, daß der Kleine, der flnßseits ging, ausglitt und ins Wasser fiel. Der Schöne riß blitzschnell eine Bohnenstange aus dem nahen Acker und streckte sie dem Ertrinkenden hin. Er stieß ihn dabei ein wenig, so daß der kleine Bruder eine leichte Verwundung davontrug. Trotzdem klammerte sich der Verunglückte geistesgegenwärtig an das Rettungsmittel und wurde glücklich aus Land gezogen. Als er durchnäßt und schwach am Ufer lag, hob ihn der Große mit¬ leidig auf und trug ihn nach Hause. Dort übernahm ihn der Lange, entkleidete ihn und legte ihn sorgsam wie ein Mütterchen in sein eigenes Bett, da die Schlasstätte des Kleinen in der Dach¬ kammer stand. Und gutmütig nahm der Kurze seine Bettdecke — 9 und breitete sie über den zitternden Körper des Kleinen. Dieser versank bald in einen fieberhaften Schlaft in dem sein Geist das Erlebnis weiter spann. Es war ihm, als ob er erwachte. Er fühlte sich trocken und warm. Nur seine Wunde schmerzte. Da schalt er den Schönen, daß er ein elender Helfer sei, weil er nicht helfen könne, ohne zu schaden. Er sah sein Wams am Nagel hängen und es war mit Farbe vom Wamse des Großen beklext; darüber zeterte er die längste Zeit und kränkte seinen Bruder, den er noch nicht einmal gedankt hatte. Hierauf bemerkte er, daß der Lange ihm beim Aus¬ ziehen das Beinkleid zerrissen hatte und stellte ihn darob zur Rede und beleidigte so den, der so viel liebevolle Fürsorge für ihn ge¬ habt hatte. Endlich behauptete er boshaft, der Kurze hätte ihm die Decke so weit über den Kopf gezogen, daß er hätte ersticken müssen, wenn er nicht glücklicherweise noch zur rechten Zeit erwacht wäre. Da wurden seine Brüder sehr zornig und der Kurze nahm seine Bettdecke und trug sie zurück auf sein eigenes Bett. Der Lange zog ihn aus seinem Lager, oer Große trug ihn wieder ans Ufer des Flusses und der Schöne warf ihn hinein und sprach : „Hilf dir selbst, wenn du kannst!" Bor Schreck erwachte der Kleine aus seinem Fiebertraum: Noch stand ihm der Angstschweiß auf der Stirne. Wie freute er sich, daß er in Wirklichkeit so gute Brüder besaß und daß er sie nicht durch böse Reden gekränkt hatte. „Das Märchen von den fünf Brüdern" sagte Edeltraut, er¬ zählt man in einer kürzeren Form den kleinen Kindern, damit sie die Finger unterscheiden lernen. Denn die fünf Brüder sind die fünf Finger und die Kinder sagen die Geschichte dann kurz nach, indem sie die Finger der linken Hand nach der Reihe in die Höhe strecken : „Der Kleine ist ins Wasser gefallen, der Schöne hak ihn herausgezogen, der Große hat ihn nach Hause getragen, der Lange hat ihn ins Bett gelegt, der Kurze hat ihn zugedeckt." Und den bösen Traum erzählend, nehmen sie die rechte Hand zu Hilfe und sagen: „Der Kurze hat ihn wieder abgedeckt, der Lauge hat ihn 10 — aus dem Bette gelegt, der Große hat ihn zum Fluß getragen, der Schöne hat ihn hineingeworfen und so ist der Kleine wieder ins Wasser gefallen." „Könnt ihr die Geschichte auch so erzähle»", fragte Edeltrant. „O ja!" riefen die Kinder. „Nun so sagt sie aus", verlangte Edeltraut. Und die Kinder sagten das Sprüchlein her und reckien dabei die gehörigen Fingerleiu in die Höhe. „Könnt ihr jetzt auch die Finger von einander unterscheiden?" wollte Edeltraut wissen. „Ei freilich" riefen die Kinder. „Wie heißen sie also von rechts nach links genommen?" examinierte die Lehrerin. „Der Kleine, der Schöne, der Große, der Lauge, der Kurze und: „der Kurze, der Lange, der Große, der Schöne, der Kleine", zählten die Mädchen aus. „Der wievielte ist nun jeder der Finger in der Reihe, zum Beispiel der Große der linken Hand", war Edeltrauds weitere Frage. Und die kleinen Schülerinnen zählten in der Stille die Stelle, die jeder Finger unter den anderen einnimmt und meldeten sich daun durch ein bescheidenes Zeichen zur Antwort. Als jedes Fingers Stelle bestimmt war, mußten die Kinder im Chore stets links beginnend, erst fortlaufend auszähleu, an der wievielten Stelle jeder der zehn Finger steht, dann die Finger nur mit ihren Ordnungszahlen aufrufeu, endlich zählen, wie viele Finger an beiden Händen zusammen jedes von ihnen hätte. Darnach riet ihnen Edeltraut, den hübschen Scherz auch den jüngeren Geschwistern zu lehren, und erkundigte sich, wer von den Schülerinnen ihnen auch die lange Geschichte zu Hause werde er¬ zählen können. Und als sich nur wenige meldeten, gab sie ihnen Winke, wie sie das am besten aufingen. Sie müßten zuni Beispiel zuerst erzählen, wie die Brüder zum Fluß gekommen seien, in den der Kleine fiel und warum er hineiufiel und warum er doch nicht ertrank, ja sich nicht einmal erkältete und ivas für einen seltsamen Traum er dann gehabt hätte, und worüber er iroh war, als er 11 — erwachte. Und Edeltraut half den Kindern durch Fragen, so daß die besseren Schülerinnen sich endlich getränten, die Geschichte wieder- zugebeu. „Zn Hause wird das natürlich noch besser gehen", tröstete Edeltraut ihre Kleinen. „Da seid ihr gut gekannt und geliebt, fühlt euch sicher und srei zu Hause, da kann man reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Nicht wahr? Es ist eben nirgends in der Welt so schön, wie zu Hause." In der nächsten Rechenstunde ließ Edeltraut eine Schülerin vor die Kinder treten, wie ein Anführer vor seinen Zug tritt, hieß sie die Hände in die Höhe strecken und der Klasse ihre Finger ordnungsmäßig vorzählen. Dann ließ die Lehrerin eine zweite Schülerin kommen und sich hinter die erste stellen. Auch diese erhielt die Aufgabe, ihren Mitschülerinnen einen Fingerzehner auszuzählen und so noch eine dritte, vierte und fünfte u. s. w., bis endlich zehn Kinder als lebendige Rechenmaschine dastanden. Dann fragte Edeltraut die Zuschauer, wie viele Finger jede der kleinen Schau¬ stellerinnen habe, wer die ersten zehn Finger in die Höhe strecke, wer Vie zweitenmal zehn Finger und wer das drittemal zehn zeige, wer den vierten Fingerzehner vorweise, wer sie den fünften Fingerzehner sehen ließe, und wer ihnen den sechsten Fingerzehner vorhalte, wer den siebenten Zehner darstelle, wer den achten Zehner beigesteuert, wer den neunten Zehner hergeliehen habe, und wie viele Zehner überhaupt aufgerichtet wären und wer den zehnten Zehner geliefert hätte. Nachdem alle diese Fragen beantwortet waren, wurden im Chore die Finger des ersten Zehners gezählt, worauf dieser zu verschwinden hatte. Darauf kam der zweite Zehner an die Reihe, abgezählt zu werden und zu versinken. Ein gleiches Schicksal hatten auch die übrigen Zehner. Die Zehner wurden von Edeltrant mit den Ordnungszahlen angerusen, die Einer von dem zeigenden Kinde mit den Grundzahlen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 gezählt. „Nun danken wir der Rechenmaschine", sagte Edeltrant. „Sie wird müde sein und sich zur Ruhe setzen wollen. Ich habe schon für einen Notbehelf gesorgt, für das Bild einer lebenden Rechen¬ maschine" und damit kehrte sie die eine Wandtafel um und ließ zehn Paare untereinander abgezeichneter Hände mit gespreizten — 12 — Fingern sehen. Die Finger wurden gezählt, die Fingerreihen num¬ meriert. Hierauf wurden die Finger jedes Zehners gezählt und zehnerweise weggelöscht. Dann kehrte Edeltraut die zweite Wandtafel um und sagte: „Hier ist die lebende Rechenmaschine noch einfacher abgebildet; statt der Hände mit den Fingern sind nur die Fingerballen abge¬ drückt. Der Ordnung halber sind alle in eine gerade Reihe gerückt". „Zählt die Ballen des ersten Fingerzehners! — des zweiten Zehners!" So ließ Edeltraut alle Ballenreihen abzählen bis zum zehnten. Hierauf löschte Edeltraut diese einfache Abbildung der lebenden Rechenmaschine aus und sagte scherzend: „O weh, was hab ich jetzt getan! Nun können wir nicht weiter rechnen! Die lebende Re¬ chenmaschine ist müde und ihr Bild ist vernichtet! — Was fang ich nun an? — Doch halt! Mir fällt etwas ein. Da im Kasten ist ja auch eine wirkliche Rechenmaschine. Es ist natürlich keine lebende, sondern eine künstliche. Die Fiugerballen sind durch kleine hölzerne Kugeln dargestellt, die auf Stäben stecken", und bei diesen Worten holte Edeltraut eine kleine Rechenmaschine aus dem Kasten und ließ die Kinder daran zählen. Erste, zweite, dritte, vierte, fünfte, sechste, siebente, achte, neunte, zehnte Kugel des ersten Kugel¬ zehners, 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8., 9., 10. Kugel des zweiten Kugelzehuers u. s. w., tönte es im Chore. „Es stehen also in jeder Reihe zehn Kugeln", faßte Edeitraut das Ergebnis der Kugelzählung zusammen. „Zählt nun die Zehnerreihen!" begehrte Edeltraut dann. Und wieder willfahrten ihr die Kinder. „Ich schob immer zehn Kugeln auf einmal von links nach rechts und ihr habt diese Schübe gezählt", meinte Edeltraut. „Wie viele Schübe habe ich zum Beispiel jetzt gemacht?" „Drei Schübe", antworteten die Kleinen. „Und jetzt?" „Fünf Schübe", scholl es ihr im Chore entgegen. „Und nun?" „Vier Schübe", gaben die Kinder an. — 13 — „Statt Schübe könnt ihr auch Züge sagen", belehrte Edeltrant ihre Schülerinnen und fragte dann: „Wie viele Zehner habe ich jetzt herüber gezogen?" „Sechs Zehner", wurde ihr entgeguet. „Wie viele Züge sind es also gewesen?" „Sechs Züge". „Zählt die Züge im Stillen mit!" befahl Edeltrant. „Nun, wie viele Züge habe ich getan", wünschte dann die Lehrerin zu wissen. „Acht Züge", kam es ihr prompt aus Schülermund zurück. „Und jetzt?" „Zehn Züge", schallte es wieder unisouo. „Zählt die gemachten Züge fortlaufend mit!" Und die Kinder gehorchten. „Wenn ihr unter euch seid, sprecht ihr die ü uicht so tief. Ihr sagt Schnellzige, Lastzige u. s. w." „Zählt unn einmal die Züge auf der Rechenmaschine auch so mundartlich aus" und die Kinder zählten: Einzige, zweizigc, dreizige, vierzige, sünfzige, sechzige, siebenzige, achtzige, nennzige nnd zehnzige. „Der Schnelligkeit wegen", sagte Edeltraut, „läßt mau beim Zählen heute das e bei Zige weg, sagt auch einzig nicht mehr, sondern zehn, statt zweizig, oder wie man früher sagte: zweienzig, sagt man heute zwanzig, statt siebenzig, sagt man kürzer siebzig, statt zehuzig sagt man einhundert, damit man leichter weiterzählen kann, hunderteins, hundertzwei u. s. w. Jetzt kennt ihr die Namen für eine Anzahl in Zehnerreihen geordneter Dinge. Sind zum Beispiel so viele Aepfel da, daß sie vier Zehnerreihen ausmachen würden, so sagen wir, es sind vierzig, auch wenn sie nicht in vier Zehnerzüge geordnet sind, sondern auf einem Haufen liegen." „Wann hätte ich sechzig Aepfeln?" fragte Edeltraut die An¬ wendung der gegebenen Regel von den Schülerinnen fordernd. „Wenn Sie so viele Aepfel hätten, daß Sie sechs Zehner¬ züge daraus machen könnten", antwortete ihr eine kleine Sieben¬ gescheite. „Und wann neunzig?" 14 — „Wenn Sie so viele Aepfel hätten, daß Sie neun Zehner¬ züge daraus bilden könnten," antwortete ihr richtig ein anderes Klassenlicht. „Wie viele Schülerinnen hätte ich, wenn ich so viele besäße, daß ich sie in zehn Zehnerzüge einteilen könnte", fragte Edeltraut schließlich. „Dann hätten Sie hundert Schülerinnen", wußten die Kinder anzngeben. „Gut gemerkt", lobte Edeltraut, indem sie die Stunde schloß. „Nächstens sollt ihr selbst das vereinfachte Bild einer Rechen¬ maschine anfertigeu." Von diesem Tage an stand eine große Rechenmaschine im Schulzimmer. Am folgenden Morgen war wieder Rechnen auf der Tages¬ ordnung. Edeltrant ließ die Kinder die Tafeln herausnehmen und sagte: „Es gibt noch eine Art von vereinfachten Bildern einer Rechenmaschine. Diese wollen wir heute zeichnen. Wir zeichnen nicht den Umriß von Händen, denn dazu hättet ihr nicht genug Platz ans eurer Tafel, nicht Fingerbälle, denn diese würden nicht gut ausfallen. Wir zeichnen die einzelnen Finger vereinfacht. Jeder Finger ein Strich! Alle gleich lang! Alle in zehn gleichen Reihen! Beginnt!" Und Lehrerin und Kinder zeichneten die hundert wohlge¬ ordneten Fingerstriche. Als man damit fertig war, begann Edeltraut auf der zweiten Tafel noch einmal und ließ die Kinder dabei zählen. Als sie zehn Striche gemacht hatte, setzte sie noch einen unter den ersten Strich und fragte: „Wie viele Finger sind jetzt?" „Zehn und einer", antworteten die Kinder. „Umgekehrt?" „Einer und zehn", gaben die Kinder zurück. „Einer über den laufenden Zehner, sagte man früher", er¬ zählte Edeltraut, „oder kürzer: Einlief". Daraus wurde durch Zu¬ sammenziehung eilf und elf. (Vernalecken). 15 — „Bielleicht hatte man einst rosenkranzartige Zählschnüre, die man durch die Finger laufen ließ, und die nach jedem Zehner einen größeren Würfel oder kugelförmigen Grenzstein hatten. Vielleicht waren solche Schnüre eine Art Kalender." Edeltraut setzte nach diesen Worten einen zweiten Strich in die zweite Reihe und fragte: „Wie viele Finger haben wir jetzt?" „Zehn und zwei", erwiderten die Schülerinnen. „Umgekehrt?" „Zwei nnd zehn". „Wie hätten die Leute das früher gelesen?" „Zwei über den laufenden Zehner". „Und kürzer?" „Zweilief". „Früher sagte man statt zwei, zwie, aber auch zwo", er¬ klärte Edeltraut. „Darum hieß es damals zwolief". „Wie heißt's heute?" „Zwölf". Nach diesem Gespräch zeichnete Edeltraut noch einen weiteren Strich und fragte: „Wie viele Finger sind jetzt?" „Zehn und drei", war die Antwort. „Umgekehrt?" „Drei und zehn." „Kürzer, ohne das verbindende Und!" „Dreizehn". Und so wurden alle folgenden Zahlennamen gefunden und daraus die gezeichneten Finger fortlaufend abgezählt. Edeltraut lehrte ihre Schüler nun auch an den eigenen Fingern fortlaufend bis hundert zu zählen indem sie immer wieder zum kleinen Finger der linken Hand zurückkehren ließ, sobald ein neuer Zehner zu zählen war. Hatte Edeliraut ihren Schülerinnen Zahl und Zahlennamen kennen gelehrt, so schritt sie zum Zeichen der Zahl zur Ziffer und zwar vorerst zur römischen Ziffer. „Ich will", sagte sie eines Tages zu ihren Kindern, „noch einmal Finger aufzeichuen und zwar immer so viele, als ihr mir zeigt. Zeigt zum Beispiel drei Finger! Gut! Nun zeichne ich sie — !6 — auf die einfachste Weis« auf". — Edeilraut machte drei gleich lange parallele senkrechte Striche. — „Weil sie znsammengehören, ver¬ binde ich sie oben und unten durch -einen wagrechten Strich und habe so ein Bild der Zahl: drei gewonnen. Ein sehr vereinfachtes Bild nennt man ein Zeichen. Das Zeichen für einen Lant heißt Buchstabe, das Zeichen für einen Ton nennt man Note, das Zeichen für eine Zahl aber führt den Namen Ziffer. Ich habe hier also die Ziffer für die Zahl drei oder kürzer gesagt, die Ziffer drei ausgeschrieben. Solche Dreier sieht man noch auf Uhren, denn die Uhren tragen fast alle noch römische Ziffern. Dieser Dreier ist nicht das gebräuchliche Zeichen für die Zahl Drei, sondern ein römischer Dreier. Wer kann nun einen römischen Einser, Zweier, Bierer machen?" Viele kleine Fingerpaare baten um die Erlaubnis. Edeltraut wählte nnd erhielt so die gewünschten Zeichen. Nun gebot sie: „Zeigt fünf Finger" ! Viele kleine Fünfer streckten sich in die Höhe. Edeltraut zeichnete einen Punkt mit fünf Strahlen. Dann sagte sie: „Das Bild des Fünfers muß noch vereinfacht werden. Biegt die drei mittleren Finger ein! Die Kinder gehorchten und nun löschte sie die mittleren drei Strahlen des Fünferbildes aus und verband die stehen gebliebenen Endstriche oben durch einen Querstrich und sagte: „Das ist das spätrömische Zeichen für die Zahl fünf". Auf ähnliche Weise erklärte sie ihnen die Ziffer Zehn, ent¬ standen aus zwei ursprünglich nebeneinander gestellten, dann über¬ einander gelegten Fünfern. Vierer und Neuner blieben vorläufig unverkürzt, ebenso vierzig und neunzig. Und nnn ließ Edeltraut die Zahlen bis hundert mit römischen Ziffern schreiben. Als dies das zweitemal geschah, hatten sich die Kinder unter den Strichen nicht mehr Finger selbst zu denken, sondern diese vor¬ stellende, zerschnittene, geknickte oder gekreuzte Stäbe. Es wurden eigene Schalen (Nullen) zu ihrer Aufnahme gezeichnet. Nur die Kreuze, also die reinen Zehner wurden nicht in solche Schalen gelegt. — 17 — Als Edeltrant das dritte Mal die Ziffern bis hundert schreiben ließ, wurden die Einer, d. h. die einzelnen Teile eines Zehners schon mit arabischen Ziffern geschrieben, die auch als Stäbchen er¬ klärt wurden, aber als solche, die in anderer Ordnung gelegt worden waren und später ganz blieben, aber dafür in derselben Weise gebogen wurden. Die Zehner wurden diesmal noch mit römischen Ziffern gezeichnet. Beim viertenmal wurden alle Zahlen mit arabischen Ziffern geschrieben, die reinen Zehner aber durch beigesetzte römische Zehner mit leerer Schale (40 — XXXXO) erklärt und "erst als man die Zahlen von eins bis hundert das fünftemal schrieb, geschah es in der herkömmlichen Weise mit arabischen Ziffern. Blau stellte Edeltraut öfter vor, daß ein solcher Vorgang ja viel Zeit brauche. Sie entgegnete mit Rousseau, daß es oft eine größere Kunst sei, Zeit zu verlieren, als Zeit zu gewinnen. Als man ihr vorhielt, es sei ja nicht notwendig, die Kinder zu Sprachgelehrten zu machen, sagte sie mit Felix Dahn: „Nichts weiß, wer Wurd nicht ehrt." Wenn man ihr vorwarf, bei ihrer Methode käme die Uebung zu kurz, antwortete sie, wer dem Verstand auf die Beine hilft, schafft den schnellsten Läufer. Und Edeltraut fuhr fort ihre Schüler zu bilden, statt sie nur zu dressieren. Es gab daher wenige Rechenstunden, in denen die Kinder nicht vor eine neue anziehende Aufgabe gestellt worden wären. V. Edelkrauts Wohnort. Wenn Edeltraut einen Schultag mit seinen Forderungen und Anregungen, mit seinen Erfolgen und Mißerfolgen, mit seinem Gram und seinem Glücke hinter sich hatte, flüchtete sie zu ihrem Großmütterchen, das ihr stets ein trautes Heim bot und sie so zärtlich der Sorgen um all' ihre leiblichen Bedürfnisse enthob. Wohl war Edeltraut im Elternhause daran gewöhnt worden, sich 2 — 18 - selbst zu bedienen. Allein sie war so mit ganzer Seele Lehrerin, daß sie glücklich war, wie ein Mann, nur ihrem Berufe leben zu dürfen. Noch glücklicher aber war sic darüber, daheim allezeit ein warmes Herz zu wissen, an das sie in Freud und Leid sich schmiegen durfte. Wie oft dankte sie Gott dafür, daß er ihr das teure Groß- Mütterchen so lange erhielt. Jahrelang streifte sie mit ihr tagtäglich nach der Schule in der wunderbaren Umgebung ihres Wohnortes umher. Es war eine Gegend, die Größe mit Lieblichkeit paarte. Und Edeltraut war bemüht, nach Goethes Rat, Nahrung der Großheit aus ihr zu saugen, wie Geduld und Stille. Das liebste Ziel ihrer Spaziergänge war der im Westen des Städtchens im Tale gelegene alte Eichenhain der eine so schickliche, poetische Oertlichkeit für das bunte Treiben eines fröhlichen Schul¬ festes, wie für eine stramme Schauübung der Schüler Jahns bot, der aber mit seinem malerischen Wechsel von goldneu Wiesenflächen und dunklen Baumschatten auch zauberisch wirkte, weun er in grüner Einsamkeit dalag. Gern auch klomm Edeltraut mit ihrem rüstigen Großmütter¬ chen zu dem Kirchlein auf der Höhe, welche die Stadt im Süden schirmte und von welcher das Triangelgeläute so lieblich ins Tal herab klang und zur Herbstzeit das trauliche Geklapper der Wind¬ mühlen einladend in die Stadt niederscholl. Und Edeltraut wurde nie müde, von dem langgestreckten Rücken dieses steilen Berges in die Gegend hinauszuspähen und das weite Tal mit seinen amphi- theatralisch ansteigenden Bergzügen im Norden zu bewundern und die im südöstlichen Bergwinkel sich duckenden Stadt mit ihrem in ein Nebelgewoge alter Salweiden malerisch eingerahmten, klaren Alpenflusse zu betrachten. Oft auch strebte Edeltraut mit ihrer treuen Gefährtin in den Abendstunden dem ostwärts gelegenen stets am längsten in Sonnen¬ gold getauchten mählichen Bühl, zu, auf dem zweigetürmt ein Kirchlein ragte. „Linden schatten dort so kühl. Wen Wauderschritte hingetragen. Bergwies' grünen Teppich breitet Zwischen finstre Tanneuwände. — 19 — lieber Turm und Zinken gleitet Trunkner Blick auf das Gelände. Abendnebel kriecht durchs Tal, Bergreih'n zieh'n in blauer Ferne, Vielgezackt ein Felsenwatt Flammt empor im Reich der Sterne." So erklärte Edeltraut einst in der Ursprache der Menschen ihre Vorliebe für diesen Pnnkt. Ein anderer solcher sonniger Gipfel lag im Norden der Stadt und auch dieser wurde von Edeltraud und ihrem Großmütterchen häufig besucht. Es war der letzte Ausläufer einer Hügelreihe und so nieder, daß er von einem höheren Berge gesehen, sich kaum aus der Talsohle hob. Trotz seiner Niedrigkeit gewährte er aber eine entzückende Rundschau. Die ganze wunderbare Mannigfaltigkeit eines gottbegnadeten Erdenfleckens offenbarte sich auf ihr. Dem Beschauer lag ein breites Tal zu Füßen, das sich viele Stunden lang von Morgen gegen Abend hinzog und überall eine äußerst reizvolle Umwallung besaß. Der weite grüne Talboden mit seinen Eichengruppen und Schwarzwäldern, mit seinen Wiesen und Feldern, seinen vielen goldenen Wasserspiegeln und Länder verbindenden Straßen war mit einem geschlossenen oder lockeren Häusergefüge zahlreicher Ortschaften wie übersäet. Gegen Osten begrenzte den Blick ein kirchleingeschmücktes Hügelgelände, über welchem an heitern Tagen einzelne Felshäupter aus dem Duft der Ferne tauchten. Gegen Mittag jedoch erhob sich eine lange, gipfelreiche Wald¬ bergkette mit ihren Hörnern, Kuppen und Rücken und vielen tiefen Sätteln dazwischen. Im fernen Westen aber ragte gleich einer schimmernden Fata morgana ein bis in den Sommer hinein duft¬ weißer Felskamm in das Blau des Himmels empor, der einen wunderbaren Gegensatz zu dem frühlingsgrünen Tale bildete. Blaue Bergrücken waren die Stufen dieses Felsenaltares. Einzelne hohe Berghäupter neben ihm standen da, wie Scitenaltäre. Im Norden des Tales aber stieg ein langes blaues Berg¬ massiv mit seinen Vorstufen hoch empor Von einer der letzteren löste sich eben jene niedere Bodenwelle, die sich bis in die Mitte — 20 — des Tales vorschob und von welchen Edeltraut und ihre Begleiterin so oft das herrliche Rundbild mit schönheitstrunkener Seele genossen. Und welch' zauberische Wolkenbildungen und magische Licht¬ wirkungen konnte Edeltraut hier beobachten. Wenn der glänzende Sonnenfalter tiefer und tiefer schwebte, flammten von seinen sin¬ kenden Schwingen Goldblitze durch die blauen Klüfte der Berge hin in die smaragdenen Täler. Sie woben eine Rosenkrone um hohe Felsenstirnen, sie leuchteten wieder aus allen Fenstern in Tiefen und Höhen und ließen manch segelndes Wolkenschiff in Purpnr- gluten auflodern. „Wer kennt die tausend Gestalten der Mutter Natur?" sagte Edeltraut eiust. „Gestern noch Schneewittchen im gläsernen Sarg, Heut erwacht, ein heulend Bettelweib nur, Gestern die Königsbrant, die im Schleier sich barg. Mit Sternenaugen, das Silberhorn im Haar. Und heute die hoheitsvolle Herrscherin gar Mit sonnigem Antlitz und leuchtendem blauen Gewand, Der Hermelin von der Schulter stolz ihr wallt. Hat je die Hehre einer ganz erkannt? Wer hat Natur erschaut in jeder Gestalt!" VI. Edeltrauts Lehrmethode. Die Abende nach solchen Wanderungen widmete Edeltrant ihren Berufsarbeiten: der Korrektur der Schularbeiten und der Vorarbeiten ans den Schul- wie auf den Privatunterricht. Denn in den ersten Jahren ihrer Lehrtätigkeit mußte Edeltraut auch Privatunterricht erteilen. Es war ihr Schade nicht, denn Edeltraut lernte durch Lehren und durch Vergleichung des Einzelunterrichtes mit dem Massenunterricht, durch Vergleichung der geistigen Anf- nahmsfähigkeit der Schüler auf verschiedenen Altersstufen. — 21 - Seit Edeltraut ihre fast nie versagende Rechenmethode ge¬ sunden hatte, sann sie beständig aus eine ähnliche Lesemethode. Sie selbst hatte sehr leicht lesen gelernt, aber in den Schulen ihres Wohnortes bildete der Leseunterricht sür den Fortschritt ein ebenso schwer zu nehmendes Hindernis, als der Rechenunterricht. Der Gründe dafür gab es mancherlei. Die Zweisprachigkeit der Gegend, die daraus enffpringende Unvollkommenheit der Umgangssprache, die Unmöglichkeit der schwer und lang arbeitenden Eltern, sich ihren Kindern zu widmen, und die also geringe Bildung der Schüler, die Weitläufigkeit der modernen Bodenverbauung und die dafür zu geringe Anzahl der Kindergarten, endlich aber auch die Verkennung der Hauptpunkte auf die es beim Leseunterrichte ankommt. Edeltraut halte bei ihrem Vater lesen gelernt, und dieser hatte sich dazu der Buchstabentäfelchen bedient, welche er der kleinen Druckerei im Kindcrspielzimmer entnommen hatte und Edeltraut hatte auch allein fleißig damit zusammengesetzt. Als Edeltraut einst Gelegenheit hatte, auf einer Schreib¬ maschine zu tippen, kam ihr die Idee, wie leicht das Lesen mit Hilfe einer Schreibmaschine, einer recht eigentlichen Znsammen- setzmaschine, müßte zu erlernen sein. Der Privatunterricht gab ihr Gelegenheit zu einem Versuch, der glänzend gelang. Nun wußte sie, daß die Lesemethode der Zukunft die Schreibmaschinenmethode sein werde und daß ihre Ein¬ führung in die Schule früher oder später erfolgen müsse. Edeltraut hatte in einer pädagogischen Zeitschrift einst die Mitteilung eines Landlehrers gelesen, der in der Elementarklasse unterrichtete: „In unserer Gegend", berichtete der, „wird das Schul¬ jahr im Herbst begonnen, die Wege sind schlecht, und die Ent¬ fernungen zwischen dem Schulorte und den Wohnstätten der eingeschulten Kinder sehr groß. Daher stehe ich in den Winter¬ monaten meist vor leeren Bänken. Wenn ich den gebräuchlichen Lehrgang einhielte, könnte ich nach dem Winter wieder von vorne anfangen. Ich wäre am Ende des Schuljahres mit dem vorge¬ schriebenen Lehrstoff nicht allein nicht fertig, sondern der schon ge¬ nommene würde über die Sommerferien zum großen Teile wieder — 22 — vergessen sein. Um nur einiges zn erreichen, muß ich es also anders ansangen. Ich lehre die Kinder zum Beispiel gleich zu Ansaug des Schuljahres alle Lautzeichen kennen. Kommt nun die schlechte Zeit, welche die A B C-Schützen ans Zimmer bannt, so versuchen sie sich aus Langeweile im Lesen und wenn sie daheim wieder flott werden, so haben sie mehr erlernt, als sie unter den obwaltenden Umständen durch deu Unterricht nach der üblichen Lesemethode ge¬ wonnen hätten." An diesen Bericht dachte Edeltraut, als ihr die Aufgabe zuteil wurde, die kleine Agate in der Knust des Lesens zu unterweise«. Ihr Plan war entworfen. Das Wichtigste, was sie anstrebte, war, daß ihr Zögling beim Lesen denkt. Es schien ihr daher kein Zeitverlust, mit ihrer kleinen Freundin über die verschiedensten Gegenstände zn plaudern. Heute erzählte sie ihr ein Märchen, morgen eine Fabel oder eine Sage und besprach sie dann, so wie es der Gegenstand erforderte. Ein¬ mal teilte sie ihr eine Begebenheit aus dem Reiche der Natur, ein andermal eine Geschichte aus dem Leben der Menschen mit. Bald bewunderte sie mit Agate ein Bilderbuch, bald studierten sie beide die Welt ihrer nächsten Umgebung, so daß ihre kleine Schülerin anfing, sich im Leben nach allen Seiten umznseheu, und ihr Ohr sich kluger Rede öffnete. Jetzt würde Agate lesen lernen, dachte Edeltraut, denn sie wird lesen wollen. Einst erzählte Edeltraut ihr das Grimmische Märchen von den drei Männlein im Walde und deutete es ihr. „Die böse Stiesmutter", sagte sie, „ist die Mutter Erde. Der Erde rechte Tochter ist die Nacht. Die ist schwarz, also häßlich, unfreundlich und faul. Die Stieftochter ist der Tag. Er ist ja der Sonne Kind und ist schön, freundlich und fleißig. Die drei Männ¬ lein im Walde sind die drei Zeitgötter: der Gott der jetzigen, der vergangenen und der künftigen Zeit. Sie sehen Tag und Nacht kommen und gehen und spenden Glück und Unglück: dem Fleißigen Schönheit, Reichtum und Liebe, dem Faulen und Lösen Häßlichkeit, Unglück und ein schreckliches Ende." „Was für vielbegehrte Dinge sielen dem schönen Mädchen bei jedem Worte aus dem Munde ?" fragte Edeltraut daun. — 23 — „Goldstücke", antwortete Agate. „Was für Dinge der häßlichen Schwester?" „Kröten". „Wie viele Goldstücke lagen da am Boden?" „So viele als das gute Mädchen Worte gesprochen hatte." „Und wie viele Kröten krochen im Zimmer umher?" „Auch so viele als das unartige Mädchen Worte gesagt hatte." Als das fleißige Kind ins Elternhaus heimkehrte, grüßte sie: „Gute» Abend!" Wie viele Goldstücke fielen ihr bei diesem Gruße aus dem Munde?" „Zwei". „Warum gerade zwei?" Weil sie zwei Worte gesprochen hatte. „Wie viele Goldstücke sallen dir bei jedem Worte aus dem Munde?" „Keine". „Wie viele Kröten?" „Auch keine". „Wie weißt du daun, wie viele Worte du gesprochen hast?" „Man kann es hören." „Aber nur, wenn man an das denkt, was man spricht." Denn alle Worte sind Namen. Man muß also darauf achten, wie viele Namen man sagt. „Das Wort Zwerglein zum Beispiel, ist ein Name. Woran denkst du, wenn ich es ausspreche?" „An ein kleines Männlein." „Was für ein Bild zaubert das Wort Kröte vor dein geistiges Auge?" „Das Bild eines Tieres". „Und das Wort Erdbeere?" „Eine Pflanze". „Papierkleid?" „Eine Sache". „Du siehst", sagte Edeltrant, „jedes Wort ist also ein Zauber¬ stab, der das Bild eines Dinges vor dem Geiste des Hörers er¬ scheinen läßt". — 24 — „Die meisten Worte , fuhr Edeltraut fort, „sind Namen von Dingen. Ein kleines Kind gebraucht anfangs nur Dingnamen. Ge¬ zeigt auf das Ding welches es will und nennt seinen Namen. Es gibt aber auch andere Wörter. Die Dinge haben Teile, die sich bewegen. Der Baum hat Neste, Zweige, Blätter, die zittern, sich wiegen, aneinanderschlagen, säuseln, rauschen, knarren, die Tiere haben Füße, die laufen, Flügel, die schlagen, Ohren, die sich spitzen. Schwänze, die sich ringeln. Menschen haben Hände, die arbeiten, eine Zunge, die sich zum Sprechen bewegt. Es gibt also auch eine Menge Wörter, welche die Bilder vor unserem Geiste in lebende Bilder verwandeln wie: laufen, schlagen, sprechen, arbeiten, wiegen. Wir nennen sie Tätigkeitsnamen. Auch kleine Kinder gebrauchen sie schon. Endlich gibt es Wörter, welche das Bild vor dem geistigen Auge genauer ausmalen. Zum Beispiel die rote Erdbeere, die grüne Wiese, das schöne Mädchen, die kleinen Männchen. Solche malende Wörter, die etwas nennen, was einem Dinge so eigen ist, daß man es nicht wie einen Teil von ihm wegnehmen und für sich haben kann, nennt man Eigenschaftswörter. Auch kleine Kinder gebrauchen schon Eigenschaftswörter. Zum Beispiel: Mamma bav, Bella schön, Anna schlimm. Kleine Kinder setzen Dingnamen, Tätigkeitsnamen und Eigenschaftsnamen einfach nebeneinander. Erwachsene stellen kleine verbindende Wörtchen inzwischen. Sie sagen zum Beispiel: Mamma ist brav. Bella ist schön. Anna ist schlimm. Solcher kleiner Füge¬ wörter gibt es eine Menge. Du siehst, wenn man wissen will, wie viele Wörter man gesprochen hat, muß man aufmerksam hören und denken. Du kannst dir dann auch einbilden, du seiest noch ein ganz kleines Kind und die Hauptwörter zuerst ohne Verbindung nebcu- einandersetzen. Zum Beispiel, ich sage: „Das schöne Mädchen wurde Königin." Du denkst, als kleines Kind hätte ich das so ausgedrückt: „Schönes Mädchen Königin". Aus wie vielen Wörtern bestünde dann deine kindische Rede?" „Ans drei Wörtern". „Mein Redcabschnitt?" „Aus fünf Wörtern!" — 25 — Das nächstemal hörte Agate das Märchen von den Stern¬ talern und wie Josef dem Pharao die prophetischen Träume, so legte Edeltraut ihrer kleinen Schülerin die Märchen, diese poetischen Träume der Volksseele aus. „Das arme Mädchen", sagte sie, „ist die Erde. Gott hat sie erschaffen. Er ist ihr Vater. Auf sein Geheiß hat die Sonne sie belebt. Sie ist der Erde Mutter. Im Winter aber, wo Nebel und Wolken den Himmel verhüllen, ist's, als ob Vater und Mutter ge¬ storben wären. Kalte Stürme umbransen die frierende Erde. Sie hat also keinen Ort, da sie sich erwärmen könnte, kein warmes Stübchen, kein warmes Bett. Im Vertrauen aus Gott aber wandert sie weiter durch die Himmelsräume. Sie hat nichts als die Kleider am Leibe und ein Stück Brot in der Hand. Da kommt ein armer Mann, den es hungert. Sie gibt ihm das Brot. Der arme Mann ist der Bauer, der die Feldfrüchte erntet. Ihm folgt ein Kind, dem es auf dem Kopfe friert. Dieses Erdenkind ist der Jäger. Die Erde gibt ihm Tierfelle zu Mützen. Das zweite Bettelkind ist der Schäfer, das dritte der Pflanzer, das vierte die Spinnerin; diese teilen sich in die Kleider der Erde. Der mächtige finstere Wald ist die Winter¬ nacht, die Sterntaler sind die Schneeflocken, das neue Hemdlein der Erde, in der es die Sterntaler aufsängt, ist die Schneedecke. „Was für Dinge sind mit ven Sterntalern des Rätsels ge¬ meint?" fragte Edeltraut. „Schneeflocken", antwortete Agate. „Warum werden sie Taler genannt?" „Weil sie oft talergroß sind". „Warum Sterntaler ?" „Weil sie aus lauter Sternchen bestehen". „Woher kommen sie?" „Sie fallen vom Himmel". „Warum kann man sie am Himmel nicht sehen?" „Weil sie zu klein sind". „Warum fallen sie nie aus heiterem Himmel?" „Weil sie Teile von Wolken sind." „Woraus bestehen die Wolken eigentlich?" „Aus Wasser". — 26 — „Wie weiß man dies?" „Weil es aus den Wolken tröpfelt". „Was ist der Schnee auch trotz der weißen Farbe und der Sternchenform?" „Wasser". „Wie weiß man dies?" „Er zerrinnt und wird wieder Wasser". „Warum fällt im Sommer Wasser, im Winter aber Schnee aus den Wolken?" „Weil es im Winter kalt ist". „Wie verändert die Kälte das Wasser?" „Sie verwandelt es in Eis". „Was ist Schnee also für Wasser?" „Schnee ist gefrorenes Wasser". „Welche Farbe hat frisch gefallener Schnee?" „Der Schnee ist weiß". „Du hast gesagt: „Der Schnee ist weiß", sagte nun Edeltraut. „Wie viele Goldstücke wären dir bei dieser Rede aus dem Munde gefallen, hätten die Nornenmännlein, dir die Gabe geschenkt, bei jedem Worte ein Goldstück hervorzusprudeln?" „Vier Goldstücke", lachte Agate. „Warum?" „Weil ich vier Worte gesagt habe". „Welche?" „Der" und „Schnee" und „ist" und „weiß". Edeltraut machte bei jedem Worte, das Agate sprach, einen Strich und scherzte: „Deine Goldstücke sind nicht gemünzt, sind Stangengold. Hier sind sie gesammelt. Bei dem Worte „der" ist das erste, bei „Schnee" das zweite, bei „ist" das dritte, bei „weiß" das vierte Stuck aus deinem Munde gefallen. Nun möchte ich nur deine Worte genauer anhöreu. Mir scheint, sie sind zusammengesetzt, wie die Schneeflocken. Zupfen wir sie auseinänder, daß wir die Sternchen darin finden. Nehmen wir zum Beispiel das Wort Schnee. Horch! Ich ziehe es auseinander. „Sch n ee". „Wie viele Laute kamen aus meinem Munde?" „Drei". „Welche?" „Sch n ee". „Ich hatte mich also nicht betrogen", sagte Edeltraut. „Das Wort Schnee ist zusammengesetzt ivie eine Schneeflocke und besteht gleichsam aus drei Sternchen. Ich zeichne diese drei Sternchen über das zweite Goldstück und versuche mein Glück mit dem dritten, vierten und ersten Wort". Und siehe, alle ließen sich zerlegen und aus Agatens Tafel standen über allen vier Strichen weiße Sternchen, welche die ein¬ zelnen Laute der vier Wörter bedeuteten. Agate wußte bald jeden nach der Stellung über einen Strich und nach der Orvnung in seiner Gruppe zu nennen. Sie sollte die gesuudeueu Laute aber auch aus neuen Wörtern schnell wieder heraushöreu. Deshalb sorgte Edeltraut für ihre Einprägung und öffnete dadurch auch Agatens Ohr für alle Natur- und Empfiudungslaute. „Wie schreit dein kleines Schwesterchen?", fragte sie Agate. „E, e, e!" ahmt diese, der Frage froh dem Wiegenkindlein nach. „Warum heißt deine Taube Lachtaube?" „Weil sie deutlich: he, he, he! lacht". „Was für eine Jahreszeit haben wir jetzt?" „Nun Winter", erwiderte munter die kleine Schülerin. „Was sehen wir da, statt grüner Wiesen und schöner Blumen?" „Nichts, als Eis und Schnee". „O je!' rufen wir dann aus, oder: „E, e, e! Nun gibt es Eis und Schnee. Blumen blüh'n au Fensterscheiben. Sind sonst nirgends auszutreibeu. E, e, e! Nun gibt es Eis und Schnee". (Schullied). „Sv ivie mit dem E machte es Edeltraut auch mit den übrigen Lauten. Und so wie das E und Ei, das S und Sch, das R und W, das N und D, so gewann sie endlich alle übrigen Laute und sorgte dafür, daß sie sich nicht so bald wieder aus Agatens Gedächtnis verflüchtigen konnten. — 28 — Edeltraut ließ in dieser Zeit viele Wörter zerlegen und wählte dazu die Namen der auf den eben besprochenen Bildern des Wohn¬ zimmers, des Hauses, des Waldes oder der vier Jahreszeiten usw dargestellten Dinge. Als alle Laute erkannt waren, nahm Edeltraut auch wieder kleine Sätzchen und schrieb ihr Bild mit Wortstrichen und Lautsternchen auf die Tafel und meinte: „Es ist doch ungeschickt, daß jeder Laut anders klingt und doch mit demselben Sternchen bezeichnet wird. Sollte nicht jeder sein eigenes Zeichen haben?" „Freilich", meinte Agate. „Welche zum Beispiel". „Nun der eine einen stehenden Strich, der andere einen liegenden, ein dritter einen Kreis, ein vierter ein Ei, ein fünfter ein Kreuz, ein sechster ein Sternchen", meinte Agate. Es sind aber 26 Laute uud es ist nicht leicht, 26 so einfache Zeichen zu finden. Man könnte die Laute zwar mit Ziffern be¬ zeichnen. Aber es ist schwierig, sich zu merken, daß diese Zeichen erstens eine Zahl und zweitens einen Laut bedeuten. „Weißt du, was Griechen und Römer und auch die alten Deutschen für Zeichen für die Laute gebraucht haben? Statt unserer Sternchen nahmen sie den römischen Fünfer. Und damit machten sie 26 verschiedene Zeichen, indem sie diesem Fünfer ver¬ schiedene Stellungen gaben und ihm auch einen zweiten gesellten. Sv war ein umgekehrter Fünfer das ein doppelter Fünfer das zwei übereinander gelegter Fünfer ein ö u. s. w." Agate zeichnete diese einfachen Figuren oft nach und merkte sic bald, um so mehr, als Edeltraut jetzt über die Sternchen immer das dem Laute eigentümliche Zeichen schrieb. Eines Tages erzählte Edeltraut nuu ihrer kleinen Schülerin das Märchen vom Rotkäppchen. Agate ahnte schon, daß es nicht wörtlich anszufassen sei und fragte daher: „Wer mag nur hinter dem lieben Rotkäppchen wieder stecken?" „Die Sonne", antwortete Edeltraut. „Die hat doch kein rotes Käppchen auf?" „O ja, die morgenroten Wolken". — 29 — „Aber nicht den ganzen Tag!" „Es gibt Gegenden, wo sie den ganzen Tag so nieder steht, wie bei uns am Morgen, wo sie nicht am Himmel, sondern aus der Erde zu gehen scheint und stets von rotgoldenen Wolken um¬ geben ist.' „Wer ist dann der Wolf?" wollte Agate wissen. „Der Tag- und Nachtschatten". „Und der Jäger?" „Der Tag", sagte Edeltraut. „Denn der Tag tötet die Finsternis und das rote Käppchen erscheint und dahinter das Mädchen". „Ein richtiger Wolf hätte es nicht verschluckt, sondern zer¬ rissen", meinte Agate nachdenklich. „Freilich", sagte Edeltraut. „Wemi man solche Märchen wörtlich nimmt, scheinen sie albern, daher wollen auch manche Lehrer nicht, daß man sie den Kindern erzählt". „O, das wäre schade!" rief Agate. „Nicht wahr? Nun tröste dich nur", erwiderte Edeltraut. „Ein großer Dichter sagt dafür: Märchen wecken das dichtend träumende Kindesherz mit leisen Reizen, so daß es später genug stark ist, (die lyrische Odenhöhe, die epische Ebene und das tragische Gedränge zu fassen), das schönste, schwerste und längste Gedicht zu begreifen und mitzufühlen". „Fränlein müssen mir also viele, viele Märchen erzählen", verlangte Agate nach Kinderart, aus dem Gesagten sogleich einen Gewinn für sich ersehend. „Natürlich", versprach Edeltraut. „Aber vorläufig wollen wir noch ein wenig bei Rotkäppchen bleiben. Das Rotkäppchen be¬ gegnete dem Wolf und er begleitete es ein Stück. Weißt du noch, wie das zu verstehen ist?" Als Agate nach einer passenden Antwort suchte, sagte Edel¬ traut : „Wo Licht ist, zeigt sich sogleich auch Schatten". „Nur wenn Rotkäppchen Sonne hinter Bergspitzen oder Wäldern hinlänst, verläßt sie auch der Wolf Schatten". — M — „Also", schloß Edeltraut schalkhaft feierlich: „Der — Wolf — traf — das — Kind — im — Walde". „Wie viele Goldstücke sind jetzt aus meinem Munde gefallen?" „Gar keine!" erwiderte Agate lachend. „Ja, nur ein Sonntagskind sieht Wunder", meinte Edeltrant scherzend. „Vielleicht hast du gehört, wie viele Worte ich gesprochen habe?" „Sieben", zählte Agate nach. „Zeichne die Goldstäbe dafür", befahl Edeltraut und fragte, nachdem Agate ihren Wunsch erfüllt hatte: „Wie hieß das erste Wort?" „Der", gab Agate an. „Zerzupfe es, wie der Wind die Wolken!" „D e r", zerlegte Agate. „Wie viele Flöckchen könntest du daraus machen?" „Drei". „Mache die gewohnten Zahlzeichen über das Wortbild". Agate zeichnete über den 1. Strich drei Sternchen. „Nenne den ersten bezeichneten Laut!" „D", sagte Agate. „Mache sein Lautzeichen über das erste Sternchen!" ordnete Edeltraut an. Und als Agate dieser Weisung gefolgt war: „Tue dasselbe auch mit dem zweiten und dritten Laut!" Agate gehorchte. „Verfahre nun auch so mit den übrigen Wörtern!" Als Agate mit Edeltrauts Hilfe den ganzen Satz zerlegt, die Laute gezählt, genannt und überschrieben hatte, nahm Edeltraut ihre kleine Schülerin bei der Hand und führte sie vor die neue, eigens für Agathe angeschaffte Schreibmaschine, zeigte ihr die Tasten mit den Buchstaben darauf, ließ sie darauf drücken und sehen, wie dann rückwärts auf einer Kautschuktafel das verkleinerte Bild des berührten Buchstaben entstand. Als sich Agate mit der neuen Haus¬ genossin befreundet hatte, ließ Edeltraut Agaten noch einmal den früher besprochenen Satz im Kopfe lautieren und dazu auf der — 31 Schreibmaschine die Buchstaben tippen und die Räume zwischen den Worten hervorbringen. Als es ziemlich geläufig ging, schob sie ein Blatt Papier ein, ließ den Satz nochmals tippen und übergab ibr den bedruckten Streisen als ihr erstes selbstverfaßtes Schriftstück. Agate überlas es, und lief daun damit zu Papa und Mamma, ihnen stolz die erste Probe der erlernten Kunst vorweisend. Bon nun an überschwemmte Agate ihre Eltern mit Zettelchen, auf denen Kosenamen, Bitten, kleine Mitteilungen u. dgl. standen. Auch sie selbst bekam eine Menge solcher bedruckter Streifen von den Eltern, Verwandten, Freundinnen und von Edeltraut, die Einladungen, Aufträge, kindliche Liebeserklärungen, kleine Spielverse, Auszähl¬ reime, Gedichte und Erzählungen enthielten. Die Schreibmaschine war Agatens liebstes Spielzeug und wurde für sie wirklich zur Schreiblesemaschine. Sie mußte sich die zu schreibenden Sätze und Wörter zer¬ legen und beim Lesen wieder zusammenziehen und lernte so das, worauf es beim mechanischen Lesen besonders ankommt und die Erkenntnis ihrer raschen Fortschritte ließen sie dankbar jeden neuen Fingerzeig Edeltrauts aufnehmen, der sie rascher ans Ziel der Lese¬ fertigkeit brachte, die ihr von so großem Werte war. Agate lernte durch die Schreiblesemaschiue, was bisher bei Kindern auf keine Art zu erreichen war: ihre Gedanken zu Papier bringen, ohne daß es dabei von Fehlern aller Art wimmelte, denn die Großschreibung fiel weg, weil die Schreibmaschine überhaupt nur große Buchstaben hatte, die weichen und harten Laute standen zur Wahl nebeneinander und forderten beständig zum prüfenden Vorhersprechen und Hören auf. Ebenso standen die Selbstlaute mit und ohne Dehnungszeichen nebeneinander, wodurch viele Fehler ver¬ mieden und viele Schreibarten früher auffielen und endlich die Anwendung dieser Zeichen durch einfache Regeln gestützt werden konnte. Trüblaute gabs nicht auf der Schreibmaschine; statt ihrer nahm mau die Urlaute und machte beim Ueberlesen die Gänse¬ füßchen darüber. Statt ck und tz schrieb man Doppel-K und Doppel-Z. Die Verdopplung der Mitlaute mußte freilich gemerkt werden. Aber Agate ließ nicht leicht dies Zeichen der Kürze weg. Es machte zu viel Spaß, zweimal ans demselben Buchstaben tippen zu können, als ob man telegraphierte. Edeltrant klopfte beim Kopflesen jedes¬ mal im 2/4 Takt, wenn ein Mitlaut zu verdoppeln war und Agate ahmte ihr nach und merkte sich so die Worte mit Doppelmitlauten. Die ganze Rechtschreibung war für Agate so nur eine stete Er¬ innerung an die richtige Aussprache der Wörter. Sie lernte schreibend lesen und richtig sprechen, so wie sie umgekehrt dnrch richtiges Sprechen schreiben und lesen lernte. „Wird Ihre Schülerin denn keine Handschrift lernen?" fragte man Edeltraut. „O ja", sagte diese „und zwar als Schönschrift in den Stunden für Schönschreiben. Dabei wird ihr die ganze Entwicklung eines Buchstabens vorgeführt und die leichteste eingeübt. Es wird ihr gesagt, daß man im Deutschen jetzt nur mehr die Anfangsbuchstaben der Wörter so mache, wie aus der Schreibmaschine noch alle seien und daß auch nur die wichtigsten Wörter der Sprache, die Ding¬ namen durch solche große Anfangsbuchstaben aus der Wortreihe hervorgehoben würden. Für alle anderen Wörter hätte man kleinere Buchstaben, die aber den größeren mehr oder weniger ähnlich sähen. Die Buchstaben seien später von schreibenden Mönchen verziert, von Schnellschreibern aber verbunden und schiefgestellt worden. Und das Gesagte wird Agaten durch Beispiele illustriert". „Das Kind lernt", fuhr Edeltraut fort, „bei Beginn des Schönschreibeunterrichtes gleichsam nochmals lesen nnd zwar in sehr langsamem Tempo nach der entwickelnden Methode, welche unsere Fibeln einhalten, aber es lernt nun das Lesen von Schrift und Druck mit kleinen und großen Buchstaben. Die Schreibmaschine unterstützt gleichsam nur die gebräuchlichen sechs- bis achtwöchent¬ lichen Vorübungen des Kopflesens. Sie ermöglicht ihm gedanken¬ schnell zu schreiben, gleichsam das Konzept zu machen, indeß die Hand gleichsam die Reinschrift liefert. Während die Schreibmaschine das Räderwerk des Verstandes in Gang erhält, führt die Einübung der Handschrift zu den Tugenden der Geduld, der Reinlichkeit, der Genauigkeit und des Gehorsams, und macht es nach und nach un¬ abhängig von der Schreibmaschine". — 33 — „Lassen Sie kein Lesebuch benutzen?", fragte man Edeltraut. „Sobald der Schonschreibunterricht beginnt, wird auch eiu Buch gebraucht", erwiderte Edeltraut, „und zwar benütze ich eine Fibel, die im Lateindruck versaßt ist. Da die Fibel denselben Lehrgang einhält wie der Schönschreibunterricht, nnd da Agate die historische Entwicklung jedes Buchstabens lernt, macht das Lesen im Buche trotz der großen und kleinen Buchstaben keine Schwierigkeiten". „Wann lernt Agate dann den deutschen Druck kennen?", fragte man. „Im zweiten Schuljahr", gab Edeltraut zur Antwort. „Diese Einteilung entspricht auch dem pädagogischen Grundsätze: Vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Zusammengesetzten!" „Im Massenunterricht", wandte man ein, „würde das Lesen in der Fibel trotzdem große Schwierigkeiten bereiten, ja vielleicht die Klippe sein, an welcher der ganze Leseunterricht scheiterte." „Im Schulunterricht", sagte Edeltraut, „würde ich mich keines Buches bedienen. Der Lateindruck schreibt sich ja so leicht und schnell, daß ich sogar den Setzkasten unbenützt ließe. Es ist besser, aller Augen haften auf der Schultafel und dem Lehrer, als die kleinen Fingerchen irren in der Fibel umher und treiben Allotria." „Wann beginnen Sie mit dem Schönschreiben?", wollte man wissen. „Gleich nach den Vorübungen", antwortete Edeltraut. „Und gleich mit Tinte?", fragte man weiter. „Gleich mit Tinte", sagte Edeltraut. „Aber ich schreibe den besprochenen Buchstaben vor, lasse ihn zwanzig Mal in der Luft und ebenso ost aus der Tafel und ebenso oft mit dem Stift in ein Heft schreiben, ehe er mit Tinte in das eigentliche Schönschreib¬ heft eingetragen und mit andern schon früher gelernten Buchstaben zu Wörtern verbunden wird. Dabei muß Griffel, Stift und Feder stets lang gefaßt werden, so daß sich Agate nicht später etwas mühsam abgewöhnen müßte, was ihr die Aneignung einer schwung¬ vollen Handschrift erschwerte." Agate lernte gerne und liebte ihre Lehrerin, die so heiter ihre Pflicht tat und sie so weise führte, daß ihr alles gelang, was sie erlernen sollte. 3 — 34 — Es war ein schwesterliches Verhältnis zwischen ihnen. Aber Agate hing mit bewundernder Zärtlichkeit'an Edeltraut. Wie stolz war sie, wenn Edeltraut ihr erlaubte, sie nach Hause zu begleiten. Und Edeltraut konnte ihr keine größere Freude machen, als wenn sie Agate zn sich einlud und ein paar Stunden mit ihr verlebte. Edeltrauts Großmütterchen hatte die Kinder lieb und sreute sich Agatens maßvoller artiger Munterkeit, scherzte mit ihr auf eine gar herzige Art, neckte sie und spielte ihr zu Liebe oft sogar ein Gesell¬ schaftsspiel. Die gute Agnes, Großmutters treue Magd, trug dann auf einen Wink irgend einen Leckerbissen herbei; Edeltraut brach der entzückten Schülerin Rosen, gab ihr zur Belustigung Rätsel auf oder sang ihr am Harmonium ein schönes Lied, das Agnes nach dem Gehör sekondierte. Edeltrauts schönes, kluges Windspiel begrüßte die kleine Agate stets mit Freudengebell und machte Miene, ihr mit seiner- langen Zunge liebkosend über das Gesichtchen zu fahren, Edeltrauts Lieblingstäubchen flog ihr auf die Schulter und kosete sie mit dem Schnäbelchen gar zart und der große Angorakater rieb sich an ihr und trieb sein neckisches Spiel. Kam Agate dann heim, so konnte sie nicht genug erzählen von dem, was sie alles in Edeltrauts Hause gesehen und erlebt hatte. VlI. Edeltrauts Heim. Edeltraut wohnte mit ihrem Grvßmütterchen in einem Land¬ haus, das auf einer kleinen Anhöhe stand. Anfangs hatten sie zur Miete darin gehaust, dann es als Eigentum erworben, nach eigenem Geschmacke verändert und: „Edeltrauts Heim" genannt. Das Haus war eine idealisierte Bauernhütte jener Gegend. Es schaute mit dem Giebel ins Tal hinab, wie andere Bauernhäuser, besaß ein quadratisches Mauerviereck wie sie und die landesüblichen drei quadratischen, zierlich vergitterten Fenster auf der Giebelseite. Auf den über das Mauerviereck vorspringenden Tragbüumen war auf der Giebelseite der gebräuchliche Gang, der ein Geländer aus — 35 — schrägen, gekreuzten Balken trug. Hinter diesem Gitterwerk, zn weichem die malerischen Scheunen der Gegend das Muster geliesert hatten, war die altersbranne Veriäselung der Dachbodenwand. Die Seitenwände dieser Veranda bildeten die beiden vorspringenden Längsflächen des Daches mit ihrem Balken- und Lattenwerk, die Decke aber gab das ortsübliche schiese, kurze Giebeldach her. Ueber dem mittleren Fenster der Giebelscite war in der Veranda die meist offenstehende Türe, rechts und links von ihr aber je ein kreisrundes Guckloch, das auf Edelrrauts Wunsch bunt verglast worden war. Das Dach des Hauses bestand ans grauem Schiefer und ähnelte also den Strohdäch ern anderer Bauernhäuser wenigstens in der Farbe. Diese großen altersgrauen Strohpelzhauben mit ihrem grünsamtnen Moosputz, unter welchen zur Herbstzeit die goldgelben Maislocken herabhängen, geben den niederen Hütten jener Gegend ein zwar ärmliches, aber nichtsdestoweniger sehr malerisches Aussehen. Dazu trägt ohne Zweifel das auf einer alten Ueberlieserung beruhende und ohne Verständnis seines Wertes beibehaltene schöne Verhältnis aller seiner Teile bei. Das Mauerviereck nimmt ein Drittel, das Dach zwei Drittel der Höhe ein. Das gibt den Längsseiten zwar das Aus¬ sehen, als ob das Haus sich in den Boden drücke, verleiht aber der Giebelseite einen um so harmonischeren Anblick. Hier bildet das weiße Mauerviereck das untere, das braune Holzwerk der Dach¬ bodenwand das zweite und das graue Giebeldach das dritte Drittel. Die drei quadratis chen Fenster im blauen Stukkaturrahmen nehmen das mittlere Drittel des Mauersockels ein. Die Breite der Giebelwand beträgt ein Drittel der Höhe. Die verschiedenen Stoffe, aus denen diese Häuser erbaut sind, wie die natürlichen Farben, die das Alter diesen Stoffen gibt und endlich der bnnte Schleier, den die Natur um sie webt, lassen sie überaus traulich und poetisch erscheinen gegenüber den netten, reinlichen aber außerordentlich nüchternen Neubauten, die immerfort zahlreich wie die Pilze nach einem Gewitter überall aus dem Talboden aufschießen. Es war Edeltrauts Ideal, die Solidität dieser Neubauten mit dem poetischen Indivi¬ dualismus jener alten Hütten zu vereinen und aus diesem Bestreben war allmählich die Gestalt ihres Heims hervorgegaugen. Die alters¬ braunen Holzwände des Dachbodens hatten dem Mauerwerk weichen — .'»6 — müssen, aber des malerischen Aussehens wegen, waren diese oberen Giebelmanerhälften mit braunem Holzwerk getäfelt worden. Das Strohdach fiel, aber es war durch eiu graues Schieferdach ersetzt. Dieses sprang an den Längsseiten weit vor wie das Strohdach, aber es war durch acht braune Holzfäulen gestützt. Der Gang der Giebelseite war vollständig entwickelt, nicht nur angedeutet und wurde von fünf Rundsäulen getragen. Weinguirlanden schlangen sich von Säule zu Säule. Der gemauerte Vorbau, welcher die Haustüre enthielt, war in einer Gerämslanbe fortgesetzt. Das Hintere Blockhausquadrat, das ehevem die Wirtschastsräume umschloß, war ausgemauert, erinnerte aber durch die fachwerkartige Bauart an die ehemalige Bestimmung. Rings um das Häuschen war der Erdboden in eine Fläche ver¬ wandelt, so daß nur der Wall blieb, auf dem das Häuschen stand, und dieser Wall war stufenförmig ausgemauert und im Rohbau gelassen, so daß Edeltrauts Heim einem kleinen Tempel glich. Bor den Gerämslauben war der Stufenban überdeckt und geländert und hier war es auch, wo die Weinstöcke sproßten, die Edeltrauts Heim so malerisch umrankten. Den Plan um das Haus hatte man mit Rosenbeeten, lichten Birkengruppen und Bergahornen geschmückt, die Wege waren mit Kies bestreut, und da auch die Fenster in bun¬ tem Blumenflor prangten, so gewährte Edeltrauts Heim einen überaus lieblichen Anblick nnd es war in Wahrheit ein Familien- hans der Zukunft geworden, in dem sich philisteriöse Nettigkeit mit malerischer Eigentümlichkeit vereinigte. Als Edeltraut an den Orr kam, an dem sie berufen war, zu wirken, hatte sie ihren Kollegen und Kolleginnen nur im Schul¬ hause ihren Besuch abgestattet und hatte ihren Gegenbesuch auch nur im Schulzimmer empfangen. Sie hoffte indes mit der Zeit in ein näheres Verhältnis zu ihnen zu treten. In der großen Vormittagspause sah und sprach man sich tagtäglich entweder im Schulhofe oder in den Gängen, in den Konferenzen arbeitete man gemeinsam und am Anfänge des Schuljahres besprach sie mit ihrer Vorgängerin und mit ihrer Nachfolgerin das neu übernommene und das abgegebene Schülermaterial. Als junge Lehrerin suchte sie öfters den Rat der älteren Kolleginnen und so lernte sie ihre Amts¬ genossen nach und nach näher kennen. Sie schützte ihre Vorzüge, bewunderte die Mütterlichkeit der einen, die Geduld und Sanftmut der anderen, das Ordnertalent einer dritten, die Erfindungsgabe einer vierten, die heitere Sicherheit einer fünften, die unfehlbare Genauigkeit und künstlerische Begabung eines sechsten, den auf alles Wesentliche gerichteten universellen Geist eines siebenten, den Takt und die konkrete Einfachheit einer achten, den nimmermüden Eifer und die eindringliche Beredtsamkeit einer nennten; sie fühlte das Wohlwollen aller, aber in ein näheres außerdienstliches Verhältnis trat sie zu niemanden. Ihre Klassen¬ nachbarin war durch einige Jahre eine jüngere Kollegin von ge¬ radezu genialer, pädagogischer Begabung und selten früher Lebens¬ reise. Diese schien alle Vorzüge der übrigen Kolleginnen in sich zu vereinen. Edeltraut sprach daher sehr gerne mit ihr. Einst er¬ zählte ihr diese junge Kollegin nnn von ihrer Ferienreise nach München, von den Kunstschützen dieser Stadt, erwähnte der herrlichen Porzellangemälde, die sie dort gesehen und erinnerte sich mit Entzücken einer heiligen Zäzilia, deren himmlischen Gesichts- ausdrnck sie nur einmal noch zu sehen wünschte, deren Schöpfer aber sie nicht mehr zn nennen wußte. Da sagte Edeltraut sehr freundlich: „Vielleicht kann ich Ihren Wunsch erfüllen. Schenken Sie mir einmal das Vergnügen Ihres Besuches!" Fräulein Marie versprach, von der gegebenen Erlaubnis Gebrauch zu machen und erschien au einem der nächsten schulfreien Nachmittage in Edeltrauts Heim, lieber diesen Besuch berichiete die originelle, muntere, rede¬ gewandte junge Lehrerin später ihren Kolleginnen folgendermaßen: „Gestern pilgerte ich nach Edeltrants Tempelheim. Edeltraut hatte mein Kommen von ihrem die Gegend beherrschenden Hochsitz längst erspäht und empfing mich au ihrer Gartenpforte wie man einen Potentaten unter einem Triumphbogen begrüßt, überreichte mir zum Willkommgruß ihre schönsten Rosen und geleitete mich durch ihren reizenden Garten bis an die Stufen ihres Heiligtums. Hier lud sie mich durch eine graziöse Armbewcguug ein, den zwischen zier¬ lichen Geländern hin führenden überdeckten Treppenweg zu betreten. Ich stieg also das weinumlaubte Sticgenhaus, gefolgt von Edeltraut, empor, überquerte den Säuleugang in einer Vorlaube und betrat den Flnr. Hier sah ich mir geradeaus gegenüber die offenstehende — 38 — Hintertür mit einer zweiten Geramsvorlaube, in der Tiefe des Flures aber rechts den Eingang in den Keller, links den Bodenanfgang und darunter eine Türe mit der Aufschrift: „Mensch, du bist Staub und wirst wieder Staub". Im Vordergründe aber bemerkte ich rechts und links je eine Türe. Eseliraut dirigierte mich dnrch die Türe rechts, um mich ihrem Großmütterchen znzuführen. Nachdem ich dieser meine Ehrerbietung bezeigt und den mir angeborenen Platz angenommen hatte, ließ ich meine Blicke fleißig in dem Raume umherspazieren und weil von dem, wovon das Herz voll ist, bald der Mund übergeht, so plauderten wir denn auch bald von Edel« trauts Heim. Es war ein seltsamer Wohnraum, in dem wir saßen. Ich habe noch keinen ähnlichen gesehen. Vor allem mußte ich seine Größe bewundern. „Die war ihm nicht von jeher eigen", sagte Edeltraut; „so stattlich auch das Bauernhaus war, aus dem mein Heim wurde. Die Wohnstube hatte, wie gebräuchlich, ein Neben¬ stübchen. Wir aber ließen die Zwischenmauer, welche das Hans in seiner ganzen Länge durchzog, rechts und links vom Vorhaus herausnehmen und so entstand dieser große siebenfenstrige Raum, aus welchem die Sonne den ganzen Tag nicht weicht. Früh morgens schon brechen ihre purpurnen Lichtfluten zwischen den Topfblumen der Fenster zu unserer Linken, des Mittags strahlt sie durch die Gitter der drei Giebelfenster vor uns und noch spät abends wirft sie ihre goldenen Lichter durch die zwei Fenster zu unserer Rechten in das dunkelnde Gemach. Und wie traulich sind hier die Dämmerstunden, wenn der Mond sein Silberlicht durch die Butzenscheiben auf die dunklen Dielen fließen läßt und reizende Schattenringe darauf malt!" „Licht Haven Sie also genug", meinte ich, „Licht bei Tag und Nacht, und Luft auch. Ohne ein Meer von frischer Lust um sich zu haben, könnten Sie, Fräulein Edeltrant, wahrscheinlich gar nicht leben". „Wenn ich den erquickenden Hauch der reinen Luft einsauge, ist's mir allemal, als ob ich Gottes Odem tränke", sagte Edeltrant. „Ihre Luftfreundlichkeit kommt auch den Kindern zu gute", erwiderte ich darauf. „Sie sorgen so treu sür die regelmäßige Luft- erneuerung in Ihrer Klasse." „Fräulein Edeltraut", erzählte ich — 39 - ihrer Großmutter, „geht niemals aus der Schule, ohne alle Fenster zu öffnen und sei es noch so spät". „Sie lebt so viel sür die Schule, daß sie überhaupt nicht Heim¬ zukriegen ist", klagte die gute Frau, die im schwarzen Spitzenhäubchen mit dem Schnee des Alters aus dem Scheitel, der Alpenrosenglut auf den Wangen und den blauen sternenhellen Aenglein noch so schön ist. „Fräulein Edeltraut ist eben eine sehr gewissenhafte Lehrerin", tröstete ich sie, „sonst würde sie eine so liebe Großmutter und ein so schönes Heim gewiß nicht vernachlässigen". „Ach", sagte Edeltraut, „ich weiß ja, welchen Schatz ich an meinem getreuen Hausmütterchen besitze, und wie sehr andere hier fremde Kolleginnen mich um ihn beneiden, und ich fühle mich ja so wohl daheim, daß ich nicht ohne zwingende Notwendigkeit nach den Unterrichtsstunden in der Schule bleibe". „Du bist zu strenge, zu genau! Faule, böse Kinder verdienen cs nicht, daß Du Dich ihnen opferst", hielt die alte Frau ihr vor. „Ach, Großmütterchen", sagte Edeltraut, „ich muß in solchen Fällen stets an das goethische Wort denken und darnach handeln: „Liegt dir gestern klar und offen, Wirkst du heute kräftig, frei, Kannst du auf eiu Morgen hoffen, Daß nicht minder günstig sei". Nm dieses „Morgen" zu retten, kann ich meinen Schülerinnen heute nichts schenken und muß mich ihnen opfern. — Wie doppelt schön und traut kommt es mir dafür nach solchen schweren Stunden daheim vor!" „Ihr Heim, in dem solch verehrenswerter Geist der Lieb' und Güte herrscht, ist wirklich auch an und für sich sehr anziehend. Richt allein Größe, Beleuchtung und Farbentvn des Raumes selbst, auch seine Einrichtung ist bewunderungswert. Welch' hübsche ge¬ diegene Vertäfelung zum Beispiel!" sagte ich. „Diese Vertäfelung", erklärte Edeltraut, „ist nicht nur eine schöne Arbeit, sie ist auch eine sehr nützliche Erfindung sür solche frei¬ stehende Häuser. Mir hält sie mein Großmütterchen warm. Ueberdies be¬ fördert sie Ordnung und Reinlichkeit. In ihrem flachen Kasten birgt sich — 40 — nicht nur eine Küchenkredenz, ein Speisenkasten, eine kleine Holzkammer, sondern auch eine Büchersammlung, ein Musikinstrument u. a. m." „Bedrückt Sie die dunkle Farbe dieser Verkleidung nicht?", fragte ich. „Hier im Freien", meinte Edeltraut, „auf sonniger Hohe um¬ gibt uns stets eine solche Fülle blendenden Lichtes, daß das Auge oft eine Stätte sucht, wo es vor diesem reizenden Funkeln, Blitzen und Leuchten Ruhe hat". „Viel zu kostspielig nur finde ich diese Vertäfelung, wie unser ganzes Heim", sagte Edeltrauts Großmütterchen. „Edeltrant ist genußsüchtig in ästhetischer Hinsicht". Edeltraut aber verteidigte sich, indem sie erwiderte: „Die Kunst war einst Bedürfnis der Volksseele und muß es wieder werden". „Ich halte es nicht für beschämend, einzngestehen, daß sie mir ein Lebensbedürfnis ist nnd ich glaube auch nicht unrecht zu tun, wenn ich durch mein Beispiel zur Nachahmung reize. Ich glaube an Schillers Wort: „Ihr werdet den Menschen nicht früher moralisch machen, ehe ihr ihn nicht ästhetisch gemacht habt". „Solch ein Bedürfnis ist aber meist zu kostspielig für den Einzelnen", warf Edeltrauts Großmütterchen ein. „Erstens", gab Edeltraut zur Antwort, „besteht die Schönheit eines Dinges, wie Rousseau auseinandersetzt, nicht in der Kost¬ barkeit seines Stoffes, sondern in der edlen Form, in dem schönen Verhältnis seiner Teile zu einander, zweitens muß sich ja nicht jeder solch' schöne Dinge immer neu anschaffen. Mein Heim wird hoffentlich noch mehrere Generationen erfreuen". „Heutzutage will ja niemand alte Geräte haben. Er fürchtet, damit alte Krankheiten zu erben", meinte die kluge, alte Frau. Edeltraut aber entgegnete: „Luft und Sonne töten alle An- steckuugskeime, und gibt es heute nicht eine Fülle von Desinfektions¬ mitteln ?" „Haben wir aber nicht auch sehr kostbare Ziergegenstünde, die ihrer Gebrechlichkeit wegen schwerlich auf spätere Generationen übergehen werden?" fragte Edeltrauts Großmutter. „Sind nicht viele von ihnen alte Erbstücke?" gegenfragte Edeltraut, „und sie werden ans deiner arbeitskundigen Hand und — 41 — aus Agnes fromme» Madonneuhünden ebenso heil in andere Hände übergehen". „Und von Fräulein Edeltrauts feinnerviger Künstlerhand droht ihnen gewiß auch kein Unheil", warf ich ein. „Wer, wenn ich bitten darf, ist übrigens Agnes?" „Meine langjährige, getreue Dienerin", gab die alte Frau Auskunft. Sie ist mir auch hierher uachgefolgt und dient uns nicht nur mit allzeit willigen Füßen und regsamen Händen, sondern was tausendmal mehr ist, mit ergebenem Herzen." „Sie ist wahrhaftig ein Geschenk des Himmels für uns", fügte Edeltraut hinzu. „Nicht nur, daß sie den seltenen und doch guten Menschen so natürlichen Takt besitzt, der es uns ermöglicht, sie wie eine Verwandte zu behandeln, sie ist auch so verständig, daß man gerne mit ihr spricht, so verschwiegen, daß wir aller un¬ gemütlichen Vorsicht ini Reden enthoben sind, so wahrhaft an¬ hänglich und pflichtgetreu, daß ich Großmutter ohne Sorgen viele Stunden lang ihrer Obsorge anvertrauen kann." „Diesen Schntzgeist Ihres Heims möchte ich auch kennen lernen", sagte ich. „Sie werden sogleich das Vergnügen haben", versprach Edel¬ traut, „denn sie wird uns das Vesperbrot kredenzen". Und wirklich trat bald daraus die Genannte ein, wurde von Edeltrauts Großmutter herbeigerufen und mir als ihre liebe, treue Hausgenossin Agnes vorgestellt. Ich reichte ihr die Hand und sagte, es freue mich, in ihr eine Freundin des Hauses kennen zu lernen, über die ich soeben viel Gutes und Schönes gehört hätte. Sie aber erwiderte klug und bescheiden, ihre Herrinnen hätten sie wohl wieder über die Gebühr gelobt. Es wäre ja keine Kunst, so gerechte und gütige Frauen zufrieden zu stellen. „So wird es Ihnen also jetzt auch nicht schwer fallen, Hungrige zu speisen", scherzte Edeltraut. „Gewiß nicht", antwortete Agnes freundlich und trat zu dem dunkelblauen, quadratischen schönen Kachelofen in der Mitte des Zimmers, der von einem Mauerhimmel überspannt war, welcher an einen Schornstein erinnerte, aber nur einen Dunstschacht barg. — 42 — Agnes entnahm einer der Ofenhöhlungen ein sehr zierliches Majolika¬ geschirr und stellte es auf den dunklen Eichentisch in der vorderen linken Ecke des Raumes. „Wie eigenartig der Ofen in der Mitte des Zimmers wirkt", sagte ich, „wie ein griechischer Opferaltar, der den Hausgöttern geweiht ist". „Dieser Ofen", sagte Edeltrant, „ist in der Tat ein Herd". „So wird hier gekocht?" erkundigte ich mich überrascht. „Sie befinden sich in einer ganz gewöhnlichen Wohnküche" antwortete Edeltraut. „Die man sich aber gefallen lassen kann, da sie mit so viel künstlerischem Geschmack ansgestattet ist", entgegnete ich. Agnes hatte indes die Tassen auf den mit altdeutscher roter Kreuzstichstickerei geziertem Tischtuch geordnet und einen altdeutschen Krug an dem Brunnen in der Türecke mit frischem Wasser gefüllt. Edeltraut bat zum Kaffee. Der Einladung folgend, näherte ich mich der dunklen Ecke, die jetzt durch bunte Tücher, Tassen, Krüge und Blumen so freundlich belebt war. Dabei erhob ich meine Augen zu der Stelle, wo in Bauernhäusern der Hausaltar an¬ gebracht ist. Auch hier war er durch ein dunkles Eckbrett angedeutet, auf welchem als seltener Schmuck ein wunderliebliches Porzellan¬ gemälde lehnte. Das Bild versetzt den Beschauer in die Zeit der Geburt Christi's. Bis ins ferne Morgenland ist die Kunde von der bevorstehenden Geburt des Erlösers gedrungen. Ein Stern hat dort aufgeleuchtet und ist als Wegweiser den drei Weisen voran¬ gezogen, die sich aufgemacht haben, das göttliche Kind zu suchen, lieber dem Stall von Betlehem bleibt der Stern stehen und die morgenländischen Könige haben die Diener mit den Kameelen außen harren heißen und schreiten nun bei Sternenschimmer durch die weinumrankten Türpfosten in den niedrigen Raum. Da tritt ihnen in überirdischer Hoheit und Anmut ein Weib mit einem holdseligen Kind auf den Armen entgegen. Der Glanz des Wundersternes um¬ fließt uud verklärt sie. Ueberwältigt von dem Zauber reiuer, gott- erfüllter Menschlichkeit beugen sich die fremden Könige vor der Mutter und dem Kinde: der menschenkundige Greis tiefer, ehr¬ erbietiger, der jugendschöne Perser feuriger, entzückter, scheuer der reife Türke, und sie besinnen sich nicht, dem Kinde armer Zimmer- — 43 lente königliche Gaben darznbringen. Voll frommen Staunens steht Mariens Beschützer im Hintergründe. „Von welchem Künstler ist dieses Bild", ries ich entzückt ans. „Es ist die heilige Familie von Franz Hoffmann", erklärte Edeltrant. „Nicht wahr, es wirkt hier in der dunklen Ecke zwischen den blnmengeschmückten, sonnenhellen Butzenscheibenfenstern recht stimmungsvoll!" „Man konnte nichts Passenderes finden für den Hansaltar einer so malerischen Bauernstube als dieses schöne Bild mit seiner niedrigen ländlichen Oertlichkeit und der Naturkindern so verständ¬ lichen inneren Hoheit seiner schlichten Gäste", entgegnete ich. „Und was für hübsche Spruchtafeln hier unten in die Vertäfelung ein¬ gelassen sind", rief ich bewundernd aus und fing an die bunt¬ bemalten, gotischen Holzschnittbnchstaben zu Wörtern und Sätzen zu sammeln. Ich erfuhr so, daß von einer dieser Tafeln die Bitten des Vaterunsers, des Gebetes der Gebete, von der andern aber Edel¬ trants Trostlied: „Wer nur den lieben Golt läßt walten", mit ihren eindringenden Worten zum Herzen der Stnbenbewohner sprachen. Edeltrants Großmütterchen aber führte uns ans den höheren Regionen des Kunstenthnsiasmns wieder auf die Erde zurück, indem sie uns bat, den Kaffee doch ja nicht kalt werden zu lassen. Ich mußte mich ans eine Eckbank setzen, die alte Frau saß auf der zweiten, Edeltrant zog einen der hübschen Bauernstühle mit dem herzförmigen Ausschnitt in der Lehne herbei und ließ sich da¬ rauf nieder. „Und Sie, liebe Agnes", sagte ich, werden die vierte Seite des Tisches leer lassen?" „Vorläufig ja", erwiderte die taktvolle Agnes. „Aber wenn gnädiges Fränleiu erlauben, werde ich später so frei sein, ein paar Augenblicke mit Ihnen zu verplaudern" und mit diesen Worten ging sie in die vordere rechte Ecke, wo vor Wandbänken ein Mar¬ morrisch stand, öffnete die Wandkasten, deren Füllungen mit Obst und Blumenstöcken sehr geschmackvoll bemalte Porzellanplatten bil¬ deten, und entnahm den Fächern Backwerk, Obst und Wein, ge¬ schliffene Gläser und zierliche Tellerchen und verschloß dann die Kasten wieder. Wir hatten indessen unseren trefflichen Kaffee ge- — 44 - schlürft und meine Augen waren dabei bewnndernd über die gegen¬ überliegende Ecke gestreift, in der ich nach meinem Eintritte Platz genommen hatte. Jetzt bemerkte ich erst, wie sinnvoll auch diese Ecke ansgenützt worden war. Die Füllungen der Vertäfelung in dieser dunkelsten Ecke sind durch Spiegelgläser ersetzt. Die Ecke aber ist durch eine Säule ansgefüllt, die eine schwebende Mondgöttin trägt. Die sich vorneigende Gestalt hält in ihrer ausgestreckten Rechten die griechische Ampel, welche diesen Raum erhellen soll und deren Leuchtkraft durch die Spiegel sehr erhöht werden mußte. Vor der Säule stehen: ein Ruhebett, dessen schwellende Kissen mit pfauenblanem Wollplüsch überzogen sind, ein schöner Nnßholztisch und drei gepolsterte Armstühle. Der Boden ist hier mit einem gelbbraun abschattierten, parquettmusterartig gezeichneten, weichen Teppich bedeckt, auf dem sich in dem Augenblicke Edeltrauts schnee¬ weißes Windspiel bequem machte, dessen Kopf zur Hälfte schwarz wie die Nacht, zur Hälfte licht wie der Tag ist. „Großmutters allergetreuester Hofnarr und mein zärtlicher Liebling", stellte ihn mir Edeltrant vor. „Ein ebenso kluges als anhängliches Tier und ein großer Kinderfreund' . „Also ein sehr passender Hund für eine Lehrerin", sagte ich. „Wie heißt er?" „Lio", entgegnete Edeltraut. „Sein Name ist so weich und lieblich, wie er selbst". Agnes hatte inzwischen die Kaffeetassen entfernt und uns das Backwerk, den Wein und das Obst vorgesetzt und Edeltrants gutes Großmütterchen hatte mich freundlich ermuntert, zuzugreifen. Wäh¬ rend ich diesen guten Rat befolgte, betrachtete ich den altdeutschen Weinkrng vor mir und lobte ihn. Da sagte Edeltraut: „Das ist ein sehr alter Haus- und Tischgenosse von uns. Ich habe ihn stets mit Wohlgefallen angesehen, aber erst jetzt verstehe ich ihn, oder vielmehr den Künstler, der ihn verziert hat." „Wieso?" fragte ich. „Dieser grüne Tonkrug mit seinen erhabenen Bildern und dem vertieften Linienschmnck", sagte Edeltraut, „besteht, wie Sie sehen, zum Scheine aus drei Stücken: ans einer tiefen Untertasse, aus einer halbkugeligen Trinkschale und aus einem Deckel, der durch — 45 — dcn Henkelbogen mit einem tnrmartigeu Anfsatz verbunden ist. Diese drei Teile sind offenbar ans Holz gedacht. Der schmale Streifen, welcher von der ans Holz geschnittenen Trinkschale mit dem langen Boden¬ zapfen zwischen Untertasse und Deckel sichtbar ist, zeigt reiches Bild¬ werk: mit Tranben behängte Rebenzweige schlingen sich als Gnirlande um sie. Eine Fackel teilt diese in die Hälfte. An diese Leuchte ruhen, Rücken gegen Rücken gelehnt, zwei Genien, deren einer einen Becher, deren anderer eine Tranbe hält. Am entgegengesetzten Ende des Durch¬ messers ist hier an der Schale durch eine Satiermarkc die Stelle angedentet, ivo bei aufgesetztem Deckel der blattartig auslaufende Henkel seine Stelle hat. Untertasse und Deckel sind scheinbar aus Dauben gefügt und durch Reifen zusammengehalten. Die Dauben der Untertasse zeigen eingekerbte Blumenmuster. Die Seiten des ausgehöhlten Deckelboden¬ zapfens sind mit Schnitzereien bedeckt und zwar mit drei Satirmasken, die den Mund wahrscheinlich zum Sprechen offen halten und die durch Blumen und Obststücke von einander getrennt sind. Ober diesem Zielstreifen ist ein Spruchband mit der Inschrift: „tu vino vsritas". So erzählt einem solch ein alter Hausfreund oft ein Stück Kultur¬ geschichte. „Vielleicht hätte ich die Wahrheit früher erfahren, wenn ich den Krug nicht mißbraucht und daraus Wasser getrunken hätte, statt Wein", schloß Edeltraut. Ich aber schaute mir den hübschen Krug nachdenklich an, und mußte mir gestehen, daß die Verzierungen desselben nicht leicht anders zu erklären seien und bewunderte Edeltrauts Gabe, überall die Wahrheit zu erkennen. Als ich diesen Gedanken Worte verlieh, sagte Edeltraut: „Ich habe allezeit die Wahrheit geliebt. Sollte es mir daher nicht leichter sein, sie zu finden, als andern, die gegen die Wahrheit gleichgiltig sind? Sollte, wer Gott um die Erkenntnis einer Wahrheit anfleht, sie nicht allezeit schneller finden, als wer sich allein abmüht? Endlich gibt es nach Rousseau nur wenige Hauptwahrheiten. Aus diesen müssen sich alle anderen Wahrheiten herleiten lassen und eine solche Haupt¬ wahrheit ist ohne Zweifel die: „Alles ist geworden", und damit ist der Schlüssel zu allen Werken der Natur und der Kunst gegeben". — 46 — Unser gelehrtes Gespräch wurde durch Agnes beendet, welche ihrem Versprechen gemäß, sich sür ein Viertelstündchen zu uns setzte. „Ich bringe noch einen Hausgenossen", sagte sie, einen großen Augorakater auf den leeren Stuhl stellend: „Herr Schnurr". Edeltraul streichelte das schöne Tier, von welchem nicht leicht zn sagen ist, ob es ein Spitz oder eine Miez sei. Eifersüchtig kam nun das Windspiel Lio herbei und drängte sich zwischen Edeltraut und die kokett spielende Katze und schaute mit seinen schönen Rehaugen zu Edeltrant auf, als wollte er sagen: „Bin ich nicht mehr wert als diese Närrin?" Und Edeltraut strich ihm liebkosend über das feine, seidenweiche Köpfchen und reichte ihm ein Stück Backwerk. Agnes aber sagte zu mir: „Wenn Fräulein wüßten, was für Kunststücke das kluge Tier macht. Er kann nicht nur Hindernisspringen, Appor¬ tieren, Körbchen tragen, er nimmt auch die aufgesetzten Hüte vom Kopf und sucht und findet den versteckten Plumpsack". „Diese Possen hat ihm Edeltrauts Bruder gelehrt", erzählte die Großmutter, „und das Tier macht zuweilen höchst originellen Gebrauch von dem Gelernten. So nahm er in einem Kaufladen einst einem Spatzeumichel den Hut ab und wurde an Edeltrauts Mütterchen zum Dieb, indem er ihr am Markte als vermeintlichen Plnmpsack die Börse aus dem Kleidersacke zog". „Was hat er da am Halse sür eine Narbe?" fragte ich. „Er bekam einst Drüsenanschwellungen", erzählte Edeltraut, „und mußte operiert werden. Wenn er darnach mit verbundenem Halse durch die Stadt ging, so scherzten die Knaben : ,Seht, der arme Hund hat Diphteritis^. So gepflegt haben wir ihn, den Schmeichler". „Er vergilt es auch mit einer beispiellosen Anhänglichkeit", sagte Edeltrauts Großmütterchen. „Stundenlang wartet er an der Gartenpforte geduldig aus Edeltrauts Heimkehr. Erblickt er sie, so läuft er ihr weit hiu entgegen und begrüßt sie mit Freuden¬ geheul und mannshohen Sprüngen, schweifwedelnd und sich wie eine Schlange windend und drehend geleitet er sie voll Freuden heim". „Geht das Fräulein dann von ihm umtänzelt durch den Garten", setzte Agnes fort, „so fliegt ihr schneeweißes Psauen- täubchen vom Hausdach herab, als wärs ein Schneeball und bleibt auf ihrer Hand kleben, an der Türschwelle aber reibt — 47 — sich Kater Schnurr an ihr und macht seinen höchsten Buckel". „Im Flur", fiel Edeltraut ein, „empfängt mich dann die gute Agnes mit ihrem freundlichsten Gesichte und teilt mir mit, welche Lieb¬ lingsspeise meiner harrt, in der Stube aber empfängt mich mein Gro߬ mütterchen mit den bittersten Vorwürfen, über meine späte Heimkehr". „Sind Sie nicht glücklich mit so viel Liebe erwartet und empfangen zu werden", scherzte ich. „Gewiß", sagte Edeltraut schalkhaft, „wenn Liebkosungen und Vorwürfe nicht zu gehäuft sind. Aber darf ich Ihnen, Fräulein Marie, jetzt vielleicht unser Schlafzimmer zeigen?" Ich willigte mit Freuden ein, hoffte ich doch nun die Er¬ füllung meines Lieblingswunsches zu erleben. Als wir zur Türe gingen, besah ich mir den Brunnen in der Ecke genauer. Der Türwinkel war mit blauen Majolikakacheln ausgekleidet. Bor ihnen stand die Ecke aussüllend eine gelbliche Majolikasäule, welche eine wunderschöne, schwebende, von grauen Schleiern umwallte Luftgöttin trug, die das Wasser ans einem Kruge in das im Boden eingelassene tiefe Qnellbassin goß. Als ich an dieser Stelle bewundernd stehen blieb, teilte mir Edeltraut mit, daß ich hier das Hausbad vor Augeu habe. Der Türe zuschreitend, streifte mein Blick zwischen den westseitigen Fenstern einen Vorsprung in der Vertäfelung, den ich mir als ein Pianino erklärte, so wie ich einen andern ähnlichen Vorsprung in der östlichen Wand als Nähmaschine sehr richtig an¬ genommen hatte. Meinem Auge waren auch die hübschen Schau¬ krüge und -Teller über dem Kredenzkasten und die schönen Blumen¬ becher zu beiden Seiten des Altarbildes nicht entgangen, sowie ich bewundernd das Gesimsbrett mit seinen Pfauenfedern und Schilf tragenden, schönen, hohen Vasen über der Türe sah, durch die wir jetzt schritten. Wir überquerten den schönen Mosaiksteinboden des Flures und traten durch die gegenüberliegende Türe und waren nun ge¬ wissermaßen in dem breiten Zwischenräume einer Doppeltüre. Die zweite Türe öffnend, standen wir im Schlafzimmer. Auch dieses Zimmer ist dunkel getäfelt. Die Füllungen der Vertäfelung an der Hinterwand sind ein transparenter mit Bildern bemalter Seidenstoff, denn diese Vertäfelung birgt die Schlafstellen. Auch — 48 — die Fensteröffnungen haben transparente, rosenfarbige Einsätze. Die silberhellen Butzenscheibensenster standen offen und bildeten eine Zier der Fensternischen, indeß die zierliche Vergitterung der Fensteröffnung sich an den seidenen Einsätzen abmalte. Bon der Decke hängt eine rosenfarbige Ampel herab. Unter derselben steht ein dunkler quadratischer Tisch mit vier blauen Polsterstühlen. Alle Vertäfelungen haben als Füllung Porzellangemälde. Ueber die zwei vorderen Ecken sind zwei Ruhebetten gestellt, die mit pfauenblauen Wollplüsch überzogen sind. Hinter ihnen stehen auch hier Säulen, welche die Ecken ausfüllen. Die eine von ihnen trägt eine Psyche, die sich mit der Leuchte in der Hand über die hier ruhende Träu¬ merin neigt. Auf der andern steht ein Genius mit Psycheflügeln, der gegen Himmel blickt und den Mantel fallen läßt. Nachdem ich dies alles ans dem Hintergründe überschaut hatte, schritten wir zur Besichtigung der Porzellangemälde. Am meisten zogen die zwei Bilder der Nordseite meine Blicke an. Das eine stellte Mariens Himmelfahrt, das andere die Verklärung Christi vor. Diese figuren- und farbenreichen, schönen Bilder beleben den dunklen Raum un¬ gemein. An dem Fenster, zwischen diesen schönen Bildern steht ein pnltartiger Schreibtisch mit einem hohen Lehnstuhl davor. Zwischen den zwei östlichen Fenstern ist Edeltrauts Harmonium der Ver¬ täfelung einverleibt und darüber sah ich meine überirdisch schöne heilige Cäzilie. Als ich ganz begeistert und entzückt vor dem Bilde stand, zog es plötzlich wie Orgelton durch das Gemach. Ich er¬ schauerte. Es war, als ob die heilige Cäzilie ihrem Instrumente jene geisterhaften Töne entlockte. „Was ist das?" fragte ich bebend. „Meine Winvorgel", sagte Edeltraut. „Wie traumhaft", hauchte ich. — „Edeltraut, ich danke Ihnen". Edeltraut drückte mir verständnisvoll die Hand und führte mich zu ihrer Staffelei zwischen den zwei westlichen Fenstern. Das Porzellangemälde darüber zeigte ein Gegenstück zu meiner heiligen Cäzilie: einen jungen, gottbegeisterten und gottbegnadeten Mönch, der an einer anbetungswürdigen Mariengestalt malt. Zwischen den zwei Fenstern und der Vertäfelung der Rück¬ wand sind ebenfalls bemalte Porzellanfüllungen. Die eine von ihnen — 49 — zeigt die Vermählung Mariens, die andere Christus bei Marie und Martha. Weil ich den Grnnd für die Auswahl dieser schönen Bilder nicht einsah, drückte Edeltraut an einen Knopf der Ver- räfelung, das Porzellangemälde drehte sich einwärts und machte einem Spiegel Platz, der seine Rückseite bedeckt hatte. Ueber diesem standen die Jean Paul'schen Worte: „Beseelt das Herz!" und unter dem Spiegel stand: „Niemand ist weniger eitel als eine Braut". — Der zweite Spiegel trug die Aufschrift: „Findest Du dich schön, forsche, ob Du gut seiest" und die Unterschrift: „Sei Maria im Geiste und Martha in der Tat!" Dann hob Edeltraut unter dem Spiegel einen Pultdeckel auf und ließ mich erkennen, daß ich einen Waschtisch mit versenkter Muschel vor mir habe. Nachdem Edeltraut wieder Ordnung gemacht hatte, besahen wir auch die Seiden¬ gemälde der Bettvertäfelung, welche des Nachts gleich einer spani¬ schen Wand zusammengefaltet oder in größerer Entfernung auf¬ gestellt werden kann. Auf dem einen war Jakobs Traum von der Himmelsleiter, auf der andern die Himmelfahrt des Elias im feu¬ rigen Wagen abgebildet. „Holdere Träume kann man nicht haben", sagte ich, „als daß der Himmel zu uns niedersteigt oder wir uns zum Himmel auf¬ schwingen". „Nicht wahr?" sagte Edeltraut lächelnd. „Wollen Sie einen Vorgeschmack dieser Seligkeit haben, so steigen Sie mit mir hinauf in das Reich unserer getreuen Agnes". „Gerne", antwortete ich, „aber lassen Sie mich zuvor Ab¬ schied nehmen von meiner göttlichen Zäzilia". „Bitte", sagte Edeltraut zurücktretend, und überließ mich für eine Weile dem Kuß der Himmelsliebe. Nach einem Zeiträume ernster Stille wandten wir uns zum Gehen und stiegen in das Dachgeschoß empor. Hier befinden sich zwei Giebelstübchen. Das nordseitige ist zur Sommerszeit der guten Agnes Schlafkämmer¬ chen. Daher wandten wir uns dem südseitigen Gelasse zu. Es ist zum Zchutz gegen Kälte getäfelt. Selbst die Decke weist eine einfache Ver¬ täfelung auf. Der Enge wegen muß man das Bett aus der Ver¬ täfelung klappen, ebenso den Waschtisch, die Sitze und die Arbeits¬ stellen. Statt eines Fensters ist eine Doppeltüre, da nämlich eine höl- 4 — 50 — zerne Schiebtüre und eine Glastüre. Zu beiden Seiten derselben aber befinden sich die beiden mit bunten Butzenscheiben verglasten Gucklöcher, durch welche man die Gegend in einem beliebigen Lichte sehen kann. Nachdem wir nns an diesem Spiele ergötzt hatten, traten wir durch die Glastüre auf die Veranda und ließen nns dort vor Klapptischen auf Klappstühlen nieder und schauten auf das weite Rundbild zu unseren Füßen. Die Sonne neigte sich zum Untergange und ließ über den Schatten des Tales das alte zer^ fallens Bergschloß im goldenen Abendscheine ausglühen. Dann be¬ gann das Abendrot die Wolken des Ostens zu särben und die blasse Mondsichel im silberhellen Lichte zu glänzen. Edeltraut nahm eine Laute von der Wand und sagte, auf ihr leise präludierend: Im Westen leuchtets purpurrot! Der Tag ist wie eine Phönix verloht. Es überzieht die sterbende Glut Den Himmel mit einer ganzen Flut Bon sanfter leuchtenden Farbentönen. In denen leise der Tag verklingt. Wie lieblich der Chor der Vögel singt! Auf des Abends Rosen, die himmlisch schönen, Tritt aus des Ostens Tor die Nacht. Ihre silberne Ampel schimmert in Pracht Vom weiten, blauen Himmelszelt. Bald schließen die Augen sich dieser Welt. — Eine andere öffnet die Sternenauen Himmlischen Trost auf uns niederzutauen. Edeltrant präludierte nach diesen Worten noch ein wenig. All¬ mählich jedoch wurde ihr Spiel immer leiser und leiser, bis es endlich ganz verstummte. Da stand ich aus uud sagte: „Es ist schön, den Himmel über dem Haupte, ein Paradies zu Füßen und Engel zur Seite zu haben und dennoch muß ich wieder in die Niederungen des Alltagslebens herabsteigen. Gute Nacht! liebe Edeltraut und innig¬ sten Dank für die schönen Stunden, die ich mit Ihnen verleben durfte". „Gute Nacht!" sagte Edeltraut. „Meine weißen Pfauen¬ täubchen kehren schon zurück zu den heimatlichen Nestern nnd um¬ flattern uns wie verkörperte, zärtliche Gedanken sehnsüchtiger Liebe. Ich darf Sie nicht länger zurückhalten, denn die Ihren würden sich um Sie sorgen. Aber ich will Ihnen mit Lio ein Stück das Geleite geben". Wir stiegen also herab und ich verabschiedete mich von Edel- trauts lieben Großmütterchen und der guten Agnes. Edeltraut aber ging im Gefolge ihres treuen Sklaven Lio eine Strecke Weges mit mir. Als wir uns verabschiedend, rückwärts schauten, ragte Edel- trauts Heim vor unseren Blicken im letzten Abendscheine wie ein kleiner Tempel in den Himmel. „Es kann kein trauteres Haus geben, als das Ihre", sagte ich. „Alle die holden Geister der Natur umschweben es. Die Kunst hat es veredelt. Gott, Liebe und Wahrheit wohnen darin, so daß alles, was da geschieht, gut, was darinnen gedacht wird, schön und was innerhalb seines Friedens gesprochen wird, edel ist. Ich trage aus Ihrem lichtumwallten Heim heute ein Herz voll Sonnenschein mit in mein Haus". „Möge er nie darinnen erlöschen", sagte Edeltraut, küßte mich auf die Stirne und wandte sich, nm den Heimweg anzutreten. Sie winkte noch oftmals rückwärts blickend „Lebewohl", ja als sie höher stieg, sang sie meinen Namen rufend, so daß er wie der Jodler eines Sennen weit hin schallte, an einzelnen Hauswänden ein stets schwächer werdendes Echo weckte und endlich wie ein Geisterhanch verhallte. „Edeltrant muß auch uns ihr Heim zeigen", riefen die Amtsgenossinnen, als Fräulein Marie ihren Bericht geendet hatte. „Sie müssen uns dazu verhelfen", baten sie. „Wir könnten ja eines Sonntags einen gemeinsamen Ausflug unternehmen nnd im Vor¬ übergehen die Kollegin in ihrem Heim überfallen. Versprechen Sie es uns?" „Gut", sagt das stets sehr entschieden anftrctende Fräulein Marie. „Aber geloben Sie mir auch, Edeltrauts Heim zn besehen, wie man ein Museum besucht, dann will ich die Besitzerin bewegen, — 52 — uns alle Räume ihres Hauses zu öffnen und ihre Besichtigung zu gestatten". „Wir geloben", schwuren alle unisono mit verstelltem Ernst. Fräulein Marie aber sagte erklärend: „Fräulein Edeltraut und ihr Großmütterchen sollen durch unsere Menge nämlich nicht in Verlegenheit gebracht werden". Damit gab man sich zufrieden und der Besuch wurde aus-- geführt, wie er geplant worden war, und als man sich wieder auf dem Heimwege befand, waren alle des Lobes voll über Edeltrauts Künstlerheim. VIII. Edeltrauts Sprachunterricht. „Fräulein Marie", sagte eines Tages Edeltraut zu ihrer jüngeren Kollegin, „mir wurde einmal eine Aeußerung Ihres pädagogisch erfahrenen Herrn Papa's mitgeteilt über das seltene Geschick und Glück, das Sie im Unterrichte hätten. Wenn Sie mir eine Gegengefälligkeit erweisen wollen, so erlauben Sie mir, während Ihrer Unterrichtsstunden in der vierten Klasse Ihnen dort einen stummen Gegenbesuch zu machen". „Mit Vergnügen", sagte Marie. „Kommen Sie, wann Sie wollen!" Am nächsten Vormittag schon stellte sich Edeltraut bei Marie ein, als diese eben Grammatikunterricht erteilte. Es wurden Sätze zergliedert. Edeltraut, die nie auf diese Weise unterrichtet worden war, staunte über der jungen Lehrerin Schnelligkeit und Sicherheit der Fragestellung, über die Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit in der Behandlung falscher Antworte:! und über die Geschicklichkeit mit welcher sie die Kinder zwang, stets ihr ganzes grammatisches Wissen bereit zu halten. Edeltraut, welche damals ebenfalls an einer Mittelklasse wirkte, bemühte sich in der Folge, es ihrer jüngeren Kollegin gleich zu tun und weil ihrem redlichen Bemühen Beharrlichkeit verliehen war, so gelang es ihr. Selbst m der Unterklasse, in der sie später wirkte, machte sie in einem engeren Wissenbezirke von der durch Marie erlernten Geschicklichkeit noch mit vielem Nutzen Gebrauch. — 53 Zur Einführung der Kinder in das Verständnis grammatischer Begriffe und Regeln hatte Edeltraut keinen gebahnten Weg ge¬ funden. Wohl hatten treffliche ältere und neuere pädagogische Schrift¬ steller ihr Fingerzeige gegeben. Diese hatte sie benutzt und sich mit ihrer Hilfe einen eigenen Weg gesucht. Nach dem Beispiel solcher Führer ging auch bei ihr jedem neuen Lehrsatz des Sprachlehrunterrichtes, der Sachunterricht in Form einer Denkübung oder einer Erzählung voraus. Die von den Kindern zur Einübung der erklärten Lehrsätze oder Begriffe verlangten Beispiele waren meist angeregt durch die auf der Schultafel hängenden Anschauungstabellen. Zur Wiederholung eines Abschnittes wurde eine Art Fragespiel oder eine Satz- und Wortanalpse vvrgenommen. Um Zeit zu ersparen, wurde eine ge¬ wisse Parallität mit dem Anschauungsunterrichte eingehalten, in allen jenen Füllen, wo ein dazu geeigneter Stoff vorlag. Wurden beispielsweise die Sinne des Menschen besprochen, nahm Edeltraut das Eigenschaftswort. Bei der Behandlung des Tätigkeitswortes nahm sie die Bewegungsfähigkeit der menschlichen Glieder u. s. w. Damit die Kinder die grammatische Ausdrucksweise mit Freiheit ge¬ brauchen lernten, wurde die verkürzte Ausdrucksweise erklärt, wie man Gedichte oder Redensarten, die durch Auslassung unver¬ ständlich geworden sind, durch Erweiterung begreiflicher macht. Und Edeltraut wußte, warum sie so und nicht anders unter¬ richtete. In der Sprache spiegelt sick nicht nur die Denkart eines Volkes, sondern auch die Kulturgeschichte der Menschheit. Man muß also die Denkart kennen, aus welcher die Sprache entstanden ist und in die Kulturverhältnisse Einsicht haben, welche vie Sprache gebildet, erweitert und verdichtet haben. Im Gegensatz zu vielen ihrer Zeitgenossen glaubte Edeltraut, „daß viele von uns ohne die Schule vollkommene Dummköpfe blieben" und zu den Unterrichtsgegenständen, welche das folgerichtige Denken am meisten fördern, gehörte ihr außer dem Rechenunterrichte die Sprachlehre. (Rechen- und Grammatikunterricht galten ihr als die Logiklehre der Volksschule). — 54 — Die ost gehörte Forderung aber, mehr Sprachunierricht und weniger Anschauungsnnterricht zn erteilen, schien ihr ebenso salsch, wie das Verneinen alles schnlmäßigen Lernens. Am dürren Aronstock eines reinen Sprachlehrunterrichtes können sich in der Hand von Kindern keine Blüten entwickeln. Die Sprachgesetze müssen nicht nur von konkreten Beispielen abgeleitet werden, sondern diese Beispiele müssen in der Anschauung der Außenwelt gewonnen und als Teile der lebendigen Rede er¬ kannt und empfunden werden. Weil man erst klar denken kann, wenn man für die Sachen Namen hat und nicht bloß Bilder wie die Tiere, aber auch nicht denken kann, wenn man zu den Name» keine Bilder hat, so war ihr Grammatiknnterricht aus dem Sachnnterricht abgeleiteter Sprachunterricht. Da Kinder nur wenig Kraft und Beharrlichkeit besitzen, gab sie ihnen die figurenreichen Tabellen, damit ihnen mit ihrer Hilfe die Mühe des Beispielsuchens zur Lust werde. Das Frag- und Antwortspiel sollte die Kinder an die Ueber- und Unter¬ ordnung der Begriffe gewöhnen und das Zergliedern iormale Ver- standesbildnng fördern und ihnen eine Leuchte zum Erhellen des dunklen Sinnes verwickelter Satzkonstruktionen werden. Edeltraut bedauerte später ost die Sprache der Umgebung ihres Städtchens nicht gelernt zu haben, da sie dann diese zweite Landessprache zum Vergleiche mit der deutschen Sprache hätte her- anzieheu können. Den deutschen Kindern wäre dadurch der Bau ihrer Muttersprache eher verständlich worden. Die fremdsprachigen Kinder aber hätten die Schulsprache bei solchen Vergleichungen leichter erlernt. Edeltraut hatte trotzdem die Freude, diese fremdsprachigen stummen Kinder, meist Sprößlinge armer Leute, beim Sprach¬ unterrichte klug und beredt werden zu sehen, so daß sie nicht mehr daran zweifelte, man könne jedes normale Kind ganz systematisch an folgerichtiges Denken gewöhnen und damit die sogenannten dummen Kinder aus der Welt schaffen. Zur Zeit, als Edeltraut in der Sprachlehre die Einteilung der Dingnamen in Personen-, Tier- und Sachnamen vornehmen sollte, erzählte sie den Kindern in der Stunde für Anschauungs¬ unterricht Folgendes: 00 „In dem wunderschönen Garten eines großen Hauses, in dem ich viele genußreiche Stunden verlebt habe, steht ein uralter Römerstein, auf dem der heidnische Lichtgott der Perser gemeißelt ist. Der Stein war bei dem Hausbaue ans dem Grunde gegraben und in den Garten gesetzt worden; hinter ihm aber hatte man einige kleine Fichtenbänmchen gepflanzt. Die Fichten sind heute schon so hoch, daß sie bei den Fenstern des zweiten Stockes hineinsehen. Der Stein aber ist noch gerade so groß, als er vor vielen hundert Jahren war, als er aus der Hand des Bildhauers kam, der ihn zum Denkstein geformt hatte. Wie kommt das? Nach einiger Zeit des Stillschweigens meldete sich endlich eine kleine, mutige Schülerin zum Wort und sagte: „Die Fichtenbäume wachsen, die Steine aber wachsen nicht." „Wachsen nur Fichtenbäume?" fragte Edeltraut. „Nein, auch Apfelbäume wachsen", erzählte eine kleine Nach¬ denkliche. „Nur Fichten- und Apfelbäume?" sagte Edeltraut. „Auch Birnbäume wachsen", wußte eine kleine Näscherin. „Welche Bäume wachsen nicht, sondern stehen eines Morgens da, wie der Märchenbaum mit den silbernen Blättern und goldenen Früchten vor Zweiängleins Fenstern?" fragte Edeltraut. Als keiner der ehrlichen und besonnenen Schülerinnen ein solcher Wunderbanm einfällt, erklärte endlich ein Kind kühn: „Alle Bäume wachsen". „Wachsen nur die Bäume?" fragte Edeltraud und sagte ohne eine Antwort abzuwarten: „In demselben Garten, wo der Römerstein steht, ist auf einer Erdterrasse vor dem Hanse mitten in einem Rasenfleck ein großes ovales Blumenbeet. Der Herr des neugebauten Hauses hatte von einem Gärtner viele kleine Zweigstücke gekauft und sie in dieses Beet gesteckt. Heute sind aus diesen Stecklingen eine Mengs viel verzweigter niederer Sträucher entstanden, die nun alljährlich eine Fülle der schönsten Rosen tragen, deren herrlicher Duft die Luft des Gartens süß durchhauchet. Wie kommt dies?" „Die Rosensträucher wachsen auch", sagte eine aufmerksame Schülerin. — 56 — Und wieder fragte Edeltraut so lange, bis sie die Antwort erhielt: „Nicht nur Bäume, auch Sträucher wachsen". „Nur Bäume und Sträucher?" sagte wieder Edeltraut und er¬ zählte: „Ich hatte in meinem Vaterhause ein eigenes Blumenbeet. Da ich Lehrerin werden wollte, mußte ich mich längere Zeit in einer großen Stadt aushallen. Als ich einmal wieder für kurze Zeit im Elternhause weilen durfte, führten mich meine Geschwister zu meinem Blumenbeete, das ich brach liegen gelassen hatte, als ich sortgezogen war. Zu meinem Erstaunen war nun mein Name in Vergißmeinnichtbuchstaben dort aus der Erde hervorgekommen. Wie kam das?" Eine kleine Gärtnerin wußte zu berichten: „Die Vergi߬ meinnicht sind gewachsen!" „Aus bloßer Erde geworden?" fragte Edeltrant. „Nein aus Samen". „Warum in solchen Reihen, daß mein Name entstand?" „Die Samen wurden in solchen Reihen gesäet." „Ja", gab Edeltraut zu, „und meine Geschwister haben die Buchstaben in den Boden geritzt und dann den Samen in die Furchen gesäet und mit Erde bedeckt. Sie taten dies, um mir eine unerwartete Freude zu machen". „Merkt ench jetzt: Vergißmeinnicht sind schön blühende Kräuter oder Blumen. Wächst nur diese Blume? Wachsen nur die schön¬ blühenden Kräuter?" Wieder fragte Edeltraut so lange, bis sie die Antwort erhielt: „Alle Kräuter wachsen", und zusammenfassen konnte: „Bäume Sträucher und Kräuter wachsen". Bäume, Sträucher und Kräuter kann man hinpslanzen, wo man will und so da einen Wald, dort einen Acker, an einer anderen Stelle einen Lustgarten entstehen lassen. Bäume, Sträucher und Kräuter nennt man Pflanzen. Man kann also statt: Alle Bäume, alle Sträucher und alle Kräuter wachsen, kurz sagen: Alle Pflanzen wachsen. Dann setzte Edeltraut ihre Erzählung fort: „Als ich das erstemal in das Haus kam, in welchem der Römerstein steht, waren die Kinder des Hausherrn ganz kleine Mädchen, die fröhlich und ohne Sorgen in dem schönen Garten — 57 - umhersprangen, denn sie hatten noch nicht einmal Schulsorgen. Es kam aber die Zeit, da sie zur Schule gingen, die Zeit, da sie wieder austraten. Heute sind sie Frauen. Der Römerstein ist aber nicht größer geworden. Wie kommt das?" „Die Mädchen sind gewachsen, der Römerstein ist nicht ge¬ wachsen", erhielt Edeltrant zur Antwort. „Wachsen nur diese Mädchen? Wirst dn immer klein bleiben? War ich immer groß? Wachsen nur Mädchen? Was sind Knaben und Mädchen? Wer wächst also außer den Pflanzen noch? Wach¬ sen nur Pflanzen und Menschen?" fragte Edeltraut und beant¬ wortete die letzte Scheinfrage selbst, indem sie in ihrer Erzählung fortfuhr: „Mit den kleinen Mädchen ans dem indischen Palais hüpfte ein muntrer Spitz durch den Garten mit der Fichtengruppe am Römerstein. Er umbellte die Kinder lustig, wenn sie zu den hohen Weiden am silberhellen Fluß liefen, hatte aber keine Lust, die ihm ins Wasser geworfenen Holzstücke zu holen. Lieber jagte er kläffend auf den Wiesenflächen umher, oder lief um die Gartenbeete. Aus diesem munteren Hündchen wurde ein gesetzter Spitz, der am liebsten in der kühlen Laube schlief und endlich ein würdiger, alter Herr. Heute lebt er nicht mehr, denn Hunde werden selten älter als zwölf Jahre. Der alte Römerstein aber steht noch immer dort und ist gerade so groß als vor tausend Jahren. Wie kommt das?" „Das Hündchen ist gewachsen, der Römerstein nicht!" erhielt Edeltraut wieder zur Antwort und sie fragte weiter: „Wuchs nur dieses Hündchen?" „Was ist ein Hündchen für ein Lebewesen?" „Wachsen von allen Tieren nur die Hunde?" und nachdem sie die Auskunft bekommen hatte: „Nein, alle Tiere wachsen", faßte sie wieder die wichtigsten Antworten zusammen: „Also Menschen, Tiere und Pflanzen wachsen", und stellte dann die Frage: „Was heißt das, sie wachsen?" „Sie werden größer". Wie sagt man statt dessen von Bäumen? „Sie werden höher". Von wachsenden Haaren? „Sie werden länger". — 58 — Auf welche Weise verlängert man ein Kleid? „Dadurch, daß man Stoff dazu gibt". „Genau so verlängern sich auch die wachsenden Pflanzen und Tiere. Sie nehmen Stoff, und zwar Nahrungsstoff aus." „Woher nehmen die Pflanzen diesen Stoff?" „Aus der Erde!" Womit nehmen sie ihn in ihren Leib auf? „Mit den Wurzeln". „Habt ihr schon mit Strohhalmen Wasser, Milch oder Arzeneien geschlürft?" fragte Edeltraut, und als die Kinder bejahten, fuhr sie fort: „So wißt ihr, wie die Pflanzen essen. Sie wachsen, in¬ dem sie mit feinen Wurzelröhren Saft aus der Erde aufsaugen und Gewächse, die mit vielen Wurzelöffnuugen Nahrung aufnehmen, heißen Pflanzen." „Womit nehmen Menschen und Tiere ihre Nahrung ein?" „Mit einer einzigen Oeffnnng, dem Munde oder kürzer mit einer Mundöffnuug". „Wachsen die Bäume immerfort in den Himmel hinein? „Wachsen die Menschen und Tiere ohne Aufhören sich zu Riesen aus?" „Nein". „Wie lange wachsen sie unr?" „Bis sie ihre vorausbestimmte Größe erreicht haben". „Wie lange also der Mensch?" „Vierundzwanzig Jahre". „Ein Pferd wächst etwa drei Jahre, eine Eiche z. B. zwei¬ hundert Jahre. „Warum läuft der Spitz heute nicht mehr durch den schönen Garten am Flusse?" „Weil er tot ist". „Mußte nur dieser Spitz verenden?" „Nein. Alle Tiere müssen sterben", sagten die Kinder. „Können Menschen ewig leben?" „Des Menschen Leben währt siebzig und wenn es lang ist, achtzig Jahre und wenn es köstlich gewesen ist, ist es Müh' und Arbeit gewesen", steht in der Bibel. — 59 — „Dauern die Bäume ewig?" „Nein, es gibt zwar tausendjährige Eichen und Linden, aber ewig grünende gibt es nicht", sagte Edeltrant. „Welche Veränderung geht endlich mit solchen alten Bäumen vor sich?" „Ihre Neste sterben ab, der Stamm vermodert und tut sich auf, so daß große Höhlen in ihm entstehen. Endlich bricht er zu¬ sammen", sagte Edeltraut, die Antworten der Kinder wiederholend und zusammenfassend. „Aehnlich ergeht es auch alten Menschen und Tieren, Ihre Glieder werden schwächer und schwächer und eines Tages versagen sie ganz und der Tod tritt ein". Menschen, Tiere und Pflanzen wachsen also, indem sie Nah- rung aufnehmeu, Menschen und Tiere durch eine Mundöffnung, Pflanzen durch viele Wnrzelöffnungen. Menschen, Tiere und Pflan¬ zen erreichen eine bestimmte Größe, Kraft und Schönheit. Dann werden sie wieder schwächer und sterben allmählich ab. Kürzer: Menschen Tiere und Pflanzen entstehen, wachsen, blühen, gedeihen und vergehen endlich wieder. Die Steine wachsen und vergrößern sich nicht von innen heraus. Höchstens bleibt etwas an ihnen kleben, das sie vergrößert und darum sagen wir, sie haben kein Leben in sich; sie sind leblos oder besser unbelebt, weil sie niemals ein Leben hatten. Menschen, Tiere und Pflanzen aber leben, denn sie wachsen, blühen, gedeihen und vergehen wieder. Pflanzen, Tiere und Menschen sind Lebewesen, Steine sind Sachen. In der nächsten Stunde für Anschauungsunterricht erzählte Edeltraut : „Ich war eines Morgens wieder in dem Wundergarten mit dem Römerstein. Es war die Zeit der Rosen. Unter den vielen Rosenbänmchen, d«e da standen, war eines vor allen herrlich ge¬ schmückt. Seine Blumen waren erschlossen und ihre Blätter glichen dunkelrotem Sammt. In ihren weichen, schwarzen Kelchen aber schimmerten Tautropfen, hell wie Licht. Ein süßer, wonniger Duft, — 60 — in dem sich der Odem der Rose mit dem Aroma der Erdbeere ver¬ mählt zu haben schien, entströmte ihnen. Da flatterte ein Schmetterling heran, gaukelte um die schönen Blüten und ließ sich endlich ausruheud auf einer prächtigen Rose nieder. Bald entfaltete er die großen, dunklen Schwingen mit den blauen Spiegeln, bald schloß er sie. Er schien sich an dem Wohl¬ geruch des holden Blumenkindes zu berauschen. Endlich aber breitete er seine geschweiften Schwingen aus und entschwebte. Gleich darauf kam ein schönes, rotwangiges Kind mit blonden Locken in den Garten gestürmt. Der muntere Spitz lief freudig bellend mit dem Mädchen, das ein Schmetterlingsnetz in der Hand hielt. Kaum hatte es den schönen Falter erblickt, so rief es: O, du holdes, buntes Sommervögelein, du sollst mir nicht entflattern. Rasch schwang sie das luftblaue Netz und siehe, der freie Sohn des Himmels zappelte als Gesangener zwischen spinnwebfeinen Kerkerwünden. Aber das reizende Kind sagte mit einem Sümmchen, süß wie Vogelgezwitscher: Zittre nicht, kleiner Liebling! Ich tu dir nichts zu leide. Nicht einmal berühren will ich dich, damit der zarte Farbenschmelz deiner Flüglein nicht verderbe. Nichts will ich, als dich ein wenig bewundern. Und als es sich an seiner schönen Beute genug entzückt hatte, da ließ es das leichte Kind des Windes entfliehen. Nun aber wandte sich das goldlockige Mädchen den Rosen zu, klatschte vor Freude in die kleinen Händchen und jubelte: „O die prächtigen Blumen! Die schönste soll dem Mütterchen gehören". Es schnitt eine der herrlichen Sammtrosen ab und brachte sie der Mutter. Die Mutter freute sich über die schöne Gabe, noch mehr aber darüber, daß sie von ihrem Kinde so herzlich geliebt wurde und küßte es auf das rote Mündchen. „Wenn der liebe Gott eure Seelen gefragt hätte, ehe er sie in die Welt schickte: Welchen Leib soll ich euch geben? Wollt ihr das schöne Erdenkleid einer Rose, den leichtbeschwingten Körper eines Schmetterlings oder den Leib eines so holden Menschenkindes? Was würdet ihr ihm geantwortet haben?" — 61 „Ich hätte gesagt",- rief ein kleines, süßes Ding, „gib mir, lieber Gott einen Mädchen leib". „Warum nicht einen Rosenleib", sragte Edeltraut. „Ist eine Rose nicht hold?" „O ja", sagte das Kind, „sie kann aber nicht weglaufen". „Nicht laufen und springen zu können, däuchte dir wohl als die größte Strafe?" sagte Edeltrant lachend. „Die Rose sieht nichts, hört nichts, spürt nichts", rief lebhaft eine andere. „Du hast recht", gab Edeltraut zu. „Es ist, als ob ihre Seele noch in tiefem Schlaf läge. Sie träumt von den Sonnenstrahlen, die sie küssen und strebt ihnen sehnsuchtsvoll entgegen; sie träumt von den milden Lüften, die sie umschmeicheln und haucht ihnen liebend ihre süßen Düfte zu; sie träumt wohl auch von der dunklen Erde, die sie nährt und sie streut ihr dankbar und vertrauend ihre Blüten und Früchte hin". „Warum möchtet ihr aber nicht ein Schmetterling sein? Er kann ja fliegen, denkt euch nur, fliegen wie ein Engelein"! „Aber", sagte sinnend eine kleine Plaudertasche, „er kann nicht reden". „Das wäre freilich das furchtbarste Unglück, das dich treffen könnte", scherzte Edeltraut. „Aber du hättest ja den lieben Gott bitten können, dir den Körper eines Stares zu geben, der Star kann fliegen und lernt reden. Was meinst du ?" „Ich möchte doch noch lieber ein Mensch sein", beharrte die Kleine. „Da hast du recht", sagte ihr Edeltraut. Der Star redet nicht, was er denkt, sondern spricht nur Unverstandenes nach. Im Tierleib ist zwar die Seele schon wach. Das Tier hat sich los¬ gerissen vom Boden, läuft, springt und schwingt sich gar in die Lüste; es sieht, hört und fühlt. Es denlt auch schon, aber nur in Erinnerungsbildern, denn es ist noch stumm. Der Mensch aber kann reden und denkt klar in Worten. Und mit seinem vollkommeneren Denken hat er Gott erkannt und sich ihn — 62 zum Führer durch das Leben gewählt und so hat seine Seele die Jakobsleiter betreten, die in den Himmel führt". — Pflanzen, Tiere und Menschen leben", sagte Edeltraut nach einer Pause. „Woran merkt man es aber nur, daß die Pflanze lebt?" „Daran, daß sie wächst", sagte eine gefragte Kleine „Woran merkt man es auch, daß das Tier lebt?" fragte Edeltrant. „Man merkt es auch daran, daß es wächst", sagte die kleine Ada. „Woran aber noch?" fragte sie Edeltraut. „Es läuft", erhielt sie zur Antwort. „Auch die Schnecke?" scherzte Edeltraut. „Die Schnecke kriecht", verbesserte eine andere Eifrige. „Und die Schwalbe, läuft die auch?" erkundigte sich Edeltraut. „Die Schwalbe fliegt", berichtigte eine dritte. „Was tun sowohl die Tiere, die laufen, als jene, die kriechen oder fliegen?" „Sie fressen", sagte prompt eine der Schülerinnen. Edeltraut stutzte erst über diese unerwartete Antwort. Dann die Fragestellung prüfend, sagte sie lachend: „Du hast sehr recht, aber ich habe just diese Antwort nicht gewollt. Ich will meine Fragen verbessern : Was tun die Tiere, indem sie von einem Ort zum andern laufen, kriechen oder fliegen?" „Sie bewegen sich von einem Ort zum andern", erhielt Edel¬ traut nun zur Antwort. „Die Tiere also wachsen und bewegen sich vom Orte. Woran aber kennt man noch, daß die Tiere leben?" setzte Edeltram ihr Fragen fort. Keine wußte es zu sagen. Da erzählte Edeltraut: „Wenn ich ehedem ein besonders hübsches Käferlein im Garten fand, so trug ich es in mein Zimmer und malte es ab. Ich sperrte es zu dem Zwecke in ein Glas, so daß es zwar noch Luft empfing, aber doch nicht entfliehen konnte und ich freute mich während meiner Arbeit an dem schönen Tiere, das so viel Anstrengungen machte, aus seinem Kerker zu entkommen. Wenn der Käfer aber endlich - 63 — sah, daß alle seine Bemühungen, die Freiheit zu gewinnen, ver¬ geblich seien, blieb er regungslos sitzen und vor hoffnungs¬ loser Trauer wurden seine Hellen Aeuglein trübe. Da erbarmte er mir und ich ließ ihn frei und verzichtete später darauf, einen Käfer zu fangen, um ihn zu malen. Eine schöne Rose zn brechen, um jemand damit zu erfreuen, würde ich mir auch heute noch er¬ lauben". „Warum?" „Die Rose spürt nichts, der Käser aber fühlt Schmerz", er¬ klärte ein mitleidvolles Kind. „Spürt unter allen Tieren nur der Käfer Schmerz?" fragte Edeltraut. „Alle Tiere fühlen Schmerz", erhielt sie zur Antwort. „Nur Schmerz?" fragte Edeltraut wieder. „Auch Lust", fiel einem Kinde ein. Daß die Tiere leben, merkt man also erstens daran, daß sie wachsen, zweitens daran, daß sie sich vom Orte bewegen und drittens daran, daß sie fühlen. Sie geben also mehr Lebenszeichen von sich, als die Pflanzen. Sie haben demnach ein höheres Leben als die Pflanzen, welche nur wachsen. „Wer aber hat noch mehr, noch ein höheres Leben als die Tiere", fragte Edeltraut. „Der Mensch", wußte eine Schülerin zu sagen. „Warum?" „Weil er auch reden kann". „Wann kann er nur Kluges reden?" „Wenn er früher gedacht hat". „Der Mensch also", faßte Edeltraut die Ergebnisse ihres Fragewerkes zusammen, „hat das höchste Leben, weil er nicht bloß wächst und fühlt und sich mit Willen bewegt, sondern überdies ver¬ ständig reden kann". Und wiederholend sagte sie: „Es gibt also auf der Erde belebte und unbelebte natürliche Dinge". Die unbelebten Naturkörper sind die Steine, die belebten sind entweder Menschen, Tiere oder Pflanzen. Anderes ist auf Erden nicht. — 64 — „Was für Körper seht ihr aber am Himmel?" fragte Edel¬ traut und als sie zur Antwort erhielt: „Sonne, Mond und Sterne", schloß sie mit der Belehrung: „Der Himmel mit Sonne, Mond und Sternen, die Erde mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen bilden die Natur oder Welt". In einer der nächsten Sprachlehrstunden fragte Edeltraut die Kinder, eine frühere Denkübung kurz wiederholend: „Wann kann ein Mensch nur verständig reden ?" „Wenn er denkt", erhielt sie zur Antwort. „Wie nennt man das, was man denkt?" „Gedanken". „Wie kommt man zu den ersten Gedanken?" „Wenn man die Dinge miteinander vergleicht". „Wann käme man also zu keinem Gedanken?" „Wenn es keine Dinge um uns gäbe". „Warum können wir merken, daß wir von den verschiedensten Dingen umgeben sind?" „Weil wir Sinne dazu haben". „Wie erkennen wir die geistigen Dinge, die wir nicht mit den Sinnen wahrnehmen? wie z. B. Gott". „Wir erkennen sie mit Hilfe unserer Gedanken". „Wie haben wir die sinnlich wahrnehmbaren Dinge genannt?'' „Sinnendinge". „Wie die, nur mit den Gedanken wahrnehmbaren Dinge?" „Gedankendinge". „Wie nennen wir jene Sinnendinge oder Wesen, die be¬ lebt sind?" „Lebewesen". „Wie jene Sinnendinge, die unbelebt sind?" „Sachen". „Was für Lebewesen gibt es?" „Menschen, Tiere und Pflanzen". Die Pflanzen rechnet man in der Sprachlehre zu den Sachen, weil sie nur ein unbewußtes Leben haben. Weil jeder Mensch sich äußerlich und innerlich sehr deutlich vom andern unterscheidet, so nennt man jeden einzelnen eine Person. — 65 — Nur jene Tiere, die mit den Menschen in nähere Berührung kommen, erhalten auch ein wenig Eigenart. Die wilden Tiere gleichen sich in der Regel wie ein Ei dem andern. Ein Fuchs z. B. sieht aus wie der andere. Man unterscheidet nur die T'erart, aber nicht ein einzelnes Tier von dem andern derselben Art. Und nun merkt: Die Namen der Dinge heißen Ding- name n. „Welchen Namen hat dieses Ding?" fragte Edeltraut auf das Musikinstrument der Klasse weisend. „Es hat den Namen Harmonium". „Und dieses Ding dort an der Wand, links von der Türe?" „Es heißt Wandbruunen". „Und dieses Ding unter dem ersten Fenster?" „Dampfofen". „Wovon sind die Wörter: Harmonium, Waudbrunnen, Dampf¬ ofen Namen?" „Es sind Namen von Dingen". „Kürzer!" „Es sind Diuguameu". „Womit kann man die drei genannten Dinge wahrnehmen?" „Mit den Sinnen". „Was für Dinge sind es also?" „Siuuendinge". „Die Namen der Dinge nennt man Dingnamen". „Wie wird man die drei Namen Harmonium, Wandbrunnen, Dampfofen nennen, weil sie Smnendingen angehören?" „Siunendingnamen". „Warum ist Gott kein Sinnendingname?" „Weil man Gott nur mit den Gedanken erkennt". „Was ist das Wort Gott also für ein Name?" „Ein Gedankendingname". „Wie heißt", fragte Edeltraut nach einigen Augenblicken Stillschweigens „die kleine, stille Person dort unten mit dem weißen Jäckchen, den blonden Zopfschnecken an den Schläfen und den blauen Bändchen daran?" 5 — 66 — „Bergmann", erhielt sie zur Antwort. „Bergmann heißt also die kleine, nette Person?" scherzte Edeltrant. „Und dieses lebhafte Persönchen dort drüben mit dem schwarzen Lockenschopf und der rosenfarbigen Masche darüber?" „Hiller", gab eine Schülerin an. „Und welchen Namen hat die übermütige Person da vorne mit dem brannen Krauskopf und den spitzbübischen dunklen Augen?" „Sie heißt Voß", sagte die gefragte Nachbarin. „Wie heißen die drei bezeichneten Personen? Ich Habs ver¬ gessen", scherzte Edeltraut. „Bergmann, Hiller und Boß", kamen die diensteifrigen Schü¬ lerinnen ihrer vergeßlichen Lehrerin zu Hilfe. „Was sind also Bergmann, Hiller und Boß für Namen, weil sie Personen bezeichnen?" „Personennamen". „Wer kann mir jetzt drei Tiernamen nennen?" fragte Edel- traut und deutete auf das an der Tafel hängende Herbstbild. „Storch, Katze, Ziege", sagte die eine. „Truthahn, Gans, Ente", wählte eine zweite. „Pferd, Ochs, Hund", hatte sich eine dritte ausgesucht und „Schwalbe, Elster, Hase" nannte eine vierte Schülerin. „Wieso haltet ihr die gesagten Wörter für Tiernamen und nicht etwa für Personennamen?" „Weil es Namen von Tieren sind". „Warum durftet ihr nicht Korb, Butte, Faß sagen?" „Weil das keine Tiere sind". „Was daun?" „Sachen". „Ich habe aber Tiernamen verlangt". „Wann hättet ihr Faß, Butte, Korb nur nennen dürfen ?" „Wenn Sie Sachnamen verlangt hätten". „Nennet mir also jetzt jede einen Sachnamen!" Und nun nannten die Kinder die auf dem Bilde gemalten Sachen und fügten auf Edeltrauts Wunsch immer hinzu, warum sie dieses Ding genannt hätten z. B. die eine: — 67 „Hans ist der Name einer Sache". Die zweite: „Scheune ist ein Sachname". Die dritte: „Das Wort Wagen ist der Name einer Sache". Edeltrant erinnerte die Kinder, daß sie ja auch die Pflanzen nennen dürsten, da sie ihres niederen Lebens wegen in der Sprach¬ lehre ja zu den Sachen gerechnet würden. Die Kinder willfahrten ihr und nachdem das ganze Bild ausgenützt worden war, wiederholte Edeltraut kurz die Einteilung der Dingnamen und ließ sie im Chore von den Schülerinnen wiederholen: ,.Die Namen der Dinge heißen Dingnamen, Dingwörter oder weil sie die wichtigsten Teile der Rede sind, Hauptwörter. Die Namen der Sinnendinge heißen Sinnendingnamen oder sinnliche Dinge bezeichnende Hauptwörter. Die Namen von Gedankendingen heißen Gedankendingnamen oder geistige Dinge bezeichnende Hauptwörter. Die Namen von Personen sind Personennamen, die Namen von Tieren Tiernamen, die Namen von Sachen Sachnamen." In der folgenden Sprachlehrstunde hing das Waldbild auf der Tafel. Edeltraut sagte, daß man im Deutschen vor Dingnamen immer eines der Wörtchen der, die, das setze und forderte die Kinder zuerst auf, Tiernamen zu nennen und das dazu passende von den drei Wörtchen der, die, das vorzusetzen. Dann ließ sie ebenso die Sachnamen und endlich die Personennamen nennen, wo¬ bei sie an Beschäftigung, Geschlecht, Alter, Familienverhältnis der gezeichneten Menschen erinnerte, um von den wenigen Personen des Bildes doch viele Namen zu erhalten. In einer dritten Sprachlehrstunde ließ Edeltraut eine kluge aufmerksame und mutige Schülerin vor die Türe treten, nachdem sie ihr mitgeteilt hatte, daß sie ein Ding werde erraten müssen, welches sie inzwischen den Mitschülerinnen zn nennen beabsichtige. Edeltraut deutete der Klasse auf das über der Schultüre hängende, kunstvolle Kreuz und ließ dann die Türe öffnen und das draußen stehende Kind eintreten und sich zu ihr stellen. Dann fragte sie die Klasse: — 68 — „Woher wißt ihr, daß das zu erratende Ding anwesend ist?" „Man sieht es", sagte ein Mädchen. „Wie kann man sich noch von der wirklichen Anwesenheit dieses Dinges überzeugen?" „Man kann es auch ergreifen", sagte ein zweites. „Es ist also kein bloßes Luftbild, denn, man kann es sehen und fühlen, also mit zwei Sinnen zugleich wahrnehmen", sagte Edeltraut und fuhr fort, zu reden: „Wenn man einer Glasglocke die Luft wegpumpt, so ist die Glasglocke nun weniger schwer als früher. Die Luft ist also etwas, ist ein Ding, obgleich man die Luft in der Glasglocke weder sicht noch fühlt". „Woran merkt man es also bloß, daß sie ein Ding ist?" „Mau merkt es nur daran, daß sie schwer ist", meinte eine Schülerin. „Wie könnte man erfahren, ob auch das von uns gedachte Ding ein Gewicht hat". „Wenn man es auf die Wage legt". „Wäre es schwerer oder leichter als eine gleich große Menge Luft?" „Schwerer". „Wie merkte man dies?" „Es übte auf die untergebrachte Handfläche oder die Wag¬ schale einen Druck aus, den die andere leere Hand oder Wagschale nicht erlitte". „Warum?" „Weil es aus Holz besteht und Holz dichter ist als Luft". „Was ist Holz, weil seiu kleinster Teil noch immer Holz heißt". „Es ist ein Stoff". „Das Ding, welches wir gewählt haben, kann man also mit zwei Sinnen zugleich wahruehmen, es besteht ans Stoff und kann gewogen werden", sagte Eveltraut, die erfragten Wahrheiten zu¬ sammenfassend. „Was ist es also deshalb für ein Ding?" fragte Edeltraut die zum Raten auserkorene Schülerin. „Es ist ein wirkliches oder ein Sinnending", antwortete diese. — 69 - „Was für wirkliche Dinge gibt es, wenn man sie nach ihrer Lebensfähigkeit einteilt", fragte Edeltraut weiter. „Es gibt Lebewesen und unbelebte Dinge", antwortete eine Schülerin. „Zu welchen dieser zwei Gattungen gehört das Ding, auf das ich früher gezeigt habe". „Zu den unbelebten", antwortete ihr eine gerufene Schülerin. „Wie nennt man alle unbelebten oder unbewußt lebenden Dinge", fragte Edeltraut ihre kleine Nachbarin. „Sachen", antwortete diese. „Das zu erratende Ding ist also eine Sache", wiederholte Edeltraut. „Wie ist diese Sache entstanden? ^ fragte Edeltraut die Klasse. „Menschen haben sie gemacht", gab eine Schülerin zur Antwort. „Es ist also ein Kunstkörper und zwar ein aus Holz ge¬ machter", erinnerte Edeltraut. „Wozu machen die Menschen solche Dinge?" „Um sie an die Wand zu hängen". „Was sollen sie dort?" „An Christi Opfertod erinnern", lockte Edeltraut nach und nach aus den Schülerinnen heraus. „Wer hat das Ding gemacht?" fragte Edeltraut dann. „Ein TirolerHerrgottschnitzer",erzählteein sprachgewandtes Kind. „An was für ein Ding haben wir also gedacht?" fragte Edeltraut wieder die kleine Weise an ihrer Seite. „An das Kreuz", antwortete die Schülerin, die dem Frag- und Autwortspiel aufmerksam gefolgt war. „Welches?" fragte Edeltraut. „An das Kreuz in der Schule". „An das Schulkreuz also", sagte Edeltraut, wehmütig doppel¬ sinnig, sich vieler schwerer Stunden erinnernd. Nun besprach sich Edeltrant insgeheim mit einer anderen wackeren Schülerin und ließ die ganze Klasse raten. Diesmal war der zu erratende Gegenstand ein Königshäschen, das Edeltraut für die Zeichenstunde in einem Käfig hatte in die Schule stellen lassen. — 70 — Das dritte Mal riet Edeltraut selbst, nachdem sie einer sehr- verständigen Schülerin eine Dingliste zur Auswahl übergeben hatte. Jetzt war das zu erratende Ding eine Person und zwar eine Schülerin. Zum viertenmal aber war das zu erratende Ding ein Ge¬ dankending und zwar der Sturm. Gegen Ende des Schuljahres ließ Edeltraut fleißig Sätze zergliedern und Worte bestimmen. Sie wählte dazu die Sätze, die sie nachher zum Taktschreiben benützte. Diese Sätze, die beim An- schauungs- oder Leseunterrichte gebildet worden waren, schrieb sie im Lateindruck auf die Tafel und ließ sie erst auf der Schiefer¬ tafel abschreiben, dann lesen, hernach zergliedern und endlich ohne Vorbild aus dem Gedächtnisse aber gemeinsam im Takte ins Heft schreiben. So hatte Edeltraut den Kindern einst eine Lokalsage, eine Variation von Dornröschen oder Schneewittchen erzählt, welche die Runenschrift genannt war. Die Sage wurde gedeutet und das Ge¬ samtergebnis in kurzen Sätzen gesammelt und diese lauteten: Die versteinerte Prinzessin ist die Erde. Die graue Felsen¬ höhle ist die Nebelglocke des Himmels. Der böse Zauberer ist der Winter. Der Hirtenknabe ist der Frühling. Nachdem diese Sätze geschrieben und gelesen worden waren, verlangte Edeltraud: „Fraget um die Satzaussagen!" Und die Kinder, die reihenweise ausgerufen wurden, fragten, und zwar die eine: „Was wird im ersten Satze ausgesagt?" Und ihre Nachbarin antwortete: „Im ersten Satze wird aus¬ gesagt, daß etwas die Erde ist". Und die folgenden fragten: „Was wird im zweiten, dritten, vierten Satze ausgesagt?" und antworteten entweder selbst oder erhielten von andern zur Antwort: „In diesem Satze wird ausgesagt, daß etwas die Nebelglocke, der Winter oder der Frühling ist". — 71 — - Die folgenden Schülerinnen bekamen die Aufgabe, die Satz¬ aussagen anzngeben und sie sagten: ,,Erde ist die Aussage des ersten Satzes". „Im zweiten Satze ist „Nebelglocke" die Aussage". „Die Aussage des dritten Satzes ist „Winter". Die vierte Satzaussage ist: „Frühling". „Frage: nun ebenso um die Satzgegenstände"! begehrte Edeltraut. Und die Kinder fragten: „Von welchem Gegenstände wird ausgesagt, daß er die Erde oder daß er die Nebelglocke oder daß er der Winter oder daß er der Frühling ist". Und andere antworteten: „Das wird von der Prinzessin, von der Felsenhöhle, vom Zauberer, vom Hirtenknaben ausgesagt". „Wiederholet alle Gegenstände der Rede und gebet an, welchen Namen diese Satzteile haben", verlangte Edeltraut. Und die Kinder gaben an: „Prinzessin, Felsenhöhle, Zauberer und Frühling sind die Satzgegenstände". „Wie viele Gegenstände hat jeder Satz?" fragte Edeltrant. „Nur einen!" antwortete man. „Wie viele Aussagen?" „Auch nur eine". „Wie viele Redegegenstände und Aussagen haben einfache Sätze mir?" „Einfache Sätze haben nur einen Gegenstand und eine Aussage". „Bon diesen Sätzen", sagte Edeltraut ans die Schultafel Zeigend, „hat jeder nur einen Gegenstand und nur eine Aussage. Was sind es also für Sätze?" „Einfache Sätze". „Diese einfachen Sätze sind aber ziemlich lang. Wie kommt das ?" „Es sind sehr lange Wörter darinnen", meinte eine Schülerin. „Ja", sagte Edeltraut. „Warum aber noch?" „Es find noch andere Wörter darinnen, als die, welche den Redegegenstand und die Aussage nennen", sand eine andere. Edeltrant lobte die Antwort und sagte: „Diese Sätze haben also mehr als zwei Teile, mehr als Gegenstand und Aussage. Wie nennt man den Gegenstand und die Aussage, weil sie die wichtigsten Teile des Satzes sind?" — 72 — „Hauptsatzteile". „Zwei Wörter dieser langen Sätze nennen also die Haupt¬ satzteile", erinnerte Edeltraut. „Was nennen die anderen Wörter?" „Sie nennen weniger wichtige Satzteile". „Welchen Namen haben solche weniger notwendige Satzteile?" „Nebensatzteile." „Diese Sätze sind also so lang, weil sie auch Nebensatzteile enthalten. Nicht wahr?" „Wenn man einen Satz mit einem Menschen vergleicht, was stellen Gegenstand und Aussage dann vor?" „Den Leib". „Und die übrigen Satzteile?" „Die Kleider". „Wie nennt man deshalb einen Satz, der nur aus Gegen¬ stand und Aussage, dem Leib besteht?" „Einen nackten Satz". „Zieht hier in unserm Sprachstück alle Sätze aus den Kleidern, wie man Puppen auszieht!" Und lachend meldeten sich die Kinder und sagten : „Der erste nackte Satz ist: „Die Prinzessin ist die Erde"; der zweite: „Die Felsenhöhle ist die Nebelglocke"; der dritte: „Der Zauberer ist der Winter"; der vierte: „Der Hirtenknabe ist der Frühling". „Hebt jetzt die Kleider auf, welche sie einhüllten und zeigt sie mir". „Bersteinerte", „grane", „ihre", „lose", bildeten die Ein¬ kleidung", vervollständigte Edeltraut die Antwort der Kinder und fragte: „Was für Sätze haben wir also hier aus der Tafel?" „Drei eingekleidete und einen nackten, einfachen Satz", er¬ widerten nach einigen Zwischenfragen Edeltrauts die Kinder. „Wie viele Personennamen kommen in unserem Sprachstücke vor", fragte Edeltraut. „Drei", wurde ihr geantwortet. „Welche?" „Prinzessin, Zauberer und Hirtenjunge". „Wie viele Tiernamen?" „Keiner". - 73 — „Was für Sachnamen?" „Erde, Felsenhöhle, Nebelglocke". , Welche Gedanlendingnamen?" „Winter und Frühling". „Wie viele Dingnamen überhaupt?" „Neun". „Leset alle Ding- oder Hauptwörter!" Als die Kinder der Aufforderung willfahren waren, hieß Edeltraut sie nochmals um die Satzgegenstände fragen. Und die Kinder fragten wieder: „Von welchem Gegenstände wird ansgesagt, daß er die Erde ist?" Und antworteten: „Das wird von der Prinzessin ausgesagt". „Was für ein Name ist Prinzessin?" „Ein Personenname". „Wie könnt ihr deshalb um den Satzgegenstand Prinzessin noch fragen?" „Wer ist die. Erde?" „Antwort?" „Die Prinzessin ist die Erde". „Würde das auch für den Satzgegenstand Felsenhöhle passen?', „Nein". „Warum nicht?" „Weil er eine Sache ist". „Fragt um den zweiten Satzgegenstand!" „Von welchem Gegenstand wird ausgesagt, daß er die Nebel¬ glocke ist?" „Antwort?" „Das wird von der Felsenhöhle ausgesagt". „Mit welchem Worte muß man um diesen Satzgegenstand fragen, weil er ein Sachname ist?" „Mit dem Fragworte „was". „Mit welchem Satzteil muß man dieses Fragewort aber ver¬ binden ?" „Mit der Satzaussage". „Tut dies!" ,,Wa§ ist die Nebelglocke des Himmels?" — 74 - „Antwort?" „Die Felsenhöhle des Rätsels! (ist die Nebelglocke des Himmels)." „Fraget weiter, um den Gegenstand des dritten Satzes!" „Von welchem Gegenstände des Märchens wird ausgesagt, daß er der Winter ist? Nehmet an, ihr hättet es vergessen! Wie würdet ihr fragen, wenn ihr glaubtet, es sei eine Person?" „Wer ist schon der Winter?" „Und wenn ihr glaubtet, es sei eine Sache?" „Was ist nur der Winter?" „Wie würdet ihr sragen, wenn ihr nicht wüßtet, ob der Winter in einer Person oder einer Sache des Rätsels stecke". „Wer oder was ist schon der Winter?" „Antwort?" „Der Zauberer ist der Winter". „Fraget jetzt um den Gegenstand Hirtenknabe". „Von welchem Gegenstand der Erzählung wird ausgesagt, daß er der Frühling ist?" „Das wird vom Hirtenknaben ausgesagt". „Fragt um den Dingnamen Hirtenknabe!" „Wer ist der Frühling?" „Antwort?" „Der Hirtenknabe". „Wie kann man um den Satzgegenstand also noch fragen, weil er entweder eine Person oder eine Sache ist?" „Mit der Frage wer oder was?" Dann fragte Edeltrant nochmals, was im ersten, zweiten, dritten, vierten Satze von den bekannten Satzgegenständen aus¬ gesagt wird, und als sie die richtigen Antworten erhalten hatte, wollte sie wissen, was von allen Satzgegenständen gleiches aus¬ gesagt werde. „Es wird von allen vier Satzgegenständen ausgesagt, was sie sind", antwortete man ihr. „Fraget nun in jedem Satze, was der Gegenstand ist!" Und die Kinder sragten um die Lösung des Rätselmärchens: „Was ist eigentlich die Prinzessin, die Felsenhöhle, der Zauberer, der Hirte?" - 75 — „Beantwortet eure Fragen auch!" befahl Edeltraut. Und die Kinder fragten wieder: „Was ist eigentlich mit der Prinzessin gemeint?" Und antworteten „Die Erde", n. s. f. Das drittemal mußten sie nach der Frage um den Satzteil und der darauf gegebenen Antwort auch Satzteil und Wvriart be¬ nennen, z. B. : „Was ist der böse Zauberer eigentlich?" „Der Winter". „Ist der Winter" ist die Satzaussage. „Winter" ist ein Gedankendingname. Sv wurde das Zergliedern bis zum Schlüsse des Schuljahres fortgesetzt. Jedesmal wurde etwas anderes hervorgehobeu, wie es der Bau der Sätze und die gewählten Worte ermöglichten. Diese Sätze aber waren mit Rücksicht auf den Lehrplan der Klasse kon¬ struiert. Je nach der Stellung einer solchen Analisierstunde in der fortlaufenden Reihe der letzten Sprachstunden war die Fragestellung leichter oder schwerer, häufiger oder seltener, detaillierter oder all¬ gemeiner. Zuletzt wurden die Fragen durch bloße Mahnworte ersetzt. Das Leichtere wurde durch die Reihe gefragt. Bei schwereren Aufgaben wurde die Antwort freigegeben Bei Antworten, die Zungenfertigkeit erforderten, bei Wiederholungen, oder wenn Zeit¬ mangel herrschte, wurde im Chore geantwortet, so daß die Schwä¬ cheren, Zaghaften und Langsamen von den besseren Schülerinnen mitgerissen wurden. Wenn Edeltraut sich erinnerte, wie schwerfällig im Bestimmen der Hauprsatzgliedcr, wie gedankenlos im Benennen der Wortarten ihre früheren Schülerinnen noch im dritten und vierten Schuljahre waren, so hatte sie alle Ursache, mit ihren Unterrichtseriolgen im zweiten Schuljahre zufrieden zu sein und sie freute sich, daß sie diese Erfolge auf eiue so geistbildeude Art erreicht uud so viel Abwechslung und Fröhlichkeit in einen so spröden Stoff hatte bringen können. — 76 — IX. Edelkrauks Nnschanungsunterrrchk. Weit leichter war es Edeltraut, einen andern Zweig des Sprachunterrichtes, den Anschauungsunterricht individuell auszu¬ gestalten. Das neue Schulhaus, der iu jeder Hinsicht durchforschte Wohnort mit seinen geschichtlichen Erinnerungen, mit seinem in¬ teressanten Tierleben und seiner mannigfachen Flora, Edeltrauts eigenes Elternhaus mit dem Leben und Weben darin, boten ihr eine Fülle von Stoff, um die äußere und innere Anschauung ihrer Schüler zu nähren. Als sie das Wohnhaus und die Familie, die Pflichten der Familienglieder und ihr Verhältnis zu einander be¬ sprach, als sie den Garten mit seinen Blumen zu behandeln hatte, brauchte sie nur aus dem reichen Schatz ihrer Erinnerungen zu schöpfen und das Erfaßte den Schülerinnen auf eine anmutreiche Art vorzulegcn, aus eine Art, die nicht nur den Geist, sondern auch das Herz erfreut, und die em Ganzes bot und kein Stückwerk. Und diese Art schien Edeltraut für jüngere Schüler die Form der Erzählung zu sein. Die Wirklichkeit und gute Bilder sollten die Illustrationen dieser Geschichten liefern. Der erzählte Stoff wurde dann in einfacherer Form im Schulbuche nachgelesen und auf Fragen wiedergegeben. So erzählte Edeltraut denn ihren Kindern z. B. iu Fortsetzungen, wie ihr Elternhaus, der „Schwanen¬ hof" erbaut, benannt, und eingerichtet worden war und wie das Leben der Familie sich darin abgespielt hatte. Als Edeltraut um jene Zeit, da ihr der Lehrplan die Be¬ sprechung des Hausbaues vorschrieb, Anschauungsstunde hatte, be¬ gann sie: I. „Mariemarte", sagte mein Vater an einem schönen Frühlings¬ tage bei seiner Heimkehr vom Amte zu meiner Mutter: „Heute sah ich eine Menge der nüchternen Ziegelfuhrwerke die Straßen ziehen, indes die Schwalben wie trunken in der blauen Luft hin- und her¬ schoßen. Ihr eintöniges Zück! zück! erinnerte mich an Lessings — 77 — Ausspruch, die Schwalbe sei einst ein ebenso toureicher Vogel ge¬ wesen als die Nachtigall. Als sie aber den Wald verließ nnd in die Stadt zog, habe sie zu singen vergessen nnd bauen gelernt. Die in meiner Erinnerung anfgestiegene hübsche Fabel ivnrde durch die vielen zur Stadt ziehenden Ziegelfuhrwerke und die darüber¬ fliegenden Schwalben gleichsam mit lebenden Bildern illustriert. Und wie nm die Wahrheit dieser Fabel zn beweisen, erwachte in meiner eigenen Brust die Baulnst aus ihrem Winterschlafs. Deshalb srage ich dich wieder: Sollen wir uns nicht doch auch ein eigenes Heim schaffen in einem Städtchen, in welchem ich voraussichtlich lange Zeit werde bleiben müssen? Sprich! Die Bauzeit ist da. Sollte es für dich nicht ebensoviel Verlockendes haben, nach eigenem Sinn nnd Geschmack, dir Wohnung und Leben darin ge¬ stalten zu können, wie für mich? Ich denke, du willigst in den Hausbau!" „Da dein Herz, lieber Adelsried, so sehr an dem Baue hängt, will ich dir nicht widerstreben", sagte meine Mutter und der Bau war mithin eine beschlossene Sache. „Nun aber zur zweiten Frage", fuhr der Vater fort. „Wo bauen wir? In der Stadt oder auf dem Lande?" „Ich denke, wir halten es mit der Nachtigall", sagte meine Mutter. Haben wir auch das Bauen in der Stadt gelernt, wir ziehen wieder zurück aufs Land und Hausen dort wie die Felsenschwalbe und singen mit dem liederreichen Dichter Holly: Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh! Jedes Säuseln des Baumes, jedes Geräusch des Baches, Jeder blinkende Riesel Predigt Tugend und Weisheit ihm. Jedes Schattengesträuch ist ihm ein heiliger Tempel, wo ihm sein Gott näher vorüberwallt; Jeder Rasen ein Altar, Wo er vor dem Erhabenen kniet. — 78 Seine Nachtigall tönet Schlummer herab auf ihn. Seine Nachtigall w.ckt flötend ihn wieder auf, Wenn das liebliche Frührot durch die Bäum' auf sein Bette scheint. „Du kommst meinem Wunsche entgegen", sagte mein Vater. Aber ich halte es sür meine Pflicht, dich aus die mannigfachen Beschwerden aufmerksam zu machen, die das Landleben für uns haben wird. Laß uns also seine Vor- und Nachteile genau ab¬ wägen und eine weise Wahl treffen". „Gerne", antwortete meine verständige Mutter. „Ja, ich will selbst alle Schattenseiten desselben aufsuchen, um uns vor törichter Uebereiluug zu bewahren". So taten Vater und Mutter und blieben trotzdem bei ihrem Vorsatz, sich ein Landhaus zu bauen. Und meine Eltern verstanden es in der Folge gar wohl den Nachteilen des Landlebens entgegen zu wirken. Nachdem sie übereingekommeu waren, ihr Haus ins freie Land zu stellen, berieten sie sich über die beste Lage für ihr Heim. „Sollen wir im Tale oder auf dem Berge, im Walde oder auf der Flur, am Wasser oder am Festlands bauen?" fragte mein Vater. „Die Waldluft ist köstlich, als wäre sie der Hauch Gottes", meinte mein Mütterchen, „aber ich fürchte, die Waldbewohner werden so wenig wetterhart wie die wilden Obstbäume, die im Freiland regelmäßig hinsiechen. Ich ziehe daher eine windumbrauste Stelle dem Walde vor". „Also auf fonubeglänzter freier Stelle", sagte mein Vater. „Aber am Wasser oder auf trockenem Boden?" Es wohnt sich schön am rauschenden Flusse, am stillen Weiher oder am schimmernden See. Aber blühende Wangen, glän¬ zende Augen und fröhlichen Sinn sand ich nie in feuchten Nie¬ derungen", erwiderte mein besonnenes Mütterchen. „Ich möchte daher auf einem höher gelegenen Punkte wohnen. Am liebsten wäre ich immer eine Burgfrau geworden. Höhenluft hat mich all'zeit berauscht und groß sind die Wonnen einer freien Lage, die es ge¬ stattet, eine Gegend in ihrer immerfort wechselnden Schönheit zu — 79 — bewundern: im purpurnen Frühlicht, im verklärenden Abendscheine oder in der träumerischen Ruhe des Mittags, im lichtgrünen Blatt¬ schleier des Frühlings, im goldenen Feierkleide des Herbstes und im schimmernden Hermelin des Winters, im fliegenden Wolken¬ mantel des Sturmes, mit der flimmernden Sternenkrone oder im Silberflor des Mondes. Auch gefiele mirs so lange in Sonnengold getaucht zu sein, wie es nur auf Bergspitzen möglich ist". „Auf Bergen haust sichs freilich wundervoll, holde Schwär¬ merin", entgegnete mein Vater. „Wär's nur nicht so beschwerlich, ein Berghaus zu erreichen und so kostspielig es zu bauen. Aber da soll man den Bauplatz erst schaffen, die Baustoffe müssen mit großer Mühe und vielen Kosten hinausgeschafft, die Bauleute oben beher¬ bergt und verköstigt werden. So hoch mein liebes Blauveilchen also wolle nicht hinaus ! Begnüge dich mit einem sichern Haus im Tale! Doch sieh! Du sollst auch nicht im moorigen Grunde stehen. Ich kenne eine kleine Anhöhe, die wie für uns geschaffen ist. Noch heute gehe ich zum Baumeister und gebe ihm den Auftrag, uns dort ein hübsches Hans zu bauen". Und wie gesagt, so getan! 2. Der Vater begab sich zum Baumeister des Städtchens und sagte: „Herr, ich möchte mir ein Haus bauen lassen. Wollen Sie den Bau übernehmen?" „Mit Vergnügen", antwortete der Bankünstler. „Ich werde mich bemühen, das in mich gesetzte Vertrauen zu verdienen. Soll das Haus groß sein?" „So groß, daß eine zahlreiche Familie darinnen viele Jahre lang, gesund nnd bequem wohnen kann". „Also ein Familienhaus!" meinte der Baumeister. „Wo wird's stehen ?" Der Vater nannte ihm die gewählte Anhöhe und bat ihn, den Grund zu untersuchen. Der Architekt und mein Vater gingen eines Nachmittags auf den Bauplatz hinaus. Der Fachmann prüfte — 80 — dort den Boden nnd forschte nach gefahrbringenden Quellen. Er fand endlich, den Grund sehr geeignet, weder sandig noch lehmig, sondern felsig nnd mit keiner Erdrntschnng drohend. Da suchten die beiden Männer den Grundherrn auf und fragten ihn schalk¬ haft, ob er ihnen ein Stück seines Bodens abtreten möge. Es brauche nicht größer sein, als eine Ochsenhaut bedecken könne. Der Bauer fragte lacheud, was sie mit einem solchen Stück Land machen wollten. „Haus, Hof, Garten nnd Park darauf anlegen", antwortete man ihm, nnd fragte, was für einen Preis er für den Platz fordere. Der Preis für ein solches Fleckchen Erde werde leicht zu bezahlen sein, meinte der Landmann. Er könne es ihnen nm fünfzig Kronen überlassen. Aber wie man darauf ein Gut stiften könne, das dünke ihm eine Kunst. Der Vater erklärte sich mit dem Preise einverstanden und fragte, ob eine Ochsenhaut zur Stelle sei. Das wäre nicht notwendig, sagte der Bauersmann. Er wisse genau, wie groß eine Rinderhaut sei. Er gebe gutes Maß. Die Ochsenhant müsse her und eine Schere dazu, verlangte der Vater; er möchte zeigen, daß ein Stück Land, das er mit einer Ochsenhaut umspannen könne, doch nicht gar so klein sei; wenn er die Ochsenhaut in Streifen schneiden dürfe, so getraue er sich wohl den ganzen Hügel damit zu umspannen und ans einem solchen Platz könne mau doch Haus und Park errichten? „Ist's so gemeint?" lachte der Bauer. „Dann ist's freilich keine Kunst, sich mit einem solchen Platz zu begnügen. Aber eine Kunst ist's, ihn für fünfzig Kronen zu kriegen". Er wollte seine Null auch zerschneiden und drei kleine daraus machen, dann würde der Preis allenfalls dem gewünschten Landteil entsprechen. Der Vater fand ihn ein wenig zu hoch. Man feilschte einiges und ward endlich über viertausend Kronen einig. Zufrieden traten der Vater und der Baumeister den Rückweg an. Der geplante Bau war ihr Weggespräch. „Wenn's ein Haus für eine große Familie sein soll, wird wohl ein Stockwerk nötig sein", sagte bedächtig der Baumeister. — <81 — „Natürlich", gab der Vater zur Antwort. „Haben doch auch Salzburger und Tiroler Bauernhäuser ihr Stockwerk. Mein Land¬ haus soll auch seinen Stock haben". „Soll ein Keller ausgehöhlt werden?" wollte der Baumeister wissen. „Ja", erwiderte der Vater. „Erstens haben unterkellerte Wohnungen eine bessere Luft, zweitens braucht man in einem so abgelegenen Hause eine Menge Vorräte, für die ein guter Keller nötig ist. Und ein Bergkeller ist ja stets ein kühler Keller". „Wie soll das Haus im Innern eingeteilt sein?" „So, daß überall eine Fülle von Licht und Lust und dabei doch die hinreichende Wärme vorhanden ist". „Also viele große Spiegelfenster im Haus, eine Veranda davor, einen Balkon darüber, zwei offene Vorhallen hinten, zwischen den Seitenflügeln und eine Gallerte, welche Vorder- und Hinter¬ seite verbindet", schlug der Baumeister vor. „Einverstanden", sagte der Vater, „denn das Haus soll nicht nur eine Heimstätte der Gesundheit sein, sondern eine stete Freude für seine Bewohner und eine Augenweide für die ganze Gegend". „Dann könnten die Ecken noch turmartige Vorbaue haben", plante der Baumeister. „Das gäbe einige hübsche, lichte, luftige Erkerftttbcheu mit schönem Ausguck". „Wenn sie dem Bau zur Zierde gereichen", willigte der Vater ein, „so sollen sie auf Ihr Geheiß daran erscheinen". „Und wie sollen die Räume verteilt sein?" wollte der Bau¬ meister erfahren. „Das Speisezimmer soll die Mitte des hohen Erdgeschoßes einnehmen und auf die Veranda münden. Die Zimmer rechts und links hätten als Fremdenzimmer, die Erkerstübchen als Lese-, Musik- und Malzimmer zu dienen. In den linken Seitenflügeln wäre die Küche und die Speisekammer, im rechten Flügel das Mügdezimmer zu verlegen". „Und die Raumvericilung des ersten Stockwerkes?" fragte der Baumeister weiter. 6 — 82 „Das Balkonzimmer über der Veranda soll mein und meiner Frau Schlafzimmer sein", bestimmte mein Vater. „Daran hätte rück¬ wärts das Badezimmer zu stoßen. Links denke ich mir das Spiel¬ zimmer, rechts das Schlafzimmer der Schulkinder. Das Erker¬ stübchen links ist das Studierzimmer der Sohne, die Turmstube rechts mein Arbeitszimmer. Im Flügel links ist das Mädchen¬ schlafzimmer, im Flügel rechts das Kleinkinderzimmer oder die Krankenstube. Im Dachboden hätte ich endlich auch gerne ein paar- hübsche Kämmerchen als Sommerschlafzimmer für die erwachsenen Söhne". „Das läßt sich alles machen", meinte der Baumeister. „Aber wie ist es zu erreichen, daß solch hochgestellter, allein¬ stehender Bau die nötige Jnnenwärme hält?" „Man muß die Wände wieder täfeln, wie in früherer Zeit und wie es in der rauhen, gebirgigen Schweiz noch heute der Brauch ist", erwiderte der Baumeister. „Das wird sehr teuer kommen", befürchtete mein Vater. „Dlan kann ja gut ausgetrocknetes weiches Holz mit einen: durchsichtigen Anstrich nehmen," erklärte der Baumeister. „Schöner und dauerhafter ist freilich eine Eichenholzvertäfelnng. Jede Ver¬ täfelung ermöglicht eine Einrichtung des Hauses, die wie aus einem Stück ist und das Auge sehr befriedigt. Kasten und Wand¬ brunnen sind der Vertäfelung eingefügt. Klapptische und Klapp¬ stühle, ja Klappbetten können unmerklich in diese Wandverkleidung eingelegt sein". „In den eigentlichen Schlafzimmern werden in der Mitte vier dünne, hölzerne Rnndsäulen zwischen Boden und Decke eingcrahmt und Ruhebetten ans durchlochtem, elastischem Holze dazwischen auf geschlagen. Sie dienen zugleich als Bettstellen. An passenden Stellen werden Füllöfen oder wenn etwa die Zentralheizung ein¬ geführt werden sollte, Dampföfen in die Vertäfelung eingegliedert. Von der Decke hängen Lampen herab. Zwischen den Fenstern sind hohe Spiegel eingerahmt und Spiegelbretter und Laden darunter zur Aufnahme der Toilettwerkzeuge angebracht. Ueber der Ver¬ täfelung der Türhöhe sind Bilderfriese, so daß das Haus einge¬ richtet ist, ohne daß man viele bewegliche Möbeln nötig hat". — 83 — „Das ist für uns moderne Wandervölker allerdings sehr be¬ quem", sagte da mein Vater. „Ich will mir solch' eingerichtetes Wohn¬ haus bauen. Wird es lange dauern, bis der Plan fertig ist und der Ban begonnen werden kann?" „O, nein! Ich habe daheim das Bild und den Plan eines sehr schönen Gebäudes, das ganz so eingeteilt ist, wie Sie es wünschen. Sehen Sie sich's an! Vielleicht gefällt es Ihnen. Dann könnten wir schon nächste Woche mit dem Bane anfangen". Und Bild und Plan fand Beifall und eine Woche darauf wurde der Ban meines Vaterhauses in Angriff genommen. 3. Der Vater ging nun jeden Tag mit der Mutter auf den Bauplatz und immer gab es da etwas Neues zu sehen und zu lernen. Einmal wurden Bäume und Sträucher gefällt, Felsen ge¬ sprengt und der Platz geebnet. Ein andermal wurden Steine und Ziegel Kalk und Saud herbeigefahren und abgeladen. Wieder ein drittesmal war der Maurermeister eben dabei nach dem Plaue die Größe der Grundfläche zu bestimmen. Er steckte ein Pfählchen in die Erde und band eine Schnur daran. Hier sollte das vordere linke Eck des Hauses sein. Nun spannte er rück¬ wärtsgehend wie der Seiler die Schnur so lange, als das Haus werden sollte. Dann knüpste er dort, wo das vordere rechte Eck sein sollte, die Schnur wieder an einen kleinen Pfahl. Hierauf ging er in der Richtung der Tiefe des Hauses soweit, bis ihm die ausgespannte Maßschnur die rechte Länge angab und wand den Bindfaden dort, wo das Hintere rechte Eck sein mußte mehrere Male um den kleinen Pflock. Endlich schritt er mit dem Schnur¬ knäuel hinten so lange nach links, als die geplante Länge des Hauses gebot, stieß wieder ein Pflöckchen ein und befestigte die Schnur daran. Da war später das Hintere linke Eck des Hauses. Jetzt brauchte er das sreie Schnürende nur an den Stab in dem vorderen linken Eck zu knoten, so hatte er das Viereck bestimmt, das von den Anßenmauern gebildet werden sollte. Nun suchte der 84 — Meister auch die Geraden, ein welchen sich die Zwischenmauern zu erheben hätten und riß alle gefundenen Linien in den Boden selbst ein. So entstand der Grundriß des Hauses. Das nächstem«! hatten die Taglöhner an Stelle der Grnnd- rißlinien tiefe Gräben ausgehoben und in diesen standen Maurer, schichteten große, behauene Steine zur Grundmauer aus und kitteten sie mit Mörtel zusammen, bald sah der Bauplatz aus, wie die Schnittfläche eines Mohnstrudels. Als Vater und Mutter nach einigen Regentagen wieder auf den Bauplatz hinanskamen, waren die Taglöhner eben damit be¬ schäftigt, die Erde zwischen den Grundmauern auszuheb.'n und Hin¬ auszuwersen und so zwischen den Wurzeln des Hauses die Keller¬ räume auszuhöhleu. Die Zimmerleute aber hatten rings um das Haus hohe Masten aufgestellt. Doch weder Segel noch Wimpel flatterten daran. Sie hatten eine andere Bestimmung. Bei dem nächsten Besuche des Bauplatzes rief der Vater ans: „Siehe da! Unser Haus ist ja aus der Erde aufgeschossen wie ein Baum!" Das Fundament ragte schon ein paar Meter über den Boden empor und man hatte begonnen, diesen steinernen Unterbau mit Backsteinen weiterzuführen. Schon waren in den roten Ziegel¬ wänden die Anfänge der Tür- und Fensteröffnungen sichtbar. In einer Woche sollte das Erdgeschoß fertig sein. Die Maurer standen jetzt auf einer Art von Brettergang. Dieser war dadurch entstanden, daß man die Mauern und Masten durch Querhölzer verbunden und diese mit Brettern belegt hatte. Ein Brettersteig führte aus diesen Gang. Da gingen Taglöhner hinauf und herab und trugen den Bauleuten Ziegel und Mörtel zu, damit sie nuaufgehalten weiter arbeiten konnten. Die Maurer warfen bald mit der Kelle Mörtel auf die Mauerbäuke und betteten die Ziegel darein, die sie zuvor mit dem Hammer behauen hatten, bis sie paßten, bald prüften sie mit der Schrotwage die wagrechte Lage der Mauerbänke, mit dem Lot die Mkrechte Richtung der Wände und mit dem Winkeleifen die Rechtwinkeligkeit der Ecken. So wuchs nun das Hans jeden Tag ein Stück in die Höhe und man dachte schon an die Anfertigung des Dachstuhles. — 85 An eineni schönen Herbstnachmittage wanderten die Eltern wieder znr Banstätte. Da sah man aus einer nahen Wiese die Zimmerleute geschäftig. Sie halten Holzböcke aufgestellt und ent¬ rindete Baumstämme daraus gelegt. Einige Männer zogen mit Schnur und Rotstift Linien auf die Baumstämme. Andere behauten diese Stämme längs dieser Linien mit der Breitaxt, so daß vierkantige Balken entstanden. Einige von diesen Tragbänmen wurden an dem einen Ende verjüngt, in andere wurden Lager cingeschnitten. Alles wurde genau nach Maß ge¬ arbeitet und probeweise ineinander gefügt. Als sich der Vater, nm besser zusehen zu können, etwas zu weit auf den Zimmerplatz wagte, da spannte ein munterer Geselle flink Schnüre nm ihn her, so daß ihm kein Ausweg blieb. „Mir scheint, ich soll gefangen werden", sagte Herr Adelsried. „Ihr seid schon unser Gefangener", antwortete man ihm mit verstelltem Ernste. „Ist das Zimmermannsbranch?" fragte das Väterchen lächelnd. Die Zimmerleute bejahten. „Da muß ich wohl Lösegeld zahlen?" „Eine Kleinigkeit, damit wir auf Ihr Wohl trinken können", sagten die Zimmerleute. Der Vater warf ihnen sein Kronentäschchen zu. Während eines Hochs ans den Bauherrn sanken die Schnüre und erheitert durch den hübschen Scherz kehrte der Vater mit dem Mütterchen heim. Bei einem abermaligen Besuch fand der Vater die Zimmer¬ leute dabei, die Balken zum Hanse zu schaffen und in die Höhe zu ziehen. Das Stockwerk war vollendet und nun sollte darauf der Dachstuhl errichtet werden. Zunächst wurden auf die Bänke der Außenmauern je ein Tragbaum gelegt, zu einem Rahmen ineinander gefügt und fest verhackt. Hierauf verband man die zwei Langhölzer noch durch viele innere Querhölzer mit einander. Auf diese Querbäume wurden die Dachstühle gestellt und daran paarweise die einander zugeneigten Dachsparren gelehnt. Darauf nagelte man die Dachlatten an, die wie ein dichtes Liniennetz die Dachsparren überzogen, bald aber unter den daraus gehängten Dachziegeln verschwinden sollten. — 86 — Schon traf man die Vorbereitungen zum Richtfest. An diesem Feste wollte sich der Vater mit der Mutter und einigen Freunden unseres Hauses beteiligen. Au einem schönen Sonntagnachmittage ging denn die kleine Gesellschaft auf ost be¬ gangenen Wegen hinaus zum Baue des Hauses. Der Dachstuhl war mit einem buntgeputzten Tanueubäumchen geziert. Manrer nnd Zimmerleute standen in Gruppen ans dem Gerüste und als mein Vater aus dem Bauplätze angekommen war und sich mit den Seinen vor dem Hanse ausgestellt hatte, trat der Zimmermeister mit einem Glase Wein in der Hand ans der Schar der Bauleute, schwang seinen Hut und sagte einen Spruch und der lautete: „Wir haben zuerst eine Stube gebaut Wie ihr uuu alle mit Augen schaut. Da wohne der Fleiß, Da bringe der Schweiß Dir Segen und Preis. Wir bauten auch eine Küche ins Haus Nie lösche die Not das Feuer aus. Fleisch, Butter und Brot Und Würstlein im Schlot Beschere der liebe Gott! Wir haben auch einen Boden gemacht. Dahin wird das Heu und der Flachs gebracht; Da kann man viel Waren Wohl aufbewahreu. So lernt man das Sparen. Doch ist viel besser als aller Gewinn Ein fröhlicher, frommer, zufriedener Sinn. Der gehe nie aus! Gott segne das Haus! Mein Sprüchlein ist aus." (Alter Spruch.) Nun trank der Sprecher den Wein mit einem Hoch auf dem Bauherrn ans, in das alle Bauleute einstimmten nnd schleuderte — 87 — dann das leere Glas über die Köpfe der Zuschaner weg zur Erde. Es fiel ins weiche Gras und blieb zum Jubel Aller ganz. Das war ein Glück verheißendes Zeichen! Fröhlich setzten sich nun die Bauleute aus die roh gezimmerten Bänke an die einfachen Tische und ließen sich die Bewirtung des Bauherrn gefallen. In der folgenden Woche wurde das Dach gedeckt. Es war die höchste Zeit, denn bald darauf stellten sich die Herbstregen ein und als der Vater an einem schönen Spätherbstnachmittage wieder zu seinem geliebten Ban lustwandelte, sand er alle Fenster- und Türöffnungen durch Laden verwahrt. Das Hans hatte sich für die Winterszeit verpuppt. Im nächsten Sommer sollte es sich herrlich weiterentwickeln. Vater nnd Mutter unterhielten sich den ganzen Winter über damit, das Hans im Geiste einzurichten nnd auszuschmücken. Heute kam dieses, morgen jenes Zimmer an die Reihe. Immer siel ihnen noch etwas Neues, Wünschenswertes ein. Das Haus sollte im Punkte der Ordnung und Reinlichkeit, so wenig zu wünschen übrig lassen, ivie im Punkte der Beleuchtung nnd der Lufternenernng nnd sollte doch so wenig Arbeit erfordern als nnr immer möglich. Eines Tages sprachen die Eltern über den Namen, den ihr Gehöfte tragen sollte. Da sagte die Mutter: „Ich habe einmal eine indische Sage gelesen: Eine Königin hatte ihren Töchtern die Gabe ewiger Jugend vererbt. Aber nm sich diese zu bewahren, mußten sie jährlich einmal im See der Jugend baden, der hoch im Norden von dichtem Walde umgeben liegt. Zn diesem nächtlichen Bade trug sie ihr Schwanenhemd. Wehe der Schwanenjungfran, der das Schwanenhemd geraubt wurde. Sie konnte die Heimat nimmer erreichen. Ein Förster fand einst am Ufer des Sees ein solches Schwanenkleid nnd warf es in die Flammen des häuslichen Herdes. Händeringend suchte die Königstochter ihr Flugkleid. Weinend sah sie die Schwestern durch die Lüfte der Heimat zn- ziehen, indes sie an die nordische Erde gebannt war. Sie kam als verirrte Fremde in die Hütte des Försters, blieb dort und wurde sein Weib. Sieh' solch' eine Schwanenjungfrau war ich. Du Adelsried gewannst meinen Schwanenmantel und verbargst ihn, nm mich bei — 88 — dir sestzuhalten und deine Liebe ließ mich die schöne Wunderheimat vergessen. Aber eines Tages werde ich mein Schwanenhemd finden, die Sehnsucht wird Macht Uber mich gewinnen und vergebens wirst du mich an dich zu sesseln suchen. Ich werde mich aus eurem rauhen Lande gegen Himmel schwingen der Heimat zu, ans der ich herabgekommen. . . . Die Landhäuser tragen gewöhnlich den Namen der Haus¬ frau", fuhr meine Mutter nach einer Pause fort, „weil das Lehen im Hause Gestalt und Gehalt von der Fran bekommt. So lasse unser Haus mir zu Liebe den Schwanenhos nennen und darauf einen ziehenden Schwan als Dachkrönung anbriugen." „Bewilligt, liebe Herrin", rief der Vater. „Unter dem Dache soll der Name Schwanenhof den Fremden grüßen und als Wetter¬ fahne statt eines ziehenden Storches ein silberweißer Schwan den First zieren. Dich selbst aber wird, so hoffe ich, der Schwanenhof erst im Haare so silberweiß wie Schwanenflanm aus seinen Mauern scheiden lassen." Als der Frühling kam, wurde der Bau fortgesetzt. Es wurden steinerne Treppen gemacht und die Zimmerdecken gelegt. Die Tischler fügten die harten, glatten Parquettböden zusammen, verkleideten die Wände mit den schön umrahmten Holztafeln und versahen sie mit einem durchsichtigen, glasartigen Anstrich, setzten Tür- und Fenster¬ rahmen ein, brachten Schieb- und Flügeltüren an, stellten Bett- säulen und Bettstätten ans und ließen an geeigneten Stellen Klapp¬ tische, Klappbänke und Klappbetten in die Vertäfelung ein. Dann kamen die Bildhauer und Maler und verschonten die Zimmer ober der Vertäfelung durch Statuen und Bilder. Endlich erschienen die Glaser, schnitten die hohen Spiegelscheiben in Fenster und Türen ein, brachten an den Zwischenpfeilern die großen Spiegel an und machten alle noch notwendige Verglasung. Die Schlosser hatten schon zuvor für die Aufstellung des Verandagerüstes, der Oefen, Herde und für die Einführung der Wasserleituugsrohre gesorgt und der Töpfer das Badezimmer eingerichtet. Nun kam der Tapezierer, befestigte an Fenster, Türen und Bettsäulen die Vor¬ hänge, belegte die Bettstätten mit Kissen, Lacken und Decken und den Boden mit Teppichen. Der Gärtner stellte seine dunklen — 89 — Pstanzengrnppeu in die lichten Ecken und miu fehlte dem Innern der Hauses nichts mehr zu seiner Vollkommenheit. Der Schwanen- Hof war mit einem porösen, die Manerlnftnug gestattenden An- wnrf versehen und in ein lichtes Gelbrosa gekleidet, so daß er sich ebenso harmonisch von dem Grün der Baumgruppen als von der Bläue des Himmels abhob. Das Dach war mit blau¬ grauem Schiefer gedeckt, der Schwan schimmerte an der dunklen Eisenstange und silberhell glänzten auch die Dachrinnen mit den hübschen Wasserspeiern. Alle Aufgaben, welche Vater und Blutter deni Baumeister und den Handwerkern gestelü hatten, wurden auf das Beste gelöst. Der Bau stand so fest, frei und schmuck auf der kleinen Anhöhe, wie er geplant worden war. Er war innen so schön, so freundlich und behaglich und dabei so bequem eingerichtet, wie mau cs sich gedacht hatte. Das Speisezimmer. Die Familie. Ein besonders edles Gepräge hatte das Speisezimmer erhalten. Hier waren über der Vertäfelung auf den Rat Onkel Adolars, der des Vaters Bruder und ein geschickter Maler war, Bilder »l trsseo gemalt, welche den Raum gleichsam nach drei Seiten er¬ weiterten und mit einer Fülle von Gestalten belebten. An der Hiuterwand sah man das „Gastmahl der Pharisäer" von Paul Veronese, das bekanntlich ans einer luftigen Gallerie von wunder¬ barer architektonischer Schönheit stattfindet. Links war das berühmte „Letzte Abendmahl" von Leonardo da Vinci, rechts „Der reiche Prasser und der arme Lazarus" dargestelll. Diese Bilder sollten nicht nur den Genuß der Mahlzeiten adeln, sondern auch Treue, Müßigkeit und Barmherzigkeit predigen. In der Vorderwand war inmitten zweier hoher Spiegelfenster eine Glastüre, die auf die Veranda führte. Da das Haus eine erhöhte Lage besaß, die Fenster südliche Rich¬ tung hatten und das Verandagerüst zierlich gebaut war, so erfüllte die Halle stets eine Flut goldeueu Lichtes und in der warmen Jahreszeit strömte eine reine, mit Blnmenduft dnrchsüßte Luft durch — 90 — die geöffneten Fenster und die Verandatüre in den schönen Raum nnd herrliche Landschaftsbilder zeigten sich in dem Rahmen der drei Maueröffnnngen. Zwei plätschernde Wandbrunnen, Lnstschachte und der unter dem Verandadach hinziehende Luftstrom verbreiteten im Hochsommer wohltuende Kühlung. Die zwei Türen in den Seitenwänden waren Schiebtüren und nur die in die Vorhalle sich öffnende Tür hatte Flügeln. Waren die Türen geschloffen, so störte nichts die Einheit des weiten Gemaches. Zarte Spitzen¬ vorhänge ließen ihm seine Helligkeit, Pflanzeugruppen in den Ecken verliehen ihm etwas von der wohltuenden Frische und An¬ mut eines Gartens und der bunte Blütenstrauß auf dem laugen, sauber gedeckten Speisetisch gab ihm allzeit einen festlichen Cha¬ rakter. Dieses feierliche Gepräge blieb dem Raum zu allen Tageszeiten erhalten, denn alle im Speisezimmer gebrauchten Ge¬ räte wurden in den Wandschränken innerhalb der Vertäfelung aufbewahrt. Wer sich vom Garten her über die Veranda dem Saale näherte, den begrüßte über der Glastüre der schöne Spruch Ana¬ stasius Grüns: „Schön und glücklich ist ein Leben nur, wenn es an Gott sich schmiegt und die Natur." Und wie viele herrliche Menschen waren unter diesem Spruche hineingeschritteu in den schönen Raum nnd hatten im schönen Verein die lange Tafel mit einem Kranze blühender Gestalten umflochten: schöne, schlanke Jüuglingsgestalten, zarte, reizende Mädcheublüten, zwischen denen ernste, kraftvolle Männer 'wie der Vater und seine Brüder, der Onkel Adolar und der kühne, wetter¬ harte, gewandte Onkel Hartmann, stattliche, sonnige Frauen, wie meine Mutter und ihre geist- und lebensprühende Schwester Hilde ihren Platz hatten; ein Kranz, in dem auch silberhaarige Greise nnd duftweise Greisinnen, das sanfte Licht der Weisheit in den Augen, nicht fehlten. Wie viele Festtage sah der lichte Raum. Wie oft wider- halltc er von fröhlichem Lachen. Wie waren die Freuden des Mahles allezeit gewürzt durch weise Worte, interessante Erzäh¬ lungen, durch feine Bemerkungen, köstliche Scherze, neckende Reden nnd anmutige, schlagfertige Gegenreden. Meist waren es die hohen — 91 — Feste und die Ferienmonate, in denen sich die Taselrunde des Schwanenhofes so erweiterte nnd vervollständigte. Welche Freude herrschte allemal, wenn die Großeltern sich zu Besuch im Schwanenhofe ansagteu. Kinder nnd Kindeskinder legten ihre Feiertagskleider an. Die Enkel begrüßten die teuren Großeltern allemal, indem sie ihnen Blumensträuße darboten, ihnen die Hände küßten nnd sich zärtlich an sie schmiegten. Mit Rührung sahen Vater und Mutter ihre geliebten Eltern, deren Liebe sie selbst die Gesundheit und Kraft des Leibes, die Bildung des Geistes und die Ehrlichkeit des Herzens verdankten, nun umkoset von Kindeskindern. Das ungetrübte Ange der Kleinen ahnte die Greisenzärtlichkeit, mit der die Großeltern an ihnen hingen nnd sic erwiderten diese heimliche, wehmütige Liebe durch kindliche Hingabe. Und die Großeltern schienen sich in dem Kreise schöner, fröhlicher nnd zärtlicher Enkelkinder zu verjüngern. Es war, als habe der liebe Gott ihnen in dieser Enkelschar eine blühende Rosenkrone aus das greise Haupt gedrückt, die es ver¬ schönerte und nmdnftete und bestimm: war, für sich selbst weiter zu dauern, wenn auch diese müden Häupter einst im heiligen Schlaf des Todes erstarrt waren. An Tagen, die durch den Besuch der Großeltern verschönt waren, streiften die Bewohner des Schwanenhvfes gemeinsam durch Gärten, Feld und Wald. Voll regem Anteil hörten die Großeltern der Großen und Kleinen Erlebnisse an und sparten nicht mit Be¬ wunderung, Rat und Lehre und alle waren lange Zeit untröstlich, wenn der Reisewagen ihnen Großvater nnd Großmutter für Monate entführte. Große Freude war auch allemal im Schmanenhofe, wenn Onkel Hartmann, Vaters älterer Bruder, im Schwanenhofe ankam. Er war ja stets bereit, mit seinen wanderlustigen Neffen und Nichten zu einem Nerven und Muskel stärkenden Unternehmen auszuziehen. Im Sommer schnallten wir Kinder des Schwanenhofes uns dann den Rucksack um, fuhren in grobe, genagelte Bundschuhe und griffen zum Bergstock, um schimmernden Alpen mit ihren grünen, duftenden Matten, ihrer reinen, frischen Lust nud ihrer köstlichen — 92 Fernschau zu erklimmen. Im Winter sausten wir mit dem Ski oder der Rodel über die beschneiten Berghänge herab. Im Sommer teilten wir mit kraftvollen Armen die Wogen der Flüsse und Seen oder glitten im Ruderschiff über die Flut. Im Winter schnallten wir uns den Flügelschuh an die Füße und eilten damit über die Eisspiegel der Gemässer oder sausten im klingenden Schlitten durch den verschneiten Wald. Oft auch zur Sommers-- oder Winterszeit trug uns das geflügelte Rad gemeinsam in weltferne Paradiese. Mit keinem geringeren Jubel wurde Onkel Adolars Ankunft im Schwanenhofe begrüßt. Er hat in uns Kindern das Malcr¬ ange ausgebildet. Er lehrte uns die Natur mit ausgestreckter Hand gleichsam auf eine Scheibe gefrorener Luft zu pausen und machte uns Mut, diese Glas- oder Luftscheibenbilver auf Schieser oder Papier wiederzugeben. So lernten wir spielend perspektivisch sehen und nach der Natur zeichnen. Onkel Adolar war sehr lehrfreudig. Er wurde nie müde, uns bei feinen Arbeiten zu erklären, warum er so und nicht anders male. Zog er mit Skizzenbnch und Staffelei in die malerische Umgebung des Schwanenhofcs hinaus, dann be¬ gleiteten ihm gewiß eines oder wohl auch mehrere der lernbegierigen Kinder des Schwanenhofes und jedes war voll glühender Bewun¬ derung bemüht, dem gottbegnadeten Künstler eine malerische Fein¬ heit abzugucken und Geist von seinem Geist zu werden. Außer Rand und Band gar gerieten wir Kinder allemal, wenn Tante Hilde, Mutters jüngere Schwester, im Schwanenhofe erschien. Ihre Schnurren, ihre köstlichen Einfälle, ihre poetischen Scherze bezauberten uns derart, daß sie stets von uns umschwärmt war. Ihr Beispiel lehrte uns, welch' eine herrliche Sache es um eine schuldlose, geistvolle schöne Fröhlichkeit ist und illustrierte gleichsam unserer Eltern Wahlspruch: „Heiterkeit ist der Himmel, unter dem Alles gedeiht, Gift ausgenommen." (Jean Paul.) Die ewig junge, immer schöne und lebensfrohe Tante Hilde machte uns leichtherzig und frohsinnig, wie sie selbst war. Unsere Blicke aber hingen auch wie gebannt an ihr, wenn sie die Hände zum seelenvollen Violinspiel erhob oder ihren Lippen herrliche, tiefempfundene Gesänge entströmten. Und die Macht der Töne, doppelt mächtig aus geliebtem Munde, weckte die Liebe zu — 93 — allem Schönen, Edlen und Hohen in nuferer Brust und so wurden wir nicht nur fröhlich, sondern auch tief empfindend wie Tante Hilde. Der Abschied so teurer Gäste hinterließ allezeit tiefe Trauer im Schwanenhofe. Tröstend schloß man sich darnach aber um desto inniger aneinander und in der Ruhe des alltäglichen Lebens begannen die von den Güsten empfangenen Anregungen sich ans- zugestalteu. Auch trat nun an die Stelle des mündlichen Ver¬ kehres mit den Großeltern, Ohmen und Muhmen ein herzlicher, munterer, schriftlicher Gedankenaustausch, der den stillen Schwanen¬ hof gleichsam durch eine Menge Fäden mit geräuschvolleren ver¬ kehr- und lebensreicheren Orten verband. Eine Fülle neuer An¬ schauungen kam dem Schwanenhof dadurch zugeflogen und seinen jungen Bewohnern wurde die schwere Kunst eines ungezwungenen, natürlichen Stiles, wie von selbst zuteil. Das Schlafzimmer meiner Eltern. Lebensweise im Zchwanenhos. Der zweitschönste Raum meines Vaterhauses war das Schlaf¬ zimmer der Eltern, das neben dem Speisezimmer lag. Es hatte vier Türen. Erstens eine Glastüre zwischen den hohen Fenstern, die auf den Balkon hinansging und in lauen Sommernächten ebenso wie die großen Fenster offen stand, so daß der weite funkelnde Sternenhimmel hereiusah, der Mond sein Silberlicht über den Boden und die Wände hinfließen ließ oder die purpurnen und goldenen Morgenwolken im Borübergleiten hereingrüßten. Die zweite Türe öffnete sich der Balkvntüre gegenüber in der Hinter¬ wand des Zimmers und führte in das Badezimmer. In ihrem hohen Rahmen schwebte einem mondhellen Lampion gleich eine lichtblaue Ampel, die Schlaf- und Badezimmer mit einem sanften Dämmerschein erhellte. Die dritte Türe ließ durch eine Schub¬ wand in das Kinder-Schlafzimmer eintreteu und war nur durch einen Vorhang in der Farbe der Vertäfelung verhüllt. Die vierte Türe tat sich in der gegenüberliegenden Seitenwand auf, nm in das Spielzimmer der Kinder Einlaß zu gewähren. Sie war ge¬ wöhnlich nicht nur durch den gleichen Vorhang wie der Eingang — 94 — des Kinder-Schlafzimmers, sondern anch durch eine Schiebtüre ver¬ schlossen, da sie den Zugang zn dem Schlaf- und Badezimmer bildete. Das Schlafzimmer der Eltern war getäfelt wie das ganze Haus. In den Ecken standen in bogenförmigen Nischen der Ver¬ täfelung vier schöne Holzstatuen. Sie stellten den Himmel, die Hölle, das Gerichi und den Tod vor. Das Gericht war durch einen zagenden Sünder dargestellt, der unter dem Himmelsbogen steht, von dem Gott herabschwebt, um zu richten die Toten und die Lebendigen. Der Tod war als ein geflügeltes Gerippe mit Stundenglas und Dolch in den Händen dargestellt, das über einen Erdenpilger mit Muschel¬ hut und Wanderstab schwebt. Die Hölle stellt einen verzweifelnden Bösewicht dar, der von den Symbolen aller sieben Todsünden um¬ geben ist. Der Himmel aber ist durch eine schöne Frauengestalt versinnlicht, die ihr Herz zu Gott erhebt uud von Engeln in den Himmel getragen wird. Die Wände über der Vertäselung waren anch hier wie im ganzen Hanse bemalt. Der Himmel dieser Bilder erstreckte sich weit nach oben und verlor sich zwischen den von den Säulenschäften ausgehenden Rippen der Decke. Rechts war der „Morgen" von Guido Reni dargestellt. Man sah da den Sonnengott zwischen Wolken am Himmel heraufsahren. Vier schäumende Rosse ziehen den goldenen Sonnenwagen. Vor dem Wagen fliegt die Göttin der Morgenröte, Rosen über Land und Meer streuend. Hinter ihr schwebt der Genius des Lichtes mit der lohenden Fackel. Das schöne Gefährte ist von den holden Göttinnen der Tagesstunden umringt. Eine goldene Helle umgibt Apollo und seinen Phaeton, indes die Gewänder der Horen in allen Farben des Morgenhimmels prangen. Neber der Vertäselung des Hintergrundes sah man Wald¬ land. In der Mitte desselben stand auf mondbeglänzter Wiese eine mächtige Eiche, um die gleich weißen Nebeln der Elfenreigen wogte. Ans dem Kranze der Schwestern hat sich Erlkönigs zauberisch schöne Tochter gelöst, um ihre Lilienhand einem Ritter zu reichen, der am Rande der Waldwiese an sein Pferd gelehnt steht und dem Elfentanze zusieht. Von einer fernen Anhöhe schimmert Licht aus Herrn Olufs Burg. — 95 — Ueber der Vertäfelung links war das Meer abgebildet. Das Silberlicht des Mondes liegt in breiten Streifen anf den Wellen, aber die schwarzen Wolken, welche den Mond zn verschlingen drohen, verkünden Sturm. Der münnlichschöne Fischer im Kahn gewahrt es nicht. Er liegt vom Schlafe bezwungen im Kahne und schaut im Traume seiu Mädchen im Myrtenkranz und Schleier. Indes sind ihm die schonen weißen Wasserfrauen lüstern über Bord geklettert und drohen de» Kahn samt dem schönen Schläfer in die Tiefe zn senken. (Kray). In der Mitte des Zimmers ragten vier Sänlen, schlank wie Palmenschafte, zur Decke und endeten hier gleichsam in einem Kranz von Blattrippen. An diese Säulen waren Vorhänge befestigt, um ein Zelt zu bilden, innerhalb welches die Schlafstätten errichtet waren. Es waren breite, niedere Polsterbänke, die znr Nachtzeit als Schlaf¬ stellen dienten. Nie lag oder hing in diesem künstlerisch schönen Raum etwas umher, das den Eindruck störte. Alles was hier gebraucht wurde, war zur Tages- wie znr Nachtzeit hinter der Vertäfelung verborgen und hier kaufmännisch genau in Fächer und Laden mit den entsprechenden Aufschriften verteilt. Läufer weich wie Moos umgaben das Bett und führten in das Badezimmer, das durch eine Türe aus buntem Glas verschlie߬ bar war. Im Badezimmer war die Hälste des Bodenraumes zum Badebassin vertieft. Stufen führten in das mit Kacheln reinlich ausgelegte Badebeckeu und diese reinliche Verkleidung umzog als meterhoher Bord das ganze Badezimmer. Das Bad wurde von der Küche her mit warmem, von der Quelle her mit kaltem Wasser gespeist. Die Brause über dem Wasserspiegel goß nach Wunsch kalte oder warme Wassergüsse herab. Das Badezimmer wurde von der Vorhalle aus durch ein Radfenster erleuchtet, das mit blauen Scheiben verglast war, so daß die Beleuchtung des Bade¬ raumes an jene der blauen Grotte erinnerte. An den fensterlosen Seitenwänden waren hohe Spiegel angebracht. Neben der Türe stand einerseits ein Ruhebett, anderseits hingen Turnapparate. Auch hier waren alle Gegenstände des Bedarfes stets hinter den Ver¬ täfelungen geborgen. L«; — Vater badete stets bevor er zu Bette ging. Nach chm nahm auch die vielbeschäftigte Mutter ihr laues Seifenbad. Trotzdem erlosch gewöhnlich schon um neun Uhr die Lampe des Schlafzimmers. Zur Sommerszeit bcuützte man im Schwaneuhose überhaupt kein künstliches Licht. Zu keiner Jahreszeit aber brannte im Schlaf¬ zimmer der Eltern ein Nachtlicht. Nur Mond und Sterne erhellten es mit ihrem zauberischen Schimmer. Doch auch dieser drang nur gedämpft durch die seidenen Borhänge zu den Schlafenden. Und wie kein Lichtstrahl die Nerven reizte, so auch kein Ton. Selbst die tickende Weckeruhr war ins Badezimmer verbannt. Eine außer¬ ordentlich reine Luft erfüllte den Schlafraum, denn das ganze Jahr hindurch waren am Tage die Fenster wie die Altantüre offen, in der wärmeren Jahreszeit auch nachts. Immer aber waren wenig¬ stens die Oberlichten geöffnet und die Spitzenvorhänge weit zurück¬ geschoben, so daß der Himmel mit seinem lichten Blau, seinen weißen, morgeuroten, grauen, violetten, goldgesäumten Wolken der erste herzerfreuende, erhebende Anblick der Erwachsenen war. Im Winter war die Luft des Schlafzimmers sanft durch¬ wärmt, denn im Füllofen brannte es die ganze Nacht hindurch. Da das Haus im Grünen lag, viel gelüftet wurde, harte festge¬ fügte Fußböden hatte, da die oberen Räume nur mit Hausschuhen betreten werden durften, die Betten tagsüber immer auf den mit Glas überdachten Altan hingen, so war die Luft des Schlafzimmers auch vollkommen staubfrei, so daß es wonnig war, sie einznatmen. Da man bei uns im Schwanenhofe den Tag tätig verlebte und das Lager mit dem Gefühle der Ermüdung anfsuchte, da die letzte Mahlzeit schon um süus Uhr nachmittags eingenommen wurde, die Verdauung also beendet war, ehe man sich zur Ruhe begab, so war unser Schlaf ein ungestörter, tiefer und erquickender, aus dem mir stets so gestärkt erwachten, als wären wir neu ge¬ schaffen. Unser Schlaf war auch durch kein Angstgefühl, kein Schuld- bewußtsein, durch keine unmäßige Freude beunruhigt, denn wir Bewohner des Schwanenhofes hatten uns von Kindheit an ge¬ wöhnt, unser Herz gegen Himmel zu tragen und die Statue im Schlafraume der Eltern sagte es uns stets so schön: „Ein reines Herz ist der Himmel." — 97 — Die Kinderstube. AleinkinderpflegL im Schwanenhofe. Ein überaus freundlicher, sonnenheller Raum war auch die Kinderstube, die sich im rechten Seitenflügel befand. Sie war ge¬ täfelt und das Bett stand zwischen den Säulen in der Mitte des Zimmers wie in allen Schlafzimmern, aber noch sorgfältiger war hier alles vermieden, was Staub machen könnte. Darum fehlte der weiche Fußteppich, es mangelten die Bettvorhänge und die Fenster waren nur durch leinene Rolladen verhüllt. Die kleinen Lungen der jungen Bewohner sollten eine möglichst reine Luft ein¬ atmen. Das Zimmer hatte keine Ecksäulen, aber es fehlte auch hier der Bildcrschmuck über der Vertäfelung nicht. Aus einer Seitenwaud war eine Stadt im Morgenlicht gemalt. Die Sonne kommt heraus und wie ein sinkender Stern schwebt ein schöner Engel mit einem Kindlein in den Armen zur Erde. Aus der ent¬ gegengesetzten Wand war eine ländliche Gegend mit einem Dorf abgebildet. Es liegt im Schatten der Nacht und der weite Sternen¬ himmel breitet sich darüber aus. Wie Mondlicht aber geht es von einer Engelsgestalt aus, die ein schlafendes Kindlein gegen Himmel trügt. Es ist der Todesengel, der mit der Friedenspalme hinauf in die himmlische Heimat weiset. (Von Kaulbach). An der Hintern Wand aber sah man ein nachtdunkles Zimmer dargestellt. Ein Himmelbett mit blauen Vorhängen nimmt den Hintergrund desselben ein. Es ist das Bett der schlummernden Mutter. Am Fußende des Bettes steht die Wiege des Kindes; das Mondlicht fließt in breitem Strome durch das Fenster. Aus seinen silbernen Fluten scheinen die drei schönen Engelsgestalten in das Zimmer gelangt zu sein, welche die Wiege umringen. Es mögen wohl die drei Schntzgeister des Menschen sein, welche die Wiege weihend umschweben: die Reinheit, die Selbstlosigkeit und die Treue. (Maler: Leo Reifenstein.) Vor diesem Bilde schwebte eine Ampel, die das Zimmer nut eineni sanften Lichte erfüllte. Der Schwanenhof war für eine zahlreiche Familie erbaut worden und er füllte sich wirklich mit blühenden Jünglingen und 7 — 98 — anmutigen Jungfrauen, ganz ivie es der Vater sich gewünscht hatte. Sechsmal stellte sich der Engel der Geburt iu meines Vaters Hause ein und stets wurde er mit Freuden begrüßt und ein Fest zu Ehren des neuen Erdenbewohners veranstaltet. Vater und Mutter sannen jedesmal auf eiuen schönen Namen für das kleine Menschenkind, der es reizen sollte, zu sein, wie es genannt wurde. So hatten sie ihren ältesten Sohu Gottfried geheißen und ihm so viel Wohlgefallen an seinem Namen einzuflößen gewußt, daß es allezeit sein innigstes Bestreben war, den Frieden Gottes in und nm sich zu vermehren. Den zweiten Sohn schmückte der Name Dankwart und er wußte, daß er Dank verdienen und Dank geben mußte, um seines Namens wert zu sein. Der dritte Sohn erhielt den Namen Ehrhart, damit er alle¬ zeit daran gemahnt werde, sestzuhalten an dem Banner wahrer Ehre. Die älteste Tochter sollte durch den Namen Notburga er¬ innert werden, Unglücklichen ein Hort zu sein. Ich, die zweitälteste Tochter, wurde Edeltraut genannt, das heißt die Edle, Liebe. Das jüngste Kind, das sicherlich die meiste Liebe empfing, sollte auch das liebreichste, huldvollste werden und weil es ein Mädchen war, bekam es den schönen Namen Hulda. Außer einem schönen bedeutungsvollen Namen erhielt aber jedes Kind bei seinem Erscheinen in der Welt auch ein kleines Schmuckstück, aus das der Tag seiner Geburt graviert war. Gott¬ fried erhielt eine goldene Denkmünze mit der Inschrift: „Ohne Gottes Hilfe keine wahre Größe". Dankwart bekam einen Stern mit der Devise: „Ohne Gottes Hilfe keine Würde". Ehrhart wurde mit einem Medaillon beschenkt, welches das Gelübde trug: „Herr, ich lasse deine Hand nicht, auf daß ich nicht falle". Notburga wurde ein goldenes Herzlein beschert, in das der Spruch gegraben war: „Die Unschuld hat einen Freund im Himmel". Mein goldenes Kreuzchen mahnte: „Selig, die reinen Herzens sind". Hulda's Ring aber trug die Worte: „Nur unbefleckt genießet sich das Herz". — 99 — So oft der Schwanenhof einen neuen Mitbesitzer erhielt, setzte der Vater im Park eine neue Baumgruppe, zwischen welcher später eine oder mehrere Bänke errichtet wurden. Das Plätzchen aber führte den Namen des neugeborenen Kindes. So gabs im Schwanenpark später einen Gottkriedshain, eine Dankwartshöhe, eine Ehrhartshütte, eine Burgi's Rnh, eine Edeltrautswarte und einen Huldabronnen. Die Mutter aber suchte die Erinnerung an den Geburtstag des jüngsten Kindes stets dadurch festzuhalten, daß sie auf den Deckel eines großen leeren Buches den Namen des neugewonnenen Lieblings schrieb und dann unter der 1. Kapitel¬ aufschrift: „Kinderjahre", alles Merkenswerte aus seinen ersten Lebensjahren eintrng. Vater und Mutter aber gelobten einander, auch dieses Kind voll heiliger Elterntreue zu pflegen, zu behüten und zu erziehen und baten Gott nm seine Hilfe dazu. Die Mutter setzte diesen Vorsatz zuerst dadurch in Tat um, daß sie in die Kinderstube übersiedelte, um das Kind besser pflegen zu können. Sie schlief hier in dem Säulenbett und hatte den Korb des Kindes neben sich stehen, damit sie es zur Nachtzeit bequem nähren, betten und kleiden konnte. Sie tat dies in genau bestimmten Zwischenräumen, an deren Einhaltung sie durch Weckuhren erinnert wurde. Sie ließ sich nicht erst durch das Weinen des Kindes daran mahnen, damit das Wiegenkindlein sich nicht daran gewöhne, alles durch Schreieu zu erreichen und so znm Haustyrannen heranwachse. Auch gewöhnte sie es nicht daran, eingesnngen und eingewiegt zu werden. Da des Kindes Bedürfnisse allezeit rechtzeitig befriedigt wurden, das Schlafzimmer luftig und die Kissen des Kindeslagers kühle Roßhaarkissen waren, schlief Mutters jüngster Liebling meist sanft die ganze Nacht hindurch. Tagsüber stand der Korbwagen mit dem Kinde während der warmen Jahreszeit fast immer im Freien. So oft Mutters Hausfrauenpflichten es erlaubten, eilte sie zu ihrem Schützling, plauderte und tändelte mit ihm, sang ihm ein hübsches Liedchen vor oder zeigte ihm etwas Schönes: eine herrliche Blume, einen blühenden Zweig, eine prangende Frucht oder irgend ein schimmerndes Spielzeug. Auch die zahmen Tierchen des Schwanenhofes nahmen an seiner Erziehung teil. Neben seiner 100 — Wiege rief die Mutter die Meisen herbei und fütterte sie und die klugen Tierchen flogen zutraulich vom Ast und nahmen die dar¬ gereichten Körner aus der Hand der freundlichen Geberin, und ruhten wohl auch ab und zu wartend auf dem Korb des jauchzenden Kindes. Das zahme Täubchen setzte sich auf einen Ast in der Nähe der Wiege, drehte sich possierlich und girrte. Ein Eich¬ horn sprang zuweilen von einem Baum auf die Schulter der ihr Kind behütenden Mutter und bettelte um Nüsse. Häufig schlich sich auch das Hauskätzchen herbei und schwang sich auf den Schoß der Hü¬ terin oder der große Haushund legte seinen schönen Kopf auf den Rand der Wiege und schaute das Kindlein mit seinen klugen Angen freundlich an; auch das zahme Reh wurde herbeigelockt, damit das Kind sich au seinem Spielen ergötze. Hatte die Mutter selbst nicht Zeit, so beschützte ein größeres Schwesterchen oder Brüderchen das Kindlein oder ein eigens dazu ge¬ dungenes Landmädchen. Wer das Amt eines Kinderwarts antrat, dem übergab es die Mutter mit irgend einer srommen, besorgten Bitte, gleichwie die Gräfin von Eichenfels, welche der Hüterin ihres Kindes gesagt hatte: „Die Aufsicht über Kinder ist ein Engels¬ geschäft. Sei du dem Kinde ein guter Engel!" Weil das Kind so viel in frischer Lust war, da es sehr lange mit reiner Milch genährt wurde und einen ungestörten Schlaf genoß, so wuchs es gesund und schön heran. Weil man sich so viel und so vielseitig mit ihm beschäftigte, erwachte sein Geist frühzeitig. Da es so viele Anschauungen gewann und man ihm fleißig vor¬ sprach, lernte es leicht reden und weil man gerne mit ihm scherzte, tändelte und spielte, wurde es heiter. Da man immer darauf be¬ dacht war, ihm etwas Schönes zu zeigen, etwas Gutes zu er¬ weisen, bekam es einen regen Sinn für alles Schöne und ein zärt¬ liches Herz. Und da man ihm viel vorsang und vorspielts, bil¬ dete sich in ihm ein feines Ohr und ein sanft gestimmtes Gemüt aus. Wir Kinder des Schwanenhofes waren fast nie krank, und wie die hl. Maria als Kind nie geweint hat, so waren wir auch säst immer fröhlich. Als wir noch ganz klein waren, wurden wir oft gewogen, und bei einer Gewichtsabnahme sofort der Arzt be¬ fragt. Für den Notfall barg die Vertäfelung der Kinderstube eine 101 ganze, kleine Hausapotheke: Heiltränke, Salben, wohltuende Kräuter, Verbandstoffe, Wage, Bade- und Fieberthermometer, Schwämme und dergleichen warteten hier ihres Gebrauches. Eine Truhe barg die kleine Badewanne. Hinter der Bertäfelnng waren nicht nur die Wäschekasten, die Hausapotheke, sondern auch eine Bücherei. Man sand darin nicht nnr Bücher, die von der Körperpflege und der ersten Erziehung des Kindes handelten, sondern weil das Zim¬ mer zeitweise auch als Krankenzimmer diente, Bücher, die von der Krankenpflege, von der Hilfe bei Unglücksfüllen, von der Kunst ge¬ sund zu bleiben nnd alt zu werden und von der Gesunderhaltung der Seels erzählten. Es waren auch medizinische Bücher darunter. Die Blutter las sie zwar, aber es fiel ihr nicht ein, die Kranken darnach selbst kurieren zu wollen. Sie lernte daraus vielmehr nur die Not¬ wendigkeit erkennen, rechtzeitig einen tüchtigen, gewissenhaften Arzt zu Hilfe zu rufen. Fing das Kind seine ersten Gehversuche an, so wurde sein Bettchen in das Schlafzimmer der Eltern gebracht nnd dort neben dem Bette der Mutter aufgestellt. Zwischen den vier Bettsäulen der Kinderstube aber wurden Netze gespannt und der Raum innerhalb derselben diente dem Kinde als Gehschnle. Da der Boden dieses Zimmers mit einem dicken, mit Kork unterfüttertem Linoleumteppich bedeckt war, tat sich das Kind, auch wenn es fiel, kein Leid. Im Sommer war diese Gehschule im Freien auf einem mit leichtem Schattengeriesel überspielten Rasenplatz errichtet. Das Kinderschlafzimmer. Die Schwanenhoskindor als Schüler. Nach dem zweiten Jahre schlief das Kind im Kinderschlaf¬ zimmer, das ja nur durch einen Vorhang gegen das Zimmer ver Eltern abgeschlossen war. In diesem Zimmer standen frei zwei Himmelbetten, deren Breite je ein Fünftel der Zimmerweite betrug. Die drei übrigen Fünftel fielen auf die Zwischenräume der Betten von einander und von den Wänden. Von den Querstangen dieser Betten wallten lichtblaue Seidenvorhänge herab, denen die Feuchtig¬ keit der Luft so vorteilhaft war ivie den Lungen der Schläfer und — 102 — an deren Glätte der Staub nicht zu haften vermochte. In der Mitte des Zimmers schwebte eine rosenfarbige Ampel. In den Ecken standen über der Vertäfelung schöne Engelsgestalten. Der eine der Engel blickte mit gefalteten Händen zum Himmel und erinnerte die Kinder an ihr Nachtgebet. Er hatte einen Sternenkreis nm sein Haupt. Eiu zweiter hob sein Herz zum Himmel. Er stand unter einem Bogen, auf dem die Sonne glänzte. Dieser Engel mahnte uns an unser Morgengebet. Ein dritter Engel zeigte mit der rechten Hand gegen den Himmel während seine Linke mit einer Palme nach unten wies, als wäre es einer der Engel, die in der heiligen Nacht gesungen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind". Der vierte Engel aber hielt ein Flammenschwcrt, wie der Hüter des Paradieses. Er mahnte uns: „Für den aus dem Paradiese der Unschuld Ver¬ triebenen gibt es keine Rückkehr". Ober der Vertäfelung waren die Wände mit Bildern geziert. An einer Wand sah man unter einem Fliederbusch das schöne Schneewittchen im gläsernen Sarge, bewacht von einem trauernden Zwerge, bestaunt und beweint von Männchen machenden Hasen, neu¬ gierig belügt von einem kleinen Eidechsleiu, bewundert von einem zärtlichen Tanbenpaare am Firste des Sarges und bedauert von der klugen Eule im Busch. (Skizze von Hentschel.) Ans der entgegengesetzten Seitenwand mar das hinter Rosen schlafende Dornröschen abgebildet, das eben von dem Königssohn durch einen Kuß geweckt wird. Auf dem Hintergründe des Gemachs war ein Wald dargestellt, in dem Rotkäppchen Sonne und der Wolf Schatten mit einander plaudern. Die Vertäfelungen bargen unsere Kleider" und unsere Wüsche. Außerdem waren in sie nicht nur der Wandbrunnen und der Füll- osen stilvoll eingebaut, sondern auch zwei Tuschkammern hatten in derselben Raum. Unter den hohen Pfeilerspiegeln zwischen den Fenstern waren die Werkzeuge zur Haarpflege. Hinter den Betten hingen Schweberinge von der Decke. Die Wandfächer enthielten Brustweiter, Handeln und andere orthopädische Hilfsmitteln zur Ausbildung eines schönen, kräftigen und geschmeidigen Körperbaues. — 103 — Wir Kinder betraten nm halb neun Uhr das Schlafzimmer, zogen die weichen Hausschuhe aus und stellten sie in die dazu be¬ stimmte Abteilung des Wandschrankes, hängten die Tagkleider da¬ rüber, tuschten uns rasch lau ab, legten die Nachtkleider an und schlüpften in die Betten. Punkt nenn Uhr erlosch die Ampel des Schlafzimmers. Die Schulkinder wurden im Winter um, sechs, im Sommer nm fünf Uhr durch das anmutige Melodiengeriesel eines trefflichen mechanischen Klavieres geweckt. Sie streiften ihre Nachtkleider ab, waten in die Tuschkammer, tuschten sich erst mit lauem Seifen¬ wasser, dann mit kaltem Wasser schnell ab, legten die Unterkleider an und nahmen dann einige Turngeräte zur Hand, nm sich durch Körperübuugen zu erwärmen, kleideten sich vollends an, trugen die Betten auf die Gallerie des Hauses hinaus, löschten die Lampe und begaben sich hinab ins wohlgelüftete, gereinigte, wohlig er¬ wärmte Speisezimmer, harrten des Frühstücks und wiederholten indes ihre Aufgaben. Nach dem reichlichen, englischen Frühstück, das aus Milch, Tee oder Kaffee mit Butterbrot, weichen Eiern und Schinkeufemmeln bestand, wanderten die Schulkinder mit ihren Büchern und dem wohlverpackteu zweiten Frühstück für die Mittags¬ pause im Rucksack, der Stadt zri,. Die Kinder des Schwanenhofes waren alle gute Schüler. Wir wuchsen auf dem Schwanenhofe ja so frisch und frei, so froh und fromm heran. Wenn wir mit unfern roten Bäckchen und glänzenden Augen in der Schule saßen, bedauerten wir allemal die armen, städtischen Stubenhocker mit ihren blassen Gesichtern und ihrem müden Blick. Wenn wir andern zum Muster aufgestellt wurden, weil wir unsere Antworten so hell und deutlich gaben, so dachten wir von den Getadelten: Die Armen! Sie haben ja keine Gelegenheit, ihre Stimme zu stärken. Sie müssen ja immer und überall stille sein, auf der Gasse, in der Schule und zu Hause, indes wir im Schwanenhofe das Echo der Wälder wachrnfen und mit den Hirtenjungen um die Wette singen, deren Lieder so hell von Hügel zu Hügel schallen, oder jodeln, wie die Sennen in den Alpen, so lauge hinhallend, daß die Landleute der Umgebung oft meinen, den Pfiff einer Lokomotive zu hören. — 104 — Wenn sich die Stadtkinder in der Schule mit Tand beschäf¬ tigten und dafür gescholten wurden, so dachten wir mitleidig: die armen Zimmer-, Hof- und Gassenkinder, sie wissen nicht, wie viel Schönes es draußen in der Natur gibt, sonst würde ihnen ihr Trödel ja gar nicht gefallen. Wenn wir merkten, die Stadtkinder hätten oft recht wenig Aufmerksamkeit für die Worte des Lehrers, so dachten wir: Wie.kann es anders sein, sie haben keine Gelegen¬ heit, eigene Beobachtungen zu machen und selbst Erfahrungen zu sammeln, welche bei den Worten des Lehrers in ihrer Seele auf¬ tauchen und fesselnde Bilder dazu liefern. Wenn wir viele Kinder zänkisch, ungehorsam und lügenhaft fanden, so dachten wir, es hats ihnen wahrscheinlich niemand ge¬ zeigt, wie häßlich, töricht, ja schädlich ein solches Betragen ist, wie es uns das Mütterlein erfahren ließ. Mütterchen und Väterchen hatten für jeden unserer Fehler bald eine heilende Medizin ge¬ funden. War eines ungeduldig, so bekam es alle Arbeiten, die viel Geduld erforderten. War im Hause zerrüttetes Garu 'abzuwinden, aus Versehen verschüttete Erbsen aus Gras oder Schotter zu lesen, war ein Teppich oder eine andere langwierige Arbeit zu machen, der Ungeduldigsten wurde sie aufgetragen. War sie noch klein, so erhielt sie eine Arbeitsgenossin zum Wettbewerb, oder die Arbeit wurde ihr in ein Spiel verwandelt, oder ihr ein Geschenk dafür in Aussicht gestellt. War die Sünderin größer, so mußte sie sich solchen Uebungen allein und ohne jegliche Erleichterungsmittel unter¬ ziehen. Die Mutter führte uns auch zuweilen zu Handwerkern, die sehr viel Geduld zu ihren Arbeiten brauchen und ließ uns ihnen ein Stündchen zusehen. Weil sie aber wußte, daß Ungeduld auch in körperlicher Schwäche wurzeln könne, die man nicht immer oder wenigstens nicht so schnell allein beheben könne, so lehrte sie uns das Beste, was man einem Menschen lehren kann, sie lehrte uns bei allen Geduldproben, die uns das Leben auferlegte, Gott um seine Hilfe anzuflehen. So wurden wir geduldig im Handeln und Leiden. War eines nicht ordnungsliebend und half keine Ermahnung, so wußte Mütterchen es in eine solche Lage zu bringen, daß es künftig ordentlicher wurde. Einer meiner Brüder konnte sich nicht an Ord- — 105 nung gewöhnen. Es mar halb Trägheit, halb Ungeduld, daß seine Sachen nie genau und nie glatt an Ort und Stelle lagen. Einst fuhren wir zur Großmutter. Trotzdem wir ihn am Abend zuvor gefragt: Hast du wohl alle deine Sachen zurecht ge¬ legt? und er bejaht hatte, fehlte ihm im Augenblicke der Abreise die Mutze, sodaß er nicht mitfahren konnte. Mehrere solcher Erfahrungen besserten ihn und sein lebhafter Schönheitssinn, sein reifender Ver¬ stand, sowie der Weg, der so viele lange und beschwerliche Um¬ wege zu einem Ziele erspart, der Weg durch deu Himmel halfen ihm endlich seines Fehlers ganz Herr zu werden. Eine meiner Schwestern naschte gerne. Vergebens stellte ihr die Mutter das Häßliche, ja Gefährliche dieses Fehlers vor. Sie erzählte ihr von Fällen, in welchen die Naschhaftigkeit Menschen das Leben oder wenigstens die Gesundheit gekostet habe. Allein die Schwester konnte ihre Lüsternheit nach guten Dingen nicht über¬ winden. Eines Tages schickte sie die Mutter in die Speisekammer, um eine Zitrone, sagte aber: „Hüte dich vor deinem größten Fehler, der Naschhaftigkeit". Mein Schwesterchen jedoch sah sofort überall begierig umher, ob es nichts zu schlecken gebe. Zu ihrer Freude erblickte sie hoch oben den Honigtopf. Sie streckte sich, so hoch sie konnte um ihn zu erreichen und lupfte mit dem Finger hinein. Da zwickte sie etwas ganz entsetzlich in den Finger und als sie ihn heranszog, hing einer von den großen Krebsen daran, welche die Mutter statt des verbrauchten Honigs absichtlich in dem Topfe ausbewahrt hatte. Ans das Geschrei der Schwester kamen alle Leute des Schwanen- hoscs zur Speisekammer gelaufen. Man begriff bald den Hergang der Sache. Das Naschkätzchen wurde ansgelacht, verspottet und ge¬ scholten. Sie schämte sich so, daß sie nie mehr naschte. Eine andere meiner Schwestern war sehr neugierig. Sie mußte alles wissen. Die Mucker hielt ihr das Unrecht, daß sie andern dadurch zufügte, oft und oft vor. Zum mindesten sagte sie, ist es unedel und unbescheiden, sein Fingerchen in fremde Kisten und Kasten, sein Näschen in anderer Angelegenheiten zu stecken. Umsonst! Am Namenstage des Schwesterlcins stellte die Mutter ein kleines Schächtelchen ans den Tisch, verbot uns aber, es auf¬ zumachen, ehe sie wiederkäme. Wir gehorchten. Nur das ahnungs- — 106 - volle Namenstagslind konnte seine Neugierde nicht bezwingen. Sie nahm das Schächtelchen in die Hand, wog es, drehte es nach allen Seiten und öffnete endlich gar den Deckel, nm ein wenig hinein- zngucken. Husch, war das zahme Störchen, das den Namen der Schwester sprechen gelernt und das ihr Namenstagsgeschenk hätte sein sollen, heransgeschlüpft und durchs offene Fenster auf Nimmer¬ wiedersehen davon geflogen. Als die Mutter die Uuverbesserlichkeit ihres Kindes sah, weinte sie nnd die Schwester von Scham und Reue ergriffen, schwor ihren Fehler für immer ab und hielt Wort. Konnten wir Geschwister uns einmal nicht vertragen, so gab uns die Mutter eine gemeinsame Arbeit und versprach uns als Lohn für die dabei zu bezeugende Verträglichkeit, eine schöne Ge¬ schichte zu erzählen. Bei solchen Gelegenheiten hörten wir die Gleich¬ nisse vom hochmütigen Zeigefinger, von den unverträglichen Gliedern des menschlichen Körpers, von den sieben Släben nnd andere. Ebenso zeigte uns die Mutter die Schönheit der Wahrheits¬ liebe nnd die Häßlichkeit nnd Nutzlosigkeit der Lüge in mancher schönen Erzählung. Andere ihrer Geschichten handelten von der Gottwohlgesällig- keit der Barmherzigkeit und von der Sündhaftigkeit der Grausamkeit, von der Liebenswürdigkeit der Ehrlichkeit, nnd von der Verruchtheit der Unehrlichkeit. Im übrigen war es uns nicht schwer, gut zu sein, denn die Eltern waren uns ein Muster jeder Tugend, der Brauch des Hauses verhütete überdies die meisten Fehler von selbst und die frühe Er¬ kenntnis nnd das stete Bewußtsein von der Allgegenwart Gottes hielt uns auch dann vor Uebeltaten ab, wenn wir vns selbst über¬ lassen waren. Darum überließen uns die Eltern z. B. au Schultagen, wo wir die Mittagspause allein in der Stadt verbringen mußten, ganz ruhig zwei bis drei Stuuden uns selbst. „Was macht ihr in der Zeit zwischen dem Vormittags- und Nachmittagsunterricht allein", fragten uns oft unsere Lehrer nnd unsere Mitschülerinnen. — 107 Da antworteten wir: „Wir nehmen in dieser Zeit unsere Mnsikstunden, besuchen eine Lesehalle, in der für die Jugend passende Bücher ausliegen, betreten öffentliche Turnhallen oder Plätze um Hebungen und Spiele mitzumachen, lauschen einem Rapsoden, der von den Stufen eines Deukmales herab deklamiert, erzählt und zitiert, oder gehen in Museen, Werkstätten, Mal und Musikzimmer, um durch Sehen und Hören zu lernen. Oft auch bleiben wir im Wartezimmer der Schule oder im Schulhofe, nm unsere Aufgaben zu wiederholen oder um zu spielen". „Und wann lernt ihr zu Hause?" wollten die Mitschülerinnen daun wissen. „Im Sommer ist unsere Lernzeit die Stunve von 6 bis 7 Uhr morgens, im Winter die Zeil von 7 bis 9 Uhr abenos. Manches wiederholen wir auch auf dem weiten Schulwege", gaben wir Schwanenhofer ihnen dann zur Antwort. Die minder Strebsamen meinten dann wohl: „Wie lange werdet ihr denn noch immer lernen und lernen?" „Wir werden nie aufhören zu lernen", sagten dann wir Kinder, „so wie unsere Eltern trachten, täglich vollkommener zu werden in der Erkenntnis des Lebens, der Welt und Gottes. Schulen besuchen aber werden wir nur so lange, bis wir etwas gelernt haben, durch das wir uns das tägliche Brot selbst ver¬ dienen können. Alle Kinder unserer Familie, Knaben und Mädchen, müssen auf ein Amt studieren und die dafür verlangten Prüfungen ab¬ legen. Es wird keines im Schwanenhose zurückgehalteu. „Die Kinder sollen nur ins Leben hinaus und selbständig werden", sagen die Eltern. „Nur wer einen Beruf hat, bleibt geistig und körperlich gesund. Nur wer auf eigenen Füßen stehen gelernt hat, wird ein Voll¬ mensch". Es wird den Eltern zwar sehr schwer sein, die fröhliche Jugend, den Sonnenschein ihres Alters zu entbehren. Aber sie denken nicht an ihren Vorteil. Eine Tochter kann übrigens als Stütze der Mntter, als Pflegerin des Vaters im Hause bleiben. Aber sie erhält dann ein Gehalt, wie in einem fremden Hause und soll es für spätere Jahre sparen. Allen Kindern aber wird der Schwancnhos immer ein Zufluchtsort bleiben, au dem sie in den Ferien oder zu Urlaubszeiten, in Zeiten der Krankheit, der Stellenlosigkeit oder des Unglücks geborgen sind. — 108 — Eines von den Kindern aber soll einst das Vaterhaus über¬ nehmen und auch nach dem Tode der Eltern, den Kindern des Schwanenhoses die Heimat offen hallen". Das Kinderspielximmer. Bei uns im Schwanenhof wurden die Kinder nicht zum Auf¬ geben ihrer unwiederbringlichen Maienzeit gezwungen. Man ließ uns soviel Freiheit als nur immer möglich und machte uns so viel Freude als man nur konnte. Wir hatten da auch unser eigenes Reich, ein Reich der Phan¬ tasie und des Frohsinns, und das war das Kinderspielzimmer. Groß, hoch, luftig und hell und getäfelt wie alle Zimmer des Schwanenhofes, unterschied es sich von ihnen durch seine Ge¬ räumigkeit, denn es war leer wie eine Turnhalle. Die bunten Bilder über der Vertäfelung gaben ihm ein überaus heiteres Aus¬ sehen, ja eine Art künstlerische Weihe. Es war, als träte man in ein stilvoll angelegtes Museum. Da waren in einer umlaufenden Bordüre die Spiele der Kinder in den vier Jahreszeiten auf eine überaus graziöse und farbenprächtige Weise dargestellt. Der Himmel dieser Gegenden spannte sich über das ganze Spielzimmer. Als solches und zugleich als Turnsaal aber charakterisierten es dem Eintretenden, auch die gleichsam aus Wolken niederhängenden Strick¬ leitern und Schaukeln. Der Boden des Spielzimmers war mit einem hübschen Linoleumtcppich mit Korkunterlage bedeckt, der die Stür¬ zenden vor Beschädigung schützte. Dieser Bodenbelag wurde durch täglich feuchtes Aufwischen vom Staube befreit. Auch hatten wir Kiner im Spielzimmer eigene Turnschuhe an, damit wir keinen Erdstanb hereintrugen. Hinter den Vertäfelungen befanden sich nicht nur die Spielgeräte, sondern auch ein mechanisches Musikinstrument, welches die Tänze der Kinder begleitete. Mit Jean Paul dachten nämlich die Eltern: „Wie den himmlischen Körpern, gehört den kindlichen Körpern die Sphärenbewegung und die Musik dazu". Und: „Wird der Jubel nicht immer ein Tänzer?" Endlich: „Tanz ver¬ bindet Kinder mit Kindern durch keinen härteren Kanon als die Musik, leicht wie Töne zu einem Rosenknospeufeste ohne Zank". — 109 — An Schultagen wurden meist die stilleren Beschäftigungen, den lebhaften Bewegungsspielen vorgezogen. Da wurden die Klapptische und Klappsitze aus den Wänden gezogen und niedergelegt und die verschiedenen Spielgeräte den flachen Fächern der Wandschränke entnommen und auf den Tischen ausgebreitet. Aber es war nicht „eine Kleiuwelt des Drechslers", was uns da umringte, denn die Eltern wußten wohl, daß „au zu reicher Wirklichkeit die Phantasie verarmte". Jedes unserer Spielzeuge mußte daher der Phantasie Spiel¬ raum gewähren. Es sollte aber auch zugleich den Tätigkeitstrieb anregeu und Gelegenheit geben, im Spiele das Leben nachzuahmeu. Burgi, Hulda und ich spielten sehr viel mit einfachen Puppen, die wir bald als Lehrerinnen meisterten, bald als kleine Hausmütierchen pflegten und erzogen, bald liebkosten und bald tadelten. „Dem Kinde ist ja jedes Spielzeug ein belebtes und jedes Wort ein Ernst" Die Knaben bauten indessen Häuser, Gassen, ja ganze Städte und bevölkerten sie mit Soldaten und Bauern, Beamten und Hand¬ werkern, Frauen und Kindern, Wagen und Tieren der verschiedensten Art und zu den verschiedensten Zwecken. „Auch ihnen ward das Spielzeug zum Flachsrocken, von dem ihre Seele ein buntes Ge¬ wand abspaun". Zuweilen vergnügten wir uns mit dem Ansehen der Bilder¬ bücher des Schwaneuhofes. Es waren Jllustrationssammlungen zu Märchen, Sagen, poetischen Erzählungen, zu Gedichten, zur Bibel, waren Geschichten in Bildern, zu welchen uns die Eltern die Er¬ klärung gaben. Auch den Wandbildern hatten Vater und Mutter Erzählungen unterlegt. Später wurde die Deutung von Bildern uns Kindern selbst überlassen und uns die Freude gegönnt, selbst Geschichten zu den Bildern zu erfinden. „Dem Bilderbuche ist die Beseelung ja ebenso notwendig, als dem Spielschranke". Außer den Bilderbüchern versahen auch Zeichenvorlagen, Baukastenmnster, Guck¬ kasten und Zauberlaterneubilder, den wundertätigen Baumeister Phantasie mit einer Fülle von Arbeitsmaterial. Oft vereinigte sich die ganze Familie im Kinderspielzimmer und es wurden gar lustige Puppenkomödien aus dem Stegreif ge¬ spielt, die uuserm Witz Gelegenheit gaben, sich zu äußern. — 110 — Die Eltern hatten cs ja an sich selbst erfahren, daß fremder und eigener Witz in diesen frühen Jahren am meisten mit seinem Glanze entzückt", lind sie wußten es, „daß die Entwicklung des Witzes, an die man bei Kindern so selten denkt, die uns unschädlichste ist, weil er nur in leichten Anstrengungen arbeitet, die nützlichste, weil er das neue Jdeenräderwerk immer schneller zu gehen zwingt und weil er durch Erfinden Liebe und Herrschaft über die Ideen gibt". Zu witzigem, schlagfertigen Wortgefechte gaben auch die gemeinsam betriebenen, stilleren Beschäftigungen ver Legespiele, des Schnitzens, Kerbens, Zeichnens und Modellierens und anderer Handfertigungs¬ arbeiten Gelegenheit, besonders wenn sie vor Weihnachten, vor Namens- und Geburtstagen in Angriff genommen wurden, wo das zärtliche Herz die Hände regsam, die Seele heiter und den Mnnd plauderlustig machten. Daß die älteren Kinder auch allerlei wissenschaftliche Spie¬ lereien trieben, ist selbstverständlich. Es gab daher Dampswagen, Dunkelkammern, Retorten, Pum¬ pen n. s. w. in den Wandschränken zu allerlei Versuchen. Manch physikalischer Apparat wurde von den Mittelschülern selbst ange¬ fertigt. In den Tempelbezirk des Geistes öffnen sich viele Tore, das wußten die Eltern. Den Kindern alle diese Tore zu öffnen, war ihr stetes Bestreben: das Tor der Sinne, das Tor des Han¬ delns, das Wolkentor der Phantasie und das Morgentor der Schön¬ heit, endlich das goldene Tor des Herzens und das Diamanttor des Gottesweges. Im Sommer verlegten wir unsere Spiele ins Freie. Aber nicht nur der eigentliche Spielplatz, der ganze Hof mit seinen Haustieren und Geräten, Garten, Wiese und Wald mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt boten uns reichlich Gelegenheit zu angenehmen und lehrreichen Zeitvertreib. Einmal wurde da em Grasmückennest entdeckt, das nun tage¬ lang der Gegenstand unserer aufmerksamsten Beobachtung war. Weil wir Kinder gelernt hatten, „tierisches Leben heilig zu halten" und zart zu sein, so wurden die Vöglein überaus zutraulich gegen uns. Wie entzückt waren wir allemal, wenn das Schwarzplättchen — 111 — in der Nähe seines Nestes vor uns auf einem ganz niederen Ast sein Helles, melodisches Lied sang. Ein andermal fesselte unsere Aufmerksamkeit das Gewimmel eines Ameisenstaates, dessen Geschicke wir nun den ganzen Sommer über voll Anteil verfolgten. Die seltsame Klugheit dieser kleinen Lebewesen hat unser Forscherinteresse ein für allemal der Kleinwelt der Insekten zugewandt. Die Folge davon war, daß wir manche interessante Entdeckung machten und ost des Psalmisten gedachten, der da sagt: „Die Welt ist voll Wunder und wer ihrer achtet, hat eitel Freude daran". Mit welcher Neugierde beobachtete ich zum Beispiel einst in einer Badehütte das Treiben einer Ameise, die immer an der Mündung eines kleinen Höhleuganges auf der Oberseite eines Querbalkens erschien, bis zum Rande des Abgrundes unter dem Balken lief, dann sich wieder rückwärts wandt und im Höhlen¬ eingange verschwand. Ich konnte mir dieses seltsame Benehmen des Tierchens nicht erklären, bis ich am Boden unter jener Stelle ein Häuflein Holzmehl liegen sah. Jetzt wußte ich, die Ameise hatte hier Schutt abgelagert. Wir sahen, was Tausende nie in ihrem Leben wahrnehmen. Wir sahen die häßlichsten Wasserläuse ans Land steigen und sich in schimmernde Libellen verwandeln. Wir fütterten die verabscheu- testeu Raupen und hatten die Freude, sie als bunte Sommer- vögelein unserem Glase entschweben zu sehen. Wir beobachteten einen ganzen Heereszug weißer, geschwänzter Rätselwesen, aus denen sich zu unserem Erstaunen die wohlbekannten Asseln entwickelten, die sich so drollig zur Kugel einrolleu, wenn man sie in die Hand mmmt. Wir bewunderten die Beharrlichkeit der Kreuzspinne, die sich uns als Hausgenossin gesellte, und ihr zerstörtes Netz in der Nacht immer wieder neu anfertigte, dabei tagelang hungern mußte, weil die gewitzigten Fliegen es mieden, die dankbar die von uns gereichte er¬ trunkene Fliege aus der Hand nahm und zu unserm Erstaunen ohn¬ mächtig wurde, als man ihr zufällig Terpentin in die Nähe brachte. Wir beobachteten die Sandwespen beim Einträgen von Blüten¬ staub in ihre Erdhöhlen und die Holzwespen auf der Schmetter- — 112 — lingsjagd. Wir suchten auf dem Lande und im Wasser unter Steinen nach Lebewesen und machten die wunderbarsten Entdeckungen. Mit noch größerem Jubel begrüßten wir freilich die Ge¬ legenheit, das Leben und Treiben der höheren Tiere beobachten zu können. Mit welchem Interesse betrachteten wir den wunderbaren Flug der Möve über dem Flusse, das Tauchen der Krickente, das Jagen der Fledermäuse über dem Wasserspiegel oder das Laufen der Wasseramsel unter dem Wasser. In welches Entzücken versetzte uns einst der Fund eines kleinen Milchigels, der noch ganz weiche Stacheln hatte. Mit welcher Verwunderung sahen wir einem Baummarder zu, der gauz ruhig aus einer Waldschlucht hervorkam und sich über eine belebte Straße zum Flußufer begab, mit welch dankbarem Entzücken gewahrten wir das hübsche, kleine Wiesel über die Parkwiesen rennen, oder die nächt¬ lichen Bilche ihr geheimnisvolles Wesen treiben. Mehr noch als diese Ratten mit dem Eichhornschwanz ge¬ wann das Eichhorn selbst unsere Liebe, das so gewandt an den Baumstämmen emporlief über die schwingenden Bogenbrücken der Neste von Baum zu Baum eilte und geräuschlos von Ast zu Ast fliegend, sich herabließ. Wir machten die Eichhörnchen durch ge¬ spendete Nüsse und andere Leckerbissen so zutraulich, daß sie vor unfern Augen ihr Futter holten, ja es endlich sogar aus der Hand nahmen. Da entdeckten wir denn zu unserm Erstaunen, daß das Eichhörnchen beim Auffinden seiner Nahrung durchaus auf das Gefühl angewiesen ist, daß es in der Nähe nichts sieht, sogar die Katze nicht, der sie sich dann, sobald sie sich regt, allerdings durch blitzartiges Hin- und Herschießen und endliches Davonrennen, sehr geschickt entzieht. Die großen Augen des ja gewöhnlich im Waldes¬ dunkel sich bewegenden Geschöpfchens dienen ihm also nur zum Weitsehen, zum Ausfinden seiner Wege und zum Schutze vor aus der Ferne kommenden Feinden. Unserm Nachdenken erschloß sich denn auch die Ursache dieser Erscheinung in der Lage der Augen zu beiden Seiten des Kopfes, eine Lage, die natürlich wieder aus Erhaltungsbedingungen hervorgegangen war. Die kautschuckartige Elastizität der Muskeln dieses Tierchens konnten wir auch am Boden bewundern, wenn es glaubte, sich vor Feinden decken zu — 113 — müsse«. Dann schien sein ganzer Leib mit den ausgestreckten Beinen nur eine Fläche zu sein und iu dieser Fledermausgestalt näherte es sich ängstlich kriechend dem Futter. Aehnliche Ueberraschungen und Entdeckungen harrten unser aller Orten. Man kann sich denken, mit welchem Interesse wir dem Unterrichte in der Naturkunde solgten, oder den Erzählungen der Eltern lauschten, wenn sie uns ihre eigenen Beobachtungen oder das aus Büchern erfahrene Wissen ans der Tierkunde mitteilten. Tierfabeln, Tierfagen und Märchen, welche die Bücherei im Spielzimmer enthielt, wurden mit Jnteresfe gelesen und vermehrten unsere Liebe zur Tierwelt. Im Schwanen¬ hof war Jean Pauls Zukunftsgesicht schon wahr geworden. „Einst werden tierfreundliche Brahmanen auch den Norden warm bewohnen." Die Kinder des Schwanenhofes hatten nicht nur Liebe, Be¬ wunderung und Verständnis für die Tierwelt ihrer Umgebung; wie den griechischen Göttern war jedem überdies ein Tier geweiht. Gottfried besaß z. B. ein zahmes Reh, (den Erdgeist oder Waldbruder), das ihn wie ein Hündchen überall hin begleitete. Burgi's Pflege war das graue Hauskätzchen mit der schwarzen Fladerung am Kopfe und den schwarzen Augengläsern, anvertraut. Es hieß Kobold. Ehrharts Eigentum waren die beiden weißen Schwäne, die den Teich des Parkes schmückten. Sie wurden Neck und Nix gerufen. Hilda hielt sich in ihrem Springbrunnen drei Fischlein, die sie sehr zahm gemacht und „Silberblitz", „Rubinaug" und „Goldener" getauft hatte. Ich gewann die Zuneigung eines überaus zahmen Eichhörnchens, das ich Zwerg-Nase nannte. Dank¬ wart aber umflatterte aus allen Wegen ein schneeweißes Täubchen, das er mit dem Namen Schwanhilde zu sich lockte. Tierliebe und Tierverständnis wurde sehr früh in uns Kindern des Schwanenhofes rege. Wie das leibliche Auge zuerst Licht und Dunkelheit unterscheidet und dann den sich bewegenden Dingen solgl, so wird auch der erwachende kindliche Geist zuerst von dem unge¬ zogen, was Leben äußert: von Menschen und Tieren. In Land kindern erwacht aber auch bald das Interesse für die Pflanzen¬ welt. Zuerst erwecken die Früchte die kindliche Lüsternheit, dann reizt sie die Schönheit der Blumen znr Vergewaltigung. Die Pflege der Pflanzen erst lehrt ihre Entwicklung beobachten, Vergleichs 8 — 114 — machen, Gründe suchen und führt so znm Verständnis dieser stilleren Welt. So kam auch uns Kindern des Schwanenhofes die Liebe und das Verständnis für die Kinder Floras angeflogen. Wie jeder seinen Tierliebling zu pflegen und zu schützen hatte, so wurde uns auch jedem eine Pflanzengruppe in Obhut gegeben und zwar die Bäume und Sträucher, des Plätzchen, das unfern Namen trug und die Blumen und Fruchtgewächse, die wir selbst dort pflanzten. So hatte Ehrhart den Teich mit einem Kranze von Wasser¬ rosen und Vergißmeinnicht umflochten und seine Einsiedelei mit Glycinien bekleidet. Dankwart ließ den Felsen, der sein Plätzchen am Buchen¬ hain trug, in Kletterrosen verschwinden und den Schirm, der ihn vor der Sonne schützte, mit Wein überwachsen. Rechts und links von Burgi's lindenüberwölbtem Hüttchen standen Georginenreihen, die über die niedere, festnngsartige Mauer hinaus, ins Land sahen. Das Hüttchen selbst aber war von einem bunten Flor herrlich duftender Nelken umringt. Edeltrautsruh, mein Plätzchen mit seiner Ahorngruppe über den kühlen Bronnen war von Akelar in allen Farben umblüht. Sie standen im Grase, an der Quelle, im Gestein und veredelt auch in Beeten. Hulda endlich hatte sich Veilchen und Maiglöckchen zu ihren Lieblingen erkoren. Sie war den ganzen Sommer von ihnen um¬ duftet. In ihren Beeten um den Springbrunnen stand das drei¬ farbige Veilchen, im Grase duftete das Märzveilchen in allen Schattierungen und unter den wilden Kastanien nickten Maiglöckchen und Alpenveilchen. Wie viele Beobachtungen machten wir Kinder bei der War¬ tung unserer Lieblinge. Nicht nur, daß wir ihre ganze Entwicklung verfolgen konnten, nein auch den Einfluß von Licht und Schatten, von Feuchtigkeit und Trockenheit, von Wärme und Kälte, von Boden form und Bodenmaterial, der Kampf mit Artgenossen um Boden, Luft und Licht, alles dies bereicherte nicht nur unsere Erfahrung, sondern erregte unsere Liebe und Bewunderung für die Pflanzen, die ohne Bewußtsein so klug und treu handeln, um sich als In¬ dividuum und als Art zu erhalten. - 115 — Die Natur, diese Tochter Gottes, versorgte den helläugigen Menschen ja sür seine ganze Lebenszeit mit den interessantesten Rätselaufgaben. Wie eine Kenntnis stets die andere fördert, so begünstigte der liebevolle Umgang mit der Natur auch die von Onkel Adolar angeregte und erlernte Darstellungsfähigkeit der Natur. Denn, nur was man genau kennt und liebt, kann man stimmungsvoll wieder¬ geben. Eine sehr beliebte Unterhaltung war uns Kindern des Schwanen¬ hofes auch das Erzählen, Borlesen und Stillesen von Märchen. Die Eltern griffen dabei am häufigsten nach den griechischen und deutschen Märchen, in denen die Naturerscheinungen so poetisch personifiziert erscheinen. Unsere Eltern regten uns an, diese Märchen¬ rätsel zu deuten und machten uns dadurch nicht nur die Natur¬ vorgänge interessant, sondern lehrten uns auch die Vorgänge der Natur, ehe unsere Vernunft sie begriff, durch die Phantasie erfassen. Im Sinne der einzig wahren Lehrart ließen die Eltern uns Kinder auch in diesem Punkte denselben Weg gehen, den die Völker in ihrer Kindheit gegangen sind. Wir lernten auf diese Art alles spielend, wie wir nur lernend spielten und die Eltern wären oft in die Versuchung gekommen, uns gar nicht in die Schule zu schicken, hätten sie nicht gewußt, daß die stramme Zucht und Ordnung der öffentlichen Schulen, der gemeinschaftliche methodische Unterricht, besonders die systematische, objektive Schulung durch nichts zu ersetzen ist und der Autodidakt niemals mit dem wissenschaftlich logisch Geschulten gleichen Schritt zu halten vermöge. Wir Kinder Herrn Adelsrieds und Frau Mariemartens aber sollten gewappnet wie Minerva aus dem Haupte Jovis, einst aus dem Schwanenhof ins Leben springen. Mutter Mariemartens Reich. Das Leben im Schwanenhof war nicht festungsartig gegen das Leben der Außenwelt abgeschlossen. Die Eltern empfingen ost den Besuch von Vaters Amtsgenossen und ihrer Familien. Wir — 116 — Kinder besuchten mit andern gemeinsam Musik-, Mal- und Tanz¬ stunden und andere Kurse und übten mit ihnen auch zu Hause. Die eigentliche Besuchszeit für den Schwanenhof aber war der Sonntagnachmittag. Oft aber sprachen Bekannte auch an andern Tagen gelegentlich eines Spazierganges im Schwanenhofe vor. Ein Glas Wein, eine Tasse Tee, ein Butterbrot und Obst vermochte das Haus jederzeit zu bieten. Die Besucher meinten oft, ein so großer Hof, eine so zahl¬ reiche Familie mit so wenig Gesinde so nett zu halten, sei eine große Kunst und sie forderten dann wohl auch die Mutter auf, ihnen zu erzählen, wie sie das anfinge. Und die Hausfrau des Schwanenhofes erzählte, wie sie „Martha in der Tat" war. Wenn ich morgens erwache, so freue ich mich allemal dar¬ über, daß ich „wieder neubelebt den frischen Blick zur Sonne er¬ heben darf und bringe Gott Lob und Dank dafür dar, daß er über meinem Hause gewacht und mit seinen Engelsscharen uns vor Leid gnädig wollt bewahren". Dann erhebe ich mich zweifach ge¬ stärkt zur Ausübung meiner Mutter- und Hausfrauenpflichteu. Gewöhnlich geschieht dies zwischen fünf und sechs Uhr. Ich schlüpfe sogleich in einen einfachen aber sauberen Morgenrock, stecke die Füße in weiche Hausschuhe und berge das noch ungeordnete Haar unter ein Morgenhäubchen. Dann eile ich ins Schlafzimmer der Schulkinder, um das Ankleiden derselben zn überwachen, begebe mich hierauf in die Küche, um nachzusehen, ob nichts an dem eng¬ lischen Frühstück fehle und ob das zweite wohlvcrpackt zum Mit nehmen bereüliege. Ich sehe in meinem Notizbuche nach, was mir Bater oder Kinder in der Stadt für Besorgungen machen müßten und erst wenn die Stadtpilger mit meinen Segenswünschen das Haus verlassen haben, kann ich an mich selber und an das Haus¬ wesen denken. ES ist gut, daß fromme Liebe hellsichtig macht, so daß man den Schutzengel an der Seite seiner Lieben sieht; wie könnte man sie sonst unbewacht und unbeschützt fortziehen lassen und indessen in Ruhe seinen eigenen Pflichten nachgehen. Ehe ich dies daun tue, nehme ich ein laues Bad, ordne mir das Haar, vertausche den losen Morgenrock mir dem knapperen Hauskleide — 117 — und die leichten Pantöffelchen mit den festeren Schnürschuhen. Jetzt sehe ich nach, ob alle Betten auf den Söller getragen und alle Fenster geöffnet worden sind. Da alle Gegenstände sofort nach dem Gebrauch gereinigt wieder an Ort und Stelle gebracht werden müssen und dies durch Fach- und Nagelaufschriften erleichtert ist, so befindet sich bei uns jederzeit alles unter Dach und Fach und es ist daher wenig aufzuräumen. Da das Haus auf einer Anhöhe und mitten im Grünen liegt, fleißig gelüftet wird, die Böden mit harten, gutgefügten Brettchen, mit Linoleumteppichen oder mit Fliesen belegt, der Platz um das Haus aber mit Kies beschottert ist, da niemand das Freie ohne Ueberschuhe und das Innere des Hauses mit Ueberschuhe» betreten darf, so haben wir eigentlich wenig Krieg gegen den Staub zu führen. Trotzdem wird jedes Zimmer einmal die Woche mit Schaf- wvlltüchern ganz abgefegt. Da das eigentliche Mittagessen erst nm fünf Uhr eingenommen wird, hat immer eine meiner Mägde dazu Zeit und ich kann mich inzwischen den kleinsten meiner Kleinen widmen. Diese werden erst um acht Uhr geweckt, denn kleine Kinder brauchen viel Schlaf. Sie werden durch ein Musikstück des mecha¬ nischen Klavieres und zwar meist durch ein hübsches Kinderlieb sanft aus dem Traumlande abgerufen, so daß sie nicht nur fröhlich erwachen, sondern sogar ost mir einstimmen in die einfache, innige Weise. Wir begrüßen uns dann, kosen ein wenig miteinander und darauf gehts unter Tändeln und Scherzen ins Badezimmer. Das Badewasser ist wohlig warm, ist Wasser von 27 Grad. Wer wollte sich nicht gerne darein tauchen. Es schwimmen kleine Fisch¬ chen darinnen. Welch' ein Vergnügen, sie zu Haschen! Auf einmal fängt aber wunderbarer Weise das Wasser des Brunnens zu ver¬ siegen an, als wäre es der Zirknitzer See. In kurzer Zeit sitzen meine Kindchen und seine Fischlein am trockenen Lande. Auf ein¬ mal aber beginnt es im Badezimmer fein zu regnen, erst ist das Sprühen lau wie Frühliugsregen, allmählich aber wirds kalt wie Herbstschauer. Es gruselt einem. Da läßt man sich gern in den Frottiermantel hüllen, warm reiben und dann anziehen. Das — 118 — Abenteuer im Badezimmer hat den kleinen Leuten Hunger gemacht. Mit großem Appetite verzehren sie ihr Frühstück: eine kleine Schale srischer Milch mit etwas Weißbrot nnd ein wenig Obst. Um elf Uhr bekommen die kleinen Mägen eine neue Füllung von etwas Milch, Obst und Honigbutterbrot. Um ein Uhr wird ihnen ein weiches Ei mit Weißbrot geboten. Hierauf schlafen die ermüdeten Kleinen etwa zwei Stunden. Um drei Uhr wird ihnen ein Schinkensemmelchen gereicht, um sünf Uhr nehmen sie an dem gemeinschaftlichen Mittagsessen teil, nm sieben Uhr gibts noch etwas Fleischsnppe, um acht Uhr aber werden die jüngsten Schwanenhofer ins Bett gesteckt. Zwischen den kleinen Mahlzeiten spielen sie unter unserer Aussicht im Kinderspielzimmer oder ini Freien. Immer aber, ausgenommen bei großer Kälte, müssen sie wenigstens zwei Stunden täglich im Freien zubringen. Gewöhnlich wird hierzu die Zeit von drei bis fünf Uhr gewählt, wo es am wärmsten ist. Nur im Dezember findet der Spaziergang von zwei bis vier Uhr statt. Während ich die Kinder bei ihren Spielen beaufsichtige, sind meine Hände für das Haus tätig. Entweder drehe ich die Strick¬ maschine, dieses Geschenk einer wohltätigen Fee, und suche damit die nötigen weißen und schwarzen Strümpfe für das Hans zu ge¬ winnen, oder ich mache schwarze oder weiße Blusen, fertige grobe Lodenröcke und Jacken an oder steppe leinerne oder wollene Hemden und Beinkleider. Die Wundergabe, die dankbare Wichtlein den Menschen zurück¬ ließen, als sie für immer von ihnen schieden : eine treffliche Näh¬ maschine ist meine treue, unbezahlbare Gehilfin bei diesen Arbeiten. Mit Hilfe dieser Strick- und Nähmaschine — sogar ein kleiner Webestuhl hat im Schwanenhofe Kine Heimstätte — werden fast alle Kleider der Familienglieder im Schwanenhofe selbst angefertigt, wie es einst im alten Bauernhause geschah. Die Gewandung der Schwanenhofer ist, wie Sie wissen, überaus einfach und praktisch, aber dabei doch recht kleidsam. Mädchen und Knaben tragen Sommer und Winter weiße Strümpfe unten und schwarze darüber, weiße Beinkleider unter¬ halb, grane oder schwarze Lodenpluderhosen oben, die Mädchen — 119 — weisen über ihre Pantalons gleichfarbige, faltige Tnchröcke, deren Länge der Kleidsamleit halber ein Drittel oder die Hälfte ihrer Körperlänge beträgt. Ueber den langen Blnsenhemden legen Knaben wie Mädchen Kostümjacken an, faltenreiche, in die Runde geschnittene Wetterkrägen von der Länge der Röcke mit Kaputzen daran, hübsche Praktische Mützen, Stoffschnhe mit Lack- oder Gummiüberschuhen vervollständigen den Schulanzug der Kindern. Die Stoffe sind sehr gute, echtfärbige Gewebe, die Schnitte sehr gefällige und die Stücke sehr nett und dauerhaft znsammengefngt. Es gibt sehr wenig daran auszubessern und hält sehr lang. Deshalb erspart man bei uns viel Zeit und Geld. Weil bei unserer Kleidung nur die am bloßen Leibe getragene Wäsche ans weißem Linnen ist, weil wir uns täglich Luschen und sehr oft baden, und daher die Wäsche nicht so oft statt unser ins Bad schicken brauchen, so macht diese im Schwanenhof auch weniger Arbeit, als in anderen Häusern. Die Schulkleidung darf im Hanse nicht nur nicht anbehalten werden, sondern muß sofort von den Trägern gereinigt und auf¬ gehoben werden. Für den Schwanenhof haben die Knaben lederne Kniehosen, mit denen sie steigen, klettern, springen und laufen können nach Herzenslust; die zerreißen sie nicht. Dazu haben sie grobe Leinenhemden, über die sie an kalten Tagen einfache Loden¬ oder Barchentjacken tragen. Im Hanse haben sie leichte Stoff- fchuhe, im Freien Lederüberschuhe. Die jüngeren Mädchen tragen im Hause eine Art Rad¬ fahrerindresse ohne den Faltenrock und können sich demnach sehr frei bewegen. Die Wintersonntagskleider bestehen aus gutem Wollplüsch und sind ebenso hübsch als danerhafü An Sommersonntagen hüllt sich die Jugend des Schwanenhofes in arkadisches Weiß und ist auch da ebenso zierlich als praktisch gekleidet, denn frisch gewaschen erscheinen diese Kleider immer wieder neu. Die Leinenblusen und Schürzen für das Haus sticken sich die Mädchen selbst bunt ans und sind damit nicht nur nett, sondern malerisch gekleidet. — 120 - Schul-, Hans- und Sonntagskleider aber sind fast unzer¬ störbar und das allein macht, daß ich sie beinahe ohne fremde Hilfe Herstellen kann. Die Schlagwörter modern, unmodern haben über den Schwanenhof keine Macht. Was rein und ganz, was praktisch ist. bleibt für die Schwanenhofer immer modern. Bei Neuanschaff¬ ungen werden die von Groß- und Kleingewerbe inzwischen erfundenen wirklichen Verbesserungen und Verschönerungen dankbarst angenommen und die Erfinder als Wohltäter der Menschheit gesegnet. Auch wird der Formen- und Farbensattheit mit Maß Rechnung getragen. Die Zeitrichtung kommt unserer Stellung zur Mode entgegen. Denn wie bei der männlichen Kleidung macht sich mehr und mehr auch bei der Frauengewandung eine gewisse demokratische Gleich¬ heit geltend und die großen Vorzüge der Herrenkleider werden langsam auch der Frauentracht zuteil, ohne daß sie darum un¬ weiblich wird. Man wird in Zukunft auch unter den Frauen keinen Närrinnen der Mode mehr begegnen, sondern lauter ver¬ nünftige, denkende, bescheidene kluge Frauen und Fräulein, denen die Kleider nur ein Rahmen sür ihre Erscheinung ist, der nicht die Aufmerksamkeit auf sich statt auf die edle Trägerin lenken soll. Die vielen erwerbenden Frauen, die ihr Leben nicht mehr wie einst nur der Sorge sür ihr Aeußeres widmen können, wird das Trachtenbild der Orte immer mehr und mehr beeinflussen. Obwohl ich nicht erwerben, sondern nur erhalten brauche, habe ich im Schwanenhofe gar viele Rollen. Außerdem daß ich alle Arbeiten zu inspizieren, die kleinen Kinder zu warten und die Kleidung für das ganze Haus herzuschaffen habe, bin ich auch Küchenchef. Während die kleinen Kinder ihr Nachmittagsschlüfchen machen und die Großen in der Schule sitzen, lese ich ein wenig: „Keinen Tag ohne anregende Lektüre" ist mein Wahlspruch. „Den Geist nähren ist auch Religion." Um drei Uhr aber muß sich mein Geist bequemen, wieder die Sorge für den Leib und zwar für seine Ernährung zu über¬ nehmen. Es gilt das Mittagsmahl herznstellen. — 121 — Ich hole also das Fleisch aus dem Eiskasten, wasche es und gebe es mit den Suppenwurzeln in einen Dampftopf und lasse es beiläufig anderthalb Stunden kochen. Dann hole ich es mit der Fleischgabel heraus, schneide es in Scheiben, drehe diese in Eier, Mehl und Semmelbrösel und backe sie in Fett braun und knusperig. So habe« wir von ein und demselben Stück Fleisch eine nahrhafte Suppe und einen schmackhaften Braten. Noch während das Fleisch im Dampfe kocht, bereite ich die Suppenspeise vor. Es ist immer eine Fleischspeise: Lungenstrudel, Radkrapfen, Leberklösfe oder Leber¬ nocken, Leberpfanzel oder Leberreis, Hirnsnppe oder Krüutersuppe mit Frankfurterwürstchen. Erst wenn die Suppe genug eingedickt ist, koche ich diese Suppenspeisen ein. Das gebackene Rindfleisch wird mit einem Salat aus Erbsen, Bohnen, Linsen oder roten Rüben, Kraut und Blättern umlegt und überdies werden ein oder mehrere Muse oder Tunken, zum Beispiel: von Spinat, Kohl, Rüben, Krenn, Zwiebel oder Sardellen bei¬ gegeben. Weil dieses späte Mittagsmahl zugleich Nachtmahl ist, so kommt nach dem Rindfleisch noch ein Stück Selchfleisch mit Obst- mus und darnach noch eine Milch oder Mehlspeise auf den Tisch. Da der Herd groß und freistehend ist, kann man bei einiger Umsicht und mit einer Gehilfin dieses ganze Mittagessen trotz seiner Reichhaltigkeit in zwei Stunden Herstellen. Den Nachtisch bildet frisches oder gedörrtes Obst. Der Wald mit seinen Beeren — der Garten mit seinen Baumfrüchten er¬ lauben uns diesen unschuldigen Genuß. Da wir zum Frühstück nach englischer Sitte Tee oder Kaffee und Brot, das mit Butter oder Honig bestrichen ist, harte oder weichgekochte Eier und Schinkensemmeln essen, da die über Mittag in der Stadt bleibenden Familienmitglieder zum zweiten Frühstück Brot, Käse und Wurst mitnehmen, so können sie mir einst nicht den Vorwurf machen, sie seien im Verhältnis zu den Leistungen, die man von ihnen verlangt hat, zu schlecht genährt worden. „Das brauchst du nicht fürchten, Mütterchen", sagten wir Kinder dann wohl. „Wachsen, marschieren und lernen, macht — 122 zwar einen Wolfshunger, aber wir werden doch immer satt. Und sehen wir nicht ans, wie die Rosen?" Lächelnd erzählte die Mutter dann weiter: „Nach dem Fünf¬ uhr-Mahle ruhen wir uns ein wenig aus, plaudern, scherzen, er¬ zählen jeder unser wichtigstes Tageserlebnis, ergehen uns im Garten, musizieren, singen usw. Bon sieben bis halb neun Uhr werden im Winter die Schul-, im Sommer die Gartenarbeiten besorgt, die Wirtschaftsbücher erledigt, Spiele gespielt, Erzählungen, Aussätze und Gedichte vorgelesen n. a. m. Um halb neun Uhr begeben wir uns in unsere Schlafzimmer. Um neun Uhr liegt tiefe Stille und Dunkelheit über dem Schwanenhof." Nachdem die Hausfrau so ihr Tagewerk beschrieben hatte, wie ihre Freunde es von ihr gewünscht, ergriff wohl der Vater noch das Wort zu einem Lobe der Mutter. „Meine Frau", sagte er einmal, „führt ihren Namen Marie- marta wahrlich mit vollem Recht. Sie ist Marta in der Tat, aber auch und das ist noch mehr, Maria im Geiste. Sie ist nicht nur ihres Gatten treue, verständige, anfheiternde und verschwiegene Freundin, mit der er alles besprechen kann, sie ist auch der Kinder kluge Ratgeberin und Kameradin auf jeder Altersstufe und auf jedem Geisteswege. Sie weiß sie für Alles zu entzücken, was schön, gut und groß ist und bei ihr finden sie Verständnis und Anteilnahme für alle ihre kleinen Tageserlebnisse und ihre geistigen Errungenschaften. Und dieses Vertrauen, diese rückhaltlose Offenheit der Kinder gegen ihre Mutter wird in einer großen Familie, in der die Kinder ihre Anliegen nicht immer unter vier Angen vorbringen können, zu einer reichen Quelle der Geistes¬ und Herzensbildung für alle." „Das läßt sich denken", sagten dann die Freunde. „Und man möchte gerade einmal dabei sein, wenn die jungen Leute ihre Tageserlebnisse erzählen." „Das Vergnügen kann ich Ihnen gleich verschaffen", sagte Herr Adelsried, „wenn Sie eine kleine Erfrischung mit nns ein¬ nehmen wollen". - 123 — Nach einigem artigen Widerstreben folgten die Besucher Herrn Adelsried auf die Veranda, wo man an einem zierlich gedeckten Tisch einen ausgezeichneten Beerenwein, Obst und Backwerk kredenzte. Während die Gäste von den Süßigkeiten naschten und vom Weine nippten, wurden die Kinder aufgefordert, das für sie inte¬ ressanteste Tagesereignis zum Besten Aller zu erzählen. Zuerst mußte Bnrgi berichten. Mit liebenswürdiger Offen¬ heit sagte sie: „Man kann nicht jeden Tag etwas Merkwürdiges erleben. Und mir ist gerade heute nichts Erzählenswertes begegnet. Das Wichtigste von Allem dünkt mich noch mein Traum zu sein." „Nun und was träumtest du denn?" fragte die Mutter. „Ich sah im Traume eine Schlange mit großer Geschwindig¬ keit aus mich zueilen. Ich schleuderte sie mit Entsetzen weit von mir und erwachte durch das Geräusch eines Falles. Die Schlange war mein weißes Kätzchen gewesen, das sich auf meiner Decke ein weiches, warmes Schlafplätzchen gesucht hatte und nun von mir so unbarmherzig hinausgeschleudert worden war. Ich hob es auf, küßte es und bettete es wieder neben mir." Alle lachten. Der Vater aber meinte, der Traum sei ein ganz hübsches Beispiel zu dem Erfahrungssatz, daß Träume durch wirkliche Sinnesempfindungen hervorgerusen werden können. Dann wandte er sich an Gottfried und sagte: „Jetzt erzähle du deine Erlebnisse Gottfried. Du warst ja heute in der Stadt." „Ein Geschehnis habe auch ich nicht zu verzeichnen", sagte dieser, „aber ich habe etwas Schönes gesehen." „Und das wäre?" fragte man neugierig. „Ich trat in die der hl. Maria geweihte Basilika der Stadt. Die Altarnische derselben ist neu nlkroooo bemalt, das Gemälde, das offenbar nach einem italienischen Vorbild hergestellt worden ist, zeigt inmitten von säulengeschmückten Tempeln den hohen Bord einer offenen Gruft. Daraus ist die heilige Maria emporgeschwebt. Sie fährt ans Wolken, die von Engeln getragen werden, zur Höhe. Ober ihr öffnet sich der Himmel. Von links schreitet ihr ans einem Wolkensteg der göttliche Sohn inmitten einer Engelschar entgegen. Rechts sitzt ans hohem Wolkenthron der einige Vater. Aus noch 124 — größeren Himmelstiefen ist der heilige Geist in Gestalt einer weißen Taube herniedergeschwebt. Unten auf der Erde stehen um die offene Gruft die Jünger Jesn's: Anbetung, Verzückung, Erstaunen, Frage, Mitteilungsbedürfnis, andächtige Versunkenheit in fromme Betrach¬ tungen drücken sich in den Mienen und Geberden der knieenden, gebeugten oder hochaufgerichteten Gestalten aus. Und vor diesem Gemälde steht nun wie ein in Wirklichkeit übergegangener Teil dieses Bildes ein marmorner, säulengetragener Altartempel mit steinernen Apostelgestalten zur Seite." „Das müssen wir uns gleich ansehen", sagten die Besucher. „Das muß ja sehr hübsch sein." „Gottfried hat ein merkwürdiges Glück im Entdecken alles Schönen und Hohen", sagte die Mutter. „Doch was hast denn Du zu berichten, Edeltraut? Du hast ja heute einen weiteren Morgenspaziergang gemacht." „Mir", sagte ich, „wies Gott mit einem seiner goldenen Zeige¬ stäbe eines der Wunder, von denen die Welt so voll ist. Und dieses Wunder war das von einem schrägen Sonnenstrahl beleuchtete, in einer dunklen Schlucht über einen Bach zwischen Bäumen ausge¬ spannte noch unvollendete Netz einer Kreuzspinne. Die Meisterin war eben an der Arbeit. Die Radien waren gezogen und eine Anzahl der äußeren Kreise durchgeschlungen. Frau Spinne war bemüht, die Zahl dieser Kreise zu vermehren. Sic schwang ihre Bogen von einem Strahl zum nächsten, heftete sie hier an und wandelte so unermüdlich im Kreise umher. Trotzdem entstanden in einer halben Stunde nur wenige Kreise. Ein einzigesmal sah ich die Weberin ihre Arbeit umerbrechen. Ein Mücklein hatte das Unglück gehabt, ins Netz zu fallen. Bei der Erschütterung ihres Werkes stutzte die Spinne, eilte dann am nächsten Radius ins Zentrum und von dort an jene Stelle der Peripherie, wo das arme Mücklein zappelte. Im Nu war es der hungrigen Spinnerin Bente. Im Weiterschreiten sah mein nun geschärftes Auge im Geäst des Waldes noch viele solcher Netze in allen Eutwicklungsstadien. Zu Hause angekommen, las ich in einem natnrgeschichtlichen Werke noch manches Merkenswerte über diese kleine Künstlerin nach". — I2ö — „Du warst gottbegnadet, daß Du solch ein Wunder der Natur schauen durftest", saute Gottfried „Auch Ehrhart war heute glück¬ lich. Er hat zum erstenmal ein Wunder menschlicher Erfindung gesehen." „Beschreibe! erzähle!" riefen die Geschwister. „Ich bitte um die Erlaubnis, dies in Form eines Rätsels in Prosa tun zu dürfen", sprach Ehrhart aufstehend. „Bewilligt", sagten die Freunde des Hauses lächelnd. Und Ehrhart begann: „Ich kenne ein großes, rundes Turmzimmer. Darin ruhen in einer Kreisreihe rings an der Wand eine Menge eiserner Kiudlein. Sie liegen am Bauche und haben alle den Kopf der Kreismitte zuge¬ kehrt. Ziemlich hoch oben in der Turmwand ist eine umlaufende Reihe von Oeffnungcu. Durch diese greifen Riesenarme herein und fassen die Kindlein am Rücken. Jeder der Riesen hat zwischen den Schulterblättern als Kennzeichen das Gesicht seines Kindleins aufgemalt. In der Mitte des Gemaches schwebt wagrecht ein großer Ring, lieber diesen läuft von links nach rechts ein Streifen schwarzen Tuches gleich einer Brücke von Wand zu Wand. Oberhalb dieses Steges und mit ihm gleichlaufend überquert eine gezähnte Stange das Gemach. Auf dieser Stange bewegt sich, sie umfassend, gleichmäßig Zahn nm Zahn ergreifend, eine weich umhüllte Rolle. Zwischen dieser Walze und dem oberseits abfärbenden Tuchbande ist ein Riesenbogen Papier eingeschaltet. Geht der Riesenkönig um den Turm, so klatscht er diesem oder jenem seiner Untertanen auf die Schulter und zwar immer jenem, den er gerade braucht. Auf dieses Zeichen hebt der Riese sein Kiudlein auf, schiebt es durch den Ring und drückt es gegen das Farbenband. Nun färbt dieses an der gedrückten Stelle ab und es entsteht auf dem Papierbvgen darüber ein Bild des Kindergesichtes. Daun legt der Riese das Kindlein nieder. So wie dieser tut jeder Riese, den sein Herr berührt hat. Ist das ganze Papier voll solcher abgedruckter Kindergesichtlein, so wird es aus der Presse gezogen und ein anderes an seine Stelle gebracht. Das bedruckte Papier — 126 — aber nimmt der Riesenkönig nnd schickt es als Botschaft an einen andern Riesenkönig. Was ist nun das", fragte Ehrhart? Der Hausfreund, Herr Adelsried nnd der eingeweihte Gott¬ fried hatten schon während des Erzählens verständnisvoll gelächelt. Die Frauen nnd die Kinder kamen nicht sogleich auf den Gegen¬ stand des Rätsels. Dankwart sagte endlich nach einer Stille, während welcher die Götterbraut Sammlung durch das Zimmer schwebte: „Ich hab's. Es ist die Schreibmaschine." Ein vierstimmiges „Bravo!" tönte ihm entgegen, indes der übrige Teil der Gesell¬ schaft fragte: „Die Schreibmaschine? Ja wieso?" Dankwart legte ihnen das Rätsel Punkt für Punkt aus und sie freuten sich nun doppelt des in allen Teilen stimmenden Vergleiches. Als sich die allgemeine Verwunderung und Bewunderung ge¬ legt hatte, wurde Hulda zum Reden aufgefordert. Sie erzählte: „Ich habe heute eine Studiengcnossin besucht, die mich schon oft dazu aufgcfordert hatte. Diese Kollegin stellte mir als ihren kleinen Hausgenossen ein lebendes Chamäleon vor. Welch' ein abenteuerlicher Geselle ist das doch! Schon seine Gestalt war mir ungemein merkwürdig. Ich hatte es natürlich nach dem Bilde sogleich erkannt. Aber welch' ein Unterschied ist zwischen dem Interesse, an einem Tierbilde und dem Interesse an einem lebenden Tiere. Ich konnte mich nicht sattsehen an dieser kleinen Eidechse der heißen Zone. Sie war nicht größer als unsere grüne Eidechse, jedoch felsgrau gefärbt. Nur im Zorne spielt sie alle Farben, so daß sie als das Sinnbild des Wankelmutes gilt. Aber der Kamm längs des Rückens, der Helm am Kopfe, die langen, in je zwei Hände geteilten Beine mit den auf sie verteilten be- krallten Fingern, der lange, geringelte Schwanz geben ihr ein ganz exotisches Aussehen. Sie bewegt sich gehend und kletternd so langsam, daß man bei ihrem Anblick unwillkürlich an ein Faul¬ tier denken muß. Wenn es sich im Geäst anklammert, hält man das Gespensterchamäleon sicher nur für einen dürren Zweig. Ganz ab¬ sonderlich ist es, wie das Tier die gestielten Schneckenaugen unabhängig von einander vor- und rückwärts, links und rechts streckt, oder wie es seine dicke Kolbenzunge blitzschnell hervorschießt, um eine Fliege daran zu leimen, der sie sich vorsichtig von rückwärts ge- 127 — nähert hat. Ein solches Chamäleon ist der appetitlichste ,Fliegen- todh den man sich denken kann." „Das möchtet ihr natürlich gleich auch haben", scherzte die Mutter. „Uuser Park ist ohnehin schon ein ganzer Tiergarten. Fehlt just nur noch das Chamäleon." „Dankwart, nun bist nur Du noch, der etwas zu erzählen hat. Was wirst Du uns Neues bringen?" „Ich", sagte Dankwart, „habe einem ,Rapsoden' gelauscht, der auf den Stufen des Fichte-Denkmales Worte dieses großen Mannes zitierte und habe mir folgenden Ausspruch gemerkt: „Das Volk, das bis in die untersten Schichten hinein die tiefste und vielseitigste Geistes- und Gemütsbilduug besitzt, wird zugleich das mächtigste und glücklichste sein unter den Völkern seiner Zeit, unbesiegbar sür seine Nachbarn, beneidet von den Zeit¬ genossen und ein Vorbild der Nachahmung für sie." „Besser als durch diese Worte könnten Eure Berichte nicht abgeschlossen worden sein", sagte der Vater. „Lasset dem Andenken Fichtes zur Ehre die Gläser erklingen!" Stürmisch erhob sich alles und ließ begeistert den unsterblichen deutschen Seher leben! „Sie bemerken", fuhr der Vater fort, nachdem die Wogen der Begeisterung sich gelegt hatten und fast die ganze Jugend des Schwanenhofes sich im Park vergnügte, „ein wie vielseitiges In¬ teresse mir in unseren Kindern zu wecken suchen. Den größeren Teil des Verdienstes um die Weckung ihrer Intelligenz muß ich aber meiner lieben Frau einräumen. Sie sucht jedoch nicht nur den Geist, sondern auch das Herz ihrer Kinder zn bilden. Wie weise ist sie, wenn es gilt, Liebe und Friede zwischen ihnen zu erhalten. Ich wollte, Sie könnten die Kinder bei einer- kleinen Meinungsverschiedenheit belauschen, um ihre Liebenswürdig keit zu erkennen. Und das ist das Verdienst der Blutter. Sie selbst liebt und versteht Jedes. Vertrauensvoll erschließt sich ihr das Herz ihrer Kinder und sie weiß dieses Verständnis für ein Herz, das sie besitzt, auch an¬ deren zu eröffnen. Darum lieben sich unsere Kinder zärtlich. Die Aelteren kosen und tändeln mit den Kleinen, sind großmütig gegen sie und diese haben nach ihren Eltern keine treueren Freunde, — 128 — keine verläßlicheren Beschützer, als ihre älteren Brüder und Schwe¬ stern. Die Jüngeren tragen darum auch ein grenzenloses Ver¬ trauen zu den größeren Geschwistern, an denen ihre Augen voll Bewunderung hängen. Eines weiß, was das andere freut und sucht ihnen Freude zn machen, wann und wo es kann. Und das ist ihnen oft möglich, denn ein liebreiches Herz macht gar sinnreich. Und so kommts, daß ich ein ebenso beglückter Gatte als Vater bin. Und das verdanke ich Gott, der mich eine Fran wie Mariemarte kennen und gewinnen ließ." Die Kinder des Schwanenhofes. Die Kinder des Schwanenhofes wuchsen zur immer größeren Freude ihrer Eltern heran. Alle waren klug, geschickt und gut. Sie hatten alle den geraden, ehrlichen Sinn der Eltern. Denn die Lüge galt im Schwanenhoie für das größte Vergehen. Mit dem geraden Sinn erbten sie der Eltern Art, alles, was sie machten, gut zu machen und der Mutter Freundlichkeit, die ihnen auf ihrem späteren Lebenswege so nützlich war. Sie erfuhren an sich die Wahrheit des Satzes: Freundlichkeit ist in der Welt die größte Macht ebenso wie die Wahrheit der im Schwanenhofe empfangenen Lehre: Gott hat die Geradheit selbst ans Herz genommen. Auf geradem Wege ist noch keiner umgekommen. Tüchtigkeit, Gerad¬ heit und Freundlichkeit waren die gemeinsamen Merkmale der Kinder des Schwanenhofes. Im Uebrigen aber waren sie verschieden, wie dis Blumen des Waldes dem Aeußeren, wie dem Inneren nach. Gottsried war ein ideal schöner, blonder Jüngling. Der hochgewölbte Kopf mit der hohen vorzebauten Stirne verriet den Denker. Die tiefliegenden blauen Augen verkündeten einen hohen Sinn. Die gerade griechische Nase, der zarte, blonde Flaum, die blühenden Wangen boten dazu einen ungemein fesselnden jugend¬ lichen Gegensatz. Dieser wurde sehr schön ausgeglichen durch den einen feinen Geist verratenden Mund mit seinen schmalen, aber schön geschweiften den Weisen und den Redner andeutenden Lippen. — 129 — Ganz anders und dennoch schön war Dankwart. Auch er war groß und schlank wie Gottfried. Aber sein Haar war schwarz und legte sich in schönen, natürlichen Schnörkeln um die edelge- sormte, von schönbogigen, dunklen Augenbrauen begrenzte Stirne, von der die Nase ganz ohne Sattel abfiel, wie man dies an klassischen Statuen oder Bildern bewundern kann. In den blauen Augen glänzte oft eine wunderbare Innigkeit, eine bezaubernde Zärtlichkeit, ein Entzücken, das unmännlich geschienen hätte, wäre es nicht mit soviel Selbstbeherrschung gepaart gewesen. Die vollen dunkelroten, schön gewölbten Lippen überschattete schwarzes Barthaar. Ein dunkler Knebelbart schmückte auch das Kinn. Das Aussehen des Malers Dankwarts war ein ungemein vornehmes. Und wieder ganz anders, aber ebenso schön war Ehrhart. Er besaß eine mittelgroße, sehr ebenmäßige elastische Gestalt. Sein Haar war braun und ein brauner Vollbart umrahmte sein kühnes männliches Gesicht, aus dem große dunkle Augen leuchteten, die drohend blicken, Energie und Unbeugsamkeit ausdrücken, aber auch träumerisch, sehnsüchtig sehen konnten. Diese schönen, von der Liebe Glut beseelten Augen waren Dichteraugen und ein berau¬ schendes Fluidum ging von ihrem Träger Ehrhart aus. Burgi war das Ideal einer deutschen Jungfrau. Licht wie ein Gebild aus Himmelshöhen erschien sie unter den Kindern des Schwanenhofes. Der Raum, in welchem die Goldhaarige eintrat, wurde sonnenhell. Die Unschuld nmglänzte ihr schönes Haupt mit einer Hoheit, vor der alles Niedrige wich. Doch sie wußte es nicht und war demütig wie das Veilchen, treu wie Gold und von einer alle beglückenden Innigkeit. Das Hausmütterchen Burgi war der Stolz der Eltern und ein Gegenstand leidenschaftlicher Zärtlich¬ keit für ihre Geschwister. Schwester Hulda gemahnte an eine Italienerin. Sie war nicht groß, hatte dunkles Haar wie Edeltraut, aber ihr brauner Temt wie das glühende Inkarnat ihrer Wangen und Lippen schienen in der Sonne des Südens gereift zu sein. Die großen, strahlenden, dunklen Augen mit dem Schleier langer, dunkler Wimpern und dem schwermütigen Blick gaben dem Gesichtchen einen s — 130 — unwiderstehlichen Reiz und die ganze Erscheinung Huldas umschwebte ein unsagbarer, poetischer Zauber. So verschieden die Kinder des Schwanenhofes in ihrem Aeußeren waren, so hatten sie doch alle einen tadellosen schlanken, biegsamen Wuchs als Frucht der vielfachen Leibesübungen, die sie von Kindheit an getrieben, alle hatten einen schönen, festen, doch leichten Schritt, als ein Zeichen ihres lebhaften, besonnenen Geistes. Ihre Hände zeigten durch einen schönen Bau und die edlen Be¬ wegungen ihre Geschicklichkeit an. Die reine, blühende Haut, der weder Kälte noch Hitze schadete und die weißen, tadellosen Zähne gaben Zeugnis von der durch große Reinlichkeit, einfache, kräftige Nahrung und reine Lust gefestigten Gesundheit. Auf den meist unbedeckt getragenen Häuptern war allen das Haar reichlich ge¬ wachsen und der Wind und die sorgsame Pflege hatten es leicht gemacht, so daß es sich von selbst lockte. So hatten gewissenhafte Körper-, Geistes- und Gemütspflege die Kinder des Schwanenhofes zu schönen, guten Menschen von viel¬ seitiger Geistesbildung gemacht, denen überall die Herzen entgegen- flogen und die deshalb glücklich machten und glücklich wurden. Weil aber kein Erdgeborener ganz von Leid verschont bleibt, so lernten auch sie Leid kennen. Aber sie hatten von Kindheit an gelernt mit Gott zu leben, ihn als Helfer in allen ihren Mühen anzurufen, und ihm für alle Hilfe und für alle Freuden zu danken, die er ihnen zuteil werden ließ. Wie konnte es anders kommen, als daß sie ihn, der ihnen unverlierbar war, mehr liebten, als alle Güter der Welt und demnach nie ohne Liebe, ohne Schutz, ohne Hilfe waren bis aus Ende ihres Lebens. Und wie sie Gott liebten, waren sie gottgeliebt. Was sie unternahmen, gelang ihnen, denn die Hochgesinnten wollten nichts als Gutes und baten Gott stets um das Gelingen desselben. Und was sie erkennen wollten, erkannten sie, denn er, den sie im heiligen Eifer fragten, ward ihr Lehrer. Er errettete sie aus allen Gefahren und Nöten des Lebens und warb ihnen Freunde aller Orten. So hatten sie von Kindheit an allezeit Gottes Nähe gefühlt, daher glaubten sie nicht bloß, daß ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt. Sie wußten es. — 131 — Das Bilderbuch der Schule. Durch Erzählungen, wie die von der Erbauung des Schwanen¬ hofes und dem Leben darinnen, suchte Edeltraut namentlich den ärmeren Schülerinnen die Kenntnisse zu verschaffen, welche reichere sich durch den bloßen Umgang mit gebildeten Hausgenossen und Hausfreunden erwerben. Aus demselben Grunde benützte Edeltraut die reiche Bilder¬ sammlung ihrer Schule fleißig. Die vielen kleinen Gedichte, Er¬ zählungen und Schilderungen des Lesebuches bildeten gleichsam den tändelnden Text dieses Bilderbuches. Die Lehrerin aber be¬ sprach diese Bilder mit den Kindern und benützte dabei ihre im Elternhause und auf Spaziergängen, aus Büchern und aus einer Art von Sehergabe gewonnenen Erkenntnisse, um den Schülerinnen Liebe und Verständnis für die Natur einzuflößen. Die Ziege. Einst wollte Edeltraut eine kleine Fabel von der Ziege lesen lassen. Sie hängte also das Bild dieses Tieres vor die Kinder und fragte, diesmal an die Sprachlehre anknüpfend: „Was für ein Ding ist eine Ziege, weil sie aus Stoff besteht?" „Ein wirkliches Ding", wurde ihr geantwortet. „Aus welchem Stoff ist sie gebildet?" „Aus Fleisch und Blut", sagten die Kinder. „Ist sie ihr ganzes Leben hindurch so groß gewesen, als sie hier dargestellt ist?" „Nein, sie ist nicht immer so groß", gab man Edeltraut zur Antwort. „Wie wird sie dann so groß?" „Sie wächst", erhielt die Fragestellerin Auskunft. „Zu welchen wirklichen Dingen ist sie also zu rechnen?" „Zu den Lebewesen", erinnerten sich einige. „Auf welche Weise wächst sie", fragte die Lehrerin weiter. — 132 — „Sie nimmt Stoff in sich auf und vergrößert sich dadurch", entlockte Edeltraut dem Gedächtnisse der Kinder. „Durch welchen Körperteil gelangt der neue Stoff in ihren Leib?" „Durch eine Mundöffnung", wandte eine aufmerksame Schü¬ lerin früher Gelerntes au. „Welche Lebewesen nehmen ihre Nahrung nur mit einer Mundöffnung auf?" „Menschen und Tiere." „Wer von euch hat schon eine wirkliche Ziege sprechen gehört?" Niemand meldete sich. „Auch ich habe noch keine reden gehört", sagte Edeltraut. „Nur in Märchen und Fabeln legt ihr der Dichter seine Worte in den Mund." Was ist also eine Ziege für ein Lebewesen, weil sie nicht in Worten, sondern nur in Bildern denkt?" „Ein Tier!" verlangten viele zu sagen. „In welchem Elemente lebt sie?" „In der Luft", wußten mehrere. „Warum kann sie in der Luft leben?" „Weil sie Lungen hat", gab eine eifrige Schülerin an. „Wodurch zeigen die Tiere, daß sie höhere Lebewesen sind als die Pflanzen?" „Dadurch, daß sie empfinden und sich bewegen", sagte ein Mädchen, glücklich über ihr vorzügliches Gedächtnis. „Womit können sie empfinden", fragte Edeltraut weiter. „Mit den Empfindungsfäden oder Empfindungsnerven", wußte die Fragende aus der Erinnerung ihrer Schülerinnen heraus¬ zubringen. „Auf welche Weise sucht ein Lungentier Hilfe, das eine Schmerzempfindung hat? Zum Beispiel: Hunger." „Es schreit." „Wie heißt der Schrei der Ziege ?" „Meckern." „Womit bewegt sich die Ziege vom Ort?" „Mit Füßen." — 133 — „Warum genügen ihr nicht Flossen dazu?" „Weil sie ans dem Lande lebt." „Ihr habt gesagt, sie bestehe aus Fleisch und Blut. Wie kommt es dann, daß sie so steif ausrecht dasteht, Fleisch ist ja weich und Blut flüssig?" „Das Fleisch und das Blut in seinen Hautgefäßen werden von einem Knochengerüst getragen." „Aus welchem Stoff besteht dieses?" „Aus Kalk." „Woher nahmen die Knochentiere diesen Kalk?" „Aus dem Wasser, dem sie, wie alle Lebewesen entstammen". „Mit welchen Worten erzählt uns dies die Bibel?" „Und der Geist Gottes brütete über den Wassern", wußte ein bibelfestes Kind zu zitieren. „Und der berühmteste Maler aller Zeiten hat diesem Gedanken über Auftrag eines Papstes in einer Kapelle Roms Gestalt ver¬ liehen", sagte Edeltraut uud zeigte den Kindern eine Kopie des berühmten Gemäldes Michel Angelo's. Nach einer Panse fragte die Lehrerin weiter: „Was für ein Teil des Gerüstes der Knochentiere bildete sich zuerst aus?" „Die Wirbelsäule." „Wieso?" „Das Wasser floß durch die Längsröhre einfacher Tierleiber und setzte dabei an den Wänden Kalk ab." „Was für Teile des Knochengerüstes bildeten sich, als die Wirbelsäule gebaut war?" „Die Rippen." „Wieso?" „Dickere Wnrmleiber wurden vom Wasser nicht nur durch einen Hauptkanal, sondern auch durch Nebenkanäle genährt. Auch in diesen setzte sich Kalk ab nnd so entstanden Rippen." „Was für Tiere haben keine anderen Knochen als Wirbel¬ säule und Rippen?" „Fische, Schlangen, Kaulquappen." — 134 - „Wann bildeten sich bei den Wirbeltieren Füße ans?" „Als sie das Wasser verließen." „Woraus bildeten sich die Füße?" „Aus den Flossen." „Wie viele Füße bekamen alle Wirbeltiere?" „Zwei oder vier!" „Zu welcher von . diesen zwei Gattungen von Wirbeltieren gehört die Ziege?" „Zu den vierfüßigen". „Aus welchen Flossen entstanden diese vier Füße?" „Die Vorderfüße wurden aus den Kiemenflossen, die Hinter¬ füße aus den geteilten Schwanzflossen." „Wieso?" „Mit den Kiemenflossen halfen sich die Fische ans dem Wasser, auss Eis oder aufs Land, mit den Hinterflossen schoben sie sich weiter." „Wenn die Wirbeltiere ehedem im Wasser lebten, wie kommt es, daß sie später in der Luft leben konnten. Von den jetzt lebenden Fischen verträgt nur der Aal einen längeren Aufenthalt auf dem Lande. Auch ein anderes Wassertier, der Krebs, vermag längere Zeit auf dem Lande zu leben." „Ebbe und Flut haben sie langsam daran gewohnt und ihre Kiemen in Lungen umgewandelt." (Mehrere Monde, kürzere Gezeiten.) „Welche Veränderung ging in der Luft mit den Schuppen und Schildern der Wasserwirbeltiere vor sich?" „Sie zerfransten sich in Haare oder Federn." „Bei welchen zu Federn?" „Bei den Vögeln." „Warum?" „Weil diese sich in trockener Luft aufhalten und sich weit schneller bewegen als die Bodentiere." „Die Ziege", faßte Edeltraut den Kindern das Gesprochene, schon früher Gelernte, nur jetzt auf ein neues Tier Angewandte zusammen, „ist also ein wirkliches Ding, ein Lebewesen, ein Wirbel¬ tier, ein Landtier, ein Lungentier, ein Haartier und ein Vierfüßler." — 135 — „Welchen Stoff nimmt sie in sich aus, um leben und wachsen zu können?" „Gras." „Wie kann sie das Gras abreißen? Pferde raufen es mit Lippen und Vorderzähnen ab. Kühe und Ziegen tuen es mit den unteren Borderzähuen und der zahnlosen Knochenleiste des Ober¬ kiefers," beantwortete Edeltraut ihre Frage selbst und erzählte dann: „Diese Tiere verloren die Vorderzähne ihres Oberkiefers durch Zusammenstößen mit den Köpfen. Denn an den wunden Kopfstellen setzte sich Knochenstoff ab und da sich Verwundung und Heilung wiederholten, so entstanden endlich Erhöhungen, Stirn¬ zapfen, die mit der Zeit Hörner trugen. Den Knochenstoff dazu aber entnahm die sparsame Natur dem Oberkiefer". Lessing erzählt uns: „Die Ziegen baten einst dem lieben Gott um Hörner, denn ehedem hatten die Ziegen keine Hörner. Der liebe Gott sagte: Ueberleget wohl, was ihr euch erbittet. Wisset, mit dem Geschenk der Hörner ist ein anderes unzertrennlich verbunden, daß euch so angenehm nicht sein möchte." Die Ziegen aber baten: „Gib uns nur Hörner!" Da sprach Gott: „So habet denn Hörner!" Und die Ziegen bekamen Hörner und — Bart. „O, wie schmerzte sie der häßliche Bart! Weit mehr, als die stolzen Hörner sie freuten." In dieser Fabel setzte Lessing statt des gleichzeitig mit dem Geschenk der Hörner eintretenden Verlustes der oberen Vorderzähne den mehr Eindruck machenden Wuchs eines häßlichen Bartes. „Wie verwandelt sich nun das von der Ziege abgerupfte Gras in Fleisch und Blut?" fragte Edeltraut und fuhr fort: „Dieses Zauberstücklein der Natur will ich euch erklären: Das Gras wird zuerst in großen Mengen abgerupft, grob zerkaut und verschluckt. Hat das Tier genug Nahrung ausgenommen, so legt es sich an einen sicheren Ort nieder und würgt die Nahrung noch einmal aus dem Magen herauf und kaut sie nun sorgfältig. Diese fein zerkleinerte Nahrung gleitet reichlich mit Speichel ver¬ mischt in eine andere Abteilung des Magens. Hier wird sie von — 136 — dem scharfen Magensaft aufgelöst und in einem milchartigen Speise¬ drei verwandelt. Dieser wird von den seinen Äderchen, welche die Mageuwände durchziehen, aufgesaugt, sowie der Erdsaft von den Pflanzenwurzeln. In der Niere, in der Leber und im Darme wird ausgeschieden, was der Leib von der anfgenommenen Nahrung nicht brauchen kann. Ein Teil des aufgesogenen Speisesaftes wandert nun in die Milchdrüsen, die man bei Ziege und Kuh Euter nennt. Hat die Ziege Junge, so saugen diese den Milch¬ saft aus den zwei Drüsenzapfen, den Zitzen des Euters und haben so eine nicht leicht versiegende Nahrungsquelle. Ein anderer Teil des Spcisesaftes kommt in die Milz und hier bilden sich aus den weißen Körnchen des Milchsaftes rote Blutkörperchen. Das rötliche Blut steigt nun in das Herz, den Blutbrnnnen auf. Das Herz, diese Blutpumpe, zieht sich beständig zusammen und schiebt dadurch das Blut durch die Adern weiter. Zunächst gelangt dieses aus dem Herzen in die Lunge. Hier werden alle verbrauchten Stoffe, die dem durch den Körper kreisenden Blute sich beimischen, durch die eingeatmete Luft verbrannt und diese Verbrennung erzeugt Wärme; die unfertigen Blutkörperchen aber werden durch die Atmung vollends in rotes Blut verwandelt. Dieses gereinigte und verbesserte Blut kehrt dann wieder znm Herzen zurück und wird von diesem nun durch andere Adern zum Kopfe, zu den Füßen und zu allen anderen Leibesteilen hinge¬ trieben. Ueberall gibt der Blntstrom durch feine Äderchen gute Stoffe ab und nimmt verbrauchte auf, so daß der ganze Körper ernährt und gereinigt wird und wachst. Ihr seht, in einem Tierleib ist eine ganze Wirtschaft einge¬ richtet : Da ist eine Küche, wo die Speisen gekocht werden: der Magen; eine Vorratskammer: die Milchdrüsen; eine Gosse: die Leber; eine Art Keller, wo der Speisesaft stark und dunkel wird: die Milz; eine Blutpumpe: das Herz; eine Blutleitung: die Adern und ein Erwärmungs- und Reinigungsofen: die Lunge. Im Tierleib, dieser merkwürdigen Fabrik, die von der Lebens¬ kraft betrieben wird, kann sogar Gras in Blut, in Fleisch, in Knochen, in Fett, in Haar und in Horn verwandelt werden. — 187 — „Was für Gras frißt die Ziege am liebsten? fragte Edel¬ traut nach dieser Erklärung." „Das würzige Alpengras." „Warum kann die Ziege sich dieses verschaffen?" „Weil sie klettern kann." „Wie haben sich ihre Füße von dem vielen Bergsteigen gestaltet?" „Ihre Hufe sind in zwei Teile gespalten." „Warum kann die Ziege die Kälte der Gebirgsgegenden ertragen?" „Weil sie lange, rauhe, dichte Haare hat." „Wie schützt sie sich dort vor Bären, Füchsen, Adlern, Geiern und Hunden?" „Durch Fliehen, Verbergen und Stoßen." „Trotzdem", belehrte Edeltraut, „bleiben in solchen Gegenden nur die selsbraunen Ziegen am Leben, weil nur diese schon durch ihre Farbe vor den Späheraugen ihrer Feinde geschützt sind. Ich traf einst in den Sulzbacher Alpen ein ganzes Rudel solcher felsbrauner Hausziegen auf der Straße an", erzählte Edeltraut. „Als sie uns erblickten, erklommen sie blitzschnell einen steilen Felsblock und standen da alle aus einen kleinen Fleck zusammen- gedrüngt, jedes Tier die vier Füße fast auf einen Punkt vereinigt. Man hätte sie für Gemsen halten können, wenn uns nicht die sichelförmigen Hörner gesagt hätten, daß es Alpenziegen seien, die sich da vor unserm Hund geflüchtet hatten. Wo lebt die Ziege im Winter", fragte Edeltraut nach dieser eingeflochtenen kleinen Schilderung. „Im Stalle eines Bauernhauses", erhielt sie zur Antwort. „Was für ein Tier ist sie also?" „Ein Haustier." „Warum hält man sie?" „Ihrer nahrhaften Milch wegen, aus der man den schmack¬ haften Käse bereitet." „Warum noch?" „Ihres Fleisches wegen." „Wie merkt man, daß dieses Haustier das freie Leben in der reinen Luft der Berge gewöhnt ist?" - 138 „Sie ist wählerisch in ihrer Nahrung, sie trinkt nur reines Wasser und sie gedeiht nur in einem luftigen Stalle. Auch ist sie launenhaft und stößig." Vas Reh. Als das nächstem«! das Bild der Rehfamilie auf der Tafel hing, frug Edeltraut: „In welchem Element lebt dieses Tier?" „Auf der Erde." „Woher wißt ihr das?" „Weil es weder Flügel noch Flossen hat, sondern vier Füße." „Zu welchen Tieren gehört es nach der Furcht vor den Menschen?" „Zu den wilden." „Woraus schließt ihr dies?" „Aus seiner grau- oder rotbraunen Schutzfärbung." „Wieso"? „Die zahmen, von Menschen geschützten Tiere können die verschiedensten Farben haben, wie Pferde, Rinder, Ziegen, Kanin¬ chen, Hühner u. a. bezeugen". „Zu welchen Tieren gehört es nach der Größe?" „Zu den mittelgroßen." „Wo kann ein solches Tier bei uns nur noch wild leben?" „Im Walde." „Woher hat dieses Tier seinen langen, schlanken Körper?" „Vom Strecken." „Woher seine langen, hohen, dünnen Beine?" „Vom Laufen?" „Woher hat es gespaltene Hufe?" „Vom Laufen bergauf, bergab." „Wozu hat es überhaupt Hufe?" „Zum Schutze vor den Steinen des Bodens." „Wozu ist es mit Haaren bedeckt?" „Um vor der Nachtkühle und der Winterkälte geschützt zu sein." — IM — „Wozu hat es im Sommer rotbraune und im Winter grau¬ braune Haare?" „Um sich von den Stämmen der Wälder möglichst wenig abzuheben." „Wovon hat es den langen, gebogenen Hals?" „Vom Biegen." „Wozu muß es ihn biegen?" „Um Gras und Kräuter erlangen zu können." „Wozu hat es die längliche Schnauze?" „Um ins Gras zu reichen und doch in die Ferne zu sehen." „Wovon hat es die großen Augen?" „Vom Schauen und Spähen ins Waldesdunkel." „Wovon seine langen Ohren?" „Vom Horchen." „Wozu sein Geweih?" „Zum Stoßen." „Weshalb ist es schwanzlos?" „Um von Feinden nicht an dem Fleischseile festgehalten zu werden." „Warum hat es so schöne, milde, von einem sanften Feuer beseelte Augen, trotzdem es soviel Angst und Not leiden muß?" „Es ist ein friedliches Tier, das niemand ein Leid tut, das seine Jungen zärtlich liebt und in dessen Augen sich die Schönheit des Waldes spiegelt." „Wenn man sieht, wie Not und Leiden aller Art den Körper der Tiere gebildet haben", sagte Edeltraut, „wenn man so oft erlebt, wie die kleinste Unachtsamkeit sie eine Beute ihrer Feinde werden läßt und wie der Stärkere oder Arglistige die sanfteren, wehrloseren und friedlichen Tiere mordet, so könnte man schwermütig werden. Ich war es wirklich lange Zeit und war sehr geneigt zu glauben, was franzö¬ sische Gelehrte im vorigen Jahrhunderte aussprachen: Die Natur ist grausam. Da aber Gott die Natur geschaffen, könnte man an seiner Güte zweifeln. Aber Kinder, es ist nicht wahr, daß die Natur grausam ist, wenigstens ist sie nicht grausamer als unbedingt nötig ist zum Fortschritte der Welt. — 140 - Ich wurde von meiner Trauer um die Tiere geheilt, als ich erkannte, daß die Trägheit des Fleisches wie des Tiergeistes nur durch Furcht, Hunger und Liebe zu besiegen sei, daß die Natur selbst unter den Tieren nicht die mordenden erhöhe und beglücke, sondern die Verfolgten. (So wurden aus verfolgten Fischen, fliegende, aus fliegenden endlich die vielbeneideten Vögel des Himmels. Und wo sind die Raubtiere, die einst die Erde unsicher machten, indes die von ihnen verfolgten, sanfteren Wald- und Weidetiere es heute besser denn früher haben, als geschützte, gepflegte und geliebte Hausgenossen des Menschen.) Ich ward ruhiger als ich sah, daß die Natur gerade durch ihre strengen Gesetze den Tieren eine vollkommene Gesundheit, die für ihre Lebensart passendste Gestalt, die vortrefflichste Bekleidung, die passendsten Waffen und einen auf ihre Bedürfnisse beschränkten, in Bildern denkenden, aber unübertrefflichen Tierverstaud verschaffe. Es tröstete mich die Erkenntnis, daß die Natur die Leiden, die sie den Tieren nicht ersparen kann, nach Möglichkeit lindere. So gab sie den, jeden Augenblick von Feinden Bedrohten stete Wachsamkeit und ein leichtes Herz. Sie ersetzt ihnen die im Kampfe verlorenen Körperteile und heilt ihre Verwundungen rasch und schmerzlos. Tiere, die der Kälte, dem Hunger, Krankheiten oder anderen Uebeln nicht entrinnen können, versenkt sie in Schlaf. Tiere, die sich in der Gewalt ihrer Feinde befinden, lähmt und betäubt sie liebend, so daß sie ohne Bewußtsein sind, wenn ihr Räuber sein grauses Mahl beginnt. Ja selbst aus dem Tod noch läßt die Natur ihnen Gewinn und dem Mörder Schaden entspringen, denn ihr Stoff geht in einen höheren Tierleib über und wird mit ihm vergeistigt, indes ihrem grausamen Ueberminder der Genuß ihres Fleisches das Leben verkürzt. Ich will euch selbsterlebte oder gehörte Beispiele zu den mit¬ geteilten Naturgesetzen erzählen, damit ihr an ihre Wahrheit glaubet. Einst sah ich unter einer Schar erdbrauner Spatzen einen weißen am Boden Hüpfen. Der wird nicht lange gelebt haben, denn er muß seinen Feinden zuerst aufgefallen sein. — 141 — Ein anderesmal beobachtete ich einen Sperber, wie er sich einen Sperling vom weißen Gesimse eines Hauses holte. Wäre der am Boden geblieben, so hätte der Raubvogel ihn nicht gesehen. Am Fuße eines etwas geneigten Futterbrettes kauerte eine Katze. Alle Vögel flogen schreiend vom Tischchen. Nur ein kleines Tanneumeischen glaubte klüger zu sein und blieb. Ein Sprung des lauernden Tieres und die unvorsichtige Meise war in seinen Krallen. Wir entwanden den Vogel der Räuberin und trugen ihm ins Zimmer. Nach einiger Zeit öffneten wir ihm einen Fensterflügel. Das Vögelchen schoß angstgeflügelt aus das Fenster zu und sank tot zu Boden. Es hatte die unrechte Seite zum Durchfluge ge¬ wählt. Ost machte ich mir später Vorwürfe, daß ich ihm trotz der Winter! älte nicht beide Flügel geöffnet. Ich trug das tote Vögelein hinaus in den Garten und grub ihm ein Schneegrab und im Geiste setzte ich ihm die Grabesschrist: Ein armes Tannenmeislein hier ruhet in Gott. Gerettet hatten wirs mühsam aus Raubtierklauen, Da flogs durch geschlossene Scheiben fort in den Tod. Es mußte seinen Mangel an Aufmerksamkeit mit dem Leben bezahlen, denn nur die bestgeschütztesten, klügsten Tiere bleiben am Leben und vermehren sich. Einst lauerte meine Katze am Fenster auf die Vöglein, die dort Futter für ihre Jungen holten. Ein Finklein kam ahnungslos hergeflogen. Wieder ein Sprung — aber diesmal ins Leere. Das Vöglein war geistesgegenwärtig entschlüpft und auf einen Baum geflogen, von dem es der Welt zujubelte: Sie hat mich nicht ge¬ kriegt, sie hat mich nicht gekriegt! Wie schwerblütig ist der Mensch! Ein Reiter war zur Winterszeit, ohne es zu merken, über den zugesrorenen Bodensee geritten. Als er am jenseitigen Ufer erfuhr, in welcher Gefahr er, ohne es zu wissen, gewesen, fiel er vor Entsetzen tot zu Boden. Mein Kätzchen hatte einst Gift, wahrscheinlich Phosphor, be¬ kommen. Wir verabreichten ihm auf Rat des Tierarztes Terpentin — 142 — in Gerstenschleim. Das Tierchen wollte diese Medizin aber durch¬ aus nicht öfter als einmal nehmen. Nachdem es sich mehreremale erbrochen hatte, rollte es sich am Fensterbrett zur Kugel ein und schlief neben der geöffneten Terpentinflasche zwei Tage, ohne Nah¬ rung zu sich zu nehmen. Am Abend des zweiten Tages erwachte es, stand auf, erbrach sich noch einmal und war wieder vollkommen gesund und munter. Ein Mann, der Kaninchen zog, erzählte mir: Meine Häsin verendete eines Tages, ohne daß wir wußten, weshalb. Wir hatten keine Ahnung, daß sie Junge geworfen hatte; denn die Kaninchen graben, wenn sie können, Höhlen, werfen und säugen dort ihre Jungen nnd scharren den Eingang der Höhle jedesmal zu, sobald sie dieselbe verlassen. Nach etwa vierzehn Tagen grnben wir im Stalle und entdeckten dabei die Kaninchenhöhle mit den noch lebenden, aber schlafenden Jungen. Vergebens suchten wir diese aber in freier Lust mit Milch aufzuziehen. Sie starben uns in kurzer Zeit eines nach dem andern. Wir nahmen unserer raubgierigen Kätzin manche Beute aus dem Rachen. Eines Tages brachte die eifrige Jägerin uns ein Rot¬ kehlchen im Herbstkleide. Das schöne, kluge, vom Schreck gelähmte Tierchen lag regungslos in ihrem Maule und ließ die Flügel hängen. Wir nahmen der Vogelstellern! die Beute behutsam ab und labten das gerettete Vöglein. Hierauf trug ich es in den Garten und öffnete die Hand. Und siehe da, es hatte noch Kraft genug, auf ven nächsten Baum zu fliegen und sich seiner Rettung zu freuen. Rätsel: Aus grünem Eiland im weiten Meer Steigt inmitten der langen Nacht Emporgehoben von Geisterhand Ein Schatz aus der Erde dämmernden Schacht. Lüsternen Auges umhüpfet alsbald Das gleißende Gold ein Ppgmäenvolk. „Halt!" rufts plötzlich. „Zurück! ein Drach!" Ein weißer draut dort auch am Kolke. 143 — Scheu erst fliehen die Zwerge den Hüter. „Wer wagt, gewinnt", so flötet dann wieder Ein Solist, bald da, bald dort im Chore Und hüpfet heran, trotz Riesen und Drachen. Mit raschem Griff errafft er das Gold, Indes die Hasen noch zagend stehen. Es schwindet der Schatz unter fröhlichem Lachen. Umsonst betreut von Riesen und Drachen. Kleiner Herold niit beschwingtem Herzen, Mit Rechten gehöret dir die Welt, Der ihr Leben reißet zur Höh Mit sich unter todesverachtenden Scherzen. Lösung: Das grüne Eiland im weiten Meer, Ein Garten ist's im Häuserheer. Bot die Erde je besseres Gold Als im Futterschrein dort das Saatengold? Das Pygmäenvolk hat Flügeleiu, Der weiße Drach ist das Kätzlein mein. Die Menschen kommen als Riesen zum Drachen, Die Kühnen und Schlauen, sie beide verlachen. Mit Stolz sieht Mutter Natur ihre Kinder. Sie werden schöner, klüger, gesünder! Sie freut sich, daß ihr der Witz gelungen: Der Tierkinder Trägheit, die hat sie bezwungen. Ueberwinden den stärksten der Triebe Durch Furcht, durch Hunger und — durch die Liebe. Die Erschaffung des Distelfinkes. In einer der folgenden Lesestunden ließ Edeltraut das Lese¬ stück von der Erschaffung des Distelfinkes lesen. Zuvor aber erzählte sie: — 144 — Ein römischer Dichter fabelt: Boreas, der Gott des rauhen Nordwindes sah die maien- schöne Erde und wollte sie zur Braut. Aber vergebens umschmeichelte er sie lange. Da ward er endlich zornig und sprach: „Wozu flehe ich, wo ich fordern kann". Und er kam riesengroß einhergebraust. Sein Haupt reichte bis zum Himmel und seine Flügel streisten die Erde. Da mußte die Erde sich seinem Willen fügen und seine Frau werden. Sie schenkte ihrem rauhen Gatten viele Kinder, die an¬ fangs alle der Mutter glichen, später aber die Flügel des Vaters erhielten. Wisset ihr, wer diese Kinder sind? Die Vögel, diese Geschöpfe öer Erde und der Lust! Wie sie wirklich entstanden, kann man natürlich nur ahnen. Wahrscheinlich aus einer Art von fliegenden Jgelfischen, die schon einen Schnabel haben, sich mit Luft aufblähen können, deren Kiemen¬ flossen zu Flügel, deren Brustflossen, mit denen die Fische im seichten Wasser stehen, zu Füßen wurden und deren Stacheln sich zu Federn zufransten. Der Hahn. In der nächsten Stunde für Anschauungsunterricht, für die Edeltraut wieder die Besprechung eines Vogels vorbereitet, und mehrere Tabellen, obenauf das Bild eines Hahnes vor die Kinder gehängt hatte, fing sie an zu fragen: „Was für Dinge hängen da auf dem Ständer vor euch?" „Bilder", sagte man. „Wer hat sie gemacht?" „Ein Maler". „Ist das oberste von ihnen nach einem wirklichen oder nach einem bloß gedachten Dinge gemalt?" „Nach einem wirklichen!" „War das wirkliche Ding ein Lebewesen oder eine Sache?" „Ein Lebewesen!" „Woraus erkennt ihr, daß der Gegenstand dieses Bildes ein Lebewesen gewesen sein muß und keine Sache, wenn ihr dieses Ding auch nie bisher gesehen hättet?" — 145 — Als keine Schülerin eine Antwort gab, sagte Edeltraut: „Kein lebloser Naturkörper besitzt so verschiedenartig gestaltete Glieder, deren jedes offenbar einen bestimmten Zweck hat. Auch ist das gemalte Ding ohne Zweifel aus Stoffen gebaut, jenen ähnlich, aus welchen wir selbst bestehen. Gesetzt, ihr hättet noch nie ein anderes Lebewesen gesehen als Menschen und plötzlich träte dieses hier vor euer Auge, so würdet ihr sagen: „Ist das ein Mensch oder nicht?" „Warum scheint dieses Lebewesen ein Mensch zu sein?" „Weil es zwei Füße hat." „Wodurch unterscheidet sich aber sein Auftreten von dem unsrigen?" „Es tritt nur mit den Zehen auf, wir gehen auf der ganzen Sohle". „Wie sind die Zehen gestellt, daß das Lebewesen auf den Zehen seiner zwei Füße sicher stehen kann?" „Sie sind ausgebreitet, während unsere Zehen geschlossen sind". „Welchen Unterschied findet man zwischen diesem Lebewesen und einem Menschen, wenn man ihre Zehen zählt?" „Der Mensch hat fünf, dieses Lebewesen nur vier Zehen an jedem Fuße." „Wohin sind die vier Zehen dieses Lebewesens gerichtet? „Drei stehen nach vorne, eine ist nach rückwärts gedreht!" „Warum gleicht dieses Lebewesen uns auch in der Haltung?" „Es hält sich auch aufrecht." „Wodurch unterscheidet es sich in der Bekleidung von uns?" „Es ist dicht behaart, würdet ihr sagen, wenn ihr ehedem noch kein anderes Lebewesen gesehen hättet, als dieses." „Worüber müßtet ihr euch wundern, wenn ihr die Haare dieses Tieres mit den unseren verglichet?" „Darüber, daß sie nicht fadenartig, sondern blattartig ge¬ staltet sind." „Wenn ihr dann die Vergleichung dieses Wesens mit dem Menschen fortsetzet, so würdet ihr sagen: Wie klein ist sein Kopf! Und welch sonderbaren Mund das Geschöpf hat! Nase und Mund 10 — 146 - scheinen bei ihm eins zu sein. Der sonderbare Nasenmund ist jeden¬ falls aus Horn gebildet. Und welch merkwürdigen Bart aus Haut¬ lappen, welch seltsamen roten Fleischkamm das Wesen aus dem Kopf und welch großen Haarschopf es am Kreuz trägt! Wenn dieses Geschöpf ein Mensch ist, so scheint es keine Hände zu haben. Oder hat es sie vielleicht in seinem Haarmantel ver¬ borgen ? Ich glaube nicht, daß es ein Mensch ist. Es muß ein nie¬ drigeres Lebewesen sein. Sein Kopf ist auch gar zu klein. Mit solch kleinem Gehirn muß es nicht vielerlei denken können. Wozu mag es nur diesen seltsamen spitzigen Mund und diesen langen Hals haben? Wahrscheinlich, damit es auf den Boden hinablangen und etwas aufheben kann, das ihm als Speise dient. Da muß es doch keine Hände unter dem Haarmantel haben, sonst würde es seine Nahrung ja mit den Händen ergreifen und zum Munde führen. In diesem Munde sind auch offenbar keine Zähne. Es scheinen dafür die Mundränder sehr scharf zu sein. Wozu etwa die kleine, herabgebogene Spitze des Mundes da ist? Vermutlich, damit die aufgehobenen Gegenstände ihm nicht wieder entfallen, stati in den Schlund zu gleiten. Was kann es mit seinem kleinen Mund nur für Nahrung sammeln? Wahrscheinlich Körner, Würmer, Käser und dergleichen. Wovon lebt es dann im Winter, wenn der Boden weit und breit mit Schnee bedeckt ist? Wenn es mit seinen zwei kräftigen Beinen auch nach und nach in wärmere Gegenden laufen könnte, so würde es doch gewiß eher verhungert sein, ehe es in ganz schneefreies Land käme. Es muß noch andere Bewegungswerkzeuge haben, die es schneller vom Ort bringen, vielleicht durch die Luft. Richtig, das zweite der hier abgebildeten Geschöpfe breitet ja etwas wie zwei Haarärmel aus und ein drittes läßt sich gar mit — 147 — ausgebreiteten Armen vom Dachboden des Hauses herabfallen. Ein viertes aber sitzt dort auf einem ferneren Hausdache. Wie kann es nur dahin gekommen sein? Es ist wahrscheinlich hinübergesprungen und hat dabei mit den Flügeln die Luft niedergeschlagen und ist so in der Höhe ge¬ blieben, bis es fein Ziel erreicht hat. Beim Schwimmen machen wir es ja auch so. Das Wesen muß sehr leicht sein, da es bei einem so weiten Sprunge nicht gesunken ist. Wahrscheinlich sind seine Knochen und die dicken Stiele der blattartigen Haare hohl und mit Luft gefüllt. Ich will das merkwürdige Geschöpf, das zwei Füße, zwei Flngarme, einen hornartigen Nasenmund und Haarblätter hat, ein Flugwesen nennen. Wie nennt man jedes so gestaltete Wesen wirklich? „Einen Vogel". Was für ein Lebewesen ist es, da es ja wirklich kein Mensch, sondern nur ein Bogel ist? „Ein Tier". Wir nehmen noch immer an, ihr hättet gerade ein solches Flugtier noch nicht gesehen. Wenn ihr dann sein Bild betrachtet und an die Jungen des Tieres denkt, so werdet ihr sagen: Dieses Tier muß in seiner Jugend nicht gesäugt worden sein. Warum nicht? Das Saugen mit einem solch harten Knochenmund wäre für das Muttertier schmerzhaft. Wie etwa das Muttertier aussieht? Dort ist ein ähnliches Tier, das wird es sein! „Aber auch dieses ist viel zu dicht behaart, es kann keine Milchdrüsen haben", folgerte man nach und nach unter Edeltrauts taktvoller Leitung. „Wie mag es dann seine Jungen ernähren?" „Vielleicht steckt es ihnen die gefundene Nahrung in den Hornmund. Oder vielleicht können die Jungen ihre Nahrung so¬ gleich selber vom Boden aufheben uno die Alten helfen sie ihnen nur suchen", fanden die Kinder endlich. 148 — „Wenn man die kräftigen Gangbeine dieses Tieres ansieht", sagte Edeltraut, „so denkt man: die erben auch seine Jungen. Sie werden also gleich mit den Alten umherlaufen und sich selber Nahrung suchen. Die jungen Pferde können auch gleich laufen und doch fressen sie nicht gleich Gras, sondern saugen die Milch des alten Tieres, denn ihr Magen ist noch nicht genug ausgebildet, um Gras zu verdauen. Wenn diese Tiere Körner fressen, und ihre Jungen nicht säugen, so müssen auch ihre Jungen wahrscheinlich Körner fressen. Wie können sie diese harte Nahrung verdauen?" „Erstens", fanden die Kinder unter Edeltrauts Anleitung, „fressen sie nur kleine Körner, zweitens erwachen sie im Frühling zum Leben. Da gibt es auch weiche Würmer, Käfer, Gras und andere Nahrung. Endlich haben sie im Halse eine sackartige Er¬ weiterung, in welcher die harten Körner aufgeweicht werden, ehe sie in den Magen gelangen, also eine Art Vormagen." „Wie nennt man diesen Vormagen gewöhnlich?" fragte Edeltraut. „Kropf". „Ob dieses Tier auch lebend aus dem Leibe des alten füllt wie ein Pferd", meinte Edeltraut. „Ich glaube nicht", fuhr sie fort. „Ein Pferd legt zwar keine Eier, aber feine Jungen ent¬ stehen auch aus Eiern. Nur schlüpft das junge Pferd schon im Leibe des alten aus dem Ei, wird also lebend geworfen. Auch die giftige Kreuzotter, eine Schlange, bringt lebende Junge zur Welr, aber diese stecken noch im Ei, winden sich aber rasch heraus, sobald das Ei gelegt ist. Ein Pferd trägt sein Ei viele Monate lang, fast ein Jahr hindurch im Leibe herum. Dieses Ei ist gewiß schwer, denn, wenn das junge Pferd erscheint, ist es schon ziemlich groß. Das Pferd kann das Ei nur darum so lange im Leibe behalten, weil es beständig auf dem Boden bleibt. Ein Vogel, der sein Ei durch die Luft mittragen muß, wenn er nach Nahrung fliegt oder vor seinen Feinden und dem Winter — 149 — flieht, kann das Ei nicht so lange im Leibe behalten, bis das Junge sich darin ganz ausgebildet hat. Denn es würde ihm zu schwer sein. „Wie muß sich ein Vogel also helfen?" „Er muß sein Ei ablegen". „Was tut er aus angeborener Liebe zu seinem Ei?" „Er behütet es vor Feinden?" „Wie gewöhnlich?" „Indem er sich darauf setzt". „Welchen Einfluß hat diese beständige, sanfte Wärme auf das Ei?" „Es entwickelt sich in demselben das Junge etwa so, wie in der Sonnenwärme aus einer kleinen Knospe endlich eine große Blüte wird," beantwortete Edeltrant die eigene Frage und fuhr fort: „Viele Tiere, wie die Strauße, Fische, Schlangen, Eidechsen, Frösche, Spinnen und Insekten, lassen ihre Eier ja auch wirklich von der Sonne entwickeln. Wie nennt man die Entwicklung eines abgelegten Eies zu emem Tiere?" „Brüten, Ausbrüten, Bebrüten". „Welche Vögel haben wahrscheinlich mehr Wärme: die Schwimmvögel, die Laufvögel oder die beständig fliegenden, hü¬ pfenden und pickenden Schwebevögel?" wollte nun Edeltraut wissen. „Die Flieger mehr als die Läufer, die Läufer mehr als die Schwimmer", fanden die Kinder mit Hilfe entwickelnder Fragen Edeltraut's. „Daher brüten die Flieger nur vierzehn Tage, die Läufer drei Wochen, die Schwimmer vier Wochen", belehrte Edeltraut. „Welche von diesen drei Gattungen kann ihre Eier länger mit sich umhertragen", fragte Edeltraut daun wieder. „Die Schwimmer, welche vom Wasser getragen werden, länger als die Vögel der Erde, diese länger als die Vögel des Himmels", wurde erschlossen. „Die Wasservögel, die ihre Eier lange im Leibe behalten und am längsten bebrüten, haben Junge, die nicht nur gleich fressen und gehen, sondern auch schon schwimmen können. Die Jungen der Flieger aber, die ihre Eier sehr srüh ablegen und nur — 150 — kurze Zeit bebrüten, sind, wenn sie aus dem Ei kriechen, noch blind und nackt und können weder gehen noch stiegen, so daß sie von den Eltern gefüttert werden müssen. Auch die Jungen der Lauf« vögel verlassen sogleich ihr Nest und ziehen mit ihrer Ernährerin Futter suchend umher und wärmen sich unter dem Federmantel der Mutter, bis ihnen ober den eigenen Flaumen die Deckfedern gewachsen sind," teilte die Lehrerin ihren Schülerinnen mit. Dann fragte Edeltraut: „Was hat uns also der Maler mit diesem Bilde sagen wollen?" und sie faßte das Gelehrte zusammen und hielt es den Kindern vor mit den Worten: „Der Maler wollte sagen: „Ich habe ein wirkliches Ding gemalt und nicht ein Geschöpf meiner Einbildung. Dieses wirkliche Ding war ein Lebewesen. Es bestand aus Fleisch und Blut, Haut und Knochen, konnte also keine Pflanze sein. Es hatte aber auch nicht die Vollkommen¬ heit des menschlichen Körpers, mußte also ein Tier sein. Dieses Tier war ein Zweifüßler. Es war ein Flügeltier. Da es einen spitzigen Hornmnnd hatte, war es ein Schnabeltier. Seine Haare waren blattartig verästelt, es war also ein Federvieh. Kurz, es war ein Vogel. Der Vogel hatte einen Schnabel zum Aufheben von Körnern; er war demnach ein Körnerfresser. Seine Beine waren sehr kräftig und von m'ttlerer Länge. Es mußte also ein Laufvogel sei». Er trat mit vier freien Zehen auf, war also ein Zehengänger. Er hatte einen roten Fleischkamm, einen sichelförmigen Schwanz und an den Läufen einen Sporn und das habe ich ihm getreulich alles angemalt, so daß er nun vor Euch steht, als wollte er sagen: „Ich hab' einen Kamm Und kämm' mich nicht, Ich hab' eine Sichel Und bin kein Schnitter, Ich hab' einen Sporn Und bin kein Ritter. Nun sagt rasch an, Wer bin ich dann?" (Volksrätsel.)' — 151 — „Der Hahn! der Hahn!" jubelten die Kleinen. „Ich habe ihn also gnt getroffen", sagt der Maler, sonst hättet ihr ihn nicht erkannt. Mein Bild erzählt euch aber noch mehr. Es läßt den Hahn sagen: „Seht, meine Jungen kriechen aus Eiern! Auch ich war einst ein Ei, das eine Henne in ein Stroh¬ nest gelegt hat. Wir Vögel sind Brüter. Ach, was war ich, als ich aus dem Ei kroch, sür ein munteres, hübsches, gelbwolliges Ding, mit den kurzen Flügelchen, mit dem kleinen Schnäbelchen nnd den kräftigen Beinchen. Ich fing gleich an Körnchen aufzupicken und mit der Mutter und den zahlreichen Geschwistern einherzutrippeln. Man nannte uns Kleinen: Küchlein und unsere Mutter, die uns beständig durch ihr Gluck! gluck! zu sich lockte, hieß man die Gluckhenne oder bloß die Glucke. Wir Laufvögel sind alle Nestflüchter. Manche von uns halten sich im Walde auf, manche brüten im Felde. Ich und die Meinen leben im Hause. Wir sind Haushühner." „Dies alles erzählt euch mein Bild vom Hahne", schließt der Maler. Denkt euch nun, der Hahn trete plötzlich aus dem Bilde heraus, indes der Hintergrund znrückwiche und dieser lebende Hahn spreche, wie der Hahn im Märchen von den Bremer Stadtmusikanien und erzählte uns von seiner Lebensweise im Hause. „Ich und meine Familie", spräche er, schlafen im Hühner¬ hause und erhalten unser Futter aus der Hand des Menschen. Dafür suchen wir uns auf jede Art nützlich zu machen. Ich bin stets der erste im Hause wach und wecke durch mein Kikeriki auch die übrigen Hausbewohner. Die Hennen legen fleißig Eier und brüten jährlich mehrere- mal eine Anzahl derselben ans, damit mehr Hühner werden. Anch suchen wir in Wiesen und Feldern nach Unkrantsamen und schädlichen Insekten. Darum sind wir im Hause wohlgelitten. Ich liebe die Meinen sehr. Finde ich einen guten Bissen, so ruse ich stets meine Hennen herbei und überlasse ihnen denselben gerne. — 152 — Droht uns aus der Luft, aus dem Boden oder auf dem Wege ein Feind, ich bemerke ihn sofort, und mein Warnungsruf scheucht die Hennen unter das schützende Dach. Ich setze mich gegen meinen Feind auch zur Wehre, hacke kräftig mit meinem Schnabel und ritze tüchtig mit meinem Sporn. Auf unserem Hühnerhof lebt auch ein Pfau. Der ärgerte sich lange darüber, daß ihn die Menschen als stolz verschreien. Eines Tages sagte dieser Pfau zur Henne: „Da schau nur, wie stolz dein Hahn einherschreitet und doch sagen die Leute nie, „der stolze Hahn", sondern immer nur „der stolze Pfau". „Das kommt daher", sagte die Henne, „weil der Mensch einen gegründeten Stolz übersieht". „Der Hahn ist stolz auf feine Wachsamkeit, auf seme Mannheit. Woraus aber du? Auf Farben und Federn!" (Lessing.) „So spräche der Hahn", schloß Edeltraut die Stunde. Die Libelle. In einer anderen Stunde für Anschauungsunterricht erzählte Edeltraut: „Ich sah kürzlich eine Pflanze, die eine blaue, zusammen¬ geklappte Blüte trug. Als ich mich ihr näherte, tat sie sich auf und schwang sich in die Lüfte. Was war also die vermeintliche Blüte gewesen?" „Ein Schmetterling". „An einem schönen Herbstmorgen sah ich im Winde über einem bunten Wald goldene Schmetterlinge tanzen. Was für Schmetter¬ linge waren das?" „Wahrscheinlich gelbe, sonnenbeglänzte Blätter?" „Ja", sagte Edeltraut. „Habt ihr schon Schmetterlingsflüzel gesehen, die ein un¬ zarter Finger berührt hat?" Die Kinder bejahten. „Wie sahen die aus?" „Sie hatten glashelle, durchsichtige Flecke." „Ganz dasselbe", erklärte Edeltrant, „sieht man an einem Lilienblatt, das jemand unsanft angefaßt hatte". — 153 Schmetterlinge sind gleichsam Blüten, die Empfindung nnd freie Bewegung haben. Sie flattern wie Blätter, sind ihnen in Form, Stoff und Farbe ähnlich und leben wie sie nur einen Sommer lang. Aber sie sind trotzdem nicht aus Blüten oder Blättern ent¬ standen, die sich nach nnd nach in freifliegende nnd am Boden kriechende, geäugte Tiere verwandelt haben. „Wie aber kann dann das schimmernde Sommervögelein ent¬ standen sein?" fragte Edeltraut, als ob sie erst darüber nachdächle. „Wer von Euch hat schon schimmernde Seifenblasen fliegen lassen?" Die meisten Kinder hoben die Hand. „Habt ihr schon Luftblasen im Wasserglase perlengleich aus¬ steigen sehen?" Wieder gaben viele Schülerinnen das Zeichen der Bejahung. „Nebel und Wolken", fuhr Edeliraut fort, „bestehen aus sehr- kleinen Wasserbläschen. Es gibt also, wie ihr seht, allerlei Bläschen. Was werdet ihr aber sagen, wenn ihr erführt, daß es auch belebre Blüschen gibt? Die lebenden Bläschen schwimmen im Wasser nnd haben oft Wimperhaare, mit denen sie rudern. Sie nehmen durch die Haut aus dem Wasser Nahrung auf; vergrößern sich, platzen dann an einer Stelle und teilen sich in zwei zusammenhängende Bläschen. Jedes der Bläschen teilt sich wieder. Die Bläschen ordnen sich verschiedenartig, bilden Ringe, Kugeln, Sterne, Stäbchen. Ringe legen sich auseinander und bilden eene Rohre, durch die das Meerwasser hindurchfließt und dabei das Tier nährt. Der Ringelwurm ist fertig. Er hat vielleicht Wimper- füßc, mit denen er rudert und erhält durch Furcht, die eine be¬ ständige Wachsamkeit erzeugt, endlich eine große Empfindlichkeit gegen jede Bewegung des Wassers. Aber er ist noch blind und taub. Er läßt sich vielleicht aus Furcht in größere Tiefen sinken, wo das Wasser ruhiger und die Feinde seltener sind. In diesen Tiefen ist das Wasser reicher an Kohlensäure und nimmt deshalb mehr Kalk auf. Diesen schluckt der Wurm nun mit dem Meer¬ wasser und weil das Tier den vielen Kalk nicht brauchen kann, scheidet es ihn als Schleim durch die Haut wieder aus. Sobald — 154 — dieser kalkhaltige Schleim aus der Haut des Tieres tritt, erhärtet er und der Wurm hat eine äußere oder vielleicht auch schon eine innere Röhre. Um rudern zu können, muß er den Leib etwas ans der Röhre hervvrstrecken, dadurch bilden sich die vorderen Füße mehr aus. Die Empfindlichkeit der Haut gegen die Wellenbewegung des Wassers stumpft sich ab. Um so empfindlicher wird der Kopf. Merkt das Tier jetzt die leiseste Wellenbewegung, so zieht es den Kopf rasch in die Röhre zurück. Ja, es streckt zuletzt nicht mehr den ganzen Kopf auf einmal hervor, sondern nur einen Teil. Da¬ durch entstehen endlich Fühlhörner. Stürme tragen den Wurm vielleicht wieder an die Oberfläche und die Flut bringt ihn an untiefe Stellen, wo er in seiner Röhre jetzt weit besser geschützt ist als früher. Er siedelt sich also hier an. Nun streckt er seine Fühlhörner öfter auch aus dem Wasser hervor. Das Licht reizt den Punkt heftig. Es bildet sich endlich aus Schleim eine schützende, durchsichtige Haut, wie eine Fischschuppc, die an der Oberfläche des Wassers ent¬ standen, unter stetem Einfluß von Luft und Licht stehend, dünn und weich bleibt. Aber die Empfindlichkeit der Haut bleibt, wenn sie auch durch die entstandene Hornhaut gemildert ist. Ein licht¬ empfindliches Auge ist erschaffen. Vor dem Lichte sich hin- und her¬ bewegende Körper werden als Unterbrechungen des Reizes em¬ pfunden und dadurch erkannt. Das niederste Tierauge, welches nur Licht und Dunkel, nur Ruhe und Bewegung unterscheidet, ist geworden. Die Flut trägt viele Tiere ans Land und läßt sie dort liegen, und holt sie erst in Stunden wieder ab. In dieser Zeit gewöhnten sich viele Meertiere allmählich an Luftathmung und ihr empfind¬ liches Auge erhielt in einer weiteren Verdickung einen wirksameren Schutz und eine große Vollkommenheit. Denn diese verdickte durch¬ sichtige Schutzhaul wirkte nun als Linse, die Bilder erzeugte. Diese Bilder waren farbig, denn die Farben wurden an den größeren oder geringeren Reiz erkannt, den sie ausüben. Weiß, rot und gelb reizen heftiger als blau, schwarz und grün. Die Augen saßen am Ende der Fühler, konnten also mit diesen eingezogen werden. Ge¬ schah dies, so sah der Wurm die Dinge wie durch einen Guckkasten, sah also die Dinge nicht mehr als Schattenriß, als ein färbig Bild, sondern als einen Körper. — 155 — Die Tiere, welche zur Zeit der Ebbe am Lande liegen, suchen dem zurückweichenden Wasser zu folgen. Sie bilden also ihre Füße kräftiger aus. Sind Wasserpflanzen im Meere, so steigen sie bei drohender Gefahr, wohl an denselben empor, strecken sich dabei, so daß sie länger nnd schlanker werden und lassen ihre Hülle fallen, schnellen sich endlich ivohl auch von einer Pflanze zur anderen, bis sich nach nnd nach die vielen höher eingefügtcn nnd zusammenlegbaren Wimper¬ füße zerfransen nnd sich endlich sogar eine dünne Haut zwischen ihnen ausspannte. Die Wasserjungfran oder Libelle ist fertig. Sehr hoch konnten nur solche Libellen fliegen, deren Flügel Schuppen absonderten. Waren solche Flügel endlich ganz undurchsichtig ge¬ worden, so war ein Schmetterling erschaffen. Je nach der Farbe der Blumen einer Gegend und einer Jahreszeit sind ihre Schmetter¬ linge gefärbt, denn alle andersfarbigen werden von ihren Feinden rascher bemerkt und fallen ihnen daher sicherer zum Opfer. So wie dec Schmetterling einst entstanden ist, so entsteht er auch noch jetzt. Erst ist er ein belebtes Bläschen, ein Ei, dann wird er ein Wurm, dann der Wurm in der Röhre oder die Puppe, endlich schlüpft daraus der geflügelte Wurm, der von Blume zn Blume gaukelt, ihren süßen Saft saugt und sich in ihre Farben kleidet. Das bunte Sommervögelein ist entstanden, das sich zum blauen Himmel aufschwiugt und den Herrn lobt, der es so schön, so srei, so älherhaft gemacht hat. Der Mensch. Als Edeltraut den Menschen zu besprechen hatte, sagte sic: „Als Gott den Menschen schuf", erzählt die Bibel, „nahm er Erde und formte daraus einen Leib". Gott schuf natürlich nicht nach Menschenart, sondern als ein Geist. Und als ein Geist ließ er, was er erdacht, in Jahrtausenden entstehen. Die Schöpfungs¬ tage der Bibel sind ja keine Erdentage. In einem solchen Welten¬ tage ward nun ein Menschenleib, das heißt ein Leib, der dem von Gott eingehanchten Geiste als Werkzeug dienen sollte. Erst ward eine belebte Zelle. Aus dieser wurde ein Zellengewebe. Es ent- — 156 — standen alle jene Tiere, die nur ans Muskelfleisch bestehen: die Weichtiere. Allmählich bildete sich in manchen von ihnen eine äußere Knochenhülle oder ein inneres Knochengerüst aus. Es wurden Schaltiere und Wirbeltiere. Aus den das Wasser verlassenden Schal¬ tieren entstanden Insekten und Spinnentiere, aus den Wirbeltieren bildeten sich Schlangen, Lurche, Echsen, Vögel und Säugetiere aus. Vögel und Säugetiere schieden sich bedingt durch Ort, Nah¬ rung und Feinde in die verschiedenartigsten Gruppen. Als die höchste derselben gilt die Gruppe der menschenähnlichen Affen. Diese Tiere zeigen unter allen anderen Tieren die meiste Klugheit. Sie ahmen alles nach, was Menschen tuen, und bewaffnen sich gegen ihre Feinde schon mit Stöcken und Steinen. Sie sitzen aufrecht, können ani zwei Beinen stehen und haben durch Klettern den entgegen- stcllbareu Daumen erhalten, der ihre Füße zu Händen macht. Ihr Leib ist die letzte Vorstufe des Menschenleibes. Trotzdem dünkt uns diese höchste Tierart als die häßlichste. Das bewirkt eben ihre Aehnlichkeit mit dem schön und edelgebildeten Menschcnleib. Alle Larven sind häßlich. So auch die Affen, die Larven des Menschen. Wahrscheinlich hat Gott die vollkommenste, edelste Art von ihnen, durch verheerende Ueberschwemmungen in Gegenden gescheucht, in welchen sie gezwungen waren, frei aufrecht zu gehen, und er hat sie so lange dort festgehalten, bis sie sich an diese Art des Gehens gewöhnt hatten und eine steifere Wirbelsäule ihnen dasselbe für immer ermöglichte. Dadurch, daß sie gezwungen waren, ihren Kopf zu erheben, wurde ihr Gehirn vom Blutdruck entlastet, also ein besseres Denkwerkzeug. Auch wurde ihr Blick unbegrenzter und freier. Er wurde klarer und konnte eine viel größere Menge von Bildern genauer in sich ansnehmen. Diese Bilder wurden mit Hilfe des Tones, den die Dinge von sich gaben, wieder erkannt. Der Ton wurde nachgeahmt und diente dem Dinge als Namen, mit welchem dasselbe künftig andern sprechenden Wesen bezeichnet wurde. So entstünden die Urwörter der Sprache. Nun die einzelnen Dinge aus ihrer Umgebung für das Auge klarer hervortraten, dachte der Mensch nicht mehr in unzertrennlichen Gesammtbildern, sondern verknüpfte Einzelbilder zu Gedanken. Er dachte allmählich nicht mehr bloß in Bildern, sondern in Bildern und Worten. Je mehr 157 — sich seine Sprache durch Beobachtung und Teilung der Außenwelt entwickelte, um desto mehr erstarkte sein Denkvermögen. Und als er sich selbst endlich als Geist erkannte, suhlte, ahnte er auch den Weltengeist: Gott. Und damit hört die Natur auf, seine einzige Lehrerin zu sein. Ein Höherer, ihr Schöpfer tritt an ihre Seite, um die Menschheit zu führen. Die Natur hat den Menschenleib mit all den wunderbaren Geschicklichkeiten ausgerüstet, die im ganzen Tierreich zerstreut sind, und obschon sie ihm die Werkzeuge dazu nehmen mußte, damit er seine Bestimmung erreiche, so ist ihm die Befähigung zu all diesen Geschicklichkeiten nicht verloren gegangen. Sein von Gott beratener Geist ersinnt sich die Werkzeuge dazu und seine von Gott geführte Hand bildet sie. Die Natur hat den Menschen mit Hoheit und Schönheit, aber auch mit erhabenen Schrecknissen umgeben, die sich in seiner Seele als Größe, Würde oder Anmut spiegel». Gott, zu dem er ruft, lehrt ihn, der seine Zeit nach der Sonne teilt und seinen Weg nach den Sternen richtet, auch seinen inneren Sinn zum Höchsten erheben. Hohe Worte dankbarer Bewunderung und Liebe strömen dem von einem großen, gütigen Geist geführten Menschen von den Lippen, Worte wie sie in den Psalmen tönen, hohe, schöne Worte, wie sie allen edlen Völkern der Erde eigen sind, die überall draußen in der Natur noch das Weben der Gottheit sehen. Der Mensch ist in jener Zeit in das Paradies eingetreten, in das Gott mit seinem ganzen Himmel herabgestiegen ist, um mit ihm umzugehen, ihm Weisheit zu lehren und ihm Himmel und Erde zu erklären. O selige Zeit, da der Mensch sich so an Gott und die Natur schmiegen durfte. Wie herrlich muß sich der Adel seiner Seele in seinem Aeußern ge¬ spiegelt haben. Und wie die gottwisfende und gottgewußte Menschheit sich einst aus dem Tierreich erhob, so entsteht jeder einzelne von uns auch noch heute. Er macht vor seiner Geburt (im Mutterleibe*) alle * Anmerkung: „Im Süden", erzählte mir eine ehemalige Gouvernante, „ist man gegen die Kleinen gar herzig offen. Ein Kind saß auf den Kmeen der Mutter, streichelte den Schoß, der es getragen und sagte dabei schmeichelnd: „So ein kleines Baucherl!" „Und doch hast du darinnen Platz gehabt", antwortete ihm zärtlich die Mutter". 158 — Stufen der Tierheit durch, die einst das Menschengeschlecht durch¬ lief. Aber sobald er geboren, ist der Leib, der aus Erde ist und wieder Erde wird, ein vollkommener Menschenleib mit einer Seele, in der wie in einem Tautropfen sich die Sonne, Gott, die Sonne der Geisterwelt spiegelt. Nicht nur die Lebenskraft wirkt in ihm, ihn beseelt Gottes Odem. Nicht die Gesetze des Tierreiches gelten sür ihn, sondern die Gesetze Gottes. Im Tierreich ist im Kampf um das Dasein jedes Mittel er¬ laubt und es gilt kein Recht, sondern die Stärke, Klugheit und Gewandtheit allein entscheidet den Kampf. Auch für den Menschen, der vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen genossen, ist Selbsterhaltnng Pflicht, aber das Leben ist nicht mehr der Güter höchstes, der Uebel größtes aber ist die Schuld. Im Tierreiche ist wie in jedem Kriege die List erlaubt, im Reiche Gottes aber siegen nur Wahrheit und Recht und die größte Sünde des Menschen, die ihn nach Dante in die neunte Hölle ver¬ bannt, ist Betrug und Verrat. Am Tierleibe bauten Hunger, Furcht und Liebe. Am Menschenleibe bessern Erziehung und freier Wille. Der menschliche Körper wird auch von den Früchten seines Geistes er¬ halten oder zerstört. Das Tierkind findet bei seinen Eltern Nahrung, Pflege, Schutz und Liebe, so lange es noch nicht allein für sich selbst sorgen kann. Dann aber wird es in den Kampf ums Dasein hinausgestoßen und lebt sortan für sich, von seinen Eltern selbst nicht einmal mehr erkannt, genießt aber gerade deswegen den Schutz und die Hilfe seiner Artgenossen. Das Menschenkind aber wird von seinem Schöpfer aus den Händen der Natur in die treuliebender, denkender, sprechender, aber vergänglicher Eltern gelegt, damit sie ihn schneller und sicherer seinem ewigen Vater zuführen. Mit ihrer und bald auch mit Gottes Hilfe soll des Kindes Seele den Leib als Werkzeug gebrauchen lernen; denn der Körper lernt nur allmählich dem Zuge des Geistes folgen. — 159 — Das Kind hat zum Beispiel in seinem vollkommenen Auge einen vortrefflichen Photographenapparat, aber es erkennt die Bilder nicht, die sich darinnen spiegeln und hält sie auch nicht fest, es photographiert noch nicht. Das Kind hat in feinem Ohre ein wohlgebildetes Grammo¬ phon, aber es versteht nicht, was hineingerufen wird und nimmt daher die Reden und Melodien nicht auf. In feiner Mundhöhle ist ein ganzer Phonograph, aber er¬ tönt nicht. Des Kindes Gehirn ist ein wohleingerichtetes Magazin zur Aufnahme von Bildern, Tönen, Geruchs-, Geschmacks- und Ge- fühlserinnernngen, aber es ist noch leer. Es ist eine Telegraphenstation, von der eine ganze Menge feiner Telegraphensäden zu allen Körperteilen hin und wieder zu¬ rückführen, aber es schickt noch keine Telegramme aus und em¬ pfangt keine. Erst ganz allmählich lernt der Körper dem Befehle des Geistes folgen, und je öfter er ein und denselben Auftrag auszuführeu Hal, nm desto schneller nnd geschickter wird er vollzogen. Endlich vermag der Geist alle Glieder des Leibes zu benützen, und ihre Kräfte spielend zu üben. Bis diese genügend ausgebildet sind, pflegen, stützen und führen zärtliche Eltern das Kind und bleiben ihm auch später noch mit Rat und Tat zur Seite. Weise Eltern aber lehren es früh der Allgegenwart Gottes bewußt werden und in Augenblicken der Hilflosigkeit, der Versuchung, des Schwankens, Gott um seinen Rat, seinen Schutz und seine Hilfe zn bitten. Sie erzählen ihren Kindern die erlebten Beispiele wunder¬ barer Erhörnng, die keinem wahrhaft Frommen fehlen. Sie fragen ihre Kleinen oft nach den Bitten, die sie Gott vorgetragen und ob sie erhört worden seien und lehren und gewöhnen so das Kind an der Hand Gottes und seiner Engel durch das Paradies der Jugend schreiten. Wie es in der Geschichte der Menschheit eine Zeit gab, wo uns der Himmel näher war, als die Erde, sagt Jean Paul, so gibl es im Leoeu des Einzelnen eine Zeit, wo ihm das Große und Hohe näher — 160 steht, als das Kleinliche und Niedrige und wo sich dieser holde Zustand seiner Seele in einem lieblichen Aenßeren ausspricht. Es ist die Zeit, wo wir in unserer eigenen zugleich die Jugend der Mensch¬ heit durchleben. Aber es kommt die Zeit, da der Mensch ans dem Paradiese seiner schönen, gottfrohen, sorgenlosen Jugendzeit ver¬ trieben wird, die Zeit, da er im Schweiße seines Angesichtes sein Brot verdienen muß, da er die Sorge um die Erhaltung und Er¬ ziehung seiner Kinder zu tragen hat, und endlich die Zeit, da er den bittren Tod erleiden muß. Aber siehe, der erhabene Gott, der dem Menschen überall in der Natur und in dem idealen Seelenzustande der Jugendzeit entgegentritt, er begegnet dem Frommen in schlichterer Gestalt auch auf seinen stein- und dornenreicheren, nüchteneren und dunkleren Wegen. Der Gott, der in Mann, Frau und Kind alles Leid der Erde erlebt hat, um uns davon zu erlösen, vermag uns auch auf allen Wegen, die ein Mensch gehen muß, zu geleiten. Er ist groß im Großen wie im Kleinsten. Er weiß dich in deinen Familienpfltchten zu beraten, in deinem Berufe zu leiten, im Leide zu trösten, in Gefahren zu schützen und im Tode zu stärken. Und in all der Niedrigkeit des Erdenlebens geht dir an seiner Seite weder Größe noch Innigkeit, weder Anmut noch Würde verloren. Du klimmst glücklich mit gottbegnadeten Mitbrüdern zu den Höhen der Mensch¬ heit empor, oder stehst in sinkenden Zeiten leidvoll aber aufrecht bei dem wenigen Guten. Und auf deine Jugend zurückblickend, wirst du einst vielleicht wie ich sagen: „Ich träumt, daß Leben Schönheit sei. Ich wachte auf und fand: Es ist Pflicht. Doch, die Gottes Hilfe sucht, die Treu, Wisset, ist ohne Schönheit nicht". Die Einzelheiten dieser Besprechung waren den Kindern von anderen Gelegenheiten, von der Betrachtung von Bildern, von der Behandlung der Lesestücke und von der Besprechung anderer Unter¬ richtsgegenstände her vertraut, so daß Edeltraut, wie es der Würde — 161 — des Gegenstandes angemessener nnd der Erhaltung einer gehobenen Stimmung zuträglicher war, das Ganze nnzerrisscn durch Fragen nnd ungeschickte Antworten, in gewählten Worten vorlragen nnd doch ans Verständnis und Interesse rechnen konnte. Edrltrauks Ferien. Die Ferienzeit verbrachte Edeltraut mit ihrem Großmütterchen zum Teil auf Reisen, znm Teil im Elternhause. Hier wohnte sie wieder wie früher im Mädchenzimmer, dem traulichsten Raume des Schwanenhofes. Das Doppelbett in der Mitte des Zimmers mit den seidenen Vorhängen, die wie morgenrote Wolken vom Bett¬ himmel herabhingen und die zarten, opalweißen Spitzenvorhänge der Fenster erweckten in dem BeHauer des Zimmers eine sanfte, heitere Stimmung, die durch die wunderhübschen Wandbilder nnd Statuen zu einer geradezu begeisterten gesteigert wurde. Auf dcu Vertäfcluugcu standen nämlich die reizenden Götterbilder des Apollo nnd der nenn Musen, welche die dahiutersteheuden Wände in je drei Felder teilten. Jedes Feld war durch ein Bild geschmückt. In dem eineu sah man Hermann mit Dorothea vom Weinberge niedersteigen, in dem zweiten war Hirt und Hirtin abgcbildet, die sich necken („Sah ein Knab' ein Röslein stehn!"), in dem dritten hatt. der Maler Gret¬ chen dargestellt, als es vom Kirchgang heimkehrt und Faust sie an¬ spricht, zum vierten Bilde war die Szene aus Werter« Leiden gewählt, wo Lotte, das Hausmüttercheu, ihren sieben Geschwistern das Brot schneidet, aus dem fünften Felde grüßte Friederike von Sesenheims liebliche Erscheinung. Vom sechsten Bilde blickte der Dichterjüngling Torquato Tasso und Prinzessin Leonore dem Beschauer entgegen. Das siebente Bild zeigte Adelheid am Hofe des Bischofs von Bam¬ berg. Auf dem achten Felde war das vor dem Bilde der schmerz¬ haften Mutter Gottes hingesnukene Gretchen gemalt, im nennten Felde aber hatte dem Maler Mignons rührende Gestalt als Vorwnrf gedient. Diese nenn Bilder waren vortreffliche Kopien der Originale von Kaulbachs Meisterhand. Durch die hohen Fenster dieses herrlichen Zimmers schauten die lichten Birken herein, wie ein immerwährender Feiertag. Das 11 — 162 — sanfte Licht des Morgens erfüllte den märchenhaften Raum mit seinem rosigen Schimmer und das magische Silberlicht des Mondes verklärte ihn so, daß es dem Bewohner darin zu Mute ward, als umfinge ihn ein süßer Traum. Welch' holdes Geplauder, welch' lieblicher Sang hallte einst von den Wänden dieses Gelasses. Welch' reizende, jngcndschöne Gestalten warfen seine Spiegel zurück. „Holde Jugendzeit", sagte Edeltraut oft, wenn sie in diesem Gemache weilte. „Holde Jugendzeit! Wie machst du die Welt so himmlisch licht, Das Leben schien ein hold Gedicht, Ein stylvoll farbenfrohes Bild, Schien ein Lied mir zaubrisch mild. O fühlt ich mich einmal nur wieder so Engelsleicht und srühingssroh." Ebenso süße Erinnerungen wie dieses Zimmer weckte der Park des Schwanenhofes in Edeltraudts Gemüt. Herr Adelsried hatte nach und nach den ganzen Hügel er¬ worben, auf dem der Schwanenhof stand und hatte Garten und Park darauf angelegt. Diese künstlichen Anlagen gingen in den Wald über, der sich längs des Hügelrückens hinzog. Zur Zeit, als die Kinder des Schwanenhofes herangewachsen waren, hatte auch der Park schon hochaufragende Bäume und eine Menge poe¬ tischer Plätzchen und malerischer Durchblicke gehabt. Die Kinder des Schwanenhofes waren nie müde geworden, seine Reize mit Pinsel und Feder zu schildern. Sv stand an der Ostseite des Hauses eine Gruppe hochstämmiger, weißrindiger Birken, deren grüne, zarte Blattschleier die sengenden Sonnenstrahlen abhielten, ohne die Zimmer zu verdunkeln. Sie hoben sich entzückend vom klarblauen Himmel ab, ob sie im zarten Krystallschmucke des Winters, im gelbgrüncn Flor des Frühlings, im dunklen Blattkleide des Sommers oder im Goldlanb des Herbstes prangten. Und Dank¬ wart nnd Eveltraut hatten sich oft und oft bemüht, das Wesen dieser lieblichen Bäume in Bild und Lied zu fassen. Dankwart — 163 — gelang es endlich nach manchem sehnsuchtsvollen Werben die Hnld ihrer Dryade zu gewinnen und von der friedvollen, heiteren, fest¬ lichen Stimmung, die ihre Nähe erweckte, etwas in sein Bild zu tragen. Es war an einem schönen Sommer-Sonntagsmorgen, als seine Liebe so belohnt ward. Edeltraut hatte die schönen Bäume an einem Frühlingsmorgen zur Zeit der Osterferien gerührt be¬ grüßt : „Zierliche Birke! Schon hüllst du die weißen Glieder in grüne Schleier Und neigst dich zu künden, daß wieder der Lenz nnn wirke?" Daran dachte sic nun, als sie an einem Ferientage allein unter dieser Banmgruppe stand. Edelirant schlang ihren Arm um einen der Bäume nud weinte heiße Sehnsuchtstränen nm den Ge¬ fährten ihrer künstlerischen Bestrebungen. Dankwart weilte im ewigen Rom und die Farbenglut Italiens und die Formenpracht der An¬ tike berauschte seinen Künsrlersinn und ließ ihm die Heimat erblassen. Edeltraut aber nmwanderte wehmütigen Erinnerungen hingegeben das Vaterhaus. Säuleu uud Geländer der Veranda waren von Kletterrosen umschlungen. „Kletternde Rosen!" hatte einst die feurige Hulda zur Harfe gesungen: „Kletternde Rosen! Eure blühenden Glieder nmgaukeln Säule und Gitter Wie zärtliche Träume, die Opfer, Amors, des losen." Diese Rosen blühten wieder, wo aber war die schöne, leben¬ sprühende Hulda? Sie wartete fern in ihrem Hnmgarten mit zärtlicher Liebe der Blumenkinder, die dem eigenen Stamme erblüht waren. — Au der Westseite des Schwanenhofes ragten hohe Robinien auf, ans deren schirmartigen Kronen rosenrote, duftende Blüten¬ trauben niederhiugeu. Diese Bäume waren allezeit die Lieblinge des ganzen Hanfes gewesen. 164 — „Hohe Robinien!" hatte Edeltraud einst kosend zu ihnen gesagt: „Längst deckt den Boden der Blütenschnee des Mai, Da durchschimmerts noch morgenrot eurer Blätter Linien!" Die Straße zum Schwanenhof war mit hochgezogenen Kastanien und Linden bepflanzt. Sie mündete an der Hinterseite des Ge¬ bäudes. Wie oft war Edeltrant mit dein Bater und den Ge¬ schwistern auf dieser Straße von der Stadi heimgcwandert und wie hatte sie sich stets der herrlichen Kühle gefreut, die dieser Baum- gang spendete und der grünen Nacht, die das Ange so wohltätig darin umfing. „Grüne Alleen", hatte Ehrhart einmal gescherzt, „Ihr seid die reizendste Flüstergallerie, darin man im Sommer¬ winde sich mag ergehen." Mit Wehmut sagte Edeltraut sich diese Verse vor, denn er schritt ihr nicht zur Seite, der sie gesprochen. Er machte soeben eine Ferienreise durchs Hochgebirge, die seinen, vom Lehren ermüdeten Geist stets wieder kräftiger beschwingte. Edcltrant bog von dieser Allee links ab und wanderte auf der Straße gegen den Wald. Zu beiden Seiten dieses Weges standen vor dunklen Fichten, Tannen und Fohren hohe, schlanke Lärchen. Bon ihnen hatte Burgi einst gesagt: „dingender Lürchbaum! Wie unter ernsten Werktagen licht der Sonntag, Stehst du bei dunklen Fichten im Waldesraum." Die gute Burgi, das Hausmürterchen, waltete noch im Schwanen¬ hofe. Ihr war es gegönnt gewesen, sich im Elternhause ein eigenes Nestchen zu bauen und den geliebten Eltern den Lebensabend mit dem Sonnenschein töchterlicher Liebe und Fürsorge zu vergolden. Mit Burgis Kindern durchlebte Edeltraut auf dem Schwauen- hose noch einmal ihre eigene Kindheit. Sie war diesen Kleinen, was On¬ kel Adolar und Tante Hilde ihr und ihren Geschwistern gewesen waren : Weckerin und Bildnerin des Sinnes für Formen, Farben und Töne. — 165 — Die erste Ausbildung des musikalischen Gehöres empfingen diese Kinder von den geflügelten Musikanten des Schwanenhofes. Der Park des Gutes war zur frühen Sommerszeit stets von einem vielstimmigen Chor der lieblichsten Stimmen durchhallt. Die hohen Bäume des Parkes boten geschützte Brutplätze und die ticrfreuud- lichen Bewohner des Schwaneuhofes waren den Sängern befreun¬ dete Nachbaren. Edeltrant lehrte ihre kleinen Neffen und Nichten nicht nur den Bogelstimmen lauschen, nein, sie auch unterscheiden und nachahmcn. Und da gabs viel zu lernen. Denn gar mannig¬ faltige Sänger hatten sich in dem Parke angesiedelt, der so ver¬ schiedenartige Gewächse und demnach auch allerlei Nahrung trug. Da fabelten den ganzen Tag vielerlei Finken, flötete des Morgens der Pirol, pfiff noch am späten Abend die Schwarzdrossel ihre süßen Weisen, öa sang selbst im Winter der kleine, kecke Zaun¬ könig sein Helles Lied, es klirrten die goldgelben Ammerlinge und aus dem hohen Gras der Parkwiesen schwangen sich Lerchen trillernd gegen den Himmel. Mit besonderem Entzücken lauschte man den süßen, mannigfaltigen Tönen des Noikchlchensanges nnd bewunderte das kluge Vöglein, das sich dabei so geschickt zu decken und zu ver¬ stecken wußte. „Tonende Blüte" hatte Gottfried einst verwundert ausgerufen: „Ein Notkehlchenlied aus deiner Krone dringet, Doch such ich vergebens nach dir am Strauch der Quitte." Ebensoviel Entzücken bereitete der melodische abwechslungs¬ reiche laute Gesang der Mönchsgrasmücke den Besuchern des Parkes. „Grasmücke, tonreiche", lobte eines Morgens der lustwandelnde Dankwart das Vöglein: „Traulich schmetterst dein Lied du vom niedern Aste, Denn heilig war allzeit der Sänger im Lande der Eiche". Hocherfreut war man alljährlich auch den wohltöneuden Ruf des Kuckucks wieder zu hören und so zu erfahren, daß der Früh- lingssünger den nahen Bergwald schon bezogen habe. „Treuer Concou!" beantworteten die Kinder des Schwanenhofes einst seinen ersten Ruf. — 166 - „Als Herold des Lenzes sei uns gegrüßt im Grünen ! Des Bergwalds uralt Orakel uns tönest du." Und wie Tante Edeltrant ihren kleinen Freunden das Ohr für den Klangreichtum der Natur zu öffnen suchte, so bemühte sie sich, ihr Auge für das Erkennen der Formen- und Farbenspiele der Erde zu erziehen. Und auch dazu bot natürlich ein Park die beste Gelegenheit und der Park des Schwanenhofes mit seiner schönen Mannigfaltigkeit ganz besonders. Wie der Schwanenhof sangnmhallt war, so war er auch dnftumhancht. Ans den Blumenbeeten der Terrassen, ans den Baumen und Büschen, die die Wege säumten und ans den Rasen¬ flächen blühten und dufteten das ganze Jahr hindurch die Kinder Floras. Edeltraut kannte und liebte sie alle, wußte ihre Namen, ihren Standort, ihre Blütezeit und suchte auch ihren kleinen Be¬ gleitern, die sie stets wie Schmetterlinge umgaukelten, aus alle die Schönheiten in Form und Farbe, wie auf den Werdegang dieser Wun¬ derwerke Gottes aufmerksam zu machen. Sie erzählte ihnen, wie oft einst Mama und ihre Geschwister, natürlich auch sie Tante Edeltraut an schulfreien Tagen vor diesen Sehöpsungswundern ge¬ sessen seien und sich bemüht hätten, sie nachzubilden und sie regte die kleinen Nichten anch zn einfachen Versuchen mit Stift und Pinsel an. Sie sagte ihnen die kleinen hübschen Scherze, welche die älteren Geschwister sich mit den jüngeren erlaubt hatten, um sie ans ein neues Blumenwnnder aufmerksam zu machen. „Hulda komm' und schau" rief eines Tages eure Mama", so erzählte Edeltraut. „Aus der Erde krochen im Garten mit Schild und Speer Niedliche Zwerglein im bunten Kaputzenkleid Und schlossen um Gitter und Beet sich zur blühenden Wehr". Und Hulda kam und sah zum erstenmal die mannigfachen Blütenknospen der Kapuziuerkrene erschlossen, die man auf einigen Blumenbeeten als Einfassung gepflanzt hatte, und klatschte entzückt in die kleinen Hände. — 167 — Ein anderesmal scherzte Gottfried: „Wer von euch liebe Geschwister weiß es schon'? Silberhelme, ametpstgeschmückt, ini Garten vergraben waren, Die nun gleißen im Licht, ohne zu locken die Schelme." Und was fanden die neugierig den Garten durchstürmenden Kinder? — ans einem Blumenbeet eine schöne lichtblaue Eisenhutart erblüht. Erst waren sie ein wenig verblüfft. Später aber gaben sie sinnig, wie sie waren, ihrem Bruder Recht und bewunderten noch oftmals die Entstehung dieser schönen Blume. Ehrhart fragte mich einst mitten im Mai: Willst du Schnee sehen Schwesterchen? „Du scherzest!" gab ich zur Antwort. „Wo könnte man den wohl jetzt noch finden?" „An einer Stelle des Parkes! Komm, ich zeige ihn Dir", sagte Ehrhart und führte mich vor einen kleinen Baum, der über und über mit großen, schneeweißen Blütenbällen bedeckt war. „O Schnee im Mai" — rief ich ans, „Holde Lüge des Lenzes, der poetisch scherzet, Tief beugst die Neste, nun lang schon der Winter vorbei." „Mit welchem Entzücken begrüßten wir," erzählte Edeltrant, „im Mai das Erblühen des Flieders!" „Duftender Flieder! Mit den wehenden Federn veilchenfarbiger Blüten, stehst du festlich am Gartenwege nun wieder?" riefen wir aus, weuu wir die schönen Sträucher sahen, die sich wie große violette Blütenstränße von dem Gelbgrün besonnter Parkwieseu abhobcn. Bor dem, mit bunten Winden zierlich umblühten Gittertor, welches den Garten im Osten des Hauses von dem nördlich ge¬ legenen Spielplatz schied, stehen bleibend, sagte Edeltraut: D:ese kletternden Blüten waren Onkel Dankwarts besondere Lieblinge. „Blühende Winde," sagte er einst. „Ein berückendes Bild für reine poetische Freuden in deinen bunten, taumelnden Kelchen ich finde." Eine andere Lieblingsblume hatte eure Mama. „Inch heißa, juchei!" sang sie einst, einen großen bunten Strauß von selbstgepflückten Waldblumen schwingend. — 168 — „Auf der Walvwies ist Turnier. Gespornt hält dort und hoch zu Roß der Ritter Akelei!" Und zum Beweise sür die Wahrheit ihrer Worte hielt sie den vielfarbigen Akeleistrauß hin und ließ ihn bewundern. Fast jede Blume des Parkes erinnerte Edeltraut an ein lieb¬ liches Erlebnis, an ein holdes, gehörtes oder selbst ersonnenes Wort, an einen sinnigen Streit, an einen charakterisierenden, poetischen Ausspruch. So hatte Edeltraut eines Tages einige blühende Schneeball¬ zweige gebrochen, nm sie in hohe Blumengläser zu stecken. Sie suchte für diese Schnceballzweige nach passenden särbigen Gefährten. Gerne hätte sie ihnen die duftenden Rosen gesellt, aber die säumten noch in der Knospe. Als sie unn so suchend durch den Park ge¬ schritten war, kam sie zu einem breiten, niederen Busch, der mächtige, morgenfarbige, roseuartigc Muren trug. „O Pfiugstroseuflor", hatte sie da froh gelächelt. „Noch zaudert die duftende Rose, den Kelch zn erschließen, da täuschest du hold uns des Gartens Königin vor." Vor einem Beet von dreifarbigen Veilchen, in allen Farben prangend, war sie einst mit Dankwart und Burgi gestanden. Da hatte Dankwart gesagt: Kann sich ein Blumenmaler ein herrlicheres Vorbild znm Malen denken, als diese dreifarbigen Veilchen? Wenn es mir gelingt, die sammtartige Weiche und diese gesättigten Farben¬ töne wiederzugebcn, und die Blumen in einem graziösen Wnrf hin¬ zumalen, so werde ich stolz sein. „Ich wünsche es dir", hatte da Burgi geantwortet und be¬ greife dein Entzücken. Ich für mich finde, daß dieser Blume trotz der Dreifarbigkeit, der poetische Duft der schlichteren Schwester fehlet, ob sie malerisch prangt auch im köstlichen Sammtkleid. „Jo, dir gleichen sie nicht, lieb Schwesterlein", entgegnete Dankwart, „du sinnige Maid! Wie die Nelke durchstrahlt und durchwürzet das nüchterne Hausgärtlein, so wirket Holde im Haus deine Innigkeit." Anders als die Gretchennatur der innig, sinnigen, blonden Burgi hatte die stolze, zurückhaltende Edeltraut empfunden. Sie — 169 — verstand auch die dufilvse Tulpe und fühlte sich ihr verwandt. Als sie einst vor einem Beete voll prächtiger, bunter Tulpen stand, rief sie aus: „O Tnlpenzicr! Nicht haucht die Seele ihr hin in sehnenden Düften. Eure Selbstgenügsamkeit verscheucht die Begier." Hulda aber, die sonnige, glutäugige Träumerin hatte lieber die Königin der Blumen besungen, der sie glich. „Königin Rose!" tönte ihr Lied umrankt von Harfentöneu. „Königin Rose! Des Orients duftschwnlc Gärten, die Zauber¬ nächte des Südens, die lieddurchhallten, entschweben deinem Schoße. Und als der schöne Herzblumenstrauch mit den gefiederten Blättern in Blüte stand, da besang ihn der feurige Ehrhart: „O Garteuzier! Du gleichest schönen Frauen, den Fallen Amors. Tausend glühende Herzen hängen an dir" und er nannte die schöne Pflanze von nun an seine Lilly! Der edle Dankwart liebte besonders den Duft der Alikanthns- blüte und es schien ihm, als schütze der Strauch die herrliche» Duftspeudcrinnen dadurch vor räuberischen Händen, daß er sie in die schlichte, braune Farbe seiner Rinde hüllte. „Alikauthusblüte", hatte er einst ansgerusen. „Alikanthns- blüte! duftreiche, süße, es birgt dich der braune Stamm, wie des Edlen verschwiegene Brust, seine tätige Güte." Ans Ehrharts Plätzchen war ein Pavillon errichtet, der mit einer herrlichen Schlingpflanze geschmückt und mit einer Aeolsharfe gekrönt worden war. „O Träume der Liebe! Glycinie wob euch um Säulen ein duftig Zelt; bis zur klingenden Harfe schickt sie die Maientriebc!" sang der schwärmerische Einsiedler einst bei seinen Büchern. Als Edeltraut eines Tages im Abcudlichte vor einem ans grüner Rasenfläche sich erhebenden, schirmartigen Gerüste vorbeiwandelte, das mit Klematisranken überwuchert war, erinnerte sie sich eines andern, schöneren, bedeutungsvollen Abends, an deni sie mit ihren Eltern an dieser Stelle gestanden war. Vater und Mutter hatten im blühenden Kreise ihrer Kinder und Verwandten ihre silberne Hoch¬ zeit gefeiert, waren an festlich geschmückter und reich besetzter Tafel gerührt in fröhlicher Runde gesessen und hatten von Champagner- — 170 — kelchcn genippt, mit denen ihr Wohl ansgebracht worden war. Darnach waren die Silbergatten durch den Park gewandelt und Edeltraut hatte sich zärtlich an sie geschmiegt. Vor dem blühenden Klematisstrauch waren sie stehen geblieben und Mütterchen hatte wehmütig ausgerusen: „Seht hier ein Bild des Lebens! O Klematisrankeu! Wie im überschäumenden Kelche seh' zur Höhe ichs steigen und wieder zur Diese schwanken!" Der Vater aber drückte zärtlich die Hand der Irenen Lebens¬ gefährtin, wies gegen Abend nnd sagte: „Sieh die Pracht des Sonnenunterganges!" Und Mariamarte verstand, daß er sagen wollte: Auch den von der Höhe des Lebens Herabsteigeuden blühen noch eine Menge sanfter Frenden nnd je tiefer der Lebensweg sich zu Tal neigt und je mehr die Welt und ihr Leben den Alternden in Dunkelheit ver¬ sinkt, je weiter tut sich vor ihrem weltabgekehrten Blick der Himmel mit seinen aus der ewigen Heimat grüßenden Lichtern ans. Und Mariemarte überkam es bei diesen Gedanken wie ein süßes Verlangen mit Schwanenflügeln von dem Gipfel ihres Lebens hinüberzuziehen in diese Heimat. Sie erhob sehnsuchtsvoll den Blick zn dem über dem Schwan am Hausdacy aufschimmernden Stern. Adelsried aber war ihrem Blick gefolgt und hatte ihre Ge¬ danken erraten. Zärtlich hatte er sie bei der Hand gefaßt und ge¬ sprochen: „Nicht doch, du darfst mich nicht allein hier zurücklasfen, holde, treulose Schwaneusrau. Hand in Hand wollen wir nach manchem schönem Wandertage dort oben einziehen." — Auch manch' fröhlicher Streifereien durch den Park mit den Geschwistern nnd manch süßer Rast ans den ihnen gestifteten Ruhe¬ plätzchen gedachte Edeltraut. So waren an einem Sommersonutagsnachmittag die drei Schwestern in weißen duftenden Flügelkleidern, die Stirnen vom seinen Ningelhaar umflattert, die Füßchen in zierliche Sandalen gegürtet, durch den Park geschritten. Als sie, sich umschlungen haltend, gleich den drei Grazien an der Grenze des Gartens hinhüpsten, wo Waldbüsche die Netzeinfriedung verhüllten, hatte Hulda plötzlich — 171 — ausgerufen: „O seht! Weißlich glänzen ans dunklem Lande der Rebe rankende Blüten! Waldmyrthe sag, welche Stirne du zuerst wirst kränzen?" „O, natürlich deine", hatte Edeltraut sie geneckt. „Deine Leier klingt ja am häufigsten zum Preise der goldenen Aphrodite. Solche Treue muß sie dir doch lohnen." „Wahrlich, ich würde glauben, du neidest mir die zärtlichen Regungen der Seele", hatte Hulda geschmollt, „wüßte ich nicht, wie stolz und selbstgenügsam du bei all deiner Holdseligkeit bist. Du gleichest der Palmenlilie oben auf der Terasse. Die hüllt sich in stachlig Laub vor der Sommer Werben und bekennt sich nur spät und selten zu Florens Familie." „Und du bist wie Ehrhart. Der hat auch solch zärtliche Fenerseele", hatte darauf Bnrgi gesagt. „Alle seine Lieder sind wie deine Bmorn ein Wohllaut." Was hat er nur neulich erst wieder gereimt? — Richtig! Als wir durch die Gartenstraßen der Stadt gingen, flüsterte er: „Prächtige Quitte! Durch alle Gitter dringet dein purpurner Schein Wie eine stumme, glühende Liebesbitte." „Und in seinem poetischen, narzissenumblühten Hüttchen", hatte Edeltraut berichtet, „fand ich an einem Pfosten von seiner Hand gekritzelt die melancholischen Verse: „Weiße Narzissen! Euch opfert der einsame Gram dem dunklen Gotte, Des bittcrn Trost er nicht länger vermag mehr zu missen." Da hatte Bnrgi mitleidig gesagt: „So hat auch er die traurige Wahrheit erfahren, an welche die Bilder unseres Schlafzimmers mahnen, die Wahrheit, daß niemals Lieb sich schied vom Leide." Unter solchen heitern und ernsten Gesprächen waren die drei jungen, frohen Schwestern in ein kleines Wäldchen getreten, in dem sich eine ephenumsponnene Kapelle erhob, in die Onkel Adolars Meisterhand das berühmteste Gemälde Rafaels: Christi Verklärung gemalt und darunter die Worte der Jünger: „Herr, hier laß uns 172 — Hütten bauen", gesetzt hatte. Uebcr dem Torbogen aber stand außen an der Kapelle mit goldenen Buchstaben der Spruch der Weisheit, der die Schwestern heute mehr denn je ergriff: „Bewahre dein Herz mit Fleiß, denn daraus geht das Leben!" Der Stnrm ließ die Baumkronen über den sinnenden Jung¬ frauen rauschen und ans der Windvrgel ans dem Kapellendach klang es, wie ein feierlicher Choral den Davonschreitendcn nach. Dieser Kapelle gegenüber waren unter einer Gruppe junger Eichen Tisch und Banke errichtet und einer der Bäume trug die Aufschrift: „Gottsried's Hain". Als die leichtherzigen Kinder aus dem ernsten Schatten dieses heiligen Ortes hinaus auf die grüngoldene Wiese getreten waren, umschwebte der Frohsinn sie wieder, wie einer der Schmetterlinge, die hier nm die Blumen gaukelten. „Flatternde Blüten", rief Edeltraut aus. Des Wanderers Wonne! Zum Wunder seid schon ihr geworden auch Alltagsmenschen, ihr Opfer des habgierigen Wüten! „Arme Svmmervögelein", sagte Burgi darauf. „Könnt ich Schutz erflehen euch Juwelen der Bergwieseu. Nicht lösen sich Blüten mehr, künftige Geschlechter zu freuen." Endlich lag die höchste der Parkwiesen dem Schwcstertrio zu Füßen, das über Stufen das Plateau des Schwanenhofes erstiegen hatte. Eine niedrige Mauer, die alte Gartenmauer, umschloß wie ein Festnugsring hier den ebenen Platz, ans dem das Haus stand. Im Herbste reck-en sich innerhalb dieser Mauern bunte Georginen empor, so daß Gottfried von einer Ferienreise heimkehrend, sie einst begrüßte: „Botin des Spätling! Schöne Georgine, stehst du schon wieder mit langem Halse und spähendem Köpfchen am Burgring?" An einer Stelle bog diese Maner sich kreisförmig aus, als sollte sie einem Turme Platz bieten. Doch friedlicheren Zeiten Rechnung tragend, hob sie nur ein zierliches, hölzernes Gitterwerk, das durch ein Dach gekrönt war. Am Fuße des tnrmartigen Unter¬ baues standen duftende Linden, deren hoch aufragende Kronen mit ihren zierlichen Blattherzen die Sonnenpfeile auffingen. Ueber dem — 173 Eingänge dieses Hüttchens stand: „Burgi's Rnh'". In diesen lieb¬ lichen Raum einzntreten, lud Burgi die Schwestern ein. In der Mitte des runden, weiß gedeckten Tisches stand ein Strauß bunter, würzig duftender Nelken, rnnd um denselben aber waren aus weißen, von Dankwarts Hand gemalten Tellern, köstliche Walderdbeeren ausgestellt, die mit Zucker bestreut, eine herrliche Labe boten. Nach und nach sanden sich die Brüder, und endlich auch die Eltern ein und alle lobten die duftenden, wohlschmeckenden Beeren, die sie mit zierliche» Elsenbeinlöffelchen, geschnitzt von Adelfried's geschickter Hand, einnahmen, dabei traulich und neckisch plaudernd. Der Abend¬ wind strich durch die Lindenkroneu und trug Duftwolkeu in das Gartenhaus und ein Bnchfinke schmetterte darauf einem Kollegen seinen Gutenachtgruß zu. „Säuselnde Linde!" sagte Ehrhart. „Es flüstert der grüne, duft- und saugreiche Wipfel, von Lied und Tanz nnd treuem deutschen Kinde. Lasset nns seiner Aufforderung Folge leisten und uns zum Reigen scharen!" Die Schwestern hüpften herbei nnd tanzten mit den Brüdern in drei Paaren die zierlichsten Reigen mit jener na¬ türlichen Leichtigkeit und freien Haltung, die ihnen von Kindheit au eigen war, und ihre glockenhellen Stimmen begleiteten die rythmischeu Bewegungen im wohllautenden, mehrstimmigen Gesänge und bereiteten den zusehenden, liebenden Eltern neben der Augen¬ weide auch einen Ohrenschmaus. „Ein anderesmal müßt ihr mich in meiner Einsiedelei heim- snchen", bat Ehrhart und die Geladenen sagten für den nächsten Sonntag zn. Diesmal wanderten Brüder und Schwestern gemeinsam die Schlangenwege des Parkes hinab znr Ehrhartshütte. Sie schlugen den Weg ein, der auf der Westseite des Hügels zwischen Rasen¬ flächen, Blumenbeeten und Buschwerk hinabführte und gelaugten bald in eine Felsenbucht, die ein alter, hochstämmiger Ahorn über¬ wölbte. Rund um den Stamm lief eine Bank, von welcher man unter der schirmartigen Krone des Baumes hinweg, eine herrliche Fernsicht ans die beschneite Alpe hatte, die einen wunderbaren Gegensatz zu dem grünen Tale bildete. Die Felsnische hinter dem — 174 — Ahorn Ivar epheunmspouuen und eine Quelle sprudelte ihr klares Wasser in die zierliche Brnnnenmuschel. Der Ahorn aber trug die Jnschrist: „Edeltrauts Rast." Hier ließen die Geschwister sich nieder, lobten den herrlichen Fernblick und wünschten, daß jemand einen Ausdruck sände sür die Stimmung, welche dieses duftige Laudschafts- bild erweckte. Da hatte ihnen Edeltrant mit ihrer weittragenden, helleu Stimme das schöne Lied: „Hoch vom Dachstein an" gesungen. Da sie selbst von dem Wunderbilde ergriffen war und gewohnt, die Töne nnr als ein Mittel zu betrachten, nm die Gedanken nuv Gefühle des Textes auszndrücken, da sie weder eitel in ihren Tönen schwelgte noch auch über der Deklamation die rrsthmische Grenze übersah, so gelang ihr, zu erreichen, was Dichter und Ton- künstler mit dem Liede hatten erreichen wollen: Heimatliebe aus¬ zndrücken und zn wecken. Junigst gerührt, dankten die Geschwister Edeltraut für den Genuß, tranken dann von dem köstlichen Quell¬ wasser und schritten weiter hinab in den schattigen, kühlen Grund, wo Ehrharts Hütte lag. Hier trat ihnen Ehrhart ent¬ gegen, begrüßte sie herzlich und lud sie zu Tische. Gern setzten sie sich da auf die harten Bauernstühle, mit dem herzförmigen Aus¬ schnitt in den gerundeten Lehnen, vor den kreuzsüßigen, viereckigen, harten Tisch nieder und naschten von den Kirschen, die Ehrhart jedem ans ein großes, grünes Blatt gehäuft hatte. Als die Gäste crqnickl waren, nahm Ehrhart seine Violine, ans der er Meister war und spielte seinen Geschwistern eine Phantasie vor, bei der es den Hörern schien, als ob eine Engelsseele sich tönend zum Himmel ausschwinge. Man schwieg noch lange, nachdem der letzte Ton ver¬ klungen mar und sah sinnend hinab in die spiegelnde Fln! des Teiches, auf dem die Schwäne ihre Kreise zogen. Allmählich ließen die erdentrückten Geister sich wieder herab in irdische Gefilde und nun überhäufte man Ehrhart mit begeistertem Lob. Ehrhart war erfreut, seinen Geschwistern durch seine Kunst eine selige Stunde verschafft zn haben. Als die Gäste dann von der Einsiedelei scheiden wollten, erlaubte es Ehrhart nicht, sondern lud sie zu einer Kahnfahrt am Teiche ein. Bereitwillig nahm man diesen Vorschlag an. Ehrhart lenkte mit kundiger Hand den Kahn unter den hängenden Baumzweigen, zwischen den Wasserrosen und den ziehenden Schwänen hin. — 175 — „Keusche Wasserrosen!" sagte Dankwart voll Bewunderung. „Gleich den Meerfrauen entstiegt ihr den Tiefen. Es sinken die grünen Schleier und lassen im Banmdunkel mondlichte Glieder schauen." Blauschimmerude Libellen gaukelten über den Wellen und ließen sich zu kurzer Nasi auf den hängenden Zweigen der Weiden uieoer. Ja, eine folgte Hnlda's Lockung und wählte ihren Finger zum Ruheplatz. „Schöne Libelle!" rief Hulda entzückt. „Auf Flügeln der Sehn¬ sucht hobst aus der Tiefe du dich, und schwebst nun schimmernd im seligen Licht ob der Welle." Und der weise Gottfried sagte darauf: „Wisse trauernde Psyche! Sehnsucht nach Hohem sprengt allezeit der Niedrigkeit Fessel und loset den schimmernden Fittich dir, jubelnde Psyche." Während die Geschwister unter den herabhängcnden Zweigen der Weide am Ufer hinfnhren, sagte Ehrhart, liebkosend über die schlanken Zweige streichend: „Wie die Schwäne, die Wasserrosen, die Libellen, so lieb ich hier am Teiche die Weiden, namentlich die blühende Weide. Ber- stvhlen späht sie am Spiegel nach dem Gefährten. Balsamdüfte entströmen dem wallenden Kleide." Unter solch holden Reden glitten die sich spiegelnden, lichten, farbigen Gestalten im Kahn über die dunkle, schönumrahmte Wasser¬ fläche hin und bei jedem Windhauch tonte die Aeolsharfe auf Ehr¬ harts Hütte cine liebliche, melodische Begleitung zu ihren Worten. Als die Schwanenkinder landeten, sahen sie im hohen Ufergras die schönen, himmelblauen Vergißmeinnicht stehen. „Blume der Treu", rief Hulda, sich aus diesen schönen Kindern der Wiese einen Strauß windend. „Blume der Treu! Eines Engels Sinn offenbart deine de¬ mütige Bitte, wie dein Ange spiegelt des Himmels Bläue!" Als die Geschwister nun in den Schmaueuhof zurückkehren wollten, schloß sich ihnen auch Ehrhart au. Dankwart lud sie ein, einen kleinen Umweg über sein Luginsland zu machen. Dst Ge¬ schwister willfahrten ihm. Am sonnigen Rand eines Wäldchens, an dem sie hiuschritten, standen schon die kleinen Waldsoldaten. — 176 — Gottfried bückte sich, um einige von ihnen zn pflücken. „O Alpen¬ veilchen", sprach er leis'. „Dein Hauch gemahnt an süße Wander¬ freuden, auch daß Sommerlust nur währ ein Weilchen." Steigend gelangte die kleine Schar auf grünes Land, auf dem die schönen Milchsterne in solchen Mengen erblüht waren, daß die Wiese wie bestickt damit aussah. „O seht, die Sterne der Wiesen", rief Burgi. „Grünlich-weiß prangen sie lieblich als Wappcnstcrne des Landes, darinnen Bäche von Milch uns fließen." Der Wicsenweg endete in einem kleinen Bnchenhain. „Mächtige Buchen!" begrüßte sie Ehrhart. „Weit wieder spannet das grüne Zelt ihr Und winket, süße Rast im Schatten zu suchen." Die höchste der Buchen trug den Namen: Dankwartshöhe. Aus dem Buchenhain tretend, standen die Geschwister auf einem Felsvorsprung. Derselbe war mit einem zierlichen Gitter umbordet und von einem eisernen Schirm überdeckt, dessen Schaft und Rippen von Weinreben umrankt waren und von dem zur Herbstzeit blaue, rote und goldgelbe Trauben hcrabhingen. Die Bank, die hier stand, trug die Aufschrift: „Luginsland!" Unter diesem Schirm nun stand Dankwarts Staffelei. Eine Landschaft lehnte daran, die Dankmart mit poetischem Sinn sehr duftig gemalt hatte. Der Maler lud die Geschwister ein, sie zu besichtigen. Es war die Burgruine, die in goldener Abendhelle über den dämmernden Park zwischen den hohen, dunklen Fichten des Vordergrundes hindnrch- sah. Ein Hauch von Wehmut lag über dem Bilde. Man fühlte, Vergangenheit grüßte dort ans dem Bergschloß mit Feenhänden. Die Geschwister lobten das schöne Bild, das unwillkürlich jene sü߬ traurigen Gefühle in ihnen weckte, wie das Lied von der Loreley. Als sie wieder die Stimmung des Alltags gewonnen hatten und auf der höchsten Stufe der Bergterrasse angelangt waren, fragte Hulda : „Und wann werdet Ihr Euch bei der Waldlilie einfinden?" „Am ersten schönen Svnntagsnachmittage" einigten sich die Ge¬ schwister. — 177 — Und nm nächsten geeigneten Sommerabend erschienen die Schwanenkinder in Huldas Traumecke. Um einen Felssprnng biegend, traten sie ans eine gerundete Flüche, deren Mitte ein Marmorbassin einnahm. In diesem stand ans einer Rundsüule ein schlichtes Kind aus dem Bolke, das eiu Reh streichelt. Ueber den Rand der großen flachen Schale über ihrem Kopfe floß das Wasser gleich einem glänzenden Schleier nieder, der iin Sonnen¬ lichte in allen Regenbogenfarben schimmerte. Im Bassin wuchsen zarie Wasserpflanzen, zwischen denen gold- und silberschimmernde Fischlein hinglitten. Ein Rasenstreifen umgab das Bassin, in dem Monatrosen blühten. In der Bergnische aber standen Bänke, die von einer Gruppe hoher Edelkastanien überschattet waren. Die am weitesten vorspringende trug die Aufschrift: „Huldas Traumecke". An diesem kühlen, schattigen Orte ruhend, sah man in eine weite, sonnbeglänzte Gegend hinaus. Einige Zeit, nachdem sich die Geschwister plaudernd und lachend niedergelassen und die Aussicht bewundert hatten, erzählte Hulda, daß hier herum eiu Zannkönignest sein müsse. Sie habe es bisher vergebens gesucht. Vielleicht aber hätten die Geschwister mehr Glück als sie. Die Be¬ sucher zogen also auf Entdeckungen aus und jeder von ihnen sand — nicht eiu Zannkönignest — wohl aber ein niedliches Nest- körbchen, in dem auf Moos ruhend, malerisch ungeordnete Apri- kosen, Birnen und Pflaumen gehäuft waren, die man von den Spalieren des Gartens gepflückt hatte. Unter fröhlichem Lachen kehrte die Gesellschaft mit ihrem appetitlichen Fund zurück und man drohte der guten, bösen Hulda sich zu rächen für den fröh¬ lichen Betrug, dessen Opfer man geworden war. Man ließ sich indes die schmackhaften Früchte munden und fragte, ob die Zaun¬ könignester zurückzntragen seien. Vielleicht legten die guten Tierchen noch einmal so hübsche Eierchen hinein? Hulda aber meinte schalk¬ haft, das sei nicht wahrscheinlich. Sie erbitte sich die Nester viel¬ mehr, um sie als Andenken an diesen Tag aufhebcn zu können. Die Geschwister überreichten ihr lachend die Körbchen und Gottfried fragte: „Ist der geistige Genuß, den Du uns sicherlich bietest, Schwesterlein, auch mit solch einer kleinen Bosheit gewürzt, wie der leibliche?" 12 — 178 — „Ihr werdet es ja bald merken, ob der jüngste Sohn meiner Muse auch so ein ungezogenes Kind ist wie ich", gab Hulda zur Antwort. „Laß hören, laß hören", drängle Ehrhart. „Wo hängt Deine Leier, auf daß ich sie Dir reiche." Hulda laugte am Stamm einer Edelkastanie hinan, enthob ihre Leier dem Geäste, lehnte das Köpfchen an den Baum, fuhr präludierend in die Saiten und sprach ins Land hinausträumend: „Der Zauberer Lenz hält heute g'our! Da geh' ich hin und mach' Besuch. Die sechste Stunde zeigt die Uhr? Vale, meine Feder nun und Buch! Ich tret' in des Frühlings weiten Saal. Er war ganz neu erst dekoriert! Hellgrüner Sammet überall, Dunkle Fichten dazwischen gruppiert. Von obeuher fließet ein rosiger Schimmer Durchs Schleiergewölk der saphirenen Decke, Eine Kristallwaud sendet den Flimmer Der scheidenden Sonn' in die dunkelste Ecke. Die ganze Stadt war da zusammen. Es plaudern und lachen die Damen, die Herrn; Sie standen und saßen und gingen und kamen. Nur der Zaubrer, der blieb fern. Doch sieh, welch' grauser Spuck zeigt sich dort! Wolf Feurer zieht am Himmel auf; Mit gesperrtem Rachen schleicht er fort Und stellt lauernd sich in den Sonnenlauf. Die Sonne naht voll Majestät, Das Untier verschlingt sie ungalant Und von dem Feuer, das aus dem Munde ihm geht Geraten Himmel und Erde in Brand. 179 - Inmitten der Glitten des Hauses Herr Nun voll Anmut sich zeigt und Natur, Verneigt sich den Gästen, als sagte er: „Bedaure, zu Ende ist der four!" „Bravo, Zauberer Lenz!" ries Dankwart und da zu Ende ist der g'our, so laßt uns gehen!" „Nein, Nein," sagte Hulda, „erst müßt Ihr ja noch meine zahmen Fischlein bewundern" und sie lehnte ihre Harfe in einen Astwinkel, hüpfte von dem erhöhten Standpunkt herab zum Bassin, neigte sich und rief: „Goldener!", „Silberblitz"!, „Rubinaug!" und die Fischlein kamen herbeigeschwvmmen, nahmen ihr die Brot¬ stückchen aus der Hand, ja ließen sich von ihr fangen und aus dem Wasser heben. Als diese Wunderfischchen genug bewundert worden waren, zog Hulda kleine, sehr zierliche Sträußchen aus Gräsern, Glockenblumen, Margariten und Türkenbund aus dem Schilf, wo sie kühl gestellt worden waren und reichte sie den Ge¬ schwistern als Andenken au diesen Tag. „IckliuM mat»Aon!" rief Deukwart. „Orientalisch geputzt stehst du wieder im Bergwald Im Kreise schlichter deutscher Kinder schon?" Und Edeltraut sagte: „Glocken! Im Glase Zaubert ihr Duft und Lied bald und säuselnde Kühle Des Waldes mir her, wo träumend ihr standet im Grase." „Im Feldblumenstrauß", sagte nachdenklich Gottfried, „trag' ich heute geteilt das goldene Sonnenlicht, — In sieben Regen¬ bogenstrahlen nach Haus. — So hat, o Licht der Geister dich ge¬ spült — Der zage, erdgewohnte Menschenblick — Im lieblichen Regenbogen der Götterwelt." „Wenn wir Gottfried besuchen, muß es ein Sonittagvor- mittag sein", hatte da Edellrant gesagt. „Er ist unter uns erd- srohen Schwaueuhofblüten wie die Lilie, von der Rückert sagt: — 180 „Glänzende Lilie! Die Blumen halten Gottesdienst im Garten. Du bist der Priester der Familie." Und wirklich fanden sich die Geschwister am folgenden Sonn¬ tagvormittag in Gottfrieds Hain ein. Gottfried trat ihnen eichen- lanbumkränzt entgegen, wie ein Priester der Germanen. Um Edel- trants Meinung zu ehren, trug er eine Lilie in der Hand. Er bot den Geschwistern Gott zum Gruße und lud sie ein, sich ansznrnhen und sich die Eichenkränze, die vor ihren Plätzen lagen, ins lockige Haar zu drücken. Dann entnahm er aus einem Gesträuch fünf blühende Lilienstäbe und reichte sie ihnen. Sie sollten für jeden gleichsam die Verkörperung des Gelöbnisses sein, ihr Herz mit Fleiß zu bewahren. Hierauf ordnete er sie und hieß sie vor ihm in die blumen¬ geschmückte Kapelle zu ziehen. Und wie sie so dahinschritten, da schienen ihm die Geschwister so licht und schön, daß seine Phantasie ihnen nur die goldenen Flügel zu leihen brauchte, damit sie einer Engelfchar glichen. Der Klang der Wiudorgel überm Kapellen¬ dach schien sie zum Eintritt einzuladen. In der Kapelle setzten sich die frommen Gäste schweigend nach Stimmen, steckten die Blnmcnkerze in die dazu bestimmte Zwinge und schlugen das Ge¬ sangbuch auf. Gottfried nahm feinen Platz am Harmonium ein und bald erscholl ein vielstimmiger Choral, begleitet von orgelartigen Klängen, die Gottfrieds kundige Hand auf das Geheiß seiner gott- gcküßten Seele dem Harmonium entlockte. Es war als ob in der einsamen Kapelle aus der Höhe Engclchörc zum Himmel schallten und dort leise verklängen! Nachdem das andachtgetragene Lied in der Kapelle wie in den Herzen der Sänger verhallt war, er¬ hoben sich die Geschwister, steckten die Lilien in die sechs hohen engen Blnmengläser des Altares, nahmen die Kränze von ihren Häuptern hängten sie schön verteilt an den Kapellenwänden auf und blieben dann noch eine Weile bewundernd vor dem schönen Altarbilde stehen und Gottfried sagte: „Findet Ihr nicht, daß man nicht leicht ein passenderes Bild für die Kapelle auf dem Hügel hätte wählen können als dieses und seine Unterschrift? Sagt dem Ein- tretenden die verklärte Gestalt Christi nicht gleichsam: Erhebe Deine Seele über den Staub der Erde in den Glanz des Himmels, wie ich mich erhob" und: „Wo Gott ist, ist gut Hütten bauen!" „Und wie schön sind die Gefühle der Anbetung, der Demut, der Bewunderung in den Gestalten der drei Jünger in Christi Nähe aus¬ gedrückt und wie trefflich ist dargestellt, wie das Wunder auf die Menge wirkt, der es vergönnt war, es zu sehen," sagte Dankwart. Man weiß bei der Betrachtung dieser Menschengruppe nicht, was man mehr bewundern soll: die wundervolle Gruppierung oder die Mannigfaltig- keit und Schönheil der Stellung und Haltung, den schönen Falten¬ wurf der Gewänder oder den Zanber der Farbe die Plastik der Figuren oder den sprechenden Ausdruck der Gesichter. Es ist wahr¬ haftig ein gottbegnadeter Künstler gewesen, dem es gelungen, ein so vollendetes Werk zu schaffen." „Alle Größe ist ein Geschenk des Herrn", erwiderte Gottfried. Und doch gib: es Menschen, die das Weltall entgöttern und den Menschen entscelen möchten," sagte Burgi. „Aber mich soll kein falscher Wegweiser irre machen und wenn sie schockweise aus meinem Lebenswege stünden. Ich werde Gott nicht aus den Augen und nicht aus dem Herzen verlieren", „Notburga", sagte Gottfried feierlich, „dann bist Du in Wahrheit vor aller Not geborgen. Denn wisse: Wie dem ungeflügelten Gott der Erde Ein geflügelter Wurm den schimmernden Flügel webt (Wie es Gesetz ist daß) Aus beschwingtem Wesen nur ein beschwingtes werde, Wie am Himmelsfeuer die irdische Flamme Uns hiernieden jedes Licht nur am Licht erlebet, So gewiß ists, daß dem Geist nur ein Geist entstamme." Mit diesen Worten wandte er sich, nm die Kapelle zu verlassen. Schweigend folgten ihm die Geschwister. Als sie wieder unter Gottfrieds rauschenden Eichen laubbekränzt saßen, sagte er: „Lasset uns auch unseres Bolkes gedenken, wie wir Gottes gedachten. Jeder sage ein Sprüchlein von unseres Bolkes Art und Wert. 182 — Ich beginne, indem ich Schiller beschwöre: „Der Deutsche hat das köstlichste Gut in seiner Sprache, die alles ausdrückt: das Tiefste und das Flüchtigste, den Geist und die Seele, in einer Sprache, die voll Sinn ist. Unsere Sprache wird die Welt beherrschen." Dankwart sagte: „Der alte Perser lehrte sein Kind aus der ganzen Sittenlehre nichts als die Wahrhaftigkeit, so schön setzt sich die grammatische Aehnlichkeit seiner Sprache mit der unseren als moralische fort." Auch Ehrhart zitierte einen Ausspruch Jeau Pauls: „Das deutsche Turnier war dem Lügner so gut versperrt als dem Mörder." „Am deutschen Wesen wird einmal noch die Welt genesen, las ich jüngst, doch weiß ich nicht, wer dies Wort geprägt hat", gestand Burgi. „Jedem wohlgesinnten Deutschen ist eine gewisse Portion poetischer Gabe zu wünschen, als das wahre Mittel seinen Zustand, welcher Art er auch sei, mit Wert und Anmut einigermaßen zu umkleiden", sagte Edeltrant. „Kennt ihr dies Wort des Altmeisters Goethe?" „Noch ein Wort von deutscher Art und zwar noch eines von Jean Paul", sagte Hulda: „Der Deutsche gibt dem festen, langsamen Schreiben den Preis vor dem leichten her- und wegrauschenden Sprechen, ungleich dem Süden ist er weniger ein redseliges als ein schreibseliges Volk." „Genug für heute", sagte Gottfried Nun laßt uns noch ein Lied zum Preise unseres Volkes anstimmen. Aber welches?" „Ich rate: „Deutschlands Ehre" von Walter von der Vogel« weide," rief Dankwart. „Angenommen", sagten die Geschwister und bald erscholl der Hymnus auf das deutsche Wesen aus begeisterter Sänger Mund weihevoll unter den Kronen deutscher Eicheu hin. Als das schöne Lied verklungen war, sagte der Gastgeber in bedauerndem Tone: „Als wir kürzlich in Bnrgi's lindenumschatteten Hilttlein saßen, kredenzte sie uns köstliche Gartenerdbeeren. Ehrhart setzte uns seine herrlichen Waldkirschen vor und Hulda hatte eine Schar kleiner Zaunkönige gebeten, uns ihre gefüllten Moosnestchen zu überlassen. Dankwart hat uns schon zur Weinlese auf Lugins- - 183 — Land geladen. Was aber soll ich armer Einsiedler euch bieten? Ich habe nichts als meine Himbeerbüsche. Wollt ihr euch zu diesen be¬ geben, so sollen ihre kühlen Früchte euch vom Herzen gegönnt sein." „Natürlich gehen wir in die Himbeeren," sagten die Geschwister und stiegen unter Scherzen und Lachen den felsigen Abhang hinab zu einer halbkreisförmigen Bucht, die wie die Abhänge mit Him- beerbüscheu bekleidet war. Auf den Wegen, die zwischen dem Gesträuch hinführteu, zerstreuten sich die Geschwister zu fröhlicher Lese. Endlich fanden sie sich alle unten in der Felsenuische wieder zusammen nnd ließen sich an den Tischen, die unter hohen Fichten aufgeschlagen waren, zn kurzer Rast nieder, noch naschend an den Himbeer- sträußcn, die sie mitgenommen hatten und dabei muntere Worte wechselnd. „Der Waldbruder" rief plötzlich Hulda. Alle verstummten und sahen auf. Da kam von einer Anhöhe zierlich die Stufen des Weges hinaus und hinab schreitend das zahme Rehlein des Schwanen¬ hofes herabgewandelt. Hnlda lockte es mit einem Büschel zarten Grases zu sich und liebkosete es nnd alle weideten sich an dem an¬ mutigen Bilde. Und siehe, als die Geschwister auf sanft ansteigenden Schlangenwegen zum Schwaneuhof zurückkehrten, blieb „Waldbrüder¬ chen" ihnen traut gesellt. Unterwegs sagte Edeltraut: „Bei allen wäret ihr oder habt wenigstens versprochen, zu ihnen zu kommen. Nur mir hat keiner seinen Besuch angesagt." „Wir sind erst neulich bei dir gewesen, als du uns das schöne Lied vorsangst," sagte Hulda. „Ach, das war ja nur zufällig und auf viel zu kurze Zeit," meinte Edeltrant. Da versprachen die Geschwister, auch ihr einen Abend zu widmen und wählten dazu den Johannisabend. So kam es, daß sie am Sonnwendabend hinabschritten zn Edeltrauts ahornumranschten Bronnen. „Nun, ist unsere liebe Qucllnrpnphe zufrieden?" fragten die Gäste, während sie sich traulich auf „Edeltrauts Rast" niederließen. „Sehr", sagte Edeltraut herzlich und es wird euch nicht reuen, gekommen zu sein. Denn die Nacht wird zauberisch werden. Ist doch schon der Abend wundervoll. — 184 — „Aus ulken Fenstern blitzen Abendgluten! Vor der scheidenden Sonne goldenen Fluten Schwebt gleich einem grauen Nebelstreif Dort der Felsenkrone Zackenreif. Der Goldglanz weicht gemach dem Feuerschein, Als sollt's der Allmutter glühender Treuschwnr sein, Sie wolle morgen leuchtend im Osten stehen Und wieder liebend nach ihren Kindlein sehen." „Doch seht", rief Hulda, „das himmlische Feuer ist ver¬ glommen, dafür aber leuchten auf allen Bergen irdische Feuer auf. Es grüßen die Kinder des Lichtes die scheidende Mutter, die nun (wenigstens im hohen Norden) nur mehr gleichsam verstohlen in er¬ borgter Gestalt sür wenige Stunden in der Nacht erscheint, um ihrer Kindlein zu warten, für die Stiefmutter Nacht und Amme Erde so schlecht sorgen." „Auch meine Burgruine, die allzeit sonuengeküßte, grüßt mit Wehmut," sagte Dankwart. „Sieht sie in ihrem roten, grünen und fahlen Lichte heute nicht wie ein Feenschloß aus?" „Wie schön sind all' die funkelnden Lichter, droben die silber¬ schimmernden Sternbilder, die vielen glühenden Sternschnuppen da im Grase und das Heer der schweifenden Sterne dort im Baumdunkel!" rief Hulda aus. „Mir scheinen diese zauberischen Lichter gleichsam als viele, tröstende Grüße eines weltdurchdringendeu Lichtgeistes, der die Liebe selbst ist", sagte Gottsried sinnend. „Neigende Sterne!" sang Ehrhart. „Wie Boten der Sehnsucht irrt ihr in Wald und Feld, Nahet und flieht und verschwindet in dämmernder Ferne." Plötzlich zog durch die laue, rosenduftdurchhauchte Nacht der Klang eines Waldhornes, der von oben wie aus dem Himmel tönte. „Der Vater", sagten gerührt die Kinder und lauschten ent¬ zückt dem seelenvollen Spiel. — 185 — „Du mußt erwidern," sagte Gottfried zu Edeltraut und diese sang mit ihrer weichen in der Stille der Nacht weithin klingenden Stimme das Lied von der Nixe Loreley. Es paßte wunderbar zur Stimmung des Abends. Die Lichter auf den Bergen waren erloschen, die schwebenden Sterne verschwunden, die Diamanten im Grase verdunkelt. Dafür war der Mond heraufgestiegen und hatte mit seinem Silberlichte die Gegend in eine zauberische Helle getaucht und unten im Tale stiegen aus dem Flusse die weißen Nebel wunderbar. Nachdem die Geschwister sich der Kühle und Stille, wie des Friedens dieser schönsten aller Nächte gefreut hatten nnd sich zum Heim¬ gänge rüsteten, bat sie Edeltraut, mit ihr den Abschiedstrunk zu nehmen und sie kredenzte ihnen im Brunnen gekühlten, herrlichen Johannis- bcerwein, der ans dem Schwanenhofe selbst gemacht worden war. Und die Brüder und Schwestern lobten das wohlschmeckende Getränk, dankten Edeltraut und priesen sie; nnd alle lobten die Sonne, die durch das Medium des Mondes so lieblich leuchtete, uud rühmten den Schöpfer so vieler Freuden oben im Sternenreich. Indes sie dann dem Schwanen« Hof zuschritteu, sagte Edeltrant: „Wie doppelt erfreuend war mir dieser schöne Abend in eurer tränten Gesellschaft. Ich bin sonst im rauschenden Garten gerne allein, Wenn ans Wänden nnd Wegen liegt silberner Schein! Wenn rings in der Runde der Menschen Lichter stehen, lieber den Himmel die schimmernden Bilder gehen, Auf sich türmen die Wolken, die silberlichten, Wie gotische Türme ragen die dunklen Fichten, Aus lichtem Boden die schwarzen Astgitter liegen, An Helle Wände sich zarte Baumschatteu schmiegen, Die Scheiben leuchten so himmlisch hell, Der Nachtwind zieht durchs rauschende Buchenlaub schnell, Der Wald dort trägt den Blond als silberne Kron, Und den Nachtgruß vom Berge ruft einer Glocke Ton. Aber eure liebe Nähe macht mir jeden Genuß holder. Eure Fröhlichkeit scheint mir so reizend wie euer sinnender Ernst und — 186 — all' eure Gedanken und Werke ergreifen mich und scheinen mir voll Größe, weil sie aus einem frommen, wahren, Irenen Herzen kommen. O, ich kann es mir kaum denken, daß auch für uns Kinder des Schwanenhofcs einmal Sonnenwende kommen wird. Ich glaube, ich werde vor Sehnsucht nach euch, nach dem Schwanenhof und nach meiner so unendlich glücklichen Jugendzeit vergehen " „Liebe Edeltraut", sagten die Geschwister, sie zärtlich tröstend. „Wo sind deine stolzen, schimmernden Luftschlösser, die du so gerne in die Nebel der Zukunft maltest?" „Ach", sagte Edeltraut. „Ich habe jetzt oft ein seltsam ahnungs¬ volles Znkunftsgesicht. Ich will es euch sehen lassen: Jni Märchenmald der Jugend ich träumend stand, Ein wonnig Märchen mir selber. Ich sah vom Strand, Weit und glänzend liegen der Zukunft Meer, Ans dem Duft der Ferne schimmert ein Lustschloß her. Durch die Wellen des Lebens trug mich das Schifflein Zeit, Doch vom fernen Gestade sehnsuchtsvoll wieder breit Ich die Arme nun nach dem goldenen Strand zurück, Denn die Jugend allein, die Jugend nur war das Glück." Unbemerkt von den Geschwistern war der Vater zu ihnen getreten und hatte Edeltrauts Worte gehört. „Kinder", hatte er gesagt, „wenn einst die ganze Welt ein bewohnter Garten sein wird und jedes Haus ein Schwanenhof, in dem Gesundheit und Schönheit, Unschuld und Fleiß, Gottesfreude und Menschenliebe, Wahrheit und Treue, und der hohe Sinn für alles Große, Schöne und Gute wohnen, dann wird der Mensch auf der ganzen Erde zu Hanse sein und sein Lebeussrühling wird niemals enden. Traget das Eure dazu bei, damit die Erde wieder zum Paradiese werde." An diese Worte des Vaters erinnerte sich Edeltraut allezeit, wenn sie wieder im Schwanenhof weilte und stets schied sie mit dem erneuten Vorsatze, in ihrem Berufe das ihre redlich tun zu wollen, damit dieses Ziel erreicht werde. — 187 — Edeltrauks Zeichenunterricht. Neben ihrem Großmütterchen im Parke des Schwaneuhoses sitzend, zeichnete nnd malte Edeltraut noch manches Blumenstück und manche Tierstudie, manche kleine Landschaft nnd manchen Stndienkopf. Und sie freute sich, wenn ihr ihre Arbeit gelang und sie war glücklich, sie ihrem Großmütterchen zeigen zn dürfen und stets dachte sie daran, wie sie ihren Schülerinnen dies Glück des Zeichnens nach der Natur verschaffen könnte. Da Edeltrant in jener Zeit gerade Schülerinnen des zweiten Schuljahres zu unterweisen hatte, würde sie wohl den Versuch in ihrer Klasse nicht gewagt haben, hätte ihr nicht ein Erlebnis da¬ zu Mut gemacht: — Als sie Lehramtszögling war, hatte ihr Direktor ihren Jahrgang in ein Taubstnmmeninstitut geführt, um den Schülerinnen einen Begriff von der Unterweisung solcher Unglücklicher zu geben. Unter den Kindern dieser Schule fand sich nun ein sechs¬ jähriger Knirps, der alles, was man ihm vorhielt, auf das kor¬ rekteste, mit den feinsten, geradesten und reinlichsten Linien nach- zeichneie. Das perspektivische Sehen muß also etwas so Schwieriges nicht sein, als es gewöhnlich hingestellt wird, dachte Edeltraut, konnte aber keine für den Masfenunterricht paffende Methode finden. Endlich entdeckte sie einen erfolgverheißenden Ausweg. Sie erschloß den Kindern das perspektivische Sehen durch das Luftzeichnen. Um ihren Kleinen im Schulzimmer in dieses Luftzeichuen einsührcn zu können, wählte sie das Auskunftsmittel, das der erste Schreiblehrer ergreift, nm den Kindern das Nachbilden der Bnchstabenformen zu erleichtern. Er schreibt die neue Buchstabeuform vor und läßt sie in der Luft groß nachzeichnen, bevor sie auf der Schülertafel dargestellt wird. Sie hieß die Schülerinnen den Linien der wirklichen Dinge in der Luft mit stets gestrecktem Arme nachfahren. Dadurch entsteht gleichsam auf einer Scheibe gefrorener Luft eine zwar unsichtbare aber nach Größe und Perspektive vollkommen richtige Zeichnung. Edeltrant sollte nach ihrem Lehrplane Lebensformen zeichnen lassen, die dem Anschauungsunterricht entnommen waren. Sic ließ nun den gewählten Gegenstand entweder selbst, oder wenn das gewählte — 188 Ding nicht in natnrn zu beschaffen war, von den großen Tabellen für den Anschauungsunterricht zeichnen. Dadurch, daß diese Tabellen in be¬ deutender Entfernung vor den Angen der Kinder hingen, wirkten sie wie natürliche Landschaften, durch ein Fenster gesehen. Edeltrant ließ nun den von ihr bestimmten Gegenstand von allen Schülerinnen gemeinsam mit dem Finger in der Lnft wiederholt uachzeichnen. Sie lehrte die Lange, Breite und Höhe des Modelles in der Lnft mit dem Griffel messen nnd das Maß auf die Schiefertafel anf- tragen, nnd verlangte nun zuweilen auch schon, daß die Kinder den Umriß des Gegenstandes allein anfertigten, der nun na¬ türlich nmso kleiner ausfiel, je weiter rückwärts eine Schülerin saß. Gewöhnlich aber zeichnete sie das Ding ans die Schultafel selbst vor, nm ihre Schülerinnen all' die kleinen Kunststücke lehren zu können, die das kleine Nachbild genauer nnd gefälliger ausfallen ließen. Sie zeigte ihnen das Verwischen als eine Art Anlegen, das den Körper aus dem Hintergründe hebt, oder als ein einfaches Mittel, den Schein der Körperlichkeit des Ge¬ genstandes im Bilde zn erzeugen, endlich als Behelf, um einen ausfüllenden Untergrund für Haare, Federn, Gras nnd der¬ gleichen zu schaffen. Sie lehrte sie den Kunstgriff des Heraus¬ löschens, um den höchsten Punkt an einem Gegenstand oder die am stärksten beleuchtete Stelle herauszubringen, das Verwischen oder Verschärfen der Konturen, um Nähe oder Entfernung der Teile auszudrücken, das Herauslöschen von lichten Streifen oder Flecken, um Zwischenräume zu erzeugen und dergleichen mehr. Sie wurde nie müde, den Schülerinnen beständig all ihr Tun zn erklären und zu begründen. Später nahm sie wirkliche Dinge zum Vorbild und verfuhr mit ihnen wie mit den Bildern. Dann ermunterte sie die Schüler, nicht das Tafelbild nachzuzeichuen, sondern ihr eigenes Bild von dem Dinge, und sie freute sich, wenn ehrliche Schüler nur das zeichneten, was sie von ihrem Platze aus von dem Dinge sahen, so daß nicht nur jede Schülerin den Gegenstand in einer ihr eigenen Größe, sondern auch von einer andern Seite darstellte. Später ging Edeltraut über die Schulstnbe hinaus und zeich¬ nete Dinge vor, die man durch das Fenster sah. Vorher hatte sie dieselben ans Fenster selbst von der Natur gepaust, um den Kindern — 183 — dieses hübsche und lehrreiche Vergnügen des Anzeichnens der Außen¬ welt am Fenster kennen zu lehren. Sie forderte die Schülerinnen auf, wo sie süßen, stünden und gingen die Natur mit gestrecktem Arme in nnd durch die Luft zu zeichnen und womöglich an jedem Tag mich eine kleine Tafel- oder Papierzeichnuug auzufertigen. Später gab Edeltraut jedem vorge- zeichueteu Gegenstände auch einen passenden Hintergrund, so daß stets ein kleines Bild entstand. Partien, die nicht vollendet werden konnten, wurden in Nebel gehüllt, so daß dennoch ein Ganzes entstand. Oft ließ sie den gezeichneten Gegenstand z. B. einen Baum ans der Tafel stehen, zeichnete den Gegenstand der nächsten Stunde dazu, z. B. einen Wage» aus der Straße und in der dritten Stunde einen Hansteil mit Tor, Schild und Krippe, so daß allmählich wieder ein ganzes Bild entstand. Wie freute sich Edeltraut, wenn ihr das Tafelbild nnd ihren Kindern die Miniatur, die alles wieder- gab, gelang und sie hoffte, daß eine heute vergessene, menschliche Anlage, welche sich einst im Portraitiercn nnd Sticken nach der Natur so häufig geäußert, nun wieder durch die Schule Gemeingut des Volkes werden könne. Die Kunst aber, die unter allen Wesen nur dem Menschen gegönnt ist, schien Edeltraut allezeit auch die menschenwürdigste Beschäftigung und jedes Tun zur von Gott in¬ spirierten Kunst zu erhöhen, bäuchte ihr die irdische Aufgabe des Menschen und sein wahres Glück. Die Schillerfeier. Einst konnte Edeltrant ihr Kunstgeschick in den Dienst einer Eriunernngsfeier stellen. Es mar an ihrer Schule angeordnet morden, den Todestag Schillers, der sich zum huudertstenmale jährte, auf würdige Weise zu begehen. Der Unterricht entfiel und an seiner Stelle hatte in den einzelnen Klassen eine passende Gedenkfeier zu treten. Edeltraut hatte sich ein schönes Bild Schillers verschafft nnd das Schulzimmer damit geziert. Das Bild war am Tage der Gedenkfeier mit einem Eichenkranz nmwnnden. Auf der Schultafel aber hatte Edeltraut den gleichen Eichenkranz gezeichnet und aus einem hineingewundenen Band die Worte geschrieben: „Dem un¬ sterblichen Dichter Friedrich Schiller!" — 190 — Als die in Sonntagskleidern erschienenen, blumengeschmiickten Schülerinnen ihre Plätze eingenommen hatten, ließ Edeltrant sie das Morgenlied von Schiller singen, dann sprach sie zu ihnen: „Ihr wißt, der Mensch besteht aus Leib und Seele. Er muß seinen Leib pflegen, aber er soll auch seinen Geist nähren. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch vom Worte, sagt schon die Bibel. Aber während die Kinder über die Schönheit der Erde leicht die Blüh' und Not des Lebens vergessen, so vergessen die Erwachsenen über der Sorge für die Notdurft des Lebens nur zu leicht ans die Sorge für den Geist. Vergebens sehen sie im nährenden Kornfelde auch den roten Mohn, die blaue Kornblume nnd die purpurfarbige Rade stehen. Unverstanden von ihnen, erhebt sich die jubelnde Lerche aus der Ackerfurche in die Wolken. Umsonst vollzieht sich alljährlich vor ihren Augen das alte Wunder, daß die 'm Staube kriechende Raupe sich endlich geflügelt, als ein schimmernder Schmetterling in die Lüfte schwingt. Damit nun der Mensch nicht etwa über der Sorge nm das Irdische endlich gar wieder auf vier Tierklauen medcrsinke, erweckt Gott von Zeit zu Zeit große Männer, die uns menschenwürdig leben und voll Seelengröße sterben lehren. Solche Männer waren die Propheten, Helden, Dichter, Künst¬ ler, Gelehrten nnd Redner. Und diesen Lehrern der Menschheit hat Gott ein königliches Erbteil verheißen. Von ihnen heißt es in der Bibel: „Die Lehrer werden leuchten wie der Sonne Glanz nnd wie die Sterne, immer und ewiglich?' „In solch allverklärendem Lichte aufgegangen, indessen Glanz Unsterbliche gelangen," ist auch der große Mann, den man heute vor hundert Jahren als einen Fürsten des Geistes zu den Fürsten dieser Erde in die Gruft der Herzöge von Weimar hinabgesenkt hat: Unser Friedrich Schiller. In seinen Gedichten, Dramen, Erzählungen, Briefen und Aufsätzen sind tausende der erhabensten Wahrheiten und Lehren ausgestreut. „Die Unschuld hat einen Freund im Himmel", heißt es da zum Beispiel an einer Stelle. „Dem Mutigen hilft Gott" — 191 — steht an einem andern Orte. „Verbunden, werden auch die Schwachen mächtig", ermahnt er uns. „Ein jeder zählt nur sicher aus sich selbst", läßt er einen wackern Mann sagen. „Unbilliges erträgt kein edles Herz", ruft eine seiner Franengestalten aus. „Ein tiefer Sinn wohnt in den alten Bräuchen, man muß sie ehren", lehrt er uns durch den Mund eines würdigen Greises. „Früh übt sich, was ein Meister werden will", ruft der Dichter der Jugend zu. „Hoher Sinn liegt oft im kind'schen Spiel" und „der Jugend glückliches Gefühl ergreift das Rechte leicht", gibt er den Alten zu bedenken. „Gott ist überall, wo man das Recht verwaltet", tröstet er die Guten. „Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen", warnt er die Bösen. Und wie Schillers Schriften voll schöner, wahrer Gedanken sind, so stellt dieser erleuchtete Dichter uns Hunderte schöner Beispiele hin in den edlen Männern und Frauen, die durch seine Werke schreiten. Das herrlichste Beispiel ist uns aber der seltene Dichter selbst, von dem seine Zeitgenossen sagten: „Hinter ihm in wesenlosem Scheine Liegt, was uns alle bändigt, das Gemeine." „Der Staub selbst, den er berührt, verwandelt sich in Gold", sagte sein großer Freund Goethe von ihm. Schiller selbst ist sichs bewußt, von Gott über Tausende er¬ hoben worden zu sein. Für diese höhere Menschenwürde sagt er ihm in einem wunderschönen Gedichte Dank. In diesem ruft er ans: „Daß du mein Auge wecktest zu diesem goldenen Lichte, Daß mich dein Aether umfließet, Daß ich zu deinem Aether hinauf einen Menschenblick richte. Der ihn edler genießt, Daß du einen unsterblichen Geist, der dich Göttlicher denket Und in die schlagende Brust, Gütiger, mir des Schmerzes wohltätige Warnung geschenket, Und die belohnende Lust, — 192 Daß du des Geistes Gedanken, des Herzens Gefühle zu tönen. Mir ein Saitenspiel gabst, Kränze des Nnhmcs und das buhlende Gluck Deinen stolzeren Söhnen, mir ein Saitenspiel gabst, Daß dem trunkenen Sinn, von hoher Begeisterung beflügelt, Schoner das Leben sich malt, Schöner in der Dichtung Krystall die Wahrheit sich spiegelt, Heller die dämmernde strahlt, Großer Gott, dafür soll, bis die Parzen mich fordern, Dieses Herzens Gefühl Zarter Kindlichkeit voll in dankbarem Strahle lodern, Soll ans dem goldenen Spiel Unerschöpflich dein Preis erhabener Bildner fließen, Soll dieser denkende Geist An dein väterlich' Herz mit süßer Umarmung sich schließen, Bis der Tod sie zerreißt." Dieser erhabene Geist des herrlichen Dichters ist ein Erbteil seines Volkes. Schon die Römer priesen den hohen Sinn der alten Deutschen, der auch aus ihren blauen Augen strahlte. Deutsch ist Schillers ganze Art. Deutsch ist auch die Fähigkeit, überall den Kern, das Wesen der Dinge zu erkennen. Deutsch ist das Vermögen mit dem Schlüssel der Einbildungskraft und des Gedankens, jede dem Auge verschlossene Pforte zu erschließen. Schiller hat niemals das Meer, die Alpen, Wasserfälle, Strudel und Wirbel gesehen und wie trefflich weiß er sie zu schildern. Nie geschaute Tiere, längst vergangene Zeiten, nngekannte Menschen, weiß seine Feder uns mit unerreichter Wahrheit vor die Seele zu zaubern. Eine Probe dieser Kunst gibt er uns in der Erzählung vom Taucher. Sie ist in Versen geschrieben. Ich will sie euch vortragen. Und Edeltraut erzählte diese poetische Dichtung, wie sie einst eine berühmte Schauspielerin in der Rolle der Sappho, das Lied: „Goldene Aphrodite" hatte sprechen hören, so schlicht und natürlich, als wäre die Sprache der Poesie ihre tägliche Umgangssprache. Edeltrauts geistige Versenkung in den Stoff, ihre Bescheidenheit, wie das Bestreben durch ihren Vortrag den Kindern das volle Verständnis - 193 — des Gedichtes zu erschließen, sowie ihre klangvolle Stimme sicherten ihrer Deklamation schon an und sür sich eine große Wirkung. Diese aber wurde noch erhöht durch Edeltrauts schöne Aussprache. Seit die junge Lehrerin jene berühmte Schauspielerin wie Musik sprechen gehört hatte, war sie unablässig bemüht, ihre eigene Aussprache zu verbessern Sie hatte sogar die einmal durch Bauschäden des Schulhauses mitten im Winter verursachten Ferien dazu benützt, um bei einer Schauspielerin der Hauptstadt Vortragsstuuden zu nehmen. Und dank solcher Bemühungen übte sie endlich durch ihren Vortrag einen vielen Menschen unerklärlichen Zauber aus ihre Hörer aus. Wie immer, waren auch diesmal die Kinder durch Edeltrauts Gabe zu erzählen, entzückt. Nach einer Pause, während welcher die Kinder Zeit hatten, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden, sprach Edeltraut: Solcher schöner Erzählungen verdanken wir dem großen Dichter noch viele. Aber es gibt keine Dichtungsart, in welcher er nicht Herrliches ge¬ schaffen hat. An seinen Rätseln habt ihr euch schon öster ergötzt. Eines der schönen Lieder, die er in seine Schauspiele eingeflochten hat, haben wir heute Morgen gesungen. Drei andere sollen euch durch den Mund eurer Mitschülerinnen bekannt werden. Hella wird euch das Lied vom Fischerknaben vorsprechen. Und vor die Schülerinnen trat ein blondlockiges Mädchen mit blauen Schelmenaugen und begann mit lieblich einschmeichelnder Stimme ihre Rede mit anmutigen Gesten begleitend: „Es lächelt der See, er locket zum Bade. Der Knabe schlief ein, am grünen Gestade. Da hört er ein Klingen, wie Flöten so süß, wie Stimmen der Engel im Paradies. Und wie er erwacht in seeliger Lust, da spülen die Wasser ihm um die Brust und es rüst aus den Tiefen: Lieb Knabe bist mein! Ich locke den Schläfer, ich zieh' ihn herein." Als das Kind mit triumphierendem Rufe, wie die Seejungfrau selbst, geendet hatte, trat ein etwas größeres Mädchen mit dunklem Haar und dunklen Augen in dem ernsten Gesichtchen heraus und trug das Lied des Alpenjägers vor. Edeltraut hatte ihr das Gedicht auf die Schiefertafel geschrieben, mit all' jenen Wörtern, welche der Dichter — 194 — des Versmaßes wegen ausläßt, der Verstand des Lesers hineindenkt und die Kunst des Vortragenden aber heraushören lassen muß. So kam es, daß das Kind nun durch Worte, Pausen und Gesten zu erzählen schien: „Hörst du? Es donnern die Höhen, es zittert der Steg! Nicht graut dem Schützen dort oben (mehr) auf (seinem) schwindlichen Weg. Sieh, er schreitet verwegen (selbst) auf Feldern von Eis — Da pranget (niemals der)-(kein) Frühling, da grünet (nirgends ein) (kein) Reis. Und unter den Füßen ein nebliches Meer (habend), Erkennt er (selbst) die Städte der Menschen nicht mehr. Durch den Riß nur der Wolken erblickt er die Welt, (Erblickt er) tief unter den Wassern das grünende Feld." Nachdem das Kind mit großem Ernste gesprochen hatte und wieder zurückgetreten war, nahte ein drittes Mädchen mit frischen, roten Wangen und sonnigen Augen. Es hatte die braunen Zöpfe zum Kranze um das Köpfchen gewunden und begann mit Heller, rufender Stimme: „Ihr Matten, lebt wohl! Ihr sonnigen Weiden! Und bedauernd klang es: Der Senne muß scheiden, Der Sommer ist hin. Und tröstend, verheißend nach dem wehmütigen Abschiede tönte es: Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder, Wenn der Kuckuck ruft, wenn erwachen die Lieder, Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu, Wenn die Bcünnlein fließen im lieblichen Mai. (Bis dahin aber) — 195 — Ihr Matten lebt wohl! Ihr sonnigen Weiden, Der Senne muß scheiden, (denn) Der Sommer ist hin." Dank Edeltrauts Verstand und rechtem Sinn trug auch dieses Kindmit wenig Kunst sein Gedicht gut vor. Edeltraut aber ergriff das Schlußwort und sprach: Jedes dieser kleinen Gedichte ist gleichsam eine Perle, die uns derWichter geschenkt hat. Heute ließ ich sie euch sehen. Wenn ihr größer werdet, könnt ihr selbst eindringen in die Schatzkammer Schiller'scher Dichtung. Voll Entzücken werdet ihr dann vor den Edelsteinen seiner Gedanken stehen und die kunstvolle Goldfassung derselben bewundern. Und wenn ihr daun die Türe der Schatzkammer wieder hinter euch schließet, werdet ihr euch selber bereichert fühlen und der Gold- glanz der Dichtung wird euer Leben erhellen, wie Sonnenschein. Hundert Jahre heißt es, braucht's, bis ein neuer Gedanke aus den geistigen Höhen, in welchen große Männer stehen, hinab ins Volk dringt, das die Niederungen bewohnt. Hundert Jahre voraus reden große Männer mit uns. Seht, hundert Jahre sind heule verstrichen, seit Schillers Gedanken in die Welt hinauszogen. Die Zeit ist gekommen, da sie im Volke Wurzel schlagen, da sie Blüte und Frucht bringen sollten. Und siehe da, an seinem 100. Todestage spricht man zu den Kindern des Volkes von dem großen Dichter, und die Volksschüler werden mit dem Bildnisse dieses edlen Lehrers der Menschheit beschenkt. Ich wollte, es wäre unter sein Bild ein bedeutsamer Spruch aus seinen Werken gedruckt worden. Ich habe dies Versehen gut gemacht und euch als Mahnung, eurer Menschenwürde stets eingedenk zu sein, Schillers Worte an die Dichtkunst geschrieben. „Was ich ohne Dich wäre, ich weiß es nicht, Aber ich schaudere, seh ich, was ohne Dich Hundert und Tausende sind." — 196 - Mit diesen Worten übergab Edeltraut den Kindern die ihnen von der Schule gespendeten, hübschen, kleinen Bildnisse des Dichters und schloß die Feier mit dem Wunsche: „Der teure Name Friedrich Schiller möge nicht ersterben auf den Lippen deutscher Kinder und sein Geist in allen Guten weiter leben." Bei diesen Worten steckte sie ihren Maiblumenstrauß als ein Liebesopser in die Blumen- schale unter des Dichters Bild und die abzieheuden Schülerinnen streuten Blüten auf die Stufen des Altares, der hier dem Idealis¬ mus errichtet worden war. XIII. Edeltrauis Kechtfchreibunkerricht. Weil Eveltraut sich so viele Mühe gegeben hatte, eine schöne Aussprache zu erwerben, drang sie auch bei ihren Schülerinnen unablässig darauf. Wußte sie doch, welch einen Vorteil diese Gabe eines feinfühligen Ohres beim Sprechen, Erzählen und Wiedergeben von Gedichten gewährt. Ist es doch, als ob dem Schönsprecher Gold aus dem Munde rollte, und als ob dem, der die Worte breit und häßlich ausspricht, Kröten heraussprängeu. Aber nicht nur im Sagen, auch im Singen brachte den Kindern die schöne Aussprache reichen Gewinn. Denn der Zauber der Melodie wird durch eine häßliche Aussprache zerstört und das schönste Lied durch sie lächerlich. Der dritte Grund, warum Edeltraut auf eine schöne Aus¬ sprache hielt, war der ungeheuere Nutzen, den diese Errungenschaft eines feinen, schönheitsfrohen Geistes für die Rechtschreibung hat, für die Rechtschreibung, diesem Schmerzenskinde der Volksschule, diesem Hindernis der Sülübungen im Masseuuntcrnchte. Edeltraut wußte, daß die Kunst, seine Gedanken richtig anfzuschreiben, vor allem auf der Fähigkeit ruht, sich dieselben richtig, wenigstens im Gedanken vorzusprechen und diese Aussprache zu belauschen. Sie wußte, daß ein gutes musikalisches Gehör hierbei von großem Vorteil ist und daß Kinder mit schlechtem, musikalischem Gehör auch immer schlechte Rechtschrciber sind. Sie wußte endlich, daß Kinder, die viel lesen, von selbst rechtschreiben lernen, weil dieselben Worlbilder während des Lesens oft vor den Augen vorbeigleiten. -- 197 — Aber sie wußte auch, daß es noch besser sei, die Gründe für die Rechtschreibung zu kennen, namentlich die Abstammung der Wörter und daß der zur rechten Zeit gebotene Grund für die Rechtschreibung eines Mortes für immer allem Schwanken bei seiner Schreibung ein Ende macht. Darauf baute Edeltrant ihren Rechtschreibunterricht. Die Kunst, seine eigene Sprache zu belauschen, wurde durch Kopflesen und Kopfbuchstabieren, wie durch Taktschreiben und end¬ lich durch Aufschreiben aus dem Gedächtnisse erlernt. Die schöne, richtige Aussprache förderte Edeltraut durch häu¬ figes Vorträgen poetischer Zugaben zu den Unterrichtsgegeustäuden. Das musikalische Gehör übte sie durch tägliches Singen. Es gab kein Gedicht des Lesebuches, das nicht gesungen wurde. War keine Melodie dazu da, legte sie selbst eine dem ernsten oder heiteren Charakter des Gedichtes angemessene fremde unter. Außerdem wurden alle schönen Lieder des Liederbuches gesungen. Um nicht etwa zwar viele Lieder aber keines ordentlich einzuüben, griff sie zu dem Aus¬ weg, dieselbe Melodie mehreren Gedichten unterzulegen. Gelesen wurde jeden Tag, heute ein Lesestück, morgen der Stoff für die Rechtfchreibübung, übermorgen ein als Zugabe ein¬ geschobener Liedertext oder das zum grammatischen Zergliedern be¬ stimmte Sprachstück. Gewöhnlich schrieb Edeltraut diese Lesestoffe in Lateinschrift auf die Tafel, während die Schüler sie in Current- schrifk abschrieben. Anfangs ließ Edeltraut dann die Schülertafeln ein¬ räumen und reihenweise von der Schultafel lesen. Jede Schülerin las nur ein Wort. Aber nur die vermochte es, die lesend ge¬ schrieben hatte. Waren Sätze ausgeschrieben, so ließ Edeltraut auch im Chore lesen. Hier hatte sie häufig mit dem Schulton zu kämpfen. Sie erkannte, daß dieser Schulton nur der Gedankenlosigkeit ent¬ springt und daher nur durch Verhütung derselben beseitigt werden kann. Der denkende Sprecher betont nämlich die bedeutungsvollen Wörter und Silben und spricht sie dabei langsamer, über alle Formwörter und Nebensilben aber gleitet er rascher und stiller hinweg. Edeltraut klopfte also beim Chorlesen von der Schnltafel schnell ans diese bedeutungsvollen Wörter und zwang so die Schülerinnen, die Nebenwörter schneller und stiller zu lesen und siehe dadurch wurden — 198 — die Kinder der gedankenlosen Trägheit entrissen, und der Leierton wich dem verständigen Lesen, Deklamieren oder Singen. Die Kinder zum Lesen anzueifern, las Edeltraut jährlich wenigstens eine, ost auch zwei oder drei längere Erzählungen vor. Meist wählte sie dazu Heinrich von Eichenfels von Christof Schmidt, um den Sinn für die Schönheiten und Wunder der Natur zu wecken, die Ostereier, von demselben Verfasser, um das Interesse und die Liebe zu den Tieren zu fördern und endlich Robinsonovo« Campe, um den Kindern die Geschichte der menschlichen Erfindungen in den Schicksalen eines auf sich allein und Gott angewiesenen, uner¬ fahrenen jungen Menschen vorzuführen und so das Interesse für Geschichte und Erdkunde in ihnen anzubahnen. Ueberdies schenkte Edeltraut ihren Schülerinnen alljährlich ein-, oft auch zweimal, gute, aber billige Bücher, um ihnen eine Freude zu machen, um ihnen ein gutes Lesebuch zu bieten, darin sie ohne Zwang denkend lesen konnten und um ihnen für Geist und Herz, für Schule und Haus einen Freund und Lehrer zu verschaffen. Konnte Edeltraut sich nicht mit Recht für eine getreue Arbeiterin im Weingarten des Herrn halten? Um den Rechtschreibunterricht zu fördern, verband ihn Edeltraut ferner mit dem Schönschreibunterricht, d. h., sie wählte die zum Schön¬ schreiben bestimmten Wörter zwar in Hinsicht der Form nach der im Schönschreibeunterricht üblichen, entwickelnden Folge; aber unter den ihr für eine Form zu Gebote stehenden Wörtern, wählte sie solche, deren wiederholtes Schreiben die Rechtschreibung förderte. Sie ließ auch diese Wörter nur eine Zeile lang wiederholen, so wie sie jede Buchstabenform in der zweiten Klaffe nur drei Zeilen hindurch schreiben ließ. Die Kinder ihrer Klaffe schrieben nur vier Schönschreibhefte im Jahre. Das erste Heft enthielt die Kleinbuch¬ staben und die Wörter, in denen diese Lautzeichen angewandt waren. Das zweite Heft brachte die Großbuchstaben und deren Anwendung. Beide Hefte wurden von der Tafelvorschrift Edeltrauts gemeinsam im Takte abgeschrieben. Das dritte Heft brachte Wörter mit Großbuchstaben; jede Seite wies Beispiele aus einem andern Kapitel der Rechtschreibung — 199 — auf: z. B. eine Seite: Wörter mit Zwielauten, die andere: Wörter mit Umlauten usw. Dazu wählte Edeltraut überdies womöglich ähnlich lautende oder von einander abstammende Wörter. In diesem Heft wurde jedes Wort nur einmal geschrieben. Es wurde, nach dem seine Schreibung durch Abschreiben von der Schultafel ans die Schiefer¬ tafel durch Lesen und Besprechen eingeprägt worden war, im Hefte nicht mehr nach der Vorschrift, sondern frei aber noch gemeinsam im Takte geschrieben. Um den Kindern die Wörter, die sie so schreiben mußten, lieb zu machen, kleidete Edeltraut dieselben vor dem Aufschreiben oder nachher in Rätsel oder sagte Verse, Sprüche und Sprichwörter, in denen sie vorkamen. Wenn sie dieselben takt- schreiben ließ, sagte sie diese Wörter mit Hilfe solcher Sätze an, oder fragte in Form vori Rätseln nach ihnen aber wieder mit neuen, anderen, nm ja keine Langweile anfkommen zu lassen und die Kinder stets geistig rege zu erhalten. Sie hatte bemerkt, daß Schrift und Zeichnung, ja selbst der Gang des Menschen von der Regsamkeit des Geistes gefördert wird, und nichts in Dumpfheit und Stumpf¬ heit gedeiht. Edeltraut brauchte für ihren Schreibunterricht natürlich Hun¬ derte von Rätselfragen, Scherzrätsel oder kleiner Rätselgedichte und dazu sehr häufig zu Wörtern, die Abstrakta waren. Fand sie in ihren Büchern keine passenden, so machte sie selbst welche. So bildete sie eines einem altdeutschen Rätsel von der Kuh nach, das lautete: „Vier gängen, Zwei hängen, Zwei drohen, Zwei lohen, Zwei wachen, Zwei machen, Bim bam, Ueber eins Mußt du lachen!" Weil das Bild von der Ziege noch im Schulzimmer hing, wars so schwierig nicht, das Rätsel zu deuten. — 200 — „Wer kennt das Kindlein aus den Wiesen, Das dort im März vom Schlaf erwacht? Es haucht den Atem hin, den süßen, Und rüst: „Aus ist des Winters Nacht!" fragte Edeltraut ein anderesmal und die poetische Form und der Kinder Liebe zu den Blumen erleichterte die Lösung des Rätsels. „Aus einem Bein Das Männlein klein, Im Walde steht's! Im großen Hut, Deckt's sich so gut, Man übergeht's!" sagte sie ein andermal. Und da die neun Wörter für die Schön¬ schreibstunde schon vorgeschrieben auf der Tafel standen, errieten die Kinder auch dieses Rätsel leicht. Als die Schreibung des x wiederholt werden sollte, fand Edel¬ traut für das gewählte Wort wieder einmal kein Rätsel. So sagte sie: „Ratet, wer kann von sich sagen? Ich wohne tief im Walde allein, Und koche Salben, Tränke und Düfte, Ich salbe und reite im Mondcnschein, Durch den Schornstein trägt mich mein Pferd in die Lüfte." Als die Kinder schwiegen, sprach sie: „Denket au Hänsel und Gretel!" Und nun war der Bann gebrochen und viele kleine Hände streckten sich in die Höhe mit der Bitte, sagen zu dürfen: „Das sagt die Hexe." „Welchen Namen nennen die jungen Spatzen eitel, lautete eine Scherzfrage und da die Kinder ein Spielschnllied wußten mit dem Refrain: Philipp, Tschipp, Tschipp, so blieb auch diesmal die Ant¬ wort nicht lange aus. „Das eine klingt in des Spielmanns Hand, Das andre rauscht um die Frauen als Gewand," — 201 — sagte Edeltraut, als die Wörterpaare mit Zwielauten ausgeschrieben und dann abgelesen worden waren. Wohl wählten einige Schülerinnen gedankenlos irgend ein Wortpaar aus, die klügeren aber fanden bald die richtige Antwort: „Die Saite klingt in des Spiel¬ manns Hand. Die Seide rauscht um die Frauen als Gewand." „Wie ist der Wald zu des Herbstes Zeit?" fragte Edeltraut ein andercsmal. „Lunt", sagten die Schülerinnen. „Nennet einen Kletterer im Federkleid !" verlangte Edeltraut dann. „Specht", erhielt sie zur Antwort. „Was ist das Ganze?:" „Mein erstes ist der Wald zu des Herbstes Zeit, Mein zweites ist ein Kletterer im Federkleid." Und die Kinder fügten zusammen „Bnnt—specht," eines der Wörter, die Edeltrant als Beispiel für die Silbentrennung zu¬ sammengesetzter Wörter znm Abschreiben gewählt hatte. Edeltrants Rätsel umschrieben den Begriff stets so eng, daß kein anderer mehr in seinem Merkmalkreis Raum hatte. Aber ihnen fehlte die Kürze, Lebendigkeit und Einfachheit der Volksrätsel und die poetische Anschaulichkeit des Knnstrütsels. Deshalb behielt Edeltraut das von ihr verfaßte Rätsel meist nur so lange bei, bis sie ein besseres fand. So hatte sie den Kindern lange folgendes Rätselmärchen erzählt: „In einem hohlen Berg aus weißem Kalkgestein Soll ein klarer, kühler See beschlossen sein. Im See, da schwimmet eine Kugel, die ist aus purem Gold. (Wär's uur wahr, wer hätte sich die nicht längst geholt.) Wer sie will haben, der muß brechen den weißen Stein Und die Wasser lassen sinken in: tiefen Kessel drein. Dann wird die Kugel von rotem Gold wohl endlich sein. Doch muß er sich sputen, will er die rechte Zeit nicht versäumen. Wenn Sommerhitze brütet über den Felsenrüumcn, — 202 — Dann versiegt der See, dann platzt die Kugel von Gold; Heraus dann schlüpft ein Vögelchen, das ist wunderhold, Den weißen Berg zerbrichts mit zartem Schnäbelein Und fliegt davon. Ade, mein goldenes Kügelein!" Als sie aber das Rätsel las: „Weißes und Gelbes ist inwendig; Was herauskommt, ist lebendig," da zog sie diese naive Form ihrer langatmigen vor. Das vierte Heft stand ganz im Dienste der Sprachlehre. Es enthielt Sätze, die mit Rücksicht auf den grammatischen Lehrstoff der Klasse gewählt, auf dieselbe Art eingeprägt und in das Heft eingetragen worden waren, wie die für das dritte Heft bestimmten Wörter. Nur ließ Edeltraut diese Sätze in der Sprachlehrstunde früher noch zergliedern und dabei den erklärten Stoff üben und wiederholen, jedesmal auf einen andern Teil der Sprachlehre das Schwergewicht legend und das Zergliedern jedesmal auf eine andere Art betreibend. Das ganze Jahr hindurch aber ließ Edeltraut auch Normal¬ sätze, Sprichwörter, Sprüche, Vierzeiler, kleinere Gedichte, besonders Liedertexte nach vorhergegangener orthographischer Behandlung auf der Schiefertafel aus dem Gedächtnis niederschreiben. Am leichtesten merkten sich die Kinder die Texte bekannter Volkslieder. Auch waren diese offenbar den Kindern deshalb lieber, weil sie dem inneren Auge schöne Bilder vorhielten, während die Hand sich schreibend mit ihnen beschäftigen mußte. Natürlich wählte Edeltraut nur Liedertexte, die besprochen, memoriert und gesungen worden waren, so daß die trockene Recht¬ schreibübung erst dann folgte, nachdem das Gemüt, der Verstand und das Ohr sich an der Dichtung und dem Wohlklang der an¬ gepaßten Melodie gelabt hatte. So ließ Edeltraut einst das kleine Frühlingslied von Holty aufschreiben. — 203 — Sie hatte den Kindern vorher über die Entstehung des Liedes folgendes erzählt: „Einem Dichter war es geschehen, daß er über seinen Arbeiten der Jahreszeit und des Wetters vergessen hatte. Unbemerkt von ihm war der Frühling ins Land gezogen. Als eine größere Arbeit zur Vollendung gediehen war, beschloß der Künstler, sich einen Ruhetag zu gönnen. Er zog also aus seinem Bergstädtchen in dem Engtal mit den hohen, steilen Wänden fort auf eine freie Höhe. Als er aus dem winterlich dunklen und schattigen Nadelwald auf die Berg' wiese trat, und endlich über all' die Berge weit hinaus in das Land sah, war er froh erstaunt. Mit Entzücken sah er den klaren, blauen Himmel über sich und das weite, frühlingsgrüne Tal zu seinen Füßen. „Die Luft ist wieder blau und das Tal ist grün geworden und ich habe es nicht gemerkt," ruft er aus. Und als er sich an dem herrlichen Anblicke ergötzt hat, steigt er den sonnigen Abhang hinab ins erwachende Tal. Am Rande eines frischbelaubten Waldes hinschreitend, sieht er da die duftenden Maienglocken blühen und in der Bergwiese den hohen wohlriechenden Himmelschlüssel stecken. Und je weiter er niedersteigt, je bunter, blumenreicher werden die Wiesen. Endlich kommt er zu einem Bauernhause, das von einem ganzen Kranze von Obstbäumen umgeben ist, deren weit aus¬ greifende Arme mit tausenden von kleinen Rosen beladen sind. Solch ein blühender Obstbaum erscheint dem Dichter als die herr¬ lichste Gabe des Frühlings. Gerührt bewundert er die Blütcnpracht und gedenkt dankbaren Herzens Gottes, dessen Finger den Baum so wunderbar geschmückt hat. „Es ist wirklich eine Sünde, in der dumpfen Stube zu bleiben, während sich im Freien solche Wunder ereignen," ruft er aus: „Ich will es allen meinen Freunden in dem frostigen Städtchen erzählen, wie schön es draußen im offenen Lande ist, damit jeder, der Freude an der Natur hat, froh werde wie ich." Und er schrieb ein kleines Frühlingslied, mit dem er seine Freunde zu einer Maifahrt einlud. Dies Lied aber erzählte: „Die Luft ist blau, das Tal ist grün, Die kleinen Maienglocken blühen, — 204 Und Schlüsselblumen drunter. Der Wiesengrund Ist schon so bunt Und malt sich täglich bunter. Drum komme, wem der Mai gesättt, Und schane froh die schöne Welt Und Gottes Vatergiite, Die solche Pracht Hcrvorgebracht, Den Baum und seine Blüte." Um das Lied dem Gedächtnisse einzuverleiben, fragte Edeltraut dann die Kinder: „Was teilte der Dichter seinen Freunden mit? Wie hat sich die Luft wieder verändert?" „D'e Luft ist blau", antworteten ihr die Kinder im Chore. „Wie merkt man es dem Tale an, daß es wieder Frühling ist?" „Das Tal ist grün", gab die Klasse zur Antwort. „Welche Frühlingsblumen stehen wieder am Waldesrande?" „Die kleinen Maienglocken blühen," sprach der Chor. „Und was für Wiesenblumen blühen mitten unter ihnen?" „Und Schlüsselblumen (blühen) drunter," entgegneten die Gefragten. „Was für Aussehen hat der Wiesengrnnd des Tales, weil schon so viele Blumen drinnen stehen?" forschte Edeltraut weiter. „Ter Wiesengrnnd ist schon so bunt," tönte es ihr entgegen. „Und wie wird er sich noch mit jedem Tage verändern?" „Er malt sich täglich bunter," lautete die Antwort. „Wen ladet der Dichter darum ein, an dem Maiausfluge teilzunehmen?" „Drum komme, wem der Mai gefällt," zitierten die Kinder. „Welches Vergnügen soll sich solch ein Naturfreund machen?" „Er schaue froh die schöne Welt," lasen oder rezitierten die Schülerinnen. „Was soll ihr geistiges Auge schauen oder erkennen?" — 205 — „Gottes Batergüte!" riesen verständige Mädchen, indes die übrigen schwiegen. „Woran sollen sie Gottes Vatergüte erkennen?" „Daran, daß er solche Pracht hervorgebracht," half Edeltraut aus, als die Schülerinnen nicht sogleich wußten, wie sie die Ant¬ wort formulieren sollten. „Welche Pracht schien dem Dichter jetzt die größte, die Gott hervorgebrach! ?" „Der Baum und seine Blüte," erscholl es mit den Schlu߬ worten des Gedichtes. Das zweitemal fragte Edeltrant kürzer: „Wie merkt man, daß cs wieder Frühling ist? Wie erkennt man es: „1. an der Luft?" — „2. an dem Tale?" — „3. an den Blumen?" — „4. an der Wiese?" — „Wer soll ins Freie kommen?" — „Warum?" — „Was soll er noch schauen oder erkennen?" — „Was hat Gottes Güte gewirket?" — „Was für Pracht z. B.?" Das drittemal gab die Lehrerin nur Erinnernngsworte: „Wie merkt man, daß es wieder Frühling ist?" — „Luft!" — „Tal!" — „Blumen!" — „Wiesengrund!" — „Einladung!" — „Wozu?" — „Was noch?" — „Worin zeigt sie sich?" — „Welche z. B.?" Das viertemal sagte sie nur: „Beschreibet die Gegend zur Frühlingszeit!" — „Ladet zum dankbaren Genüsse dieser Herrlichkeit ein!" Das fünftemal endlich befahl sie einfach: „Saget das Frnh- lingslied von Holty auf." So verhütete Edeitrant das mechanische Memorieren und be¬ schleunigte das Merken des Gedichtes, indem sie die Kinder zum Denken und Bedenken anhielt. Sie machte die Kinder aber auch auf alles aufmerksam, was sonst das Gedächtnis unterstützet: z. B. auf den Reim und auf die Reimstellung u. s. w. Sie zerlegte schmierigere Satzkonstruktionen und fragte sie grammatisch zergliedernd ab. War das Gedicht endlich dem Sinn erschlossen und floß es leicht vom Munde, so wurde es gesungen. — 206 — Edeltraut sang es den Kindern zuerst vor. Sie verschmähte dabei die das innere Schauen unterstützende Geste nicht; sie drückte das Entzücken des Beschauers, die Liebe zu den holden, wiedererwachlen Frühlingskindern, den Jubel der vom Winterharm erlösten Seele, wie die Dankbarkeit gegen Gott und die Bewunderung seiner Werke in Ton und Miene aus, hielt dem Sinne gemäß den Fluß des Liedes zurück oder beschleunigte ihn, tat mit einem Wort alles, was Hingabe an ein Kunstwerk tut, und der Wunsch, auch andere zur Versenkung in seine Schönheit zu bewegen. Dann forderte sie Kinder nach dem Grade der Güte ihres Gehöres auf, mit ihr zu singen, die Töne ja zart und leicht zu nehmen und fallen zu lassen. Edeltraut ließ ein Lied nie so lange singen, bis es auch die Kinder von schlechtem Geschmacke und Ge¬ hör vollständig wußten, denn dann war es mit der Schönheit des Chorgesanges in den unteren Klassen vorbei. Das wär auch die Ursache, warum sie lieber mehrere Texte nach derselben Melodie singen ließ, statt eines so lange, bis alle die Melodie wußten. Es brachte dies auch eine gewisse Freudigkeit in den Gesangsunterricht, weil die Kinder die neuen Lieder dann leicht lernten, ohne zu wissen, warum und endlich doch alle die Melodie kannten, ohne sie leiern zu können, weil die Notwendigkeit, den Text richtig darauf zu verteilen, sie daran hinderte. Erst als die Freude an dem Liede verblüht war, wie die Jahreszeit, der es galt, erst als neue Lieder es mehr und mehr aus dem Gedächtnisse verdrängt hatten, holte Edeltraut es wieder hervor, um es zu einer Aufschreibübung zu benützen und daran die Aussprache der Kinder zu verbessern. Zu letzterem Zwecke ließ Edeltraut gerne Schülerinnen aus Deutschland, deren sie häufig eine oder die andere aus Arbeiterkreisen besaß, vortreten und das Gedicht aufsagen, um den Wert einer schönen Aussprache an einem Beispiele aus der Kindergemeinschaft selbst zu zeigen. Sie verfehlte auch nicht, auf die Verschiedenheit der Aussprache dieser Schülerin von der landläufigen Aussprache hinzuweisen und die Ursachen dieser Verschiedenheit klarzulegen. Sie konnte dann hoffen, daß die — 207 — Kinder mit größerem Eifer an den Vorbereitungen zu den Aufschreib- iibungen teilnahmen. „Sagt das Gedicht nun alle zusammen einmal langsam auf," begann sie diese Vorbereitungen, „und achtet darauf, was für Per¬ sonen-, Tier- und Sachnamen darinnen Vorkommen!" Und als die Kinder vollendet hatten, forderte Edeltraut sie ans, die gefundenen Namen der Dinge zu sagen. Und sie erfuhr, daß Gott (der als ein Geist eigentlich ein Abstrakta ist) ein Personenname sei, was mit Rücksicht auf die Bibel als richtig befunden wurde. Weiters hörte sie, daß Luft, Tal, Maienglocken, Schlüssel¬ blumen, Wiesengrund, Welt, Baum und Blüte Sachnamen seien, weil diese Dinge gar kein oder nur ein niederes Leben hätten. Ferner wurde ihr mitgeteilt, daß Mai, Pracht und Vatergüte Namen von Gedankendingen wären, weil diese Dinge nicht aus Stoff bestünden, die Menschen sich aber Bilder von ihnen machten, zum Beispiel vom Mai, von dem es im Rätsel heißt: „Ein herziges Büblein, so freundlich und mild Versammelt die Kinder im Blumengefild". Auf Edeltrants Frage, worauf man im Deutschen bei der Schreibung von Dingnamen denken müsse, sagten die Kinder, daß im Deutschen die Dingnamen groß geschrieben würden. „Aus welchem Grunde?" fragte Edeltraut. „Weil es die wichtigsten Wörter jeder Sprache sind," ant¬ worteten ihr die Kinder. „Warum schreiben gerade die Deutschen die Dingnamen groß, andere Völker nicht?" setzte Edeltraut das Examen fort. „Weil sie die Gewohnheit haben, immer die Hauptsachen her¬ vorzuheben," erhielt sie Auskunft. Welchen Namen die Dingnamen, daher bei den Deutschen hätten? wollte Edeltraut wissen. „Sie heißen Hauptwörter", sagten die Kinder. „Welche der Hauptwörter des Frühlingsliedes sind aus zwei Hauptwörtern zusammengesetzt," fragte Edeltraut weiter. — 208 — „Frühlingslied, Maieuglocken, Schlüsselblumen, Wiesengrund, Vatergüte." „Was sür Blumen nennt man Maienglocken?" „Die schönsten und duftendsten Blumenglöckchcn, welche im Mai aus der Erde sprießen", lockte Edeltraut aus den Kindern. „Aus welchen Wörtern besteht das Wort Maieuglockeu also?" „Aus Maien und aus Glocken," gab man an. Was sür Blumen Schlüsselblumen hießen, begehrte Edeltraut dann zu wissen. Solche, welche die Form eines hohlen Schlüssels hätten, wurde ihr geantwortet. Aus welchem Metall man sich diese Schlüssel denken müsse? „Aus Gold" antworteten die Kinder heiter. Was sie denn aufsperrten? fragte Edeltraut. „Den Himmel", sagten die Kleinen. Wie er daher auch heiße, dieser goldene Schlüssel? „Himmelschlüssel", wußten die Blumenfreundinnen. Wann der Himmel gleichsam zugesperrt sei, so daß wie nicht hineinsehen können, fragte Edeltraut. „Im Winter". „Womit ist die Himmelsöffnung da gleichsam bedeckt?" „Mit einer Wolkentüre, die im Lenz der Himmelschlüssel öffnet," sagten die Kinder. „Woraus besteht also das Wort Schlüsselblume?" „Aus den Wörtern Schlüssel und Blume." „Was für ein Grund ist ein Wiesengrund?" fragte Edeltraut hierauf, und als sie keine Antwort erhielt, sagte sie: „Ein Tal ist eine Vertiefung zwischen Bergen. Die Berge bilden die Wände, der Boden zwischen ihnen aber bildet den Grund des Tales. Ist er mit Wiesen überzogen, so heißt er Wiesentalgruud, oder kürzer und besser: Wiesengrnnd. Aus welchen Teilen besteht demnach das zusammengesetzte Wort Wiesengrund?" „Aus den Hauptwörtern: Wiesen und Grund." „Kürzer!" „Aus: Wiesen und Grund." „Erkläret das Wort Vatergüte!' forderte Edeltraut nun. — 309 — „Vatergüte ist die Güte eines Vaters." Welcher Vater gemeint sei? — „Der himmlische." Nun drehte Edeltraut die Schultasel um, so daß die Kinder das dort ausgeschriebene Gedicht sehen konnten und forderte sie auf, gemeinsam die Hauptwörter der Reihe nach herauszusuchen. Als es geschehen war, fragte Edeltraut: „Warum ist es leichter die Hauptwörter aus dem geschriebenen Gedicht herauszufinden, als aus dem gesprochenen?" „Weil man sie dort ja schon an der Großschreibung erkennt." „Warum könntet ihr da aber auch Geschlechtswörter, Binde¬ wörter und andere als Hauptwörter angeben, wenn ihr gedankenlos wäret?" „Weil auch die Wörter am Anfänge eines Satzes oder einer Verszeile groß geschrieben werden." „Leset die Wörter, die am Anfänge der Verszeilen stehen!" Es geschah. „Leset sie nochmals langsam und laut, die darauffolgenden Wörter der Verszeile aber leise und eilend!" verlangte Edeltraut. Auch dieser Befehl wurde vollzogen. „Wie viele Wörter, die keine Hauptwörter sind, müssen also in diesem Gedicht groß geschrieben werden?" „Zwölf". „Warum zwölf?" „Weil das Gedicht zwölf Verszeilen hat." „Wie viele kommen aus jede Strophe?" „Sechs." Edeltraut nummerierte die Zeilen. „Leset nun die Endreime!" befahl sie. Und die Kinder lasen herunter: „Grün, blüh'n, drunter, bunt, Wiesengrund, bunter. — Gefällt, Welt, Vatergüte, Pracht, hervor¬ gebracht, Blüte." „Leset die Reimpaare!" fuhr Edeltraut fort. Nachdem sie gefunden worden waren, verlangte Edeltraut zu wissen, welche der Zeilen sich reimen. 14 — 210 — Die Kinder fanden: die erste und zweite, die dritte und sechste, und die vierte und fünfte. „Leset das erste Reimpaar!" forderte Edeltraut wieder. „Grün und blühn", antwortete man ihr. „Welchen Inlaut haben diese Wörter?" „Ihr Inlaut ist der Umlaut ü." „Wie wird er in diesen Wörtern gesprochen, wenn man auf die gehörige Schnelligkeit achtet?" „Lang". »Welcher Umstand hat euch dies verraten?" „Es folgt nur ein Mitlaut darauf." „Welcher?" Der Mitlaut n. „Warum hat das Wort „blüh'n" noch überdies das Deh¬ nungszeichen „h"?" „Weil ein „e" darnach gehört." „Wer hat euch das gesagt?" Das Weglassungszeichen nach dem h. „Welchen Anlaut haben diese Wörter?" „Das erste hat den zusammengesetzten Anlaut „gr", das zweite „bl"." „Welche Reimpaare haben noch den Umlaut ü?" „Vatergüte und Blüte". „Warum schreibt man Güte mit dem Umlaut ü?" „Weil es von gut herstammt", sagte eine Schülerin. „Ja", sagte Edeltraut. „Güte ist die Gewohnheit gut zu sein." „Blüte aber stammt von dem alten einst für Blüte gebrauchten Worte Blust." „Welche Wörter mit dem Umlaut ü enthält das Gedicht noch?" „Schlüsselblumen und Frühlingslied," fand man. „Warum schreibt man Schlüssel mit dem Umlaut ü?" „Weil es von Schluß herkommt", autwortete ein Kind. „Richtig", sagte Eveltraut. „Ein Schlüssel ist ein Werkzeug zum Verschlüsse eines Dinges." „Warum wird aber „früh" mit dem Umlaut ü geschrieben?" forschte Edeltraut. — 211 Als es niemand einfiel, fragte sie: „Habt ihr noch niemals früh und spat sagen hören, statt früh und spät?" Als die Kinder munter bejahten, sagte Edeltraut: „Seht, das ist altmodisch geworden. Jetzt ist in diesen Wörtern der Umlaut Mode." „Warum man aber „grün" mit dem Umlaut ü schreibt, er¬ rät in unserer Gegend so leicht keiner. Es kommt auch von grün, wie uns der Name eines Waldes bei Berlin bestätigt. Dieser Wald heißt Grünewald, das wir heute mit „Grüner Wald" übersetzen müßten." „Was für einfache Umlaute gibt es außer ü noch?" „Ö und ä." „Welche Wörter mit dem Umlaut ö enthält das Gedicht?" „Schöne." „Das Schöne kommet her von „schonen," sagt ein Dichter," erzählte Edeltraut den Kindern. „Welche Wörter mit dem Umlant von a stehen im Gedichte?" fragte sie dann. „Täglich und gefällt." „Was heißt täglich?" „Jeden Tag", erklärte ein Mädchen. „Warum wird „gefällt" mit dem Umlaut von a geschrieben?" „Weil es von gefallen herstammt," gab eine andere Schülerin Auskunft. „Welchen Anlaut hat blüh'n?" fragte Edeltraut. „Den Anlaut bl." „Welche Wörter des Gedichtes haben den gleichen Anlaut?" „Blüten, Blume, blau," spürten die Kinder auf. „Welchen Auslaut hat blau?" „Den Zwielaut au." „Welche Wörter des Liedes haben denselben Zwielaut?" „Baum und schaue." „Gibt es noch andere Zwielaute als au?" „Ja, ein ei, ein ai, ein eu und ein äu," sagten die Schü¬ lerinnen. „Welche Wörter mit ei enthält das Sprachstück?" — 212 — „Das Wort: kleinen." „Welche mit ai?" „Mai und Maienglocken." Ebenso forschte Edeltraut mit den Schülerinnen nach den Wörtern mit zusammengesetztem Anlaut und nach jenen mit zu¬ sammengesetztem Auslaut, stellte die gleich oder ähnlich an- und auslautenden nebeneinander und öffnete den Kindern das Ohr für die Unterschiede von kl und gl, cht und ht, br und pr, indem sie ihre Kleinen lehrte, die Wahrnehmungsfähigkeit des Gehöres durch Be¬ obachtung der Lautbildungswerkzeuge und durch Verlängerung der Worte sLüft(e), malt(e), Gründ(e), bunt(e), Frühling(e), link(e)j zu unterstützen. Sie ließ die Wörter mit den Dehnungszeichen, wie die Wörter mit verdoppeltem Mitlaut heraussuchen und machte endlich auch auf die Wörter mit v aufmerksam. Dann schritt sie zur Wiederholung und befahl: „Leset im Chore": „1. alle Hauptwörter!" — „2. alle zusammengesetzten Wörter und teilt sie nach Wortbeständen ab!" — „Leset 3. alle Wörter am Anfänge der Verszeilen!" — „4. alle Wörter mit Umlauten!" — „5. die Wörter mit Zwielauten!" — „6. jene mit zusammen¬ gesetzten Anlauten!" — „7. die mit zusammengesetzten Auslauten!" — „8. alle Wörter mit verdoppeltem Mitlaut!" — „9. solche mit Dehnungszeichen!" — „10. alle mit weichem oder hartem Auslaut!" — „Leset das Gedicht mit richtiger Aussprache!" — „Schreibet es ab!" Die Wiederholung dieser Abschrift sei eure Aufgabe überden heutigen freien Nachmittag. Morgen wollen wir das Gedicht ge¬ meinsam im Takte aufschreiben. In der zweitnächsten der kommen¬ den Rechtschreibstunden aber soll es jede von euch allein aus dem Gedächtnis niederschreiben." Und wie es Edeltraut vorausgesagt hatte, geschah es. Die Aufschreibübung wurde dann mit Hilfe der Taselvorschrift während des gemeinsamen Buchstabierens verbessert. Es hing von dem Bildungsgrade der Schüler, von dem Prozentsätze fremdsprachiger Kinder und von dem mehr oder minder guten Schulbesuch ab, ob solche Uebuugen gut ausfielen oder nicht. 213 — Edeltraut erinnerte sich an sehr gute und an sehr schwache Jahrgänge von Freischreiberinnen. Sie wartete nicht unnütz auf Erfolge, wo keine zu hoffen waren. Sah sie beim Gange durch die Bankreihen, daß die Aufschrift der meisten Schülerinnen zu langsam vor sich ging, zu fehlerhaft ausfiel, so ließ sie auslöschen und die Arbeit gemeinsam im Takte machen, aber als eine Art von Verbesserung eine Abschrift als Hausaufgabe anfertigen. XIV. Edelkrauks Turnunterricht. In derselben fördernden Wechselwirkung wie Singen und Rechtschreiben standen in Edeltrauts Klasse Gesang- und Turn¬ unterricht. Edeltraut paßte, so oft sie konnte, den Rhythmus der Be¬ wegung dem Rhythmus eines Liedes an. Sie ließ Marschieren mit Singen und Sagen, statt mit Zählen, in den Staffel treten, nach den Zeilen eines Liedes, aufziehen mit Gesang. Es gab kein ge¬ lerntes Lied, dem nicht eine Ordnuugsübung unterlegt worden wäre: ein Gehen im Viereck, ein Kreisen, ein Borziehen, Schlängeln usw. Aus einem Frühlingslied wurde so ein Frühlingsreigen, ein Wanderlied wirklich zum Marschgesang, ein Volkslied zum Natio¬ naltanz. Edeltraut verdankte die Vorliebe für solche reigenartige He¬ bungen dem Besuch, den sie als Lehramtszögling mit Klassen¬ genossinnen unter Führung des Direktors bei einem geschickten Turn¬ lehrer der Hauptstadt gemacht hatte. Sie waren damals an einem schönen Sommerabende gegen sechs Uhr auf dem parkartig um¬ gebenen Turnplätze einer Schule erschienen. Der Turnlehrer hatte Privatunterricht. Die nett gekleideten Schülerinnen erschienen eine nach der anderen, gingen auf ihren Lehrer zu und reichten ihm zum Gruße die Hand. Dann traten sie zum Reigen an, dem ersten, den Edeltraut gesehen hatte. Diese einfachen, hübschen Schreitungen der anmutigen, jugendlichen Gestalten, machten einen unauslöschlichen Eindruck auf Edeltraut. Sie sollte bald Gelegenheit haben, das hier Gelernte anzuwenden. An der Schule, an welcher Edeltraut — 214 — angestellt worden war, hatte es vorher keinen Turnunterricht ge¬ geben. Edeltraut war die erste geprüfte Turnlehrerin. Sie mußte daher den Turnunterricht an der ganzen Anstalt übernehmen. Dazu kam, daß im dritten Jahre ihrer Lehrzeit ein Schulfest stattfand. Bei demselben sollten nach dem, durch Edeltrauts Erzählungen er¬ regten Wunsche des Direktors mehrere Reigen getanzt werden. Edeltraut lernte den Schülerinnen der Oberklasse die einem Turnbuche entnommenen Reigenfiguren ein. Der Direktor wählte unter den Liedern seiner Klasse die dazu passendsten aus und nun übten die Schülerinnen den Reigen nach den gewählten Liedern. Nie schwand aus Edeltrauts Erinnerung das poetische Bild, welches diese hübsche, farbig gekleidete, reizende Mädchenschar auf der grüngoldenen Wiese unter dem weit ausgreifenden Laub- dache der mächtigen Eichen des alten, herrlichen Haines bot. Ein Ring schaulustiger Menschen umgab die blühende, wallende Rosen¬ krone, in der es sang und klang, wie Waldvogelgezwitscher. Diese Schulfeste mit ihren Reigen wiederholten sich, die Reigen wurden kunstvoller, aber wie jene ersten war keiner mehr, auch jener nicht, den Edeltraut einst einem hohen Gaste zu Ehren ein¬ lernen durfte. Edeltraut hatte später auch im Turnunterrichte der Unter¬ klasse wie im Schreibunterrichte das Prinzip, durch stete Abwechs¬ lung Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart zu erzielen, statt durch das übliche Nörgeln. Die Genauigkeit der Ausführung sollte in den höheren Klassen angestrebt und erreicht werden. Sie fand, daß beim Turnen leider nur der Lehrer die Schönheit der Aufstellungen und Bewegungen genießt und sie hätte den Schülerinnen, um ihnen Lust und Liebe zu schönen Bewegungen einzuflößen, so gerne auch den eigenen Genuß verschafft. Am liebsten Hütte sie daher in einem Spiegelzimmer geturnt. In der warmen Jahreszeit aber hätte sie den alten, schönen Eichenhain des Städtchens um das Schulhaus zaubern mögen, um in seinem Schatten der Reigentänze, Turnspiele, Frei- und Gerätübungen pflegen zu können. Unter Wirken und Wünschen strichen die Jahre pfeilgeschwind dahin. Edeltraut hielt an dem Banner der Pflichttreue fest, auch unter den schwierigsten Verhältnissen. Sie überwand ihre per- — 215 — sönlichen Schicksale, wenn sie ausging, um zu lehren und ein Trost wenigstens blieb ihr immer: ihre Mühe war gesegnet. Sie konnte meist sagen, was sie einst einer Klasse zum Ab¬ schiede am Schulschlusse mit den Worten des nachfolgenden Ge¬ dichtes aussprach: „Als das Schuljahr neunzehnhundertsieben—acht Hier an der Tür mir seinen ersten Knix gemacht, Da bracht's wohl über siebzig Kindlein mit herein. Es flutet durch Tor und Fenster von goldenem Sonnenschein; Die kleinen Füßlein trippeln durch den Hellen Raum, Durch's Fenster grüßen die Aeuglein: Himmel, Wolk und Baum.— Leichtherzig ist die muntre Schar dann dageblieben Und hat mit ems'ger Hand manch schwere Kunst getrieben. Und wenn das Schuljahr heut aus dieser Türe tritt, So nimmt es sechzig brave, kluge Mägdlein mit. Die werd ich künftig zu Füßen mir nimmer sitzen sehen, Die wollen höher ja und immer höher gehen. Doch bis dahin ist es gottlob noch sterneweit, Denn vor der Türe lacht die holde Ferienzeit! XV. DrrWg Jahre Lehrerin. Als das dreißigste Dienstjahr an Edeltraut vorübergeschritten war, kam ihr Direktor mit den Kolleginnen, um ihr zu der Gottes¬ gabe einer so langen ersprießlichen Dienstzeit Glück zu wünschen und bat, als eine Erinnerung an diesen Tag das Bild anzunehmen, das der Lehrkörper der allezeit getreuen Kollegin widme. Von diesem Tag an zierte das Bild der alten deutschen Schicksalsgöttinnen Edeltrauts Heim. Es war ein gedankenweckendes Bild, das da hing, wie ein gemaltes Rätsel. Nachtschwarzes Gewölk schwebte um starre Berggipfel. Ein finsterer nordischer Himmel lag über einer ossianischen Gegend. Zwischen Felsblöcken, gleichsam am Gestade Islands hoben hell — 216 — von dem düsteren, drohenden Hintergründe sich drei hohe Frauen¬ gestalten ab. Aufrecht und starr, stand an den Stamm der Weltesche ge¬ lehnt die Norne Wurd. Sie war in weiße Laken gehüllt, wie eine Tote. Ihr Typus war der Typus eines vergangenen Volkes. Dunkel¬ lockig und klassisch wie der einer Römerin, war ihr schöner Kopf. Ihre Lider waren gesenkt, als wollte sie die Außenwelt abwehren, um den Blick ungestört nach innen kehren zu können. Ihrer Hand ent¬ glitten, war der Faden des Lebens, in dem Stundenglas in ihrer Rechten war der Sand abgelaufen. Ihre Zeit ist um. Sie erscheint nur mehr wie ein Schatten in der Erinnerung, wie die über ihrem Haupte schwebende Flamme andeutet; das war die ewig still- stehende Vergangenheit. An sie gelehnt, in reifer, üppiger Schönheit, mit,geschmeidigem Leib, in die leuchtenden Farben des Lebens gehüllt, das blühende Antlitz von den goldenen Haaren der Deutschen umhüllt, den sehn¬ süchtigen Blick in die Ferne gerichtet, im linken Arm die Spindel, mit der Rechten den Faden des Lebens weiterspinnend, den einen Fuß auf einem Felsblock stützend, saß rechts die nur flüchtig ruhende Norne Werdandi, die Gegenwart. Einzig durch den Faden, den ihre Linke erfaßt hat, mit den älteren Schwestern verbunden, wartet links auf einem Felsblock sitzend, Skuld, die Zukunft. Ihr Gesicht ist dem Beschauer abgewandt. Nur großen Geistern vergönnt sie es, ihr ins Antlitz zu sehen. Ein dunkler Mantel hüllt sie ein. Er ist ihr von der Schulter geglitten und läßt den Arm sehen, der die Schere hält, bereit, den Faden des Lebens abzuschneiden, wenn die rechte Zeit gekommen ist. Diese zu erspähen, scheint ihr Blick nach der Sanduhr gerichtet zu sein. Das Haar der jugendlichen Gestalt ist zum griechischen Knoten ge¬ schürzt, als wollte der Maler den Kreis der Schwestern damit schließen und sagen: Zukunft wird Vergangenheit. Einige Tage nach dem Empfang dieses wertvollen Geschenkes schickte Edeltraut kleine Bcieflsin aus, dis den Lehrkörper in ihr Heim luden. Großmütterchsn und die getreue Agnes hatten für ein Festmahl gesorgt, bei dem Eseltraut und ihre Lebensgefährtin durch manch Rede, manchen hübschen Trinkspruch gefeiert wurden. Zuletzt — 217 — ergriff Edeltraut selbst das Wort zu einem Rückblick auf ihre 30 Lehrjahre und zu warmen Dankesworten für Gott und ihre Kolleginnen und ihre Schülerinnen. Sie sprach: „Als durch des Kaisers Gnade und auf erleuchteter Männer Rat ein Gesetz in Wirksamkeit trat, das Tausende und Tausende aus dumpfen Niederungen emporhob, auf freiere, lichtere Höhen der Kultur, da war unter den ersten, die an den Altar der Bildung traten, um sich ihrem Dienste zu weihen, auch ich. Es waren vier einzig schöne Jahre, in denen Land und Staat es mir durch reichliche Unterstützung ermöglichten, den Dienst einer Priesterin der Volksbildung zu erlernen. Wie hing mein Auge trunken an den beredten Lippen meiner Lehrer. Wie hab ich allezeit es als einen Segen empfunden, daß ich an knappen, logisch ent¬ wickelten, objektiv methodisch gelehrten Stoff meinen Sinn für Wahrheit und Recht kräftigen und schärfen durfte. Als sich dann vor nun dreißig Jahren der doppeltorige Janustempel des Grazer Pädagogiums auftat, um eine ideal¬ beschwingte Schar, angetan mit der arkadische» Hülle der Jugend, hinauszusenden an den Strand des tätigen Lebens, da war in dem entwallenden Chore der Jüngerinnen auch ich. Nicht lange standen wir harrend am Ufer. Eine nach der andern holten sich die Segelbarken des Lehrstandes. So landete zu guter Stunde auch ein schmuckes Boot, das einen himmelblauen Schild mit einem goldenen Dreigestirn darin und einem dunklen rätselhaften Worte darunter aufwies. Der Herr des Schiffes winkte mir und da bestieg ich das gastliche Fahrzeug und stach getrosten Mutes mit ihm in die nebel¬ verhüllte See, noch unwissend, daß dieses Schifflein in seinem Namen schon die trostreiche Verheißung enthielt, man sei wohl¬ geborgen hinter seinen hölzernen Wänden. Bald hatte eine ganze kleine Flotte sich aus unserm Kreise bemannt und die befreundete Schar war in kurzer Zeit nach allen Gegenden der Windrose zerstoben. Manches Schifflein trug feine Insassen in den Hafen des Ehestandes, manches schleuderte seine Besatzung auf die graue, — 218 — klagenhallende Elendküste eines frühen Siechtums und viele der kühnen Schifferinnen schon wurden ausgesetzt an dem freudlosen Klippeneiland des Todes. Mich hat der Herr dreißig Jahre lang glücklich hingeführt über die Wasser der Zeit. Dreißig Jahre lang hat er es mir ver¬ gönnt, vor den fröhlichen, verjüngenden Gestaden der Kindheit Anker zu werfen und zu lehren. Ihm sei Dank für diese dreißig Lebensjahre. Dank auch sei ihm für die dreißig Lehrjahre. Es waren dreißig Lehrjahre für mich selber. Denn, wer auszieht, um zu lehren, er lernt selber auch und wer Hand anlegt, um zu bilden, er bildet sich selber mit. Es waren keine leichten Lehrjahre, denn das Leben ist allezeit der strengste Hofmeister. Aber da wir das Geschick preisen müssen, das unsere Fehler bessert und unsere An¬ lagen entwickelt, so sollen diese dreißig Lehrjahre mir allezeit wert sein. Diese dreißig Lehrjahre waren aber auch heiße Arbeitsjahre. Habe ich doch allezeit im goetheischen Sinn für den Tag d. h. für die Forderung des Tages gelebt und diese war keine geringe bei der zahl- und abteilungsreichen Kinderschar, die da dichtge¬ drängt alljährlich zu unfern Füßen saß und leben sollte von unserm Worte. Aber wie jeder getreue Arbeiter, habe ich an mir den Segen solcher Arbeitsjahre erfahren. Ich verdanke ihnen nicht nur der Lehrfrüchte süßen Lohn, sie waren mir auch Tröster, Schützer, und Erretter in manchem schweren Kampfe. Sie seien gesegnet, wie sie mir zum Segen waren, diese dreißig Arbeitsjahre! Aus dem Gesagten erhellt, daß diese dreißig Jahre auch dreißig Leidensjahre waren. Leben heißt ja kämpfen und als Lehrer leben, heißt zweifach Kämpfer sein. Wohl macht steter Kampf müde. Wunden schmerzen und an trüben Tagen tuen selbst halbvergessene Narben wieder weh. Und doch, wie viel verdank ich auch diesen Leidensstunden! Vielleicht die verborgensten Wahrheiten enthüllen sich einem Unglücklichen, wie den Dornenhecken sich Rosen entwinden. Wo entspringen die holden Blumen der Geduld, Sanft¬ mut, Nachsicht wohl lieber als am Kreuzstamme des Leidens? Darum will ich nicht schelten, daß diese dreißig Jahre auch dreißig Leidens¬ jahre waren. — 219 — Ich will sie vielmehr loben. Waren sie doch auch dreißig Freudenjahre und dies danke ich nebst Gott meinen Vorgesetzten, die standhaft allezeit den Schild gehalten über der Kämpferin, meinen Kollegen und Kolleginnen, die als treue Mitstreiter mich gestützt und geschützt, jenen vielen Schülerinnen, die gleich einem guten Acker den Samen der Lehre aufnahmen und hundertfältige Frucht trugen und endlich nicht zum wenigsten jenen Familien, in deren schönem Heimgarten solch edle Menschenblüten sich dem Lichte unsrer Zeit erschlossen. Mögen sie Liebe und Treue, Schutz und Freude wiederfinden, wie sie mich diese köstlichen Perlen finden ließen, die gefaßt in das Gold der Erinnerung allezeit meines Lebens schönsten Schmuck bilden werden. Es wird dem Menschen so schwer, allezeit weise zu sein. Leicht entreißt ihm die Ungeduld ein herbes Wort, indes das edle Wort des Dankes sich oft nur widerwillig seinen Lippen entringt. Und so erscheint die Welt lieblos und undankbar. Ich möchte mich nicht mit solcher Schuld belasten. Darum habe ich die in mir eingewurzelte Scheu vor fremden Blicken über¬ wunden und das tief im Schreine des Herzens gehegte Gold der Empfindung ausgeprägt in Denkmünzen zu Ehren aller jener, die mir in meinen dreißig Lehrjahren Lieb' und Güte erwiesen haben, in Gedanken, Worten und Taten," So schloß Edeltraut den Rückblick auf ihre dreißigjährige Berufstätigkeit. Die Norne Skult aber hielt die Freudenblumen dieses Tages in die blaue heiligende Flamme über Wurds Haupte. Das dreißigste Dienstjahr aber war Edeltrauts letztes nicht. Sie lehrte noch manches Jahr und Gott war mit ihr und ließ ihr Tagewerk immer leichter, immer besser gelingen, trotz dem Lehr- und Lebensverhältnisse an ihrem Dienstorte eigentlich sich immer schwieriger gestalteten. Die alten, deutschen Bürgergeschlechter waren aus dem Städtchen verschwunden. Die Bürger lagen in den Grüften des weiten, städtischen Friedhofes. Viele ihrer Söhne und Töchter waren in aller Welt zerstreut; die Frauen führten noch eine Zeit lang tapfer das Gewerbe ihrer Eheherrn fort, bis auch sie müde wurden und sich zur ewigen Ruhe betteten oder die Stätte jahrelanger — 220 — Mühe, aber auch jahrelangen Glückes und Friedens anfgaben und in die Großstadt zogen, dieser modernen Sirene, die die Hälfte der Bevölkerung des Vaterlandes in ihren Strudel gezogen hat. Die fortgezogene Bevölkerung wurde aus der Landbevölkerung oder durch fremde Handelsleute ersetzt. Die heimischen Gewerbe wichen dem Fabriksbetrieb und dem Handel mit Fabrikswaren. Kaufläden reihten sich an Kaufläden. Außerhalb der Stadt ent¬ standen ganze Fabriksviertel, das weite Tal schien wie mit Häuschen übersäet, ein Ort dem andern die Hand zu reichen. Wenn Edeltraut nun spazieren ging, traf sie fast nirgends einen Lustwandler. Die meisten Bewohner waren von früh bis abend in den Kaufläden, Gaststuben, Küchen, Näh-, Schreib- und Kinderstuben. Offiziere, Professoren, Lehrer und Beamte wohnten meist in den ferneren, locker gebauten Stadtteilen in kleinen, villenartigen Landhäusern und hatten wie die Schulkinder genug an ihren Pflichtwegen, wie die Hausfrauen an ihren Geschäftsgängen. Noch seltener begegnete Edeltraut auf ihren Erholungswegen Bekannten und sie kam sich oft ganz verlassen und vergessen vor. Das Schülermaterial war in der letzten Zeit meist zusammen¬ gesetzt aus den Kindern von Fabriks- und Bahnarbeitern, von Landleuten, und kleinen Gewerbetreibenden, die keine Zeit hatten, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen. Unter diesen Kindern, die im Sommer meist barfuß gingen und ein mangelhaftes Deutsch sprachen, zuweilen wohl gar noch Ellern hatten, die weder lesen noch schreiben konnten, saßen gewöhnlich einige Kaufmannstöchter, ein, oder das andere Offiziers-, Beamtens- oder Professorstöchterchen. Das alte, deutsche Städtchen mit seinen durch viele Bürger¬ tugenden ausgezeichneten, wohlhabenden und freigebigen, von Land¬ wirtschaft und Gewerbe lebenden Bewohnern hatte sich in ein modernes, Handel und Industrie treibendes Provinzstädtchen ver¬ wandelt, in dem die Grenzen zwischen Stadt und Land sich mehr und mehr verwischten. Edeltraut meinte indes, wenn sie oft über die Großstadtsucht der Bew»hner klagen hörte, daß Gott wohl seine weisen Absichten haben müsse, wenn er wieder wie einst die Menschen in die Städte dränge. Wie er die Bewohner Mitteleuropas durch die Einfälle — 221 — der Avaren und Hunnen zur Geselligkeit und Arbeitsteilung zwang und damit zum Fortschritt trieb, wie er den Menschen vom Busen der Natur riß, um ihn der Kunst zu vermählen, und ihn endlich durch die Gabe des Schießpulvers wieder der Natur zurück gab, so führte er ihn wohl auch jetzt in die Städte, damit alle der gewonnenen Kultur teilhaftig würden und an ihr mitarbeiten lernten, damit sie endlich zur Vollendung gedeihe. Vollendete Kultur aber ist Rückkehr zur Natur. D>e Sirene städtischer Vergnügungen lockt die Menschen heran, die Vollendung städtischer Einrichtungen erfüllt ihren Geist mit erstrebenswerten, praktischen Idealen, die hohe Geisteskultur bessert an ihrem allzukonkreten Verstände und nach und nach auch an ihrem Herzen. Die Not macht sie regsam und erfinderisch. Die Vereinsamung mitten in der Menge, führt sie zur Selbstständigkeit und ertötet die hämische Klatschsucht, da sie die allzugenaue, dem Charakter vorläufig noch schädliche Menschen¬ kenntnis hindert. Das Häusermeer erweckt Sehnsucht und Liebe zur Natur, die gesundheitstötenden Einflüsse der Großstadt erzeugen die Gesuudheitsfanatiker und geschickte Aerzte. Wie die Landflucht der Menschen, wurde in Edeltrauts Ge¬ genwart oft auch die Vertauschung der ländlichen Arbeit mit der Fabriksarbeit und dem Handel beklagt. Edeltraut hoffte auch davon nur einen Vorteil für die Menschheit. Erstens haben wir die Vor¬ teile, welche die Natur ihren Geschöpfen, den Tieren gewährt und die der Mensch aufgeben mußte, um Wahlfreiheit zu gewinnen, durch die Industrie noch lange nicht vollwertig ersetzt, zweitens gibt es jetzt viel mehr Menschen, die auf gediegene Werke des Gewerbes Anspruch erheben. Zweitens hat dieser Tausch der Beschäftigung für die Menschheit und für den frommen, wahren Einzelnen aber auch ethi¬ schen Wert. Die Einsamkeit des Landlebens macht den Geist schwer¬ fällig. Handel und Industrie aber machen ihn rege, wachsam, geistes¬ gegenwärtig. Die ländlichen Arbeiten führen leicht zur Gleichgültigkeit gegen Ordnung, Reinlichkeit und Pünktlichkeit; ein unreiner, un¬ ordentlicher, unpünktlicher Geschäftsmann müßte zu Grunde gehen. Der Bauer kann unbeschadet seiner Arbeit grob und mürrisch sein. Ein grober, mürrischer Kaufmann verliert seine Kunden. Es ist wahr, der Handel führt leicht zur Überschätzung des Geldes, — 222 er verleitet zur Gewinnsucht, zur Lüge, zum Betrüge, denn mit seiner Hast und seinem ausgleichenden Wechsel zwischen Gewinn und Verlust macht er die Menschen gleichgiltig gegen die scharfen Unterschiede zwischen Recht und Unrecht, so daß es die Volksmoral leicht gefährdet, wenn aus Ackerbauern ein Krämervolk wird. Aber das muß nicht sein. Der fromme, kluge Handelsmann wird diese Klippen zu vermeiden wissen und doch den Vorteil auf seiner Seite haben. Denn „im Rechtdenken und Rechttun liegt der Segen, wie im Nnßkern der hohe, fruchttragende Baum." Es ist auch wahr, daß der Landbau bodenständig, Heimat- und volkstreu macht, indes der Handel und die Industrie leicht ent¬ wurzelte und vaterlandslose, internationale Vagabunden schafft. Aber, ist nicht Unzähligen auch in der Fremde erst der Wert der Heimat und ihres Volkes, ja der eigene Wert in tiefem Weh klar geworden? Es sind zu viele Menschen auf der Welt, hörte Edeltraut oft klagen. „Das glaube ich nicht," sagte sie darauf. „Es gibt noch genug unbewohnte Waldeinöden, Sumpf und Felswildnisse, die der Ur¬ barmachung harren. Wenn einmal wirklich Uebervölkerung eintreten sollte, wird gewiß die Fruchtbarkeit des Menschengeschlechtes ab¬ nehmen, die wahre Freiheit der Menschen zunehmen oder Gott läßt einen neuen Erdteil aus dem Meere emporsteigen. Bis dahin ist die große Vermehrung des Menschengeschlechtes ein Mittel in der Hand Gottes, die Menschheit zu erhöhen." „Wie viele Leiden haben wir und wie viele werden erst unsere Nachkommen deswegen auszustehen haben," entgegnete man ihr. „Ich habe oft darüber nachgedacht," entgegnete Edeltraut, „wie der Gegensatz zwischen dem schwelgenden Reichtum und der drückenden Armut auf Erden abzuhelfen sei und gefunden, daß da jeder gute Mensch ein Recht zu leben und jede Freude zu ge¬ nießen hat, und da die Menschheit doch stets vollkommener werden soll, nicht im Kampfe gegen das Schöne, gegen geistige Kultur und praktische Erfindungen das Heilmittel liegen könne, sondern einzig in dem mäßigen Genüsse aller Freuden, in mäßiger Befriedigung jedes billigen, körperlichen und geistigen Bedürfnisses. Ihr Armen — 223 — beneidet daher einstweilen die Reichen nicht um entbehrliche Vorteile. Früher oder später wird jede wertvolle Erfindung, die das Leben erleichtert, verschönt und veredelt, Gemeingut der Menschheit. Denkt an die Lustgärten der Reichen, an ihre Paläste, Kutschen, Statuen Bilder und Büsten, an die Hofmeister und Erzieherinnen ihrer Kinder, an ihre Feste und gesteht, genießt ihr heute das alles nicht mit, um weniges Geld und um viel weniger Sorgen? Ihr geht in den herrlichsten Lustgärten spazieren, schickt eure Kinder in die prachtvollen, modernen Schulpaläste, wo der Staat ihnen Hof¬ meister und Erzieherinnen bestellt. Euch öffnen sich unentgeltlich die schönsten und lehrreichsten Sammlungen, elektrische Wagen tragen euch um wenige Kreuzer stundenweit, herrliche Theater eröffnen euch ihre Hallen zu erlesenem Genüsse für ein geringes Eintritts¬ geld. In öffentlichen Büchereien könnt ihr euch unentgeltlich das teuerste Buch entleihen. Gelehrte Männer wetteifern darin, eure Lehrer zu sein. Wie lange wird es dauern, daß auch Fahrten in vielbeneideten und bekämpften Automobilen, Motorbooten und Luftschiffen leicht erreichbare Vergnügungen für alle sein werden. Menschenliebe gab euch alle diese Güter und verschönerte dadurch euer Leben. Neid und Haß können nichts anderes als den Menschen zum Tier herabdrücken." Wenn sie darüber klagen hörte, daß die Trefflichkeit, Manig- saltigkeit und Billigkeit der Verkehrsmittel den Wandertrieb der Menschen aufs neue wecke und alle Bande der Geselligkeit löse, so meinte sie, daß auch diese Erscheinung ohne Zweifel im Plane Gottes stehe, der den Menschen und ihre zahlreichen Nachkommen wieder in die Natur zurückführen und ihnen die Einöden derselben erschließen wolle, denn nur die Leichtigkeit der Einsamkeit und ihren Nachteilen zu entfliehen, wird die Menschen aus den Städten hinaus in Wald und Flur, ins Gebirge und aus die Haiden führen. Und wenn die ungeheure Vermehrung des Menschengeschlechtes, die allerdings in diesen dreißig und einigen Jahren, während Edel¬ traut lehrte, in ihrem Vaterlande eine Verdoppelung der Ein¬ wohnerzahl bewirkt hatte, die Unsicherheit des Lebens gestiegen, die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit abgenommen und das Vertrauen der — 224 — Menschen zu einander geringer geworden war, was ohne Zweifel dem vollendeten Tiergeiste einer großen Menge von Menschen zu¬ zuschreiben war, so sah Edeltraut auch darin die Führerweisheit Gottes. Als viele, gute, kluge Menschen daran gingen, das Leben zu verbessern, ging alles so herrlich, daß man eigentlich des lieben Gottes entbehren konnte. Da vergaßen die Glücklichen auf ihn, ließen den Finger des weisesten Lebensführers los, verzichteten auf den besten Helfer im Tagewerke und wenn die Tage des Leidens kamen, dachten sie gar nicht mehr daran, daß das Herz eines so gütigen, liebenden Vaters ein allezeit offener Zufluchtsort für seine Kinder ist. O, wie leicht ward es da den Bösen, die von den Fehlern und Leiden ihrer Brüder leben und hartherzig und grausam sind, wie die Spanier es einst gegen die Eingeborenen Amerikas waren, die Schwachen durch falsche Wegweiser aus unrechte Wege zu locken. Wie die verkörperten sieben Todsünden wandelten sie einher, säeten Haß, predigten Brudermord, lockten und verlockten zur Lüstern¬ heit, zur Unmäßigkeit, zum Neide, zur Treulosigkeit und hätschelten der Menschen gewinnbringende Torheit und Unwissenheit, und die Gottvergessenden und Gottvergessenen erkannten ihre Feinde nicht, obgleich sie das Kainszeichen der Lüge trugen. Edeltraut fühlte den Geist des altdeutschen Locke in sich, ohne seine Tücke. Sie wußte, daß es eigentlich kein noch so ge¬ niales Schutzmittel gebe, daß ein schurkisches Genie nicht zunichte machen könne. Sie sah also die Wahrheit ein, die ein frommer, kindlicher Sinn mit den Worten eines alten Wächterliedes ausge¬ sprochen hatte. „Menschenwachen kann nicht nützen. Gott wird wachen, Gott wird schützen" und diese Einsicht erfüllte Edeltraut mit der frohen Zuversicht, daß auch die zunehmende Bösartigkeit vieler Menschen, die Menschheit wieder zu Gott zurückführen müsse und bewirken, daß sie ihn nie und nimmer wieder verlassen, so daß die vollendete Kultur endlich auch in dieser Richtung wieder zur Natur zurückführt; denn im Paradiese des Naturzustandes gingen die Menschen mit Gott und Engeln um, wie fromme Gemüter, auch — 235 — zu andern Zeiten jede Beziehung zu Gott erkannt, genossen und uns die Beweise dafür in Redensarten und Symbolen hinterlassen haben. Wenn die Menschen aber wieder Gott und die Wahrheit zum Führer wählen, werden sie wieder hinausströmen aus den Städten und die Erde mit all den Hilfsmitteln einer vollendeten Kultur zu einem bewohnten Garten machen. All' ihre Arbeit ist dann der Erniedrigung entkleidet, denn sie wird aus Körperarbeit, Geistes¬ tätigkeit geworden sein; sie wird vielseitig sein, wie zum Beginne des Kulturlebens, wo der Mensch ein Vollmensch war. Sie wird keine drückende Last mehr, sondern ein Liebeswerk sein und die ganze Menschheit wird wieder Gott als ihren Vater, die Mit¬ menschen aber als einen einzigen Verein von Brüdern und Schwestern betrachten. Lessing spricht an einer Stelle seiner Werke die Prophezeiung ans, die Menschheit werde noch ein drittes Religionsbuch erhalten. Wenn das alte Testament, das Buch der Natur, das Buch des Schöpfers, also des Vaters, das neue Testament, das Buch des Sohnes, das Buch der Heiligung und Beseelung des Kulturlebens durch die Liebe ist, so kann das dritte nur das Buch des heiligen Geistes sein, das uns lehrt, Gott in unser praktisch vollendetes Kulturleben und in unsere Liebe einzuschließen und dadurch das Leben auf die höchste ideale Stufe zu erheben. So dachte Edeltraut. Und die Sehnsucht nach diesem Reiche eines heiligen Geistes klang in Edeltrauts Lieblingsgebete: „Herr! O komm herab aus gold'ner Höh Auf diese arme, graue Erde, Daß unser Leben wieder reich Und schön, und groß und wonnig werde. Du schufst der Erde Paradiese, Drin deinem Geist ein Werkzeug dann, Daß dies Eden er beseelen kann. Du wurdest deinem Menschen Führer Als Edens Pforte sich ihm schloß. Du lehrtest lieben ihn und leiden, Von dir allein ist, was auf Erden groß. O, schweb herab aus goldneu Höhen, Laß uns dein Reich auf Erden sehen!" Berichtigungen. Seite Seite 1 Titel richtig auf dem Umschlag des Buches. 1. Zeile: An statt In. 3 Zeile 25: lies sehnsüchtigen. 4 Zeile t ö richtig: erschien. 7 Zeile 10 besser: diese statt sie. Zeile 15 (Josef Gauby). 11 Zeile 5: frei; zu Hause, da u. s. n>. 15 Zeile 29: zählen statt zu zählen. 19 Zeile 6 lies: ins! Zeile 15 richtig: ihm nicht ihn. 20 Zeile 25: Vorbereitung statt Vor¬ bereiten. 22 ZI. 27: fehlt ein „ist" nach „häßlich". 43 Zeile 8: könnte statt konnte. 44 Zeile 9: muß nicht mußte. 49 Letzte Zeile: da, statt: , da. 51 Zeile 9 richtig: im Gefolge ihren treuen Sklaven usw. 52 Vorletzte Zeile: Wissensbezirk. 57 Zeile 7: Wuchsen statt Wachsen. 78 Zeile 3: scheint". 78 Zeile 5: „Aber. 80 Zeile 6 besser: größer zu sein. Zeile 29: wolle statt wollte. 81 Zeile 29: Seitenflügel. Zeile 30: in den rechten Flügel. 82 Vorletzte Zeile: in Türhöhe. 84 Zeile 1: in statt ein. 91 Zeile 23: Garten statt Gärten. Zeile 35: schimmernde. 92 Zeile 12: pausen statt zu pausen. Zeile 13: ihn statt ihm. 93 Zeile 18: ober statt neben. 94 Zu Zeile 15: Admont. 105 Zeile 3: „Hast — gelegt". 108 Zeile 15: „künstlerischer Weise". Zeile 21: falsch der Beistrich zwi¬ schen „Eintretenden" und „auch", lio Zl. 8: verarme. Zl. 32: Guckkasten. 111 Zl. 15: wandte. ZI. 31: (weil die gewitzigten Fliegen es mieden). 114 Zeile 18:(meinPlätzchen). Zeile 19: Akelei. 115 Zeile 1: versorgt. 116 Zeile 18: Leiden. 117 Zeile 35: wird es. 119 Zeile 7: Kinder. Zl. 15: zu schicken. 120 Zeile 19: Kleidung. 121 Zl. 13: Rettig statt Erbsen. Letzte ZI.: letzter Beistrich falsch. 123 Zeile 29: Das. 124 Zeile 3: Jesu. 128 Zeile 5: ihm statt ihnen. ZI. 25: diese statt sie, Beistrich falsch. Zeile 26: Waldes, dem. 136 Zeile 1: in einen. 138 Zeile 27: Vom Laufen. 141 Zeile 8: ihn. 142 Letzte Zeile: euch statt auch. 144 Zeile 18: zerfransten. 119 Zeile 2: hat, dem. 152 Zeile 7: verschrien. 153 Zeile 7: Wie. 154 Zeile 28: größere. 155 Zeile 10: ausspannt. Zeile 11: konnten. Zeile 25: hat." 158 Zeile 4: Beistrich nach Sonne. 160 Zeile 25: bei den. 161 fehlt die Kapitelzahl X. 167 Zeile 19: Tief beugst du Beste. Zeile 29: einmal statt einst. 170 Zeile 31: duftigen statt duftenden. 172 Zeile 15: „Des Wanderers. Zl. 17: Wüten!" 174 Zeile 33: der junge Künstler statt Ehrhart. 176 Zeile 2: sprach er: „Dein. Zl. 3: auch leis'. Zl. 27: grüße. Seite 177 Zeile 12/13: Der am weitesten vor¬ springende Baum trug die Auf¬ schrift. 178 Zeile 13: Saal. 180 Zeile 10: nahm. 181 Zeile 1: gleichsam?" Zl. 15: „Und. 186 Zeile 13: die zweite Halbzeile irr¬ tümlich als dritte Zeile gesetzt. 187 fehlt die Kapitelzahl XI. Zeile 28: So hieß Edeltram. 189 fehlt die Kapitelzahl XII. Zeile 9: so daß auch aus einer unfertigen Zeichnung ein Ganzes wurde. 193 Zl. 25:Stimme, Zl. 14: „Solcher. ZI. 22: vorsprechen. 194 Zeile 2 falsch: und. 195 Zeile 7: „Jedes... 196 Zeile 3: der teure. Zl. 5: leben. Zl 30: musikalischen. 197 letzte Zeile: und siehe, Seite 201 Zeile 11: Ganze? Mein. Zl. 14: zusammen. 202 letzte Zeile: Holty. 205 Zeile 14: 1. an der Luft?" Zeile 28: Hölty auf!" 206 Zeile 21: warum. 207 letzte Zeile: zusammengesetzt?" 209 Zeile 22: Gedichte. 211 Zeile 5 und 6: Anführungszeichen falsch. Zl. 11 und 12: Anführungs¬ zeichen überflüssig. 212 Zeile 17 u. 18: Anführungszeichen nach Chore und vor 1 unnötig. 213 Zeile 14: marschieren. 213ZI. 15: Beistrich nach treten unrichtig. 217 Zl. 15 u. 16: knappem, gelehrtem. 221 Zeile 3: führt. 223 Zeile 27: die Menschen. 224 Zeile 27: hatte. SSIS03 Druck der Vereinsbuchdruckerei „Celeja" in Cilli.