lsaWscheWsionsreitöchrist herausgegeben von der Kongregation: fRifsionäre Sühne des heiligsten Herzens ^Jefu. preis ganzjährig: Österreich 2-50 S, Deutschland 2 Mark. Italien 6 hire, Ungarn 2'50 pengö, Tschechoslowakei 12 oK, Jugoslawien 25 Dinar, Schweiz 2'50 Franken, übriges Ausland 2 Soldmark. Unser heiliger Vater pius XI. hat wie schon früher papst pius X. der "Redaktion, den Abonnenten und Wohltätern den Apostolischen Segen erteilt. Für Wohltäter werden wöchentlich zwei heilige Udessen gelesen. fftit Smpfehlung der hochwür-digsten Oberhirten von Grixen, Grünn, ©raz, heitmerüz, Hinz, Olmütz, Marburg, Drient, Driest und Wien. Rest 11. Rovember 1929. XXXII. Jahrgang. fr IsÖtlfelJ > plus XL und die Weitmission, V bötllfSü i> Die katholische Christenheit begeht in diesem Jahre festlich die 50. Wiederkehr jenes Tages, da Achille Ratti, unser glorreich regierender Heiliger Vater Pius XI., in der Kirche des hl. Karl zu Nom sein erstes heiliges Meßopfer feierte. Aller Augen richten sich nach dem Vatikan, aller Herzen huldigen dem Statthalter Christi. Unter den Tausenden, die anläßlich dieses freudigen Ereignisses dem gegenwärtigen Papste zujubeln, stehen die Heidenmissionäre gewiß nicht an letzter Stelle. Sehen sie doch im Papste ihren höchsten Feldherrn und im elften Pius ihren größten Gönner. Als im Jahre 1922 die Christenheit das 300 jährige Gedächtnis des Todestages des hl. Franz Laver beging, wurve diese Feier jählings unterbrochen durch den dumpfen Ton der Totenglocken von St. Peter: Benedikt XV., der Friedenspapst, der alle seine Kräfte eingesetzt hatte, um die durch den Weltkrieg zerstörten Missionen wiederaufzubauen, war nicht mehr. Schnell hatte ihn der Tod hinweggerafft, bevor das Werk vollendet war. Sein Nachfolger. Pius XI., übernahm sein Amt und Erbe voll und ganz. Zum ersten Male zeigte sich die Missionsliebe des neuen Papstes beim 300jährigen Gründungsfest der Kongregation zur Verbreitung des Glaubens, jener kirchlichen Behörde, die unter der Aufsicht des Papstes die oberste Missionsleitung darstellt. Schon bei dem der Feier vorausgehenden Weltkongreß des Priestermissionsbundes hatte der Heilige Vater, tief ergriffen und Tränen in den Augen, zu den versammelten Priestern und Prälaten gesagt: „Wenn Wir einen Schmerz im Herzen fühlen, so ist es der, daß Wir den Glaubensboten nicht folgen und ihnen nicht helfen können, wie Wir wünschen." Am Pfingstsonntage fand in Sankt Peter ein feierliches Pontifikalamt des Papstes statt. Nach dem Evangelium hielt dieser eine dreiviertelstündige Missionspredigt, die nicht nur den vielen Anwesenden, sondern dem ganzen katholischen Erdkreis galt. Mit weithin vernehmbarer Stimme mahnte der oberste Hirte seine Herde: „Viel wurde erreicht, aber viel, viel mehr bleibt noch zu tun. Unsere Missionäre bedürfen der Hilfe. Der Fortschritt in der Ausbreitung der Kirche wird gehemmt durch den 1 Mangel an Mitteln." Zum Abschluß der Jubiläumsfeierlichkeiten fand im Tamasushof vor dem Papste im Beisein von 18 Kardinälen das berühmte Sprachenfest statt. In nicht weniger als 27 Sprachen hörte man da Kirche und Papsttum preisen. Auch das Heilige Jahr 1925 sollte zur Ent-fachung des Missionseifers der Gläubigen benützt werden. Im April 1923 teilte der Papst dem Kardinal van Rossum mit, daß er für das Heilige Jahr eine Missionsausstellung eröffnen wolle. Unter Mithilfe aller Missionsorden und Kongregationen kam das Werk zustande und alle, die im Jubeljahre den Vater der Christenheit besuchten und das ewige Rom bewunderten, konnten auch bewundern den Opfermut der Missionäre und Missionsmärtyrer. Um das mit so viel Fleiß zustande gebrachte Werk nach Verlauf des Heiligen Jahres nicht wieder zerstören zu müssen, ließ der Papst die Missionsausstellung aus dem Belvederehof des Vatikans in den Lateranpalast übertragen und dort unter Leitung des berühmten Forschers und Gelehrten P. W. Schmidt in ein Museum für Missions- und Völkerkunde umwandeln. Zu Weihnachten 1927 nahm Kardinal Ga-sparri im Namen des Papstes die Eröffnung vor. Im Februar 1926 wollte Pius XI. noch einmal aller Welt seinen Missionswillen kundgeben und von höchster Warte aus seinen apostolischen Arbeitern in den Heidenländern Weisungen geben. Dies geschah durch ein großes Missionsrundschreiben. Die ganze katholische Welt, vor allem auch die Bischöfe, werden eingeladen zur Mitarbeit am Missionswerk. Pius XI. Dich, mein stilles Tal, Grüß' ich tausendmal! Wort und Weise des Liedes: „Im schönsten Wiesengrunde" flogen mir durch den Sinn, als selbst gesteht von sich: „So oft Wir an die Millionen und Millionen von Heiden denken, hat Unser Geist keine Ruhe." Den Missionsbischöfen legt der Papst vor allem die Ausbildung eingeborener Priester und deren Vorbereitung auch zum bischöflichen Amt ans Herz. Das Rundschreiben ist datiert vom 28. Februar 1926 und schon im Juni desselben Jahres gab der Heilige Vater die Ernennung dreier Chinesen zu Missionsbischöfen bekannt. Entschlossen hatte Pius XI. in die Tat umgesetzt, was sein Vorgänger angestrebt und die Missionsvölker des Ostens längst gewünscht hatten. Zu den ersten drei Ernannten kamen noch drei andere und am 28. Oktober 1926, dem Feste Christi des Königs, vollzog sich im Petersdom der weltgeschichtlich bedeutsame Akt: Der Statthalter Christi weihte selbst die ersten Söhne der gelben Rasse zu Bischöfen. Wie mag sein in Mijsions-begeisterung schlagendes Herz frohlockt haben, als er mit den Neugeweihten Umarmung und Bruderkuß tauschte. Ein Jahr später hatte auch Japan seinen ersten eingeborenen Oberhirten, und wäre nicht der Widerstand der Kolonialregierungen, so wäre wahrscheinlich auch schon das eine oder-andere Missionsgebiet Afrikas unter die Leitung eines schwarzen Bischofs gestellt worden. Gewiß wird Pius XI., nachdem nun die Römische Frage gelöst ist, seine wiedererlangte Freiheit auch zum Wohle der Heidenmission benützen, wie er ihr schon des öfteren ihm persönlich zugedachte Spenden zuwies. Möge der Herr erhalten und segnen Pius XI., den Papst der Weltmission I (Fr. Aug. Steidle, F. S. C.) ich kürzlich die sanften Hügelketten wieder erblickte, die den Lauf des Sizenbaches bis zu seiner Ausmündung in die Jagst begleiten und ein langgezogenes, schmales Wiesentälchen ein» Um füllen Cal schließen, das sich gegen den Fluß hin zu einer kleinen Bucht erweitert, aus der plötzlich an der Straßenbicgung der Weiler Schleishäuslen, Gemeinde Schrezheim, auftaucht. Die hart an den Weg herandrängende Bodenwelle läßt dem Wanderer das Örtchen erst schauen, wenn er an der kurzen Häuserzeile anlangt. Eine auf grünem Wiesenplan gelegene, vom Ufergebüsch des Sizenbaches beschattete Kapelle fesselt den Blick. Über dem Eingang liest man die Jahres- edler Bescheidenheit, wie sich auch den Höheren ziemt, an die alte Schleifmühle an, die seit neun Jahren, nach innerer Umgestaltung und Erweiterung, den Namen „Missionshaus Josefi-num" trug. Könnte sie reden, die alte Mühle, welch eine bunte Fülle von Erlebnissen würde sie dem Lauschenden offenbaren! Wieviel wüßte sie zu berichten von dem bangen Hoffen und jähem Verzagen so mancher, die einst hier gehaust; zahl 1824; aber schon 1709 erhob sich daselbst eine dem hl. Josef geweihte Kapelle, während ursprünglich an dieser Stelle jenes hölzerne Loretto-Muttergottes-Kapellchen stand, das bei Begründung des Wallfahrtsortes Schönenberg, nordöstlich von Ellwangen, dort errichtet und später nach Schleishäuslen versetzt worden war. Kaum 100 m südwärts der Kapelle erhebt sich seit Wochen, die Häusergiebel der Umgebung überragend, ein Neubau, das künftige Noviziathaus der „Söhne des heiligsten Herzens". Zwar steht der Hüne nicht frei und breitspurig da, sondern lehnt sich, seine Größe verbergend, mit wie viel von sonnigen Stunden des Glücks und dunklen Tagen, Jahren des Unglücks. Wie oft und wie heftig entspann sich Zank und Zwist um das ruhige Bächlein, das sich wie schutzsuchend an sie schmiegt. Vielen Geschlechtern haben beide gedient seit langen Jahrhunderten, aber schwarzer Undank, der Welt Lohn, blieb meist ihr schweres Los. Am besten wohl mag es ihnen ergangen sein, da sie als herrschaftliche Diener sich der Fürsorge der Fürstpröpste von Ellwangen erfreuen durften.*) *) Die Stadt Ellwangen (= Elchfeld) erwuchs aus einer fränkischen Klostergründung des 8. Jahrhunderts. Aus vergilbten Urkunden geht hervor, daß die Schleifmühle sich tut unmittelbaren sürst-pröpstlichen Besitz befand und von der Hofkammer verwaltet wurde. In den Jahren vor 1740 diente sie als herrschaftliche Gipsmühle. Zu gleicher Zeit war aber in einem Anbau auch eine Ölmühle untergebracht. Wie damals so wurden auch späterhin verschiedene Gewerbe, teilweise getrennt, auf dem Werk betrieben. Die Akten reden von Getreidemühle, Gipsmühle, Ölmühle, Walkmühle, Bohrmühle, Furniermühle, Sägmühle. Deshalb entstanden zwischen den verschiedenen Betriebsinhabern und Nutznießern zahlreiche Streitigkeiten um den notwendigen Wasserbezug aus dem Sammelweiher, der sich südlich an die Baulichkeiten anlegte und vom Sizenbach gespeist wurde. Und viele Bitt- und Beschwerdeschriften gingen an den Landesfürsten. Auch nachdem das Anwesen samt dem Wassertriebwerk aus der gutsherrlichen Verbindung gänzlich losgelöst und in Privatbesitz übergegangen war, dauerten die Mißhelligkeiten fort, zumal die Eigentümer häufig wechselten, selten imstande waren, aus dem heruntergekommenen Gut einen Gewinn herauszuholen, ja meist bald in Schulden gerieten und es wieder veräußern mußten. So fanden von 1900 bis 1920 nicht weniger als zehn Besitzwechsel statt. Es erregte darum nicht geringe Verwunderung, als im Jahre 1920/21 die Missionäre „Söhne des heiligsten Herzens" die Mühle samt Grund und Boden erwarben, um sie als Missionshaus einzurichten. Es war ein unbeschreiblich hartes Seit 817 wird das Ellmanger Benediktinerkloster unter den Reichsabteien aufgeführt. Seine Äbte erlangten den Reichsfürstenstand. Im Jahre 1460 wurde das Kloster aufgehoben und ein Kanonikatstift errichtet, dessen Fürstpröpste die gesamte oberste Staatsgewalt eines reichsunmittelbaren Regenten in sich vereinigten. Vielfach hatten sie noch andere geistliche Fürstentümer zu Lehen und waren deshalb mehr nebenamtlich Ellwangische Landesherren. Die gefürstete Propstei Ellwangen mochte gegen Ende ihrer Selbständigkeit, die 1803 erlosch, etwa 20.000 Untertanen gezählt haben. Slück Arbeit, das die Missionäre und die Missionszöglinge auf sich nahmen. Der vier bis fünf Morgen umfassende Stauweiher wurde trockengelegt und das so gewonnene Gelände in jahrelang fortgesetzter Arbeit zu einem ausgedehnten Gemüsegarten umgeschaffen. Gleichzeitig schritt man an die Entsumpfung der Wiesen und die Verbesserung der Ackergründe, so daß deren Erträgnis sich merklich hob. Es war dies um so notwendiger, als mit den Erzeugnissen der Garten- und Landwirtschaft auch die Küche des 1926 in Ellwangen selbst eröffneten Missionsseminars beliefert und mitversorgt werden muß und der ganze Besitz nur 15 Hektar umspannt. Diese günstige Gesamtentwicklung, die ruhige Lage in dem stillverträumten, kleinen Seitentale, weltabgeschieden und doch in Stadtnähe, und nicht zuletzt der Vorteil, int Herzen des Landes zu sein, ließen in der Kongregationsleitung den Entschluß reifen, an dieser Stätte das künftige Noviziathaus erstehen zu lassen, das der geistlichen Ausbildung der jungen Ordens- und Missionskandidaten dienen soll. Die im Frühsommer begonnenen Arbeiten waren anfangs Oktober so weit gediehen, daß der Dachstuhl aufgesetzt und am 6. Oktober das übliche „Richtfest" gefeiert werden konnte, an dessen kirchlicher wie außerkirchlicher Feier die Hausbewohner mit dem Architekten, dem Ortsvorsteher, den Handwerksmeistern und Arbeitern gemeinsam teilnahmen. Alle beseelte dankbare Freude über das glückliche Ereignis und die zuversichtliche Hoffnung, daß es auch gelingen werde, im kommenden Sommer das neuerstellte Noviziathaus seinem erhabenen Zwecke zu übergeben. Wo immer denn in der weiten Welt künftighin „Söhne des heiligsten Herzens" an der Rettung der Seelen und an dem geistigen Bau des Gottesreiches arbeiten werden, da wird sie der Gedanke an das stille Tal, an das religiöse und geistliche Heimathaus und die dort erhaltene Einführung in das Ordensleben immer wieder begeistern zu froher Schaffenslust und frischem Opfermut. Und manche mögen dann, des stillen Tals gedenkend, in seligem Heimweh das schöne Lied anstimmen, das beim Richtfest aus aller Munde so begeisterungsvoll erklang: „Im schönsten Wiesengrnnde Steht meiner Heimat Haus; Da zog ich manche Stunde Ins Tal hinaus. Dich, mein stilles Tal, Grüß' ich tausendmal!" P. Heinrich Wohnhaus, P. 8. C. Wie ich beinahe zu Römern gekommen wäre. Von Hochw. P, Riegler, F. S. C. „Und ist der Winter noch so lang, es muß doch Frühling werden", sagt der Dichter. Das verspürte ich auch in meinem Zulustudium. Mochte ich meinen Gehirnkasten auch noch so sehr strapazieren, er glich doch lange Zeit einer nordischen Winterlandschaft, in der alles eingefroren und erstarrt ist. Allmählich begann es zu tauen und zu schmelzen und der ausgestreute Same begann zu treiben und aufzugehen und zwischen dem Geröll hervorzulugen. Fast täglich wanderte ich in die Schule unserer schwarzen Kinder und setzte mich während ihrer Handarbeitszeit mitten unter sie, um ihren Gesprächen zu lauschen und so Schätze für mein Zulu-studium zu sammeln. Mit der Zeit, aber noch recht schüchtern, begann ich auch selber durch kleine Zwischenfragen aktiv zu werden. Nun war es schon so ziemlich Frühling geworden in meinem Gehirn. An allen Ecken und Enden sproßte und keimte es und begann es auszuschlagen. Wieder ging ich in die Schule. Aber diesmal wollte ich den Großen spielen, wollte diesen schwarzen Krausköpfen zeigen, daß ich auch schon etwas kann. „Nun, Kinder, aufgepaßt, heute werde ich euch ein Märchen erzählen." Mehr noch als die weiße Kinderwelt liebt die schwarze ihre „in-ganekwane,“ Kindermärchen. Ja selbst die Alten können mit größtem Interesse und einer staunenswerten Aufmerksamkeit einem solchen Märchen zuhören. Man muß dieses Märchenerzähleu aber auch gesehen haben. Wenn der Schwarze erzählt, dann ist nicht nur der Mund tätig, sondern fast noch mehr die Hände; ja der ganze Oberkörper wird in Anspruch genommen, um das Gesagte soweit als möglich sinnlich darzustellen. Dabei klatscht er mit den Händen oder schnalzt er mit den Fingern, daß es nur so eine Art hat. Vortrefflich versteht er es auch, die Stimmen der verschiedenen Tiere sowie der Menschen, sei es nun Manu oder Weib, jung oder alt, nachzuahmen. Und was uns ganz unbekannt ist, der Erzähler muß gewisse Reden singen. Ich habe mir in Natal mehrere Märchen angehört, in jedem wurden gewisse Stellen gesungen. Wie gesagt, nun wollte ich einmal meine "Kunst probieren und ein Märchen erzählen. Freilich wußte ich schon int voraus, daß die Sache recht zäh und trocken vor sich gehen werde, aber bei dieser großen Liebe zu Märchen konnte ich immerhin auf einen gewissen Grad von Aufmerksamkeit hoffen. Zudem mußte ja schon das bloße Anhören meiner Zulusprache ein wahrer Ohrenschmaus sein. Ich wählte das bekannte Märchen „Hänsel und Gretel". So gut ich es vermochte, schilderte ich die große Not der Eltern, wie sie schließlich zum zweiten Male gezwungen wurden, ihre Kinder in den Wald zu führen und dort zurückzulassen. Wie da diese beiden Kinder meinen Zuhörern leid taten! Dann schilderte ich, wie Hänsel und Gretel nach langem Suchen das aus Zucker und Backwerk aufgebaute Haus der Hexe fanden. Da lachten diese Krausköpse, daß es auch solche Häuser gäbe. Erst recht gefiel es ihnen, wie schließlich und endlich die Hexe selber in dem heißgeheizten Ofen landete. Als ich ihnen dann noch erzählte, wie die Kinder wieder glücklich, mit reichen Schätzen beladen, den Weg ins Heimathaus fanden und das Märchen mit der Wiedersehensfeier abschloß, erwartete ich pflichtgemäß das wohlverdiente lich wahr?" — „Ganz gewiß. In Durban ist ein Mann, der mit einem Horn herumläuft. Es soll deren noch andere geben." Ich war zwar nur zwei Stunden in Durban bei der Ankunft mit dem Schiffe, hatte aber doch schon das Glück, diesen „Hornmann" zu Gesicht zu bekommen. Ist freilich eine unschuldige Geschichte. Lob. Doch welche Enttäuschung! Alles ist still. Nur einer wagt sich schüchtern hervor und sagt: „Baba, weißt du auch, daß du jetzt Hörner bekommen wirft?" — Na, so etwas, auf das war ich nicht gefaßt. „Ja warum soll ich denn jetzt Hörner bekommen? Was habe ich denn verbrochen?" — „Weißt du nicht, daß dem, der bei Tag Märchen erzählt, Hörner wachsen? Märchen erzählen darf man nur, wenn es draußen schon dunkel wird und man in der Hütte ums Feuer herumsitzt." Also, da hatte ich die Bescherung! „Ist das auch wirk- Eine Anzahl schwarzer Burschen fahren den ganzen Tag hindurch mit zweirädrigen Wägelchen, Rikschahs genannt, in der Stadt herum, um gegen Bezahlung Leute zu fahren. Diese Burschen lieben es nun, sich recht phantastisch zu schmücken, um die Leute anzuziehen. Einer unter diesen hat sich nun den Spaß erlaubt, mitten auf der Stirne ein regelrechtes Rinder-horu festzubinden, um so das ©einige zur Erheiterung des menschlichen Lebens beizutragen. Von diesem Mann wird man den Kindern erzählt und ihnen beigebracht haben, daß ihm dieses Horn infolge Märchenerzählens bei Tage gewachsen sei. „Gibt es denn nun kein Mittel, um mich von den Hörnern freizuhalten?" fragte ich weiter. — „Doch", lautete die Antwort, „du brauchst nur zum Zauberer gehen, damit er dir eine entsprechende Medizin gibt." — „Wo wohnt der nächste Zauberer?" — „Da drüben, nicht weit weg von hier." — „Was aber, wenn ich nicht zum Zauberer gehe und ich trotzdem keine Hörner bekomme?" fuhr ich fort. — „Gut, dann wissen wir, daß dein Vater kein Zauberer ist, denn wenn er einer wäxe, so würden dir die Hörner gewiß wachsen." — „Also, wir werden ja sehen!" Als ich nächsten Vormittag wieder zur Schule gehe, kommt gleich ein Kind auf mich zu und sagt: „Nun wissen wir, daß dein Vater tatsächlich kein Zauberer ist, weil dir keine Hörner wuchsen." Ich war also einem Unheil entronnen. Als unser Schiff die Kanarischen Inseln Passiert hatte, war an der vorderen Luke, wo die Frachten aus- und eingeladen werden, ein Schwimmbad errichtet worden. Es war das ein Balkengerüst von 5 m Länge, 4 m Breite und 2 m Höhe, in das ein wasserdichter Segeltuchsack eingelassen wurde. Eine Pumpvorrich-tung sorgt für Zufuhr frischen Seewassers und für Ableitung des alten Wassers ins Meer. Über dieses Bad und seine Umgebung war ein großes Segeltuch als Sonnendach gespannt, das heute anläßlich des Linienfestes abgenommen wurde, damit die Leute dem Schauspiel zusehen konnten; denn hier war ja die primitive Bühne für die Komödie. Die familiäre Badewanne hatte heute als Taufbecken zu dienen. Die Treppe, welche sonst an den Rand des Wasserkastens emporführte, wurde weg- Wieso die Eingebornen auf die Idee kamen, daß einem Hörner wachsen, wenn man bei Tage Märchen erzählt, weiß ich nicht. Tatsache ist, daß die Alten davon überzeugt waren. So erzählte mir jemand, seine Großmutter habe aus dem Grunde nie Märchen erzählt bei Tag und habe auch die Kinder davor gewarnt. Jetzt beginnt diese kuriose Überzeugung, besonders unter den Jungen, so ziemlich zu verschwinden, und ich habe selbst Zulukinder bei Tag Märchen erzählen hören. Bon anderen hörte ich, man dürfe schon bei Tag Märchen erzählen, müsse aber ein gewisses Sprüchlein sagen, um der Gefahr, Hörner zu bekommen, zu entgehen. Dieses Sprüchlein wird dreimal wiederholt und lautet: „Horn, Horn, wachse nicht da, da, da (wobei man mit der flachen rechten Hand dreimal auf die Stirne schlägt), sondern wachse da, da, da" (und schlägt dabei mit der rechten flachen Hand auf den Boden). genommen und an ihrer Stelle ein Podium errichtet, auf dem ein Sessel und ein Tischchen Platz fanden. Diesem Podium wurden ein paar Stufen vorgebaut und ein enger Raum davor durch Schranken abgegrenzt. Sitzplätze gab es in diesem Theater nur für die Herrschaften und zwar in dem zweistöckigen Verandabau der Kommandobrücke; das übrige Publikum mußte entweder stehen oder sich auf den Geländerstangen, zugedeckten Maschinen usw. des vorderen Oberdeckes ein mehr oder weniger bequemes Sitzplätzchen suchen. Auf das Zeichen der Schiffsglocke, welche nach dem Nachmittagskaffee den Beginn der Feier ankündete, strömte alles in Eile dem Schwimmbassin zu, um sich ein günstiges Steh- oder Sitzplätzchen zu erobern. Billette gab es keine; der Eintritt war frei, wenigstens für die Zuschauer; die Zahlen- Äquatortaufe. d' vv. Von Hochw. P. Anton PröbstIe, F. S. 0. (Schluß.) —L den waren in diesem Falle die Schauspieler selber, wenn man die Täuflinge als solche ansehen will, denn sie hatten nach vollzogener Wässerung den Taufschilling zu entrichten. Die Töne einer Ziehharmonika lenkte die Aufmerksamkeit aller auf Neptuns Festzug, der aus den Tiefen der Mannschaftswohnung auftauchte. Die bunte Prozession setzte sich ungefähr folgendermaßen zusammen: Voraus schritten drei stramme Polizisten in schwarzer Uniform mit großen Holzsäbeln und mit Triangelmützen, deren Vorderseite einen Totenkopf mit gekreuzten Beineu und darunter die Aufschrift „Polizei" trug. Dann kamen zwei kohlschwarze Neger, untersetzte, muskulöse Gestalten, deren einzige Kleidung ein Lendengurt mit herunterbaumelnden, fuchsschwanzähnlichen, dunkelbraunen Quasten war, welche die Badehose verdeckten. Inmitten dieser „Wilden" stolzierte eine feuerrot bemalte Gestalt, welche durch ihre rußigschwarzen Hörner und den langen zweizackigen Schürhaken als Teufel gekennzeichnet war. Ein Chinese, welcher die Quetschorgel traktierte, stellte die Musikkapelle von Neptuns Festzug dar. Dann kamen zwei Barbiere, ausgerüstet mit riesenhaften, aus Holz geschnitzten 'Instrumenten, wie Rasiermesser, Schere, Kamm, Eimer als Seifenschale usw. Ein Astronom trug einen großen Zirkel und ein Fernrohr, um den Äquator bestimmen zu können. Der Zahnarzt war bewaffnet mit einer langen Schmiedezange und mit großen Flußpferdzähnen. Der Pastor mit seinem breiten, weißen Kragen und mit einem kreuzgeschmückten, dicken Buch und der Amtmann mit seiner Aktenmappe vervollständigten den Hofstaat Neptuns. Der Meergott selbst in seinem uns bereits bekannten Kostüm wandelte gravitätisch wie ein Bischof am Schluß der Prozession. Zuerst machte der Festzug mit klingendem Spiel der chinesischen Quetschorgel eine Runde auf dem Schiff, dann zog er feierlich zum Tausplatz und stellte sich amtsgemäß vor und auf der Tribüne auf. Neptun tat seinen Mund aufzueinerhumoriftischenBegrüßungsansprache, die des langen und breiten Zweck und Wichtigkeit des heutigen Festaktes auseinanderlegte und reichen Beifall fand. Dann stellten sich seine Trabanten einer nach dem andern vor. Nun verlas der Amtmann die Namen der Täuflinge; die fehlenden mußten von der Polizei aufgespürt und hergeschleppt werden. Zuerst wurden ein paar Kinder aufgerufen, die entsetzt aufschrien, als der Pastor einen, mächtigen Schwamm über sie ausdrückte und sie im Namen Neptuns taufte. Jeder der Täuflinge bekam dabei, wie bereits erwähnt, einen Namen, den er sich vorher wählen konnte, z. B. Nymphe, Seestern, Elbschwalbe, Seelöwe, Seehund usw. Bei der Taufe der Damen, die natürlich recht galant behandelt wurden, sah man auch noch ab vom Vollbad und begnügte sich mit einer Dusche; — ein Schrei und Aufspringen vom Sessel, und vorbei war's. Interessanter wurde die Sache bei den Herren. Als Erster kam ein Prinz von Sachsen dran. Er ließ sich zuerst vom Pastor in oben angegebener Weise taufen, dann wurde er nach dem Hintergrund des Podiums verwiesen, wo er sich am Rand des Schwimmbassins hinsetzen mußte. Ein Barbier seifte ihm das Gesicht ein, und zwar mit einem großen Pinsel, der sonst zum Tünchen der Wände verwendet wurde. Als Seifenschale diente ihm, wie bereits bemerkt, ein Eimer, der mit Seifenbrühe gefüllt war. Dann kam der andere Barbier, hängte chm einen riesengroßen Schleifriemen an den Hals und zog sein großmächtiges Rasiermesser ab. Ein paar Fahrer rechts und links im Gesicht des Kunden sorgten für Borstenfreiheit. Schmisse brauchte man nicht zu befürchten, da das Holzmesser stumpf genug war. Dann streifte der Barbier sein Messer ab, und das eine Werk war glücklich vollbracht. Nun kam der Zahnarzt und bot dem Klienten ein Gläschen roter Flüssigkeit an, 'die dieser aber gleich wieder ausspuckte, da sie ihm zu salzig schmeckte. Da hob ihm einer unversehens die Füße hoch, so daß er rücklings ins Schwimmbad stürzte. Dort lauerten bereits die beiden Neger, ausgezeichnete Tauchschwimmer, auf ihre Beute. Diese kräftigen Burschen stürzten sich auf ihn und drückten ihn lange unters Wasser; kaum aufgetaucht wurde er wieder hinuntergedrückt und immer wieder, so daß man in Angst war, er müsse ersticken. Seine verzweifelte Gegenwehr half nichts. Schließlich hatten sie doch Erbarmen das Ringen auf Leben und Tod aufnahmen. Manchmal hatten sie einen harten Standpunkt, daß einer dem andern zu Hilfe eilen mußte, wollten sie nicht selbst ersticken; denn unter den Täuflingen war mancher, der es an Kraft und Gewandtheit seinen Gegnern gleichtat und ihre Köpfe mithinunterzog. Es wurden abwechselnd bald Kinder, bald Herren, bald Damen getauft, doch nur die Herren ins Bad geworfen. Äquatortaufe: Der Kampf im Wasser. mit dem armen Hascher und ließen ihn etwas Luft schöpfen. Im Kampfe mit den Negern war sein weißer Anzug und sein Gesicht voll schwarzer Flecken geworden, die Neger aber hatten sich immer mehr abgefärbt. Nachdem der Prinz glücklich dem schaurigen Bad entronnen war, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lachte herzlich mit den Zuschauern. So ähnlich erging es nun einem nach dem andern, wobei man nicht genug die zähe Ausdauer der beiden brutalen Wilden bewundern konnte, welche immer wieder in die salzige Flut hüpften und Die einen ließen sich in voller Kleidung eintauchen, andere erschienen im Badeanzug. Zwei der Herren hatten über dem Badeanzug Damenkleidung angelegt, wurden aber nichtsdestoweniger ins Vollbad gestoßen und wenig zart angefaßt. Zur Abwechslung wurde dem einen und andern ein Zahn gezogen, der vorher erst hineingesteckt worden war. Die Polizisten wurden immer wieder ausgeschickt, wasserscheue Leute herbeizuführen und brachten ziemlich einige heran; natürlich kamen nur solche in Betracht, welche die Äquatortaufe noch nie mitgemacht hatten. Auch etliche von der Schiffsmannschaft, Köche, Diener usw-, mußten dran glauben und bei ihnen gaben es die „wilden" Kollegen nicht billiger. Ost fingen sie einen mitten im Sturz auf und trugen ihn in die Mitte des Kastens, wo sie ihn dann plötzlich hinnnterdrückten. Sie trieben mit den Opfern ihr grausames Spiel wie die Katze mit der gefangenen Maus und dies unermüdlich eineinhalb Stunden lang. Mit manchen verfuhren sie gnädiger und ließen sie gleich nach bent ersten kurzen Tauchen wieder heraus, wahrscheinlich weil diese zuvor Trinkgelder gespendet oder sich aus Gesundheitsrücksichten eine Milderung erbeten hatten; manche ältere Herren kamen sogar mit der bloßen Pastortaufe durch; im allgemeinen aber waren die Kerle derb, ja roh und brutal wie etwa die Boxer in der Arena. Denjenigen, welche sich in die Kabine eingeschlossen hatten, war eine nachträgliche Dusche mit dem Wassereimer in Aussicht gestellt. Zum Schluß der Feier wurde von Neptun nochmals eine Ansprache gehalten, wobei er für den andern Tag die Zustellung der Taufscheine versprach. Dann stellte sich Neptuns Festzug wieder in Reih' und Glied auf, machte unter den Klängen der einköpfigen chinesischen Musikkapelle seine Runde im Schiff und verschwand dann in den Tiefen der Mannschaftsräume. Damit war die drollige Zeremonie für heute beendigt und die vielen Zuschauer, welche im allgemeinen recht befriedigt waren, zerstreuten sich in ihre Klassen. Es wäre bei der Sache nur zu wünschen, daß die wenn auch nicht schlimm gemeinte, so doch ungeziemende Profanierung von christlichen Dingen, als da sind Pastorentracht, Bibel rc., unterbleiben Der Häuptling war überglücklich; er unterhielt sich lange Zeit mit dem Missionär, während Katar beständig von Leuten umringt war und würde. Man scheint diesbezüglich auf vielfache Beschwerde hin nun doch andere Wege einschlagen zu wollen; denn ich lese soeben in dem Brief eines später nachfolgenden Reisenden den Satz: „Die Festlichkeit bei Überschreitung des Äquators vermied alle Bezugnahme auf unsere christliche Taufe, indem die Schiffsleitung bemüht war, eine neue Weise einzuführen." Das gleiche wäre zu empfehlen für den Text der Taufscheine, die gemäß Ankündigung am folgenden Tage verteilt wurden. Diese sind künstlerisch sehr nett ausgeführte, große, farbig gedruckte Diplome. In der oberen Hälfte links fährt stolz ein mövenumschwärmter Dampfer; rechts ragt ein mächtiger Kopf und eine Hand mit goldenem Dreizack aus den grünen Fluten, es ist das kranzumslochtene, weißbarlige Haupt Neptuns, der auf den Dampfer hinschaut. Links unten ist in zierlichen Lettern zu lesen: „Taufschein. Wir, Neptun, Beherrscher aller Meere, Seen, Flüsse, Bäche, Sümpfe und Moräste, geruhen hiermit, die in allerhöchst unserer Gegenwart an Bord des Dampfers (z. B. Usambara) stattgefundene Äquatortaufe de - (z-,B- Frl. Müller) allergnädigst zu bestätigen. Nachdem d .. selbe vom Schmutze der (nördlichen, bzw. südlichen) Halbkugel gereinigt und mit Unserem geheiligten Linienwasser getauft wurde, erhielt d.. selbe den Namen (z. B. Nixe). Gegeben im Jahre des Heils 19 .. . am ... Tage des ... Monats. Neptun, I. B." Darunter folgt der Stempel. Das ganze Bild ist umrahmt mit einem goldenen Schiffstau. Für dieses hübsche Andenken, das eingerahmt eine schöne Wandzier bildet, war ein Taufschilling von Mk. 1'25 zu zahlen. mit Hunderten von Fragen überschüttet wurde. Was P. Klinkenberg in der Unterhaltung mit betn Häuptling besonders anzog, war der Bericht £)er RäuptIingsfof)n von IBandarL Der Roman eines Schwarzen von P. Johannes Emonts, S. C. J. (Fortsetzung.) über eine geheimnisvolle Mordgeschichte, die er zwar schon von Katur gehört hatte, die aber nun durch neue unbekannte Tatsachen in ein anderes Licht gerückt wurde. Der tot aufgefundene Soldat war nicht durch den Leopard umgekommen, sondern durch einen anderen Soldaten. Eine von den Frauen des Bigmanns Kadena war Veranlassung und zugleich Zeuge dieser schaurigen Mordszene gewesen, hatte aber ans Angst vor dem Weißen keinem Menschen ein Wort davon gesagt, solange die Soldaten sich in Biamba aufgehalten hatten. Die Frau war int Walde mit Holzsnchen beschäftigt gewesen, als plötzlich einer von den zur Jagd ansgesandten Soldaten neben ihr gestanden hatte. In der Überzeugung, daß niemand in der Nähe sei und daß seine Schandtat keine Zeugen habe, habe er sich mit Gewalt und roher Zudringlichkeit der laut um Hilfe rufenden Fran bemächtigt, als ein anderer Soldat in größter Eile wenige Augenblicke nachher angestürmt sei und den Unmenschen mit dem Gewehrkolben erschlagen habe. Nach dem unglücklichen Schlag sei der Mann wie von Sinnen gewesen und davongelaufen, und sei nicht mehr gesehen worden. Was mit ihm geschehen sei, ob er durch einen Leoparden, durch Hunger oder Verunglückung ums Leben gekommen, wisse er nicht. Der Missionär hatte die Erzählung des Häuptlings aufmerksam angehört und erkundigte sich nach einigen näheren Umständen, damit er später den genauen Sachverhalt an die zuständige Stelle weitergeben und den geheimnisvollen Fall aufklären könne. Unterdessen sangen und tanzten die Biambalente in tollster und wilder Weise, bis es dem Pater zu bunt wurde und er sich vom Häuptling eine Unterkunft anweisen ließ. Auch Katur ließ endlich die noch immer fragenden Biambalente stehen und waltete seines Amtes als Kochboy. 19. Kapitel. Das Geisterreich. Die Nacht war vorbei. Die Sonne sandte ihre ersten Strahlen Über die Biambaberge hinweg, vergoldete ihre Gipfel und Hügel, stieg höher und höher, grüßte das schöne Biamba-dorf und weckte P. Klinkenberg. Der Missionär hatte ausgezeichnet geschlafen. Die Müdigkeit des gestrigen Reisetages und die gute und freundliche Aufnahme int Dorfe hatten nicht wenig dazu beigetragen. Selbst die wüste Nachtfeier der Wilden hatte ihn nicht zn wecken vermocht. Nun aber war er ausgeruht. Schnell kleidete er sich an, wusch sich mit kaltem Wasser, trat vor die Hütte und verrichtete, in der warmen Morgensonne ans und ab gehend, Morgengebet und Betrachtung. Dann weckte er Katur, der ihm die Messe diente und darauf das Frühstück bereitete. Im Dorfe schlief noch alles. Ans der Hütte der Träger hörte man noch lautes Schnarchen. Sie hatten der gestrigen Feier beigewohnt und reichlich dem Palmwein zugesprochen. Nach all den Strapazen, der langen Reise hatten sie einen Rasttag verdient. Der Missionär ließ sie daher ruhig wetterschnarchen und weitertränmen. Er überlegte soeben, wie er den Tag verbringen wollte. Ein Ansflug ins Gebirge schien ihm nicht unangebracht. Der wunderschön geformte Felsblock, ans dem sein Auge ruhte, der prachtvolle Wald, der ihn umgab, lockten ihn. Er nahm sich vor, den Häuptling um Begleitung dorthin anzusprechen. Endlich dröhnte irgendwo im großen Gehöft ein Gong, dann ein zweiter und dritter, untermischt von dumpfem Sausen und Brausen. Bald darauf kam der Häuptling, nur von einem Dschindar begleitet, ans seinem Gehöft, tun dem Weißen den ersten Gruß zu bringen und sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Auch wollte er ihm erzählen, welch seltsamen Traum er gehabt habe. „Weißer", sagte er, nachdem die Förmlichkeiten des Begrüßens erledigt waren, „Weißer, ich bin ein armer Mensch. Ich bin zwar ein großer Häuptling, aber ich habe doch etwas, was mich sehr beängstigt und bedrückt. Kannst btt mir vielleicht helfen? Katnr hat mir gesagt, daß dn ein großer Medizinmann bist." — „Da maß ich zuerst wissen, was dich bedrückt." — „Ich leide unter schweren nächtlichen Träumen, die mich allerdings weniger während des Traumes, sondern weit mehr in den folgenden Tagen belästigen." — „So hast du auch in dieser Nacht einen solchen Traum gehabt, denn ich sehe es deinem Gesicht an, daß er unangenehme Wirkungen ausübt." — „Dn hast einen scharfen Blick, Weißer. Es ist, wie dn sagst. Es war ein schwerer Traum. Weißt dn kein Mittel dagegen?" — „Willst du ihn mir nicht erzählen? Vielleicht daß ich irgendein Mittel habe, daß die bösen Wirkungen aufhebt." — „Ja, niemand anderer kann mir helfen als btt. Schau, seitdem jener erste Weiße hier war, sehe ich ihn oft int Traum. Wir saßen froh zusammen, erzählten, tranken Palmwein und ranchteit unsere Pfeifen. Nie hat mir der Tabak so gut geschmeckt, als wenn der Weiße meine Pfeife ansteckte mit seinen Feuerhölzern, die er aus dem Lande feines Vaters mitgebracht hatte. Als er ging, schenkte er mir viele, viele, sehr viele von diesen Zauberhölzchen. Solange sie reichten, hatte ich keine bösen Träume, aber als sie eines Tages alle abgebrannt waren und ich meine dings eine schwere Zauberkunst wäre, die sogar im Lande der Weißen nicht viele verständen, aber er könne ihm wenigstens für eine längere Zeit über diese schweren Träume hinweghelfen, indem er ihm von seinen Feuerhölzern eine Anzahl überlasse. Der Häuptling atmete sichtlich erleichtert auf. Er hatte sein Ziel erreicht, lobte den Verstand und die Güte des Weißen, Zulu-Neger als Rikschah-Fahrer. Pfeife wieder wie früher mit einer Holzkohle anmachen mußte, da fing es an. O, es ist schrecklich gewesen, was ich gelitten habe. Ich verlangte von den Zauberern, daß sie die Zauberkunst der Feuerhölzer versuchen sollten. Sie fanden sie nicht, aber als ich soeben vom Traume erwachte, habe ich an dich gedacht, Weißer." Der Missionär hielt sich ernst; ein solch schwerer Traum war allerdings eine ernste Sache. Der alte Schlingel hatte tatsächlich einen glücklichen Gedanken, um wieder an Streichhölzer zu kommen. Ebenso ernst wie Budangi antwortete P. Klinkenberg. Er sprach davon, daß das aller« erzählte in einemsort und war froh wie ein Kind. Der Dschindar mußte sogleich die Pfeife holen, und da er nicht schnell genug mit dem langen Rohr zurückkehrte, erhielt er zum Lohn eine schallende Ohrfeige. Dann flammte das erste Streichholz des Paters auf, und Budangi rauchte und qualmte tvie ein Schlot. Als er überdies eine halbe Dose Streichhölzer erhielt, strahlte sein ganzes Gesicht vor Freude und Seligkeit. Jetzt würde er dem guten Weißen alle Wünsche erfüllen. P. Klinkenberg benutzte die gute Stimmung und sprach nun von seiner Absicht, ins Gebirge hinaufzusteigen. Gleich war Budangi Bereit, den Missionär zu begleiten, ließ noch einige Dschindar herbeirufen, und alle Männer, die sich außerdem bereits eingesunden hatten, mußten mit. Die Hüuptlings-lanze, die dem großen Mann als Spazierstock diente, wurde geholt und sogleich begab man sich auf den Weg. Budangi behauptete, gut zu Fuß zu sein und sich oben im Gebirge gut auszukennen. P. Klinkenberg nahm seinen eisen-beschlagenen Reisestock zur Hand, und da er sah, daß sein Freund die Pfeife nicht zurückließ, steckte er etwas Tabak ein, mit dem er später die Häuptlingspfeife von neuem zu stopfen gedachte. Der Weg zog sich sanft ansteigend eine Viertelstunde weit durch die wohlbestellten ausgereiften Maisfelder des Dorfes dahin. Dann begann der Wald. Nach einigen weiteren hundert Schritten gelangten sie an den Fuß des Gebirges. Der Weg wurde steiler, die Pfade zweigten nach rechts und links ab. Stellenweise rauschte ein Bergbach zutat. Schwankende, halsbrecherische Bambusbrücken machten dem Pater Beschwerden, während die Schwarzen leichtfüßig und geschickt darüber hinwegschritten. Der dichte Busch schlug endlich über ihren Köpfen zusammen und benahm ihnen jeden Blick ins Tal. War's auch beschwerlich, so war's doch von wundersamem Reiz, durch die unberührte tropische Waldherrlichkeit zu wandern, an Riesenbäumen und gewaltigen Farnkräutern vorbei, durch Bambusgebüsch und sonstige nie gesehene Pracht und Naturschönheit. Der Häuptling selbst war Führer. Bergauf — bergab ging's immer weiter, immer höher hinauf. Endlich stand man am Fuß jener alles überragenden Felskuppe, von der aus der Pater das Land überschauen wollte. Auch sie ward erstiegen; keuchend und in Schweiß gebadet, langte man auf ihrem Gipfel au. Reichlich wurde die Mühe belohnt durch die wunderbare Aussicht, die der Gipfel bot. Da lag in friedlicher Stille und blendendem Sonnenlicht das weite Biambatal mit seinen Dörfern und Gehöften, seinen Feldern und Wäldern, und drüben im größten Dorfe, fast greifbar nahe, das ausgedehnte Häuptlingsgehöft. Wie ein Silberband durchzog der Ndum-bani das Land; Gebirgstvasser bildeten ihn, und übermütig stürzte er stellenweise in schneeweißer Gischt über Abhänge zu Tal. In der Ferne verlief sich die Ebene in die dunkelblauen, eben noch sichtbaren Linien des Bankingebirges. Ein seiner, zarter Dunstschleier lag über der Landschaft und schuf ein Bild von ebenso duftiger wie majestätischer Wirkung. P. Klinkenberg kostete die landschaftlichen Reize dieses Bildes und seine Seele trank die ganze Schönheit der ihn umgebenden Schöpfung. Die Schwarzen, die ihrer Freude anfangs durch lautes Rusen und Johlen Ausdruck gegeben hatten, lagen nunmehr auf dem Rücken. Es war ihnen unerklärlich, daß der Weiße sich nicht sattsehen konnte. Nur der Häuptling freute sich, daß der Weiße eine solche Anteilnahme für seinen Stamm und die ganze Umgebung au den Tag legte. Stolz zeigte er dem Pater die Größe seines Reiches, nannte die Dörfer und Ortschaften beim Namen und vergaß auch nicht, die Bigleute und Unterhäuptlinge zu erwähnen, deren Haupt er war. Die Felskuppe, auf der man stand, war die höchste Erhebung eines ausgedehnten, stark zerklüfteten, aus vielen Bergen und Bergrücken zusammengesetzten Gebirgsstockes mit reichem, aber verschiedenartigem Waldbestand. Eingehend betrachtete der Pater diese Einzelheiten, bis sein Auge plötzlich wie gebannt auf einer Felswand haften blieb. War's denn Wirklichkeit oder träumte er: stand dort nicht ein Kreuz? — ein großes, roh gezimmertes Kreuz...? — Wahrhaftig! Aber wer mochte es gerade dort, an einer der schönsten Stellen des Gebirges errichtet haben? —- Wie lange schon stand es dort? Missionäre waren außer ihm nie in dieser Gegend gewesen. Die Pallottiner waren nicht über die Dschanggegend hinausgekommen; Biamba aber lag viele hundert Kilometer weit nördlicher. Vielleicht der erste Weiße, der vor fünf Jahren hier durchgezogen? — Unsinn! Dafür hat kein Soldat Zeit und Lust, zumal wenn er sich auf einer Kriegsfahrt befindet! Und wo stand das Kreuz! — Von riesiger Felswand herab schaute es ins Tal. Im Hintergrund reckten sich gewaltige Bergkuppen gen Himmel und im Vordergründe stürzte in breitem Schwall ein wundervoller Wasserfall in die Tiefe. Und dazu der Wald, dieser wunderschöne, unberührte Wald...! Viel, viel Schönes hatte der Missionär bereits auf seinen ausgedehnten Reisen gesehen, aber was er jetzt schaute, war schöner und großartiger. Und dazu das Kreuz, das ihm wie ein Rätsel vorkam, dessen Lösung er sich vom Häuptling erfragen wollte. „Siehst du drüben den Felsen, Häuptling?" — „Gewiß sehe ich ihn. Das ist der Geisterfelsen!" — „Der Geisterfelsen — „Ja, so nennen wir ihn." — „Weshalb nennt ihr ihn so?" — „Weil dort die Geister wohnen. Sobald ein Biambamann stirbt, lebt er dort mit den anderen Verstorbenen zusammen." — „Siehst du auch das Zeichen hoch oben auf der Felswand neben dem Wasserfall?" fragte der Missionär den Häuptling weiter. — „Ja, das sehe ich. Aber was willst du damit?" — „Wer hat es dort aufgerichtet?" — „Das haben die Geister getan." — „Wie? Die Geister? — Unsinn!" — P. Klinkenberg schaute lachend auf den Häuptling, der allerdings keinen Scherz gemacht hatte, sondern mit dem ernstesten Gesicht von der Welt den Weißen anschaute, als wenn er fragen wollte: „Meinst du etwa, ich würde dich belügen?" — „Seit wann steht dieses Zeichen denn da oben, Häuptling?" — „Es sind ungefähr vier Trockenzeiten seit jenem Tag dahingegangen, da wir es zum ersten Male erblickten. Es war damals gerade eine große Angst in ganz Biamba, denn die Maisernte war sehr schlecht ausgefallen. Meine Leute litten großen Hunger, die Kinder unb alten Lente starben zahlreich. Eines Tages nun kam der Bigmann Bogim und berichtete, daß er oben auf dem Geisterfelsen ein eigenartiges Zeichen gesehen habe. Da wuchs unsere Angst. Ich kam mit meinen Bigleuten und vielen Männern hieher, um mich von der Wahrheit der Aussage zu überzeugen. Es war so, wie Bogim berichtet hatte. Niemand zweifelte daran, daß die Geister das geheimnisvolle Zeichen dort oben errichtet hatten und daß sie mehr Opfer von uns verlangten. So schlachteten die Zauberer auf den Hauptplätzen des Dorfes so viel Ziegen und Hühner, daß wir beinahe arm geworden wären. Die nächste Ernte wurde besser, die Geister waren versöhnt, aber sie haben das Zeichen vergessen. Es ist bis auf den heutigen Tag geblieben und heißt seitdem das Geisterzeichen." Die Leute bestätigten die Aussage ihres Häuptlings und Katar sagte, daß er vor seiner Abreise mit dem Weißen nie etwas vom Gcisterzeichen gehört hatte. „Nun gut, Häuptling", sagte P. Klinkenberg, „ihr glaubt, daß die Geister das Zeichen aufgerichtet haben. So etwas kann ich nicht glauben. Ich halte dafür, daß ein Mensch es dort' ausgestellt hat. Das ist nämlich das Zeichen der Christen, wie dein Sohn Katur dir bestätigen kann. Ich gehe hin, um mir den Geisterfelfen und das Geisterzeichen aus der Nähe anzusehen." Die Männer erschraken: „Weißer, tu es nicht! Geh nicht hin!" bat der Häuptling. — „Weißer, geh nicht zum Felsen, du würdest nicht mehr lebend heimkehren", sagte flehentlich ein Bigmann. — „Nicht lebend heimkehren? Ich fürchte die Geister nicht!" — „Du weißt nicht, in welche Gefahr du dich begibst!" — „Nun denn, in welche Gefahr?" fragte der Pater. — „Kein Mensch darf es wagen, in das Reich der Geister einzudringen. Wer es dennoch tut, der muß sterben. Die Geister verlangen seinen Tod." — „Mir tun die Geister nichts, Häuptling. Beruhige dich, es ist nicht so schlimm, wie ihr meint." — Bu-dangi versuchte seine ganze Beredsamkeit. Um jeden Preis wollte er den Weißen von seinem Vorhaben abbringen. Er war fest überzeugt, daß nicht nur dem Weißen, sondern auch ihm und dem ganzen Stamme neues Unglück bevorstehe, wenn jemand in das Geisterreich eindringe. — „Sieh dort", fuhr er fort, „die großen Felsen und die ganze Umgebung ist vas Reich der Geister. In der Tiefe unten, am Fuße dieser Felsen, gerade unter dem großen Wasserfall, ist die Wohnung der Geister, die sich unter dem ganzen Berg hinzieht. Dort leben alle verstorbenen Häuptlinge des ganzen Stammes und alle übrigen Verstorbenen unseres Landes. Der Wasserfall, den du da siehst und der in der Regenzeit bis nach Biamba zu hören ist, heißt die Stimme der Geister, die desto mehr Opfer von uns verlangt, je lauter sie zu uns herüberdringt. Der See, in den der Wasserfall hineinstürzt, heißt der Geistersee. Über ihm kreisen in greulichen Gestalten und Formen jene Geister, die int Leben böse und häßliche Taten verrichtet haben. Wer in die Nähe des Sees, ja nur in die Nähe des Geisterreiches kommt, wird von den Geistern in die Tiefen des Sees hinabgestoßen trab kommt nicht mehr lebend zurück." Immer mehr schaurige Einzelheiten erzählte Budangi; immer grausiger wurden die Bilder all des Schrecklichen, das das Geisterreich barg. Als er endlich glaubte, den Pater überzeugt zu haben, schloß er mit den Worten: „Weißer, willst du auch jetzt noch ins Geisterreich gehen?" — P. Klinkenberg hütete sich wohl, diesen tief eingewurzelten heidnischen Glauben lächerlich zu machen. Er fragte deshalb nur: „Woher wißt ihr denn, daß dort unten ein See ist? Und wer hat euch erzählt, daß unter dem Felsen die Wohnung der Geister ist?" — „So haben wir es von un- seren Vorfahren gehört, die es auch wieder von ihren Vätern erfahren haben. Die jungen Leute lernen es von den alten; so war es immer und so ist es noch heule. Niemand von uns hat den Geiftersee gesehen, und doch ist er da. Niemand war in der Geisterhöhle, und doch zweifelt keiner von uns daran, daß sie dort ist. So berichten auch unsere Stammesgeschichten, die ich dir einmal erzähle, wenn bit für immer bei uns wohnst." — „Noch einige Fragen, Häuptling. War der erste Weiße, der in Biamba weilte, hier im Gebirge oder gar am Geistersee ?" — „Nein, er war nicht dort. Er kam nur, um sich den toten Soldaten anzuschauen." —- „War denn ein anderer Weißer hier irgendwo in der Nähe?" — „Nein, ich habe nie davon gehört." — „Hat sich etwa einer der Soldaten zum Geistersee begeben und dort das Zeichen ausgestellt?" — „Es war auch kein Soldat dort, und das Zeichen erschien erst oben auf dem Felsen, als die Soldaten schon wenigstens ein ganzes Jahr fortgezogen waren." — „Du hast mir erzählt, daß jener Soldat, der den andern erschlug, spurlos verschwunden war. Ich nehme an und glaube, daß er dort in der Geister-höhle gelebt hat und vielleicht noch lebt. Ich vermute auch, daß er das Zeichen dort aufgepflanzt hat." — Budangi und seine Leute waren sprachlos vor Erstaunen, einerseits daß der Weiße immer noch nicht an ihre Geistergeschichten glaubte und andererseits, daß er dort einen Menschen vermutete und dazu noch jenen flüchtigen Soldaten. — „Du schaust mich ungläubig au, Häuptling. Ich werde dir beweisen, daß ich richtig vermute. Ich muß hinüber zum Geisterfelsen. Ich fürchte die Geister nicht und auch ihr könnt mitgehen. Niemand wird ein Leid geschehen." — „Wir können dich nicht zurückhalten, denn du bist ein Weißer. Wir können und dürfen aber auch nicht mitgehen", sagte der Häuptling, den Pater wehmütig und mitleidig ansehend. „Du gehst in dein Verderben, weil du es selber willst. Es ist unnütz, noch weiter in dich zu dringen und dich überzeugen zu wollen. Ich habe dich oft genug gewarnt." — „So laß den Katur wenigstens ein Stück Weges mitgehen, daß er mir den Weg zeige. Er fürchtet die Geister nicht, kann aber meinetwegen an der Grenze des Geisterreiches zurückbleiben." — „Gut, er mag ein Stück Weges mitgehen, aber ich will nicht, daß er dich bis zum Geisterreich begleitet und dort seinen Tod findet." — Der Pater erbat sich ein Buschmesser ; dann begann er mit Katur die Reise nach dem Geisterreich, während die anderen Schwarzen mit Budangi den Heimweg antraten. Ihre Angst war groß. 20. Kapitel. Der Einsiedler. Schon manches reizvolle und abenteuerliche Erlebnis war dem Pater während seines Missionslebens begegnet, aber hier schien er vor etwas ganz Neuem, Geheimnisvollem zu stehen. Gern hätte der Missionär den besorgten und ernstgemeinten Vorstellungen und Bitten des Häuptlings Folge geleistet und auf die Erforschung dieses geheimnisvollen Geisterreiches verzichtet, wenn es nicht gerade das Kreuzeszeichen gewesen wäre, das ihn lockte und mit unwiderstehlicher Gewalt anzog. Also weiter auf dem einmal eingeschlagenen Wege! Katur schritt rüstig voraus. Er kannte das Gebirge noch aus seinen Kinderjahreu und hielt sich vorerst auf dem Pfade, der an dem tiefausgespülten Bergbach entlangführte. Der Weg war recht mühsam, namentlich als die ausgetretenen Pfade aufhörten und man sich mit dem Buschmesser einen Weg durch den dicht verwachsenen Wald bahnen mußte. Je näher man dem Geisterreiche kam, desto lauter hörte man das Rauschen und Brausen des Wasserfalles. Endlich mahnte P. Klinkenberg seinen jungen Begleiter: „Hier müssen wir uns trennen. Du magst fjier- meine Rückkehr aus dem Geisterreiche abwarten. So wollte es dein Vater." — „Ich weiß es; aber meinst du, daß ich seine Worte befolgen soll? Mein Vater ist abergläubisch und fürchtet für mein Leben. Ich habe keine Angst, doch möchte ich den Vater nicht betrüben. Sage du mir, was ich tun soll? Ich ginge gern mit, aber..." — „Meinetwegen magst du zurückbleiben, doch glaube ich, daß dein Vater dir verzeiht, wenn du heil und gesund aus dem Geisterreich heimkehrst." — „Dann gehe ich mit dir. Ich bin sicher, daß uns nichts geschieht, weil das christliche Zeichen auf dem Felsen aufgerichtet ist." Katur ging also mit und hälf dem Pater die leichtesten Durchgangsstellen finden, schaffte und arbeitete mit dem langen Buschmesser und schwitzte vor lauter Anstrengung. Die dicken Safttropfen der abgeschnittenen Sinnen, die auf die Vorwärtsstürmenden herabträufelten, die vielen Wasserspritzer, die beim Überspringen der kleinen Bächlein hoch aufschlugen, die auf- und abschlagenden Zweige, die überall dunkle Streifen abzeichneten, machten die Hellen Kleider der beiden Wanderer immer schmutziger und fleckiger, aber ihren Drang nach vorwärts hemmten sie nicht. Plötzlich blieb Katur, der immer etwas vorauf war, erstaunt stehen, deutete auf den Boden und rief dem Pater mit verhaltener Stimme zu: „Hier ist ein Pfad, jetzt wird's leichter gehen und bald werden wir den Wasserfall sehen." — „Dann müssen wir aber vorsichtiger sein, Katur, denn nun werden wir auch bald den Geistern begegnen. Bleib lieber zurück, damit sie dich nicht in den See hinabziehen." — „Nein, mein Vater, das ist dir nicht ernst gemeint. Du machst nur Scherz, wie du es so gern tust, du weißt, daß ich nicht an die Geister glaube, von denen mein Vater sprach." Tatsächlich waren sie auf einem ausgetretenen Pfade angelangt, mithin mußten vor kurzer Zeit noch Menschen im Geisterreich gewesen sein. Froh überrascht stürmten sie weiter. Zuvor jedoch schnitten sie Zeichen in die nächsten Bäume, um bei der Rückkehr den Weg nicht zu verfehlen. Dem Pfade folgend, standen sie nach einiger Zeit vor einem steilen Felsenaufstieg; sie erkletterten ihn und hatten den herrlichen Wasserfall vor sich, der aus riesiger Höhe in einen wunderschönen See hinabstürzte und im Sturze eine Wolke feinsten Staubregens verursachte. Überwältigend war der Anblick, wundervoll das Naturschauspiel, das sich den Blicken der beiden Beschauer bot. Wie verzaubert standen sie da und ließen die Herrlichkeit des Bildes auf sich einwirken, keines Wortes mächtig. Nun sahen sie die riesige Felswand in ihrer gewaltigen Höhe und Wucht — nun standen sie am See, von dem der Häuptling so geheimnisvolle Dinge gesagt hatte — nun hörten sie das Rauschen und Donnern und Brausen des Wasserfalles, den man in der Regenzeit bis Biamba hören konnte und der die Wilden stets zu neuen Opfern bewegte. Wahrhaftig, wenn jetzt.zur Trockenzeit solche Wassermassen den geheimen Kammern des Gebirges entströmten und sich mit solcher Wucht in die Tiefe stürzten, daß die beiden aus dem andern Ufer sich nur mit Mühe verständigen konnten, dann war es begreiflich, daß die wilden Bewohner Biambas durch das gewaltige Rauschen und Donnern während der halbjährigen Regenzeit von abergläubischer Furcht ergriffen wurden. „Mein Vater", unterbrach Katur zuerst das Schweigen und wies auf die gegenüberliegende Felswand, „siehst du die Höhle, von der mein Vater sprach ?" — „Ich sehe sie und muß staunen. Es scheint sogar trockenes Holz darin aufgehäuft zu sein. Das deutet auf die Anwesenheit von Menschen. Komm, laß uns weitergehen! Ich bin begierig, das Geheimnis zu enthüllen." Kein Mensch ließ sich sehen. Alles lag da in vollendeter Ruhe, nichts bewegte sich; nur der riesige Wasserfall donnerte unaufhörlich in die Tiefe. Sie eilten vorsichtig dem schmalen Pfade nach, der sich in nächster Nähe des Sees dahinzog, und standen bald darauf vor der riesigen Felsmauer, die nahezu senkrecht gen Himmel ragte. Der kleine Pfad führte über Felsgeröll bis unter den Wasserfall, der sich in gewaltigem Bogen in den See ergoß. Hier machte P. Klinkenberg halt, während Katur gleich zur Höhle weiterstürmte. Ha, wie das donnerte und dröhnte! Wie das rauschte und brandete, daß die Wasser hoch aufspritzten in schäumender Gischt! Und fern über den See zogen die Wellen ihre ewigen Ringe in nimmermüdem Wechsel. Eine Wolke feinsten Staubregens senkte sich herab, doch der Missionär achtete nicht darauf. In staunender Bewunderung schaute er dieses großartige Spiel der gewaltigen Wasser und das Funkeln der Tropensonne in jedem einzelnen Wassertröpflein, daß es aufleuchtete in allen Schattierungen der Regenbogenfarben. Wer weiß, wie lange er in seiner Versunkenheit gestanden hätte, wäre nicht Katur eilenden Schrittes herbeigestürzt, um ihn zur Höhle fortzuziehen. Sprechen konnte er kaum, und was er sprach, verhallte im Donner der niedergehenden Wassermassen. Nach etwa fünfzig Schritten waren sie an der „Geisterhöhle" angelangt. Die Felsen weiteten sich hier zu einem Raum, der sich beinahe ansah wie ein von Menschenhand gefertigtes Gewölbe, in welchem kaum eine Felsenspalte zn sehen war. (Fortsetzung folgt.) Eigentümer. Herausgeber und Verleger: Kongregation der Missionare Söhne des heiligsten Herzens Jesu. Verantwortlicher Schriftleiter: P. Al. Wtlfling, Missionshaus Graz, Paulustorgasse 10. — Universitäts-Buchdruckerei „Styria" in Graz.