M 5H. SamMg den 50. Dmmber 1865. 9. Jahrgang. Matter aus Arain. (Beilage zur „Laibacher Zeitung.") Die „Blätter aus Kram" erscheinen jeden Samstag, und ist der Pranumeratiousprcis ganzjährig 2 fl. österr. Währ._________ Am Sylvestertage 1865. ! Hier sitz' ich einsam zwischen düstern Wänden Und denl' des Hulden, heitern Frühlings wieder, Wo zaub'risch mich an grünenden Geländen Der Blüthen'Duft umflog und süße Lieder. Nuu ist's vorbei! Ts muß sich Alles wenden, Doch bringt's die Zeit in anderm Gewände ttneder: Am Fenster eingecist die Blumenspendcn Des Frühlings sind, und Stürme — scme Lieder. Und wenn ich forschend in mich selber blicke: Wie mit des Frühlings Liedern, Blumengaben, So ist's auch nM dem Traum vom Iugendglücke. Vereist, erstarrt find meiner Freude Blüthen, Das helle Lied des lcbensfrischcn Knaben, ^ Dem Sturme gleich hör' ich's umFnch her wüthen. ^ ! Die Steppe. Von Michael Grab owSki. , (2 ch l n ß,) „Einige Bekannte erzählten mir, wie e5 nach der Blut- , nacht 'zu Smila ergangen. 2lm Morgen liefs von Mund zu ', Mund, daß die Polen heranrückten. Die Heidamaken zogen sich ^ hinter den Iidin. Der ungeordnete Haufe war sich selbst im ! Wege. Als sie aus den Wäldern von Dubieff schritten, über- ^ fiel sie plötzliche Furcht, die Feinde wären ihnen im Rücken, zu- ! dem verfperrtcn ihnen Andere vorne den Weg. Es war ohne Zweifel das Heer des Gebieters von Canowa, der schon einmal ^ die Hbidamaken nahe bei Monajtievz am Irdin geschlagen hatte. ! Sie wandten sich nUn nach Swidowta. Die Polen folgten ihnen auf dem Fuße nach. Schon war der Dnjepr nur mehr einige Flintenschüsse vor den Fliehenden. Die Nacht brach herein. Die Heidamaken verschanzten sich hinter ihren Wagen gegen die , anstürmenden Reiter; allein in der Nacht traf auch das Fuß-^ Volk aus Spole ein und besetzte die zwei noch offenen Sraßen j, nach Smila und Medwiednick. Mit Tagesanbruch sahen sich die ! Heidamaken von allen Seiten eingeschlossen. Die Holen hatten ! nur darauf gewartet. Die Reiter griffen an, das Lager kielt ! sich nicht lange. So entbrannte die Schlacht auf den großen ! Sandfeldern von Swidowka. Da die Hcidamaken das reguläre Feuer und den Anprall der geschlossenen Reihen der Polen nicht aushalten konnten, so zerstreueten sie sich nach allen Seiten und das Gefecht löfete sich in eine Menge Einzeltämpfe auf. Dies gelang. Jeder Reiter folgte einem Fliehenden, bis diefer z Plötzlich,.stehen blieb und sich vertheidigte. Plötzlich umschwärmten ^ den Reiter mehrere Fußgänger. Flinten und Pistolen antwor- ! teten dem Karabiner. Während Einer mit dem Reiter focht, ! schlitzte ew-'Anderer mit der Senfe den Bauch des Pferdes, l Dichter Pulverdampf lag über dem Gefilde. Allein, das Gefecht ^ nahm immer geringere Dimensionen an; die Polen bildeten einen Halbkreis und rückten Schulter an Schulter vor. Die Heidamaken wollten fliehen. doch vor ihnen lag der Dnjepr, die Verzweiflung in die Wellen. Die Polen am Ufer unter-' hielten ein lebhaftes Gewehrfeuer auf die Schwimmenden. Um- ^ fönst tauchte dieser oder jener unter Wasser, er muhte wieder hervorkommen, um Athem zu holen; dock wie er den Kopf hob, schlugen zehn Kugeln in fein Gehirn. Blut färbte die Wellen des Dnjepr. Entfcelte Leichen fchwammen auf dem Wasser. Die Polen verließen das Ufer nicht bis zum Abend und schoßen unaufhörlich. Nur fünfzehn oder zwanzig Hcidamaken entrannen dem Blutbade, indem sie zwölf und mehr Stunden im Wasser blieben und durch hohle Nöhrchen Athem fchöpften. Die Körper der Andern zcrfchellten an den zackigen Felsen des Dnjepr. Die Verwundeten, welche man aus dem Wasser gezogen, berichteten von der gräulichen Ermordung meiner ehemaligen Kameraden." „Nach einigen Wochen führte mau mich und zwanzig meiner Leidensgefährten in Eisen nach Zytomierz. Auf dem Wege staunte ich ob dem traurigen Anblicke der Dörfer, durch welche wir fuhren. Wie ganz anders wie früher! Die ganze Welt war öde geworden. Auf den Lenz folgte der heiße Sommer, der die Blüthen und Blumen versengte. Im Frühjahre war die Ukraine frendctruHken, jetzt war sie erwacht aus ihrer Betäubung, sie schämte sich und trauerte. Der zahlende Tag war gekommen: in jedem Dorfe war ein ungeheurer Galgen aufgerichtet. Wir sahen, wie man die Lente henkte oder viertheilte; einigen hüllte man die Hände in Stroh ein, betröpfelte sie Mit Pech und zündete sie an, darauf jagten man sie mit den brennenden Händen durchs Dorf und rief ihre Namen aus. Ueberall herrfchte Furcht und Entsetzen, alles Gerede verstummte; man flüsterte von der Ankunft neuer Truppenmassen, von den Strafen, womit man die Verbrecher belegen werde. Aus Zytomierz trieb man uns nach Zuboctzin. Hier wohnte Herr Dubrawski, den die Polen den Schloßrichtcr hießen. Welch' einen Anblick bot das Dorf -da^> Auf den Straßen wimmelte es von Menschen, aber kaum der zehnte schritt frei einher; die Anderen fchlepptcn lang-fam ihre in fchwerc Eiscnbande geschmiedeten Füße nach. Dies waren die Gefangenen; denn aus dem ganzen Bezirke, den man damals die Woiwodschaft Kijow nannte, brachte man die Verbrecher nach ZrMnicrz und hernach nach Zuboctzin. Herr Dubrawski war Oberrichtcr. Die Gefangenen mußten Graben anlegen, Wälle um' das Schloß aufwerfen, die Straßen des Dorfes ^reinigen und sich mit Schiebkarren umherfchleppen. Jeden Tag wurden sie ins Schloß geführt, dort verhört, gefoltert, dies hieß man die Inquisition. Dubrawski wußte sie gut zu benutzen. Waren sie nun ganz entkräftet vom Graben und fchweren Arbeiten, hatten die Schreiber ganze Stöße Papier vollgeschrieben, fo führte man sie nach Zytomierz zurück, wo sie in Gegenwart Dubrawski's gehenkt, geköpft oder gerädert wurden." „Das Dorf lag in einem Fichtengehölz, dunkel und schauerlich, wie ein Gefängniß. Ich glaube nicht, daß ein freier Mcnfch dort leben wollte, Dubrawski aber hatte eine besondere Vorliebe für diesen Ort, denn ohne Kerker konnte er nicht leben. Er hatte seine Freude daran, di^lngeklagten zu verhören und zu verurtheilen. Die eigenen Besitzungen welche etwas verbrochen, steckte 'e^nHMsser, in welche Messer und spitzige Nägel eingetrieben worden waren. Fand er einen Strohhalm in der Kornkammer, setzte er sich auf den Nichterstuhl. Im ^ Dorfe um das Schloß herum hatte er eine Menge Kerker, in welche wir zur Nachtzeit eingesperrt wurden." ! „In ein solches Gefängniß tam auch ich hinein. Tu- brawsti zürnte mit mehr, als allen Uebelthäton und Räubern, deren Gebeine er auf den Gefilden vonZytomierz zerstreute; denn die Frau des Gubernators zu Smila war die Schwester seiner Gemalin. Auch das Kind, daß ich gerettet, brachte man nach Zuboctzin, und ich sah manchmal das Mädchen in Begleitung ihrer Frauen, doch durfte ich ihm niemals vor das Angesicht treten. Dubrawski glaubte, ich hätte die Mutter ermordet und das Kind geraubt: und für mein gutes Werk wollte er mich zum Tode verurtheilen. Ich wurde vor ihn geführt. Während die Schreiber an langen Tischen schrieben, saß Dubrawski auf einem goldenen Stuhle, ick aber stand in Ketten vor ihm. Er befragte mich, schrie und drohcte, und durchbohrte mich mit seinen stechenden Augen. Er war ein großer, dicker Mann, seine Augen waren wie unterlaufen mit dem Blute derer, die er hingeschlachtet. Wer vor ihm stand, dem ward angst und bange, mich aber wollte er hängen lassen. Jeden Tag verhörte er mich und obgleich er nichts an mir finden konnte, so ließ er mich doch nicht frei, fondern warf mich in den tiefsten Kerker, drohete mit Folter und mit dem Hungertode. So kam es, daß ^ ich nach zwei Monaten der Pein fchon gegen mich zeugen wollte, denn lieber wäre ich todt gewesen, als solche Qualen ferner zu erdulden." „Ich wurde immer schwächer. Die kurzen Tage meiner Gefangenschaft hatten mich mehr gealtert, als fönst draußen die Jahre. Ick, der Anfangs Diejenigen verlachte, die trauerten und weinten, klagte nun hundertmal des Tages. Mit Schmerz gedachte ich des väterlichen Hauses, der Tage meiner Freiheit; und nun die Leioen, die, ich unschuldig ertrug! Thränen flössen aus meinen brennenden Augen. Die Hand sollte ich verlieren, womit ich die Unschuld gerettet, ich hätte der Strafe weit fein mögen, die ich erwartete. Stcrben follt' ich so jung, ohne den Segen des Vaters, ohne die Thräne der Mutter, ich erstarrte bei dem Gedanken. Als ich einsmals bis in die späte Nacht mein Schicksal betrauerte, — es mußte bereits Mitternacht sein und der Mond schien hell durchs Gitterfenster — da schlief ich ein. Es war mir, als gruben wir auf deu öden Gefilden mit Herrn Weicher verborgene Schätze. Ich kämpfte mit dem heulenden Nord, der unsere Laternen verlöschte, bei deren mattem Schein wir in den alten Gräbern wühlten: plötzlich fiel ein heller Lichtstrahl in den dunkeln Raum, der Traum veränd'erte sich: meine Hände brannten mit Stroh umwickelt, das Pech floß in glühenden Bächen an meinem Leibe hinunter, die Henker jagten mich durch eine unbekannte Stadt und Zuschauer strömten zusammen. Vor Angst und Schmerzen schrie ia>a.nf und erwachte. Ich hob meine Augen, ein heller Glanz strahlte in meiner Zelle. Ich fprang auf, — inmitten des Scheines erkannte ich die Gestalt der Schloßfrau von Smila, die Mutter des Kindes, das ich gerettet. Einige Schritte vor mir stand sie in himmlischer Glorie und Herrlichkeit: drei rothe Vlutströme rannen aus ihrer Brust zu Boden. Ihre Augen ruhten mit einer solchen Milde auf mir, daß ich, Anfangs ganz betäubt vor Schrecken, nach und nach zur Besinnung kam: ich begann leise zu beten. Darauf hörte ich ganz deutlich die Worte: „Ich will für Dich zeugen!" — Die Erscheinung dauerte so lange, als ein Evangelium in der heiligen Messe. Dann verlosch allmählig der Glanz, als entfernte er sich langsam, stand auf den Strahlen des Mondes und fuhr auf ihnen gegen Himmel. Nachdem die Gestalt verschwunden, erfüllte mich Furcht, mein Herz scklug hörbar, ich süMMhie Augen, denn ich fühlte, daß ich sterben mußte, sollte iMWMso etwas sehen." „Solches ließ Gott zu, der Zeuge meiner Unschuld. Ihr glaubt vielleicht, ich täusche Euch und mich selbst? ... Bei Gott, nein! Er weiß es und seine Heiligen alle, die an seiner Seite stehen werden, an jenem furchtbaren Tage, wo ich Rechenschaft geben muß über mein ganzes Leben, daß ich nicht prahle mit Gnaden, deren ich nicht würdig gewesen wäre: ich hatte diese Erscheinung nicht im Traume, ich war vollkommen wach, sie war noch zu deutlich. — Der Mond ging unter, es ward dunkel, aber ich konnte kein Auge zudrücken: erst gegen Morgen schlummerte ich ein. Doch bald weckte mich das Knarren der Thüre und der Gefängnißwärter tratt ein. Ich glaubte, man wollte l mich zum Tode führen. Allein er löste meine Bande und hieß mich zum Herrn zu gehen. Er erzählte mir, daß die Schloßfrau einen Traum gehabt, ihre Schwester sei ihr erschienen und habe bestätigt, daß ich ihr Kind gerettet aus den Händen der Heidamaken: sie hätte befohlen, mich loszugeben. Die Frau bätte nachher des Morgens fo lange vor ihrem Gemal auf den Knien gelegen, bis er mir die Freiheit verheißen. Ich dankte Gott und der heiligen Seele, die mir erschienen und folgte dem Wächter in das Schloß. Die Frau kam mir mit dem Kinde ihrer Schwester entgegen." „Treue Seele, vergib!" sagte sie, „daß man Dich fälschlich angeklagt. Wir wissen, daß Du unschuldig bist und d.'r Netter ^ dieses Kindes, sie hat es mir geoffenbart, die nicht mehr auf Eroen wandelt, die ich heute Nachts gesehen, wie Dich. Nimm dies," sprach sie und drückte mir etwas in die Hand, damit Du leben kannst, denn hier darfst Du nicht mehr weilen. " Auch dies Medaillon (sie nahm es vom Halse des Mädchens), vielleicht vermag ich oder das Kind Dir einst besser zu lohnen." Sie hielt bestürzt inne, denn es trat Jemand in das Zimmer. Es war Dubrawski! .Seine Gemalin zitterte wie Espenlaub. Er kam näher, trat dicht an mich heran, stemmte seine Hände in die Hüfckn und maß mich vom Wirbel bis zur Zehe mit den kleinen stechenden Augen. Doch sagte er kein Stcrbens-wörtlein. Es hätte auch wahrlich dessen nicht bedurft, denn ich sah in diesem giftigen Blicke sogleich, wie leid es ihm thue, mich losgelassen zu haben! Noch einmal sah er mich verachtungsvoll an und schritt durch die Thüre gegenüber von dannen. Gleich darauf traten durch dieselbe Thüre zwei Soldaten vom Heere des Hospodars ein und winkten mir zu folgen. Im Hofe harrten schon drei gesattelte Roße ihrer Reiter. Sie nahmen mich in die Mitte und fort ging's auf die Landstraße. Hinter Zuboctzin offenbarten sie mir, sie hätten Befehl, mich bei Valta über die Grenze zu begleiten, ich sollte, wäre mir anders mein Leben theuer, mich nie mebr diesseits der Grenze in Polen blicken lassen. Tag und Nacht ritten wir zu, bis an die Grenze. So hatte dieser rohe Mensch, wenn er mir auch das Leben nicht genommen, mich doch aus meinem Heimatlande vertrieben." — „Er hatte mehr zu erdulden gehabt," siel ich dem Alten ins Wort, „der Tyrann des Volkes fiel, sie warfen ihn in das Gefängniß. Seine ungeheueren Besitzungen fielen in fremde Hände, er bettelte an seinen eigenen Thüren, unerkannt und verachtet von seinen ehemaligen Unterthanen." „Ach!" rief der Alte, „die Woge Gottes sind unerforschlich. Erst im andern Leben wird es sich zeigen, wer unglücklicher gewesen!" — „Fahrt fort!" bat ich den Alten. „Ich habe nicht viel mehr zu sagen! In Valta kaufte ich auf den Rath meiner Begleiter Brod, Käfe, Schweinefleisch und Branntwein in eine große Flasche; denn so rüstet sich ein Jeder aus, der sich in die Steppe wagte, weit und öde wie das Meer. Eines Morgens langten wir in Sienno an und ich überschritt die Grenze von Polen. Meine Begleiter wandten sich rückwärts und ich blieb allein auf den leeren Gefilden." „Drei Tage ging ich in einemfort, ohne cineil. Menschen zu begegnen. Was sind unsere Steppen gegen' jene, wie ein Roß gegen hohe Gebirge, wie der trag dahinschleichende TikicZ gegen den Dnjcpr zur Zeit der großen Ueberschwcmmungen im Frühjahre. Ich, der sein halbes Leben auf den Steppen von Bessarabien verbrachte, glaube mich hier in unserer Ukrainischen Steppe wie in einem volkreichen Dorfe. Tritt auf einen Hügel, so leuchten Dir Thurmspitzen von Kirchen entgegen, Du erblickst eine Heerde, die auf den grünen Feldern umherirrt. Doch dort, bei Gott! als ich dahin kam, da war Alles kahl, eben, ohne Hügel, ohne Quellen, ohne Spuren menschlichen Daseins. Noch einen Blick warf ich zurück nach Polen,, noch bläute sich der Himmel über mir, aber in die Steppe hinein war alles in Gelb gehüllt, glühend von den sengenden Strahlen der Sonne. Nach einigen Tagreisen flammte der ganze Himmel um mich herum. Die Sonne irrte einsam auf dem Firmament, wie ich auf der stummen Steppe. Fern am Horizonte erblickte ich einen schwarzen Punkt, und als ich näher kam, erkannte ich eine Hütte. An der Schwelle saß ein Mann. Lang und weiß wallte der Vart anf seiner Brust und er sah mich an, als hätte er schon lange des Anblickes von Menschen entbehrt. Er reichte mir eine Melone, um meinen Durst zu stillen. Ich blieb die Nacht über in seiner Hütte; erzählte ihm, wer ich sei, woher ich gekommen. Er war ein polnischer Edelmann und lebte schon über zwanzig Jahre auf dieser einsamen Besitzung, welche die seinige war. Diese ganze Zeit hatte er daranf verwendet, um nach Wasser zu graben: allein seine Anstrengungen waren erfolglos geblieben. „Wenn Du, Geld hast," sprach er zu mir, „kaufe diese Steppe ab. Du bist noch jung und rüstig, vielleicht krönt das Glück Dein Suchen, Du findest Wasser, dann bist Du reich. Ich sehne mich nach der Heimat, gerne stürbe ich im Schooße meiner Familie." Ich sagte zu, und wir legten uns schlafen." „Des andern Morgens wurden wir einig. Ich gab dem Alten die Hälfte meines Vermögens, er dagegen händigte mir seine auf Pergament geschriebenen Documente ein. Darnach zeigte er mir die Grenzen seiner Besitzung. Nach drei Tagen schied Mein Frennd. Ich saß auf der Schwelle und sah ihm nach, bis ich ihn aus den Augen verloren. Traurig ging ich in meine Hütte, ich glaubte vergehen zu müssen vor Wehmuth in dem Gedanken, ich sei der einzige Mensch in der weiten ungeheueren Wüste." „Der erste Winter, welchen ich auf meiner Besitzung verlebte, war mild und freundlich, so daß das Vieh die ganze Zeit im Freien bleiben konnte. — Mit Anbruch des Frühlings kamen einige Arbeiter zu mir, die ich alle behielt. Emsig forschten wir nach Wasser. Wo zur Zeit der Dürre das Gras am üppigsten sproß, da gruben wir nach .... und wir fanden einen springenden Quell. Von allen Seiten trieben sie die Heerden zur Quelle des Kurenoff; dafür entrichteten sie mir Geld oder Vieh. Auf diese Weise vermehrte sich mein NeiG thum immer mehr; meine Eltern übersiedelten aus Polen zu mir: ich heirathete und erzog einige Kinder. Ich baute Häuser, säete und erntete, und wir lebten in Glück und Ueberstuß." So verlebte ich siebenundzwanzig Jahre. Meine Eltern starben im hohen Alter, auch ich hoffte einst auf der stillen Steppe zu fchlafen. Doch : der Mensch denkt und Gott lenkt! Nach dreißig glücklichen kamen drei unfruchtbare Jahre und mir blieb nichts übrig, was ich mein nennen konnte. Der Krieg brach in unser stilles Reich und nahm mir meinen ältesten Sohn; er siel beim Sturme auf Otschakoff. Im nächsten strengen Winter sielen meine Heerden, und mein Weib, noch mehr gebeugt durch diese Unglücksfälle, starb ans Kummer über den Verlust ihres Sohnes. — Doch das war noch nicht genug. Nach einigen Monaten erschien ein Komet. Unter den Leuten gingen sonderbare Mahlen. Das wilde Noß rannte über die ausgebrannten Gefilde, wiehernd und die Nüstern aufgeblasen. Hinter seinen Hufen kämen Heuschrecken, sagte man: und so war cs anch. Sie kamen so dicht geflogen, daß sie die Sonne verfinsterten, unter ihrem Fluge rauschte es, wie Sturmesbrausen in den Wäldern. Kein Stamm, kein Schaft und Halm blieb auf der Steppe. Hnngcrsnoth brach aus, die Hecrden sanken von dem stinkenden faulen Wasser. . . . Wir nährten uns nur vom Fleisch, denn das alte Getreide mußte ich für die nächste Saat aufbewahren. Es kam Krankheit: es starben mir zwei Kinder. Meine Arbeiter und Tienstleute verließen mick. Ich blieb mit einer Tochter und dem jüngsten Sohne allein." „Die folgenden Jahre waren nicht ganz nngünstig. Im Winter und Frühjahre siel ein warmer Ncgen. Allein er blieb der erste und einzige. Alle Quellen versiegten, die Erde gähnte in weiten Sprüngen. Taub starrten die Halme in die sengende Sonnenschcibe. Das Vieh, was davon noch übrig geblieben, siel von Tag zu Tag. Endlich starb auch die letzte Kuh, die uns bisher mit ihrer Milch genährt, und mit ihr senkte ich auch mein liebes Töchterlein in die kühle Erde. Nack dem Tode ihrer Mutter war sie die einzige Stütze meines Lebens, mein Trost und meine Hoffnung. Mit diefem Kinde erlosch das Licht meiner Augen. — Damals erst erwog und fühlte ich meine früheren Verluste. Der Körper blieb auf der Erde, meine Gedanken aber folgten ihr ins Grab, sie weilten unter den Seelen meiner theuren Todten. Wie oft, wenn ich einsam zwischen den Hünengräbern umherirrte, fragte ich mich: wie viel lange Tage waren vergangen, seit mir jener Pole diese Besitzung verkaufte und mich verließ an jenem Herbstmorgen, den Einzigen auf der Steppe. Jetzt war ich neuerdings, wie damals bei feinem Abgänge, allein, eine verlassene Waise ohne Heimat: nur fühlte ich der Jahre Last auf den Schultern und im Herzen unnennbares Wehe. Damals leuchtete mir auf diefem Felde die Morgenröthe der Jugend, jetzt die Kühle des dämmerigen Abends; zwischen beiden war der Tag vergangen und der Mittag ohne ein Zeichen, ohne eine Spur." — Der Alte, in tiefen Gedanken, verstummte. Nach einer Pause fragte ich: „Wie kamst Du aus Vessarabien in diese Gegend?" — „Der Herbst nahete," erwiderte jener, „mir und meinem einzigen Kinde drohcte der Hungertod, ich verließ daher jene Steppen. Lebendiger regte sich das Andenken meiner Iugend-jahre in mir. Ich wollte nach Luchowa." — „Ihr wart dort?" — „Bis dahin kam ich nicht, hier blieb ich und ließ mich nieder." — „Und die Steppe hinter Sienno?" — „Sie wird verwachsen sein, wie ehemals vor mir. Flüge von Auer-hähnen flattern über ihr, und Hcerdcn wilder Pferde wühlen ihren Staub — was kümmerts mich? ... So lange noch mein Sohn lebte, hatte ich Hoffnung, sie zu verkaufen, als aber auch dieser starb, lieferte ich die bezüglichen Briefschaften dem Herrn von Zulynski, der sie in guter Ordnung fand, aus. Er wollte sie jedoch nicht annehmen; so übergab ich die Besitzung seiner ältern Tochter Julie. Vielleicht nützt sie ihr oder ihrem künstigen Manne." — „Aus Allem dem" fiel ich dem Alten ins Wort, „ersehe ich, daß die Frau von Zulynski mit jener Familie verwandt sein muß, der Du das Kind aus den Händen der Heidamakcn gerettet. Ist nicht sie jenes Kind, das Du aus dem Vlutbade zu Smila entführtest?" — „Sie ist es nicht; Frau von Zulynski ist die Enkelin des Gubernators von Smila, des Herrn Veicher. Unser Fräulein Julie, um die Ihr vielleicht freit, weil Ihr auf den Gefilden da umherreitet, sie ist die Enkelin jener Julie, die ich gerettet." — Doch wie seid Ihr Hieher gekommen, wie hat man Euch erkannt und aufgenommen?" — „So hört! . . . Ich kam als Bettler aus der Steppe; in Polen hatte mich der Winter überrascht. Einige mitleidige Leute gaben uns Brod, allein die Kälte that meinem Knaben wehe. Eines Nachmittags verließ ich, während schon einzelne Schneflocken fielen, ein Dorf. Bald begann es furchtbar zu schneien. Man sah ! nicht zehn Schritte vor sich. Ich kannte weder Steg noch Weg ! in dieser Gegend, und wenn auck, alles verschwand im kreiselnden Schneesturm. Mein Kind hing ganz starr und bewußtlos in meinen Armen, mich durchzitterte der Frost, ich sah den sichern Tod uor den Augen. Ich wandte meine Blicke nach allen Seiten, kein Haus, kein Hänfen Stroh — der Sturm und das Schneegestöber ließ nach, um mich noch mehr die fürchterliche Oede fehen zu lassen. Ein Sonnenstrahl brach durch das dichte Gewo'lke auf die schimmernde Erde. Zu meiner Rechten, in weiter Ferne, blitzte es auf .... ein Kreuz schimmerte, und ein neuer Sonnenhauch der Hoffnung zog in mein Herz. Ich beschleunigte meine Schritte, ich strebte zu dem neuen Gnaden-zcichcn — allein die Kraft wollte versagen, der Frost vcrcisete das Vlnt in meinen Adern, es war noch so weit . . . weit. . . . Vor mir leuchtete es, das Pfand der Erlösung, behängen mit Schneeflocken, — es blitzte der untergehenden entgegen wie eine neue Sonne des Glückes. Tarob war die Nacht eingebrochen, einige blinkende Stcrnlcin goßcn ihr Silberlicht auf das Kreuz. Muthig fchritt ich dahin, im Herzen der Glaube war stark, aber die Beine brachen unter mir zusammen. Oft mußte ich erschöpft stille stehen, allein das Zeichen fnnkclte immer schöner, goß Muth und Kraft in unsere Glieder. Das Kind konnte nicht mehr geben, ich nahm es auf den Arm. Durch die doppelte Last beschwert, sank ich immer tiefer, tiefer in die Schnecmaßen, als ich mich herausgearbeitet, war das Kreuz verschwunden. Weinend watete ich umher, da endlich erblickte ich ein Gebäude mit hohen Thürmen. Mit unsäglicher Mühe gelangte ich bis dahin, sank an einer Mauer zusammen, drückte das Kind fester an mich . . . dann schwanden mir die Sinne. . . . „Als ich wieder erwachte, fand ich mich unter den Händen von mitleidigen Bauern, die mich und mein Kind gerettet. Sie erzählten, mich halbtodt, den Knaben hingegen ganz wohl gefunden zu haben. Mein Sohn, der damals sieben Jahre zählte, behauptete, gerade damals, als mich die Ohnmacht befallen, sei eine glänzende weibliche Gestalt erschienen nnd habe uns mit ihren Kleidern geschützt, daß er wcocr Stürme noch Kälte empfunden." „Als ich mich gckräftiget, führte man mich ins Herrenhaus. Es stand auf derselben Stelle, wie jetzt auch, allein jenes war das alte Schloß mit dnnkcln Gängen nnd Gemächern. Ein kleines Mädchen hüpfte uns entgegen. Erstarrt blieb ich sieben; sie war es, ganz war sie es, die ich auf meinen Armen getragen durch die Haufen der mordgierigen Heidamakcn i unwillkürlich entfuhr mir: „Julie!" — „Woher kennt ihr mich, Alter?" fragte die Kleine. Auf das trat ihre Mutter hinzu. Mein Name und das Medaillon auf meiner ^ Brust, das mir die Frau zu Spola umgehängt, klärten alles ^ auf. Sie nahmen mich auf in ihrem Herrcnhausc, mich den , Bettler, wie einen Vater. Schon über zehn Jahre dulden sie mich um sich herum, und noch hat ihre Wohlthätigkeit nicht ibr Ziel erreicht. So erhielt eine gute That in meiner frühesten , Jugend mein Leben, und vielleicht thut sie es auch mit meinen ^ Sünden im andern Leben." „Das Gebäude aber, dessen Mauern mich errettet, und das Kind, ist die Kapelle zu Orliec, die man von hier aus sehen ^ kann. Ihr wißt vielleicht, sie ist crbant über den Gebeinen Der- ^ jenigen, welche ich gerettet aus dem Vlutbade zu Smila, und > über den irdischen Ucberresten der Seele, die mir damals im ! Kerker erschienen. — Hier habt ihr mein ganzes Leben, was ^ sagt ihr dazu?" , ! ___________ > Nach Orlincc zurückreitend verwandte ich kein Auge von der gothischen Kapelle, die mir herrlich aus dem duftigen Hintergründe entgegen leuchtete. Des Alten Erzählung hatte tiefen Eindruck auf mein Herz und Gemüth gemacht, sie benahm mir viel von meiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit und erfüllte ganz ineine Phantasie. Im Schloße angekommen, frug ich, wie viel der Erzählung des Kurenoff zu glauben wäre. „Kurenofs's Unschuld und sein gutes Werk in Smila," sagte Frau von Hu-lynski, „nnd die Erscheinung, die er im Kerker gehabt zu haben vorgibt, dies ist ein Umstand, welchen sowohl meine Mutter fest behauptete, als auch die Dubrawska und sogar ihr Mann, der Echloßrichter Dubrawski, von dem, nebenbei bemerkt, Kurenoff immer redet, wie von dem allerscheußlichstcn Thränen. Du-brawsti war gewiß ein roher Mensch, vielleicht auch grausam, jedoch das Bild des Schloßrichtcrs ward dem gemeinen Volke zum fürchterlichsten Popanz. Die Erscheinung meiner Großmutter , die bezweifelte Niemand aus unserer Familie. Auch trug mir meine Mntter in ihrem letzten Willen auf, Erkundigungen über Gregor Kurenoff oder seine Kinder einzuziehen, um ihn gebührend für die Rettung ihres Lebens belohnen zu können. Wir waren herzlich froh, ihre Bitte zu erfüllen." — „Das Andenken an meine Großmutter," sagte Herr Hulynski, „blieb in großen Segnnngen unter dem Volke. Alle hielten sie für eine Heilige. Als ich anf die Bewilligung des Vifchofs ihren Leichnam aus Smila in die Kapelle ihres Geburtsortes übertragen wollte, waren mir die Einwohner nicht wenig dagegen. Und noch von dort wallfahrten sie Hieher zur Märtyrerin." — „Und ich füge noch bei," sagte Fräulein Julie, „daß der Sohn des Alten erzählte, wie znr Zeit jenes furchtbaren Schnecsturmcs eine hohe Frau aus der Kapelle kam nnd mit ihren Gewändern den Vater und ihu schirmte, wie die Kleider ansgeschcn, alles, wie bei unserer Großmutter. Auch erzählten die Lente aus dem Dorfe, welche beide Kurenosf gefunden und gerettet, es hätte sie Jemand mit lauter Stimme aus ihren Häusern gerufen, und ein Mann auf schwarzem Roß, den sie für meinen Vater gehalten, habe sie zur Kapelle geführt." — „Daraus könnt Ihr leicht ersehen," sagte Herr Zn-lynsti, „das; es kein so verborgenes Tbal, keine so eingezogene Familie gibt, die nicht ihre Ueberlieferungen, oder die Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit bewahrt hätte, die mehr oder weniger mit der Geschichte des ganzen Landes znsammcnfallen. So ist es für uns der letzte Kosakcnanfstand in der Ukraine des Jahres tausendsiebenhundertachtundsechzig, wegen der wunderbaren Begebenheit; der marteruollc Tod nnscrer Großmutter und ihre große Frömmigkeit blieb bei dein Volke in stetem Andenken. Das ist jener verborgene poetische Zauber, der die Alltäglichkeit unseres Lebens und Wandelns auf Erden verfüßt." ^ Das erlebte ich, als ich das erste Mal in der Ukraine war. Wünscht aber vielleicht der geneigte Lcser zu wissen, was. nachher geschehen, kann ich leicht dienen,- eben als ich dieses niederschreibe, steht Jemand hinter mir und verfolgt nntcr süssem Lächeln jeden Zug meiner Feder. Das ist jenes Mädchen, welches bei meiner unverhofften Ankunft im Schloße so lieblich erröthete, einst Fräulein Julie, jetzt mein liebes Weibchen. Noch zwei Jahre besuchte ich den Alten auf seiner Meierei und planderte mit ihm von den alten Zeiten. Seine Erzählungen ließen mir ein Licht anfgchen, ich blickte tiefer in die Geschichte und die Sitten dieses Volkes. Den andern Theil von dem Leben des Kurenoff auf der Steppe wies der düstere Charakter dieser einsamen eintönigen Gefilde in der Ukraine und Podolien. Wie lange Jahre ruht nicht schon dcr Alte unter dem Hügel, anf dem er so gerne geweilet nnd wo ich ihn immer antraf, wie einen Astronomen auf seiner Sternwarte. Ich dachte nicht nur einmal darüber nach, wie wir erst dann die Vergangenheit dieser Gegenden, von denen wir jetzt nur etwas Weniges und oberflächlich wissen — wie wir sie dann erkennen würden, hörten wir die Sagen und Ereignisse jener Zeiten, die längst schon ruhen unter den Hünengräbern in der Ukraine. Veranwortlichcr Redacteur I. v. Kleinmayr. — Drus^lch^HAag von I. v. Kleinmayr ü F. Bamberg in Laibach.