KARL KRAUS AUSGEWÄHLTE GEDICHTE einer Aufnahme von Hans Freiberger. Buenos KARL KRAUS AUSGEWÄHLTE GEDICHTE v o VERLAG OPRECBT ftSSfl ZÜRICH/NEW YORK 59081 Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Dr. Oprecht & Helbling AG. Zürich. 1939. Schutzumschlag: Johannes Troyer. Printed in Switzerland. DEN HÖRERN IM GEISTE ZWEI LÄUFER Zwei Läufer laufen zeitentlang, der eine dreist, der andre bang: Der von Nirgendher sein Ziel erwirbt; der vom Ursprung kommt und am Wege stirbt. Der von Nirgendher das Ziel erwarb, macht Platz dem, der am Wege starb. Und dieser, den es ewig bangt, ist stets am Ursprung angelangt. T MEMOIREN Bang war das Herz. Mit ahnendem Gemüte sah ich ins Land, als mir der Frühling blühte. Vor jedem Schritte stand als Schicksalswende, ob morgen in der Schule ich bestände. Soweit die Rätsel von zehn Jahren reichen, ward alles da von allem mir zum Zeichen. Als sie zum erstenmal die Liebe nannten, löst' ich die Gleichung mit der Unbekannten. Erfüllt von Lust war's, auf die Lust zu warten. Durch alle Gitter sah ich in den Garten. Von allen Seiten sah ich in die Stunde: um ein Geheimnis ging ihr Gang die Runde. Nachts sitzt ein Ding, das fiebrig mich befühlt, auf meiner Brust, die sich ins Chaos wühlt. Was ist es nur, das so mit Zentnerlast mir alle Sinne gleich zusammenfaßt, daß ein Geräusch mir ein Gesicht erschließt, Geschmack und Tastsinn mir zusammenfließt? Das war die Botschaft aus dem neuen Land; der Teufel war vom Leben vorgesandt. Will heute ich, daß ich ein Kind noch sei, schnell, eh' ich einschlaf, ruf' ich ihn herbei. Doch aller Aengste heiliges Wunder du — ich schloß die Hölle mir von innen zu. Ich schmeckte aller Zweifel Süßigkeit, ich schuf die Hemmung, wenn das Ziel noch weit. 8 Daß ich zu ihm mein Leblang nicht gelange, lud zum Verweilen eine Kletterstange. Schon vor dem Kuß der Seligkeit entbunden, hab' nie zur kahlen Endlichkeit gefunden. Zu eurem Schein, der nur was ist begreift, ist nie mein Glück der Scheinbarkeit gereift. Ihr habt nur, was ihr habt, kurz ist die Weile, dieweil ich mir die Ewigkeit verteile. Ihr zehrt von des Geschlechtes Proviant. Verflucht zum Mannsein, seid ihr gleich entmannt. Verwesung weist mir eures Samens Spur, verbraucht im Kreuzzug gegen die Natur. Entweihtes, das im Schlaf ich schauen mußt', ein Zug von Leichen folgte eurer Lust. Jetzt tönt die Glocke zu dem Hochgericht, jetzt blitzt ein Blitz aus tragischem Gesicht. Im Wolterton unendlich ruft von hinnen die Klage Shakespearischer Königinnen. Nicht länger zögernd, Zeuge muß ich sein! Laßt mich durch dieses Tor zum Richter ein, daß ich für Gottes Absicht mich verbürge und endlich doch einmal den Teufel würge! Viel totes Leben drängt sich an der Pforte, hier wimmern Weiber und hier weinen Worte. Wer wehrt mir? Weh, wer stellt mir Hindernisse, Natur zu heilen von dem blutigen Risse? Da hat es mich und sitzt mir auf der Brust! Und macht der armen Kindheit mich bewußt, im Lohn der Last und in dem Leid der Lust. 9 AN EINEN ALTEN LEHRER (Henricus Stephanus Sedlmayer) Da neulich sah ich wie in der Jugendzeit Dich weißen Hauptes, irgendwohin den Blick Gerichtet nach einer Vokabel, Welche ein Schüler verloren hatte. Ein andrer mußte, nicht auf den Ruf gefaßt, Eh er sich fassen konnte, sie fassen schon, Und war auch er es nicht imstande, Nanntest du es eine Seelenroheit. Von strenger Milde war dieser Unterricht. Du guter Lehrer hattest den Schüler gern. Doch näher deinem reinen Herzen Lag wohl das Wohl eines armen Wortes. Latein und Deutsch: du hast sie mir beigebracht. Doch dank ich Deutsch dir, weil ich Latein gelernt. Wie wurde deutsch mir, als ich deinen Lieben Ovidius lesen konnte! Denn jenes wahrlich machte mir Schwierigkeit. Mir fehlten Worte, und es gelang mir nicht, Den Frühling, den ich erst erlebte, In einem Aufsatz auch zu beschreiben. Ovid ja selber hätte es nicht vermocht, Und Goethe länger als eine Stund gebraucht — Wie sollte es ein Schulbub treffen, Wenn er nicht grade ein Journalist war? Du guter Lehrer wußtest das nur zu gut. Du übtest Nachsicht und weil ich in Latein Vorzüglich doch bestanden hatte, Gabst du in Deutsch mir nicht nichtgenügend. 10 So kam ich durch und besserte später mich, Weil ich es fühlte, daß ich dir schuldig war, Im deutschen Aufsatz nach der Schule Deinen Erwartungen zu entsprechen. Hätt' ich schon damals gleich zwischen acht und neun So Deutsch geschrieben, wie zwischen zehn und elf Latein ich las, war' diese Ode, Diese horazische, nicht entstanden. Nimm diese Fleißaufgabe als Jugendgruß. Denn du stehst milde heute wie einst vor mir. In Bild und Wort bist du mir nahe, Als ob ich heute noch vor dir säße. Ich sehe dich, wie du mit der feinen Hand Die Stirn dir streichst, die sorgende, als ob du Ein krankes Wort betreuen müßtest — Heilige Pflicht vor profanen Zeugen. Schneeweiß wie damals, neigend den Kopf, doch hoch Den Sinn wie damals, traf ich dich auf dem Weg Zur Schule neulich und es war mir, Daß ich mit dir in die Schule ginge. Wohin verlor sich, sag mir, dein Altersblick, Mir im verloren? Lehrest du immer noch Verlorner Gegenwart die Sprache? Folg mir und lasse die Klasse fallen! 11 DER IRRGARTEN Die Sprache ist, dies glaubt mir auf mein Wort, ein Zwist, bei dem ein Wort das andre gibt. Es leben Lust und Zweifel immerfort im Zwiespalt und es neckt sich, was sich liebt. Was treibt es nur? Geburt zugleich und Mord? Ich steh' dabei und habe nichts verübt. Wie kam ich an den zauberischen Ort? Die Welt ist durch das Sieb des Worts gesiebt. ABENTEUER DER ARBEIT Was leicht mir in den Schoß fiel, wie schwer muß ich's erwerben, bang vor des Worts Verderben. 0 daß mir dieses Los fiel! Zuerst war's in der Hand mir, dann wollt' es sich entfernen, da mußt' ich suchen lernen; es schwindelt der Verstand mir. Das Wort hier ist ein Zunder für das an jener Stelle. Gleich brennt die ganze Hölle. Das Wort ist mir ein Wunder. Wie öffnet es die Lider, die sonst geschlossen waren. Hier gibt es nur Gefahren. Ich kenn' das Wort nicht wieder. Tausch' ich es, wird's mich täuschen. Wie es sich an mich klettet, seitdem ich es gerettet aus vielfachen Geräuschen. Das was mir einfiel, hat mich, der ich's nie haben werde, ich steh' auf schwanker Erde und setze selber matt mich. Ich wähl' im Zweifelsfalle von zweien Wegen beide. Ich röste mich am Leide, bin in der Teufelsfalle. 13 Ein unerschrockner Tadler will ich mir nichts erlauben, als aus dem reinsten Glauben zu spielen Kopf und Adler. Und wenn der Kopf aufs Wort kam, der Adler fällt getroffen — so blieb der Zweifel offen, ich weiß nicht, wie ich fortkam. Wer mit dem Geist verwandt ist, in Bildern und in Schemen die Welt beim Wort zu nehmen — beim Himmel kein Pedant ist! In sprachzerfallnen Zeiten im sichern Satzbau wohnen: dies letzte Glück bestreiten noch Interpunktionen. Wie sie zu rasch sich rühren, wie sie ins Wort mir zanken — ein Strich durch den Gedanken wird mich ins Chaos führen ; obgleich ein Strichpunkt riefe , dem Komma nicht zu trauen : ein Doppelpunkt läßt schauen in eines Abgrunds Tiefe ! Dort droht ein Ausrufzeichen wie von dem jüngsten Tage. Und vor ihm kniet die Frage: Läßt er sich nicht erweichen ? Wie ich es nimmer wage, und wie ich's immer wende, ein Werk ist nie zu Ende — am Ausgang steht die Frage. Und eh' mein Herz verzage, den Ausgang zu erreichen, setz' heimlich ich ein Zeichen — dem Zeichen folgt die Frage. Es zündet immer weiter der Blitz, der mich zerrissen. Mein eignes besseres Wissen will Antwort vom Begleiter. Mit angstverbrannter Miene stock' ich vor jeder Wendung, entreiß' mich der Vollendung durch eine Druckmaschine. Wie schön ist es gewesen, am Wege waren Wonnen. Was heimlich süß begonnen, nun werden's Leute lesen. 0 Glück im Wortverstecke des unerlösten Denkens, Versagens und sich Schenkens — was bog dort um die Ecke? Noch nicht erseh'n, ersehn' ich's. Vorweltlich Anverwandtes, eh' ich's gesetzt hab', stand es, und nun mir selbst entlehn' ich's. 15 Entzückung fand der Gaffer am tausendmal Geschauten. Aus tagverlornen Lauten erlöst er die Metapher. Im Hin- und Wiederfluten der holden Sprachfiguren folgt er verbotnen Spuren posthumer Liebesgluten. In Hasses Welterbarmung verschränkt sich Geist und Sache zu weltverhurter Sprache chiastischer Umarmung. Wer sprechen kann, der lache und spreche von den Dingen. Mir wird es nie gelingen, sie bringen mich zur Sprache. Das Wort trieb mit den Winden und spielt mit Wahngestalten. Im Wortspiel sind enthalten Gedanken, die mich finden. Wenn ich so weiter fortspiel', vor solchem kühnen Zaudern wird es die Nachwelt schaudern. Denn alles war im Wortspiel. Dem ewigen Erneuern, zum Urbild zu gelangen, entrinn' ich nur, gefangen in neuen Abenteuern. Durch jedes Tonfalls Fessel gehemmt aus freien Stücken, erlebt sich das Entrücken auf einem Schreibtischsessel. Was leicht mir in den Schoß fiel, wie schwer muß ich's erwerben, bang vor des Worts Verderben. 0 daß mir dieses Los fiel! 2 17 MAGIE Wie alles zudrängt, daß es sich mir binde! Wie sucht mich alles, daß ich eines finde! Vorschwebend Form, sie hängt mir wie ein Netz: nun strömt es ein nach bindendem Gesetz und setzt sich an, und alles Vorgefundne wird, was es immer war: das mir Verbundne. Ist dies ein Stück noch von der Außenwelt? Steht es vor mir, weil ich es vorgestellt? Ich und die Welt, wir hängen an der Kette, ich und die Zeit, wir laufen um die Wette. Vorbei an Worten, die zu schlafen schienen; ein totes Wort hat sonderbare Mienen. Füllt sich der Raum mit Leichen und mit Larven, schon reimen irgendwo im Traum die Harfen. Nun schafft in den Kontur sich ein Gesicht und in den fernen Tonfall ein Gedicht. Da mischen sich die Stimmen mir zu Häuf und jeder Blick reißt mir das Denken auf, das wahllos sich ergibt und ohne Schranken endloser Lust nie fertiger Gedanken, und büß' in Zweifel ich und Ungeduld die eigne Lust, so büß' ich fremde Schuld. Unendlich Hasten, Tasten, Rühren, Spüren und durch die Dinge in mich selber Führen! Unendlich Langen, Hangen, Bangen, Fangen, durch mich hindurch zum Urbild zu gelangen! Und sollt' ich auf der Strecke auch erbleichen: ich kann es nicht, doch muß ich es erreichen! 18 DER REIM Der Reim ist nur der Sprache Gunst, nicht nebenher noch eine Kunst. Geboren wird er, wo sein Platz, aus einem Satz mit einem Satz. Er ist kein eigenwillig Ding, das in der Form spazieren ging. Er ist ein Inhalt, ist kein Kleid, das heute eng und morgen weit. Er ist nicht Ornament der Leere, des toten Wortes letzte Ehre. Nicht Würze ist er, sondern Nahrung, er ist nicht Reiz, er ist die Paarung. Er ist das Ufer, wo sie landen, sind zwei Gedanken einverstanden. Er ist so seicht und ist so tief wie jede Sehnsucht, die ihn rief. Er ist so einfach oder schal wie der Empfindung Material. Er ist so neu und ist so alt wie des Gedichtes Vollgestalt. Orphischen Liedes Reim, ich wette, er steht auch in der Operette. 19 Wenn Worte ihren Wert behalten, kann nie ein alter Reim veralten. Fühlt sich am Vers ein Puls, ein Herz, so fühlt es auch den Reim auf Schmerz. Aus allgemeinrer Sachlichkeit glückt neu der Reim von Leid auf Zeit. Weist mich das Wort in weitere Fernen o staunend Wiedersehn mit Sternen! Der erdensichern Schmach Verbreitung bedingt dafür die Tageszeitung und leicht trifft einem irdnen Tropf der Reim den Nagel auf den Kopf. Dem Wortbekenner ist das Wort ein Wunder und ein Gnadenort. Der Reim, oft nur der Verse Leim, ist der Gedanken Honigseim. Hier bietet die Natur den Schatz, dort Technik süßeren Ersatz. Ein Wort, das nie am Ursprung lügt, zugleich auch den Geschmack betrügt. Dort ist's ein eingemischter Klang, hier eingeboren in den Drang. Sei es der Unbedeutung Schall: ein Schöpfer ruft es aus dem All. Dort deckt der Reim die innre Lücke und dient als eine Versfußkrücke. Hier nimmt er teil am ganzen Muß, die Fessel eines Genius, Gebundnes tiefer noch zu binden. Was sich nicht suchen läßt, nur finden, was in des Wortglücks Augenblick, nicht aus Geschick, nur durch Geschick da ist und was von selbst gelingt, aus Mutterschaft der Sprache springt: das ist der Reim. Nicht, was euch singt! 21 BEKENNTNIS Ich bin nur einer von den Epigonen, die in dem alten Haus der Sprache wohnen. Doch hab' ich drin mein eigenes Erleben, ich breche aus und ich zerstöre Theben. Komm' ich auch nach den alten Meistern, später, so räch' ich blutig das Geschick der Väter. Von Rache Sprech' ich, will die Sprache rächen an allen jenen, die die Sprache sprechen. Bin Epigone, Ahnenswertes Ahner. Ihr aber seid die kundigen Thebaner! LEBEN OHNE EITELKEIT Sieh, mein Außenbild ist fügsam, sieh, mein Haben, so genügsam, achtet wohl des Gleichgewichts. Hat es wenig, dankt für viel es, wahrt des Weges, Maßes, Zieles und Verzichts. Doch mein Innensein verzichtet, eh es sich genügsam richtet, achtet nicht des Gleichgewichts. Immer steig' es oder fall' es, hat es vieles, will es alles oder nichts! 23 JUGEND Da schon die Blätter falb, will ich nicht säumen, innen und außerhalb Frühling zu träumen. Eh mich umfaßt die Qual dunkler Gewalten — o holdes Dazumal, lasse dich halten! Wie es von wildem Weh weht durch die Zeiten! Will, wenn ich schulwärts geh', gern mich begleiten. Hab' vor dem Ziele bang, nie mich erdreistet. Wenn es mir auch gelang, war's doch geleistet. Länger davor verweilt, wird es mir lieber — ach, wie die Zeit enteilt, ich habe Fieber. Wie es mich trieb mit Hast zu Hindernissen, drückte wie Zentnerlast gutes Gewissen. Nicht ohne Lust ich litt vieles Versäumnis, nie ohne Furcht ich schritt in das Geheimnis. Glück war es und Beruf, Glück zu entbehren; was mir Verehrung schuf, scheu zu verehren. Mut aber und Gewalt vor der Gemeinde, Sturm ohne Aufenthalt faßte die Feinde. Herz, wie du wieder bangst im weitern Räume, weckte dich Kinderangst aus deinem Traume. Pocht es von altersher, öffn' ich die Sinne, daß es wie damals war', wo ich beginne. In trüber Lebensluft voller Gefahren ahn' ich den Gartenduft aus frühen Jahren. Ruf ich's, so ist es da, daß ich es hege. Grün, wie ich's nie mehr sah, wuchs mir am Wege. Liegt mir die Zeit im Ohr, um mich zu täuschen, dringt doch ein Kinderchor aus den Geräuschen. Heuer geht's früh aufs Land, auf blasser Wange fühle ich deine Hand. Fort bist du lange. Fern als ein Leierklang klingt's in das Leben, will's einem Leid entlang spielen und schweben. Ja dort in Weidlingau, in jenem Alter, war mir der Himmel blau, rot war der Falter. Bin schon im Herrenbad, Schwimmeisterstimme, welch eine Wundertat, daß ich schon schwimme! Dann in der Bildung Fron, bessrer Berater, spielt mir der Lebenston Sommertheater. Da ward mir frei und froh vor bunter Szene. Liebte Madame Angot, schöne Helene. Blaubarts Boulotte und, nicht zu vergessen, Gerolstein, Trapezunt, alle Prinzessen. 26 Und bis zum letzten Lohn schwebender Wonne tanzte und schlug den Ton Gilette von Narbonne. Leben kein Sündenplatz, Kunst keine Sühne. Schwerlosen Wissens Schatz bot mir die Bühne. Gern den gebührlichen Dank will bewahren jenen figürlichen Achtziger Jahren! Was ich vereine, dort schien's gefunden, und ihrem Scheine Wesen entbunden. Wer bliebe ungerührt von ihren Künsten? Doch keine Brücke führt zu euren Dünsten! Kunst war nicht Nebenbei, konnte noch gelten, rief als ein Wolterschrei tieferen Welten. Was nun in Dunkelheit leide und sehne, weiht jenem bessern Leid Sonnenthals Träne. 27 Jünger bin ich als jung, leb' ich im Alten. Welche Erneuerung! Welches Erhalten! Zieht in der Zeiten Kluft — ich wohne besser, bau' ich mir in die Luft brüchige Schlösser! Blick' ich nur aus von dort in eure Fenster, ruft euch mein Zauberwort: seid ihr Gespenster! Neuer ist meine Art, freier ich wohne. Es brach die Gegenwart ein Epigone! Rückwärts mein Zeitvertreib! Jugend erst werde! Länger als ihr verbleib' ich auf der Erde! Und weil die Blätter falb, soll es mich laben, innen und außerhalb Frühling zu haben! 28 WIEDERSEHN MIT SCHMETTERLINGEN Wie nach den Lebensnächten es prangt in neuen Prächten, vom Morgentau benetzt! Was hebet aus den Grüften und letzt mit linden Lüften auch mich zuguterletzt? Es heilt das Herz vom Hirne und kühlt die kranke Stirne am jungen Tag gesund. Das strömt von andern Sternen und läßt die Liebe lernen auf einem grünen Grund. Der Welt war ich ein Riese. Ein Kind bin ich der Wiese. Nun ist's wie dazumal. Dort drüben hinterm Berge, dort kämpfen feige Zwerge. Ich spiele in dem Tal. Hier, fern von Trug und Tadel, leiht Rittersporn den Adel, mein Mut ist Löwenzahn! Die Zeit mir zu begleiten, erzählt der Bach von Zeiten, die hat die Zeit vertan. Und daß ich wieder singe, erscheinen Schmetterlinge, o grenzenloses Glück! Auf einem Sonnenstrahle die stolzen Admirale, sie kehren mir zurück! 29 War's schwer, ihr Papilionen, auf dieser Welt zu wohnen? Verlort ihr diese Spur? Zusammen hier zu rasten, lockt uns ein Leierkasten, der spielt »Nur für Natur«. Wir junggewohnten Schwärmer, wir wurden arm und ärmer in der papiernen Pein. So sagt, ihr losen Lieben, wo wart ihr denn geblieben, und ließet mich allein? Der Walzer ist verflossen, wir waren Zeitgenossen, bleibt doch ein Weilchen stehn! Die Zukunft ist begraben, die fressen schon die Raben. Wann werden wir uns wiedersehn? 30 »ALLE VÖGEL SIND SCHON DA« Das Zimmer schweigt und vor dem Fenster brütet der Sonntag seinen Plan, führt auf dies stumme Ab und An, die Pantomime der Gespenster. Und rechts und links in meinem Zimmer hängt was gewesen an der Wand, ein toter Freund reicht seine Hand und was gewesen ist, bleibt immer. Es schweigt mich an wie eine Sage, ein jedes Ding von »einem Ort. Die heimgegangne Göttin dort ruft des Geschlechtes heilige Klage. Wie laut wird alles, was da schweigt. Nun bin ich schon im frühsten Alter. Da wird die Stille rings zum Psalter, zu dem des Nachbars Junge geigt. Des ersten Frühlings Glückerleben wird wieder mir so greifbar nah. Ach, »alle Vögel sind schon da«! Ich seh' sie durch das Zimmer schweben. 31 AN DEN SCHNITTLAUCH 0 gutes Grün, wie sprichst du mich zärtlich an, Wie heilig schweigst du von dem Geheimnisse. Du letzter Schmuck der armen Mutter, Die ihren Schoß mit der Söhne Blut färbt. Daß du zugleich bist und daß mit dir zugleich Der Wille lebt, an dem eine Menschheit stirbt — Ach, irdisch Unmaß! und dir wird nicht Fahler die Farbe, du grüne Hoffnung. 0 letztes Leben und wie das Leben auch Verkannt, du Anbot wahrster Bescheidenheit, Du selbstgenügsam stille Pflanze, Die nur wie Schnittlauch schmeckt und duftet. Nach etwas suchend, welches kein andres ist, Im Kreis des Lebens, das im Ersatz sich lebt, Bloß deine gute Gabe sah ich, Chemischem Zauber unerreichbar. Daß gleichwohl, grüne Freundschaft, du eßbar seist, Wenn auf dem Teller treu du dich hingestreut — Es rührt noch von dem alten Hunger. Stets hat der Mensch von der Seele gegessen. 32 VOR EINEM SPRINGBRUNNEN (Villa Torlonia) Wie doch die Kraft das Wasser hebt! Es steigt und schwindet, schwillt und schwebt, es steht im Strahl, es kommt und fällt in diese nasse Gotteswelt, die zwecklos wie am ersten Tag bloß ihrer Lust genügen mag und von dem holden Ueberfluß an keine Pflicht verstatten muß, nur jener einen Macht sich beugt, die sie erschuf — zum Himmel steigt ihr Dank, ein immer, früh und spät, unendlich rauschendes Gebet. Das rauscht und raunt, das rinnt und rennt im daseinsseligen Element; es fällt empor und steigt herab — kalt ist die Sonne, heiß das Grab. Und da es lebt, indem es stirbt, das Licht noch um das Wasser wirbt: Der Geist, dem solche Lust gefiel, dankt ihr ein Regenbogenspiel! Ob auch die Schale überfließt, ob alles sich in nichts ergießt: der Geist, der es besieht, gewinnt, und ob auch Lust und Zeit verrinnt. Und nichts besteht und Alles bleibt, dem heiligen Geiste einverleibt, der nah dem Ursprung, treu und echt fortlebt dem heiligen Geschlecht. 3 33 Der Brunnen rauscht, nur ihm vertraut vom Jauchzen bis zum Klagelaut, dem ewigen Ton, der ihm nur sagt, daß hier die Lust die Welt beklagt, die ihre Lust zum Zweck verdarb, bis alles Licht des Lebens starb; die sich die eigene Liebe stahl und sich bestraft mit Scham und Qual. Noch fließt ein Quell, noch flammt ein Licht, noch streben beide zum Gedicht, noch steigt die Sehnsucht hoch empor, noch öffnet sich ein Himmelstor — noch war ich auf dem Regenbogen beinah mit dir dort eingezogen, daß nie verrinne Lust und Zeit. 0 schöne Ueberflüssigkeit! 34 WIESE IM PARK (Schloß Janowitz) Wie wird mir zeitlos. Rückwärts hingebannt weil' ich und stehe fest im Wiesenplan, wie in dem grünen Spiegel hier der Schwan. Und dieses war mein Land. Die vielen Glockenblumen! Horch und schau! Wie lange steht er schon auf diesem Stein, der Admiral. Es muß ein Sonntag sein und alles läutet blau. Nicht weiter will ich. Eitler Fuß, mach Halt! Vor diesem Wunder ende deinen Lauf. Ein toter Tag schlägt seine Augen auf. Und alles bleibt so alt. 35 UNTER DEM WASSERFALL Wer vor mir ließ von diesem Wasserfall, von dieser Sonne sich begnaden! Wer vor mir stand, das Haupt im All, stolz an der Ewigkeit Gestaden! Von Gott bin ich hier eingeladen, so hoch in Gunst wie jedes Tier, und hier ist niemand außer mir, hier will ich frei von mir mich baden! Was ich mir selbst schuf, nahm mich selbst nicht auf, und Wort und Weib, sie wiesen nach den Schatten und alles Leben wurde ein Ermatten, zurück in mich lief meiner Welten Lauf. Nun bin ich zu den Wundern heimgegangen und auf der Gotteswelt allein. Hier dieser Sonnenstrahl ist mein. Wie hat die Schöpfung festlich mich empfangen! Lust ohne Leiden, Liebe ohne Last, Naturdrang ohne Scham und Schranken — ich bin an Gottes goldnem Tisch zu Gast und hab' mir nichts mehr zu verdanken! Weit hinter mir ist alles Weh und Wanken. Wie hat der Wasserfall Bestand! Wie segnet dieses Sonnenland vor meiner Nacht mir die Gedanken! 36 AUS JUNGEN TAGEN Nie kann es anders sein. Nun wirft mein Glaube keinen Schatten mehr. Von deinem großen Lichte kam er her, von des Geschlechtes rätselhaftem Schein. Nun bin ich ganz im Licht, das milde überglänzt mein armes Haupt. Ich habe lange nicht an Gott geglaubt. Nun weiß ich um sein letztes Angesicht. Wie es den Zweifel bannt! Wie wirst du Holde klar mir ohne Rest. Wie halt' ich dich in deinem Himmel fest! Wie hat die Erde deinen Wert verkannt. Du gabst dich zum Geschenk der Welt, ich hab es für dich aufbewahrt. Ich habe Gott den größten Schmerz erspart. Geliebte, bleibe deiner eingedenk! Wie glänzt mir deine Pracht. Dein Menschliches umarmt, der beten will. Er heiligt es im Kuß. Wie ist sie still von Sternen, deiner Nächte tiefste Nacht. Nie soll es anders sein. Ob alles Irdische zerbricht und stirbt, nur dein Zerfall ein geistig Glück verdirbt. Vergib dich an die Erde nicht, sei dein! 37 ANNIE KALMAR gestorben in Hamburg am 2. Mai 1901 Sie schwand dahin, daß man ihr Bild ersehne. Mit ihrer süßen Stimme brach ein Stern, unirdisch mild, und klang so hoch und fern. In ihrem Aug war alle Erdenwonne. Als ob es gestern war, daß eine Sonne hinging in Nacht, noch gnadet sie dem Blick, und einen Schimmer ließ sie ihm zurück, die Abschied in die Dunkelheit genommen. Wie war Natur an jenem Tag beklommen, da sie den heißen Atem aus der Not befreite und so still zu stehn gebot dem Herzen, das sich an ihr selbst verbrannte. Wie sich die Schöpfung in dem Bild erkannte, so brannte sie danach, zurückzunehmen das Wunderwerk aus einer Welt von Schemen, um es erbarmungsvoller zu umarmen. Denn Lust ist ohne Dank, und ohn Erbarmen vernichtet sie die Schönheit, ihr gespendet, erstickt den Glanz, der Menschliches geblendet, und kehrt befriedigt in die Niederungen. Mir ist ein Lied von irgendwann verklungen, ein Himmelskörper hat mit letzter Gnade beschienen diese dunklen Erdenpfade, und jenem Glück erwies ich Dank und Denken. Und immer wieder will es hin mich lenken, wo es gelandet, nah bei einem Hafen, und herbstlich war's, bald wird die Welt entschlafen, und krank erklang die Stimme der Sirene. Und wie ich mich in ferne Tage wähne, so ist's, als ob's Antonias Stimme sei, sie schwand dahin mir bis zum Tag des Mai, und alle Pracht versank für eine Träne. UND LIEBST DOCH ALLE, LIEBT DICH EINER SO So brauchst du niemand außer dir zu lieben und liebst doch alle, liebt dich einer so. Und länger weilt der Augenblick, wo hüben dein Auge blickt, der Ewigkeiten froh. Und Freudenfeuer brannten licherloh, als ich aus jenes Zweikampfs Kräftemessen in deine unbesiegte Ohnmacht floh, und Wissen sank in seliges Vergessen. Sag mir die Landschaft, die dein Auge sah, da du dir nichts und alles ließt gefallen, und welcher Himmelskörper war dir nah? Und welche Sphäre hörtest du erschallen? Denn außer dir war nichts zur Liebe da, und sie war nicht von einem, nur von allen. 39 DER STROM Meines Geistes Quell entsprang deiner Schönheit Höhe. Wie er wild die Welt durchdrang, ward ihm wind und wehe. Und entreißend Stück um Stück häßlichem Geschehen, immer zog es ihn zurück nach der Schöpfung Höhen. Wirbelnd schuf des Stromes Kraft Haß in solcher Nähe, sehnend, daß es aufgerafft abwärts stiller gehe. Eh' es mündet, werd' ich spät jene Schönheit sehen. Wie vom Ursprung angeweht, werden Sterne stehen. 40 WIDMUNG DES WORTES In tiefster Schuld vor einem Augenpaar, worin ich schuf, was darin immer war, geschaffen, kund zu tun, was es nicht weiß, dem Himmel hilft es, macht der Hölle heiß. In tiefster Ehrerbietung dem Gesicht, das, Besseres verschweigend als es spricht, ein Licht zurückstrahlt, das es nie erhellt, der Welt geopfert, zaubert eine Welt. 41 DIE SCHAUSPIELERIN Das Stichwort fällt, gleich trittst du auf, es drängen Partner sich zuhauf, und stets gebeten, nie bedankt spielst du, was man von dir verlangt, und wie den vielen es gefiel, stehst du und alles auf dem Spiel, und oft gespielt und immer neu und jeder will, daß er es sei, und jeder durch die Maske spricht, der nicht erkennt das Urgesicht der monotonen Vielgestalt und Wechselblicks Naturgewalt; blickst insgeheim dich um und um, spielt mit das ganze Publikum und jeder fragt, wer heut sie wär', man flüstert, Eros sei Souffleur; süß schwindet diese Stimme hin, die sich verlor vor Anbeginn, es lebt sich, bis der Vorhang fällt — Applaus, versunken ist die Welt. 42 IMAGO Bevor wir beide waren, da haben wir uns gekannt, es war in jenem Land, dann schwand ich mit dem Wind. Dann flog ich mit der Zeit und keinem ließ ich Ruh und blickte stest dir zu imd immer war ich fort. Und immer war ich da, ich schenkte, was du schenkst, du denkst, weil du mich denkst, ich gab mich überall. Du nimmst mich überall, ich bin im Lebensqualme, ich sprieße aus dem Halme, die Welt hat meinen Blick. In einen Hund verliebt, in jede Form vergafft, mit jeder Leidenschaft ist mir dein Herz verbunden. Vor jeder Melodie, die dir ein Bettler spielt, stehst du tief eingewühlt und nennest meinen Namen. Ich schwand und schwand dahin im süßen Michverschwenden, um nimmermehr zu enden in deinem Dank dafür. Und reiner taucht mein Bild aus jeglicher Verschlingung, wie du aus der Durchdringung der Erde steigst empor. 43 ABSCHIED UND WIEDERKEHR Offenbarung Löst sich die Lust von ihrem letzten Lohn, so klammert sich ans Herz ein Klageton. O ewiger Abschied ewiger Wiederkehr — wohin entrinnst du und wo kommst du her! Du Echo, das mit einer Nymphe ruft in der Geschlechter unnennbare Kluft! Du Stimme, die mit einer Nymphe weint, weil die Natur so trennt, was sie vereint — Schmerzvoller Nachhall der Unendlichkeit! Du Angst des Blickes in die Endlichkeit! Durch alle Schöpfung blutet dieser Riß — Echo klagt immer wieder um Narziß. Hat es der Schöpfer denn gewollt, gewußt? Lust so von Lust verkürzt, ergibt Verlust. Lebendige Lust, du klagst am Sarg der Lust, von deren Tod du selber sterben mußt. Du Grabwind, Leid und Lied zum eignen Grab, du willst nicht in den finstern Tag hinab. So leuchtend war die Nacht; der Tag ist grau. Entläßt die Nacht den Tag, so weint sie Tau. Stumm ist die Wonne, der das Wort entspringt. Lust weckt den Geist, der ihr kein Wort entringt. Du letzter Laut, der mir von weit her spricht, mir wird die Sprache, du bist das Gedicht! 44 Du reichstes Glück, das im Gewinn verlor, du größte Kraft, die an der Glut erfror, du Augenblick der Liebestodesangst, der du dich selber zu verlieren bangst — verweile Augenblick, du bist so schön! Ich sag's zu ihm. Ich hab das Aug gesehn! Legende Doch ist er fort. Sie hat ihn mitgenommen beim Abschied ihrer selbst. Ich stand beklommen. Wie alles Licht in Rauch und Nebel schwand — ein armes Hündchen plötzlich vor mir stand. Sah zu mir auf und hatte ihren Blick. Ließ sie mir ihn als Unterpfand zurück? Und wie es wimmernd immer zu mir schaut, so war's ihr Schmerz, so war's ihr Klagelaut. Ihr Abschied war's und war ihr Wiedersehn — die Zeit bleibt stehn, ein Wunder ist geschehn. Dies Auge, diesen Ton hab ich gekannt! Vergehendes ist in die Zeit gebannt. Die lustverlorne Göttin ward ein Schall; er rief mich aller Wände aus dem All. Nun ruf' ich ihn zurück; ich warte hier — da ruft er mich verwandelt aus dem Tier. Wir kennen uns, ich und die Kreatur — es ist ein Wunder: glaubet, glaubet nur! 45 Die letzte Spur vom Glück ist neues Glück. Das Echo ging, ein Echo blieb zurück. Leid klagt um Lust, ich klage um das Leid; nun ist es da, so ist die Lust nicht weit. Verlorner Lust, verlorne Klage klingt. Ich höre nur, daß jetzt ein Engel singt. Verlorner Lust verlorner Ton ertönt. Ich sehe eine Seele, die sich sehnt und wiederkehrt. Der Abschied ist ein Spiel. Sie ging und suchte, bis sie hin zum Ziel, vorbei der Menschheit, irdisch unerkannt, den Weg durch ein verlornes Hündchen fand. 46 STURM UND STILLE Weh mir, daß deine Stille mir versagte, als ich in meinem Sturm zu dir mich wagte. Allgegenwärtig war, was mich verzückte! Und nie im Leben traf ich die Entrückte. Weh mir, daß ich das Beste, was ich wußte, dich selber, selbst vor dir verbergen mußte. An dir empor: welch grenzenloses Wagen! Erlangt, erlebt — und könnt' es dir nicht sagen. 47 DU BIST SIE, DIE ICH NIE GEKANNT Du bist sie, die ich nie gekannt, die ich nicht nahm, die ich nicht hatte. Du keine Gattin, ich dein Gatte in einem andern Eheband. Du bist ein Wahn und bist ein Wille, ein himmlisch Wesen, Erdenwurm. Du rufst, und rings um dich ist Stille. Du schweigst, und rings um dich ist Sturm. Du bist der Baum in seiner Blüte. Du bist das Tier in seiner Kraft. Du bist die reine Gottesgüte. Du bist die dunkle Leidenschaft. Du bist mir da und bist mir dorten, ein tiefer Ton, ein weiter Schall. Du bist Musik zu meinen Worten, ein Nirgend und ein Ueberall. Des Tags bist du ein Traumgebilde; in jedem Traum bist du mir nah. Zuständig bist du dem Gefilde, das ich mir vor der Zeit ersah. Bei Tag und Nacht streift eine Wonne vorüber meinem Horizont; und sinkst mir unter du als Sonne, so steigst du wieder auf als Mond. Du lebst in Tiefen, webst in Höhen, du schwebst und fällst in Lust und Qual. Um dein heroisch Auferstehen sieht man dich manchesmal banal. Nie bleibst du an der Erde haften, du stehst in einem höhern Plan; vereinigst alle Eigenschaften und bist doch keiner Untertan. Lebst ohne Ruh und ohne Reue, es schwindelt mir auf deiner Spur, und immer nur hältst du die Treue dir und der liebenden Natur. Hab ich gewonnen die Verlorne, bestreitet sie mir den Gewinn. Entschwand sie mir, erstand dem Sinn die nie gekannte Schaumgeborne. 4 49 DU BIST SO SONDERBAR IN EINS GEFÜGT Du bist so sonderbar in eins gefügt aus allem, was an allen mir behagte. Du hast etwas von einer, die belügt, und von der andern, die die Wahrheit sagte. Du hast den Blick, der mir zum Glück genügt, die Stimme, die es fühlte und nicht sagte; begrenzt wie die, an die der Wunsch sich wagte, unendlich an Erfüllung angeschmiegt. Die Züge der Besiegten, die besiegt, sind Spiegel aller Wonne, die mich plagte und allen Zwistes, der am Herzen nagte, und daß ich mich vergnügte und verzagte, und wie ich im Gewinn Verlust beklagte von Federleichtem, das ein Leben wiegt. 50 PHANTASIE AN EINE ENTRÜCKTE Wie kam's, daß deine Räusche mich berauschen und deine süße Ohnmacht mich belebt, die Kraft sich mir an deiner Schwäche hebt — ich möcht mit keinem deiner Sieger tauschen! Mit Allen bleibt mir meine Lust verwebt und Aller Liebesschwüren laß mich lauschen, und wie die Brunnen deiner Gnade rauschen, zu deiner Allmacht mein Gedanke strebt. Nie wird die Zeit mir diese Gluten kühlen, an fernen Feuern will ich dir erwarmen, mit dir zu wissen und in dir zu fühlen. •Nun bin ich du, und du bist das Erbarmen, und läßt mich in gewesenen Wonnen wühlen. Und Alle halte ich in deinen Armen! 51 WOLLUST O Unterschied im Liebesspiele! Wie kommt es aus ganz andern Quellen: bei ihr zu sein, und sie sich vorzustellen! Denn sie ist nur ein Schein; doch wenn sie fern, erwachsen die Gefühle. Kurz ist die Gier, und man ist bald am Ziel und fühlt nur eben, was man fühle; das ist nicht viel. Gern wär' man aus dem Spiele, ist man bei ihr. Wie bin ich anders aufgewühlt, ist sie entrückt! Wie wird sie vielfach neu und nah und endlos bleibe ich verzückt, denn sie, sie selbst ist da, und ich, ich fühle, was sie fühlt! 52 VERLÖBNIS Unendliche, laß dich unsterblich ermessen und es sei mir dein Fühlen bewußt. Meines entschwand mir zu höllischer Lust. Denn der Gedanke bricht ins Vergessen. Wie dein Gefühl auf steilenden Stufen immer verweilend den Himmel erzielt — wissend, hab' ich es nachgefühlt, und ich will es ins Ohr dir rufen! Laß es mich denken, wie einer ermattet an deiner Kraft, in dein schwellendes All begehrte der irdische Einzelfall, der das ewige Licht beschattet. Und die zufriedene Gier läßt die Lüge dort zurück, wo die Lust vertan. Und er sah dein Gesicht nicht an, als sich dir heimlich verklärten die Züge. Ach, den Verlust am liebenden Leben hast du ihm, sehnende Nymphe, vertraut. Aber die Stunde hört nicht den Laut, wenn vom Leid die Äonen beben. Und seine Armut flieht von dem Feste, daß sie nicht an der Fülle vergeh'. Weibsein beruht in Wonne und Weh. Mann zu sein rettet er seine Reste. Fällt auch die heilige Welt zusammen in dem unseligen Unterschied — ich setze fort dein verlassenes Lied! Ich will entstehen aus deinen Flammen! 53 Was immer dir fehle, von dir empfangend, schöpfend aus deinem lebendigen Quell, so wird dem Teufel der Himmel hell, immer doch deine Lust verlangend! Muß sich der Geist in dir versenken, reißt ihn aus der Höh' keine irdische Macht. Verbuhlen wir so diese Lebensnacht! Unsterblich küssen, unendlich denken! EROS UND DER DICHTER Eros Stimm' ich nimmer den Verstimmten, der mich immer suchend fand? Wenn die Gluten dir verglimmten, oh wie dunkel wird das Land! Du, der mir auf allen Spuren rannte nach in Brand und Hast, aller Formen und Naturen nie ersattend gier'ger Gast — Dichter — noch genießend im Gedenken, lebt' ich nie die Fülle aus! Willst du ferner sie mir schenken, so verschließe ich das Haus. Laß die Gluten mir verglimmen, auf den Kopf die Asche streun! Nimmer wirst du mich bestimmen, nie mehr wird es sich erneun! Eros Fliehen mich die Halben, Leeren, meinem Geiste unverwandt — soll ich nun auch dich entbehren, dem aus Nichts die Welt entstand? Wie ein Schwacher sich ergänze, wenn er eine Ganze schwächt, bleib' ich fern von solcher Grenze und es bleibe im Geschlecht. Dichter Ja, das war wohl unsre Richtung, wir verstanden uns im Nichts. 55 Nun entbehre meine Dichtung auch noch dieses Schwergewicht«. Ach wie waren wir verloren doch an das geringste Ding! Selbst gezeugt und selbst geboren hatte man auf deinen Wink. Eros Brauchte nur was hinzuhalten und gleich hatte es Gestalt und im Wechsel der Gestalten war der schönste Aufenthalt. Himmelwärts erwuchs die Gasse und der Nacht entflammt' ein Licht. Wir erkannten der Grimasse göttergleiches Angesicht. Dichter Aber immer doch vom Weibe ging die ganze Wohltat aus. Suche solchem Zeitvertreibe endlich dir ein andres Haus! Wie das Himmelreich aus Plunder einem Augenblick ersteht, ausgelernt ist dieses Wunder, lehr ein anderes Gebet! Eros Wie du heute mir verwehrend und verzichtend auch verzagst, wie du in dich selber kehrend, immer klagend mir entsagst — durchgebrannt von deinen Gluten, reißt es dich von mir nicht fort. Willst du dich auch noch so sputen, nehm' ich schneller dich beim Wort! Dichter Ach beim Wort, es eilt, verweile, hab ich dich, schon ist es fort, welche wonnevolle Eile, wie erregt mich dieses Wort! Hinter ihm mit einem Satze, dichter schon auf seiner Spur — welcher liederlichen Fratze form' ich feurig die Figur! Eros Du erkennst sie, die du immer nah bei solchem Ding erkannt. Himmlisch wird ein Frauenzimmer erst durch solchen Höllenbrand! Nimmer hältst du mich vom Leibe, du, der mich so stolz bekriegt. Hier ist keine Spur vom Weibe und ich hab' dich doch besiegt! Dichter An der andern Welt Gestade staun' ich, wie du's mit mir meinst. Ganz verwirrt von deiner Gnade, fühl' ich reicher sie als einst. Werde jenen holdem Bildern, welchen meine Lust entfernt, dankbar doch in Worten schildern, was ich ihnen abgelernt! 57 AUFERSTEHUNG Mein Haupt war Flamme, dem beschwingten Schritt entstiebten Funken, als ich von dir eilte. Ich riß mir die Minute mit, wo uns die Ewigkeit verweilte! So ist das alte Wunder wieder wahr. Es half ein Gott die Endlichkeit besiegen. So ist ein müdes Menschenpaar zu jungen Tagen aufgestiegen! Mit beiden Händen trag' ich zitternd mir dein Herz, das die Vergänglichkeit umfangen. So werde ich zu dir gelangen! So bin ich auf dem Weg zu mir! 58 VERWANDLUNG Stimme im Herbst, verzichtend über dem Grab auf deine Welt, du blasse Schwester des Monds, süße Verlobte des klagenden Windes, schwebend unter fliehenden Sternen — raffte der Ruf des Geists dich empor zu dir selbst? nahm ein Wüstensturm dich in dein Leben zurück? Siehe, so führt ein erstes Menschenpaar wieder ein Gott auf die heilige Insel! Heute ist Frühling. Zitterader Bote des Glücks, kam durch den Winter der Welt der goldene Falter. Oh knieet, segnet, hört, wie die Erde schweigt. Sie allein weiß um Opfer und Träne. ZUFLUCHT Hab' ich dein Ohr nur, find' ich schon mein Wort: wie sollte mir's dann an Gedanken fehlen? Von zwei einander zugewandten Seelen ist meine flüchtig, deine ist der Hort. Ich komme aus dem Leben, jenem Ort, wo sie mit Leidenschaft das Leben quälen und sich die Menschen zu der Menschheit zählen, und technisch meistern sie den Tag zum Tort. So zwischen Schmach und Schönheit eingesetzt, rückwärts die Welt und vorwärts einen Garten ersehend, bleibt die Seele unverletzt. Fern zeigt das Leben seine blutigen Scharten, an mir hat es sich selber wundgehetzt. Oeffne dein Ohr, um meines Worts zu warten! 60 SCHÄFERS ABSCHIED Sind die Wiesenglocken mir in den Herbst verklungen: dauert nur der Sommer dir, ist ein Lied gesungen. Sehnsucht macht den Dichter stark, glühendes Entsagen. Darb' ich, so gedeiht mein Park in den Tränentagen. Zweifel drückt mir auf die Brust: irrte so viel Liebe? Deine Schafe, deine Lust — irgendwo sind Diebe. Steht wie ehmals Stern an Stern — Insel schwand und Schwäne. Sterne sind noch. Einer fern fiel herab als Träne. Sommernächte — wie erhellt war die Lust vom Lichte, Untertan die ganze Welt glänzendem Gesichte! Ach, das war die schönste Zeit, ich vergess' sie nimmer. Du trugst nachts ein grünes Kleid in dem weißen Zimmer. Wie verklärte sich der Pfad unter deinem Scheine! Steine, die dein Fuß betrat, waren Edelsteine. 61 Springbrunn, himmelhoch und hell, ist er mir verflossen und dafür ein Tränenquell in die Welt gegossen? Tagwärts in die dunkle Zeit ist dein Bild verronnen. Aber nachts das süße Leid weckt mir deine Wonnen. Sonne schien in Alp Laret loderndem Verlangen. Daß mein Herz nicht untergeht, war sie aufgegangen. Sonnentrunkner, heißern Blicks, irrt mit blauem Flügel durch Vallorbe, das Tal des Glücks, helle Lust zum Hügel. Selig hat mich aufgetaut ein lebendiger Wille. Tönte mir dein Klagelaut, war der meine stille. Ach, geschäh' es noch einmal, in den bessern Zeiten! Dahin sei der Trennung Qual inneres Geleiten. Segen deinem stolzen Schritt in die fernste Richtung! Du nahmst meine Seele mit. Ich bewahr' die Dichtung. 62 AN EINE FALTE Wie Gottes Atem seine Fluren fächelt, so wird es leicht und licht in diesem klaren Angesicht. Es hat die Erde gern und schwebt ihr fern und liebt und lächelt. Und Gottes Finger bildete den Bug vom Ebenbilde. Es zieht so milde hin über alles Leid, und es verzeiht der edle Zug. In dich, o unvergeßlich feine Falte, betend versanken meine Gedanken. Daß diese letzte Spur seiner Natur mir Gott erhalte! 63 DEIN FEHLER Dein Fehler, Liebste, ach ich liebe ihn, weil du ihn hast, und er ist eine deiner liebsten Gaben. Seh' ich an andern ihn, so seh' ich fast dich selbst und sehe nach dem Fehler hin, und alle will ich lieben, die ihn haben! Fehlst du mir einst und fehlt dein Fehler mir, weil du dahin, wie wollt' ich, Liebste, lieber dich ergänzen als durch den Fehler? Ach ich liebe ihn, und seh' ich ihn schon längst nicht mehr an dir, die Häßlichste wird mir durch ihn erglänzen! Doch träte selbst die Schönste vor mich hin, und fehlerlos, ich wäre meines Drangs zu dir kein Hehler. Ihr, die so vieles hat, fehlt eines bloß und alles drum — ach wie vermiss' ich ihn — ihr fehlt doch, Liebste, was mir fehlt: dein Fehler! 64 ALS EIN STERN FIEL Was ich je empor gesprochen, mündet es in mich zurück? Heute ist ein Stern zerbrochen und es bleibt ein Erdenstück. Was da einem Himmelskreise sich in meiner Nacht entwand und sich jäh entschloß zur Reise in ein allzu irdisch Land — ach, es strahlt in eine Richtung, die mir tief das Herz verstört. Und es hat die eigne Dichtung mir nicht, mich nicht angehört! Weh, wie über alle Grenzen riß ich die Natur ins All! Welch ein trügerisches Glänzen ach, begleitet diesen Fall! Welch ein Aufruhr unter Sternen, der die Ewigkeit zerreißt! Alle Höhen, alle Fernen, alle Herzen sind verwaist. Und sie stöhnen ob der Stunde, wo mit unumwundner Hast nun aus der verklärten Runde eilt ein gottgeliebter Gast. Eingedenk des großen Gestern, lichtbefangen, wertbewußt, klagen wir verlorner Schwestern unerforschlichen Verlust. 5 65 Und wir blicken ihrer Bahnen noch die letzte lichte Spur. Welch ein Abschied! Welch ein Mahnen an die sterbliche Natur! Welch ein Absturz in das Wilde, der ihr so die Heimkehr weist! Einst erschuf ein Luftgebilde seiner Schöpferlust der Geist. Dunkel wird's. Dem Aug verloren ist das glühnde Meteor. Zu den unverrückten Hören schau' ich in die Nacht empor. 66 VERLUST Welche Armut soll erwählt sein! Welch ein trauriger Verzicht! Meinem nächtlichen Gequältsein abgewendet dein Gesicht! Zum Verlust war ich erkoren, weil du so dich mir verlorst. Doch du selbst warst dir verloren, als du dich dir selbst erkorst. Was kann uns denn uns ersetzen? Du auch darbst, weil ich entfernt. Wie sich deine Augen netzen, seit mein Himmel unbesternt! Nie war tiefere Verwandtschaft zweier Seelen in dem All. Wie betrübt ist alle Landschaft, wie versiegt der Wasserfall. Nie mehr wird die Wiese grünen, niemals mehr ein Himmel blaut. Ach wie schmerzlich muß ich sühnen, daß ich dich zu groß geschaut! Aber ist's nicht größre Sünde, was Natur an mir verbrach? Denn ee stürzen alle Gründe und ich stürze ihnen nach. 67 DIE VERLASSENEN Berückend gar, aus deinem Zauberkreise gezogen sein! Nun zieht nach unerhörter Weise die Lust auf ihre letzte Reise allein. Und nie ersattend findet sie die Nahrung, vertraut dem Urbild einer Menschenpaarung und einer Flamme Offenbarung, die sie geschaut. Wie mag es sein, aus meinem Feuerkreise geflohen sein! Nun zieht nach ungewohnter Weise die Seele auf die lange Reise allein. VERWANDLUNG Du bist mir nur von weitem noch. Und kaum an meinem Horizont ein Rand mehr, nur ein Saum purpurnen Abschieds. Nur noch eine Spur. Schien mir die Sonne? Nein, sie schien mir nur! Du bist es nicht! Den Brand noch im Gesicht, ruf' ich dir nach: Bist du nicht, warst du nicht! Warum verglommst du mir? — Doch warst du, doch! Du warst, du bist es: denn ich seh' dich noch. Wohin entsinkst du mir? Zurück bleibt Nacht. Wo lebst du, leuchtest jetzt? Wohin die Pracht? Noch spielt mein Geist mit deinem Licht; im Wähnen um das lebendige, stets nachgezogen, schaff' deinem Schimmer ich durch meine Tränen den nie verlöschend letzten Regenbogen. Ich weiß von Wüsten, wo ein Mittag war und nichts als Lust, und alles wurde klar. Aufriß das große Licht mein Menschenauge, daß ihm die dunkle Welt nicht tauge; und aller Ursprung wurde mir bewußt. Und über mir war Mittag, stand die Zeit, und eine Weile war Unendlichkeit, ein Teil von dir. Mit Armen hielt ich sie, da war kein Anfang und das Ende nie! Dein Strahl traf durch mein Haupt und diese Welt brach auf in Flammen, die mein Herz verbrannten. Als alle Sinne dich erkannten, war ihnen gleich der Geist gesellt. Naturhaft jedes Ding um uns; der Mond nannte dich Schwester, und ein weher Wind war Stimme dir, die Stürme übertönt, und Sterne flohen, schwebten wir vorbei. 69 Vorbei du mir! Dies ist der andre Herbst, dem niemals mehr entwandelt die Natur; sie ging ins Grab, woraus ich sie empfing. Und überall ist nichts als Zeit, und nichts als Erde. Und du ließest nichts zurück als die Gewalten, die mich rückwärts rufen, und alles Opfer, das umsonst sich bietet, Herzuntergang in gnadenloser Weite, irres Gebet zu niemand und um nichts, gottlosen Altar, sternenlose Nächte, furchtbare Mächte der Gewesenheit! Ich renne rasend durch die Erdenzeit zurück in dich und finde dich nicht mehr! 70 DAS ZWEITE SONETT DER LOUISE LABE 0 schöne Augen, Blicke abgewendet, o Seufzer, Klagen, o vergossne Tränen, o dunkle Nächte, die durchwacht mein Wähnen, o lichter Tag, vergebens mir verendet! 0 Trauer du, da Sehnsucht stets verweilt, o alle Uebel wider mich bereitet, o tausend Tode rings um mich gebreitet, o Ewigkeit der Qual, da Zeit enteilt! 0 Geigenton des Leids, Musik im Schmerz, o Lächeln, Stirn und Haar, o edle Hand — zu viele Flammen für ein armes Herz! Weh dir, der alle diese Feuer trägt, daß du sie an mein Leben hast gelegt, und bleibst von jedem Funken unverbrannt! Nach dem Original und einer vorhandenen Uebertragung. 71 AUF DIE WUNDERBARE RETTUNG DER WUNDERBAREN Als dich die Flut uns entriß, nie in der Welt noch war so viel Wasser und doch nicht so viel Wasser, als wir Tränen um dich vergossen hätten. Und wir hörten den Schrei, weißem Munde entquoll letzte Frage an Gott, ob es in seinem Plan oder nur zur Versuchung sei. Schon Verwaiste, dahin stürzten wir, hin zu dir, hin durch die Todgewalt riß uns das bebende Herz zu deinem ringenden Herzen fort. Er aber, den es rief, rief den Tod und die Flut ab von dem Wim der werk, das er doch nicht erschuf, um es so blind zu zerstören und uns. Wunderbegnadete du, Glückliche, die den Tod vor dem Leben erfuhr — wir, die nur einmal sind, sind entschädigt, wir wissen: du lebst! 72 DAS WUNDER Als von tiefen Abendschatten ward mein armes Herz verdunkelt, sah ich plötzlich, daß ein Stern noch mir in deinem Auge funkelt. Und durch deine Züge zog ein Leuchten wie von jenem Lichte, als der Schöpfer sich erkannte in der Schönheit Urgesichte. Da ich schaudernd mich vermutet außer des Naturglücks Grenzen, unvermutet übergoß mein armes Haupt ein großes Glänzen. Denn durch deine Züge zog ein Leuchten wie von jenem Lichte, und es standen Nachtgedanken strahlend auf als Taggedichte. 73 VERGLEICHENDE EROTIK So wird das Wunderbild der Venus fertig: Ich nehme hier ein Aug, dort einen Mund, hier eine Nase, dort der Brauen Rund. Es wird Vergangenes mir gegenwärtig. Hier weht ein Duft, der längst verweht und weit, hier klingt ein Ton, der längst im Grab verklungen Und leben wird durch meine Lebenszeit das Venusbild, das meinem Kopf entsprungen. INSCHRIFTEN Elegisches Versmaß Klein ist der Mann, den ein Weib ausfüllt, doch er kann dadurch wachsen. Größer geworden hat er keinen Raum mehr für sie. Heroischer Vers Aber dem Größten empor wächst sie, an der er erst groß wird. Die Geschlechter Ich muß sie erst, wie sie ist, vergessen, daß ich mich ganz in sie versenke. Dann stehe ich unter dem Eindruck dessen, was ich von ihr denke. Die Unentbehrlichen Ohne Frau könnt' man nicht leben? So lasse man sich begraben. Mir soll sie die Kraft erheben, bis ans Grab grenzt dies mein Streben, denn wahrlich, man braucht sie eben: ohne sie nicht gelebt zu haben. Post festum Schöner als in die Sonne zu sehn ist es, vor ihr die Augen zu schließen. Dann erst werden sie Übergehn und du wirst Farbenwunder genießen. 75 DANK Was weiß die Welt, wie Weiber sich erwärmen Mit seinem Maß nur mag der Mann sie messen, was drüber ist, verachten und vergessen, und was darunter, minniglich umschwärmen. Moral des Mangels will die Lust verhärmen und bindet sie an Normen und Intressen; läßt sie sich ins Prokrustesbett nicht pressen, fängt jener ob der Größe an zu lärmen. 0 Welt, die niemals zu der Quelle dringt, durch die sie lebt — an jedem Tage neuer empfängt der Geist sie und das Werk gelingt! Dich Gnadenvolle fühl' ich ungeheuer, der meine Seele in Äonen singt. Ich stürze mich in deine Abenteuer! LIEBESERKLÄRUNG AN ZERLINE GABILLON Da du, fast Greisin, starbst, war ich ein Knabe — und nun strahlt mir zurück dein holdes Leben, als hätte einst ein Mann ein Weib geliebt, und trüge ihren Glanz durch seine Zeit. So voll von allem, was Natur und Geist in Frauenzüge jemals einverleibt, so unvergänglich standest du dem Sinn und ließest Rücklauf aller Phantasie. Denn das Geschaffne lebt in andrem Maß als dem der Zeit und lebt im Schaffen weiter und weiter schafft ein voller Augenblick, ein Strahl, ein Klang, ein Etwas von dem Wunder, das einst erlöschend mich entzündet hat. Was war es nur, daß zwischen all den Formen von hoher Fraulichkeit, ja vor der Wolter, der himmelragend schönen Höllenflamme, du das Vermächtnis warst, die treue Botschaft für mich und durch mich an die leere Zeit? Was war es nur, daß deine edlen Reste die jungen Sinne freier auf getan als alles ganze Glück der gleichen Jugend? Im Sieb der irdischen Vergänglichkeit war damals wenig, weniger ist heute nachlebendem Bewußtsein anvertraut: und dennoch, welche Fülle von Geheimnis, die in die Tage deines Aufgangs reicht! Ich sah dich jung, und das war deine Kraft. Ich seh dich jung, und das ist meine Kraft: bis an den Tag hin, wo die trübe Welt so freundlich schien und richtig eingeteilt, als dich dein Landsmann, der Gascogner, freite. Das war wohl Benedicts, das war Petruchios Sieg über Beatrice, Katharina. Nie schwirrte so ein Pfeil wie deine Zunge, nie klirrten Messer scharf wie deine Lippen, 77 zum Schluß und Kuß doch Petschaft deines Herzens. Und wie verband sich Anmut dem Verstand, der die Regentin, der die Gräfin Terzky staatsmännisch führen und verführen ließ. Doch nie zuvor, nie wieder, waren Bretter so voller Rausch und Reiz der großen Welt wie damals, da die Dame Gabillon mit Blick und Laut auf ihnen Leben sprühte. Und Herzogin und Gräfin und Marquise mit dem vom Vorbild unerreichten Adel war eine deutsche Jüdin, Fräulein Würzburg; sie und ihr Partner Adolf Sonnenthal das bessere Nachbild einer Wirklichkeit, die solchem Werk zulieb des Daseins würdig und sonst nur ihrer Scribe und Pailleron. Aus Bühnentagen, wo Persönlichkeit zum Leben sprach und oben stärker war als unten, und aus unverarmtem Schatz der lebensbildend frühen Ein drucksfülle; mit dem Gedächtnis, das dem Traum gehört, als Ahnung rückerobert und den Tag vor Trug und Mißton schützt, werb' ich um dich: zeitloser Anmut unversehrtes Bild, von allen Raheis liebenswerteste — und wär's durch siebzig Jahre, wären's Tage! 78 RÜCKKEHR IN DIE ZEIT Mein Zeiger ist zurückgewendet, nie ist Gewesnes mir vollendet und anders steh' ich in der Zeit. In welche Zukunft ich auch schweife und was ich immer erst ergreife, es wird mir zur Vergangenheit. Und allem, was an Schmach und Schöne als Bilder ich bewahr' und Töne, dem bin ich ewig Untertan. Ich sitze bei der Schicksalsspinne, und was sie immer mir beginne, ich seh' es mir von außen an. Bin meines Werdegangs Behälter und schaue alle Jüngern älter und fühle in den Tod mich jung. Und ich entwirre das Gewebe und was ich immer noch erlebe, erleb' ich als Erinnerung. Ich bin mein treuester Begleiter und lebe das Gelebte weiter, und Neues kann mir nicht geschehn. Von einem Urbild war gesegnet, was mir zum erstenmal begegnet, und ist mir wie ein Wiedersehn. Bei einem nie gehörten Klange wird mir nach meiner Vorzeit bange, wird Niegesehnes nahe sein. Und wenn ich einmal auf der Bahre in unbekannte Länder fahre, dann tret' ich in das Leben ein. 79 ARBEIT Es engt mir allen Lebenstag, es drängt mir zu bis in den Schlaf, und ob ich auch entrinnen mag: es denkt in mir ohn' Aufenthalt und alles was mir einfiel, traf mich mit vernichtender Gewalt. Noch ging ich, wenn die Sonne brennt, noch lange ging ich nicht zur Ruh. Und ob die Zeit zum Ende rennt, und ob sie mir vorbeigerannt: es hält mich ab, es schließt mich zu; ich bin an meinen Punkt gebannt. Und was da wird, ob schlecht, ob gut: ich tat es nicht, ich litt daran, und weiß nicht, wer es für mich tut. Er wird es immer weiter tun und läßt mich, der es nicht getan, dafür bei Tag und Nacht nicht ruhn. 80 AN MEINEN DRUCKER Georg Jahoda zum 60. Geburtstag Genosse einer zeitentfernten Welt, wo Geben durch sich selbst den Dank erhält: der, was er gibt, mit seiner Seele gibt und Lettern hat für Worte, die er liebt; der nie ermüdend für mein Schaffen schafft, der fremdem Wesen dient mit eigner Kraft, rastlos befaßt dem Wort dient mit der Tat, Mitschöpfer, nicht bloß Wirker am Format; der seiner Sorge keine Grenze kennt, mitleidend mitlebendges Instrument, dem Zweck verbunden, dem ich es vertraut, werktreu bemüht um den geringsten Laut, Du, dieses Uebermaßes Hut und Hort, Mitdiener Du am anspruchsvollsten Wort, der aus dem Wirrsal der unheilgen Schrift ein Wunderwerk der Worterscheinung trifft, daß dem, der dem Erfinder nie verzieh, der Druck erscheint als hellere Magie; der glaubend, was ich glaubte, mit erschuf, dem Handwerk treu im innersten Beruf, der oft mit meinem Zweifel hat gebangt, Arzt, der an meinem Fieber gern erkrankt: Du Herz von gutem Schlag, sei mir bedankt! LANDSCHAFT (Thierfehd am Tödi, 1916) Thierfehd ist hier: das sagt dem Menschsein ab, daß er es werde — wie an der Wand empor zum Himmel reicht die Erde. Was hinter uns, war schwer. Hier ist es leicht. Die Welt verläuft in einem grünen Grab. Ein Stern riß mich aus jenes Daseins Nacht in neue Tage. Fern webt von blutiger Erinnerung die Sage. Der weltbefreite Geist ist wieder jung, nichts über uns vermag die Menschenmacht. Du Tal des Tödi bist vom Tod der Traum. Hier ist das Ende. Die Berge stehen vor der Ewigkeit wie Wände. Das Leben löst sich von dem Fluch der Zeit und hat nur Raum, nur diesen letzten Raum. 82 FAHRT INS FEXTAL Als deine Sonne meinen Schnee beschien, ein Sonntag war's im blauen Engadin. Der Winter glühte und der Frost war heiß, unendlich sprühten Funken aus dem Eis. Knirschend ergab sich alle Gegenwart, Licht tanzte zur Musik der Schlittenfahrt. Wir fuhren jenseits aller Jahreszeit irgendwohin in die Vergangenheit. Was rauh begonnen war, verlief uns hold, ein Tag von Silber dankt dem Strahl von Gold. Der Zauber führt in ein versunknes Reich. Wie bettet Kindertraum das Leben weich! Voll alter Spiele ist das weiße Tal; die Berge sammeln wir wie Bergkristall. Trennt heut die Elemente keine Kluft? Ein Feuerfluß verbindet Erd' und Luft. Wir leben anders. Wenns so weiter geht, ist dies hier schon der andere Planet! Ins Helle schwebend schwindet aller Raum. So schwerlos gleitet nach dem Tod der Traum. Nicht birgt die Zeit im Vorrat uns ein Weh. Bleicht sich das Haar, so gibt es guten Schnee. Uns wärmt der Winter. Leben ist ein Tag, da Silvaplanas Wind selbst ruhen mag. Nicht Ziel, nur Rast ist's, die das Glück sich gab, hält einmal dieser Schlitten vor dem Grab. 83 ZWEI SOLDATENLIEDER In einem totenstillen Lied vom Weh zum Wort die Frage zieht: Wer weiß wo. Wer weiß, wo dieses stille Leid begraben liegt, es lärmt die Zeit vorüber so. Sie schweigt nicht vor der Ewigkeit und stirbt und ist doch nicht bereit zur letzten Ruh. In einem lebenslauten Lied vom Wahn zum Wort die Frage zieht: Wer weiß, wozu! 84 LE PAPILLON EST MORT Falter der Nacht mit traumentbundnen Schwing! wie irrst aus deinem Dunkel du ans Licht! Und langst nach Lust um größeren Verzicht, und dieser Taumel wird den Tod dir bringen. Starr staunt die Runde. Doch der Retter nicht ersteht, der aus dem schauerlichen Ringen, verwirrtem Schwingenschlag und Ampelklingen, bewahrt dein gottgegebenes Gesicht. Noch einmal faltest, Falter, du die Flügel. Kein Menschenblick mehr bleibt dir zugewandt. Und diese Lampe ist dein Grabeshügel. Doch eine Stimme dringt zu dir empor — ein Knabenherz, vom Schauspiel übermannt, ruft bang dir nach: Le papillon est mort! GRABSCHRIFT FÜR EIN HÜNDCHEN (Woodie, gestorben 22. Mai 1913) Ein kleiner Hund mit langem Haar, den ich persönlich kannte, er lachte, wenn man zu ihm sprach, er weinte, weil er stumm war, sein Blick war Dank der Kreatur, für sich und für die andern. Da kam ein Wagen ohne Pferd und tötete das Hündchen. Wer hatte es so eilig, ach, wer hatte es so eilig. Wie wenig Raum hat der Passant für sich gebraucht im Leben. Wie eine Schlange konnte er, wenn du ihm pfiffst, erscheinen. Wer füllt die schmale Stelle aus? Unwürdige sind am Leben, sie brauchen mehr und dennoch bleibt der Würdige unersetzlich. Und auch sein Beispiel bessert nicht, sein Opfer nicht die andern, die immer allzu übrig sind. Der dort ging seines Weges und starb daran. Die kleine Frau, sie sah sich um und rief ihn, sie rief und rief und sah ihn nicht, da lag er in der Sonne. So wenig Stelle nahm er ein. Und so viel Stille bleibet, wo Leben keine Worte hat. 86 ALS BOBBY STARB (22. Februar 1917) Der große Hund ist tot. 0 Herz steh still, das diese Trauerbotschaft fassen will! Das stolze Aug, der stummen Gottheit Pfand, das Licht der Liebe ist nun ausgebrannt. Wie lautlos lebte er vorbei dem Streit. Würdig und weise schritt er durch die Zeit. Wir andern leben auf des Glaubens Grab. Sein Auge dankte, daß es andre gab. Die Not des Tages lehrt' ihn keine List und nur im Traum bestand er unsern Zwist. Oh Freude, wenn ihn seine Herrin rief! Oh Wirrsal, wenn er ihr zu Füßen schlief. Doch eh' er schlief, des Hundes Majestät sich um sich selbst herum im Kreise dreht. Wenn er die Stelle fand, hier auszuruhn, so hatt' er es mit manchem Feind zu tun. Mag wacher Haß die Hundeseele schelten: im Schlaf nur lebt der Hund in unsern Welten. Im Wachen wendet Wahn die Menschenseele, daß sie sich um den eignen Vorteil quäle. Kein Wort, kein Handschlag waren zu Gebote dem Glauben je wie diese gute Pfote. Verlorner Einfalt letztes Lebenszeichen war dieses greisen Hunds beflißnes Keuchen. 87 Nie hat der Hund die Ansicht uns verhehlt. Er zeigt sich eifrig, hat er was verfehlt. Was er verfehlt hat, tat ihm ehrlich leid. Wedelnd bewährt sich Ehrenhaftigkeit. Ein Tanz vor uns war seines Eifers Dank. Aus Sehnsucht wird die Hundeseele krank. Das Menschenherz kennt Hunger nur aus Haß. Verlaß den Hund und er verläßt den Fraß. Dem hier ruf' nach ich's in die Ewigkeit: Er hungerte aus einer Trennung Leid! Nun aber, da das Schicksal sich verkehrte, er selber uns die Sehnsucht kennen lehrte. In Tränenschrift sei's darum aufgeschrieben: Er ist dahin und wir sind hinterblieben! Und abschiedsvoller schlägt mir jede Stund', nun du noch stummer bist, du großer Hund. 88 DIE NACHTIGALL Ihr Menschenkinder, seid ihr nicht Laub, verweht im Wald, ihr Gebilde aus Staub, und vergeht so bald! Und wir sind immer. Wir verkünden euch den Wechsel im Jahr, ihr fragt uns um Rat und wir sagen euch wahr und wir führen die Tat. Wir weben und wissen. Ihr habt das Gesetz, wir haben die Welt und uns ist erlaubt, was uns gefällt. 0 kommt und glaubt! Wir lieben Verliebte. Zuerst war Eros im goldenen Licht und wir wurden im Hag als sein Hochgedicht am strahlenden Tag von ihm erschaffen. Wir Vögel, vor den Göttern erwacht, der Tiefe entstammt, wir Enkel der Nacht, vom Tag überflammt, wir sind die Liebe! 89 VALLORBE (Mai 1917) Du himmlisches Geflecht, du Glockenblumenkorb, Ursprung der Orbe, der Welt, du unversehrtes Ziel, du Wonnewort Vallorbe, das in den Mai mir fiel, du Tal der Täler du, traumtiefes Tal der Orbe! Du Sonntag der Natur, hier seitab war die Ruh. Ursprung der Zeit! So hat, da alles war geglückt, der Schöpfer diesen Kuß der Schöpfung aufgedrückt, hier saß der Gott am Weg zum guten Lac de Joux. Du Gnade, die verweht den niebesiegten Wahn, wie anders war es da, und da entstand die Zeit, dieweil sie staunend still stand vor der Ewigkeit. Wie blau ist doch die Welt vom Schöpfer aufgetan! ZUM EWIGEN FRIEDEN »Bei dem traurigen Anblick nicht sowohl der Uebel, die das menschliche Geschlecht aus Naturursachen drücken, als vielmehr derjenigen, welche die Menschen sich untereinander selbst anthun, erheitert sich doch das Gemüth durch die Aussicht, es könne künftig besser werden; und zwar mit uneigennützigem Wohlwollen, wenn wir längst im Grabe sein und die Früchte, die wir zum Teil selbst gesät haben, nicht einernten werden.« Nie las ein Blick von Tränen übermannt, ein Wort wie dieses von Immanuel Kant. Bei Gott, kein Trost des Himmels übertrifft die heilige Hoffnung dieser Grabesschrift. Dies Grab ist ein erhabener Verzicht: »Mir wird es finster, und es werde Licht!« Für alles Werden, das am Menschsein krankt, stirbt der Unsterbliche. Er glaubt und dankt. Ihm hellt den Abschied von dem dunklen Tag, daß dir noch einst die Sonne scheinen mag. Durchs Höllentor des Heute und Hienieden vertrauend träumt er hin zum ewigen Frieden. Er sagt es, und die Welt ist wieder wahr, und Gottes Herz erschließt sich mit »und zwar«. Urkundlich wird es, nimmt der Glaube Teil, so widerfährt euch das verheißne Heil. O rettet aus dem Unheil euch zum Geist, der euch aus euch die guten Wege weist! 91 Welch eine Menschheit! Welch ein hehrer Hirt! Weh dem, den der Entsager nicht beirrt! Weh, wenn im deutschen Wahn die Welt verschlief das letzte deutsche Wunder, das sie rief! Bis an die Sterne reichte einst ein Zwerg. Sein irdisch Reich war nur ein Königsberg. Doch über jedes Königs Burg und Wahn schritt eines Weltalls treuer Untertan. Sein Wort gebietet über Schwert und Macht und seine Bürgschaft löst aus Schuld und Nacht. Und seines Herzens heiliger Morgenröte Blutschande weicht: daß Mensch den Menschen töte. Im Weltbrand bleibt das Wort ihr eingebrannt: Zum ewigen Frieden von Immanuel Kant! 92 VOR DEM SCHLAF So spät ist es, so späte, was werden wird, ich weiß es nicht. Es dauert nicht mehr lange, mir wird so bange, und seh' in der Tapete ein klagendes Gesicht. Allein bin ich, alleine, was außerhalb, ich weiß es nicht. Ach, daß mir's noch gelänge, mir wird so enge, und seh' in jedem Scheine ein fragendes Gesicht. Nun bin ich schon entrissen, was da und dann, ich weiß es nicht, ich kann sie nicht behalten die Wahngestalten und fühl' in Finsternissen das sagende Gesicht. DER RATGEBER Was immer sich in meinen Traum gedrängt, hat stets mit meinem Tage sich vermengt. Doch nimmt der Traum das Leben leicht in Schutz. An seinem Dunkel klärt sich aller Schmutz. Wie sich im Wechsel da die Dinge drehn, wird Schönes häßlich, Häßliches wird schön. Schon manche Freundschaft plötzlich mir entschwand, weil ich durch einen Traum den Freund erkannt. Schon manche Feindschaft habe ich versäumt, weil mir einmal vom Feinde hat geträumt. Der Todfeind, den ich auf der Straße traf, das war der Freund von meinem letzten Schlaf. Der freundlich meinem Tage sich genaht, an meiner Nacht übt heimlich er Verrat. Tagsüber wüßt' ich nicht, wie mir geschah, wenn ich den andern andern Augs besah. Es narrt mich etwas, doch ich weiß nicht was, da ich des Winks der letzten Nacht vergaß. Zur nächsten erst hängt wieder an dem Flaum des Bettes der am Tag vergeßne Traum. 94 HALBSCHLAF Bevor ich war und wenn ich nicht mehr bin, wie war ich da, wie werde ich da sein? Zuweilen dringen Duft und Rausch und Schein vom Ende her und von dem Anbeginn. Hab' ich geschlafen? Eben schlaf' ich ein, und nun verwaltet mich ein andrer Sinn, noch bin ich außerhalb, 6chon bin ich drin, noch weiß ich es, und füge mich schon drein. Dies Ding dort ruft, als hätt' ich's oft geschaut, und dies da blickt wie ein vertrauter Ton, und an den Wänden wird es bunt und laut. Dort wartet lang' mein ungeborner Sohn, hier stellt sich vor die vorbestimmte Braut, und was ich damals war, das bin ich schon. 95 VOR DEM EINSCHLAFEN Wovor ist mir denn bang? Was soll mir denn geschehen? Ich werde Neues sehen. Und bis dahin ist's lang. Was das nur heute ist. Es kommt doch immer näher. Entging ich doch dem Späher! Täuscht' ich ihn nur mit List! Oh das verlorne Glück! O stände doch die Stunde! O ging' es in der Runde zum Anfang doch zurück! Nehmt alle Uhren fort! Die Zeit klopft mir im Herzen. Wie flackern schon die Kerzen. Wie dunkel wird der Ort. 0 gäb's doch Aufenthalt! Geheimnis, brich dein Siegel. Zerbrecht mir dort den Spiegel! Ich trotze der Gewalt! Schlaf, rett mich vor dem Tod. Laß mich vom Leben borgen. Bring wieder mir den Morgen. Beende diese Not. Hier neigt sich mir ein Bild, und durch ein weises Walten verwandeln sich Gestalten, es fließt um mich so mild. Dies alles war einmal. Jetzt wird die Last mir linder. Wir waren einmal Kinder. Ich sinke in mein Tal. Schon weicht mir das Gesicht. Es kommen die Gesichter. Verlösch' ich noch die Lichter, so wird es wieder licht. Nun fühle ich schon Mut. Es schwindet das Bewußtsein. Ah, es wird eine Lust sein. Nun wird mir wieder gut. 7 97 FURCHT Vor Tönen, Formen, halb erwachten Träumen wird mir im innern Herzen bang. Ich lebe in dem Untergang und wohne in bedrohten Räumen. Nicht fürcht' ich mich vor irdischen Gewittern und bin für jeden Donner taub. Doch zittert wo ein Espenlaub, so werde ich mit ihm erzittern. Ich wahre vor Gefahren nicht mein Leben und spotte ihrer Gegenwart. Doch wenn es an den Wänden knarrt, so kann ich wie ein Kind erbeben. Ich fliehe nicht vor Räubern oder Recken und spreche den Gewalten Hohn. Doch kann vor einem Menschenton ich wie am jüngsten Tag erschrecken. Mich faßt so bald kein ängstevolles Zaudern und hab' der Feinde nie zu viel. Jedoch vor einem Mienenspiel wird's mich wie vor der Hölle schaudern. Und solche Furcht erregt in mir den Dichter und ich erfülle die Figur und brauche etwas Asche nur für die lebendigsten Gesichter. Und so erwachse ich im Widerstreiten, und seit ich so den Mut verlor, gewannen Auge mir und Ohr die Herrschaft in zerfallnen Zeiten. 98 BANGE STUNDE Gebannt steh' ich auf diesem Fleck und kann nicht zurück und kann nicht weg und suche mit dreimal flehenden Händen, ein sicheres Schicksal abzuwenden. Alles um mich in den bangen Stunden hat Macht über mich, der gebannt und gebunden. Gelingt's mir, nur dies und nicht das zu denken, so wird mich mein Wille zum Ausgang lenken, und ich weiß mir, der Sklave dem Herren, Dank, entrinn' ich nur diesmal noch meinem Zwang. Dort wäre der Weg: wo der Zweifel steht, ob rechts oder links es sich besser geht. Ich könnte fliegen, ich möchte eilen, und geschwind noch beschwör' ich die Zeit, zu verweilen. Ich schlage mich durch, ich krieche und hinke, wie fass' ich die Klinke? Wie faßt mich die Klinke! Schnell könnten drei Wünsche mir noch verderben: Herrgott, so laß meine Freunde nicht sterben — was hältst du mich, scheinbare Vorhangfalte, was will mir das Fiebergesicht, das alte — Gott, rette mir jenen, behüte mir diesen, bewahr ihm das Auge für Wunder und Wiesen — wie kränkt' ich mich damals, ich wollte nicht warten, denn ich war krank und die andern im Garten, eine Spieldose hat die Gavotte gespielt, ein Gesicht im Vorhang hat nach mir gezielt — Gott, hilf ihnen, die die Zeit mir verwehte, und die längst nicht glauben, daß ich für sie bete, und jenen, die du zu dir schon entboten, vergiß nicht die Toten, vergiß nicht die Toten! der Einen aber hier auf dem Bilde, es lächelt zu meinem Aufruhr so milde, und dieser aber, o daß ich's nicht dächte, wenn nicht das Denken Erfüllung mir brächte, ihr mögest du Leben und Leben und Leben 99 in vielfach lebendiger Fülle geben und wirken, daß ihr in unendlichen Lenzen wie Sonne und Mond die Züge erglänzen, und für mich selbst, o hör den unendlichen Jammer, bitt' ich, daß ich in dieser Kammer, geschmiedet an aller Erden Qual mich zu Formen erlöse ohne Zahl, und aus dem vorbestimmten Kreise mir erbarmungslos und ausnahmsweise gestattet wäre zu entrinnen, um immer von neuem zu beginnen, denn es lähmt mir das Herz, daß einst hinter mir sich schließe die vorbereitete Tür, und an dem Gedanken, mich nicht zu beerben, würd' ich ganz sicher noch einmal sterben! Laß es nicht zu und lasse mich bleiben, und bin ich erst fertig, beginn' ich zu schreiben, denn dem das Wort den Ursinn gelichtet, sieh, der hat nie zu Ende gedichtet, und war ich stets des Anfangs gewärtig, war Leben im Wort: so werd' ich nicht fertig! Hier ist mir ein heiliges Rätsel gewesen, ich habe in Hieroglyphen gelesen. Nie lass' ich das dreimal lebendige Wort, verstummend in dein undenkliches Dort, nie lass' ich den Streit und den Zweifel hiernieden für jenen unwiderleglichen Frieden. Nie mögst du von diesem Sessel mich heben. Lieber den Tod als nicht mehr zu leben! Nicht feige fleh' ich um meine Errettung; doch hängen in blutig gespürter Verkettung an meiner Gestalt die vielen Gestalten, die du zu bewahren mir vorbehalten, und in dem schmerzbeseligten Bund unzählige Stimmen an meinem Mund. Sie nachzuschaffen hast du mich gelehrt, die von dir sich zum eigenen Abbild verkehrt; 100 und gleich' ich nicht jenen, die du erschaffen, so kannst du mich nicht zu dir entraffen. Drum laß aus dem marschbereiten Haufen zurück mich in deine Ewigkeit laufen, und gib mich mir wieder Stück um Stück! Mit Macht reiß' ich sonst mein Gedächtnis zurück, um nimmer zu denken, was noch nicht geschah — ich will ja nicht weg, ich bleibe doch da! Was ist das nur heut, was ist das nur hier, wie dreht sich und droht mir, wie knarrt mir die Tür, wie rennt mir die Stunde in rasendem Lauf, wie halten mich alle die Dinge hier auf, und Falten und Kanten, sie starren mich an, des Zufalls unseligsten Untertan! Gebannt und gebunden steh' ich auf dem Fleck, und kann nicht zurück, und will nicht weg —. 101 GEHEIMNIS Da ich vom Traum das Geheimnis habe, dem Leide zur Labe, dem Liede zum Lohn, so entfuhr ich der Frohn, so entglitt ich dem Grabe, ohne Gut, ohne Gabe flog ich davon. Und ich vergaß, daß ich selbst mich verschließe, daß bitter ich büße, was jene getan, fern über dem Plan schon verfließend in Süße, das Leben es ließe von neuem mich nahn. Lange noch, lange noch zieh ich durch Zeiten, schon längst aus den Weiten herniedergekehrt; was stets ich begehrt in dem irdischen Streiten — noch glaub ich zu gleiten — o wär' es gewährt! Lange umfangen, genoß ich die Labe der göttlichen Gabe und sog an dem Saum. Und weil ich vom Traum das Geheimnis habe, entschweb ich dem Grabe in rosigen Raum. 102 TRAUM Stunden gibt es, wo mich der eigne Schritt übereilt und nimmt meine Seele mit. Könnt' ich halten sie, würd' ich selig sein. Ach, zuweilen glänzt in den Tag der Schein. Weiß dann, wie es war, seh' ein lichtes Land, eh' ich in die Zeit wurde umgewandt. Staunend stand ich da und ein Bergbach rinnt und das ganze Tal war mir wohlgesinnt. Und der Wind befiehlt, damit leichtbeschwingt alles in der Luft heute mir gelingt. Habe jedes Glück schon im Flug ereilt. Alles ist Geschlecht, wir sind ungeteilt. Alles, er und sie und ein jeglich Ding mir in dieser Nacht an die Sinne ging. 103 Wie sie vollends mich, wie sie sich vergaß, und mein Todfeind ach ihr zur Seite saß — unvergeßlich Bild unverlorner Spur von der Uebermacht schwacher Weibnatur! Elfenbeine sind's: sagt ins Ohr der Traum, und die ganze Welt ist ein Zwischenraum. Sie verduftet mir durch die Sphären hin, immer ist es so, wie wenn Pappeln blühn. Wie dein Stern zerbrach, weiß nicht, wie's geschah. Deiner Erde doch bleib' ich ewig nah. Immer heißer wird's mir auf dieser Bahn, viele Pforten sind schon mir aufgetan. Eh mir noch verläuft dieser Lebenslauf, ruf' ich was es gab mir zrnn Zeugen auf. 104 Alles wird Gesicht, jedes Ding ein Mund. Welche bunte Welt! Plötzlich spricht ein Hund. Grundlos leben wir, reichen bis zum Mond. Einer zeigt mein Grab, das noch unbewohnt. Einer führt ein Buch und trägt Sünden ein — alle retten sich, alle trinken Wein. Eine Glocke schrillt, daß die Decke birst. Wenn du heute nur nicht gerufen wirst! Schon betäubt der Tag das verlorne Ohr; noch umfängt den Blick jener grüne Flor. Wär' mein Tag vorbei! Wieder umgewandt kehrt' ich aus der Zeit in das lichte Land. 105 GESPENST AM TAG Und immer wieder warnt es mich: Gib acht, daß du das Lachen nicht verlernst, das wach dich macht fürs Leben Nacht um Nacht. Denn wenn hernach der Tag mir's hinterbracht, war alles wahr, was ich erdacht, gemacht, und alles, was ich ausgelacht, war ernst. Stillt solch Erfüllen, mir noch unbekannt, nicht endlich diesen Drang und Durst? Unwirkliches, das ich zum Sein erfand, Unüberwindliches, das mir erstand, wie fang ich dies noch, eh's mich überwand, wie bann ich ihn, der mich gebannt: Hanswurst! So lern es kennen, was du noch nicht kennst, begreife, was dir scheinen mag ein Schein und was du so allein benennst. Die offne Tür ist zu, die du berennst — ob laut du lachst, ob du verzagend flennst, es spottet deiner ein Gespenst am Tag. 106 DU SEIT LANGEM EINZIGES ERLEBNIS Du seit langem einziges Erlebnis außer dem was ich mir selbst ersonnen, unerfaßlich nahes Neubegebnis, das von altersher zu Schlaf geronnen — Wie du bang erwartet an mich blitzest, lieblich spielst du am Bewußtseinsrande, bannst mich, ehe du mich ganz besitzest, bald erkannt in jeglichem Gewände. Eben noch von nie geschauter Schöne, zwingst du mich als Monstrum dich zu lieben und erlaubst, daß ich mich leicht gewöhne an den Anblick einer bösen Sieben. Nun erscheint mit eines Räubers Augen ganz aus Unheil eine alte Eule. Aber gleich wirst du mir anders taugen, denn schon tanzt ein Bär um eine Säule. Was bedeuten alle diese Leute, die ich nie gesehn und die da staunen, daß wir uns begegnen hier und heute, jeder mit so ganz verschiednen Launen. Nichts in mir besinnt sich, was verschulde dies Getriebe zwischen Tag und Traume. Wenn ich mich ein Weilchen noch gedulde, nimmt es mich nach einem neuen Räume. Schon verschieben sich die trüben Sinne und ich spüre andre Dimensionen. Und ich weiß nur noch, daß ich beginne besser bald als irgendwo zu wohnen. 107 VERSUCH DER ERINNERUNG Was hab ich nur heute geträumt? Noch spür ich, wie ich im Schlaf ohne Schwanken das Richtige traf, und das Ding gehorchte aufs Wort. Nicht war zwischen hier und dort die letzte Entscheidung schwer. Jetzt schwank ich, ob es nicht mehr den Zweifel gab oder noch nicht. Nichts hatte und alles Gewicht und federleicht alle Last. Noch fühl ich, wie es sich paßt, noch mess ich mit anderem Maß. Und weiß schon, daß ich's vergaß. Und nur, daß es glich jener Lust, bevor ich ins Leben gemußt, und jener, wenn es vorbei. Dazwischen ist alles versäumt, und alles ist einerlei. Wenn ich nur wüßt, was es sei, wovon ich heute geträumt! 108 TRAUM VOM FLIEGEN Und wieder mir träumte, ich wäre geflogen, und diesesmal war es doch sicherlich wahr, denn ich hatte so leicht wie die Luft ja gewogen und hatte die Knie an den Körper gezogen, und es ging wie im Flug, im beherztesten Bogen hoch über der schwergewichtigen Schar, es war keine Täuschung, ich war nicht betrogen, es flogen die Stunden, die Tage, das Jahr. Mit fliegenden Hoffnungen vollgesogen, So wach' ich mit müderen Gliedern auf. Zu Lande ist Leben; und angelogen, vom leichtesten Trug an der Nase gezogen, aus allen Himmeln zur Erde geflogen, da lieg' ich, da liegen die Lügen zuhauf. Und trotzdem bleib' ich dem Traume gewogen, so läuft er sich leichter, der Lebenslauf. 109 FLIEDER Nun weiß ich doch, 's ist Frühling wieder. Ich sah es nicht vor so viel Nacht und lange hatt' ich's nicht gedacht. Nun merk' ich erst, schon blüht der Flieder. Wie fand ich das Geheimnis wieder? Man hatte mich darum gebracht. Was hat die Welt aus uns gemacht! Ich dreh' mich um, da blüht der Flieder. Und danke Gott, er schuf mich wieder, indem er wiederschuf die Pracht. Sie anzuschauen aufgewacht, so bleib' ich stehn. Noch blüht der Flieder. ICH HABE EINEN BLICK GESEHN Ich habe einen Blick gesehn und werde an meinem letzten Tag ihm nicht entgehn. Erbebt nicht diese schuldbeladne Erde, seitdem ich diesen Blick gesehn? An einer Lastenstraße, staubgeboren, im Frühjahr allzu kümmerlich erblüht, steht ein Gesträuch, in eine Welt verloren, für die sich Gott vergebens müht. Und vor dem Strauch ist eine Frau gestanden, und ich stand auch und sah nur ihren Blick. Wie wurde mir! Wie hielt mit heiligen Banden allhier ein Wunder mich zurück. Der Blick, so arm, aus blassem Angesichte, verlebt, verdorrt von Marter, Mangel, Mühn — da wird vor so viel irdischem Verzichte die ganze Welt auf einmal grün! Was immer ihr das Leben vorenthalten, seit sie das Schicksal in das Dunkel wies: nun ist es da und vor dem Blick der Alten wird das Gestrüpp zum Paradies. Kein Gärtner hütet zärtlicher die Reiser als diese Abendsonne dieses Blicks. Kein Himmelsstern grüßt gnädiger und weiser die Fülle abgewandten Glücks. Ich habe einen Blick gesehn und werde an meinem letzten Tag ihm nicht entgehn. Erbebt nicht diese schuldbeladne Erde, seitdem ich diesen Blick gesehn? 111 SLOWENISCHER LEIERKASTEN Das ist ein Sonntagabend, wo ich in fernem Land vor rotem Himmelstore verlorner Liebe stand. 0 Melodie, im Ohre den Gram der Welt begrabend. Das ist die wehe Wunde, des guten Volkes Leid, Erkennungsmal der Herzen in angstgebundner Zeit. O armer Schall der Schmerzen um eine Heimatstunde! Wie in verirrtem Klange verhallt das alte Glück, kehrt wieder mit Erbarmen uns aller Harm zurück. Wie wird den guten Armen um Land und Liebe bange! Was ich zum ersten Male schon hundertmal gehört, hat die entschlafnen Wonnen zu Qualen aufgestört. O Hingang aller Sonnen in einem Tränentale. 112 SONNTAG Die Welt ist neu, wir wollen Anteil nehmen. Aus Blut erblüht. Und immer wieder Rosen. Wir haßten, um zu kosen. Wir wollen uns zum Glück bequemen. Und euch gelingt's; und wie es immer sei, ein jeder trifft's und jeder führt's am Arm. Daß Gott erbarm! Der meinige ist frei. Weiß, wie es kam, und daß der Tag vergeht und daß er Platz macht andern Tagen. Und eure Kinder werden einst erschlagen. Wie viel ist's an der Zeit? Zu spät. 8 113 NÄCHTLICHE STUNDE Nächtliche Stunde, die mir vergeht, da ich's ersinne, bedenke und wende, und diese Nacht geht schon zu Ende. Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag. Nächtliche Stunde, die mir vergeht, da ich's ersinne, bedenke und wende, und dieser Winter geht schon zu Ende. Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling. Nächtliche Stunde, die mir vergeht, da ich's ersinne, bedenke und wende, und dieses Leben geht schon zu Ende. Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod. 114 VOR DEM SCHLAF Da weht mich wieder jene Ahnung an, ein Federflaum von jenem großen Grauen, ein Nichts, genug, um alles doch zu schauen, was mir von allem Anfang angetan. Und klopft ans Herz: Du bist in einer Falle, versuch's und flieh! Dies hast du doch gemeinsam, das einzig eine, worin alle einsam, und keiner will und dennoch müssen alle. Wer wird in jener Nacht nach diesen Nächten bei dir sein, um den letzten Streit zu schlichten, Endgültiges dir helfen zu verrichten, damit sie dort nicht allzu strenge rechten? Dies war ein Blick aus dem Dämonenauge, das mich im Dämmern eingenommen hatte. So prüft das Leben mich, das nimmermatte, ob nun noch ihm zum Widerstand ich tauge. Noch wart ich auf das Wunder. Nichts ist wahr, und möglich, daß sich anderes ereignet. Nicht Gott, nur alles leugn' ich, was ihn leugnet, und wenn er will, ist alles wunderbar. 115 AN DEN BÜRGER Daß im Dunkel die dort leben, so du selbst nur Sonne hast; daß für dich sie Lasten heben, neben ihrer eignen Last; daß du frei durch ihre Ketten, Tag erlangst durch ihre Nacht: was wird von der Schuld dich retten, daß du daran nie gedacht! DAS ARME LEBEN Tust du nicht unrecht diesen Freuden? Verbergen sie nicht Gram und Qual? Verzittert nicht das tiefste Leiden in einem Tränenbacchanal? Hat doch der Glaube sie zum Narren, daß jeder Schritt ins Freie drängt, wenn sie in diese Enge starren, die sich nur immer mehr verengt. Bange macht jedem jede Stunde, die von ihm abnimmt Stück für Stück, und jeder zieht mit einer Wunde in sein Verhängnis sich zurück. Wer fühlt das Leben nicht vertropfen und wie es in den Tod verfällt! Sie hören ihre Herzen klopfen, und eben darum lärmt die Welt. Jeglicher Blick verkürzt das Dauern von der bemessnen Wartezeit, und jeder Atemzug ist Schauem, und jeder Gang ein Grabgeleit. Wenn sie verrucht den andern nahmen den zugeteilten Henkerschmaus, es hat zum vorbestimmten Amen der vollste Magen nichts voraus. Heben vergebens ihre Hände, eh sie vereint das letzte Band. Sie reichen alle doch am Ende einander eine Totenhand. 117 DER TAG Wie der Tag sich durch das Fenster traut, schau ich auf den Platz, staunend, daß der Nacht noch ein Morgen graut, die ich so durchwacht ohne Freudenlaut, aber immer bauend Satz auf Satz. Wie der Blick sich durch das Fenster traut, geht ein Wagen, geht, langsam geht er hin ohne Klagelaut. Liegt ein Toter drin, eine arme Haut. Und ich geh zurück an mein Gebet. TODESFURCHT Hab verlangend alles schon empfangen, allen Wechsel, den es gibt auf Erden: aller Lust und allerlei Beschwerden froh und unfroh immer wieder werden. Und dazwischen ist die Zeit vergangen. Neugier regt sich nach dem andern Kreise, wie mag's, frag ich, drüben nur bestellt sein und ob schwierig die besondre Reise, und ob ich auf wunderbare Weise werde wiederum auf meiner Welt sein. Immer das Erlebte zu erleben, lüstet mich, ich will es frei bekennen; immer dieses zwischen Feuern schweben, dieses atemlose Lastenheben und dies hoffnungslose Herzverbrennen. Ist's dort grün wie meine Kinderstunden? Ist der Tag dort grau wie meine Tage? Warten alle Wunder, aller Wunden Wonnefieber, schmerzliches Gesunden, aller Wollust wechselvolle Plage? Bleib ich aller Feuerflammen Beute und erhitzt von allen Hindernissen? Glüht mir dort der helle Haß des Heute, und entflammen mich die kalten Bräute? Ach ich brenne schon, es nur zu wissen! Was sich so lebendig mir verdichtet, was mit Aug und Ohr ich je erworben, nimmer sei von mir darauf verzichtet! Anders werde dieser Streit geschlichtet und das Leben nur zum Teil gestorben! Einverleibt der Welt, der es entbrannte, will es nimmer sich vom Leben trennen. Wenn ich sie nicht mehr mit Namen nannte, die ich bis zum letzten Blick erkannte, würde sie sich selbst nicht mehr erkennen. Wortverbunden bleib ich den Gestalten, gegen die ich mich des Geistes wehre. Nimmer würde anderen Gewalten wehrlos ich mich zur Verfügung halten dort in einer wortverlassnen Leere. Dreist entreiß ich mich dem faulen Frieden, nichts zu haben als die Totenstille. Sie zu meiden, will ich nicht ermüden; da zu bleiben, wenn ich abgeschieden, fortzuleben sei mein letzter Wille. Todesfurcht ist, daß Natur mich bringe einst um alles mir lebendige Grauen. Jener ewigen Ruh ist nicht zu trauen. Ich will leiden, lieben, hören, schauen: ewig ruhlos, daß das Werk gelinge! 120 WIEDERSEHEN DES TAGES Wann hab zuletzt ich den Tag gesehn? Ich mußte an einem Grabe stehn. Dann ging ich ins Leben weit und breit und es war, als wär es ein letztes Geleit, leidtragend ging es den Ring entlang und jegliches Ding den letzten Gang, dahin, wo sich alle versammelt haben, wie je und je, zum Graben, zum Graben. An den Häusern und Läden war alles erneut, die Waren lebendig, verblichen die Leut, kein Gefühl, kein Gedanke, kein wirkender Wille, nur Kinolarven mit starrer Pupille, viel irdische Hülle auf allen Wegen, kein Hinterbliebner kam mir entgegen; du lebst noch? schienen sie zu fragen und um Lebendiges zu klagen, im Zeitlupenmaß erstarrte der Fuß, doch die Hand erhob sich zum letzten Gruß. Von einem Grabe ging ich zum Grab, da ich den Tag gesehen hab. 121 DER GRUND Warum mich das Leben nicht freut, wenngleich ich es nie genossen? Würgende Stimmen der Zeit wohnen in mir verschlossen. Warum ich vom Leben nicht lasse, wenngleich es mich nie gefreut? Wurzelnd dort wo ich hasse wachse ich über die Zeit. 122 DER STERBENDE MENSCH Der Mensch Nun ist's genug. Es hat mich nicht gefreut, Und Neues wird es auch wohl nicht mehr geben. Das Gewissen In einer Stunde endet sich dein Leben, Und du hast nichts gesühnt und nichts bereut. Der Mensch Bereuen kann man nur, was man getan. Ich habe nichts erfüllt und nichts versprochen. Die Erinnerung Ich war dein Zeitvertreib. So wurden Wochen Aus Jahren. Denkst du noch? Sieh mich nur an! Der Mensch Ich sah stets hinter mich, und du warst da. Warst du nicht da, so schloß ich gern die Augen. Die Welt Ich schien dir nicht in deine Welt zu taugen. Du sahst nur alles Ferne immer nah. Der Mensch Und alles Nahe fern. Bleib mir vom Geist! Stell dich nicht vor, ich stell' dich besser vor. Der Geist Wenn sie dich plagt, was leihst du ihr dein Ohr? Von mir hast du, von ihr nicht, was du weißt! 123 Der Mensch Was weiß ich, was ich weiß! Ich weiß es nicht. Ich glaube, zweifle, hoffe, fürchte, schwebe. Der Zweifel Du fällst nicht, Freund, wenn ich dich höher hebe. Verlaß dich auf mein ehrliches Gesicht. Der Mensch Ich kenne dich. Du hast durch manche Nacht Mir eingeheizt und manches Wort gespalten. Der Glaube Ich aber, glaub mir, hab' es dir gehalten, Mit meinem Atem dir die Glut entfacht. Der Mensch Zu viel, ich hab' die Seele mir verbrannt. Oft war's wie Hölle, oft war's wie der Blitz — Der Witz Da bin ich schon. Im Ernst, ich bin der Witz. Ich bin's im Ernst, und doch als Spaß verkannt. Der Mensch Wer wäre, was er ist, wo Trug und Wesen Die Welt vertauscht in jämmerlicher Wahl! Der Hund Ich bin ein Hund und kann nicht Zeitung lesen. Der Bürger Ich bin der Herr und wähle liberal. 124 Die Hure Ich, weil ich Weib bin, von der Welt verachtet. Der Bürger Weil ich kein Mann bin, von der Welt geehrt. Der Mensch Nach ihrer Ehre hab' ich nicht geschmachtet. Und ihre Liebe hat mich nicht verzehrt. Gott Im Dunkel gehend, wußtest du ums Licht. Nun bist du da und siehst mir ins Gesicht. Sahst hinter dich und suchtest meinen Garten. Du bliebst am Ursprung. Ursprung ist das Ziel. Du, unverloren an das Lebensspiel, Nun mußt, mein Mensch, du länger nicht mehr warten. 125 NACHWORT Solange ein Künstler noch unter den Lebenden weilt, gehört er in die Schicksalsgemeinschaft seiner Epoche und kann aus ihr gar nicht herausgelöst werden. Sowie aber sein Auge bricht und sein Werk nicht mehr wachsen kann und als ein geschlossenes Ganzes sich darstellt, ist er in einen völlig neuen Bereich aufgestiegen. Auch mit dem Leib, der irdischen Hülle der ewigen Substanz, verhält es sich ähnlich. Solange der Mensch lebt und schafft und ringt, wechselt der Ausdruck der Seele im Antlitz, wenn sie aber Abschied genommen hat, dann beginnt allmählich ihr Wesenhaftes aus den letzten, endgültigen Zügen herauszuleuchten. Totenmasken verhüllen nichts mehr, sie zeigen, wie der Tote im Innersten war und wie er im Andenken der Nachlebenden sein wird. Ein Künstler wie Karl Kraus, der so stark aus dem Herzpunkt alles Lebens heraus gewirkt hat und in dem Natur und Geist eine unauflösliche, nie zu erschütternde Einheit gebildet hatten, macht diese letzten Beziehungen zwischen Sterblichkeit und Unsterblichkeit als Mensch und als Schaffender deutlich. Er war der größte deutsche Satiriker, umso stärker, umso besessener als er ein heimlicher Lyriker war. Mitten im Leben wohnend, war er ausgesetzt unter die Feinde des Lebens und legte für die ihm anvertrauten Werte im Untergang seiner Epoche furchtlose Zeugenschaft ab. Sein lyrisches Werk, das hier zum ersten Male in einer repräsentativen Auswahl dargeboten wird, zeigt das erschütternde Bild des Sterbens auf verlornem Posten. Die Fülle natürlicher Kraft und Begabung, geweiht durch die Verantwortung vor dem Sinn der Welt, entflammt sich am Widerstand der Abtrünnigen, verbrennt sich im Dienst an Wort und Wert und will selbst im Augenblick der Erkenntnis, daß alles umsonst sei, es nicht leichter haben, will nichts als kämpfen und mahnen und anders sein als die vielen — bis in alle Ewigkeit. 127 Der vorliegende Band setzt die Bekanntschaft mit dem polemischen Werk des Künstlers voraus und kann erst dann richtig gewürdigt werden, wenn die Wortkunst der neun Bände »Worte in Versen« als der ins letzte Geistige hineinragende Ueberbau des satirischen Schaffens erkannt wird. Der Kampf gegen den Bürger, seine Moral und seine Weltanschauung, der Kampf gegen die Mißformen von Staat und Presse, gegen den Krieg und den Zeitgeist, gegen die Untermenschlichkeit, die Barbarei der Feigheit, der Lüge und der Gedankenlosigkeit — das alles ist in diesem einzigartigen Gedichtbande enthalten, mitgedacht und mitgefühlt, mitgelitten und -erlebt, aber das Wesentliche und Eigentliche an ihm ist das innere Bild dieses singulären Menschen, dieses jüdischen Vollstreckers höchster deutscher Geistesforderungen. An die Grenze zweier Kulturen, zweier Völker, zweier Rassen gestellt, glaubte er sich berufen, beide zum letzten Kern und zur unabdingbaren Wesenheit ihres Seins mitzureißen. Was er in seinen Gedichten gestaltet hat, das sind die Voraussetzungen seines Kämpferlebens, die heimlichen Monologe eines Starken, der sich gegen seine Zeit gestellt sieht, die Freuden und Leiden eines Künstlers, der nichts kannte außer seinem Werk eines Predigers, der voll war seines Gottes, und des Reichsverwesers einer Menschlichkeit, die, ohne es zu wissen, im Schatten ihres nahen Endes bangte. Dieses Buch liest sich wie eine gedankenschwere, ergreifende Elegie auf die Tragik aller Sterblichkeit, es mündet in Gott als den Ursprung aller Kraft, allen Maßes und aller Schönheit. Und so sei der köstlichste imd zeitloseste Teil dessen, was uns von Karl Kraus geblieben ist, eine Magie des reinen, neugebornen, alle Welt in sich fassenden Worts, einem Kreise von Wissenden und Mitfühlenden dargeboten. 128 Es war für Karl Kraus in der letzten Zeit seines Lebens ein Herzenswunsch, seine rein lyrischen Gedichte gesammelt herauszugeben. Der Tod hat ihn über diesen Plan nicht hinauskommen lassen. Was hier an seiner Statt versucht worden ist, dürfte sich der Art der Auswahl nach mit dem decken, was er im Sinne gehabt hat, die Anordnung allerdings hätte er anders und kunstvoller getroffen. Uns kam es darauf an, daß aus seinem Werk der reiche Lebensblick seines unvergeßlichen Antlitzes herausleuchte. * Im Inhaltsverzeichnis ist dem Titel jedes Gedichtes die Nummer des Bandes von »Worten in Versen« beigesetzt, dem es entnommen ist. Es sind erschienen: Band I: 1916; Band II: 1917; Band III: 1918; BandIV: 1919; BandV: 1920; Band VI: 1922; Band VII: 1923; Band VIII: 1925; Band IX: 1930. 9 129 INHALT Seite Zwei Läufer (I)...........7 Memoiren (II)...........8 An einen alten Lehrer (II) ......... 10 Der Irrgarten (II)..........12 Abenteuer der Arbeit (II).........13 Magie (IV)............18 Der Reim (II)...........19 Bekenntnis (II)...........22 Leben ohne Eitelkeit (I) . ........23 Jugend (III)...........24 Wiedersehn mit Schmetterlingen (III).......29 »Alle Vögel sind schon da« (II)........31 An den Schnittlauch (II).........32 Vor einem Springbrunnen (I)........33 Wiese im Park (I)..........35 Unter dem Wasserfall (IV).........36 Aus jungen Tagen (I) .......... 37 Annie Kalmar (IX)..........38 Und liebst doch alle, liebt dich einer so (VIII).....39 Der Strom (VIII)...........40 Widmung des Wortes (I).........41 Die Schauspielerin (VIII).........42 Imago (VII)............43 Abschied und Wiederkehr (I)........44 Sturm und Stille (VI)..........47 Du bist sie, die ich nie gekannt (VI) ....... 48 Du bist so sonderbar in eins gefügt (VIII)......50 Phantasie an eine Entrückte (III).......51 Wollust (IV)...........52 Verlöbnis (III)...........53 Eros und der Dichter (VI).........55 Auferstehung (IV)..........58 Verwandlung (I)...........59 Zuflucht (II)...........60 Schäfers Abschied (IV).........61 An eine Falte (IV)..........63 Dein Fehler (VI)...........64 Als ein Stern fiel (V)..........65 Verlust (VI)............67 Die Verlassenen (V)..........68 Verwandlung (IV)..........69 Das zweite Sonett der Louise Labe (IV)......71 Auf die wunderbare Rettung der Wunderbaren (VI) .... 72 Das Wunder (VIII)..........73 Vergleichende Erotik (I).........74 Inschriften: (I, III, VIII).........75 Dank (VI)............76 131 Seite Liebeserklärung an Zerline Gabillon (IX)......77 Rückkehr in die Zeit (IV).........79 Arbeit (VI)............80 An meinen Drucker (VIII).........81 Landschaft (II)...........82 Fahrt ins Fextal (II)..........83 Zwei Soldatenlieder (III)....... . .84 Le papillon est mort (IX) ......... 85 Grabschrift für ein Hündchen (II).......86 Als Bobby starb (II)..........87 Die Nachtigall (VII)..........89 Vallorbe (III)...........90 Zum ewigen Frieden (IV).........91 Vor dem Schlaf (IV)..........93 Der Ratgeber (II)..........94 Halbschlaf (IV)...........95 Vor dem Einschlafen (II).........96 Furcht (IV)............98 Bange Stunde (IV)..........99 Geheimnis (IX).......... . 102 Traum (V)............103 Gespenst am Tag (IX) .......... 106 Du seit langem einziges Erlebnis (VI) ....... 107 Versuch der Erinnerung (IX) ........ 108 Traum vom Fliegen (IV).........109 Flieder (IV)............110 Ich habe einen Blick gesehn (IV) ....... 111 Slowenischer Leierkasten (IV)........112 Sonntag (VI)...........113 Nächtliche Stunde (VII).........114 Vor dem Schlaf (VIII).........115 An den Bürger (VII)..........116 Das arme Leben (VII)..........117 Der Tag (VI)...........118 Todesfurcht (VI)...........119 Wiedersehn des Tages (IX).........121 Der Grund (VII)...........122 Der sterbende Mensch (I).........123 Nachwort............127 132