139Der Kulturtransfer und die Lesekultur in Laibach (Ljubljana) Ende des 19. Jahrhunderts Der Kulturtransfer und die Lesekultur in Laibach (Ljubljana) Ende des 19. Jahrhunderts Tanja Žigon Abstract In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zog die belesene Hedwig von Radics Kalten- brunner samt ihrer Familie von Wien nach Laibach (Ljubljana) und gründete im Jahr 1886 in der Krainer Hauptstadt ihre eigene öffentliche Leihbibliothek. Aufgrund der Archiv- quellen und des erhalten gebliebenen Bücherkatalogs der Leihbibliothek aus dem Jahr 1898 (Katalog der Leihbibliothek der Frau Hedwig von Radics) werden im Beitrag Lesegewohnhei- ten des Laibacher Bürgertums rekonstruiert, verschiedene Themenbereiche dargestellt, zu denen in der Leihbibliothek die Lektüre zur Verfügung stand wie auch die zahlenmäßige Präsenz der Bücher aus der Feder diverser AutorInnen analysiert; dadurch lässt sich indi- rekt die Rezeptionsgeschichte der fremdsprachigen Literatur im Land Krain rekonstruie- ren. Darüber hinaus ermöglicht die Recherche auch den Einblick in die interkulturellen Transferprozesse und Wechselbeziehungen auf dem kulturellen und literarischen Gebiet in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sichert der Hauptstadt des Landes Krain den Platz auf der mentalen Karte der europäischen Lesekultur. Schlüsselwörter: Leihbibliotheken, Lesekultur, Lesegewohnheiten, Kultur- und Literaturgeschichte, Hedwig von Radics-Kaltenbrunner, Land Krain, Kulturtransfer, Wechselbeziehungen ACTA NEOPHILOLOGICA UDK: 027.4(497.4Ljubljana)“189”:028 DOI: 10.4312/an.49.1-2.139-154 Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 139 17.11.2016 8:56:01 140 Tanja Žigon Der vorliegende Beitrag thematisiert kulturelle Transfers (vgl. Mitterbauer 2009) und kulturelle und literarische Wechselbeziehungen im mitteleuropäischen Raum mit besonderem Hinblick auf das Land Krain. Anhand der erhalten gebliebenen Quellen zu der ersten privaten Leihbibliothek in Laibach (Ljubljana)1 werden die Lesegewohnheiten und die Lesekultur des damaligen Lesepublikums in der Krainer Hauptstadt erörtert. Die Bibliothek wurde 1886 von einer Wienerin gegründet, und zwar von der nach ihrer Heirat nach Krain gezogenen Hedwig von Radics-Kaltenbrunner (1845–1919), Tochter des oberösterreichischen Mundartdichters Karl Adam Kaltenbrunner (1804–1867). In ihrer Leihbibliothek kam es zu einem regen Kulturaustausch, die Leser hatten die Gelegenheit fremde und unbekannte Ak- teure im kulturellen Bereich wie auch ferne Orte und deren kulturelle und li- terarische Produktion zu entdecken und haben dadurch auch ihr Wissen er- weitert und das gesellschaftliche, geistige und kulturelle als auch das politische und wirtschaftliche Leben (mehr dazu Udovič 2011) in Laibach entscheidend geprägt. 1 EINIGE BIOGRAPHISCHE ANGABEN ZU HEDWIG VON RADICS-KALTENBRUNNER Zeit ihres Lebens gehörte Hedwig von Radics-Kaltenbrunner zu den Mitarbei- tern zahlreicher Zeitungen sowohl in Österreich als auch in Deutschland. Sie trat als Herausgeberin des literarischen Nachlasses ihres Vaters Karl Adam Kalten- brunner (1804–1867) hervor, war Rezensentin und Kritikerin und hat sich auch sozial engagiert. Die lexikalischen Werke aus jener Zeit, wie z. B. die übersichtliche An- thologie deutscher Schriftstellerinnen und Dichterinnen, verfasst vom Tries- ter Gymnasialprofessor Heinrich Groß (1885: 216–225), oder biographische Skizzen, herausgegeben von Marianne Nigg (1893: 45–46), Adolf Hinrichsen (1891: 1074) oder Peter Thiel (1903: 268) bezeichnen sie als eine bekannte, in Krain lebende Schriftstellerin und berichten ausführlich über ihr Leben und Schaffen. Dessen ungeachtet schweigen die neueren Lexika über sie: Während Radics-Kaltenbrunner im deutschen Raum 1981 im Elisabeth-Friedrichs-Le- xikon Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts zuletzt erwähnt wurde, stand ihre Arbeit in den slowenischen Gebieten stets im Schat- ten ihres illustren Ehemannes, Peter Paul von Radics (1836–1912), der bereits 1 Im Weiteren wird für die Hauptstadt des Landes Krain (die heutige Hauptstadt Sloweniens, Ljubljana) der historische Name Laibach benutzt. Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 140 17.11.2016 8:56:01 141Der Kulturtransfer und die Lesekultur in Laibach (Ljubljana) Ende des 19. Jahrhunderts zu seinen Lebzeiten als der berühmteste Krainer Polyhistor gerühmt wurde.2 In den einschlägigen slowenischen Nachschlagewerken wird ihr dementsprechend kein einziger Lexikonartikel gewidmet, sie wird flüchtig nur in Zusammenhang mit ihrem Mann erwähnt (Kranjec 1960–1971: 6). Hedwig Kaltenbrunner wurde am 11. Dezember 1845 in Wien geboren und entstammte sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits Dichterfamilien.3 Ende der Sechzigerjahre des 19. Jahrhunderts lernte Hedwig Kaltenbrunner ihren zu- künftigen Ehemann, den aus Adelsberg (heute Postojna) in Krain stammenden Peter Paul von Radics, kennen. Nachdem das Paar im Herbst 1869 geheiratet hat, standen dem jungen Glück schwere Zeiten bevor. Die wiederholten Erkrankun- gen und quälende Kopfschmerzen Hedwigs, der Umzug in die größere Wohnung in die Naglergasse im Stadtzentrum Wiens, was mit hohen Kosten verbunden war, wie auch die Sorge für die in die Jahre gekommene Mutter von Peter Paul von Radics und die Geburt des ersten Sohnes Erwin im Jahre 1873 – die beiden Töchter kamen 1882 und 1885 zur Welt – stellten die Neuvermählte vor völlig neue, bisher unbekannte Herausforderungen. Die ungünstige finanzielle Lage zwang Peter Paul von Radics nicht nur dazu, sich mit Bienenfleiß der publizistischen Tätigkeit zu widmen, um mit Honoraren den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, sondern sie ließ ihn auch seine Gat- tin dazu ermutigen, publizistisch tätig zu werden, weil er von ihrer künstlerischen Begabung überzeugt war. In diesem Sinne stellt die Heirat Hedwig Kaltenbrun- ners mit dem berühmten Krainer Publizisten, Historiographen und Germanisten eine bedeutende Wende dar, denn sie bekam Zutritt zu den literarischen und publizistischen Kreisen und wurde angeregt, selbst zur Feder zu greifen.4 In Wien nahmen die Eheleute rege am öffentlichen Leben teil und gehör- ten 1874, zwei Jahre nach dem Tode von Franz Grillparzer (1791–1872), zu den 2 Peter Paul von Radics war einer der ersten Freiberufler in den slowenischen Gebieten. Seine Texte (rund 70 Monographien und mehr als 500 längere wissenschaftliche Abhandlungen samt Zei- tungsartikeln) beschränken sich nicht nur auf die Geschichte Krains, sondern er schrieb auch über das deutsche Theater in Krain wie auch über Volkskunde, Jagd, Post- und Gesundheitswesen, Na- turphänomene, Tourismus und zeitgeschichtliche Ereignisse. Als Historiker fokussierte er sich am liebsten auf die wissenschaftliche Erforschung des Krainer Polyhistors, eines bemerkenswerten Gelehrten aus dem 17. Jahrhundert Johann Weichard Valvasor (1641–1693) und verfasste die erste wissenschaftliche Monographie über ihn. 1910 wurde er für sein Werk mit dem Titel eines Kaiser- lichen Rates ausgezeichnet (mehr dazu Žigon 2009 und 2013). 3 Ihr Vater Karl Adam Kaltenbrunner wurde bereits in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts eine der wichtigsten Persönlichkeiten des damaligen literarischen Lebens in Oberösterreich und trat vornehmlich als Theaterkritiker hervor. Nach dem zu frühen Tod seiner ersten Frau ging er eine zweite Ehe mit seiner Bekannten Theresia Schleifer (1819–1878) ein, der Tochter des Lyrikers Mathias Leopold Schleifer (1771–1842), der in seinen späteren Jahren unter anderem auch mit Anastasius Grün befreundet war (vgl. Baur 1970: 73; vgl. auch Žigon 2012: 158–160). 4 Die bis dato vollständigste Bibliographie wurde in Žigon (2009: 351–358) veröffentlicht. Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 141 17.11.2016 8:56:01 142 Tanja Žigon Mitbegründern des Grillparzer-Vereins (mehr dazu Žigon 2010: 365–380). Der Verein verfügte über eine eigene umfangreiche Bibliothek und gab einmal monat- lich auch ein eigenes Vereinsorgan heraus, betitelt Der Patriot. Ferner organisierte der Verein auch sog. „populäre Literaturabende“ und „Damen-Abende“, die vor- nehmlich auf Fraueninitiative hin stattfanden. In diesem Rahmen wurden Lesun- gen veranstaltet, wissenschaftliche Vorträge gehalten und Theatervorstellungen zu Gunsten des Vereinsfonds aufgeführt. Neben den Schwestern Fröhlich war die treibende organisatorische Kraft Hedwig von Radics-Kaltenbrunner. Doch hat sich die finanzielle Lage der Familie Radics in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts dermaßen verschlechtert, dass die Eheleute dringend die teure Residenzstadt verlassen mussten und so zogen sie nach Laibach, in die Hauptstadt Krains. Für Hedwig von Radics-Kaltenbrunner war der Abschied von Wien gleichzeitig auch der Abschied von der geliebten Heimat, von der Wiener Gesellschaft und von den Wiener Freunden. In der kleinen Provinzstadt musste sie sich zunächst mit diversen Anpassungsschwierigkeiten auseinandersetzen. Nicht nur, dass sie die Landessprache, das Slowenische, die man mitunter neben dem Deutschen benutzte,5 nicht beherrschte, sie fühlte sich in Laibach auch sehr fremd und allein. Im Juli 1881 beklagt sie sich bei ihrer schriftstellerischen Kollegin Emma Laddey (1841–1892) aus München, indem sie schreibt: „Unser Knabe, der zur Zeit Ihrer Wiener Weltausstellungs-Anwesenheit 1/2 Jahr alt war, wächst frisch heran, und geht in die hiesige Übungsschule, er hat als geborener Wiener mit der slowe- nischen Sprache, der sich die Lehrer zumeist bedienen, viel zu kämpfen“ (Brief an Emma Laddey v. 20. Juli 1881). Ferner geht aus dem Brief hervor, dass sie samt ihrer Familie auch unter den nationalen Konflikten zwischen den Slowenen und Deut- schen in Krain zu leiden habe. „Mein Mann” schreibt sie, „redigi[e]rt seit 1 Jahr die Laibacher amtliche Z[eitung], und hat in Folge des leidigen Nationalitätenhaders, 5 Im Land Krain war Mitte des 19. Jahrhunderts die Mehrheit der Bevölkerung slowenischer Her- kunft, hier lebten mehr als ein Drittel aller Slowenen. Trotzdem ist in Krain in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ambivalente Entwicklung zu beobachten. Obwohl es zu erwarten wäre, dass die Slowenen durch die zahlenmäßig stärkere nationale Präsenz ihre gesellschaftliche Posi- tion zur Geltung gebracht hätten, waren es die Deutschen in Krain, die politisch, wirtschaftlich und kulturell die leitende Rolle übernahmen. Aufgrund der historischen Gegebenheiten wurde ungeachtet der Muttersprache und der Abstammung in der Oberschicht wie auch im bürgerli- chen Milieu Deutsch gesprochen, die Straßenschilder waren überwiegend auf Deutsch, es wurden deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften herausgegeben und gelesen, es wurden deutsche Vereine und Gesellschaften gegründet, wie die Kasino-Gesellschaft (1810), der Musealverein für Krain (1839) oder der Historische Verein für Krain (1843/1846), und auch den nationalbewussten Slowenen lag die deutsche Sprache noch immer näher als das noch nicht etablierte Slowenisch. Erst nach 1870 rückt es mit der jüngeren Generation der slowenischen Intellektuellen immer mehr in den Vordergrund. Für Laibach ist belegt, dass hier Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 5000 Deutsche lebten, was ungefähr 40 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Die absolute Zahl der Deutschen blieb bis 1910 relativ konstant (vgl. dazu Brix 1988: 43–62). Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 142 17.11.2016 8:56:01 143Der Kulturtransfer und die Lesekultur in Laibach (Ljubljana) Ende des 19. Jahrhunderts der sich leider bei uns immer fühlbarer gestaltet, viel Fatalitäten, die ihm seine sanfte ganz annehmbare Stellung sehr erschweren“ (ibid.). Dass Hedwig von Radics-Kal- tenbrunner große Schwierigkeiten hatte, sich ans Leben in der Krainer Hauptstadt zu gewöhnen, ist auch weiteren Briefen an ihre Freunde zu entnehmen. Im Winter 1894 drückt sie in einem längeren Brief an Amélie Charlotte Lanna-Schmidt gro- ße Sehnsucht nach ihrer Heimat und nach ihrer Geburtsstadt aus. Mit vielem und dem antheilnehmendsten Interesse durchlas ich Ihre anregen- den Mittheilungen über jenen geistigen Kreis, in welchem ich mich sehr gern hie und da auch körperlich verhelfen würde, wenn mich die Oede des Provinz- lebens oft gar so packt! Doppelt bedaure ich es [,] nicht mehr in meiner lieben, theueren Vaterstadt zu weilen, wo so viel Leben und Bewegung ist (Brief an Amélie Charlotte Lanna-Schmidt v. 28. Januar 1894). Die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, die „Öde des Provinzlebens“, wie Ra- dics-Kaltenbrunner formuliert, die Sehnsucht und ihr tief empfundenes Heim- weh bestärkten sie darin, in Laibach nach Beziehungen zu ihrer geliebten Heimat zu suchen und eine „geistige“ Brücke zwischen der Provinzstadt und der Metro- pole zu bauen. 2 DER KULTURTRANSFER UND DIE GRÜNDUNG DER ÖFFENTLICHEN LEIHBIBLIOTHEK In ihrer neuen Heimat angekommen, bemühte sich Hedwig von Radics-Kalten- brunner nicht nur einen neuen Lebenssinn zu entdecken, sondern sie setzte sich auch für den allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt des Landes Krain und insbesondere seiner Hauptstadt ein. Obwohl die Gründe für ihr gesell- schaftliches Engagement zweifelsohne auch in der ökonomischen Lage der Familie zu suchen sind, fehlte es der jungen Frau in Laibach an ihrer gesellschaftlichen Integration und sie sehnte sich danach, aus ihrer Isolation herauszutreten. Sie begab sich auf den Weg der Selbstverwirklichung im Sinne des modernen bürgerlichen Individuums (Ritter 2008: 22) oder wie Jürgen Habermas konstatiert: Die Sphäre des Publikums entsteht in den breiteren Schichten des Bürgertums zu- nächst als Erweiterung und gleichzeitig Ergänzung der Sphäre der kleinfamiliären Intimität. Wohnzimmer und Salon befinden sich unter dem gleichen Dach [...] die zum Publikum zusammentretenden Privatleute räsonieren öffentlich über das Ge- lesene und bringen es in den gemeinsam vorangetriebenen Prozess der Aufklärung ein [...] Sie (die bürgerlichen Schichten) bilden die Öffentlichkeit eines literari- schen Räsonnements, in dem sich die Subjektivität kleinfamilial-intimer Herkunft mit sich über sich selbst verständigt. (Habermas 1990: 115) Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 143 17.11.2016 8:56:01 144 Tanja Žigon Hedwig von Radics-Kaltenbrunner errichtete die Bibliothekräume in den Räumlichkeiten der eigenen privaten Familienwohnung an der Ballhausgasse Nr. 2 (heute Igriška ulica), welche von nun an zum kulturellen Zentrum der Stadt avancierte. Obwohl Habermas in dem Prozess der Selbstverwirklichung die bür- gerliche Öffentlichkeit als Fiktion6 kritisiert, bleibt es trotzdem festzuhalten, dass Radics-Kaltenbrunner gerade in diesem Prozess zu einem modernen bürgerli- chen Individuum geformt wird, ausgestattet mit Kompetenzen, Möglichkeiten und Freiheiten, die nun die Existenz des bürgerlichen Individuums im Gegensatz zur göttlichen Ordnung des Mittelalters bestimmen (Ritter 2008: 22). Hedwig von Radics-Kaltenbrunner erwies sich als eine äußerst kulturbewusste Mitbürgerin, die ihre bisher gesammelten Erfahrungen aus Wien in Laibach gut einzusetzen wusste, denn als aktives Mitglied des Grillparzer-Vereins, der, wie be- reits erwähnt, auch eine Bibliothek beherbergte (Žigon 2009: 365–380), erkannte sie die Notwendigkeit einer ähnlichen Einrichtung für die Krainer Hauptstadt. Zu ihren Motiven, die zu einer kulturellen Vermittlung führten, gehört ferner auch die Tatsache, dass durch die Gründung der Leihbibliothek ihr eigenes Haus zum Zentrum des literarischen Geschehens und des kulturellen Transfers wur- de. Die neuen Strukturen und die Kulturgüter sind durch ihr persönliches In- teresse in die aufnehmende Krainer Kultur gelangt.7 Ferner bestrebte die Bib- liothekseigentümerin stets einen regen Ideen- und Wissensaustausch wie auch eine „Vernetzung“8 des damaligen Lesepublikums. Es wurden in Laibach nach dem Wiener Vorbild der Grillparzer-Vereinsbibliothek die geselligen „populären Literaturabende“ und „Damen-Abende“ organisiert, eine Art literarischer Salons. Im Sinne von Caroline Pichler (1769–1843) sind diese Abende als ein zumeist privater gesellschaftlicher Treffpunkt für Diskussionen, Lesungen oder musikali- sche Veranstaltungen zu verstehen, welche der sonst monotonen Privatwohnung 6 Bei Hedwig von Radics-Kaltenbrunner handelt es sich um den Prozess des Selbstständigwerdens, aber auch um eine Selbstinszenierung in den neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten und beste- henden Konstellationen. 7 Im Rahmen der damaligen „Netzwerkgesellschaft“ sind nach Bernd Kortländer, drei Aspekte von Bedeutung: Motive, die bei einer kulturellen Vermittlung von Bedeutung sind, die Wege bzw. die Umwege, über welche die Kulturgüter in eine aufnehmende Kultur gelangen und zuletzt ihre In- tegration (Kortländer 1995: 1–19). 8 Bereits in den 1990er Jahren veröffentlichte der berühmte spanische Soziologe Manuel Castells (2000) einen der bedeutendsten Texte zum Thema Soziologie und Medientheorie, das dreibän- dige Werk The Information Age. Economy, Society and Culture, worin er die Anfänge der modernen Netzwerkgesellschaft in das 18. Jahrhundert verlegt. Diese „frühe Vernetzung“ ist anhand von drei Entwicklungsfaktoren plausibel zu erklären: a) die steigende Zahl der Druckwerke aller Art, welche die Gesellschaften durchdringen und einen Meinungsaustausch, zunächst in den elitä- ren Kreisen fördern; b) Bildung zivilgesellschaftlicher Vereinigungen, die nicht nur politische, sondern auch kontinentale Grenzen überschreiten; c) Vernetzung des Wissens als solches (vgl. Schmale 2009: 10). Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 144 17.11.2016 8:56:01 145Der Kulturtransfer und die Lesekultur in Laibach (Ljubljana) Ende des 19. Jahrhunderts der Familie Radics eine ungeahnte und bedeutende Dimension verliehen haben (mehr zu der Bedeutung der bürgerlichen Salonkultur Stekl 2004: 250–253). Die neuen kulturellen Elemente wurden in Laibach mit Begeisterung aufgenommen und in die alten gesellschaftlichen Muster integriert. Die Leihbibliothek bedeutet eine willkommene Erfrischung im Bereich der Lesekultur, denn sie war die einzi- ge derartige Einrichtung der Stadt. Die Bibliotheken-Tradition war in Ljubljana zwar vorhanden – bereits im 18. Jahrhundert verfügte die Laibacher Academiae operosorum über ein breites Sortiment an humanistischen und anderen Werken, allerdings waren die Bücher für die breite Öffentlichkeit nicht frei zugänglich (Berčič 1999: 281–289). Erst als sich die Laibacher Buchhändler im 19. Jahrhun- dert diesbezüglich organisiert hatten, die Rolle der Kulturmittler übernahmen und gegen Bezahlung an lesefreudige Bürger diverse Titel ausliehen (Dular 2003: 117), wurde die allgemeine Lesekultur gefördert und verbreitet.9 3 WAS VERRÄT DER ERHALTENE KATALOG DER LEIHBIBLIOTHEK? Im einzigen erhalten gebliebenen gedruckten Katalog der Leihbibliothek aus dem Jahre 1898, der 58 Seiten samt einem weiteren dutzend Seiten mit Anzeigen der örtlichen Kauf- und Gewerbeleute,10 umfasst, geht hervor, dass die Biblio- thek über 3586 Bücher verfügte; relativ viele Titel waren darüber hinaus auch in mehreren Exemplaren vorhanden. In der damaligen Zeit war die Bibliothek in der Lage, selbst den höchsten Ansprüchen gerecht zu werden. Sie bot dem Publikum eine vielfältige Palette an meist deutschen und französischen Klassi- kern, an unterhaltender Literatur, leichteren erbaulichen Romanen wie auch an einigen Jugendbüchern. Die Mitglieder, schätzungsweise zwischen 500 bis 1000 LeserInnen, mussten einen Mitgliedsbeitrag bezahlen, der monatlich einen und jährlich zehn Gulden betrug. Dadurch konnte Hedwig von Radics-Kaltenbrun- ner ständig für den Erwerb neuer Bücher sorgen, darüber hinaus wurden ihre Bücherregale auch durch Rezensionsexemplare bereichert, die sie als anerkannte Kritikerin, die sowohl für Laibacher, Wiener als auch Berliner Blätter schrieb, von den Verlegern, aber auch von den Autoren selbst zugeschickt bekam oder sie selbst erworben hatte (Žigon 2009: 194–204). Dem Bücherkatalog wurden die strengen Abonnementsbedingungen voran- geschickt, die von einer sehr hohen Lesekultur zeugen. Die Eigentümerin hob einleitend zwei Punkte hervor, die ihr besonders wichtig erschienen und in erster 9 Nach der Eröffnung der Radics-Kaltenbrunner-Bibliothek wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts die Bibliothek des „Allgemeinen slowenischen Frauenvereins“ ins Leben gerufen (Dular 2003). 10 Dadurch konnte die Bibliothek-Eigentümerin den Druck finanzieren. Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 145 17.11.2016 8:56:01 146 Tanja Žigon Linie pädagogische Ziele verfolgen bzw. die Möglichkeiten, die den Bibliotheks- benutzern zur Verfügung standen, erläutern: 1. Bei Beschädigung eines Buches im Allgemeinen insbesondere durch He- rausreissen von Blättern, Einschreiben mit Blei oder Tinte u.s.w. oder bei Verlorengehen eines Bandes ist der volle Ladenpreis des betreffenden gan- zen Werkes zu entrichten. 2. Der Umtausch von Büchern kann ohne Beschränkung der Wiederholung täglich, mit Ausnahme des Sonntags Nachmittags von 9–12 Uhr Vor- und von 3–7 Uhr Nachmittags erfolgen. Im Interesse der P. T. Abonnenten wird ersucht beim Umtausch von Büchern immer mehrere Katalogs-Nummern zu notieren, damit, im Falle, [dass] ein Werk vergriffen ist, ein anderes gegeben werden kann (Katalog 1898: 3). Die im Katalog verzeichneten Werke wurden in mehrere Abteilungen gruppiert. Bei jedem Titel verzeichnete die Eigentümerin, ob es sich um einen Roman (R.), eine Novelle (N.), Erzählung (E.), Geschichten (G.), Reisebeschreibungen (Rsb.), Skizzen (Skz.), Kriminalgeschichten (Crim.), historische (Hist.) oder humoristi- sche Werke (Hum.) handelt. Ferner wurden die Titel in weitere Gruppen unterteilt, was nicht immer schlüssig erscheint. So kommen beispielsweise die französischen Autoren bereits in der ersten Gruppe vor, obwohl am Ende des Verzeichnisses noch- mals der Untertitel Französische Literatur folgt, wo man auf Namen wie Balzac und Zola stößt, was die Schlussfolgerung erlaubt, dass die im Sinne der Eigentümerin verstandene »hohe« Literatur eine eigene Untersektion verdiene.11 Der Katalog ist somit nicht immer sehr transparent, jedoch sorgt die alphabetische Reihenfolge der Autoren für seine Übersichtlichkeit. Die meisten Bücher wurden in der Sektion Allgemeine Roman- und Novellen-Bibliothek verzeichnet, dieser folgte der Anhang, in dem weitere Titel, in verschiedene Gruppen geordnet, aufgezählt wurden: 1. Eine Anthologie deutscher Classiker (45 Bände) 2. Classiker (82 Bände) 3. Bachem’s Roman- und Novellensammlung (30 Bände) 4. Bibliothek der Gesammt-Literatur (104 Bände) 5. Engelhorns Roman-Bibliothek (291 Bände) 6. Collection Speman (18 Bände) 7. Jugend-Bibliothek (129 Bände) 8. Theater-Stücke (90 Bände) 9. Gedichte (91 Bände). (Katalog 1898: 4) 11 Über die Rezeption der französichen Autoren in den slowenischen Gebieten vgl. Smolej (2009: 289–302; 2014: 475–488). Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 146 17.11.2016 8:56:01 147Der Kulturtransfer und die Lesekultur in Laibach (Ljubljana) Ende des 19. Jahrhunderts In der ersten Sektion, Allgemeine Roman- und Novellen-Bibliothek genannt, die gleichzeitig auch die meisten Titel lieferte, und zwar 2560, wurden die da- mals populären literarischen Werke angeboten, eine Mischung von Triviallitera- tur, Familiengeschichten, Räuber-, Piraten- Indianer-, Kriminal- und Detektiv- geschichten aus aller Herren Länder. Es handelt sich um leichte Lektüre aus der Feder zeitgenössischer Autoren und Autorinnen, meistens aus dem deutschen Sprachraum, aber auch Übertragungen aus dem Französischen ( Jules Clare- tie; eigentlich Arsène Arnaud Claretie, Albert Depit, Alphonse Daudet, Henri René Albert Guy de Maupassant, Jules Verne), Schwedischen (Carlén Flygare), Ungarischen (Hedwig von Benitzky-Bajza), Englischen (Boz Dickens, William Wilkie Collins) und Russischen (Dostojewski, Wladimir Fürst Meschtschersky, Wladimir Iwanowitsch Nemirowitsch-Dantschenko), selbstverständlich in deutscher Übertragung. Bereits die aufgezählten Namen weisen darauf hin, dass Hedwig von Radics-Kaltenbrunner das Ziel verfolgte, den literarischen Trendlinien der damaligen Zeit zu folgen und für ständige Aktualisierung ihres Bücherangebots sorgte. Auch unter den deutschsprachigen Autoren stehen in dieser Sektion der po- pulären Literatur allen voran die Werke der damals meist gelesenen Autoren und Autorinnen, teilweise ließ Radics-Kaltenbrunner aber auch ihre freundschaftli- chen Beziehungen spielen, und bereicherte ihren Katalog mit zahlreichen Texten aus der Feder ihrer künstlerischen Freundinnen, darunter vor allen Nataly von Eschstruth (1860–1939), der wohl bekanntesten Autorin der Wilhelminischen Ära. Eschstruth gehörte mit 22 Titeln, die alle in zwei Exemplaren vorlagen, zweifellos auch zu den meist gelesenen AutorInnen in Laibach. Radics-Kalten- brunner kannte sie persönlich, stand mit der Berlinerin in regem brieflichem Ver- kehr und rezensierte fast alle ihre Werke sowohl für die Laibacher als auch für die Wiener Blätter, wobei ihre Rezensionen ausnahmslos lobend und positiv waren. Als beispielsweise 1897 in Leipzig der humoristische Roman Eschstruths Jung gefreit herausgegeben wurde, apostrophierte Radics-Kaltenbrunner, die von sich behauptete, „ein geübtes Recensentenauge“12 zu haben, das neu erschienene Werk als „eine Bibel für junge Mädchen und Neuvermählte“ und als einen „herrlichen Roman“.13 Jedenfalls handelt es sich bei den in der Bibliothek vorhandenen Un- terhaltungsromanen von Eschstruth hauptsächlich um die Schilderung der wil- helminischen Adelsgesellschaft. Ihre Erzählungen verfolgen didaktische Ziele, 12 Es handelt sich um eine Rezension, die in der Zeitung Der Cursalon veröffentlicht wurde, Datum und Paginierung sind nicht feststellbar. Der Zeitungsausschnitt befindet sich im Privatnachlass der Familie Radics in Zagreb, Kroatien. 13 Die Rezension wurde „Jung gefreit. Humoristischer Roman von Nataly Eschstruth“ betitelt und erschien in einer unbekannten Zeitung. An dem Zeitungsausschnitt, der ebenfalls im Privatarchiv der Familie Radics in Zagreb vorliegt ist das Datum handschriftlich notiert (12. Oktober 1897). Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 147 17.11.2016 8:56:01 148 Tanja Žigon indem sie von Irrtümern einer Kindergeneration berichten, die die Leserin nicht wiederholen soll. In ihren Romanen und Novellen liegt kein emanzipatorischer Anspruch im Sinne der Aufklärung vor, vielmehr sind ihre Charaktere idealisierte Typen, die die glückliche Vereinigung der weiblichen Schönheit und männlichen Tugend verkörpern. Trotzdem ist es ihr gelungen mit ihrer Erfindungsgabe und Glätte der Darstellung das Milieu, den Umgangston der Gesellschaft und ihre Lebensformen so darzustellen, dass ihre Werke in den Jahren von 1880 bis 1930 zu der beliebtesten Lektüre in bürgerlichen Kreisen aller Altersschichten gehör- ten (Petzsch 1959: 651–652). An zweiter Stelle in Bezug auf die im Katalog angeführten Titel steht mit 21 Werken der „große Romancier Deutschlands“ Friedrich Spielhagen (1829–1911), dessen Werke von seiner Liebe zum Meer geprägt sind und des- sen Romane, welche, was die Themen und Techniken angeht, teilweise in Key- serlings-Manier geschrieben wurden und als antifeudal, radikal-demokratisch und liberal gelten. Friedrich Wilhelm Hackländer mit 20 vorhandenen Titeln verdiente sich seinen Platz in der Laibacher Leihbibliothek dadurch, dass sei- ne Werke zeitgemäße Aspekte des Lebens thematisieren, er griff als erster das Thema Industrialisierung in seinen Werken auf und ließ sich von zeitgenössi- schen Persönlichkeiten inspirieren. Ebenso war der Ägyptologe Georg Ebers vertreten (17 Titel) und weckte in Laibach mit seinen historischen Romanen und populärwissenschaftlichen Büchern das Interesse des Publikums, das sich nach fernen und unbekannten Ländern sehnte. Mit seiner Beliebtheit hat er wenigstens in der Radics-Kaltenbrunner-Bibliothek sogar den populären Karl May geschlagen, der nur mit 8 Titeln vertreten war. Ferner fehlten auf den Bücherregalen auch nicht die Werke des vielgelesenen, populären Leopold von Sacher-Masoch (16 Titel), dessen zahlreiche Romane und meist folkloristische Novellen teils als exotische, immer spannende, ja sogar als moralische Lektüre beliebt waren. Darüber hinaus sind Werke der Pazifistin und späteren Frie- dens-Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843–1914) vorhanden (12 Titel), ferner aber auch die Heimatromane von Ludwig Ganghofer (11 Titel), in denen die Geschehnisse aus der Geschichte Berchtesgadens aufgegriffen werden und die Ganghofer den Ruf des „Heile-Welt“-Schreibers eingebracht haben, was man oft als Kitsch verstand und später, beispielsweise Karl Kraus immer wieder satirisch attackierte. Im Vergleich mit anderen Autoren verfügte die Bibliothek über relativ wenige Werke der Bestsellerautorin Marlitt Eugenie (10 Titel) und nur 8 Titel der österreichischen Schriftstellerin Marie Ebner Eschenbach, die mit ihren psychologischen Erzählungen bis heute als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts gilt. Von den Werken und Autoren, die im Anhang des Katalogs vorkommen, inte- ressieren vor allem die ersten zwei Gruppen, die Anthologie deutscher Klassiker Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 148 17.11.2016 8:56:01 149Der Kulturtransfer und die Lesekultur in Laibach (Ljubljana) Ende des 19. Jahrhunderts und die Klassiker. Beginnend mit Gellert, Lessing, Herder, Wieland, Klopstock und Seume konnte die Bibliothek auch die Liebhaber gehobener Literatur bedie- nen. Vorhanden waren darüber hinaus auch noch Kleist, Jean Paul, Heine, Freitag und Goethes Sämtliche Werke. Überraschenderweise ist unter den Klassikern nur ein Schillerexemplar zu finden, und zwar Die Jungfrau von Orleans; diese Ausga- be war jedoch nur für den Schulgebrauch bestimmt. Unter den Theaterstücken sind mehrere Schiller-Werke zu finden, unter anderem Maria Stuart, Braut von Messina und die normale Ausgabe von der Jungfrau von Orleans. Allerdings war unter den dramatischen Texten am meisten Kotzebue vertreten, mit 16 Titeln, was nicht weiter überrascht, denn Kotzebue war bereits Anfang des 19. Jahrhun- derts der beliebteste und meistgespielte Autor im slowenischen Gebiet. Ferner verfügte die Bibliothek unter anderen auch über drei Werke von Grillparzer, vier von Friedrich Hebel und drei von Nestroy, der beispielsweise zur Zeit der März- revolution 1848/49 eher abgelehnt wurde. Schließlich bleibt festzuhalten, dass in den Bücherregalen der Leihbibliothek keine deutschsprachigen Autoren aus Krain zu finden sind (außer drei Werke von Peter Paul von Radics), genauso überraschend ist jedoch auch die Tatsache, dass mit keinem einzigen Titel Shakespeare (vgl. dazu Zlatnar Moe 2012: 14–25; Rubik 2012: 33–52; Pezdirc Bartol 2011: 125–135) in deutscher Übersetzung vertreten war, was vermuten lässt, das die Bestände der Laibacher Leibibliothek im Großen und Ganzen dem persönlichen Geschmack der Eigentümerin, aber auch ihren fi- nanziellen Möglichkeiten und Vernetzungen im restlichen europäischen Literatur- raum entsprachen. Trotzdem handelt es sich bei den vorhandenen und zugänglichen Werken um die Lektüre, die dem Laibacher Bürgertum, vor allem den Deutschen in der Stadt, zugänglich war und zum Kanon der damaligen Zeit gehörte. 4 FAZIT Die vorliegende Untersuchung gewährt einen segmentalen Einblick in das um- fangreiche Thema des kulturellen Transfers und der Lesekultur Ende des 19. Jahrhunderts in der Krainer Hauptstadt. Da nur die Bücherbestände aus der Leihbibliothek von Hedwig von Radics-Kaltenbrunner im Zentrum des wissen- schaftlichen Interesses stehen, stößt die Untersuchung auf eine Einschränkung: Die Mitglieder der Bibliothek waren, wie aus den bisher bekannten Quellen her- vorgeht, vor allem die Laibacher bürgerlichen Damen aus der höheren Gesell- schaft und das deutsche Bürgertum; nur vereinzelt gehörten dazu auch die slo- wenischen gebildeten Schichten und höchstwahrscheinlich nie die Adligen. Das hängt erstens damit zusammen, dass slowenische Intellektuelle im 19. Jahrhun- dert wegen einer diglossischen Situation in ihrem heimatlichen Mikrokosmos Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 149 17.11.2016 8:56:01 150 Tanja Žigon Deutsch meistens besser beherrschten als Slowenisch und gewöhnlich in Wien, an der Quelle der kulturellen Ereignisse studierten, wo sie Zugang zu den litera- rischen Werken hatten, zweitens besaßen die Adligen ihre eigenen gut bestückten Bibliotheken14 und drittens betrug noch Ende des 19. Jahrhunderts die Anal- phabetenrate – vor allem unter der einfachen bäuerlichen Bevölkerung – in den slowenischen Gebieten noch gute 15 Prozent (Prunč 2005: 32). Es bleibt festzuhalten, dass die Leihbibliothek von Radics-Kaltenbrunner, ähnlich wie das auch in anderen europäischen Städten der Fall war (Čuopek 2000: 369–370), ein zentraler Treffpunkt des Kleinbürgertums war. Damit erfüllte die Bibliothek mit ihren Beständen eine unschätzbare kulturelle und allgemeine gesellschaftliche Funktion im Laibach der damaligen Zeit und machte das Pro- vinz-Lesepublikum mit den aktuellsten literarischen Strömungen nicht nur im deutschen Raum, sondern in Europa im Allgemeinen bekannt. QUELLENVERZEICHNIS Brief an Emma Laddey vom 20. Juli 1881. In: Bayerische StaatsBibliothek, Mün- chen. Autogr. VIII A, Radics-Kaltenbrunner, Hedwig. Brief an Amélie Charlotte Lanna-Schmidt vom 28. Januar 1894. In: Österreichi- sche Nationalbibliothek, Handschriftensammlung, Nachlass Emil Lanna, Sig. 173/14-1. Katalog der Leihbibliothek der Frau Hedwig v. Radics. Laibach: Selbstverlag 1898. Literaturverzeichnis Baur, Uwe. Kaltenbrunner, Karl. Schriftsteller. Neue Deutsche Bibliographie (Bd. 11). Hg. v. der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissen- schaften. Berlin: Bayerische Akademie der Wissenschaften 1977. 73–74. 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Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 152 17.11.2016 8:56:01 153Der Kulturtransfer und die Lesekultur in Laibach (Ljubljana) Ende des 19. Jahrhunderts Mira Miladinović Zalaznik, Maria Sass und Stefan Sienerth. München: IKGS 2010. 365–380. Žigon, Tanja: „Dunajčanka v Ljubljani: medkulturno delovanje Hedwig pl. Ra- dics- Kaltenbrunner. Dve domovini, Jg. 36 (2012). 157–168. Žigon, Tanja: „Kulturelle Selbstverortung und Identitätsfrage: der Krainer Poly- histor Peter von Radics (1836–1912) zwischen zwei Sprachen und Kulturen.“ Acta neophilologica, Jg. 46, Nr. 1/2 (2013). 25–38. Tanja Žigon Universität Ljubljana, Slowenien tanja.zigon@ff.uni-j.si Kulturni transfer in bralna kultura v Ljubljani konec 19. stoletja V drugi polovici 19. stoletja se je z Dunaja v Ljubljano skupaj z družino preselila razgledana in načitana Hedwig von Radics-Kaltenbrunner, ki je leta 1886 v mestu ustanovila javno izposojevalno knjižnico. Na podlagi arhivskih virov ter ohranje- nega kataloga knjig izposojevalne knjižnice iz leta 1898 (Katalog der Leihbibliothek der Frau Hedwig von Radics) so v prispevku rekonstruirane bralne navade ljub- ljanskega meščanstva, predstavljeni so tematski sklopi, ki jih je pokrivala knjižnič- na ponudba, analizirana prisotnost posameznih avtorjev in avtoric na knjižnih policah ter s tem posredno tudi njihova recepcija na Kranjskem. Nadalje prispe- vek ponuja vpogled v procese kulturnega transferja in medkulturne povezanosti v Evropi v drugi polovici ter predvsem konec 19. stoletja ter Ljubljano umešča na evropski zemljevid bralne kulture. Key words: javna izposojevalna knjižnica, bralna kultura, kulturna in literarna zgodovina, Hedwig pl. Radics-Kaltenbrunner, Kranjska, kulturni transfer, med- kulturne povezave Cultural transfer and reading culture in Ljubljana at the end of the nineteenth century In the second half of the nineteenth century, the knowledgeable and well-read Hedwig von Radics-Kaltenbrunner moved from Vienna to Ljubljana together with her family, and she established a public lending library in Ljubljana in 1886. Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 153 17.11.2016 8:56:01 154 Tanja Žigon Based on archival sources and the preserved library catalog from 1898 (Germ. Katalog der Leihbibliothek der Frau Hedwig von Radics), this article reconstructs the reading habits of Ljubljana’s middle class, presents the thematic areas covered by the library’s holdings, analyzes the presence of individual writers on the book- shelves, and thereby indirectly analyzes their reception in Carniola. In addition, the article offers insight into the processes of cultural transfer and intercultural connections in Europe in the second half of the nineteenth century and especially at its end, positioning Ljubljana on the European map of reading culture. Key words: public lending library, reading culture, cultural and literary histo- ry, Hedwig von Radics-Kaltenbrunner, Carniola, cultural transfer, intercultural connections Acta_Neophilologica_2016_FINAL.indd 154 17.11.2016 8:56:01