Persien. Das Land und seine Bewohner. Zweiter Theil. Persien. Das Land und seine Bewohner. Ethnographische Schilderungen von Dr. Jakob Eduard Polak, ehemaligem Leibarzt des Schah von Persien und Lehrer an der medicinischen Schule zu Teheran. Zweiter Theil. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1865. Der Verfasser behält sich das Recht derUeberfetzung in fremde Sprachen vor. Inhalt des zweiten Theils. Seite I Nassereddin Schah, seine Negierung und sein Hof. Titel des Schah. Sein Vater Mehmed Schah. Seine Jugend und Erziehung. Seine Thronbesteigung. Der Großvezier Emire Nizam. Dessen Nachfolger der Sader-azam. Die Expedition nach Merw. Plünderzug des Chan von Chiwa. Die Einnahme von Bender-Abbas. Ansichten über den Besitz Herats. Plane auf Kandahar. Die Expedition nach Herat. Tod des Kronprinzen. Ermordung des Prinzen Schahzadeh Iussuf. Ernennung Kafem Chans zum Thronfolger. Ausbruch des englisch-persischen Kriegs. Die Engländer besetzen Buschir. Das Treffen bei Burazdschan. Das Bombardement von Muhammereh. Der Frieden. Tod des Kronprinzen Kasem Chan. Sturz des Sader-azam. Unglückliche Expedition nach Seraechs. Persönlichkeit und Charakter des Schah. Despotie und Gesetz. Palriarchalismus. Königliche Prärogative. Der Sonnenlöwenorden. Die Würdenträger. Gouverneure und Gouvernements. Hofbeamte und Hofdiener-schaft. Die Diplomatie. Die europäischen Gesandtschaften in Teheran. Betrachtungen über die Zulunft be« Landes. ... 1 II. Das Reisen in «nd nach Persicn. Beschaffenheit der Wege. Mangel an gebahnten Straßen. Brücken. Folgen der erschwerten Communication. Karavanserais. Verfchiedene Arten des Transports. Kurierposi. Die wichtigsten Karavanenwege. Reiserouten von Deutschland nach Persien. Gesundheitsregeln für Reisende. Sicherheit des Reifens mit der Karavane. Unsichere Gegenden. Maßregeln zum Schutz der Reisenden. Zeitweilige Unsicherheit. Raubfucht der Soldaten...........49 VI Seite III. Oeffentliche Sicherheit in den Städten. Asyle. Waarenniederlagen. Respectirung des Ziegels. Barate (Schuldscheine). Hausdiebstähle und Mittel zur Wiedererlangung des Gestohlenen. Die Sicherheitspolizei. Bestrafung der Diebe. Asyle, beschränkte und unverletzliche. Asyle für Bittsteller. Das Asylrecht der europäischen Gesandtschaften...............7? IV. Viehzucht UNd Vodcncultur. Das Nomadcnthum. Ursachen desselben. Sitten »nd Charakterzüge der Nomaden. Schafe. Ziegen. Rinder. Kamele. Esel und Maulthiere. Nomadenlager. Weideplätze. Abgaben. Das Pferd (Rassen. Gestüte. Geschlecht. Farbe. Preis. Dressur. Fütterung. Stallung. Sattelzeug. Hufbeschlag. Wartung. Krankheiten und Seuchen). Ackerbau. Künstliche Bewässerung. Dörfer. Besitzverhä'ltniffe. Grundsteuer. Methode dcs Feldbaus. Heuschrecken und Wanzen. Viehstand. Körnerfrüchte. Gemüse. Wein und Obst. Seidenraupenzucht. Oclfrüchte. Farbepflanzen. Baumwolle. Rosen. Zuckerrohr. Wälder..................90 V. Gewicht, Mast und Münze. Gewichte. Juwelen- und Me« dicinalgewicht. Längenmaße. Edle Metalle. Gold- und Silber» münzen. Scheidemünze. Abnahme des Geldes. Gepräge. Verschlechterung und Fälschung der Münzen..........157 VI. Industrie «nd Handel. Baumwolle. Wolle. Shawlfabrikation. Teppiche. Filze. Patu und Abb.i. Strümpfe. Einfuhr von Tuchen. Seidenstoffe. Färberei und Bleiche. Leder. Pelz» werk. Metalle und deren Verarbeitung. Kupfer. Eisen. Messing. Blei. Zink. Kobalt. Mangan. Schwefel. Kochfalz. Salpeter. Steinkohlen. Edelsteine. Glas. Porzellan. Fayence. Thon. Seife. Metallmosaik. Miniaturmalerei. Mißlungene Versuche zur Errichtung von Fabriken nach europäischem Muster. Handwerker. Handel. Der persische Kaufmann. Fremde Kaufleute. Handelsplätze. Hanbelswege. Zölle. Consulate . . . 165 VII. Aerzte und Heilkunde. Mangelhafte Berufsbildung der persischen Aerzte. Juden als Aerzte. Medicinische Kenntnisse der Laien. Die Praxis. Consultationen. Die Dscherah (Chirurgen). Die Dallak (Bader). Der Schikeste-bänd. Das Impfen. Gerichtliche Medicin. Augenärzte. Hebammen. Cur-schmiede. Europäische Aerzte. Der Hetim baschi ^ Leibarzt des Schah). Militärärzte. Quacksalber. Arzneikrämer. Einkommen der Aerzte. Volksmedicin. Klystiere. Auflösende Mittel VII Seite und Purganzen. Friihjahrscuren. Mineralquellen. Medicinische Theorie. Krankheitsursachen. Heilmittel. Wundercuren. Der Puls. Aderlaß. Blutegel. Schröpfen. Fontanelle und Haarseil........... .......192 VIII. Nartlltitll, Gifte uut» Gegengifte. Haschisch. Opium. Taback. Stechapfel. Bilsenkraut. Alraunwurzel. Taftwurzel. Brechnuß. Eisenhut. Bittermandelöl. Thee. Kaffee. Wein. Branntwein. Bier. Kumiß. Arsenik. Erden. Mumia'l. Vezoar 243 IX. Pflllltzcncxsudlltc. Fundorte. Gummi-Resinapflanzen (Do-reniil amiuoniaoum, I'sruin ^aldanum, ?. 28» äulcis, ?. »8«, loetiäa, ?. «n^aziknum, 1°. kui'äioa, Terebinthaceen, Sar-lokalla). Manna (^ex-enFedin, tei-- ßn^edin, «edii-odiLckt, diä.cki3ckt, Tragantgummi). Verpflanzung der persischen Umbelliferen nach Europa................277 X. Krankheiten und Epidemien. Epidemien. Allgemeiner Krank-heitscharakter. Rötheln. Rothlauf. Blattern. Masern. Schar, lach. Ncsselfucht. Furunkel und Karbunkel. Pemphigus. Krätze. Acne. Alcppoknoten. Aussatz. Syphilis. Diarrhöe. Kolik. Ruhr. Olioi^rg, adillotawi-um. Hämorrhoideu. Eingeweidewürmer. Leberleiden. Stein. Hariiruhr. Blutharnen. Kindbettfieber. Potenz. Keuchhusten.' Chronischer Lungenkatarrh. Lungentuberkulose. Herzklopfen. Krampfadern. Geisteskranke. Skrofel. Krebs. Wechselfieber. Typhus. Cholera. Augenkrankheiten. Schagugulus. Wunden...........290 XI. Alllimntislltilln. Sterblichkeit der Europäer in Persien. Akklimatisation der Landesbewohner und der Neger. Vorsichtsmaßregeln filr Reisende. Verhalten bei Krankheiten und Epidemien. Kleidung. Diät. Behandlung der Diener. Verkehr mit den Großen. Bekämpfung des Mismuths.......349 XII. Geographische Nomcnclatur..............361 Titel des Schah. Sein Vater Mehmed Schah. Seme Jugend und Erziehung. Seine Thronbesteigung. Der Großvezier Emire Nizam. Dessen Nachfolger der Sader-azam. Die Expedition nach Merw. Plünderzug des Chan von Chiwa. Die Einnahme von Bcnder-Abbas. Ansichten über den Besitz Herats. Plane auf Kandahar. Die Expedition nach Herat. Tod des Kronprinzen. Ermordung des Prinzen Schahzadeh Iussuf. Ernennung Kafem Chans zum Thronfolger. Anöbrnch des englisch-persischen Kriegs. Die Engländer besetzen Buschir. Das Treffen bei Burazdschan. DaS Bombardement von Muhammereh. Der Frieden. Tod des Kronprinzen Kasein Chan. Sturz des Sader-azam. Unglückliche Erpedition nach Seracchs. Persönlichkeit und Charakter bcs Schah. Despotie und Gesetz. Patriarchalismus. Königliche Prärogative. Der Sonnenlöwenorden. Die Würdenträger. Gouvernenre und Gouvernements. Hofbeamte und Hofdienerschaft. Die Diplomatie. Die europäischen Gesandtschaften in Teheran. Betrachtungen über die Zukunft des Landes. Der jetzt regierende Schah Nassereddin, aus dem Staunn der Kadscharen, ist der Sohn des Mehmed Schah, Enkel des Abbas Mirza, Urenkel des Feth-Ali Schah. AIs Herrscher von Persien gebühren ihm die Titel: 6okäli (König), kääsolikli (König und Beschützer), 8oliäbin8ok5ll! (König der Könige) und Polat, Perfien. li. 1 I. Nassereddin Schah, seine Regierung und sein Hof. 2 der mogulische Titel Ok5ch«.n. Letzterer kommt nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten zur Anwendung; außerdem pflegt man ihn verstorbenen Königen beizulegen, man sagt: (^ichiw^ mNAkfur oder 0KkKu,n6 luei-liuiu für Mehmed oder Feth-Ali Schah. In officiellen Actenstücken, auch in der Staatszeitung steht dem Titel Schahinschah das Wort ^MiNörst (Majestät) voraus. Angeredet aber wird der König nicht damit, sondern mit KZediek kism (Punkt, gegen den die Welt sich neigt) oder kurdan sobZe^Nw (ich will dein Opfer sein). Im weitern Verlauf der Rede meidet man möglichst die Fürwörter; wo sie aber nicht zu umgehen sind, bedient man sich des „Du". Natürlich werden nach orientalischen! Geschmack dem Titel noch eine Menge Epitheta und arabische Gebetformeln beigefügt. Um den Charakter des jetzigen Königs sowie seine innere und äußere Politik richtig zu würdigen, müssen wir erst einen Blick auf seine Erziehung, seine Antecedenzien vor der Thronbesteigung und die Ereignisse während seiner Regierung werfen. Sein Vater Mehmed Schah war ein schwacher, kränklicher Mann, der nur einmal, indem er den Großvezier Kaimekam ermorden ließ, die den Kadscharen sonst eigene Wildheit bekundete. Unfähig zu allen Regierungsgeschäften, überließ er das Regiment seinem alten Lehrer Hadschi Agassi, aus Maku am Arrarat gebürtig, einem siebzigjährigen Mula. Er erblickte in demselben ein höheres Wesen, dessen Willen er unbedingt folgen müsse; der Minister war der Murschid (der Verehrte), der Schah der Murid (der Verehrer). Hadschi Agassi, ohne alle Kenntniß vom Staatswesen, aber mit der. ganzen Schlauheit und Verschlagenheit des Priesters ausgestattet, wußte sich die Schwäche und Bigoterie des Schah trefflich zu Nutze zu machen. Unter seiner Verwaltung gerieth die Armee gänzlich in Verfall, während der königliche Schatz und die Provinzen der Plünderung seiner von ihm protegirten 3 Landsleute, der Makuer, preisgegeben waren. Die Makuer standen außer dem Gesetz, sie drangen mit Gewalt in die Haremsund kein Knabe war vor ihren Lüsten sicher. Man erzählt sich noch jetzt die haarsträubendsten Geschichten von den Orgien seines Stief-sohnes, des berüchtigten Ilchani, von dessen maßloser Verschwendung, dem Troß unbärtiger Diener und den gewaltsamen Einbrüchen in die Harems. Prinz Nassereddin, der älteste Sohn Mehmed Schahs, war ihm im Jahre 1830 von seiner Frau Maehoeh alia, Tochter des Kadscharenhäuptlings Kasem Chan, in einem Dorfe bei Tabris geboren worden. Der König liebte die Mutter des Prinzen nicht; er beargwohnte, schlimmen Einflüsterungen Gehör gebend, ihre Treue und trug sich mit dem Gedanken, seinen zweiten von ihm sehr bevorzugten Sohn Abbas Mirza zum Thronfolger zu machen. Hingegen gingen die Makuer mit dem Plane um, den obengenannten Ilchani, welcher mütterlicherseits von den Kadscharen abstammte, auf den Thron zu erheben. Man kann sich denken, daß unter diesen Umständen der erstgeborene Prinz Nassereddin in jeder Hinsicht vernachlässigt, daß weder auf seine körperliche Ausbildung noch auf seine Erziehung große Sorgfalt verwendet wurde; höchst selten durfte er in der Gegenwart (K«2ur) seines Vaters erscheinen, überall und von allen erfuhr er Zurücksetzung und Kränkungen, sein Bruder und der Ilchani hatten den Vorsitz vor ihm. Kein Wunder auch, wenn solche Behandlung den jungen Prinzen plump und unbeholfen in seinen Bewegungen, mürrisch und menschenscheu machte. Nassereddin Schah erinnert sich noch mit Bitterkeit seiner vernachlässigten Jugend. Eines Tages zeigte er den Höflingen das carikirte Bild eines struppigen, tölpelhaften Knaben mit der Aufforderung, zu errathen, wen es vorstellen solle. Keiner hatte den Muth, seine Meinung auszusprechen. Endlich sagte der Schah: „So sah ich als Knabe aus"; und als einer der Anwesenden äußerte: 4 „Was ist das für eine Rede! (In tsclio IiNrk : Unzufriedener mit Freuden begrüßt. Hinterher jedoch folgen 10 die Feindseligkeiten der Einwohner gegen die Eroberer; man tritt nicht mit offener Gewalt auf, sondern conspirirt im geheimen, indem man die Zufuhr abschneidet, den Anbau hindert, kurz den Feind auszuhungern sucht. In ähnlicher Weise sah sich bald die persische Besatzung in Merw hart bedrängt. Der Schah bestimmte zwar bedeutende Summen zum Ankauf und zur Hinsendung von Getreide; allein der größte Theil des Geldes wurde bereits in Meschhed unterschlagen, und den für den Rest angekauften Proviant fingen die Turkomanen auf, sodaß nichts in die Festung gelangte. Die Mannschaft war von Mangel aufs äußerste getrieben; trotzdem fütterten die Offiziere noch mit der wenigen übriggebliebenen Gerste ihre Luxuspferde. Da stellte sich ein Corporal Namens Hussein, aus dem Stamme der Turschis in Chorassan, ein Mann von großer Energie, aus eigener Machtvollkommenheit an die Spitze. Die Offiziere mußten ihm gehorchen, die Luxuspferde >wurden vor die Kanonen gespannt, die Köpfe der Leichen aufgeladen, damit n? nicht als Trophäen zurückblieben, und so führte er unter beständigen Kämpfen mit den Turkomanen die Besatzung glücklich in das damals befreundete Herat und von da unangefochten bis an die persische Grenze nach Meschhed. Dort angekommen, erkannte Hussein erst, welche Gefahr er durch seine verdienstliche That über sich heraufbeschworen; denn die degradirten Offiziere murrten wegen der untergeordneten Stellung, die er sie einzunehmen gezwungen hatte. Er floh nach Turschis zu seinem Stamm, wo er vor jeder Verfolgung sicher war. Doch die Rachgier der Offiziere ruhte nicht. Der Commandant von Meschhed, Abbas Kuli Chan von Urumieh, genannt Xktir (das Maulthier), welcher sich unter ihnen befand, überschickte Hussein ein königliches Patent der Straflosigkeit, in welchem ihm sogar oi«« gs««H««^ cu.r.5..„..„ ^^lv«,rn wuroe. Hu^em ging in die Falle und stellte sich in Meschhed; oon dort wurde er in II Ketten nach Teheran geführt und ins Staatsgefängniß geworfen. Der Tod erlöste ihn bald; er starb angeblich an der Cholera. Fast in dieselbe Zeit fällt ein kriegerisches Ereigniß, welches von der größten Tragweite hätte werden können, dessen glücklicher Ausgang aber den Schah in der Ueberzeugung bestärkte, daß sein Glücksstern hoch stehe (tkisli 8obkk Kulnnä 68t). Der Chan von Chiwa unternahm mit mehr denn 30000 Mann einen Raubzug gegen Meschhed. Die Stadt, deren Tempel mit den Opfergaben frommer Pilger angefüllt sind, hatte eine ganz unzulängliche Besatzung und ermangelte aller Vertheidigungsanstalten. In einer weiten Ebene vor der Stadt lagerte das Heer des Chan; er selbst ließ sich nach orientalischer Sitte auf einem isolirten Hügel fern vom Lager sein prächtiges Zelt aufschlagen. Diesen Umstand benutzte ein Chan von Chorassan; mit hundert Mann irregulärer Cavalerie ritt er in der Nacht gegen den Hügel, erreichte ihn vor beginnender Dämmerung, metzelte die wenigen sorglosen Wachen nieder, und drang in das Zelt des Chan, der sich eben zum Morgengebet anschickte. Als dieser die Gefahr erblickte, bot er alle Schätze für sein Leben, erhielt aber zur Antwort, seine Schätze seien ohnehin verfallen, es handle sich jetzt um seinen Kopf. Unter den Eingedrungenen, von denen jeder den Preis gewinnen wollte, entspann sich nun ein erbitterter Kampf, welcher zwei Menschenleben kostete, bis endlich einer das streitige Ziel erreichte. Man steckte den abgeschnittenen Kopf des Chan auf eine Pike und ritt in die Stadt zurück. Als die Chiwaner eine Stunde nachher ihren Führer ohne Kopf fanden, zogen sie sich in eiliger Flucht zurück, die ganze Expedition aufgebend. Der Kopf wurde nach Teheran gebracht. Nassereddin Schah stellte sich erzürnt, daß man das Haupt eines Herrschers entwürdigt habe; er ließ dasselbe vor dem Stadtthore feierlich beisetzen ""^ "" 12 Mausoleum darüber errichten. Der Vollstrecker dieses seltenen Coup erhielt eine unansehnliche Belohnung, doch wurde er wenigstens für seine That nicht bestraft! Eine andere glückliche Episode bildete die Einnahme von Bender Abbas. Diese Stadt war sammt dem umliegenden Bezirk vor längerer Zeit dem Imam von Mascat in Pacht gegeben worden. Jetzt verweigerte derselbe die Zahlung des Pachtschillings und machte Souveränetätsrechte geltend. Die Perser nahmen die Stadt mit Sturm, worauf der Imam gezwungen wurde, den Pacht zu erneuern und durch Beifügung einer beträchtlichen Summe in Maria-Theresienthalern den Schah zu versöhnen. In Betracht des Mangels einer Flotte sowie des ungesunden Klimas jener Gegend, in welchem persische Truppen scharenweise unterliegen, war die Erneuerung des Contracts und das Ueberlassen des Bezirks an die Araber allerdings das Zweckmäßigste, was die Regierung thun konnte. Nachstehender Brief des seit einer Neihe von Jahren in Persien lebenden schwedischen Arztes Fagergreen, eines Augenzeugen der Erstürmung von Bender Abbas, schildert die Details so anschaulich und gibt überhaupt ein so charakteristisches Bild von persischer Kriegführung, daß ich für angemessen halte, ihn vollständig mitzutheilen. „Bender Abassi, den 2. Febrnar 1855. „Seit zwei Monaten bin ich hier in dieser Hölle, diesem wie ein Krebsschaden an der Macht und den Finanzen Per-siens nagenden Orte, welchen man Bender Abassi nennt. „Die Expeditionstruppen bestanden ans beiläufig 5000 Mann aus der Provinz Schiraz, und ungefähr ebenso viel aus der Provinz Kirman, alle im höchsten Grade nndiscipli-nirt, schlecht genährt und fast die Hälfte fieberkrank. „Nach ihrer Ankunft in Bender ruhten die Truppen acht ^"gp aus. Am 9. Nabiul-avval kam man überein, die Stadt 13 anzugreifen. Die Sache war schwierig, weil erstens alle Befehlshaber aufeinander eifersüchtig waren, zweitens keiner außer mir das Terrain um die Stadt kannte, und drittens die Araber tüchtige Anstalten zur Vertheidigung getroffen hatten. Von früh morgens bis 3 Uhr nachmittags discu-tirte man über die Art des Angriffs, endlich nahm man mein Erbieten an, die Truppen ohne Verlust an Todten bis 400 Schritt vor die Stadt zu führen; und so ward das Signal zum Aufbruch gegeben. -^ „Da mir vom vorigen Jahr her der schwächste Punkt bekannt war, so führte ich die Truppen an diese gegen Norden gelegene Stelle und machte dadurch alle Befestigungen der Araber auf der östlichen Seite für sie nutzlos. Nach einem halbstündigen Marsch stand die ganze Armee 400 Schritt vor der Stadt. Die Araber thaten vier bis fünf Schüsse, ohne daß ein Mann verwundet wurde. „Sie kennen noch nicht die Kriegsweise der Perser; sie ist von dem europäischen System wie Tag von Nacht verschieden. An eine regelmäßige Belagerung mit Parallelen, Laufgräben, Anlage von Batterien, ist bei ihnen nie zu denken;' führten doch die 8000 Soldaten nicht ein Dutzend Grabscheite mit sich. In den Kriegen der Perser kann ein Zufall, eine Bagatelle die Schlacht verlieren oder gewinnen machen; ein einziger von einer Kugel getroffener Soldat kann die ganze Armee entweder in Schrecken oder in Wuth versetzen; gelingt es nur, zwei bis drei vorwärts zu bringen, so folgen die andern wie Schafe, wo Gefahr, oder wie Löwen, wo Aussicht auf Beute vorhanden ist. Weder Commando noch Gehorsam gibt es am Tage der Schlacht, jeder folgt der eigenen Eingebung. „Als die Armee an dem besagten Punkte angelangt war, der genügenden Schutz gegen die feindlichen Kugeln gewährte, begannen wir das Feuer gegen die Stadt; die vier Kanonen 14 machten viel Lärm, thaten jedoch wenig Schaden, und schon nach einer Stunde dachten die Offiziere daran, auszuruhen und sich für die Nacht zu verschanzen. Was die Kanonen nicht bewirkt hatten, das bewirkte die Geldgier. Während der Kanonade sammelte ich nämlich acht bis zehn junge Leute und versprach jedem fünf Dukaten, wenn sie sich auf eine kleine Anhöhe neben der Mauer hinwagten und sich dort behaupteten. Mit dem halben Betrage als Draufgeld in der Tasche, gingen sie, ohne meinen Befehl abzuwarten, auf den bezeichneten Punkt los; nicht Einer wurde verwundet. Hierdurch war der Impuls gegeben, denn als die andern Soldaten die zehn Leute vorwärts gehen sahen, rückten sie ebenfalls vor, und in weniger denn 10 Minuten standen über 500 Mann auf der Anhöhe, welche nur etwa 50 Leute schützen konnte. Dieser Augenblick entschied das Los des Tages; die Soldaten, hart bedrängt durch die Geschosse der Belagerten, waren genöthigt, entweder vorwärts gegen die Mauer eines Gartens zu stürmen, oder sich zurückzuziehen. Zum Glück für den Ruhm Per-siens wählten sie das erste, und die Araber, welche glaubten, daß die Perser stürmen wollten, verließen den wichtigen Posten. Hätte jedoch in diesem kritischen Moment nur ein einziger Soldat sich zur Flucht gewendet, so wären ihm unfehlbar alle andern gefolgt. „Kaum war der etwa 15 Schritt von der Mauer entfernte Garten genommen, als auch ein vollkommen anderer Geist unter den Soldaten und Offizieren sich bemerkbar machte. Die sämmtlichen Truppen rückten jetzt — nicht wie die Schafe, denn sie waren des Sieges gewiß, sondern wie die Löwen vor. Die Haubitzen des Feindes schreckten sie nicht; ohns Sturmleitern, ohne Befehl, viele ohne Waffen, erkletterten sie die Mauer von 18 Fuß Höhe und reichten sich von oben die Hände; in wenigen Minuten waren die Wälle erstürmt und die Stadtthore forcirt. Es war ein schöner Anblick; er über- 15 zeugte mich, daß der persische Soldat sehr tapfer sein könne, wenn man ihn gehörig zu benutzen und in Ekstase zu setzen versteht. „Die Araber wichen nach und nach gegen die Citadelle, an das Meer und auf die Schiffe zurück; die Perser waren Meister der Stadt und zwar mit Verlust von nur 2 Todten und 25 Verwundeten. (? ?) „Hiermit war jedoch die Affaire noch nicht zu Ende. Die persischen Soldaten fingen an sich in der Stadt zu zerstreuen, jeder ging wohin es ihm beliebte. So kamen die Mannschaften des Reza Kuli Chan zur Holländischen Citadelle am Meere, sie trafen dort die Araber mit den Vorbereitungen zur Abfahrt beschäftigt. In der Hoffnung, Beute zu machen, greifen sie die Fliehenden an, diese stürzen sich ins Wasser, viele ertrinken, andere retten sich durch Schwimmen in die Citadelle. Eine halbe Stunde nachher wollten die Soldaten von Hamadan, in der Meinung, daß kein Araber mehr in der Stadt sei, in die Citadelle einziehen. An das Meer gelangt, sahen sie viele Araber darin schwimmen. Es wurde Befehl gegeben, ein 12pfündiges Feldstück mit Haubitzen zu laden und auf die Unglücklichen zu schießen. Das Geschütz war zum Abfeuern fertig, da krachte plötzlich aus der Citadelle eine Salve, welche einen Hauptmann, einen Lieutenant, 28 Mann und 4 Pferde tödtete. Es entstand ein panischer Schrecken, denn es ergab sich, daß die Citadelle noch von Arabern besetzt, folglich der Krieg noch nicht beendet sei. „Drei Tage dauerte der Kampf um die Citadelle, endlich wurde sie mit Sturm genommen. Die darin gefangene Mannschaft ließ man größtentheils über die Klinge springen, der Prinz zahlte für jeden Kopf einen Dukaten. Das war das Ende des Krieges. „Nach der angestellten Schätzung beträgt der Verlust der 16 Araber zwischen 800 und 1000 Mann. Zwei Häuptlinge, ein Sohn des Imam von Mascat und der berüchtigte Scheich Seid, retteten sich wie durch ein Wunder, indem sie unter dichtem Kugelregen schwimmend das Schiff erreichten. Ihr Begleiter, Scheich Abdul Rahman, war nicht so glücklich, er wurde von einer Kugel getroffen und sein Leichnam, welchen das Meer auswarf, ebenfalls enthauptet. Der Beludsche Mulla Seid, Commandant der Citadelle, war bei der Erstürmung gefangen und getödtet worden. Der Verlust der Perser beläuft sich auf 50 Todte und 150 Verwundete." Zu den beiden den Schah beherrschenden Ideen, ein Mehrer des Reichs zu werden und von einem steigenden Glücksstern begleitet.zu sein, kommt noch hinzu, daß er sich in den Kopf gesetzt hat, den Kriegsruhm eines Peter des Großen, Karl XII., Nadir Schah und Napoleon, deren Geschichte er eifrig gelesen, auf sein Haupt zu sammeln. In Bezug darauf, daß er nicht persönlich die militärischen Operationen leitet, pflegt er zu sagen, diese Helden hätten selber ihre Thaten verrichten müssen, er aber brauche nur seine siegreiche Armee unter Anführung erprobter Generale auf den Kampfplatz (ma^äiws äav^ä) zu schicken. Sein Ehrgeiz ist, angestachelt durch die Traditionen seiner Vorfahren, des Najibeh-sultaneh und des Mehmed Schah, vornehmlich auf die Eroberung von Herat und Kandahar gerichtet; und auch Rußland sucht diese Eroberungsplane geflissentlich in ihm zu nähren, wohl wissend, daß jede kriegerische Diversion der Perser, so wenig Aussicht auf Erfolg sie haben mag, doch ganz Centralasien in eine Aufregung versetzt, deren letzte Wellenschläge sich bis nach Indien fortpflanzen. Daß Persien sich dadurch immer mehr schwächt und noch der geringen ihm übriggebliebenen Hülfsmittel beraubt, das kümmert Rußland wenig, denn die bundesgenossenschaftliche Hülfe Persiens ist gewiß der letzte Factor l? einer politischen Combination von feiten Nnßlands sowol wie Englands! Es gab allerdings eine Zeit, wo England Persien als Vormauer gegen Indien zu benutzen gedachte, wo es alle Mittel anwandte, um das Neich zu kräftigen und dessen Armee zu organisiren. Allein die Engländer überzeugten sich bald, daß diese kostspielige Freundschaft im Grunde doch sehr unzuverlässig und daß unter der Kadscharen-Dynastie eine wün-schenswerthe Organisation des Landes nie zu erwarten sei; daher ließen sie die Idee wieder fallen, womit natürlich auch die Zahlung von Subsioien aufhörte. Auch tonnte ihnen eine Besetzung Herats durch die Perser ziemlich gleichgültig sein, da dieselben sicher bei der ersten Gelegenheit von den Afghanen wieder verdrängt werden würden, wenn nicht, wie gesagt, die Rückwirkungen des von Persien ausgehenden Stoßes sich immer weithin auf unliebsame Weise fühlbar machten. Was die Ansicht betrifft, Herat sei der Schlüssel Indiens und die Einnahme dieser Festung durch die Perser werde den Rnssen mit Leichtigkeit den Weg dorthin bahnen, so ist der erste Theil geographisch richtig, der zweite Theil aber läßt eine Menge wichtiger Umstände außer Acht, durch welche die geographische Begünstigung vollständig illusorisch wird. Herat im Besitze der Perser könnte einer russischen In-vasions-Armee nur dann zum Stützpunkt dienen, wenn die Afghanen sowol mit der persischen Occupation wie mit der russischen Invasion einverstanden wären: zwei Voraussetzungen, welche bei dem gegenseitigen Haß der Afghanen und Perser, bei dem kriegerischen Geist und Unabhängigkeitssinn der erstern nicht denkbar sind. Wol rufen die Afghanen bei ihren innern Parteikämpfen oft die Perser zu Hülfe; doch kaum stehen diese im Lande, als sich auch die Parteien untereinander vertragen, um gemeinschaftlich den Nationalfeind heranszutreiben. Gelänge es also den Persern, Herat mit Gewalt zu behaupten, Polal, Peistcn. II. 2 18 so hätten die Russen schon deshalb alle Eingeborenen gegen sich; nnd böten umgekehrt die Afghanen der Invasionsarmee die Hände, dann wäre die persische Besatzung Herats nur den Engländern von Nutzen. Tractate mit den Orientalen gewähren nicht die mindeste Sicherheit; man muß immer darauf gefaßt sein, daß sich die Bundesgenossen plötzlich in feindliche Guerrillas verwandeln. Nun denke man an die Möglichkeit, die russische Armee würde durch Unfälle zu einem Rückzüge gezwungen. Wie wäre bei dem gänzlichen Mangel an Communicationsmitteln, bei der Gefahr, daß jeder Nachzügler ermordet, jeder Brunnen verstopft und der Proviant abgeschnitten würde, auf dessen glückliche Ausführung zu hoffen? Das unbesieglichste Hinderniß aber bilden die klimatischen Verhältnisse. Mag eine nordische Armee noch so viel Energie und Widerstandsfähigkeit mitbringen, die Soldaten müssen in dem dortigen Klima während eines dreimonatlichen Zuges erschlaffen; kaum der zehnte Mann erreichte thatkräftig den Ort der Bestimmung. Krankheiten, namentlich Fieber und Ruhr, würden schlimmer als gezogene Kanonen ihre Reihen lichten. Kurz, ich halte den Gedanken, daß eine europäische Armee zu Lande nach Indien vordringe, für eine Chimäre, welcher nur derjenige nachhängen kann, der weder die Bevölkerungszustände der dazwischenliegenden Gebiete, noch die Verderblichkeit des Klimas in Rechnung zieht. Der erste Anlaß zur Einmischung in die afghanischen Händel bot sich dem jetzigen Schah im Jahre 1854 dar. Kuhendil Chan, der Beherrscher von Kandahar, in Furcht gesetzt durch die übergreifende Macht seines Bruders, des alten Dust Mohammed Chan von Kabul, schickte einen Gesandten an den Hof von Teheran, um dort Rath und Hülfe zu erbitten. Der Schah ergriff die Gelegenheit mit Freuden; er sandte ihm 2000 Gewehre und einen jungen Kurden, Mirza Reza, behufs Ausbildung der Truppen, stellte jedoch die Bedingung, 19 daß zwei der einexercirten Regimenter nach Persien versetzt würden, womit eine Art Suzeränetät über Kandahar anerkannt worden wäre. Der Chan nahm zwar vorläufig die Bedingung an, erklärte aber später das Absenden der Zwei Regimenter für eine Unmöglichkeit, weil die Maßregel ihm unfehlbar Thron und Leben kosten würde. Uebrigens starb er kurz darauf. Sofort fiel Dust Mohammed in Kandahar ein und vereinigte das Gebiet mit seinem Reiche Kabul. Die Söhne des Kuhendil Chan und die seines andern Bruders Rahimdil Chan, auf diese Weise ihres Erbes beraubt, flüchteten sich nach Persien. In Teheran wurden sie von der Regierung bereitwillig aufgenommen und subventionirt. Einer von den Flüchtlingen, ein Sohn Rahemdil Chans, der Sardar Mir Alim Chan, ein Mann von auffallender Schönheit und guter Bildung, der geläufig englisch sprach und schrieb, auch in der englischen Literatur ziemlich bewandert war, wußte den Schah zu überreden, die Einnahme Herats sei bei der im Innern herrschenden Verwirrung ebenso leicht wie der drohend anwachsenden Macht Dust Mohammed's gegenüber nothwendig im Interesse der persischen Politik. Die Expedition wurde beschlossen nnd ein bedeutendes Armeecorps abgeschickt. Mit demselben bezwang rasch General Pascha Chan die Grenzfestung Kurian. Nicht so schnell wollte die Einnahme Herats gelingen. Man vermochte die Stadt nicht vollständig einzuschließen, und die Afghanen brachten durch nächtliche Ausfälle (8ow«d-o1iun), in denen sie Meister sind, den Belagerern empfindliche Verluste bei. Erst nach Verlauf mehrerer Monate nöthigte Krankheit, Verrath, Bestechung und innere Meuterei die Besatzung zur Capitulation. Die Festung ergab sich dem Prinzen Sultan Murad Mirza, einem Onkel des Schah, unter Bedingungen, die jedoch von diesem nicht gehalten wurden. Er brandschatzte die Stadt, sammelte unermeßliche Reichthümer und ließ eine Münze schlagen mit der 2* 20 Legende Nassereddin Schah, auf der Rückseite: „Geprägt in der besiegten Stadt N8 (Köche), an der Spitze der ^8pa8 düHoli!, stehen nebst den ^bäars unter der Oberaufsicht des königlichen Intendanten (^a2jro ckü,8), welchem der Titel ^.)'n ei uiulk (Auge des Reichs) zukommt, und werden wegen der Gefährlichkeit ihres Amts vom Schah mit besonderer Schonung behandelt; der Xak^ved^ki dü8oki hat den Schah mit Thee, Kaffee und Nargileh zu versorgen; der Issik ÄFa88i da8cki (Ceremonienmeister) führt die Gesandtschaften bei den Salams zur Audienz ein; der (^utseki da8clii (Grohfalconier); die Hekiin dü8«lü (Leibärzte); der ^Iut6rci3otiiui da,8«!ii (Dragoman); der HIel6k-68(-Il-8ol!N6ra (Hofpoet); der Va^äiek uekär (Chronist); der ^Nkkn8o!i dZ.8oIii (Hofmaler); der NilniQ ei uiemü, (Chef der Gelehrten); die sel^tir (Läufer) mit der Schellenkappe, unter ihrem Chef 8ckü,tir dk3oki; die Reitknechte mit ihrem Chef, dem Hlii-acliui'; der Hlnlii-ä^r (Großsiegelbewahrer), 8anäukMr (Garderobier) und 0da2i-iiekäär (Schatzmeister), meist in einer Person vereinigt; der 2erF6r b5^8olii (Gold- und Iuwelenarbeiter), gewöhnlich ein Armener; die ie Dicke eincr Blechtafel hat. Auf ebenem Pflaster und bei Glatteis ist jedoch das Reiten mit so beschlagenen Pferden sehr gefährlich, beinahe unmöglich. Pol«!. Pcrsicn. II. 8 114 Zur Wartung der Pferde sind Stalljuugen (mektsr) angestellt, gewöhnlich einer zu drei bis vier Pferden. Ihr Vorgesetzter ist der Stallmeister (äsokilauäkr), der das Amt hat, die Fütterung zu regeln, seinem Herrn beim Auf- und Absteigen behülflich zu sein, ihm den Bügel zu halten und die Satteldecke vor dessen Pferde herzutragen. Die Jockeys welche die Pferde beim Wettrennen reiten, erhalten die arabische Benennung seis. Das Striegeln (timär) geschieht meist nur einmal des Tags; der Striegel besteht aus zwei senkrechten, durch eine Horizontalplatte verbundenen Sägeplatten. Nach dem Striegeln wird der Körper mit einem rauhen nassen Wolllappen so lange gerieben, bis die Haare glänzend anliegen. Die Füße werden mit den Händen geknetet, der Schweif und die Mähne sorgfältig gewaschen und mit Henna gefärbt. Bon Krankheiten, denen die Pferde in Persien am häusigsten unterworfen sind, habe ich schon die Gelenkentzündungen und den Spat genannt. Letzterer ist ganz allgemein, zum Theil angeboren, .soll aber, wenn er nicht sehr entschieden auftritt, die Thiere nicht sonderlich beschweren. Gegen erstere wird mit großem Nutzen das Glüheisen angewendet, mit dem freilich auch viel Misbrauch stattfindet, indem man sofort mit dem Brennen bei der Hand ist, gleichviel an welcher Krankheit das Pferd leidet. Der Rotz (muFckmuseKeK) kommt äußerst selten vor. Die Mauke stellt sich häufig bei Luxuspferden ein, während die Arbeitsthiere meist davon verschont bleiben. Fast alle Pferdeärzte (dental, auch Quacksalber, Pfuscharzt) find Turkomanen. * Als ich im Sommer 1859 über die Hochebenen zwischen Iezdechast und Schiraz zog, hatte ich Gelegenheit eine Seuche zu beobachten, welche beinahe sämmtliche Pferde, Esel und Maulthiere jener Gegend dahinraffte, andere Thiere aber nicht befiel. Die Krankheit äußerte sich folgendermaßen. Mäh- 115 rend das Thier noch 'scheinbar gesund war und mit Appetit graste, bekam es eine ödematöse Anschwellung an der ReZia ^poFALti-iea, die sich in manchen Fällen bis zum Nabel erstreckte. Das Oedem vergrößerte sich, die Haut wurde prall und hart. Beim Einschnitt entleerte sich etwas Serum und nur wenig Blut, das schwielige Fleisch knirschte wie Knorpel unter dem Messer. Am dritten Tag stellte sich erschwertes Athmen ein und der Tod erfolgte. Andere, bei denen sich die Geschwulst am Halse entwickelte, unterlagen schon am zweiten Tage an Oeäeina ^lottitis. Die Nomaden schrieben das Entstehen der Seuche dem zu üppigen Futter zu und behaupteten, sie zeige sich in besonders fruchtbaren, grasreichen Jahren. Rasch brachen sie daher, obgleich die Gegend noch reichliches Futter gewährte, nach andern Weideplätzen auf. (^. Sodcncultur. Man pflegt in Europa den Persern dieselbe Indolenz und Trägheit zuzuschreiben, welche die orientalischen Völkerschaften im allgemeinen charakterisirt. Wer sie in der Nähe zu beobachten Gelegenheit hat, wird jedoch bald von diesem Irrthum zurückkommen und von ihrer Betriebsamkeit, ihrem Sinn für Landbau und industrielle Unternehmungen eine bessere Meinung gewinnen. Die Perser sind eins der ältesten Culturvölker, welche die Geschichte kennt, und so sehr auch Mis-regierung, Dynastienwechsel, Bürger- und Religionskriege, verheerende Invasionen und Durchzüge skythisch-tatarischer Stämme sie im Lauf der Jahrhunderte depotenzirten, so verleugneten sie doch, was die Bearbeitung des Bodens betrifft, niemals ihre uralten Gewohnheiten und Ueberlieferungen. Anführer kriegerischer Horden bemächtigten sich in raschem 8* 116 Wechsel der Herrschaft und bekämpften einander in blutigen Schlackten; die ackerbautreibende Klasse aber überlebte alle Stürme, immer wieder der Cultur des Bodens sich zuwendend. So sehen wir auch in den jetzt nicht mehr zu Iran gehörenden Ländern, in Segistan, Chiwa, Buchara, Afghanistan u. s. w., die unterjochten Ureinwohner, unter dem Namen der Tadschik Ackerbau, Gewerbe und Handel treiben. Seitens der gegenwärtigen Regierung Persiens erfreut sich der Landbau nicht der geringsten Förderung; dennoch rafft er sich stets wieder auf, sobald nur einigermaßen Ruhe und Ordnung im Reiche herrschen. Die Landwirthe machen keinen Anspruch auf Unterstützung durch Rath und That; sie sind Zufrieden, wenn die Erpressungen der Regierung nur nicht einen Grad erreichen, der ihnen die Existenz unmöglich macht. Culturfähiger Boden ist im Ueberfluß vorhanden, aber es gilt unter dem regenlosen Himmel Irans vor allen Dingen, ihm die nöthige Feuchtigkeit zuzuführen, soll er nicht zu unfruchtbarem Staube verdorren. Das Bedürfniß macht erfinderisch, und so haben die Perser von jeher ihren Scharfsinn angestrengt, um auf mannichfache Weise den Mangel an Wasserniederschlägen zu ersetzen. Als die gebräuchlichsten Anstalten zur künstlichen Bewässerung der Felder nennen wir: 1. Unterirdische Leitungen (tzwulU), 2. Zertheilen und Ableiten der Flüsse, 3. Dämme und Schleusen, 4. Brunnen. Das Aufsuchen von Quellen und die Anlage von Leitungen und Kanälen bildet ein eigenes Gewerbe, das der Mukanni (Brunnengräber). Aus der Gestaltung des Terrains wie aus gewissen Merkmalen der Vegetation schließt der Mukanni mit ziemlicher Sicherheit auf eine in der Tiefe sprudelnde Quelle. Um jedoch seine Wissenschaft mit einem mystischen Schein zu umkleiden, gibt er gewöhnlich vor, ein 117 bei Sonnenaufgang über dem Orte schwebender Nebelstreifen habe ihm das Geheimniß verrathen. An der bezeichneten Stelle wird nun ein kleines Zelt aufgespannt, das einigen Schutz vor den brennenden Sonnenstrahlen gewährt, und die Arbeiter beginnen, auf der Erde kniend, mit kurzgesticlten Spaten ein Loch von etwa 4 Fuß Durchmesser zu graben. Ist der Stollen bis zu einer gewissen Tiefe gelangt, so stellt man oben eine Winde auf, vermittels welcher in einem Schlauch von rohen Bocksfellen die ausgegrabene Erde heraufgeschafft wird. Bei der festen, steinigen Beschaffenheit des Erdreichs bedarf der Stollen in der Regel keiner Auskleidung; doch sah ich auch mit gebrannten Thoncylindern ausgekleidete Stollen, z. B. bei Chuschkek auf dem Wege nach Hamadan. Ruinen ausgemauerter Leitungen finden sich bei Ray, Sul-tanieh, Tabris und an vielen andern Orten. Allerdings kommen auch, obwol selten,, Erdstürze vor und die Arbeiter sind dann rettungslos verloren. Wegen dieser Gefährlichkeit ihrer Beschäftigung erhalten die Mukanni wesentlich höhern Lohn, als andere Tagearbeiter und Handwerker. Die Ausgrabung wird so lange fortgesetzt, mitunter zu 60 Meter Tiefe, bis man auf ein genügendes Wasserreservoir stößt. Nachdem alsdann die Zuflüsse erweitert und mit der Mutterquelle vereinigt worden, wird das Wasser durch abwechselnd horizontal und aufsteigend in die Erde getriebene Stollen in die Ebene geleitet; denn um eine Quelle an den Tag zu fördern, genügt selten ein einziger Schacht, vielmehr ist man genöthigt, in verschiedenen Distanzen mehrere Schachte zu treiben, bis die Flut das Niveau der Ebene erreicht. So zählt z. B. der Kanal von Gez unweit Ispahan bei einer Länge von nur 3 Meilen an 400 solcher Schachte. Falls die nächste Umgebung zum Anbau qualificirt erscheint, entsteht da, wo die Quelle zu Tage tritt, binnen kurzem ein Dorf; andernfalls muß der befruchtende Strom in 118 offenen Kanälen weiter geführt werden. Hierdurch steigen denn die Anlagekosten oft zu sehr bedeutender Höhe. Sie werden theils von Privatunternehmern oder Gemeinden, theils, wenn es sich um Beschaffung des Wasserbedarfs größerer Städte handelt, von der Regierung, an heiligen Stätten auch aus dem Vermögen frommer Stiftungen bestritten. Die offenenKanäle verlieren leider fortwährend an Wassermenge durch Infiltration und Verdunstung; denn ihre Ränder mit Bäumen zu bepflanzen, wäre, da die jungen Pflanzungen keinen Schutz genießen, vergebliche Mühe. Ferner nehmen sie häusig Schaden durch Wolkenbrüche und Sturzbäche, so-daß sie sich verschlemmen, verstopfen und, falls nicht rechtzeitig Abhülfe geschieht, die ganze Anlage zu Grunde geht. Es existiren zwar alte Gesetze, welche das Abgraben einer bestehenden Quelle oder Leitung streng verbieten. Allein die Mächtigen kehren sich nicht an diese weisen Vorschriften, sondern graben in der Nähe einen etwas tiefern Stollen oder entziehen gar durch directs Communication einem Kanal sein Wasser. So werden die Felder eines Dorfs plötzlich der Vegetation beraubt, die Einwohner müssen es verlassen, und Ortschaften, welche frühere Reisende auf ihren Karten verzeichneten, verschwinden spurlos, höchstens inachen noch einige Ruinen und Kapperstauden die Stelle, wo sie gestanden haben, erkennbar. Die Kanäle, wodurch einst den 500000 Einwohnern der alten Stadt Rages Wasser in hinreichender Menge zugeführt wurde, sind jetzt dermaßen zerstört, daß sie den kleinen Bedarf des auf den Trümmern von Rages stehenden Fleckens Schah-abdulazim kaum nothdürftig zu liefern vermögen. Zuweilen hat ein Unternehmer das Glück, eine Wasserleitung, die seit Jahrhunderten verschüttet lag, wieder aufzufinden und so mit verhältnißmäßig ganz geringen Kosten einen reichlich fließenden Strom zu erwerben. Als während meiner Anwesenheit zu Teheran der Schah einen verfallenen 119 Kanal restauriren ließ, überschwemmte das nnvermuchet hervorquellende Wasser einen ganzen Stadttheil. Der Wasserreichthum einer Quelle wird nach der Kraft, die zum Drehen eines Mühlsteins erforderlich ist, ähnlich wie die Leistungsfähigkeit einer Dampfmaschine nach Pferdekraft, gemessen; man sagt: eine Quelle, eine Leitung von so und so viel Mühlsteinen (8enF-6-äb). Wenn mehrere Dorfgemeinden gemeinschaftlich einen Kanal anlegen, so setzen sie durch contractliches Uebereinkommen die Dauer der abwechselnden Benutzung fest. Privateigenthümer vermiethen die Benutzung des Wassers für einen nach Stunden berechneten Preis, und es wäre sonach die Anlegung von Kanälen ein einträgliches Geschäft, wenn die Justiz dem Unternehmer — was jedoch nicht der Fall ist — wirksamen Schutz gegen gewaltthätige Verletzungen seines Aesitzrechts gewährte. Im Zertheilen und Ableiten der Flüsse leisten die Perser ebenfalls, trotz der Unvollkommenheit ihrer theoretischen Kenntnisse und der Mangelhaftigkeit aller Apparate, sehr Tüchtiges und Anerkennenswerthes. Hunderte von Dorfschaften wurden dadurch ins Leben gerufen, daß man den Lauf der Flüsse veränderte und ihren Strom in verschiedene Arme zerlegte. Glänzende Beispiele bieten die Flüsse Keretsch und Dschedsche-rud, welche mit ihren künstlichen Verzweigungen die umfangreichen Bezirke von Schahriar und Veramin bewässern, vor allen aber der Zajende-rud, dem die Ebene um Ispahan ihre blühende Cultur verdankt und der seinen Namen Zajende (der Gebärende) von der Eigenschaft hat, sein Bett, wenn es auch durch Abgrabung schon gänzlich entleert scheint, eine Strecke abwärts immer mit frischen Quellen wieder zu füllen. An Stellen, wo eine Bergschlucht in die Ebene mündet, werden starke Dämme (d^nä) aufgeworfen, um das herabströmende Schneewasser in geräumigen Bassins zu sammeln. 120 aus denen man im Frühimg und Sommer durch geöffnete Schleusen die Felder tränkt. Ein schönes Werk dieser Art ist das, welches die Gebirgswässer des Engpasses Kahrud auffängt und der Kaschan-Ebene zuführt. Durch den Ban eines ähnlichen Bassins am Engpaß bei Paskaleh ließe sich die ganze Umgegend von Teheran fruchtbar machen; allein die jetzige Regierung hat nicht den Willen, für gemeinnützige Zwecke Summen zu verausgaben, obgleich sie in der Zukunft hundertfältige Zinsen tragen würden. In frühern Jahrhunderten staute man auch durch Wehre die großen Ströme in der Ebene von Persepolis und in den westlichen Theilen des Reichs, wodurch weite Gebiete der Cultur gewonnen wurden, die jetzt vertrocknet und brach liegen. Außer den bisher genannten Bewässerungsanstalten bedient man sich noch der Schöpfbrunnen, um das für den Feldbau nöthige Wasser zu erhalten. Der Eimer wird an einem langen Strick herabgelassen; ist er gefüllt, so ziehen ihn Ochsen, welche an die Welle gespannt sind, indem sie einen vor dem Brunnen befindlichen kleinen Abhang hinabgetrieben werden, mit seiner Wasserlast herauf. Dergleichen Brunnen sah ich in den Gärten und Feldern um Ispahan und Schiraz, besonders viele in dem Flecken Zergän bei Persepolis. Uebrigens gibt es auch Gegenden in Pernen, wo der im Frühling fallende Regen den Boden zur Aufnahme der Saat hinlänglich erweicht, sooaß äeimi (Naturbau, im Gegensatz zum äbi, dem Anbau mittels künstlicher Bewässerung) getrieben werden kann. Das Getreide der Deimsaat ist natürlich schwerer und kerniger, denn keine künstliche Bewässerung vermag den Regen des Himmels vollkommen zu ersetzen. So enthält z. B. der ägyptische Weizen, ungeachtet der Bewässerung des Bodens mit dem sehr humusreichen Nil-wasser, viel weniger Kleber als der in Europa erzeugte. 121 Diese begünstigten Gegenden sind Theile von Medien, Kurdistan, Chamse und manche Bergthäler Iraks. In dem Bezirk Kaswin, berühmt wegen seiner schönen Pistaziengärten, hängt das Gedeihen der Vegetation von den Gewitterregen ab, die dort mehrmals während des Sommers herabzuströmen pflegen. Ziehen die Gewitter vorüber, ohne sich zu entladen, so tritt Dürre und Miswachs ein. Am Litorale des Kas-pischen Meers fehlt es zwar nicht an Regen und findet daher keine eigentliche Kanalisirung statt, aber man zertheilt auch dort Flüsse, um ihre Arme über die Reisfelder zuleiten. Im allgemeinen entscheidet in ganz Persien die größere oder geringere Menge Frühlingsregen, noch mehr aber der Winterschnee den Ausfall der Ernte. In Jahren, wo der Winter nicht die Berge mit Schneemasfen bedeckt, die der Sonnner schmilzt und in die Ebene herabsendet, bleiben alle Anstrengungen, dem Boden einen genügenden Ertrag abzuringen, fruchtlos. Die ackerbauende Klasse wohnt in Dörfern (äek), in Flecken und Weilern (Ka8ak6sck6, kl»8abe), anch in den Vorstädten von Ispahan, Yezd, Kaswin, Hamadan und anderer Städte. Zur Sicherheit gegen räuberische Ueberfälle, welche in frühern Zeiten allerdings nichts Seltenes waren, ist fast jedes Dorf von einer hohen, nur einen einzigen Zugang bietenden Lehmmauer umschlossen. Der leichtern Vertheidigung wegen baute man damals auch Dörfer auf eigens zu dem Zweck anfgeworfenen Erdhügeln (tappsti) *) terrassen- *) Ganz ähnlich gestaltete Tappchs, über deren Zweck und Bedeutung man aber keine zuverlässige Kunde mehr besitzt, sah ich in langen Reihen und regelmäßig ^ Meilen voneinander entfernt auf den weiten Ebenen Mcdiens, namentlich zwischen Rages, Kaswin und Hamadan. Ihr Inneres zeigt nichts als horizontale Schichten von Erde, Gips, Kohlen, Mörtel und Scherben thönerncr Kruge oder Vasen (ä8«kl»r), deren aucl, in ihrer nächsten Umgebung viele gefunden werden. Wahr- 122 förmig übereinander. Als ein Beispiel dieser Bauart hat sich der Flecken Yezdechast erhalten; Ruinen solcher Hügeldörfer findet man noch häufig. Unmittelbar um die Ringmauer des Dorfs liegen die Aecker und Gärten, an der äußern Peripherie durch eine zweite dünnere Lehmwand eingehegt. Die Häuser sind ebenfalls von gestampftem Lehm und enthalten einen nach vorn offenen Raum, der zugleich als Küche dient, und zu jeder Seite desselben ein Gemach, das Männer- und das Frauengemach. Längs der Fronte läuft eine auf abgeschälten Pappelstämmen ruhende Veranda hin, unter deren Schutz in großen, mit Thon und Kuhmist verdichteten Weidenkörben das Getreide und anderer Mundvorrath lagert. Auf den stachen Dächern wird Heu und Winterfutter in Schobern aufgehäuft. Ställe und Scheunen umgeben zu beiden Seiten die ansehnlichern Gehöfte. Unter den Bauern herrscht fast durchgängig Monogamie. Die Weiber verrichten selten Feldarbeit, sondern beschäftigen sich mehr mit der Küche und Milchwirthschaft, mit Instandhaltung und Ausbesserung der Hütte, mit Anfertigung von Filzen, Teppichen oder allerhand groben Geweben aus Wolle und Camelot. Das Getreide zum Brodbacken mahlen sie in Handmühlen. Zum Buttern bedienen sie sich nicht eines Fasses, sondern eines Schlauchs. Derselbe wird, nachdem die Sahne hineingeschüttet, wie eine Matte zwischen zwei Bäumen aufgehangen und solange geschwungen, bis die Butter sich abgesondert hat. Hinsichtlich der Besitzverhältnisse zerfällt das bebaute Land in folgende Kategorien: 1)Arbäbi; 2)Rayeti; 3) Wakf; 4) Chälesse; 5) Tujul; 6) Milkechäs. Arbäbi heißen die einem einzelnen Besitzer (ardäb) scheinlich dienten sie zu religiösen Zwecken; auch als Signalstationen mögen sie benutzt worden sein. 123 gehörigen Ländereien, auf denen sich Bauern (ra^et) unter herkömmlichen Vertragsbedingungen angesiedelt haben, um den Boden urbar zu machen und zu benutzen. In der Regel gibt der Gutsherr den Boden und das Wasser, manchmal aber auch Aussaat und Zugthiere, während der Rayet sich seine Hütte baut und zwei Drittel bis drei Viertel des Ernteertrags dem Arbab abzuliefern hat. Doch sind die Rayets nicht an die Scholle gebunden; sie dürfen jederzeit den Ort verlassen und mit einem andern vertauschen, wo sie bessere Bedingungen zu finden hoffen. Kein Besitzer, und sei er noch so mächtig, kann sie zum Bleiben zwingen, denn Freizügigkeit gilt als unantastbares Grundgesetz des persischen Staats. Es liegt in dieser Einrichtung ein sehr wohlthätiger Schutz gegen übermäßige Erpressungen und Bedrückungen. Andererseits freilich wird sie auch nicht selten Ursache, daß ganze Dörfer wieder eingehen, da neue Colonisten sich schwer entschließen, die Besitzung eines Arbab, welche wegen harter Behandlung seitens desselben von den Bauern verlassen worden, zur Ansiedelung zu wählen. Ich kam im Jahre 1852 in ein unweit Kaswin gelegenes, der Königin-Mutter gehöriges Dorf, dessen Verwalter, Prinz Ali-Kuli, die Baue.rn dermaßen bedrückt hatte, daß sie zu dem Entschluß getrieben wurden, insgesammt aus ihrer bisherigen Heimat auszuwandern. Sie hieben alle Bäume nieder, die sie gepflanzt, verbrannten das Holzwerk der Häuser, bepackten ihr Vieh mit der tragbaren Habe und waren bei meiner Ankunft eben zum Aufbruch bereit. Im letzten Augenblick bot zwar der Prinz einen Vergleich an, der ihren Entschluß rückgängig machte, das Dorf aber war auf Jahre hinaus ruinirt. Rayeti sind kleinere Parcellen, welche von den Besitzern selbst als freies Eigenthum bebaut werden. Rayet bedeutet nämlich im weitern Sinne überhaupt einen Mann, der von Feldarbeit lebt, zum Unterschied vom Käsik, Handel- und 124 Gewerbtteibenden, und vom Derwisch oder Bende-chudä, der keine bestimmte Beschäftignng hat oder im Bettel seinen Unterhalt sucht. Durch Ankauf eines größern Grundbesitzes tritt der Nayet in die Klasse der Arbäb. Unter Wakf versteht man die mittels Schenkung in den Besitz der Moscheen, ImamzadehZ und Madrasses gekommenen und von diesen Instituten verwalteten Liegenschaften. Im Laufe der Zeit war das Besitzthum der todten Hand außerordentlich angewachsen, was um so nachtheiligere Folgen hatte, als ein großer Theil der daraus fliehenden Revenue« in den Tempel zu Kerbelah, die vermeintliche Grabstätte Ali's, also auf türkisches Gebiet hinüberwanderte. Nadir-Schah sah sich endlich veranlaßt, einen Theil der Wakf-Grunostücke einzuziehen und die Sendungen nach Kerbelah abzuschaffen, wogegen den Seiden, den Nachkommen des Propheten, aus den Einnahmen von Ispahan eine jährliche Summe von 40000 Dukaten zugewiesen wurde. Seitdem vermehren sich aber die Wakfs wieder von Tag zu Tage, nicht nur durch fromme Stiftungen und Vermächtnisse, sondern auch durch Abtretungen aus weltlichen Gründen. Wenn nämlich ein Würdenträger in Ungnade zu fallen und. seine Güter confiscirt zu sehen fürchtet, so tritt er letztere schnell der Geistlichkeit ab mit dem geheimen Vorbehalt, daß eine Quote des Ertrags seiner Familie verbleibt und alljährlich von der Verwaltung ausgezahlt wird. Obgleich ein eigener Minister (ve^ir-mauKnt'Kt) über die Wakfs gesetzt ist, werden sie doch von habgierigen Priestern nach Willkür ausgebeutet, und es wäre daher im Interesse der Landescultur eine abermalige Einschränkung derselben dringend zu wünschen. Chälesse ist der Name für confiscirte Landgüter, welche die Krone durch ihre Beamten für sich bewirthschaften läßt. Von den Beamten werden aber die Rayets am schonungslosesten mishandelt; kein Wunder also, daß die Chälesse überall 125 sich in kläglich vernachlässigtem Zustande befinden und gewöhnlich nach wenigen Jahren ganz und gar verfallen. Ausnahmsweise gab die Krone den großen Güterbefitz in der Ebene Chär-Veramin, von wo die Stadt Teheran fast ihren ganzen Bedarf an Lebensmitteln bezieht, zwei Regierungsbeamten in Pacht. Die Pächter sorgten allerdings aus Eigennutz für bessere Cultur; allein sie trieben so schändlichen Wucher mit den Producten, daß die Preise der Nahrungsmittel in Teheran auf das Dreifache stiegen. Darüber entstand ein Aufruhr, bis auf Befehl des Königs das Haupt eines der beiden Pächter zum Opfer fiel. Tujul ist ebenfalls Kronland, dessen Ausnutzung aber einzelnen Personen statt des baaren Gehalts überlassen wird. Auch mir wurde freigestellt, mich auf diese Weise für meine Dienste bezahlt zu machen. Man kann sich denken, daß der Nutznießer auf Erhaltung und Verbesserung des Guts nicht im geringsten Bedacht nimmt, vielmehr sich lediglich bemüht, in kürzester Frist soviel wie möglich herauszuschlagen. Hat er dann sein Tujul gründlich ausgesogen, so klagt er der Negierung, er könne nicht mehr dabei bestehen, und es wird ihm entweder ein ueues zugewiesen oder der Gehalt fortan baar ausgezahlt. Diese verwerfliche Sitte frißt wie ein Krebsschaden an dem Mark des Landes. Milkechäs (ell.^8, eigen) werden die Privatgüter des Königs genannt. So despotisch die Regierungsform sonst ist, unterscheidet man doch streng zwischen Kronland und Privateigenthum des Schah. Ersteres geht ungetheilt an den Nachfolger auf dem Throne über, letzteres kann der König nach Belieben unter seine Kinder und Frauen verschenken oder vererben. Ein in neuester Zeit gegebenes Gesetz verbietet allen Fremden den dauernden Besitz von Grund uuo Boden im Lande und gestattet ihnen höchstens die Erwerbung zum Zweck 126 baldiger Wiederveräußerung: wie uns dünkt, eine sehr überflüssige Maßregel, da unter den bestehenden Verhältnissen der Landbesitz in Persien für Ausländer sicherlich nichts Ver-' lockendes hat. Altpersischer Ueberlieferung gemäß ist jedes Dorf in sechs gleiche Theile (6un^) getheilt, deren jeder einem andern Vesitzer gehören kann. Dies wird von Mächtigen oder von Leuten, die einen Mächtigen zum Freunde haben, als bequeme Handhabe benutzt, um ein Gut „billig" an sich zu bringen. Man kauft ein Dung und zwingt dann durch allerhand Chicanen die Eigenthümer der übrigen fünf Antheile, dieselben weit unter dem Werthe herzugeben. Die Besteuerung der Grundstücke (uMikt) kann an und für sich nicht hoch genannt werden. Die an die Negierung zu leistende Abgabe beträgt ein Fünftel des Ertrags und wird vom Besitzer erhoben, während die auf seinem Besitzthum angesiedelten Rayets von Steuern befreit sind. Rayets der andern Kategorie, d. h. solche, die ihren eigenen kleinen Acker bebauen, tragen natürlich zur Grundsteuer bei. Damit man einen Maßstab für die Beurtheilung gewinne, sei hier bemerkt, daß die gesammte Soll-Einnahme des Staats an directen und indirecten Steuern einschließlich des Ertrags aus den Krongütern sich auf etwa 7 Krur-Tuman — 3,500000 Tuman — 42,000000 Francs beläuft: eine Summe, die jedoch niemals erreicht wird, weil immer bald diese bald jene Provinz von einer Calamität heimgesucht ist, hier von Mis-wachs oder Viehseuche, dort von Kriegsbedrängniß, Truppen-durchzügen, Empörung, räuberischen Einfällen der Turko-manen u. s. w., welche das Eintreiben der vollen Steuer unmöglich machen. So vergeht kein Jahr, ohne daß nicht mehrere Gouverneure einen Steuernachlaß (t^Hüt) beantragen, und obgleich der Schah in den letzten Jahren äußerte, er werde jedem Gouverneur, der nur das Wort tNodLf aus- 127 spreche, die Hand abhauen lassen, bleibt der Regierung in der Regel doch nichts übrig, als ihre Zustimmung zu geben. Was aber das Schlimmste bei der Sache ist, der Gouverneur steckt den erlangten Tächfif ruhig ein und erzwingt gleichwol von den einzelnen leistungsfähigen Grundbesitzern die Zahlung des vollen Steuerbetrags in seinem eigenen Nutzen. Außerdem versteht es sich bei dem herrschenden System von selbst, daß die Mächtigen, in deren Händen der umfänglichste Grundbesitz ruht, sich der Steuer zu entziehen wissen, welcher Ausfall von den kleinern Eigenthümern getragen werden muß und diese weit über das normale Maß belastet. Mit den Gouverneurstellen wird von der Negierung förmlicher Handel getrieben. Von vornherein hat der Ernannte' eine Summe von beiläufig 40000 Tuman — 480000 Francs an die Privatkasse des Schah zu erlegen und einen gleichen, wenn nicht noch höhern Betrag zu Geschenken an die Königin-Mutter, die Minister, Staatssecretäre, Kammerherren (pisob-olisümst) u. s. w. zu verwenden. Immense Kosten verursacht die Anschaffung von Pferden, Zelten, Teppichen und was sonst zur Entfaltung des nöthigen Pomps für nothwendig erachtet wird. Das Geld dazu borgt er sich gegen hohe Zinsen, zwischen 18 — 40 Procent. Da nun seine Bestallung immer nur auf ein Jahr lautet, von Neujahr (21. März) bis zum nächsten Neujahr, so trachtet er danach, gleich im ersten Jahre nicht nur alle die ausgelegten Summen wieder einzubringen, sondern auch sich ein Vermögen zu machen, zumal er nicht sicher ist, daß die Regierung nach Ablauf seiner Verwaltungszeit ihn mit Recht oder Unrecht zur Rechenschaft zieht und. er seine Straflosigkeit wiederum durch bedeutende Summen erkaufen muß. Aus diesem Grunde ziehen es die Steuerpflichtigen vor, wenn der schlechteste Gouverneur längere Zeit im Amte bleibt, als wenn ihn rasch ein besserer ablöst, denn jener ist, wie man sich ausdrückt, wenigstens „satt". Welch 128 ungeheuere Summen die Gouverneure erpressen, mag man daraus abnehmen, daß zwei Onkel des Schah, Issä Chan und Amir Aslan Chan, während mehrjähriger Verwaltung ihrer Stellen trotz des großen Aufwandes jeder beinahe eine Million Tuman auf die Seite gebracht haben sollen. Der Schah weiß das sehr wohl, glaubt aber es nicht ändern zn können. Er gab in meiner Gegenwart dem Nachfolger Issä Chans bei seinem Abgänge nach der Provinz Chamse folgende Instruction: „Mein Onkel hat die Provinz ziemlich hart mitgenommen; sieh zu, daß die Leute leben können, denn sie sind arm und geduldig (l'nkii- ü,äsm est)." Dennoch ward kurze Zeit darauf demselben Issä Chan das Gouvernement einer andern Provinz anvertraut, und das in der ofsiciellen Zeitung abgedruckte Diplom lautete: „In Betracht, daß Issä Chan durch gute Behandlung der Rayets (i-a^et-poi-osti) und durch Pflege der Landescultur sich besonders ausgezeichnet, ernennen wir ihn zum Gouverneur von Ispahan, damit er in gewohnter Weise das Wohl dieser Provinz fördere ..." Mittels der unter dem jetzigen Schah ins Leben getretenen Einrichtung, wonach dem Gouverneur ein aä 1atn8 (Vezir) beigegeben wird, wollte man der Willkür der Gouverneure, cine Schranke setzen. Leider ist aber das Uebel dadurch nur verschlimmert worden. In der Verwaltung macht sich seitdem ein hemmender Zwiespalt der Regicrungsorgane bemerkbar, während beide in dem Bestreben, das Land soviel als möglich auszubeuten, vollkommen miteinander einverstanden sind. Man muß sich in ocr That wundern, daß die gequälten Bewohner nicht öfter gegen die furchtbare Mis-regierung der Gouverneure in offene Empörung ausbrechen. Solange ich mich im Lande aufhielt, geschah dies nur zweimal in Gilan und einmal in Tabris (Azerbcidschan). In letzterer Provinz hat der Gouverneur stets einen schweren Stand, weil hier vor länger als einem halben Jahrhundert 129 durch Abdas Mirza eine feste Norm für die Besteuerung eingeführt wurde, welche die Einwohner heute noch als ihr gutes Recht mit Entschlossenheit vertheidigen. Auf die verschiedenen Provinzen vertheilen sich die Steuern durchaus nicht in der richtigen Proportion; denn bei den meisten Einschätzungen blieb außer Acht, daß die Verhältnisse sich im Lauft der Zeit wesentlich geändert haben. So rührt z. B. die Einschätzung der Bezirke Ispahan und Schiraz mit je 400000 Tuman noch von jener Zeit her, als Ispahan die Haupt- und Residenzstadt des Reichs war, folglich alle land-wirthschaftlichen Prooncte weit höher verwerthet werden konnten als seit Verlegnng der Hauptstadt nach Teheran. Ferner sind ehemals reiche Provinzen, wie Meschhed und Asträbäd, durch Ranbzüge der Turkomanen dermaßen verwüstet und ' verarmt, daß die Steuererträge nicht einmal zur Verpflegung der dort stationirten Truppen hinreichen. Ebenso vermögen die Provinzen Azerbeidschan, Masanderan, Hamadan dcn Unterhalt für die Truppcncontigente, welche sie jährlich zu stellen haben, nicht ganz aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Andere endlich, z. B. Kurdistan, besteuert die Regierung aus Furcht vor Aufständen der turbulenten Bevölkerung verhä'lt-nißmähig zu gering. Es sind somit einige wenige Provinzen, auf denen die ganzc Wucht der den Staatsbedarf deckenden Steuerlast mit erdrückender Schwere ruht. Die Einsammlung der Grundstener geschieht durch den Dorfschulzen (kittokuäü), welcher dieBeträge an herumreisende Gouvernementscommissare (lnullü3i1) abliefert. Zu Klagen wegen Ueberbürdnng steht dem Landmann kaum irgendein Weg offen. Eine Beschwerde beim Gonverneur, mit dessen Wissen und Willen die Ausplünderung erfolgt, würde natürlich völlig fruchtlos sein. Macht er sich auf den Weg nach der Hauptstadt, um beim Schah, dem Vorn der Gerechtigkeit (näÄst meä^r), sein Recht zu suchen, so ist er in Gefahr, Polil, Persien. II, Ä 130 unterwegs von den Spionen des Gouverneurs aufgegriffen und für seine Verwegenheit gezüchtigt zu werden. Falls er aber glücklich die Hauptstadt erreicht, wie soll er dein Schah seine Klage vorbringen, da kein Unbekannter demselben auf Schußweite sich nahen darf und jeder, der etwa aus der Ferne durch Schwingen einer Bittschrift Ori-ek) dchen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken sucht, von der höfischen Umgebung als ein Wahnwitziger (äi^lwek) bezeichnet und sofort den Augen des Herrschers entzogen wird! Die einzig mögliche Aussicht auf Erfolg bietet das Asyl bei einer einflußreichen Person. Außer der ungerechten Besteuerung hat die ackerbautreibende Klasse noch eine Menge anderer Plackereien zu erdulden. Von den Schädigungen, welche sich durchmarschirende Truppen an Häusern, Bäumen, Vieh und Feldern der Dorfbewohner' ungescheut erlauben, ist schon die Rede gewesen. Ich erwähne hier noch, als einer besonders drückenden Last für das Land, die Reisen des Schah und der Regierungsbeamten. In jedem Dorf, das der Schah auf seinem Wege berührt, müssen ihm Geschenke überreicht und Lebensmittel für sein ganzes Gefola/ ohne Entgelt geliefert werden. Wohlhabende Gemeinden senden daher Geschenke an die Kammerherren, damit diese dnrch allerhand Vorspiegelungen den Schah zur Wahl einer andern Route bestimmen. Es gelingt ihnen in der Regel, und der Zug geht dann gerade durch die ärmern Bezirke, welche die Mittel zur Bestechung der Höflinge nicht aufbringen konnten. Wenn ein Regierungsbeamter reist, so läßt er sich eine Marsch-und Verpflegungskarte (tajiks) ausstellen, auf deren Vorzeigung die Dorfgemeinden gehalten sind, ihn und seine Leute mit allen Reisebedürfnissen (8ur85t) zu versehen. Oft begnügt er sich aber nicht mit den nöthigen Lebensmitteln und dem Futter für die Reit- und Last'thiere, sondern verlangt auch obendrein Zucker, Thee, Stearinkerzen, kurz Dinge, welche 131 die armen Bauern kaum dem Namen nach kennen und wofür sie sich mit baarem Gelde abfinden müssen. Der Reinertrag eines Guts wird bei der Verpachtung oder beim Verkauf durchschnittlich auf 12 —15 Procent berechnet. Getreidearten geben zwischen 10 und 15 Körner; nicht minder reichlich ist die Erme an Obst und Gemüsen. Die Methode des Feldbaus ist im ganzen ziemlich einfach. Man leitet so viel Wasser auf den Acker, bis es etwa ll Zoll hoch darüber steht. In zwei bis drei Tagen hat der Boden die ganze Quantität eingesaugt und nun beginnt die Bearbeitung desselben entweder mit dem Pflug (8oknok'in) oder mit dem Spaten (dil). Der persische Pflug besteht aus einem Balken ohne Räder, der vorn an das Joch eines Ochsengespanns befestigt wird und an dessen hinterm Ende sich ein gekrümmtes Eisen befindet. Mit einem so unvollkommenen Werkzeug, gezogen von meist abgemagertem, kraftlosem Vieh, kann selbstverständlich nur ein Aufkratzen des Erdreichs, kein eigentliches Umackern bewirkt werden. Für Gemüse- und Melonenfelder, überhaupt für Grundstücke, die eine sorgfältigere Cultur erfordern, zieht man daher die Bearbeitung mit dem Spaten vor. Berühmt wegen ihrer geschickten Handhabung des Spatens sind die Ispahaner und noch mehr die Gebern von Z)ezd, welche fast überall die Gartenarbeit verrichten. Nach dem Aufackern führt man die Egge über das Feld und endlich eine schwere steinerne Walze zum Zermalmen und Ebenen der Schollen. Hierauf wird der Acker in kleine viereckige Beete mit erhabenen Kämmen und dazwischenliegenden Furchen abgetheilt, damit das Wasser jeden Punkt berühre, ohne doch den Humus abzuspülen. Der Reihe nach werden die Kämme auf der einen Seite geöffnet und nach der Tränkung wieder geschlossen, bis das ganze Feld bewässert ist. Zum Aufwerfen der Kämme bedient man sich eines schaufelartigen Werkzeugs, das zwei Männe.r an Stricken 9* 133 bin- und herziehen. In Niebubr's „Arabien", S. l58, Taf. XV. II., befindet sich eine Abbildung dieses sehr praktischen Apparats. Im allgemeinen werden die Felder nicht mebr als einmal des Jahres bebant und bleiben, weil in den meisten Gegenden die zu beschaffende Wassermenge für das cnltivirte Land nicht hinreicht, das nächste Jahr brach (^.jir) liegen. Nur in der Umgebung größerer Städte und in den Bezirken Ispahan und Pezd ist die Anwendung des Düngers (lcut) zum Befruchten der Gärten und Felder in Gebrauch. Dort zieht man nach der ersten Ernte noch Melonen, Gnrken und Rüben. Man unterscheidet demgemäs; Winterfrucht (8cli.iwi) uud Sommerfrüchte (8eiti). In der Stadt Ispahan bildet sogar die Dttngerfabrikation einen nicht unbedeutenden Industriezweig; es werden nach verschiedenen Recepten thierische Abfälle, faule Blätter, Sand, Gips, Kalk, Asche u. s. w. man-nichfach gemischt, geformt und nach erfahrungsmäßigcn Grnnd-sätzen diese oder jene Aecker und Saaten damit gedüngt. Auch Thürme zur Aufhäufung von Taubenmist, deren Construction Chardin in seinem Reisewerk geschildert hat, sind daselbst von der Gemeinde angelegt; der gewonnene Guano wird gleichmäßig unter die Bürger vertheilt, doch bleibt es dem einzelnen unbenommen, für sich allein ebenfalls einen Tauben-Wurm zu bauen. Der Schnitt und das Vinheimsen der Frucht erheischt in Pernen nicht solche Eile wie in europäischen Ländern. Anhaltend trockenen Wetters um die Erntezeit sicher, kann der Landwirth diesem Geschäft mit aller Muße nachgehen. Die Zeit der Ernte variirt sowol zwischen weit voneinander .entfernten Provinzen — in Arabistan bereits im März beginnend, nimmt sie in Kaschan erst im Juni, nnd in der Umgegend von Teheran im Inli ihren Anfang —, als auch ebenso sehr zwischen nahen, aber auf verschiedener Höhenschicht 133 liegenden Orten, Man schneidet das Getreide mü Sicheln (äks), die fast bis zur Spitze gerade verlaufen, wegeu der kurzen Krümmung also weniger Halme auf einmal fassen können als die von unsern Schnittern geschwungene Sichel. Ausgenommen einige Gegenden im Norden, wo plumpe Karren mit zwei Holzscheiben statt der Räder gebräuchlich sind, werden die getrockneten Garben auf den Rücken der Esel geladen und auf einem bestimmte« Puukte unter freiem Himmel zusammengehäuft. Gleich danebeu improvisirt man durch Ebenen und Feststampfen des Erdbodens die Tenne. Das Dreschinstrument (ä^lin-clscllii-) hat die Form eines Schlittens, au dessen beiden Knfen sich vier bis fünf bewegliche Achsen mit festgenieteten eisernen Scheiben befinden. Es wird von Ochsen im Kreise herumgezogen, bis alles Stroh in kleine Stückchen zerschnitten ist. ächteres füllt man in Netzo, in denen es auf Lastthieren zur Aufbewahruug in die Scheunen getragen wird. (Veim Transport vom Felde nach dem Gehöft bestreut sich der gauze Weg mit Strohtheilchen, weshalb die Milchstraße im Persischen und Arabischen die „Strohstraße" heißt.) Die zurückbleibenden Körner werden geweht und gesiebt. Den zum Durchwehen oft mangelnden Wind glaubt der Bauer durch Schütteln gewisser Steine erzeugen zu können, wie überhaupt unter den Landleuten viel abergläubische Vorstellungen im Schwange sind. Kleinere Quantitäten werden, wie oben beschrieben, iu Körben uuter der Verauda der Bauerhäuser aufbewahrt; große Horräthe kommen in die Zlmbärs, etwa ^ Meter tiefe mit einem konischen Thurm überbaute Grubeu, welche in der Weise gefüllt werdeu, daß immer eine Lage Stroh und eine Lagc Getreide miteinander abwechseln. Kuhfladen, vor den Eingang gelegt, sollen die Insekten abhalten, doch zeigt fich trotzdem immer ein erheblicher Verlust durch Insektenfraß. In zahlreichen Ambärs speichert die Regierung das Getreide der 134 Krongüter und die von den Gouverneuren eingehenden Sendungen auf, um es in TheuerunaZjahren zu hohen Preisen an das Volk zu verkaufen. Von den Turkomanen wurde mir erzählt, daß sie die geraubten Garben mit den Halmen nach unten in Brunnen versenken, dann Erde darüberschütten und feststampfen, damit der Vorrath nicht durch andere aufgefunden werde. Das Getreide soll in diesen Silos viele Jahre unversehrt bleiben. Aeußerst mühsam ringen die Gebirgsbewohner (kukigtäui) dem Boden eine kärgliche Ernte ab. So sah ich bei dem Bergdorfe Ask jedes kleine Fleckchen Erde, an den steilen Felswänden terrassenförmig aufsteigend, mit Getreide bebaut und joden Baum durch Umzäunung gegen Schneelavinen (bakinun) geschützt, während am Fuß des Gebirges in den fruchtbaren Ebenen Masanoeräns der Boden nur des fast mühelosen Anbaus harrt, um reichen Ertrag zu gewähren. Aber die Söhne des Gebirges lieben ihre rauhe Heimat, wo sie die Gemse und den Steinbock jagen und der despotischen Regierung gegenüber ihre Unabhängigkeit behaupten können. Die gefährlichsten Feinde der Saaten sind die Heuschrecken, deren man zwei Arten unterscheidet: die kleine, welche ihre Verwandlung im Lande selbst durchmacht, und die große, welche vom Meere herkommt. Letztere verheert namentlich die südlichen Provinzen (ZermeZii-). Zum Glück werden viele Heuschrecken von einem Vogel aus dem Geschlecht der Staare, dem ßturäus purpui-sus (mur^sär) getödtet. Nach einem unter den Persern allgemein verbreiteten Aberglauben lockt das Wasser von einer Imamzade bei Meschhed die Murgsars herbei, wogegen die Armener dem Wasser vom Kloster Udsch-miazm die gleiche Kraft zuschreiben. (Niebuhr, „Arabien", S. 174). Fast ebenso gefürchtet wie die Heuschrecken ist eine Wanze, (Frapko20ink 1in6aw (sin). Welche die grünen Körner verzehrt und manches Jahr so massenhaft 135 auftritt, daß in weitem Umkreise die gesammte Frucht ihrer Gefräßigkeit zur Beute wird. Vorzugsweise ist die Ebene Verämin, die Kornkammer der Hauptstadt, von dieser Plage heimgesucht. Daher hat sich die Meinung festgesetzt, das Insekt verbringe seine, wie man beobachtet haben will, sechs Jahre dauernde Entwickelungsperiode unter der Erde eines in jener Gegend befindlichen Hügels, von wo es in regelmäßigem Turnus alle sieben Jahre legionenweis hervorbreche. Trotz häufig angestellter Nachgrabungen und Umwühluugen des Hügels fand indeß die Annahme bisjetzt keine Bestätigung. v. Landwirthschaftliche produrte. Im Vergleich zur Viehzucht der Nomaden ist die der seßhaften Bevölkerung unerheblich, was sich schon daraus erklärt, daß der Dünger, ein in andern Ländern so werthvolles Nutzungsobject, in der persischen Landwirthschaft keine Verwendung findet. Einige Schafe und Ziegen, einige Pferde, Maulthiere und Esel und ein paar verkümmerte magere Ochsen machen den ganzen Viehstand aus, der meist den nothwendigen Haus- und Localbedarf nicht übersteigt. Im Sommer suchen sich die Thiere auf den Brach- und Stoppel-, auch auf den grünen Saatfeldern ihre Nahrung; zur Stallfütterung dient fast ausschließlich Strohhäcksel. Die wenigen Futterkräuter, welche angebaut und theils grün, theils getrocknet verfüttert werden, sind: Kopfklee Ooliadäar), der aber nur in den kühlern Gebirgsregionen fortkommt; eine Abart desselben, genannt lielt-wcliin (der siebenmal gemähte, weil er bei guter Bewässerung im Laufe des Jahres einen siebenmaligen Schnitt liefern soll); Luzerner-klee, ^leäicaF« (Miäsolie); Esparsette, Onodr^olus (is-peris); Karagrut, eine Wickenart, deren Kraut, von den Schafen gern gefressen, auch während nicht zu strenger Winter 1 einzelne Stöcke befiel, erreichte keine größere Ausdehnung und erlosch spontan. Die Ausfuhr von Rosinen und Korinthen nach Indien und Rußland ist sehr bedeutend und noch immer im Zunehmen begriffen; infolge dessen stieg der Preis in den letzten Jahren auf mehr als das Doppelte. Aus den schlechten Qualitäten destillirt man ein stark berauschendes Getränk. Wein darf, weil das mohammedanische Gesetz dessen Genuß verbietet, nur von Juden und Armenern gekeltert werden, und auch diese sind dabei vielen lästigen Restrittionen unterworfen. Nicht selten werden ihnen die Gefäße zertrümmert und hohe Geldstrafen auferlegt. Die Bereitungsart ist eine sehr unvollkommene. Man zerstampft die Trauben in kleinen Bassins mit den Füßen, füllt den herausfließenden Saft nebst einem Theil des Marks in irdene Kruge und stellt diese offen an einen kühlen duukeln Ort. Hat die Gärung begonnen, so deckt man die Kruge zu. Gegen Mitte April hält man den Wein für hinreichend geklärt und zieht ihn auf 143 Flaschen. Dem mangelhaften Verfahren ist es zuzuschreiben, daß er leicht umschlägt, namentlich auf dem Transport trübe und kahnig wird. Es gehen daher nur geringe Quantitäten außer Landes, während bei rationellem Kelternngsbetrieb der Wein eine sehr ergiebige Einnahmequelle für Persien sein könnte. Durchschnittlich haben die persischen Weine wenig Bouquet, aber übermäßigen Alkoholgehalt. Zu den bekanntesten Sorten gehören: der braunrothe aus dem Thale Challer bei Ispahan, dessen Reben der Sage nach von den: fabelhaften König Dschemschid gepflanzt wurden; verschiedene Gattungen aus der Umgegend von Ispahan; und die aus Ha-madan, welche im Geschmack den europäischen Weinen am nächsten kommen. Branntwein wird ebenfalls meist aus Trauben und Rosinen destillirt. Da man jedoch nicht versteht, ihn vom Fusel zu befreien, hat er einen äußerst unangenehmen Geschmack. Von vorzüglicher Qualität dagegen ist der Essig; die in denselben eingelegten Früchte und Gemüi'e finden deshalb sehr guten Absatz nach Rußland. Vor allen geschätzt sind die Essigconserven von Hamadan und Schiraz. Nächst der Cultur des Weinstocks betreibt der Perser am ausgedehntesten die der Melonen, der Zucker- wie der Wassermelonen. Wie der Orientale alle genießbaren Cucur-bitaceen leidenschaftlich gern ißt, steht ihm unter diesen wiederum die Meloue oben an. Schon die Kinder Israels klagten in der Wüste: „Wir denken an die Zwiebeln und Melonen." — In den städtischen Preistarifen der Lebensmittel folgt gleich hinter Brot, Reis, Fleisch, Käse, Butter und Eis der Marktpreis für Melonen. Die erste Depesche, welche der jetzt regierende Schah durch den neu errichteten Telegraphen nach dem Lustschloß Sultameh empfing, enthielt die Meldung, bei Kaschan seien die Zuckermelonen bereits reif, und er war darüber so entzückt, daß er den Absender 144 Prinz Ali Kuli telegraphisch zum Minister der Wissenschaften ( vo2ir - 6 - alum) ernannte! Genug, kein Perser, vom König bis zum Bettler, kann begreifen, wie man in einem Lande leben könne, wo es keine Melonen gibt, und noch weniger, wie es möglich sei, Melonen mit Zncker bestreut zu genießen. Die Melonenfrncht zeigt eine erstaunliche Menge von Varietäten; denn kaum irgendein anderes Gewächs modificirt so leicht Gestalt, Größe, Farbe und Zeichnung der Rinde, Aroma, Geschmack und Dauerbarkeit je nach dem Boden oder Klima, der Düngung oder sonstigen Pflege. Zwei Nachbardörfer von anscheinend ganz gleicher Lage erzeugen oft schon völlig verschiedenartige Producte. Einige Sorten werden, ob-wol reif, erst durch längeres Liegen genießbar, lassen sich aber, wenn sie gehörig vor Druck und Kälte geschützt sind, bis in den April hinein aufbewahren. Auf das Wachsthum der Melone hat der Smnumwiud (dli6o-8ainnn», auch bääe-Zsrm) sehr nachtheiligen Einfluß. Er versengt die Blätter und trocknet die Pflanze aus; selbst diejenigen Früchte, die ihm widerstehen, verlieren durch seinen glühenden Hauch an Danerbarkeit, sodaß sie trotz sorgfältigster Anfbewahnmg schnell verderben. Berühmt sind die Zuckermelonen von Ispahan, wo man ihrer Pflege besondere Aufmerksamkeit widmet. Der Boden wird fleißig bestellt und mit Guauo aus deu Taubenhänsern, welcher erfahrnngsgemäß der Melone am zuträglichsten ist, gedüngt; bei Anlage der Furchen und Kämme wird genau darauf geachtet, daß nur die Wurzeln vom Wasser bespült werden. Um die feinsten Früchte zn erzielen, läßt man nicht mehr als zwei bis drei Stück an einer Staude reifen. Nachdem sie etwa zur Faustgröße erwachse« sind, bestreut man sie zum Schutz vor Insekten und Sonnenbrand sowie vor verfrühter Zeitigung mit lockerm Sande nnd wendet sie immer nach «in paar Tagen wieder um, bis sie, im September und 145 October, zur vollen Reife gelangen. Zuletzt wird die Rinde so dünn und zart, daß die geringste Erschütterung, besonders zur Zeit des Sonnenaufgangs, sie zum Platzen bringt; es werden dann eigene Wächter angestellt, die das Vorbeitraben von Pferden verhüten müssen. Die so gepflegten Melonen erreichen ein Gewicht von 6 — 10 Pfund. Gute Zuckermelonen, doch mit festerm Fleisch und von etwas salzigem Geschmack, wachsen auch im Salzboden der Vorwüste um Kaschan und Kum. Ueberhaupt liebt die Zuckermelone einen salzigen Boden, während die Wassermelone nicht darauf gedeiht. Frühreife Sorten sind: die Fsrinek, d. h. die laue, sie braucht weniger Wärme und reift schon anfangs Juni, ihr weiches, fades Fleisch übt eine purgirende Wirkung; die talsbi reift im Juli, sie ist tief eingekerbt und gleicht am meisten der europäischen Melone; die äestbu^, braunmarmorirt und nur von der Größe einer Orange, ist ungenießbar, aber wegen ihres Wohlgeruchs zur Parfumirung der Hände beliebt. Die Wurzel der Zuckermelone dient in der persischen Pharmakopöe als Brechmittel. Aus den Kernen wird Brennöl gepreßt; mit gerösteten Kernen reiben die Weiber des Harems zum Zeitvertreib ihre Zähne. Den süßen Saft kocht man an manchen Orten zu Sirupdicke ein, um ihn als Melasse zu gebrauchen. Häufiger Genuß der Frucht erhitzt das Blut, regt das Urogemtalsystem auf und ruft veraltete Schleimflüsse wieder hervor; sie ist überhaupt schwer verdaulich, namentlich für Dvspeptiker, weshalb sie leicht Wechselfieber erzeugt oder Rückfälle veranlaßt. Europäer sollten in den ersten Jahren ihres Aufenthalts im Lande sehr vorsichtig mit dem Genuß derselben sein, womöglich sie ganz meiden. Meine Erfahrungen lehrten mich ihre absolute Schädlichkeit für europäische Ankömmlinge unzweifelhaft erkennen. Wassermelonen (Kinäe^vüns, der Name deutet auf indischen Ursprung) werden entweder ebenfalls durch künstliche Polal, Persien. II. 10 146 Bewässerung cultivirt, oder man überläßt sie, was an Bergabhängen häufig geschieht, der natürlichen Ernährung aus Wurzel und Blättern. Die auf letztere Weise gezogenen bleiben zwar klein, zeichnen sich aber durch liebliches Aroma und Süßigkeit aus. Von den Chiwanern und Turkomanen wurde mir erzählt, daß sie einen jungen Stamm von ^straFalus traFakautka abschneiden, dessen Wurzel, die bekanntlich viel Feuchtigkeit an sich zieht, spalten, den Samen der Wassermelone hineinlegen und dadurch große und süße Früchte erzeugen sollen. So erstaunliche Massen Melone, oft 10 — 15 Pfund auf einmal, der Perser vertragen kann, hütet er sich doch streng, unmittelbar nach eingenommener Mahlzeit Wassermelone zu essen, denn nach seiner Ueberzeugung wäre dies ein Diät-fehler, der unausbleiblich schwere Erkrankung nach sich ziehen müßte. Nüchtern oder doch mit nicht vollem Magen genossen, wirkt die Wassermelone gelind abführend und urintreibend; ihr Saft wird von den dortigen Aerzten wie bei uns die Mineralbrunnen zum Curgebrauch verordnet. Was sie aber dem Orientalen überaus werth macht, das ist ihre kühlende, durststillende Eigenschaft. Mandeln (däääm) werden, obgleich es auch einige wildwachsende Arten gibt, als gut lohnender Ausfuhrartikel häufig und sorgsam gepflegt. Die von Tabris mit dünner bröcklicher Schale haben den feinsten Geschmack; die größten Quantitäten liefern Ispahan und Schiraz. Aprikosen (-erä-Z.Iu) gedeihen in reicher Fülle.und vorzüglicher Güte. Eine Sorte mit festem Fleisch wird an der Sonne getrocknet und unter dem Namen Fa^ggi viel nach Rußland verschickt. Sie wächst im Bezirk Demavend, der in guten Jahren allein 40000 Dukaten aus dem Verkauf von Aprikosen löst. So-wol die Mandel- wie die Aprikosenbäume find während der Blüte äußerst empfindlich gegen Nachtfröste, daher sie in 147 höhern Lagen, wo sich die Blüte später entwickelt, besser fortkommen als in der Ebene. Die bedrohlichste Zeit haben sie in den 13 Tagen nach dem Neujahrfeste zu bestehen, vom 21. März bis 4. April. Pfirsichen (Kulu) übertreffen an Wohlgeschmack die in jedem andern Lande erzeugten; noch immer macht also die?6i-8ioa ihrem Vaterlande Ehre. Um Ispahan und Schiraz trägt am reichlichsten eine frühreifende Art, soiieiil genannt, sehr aromatisch, aber nur von der Größe einer Wallnuß, um Tabris dagegen eine erst spät im Herbst zur Reife kommende, die sich bis tief in den Winter hinein conservirl. Quitten (dek) von Ispahan sind wegen der duftigen Zartheit des Fleisches und wegen ihrer Größe — sie erreichen ein Gewicht von 1V« Pfd. ^ im ganzen Orient als die vorzüglichsten anerkannt. Den Quittenbaum benutzt man auch, um Aepfel und Birnen darauf zu pfropfen, wodurch besonders gute Früchte erzielt werden sollen. Pistazien (pistsk) ziehm ausschließlich die Bewohner von Kaswin und Damgan, und zwar in unübertrefflicher Qualität. Um so mehr ist zu bedauern, daß ihre Cultur sich nicht weiter verbreitet. Da die verwandte kistaoia 1enti8ou8 und mutioa in vielen Gegenden des Landes häufig vorkommt, könnte man sicher die echte Pistazie dort ebenfalls cultiviren, anstatt daß jetzt geringere Sorten in Menge von Herat nach Persien eingeführt werden. Granatäpfel (auär) sind nirgends in der Welt so schön; denen von Säweh bei Kum und von Korum bei Tabris stehen selbst die kernlosen von Pischawer nach. Der Bezirk Ardistan zwischen Ispahan und Iezd lebt allein vom Ertrag der Granatäpfel, einzelne Bäume aber finden sich fast in jedem persischen Dorfe. Von dem eingedickten Saft, Granaten-Noob, kommen nicht unerhebliche Mengen in den Handel und zum Export. Aus Feigen macht sich der Perser wenig, weshalb er ihre Cultur, obwol sie gut und reichlich gedeihen, vernachlässigt. Datteln (okuriM) liefern nur 10* 148 die Küstenstriche am Persischen Meerbusen und das Gouvernement Kirman, von wo sie wegen ihrer Vortrefflichkeit nach Indien begehrt und ausgeführt werden, während das Inland seinen Bedarf meist von Bagdad bezieht. Mit Sorgfalt wird die weiße Maulbeere (wt), für die der Perser eine besondere Vorliebe hat, gepflegt und veredelt. Sie ist die einzige Frucht, in deren Cultur die Gegend um Teheran excellirt; viele Beeren erreichen hier die Größe einer Dattel. Getrocknet gehen Ziemliche Quantitäten davon außer Landes, namentlich in den Kaukasus. Weniger geschätzt ist die schwarze Maulbeere. Plantagen zum Zweck der Seidenraupenzucht unterhalten Gilan, Masanderan und Talisch am Kaspischen Meer, Kaschan, Kirman und Uezd im Binnenlande. Die Bäume bedürfen viel Feuchtigkeit und gedeihen daher am besten in den Marschländern nächst der Meeresküste. Hier wachsen sie so rasch, daß die von Samen gezogenen bereits im vierten. Jahre Blätter zur Fütterung der Raupen liefern. Sie stehen in den Plantagen sehr dicht, nur etwa zwei Fuß voneinander entfernt. Die Menge der in Persien erzeugten Rohseide ist sehr beträchtlich, und würde einst die Gewinnung daselbst, namentlich am Kaspischen Meer und im Kaukasus energisch betrieben, so dürfte es leicht mit China in die Schranken treten können. Schon unter den gegenwärtigen so äußerst drückenden Verhältnissen repräsentirt die jährliche Ausfuhr allein des Gilanischen Gouvernements (meist auf Rechnung des Hauses Rali) einen Werth von nahe an 400000 Dukaten, obgleich die inländischen Fabriken, in Kaschan, Yezd und Tabris, einen großen Theil des Erzeugnisses verbrauchen. Auch an Qualität könnte die gilaner Seide mit jeder andern wetteifern, verstünde man sich dort so gut wie in Italien auf das Abhaspeln der Cocons. Merkwürdigerweise sind die Seidenraupen Persiens und Aegyptens bisher stets von der Muscardine verschont geblieben, während 14!) doch die Traubenkrankheit, die der Oel- und Pfirsichbäume u. s. w. sich auch über diese Länder verbreitete. Es hielten sich deshalb jahrelang schweizer und Mailänder Agenten in Gilan auf, um Grains zu kaufen und über Tiflis nach Europa zu schicken. Die Regierung erließ zwar strenge Verbote gegen die Ausfuhr von Eiern, allein sie wurden durch Bestechung umgangen. Zuletzt jedoch bekamen die Besitzer selbst Furcht vor der auswärtigen Concurrenz und unterwarfen die verkauften Grains, bevor sie selbe dem Käufer ablieferten, einem Räucherungsproceß, der ihre Keimfähigkeit zerstörte. Aepfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen erlangen nur in bergigen Gegenden, wo die Frucht sich langsam entwickelt und spät reift, ihr vollständiges Aroma; in der Ebene bleiben sie herb und geschmacklos. Die gelbe Buchara-Pflaume (äiu VuoliätÄ), von erfrischend säuerlichem Geschmack, ist allgemein beliebt; geschält und an der Sonne gedörrt, wird sie weit und breit hin verführt. Man sieht, die mannichfachen Klimate des Landes zeitigen eine Fülle des schönsten Obstes, von der'Dattel bis zur nordischen Pflaume, und es geschieht seitens der Bewohner vieles zur Pflege der Obstcultur; doch wäre die Production noch unendlicher Ausdehnung fähig, wenn die staatlichen Zustände nicht auch auf diesem Gebiete den Fortschritt daniederhielten. Von Oelfrüchten wird am häusigsten das Nicin gebaut. Die Pflanze scheint nur mäßiger Durchschnittswärme zu bedürfen, denn ich fand sie nicht allein fast überall in der Ebene, sondern bis 6000 Fuß über der Meeresfläche in dem Gebirgsdorfe Dehgirdu, südlich von Ispahan, wo sie allerdings nur noch kümmerlich vegetirt. Um Ispahan selbst dagegen entwickelt sie sich mit besonderer Ueppigkeit; die Fruchtkolben eneichen dort beinahe Fußlänge. Sie erfordert ziemlich dieselbe Nodeubehandlung wie die Baumwollstaude oder wie 150 Gurken und Melonen, mit denen ich sie wenigstens oft untermischt stehen sah. Das Ricinöl ist fast das ausschließliche Beleuchtungsmaterial der Perser und heißt darum vorzugsweise ruZHntZolieinK (Leuchtöl). Es ist braun, dickflüssig, von widerlichem Geschmack, gibt aber eine helle, reine Flamme. Man gewinnt es in der Regel durch Auskochen, nur an wenigen Orten durch Pressen der Kerne. In der Volksmedicin findet es als wirksames Mittel gegen Diarrhöen und Dysenterien Verwendung. Sesam (Znnäsokit), um Kirman, Ispahan und Schiraz viel gebaut, auch bei Teheran wohl gedeihend, benutzen die Perser selten zum eigenen Gebrauch, sondern sie verkaufen es zu guten Preisen an die Armener, an die im Lande wohnenden wie an die indischen, welche während der Fastenzeit ihre Speisen damit fett machen. Die Ispahaner pressen aus den Samen der Cucurbitaceen und der Vaumwollstaude etwas Brennöl. Zu seinen Speisen nimmt der Perser überhaupt kein Oel; die Wohlhabender« verleihen ihnen durch Zuthat von Butter, die Aermern mit dem Fettschwanz der Ovig wtai-ioa das benöthigte Schmalz. Selbst das Olivenöl verwendet er nur zum Brennen und zur Bereitung schmieriger Seife. Allerdings versteht man auch nicht, dasselbe in genießbarem Zustande herzustellen; es bleibt trüb und übelriechend, und eine Oelpresse, die vor einigen Jahren von russischen Unternehmern in Betrieb gesetzt wurde, ging aus diesem Grunde bald wieder ein. Der Oelbaum gedeiht nur in den höher gelegenen Gegenden am Kaspischen Meer, so bei Rudbar und Mandschil, 900 Fuß über dem Meeresspiegel, wo es ganze Wälder von zum Theil mächtigen Stämmen gibt. Auf den Hügeln am Sefid-rud (Weißfluß) kommt er noch als niedriger Strauch wild oder verwildert vor, bis in die Marschländer aber steigt er nigends herab. Sein begrenztes Terrain und der arabische Name ^oiwn deuten darauf hin, daß er kein heimisches Gewächs ist, son- 151 dern in alten Zeiten aus Arabien dahin verpflanzt wurde. Die Oliven werden, eingesalzen oder in Essig gelegt, nach dem Kaukasus exportirt und finden daselbst an den Armenern stets willige Käufer. Dem Oelbaum nah verwandt sind die Iujub a und die Zends chit, deren Früchte das Volk in Absicht medicinischer oder diätetischer Wirkungen häufig genießt. Aus den Samen der hauptsächlich um Schährud-Bustäm, aber auch um Kaschan und Ispahan gepflegten Crucifere Vi-uoa sativa wird dasMandäböl gewonnen, ein sehr nützliches und gut bezahltes Product, denn man reibt damit unter Zusatz von etwas persischen Kanthariden.(m?1»driF) die. Kamele ein, wenn sie im Frühjahr ihre Wolle verloren, theils um sie vor Insektenstichen zu schützen, theils um den Wiederwuchs des Haars zu befördern. Diese Einreibung ist den trotz ihres colossalen Baues so empfindlichen Thieren außerordentlich zuträglich, ja, wie man mich versicherte, das einzige Mittel zur Erhaltung ihrer Gesundheit. Nuß- und Leinöl verwenden die Perser zu verschiedenen industriellen Zwecken, namentlich bereiten sie durch Mischung von Leinöl, Sandarak und Naphtha jene schönen Firnisse, welche wir an ihren Lackarbeiten bewundern. Farbepflanzen werden ebenfalls in Menge gebaut. Die KudiÄ tinotoria (ruu^g, daher wol die französische Benennung prance) findet in vielen Gegenden des Landes einen günstigen Boden und liefert besonders um Iezd reichliche Ernten. Mit dem Mahlen der Pflanze sowie mit dem nicht unbeträchtlichen Handel und Export beschäftigen sich die Gebern. Hauptstapelplätze sind Ispahan und Schiraz. Im Juli 1859 galt in Schiraz das Man (5V3 Pfund) gemahlener Krapp 0,13 Dukaten. O»rtk»inu8 tiuotoria (kätZoksb), in ziemlich ausgedehntem Maße um Ispahan und Veramin cultivirt, gibt den Saflor, der zum Theil in inländischen Färbereien verbraucht, zum Theil nach Ruhland ausgeführt 152 wird. Den Samen benutzt man in manchen Gegenden an Stelle des Lab zur Coagulation der Milch. Sehr einträglich ist der Anbau der I^ansonia inerinis, aus deren pulverisirten Blättern die zum Färben der Haare und Nägel dienende Henna besteht. Die Pflanze gedeiht nur in subtropischem Klima, am besten in der Nähe von Iezd. Bei dem starken Verbrauch im ganzen Orient bildet die Henna einen wichtigen Handels- und Exportartikel. InäiFcckrg. (ml) erzeugt die Umgegend von Schuschter im heißen Arabistan; doch ist der dort gewonnene Indigo wegen der mangelhaften Behandlung von geringer Qualität. Da die Perser blaue und grünlich gefärbte Kleiderstoffe vorzugsweise lieben, vermag die Indigo-production in dem bisherigen beschränkten Umfange dem inländischen Bedarf bei weitem nicht zu genügen; es stießen vielmehr alljährlich bedeutende Summen für die bessern Qualitäten nach Indien. Die gemahlenen Blätter der Indigopflanze liefern das Rang oder Wasme, welches den Haaren, nachdem sie mit Henna gefärbt worden, einen tiefschwarzen Glanz verleiht. Safran baut in größter Menge der Bezirk Näjin in Chorassan. Man benutzt ihn in ganz Persien und im Kaukasus allgemein sowol zum Färben als zur Würze von Reis und Brot. Außer den genannten Pflanzenstoffen finden natürlich auch die Schalen von Granatäpfeln und Pistazien, Eichenbast, sowie die Gallen der Eichen und Pistazien ihre Verwendung in der Färberei. Unter den zu Gespinsten verwendbaren Faserpflanzen kommt eigentlich nur die Baumwollstaude in Betracht. Etwas Flachs (Katun) wird zwar um Balafrusch in Masanderan gebaut, aber in so geringer Qualität wie Quantität, daß er kaum als Landesproduct gelten kann. Die Stengel des Hanfs, die man zum Behuf der Haschisch-Gewinnung in Hausgärten zieht, geben keine textile Faser. Alle Stricke und Bindfaden werden aus Baumwolle, aus Kamel- und Ziegenhaar gedreht; 153 nur am Kaspischen Meer soll, wie ich mir sagen ließ, eine Cucurbitacee wachsen, aus deren Fasern man Stricke verfertigt. Die Cultur der Baumwollstaude, und Zwar weniger der gelben, kurz- und grobfaserigen, als der schönen weißen Art, wird am schwunghaftesten um Ispahan, Yezd, Schiraz, Abade bei Persepolis, Kaschan, Urumie, Masanderan, Damgan und Semnan betrieben. Wie es scheint, bedarf die einheimische Pflauze einen weniger hohen Wärmegrad als die amerikanische, der sie allerdings auch an Länge der Faser bedeutend nachsteht. So gedeihen die mit amerikanischen Samen angelegten Baumwollplantagen in Transkaukasien, in der Nähe von Lenkoran, obgleich sie sehr rationell geleitet sind, nur höchst mittelmäßig, während Masanderan, wo fast ganz dieselben klimatischen Verhältnisse herrschen, reiche Ernten der besten inländischen Baumwolle erzielt. Man nimmt an, daß da, wo das Ricin gedeiht, auch die aus inländischen Samen gezogene Baumwolle einen guten Ertrag liefert. Die höchste Temperatur, welche man in Ispahan beobachtet hat, beträgt nach einer mir gewordenen Mittheilung des armenischen Cha-lifen 100" F., sie übersteigt jedoch für gewöhnlich nicht 90 — 92". Allein auch in Urumie mit viel niedrigerer Temperatur wird Baumwolle mit bestem Erfolg gebaut, und sogar in Aminabad, das zu den kalten Gegenden (^elnk oder 86rä68lr) zählt, gelangt sie, wenn auch auf höher gelegenen Punkten nicht jedes Jahr, zur Reife. Die Ispahaner pflanzen die Baumwolle gegen Ende April und bewässern die Wurzeln anfangs reichlich, kurz vor Eintritt der Blüte aber mäßiger, weil sonst das Gewächs zum Nachtheil der Blüten und Kapseln zu üppig ins Kraut schießt. Im 1.1859 am 16. August fand ich die Pflanze theils noch im Blühen, theils schon in der Fruchtbildung begriffen; als ich am 15. November wieder durch Ispahan kam, war man gerade mit der letzten Einheimsung beschäftigt. Die Staude erreicht eine Höhe von 154 I'/. ^ IV« Fuß und trägt 20 — 30 Kapseln. Bisjetzt wird alle Baumwolle in Persien mit der Hand gesponnen, weshalb in neuester Zeit das billigere englische Maschinengarn immer mehr Eingang findet. Kattun- und Nankingwebereien gibt es in Ispahan, Yezd und Kaschan. Grobe Zeltstoffe (K6rdü8) weben Abade, Semnan, Damgan und Kum; sie wurden in den letzten Jahren viel nach Indien und Rußland begehrt und erfuhren infolge dessen eine bedeutende Preissteigerung. Behufs der Destillation von Rosenwasser, das in großen Quantitäten über Buschir nach Indien verkauft wird, betreibt man zu Schiraz, Kum und Gamsar bei Kaschan in eigens dazu bestimmten Gärten sehr ausgedehnte Rosencultur. Auf die Bereitung des eigentlichen Rosenöls verstehen sich die Perser nicht, obwol das von ihnen erzeugte Rosenwasser vorzüglich duftet und an der Oberfläche mit einem dünnen Häutchen Oel überzogen ist. Andere wohlriechende Wasser, jedoch nur zum Localverbrauch, destilliren sie aus Orangenblüten und aus häusig, namentlich in Masanderan, wildwachsendem Jasmin. In Masanderan wird auch Zuckerrohr mit ausgiebigem Ertrage gebaut. Bis vor kurzem war die Production noch bedeutender. Da legte die Regierung eine Zuckerfabrik nach europäischer Einrichtung an, und der Gouverneur zwang die Producenten ihre Cassonade unentgeltlich in die Fabrik zu liefern. Natürlich hatte dies eine merkliche Abnahme des Anbaus zur Folge. Raffinerien, welche durch Behandlung des Rohzuckers mit Eiweis ein ziemlich gutes Fabrikat herstellen, befinden sich in Yezd und Ispahan. Bei dem ärmern Theil der Bevölkerung dienen, wie schon erwähnt, eingedickter Trauben- und Melonensaft, weiße Maulbeeren und Honig als Surrogate für den Zucker. Die Runkelrübe kommt nicht selten wild vor, und Versuche, die ich mit europäischem 155 Samen anstellte, ergaben, daß sich der Boden vortrefflich zur Cultur derselben eignet; allem man schenkte ihr bisjetzt keine Beachtung. Ueber die narkotischen Pflanzen, deren Anbau und Verwendung enthält das achte Kapitel dieses Theils Ausführliches. Ob das Hochland Persiens in alten Zeiten mit Wald bewachsen war, mag zweifelhaft erscheinen, sicher aber trugen die jetzt kahlen Berglehnen einen mehr oder weniger dichten Baumwuchs. Hochbejahrte Leute in Teheran erinnern sich, daß noch zu ihrer Jugendzeit Wälder von^uni^ei-uZ excels (ä^si-s) an den Abhängen des Elburz standen; Dr. Kotschi sah noch einzelne dieser Bäume in den Dörfern Schemiran; jetzt ist nur ein einziger Stamm übrig. Mit der ^uui^erus 6xoel82 und der Zeitig (t6k) ließen sich ohne Zweifel die meisten Abhänge wieder bewalden; Eschen (xNdüns Funäsokik) und Weiden (biä) würden an den Rändern der Wasserleitungen gedeihen, und es könnte dadurch nicht nur dem Holzbedarf genügt, sondern die ganze Vegetation unendlich gefördert werden. Der gegenwärtigen Regierung geht aber aller Sinn hierfür ab. Während meines Aufenthalts ward ihr von einem namhaften europäischen Gelehrten ein Plan zur Bewaldung der Berglehnen um Teheran eingesandt; spottend äußerte der Schah: „Was doch die europäischen Hekims für närrische Leute (äi^väusb) sind! Sich um die Berge Irans zu bekümmern! Bekümmern wir uns denn um die Wälder und Berge Europas?" Ausgedehnte Wälder mit vorzüglichen Holzsorten (äsoken-Aei) gibt es zwar am Kaspischen Meer; aber die mächtigen Stämme von Eichen, Buchen, Ahorn, Buxbaum, Iuz1an8 Telkovia oriuaw, (5l66it8en Austausch inländischer Producte gegen europäische Industrieerzeugnisse mit der Zeit eine Handelsbilanz zu Gunsten Persiens herausstellen. Indeß mein Rath wurde, wie gesagt, nicht befolgt. Man berief russische und französische Handwerker und Mechaniker und errichtete eine Anzahl Fabriken. 1) Eine Stearinkerzenfabrik. Bei der Wohlfeilheit des Talgs glaubte man Stearin zu billigem Preise erzeugen zu können. Zur Be- 184 reitung der Schwefelsäure wurde eine Bleikammer eingerichtet, die aber keine stärkere Säure producirte, als etwa eine milde Limonade besitzt; die ungeschickten Hände der Arbeiter verdarben den Mechanisnws der Pressen; und nach Verausgabung von über 8000 Dukaten hatte man glücklich einige Pfund Kerzen mit persischem Stempel und dem königlichen Wappen zu Stande gebracht. Die böse Welt wollte zwar wissen, das Stearin dazu sei aus Europa gekommen; allein wie dem auch sei, der europäische Director erhielt vom Schah ein Ehrenkleid. Hiermit war jedoch die ganze Unternehmung zu Ende. 2) Eine Papiermühle wurde dicht an der Stadtmauer von Teheran erbaut, wo keine genügende Wasserkraft vorhanden ist; für den Betrieb waren einige Arbeiter aus Rußland verschrieben worden. Die mislungenen Versuche, aus Lumpen Papier zu machen, dauerten mehrere Jahre, bis endlich aus reiner Baumwolle ein paar Bogen ungeglättetes graues Papier zum Vorschein kamen. Inzwischen starb ein Theil der fremden Arbeiter, der andere verkümmerte, und der Betrieb schlief gänzlich wieder ein. Von der Papierfabrikation, welche im 13. und 14. Jahrhundert in Charassan geblüht haben soll, ist nichts übriggeblieben als einige kleine mit Erzeugung von Pappen beschäftigte Etablissements zu Ispahan. 3) Für eine neue Glasfabrik wurden zwei vorzügliche Arbeiter in Frankreich angeworben', die aber ihre Kenntnisse hier um so weniger nutzbar machen konnten, da es nicht gelang, feuerfesten re-fractorischen Thon aufzufinden. Doch hatte ihre kurze Wirksamkeit wenigstens das Gute, daß die Perser ihnen manche Vortheile absahen und auf die heimische Proouctionsweise übertrugen. 4) Die größten Anstrengungen machte man zur Errichtung einer Spinnfabrik nach europäischem Muster. Dampfmaschinen und sonstige Apparate mußten aus Rußland mit unsäglicher Mühe, nämlich meist durch Menschenhände, 165 unter Aufgebot ganzer Dorfschaften auf den weiten unwegsamen Straßen an Ort und Stelle geschleift werden, sodaß die Anlagekosten nicht weniger als 150000 Dukaten verschlangen. Eine Quantität Garn von wenigen Pfunden, die dem König vorgezeigt wurde, war und blieb die einzige Frucht aller auf die Unternehmung verwandten Mühen und Kosten. 5) Eine Zuckerraffinerie scheiterte, wie bereits andernorts erzählt, vornehmlich daran, daß die Producenten von der Negierung zur unentgeltlichen Ablieferung der Cassonade gezwungen wurden und deshalb den Anbau des Zuckerrohrs einzustellen begannen. Nachdem so bedeutende Summen sinn- und zwecklos vergeudet worden waren, hörte man endlich auf meinen Nath und schickte eine Anzahl junger Leute nach Europa, zunächst nach Frankreich, damit sie dort verschiedene Industriezweige praktisch erlernen. Von ihnen dürfte, wenn sie mit reellen Kenntnissen ausgerüstet in das Vaterland zurückkehren, eher etwas für den Aufschwung der heimischen Industrie zu erwarten sein, obwol die derzeitige Gestaltung der Staatsverhältnisse immer mehr lähmend als fördernd darauf einwirken wird. Die in den Bazaren arbeitenden einzelnen Handwerksmeister (usta) betreiben ihr Gewerbe im allgemeinen mit Fleiß und Thätigkeit, nehmen sogar nicht selten die Nächte mit zu Hülfe; doch ist ihr Streben nicht auf Vervollkommnung, sondern nur auf Erwerb des täglichen Lebensbedarfs gerichtet. Sie beschränken sich auf die Nachahmung europäischer Erzeugnisse , ohne eigenen Erfindungsgeist zu entwickeln. Nach einer Lehrzeit von wenigen Monaten etablirt sich der junge Handwerker, heirathet und arbeitet dann blos mechanisch, um den Unterhalt für sich und seine Familie zu gewinnen. Am intelligentesten sind die. Handwerker von Ispahan und Kaschan, welche auch viel in andere Städte auswandern, hier jedoch, bei einträglichem Erwerb, bald in den Schlendrian der übrigen 186 verfallen. Handwerker, die es über eine mittlere Wohlhabenheit gebracht, lernte ich nicht kennen. Auf Meisterschaft können nur die Graveure (Kwkkgk) Anspruch machen und allenfalls die Gold-, Silber- und Emailarbeiter von Schiraz. Der König besitzt sehr kunstvoll emaillirte Goldgeschirre von neuerm Datum, besonders Nargileh; auch der in jüngster Zeit renovirte Pfauenthron zeigt recht zierliche in Goldemaille ausgeführte Inschriften und Arabesken. Gewöhnlich nimmt ein einzelnes GeWerk einen Bazar für sich ein, der nach ihm den Namen trägt, so der Bazar der Schuhmacher, Posamentiere u. s. w. Es herrscht volle Gewerbefreiheit und keinerlei Zunftzwang, doch wählen die Meister eines Gewerks aus ihrer Mitte einen Chef, Baschi genannt, zur Vertretung der gemeinsamen Interessen. Als die vorzüglichsten Fabrik- (Kin-oliiweli) und Industriestädte (sauast) sind zu nennen: Ispahan, Kaschan, Dezo, Kirman, Schiraz, Hamadan (Leder) und Tabris. Rescht am Kasvischen Meer verarbeitet etwas Seide, auch werden daselbst sehr saubere und künstliche Stickereien auf Tuch gefertigt. Die Residenzstadt Teheran besitzt gar keine Industrie im größern Maßstabe, die dortigen Handwerker vermögen kaum dem Bedarf der Stadt selbst zu genügen. Der Handel (tsägcbaret) befindet sich, mit wenigen Ausnahmen, in den Händen persischer Kaufleute. Unter allen Ständen genießt der Kaufmannsstand die meiste Achtung; sein Eigenthum wird in den seltensten Fällen angetastet, die Regierung scheut sich, über ihn Vexationen zu verhängen, von denen andere Unterthanen schonungslos heimgesucht werden. Während meiner neunjährigen Anwesenheit kam es mir nicht zur Kenntniß, daß ein Kaufmann von einer Vermögensconfiscation betroffen worden wäre. Saadi sagt: „Drei Dinge können ohne drei Dinge nicht bestehen: der Staat nicht ohne Gerechtigkeit, die Wissenschaft nicht ohne Discussion, das 187 Vermögen nicht ohne Handel." Von den drei Regeln scheint in Persien nnr die letzte sich zn bewähren; denn der Staat besteht ohne übermäßige Gerechtigkeit, und man discutirt viel, hat aber des Wissens wenig. Der persische Kaufmann ist sehr einfach in seiner Lebensweise. Beim größten Reichthum entfaltet er keinen Luxus, denn er würde dadurch bei seinen Genossen an Credit verlieren; er geht ohne Begleitung von Dienern auf der Straße, heirathet nur Eine Frau, meidet den Umgang mit Großen uud hält sich zu seinesgleichen. Gern rühmt er sich: „kll,88sd-sin kisd mi-kunem", d. h. „ich bin ein Industrieller, ich treibe Handel". Er ist den ganzen Tag über thätig im Geschäft. Sein Mittagsmahl besteht gewöhnlich nur in Käse und Brot. Doch trotz der Einfachheit seines Auftretens wird ihni überall ein Ehrenplatz angewiesen, und er verdient in der That die Achtung, die man ihm bezeigt. Durch und durch ehrlich im geschäftlichen Verkehr, wenn auch bei Gelegenheit einen übermäßigen Gewinn nicht verschmähend, äußerst pünktlich in Erfüllung seiner Verbindlichkeiten, hält er, im Gegensatz zu den Gewohnheiten anderer Stände, streng das gegebene Wort. Obwol vorsichtig und mistrauisch, besitzen die persischen Kaufleute nicht geringen Unternehmungsgeist; sie bereisen nicht nur ganz Asien, namentlich Hindustan, China, Afghanistan, Turkistan und den Kaukasus, sondern auch die Türkei, Rußland und Aegypten. Ueberall wissen sie si'ch in kurzer Zeit zu orientiren und ihren Vortheil herauszufinden. Die Negierung bedient sich ihrer zur Vermittelung von Zahlungen im In- und Ausland, und die Gouverneure sowie andere Große vertrauen einem Kaufmann im geheimen die durch Erpressungen gewonnenen Summen an, sicher, daß derselbe auch im Fall ihres Sturzes ihnen, oder wenn sie Tod oder Verbannung trifft, ihrer Familie die bei ihm deponirten Gelder zurückzahlen wird. 188 Zinsen von Darlehen zn nehmen, verbietet zwar das muselmanische Gesetz; selbstverständlich aber wird das Verbot vielfach umgangen. Der gesetzliche Zinsfuß ist auf 12 Procent fixirt, doch werden in geldknappen Zeiten 18 — 30 Procent bedungen. Solide Kaufleute zahlen selten weniger, noch seltener mehr als 10 Procent Discont auf ihre Wechsel (Karat); letztere werden über Kapital (i-as sl iniU) und Zinsen (tonsil) ausgestellt und beim Verfall gegen eine Quittung (kwds) eingelöst. Höchst selten geschieht es, daß ein Kaufmann seine Zahlungen einstellt (wersoKikeLten), in welchem Fall er immer in ein Asyl flüchtet, bis seine Angelegenheiten geordnet sind. In Betracht der Menge sich darbietender Asyle und der Möglichkeit, dort unangefochten die etwa mitgenommenen Summen zu verzehren, muß man staunen, daß so wenig Bankrotte vorkommen. An der Spitze der Kaufleute jeder Stadt steht ein von ihnen gewählter Vorstand lin6i6k-6-wcl3«kar), dessen Aufgabe es ist, sowol im allgemeinen die Interessen der Corporation zu wahren, als auch Streitigkeiten zwischen deren Mitgliedern zu schlichten, säumige Schuldner zur Zahlung anzuhalten und die Ursachen der Bantrotte zu ermitteln. Vor einigen Jahren hatte die Regierung einen Handelsminister (v62ir-6-te68oliar6t) in der Person des Mahmud Chan Karaguslu eingesetzt und demselben auch die Function der lN6l6k-6-wä3c^r übertragen; bald liefen aber seitens der Kaufleute so zahlreiche Beschwerden über Druck und willkürliche Behandlung ein, daß man vorzog, den alten Stand der Dinge wiederherzustellen. Die fremden Kaufleute, welche in Persien Handel treiben, sind Russen, Franzosen, Schweizer, Griechen, Türken, Ar-mener. Eine Russisch-persische Compagnie, obwol von der russischen Regierung subventionirt und Dampfschiffe auf dem Kaspischen Meere zur Verfügung habend, vermochte bisjetzt. 189 wegen Unfähigkeit und Untauglichkeit ihrer Agenten, keine besondern Gewinne zu erzielen. Die russisch-kaukasischen Kaufleute, meist Armener, waren durch unreelle, wucherische Geldgeschäfte und Anzettelung von Processen berüchtigt; allein da der jetzt in Teheran residirende russische Minister Anitschkoff, ein redlicher und unbestechlicher Mann, ihre unrechtmäßigeu Forderungen nicht unterstützt, hat ihr verwerfliches Treiben bedeutend nachgelassen. Die meisten europäischen Kaufleute wohnen in Tabris und in Rescht am Kaspischen Meer, wenige in der Hauptstadt Teheran. Tabris ist der wichtigste Handels- und Stapelplatz Persiens; Handelsstädte zweiten Ranges sind: Ispahan, Schiraz, Rescht, Balafrusch und Yezo, von welcher letztern Stadt aus durch Gebern (pai8i8) der Handel mit Ostindien vermittelt wird. Meschhed dient als Stapelplatz der für Afghanistan und Turkistan bestimmten Waaren. Ausländische Waaren kommen: 1) von Konstantinopel auf dem Karavanenwege über Trapezunt, Erzerum, Choi, nach Tabris; 2) von Nischnij-Nowgorod die Wolga abwärts über das Kaspische Meer in den Hafen Enzeli und von da zu Lande nach Nescht und Teheran, oder in den Hafen Maschtiser und von da nach Valafrusch; nur wenige nach Meschhed gehende Güter landen in Astrabad, wohin auch die Turkomanen ihre Tauschwaaren, Lammfelle, Seide, Salz u. s. W., bringen; 3) von Bombay nach Buschir und Schiraz, oder von Maskat nach Benoerabbas; 4) über Bagdad nach Ispahan. Teheran selbst ist durchaus keine Handelsstadt; nur einige Filialen für den Kleinverkauf werden von ta-briser Häusern daselbst unterhalten. An Eingangszoll haben ausländische Kaufleute, mit deren Staaten ein Vertrag besteht, fünf Procent zu entrichten; inländische Kaufleute bezahlen weniger, müssen dagegen die Waare in jeder Stadt, durch welche sie geführt wird, von neuem verzollen, sodaß sie in dieser Beziehung unglaublicher- 190 weise schlechter gestellt sind als die Ausländer und sich deshalb genöthigt sehen, unter fremder Firma Waaren zu beziehen, was zu steten Reibungen und Processen Anlaß gibt. Man kann sich in nationalökonomischer Hinsicht nichts Absurderes denken. Viele persische Kaufleute haben sich in der Fremde ansässig gemacht, so in Konstantinopel, Trapezunt, Erzerum, Tiflis, Moskau, Kairo, Bombay. Sie leiten dort den Exportuno Importhandel von und nach Persien, China, Indien, und sind als solid, betriebsam und tüchtig bekannt. Wie verschiedene europäische Staaten Consulate in Persien unterhalten, so hat auch Persien zum Schutze seines Handels Consuln in Tiflis, Erzerum, Trapezunt, Konstantinopel, Bombay, Bagdad und Kairo, zeitweilig auch in Smyrna, Alexandrian und Jaffa. Die Engländer hatten vor dem Ausbruch des englisch-persischen Kriegs Consuln in Tabris, Teheran und Venderbuschir; nach Beendigung desselben setzten sie auch einen Consul nach Rescht und je einen Consularagenten nach Ispahan, Schiraz und Meschhed. Es ist natürlich, daß in diesen fernen Ländern die Functionen der politischen von denen der Handelsagenten nicht immer genau zu trennen sind. Rußland etablirte Consulate in Tabris, Rescht, Teheran, Balafrusch, Astrabad, und wird wahrscheinlich noch dergleichen in Meschhed und Schiraz errichten, um den englischen Einfluß daselbst zu überwachen. Türtische Consulate bestehen nur in Tabris und Teheran. Frankreich ging damit um, Consuln für Buschir und Tabris zu ernennen; doch sind die französischen Handelsbeziehungen mit Persien so gering, daß sie kaum einer consularischen Vertretung bedürfen. Obgleich es in Persien zwei Flottenadmirale (äariä dsgi) gibt, hat der Staat doch mit Ausnahme einiger Barken kein Schiff auf dem Meere; denn vom Kaspischen Meer ist Persien durch den Vertrag von Turkomantschai ausgeschlossen, und die Küstenschiffahrt auf dem Persischen Meerbusen wird 191 von einigen arabischen Barken ausgeübt. Doch besitzen mehrere Kaufleute in Buschir Segelschiffe, welche den Handel zwischen Indien und Persien vermitteln. Der von den Armenern in frühern Zeiten so schwunghaft betriebene Handel nach Europa, besonders Venedig, hat in neuerer Zeit gänzlich aufgehört. Die armenischen Kaufleute wanderten theils nach Nußland, theils nach Indien nnd Java aus und gründeten in diesen Ländern ansehnliche Handlungshäuser. Der persische Gesandte Ferruch Chan halte während seiner Anwesenheit in Europa mit vielen Staaten Handelsverträge abgeschlossen. Als er über einen solchen mit einem kleinen deutschen Staat in Unterhandlung trat und deshalb nach Teheran berichtete, schrieb ihm der Großvezier Saderazam, der auf seine Erfolge eifersüchtig war: „Teheran hat nicht Raum für so viele Gesandte und Consuln, gleichwie auf deiner Brust nicht alle die verliehenen Orden Platz finden." Zu dem König aber sagte der Sader im öffentlichen Salam: „Wenn so große Dinge von einem deiner geringsten Diener ausgeführt werden,' ist dies nicht das Verdienst des Gesandten; es ist vielmehr der erhabene Ruf des Königs der Könige, welchem alle Potentaten ihre Huldigung darzubringen fich beeifern." . VII. Aerzte und Heilkunde. Mangelhafte Berufsbildung der persischen Aerzte. Juden als Aerzte. Medicinische Kenntnisse der Laien. Die Praxis. Consultationen. Die Dscherah (Chirurgen). Die Dallak (Bader). Der Schikeste-bänd. Das Impfen. Gerichtliche Medicin. Augenärzte. Hebammen. Cur-schmiede. Europäische Aerzte. Der Hekim baschi (Leibarzt des Schah). Militärärzte. Quacksalber. Arzneikrämer. Einkommen der Aerzte. Volksmedicin. Klystiere. Auflösende Mittel und Purganzen. Frühjahrscuren. Mineralquellen. Medicinische Theorie. Krankheitsursachen. Heilmittel. Wundercureu. Der Puls. Aderlaß. Blutegel. Schröpfen. Fontanelle und Haarseil. Die persischen Aerzte (IiNlcim-tZedid) glauben sich im Besitz einer von der europäischen oder fränkischen ganz verschiedenen, dem Klima von Iran und den Lebensbedürfnissen seiner Bewohner angepaßten specifisch persischen Heilkunde; sie haben keine Ahnung davon, daß ihre geringe medicinische Kenntniß nichts als ein Ausfluß, zum Theil eine Caricatur der Galenischen Humoralpathologie ist, von der sie die Form, aber nicht den Geist entlehnten. Meine Schüler hielten es daher, als sie in die Praxis traten, für angemessen und vortheilhaft, sich als Doctors utriusqu«, der persischen und europäischen Medicin, anzukündigen. 193 Unter den zahlreichen die ärztliche Praxis ausübenden Personen männlichen wie weiblichen Geschlechts gibt es sehr wenige/ welche Fachstudien gemacht oder nur die einschlagende persische und arabische Literatur kennen. Man lernt wenn es hoch kommt, einige Receptformeln auswendig, und die ganze Pharmokognosie beschränkt sich meistens darauf, die Namen der Droguen zu wissen, die sich in der Bude des Droguisten (attär) vorfinden. Von naturgcschichtlicher Erforschung der Pflanzen und Mineralien, ihrer Eigenschaften und Kräfte ist überhaupt keine Rede. Genug, die heutige Medicin zehrt lediglich von etlichen aus alter Zeit überkommenen Normen, ohne etwas Neues hinzuzuthun. Oeffentliche Lehranstalten für Medicin bestehen nicht, mit Ausnahme der neu gegründeten Schule, deren Geschichte ich im neunten Kapitel des ersten Theils erzählt habe. Schon das Verbot des Korans, menschliche Leichen zu zergliedern, und der religiöse Glaube, daß man sich durch deren Berührung gesetzlich verunreinige, machen das Studium der Anatomie unmöglich. Die Araber freilich wußten in frühern Jahrhunderten, wie aus ihren medicinischen Werken erhellt, dieses Verbot zu umgehen. Nur hier und da versammelt ein einzelner in ai-adiois bewanderter Arzt einen kleinen Kreis von Schülern um sich, denen er privatim einige Kapitel aus dem Kanon des Abu Ali Sina (^viosuua) und dessen Interpretation noch dem Schaereh-Asbab des Ibne Zekeriah mehr in sprachlicher als in stofflicher Hinsicht unentgeltlich exponirt. In den allermeisten Fällen jedoch nimmt der angehende Mediciner ohne jede theoretische Vorbildung Dienste bei einem praktischen Arzt und schreibt sich dessen Recepte ab. Nach kurzer Zeit vertauscht er die Tatarenmütze mit dem Turban, läßt sich das Haupt ganz kahl scheren^), umgürtet seinen Leib *) Nach der allgemein üblichen Mode trägt man ein Haarbüschel Polal, Peisien. II. 13 194 mit einem breiten Shawl, in dem eine Rolle Papier und ein Tintenfaß steckt, trägt einen hohen Stab und Pantoffeln von grünem Chagrinleder, geht mit gemessenen pathetischen Schritten einher, spricht in salbungsvollem Tone, oder murmelt, während er einen grobkörnigen Rosenkranz durch die Finger gleiten läßt, arabische Gebetformeln — und der Arzt ist fertig. Besitzt er überdies einige Kenntniß der arabischen Sprache und des Korans, so bringt er es bald zu Nuf und Ansehen und zu einem Einkommen, das ihn in den Stand setzt, einige Weiber zu heirathen, Pferde, Diener und Sklaven zu halten, überhaupt ein Hauswesen (ä68tFü.1i) auf großem Fuße zu führen. Durch die Straßen sieht man den Arzt gewöhnlich auf einem Maulthier reiten, welches er zu diesem Zweck dem Pferde vorzieht. Viele Aerzte sind Juden oder jüdischer Abkunft, namentlich befindet sich in Kurdistan und Turkistan die ärztliche Praxis fast ausschließlich in den Händen von Juden, und es scheint dies von jeher der Fall gewesen zu sein, wenigstens besagt eine Votivtafel am Grabe Esther's in Hamadan, daß im 13. Jahrhundert das Grabmal durch drei Brüder, welche sämmtlich Aerzte waren, restaurirt worden sei. Auch in Teheran gehören vier Brüder aus einer jüdischen Familie zu den beschäftigtsten Aerzten der Stadt. Einer von ihnen, NamensoHak näzär, war einige Zeit Leibarzt des vorigen Königs Mehmed Schah, und der Umstand, daß er, obgleich sowol dieser Fürst als auch der geliebteste, zum Thronfolger bestimmte Sohn des jetzt regierenden Schah unter seiner Behand- am Scheitel und an jeder Seite zwei Locken, die eine vor, die andere hinter dem Ohr. Nur Priester, Gelehrte und llkerhaupt Leute, welche ein beschauliches Leben führen, rafiren den Kopf ganz kahl. Derwische dagegen, die stets barhäuptig gehen, und einzelne Gesetz und Sitte verachtende Lutis lassen das Haar in wirren Locken ungehemmt um Kopf und Schläfe wallen. 195 ' lung starben, noch immer am Leben ist, zeugt, wenn auch nicht von seiner ärztlichen Befähigung, doch jedenfalls von diplomatischer Gewandtheit. Von dem Kanon des Avicenna existirt eine gute Ausgabe in hebräischer Sprache. Medicmische Kenntnisse setzt übrigens der Perser bei jedermann, der Anspruch auf Bildung macht, ebenso voraus wie das sichere Urtheil über den Werth eines Pferdes und eines Shawls. Darum fehlen medicinische Bücher in keiner Hausbibliothek. Durch die Lektüre derselben verleitet, halten sich viele Laien für berufen, bei Krankheitsfällen in der Familie mitzusprechen und ärztlichen Rath zu ertheilen. Selbst Damen glauben sich zur Verordnung von Heilmitteln berechtigt. Entweder in seinem Hause oder im nächsten Bazar hat der Arzt einen Laden (inakkemek), wo er die ihn besuchende Kundschaft empfängt. Der Boden ist mit einer Rohrmatte oder mit Filz bedeckt; in Schränken an den Wänden steht eine Anzahl Schachteln, Kruge und Flaschen, mit europäischen Etiketten versehen und mit Latwergen, Pillen und Elixiren gefüllt. Unter den hier Einsprechenden ist besonders das weibliche Geschlecht stark vertreten, denn die Frauen benutzen den Besuch des Arztes als Vorwand zu Ausgängen in andern geheimen Angelegenheiten. Gegen Empfangnahme des Recepts wird sogleich das ärztliche Honorar baar entrichtet. Einige Stunden des Tags verwendet der Arzt zu Krankenvisiten (aMäet) und Consultationen. Es ist Sitte, daß bei den Großen, den Ministern, Gouverneuren u. s. w., der Hausarzt sich täglich zum Levee einfindet. In diesen Häusern pflegt man den Arzt auch mit allerhand nicht in sein Fach einschlagenden delicaten Geschäften zu betrauen, z. B. mit der Vermittlerrolle deiBestechungen, welche Aufträge er dannalsQuelle reichen Gewinns für sich auszubeuten weiß. Auf solche Wcise soll der Hadschi Mirza Mahmud in Zeit von wenigen Jahren ein Vermögen von über 40000 Dukaten erworben haben. 13* . 196 Freilich ist auch andererseits in den Sturz eines Ministers oder Günstlings fast immer sein Hausarzt mit verwickelt. Erkrankt ein Großer des Reichs, so haben viele Personen ein Interesse daran, zu wissen, ob er bald wieder genesen, oder ob er das Zeitliche segnen werde. Sie alle schicken deshalb ihren Arzt zu dem Kranken, selbst der Schah den seinigen, und diese oft sehr zahlreiche ärztliche Versammlung hält zur anberaumten Stunde eine Consultation. Nachdem durch die Diener Nargileh und Kaffee herumgereicht worden, wird die Sitzung eröffnet. Der Reihe nach tritt jeder an das Lager des Patienten, fühlt mit wichtiger Miene dessen Puls, indem er dabei gewöhnlich einige Redensarten von der Anamnese und dem status preens fallen läßt, und erkundigt sich genau, was für Speisen, besonders welche Suppe (äsck) der Kranke am Tage vorher zu sich genommen, ob er Saures oder Süßes genossen habe. Hierauf entspinnt sich zunächst unter den Anwesenden ein hitziger Kampf, inwiefern hie Krankheit als eine „heiße" oder eine „feuchte" zu klassi-siciren sei. Ich erinnere mich einer derartigen Consultation, an welcher ich im Jahre 1853 theilnahm (ich war damals noch nicht Leibarzt des Schah, als solcher fungirte zur Zeit der verstorbene I)r. Ernest Cloquet). Der Kranke war der Premierminister Mirza Agha Chan, ein äußerst schlauer und verschmitzter Mann. Wie fast alle vornehmen Perser genoß derselbe täglich nachmittags zum Thee seine Opiumpille; wahrscheinlich infolge dessen litt er an einer heftigen Kolik. Fast alle Aerzte der Stadt, von den verschiedenen Parteien gesandt, hatten sich versammelt. Man entschied sich nach langem Hin-und Herstreiten für den „heißen" Charakter der Krankheit und verlangte, daß dem Patienten zur Ader gelassen werde. Dr. Cloquet und ich, anderer Meinung über den Fall, widersetzten uns dem Aderlaß. Da wurde uns vorgeworfen, wir wollten „die Leuchte Irans auslöschen". Obgleich nun über- 197 zeugt, wie ich meinem Collegen in französischer Sprache bemerkte, daß ein Aderlaß den starken Mann nicht todten würde/ glaubten wir doch bei unserm Votum verharren zu müssen, und um ihm Geltung zu verschaffen, beschuldigten wir die Gegenpartei, sie wolle „das gesegnete Haupt" unter die Erde bringen. Der Großvezier, dem somit nur die Wahl gestellt war, mit oder ohne Aderlaß aus dem Leben zu scheiden, entließ vorläufig die ganze Versammlung. Wir wurden in den Garten geführt und, nachdem wir uns dort auf einen dicken Filzteppich gelagert, mit Thee, Kaffee und Nargileh gestärkt. Uebrigens nahm die Debatte ihren Fortgang. Mancher schleppte dicke Folianten herbei und suchte seine Ansicht schwärz auf weiß zu begründen. In der Hitze des Gefechts sielen auch mitunter scharfe Worte, die man jedoch dem Eifer für das Wohl der „Ersten Person"*) zugute hielt. Unterdessen hatte der Kranke beschlossen, die Entscheidung zwischen den zwei entgegenstehenden Ansichten dem Koran anheimzugeben. Bald erschien der zu diesem Behuf in das Haus beschiedene mut8ck» tskiä (Priester höhern Ranges); vor ihm her wurde ein silbernes Kästchen getragen. Er öffnete es unter allerlei Ceremonien und Gebeten, nahm das Buch (den Koran) heraus, befreite es von seiner dreifachen Hülle von Brocat, von Sammt- und von Seide, und begab sich damit ganz allein ins Zimmer des Großvcziers. Dieser, der schon öfter dergleichen Anfälle von Kolik überstanden hatte, mochte ihm unt.er vier Augen zu verstehen gegeben haben, daß er die einfachere Behandlung vorziehe; denn der aufgeschlagene Spruch lautete dem von uns ertheilten Rathe günstig, während er unsere *) „Erste Person" (8ok»o1i8s nnai) ist ebenso wie atabek, „Starke Brust", „Stütze des Reichs", ein Titel des Großveziers. Sein Sohn erhielt den Titel „Disciplin des Reichs" und „Zweite Person". Der Schah in seiner Würde steht über allen Personen, ist unpersönlich. 198 Gegner mit den Prädicaten Hunde und Schweine belegte. Da der Priester zum Befragen des Orakels sich immer desselben KoranexemplarZ bedient, so wird es ihm natürlich nicht schwer, eine den Wünschen des Fragenden entsprechende Stelle zu treffen. Dem Ausspruch des heiligen Buchs gemäß unterblieb also der Aderlaß, und Iran erfreute sich semer von der Kolik befreiten „Leuchte" noch mehrere Jahre, bis sie sodann spontan erlosch. Auf meine Bemerkung, der Koran habe sich diesmal den Ungläubigen günstiger erwiesen als den Gläubigen, ward mir nur entgegnet: „Das Wort Gottes ist stets gerecht." Um sich den Laien gegenüber ein gelehrtes Ansehen zu geben, werfen die Aerzte viel mit arabischen Floskeln um sich, die aber meist ohne Sinn und Verständniß angewandt sind. Ihre frengischen Collegcn suchen sie, in der Voraussetzung, daß dieselben der Sprache nicht vollkommen mächtig seien, durch einen Schwall leerer Worte in die Enge zu treiben; gelingt ihnen dies aber nicht, dann stützen sie ihre Argumentationen auf eine Stelle aus dem Koran, auf welchem Gebiete sie nicht widerlegt werden können, denn der Koran lügt nicht, und an seinen AuZsprüchcn Zu zweifeln wäre Blasphemie! Anfangs mußte ich mich bei den Consultationen ebenfalls in dieser Weise abfertigen lassen; später jedoch, als ich mir größere Geläufigkeit im Sprechen des Persischen erworben, bekämpfte ich die Herren mit ihren eigenen Waffen und stellte gleich ihnen meine heiße und kalte, trockene und feuchte Diagnose. Die Chirurgen (ä^kerüli) bilden eine besondere Klasse des ärztlichen Standes. Sie werden nur bei äußern Uebeln zu Rath gezogen und sind noch ungebildeter und unwissender als die Hekims. Ein witziger Perser, den ich um den Unterschied zwischen Hekim und Dscherah befragte, antwortete mir: „Der Hekim muß lesen und schreiben können, der Dscherah darf es nicht." Der Chirurg steht in der gesellschaftlichen 199 Achtung auf keiner höhern Stufe als bei uns der Bader. Wenn daher ein europäischer Arzt Operationen ausführt, so benutzen dies die schlauen Hekims, ihn in der Meinung ihrer Landsleute herabzusetzen, indem sie sagen: „er ist ein Dscherah", was soviel heißen soll als „er versteht nichts von innern Krankheiten". Ohne jede Kenntniß der Anatomie, kann der Dscherah nur eine auf mechanischen Handleistungen beruhende Praxis ausüben. Sie besteht in der Behandlung von Geschwüren, Oeffnen von oberflächlichen Abcessen, Ablösen brandiger Theile im Gelenk, Ausschälen kleiner Geschwülste, Anlegen von Fontanellen, Stillung von Blutungen durch Stip-tica, und auch im Zunähen (kNoiüek) frischer Wunden, obwol in der Regel Wunden ungebührlich lange mittels Bäuschchen offen erhalten werden, theils nach verkehrtem System, theils um die Heilung zu verzögern. Nach der in Persien herrschenden Ansicht darf ein Verwundeter in den ersten drei Tagen nicht trinken, besonders nicht kaltes Wasser oder Limonade. Selbst äußerlich muß die Wunde vor der Berührung mit Wasser geschützt werden; sonst, sagt der Perser, „xnckm »ii« inikesciied", d. h. „wird die Wunde erysipelatös". So kommt es, daß man die Wunde nie auswäscht, sondern sich begnügt, den Eiter von Zeit zu Zeit mit Baumwolle wcgzutupfen. Ich bekämpfte dieses Vorurtheil gegen Anwendung des kalten Wassers, wo sich nur Gelegenheit fand, durch Wort und Beispiel, und hatte die Genugthuung, viele einheimische Chirurgen allmählich davon zurückkommen zu sehen. Indeß gestehe ich, den Gebrauch des kalten Wassers, besonders des Eises in den letzten Jahren selbst mehr eingeschränkt zu haben, da ich mich überzeugte, daß in manchen Fällen die Heilung per xrimam intentianem dadurch vereitelt wurde. Wichtige Operationen unternehmen die Dscherahs nicht, weil sie außer Stande sind, durch Unterbinden der Gefäße die Blutung zu hemmen. Ausnahmsweise riskirt jedoch trotz- 200 dem hier und da einer den Schnitt. Im Jahre 1856 kam ein Landmann zu mir, um durch meine Hülfe von einer fibrösen Geschwulst in der Ohrdrüsengegend befreit zu werden. Ich war gerade infolge einer mislungenen Operation sehr verstimmt und beschied den Patienten, er möge in einigen Tagen wiederkommen. Aber erst nach sechs Wochen stellte er sich wieder ein und zwar in Begleitung eines persischen Chirurgen, der die Operation mit einem Rafirmesser an ihm vollzogen und die Geschwulst glücklich entfernt hatte. Ich fragte den Dscherah, ob er denn eine Ahnung gehabt, in welcher Gegend er operire. „Das kümmert mich wenig!" war seine Antwort. Danach erzählte er mir Folgendes. „Vor einigen Jahren Wallfahrtete ich zum Grabe des Propheten nach Ker-belah. Dort bat mich ein ungläubiger Sunnite, ihm eine Geschwulst am Halse wegzuschneiden. Ich ging darauf ein, aber zu meinem Schrecken folgte dem Messer ein Blutstrom, der wie ein Springbrunnen hervorschoß. Schnell gefaßt gab ich vor, ein Pulver aus meiner Wohnung holen zu wollen, das der Blutung sofort Einhalt thun werde. Statt dessen aber flüchtete ich mich in das Asyl des Heiligen Grabes; nach einigen Tagen gelang es mir, heimlich zu entkommen, und ich erreichte glücklich den Boden der Gläubigen. Eingedenk jenes Falls ließ ich niir diesmal im voraus fünf Dukaten bezahlen, um gegen alle Eventualitäten gesichert zu sein; der Beistand des Imam hat jedoch, wie Sie sehen, eine Flucht unnöthig gemacht." Die Instrumente, deren sich der persische Chirurg bedient, sind entweder sehr rohes Landesfabrikat oder europäische, die durch Schenkung, Kauf oder Diebstahl während der Assistenz bei einem fremden Arzte in seinen Besitz gelangten. Sein Instrumentenkasten enthält daher ein Gemisch der verschiedensten Apparate von Deutschland, England und Frankreich. Außer den Chirurgen gibt es noch Bader (äalialc), deren 201 Verrichtungen darin bestehen, den Körper der Badenden zu kneten, den Bart zu scheren und den Kopf zu rasiren, ferner Blutegel, Schröpfköpfe oder Glüheisen zu appliciren. Sie sind an ihren äußern Attributen kenntlich. Das Einrichten gebrochener und verrenkter Glieder wird von Leuten aus dem Volke geübt, von den Bruchbindern (8eIiik68ts-l)Nnä), die sich großen Zuspruchs erfreuen. Bei der leichtesten Contusion wird ein Schikestebänd gerufen. Er diagnosticirt immer Bruch, zum mindesten eine Verrenkung reckt und zieht das Glied nach allen Dimensionen — denn nach der Heftigkeit des Schmerzes richtet sich die Höhe seines Entgelts —, schmiert es dann reichlich mit Eidotter ein und umgibt es endlich mit Binden ober mit Schienen aus Holz oder Rohr. Vermögendere lassen sich die Glieder statt mit Eidotter mit dem kostbaren Mumiai (ein Erdpech) einreiben, dessen Heilkraft nach der Behauptung der Perser eine so wirksame sein soll, daß man damit z. B. das gebrochene Bein eines Huhns in Einem Tage vollständig heilen kann! In dem Buche des europäischen Reisenden Honigberger wird diese Behauptung als Thatsache angeführt. Der Schikestebänd zieht sich meist nicht schlechter aus der Sache als etwa unsere sogenannten „Schäfer". Nur bei Brüchen des Vorderarms passirt es ihm wol, daß infolge allzu festen Verbandes der Brand eintritt. Drei Fälle dieser Art kamen mir zur Behandlung. Der erste im August 1851 auf der Durchreise durch Trape-zunt, ich nahm den Arm ganz nahe am Schultergelenk ab und die Heilung gelang; im zweiten starb der Patient nach der Amputation am Starrkrampf; im dritten ward die Ablösung des Gliedes nicht zugelassen, sodaß der Brand sich weiter ausbreitete und einen tödlichen Verlauf nahm. Es herrscht also, wie in europäischen Ländern bei dem gemeinen Mann das Vorurtheil, Aerzte und Chirurgen verstünden sich nicht auf die Behandlung von Contusionen, 202 Brüchen und Verrenkungen. Ich erkläre mir die allgemeine Verbreitung dieser Ansicht dadurch, daß der Laie sich das Knochengerüst des Körpers als ein unorganisches Werk vorzustellen pflegt, daher eher dem Tischler und Zimmermann als dein Arzte zutraut, eine Abweichung desselben repariren zu können, ferner daß viele Aerzte selbst die Behandlung von Knochenbrüchen gering achten und unter ihrer Würde zu halten scheinen, und daß comminutive Brüche selten ohne Formveränderung und andere Nachtheile heilen, welche man dem unstudirten Schäfer, nicht aber dem Arzte von Profession verzeiht. — Kleinere chirurgische Operationen an Frauen werden auch von weiblichen Chirurgen vollzogen, deren zu Teheran zwei im Rnfe besonderer Geschicklichkeit stehen! Doch nimmt man ebenso häusig, zumal in gefährlichen Fallen, die Hülfe des männlichen Operateurs in Anspruch; so wurde mir das Katheterisiren, der Steinschnitt u. s. w. an Frauen und Mädchen stlbst der höhern Stände gestattet. Mit dem Impfen («.ksisli kudi) beschäftigen sich die Dscherahs und die Dallaks. Zu den Zeilen des Großveziers Emir (1848 — 51) wurden gut besoldete Impfärzte, denen die unentgeltliche Impfung oblag, in alle Provinzen geschickt. Nach dessen Tode ließ aber die Negierung leider diese Maßregel wieder fallen, und die Impfung ist jetzt dem Belieben des Publikums wie der Aerzte anheimgegeben. Man appli-cirt die Lymphe in der Mitte des untern Vorderarms, indem man an jeder Hand auf dem Naum von etwa 4 Quadrat-linien leichte Hautritze macht und nach gestillter Blutung das Pulver der abgefallenen Impfkrusten in dieselben einreibt. Die Haftung erfolgt fast immer, doch bleiben ziemlich ausgedehnte Narben zurück. Mit frischer Lymphe zu impfen ist nicht Brauch, weil kaum eine Mutter ihr Kind dazu hergeben würde, obwol gegen das Impfen selbst durchaus keine Abneigung besteht. Es fehlt daher oft an Impfstoss, sodaß nicht 203 selten Blatterneiter verwendet werden muß. In der Stadt Teheran wird die Mehrzahl der Kinder vaccinirt, infolge dessen Blatterneftidemien weniger hänfig und verheerend daselbst auftreten, während die Einwohner der Provinzialstädte, ferner die Neuangekommenen Neger- und Beludschensklaven durch die Seuche mehr als decimirt werden. Als ich im Jahre 1859 die Städte Kum und Ispahan besuchte, versicherte man mich, daß die letzte Blatternepidemie mehr als die Hälfte aller Kinder und Sklaven hinweggerafft habe, der vielen zurückgebliebenen Augenübel nicht zu gedenken. Die Vaccine kam durch englische Aerzte zu Zeiten des Abbas Mirza nach Persien. Dicser aufgeklärte Prinz ließ alle seine Kinder impfen und trug dadurch sehr viel zur Ueberwindung des Vorurtheils im Volke bei. Fast alle Nachkommen des königlichen Hauses, etwa 10000 an der Zahl, sind vaccinirt, welchem Umstände die Familie ohne Zweifel ihr schnelles Wachsthum verdankt, denn andere Familien verlieren im Gegentheil durch die Blattersmche fortwährend an Mitgliederzahl. Gerichtsärzte gibt es in Persien so wenig als eine Medicinalpolizei überhaupt. Man hält das Gesetz des Korans und die Isx ta1ioui8 für alle Fälle ausreichend. Ist eine Körperverletzung oder eine Tödtung vorgekommen, so zahlt der Thäter entweder an den Betreffenden oder dessen nächste Anverwandte, falls ihm nicht von diesen gänzlich verziehen wird, eine Geldsumme als Entschädigung, oder aber die Erbrache (Hun, Blut) nimmt ihren Lauf, nach dem Satze: „Aug um Auge, Zahn um Zahn." Nur wenn die Familie des Ermordeten nicht die Macht hat, Selbstvergeltung zu üben, schleppt sie den Leichnam vor das Zelt des Gouverneurs, zuweilen selbst des Schah und läßt ihn dort unbe-graben liegen, bis ihr Recht geworden ist. Ein ärztliches Zeugniß über den Befund einer Verletzung wird fast nie verlangt. In einigen wenigen Fällen erhielt ich vom König 204 oder dem Polizeimeister Auftrag, einen Getödteten zu besichtigen, doch war von Obduction natürlich keine Rede. Allerdings soll eigentlich der Polizeimeister, wenn von den Todten-wäschern Verwundungen an dem Leichnam wahrgenommen werden, die Erlaubniß des Begräbnisses versagen, bis über die Ursache der Verletzung Auskunft gegeben worden, und ich kam auf diese Weise mehrmals in die Lage, nach einer unglücklich abgelaufenen Operation ein Attest darüber ausstellen zu müssen, daß N. N. infolge meiner Beihülfe gestorben sei. Vergiftungen, ausschließlich mittels Opium oder Arsenik, kommen selten und fast immer innerhalb der Familie vor, in welche nach dem patriarchalischen Rechte kein weltliches Gesetz sich einzumischen befugt ist. Begeht aber eine schwarze Sklavin, wie es schon öfter geschah, aus Rache oder Eifersucht einen Giftmord, so erfolgt ihre Hinrichtung unter allen erdenklichen Martern. Die Seltenheit der Selbstmorde erklärt sich aus den laxen Begriffen von Ehre und Liebe, sowie aus dem blinden Glauben an ein Fatum. Nichts scheint jedoch dem Orientalen widersinniger als das Duell. Der Schah äußerte einmal in meiner Gegenwart in Bezug auf das Duell: „Wozu sich einander todtschlagen, da doch eine Partei nur zu sagen brauchte «ich habe Koth gegessen» (ich widerrufe, ich bereue)?" Unter den frühern Dynastien der Mogulen und Safa-vieh existirte eine polizeiliche Marktordnung, eine Aufsicht über Nahrungsmittel, öffentliche Garküchen, Droguenhano-lungen, über Prostitution u. s. w.; doch wurde dies alles als überflüssig abgeschafft. Jetzt üben in den Städten Persiens die Hunde und Schakale die Sanitätspolizei aus, indem sie die gefallenen und auf die Straße geworfenen Thiere in der Nacht bis auf die Knochen verzehren; sonst würde die Luft gänzlich von Aas verpestet sein. Die persischen Augenärzte (kel^i), in ziemlich großer 205 Anzahl vorhanden, genießen im ganzen Orient Vertrauen. Sie dehnen ihre Praxis über die Türkei, Aegyten, Arabien, selbst über Indien und China aus. Persisches Augenpulver wird, wie mir Kundige versicherten, bis Smyrna ausgeführt. Es besteht zumeist aus schwefelsaurem Kupfer und Mradolauuin. Trotz der berühmten Aerzte und Medicamente ist übrigens die Zahl der Augenkranken und Blinden im Lande sehr groß. Vor einigen Jahren pratticirte ein solcher wandernder Oculist am Hofe zu Peking. Die Himmlische Majestät war von seiner Kunst so entzückt, daß sie ihm nebst andern Geschenken das persische Gouvernement Kaschan verlieh. Selbstverständlich versuchte der kluge Perser bei seiner Rückkehr nicht, das ihm gnädigst verliehene Recht geltend zu machen, wohl wissend, daß es sonst nicht blos um seine Augen, sondern um den ganzen Kopf geschehen sein würde. Die Kehals kennen und üben verschiedene Operationen, wie die des Entropiums, der Trichiasis, des Pannus, Trachomas, Flügelfells, selbst die Depression des Staars, und sind im Besitz mancher eigenthümlichen Methoden. Auch weibliche Oculisten haben sich durch ihre Geschicklichkeit einen Namen gemacht. Neber die Hebammen (mz,iM, tzädsisk) ist schon im sechsten Kapitel des ersten Theils gesprochen und dort mitgetheilt worden, daß sie sowol die Entbindungen der Frauen leiten, als auch den Abortus bei Unverheiratheten und Witwen auf möglichst unschädliche Weise herbeiführen. Der normale Bau des Beckens macht, daß die Perserinnen fast immer leicht gebären, besonders die Frauen der Nomadenstämme. Europäische Aerzte werden selten bei Entbindungen zugelassen, nur zweimal ward mir erlaubt, die Zange anzuwenden, und einmal, den Kaiserschnitt an einer Todten vorzunehmen. Jedesmal wenn eine Entbindung im Hause des Großveziers stattfand, mußte ich in feinem Hotel verweilen; ob man aber. 206 auch falls es nöthig gewesen wäre, meine Hülfe in Anspruch genommen hätte, will ich dahingestellt sein lassen. Die Thierheilkunde (d.-^tgii) beschränkt sich auf die Behandlung einiger Krankheiten der Pferde und Maulthiere und wird von den Curschmieden (de^tnl) und von Turko-manen (Mogulen) ausgeübt. Nächst dem Glüheisen (ä^Ii) und dem Haarseil (okusokek) sind au: häufigsten Abführmittel im Gebrauch. Daß infolge des Mangels jeglicher me-dicinalpolizeilichen Maßregeln durch Ausbreitung von Seuchen der Viehstand sehr gelichtet wird und ganze Nomadenstämme verarmen, wurde bereits bei einer frühern Gelegenheit erwähnt. Europäische Aerzte waren zur Zeit meines Aufenthalts im Lande: in Teheran drei, in Tabris und Rescht je einer, in Schiraz einer, der Schwede Fagergreen, der schon seit 15 Jahren daselbst prakticirte, und in Buschir einer, dem englischen Consulat attachirt. In: allgemeinen hat der Perser geringes Vertrauen zur Kunst eines europäischen Arztes, wenn es sich um innere Krankheitszustände handelt, und dieses wenige wird noch durch die Verleumdungen der persischen Col-legen untergraben, welche die Europäer beschuldigen, daß sie mit Giften und Essenzen (d^käksi-) curiren. Der Kranke nimmt daher mit großer Besorgniß ein Mittel aus der Hand des Frengi und täuscht ihn in der Regel, indem er vorgibt, eine wundersame Wirkung davon zu spüren, während cr es doch weggeworfen hat und hinter dem Rücken des Arztes sich äußert, er würde sicher, wenn er es genommen hätte, schon längst im Grabe liegen! Daß die Gesandtschaftsärzte, besonders der englische, vielfach in die Häuser der Großen gerufen werden, geschieht aus dem Grunde, weil man durch sie indirect mit der Gesandtschaft in Verbindung kommen, will; darum richtet sich auch der Umfang ihrer Praxis nach dem jeweiligen Ansehen der Gesandtschaft, welcher sie angehören. 207 Anders verhält es sich bei der Behandlung äußerer Schäden. Hier wird dem Europäer-die Superiorität schon deshalb nicht bestritten, weil man, wie erwähnt, die Chirurgie nicht als einen ebenbürtigen Zweig der Medicin, sondern mehr als Sache des Handwerks betrachtet. Der europäische Leibarzt des Schah (Kekim bäsol») hat die Pflicht, jeden Morgen beim Lever zu erscheinen, auch während der Schah das Frühstück einnimmt, zugegen zu sein und denselben auf Reisen und Jagden zu begleiten. Eine eigenthümliche Nolle spielt er bei den öffentlichen Audienzen (Zglam); cs gehört nämlich zum orientalischen Pomp, daß auch einige Europäer, vor allen der Hetim baschi, an der Schwelle der Herrlichkeit ihre Stirn reiben, ganz fo, wie daß andere seltsame Geschöpfe, z. B. große Elefanten mit gefärbtem Rüssel, Giraffen u. s. w., dabei ihre Aufwartung machen. Er erhält den Titcl ^tu^Nrel) ei ek5ckän, d. i. der zum König Zutritt Habende, später den mit Diamanten besetzten Gürtel, und wird mit der Zeit zum General, wol gar zum Divisionär ernannt. Unmittelbar vor dem Frühstück des Schah hat der Leibarzt sich einzustellen, um Sr. Majestät den Puls zu fühlen. Im Vorzimmer legt er der Sitte gemäß die Pantoffel ab, und beim Eintritt in den luftigen Saal, an dessen Ende an ein Polster gelehnt der Schah auf prächtigem Teppich sitzt, macht er eine tiefe Verbeugung (der Perser reibt beim Eintritt zum Zeichen der Knechtschaft den Unterschenkel mit der rechten Hand). Dann nähert er sich langsam, sinkt vor dem Schah auf ein Knie nieder, erfaßt dessen Puls, nimmt eine feierliche Miene an und ruft endlich aus: „Ls38ikr cdud!" („Sehr gut!") Darauf derSchah: „«Äwet äaret?" („Geht er kräftig?") Der Arzt:,MN2Ä68Nd8 6iäsn, den Puls sehen), zu welchem Zweck die Taschenuhren des Persers mit Secundenzeiger versehen sein müssen. Aus dem Puls will man die Natur jeder Krankheit, die Schwangerschaft der Frauen, sogar das Geschlecht der zu erwartenden Leibesfrucht erkennen. Wo sich ein Arzt blicken Mt, selbst im Vorbeireiten, streckt man ihm 237 von allen Seiten die Hände entgegen, um sich den Puls fühlen zu lassen. Der persische Arzt ist natürlich klug genug, wenn es sich um einen Schwangerschaftsfall handelt, erst über die Menses, über die Potenz des Mannes u. s. w. Erkundigungen einzuziehen, bevor er einen Ausspruch thut. Bestätigt sich dann zufällig seine Voraussetzung des Geschlechts, fo wird er als Vu^rat (Hyppokrates) verehrt; trifft sie nicht ein, so entschuldigt er sich mit der anomalen Beschaffenheit des Pulses, der so unergründlich sei wie das Meer. Es gibt eigene Abhandlungen über den Puls und die Art ihn zu fühlen: man soll ihn an beiden Händen befühlen, dabei niederknien u. s. w., und die persisch-arabische Medicin besitzt eine sehr detaillirte Terminologie für die verschiedenen Gangarten des Pulses, deren sie nicht weniger als 64 unterscheidet. Früher war es in Persien und in der Türkei dem Arzte, wenn er zu einer kranken Frau gerufen wurde, nur gestattet, ihren Puls zu fühlen, doch ist die Civilisation jetzt auch dort so weit vorgeschritten, daß er bei ernster Erkrankung eine allgemeine physikalische Untersuchung vornehmen darf. Nur einmal verlangte ein Prinz von mir, ich solle den Zustand seiner kranken Frau beurtheilen, während sie, hinter einem Vorhang stehend, durch einen kleinen Ausschnitt in demselben ihre Hand. hervorstreckte: eine Zumuthung, die ich entschieden zurückwies. In außerordentlich übertriebenem Maße kommen Blutentleerungen zur Anwendung. Nicht nur, daß bei jedem Leiden mit katarrhalischem oder entzündlichem Charakter ein oder mehrere Aderlässe (t»8ä) verordnet werden, auch ohne alle Nöthigung pflegen die meisten Leute wenigstens jährlich zweimal, viele alle zwei bis drei Monate, ja jeden Monat einmal zur Ader zu lassen. Sehr wenige Perser — und zu ihnen gehört der jetzt regierende Schah — haben die Gewohnheit des öftern Blutlassens nicht angenommen, noch wenigere 238 entsagen ihr im vorrückenden Alter. „Okun äkrem?" („Habe ich Blut?" d.h. „Soll ich zur Ader lassen?" ist die stehende Frage an den, Arzt. Auch in den letzten Monaten der Schwangerschaft lassen die Frauen häufig zur Ader, während sie es in den ersten Monaten, besonders gegen Ende des dritten für schädlich halten. Das Zur-Aderlassen ist Sache der Chirurgen oder Bader; der persische Arzt hält diese Operation unter seiner Würde, und vom europäischen behaupten die Perser, daß er sie nicht verstehe. Die Ader wird mittels einer sehr feinen pfrimen-artigen Lanzette (uiLolltei-) geöffnet, nachdem vorher der Oberarm mit einem dünnen Lederbändchen fest geschnürt und dem zu Operirenden, damit er die Finger bewege, eine Kugel in die Hand gegeben worden. Man hat besondere Anzeichen für die Vona Lasilioa (b^,8i1ik), lüo^iialicH (keilai), 8a1-vatelia, sa^keiia, (s^ten) und liauina. An Tagen, an welchen es nach Berechnung der Astrologen besonders gut ist, zur Ader zu lassen, fließt in der Rinne vor den Barbierstuben das Blut buchstäblich in Strömen. In sogenannten feuchten Krankheiten, z. B. bei Apoplexie, wo das Gehirn von Feuchtigkeit ergriffen sein soll, ist der Aderlaß verpönt, ebenso beim eigentlichen Typhus (mukreß?); beim typhoiden Fieber (mut-deZed) dagegen vorgeschrieben. Von. seiner nachtheiligen Wirkung beim Wechselfieber, auch dem perniciösen, habe ich mich vielfach überzeugt; ein unzeitiger Aderlaß genügt oft, das einfache Fieber in ein perniciöses ausarten zu machen. Unstreitig entsteht aus übel angebrachten wie aus zu häufigen Aderlässen Blutleere, die sich zu zeitweiliger Hautwassersucht steigern kann, und es bedarf dann langer Zeit, ehe sich die normale Blutmenge wieder einstellt. Dazu kommt noch der besondere Uebelstand, daß die Bader das Reinigen der fortwährend im Gebrauch befindlichen Lanzette vernachlässigen, und dadurch umschriebene oder ausgedehnte Venenentzün- 239 düngen erzeugt werden; ein Aneurisma kam mir jedoch nicht vor. Nicht minder wie die Anwendung der Aderlässe wird die der Blutegel (2M) übertrieben. Hat der Perser Langeweile, so sucht er irgendeinen schmerzenden Punkt an seinem Leibe auf, sei es auch an der Nasenspitze oder am Ohrläppchen, um sich dort Egel anzusetzen. Die Thiere finden sich in großer Menge in den Süßwassersümpfen am Kaspischen Meer, von wo vor einigen Jahren viele nach Frankreich verschickt wurden, und in der Nähe von Schiraz, fehlen aber ganz im östlichen Theile des Reichs. Ihr Preis ist äußerst gering; in den Straßen Teherans ziehen immer Leute aus Masan-deran umher mit dein Rufe „ai 2ü,1u!" Wird ein solcher Verkäufer gerufen, so setzt er gleich die gewünschte Anzahl selber an, wobei es ihm auf fünf bis zehn Stück mehr nicht ankommt. Als Mittel gegen die so häufig vorkommenden Augenleiden setzt man Blutegel an die Schläfe. Es läßt sich denken, daß auch die dritte Blutentziehungsmethode, durch Schröpfköpfe (Iioäsodüuiel,), mit Eifer benutzt wird. Zwischen den Schulterblättern ist der Körper fast jeden Persers ganz von Striemen durchfurcht. Anfangs glaubte ich, dieselben rührten von Rutenstreichen 'her, bis ich sah, daß Streiche ausschließlich nur auf die Fußsohlen ertheilt wurden, und nun Schröpfnarben in den Striemen erkannte. Das Verfahren ist im ganzen Orient noch dasselbe wie zu den ältesten Zeiten der Aegvvter. Man macht die Schnitte mit einem Nasirmesser und stülpt ein Horn darüber, wodurch das Blut herausgezogen wird. Mit Bezug auf dieses Verfahren lautet daher die Ordination des Arztes „ein bis drei Horn Blut". Besonders häufig wird das Schröpfen bei Kindern angewandt als beliebtes Mittel gegen Wasserkopf und Congestionen. Außer zwischen den Schultern schröpft man auch an andern Theilen des Körpers, am Kreuz, um die Gelenke, 240 in der Milzgegend u. s. w., und ich muß sagen, daß ich nur in zwei Fällen nachtheilige Folgen wahrgenommen habe. In beiden verwandelten sich die Schnittwunden in syphilitische Geschwüre. Man beschuldigte den Dalak, daß er sich unreiner Messer bedient habe. In der That waren an andern Körperstellen keine Symptome von Syphilis zu bemerken. Da jedoch beide Fälle Frauen betrafen und niir nicht gestattet wurde, die geheimen Theile zu untersuchen, konnte ich den wirklichen Sachverhalt nicht authentisch ermitteln. Hautreize und Ableitungen sind zwar hauptsächlich in der Thierheilkunde von Bedeutung, denn Glüheisen und Haarseil bilden fast die einzigen Mittel gegen alle Krankheiten der Pferde und Maulthiere; doch gehören sie auch, wenn schon nicht in so ausschließlicher und so energischer Weise angewendet, zu den gebräuchlichen Curen am menschlichen Körper. Sie werden ausgeübt durch den unblutigen Schröpfkopf, durch Tätowiren und Kneten der Haut, durch Haarseil und Fontanelle. Der unblutige Schröpfkopf (kaäsokämsk bä6i), auch der Krug (Kuxe) genannt, besteht in folgendem Verfahren: Man drückt einen Teig platt auf die betreffende Körperstelle, legt ein angezündetes Kerzchen oder Stück Baumwolle darauf, und läßt dieses unter einem darüber gestürzten Krug von 3 — 4 Zoll Mündungsweite verbrennen. Infolge der hierdurch erzeugten Luftverdünnung ziehen sich mit Blut unterlaufene Flecke in der Haut zusammen, sodaß ungefähr dieselbe Wirkung erzielt wird wie mit der Iunod'schen Ventouse oder mit unserm Senfpstaster. Der Kuze wird bei Congestionen gegen den Kopf am Rücken, bei Kreuzschmerzen in der Lendengegend, bei Amenorrhöe am Kreuz und an den Schenkeln applicirt. Auf dem Lande ersetzt man ihn durch Auflegen eines Breis von frisch zermalmter Ranunkel, der aber leicht schmerzhafte Blasen zieht. 241 Das Tätowiren (.käün6u, Königskorn, arab. cännd). Speciell heißen die Blätter im Naturzustände den^, als Präparat, zu Pillen und Kugeln geknetet, tscliei-s. In Bezug auf seine Wirtungen gibt man dem Haschisch verschiedene Beinamen, als: Fröhlichkeitserreger, Geschlechtserweckcr, Trost der Betrübten, Mysterium u. s. w. Die Pflanze, unserm Hanf sehr ähnlich, nur kräftiger entwickelt, wird aus Samen gezogen. Sie gedeiht fast in allen Gegenden Asiens, in Hindostan, Kaschmir, Bengalen, Fars, Irak, Damaskus, doch genießt das Haschisch von einzelnen Provinzen und Orten, z. V. das von Afghanistan und Kaschmir, den Vorzug, weil die Bewohner mehr Sorgfalt auf den Anbau verwenden und sich besser auf die Präparation des Tschers verstehen. Um Teheran bauen Derwische einige Felder mit (^anlibis indion. Das beste Beug kommt von Herat; es wird nicht öffentlich feilgeboten, sondern durch Afghanen und Derwische in großen blaßgrüncn, etwa 2 — 3 Unzen schweren Kugeln unter der Hand verkauft, während das Tschers, von schwarzbrauner Farbe und gewöhnlich in Päckchen zu V- Drachme, in den Bazars zu haben ist. Mischt man geriebene Tschersblättcr unter frische Milch und buttert diese, so erhält man das Bengöl (rugnu-e-deuF), ein sehr starkes Haschischpräparat. Tschers berauscht am schnellsten, wenn es, auf das Kohlenbecken des Nargileh gelegt, in Dampfform eingeathmet wird. Es kann länger als Beng aufbewahrt werden, ohne durch Verdunstung seine Kraft einzubüßen. Die ersten Versuche im Genuß des Haschisch bringen. 245 Wie die ersten Studien im Tabackrauchen, peinliche Körperzustände hervor, sodaß Europäer, welche die Wirkung des Haschisch an sich selber kennen lernen, gewöhnlich nicht eben angenehme Empfindungen davon verspüren. Fortgesetzte Uebung befähigt aber den Organismus zur Aufnahme des Giftes, ohne daß bei mäßigem Gebrauch Abnahme der Verstandeskräfte und des Zeugungsvermögens oder directe Lebens-verkürzung nothwendige Folgen siud. Im Gegentheil gilt es als ausgemacht, daß gewohnheitsmäßiges Tschersrauchen, wenn die gehörigen Schranken eingehalten werden, lebhafte Gesichtsfarbe, gesunden Appetit und vermehrte Potenz erzeuge, daß es die Phantasie anrege, zu Heiterkeit und Frohsinn stimme und dem Geist eine gewisse Schwungkraft verleihe. Fast alle Afghanen rauchen täglich Tschers, und sie sind in der Mehrzahl aufgeweckte, muntere, tapfere und entschlossene Leute. Der beste lebende Dichter Persiens, Hekim Kam, insvirirte sich jeden Tag durch Wein und Haschisch. Ebenso gewiß aber wirkt der übertriebene Genuß depri-mirend auf den Körper wie auf den Geist. Das Gesicht wird fahl, das Auge matt und stier, das Blut verdirbt, Appetit und Potenz nehmen ab, „die Gehirnmasse trocknet aus" („sein Gehirn ist feucht" heißt: er ist bei Laune, aufgelegt, heitern Sinnes; „sein Gehirn ist trocken" will sagm: er ist dumpfen, blöden Geistes); Niedergeschlagenheit, Unlust, Zaghaftigkeit (äsoliobuu), Mangel an Energie und Willenskraft kennzeichnen den Vengesser (ker^bi), er endet in Melancholie und Blödsinn. Das Maximum einer einmaligen Dosis, das der Körper, ohne unmittelbar vergiftet zu werden, ertragen kann, dürfte wol sein: von Tschers 8 Gran, von Beng '/2 Drachme in einer Schale Milch, von Bengöl höchstens 4 Gran. Eine eigenthümliche Wirkung des Haschisch sind die Visionen und Sinnestäuschungen. Das Auge des Berauschten 246 sieht, sein Ohr hört anders. Ein kleiner Stein im Wege erscheint ihn: als gewaltiger Felsblock, den er mit hocherho-benem Bein zn überschreiten sncht, ein schmales Rinnsal als breiter Strom, er begehrt ein Schiff, das ihn ans andere Ufer trage; die menschliche Slimme schallt ihm wie Donner-geroll ins Ohr. Er glanbt, Flügel zu haben und sich über die Erde erheben zu können. Von solchem durch Bengrausch erzeugten Wahne befangen, stürzte ein Unglücklicher in den Stadtgraden; mir war es beschieden, seinen Flügel, nämlich das gebrochene Vein wieder zusammenzuheilen. Zu allen Zeiten haben religiöse und politische Sektirer im Orient diesen Zustand einerseits der Ekstase, andererseits der Täuschung und Willenlosigkcit benutzt, sowol um ihre eigene Phantasie bis zu Visionen Zu steigern, als auch um neue Anhänger und Neophyten zu gewinnen, und man kann behaupten, daß an den Revolutionen, welche die muselmanische Welt von Hindostan bis Marokko und Timbuktu erschütterten, das Haschisch einen wesentlichen Antheil hatte. Nachweisbar ist ein solcher Einfluß bei der Sekte der Ismae-liten, welche im Jahrhundert der Kreuzzüge unter Führung des Hassan Sabah von Alamud, des sogenannten Alten vom Berge, ihr Wesen trieben, und bei der in neuester Zeit aufgetretenen Communistensekte der Babis. Alle Derwische ohne Ausnahme sind dem Tschersrauchen ergeben, woraus sich vieles in ihrem absonderlichen Gebaren erklärt, ihr Cynismus, ihre Exaltationen, die blinde Folgsamkeit und Verehrung der Jünger (Murid) gegen ihre Obern (Murschid), deren Speichel sie sogar als geheiligte Reliquie bewahren. Sonst gilt häufiger Genuß des Haschisch in der öffentlichen Meinung für ein Laster, und nur wenige Männer, noch weniger Frauen wagen es, demselben zn fröhnen, stets aber im geheimen und in nächtlicher Verborgenheit. Leider hat durch die vielen Afghanen, welche infolge der Ve- 247 ziehungen zu Herat nach Teheran gekommen sind, der Gebrauch des Tschers in jüngster Zeit daselbst an Ausbreitung zugenommen. In der Medicin wird das Beng von den persischen Aerzten fast nur beim Tripper angewandt. Sie geben in den ersten drei Tagen, ehe sie zu Cubeben und ^erediutiiiua »aickes übergehen, je V2 Drachme in Milch, um die Aufregung und Entzündung zu mäßigen. Die Aerzte Hindostans hingegen schreiben dem Veng-Electuarium sogar eine lebenZverlängernde Wirkung zu. Ueber die anästhetische (in Fühllosigkeit versetzende) Eigenschaft des Bengöls machte ich eine seltsame Beobachtung." Im Herbst 1852 kam ein gemeiner Derwisch, der an Unterlippenkrebs litt, in meine Klinik. Ich bestellte ihn auf den folgenden Tag und schlug ihm vor, sich anästhetisiren zu lassen. Er erwiderte, daß er kommen wolle, allein eines äai-u diknscki (Anästhetikums) bedürfe er nicht. Wirklich kam er des andern Morgens. Sein Auge war stier, sein Gesicht bleich, fahl und verfallen, mit dem Ausdruck völliger Apathie. Ich schritt zur Operation. Wegen ausgebreiteter Entartung war ich gezwungen, die Schnitte bis zum Zungenbein fortzusetzen und die Haut abzupräpariren. Er äußerte keinen Schmerzenslaut. Als ich aber, beinahe fertig, nur das Degenerirte abtragen und die Nähte anlegen wollte, erhob er sich auf einmal mit dem Ausruf: „Welches Recht habt Ihr auf meinen Hals?" (was maßet Ihr Euch an?) und verließ plötzlich den Saal. Ich sah ihn nie wieder. Meine Schüler lachten und sagten: „Es war ein Benghi." Den Chinesen scheint der Gebrauch der Oanal)!« inäioa, von ihnen Ma-jao genannt, als Anästhetikum schon in den ältesten Zeiten bekannt gewesen zu sein, doch mischten sie zu dem Zweck andere narkotische Mittel bei, als Nurigoa ooodiu- 248 oKin6N8i8, mehrere Arumarten, Datura stramonium, n^. 08o^amu8 und ^.oonitum lsrox.^) Opium (Teriak). Die Opiumpstanze (ok^ok-oküsck oder oä,onär) gedeiht in Persien nicht südlicher als bis Rages (Ray, 35") und ebenso wenig in den nördlichen Hochebenen. Man unterscheidet nach den Orten des Anbaues folgende Sorten: 1) Teriak-e-Arabistani aus der Umgegend von Schuschter und von Disful (dem biblischen Schuschan), die stärkste Sorte; 2) T. Mähan, bei Kirman gebaut, sehr kräftig; 3) T. Heft-oeft, um Ispahan; 4) T. Yezd; 5) T. Ispahan aus unmittelbarer Nähe der Stadt; 6) die schlechten Qualitäten aus, Schahabdulazim, Kaschan, Kum, welche in hellbraunen Stän-gelchen in den Bazaren verkauft werden und sehr mit Pflanzenresten und Amylum verfälscht sind; 7) eine sehr starke Sorte von dunkelbrauner Farbe aus der Gegend von Sari und Balafrusch in Masanderan am Kaspischen Meere., Der Gebrauch des Opiums ist allgemein, er ist nicht verboten, nicht entehrend, wie der des Haschisch, sondern öffentlich gebilligt. Fast jeder Perser, der die Ausgabe erschwingen kann, nimmt wenigstens einmal des Tags eine Opiumpille. Besonders viel Opium wird in den Marschländern des Kaspischen Meeres consumirt, weil man glaubt, daß seine austrocknende Eigenschaft dem schädlichen Einfluß der dort herrschenden Feuchtigkeit entgegenwirke. Schah Abbas II. wollte das Verbot des Weins streng aufrecht erhalten; infolge dessen griff aber der Genuß des Opiums (oäeuKr und ß^rupug äiacoäü) in der Armee dermaßen um sich, daß er sich genöthigt sah (1621), das Verbot wieder zu mildern, wogegen er nun Verkäufer wie Käufer von Cacnar mit dem Tode bestra- *) Arbeiten der kaiserlich, russischen Gesandtschaft zu Peking (Berlin 1858), II, 467. 249 fen ließ (Della Valle, II, 108). Doch scheint diese Verordnung nicht von langer Dauer gewesen zu sein. Opium wird in verschiedenen Gestalten und Mischungen genossen: entweder rein; oder, mit Mastix, Rheum, ^.sa idetiäa versetzt, in Form von Pillen (liad-s-ui3obZ,6, Frohsinnspille), oder als Latwerge, Barsch genannt, wenn mit Hyoscyamus, weißem und schwarzem Pfeffer, Pyrethrum, Safran vermischt; als Nitzetuariuin Hlitkriäatis, welches jedoch nicht mehr ganz nach dem alten Recept hergestellt werden kann, da mehrere der dazu gehörigen Ingredienzen jetzt unbekannt sind, am gesuchtesten ist die unter Feth - Ali Schah für den Hof erfundene Mischung; als Neowal-ium ^uäro-niaoki (teriak s-tÄi-L^li); als Neotuariuin I'uluui^, (?lii-lonia,); oder als 8^i-upus l^iaocxiü ^sHsrbst-e-ciillsoii-eiin,8oli), aus dem durch Einschnitte gewonnenen Saft unreifer Mohnköpfe bereitet; als Cacnar, gekochte und mit Sirup eingesottene Mohnköpfe. ^) Alle die verschiedenen Präparate werden mit großer Sorgfalt im Hause bereitet. Einst wurde ich, vor der Wohnung eines hohen Beamten in Teheran vorbeireitend, hineingerufen, um die Besichtigung einer Leiche vorzunehmen. Der Todte war ein Diener, der von den zur Bereitung des Barsch hingestellten Säften und Droguen so viel genascht hatte, daß er kurz darauf verschied. Zu medicinischen Zwecken dient das Opium bei Diarrhöen, Zahnschmerzen, Ohrenflüssen, Bronchialkatarrhen, rheumatischen Leiden, chronischen Augenentzündungen, Koliken, Bla-sentatarrh u. s. w. Säuglingen wird es sehr häufig in Form von Scherbet Chasch-chasch gereicht. Am zuträglichsten für *) ?apav6r Rkcea« findet sich häusig in Gärten und wird auch seiner schönen Blumen halber unter dem Namen lülsli (Tulpe) und sckßk.'ui: cultivirt, doch nicht medicinisch verwendet, ebenso, wenig wie die vielen andern Papaverarten. 260 die Gesundheit, besonders nach zurückgelegtem 40. Lebensjahre, gilt es, regelmäßig früh und nachmittags eine kleine Pille zu nehmen und eine Tasse Thee oder heißes Zucker-wasser (I(änä-äKF) darauf zu trinken. Auf diese Weise soll das Opium sowol vor übermäßiger Fettleibigkeit al5 vor Magerkeit bewahren, überhaupt eine gewisse Aufgewecktheit und Frische des Geistes und Körpers erzeugen. Man beruft sich dabei auf das Beispiel der edcln arabischen Pferde, welche, wenn noch so sehr ermattet, durch eine Gabe Opium zur Fortsetzung des Marsches vermocht werden. Die arabischen Pferde sind allerdings so sehr an das Opium gewöhnt, daß sie zur bestimmten Zeit unruhig werden, mit den Füßen stampfen und scheu um sich schauen, bis ihrer Gewohnheit genügt wird. Auch die Menschen fühlen sich um die gewohnte Opiumzeit durch Beklemmung, Unruhe und Ermattung a.n die Pille gemahnt. Daher führt der Perser von Stand ein kleines silbernes Döschen mit vergoldeten oder versilberten Opiumpillen bei sich, zum eigenen Gebrauch und urn andern davon anbieten zu können. Selbst in schweren und acuteu Krankheiten wird dem bewußtlos daliegenden Patienten zur Opiumzeit die gewohnte Pille in den Mund gestopft, weil man von Unterbrechung der Gewohnheit zu große Nachtheile befürchtet; auch pflegt der Kranke um diese Zeit eine ungewöhnliche Aufregung kundzugeben, welche sich durch das Opium beschwichtigt. Die mit Mastix, Rheum und ^sa toetiäa gemischten Pillen sind sehr beliebt, da sie weniger Hartleibigkeit verursachen. Am Barsch hingegen fürchtet man seine erhitzenden und heftig narkotischen Eigenschaften. Das Nieewaiium Hlitdi-iäati» gilt nebst dem Bezoarstein und dem persischen Erdpech (inumiäi) als das beste Antidotum gegen Gifte aller Art, vorzüglich Schlangen- und Skorpiongift, und nur deshalb nicht für unfehlbar, weil man es nicht mehr in voller Echtheit herzustellen wisse. Der Sirup Chasch-chasch dient 281 als vorzügliches Mittel gegen Erkältungskrankheiten, Katarrhe und Halsentzündungen. Opium in ungewogenen Stücken nach beiläufigem Augenmaß zu nehmen, wird für gemeine Schlemmerei angesehen. Im Fastenmonat Namazan ist der Oviumgcnuß während des Tages untersagt: eine besonders schwere Entbehrung; es wird aber nach Sonnenuntergang und vor Tagesanbruch eine Pille genommen. Mag der Perser auch 40, 5)0 Jahre lang Opium genießen, er steigt doch selten in der Quantität, die im Durchschnitt 1 — 2 Gran täglich beträgt, sodaß eine Person im Monat 1 — 1'/2 Muskel (60—100 Gran) verbraucht. In den feuchten Niederungen am Kaspischen Meer pflegt die tägliche Dosis doppelt so stark, .'> — 4 Gran, zu sein. Mit solcher Regelmäßigkeit genossen, auch selbst bei einer langsamen Erhöhung der Dosis, äußert das Opium keine verderbliche Wirkung auf den Organismus; es erzeugt keine Störung, der geistigen und körperlichen Functionen, ausgenommen etwa öftere Verstopfung, seltener Erschlaffung des Unterleibs, trägt weder zur Stärkung noch zur Schwächung der geschlechtlichen Potenz bei und verhält sich ebenso indifferent Zustand des Schlafens oder Wachens. Vom 40., am Kaspischen Meer vom 35. Lebensjahre an soll der Genuß noch weniger nachtheilig sein als in früherm Alter, ja die Perser behaupten, vom 5)0. Jahre an müsse man Opium nehnien, um seine Kraft und Frische zu bewahren und ein hohes Alter zu erreichen. Ich kannte in der That Greise von 60 — 90 Jahren, welche bereits seit einem halben Jahrhundert ihre tägliche Portion Opium zu sich genommen hatten. Neben der Kleinheit der Dosis und ihrer Gleichheit oder doch nur ganz allmählichen Steigenlng ist es vor allem das strenge Einhalten derselben Tagesstunde, was die Unschädlichkeit des regelmäßigen Opiumgenusses erklärt. Den Persern kommt dabei ihr eigenthümliches orientalisches Phlegma 252 zu statten, während der Europäer, well er mit seinem lebhaftem, unruhigern Temperament sich nicht Jahr aus Jahr ein an die festgezogene nothwendige Schranke zu binden vermag, bald die Dosis vermehrt, bald gar zum Morphium greift, namentlich aber der Versuchung nicht widersteht, zu andern als den bestimmten Stunden des Tages oder der Nacht das Narkotikum zu nehmen, durch fortgesetzten Opiumgenuß Gesundheit und Leben aufs Spiel setzt. Ebenso verfallen die Derwische und Fakire, welche ein umherschweifendes müßiges Leben führen, fast alle der Unmäßigkeit; sie werden Teriakhi, d. i. Opiumesser und Opiumraucher von Profession, und befinden sich in fortwährender, Körper und Geist zerstörender Narkose. In meiner Gegenwart verspeiste ein Derwisch nicht weniger als 6 Stangen, nahe an 7 Drachmen Opium auf einmal. Die Entwöhnung von Opium uach jahrelangem Gebrauch kann ebenfalls ohne nachtheilige Folgen geschehen; nur muß der Uebergang ein sehr langsamer und allmählicher sein. Manchen allerdings ist der Genuß dermaßen zum Bedürfniß geworden, daß der ganze Organismus krankt, bis sie wieder zur alten Gewohnheit zurückkehren. Personen, deren Körperconstitution das Opium ganz widerstrebte, die beim mäßigsten Gebrauch desselben abmagerten und an hartnäckiger Leibesverstopfung oder Schlaflosigkeit litten, fand ich sehr wenige. Dagegen gibt es Individuen, die es ohne Beeinträchtigung ihrer Gesundheit auf 20 — 30 Gran per Tag bringen und eine Reihe von Jahren dabei aushalten. So erzählt Sir John Malcolm, der gründlichste Kenner iranischer Zustände, in seinen „Skizzen aus Persien" folgenden Fall: „Ich hatte an diesem Tage das Vergnügen, mit meinem alten Freunde Mohamed Riza Chan Byat zusammenzutreffen, der aus Schiraz zugereist kam. Er galopirte keck wie ein Jüngling auf mich zu und rief schon 253 aus der Ferne ein Willkommen. Kaum traute ich meinen Augen, als ich ihn jünger aussehend und flinker als vor zehn Jahren vor mir sah; denn er consumirte schon damals eine Quantität Opium, welche nach Aussage meines Arztes hinreichend war, um 30 des Opiums ungewohnte Personen zu todten. Ueberzeugt, daß der alte Häuptling, den ich sehr hoch achtete, durch so maßlosen Opiumgenuß sich in kurzer Zeit den Tod zuziehen müsse, hatte ich meinen Arzt veranlaßt, ihm dringend davon abMathen. Nach der ersten Begrüßung fragte er mich sogleich, ob ich den Doctor bei mir habe. Auf meine Antwort, daß derselbe gegenwärtig in Hin-dostan beschäftigt sei, erwiderte er lächelnd: «Das thut mir leid, ich hätte ihm gern gezeigt, daß die christlichen Aerzte, obwol sie durch Curen an Blinden und Lahmen Mirakel wirken, doch keine wahren Propheten sind; er prophezeite mir vor zehn Jahren, wenn ich nicht vom Opium ließe, mühte ich sterben. Nun, ich habe, seitdem er mir mein nahes Ende voraussagte, die tägliche Dosis nicht nur nicht verringert, sondern auf das Vierfache erhöht, bin aber dabei achtzig Jahre alt geworden und fühle mich so frisch und kräftig, wie man es in solchem Alter irgend sein kann.» Bei diesen Worten zog er eine Büchse hervor und steckte eine ungezählte Handvoll Pillen in den Mund, spöttisch ausrufend: «O wäre doch mein Freund der Doctor zugegen!»" Einen andern Fall kenne ich aus eigener Anschauung. Der Muschtehid Hadschi Mulla Zadik, ein Freund und Gönner von mir, erreichte das seltene Alter von 115 Mond-, ungefähr 111 Sonnenjahren. Während eines großen Theils seines Lebens hatte er täglich gegen 4 Gran Opium geschluckt und in der letzten Zeit so wenig Nahrung zu sich genommen, daß er dem Opium allein seine Erhaltung zuschrieb. Noch ein Jahr vor seinem Tode sah ich ihn voll Würde und mit ungebeugtem Rücken einer Madschles (Versammlung) präsidiren; 254 er besaß noch Geisteskraft genug, um mir in einer lebhaften Discussion die Vorzüge des Islam auseinanderzusetzen. Nach alledem könnte man wol vom Opium, das consequents Festhalten an der gewohnten mähigen Dosis vorausgesetzt, ebenso wie vom Kaffee sagen: wenn es ein Gift ist, so muß es doch ein sehr langsam wirkendes sein. Unbedingt von schlimmen Folgen ist das Opiumrauchen, um so mehr, da der Dampf nicht durch das Nargileh, welches einen großen Theil der Alkaloide im Wasser zurückhält, sondern durch die kurze türkische Pfeife eingesogen wird. Es ist in Persien bei weitem wcnigcr verbreitet als in der Türkei; durch die öffentliche Moral verdammt, wird es nur ausnahmsweise und ill tiefster Verborgenheit geübt. Nach kurzer Zeit zeigen sich an dem Opiumraucher die bekannten Symptome der chronischen Narkose: eingefallenes Gesicht, stierer Blick, strohgelbe Gesichtsfarbe, schlotternder Gang, Schlaf-und Appetitlosigkeit, geistige Erschlaffung, confuses Denken, zuletzt wirklicher Irrsinn. Als acutes Gift wird Opium namentlich von Selbstmördern gebraucht. Wie bei allen an ein unabänderliches Fatum glaubenden Völkern ist bei den Persern der Selbstmord zwar nicht eben häufig, aber er kommt doch dann und wann vor. Auffallend dazu geneigt sind Neger und Negerinnen. Das Rettungsverfahren bei acuter Opiumvergiftung besteht im Darreichen von Brechmitteln und starkem schwarzen Kaffee unter beständigem Rütteln des Körpers und Bespritzen desselben mit kaltem Wasser. Damit die noch unverdaut im Magen liegenden Opiumstücke mit fortgehen, thut man gut, vor dem Brechmittel etwas Wein zu geben. Ich behandelte das zehnmonatliche Kind des königlichen Secretärs Mirza Abbas Munschi, dem eine Negerin aus Rache gegen die Mutter 9 Opiumpillen in den Mund gestopft hatte. AIs ich gerufen wurde, lag es bereits, blau und mit verengter Pu- 255 Pille, im Zustande dcr Betäubung, fuhr aber trotzdem von Zeit zu Zeit mit den Händchen an die Nase; denn heftiges Jucken der Nase gehört zu den nie fehlenden Symptomen der Vergiftung. Zum Glück untersuchte ich die Mundhöhle und konnte noch 4 ganze Pillen daraus hervorziehen. Sofort gab ich starke Dosen 1»rwru5 emetiou8, aber es wollte sich kein Erbrechen einstellen. Da flößte ich dem Kinde zwei Löffel Wein in den Mund und schaukelte es zwischen meinen Füßen. Es erbrach sich reichlich, der Magen stieß die unverdauten Stücke aus, Klystiere und kalte Bespritzungen thaten das übrige, und in drei Tagen war alle Gefahr beseitigt. Gute Dienste leistet anhaltender Gebrauch von Opium bei Schleimflüssen und Katarrhen der Schleimhäute; sogar Kinder läßt man es gegen diese Uebel monatelang nehmen. Vor der Cholera schützt es nicht; während der Krankheit selbst kann man zwar durch sehr starke' Gaben das Erbrechen hemmen, selten ist aber damit etwas gewonnen, ja man muß fürchten, daß den sonstigen Cholerasymptomcn die der Opiumvergiftung hinzutreten. Bei Intermittcnsanfällen vermag es wol die Gewalt des Paroxysmus abzuschwächen, doch pflegt dann der nächste Anfall desto heftiger zu sein. Gegen Diarrhöen und Dysenterien findet Opium keine Anwendung, nur in einigen Gegenden am Kaspischen Meer soll es in Verbindung mit Kalomel gegeben werden. Iezd und Ispahan treiben nicht uubedeutenden Ausfuhrhandel mit Opium nach Hindostan und der Türkei. Taback. Die Tombakipflanze ist eine unserm Taback sehr ähnliche, rosa blühende Nikotiana. Nach dem Dafürhalten der Perser wäre sie ein einheimisches Gewächs; allein dem widerspricht der Umstand, daß in keinem ältern phormokologischen Buche und in keiner Dichtung aus älterer Zeit ihrer Erwähnung 256 geschieht, und auch der Name deutet auf fremdländische Abkunft hin. Sie scheint einen etwas salzigen Boden zu lieben; wenigstens sah ich in der Nähe von Tombakipflanzungen immer viele Salsolen wuchern. Nördlicher als 34" gedeiht sie nicht im Tafellande Iraks, ebenso wenig kommt sie in den feuchten Marschländern am Kaspischen Meere fort. Der höchste Punkt, wo ich sie fand, ist Asepas, auf einer Hochebene zwischen Schiraz und Ispahan gelegen. Es war am 26. Juli, als ich den Ort passirte; das Thermometer zeigte als Maximum der Tagestemperatur 24", Wasser kochte bei 93«. Indeß zweifle ich, daß die Pflanze dort zur Reife gelangt, denn die Blutenknospen waren noch nicht einmal angedeutet. In der Provinz Laar, südlich von Schiraz, wächst die beste Sorte, der Tambäkü Schirazi. Er hat viel Aroma und gewinnt durch das Alter an Güte; 1 Man (57, Pfund) kostet in Teheran VZ Dukaten. Der größte Theil wird im Lande consumirt, das übrige geht nach Konstantinopel, auch nach Petersburg Und dein Kaukasus. Als zweite Sorte gilt das Gewächs von Ispahan, das weniger aromatisch ist, Kratzen im Halse verursacht und sich nicht lange aufbewahren läßt. Andere Sorten, wie die von Kaschan, Dezd u. s. w., werden nur von den ärmern Klassen geraucht oder nach Bagdad und Konstantinopel verkauft. Die Ausfuhr ist beträchtlich und hat namentlich seit dem Krimkriege zugenommen, weil seitdem der persische Taback auch in Europa beliebt wurde; sie erreicht einen jährlichen Werth von 2 — 300000 holl. Dukaten. Anfangs Mai legt man zu Ispahan den Samen ziemlich dicht in die Erde. Nach Verlauf eines Monats werden die etwa 3 Zoll hohen Pflänzchen ausgehoben und weitläufiger in Beete, ähnlich unsern Kartoffelbeeten, versetzt, die zu beiden Seiten von tiefen Furchen zum Zweck der Bewässerung eingefaßt sind. Allzu viel Nässe scheint die Pflanze nicht zu 257 vertragen. Gegen Ende Juni sah ich bereits Stauden von 1V2 Fuß Höhe. Man läßt nur sieben bis neun Blätter an einer. Staude stehen, entfernt das übrige Kraut und kappt Mitte Juli auch die Blüten, ausgenommen natürlich an den zu Samen bestimmten Pflanzen. Im Herbst werden die Blätter abgenommen, getrocknet und zu Kuchen gepreßt. Die mittlern Blätter, zwischen den Wurzel- und den Blütenblättern, geben die beste Qualität. Aus einer gewöhnlichen Pfeife kann der Tombäkü seines starken Nicotingehalts und des unangenehmen scharfen Geschmacks wegen nicht geraucht werden; man bedient sich des unter dem Namen Nargileh — von n^äsoliii, die Kokosnuß, weil eine solche oder ein Kürbis häufig als Wassergefäß dazu benutzt wird — bekannten Apparats, wofür übrigens in Persien der Name Kaelian, der das eigenthümlich brodelnde Geräusch bezeichnet, gebräuchlicher ist. Die Tombäkükuchen werden klein gestampft und die Blättchen dann gesiebt, um sie von den Stengeln und Rippen zu befreien, da diese Theile besonders scharf und narkotisch sind und beim Verbrennen einen penetranten brenzlichen Geruch entwickeln, daher nur die ärmsten Klassen sich an ihnen delectiren. Etwa 2 Drachmen des durchgesiebten, mit Wasser angefeuchteten und tüchtig durchgekneteten Tabacks legt man auf den mit Gips gefütterten Schlot (56r-6-^Nii5,u) des Nargileh und bedeckt die Masse mit gut ausgeglühten oxydfreien Kohlen, sodaß sie ganz langsam und nur unvollkommen verbrennt. Von dem Schlot geht ein Nohr bis auf den Boden eines zur Hälfte mit Eiswasser gefüllten ftaschenförmigen Gefäßes herab; ein anderes, schief aufsteigendes, welches als Mundstück dient, mündet im freien Raum oberhalb der Wasserfläche. Indem auf diese Weise der Dampf das Wasser durchzieht, kühlt er sich ab und verliert einen Theil seiner narkotischen Kraft. Das Wasser in dem Gefäß muß natürlich oft erneuert werden, denn es Pllllll, Pcrsicn. II, 17 258 sättigt sich schnell mit scharfen Atomen, die es dann dem durchgehenden Rauch wieder mittheilt. Venn Volk gilt dieses mit Nicotin geschwängerte Wasser als das beste Brechmittel, namentlich in asthmatischen Leiden. Der Apparat ist gewöhnlich reich verziert und mit großem Luxus ausgestattet, und in vermögenden Häusern werden eigene Diener gehalten, welche sich ausschließlich mit Reinigung und Putzen desselben, mit Zurechtmachen, Darreichen und Anrauchen des Nargileh zu beschäftigen haben. Fast so unentbehrlich wie Speise und Trank dünkt dem Perser das Nargileh. Sei er allein, oder sei es beim Abschluß eines Geschäfts, bei der Discussion, beim Empfang und Abschied von Besuchen, bei öffentlichen Ceremonien, nie darf das Nargileh fehlen. Jedem Gaste wird es gereicht; es einem Fremden nicht anbieten, heißt ihn beschimpfen. Nur dürfen die Familienglieder in Gegenwart des Chefs der Familie nicht rauchen, ohne speciell von ihm, was sehr selten geschieht, dazu aufgefordert zu sein. Läßt man dem Gast zum dritten mal das Nargileh reichen, so ist dies ein Wink, daß er sich entfernen möge. Hochgestellte Personen pflegen das dritte Nargileh selbst zu verlangen, damit die Diener sich zum Aufbruch rüsten. Sonst sieht man es als große Anmaßung und Ueberhebung an, wenn jemand in einem fremden Hause das Nargileh bei der Dienerschaft bestellt. Auch auf Reisen läßt sich der Perser den Rauchapparat von einem berittenen Diener nachführen, der die Kohlen glühend erhalten und stets bereit sein muß, seinem Herrn das flexible Rohr herüberzureichen. Begegnet man unterwegs einem Bekannten, so wird halt gemacht und nach gegenseitiger Begrüßung ein Nargileh mit ihm geraucht. Ich traf einst einen mir befreundeten Artillerieoffizier, welcher mit seiner Batterie aus dem königlichen Lager zurückkehrte; als er mich sah, commandirte er seiner Truppe Halt, und erst nachdem wir ein Nargileh miteinander geraucht. 259 ließ er sie den Marsch fortsetzen. Selbst während der Exercir-übungen verlieren sich einzelne Soldaten hinter die Front, nm ein paar Züge ans dein Nargileh zu thun. Für den kundigen Raucher, der den eingeathmeten Dampf eine Weile in der Lunge zurückhält und dann langsam durch Mund und Nase herausgehen läßt, reichen fünf bis sechs Züge hin, um ihn in Ksik zu versetzen. Keif nennt man den Zustand der beginnenden Narkofe, solange der Berauschte noch mit Bewußtsein in seinem Rausche schwelgt, das suinunnu do-Hum der Orientalen. Der höhere Grad hingegen, die wirkliche Trunkenheit, heißt ^8oli. Ein in letzterm Zustande befindlicher Mensch bietet den widerlichsten Anblick dar: wie von Epilepsie befallen, verdreht er die Augen, sodaß nur das Weiße sichtbar bleibt, Speichel quillt ihm aus dem Munde, Hände und Füße arbeiten in unwillkürlichen krampfhaften Bewegungen, bis er endlich in lethargischen todtähnlichen Schlaf versinkt. Selten sah ich Männer das Maß des Keif überschreiten; es sind meist Frauen im Harem und beschäftigungslose Diener, welche aus Langeweile länger uud öfter das Nargileh „ziehen" — das ist der persische Ausdruck für raucheil — und dadurch das Stadium des Gasch herbeiführen. Aus unmäßigem Nargilehrauchen entstehen chronische Bronchialkatarrhe und Emphyseme, welche Uebel jedoch in dem trockenen warmen Klima Persiens und bei der Gewohnheit der Perser, im Frühjahr eine Eselsmilchcur durchzumachen, im Durchschnitt hier einen minder gefährlichen Charakter annehmen als in Europa. Allerdings kommen auch schwere Fälle derart vor, und zwar tritt gewöhnlich nicht in den Wintermonaten, sondern im Spätherbst eine Verschlimmerung ein. Auffallend häufig und intensiv fand ich diese Krankheiten in den Fabrikstädten Kaschan und Ispahan. Mein Tagebuch weist während meines kurzen Aufenthalts da- 17* 260 selbst mehr als zehnmal so viel Fälle von Emphysemen und chronischem Katarrh mit daraus folgender Herzerweiterung, Asthma und Cyanose anf, als ich dnrch ncnn Jahre in Teberan und Umgegend beobachtet habe. Vergebens suchte ich nach einer Erklärung dieses Phänomens. Vei einmal entwickeltem chronischen Katarrh muß das Nargileh ganz gemieden werden, weil fortgesetztes Ranchen leicht Erstickungsanfälle verursacht; höchstens dürfen die Leidenden des Morgens ein paar Züge thun, um sich znm Husten zu reizen und den Echleim-auswurf zu befördern. Den regelmäßigen Athemübungen, dein Vcspülen der feinsten Lungenzellen mit Dampf und der Ableitung durch Emphyseme, dem Nargilehranchen also möchte ich es zuschreiben, daß Lungenschwindsucht in Persien so änßerst selten vorkommt, und ich glaube daher, der Gebrauch des Nargileh könnte bei Anlage zu dem genannten Uebel von großem Nutzeu sein. Ebenso scheint mir, derselbe empfehlenswert!) als Mittel, dem Körper gewisse Medicamente zuzuführen, indent durch Einathmen der Dämpfe und deren unmittelbares Berühren der Schleimhäute eine raschere Wirkung auf den Organismus erzielt wird als durch jede andere Art der Einverleibung. So sah ich namentlich, wie Rauchen des Mercur der syphilitischen Verheerung schuellen Einhalt that. Ferner ließ ich mit Erfolg in Dampfform nehmen: 6ulnini nmmou. oder Auininl Aaldauuni, ^.sa foetiäa, Terebinthaceenharz oder Mastix, in einem Falle auch ?ix li^uida; und noch für viele andere Stoffe, wie L!,n8 8tirax, Kampher, Chinin, Salicin, selbst Digitalis, Borax, Salmiak u. s. w. würde sich das Einziehen derselben mittels des Nargileh empfehlen, wobei nach Umständen statt des Wassers, durch welches die Dämpfe gehen, andere, sich neutral verhaltende Flüssigkeiten und statt des Tabacks ebenfalls indifferente Blätter substituirt werden könnten. Die Intensität der Wirkung des Nargileh- 261 rauchens verhält sich zu der des Rauchens aus einer gewöhnlichen Pfeife wie etwa die Inhalation des Chloroforms zu dessen Gebrauch durch den Darmkanal. Den Gebern ist das Tabackrauchen verboten, weil die Religion des Zoroaster eine Entweihung des Feuers darin erblickt; ebenso den Unterthanen des Chan von Buchara. Auch die Communistensekte der Babis hat das Verbot angenommen, dagegen ihren Bekennern den Genuß des Haschisch erlaubt. In den nördlichen ineist von türkisch-tatarischen Stämmen bewohnten Provinzen wird nicht das Nargileh, sondern die türkische Pfeife geraucht. Den Pfeifentaback (tutun) baut man hauptsächlich um Urumieh. Die Blätter werden ganz fein, fast zu Pulver gerieben; die Farbe des Tutnn ist goldgelb, er hat sehr geringen Nicotingehalt, aber ein feines Aroma. Etwas stärker ist der kurdisch-bagdader Tutun. Schnupftaback (Nnüek) bereiteil die Armener in Ispahan aus den pulverisirten Blättern des Tombäkü, welche mit einem Aufguß von chinesischem Thee in Gärung versetzt werden. Er geht aber größtentheils ins Ausland, namentlich in den Kaukasus, denn in Persien selbst ist das Schnupfen wenig in Gebrauch, fast nur als Ableitungsmittel bei Augen- oder Kcpfleiden. Stechapfel (Datura stramonium), pernsch tü.turek, äsLinlws-s-mutlüi, im Düngerboden und auf Schutthaufen der Städte und Dörfer wachsend, steht bei den persischen Aerzten in hohem Ansehen. Sie geben den Samen gegen Wechselfieber, besonders Quartana, gegen chronische Kopfschmerzen, Veitstanz, überhaupt Convulfionen aller Art, das daraus gepreßte Oel gegen Krankheiten des Mastdarms uud Hämorrhoidalk'noten, die bekanntlich bei einem Neitervolk so häufig und schmerzhaft sind, und machen aus dem Kraut stärkende Umschläge auf erschlaffte Theile. Ein zwölfjähriger Knabe, der an lähmendein Zungenkrampf litt. 262 wurde mir von seinem Vater zugeführt, weil das Uebel ihn hinderte, die arabischen Gebete, zu denen der Perser vom dreizehnten Jahre an verpflichtet ist, deutlich auszusprechen. Durch innerlichen Gebrauch frisch pulveristrten Datnrasamens, begleitet von kalten Umschlägen auf den Kopf, gelang es mir, ihn binnen zwei Monaten zur Verrichtung der vorgeschriebeneu Gebete zu befähigeu. Schwarzes Bilsenkraut (H^oyainug), persisch de^er ui denclscli oder denk, kommt in allen seinen verschiedenen Arten vor. I)r. Buhze (vergl. dessen „Gesammelte Pflanzen in Transkaukasien und Persieu", 1860) beobachtete und beschreibt den II. ni^er, psi-8ion8, (^ainorarii, ßsne^cäonis, diz)6nnati5ecw8, pusillug. Mit den Samen werden berauschende Latwerge versetzt, vornehmlich das Opiumbarsch. Das Kraut wirkt, äußerlich angewendet, schmerzstillend. A lraunwurzel (Mlni^rgFora), persisch msi-äuin s^Ii (Mannskraut), iuoKi--6-Fiü,ii (Liebeskraut), ^drn68oIi-65 sannnn^, biciiS-ilVkkli, 8ek - knn, findet sich nur im südlichen Theil des Landes, am häufigsten um Schiraz. Man schreibt der Wurzel, wie ehemals in Europa, übernatürliche Kräfte zu und trägt sie als Amulet zur Verhütung von Epilepsie, Unfruchtbarkeit, Abortus, Untreue des Mannes oder der Frau, Ungnade des Königs, sowie zum Schutz gegen Bezauberung und dämonische Einflüsse. Taft Wurzel (ßoopolia inutica), persisch dioli-6-^aft, ri8<>k-6-1aft, 8o!iukelüii, änr8. Wächst im Bezirk Taft unweit Iezd uud bildet einen Bestandtheil der meisten narkotischen Latwerge. Auch mischt man zuweilen kleine Qnantitäten dem Zuckerbrot bei, um sich an den unwillkürlichen rastlosen und lasciven Bewegungen derer, die 263 davon genossen haben, zu ergötzen. Ich übermittelte die Wurzel Herrn Regierungsrath Schroff, der eine Reihe sehr interessanter Versuche mit derselben angestellt hat und sich in der „Zeitschrift für praktische Heilkunde" unter anderm folgendermaßen darüber äußert: „Vergleicht man die Taftwurzel mit der Wurzel unsers einheimischen Bilsenkrauts und auch wol mit den übrigen Theilen dieser Pflanze, so ergibt sich ein sehr erheblicher Unterschied bezüglich des Grades der Wirksamkeit; denn einmal enthält die Taftwurzel bei weitem mehr an wirksamen, durch Alkohol ausziehbaren Bestandtheilen als die zweijährige Bilsenwurzel, indem sich dort das Verhältniß der Wurzel zum alkoholischen Extract wie 5 : 1, hier aber wie 24 : 1 gestaltet; dann aber, wie aus den oben angeführten Versuchen hervorgeht, ist das alkoholische Extract der Taftwurzel ungleich wirksamer, ja die Wirkung jenes Extracts überbietet an Stärke das alkoholische Extract der Belladonna; Ein Gran des letztern würde keine so heftige und so lange andauernde Intoxication hervorgerufen haben, als dies eine geringere Quantität des alkoholischen Taftwurzel-cxtracts bei Pschick (Name des Vergifteten) that. Die un-gemeine Steigerung der Pulsfrequenz, 130 in der Minute, die große Aufregung in der psychischen Sphäre, der ungewöhnlich gesteigerte Bewegungstrieb, passen ohnedies noch mehr auf eine Vergiftung mit Daturin und Atropin als mit Hyoscyamin. Sowie die Botaniker in dem Genus Scopolia ein Uebergangsglied von Hyoscyamus zur Atropa sehen, so dürfte auch in pharmakodynamischer und toxikologischer Beziehung 8o0po1ia iuuti(.^ den Uebergang vermitteln. Die Frage: ob und zu welchem Zweck die Taftwurzel eine ärztliche Verwendung finden könne, beantwortet die mit ihr geführte Untersuchung von selbst. Die Taftwurzel wird in allen Fällen sich hülfreich erweisen, in welchen die Aerzte von der Anwendung des Hyoscyamin, Atropin und Daturin und der 264 mit diesen Alkaloiden versehenen Pflanzen aus der Gattung Hyoscyamus, Scopolia, Atrofta und Datum heilsame Wirkungen beobachtet haben; nur muß bei ihrer etwaigen Benutzung in Krankheiten der Umstand nochmals insbesondere hervorgehoben werden, daß sie alle ihr verwandten, bisher untersuchten Pflanzen an Wirksamkeit bei weitem übertrifft, worauf bei der Bestimmung der Gaben Rücksicht genominen werden müßte. Wollte man die Wurzel in Substanz verwenden, so würde V12 Gran die kleiners, Vs die mittlere, 1 Gran die große Gabe repräsentiren; das alkoholische Extract, fünfmal stärker als die Wurzel in Substanz, dictirt sich selbstverständlich die fünffach geringere Gabe." Brechnuß (Nux vouiica), persisch kutsckuls, axuraFki, auch fälschlich tawi? genannt, welche Namensverwechselung mit Stramonium schon häufig großes Unglück angerichtet hat, wird von manchen als Mittel zur Reizung des Geschlechtstriebs und, mit Chinin vermischt, gegen Impotenz anhaltend gebraucht. Bevor die Nuß zerstoßen und den Latwergen beigesetzt wird, weicht man sie eine Zeit lang in Milch, wodurch sie etwas von ihrer giftigen Wirkung verliert; allein es bleiben doch Fälle von Starrkrampf und sogar tödlicher Vergiftung nicht aus. Eisenhut (^.eonitum lerox), persisch bi8o!i, gilt im Orient für das stärkste Pflanzengift und für stärker als das Gift der Schlangen. Man sagt, die Wurzel finde sich nur auf dem Berge Hilhil in China. Eine andere Art der Bischwurzel, senFur genannt, von außen mit schwarzen Punkten gleich dem Horn der Gazelle bedeckt, kommt aus Indien; mehrere Ellen in ihrem Umkreis soll kein anderer Pflanzenkeim sich entwickeln können. In der Medicin findet das Bisch sehr beschränkte Anwendung; es wird aber 265 häufig mit Ginseng (Kraftwurzel) verwechselt. Derwische pflegen eine Bischwurzel bei sich zu tragen: zu welchem Zweck, konnte ich nicht ermitteln. Bittermandelöl, persisch i-u^an bäääm kuki, aus wilden Mandeln gepreßt, deren das südliche Persien drei verschiedene Species erzeugt, wird als Einreibung bei Kolik, Rhenmaüsmus und Neuralgien verordnet. Thee, persisch tsci^'i, wurde schon vor 200 Jahren 'aus China eingeführt, ist aber erst seit ungefähr einem Menschenalter allgemein im Gebrauch. Olearius erzählt zwar bereits von Theekneipm in Ispahan. „In diesen trinken sie ein warmes Wasser, welches von einem Kraute, so sie Tzai nennen, rührt. Sie halten es für gesund, soll sonderlich das Geblüt reinigen." In den spätern Bürgerkriegen und als der Verkehr mit Indien abnahm, scheint aber der Thee gänzlich außer Gebrauch gekommen zu sein, die Perser wenigstens datiren seine Einführung von Anfang des jetzigen Jahrhunderts, wo Abbas Mirza einige Päckchen Thee und Zucker zum Geschenk erhielt. Wie dem auch sei, gegenwärtig ist der Thcegenuß in den Städten so allgemein, daß es kaum eine wohlhabende Familie gibt, in der nicht ein russischer Samowar zu finden wäre; jeder anständige Gast, z. B. auch der Arzt bei seiner Visite, wird damit regalirt. Der Perser nimmt gewöhnlich zwei mittlere Tassen des Morgens, zwei des Abends mit der Opiumpille. Auf Reisen in der Wüste, überhaupt in Gegenden, wo es an gutem Trinkwasser mangelt, leistet ihm der Thee wegen seiner durststillenden Eigenschaft nnschätzbare Dienste, denn er erspart ihm unterwegs das Trinken der fauligen Brakwässer, die Hauptursache gefährlicher Wechselfieber. 266 So rechnet man jetzt in persischen Städten den Thee zu den unentbehrlichsten Lebensbedürfnissen, ja manche genießen ihn mit Leidenschaft. Ich habe in Teheran Leute gekannt, die bis 18 Tassen des Tags zu sich nahmen. Natürlich wirkt ein so übermäßiger Genuß, zumal der Trank sehr stark bereitet wird, höchst nachtheilig auf die Gesundheit ein. Herzklopfen , Schlaflosigkeit, Mangel an Appetit sind die unausbleiblichen Folgen davon. Bei der raschen Respiration in der verdünnten Luft der Hochebenen ist aber das Herzklopfen, das bekanntlich des Nachts am stärksten auftritt, hier ein doppelt belästigendes, den Schlaf störendes Uebel. Auch das im Lande auffallend häufig vorkommende nervöse Zittern der Hände (raascke) möchte ich dem vielen Theetrinken zuschreiben. Endlich behauptet man, wol nicht ohne Grund, daß es die Potenz herabsetze. Die Perser versüßen den Thee mit sehr viel Zucker, während die Afghanen und Tataren statt des Zuckers Kochsalz hineinthun. Gewöhnlich wird auch Saft von frischen Citronen oder sauern Orangen dazu gereicht, wovon man ein paar Tropfen in die Tasse zu gießen pflegt. Zufällig war es ein Deutscher, der zuerst größere Quantitäten zum Verkauf ins Land brachte; deshalb heißt guter Thee noch heutigentags tsoka'i nsmse (deutscher Thee), und es knüpft sich daran der ziemlich verbreitete Irrthum, daß die Pflanze in Deutschland cultivirt werde. Aller Thee, und zwar ausschließlich die schwarze Sorte, kommt aber aus China über Indien und den Persischen Meerbusen nach Iran. Von Buschir geht er dann weiter ins Innere. Aus Rußland wird kein Thee bezogen, weil er dort zu theuer ist; im Gegentheil schmuggeln die Perser nicht unbedeutende Quantitäten in den Kaukasus ein. Kaffee, persisch kali^ek, dun, genießen die Perser nicht in so reichem 267 Maße wie die Türken; im übrigen wird er ganz auf dieselbe Art bereitet und servirt. Man bekommt ihn selten frisch gekocht, sondern fast immer aufgewärmt, weshalb cr außerordentlich bitter schmeckt. Kaffee mit Zucker oder mit Milch zu trinken, erscheint den Orientalen absurd; hingegen versetzen ihn manche mit etwas Cardamom (Iiii), welche Mischung wieder dem Europäer nicht mundet. Feinen arabischen Kaffee, mäßig geröstet, dann zu feinem Pulver gestoßen und in Büchsen hermetisch verschlossen, genießen manche lieber in trockenem Zustande. In den Harems wurde ich oft gefragt, ob ich den Kaffee trocken oder gelocht zu haben wünschte, und ich muß gestehen, daß man, einmal daran gewöhnt, ein Löffelchen des Kaffeepulvers vortrefflich findet. Daß häufiger Genuß starken Kaffees die Nerven angreift, ist bekannt. Im Orient gibt man ihm auch allgemein Schwächung der Potenz schuld. Olearius sagt in seinem Reisebericht: „Das schwarze Wasser hat einen brandigen und un-anmuthigen Geschmack, es soll sehr kalten und die Natur unfruchtbar machen. Wenn aber solches Cahwawasser zu viel gebraucht wird, soll es die fleischlichen Begierden ganz auslöschen." Er erzählt hierauf eine bezügliche Anekdote von Sultan Mahmud Gasneiin, die jedoch erfunden sein muh, da im 10. Jahrhundert der Gebrauch des Kaffees dort jedenfalls noch unbekannt war, und schließt mit dem persischen Denkspruch: Ai sia ruh ke näm est kahweh Kätl-e-nawm kfitelii-i schahweh. (Bohne schwarzen Angesichts Kaffee ist dein Name, Daß der Schlaf dich fliehe und die Lust erlahme.) Der meiste Kaffee kommt aus,Indien, vornehmlich Java, über Vuschir; uur kleine Quantitäten werden auf Karavanen-wege aus Arabien eingeführt. 268 Wein (persisch scarab, n^diä). Und fände der Verstand im Rausche Nicht manchmal festen Anlcrgrund, Wie lenkte er das lecke Schifflein Heil durch des Schicksals tnck'schen Schlund? Hafis. Fast jedes lyrische Gedicht der persischen Poeten besingt Liebe, Wein nnd Blumen, und doch ist Liebe im Sinne der Dichter äußerst selten, der Wein durch das Religionsgesetz verpönt, und ein Blumenflor, mit Ausnahme der Rosen zur Zeit des Frühlings, kaum in Persien zu finden! Allein wie streng auch der Islam den Genuß des Weins und überhaupt aller gegorenen Getränke verbietet, so ist doch deren Verbrauch nicht unbedeutend, besonders unter den Beamten, Chanen, Gouverneuren, Soldaten, selbst unter den Priestern. Die Landbewohner allerdings kennen den Wein kaum dem Namen nach, und die meisten haben nie in ihrem Leben ein gegorenes Getränk gekostet. Mit wie wenig Gewissensscrupeln aber auch mancher Islambekenner sich über das Verbot des Weintrinkens hinwegsetzen mag, so wird er doch ängstlich besorgt sein, daß kein Tropfen auf sein Kleid oder seinen Teppich falle; denn die Gegenstände werden dadurch gesetzlich unrein (uäclsokis) und dürfen, bevor sie gewaschen sind, nicht wieder in Gebrauch genommen werden. Von den inländischen Weinen werden der braunrothe von Schiraz (okäller), ferner der von Hamadan und Ispahan (nsclsoksiabilä) vielfach im Lande genossen, auch nach Bagdad und Indien verführt; die an andern Orten, wie in Kirman, Kaswin, Tabris, Urumieh u. s. w. erzeugten dienen nur zum Localbedarf. Mit der Bereitung dürfen nur Juden uud Armener sich beschäftigen; der Verkauf wird von der Polizei unter der Hand gestattet, doch von Zeit zu Zeit verboten: es werden dann schwere Geldstrafen aufgelegt, die Gefäße zertrümmert, die Verkäufer ihrer Häuser und ihres 269 Eigenthums beraubt und aus der Nähe des Burgviertels vertrieben. Weinpressen gibt es nicht; die Trauben werden mit den Füßen zerstampft, hierauf wird der Saft sammt dem größten Theil der Hülsen, Kerne nnd Stiele in große irdene Kruge (oliumre-äsoiläl) geschüttet und an einem temperirten Ort der Gärung überlassen. Erst im Monat April ist das Getränk soweit geklärt, daß es, ohne zu brechen und sauer zu werden, den Transport verträgt. Dieser mangelhaften Bereitung muß man es zuschreiben, daß trotz der vortrefflichen, zuckerhaltigen Trauben die Weine im Durchschnitt nur eine mittelmäßige Qualität erreichen; sie sind sehr alkoholhaltig, als ob sie mit Branntwein gemischt wären, sehr stark und schwer, sodaß sie leicht zu Kopfe steigen; nnr nach wiederholter, vollkommener Klärung lassen sie sich aufbewahren. Als der Vezier beim Schah darüber Klage führte, daß die Einfuhr von Weinen wieder zunehme und somit ein hübsches Stück Geld aus dem Lande gehe, sagte dieser scherzend: „Schickt meinen Onkel Ardeschir (ein Erzschlemmer) an die Grenze; er wird sicher keinen Tropfen passiren lassen!" In der That jedoch ist der Import fremder Weine, unter denen die mit Sprit versetzten und die moussirenden am beliebtesten sind, nicht von großem Belang. Man findet sie hier meist nicht berauschend genug. Der Orientale trinkt nämlich niemals des Wohlgeschmacks wegen Nein, sondern lediglich um sich zu berauschen. Er mischt ihn mit Branntwein und stürzt hastig Glas auf Glas herunter, bis er bewußtlos zu Boden sinkt. Daher trinkt er ihn im geheimen, in seinem Harem, wohin er sich höchstens einige vertraute Genossen einladet. Bei Festen und Gastmählern, auch bei solchen, die zu Ehren von Europäern stattfinden, werden die Gesundheiten mit Scherbet getrunken, während früher, vor etwa 200 Jahren, wie in Neisebeschreibungen aus jener Zeit zu lesen, bei der- 270 gleichen Anlässen öffentlich Wein verabreicht wurde. Tags über, am Freitag nnd im Fastemnouat Namazan wagt man selbst im geheimen nicht, dem Wein zuzusprechen; man fürchtet, sich durch die Exhalation zu verrathen, und ich ward oft um ein Mittel, den Weindunst zu unterdrücken, angegangen. Der Perser läßt sich in der Trunkenheit leicht zu Händeln und Gewaltthätigkeiten, selbst zum Gebrauch des Dolchmessers hinreißen. Allein für die Strafbarkcit der That gilt es nicht als gesetzlicher Milderungsgrund, daß ein Todtschlag im Rausche verübt worden; im Gegentheil tritt noch das Verbrechen der Nebertretung des religiösen Verbots hinzu. Nach Intermittent, Dysenterie und andern dnrch Blutmangel bedingten Krankheiten pflegen die Aerzte den Recon-valescenten Wein als Stärkungsmittel zu verordnen. Der Kranke erhält dann Dispens (fwtwa); ja es ist Pflicht, wie in allen Punkten so auch in diesem, den ärztlichen Anordnungen nachzukommen, sogar der Imam Dschameh (hohe Priester) soll sich ihnen nicht entziehen. Allerdings kommt es auch vor, daß Gesunde den Arzt durch Bestechung veranlassen, ihnen eine Weincur zu verordnen, um dann sagen zu können, daß sie der Nothwendigkeit weichen. Namentlich sind die Franen in den Harems begierig danach, die Langeweile ihres einförmigen Lebens durch die Aufregung eines Weinrausches zu unterbrechen, und aus Mitleid gönnte ich diesen unglücklichen Wesen zuweilen eine Stunde der Vergessenheit. Ein mäßiger Weingenuß ist Reisenden in Wechselfiebergegenden sehr zu empfehlen; selbst während der Paroxysmen erweist sich Wein mit Wasser verdünnt als zuträgliches und angenehmes Getränk. Nicht selten sah ich in schweren Fällen bessern Erfolg von Wein als von Chinin: eine Wahrnehmung, die auch der erfahrenste Reisende, Barth, bestätigt. Aus meiner Praxis sei folgendes hierher gehörige Beispiel erwähnt. 271 Der Minister des Aeußern Mirza Seid Chan, ein äußerst frommer Mann, welcher beim Anblick eines Europäers sich die Angen wäscht, um sie vor Verunreinigung zu schützen, ward ein ganzes Jahr lang so heftig vom Intermittens mitgenommen, daß seine Farbe strohgelb wurde und er nicht mehr die Kraft hatte, sich zu bewegen. Auf mein wiederholtes Andringen bequemte er sich endlich, guten schirazer Wein zu trinken, und es erfolgte vollständige Genesung. Seitdem widmet er dem Wein eine solche Dankbarkeit, daß er unbeschadet seiner Frömmigkeit fast nie mehr nüchtern zu finden ist. Ebenso erfolgreich fand ich die Anwendung von Weinklystieren bei Cholera, chronischen Dysenterien, Blutmangel, Schwächezuständen und Erschlaffung der Gedärme. Es stellen sich, wenn die Einspritzung länger zurückgehalten wird, besonders bei jüngern Personen, rasch die Zeichen der Rausch-narkose ein. Trotz des nicht unbedeutenden Verbrauchs von Wein und andern weingeistigen Getränken sind mir bei den Eingeborenen nur sehr wenige Fälle von Fettdegeneration der Leber und von Kupferfinnen vorgekommen, von Delirium trsmenF ein einziger. Er betraf einen Mann, der 15 Jahre in England gelebt hatte. In seinen Hallucinationen sah derselbe stets rothgekleidete Scharfrichter, oder er kroch auf dem Teppich umher, wo er Spinnen, Solpugen (i-uteila) und Skorpione zu erblicken glaubte, sing die eingebildeten Thiere und verbarg sie ängstlich in einen Sack. Am vierten Tage, nachdem ich zu ihm gerufen worden, starb er. Das seltene Vorkommen jener Krankheiten erklärt sich theils durch die Pausen im Weingenuß, zu welchen die Heimlichkeit des Trinkens und die gebotene Fastenzeit den Perser nöthigen, theils durch die fatalistische Lebensansicht, die aufregende Leidenschaften und heftige Gemüthsbewegungen ausschließt. 272 Branntwein, persisch ln-äk, kd-6-liäM, i. e. nc^un viwe, wird aus Rosinen oder aus Datteln dcstillirt, letzterer (ar^k-e-oliurmü) von vortrefflicher Qualität. Man ninkt ihn entweder rein, so die Soldaten nnd Diener, oder mit Wein gemischt. Anch die Aerzte verordnen ihn Zur Cur. Bier, persisch üd-o-äscllnu, d. h. Gerstenwasser, krnmtt wol hier und da über Hindostan herein, ist aber zu theuer für allgemeinen Consum. Manche Geschkundige halten den Genuß des Biers für erlaubt, weil es nur eine Abkochung von Gerste sei, sonach nicht in die Reihe der gegorenen Getränke gehöre. In Aegvpten wird deshalb Bier (du^e) öffentlich getrunken. Kumiß, gegorene Stutenmilch, ist ein bei den Usbeken beliebtes Getränk; die Perser verschmähen es. Desgleichen enthalten sie sich des Vetelkauens. Arsenik, arabisch sam ui tar (Mäusegift), persisch mei-A-e-inusok, findet sich in Kurdistan und in der Umgegend von Kaswin in mächtigen Lagern als Auripigment. Schon von jeher war, wie aus den alten pharmakologischen Schriften erhellt, die medicinifche Anwendung des Arseniks gegen bösartige Geschwüre, Krebs, Quartanfieber und Kurzathmigkeit, dessen specifische Wirkung gegen schuppige Hautleiden und seine Eigenschaft, die Haut glatt und geschmeidig zu machen, den Persern bekannt. Die heutigen Aerzte machen jedoch sehr eingeschränkten Gebrauch davon, fast nur bei inveterirter Syphilis, wo sie Arsenikdämpfe durch das Nargileh einathmen 273 lassen. Hingegen wurde mir berichtet, daß Arsenik in täglichen Dosen genommen werde von Schlangenbeschwörern, welche dadurch den" Biß giftiger Schlangen unschädlich zu machen vermeinen, sowie von Alchemisten, weil sie glauben, es gebe dem Urin eine goldbildende Kraft, und daß der gewohnheitsmäßige Gebrauch von Arsenik Wohlbeleibtheit und Eßlust erzeuge. Ferner sollen Derwische ganze Stücke Sublimat verzehren. Was an diesen Erzählungen Wahres sei, vermochte ich nicht durch eigene Beobachtung zu ermitteln, und ich bemerke ausdrücklich, daß ich kemerlei Bürgschaft dafür übernehme. Arsenige Säure wird durch Sublimation gewonnen. Das Sublimat (ä5.re8o!iksus) besteht nach der persischen Phar-makopöe aus 12 Theilen Quecksilber und 1 Theil Arsenik; das in den Bazars vorräthige ist aber europäisches Präparat. An die Narkotika reihen sich in gewisser Beziehung an die theils zu diätetischen Zwecken, theils zum Zeitvertreib dienenden Erden, welche besonders von den persischen Frauen, und zwar vorzugsweise gern in den letzten zwei Monaten der Schwangerschaft in den Mund genommen und langsam verzehrt werden. Zu den beliebtesten gehören: zwei indische Arten tädkLodir (Magnesiakalk), nämlich tädüsoliir-s-kälämi, d. i. ausgeglühte Bambusknoten, und tädüZokir säääti, d.i. ausgeglühte Muschel; Fil-e-armsni (armenischer Bolus), FÜ-6-ääFki-8wui (kaukasischer Bolus) und mehrere andere Volusarten; x^äxeksr-e-kaswini oder pääxslisr inaaäeni (Talkerde von Kaswin); Halloisit oder Orawizit von Mahalat, ein Thon-silicat; einige thierische Concremente, namentlich Bezoar- und Harnstein. Durch Nebung erlangen die Perserinnen einen feinen Geschmack für Erden; sie unterscheiden sofort die verschiedenen Arten und machen sich gegenseitig leckere Bissen, welche sie Pollll, Persien. II. 18 274 muattsi- (wohlriechend) nennen. zum Präsent. Von Männern meiner Bekanntschaft war es nnr der Finanzminister Muajir el memalek, der die Gewohnheit hatte, Erden zu sich zu nehmen; er consumirte täglich einige Loth Bolus. Eine merkwürdige Erscheinung ist die Leidenschaft mancher Kinder, sowol Mädchen wie Knaben, Erde jeder Art, und fei es Lehm oder Mörtel, den sie von den Mauern abkratzen, mit Gier zu verschlingen. Sie sind durch kein Mittel von der verderblichen Gewohnheit abzubringen, sondern siechen dahin und sterben im jugendlichen Alter. Wol an zwanzig solcher Unglücklichen wurdeu mir vorgestellt, meist aus Ka-schan, Kum und Ispahan, alles Gegenden mit salzigen: Boden. Sie kennzeichneten sich durch grünlich weiße Gesichtsfarbe, matten Blick, geschwollene Augenlider, farblose Lippen, gedunsene Haut, aufgetriebenen Leib, kleinen Puls, Milzvergrößerung und Herzschlag mit auffallendein Geräusch. Dr. Häntzsche, der mehrere Fälle in Rescht beobachtet hat, constatirte ebenfalls, daß die mit der Sucht des Erdeessens behafteten Kinder unrettbar verloren sind. Zum Schluß dieses Abschnitts seien noch zwei im Orient vielgenannte officinelle Products erwähnt. Mumiai (Erdpech). Die persische Pharmakopöe sagt darüber: „Mumiai (das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet: Erhalter des thierischen Körpers) ist sowol Ausfluß einer Quelle in der Provinz Farsistan, als Ausschwitzung (Bergschweiß) einiger Hügel in Gilan und Laristan. Das an der Meeresküste von Arabien zu Tage tretende ist nicht so gut als das persische und iranische. Das echte muß schwarz, glänzend und wohlriechend sein. Es wirkt herzstärkend, lusterregend, zertheilt kalte Geschwülste, kräftigt die Glieder, belebt die äußern und innern Organe, mindert die Feuchtigkeit und erhält die Lebens- 275 geister. Rasch absorbirt, dient es gegen Schluchzen, Lähmungen, Zittern, Magenschmerz, Hysterie, Blutspeien, Aufschürfungen der Blase, beginnende Lepra und Elephantiasis, gegen den Biß von Skorpionen und andere Vergiftungen. Mumiai-salbe heilt Beinbrüche, Verrenkungen, Quetschungen und zerrissene Sehnen und Muskeln. Kein Medicament kommt ihm in dieser Beziehung gleich, u. s. w. u. s. w." Der wohlhabende Perser pflegt stets ein paar Mumiai-pillen bei sich zu führen, um nach gehabtem heftigen Schreck, bei Ohnmacht oder Blutverlust eine Pille zu schlucken, vornehmlich aber um bei äußern Verletzungen, einem Arm- oder Beinbruch, die betreffenden Theile damit einzureiben; denn man mißt d^m Mumiai die Kraft sehr rascher Knorpelbildung bei und behauptet z. B., es könne damit das gebrochene Bein eines Huhns in Einem Tage vollständig curirt werden. Echtes Mumiai kommt gar nicht in den Handel, denn die Ausschwitzung beträgt im ganzen Jahr nur einige Lothe, welche der Gouverneur von Schiraz in kleine silberne Döschen verpackt an den König und den Hof nach Teheran schickt. Eigene Aufseher haben darüber zu wachen, daß keine Fälschung versucht werde. Früher war das Erträgniß noch geringer, bis durch die Gewalt eines Erdbebens ein Felsen zerspalten wurde, der nun eine größere exsudirende Fläche darbietet. Im südlichen Persien sind Beybahan, Darab und Hor-mnz als Fundorte von Mumiai bekannt. In ihrer Nähe befinden sich auch mehrere Naphthaauellen. Bezoar, (eigentlich püäxelir, Schutz vor Gift, wie M6'5aFiIi8 ausschwitzt. Diese Weide ist um die genannte Jahreszeit ein Lieblingsaufenthalt der Bienen und findet sich häufig unweit Teheran in den Dörfern am Fuße des Elburz. Das Manna wird jedoch in geringer Menge gewonnen und wenig benutzt. Xstira ((5umnii tl'^acantlia), ist das Product des kleinen, etwa 2 Fnß hohen Astragalus-bäumchens, Namens Gevenn, wird nur in einigen Strichen, zumeist zwischen Karud und Su auf dem Natansgebirge, überhaupt zwischen Kaschan und Ispahan gewonnen. Man kappt im Hochsommer den Stamm dicht über der Wurzel und bedeckt den Stumpf mit einem Topfe; nach einigen Tagen hat sich etwa ein Loth Gummi darunter gesammelt. Manche Väum-chen exsudiren auch spontan. Ein Pfund Tragantgummi kostet in Kaschan ungefähr 10 Kreuzer. Außer zu medicinischen Zwecken dient die Ketira hauptsächlich zur Appretur von Seidenstoffen, wogegen Baumwollstoffe mit Stärke appretirt werden. Mit Bezug darauf sagt ein persisches Sprichwort: „Kaschan lebt von Ketira, Ispahan von Stärke." Außer den hier genannten Pflanzen gibt es noch andere, welche theils spontan, theils durch Insektenstiche als Gallen Exsudate liefern, die jedoch von geringer ökonomischer Bedeutung sind. Etwas Harz schwitzen mit wenigen Ausnahmen alle wildwachsende Doldenpflanzen aus. 288 Die meisten der aufgeführten für den Botaniker höchst wichtigen Pflanzen können um Ispahan und auf der kurzen Strecke von dort bis Dehgirdu gesammelt werden. Um das ganze Wachsthum dieser Umbelliferen zu beobachten, müßte man von Anfang April bis Ende Juli dort verweilen. Zur Einsammlnng der reifen Samen ist die Zeit vom 15. — 30. Juli die geeignetste. Der günstigste Punkt, wo sich ein Botaniker festsetzen könnte, um von da aus seine Excursions zu machen, wäre die schöne Stadt Kamischeh. Sie ist im Centrum, hoch und gesund gelegen und hat leichte Communication mit Ispahan und Schiraz. Die persönliche Sicherheit ist, seitdem die Luren und Bachtiaren durch Gefangennahme ihres Chefs und Zerstörung der Raubschlösser gezüchtigt wurden, durchaus ungefährdet, die Verpflegung billig und gut. Ein Empfehlungsschreiben vom Ilchani aus Schiraz könnte dem Fremden unter Umständen sehr nützlich sein, ist jedoch nicht absolut unentbehrlich. Die Verpflanzung der ersudirenden Umbelliferen in europäische Gärten läßt sich durch im August ausgegrabene Wurzeln ermöglichen; denn dieselben besitzen so ausdauernde Lebensfähigkeit, daß sie den Transport gut überstehen. Für Staaten, welche in Persien Repräsentanten haben, wäre die Erlangung keimfähiger Wurzeln, ohne daß sie eigens deshalb Fachmänner hinzusenden brauchten, um so leichter, als jede Woche ein Kurier gerade diese Gegenden durchreitet, außerdem England einen sehr intelligenten Agenten in Ispahan besitzt. Ginge nun durch dessen Vermittelung an einen Kat-chuda, etwa den von Maksudbeg, der mit genauer Instruction versehene Auftrag, gegen ein kleines Entgelt die Wurzeln zu sammeln und für den Kurier in Bereitschaft zu halten, so könnten sie in Zeit von längstens zwei Monaten in London, Paris oder St.-Petersburg eintreffen. Auf dieselbe Weise ließen sich auch noch andere schöne 289 und nützliche, theils eßbare Früchte, theils Futterkräuter liefernde Umbelliferen nach Europa verpflanzen, so die I^ruin kuin^ (persisch kuu^) im Elburzgebirge bei Teheran und die vipiuweinä oaclii-^äitolik Loiss.*) (persisch äscitiäwsoliir) aus der Gegend von Laura-Scheristanek; desgleichen das wohlschmeckende Gemüse von Klisum ri^as. Von letzterm brachte ich wohlconservirten Samen nach Europa mit, der auch dort Keime trieb, ohne daß jedoch die Pflanze zu weiterer Entwickelung gelangte. **) *) Hiernach wolle man den im ersten Theil, S. 119, mit v^piotsri» angegebenen Namen berichtigen. **) Im Sommer 1865 wurde mir die angenehme Ueberraschung zu-theil, daß die viplowsni», aus dem im Jahre 1859 von mir eingeschickten Samen im wiener botanischen Garten sich üppig entwickelte und zahlreiche reife Samen trug, sodaß ihre Acclimatisation als gesichert zu betrachten sein dürfte. (Verhandlungen der k. k. zoologischen Gesellschaft in Wien, Jahrgang 1865.) 19 Polal, Persien. II. X. Krankheiten und Epidemien. Epidemien. Allgemeiner Krankheitscharakter. Rötheln. Rothlauf. Blattern. Masern. Scharlach. Nesselsucht. Furunkel und Karbunkel. Pemphigus. Krätze. Acne. Aleppoknoten. Aussatz. Syphilis. Diarrhöe. Kolik. Ruhr. Okoier» adiaewtorum. Hämorrhoiden. Eingeweidewürmer. Leberleiden. Stein. Harnruhr. Blutharncn. Kindbettfieber. Potenz. Keuchhusten. Chronischer Lungenkatarrh. Lungentuberkulose. Herzklopfen. Krampfadern. Geisteskranke. Skrofel. Krebs. Wechselfieber. Typhus. Cholera. Augenkrankheiten. Schagugulus. Wunden. Eine allgemeine Darstellung der in Persien herrschenden Krankheiten durfte in diesem Buche, das ein Gesainmtbild des Landes und seiner Bewohner zu entwerfen bestimmt ist, nicht ganz Übergängen werden. Wenn ich mich veranlaßt sah, einige Krankheiten, wie Wechselfieber und Ruhr, sogar ausführlicher abzuhandeln, so geschah es, weil darauf die Gesetze der Acclimatisation beruhen, auf die ich ein besonderes Gewicht lege. Aerzte mögen die Oberflächlichkeit, Nicht-ärzte die Weitläufigkeit meiner Darstellung entschuldigen. Die in Europa gemachte Beobachtung, daß Epidemien einen sehr unerheblichen Einfluß auf Verminderung der Population ausüben, indem der etwaige Ausfall sich rasch wieder ersetzt, hat keine Gültigkeit für den Orient, wo durch Epi- 291 demien die Sterblichkeit in einem Grade steigt, daß z. B. Gegenden, in denen vor 33 Jahren die Pest wüthete, sich heutigen Tags von dem Menschenverlust noch nicht erholt haben, und Lücken, die Cholera-, Blattern-, Masern- und Keuchhusten-Epidemien gerissen, sich äußerst langsam wieder ausfüllen. Nur infolge des mangelnden Verkehrs und Dank den bedeutenden Elevationen des Landes erlöschen Epidemien und Viehseuchen zuletzt in sich selbst; der Mensch, vom Glauben an das Fatum beherrscht, ergreift keine Maßregeln dagegen, höchstens verlassen einige Reiche den inficirten Ort, um in Zelten zu wohnen, und der Nomade treibt sein Vieh in eine andere Gegend; die große Masse der Unbemitteltern jedoch, die nicht im Stande sind, den Ort zu wechseln, fällt wehrlos der verheerenden Seuche zum Opfer. Daß aber ein verhältnißmäßiger Ersatz des Menschenverlustes nicht stattfinden kann, liegt in den gesammten Einrichtungen des ehelichen Lebens begründet, wie sie im sechsten Abschnitt des ersten Theils geschildert worden sind. Das Register der Krankheitsarten ist weniger reichhaltig als in Europa; dagegen treten die einzelnen bei weitem massenhafter auf: wie etwa die Vegetation mancher obwol üppig bewachsenen Gegend doch dem Botaniker geringe Ausbeute gewährt. Im ganzen gehören Entzündungen, besonders der Bruftorgane, zu den Ausnahmen; vorherrschend aber sind Krankheiten des Unterleibes, der Leber, der Milz, der Gedärme, vor allen Fieber und Ruhr. Ja am Kaspischen Meer verdrängen die letztern beiden fast alle andern Krankheiten oder prägen ihnen wenigstens ihren Charakter auf. Manche Krankheiten sind Persien eigenthümlich: die Knoten- und Gliederlepra, der Aleppoknoten, der Medinawurm, die Vitiligo, die endemische Gangräne, ein tvphoides Fieber. Andere fehlen oder sind so selten, daß sie in der Aufzählung kaum mit genannt werden können, so die Tuberkulose, die Skrofulöse 19* 292 und die Rhachitis unter der weißen Nasse; ferner Krebs, Scharlach, Lupus, Krupp und Kondylosmen. Hautkrankheiten sind zwar, weil der Perser große Sorgfalt auf die Pflege der Haut verwendet, nicht ganz so häufig wie in andern heißen Ländern, aber immerhin, besonders in einigen Städten, zahlreich genug, und der Arzt hat um so mehr Gelegenheit Studien darüber zu machen, je ängstlicher der geringste Hautausschlag beachtet und ärztlicher Rath dagegen eingeholt wird. Man sieht in jedem Hautleiden den Ausdruck einer allgemeinen Krankheit, daher man sich auch selten mit blos örtlichen Mitteln begnügt. Hautausschläge und Hautentzündungen. Rötheln und Erythrema erscheinen im Frühling nicht selten, sind jedoch gewöhnlich von kurzer Dauer und von keiner besondern Bedeutung. Rothlauf (d^ä6-8nrok oder d^ä? mebarsll) kommt häufig sporadisch vor, wird aber auch zu Zeiten epidemisch. Mehrere Epidemien dieser Art, die ich beobachtet habe, verliefen gutartig, nur wenige Fälle endeten, wegen Entzündung der Hirnhaut, tödlich. Infolge übertriebener Anwendung von Blutegeln, Abführmitteln und Einreibungen mit armenischem Bolus seitens der einheimischen Aerzte litten viele Reconvalescenten an langdauernder Blutleere. Auch einige Fälle von wandernder Rose (Erysipel) sah ich glücklich verlaufen. Die Blattern (^bsieb, 68oku,ää6i-i) tragen eine Hauptschuld an der großen Sterblichkeit der Kinder, mithin an der Abnahme der Bevölkerung. Ferner werden neu angekommene Regimenter, sowie die Neger- und Beludschensklaven hart davon mitgenommen. Wer je, wie ich einmal, Zeuge war, daß von 20 während einer Blatternepidemie in Teheran 293 angekommenen Sklaven mehr als die Hälfte ergriffen wurden und starben, wird gewiß nie mehr seine Stimme gegen die Impfung erheben. Alle bösen Folgen, die man auf ihre Rechnung setzen will, wie Skrofulöse und Typhus, halte ich für erdichtet. Im Gegentheil sah ich Skrofeln, die sonst in Persien äußerst selten sind, und langwierige Gelenkleiden nach überstandenen natürlichen Blattern sich entwickeln. Nordische Regimenter wurden in Teheran vom Typhus decimirt, denen nie die Wohlthat der Impfung zu-theil geworden war. Man klagt die Vaccination an, daß sie die Fortpflanzung der Syphilis begünstige, aber dies ist nicht ihre Schuld, sondern die des Arztes, der sich um die Herkunft des Impfstoffs nicht bekümmert. Bereits im Jahre 1857 schlug ich vor (Zeitschrift der Gesellschaft der Aerzte), die Lymphe nicht aus den Findelhäusern der Städte aufs Land zu schicken, sondern umgekehrt vom Lande in die Städte und zwar von Kindern, deren gesunde Abkunft und Verwandtschaft der Arzt genau erkundet hat. Ich erwähnte zugleich, daß es erspießlicher wäre, die Lymphe von etwas ältern Kindern zu nehmen, weil man sich von deren Gesundheitszustand leichter überzeugen kann. Allein nicht blos die Abnahme der Population durch Sterblichkeit, sondern auch die große Zahl von Blinden und Augenkranken, die als Ueberbleibsel der Blattern erwerblos der Gesellschaft zur Last fallen, ist in Anschlag zu bringen. Man erkennt erst den unschätzbaren Werth der Impfung in Ländern, wo sie gar nicht oder nur ausnahmsweise geübt wird! Die Masern (8urokek, surok^elis) richten oft zur Winterszeit fürchterliche Verheerungen an. Sich selbst überlassen, würden sie ihren regelmäßigen Verlauf nehmen; allein man Plagt die Kinder mit Abführmitteln und Klystieren, infolge deren sie von chronischen Durchfällen und Dysenterien dahingerafft werden. Unverhältnißmäßig häufig tritt im 294 Gefolge der Masern — seltener bei Blattern — das Noma (lckeieli) auf; es kamen mir oft in einer Woche zwei bis drei Fälle zu Gesicht: ob es eine Frucht der Behandlung oder des Klimas, wage ich nicht zu entscheiden. Der Scharlach ist im Lande unbekannt; es gibt auch keine Benennung dafür. Aus freilich nicht zuverlässiger Quelle erfuhr ich jedoch, daß er unter dem Namen maok-inalsk (rother Sammt) in der Stadt Kirman vorkomme. Ebenso wenig konnte ich die Miliaria beobachten, obwol mir drei Fälle von häufigen Schweißbläschen auffielen, welche jedoch infolge des Wechselfiebers eintraten, also als selbständiger Friesel nicht gelten könne«. Die Nesselsucht (ir, uneküt elleil) entsteht oft im Herbst, namentlich in Verbindung mit schweren Wechselfiebern, weicht jedoch dem Gebrauch des Chinins. Symptomatisch zeigt sie sich bei nicht Acclimatisirten infolge von Mückenstichen oft am ganzen Leibe. Von ausgebreiteten phlegmonösen Hantentzündungen sah ich einige mit tödlichem Ausgang, zweimal das Skleroma Neugeborener. Doch über die maßen häufig ist der Ausbruch der Furunkel (äumin»!). Oberflächliche sowol wie tiefe Furunkel in erstaunlicher Menge treten als Accli-matisationskrankheit auf; ich selbst hatte deren über hundert. Die Ungeduld des Europäers, die Schwäre vor ihrer Reife zu öffnen, trägt wol nicht wenig zu ihrer Verbreitung bei, da in der Regel dann auf der entgegengesetzten Körperhälfte an dem entsprechenden Theile ein neuer Schwär ausbricht. Geduld, vegetabilische Diät und einige Abführmittel befreien am sichersten von diesem lästigen Leiden. — Ziemlich häufig ist auch das Vorkommen des ^nttirax (Karbuukel) und jener Abart, welche man Wespennest nennt, doch sah ich letztere nur ein einziges mal bei einem Knaben von zwölf Jahren, während sonst nur bejahrte Leute daran leiden. Der ^ntkrax 295 scheint weniger bösartig als in Europa; doch können weite nnd tiefe Ausbreitungen desselben auch den Tod herbeiführen. Die bösartige Blatter (?u8wla lnalixua) kommt nicht vor, weil man abgestandenes Vieh als unrein betrachtet und, ohne daß es abgehäutet wird, vergräbt. Blasenausschlag (Pemphigus) ist ziemlich häufig bei Kindern; er wird für ansteckend gehalten, und in der That werden meist mehrere Kinder in einem Hause zugleich davon befallen. Nach mchrern Nachschüben pflegt die Krankheit, die übrigens weder mit Dyscraste, noch weniger mit Syphilis etwas gemein hat, in etwa zwei Monaten sich zu erschöpfen. Indeß starben auch Säuglinge, welche mit specifischem Pemphigus behaftet waren, an dessen Folgen. Hydroa bleibt selten im Verlauf einer Fieberkrankheit aus. Sein Eintritt gilt als ein gutes Zeichen für die Wendung der Krankheit, obgleich andere Kliniker dies in Abrede stellen. Unter einigen Fällen von Zoster, die ich gesehen, war mir der eine deshalb merkwürdig, weil der Ausschlag einige Tage nach dem Fieber infolge einer Steinoperation zum Vorschein kam. Das Eczem (äsokZei-ad^ i-^td, feuchte Krätze), besonders das chronische, gehört zu den Seltenheiten, denn die beständig trockene Luft sowol wie die Sitte des Persers, nach jeder Secretion die Theile zu waschen, und der vorgeschriebene häufige Gebrauch der Bäder wirken ihm entgegen. Desto häufiger fand ich die Psoriasis (trockene Krätze), namentlich in Ispahan, wo überhaupt Hautausschläge aller Art heimisch sind, was sich durch die stete Beschäftigung der Fabrikarbeiter im Flußwasser und das Hantieren mit Alaun, Sakkes (Therebinthinaharz), Farben, Alkalien und Säuren hinlänglich erklärt. Dasselbe gilt von der Impetigo. Auch in Persien hegt man ein Vorurtheil gegen schnelles 296 Abtrocknen des impetiginösen Eczema bei Kindern; wirklich sah ich ein Kind nach rascher Abtrocknung des Ausschlags an Pneumonie enden, wobei jedoch andere Zufälle mitgewirkt haben mochten. Die Haut des Persers ist durchschnittlich von fester Textur, die Follikel sind unscheinbar, weshalb er nie von ausgebreiteter Acne und von sogenannten Mitessern geplagt wird. Ebenso wenig erinnere ich mich, trotz der großen Zahl notorischer Schlemmer je eine (5utta rogaoe«. (Kupferftnnen) beobachtet zu haben. Nur zwei Fälle von ßebni-rkos der Nase kamen mir vor. Der eigentliche Lupus fehlt oder erscheint doch nur hier und da in der verdächtigen serpiginösen Form; sehr verbreitet dagegen sind die beiden Knotenerantheme: der Knoten von Aleppo und die Lepra. Der Aleppo-Knoten, persisch 8ä1ek (das Iährchen), türkisch-tatarisch K5pH (Hund), türkisch oKui-matZoliidaui (Dattelgeschwür), Msobidani (Iahresgeschwür), russisch Fo-äowuik, erstreckt sich in geographischer Beziehung nach Prof. Riegler (Die Türkei, II, 68), von Suädin angefangen und dem Flußgebiete des Orontes folgend, bis Aleppo, Kilis, Orfa, Diabekir, Maraß, Mossul und Bagdad, auch über den ganzen Sind, und einzelne Fälle finden sich ebenso wol auf der Insel Cypern wie auf ägyptischem Boden, z. B. in Ka-rium, Kairo und selbst in Suez. In Persien sah ich ihn nicht selten in Teheran, am häufigsten aber in den Städten Kum, Kaschan und Ispahan. Man pflegt in Bezug darauf zu sagen: „Die Mädchen von Ispahan dürfen nur im Profil angesehen werden." Von da an südlich, z. B. in Kamischeh und Schiraz verliert er sich mehr und mehr; in Medien (Tabris) und am Kaspischen Meere verschwindet er ganz. Auf dem flachen Lande, selbst in den Dörfern, welche den zumeist befallenen Städten am nächsten liegen, tritt er spärlich 297 auf. In Rußland fand ich ihn nur vereinzelt in Trans-kaukasien in der Stadt Gendsche (Elisabethpol), doch soll er auch in Baku vorkommen. Das Geschwür fixirt sich vornehmlich um den Iochbogen, am äußern Augenwinkel, am untern Augenlid, an der Wange, an der Backe, an der Nasenspitze, seltener an der Nasenwurzel, der Stirn, dem obern Augenlid, der Ohrmuschel und den Lippen, niemals am Bart und dem behaarten Kopftheil. An den Extremitäten erscheint es bei Eingeborenen selten, häufig dagegen bei Fremden und Zugewanderten, und zwar, wie ich übereinstimmend mit Prof. Riegler beobachtete, mehr an den untern als obern Extremitäten. Die Schleimhäute werden nicht davon afftcirt; so bleiben bei Boutons am Augenlid, im innern Augenwinkel und selbst wo wegen Anschwellung des Lides das Auge mehrere Wochen geschlossen war, die Thränendrüsen unverletzt. Ich sah den Knoten zweimal am Halse, ausnahmsweise am Bauche, einmal an der Kniescheibe, mehrmals auf dem Handrücken und Fußblatte, kein einziges mal aber im Handteller, auf der Fußsohle, zwischen den Fingern oder Zehen, am Rücken und an den Genitalien. Zumeist werden Kinder vom ersten bis zum siebenten Lebensjahre davon ergriffen, einheimische Erwachsene selten, weil diese entweder nicht dazu disponirt sind oder die Krankheit schon in der Jugend durchgemacht haben. Da letzteres bei Fremden nicht der Fall ist, sind sie in jedem Alter dem Uebel unterworfen, ebenso in den verschiedensten Fristen nach ihrer Einwanderung. Der österreichische Hauptmann Gumoens wurde im zweiten Jahre seines Aufenthalts im Lande am Wadenbein, ich selbst im siebenten an der innern Kniefläche, der Franzose Richard im fünfzehnten, der Engländer Thomson im achtzehnten, von einer Reise nach Bagdad zurückkehrend, der Pole Sokolowski erst im zwanzigsten von der Krankheit 298 heimgesucht. Doch scheinen im ganzen die Europäer weniger dafür empfänglich zu sein als die Eingeborenen, zumal wenn sie nicht viel mit diesen in Berührung kommen. Hinsichts des Geschlechts dürfte das weibliche überwiegende Disposition zu dem Uebel besitzen. Ohne Unterschied der Abstammung trifft es Kaukafier und Mogulen, Perser, Türken, Juden und Armener; nur die schwarze Rasse bleibt fast ganz davon verschont. Wer einmal den Aleppoknoten gehabt und überstanden hat, ist für seine übrige Lebenszeit davor gesichert. Ich konnte trotz aller Nachfrage keinen Fall von Recidive ermitteln; spricht der Arzt bei einem zweifelhaften Hautfleck die Vermuthung aus, daß es der Aleppoknotcn werden könne, so erhält er oft von dem Patienten zur Antwort: „Nein, den habe ich schon durchgemacht." In der Regel zeigt sich in Persien nur 1 Knoten; doch kommen auch 2 bis 6 Stück meist auf einer Gesichtshälfte, ausnahmsweise auf beiden vor, ja bei einer Frau in Ispahan sah ich deren 40, welche auf Gesicht, Bauch und Extremitäten vertheilt waren. Von einem Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Knoten, die man in Bagdad aufstellt, weiß man in Persien nichts. Auch mir scheint die Benennung eine ganz willkürliche, denn was mir von Fremden als angeblich männliche und weibliche Knoten gezeigt wurde, unterschied sich nur durch Größe und Ausdehnung voneinander. Das Geschwür tritt unter vier verschiedenen Formen auf, von denen die ersten zwei relativ acut, die beiden letzten chronisch verlaufen. 1) Der einfache Knoten. An einer der obengenannten Stellen entsteht ein röthlicher Fleck, auf dem sich nach längerm Bestände ein linsen- bis bohnengroßer, erst hell-, dann dunkelrother Knoten erhebt. Mit der Bildung desselben 299 ist weder Fieber noch Schmerz verbunden, höchstens ein leichtes Brennen und Jucken, wie bei der Urticariaquaddel; infolge vielen Kratzens erhält er eine dünne trockene Schuppenkruste. Nach einigen Monaten umgibt er sich mit einem rothen Hof, der ebenfalls anschwillt. Nun nimmt das Jucken zu, und die Eiterung beginnt. Zuerst kommt aus der Mitte des Knotens eine dünne, ätzende, übelriechende Flüssigkeit; sodann schreitet der Schmelzproceß weiter von der Mitte gegen die Peripherie, oder es entstehen an benachbarten Stellen neue Ulcerationscentra. Aus dem Grunde des Geschwürs steigen trockene, harte, knorpelartige, blutarme Fleischwärzchen herauf, die gleichfalls in Eiterung übergehen und wieder neuen Granulationen Platz machen. Die Geschwürsränder sind dick, infiltrirt, unregelmäßig ausgebuchtet. Läßt man den Eiter eintrocknen, so bilden sich dicke, braune, an den Rändern fest anklebende und nur mit Blutverlust zu entfernende Borken. Nachdem die ursprünglichen Knoten vom Eiter verzehrt sind, bessert sich die Granulation, die Wunde fängt an sich zu füllen, die Narbenbildung tritt ein. Der ganze Proceß dauert durchschnittlich nahe ein Jahr, daher der Name 8ülslc (Iährchen). Die zurückbleibende Narbe ist gelbbraun, zwar etwas vertieft, doch im ganzen glatt. Daß durch UIceration ein Theil des untern Augenlides oder des Nasenflügels zerstört wird, gehört zu den seltenen Fällen, ebenso daß, nachdem das Geschwür bereits geheilt ist, an seinem Rande neue Knoten sich erheben, die wieder alle Stadien durchlaufen und nach und nach die ganze eine Gesichtshälfte bedecken. Wo aber das Uebel in so complicirter Form auftritt, verzögert sich der Heilungsproceß oft viele Jahre; ein Kranker gab mir die Dauer seines Leidens auf 18 Jahre an. Es hinterläßt dann ein straffes, von kleinen netzartigen Gefäßzweigen durchsetztes Narbengewebe, Verzerrung des Mund- und Nasenwinkels und besonders Ectropium in so hohem Grade, daß die Bindehaut 300 des untern Lides, kaum noch mit einigen spärlichen Wimpern versehen, wie ein dreieckiger rother Lappen bis unter das Jochbein herabhängt. Es gelang mir mehrmals, durch Plastik eine bedeutende Besserung des Ectropimns zu bewirken, obgleich das straffe Narbengewebe der Operation große Schwierigkeiten entgegensetzte. 2) Der infiltrirte Knoten unterscheidet sich von dem einfachen dadurch, daß die Infiltration gleichzeitig auf allen Punkten dcr Fläche erscheint, wodurch die Haut verdickt und schmuzigroth gefärbt und die ganze Nase oder die eine Wange auf einmal davon eingenommen wird. Bei mir selbst brach das Geschwür, wie erwähnt, an der innern Fläche des rechten Kniegelenks aus. Der Verlauf war folgender: Im Frühling 1858 bemerkte ich an der genannten Stelle einen thalergroßen rothen Fleck, der ein leichtes Jucken verursachte und sich bald mit. einer dünnen Kruste bedeckte; ich hielt es für eine durch Satteldruck beim Reiten entstandene Abschürfung. Nach und nach verdickte sich der Fleck und wurde massig infiltrirt. Im Juli erweichten mehrere Punkte, sie gingen auf und seceruirten eine copiöse übelriechende Jauche. Die Eiterherde flössen zusammen; aus ihrem Boden erhoben sich gelbliche, spitze, trockene, blutarme Granulationen, welche nach dem Abspülen mit Wasser wie Warzen einer groben Feile anzusehen waren. Unter dem einfachen Verbände trocknete die Secretion zu dicken Krusten an, deren Ränder zwar inhärirten, die aber gegen die Mitte von Jauche unterminirt waren. Ich befand mich damals mit dem Schah im Sommerquartier in den Bergen und mußte ihn, obwol mir das Reiten äußerst beschwerlich fiel, auf seinen täglichen Ausflügen zu Pferde begleiten. Die bewährte Heilmethode führte glücklicherweise in Kürze zum Ziel. Trotz der steten Reibung durchs Reiten erinnere ich mich keiner Fiebererscheinung oder einer Anschwellung der entsprechenden Leisten- 301 drüsen. Die bis auf den heutigen Tag verbliebene Narbe hat die Größe und Form einer Niere; sie ist tief braun und mit einzelnen weißen Punkten marmorirt, weil ich dem Eiterungsproceß nicht freien Lauf ließ und dadurch eine intensivere Narbenbildung verhinderte. Dieses ist auch der Grund, warum der Haarwuchs an jener Stelle nicht gänzlich aufgehoben ist, was bei natürlichen Narben immer stattfindet. 3) Der ringförmige Knoten besteht aus linsengroßen flachen, wenig inftltrirten, im Ring gestellten Knötchen; ich beobachtete diese Form nur an der Wange bei Kindern und Frauen, vielleicht nur zufällig nie bei Männern. Die Knötchen gehen nach einiger Zeit in Verjauchung über und bedecken sich mit Krusten, jedoch greift die Ulceration weder in die Breite noch in die Tiefe um sich, und es tritt relativ schnelle Heilung ein unter Bildung einer blassen, wenig vertieften, glänzenden Narbe. Meist erscheint indeß ein neuer Kreis von Knötchen; der Proceß beginnt wieder von vorn und wiederholt sich, bis nach einem Cyklus von mehrern Jahren der Krankheitsstoff endlich erschöpft ist. 4) Der fressende Knoten ist die häßlichste, vorzugsweise kopH (Hund) genannte Form. Er wird in Teheran selten, in Kaschan aber und vorzüglich in Ispahan häufig beobachtet. Im Aussehen unserm skrofulösen Lupus gleichend, hat er doch nicht den Charakter von Skrofeln, insofern er sich nach kürzerer oder längerer Zeit von selbst begrenzt und Zwar torpid, doch gutartig verläuft. Soweit meine eigenen Beobachtungen reichen, ist der Sitz dieser Form ausschließlich die Nase. Dieselbe bedeckt sich zuerst mit warzigen Knoten, welche nach und nach schmelzen und von ähnlichen warzigen Granulationen gefolgt sind. Die Eiterung geht sehr in die Tiefe; sie zerstört zuletzt die Nasenflügel und Scheidewand, selbst einen Theil der Oberlippe. Der natürliche EntWicke- 302 lungs- und Heilungsproceß zieht sich wie bei der vorigen Forin durch eine Reihe von Jahren hin. Auf die Frage, in welche der allgemeinen Krankheitsgruppen der Aleppoknoten einzureihen sei, kann man etwa Folgendes erwidernd Käme einem europäischen Arzte, der sich auf Hautkrankheiten versteht, von den klimatischen Verhältnissen Persiens aber keine Kenntniß hat, das Geschwür zu Gesicht, so würde er es unbedingt für Lupus erklären; im Gegentheil würde ein persischer Arzt, der den Lupus in Europa sähe, darin einen alten Bekannten seines Landes zu finden glauben. In der That, die Bildung des Knotens, der fieberfreie Verlauf, die Ulceration, die angeführten Formen, die Gestaltung der Narbe und ihre dunkle Färbung, alles spricht dafür, daß die Krankheit dem Lupus nahe stehe und nicht dem Furunkel. Doch mich der Knoten, weil ihm die Eigenschaft spontaner Heilung nach kürzerer oder längerer Frist zukommt, den gutartigen Gebilden beigezählt werden. Auch geht die Eiterung von der Oberfläche gegen die Tiefe, nicht umgekehrt, sodaß sie, wenn die Wunde frühzeitig geätzt wird, eine ziemlich flache Narbe mit nur theilweiser Aufhebung des Haarwuchses hinterläßt, was nicht stattfinden könnte, wenn der subcutane Zellstoff zuerst ergriffen würde. Die Forschung nach den Entstehungsursachen des Leidens führt fast nur zu negativen Resultaten. Wollte man sie in dem Klima der Hochebenen suchen, so steht dem entgegen, daß es auch in den Niederungen von Bagdad heimisch ist, andererseits in dem noch höher gelegenen Azerbeidschan (Tabris) und in den Marschländern des Kasvischen Meeres fehlt. Ebenso wenig gibt die Nahrungsweise einen Anhalt; wenn man sein häufiges Vorkommen in Bagdad dem Dattelgenuß (daher der vulgäre Name okurmatsokidkni, Dattelgeschwulst) zuschreiben möchte, so findet es sich doch auch in 303 vielen Städten Persiens, wo wenig Datteln verzehrt werden, dagegen selten in Aegypten, wo der Dattelgenuß ein ausgebreiteter ist. Daß Kinder und Frauen in größerer Zahl davon heimgesucht werden als Männer, erklärt sich durch deren feinere und bartlose Haut, welche mehr Contactpunkte darbietet. Wenn es bei Fremden häufiger als bei Einheimischen die Extremitäten ergreift, so mag dies in den Abschürfungen infolge des Reitens und dadurch begünstigter Infiltration seinen Grund haben. Geographisch beschränktes Auftreten aber und Gebundensein an gewisse Bezirke theilt die Krankheit mit andern endemischen Leiden, mit der Lepra, Lithiasis, dem Medinawurm und Trachom. AIs feststehend dürfte nur soviel anzunehmen sein, daß sie kein constitutio-nelles, sondern ein rein locales Uebel ist, daß sie insbesondere mit Skrofulöse sowie mit lymphatischen Affectionen keine Verwandtschaft hat, überhaupt durch irgendwelche allgemeine Körperanlage weder fern gehalten noch begünstigt wird. Für ihre Contagiosität bei vorhandener Disposition scheinen folgende Umstände zu sprechen. Sie befällt den Menschen, wie erwähnt, nur einmal im Leben: bekanntlich eine Eigenschaft mancher contagiösen Krankheiten. An den Stellen' welche vom ausfließenden Eiter macerirt werden, bilden sich ' leicht neue Knoten; ja es kommt vor, daß infolge häufigen Berührens der Wunde mit der Hand das Geschwür sich auf einen Finger überträgt. In den Harems der Reichen, wo die Kinder wenig mit andern Kindern zusammenkommen, zeigt sie sich selten, 'ebenso in europäischen Familien; im königlichen Harem sah ich sie nie. Dagegen leiden in Häusern der Armen oft fast sämmtliche Familienglieder zugleich daran. Ich wurde von einer armen Familie consultirt, in der die Frau mehrere einfache Knoten, die älteste Tochter einen am Iochbogen, der zweite Sohn an der Oberlippe, und die dritte Tochter Annularknoten auf der Wange hatte. 304 Bei einem sechzehnjährigen Mädchen entwickelte sich das Geschwür infolge eines Wespenstichs in die Naseschcidewand an dieser Stelle, und bei einem Knaben, dem Sohn des armenischen Priesters in Ispahan, infolge einer leichten Abschürfung, die er sich durch einen Fall auf die Nase zugezogen. Letztere zwei Fälle scheinen die Möglichkeit der Einimpfung an wunden Stellen zu indiciren. Die Angabe, daß die Krankheit längere Zeit nach der Rückkehr in eine sonst davon befreite Gegend zum Ausbruch kommen könne, beruht, glaube ich, auf Täuschung; der Fleck, anfangs nicht belästigend, kann lange unbeachtet bleiben und erst später, beim Eintritt der Erweichung, sich bemerkbar macheu. Bisher hielt man das Uebel für eine wohlthätige Ableitung von Krankheitsstoffen und wendete demgemäß nur indifferente Mittel dagegen an, welche mehr zum Bedecken der Wunde als zur Heilung dienten. Nachdem ich mich jedoch überzeugt, daß die ausgestoßene Knotenmasse weder der Resorption noch der Organisation fähig sei, suchte ich sie durch Aetzen mit concentrirter Salpetersäure schneller, als es auf natürlichem Wege geschieht, zum Schmelzen zu bringen, und ich erzielte damit bei jeder Form und in jedem ' Stadium der Krankheit die überraschendsten Erfolge. War die Eiterung noch nicht eingetreten, so wurde sie durch die. Cauterisation beschleunigt und zugleich auf ein so geringes Maß beschränkt, daß eine möglichst flache und farblose Narbe zurückblieb. Andernfalls zerstörte energisches Aetzen die kranken Granulationen sowie die noch nicht geschmolzenen Anschwellungen, und führte einen gesunden und raschen Verlauf des Processes herbei. Wo die Infiltration bereits sehr tief gedrungen war, wiederholte ich die Aetzung nach zehn Tagen; mehr als zweimaliger Aetzung bedürfte es nie. Es gelang mir auf diese Weise, den einfachen Knoten stets in Zeit von drei bis vier Wochen zu heilen. Auch bei dem inftltrirten 305 Knoten waren die Erfolge augenscheinlich, besonders in Bezug auf geringern Umfang und minder häßliches Aussehen der hinterbleibenden Narbe. Die Ringform verlangte keine intensive Aetzung, aber Wiederholung derselben, sobald neue Knötchen sich zu bilden begannen. Selbst bei der schlimmsten Form, dem fressenden Knoten, ward durch Cauterisiren der Nase von anßen und von innen dem Umsichgreifen des Geschwürs Einhalt gethan. Bald hatte ich die Genugthuung, daß mein Verfahren allgemeine Annahme fand, somit das Vorurtheil, jder Proceß müsse mindestens ein Jahr dauern, durch mich beseitigt wurde. Da die persischen Aerzte anfangs die Cauterisation ungeschickt ausführten, indem sie die Säure auch auf gesunde Stellen wirken ließen, wodurch breite entstellende Narben entstanden, schrieb ich eine Anleitung in persischer Sprache und vertheilte dieselbe in lithographirten Abdrücken. Die griechische Lepra (Aussatz), arabisch ä8oli62ä,m, türkisch-persisch pis, hat ihren Sitz in der Provinz Chamseh zwischen Tabris und Kaswin, mit dem Centralpunkte Send-schän, und in den beiden Bezirken Chälchal und Karadagh; höchst selten kommt ein sporadischer Fall in andern Gegenden vor. Diese Bezirke, auf der Hochebene gelegen, gehören sonst zu den gesundesten im Lande, sie sind die Kornkammer Per-fiens und zeichnen sich durch relativ größern Wohlstand sowie bessere Ernährung des Volks vor den übrigen Provinzen aus. Obwol der Aussatz nicht für ansteckend, sondern für erblich gehalten wird, gelten doch die damit Behafteten als unrein und müssen, ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft, in elenden, weit von Städten und Dörfern entfernten Lehmhütten ihr trauriges Dasein beschließen. (Vgl. Th. I, S. 31 l.) Oft habe ich beim Schah Fürsprache für diese Unglücklichen eingelegt, aber es geschah nichts zur Milderung ihres jammervollen Loses. Polal, Perfien. II. 20 Die Krankheit entwickelt sich nicht in der Kindheit, sondern erst bei Eintritt der Pubertät, oder auch erst in: reifern Alter. Es entstehen einige unscheinbare Knötchen zwischen den Augenbrauen; letztere fallen allmählich aus und die kahlen Stellen erscheinen infiltrirt. Manchmal rasch, oft im Verlauf mehrerer Jahre verbreitet sich das Geschwür über die äußere Nase und ergreift dann die Schleimhäute der Nase, des Rachens, des Kehlkopfs und die Bindehaut des Auges. Das untere Lid kehrt sich um, das ganze Gesicht unterläuft kupferfarben, die Eiterung beginnt; sie frißt das Nasenbein an und bedeckt den Rachen mit einein fest anklebenden, gelblichen, trockenen crupösen Exsudat, wodurch die Stimme einen eigenthümlich heisern und dumpfen Klang erhält, „als ob sie aus dem Grabe käme". An einzelnen Stellen empfindet der Leidende heftige reißende Schmerzen, während andere gefühllos werden. Unter den qualvollsten Leiden erfolgen Contrac-turen der Finger, die Nägel werden dick oder schwinden, oft ulceriren einzelne Fingerglieder bis sie gänzlich abfallen; doch merkwürdigerweise tritt häufig Vernarbung und Heilung in einem Finger ein, während der Proceß an einem andern anfängt. Mitunter, obwol selten, bleiben nach jahrelangem Ergriffensein der äußern Haut die Schleimhäute vollkommen intact. Die sogenannte Gliederlepra beschränkt sich auf die Finger und Zehen, welche unter den quälendsten Schmerzen gliedweise abschwüren; doch heilt und vernarbt bisweilen ein Finger, indeß die andern verloren gehen. Ich sah in Kaswin einen Mann von sonst guter Constitution und scheinbar vortrefflicher Gesundheit, rüstig und gut genährt, welcher durch die Gliederlepra im Laufe von elf Jahren alle Finger mit Ausnahme des linken Daumens eingebüßt hatte; fast an allen Punkten waren die Ulcerationsstellen in der Vernarbung begriffen. Bei einem andern konnte ich die gestielten Knoten beobachten, welche der Haut das Ansehen 307 gaben, als wäre sie, nach dem Ausdruck der Dermatologen, mit Mollusken besetzt. Die leidenden Partien zeigten eine solche Reizbarkeit, daß sie in immerwährender zuckender Bewegung waren, ähnlich wie die Haut eines von Fliegen gepeinigten Thiers. Wie mir Perser versicherten, soll die Lepra in wenn auch langsamem Abnehmen sein. Von der Elephantiasis oder der sogenannten I^spi-a aradum (äa-si 61, Elefantenleiden) sah ich nur drei geringe Hypetrophien an der Eichel und am Penis und eine Ichthyosis leichten Grades. In die Kategorie der Aussatzkrankheiten stellt man in Persien auch die Leuke Vitiligo (bäi-ä-), weiße blutleere und empfindungslose Flecken der Haut; jedoch mit Unrecht, denn es sind keine Symptome der Lepra damit verbunden. Der leichtere Bäräz, bei dem die Haut nicht empfindungslos wird, sondern durch Reibung sich röchet, ist ziemlich häusig in allen Theilen Persiens, den nördlichen sowol wie den südlichen. Da die schneeweißen Flecke von einem dunkel gefärbten Hof umgeben sind und im Lauf der Jahre immer größere Dimensionen annehmen, entstellen sie den Körper sehr. Sie kommen meist auf deni Rücken und der Brust, doch auch zuweilen auf den Extremitäten und dem Gesichte vor. Ueber spontane Rückbildung oder Heilung stehen mir keine Erfahrungen zu Gebote. Wohl zu unterscheiden hiervon ist ein ähnlich aussehendes ebenso häufiges Hautübel, der Herdes tonsui-ans. Er bekundet sich durch inselförmige weißliche Stellen am behaarten Kopftheil oder im Barte; die Haare werden dünn und weiß, doch sind die Flecke nie von jener blendenden Weiße wie bei der Leuke. Nach mehrmonatlichem Bestände tritt spontane Heilung und wieder normaler Haarwuchs ein. Viel seltener sind Leberflecke (bsbak) und Sommersprossen, und auffallend selten Muttermale (oliäi), sowol in 20* 308 der Form von Telangiektasie als auch die Aasvi; ausgebreitete Telangicktasien gewahrte ich nie. Von den durch Parasiten erzeugten Hautkrankheiten finden sich alle in Europa bekannten Formen. Unter dem Militär ist die Krätze (ä8ol,aräk) sehr verbreitet; sie wird mit einer Salbe von Schwefel, Kupfervitriol und sauerer Milch behandelt. Weil der Kopf stets bedeckt gehalten wird, entsteht bei Kindern außerordentlich häufig der Grind (ketsokeü) und nimmt oft den ganzen Kopf, selbst die Augenbrauen ein. Man wendet allgemein die Pechkappe dagegen an, die' von außen mit Gipsmehl bestreut wird. Hingegen fand ich die eigentliche Sykosis sehr selten, in zwei Fällen, wenn ich nicht in der Diagnose irrte, auch am rasirten Kopftheil. Syphilis *) gilt in Persien wie im ganzen Orient nicht für ansteckend, sondern für eine unverschuldete Krankheit, über die man daher in der besten Gesellschaft, selbst in Gegenwart von Frauen und Kindern sich nicht zu sprechen scheut. Da dieser Auffassung gemäß auch keinerlei Sanitätsmaßregeln dagegen getroffen werden, ist sie sehr allgemein verbreitet. Doch nimmt sie in dem trockenen warmen Klima infolge des häufigen Gebrauchs der Väder meist einen milden Verlauf, sodaß sie mehr exensiv als intensiv auftritt. Der Tripper (8U2ÄN6K, worunter indeß auch jeder andere Schleimfluß, selbst der von Stein herrührende verstanden wird) heilt bei angemessenem Regime von selbst, während er durch falsche Diät und Mangel an Enthaltsamkeit allerdings auch langwierig und chronisch werden kann. Stric-turen hinterläßt er nur ausnahmsweise und weit seltener als in Europa. *) I>r. Polak, Ueber die Syphilis in Persten. (Zeitschrift der Gesell« fchaft der Aerzte in Wien, Jahrg. 1857.) 309 Primäre syphilitische Assectionen scheinen sehr gutartig zu verlaufen, soweit sich aus den wenigen Fällen, die mir zur ärztlichen Behandlung kamen, schließen läßt. Der Bubo gehört zu den seltenen Erscheinungen, das wuchernde Condylom scheint ganz unbekannt; desto häusiger zeigen sich sechs bis acht Wochen nach der ersten Infection Spuren der secundären Syphilis (Kuft, HtsLoiielc). In Teheran und dessen Umgebung äußert sich dieselbe fast immer auf den Schleimhäuten, selten auf der äußern Haut; es entstehen Schleimtuberkel auf den Lippen, der innern Wangenfläche, an den Rändern der Zunge, Geschwüre im weichen Gaumen, an der hintern Rachenwand und besonders häufig am Kehlkopf, weshalb jede einige Tage andauernde Heiserkeit als Syphilis in-dicirt und behandelt wird. Das auffallend häufige Vorkommen von Schleimtuberkeln auf den Lippen brachte mich auf den Gedanken, ob nicht durch den Gebrauch, in Gesellschaften das Mundstück des Nargileh im Kreise umhergehen zu lassen, der Infectionsstoff übertragen werden möchte. In Ispahan dagegen, überhaupt im Süden des Reichs, herrschen syphilitische Hautausschläge vor: Flecken, Tuberkel, Geschwüre, selbst Wucherungen auf der äußern Haut. Verhältnißmäßig sehr oft ergreift die Syphilis das Auge und verursacht bösartige, äußerst schmerzhafte Irisentzündungen, die mit Verengerung oder gänzlicher Verschließung der Pupille zu endigen pflegen. Andererseits sind Substanzverluste, mit Ausnahme des Gaumens, und die sogenannten tertiären Erscheinungen ziemlich selten. Die Cur besteht in Einathmung von Zinnoberdämpfen und nachherigem innern Gebrauch des Decocts von Okina noäosa. Mercur bewirkt im dortigen Klima vollkommene, gründliche Heilung, ohne die schlimmen Folgen, deren er in Europa beschuldigt wird, zu hinterlassen. 310 Krankheiten der Verdauungsorgane. Bei Kindern sah ich, obwol nicht gerade oft, Schwämmchen im Munde (dnrtek, Schnee) und den Soor. Noma (Wasserkrebs) und Schleimtnberkcl finden sich, wie erwähnt, hänsig. Die Zähne werden selten von Caries (kirm, Wurm) angefressen und würden sich demnach bis ins späteste Alter gesund erhalten, wenn nicht, namentlich bei Städtern, chronische Periostitis (Entzündung der Beinhaut), der auch Prnner in seinem Werke „Krankheiten des Orients" gedenkt, sich einstellte, welche den Zahn allmählich hebt, bis er von selbst ausfällt oder ohne Schmerz und Blutnng mit den Fingern herausgenomme» werden kann. Der ausgefallene Zahn ist scheinbar unversehrt, nur die Wurzcl hat ein rauhes und atrophisches Ansehen. Ich kannte Damen von 30 bis 35 Jahren, die infolge dieses Uebels bereits fast alle Zähne verloren hatten. Die Perser!glauben irrthümlicherweise, das Zahnfleisch weiche zurück; täglich klagte man mir: „l^us^lite äeuäazu ratt" („Mein Zahnfleisch ist geschwunden"), und verlangte Mittel, es wieder wachsen zu machen. Halsentzündungen treten zu Anfang des Winters bisweilen epidemisch auf, uehmen jedoch selten einen gefährlichen Charakter an. Die diphtheritische Form beobachtete ich nur einmal, und zwar mit glücklichem Ansgang an einem europäischen Mädchen. Wegen Hypertrophie der Mandel mußte ich mehrmals einen Theil abtragen. Auch die Froschgeschwulst erheischte ein operatives Verfahren. Im allgemeinen ist die Verdaunng des Persers träge, besonders zur Sommerzeit. Er nimmt nnr zweimal des Tages Nahrung zu sich, und oft ist der Appetit mit einer einzigen Mahlzeit befriedigt. In den Bergen, bei einer Elevation von etwa 6000 Fuß, erhöht sich das Nahrungsbedürfniß. Der Perser, welcher sich gern an greifbare Ur- 311 fachen hält, schreibt die Steigerung des Appetits dem guten Gebirgswaffer zu und sagt daher, wenn er die Vorzüge eines Landaufenthalts hervorheben will: „Das Wasser ist dort gut und verdauungsbefördernd, man kann drei- bis viermal des Tages speisen." Genuß von vielem Fleisch erzeugt im Sommer beängstigende, den Nachtschlaf raubende Hitze, wogegen die überwiegend vegetabilische Nahrung, Gemüse, Früchte n. f. w., begleitet vom Genuß in Eis abgekühlter Getränke, leicht Magenschwäche, Blähsucht und übermäßige Säureentwickelung zur Folge hat. Dessenungeachtet sind gefährliche Verdauungskrankheiten, wie acute Entzündung und Krebs, außerordentlich selten. Blutbrechen sah ich nur bei Individuen, die dem Genuß von Branntwein oder andern geistigen Getränken ergeben waren? Hartnäckige Leibesverstopfung, welche mit Aloe und dergleichen drastischen Mitteln bekämpft wird, entsteht durch misbräuchliche Anwendung von Purganzen und Klystieren sowie durch den Opiumgenuß, der auch Ursache der Kolik (kuliutsok) ist. Europäische Ankömmlinge haben sehr von Verdauungsbeschwerden zu leiden, von Blähsucht, monatelang andauernder Diarrhöe und Unregelmäßigkeit der Entleerungen, und zwar sind diese Zustände meist Vorläufer vom fchleichenden Wechselfieber oder Dysenterie. Die Ruhr (esiM äaiu) herrscht in den Städten sporadisch das ganze Jahr hindurch, epidemisch und gefährlich verlaufend jedoch nur von Mitte August bis Mitte November. Sie steht mit dem Wechselfieber sowol in ihren Combinationen wie in den Bedingungen des Auftretens und des Verschwin-dens zur selben Jahreszeit, bei derselben Elevation und Veränderung des Klimas in so unzertrennlichem Zusammenhang, daß wir beim Besprechen des Wechselfiebers öfter auf dieselbe zurückkommen werden. Die Krankheit tritt unter den bekannten drei Formen auf: 1) die acut gutartige, von welcher der Patient gewöhnlich in 6 bis 8 Tagen vollkommen genest, 312 2) die acut bösartige, meist in Begleitung von entkräftendem Fieber, bei der in 8 bis 14 Tagen der Tod erfolgt; sie grassirt zumeist unter den neu angekommenen Regimentern, in Kasernen und bei den ärmsten Volksklassen, deren Hauptnahrung in Früchten, vorzüglich Melonen besteht und die genöthigt sind, ihren Durst mit dem fauligen und brackigen Wasser der Stadtleitungen zu stillen, ferner in den Kara-vanen der Mekkehpilger und auf Märschen oder bei Cam-pirungen der Truppen; 3) die chronische, welche Monate, selbst Jahre dauern und unter ungünstigen Umständen durch , Abzehrung zum Tode führen kann. Dem Ausbruch der Ruhr geht entweder langwieriges Wechselfteber vorher, oder sie erscheint im Gefolge von Unregelmäßigkeiten der Stuhlentleerung, von Durchfällen und Verstopfungen. Als Schutz vor der Dysenterie ist zunächst zu empfehlen: vorsichtiges und rationelles Verhalten im Wechselfieber bis zu dessen gründlicher Heilung; sodann Hüten vor Erkältung, besonders während der Sommernächte; das Vermeiden viel besuchter Aborte, und in den gefährlichen Monaten, von Mitte August bis Mitte November, Zurückziehen aus der Stadt in ein höher gelegenes Bergdorf. Wer die Krankheit schon einmal gehabt, braucht sich weniger streng an diese Vorsichtsmaßregeln zu halten, da fast nie jemand wiederholt davon befallen wird. Was die Behandlung selbst betrifft, so erweisen sich Opiate in dem dortigen Klima unwirksam, wenn nicht gar schädlich. Man richte seine Lebensweise nach der Sitte des Landes ein, 'beobachte eine strenge Diät, genieße etwas Fleischbrühe und kleine Portionen von in Wasser gesottenem Reis (t8«Ki1!»w), auch wenn der Appetit nach mehr verlangen sollte, trinke nur abgeschrecktes Wasser oder Buttermilch, und hüte das Bett, wie kräftig und wohl man sich auch im allgemeinen fühlen mag. Mit Hülfe dieses einfachen Regime gelingt es meist, in einigen Tagen den 313 Anfall zu überwinden und nach und nach auch die etwa zurückbleibenden leichten Kolitschmerzen und das Kollern im Unterleibe zu beseitigen. Tritt aber die Krankheit besonders heftig auf, so nehme man einmal des Abends eine Dosis von etwa 3 Gran Kalomel, am andern Morgen etwa eine halbe Unze Ricinusöl und von letzterm an mehrern darauf folgenden Morgen eine Dosis von zwei Drachmen, bis feste Kothmassen abgehen und endlich die natürliche Entleerung sich wieder einstellt. Ich habe diese Behandlung fast in allen acuten Fällen mit Erfolg angewendet. Bei chronischer Dysenterie reichen jedoch die genannten Mittel nicht aus. Oft leisten hier der Genuß von gutem rothen Wein und Weinklystiere noch gute Dienste. Lassen aber auch sie im Stich, so ist mit größter Wahrscheinlichkeit ein trauriges Ende voraus zu sehen, und es bleibt dann nichts übrig, als daß der Patient sich entweder in eine Elevation von über 6000 Fuß begibt, in welcher Höhe oft ohne alle Arznei rasche Heilung der verzweifeltsten Fälle eintritt, oder daß derselbe, wenn es ein Europäer ist, so schnell als möglich das Land verläßt und ein heimatliches nordisches Klima zu erreichen sucht. Man glaube nicht, daß selbst ein hoher Schwächegrad und beginnende Anschwellung der Füße die Abreise verbieten; im Gegentheil, sie machen dieselbe um so unerläßlicher. Es gibt nur zwei Alternativen,,entweder die Gefahren der Reise zu wagen, oder mit fatalistischer Ergebung den Tod zu erwarten. Ich selbst war im Sommer 1853 von vorausgegangenem Wechselfteber und darauf folgender chronischen Dysenterie dermaßen angegriffen, daß ich kaum mehr die Kraft zum Gehen hatte; auch die Füße fingen mir bereits an zu schwellen. In diesem Zustande erhielt ich vom König den Befehl, ins Hoflager nach Laar zu kommen, weil die Cholera in der Teheraner Ebene wüthete und er mich wegen möglicher Zufälle in seiner Nähe haben wollte. Ich 3l4 durfte mich dem Befehl nicht entziehen und ritt in das königliche Lager. Der Ort, auf dem das mir angewiesene Zelt stand, war etwa 7500 Fuß über der Meeresfläche. Schon zwei Tage nach meiner Ankunft stellte sich, feit sechs Monaten zum ersten mal, ein normaler Appetit und normale Entleerung ein, und bald war ich vollkommen genesen. Sir Charles Murray litt, aus Bagdad nach Teheran zurückgekehrt, an chronischer Dysenterie. Das Uebel jhatte einen solchen Grad erreicht, daß die Aerzte sämmtlich an seinem Aufkommen zweifelten; der Puls war klein und intermittirend, die Haut erschlafft, rauh und alles organischen Ansehens entbehrend, die Füße mäßig geschwollen. Er ließ sich trotz dieser hoffnungslosen Lage nach Europa transportiren und ward dort vollständig hergestellt. — Die Nomaden behandeln die Dysenterie mit Buttermilch oder emulsionirter sauerer Milch, und die Erfolge sollen außerordentlich günstig sein. Der schwedische Arzt Fagergreen, der die Expedition gegen Bender-Abbas mitmachte, schrieb mir darüber: „Die Dysenterie richtete unter unsern Truppen fürchterliche Verheerungen an; nachdem ich vergebens meine ganze Feldapotheke geleert hatte, griff ich zu dem Mittel der Nomaden, und ich kann nicht umhin, es über alle andern zu stellen." Auch von einem Franzosen, Mr. Romain, der in einem isolirten persischen Dorfe an där Ruhr gefährlich darnieder lag, weiß ich, daß er durch dieses Volksmittel gerettet wurde. Die Okoiera ablaotatorum rafft die Mehrzahl der Kinder in den persischen Städten im zweiten und zu Anfang des dritten Lebensjahres dahin. Meist zur Zeit des Entwöhnens von der Mntterbrust, manchmal auch später, und vorzugsweise im Herbst bekommen ganz gut genährte blühende Kinder plötzlich Erbrechen und Durchfall zuerst von gallig gefärbten, dann von Reiswasser ähnlichen Substanzen; das Gesicht entfärbt sich, der Puls wird klein, fast unfühlbar. 315 Dieser erste Anfall geht gewöhnlich vorüber, nur die Diarrhöe hält an, abwechselnd mit Stuhlzwang und ruhrartigen Entleerungen. Nach mehrern Wochen kehren aber die Anfälle mit größerer oder geringerer Heftigkeit wieder und repetiren in immer kürzern Zwischenräumen, bis die kleinen Opfer vor Erschöpfung unterliegen. Sehr wenige der von der Krankheit Ergriffenen kommen davon. Sie befällt Knaben häufiger als Mädchen. Auch Kinder von Europäern sind ihr unterworfen. Als Entstehungsursachen möchte ich bezeichnen: die zu späte Entwöhnung von der Muttermilch; die Ansteckung durch Wechselfieber- und ruhrkranke Ammen; den Genuß von Melonen während der SäuglingZperiode; die übermäßige Anwendung von Klystieren; endlich den epidemischen Charak-' ter der Ruhr. Von den inländischen Aerzten wird die Krankheit mit Ricinnsöl und mucilaginösen Tränken verbunden mit Application von Klystieren behandelt. Hämorrhoiden (ba^sir) und in deren Gefolge Mastdarmfistel und lästige Schrunden zählen zu den eingebürgerten Leiden. Eine Quacksalberfamilie in Tabris macht durch Räucherungen (wahrscheinlich mit Arsenik) die Knoten brandig, um sie wegzubringen; doch sind mir allein drei Fälle bekannt, wo diese Cur den Tod der Patienten veranlaßte. Eingeweidewürmer (äiään, kirm) finden sich indem trockenen Irak nicht besonders häufig: mitunter der Spulwurm, in größerer Zahl der Ox^urus vermicular^ (kii-mel:), der bei Mädchen auch in die Vagina wandert und dort eine reichliche Schleimsecretion bewirkt. Am Bandwurm leiden viele von den eingeführten Schwarzen, die Perser aber fast gar nicht, weil sie wenig Fische, kein Schweinefleisch und alles zur Speise dienende Fleisch völlig gar gekocht essen. Hingegen soll, nach Angabe des Dr. Häntzsche, im Gilan'schen am Kaspischen Meer fast kein Einwohner von Eingeweidewürmern, namentlich von 1«uia lata (bad ei ^ar, kaäuäHnsk, 316 Kürbiskörner) frei sein, weshalb dieser Arzt seinen Arzneien immer etwas Santonine (Wurmsamen) beimischte. Die I'iiaria ineäinsnLis (pujuk, erke lnaalieui) ist am Perfischen Golf zu Hause, besonders in der Provinz Laar und in der Gegend von Bender Abbas. Truppen, welche aus dem Norden dorthin in Garnison kommen, werden sehr davon geplagt. Der Wurm hat seinen Sitz im Zellgewebe unter der Haut und zwischen den Muskeln der untern Extremitäten. Dr. Fagergreen, der ebenfalls an der Filaria litt, konnte sich nur durch eine schmerzliche Operation davon befreien. Man sagt, der Wurm komme mit dem Brackwasser der Cysternen in den Körper, und durch Filtriren des Wassers könne man sich davor schützen. Allerdings zeigt er sich bei den Offizieren, welche diese Vorsicht beobachten, weit seltener als bei der übrigen Mannschaft. Schmerz, dann umschriebene Geschwulst mit Knotenbildung, zuletzt Aufbruch derselben und Hervortreten eines Theils des Wurms sind die Stadien des durch ihn verursachten Krankheitsprocesses. Das sichtbar werdende Ende des Wurms wird in ein gespaltenes Rohr eingeklemmt, und nun wickelt man täglich ein weiteres Stück auf, bis das andere Ende zum Vorschein kommt. Es muß dabei sehr behutsam zu Werke gegangen werden, denn durch Abreißen sollen die heftigsten Zufälle, Krämpfe und sich weit ausbreitende Geschwüre, entstehen. Da in andern Gegenden des Reichs die Filaria unbekannt ist, kamen mir nur die Reste derselben und die in Vernarbung begriffenen Geschwüre zu Geficht. Die Krankheiten der Leber. Obwol am Kaspischen Meere heimisch, sind doch Leberleiden auch im Tafellande nicht selten, indem sich dem continuirlich remittirenden Fieber Anschwellung und Entzündung der Leber, Milzanschoppung und Gelbsucht (jei-a^u) zugesellt. An Europäern beobachtete ich in Persien zwei Fälle von Leberentzündung. Beide 317 Kranke waren Franzosen; der eins, dessen Name mir entfallen, genas, nachdem bereits alle Zeichen des hektischen Fiebers eingetreten waren, dadurch, daß der Eiter nach Durchbohrung der Zwischenwände durch die Lunge und Luftröhre einen Ausweg fand; der andere, Dr. Labat, öffnete sich selbst den Absceß, starb jedoch drei Monate später auf der Rückreise nach Europa. In Schiraz sah ich bei Fieberkranken Fieberzelte von außerordentlicher Größe; die Milz reichte bis zum Darmbein, und man konnte deutlich die Einkerbungen ant Rande derselben durch die dünnen Bauchdccken durchfühlen. Leberleidende müssen sich streng des Genusses von Spirituosen enthalten. Die Steinkrankheit ist sehr allgemein in den Provinzen, welche man früher unter den Namen Medien und Hyrkanien zusammenfaßte, also in Azerbeidschän (Tabris), Hamadan, Kaswin, Teheran, Kum, Demawend; ferner am Kaspischen Meere in Tälisch, Gilan (Rescht), Masanderan, Schahrud-Hustam. Südlich von Kum dagegen, in Kaschan, Ispahan, .Kamischeh, Schiraz, scheint sie äußerst selten zu sein; so befand sich unter mehr als tausend Kränken, die ich in Ispahan , ärztlich behandelte, nur ein einziger an Stein Leidenher. Wie das Verhältniß in den östlichen und südöstlichen Provinzen sich stellen mag, konnte ich nicht genau ermitteln; doch dürfte sie dort ebenfalls nur ganz vereinzelt vorkommen, -wenigstens fa,nj> ein in Meschhed prakticirender Schüler von mir nur Einen Steinpatienten daselbst, den er mir nach Teheran zur OpeMon schickte. Auch aus Bagdad, Herat, Kän-dähar und Sekuhe in Sistan kamen Personen zu mir, um sich den Stein operiren zu lassen, und ich erfuhr von ihnen, daß in ihrer Heimat das Uebel ziemlich häusig sei. In der Pegel hält man in Persten das Steinleiden für Tripper; fast MAteinleidende, die Mein« Hülfe in Anspruch 318 ' nahmen, sagten: „8u2anek äai-ein" („Ich habe den Tripper"). Außer durch Talismane und Gebete glaubt man, mit auflösenden Mitteln sich vom Stein befreien zu können. Die arabische Medicin besitzt eine ganze Reihe steinauflösender Mittel, und erst, nachdem diese sich fruchtlos erwiesen, unterwarfen sich die Kranken der Operation. Als der Schah meinen gelehrten Collegen Hekim Mirza Buzurk Kaswini fragte, ob er auch wie der fränkische Arzt einen Stein aus dem Bauche schneiden könne, erwiderte dieser: „Wir brauchen so gefährliche Mittel nicht; wir besitzen Medicamente, welche die Steine zu Wasser machen." Mein Vorgänger Dr. Ernest Cloquet führte dreizehnmal im Verlaufe von zehn Jahren die Operation aus. Mir stellte sich im ersten Jahre meines Wirkens kein Steinkranker vor; nachdem aber im zweiten Jahre einige glücklich abgelaufene Curen bekannt geworden waren, erhielt ich so viel Zuspruch, daß ich in den folgenden acht Jahren nicht weniger als 158 Steinkranke zu operiren hatte. Jetzt wird die Operation auch von meinen Schülern geübt; andere einheimische Aerzte wagen sie meines Wissens nur dann, wenn der Stein sich so weit vordrängt, daß er mittels eines Schnitts durch das Rectum leicht entfernt werden kann. Da sich die Krankheit von Aegypten bis Indien ausbreitet und wieder in Gegenden, deren Bewohner unter denselben klimatischen Verhältnissen leben und dieselbe Nahrung genießen, gänzlich fehlt, wie im südlichen Persien, lassen sich über ihre Ursachen kaum Momente von allgemeiner Gültigkeit ausfindig machen. Mitwirkend ist nach meiner Ansicht der häufige Genuß von Milchvroducten, besonders sauerer Milch in flüssigem wie in trockenem und festem Zustande, ferner von sauern unreifen Früchten, säuerlichen Scherbets, in Essig und Limoniensaft eingelegten Früchten und Gemüsen, sowie der Sprossen einer an Oxalsäure sehr reichen Rheum-art (lidsuin i-kapontiouiu ri^ä8). Für die Annahme, daß 319 auch der Genuß von vielen Reisspeisen zur Steinbildung beitrage, scheint das häufige Vorkommen der Krankheit am Kaspischen Meer zu sprechen; denn dort ist Brot fast unbekannt, Reis und gesalzene Fische bilden beinahe die ausschließliche Nahrung. Allein in Ispahan und Schiraz, wo ebenfalls die Hauptnahrung aus Reis besteht, findet sie sich äußerst spärlich, um so häufiger wieder in Tabris, wo die Einwohner vorzugsweise von Brot leben. Aehnlich verhält es sich mit dem Trinkwasser. Kein Unterschied zwischen dem Marschlande, wo das Wasser brackig ist, Demawend, Laridschan und Mahalat, wo es starke Kalksedimente ablagert, Hamadan und Kaswin, wo es vulkanischem Boden entspringt, und Kum mit dem Salzwasser der Wüste. Auch von Fleischspeisen und svirituösen Getränken kann das Uebel nicht herrühren, da der Perser wenig Fleisch genießt und Wein nur in den höhern Ständen getrunken wird. Mit der Gicht steht es in keinem Zusammenhange, denn diese kommt überhaupt in Persien selten vor, außerdem aber zeigt sich der Stein meist schon im Kindesalter, wo von Gicht noch keine Rede sein kann. Wenn die Nahrung einen Einfluß dabei ausübt, so muß es, wie gesagt, der übermäßige Genuß vegetabilischer, viel' Oxalsäure enthaltender Substanzen sein: welche Vermuthung auch der Umstand bestätigen dürfte, daß man bei den Argalis (Bergschafen) ziemlich oft Steinbildung in den Nieren und der Blase findet. Die größere oder geringere Bodenerhebung ist nicht als ursächliches Moment anzunehmen; in Teheran, 3000 Fuß, und in Tabris, 4000 Fuß über der Meeresfläche, ist die Krankheit nicht minder heimisch wie in Rescht am Kaspischen Meer, das bekanntlich unter dem Meeresspiegel liegt. Was das Geschlecht anlangt, so wird aus anatomischen Gründen das männliche allerdings mehr heimgesucht als das weibliche; doch zeigen neun Operationen, die ich an Frauen 320 Msführte, daß auch bei letzterm der Stein nicht so gar selten vorkommt. In Betreff der Rasse scheinen Juden und Arme-ner weniger disponirt zu sein; unter den von mir behandelten Steinkranken gehörten nur vier jenen Nationen an, kein einziger aber der Neger- und keiner der rein mogulischen Rasse, drei Kinder jedoch waren von gemischter mogulisch-taukasischer Abstammung. In Bezug auf das Alter kommen von den 158 durch mich Operirten 120 aufs Knaben- und nur Z2 auf das Mannes- und Greisenalter. Demnach entwickelt sich die Krankheit am häufigsten schon in den Kindesjahren, ja sogar m der Säuglingsperiode. Der Abgang von Steinchen bei Kindern im zweiten und dritten Lebensjahre ist eine tägliche Erscheinung. Vorher gehen in der Regel heftige halbseitige Kolikschmerzen, gefolgt von Blutharnen und andern Harnbeschwerden. Wird das Nierensteinchen nicht ausgestoßen, so bleibt es entweder in der engen Harnröhre stecken und führt durch Verhinderung des Nrinirens den Tod herbei, oder der Kern setzt secundäre Schichten an und bildet sich zum Blasenstein aus. So kann oft genau ermittelt werden, an welchem Tage der Harnstein entstanden ist. Selten erfolgt die mit Kolik verbundene Ausstoßung eines Steinchens im spätern Alter; mir sind nur drei Fälle der Art bekannt, wovon der eine einen siebzigjährigen Greis betraf. Aus der überwiegenden Zahl von Kindern, die ich am Stein operirte, gegenüber den wenigen Erwachsenen über 21 Jahre zog ich den Schluß, daß steinkranke Kinder bei guter Ernährung wol eine Reihe von Jahren dem Uebel widerstehen können, selten jedoch, wenn sie nicht davon befreit werden, das Mannesalter erreichen, was mir auch sowol eigene Erfahrungen als anderweite Ermittelungen zur Genüge bestätigten. Ich darf also das Verdienst für mich in Anspruch nehmen, dadurch, daß ich die Steinoperation in 321 Persien allgemein bekannt machte und meinen Schülern durch Beispiel und Lehre die nöthige Anleitung gab, nicht nur selbst cine ziemliche Zahl Menschen von frühem Tode gerettet, sondern eine Quelle der großen Sterblichkeit unter den persischen Kindern verstopft zu haben. Wie schon bei einer andern Gelegenheit erwähnt, vollzog ich die Operation immer unter freien: Himmel und ließ die Patienten während der ganzen Cur nnter emer Veranda liegen, selbst bei 2 Grad Kälte nur in wärmende Decken gehüllt. Diesem Verfahren und der erstaunlichen Schnelligkeit, mit welcher Wunden in dem dortigen Klima heilen, glaube ich es verdanken zu müssen, daß fast in allen Fällen die Cur einen glücklichen Verlauf nahm. Von 136 Operirten unter 21 Jahren starb mir nur einer und zwar infolge eines Fehlers von meiner Seite, von den.^2 über 21 Jahre alten sechs. Bei einigen unter diesen war die Krankheit bercits so weit vorgerückt, daß ich nur auf inständiges Bitten der Krauken selbst und gegen einen Ncvers, der mich von jeder Verantwortlichkeit freisprach, die Operation unternahm. Ich gebe hier die wortgetreue Uebersetzung eines solchen Reverses: „Nachdem der Unterthänige viele Jahre lang am «Trippcr» schwer gelitten und nun gehörthat, daß dieses Uebel in Teheran durch Operation geheilt werde, begab er sich daselbst zu dem hochgestellten, zum Chakan (Schah), freien Zutritt habenden Leibarzt des Königs der Könige, des Welt-geistes, dem wir als Opfer fallen mögen, zum Hekim Pulak, dem Deutschen, dem Plato des Scharfsinns, dem Aristoteles der Ergründung, dem Galenus der Erfahrung, mit der Bitte, daß er mich in Behandlung nehme. Ich bescheinige hiermit, daß ich die Operation verlangte und mich dem Fatmn unterwerfe, dem niemand sich zu entziehen vermag, daß daher alles Blut auf meinem Halse haften bleibt. Es soll also weder von Erb- und Blutrache noch von Vlutlösegeld die Rede Plllal, Pcrfien. II. 21 322 sein, sondern mir allein die Verantwortlichkeit für alle Folgen zufallen." (Folgt das Siegel Abbas Ali's und das seiner Enkel und zweier Priester.) — Was mir die Operation zuweilen erschwerte, war der Mangel an kundigen Assistenten; ich hatte oft nur Diener zur Seite, die beim Anblick von Blut in Ohnmacht fielen. Bei der Operation eines Knaben konnte ich keinen andern Assistenten finden als einen Scharfrichter'; doch auch er wurde im Verlauf der Operation ohnmächtig. Als ich ihm nachher seinen Kleinmuth vorwarf, erwiderte er: „Ich kann nur Blut sehen, wenn ich es selbst vergieße, nicht aber wenn die That von andern vollbracht wird." Andererseits hat die mit einiger Geschicklichkeit ausgeführte Steinoperation in Persien nicht viel mehr auf sich als in Europa die Oeffnung eines Abscesses, denn man kann fast mit mathematischer Sicherheit die vollständige Genesung auf den vierzehnten oder fünfzehnten Tag vorausbestimmen. Das Wundfteber ist gering; bereits am zweiten oder dritten Tage stellt sich guter Appetit ein, und die Nachbehandlung reducirt sich auf Null. Oft spielen die Kinder mit noch offener Wunde auf dem flachen Dache, ohne daß die Heilung dadurch wesentlich beeinträchtigt oder verzögert würde. Harnruhr beochachtete ich nur dreimal, an zwei Männern und einer Frau; in dem einen Falle trat infolge reichlichen Genusses von Granatäpfelsaft und sauerer Milch erst Stillstand, dann Besserung ein. Blutharnen findet man, außer in Begleitung von Harnsteinen, bei vielen von Kerbeiah bei Bagdad zurückkehrenden Wallfahrern. Es dauert oft mit Unterbrechungen mehrere Monate, selbst ein bis zwei Jahre, ohne jedoch große Beschwerden zu verursachen, und hört dann von selber auf: eine räthselhafte Erscheinung, welche Larray auch bei französischen Soldaten während der Expedition nach Aegypten beobachtet hat. 323 So häufig die aus Syphilis entspringenden Leiden der Geschlechtstheile, so selten und milde sind sonstige Krankheiten dieser Organe. Beim weiblichen Geschlecht gehören Hindernisse der Empfängniß, Leukorrhöe, Unregelmäßigkeiten der Menstruation und Hysterie zu den ausnahmsweisen, nur bei Frauen, die von ihren Männern vernachlässigt werden, vorkommenden Erscheinungen. Das Kindbettfteber, nicht häufig, aber doch hier und da unter seinen verschiedenen Formen auftretend, zuweilen mit Lungenleiden combinirr, endet selten lethal, nimmt auch wol einen intermittirenden Charakter an, weicht dann aber immer der Behandlung mit Chinin. Die Form der ktilsFuiasia alb«, (ioisns soll, nach Angabe des Dr. Häntzsche, am Kaspischen Meer viele Wöchnerinnen heimsuchen; auch in Teheran bin ich ihr wiederholt begegnet. In der absteigenden Lebensperiode, welche, wie erwähnt, gewöhnlich zwischen dem 35. bis 38. Jahr beginnt, entwickeln sich häufig Hämorrhoiden, womit überhaupt die persischen Frauen mehr als in Europa das weibliche Geschlecht behaftet sind. Gebärmutterftbroide, sogar von bedeutender Größe, scheinen nicht selten; dagegen sah ich ausgesprochenen Krebs der Gebärmutter nur einmal, bei einer 55 Jahre alten Armenerin; Krebs der Brustdrüsen bei Frauen im vorgeschrittenen Alter fünfmal während meiner neunjährigen Praxis. Das männliche Geschlecht betreffend, zeigten sich nur einige Fälle von Hypospaoiasis und von Krebs des Hodens, zahlreichere von Hodensackwassergeschwulst, oft erstaunlichen Umfangs, die aber fast alle durch Satteldruck oder andere mechanische Verletzungen entstanden waren; ich behandelte sie meist mit Anlegung des Haarseils. Der Umstand, daß die Orientalen eine große Menge vermeintlich stimulirender Mittel der verschiedensten Art gebrauchen, hat die irrige Behauptung veranlaßt, ihre Potenz erschöpfe sich früher als die der Enro- 21* 324 päer. Es ist dies jedoch keineswegs der Fall. Im Gegentheil, die Zeugungskraft des Orientalen hat eine entschieden längere Dauer, denn sie währt durchschnittlich, wo nicht grobe Ausschweifungen sie vor der Zeit schwächen, vom 16. bis zum 70. Lebensjahre des Mannes. Nur eine relative Impotenz macht sich insofern bemerkbar, als häufig Männer mit mehrern Frauen in unfruchtbarer Ehe leben, dann aber mit der vierten oder fünften Frau mehrere Kinder erzeugen. Nicht selten geben daher Männer wegen Kinderlosigkeit ihren Ehefrauen den Scheidebrief, um eine Witwe oder eine geschiedene Frau zu heirathen, die in ihrer frühern Ehe Kinder geboren hatte. Katarrhe entstehen nach der in Persien herrschenden Ansicht durch Herabstürzen der Feuchtigkeit aus dem Gehirn, daher für selbe die Bezeichnung näsieli (Stnrz) üblich ist. Schnupfen (xekHin) und Lungenkatarrhe, meist von Erkältung des Kopfes herrührend, grassiren zu Anfang und Ende des Winters auch epidemisch, doch fast immer mit gutartigem Verlauf. Die eigentliche häutige Bräune (okurusek, Hähnchen) kommt nur sporadisch vor und endet in den meisten Fällen tödlich. Luftröhrenverengerung tritt zuweilen infolge von Syphilis ein; von Luftröhrenschwindsucht kam kein Fall zu meiner Kenntniß. Der Keuchhusten (siäk suiteli) tritt sowol selbständig als infolge von Masern epidemisch auf und richtet durch seine Bösartigkeit und seine weite Verbreitung oft große Verheerung unter den Kindern an. Brustfellentzündung (Liueli-^alilu) und Lungenentzündung (2ät errieli) grassiren jeden Winter in Teheran und in Tabris, während am Kaspischen Meere genuine Entzündung der Arustorgane äußerst selten sein soll. Ihren so oft tödlichen Ausgang gebe ich mehr dem Aderlassen, welches 325 die persischen Aerzte zur Unzeit anwenden, als dem natürlichen Charakter der Krankheit schuld. Pleuritische Exsudate und Aufgeblasenheit der Brust scheinen wenig vorzukommen. Ein sehr allgemeines Leiden ist der chronische Lungenkatarrh mit Emphysem, sicher durch das viele Nargilehrauchen befördert, wozu in den Fabrikstädten Kaschan und Ispahan noch das Einathmen des Staubes nnd die Beschäftigung im Wasser als directe Ursachen hinzutreten. Lungentuberkulose (sil) kann bei den eingeborenen Persern kaum unter den stehenden Krankheiten mitzählen. Die zehn Fälle, welche mir während meiner neunjährigen Praris bei der weißen Rasse vorkamen, betrafen fast alle Frauen, bei denen sich das Uebel einige Wochen nach der Entbindung entwickelte und auffallend rasch den Tod herbeiführte. Etwas häufiger soll die Krankheit im nördlichen Persien, z. B. im Azerbeidschan sein, am Kaspischen Meer aber ebenfalls nur ausnahmsweise vorkommen.' Ausgesprochenen schwindsüchtigen Habitus sah ich bei keinem Perser. Dagegen starben fast alle ins Land kommende Neger und Habessinier vor dem 30. Lebensjahre an Tuberkulose und Skrofeln, namentlich ihre Weiber bald nach der Niederkunft. Ueberhaupt scheint das Klima auf Fremde mit tuberkuloser Anlage nachtheilig einzuwirken. Von zwei Europäerinnen meiner.Bekanntschaft erkrankte die eine, eine Holländerin, nach mehrjährigem Aufenthalt in Persien, sie verließ das Land, starb aber bald darauf in Tiflis; die andere, eine Französin, erlag kurz nach ihrer Ankunft der acuten Miliartuberkulose. Orgauische Herz- und Klappenfehler fand ich, trotz des seltenen Vorkommens von acutem Gelenkrheumatismus, auffallend viele. Nicht zu verwechseln damit ist das sehr verbreitete Herzklopfen, welches vielmehr, außer von andern mir unbekannt gebliebenen Ursachen, von der hohen 326 Lage des Landes und dem übermäßigen Genuß von Thee und Kaffee herrühren mag. Es raubt oft monatelang den Schlaf, erreicht einen solchen Grad, daß der Kranke mittels Fortpflanzung des Tons durch die Unterlage hindurch die Schläge seines Herzens vernimmt, und verschwindet dann wieder für längere Zeit ohne erkennbaren Grund. Krampfadern an den untern Extremitäten, daher auch chronische Fußgeschwüre, finden sich in sehr geringem Maße; selbst während der Schwangerschaft werden sie kaum schmerzhaft oder im Gehen hinderlich. Ich hatte mich früher gerade mit dieser Krankheitsform viel beschäftigt und eine Abhandlung darüber geschrieben; meine Erwartung, daß sich mir in Persien neues Material dazu bieten würde, blieb unerfüllt. Krankheiten des Nervensystems spielen keine große Rolle im Verzeichniß der herrschenden körperlichen Leiden, denn der Perser ist durchaus nicht nervöser Constitution. Seine Erziehung, sein leidenschaftsloses Temperament, die Gleichgültigkeit, womit er der Zukunft entgegensieht und nur der Gegenwart lebt, kurz seine ganze Denk- und Anschauungsweise bewahrten ihn vor Aufregungen, wie sie das Leben in unsern europäischen Verhältnissen mit sich bringt. Das rastlose Streben des Europäers erscheint ihm unbegreiflich; er nennt ihn wegen seines lebhaften Temperaments und Geberdenausdrucks äiwüneli oder 86tik, was sich etwa mit: „er hat einen Sporn zu viel" übersetzen läßt. Kaum in irgendeinem andern Lande ist die Zahl der Geisteskranken eine so beschränkte, in Teheran z. B. betrug sie nicht mehr als 8 — 10. Es macht sich daher auch nicht das Bedürfniß von Irrenhäusern fühlbar. Blödsinn entsteht fast nur durch äußere Verletzungen, einen Stoß, Schlag, Fall auf den Kopf, bei Derwischen allerdings auch von starkem Haschischgenuß. Manie und Tobsucht sind ebenso 327 selten wie Melancholie. Einen leichten Grad von Nymphomanie habe ich einmal beobachtet. Soviel Glaubenseifer auch an den Tag gelegt wird, sah ich doch keinen Fall von religiösem Wahnsinn. Selbstmord ist etwas Unerhörtes. Schlagflüsse (sskwk), einseitiges Kopfweh und bei Kindern der Wasserkopf (um 638adi9.u), letzterer jedoch höchst selten als chronisches Leiden, kommen mitunter vor. Epilepsie (gares) ist ziemlich häufig; bei Kindern sah ich auch Fälle von Veitstanz. Lähmungen (t'^e^ok), sowol ganze als theilweise, sind stark vertreten, besonders in den Städten Kaschan und Ispahan, bei Kindern Gliederlähmungen, oft mit Abmagerung der untern Gliedmaßen und Klumpfußbildung verbunden. An Zittern in den Händen (raaselie) und Zucken der Gesichtsmuskeln (ioKteiktLoK) leiden viele Personen. Von Starrkrampf (ku-äs) sah ich drei Fälle bei tödlich Verletzten; einen, der nach dreißigtägiger Dauer starken Gaben von ^.sa ioetiäa wich, und einem bei einen Säugling, in welchem Falle Opium gute Dienste that. Hüftgicht (ei-^6 nisli.) und intermittirend auftretender nervöser Gesichtsschmerz, der ganz ähnlich wie das Wechselfieber zu behandeln ist, zählen zu den eingebürgerten Uebeln. Krankhafte Reizbarkeit der Haut (Hyperästhesie) beobachtet man nur bei Aussätzigen; umgekehrt kamen täglich Patienten zu mir, welche über Gefühllosigkeit einer Hautstelle, am häufigsten auf der vordern Fläche des Oberschenkels, klagten und diesen Zustand gewöhnlich mit den Worten bezeichneten: „?ust tsoliun neiQ6t 68t!" („Meine Haut ist wie ein Filz!") Vor acutem Gelenkrheumatismus schützt das trockene, warme Klima Persiens; rheumatische Beschwerden in einzelnen Gliedern aber (litieum^tismuL luolioartioularis) sind ziemlich verbreitet, und in Ispahan sah ich auch mehrere Fälle von Kli6uinä68inu8 äekormaus. Am Kaspischen Meere, wo die Luft beständig feucht ist, soll chronischer Rheumatismus, nament- 328 lich in Verbindung mit langandauernden Wechselficbern, besonders häufig sein. Daß Europäer in Persien an Rheumatismus gelitten hätten, hörte ich nie, obgleich man infolge der mangelhaften Construction von Fenstern und Thüren fortwährend der Zugluft ausgesetzt ist. Gicht (n^kres) findet sich mitunter bei Männern in den vermögenden Klassen. Eingewurzelt ist sie in der regierenden Familie der Kadscharen; der vorige König Mehmed Schah ist an der Gicht gestorben. Skrofel finden in Persien, wo die Kinder den größten Theil des Tages im Freien, auf dem Dache, im Hofe oder auf der Gasse sich bewegen und auch die fensterlosen Zimmer nicht von der äußern Luft abgesperrt sind, keinen fruchtbaren Boden. In der That beschränkt sich die Skrofulöse (okänksir) auf einzelne Halsdrüsen. Bei den eingeführten Negern dagegen trifft man sie unter den.scheußlichsten Formen; die wenigen, welche der Tuberkulose entrinnen, gehen an Skrofelsucht zu Grunde. Die englische Krankheit (Rhachitis) ist so selten, daß die persische Sprache keinen Namen dafür hat. Nur eine Familie in Teheran war damit behaftet, und aus Un-kenntniß hielt man sie deshalb für ein geborenes Zwergengeschlecht. Auch für den Kröpf besitzt die Sprache kein Wort; doch sah ich acht bis zehn Fälle von schwach ausgebildeten Cystenkröpfen. Von Cretinismus findet sich im ganzen Lande keine Spur, er scheint ein Erbtheil der celtischen Rasse zu sein. Der Skorbut ist in den höher gelegenen Theilen Per-siens unbekannt, wenigstens begegnete mir kein einziger Fall der eigentlichen NIordus macuIosuZ ^VeMaLi, wie überhaupt deren Bewohner der Anlage zu Blutflüssen, mit Ausnahme der Hämorrhoiden, ermangeln. Am KaZvischen Meer aber 329 wuchert der Skorbut, durch die Nahrung von Reis nnd Fischen erzeugt, in ausgedehntem Maße. Bei den vielen sonstigen abnormen Gewebebildungen erscheint die Seltenheit des Skirrhus (Knotenverhärtung) und des Krebses bemerkenswerth; am häufigsten findet sich noch der Epithelialkrebs an der Lippe, und einmal sah ich auch den Areolarkrebs an der Stirn. Nur in zwei Fällen bildete sich das Krebsgeschwür nach der Operation von neuem. An der Brustdrüse behandelte ich den Skirrhus und den Krebs neunmal, wovon vier Fälle auf Ispahan kommen, den Len-ticularkrebs nur einmal. Den (^anoei- meiauoäeL am Augapfel operirte ich viermal mit gutem und nachhaltigem Erfolge; alle vier Patienten waren aus Veramin in der Gegend des alten Nhages. Der Markschwamm, meist an den Extremitäten, wurde von mir zehnmal durch Exstirpation oder Amputation beseitigt. Eine Exstirpation des Augapfels wegen Medullarkrebs, an einer Frau aus Masanderan vollzogen, schien ebenfalls geglückt zu sein, das Uebel kehrte aber bald wieder und die Kranke war nicht zu retten. Von Cystosarkom am Hodensack behandelte ich zwei Fälle: in dem einen'kam die Geschwulst ein Jahr nach der Operation am Strang wieder zum Vorschein; im andern starb der Patient vor der Operation. Alle von mir behandelte Krebsleidende hatten das Alter von 40 Jahren überschritten, mit Ausnahme eines vierzehnjährigen Knaben, der an Medullarkrebs in der Kniekehle litt. Das Krebsleiden heißt persisch sei-at^u. Polypen kommen zahlreich vor, doch nur in der Nase; auch Knochenfleischgeschwülste der Kieferhöhle und der Kinnlade sah ich nicht selten, manche von erstaunlicher Größe, besonders viele an Bewohnern von Masanderan. Cysten (saieli) bilden sich häusig fast an allen Theilen des Körpers; gleichfalls sehr umfängliche Fettgeschwülste, bei denen, nachdem ich sie ausgeschält, immer rasche, durch keine 330 Zwischonfälle unterbrochene Heilung erfolgte. Einen Kaufmann aus Refcht, der an der äußern Fläche des rechten Zeigesingers ein Naurom von der Größe eines Hanfkorns hatte und unsägliche Schmerzen litt, heilte ich durch glücklich vollführte Abnahme des ergriffenen Fingergliedes. Das Wechselfieb er (tobrig intermittens, pers. tZebe lNi-2), in vielen Gegenden nur endemisch, in andern zu gewissen Zeiten auch epidemisch auftretend, ist die in Persien am häufigsten vorkommende Krankheit und sowol für sich allein wie in seinen Folgen und seinen Complicationen mit andern Uebeln Haupt-factor der gesammten Sterblichkeit unter den Eingeborenen. Auch fast alle ins Land kommende Europäer erkranken daran, gewöhnlich bald nach ihrer Ankunft, manchmal auch erst nach mehrjährigem Aufenthalt. In ihm liegt die 'größte Schwierigkeit der Akklimatisation, und jeder, der Persien bereist, hat sich daher mit den Symptomen, dem Verlauf und der Behandlung dieser Krankheit vertraut zu machen, will er nicht muthwillig sein Leben in Gefahr geben. Sehr wenige Naturen zeigen keine Disposition dafür, doch auch von ihnen die Mehrzahl nur scheinbar; sie erkranken später und dann um so gefährlicher. Meine nachstehend mitgetheilten Erfahrungen über die Krankheit habe ich zwar nur in Persien gesammelt, ich glaube aber mit Grund annehmen zu dürfen, daß sie auch für andere Fieberländer maßgebend sind. Mit wie verschiedenen Symptomen auch das Wechselfieber sich äußern mag, der bestimmte Charakter der Krankheit bleibt unter allen Verhältnissen derselbe; Beweis ist, daß die Formen in einander übergehen oder sich folgen, und daß sie alle zur selben Jahreszeit auftreten und wieder verschwinden. Man unterscheidet jedoch drei Cardinalformen: 1) das einfache, 2) das continuirlich remittirende, 3) das perniciöse Fieber (I'idng mali^na). 331 Das einfache zerfällt wieder in das tägliche, dreitägige und viertägige Fieber, mit den Varietäten des ?. auti- oder P08tpon6n8, äupisx und äuplioaw, und den bekannten drei Stadien nebst darauf folgender Intermission. Das continuirlich remittirende Fieber im Flachlande des Kaspischen Meeres in der Provinz Laar und in Bender Abbas endemisch, während der Herbstmonate aber auch in der Hochebene erscheinend, verläuft unter zwei Formen:' die eine mit sogenannten typhösen Symptomen und deshalb von Nichtkundigen gewöhnlich für Typhus gehalten und als solcher behandelt, mit fast ununterbrochenem Fieber, begleitet von großer Schwäche, Eingenommenheit des Kopfes, oft sogar von Delirien; die andere mit beinahe unmerklichem, nur durch öfteres Frösteln sich kundgebendem Fieber, abwechselnder Kälte und Hitze in den Unterschenkeln und Knien, allgemeiner Apathie, Gedächtnißschwäche, völliger Appetitlosigkeit, ja Ekel vor Speise und Trank, wobei die Haut des Kranken trocken wird, allen Glanz verliert und eine Bleifarbe annimmt. Beide Formen gehen nach längerer Dauer entweder in das einfache Wechselfteber mit regelmäßigen Intermissionen über, oder endigen bei unangemessener Behandlung mit dem Tode. Das perniciöse Fieber charakterisirt sich selten, wenigstens in Teheran, gleich von vornherein als solches, sondern bildet sich meist aus einem oft ganz leichten Tertianfteber erst dazu aus. Die Formen, unter denen es auftritt, und zwar immer nur in der Zeit von August bis Ende October, sind Schlafsucht, Scheintod, selten Schlagstuß, und Cholera. Es erfolgt nie spontane Heilung; zuweilen schon der zweite, sicher der dritte Anfall ist tödlich. Nur bei Anwendung der richtigen Mittel gelingt es, die Krankheit wieder in ein einfaches Tertiansieber zurückzuleiten. In der Meereshöhe von 0000 Fuß verliert sich das Wechselfieber oder nimmt einen gefahrlosen Verlauf; die Höhe 332 von 7000 Fuß übersteigt es nie, ebenso wenig thnn dies Cholera und Nuhr. Deshalb ziehen die Nomaden im Spätsommer aus den Niederungen auf die Berge, wo sie von Fiebern und den damit verbundenen Krankheiten genesen. Langandauernde Wechselsieber, zumal wenn sie von unregelmäßiger Stuhlentleerung, von abwechselnder Leibesvsr-stopfung und Diarrhöe begleitet sind, haben fast immer, besonders im Herbst, Dysenterie im Gefolge. Choleraepide-nnen suchen sich vorzugsweise unter den Wechselsieber- und Dysenteriekranken ihre Opfer. Eigenthümlich ist die Erscheinung, daß diejenigen, welche aus einer Malariagegend in eine relativ gesunde kommen, vom Fieber ergriffen zu werden pflegen; so erkranken in Teheran viele Ankömmlinge aus Gilan, Masanderan und Talisch. Europäer, welche letztere als fiebergefährlich bekannte Gegenden ungestraft bereist hatten, erkrankten bei der Zurück-kunft am Sumpfsieber. Selbst nach Europa Heimkehrende bekamen das Wechselfieber erst in Gegenden, wo es sonst fast nur ganz ausnahmsweise vorkommt, in Canada, Schottland, Sachsen u. s. w. Bei Frauen, welche längere Zeit an Wechselfieber leiden, wird die Menstruation unregelmäßig oder bleibt ganz aus; Schwangere abortiren leicht oder gebären schwache, lebensunfähige Kinder und bekommen intermlttirendes Kindbettfieber; Ammen verlieren die Milch, und die von ihnen gesäugten Kinder erkranken an Okolei-a ablaowwi-um; Männer werden zeitweise impotent. Unter den Negern beobachtete ich nie einen schweren Wechselfieberfall. Was bei ihnen für intermittirendes Fieber gehalten wird, stellt sich im weitern Verlauf immer als ein hektisches heraus. Sonach scheint es, als ob Wechselfieber und Tuberkulose sich einander ausschließen. 333 Kinder in der Säuglingsperiode scheinen sehr wenig für die Krankheit empfänglich. Ueberhaupt äußert sich bei jugendlichen Fieberkranken das Kältestadium schwach und unvollkommen, meist nur durch Erkältung der Extremitäten und bläuliche Färbung der Nägel; desto stärker, gewöhnlich mit Congestionen nach dem Kopfe, tritt die ihm folgende Hitze auf; der Schweiß pflegt nur ein partieller und localer zu sein. Das Quartanfieber ist vergleichsweise in Teheran und am Litorale des Kaspischen Meeres seltener als in Ispahan und Schiraz. Einerseits äußerst hartnäckig und immer wiederkehrend, schwächt es doch andererseits den Körper in geringerm Maße. Es folgt gewöhnlich auf ein vorübergegangenes tägliches oder dreitägiges Fieber und dauert dann den ganzen Winter hindurch. Sein Zurückgang in die Tertiana oder Quotidiana wird für ein gutes Zeichen angesehen. Das sehr häufige eintägige Fieber kann füglich als der erste Anfall eines Wechselfiebers gelten; denn wird die Schweißperiode nicht gehörig abgewartet, ein Diätfehler begangen, oder treten andere endemische und epidemische Einflüsse hinzu, so entwickelt es sich sofort zum wirklichen Intermittens. Dies wissend, hält sich der Perser beim leichtesten Fiebcranfall streng diät und hütet mehrere Tage das Zimmer. Von den verschiedenen Uebeln, die in Begleitnng oder im Gefolge der Wechselfieber sich einstellen, sind folgende zu nennen. Der rothe Hautausschlag (H^äroa) wird als günstig für den Verlauf der Krankheit angesehen. Nesselsucht kommt und verschwindet mit den schweren Herbstsiebern. Furunkel, oft zu Hunderten, sind eine lästige Hinterlassenschaft derselben. Milzgeschwülste, und zwar unabhängig von der Dauer oder Intensität der Fieber; ein kurzwährendes leichtes Fieber kann starke und sehr große, ein zehn Jahre lang repetirendes 334 geringe oder gar keine Milztumoren zurücklassen. Bei dem einen vergehen sie rasch, bei andern bleiben sie 10 — 20 Jahre hindurch stationär. Manche damit Behaftete empfinden außer etwa schlechter Verdauung keine Beschwerden; jede Erkältung zieht aber sofort wieder einen Fieberanfall zu. Am Kaspischen Meer reagiren die Wechselfieber mehr auf die Leber als auf die Milz, daher sie dort häufig Leberanschwellungen zurücklassen. Gelbsucht, wenn sie im Beginn des Herbstfiebers auftritt, weicht schnell der Behandlung mit Chinin und ausleerenden Mitteln; sehr bedenklich aber ist ihr Erscheinen in einer vorgeschrittenen Krankheitsperiode, denn sie weist dann auf Degeneration der Leber hin. Dysenterie, Cholera während einer herrschenden Epidemie, am Kaspischen Meer Skorbut, verbinden sich gern mit den Wechselftebern. Unter die möglichen Folgen gehören ferner Schwäche des Sehvermögens, Hemeralopie, Wassersucht, und bei jungen Leuten das Gelüst nach dem Verschlucken schädlicher, auffallende Blasegeräusche im Herzen und den großen Gefäßen erzeugender Erden. Das Heimweb äußert sich in Persien gewöhnlich als continuirlich remittirendes Fieber. Gleichzeitig mit den Wechselfieberepidemien im Herbst grassiren auch die (Hkoiei-a, ablaota-toi-um und die Keratitiden. Niemals aber herrschen gleichzeitig mit dem Fieber Typhus oder andere entzündliche Krankheiten; erst wenn im Beginn des Winters der epidemische Charakter des Wechselfiebers aufhört, fangen Typhus und entzündliche Krankheiten überhaupt zu grassiren an, und ebenso umgekehrt. Was die Ursachen der endemischen wie der epidemischen Wechselsieber betrifft, so führen sie sich alle direct oder indirect auf die klimatischen Verhältnisse des Landes zurück. Häufiger Regen im Frühjahr begünstigt die Verbreitung der meist einfachen Frühlingsfieber, während im Gegentheil ein rechtzeitiger Regen im Herbst mit einem Schlage die Epi- 33b demie aufhebt und unerwartete Heilungen bewirkt. Diätfehler und Erkältungen, welche in unfern Kliniaten leichte gastrifche oder rheumatische Affectionen verursachen, rufen in Persien zur Zeit einer Epidemie unfehlbar das Fieber hervor. Andererseits sind Magenleiden auch oft ein Symptom des noch nicht zum Ausbruch gekommenen Fiebers; weichen sie nicht der Behandlung mit Purganzen, so muß man stets an die Möglichkeit denken, daß ein verborgenes Fieber zu Grunde liege. Heftige Gemüthsbewegungen, Aerger, Zorn, ferner kalte Bäder, schlechtes Wasser, Erkältung veranlassen gefährliche Rückfälle. Unmäßiger Genuß von Früchten, besonders Wassermelonen, und von Limonaden zieht das Fieber herbei. Daher sind bei vorhandener Disposition und natürlich während der Krankheit selbst alle Pflanzensäuren streng zu meiden; unschädlich sind reife Trauben. Gutes Trinkwafser schwächt die Disposition zu Fiebern. Gegenden, wo das Süßwasser mit salzigem sich mischt, sind durch heftige Wechselfteber besonders berüchtigt. In Teheran, früher ein Herd mörderischer Epidemien, hat seit der Anlage von Wasserleitungen die Krankheit abgenommen, in Schiraz, Ispahan und Persepolis dagegen zufolge des Verfalls der Kanäle und Leitungen sich um so fester eingenistet. Baden im kalten Wasser legt oft den Grund zu Wechselsiebern der gefährlichsten Art, nicht minder ein kalter Trunk bei erhitzter Lunge. Endlich leistet alles, was den Körper schwächt, besonders Aderlässe der Erkrankung Vorschub. In den ersten Stadien der Krankheit läßt sich das con-tinuirlich remittirende Fieber sehr schwer vom Typhus unterscheiden. Solange der Arzt darüber in Zweifel ist, thut er jedoch immer gut, auf Fieber zu curiren; er wird dann möglicherweise nützen und keinesfalls schaden. Allgemeine Anhaltspunkte für die Diagnose gibt folgende Gegenüberstellung: 336 Typhus grassirt meist im Winter, in den Städten und nnter den Ankömmlingen von der Hochebene, es zeigt sich fast immer eine Roseola, "Urin ohne Sediment, in den ersten Tagen kein Schweiß, keine bemerkbare Remission, Chinin bleibt ohne wesentliche Wirkung. Contin, remitt. Fieber grassirt im Spätsommer und , Herbst, in Sumpfgegenden und unter von da in die Hochebene kommenden Personen, fehlt, Urin mit ziegelrothcm Sediment, partielle Schweiße, auffallende Remission, Chinin hemmt die Gewalt der Krankheit. Das perniciöse Fieber zeigt keine typhösen Symptome und unterscheidet sich eigentlich nur durch gesteigerte Heftigkeit und Gefährlichkeit von dem einfachen Fieber. Um es nicht mit Schlafsucht, Schlagfluß, Scheintod oder Cholera zu verwechseln, muß man erstens auf die Jahreszeit achten, da es ausschließlich nur in der Zeit vom Monat August bis Ende October vorkommt; zweitens auf die Antecedentien: immer gehen ihm einige leichte Fieberanfälle vorher; drittens auf das plötzliche Schwinden aller beunruhigenden Symptome nach einem allgemeinen oder partiellen Schweiß. Die richtige Diagnose ist hier von entscheidender Wichtigkeit, denn da der zweite Anfall bereits den Tod bringen kann, sind dem Arzt nur wenige Stunden für die Behandlung gegönnt. Sehr viel Analogie hat das Wechselfieber mit dem suppu-rativen und mit dem urämischen Fieber, und es steht zu erwarten, daß man mit der Zeit einen ursächlichen Zusammenhang zwischen diesen Krankheiten oder irgendein gemeinschaft- 337 Itches Agens entdecken wird; es könnte dadurch neues Licht über seine Natur und Behandlung verbreitet werden. Das nach Operationen, besonders an den Harnorganen, eintretende Wundfieber nimmt häufig den Charakter des Wechselfiebers an, was bei allen Bewohnern der kaspischen Niederung, die ich in Teheran operirte, der Fall war. Als Wechselfieber behandelt, verlief es gefahrlos, verzögerte aber die Heilung. Auch das Kindbettsieber tritt gern in Gestalt von Intermittens auf, oder vielmehr letzteres befällt oft Wöchnerinnen; hier bewährt in der Regel Chinin seine Heilkraft. Da nicht selten ermattende Schweiße und daraus folgende Abmagerung verbunden mit Luftröhrenkatarrh die einzigen Symptome des im geheimen noch fortdauernden Intermittens sind, so liegt die Gefahr nahe, es für Lungenschwindsucht zu halten. In solchem Falle leiten die Percussion und die Wirkung des Chinins am sichersten zur richtigen Diagnose. Zweimal, wo ich durch die orientalische Sitte verhindert wurde, bei Frauen die Percussion anzuwenden, passirte es mir wirklich, daß ich die beiden Krankheiten verwechselte. Bei Kindern beobachtete ich mehrere Fälle von Wasserkopf, welche in ihrem Verlauf mit Gähnen, Ziehen, Niesen zur bestimmten Tagesstunde, ja zur selben Minute, mit Kälte der Extremitäten, kurz mit allen Erscheinungen des Intermittens auftraten, und ich vermochte nicht zu bestimmen, ob dieses aus jenem sich entwickelt hatte, oder umgekehrt. Chinin blieb in diesen Fällen wirkungslos. Die Präservativmaßregeln gegen Fieber bestehen in richtigem diätischen Verhalten, überhaupt einer dem Klima angepaßten Lebensweise. Man hüte sich sorgfältig vor Erkältung, kleide sich daher besonders des Abends warm und decke sich nachts gut zu, auch wenn die Bettwärme zuweilen unbequem wird. Zur Schlafstätte wähle man womöglich das erste Stockwerk des Hauses, denn zu ebener Erde ist die Luft Pollll, Peisien. II. 22 338 fast immer durch die Ausdünstungen des im Hofe befindlichen stagnirenden Wasserbeckens verdorben. Auch ahme der Europäer nicht die Landessitte nach, der Abkühlung wegen sich im Kellerraum aufzuhalten. Für die Reise versehe man sich gehörig mit warmen Kleidern, und sorge stets für genügenden Vorrath von Thee, damit man sowol unterwegs wie auf der Station nicht nöthig hat, den Durst mit Wasser zu stillen, sowie man auch nicht versäumen darf, Chinin, Brechmittel und Purganzen, am besten Bittersalz, auf die Reise mitzunehmen. Opium, beim ersten Anfall in starker Dosis genommen, vermindert nur die Kälte; Hitze und Schweiß treten um so intensiver auf, und beim nächsten Anfall bleibt es ganz wirkungslos. Man setze sich nicht zu starker Sonnenhitze aus, weder im Gehen noch im Reiten, und vermeide den jähen Uebergang von rascher Bewegung zur Ruhe und umgekehrt, ebenso zu große Anstrengung und Uebermüdung. Das Lager schlage man nicht in der verlockenden Nähe eines Baches, sondern auf einem erhöhten Punkte der Gegend auf. Im Herbst, obwol scheinbar die angenehmste Zeit zum Reisen, begebe man sich nie in eine von Fiebern heimgesuchte Gegend. Auch suche es der Europäer s5 einzurichten, daß seine Ankunft in Persien nicht in diese Jahreszeit fällt; kann er dies aber nicht umgehen, so beziehe er gleich nach der Ankunft eine Wohnung oder ein Zelt im Gebirge. Aus einer Malariagegend kehre er nicht unmittelbar ins Plateau zurück, sondern verweile erst einige Zeit im Hochgebirge an einem Orte, bis wohin das Wechselfieber nicht emporsteigt. Reconvalescenten müssen natürlich, um Rückfällen vorzubeugen, noch lange die geeignete Diät beobachten. Sie dürfen keine Pstanzensäuren und nur wenig Früchte genießen. Zuträglich ist ihnen, täglich etwas guten Wein zu trinken und die Speisen mit Pfeffer zu würzen. Auf warme Bekleidung, die Gewöhnung an eine regelmäßige Schlafzeit und das 339 Vermeiden heftiger Gemüthsbewegungen ist aufs sorgsamste zu achten. Das Sicherste aber bleibt immer, einige Zeit an einem hoch gelegenen Orte zu verweilen. Sollen Truppen von der Hochebene in Fiebergegenden verlegt werden, so muß man sie allmählich durch Garniso-nirung in zwischenliegenden Stationen an das Klima gewöhnen. Am Bestimmungsorte selbst müssen zum voraus Fieber- und Ruhrspitäler in günstiger, wenn auch etwas entfernter Lage hergerichtet werden, soll nicht sofort übergroße Sterblichkeit unter dm Leuten einreihen. AIs fungirende Aerzte sind nur solche anzustellen, die schon jahrelang dort gelebt, sich gegen das Klima abgehärtet und mit dem Wesen des Wechselfiebers, seinen Launen und Tücken vollkommen vertraut gemacht haben. Die Leute müssen jeden Tag von ihnen ärztlich untersucht werden, denn der Soldat vernachlässigt leichte Anfälle oder verhehlt sie, bis ihn die Krankheit dienstunfähig macht und ein perniciöses oder continuirliches Fieber sich unheilbar ausgebildet hat. Ein vorausgegangener mehrjähriger Aufenthalt in heißen Fieberländern, wie Indien, Aegypten, Algier, schützt zwar durchschnittlich vor neuer Erkrankung in Persien, doch gibt es auch zahlreiche Ausnahmen. Lord Karr, Sir Murray Henry, Dl. Brugsch, Minutoli, I)r. Barthelemy, Veguer u. a. hatten früher längere Zeit in Aegyten, Indien, Mexico u. s. w. gelebt und wurden gleichwol am Kaspischen Meer von schweren Wechselftebern ergriffen. Das einfache Fieber von normalem Charakter weicht rasch einer rationellen Behandlung, es hört selbst spontan nach drei bis sieben Anfällen auf. Sowie sich jedoch Unregelmäßigkeiten, sei es im Charakter, sei es im Verlauf der Krankheit, zeigen, so wird die Behandlung schwierig und es erfordert dann die ganze Aufmerksamkeit von feiten des Patienten sowol wie von feiten des Arztes, damit nicht ein langes Siechthum sich daraus 22* 340 entwickelt. Namentlich wenn das Stadium der Schweiße nicht normalmäßig verläuft, geht das Fieber fast immer in Dysenterie über, welche den Eingeborenen gefährlicher ist als Fremden. Anzeichen dafür, daß die Krankheit noch im Körper stecke und bei der geringsten Veranlassung das Fieber wiederkehren könne, sind: Trockenheit und ungesunde Farbe der Haut, anhaltend schlechte Verdauung, Frösteln oder Kältegefühl, öfteres Gähnen, Ziehen und Schwere in den Gliedern, periodische Schweiße, Begier nach kaltem Wasser in den Morgenstunden, Schlafsucht, üble Laune nach der Mahlzeit, vor allem aber ein ziegelrothes Sediment des Urins. Während des Fiebers deuten intermittirender Puls sowie ein bis auf 10 — 12 Stunden verlängertes Kältestadium bei verhältnißmäßig kurzer Hitzedauer auf dringende Gefahr. In ersterm Falle ist nur noch vom Klimawechsel Rettung zu hoffen; im letztern Fall, der schon das Vorhandensein bedeutender Degenerationen oder Abscesse der Milz und Leber verräth, muß man die baldige Auflösung erwarten. Wassersucht infolge des Wechselfiebers ist bei Kindern in der Regel durch Chinin und Eisen heilbar. Auch bei Erwachsenen bewirken dieselben Mittel zwar eine rasche Resorption; doch tritt oft trotzdem, wo das Uebel schon sehr vorgeschritten war, plötzlich und ganz unerwartet eine heftige Dysenterie ein. Von entscheidender Wichtigkeit für die schnelle Beseitigung des Fiebers ist es, daß der Arzt über die Stunde des nächsten Anfalls sich Gewißheit zu verschaffen suche. Bei der einfachen und selbst bei der anti- und postponirenden Form läßt sich dieselbe leicht bestimmen, äußerst schwer dagegen bei der l^oii-tiuuo i-siuitt6N3 und bei schleichenden verschleppten Fiebern. Als die zuverlässigsten unter den Vorboten können noch häusiges Gähnen oder Niesen und Ziehen in den Gliedern angesehen werden. War die Eintrittszeit des nächsten Anfalls genau ermittelt, dann gab ich etwa eine halbe Stunde vorher 34l eine Dosis Brechweinstein, sodaß Erbrechen gerade mit dem Beginn des Fiebers zusammentraf. In schweren Fällen reichte ich aber noch unmittelbar vor dem Anfall eine Dosis Chinin von 3 — 4 Gran und ließ als Nachcur zwei oder drei Tage dieselbe Dosis, die folgenden 14 — 21 Tage etwa 2 — 3 Gran täglich Chinin nehmen. Statt des Brechmittels verordnete ich da, wo mir dessen Anwendung nicht rathsam erschien, einige Stunden vor dem Anfall eine starke Dosis Bittersalz. Andre als salinische Purganzen erweisen sich weniger wirksam, sogar oft schädlich. Im continuirlich remit-tirenden und im vermeid'sen Fieber muß man jedoch, da Gefahr im Verzüge ist, sogleich zum Chinin greifen und wo möglich soviel davon nehmen lassen, bis sich Symptome der Chininnarkose äußern. Es wird dadurch in der Regel erreicht, daß schon der nächste Anfall den Charakter eines einfachen Fiebers bekundet. Erst dann darf man zur Vervollständigung der Heilung die ausleerende Methode mittels Bittersalz folgen lassen. Bei Schwangern dürfen natürlich weder Brech- noch Purgirmittel angewendet werden; die Wirkung des Chinin ist deshalb eine geringere, und das Fieber zieht sich oft zum Schaden der Mutter und des Kindes sehr in die Länge. Besonders zu empfehlen ist das gemischte Verfahren mit Brechweinstein und Chinin gegen typischen Nervenschmerz. Tritt das Fieber jedoch so maskirt auf, daß es dem Arzte durchaus nicht gelingt die Eintrittszeit des nächsten Anfalls zu bestimmen, so bleibt nichts übrig als entweder einige Dosen Chinin zu geben, um dadurch die Krankheit zur Annahme eines ausgesprochenen Typus zu nöthigen, oder vor dem muthmaßlichen Beginn ein Brechmittel zu verordnen, dessen Erfolg allerdings unsicher ist, da es nicht perturbirend, sondern nur ausleerend wirken kann. Es kommt wol vor, daß nach einer großen Gabe Chinin 342 das Fieber sich mit gesteigerter Heftigkeit äußert; dann kann man aber ziemlich sicher darauf rechnen, daß ein neuer Anfall entweder ganz ausbleiben oder doch fehr milde verlaufen und einigen kleinen Dosen Chinin weichen werde. Finden sich infolge des Chiningebrauchs die eine Zeit lang ausgebliebenen Schweiße wieder regelmäßig ein, fo ist Hoffnung auf baldige Genesung vorhanden. Wo das Chinin seine Wirkung versagte oder vom Kranken nicht vertragen wurde, gab ich zuweilen mit Nutzen arsenige Säure. Mitunter leistet auch Vinum oortioig vortreffliche Dienste, besonders gegen Magenschmerzen infolge von Intermittens. Guter Wein beseitigte schneller als andere Mittel die Fieberkachexie bei Patienten, die an dessen Genuß nicht gewöhnt waren. Weinklystiere erwiesen sich sehr nützlich in starken Fieberanfällen mit verlängertem Kältestadium. Hingegen sind Aderlässe bei jeder Form des Fiebers unbedingt zu verwerfen. Sie fördern die Kachexie und tragen oft die alleinige Schuld, daß ein einfaches Fieber sich zum perniciösen gestaltet. Gleichfalls nur schädlich wirken Purganzen während der Kachexie, indem sie neue Fieberanfälle hervorrufen, auch leicht Dysenterie erzeugen. Gegen noch nicht allzu verhärtete Milz- und Lebertumoren sah ich außer von Chinin, vsoootuni oortieis und Wein vorzügliche Erfolge vom längern Gebrauch des Eisens, das auch gegen andere Complicationen und Rückstände der Fieber sich hier außerordentlich heilsam erweist. Zur Resorption von Milz- und Drüsenverhärtungen tragen lange fortgesetzte Leibesübungen, wie Turnen und scharfes Trabreiten, sehr viel bei. Um auch ein Wort über die sogenannten sympathetischen Mittel zu sagen, so können höchstens die Ekel erregenden, z. B. das Verschlucken von Insekten, bei leichten einfachen 343 Fiebern einigen Nutzen gewähren. Daß Wallfahrten gegen Wechselfieber helfen sollen, erklärt sich aus dem dadurch herbeigeführten Klimawechsel. Will das Fieber bei Europäern, die in Persien leben, nicht weichen, oder stellen sich nach mehrjährigem Ausbleiben neue Anfälle ein, so muß dies als untrügliches Zeichen betrachtet werden, daß die mitgebrachte Widerstandskraft des Körpers gegen den Einfluß der vergiftenden Malaria erschöpft ist. Dann setze man keine Hoffnung mehr auf Medicamente, sondern suche das einzige Heil in der Uebersiedelung nach einem wenigstens 6000 Fuß über der Meeresfläche gelegenen Orte, noch besser aber in der Rückkehr nach Europa. Der Typhus tritt in den Wintermonaten häufig epidemisch auf. Je nach dem gelinder« oder bösartigern Charakter nennt man ihn mutdy^s (led. muoos») und uuilire^e (kok. ssptioa). Die Krankheit äußert sich in Persien niemals als Unterleibstyphus, daher nur mäßige Bauchanschwellung, kein Schmerz beim Druck in der Gegend des Blinddarms, keine Diarrhöe, im Gegentheil vorherrschend Verstopfung sie begleiten. Sie ist im höchsten Grade ansteckend; als ich im Jahre 1854 in dem von mir dirigirten Hospital einige Typhuskranke in einem Saal unterbrachte, in dem bereits andere Patienten, Augenkranke und Verwundete, lagen, wurden nicht nur die letztern sämmtlich, sondern auch ich selbst und von meinen 16 Schülern 12 — die andern 4 hatten den Typhus schon früher durchgemacht — davon ergriffen. Sie verschont ebenso wenig die schwarze wie die weiße Rasse und befällt vorzugsweise Personen im angehenden Mannesalter, aber nie zweimal dasselbe Individuum. Unter Truppen, welche aus Gebirgsgegenden in die Städte verlegt werden, fordert sie die zahlreichsten Opfer. Bei jedem Typhuskranken zeigt sich ein Hautausschlag, meist die Roseola und zwar oft in solcher Ausbreitung, daß 344 man sie fur Masern halten könnte, seltener und nur in schweren Fällen die ?urpui-a t^pknsa. Der Verlauf der gutartigern, Mutbeke genannten Form des Typhus ist folgender: Nach den bekannten Vorläufern, Abspannung, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, durch wüste Träume gestörten Schlaf, stellt sich wiederholtes Frösteln ein, die Abspannung wird fühlbarer, bald gesellt sich Kopfschmerz, Schwindel, Trockenheit im Munde und Rachen hinzu. Die Zunge ist dick belegt. Nun kommt der Hautausschlag zum Vorschein; es folgen Delirien und Schwerhörigkeit. Der Puls ist voll, übersteigt jedoch selten die Zahl von 110 Schlägen in der Minute. Am zehnten Tage verschlimmern sich alle Symptome zu einer Krisis, worauf am elften Tage unter reichlichem, zwei bis dreimal sich wiederholendem Schweiß die Gewalt der Krankheit abnimmt. Mit dem fünfzehnten Tage beginnt die Reconvalescenz. Bei weitem gefährlicher ist die Muhreke, welche mit allen Symptomen von Blutzersetzung anhebt, mit häufigen Blutungen aus der Nase und selbst aus den Eingeweiden, sodaß Zähne, Lippen und Zunge sich mit blutigen Krusten bedecken. Der Puls wird sehr frequent, klein und zitternd; der Kranke versinkt in völlige Apathie. Ebenfalls am zehnten Tage tritt die Krisis ein, welcher oft ein partieller Schweiß auf der Brust folgt, ohne jedoch Erleichterung zu bringen. Nach andauernden unwillkürlichen Entleerungen erfolgt meist vor dem vierzehnten, oft schon am elften Tage der Tod. Von den persischen Aerzten wird die Mutbeke mit Aderlässen, leichten Abführmitteln und Klystieren behandelt. Bei der Muhreke dagegen halten sie Aderlässe für schädlich, ja de« Tod beschleunigend; sie verordnen nur Lavements und zum innern Gebrauch Valei-iaua ^utauiensis. Europäer wurden meines Wissens in Persien, solange ich dort verweilte, vrei vom Typhus ergriffen: Dr. Casolani, 345 der am zwölften Tage der Krankheit erlag, ein Franzose, Namens Machin, einige Tage nach seiner Ankunft, und ich selbst im dritten Jahre meines Aufenthalts im Lande; bei uns beiden begann die Reconvalescenz am fünfzehnten Tage, doch dauerte es einen Monat, ehe wir die normale Kraft wiedererlangten. Cholera. Sporadische Cholerafälle (lia^e) kommen im Herbst ziemlich häufig in Teheran vor; doch hörte ich bei Erwachsenen nie von einem Fall mit tödlichem Ausgang. Die Behandlung der einheimischen Aerzte beschränkt sich auf Darreichung einiger Dosen Ricinusöl. Die epidemische Cholera wüthete während meines neunjährigen Aufenthalts dreimal in Teheran. Im Monat Mai bis Mitte oder Ende Juli zeigten sich nur vereinzelte Fälle, von da ab aber stieg die Zahl der täglichen Erkrankungen und, da äußerst wenige genasen, der Todesfälle rasch zu fürchterlicher Höhe. Wer es irgendmöglich machen konnte, floh in die Berge. Der Schah schlug sein Zelt im Laarthal auf am Fuße des Demawend, 7500 Fuß über der Mecresftäche. Nis hierher ist die Cholera noch niemals vorgedrungen, obwol die Nahrungsmittel aus der nur acht Stunden entfernten Hauptstadt geholt werden und daher eine stete Communication mit derselben stattfindet. Langen insicirte Regimenter aus der Ebene hier an, so sterben wol in den ersten Tagen noch einige Leute, dann aber erlischt die Krankheit ganz. In der Hauptstadt hält sich die Epidemie etwa vier Wochen auf ihrer Höhe, worauf sie allmählich wieder nachläßt und verschwindet. Europäer, die so unvorsichtig sind, in der Stadt zu bleiben, besonders neu angekommene, werden meist ein Opfer der Cholera; diejenigen, welche früher schon an Wechselfieber oder an Dysenterie gelitten, entgehen ihr nie. Ich kannte nur einen einzigen, übrigens schon zehn Jahre im Lande lebenden Europäer, der von der Cholera genas. 346 Die Pest (taun) nimmt nie auf persischem Boden ihren Ursprung. In den Jahren 1829 und 1830 wurde sie von der Türkei her eingeschleppt und griff dermaßen um sich, daß sie manche Gegenden am Kaspischen Meer fast ganz entvölkerte. Augenkrankheiten. In manchen Provinzen, wie in Arabistan, Laar, und in einzelnen Städten, wie Kum, Kaschan, Ispahan, ist die Zahl der Augenkranken auffallend groß; in Teheran war sie geringer. Erblindete, die infolge der Blattern das Augenlicht verloren, gibt es überall viele. Als am häufigsten vorkommende Augenübel führe ich an: Irioluasis und vistiobiasis, beide oft mit Blindheit endigend, in mehrern hundert Fällen nach der bekannten Iäger'schen Methode glücklich von mir operirt; Iraoliouia (FU8okt Mäed, Granulationen), das Hornhautflecken und Pannus (sedbei) veranlaßt; Iritis, sowol als Folge von Syphilis, wie spontan in Verbindung mit rheumatischer Augenentzündung, im Herbst sogar epidemisch auftretend und eine Unzahl von Svnechien und Staphylomen hinterlassend; grauer Staar (nu2uw äd) besonders bei Frauen. Den grünen und den schwarzen Staar fand ich verhältnißmäßig selten; den Blutschwamm am Auge viermal, den Markschwamm einmal. Bei Trachoma reiben die persischen Augenärzte die Granulationen mit einem Stück Zucker ab, bei Pannus entfernen sie ein dünnes kreisförmiges Stück der Bindehaut um die Cornea herum. Iritis und rheumatische Ophthalmic müssen energisch mit Ableitung und Mercurialien behandelt werden. 8o1in,ßHFu1us nennen die Perser eine Art Gliederbrand, ähnlich der HanZraoua, ssnilis, die fast in allen Gegenden des Landes, auf den Hochebenen wie in den Niederungen am Kaspischen Meer, vorkommt. Auffallend häusig fand ich sie 347 in den Städten Kaswin und Hamadan. Nach mehrmonatlichen, gewöhnlich des Nachts besonders heftigen rheumatischen Schmerzen entsteht in einem Fingergliede Gefühllosigkeit und bald darauf der trockene Brand, welcher langsam fortschreitet, bis das Glied von selbst abfällt. Damit scheint die Krankheit erschöpft. Nach einiger Zeit aber kommt der Brand in einen andern Finger oder in eine Zehe und verzehrt wieder ein Glied. In mehrern Fällen, wo er sich auf die Fuß-platte oder die Handfläche ausdehnte, nahm ich die Amputation vor. Es floß beim Durchschneiden der großen Arterien kein Blut, sondern sie enthielten eine geronnene Masse, die sich in Stängelchen herausziehen lieA Die Wunde heilte zwar zögernd, doch vollständig. Trotzdem ergriff in einigen Fällen nach Monaten oder Jahren der Brand eine andere Extremität, und es ward wieder die Amputation nothwendig. So am-putirte ich einem Individuum im Laufe von sieben Jahren beide Unterschenkel und die eine Hand, und löste ihm an der andern mehrere Fingerglieder ab. Sein allgemeines Befinden, wie auch das der übrigen, die ich am Schagagulus operirte, bot nichts Auffallendes dar, das mich auf eine sichere Spur, woher die Krankheit entsteht, hätte leiten können; am wahrscheinlichsten dünkt mich die Vermuthung, daß sie von verdorbenem Reis herrühre, denn ihr Verlauf hat einige Aehnlichkeit mit den durch den Genuß von Mutterkorn erzeugten Krankheitserscheinungen (Ergotismus). Wunden. Bemerkenswerth ist es, wie rasch und gut Wunden aller Art in Persien zuheilen. Nie wurde bei den zahlreichen von mir ausgeführten plastischen Operationen ein Hautlappen brandig, und wo irgendmöglich erfolgte die Heilung per primam i-euuionem, selbst beim Steinschnitt. Schnitte in die Harnröhre, die ich behufs Entfernung eingekeilter Steinchen unternehmen mußte, heilten in kürzester 348 Zeit. Höchst selten trat secundäre Blutung oder der Brand ein, niemals Ni^peias. Und zwar findet dieser gutartige Verlauf nicht blos in der trockenen Luft der Hochebene, sondern auch in den feuchten Marschländern am Kaspischen Meere statt, ebenso bei einer Tageshitze von 28" R. wie bei der Temperatur von 4" N. im Winter. . StaM der Charpie, die ich dort nicht haben konnte, verwandte ichItets rohe Baumwolle, und ich fand, daß sie die Sharpie in jeder Beziehung vollkommen ersetze, auch durchaus nicht, wie man bei uns allgemein annimmt, Erhitzung der Wunden hervorrufe oder befördere. Die Narkotisirung mittels Aether oder Chloroform wurde meist gut vertragen und hatte, so oft ich sie angewandt, niemals üble Folgen. XI. Acclimatisation. Sterblichkeit der Europäer in Persien. Acclimatisation der Landes« bewohner nnb der Neger. Vorsichtsmaßregeln für Reisende. Verhalten bei Krankheiten und Epidemien. Kleidung. Diät. Behandlung der Diener. Verkehr mit den Großen. Bekämpfung des Mismuths. 2/lit wenigen Ausnahmen haben alle nach Persien kommende Europäer schwere Krankheiten durchzumachen, bevor sie sich an das Klima gewöhnen, und die Zahl derer, welche dem Acclimatisationsproceß erliegen, ist eine verhältnißmäßig sehr große. In einem Zeitraum von neun Jahren, 1851 — 60, starben in Persien von 39 Deutschen 8, von 48 Franzosen 15, von 24 Italienern 9, von 30 Engländern 5, also im ganzen reichlich 25 Procent der Eingewanderten: ein um so ungünstigeres Verhältniß, wenn man in Betracht zieht, daß es meist gesunde und im kräftigsten Mannesalter stehende Personen sind, welche die weite und beschwerliche Reise dorthin unternehmen. Noch ungünstiger sogar ist das Sterblichkeitsverhältniß unter den Russen, die sich in Handelsangelegenheiten und zum Betrieb der Fischerei zeitweilig an den Zuflüssen des Kaspischen Meers aufhalten. Von den 37 oben angeführten Sterbefällen kam bei weitem die Mehrzahl auf Rechnung der (üoutiuuo remittee, in 350 zweiter Reihe auf Ruhr und Cholera; je einer erfolgte an Typhus, Schwindsucht und perniciösem Fieber; drei wurden durch äußere Zufälle veranlaßt. Ueber acht Zehntel starben im Spätsommer und Frühherbst. Die meisten erlagen entweder schon auf der Reise, oder kurz nach der Ankunft, oder im ersten und zweiten Jahre ihres Aufenthalts, sechs auf der kurzen Reise von Teheran nach Tabris theils an remittiren-dem Fieber, theils an Cholera; mehrere holten sich auf der Durchreise durch Mianeh (s. THI. I, S. 86 fg.) in dem dortigen den Fremden gefährlichen Klima den Tod. Verhältnißmäßig viel weniger erkranken und sterben von dem Gesandtschafts- und Consulatspersonal, das übrigens mehr als ein Drittheil sämmtlicher Europäer in Persien ausmacht. Sie sind meist schon an Reisestrapazen und häufigen Wechsel des Aufenthalts gewöhnt; es fehlt ihnen nicht an ausreichenden Mitteln, um sich unterwegs passende Unterkunft und gute Nahrung zu verschaffen, und bei ihrer Ankunft am Orte der Bestimmung finden sie sogleich Landsleute vor, mit denen sie verkehren und sich aussprechen können. Der gewöhnliche Reisende hingegen, der Sprache und Landessitte unkundig, hat mit allen Schwierigkeiten und Entbehrungen der Reise zu kämpfen und trägt in der Regel schon bei der Ankunft den Keim des Fiebers in sich. In der ersten Zeit ganz isolirt, befällt ihn Schwermuth und Heimweh, das mit dem schleichenden Fieber sehr nahe verwandt ist und zu allen Krankheiten prädisponirt. Personen, welche aus dem Orient zugereist kamen, aus Konstantinopel, Smyrna u. s. w., ferner solche, die vorher längere Zeit in Algier zubrachten, sind in geringerm Maße den Acclimatisationskrankheiten unterworfen, weil fast alle schon dort die Dysenterie durchgemacht haben und selbst für das Wechselsieber, weil in jenen Gegenden bereits an die Malarialuft gewöhnt, weniger Empfänglichkeit mitbringen. 351 Manche Europäer, die während des Aufenthalts im Tafellande von den Acclimatisationskrankheiten verschont geblieben waren, erkrankten sehr gefährlich auf einer Reise durch die Marschländer am Kaspisee (Lord Karr, Lieutenant Aubry, Secretär Begher, u. s. w.); andere, welche dieselben im Flachlande schon einmal überstanden hatten, wurden bei der Rückkehr von einem Ausflüge nach Masanderan von neuem durch schwere Remittenssieber heimgesucht (Major Krirz nebst Familie, Barbara und seine Frau, Kaufmann Arnaud und dessen Diener, u. s. w.). Den Eingeborenen selbst, wenn sie aus einem Theile des Reichs in einen andern klimatisch verschiedenen reisen oder übersiedeln, bleiben Acclimatisationskrankheiten nicht erspart. Ganze Stämme, welche wegen Empörung oder aus sonstigen Gründen von den Machthabern gezwungen werden, ihren Heimatssitz mit einer entlegenen Gegend zu vertauschen, gehen daran zu Grunde. ^. So starb der Stamm Abul Mäluk, nachdem er unter Feth Ali Schah nach Masanderan versetzt worden war, in weniger als siebzig Jahren fast gänzlich aus, und von den Annenern, die aus dem Bergland Karagan in die Dörfer um Teheran übersiedeln mußten, haben sich nur wenige Familien erhalten. Von nordischen, aus Azerbeidschan und Hamadan nach Schiraz und Arabistan in Garnison gelegten Regimentern kommt kaum die Hälfte der Mannschaften in ihre Heimat zurück. Unter den zur Grenzwacht in Enzeli am Kaspischen Meere stationirten Tufenltschis (Musketiere) aus Talisch rafft das Fieber die Mehrzahl hinweg; ja sogar das Regiment Laridschan, aus den Bergbewohnern des nur etwa vier Meilen von der Hauptstadt entfernten Demawend bestehend, wird bei der Versetzung nach Teheran in kurzer Zeit durch Fieber und Typhus mehr als decimirt. Aus der großen Menge von Wallfahrern nach Kerbelah, die alljährlich von Gilan aufbrechen, sieht nicht der dritte Theil die Heimat 352 wieder, daher es mit Recht heißt, der Tschausch (Vorreiter) singe ihnen das Todeslicd. Völlig außer Stande, sich an das persische Klima zu gewöhnen, sind die eingeführten Neger. Sie sterben vor dem Z0. Lebensjahre an der Schwindsucht, welche die Eingeborenen fast nie befällt, ihre Frauen unterliegen im Wochenbett und ihre im Lande erzeugten Kinder, schwach und dürftig, werden unfehlbar die Beute von Rhachitis und Skrofeln. — Daß auch viele Thiergattungen an gewisse Theile des Reichs gebunden sind, daß z. B. der Büffel von Masanderan sich nicht im Plateau, das Fettschwanzschaf (ovis tatarioa), das Kamel, das Maulthier und der Esel nicht am Kaspisee, die Pferde des Flachlandes sich nicht in den Marschländern und umgekehrt acclimatisiren, wurde an einer andern Stelle erwähnt. Die meisten Europäer bringen viel Widerstandskraft mit und vertragen die Sonnenhitze merkwürdigerweise im ersten Jahre leichter und unbelästigter als der Eingeborene, dessen Klagen über Schwächezustand sie zu verlachen pflegen. Allein nur zu bald erschöpft sich ihre Energie, zumal wenn sie darauf pochen und die schädlichen Einflüsse des Klimas herausfordern. Bei längerm Aufenthalt müssen sie zu ihrem Verdruß wahrnehmen, daß sowol Hitze wie Kälte sie weit empfindlicher berührt als die Bewohner des Landes. Fieber, Ruhr und Cholera jedoch sind die drei Hauptgefahren, welche den nicht Acclimatisirten bedrohen. Um sie zu vermeiden oder , doch möglichst unschädlich zu machen, muß er unbedingt gewisse Vorsichtsmaßregeln beobachten, die ich zum Theil schon, als von diesen Krankheiten gehandelt wurde, aufgezählt habe, die aber hier noch einmal kurz zusammengefaßt werden sollen. Ich glaube um so mehr ein Recht zu haben, in dieser Sache mitzusprechen, da mir nicht nur vielfache, durch ärztliche Praxis gewonnene Erfahrungen zu Gebote stehen, sondern ich auch selbst fast alle Acclimatisationslrankheiten, namentlich 353 l^ontinuo i-emittens, Dysenterie, Typhus und Alepftöknoten, durchmachte und mir dieselben, gewiß wenigstens das Fieber, durch anfängliche Nnkenntniß oder durch Verabsäumung der nothwendigen Verhaltungsregeln zuzog. Vor allen Dingen muß der Fremde sich mit den Symptomen, dem Verlauf und der zweckmäßigen Behandlung jener drei Krankheiten vertraut machen, um nicht unvorbereitet von ihnen überrascht zu werden. Denn die Fieber treten im Orient unter andern Symptomen auf als im Norden; so ist z. B. Appetitlosigkeit oder ein allgemeines Gefühl der Schwäche oft nichts anderes als ein schleichendes Wechselfieber. Auf meiner Hinreise im Herbst 1851 erkrankte ich daran, ohne an mir selbst die richtige Diagnose stellen zu können und die geeigneten Mittel anzuwenden, während ich meine Begleiter durch regelrechte Behandlung curirte. Zum großen Schaden meiner Constitution erkannte ich erst nach geraumer Zeit die Natur des Uebels, an dem ich litt; die lange Dauer des Fiebers legte den Grund zur spätern Dysenterie. Im Herbst 1858 wurde ein gelehrter belgischer Professor bei seiner Ankunft in Teheran vom verniciösen Fieber befallen. Ohne Kenntniß von der Krankheit zu haben, behandelte er sich selbst homöopathisch; nach sechs Tagen war er eine Leiche. Auf der Reise führe man stets Brechmittel, Bittersalz und Chinin, in vorschriftsmäßige Dosen abgetheilt, mit sich, damit man unterwegs, wo weder Apotheken noch Aerzte zu finden sind, Vorkommendenfalls sich und seiner Begleitung ungesäumt Hülfe leisten kann. Wiewol die angenehmste Jahreszeit zum Reisen nach und in Persien die Herbstmonate sind, so suche man sie doch, wie es auch die Inländer thun, wenn irgendmöglich zu vermeiden; denn es sind die gefährlichsten in Bezug auf die Gesundheit. Man richte vielmehr seine Reise so ein, daß man während des Winters ins Land komme; die Strapazen des Pollll, Persien, II. 23 - 354 Weges durch Armenien sind zwar größer, aber man gewinnt Zeit, vor Eintritt der ungesunden Herbstmonate sich schon einigermaßen an das Klima zu gewöhnen. Auch für die Rückreise wählt man am besten die winterliche Jahreszeit; und zwar ist die empfehlenswerteste, weil schnellste Art des Reifens in Persien der Kurierritt (s. Thl. I, S. 177). Trotz der damit verbundenen Anstrengung sah ich nie einen Reisenden erkranken, der sich dieser Gelegenheit des Fortkommens bediente. Im Sommer verlasse man nach Sitte der begüterten Eingeborenen die Stadt und nehme seinen Aufenthalt im Gebirge oder in einem Dorf an dessen Fuße, um erst Anfang October zurückzukehren. Unter keinen Umständen aber bleibe man in einer Stadt, wo die Cholera ausgebrochen. Hier muß die Pflicht der Selbsterhaltung jeder andern Rücksicht vorgehen, denn die Wahrscheinlichkeit, von der Krankheit ergriffen zu werden, ist für nicht Acclimatisirte die allergrößte, zumal für diejenigen, welche an Diarrhöe, Ruhr oder Fieber leiden. Von Feigheit kann dabei nicht die Rede sein; sagt doch auch Saadi: „Obwol das Fatum waltet, soll man sich doch nicht selbst in die Zähne des Drachen stürzen!" Eine Höhe über der Meeresfläche, wie die, in der das Thal Laar bei Teheran liegt, gewährt absolute Sicherheit gegen Wechselfieber, Ruhr und Cholera; Ruhr- und Fieberkranke, die sich dahin zurückziehen, genesen ohne Anwendung von Medicamenten. In der Jahreszeit, wo das Verbleiben in der Stadt die meiste Gefahr bringt, läßt es sich recht gut auf solchen Höhen leben; im Spätherbst aber kann man an Orten mit etwas geringerer Elevation seinen Aufenthalt nehmen, deren Lage in der Regel auch noch ausreichenden Schutz gegen jene Krankheiten gewährt. Immer sei man eingedenk, daß die mitgebrachte Resistenzkraft sich mit der Zeit erschöpft, daß eine scheinbar leichte 355 Vernachlässigung sich oft nach Jahren rächt, indem sie den Keim des Fiebers in den Körper legt, der dann unbemerkt darin ruht, bis er plötzlich einmal zur Entwickelung gelangt. Man achte daher sorgsam auf sein Befinden. Bei dem geringsten Unwohlsein lege man sich frühzeitig zu Bett, eher als es die Müdigkeit erheischt, suche in Schweiß zu kommen und vermeide, sobald er sich eingestellt, durch Entblößung des Körpers ihn zu unterbrechen. Diarrhöe oder ein schwacher Grad von Dysenterie verlangt Beobachtung angemessener Diät und Hüten des Bettes, damit sie nicht zur chronischen ausarte. Man begnüge sich nicht mit etwas Opium oder mit Dower'schem Pulver; diese Medicamente maskiren höchstens das Uebel auf einige Tage, reichen aber weder aus, es zu unterdrücken, noch ist ihr Genuß überhaupt ersprießlich. Besonderes Augenmerk richte man auf die Schlafstätte. Man schlage sie wenn möglich in einiger Erhöhung vom Fußboden auf und decke sich gehörig zu, denn bei dem jähen Wechsel der Temperatur nach Mitternacht erwacht man sonst mit einem Gefühl von Kälte uud Frösteln, ein Zeichen, daß das Fieber bereits im Anzüge ist. Nichts stärkt den Reisenden so sehr als ein paar Stunden ungestörten Schlafs. Zum Zudecken dient am besten der dichte persische Flanell, Patu; aufgestreutes echtes Insektenpulver schützt vor Ungeziefer. Außerdem führe man ein zerlegbares Mückennetz, das nur wenige Pfunde wiegt, bei sich und stopfe es von allen Seiten in das Lager ein, denn durch die kleinste Oeffnung dringen die Mücken und rauben mit ihren Stichen den Schlaf. Man versehe sich ferner mit einem kleinen dichten persischen Fußteppich, wie sie an der Grenze um etwa 2 Dukaten zu kaufen sind, um ihn, da der Boden nirgends gedielt ist, als Unterlage zu benutzen. Sehr gute Dienste leistet das kleine persische Zelt (nMd-Feräuu); freilich kostet ein solches 8 — 10 Dukaten; es bildet eine halbe Maulthierladung und das Auft 23* 356 schlagen verlangt eineil eigenen Diener. Der Aufenthalt in den Karavanserais ist jedermann gestattet, allein der Schmuz und das Ungeziefer darin sind oft unerträglich. Unterkunft in einem Banernhause findet der einzelne Reisende nur ausnahmsweise. Unerläßlich ist daher das Mitnehmen einiger kupferner oder blecherner Kochgeschirre, in denen man sich Neis und Fleisch kochen kann, auch eines Trinkgeschirrs, weil der Ungläubige dieses unter keiner Bedingung geliehen bekommt. Einen Dolmetscher mitzunehmen ist zwar zweckdienlich, doch nicht unerläßlich, in den meisten Fällen wird man mit einem Vocabularium der nothwendigsten Worte auskommen. Einen sehr wichtigen Punkt der Diätetik bildet auch die den klimatischen Verhältnissen angemessene Bekleidung. Der cnropäische Reisende glaubt gewöhnlich, weil er sich im 30. Breitengrad befindet unfern einer Gegend, in der Südfrüchte, ja Datteln gedeihen, und weil er sich bei Tage durch die Hitze belästigt fühlt, er brauche nur ein leichtes Sommergewand anzuthun, und so läßt er die schwerern Kleidungsstücke unter der von den Maulthieren nachgeführten Bagage. Allein auf eine Tageshitze von 26° R. im Schatten folgt oft gegen Morgen eine Temperatur von 5 — 2°, und dieser Wechsel tritt so plötzlich ein, daß er unfehlbar Krankheiten erzeugt, wenn man nicht dagegen gerüstet ist. Man halte also, der Landessitte gemäß, stets warme Kleider am Sattel angeschnallt in Bereitschaft, und hülle sich darein bei einbrechender Nacht. Die Folgen einer Erkältung — das sei stets bedacht — sind im dortigen Klima nicht etwa ein Schnupfen oder Rheumatismus, sondern Fieber und Ruhr. Als zweckmäßigste Kopfbedeckung dient der englische Korkhut, auch ein mehrfach mit Musselin umwundener Filzhut. Wollene Kleider gewähren zu jeder Jahreszeit den besten Schutz; baumwollene Hemden sind den leinenen vorzuziehen. Ob Flanellhemden, die im Orient viel geträgen werden, be- 357 sondere Empfehlung verdienen, scheint mir zweifelhaft; jedenfalls aber muß, wer sich daran gewöhnt hat, beim Ablegen derselben die größte Vorsicht beobachten. Ein vortrefflicher Mantel und den Kautschukstoffen weit vorzuziehen ist der dichte arabische Abäji; er hält den Regen ab, ohne die Trans-spiration zu hemmen. Feste Schuhe bilden die passendste Fußbekleidung, doch führe man auch Sandalen mit, um im Fall einer Anschwellung der Füße an der Weiterreise nicht gehindert zu sein. Kein vernünftiger Reisender wird Gummischuhe anziehen. In kaltem Wasser zu baden, bleibt unter allen Umständen gefährlich und besser ganz zu meiden. Dagegen kann ein türkisches Bad, mit der nöthigen Vorsicht gebraucht, bei dem Gefühl großer Ermüdung erfrischend und belebend wirken. Mäßigkeit im Essen und Trinken ist selbstverständlich dringend anzurathen. Man genieße mehr Reis und Gemüse als Fleisch und Fett, achte auf jede Magenüberladung und suche sie sofort durch strenge Diät zu corrigiren, damit sie nicht zum Ausgangspunkt des Fiebers werde. Das Trinkwasser in den Städten ist meist durch die offenen Leitungen verdorben, das Eis aber, welches zur Abkühlung hineingeworfen wird, mit animalischen und vegetabilischen Substanzen verunreinigt, und selbst reines Bergeis schadet dem nicht daran Gewöhnten. Auch das Cysternenwasser der Stationen enthält viel unreine Bestandtheile; das salzhaltige stillt sehr unvollkommen den Durst und. disponirt bei häufigem Genuß zum Fieber. Man trinke daher überhaupt wenig Wasser, sondern gewöhne sich an Thee, der sowol den Durst stillt, als auch das Bedürfniß zu trinken verringert. Guter unverfälschter Wein, mäßig genossen, erweist sich sehr zuträglich als Präservativ wie als Heilmittel des Fiebers. Leider lassen sich jedoch viele Reisende, besonders deutsche Handwerker, durch die Qualen der Langeweile und des Isolirtseins 358 zu rückhaltslosem Genuß spirituöser Getränke verleiten; so gehen tüchtige Arbeitskräfte, wie ich nur zu oft zu beobachten Gelegenheit hatte, kurze Zeit nach der Ankunft in Persien zu Grunde. Bei starker Hitze bleibe man nach Landessitte ruhig im Schatten des Hanfes, unternehme namentlich keinen Nitt. Wird man unterwegs vom Durst genöthigt, aus einer Quelle zu trinken, so setze man rasch den Weg fort und suche sich im Schweiß zu erhalten. Diese Ncgel gilt für den Reiter wie für sein Pferd. An der Station angelangt, gehe man nicht sogleich zur Ruhe über, sondern mache mit seinem Pferde immer langsamer werdende Gänge, bis der Schweiß gehörig abgetrocknet ist. Für eine längere Neise bereite man sich einige Tage durch kleine Ausflüge vor, damit der Körper die Bewegung ertragen lerne, ohne sogleich in Schweiß auszu-brechen. Auch die Gefahren des Uebergangs aus einem Klima in ein wesentlich verschiedenes schwäche man, wenn es irgend angeht, durch Verweilen an den Grenzorten ab. Reisende, welche Dysenterie und Wechselfieber früher einmal glücklich überstanden haben, können sich in dieser Beziehung schon etwas mehr Zutrauen. Allzu viel Reisegepäck belästigt, doch nehme man auch nicht zu wenig mit, da unterwegs das Fehlende nicht ergänzt werden kann. Es ist gut, wenn der europäische Reisende einige medicinische Kenntnisse besitzt, sodaß er sich selbst im Nothfall zu helfen und andern Hülfe zu leisten im Stande ist. Jeder Europäer wird a priori für einen Arzt gehalten. Ebenso sind einige Begriffe von der Kochkunst von großem Nutzen. In Anbetracht, daß der ungebildete Mann sich viel schwerer acclimatisirt, den nachtheiligen Einwirkungen der, Fremde auf Temperament und Charakter nicht zu widerstehen vermag und gewöhnlich bald dem Heimweh unterliegt, bringe 359 man keinen Bedienten aus,Europa mit, sondern behelfe sich mit den Landeskindern. Die richtige Behandlung der persischen Diener erfordert allerdings ein eigenes Studium. In der Pflege und Wartung der Reit- und Lastthiere muß man sie persönlich controliren, denn es liegt oft in ihrem Interesse, unter allerhand Vorgeben die Reise zu verzögern. Man gebe ihnen nicht Spirituosen zu trinken; haben sie einmal davon gekostet, so wächst ihre Gier unbezähmbar. Wegen eines kleinen Diebstahls strafe man sie nicht zu hart, sondern bedenke, daß sie über das Mein und Dein palriarchalisch-communistische Anschauungen haben. Im Verkehr mit den Großen und den einflußreichen Beamten des Landes baue man nicht zu viel auf eine Person, denn die Verhältnisse wechseln überraschend schnell, und wer heute Schutz anbot, ist vielleicht morgen selber dessen bedürftig. Reichliche und kostbare Geschenke reizen die Habgier nur noch mehr; durch Kargheit der Gabe wird Unzufriedenheit erregt und der Zweck des Geschenks verfehlt. Genaue Erforschung der Individualität des Empfängers kann hier allein im einzelnen Fall die rechte Mitte finden lassen. Entbehrung des gewohnten Comforts und des Umgangs mit Frauen stimmt den Europäer, auch den gebildetsten, im Anfang launisch, eigensinnig und' grämlich. Diese unmuthige Stimmung muß man zu bemeistern suchen und ihr auch bei den Gefährten Rechnung tragen. Man geräth sonst mit ihnen in Zwiespalt, legt den Personen zur Last, was die Verhältnisse mit sich bringen, verbittert einander das Leben und beraubt sich selbst der einzigen, so nothwendigen Ansprache im fremden Lande. Um die Heiterkeit des Gemüths wiederzuerlangen, zerstreue man sich durch Beobachtung der Natur, der Pflanzen- und Thierwelt, der Formation des Bodens; man studire die Sprache, die Sitten und Hantierungen der Bewohner, und pflege soviel als immer möglich Umgang mit 360 dm Eingeborenen. Nur so wird man das Heimweh überwinden und sich eine erträgliche Existenz bereiten. Wer aber alles Fremde mit Voreingenommenheit betrachtet, wer kein Interesse an den Gegenständen nimmt, wer nicht durch Studien den Geist zu beschäftigen versteht, der bleibe lieber zu Hause oder kehre bald in die Heimat zurück, damit er in Frieden lange lebe! ^ XII. Geographische Nomenclawr. 3)ie Kenntniß der Bedeutung geographischer Namen ist für den Reisenden in Iranien, überhaupt für jeden, welcher sich mit der Geographie und Ethnographie Asiens beschäftigt, von großer Wichtigkeit. Unerläßlich ist sie überdies zur Erforschung der Länder, aus denen das iranische Element herstammt, oder in welchen es sich später festgesetzt hat. Die Namen der Orte leiten auf ihre Geschichte, sodaß wer die Bedeutung der Namen versteht, von vornherein aus ihnen schließen kann, was er dort zu suchen hat und zu finden erwarten darf; er wird ferner dadurch in den Stand gesetzt, die abweichenden Benennungen solcher Reisenden zu berichtigen, welche, der Landessprache unkundig, Namen nur nach dem Hören niederschreiben. Als Regel ist anzunehmen, daß Namen oder Endsilben derselben, welche sich in verschiedenen Gegenden wiederholen, eine gewisse Bedeutung oder eine Beziehung zueinander haben. Der Name der Nuris z. B. kommt im nördlichen wie im südlichen Persien vor, und in der That steht es fest, daß ein Theil des nördlichen Stammes vor nicht gar langer Zeit in den Süden einwanderte. Zwar wurden bei dem Eindringen 362 türkisch-tatarischer und arabischer Stämme manche Namen aus deren Sprachen entlehnt; jedoch verdrängten sie die iranischen nirgends vollkommen, sondern combinirten sich hier und da mit iranischen Worten; so ist in Wlclisu (Bitterwasser) wich perfisch, 3" tatarisch; oder iranische Namen erhielten eine türkische Endsilbe, z. B. in ohudadendeiu (Stamm der Gottes-- bündler). In Azerbeidschan sind türkische, in der Provinz Arabistan und am Persischen Golf arabische Namen vorwiegend; armenische und chaldäische finden sich selten, meist zwischen dem Urumieh- und Wansee. Eine Schwierigkeit, die Identität der Namen kleinerer Ortschaften festzustellen, liegt in dem Umstände, daß häufig der neue Besitzer eines Dorfs ihm cinen neuen Namen gibt, indem er dem Worte üdüd (Ansiedelung) seinen Personennamen anhängt, und nun der früher verzeichnete Name mit der Zeit in Vergessenheit geräth. Außerdem find ehemalige Ansiedelungen durch Versiegen der Kanäle bis auf den Namen, verschwunden. Um die Namen richtig abzuleiten, muß man die gebräuchlichen Kürzungen berücksichtigen, z. B. sistan statt segistan (Stand der Seken), Xandahar statt Iskandahai- (Alexan-drien), pur statt puter, hauptsächlich aber die Umwandlungen, welche Consonanten und Vocale nicht nur in der alten, sondern noch in der neuesten Zeit erfuhren. Zu den häufigsten Uebergängen der Consonanten gehören: ^ in F und b; so lauten z. B. die deutschen Worte: warm, Weide, Witwe, im Persischen: gsi-m, did, bi^voh. ^lerwäb wurde in Alurgäd umgewandelt; g tn dsche: Sengän in Sendschän, Burugird in Burud- schird; r itt 1: Hirmend in Hilman, Ilan iit Irän; p in f: Pars in Fars, Ispahan in Isfahan, Dispul in Disful; 363 2 (mit der frühern Aussprache 62) in ä: ^umds? in <3ui«. dsä, ^.26i-b6lä8c;dan in .^äerdsiäsolian, Xirsii oder 2irenF (See) in DranFiana. Daß auch die Vocale mit der Zeit etwas wechselten, ist um so erklärlicher, als noch jetzt in verschiedenen Gegenden das ä (langes a) sich mehr dem arabischen a oder dem 0, das kurze u sich dem 0 nähert. Die Bedeutung der Namen gibt., sich kund: a) insofern sie an Gegenstände oder Eigenschaften erinnern, zu denen die Orte irgendwie in Beziehung stehen; d) durch die etymologische Verbindung mit gewissen Vor- oder Nachsilben. Von beiden Kategorien möge hier beispielsweise eine Anzahl folgen. ^. Ortsbenennungen nach bezüglichen Gegenständen. Nach Gewässern: kd (Wasser): ?suä8oliiib (Fünfwasser), vu^d (Zweiwasser); ^ds g6rni heißen alle Orte mit heißen Mineralquellen, entsprechend dem slawischen leplios; ruä (Bach): liuädüi-, Xßi-etsoi»u6; t8o!iäi (türkisch; Bach): Xaratsodäi (Schwarzwasser); tsobesLkineli (Quelle; a^n, arabisch): Iscliesokmeli^ii; Kar 12 (Leitung): Karixelc; kau? (CistsNie): Hau26-3ultan; äsoliu (Rinne): Män äsoku; t,3okü (Brunnen): 8e tsokü (Dreibrunnen); t8obü1 (Vertiefung): ^odklnisiäan (Tiefplatz); - bark (Schnee): Larlek; ^jaoli (Eis): ^aeliruä (Eisfluß); äariK (Meer, auch großer Fluß; türkisch 6su^ig): Oari«. oliax'r (das Chazaren, Kaspische Meer), ^.mu vllriä 0xu8. Schnellfliehende Wasser werden mit dem Beisatz tir (Pfeil), maä8ol,nuii und türkisch äeUi (toll) bezeichnet; 304 stehende mit istAnaeli oder luuräeli (luortuae), so ^lur- 6«.b bei Enzeli. Nach Wasserbauten: pul (Brücke): vistui, ^le^Ialc; benä (Damm, von desten, binden): Lenäk-amii', Leuäe- Kaisar, Ltinäßir (Asphaltdamm); bsnäsi' (Hafen): Lenker-^Vdbas, Leuäer-Lusoliir; lenzer (Ankerplatz, von lonlc, hinken, anhalten): I^6u^6ru6. Nach Höhen und Bergen: kub (Berg, türkisch äa^Ii): I'Mäkud ^Stahlberg), ^irux. kuk, ^FriäaFii (Ararat); FSläknett (Hals, Einkerbung nahe dem Gipfel): Osi-äeueli iiiotei (Pik): Kotsi-äkotitLi-, Kotei-piroxen; tapped (kleiner Hügel, natürlicher oder künstlicher): (5ü-inisclita^pek (Silberhügel), Dan»oli5.n-ta^6li. Nach Bergeinschnitten: tßngi (Engpaß): isuFi tscdeiiür ruä, L^en^i ääläu; äelieusd (Thalmündung); ä6rloli (Thal): Hszu^ei-i-eli, Diwäerred, Oliurruuiäyi-lsll. Eine Abkürzung von äeri-eb findet sich häufig in dem Ortsnamen vei-denä (Thalschluß). Nach Baulichkeiten und Ansiedelungen: 8od6kr (Stadt): ßckedre uau (Neustadt), ßckekre sabs (Grünstadt; äoli, ^6Qt und okoi (türkisch; Dorf): O6dFir6u (Nußdorf), velidiä (Weidendorf), ^klleiit (Weißdorf), 8aiQ6rllant, lÜ^olcent oder Otloägo^ekyut, Dsokaur-olioi (Geberndorf). burtsok (Burg): Nduräsob, auch NIdui-2; kalyd (Festung): ßküäkalßk, ßuoknmkaled; äi2 (altpersisch; Festung): vi^ul (Brückenfestung), lis-W6uäi2, visaed, 83.IM2; 365 kissär (Fort): 8ul-eK!,i88Äi- (rothes Fort); sender (Bollwerk): 86NF6rsddü,6; keilvt (Festung ersten Ranges): mehrere Festen dieses Namens; ^»81- (Castell): Xasr Xa63o1lü,r, Xasr scini-in; tä^ (Wölbung): 1äZ6 du3tam; minü,!- (Minaret): Kellet inin^i- (Schädelthurm); Aumdsä oder Fumde^ (Dom): Xeduä ^umde^ (Vlaudom); t«,1är (Saal): i'Mi- pusclit; 6)-^n,n (Halle): N^w5,n kirk, N^^n tkF (gewölbteHalle); däxär (Markt): ^re-bs^kr; ilarawanserai und radat (arabisch): I^adatkeriin; die Zusammensetzung mit i-adat findet sich bei Ortsnamen schon in der Bibel, und noch jetzt in allen muselmanischen Ländern; iul^mxääsli (Heiligengrab): Im^mx^lieil Ismail; kusolik, kuLolikek (Kiosk, kleiner Kiosk): mehrere Orte dieses Namens; keiissa (armenisch; Kirche): Iltseli il6ii88a (Dreikirch). Nach Flächen: salirk (unbebautes Feld); diad^n (Wüste ohne Wasser); kkwir und 8«kui-2ü,i- (Salzwüste): Kkv^iro-icuin; ä68okt (Kesselthal, auch Tiefland am Meer): N6räe8o1,t bei Persepolis (statt ^lki^äesolit), I)68okti8tkn; t8oIi6M6u (Hochwiese): i'Lolismen II68dlKn, ^8Lli6M6n ßultanisli; sorLld (Ebene mit Luftspiegelung); iu22r66k (Anbauland); äßollulFoli'(abschüssiges Land); u6)-2i^i- (Schilfland; Ie68o!l6n (Sumpfland); inerx (Markland); 366 buin (Binnenland); 3äliil (Uferland); okiabän (Allee, Kunststraße). Nach der Vegetation: 8 61-w (Cypresse): sewiswn; ^unär (Iujuba): mehrere Orte im südlichen Persien; kabur (^.ooacia Zummitera): Xaburistän; ßiräu (Nuß): DekFir6ii; biä: velibiä; dü^Ii (Garten): Lä^6 80I1KI1; bllßistali (Gartenland): abgekürzt LuLwm; bisolieii (Gebüsch): kisolinne!- (Buschtragend); äsoiienFel (Wald): vsciien^ei .'Vlasanäeran; ns^ (Rohr): ^6^8odlipur. Nach der Temperatur: ^ki-iiisLii-, K6t8oklc^k türkisch (Wärmeland); 86i-k6ä, 86i'äe8ir, ^'e^Iok türkisch (Kaltland); F6rüi (warm): Osi-m6i'ua, ^.do Feriu; S6i-ä (kalt): 86i-ä6i-uä (Kaltbach); tab (sieden): I^bi-i^, Willis, I'aba^b — I'splios. Nach der Farbe: 86liä, all türkisch (weiß): Soüäkuk (Weißberg), 86Ü6ru6, 666ä!lai6li, ^.kkaleli; 8ikli (schwarz, schaurig), Kara türkisch: siäliäeri-eli (Schwarzthal), K:lraäenFl8 (das Schwarze Meer): 8ui-ob (roth), F121I türkisch: 8urodki88ai-, Hixil-U2un; 26rä (gelb): Iiu6626i-6; kabuä (blau): Xabu6käi6li; lilux (himmelblau): ?iru2:abacl, I'ii-u-kub. Nach dem Geschmack: 8oliur (salzig): soliui-äb; 8o1iur6ii (salpetrig); 8oliii-iii (süß): Xa8'r-8oIiil'iQ; 367 soiiikei- (zuckerig): 8ui', ßollir^än, Wurman- väräd (DariuZ): vai-tib^il-ä; Ko8ru: Xogro'wa (chaldäisches Dorf). Nach der Richtung: däiä (oben): Laiaruä; 2ir (unten): 2ir tackt kanlii-; piisolit (hinter): ?u8e1itekuk (Hinterland); pa8 (nach): ?l»886til- (Nebenfluß des Tigris), ^as^alsk; ini^neii (Mitte): Stadt gleiches Namens, HIiäut8oI,u; su (Richtung): ^olislikr su (Vierweg); kenär (neben): Kenai-a^ii-^. Nach der Größe: du2ui-A (groß) und kutseliik (klein): I^ärs buxui-^, I^är6 1cut8c1nk (Groß- und Klein-Laar). Das Diminutiv wird auch häusig durch Anhängung von sk ausgedrückt: Xä8okänek, I8talian6k, Il,u8oliano1c, Koberi-3tan6ll (Klein-Kaschan u. s. w.). V. Zusammensetzungen mit Vor- und Nachsilben. ad^ä (Colonie, Ansiedelung, entsprechend dem deutschen Boden, englisch adoäe, lateinisch badital-e): die meisten Dorfnamen, wie «1u88uiHdaä, ZokKägodeliäli-ädää; 369 das griechische apatana und das noch gebräuchliche indische pawn sind von Kdä6 abzuleiten, so: Htasabääau (Eichenort), ßadaäau, Dkdawna, die Stationen Alexanders auf dem Marsche nach Hamadan; si^uAgpatam; stän, istän (Stand, von ist^äku stehen): ^urkistan, 8i-stan, Xabulistan oder 2a!)ull8tlln, Hi6il8tKn, Kafei- ^irä, auch äsodirä, entsprechend dem slawischen ^oraä, Hrad, Gratz (Nundung, Umwallung): ^assaFirä, ^Is-lanoFirä, Voruäsoliirä, li^lÄnaicÄrta, ßaärallarta (jetzt 8ai-i); ü,u, kün, FÜU, 8eliüu. Mit dieser Silbe endigen unzählige Städte und Länder, es scheint eine Abkürzung von stau zu sein: Iran, luran, I'siieran, (^ilau, Xa8«nau, 3onu8ouau, (Fu1pl^6F2n, Ispanan; KZ.I', vv5lr, auiver, vei- , Ui^verku (schilftragend), ^lsdvei-uu, 8oÜ6>verÄn; dsnä, v?6uä (Verbindung): viele Stämme benennen sich mit dieser Endsilbe, so Xnkil^venä, ^nli«.^6nä, 8diäli-8LW6uä, Ha88ana^6nä; vvouä entspricht dem türkischen lu nnd ar: Osinaulu, I.i, ^iscuar, Kaäsoüiir, und dem arabischen lieui (Söhne): Leni-ll:i88an; im Persischen aber auch dem Begriff Höhe, Gebirgswand, Gebirgsstock: Vemii,vven6, Niwsnä, 8«Iiencl, 8erad6nä (Gebirgsstock in der Hezareh); vku, diln (Hüter): ^ü^d^n (Gartenhüter), ^larxodun (Grenzhüter), 8enirwü.n (Königshüter), ^:iout8oni^vali (Iagdhüter), ^i-^vmi (Irans Grcnzfestung), ^räsbku auch ^r6L>viw, 8dlülicl6i'd^n sKönigsthürhüter); I)ur, putsr: >ii3^!lü,i)M', 8Iii-!i5 lFluß bei Yezd); mZ,n: ^6i-nni-, 'Inikoiniin, Oilman, Kirinan; nnw wird gewöhnlich von miwsnäeli (mahnend) ab-aeleitet, so I'ui-Iloiullu (an die Türken mahnend), doch scheint diese Ableitung nicht die richtige zn sein; »si- (voll): ^un8i>.r (voll Blut), (5nm8ll.i-; vvegoli: lÜImr^ssoll, vai in.^V68ck, ^n.I,li,w68eii5u^; »rä (arw, erz, groß, mächtig): ^l'äe8ellir, ^läistmi, ^.rä-elan, ^i'6«bi1, ^.räednu, ^r^venä (Elwend), ^rarllt; »er (Kopf, Ursprung): ssr^ul (Brückenkopf), 8orkd, 801-. Von den alten Provinznamen ist noch erkennbar: Hvr-Kani6n, jetzt Oul-Flw (Wolfsland), wo in der That heute noch viele Wölfe hausen, mit dem Flusse Gurgab. Von den alten Tribusnamen erhielten sich: die lapyreu m den La-dari8tnn6i-n um Balafrusch, welche ihren Namen von tad«-(Axt), weil sie Holzfäller sind, ableiten; die 6e1i und Meräi in den t^ileinei'äZ (Morastbewohner), wie sich heute noch die Gilaner nennen; die ^li,i-6Ln, südlich um Pasagiro wohnend, was durch die häusige Theilung eines Stammes zu erklären ist; die 8aken in Segistan: wie überhaupt bei genauer Nachforschung sich Spuren der meisten im Alterthum bekannten Stämme sinden dürften. Druck vllü F. N. Nvockhauö in Lciftzi,,. Verlag von F. A. Lrockhaus in Leipzig. Aus dem heiligen Lande. Von Constantin Tischendorf. Iie(5|f fünf 3l()ßis&utt(}cn in #os,$fd}mU tint» einer fi^otjrap^irleit Cafes. 8. 2 Thlr. 10 Ngr. Dieies neue Reisewerk TischendorPs vereinigt des Anziehen-den vieios in sich. Das Auge des bewährten Forschers charak-terisirt eä nicht minder als die Gewandtheit der Darstellung. Der Verlatf'.' der Entdeckung und Erlangung der ältesten Bibelhandschrift wird hier genau erzählt; der Leser wird mit Spannung allen Schritten folgen. Die damit zusammenhängenden Wanderungen nach Kairo und nach dem Sinai, nach Jerusalem, Ladakia, Smyrna, Patmos und Konstantinopel bringen ebenso lehrreiche als fesselnde Schilderungen vpn jenen merkwürdigen und durch unvergleichliche Erinnerungen geheiligten Stätten. Ausserdem erhält das —• mit fünf Illustrationen in Holzschnitt und drei lithographirten Plänen geschmückte — Werk einen besondern Reiz noch dadurch", dass in ihm die durch interessante und seltene Erlebnisse ausgezeichneten Reiseerinnerungen des Grossfürsten Constantin von Russland aus dem Jahre 1859 niedergelegt sind. Aegypten. Forschungen über Land und Volk während eines zehnjährigen Aufenthalts. Von Alfred von Kremer. Mit einer Karte von Aegypten. Zwei Theile. 8. 3 Thlr. 10 Ngr. Nicht das alte Land der Pharaonen ist der Gegenstand dieses gründlichen, gehaltreichen Werks, sondern das heutige Aegypten, dessen Bodenbeschaffenheit, Staatswesen, öffentliche Arbeiten, Handel, die Culturzustände seiner so merkwürdigen Bevölkerung. Dem Verfasser waren in seiner Stellung als österreichischer Consul zu Kairo die seltensten und verlasslichsten Quellen zugänglich. Unterstützt von vielseitigen Studien und scharfer, vorurtheilsfreier Beobachtung, schöpfte er daraus eine klare Darlegung der Finanz-und Verkehrs Verhältnisse Aegyptens, zahlreiche, zum ersten mal veröffentlichte statistische Ausweise, neue wissenschaftliche Thatsachen, Aufklärungen über die schwebenden Fragen des Handels und der Politik: lauter Stoffe, welche die Aufmerksamkeit der verschiedensten Kreise, der Staats- und Finanzmänner, Statistiker, Nationalökonomen, Gelehrten und Kaufleute, zu fesseln geeignet sind. Bei der anregenden Darstellung ist das Werk aber ebenso dem grossen Publikum, namentlich auch denen, die Aegypten selbst besuchten oder besuchen wollen, zu empfehlen. Druck von F. ?!. Viockhnus in Leipzig.