Arber Kalobiotik. Bon Heinrich v. Littrow. II. Separatabdruck aus der „Laibacher Zeitung." Laibach 1871. Druck von Jgn. v. Kleinmayr L Fed. Bamberg. Im Verlage des Verfassers. Die mythenbildcnde Substanz nennt David Stranß den Glauben der Menschen. Wir haben in unserer ersten Converfation über Ka- lobiotik, über „die Kunst schön zu leben," der Jahres¬ zeiten, des Alters, des Geschlechtes, der Sitten und Ge¬ bräuche im Vorüberstehen erwähnt und behauptet, daß alle diese verschiedenen LebenSperioüen, Lagen und Ver¬ hältnisse berücksichtigt werden müssen, wenn man das Le¬ ben kalobiotisch auffassen will. Was das Alter anbelangt, so ist das ein sehr deli- cater Punkt. Man läßt sich so gerne „lieber Alter" und „liebe Alte" nennen, so lange man es nicht ist; — ist man es, so will man von diesen Titeln nichts mehr wissen. Ja ich glaube, daß die Alten, die wir pur äroit äs rmissa-E so nennen, ich meine die Heroen nnd He¬ roinen des Alterthums, wenn sie heute aus ihren Grä¬ bern erstünden, nicht mit dieser Anrede zufrieden wä¬ ren. sogar die Götter und Göttinnen des Olymps wür¬ den, — obwohl die ältesten der Alten — den unsterb¬ lichen Mund verziehen, wenn man z. B. Venus, Hebe, Diana, Juno, die „Alten" nennen würde. Wir thun also besser, wenn wir diesen delicaten Punkt unberührt lassen. Was die Jahreszeiten oder die klimatischen Ver¬ hältnisse anbelangt, so versteht es sich wohl von selbst, 1 2 daß Frühling, Sommer, Herbst und Winter ihre Eigen¬ heiten mitbringen, ihre besonderen, verschiedenartigen Ge¬ nüsse bieten, daß man an Neapel andere Anforderungen stellen kann als an Petersburg, daß Sicllien und Island nicht Gleiches zu leisten im Stande sind. Wer am Fuße des Hekla die Mondnächte sucht, die in den Ebenen von Siracus am Fuße des Mongibello balsamische laue Lüfte fächeln, ist kein Kalobiot, wer in den Hebriden Abend¬ promenaden macht, wird sich so sicher Frostbeulen holen, als jener den Sonnenstich erwischt, der um die Mittags¬ stunde in der nubischen Wüste spaziert. Sich acclimatisiren heißt eigentlich nichts anders, als sich fügen in die Natur, sich gewöhnen an das Unge¬ wöhnliche, sich zum Bewohner des neuen Landes, und nicht das Land in klimatologischer Hinsicht zu unserer Heimat, zu unserem Vaterland machen wollen. Der Mensch als Kosmopolit kann sich an Alles gewöhnen und das Gute nimmt er besonders schnell an — nicht so die Natur, das Klima, die tellurische Be¬ schaffenheit eines Landes. Wer starr auf seinen LebenS- gebräuchen beharrt und dort, wo man Tamarinden zur Erfrischung genießt, mit Rostopschin oder Sherry oder Brandy seinen Durst stillen will, der wird den klima¬ tischen Einflüssen unterliegen, wie der Aclpler, wenn er sich zum Bergknappen verdingt und aus seiner äther¬ reinen Luft in die Atmosphäre der Gruben hinabsteigt; die Natur hat in dieser Beziehung eine Art National- Costumc, wehe Dem, der plötzlich etwas daran zu ändern wagt — er würde cs theuer, vielleicht mit seinem Leben bezahlen. Die Rücksichten für Jahreszeit und Klima darf der Kalobiot also nie aus dem Auge verlieren. — Daß der keimende Lenz and re Genüsse bcut, als der frucht¬ tragende Herbst; daß der glühende Sommer den Wunsch nach der Frische des Winters in uns rege macht: das 3 liegt in der Unruhe, in der angebornen Unzufriedenheit des Menschen; der Kalobiot tröste sich aber mit den Gesetzen der Natur und bedenke, daß der gesunde Mensch wie der gesunde Baum seinen Frost, seine kalte Ruhe, seinen Winter braucht, und daß ein gesunder, kräftiger Baum leiden, vielleicht zu Grunde gehen würde, wenn er ein Jahr hindurch einen ununterbrochenen Sommer ertragen müßte. Von kränklichen oder Glaöhauspflanzcn, von Mimosen und Sensitiven kann hier natürlich nicht die Rede sein — sie befinden sich in einem Ausnahms- zustande, der auch exceptionelle Behandlung erfordert; und Gesundheit bleibt auÄ die Basis, wenigstens die materielle, der Kalobiotik, eben deshalb aber gehört die vernünftige Pflege der Gesundheit zu den Pflichten des Kalobioten. — Nsu^ suuu iu vorxoro suuo — ein ge¬ sunder Geist im gesunden Körper — wird ewig eine Lebensdevise bleiben, und von Hypokrates bis auf unsere Medicinalräthe wußte keiner an diesen vielsagenden we¬ nigen Worten etwas zu ändern. Mit der eben erwähnten vernünftigen Nachgiebig¬ keit gegen den Himmelsstrich, gegen das Klima, erzeugt sich eine gewisse Zufriedenheit, eine lohnende Genügsam¬ keit, die sich endlich über eine anständige kleine Cabine an Bord, deren Raum nach Zollen bemessen ist, ebenso freut, wie über ein geräumiges Zimmer am Lande, und die Anforderungen je nach den Verhältnissen, je nach der Möglichkeit stellt. Ueberhaupt gehört die Beschrän¬ kung unserer Bedürfnisse zur ersten Lebensregel, und schon ein alter Weiser sagt, daß derjenige der Reichste ist, der die wenigsten Bedürfnisse hat. Ein Beispiel hierin bietet uns, wie in vielen Dingen, der Orient und der Orientale. Der viel besungene, viel bereiste und viel beschriebene Orient, dessen Poesie Victor Hugo so viuführerisck aufgefaßt und geschildert hat, daß man sich gar njcht mehr zurechksinden kann, dessen Prosa Ida 4 Pfeiffer trotz zeitweisen Anlaufes zum Pegasussprunge so trocken auftischte, daß man lieber noch einmal ihr Buch liest, als man sich zu einer Reise in jene Länder entschließt. Victor Hugo beschreibt die majestätische Wache am Eingänge des heil. Grabes, d>e mit gekreuzten Bei¬ nen auf dem türkischen Teppich sitzt und den Giaur bei Sonnenuntergang in die heiligen Räume einschließt und dort bis Sonnenaufgang gefangen hält, während in der Wirklichkeit sich jene imponirenden morgenländischen Ge¬ stalten nur Entomologen oder Ungezicfersammlern nähern können, — Ida Pfeifer erzählt uns, wie theuer sie auf den Ruinen von Troja ein Ei bezahlte. - In solchen Extremen bewegt sich die Kalobiotik nicht, — sie liegt auch nicht in der Roheit des Mannes, der an der Grenze des Osmanenreiches das Weib als Lastthier be¬ handelt, sic nicht zu Tische bringt — oder höchstens als Aufwärterin duldet, wie es in Croatien und Slavonien der Fall ist, während der Orientale seine Weiber frem¬ den Blicken entzieht und sie eifersüchtig als seine Haus¬ poesie hinter Schloß und Riegel, hinter Gitter und Schleier verbirgt — aber nicht mißhandelt, ja sich sein Paradies nur durch weibliche Wesen verschönert denkt, während wir, wenn vom Paradiese die Rede ist, immer nur von Engeln und nie von Engelinnen sprechen hören. Der Orient hat seine Poesie und der Orientale ist ein wahrer Kalobiot. Es kömmt eben nur auf das Auge an, mit dem man sieht, und auf den Standpunkt, von dem aus man sieht. Dasselbe Bild macht auf verschiedene Menschen einen ganz verschiedenen Eindruck — der Eine verlangt grelle Farben, scharf markirte Züge, Theatereffecte — dem Anderen genügt die Conception, die richtige Idee, der göttliche Funke, der ihm cntgegenleuchtet und den eben der Andere übersieht. — Kalobiotische Auffassung verlangt so wenige Mittel, aber um so strenger den 5 Sinn dafür. Anastasius Grün schildert uns diese Ver¬ schiedenheit der Auffassung so treffend in einem kleinen Gedichte: Zwei Wanderer zogen hinaus zum Thor, Zur herrlichen Alpenwelt empor. Der Eine zog, weil's Mode just, Den Andern trieb der Drang der Brust. Und als daheim nun wieder die Zwei, Da rückt die ganze Sippe herbei, Da wirbelt's von Fragen ohne Zahl: „Was habt ihr geseh'n? Erzählt einmal!" Der Eine d'rauf mit Gähnen spricht: „Was wir geseh'n? Vie! Rares nicht! Ach, Bäume, Wiesen, Bach und Hain, Und blauen Himmel und Sonnenschein!" Der And're lächelnd dasselbe spricht, Doch leuchtenden Aug's, mit verklärtem Gesicht: „Ach Bäume, Wiesen, Bach und Hain, Und blauen Himmel und Sonnenschein!" Es fehlet so manchem der Strahl des Lichts, Der Eine sieht alles, der Andere sieht nichts, Im Aufsassen liegt das ganze Glück, Der Ton — der Ton der macht die Musik. Man hört nicht selten von Freunden der Kalobiotik die Behauptung — daß zum Genießen eine gewisse See¬ lenruhe, ein Behagen — mit einem Worte Comfort ge¬ hört. Niemand wird das leugnen wollen. Jeder von uns hat es wohl schon bei anstrengenden Landpartien erfah¬ ren, daß sich eine Gegend bei leerem Magen und Mü¬ digkeit ganz anders ausnimmt als nach Tische. I/uämi- rutiou, die Bewunderung, sagt der Franzose muß aus einem Stücke sein — getheilt kann sie unangenehm wer¬ den, besonders wenn la, äsrui ration daraus wird. Schwärmer, die der Materie keinen Platz im Men¬ schen einräumen wollen — leugnen den Einfluß des 6 Magens auf unser ästhetisches Gefühl — aber sie irren sich — der animalische Theil mit seinen materiellen Be¬ dürfnissen läßt sich nicht wegleugnen — er ist der Bal¬ last, den der Schöpfer wohlweise in unser Lebensschiff gelegt, damit es dem Segel- und Wellendrucke wider¬ stehen, Curs halten könne, und sich nicht auf Mond¬ schein-Strahlen schaukle und zum Lufballon oder zur Libelle werde. Ohne ein Gourmand, ein Völler, ein Vieleffer, ein Schlemmer zu sein, hat es doch jeder von uns erfahren, wie abgespannt und geistesmatt Hunger und Durst ma¬ chen — schlecht verpflegte Armeen schlagen sich schlecht — hungrige Künstler, die uw Brot spielen, spielen schlecht, — der Venetianer hat ein treffliches Sprüchwort in die¬ ser Beziehung: 8uooo vuoto non stu in pisäs. Nie¬ mand wird gerne in seiner Mahlzeit oder Fütterungs- Stunde gestört — in der englischen Marine wird vor Anker zur Mittagszeit der Mannschaft, wie während des Gottesdienstes, eine Flagge gehißt, und Niemandem wird erlaubt, an Bord zu kommen oder ans Land zu gehen, Boote zu bemannen oder sonst einen Dienst von der Equipage zu verlangen. Wer sich nur einmal des Tages nährt — will es ungestört thun — und obwohl der Mensch kein Wiederkäuer ist, verlangt er doch nach der Mahlzeit eine gewisse Ruhe. Wer tagsüber physisch oder geistig angestrengt ist, betrachtet die Mahlzeit, besonders wenn sie auf eine späte Stunde fällt, als den Schlu߬ punkt der Thätigkeit, als das Ende seines Tagbogens. Die Sprüchwörter der alten Römer: post prMäiuw stM8; plsnus vonter sie. predigen dieselben Lebens¬ regeln. Die Sitte der späten Mahlzeit, wie sie in Eng¬ land, Frankreich, Spanien und im Oriente eingeführt ist, gehört somit auch zur Kalobiotik und wenn sich ein mit gutem Appetit gesegneter Feinschmecker nach Tische 7 mit einer Boa Constrsttor vergleicht, so ist das Gleich- niß nicht elegant, aber auch kein hinkendes. Die Fran- zosen haben da eine ganz praktische Regel: 8s Isvsr st six, Dsssmwr L äix, Dinsrstsix, 8s sousstsr st äix, kont vivrs äix kois äix. Die Mahlzeit braucht Ruhe — jede Sitte, jeder Gebrauch hat das vernünftiger Weise so eingeführk bei allen Nationen, in allen Schickten der Gesellschaft. Eine alte Lebensvorschrift sagt: iltstutzn- mais lirs 868 Isbtrss nvnnt äinsr. Während inan die Batterie einer Uhr anfzicht, soll sie nickt schlagen. Wäh¬ rend man Wasser in einen Brunnen gießt, soll man nicht schöpfen. Es mag allerdings eine animalische Func¬ tion sein — aber die gukmüthigsten Thicre knurren und beißen, wenn man sie in ihrer Mahlzeit stört, und wenn uns bei einer ungeschickt angemeldetcn Visite Jemand mit der Serviette entgegenkommt und sich den Mund abwischt, um uns zu empfangen oder zu umarmen so hat er schwerlich ein freundliches Lächeln für uns; der Kuß riecht nach Braten, die Bewegung des Mundes ist eben zum Kauen und nicht znm Lächeln hergcrichtet. — Nur der vertrauteste Umgang macht da eine Ausnahme. Sitten und Gebräuche sind gewissermaßen die Grund¬ lage der Gesetze in der menschlichen Gesellschaft. Sic be¬ haupten ihr Recht in allen Schichten, bei den. Gro߬ städtern in Residenzen, bei den Abderiten in der Pro¬ vinz. Niemand hat das Recht, sie zu ignoriren. Sie werden theilweise oft strenger als die Gesetze beobachtet, weil sie sich in unsere Erziehung, in unsere Gewohn¬ heiten einzuschleichen wissen. Oer verläßlichste Mentor im Leben bleibt aber die Gewohnheit, und wir können uns selbst die Engel nur als Wesen denken, denen die Tugend zur Gewohnheit geworden ist, obwohl der heilige Augustin dieses bestreitet und immer sagt: sum vsritas st vita, äixit Dominus; non äixit: eZo sum sonsusbuäo, und doch war es auch bei ihm nur edle Gewohnheit, die Wahrheit zu sagen. 8 Man kann auch den Völkern des Orients keines¬ wegs den Mangel an Comfort vorwerfen, einer Haupt¬ lebensbedingung der Engländer, die auch dieses unüber¬ setzbare Wort eomkort erfunden haben, das so einzig wie das türkische „irskk" dasteht, wie das französische ZZus, Vas eingebürgerte deutsche Asuirsn, das aus dem hebräi¬ schen Müslüm, das Qual, Hölle bedeutet, abgeleitet sein soll, wie das italienische nwMri, wie das deutsche Wort „Gemüth und gemüthlich", wie das spanisch? Ässku, das die Gelehrten aus d?m Lateinischen von Zsxtu iioru, die Speisestunde der Römer, ableiten wollen, und das nur mit dem türkischen irokk die Parallele aushält. — Der Comfort, wie gesagt, fehlt den Orientalen so wenig, als die Poesie des Nichtsthuns, das äoles kur uisukv, den Italienern, — aber der orientalische Comfort ist leichter zu erlangen, eben weil die Bedürfnisse des Orien¬ talen, und wenn er auch ein Crösus wäre, weit geringer sind als jene der Abendländer. Dieser Mangel an Be¬ dürfnissen, dieses angeborne Vermeiden alles Uebcrflüs- sigen, macht den Orientalen das Colonisiren unmöglich — weil es kein Land, kein Volk gibt, das sich durch ein einfacheres Leben den Abbruch an seinem gewohnten Uebermaße gefallen ließe. Es gibt keine orientalischen Colonien, außer streng für sich abgeschlossene, mit Bei¬ behalt ihrer ursprünglichen Sitten und Gebräuche — selbst tellurische Verhältnisse, diese unerbittlichen Tyran¬ nen, die keine Rücksicht kennen und den Stoffwechsel so gründlich vornehmen, haben keinen Einfluß oder wenig¬ stens einen sehr geringen und sehr langsam wirkenden auf den Orientalen. Noch schwieriger wird es daher, sie durch eingewandertes fremdes Element zu ändern. Engländer und Franzosen, die Colonisten pur sxosl- 16U66, haben aus den Orientalen, unter denen sie seit Decennien in Massen leben, doch noch keine Europäer gemacht, mögen sie als Eroberer, als Kaufherren, als 9 Speculanteu, als Hausirer oder als Missionäre mit der Bibel in der Hand unter ihnen erschienen sein und es wie ünmer versucht haben, sich unentbehrlich zu machen. Die Colonisirungssysteme dieser beiden großen Na¬ tionen, die am häufigsten von allen auf Gastrollen in der Welt Herumreisen, sind aber auch ganz verschiedene. — Der Fraurose colonistrt, wie der Reisende Beaufort in seinem Werke „I^u oolomsution sn Orisnt" behauptet, pur Io vivo — I'rmAlui8 pur vvrtu; der Franzose durch Sillenfreiheit, der Engländer durch Formzwang; der Franzose importirt neue sinnenreizende Bedürfnisse — der Engländer exportirt Vorurtheile, der Franzose verkauft Absinthe wohlfeil an Colonisten >— der Eng¬ länder kauft ihnen Mastix-Branntwein thcuer ab und trinkt ihn selbst, — der Franzose bringt Modejournale und Toiletten auf den Markt — der Engländer wasser¬ dichte Stiefel, inrxvä piokl68 und vator-xroofs; — der Franzose importirt Romane von Paul de Kock — lirvo- nuäs AU26U86 und Alumettes von allen Farben, die bei Feuchtigkeit den Kopf verlieren — der Engländer verschenkt die Polyglvkten-Bibel, liefert Spazierstöcke zu 8ix xonos und 8oäu-vutvr neben Brandy und Porter, — der Franzose nimmt allmälig und im Verhältnisse schnell Sitten und Unsitten, ja sogar die Trachten seiner Colonien an — der Engländer hält fest an den Formen und Gebräuchen seines Mutterlandes, trägt seine weiße Cravatte, seine steifen Vatermörder, seine eng anliegen¬ den in6xxr688ibl68, während der Franzose schon lang im orientalischen Fez und in Pluderhosen herumstolzirt — der Eine also bringt den Colonisten gleichsam das Echo ihrer Sitten entgegen, der Andere wartet, bis jene zu ihm kommen, — der Franzose erreicht sein Ziel halb aber schnell, der Andere ganz aber spät; der Eine be¬ lächelt, verachtet, aber schließt sich an, der Andere studirt, achtet, aber isolirt sich — der Eine ködert durch Frivo- 10 lität, Gesetzlosigkeit, durch Toleranz, der Andere bindet durch Ernst und Strenge; der Eine nimmt auf, der Andere nimmt ab, und dennoch mengen sich die Racen nicht, am wenigsten mit dem Engländer, der auch die tcllurischen Verhältnisse zu paralysiren versteht. Und doch liefert eben der Orient so mannigfaltigen Stoff für Kalobiotik. Eben den Satz: „daß der der Reichste ist, der die wenigsten Bedürfnisse hat," illustrirt Niemand so glänzend wie der Orientale. Lenau besingt zwar auch reizend in seinen „Drei Zigeunern" das ge¬ dankenlose Glück ohne Sorgen — bei der Fidel, dem Schlafe und der Pfeife — An den Kleidern trugen die Drei Löcher und bunte Flicken, Aber sie bolen trotzig frei Spott den Erdengcschicken; Dreifach haben sie mir gezeigt, , Wenn uns das Leben nmuachtet, Wie man's verraucht, verschläft, vergeigt, Und es dreimal verachtet. Der Mangel an Bedürfnissen constituirt also auch hier das Glück — eine gewisse Zufriedenheit, mehr aber Apathie, und die Zigeuner deshalb zu Kalobioten zu erheben, wird doch Niemandem einfallen. — Marsano's „Buder der Wüste" geben uns eine richtigere Zeichnung von orientalischer Kalobiotik, und da diese Gedichte bisher nur Wenigen bekannt sein dürften, will ich hier eines der reizendsten, charakteristischsten vor- führcn: Bilder -er Wüste. i. Weithin dehnte sich die Wüste, Unabsehbar heißer Sand, Drüber wolkenlos der Himmel Roth und glühend ausgespannt. 11 Eine grünend? Oase Liegt in dem verbrannten Raum, D'raus cutsprndelt eine Quelle Unter einem Palrnenbaum. Ringsum lagern Bcdninen, Mitten hat der Scheik sein Zelt, Rundherum in wilden Gruppen Rastet die Nomadenwelt. Welch' ein Bolk! — So dacht' ich bei mir, Welch' ein Leben hier im Sand, Nicht die Formen feiner Sitten, Nicht Cnltur und nicht Verstand. Ohne Haus und Hof und Garten Wohnen sie hier unterm Filz, Der, ein abgestutzter Kegel, Mahnet an des Waldes Pilz. Wo ist hier wohl ein Theater'? Wo Concerte'? wo ein Ball? Statt Mnsik Geblöck der Heerde Und Kameele überall. Wo sind Zimmer comfortable? Wo Tapeten? wo ein Bild? Wo Familienpapiere? Wo ein altes Wappenschild? Wo sind hier die Equipagen? Von Lakeien keine Spur; Wo die gaserhellten Läden, Zeichen wachsender Cnltur? Wo Hotels? — und wo Journale? Wo die Moden, wechselnd neu? Wo der Dampf, die Telegraphen? Und wo ist die Polizei? Armes Volk der Beduinen, Ein Jahrtausend noch zurück, In Enropa'S Kunst und Bildung, In Enropa'S Schliff und Glück! — 12 II. Vor dem Zelt des Schelks gesattelt Stand ein wild arabisch Roß, Das, an dem Gebisse schäumend, Blitze aus den Augen schoß. Und es warf den Kopf gar zierlich, Scharrte mit dem feinen Huf, Spitzend klug die kleinen Ohren, Horchend des Gebieters Ruf; Und ein Jüngling kam geschritten, Stolzer Haltung, leicht und schlank, Mit dem dunklen Falkenauge, Ein Achill in Waffen blank. Warf kaum einen Blick herüber Auf uns Franken — rief sein Roß, Das, in Hellen Tönen wiehernd, Ihm ein würdiger Genoß. Und er schwang sich in den Sattel, Auf die Schultern sein Gewehr, Und hin flog er — und sein Burnus Wie ein Adler hintenher. Kaum geseh'n und schon verschwunden — Eine Wolke Staub und Sand Wirbelte in leichten Ringen Durch das glüh'nde Wüstenlaud. „Das sein Sohn, und er hat sieben," Sprach mein Führer, „solchen Hengst Hat ein Jeder — Dein sind Alle, Wenn Du nur den Schwächsten fängst. Daß Ihr hier so friedlich wandelt, Dankt Ihr nur dem Scheck allein. Siehst Du dort die Caravans? Nur ein Wink — und sie ist sein; Doch er prüft das Maß der Kräfte, Nur den starken Feind er fällt; Für das Lamm ist er ein Kindlein, Für den Leu ist er ein Held." 13 HI. Ich trat ein. — Auf reichen Decken Lag der Scheik — ein alter Mann, Silberweiß van Bart, doch kräftig — Sah mich ernst nnd prüfend an. Neben ihm auf weichen Polstern Lag ein junges, schönes Weib, Mit den Augen der Gaulle Mit der Palme schlankem Leib. Teppiche von glüh'ndcn Farben Wölbten einen Baldachin, Weich in kunstlos leichten Falten lieber sie und über ihn. Kaum gebräunt vom Hauch des Südens Dieses Wnnderantlitz war, Glühend d'rauS — so wie zwei Sonnen, Blitzt mich an ihr Augenpaar. Rings im Zelte hingen Waffen, Reich an Gold nnd Edelstein, - Die gefährlichsten von allen, Mochten diese Augen sein! -- Ob der Scheik in meinen Mienen Las, was ich gedacht zur Stund, Weiß ich nicht — doch spielt' ein Lächeln Um des Beduinen Mund. „Franke," sprach er, „weile ruhig Unter uns und meinem Schutz; Gastfrei sind wir Beduinen, Gastfrei ohne Eigennutz." „Ich durchzog auch Eu're Lande; Was Jahrhundert nnd Jahrhundert Baute — einriß — wieder baute, Hab' ich still für mich bewundert." „Groß in Vielem — klein in Vielem, Vorgeschritten — festgebannt, Haarscharf zngeschlifsne Sitten, Wenig Herz — nnd viel Verstand." 14 „Ueb'rall Kunst und Wissenschaften, Land und Menschen voll Cuttnr — Und so blieb vor Kunst und Bildung Wenig Raum für die Natur." „Rohen Muth habt Ihr gebändigt, Daß er nicht gefährlich sei, Alle Krast legt Ihr in Ketten, Nur die schwäche wandelt srei." „Reichthum sucht Ihr in Papieren, Grabt nach Gold Jahr aus Jahr ein, Und wenn Jhr's zu Tage fördert, Sperrt Ihr es in Kisten ein." „Wie die Menschen — so die Pferde, Gut geschult für kleinen Roum, Alles zwängt Ihr ein in Schranken: Thaten — Blumen — Wort und Baum." „Nichts darf auf zum Himmel wachsen, Frei in freien Lüften sein: Das Gebet zu Eu'rem Gotte Selbst — schließt Ihr in Klöster ein." „Mir ward's eng' in Eu'cen Sälen, Aengstlich mir in En'rer Welt, Und ich sehnte nach der Wüste Mich, und hier nach meinem Zelt." „Blauer Himmel — Dattelbäumc — Frischer Quell' und Haideland, Sonne — Luft und freie Räume, Vätersilten — Vaterland." „Kinder sind wir eines Landes, Sand und Erde wiegt wohl gleich: Deckt mich heißer Sand der Wüste, Deckt die kühle Erde Euch!" „Doch im Leben bin ich König, Hier mein Sccpter dieses Schwert, Dort mein Volk, mir nnterthäuig. Und mein Thron steht hier mein Pferd!" 15 „Sieben Söhne - junge Recken, Wie kein Vater sie besitzt: Niemand wogt'S, den Len zu wecken, Den solch' eine Leibwach schützt." „Und mein Weib - da schau' kinr selber - Sre blickt Dich verwundert an; — Sie vergleicht uns — mich den alten Scheck — nett Dir, dem jungen Mann!" Lächelnd sprach der Scheck die Worte, Winkl und blieb mit ihr allein; Und wenn ich mir's recht bedenke, Macht' der alte Scheck ich sein. Marsano. Drängt sich bci dieser wahrheitsgetreuen Schilde¬ rung nicht Jedem der Gedanke an Kalobiotik auf? Ist solch ein Bolk in seiner Sphäre nicht bcucidenöwerth glücklich? Und welch einfache und doch poetische Auffassung des Lebens liegt nicht in einer solchen Existenz, wie sie der Dichter so recht aus dem Leben jener Böller ge¬ schnitten hat. Sitten und Gebräuche, besonders jene des Orients, haben etwas fesselndes an sich — reizen zur Nach¬ ahmung. Wir finden das bei den geistreichsten Leuten, die sonst im Allgemeinen jede Nachäfferei hassen. Wer längere Zeit im Orient gelebt hat, bringt sicher einige Usancen von dort mit in seine Heimat, und wenn es nur türkische Teppiche, Tschibuk, Nargile und Rahat-lo- chum wären, nachdem man sich dort an solche Genüsse gewöhnt hat. Einen sprechenden Beweis hiefür liefern uns die Benctiancr. Ihre häufigen Handelsberührungen mit dem Oriente — die aus grauer Borzeit datiren, ihr Auftreten im Morgenlandc, sei cs als Eroberer, wie in Cypern, Candia und in der Morea, sei es als Co- lonisten und Kaufherren, wie im Peloponnes, in Griechen- 16 land und auf den jonischen Inseln, haben sic zu halben Orientalen gemacht. — Der Styl der Basilika von St. Marco, die schlanken italienischen „Campanili," die Gondel — ein Ersgß für das „Kaik" des Bosporus, die unzähligen Kaffeehäuser, die häufige Verwendung des rothen und blauen Fez als Kopfbedeckung, die Schleier, Mantillen der Frauen, die Vorliebe für Pan¬ toffeln, das Scrbetto, das doch sicher nur das verpflanzte Kherbet der Orientalen ist, und hundert andere Kleinig¬ keiten beurkunden in ihren Sitten und Gebräuchen den langen Aufenthalt im Oriente, das Jnsichaufnehmen der Atmosphäre jener Region. Noch heute steht an Tagen, wo die Hausfrau Visiten erwartet, die eoAorrm ckol oalks am Feuer, und jeder Gast wird zu jeder Tagesstunde damit bewirthet. DerOoeivM, der Laternjunge, der Abends nach Hause begleitet, ist der Kaäiestos des Orients, der dort denselben Dienst leistet. 6udan (Mantel), bn/./.uro (Bagatelle), enieostio (Boot) und viele andere Ausdrück' sind aus dem Oriente iwportirt. — Der Veneiianer allein hat aber unter allen Colonisten die Gcnuq- khuung im Oriente erlebt, daß seine Sprache, der schöne vemtianische Dialect, seine Sitten und Ge¬ bräuche auch dem Orientalen gefielen und theilweisc angenommen wurden. Heute noch, wo die Herrschaft, ja mau möchte sagen, die Berührung der Venetianer mit dem Orient auf ein Minimum herabgesunken ist. heute noch hat sich das venetianische Gepräge deutlich in jenen Ländern erhalten, am die einst il loono äi 8. Nureo seine siegreiche, ober doch weiche Tatze gelegt hakte. Daß es eben pait68 äo iion, aber zugleich pattss äs vsiours waren, darin mag der katobiotische Grund der gelungenen venetianischen Colonisation liegen, während Franzosen und Engländer, die dieses Geschäft seit Jahrhunderten betreiben, den Typus des Orients nicht zu ändern im Stande waren, 17 und heute noch die jonischen Inseln zum Beispiel nicht im geringsten englisirt sind und die engen Gassen, so täuschend durch ihren Schmutz und die contrastirende Reinlichkeit ihrer Kaufläden, durch die Art der Arran¬ gements ihrer Auslagen vom venetianisckien Goldarbeiter, vom Oresö bis zur Oebstlerin, kruttsrola, den Touri¬ sten im Geiste nach der Dogenstadt versetzen, umsomehr, als man beständig venetianisch sprechen hört und so häufig dem alten geflügelten Löwen begegnet, der mu seinem halb offenen Rachen das pux tisti Naroe — stivanZöUsto. Möns — sanft zu murmeln scheint. In diesem gegenseitigen Vermengen der Sitten und Ge¬ bräuche liegt die Kunst des Colonisirens, die ohnehin eigentlich nichts anderes bedeutet, als ein gegenseitiges Sichaufnehmen — und sich nur darin von der Occu- pation unterscheidet, die freilich zuweilen auch Protek¬ torat genannt wird, wie cs z. B. bei den jonischen In¬ seln der Fall war. ES gibt Menschen, bei denen, wenn sie längere Zeit im Oriente zugebracht haben, eine Art Heimweh nach jenen Regionen entsteht. Maler, die durch längere Zeit in südlichen Gegenden gelebt haben, verlieren die warmen Töne nie mehr von ihrer Palette — es widert sie an, kalte Luft und matte Beleuchtungen zu malen, Kobalt, Goldocker, Violet und Carmin blieben in ihrem Pinsel, wie die blaue Tinte in einer Damen-Feder. Der vor kurzem Heimgegangene originelle und, wenn mir der Aus¬ druck gestattet ist, praktische Schwärmer Fürst Pückler- Muskau, der diese Welt im 86. Lebensjahre verließ und, vor 30 Jahren aus dem Oriente zurückgekehrt, seit jener Epoche seine Vorliebe für alles Morgenländischc treu wie eine erste Liebe in seiner Seele bis zum letzten Atbemzuge bewahrt hat, dieser Manu liefert uns ein spre¬ chendes Excmpel. Was hat sein im Oriente entwickelter und verfeinerter Geschmack nicht in dieser Richtung ge- 2 18 leistet, was Hal er an der Seite seiner reizenden Mach- buba, des abyssinischen Mädchens, das er nach Europa gebracht und zu seinem größten Schmerze nur zu bald verloren hat, nicht in Muskau, in jener Kiefernhaide der Lausitz, an der Neisse geschaffen? Nicht ein Garten, nicht ein Park, sondern eine Gegend ist unter seiner Lei¬ tung entstanden, seine arabischen Rosse tummelten sich im Sande des Wenden-Landes. — Thiere aller Gattung bevölkerten die schattigen Gartenpartien, Waffen, Teppiche, Geräthschaften aller Art, besonders aber die Blumcncul- tur, die Zusammenstellung der Beete nach Farben, ver¬ setzten ihn wieder unter den blauen Himmel jener Län¬ der, deren bezaubernder Eindruck ihn nie mehr verlassen hat. Der geistreiche Verfasser der „Briefe eines Verstor¬ benen" hat, wie uns Heinrich Laude in einem Nekrologe versichert, durch sein Werk „Andeutungen über Land¬ schafts-Gärtnerei" Grundsätze für einen neuen ästhetischen Zweig entwickelt. — Sehen wir in den geschmackvollen, leider nicht beendeten Parkbauten des genialen Erzher¬ zogs Ferdinand-Max in Miramar und Lacroma nicht auch die Eindrücke des Südens nach Möglichkeit ver¬ körpert ? Ist so ein „Park machen," wie cs Pückler- Muskau nannte, nicht die Nostalgie nach dem Oriente? — Wollte er doch sogar nach orientalischer Art begraben sein — in einer Grotte, einer Art Katakombe, und be¬ fahl testamentarisch, seinen Leichnam entweder auf chemi¬ schem Wege oder auf gewöhnliche An zu verbrennen, nur sein großes, edles Herz Hal man sich erlaubt in einer Urne aufzubewahren. Beruf, pflegte er zu sagen, ist: die angeborne Fähigkeit ins Werk zu setzen; edler Beruf ist: der Drang, das Bedürfniß, Gutes und Schönes ins Werk zu setzen — hierin liegt der Unterschied zwischen ge¬ wöhnlichen Menschen und Kalobioten — ja selbst der Mangel an Mitteln, Großes und Kostspieliges zn lei- 19 sten, darf dem Kalobiotcn kein eigentliches Hinderniß sein. Erlachstein in Steiermark, die kleine reizende Be¬ sitzung des Herrn v. Gödel-Lannoy, beweist uns, was ein fleißiger Sammler aus dem Oriente heimbrinqen kann, ohne viel Geld auszugeben. Styl und Charakter kann sich in Allem aussprechen — orientalische Lebens¬ weisheit gibt sich auch mit Geringem zufrieden, es kommt nur darauf an, wie man es sich und Anderen mundgerecht macht. — Ganz unkünstlerische Verschwen¬ dung der Mittel, wie sie uns im Leben so oft vorkommt, bemerken wir bei Anlagen mit tausenderlei Krims¬ kram, mit Einsiedeleien, Grotten, Wasserfällen, die den¬ selben Eindruck machen, wie ein Tisch mit tausenderlei Kunststücken des Koches — Torten und Gelses, Pasteten und Pastetchen — während wir bei dem erstem, beim Parke, eine rüstige, üppige Vegetation und einen mäch¬ tigen Wasserspiegel, bei dem überladenen Tische ein saf¬ tiges Stück Fleisch und ein Glas Wein vergebens suchen, wünschen — und nicht finden. Auch in dieser praktischen Lebenseinfachheit bleibt der Morgenländer nachahmenswerih. Seine Sitten und Gebräuche haben meistens einen specifischen Zweck. Je höher die Cultur, desto mehr verliert sich dieser, und wenn die alten Griechen ihre Kinder als Taufoperation tief unter Wasser tauchten, so war diese Sitte gleich¬ zeitig eine Probe der Lebensfähigkeit des Neugebornen — die modernen Griechen begießen den Täufling nur mit kaltem Wasser, was immerhin auch die Lebensfähigkeit eines Schwächlings auf eine harte Probe stellt. — Die zarte spätere katholische Generation begnügt sich mit einigen Tropfen Wassers auf den jungen Kahlkopf, da¬ für stellt sie seinen Geschmack auf die Probe durch das Salz, als Vorgeschmack des bitteren Lebens. Als Emblem der Reinigung gilt die Taufe aber überall, und die Waschungen vor den Gebeten haben beim Orientalen dieselbe Bedeutung. so Und wo man das Leben so auffaßt, muß sich die Kalobiotik auch bis in den Tod, bis ins Grab, bis ins Jenseits spielen. Auch hierin liefert uns der Orient ein Beispiel. Wie viel haben wir Abendländer in dieser Beziehung vom Orientalen zu lernen, wie abschreckend, ekelhaft sind unsere Embleme des Todes, wie lieblich und poetisch hingegen bei den Morgenländern, wo selbst Mo¬ numente des Alterthums aus eghptischer und griechischer Zeit uns den Tod in lieblichen Bildern, in sinnigen Inschriften versöhnend und tröstend darstellen. Die Kunst ruhig zu sterben, sollen die Orientalen ganz vorzüglich verstehen. Der Fatalismus hilft ihnen im Vereine mit den reizenden Bildern des Jenseits durch den Tunnel, den man Grab nennt. Boni Tag zum Tage kannst Du nur Durch finst're Nacht gelangen, D'rum soll Dir auch im Leben nicht Vor Grabesdunkel bangen; Ein Tunnel ist sie nur, die Gruft, Durch den wir Alle müssen, Soll jenseits uns die Morgenluft Und Heller Tag begrüßen. Demokritos sagt: Der Tod ist eine Speise, die man hinunterschlucken muß, ohne sie zu kauen, je schneller, desto besser, meistens schließt man die Augen dabei. Anständig und ruhig sterben, ist keine leichte Kunst, und Montagne behauptet: si nous uvons siosoin ä'mw 83,^6 tewE xour sntror äuns Is wonäe, nous uvons bssoin ci'un llornms suZo xonr M sortir. Wie abscheulich sind auf unseren Bahrtüchern, Särgen und Leichcnsteinen die über's Kreuz gelegten, abgenagten Knochen, die einen hohläugigen Todtenschädel tragen ! Ohne Anspielung auf das Paradies der Houris, das den Ungläubigen erwartet, lächelt uns armen Rechtgläubigen Verwesung, Glatzkopf, Kreuz und 21 Knochen — als einzige traurige Perspective — und auf der Bahre, die den Sarg eines Freundes oder Be¬ kannten trägt, grinsen nebst den ekelhaften Emblemen noch die sinnigen Worte, wie man sie in Fiume z. B. täglich lesen kann: doäis miki, eras tibi — als ob der Todte, dem wir das letzte Geleite geben, noch recht höhnisch als Dank für diesen letzten Freundschaftsdienst schadenfroh uns aus dem Sarge zurufen wollte: Heute mir, morgen Dir. Wir bedanken uns für den freundlichen Wunsch und bewundern die geistreiche Inschrift. Es erinnert dieser fromme Wunsch auf der Bahre an die berühmte Grabschrift C. I. Webers: Hier ruhen meine Gebeine, Ich wollt' es wären Deine. Nun kommt der Friedhof oder, wie er im Deutschen auch symbolisch heißt, der Gottesacker — wieder mit schauerlichen Emblemen, oder noch schauerlicheren Grab¬ steinen und Monumenten, oder noch viel schauerlicheren Inschriften geziert oder verunziert. Aus Sanitätsrück¬ sichten meistens abseits an weit entlegenen Orten mit seinen Wellenhügeln unsymmetrisch hingestellt; zwecklose Bauten, zu armselig, um als Mausoleen, zu kostspielig, um als bloße Särge zu gelten, verrätherische Lapidar- Sthlproben, deren Verantwortlichkeit die Lebenden als Redacteure übernehmen müssen — verhungerte und immer durstige Todtengräber, die das abtropfende Wachs der Leichenfackeln sammeln und mit den Nachteulen und Raben um die Wette Gebete und Flüche kreischen und die Gräber umschwärmen, hin und wieder ein Knochen, über den man stolpert, ein Cranium, das man vor sich her rollt. Nichts von allem dem im Morgenlande — entweder ganz einfache, symmetrisch geordnete Leichensteine, die als Inschrift nur Sprüche aus dem Koran führen, oder 22 großartige nützliche Bauten als Grabmonumentc. Nur Sie Pyramiden und die in Felsen gehauenen indischen Gräber bilden eine Ausnahme, und doch waren auch sie nützlich während des Baues, weil sie Generationen Be¬ schäftigung gaben, und heule sind sie die stehende Re¬ venue der Ciceroni, Eseltreiber rc. in jenen Gegenden. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung, und so oft ich ein plumpes oder ein recht kostspieliges Grab¬ monument erblicke, fallen mir wieder die zierlichen Tempel und Kioske ein, die ich in Smyrna, Rhodus, Syrien, Egypten, in der nubischen Wüste, an den Nil-Ufern und in Algier und Marokko, am Fuße des kleinen Atlas gesehen, ja nicht blos gesehen, sondern auch als freund¬ liche Unterkunft benützt habe. Reiche Mahomedancr lassen sich noch jetzt in sandgefüllten Sarkophagen an irgend einem Lieblingsplätzchen außer dem Friedhöfe, ja oft auf große Entfernung von diesem begraben. Die Stelle, im Leben nach Geschmack gewählt, ist meistens ein domini- rcnder Punkt abseits der Straße oder des Caravanen- weges. Ein luftiges Gebäude, meistens im maurischen Style, mit Bogendurchgängen, oft von Palmenpflanzun¬ gen umgeben, erhebt sich, schneeweiß getüncht, von weitem sichtbar, auf einer kleinen Anhöhe. Kein Thor, kein Gitter, kein Schloß verhindert den Eintritt. Steinerne Bänke sind an den Mauern von innen und außen angebracht, in der Wölbung nisten Vögel und zwitschern ihre Lieder. Ein balsamisch kühles, erfrischendes Lüftchen zieht durch die schattige Halle — und dem müden, sonnengebräun¬ ten Wanderer, der hier Labung sucht, plätschert ein leben¬ diges Wasser entgegen oder winkt eine wohlgcfüllte Ci¬ sterne mit ihrem Labetrunk. Das Kostbarste was man in der Wüste bieten kann — Schatten und Wasser — das bieten die Grabmonumente der reichen Orientalen. Ein Spruch aus dem Koran, meist in blauer oder Goldschrift, ziert das innere Gesimse, selten nur ist der Name des 23 Verstorbenen an irgend einer Stelle angebracht, dann lautet die stehende Phrase dabei: „Wanderer, erquicke Dich und gedenke mein." In Algier am Champs Mu¬ stapha vorüber, rechts von der Straße, die nach Constan¬ tine führt, existier ein solches Grabmal, das in ein förm- lichesCaffinn umgewandrlt ist. Em frischer Trunk und eine Schale Scherber oder Kaffee wird dort Jedem geboten, der das Grab besucht — die reichen Erben des reichen Tobten sind verpflichtet, dieses kleine Karavanserei, das auch Lagerplätze für Kamecle und Saumkhicre hat, im be¬ sten Zustande zu erhalten, die Cisterne stets mit Wasser zu versehen und armen Reisenden die Herberge und die Labung, Scherbel und Kaffee, unentgeltlich zu verabfol¬ gen, von Wohlhabenderen wird ein Kakschis angenom¬ men. Die Balalaika, eine zweisaitige Zither, hängt in verschiedenen Exemplaren an der Wand und wird nicht selten von den Gästen benützt. Der Kadi (Richter) über¬ zeugt sich durch häufige Visiten von dem Zustande dieses Hospizes, unter dessen Fundamenten der Mustafa Bey ruht, dessen Andenken wohl tausendmal im Tage geseg¬ net wird. Auf dem Wege von Damiette gegen die Nil-Kata¬ rakten stehen viele solche Herrengräber, wie sie der Orien¬ tale nennt, jedes von ihnen ist mit einer Cisterne ver¬ sehen, und oft begegnet man ganzen Zügen von Sklaven und Sklavinnen, die, wenn Wassermangel einlritt, durch Zutragcn das Gecken wieder füllen. Gewissenhaft, wie das Feuer von den Vestalinnen erhalten wurde, sorgt man hier für den steten Wasser¬ vorrath, und die Kinder oder Erben eines so edlen Tobten würden sich an seinem Andenken versündigen, wenn sie die Brunnen versiegen ließen. Auf einem dieser sinniaen Grabmonumenle fand der berühmte Orient Reisende Volney auf dem Wege von Beiruth nach Baalbcck (Heliopolis) eine Inschrift, 24 die er sich Zeile für Zeile übersetzen ließ. Der Name des Todlen, der hier sein Monument an eine rieselnde lebendige Quelle gesetzt Halle, war nicht genannt, die Inschrift aber lautete: Drr Empire, lM V6?86 cMe oau foriä 6u roeköl- 86 cluüie, äulV62 UN exemple 81 beau Donner 8gn8 vouloir qu'on le 8aeke. Beiläufig deutsch: Die Nymphe, die hier spendet, Verbirgt sich im Gestein, Folg' ihrem Beispiel', schenke, Ohne gekannt zu sein. Hat man hier nicht ein Recht, die Kalobiotik der Tobten zu bewundern? Sind ihre Monumente, wenn sie den Zweck haben, durch Wohlthaten das Andenken lebendig zu eihalken, nicht die schönsten Mausoleen? In Fiume haben wir in dem Schlosse des Grasen Nugent in Terzat ein einziges Beispiel von einer rei¬ zend gelegenen Familiengruft, die, zugleich dem Fremden geöffnet, Garten, schattige, malerische Ruinen, Blumen und eine herrliche Fernsicht bietet. Man soll über den Tod weder lachen noch weinen, lautet ein altes Dictum, aber wer kann sich des Machens enthalten, wenn er z. B. auf dem Prager Friedhöfe fol¬ gende« Epitaphium liest: Hier ruht der Kutscher non Gras Kolowrat, Ihn hat gelödlet Wagenrad, Weil ihm solch' Unglück große« tras. Ließ ihm Denkmal setzen Graf. ober ein ähnliches vom selben Friedhöfe: Hier ruht Johannes Nest, Im Leben ist er gewest Schneider an« Prag, Hat gearbeitet Nacht und Tag; Wa« war schuld an seinem Tod? Unausgebackenes Laibel Brot. 25 oder eine dritte, deren Namen ich nennen kann, Katha¬ rina Bangel in Jglau, 20 Jahre alt: Im Leben wie Zinnober, Im Tode kreidebleich, Gestorben am 9ten October, Am Illen war die Leich. Anna Weiler, in einem Dorfe Steiermarks, deren Grabschrift mit folgendem Reime endet: Hat gelebt in Gottesfurcht, Ist gestorben an der Wassersucht. Grabschrift in Dobel (Steiermark): Hier ruht dem Michel Baar Sein getreues Weib Anna, Im Ehestand gelebt 29 Jahr — Wie eh'mals die keusche Susanna. — Wurde am 9len Feber begraben, Wie wir 1827 geschrieben haben. In Amerika benützt man Grabschriftcn sogar, um Reclame zu machen. In Boston steht auf dem Grabe eines Selbstmörders die Firma der Revolver-Fabrik, deren sich das Opfer mit bestem Erfolge bedient hat. — In Ost-Tennessee befindet sich, wie uns vor kurzem die Zeitungen berichtet, ein Grabstein mit den Schlu߬ worten: Sie lebte das Leben der Tugendhasten und starb an der Cholera morbus, weil sie, im festen Vertrauen auf die ewige Seligkeit, unreifes Obst gegessen hat. Solche Inschriften findet man sicher bei den Orien¬ talen nicht. Witzige epigrammatische Grabschriften kommen sel¬ tener vor, eine der besten bleibt jene des Dichters Piron, der es im Leben nie dazu bringen konnte, Mitglied der Akademie in Paris zu werden, und der sich nach seinem Tode an dieser Jntrigue rächen wollte, indem er auf sein Grab schreiben ließ: 26 Zu Oberschäffholzheim (Baden) steht der Grabstein des edlen Herrn Franz Anton Melchior Bürkenwaldt, Commandant des kön. dänischen Regiments in Frank¬ reich, Ritter re. rc, welcher hier 1713 starb. Das Epi¬ taph lautet: Noch Ritterkreuz, noch Helm, noch Stab, Hat mich errettet vom Todlengrab, Bedenke, o Leser, bitt' für mich, Was mir heut' gescheh'«, trifft morgen Dich. Auch Rebus und Calembourg werden zu Grab¬ schriften verwendet, wie das berühmte: Dessen Lösung: 0 superbe yuiä suxerbis äe su- perbiu, terra es et in terram reäibis. Hier wären wirklich im kalobiotischen Sinne die Worte Dante's anwendbar: Es waren keine Kalobioten. „Glücklicherweise hat der allgütige Schöpfer," sagt im Demokritos ein Kanzelredner, „den Tod an das „Ende unserer Tage gesetzt, was wäre unser Leben, wenn „er ihn zu Anfang gethan hätte?"