^ FF/?^^^^ wi^i^, ,879. Aus dim licucrrn verlässt der Manz'schtn k. k. Hos-^itllags- und Uilivcrsilnw-Mcl.handllmgn, U'il,,. Hesterreichlsches Zahrvuch. Im Vereine mit mehreren vaterländischen Schriftstellern rcdigirt von Tr. Fcrd. Stamm. gr. 8. i8?7. (262 S.) cart. 2 fl. — 4 M. — Zweiter Jahrgang, gr. 8. (298 S.) cart. 2 fl, — 4 M. Zte Miener Hlingstraße in ihrer Aollendung, Oegenwart und Zukunft, und der Franz Zosef-Ouai. Opernriug, 2 Bilder — Kä'rntnerring, 2 Bilder — Kolowratring, 2 Bilder — Parlring, 2 Bilder — Stubenring, 1 Bild — Franz Josef-Quai, 2 Bilder — Schottenring, 3 Bilder - Franzensring, 4 Bilder — Burgring, 2 Bilder. Zusammen 20 Ansichten. Qucr-Folio-Format, je 56 Centi« meter lang, 24 Centimeter hoch, nach Original-Aufnahme in Farben« Holzschnitt ausgeführt. / ^ ^,i« /<ü»»f«nna< . Trei, 5 ff. — 10 M. «1^0 ^»stH«» >er «linge «ach, el,g. in «l^nwanbsanb " ,'Ml,Kol»p»z««ng ...........?rei« 6 ff. - « M. > .,^, Dsis^.schönste und billigste Andenken an Wien. Einzelne Blätter ^.''"können nicht abgegeben werden, doch liefern wir zwanzig Bilder , ohne Umschlag zum Zwecke des Einrahmens gegen gefällige Postanweisung von 4, 5, 6 Gulden — 8, 10, 12 Mark für Ausgabe »), b), 0) franco nach auswärts. Steinbach, Emil, Dr., Die Nechtskenntnisse des Publicum». Ein Vortrag, gehalten im wissenschaftlichen Club zu Wien am 10. Januar 1878. 8. (55 S.) geh. 40 kr. ^ 80 Pfg. Mirtß, Max. (National-Oekonom), Cultur- und Wand,r-Slchztn. 8. (VIII, 388 S.) 2 fl. — 4 M. «LinVati, ß., Dcr Kampf um's Glück. Preis«Novelle. qr, 8. siv 169 S.) 1 fl. 20 kr. ^ 2'M. 40 Pfg! Das Preiörichter-Collcgium Aber die Preisausschreibung brr „Heimat" an ^eNer» «ichs Schriftsteller für die 'beste ErzMunF, bestehend aus den Herren: Eduard von Bauerufeld in Wien, Professor NobertHnmerlinq in Vraz, Dr. Le ovold Komvertin Wien, IohannesNordmann, Mitredacteur der „Neuen ssieien Vresse" und Präsident deS Journalisten- und Schriftsteller.Pereines „Concordia" in Wien Dr. Robert Zlmmermann. Hofrath und Universitäts-Professor in Wien Carl Ritter von Vincenti in Wien — bat nach abgeschlossener Prüfunq sämmtlicher Concurrenz-Manuscriptc als beste Erzählung erllärt und mit dem ertten «r«il« betheilt die Novelle: Ter Kampf «m's Glück von Elise Linbait sMotto-Hio »noäu», dio »»lt»!) ^ von Irhr. von Kelfert. Wien. Mmiz'jche k. 6. Hos-Verlags, und A!,itmMs-VuchYandlun,l. 1879. Zur RuzssiMlüe slamsckm Kamen unil Rusllrücke. In den slavischen Sprachen wird C t immer wie das deutsche z oder tz ausgesprochen: Car spr. Zar; Gacko spr. Gatzko; Crnagora, Crnagorccn spr. Zrnagora, Zrnagorzen; Dubec spr. Dubetz. ö i wie das deutsche tsch: öegiu» spr. tschesma; Foöa spr. Fotscha; Gradaöac spr. Gradcitschatz; Vihaö spr. Bihatsch. 0 wie tj, wobei aber daö j nicht als ein Laut für sich zu behandeln ist, sondern nur als ein das t erweichender Consonant zu gclteu hat: Kni<5anm spr. Knitjanin; öengil: spr. Tschengitj' Martiniäi spr. Martinitji. S l s wie das deutsche ss, ß; Sarajevo spr. Ssarajewo Posavina spr. Possawina, Nevesinje spr. Nevessinje. 8 8 wie das deutsche sch: 8amac spr. Schamatz; Milaäcva spr. Milaschewa; PidriZ spr. Pidrisch. V t» wie das deutsche w: Vranduk spr. Wranduck (nicht Franduck); Hercegovina spr. Herzegowina (nicht Herzegofina); Popovo polje spr. Popowo. Z z wie ein gelindes s im deutschen Nose, Nase oder im französischen -, deZirer: Zvornik, Zenica, Zeta, Novipazar spr. Swornik, Viowipasar:c. 2 2 wie das französische ^ w^mde.^räin: ^abljak spr. franz. ^»tili^uß, Vu/^im spr, franz. Lo'^ims: SPui spr franz. 8pouj«. D« dL wie das italicuische ^i iu lo^in: Od2ak spr. ital. Hnn «Nil Httn^ij». v. Helfcrt, Vo5nischcs. I i ^ k^nd wenn wir sie erobern und haben, was werden H«ß> uns Bosnien und die Hercegovina nützen?" „R^^. Möge diese Frage der berühmte Benjamin Franklin mit einer Gegenfrage beantworten! Als ihm jemand über eine scheinbar unbedeutende Erfindung die eben gemacht worden, den Zweifel aufwarf: „Was nützt das?" sagte er entgegen: „Was nützt ein neugebornes Kind?" Das nützt es, meinte der große Bürger der neuen Welt, daß aus dem Kinde ein tüchtiger schassender segenspendender Mann werden kann. Und das nützt die scheinbar unbedeutende Erfindung, daß sich aus ihr 1* verschiedenartige Anwendungen ergeben können, die der-Menschheit zu großem Dienst und Vortheil ausschlagen. Und das nützen uns Bosnien und die Hercegovina, daß wir aus der Verbindung mit ihnen und aus der wohlwollenden und umsichtigen Weise, in der wir unsere Anwesenheit daselbst zu gebrauchen wissen, allerhand Gewinn ziehen können. Der geneigte Leser hat nicht zu besorgen, daß ich ihn gleich auf das Gebiet der Staatskunst geleiten werde — „cm politisch Lied, ein leidig Lied!" Vorderhand wollen wir uns nur in einem zwangslosen Geplauder ergehen, wo wir uns, um Land und-Leute kennen zu lernen, ohne uns an strenge Regeln zu binden, in keiner Richtung erschöpfend, sondern leicht und obenhin, mit allerhand „Bosnischem" unterhalten, was man in gelehrten und ungelehrten Büchern liest, was uns Reisende erzählen die das Land aus eigener Anschauung kennen, was uns die Tages-Literatur über die Vorgänge daselbst in den letzten Decennicn gebracht hat. Reisende! Ich war nicht dort, und der geneigte Leser, ich wette hundert gegen eins, eben so wenig. Auch gehörte es bis jetzt keineswegs zu den Annehmlichkeiten, es war nicht ohne große Schwierigkeiten, ja mancherlei Gefahr, daß wißbegierige Forscher Gebiete durchstreiften, wo von dem in unsern Ländern gewohnten Comfort so gar nichts zu finden, und von Weghindernissen aller Art, von Mistrauen der Behörden und Feindseligkeit unterschiedlicher Wegelagerer, von erbärmlicher, oft anwidernder, von Ungeziefer jeden Namens heimgesuchter Unterkunft so viel zu holen war. Ueber das südliche Dalmatien, wo es zu Anfang dieses Jahrhunderts in manchen Gegenden nicht viel anders aussah als heute noch in Bosnien und der Hercegovina, hat der damalige k. k. Genie-Hauptmann t>e Trauz- die Bemerkung gemacht: „Wenn das Land andere Einwohner hätte, so möchte man wünschen dort ein Landgut zu besitzen, um in philosophischer Ruhe fein Leben genießen zu können." Warum so hart und grausam? Wollen wir die Menschen, die dort sind, todtschlagen oder mindestens davonjagen, damit sie andern Platz machen?! Sagen wir darum nicht: „wenn es dort andere Leute gäbe"; sagen wir humaner: „wenn die Einwohner dort anders wären." Denn da hängt es ja nur von uns ab, daß sie mit der Zeit anders werden! De Traur gebraucht seinen angeführten Ausspruch von den Bocche di Cattaro, denen er die Ufer des Genfer Sees, „welche nur die schöpferische Feder eines Rousseau so herrlich beschreiben konnte", und die __^, ß ^__ zauberhaften Gestade von Konstantinopel nachsetzt. Dinge solchen Charakters haben nun allerdings die dalmatinischen Hinterlande nicht; aber daß sie sonst überreich sind, sowohl an großartig-malerischen Naturbildern als an amnuthend-lieblichen Landschaften, an wahrhaft entzückenden Veduten, darüber sind alle einig, die das Gebiet der Drina und des Drim, der Neretva und Bosna, des Vrbas und der Una durchwandert haben. Wie gesagt, behaglich und bequem ist dieses Durchwandern keineswegs. Denke man nur nicht an Eisenbahnen — diese wird man allerdings bald haben, ja. gibt es eine kleine Strecke schon jetzt —, an Tramway, an Post- oder Stellwagen! Das gütigste was Dir die bosnischen Götter bescheren, ist eine — Kutsche, in unsern Gegenden Leiterwagen genannt, von einem Dachzelt überspannt, ölst ohne Sitzbrett, so daß es einzig auf die dichtere oder dünnere Lage Stroh ankommt, wie Du auf den Boden des Wagens der Länge nach hingestreckt gebettet seist. Und dabei haben diese bosnischen Kutscher kein fühlendes Herz! Oft geht es, besonders den Berg, hinab, in lustiger Jagd über Stock und Stein, daß. der vierräderige Karren in die Hohe stiegt und wieder niederplumpst, um von neuem einen salto mnrtals zu machen :c. Und Du? Nun, Dir hilft kein Schreien und Fluchen, Du hast nur achtzugeben, daß Dir Deine Knochen und Rippen ganz und wohlgezählt bei einander bleiben. Nach solchen Erfahrungen wirst Du freilich gern auf das Vergnügen des Fahrens verzichten und lieber einen hartmäuligen Gaul besteigen, was auch die landesübliche Art des Reifens ist. Es fehlt in allen bisher europäifch - türkischen Ländern nicht an geregelten Hauptstraßen. Es hat mitunter Gouverneure gegeben, wie Osman Pasa in Bosnien, Mithad Pasa in Bulgarien, die sich gerade diesen Verwaltungszweig angelegen sein ließen; aber wenn sie nicht Nachfolger hatten die mit gleichem Eifer wirkten, so kam bald alles wieder in Verfall. Manches war von allem Anfang nur auf den Schein gethan: Straßen ohne soliden Unterbau, die bei dem Mangel jeder Reparatur von Jahr zu Jahr mehr verfielen; Brücken mit großen Kosten über Flüße und Abgründe gespannt, aber aus so schlechtem Material daß sie nach einiger Zeit völlig unbrauchbar wurden. So war es nun einmal mit der türkischen Wirthschaft! Auf seinem Wege von Gorazda nach Visegrad im Jahre 1862 mußte Major Roökiewicz die Praca auf einer sehr schwankenden, gegen eine Seite gene.igten Holzbrücke übersetzen; eines der Pferde gerieth dabei mit den Hinterfüßen in eine der breiten durch lange Verwahrlosung entstandenen Spalten, und bei den Bemühungen ihm herauszuhelfen ivä'ren bald Mann, Noß und Brücke in das dreißig Fuß tiefe steinige Bett des Flußes gestürzt. Was an dauerhaften festen Brücken vorhanden ist, rührt aus früherer, zum Theil aus so früher Zeit her, daß die Leute darüber streiten ob das Werk unter den Römern erbaut oder erst in christlich-slavischer Zeit entstanden sei. So die schöne dreizehnbogige Brücke beim Einfluß der Buna in die Narenta südlich von Mostar; so die in Moftar selbst, die berühmteste von allen, in einem kühnen zweiundneunzig Fuß weiten, achtzig Fuß sich aufgipfelnden Bogen über den Fluß gespannt. Einige setzen sie in die Zeit Trajan's, Hadrian's hinauf; nach Andern hat sie der Slave Rade mit Beihilfe der geheiligten Vilen aufgerichtet. Eine überaus wohlthuende Einrichtung an den türkischen Straßen, aber auch abseits, mitunter in jetzt ganz vereinsamter Gegend zu treffen, sind die Brunnen. Auch von diesen leitet man einzelne aus den Römerzeiten her. während andere den Namen ihres Gründers, besonders eines Pasa oder türkischen Würdenträgers tragen. Sie sind regelmäßig ummauert, mit einem Auslaufrohr aus Eisen oder Stein, eine wahre Erquickung für den Wanderer. Uebrigens sind sie selbst an den Straßen nicht dicht gesäet, oft auf halbe Tagemärsche einer, so daß ___^ c) ^___ die Einheimischen wohl auch die Entfernung nach ihnen berechnen, z. B. von Belgrad bis zur Ali-Pasa-Cesma (ök5MÄ-Röhrbrunnen) so und so viel Wegstunden. Fast alle Racen, welche die wechselvollen Geschicke der Balkan-Halbinsel durcheinander gewürfelt, kennen keine Pietät für Wald und Baum; manche wie die Rumänen haben sogar eine wahre Wuth sie niederzuhauen oder niederzubrennen. Nur bei den Brunnen machen sie eine Ausnahme, da wird der Baum um des Wassers, und das Wasser um des Baumes willen geschont, so daß den Dürstenden zugleich der Schatten labt, unter welchem das reine erquickende Naß hervorquillt. Das bietet ihm Mutter Natur; was Sohn Mensch für ihn bereit hält, ist leider weder rein noch erquickend. Verschiedene haben Verschiedenes als Maßstab für den Bildungsgrad eines Volkes angenommen: den Umsatz von Kaffee und Zucker — den Verbrauch von Seife — die gesellschaftliche Stellung des Weibes — die Herberge. Letzteres für den Reisenden ohne Frage das wichtigste! Ich habe einmal ein verwöhntes Wienerkind, das grollend und schimpfend aus einem unserer Gebiete der Halbcultur heimkam und dem ein dortiger Ein-geborner die begütigende Bemerkung machte: „Aber diese Gastfreundschaft!" ausrufen hören: „Ich verlange mir von Ihnen keine Gastfreundschaft" — der Ausdruck -« 10 >— den er gebrauchte war etwas derber —, „in civilisirten Ländern hat man Wirthshäuser!" Nun es fehlt an Wirthshäusern in der Bosna und Hercegovina gerade nicht; nur mußt Du Deine Ansprüche, verzogener Franke, unter das Maß der Bescheidenheit hinabdrücken. Das serbische Einkehrhaus heißt Han, Mehana, der Wirth Handzija, Mehandzija. Letztere sind häufig Zinzaren (Süd-Rumänen), obwohl sie sich nicht gern so heißen lassen; auch ausgewanderte Oesterreicher trifft man, doch stets nur Männer, mindestens bekommt man Frauenzimmer nicht zu Gesicht. Galant könnte man sagen: es fehlt die ordnende glättende Hand der Frau, wenn es nur um das ordnen und glätten selbst in den türkischen Kemenaten nicht ein so eigenes Ding wäre! Wohl gibt es Stufen der Unsauberkeit, aber mehr oder weniger von diesem Artikel mußt Du, zartfühlender Pilgrim, immer über Dich ergehen lassen. Eine große Stube nimmt Dich auf, ohne Ziegel oder Pflaster, der Boden aus festgestampfter Erde wie die Tennen unserer Heimat. Kein gemauerter Herd, die Feuerstelle auf dem Boden oder vielmehr auf einem großen Haufen Asche, der ihre Unterlage bildet. Das Feuer wird durch klafterlange frischgehauene Stämme unterhalten, die mehr verglimmen als verbrennen, die viel prasseln und puffen und endlosen Rauch verursachen, der Dir beißend in's —< 11 >— Auge dringt. Zwar meinst Du, aus der Ferne etwas wie einen Rauchfang auf dem Dache gesehen zu haben, es ist auch wirklich einer, aus Reisern geflochten und mit Lehm verschmiert; er scheint aber nur die Bestimmung, zu haben den Ueberfluß von Rauch aus der Stube zu führen, wenn derselbe im Innenraum keinen Platz mehr hat. Du trittst ein und sprichst nach der Landessitte: „?oinoxi boF" (Helf Gott). „Lo^ pomoxi" (Gott helf) antwortet der Handzi, und mit ihm alles, was schon vor Dir in der Stube war. „8ta ima8 medaucl/^o?" (Was hast Du Wirth), „Imam svasta 3O8poäiu6" (Ich habe allerlei Herr). Doch mit dem „allerlei" hat es seine weiten Wege. Außer Kaffee und Slivovic und dem unvermeidlichen Cibuk, den Dir der Wirth in seinem schmutzigen Anzug mit ungewaschenen Händen entgegen bringt, findest Du im Hause etwa Fisolen, Pilaf, rohe und gesäuerte Paprika, selten Fleisch, wenn nicht etwa an einer Schnur aus dem Dachgesperre ein „pecenje" (Braten) herabhängt, ein riesiges Stück kalten nicht gar gebratenen Schöpsenfleisches, dessen geringe Muskeltheile, wie uns Franz Kanitz beschreibt, „in einer widerlich dicken und ranzigen Fettumhüllung so gründlich verschwinden, daß jeder beliebige Theil mit einem Docht durchzogen im Nothfalle als Kerze dienen könnte" ... Vielleicht aber erbettelst Du Dir vom Wirth ein Huhn, das Du Dir auf dem weiten Hofe, wo das scheue Geflügel kaum zu erjagn ist, mit der Flinte aus dem Haufen herausschießen mußt. Du setzest Dich oder vielmehr hockest zu den Andern an die Feuerstelle, um welche für diesen Zweck niedere Bänke herumgeschoben sind. Weil die gastliche Flamme, wie früher erwähnt, nicht durch gehacktes Holz, sondern durch ganze Stämme, wie sie aus dein Walde kommen, genährt wird, so ragen diese, an einem Ende angezündet, mit dem andern weit in die Stube hinein und müssen, wie sie das Feuer mehr und mehr aufzehrt, weiter und weiter nachgeschoben werden, ein Verfahren, das nicht ohne knisterndes Aufsprühen von Funken und Aufwirbeln neuen Rauches vor sich geht, und wehe Dir, wenn der Luftzug nach Deiner Seite geht; denn dann bekommst Du eine Wolke in's Gesicht, daß Dir Hören und Sehen vergeht, und fast auch der Appetit nach dem Huhn, das Dir endlich vorgesetzt wird. Messer und Gabel erhältst Du keine dazu. Du mußt Dich, wenn Du nicht vorsorglich diese Waffe mit Dir genommen hast, mit Deinen fünf Fingern behelfen. Du mußt, mit jenem Professor Chirurgiä zu reden, „Deine Finger zur Hand nehmen." Dafür fehlt es Dir nicht an Gesellschaft. Ist das Geflügel auf dem Hofe scheu, so sind die jungen Schweinchen in der Stube um so zutrau- -<< 13 >— licher, so daß Du Mühe hast sie abzuwehren, die gar zu gern an Deiner Mahlzeit theilnähmen. Warst Du nicht so glücklich Dir ein Ertra-Gericht zu erobern, so mußt Du Dich um die gemeinsame Schüssel setzen, in welche der Handzija mit seinem Löffel zuerst hineinfährt und Dir, wenn er Dich als ungewohnten Gast auszeichnen will, denselben, nachdem er dreimal hinein-gcspuckt und ihn dann mit einem kappen seines schmierigen Gewandes rein s?!) gewetzt, zu Deinem Gebrauche hinhält. Lehnst Du es ab und ziehst Du vor Dich Deines eigenen Löffels zu bedienen, so schmunzeln die Andern und winken einander überlegen zu, weil Du nicht weigt was Sitte und Höflichkeit ist. Du begibst Dich zur Ruhe, d. h. Du willst Dich zur Ruhe begeben; ob Du sie finden wirst, ist eine andere Frage. Nicht die hölzerne Pritsche wie man sie in unsern Wachtstuben findet, oder der vielgebrauchte garstige Teppich mit eben solchen Polstern die man Dir zur Lagerstätte anweist, wird Dich daran hindern; denn Du bist müd, und Müdigkeit ist der beste Ein-lullcr, wie Hunger der beste Koch. Aber was lebt nicht alles auf dieser schönen Welt, und will leben! Dein Tagewerk ist vollbracht, aber das Nachtwert einer ungezählten unsichtbaren ungreifbaren Fülle winzig kleiner Wesen beginnt. Vergebens windest Du Dich, sträubst —< 14 >— Du Dich, wirfst Dich aus einer Lage in die andere. Voll Marter und Entsetzen springst Du endlich auf, machst Licht, hältst es gegen den Kampfplatz Deiner unerbittlichen Feinde und rufst mit dein Erbarmungs? schrei des unglückseligen Montgomery: Haltet cin Furchtbare! Nicht den Unverthcidigten Durchbohret!....... Zu euren Füßeu sink' ich wchrloö flehend hiu, Laßt mir da« Vlut dcö Leibes, nehmt ei» i!ösegeld! Umsonst, sie nehmen kein Lösegeld, sie wollen das Blut Deines Leibes. Und nicht das Gethier unserer Regionen, dessen Namen wir nicht gern aussprechen und dessen zudringliche persönliche Bekanntschaft wir noch weniger gern machen, allein ist es, das es auf Deine Ruhe abgesehen hat. Noch ganz eigene kleine Peiniger gibt es da, von denen der Preuße Maurer eine zum beißen ähnliche Schilderung geliefert und für die er den Namen „Bosniaken" in Vorschlag gebracht hat. Ja, man spricht von Skorpionen, die in dem Haus hier und da ihren nächtlichen Rundgang machen. Daß sich auf Sir Gardner Wilkinson, als er in dem Dorfe Caplina südlich von Pocitelj im Einschlummern begriffen war, eine Katze mit ihren Jungen legte, soll nur als Ausnahmsfall, dessen Wiederkehr Du nicht so leicht zu besorgen hast, angeführt werden. Doch selbst wenn —< 15 ^- Deine Haut unverwundbar wäre wie die des gehörnten Siegfried, Du müßtest Dir auch die Ohren verstopfen wie Odysseus, denn eine andere Plage wartet Deiner in Städten und größern Ortschaften, wo Du mitunter einen leidlich guten Han und ein Bett in halbwegs europäischem Zustand triffst. Ein Hund in Deiner Nachbarschaft fährt klaffend auf, und Du mit ihm aus Deinem ersten Schlaf; er hat etwas Verdächtiges gehört, und beginnt ein Wuth- oder Iammer-geheul, in das seine nächsten Commilitonen einfallen, und so immer weiter, bis alles was Hund heißt in der ganzen Runde an dem Hollen-Concert theilnimmt. Auf einmal ein scharfer Laut, eine plötzliche Stille, ein wiederholtes Klatschen und Patschen . . . offenbar ist einem der aus dem Schlafe geweckten Hausherrn der Spektakel zu toll geworden und er kardätscht seinen Phylax tüchtig durch, worauf der Lärm eine Weile mit verstärkter Heftigkeit losbricht, aber dann allmälig, schon durch die Ermüdung der Bestien, längere und längere Pausen eintreten, bis zuletzt alles wieder still wird. Du aber bist um die erste Hälfte Deines Schlummers gebracht, und magst schauen, ob und wie Du die zweite findest. Der schon genannte Franz Maurer, der einen Theil von Bosnien durchflogen und darüber ein sehr lehrreiches Buch geschrieben hat, worin er nur unritter- lich und undankbar seinem Vorgänger Roskiewicz, der als Pfadfinder die schwierigere Aufgabe hatte, überall etwas am Zeuge zu flicken sucht, versichert den Leser: „Geschlafen habe ich während meines Aufenthaltes in Bosnien nur in Banjaluka und Sarajevo, und zwar in europäisch eingerichteten Zimmern und Betten; außerdem in Travnik auf einer eisernen Bettstelle, und in Dolnja Tuzla, sowie in Brcka auf den erhöhten Polstern in den dortigen Kanzleien als Gast der türkischen Behörden." Der Volksstamm, von welchem die Bosna und Hercegovina bewohnt werden, ein Zweig des großen serbisch-kroatischen Stammes, ist in seiner körperlichen Erscheinung einer der edelsten; seine Sprache, von den muhamedanisirten vornehmen Bosniern besonders schön gesprochen, ist, obwohl etwas mit türkischen Ausdrücken untermischt, eine der wohllautendsten der slavischen Ra?c. Die Bosnier und Hercegoviner sind mäßig und genügsam, in hohem Grade sittlich, von natürlicher Begabung und nicht ohne Verlangen besseres zu lernen, kurz sie besitzen eine Menge der trefflichsten Eigenschaften.-nur mit allem, was in das Gebiet der Kallobiotik einschlägt, haben sie wenig oder nichts zu schaffen. —< 17 >— Wenn wir uns ein schottisches Vauernhaus und dessen Angehörige vorstellen, aus dem Lande der alten Pikten und Skoten, oder eines in der Normandie, dem Sitze der Cäsar-berühmten Gallier, oder ein sachsisch-altenburgisches oder eines aus den fruchtbaren Niederungen der obern Elbe und der Adler, mitten in der einst verrufenen Wildnis des unabsehbaren hercynischen Forstes, oder eines aus den tyrolischen und inner-öster-reichischen Bergen, dem alten Rhätien und Norikum, und wenn wir das Bild dagegen halten, das uns eine bosnische oder hercegoviner Häuslichkeit bietet, welcher Abstand! Alles befindet sich da in einer Art Urzustand. Die Bestellung der Felder ist auf der untersten Stufe. Ein Pflug aus einem starken Baumstamm ohne ein Stückchen Eisen, vier, sechs, auch acht Rinder davorgespannt, die von zwei, drei und mehr Personen unter großem Geschrei angetrieben werden; hinter dem pflügenden Bauer das Weib oder die Tochter, die in die Nisse — Furchen kann man eS kaum nennen — den Samen streut, über den sie mit ihrem nackten Fuße leichthin Erde schiebt. Oft vertreten Ruthen und Dornen die Stelle der Egge, den Rechen kennt man nicht, eben so wenig den Dreschflegel; die Körner werden aus den Aehren durch darübergejagte Pferde ausgetreten. Brachwirthschaft versteht sich von selbst, von rationellem Frucht- u. Helfert, Bosnisches. 2 —»< Iss >»— Wechsel keine Spur, Raubbau der unbekümmertsten Sorte. Die Last- und landwirthschaftlichcn Wagen (uiadii) ohne eisernen Reif oder Nagel an Achse und Deichsel, auf Rädern oder vielmehr hölzernen Scheiben, die der Bauer selbst geschnitten, nicht rund, sondern sechs- oder achteckig, in oval ausgeschliffenen ungeschmierten Achscn-löchern: man kann sich das Gekreisch und Gekrach vorstellen das ein solches Vehikel auf holprigen steinigen Wegen verursacht! Die Wohngebäude in der primitivsten Weise aufgeführt, häufig ebenerdig mit zwei Gelassen, von denen das eine als Küche Speisezimmer und Bcrathungssaal dient; in der Mitte ein großer viereckiger Stein, über welchem fast den ganzen Tag das Feuer brennt und ein großer Kochkessel hängt; ohne Schornstein, so daß sich der Rauch seinen Weg durch Thüre und Fenster sucht; letztere mit Läden schlecht und recht zu schließen, oft mit Papier verklebt, Glasscheiben ein unbekannter Luxus. Wenn das Haus ein Stockwerk hat in welches eine steile Holztreppe hinaufführt, so dienen die obern Räume der Familie, die untern der Dienerschaft und dem Vieh; beide scheidet eine einfache Bretterlage durch deren Spalten Flüssigkeiten, die man oben ganz ungenirt ausgießt, auf die Köpfe der unten Weilenden herabträufeln . . . —< 19 >— Am Ende, will man sich über die Anspruchslosigkeit wundern, in welcher der serbische Kmet (Unterthan, Bauer) sein äußeres Leben dahinbrachte, wenn eine hohe türkische Obrigkeit in ihren Wohn- und Amts-Räumlichkeiten kaum besser versorgt war?! Man betrachte das Bild daS uns Spiridion Gopcevic in der „Heimat" (1878 II. S. 729) von der einstöckigen „Amtswohnung" des Kaimakam von Gacko, den er mit seinen Begleitern aufsuchte, entwirft! Ein Stall, dessen Düfte die Eintretenden zwangen das Taschentuch vor die Nase zu halten, als'„Vorzimmer"; ein Gemach wie ein großer Kamin mit angeräucherten, von zolldickem Ruß bedeckten Wänden als „Speisezimmer"; darüber, unmittelbar unter dem Dach», ein winziges Kä'mmerchen mit einem kleinen runden Fensterloch als „Schlafzimmer", und hart daran eine größere Dachkammer mit drei Fensterlöchern als „Arbeits- Sitz-und Berathungs- und zugleich Fremden-Zimmer", mit einem sehr niedern und primitiven Tisch in der Mitte und um diesen herum etwa ein Dutzend sehr unsaubere Kissen, deren Zustand den Reisenden derartiges Mistrauen einflößte, daß sie es gerathen fanden sich über Nacht in ihre Plaids zu hüllen. Man wird zugeben, als Civilisator, wofür man von gewisser Seite und vor gewisser Zeit ihn auszugeben 2* -^ 20 >— eifrigst bestrebt war, hat es der Türke nicht weit gebracht, und viel näher läge die Behauptung und viel sprechender ständen die Beweise zu Gebote, wenn man ihn einen Entcivilisator nennen wollte. Man blicke, was den Punkt der Verkehrswege betrifft, in das Fürsten-thum Serbien, wie ganz anders dort so manches geworden ist, seit es nicht mehr unter der barbarischen Herrschaft des Halbmondes steht! In den meisten Theilen des Landes gibt es regelrechte und gute Straßen, wobei die Regierung auch für bessere Einkehrhäuser sorgt; man darf dabei allerdings nicht an schweizerische oder rheinländische Hotels denken, aber man findet doch eigene Zimmer für Fremde, gegen die frühern Zustände ein gewaltiger Fortschritt. In ähnlicher Weise wird sich, so steht zu erwarten, das unabhängig gewordene Rumänien, das neu erstandene Bulgarien all-mählig entwickeln. Und Bosnien und Hercegovina? Wenn man sich die Leistungen unserer trefflichen technischen Corps gegenwärtig hält, wie sie, um den Vormarsch der Colonnen mit Geschütz und Wagen möglich zu machen, binnen wenig Stunden oder über eine Nacht Fahrstraßen herstellten, wo kurz zuvor kaum das Saumthier oder ein einzelner Reiter fortkommen konnte, fo ist es wohl nicht zu sanguinisch die Erwartung zu hegen, daß binnen Jahr — 21 >— und Tag ein Netz sicherer und bequemer Heerstraßen sich über Gebiete ausbreiten wird, denen die Natur so viel und so reiches geschenkt hat, was bisher, abgesehen von andem Gründen, wegen der Mangelhaftigkeit aller Wege und Mittel des Verkehrs ungeschätzt und unbenutzt dahin liegen mußte. Der Oestorreicher hat hier das Werk des Römers wieder aufzunehmen, und wie diesem seine Legionen das Land, das sie mit dem Schwerte erobert, durch Anlegung von Straßen, durch Besiedelung von Kolonien und Municipien, durch Urbarmachung und Pflege des Bodens — man erinnere sich an die Einführung der Weinrebe im Save-Gebiete unter Kaiser Probus — wirthschaftlich, verkehrlich und gesellschaftlich näher brachten, so werden unsere Brigaden und Divisionen, nachdem sie sich erst mit dem Bajonnet Bahn gebrochen, den Künsten und Segnungen eines erwerbthätigen Friedens, einer neuen schöpferischen und gefälligeren Ordnung der Dinge eine Stätte bereiten. . . Von den Römern bis auf uns! Anderthalb Jahrtausende liegen dazwischen! Wie konnte es geschehen, daß europäische Länder, die zu Diokletian's und Theodosius' Zeiten auf durchaus keiner höhern, ja zum Theil — man denke z. B. an den skandinavischen Norden — auf einer viel tiefern Stufe der Bildung standen als das damalige Illyricum, heute ein Bild vollendetster Cultur und Civilisation darbieten, während die Zustände in dem dalmatinischen Hinterlande nicht im entferntesten mehr an dessen alte Bildungsstufe erinnern?! II Has Ami Ham M tw Dmog- chum mm heiligen Anna. W^.er langgebehnte Küstenstrich von Dalmatien mit ^«M hinein bergigen Hinterland hat im frühen Mittel-^^s alter den Tummelplatz gothischer slavischer ava-rischer Raub- und Wanderzüge, Ueberfälle und Kämpfe abgegeben, bis 630—640 die Slaven vollständig und bleibend von dem Gebiete Besitz nahmen. Sie haben dann vielfach den Herrn gewechselt. Von Vyzanz ziemlich unabhängig schienen sie eine Zeit die fränkische Oberhoheit anerkennen zu wollen, als Herzog Paul von Dalmatien und Bischof Donatus von Iadera 806 Gesandte an Karl den Großen abschickten, der sie zu Diedenhofen herrenfreundlich aufnahm. Beinahe ein —< 26 >— halb Jahrhundert später vereinigt der Chorvaten-Fürst Trftimir unter seinem Scepter das ganze Gebiet, dessen am Meer gelegene Theile seit langem von den Saracenen zu leiden hatten. 869 verbindet sich Fürst Domagoj mit Kaiser Ludwig II. zur Bezwingung des kühnen Räubervolkes, was 871 mit der Einnahme von Bari, ihrem Hauptsitze in Unter-Italien, glücklich zustande kommt. Aber mittlerweile haben die wilden Naren-tiner, Anwohner der Narenta, also im Umfange der heutigen Hercegovina, selbst Gefallen am Korsarenthum gefunden und machen die Küstenstriche zu beiden Seiten des adriatischen Meeres weithin unsicher. Das führt zu einem Bündnisse der Chorvaten mit den Venetianern, deren Doge Peter Candiano mit einer gewaltigen Flotte gegen die Narentiner auslauft, 887. Nächst Zara kommt es zur Seeschlacht, der Doge fällt, sein Admiral-fchiff wird Beute der Narentiner, welche nur die Leiche des Seehelden ihren Feinden ausliefern. Zu Anfang des zehnten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung gelingt es den Groß-Zupanen von Serbien, das Gebiet der Narentiner, jenes von Hum (Chlum), gleichfalls in der heutigen Hercegovina, sowie das der Bosna und Una zu ihrer Herrschaft zu schlagen. Doch bald darauf finden wir das narentinische Schiffsvolk wieder in voller ungebundener Thätigkeit; sie nehmen --< 27 <— es selbst mit den Saracenen auf, steuern nach Apulien hinüber, wo sie Manfredonia belagern. Zuletzt bietet Venedig seine ganze Macht auf, dem Treiben des unbändigen Slavenstammes ein Ende zu bereiten. Peter Urseolo II. verläßt im Mai 997 Venedig, lauft im Triumphe im Hafen von Zara ein, nimmt bei der Insel Curzola vierzig Korsarenschiffe gefangen, erobert eine Insel, bezwingt eine Stadt nach der andern, beugt den Fürsten der Narentiner der sich verpflichtet die venetiamsche Flagge künftig zu schonen, empfängt die Huldigung der Stadt und des Bischofs von Ragusa und legt sich 998 den Titel eines Herzogs von Dal-matien bei. . Um dieselbe Zeit hat Drzislav unter dem Schutze von Byzanz, dessen Patricier er hieß und das ihm die königlichen Würdezeichen dazu sandte, den Titel eines Königs von Chorvatien und Dalmatien angenommen. In den Kämpfen, die sich darüber zwischen den Chorvaten-Fürsten und den venetianischen Dogen entspinnen, bleiben diese anfangs Sieger. Otto Urseolo zwingt 1018 Krjesimir III. um Frieden zu bitten. Doch dessen Nachfolger Peter Krjesimir IV., zubenannt der Große, erobert mit byzantinischer Hilfe den ganzen Landstrich zurück, worauf der Doge Domenico Contarini den Titel eines Herzogs von Dalmatien aufgibt, 1069. —< 28 -— Bosnien, oder doch ein großer Theil dessen was, wir heute so nennen, war damals in Banate getheilt: 1080 erscheint der BanuS von Ram a unter jenen sieben, die, wie die deutschen Kurfürsten den römischen Kaiser, den König von Kroatien wählten. Gegen Ende des eilften Jahrhunderts begann Ungarn merklicher in die Schicksale der westlichen Südslaven-Gebiete einzugreifen. Im Jahre 1091 setzte König Ladislaus seinen Sohn Almus als Herzog von Kroatien ein; 1102 ließ sich Koloman vom Erzbischof Crescentius von Spalato in Biograd (Lara veeoliia) krönen; 1105 unterwarf sich ihm, nach langer Belagerung, Zara und ließ den Sieger im Triumphe einziehen. In Zara wurde eine Veste für die ungarische Besatzung erbaut, Spalato opferte für letztern Zweck den Osttheil des diokletianischen Palastes. Nach Kolo-man's Tode, 1114, gingen allerdings diese Eroberungen wieder verloren, der Doge Ordelafo Falieri nahm Zara ein, jagte die ungarischen Truppen in die Flucht, ließ die Mauern von Sebenico schleifen und zerstörte Biograd. Es gab jetzt langdauernde und wechselvolle Kämpfe zwischen Ungarn und Venedig um den Besitz der östlichen Adria; allein den Anspruch, den die Nachfolger Ladislaus' auf diese Gebiete erworben, gaben sie nie wieder auf und führten, wenn sie auch thatsächlich aus -^ 29 ^- ^em Besitze verdrängt waren, die Titel davon ununterbrochen fort. Für das Gebiet der Narenta hießen sie sich nach der Hauptstadt „(.'Iilumae Duces." In einer Urkunde des blinden Königs Vela II. von 1138 kommt zum erstenmal die Benennung „König von Nama" vor, wie Bosnien damals geheißen wurde. Nach seinem Tode, 1141, fielen Ungarn mit Kroatien und Dalmatien an Gejsa, Syrmien an Stephan, Nama an Ladislaus. Die ungarische Herrschaft war nicht bleibend. Rama und das Gebiet der Narenta behielten nicht blos ihre administrative Eigenart, sondern gewannen mit der Zeit auch politische Selbständigkeit, die sie sowohl gegen die Könige von Ungarn als gegen die Fürsten von Rascien — Serbien, von der Stadt Rasa, jetzt Novipazar, und dem anliegenden Gau Rasani; daher Rassiani, magyar. Mczok, Rüzen, Raizen—zu behaupten suchten. Die Regierung der VaneBortt 1141-1168, und Kulm 1168-1204, gelten den Bosniern noch jetzt als ein goldenes Zeitalter; Nachkommen aus dem Geschlechte sollen bis auf den heutigen Tag leben; die Begs von Kulm Vakuf (Novo Selo an der Una) betrachten sich als solche. Unter Kulin herrschten Ordnung und Wohlstand im Kande, Handel und Gewerbe blühten, der Bergbau gab reiche Beute. Auch die byzantinischen Kaiser hörten nicht auf —< 30 -— eine Art Oberhoheit über die Gebiete im Osten der Adria zu beanspruchen; doch war es mehr Name und Form. Im Frühjahr 1221 auf der Synode von Nicäa erlangte der Mönch Sava (Sabbas) vom Berge Athos, der jüngste Sohn des Groß-Zupan Aöepan Nemanja, vomKaiserTheodorLastaris und dem Patriarchen Germanos die Erlaubnis ein selbständiges serbisches Erzbisthum zu errichten. Nach seinem Tode, 14. Januar 1237 > winden seine irdischen Reste mit großer Andacht und Feierlichkeit erhoben und im Kloster Mileseva nächst Prjepolje beigesetzt. Er galt von da an allen Südslaven als National-Heiliger, gleich seinem Vater, der nach einer ruhmvollen Regierung sein Leben gleichfalls als Mönch auf dem Berge Athos geendet hatte und als heiliger Simeon verehrt wird. In der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts begann die Macht der Fürsten von Bosnien sich zu heben. Ocepan IV. Kotromanovic nannte sich 1326 „Ban von Bosnien, Fürst von Hum." Fünfzig Jahre später, 1376, hebt mit Scepan Tvrdko I. die Reihe der bosnischen Könige an. Nachdem dieser hiezu die Genehmigung Ludwig des Großen von Ungarn angesucht und erhalten hatte, ließ er sich im Kloster des heiligen Sava krönen. Er erwarb das Zahumer Land, sowie einen Theil von Dalmatien und schlug sich tapfer mit den —- 31 >— Türken. Er nannte sich König von Serbien, Bosnien und Primorje. Das Gebiet von Hum verlieh er dem Groß-Vojvoden Vladko Hraniö als Lehen, der gleich seinem Sohne Sandal Hranw glücklich gegen die Osmanli kämpfte. Dem Könige Tvrdko I. folgte 139 l Scepan Dabisa, 1397 ^öepan Tvrdko II., den im Jahre darauf Kceftan Ostoja vom Throne stieß. Im Jahre 1418 riefen die Bosnier den Skpan^Ostojic statt dessen Vaters zum Könige aus, was zuletzt damit endete daß eigentlich alle drei bis an ihr Lebensende regierten: Ostoja f 1424, Ostojic -j- 1435, Tvrdko II. f 1443. Während dieser bosnischen Thronstreitigkeiten gewannen die Fürsten von Hum an Ansehen und Macht, bis sich scepan Kosaca im Jahre 1440 von Kaiser Friedrich IV. das Wächteramt am Grabe des heiligen Sava mit dem Titel eines „Herzogs des heiligen römischen Reiches" erwarb; sein Land hieß von da an „Herzogthum vom heiligen Sava", woraus abgekürzt der heutige Name Hercegovina, türkisch Hersek, wurde. Die Tage des bosnischen Königreichs waren gezählt. Die Nachfolger von Tvrdko II. erkauften sich eine Zeitlang durch Zinsvflicht und Demüthigungen ihre Unabhängigkeit von der neuen mächtig aufstrebenden türkischen Macht, bis der letztern erneute Thronstrcitig-keiten und Wirrnisse im Lande willkommenen Anlaß zur Einmischung boten. Im Jahre 1460, auf der Hochebene von Bjelaj (Bjelajsko Polje), deren Beste er gegell einen störrischen Vasallen belagerte, wurde Sceftan Toinas Ostojic in seinem Zelte erwürgt; die Thäter waren sein Halbbruder Nadivoj und sein natürlicher Sohn ^cepan, der sich zum Nachfolger des Ermordeten ausrufen ließ. Die Königin-Witwe Katharina bat den Sultan Mühamed II. um Hilfe, der mit einem großen Heere 1462 in das Land fiel und es mit Feuer und Schwert verheerte, ^cepan rief sein Volk in die Waffen, wandte sich an den Papst, nach Venedig, nach Ungarn um Hilfe und schloß sich in seine Burgen. Doch das feste Bobovac fällt durch Verrath, Iajc? leistet keinen Widerstand, Acepan flieht nach Kljuc, wo ihn die Türken einschließen und, gegen das Versprechen ihm das Leben und einen Theil seines Gebietes zu lassen, zur Uebergabe bringen. Allein Muhamed benutzt den Vertrag nur, um sich die festen Platze des Landes einräumen zu lassen; nachdem das binnen wenig Tagen vollzogen ist, läßt er sich durch seinen Mufti von der gemachten Zusage entbinden. Auf dem Felde von Blagai, an dem Zusammenfluß der Iapra und der Sana, hält der türkische Eroberer blutiges Gericht über Alle, die nicht den christlichen Glauben abschwören wollen. Da gingen an einem Tage, 30. Juni 1463, —< 33 ^- elendiglich zugrunde: der König Scepan Tomasevic — es heißt, der Sultan habe ihm mit eigener Hand den Kopf abgehauen —, dessen Ohm Radivoj, viele Fürsten und Heerführer, die Blüthe des bosnischen Adels. Dreißig^ tausend Knaben ließ der Sultan unter seine Ianicaren stecken, zweihunderttausend Einwohner, Männer Weiber Kinder, in die Sclaverei abführen. Mit Bosnien fiel auch Rascien, unter türkische Botmäßigkeit; es wurde zur Provinz des Beglerbegs von Rumili geschlagen. Jetzt erst brach Mathias Corvinus von Ungarn auf. Noch im Herbst 1463 eroberte er den größten Theil von Bosnien, zog in das Gebiet des heiligen Sava, dessen Herzoge er vergebens zum Anschlüsse zu bewegen suchte. Sie zogen es vor, den Türken Tribut zu zahlen und unter dem Schutz des Sultans, als des nähern und mächtigern Feindes, ihr Dasein zu fristen. Auch das währte nicht lang. Zwanzig Jahre nach dem Falle Bosniens, 1483, hatte es auch mit der Selbständigkeit des Herzogthums vom heiligen Sava ein Ende. Im Jahre 1423 hatte sich ein gewisser Scepan, von seiner dunkeln Hautfarbe mit dem Beinamen Crn i, ». Helfer«, Bosnisches. I —< 34 >— der Schwarze, zum Herrn der Zeta, der Landschaft am nordöstlichen Rande des Sees von Skutari, gemacht und seine Unabhängigkeit in wiederholten Kämpfen gegen die Türken behauptet. Sein. Sohn Ivan Crnojevic, 1449, ging ein Bündnis mit den Venetianem ein, wurde aber von diesen später verlassen, so daß er sich um dieselbe Zeit, da es mit der Selbständigkeit der benachbarten Hercegovina zu Ende ging, mit seinem Völklein nicht blos gegen den Anprall der Türken, fondern auch gegen die heimtückische Ländergier der Dogen von Venedig zu vertheidigen hatte. Aber was half Tapferkeit gegen drängende Uebcrmacht? Eine Ortschaft um die andere ging gegen das Meer hin an die Venetianer verloren, vor allem das wichtige Skutari; von der Landseite gewannen die Türken im Laufe der Jahrzehnte immer mehr Raum, so daß Ivan mit den Seinigen zuletzt auf den kleinen dürftigen düstern Fleck der Katunischen Felsen zurückgedrängt wurde. Aber hier in den „schwarzen Bergen" — Crnagora ^ nLFrn Monte - Montenegro — blieben sie unangreifbar; jeder Paß, jede Enge wurde benutzt den Zugang zu verhindern, Burgen auf beherrschenden, kaun: erkletterbaren Kegeln erbaut. Jeden streitbaren Mann ließ Ivan schwören, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Als Gesetz galt: wer den ihm angewiesenen Posten verließe ohne vom Führer abberufen zu sein, der werde ausgestoßen aus dem Kreise der Männer, in Frauenr'öcke gesteckt, mit dem Spinnrocken statt mit Flinte und Handzar in der Hand den Weibern und Kindern zum Gespötte gegeben. Cetinje war der Haupt-ort des kleinen Berglandes, dort gründete Ivan ein Kloster, dort nahm ein Bischof ihres Ritus seinen Sitz. Ivan's vierter Nachfolger, Georg Crnojevic II., vermählte sich mit einer Tochter aus dem Hause Mocenigo, welcher es in den schwarzen Bergen nicht behagte, bis ihr Gemahl 1516 die Regierung in die Hände des Bischofs ^vlaclika) German niederlegte und sich nach Venedig in's Privatleben zurückzog. Von dieler Zeit hatten die Crnagorcen in ihrem Vladika ihr geistliches und weltliches Haupt, unter welchem der Voivode des Katunischen Bezirkes als Gubernator die Verwaltung leitete. Im größern Theile von Bosnien, namentlich im Gebiete von Iajce und in der Krajina, herrschte noch fortwährend der Ungar, so daß die Macht des türkischen Statthalters kaum ein bis zwei Tagereisen über Bosna Sarai (Sarajevo) hinausreichte. Wiederholt boten die Osmanen ihre Kräfte auf um Iajce zu erobern, so 1590, 1519, 1524, wo die Veziere von Serbien und Bosnien vereint mit dem Veglerbeg von Rumili heranzogen, aber jedesmal nach erbitterten und blutigen Kämpfen 3* —< 36 -— aus dem Felde geschlagen wurden. Da kam der Unglückstag von Mohac, 29. August 1526, wo König Vladislav's Nachfolger und Sohn, der jugendliche Lud^ wig, Schlacht und Leben gegen seinen wilden Gegner Sultan Suleiman verlor. Damit war auch die ungarische Herrschaft in den südlichen Gebieten erschüttert, nach zehntägiger Belagerung fiel Iajce, dessen Veste durch mehr als sechs;ig Jahre so viele Angriffe und Stürme siegreich abgeschlagen hatte, und der Halbmond herrschte unbestritten im gan;en Gebiete der Vostia und Herccgovina. Nur der Küstenstrich des vcnetianischen Dalmatien und das crnagorische Felsenncst trennten die Türken von dem östlichen Gestade der Adria. Ueber die eroberten Gebiete brach jetzt eine Zeit unsäglichen Jammers und Elends herein. Sie wurden nach türkischer Sitte in Sandzaks (Provinzen) und diese in Kapctanfchaftcn abgetheilt; erstere mit einem Sandzak Bcg an der Spitze waren Vanjaluka, Kliffe (später Skoplje, Dolnji Vakuf), Zvornik, Mostar; letzterer gab es bei dreißig, an ihrer Spitze stand je ein reicher Grundherr, Kapetan genannt; der kleine grund- bcsitzende Adel waren die Agas. Ein großer Theil der bosnischen vornehmen Geschlechter und mit ihnen viel -^ 37 >— unterthämges Volk nahm, um den Verfolgungen zu entgehen und sich im Besitz ihrer Rechte und Freiheiten zu erhalten, die Religion der Sieger an und drückte und mishandelte ihre früheren Glaubensgenossen — Rajah, d. i. Heerde, nannte man sie jetzt mit einem Sammelnamen — ärger als die gebornen Muslims. In minderem Grade war dies, mindestens was die Masse des Volkes betraf, in der Hercegovina der Fall, besonders in den südlichen Gegenden, wo die Natur größere Hilfsmittel bot sich gegen eindringende Feinde und drohende Gewaltthätigkeiten zu schützen. Auch war es hier das nahe Beispiel der Katunsta Nahia, das ermunternd wirkte. Tausende von bosnischen und hercegoviner Familien flüchteten mit ihrer beweglichen Habe in die Nähe der schwarzen Berge oder über die Gränze, nach Dal-matien, unter den Schutz der Republik Ragusa, nach Slavonien und Kroatien, bis nach Kram. Hier in der Gegend von Mettling, Sichelburg und Kostet wies Ferdinand I. 1530—1541 dreitausend „Herübergelaufenen", Uskoken, Wohnsitze mit voller Steuerfreiheit an und legte ihnen als Gegenleistung nur auf, in steter Bereitschaft gegen die Türken zu sein, auf was sie mit Freuden eingingen. Sie betrugen sich aber mit der Zeit so unmanierlich, raubten und mordeten, über- —< 38 '^- fielen Waarenzüg? auf dem Wege von Trieft nach Inner-Oesterreich, griffen Herrschaftsschlösser an, die sie ausplünderten, daß es fortwährend Klagen und Beschwerden bei der Negierung gab. Auch um Zengg und in andern Gegenden des Küstenlandes wurden bosnische und serbische Uskoken angesiedelt, die im Frieden ebenso unbändig waren und der kaiserlichen Regierung wiederholt Verdrießlichkeiten mit der Republik Venedig zuzogen. Das alte Narentiner Blut wurde in ihnen wieder lebendig, sie machten, wie ein paar Jahrhunderte früher, die adriatischen Gewässer unsicher und reizten die dalmatinischen Provveditoren der Republik zu scharfen Maßregeln. Gio. Vembo, Neffe des Provveditore Al-varo Tiepolo, schloß 1597 ein uskokisches Seeräuber-Geschwader in einer Buchl zwischen Sebenico und Trau ein; doch sie entkamen in einer stürmischen Nacht. Um 1600 wollte der kaiserliche Statthalter Ios. Rabatta mit den Zengger Uskoken Ernst machen, ließ zwei ihrer Vojvoden gefangen nehmen und aufknüpfen, entwarf einen Plan, sie in andere Theile des Landes zu schaffen oder als Besatzung der Gränz - Festungen gegen die Türken zu verwenden; allein eines Tages wurde er in seinem Gemach überfallen und ermordet. Die Uskoken trieben es jetzt ärger als früher. Bald unternahmen, sie Naubzüge zu Schisse in venetiamschcs Gebiet, wo sie —< 39 >— Ortschaften plünderten, Gefangene fortschleppten und Brandstätten zurückließen; bald griffen sie venetianische Staatsschiffe mitten im Hafen an und erklärten öffentliche und Privat-Gelder, die sich darauf fanden, als gute Beute; oder überfielen den Provveditore von Veglia in seinem Amtssitz und schleppten ihn gefangen nach Sengg, so daß sich Erzherzog Ferdinand von Steier-mark persönlich in's Mittel legen mußte, um ihn der Freiheit zurückzugeben, 1610. Zu 5iande waren die Türken ihr Ziel, gegen die sie sich, wenn es Krieg gab, mit Lust und Tapferkeit schlugen; aber auch wenn der kaiserliche Hof mit der Pforte im Frieden war, ließen sie sich trotz der strengsten kaiserlichen Befehle nicht immer halten. Gleichwohl mochte die österreichische Negierung, trotz aller Verlegenheiten und Händel in die sie durch das unbändige Volk geriech, ihre kräftigen Arme nicht ent» behren, und als eine Anzahl Zengger Freibeuter den Erzherzog Ferdinand anging, ihnen zu gestatten sich dem Fürsten von Toscana oder jenem von Neapel als Soldknechte zu verdingen, wurde ihnen die Bitte abgeschlagen, weil Ferdinand fürchtete Zengg und dessen Gebiet von Vertheidigern zu entblößen. Uebrigens war lang nicht mehr alles Bosnier oder Hercegovce, was Uotokc hieß; das zügellose abenteuerliche Leben, das -« 40 >— wilde Jagen und Treiben zog lockere Gesellen, Strolche, entlaufene Missethäter aus allen Gegenden herbei, um sich den uskokischen Zügen und Raub fahrten anzuschließen, freilich auch, wenn sich das Blatt wendete, Gefahr und Strafe mit ihnen zu theilen. Als 1618 am 14. August ein großes Vlutgericht gehalten und eine Anzahl Uskoken wegen ihrer Frevelthaten an den Pfahl geknüpft wurde, befanden sich darunter, wie der Engländer Wilkinson erzählt, nicht weniger als neun seiner Landsleute. m Dnns I^ugen oon ^aooye^ MWas Hinausdrängen der Türken aus Europa und Z»IM die Wiebergewinnung der Länder, die einst zur ?^W! St. Stephans-Krone gehört, haben seit der ^ Mohacer Schlacht die Fürsten aus dem Hause Oesterreich nie aus den Augen verloren. In dem Inau-gural-Eid der Könige von Ungarn, in den Reichsfahnen und Wappen die bei der Krönung vorangctragen werden, ist die „Recuperation der Avulsen" nie in Vergessenheit gerathen. Auf dem Reichstage zu Regensburg 1518 erhielt Kaiser Max vom Papste einen geweihten Degen und Hut, um die christlichen Heere im Kreuzzuge gegen die muhamedanischen Eindringlinge zu führen; aber einige Monate später, 12. Januar 1519, war er eine Leiche. Die heilige Liga, die 1538 zu Rom zwischen Paul lll., Kaiser Karl V., König Ferdinand I. und der Republik Venedig geschlossen wurde, hatte zum Ziele: die Türken aus allen europäischen Ländern und Inseln zu verjagen, das byzantinische Reich wieder herzustellen, Karl V. zugleich zum römischen und griechischen Kaiser zu machen. Im Jahre 1557 beschickte Car Ivan den Kaiser Ferdinand mit einer Gesandtschaft, an deren Spitze der russische Metropolit Gregoriuo stand und die zum Zwecke hatte, ein Kriegsbündnis wider den „türkischen Bluthund" zustande zu bringen, der blos „durch die Mishelligkeit und Vernachlässigung der vorgewesenen christlichen Potentaten" so mächtig angewachsen und zugenommen, und den man mit vereinter Macht in Konstantinopel heimsuchen und angreifen solle. Nachdem der große deutsche Krieg 1629 durch den Frieden von Lübeck beendigt zu sein schien, einigten sich Maximilian von Bayern und Albrecht von Waldstein in der Ansicht „alles ledige Kricgsvolk zur Befreiung der Griechen zu führen"; Maximilian setzte sich mit dem kaiserlichen Generalate „der kroatischen windischen und petrinianischen Gränzen" in Briefwechsel und berieth sich mit Kaspar Scioppius, der wichtige Verbindungen in Morea, in Epirus Albanien und .^, 45 ^- Bosnien hatte. Aber das Erscheinen des Schwedenkönigs Gustav Adolph diesseits des baltischen Meeres zündete von neuem die Kriegsfackel in Deutschland an und alle gegen den Osten gerichtete Pläne mußten aufgegeben werden. Erst die Vernichtung des türkischen Heeres vor Wien, 12. September 1683, machte den Weg in die seit mehr als anderthalb Jahrhunderten von dem Halbmond beherrschten ungarisch-serbischen Gebiete frei. Nach dem Falle von Belgrad, 6. September 1688, lagen Serbien Bosnien Albanien den kaiserlichen Feldherren offen, und freudig jubelten die geknechteten Länder ihren Befreiern entgegen. Mit Begeisterung schlössen sich die wehrhaften Männer an die kaiserlichen Truppen, die der Markgraf Ludwig von Baden, die Reiter-Generale Veterani und Fürst Piccolomini siegreich vorwärts führten. Alles Land von der Save bis Banjaluka wurde besetzt, der Sandzak-Beg von Zwornik bei Tuzla geschlagen, cin anderes türkisches Heer bei Kostajnica von Banus Draskovic fast vernichtet, 1689, während von der Küstenseite die Venetianer Knin Vrlika Sinj Duare eroberten. Fürst Piccolomini hatte den Patriarchen Arsenij Crnojevic III. von Pec (türkisch Ipek), dessen kirchliches Ansehen über alle Gebiete reichte wo Serben vom —< 46 — griechische« Ritus wohnten, zur Auswanderung nach Oesterreich bewogen, und so verließen 1689 und 1690 bei vierzigtausend rascische Familien ihre Heimat und gelangten, von crnagorischcn Kriegshaufen durch das feindliche Gebiet geleitet, in den Vereich der kaiserlichen Armee und dann weiter auf das kaiserliche Gebiet, wo ihnen in der Pozeganer Gespanschaft zwischen der Dräu und Save, in Syrmien, in der Backa und im temescher Banat, einigen um Ofen und Komorn, neue Sitze angewiesen wurden. Es war kein wildes zügelloses Volk wie weiland die Uskoken, es waren fleißige Ansiedler die sich den Schutz der Gesetze, dessen sie unter ihrem neuen Oberherrn genoßcn, zu schätzen wußten. Arsenij schlug seinen Sitz in Karlovic auf, das dadurch zum kirchlichen Mittelpunkt der griechisch-orientalischen Serben wurde. Zwar blieb der Patriarchenstuhl von Pec dem Titel nach aufrecht, und Arsenij 111. Nachfolger versuchten sich in ihrem alten Sitze zu erhalten. Allein die durch reiche Entsendung sehr gelichtete Schaar ihrer Getreuen wurde nicht blos von den Türken mehr als je bedrängt: auch die hellenische Geistlichkeit aus dem Phanar von Konstantinopel suchte die serbischen Metropolien und Bisthümer ihres nationalen Charakters zu entkleiden und in den Bereich ihrer Machtsphäre zu ziehen. __^ 47 ^__ Von Seiten des kaiserlichen Hofes wurde die südslavische Einwanderung in jeder Weise begünstigt; aber auch in den von den kaiserlichen Truppen besetzten auswärtigen Gebieten sollte der Rajah aufgeholfen werden. Ein Aufruf von Leopold I. vom 6. April 1690 an alle Völker von Illyrien Serbien Albanien Makedonien Bulgarien verhieß denselben freie Religionsübung, Eigenwahl ihrer Vojvoden, Wahrung ihrer Rechte und Privilegien; eine kaiserliche Instruction empfahl den Generalen Mäßigung gegenüber den neuen Unterthanen. Leider verletzte, diesen Befehlen zuwider, der Herzog von Holstein, der an die Stelle des zu früh verstorbenen Piccolomini trat, durch herrisches Auftreten, durch Erpressungen und Ausschreitungen seiner Truppen, aber auch durch unkluge Bevorzugung der Katholiken inmitten der überwiegenden Mehrzahl orientalischer Christen, die kaum gewonnene Rajah, die jetzt einzeln und in Massen dem heranziehenden Mustapha Köprili zuströmte und zur Vertreibung der Kaiserlichen aus den eroberten Gebieten mithalf. Jahre lang währte noch der Krieg, der Markgraf von Baden erfocht bei Slankamen, 19. August 1691, den schönsten Sieg, Prinz Eugenius von Savoyen gewann am 11. September 1697 die Entscheidungsschlacht bei Zenta und unternahm im October darauf an der Spitze von viertausend seiner besten Reiter -« 48 >— und zweitausendfünfhundert Mann auserlesenen Fußvolkes einen kühnen Zug in das Herz von Bosnien. Doboj Maglaj Zepce Vranduk wurden genommen und besetzt. Allenthalben strömte das christliche Landvolk herbei, bat um Schutzwachen und um die Erlaubnis sich dem Heere bei dessen Rückmarsch aus dem Lande anschließen zu dürfen; durch ganz Bosnien und die Hercegovina bis nach Albanien hinein ging ein viel verheißender Aufschwung, der die Aussicht in eine glücklichere Zukunft an den Namen und Heldenruhm des Prinzen von Savoyen knüpfte. Am 23. October war Sarajevo erreicht, das Eugen zur Uebergabe aufforderte. Doch verrä'therisch und wider alles Völkerrecht wurde auf die Abgeordneten geschossen, der Trompeter niedergehauen, der Cornet schwer verwundet, worauf der Oberfelbherr die Stadt der Plünderung und dann den Flammen preisgab. Am 25. October trat er seinen Rückzug an, wo er alles was türkisch war niederbrennen, die Schlösser von Vranduk und Maglaj sprengen ließ, aber bei vierzigtausend Christen, die sich ihm mit ihrer kleinen Habe anschlössen, über die Save brachte. Im Frieden, der zu Karlovic am 26. Januar 1793 auf fünfundzwanzig Jahre geschlossen wurde, leistete der Türke Verzicht auf Ungarn Siebenbürgen Kroatien und Slavonien; die Inseln der Save sollten ihm und dem —< 49 >- Kaiser gemeinschaftlich gehören; gegen Nordwesten bildete die Una die Gränze zwischen türkischem und kaiserlichem Gebiet. Venedig erwarb zu seinem Dalmatien das 1788/9 eroberte Gebiet bis an die dinarischen Alpen, wogegen Ragusa aus Besorgnis und Mistrauen gegen die Schwester-Republik von der einen Seite seines Gebietes Klek, von der andern Sutorina an die Türken abtrat, jene zwei Einschiebsel, die bis auf die letzte Zeit den dalmatinischen Küstenstrich unterbrachen. Es schreibt sich vielleicht aus jener Zeit her, daß die Krajina den Namen Türkisch-Kroatien führt, während die Venetianer die an ihren Besitz gränzenden hercegoviner Gebiete auch wohl Türkisch-Dalmatien nannten. In der Friedenszeit, die jetzt folgte, machten die Türken wiederholte Versuche, den einzigen Flecken zwischen ihren Provinzen Hersek und Albanien dessen sie noch nicht Herr geworden, das Felsennest der schwarzen Berge, in ihre Gewalt zu bekommen. Im Jahre 1699 war Daniel Petrovic aus dem Stamme Njegus zum Vladika erhoben worden, den 1702 Demir Pasa nach Podgorica zu einer Unterredung einlud; dort angekommen aber wurde er festgenommen, in den Kerker geworfen und gell. h«lj«lt, Bosnisches. 4 foltert, bis ihn die Seinen gegen drcitausendsechshundert Dukaten auslösten. Auch in der Crnagora hatten sich solche gefunden, die, um weltlicher Vortheile willen, ihren Glauben abschwuren und aus denen sodann die wüthendsten Gegner der christlich gebliebenen Bevölkerung wurden. Der wieder befreite Daniel beschloß, diesen Krebsschaden von Grund aus zu heilen. Es erging ein Gebot an alle, die nicht binnen einer gegebenen Frist zum alten Glauben zurückkehren würden, das Gebiet der Berge zu verlassen; die sich nicht gefügt, wurden an einem Tage überfallen und niedergemacht; am heiligen Christtag 1702 war kein Muslim mehr in seinem kleinen Staate. Die Kämpfe mit den Türken erneuten sich alle Jahre. Als Car Peter der Große 1711 die Pforte mit Krieg überzog, rief er den Bladika von Montenegro zum Bundesgenossen auf, erkannte öffentlich die Unabhängigkeit des Berglandes an und erklärte sich zu dessen Beschützer. Schon im Jahre darauf machte der Vladika Daniel Einfälle auf türkisches Gebiet. Der Seraskier Ahmed Pasa lieferte ihm eine Schlacht, in welcher Daniel verwundet und dreihundertachtzehn Crnagorcen getödtet wurden; allein der Sieg blieb in den Händen der letztern, die nur an türkischen Fahnen sechsundachtzig erbeuteten. Besser glückte es 1713 dem Groß-Vezier --, 51 >- Duman Pasa Kjuprilic, der mit den Pasas von Bosnien und der Hercegovina ein Heer von Hundertzwanzigtausend Mann von drei Seiten in die schwarzen Berge führte, alles Land verwüstete, alle Dörfer und Klöster verbrannte und bis nach Cetinje vordrang, das er in Asche legte. Der Vlabika floh und barg sich in einer Felsenhöhle. Allein bezwungen war darum das Ländchen doch nicht. Schon 1715 standen frische Heerhaufen desselben im Felde, lieferten den Türken eine Schlacht und fügten zum Schaden die Schmach, indem sechsunddreißig gefangene Begs und Agas gegen ebenso viel Ochsen und... Schweine, ein Gegenstand der Verachtung beim Muslim, ausgetauscht werden mußten. Gleich darauf ging der Vladika nach St. Petersburg — die erste russische Reise aus den schwarzen Bergen! — von wo er nebst reichen Geschenken einen Betrag von zehntausend Rubeln zur Wiederherstellung des von den Türken niedergebrannten Klosters von Cetinje und die Zusage eincr Iahres-unterstützung von fünfhundert Rubeln zur dauernden Erhaltung desselben nach Hause brachte. Um diese Zeit war es, wo Sultan Achmed III. den Karlovicer Frieden brach und im Juli 1710 dem Könige von Ungarn und Böhmen nenerdings den Krieg erklärte. Venedig war mit Karl VI. im Bunde, ge kämpft wurde an der untern Donau und Theiß, sowie 4* in den östlichen Hinterländern der Adria. Dort erfocht „der edle Ritter" die Siege von Peterwardein, 5). August 1716, und von Belgrad, 16. August 1717, eroberte das Banat von Temesvar, breitete sich in Serbien, in Türkisch - Kroatien, im nördlichen Bosnien, in der Walachei aus. Hier drang der Provveditore Generale Mocenigo tief in die Hercegovina ein, legte die Vorstädte von Mostar in Asche, zwang die Besatzung von Imoski zur Uebergabe, bis der Vertrag von Passarovic (Pozarevac), 21. Juli 1718, den Feindseligkeiten ein Ende machte. Diesmal erhielt Oesterreich das temescher Banat, die Walachei bis an die Aluta, die Festungen Belgrad Scmendria und Oabac mit Serbien bis an den Timok; von der Save und Una wurde die kaiserliche Reichsgränze bei zwei und drei Wegstunden auf bosnisches Gebiet hinausgerückt. Nach dem Frieden von Pozarevac war es auch, wo die Pforten-Regierung Rascien, das Gebiet von Novipazar, von der Provinz Rumili trennte und Bosnien zutheilte, wo es seither verblieb. Zwanzig Jahre später brach von neuem der Krieg zwischen der Türkei und dem Hause Oesterreich aus; aber es war kein Prinz Eugen mehr da. Man schien am goldenen Horn den Tod des unüberwindlichen Helden, -j- 21. April 1736, nur abgewartet zu haben, um von -^ 53 >— neuem das Glück der Waffen zu versuchen, und in der That, die Pforte hatte den richtigen Zeitpunkt erwählt. Am 20. Juli 1737 wurde der kaiserliche General Baron Raunach bei Ostrovica an der Una auf's Haupt geschlagen, während der Prinz von Hildburgshausen auf seinem Zuge nach Banjaluka einen Theil seines alten Kriegsruhms einbüßte. Eben so unglücklich waren die kaiserlichen Waffen auf dem ungarisch-serbischen Kriegsschauplätze. Das Misgeschick und wohl auch Ungeschick dreier kaiserlicher Generale in drei aufeinander folgenden Feldzügen, Seckendorf 1737, Königseck 1738, Olivier Wallis 1739, dazu schwere Bedrückung der Bevölkerung durch Steuern und andere Lasten, auch Kränkung in Angelegenheiten des Cultus verdarben alles, was ein Menschenalter früher der glorreiche Prinz Eugenius gut gemacht hatte. Im Belgrader Frieden, 18. September 1739, wurden die Donau, die Save und Una zu Gränzen zwischen den Besitzungen des Königs von Ungarn und Böhmen und jenen des Sultans bestimmt. So sehr es indessen, wie so eben erwähnt, manche der kaiserlichen Generale auf den von ihnen besetzten Gebieten in der Behandlung der Rajah versehen hatten, so daß diese wohl gar, in der Unüberlegtheit des ersten Verdrußes, den Heeren der türkischen Pasas zuströmten -^ 54 — und mit diesen gegen die Kaiserlichen gemeine Sache machten: so war dennoch der Abstand der geordneten Zustande unter dein kaiserlichen Regiment, dessen sich große Strecken des serbischen und Walachischen Gebietes durch mehr als zwanzig Jahre zu erfreuen gehabt, gegen die türkische Miswirthschaft und Willkür, Härte und Grausamkeit zu groß, um nicht jenem weitverbreitete Sympathien zu gewinnen und zu erhalten. Noch heute zeigen die Mönche dem Besucher des Klosters Ravanica eine Inschrift an der Südwand ihrer Kirche, die dein Kaiser Karl VI. den Dank der Klostergemeinde für den ihr gewährten Schutz und Beistand ausspricht. Als daher durch den Belgrader Frieden die Herrschast des Sultans neue Ausdehnung gewann, da folgte Crnojcvic' dritter Nachfolger Arsenij IV. Iovanovic dem gegebenen Beispiele und zog sich mit den Bischöfen von Nis Novi-pazar Uzica und einer großen Menge ihres gläubigen Volkes auf österreichisches Gebiet; doch wurden viele, auf ihrem Zuge von den Türken angegriffen, niedergemacht oder geriethen in Gefangenschaft und Sclaverei. So erging es auch einem Wanderzuge von Clemen-tinern, katholischen Albanesen, die nach dem Rückzüge der kaiserlichen Truppen ihre Wohnsitze verließen um sich jenseits der Save neue zu gründen: in den Rud-niter Bergen wurden sie von dem türkisch-bosnischen -^ 55 >— Parteigänger Mchmed überfallen und zu einem großen Theile erschlagen. Die wenigen, die sich retteten, kamen als Flüchtlinge auf slavonisches Gebiet; die noch heute in den Ortschaften Hertkovce und Nikince südöstlich von Mitrovic lebenden Clementiner sind wahrscheinlich ihre Nachkommen. Ueber die in dem dalmatinischen Hinterlande und in Serbien zurückgebliebene Rajah, natürlich die ungezählt größere Masse, entlud sich nun die islamitische Wuth in vollem Maße. Bischöfe und Priester erfuhren Martern und Verfolgungen, deren Einzelnheiten nur zum geringsten Theile aufbehalten sind; so vom Bischof Eutymios von Samako, der gehenkt wurde. Bald gab es keine nationalen Bischöfe mehr in den südflavischen Gebieten. Den Patriarchen von itonstantinopel waren die gleichnamigen Würdenträger von Trnovo in der Bulgarei, von Ochrida in Albanien, von Pec in den Serbenländern längst ein Dorn im Auge. Das Patriarchat von Trnovo war das erste das einging. Das von Pee wurde nach dem Tode Hadzi Kalinit s, eines Griechen von Geburt, f 1765, nicht wieder besetzt; es lebt aber noch heute auf österreichischem Boden fort, da die Metropoliten und Patriarchen von Karlovic als die wahren Nachfolger der Patriarchen von Ipek anzusehen sind. Am 15. Januar 176? entsagte auch —^ 5,6 >— der letzte Patriarch von Ochrida seiner Würde, die hinfort mit dem Konstantinopolitaner Patriarchate zusammenfiel. An die Stelle der frühern nationalen Patriarchen kamen phanariotische Bischöfe, und die arme Rajah wußte seither nicht, von wem sie mehr zu leiden hatte: von dem Uebermuthe und der Grausamkeit der mos-lemitischen Pasas Begs und Agas, oder von der Habgier, den Erpressungen und der hochfahrenden Willkür ihrer hellenischen Kirchenfürsten. Obwohl die Regierungen des christlichen Europa das ganze vorige Jahrhundert hindurch vollauf mit ihren eigenen Händeln zu thun hatten, so war der Plan, die Türken aus dem Welttheile herauszudrängen in den sie nicht paßten, mit nichten aufgegeben. Es-kamen immer wieder Anlässe wo er von neuem auftauchte, und immer war es das Haus Oesterreich, auf welches dabei in erster Linie gedacht wurde. So in der Zeit nach dem Frieden von Karlovic, wo der spanische Cardinal Alberoni alle christlichen Regierungen zu einem Bündnisse für diesen Zweck zu bewegen suchte; aus der Theilung der europäischen Türkei sollten dem Könige von Ungarn und Böhmen die Walachei Serbien 57 und Bosnien zufallen. Um die Mitte des Jahrhunderts war es Voltaire, der dem Könige Friedrich II. von Preußen den Gedanken nahelegte, sich mit Oesterreich und Nußland in die Balkan-Halbinsel zu theilen. In den achtziger Jahren kam dann das Bündnis Joseph II. mit Katharina von Rußland zur Niederwerfung der türkischen Herrschaft in Europa zustande. Die Carin hatte dabei nichts geringeres im Sinne, als die Wiederaufrichtung des griechisch-orientalischen Kaiserthums von Vyzanz. Joseph für seinen Theil wollte sich mit der Stadt und dem Gebiete von Chotin, einem Stück Walachei bis zur Aluta, Nitopolis Vidin und Orsova, zur Deckung von Galizien Siebenbürgen und Ungarn begnügen; außerdem beanspruchte er eine senkrechte Linie von Belgrad bis an das adriatische Meer mit Inbegriff von Venetianisch-Istrien und Dalmatien, für deren Entgang die Republik von San-Marco reichlich durch die Halbinsel Morea, die Inseln Kandia und Cypern entschädigt werden könnte; also ziemlich jene Länderstrecken, die zu Prinz Eugenius Zeiten uns gehört hatten oder doch von unsern Fahnen siegreich waren durchzogen worden. Die Carin war mit allen Punkten einverstanden; nur die venetianischen Gebietstheile wollte sie ausgeschlossen haben: „man müsse die Republik wegen der von ihr zu erwartenden Kriegshilfe bei guter Laune —»< 58 ^— erhalten; Morea und den Archipel dürfe man dem zu bildenden griechischen Reiche nicht entziehen; .Häfen am mittelländischen Meere könne sich Joseph auf Kosten der Türkei verschaffen." > Mit dieser Unklarheit in den beiderseitigen Auffassungen kam es zum Kriege, den Katharina 1787, im Jahre darauf Joseph den Türken erklärte. Die Crnagora wurde in das Bündnis eingeschlossen; dem Vladika Peter Petrovic Njeguö I. (seit 1782) sagte man volle Unabhängigkeit von den Türken zu. Auch die benachbarten Herzegovcen, vorzüglich im Gebiete von Niksic, erhoben sich; der k. k. Hauptmann Vuka-fovic vom Likaner Gr. Inf. Regiment wurde ihnen zugeschickt, dessen Aufgabe es zugleich war, die Albanesen wider die Pforte aufzustacheln, Januar 1788. Im Februar verließ Kaiser Joseph, vom Erbprinzen Franz begleitet, seine Hauptstadt. „Diese Ungeheuer sind nicht werth Europa zu bewohnen", sagte er von den Türken; sich selbst nannte er einen „Rächer der Menschheit", indem er auszog, im Verein mit seiner hohen Verbündeten dem türkischen Unwesen für immer ein Ende zu machen. Die Kaiserlichen rückten über die Save und erstürmten Sabac. Mit freudiger Begeisterung erhob sich die Rajah zu unsern Gunsten; Obrist Mihal-jevic trieb an der Spitze eines serbischen Frei-Corps -^ 59 >— die Türken über Iagodina und Karanovac vor sich her. Ditch der fernere Verlauf des Feldzuges entsprach nicht den ersten Erfolgen, obwohl Feldmarschall Loudon mit dem rechten Flügel bis in das Herz Bosniens drang, Dubica überwältigte, 26. August, Novi bezwang, 3. October. Die Sendung des Hauptmanns Vukasovic war misglückt; im Herbst verließ er das Land, wo er seltene Umsicht Geistesgegenwart und Kühnheit bekundet, auch manchen Vortheil im kleinen errungen, aber die ihm gewordene Aufgabe gleichwohl nicht durchzuführen vermocht hatte. Den Todeskeim im Herzen kehrte Joseph II. in seine Hauptstadt zurück. Im Feldzuge von 1789, wo Loudon den Oberbefehl führte, siegten unsere Truppen bei Foksany, 31. Juli, und noch entscheidender bei Martinjestie am Rimnik, 22. September. Allein am 20. Februar 1790 stand das Herz des edlen Kaisers still und sein Nachfolger Leopold II. trug kein Verlangen nach einer Fortsetzung des Krieges. Auch gab es im Innern des Reiches zu viel zu schaffen, als daß man sich nach auswärts mit dem erforderlichen Nachdruck hätte beschäftigen können. Am 4. August 1791 kam zu Sistovo der Friede zustande, laut dessen der Pforte die meisten Eroberungen zurückgegeben wurden, mit Ausnahme von Alt-Orsova, Cetin und einem kleinen Landstrich am linken Ufer der Una. —1 60 >— Auch Crnagora wurde von den vertragschließenden Theilen der Pforte zugesprochen, unter welcher es einen Theil des Pasaliks von Skutari bilden sollte. Freilich mußten sich die Türken das schwarze Bergland erst holen. IV Her Drache oon Hosnien. HMM, eit Oesterreich sich von der Action im Orient zurückgezogen, waren die einheimischen Völker-^»HA schaften auf ihre eigenen Mittel augewiesen. Keine Beihilfe von außen mehr kam ihnen zu statten, ihre Martern und Leiden, ihre Erhebungen und Kämpfe fanden im übrigen Europa kaum Beachtung, wenig Theilnahme, nichts von Hilfe und Unterstützung. Als sich einige Dccennien später der griechische Stamm erhob, da zog sich der Philhellemsmus durch alle Schichten der europäischen Gesellschaft; Dichter und ernstere Schriftsteller widmeten dem Aufstande die Weihe ihrer Begeisterung, den Nachdruck ihres Wissens, ihrer —< 64 >- Gelehrsamkeit; in den Königsfamilien des Welttheiles suchte man nach dem Haupt auf das man die Krone des jungen Staates setzen wollte. Nichts von alle dem bei den slavischen Leidensgcnosscn der unterdrückten und nach Befreiung ringenden Griechen! Aus den untersten Reihen des Volkes wuchs da die Bewegung herauf, keine fürstlichen Führer, keine kriegserfahrenen Feldherrn, leine Bewerber um ihren Thron. Männer, die oft nicht lesen und schreiben konnten, standen an ihrer Spitze. Lieder und Gesänge, welche die Thaten ihrer Helden priesen, kamen nicht über die Kreise des eigenen Volkes hinaus; das buchgclehrte Europa hatte keine Anknüpfungspunkte mit, und nahm darum kaum zeitweise journalistische Notiz von ihnen. Was von europäischen Großmächten für sie gethan wurde, waren höchstens ein paar tausend jährliche Rubel die Rußland für orientalisch-kirchliche Zwecke, ein paar tausend jährliche Gulden die Oesterreich für katholische Gotteshäuser und Klöster spendeten. Das erste der um ihre Befreiung ringenden Länder der westlichen Balkan-Halbinsel war wieder die unbesiegte Crnagora, die im Frieden von Sistovo den Türken als untcrthäniger Bestandtheil zugesprochen war. Das Verheißene zur Wahrheit zu machen sandte die Pforte den Pasa von Skutari Mahmud Buöatlija mit einem -^ 65 >— gewaltigen Heere gegen das kleine Bergland, 1796. Der Erfolg war das Niderspiel dessen, was die Türken im Sinne hatten. In einer blutigen Schlacht bei Spu; wurden sie auf's Haupt geschlagen und die Bezirke der Piperi und Bjelopavlm, die bis dahin das moslemitische Joch getragen hatten, schlössen sich befreit dem montenegrinischen Gemeinwesen an. Ein neues größeres Heer führte, drei Monate später, Mahmud in den Kampf, der mit einer noch vollständigeren Niederlage der Türken, 22. September beim Dorfe Krusa, endete; sechsundzwanzig ihrer Anführer fielen; Mahmud selbst wurde gefangen und getödtet, sein abgeschlagenes Haupt im Triumph nach Cetinje gebracht. Mit diesem entscheidenden Siege war die Unabhängigkeit der Crna-gora gewissermaßen besiegelt und wurde von den Mächten stillschweigend anerkannt. Ja Peter Petrovn-Njegus I. dachte an eine Erweiterung seines kleinen Landes: der Besitz des Seehafens von Cattaro und des dazu gehörigen Vuchtengebietcs sollte seinem Völkchen den Verkehr mit dem übrigen Europa eröffnen. Der Weltkrieg, der damals zwischen dem republikanischen Frankreich und den alten Cabinetcn entbrannte, schien ihm die Gelegenheit dazu zu bieten. Nach dem Frieden von Campoformio, der der venetianischen Herrlichkeit ein Ende gemacht hatte, stieg Peter Petrovic von seinen v. Helscit, Noimjches. 5> —- <;6 >— Bergen herab und erschien vor Budua, das ihm seine Thore öffnete; doch das Einlaufen einer österreichischen Flottille unter GM. Nukavina in die Vocche bewog ihn zur Heimkehr; er habe, erklärte er, die Stadt nur zur Hintanhaltung der Anarchie besetzt, 1797/98. Mit dem neuen Jahrhundert begann die Erhebung der Serben im heutigen Fürstenthum: in Topola an derKubrsnica stand das Elternhaus des „schwarzenGcorg", Karadjordje, der das Freiheitsbanner gegen die Türken erhob; ein paar Jahre später tauchte der Name des Milos Obrcnovic auf. In den Kämpfen, die sich Jahre lang mit wechselndem Glücke hinzogen, schien auch für die westliche Najah die Stunde der Befreiung zu schlagen. Im Sommer 1807, nach der Eroberung Belgrads, sandte Karadjordje bewaffnete Schaaren über die Drina; aber die Künste Marmont's, des französischen Befehlshabers von Dalmatien, wußten den Aufstand der Bosnier und Hercegovcen zu hintertreiben. Da knüpfte der serbische Held mit dem Vladika von Montenegro an: mit vereinter Kraft sollten sie ihre dazwischen liegenden Stammesbrüder befreien. Längs dem Ibar rückte der schwarze Georg in die Hercegovina ein, nahm Novi-pazar, belagerte Prjepolje, drang bis zu den Landschaften Drobnjak und Vasojevic vor. Mit Begeisterung begrüßte die Rajah die verbündeten Schaaren, erhob sich in bewaffneten Haufen wider ihre Unterdrücker. Aber da kam böse Zeitung aus dem Osten, Karadjordje mußte zum Schutz seiner Heimat Kehrt machen und seine kaum gewonnenen Bundesgenossen ihrem Schicksale überlassen, 1809. Vier Jahre später war sein eigenes Unternehmen gescheitert; am 3. October 1813 setzte er als Flüchtling über die Donau auf österreichisches Gebiet, und sein Volk fiel der entfesselten Wuth und Rachgier der Türken anheiln. Zur selben Zeit befand sich Peter Petrovic am Ziele seiner Wünsche. So schien es wenigstens. Eine britische Flotte unter Capitain Hoste traf vor Cattaro ein, die Crnagorcen umlagerten von der Landfeite die Stadi, die mit dem Vladika eine Uebereinkunft schloß, laut welcher er an die Spitze eines Regierungsausschusses trat; die Franzosen zogen ab, die Crnagorcen breiteten sich im Gebiete derBocche aus. Doch die alliirten Mächte sprachen den Besitz von Cattaro dem österreichischen Kaiser zu; der Car, des Vladika mächtiger Beschützer, gebot ihm Fügsamkeit, und die Händel, in welche die Gäste aus den schwarzen Bergen mit den einheimischen Bocchesen gerathen waren, erleichterten dem kaiserlichen General Milutinovic die militärische Eroberung des Gebietes, Juni 1814. Den Hafen von Cattaro hatte Montenegro nicht gewonnen, aber seine Unabhängigkeit war ihm geblieben und wurde von ihm gegen alle Angriffe der Türken, 5* —,' 68 .>— die sich von Zeit zu Zeit in kleinerem oder größerem Maßstabe wiederholten, standhaft behauptet. Auch Serbien machte sich frei, als 1815 Milos Obrenovic vor dem kleinen Kirchlein von Takovo den muselmännischen Bedrückern von neuem Krieg und Rache schwur und der Archimandrit von Vracevsnica mit Kreuz und Schwert den bewaffneten Schaaren voranzog. Von neuen: schritt der Kriegsgott durch das Land, das er fünfzehn Jahre lang allen Nöthen und Drangsalen preisgab, bis am 30. November 1830 auf dem Hauptplatze von Belgrad die feierliche Verlesung des Hati Serif stattfand, laut dessen, mit Ausnahme der Besatzungen in gewissen festen Plätzen, biiilien Jahresfrist alle Osmanlis den serbischen Boden zu räumen hatten; mit einem zweiten Hati Ocrif erkannte die Pforte die erbliche Fürstenwürde im Hause Obrenovic an. Und warum ereignete sich in dem dalmatinischen Hinterlande nicht etwas ähnliches, wie in der Crnagora zur einen, im serbischen Fürstenthum zur andern Seite? Die Erklärung ist sehr einfach. Im Gebiete zwischen der Drina und dem Timok war die überwiegende Mehrheit des Volkes seinem Glauben treu geblieben, und so war dadurch die Scheidewand, die es von den Türken -^ 69 >— schied, eine doppelte: die Religions- und die Stamines-verschiedenheit. Dasselbe war in den schwarzen Bergen der Fall, wo, wie früher erzählt worden, der Vladika Daniel alle vertürkten Elemente aus seinen Gränzen gewiesen, die sich dem Gebote nicht fügen wollen, ausgerottet hatte, und wohin sich seither kein Muslim ungestraft wagen durfte. Dort wie hier standen darum, sobald der Weckruf gegen die Türken erscholl, alle Schichten der Bevölkerung wie ein Mann auf, weil ein und dasselbe Interesse ungetheilt sie alle umfaßte. Ganz anders war das in Bosnien und der Hercego-vina, wo alles, was von den einheimischen Dynasten-Geschlechtern den Sturm der Eroberung überdauert hatte, zum Islam übertreten, und ein nicht geringer Theil ihrer Hörigen und Unterthänigen diesem Beispiele gefolgt war. Die Mehrzahl von ihnen ist bis auf den heutigen Tag der türkischen Sprache nicht mächtig, alle sind Slaven in Mundart und Sitte, soweit letztere nicht durch den fremden Ritus beeinflußt wird; allein sie gehören der Staats-Religion an und genießen damit alle Vorrechte des herrschenden Stammes, wie ja dies der alleinige Beweggrund des Neligionswechsels ihrer Ahnen gewesen war. In diesem Landstriche hat daher feit dem Beginn der Türkenherrschaft die Rajah, d. i. jeneS Element der ursprünglichen Bewohner das nicht blos —< 70 >- Sprache und Sitte, sondern auch den Glauben ihrer Väter bewahrt hat, nur einen Bruchthcil der Bevölkerung gebildet, dessen Stärke durch die wiederholten massenhaften Auswanderungen nach Oesterreich noch vermindert wurde. Die Rajah in Bosnien und der Hercegovina konnte daher an Befreiung aus eigener Kraft gleich ihren Nachbarn im Fürstenthum kaum denken; denn während letztere es nur mit einem Feinde zu thun hatte, mit den fremden Muslims, standen der Rajah im Gebiete der Bosna und Narenta zwei Widersacher gegenüber: die Türken und ihre vertürkten eigenen Stammesgenossen. Ja, letztere waren nicht blos die zahlreicheren, sondern auch die mächtigeren, gegen welche die National-Türken im Lande fast verschwanden. Die Kapelans und Spahis, die Begs und Agas, also der große und kleine grundbesitzende und waffentragende Adel, gehörten ohne Ausnahme einheimischen Geschlechtern an, gegen deren Aufwand und Pracht die türkischen . Veziere mit ihrer Handvoll albanesischer Miethlinge mitunter eine sehr bescheidene Rolle spielten. Dabei waren jene, nach dem Charakter des Apostatenthums der sich überall gleichbleibt, gegen die Rajah, die Glaubensgenossen ihrer eigenen Ahnen, die zäheren, die verbisseneren; die unmenschlicheren. Ihnen war daher die Erhebung im benachbarten Serbien eine Gefahr für das eigene Haus, weil felbe auf ihre dienstbare „Heerde" ansteckend wirken konnte. Mit einem wilden Fanatismus stemmten sie sich gegen alles, was ihre hergebrachten Dynasten-Rechte zu verkümmern drohte und, was damit gleichlaufend war, das Loos der botmäßigen Rajah zu erleichtern verhieß. Um dieselbe Zeit, da jenseits der Drina Karagjorgje den Kampf gegen die Türken begonnen, erhob sich diesseits derselben der Beg Ali Vidaic von Zvomik gleichfalls gegen die Pforte; aber nicht wie jener zur Befreiung der Rajah, sondern zur größern Bedrückung derselben. Eine aus fünf Mitgliedern zusammengesetzte Regierung beherrschte weithin das Land in barbarischer Weise. Bidaic zog mit seinen Henkergenossen in den Dörfern umher, ließ die christlichen Männer aufgreifen und in Ketten« schlagen, und verlangte sie sollten sich ihm als Sclaven verlaufen; weigerten sie sich dessen, so wurden die grausamsten Martern angewandt, sie dazu zu zwingen. Die jungen Mädchen des Ortes, die sich mit ihren schönsten Kleidern schmücken mußten, wurden zusammengetrieben und gezwungen vor den Schergen ihrer Väter und Brüder den Kolo zu tanzen; dann wurden sie ausgezogen, geschändet und nackt nach Hause geschickt. Der Anhang dieses Wütherichs vermehrte sich fort- ----. 72 '__ während durch serbische Ianicaren aus Stambul, die^ über die beabsichtigten Neuerungen des Divans empört^ in ihren heimatlichen Bergen den Kampf dagegen aufzunehmen gedachten. Denn auch hier, wie im benach--barten Serbien und in der Crnagora, ertönte der Ruf nach „Freiheit", auch hier gab es nationale Helden, auf welche die Ihrigen mit Stol; und Begeisterung blickten. Aber was der bosnische Muslim, seine alten Burgherren und die Ianicarcn, die Prätoriancr des osmanischen Reiches, voran, Freiheit nannten, das war der Fortbestand der alten Dynasten-Rechte, oder vielmehr Dynasten-Willkür, ihrer schrankenlosen Macht die unterthä'nige Rajah zu pressen und zu schinden^ kostbare Privilegien, die sie durch die modernen Reform-Ideen, denen man am Sitze des Groß-Sultans zu huldigen begann, bedroht sahen. Für die unglückliche Najah bedeutete also diese „Freiheit" nichts als fortdauernde Knechtschaft und Rechtlosigkeit, und wenn ihr von Zeit zu Zeit Hajduken erstanden, die in den Bergen Schaaren tollkühner Momcen um sich sammelten, gegen die unerbittlichen Vegs sich in Hinterhalt legten oder wohl gar, bei größerer Macht, deren Felsenschlösser erklommen und niederbrannten, wie es der Hajduk Curdza mit der Zvorniker Burg des Vidaic that, so war das für das große Ganze von keinem Ausschlag. Für sie kam nur eine Erleichterung, wenn etwa, um die der Pforte selbst gefährliche Macht der Begs und Spahis zu brechen, ein thatkräftiger Vezier erschien, wie etwa Djelaleddin Pasa, der 1821 in einer einzigen Nacht dreißig bosnische Dynasten um den Kopf kürzer machte, alles, was sich ihrem Unternehmen angeschlossen hatte, in Acht und Bann that, die Familienhäupter zu Hunderten enthaupten ließ. Die Rajah blieb verschont; nur Kriegssteuer forderte man ihr ab, die sie unter solchen Umständen gern zahlte. Aber auch dies war nicht von Dauer, weil die Pforte nicht die Macht besaß, die Reformen, die auf Andringen der europäischen Großmächte Platz greifen sollten, mit nachhaltigem Ernst durchzuführen. Es kam immer auf die Persönlichkeit des Befehlshabers an, den sie in die entfernten Provinzen sandte. Es traten Ve-ziere auf, unter deren unmenschlichem Walten die muselmännische Bevölkerung nicht weniger litt als die Rajah; es kamen andere, die es mit dem vom goldenen Horn ihnen gewordenen Befehle Ernst nahmen, so daß die unterthänige Rajah etwas erleichtert aufathmete. Aber dann bäumte sich der ungezähmte Trotz der eingebornen Burgherren auf, und das alte Spiel begann von neuem. Im Jahre 1826 machte Sultan Mahmud der Iani-caren-Wirthschaft in Stambul ein blutiges Ende; Fir- -« 74 >— mans ergingen in alle Theile des Reiches, sein neues System zu verkünden. Als der Befehl in Sarajevo verlesen wurde, erhob sich alles, was zum Islam schwur, der geschreckte Vezier Adzi Mustapha verließ flüchtend seinen Posten. „Wir haben uns das Land mit dem Schwerte erkämpft und vertheidigt", hieß es in der Krajina, „wir werden uns einem papierncn Fetzen nicht unterwerfen." Es kam Avduraman Pasa. „Er kam", wie Gustav Thömmel sagt, „mit leerer Hand und siechen Körpers, doch mit der Macht eines kühnen entschlossenen Charakters." Er hielt blutiges Gericht über die Empörer und eine Weile flog der Schrecken seines Namens durch das Land. Doch zwei Jahre später sah auch er sich zur Flucht gezwungen um den bosnischen Dynasten das Feld zu räumen. An der Spitze derselben stand jetzt der Kapctan von Gradacac Hussein, ein Vundesbruder spobratim) des jüngern Vidaic. Diese beiden übersielen 1631 den reformfreundlichen Vezier Ali Pasa Moralja in dessen Schlosse zu Travnik, zwangen ihn seine neumodische Nizam-Uniform abzulegen, sich zu waschen wie ein verunreinigter Mensch, öffentliche Sühngebete zu sprechen, und führten ihn in alter Türkentracht mit sich fort, bis es während des Ramazan dem Gefangenen gelang, nach Stolac zu entkommen und dann auf österreichisches Ge- —^ 75 >— biet zu flüchten, von wo er sich nach Stambul einschiffte. Jetzt war Hussein Herr im Lande, aus welchem alle National-Türken verjagt werden sollten; die alte Beg- und Spahi-Verfassung sollte wieder in Kraft treten, dem „Djaur-Sultan" wurde der Fehdehandschuh hingeworfen. Mit dreißigtausend Mann zog Hussein auf das schlachtenberühmte Amselfeld, wo er sich mit einem kaum minder starken albanesischen Heere des alten Mustai Pasa von Skutari vereinigte. Prisrend Pec Sophia Nissa wurden erstürmt, das bulgarische Land weit und breit durchzogen und ausgeplündert. Mit einem Heere Nizams (reguläre Truppen) zog der Groß-Vezier Resid Pasa gegen sie in's Feld; doch waren es die Waffen der List, der Einflüsterung und Bestechung, die er zuerst gebrauchte. Die Verbündeten zerfielen. Die Albanesen trennten sich, über die jetzt ReSid Pasa herfiel und Rache und Züchtigung ergehen ließ. Hussein, welchem Nesib das Regiment von Bosnien verheißen, ging in sein Land zurück, wo er wie ein Sultan regierte. Der „^unak", Kämpfer, aber auch „xiua^ t)08ÄN8ki", Drache von Bosnien, hieß er, vor dem alles zitterte, was nicht zu seinen Günstlingen und Freunden zählte. Doch während er auf den Belehnungs-Berat wartete, der ihm aus Stambul kommen sollte. -^, 76 >- sammelte Kara Mahmud Pasa in Numelien ein neues Hccr; der mächtige Kapelan Ali Nizvan Bcgovic von Stolac und Ismail Aga Ccngic von Gacko schlössen sich ihm an; in Bosnien selbst erhob sich eine Partei gegen Hussein, bis dieser, mi Ucbermacht von allen Seiten angegriffen nnd bedrängt, von Verrath im Lager der Scinigen umsponnen, den Weg nach Oesterreich suchen mußte. In Essegg hielt er Hof mit allem Pompe eines Veziers, umgeben von hundert prachtvoll bewaffneten Leibgarden, deren arabische Pferde von goldenem Riem-zeug strotzten. Doch ließ es ihn nicht lang auf fremder Erde, er flehte die Gnade des Sultans um Rückkehr in fein heiß geliebtes Vaterland an. Gegen Ende 1832 kam der großherrliche Finnan nach Semlin, wohin Hussein beschieden wurde. In Gegenwart des österreichischen Officier-Corps, umgeben- von seinem glänzenden Gefolge, gestützt auf seinen Pobratim Vidaic hörte Hussein die Ablesung des Firmans an, der ihn: seine Güter, seine Titel und Würden nahm, und ihm allein die persönliche Freiheit ließ, die er nur außerhalb seiner Heimat sollte genießen dürfen. Den Augen des stolzen Kapelan entquollen Thränen, laut rief er nach feinem theuren Bosnien und beklagte es, daß es ihm nicht vergönnt gewesen, auf heimatlichem Boden 77 im Kampfe zu fallen; dann beugte er demüthig fein Haupt, und fchiffte entsagend nach Belgrad hinüber und begab sich von da nach Stambul. Zu seinem Exil wurde ihm Trapezunt angewiesen. Das war so ein nationaler Held der mos lein i tischen Bosnier, dieser Hussein, jung und schöu, fabelhaft reich, prachtliebend, dabei hochherzig und großmüthig, der für „Freiheit und Voreltern" in den Kampf gezogen, und dessen Namen der blinde Voltösänger zu den melancholischen Klängen der Gusle im Kiede pries. Aber dieses Heldenthum, es war eins mit dem ver-achtendsten Hohn, mit der unbarmherzigsten Grausamkeit gegen alles, was nicht zu seinem angenommenen Glauben schwur, mochte es auch der Sprache und dem Stamme nach ihm noch so nahestehen. „Mit dem Blachen" — so heißt dem vertürkten Bosnier der Christ vom orientalischen Ritus — „kannst Du machen was Du willst, nur waschen mußt Du Dich darnach!" Oder: „Cs ist Sünde einen Adler ober einen Hund umzubringen, aber einen Christen zu todten ist Verdienst !" Der Aufstand deS „Drachen von Bosnien" hatte die Pforte gelehrt, welch' furchtbaren Gegner die Neuer- ^ 78 >- ungen, die sie einzuführen im Sinne hatte, an den altslavischen Herrengeschlechtern des Landes hatte, und man fand es am goldenen Horn gerathen, eine Pause der Nachsicht eintreten zu lassen, wodurch man es aber nach der andern Seite hin verdarb. In der That gewährte Daud Pasa, der neue Vezier von Travnik, den nmselmä'nnischen Dynasten des Landes wieder größere Freiheit, d. h. sah allen möglichen Plackereien, die sie sich gegen die Najah herausnahmen, durch die Finger, bis zuletzt diese, auf's äußerste getrieben, vom Sultan nicht erhört, vom serbischen Milos, den sie um Hilfe riefen, verrathen, in Masse zu den Waffen griff. Ein Pope Iovica eröffnete Ende 1834 die Feindseligkeiten; Knez Pavle nahm, nachdem Iovica vertrieben und auf serbischem Boden in Haft gesetzt war, im Frühjahr 1835 den Kampf von neuem auf. Zum erstenmal standen die katholischen Bosnier ihren altgläubigen Stammesbrüdern, die ihnen bisher stets mit Haß und Misttauen begegnet hatten, tapfer und treu zur Seite. Doch was vermochten sie mit ihren Ackergeräthen gegen die verfeinerten Waffen ihrer Gegner? was ihre ungeübte Kriegsweise gegen die Künste der mächtigen Spahis, deren ganzes Leben in Jagd und Waffenspiel aufging? Sie wurden besiegt und Milos, dem es nur um die Erhaltung seiner eigenen Macht zu thun war, lieferte den Iovica, al5 den Haupturheber der Unruhen, dem Pasa von Vidbin aus. Großmüthiger als der verschlagene Serbcnfürst war Sultan Mahmud, der durch ausdrücklichen Befehl dem Gefangenen feine Freiheit zurückgab. Auf den unentschiedenen Daud Pasa folgte wieder ein Reformator, der fürchterliche Vehdzid Pasa, ein Türke aus Anatolien, der mit eiserner Hand seines Amtes waltete, dabei kräftigst von Stambul unterstützt, wo man jetzt mit den neuen Einführungen schien Ernst machen zu wollen. Im Jahre 1837 erfolgte die Aufhebung aller Lehen und erblichen Würden, von den Spahiluks bis zu den großen Kapetanschaften; ihre Posten wurden von absetzbaren Beamten versehen, bei deren Auswahl Befähigung allein entscheiden sollte. Beim plötzlichen Tode des reformfreundlichen Sultans jubelten die gedemüthigten Kämpfer für „Freiheit unv Voreltern" laut auf; allein der Hati Gerif von Gül-hane, den Mahmud's Nachfolger im November 1839 hinausgab, warf sie in die frühere Verzweiflung zurück. Doch rafften sie sich noch einmal auf. Bei zwanzig-tauscnd Mann stark zogen sie im August 1840 gegen Travnik, den Hochsitz des Veziers. Muthig stellte sich ihnen dieser mit kaum viertausend Nizams bei dem Dorfe Vite; entgegen und warf sie, nach einstündigem -^ 80 ^-- erbitterten Kampfe, auf Sarajevo zurück. Auch hier konnten sie sich nicht halten, durch Waffen und durch Hunger beyvuna.cn mußten sie die Stadt dem Sieger auf Gnade und Ungnade ergeben. Von ersterer war keine Rede. Der Oberanführcr der Aufständischen wurde vor Vchdzid gebracht, der ihm mit eigener Hand den Kopf abhieb; acht bis zehn der ersten Vojvoden ließ er vor den Thoren der Stadt hinrichten. Entsetzt bargen sich die dem Blutbade entronnenen Vcgs in die Wälder, oder flüchteten zu den Hcrccgovincr Uskoken: die reichsten gingen nach Dalmaticn und warteten dort den Umschwung der Dinge ab. So groß war ihr Schrecken, ihr Abscheu vor dem blutgierigen Vezier, daß eine demüthig bittende Deputation vor dem Sultan die Erklärung abgab, sie wollten, wenn es sein müßte, lieber Christen werden als länger eine s» unerhörte Tyrannei ertragen. Auch erfolgte noch im selben Jahre die Abfetzung Vehdzid Pasas, aus Ursachen die bis heute unaufgeklärt sind; denn gegen die widerspänstigen Spahis und Begs hatte er ja nur seine Pflicht gethan, wenn auch mit blutiger Strenge. Merkwürdig aber bleibt es, daß die bosnischen Muslims bei dieser Gelegenheit zum erstenmal von ihrem möglichen Abfall vom Islam, von der Wieder- —»< 81 >»— Vereinigung mit ihren christlich gebliebenen Stammes-genossm sprachen! Ist es doch bekannt, daß viele von den alten Dynasten in ihren Familienschränken noch heute die Adelsbriefe und Privilegien der alten bosnischen Könige, Gewänder und Kostbarkeiten ihrer christlichen Vorfahren aufbewahrt haben; ja es gilt als wahrscheinlich, daß manche von ihnen im Herzen an dem Glauben ihrer Väter hängen von dem sie sich nur, um sich ihrer alten Liegenschaften und Herrenrechte zu versichern, getrennt hatten. Wie es scheint, bangte man in alttürtischen Kreisen vor diesen christlichen Rückerinnerungen, und auf die Zeit einer mindestens mittelbaren Beschützung drr bosnischen Rajah folgte eine neue Unterdrückung und Verfolgung. Die muselmännischen Ultras gewannen die Oberhand im hohen Rathe der Pforte; die verwiesenen oder geflüchteten Häuptlinge aus Hussein's Zeiten kehrten zurück, die Begs Mehmed von Krupa, Murad von OstroZac, Mustai von Petrovac — der jüngere Vidaic war im Exil gestorben — nahmen von ihren Felsenschlössern Besitz in denen sie vordem als erbliche Lehensherren gehaust hatten, und bald bestand die ganze Frucht, welche die Rajah von den: pomphaft verkündeten Tanzi-mat von Gülhane hatte, in den neuen Abgaben und Steuern die das doppelte, ja breifache der frühern be- v. Helfrrt. Bosnische. 6 82 trugen. Das trieb sie 1843 zu eine«: neuen Aufstande. Bei achttausend Köpfe stark, aber nur mit Hacken und Keulen bewaffnet, zogen sie gegen Travnik heran, wurden aber durch die Nizam des Veziers leicht geschlagen und zerstreut. V 6* ^MzA ährend des Aufstandes der bosnischen Dynasten H«WM unter Anführung des „Drachen" war es in ^^^ der Herccgovina ruhig geblieben, was zumeist dem Einfluße des mächtigen Ali Rizvan Begovic von Stolac zuzuschreiben war; dieser und der Aga Ismail Cengic von Gacko hatten sogar, wie früher erzählt worden, dem türkischen Heere Verstärkungen zugeführt und den bosnischen Aufstand unterdrücken geholfen. Die Negierung sah das als eine Lehre für die Zukunft an, trennte die Hercegovina von dem Sandzak Travnik und gab ihr einen eigenen Vezier zu Mostar in der Person Ali Rizvan's, 1832. -« 86 >— Die Rajah kam dabei schlecht weg, denn sowohl Niz-van als Cengic waren Christenschinder ärgster Sorte. Das führte gegen Ende der dreißiger Jahre zu einem Aufstande der Bezirke Drobnjak und Grahovo, die Cengic Aga in der unmenschlichsten Weise mit der Kopfsteuer (blu-aö) drückte. Auch Cengic Aga bildet, wie Kapetan Hussein, den Gegenstand von Volksgesängen, aber nicht von solchen aus dem Kreise seiner Anhänger und Bewunderer, sondern aus dem seiner Flucher und Verwünfcher. Da jagt er mit seinen Schergen über das Feld von Gacko den Harac einzutreiben. Es war ein schlechtes Jahr, die Rajah leidet Noth und kann nicht zahlen, doch der Aga kennt kein Mitleid noch Erbarmen. Er läßt sie quälen und foltern; nur todten darf man sie ihm nicht, „denn mit der Rajah geht auch drauf der Harac!" Er läßt Weiber und Mädchen schänden vor den Augen ihrer Männer und Väter. Da rufen die Verzweifelten die Hilfe der Crnagorcen und der Moracer Uskoken an, der Aga wird in seinem Lager überfallen, niedergemacht, 29. August 1840; sein Kopf, feine Waffen, seine Kriegskleidung werden im Triumph nach Cetinje gebracht. Jetzt begann Ali Rizvan ärger als früher gegen die Rajah zu wüthen. Mitten im Winter 1841 wurden auf seinen Befehl fünfhundert- —»< 87 "— siebzig christliche Familien aus Mostar verjagt, unter dem Vorgeben, die von ihnen bewohnten Häuser hätten früher Muslims gehört. Im Frühjahr darauf rückte er mit stärkerer Macht gegen die vereinten Montenegriner und aufständischen Hercegovcen, die er in einem blutigen Treffen besiegte. Die Kämpfe zogen sich bis in das Jahr 1842 fort, wo Ali Pasa mit dem Pladika Peter Petrovü Njegus II. (seit 1830) eine Zusammenkunft in Ragusa hatte und ein Waffenstillstand abgeschlossen wurde. Allerhand Gränzstreitigteiten, kleinere Raubzüge und Ueberfälle gab es zwar auch dann noch, denn die hörten zwischen Türken und Crnagorcen nie auf. Im großen aber blieb Friede, und diese Zeit war es wo der Brite I. Gardner Wilkinson im Imeresse der Humanität einen Anlauf nahm, um bei den kriegführenden Theilen den scheuslichen Brauch des Kopfab-schneidens abzubringen. Nachdem er zuerst mit Peter Petrovic II. verhandelt, der sich dazu herbeifand wenn nur von der andern Seite das gleiche geschähe, unternahm er eine Reise nach Mostar und wurde von Ali Nizvan, damals Vater von drei blühenden Söhnen, höflich und würdevoll empfangen'. darauf versteht sich, Europäern gegenüber, der vornehme Türke neuern Datums ganz ausgezeichnet. Ali Pasa hörte den Engländer aufmerksam an, stimmte ihm bei —>< 88 !-— baß es ein ganz abscheulicher Gebrauch sei, dieses Kopfabschneiden, meinte er wäre gern bereit davon abzulassen, wenn nur die „Vlachen", die es eingeführt, es aufgeben wollten; aber wenn sie es auch versprächen, halten würden sie es doch nicht, denn keinem Worte sei zu trauen das der Grieche gibt u. dgl. m. Wilkinson erbot sich den Vla-dika mild zu stimmen und schrieb Peter einen Brief in französischer Sprache, den dieser in fließendem Italienisch beantwortete, indem er alles, was sich der Brite, dessen Absicht „uobilo eä umauo" er volle Gerechtigkeit zollte, von dem alten Schlaukopf habe vorschwatzen lassen, für eitles Geflunker erklärte: „Das ist ein fressender Wolf der sich vor Ihnen im Felle des Schafes gezeigt hat. Seien Sie dessen gewiß, edler Ritter, daß die Osmanli heute sind was sie in Osman's und Bajazed's Tagen waren; nur daß sie heute vor der europäischen Diplomatie die erlogene Maske vorhalten, als sei es ihnen um Ordnung und Civilisation zu thun. Millionen von Christen schreien ohne Unterlaß über die unmenschlichsten Bedrückungen, doch niemand hört sie. Ist das etwas, das der Bildung und Menschenliebe des neunzehnten Jahrhunderts zur Ehre gereicht? Herr Ritter, es ist ein nutzloses Ding gegen den Strom zu schwimmen oder die Segel gegen den Wind zu breiten. ^" alte Werkmeister die Zeit, der allein wird auch -« 89 >— diese Dinge zurechtsetzen — il tempo ö il vsoodio operators, 66880 risarrä, auodo questa eosa." Wilkinson gab sich damit nicht zufrieden. Er meinte durch Stratford Canning unmittelbar bei der hohen Pforte zu seinem Ziele zu gelangen. Doch hier war eben so wenig etwas auszurichten. Die hohen Würdenträger in Stambul faßten die Sache so auf, als ob es um eine Gunst zu thun sei, die sie den Crnagorcen, diesem störrischen Bergvolke, „von Rechtswegen ihren Unterthanen", erweisen sollen, und waren nicht zur Einsicht zu bringen daß es sich ja um Gegenseitigkeit handle, die ihren Muslims nicht minder zu statten kommen sollte als deren Widersackern in den schwarzen Bergen. So war denn Peter Njegus mit seiner Behauptung, alles was Ali Rizvan dein Briten gesagt, sei nichts als Spiegelfechterei gewesen, im vollen Rechte. Das Abschneiden der Köpfe erschlagener Feinde, das Aufstecken derselben auf Pfähle, das Paradiren damit vor den Stadtthoren und Festungswällen, ist so alt wie die Tiirkenwirthschaft in Europa, und nicht sie haben es von andern, sondern andere haben es von ihnen gelernt. Es ist ihnen wilde Lust, durchaus nicht nothgedrungene Vergeltung. Oder wären es in den jetzigen Kämpfen etwa auch unsere braven Infanteristen und Kanoniere gewesen, die den Anfang damit — 90 >— gemacht und dadurch die türkischen „Civilisatoren" zur Nachahmung gereizt hätten?! In der Bosna folgten in der nächsten Zeit aufeinander zwei Veziere, welche den ernsten Willen zu haben schienen die von der Pforte lang und wiederholt verheißenen Reformen zur Wahrheit zu machen. Kjamil Pasa setzte 1844 zwei der ärgsten Bedrücker der Rajah, Mahmud Pasa von Bihac und Dervis Beg von Start Majdan, ab und schickte sie nach Ianina in die Verbannung. Aber auch den Kaiserlichen machten die unbändigen Krajiner zu schaffen, unternahmen räuberische Einfälle auf österreichisches Gebiet, bis der k. k. Obrist Joseph Ielacic vom I. Banal-Gr.-Inf.-Reg. mit acht Compagnien gegen sie auszog und ihnen bei Podzvizd am 9. Juli 1845 ein glückliches Gefecht lieferte; wohl erlitt er auf dem Heimzuge nicht unbedeutende Verluste, aber das Vorgehen hatte dennoch gewirkt. Das Jahr darauf wurde Tahir Pasa Vezier in Travnik, der daran schritt die unterthänigen Leistungen zu regeln und auf ein billiges Maß zurückzuführen. Der Kinet sollte m der Woche nur zwei Tage arbeiten, das weibliche Geschlecht gar nicht; die Rajah sollte an Sonntagen zu keiner Arbeit verhalten werden; der Kmet sollte von Ge- -« 91 >— treide Obst und Grünzeug nur das Drittel an seinen Grundherrn abgeben (früher war eö die Hälfte), der dafür den dritten Theil der Steuern für sie zu zahlen hätte; reguläre Truppen, die Nizam, sollten an die Stelle der Bazibozuks und Spahis treten, die Auswahl zum Kriegsdienst die Bevölkerung ohne Unterschied des Bekenntnisses treffen. Als sie von diesen gebieterischen Neuerungen hörten, wollten die Muslims von Bosna Sarai über die Christen herfallen und sie insgesammt niedermetzeln; es bedürfte der ganzen Entschlossenheit und Thatkraft des Veziers das Unheil abzuwenden: er ließ sechsundzwanzig Häupter aufgreifen und nach Kandia abführen. Es kam das Jahr 1848 mit den Ereignissen, die den ganzen Wclttheil erschütterten. Die bosnische Rajah hoffte Erlösung von ihren Leiden, sie hielt geheime Zusammenkünfte, sandte Abgeordnete nach Stambul. So bedrohlich schien den Muslims die Gährung, daß sie Tahir Pasa baten er möchte der gesammten christlichen Bevölkerung die Waffen abnehmen; an alle Gläubigen vom vierzehnten bis zum sechzigsten Jahre erging ein Aufruf sich zu rüsten, mit Schießbedarf zu versehen, für den Kampf in Bereitschaft zu sein. In der Hercego-vina, wo Ali Rizvan, der nun mit den Crnagorcen im Frieden stand, in der frühern Weise hauste, trat die —< 92 >— Rajah der Gebiete von Nilsic Kulisanac — Klerikern aus dem Banale, aus Syrmien und der Backa zu besetzen. Welches Schicksal die Petition der klagenden Herce-govcen gehabt, ist mir nicht bekannt, praktischen Erfolg hatte sie keinen; während Tahir Pasa durch fein Festhalten an den Reformen einen stets wachsenden Widerstand der bosnischen Dynasten hervorrief. Am stärksten war derselbe in Türkisch - Kroatien, wohin der Vezier 1849 mit bewaffneter Macht zog. Er besiegte sie in offener Schlacht, allein die in seinem Lager ausbrechenden Krankheiten hemmten seinen Fortschritt; zuletzt erlag er selbst der Ansteckung, Frühjahr 1850. Sein Nachfolger im Vezierat war Hafiz Pasa, ein Alttürke und schwacher Mann. In Stambul sah man jetzt ein, daß es ansehnlicherer Streitkräfte bedürfe um den Widerstand der reform-feindlichen Elemente in der Vosna und Hercego-vina zu brechen. Omer Pasa wurde mit dem militärischen Oberbefehl in diesen Provinzen betraut und ihm ein Corps von fünfzehntausend Mann mit dreißig Geschützen zur Verfügung gestellt. Unter ihm diente Islander Beg, ein polnischer Revolutionär und Abenteurer, der in seinem Vaterlande, in Portugal und Spanien, in Algier, selbst in Persien und in China sich herumgetrieben, dann unter seinem — 94 >— Landsmann Bcm in Siebenbürgen gefochten hatte, nach dem unglücklichen Ausgangc des Feldzugcs von 1849 auf türkisches Gebiet übertreten war und dort den Islam angenommen hatte. Es war die höchste Zeit daß die Pforte an kräftigere Maßregeln dachte. Denn die alttürkischc Bewegung, von dem lauen Hafiz Paöa nicht eingeschüchtert, von dem alten Rajah-Peiniger Ali Niz-van heimlich unterstützt, hatte bereits Macht über die ganze Ausdehnung der beiden Provinzen gewonnen. Zwar gelang es dem von einer achtunggebietenden Streitmacht unterstützten Auftreten Omer Pasas, den bosnischen Häuptern, die er nach Sarajevo lud, das Versprechen des Gehorsams abzunehmen, und den gleichen Erfolg erzielte er in der Krajina die er in Person bereiste. Doch das war nur Hinhalten und Schein. Während er daran ging die Necrutirung in allen Bezirken durchzuführen, entfernte sich Hafiz Pasa heimlich nach Konstantinopel, um dort Omer's Charakter als den eines im Herzen „vlachischen" Ueberläufers darzustellen, und die dem Islam und dessen treuen Vekennern durch Omer's Maßregeln drohenden Gefahren in den schwärzesten Farben zu schildern. Zu dem gleichen Zwecke sandten die Krajiner ihren Vertrauensmann Negjic an den Thron des Groß-Sultans, während im Lande mit allem Eifer conspirirt und gerüstet wurde. -« 95 — Eben wollte sich Omer Pasa von Travnik nach Ntoftar begeben, wo die Haltung Ali Rizvan's immer bedenklicher wurde, als ihm die Post zukam, die ganze Posa-Vina sei in Aufruhr, und auch ostwärts von Sarajevo, im Gebiete von Kladanj, werde das Banner der Empörung aufgehißt. Es galt jetzt rasch und gleichzeitig nach allen Seiten zu wirken, um das Uebel zu ersticken ehe es zu mehreren Kräften herangewachsen war. Während Iskander Beg gegen Süden zog, sich nach einem blutigen Kampfe bei Konjica den Weg nach Mostar bahnte, und Ibrahim Pasa von Sarajevo gegen Kladanj auszog, schlug und zersprengte Omer Pasa bei Vranduk einen Heerhaufen der Aufständischen, wandte sich dann nordwärts in die Posavina, wo sich nach einem hartnäckigen dreitägigen Kampfe auf der Höhe des Vucjak, nächst der österreichischen Gränze, das Glück für ihn entschieb, führte seine Truppen trotz ihrer Ermüdung über die Bosna dem Ibrahim Pasa zu Hilfe, zerstreute die letzten Ansammlungen der Insurgenten auf der Stoborje-Planina und hielt, vom dankbaren Jubel der Najah begrüßt die in ihm ihren Befreier erkannte, als Sieger seinen Einzug in Sarajevo. Mittlerweile war aber Ncgjic vom goldenen Horn zurückgekommen. „Von der Save und Una hinab", so lautete sein aufreizender Bericht, „gibt es keinen wahren -^ 96 >— Türken mehr! In Stambul habe ich sie gesucht, aber nicht gefunden. Alle tragen sich dort nach Vlachcn-Art. Der wahre Glaube, die alte Sitte ist nur noch bei uns zu finden; darum ist es besser wir gehen Alle zu Grunde, als daß wir uns diesem Vlachen Omer unterwerfen der unsere eigenen Kinder in vlachische Kleider stecken wird." Anfangs Mär; 185>1, nachdem der Aufstand in den andern Gebieten bereits bezwungen war, standen fünfzehntausend Krajiner nächst Iajce im Felde; Kedic, Kapic, Regjic waren ihre Führer; Flüchtlinge und versprengte Reste des bosnischen Aufstandes strömten ihnen zu. Ali Rizvan in Mostar brütete neuen Verrath; doch man kam ihm zuvor, er wurde überfallen und gefangen nach Bosnien abgeführt. Schon stand Omer Pasa gegen die Empörer im Felde. Nach einem siegreichen Kampfe bei Iezero nahm er Iajce. Kapic wurde auf dem Rückzüge der Seinigen meuchlings erschlagen, Ali Rizvan im Lager Omer Pasas bei Do-brinja erschossen, 30. März; die andern Führer suchten ihr Heil in der Flucht oder in Verstecken. Der siegreiche Feldherr zog über Banjaluka gegen die Una, nahm Krupa mit stürmender Hand, bezwang Bihac. Mit Ende April 1851 war der Aufstand in allen Theilen der Provinz bezwungen: die vertürkten Serben der Bosna und Hercegovina waren durch einen ver- -^ 97 >— türtten Kroaten — Omer Pasa, ursprünglich Michal Latas aus dem Oguliner Gr.-Inf.-Reg. — und einen vertürkten Polen, Islander Beg aus dem Geschlechte der Ilmski, zu paaren getrieben und zum Gehorsam unter die Befehle des Padisah gebracht. Es scheint — und vielfach ging in diesem Sinne das Gerede — daß die Anschwärzungen Hafiz Pasas bei den Alttürken im Rathe des Sultans, als meine es Omcr Paöa als Renegat und geborner Christenfreund nicht aufrichtig mit dem Islam, den Seraskier in einige Unruhe versetzten. (5r wollte die Verleumdungen seiner Widersacher Lügen strafen, und zeigte sich allmälig als ein anderer Mann. Er hatte, nach Aosnien gekommen, den jungen begabten und kenntnisreichen Franziskaner Franz Iukic als Gehcimschreiber an seine Seite genommen, der ihm zur Hebung der Rajah mit guten Rathschlägen an die Hand ging. Aber im Mai 1852 wurde Iukic unversehens verhaftet und nach Stambul abgeführt, wo man ihn längere Zeit im Kerker schmachten ließ, bis er, in seiner Gesundheit tief erschüttert, nach Rom gehen durfte. Für die arme Rajah kamen jetzt wieder schlimme Tage. Sie hatte kaum begonnen einem menschlicheren Loose entgegen- o. H «lfelt, Bosnisches. 7 —< 98 >— zusehen, als die alten Bedrückungen über sie hereinbrachen, nicht blos von türkischer Seite, sondern auch von der ihrer phanariotischen sein sollenden Seelenhirten. Ein im Sommer 1852 an ihre glücklicheren Glaubensgenossen jenseits der Save und Donau gerichteter Hilferuf der bosnischen Orthodoxen klagte ihren, kirchlichen „Blutsauger", den Vladika Prokoftije von. Sarajevo und dessen Protopopen Softhronije, diesen „alten Verbrecher", der maßlosesten Bedrückungen an. „Wenn Bitten und Beschwören nichts hilft, was sollen wir Aermsten anfangen? Sollen wir Muslims werden, unser Gewissen und unsere Seele preisgeben? Ist es nicht genug, daß Prokopije zum Aergernis der ganzen Christenheit ein Leben in Schmach und Schande führt, daß er Priester erschlägt — hat er doch in der Kirche zu Sarajevo einen am Altare getödtet! —, soll er uns, wie ein Wolf die Heerde, aus der Kirche unserer Väter vertreiben? Und woher sollen wir Geld nehmen uns zu helfen, da wir durch den Vladika und dessen Spießgesellen Sophronije längst um alles gebracht sind? In drei und einem halben Jahre haben uns diese beiden Räuber fünfundvierzigtausend Dukaten abgeschunden. Wir haben in unserer äußersten Bedrängnis den Patriarchen Kyrillos angefleht, wir wollen uns an unsern erhabenen und gütigen Vater den Sultan wenden und ihn kniefällig — 99 ^- bitten, daß er unS von den Beiden befreie, denn sonst geht seine gehorsamste Rajah elendiglich zu Grunde" :c. Die Ereignisse in der benachbarten Crnagora boten Omer Pasa einen neuen Anlaß seinen Eifer für den Halbmond zu bewähren. Am 31. October 1851 war der vielverdiente und gefeierte Vladika Peter Petrovic Njegus II. mit Tod abgegangen; sein Nachfolger Daniel hatte vom russischen Hofe die Trennung der Metropoliten-Würde von der des weltlichen Hauptes erwirkt, welchem letztern hinfort der Fürstentitel gegeben werden sollte. Während Danilo's Abwesenheit, die bis in den Herbst 185)2 währte, hatte sein Stellvertreter Djordje Petrovic einige Neuerungen, darunter eine Hanosteuer einzuführen versucht, was vielfachen Mismuth erregte. Ein alter Diener Peter II., Radovan mit Namen, befand sich unter den Unzufriedenen und brachte den Bezirk der Piperi zur Empörung. „Haben wir uns vor dein großen Adler nicht gefürchtet", sagten sie und meinten den verstorbenen Vladika, „so wird uns dieser kleine Hahn auch nicht schrecken; ehe wir die Steuer zahlen, wollen wir insgesammt Türken werden oder wir gehen zu Grunde." Doch der „kleine Hahn" — Danilo hatte nicht die hohe achtunggebietende Gestalt seines Vorgängers — zeigte sich kampfmuthiger als seine Widersacher vermuthet hatten. Während er an der —< 100 ^ Spitze von tausend Bewaffneten aus der Katunsta Nahija gegen jene der Piperi zog, wurde von der Rjetta Nahija aus die Veste Zabljak umlagert, um die Türken zu hindern den Aufständischen Beistand zu leisten. Die Piperi waren bald bezwungen, gelobten Treue und Gehorsam, bis auf wenige die sich auf türkisches Gebitt flüchteten und deren Häuser Danilo niederbrennen ließ. Auch die Hochveste von Zabljak, die nur eine unbedeutende Besatzung hatte, war bald in den Händen der Crna-gorcen; nur drei Thürme unterhalb der Stadt blieben den Türken, die indeß auf ernstliche Abwehr sannen, November 1852. Denn Omer Pasa verlangte sich nichts anderes, als einen Vorwand zu haben mit den Crnagorcen anzubinden und nun, nachdem er den Aufstand in den beiden Nachbar-Provinzen gebrochen, das bisher unbe-zwungene Vergland unter türkische Botmäßigkeit zu bringen. Der Pasa von Skutari rückte mit achttausend Mann gegen Habljak heran, dessen Veste die Crnagorcen, an Proviant und Munition Mangel leidend, nachdem sie die Werke theils geschleift theils niedergebrannt hatten, kämpfend räumten und den Rückzug in die Rjecka Nahia antraten. Zur selben Zeit rückte der Pasa von Mostar gegen Piva und Drobnjak vor und forderte den Vojvoden von Grahovo zur Unterwerfung -^ 101 >— auf. Der Seraskier rief alles zusammen was er an Streitkräften zur Verfügung hatte; in Sarajevo wurde der heilige Krieg gegen die Ungläubigen verkündet und die Fahne des Propheten entfaltet; Verstärkungen waren von der Seefeite im Anzug, December 1852. In wenig Wochen standen bei dreißigtaufcnd Mann im Felde, mit denen Montenegro von drei Seiten angegriffen werden follte: von Skutari und Antivari gegen die Crnicka und Rjecka Nahija, von Podgorica und SpuZ gegen ten Bezirk der Bjelopavlicen, von der füdlichen Hercegovina gegen jenen von Grahovo. Das kleine Bergland schien dem Untergange geweiht. In einem am 20. Januar 1853 an die „elenden" Bewohner von Bjelopavlic gerichteten Aufruf kündigte Omer Paöa seinen bevorstehenden Marsch über die Zeta an. Wehe denen die sich ihm widersetzen würden! „Selbst die minder Klugen müssen begreifen, daß gegen den gesetzmäßigen Souverain nichts zu gewinnen ist. Die ganze Nahija an beiden Ufern der Zeta wird zu^Grunde gehen, ihr werdet als Opfer fallen und den Fluch der unglücklichen Ueberlebenden auf euer Andenken laden! Schenket denen kein Gehör die euch Aussicht auf Hilfe zweier Großmächte eröffnen" — ein Onkel des Fürsten war an die Monarchen von Oesterreich und Rußland abgesandt worden —; „das ist Mge, da alle Potentaten -^ 102 >— einmüthig dem Großherrn geantwortet haben, er könne ungehindert nach seinem guten Rechte und eigenem Gutdünken Montenegro unterwerfen" :c. . . . Allein das Heldenvolk der schwarzen Berge war nicht gesonnen sich leichten Kaufes unterjochen zu lassen. Drangen die Türken von drei Richtungen ein, so stellten sich ihnen die Crnagorcen nach drei Seiten zur Wehre und machten dem Gegner jeden Fußbreit streitig den er gegen sie gewinnen wollte. Es stand in Frage, welchen Ausgang der Kampf nehmen würde, als im Februar 1853 der k. k. FML. Graf Christian Leiningen in außerordentlicher Mission in Konstantinopel erschien, und in peremtorischer Form und Frist die feierliche Zusage dessen verlangte was er im Namen seines Monarchen zu fordern hatte. Die Mission Leiningen's hatte, wie es in einem halbamtlichen Artikel der „Oesterr. Correspondent hieß, nebst allerhand Einzelbeschwerden, zu denen die Pforten-Regierung durch ein „System theils der Umgehung theils der directen Verletzung der zwischen Oesterreich und der Türkei bestehenden Staatsverträge" Anlaß gegeben, vorzüglich zwei Hauptpunkte zum Anlaß: „die Unmenschlichkeit und Härte womit die christlichen Bewohner der österreichischen Nachbar-Provinzen gegen die ausdrücklichen Bestimmungen — 103 — der Traktate behandelt werden, eine Grausamkeit die namentlich in der letzten Zeit eine solche Höhe erreichte, daß der Hilferuf der Mißhandelten schon aus Gründen der Humanität von einem christlichen Staate nicht länger überhört werden konnte" — und die militärischen Operationen der Türkei an der dalmatinischen Gränze, „die, wenn vollendet, mit einer mit der Sicherheit unseres Staatsgebietes unvereinbaren und eigenmächtigen Veränderung des 5>tHtu8 quo verbunden sein wurden; diese bereits begonnenen, mit großem Blutvergießen und schändlichen Ausschweifungen gegen Weiber und Kinder verbundenen Operationen gönnen keinen Spielraum zu weitwendigen Verhandlungen, sondern nöthigen Oesterreich auf unmittelbaren Abschluß zu dringen." Dieser Abschluß erfolgte denn auch in erwünschter Weise. Am 14. Februar war alles geordnet, Graf Leiningen hatte seine Aufgabe glänzend gelöst. Unter den Bedingungen auf welche die Pforte eingehen mußte, befanden sich: In Montenegro wird der status huo ants dellum sowohl in territorialer als administrativer Hinsicht hergestellt und das Land von den oömanischen Truppen geräumt — —< 104 >— Der Rajah in den an den Kaiscrstaat stoßenden Provinzen des osmanischen Reiches wird eine humane und gerechte Behandlung in genügender und feierlicher Weise zugesichert — Die von den türkischen Behörden in Bosnien und der Hercegovina widerrechtlich erhobenen Zollaufschläge auf österreichische Ein- und Ausfuhr-Artikel hören auf:c. Den von seiner Regierung eingegangenen Versprechungen gemäß räumte Omer Paöa alle Gebiete die seine Truppen in Feindesland besetzt hatten. Die Crnagora war aus einer großen Gefahr befreit, vielleicht von dem Untergange ihrer politischen Selbständigkeit und Unabhängigkeit errettet, und der nachbarliche Kaiserstaat war es dem sie dies zu danken hatte. VI Huhn Hutzttlouil. ^A ach dem von Omer Pasa siegreich niedergewor-iWlk fenen Aufstand der muhamedanischen Bosnier IImI und Hercegovcen trat Churöid Mehmed Pasa " an die Spitze der Verwaltung, ein gebildeter und billig denkender Mann, der den Muslims Christen und Juden gleich gerecht zu werden strebte. Er suchte das Verhältnis zwischen den herrischen Vegs und den dienstund zinspflichtigen Kmeten zu einem erträglichen zu machen; er schritt gegen Uebergriffe der herrschenden Race mit unnachsichtlicher Strenge ein; er erlaubte den Christen Kirchen zu bauen. Es sollte ein großer Verwaltungsrath für die vereinigte Provinz gebildet werden, -^ 108 >— es sollten Mitglieder aller Bekenntnisse darin Sitz und Stimme haben. Auch eine Conscription der Häuser, des beweglichen und unbeweglichen Eigenthums wollte man durchführen und auf dieser Grundlage eine gerechte Vcrtheilung der Steuern in's Werk fetzen. Doch wie es fchon oft geschehen war, so kam es auch diesmal. Die Veziere folgten auf einander, aber sie glichen einander nicht. Die Central-Regierung, von den europäischen Mächten gedrängt, machte ein Zugeständnis nach dem andern. Ein Befehl des Sultans Abdul MedZid vom 7. September 1854 gebot strengste Einhaltung und Durchführung des Tanzimats von Gül-hane. Der Friede von Paris brachte neue Verheißungen durch den Hati Humajum vom 18. Februar 1856. Aber nirgends mehr als von der türtischen Regierung galt neuester Zeit der italienische Spruch: val ästto ai iatto, oi vuai uu Frau lratto. Die Pforte sandte Mehmed Resid Pasa nach Bosnien, einen Alttürken, unter dessen kurzsichtigem Walten alle ehemaligen Mis-brauche wieder auflebten, Bedrückung der Rajah, ja blutige Verfolgung derselben; zwei Wütheriche Abdul Efendi Uzunija und dessen Bruder Radzaj hatten freies Spiel. In der Posavina erhob sich die gedrückte und geschundene Rajah gegen ihre Peiniger, 1857. Mch-meb Resid wurde abberufen. Unter feinem Nachfolger —< 109 — Kjani Pasa wurde das Loos der Rajah noch härter. Zahlreiche Verfolgte flüchteten auf österreichisches Gebiet, sandten den Erzpriester Peter Gvozdic mit einer flehenden Bittschrift nach Wien. Der Hati Humajum, baten sie, möge eine Wahrheit werden; man möge sie aus dem Joche der Leibeigenschaft befreien, ihnen erlauben als Menschen zu leben, treu ihrem Gott, treu ihrem Monarchen dem Sultan. „Wir werden das Ezil in welchem wir seufzen nicht verlassen", so schlössen sie die Schilderung ihres Elends; „wir werden aus dem Dickicht der Wälder wo wir mit den Thieren die Nahrung theilen nicht herausgehen; wir werden uns lieber in's Wasser stürzen und unserem armseligen Dasein ein Ende machen, als daß wir unter den Umständen wie sie jetzt sind nach Bosnien zurückkehren." Die Pforte schickte in die misregierten Provinzen eine Commission, die vergebliche Anstrengungen machte den Uebermuth und die Willkür der Vegs zu brechen, 1858. In diesem Jahre hatte es wieder einen Krieg zwischen den Türken und Crnagorcen gegeben; die europäischen Cabinete beorderten einen Ausschuß zur Lösung der streitigen Gebictsfragen. Die Rajah der südlichen Hercego-vina verlangte den Anschluß an das freie Bergland; doch ihre Bitten blieben unerhört. Den Crnagorcen wurde die freie Benützung des Hafens von Antivari zu- no gesprochen; dafür sollte den Türken gestattet sein eine Verkehrsstraße über montenegrinisches Gebiet zu bäum, 1859. Im Jahre darauf fiel Danilo in Cattaro durch den Schuß des landesverwiesenen Crnagorcen Kadic, 13. August 1860. Sein Nachfolger war Nikita. Zu Anfang des Jahres 1861 erstand der Rajah in den an Montenegro gränzenden Gebieten der Hercego-vina ein Retter und Held Luka Vukalovic. Er war, wie es hieß, seines Zeichens Schmied, ein Mann von herkulischer Gestalt und Kraft, was einen nicht geringen Theil an dem Ansehen hatte, das er sich über seine fast unausgesetzt auf dem Kriegsfuße mit den Türken lebenden Landesgenossen zu verschaffen wußte. Wohl blieb sein Auftreten nicht frei von allerhand Verdacht. Daß französische Aufhetzerei, um Oesterreich Verlegenheiten zu bereiten, dabei im Spiele sei und daß Rollen von Napoleond'ors, die ihm in gewissen Fristen zukamen, als ein wichtiger Factor ihn bei seinem Unternehmen warm erhielten, wurde von gewissen Seiten hartnäckig behauptet und zur Bekräftigung darauf hingewiesen, daß es ihm vor allem darum zu thun gewesen, sich den Weg zur See offen zu halten von wo ihm jene Beihilfen kamen. Luka Vukalovic begann —< IN >— nämlich sein Wagnis mit einem Angriff auf die Kula der Sutorina, deren Besatzung abziehen mußte, worauf er die Thürme zerstören ließ. Der Aufstand verbreitete sich rasch über die Bezirke der Zubci — Luka hieß und schrieb sich jetzt „Vojvode der Zubci" —, der Banjani, über die Rudina, das Gebiet von Niksic bis nach Gacko und Piva gegen Mostar hin. Im März und April gab es fortwährende Kämpfe die meist zum Nachtheil der Türken ausfielen. Die Festung Niksic wurde von den Insurgenten umlagert und bedrängt; Zufuhren von Proviant und Schießbcdarf, welche die Türken der Besatzung aus Krstac zukommen lassen wollten, konnten die sechs Stunden lange Enge von Duga nicht passiren, die ihnen wiederholt verderblich wurde. Gegen Ende Mai traf Omer Pasa in Mostar ein, mit ansehnlicher Streitmacht und ausgedehnten Vollmachten ausgerüstet. In einer Proclamation die er an die Aufständischen richtete verhieß er ihnen alles mögliche: Freiheit der Gemeindeverwaltung unter selbstgewählten Vorständen; volle Glaubensfreiheit mit der Erlaubnis Kirchen zu bauen und Glocken zu gebrauchen; Verwendung beim Patriarchen von Äonstantinopel daß er ihnen in Hinkunft Bischöfe ihres Stammes und ihrer Sprache gebe; gerechte Steuerbemessung; Erleichterungen in Erwerb von Grundeigenthum u. dgl. m. Die europäischen -^ N2 >— Consul« legten ihr Fürwort ein. Selbst Fürst Nikita ertheilte den Aufständischen den Nath die Hand der Versöhnung anzunehmen, sich auf die vom Seraskier for-mulirten Gewährungen hin dem Sultan zu unterwerfen, und so neues Blutvergießen zu vermeiden. Allein die arme Rajah war zu lang und zu oft getäuscht worden, um sich durch bloße Verheißungen in neues Unheil verlocken zu lassen. In dem verfallenen Klostergebäude von Kosjerovo traten unter Vorsitz des Vojvoden Luka Vukalovic Vertreter der Zubci, der Van-jani, der Rajah von Piva und Gacko, aus der Rudina, von Nevesinje zusammen und einigten sich in dem Beschlusse auf das Anbot Omer Pasas nicht einzugehen. Seit fünf Jahren sei der Hati Humajum auf das feierlichste publicirt, und was sei die Folge davon gewesen?! „So oft wir an das uns vom Sultan gegebene Staatsgrundgesetz appellirten und dasselbe gegen die türkischen Unterdrücker mit unserem Blute vertheidigt haben, wurden wir als Rebellen verschrien und bezeichnet, als solche auch behandelt, mit Brandschatzungen bedroht, unser Hab und Gut von wilden Horden angegriffen, geplündert. Unsere unausgesetzten Leiden haben das Maß jedweder menschlichen Geduld erschöpft. In dieser trostlosen Lage macht man uns neuerdings Versprechungen! Aber Omer Pasa verheißt uns weniger als uns der -^ 113 >— von den europäischen Mächten verbürgte Hati Humajum schon vor fünf Jahren in Aussicht gestellt hat. Sollen wir noch einmal glauben? Die Reihe von unbestreitbaren nackten Thatsachen, daß leider bisher gerade immer das Gegentheil der großmüthigen und gnädigen Absichten und großherrlichen Entschließungen in's Leben trat, hat in uns den letzten Funken des menschlichen Zutrauens zu der Nealisirung noch so günstiger Versprechungen gelöscht und unterdrückt. Wir sind über-Zeugt, daß, wenn auch mit großem Blutvergießen etwas weniges von den Versprechungen nach ungeheuren Hindernissen ins Leben eingeführt werden könnte, dasselbe an jenem Tage wieder vernichtet würde, an dem uns die Commission verlassen würde. Wir bitten daher die Repräsentanten der Großmächte Europa's an dem Prinzipe der Nicht-Intervention festzuhalten, damit durch einheitliche Anerkennung desselben der Anwendung der Waffengewalt seitens Omer Pasas vorgebeugt werde. Denn nur dann können wir hoffen, daß wir endlich zu einer regelmäßigen Regierung gelangen, die unserer Religion, unseren Sitten und Gewohnheiten, dem Geiste unserer Nationalität entspreche, auf deren Grundlage einzig allein unsere bürgerliche Gleichheit, religiöse und politische Freiheit sich naturgemäß entwickeln können". Gezeichnet: Luta Vukalovic Vojvode der Hubci; v. HcIfrr :, Bosnisch«. 8 — 114 >— Serdar Djoko Radov aus Vanjani, Jan Vasiljev aus Banjani, Vojvode Zarko Lcscvic aus Piva :c. Auch an die Rajah von Bosnien, die sich übrigens diesmal ruhig verhielt, richtete der Scrastier seinen Aufruf, dessen Vertröstungen man dort eben so wenig traute als in der Hercegovina. In dieser griff die Erhebung immer weiter um sich. Fortwährend fanden kriegerische Zusammenstöße statt, welche für die Tapferkeit beider Theile neue Zeugnisse ablegten, aber zu keiner Ent^ scheidung im großen führten. Fürst Nikita machte jetzt gemeine Sache mit der Rajah der südlichen Herccgovina die sicy, wie früher erwähnt, ohnehin nichts besseres verlangte als mit den Crnagorccn vereinigt zu werden, und Omer Pasa hatte nun eine dreifach so schwierige Aufgabe als neun Jahre früher vor sich. Denn auch unter den bosnischen Muslims, zumal iu der stets störrigen Krajina, wo die Rccrutirung und die Höhe der eingeforderten Steuern Unwillen erregte, gaben sich bedenkliche Wahrzeichen kund; ja sie drohten, falls die hohe Pforte ihren Beschwerden nicht Abhilfe träfe mit den Christen in der Herccgovina in Bund zu treten um sich von der nicht mehr zu ertragenden osmanischen Herrschaft zu befreien. Unter solchen Umständen mußte Omer Pasa, der mit 1. September 1862 seinen Feldzug begann, bald nach allen -« 115 >— Seiten sich auf die Vertheidigung verlegen, besonders da Luka Vukalovic die Sutorina fortwährend in seinen Händen hielt, wodurch dem Seraskier die Zufuhr zur See abgeschnitten wurde. Während von der einen Seite die Crna-gorcen die Insel Vranjina im See von Skutari besetzten, 4. September, bei Spuz, bei Zabljak in türkisches'Gebiet einfielen, Dörfer anzündeten und Vieh wegtrieben, sah Luka seinen Heerhaufen, der mit einer Handvoll Leute begonnen hatte, zu Tausenden anschwellen, mit denen er seine Ueberfälle und Raubzüge immer weiter ausdehnte, ja den kriegsgeübten Schaaren Omer Pasas Gefechte in offenem Feld mit wechselndem Kriegsglück lieferte. In der Nacht vom 26. zum 27. October griffen die Insurgenten von Gacko Piva Banjani, von einem montenegrinischen Zuzüge unterstützt, die befestigte Stellung der Türken bei Piva an und schlugen diese mit großen Verlusten aus den Verschanzungen heraus, so daß Omer Pasa für gut fand sich nach Gacko zurückzuziehen. Jetzt nahm Luka's Anhang reißend zu. Mitte November hatten sich, außer den ursprünglichen an die Crnagora gränzenden Bezirken, auch die von Suma Povrsje und Popovo Polje längs des dalmatinischen Küstenstriches dem Aufstande angeschlossen, die türkischen festen Plätze Trebinje Klobuk Niksic waren von ihnen umlagert und eingeschlossen, 8* —< 116 >— Luka's Vorposten standen bis Gabela Pocitelj Stolac Nevesinje Foca. Eine so bedrohliche Gestalt nahmen die Dinge an. daß der Seraskier, um sich mindestens nach der einen Seite Luft zu machen, Verhandlungen mit Luka Vukalovic anknüpfte, ihm das Generals-Patent anbot falls er ihm die Unterwerfung der Sutorina verschaffte, Ende Februar 1863. Luka antwortete mit einem Aufrufe worin er jedem Sutoriner, der sich den Türken unterwürfe mit dem Tode, jedem Dorfe, das sich an die Türken ergäbe mit der Einäscherung drohte. Im April drangen die Crnagorcen im Gebiete von Niksic vor, schlugen sich in dreitägigem blutigen Kampfe in den Engpässen von Duga, bemächtigten sich mit stürmender Hand der Stadt Niksic, 13. Mai. Aber von da trat ein Wendepunkt ein. Mit der Beihilfe der Albanesen, die unter den räuberischen Einfällen der Crnagorcen am meisten gelitten, verfügte Omer Pasa über eine Streitmacht von fünfzigtausend Mann, die er von zwei Seiten gegen die schwarzen Berge richtete. Während sich im Nordosten Dervis Pasa nach blutigen Gefechten den Marsch durch die Duga erzwang, Stadt und Gebiet von Niksic vom Feinde säuberte, drang ein anderes Heer von Südwest in das Gebiet der Bjelo-pavlicen ein, schlug die Montenegriner bei Martinici, und rückte mit Macht gegen die Hauptstadt vor. Im -^ 117 >— Juni und Juli wurde mit gleicher Erbitterung, aber mit wechselndem Kriegsglück gefochten, die Helden Mirko und Krco Petrovi^ schlugen wiederholte Angriffe des Feindes zurück, der ungeheure Verluste erlitt. Aber auch die Reihen der Crnagorcen lichteten sich mehr und mchr, sie kämpften mit dem Aufgebot all' ihrer Kräfte, während die türkischen Pasas ihre Lücken durch immer frische Abtheilungen ergänzten. Im August richteten diese ihren Hauptangriff gegen die Rjeka; nach einem heldenmüthigen, aber erfolglosen Widerstände räumten die Crnagorcen das gleichnamige Dorf und zündeten es an, 24.M. August. Schon standen die Türken in Dobrsko Polje, von dessen Hohen sie nach Cetinje hineinsehen konnten, dessen Vertheidiger ihre Weiber und Kinder mit ihrer beweglichen Habe nach Njegus schickten, die Verwundeten an die österreichische Gränze schafften: sie waren entschlossen Cetinje in Asche zu legen wenn die Türken weiter vorrücken sollten. Da sandte Nikita einen Vertrauensmann in das Haupt-Quartier Omer Pasas nach Skutari um Frieden ;u bitten, 31. August, den ihm dieser auf Grund der Bedingungen von 1859 großmüthig gewährte. Nun hatte es auch mit dem Aufstande der Herce-govcen ein Ende. Unter Vermittlung der kaiserlichen Behörden von Ragusa fand daselbst eine Zusammenkunft —< 118 — Luka's mit dem von dem Seraskier dahin beorderten Chursid Pasa statt. Vukalovic stellte eine Urkunde aus, welche die Unterwerfung aller unter seineni Befehle gewesenen Bezirke zusicherte, wogegen Omer Pasa vollständige Amnestie versprach und den ehemaligen Insurgenten-Chef zum Bimbasi (Major) mit einem Monatsgehalte von hundertfünfzig Gulden Silber ernannte; er sollte über fünfhundert von ihm selbst gewählte Pan-duren gebieten und mit diesen Ruhe und Ordnung in den ihm zugewiesenen Gebieten Banjani Zubci Kruse-vica und Sutorina aufrecht halten, 13. September. Es ist fast ermüdend zu wiederholen was jetzt, wie jedesmal nach gebändigtem Aufstand, trotz der europäisch garantirten Zusicherungen der Pforten-Regierung, trotz der so lockenden Zusagen Omer Pasas, in Bosnien neuerdings vorsiel. Unter dem Vorwande den verkündeten Reformen Durchbruch und Geltung zu verschaffen, richteten die türkischen Behörden eine Sicherheitswache ein, die aber das gerade Gegentheil von dem war was sie sein sollte. Zusammengefangene Strolche bildeten sie, die man in Nizam-Uniformen steckte und die nun ihr früheres Handwerk gleichsam von Amts-wcgen fortsetzten. Ihre Frechheit ging so weit, baß sie -« 119 >— den Leuten am offenen Tage das Mehl wegnahmen das diese aus der Mühle nach Hause trugen. Die Agas ließen sich Paläste aufführen, wozu ihnen die Rajah ohne jedes Entgeld das Material liefern und Arbeit leisten mußte. Das Elend war wieder so groß, daß zahlreiche Familien als Flüchtlinge oder zum Zwecke förmlicher Ansiedlung über die Save setzten. Auch aus Rußland und Serbien kamen Einladungen, und viele Familienhäupter verkauften Haus und Hof um sich im Osten eine neue Wohnstätte zu gründen. Da ließ Rußland plötzlich durch seine Agenten contramandiren: „es brauche keine Ansiedler, am wenigsten aus Bosnien, weil hiedurch nur Einwanderern aus Circassien Platz gemacht würde". Serbien nahm zwar einige hundert bosnische Flüchtlinge auf, dann wurde es ihm aber zu viel, es steckte sich hinter die von Rußland gebrauchten Ausflüchte, und ganze Schaaren die an den serbischen Thoren um Einlaß bettelten, wurden zurückgewiesen; sie mußten umkehren in ihre alte Heimat wo sie ihr Hab und Gut in fremden Händen fanden. Das neugeschaffene Fürstenthum hat zu wiederholtenmalen mit der bosnischen Najah ein herzloses Spiel getrieben; es hat sie in den Krieg gehetzt, wenn es deren Mithilfe für seine selbstsüchtigen Zwecke bedürfte, und es hat sie in vornehmer Abkehr sich selbst überlassen, sobald es durch — 120 >— einen Frieden mit dem gemeinschaftlichen Feinde sich eigene Vortheile erringen konnte. In den südlichen hercegoviner Bezirken, die dem polizeilichen Wirkungskreise Luka Vukalovic' anvertraut waren, ging in der ersten Zeit alles vortrefflich. Sie hatten ihre Kirchen mit Thürmen und Glocken, sie hatten Schulen ihres Glaubens, eine selbstgewähltc Gemeindevertretung, eine unabhängige Gerechtigkeitspflege; die Steuern waren geregelt, jede Willkür ausgeschlossen, ihre Töchter hatten nicht zu fürchten türkischer Lüsternheit zum Opfer zu fallen. So beneidet waren diese Zustände, daß man sagte: „Wenn es in allen Theilen der Hercegovina so aussähe wie in der Sutorina, in den Bezirken von Krusevica Zubci und Vanjani, hätte man sich nichts zu verlangen als den Schutz und Schirm des Großherrn in Stambul!" Doch eben das war eine Anomalie in den Augen der Alt-Türken, ein böses Beispiel das die guten Sitten der andern Provinztheile verderben konnte und das man darum aus dem Wege räumen müsse. Sali-Efendi, der Kaima-kam vonTrebinje, erlaubte sich die empörendsten Uebergriffc. Als die unter Vukalovic' Leitung stehenden Hercegovcen dagegen eine Beschwerde an den Sultan richteten, worin sie über Verletzung der Omer'schen Pacifications-Punkte klagten, ließ der Kaimakam die vier Männer, welche -« 121 >— die Petition über Ragusa nach Stambul zu befördern hatten, aufgreifen und in Kerker werfen, wo er sie so lange hielt bis sie eine das gerade Gegentheil der zu überreichenden Klageschrift enthaltende Urkunde unterschrieben. Sali-Efendi wurde zwar abberufen; allein sein Nachfolger Munib-Efendi überbot ihn noch. In der unverkennbaren Absicht Luka Vukalovic in eine Falle ;u locken und aus dem Wege zu räumen, lud er ihn und die Häupter der ihm unterstehenden Bezirke zu einer Unterredung an einem Orte ein, wohin sie nur durch einen, Versteck und Hinterhalt bietenden Wald gelangen konnten. Doch Luka war kein Unerfahrener: er machte sich mit den Häuptern auf den Weg, nahm aber die fünfhundert Pandurcn mit über die er übereinkunftsmäßig zu gebieten hatte. Natürlich daß Munib-Efendi, der auf solche Begleitung nicht gefaßt war, sich ganz ruhig verhielt und bei der Zusammenkunft, die dann statt hatte, die Anlegung einer Straße in die Sutorina und die bessere Befestigung von Trebinje zur Sprache brachte, worauf die Hercegovcen erwiderten, sie würden in nichts willigen was nicht in den Verträgen stipulirt worden, Juli 1864. Vutalovic mit den Seinen kehrte in seine Heimat zurück, nicht ohne seine Mannen in die Waffen zu rufen, da er darauf zählen tonnte, daß ' _^ 122 >— der wuthentbrannte Kaimakam seine ganze Macht gegen ihn aufbieten werde. So kam es auch; bald standen sich beide Theile in voller Rüstung gegenüber und es schien, daß es zur Schlacht kommen müsse. Allein es verlief alles im Sande, die Haufen gingen auseinander, die Leute schienen kampfmüde zu sein, und ihr Held und Schirmer fand es für gut sich auf montenegrinisches Gebiet zurückzuziehen, wozu ihm der Vojvode von Grahovo Pferde für sich und sein ganzes Gefolge zur Verfügung stellte, August. Zu Anfang 1865 erschien er im Bergwald Iastrebica, Bezirk Zubci, wo ihm die Pforte volles Vergessen und Verzeihen anbieten ließ. Er hatte guten Grund dieser Zusage zu mistrauen; er verlangte Einhaltung der Verheißungen von 1861, Amnestie für alle hercegoviner Flüchtlinge, Zurückgabe ihres confiscirten Vermögens. Als er sich in seinem heimatlichen Aufenthalte nicht mehr sicher fühlte, rief er russischen Schutz an und begab sich nach Odessa. Nach Luka's Scheiden, Juli 1865, wurde das selbständige Sandzak Hersek wieder aufgehoben und mit jenem von Bosnien vereinigt, wie es vor Ali Rizvan's Tagen gewesen war. VII .Hie H^tht hat sie yenehrt" ^s^ ines der ersten Wiener Blätter hat zu Anfang « M . bn siebenziger Jahre einen Leit-Artikel über süd-^M^ slavische Zustände in der Türkei mit den Worten begonnen: „In einem Thal bei armen Schweinehirten regt sich in jedem jungen Jahr die Sucht sich bemerkbar zu machen."... Jawohl, sich bemerkbar zu machen! Wodurch? Natürlich durch einen „Schmerzcnsschrei". Einen Schmerzcnsschrei? Etwa wie ihn ein junger welt-und curopamüder deutscher Poet ausstößt und auf glattem Papier gedruckt in die Welt hinaussendet? O nein! Die Schmerzensschreie, die von dort drüben herüber-tönten, waren wohl anderer Art, und wenn sie bisher -« 126 >— nicht aufhörten zu uns zu dringen, so daß es den Koryphäen unserer Tagespresse langweilig zu werden begann, ihnen nur Stoff zu Spott und wohlfeilen Witzen bot, so lag der Grund einzig darin, daß die unerträglichen Zustände die jene Klagen auspreßten, trotz aller Stambuler Neformplane, trotz Tanzimats, Hati serifs und Hati Humajums, nach einigen Pausen des Nachlassens und scheinbarer Besserung, immer wiederkehrten. Für uns in unserem Wohlleben — und das Bewußtsein waltender Gerechtigkeit und persönlicher Sicherheit hat der Aermste unter uns! — mochte es allerdings leicht sein, darüber zu sprechen und obenhin zu urtheilen, was uns von Zuständen und Ereignissen in den türkischen Gebieten der Balkan-Halbinsel, „bei den armen Schweinehirten", unglaubliches berichtet ward. Aber wer nur einige Phantasie besaß und wem das Herz nicht abging sich in fremde Lagen hineinzuversetzen der mußte sich am Ende gestehen: die dort unten sind doch auch Menschen „so zu sagen", zu menschenwürdigem Dasein berufen, mit einem „Vollmachtbrief zum Glücke" in der Wiege. Oder war es ein menschenwürdiges Dasein zn nennen, was die Rajah, die Heerde der Djaurs, unter dem Walten des Halbmondes führte?! Gewiß nicht! Denn die Heerde war schütz- und rechtlos, der türkische —< 127 >— Hirt war nicht da um sie zu hüten, sondern blos um sie zu scheeren, oder auch: er hütete sie blos um sie scheeren zu können, gleich jenem Cengic Aga der seinen Schergen zugerufen: die Rajah zu martern und zu Peinigen, ihr das letzte auszupressen, aber nicht sie zu todten; „denn keine Rajah, keine Kopfsteuer!" Diese Kopfsteuer, dai-ac-, war die auszeichnende Zinspflicht der Rajah vor der Zeit der Reformen; seither sollte die Steuer von allen Unterthanen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses entrichtet werden. Allein diese Gleichheit blieb auf dem Papiere. Den härteren Theil hatten nach wie vor die Djaurs zu tragen, geschunden vom Vczier und von den türkischen Beamten, welche letztere bei ihrer schlechten, oft wohl ganz ausbleibenden Bezahlung auf dieses Aussaugen förmlich angewiesen waren. Dabei kam es, weil das Ausstellen von Quittungen eine unbekannte Sache war und etwa der Mudir (Bezirksrichter) an einem schwachen Gedächtnisse litt, gar nicht selten vor, daß die schon bezahlte Abgabe noch einmal eingefordert wurde und bezahlt werden mußte. Dazu rechne man die Blutsteuer; die Herbei schaffung der Bedürfnisse für die Truppen, die fast ausschließlich der christlichen Landbevölkerung zur Last fiel: die unentgeltlich zu leistenden Dienste bei öffentlichen Bauten. Das waren die Gaben und Leistungen an -« 128 >— den Staat. Nun kam aber der Beg oder Aga mit seinen Forderungen. Das gewöhnliche war Ablieferung des Drittels oder der Hälfte der Fechsung, je nachdem der Kmet (Bauer, Pächter) sein eigenes Zugvieh hatte oder es vom Grundherrn geliehen bekam. Wurde das Quantum iu uatui«, abgeliefert, so hatte der Kmet oft Tagereisen in den Wohnsitz des Aga zu machen. Aber das war am Ende erträglicher als wenn der Grundherr die Gebühr in Geld verlangte und selbe entweder, einen Rundritt durch sein Gebiet machend, in Person oder durch seinen Aufseher (»udaöa.) eintrieb; denn dabei war der Unterthan jeder Willkür der Schätzung preis, gegeben. Am ärgsten vielleicht war das Loos des Grundholden in Türkisch-Kroatien. Er hatte keinen unbeweglichen Besitz; der Herr konnte ihn jeden Augenblick von Haus und Hof jagen und einen andern darauf setzen-jede Zadruga (Hausgemeinschaft) mußte einen Burschen und eine Magd zum unentgeldlichen Dienst in den Haushalt des Aga stellen, der Kmet mit eigenen Händen dessen Felder bearbeiten und überdies von dem Erträgnisse seiner Pachtgründe einen Theil abführen. Zwar sollte nach dem neuern Gesetze der Aga ein Drittel der Regierungssteuer für den Kmeten zahlen; aber auch das wurde häufig umgangen und die ganze Last fiel auf den Grundholden. Den orthodoxen Bosnier trafen, nebst -« 129 >— den Steuern und Leistungen für den Staat, dann der Robot und den Abgaben an den Gutsherrn, überdies die schamlosesten Erpressungen der phanariotischen Geistlichkeit. Im Jahre 1850 begann Oesterreich mit der Ernennung eines General-Consuls in Bosna Sarai; in den Jahren 1855 1856 1857 folgte die Errichtung der russischen französischen britischen Consulate daselbst, 1863 und 1864 thaten Italien und Preußen das gleiche. Oesterreich hatte außerdem einen Consul in Mostar, dann Vice-Consuln in Travnik Trebinje Livno uiw Vrcka. In Mostar hatten auch die anderen Mächte Consuln. Diese Vertreter der europäischen Cabinete hätten nun den Beruf gehabt, sich um die rechtlose Rajah anzunehmen, darüber zu wachen und das Ansehen ihrer Regierung dafür einzusetzen, daß die von der hohen Pforte gemachten Zusagen eingehalten würden. Aber sie hatten für's erste für ihre eigene Sicherheit und die ihrer Angehörigen zu sorgen. Den eingefleischten Muslims war alles Fränkische ein solcher Greuel, daß sie selbst das Völkerrecht nicht achteten. Als einst von Ragusa eine friedliche Gesandtschaft nach Mostar kam, da eben eine Knabenschule nach Hause ging, wurde sie von den Jungen mit Aepfeln und dergleichen, selbst Steinen beworfen, was Erwachsene zu ernsteren V. Helfer«, Uosnischcs. ^j —< 130 >— Angriffen reizte, so daß jene von Glück sagen konnte, mit dem Leben davonzukommen. Der britische Consul und dessen Frau wurden eines Tages, wie Franz Maurer aus dem Munde eines andern Consuls erfuhr, auf einem Spazierritt von türkischen Soldaten beschimpft, wobei die Dame einen Bajonnetstich durch ihren Hut erhielt. Den russischen Consul Kudriavscv trafen bei jedem Ausgang Drohungen und Schimpfreden der ärgsten Sorte; seine Frau wagte er schließlich gar nicht auo dem Hause zu führen, denn obwohl sie die Landessprache nicht verstand, war es ihm doch peinlich, die Gemeinheiten zu hören, die ihr von den Leuten, meistens Soldaten, zugerufen wurden. Bei so bewandten Umstanden darf es nicht Wunder nehmen, wenn die Anwesenheit europäischer Vertreter in Sarajevo und Mostar dem gewohnten System der Bedrückung der Rajah, ja der unmenschlichsten Behandlung derselben nicht im mindesten Einhalt that, wenn sich Beschwerden über die unglaublichsten Vorgänge in jenen unglücklichen Landern nach wie vor vernehmen ließen. Lassen wir vor unserem geistigen Auge eine Reihe von Bildern vorüber gleiten, welchen Charakters und Grades die Vorgänge gewesen, die der Rajah in den -« 131 >— kroatisch-dalmatinischen Hinterlanden ihre Klag- und Hilferufe auspreßten. Ich schlage meine Mappen auf und wähle Beispiele von verschiedenen Berichterstattern, aus verschiedenen Jahren, aus verschiedenen Gegenden des Landes! Da haben wir einen Korrespondenten der „Oesterr. Ztg." aus der zweiten Hälfte October 1857. Der Schauplatz ist der aus den gegenwärtigen Kriegsgeläuf-ten sattsam bekannte Bezirk von Gradacac, dessen Mudir mit vierundvierzig seiner Leute auf einer Rundreise begriffen ist, „um Steuern einzutreiben". Er heißt Mahmud Beg Capanoglu und stammt aus Kleinasien; die Sage geht, er sei eines der eintausendzwei-hunderteinundachtzig Kinder, die sein Papa von ein-tausendeinhundertachtzehn Frauen gehabt. Er kommt in das Dorf Skugrin an der Ilivaca-Rjeka. Nachdem die Leute die kaiserlichen Steuern bei Heller und Pfennig bezahlt haben, ruft er sechs der angesehensten Dorfbewohner heraus und verlangt von ihnen, sie sollen sich vertragsmäßig verpflichten, alljährlich das Drittel ihrer Bodenerzeugnisse ihrem Beg abzuliefern. „Herr, es gibt kein Gesetz das uns dazu verhielte", erwiedern die Bauern. „Wir haben den Boden urbar gemacht, wir haben ihn durch unserer Hände Arbeit zu seiner jetzigen Ertragsfähigkeit gebracht, der Beg hat uns nicht einen 9* -^ 132 — Para dazu gegeben. Der Großherr in Konstantinopel m'öge darüber entscheiden, ob wir im Rechte sind." Der Mudir ruft seine Leute, die sechs Bauern werden mit Stricken geschnürt und aneinander gepreßt, und über dieses Bündel Menschen springen die Türken, um zu erproben wer es besser treffe. Auf dem Wege in die Bezirksstadt wurden die sechs derart zugerichtet, daß . ihnen, als man sie über den Platz von Gradacac trieb, aus Mund und Nase Blut floß, die Augen blutrünstig und geschwollen zum herausspringen waren; denn außer den Stricken um die Brust hatten sie eiserne Halsringe, die ihnen das Athmen erschwerten. Unter solchen Qualen stieß man sie in den Kerker. In dem Dorfe Crkvina spielte sich ein '^»nlicher Auftritt ab; hier wurden acht Dorfbewohner gepackt; „einer der Unglücklichen", so schreibt unser Gewährsmann, „ist klein von Statur, wurde aber zwischen zwei unverhältnismäßig große Gefährten gepreßt, von denen er an der Halsbinde wie von einem Galgen herabhing." Als diese Unmenschlichkeit dem Paöa von Tuzla zu Ohren kam, befahl er die Freilassung der Gemarterten: doch zehn von ihnen wechselten den Kerker mit ihrem Sterbelager... Es ist in jenen Jahren ein gräßliches Wort in Schwang gekommen: „Aoo xo i'Heäe — die Nacht hat ihn aufgezehrt". Das wollte sagen: er ist ver- — 133 >— schwunden; er ist heimlich gemordet, abgeschlachtet, vielleicht zuvor unmenschlich gemartert worden; man iveiß nichts von ihm. Als im Jahre 1858 die Drangs sal der bosnischen Rajah einen unerhörten Grad er-reichte, meldete sich eine Deputation beim Fürsten Kalimachi in Wien, um ihm eine Adresse an den Sultan zu überreichen, aus der einige Stellen hervorgehoben sein mögen: „Ein Türke vermag noch so viele Verbrechen zu begehen ohne jedwede Furcht, je dafür bestraft ;u werden; denn obgleich der Hati Humajum die Christen zur Zeugenschaft gegen die Türken berechtigt, so ist doch diese Anordnung in Bosnien noch ohne jede Geltung und Werth. Wenn ein Türke einen Christen ermordet, kann er ungeachtet dieses Mordes unbesorgt und ruhig schlafen, wenn nur kein Türke als Zeuge gegen ihn auftritt, weil eine noch so große Anzahl christlicher Zeugen keinen Beweis gegen einen solchen Mörder herstellt. Von vielen Beispielen sei hier blos eines erwähnt. Ocepan Stojsic aus Kubic-polje und Kcepan Narandjic aus Korentica, Peter Starcevic und der Ortsälteste (knex) Nikolaus Mikic aus Tolisa hatten zwar Muth, sich der Willkür eines Aga zu widersetzen und die ungerechte Abgabe des Drittels zu verweigern, wurden aber auf Befehl der Behörde jeder mit fünfhundert Fußsohlen-Hieben bestraft. Von diesen Unglücklichen blieb der einzige Mikic am Leben, denn die übrigen gaben ihren Geist noch während der Exekution auf. . . . —< 134 »- Die bosnischen Agas und Begs behaupten, das bosnische Erdreich sei weder das Eu. Majestät noch das der Rajah; denn sie- sind es, wie sie sagen, die dieses Land von Eu. Majestät um ihre Dukaten abkauften; wir Rajah haben uns damit zu begnügen, daß sie es uns gönnen, in demselben zu wohnen und es zu bearbeiten; in ihrer Macht stehe es, uns alle, wie wir sind, fortzujagen, da wir ihre Sklaven seien und sie unsere Herren. . . Die getreue Rajah Bosniens ist bereit jede Steuer zu entrichten, welche Eu. Majestät einzuführen für gut finden werden, aber das Drittel raubt uns alles, und die willkürliche Art des Eintreibens brachte die christlichen Familien an den Bettelstab. Die bosnischen Begs begnügen sich nicht mit dem Drittel m Natura, sondern schätzen dasselbe in Geld ab, aber so, daß, die Geldabgabe den Werth der gcsammten Frucht bei weitem übersteigt. Es geschieht oft, daß man sich begnügen muß, wenn der Beg die ganze Frucht wegnimmt und nur noch nebenbei auch kein Geld fordert. . . Wir müssen das Drittel auch von Tabak, Erdäpfeln, Kraut, Flachs u. s. w., ja sogar von Blumen leisten, von Heu verlangt man nicht das Drittel sondern die Hälfte, und diese muß auch gegeben werden. Das Drittel, der Zehent, die Militär-Befreiungstaxe und die Steuern verschlingen alles, was zu unserem und unserer Familien Unterhalte nothwendig wäre. Es geschieht, daß man, angetrieben von Hunger, sein eigenes Kind verkaufen muß, um die übrige Familie nicht zu Grunde gehen zu lassen. Zu dem allen gesellt sich, daß nicht einmal unsere Person vor der Gewaltthätigkeit un- -« 135 — serer Glaubensfcindc gesichert ist. Viele Christen zehrte die Nacht auf ^lnoxe Iirixtjane noo i/.j6^o), ohne daß man weiß, warum und wodurch. Zuletzt ergriff die Verzweiflung die bosnische Rajah, und dieselbe ist gesonnen, Lano und Haus zu verlassen und auszuwandern, wenn ihr nicht die Allerhöchste Gnade Cu. taiscrlichcn Majestät zu Theil wird" . . . In der vom 2<». Juli 18:">8 datirten Bittschrift der nach „Cäsarien" geflüchteten Bosnier geschah u. a. folgender Thatfachen Erwähnung: „Der Zehentpächtcr im Bezirke von Dubica Hassan Becic ließ auf den Rücken eines unglücklichen Christen, Michael Babic mit Namen, einen ungeheuren Sack schwarzer Crdc laden und ihn so vor sich hergehen, indem er fortwährend mit dem Stocke auf ihn einschlug und schrie: ,Sachte sachte, daß Du mir die Flaschen in meinem korbe nicht zerbrichst'/ Während des letzten Winters wurden mehrere Christen aus Novi an Bäume gebunden und bei der strengsten Htältc von Zeit zu Zeit mit Ciowasser begossen, das dauerte mehrere Tage und Nächte. Aus einer blosen ^— Frage, was er für ein Verbrechen begangen, erhielt ich die phlegmatische Antwort: er sei verdächtig Räuber beherbergt zu haben, und wolle nicht angeben wo sie jetzt wären. Hierauf trug man ihn fort und warf ihn, unbekümmert ob er lebe oder nicht, in ein Kerkerloch. Wie entmenscht das Gefühl der Türken für den christlichen Unterthan sein muß, können Sie daraus ermessen, daß ein Beamter des Kaimakams ruhig rauchend der Strafvollziehung zusah, und endlich das Zeichen gab mit derselben aufzuhören. . . . Wie es mit der Aus-Übung der Justiz den Christen gegenüber im bosnischen Lande bestellt ist, kann folgender erst kürzlich vorgekommener Fall beweisen. Ein ,Djaur' aus Iosane wurde von dem Türken Achmet Muric erschossen; als Zeugen dieses Mordes traten mehrere Familienglieder des Ermordeten auf, nach allen Haupt- und Nebenumständen war das Verbrechen nicht zu bezweifeln, und die Gesetze jedes andern Landes würden den Thäter als schuldig verurtheilt haben. Aber in der Türkei gilt ungeachtet des Hati Humajum, der die Gleichberechtigung der Najah mit dem Muselmanne vor dem Gerichte festsetzte, kein Zeugnis der Christen gegen den Türken, und auf diesen Grundsatz des Koran hin wurde die Familie des Ermordeten mit ihrer Klage abgewiesen, weil kein rechtgläubiger Muselmann als Zeuge auftrat". . . . -« 138 >— „In Bosnien", hieß es in einer Correspondenz des „Pokrok" aus Banjaluka ^». Juni 1872, „werden jetzt an den Christen unerhörte Grausamkeiten begangen. Vor kurzem wurde hier der orthodoxe Geistliche Iovica aus dem Dorfe Kaoca aufgeknüpft, weil drei Ni',ams ihn des Mordes an einem gewissen Alaj-Begovic beschuldigten. Diese drei Nizams haben nachderhand eingestanden, daß sie selbst den Alaj-Vegovic, auf Geheiß ihres Obern der es mit dem Weibe des Ermordeten hielt, ermordet haben. Das ganze Dorf, welchem Iovica angehörte, hat Zeugnis dafür abgelegt, daß er an dem Tage wo der Mord begangen wurde die Schwelle seines Hauses nicht verlassen: aber was vor einem türkischen Gerichte das Zeugnis der Glieder einer christlichen Gemeinde gegen das Zeugnis dreier türkischer Taugenichtse für Gewicht habe, das wissen wir alle. Auf Grund einer solchen Aussage wurde der Pope. und nicht blos er sondern auch sein greiser Pater in's Gefängnis geworfen, und ihr Vermögen von den Türken eingezogen, wobei der griechische Metropolit redlich mitgeholfen hat. Ehe die Bestätigung des Urtheils aus Konstantinopel einlangte, starb der alte Iovica im Kerker und wurde nachderhand an den Galgen gehängt. Solche Dinge geschehen unter uns! Soweit ist es gekommen, baß die Türken in den Städten auf offener —< 139 >— Straße wohlhabendere Serben ausplündern, in den Dörfern aber rauben was ihnen unter die Finger kommt. Nun ja, sie wissen daß ihre Stunde bald schlagen wird, und so sorgen sie dafür sich auf den Weg mit Reisegeld zu versehen!".. Anfangs December desselben Jahres wurde aus Nord-Bosnien geschrieben: „Mord- und Gewaltthaten sind an der Tagesordnung. Der Kaimakam der Stadt Tesanj ließ die serbischen Handelsleute Nikola Iankovic und Stipa Martic erschießen, weil sie sich erdreistet hatten während des Ramazan Fleisch zu essen. Der Kaufmann Konstantin Petrovic wurde auf dem Wege von Sarajevo nach Brcta von den dazu beorderten Nizams ausgeraubt und erschlagen. Die Schuld der That wurde dann auf die Rajah der benachbarten Dörfer geschoben, aus denen nicht weniger als 355, sage drei-hundcrtfünfundfünfzig, zu tödtlichen Martern vemrtheilt wurden; fünf erlagen denselben sofort, die übrigen wurden halbtobt in die Kerker geworfen, wo sie ohne Pflege dahin siechen. Die Richter, die eine Justiz solcher Art handhaben, sind die Kaimakams von Gracanica und Maglaj, und weil sic nach diesen Unmenschlichkeiten einen allgemeinen Aufstand der Rajah befürchteten, ließen sie sämmtliche Ortschaften in den Nahijen Tesanj Maglaj und Gracanica mit Panduren und Militär besetzen". -« 140 >— Was man um diese Zeit von den Zuständen in Bosnisch - Gradiska, dann in der Posavina, also in Gegenden hart an der österreichischen Gränze vernahm, wo es um dieser Nachbarschaft willen vergleichsweise milder herging, war geradezu haarsträubend. Ein gewisser Meho Mujunovic betrieb dort ganz offen und systematisch das Räuberhandwerk, die Panduren wurden seine Gesellen, der Vali Osman Pasa, dem er einen Theil des geraubten Geldes abführen mußte, war sein Beschützer, die christliche Rajah sein Opfer. Erhoben die Beraubten bei den türkischen Nichtern Klage, so wurden sie abgewiesen; man zieh sie der Verleumdung und verurtheilte sie zu harten Strafen um sie von weitern Beschwerden abzuhalten. Ja man ging so weit die Rajah selbst der Räubereien zu beschuldigen-die Zavtijeh marterten einen nach dem andern so lang bis er mit den wenigen Dukaten herausrückte die er sich beiseite gelegt hatte, so daß diese Amtshandlung der Gensdarmerie nur eine Fortsetzung und weitere Art von Ausraubung war, wobei allerhand Schandthaten andern Charakters mit unterliefen. „Es schien aber nicht genug", hieß es in einem Berichte aus Sarajevo vom 30. Januar 1873, „das Landvolk bis auf's Hemd auszuziehen, dessen Weiber und Töchter zu schänden; es gelüstete die Gesellschaft nach den vollen —< 141 >— Schränken, nach dem kostbaren Familienschmuck der christlichen Kaufleute in den Städten. Dieser Plan scheiterte an der entschlossenen Haltung der gesammten städtischen Bevölkerung. Man wird es in Europa nicht für glaubhaft halten, denn es klingt wie eine Erzählung aus längst vergangenen wüsten Zeiten, und doch ist Punkt für Punkt die vollste Wahrheit. Die Gra-diskaner haben telegraphisch beim Sultan, beim Groß-Vezier, beim Gouverneur der Provinz um ungesäumte Entsendung einer Untersuchungs - Commission gebeten. Aber man hört bis zum heutigen Tage nichts von dem Eintreffen einer solchen. . . Und die Vertreter der Großmächte?. . Nun, die haben ihre ^on« n'x63, ihre Matinees und Soirees und unterhalten sich prächtig, was will man mehr?" . . Wohl hatte es seine nahe liegenden Gründe warum die Organe der otomanischen Regierung, trotz der von derselben so oft und so feierlich gemachten Verheißuugen gleichen Rechtes für die Rajah wie für die Muslims und trotz manchen ganz ernstlich genommeneu Anlaufs die Worte des Tanzimats aus dem Nosenhause (Gülhane) zur Wahrheit zu machen, immer wieder darauf zurückkamen ihren türkischen Glaubensgenossen die Zügel -« 142 >— schießen zu lassen, allen frühern Mißbrauchen Thür und Thor zu öffnen. Den Reform-Türken stand von Anfang an die Partei der Alt-Türken gegenüber, neben welcher mit den Jahren die der Iung-Türken heranwuchs, mit jener in der Hauptsache ihres Programmes eines Sinnes, nur in der Färbung tiefer, gesättigter, die verbissensten und wüthigsten Verfechter der eingewurzelten muslimischen Sitten und Unsitten. Diese zahlreiche und mächtige Classe erkannte in den muhamedanisirten Bosniern und Hercegovcen, ungeachtet alles Trotzes und Widerstandes den die herrischen Stammfürsten derselben dem Pforten-Regimente so oft entgegengesetzt hatten, gleichwohl ihre Stütze und Schutzwehr gegen die christ. lich-slavifche Race, deren Erstarkung, wie der Iung-Türke gan; richtig herausfühlte, mit dem Schwinden seiner eigenen Henschaft eins und dasselbe war. Alg sprechende Beweise dieser Thatsache galten ihnen mit vollem Recht die Crnagora und das Fürstenthum Serbien, wo sich durch alle Zeiten das christliche Element als das wenn nicht ausschließliche, doch weitaus überwiegende und tonangebende erhalten hatte, und von denen das eine nie ganz unter türkische Botmäßigkeit hatte gebracht werden können, während es dem andern, nach lana-wierigen und erbitterten Kämpfen, gelungen war sich der Herrschaft des Halbmondes zu entziehen. -« 143 >— Es ging darum in den letzten Decennien das Streben der Pforten-Politiker mit vollem Bewußtsein darauf aus, den territorialen Zusammenhang der ihrer Herrschaft angehörigen Slavenslämme zu unterbrechen, zwischen sie, sei es dem Glauben sei es der Nationalität nach, fremdartige Elemente einzuschieben, auf deren Mithilfe man an: goldenen Horn im Falle des Bedarfs zählen könne. Das erste Beispiel dieser Art reicht bis in die Feit der Eugen'schen Kriege zurück und vollzog sich in Nascien, und zwar nicht als Machwerk der Politik, sondern als natürliches Ergebnis der Völkerbewegung. Als nämlich durch wiederholte Massenauswanderung orthodoxer Serben nach Oesterreich die Gebiete des alten südslavischen Patriarchensitzes, des berühmten Kosovo Polje, die von Mitrovica und Prokoplje fast entvölkert waren, rückten albanesische Stämme in dasselbe ein, ein Proceß der sich noch heute fort und fort vollzieht und so das skipetarischc Element keilförmig in das einerseits bulgarisch-, andererseits serbisch-slavische hineintreibt. Wo sich in einer Ortschaft ein Skipetare ansiedelt, zieht er bald Stammesgenossen nach sich, aus den zwei Familien werden bald vier, und so immer mehr, bis nach und nach die letzten der ursprünglichen Bewohner den Ort räumen. Die türkische Negierung war, wie -^ 144 — gesagt, hier nicht VeranlaMin dieser ethnographischen. Wandlung; doch sah sie dieselbe gern und half mittet, bar mit. Die mit Bewußtsein und Absicht von ihr eingeleiteten Völkerverschiebungcn sind neueren Datums und lassen sich vorzüglich auf drei Zeitpunkte zurückführen: 1) die Ansiedlung trimischer Tataren unter Nus-reyd Bey im Jahre 1861, vorzüglich zwischen Nis und Ak-Palanka, aber auch in andern Gegenden der Balkan-Halbinsel — 2) die Verpflanzung der im Jahre 1863, kraft des zwischen der Pforte und dem Fürstenthum Serbien getroffenen Uebereinkommens, aus letzterem ausgewanderten türtischen oder slavisch-muhamedanischen Familien mehr als zwanzigtausend Köpfe, längs der Drina Save und Una, namentlich in Grahovo nächst Dubica, in Orasje bei Zupanje, Brezovopolje, Kozluk, dann die beiden größten Ansiedlungen Türkisch - Kostajnica und Türkisch-Aamac. Als letztern Ort Roäkiewicz zum erstenmal besuchte lagerten die Einwanderer noch unter Zelten, die Gassen des künftigen Marktfleckens wurden ausgesteckt, das Baumaterial von allen Seiten herbeigeführt; auch eine Moschee wurde auf Regierungstosten erbaut — —< 145) — 3) die Versetzung von zweiundvierzigtausend Cer-kessen 1864 auf alt-serbischen Boden von Mramor an der Nisava bis gegen Novipazar und Pristina. Es war das ein grausames Stück, weil die wilden Söhne des Kaukasus das Klima der Balkan-Gegenden nicht vertrugen und wie dic Fliegen hinstarben. Als Felix Kanitz, nicht lang nach der stattgefundenen Ueber-siedelung, die Cerkessen-Kolonie "^M Nis besuchte, fand er einen Stand von etwa fünfzig Häusern: „eben so viele Gräber mindestens zeigte der nahe Friedhof schon wenige Wochen nach der erfolgten Einwanderung." Auch andere Reisende haben von den schnellen und furchtbaren Lücken berichtet, welche das fremde Klima, Fieberseuchen, auch wohl Noth und Elend in die Reihen der frei gewesenen Söhne des Elbrus rissen, so daß die Ueberlebenden sich empörten und in ihre Berge zurückgeführt werden wollten; die Vajonnete türkischer Bataillone dämpften den Aufstand und zwangen die Heimverlangenden auf dem für sie unheilvollen Boden zu verbleiben. In der That müssen sie sich seither an den Wechsel ihres Aufenthaltes gewöhnt und auch nicht unbedeutend vermehrt haben, da bei den wechselvollen Geschicken, die in den letzten Jahren über die Balkan-Länder hingingen, bald in dieser bald in jener Weise, immer aber feindselig v. Hrlfelt, NoSnischc«. 1s) -^ 146 >— gegen die ältern Bewohner derselben, Cerkesscn auftauchten. Uebrigens vergingen die ersten zehn Jahre nach Einführung dieser neuen Gäste auf das rascische Gebiet ohne größere innere Erschütterung. Erst mit dem Jahre 1875 begann jener immer weiter um sich greifende Brand, der aller Wahrscheinlichkeit nach als letztes Ende das herbeiführen wird, was theils die Kurzsichtigkeit theils das mangelnde Einverständnis der europäischen Cabinete so lange Zeit, und zur unbeschreiblichen Qual von Millionen nach Erlösung seufzender Menschen hinauszuschieben verstanden hat. Den Anstoß zum Losbruch, der in der Hercego-vina erfolgte, gaben neue unerhörte Bedrückungen der Rajah. Im Januar 1875 wollten die türkischen Steuerpächter im Bezirk von Nevesinje die Ernte von 1874 einHeben. Das Jahr 1874 war ein Misjahr gewesen-der Bauer hatte sein Getreide verkauft um leben zu können, er war nicht im Stande den wie gewöhnlich überspannten Forderungen der Steuerpächter zu genügen. Nun wurde den Leuten weggenommen was sie hatten; bei denen sich nichts fand, die wurden geprügelt und eingesperrt. Den Knezen, die sich beim Kai-makam beschweren wollten, kamen die ärgsten Drohungen zu so daß sie in der Crnagora Sicherheit suchten; die —< 147 >— Mehrzahl der Rajah flüchtete mit ihrem Vieh in die Berge oder brachte ihre Habe mit den Weibern und Kindern über die montenegrinische Gränze. Im Monat März sollte bei Drazidol eine Brücke über die Trebinjscica hergestellt werden. Die Rajah in den Bezirken von Bilec und Trebinje erhielt Befehl, viertausendsiebenhundert Balken herbeizuschaffen, die sie oft aus weiter Ferne, selbstverständlich ohne Entlohnung, an Ort und Stelle zu bringen hatte. Dort wurde die Ladung von dem Commandanten der Zaptijeh übernommen, der den geringsten Anlaß ergriff, einzelne Stämme zu beanständen und jene, die sich dagegen Einsprache erlaubten, prügeln zu lassen. Jetzt beschlossen die Ltammeshäupter jede Arbeit für die Negierung zu verweigern, jede Aufforderung der türkischen Behörden vor Gericht zu erscheinen, unbeachtet zu lassen. Im Bezirk von Vilec beschlossen die Bauern den Zaptijch den Eintritt in ihre Ortschaften zu verwehren; wo eine Abtheilung der letzteren erschien, fand sie die männlichen Einwohner in Waffen. In dieser Zeit fand die Dalmatiner Reise unsers Kaisers statt, welche die Rajah der Hercegovina mit frohen Hoffnungen erfüllte. An die Gränze Wallfahrteten die Leute, fielen auf die Knie und blickten hinüber in das jenseitige glückliche Land. „Das ist ein 10* -^ 148 ^- Herr", sagten sie, „das ist ein Car, dcr selbst nachsieht, wie es in seinen Provinzen aussieht und zugeht! Was kümmert sich um uns der Sultan, trotz aller Weherufe Klagen Bitten, die wir an ihn gerichtet!" Die aufständischen Hercegovccn und Bosnier haben damals die kaiserlichen Farben ausgesteckt, der Name Franjo Iosip war ihnen das Losungswort zum Kampf, den sie für ihre Menschenrechte, ihre Freiheit aufnahmen. Wenn wir damals einrückten, so hatten wir einen mächtigen Bundesgenossen im Lande der sich mit Freude, mit Begeisterung uns anschloß und zum raschen Siege ver-half. Und gan; Europa würde Beifall gezollt, würde uns die territoriale Abrundung unseres adriatischen Küstengebietes gegönnt haben, uns, die es, mit verschränkten Armen zuschauend, um zwei schöne Provinzen ärmer werden ließ! Aber 1875 und die folgenden Jahre waren wir es, die mit verschränkten Armen zusahen, wie sich die aufständische Rajah mit ihren unbarmherzigen Drängern herumschlug, wie sie unter heldenmüthigen Führern Wunder der Aufopferung und Tapferkeit verrichtete, wie sie aber zuletzt dennoch unterliegen mußte. Die türkischen Behörden sahen wieder einmal ein daß etwas geschehen müsse, und es erging die Einladung an die Bewohner von Nevesinje vor einer Commission —< 149 — ihre Beschwerden vorzubringen. Es erschien Peko Pavlovic mit einer Anzahl Knezen, bei sechshundert Bewaffnete standen zu ihrem Schutz in der Nähe. Die Forderungen lauteten: 1) daß die Frauen und Mädchen der Christen von den Muhamedanern nicht ferner belästigt werden — 2) daß die Christen ihre Religion frei ausüben dürfen, daß ihre Kirchen nicht beschimpft und gefährdet werden — 3) daß sie vor Gericht gleiches Recht mit den Muslims genießen — 4) daß ihnen Schutz vor den Gewaltthaten und Uebergriffen der Zaptijeh gewährt werde — 5) daß die kaiserlichen Zchcntpächter nur den gesetzmäßigen Theil und zur rechten Zeit einhebcn. Die türkischen Abgeordneten schienen geneigt auf diese Zugeständnisse — die ja nur die Erfüllung dessen enthielten, was der Rajah seit Decennien wiederholt und durch feierlich verbriefte Zusagen versprochen worden! — einzugehen. Aber die einheimischen Muhame-daner, die vom Glauben der Väter abgefallenen Stammesbrüder der klügeführenden Rajah, waren es, die laute Einsprache erhoben, weil sie in den verlangten Zuge- -< 150 >— ständnissen Eingriffe in ihre Willkürhcrrschaft erblickten. Noch einmal kam der Vali von Bosnien Dervis Pasa in Person nach Nevesinjsko-Polje und hielt mit den Häuptern der Rajah eine Besprechung unter freiem Himmel. Jetzt bestanden die Herccgovcen nicht blos auf den frühern Punkten, sondern fügten einen sechsten und siebenten hinzu. So zerschlug sich denn alles und es kam zum Kampfe, dessen Einzelnheitcn zu schildern nicht weiter meine Sache ist. Auch von der Erbitterung und Wildheit, von den Grausamkeiten und Unmenschlichkeitcn, deren sich in diesem innern Krieg ein Theil wie der andere schuldig machten, soll nicht die Rede sein. Aber die himmelschreienden Unbilden, die von den türkischen Behörden und bosnischen Muslims fern vom Kriegsschauplatze an friedlichen Mitbürgern, blos weil diese Christen waren, begangen worden, dürfen nicht unerwähnt bleiben. In einem Schreiben vom 3. September aus Kostajnica an der Una, hart an der bosnischen Gränze, hieß es u. a.: „Die ersten Handelsleute in Banjaluka Travnik:c. sind in den Kerker geworfen worden. Der Kreishauptmann von Bihac ließ sie, die bis jetzt ruhig in ihren Läden saßen, an eine eiserne Kette schmieden und wie Hunde, unter einem Hagel von Schlägen den die Zaptijeh auf sie fallen ließen, über Prjedor nach — 151 >— Bihac schleppen, Sie heißen: Simo Martinovic, Pavo Vukic, Rade Janes :c." Einige Tage später erfuhr man in Kostajnica, „daß sieben von den mißhandelten Kaufleuten vielleicht noch leben, weil man nichts von ihnen hört; Pavo Vukic aber, von dem man nicht vierhundert, fondern achtzehntausend Dukaten erpreßt, wurde öffentlich hingerichtet." Wie man in Bihac glaubte waren die andern Gefangenen gleichfalls ermordet worden; nur habe man das nicht öffentlich gethan weil die Aufregung einen bedenklichen Grad erreicht hatte; wahrscheinlich habe „die Nacht sie verzehrt!" ... Das war ein Fall, vielleicht der grellste während des jüngsten Aufstandes, aber durchaus nicht der einzige. In einer Denkschrift, welche die hercegoviner Aufständischen zu Metkovic am 12. September der österreichisch-deutsch-italienischen Consular-Commission überreichten, wurden in einer langen Reihe von zwanzig Punkten Zustände geschildert und Vorfälle erzählt, welche die Erinnerung an die Heloten unter den Griechen, an die Parias in Indien, an die ägyptischen Fellahs wachrufen. Das Memorandum schloß mit den merkwürdigen Sätzen: „Hochverehrte Herren! Unter der türkischen Pritsche wollen und können wir nicht leben. Wir sind Menschen und kein Vieh. Wenn Sie uns nicht helfen wollen, zwingen können Sie uns nicht in die Knecht- —< 152 —< schaft zurückzukehren. Den Versprechungen der Türken glauben wir nicht, und hinsichtlich der Bürgschaften die Sie uns bieten überzeugten wir uns, daß sie bei den Türken keinen Pfifferling Werth besitzen. Wir wollen die Freiheit, die wahre vollkommene Freiheit. Lebend werden wir in der Türken Hände nicht gerathen!" Die Erhebung im benachbarten Fürstenthum, die Kriegserklärung Milan's an die Pforte, Juni 1876, gab dem Aufstande der Rajah in der Bosna und Herce-govina eine neue Richtung. In einer von den Häuptern der Insurgenten abgehaltenen Versammlung wurde eine Art Manifest abgefaßt, dessen Spitze in den Beschluß auslief: „Von heute an geben wir alle und jede Verbindung mit der unmenschlichen Regierung in Stambul auf und theilen das Schicksal unserer Brüder in Serbien; unser Vaterland, unsere Bosna schließt sich mit heutigem Tage an das Fürstenthum Serbien als den gesetzlichen und wahren Staat unserer alten Care und Könige an und erklären als unsern erblichen Gospodar den Fürsten von Serbien Milan Obrenovic IV." . . Alles weitere ist in frischem Angedenken: wie der kriegerische Aufschwung Serbiens, dem es sogar an der pomphaften Verkündigung des Königthums nicht fehlte einen kläglichen Ausgang hatte; wie sich darauf die Türken mit ihrer vollen Macht über die aufständische -« 153 — Rajah Bosniens und der Hercegovina warfen; wie die Führer nach allen Richtungen auseinanderstoben oder unnahbare Verstecke aufsuchten; wie Hunderte christlicher Familien fchutzflehend auf österreichisches Gebiet übertraten, ihre Wohnungen niedergebrannt, ihres Acker-Werkzeugs, ihres Nutzviehs beraubt; wie die türkische Provinzial - Regierung, trotz der eindringlichsten Vorstellungen Oesterreichs, weder die Macht noch das Geld hatte ihnen eine ungefährdete Rückkehr zu sichern und die Mittel zur Neugründung ihres verwüsteten Hauswesens zu verschaffen ... Wahrlich nicht über die zuletzt unumgänglich gewordene Intervention der europäischen Großmächte hat man sich zu verwundern, sondern vielmehr darüber, daß dies so spät, daß es erst jetzt geschehen. In der That, wenn in unseren: gesitteten und gebildeten Welttheil Vereine und Gesellschaften entstehen, mit reichen Mitteln ausgestattet, durch Beisteuer von Regierungen und Privaten unterstützt werden, um dem Menschenunfug, den, Menschen-Raub und Verkauf, der Menschenschinderei in fernen Landstrichen ein Ziel zu setzen, so darf man billig fragen, ja muß entrüstet staunen, wie. denn von diesem selben Europa so gar nichts geschehen konnte, um auf unserem eigenen Continent, unmittelbar an den Gränzen zweier europäischer Großmächte Greueln -« 154 — Einhalt zu thun, von deren Schilderung Iahrzchente und Iahrzchente hindurch die Wchrufe gepeinigter Mit. menschen, Mittheilungen vertrauenswürdiger Reisenden die Berichte amtlich beglaubigter Functionaire über-floßen. . . VIII I oll untl Haben. OW^ o wäre es also ein Werk der Menschlichkeit, ^^^ eine Aufgabe der Entwilderung und Gesittung, die Oesterreich im Namen und Auftrage des gebildeten Europa bei Besetzung der einem Systeme tyrannischer Willkür preisgegebenen Landstriche übernommen hätte? Ohne Frage: Auch! Durchaus nicht: Einzig und allein! Denn wann hätte je eine Regierung, ein Staat für derartige ihm territorial fremde Zwecke seine Cassen geleert, das Blut seiner Bürger verspritzt?! Der Einzelnmensch, der Staatsmann oder Regent für seine .-« 158 >— Person, mag sich solchen Regungen hingeben, mag alK Howard oder Wilberforce für Unglückliche in andern Weltgegenden seinen Eifer, sein Leben und Vermögen einsetzen: der Staatsmann, der Regent als solcher, als verantwortlicher Leiter und Lenker eines großen politischen Gemeinwesens darf es nicht, es wäre denn, daß damit zugleich Interessen dieses politischen Gemeinwesens gewahrt, gegen drohende Gefahren gesichert, oder daß solche dabei gehegt und gefördert werden sollen. War es in der Geschichte je anders? Haben die alten Römer ihre Waffen in ferne Länder je darum getragen, um deren unglückliche Bewohner aus den Banden roher Unwissenheit und Barbarei zu reißen? Hat Karl der Große, den die Kirche unter ihre Heiligen reiht, zweiunddreißig Feldzüge gegen die sächsischen Stockheiden unternommen, blos um ihnen das Licht und die Segnungen des Evangeliums zu bringen? Ist etwa der „edle Brite" jemals für eine Idee in den Kampf gegangen, wenn ihm nicht nebenbei Festigung und Erweiterung seines politischen Einflusses, Märkte für seine industrielle Ueber-Production, reiche Kohlenlager oder Erzgruben winkten? Gibt es nun bei der Sache der Humanität und Civilisation, deren Durchkämpfung wir in derBosna und Hercego-vina übernommen haben, auch ein derartiges „nebenbei"? -« 159 >— Wir haben Koryphäen unserer Haute Finance rechnen hören: „Die Besetzung von Bosnien und Hercegovina kostet mich mindestens so und so viel Millionen; der Nutzen, den mir diese Länder abwerfen werden, beträgt höchstens so und so viel Millionen; bleibt mir ein Minus von diesem und diesem Betrage: e^n . . !" Allen Respect vor der Ziffer! Ich bin der letzte, der in praktischen Dingen — und hier handelt es sich ja um etwas eminent praktisches! — ihre sieghafte Beweiskraft unterschätzt. Aber es scheint mir in obiger Rechnung ein Fehler unterlaufen zu sein. Was uns die Besetzung des Vosna- und Narenta-Gebietes gekostet haben wird, das werden wir, nachdem sie zur vollendeten unbestrittenen Thatsache geworden, auf Heller und Pfennig ausgerechnet bekommen: dazu haben wir unsere Finanz-, unsere NechnungsControls-Behörden, unsere haushälterischen Delegationen. Sehr zu bezweifeln aber möchte es sein, ob irgend ein Mensch gegenwärtig schon den zweiten Factor ziffermäßig herauszubringen im Stande ist: den Gewinn und die Vortheile, die unserem politischen Gemeinwesen aus der Neoccupation jener Landstriche zugehen werden. . . Ein anderer EinWurf lautet: „Haben wir nicht schon genug Slaven in unserer Mitte, sollen wir ungezählte neue dazu bekommen?!".. Nun, schön ist -^ 160 — es gerade nicht so zu sprechen; denn gewissermaßen sind ja unsere Slaven, sowie jene die uns noch kommen sollen, doch auch zu Leben und Dasein berufen? Ick will nicht, was insbesondere Ungarn betrifft, von der Schmach reden, womit der heutige Magyar eine jahrhundertlange Vergangenheit besudelt, indem er, von einer ebenso häßlichen als ohnmächtigen linguistischen Parteileidenschaft befangen, Gebiete von sich stoßen will auf deren Wiedergewinn seine stolzen Ahnen, freieren Blickes und wohlwollenderen Sinnes, unter keinen Umständen hatten Verzicht leisten wollen! Nein, lassen wir den Ehrcnpunkt beiseite, stellen wir uns vielmehr auf dcn Standpunkt jener engherzigen Slavophobie, die erst jüngsthin aus Anlaß des Pester Meetings bezeichnenden Ausdruck gefunden, als Minister Tisza, um den gräßlichen Verdacht von sich abzuwälzen als ob er es mit den Slaven irgend gut meine, die Herren Demonstranten mit aufgehobenen Händen bat, sie möchten doch die St. Petersburger, die serbisch-omladinistischen und andere „panslavistische" Blätter lesen, um inne zu werden, daß bei ihm von Slavenfreundlichkeit auch keine Spur zu finden sei. . . Aber diesen selben turkophilen Herren sowie ihren Meinungsgenossen diesseits der Leitha, seien folgende Erwägungen an's Herz gelegt: Kann jemand im Ernst meinen, daß sich die türkische Wirthschaft, wie -^ 161 >— sie sich in den letzten Stadien zum wahren Zerrbilde entwickelt hat, auf die Länge halten werde, halten lasse? Oder ist jemand des naiven Glaubens, daß sich jene fast unglaublichen Zustände, nach so vielen Anläufen die seit mehr als einem halben Jahrhundert genommen, so vielen Versuchen die von Stambul aus gemacht worden, von inncn heraus reinigen und kräftigen lassen? Und wenn diese beiden Fragen mit entschiedenem nein zu beantworten sind: wird etwa das Interesse unserer National-Deutschen und Magyaren besser gewahrt, wenn, anstatt daß wir jene slavischen Gebiete in unsere Macht-Sphäre ziehen, an den Gränzen der letztern ein großes selbständiges slavisches Reich sich bildet, eine Wiederherstellung des einstigen Carenthums von „Serbien Bosnien und Primorje"?! Alle Welt fürchtet den russischen Koloß, der seit einem Jahrhundert seine Arme immer weiter nach Westen und nach Süden ausstreckt: und doch sollte von unserer Seite das unerhörte geschehen, ihn seinen Zielen abermals um ein Stück näher zu bringen? Vor Beginn des siebenjährigen Krieges hat die staatskluge Kaiserin Maria Theresia ihrer „allerliebsten Frau Schwöster" Katharina II. ein vertrauliches Schreiben zukommen lassen, unter welchen, sie sich zeichnete als der Carin „allergcthreycste Freindin, aber mit meinem Willen o. Helle lt, «olnilchcs. 11 — 162 — niemals Nachbarin". Nun, die unmittelbare Gränznachbarschaft Nußlands haben wir bereits, im Norden und Osten unserer Monarchie auf eine lange uns im Viertelkrcise umfangende Strecke: sollen wir diese Gra'nznachbarschaft, durch Preisgebung unserer vitalsten Interessen in unserem Suden, zu einem Halbkreise anwachsen lassen? Oder kann jemand einen Augenblick im Zweifel sein, wem der entscheidende, der gebietende Einfluß in den nordwestlichen Slavengebieten der Balkan-Halbinsel zufallen werde, wenn wir den letzten Zeitpunkt versäumen, uns denselben für alle Zukunft zu sichern?! Man sollte meinen, einsichtsvolle magyarische Politiker müßten die ersten sein, diesem Bedenken ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Schon sehen sie das unabhängig gewordene, mehr und mehr innerlich erstarkende serbische Fürstenthum auf ihre einheimischen Serben, das rumänische Fürstenthum, dessen Militär-macht sich in dem letzten Kriege als eine durchaus nicht zu unterschätzende erwiesen, auf die zahlreichen Anhänger des Dakenthums, der dakoromanischen Idee, innerhalb der ungarischen Gränzen gefährliche Anziehungskraft üben. Hoffen sie diesen geheimen Planen und Gelüsten durch verstärken Druck auf ihre „Räczen" und „Walachen" in panmagyarischer Richtung vorbauen zu -^ 163 — können? Sie kräftigen sie nur, weil sie dadurch die Unzufriedenheit, den Widerwillen, den Abscheu vor der einheimischen Tyrannei vermehren! Doch nicht mit diesen Dingen haben wir es hier zu thun. Seine Zustände im Innern mag Ungarn selbst ordnen und wird diese lohnende Aufgabe, geben wir die Hoffnung nicht auf, durch Herstellung des nationalen Friedens unter seinen verschiedensprachigen Bewohnern mit der Zeit zu einem gedeihlichen Abschluß bringen, ohne daß es unserer Dazwischentunft bedarf. Die bosnische Frage aber ist eine solche, die jetzt schon nicht Ungarn allein, die unsern österreichischen Gesammt-staat berührt. Die bosnische Frage ist ein und dasselbe mit der dalmatinischen Frage. Denn leider bildet unser wohlerworbenes, für unsere Schifffahrt, unsern Handel, unsern politischen Einfluß in der Adria, im mittelländischen Meere, in der Levante so überaus wichtiges Dalmaticn in einer gewissen Hinsicht eine — Frage. Andrew Archibald Paton, vor Jahren britischer Consul in Ragusa, hat Dalmaticn ohne sein bosno-herccgo-vinischcs Hinterland einen vom Leibe getrennten Kopf genannt, oder um ein dem südslavischen Musikleben entlehntes Gleichnis zu gebrauchen: „ein Mundstück, zu welchem der Dudelsack fehlt". Warum diese durch die natürlichen Verhältnisse von Land und Leuten gebotene 11* -^ 164 — Verschmelzung bisher nicht vollzogen worden, hatte einen einleuchtenden Grund. Nicht die Herrschaft des Halbmondes — diese konnte, wie es in Serbien und in der Crnagora geschehen, längst gebrochen sein! —. sondern confessionelle Scheidung der dalmatinisch-christlichen Bevölkerung von der zu einem großen Theile, und gerade in dessen einflußreichsten und mächtigsten Elementen, muhamedanisirten bosnischen, bildete die Scheidewand. Von welcher Macht und Bedeutung dieser Factor sei, sehen wir unter anderm an dem zähen Widerstände, auf welchen einerseits das Fürstenthum Serbien andrerseits Montenegro in den ihnen durch den Berliner Vertrag zugesprochenen Erweiterungsgebieten stoßen: es ist der national-türkische oder muha-medanisirte Theil der Bevölkerung von Rascien und Nord-Albanien, der seine letzte Kraft aufbietet, sich Regierungen zu unterwerfen, denen nicht der Halbmond sondern das Kreuz vorschwebt. Keine Frage, daß dieser Widerstand wirb gebrochen werden, nicht blos in Alt-Serbien und in den montenegrischen Gränzgebieten sondern auch in der Bosna und Hercegovina. Wenn in diesen beiden letztern Ländern wir es nicht thäten, waren andere da, die sich nicht lang würden bitten lassen. Man mag über den praktischen Nutzen des Studiums der Geschichte noch so viel streiten, das wird 165 jedermann zugeben, baß man aus ihr lernen kann, wohin in gegebenen Landstrichen die Sympathien, oder wenn nicht diese, die natürlichen Interessen sich neigen. Keiner der Aufstände in der Hercegovina hat ohne crnagorische Hilfe und Betheiligung stattgefunden, und wenn die bosnische Rajah vom Fürstenthum Serbien nicht immer thätigen Beistand erhielt — gesucht und erwartet hatte sie denselben jederzeit, wie auch ihre Stammesbrüder jenseits der Drina es mindestens an Worten Aufrufen und Theilnahmsbezeigungen nie haben fehlen lassen. Die bosnische Anschluß-Erklärung vom Juni 1876 war der letzte und zugleich eclatanteste Durchbruch dieser vorzugsweise von rascischcr Seite genährten groß-serbischen Idee, die freilich bei der bosnischen Rajah nur dann Anklang fand, wenn sie sich von Oesterreich verlassen und gewissermaßen preisgegeben sah, wie dies eben im Jahre 1876 der Fall gewesen. Daß hierbei der ost-adriatische Küstenstrich mit in die Rechnung gezogen war, ist selbstverständlich, in welcher Hinsicht besonders Montenegro seine Ansprüche bereits früher zu erkennen gegeben hat; wir erinnern an die Versuche des Vladika Peter Petrovic II. während der napolconischen Herrschaft, die Stadt und die Vocchc von Cattaro in seinen Besitz zu bekommen! Damals hatte die Crnagora in dieser Richtung -" 166 >— den russischen Car zu ihrem Mithelfer und Beistand: heute würde ihr von anderer Seite Unterstützung kommen. Die italienische Propaganda, nicht gesättigt durch den immensen territorialen Gewinn den ihr wiederholt erlittene schwere Niederlagen zu Land und zu Wasser eingetragen haben, wäre gegen dem, daß ihr das obere Dalmatien überlassen würde, jederzeit bereit, den südlichen Theil mit Cattaro und Ragusa, allenfalls noch Spalato, an Montenegro zu überlassen, mit dessen Fürsten und Volk sie seit längerer Zeit in auffallender Weife liebäugelt. „Ehre den erhabenen Gladiatoren der schwarzen Berge!" hieß es in einem Artikel der Florentiner „Nazione". „Gebildetes Europa beuge deine Stirn vor ihnen, begrüße in diesen Bettlern die wahren Helden der Civilisation und des Fortschritts!" Ein Correspondent desselben Blattes schilderte im Juni 1876 den begeisterten Empfang den die Fürstin Milena in der Villa Bianca bei Cattaro gefunden mit dem Beisatz: „denn die guten Bocchesen betrachten sie wie ihre Monarchin!" Nun ist diese letztere Behauptung allerdings nicht richtig. Daß aber umgekehrt der Fürstin erlauchter Gemahl sehr gern die Bocchcsen als seine Unterthanen betrachten würde, das leidet keinen Zweifel und gewiß ist es nicht ohne schwerwiegende Vedeutuna Wenn dieser Gedanke sogar von jenem Theile der -^. 167 >- italienischen Publicistik genährt und gehätschelt wird der vergleichsweise als gemäßigt gelten kann. Ob es Italien gelingen würde, sich in Istrien und dein nördlichen Striche von Dalmaticn auf die Länge ;u behaupten, ist stark zu bezweifeln; da mit Ausnahme eineö Vruchtheils in den Seestädten die ganze Bevölkerung der slavischen Race angehört, der überdies aus dem stammverwandten Hintcrlandc ein fortwährender Nachschub zu Gebote stände. Das aber leidet keinen Zweifel, daß für uns, wenn wir uns nicht des letztern versichern, auch das erstere verloren geht, was mit einer unabsehbaren Schädigung unserer Interessen auf dem abriatischen Meere ein und dasselbe wäre. Aber auch der Behelligung der Italia m-eäeuta werden wir uns nur dann vollständig erwehren, wenn wir den langgcdehntcn dalmatinischen Küstenstrich im Rücken gedeckt haben, was sich nur durch den Besitz der Vosna und Hcrccgovina erreichen läßt. Mit dem Patriotismus und der Politik unserer Ringstraßen-Matadore ist es mitunter etwas sonderbar bestellt. Vor vielen Jahren hat mir einer dieser Herren, in, ulkigen ein Mann von großer Einsicht und Geschäftserfahrung, vordemonstrirt, daß Oesterreich eigentlich eine Kriegsflotte nicht brauche und jeder Heller, -« 168 >— der darauf verwendet werde, hinausgeworfenes Geld sei. Ich habe seine Beweisführung ruhig über mich ergehen lassen, da ich, mich an den Göthe'schm Ausspruch haltend, mit niemand zu streiten pflege, mit dem ich nicht in der Hauptauffassung auf demselben Boden stehe. Auch dürfte meinen Widerpart seither der Tag von Lissa eines bessern belehrt haben; nicht darum weil diese glorreiche maritime That uns das Staunen und die Bewunderung aller seefahrenden Nationen des Erdballs eingetragen, sondern weil sie, unseren maritimen Nöthen und Bedrängnissen in den Jahren 1848/49 gegenüber, den augenscheinlichen Beweis geliefert hat, wozu wir denn doch eine Seemacht haben. . . Von einem andern jener Herren, gleichfalls einer höchst achtbaren in ihrem Fache gewiegten Persönlichkeit, rührt jene früher angeführte eigenthümliche Berechnung her, wie viel es uns koste, und wie wenig es uns eintrage, wenn wir den Besitz Bosniens und der Hercegovina erlangen. Welch' unberechenbarem Verlust wir inDal-matien und unserem slavischen Küstenlande entgegengehen, wenn wir den Besitz des Bosna- und Narenta-gebietes nicht erlangen, scheint von ihm freilich, nebst noch anderem, unberücksichtigt geblieben zu sein! Die ganze Denk- und Ueberlegungsweise unserer plutokrati-schen Vourgoisie bewegt sich ausschließlich in einer ge- —' 169 — Wissen Richtung, deren Maßstab sie unwillkürlich an alles legt, mag es ihnen von was immer für einer Seite gebracht werden; gleich jenem an Kräften hinfälligen steinreichen Mitte-Achtziger, der seinem ihn trösten wollenden Arzte, „er könne recht gut fünf bis sechs Iä'hrchcn sich des Lebens freuen", mit dem Ausrufe in die Rede siel: „Warum soll mich unser Herrgott nehmen mit 90, oder gar 91, wenn er mich kann haben mit 85 ?!" Ueberhaupt — ich mache diese Bemerkung nicht feit gestern — dürfte kaum ein Land der Welt eine Metropole besitzen, deren Großbürgertum den höhern Potenzen des Staatslebcns so wenig Verständnis entgegenbringt, als im Durchschnitt daS unsere. Uebcrall sonst würde man es natürlich finden, daß ein Großstaat, der durch ungünstige politische Konstellationen um zwei schöne und reiche Provinzen ärmer geworden ist, sich nach einer andern Seite mindestens theilweisen Ersatz holt. Fremde finden das natürlich und in der Billigkeit gelegen, nur unser großstädtisches Publicum wehrt sich dawider. Als Cesare Valbo in seinen n8peran26 ä'lwlia" auf die Lombardei und das Vene-tianische hinwies die mit den übrigen Ländern der apenninischcn Halbinsel wieder vereinigt werden müßten, fügte er bei, „es verstehe sich von selbst, daß man -^ 170 >— Oesterreich nicht zumuthen werde, etwas von seinem Besitze abzulassen ohne einer Entschädigung dafür versichert zu sein." Valbo hatte dabei die europäische Türkei im Auge, deren unaufhaltsamen Zerfall er mit dem sichern Blicke des Staatsmannes voraussah, wobei er Oesterreich und Rußland als jene Großmächte bezeichnete, die sich in den Haupttheil der türkischen Hinterlassenschaft theilen müßten: „Alles was nicht auf die eine oder andere Art russisch wird, wird in dieser oder jener Weise österreichisch werden; alles was auf der Balkan-Halbinsel nicht österreichisch wird, wird mit der Zeit russisch werden." Es ist bekannt, daß selbst Napoleon III., kein Busenfreund Oesterreichs, nach dem Verluste der Lombardei, welchem bald jener von Venctien folgte, nach derselben Richtung hinwies, und daß alle europäischen Cabincte unserer Großmacht diesen Erwerb gegönnt haben würden. Erzählt wird auch, daß vor dem letzten orientalischen Krieg und noch während desselben, Nußland wiederholt dem Kaiserstaat den Landstrich von der Save bis Saloniki angeboten habe. Warum wurde von unserer Seite nicht zugegriffen? Wir würden ihn damals, wo die aufständische Rajah noch eine ungebrochene Macht war die den Türken zu schaffen machte und die sich mit opferwilliger Begeisterung als Bundesgenosse uns angeschlossen haben würde, ohne so —< 171 >— großen Aufwand von Geld und Blut erlangt haben, als dies leider jetzt geschehen muß. Um noch einmal auf das Capitel von Auslagen und Ertrag zurückzukommen! Die Ziffer ist viel, sie ist aber lang nicht alles. Wie man in der Physik von Imponderabilien spricht, weil sie sich weder abwägen noch in einen genau abgegra'nzten Raum einschließen lasfm, so gibt eö im Staatsleben Potenzen die sich einer statistischen Berechnung in Zahlen entziehen, aber gleichwohl selbst auf die materiellsten Dinge, Aufschwung von Gewerbe und Industrie, Hebung von Handel und Perkehr, Belebung des Gelbmarktes einen fühlbaren Einfluß üben. Dahin gehört alles, was man die Machtsphäre des Staates zu nennen pflegt, jenes politische Fluidum, das, gleich Licht und Wärme, Elektricität und Magnetismus in der körperlichen Welt, unfaßbar und unwägbar das gesammte Staatslcben und alle einzelnen Ausflüsse desselben durchdringt, das allen staatlichen Aeußerungen und Etrebnissen ihren Charakter, ihre Wirkungskraft verleiht, dem man sich fügt und beugt ohne sich klare Rechenschaft darüber geben zu können, von woher und mit welchem Kraft-Quantum der Stoß gekommen. Von diesem Standpunkte ist der Besitz des kroatisch-dalmatinischen Hinterlandes eine politische Nothwendigkeit für Oesterreich. Nicht blos daß der buchten- und Hafen- -« 172 — reiche Küstenstrich von Dalmatien ohne den Besitz seines Hinterlandes für uns nichts als eine zitternde Freude ist; auch Kroatien und Slavonien, obwohl zum größern Theile durch die nasse Gränze der Save geschützt, erhalten mit diesem Besitz ihren natürlichen territorialen Abschluß, wie ja schon die Benennung des nordwestlichen Bosnien als „Türkisch-Kroatien" auf die geschichtliche und ethnographische Zugehörigkeit dieses Landstriches zu unserem dreieinigen Königreich hinweist. Lasse man nicht außer Anschlag, daß unsere Staatsgränze durch den Erwerb des bosnisch-hercegovinischen Landstrichs die Hypotenuse gewinnt, wo m bisher mit den zwei ungeschlossenen Katheten des fast rechtwinkeligen Dreieckes zu thun hatte! Erwägt man weiter, daß die neuen Gebiete, trotz aller Verwahrlosung in der sie das bisherige türkische Regiment gehalten, trotz der Un-cultur ihrer Bewohner, dennoch alle Elemente mit sich bringen, aus denen im Anschluß an die angränzenden alt-österreichischen Länder sich ein homogenes in sich abgeschlossenes, eine Fülle physischer und moralischer Kräfte bergendes Ganze schaffen läßt, so kann wohl niemand zweifeln, welch' unberechenbaren Zuwachs die Machtsphäre unseres Kaiserstaates durch diese Gebietsergänzung, durch diese Reoccupation von altersher uns zugehöriger Landschaften gewinnen muß. IX Tiirhisrhö Hltylirthslhitst. ^^icr verstorbene k. k. Consul für das östliche DM Griechenland I. G. von Hahn bezeichnete in H^M den sechziger Jahren das Gebiet des Pardar '!. und albancsischen Drim — nicht zu verwechseln mit der bosnisch-serbischen Drina — zu einem großen Theile als eine teii-li incognita; er selbst stieß auf volkreiche Städte, die auf keiner der damaligen Karten zu finden waren, auf Landschaften, die ehemals stark bevölkert gewesen sein mußten und jetzt kaum dem Namen nach bekannt sind. Was Bosnien und die Hercegovina betrifft, so sind sie zwar neuerer Zeit mehrfach durchforscht und beschrieben worden; aber der topographisch- -« 176 ^- historischen Räthsel und Fragen gibt es noch immer genug. Weiß man doch nicht einmal mit Sicherheit den Ursprung der gegenwärtigen hercegovinischcn Hauptstadt! Ob früher da ein größerer Ort gestanden und welchen Namen er geführt? Andetrium? Bistue? Oder ob es nur einen alten Flußübergang, most 8tan, gegeben, dessen Bezeichnung auf die später entstandene An-siedlung übertragen worden? Nächst des crnagorischen Bezirks Grahovo gegen die hcrcegoviner Festung Klobuk ist eine Art chinesischer Mauer aufgcthürmt, „55iä vuka matmitoFg, — die Mauer des tollen Wolfes" geheißen, ein Riesenwerk aus ungeheuren Fclsstücken in einer geraden Linie über Berg und Thal hinlaufend, über deren Ursprung und Bestimmung niemand Auotunft zu geben vermag. Umgekehrt kennt man aus der Geschichte die Namen von sehr bedeutenden Orten, z. B. von der einstigen Hauptstadt Hum, Chlum, im Narenta-Gebiet, über deren Lage heute die Gelehrten streiten. Bosnien oder doch ein großer Theil davon, hieß ehemals Rama-im Titel des Beherrschers von Ungarn prangt noch heute der eines Königs von Rama. Was war Rama? wo lag eS? Eine besondere Ortschaft solchen Lautes oder Ruinen an welche Erinnerungen jenes Inhaltes geknüpft wären, gibt es nicht. Man kennt nur ein Wasfer dieses Namens, Nebenflüßchen der obern Narenta, das —< 177 >— an Prozor vorbeifließt: hatte davon das ehemals vielgenannte Vanat, spätere Königreich, den Namen? In ethnographischer Beziehung gibt das Gebiet der Bosna und Narenta zwar kaum derlei Räthsel auf, bietet aber deS merkwürdigen und interessanten eine reiche Fülle. Schon die Mischung der Nacen und Con-fessionen bringt das nut sich, die übrigens in diesen Landstrichen lang nicht so groß ist, wie in manchen andern Gegenden der Balkan-Halbinsel. So fehlt das hellenische Element fast ganz; das albanesische oder skipetarische ist auf den rascischen Landstrich beschränkt; National-Türken sind wenige. Den großen Hauptstock bildet der serbische oder südslavische Volkostamm, derselbe, der sich von unserm Banat über Syrmien Slavonien und Kroatien, über das Fürstenthum Serbien, Bosnien, die Hercegovina und Crnagora bis Dalmatien verbreitet. Der Sprache nach einS, scheiden sie sich nach der Confession in römische uud griechische Christen und Muhamedaner, dann nach der Schrift, indem die Katholiken lateinische, die Orientalen altslavische Lettern gebrauchen. Der Confession nach sind in Bosnien und der Herccgovina die Anhänger des griechischen Ritus die Mehrzahl, etwa fünfhundertfünfzigtausend; dann kommen die Bekcnner des Islam, nicht ganz vierhunderttausend, zuletzt die Lateiner, nicht ganz zweihunderttausend Seelen. v. Htlsert, Bosnisches. 12 -« 178 ^- Alles andere ist der Ziffer nach unbedeutend. Juden etwa sechstausend, spanischen Ursprungs, über Konstantinopel eingewandert; „sie beschäftigen sich fast durch-gehends mit Handel und sind von der Bevölkerung geachtet" (Roökiewicz). Letzteres kann man von den Zigeunern, deren Zahl sich k.»um annäherungsweise beziffern läßt, nicht sagen. Wenigstens von den nomadi-sirenden nicht; denn viele haben feste Wohnsitze, wo sie dann meist, wie in Ungarn und Siebenbürgen, das Schiniedehandwerk und außerdem Landwirthschaft betreiben. Die wandernden Zigeuner waren bis in die letzte Zeit als Knaben- und Mädchenfänger, Harems-Lieferanten verrufen, während sie wieder beim jungen Volk als Kinderbringer gelten; wie man bei uns den Kleinen sagt: der Storch hat Dir ein Brüderchen, ein Schwesterchen gebracht, so sagt die bosnische Mutter, sie habe es von einer Zigeunerin gekauft. Franz Maurer im „Ausland" 1870 hat unter den bosnischen Zigeunern eine zweifache Race unterscheiden wollen: eine grob-knochige mit plumpern, eine zartgiiedrige mit feinen edleren Zügen, an welchen besonders das Oval des Gesichtes, die schöngeschwungenen Augenbrauen, das anmuthig geschnittene Kinn, die schmale Adlernase auffallen. —< 179 >— Das jahrhundertlange Beisammen- und Ineinander-leben hat in die Bevölkerung der Bosna und Hercego-vina, trotz chrer großen confessionellcn Scheidung, gewisse Charakterzüge und Eigenthümlichkeiten der Lebensweise gebracht, die sie ganz dem muslimischen Osten zugehörig erscheinen lassen. Ist doch selbst in den südlichern Gegenden von Ungarn, weil sie so lang unter Türken-Herrschaft gestanden, und ganz vorzüglich in Siebenbürgen, ähnliches zu bemerken. Man könnte den ruhelosen, hastig vorwärts strebenden, stets nach neuem haschenden europäischen Occident von dem beschaulichen, im ausgcfahrenen Geleise dahinlebenden, am hergebrachten, nicht aus Grundsatz sondern aus träger Gewohnheit, hangenden asiatischen Orient kaum treffender unterscheiden, als indem man dem: „timo w inoue^" des erstern ein „time 13 uotliinF" des letztern entgegensetzte. Das „morgen ist auch ein Tag" spielt bei dem Orientalen eine gewaltige Nolle. Der Engländer Charles Voner läßt über die siebenbürgischcn Romanen und Szeklcr die Bemerkung fallen, das Einhalten der verab-ledeten Stunde sei ihnen ein unbekanntes Ding, oder doch ein solches mit dem es seine weiten, weiten Wege hat. Dieselbe Wahrnehmung kann man überall im Orient machen. „Ein Türke hat nie Eile", sagt Kanitz, und: „der Orientale hat immer freie Zeit" Or. E. 12* -« 180 >— Rößler. Als der letztere in Unter-Aegypten eines Abends seinen Fährmann bestellt hatte sich zur frühesten Morgenstunde bereit zu finden, war dieser, als Rößler andern Tags am Platze erschien, erst in die Stadt gegangen Nahrungsmittel einzukaufen. Von den türkischen Eisenbahnen versichert derselbe, der Reisende treffe da immer zu früh ein, die Bestimmung des Zeitpunktes der Abfahrt hänge von der Willkür des Zugführers ab: „Der Anschluß einer ägyptischen Zweigbahn darf so wenig pünktlich erwartet werden, als die Pünktlichkeit überhaupt im orientalischen Sprach- und Ideenkreise Platz hat". Einerseits das beschauliche Wesen, andrerseits der fatalistische Zug, was beides die Bekenner des Islanls charakterisirt, haben an jener Lässigkeit gleichen Antheil. Der selige K«f, wie beim Türken das äoloe far meuts des Italieners heißt, geht ihm über alles, und die Behauptung mag darum ihr richtiges haben daß für den Orientalen das Gefängnis als einfaches Einsperren eher eine Wohlthat denn eine Strafe sei. Der Orientale thut im besten Falle was seines Amtes und Berufes ist, aber gewiß auch nur so weit, als es dieses ist. Spiridion Gopcevic fand in der Nähe des Dorfes Blagaj an der Buna ein siebartig durchlöchertes Haus, das sich einst Omer Pasa erbaut hatte, das aber seither in Verfall gerathen war und nur von einem -« 181 >— 'einsiedelnden Dervis bewohnt wurde; von dem überhangenden Felsblocke fielen Steine herab, die das Dach an vielen Stellen eingeschlagen hatten; der Dervis that nicht das geringste, es auszubessern. War er doch nicht Maurer oder Schieferdecker! Von einer der in Konstantinopel so häufig wiederkehrenden großen Feuersbrünste wurde einst die medicinische Schule ^griffen; ein Augenzeuge beschrieb das Schauspiel: 7, Von Anfang an waren nicht nur mehrere hundert Zöglinge am Platze, der weite Hofraum war angefüllt mit Soldaten, sie alle standen da und schauten zu. Wenn jeder einzelne nur ein wenig zugegriffen und etwas herangetragen hätte, würde sich vieles haben retten lassen. Aber das konnten Schüler und Soldaten freilich nicht, waren sie doch keine Lastträger! Und wo sollte man im Augenblick genug Lastträger herbekommen? Als die anstoßende Hauptwache zu brennen anfing, liefen die Soldaten eilends nach allen Seiten aus, Lastträger aufzusuchen, die ihnen die Stühle, Polster u. dgl. heraustrügen. G) ist es in der Türkei! Jeder thut nur was sein Theil ist, alles andere kümmert ihn nicht: Theilung der Arbeit im schlimmsten Sinne! Wer Wasser trägt, trägt nur Wasser und keine Lasten, und wer Dir eine Last fortträgt, trägt keine Küchenabfälle weg, so wie der Diener, der seinem Herrn die Pfeife stopft, im Hause -^. 182 — sonst nichts thut. Jeder bleibt bei seinem Beruf, wie der eine Esel immer nur Hol; schleppt und der andere Steine." Der südslavische Muslim hat, so scheint es, dieses Wesen von seinem Bruder Osmanli völlig angezogen, während der christlich gebliebene Slave davon mehr nur angehaucht ist. Das zeigt sich schon in Aeußerlichkeiten. Alle Reisenden haben nur eine Stimme über den schier berückenden Zauber, den der Anblick einer größern türkischen Ansiedlung aus der Ferne übt. Die weißgetünchten Häuser mitten im frischen Grün ihrer Gärten, dazwischen die Begräbnisstätten mit den dunklen Cypresses Moscheen mit ihren gedrückten Kuppeln und den schlank und zierlich aufstrebenden Minarets, all' das, weithin gebreitet über sanfte Hügel zu beiden Seiten eines mehrfach überbrückten Flusses, bietet ein Städtebild, wie es sich malerischer kaum denken läßt. Aber nur nicht in die Nähe oder gar hinein kommen! Consul Hahn vergleicht sie mit Theater-Decorationen, die nur in der Sehferne des Zuschauers reizend erschemen, aber in der Nähe betrachtet, nichts als ein schmieriges Geklecks sind. In den von Muhamedanern bewohnten Stadttheilen herrscht eine wahrhaft patriarchalische Unsauberkeit, eine unglaubliche Idylle von Verfallenheit und Verwahrlosung. Felix Kanitz weist wiederholt auf den wohl- 183 thuenden Gegensatz hin, den fast allerorts die christlichen Stadtviertel bieten, namentlich auf serbischem Boden, wo sich seit Decennien das europäische Wesen frei entfallet; aber auch auf bulgarischem, wohin sich theilweise russischer und österreichischer Schutz erstreckte. Unter andern beschreibt er bei Vidm, im Gegensatze zu dem wüsten ganz vernachlässigten von Hunden durchwühlten türkischen Friedhof, den christlich bulgarischen: reinlich und geordnet, von liebevoller Hand gezierte Gräber, selten fehlt die Grablampe, meist von antiker Form und von Blumen umgeben. So etwas durfte allerdings der bosnische und hercegoviner Djaur nicht wagen, und wenn sich auch hier die christlichen Straßen gegen die muhame-danischen Quartiere durch größere Sauberkeit auszeichnen, so läßt das nach unseren Begriffen noch immer viel zu Wünschen übrig. Aber wie konnte sich die Rajah mehr entwickeln, wo jede ihrer bessern Regungen bis auf die-allerjüngste Zeit unter dem ungeschwächten Drucke türkischer Gewaltherrschaft erlahmte?! West- und nord-euro-Päischc Reisende haben sich oft durch die loyale offenere, mitunter feinhöfliche Haltung der Türken, besonders der vornehmen, berücken lassen, die allerdings gegen die bis zur Selbstverachtung herabgesunkcne Demuth, zur Kriecherei gewordene Unterwürfigkeit, gegen das furchtsame und scheue, mitunter lauernde und hinterlistige Wesen —< 184 >— der Rajah gewaltig abstach. Aber war es denn anders möglich, wo der Djaur zittern mußte einem übelgelaunten Türken in den Wurf zu kommen? wo er nirgends Schutz gegen dessen Launen und Willkür fand? Als der preußische Consul Dr. Otto Blau das Hochgebirge von Drobnjak durchstreifte, wußte er sich nicht zu erklären, warum die Hirten, sobald sie seiner ansichtig wurden, davon liefen; einzelne, denen er begegnete, zitterten wie Espenlaub und baten ihnen nichts zu leide zu thun, weil sie, wie er später erfuhr, seine Botanisirbüchse für ein Mordwerkzeug hielten. In solchem Grade fühlten sie sich hilflos, wenn es dem Efendi gefiele, sie zu mishandeln oder gar zu todten! Der Türke und der muhamedanisirte Slave war durch Jahrhunderte der gebietende Herr, die Djanrs, Christ wie Jude, waren die niedrig geborne und niedrig gehaltene Rajah, nur dazu da, jenen zu dienen, für sie zu leisten, zu zahlen, sich von ihnen nach Willkür mishandeln und schinden zu lassen. Noch Roäkiewicz fand die Sitte aufrecht, die dem Nicht-Muslim gebot, jedem Türken, auch dem in Lumpen gehüllten, auf der Straße auszuweichen; waren sie beide beritten, so mußte jener anhalten und vom Pferde steigen, bis der andere vorbei war, worauf sich der Djaur wieder in den Sattel schwang um seinen Weg fortzusetzen. Der Nicht-Mus- 185 lim durfte keine Waffen tragen. Das war nicht blos Erniedrigung, da der Orientale auf Waffen und Waffenschmuck so viel hält: es machte ihn zugleich schutzlos gegen persönlichen Angriff; auf den einsamen Gehöften waren bissige Hunde seine einzige Wehr gegen die in manchen Theilen des Landes ziemlich zahlreichen Wölfe. Und dennoch suchte die Ackerbau treibende Rajah folch' entlegene Wohnsitze! Sie floh die unmittelbare Umgebung größerer Städte, weil sie bei einiger Wohlhabenheit den Druck und die Habgier der türkischen Gewaltherren herauszufordern fürchtete. Sie floh auch die großen Heerstraßen, und selten fand sich an solchen ein Nicht-Muslim herbei, einen Han zu halten, weil er immer zu fürchten hatte daß sich die Türken gratis einquartieren und füttern lassen würden. In Brnjak am Ibar fand Ami Boue einen Han vollständig geschlossen; der Handzija hatte selben verlassen, als er den Fremdenzug sich nähern sah, ohne Zweifel weil er Türken vermuthete und keine Lust hatte den Wirth ohne Bezahlung zu machen. Die Pforten-Regierung hatte ihren christlichen Unterthanen lang das Recht verbürgt Kirchen aufzuführen, und noch traf man auf dem Lande enge und niedrige Holzbauten ohne alles Abzeichen, durch deren handbreite Fugen von allen Seiten der Wind -^ 186 >— pfiff, mit einem auf zwei Pfosten ruhenden Brett als Altar in der Mitte, was einen Tempel vorstellen sollte. Wo sich die Christen das Herz nahmen ordentliche Kirchen zu bauen, hatten sie mit allen möglichen Kabalen und Hindernissen zu kämpfen. Bald stellte ihnen der Mudir den Bau ein weil er fand, das werde kein Gotteshaus sondern eine feste Burg; bald warf sich die fanatisirte Menge über die Werkleute her und zerstörte ihnen die Arbeit. Am meisten bäumte sich der muslimische Hochmuth gegen den Gebrauch von Glocken auf; es kam vor, daß die Schwengel, die kaum erst angefangen hatten ihren Dienst zu thun, über Nacht gestohlen waren, so daß die Glocke einer Uhr ohne Zeiger glich. Vordem mußte sich die christliche „Heerde" mit einem an zwei Stangen angenagelten Brette begnügen, wie deren bei uns zu Lande die Cavalerie vor den Häusern, in denen jemand von der Mannschaft eingelagert ist, zu haben pflegt, worauf mit einem oder zwei Holzklöppeln die Achtungszeichen gegeben werden. Eingehegte Friedhöfe hatte die Rajah bis in die neueste Zeit nur etwa bei größern Städten; das hölzerne Kreuz, das dem in Banjaluka verstorbenen österreichischen General-Consul Milenkovic gesetzt worden, galt den armen Gedrückten als ein Wunder von Auf- — 187 >— Wand und Pracht.*) Die Juden haben erst vor wenig Jahren das Recht erhalten, die drei unbehauenen Steine, die sie der Länge nach auf die Ruhestätte ihrer Verstorbenen zu legen pflegten, mit Mörtel zu verbinden, während diese früher, da Mensch und Vieh unbehindert den uneingefriedeten Begräbnisplatz betraten, bald regellos verstreut und umhergeworfen wurden. Die christlichen Gräber fand man auf dem Lande meist einzeln von einem kleinen Gitter umfangen, darin ein kaum zwei Fuß hohes Kreuz und etwa eine Birke. Dabel hatten Christ und Jude jedenfalls das vor dem Zigeuner voraus, daß dieser ohne alles und jedes Merkmal in die Erde verscharrt werden mußte. Und da konnte es Personen geben, gescheidte und kenntnisvolle Leute, die unter den vielen Tugenden die sie dem Türken nachrühmten, auch dessen Toleranz priesen! Die Rajah selbst, mindestens in den entlegeneren Provinzen, wußte davon nichts zu erzählen. *)^Fwnz Maurer S. 268 f.:.. „Doch muß ich gestehen, daß mir dasselbe auf einem deutschen ländlichen Fiicbhofe ärmlich vorgekommen fein würbe. . Auch dürfte es für den Kaiser« staat geziemender gewesen sein wen» er die Gelegenheit benutzt hätte den Türlc» zu zeigen wie ein in seinem Berufe gestorbener -Ungläubiger" im Grabe geehrt wird, indem er demselben ein Prachtvolles Monument ans Eisen und Stein mit einem zehn Fntz hohen von Pergoldung strotzenden Kreuze errichtet hätte". -^ 188 >— Auch mit der bürgerlichen Gleichstellung war es, ivenn man jene Vertheidiger des Osmancnchums hört, laut der verschiedenen Hati Oerifs, Hati Humajums, Tanzimate gar nicht so schlecht bestellt. Hatte nicht die Rajah ihre Beisitzer bei Gericht, ihre Vertreter in der Gemeinde und bei den Behörden? . . Ja die hatte sie, aber was für eine klägliche, für eine völlig nichtssagende Rolle spielten dieselben! Einmal waren sie außer allem Verhältnis zu der wirklichen Vevölker-ungszahl und dann, inmitten der eingefleischten Osmanlis und ihrer noch viel verbisseneren muhamedanisirten Stammesbrüder, ohne jeden Einfluß und Ansehen. Auf einer seiner Forschungsreisen im Fürstenthum Serbien hatte Kanitz ohne Beobachtung der gehörigen Vorsichten das bosnische Gebiet von Zvornik betreten, und dadurch den türkischen Stadttheil in eine solche Aufregung versetzt, daß unser Landsmann und dessen serbischer Begleiter vor den großen Stadtrath (meäxÜZ) geladen wurden. Nur fein entschiedenes Auftreten und die Drohung mit dem gefürchteten „ußme" (österreichischen) Consul wendete einen Spruch ab, der ihn von seinem Begleiter trennen und auf dem kürzesten Wege nach Oesterreich zurückschicken wollte. „Die traurigste Rolle", erzählt Kanitz, „während dieser ganzen Verhandlung spielte der christliche Corbadzi, der unter fünfzehn Mitgliedern des —< 189 >— Rathes allein die ein volles Drittheil der Stadtbe-völkerung bildenden Christen vertrat. Durch stumme Gebcrden drückte er uns wiederholt verstohlen seine Theilnahme aus, und als ich den Saal verließ benutzte er einen Moment, wo er sich unbeobachtet glaubte, bückte sich tief, versuchte meine Hand zu tüßen und beschwor mich in serbischer Sprache ihm zu verzeihen daß er nicht für uns gesprochen hätte; er habe es nicht gewagt da er sich und uns nur geschadet haben würde... Solcher Art", bemerkt Kanitz zu dieser Scene, „ist die Vertretung der christlichen Bevölkerung der Türkei in dcn Medzlis, denen die Steuervcrtheilung, die Recht-fallung u. f. w. obliegt, die über Wohl und Wehe der Najah zu entscheiden haben!" Allerdings waren diese Zustände nicht in allen Theilen des türkischen Reiches gleich; es gab Provinzen wo die Rajah und deren Vertreter von den ihr ertheilten Zugeständnissen wirksamern Gebrauch zu machen verstand. Um dieselbe Zeit (1808) wo Kanitz auf eigene Erfahrung gestützt das obige Zerrbild entrollte, konnte Consul Hahn versichern, man treffe bereits Provinzial-Räthe in denen sich das christliche Element so kräftig fühle daß es mitunter selbst dem auf die türkische Partei gestützten Paöa die Stirn zu bieten wage. Das mag nun in einzelnen Theilen Bulgariens Numeliens Albaniens stattgefunden haben; 190 in Bosnien und in der Hercegovina, wo die muha-medanisirten Slaven von jeher wüthender christenfeindlicher waren als die Vollbluttürken, war dies gewiß nie der Fall. Unter solch' heillosem Regiment gerieth alles in Verfall, materieller Wohlstand wie geistige Cultur, und wo sich etwas entwickeln wollte da wurde eS im Keime geknickt. „Bosnien ist durch die Miswirthschaft der Administration dem größten Elende ausgesetzt"; so hieß es in einer Veschwerdeschrift, die kaum zwei Monate vor dem Einmarsch unserer Truppen dem Gouverneur Maz-har Pasa überreicht wurde: „täglich laufen Hunderte von Klassen ein, ohne daß sich Abhilfe dafür fände. Die Beamten bedrücken das Volk bei jedem Anlasse, und vergeuden mit andern verlotterten Individuen den Zehent, die Steuern und Zölle derart, daß die Provinz beinahe keine Finanzen hat und ökonomisch täglich mehr herabkommt." Wie die Beamten mit den Steuerzahlern, so machten es die Officiere mit ihren Soldaten die Jahre lang ohne Sold blieben — die Truppen in Bosnien hatten in der letzten Zeit seit vierzig Monaten keinen Piaster erhalten! —, in der Veschuhung und Bekleidung verrissen und zerlumpt waren, als —< 191 >— Nahrung höchstens etwas Mehl, oft auch bloses Getreide erhielten. Daher massenweise Deserteurs die ein zelli oder in Gruppen das Land durchstreiften und sich von einem bäuerlichen Gehöfte zum andern durch Betteln oder Drohung weiterhalfen. „Es ist nicht gut", sagte die angeführte Klageschrift über diesen Punkt, „Soldaten unter Waffen zu halten, die aus Mangel an Kleidung Nahrung und Sold die Flucht ergreifen müssen. Es ist nicht gerechtfertigt, alle eingefangenen Deserteurs zu bestrafen, so lang der Staat ihnen gegenüber seinen Pflichten nicht nachkommt. Es ist unrecht, noch weitere Soldaten einzuberufen und den Familien ihre Ernährer zu entziehen, wenn man die bereits vorhandenen nicht bezahlen kann." Wie andere Gewerbszwcige, so war es namentlich die Montan-Industrie, die seit der osmanischcn Besetzung des Landes einging. Volkreiche Orte, wegen ihrer Erzgruben und des Wohlstandes ihrer Einwohner berühmt, sanken zu unbedeutenden Weilern von kaum einem Halb-duycnd Familien herab, wie dies z. B. mit Novobrdo in Nascien der Fall ist. Wo ehemals ein reges Leben von Bergknappen und Hüttenarbeitern waltete, da sieht man jetzt Spuren eingesunkener Stollen und Schachte, von Schutt-Pflanzen überwucherte Halden und Schlackcnhaufen, zerfallene Gemäuer von Hämmern und Hochöfen. Bosnien -^ 192 >— war zu Zeiten der Römer wegen seines Metallreichthums berühmt; an Gold allein sollen sie täglich fünfzig Pfund gewonnen haben. Auch unter den einheimischen Königen blühte der Bergbau, der aber während der Türkenherrschaft vollständig vergessen und vernachlässigt wurde. Neuester Zeit hat der eine oder andere Pasa diesem Gegenstande seine Aufmerksamkeit zugewendet, den alten Gold- und Silberminen durch fachmännische Fremde nachgehen lassen; auch haben sich mitunter Lager gefunden die gewinnbringende Ausbeute versprachen. Allein der Pasa wurde abberufen, sein Nachfolger kümmerte sich darum nicht, und alles siel in den alten Schlendrian zurück. Auch die Furcht vor den türkischen Behörden, denen ja die neue Erwerbsquelle doch nur Stoff und Anlaß zu weiterer Bedrückung der Rajah geboten haben würde, schuf Hindernisse, indem das christliche Volk sich jeder versuchten Auskundung gegenüber verschlossen zeigte. Der deutsche Ingenieur Conrad, den Chosrev Pasa herbeigerufen, mußte sich seine Schurfstellen und Minen selbst suchen, weil ihm die Bewohner der Umgebung von Kresevo jede Auskunft verweigerten; er fand reiche Quecksilberadern, die bis zum heutigen Tage in einer ziemlich primitiven Weise ausgebeutet werden. Der Crnagorce Gopcevic erzählt von einem Bauer, der vor Jahren Goldkörner und —< 193 >— Goldklümpchen ;um Verkaufe gebracht habe, bis man darauf aufmerksam geworden sei und ihn habe zu Rede stellen wollen; er aber sei entwichen und nie wieder gesehen worden. Aber nicht blos auf edle Metalle beschränkte sich diefe Geheimnisthuerei. Maurer traf in einem Orte eine Salpeter kochende Alte, die auf keine Weise dahin ;u bringen war ihm zu sagen wo sich die Erde finde. Von den Mönchen eines der katholischen Klöster hieß es, sie kennten Lager ausgezeichneten Marmors, machten aber von dieser Wissenschaft keinen Ge« brauch, um nicht die Türken auf die Spur zu bringen; sie schienen ihre Zeit abwarten zu wollen, bis es mit rem unvernünftigen und verhaßten Regimente sein Ende haben werde. In der That, neben der Türkenfurcht zog sich — und das ist nach allem was sie seit Jahrhunderten erlitten, nach den in den letzten Decenmen so oft erweckten Hoffnungen auf Besserung ihrer Lage, und den immer wieder erfolgten grausamen Enttäuschungen wohl sehr begreiflich! — ein tief gehender Türkenhaß durch alle Schichten der nicht-islamitischen Bevölkerung. All' ihr Sinnen, all' ihr Trachten traf in dem einen zusammen, sich ihrer Peiniger zu entledigen, sich an ihnen zu rächen oder durch andere das Werk der Vergeltung an ihnen üben zu lassen. Und dieses Ziel, v. Helferi, NcKnüchcö. 13 -^ ^4 — das sie Tag und Nacht beschäftigte, das ihre ganze Gedankenwelt ausfüllte und beherrschte, schwebte nicht blos jenen vor, die zur Stunde unter türkischer Wirthschaft litten; auch bei solchen, die sich für ihre Person lang schon der muslimischen Tyrannei entzogen hatten, drehte sich, in der Erinnerung dessen was ihre Vorältern erdulden müssen und im Anblicke dessen was ihre Stammesbrüder noch leiden mußten, ihr Dichten und Streben hauptsächlich um diesen Punkt. „Einen Türken umzubringen", versicherte I)r. Karl Zittel 1864 von den Bewohnern unserer Morlakei, „ist in ihren Augen ein höchst verdienstvolles Werk, und wenn heute ein Krieg gegen dieselben ausbräche, so möchte nicht leicht ein waffenfähiger Mann zu Hause bleiben." Das ganze Politisiren des Crnagorcen — und er politisirt immer, wenn er nicht kämpft — ist: Türken aus der Welt zu schaffen.- Seine liebste Sonntagsbeschäftigung ist das Scheibenschießen, und so oft er einen guten Schuß gethan, ist es in seinem Sinne e.in Türke den er in's Her; getroffen. Vernimmt er in der Nahe der Gränze seines kleinen Ländchens einen Schuß, den er sich nicht anders zu erklären weiß, so sagt er sich: „Lit 6e pa8 ko^i lur^ir — Es wird ein Türkenhund gewesen sein, dem einer der unsern das Licht ausgeblasen hat." Daß die Zahl der Türken- köpfe, die einer abgeschnitten und sich angehängt oder nächst seinem Hause aufgesteckt hat, die größten Trophäen der Montenegriner sind, daß sie sich dessen gegeneinander brüsten, ist eine bekannte Thatsache. Die bosnische Najah konnte daS schon darum nicht, weil ihr kein Gewehr und kein Handzar zu Gebote stand: sie war darauf angewiesen, Hilfe von außen zu erwarten. So oft sie Fremde in ihrem Lande gewahrten, Reisende die sich alles ansahen, einzelnes abzeichneten oder aufschrieben, heiterten sich die Mienen beobachtender Djaurs auf, einmal darum weil sie wußten, daß ihre Bedrücker solche Besuche nicht liebten, und dann Weil sie in dem Fremden eineu Kundschafter und Vorläufer christlicher Armeen sahen; „denn was sollten sie sonst im Lande, und wozu machten sie die Aufzeichnungen?!" 13* X Heine Hare. ^4 s wirft ein eigenthümliches Streiflicht auf /^!> die ehemaligen Zustände der türkischen Pro-^W^ vinzen, wenn das Gefühl der Sicherheit von Person und Eigenthum dort geringer war, wo bas „Auge des Gesetzes" 8oit ^isaut wachte, als dort Wo besagtes Auge vom Vezier bis herab zum Zaptiich nicht wachte. Der preußische Consul Or. Blau konnte auf seinen Wanderungen durch Bosnien wahrnehmen, daß, je weiter er sich von den großen Verkehrslinien entfernte, wo durchziehende Truppen, reisende Begs und Agas, und vorzüglich Zaptijehs — Unsicherheitswache konnte man die türkische Gensdarmcrie von ehedem -« 200 — nennen! — die Bewohner belästigten, desto wohlhabender und selbstzufriedener die Bevölkerung war. Auf feinem Wege von Prozor nach Konjica kam er im Flußgebiete der Neretvica in eine Gegend, die vor ihm kein reisender Franke betreten hatte. Drei türkische und zwei christliche Familien bildeten die Großgrund^ besitzer, alles übrige waren Kmeten; aber die gut bepflanzte Gegend so wie der Charakter der Bewohner machten den Eindruck eines freundlich geordneten Gemeinwesens, „und es verdient erwähnt zu werden", setzt Blau hinzu, „daß es mir hier zum erstenmal begegnet ist, daß man für die mir und meinen Leuten und Pferden gewährte Unterkunft und Vewirthung schlechterdings jede Vergütung ablehnte". Der südliche Theil der Hercegovina hat sich von muhamedanisch-türkischen Elementen viel reiner erhalten, als der nördliche und das ganze bosnische Gebiet, und die Folgen dieses Unterschiedes müssen, nach desselben Reisenden Bemerkung, jedem auffallen. „Durch größere Lebhaftigkeit des Temperaments, körperliche Rührigkeit, hellere Farben in der Tracht, und mehr Bildsamkeit und Empfänglichkeit im allgemeinen, unterscheiden sich die südlichen Hercegovcen von den Vosniaken in vortheilhafter Weise. Sie sind so ganz desselben Schlages wie die Montenegriner und Bocchesen; die staatlichen Gränzen 201 haben nicht vermocht, die nationale Zusammengehörigkeit dieser Stämme zu verwischen. Durch die Bewegungen, die im Jahre 1861 den Aufstand in der Hercego-vina, im Jahre 1869 den der Vocchesen hervorriefen, ging als Grundgedanke derselbe Zug nationalen Gemeinsinns, der die Haltung Montenegros gegen die Nachbarländer kennzeichnet". Die Erfolge auf unserm jetzigen Kriegsschauplätze haben es auch gezeigt, daß die Paci-ficirung in diesen Landestheilen, einzelne Punkte ausgenommen die erst bezwungen werden mußten, rascher vor sich ging und Wurzel faßte, als in den von den Ausläufern des Islam mächtiger durchäderten Gebieten. Um die Race, von welcher der ausgedehnte Landstrich von den Ufern unserer Vanater Maros bis an die östlichen Gestade der obern und mittlern Adria be-völkert wird, in ihrer unverdorbenen Ursprünglichkeit kennen zu lernen. muß man sie in jenen Bergen aufsuchen , in deren Schutz sie sich, durch die ganze Zelt der Türkenherrschaft in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, und trotz so oft wiederholter, mehr als einmal mit einem ganz unverhältnismäßigcn iwftaufwande eingeleiteten Unterjochungsvcrsuche, selbständig unabhängig und unvcrmischt von fremdartigen Elementen zu erhalten gewußt hat: in der Crnagora. Man muß sich dabei ferner an solche Berichterstatter halten, die der -^ 202 >— Landessprache, mindestens was das Verständnis betrifft, vollkommen mächtig sind und die sich ihrerseits mit den Ewgebornen durch das Medium derselben oder doch eines verwandten Idioms in ungehinderten Gedankenaustausch setzen können, was nicht bloö, im Gegenhalt zu der nie ganz verläßlichen Dazwischenkunft eines Dolmetsch, ein untrüglicheres weil unmittelbares Verständnis schafft, sondern auch das Zutrauen und darum die Mittheilsamkeit der Landesangehörigen dem fremden Ankömmling gegenüber in ungeahnter Weise erhöht. Wir werden da denselben Volksstamm, dessen Glieder wir in den anliegenden türkischen Provinzen, unter dem jahrhundertlangen Drucke einer sclavenähnlichen Mishand-lung, als niedrige demüthige unterwürfige, oft furchtsam scheue Geschöpfe kennen gelernt, in ungezwungener selbstbewußter Entwicklung wieder finden und Eigenschaften an ihm entdecken, die mcht wie dort unser bedauerndes Mitleid, die vielmehr unsere freudige Theilnahme anregen. Der gefeierte Peter Njegus II. pflegte zu sagen, daß seine Crnagorcen ihrem von der westeuropäischen Bildung fast unberührten Urzustände noch so nahe ständen, als ob sie gestern vom Kaukasus herabgestiegen wären. Dasselbe gilt von ihrer äußern Erscheinung die sie als einen hochgewachsenen kräftigen Menschen- —< 203 >— schlag von edlem Gesichtsschnitt und Ausdruck erscheinen läßt. Bei den Weibern fällt besonders das Auge und der kleine schön gezeichnete Mund vortheilhaft auf. Schlank und hochgewachsen sind auch sie, und von einer Beherztheit und Entschlossenheit, die den: ganzen Völklein in seinen fast alltäglichen kleinen Kämpfen und immer wiederkehrenden Streifzügen und Kriegen von Kindesbeinen angewohnt und angelebt wird. Auf uns geschniegelte und verfeinerte Europäer übt so ein Crnagorce in seiner Niesengestalt, mit seinem martialischen Dreinschauen, mit seinem Waffen-Arsenal in den Händen und im Gürtel, allerdings einen nicht sehr wohlthuenden Eindruck aus, und wenn er Dir, um sich freundschaftlich zu zeigen, die Hand zum Drucke hinhält, so befällt Dich eine geheime Furcht, ob Du wohl die Deinige unzerquctscht aus der eisernen Umfassung herausbringen werdest. Doch sei ohne Sorgen; er wird sie, trotz aller Herzlichkeit des Willkomms, schonend drücken, freilich mit einer Miene als ob er sagen wollte: „O du gütiger Heiland, ist das auch eine Menschenhand? Unsere Mädchen haben sie ja größer als diese schwächlichen Nordländer!" So erging es Wilem Dusan Lambl, einem böhmischen Reisenden, als er gegen Ende der vierziger Jahre die erste Bekanntschaft mit dem rauhen Lande und dessen -^ 204 — urkräftigen Bewohnern machte, zu denen er sich, je mehr er davon sah und hörte, immer inniger hingezogen fühlte. Manchmal glaubte er sich in ganz andere Zeiten versetzt. „Wenn wir mit Verwandten und Freunden des Sava Bozkovic, meines Begleiters, zusammentrafen, wenn diese Bergbewohner ihre Arme ausbreiteten, dreimal einander die Wangen küßten und ihre Begrüßungsansprache hielten, war es mir als ob ich im alten Hellas wäre, ich sah alle Züge des classischen Zeitalters in Fleisch und Blut vor mir. Diese ledernen Schläuche für den Wein, diese nächtlichen Hirtenfeuer auf den Bergen, dies tiefblaue Meer im purpurnen Wiederschein der abendlichen Wolken, das Wehklagen der Mädchen nach einem gefallenen Helden, das ist noch Patroklos, das ist noch der ganze Homer wie er vor zweitausend Jahren leibte und lebte!" Aber auch an das Mittelalter, an die schönsten poetischen Zeiten desselben, gemahnt manches im Wesen der Crnagorcen. Wie bei allen ursprünglichen Völkern spielt bei ihnen und ihren Gränznachbarn, den Herce-govcen von der einen, unsern Vocchesen von der andern Seite, die Rache eine große Rolle. „Wer sich nicht rächt, der kann nicht gedeihen", heißt es bei ihnen im Sprüchwort. Auch ist es begreiflich, daß Männer, die beständig alle Hände voll Waffen haben, von der Leiden- -X 205 >— schaft fortgerissen mit dem Blute ihrer Feinde nicht sparen. Diese Gefühle theilt das Weib mit dem Manne, ihnen ist Wiedervergeltung, Aug gegen Aug, Zahn gegen Zahn, Leben gegen Leben, etwas in der Natur der Sache gegi-ündetes. Die Witwe bewahrt das blutige Hemd ihres getödteten Mannes, um es ihren Kindern zu zeigen, damit sie, wenn sie herangewachsen, Rache für den vorzeitigen Tod ihres Erzeugers nehmen. Aber das soll nicht mit Hinterlist geschehen, sondern in offener Feindschaft. Wenn die Zeit gekommen, fordert der Vergelter seinen Gegner zum Zweikampf heraus, oder erklärt ihm sein feindseliges Vorhaben, damit er auf seiner Hut sei und, wenn er unversehens getroffen Würde, nicht sagen könne, es sei aus Verrätherei geschehen. Diese Kriegserklärung, wenn man es so nennen will, geschieht oft schriftlich, und Personen, die derlei Briefe zu Gesicht bekommen, versichern, dieselben seien vollkommen im Geschmack jener Erklärungen und Aufkündigungen, die zu Zeiten des Faustrechtes die Ritter einander durch ihre Herolde zugesandt; sie enthielten durchaus keine Beleidigungen, sondern seien in einem sehr edlen und würdigen, für diese in der Bildung vernachlässigten Leute ganz unglaublichen Style gehalten. Auch kommt es vor, daß in solchen Lagen Auffchub, Waffenstillstand verlangt wird, den, von der andern Seite zugestanden, beide Theile auf das gewissenhafteste einhalten; während dieser Zeit kann der Mörder ruhig in seine Heimat zurückkehren und seinen Beschäftigungen nachgehen, er ist sicher daß ihm kein Leides widerfährt. Von der einen Seite die österreichische Regierung, von der andern der Bildner und Civilisator seiner Nation Peter II. haben zwar durch Gesetz und scharfe Strafen dem Unwesen der Blutrache, die sich oft durch mehrere Menschenalter hinzog und, wie in den Kämpfen der rothen und weißen Rose, ganze Geschlechter vom Erdboden vertilgte, zu steuern gesucht; ganz verschwunden aber ist es bis zur Stunde nicht. Der Crnagorce ist von Haus aus Krieger, freilich zunächst nur für jene Art von Krieg, wie dieser in seinen Bergen zu führen ist. Wie es vom ungarischen Csikös heißt, er werde auf dem Pferde und mit Sporen geboren, so könnte man vom Crnagorcen sagen: er komme mit seiner langen Flinte, seinen riesigen Pistolen und seinem Handzar auf die Welt. Er trägt seine Waffen stets, bei seinen friedlichsten Hantirungen. Unbewaffnet zu erscheinen gilt ihm für so schimpflich, daß, als Fürst Danilo die Gefängnisstrafe einzuführen beschloß, er es unnöthig fand, die Kerker mit Thürmen und Gitter, ja mit- einer Wache zu verschen, sondern einfach befahl, dem zur Haft Verurtheilten die Waffen abzunehmen. -« 207 ^- In seinen Kämpfen entwickelt der Montenegriner eine natürliche Kriegskunst, bei der ihm alle Eigenschaften unverdorbener Natursöhne ;u statten kommen. Er ist stark und gewandt, lauft gleich der Gemse über die steilsten Felsen, schießt so gut wie der Tyroler und ist von einer an das antike Heldenthum mahnenden Tapferkeit. Nährend der kriegerischen Arbeit die er verrichtet, sättigt cr sich mit der einfachsten Speise. Seine Sinne haben, gleich dem Vocchcscn seinem Gränznachbar, die uns verzärteltem Stadtvolk unglaublich scheinende Spürkraft beö Thieres und des Wilden. De Traux war einst auf bcr Höhe von Vraici, deren Bewohner mit den Erna-M'cen im Streite lagen; von weitem witterten die Vocchesen ihre lauernden Feinde: „ich sage witterten", fügt der kaiserliche Hauptmann bei; „denn ich sah sie kaum mit dem Fernrohr, als sie selbe schon entdeckt hatten." Dc Traux stellt eigentlich unsere Vocchesen noch über die Montenegriner, die jenen an Herzhaftig-kcit nachstünden und keiner Disciplin fähig seien; „auch werden die Montenegriner in ihrem Krieg stets von den an Zahl viel geringern Bocchescn vollkommen geschlagen". Db dieser vor mehr als sicbcnzig Jahren geschriebene Satz noch heute seine Nichtigkeit hat, muß ich Andern zu beurtheilen überlassen. Unter den vielen Ehrentiteln, womit man seit — 208 >— Jahren von gewisser Seite die Crnagorcen, und auch andere in der Gegend wohnende Leute, gclegenhcitlich auszuzeichnen Pflegte, fand sich auch der: „Diebs- unb Räubergesindel". Nichts ist unwahrer und darum ungerechter! Allerdings stiehlt und raubt der Crnagorce, wie auch ihm gestohlen und geraubt wird; aber das thut er seinen Feinden, und seine Feinde thun es ihm. Es ist eben Krieg der dort nach Landcsbrauch geführt wird; Heerden bilden den größten Reichthum jener Naturvölker, und Heerden sind es darum die sie einander gegenseitig abjagen und forttreiben. Und Krieg führte der Crnagorce nicht blos mit dem Türken, sondern auch mit seinem dalmatinischen Stammes- und Glaubensbruder, und auch das meist um seiner Heerden willen. So war die Hochebene von Pastrovic oft genug Schauplatz blutiger Kämpfe, weil beide Theile glaubten das Recht zu haben ihr Vieh auf gewissen Plätzen weiden zu lassen; der Streit ging meist von den Crnagorcen aus, und zwar im Winter, wo ihre Hochebene mit Schnee bedeckt ist und daher ihre Thiere dort keine Nahrung finden. Mit dem Tütken lag der Montenegriner im Krieg, in fast unausgesetztem täglichen stündlichen Krieg — weil eben jener Türke und folglich jeder Chriftenseele Todfeind ist. Sonst aber thut er keinem etwas zu Leide, weder an Leib und Gliedmaßen, noch —< 209 >— an Hab und Gut. Dr. Lambl erzählt, wie ihn Herren m feinen Röcken in Cattaro gewarnt, ihm von der Grausamkeit Raubsucht und Wildheit der Crnagorcen die haarsträubendsten Dinge erzählt hätten, „so daß es nöthig gewesen wäre, ich hätte mich gleich hinter dem Thore der Stadt von meinem Leben verabschiedet, um mich dann durch räuberische Anfälle und Schüsse aus bem Hinterhalt nicht weiter schrecken zu lassen. Indeß achtete ich auf diese Reden nicht und habe mich überzeugt, daß ich durch die schwarzen Berge in der Dunkelheit, bei Sturm und Regen, allein, sicherer wandern könne als in unsern Städten mitunter bei hellem Tage und im Gewühl der Leute, wo man wohl auf seine Taschen achten muß, daß sich nicht die Hand eines guten Nachbars hinein verirre. Auch haben glaubenswürdige und achtbare Leute mich versichert, daß Diebstahl unr Straßenraub von altericher so seltene Vorkommnisse seien daß die Crnagora und die benachbarten österreichischen Gränzen in dieftr Hinsicht in der europäischen Verbrecher-Statistik fast rein dastehen." In diesem Urtheil stimmen alle Kenner jener Gegenden überein. Von den dalmatiner Zupanern versicherte ein kaiserlicher Justiz-Mann den Professor Petter, daß oft Jahre lang in seinem Bezirke lein Verbrechen begangen wurde. Und erst neuestens hat General-Consul Vasic in einem v. Hclfert, Äosmschcs. 14 — 210 >— amtlichen Berichte an das Ministerium des Aeußern^ nachdem er die verworrenen Zustände geschildert unter denen in der Zeit vor dem Einmarsch unserer Truppen alle Landestheile litten, den Ausdruck gebraucht: „Bis dahin muß man sich trösten, daß im bosnischen Volke bei seiner beklagenswerthen Unwissenheit ein so reicher Schatz moralischen Werthes liegt, daß ungeachtet der seit Wochen andauernden Anarchie weder Gewaltthaten noch Diebstähle vorkommen". Gleich allen Naturvolkern stecken die Crnagorcen^ und ebenso ihre Nachbarn zur Rechten und zur Linken, tief im Aberglauben. Der blutsaugende Vampyr und dessen freundlicher Gegensatz die lichtgeborne jungfräuliche Vila spielen nicht blos im Liede ihre Rolle, auch im praktischen Leben gibt es hin und wieder Gebräuche die mit jenen Einbildungen zusammenhängen. Weiber die an Nervenzuckungen leiden gelten noch heute als vom Teufel besessen, den man vom Popen bannen lassen müsse, wo nicht gar als leibhafte Heren denen noch um die Wende des gegenwärtigen Jahrhunderts der Scheiterhaufen drohte. Inl Jahre 1799 rettete unser General Bardi einem schönen neunzehnjährigen Mädchen das Leben; die Popen waren bereits versammelt um das Feuer anzuzünden, als eine Colonne Soldaten an-marschirt kam und den Haufen auseinandertrieb. Ihr 211 ganzer Heiligen-Kalender ist mit ihrem Naturglauben auf das innigste verwachsen, wobei heidnische Nachklänge überall durchdringen: der heilige Nicolaus ist eine Art Neptun; Elias, Ilija, der Donnerer; Panteleimon der Sturmbeherrscher; die heilige Maria erscheint mitunter als die Mutter des Blitzes, Sanct Georg gilt als Bringer des Lenzes. Ihre Religionsübungen beobachten sie mit einer unverbrüchlichen Strenge, und dabei ist nicht zu übersehen, daß ihr Fasten einerseits ohne allen Vergleich härter, andererseits viel häufiger und anhaltender ist als das in unsern Ländern. Als unser l)r. Lambl während einer solchen Zeit durch'die schwarz«! Berge zog, war sein Begleiter um keinen Preis zu bewegen etwas von den Speisen zu berühren die der böhmische Reisende sich bereiten ließ; trockenes Brod und ein Schluck Brantwein war durch drei Tage ununterbrochenen Wanderns seine ganze Nahrung. Doch würde man irregehen wenn man die Religiosität dieser Bergbewohner für bloses Formelwesen und finstern Aberwitz halten wollte; es liegt ihr ein tief inniger Gottesglaube zu Grunde, auf den sie alles zurückführen was ihnen das Leben bringt. Lambl mußte seinem Manne während ihrer geineinsamen Streifzüge von verschiedenen Naturerscheinungen erzählen wobei er ihm dieselben zu erklären suchte; doch der Crnagorce hatte 14* nur einen Ausruf: „Gott sei gelobt! Gepriesen sei der Einzige! Wie groß sind seine Wunder!" Als geborner Krieger schätzt der Crnagorce nur den Mann und in der Familie nur den werdenden Mann, den Knaben. Als der Vojvode Andrija Perovie unserem Landsmann seinen Jüngsten vorstellte und ihm von seinen andern Söhnen erzählte, sagte Lambl: „Du hast gewiß Freude, Andrija Perovic, daß Du lauter Söhne zu Kindern hast, ist's nicht so?" „Gewiß, Herr, wir brauchen auch mehr Knaben, besonders dort wo Türken in unserer Nähe sind". „Aber was dann, wenn ihrer mehr Mädchen wären?!" „Das gibt es nicht! Sieh, Herr Böhme s^o8poäiu l^'eii), das ist in unserer ganzen Crnagora so: wo viele Männer zu Grunde gehen, da werden lauter Knäblein geboren, fast nur Knäblein, sehr wenig Mädchen. So ist es Gott selbst der uns hilft, und in meiner Familie ist es ganz dasselbe. Mein Vater war in feiner Jugend wie vom Teufel besessen, so daß ihm das Stichwort ,Türk Pero-vi^ geblieben ist, und jetzt zählt er sechsundsechzig Knaben als Enkel". Es war in der Crnagora üblich die Einwohner einer Ortschaft nur nach „Flinten", d. i. nach Männern zu zählen; war ja doch Mann und Flinte eins, und konnte man nur diese gegen die Türken brauchen! Der — 213 >— Montenegriner hoffte gar nicht darauf in seinem Bette zu sterben, ihm war der Tod auf dem Kampfplatz die höchste Ehre. Zu jeder Stunde des Tages und der Nacht auf einen feindlichen Ueberfall gefaßt zu sein, sein Blut zu vergießen, um seinen Herd, sein Hab und Gut, sein Vaterland und seinen Glauben zu schützen, war dem Crnagorcen besonders in den Gränzgebieten etwas wie das tägliche Brod, es gehörte zu seiner Tagesordnung. Wenn des Abends die Aeltern beisammen saßen, erschienen die Jüngern und berichteten: „Gestern sind die Piperi, die Bjeloplavicen mit den Türken aneinander gerathen; von den Unsern sind zwei todt, fünf verwundet, von den Türken sind vier gefallen, sieben verwundet". Derlei Meldungen wurden erstattet und entgegengenommen mit solcher Ruhe und Gelassenheit, wie etwa bei uns zu Lande wenn der Oberknecht oder Schaffer dem Herm Wirthschaftsberciter meldet, wie viel Garben man am heutigen Tage im Felde geschnitten habe, wie viel Getreide noch außen stehe. Es ist begreiflich daß das Weib, unter den Verhältnissen wie sie bis auf die jüngste Zeit in dem rauhen Berglande walteten, eine untergeordnete Stellung einnahm. Das war und ist noch heute nicht blos bei den Crnagorcen der Fall: das gilt als Regel durch das ganze südslavische Land bis in unser österreichisches -« 214 >— Gebiet hinein, obwohl hier sowie im Fürstenthum Serbien sich diese Schroffheit hin und wieder abzuschleifen beginnt. Das Frauenzimmer ist der arbeitende Theil. Sie verfertigen zu Hause Leinwand, Zeuge, grobes Tuch für den Hausgebrauch, sie haben auch den größten Theil der Feldarbeit auf sich. Wenn es zu Markte oder auf Reifen geht, so ist das Weib, man verzeihe mir den Ausdruck, das Lastthier; nur daß der Mann, wenn der Ballast für feine Begleiterin allein zu groß oder zu schwer ist, einen Theil desselben auf sich nimmt. Aber auch dieses „zu groß oder zu schwer" ist keinesfalls nach den Begriffen unserer Dämchen zu nehmen: de Traur versichert mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie ihrer fünf Crnagorcinen eine gut gemessene Klafter schönen Scheitholzes nach Cattaro hinab trugen. Auf dem Heimweg den Berg hinan schreitet der Mann, seine Pfeife im Munde, rüstig voran, das Weib in Demuth hinter ihm drein. Von einer gesellschaftlichen Stellung des Weibes kann unter solchen Umständen nicht wohl gesprochen werden. Kommt ein Fremder in's Haus, so sind Frau und Töchter die Dienerinen, denen es nicht beifällt sich in die Gespräche der Männer zu mischen, an einem Tisch mit ihnen Platz zu nehmen, oder sich überhaupt in Gegenwart derselben auf einen Sitz niederzulassen. In manchen Gegenden, wie im Fürsten- -« 215 >— thum Serbien, sind Frau und Töchter die Begrüßerinen die dem Eintretenden, nachdem sie ihm ehrerbietig die Hand geküßt, den Willkommstrunk reichen. Dann setzen sich die Angekommenen nieder und lassen sich ihre Mße waschen, was entweder die jüngste oder die älteste verheiratete Tochter des Hauses thut; wer sich dem entziehen wollte, dem würde es ausgelegt werden als ob er die dargebotene Höflichkeit geringschätze. Anderswo, wie in der wohlhabenderen bocchesischen Gemeinde Dobrota, leben die Frauen und Töchter abgeschlossen von aller Welt, ziehen sich zurück wenn männlicher Besuch kommt; selbst unter sich von einem Hause zum andern sehen sie einander selten. Das alles mahnt an orientalische Sitte, wie denn der christliche Südslave, gleich seinem Stammesbruder Muslim, es sich nicht beifallen lassen wird sich bei einem begegnenden Freunde geradezu nach der Frau des Hauses zu erkundigen; er fragt nach der Gesundheit, nach den Kindern, nach //dem übrigen". Wie jedes Ding seine guten und seine schlechten Seiten hat, so ist es auch hier. Das Weib ist dem wilden Sohne der Berge heilig. Bei den Gränzkriegen, die es früher besonders im Landstriche der dalmatinischen Pastro-vicen so häufig gab, konnten die Hausfrauen ihren Männern während dcS Kampfes ruhig Speise und Trank bringen —< 216 >— ohne ;u befürchten, daß sich das Rohr des feindlichen Crnagorccn auf sie richte. Wie heftig und andauernd auch die Blutrache zwischen den Geschlechtern wüthete, die Weiber der beiderseitigen Familien lebten untereinander in Frieden und Verkehr. Das südslavische Weib verblüht und altert schnell, was bei dem Umstände, daß es die zwei Theile des biblischen Fluches, das „mit Schmerzen gebären" und das „im Schweiße des Ange^ sichts sein Brod verdienen" fast allein auf sich nehmen muß, nicht wundernehmen kann. Aber die Mädchen sind schön, sind ein Gegenstand der Poesie und Romantik für die Jünglinge, wie denn in frühern Zeiten die Entführung des geliebten Mädchens allgemeiner Gebrauch unter den Crnagorcen war. Die neuere montenegrinische Gesetzgebung hat diese Sitte, die otiuioa, gleich der Blutrache verpönt; ob das Verbot niemals übertreten wird kommt in Frage. Das südslavische Weib ist züchtig und sittsam. Wenn in den nördlichen Alpenländern das Mutterwerden vor dem Frauwerden gar nichts seltenes, in manchen Gegenden sogar gang und gäbe ist, so kommt etwas dergleichen bei den Südslaven fast nie vor. Auch bei unsern Dalmatinerinen gehören uneheliche Geburten, und gar Kindesmord zu den seltensten Fällen. Die Voltssitte war in diesen Punkten unerbittlich. Ein — 217 -— Mädchen in der Zupa, das sich verführen ließ, wurde von den Angehörigen der Familie getödtet; aber auch ihr Verführer verfiel blutiger-Rache. Bei den Bocchesen war noch zu Anfang des Jahrhunderts die Steinigung darauf gesetzt; in der Regel war es der eigene Vater der den ersten Stein aufhob und auf sie schleuderte. In der benachbarten Hercegovina wurde die Sünderin in einen Sack gebunden und in's Wasser versenkt. Auch in diesem Punkte mögen sich seitdem die Gebräuche gemildert haben; daß in unserm Dalmatien derartiges heute nicht mehr vorkommen kann, braucht nicht gesagt zu werden. Aber die rigorose Auffassung des Vergehens und die erbarmungslose Verdammung desselben ist dieselbe wie früher. Ebenso steht es mit dem Ehebruch, der in den schwarzen Bergen ein fast unbekanntes Ding ist. XI H i l tl!! u g S l; e i m e. o sehr dem Crnagorcen Waffen und Krieg zur zweiten Natur geworden sind, so würde W^W" man doch fehl gehen wenn man meinte — wie dies in West-Europa häufig vorkommt — daß er sich in diesen Zuständen gefalle, daß er sich nicht nach bessern hinaus sehne, wo er gleich dem Franken etwas lernen und sich bilden könnte. Sein wildes blutiges Treiben ist mit nichten sein Stolz, es erscheint ihm als aufgedrungene Nothwendigkeit. Niemand sah dies klarer ein als der Vladika Peter II. Er war für seine Person ein feiner Mann, der seine Erziehung iu St. Petersburg genossen und auf Reisen —< 222 >— in die westlichen und nördlichen europäischen Länder viel gelernt und erfahren hatte. In Venedig war er häufiger und gern gesehener Gast. Er sprach leicht und gefällig und liebte den Verkehr mit gebildeten Fremden. In seiner Heimat ist er als Dichter aufgetreten, wo er mitunter, man möchte sagen in Lord Byron'schem Geiste und mit dessen Bilderreichthum, europäisches Leben und Wesen schildert und oft auch geißelt. Als Dr. Lambl eines Tages mit ihm über das rauhe Treiben der Crnagorcen zu sprechen kam, sagte der Vladika: „Wie ist da zu helfen? Lebend kommen wir nicht in den Himmel und hier auf Erden gibt es niemand, der auf uns Hort und uns beisteht: wir können uns auf nichts verlassen als auf unsere treuen Arme und unsere harten Berge!" „Wenn ich Türke wäre", sagte er ein andermal, „wüßte ich wohl, wie ich mit meinen Kräften und Gaben wuchern könnte; aber wir Slaven sind arme Schlucker, die einen in geistigen, die andern in leiblichen Fesseln. Wir sind die Neger in Europa, ja wir sind schlimmer daran als die afrikanischen Schwarzen; denn um diese nehmen sich die Engländer an, daß sie nicht als Sclaven verkauft werden; um uns kümmert sich niemand." Gleichwohl brach mit demselben Vladika Peter ein neues Zeitalter für die Crnagorcen an, die er zuerst mit westeuropäischer Bildung bekannt zu machen suchte. Er — 223 >— ^ führte eine geordnete Verwaltung und Gerechtigkeitspflege ein; er gründete die erste Volksschule in Cetinje und legte ebenda eine Mchersammlung an; er war bedacht den Zustand der Bergstraßen zu verbessern. Daß er sein Streben darein setzte, die Sitten seiner rauhen Natursöhne zu mildern, wurde früher erwähnt; an die Stelle der verheerenden Blutrache sollte die Klage vor Gericht treten. Die weltlichen Nachfolger des letzten Vladika von Montenegro haben die von ihm eingeschlagene Bahn weiter verfolgt. Für Schulen und Unterricht geschieht mit jedem Jahre mehr, und heute gilt es nicht mehr so allgemein, was in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre der Vojvode Andrija Perovic sagte: „Wir können nicht lesen und schreiben; unsere Jungen müssen bei detr Waffen sein, nicht bei den Büchern". Unter den Gewährungen, welche die oft wiederholten Manifeste der Pforte, die Proclamatienen und Friedensanbote Omer Pasas:c. aussvrachen, befand sich regelmäßig die, daß es der Rajah gestattet sein solle, sich Schulen zu errichten, und in einigen Theilen der Hercegovina, besonders in den abgelegenen an die Crna-gora gränzenden, nahmen die Christen eifrig Besitz von.! 224 dieser vordem ungetannten Wohlthat, in deren Genuß sie fortan, mindestens theilwcise, blieben. Nicht so, vor noch ganz kurzer Zeit, m den größeren Städten unter den Augen der türkischen Behörden, und in der so stark vertürkten Bosna. Auch hier wollte die Najah ihrer Jugend nützliche Kenntnisse beibringen lassen, und da sie keine einheimischen Schulbücher hatte, verschaffte sie sich dieselben aus dem benachbarten Fürsten-thum, bis der türkische Machthaber darauf aufmerksam wurde und die Waare, unter dem Vorwand daß sie aufrührerischen Zündstoff enthalte, zu taufenden von Exemplaren aufgreifen und vernichten ließ. Eine Buchhandlung, die in Sarajevo eröffnet worden, die einzige in der ganzen Provinz, mußte auf Osman Pasas Befehl gesperrt werden. Zeitweise milderte sich der Druck, aber es tauchten immer wieder Hindernisse auf, die eine freie Entfaltung des Schulwesens nicht aufkommen ließen. Der Trieb, sich zu bilden, darin stimmen alle Kenner der südslavischen Zustande überein, ist eben so vorhanden wie die Befähigung dazu. In den Gränzgegenden sandten bis in die allerjüngste Zeit bosnische Familien ihre Kinder in Schulen des Fürstenthums Serbien. Kanitz sah in den sechziger Jahren in den Banken von Raska, nördlich von Novipazar, „die -« 225 >— lebenden, am deutlichsten sprechenden Proteste" gegen die von manchen Seiten erhobene Anschuldigung, daß die Najah ohne jeglichen Belehrungsdrang sei, nach Errichtung von Vildungsanstalten kein Verlangen trage! Aus dem Fürstenthum selbst erzählt Kanitz als Augenzeuge einen rührenden Zug, wie ein Bauer mit seinem Söhnlein nach Iagodina gekommen sei und den Erlös für zwei riesige Eichenstämme, die er wohl mehrere Stunden weit mit seinen Ochsen auf den Markt geführt, für ein kleines Lesebuch hingegeben, das er seinem hoffnungsvollen Sprößling mit der Mahnung eingehändigt habe, den so theuer erworbenen Schatz ja recht zu hüten. Von der natürlichen Anlage und Vildungsfähigteit der ^eute gibt der Preuße Franz Maurer ein Beispiel, wo ' ihn in Prjedor, als er ein Feuer verlangte um sich ,l seine Pfeife anzuzünden, der Handziia belehrte: er müsse ! sagen „äa^ mi vatie" wenn er wolle daß man ihm ' Feuer gebe, dagegen „valra" wenn er blos sagen wolle: ! das Feuer; der Mann fühlte also, bemerkt Maurer, 1 sehr wohl den Unterschied von Accusativ und Nominativ heraus. Dem I),-. Otto Groß, der in der zweiten, ' Hälfte der sechziger Jahre das westliche Bosnien durchreiste, zeigte man in einer Schule nächst der österreichischen Gränze, in der Gegend von Vihac, Probe- j schriften von Mädchen, die erst seit vierzehn Tagen. / v Helfcrt, Bosnisches. 1H / -" 226 — Unterricht genossen hatten und über deren Fortschritte man staunen mußte; auch versicherte ihn sowohl der Pfarrer als der Lehrer, letzterer ein ehemaliger österreichischer Officicr, wie talentvoll und strebsam die Kinder seien die zur Schule kommen. Der Pfarrer war Franziskaner, die sich, von der ersten Zeit der türkischen Herrschaft an, einer gewissen Duldung zu erfreuen hatten und noch vor ganz kurzer Zeit überhaupt die einzigen waren, die den bosnischen und hcrcegoviner Katholiken die Sacramente spendeten, das Wort Gottes verkündeten, und wo es die Umstände gestatteten, namentlich in ihren Klöstern, Unterricht ertheilten. Sie standen selbst bei der muhamcdanischcn Bevölkerung in Ansehen, die sich nicht selten bei ihnen Rathes erholte. Allerdings sind diese süd-slavischen Jünger des heiligen Franziskus von Assist etwas andere Bursche als ihre Ordensbrüder in unsern Gegenden. Sie bilden einen neuen Beleg, wie elastisch sich die katholische Kirche und deren Organe, ohne von dem Wesen ihrer heiligen Sache das geringste abzulassen, den Lebensbedingungen in verschiedenen Landstrichen und bei verschiedenem Volke anzuschmiegen wissen. In mir ist aus der Zeit, da ich in unserem Untcrrichts-Mini-sterium wirkte, noch heute das Erstaunen lebendig, als mir eines Tages ein paar Franziskaner aus dem dal- 227 'Matinischen Kloster Sinj, es waren Gymnasial-Leh ramts- ^ Candidate«, gemeldet wurden, und ich nun drei Gestalten hereintrcten und sich vor mich hinstellen sah, die der Leib-Compagnie jedes Potentaten, der auf schöne hochgewachsene Leute etwas hält, Ehre gemacht haben würden. Nun gehe aber einer nach Bosnien! Da siehst Du einen stattlichen Mann, den türkischen Fez auf dem Haupte, einen martialischen Schnurrbart unter der Nase, Pistolen im Gürtel, auf einem prachtvollen Schimmel einhersprengen, und nur die hochaufflatternde Kutte verkündet Dir, daß Du einen vom demüthigen Orden der Bettelmönche vor Dir hast. Die Franziskaner im Gebiete der Bosna und Narenta vertraten daselbst bisher das Element der j Bildung und Gesittung. Was sich davon unter den Katholiken des Landes durch die Jahrhunderte von Druck und Pein erhalten hat und was davon in neuester Zeit sich spärlich und kümmerlich genug zu entwickeln begonnen hat, ist ihr Werk. Ihre Ordcnsanfzcichnungcn, ihr „Schematismus" gehören zu den wichtigsten Quellen der heutigen Landeskcnntnis, wie einer aus ihrer Mitte, der früher genannteIukic, als der eigentliche Begründer . der neueren bosnischcn^Geschichte, Volks- und Landes- ^ künde angesehen werden muß. Iukic hatte seine frühern Studien in Agram durchgemacht, andere wurden zur 15* —»< H28 »— ^ Ausbildung nach Djakovo in Slavonien, oder nach Pcst^ in frühern Zeiten auch an italienische Hochschulen, nach Bologna :c. geschickt, wo sie zugleich fremde Sprache und Sitte kennen lernten. Der wohlthätige Einfluß, den die Franziskaner auf ihre geistig Schutzbefohlenen geübt, äußert sich in der auffallenden Ordnung und Sauberkeit, welche in bosnischen Städten jene Quartiere auszuzeichnen pflegt, wo die Franziskaner ihren Sprengel haben. Als unsere tapfern Soldaten in das blutig erkämpfte Sarajevo cinmarschirtcn, erstaunten sie , über die „außerordentliche wahrhaft holländische Rein-« lichkcit innerhalb der Christenhäuser. Buchstäblich vom Dach bis zum Keller wurde am Samstag alles ge-^ scheuert, selbst das Pflaster vor den Häusern gewaschen. Das Holzwerk ist die Sauberkeit selbst, die Wände fleckenlos und frisch getüncht, die Höfe mit Blumenbeeten geziert, die Fensterscheiben klar und rein, in den Küchen alles spiegelblank. Auch die äußere Erscheinung der christlichen Bewohner zeichnet sich durch Kleidsamkeit und Reinlichkeit, mitunter selbst durch Kostbarkeit aus. Im weiblichen Geschlecht ist die Zahl der regelmäßigen l »fnvttchen—SchötcheltLU._v^rherHchM^. So der halb- ^ aintliche-BerichK--—.----------------------^________ Die Geschichte erzählt, daß Sultan Mahmud II. nach der Eroberung des Landes, „fürchtend es könne —< 229 >— ihm menschenleer werden", den damaligen Vorstand des Klosters von Fojnica Angelo Zvidovtt in fein Feldlager bei Milodraz berufen und ihm daselbst einen Firman ausgestellt habe, At-Nameh genannt, laut dessen dem Orden und den Katholiken Schutz Sicherheit und freie Ausübung ihres Glaubens, dem Orden insbesondere Freiheit von allen Steuern und Brandschatzungen zugesichert wurden. Die Brüder waren für ihre Person ^om Harac, der Kopfsteuer, ausgenommen und damit über die Rajah gestellt; als man ihnen letzterer Zeit diese Exemtion streitig machen wollte, riefen sie den Schutz der österreichischen Negierung an, die zu ihren Gunsten ihr wirksames Fürwort einlegte. In der wüsten Zeit der ersten türkischen Eroberung waren vierzig katholische Kloster und bei hundertfünfzig Kirchen ein Raub der Flammen geworden; nur drei der erstern waren seither aus ihrem Schutt wieder aufgebaut, eine geringe Anzahl von Pfarren gerettet worden, die sich in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts nach und nach bis auf einunbvierzig vermehrten. Von dieser Zeit, wo das k. k. General-Consulat an Ansehen gewann, stieg die Zahl der ordentlichen katholischen Pfarren auf vierundachtzig, wovon dreiundsechzig in Bosnien, einundzwanzig in der Hercegovina; die drei Franziskaner-Klöster Fojuica Krescvo und Sutiska wurden erweitert und ver- -« 230 >— schönert, ein viertes kam dazu, Gucja gora nächst Trav-nik, seit 1857 neu aufgebaut. In den von den kaiserlichen Consular-Sitzen entfernteren Gegenden, inmitten einer fanatisch-islamitischen Bevölkerung, sah es allerdings mit der den Katholiken feierlich verbrieften Cultus-Freiheit mitunter eigens aus, und es war oft schwer zu entscheiden, wo sich die Gränze zwischen Duldung und Verfolgung hinzog. Da war von dem Baue einer Kirche, in einer noch so bescheidenen, ja fast unwürdigen Weise, von einem Zusammenrufen zu gemeinsamem Gottesdienste, und sei es auch mit dem Klöppel auf dem Alarmbrett, keine Rede. Die zerstreute Gemeinde mußte froh sein, wenn von Zeit zu Zeit ein opferwilliger Wanderpriester in der Verkleidung eines Arztes Bauern Kaufmanns erschien, dessen Ankunft dann von Haus zu Haus bekannt gemacht wurde; kam zufällig ein Türke in das Haus oder wurde sonst der Unterstandsgeber über den Fremdling, befragt, so hieß es: „ein Vetter — uMk" sei zu ihm auf Besuch gekommen. Aber auch diese Ujaks — der Name blieb in jenen Gegenden den katholischen Priestern bis in die allcrjüngste Zeit — waren Franziskaner^ die sich auf Grund des At-Nameh Mahmud II. das ausschließliche Recht zuschrieben, den katholischen Cultus in Bosnien und in der Hcrccgovina auszuüben, wie 231 denn auch die Bischöfe von Brestovsko, zwischen Visoka und Iehovac, von Mostar mit dem Sitze im Kloster Ziroti brig und von Trebinje (Ragusa) in der Regel diesem Orden entnommen wurden. Neuester Zeit hat neben den Franziskanern ein anderer Orden in Bosnien Platz gefunden und einen nicht minder heilsamen Einfluß auf die Bevölkerung zu üben begonnen. Es sind die Trapftisten, die in unserm Jahrhundert unter Umständen etwas ähnliches zu leisten versprechen, was in frühern die Benediktiner für Ent-wilderung von Land und beuten zu wirken verstanden. Man wird diesen Vergleich nicht so ungerechtfertigt finden, wenn man erwägt, daß die Trappislen nach der Bestimmung ihres Stifters unter anderem die Aufgabe haben, unbewohnte und unbebaute Gegenden der Cultur zugänglich zu machen. Ferdinand von Hellwald , der ihr Wirten in einer der fiebergefä'hrlichcn Gegenden der römischen Eamvagna zu beobachten Gelegenheit hatte, erzählt, daß sie in ihrer Abtei dclle tre Fontane mit der Einführung einer neuen Pflanze, des australischen blauen Gmnmibaumes — kucnl^pii!» 3l«dulu8, begannen, was bald von den benachbarten Gutsbesitzern, denen sie auf Verlangen junge Stämme -^ 252 — abgaben, nachgeahmt wurde. Derselbe hat bei einem ungemein raschen Wachsthum die Eigenschaft, durch seine Wurzeln die Bodenfeuchtigkeit reichlich aufzusaugen, während seine Blätter einen kampferartigcn balsamischen Geruch ausströmen, beides geeignet, einer Fiebergegend die schädlichen Miasmen zu entziehen, die gemiedene Malaria in eine Buonaria umzuwandeln. Als die Trapftisten 1868 nach den tre Fontane kamen, wütheten die Fieber in dieser ganz besonders verrufenen Gegend in solchem Grade, daß die Mönche zur Sommerszeit allnächtlich sich nach Rom begaben, um erst am nächsten Morgen in ihre Ansiedlung zurückzukehren. Im Sommer 1875, wo sie bereits über tausend Bäume gepflanzt hatten von denen die ältesten über zehn Meter hoch waren, konnte der Abt ihnen schon frei stellen, in der vordem so gefährlichen Zeit in Rom zu übernachten oder im Hause zu bleiben, welches letztere, da die zurückgebliebenen Genossen ganz fieberfrei blieben, seither zur ausnahmslosen Regel geworden ist. „Unter allen Umständen darf das Klosterwesen", fo schließt Herr von Hellwald feine Betrachtungen, „wenn auch auf bescheidenem Gebiete, auf eine Leistung pochen, die unsere fortgeschrittene und aufgeklärte, aber vielfach im Netze der Phrase sich bewegende Gegenwart bisher unvoll-bracht gelassen hat." —< 233 >— In Bosnien haben nun die Mönche dieses betriebsamen Ordens, die Benediktiner des neunzehnten Jahrhunderts, ein neues Feld ihuer Thätigkeit gefunden. Die ärmliche Kost und strenge Lebensweise, ihr einfaches ernstes Wesen eignet die Trapftisten ganz besonders zu Wohlthätern einer unter Noth und Bedrückung aufgewachsenen Bevölkerung, welcher andrerseits der unverdrossene eiserne Fleiß, womit der Trappist heute wie gestern und morgen mit gleicher Ausdauer an seinem Werke ist, um Wege zu bahnen, Felder Wiesen Nutzgärten Baumschulen herzustellen, unbekannte Ge-werbszweige einzuführen, erst Staunen einflößt und bald als ein ihrer folgsamen Nachahmung würdiges Beispiel Vorleuchtet. Auch ist dasselbe in der That nicht ohne gute Folgen geblieben. Heute schon sind um das Kloster „Maria Stern" in der Nähe von Banjaluka mehr als hundert Joch Landes urbar gemacht, in vortreffliche Aecker und Wiesen umgewandelt worden; die Landleute veredeln ihre Obstbäume, wozu sie die Edelreiser im Kloster holen; schon geht man damit um einen Weinberg anzulegen, woran bisher, da dem Muslim der Genuß des Weines verboten ist, nicht gedacht werden konnte. Eine der ersten Anstalten, welche der Orden in's Leben gerufen, war ein Waisenhaus, das trefflich gedeiht. Die muntern frischen Jungen hängen mit -« 234 >— kindlicher Liebe und Ehrfurcht an ihren Lehrern, die für ihre junge Welt nützliches mit heiterem wechseln lassen. Auf Unterricht in den Schulbänken folgt Arbeit in den verschiedenen Werkstätten; da sieht man kleine bosnische Schmiede Schlosser Wagner Tischler Weber Müller Gärtner; andere helfen den Maurern oder finden im Felde, auf der Wiefe, im Garten Beschäftigung, je nach Fähigkeit und Neigung jedes Einzelnen. Im Sommer gibt es Bad im nahen Fluße, längere Ausflüge in Berg und Wald. Auch eine Schule für „Externe", wie wir hierzulande sagen, haben die Trappisten eröffnet die an Sonntagen Nachmittags gehalten zu werden pflegt. Es bietet, wie uns ein Berichterstatter im Wiener „Vaterland" beschreibt, einen komischen Anblick, schnurrbebartete Männer von zwanzig bis vierzig Jahren in den sonst für die Waisenkinder bestimmten Bänken sitzen und mit ernsten Mienen in das ABC- und Lesebüchlein blicken zu sehen, das ein Trappisten-Bruder — dln,^a nennen sie sich unter einander, und so nennt sie auch der Bosnier — ihrem harten Gedächtnis einzuprägen sich bemüht. Eben zogen die Waisenkinder in guter Ordnung an dem Fenster vorüber, was einem der alten Studenten den Stoßseufzer auspreßte: „Hätten wir vor zwanzig Jahren das Glück gehabt wie die Jungen da, so brauchten wir uns jetzt nicht so zu plagen!" Ein —< 235 >— Krankenhaus, das in diesem Augenblicke zu Ende gebaut sein dürfte, und eine sich daran schließende Badeanstalt vollenden die Reihe jener Einrichtungen durch Welche die frommen Väter für das geistige und leibliche Wohl ihrer benachbarten Glaubensgenossen, aber auch für Hebung der äußern Lebensbedingungm derselben, für landwirth schaftlichen und gewerblichen Fortschritt zu wirken sich zum Ziele gesetzt haben. Noch befindet sich ihre Ansiedlung „Maria Stern" bei weitem nicht in jenem Stadium, wo sie der Pecuniären Beihilfe entrathen könnte die ihr namentlich aus Oesterreich, Se. Majestät den Kaiser an der Spitze in reichlichem Maße zu Theil wird, und schon haben sie, so heißt es, ihre Blicke auf Gründung einer zweiten im südlichen Bosnien gerichtet. Jeder Menschenfreund, !eder dessen Herz bei dein Anblick des namenlosen Druckes und Elendes, unter welchem die bosnische und herce-goviner Najah Jahrhunderte lang zu schmachten hatte, nicht ungerührt bleibt, muß ihrem Beginnen Heil und Segen wünschen! XII Hie oerschieöetMl Hkmnte ä^e Heoölhmmg. militärische Eroberung der Bosna und Herce-H>«M govina, welche unsere Armee, auf deren Lei^ ^H^ stungen jeder Oesterreicher mit stolzer Befriedigung, mit theilnahmsvoller Bewunderung zu blicken Ursache hat, in fortschreitendem Umsichgreifen vollzieht, ist gleichwohl nur ein Theil der Aufgabe die wir in jenen Gebieten zu lösen haben. No die militärische Eroberung aufhört hat die moralische anzusetzen. Dieselbe hat nach den Berichten aus Sarajevo, für dessen städtische Verwaltung eine vorläufige Auskunft getroffen worden, und vom Corps Iovanovic, nachdem die Paci-ficirung der Hcrcegovina wie es scheint ihren Abschluß _« 240 >— gefunden, theilweisc bereits begonnen, und wird von nun an überall angeknüpft werden wo es der Soldat dahin gebracht hat, daß er seinen Tornister abschnallen und sein Gewehr in Ruhe setzen kann. Es ist selbstverständlich, daß es bei der moralischen Eroberung in erster Linie auf die Kenntnis und dem-entsprechendc Behandlung des Menschen-Materiales ankommt mit welchem man zu thun haben wird. Die nationale Mischung ist in Bosnien und in der Herce-govina, wie schon früher erinnert worden, eine verschwindend kleine. Mit Ausnahme der von Sjenica gegen Novivazar auslaufenden Landzunge, wo das alba-nesische Element einen nennenswerthen Bestandtheil der Einwohnerschaft bildet, kann die verhältnismäßig geringe Anzahl von National-Türken Juden und Zigeunern nicht hindern, das Land als ein durchaus slavisches, und zwar einem und demselben Slavenstamme, dem serbisch-kroatischen angehöriges zu bezeichnen. Um so größer ist die Verschiedenheit und territoriale Durch-einandermengung in confessioneller Hinsicht. Von den bosnischen Katholiken, welche deren muha-medanifche Stammesbrüder bisher herabsehend „muöi" genannt hatten, war so eben die Rede. Sie bilden den kleinsten Bruchtheil der südslavischen Bevölkerung in jenen Gebieten, aber für unsern Standpunkt den ver- —< 241 >— ^rauenswürdigsten. Sie haben zu keiner Zeit aufgehört nach „Cäsarien", nach dem „ear au8trh8ki" ;u blicken, von ihm und dessen Kriegsschaaren Rettung aus ihrer Noth und Bedrängnis, aus der unmenschlichen und menschenunwürdigen Behandlung die sie erfuhren zu ersehnen. Auch hat Oesterreich seit mehr als einem halben Jahrhundert manches für ihre geistigen und religiösen Bedürfnisse gethan. Die Franziskaner und neuester Zeit die Trappisten, ihre Wohlthäter, ihre Lehrer und Tröster, haben sich von jeher verschiedenartiger Unterstützung von jenseits der Una und Save zu erfreuen gehabt. Den Katholiken des Landes können wir getrost die Waffen in die Hände geben, deren Schutz und Schmuck sie, Abkömmlinge eines so mannhaft schönen und starken Volksstammes, so lange Zeit entbehren mußten. Es wird ihr Selbstgefühl heben und ihnen Achtung und Ansehen in den Augen der Andern verschaffen. Nicht ohne Mistraum hat der zweite ungleich zahlreichere Bestandtheil der bosnischen Rajah, haben die Vekenner des griechischen Ritus unser Erscheinen im Lande begrüßt. Es ist bekannt, daß Hadzi Loja von allem Anfang auf ihre Mitwirkung zählte. Die ortho- v. Hclfcrt, Aosnische«. 16 -^ 242 — doxen Handelslente in Sarajevo sagten ihm in den Tagen der Wirrnis feierlich zu, mit ihm und seinen Muslims Hand in Hand gehen zu wollen. Freilich hatte Furcht das meiste dazu gethan, wie bei den jüdischen Kaufleuten, die große Summen unterzeichneten, sich aber gleich darauf, um sie nicht zahlen zu müssen, aus dem Staube machten. Auch hat das Gebahren der Reicheren bei ihren eigenen Landsleuten nicht überall Anklang gefunden. „Die orthodoxe Landbevölkerung", berichtete General-Consul Basic am 15. Juli dem Grafen Andrässy, „lacht über die Allianz der hiesigen orthodoxen Kaufleute mit den Muhamedanern, und erklärt daß die Kaufleute nur über sich selbst, aber nicht über die Landleute verfügen können". Gleichwohl ist es Thatsache, daß ein großer Theil der orientalischen Christen unsern Truppen feindselig entgegengetreten ist, ihnen an einzelnen Punkten einen kaum minder hartnäckigen und erbitterten Widerstand entgegengesetzt hat als die Muslims. Unerklärlich ist diese Erscheinung keinesfalls. Die Orthodoxen erblickten in Oesterreich nicht die christliche sondern die katholische Macht. Nun hatten aber Katholiken und Orthodoxe einander bisher mit dem größten Mistrauen, ja mit Geringschätzung und unverhohlener Feindseligkeit angesehen. Dem Lateiner war die kyrillische -« 243 >— Schrift des Orthodoren ein Greuel, wie Teufelsblendwerk; dieser sah in jenem einen der römischen Anmaßung und Ketzerei verfallenen Knecht. Die bosnischen Katholiken nennen den Erlöser Krst und bezeichnen sich als Krstjani, die Griechen nennen ihn Hristos, das H mit einem Kehllaut, und sich selber Hristjani, spr. Christjani, oder Ristjani, und diese Bezeichnungen galten gegenseitig auch als Verächtlichkeitsnamen. Bei manchen der letzten Aufstände in der Hercegovina griffen die Orthodoxen die Gehöfte der lateinischen Chvi-sten mit gleicher Erbitterung an wie die der Muha-mcdaner. Das Einrücken unserer Truppen sahen sie nicht ohne Argwohn, besonders wenn sie mancher Vorgänge aus früherer Zeit gedachten. Bei der zeitweiligen Besetzung gewisser Theile des serbischen Gebietes in der Eugenischen Zeit haben mancherlei Unions^Vcrsuche eine Nolle gespielt, die den Kaiserlichen die bei ihrem Ein-nicken rasch erworbenen Sympathien der überwiegend orientalisch-christlichen Bevölkerung bald wieder entzogen, so daß mehr als einmal, wie früher erwähnt, ein großer Theil der Rajah sich den heranziehenden türkischen Heeren anschloß, weil sie unter österreichischem Scepter eine gewaltthätige Ueberführung zu einem Ritus fürchteten der ihren Anschauungen und althergebrachten Glaubensbegriffen widerstrebt. Bor einer Wicderauffrischung jencr 10* -^ 244 >— Vorgänge werden wir uns daher jetzt sorgfältigst zu hüten haben. Jede Proselytenmacherci, jede die andern Theile kränkende Begünstigung und Bevorzugung in katholisircnder Richtung muß streng ausgeschlossen bleiben. Die Vckenner des orientalischen Ritus werden erkennen lernen, daß uns ihr geistiges Wohl, ihre con-fessionellen Wünsche und Bedürfnisse in gleichem Grade am Herzen liegen wie jene ihrer katholischen Stammesbrüder. Wenn Wir letztern die Waffen ohne Säumnis in die Hände geben, mit deren Gestaltung wir den Orientalen gegenüber etwas vorsichtiger werden sein müssen, so wird ihnen klar zu machen sein, daß es nicht konfessionelle Rücksichten seien die uns dabei leiten, sondern die verschiedene Haltung welche die Bekcnner des einen und die des andern Ritus unserem bewaffneten Einmarsch entgegengebracht haben, und daß es nur von ihrem Vertrauen erweckenden Benehmen, von der rückhaltlosen Gesinnung, mit der sie sich uns anschließen, abhängen werde, sie ihre nationale Wehr und Zier wieder tragen zu lassen. Du- orientalische Rajah des Bosna- und Narenta-Gebietes stand bisher auf einer niedrigeren Stufe der Bildung als die lateinische. Das war nicht ihre Schulr, sondern entsprang aus der kaum glaublichen Unbildung ihrer eigenen Seelenhirten und aus dem nur auf zeit- — 245 >— lichen Gewinn abzielenden Gebahren ihrer phanano-tischen Kirchenfürsten. Ihre Klöster vollends waren Brutstätten des crassesten Aberglaubens, die Ignoranz ihrer Mönche stand wo möglich auf einer noch tiefern Stufe als die ihrer Popen. Die einen wie die andern konnten häufig nicht einmal lesen; man hatte ihnen die Gebet- und Redeformeln, deren sie zur Abhaltung des Gottesdienstes bedurften, eingewerkclt, die sie nur aus dem Gedächtnisse ohne irgend ein tieferes Verständnis derselben herableierten. Wie konnte es auch anders sein? Vernehmen wir das Bekenntnis, das ein, bocchesischer Pope unserem Lambl machte, auf welche Weise er zu seiner Priesterwürde und seinem Seelsorger-Posten gekommen! „Ich weiß, Herr, daß Du Dir denkst ich sei als Pfarrer etwas anderes, etwas höheres als meine übrigen Landsleute. Das bin ich durchaus nicht, ich weiß und verstehe nicht das geringste mehr als sie. Ich habe bis in mein achtzehntes Lebensjahr das Vieh meines alten Oheims in der Crnagora gehütet und bin vor drei Jahren als Maurer nach Konstantinopel gewandert, mit denselben Leuten die alljährlich dahin in Arbeit gehen. Wir reisten damals über Land an dem Djecaner Kloster vorbei und durch Numelien, und nach fünfundzwanzig Tagen waren wir an Ort und Stelle bei unsern Brüdern. Nach einem Jahre starb unser Pope, -^ 246 >— und die Maurer kamen unter sich überein, einer aus ihrer Mitte müsse sich zum Popen machen lassen. Die Wahl fiel auf mich weil ich noch jung genug war um das Evangelium lesen zu lernen, und das ist mein ganzes Wissen das ich vor ihnen voraushabe. Bald darauf kehrte ich zu Schiffe in meine Heimat zurück und bin jetzt Pope hier in der Gemeinde die aus ungefähr achtzig Zugehörigen besteht. Sage, Herr, dem Kaiser, er möchte für uns sorgen, damit wir auch Schulen bekommen, uns bilden und Andern gleich werden tonnen. .So wie ich sind beinahe alle übrigen "4. open hierzulande, fast keiner hatte Gelegenheit etwas zu lernen" . . . Der letzte Theil dieser Ncde könnte zu dem Irrthume führen, als ob inner den Gränzen unseres Kaiserstaates für die geistigen Bedürfnisse der Griechisch-Orientalen, und namentlich ihrer Geistlichkeit nicht gesorgt würde, was durchaus nicht der Fall ist. In allen Ländern wo Bekenner dieses Ritus wohnen, in Dalmatien, in Ungarn und Siebenbürgen, in der Bukovina gibt es seit langem Anstalten zu ihrer höhern Ausbildung, in Cernovic besteht sogar eine theologische Facultät für fie. Dessenungeachtet ist es Thatsache, daß die Geistlichkeit des orientalischen Ritus im Durchschnitte an Wissen und Bilduug weit hinter -^ 247 — jener des lateinischen zurücksteht, und auch heute noch lst es in Diöcesen, denen nicht ein aufgeklärter und energischer Kirchenfürst, wie etwa der verstorbene Schaguna, vorsteht, nicht ausgeschlossen, daß Leute so zu sagen vom Pfluge weg zu Popen gemacht werben. In Bcsnien und der Hercegovina 5uar aber Negel was bei uns nur Ausnahme ist, und wenn unser Gewährsmann offen gestand, das Lesmkönnen des Evangeliums sei das einzige wodurch er sich als Seelenhirt von den ihm anvertrauten Schäflein unterscheide, so war in jenen Gebieten nur zu häufig selbst dieser geringe Unterschied nicht zu finden. Die phanariotischen Bischöfe oder Vladiken waren am wenigsten darnach, sich um den Bildungsgrad derer zu kümmern, die sie über eine ihrer Kirchengemeinden setzten. Die Pfründen wurden vertauft; wer den ausgesetzten Preis zahlte uno sich außerdem verbindlich machte, dem Vladika jährlich die verlangte Summe ab;uführeu, der wurde zum Popen gemacht, wenn er auch früher Schweine gehütet und sich kaum ein nothdürftiges Wissen angeeignet hatte. Daß dann der Pope, um selbst zu leben und mehr noch, um seine Kirchcnobern in Saus und Braus leben zu machen, seine Pfarrlinge schund uud auspreßte was nur möglich war, während der geistliche Trost den er ihnen spendete sich auf ein Minimum beschränkte, war be- -^ 248 >— greiflich. In der jüngsten Zeit ist allerdings ein Anlauf zum bessern gemacht worden. In Sarajevo und-Mostar hat man Normalschulen, in ersterer Stadt auch ein Gymnasium, alles nach österreichischem Muster eingerichtet; daneben gesonderte Mädchenschulen. Doch im übrigen «bestanden im weitaus größten Theile des Landes die alten Misbräuche fort. Wo die Katholiken in ihrer Geistlichkeit dankbar ihre Vertreter, ihre Tröster, ihre Beschützer erkannten, hatten die Griechen ihre sein sollenden Seelenhirten häufig genug nur zu verwünschen. Von der höhern Geistlichkeit, meist unmittelbaren Send-lingen aus dem Phanar, versicherten Kenner der bosnisch-hercegoviner Zustände noch in der allerjüngsten Zeit, daß das schlechteste was man ihnen nachrede noch lang nicht genug ihre Schlechtigkeit schildere; daß sie mitunter von einer widernatürlichen, geradezu scheuslichen Lasterhaftigkeit feien, wovon ganz unglaubliche Dinge im Munde der Leute herumliefen u. dgl. m. Der niedere Pope hatte einmal nicht das Geld einen so sündhaften Lebenswandel zu führen, und dann stammte er zumeist aus dem Lande selbst, unter dessen christlicher Bevölkerung Ausschweifungen von jeher zu den größten Seltenheiten gehörten. Nur das „Blutsaugen", das Erpressen von Geld und Geldeswerth, unter den verschiedensten Titeln und bei jedem möglichen Anlasse, -« 249 >— hatte er mit feinen kirchlichen Obern gemein, ja war dazu durch die unersättliche Habsucht derselben ge-'zwungen. Diese jämmerlichen Zustände waren es, welche die orientalische Rajah zu wiederholten Bitten in Stambul, aber auch an unserem Kaisersitze trieben: man möchte sie von den Sendungen des konstantinopolitamschen Phanar befreien und ihnen gestatten, sich Pfarrer und Bischöfe ihrer Nationalität aus österreichischen Diöcesen zu verschaffen. Das ist nun ein Punkt, auf welchen unsere civile Occupation ein vorzügliches Augenmerk wird richten müssen. Die Sache wird sich nicht übcr's Knie brechen lassen, sie wird aber, mit umsichtiger Thatkraft angefaßt, auch nicht zu lange Zeit zu ihrer Durchführung brauchen. Einmal in's Werk gesetzt, wird sie einen doppelten Vortheil mit sich bringen: den Priesterstand der orientalischen Kirche und durch diesen die Bekenner derselben auf eine höhere Stufe heben, und unserem moralischen Einfluß auf den der Kopfzahl nach bedeutendsten Bestandtheil der besetzten Gebiete eine neue und sichere Handhabe bieten. Wie wäre nun diese hochwichtige Angelegenheit einzuleiten? Mir scheinen Anlaß und Mittel dazu sehr nahe zu liegen. Aus den geschichtlichen Vorgängen ergibt sich: -« 250 >— daß es einstmal, durch eine lange und ruhmwürdige Zeit, ein einheimisches Patriarchat 31-. ,-. für den gesannnten serbischen Stamm gegeben hat/ das von Pec oder Ipek — daß dieses Patriarchat vor nahezu zweihundert Jahren auf unsern österreichischen Boden übertragen worden ist und zu Karlovic, im ehemaligen Peterwardeiner Militär - Gränzbezirke, eine neue Stätte gefunden hat — daß endlich die bosnisch-hercegoviner Griechisch-Orientalen, namentlich jene von Alt-Serbien, um Wiederaufrichtung des Patriarchates von Pee gebeten haben. Einer solchen Wiederaufrichtung aber bedarf es nicht. Denn das Patriarchat von Pec ist da und hat nie aufgehört da zu fein, wenn auch der kirchlich-administrative Zusammenhang mit dessen unter türkischem Joche verbliebenen Angehörigen unterbrochen worden ist. Es muß unsererseits daran festgehalten werden, und ist geschichtlich und kirchenrechtlich in unanfechtbarer Weife darzuthun, daß die heutigen Metropoliten, resp. Patriarchen von Karlovic die einzigen und wahren Nachfolger der einstigen Patriarchen von Pec sind, daß der kirchen-fürftliche Sitz von Karlovic die ächte und rechte Verkörperung des Pecer Patriarchenstuhles ist. —< 251 >— Wie von diesem entscheidenden Gesichtspunkte aus die große Angelegenheit anzufassen unr durchzuführen sei, Nchört nicht hierher. Das; jedenfalls das erste sein wird, sich mit dem derzeitigen Inhaber des Metropolitansitzes von Karlovic als dem Rechtsnachfolger der vorangegangenen P?cer Patriarchen und Vergegcnwärtiger ihres Amtes und ihrer Würde in das gehörige Einvernehmen zu setzen, ist selbstverständlich. Wie werden wir mit den zahlreichen Türken, d. h. Osmanlis und muhamedanisirtcn Lüdslaven auskommen? Auf dieselbe Weise wie mit den andern: dadurch daß wir ihnen durch unser ernstes und strenges, aber zugleich nach allen Leiten gerechtes Gebahren die Ueberzeugung einflößen, das; sie von uns für ihren Glauben sowie überhaupt für ihre Art und Lebensweise nichts zu besorgen haben. War es ja doch das Gegentheil von dieser Ueberzeugung, was sie in den erbitterten Kampf gegen uns geführt hat! Dazu tvatm Fauatismus und Fatalismus, die vou i^ührcru vom Tchlagc Had'zi Doja's auf den Eiedcpunlt gebracht wurden. Had'zi ^oja halte sich schon in seinem frühern Bemfsgcscha'fte als Räuber bei seinen -« 252 >— Glaubensgenossen in ein nicht geringes Ansehen dadurch zu setzen gewußt, daß es ausschließlich Djaurs, namentlich die Christen waren, über die er herfiel, um sie zu plündern und zu todten. Als er dann, von dem verzagten Vali Mazhar Pasa zu Gnaden aufgenommen, öffentlich auf dem politischen Schauplatze erschien, war es der Koran und dessen Sprüche, die er ohne Unterlaß im Munde führte, waren es die Sultans-Moschce, die Adels-Moschee (liSAnva ä^ami^a) und andere ihrer Gotteshäuser, wo er die islamitische Meute versammelte, um sie für den Kampf wider die Ungläubigen zu entflammen. „Der Koran", predigte er, „sei das alleinige Gesetz; alle richterlichen Entscheidungen seien einzig nach dem Serial zu fällen; der Koran reiche nicht blos für die Muslims, auch für Christen und Juden aus. Alle christlichen Beamten müssen ihre Posten räumen, kein Christ dürfe je wieder als Beamter angestellt werden. Keine andere Steuer solle es hinfüro geben als den Harac für die Diaurs; Rekrutirung und stehendes Heer sollen abgeschafft sein; im Bedarfsfälle seien die Muslims da, die zu den Waffen greifen würden". Da er zuletzt einsah, daß es mit der vollständigen Vciseite-lassung der Andersgläubigen doch nicht gehe, und daß er dieselben, die schon ein allgemeines Massacre fürchteten, zu verzweifelter Gegenwehr treiben würde, ließ —< 353 >— er sich zu einer Art Duldung herbei: „Wir wollen jenen, die nicht an den Koran glauben und daher der Hölle verfallen sind, wenn sie zu uns halten, Zugeständnisse machen. Nach dem Gebote des Korans müßten wir die Glocken herabnehmen und zerstören; wir wollen sie aber den Christen lassen, wenn sie sich uns fügen und unterwerfen". Auch die nationale Seite kehrte er heraus: „Wir brauchen keine Osmanlis, unsere Einheimischen thun es allein". So waren alle neuen Würdenträger, dem wüthendsten Pöbel entnommen, unter seiner Regierung Bosnier; die Posten der Verwaltung, die Commandos aller Truppen, die Stellen des Mufti und Kadi wurden Bosniern übergeben. Selbst die vsmanischen Truppen sollten ihre Geschütze herausgeben, ihre Waffen ablegen; in Bosna Sarai mußten sie die Kaserne räumen, die von einheimischen Irregulären bezogen wurde. Diese fanatischen Gewaltmaßregeln, dann die schreiendsten tilgen über die einrückenden Oesterreicher — „sie kommen nicht um Ordnung zu machen, sondern um die Anhänger des Propheten zu vertilgen, in ihre Harems zu dringen, ihre Weiber zu entehren" — waren die Hebel, durch die er die Wuth der Seinigcn reizte und sie in den Kampf um's Dasein trieb. Man erzählt, es sei vorgekommen, daß muha-medanische Bosnier, wo sie das Einrücken der Kaiser- -. 254 >— lichen nicht aufhalten tonnten, ihre Frauen tvdtctcn, um sie nicht in die unreinen Hände der Djaurs fallen zn lassen. . . Natürlich konnten derlei Vorspiegelungen nur unter Menschen wirken, bei denen unverrückbarer Stillstand mit der gröbsten Unwissenheit, zähes Einspinnen ill althergebrachtes Leben und Meinen mit der nnbcti'immerlsw! Sorglosigkeit gegen alles Anderweitige und Neue Hand in Hand ging. Und diese Eigenschaften waren nicht blos bei dem muhamedanischen Pöbel zu finden — bei diesem allerdings in crasscstcr Weise —, auch der vornehme, verhältnismäßig feinere und gebildetere Muslim war nicht frei davon, und unter diesen waren wieder die lnuhamedanisirten Bosnier und Hcrcegovcen die ärgsten. Wir erinnern uns auS dem früher Erzählten, welch' hartnäckigen, durch Jahrzehnte fortgesetzten, trotz wiederholter blutiger Mahnungen immer von neuem aufgenommenen Widerstand sie den am goldenen Horn geplanten und von dort anbefohlenen Reformen entgegensetzten. Die an bosnische Regierungsbeamtc einlangenden Erlasse und Befehle wanderten in der Regel in den Papiertorb .. . nein doch, denn ein solches Einrichtungsstück des Luxus und der Eivilisation gab es in türkischen Kanzleien nicht. . . sie wurden unter den Divan-polster geschoben, wo sie ruhig liegen blieben. Nicht. —< 255 >— aus Trotz, sondern aus bornirter Ueberzeugung, so etwas könne gar nicht ernstlich gemeint sein. Oesterreichische Gränz-Officiere versicherten dem Reisenden Maurer, daß, wenn sie den sie besuchenden türkischen Beamten derlei Anordnungen vorlasen, diese nichts davon hören wollten und entrüstet fortgegangen seien: „das seien alles Lügen; ihr Padisah könne etwas so schändliches nicht sprechen". Daß Einbildung und Selbstüberhebung Wandnachbarn der Unwissenheit sind, ist eine bekannte Thatsache. Jene beiden Eigenschaften sind allerdings beim National-Türken am stärksten vertreten. Der niedrigste Osmanli hat in Bezug auf alles, was seinen Stamm und seinen Glauben betrifft, seine „vierundzwanzig Karat Selbstzufriedenheit"^). Der Sultan ist der Herr, Stambul die Hauptstadt und der Mittelpunkt der Welt. „Es gibt kein anderes Volk als die Osmanli", sagte ein HadM dcm britischen Reisenden Wilkinson; „wenn die europäischen Mächte es wagten, sich gegen, die Türken zu empören und alle ihre Streitkräfte zu sammeln, sie würden doch nicht vermögen, ihnen einen Augenblick standzuhalten". Er meinte, alle Könige des Frankenlandes säßen nur von Sultans Gnaden auf ihrem Throne; der Sultan habe den Franzosen gestattet Algier *) Picnludzwanzig — das Maß der Vollkommenheit. -^< 256 >— für ihn zu verwalten; die Könige von England seien die treuesten Diener die der Sultan je gehabt habe u. dgl. m. Aber nicht blos feinen Padisah, sich selbst, den geringsten von dessen Unterthanen, hält der Türke für ein höheres Wesen als den Franken. Die Geringschätzung des Djaurs ist ihm so gut wie Glaubens-Artikel, und „Christenhund" nur der roheste Ausdruck dieses Gefühls. Der Orientale, und in dieser Hinsicht ist alles was zum Islam schwört von einem Schlage, dünkt sich in seinem beschaulichen Nichtsthun unendlich erhaben über den Franken der sich im Schweiße seines Angesichts sein Brod verdient, sich bis an sein Lebensende keine Ruhe läßt, immer neues sinnt, nirgends eine rechte Ruhe hat. Achtung hat der Orientale eigentlich nur vor solchen Beschäftigungen die näher oder entfernter mit dem Kriegswesen, mit der Eroberung und Festsetzung zusammenhängen, wie etwa die Baukunst, und in dieser stehen ihm dann wieder die Seinigen hoch über den Andern. Die berühmte Bogenbrücke in Mostar schreiben sie Suleiman dem Prächtigen zu und meinen, die Franken wären nie im Stande gewesen so etwas zu schaffen; „die verstehen sich nur darauf Scheeren und Messer zu machen, und unreinen Wein, und sich in ihren knappen Kleidern so schnell zu bewegen!" Man wird gestehen, das ist mehr als „robur et -« 257 >- 26« triplex^ von Einbildungen und Vorurtheilen womit die Brust des Muslims umpanzert ist und durch welches es unendlich schwer sein wird mit unsern Begriffen und Einrichtungen hindurchzudringen. Auch wird es für den Anfang weder nöthig noch gerathen sein, dies zu versuchen. Man lasse ihnen durchaus ihre Art, man dringe ihnen nichts auf, keine unserer Anstalten, keine unserer Schulen. Man stelle derlei Institute in ihre Mitte hin, für die Katholiken, für die Orthodoxen, für die Juden; man lasse den Muslim zuschauen, wie das geht und wirkt; mit der Zeit wird er es vielleicht nicht so arg finden und sich das Zeug für sein eigenes Blut wünschen. Die Hauptsache ist, daß sie sich für's erste nur überhaupt der neuen Ordnung der Dinge fügen, wenn nicht activ, doch passiv: daß sie, von fatalistischem Standpunkte, über sich ergehen lassen was ihnen das Schicksal zugeführt hat. „Wie Sieg und Macht einst ihren Stolz aufblähten", sagte schon in den vierziger Jahren ein itenner türtischen Eharatters und türkischer Znstande, „und sie übermüthig und gewaltthätig machten, so wird kein Volk ruhiger aus Eroberern zu duldenden unthätigen und unschädlichen Unterthanen hcrabsinken als die Türken, so bald sie sich durch eine unwiderstehliche Gewalt in diesen Zustand gebracht sehen. Werden sie u, geifert, Vosnischcü, 17 -^ 258 >— anders nicht durch Gewaltthätigkeiten zum Widerstand-aufgereizt, so wird man erfahren, daß sie sich selbst christlicher Herrschaft mit demselben Perhängnisglauben unterwerfen, wie dem Despotismus eines muhamedanischen Fürsten" (Wilkinson II. S. 92 f.). Mit andern Worten: wenn sie den Herrn sehen, werden sie sich beugen, und wenn sie ihn gerecht finden, werden sie anfangen sich ihn zu loben. Hu diesen allgemeinen Momenten treten in der Bosna und Hercegovina noch besondere, unserer Besitzergreifung zum Vortheil gereichende. Die Türken-Herrschaft war bei dem muhamedanisirten Südslaven trotz der Gemeinschaft des Cultus nie beliebt; der Osmanli wurde von jeher als ein fremdes Element angesehen. Der Gedanke sich desselben zu entledigen, es aus dem Lande hinauszuweisen, ist bei jeder nationalen Erhebung, vom bosnischen Drachen bis auf die jüngsten Stand- und Brandreden Hadzi Loja's, von neuem hervorgetreten. Die Entfremdung von Stambul wird also das letzte sein dem der bosnische Muslim nachseufzen wird. Auch haben die Besonneneren unter ihnen lang der Ueberzeugung Raum gegeben daß es mit dem türkischen Regiment nicht seines Bleibens haben könne. Unserem General-Consul Vasie sind solche Bekenntnisse wiederholt gemacht worden; „nur für einzelne Individuen der niedern Classe", wurde ihm gesagt, „lasse —< ä5>9 >— sich nicht gutstehen; es werde einige Zeit brauchen bis diese unwissenden Leute ihren Vortheil einsehen werden." Ein zweiter sehr wichtiger und günstiger Umstand ist der, daß der muslimische Bosnier und Hercegovce eines Stammes mit dem katholischen und orthodoxen ist, eine und dieselbe Sprache mit ihm redet, einen großen Theil seines Ideenkreises mit ihm theilt. Was der christliche Junge in seiner Schule lernt, sind die islamitischen Eltern zu ermessen, den Vortheil der daraus für das praktische Leben entspringt zu beurtheilen im Stande; warum soll er feinem Knaben nicht ähnliches Zukommen lassen?! Diese ursprüngliche geistige und sittliche Verwandtschaft zeigt sich, trotz des tiefen Risses den das Verbleiben beim alten Glauben hier, der Abfall zum Islam dort mit sich gebracht hat, selbst in religiösen Dingen. Daß von bosnischen Muslims zur Beschwörung böser Geister, bei Unfruchtbarkeit der Weiber u. dgl. das Gebet der Franziskaner oder ein von diesen geweihtes Amulet in Anspruch genommen wird, ist gar kein seltener Fall; von einem schweren Gebrechen oder von Wahnsinn Befallene werden von ihren Angehörigen an christliche Wallfahrtsorte geschickt; ja es kommt vor daß sie in gefährlicher Krankheit im benachbarten Kloster Messen für den Darniederliegendcn lesen lassen. Wenn der bosnische Beg und Aga nur eine Frau hat, wenn 17* sich bei ihm Familienherkunft Familienleben Familienerinnerungen finden, die dem viclbewcibtcn Osmanli abgehen, so ist das nur dem Umstände zuzuschreiben, daß sich trotz des Glaubenswcchscls ein Kern christlicher Sitte bei ihm erhalten, daß er sein muslimisches Neuwesen auf altchristlicher Grundlage aufgebaut hat. Manche haben daran die Muthmaßung geknüpft, daß es nicht schwer halten, daß es nur auf unfer kluges umsichtiges Gebahren ankommen werde, die muhamedani-sirten Bosnier und Hercegvvcen zum Christenthum zurückzuführen. So Hauptmann Gustav Thömmel der nahezu vier Jahre unter ihnen gelebt hat; so Sviridion Gopcevic dessen Wü'ge jenen Gebieten nahestand. Damit wäre allerdings viel gewonnen, weil dann auch alles fiele was sich an den islamitischen Fatalismus und Fanatismus knüpft. Dennoch wäre es, meines Crachtcns, hoch gefehlt wenn von Negiernngswegen etwas positives unternommen würde jene Wandlung herbeizuführen. Oesterreich ist ein Großstaat — und man darf wohl sagen: der einzige in unserem Welttheil — der seit seiner Neugestaltung nach der Revolution von 1848/49 den Grundsatz der Gleichberechtigung in nationaler und in confessionaler Hinsicht auf seine Fahne geschrieben hat. Ich sage: den Grundsatz; denn in der Ausführung und Anwendung desselben stockt und hinkt es allerdings noch 261 gar sehr. Aber halten wir uns an das Prinzip, bleiben wir demselben treu! Suchen wir es vor allem in den von uns neu besetzten Gebieten in der pünktlichsten gewissenhaftesten Weise zur Geltung zu bringen! Keine Proselytenmacherei irgend welcher Art! Keine Bevorzugung einer Glaubensrichtung und ihrer Angehörigen als solcher! Confessionales Gewährenlassen inner den gemeinsamen gesetzlichen Schranken in vollem Maße! Bei den einsichtsvolleren Muslims wird, so scheint es, die Haltung ihrer vornehmen Geschlechter von großem Einflnßc sein. Mit Recht wurden bei einem der letzten Kämpfe in der Krajina an das Erscheinen des Äegs Had;i-Mustapha-Turomanovic und dessen Sohnes Osmau im ^agcr des k. k. GM. Neinländer weitgehende Hoffnungen geknüpft. AehnlicheS ist auf dem hercegovinischen Kriegsschauplätze dem FML. Iovanovic begegnet. Die Macht und der Reichthum dieser Familien hat ;war in Folge der vielen Aufstände und der darall sich knüpfenden Vcrurtlieilnngcn und Gütercin-ziehungen st.N'k gelitten; sie sind aber noch immerhin bedeutend, so wie der Adel mancher derselben, der Cengic, der Sokolovn-, der Kapetanovie :c. höher zurückreicht als der vieler unserer angesehensten Geschlechter. Auch sind sie sich dessen sehr wohl bewußt, halten große Stücke darauf, und es wird unsererseits gerathen sein. —< 262 >— diesen Punkt nicht aus dem Auge zu lassen. Wir werden uns gegenwärtig halten, welch' wichtiger Factor im politischen Haushalte eine Aristokratie von altem Ansehen und historischen Erinnerungen ist, und daß die Staatsweisheit gebietet, dieselbe nicht, weil sie etwa bisher ihre Macht und Stellung misbraucht hat, zu nulli-ficiren, sondern vielmehr für die neue Ordnung der Dinge zu gewinnen und zu interessiren, ihr darin eine ihren Begriffen von Standesehre entsprechende Stelle zu sichern. Wird unsere alt-o'stcrreichische Aristokratie den nicht minder adels- und ahnenstolzen bosnischen Geschlechtern Platz in ihren Reihen gönnen? Und warum sollte sie nicht? Es käme für's erste darauf an, einen Uebergang zu finden. Nach der Reoccupation von Venedig im Jahre 1814 unter Kaiser Franz 1. ist ein Vorgang eingehalten worden, welchem gemäß die dortigen Nobili unter gewissen Voraussetzungen als Reichsadel anerkannt wurden, z. B. der Conte mit Grafen^Rang. Es dürfte die Zeit nicht fern fein wo sich ähnliches in einer entsprechenden Abstufung auf die bosnischen Begs und Agas wird anwenden lassen. Wir haben kaum zu besorgen, daß wir von ihrer Seite auf Abneigung und Abkehr stoßen werden. Im Jahre 1861 schrieb ein Mitglied des kroatischen Landtages: „Ich kenne manchen reichen Beg des Landes, der seine Adels- und Besitztitel aus -X 263 .- vor-türtischcr Zeit heilig aufbewahrt hat, und wenn Du ihn darum fragst, Dir verstohlen schmunzelnd zuraunt: Wer weiß wozu es noch einmal gut ist!" Im Franziskaner-Kloster zu Fojnica sah Roskiewicz ein im Jahre 1443, also zwei Jahrzehnte vor der Turkificirung Bosniens und vier vor jener der Herccgovina, angefertigtes Wappcnbuch der einheimischen vornehmen Geschlechter. Der wildeste unbändigste Stamm, mit dessen nördlichen Auszweigungen wir im Gebiete von Nooipazar in unmittelbare Berührung kommen werden, sind die Albanesen, nach der türkischen Nommclatur Arnauten, oder wie sie sich selbst nennen Skipctaren, slav. ^rbanazi. Auch in Albanien hat es, wie in den angränzenden bosnischen und hercegovinischen Landen, Auflehnung der einheimischen Dynasten gegen den vom goldenen Horn ausgehenden Reformcifcr, und in Folge dessen erbitterte -Kämpfe, blutige Strafgerichte gegeben, denen die Blüthe der arnautischen Geschlechter, sowie ein großer Theil ihres frühern sultanischen Besitzstandes zum Opfer fiel. Aber die Widerstandslust, der Trotz und unbeugsame Starrsinn der Uebriggebliebenen haben darum in nichts nachgelassen. Consul v. Hahn, der im Jahre 1858 eine Reise von Belgrad nach Saloniki, also mitten -^ 264 — durch arnautisches Gebiet unternommen hat, schildert uns die Bewohner in einer nicht sehr einladenden Weise. „Dem albanesischen Blicke", sagt er, „scheint eine gewisse Starrheit und Härte eigenthümlich, welche je nach den Individuen zwischen Selbstbewußtsein Kühnheit Wildheit und Frechheit nüancirt, aber immer jeder feinern Herzensregung entbehrt." Der Skipetare nährt einen maßlosen Nationalstolz, womit er auf alles was fremd ist geringschätzig herniederblickt. Das zeigt sich schon bei der lieben Jugend. In manchen arnautischen Orten, wo Hahn mit seinen Reisegefährten übernachtete, wußten sie sich der Zudringlichkeit der kecken Rangen kaum zu erwehren: „Diese jungen Dardanen betrachteten uns ganz wie fremde Curiosa, theilten sich un-genirt ihre Bemerkungen über unsere Persönlichkeiten und unser BeHaben mit, und stießen die Zimmcrthür, so oft sie auch der Bediente schloß, immer wieder von neuem auf, indem sie behaupteten daß sie in ihrem eigenen Hause seien und sehen wollten was darin vorgehe." Der Skipetare hatte bisher fast für nichts Sinn, als für Waffen und deren Gebrauch. Das allein fesselte seine Aufmerksamkeit, weckte sein Interesse. Hahn hatte auf seiner Reise einen Revolver neuer Einrichtung mitgenommen, der bald Gegenstand allgemeiner Beachtung wurde. Jeder wollte ihn in die Hand nehmen. —< 265 >— jeder dessen Construction untersuchen, und die Reisenden wurden so lang gebeten, bis sie sich entschlossen die Wirkung des kleinen Instrumentes zu zeigen; die Probe siel gut aus und wurde von einem Freudenjubel der Versammlung begleitet. Als Hahn weiter reiste, eilte ihm die iiunde von der neuen Wasfe voraus, und wo er hinkam wurde er bestürmt das Pistol mit sechs Schüssen zu zeigen, von dem sie gehört hätten. Daß ein Volksstamm von solchen Neigungen roher wilder unbändiger ist als alles was man sonst in der europäischen Türkei kennt, und daß er den Osmanlis mehr zu schaffen gab als alle andern, wird man begreiflich finden. Obwohl ein großer Theil der Arnauten, ähnlich wie in Bosnien, vor Jahrhunderten den Islam angenommen hat, sind ihnen die National-Türken, oder vielmehr ist ihnen das kurzsichtige misgünstige lüder-liche türkische Regiment verhaßt bis in die tiefste Seele. „Ich habe", so versichert Ami Äoue, „auf meinen Reisen aus dem Munde des Slaven nie so oft und so viele Flüche und Schmähungen gegen die türkische Miswirth« schaft ausstoßen hören als in Albanien." Allerdings hindert das nicht daß der muhamcdanisirte Skipetare mit nicht geringerm Hochmuth und Hohn die Christen behandelt, die er möglichst aus seiner Nähe zu verdrängen sucht. Sie zittern vor ihm, sie fürchten seinen -« 266 >— blosen Namen. Er erlaubt sich alles gegen sie. Vieh-und Pferdediebstahl sind in manchen Gegenden an der Tagesordnung. Kinder vermöglicher Leute werden entführt um des Lösegeldes willen. Zur Abwechslung wird ein einzeln liegendes Gehöft überfallen und ausgcmordet, d. h. alles was darin lebt und athmet niedergemacht. So etwas geschieht nicht immer aus Habsucht; auch Rachgicr und wilde Mord lust an armen Leuten, bei denen nichts zu holen ist, treibt zu so gräulichen Thaten. Hahn und seine Begleiter stießen auf dem Wege nach Pardar auf einen Hau, in dessen Inneres ein paar Tage früher eine Bande durch ein in die Mauer gegrabenes Loch eingedrungen war: der alte Handzija, seine zwei Diener, drei türkische Pferdetreiber die im Stalle schliefen wurden ermordet; „der Handzija war arm und die Pferdetreiber waren unberaubt." Der gelehrte Akademiker Dr. Ami Vous, ein Kenner des arnautischen Landes wie wenige, das er wiederholt in verschiedenen Richtungen durchwandert hat, gibt alles zu was man gegen die rauhen ungczä'hmten Bewohner desselben vorzubringen hat. Allein er wehrt sich mit aller Entschiedenheit gegen die Meinung als ob sie darum aufzugeben, als ob an ihrer Heranbildung zu verzweifeln wäre. In einem Aufsatz, den er aus Anlaß der jüngsten politischen Wendung im N. Wr. -^ 267 >— Abendblatt veröffentlicht hat, schiebt er alle Schuld dem bisherigen heillosen Regimente zu. „Wer hat denn", so schreibt er, „dieses interessante Urvolk so wild und unwirsch gegen Fremde, seiner Sprache Unkundige, gemacht als die Türken? Anstatt sie zu civili-siren, durch Schulen sowie durch Geistliche zu andern gesellschaftlichen Ansichten und einem besseren Leben zu bekehren, war diese Menschenschinder-Regierung nur froh unter ihrer Hand immer ein so unwissendes, aber zugleich so schlagfertiges Volk zu haben . . . Wenn ein Mensch, weil er weder türkisch noch slavisch spricht, verachtet, ja verlacht wird, so wird er zornig und, anstatt gutgesinnt, feindlich verschlossen finster. Das ist der Fall mit dem armen Skipetaren, der wie vom Traum selig aufwacht wenn ein Fremder ihn in seiner Sprache anredet, wäre es auch radebrecherisch wie in meinem Falle. Wenn man ihn an seine Gebräuche und besondern Festangelegenhciten erinnert, oder ihm selbst seine sonderbaren Mythen vorträgt, so hat man einen ganz andern Menschen vor sich." Bous verficht auf das wärmste den Satz, daß sich der Albanese einer Regierung, die ihm wohlwollend, mit Achtung seiner Stammcscigenschaften und seiner Sprache entgegenkommt, die sich bestrebt zeigt ihn aus seiner bisherigen Verwahrlosung auf bessere Wege zu führen. --< 268 >— ihm die Mittel bietet etwas zu lernen und sich zu bilden, gefügig und dankbar erzeigen werde. „Denn die Albanesen", so lauten Bout's Worte, „haben das Zeug für tapfere und geschickte Soldaten sowie Matrosen; aber auch alle Eigenschaften um in Europa bald ebenbürtig mit den cwilisirten Völkern zu erstehen." Bou6 macht den Serben des Fürstenthums den Vorwurf, daß sie es eben so wenig wie die Türken verstanden hätten sich die Albanesen zu befreunden, daher auch der Haß der letzteren gegen die Serben ein kaum geringerer sei als gegen die Osmanlis. Er habe den Serben vor Jahren den Nath ertheilt, in Belgrad eine albancsische Civilisations-Schule und Sprach-Akademie zu gründen; aber seine Worte seien in den Wind gesprochen gewesen. Xlll Flköl! Nlttl Vorschlitge, ^^^. enn man sich in einem Landstriche auf diese F^M oder jene Weise festsetzt, ist gewiß das erste, >3^lV^ die Gränzen desselben nach allen Seiten genau abzustecken. Aber auch die anliegenden Gebiete, die zu jenem aus einem bisher fremden, zeitweise feindseligen Verhältnisse in ein friedliches freund-nachbarliches treten, dürfen erwarten, daß die gegenseitige Berührungslinie in einer Weise geregelt werde, wie dies nach einem billigen Maßstabe beiden Theilen am meisten zusagt. In der That werden es in unserem Falle unsere alten Kronländcr, Kroatien mit der ehemaligen Militärgränze und das Königreich Dalmatien —»< 55?6 ^— sein, deren wohlbegründete von Jahrhunderten sich her-schreibmdc Ansprüche in dieser Richtung in erster ^inic zu berücksichtigen sein werden. In dieser Hinsicht wird es für's erste kaum einer Auseinandersetzung bedürfen, daß die bisherigen Einschiebsel Klck und Sutonna dorthin zurückfallen müssen, wohin sie ihrer natürlichen Lage nach gehören, auch thatsächlich vordem gehört hatten: zu dem Ragusaner Gebiete. Es dürfte aber ferner der Erwägung werth sein, ob nicht, um administrativer Zwecke willen, der Bezirk von Zubci samt der Sutorina unter eine Verwaltung mit Krivosije und Eastclnuovo zu bringen sei, und ob nicht ähnliches in dem Verhältnisse von Guma und Popovo Polje zu dem Kreise von Ragnsa zu geschehen hätte, dessen administrative Gränze gegen Nordwesten sodann die Trebinjscica, beziehungsweise das linke Ufer derselben bilden würde. Die Herstellung einer nassen Gränze wird auch von Kroatien aus in Frage kommen. Es sei kein besonderes Gewicht darauf gelegt, daß die Bezeichnung der Krajina als Türtisch-Kroatien auf eine nähere Beziehung dieser Gegend zu unserem Alt-Kroatien hin-leitc, die sich historisch allerdings ganz gut begründen ließe. Aber das wird jedenfalls nicht zu umgehen sein, -« 273 ^- daß der Landstrich linksseit der Una von oberhalb Ostrovica bis unterhalb Otoka zu den Gebieten der ehemaligen kroatischen Militärgränze geschlagen werde, ein Landstrich, der selbst zur Zeit der Türkenherrschaft wiederholt und noch über die Tage des Prinzen Eugen hinaus in unserem Besitze gewesen. Ungleich vielseitiger und mannigfaltiger, dabei meist schwieriger und verwickelter als diese und ähnliche territoriale Ausgleichungen stellen sich die Fragen der innern Organisation mil? Reform dar, jener hochwichtigen Fac-toren, auf deren Voden wir, den nie recht ernst gemeinten und darum stets misglückten Versuchen des frühern Regiments gegenüber, uns eben so rasche Sympathien gewinnen, als für unser gesammtstaatliches Gemeinwesen die Früchte dessen ernten tonnen, was wir uns die Pacification jener mißhandelten und verwahrlosten Gebiete haben kosten lassen. Viel wird schon die Einführung einer nach allen Richtungen geordneten administrativen Praxis an Stelle der bisherigen Miswirthschaft leisten, die von der einen Seite lüdcrlichcr Schlendrian von der andern ungeregelte Willtür war; sie hat auch schon, wie uns die jüngsten Stimmungsbcrichte lehren, in mehr als einer Hinsicht v. Helf«rt, Vuümschfö. 1I -^. ^74 >— Wohlthuend zu Wirten begonnen. Gleichmäßige Vcr-theilung und geregelte EinHebung der Steuern und Abgaben, frei von jedem vexatorischen Belieben; Einführung einer wahren und klaren Civil- und Strafjustiz mit rigoroser, aber zugleich humaner Behandlung der Gefangenen; Handhabung einer allen habsüchtigen Misbräuchen und Ucbergriffcn vorbeugenden Markt-Polizei, wie sie unser k.> k. Scraskier in Sarajevo bereits in's Werk zu setzen unternommen hat: diese und ähnliche Maßregeln auf dem Gebiete des alltäglichen öffentlichen Lebens und Haushaltes werden der Bevölkerung ren augenscheinlichen Beweis liefern, welchen Charakters und Erfolge) das Regiment sei, das an die Stelle der frühern UnWirthschaft getreten. Von weitergreifenden Reformen wird eine der ersten, aber zugleich eine der heikelsten die Regelung der bäuerlichen Bcsitzverhältnisse sein. Das Ziel, welches dabei anzustreben, kann nicht zweifelhaft sein: Umwandlung des für den Knieten bisher prekären, jeder Bedrückung und Laune des Grundherrn und dessen noch viel ärgeren Verwalters Raum gebenden Nutzungsverhältnisses in sicheres unwiderrufliches Eigenthum; und billige Regelung der von den bisherigen Grundholden an den Gutsherrn zu leistenden Dienste und Gaben. Ob es, ohne Uebergang, jetzt schon an der Zeit sei einen radicalen —< 275 >— Schnitt zu machen: vollständige Ablösung der unter-thänigen Gicbigkeiten gegen Entschädigung der Gutsherren nach dem Vorgange bei unserer Grundcntlastung durchzuführen, das müßte reiflicher Erwägung unterzogen werden. Denn es handelt sich darum, indem wir den einen Theil der Bevölkerung, allerdings die große Masse derselben, unseren freiheitlichen Institutionen gewinnen wollen das andere, an Zahl geringere, aber an Macht und Einfluß auf die muhamedauische Menge sehr bedeutende Element nicht zu schrecken, indem man es in seinen bisherigen Eristenz-Vcrhältnissen bedroht. Jedenfalls wird jeder Schritt, der in dieser Richtung beabsichtigt ivird, Hand in Hand mit den thatsächlich Berechtigten und Bevorzugten vorzubereiten, ihnen ausreichende Gelegenheit zu bieten sein, Vorstellungen und Vorschläge zu machen, von ihrem Standpunkte Auskünfte ;u finden, um in ein der natürlichen Folge nach ihnen selbst zum Vortheil gereichendes System hinüberzulcnken. Auch wird sich Behandlung dieser einschneidenden Maßregel nach Kreisen empfehlen — selbstverständlich unter einer gemeinsamen Oberleitung vom Centrum aus —, da nicht blos die Verhältnisse von Aga und Kmet, sondern auch der Geist der Bevölkerung nicht überall die gleichen sind. In manchen Landcsthcilcn wird man vielleicht rascher zu dem erwünschten Ziele kommen, ein 18* —, 276 ^- Beispiel das nicht ohne heilsame Nachwirkung auf benachbarte Gebiete, wo man etwa noch in der Phase der Zweifel und Vedenklichkeiten, des Argwohns und der Besorgnisse wäre, bleiben könnte. Wenn ich, der ich nicht an Ort und Stelle war, die Dinge nicht aus eigener Anschauung kenne, mir hier allerhand anzudeuten erlaube, so geschieht es eben nur in dem Sinne, daß es als Anlaß diene, auf gewisse Punkte sein Augenmerk zu richten, als Anregung und Stoff ;u weiterer Prüfung. Das wäre z. V. mit dem Gemeindewesen der Fall, jener Institution mit welcher für die künftige Verwaltung des Landes ein sicherer Grund gelegt sein wird, wie denn in der That unmittelbar nach dem Einrücken unserer Truppen in der Landeshauptstadt damit der Anfang gemacht wurre. Man hat, wie aus den bisherigen Berichten zu entnehmen, die verschiedenen Confessionen in gleicher Weise berufen und jeder derselben eine im Verhältnis zu ihrer Seelen;ahl stehende Zahl von Vertretern zugestanden. Das war ohne Frage der einzig richtige Vorgang, aber wird er für sich allein ausreichen? Wenn für die Beschlüsse die einzelnen Stimmen gezählt, werden, so steht zu besorgen, daß die in der Minderheit befindlichen Confessionen, bei dem bis zur Stunde tief gehenden Antagonismus z. B. zwischen Muhamedanern und Orthodoxen, häufig den kürzern —< 277 >— ziehen, mitunter Kränkung Beeinträchtigung erfahren. Dürfte es, um von vorn herein auch nur den Schein drohender Majorisirung zu vermeiden, nicht angezeigt sein, curienweise Berathung und Abstimmung einzuführen, in jener Weise, wie ich dies an einem andern Orte*) für unsere hiesigen Vertretungsto'rpcr vorgeschlagen? Die Curien würden sich nach den drei Hauptbekenntnissen der Bevölkerung, dem lateinischen griechischen und Islam scheiden. Juden sind im Verhältnis zur Gesammtzahl wenige, und dürften nur in einer oder der andern Stadt, wie eben in Vosna Sarai, von solcher numerischer Bedeutung sein, daß man ihre Vertreter zu einer besondern Curie konnte zusammentreten lassen; sonst werden sie zwar auch Vertreter aus ihrer Mitte zu wählen, diese aber sich nach ihrer Wahl oder nach der Bestimmung ihrer Committenten der einen der beiden christlichen oder der muhamedanischen Curie anzuschließen haben. Für die Gemeindceinrichtung auf dem offenen Lande wäre ein anderer Punkt in's Augenmerk zu nehmen. Durch alle Zweige des serbisch-kroatischen Volksstammes zieht sich das Institut der Hausgemeinschaft, xadlu^u.; etwas ähnliches ist bei den Skivetaren der Fis. Das Wesen *) Revision dcs ungarischen Ausgleichs. Ein zweiter Theil. S. 24—31. -^ 278 >— der Zadruga oder des Fis besteht darin, daß jeder ländliche Haus- und Familienstand, wozu auch die verheirateten Söhne, ja Enkel mit den Ihrigen gehören, eine einheitliche wohlgefügte Genossenschaft bildet, die von dem Familienhaupt, Lta^esina, der nicht eben das älteste Glied sein muß, regiert und von der Frau desselben, oder wenn mehrere Frauen vorhanden sind, von ihnen der Reihe nach verwaltet wird; die eben Verwaltende wird roclai u, oder roäuZa. genannt. Die schönen Seiten dieser patriarchalischen Einrichtung sind die, daß darin die Einheit, die Einigkeit und, ich möchte sagen, die Heiligkeit der Familie gewahrt und, als natürliche Folge dessen, die Ehrfurcht vor dem Alter, der Gehorsam gegen dasselbe unverbrüchlich eingehalten wird. Wohl ist diese Einrichtung etwas, das unserem System des Individualismus, auf das wir nach amerikanischem Muster mit vollen Segeln lossteuern, schnurstracks zuwiderlauft: die Armen haben es halt noch nicht „so herrlich weitgebracht" wie wir! Es ist mir nun nicht bekannt, in wie weit die Zadruga in Bosnien und in der Hercegovina zur Stunde noch besteht und ob sie nicht in der letzten Zeit durch türkisch-modernisirende Reformen durchbrochen wurde. Wäre letzteres nicht der Fall, dann hätte eine wohlwollende und einsichtsvolle Verwaltung an diese urkräftigen Organismen im Volksleben anzuknüpfen, dieselben als vor- handene gute Grundlage für den Aufbau der höheren Gesellschaftsordnungen, der Vertretung im Gau, im Kreise, in der Provinz zu benutzen. Im Schooße der Zadruga oder des Fis gäbe es dann keine Wahl: der berufene Vertreter der Hausgemeinschaft in der Gemeinde und nach außen wäre der Starjesina oder derjenige, den der Starjesina dazu beruft und damit betraut. Die Gesammtheit dieser Vertreter der einzelnen Hausgcnossenschaften wäre das natürliche Organ der Orts- oder Gau-Gemeinde. Aus diesem Orts- oder Gau-Rath ginge sodann, hier allerdings durch Wahl, die Vertretung des Bezirkes hervor lc. Ich habe mich einmal durch einen Kenner und scharfen Beobachter über die Zustände im heutigen Fürsten-thum Serbien unterrichten lassen, und dieser hat feinem tiefen Bedauern Ausdruck gegeben, daß man bei der politischen Neugestaltung desselben, West europäischen Vorbildern nachjagend, jene uralten, nicht willkürlich geschaffenen sondern aus dem Volksleben herausgewachsenen Organismen hintangesetzt, durch künstlich geschaffene Einrichtungen im constitutioncllcn Sinne der allma'ligen Zerbröckclung, dem schließlichen Verfalle preisgegeben habe. Was die materiellen Interessen in den von uns besetzten Ländern betrifft fo sind fowohl Bosnien als -« 280 >— die Hercegovina, nach einstimmigem Urtheil, überreich an dem was auf den Bergen und was in den Bergen wächst und gedeiht. Ueber den ehemaligen Bergsegen des Landes und über den fast gänzlichen Verfall, in welchen unter einem ebenso unwissenden als übelwollenden Regiment die rationelle Ausbeutung desselben gerathen konnte, wurde bereits gesprochen. Was in dieser Richtung geleistet werden kann und eben so schöne als rasche Erfolge verspricht, darüber wolle man sich in dem benachbarten Fürstenthum Serbien Auskunft erbitten, das nicht gesäumt hat Fachleute in's Land zu rufen und wo in kürzester Frist Stätten ergiebiger Montan-Industrie aufblühten die durch Jahrhunderte brach und verödet gelegen. Immerhin bedarf der Bergbau, um ihn fachgemäß anzufassen und in Betrieb zu setzen, sowohl eine gewisse Zeit als entsprechende Capitalien: was aber gleich und mit sehr geringen Vorauslagen verwerthet werden kann — selbstverständlich sobald erst durch ein zweckmäßiges Verkehrsnetz der Transport ermöglicht ist —, das ist der Waldreichthum, und es ist sehr zu fürchten daß sich auf diesen Gegenstand die Speculation in erster Linie werfen wird. Ich sage zu fürchten: weil durch unauf-gehaltene ungeregelte Raubwirthschaft dem ganzen Ge- -X 281 >— biete unverbesserlicher Schaden zugeführt werden kann; vide Karst und Dalmatien. Es wird sich daher hier vor allem um einen das große Ganze umfassenden forst-wirthschaftlichen Plan handeln, durch welchen die Abholzung, aber auch die Neubewaldung in feste Ordnung gebracht, einer dauernden aufmerksamen und unnachgiebigen Oberaufsicht unterworfen, jede Vernachlässigung durch die schärfsten Maßregeln hintangehalten wird. Daß sich die Landwirthschaft auf der primitivsten Stufe befindet, wurde fchon früher bemerkt. In einem Gebiete, wo sich, mit Ausnahme von künstlicher Bewässerung von der man hier und da Ansätze trifft, Feld und Vieh in einem gleichen Zustande der Verkümmerung befindet, fo daß selbst der Stier, nicht im entferntesten so groß und kräftig als bei uns, seinen angebornen Muth eingebüßt zu haben scheint; in einem Lande wo von dem Milchnutzen der Kuh und der Erzeugung reinen Mehles, von dem Gebrauch einer eisernen Pflugfchaar und der Benützung zweckmäßiger Last^ und Frachtwagen alles neu zu begründen, einzuüben und anzugewöhnen ist, kann es sich nur fragen, bei welchem Ende das Ding anzufassen sei, um besseres an die Stelle des hergebrachten unwirthschaftlichcn Schlendrians zu setzen. Man denke nur nicht an Ackerbauschulcn in einem Lande wo es zum weitaus größten Theile noch die ersten An- -^ 282 >- fangsschulen nicht gibt. Auch kann bei so urwüchsigen, oder sagen wir gerechter, bei so zurückgebliebenen Verhältnissen einzig gutes Beispiel wirken, und auch an dieses wird man gut thun keine voreiligen Hoffnungen zu knüpfen. Man wird daher auf die Anlage von Musterwirthschaften in großem Style, an welche zugleich die verschiedenen landwirthschaftlichen Gewerbe sich anlehnen konnten, in den verschiedenen Theilen des Landes bedacht sein müssen. Woher den Grund und Boden dazu nehmen? Nun, ich dächte, wenn in Bosnien und in der Hercegovina, nach einem allerdings etwas gewagten Ueberschlage, neun Zehntel des culturfähigen Landes brach liegen, sollte es nicht so schwer fallen eine Auskunft zu treffen! Ich mochte noch auf etwas aufmerksam machen. Die Moscheen und muslimischen Cultus-Anstalten befanden sich in einem unermeßlichen Besitze von Liegenschaften, die bei der ersten Eroberung den ursprünglichen Bewohnern abgenommen oder spater durch Confiscationen herrenlos geworden waren. Neuester Zeit ist dieser reiche Kirchenbesitz, vakuf, von der türkischen Regierung einer Art Säculari-sation unterzogen worden und sollen aus den Einkünften derselben die darauf gewiesenen frommen Stiftungen erhalten werden. Ohne in die Frage, ob alle derselben — Vosna Sarai zählt über hundert Dzamijen und Mo- —< 283 >— scheen! — werden erhalten werden müssen, und in die eben so heikele des Eigenthumsrechtes vorzeitig einzugehen, dürften sich in dieser oder jener Weise genug Besitzänderungen ergeben, die es ermöglichen werden, größere Complete von Negierungswegen einstweilen in Obhut zu nehmen und entweder in eigener Regie zu verwalten oder nach einem wohlüberdachten Modus rationellen Landwirthen in Pacht zu geben. Von Gewerben gab es in dem Vosna-Narenta-Gebiet fast nur solche die sich auf das Kriegshandwerk bezogen, und diese behielt zum Theil die bisher herrschende Kaste der Muslims als Monopol für sich. So die Erzeugung von Waffen, zum Theil von vorzüglicher Güte und Schönheit; so das Sattler- und Riemer-Handwerk und die damit zusammenhängende Gärberei. Die Bearbeitung von Schaaf- und Ziegenhäutcu reicht bis an die dalmatinische Küste; das Cordovano di Cattaro war lange Zeit in Venedig bei Frauen beliebt. Sonst wäre noch die Teppich- und Decken^Erzcugung, wie überhaupt die Bearbeitung der Wolle und Färbung derselben mit schönem unverwüstlichen Blau und Roth zu nennen, eine Fertigkeit, die sich fast über das ganze südslavische Gebiet erstreckt und mit der Vorliebe dieser Völkerschaften für bunte Mcidcrtracht zusammenhängt. Aus Serbien und Bulgarien wandern seit Jahrzehnten viele dieser -^ 284 >— Producte, wie Lcder Häute Wolle, in österreichische Fabriken, um verarbeitet, mitunter als theure Waare, wieder ihren Weg über unsere Gränzen zu finden. In jenen Ländern sind von altersher Kleiderstoffe, buntgeblümte Kattune, allerhand Modewaaren österreichischer Erzeugung, Hals- und Taschentücher, aber auch Quin-caillerie-Sachen lohnende Handels-Artikel und füllen neben englischen Garnen, Eisen- und Stahl- sowie Lederwaaren die kleinen Gewölbe der jüdisch-türkischen Kaufleute. Aehnliches wird sich in unserem Handelsverkehre mit den neubesetztm Ländern herausstellen. Vor Jahren betrug die Waarenausfuhr aus dem Auslande über die österreichische Zollgränze nach der Türkei 30.5 Percent unseres gesamten Transito-Verkehrs, die Ausfuhr österreichischer Erzeugnisse nach der Türkei 16.4 Percent unseres gesamten eigenen Ausfuhrverkehrs. Mögen unsere Handels- und Gewerbekammern beizeiten ein wachsames Auge auf diesen Gegenstand haben und geeignete Vorkehrungen treffen, daß nicht, wie dies in unserem Handel in entferntere Gegenden leider so häufig vorgekommen, die nachlassende Genauigkeit im Quantum und Quäle der gelieferten Waare den kaum gewonnenen Markt wieder verlieren mache! Bedingung und Voraussetzung für die materielle Hebung des Landes ist ein Netz gut angelegter und —< 285 >— sicherer Straßen. Ueber diesen Punkt habe ich mir schon am Schluß des ersten Abschnittes eine Bemerkung zu machen erlaubt, und möchte nur noch andeuten, daß sich unter den Polygonen Drehscheiben der ungeschlachten Arabas, wie solche dortlands bisher in Uebung waren, kaum irgend eine Straße auf die Länge wird halten können. Es wird also Borsorge zu treffen sein, daß die gute Straße nur von gutem Fuhrwerk befahren werde, worin für den seine Naturproducte verfrachtenden Landmann eine indirecte Nöthigung liegen wird, sein Wirthschaftsgeräthe auf einen vernünftigen Stand zu bringen. Nas den Transport zu Wasser betrifft, dürften es in erster Linie die versumpften Mündungen der Narenta sein an deren Regulirung und Schiffbarmachung Hand anzulegen sein wird; es ist dies ein langgenä'hrter Wunsch der Herccgovcen, denen dadurch eine wohlfeile Wasserstraße nach der Adria eröffnet wird. Auch rücksichtlich der geistigen Cultur, für deren Hebung fo gut wie alles zu thun ist, gilt die Mahnung, nichts zu übereilen, sich in nichts aufdringlich zu zeigen, mit umsichtigem Bedacht an das vorhandene anzuknüpfen. Für's erste wird sowohl bei den Lateinern -^ 286 >— als bei den Griechen, die nie aufgehört haben zu zeigen daß sie sich Schulen verlangen, die Ueberzeugung günstig wirken, daß sie solche unter den schützenden Fittigen des Doppeladlers nach Wunsch errichten können. Werden sie es dann sein die sich hiezu die Unterstützung unserer Regierung erbitten, dann ist es an der Zeit ihnen behilflich entgegenzukommen. Von großer Bedeutung ist gewiß der Umstand daß die wenigen bessern Anstalten, die derzeit in den beiden Ländern bestehen, österreichischen Vorbildern nachgebildet sind. Es wird also nichts ihnen völlig unbekanntes sein was wir ihnen zu bieten haben. Die muslimische Bevölkerung wird sich in der ersten Zeit gewiß zurückhalten; da hilft nichts als ruhig abwarten bis das Beispiel vor ihren Augen wirkt. Der Schulunterricht, dessen sich, so steht zu erwarten, die Lateiner und Griechen binnen kurzem in ausgedehntem Maße erfreuen werden, muß den Bekennern des Islams als eine Wohlthat, als ein Vorzug erscheinen; dann wird in ihnen der Trieb erwachen, hinter den bisher von ihnen verachteten Mitbewohnern nicht zurückzubleiben. In einem Punkte aber werden wir, nach meinem Dafürhalten, nicht einen aus dem Schooße der Bevölkerung kommenden Anstoß erst abzuwarten, sondern von Regierungswegen die Initiative zu ergreifen haben: —< 287 >— in der Errichtung einer höhern Bildungsanstalt in Sarajevo die zugleich Nationalmuseum, gelehrte Gesellschaft und Hochschule sei. Ich denke mir das so: Einerseits für Regierungszwecke, andrerseits für die moralische Hebung und die intellectuelle Aufklärung, mit einem Wort für die Weckung Verbreitung und fortschreitende Kräftigung des Interesses, das eine bisher im Stumpfsinn der Resignation dahinlebende Bevölkerung an dem Gedeihen ihres Gemeinwesens nehmen soll, wird ohne Aufschub an eine wissenschaftliche Durchforschung jener terra inLNFuita, als was sich uns zu einem großen Theile Bosnien und die Hercegovina darstellen, Hand anzulegen sein. Dieselbe müßte nach allen Richtungen gleichzeitig thätig sein: ich nenne eine ethnographisch-statistische, eine geologischmontanistische, eine naturwissenschaftlich-landwirthschaft-liche, eine nationalökonomisch-industriell-commercielle Abtheilung. Die wissenschaftlichen und praktischen Fachmänner, deren jede dieser Sectionen bedarf, müßten zugleich die Eignung haben lehrend auf ihrem Gebiete aufzutreten, sobald sich einmal vorgebildete Lernbegierige zeigen werden. Die verschiedenen Objecte, die sie als Proben und Schaustücke von ihren nach einem festen Plane geregelten Vereisungen heimbringen, wären in einen: Institute zu sammeln und aufzustellen. -^ 288 >— das gleichzeitig als Landesmuseum und als Lehrmittelsammlung zu dienen hätte. Um diese ungewohnte Einrichtung bei der Bevölkerung durch einen populären Namen einzuführen, würde ich die den meisten slavischen Stämmen bereits geläufige Bezeichnung einer „Nation" vorschlagen: also Uatiea Aber woher die Mittel nehmen, um all' das in's Leben zu rufen und im Gang zu halten? Wir haben sie, wenn man meinem Rathe folgen will; sie sind da, ohne daß unser Reichs-Budget — denn eine Neichs-anstalt müßte es für den Anfang sein! — mit einem Kreuzer mehr belastet würde. Ich glaube schon mehrmal Anlaß genommen zu haben darauf hinzuweisen daß unsere orientalische Akademie ein überlebtes Institut sei. Da selbe aber noch immer in alter Weise auf dem Iakober-Platze ihr Dasein fristet, muß ich neuerdings darauf zurückkommen. Die orientalische Akademie, von Oesterreichs genialstem Staatsmann in einer Zeit geschaffen wo bei uns in jeder Richtung Noth am Mann war, ist heute, wo es für eine erledigte Stelle je zehn der befähigtesten Bewerber gibt, ein reiner Luxus-Artikel geworden. Der Zweck der bisher viele Kosten durch Unterhaltung eines Convictes und Anstellung eines ganzen Apparates von —< 289 >— Persönlichkeiten in Anspruch genommen, läßt sich unter den heutigen Verhältnissen viel einfacher erreichen. Man wähle eine Anzahl der bestehenden Hand-Stipendien an unsern Hochschulen aus; man setze für die Erlangung derselben die Kenntnis einer bestimmten Anzahl von Sprachen fest die der Stipendium-Werber vom Haus und aus der Schule mitzubringen hat; man mache die Beibehaltung der Stipendien von einem bestimmten Studiengang abhängig, in welchen natürlich alle jene Sprach- und andern Kenntnisse einbezogen werden die dem Candidaten noch abgehen; man stelle demselbm nach Absolvirung semes Curses eine erste Anstellung im Staatsdienste in Aussicht, in welchem er sich durch eine bestimmte Anzahl Jahre auszuharren verpflichten müßte, und es wird sich zeigen daß wir über Mangel an befähigten Bewerben nicht zu klagen haben werden. Und die Lehrstühle? Nun deren haben wir an unseren bedeutendem Hochschulen eine solche Auswahl und» Mannigfaltigkeit, daß es kaum irgend einer Neu-Erricht-ung bedürfen wird, um allen wissenschaftlichen Bedürfnissen unserer Orient-Aspiranten zu genügen. Wenn man mir schließlich auf ein gewisses etwas hinweisen wollte^ das sich denn doch nicht so blos vom Katheder herab einlernen, dessen Besitz sich nur in einer eigens für deir bestimmten Zweck eingerichteten Anstalt erwerben lasse: -« 290 >— Dcr feine Griff und der rcchte Ton, Das lernt sich nur um des Directors Person — fo möge man mir es nicht übel nehmen daß ich darauf gar nichts gebe. Besitzt der junge Mann nur sonst Talent — und ohne Befähigung würde er ja nicht zur Candidatur zugelassen! — und hat er während seiner Stipendien-Jahre das nöthige gelernt, so wird er sich, wohin man ihn auch stelle, die diplomatischen Gänge und Künste, gesetzt es gebe etwas appartes von diesem Genre, auch bald eigen machen. Unsere orientalische Akademie ist aber, oder war mindestens bis auf die jüngste Zeit, noch in anderer Hinsicht ein Anachronismus. Die jungen Leute hatten da ein Halb-Dutzend exotischer Sprachen zu erlernen: französisch italienisch englisch neugriechisch türkisch arabisch persisch; und kamen diese jungen Mezzofantis vom friedlichen Iakoberhof hinaus in eine der europäisch-türkischen Provinzen, so konnten sie mit jedem einzelnen Fremden der dort erschien oder sich dort aufhielt trefflich conversiren; nur für die große Masse der Einheimischen, in deren Mitte sie zu wirken und Studien zu machen berufen waren, ging ihnen, wenn sie nicht etwa von Geburt Rumänen oder Slaven, oder durch Privatfleiß diese Lücken an Ort und Stelle zu ergänzen beflissen waren, jedes Mittel persönlicher Verständigung ab. -« 291 >— Türkisch zu kennen war für unsere Consulats-Beamten der Balkan-Halbinsel immerhin ein nützliches Ding: aber von ungleich größerem Vortheile wäre es für sie gewesen, rumänisch serbisch bulgarisch albanesisch zu kennen. Es gibt keinen höher gestellten Türken der nicht des französischen mächtig wäre: wohl aber gibt es in allen Ländern der europäischen Türkei Hunderttausende die kaum ein Wort türkisch verstehen. Ist es doch von Bosnien und der Hercegovina bekannt daß selbst manche der muhamedanisirten Begs der Sprache nicht mächtig sind deren Glauben ihre Vorältern angenommen haben. So konnte es geschehen daß unsere jungen Orientalisten, wenn sie frisch aus ihrer Ab-richtungsanstalt kamen, mit Leuten aus dem Hauptstamm der Bevölkerung durch das Medium eines türkischen oder griechischen Dolmetsch verkehren mußten und auf den Grad des Verständnisses und der Willfährigkeit angewiesen waren, welchen dieser den von ihm zu erläuternden Kundgebungen der Eingebornen entgegenbrachte. Denn der Türke verachtet den Djaur, und der Grieche weiß daß er bei allen andern Classen der Bevölkerung wegen seiner Aemtersucht, wegen seiner phana-riotischcn Erpressungen im Hasse steht, und sucht ihnen diesen Haß bei jedem gegebenen Anlasse heimzuzahlen. Man hebe also die orientalische Akademie mit 19* — 292 ^- ihrem die großen pecuniären Opfer nicht lohnenden Lehr- und Lern-Apparate auf, oder vielmehr man verpflanze sie. in anderer Gestalt und für andere Zwecke, aus der innern Stadt Wien in die Metropole von Bosnien, und man wird in kurzer Frist die schönsten Erfolge erzielen. Man verwende ein Drittel ihres bisherigen Budgets auf Gehalte für junge Gelehrte, denen man in Aussicht stelle nach einem mehrjährigen Dienst in Bosna Sarai einen Katheder an einer unserer wohl dotirten Universitäten zu besteigen; man bestimme das zweite Drittel für Vereisungen behufs einer planmäßigen Durchforschung des Landes und die wissenschaftliche Ausbeute welche davon alljährlich an die Matica bosansko-hercegovacka abzuliefern wäre; man widme das dritte Drittel für Bibliothcks- und Muscums-Zwecke, und ein schöner Anfang ist gemacht, das weitere wird sich finden. Freilich müßte, um die Ergebnisse dieser wissenschaftlich-theoretischen Durchforschung praktisch zu verwerthen, etwas hinzutreten: ein mit entsprechenden Mitteln ausgestattetes Credit-Institut in der Reichshauptstadt, das für Anlegung von Musterwirtschaften im großen Style, für Betreibung des Bergbaues in den -^ 293 — verschiedensten Richtungen, für rationelle Verwerthung des Forstnutzens, für Anlegung von Schienenwegen :c. die Capitalien zu beschaffen hätte; ein Institut mit einem Wort, das in engerem Rahmen, und überhaupt mutatig luuwnäis, alle Porzüge in sich vereinigte durch welche die britisch-ostindische Compagnie sich und ihrem Vaterlande so dankenswerthe Dienste erwiesen und so staunenswerthe Erfolge errungen hat... Doch ich eile zum Schluße! Es waren blühende Länder, im Fortschritt begriffen wie irgend ein anderes in jenem Jahrhundert, da sie unter die Herrschaft des Halbmondes kamen: die Türken haben diese Länder durch ein grausames, mit Menschenleben und Menschenwürde spielendes Regiment zur Hälfte entvölkert, haben den Aufschwung derselben, jeden Anlauf zum Bessern gehemmt und im Keime erstickt! Es waren selbstbewußte freie strebsame Stämme, von denen jene Gebiete bewohnt waren, ehe sie von der Eroberung halbwilder Asiaten überfluthet worden: die Türken haben diese Stämme zur Rajah, zur macht-und rechtlosen Heerde herabgewürdigt, haben sie durch jahrhunbertlange Demüthigung und Mishandlung in scheue unterwürfige ihren Peinigern knirschende Sclaven umgeschaffen, denen alle Freude am Dasein verkümmert und verdorben ward! -^ 294 >— Man werfe einen Blick auf die neueste Generalkarte unseres k. k. milit. geogr. Institutes, man vergleiche unser Dalmatien und Kroatien mit den bisher türkischen Nachbarländern derselben.- welche Fülle von Ortschaften und Ansiedlungen dort, welche Oedc hier! Das schmale bergige Dalmatien mit 230 Geviertmeilen und nahezu 450000 Seelen; das große Wälder- und flurenreiche bosna-hercegovinische Land mit mehr als 1050 Geviertmeilen und kaum 1200000 Seelen: also fast vicrcinhalbmal so viel Bodenfläche und nicht dreimal so viel Einwohner! Die blutige Arbeit des Wörndl-Gewehres und der Uchazius-Kanonen ist nahezu vollbracht. Hin und wieder darf man sich auf ein Aufflammen des Widerstands-geistes gefaßt machen: im großen Ganzen sind Ruhe und Ordnung hergestellt. Sichern wir sie gegen jede Wiederkehr willkürlich-anarchischer Zustände wie sie unter der abgetretenen Regierung, nach kurzen Pausen anscheinender Besserung, immer wieder hervorgebrochen sind! Kein Harac mehr, keine gelderpressenden Steuervächter, keine die Straßen und bewohnten Orte unsicher machenden Zaptijehs! Keine Möglichkeit daß ein „Drache von Bosnien" von neuem erstehe und den Seinen zur wilden Lust und Freude, aber den Andersmeincnden zu Qual und blutiger Pein seine herrischen Orgien feiere! Nichtö mehr von dem gräßlichen „Mcnschcnverzchren" einer —< 295 >— verbrecherischen Nacht und all' dem Fluch und den Gräueln die ein asiatisches Eroberervolk über ehemals glückliche Gefilde gebracht hat! Frei soll alles wieder aufathmen, alle sollen sie unbehelligt und unangefochten neben- und untereinander leben: Christ und Muslim und Jude, Beg Aga und Kmet, jeder in seiner Sphäre, jeder in seinem Rechte, jeder „nach seiner Fayon"! Und fühltet Ihr Euch, meine österreichischen Com-vatriotcn, nicht selber im Innern gehoben, und ginge Euch nicht selber das Herz auf, bei dem Gedanken einem finster mürrisch und heimtückisch dreinblickenden Volke von Sclaven die Freude und Lust am Leben, die Freiheit zu wirken, zu handeln, zu streben gebracht zu haben?! Blickt hin in das benachbarte Fürstenthum Serbien, wo es noch in den ersten Decennien dieses Jahrhunderts nicht anders aussah als vor kaum einem Vierteljahr in Bosnien und in der Hercegovina! Setzt einen Fuß über dessen Gränzen, und wo Ihr die ersten Leute trefft, da trefft Ihr auch Heiterkeit und Lebenslust. Der Serbe ist in einer Hinsicht der Neapolitaner der Slavenwelt — im Schreien! Alle Arbeit seiner Arme und Beine ist zugleich eine seiner Athmungs-Organe: aber es ist kein unwirscher zänkischer Lärm, es ist ein geselliges Ineinanderto'nen kräftiger munter schaffender Menschen: -^ 296 >— Wo sich alle Glieder regen, Will sich die Lunge auch bewegen! Auf den Feldern herrscht wohlthuend reges Leben, frohe Menschen arbeiten unter Liedern und Scherzen. Der Pflüger ruft seine Rinder an, führt mit ihnen förmliche Wechselgespräche, die Jungen und die säenden Weiber geben plaudernd und schäckernd die Begleitung dazu, oder stimmen einen ihrer nationalen Wechselgesänge an. Auf den Marktplätzen, auf den Landstraßen in der Nähe größerer Ortschaften waltet reges lebhaftes Treiben mit Rede und Gegenrede, mit munterem Gruß und Gegengruß, dazwischen wohl auch knallende Pistolenschüsse, womit der Serbe seine Ankunft und seinen Abschied ankündigt. Selbst in den einsamen Wäldern der Aumadija, wo aus der Ferne zwei lebende Wesen einander in der Nähe wissen, schicken sie sich herausfordernden Zuruf oder eine zur Erwiderung einladende Strophe zu. Es ist, als ob die Leute heute noch, nach fast einem halben Jahrhundert, die Erinnerung der Leiden ihrer Väter nicht verwunden hätten, und als ob sie jeden Anlaß benutzen müßten es einander zu erkennen zu aeben: Wie glücklich sind wir unserer Peiniger los zu sein und uns nach freier Herzenslust ergehen und bewegen zu können! AnHang. I (Zu S. 91 f.) Gruß derer von Hulisanac, 8armal, Msiö, Trebinje und der llskoken an Ali Msa Niz-mnbegooi6, Vezier der Hereegooina in Mojlar! Ehrenwerther Vezier! Es geht ein Spruch: Uebel steht es mit einem Hause wo es keinen Wirth gibt; übel steht es mit einer Gemeinde wo es kein Haupt gibt; übel steht es mit einem Heere wo es keinen Anführer gibt; übel steht es mit einem Lande wo es keinen Negierer gibt. Das alles ist die reine Wahrheit; allein wir wissen noch ein weiteres zu sagen: Uebel steht es auch mit einem Lande wo der Negierer nicht zu regieren weiß. Wir kennen Dich wohl, ehrenwerther Herr, daß Du ein Mann von sehr gutem und arglosen Gemüthe bist und wir könnten es bei Dir so gut haben wie die Nieren in ihrem Fette; aber ach, wie sehr sind wir und -« 300 >— Dein ganzes treues Volk mit uns unglücklich und betrübt, daß diese Deine Güte viele Diener auf die Du Dich stützest zu unserem Uebel misbrauchen. Wenn Du so gerecht wärest alö Du gut bist, wir könnten es nirgends besser haben. Güte und Gerechtigkeit, eine mit der andern verbunden, machen ein Volk glücklich; aber eine ohne die andere ist nichts werth, steht nicht für einen Para, besonders bei einem Völkerregierer wie Du, ehrenwerther Hen-, einer bist. Du gestattest nur zu sehr, daß sich Deine Pasinica in die Vezicrats-Angelegenhciten mische, und was sie sagt dem stimmst Du bei, und wenn es noch so unrecht wäre. Du siehst sehr wohl daß Deine drei Söhne alles thun was ihnen gefällt, und Du duldest es ihnen, denn Deine Güte vermag ihnen nichts zu verweigern. Doch darüber wollen wir uns nicht aufhalten und beklagen, weil wir einsehen daß die Pasinica Dein treues und geliebtes Gemahl ist der Du nichts abschlagen kannst; und wir wissen daß Du Deine Söhne liebst wie Deinen Augapfel, obgleich es sich nicht recht schickt daß sie sich in Deine Geschäfte mischen. Aber ach, Leid und Wehe uns, daß Du Dich Pasa bei der Nase führen läßest von dem Ivan Angelo-pul, und von dem Bischof Joseph der schon früher dem Volke genug des Bösen zugefügt hat und noch immer zufügt. Diese beiden geben sich Namen als ob sie von wahrem griechischen Stamme wären; aber sie sind es nicht, sie sind weggejagt von den Ihrigen und Du hast sie aufgenommen als Deine ersten Rathgeber und Vertrauten. Guter Pasa, Du hast Dein Volk hinter Dich geworfen und die Zwei hast Du vor Dich gestellt, und hörst auf sie, da sie Dir doch ein 3 für ein U, vormachen*), und durch sie gibst Du Aergernis Deinem *) wörtlich: Da sie Dir ein Horn für eine Kerze zeigen: -^ 301 >— ganzen Volk, dem nichts ein böserer Dorn im Auge ist als solche Auswürflinge und Landstreicher. Hungrig und voll Schulden kamen sie mit Gleißnermienen zu Dir, und drehen Dich jetzt nach ihrem Geschmacke. Geehrter Herr, Du bist vom wahren Wege abgewichen und wir sammeln uns um Dich, damit wir Dich wieder auf den rechten Weg bringen. Dein Volk vergießt bittere Thränen und weint; aber Du siehst es nicht und hörst es nicht, und doch wäre es gut, daß Du Dich überzeugtest und fragtest: was sind die Ursachen davon? Die Ursachen sind: die Misbräuche die verübt wurden; die ungerechten Verwalter die mit dem Volke nach Willkür, aber nicht nach dem Gesetze schalteten; und die Fahrlässigkeit der Herrscher die sich auf ihre Diener blind verließen. Sieh', ehrenwerther Pasa und Herr, was wir wissen, das haben wir Dir auch alles hier gesagt, und zwar aus unserer Versammlung auf der Golja Planina am Tage des heiligen Dimitrije. Im Namen der Versammlung Prokopije Dubonja. II (Zu S. 133—135.) Adresse der Bosnier an den Sultan, von einer Deputation dem türkischen Gesandleu Fürsten Kali-machi in Wien am 9. Februar 1838 überreicht. Euere kaiserliche Majestät! Großer und gnädiger Herr! Endunterzeichnete treu ergebene Unterthanen Euerer Majestät stehen wir im Namen der treuen Rajah Bos- -^ 302 >— niens die kaiserliche Gnade an, legen zu den Füßen Euerer Majestät unsere Wünsche und Beschwerden nieder und gewärtigen von Euerer Majestät mächtigstem Willen ein Ende der zahllosen Mißbrauche und Verfolgungen, denen die Christen in Bosnien unaufhörlich ausgesetzt sind. Die großmüthigen und wohlwollenden Absichten Euerer Majestät für die Christen sind uns sehr wohl bekannt; doch leider! selten gelingt es dem kaiserlichen Willen Euerer Majestät bis zu unserem Lande vorzudringen, und eben deswegen scheint es, als ob alle Verbesserungen, die im gesammten Kaiserreiche in's Leben treten, für Bosnien gar nicht bestimmt seien. Mit unseren Feinden schlössen den Bund eben diejenigen, die berufen wären die Anordnungen Euerer Majestät zu vollziehen. Die Kadis, Mudire und Musselims, nicht nur daß sie uns vor der Willkür der Türken nicht beschützen und uns keinerlei Gerechtigkeit widerfahren lassen, sondern dieselben sind eben diejenigen, welche offen und unverholen laut verkünden, die Christen hätten blos Pflichten und keinerlei Rechte den Türken gegenüber. Solchermaßen litten lange Zeit unsere Vorfahren und leid en auch wir. Es blieb nichts anderes übrig, als sich zu beugen, denn so erheischte es das Schicksal. Seitdem aber das Licht der Civilisation auch in die Türkei vorgedrungen, sann der erleuchtete Geist und die hohe Weisheit Euerer Majestät auf Mittel und Wege, einen dem Zeitgeiste entsprechenden Zustand zu begründen. Auch wir vernahmen mit größter Freude und kindlichen Dankbarkeitsgefühlen die Kunde, Euere Majestät geruhten einen Ferman unter dem Titel Hat-Humayum zu erlassen, welcher die Gleichberechtigung aller Unterthanen ohne Unterschied der Religion und Nationalität sichern sollte. Im Vertrauen auf diesen großmüthigen — 303 >— kaiserlichen Willen Euerer Maiestät glaubten wir uns ohne Weiteres geschützt vor jeder Willkür und Verfolgung. Es verstrichen wohl bereits zwei volle Jahre seit dieser Hat-Humayum das Tageslicht erblickte, aber leider! Werden die größten Gewaltthätigkeiten, Gesetzlosigkeiten und Roheiten ununterbrochen wie ehedem geübt und fast schwindet jede Hoffnung in uns, er werde je in Bosnien eine Wahrheit werden. Der Zustand Bosniens ist in vielen Beziehungen ein beispielloser, außerordentlicher. Vor allem sei uns erlaubt, unumwunden und offen auszusprechen, daß in unserem Lande weder die Person noch die Habe gesichert ist. Ein Türke vermag noch so viele Verbrechen zu begehen ohne jedwede Furcht, je dafür bestraft zu werden; denn obgleich der Hat-Humayum die Christen zur Zeugenschaft gegen die Türken berechtigt, so ist doch diese Anordnung in Bosnien noch ohne jede Geltung und Werth. Wenn ein Türke einen Christen ermordet, kann er ungeachtet dieses Mordes unbesorgt und ruhig schlafen, wenn nur kein Türke als Zeuge gegen ihn auftritt, weil eine noch so große Anzahl christlicher Zeugen keinen Beweis gegen einen solchen Mörder herstellt. Die Person eines Christen ist daher in Bosnien auf keinerlei Weise gesichert. Das Wunderbarste in Bosnien ist jedoch der Umstand, daß die zur Sicherheit und zum Schutze gegen Gewaltthätigkeit und Willkür berufenen Behörden eben diejenigen sind, welche solche Greuelthaten üben, vor denen jeder mit Entsetzen zurückbeben müßte. Von vielen Beispielen sei hier blos eines erwähnt. Stephan Stojsic aus Kubicpolje und Stephan Narandzic aus Korenica, Peter Starcevic und der Ortsälteste (ku^) Nikolaus Mikic aus Tolisa hatten zwar Muth, sich der Willkür eines Aga zu widersetzen und die ungerechte Abgabe des Drittels ;u verweigern, wurden aber auf Befehl der Behörde jeder -^ 304 <— wit fünfhundert Fußsohlen-Hieben bestraft. Von diesen Unglücklichen blieb der einzige Mikic am Leben, denn die übrigen gaben ihren Geist noch während der Exekution auf. Solche Vorgänge vereinen sich keineswegs mit den Gefühlen Euerer Majestät und mit den Anordnungen des Hat-Humayums, der, so viel wir vernahmen, von nun an jedes Martern abschafft und nur solche Bestrafungen anbefiehlt, die mit der Gerechtigkeit vereinbar-lich sind, der auch nicht zuläßt, daß mit dem Menschen gleich einem Thiere verfahren werde. Anlangend die Habe, erlauben wir uns Euerer Majestät von unseren Grundstücken besonders zu reden und bitten unterthänigst, diesem Gegenstande die besondere Aufmerksamkeit zu schenken, da wir von Gewaltthätigkeiten sprechen wollen, die nur in Bosnien und nirgends sonst in Europa zu finden sind! Die bosnischen Agas und Begs behaupten, das bosnische Erdreich sei weder das Euerer Majestät noch das der Rajah; denn sie sind es, — wie sie sagen — die dieses Land von Euerer Majestät um ihre Dukaten abkauften; wir Rajah haben uns damit zu begnügen, daß sie es uns gönnen, in demselben zu wohnen und es zu bearbeiten; in ihrer Macht stehe es uns Alle, wie wir sind, fortzujagen, da wir ihre Sklaven sind und sie unsere Herren. Als Grundbesitzer ^ltilik-^iliibi^) fordern dieselben von uns das Drittel von gesamten Naturerzeugnissen; wir frugen diese Begs nach ihrem Rechte dieses Drittel zu verlangen, allein, da ihnen ein solches Recht nicht zustand, konnten sie uns auch keine Schrift darüber vorweisen, denn das Drittel entstand entweder durch Gewalt oder Betrug. Es gibt in Bosnien Leute, welche sich recht gut zu erinnern wissen, daß solche Eitluks erst vor kurzer Zeit entstanden sind. Was immer für eir Beg kam mit bewaffneter Hand und zwang die Najah zum Versprechen, ihm die Grundstücke entweder abzu- —< 305 >— treten ober ihm das Drittel zu leisten. Auf diese Weise entstand die Mehrzahl der bosnischen Eitluks. Daß jedoch diese Eitluks in unserem Lande nie zu Necht bestanden, geht auch aus dem Umstände hervor, daß der Groß-Bezicr Resid Pasa, als er im Jahre 1830 gegen die aufständischen Albanesen mit bewaffneter Macht zog, über Anhörung der Beschwerden Seitens der Rajah, alle Citluks um Sjenica in dem Orte Stari-Vlah ohne irgend welche Entschädigung aufhob. Dies der Sach-vcrhalt. Das Drittel ist ein großes Elend und Unglück für unser Land, denn ob desselben verarmten wir alle. Die getreue Najah Bosniens ist bereit, jede Steuer zu entrichten, welche Euere Majestät einzuführen für gut finden werden, aber das Drittel raubt uns alles, und die willkürliche Art des Eintreibens brachte die christlichen Familien an den Bettelstab. Die bosnischen Vegs begnügen sich nicht mit dem Drittel in Natura, sondern schätzen dasselbe in Geld ab, aber so, daß die Gcldabgabe den Werth der gesamten Frucht bei weitem übersteigt. Es geschieht oft, daß man sich begnügen muß, wenn der Beg die ganze Frucht wegnimmt und nur noch nebenbei auch kein Geld fordert. Wie erwähnt, müssen wir von allen Erzeugnissen den Begs das Drittel zahlen, und doch sind drcinnddreißig Körnerartcn, von welchen sie das Drittel verlangen: so müssen wir das Drittel auch von Tabak Erdäpfeln Krant Flachs u. f. w. ja sogar von Blumen leisten, von Heu verlangt man nicht das Drittel, sondern die Hälfte, und diese muß auch gegeben werden. Hieraus erficht man, daß es den Anschein eines Raubes hat, und daß die Abgabe des Drittels unerschwinglich und unser Ruin ist. ' Euere Majestät verkünden uns im Hat-Humayum, jede Steuer und namentlich das Zehntel sei lediglich dem. itaiser allein zu entrichten, und es sollen keine Pächter mehr bestehen. Mit größter Ungeduld harren v. Helf»rt, »oSnischce. ^O -" 306 >— wir der Zeit, daß diese wohlwollende Anordnung eine Wahrheit werde, weil wir bis auf den heutigen Tag noch immer unter dein gewalttha'tigcn Drucke der Pächter seufzen, welche die arme Najah weit mehr schinden als die Vegs selbst. Aber anch die Pächter begnügen sich nicht mit dem Zehntel der Naturcrzeuguisse, sondern verlangen die Ablösung in Geld, und zwar in solchen Summen, die jene durch die Vegs geschätzten weit übertreffen, und wenn man sie bedeutet, der Beg habe die Erzeugnisse niedriger angeschlagen, entgegnen sie: „Der Bcg konnte es schellten, es kostet ihn nichts, aber ich zahle dafür den Pachtzins und muß auf meinen Vortheil bedacht sein." Es gibt auch solche, welche für die Eichclung Geld und Schweine verlangen, und hierbei sind sie solche Tyrannen, daß sie in der Muttersau selbst die zukünftigen anzuhoffcndcn Spanferkeln mit abschätzen. Und ist man nicht im Stande die verlangte Abgabe zu leisten, so werden die größten Gewaltthätigkeiten geübt, man wiro gebunden, mißhandelt und eingesperrt in den Schwcinstall, wo man mit dem Rauche von unterzun-dencln Stroh und auf alle mögliche Weise die Eingesperrte» martert, so lange bis das Löscgcld entrichtet wird. Einst behelligte man wenigstens die christlichen Weiber nicht, aber jetzt achtet man nicht mehr darauf, diefelbcn werden eben fo mivhandclt wie die ^Männer. So schlug der Beg Iakum Talirovie in Eengic in der Zvorniker Nahija unlängst ein schwangeres Weib so heftig auf den Leib, daß sie eine Fehlgeburt machte und starb. Das größte Uebel jedoch ertragen wir von den Albanesen, welche die Pächter mit sich bringen und die wir die ganze Zeit ihres hierlandigcn Aufenthaltes ohne irgend welche Entschädigung verpflegen müssen. Da wir eben von der Willkürherrschaft der Pächter reden, wollen wir noch eine Art uns gewaltsam auferlegter Steuer erwähnen, nämlich die dem Mudir zu —< 307 >— bemahlende Feststeuer (slavgrina), welche mit einer solchen Unbarmherzigkeit eingetrieben wird, daß auch die ganz armen Häuser, die nicht einmal im Stande sind den Namenstag festlich zu begehen, diese Steuer ebenfalls bezahlen müssen. Was die kaiserlich? Steuer anbelangt, wäre dieselbe Ntr uns in keiner Hinsicht drückend, wenn die Drittel-und Zehent-Einnehmer uns nur nicht alles wegnähmen. Da wir jedoch durch die Begs und Pächter gänzlich an den Bettelstab gebracht worden sind, so ist es leicht erklärlich und ganz natürlich, daß hierdurch das kaiserliche Aerar den größten Schaden leide. Schließlich können wir auch die Militär-Vefreiungs-tare nicht unerwähnt lassen. Euere Majestät kennt wohl die Treue der bosnischen Najah, deswegen war unser Wunsch und wird es auch stets sein, Euerer Majestät ;u zeigen daß wir bereit sind unser Blut für den Thron Querer Majestät zu vergießen. Geruhen also Euere Majestät gnädigst anzuordnen, daß auch wir der Militärpflicht unterzogen werden, und dies um so mehr, weil die Militär - Bcfreiungstare für uns bosnische Rajah unerschwinglich geworden ist, da wir vor allem kein Geld zum Zahlen besitzen. Aus dem Gesagten wird Euere Majestät gnädigst entnehmen, daß die bosnische Najah sich in der äußersten Noth befinde. Das Drittel, der Zehent. Militär-Befreiungstare und die Steuern verschlingen alleS, was ;u unserem und unserer Familien Unterhalte nothwendig, wäre. Es geschieht, daß man, angetrieben von Hunger, smi eigenes Kind verkaufen muß, um die übrige Familie nicht zu Grunde gehen zu lassen. Zu dem allen gesellt sich, daß nicht einmal unsere Person von der Gewaltthätigkeit unserer Glaubensfeinde gesichert sei. Viele Christen zehrte die Nacht auf (klno^e dt-iz^-n^ ,,<>^ ,5.ic.'6<'), ohne daß man weiß, warum und wodurch. 20* —< 308 >— Zuletzt ergriff die Verzweiflung die bosnische Rajah, und diefelbe ist gesonnen, Land und Haus zu verlassen und auszuwandern, wenn ihr nicht die Allerhöchste Gnade Euerer kaiserlichen Majestät zu Theil wird. Um unserem großen Elende ein Ende zu bereiten und jede Unzufriedenheit zu dämpfen, welche die Verzweiflung herbeizuführen im Stande wäre, erlauben sich die endunterzeichnetcn getreuen und ergebenen Unterthanen und Diener Euerer kaiserlichen Majestät im Namen der getreuen Najah Bosniens unterthänigst zu bitten, Eucre ^Majestät geruhe sich unser allergnädigst zu erbarmen und einen Ferman für Bosnien zu erlassen, in welchem angeordnet würde, daß 1) alle Citluks und das damit verbundene in Bosnien aber nie zu Necht bestandene Drittel aufhöre, und daß 2) der Zehent im Sinne des Hat-Humayums direkt Euerer Majestät entrichtet werde; 3) daß die Verfügung getroffen werde, daß auch die Rajah militärpflichtig werde und demzufolge die Bezahlung der Militär - Vefreiungstaxe aufhöre; und schließlich 4) daß angeordnet und verbürgt werde, daß wir ohne irgend welche Verfolgung Seitens der bosnischen Behörde frei und ungehindert nach Bosnien zurückkehren dürfen. Wir sind überzeugt, daß Euerer Majestät unaufhörliche Sorgfalt auf das Wohl aller Nationen des großen Kaiserreiches gerichtet ist, und diese wohlwollenden Absichten Euerer Majestät gegenüber der christlichen Nation beleben uns mit der Hoffnung, daß die traurige Stimme der armen bosnischen Rajah einen Wiederhall in dem großmüthigsten und gnädigsten Sultan Abdul-Medzid -« 309 >— finden werde, für dessen Glück und Gesundheit wir den Allmächtigen ohne Unterlaß bitten. Im Namen der bosnischen Rajah bevollmächtigte Vertreter. Athanasius Veselinovic. Bozo Glikic. Georg Ron-cevic. Thomas Mersic. Simeon Iovanovic. Johann Koic. Johann Vozic. Georg Todorovic. III (Zu S. 151.) Denkschrift der herregoviner Aufständischen an die europäische issonsnlar-Commission I875. Hochverehrte Delegirte Europas! Durch volle vier Jahrhunderte schmachtet die be-klagenswerthe und elendige Rajah, die Christen der Hercegovina, in der Knechtschaft unter der türkischen Tyrannei und unter Bedrückungen jeglicher Art, ohne daß während dieser langen Zeit die Cultur-Großmächte Europas auch nur einmal auf diese unzähligen Leiden und Verfolgungen mit Erbarmen herabgeblickt hätten. Die unglückliche Rajah der Hercegovina konnte den Druck der türkischen Tyrannei und Grausamkeit, die unzähligen Verfolgungen Gewaltthaten Beschimpfungen und Qualen nicht mehr ertragen, darum erhob sich in diesem Jahre die ganze Rajah und griff zu den Waffen, um doch einmal im neunzehnten Jahrhundert der Cultur dem gebildeten Europa zu zeigen, welche Sünde und welch' große Schmach es für Europa ist, wenn eö duldet, daß das unglückliche slavische Volk in der Hercegovina von der türkischen Barbarei, nach wie vor und ohne Unterlaß, unterbrückt gequält verfolgt und in Unwissenheit gehalten werde. -« 31l> — Wir hören, geehrte Herren, daß Sie Ihre Herrscher ausgeschickt haben, um unsere traurige Lage, unsere Klagen und Qualen, sowie die Ursachen zu erheben, warum wir zu den Waffen griffen. Nun, wir wollen Ihnen die reine Wahrheit und alle diese Ursachen sagen, obzwar Sie es ganz und gar nicht nöthig haben; denn jedermann von Ihnen sind die Verfolgungen, die wir erdulden müssen, die Türkei, die türkische Barbarei und ihre Gewaltacte nur zu gut bekannt. 1. Fangen wir also beim Aga an. Der bedaucrns-werthe Landwirth, welcher vom Aga einige Grundstücke in Pacht genommen hat, muß die Felder düngen und bebauen, dabei dem Aga so viel geben als er verlangt, d. i. niemals weniger als die Hälfte aller Einnahmen. Drei- bis viermal besucht der Aga den Laudmann, da kommt er aber mit allen seinen Schergen, und der arme Mann wird vom Aga gezwungen, ihn sowie seine Leute und Pferde zu erhalten, denn fönst wird er geprügelt und in's Gefängnis geworfen. 2. Im türkischen Reiche wird — was nirgends auf der Welt geschieht — die EinHebung der Reichssteuer (des Zehcuts) verpachtet, die Pächter setzen sich mit den Beamten in's Einvernehmen, verlangen mehr als ihnen gebührt, schinden die Leute, und Du Rajah zahle, was ihnen beliebt, und dann gehe und beklage Dich! - 3. Außerdem aber, geehrte Herren, werden noch viele andere Steuern vorgeschrieben, welche erbarmungslos eingetrieben werden, die arme Rajah muß alles zahlen, den Harac, die Pusul, Askeriv — zahlen und wieder zahlen. 4. Das Zusammenzählen des Viehstandes geschieht feit jeher auf vie unordentlichste und ungerechteste Weise: die Türken sind die Conscriptoren, welche ihren türkischen Glaubensgenossen gar nichts zählen, dem Christen aber, —< 311 >— wenn er zehn Stück Vieh besitzt, dreißig Stück aufrechnen, damit der arme Christ seinem Aga recht viel für Grasnutzungen zahle. Wem soll er nun fein Leid, bei wein über diese Ungerechtigkeit klagen? Dem Ali! Wer ist da Richter? Ali! 5. Wird ein Christ zu Gericht gerufen oder belangt er einen Türken bei Gericht, so findet der Christ, wenn er nicht zwei Türken als Zeugen führt, keine Gerechtigkeit und wird überdies noch eingekerkert. 6. Unsere Mädchen und Weiber schleppen die Türken gewaltsam fort und überführen sie zum türkischen Glauben; so geschah es auch im vorigen Jahre mit einer österreichischen Staatsangehörigen in Stolac. 7. Tritt ein Christ als Zeuge gegen einen Türken auf, so ist der Unglückliche am dritten Tage nicht mehr unter den Lebenden. 8. Unsere Geistlichen, unsere Kirchen, unsere Glocken und Kirchenbilder sind den Türken ein Greuel, und das alles beschünpfen und verunglimpfen sie öffentlich und ungestraft. 9. Steuern zahlen wir dem Sultan über alle Maßen und müssen auch viele andere schwere Lasten tragen; aber für unsere Bildung sorgt niemand, wir haben keine Schulen, und jeder, der sie verlangen würde, wird eingekerkert oder bezahlt sein „Auflehnen gegen die Obrigkeit" mit dem Leben. 10. Sind irgendwo auf des Caren Straßen oder Besitzungen Arbeiten zu verrichten, so muß die Najah fünf bis sechs Tagereisen von ihrer Heimat entfernt schweißtriefend ohne Brod und ohne Zahlung arbeiten, während die Türken von derlei Leistungen befreit sind. 11. Braucht man Pferde zur Verführung des Proviants für türkische Truppen, alsogleich rücken Zaptijehs in die Dörfer ein und müssen da von den Inwohnern verköstigt werden: in der Früh schleppen sie Leute und —< 312 >— Pferde mit sich fort, welche durch fünfzehn bis zwanzig Tage ohne Nahrung, ohne Zahlung zur Arbeit verhalten werden. 12. Wie können wir beim türkischen Gerichte Gerechtigkeit finden, wenn dasselbe aus mehreren wüthenden Türken und aus blos zwei Christen zusammengesetzt ist, welch' letztere dann gezwungen sind, für jeden noch so gerechten Christen selbst die Todesstrafe mit zu unterschreiben. 13. Entschuldigt ein Christ, der zur Arbeit oder Vorspannsleistung aufgefordert wurde, sein Ausbleiben durch anderweitige eigene Beschäftigung, durch seiue oder der Seinigen Krankheit, so findet er kein Gehör, kein Erbarmen; alsobald kommt ein Zaptijeh herbeigerannt, prügelt ihn, peitscht ihn nicht selten zu Tode oder treibt ihn in Verzweiflung. 14. Die von den Türken den Gerichten zur Entscheidung vorgelegten Rechtsgeschäfte finden alsbald ihre Erledigung; thut dafsclbe ein Christ, so muß er auf Jahre hinaus warten oder zur Bestechung seine Zuflucht nehmen, wobei die verwendete Summe zehnmal größeren Werth hat als seine Rechtssache selbst. 15. Auch die Sicherheit des Eigenthums und der persönlichen Freiheit können wir bei den Türken nicht finden. Hier sind Beispiele: Um seiner Militärpflicht in der Nizam zu entgehen, flüchtete sich Alis Pivodic, ein Türke aus Mostar, aus dieser Stadt, österreichische Unterthanen sahen ihn, als er Mctkovic Passirte; aber den Türken gilt die Zcugenschaft der österreichischen Unterthanen nichts, dafür wurde der unglückliche Djordje Cirie eingekerkert, welcher schon anderthalb Jahre im Gefängnisse schmachtet, und das wegen seiner Ge-rechtigkeitsliebe. — Ein anderes Beispiel: Die Türken in Mostar konnten den rühmlich bekannten Djordje Belobrk, welcher gute Geschäftsverbindungen mit Trieft —- 313 — unterhielt, nicht leiden; sie mißhandelten ihn zu Tode und beschuldigten dann dessen Neffen, er hätte sich an seinen: Onkel vergriffen und nahmen ihn gefangen. Um seine Freiheit wieder zu erlangen, mußte er all' sein Vermögen den Türken ausliefern und sich, um nur sein nacktes Leben zu retten, auf österreichisches Gebiet flüchten. Wie können wir unter den Türken unseres Bebens sicher sein, nachdem die Türken erst unlängst in Struge zwei östei-reichische Unterthanen aus Metkovic, den Stepa Neraja und Peter Magzan zu Tode mishandelt hatten? Dasselbe thaten die Türken in Gabela dem Ocsterreicher Nikola Sukovac, und in Gabela einem anderen österreichischen Unterthanen. Vor kurzem ergriffen die Türken einen Flüchtling aus der Türkei auf einem österreichischen Schiffe, woselbst er ruhig arbeitete, und schleppten ihn an der Kehle grausam gebunden nach Mostar mit sich fort. Wie können wir unseres Lebens sicher sein, wenn ferner unlängst die Türken auf Ehrenwort den Marko Kresic uud Philipp Kresie einluden, wieder in ihre Wohnungen in Sekose (?) zurückzukehren, und dieselben, als sie so thaten, in Stücke hieben? Unter denselben Umständen wurden zwei Bürger in Gradal, zwei in Ztovo, zwei in Brstanica und zwei in Papratc niedergemetzelt. 16. Wenn der Aga kommt, so ist fein erstes das Kreuz, die Heiligen, die Altäre, Kirchen u. s. w. zu verunstalten, wie es vor zwei Monaten Ibrahim Beg Gavran aus Pocitelj und die Söhne des Ibrahim Veg Muradbegovic aus Visic thaten, welche wüthend durch das Dorf rannten, Christum und die Gottcsgebärerin beschimpften und uns sowie unsere Weiber mishandelten. 17. Die türkischen Gewaltthaten haben keine Gränzen. Small Aga Saric, welcher in Stolac als Richter fungirt, nöthigte durch Gewalt die unglückliche Najah, ihm die Sümpfe, Nuzat genannt, zu entwässern und wußte die Sache so einzurichten, daß es den Anschein -^ 314 — hatte, daß die Leute auf des Earen Straßen arbeiten; für die geleistete Arbeit erhielten die abgehetzten Leute keinen Para. Dies that jedoch nicht der genannte Aga allein, so thut's ein jeder Türke. 18. Eine Administration kennt die türkische Regierung gar nicht; die türkischen Beamten sind schlecht gezahlt und verlegen sich deßhalb auf Uebcrvorthcilungen des Volkes, auf Erpressungen, Gewalt-Acte und sonstige Ungesetzlichkeiten. 1U. Ueberhaupt scheint es den Türken ein Vergnügen zu bereiten, wenn sie die unglückliche Rajah mit Ungesetzlichkeiten maltraitiren; die ganze Verwaltung wird in türkischer Sprache geführt, welche die Rajah nicht versteht, und bei dieser Sachlage thun die türkischen Beamten alles was ihnen beliebt. 20. Die Sümpfe, genannt Rasno, welche sich von Varda Glavica bis Glavica Kozarica hinziehen, gehörten in das Grundcigenthum der Bauern von Rasno und hatten auch die Einwohner von Rasno dieses sumpfige Territorium seinerzeit entwässert und in fruchtbare Felder umgewandelt; da kamen aber die Türken Muj Aga Mehmedbasic, Mula Alier Mehmedbasic, Achmet Aga Mchmedbasie, Dervis Aga Grebo, Agi Beg Basanic, Menus Aga Ciber, Mehmed Uskovic und eigneten sich die ganze tausend Joch umfassende Area gewaltsam an. Hochverehrte Herren! Diese und ähnliche Qualen und Unterdrückungen, die wir tagtäglich von den Türken erdulden müssen, diese türkische Barbarei und schreienden Gewaltthaten drückten der unglücklichen Rajah die Waffen in die Hand zur mannhaften Vertheidigung alles dessen, was ihr nach Recht gebührt und was ihr heilig ist. Wir ergriffen die Waffen, um uns unserer grausamen Erbfeinde zu erwehren, doch nicht wir haben die Türken angegriffen, sondern die Türken haben uns überfallen. Wie hungrige Wölfe sind sie in unsere friedlichen Dörfer — 315 >— eingefallen, voran Adjaliia Ugljeu, den man aus dem Medzlis (Gerichtssitz) von Mostar ausgeschickt hatte, um uns zu „beruhigen"; die friedliche Ortschaft Gorica wurde überfallen, ausgeplündert und in Brand gesteckt, ein achtzigjähriger Greis und zwei unmündige Kinder niedergemetzelt. Sodann griffen die Türken das Dorf Dracevo an, ermordeten hier sieben Christen, vertrieben die übrigen, raubten alles was ihnen in den Weg kam, und steckten sodann das Dorf in Brand. Der Näuberrotte standen Ibrahim Beg Gavran und die Söhne des Ibrahim Beg Muratbegovic an der Spitze. Doch an so viel Barbarei hatten die Türken nicht genug. In der Ortschaft Doljane schlugen sie die Kirchenthüre ein, schändeten den Altar, durchschossen das Bild der heiligen Jungfrau Maria, zerschlugen die Kirchenglocke und schleuderten sie in's Wasser. Doch auch damit war der türtischen Greuelthaten nicht genug: gleich hungrigen Naub-thicreu überfielen sie das friedliche Dorf Doljane, drangen in die Wohnhäuser ein, raubten hier Honig Butter Getreide, tur; alles was sie fanden, vernichteten die Ernte und die Tabatfelder und steckten das Dorf in Brand. Folgten dann andere schreckliche Gewaltthaten; die Dörfer Dubravica, Bistanica, Cetoljub, Unter- und Ober-Rasuo wurden ausgeplündert und sodann ebenfalls in Brand gesteckt. Hochverehrte Herren! Europa hat bisher so manchen Thronwechsel herbeigeführt, so manche gebildete und auch christliche Könige, Kaiser und Fürsten vom Throne gestürzt, und heute, im Zeitalter der hohen Eultur, wollen Sie den Thron des türkischen Barbaren stützen und erhalten? Hochverehrte Herren! Unter der türkischen Peitsche können und wollen wir nicht leben, Menschen sind wir und kein Vieh. Wenn Sie — 316 — uns nicht helfen wollen, zwingen können Sie uns nicht, in die Knechtschaft wieder zurückzukehren. Den Versprechungen der Türken glauben wir nicht und betreffs der Garantien, die Sie uns bieten, überzeugten wir uns, daß sie bei den Türken keinen Pfifferling Werth haben. Wir wollen die Freiheit, die wahre vollkommene Freiheit! Lebend werden wir in der Türken Hände nicht gerathen. Metkovic, 12. September 1875. Petition der bosnischen Flüchtlinge an den FM. Saron v. Molinary in Agram Februar 1876. Erhabener Herr! Von mehreren Seiten drang die Nachricht zu uns, daß die Regierung der gnädigsten Majestät des Kaisers von Oesterreich, im Einverständnisse mit den Negierungen von St. Petersburg und Berlin, ein Schreiben dem allmächtigen Padisah in Stambul geschickt hat, in welchem zu Gunsten der Rajah in Bosnien und in der Hercegovina einige Rechte und Erleichterungen verlangt werden. Wir haben uns daher das fragliche Schreiben durch unsere Vertrauensmänner anschaffen vorlesen und erklären lassen, da wir darin ein Heilmittel und einen Balsam für unsere schweren Leiden zu finden glaubten. Indessen erfuhren wir, daß uns auch von jener Seite Stürme drohen, woher wir sicheren Schutz erwarteten. -^ 317 >— Die schweren Leiden der bosnisch-hercegoviner Rajah unter der wilden rauhen und gesetzlosen Herrschaft der Türken und ihrer Agas und Begs sind jedermann bekannt, und ihrerseits mußte die arme, sich selbst überlassene Najah, um dem verzweiflungsvollen Kummer zu entgehen, gegen den wüthenden Bedrücker die Waffen ergreifen. Wir verstehen daher nicht, warum das genannte Schreiben so und nicht anders lauten mußte. Indem wir aber dasselbe betrachten, wie es ist, kommen wir zur Einsicht, daß die Leiden und Schmerzen der armen Rajah in Bosnien und der Hercegovina weder die Veranlassung zu jenem Schreiben waren, noch dessen Gegenstand sind. Das Schreiben selbst sagt ja, daß es durch den Aufstand hervorgerufen, daß sein Ziel aber die Erhaltung des Bebens und der Kraft des Sultan-Neiches ist. Aus diesem Grunde strebt das Schreiben blos die Pacifikation der insurgirten Provinzen an, aber nicht zum Ruhme und zur Ehre des Kreuzes, wie auch nicht, um den auf dem iireuze basirten menschlichen Fortschritt, das Recht und die Freiheit zu sichern. Man hatte nur den Ruhm und die Ehre des Halbmondes, sowie die durch ihn bedingte Verfolgung und Sclaverci im Auge. Daher gibt es, o erlauchter Herr, nichts in jenem Schreiben, was der allmächtige Sultan in seinen Hati-Humajums und Fcrmans nicht bereits gewährt hätte, und zwar zum Nutzen der Rajah. Aufzuzählen alle bisherigen Versprechungen und ihren Werth zu erhärten, wäre wohl überflüssig. Es ist ein vergebliches Ve-mühen, zu vereinen was durch die Natur unvereinbar erscheint. Und tonnten selbst Kreuz und Halbmond sich vertragen, sei es znm Schaden des einen oder deo andern, so würden dazu viel Arbeit und Zeit nothwendig sein. -" 318 >— Die Erfahrung lehrt uns, daß die Versprechungen des allmächtigen Sultans selbst in Friedcnszritcn sich nickt verwirklichen ließen. Am allerwenigsten kann es> jetzt geschehen, wo die beiden und Unbilden auf beiden Seiten ihren Höhepunkt erreicht haben. Wir bcnöthigen eine rasche und entschiedene Hilfe von Seite der Großmächte, mit einer anderen ist uns nicht gedient. Sind die Mächte nicht in der ^!age, eine solche Hilfe uns ;u gewähren, so mögen sie uns unserem Schicksale überlassen. Wir sind überzeugt, daß uns kein Schreiben, sei dasselbe an wen immer gerichtet, welches nicht mit Schwert und Blut geschrieben ist, helfen kann. Wir bedauern auch tief, daß die Absender jenes Schreibens unsere freie Bewegung verhindern wollen. Man sagt, die Mächte mußten die Ehre und Unabhängigkeit des Sultans schützen; wir glauben, die Mächte hätten auch die Ehre und den freien Willen jener Staaten beschützen sollen, welche uns zu Hilfe kommen wollten und sollten. Dem ist aber nicht so. Während die Unabhängigkeit des Sultans geschützt wird, werden die christlichen Völker in Bosnien und der Hercegovina in die schwersten Ketten geschlagen, sowie auch die Staaten, welche mit mehr Recht „Staaten" heißen, als der Stambuler Staat. Erhabener Herr! Aus dem nach Konstantmopel geschickten Briefe, selbst wenn ihn der Sultan angenommen, ersehen wir, woran wir sind. Die Türken in Bosnien und der Hercegovina lachen nach wie vor über solche Briefe, sagend: „Niemals kann das Kreuz dem Koran gleichgestellt werden: die Djaurs können nie mit den Nachfolgern des Propheten gleichberechtigt sein." Erhabener Herr! Du warst gnädiglich uns gegenüber, übergib dem Kaiser und König von uns unsern wärmsten Dank für den uns gewährten Schutz unk -« 319 >— Hilfe; gleichzeitig bitte aber auch den Kaiser, Aller-höchstdersclbe möge auch in Zukunft unseren Familien Schutz und Hilfe nicht versagen. Wir, die wir bald nach der Heimat werden zurückkehren müssen, um dort entweder die Freiheit oder das Grab zu finden, bitten Dich, Du mögest uns die Waffen zurückerstatten lassen, die wir beim Uebertritt auf diese Seite den Behörden abliefern mußten. Denn in den Waffen liegt, wenn nicht die Rettung, doch die Gewähr, daß wir nicht ungerächt sterben werden. Wir verbleiben in der festen Zuversicht, daß diese unsere traurige Bitte von Dir gnä'diglich aufgenommen und Sr. Majestät dein Kaiser und König je eher zugestellt werden würde. Im Namen der bosnischen Flüchtlinge: Basso Vidovie, Ilija Vilbija, Iovo Bilbija^ Spassoje Vabic, Cinw Stefanovic, Bozo Ljuboja^ Stojan Vucenovic, Risto Dukil-, Pane Nikolie, Mica Surlan, Milos Robic, Marko Pengeric, Pope St. Popovic, Pope Tefec Petkovic, M. Smi-tran, Simo Somber, Pope Ignatje Popovic, Djuro Marjanovic, Vozo Davidovic, Dragoje Bralic^ Zvojo Motaul, Djuro Lendic. 320 V (Zu Seite 249.) Denkschrift der orlhodoren Bevölkerung des Vila- jels Prizren an die Minister des Answärligen der Pariser Traelal-Wchle April 1877. Excellenz! Schrecklich und elend ist unsere Lage. Bedrückungen Verfolgungen und Qualen sind unser Loos seit Jahrhunderten, und hundertfach sind unsere Leioen seit dem Jahre 1767 gestiegen, wo die türkischen Machthaber unser eigeues Patriarchat in Pec (Iftek) aufgehoben haben. Wir haben seit jener Zeit keine Priester mehr, denn man sendet uns aus Caregrad (Konstantinopel) Phanariotcn, die wir nicht verstehen, die uns berauben und bedrücken, aussaugen und verderben. Deren Anforderungen und Gewaltthaten brechen unsere Kraft, denn wir haben außer ihnen noch Tausende einheimischer und hergelaufener Räuber zu ernähren, als: Mudirs Muftis Kadis Zaptijehs Praschalarcn, die unser letztes Hab und Gut an sich reißen und davontragen. Unser Boden ist fruchtbar; wir haben Felder und Wiesen, Weiden und Wälder; und doch ist trotz unserer schweren Arbeit Hunger, Elend und Noth unser tägliches Brod. Unser ^eben ist eine Neihe von Unglücksfällen und Schrecknissen. Man schlägt uns, macht uns zu Krüppeln, tödtet uns: unsere Frauen und Töchter werden geraubt und geschändet. Der Türke, der ein serbisches Mädchen stiehlt, wird frei vom Militärdienst. Essad-Beg Derlovic aus Htetovo, ein Verwandter von —< 321 ^_ Akif Pasa, that hundert und zwei serbischen Mädchen Gewalt an; sie werden alle als seine Frauen gerechnet und keine wagt es zu heiraten. Jahraus jahrein sterben Hunderte unserer Brüder für nichts und wieder nichts. Unsere Klagen und Zeugenaussagen haben beim Gericht keine Geltung. In der Stadt können wir uns gefahrlos nicht zeigen, denn Steinwürfc begrüßen unser Erscheinen. Die Priester verlassen am Tage nicht ihre Wohnungen, denn sie risquiren ihr Leben. In die Kirche gehen wir nur des Nachts und begraben unsere Todten nur im Dunkeln; die Leichenzüge werden überfallen, der Sarg umgeworfen, die Leiche in den Koth geschleudert. Eine Reihe von Martern und Qualen ist unser Leben von der Wiege bis zum Grabe. Wir gehen schlafen mit der Furcht, den anderen Tag nicht zu erleben. Die Tyrannei Vergewaltigung und Rohheit haben bereits alle Gränzen überschritten. Auf Befehl des Dervis PaSa, der aus Asien und Europa in Mitrovica Vasi-bozuks zusammengezogen, wurden unsere Ansiedlungen in Kosovo-Polje verbrannt, beraubt und vernichtet; 121 Dörfer gingen in Flammen auf, 19 Kirchen wurden verwüstet, an ijOO Ansicdlungen wurden geplündert und mehr als 2090 Menschen wurden entweder get'ödtet oder in die Sclaverei geschleppt. In unseren Tempeln gibt es keine Glocken, weil die Türken uns nicht gestatten frei zu Gott zu beten. Und dies alles geschieht im Lande unserer Pater, inmitten unserer Kirchen und Klöster, unserer Festungen und Schlösser, der Zeugen unserer Vergangenheit, inmitten der Heiligthümer, die uns unsere Könige und Caren gebaut. Man will uns zu Türken machen. Wir wollen, wir können dies nicht thun, wir können den Glauben unserer Väter nicht abschwöret», unsere Nationalität nicht wechseln. Es ist uns unmöglich, länger unter türkischer Gewalt und Tyrannei zu leben. v. Hclfcrt. Bosnische«. , 21 -^ 322 >— Anderthalb Äiillionen Alt-Serben flehen um ihre Rettung; ihre Bitte ist keine kühne; vergessen von Europa, flehen sie um eine administrative Autonomie, wie sie Bosnien zugesagt, oder um die administrative Vereint» gung Alt-Serbiens mit Bosnien. Helfen Sie den Bedruckten! Frieden und Ruhe wirb dann zurückkehren; sonst gehen wir alle verloren. Wir bitten, unser serbisches Patriarchat in Pec wieder herzustellen und uns Vladiten und Priester aus unserem Volke zu geben. Dies ist unsere demüthige Bitte. Wir wollen eher zu Grunde gehen, als uns länger der Tyrannei der Türken und Phanarioten fügen. Unser Herz sagt uns, daß unsere Sache gerecht ist, und deshalb hoffen wir, daß unser Flehen erhört wird. (Folgen die Unterschriften.) Tiuck non G I. Vanz i» ^«^»«burg. b»