277161 Kaiser Fran; Josef I. Unser Kaiser z. z^ z^ Zein Leben unä wirken z^ z^. z^ Der Jugenä erzöbiii aus Nnlah cies secli^igjäNngen AegierungsMiläums äeinen k. u. k. NpostaMcben Majestät dranz Josef I. Von Leo 5moUe. Mit ZS rlbbiiclungen narii Ol iginoi-tliuitrcitionen cier k. u. k. ?amiiien- Zicieikommih-Libiiotliek in Wien unä nack Vkotograpiiien. Preis, gebunden, I Xrone 50 Uelier. Men. tm kaikerlicti-käniglicken Sckuibüctier-Verlage. 1408. 277161 /lile deckte vorbelialten Erstes Kapitel. liinäkeit unä 7ugenä. M er kennt nicht das herrliche kaiserliche Lustschloß Schönbrunn in Wien? Es ist der Lieblingsaufenthalt unseres Kaisers. Schon im Jahre 1570 ließ Kaiser Maximilian II. an dieser Statte, wo damals nur Wiesen und Felder, Wälder und Auen sich ausbreiteten, ein Jagdschlößchen erbauen. Unter Kaiser Matthias, der den sogenannten „schönen Brunnen" entdeckte, nach dem das Schloß später seinen Namen führte, wurde.-es "erweitert. Die Türken zerstörten, wie so Miekes, guch diesen anmutigen kaiser¬ lichen Jagdsitz. Kaiser Leopoldi, ließ im Jahre 1696 nach einem großartig angelegten Plaue des berühmten Architekten Fisch er von Erlach einen Neubau beginnen, aber erst unter Maria Theresia erhielt' das Schloß seine heutige Gestalt. Es enthält 1441 Gemächer, unter denen namentlich der sogenannte Spiegelsaal berühmt ist. Dieser schöne Palast hat eine ruhmvolle Vergangenheit. Hier weilte die große Kaiserin Maria Theresia gerne und erging sich mit Vorliebe in den weiten und langen Laubengängen des Parkes, die, obwohl nach 1* 6 französischem Geschmacke zugeschnitten, im Frühlinge und Sommer von lieblichstem Reize sind. Hier residierte zweimal, im Jahre 1805 und 1809, der sieggewohnte Soldatenkaiser Napoleon I. und die Hallen und Korridore des Schlosses erdröhnten von den festen Schritten seiner Garde und im Garten schimmerten im Sonnenstrahle die malerischen Uniformen der französischen Soldaten, die auf so vielen Schlachtfeldern für den unersättlichen Ehrgeiz ihres Kaisers gekämpft hatten. Hier starb, fast vergessen von der Welt, der einzige Sohn des gewaltigen Eroberers, der Herzog von Reichstadt. In diesem Schlosse wurde am 18. August 1830 ein Prinz geboren, der von der Vorsehung dazu ausersehen wurde, ein Liebling seiner Völker zu werden. In den Vormittagsstunden des genannten Tages verkündeten 101 Kanonenschüsse, die vor der Burgbastei — damals war die innere Stadt Wien noch von Basteien und Mauern umzingelt — niederdonnerten, den erfreuten Wienern die Geburt eines kaiserlichen Prinzen, dessen Vater, Erzherzog Franz Karl, der zweite Sohn des Kaisers von Österreich Franz I., und dessen Mutter, Erzherzogin Sophie, die Tochter des Bayernkönigs Maximilian war. Ein dem Redemptoristenorden angehöriger Priester trat gegen zehn Uhr des 18. August eben aus der Sakristei der Burgkapelle, um an den Altar zu gehen und das heilige Meßopfer zu verrichten, da überbrachte ein Leiblakai des Kaisers Franz den Befehl, der Priester, der zuerst an den Altar trete, möge die Messe für Seine Majestät lesen. Der Priester ahnte sogleich, worum es sich handle und bat, wie er nach vielen Jahren noch gern erzählte, Gott inbrünstig im Meßgebete, er möge doch dem guten Kaiser Franz in seinen alten Tagen die Freude bereiten und ihn noch die Gehurt eines Enkels erleben lassen, denn des Kaisers ältester Sohn Ferdinand, der nächste Erbe des Thrones, hatte keine Nachkommen. Gott erhörte das Gebet des Priesters, und als dieser wieder in die Sakristei zurücktrat, war das freudige Ereignis der Geburt eines kaiser¬ lichen Prinzen bereits in der Stadt verbreitet. Kaiser Franz übertrug auf diesen Enkel seine ganze großväterliche Liebe und Zärtlichkeit und der Prinz verlebte an der Seite des Großvaters Das kaiserliche Luftschloß Schönbrunn. 8 in Laxenburg, dem Lieblingsaufenthalte des Kaisers Franz, die fröhlichsten Tage stmnigen Kinderglücks. Habt ihr vielleicht schon einmal das Bild des Malers Fendi gesehen? Unseres Kaisers Großmutter, die Kaiserin Karolina Augusta, die wie ein Engel der Armen und Bedrückten durch diese Welt schritt, hatte es anfertigen lassen, um es in ihrem Zimmer immer vor sich zu haben. Ein wunderhübsches Bübchen in weißem Kleidchen wird von einem würdigen alten Herrn in die Höhe gehoben, um einem Soldaten, der kerzengerade mit präsentiertem Gewehr vor dem Schlosse Schildwache steht, eine Münze in die Patrontasche zu stecken, die der österreichische Soldat damals noch auf dem Rücken trug. Daneben steht eine vornehme ältere Dame und blickt glücklich lächelnd auf die rührend hübsche Szene. Mit diesem Bilde aber hatte es folgende Bewandtnis. Als unser Kaiser drei Jahre alt geworden, feierte er seinen Geburtstag in Laxen¬ burg bei den Großeltern. Es war ein wunderherrlicher Sommertag. Der kleine Prinz saß auf der Wiese mitten unter den Spielsachen, den Soldaten, Wägelchen und Häuschen, die er zum Geschenk erhalten hatte. Unfern davon saßen der Kaiser und die Kaiserin und freuten sich über die vor Glück strahlenden Augen ihres Enkels und die ungeschickten Bewegungen, die er im Eifer des Spieles mit seinen dicken Patschhändchen machte. Auf einmal blickte der Kleine auf und heftete seine Angen auf den vor dem Schlöffe patrouillierenden, Wache haltenden Soldaten. Und schon stapfte er auch zum Großpapa und sagte treuherzig: „Großpapa, gelt, der Mann ist recht arm?" „Ja, weshalb denn, Franzi?" meinte lächelnd der Kaiser. „Nun, weil er immerfort Wache stehen muß." „Nun, wenn du glaubst, so gib ihm dieses Geldstück, damit er nicht mehr arm ist." Voller Freude hüpft nun der Kleine zum Soldaten und hält ihm das Geldstück entgegen. Der aber präsentiert nur mit dem Gewehre und macht keine Miene, sich zu rühren. Sein ernstes Gesicht zuckt mit keiner Muskel; vergeblich spricht ihm der kleine Erzherzog freundlich zu, doch das Geld zu nehmen; alles umsonst. Ärgerlich läuft der Kleine zum Großpapa und klagt ihm sein Leid. „Ja weißt du, Franzi, im Dienst darf der Soldat nichts annehmen, da müssen wir's anders machen. Steck's ihm doch in seine Patrontasche!" 9 Ja, das wäre freilich ganz hübsch gewesen, aber wie mit den kurzen Ärmchen hinauflangen? Er reicht kaum bis zur Tasche, geschweige denn, daß er den Deckel hätte öffnen können. Da faßt ihn der Kaiser unter die Ärmchen und hebt ihn hinauf und die Kaiserin öffnet den Deckel der Patrontasche; jetzt kann der kleine Prinz das Geldstück bequem hineinlegen. Der kleine Erzherzog Franz Lofts und die Schitdwache in Larendurg. Als er mit seinen Beinchen wieder auf den Boden steht, klatscht er seelenvergnügt in die Hände und springt um den Soldaten herum. „Nicht wahr, Großpapa," rief er aus, „jetzt ist der Mann nicht mehr arm? Jetzt hat er viel Geld, jetzt kann er sich auch viele schöne Sachen kaufen, wie ich heut bekommen habe." Und nun freuten ihn die Spielsachen noch viel mehr, denn sein kleines Herz war sich bewußt, eine gute Tat verübt zu haben, und dieses Bewußtsein ist die beste Würze jeder Lebensfreude. 10 Wie freundlich verflossen so die Tage der Kindheit im schönen Laxenburg, wo das romantische Ritterschloß, eine getreue Nachbildung einer mittelalterlichen Burg, im stillen Weiher steht. Aber auch in der Kaiserburg in Wien weilte der kleine Erzherzog meist in der Nähe des Kaisers Franz und spielte oder sprang umher, wenn der Kaiser — vielleicht der fleißigste Herrscher, der je auf einem Throne gesessen — am Schreibtisch saß und arbeitete. So stand der kleine Prinz auch einmal im Vorzimmer des kaiser¬ lichen Arbeitsgemachs und beguckte die beiden Gardisten, die in diesem Vorraume Wache hielten und sich vor dem kleinen Erzherzog in Positur stellten. Besonders der jüngere der beiden Gardesoldaten mit dem freund¬ lichen Blicke, dem blonden Schnurrbärtchen in dem jugendfrischen Gesichte nahm trotz seiner Hünengestalt den kleinen Erzherzog ganz für sich ein, während er sich vor dem anderen, dessen martialischer grauer Schnurrbart Respekt einflößte, augenscheinlich ein bißchen fürchtete. Der kleine Erzherzog näherte sich also dem jüngeren, dessen Säbel mit dem schimmernden Portepee ihm ganz besonders in die Augen stach. Er ließ sich von ihm die Säbelgriffe zeigen. Dann bat und schmeichelte er solange, bis ihm der freundliche Gardist, freilich ganz gegen seine Vorschrift, den Säbel nur für ganz kurze Zeit überließ. Kaum aber hatte der Kleine die Waffe in seinen Händchen, als er sie auch schon als Steckenpferd und die neue Säbelquaste als Leitseil benützte und zur Türe hinaussprang, um lustig durch die verschiedenen Gemächer zu galoppieren. Mittlerweile verlebte der seiner Waffe beraubte Gardist wahre Höllenqualen, denn jeden Augenblick konnte jemand eintreten und ihn zur Rede stellen. Endlich, die Lichter am Kronleuchter wurden schon angezündet, kam der kleine Prinz wieder zurück, diesmal ein wenig kleinlaut, mit gesenktem Köpfchen und den Säbel an der goldenen Quaste nach sich schleppend. Voll Freude griff der Gardist nach seiner Waffe, von der er sich ganz gegen das Reglement so lange getrennt hatte; aber, du lieber Gott, wie sah das Portepee aus, ganz zerrissen und zerfranst; es waren eigentlich nur mehr traurige Überbleibsel, die an der Säbelkuppel hingen. Der Gardist, der den verlegenen Ausdruck im Gesichtchen des kleinen Blondkopfs bemerkte, sagte scherzend: „Jetzt bleibt nichts anderes übrig, als den Papa zu bitten, ein anderes Portepee kaufen zu lassen." II Da sah ihn der Prinz mit großen Augen an und meinte ganz stolz und resolut: „Das werde ich Ihnen kaufen, wenn ich einmal Kaiser bin." Und würdevoll schritt er in Großpapas Arbeitszimmer zurück. Der kleine Prinz wurde wirklich Kaiser und war als solcher ebenso großmütig und freigebig wie als fünfjähriges Bübchen, aber damals dachte wohl noch kein Mensch daran, daß Erzherzog Franz Josef den Thron besteigen würde, denn niemand konnte die Ereignisse vorausahnen, die ihm den Weg zur Herrschaft bahnen sollten. Der gute Kaiser Franz I. war am 2. März 1835 gestorben. Er hatte schwere und stürmische Tage erlebt. Die Napoleonischen Kriege waren der Anlaß, daß Franz II. die deutsche Kaiserkrone niederlegte; in den Friedensschlüssen zu Preßburg (1805) und Schönbrunn (1809) war das alte Habsburgerreich vieler schöner Provinzen beraubt worden. Trotz des Heldenmutes der Bewohner war das treue Tirol von Österreich losgetrennt worden und durch den Verlust des Küstenlandes und Dalmatiens war unser Staat ganz von dem Adriatischen Meere abgeschnitten worden. Als sich bald nach diesem für Österreich so traurigen Frieden fast ganz Europa gegen Napoleon erhob und der Wiener Kongreß die alte Ordnung in unserem Weltteil wieder herstellte, war endlich auch dem Kaiser Franz, der die Deutsche Kaiserwürde niedergelegt und den Titel eines Kaisers von Österreich angenommen hatte, die heißersehnte Ruhe beschieden. Seine ganze Sorge war nunmehr dahin gerichtet, diese fchwererkämpfte Ruhe seinen Ländern zu erhalten und alles abzuwehren, wodurch sie gestört werden konnte. Dies blieb auch das Ziel seines Nachfolgers, des Kaisers Ferdinand, dem die Geschichte mit Recht den Beinamen des Gütigen verliehen hat. Nach dem Tode des Kaisers Franz war's auch gar bald mit den goldenen Tagen der ungebundenen Kinderlust und Kinderfreiheit für unseren Erzherzog Franz Josef zu Ende. Er hatte das Glück, das höchste Glück, das einem Kinde beschieden sein kann, Eltern zu besitzen, die mit Liebe, aber zugleich auch mit einsichts¬ voller Strenge seine Erziehung leiteten. Sein Vater, der Erzherzog Franz Karl, war am 7. Dezember 1802 geboren und vermählte sich am 4. November 1824 mit Prinzessin Sophie von Bayern, die am 27. Jänner 1805 das Licht der Welt erblickt hatte. 12 Dieser Ehe entsprossen vier Söhne, unser Kaiser Franz Josef, dann seine Brüder, die Erzherzoge Ferdinand Max, Karl Ludwig und Ludwig Viktor. Die hervorstechendste Eigenschaft des Erzherzogs Franz Karl war leutselige Güte. Als er die Nachricht von der Geburt seines ersten Sohnes seinem kaiserlichen Vater in die Hofburg gebracht hatte und hierauf die Rückfahrt nach Schönbrunn antrat, sammelten sich die Leute massenhaft an, um den beliebten Erzherzog zu begrüßen und ihre Freude über das beglückende Ereignis in lauten Zurufen auszudrücken. Besonders die Straßen¬ jungen glaubten sich nicht genug tun zu können und liefen jubelnd und Vivat schreiend neben dem Wagen einher, dessen Kutscher recht rasch durch die Mariahilserstraße fuhr. Da erhob sich Erzherzog Franz Karl im Wagen und rief dem Kutscher im gemütlichen Wienerisch zu: „Fahr' nöt so g'schwind; die armen Buben rennen sich ja die Lungensucht auf'n Hals." Und so ging's dann im gemütlicheren Tempo nach Schönbrunn, obwohl der Erzherzog schon sehr gerne wieder bei seiner erlauchten Gemahlin gewesen wäre, deren Befinden nach der Geburt ihres ersten Kindes anfänglich ziemlich besorgniserregend war. Zeitlebens blieben die Wiener dem Erzherzoge Franz Karl, dein Vater ihres Kaisers, in aufrichtiger Liebe zugetan. So einfach der Erzherzog in allem, was seine Person betraf, war, so konnte er sich doch nie ent¬ schließen, anders als in den von sechs Schimmeln gezogenen Galawagen auszufahren. Er tat dies aber doch nicht so sehr aus Prunksucht, als vielmehr deshalb, weil er den Dienern die besonderen Zulagen, die sie für solche Fahrten beanspruchen dursten, nicht entziehen wollte. Von seiner Herzensgüte wollen wir nur ein Geschichtchen erzählen, das sich eines Tages im Wiener Prater zutrug. Zwei Herren in Zivil, der eine mit grauem Haupt- und Barthaar, der andere bedeutend jünger, schritten einst an einem Wintertage des Jahres 1878 in der ersten Nachmittagsstunde gemessenen Schrittes die Hauptallee des Praters hinab. Da tritt plötzlich ein kaum' zehnjähriges Mädchen auf sie zu und hebt die von Frost geröteten Händchen bittend empor. Auf ein Wort des alten Herrn greift sein jüngerer Begleiter sogleich in die Tasche und reicht dem armen Kinde ein ansehnliches Geldgeschenk. Erzherzog Franz Karl, Ler Vater Les Kaisers. 14 Freudig eilt das Mädchen auf einen abseits vom Wege stehenden ärmlich gekleideten Greis zu und streckt ihm das Almosen entgegen, doch im selben Augenblicke naht sich den beiden ein livrierter Diener und bedeutet ihnen, daß es unziemlich sei, Mitglieder des Allerhöchsten Kaiserhauses anzubetteln, und schon eilt auch ein Wachmann herbei und macht Miene, den Alten und das Kind abzuführen. Doch kaum will er sich anschicken, seines Amtes zu walten, so ertönt hinter ihm eine Stimme: „Lassen Sie die armen Leute; ich wünsche es. Sie haben ja nichts getan." Und zu dem vor Angst zitternden Vater des Mädchens gewendet, sagte der vornehme Herr mit dem weißen Haar und Bart und den milden, freundlichen Gesichtszügen: „Gehen Sie jetzt ruhig ihrer Wege und kommen Sie morgen in den Nachmittagsstunden zu mir; ich bin — Erzherzog Franz Karl." Mit Tränen in den Augen setzten der Alte und das Kind, dessen schmales Gesichtchen nun nicht mehr bloß vor Kälte, sondern auch vor Freude ganz rot war, ungestört ihren Weg fort und der liebe, gute Vater unseres Kaisers sorgte, wie er es versprochen hatte, auch weiter noch für den braven, unverschuldet in Armut geratenen alten Mann. Den Prater liebte überhaupt Erzherzog Franz Karl ganz besonders und er fehlte, wenn er in Wien war, fast an keinem Tage in der Hauptallee. Wenn das junge Grün des Frühlings die Bäume mit neuem Schmucke umkleidete und die herrlichen Kastanienbäume ihre Blütenkerzchen aufsteckten, oder wenn das Laub in voller Sommerpracht prangte und erquickenden Schatten spendete, verließ der Erzherzog stets seinen Wagen und legte eine große Strecke zu Fuß zurück. Er freute sich der Schönheit der Natur und der frohen Menschen, die ihn ehrerbietig begrüßten. Bei den glänzenden Korsofahrteu in der Prater Hauptallee fehlte die sechsspännige Equipage des lieben Erzherzogs wohl niemals. Die Erziehung der Kinder ruhte mehr in den Händen der Erzherzogin Sophie, einer Frau von starkem Geist und feurigem Herzen, die ihr neues Vaterland, dem sie durch das Band ihrer Ehe angehörte, mit glühender Hingebung liebte und kein anderes Ziel kannte, als seinen Ruhm und seine Größe zu fördern. 15 j > Erzherzogin Sophie mit dem Klemen Erzherzog Fran; Loses. Diese Gedanken flößte sie auch ihren Söhnen ei». Kaum war Franz Josef sechs Jahre alt geworden, begann der volle Ernst des Unterrichts, den er später mit den beiden ihm an Alter zunächst stehenden Brüdern teilte. Ein Prinz muß viel mehr lernen, als andere Kinder aus vornehmen Häusern oder aus dem Mittelstände; besonders ein österreichischer Erzherzog, 16 der schon früh die verschiedenen Sprachen seines Reiches sich zu eigen machen muß, um, wenn er herangewachsen ist, mit jedem Volke in seiner Muttersprache verkehren zu können. So hatte auch der kleine Erzherzog Franz Josef viel zu lernen und die Stunden der Erholung wurden ihm nicht allzureichlich zugemesfen. Der kleine Prinz war außerordentlich willig und lerneifrig und erfreute gleich im ersten Unterrichtsjahre besonders seinen Schreiblehrer durch die schönen und sicheren Zuge seiner Handschrift. Noch im hohen Alter hat unser Kaiser seine klare und feste Schrift beibehalten. Im Sommer trafen die Erzherzoge mit ihren Spielkameraden, unter denen die beiden Söhne des Grafen Heinrich Bombelles, der die Erziehung der jungen Erzherzoge leitete, Markus uud Karl, ferner der Graf Franz Coronini, die Söhne des Fürsten Metternich, Richard und Paul, die Grafen Franz, Rudolf, Julius und Ladislaus Falkenh ayn, dann Graf Eduard Tanffe, später unseres Kaisers erster Minister, gewöhnlich auch die beiden jungen Erdödy, Thomas und Franz, Denes Szechemst, Eduard Stadion und Ernst Hoyos zu nennen sind, an einem bestimmten Tage der Woche in einem abgeschlossenen Teile des Schönbrunner Schloßparkes, dem sogenannten Bowlinggreen, zusammen. Hier wurde nun nach Herzenslust gespielt. War das Wetter schlecht, so dienten die beiden mittleren Galerien des Schlosses der munteren Knabeu- schar zum Tummelplatz. Aber auch in den kindlichen Spielen lag Zweck und Absicht. Vor allem sollte Gesundheit und Kraft des Körpers durch gesunde Leibesübungen gefördert werden. Ist doch der alte Spruch: Nur im gesunden Körper wohnt eine gesunde Seele! von tiefer Wahrheit. Nicht Wissen und Kenntnisse allein machen den Menschen fürs Leben tauglich; Gewandtheit und Geschicklichkeit in allen Leibesübungen sind nicht minder notwendig. Sie machen den Knaben mutig und lebenslustig und flößen ihm jenes Vertrauen in seine eigene Kraft ein, dessen er vor allem bedarf, wenn er, herangewachsen, seinen Mitmenschen helfen und den Kampf mit allen Widerwärtigkeiten des Lebens mit frohem Wagemut aufnehmen soll. 17 So wurden denn die Spiele der jungen Erzherzoge sorgsam geleitet und erhielten schon früh jenen militärischen Anstrich, durch den Disziplin und Zucht, Kraft und Mut geweckt wurden. Selbst eine kleine, von zwei Ponies gezogene Kanone kam bei diesen fröhlichen Spielen der kleinen Soldaten zur Verwendung. War das ein Jubel, wenn die Truppe der munteren Knaben durch das Gittertor nächst der Maria Theresienbrücke aus dem Schönbrunner Parke hervorbrach und mit den kleinen, aber genau nach dem Muster der Armeewaffe verfertigten Gewehren und der Miniaturkanone auf das sogenannte „grüne" Tor schoß, das den Park gegen die Hetzendorfer Allee abschließt, und wenn dann die siegreiche Armee von jungen Helden durchs erstürmte Tor ihren Einzug hielt. Gewöhnlich sammelte sich in der Nähe ein zahlreiches Publikum au und sah mit Lust diesen Spielen zu, in denen die Behendigkeit und Geschicklichkeit der kleinen Soldaten, deren Anführer gewöhnlich Erzherzog Franz Josef war, so trefflich zur Geltung kamen. Doch auch Spiele friedlicherer Art wurden nicht vernachlässigt. Wenn das Wetter die Kinder von der Betätigung im Freien abhielt, kamen andere gesellige Vergnügungen an die Reihe, au denen sich gewöhnlich auch die Mutter unseres Kaisers, Frau Erzherzogin Sophie, beteiligte. Unter der Leitung eines französischen Abbe wurden hie und da kleine Theaterstücke aufgeführt, in denen Erzherzog Franz Josef aber nur ein einziges Mal anftrat. Es geschah dies, als zur Feier des Namensfestes der Frau Erz¬ herzogin Sophie am 15. Mai 1845 im reizend hübschen Theatersaal des Schönbrunner Lustschlosses ein kleines französisches Theaterstück: Iw siös'6 äo Oolollostmo (Die Belagerung von Colchester) von den drei Erzherzogen Franz (Franz Josef), Ferdinand (Ferdinand Max) und Karl (Karl Ludwig) aufgeführt wurde; Erzherzog Franz Josef spielte die Rolle des Lord Capell, Gouverneurs von Colchester. Es war das erste und einzige Mal, daß unser Kaiser in seiner Jugend vor einer größeren Zuhörerschaft anftrat. Den jungen Erzherzogen zu Ehren wurden auch bei Hofe in jedem Fasching große Kinderbälle gegeben. Aber über den Spielen und Festlichkeiten wurde der Ernst nicht verabsäumt; sie waren nur die nicht allzureichlich zugemessene Würze, Smolle, Unser Kaiser. 2 18 die den eifrig betriebenen Unterricht und die vielen Lernstunden ver¬ süßen sollte. Und lernen mußte unser Kaiser, wie wir wissen, viel, sehr viel, mehr als so manches verwöhnte Söhnlein eines Privatmannes, den schon jede kleine Lektion eine furchtbare Qual dünkt. In dieser Hinsicht hielt man sich am Kaiserhofe an die goldenen Worte, die einst der edle Volkskaiser Josef II. uiedergeschrieben hatte, als ihm die Erziehung seines Neffen, des Großvaters unseres Kaisers, am Herzen lag. „Ein jeder einzelne Bürger des Staates," heißt es in diesem an den Obersthofmeister Grafen Colloredo gerichteten denkwürdigen Schrift¬ stücke, „kann sagen, daß, wenn sein Sohn gerät, er auch nutzbar sein wird, und wenn er nicht gerät, er doch, da er kein Amt oder Dienst alsdann überkommen wird, dem Staate nicht nachteilig werden könne. Ein Erzherzog aber, ein Thronfolger, ist nicht in diesem Falle; da er das wichtigste Amt, die Leitung des Staates, einst auf sich hat, so ist nicht die Frage, ob er gerät? Er muß geraten, weil er in jedem Teil der Geschäftsleitung, den er nicht hinlänglich kennen lernt, über den er nicht echte Grundsätze annimmt und zu dessen Ausführung und Festhaltung er sich nicht die Seele und den Leib stark genug bildet, schon dem allgemeinen Besten nach¬ teilig und schädlich ist." Nach diesen Grundsätzen leitete Erzherzogin Sophie die Erziehung und den Unterricht ihrer Söhne. Selbst auf die kleinsten Einzelheiten erstreckte sich ihre Sorgfalt. Sie duldete keine Nachlässigkeit, keine Unauf¬ merksamkeit, keinen Unfleiß. Die Unterrichtsstunden mußten pünktlich eingehalten, die Aufgaben rechtzeitig und sorgfältig gemacht werden. In dieser Beziehung glich sie ganz der großen Stammutter unseres Herrscherhauses, der Kaiserin Maria Theresia, die sich ebenfalls trotz der Bürde von Geschäften mit rührendem Eifer der Erziehung ihrer Kinder widmete. Wie oft saß der kleine Franzi (denn so wurde unser Kaiser als Knabe von seinen Eltern und Verwandten gerufen) noch am späten Nach¬ mittage, über eine Rechenaufgabe gebückt, in einem Zimmer der Hof¬ burg, während der goldene Sonnenschein so verführerisch ins Freie lockte und die Vögel im Burghofe ein schmetterndes Frühlingskonzert veranstalteten. Aber das Pflichtgefühl hielt den kleinen Studenten an den Tisch gebannt, bis das Rechenexempel gelöst, die Aufgabe zu Ende geschrieben war. Nie kleinen Erzherzoge Franz Loses, Ferdinand Mar und Garl Ludwig. 20 Das Pflichtgefühl, einmal im Kinderherzen geweckt, schlägt tiefe Wurzeln und bleibt dann durchs ganze Leben des Menschen schauster Besitz, der ihm die Arbeit leicht und die Ruhe süß macht. Niemals hätte unser Kaiser während seines laugen Lebens so viel Schweres erdulden und bis ins hohe Alter die ungeheure Last der Arbeit tragen können, wenn ihn nicht das Vertrauen auf Gott und das Gefühl für seine Pflicht aufrecht erhalten hätten. Sehr häufig wohnte Erzherzogin Sophie den Unterrichtsstunden ihrer Söhne bei, tadelte mit einem strengen Blick etwaige Unaufmerksamkeiten und belohnte mit freundlichem Lächeln eine geschickte Antwort und regen Lerneifer. Welches Glück kommt dem der Mutter gleich, die sich aus innigstem Herzensgründe über das körperliche und geistige Gedeihen ihrer Kinder freut? Dieses Glück ward der Mutter unseres Kaisers in reichstem Maße zuteil. Ihr ältester Sohn blühte in geistiger und leiblicher Gesundheit heran und aus dem schüchternen, etwas zaghaften Knaben, den die Hand seines Erziehers, des Grafen Johann Coronini, ziemlich streng gelenkt hatte, wurde bald ein wohlgestalter Jüngling, mit offenem, kühnem Mut, stolzem Ehrgefühl und freiem Blick für die Welt und ihre Vorgänge. Diese Wandlung im Charakter des jungen Erzherzogs war haupt¬ sächlich das Werk seines neuen Lehrers, des Obersten Franz Ritter von Hau slab, in dessen Hände seit dem Jahre 1843 die militärische Aus¬ bildung des jungen Erzherzogs gelegt wurde. Hauslab war ein tüchtiger Offizier, hatte mehrere Jahre als Lehrer der Terrainlehre an der Genieakademie in Wien gewirkt, eine Anzahl vornehmer türkischer Offiziere herangebildet und suchte in seinem erlauchten jungen Zöglinge vor allem den Mut und die Lust am Waffenwerke und Kriegsdienste zu wecken. Seine Erziehungsgrundsätze, die er in einem eigenen Programm ausarbeitete, waren vortrefflich. „Es ist nicht das viele Wissen," so heißt es in diesem Schriftstücke, „welches im Leben Nutzen gewährt. Nicht bloß auf das Verstandesvermögen, sondern auch auf die Bildung des Charakters hat der Unterricht Einfluß, wenn dies auch seltener berücksichtigt wird. Ausgebreitete Kenntnisse geben Leichtigkeit und Mut, sich in der Welt zu bewegen. Die Scheu verliert sich, wenn man weiß, nur Bekanntem zu begegnen. Klare, bestimmte Kenntnisse, übergegangen in innere Überzeugung, geben Festigkeit und 21 Beharrlichkeit, schützen vor Täuschung und bewahren vor der Furcht, getäuscht zu werden, ans der dann Mißtrauen entsteht." So wurde denn aus dem jungen Prinzen unter der Leitung dieses ausgezeichneten militärischen Erziehers bald ein Soldat mit Leib und Seele, ein kühner Reiter, dem kein Hindernis zu schwer, kein Graben zu breit, keine Anhöhe zu steil, kein Pfad zu schmal und steinig war, um auf feurigem Roste dahinzusprengen. Noch jetzt in hohem Alter fitzt unser Kaiser elegant zu Pferde und tummelt sein schlankes, edles Leibroß mit sicherer und fester Hand. In der Jugend war ihm kein Ritt zu beschwerlich, mochte er mm auf den rauhen Gebirgspfaden des Karstes, in den zerklüfteten Felsen Dalmatiens zur Höhe hinanklimmen oder auf den endlosen Puszten Ungarns, im windschnellen Galopp der lockenden Ferne entgegenstürmen. Wie oft hatten die Wiener Gelegenheit, den jungen Kaiser zu bewundern, wenn er auf edlem Renner, der aus arabischem Geblüte stammte, in den Alleen des Praters dahinritt, mit geschmeidiger Anmut den Bewegungen des Tieres nachgebend, ausdauernd und unermüdlich in Kraft und Jugendlust! Die militärische Erziehung des Erzherzogs Franz Josef erstreckte sich auf alle Waffengattungen und noch heute zeigt man die Uniformen, die der junge Prinz als einfacher Soldat in den verschiedenen Zweigen des militärischen Dienstes getragen hatte. "^Erzherzog Franz Josef lernte diesen Dienst von der Pike auf kennen. Als einfacher Rekrut stand er gleich jedem anderen Soldaten in Reih und Glied und durfte erst kommandieren, nachdem er als Infanterist, Kavallerist und Kanonier die Probe bestanden hatte. / Wie freute er sich, als er in der Charge eines Zugsführers in der Josefstädter Kaserne vor seinem Vater, dem Erzherzog Franz Karl, sein erstes Reiterkunststück ausführte und in gestrecktem Lauf des Pferdes die ganze Länge des Hofes durchjagte und während des Fluges mit Kraft und Sicherheit die Lanze — damals führten die Uhlanen noch diese Waffe — über seinem Kopfe schwang! Im Range eines Obersten kommandierte er auf der Simmeringer Heide sechs Batterien mit solcher Geschicklichkeit und Sicherheit, daß selbst die ältesten Soldaten dem Jüngling, dem bald die Herzen aller Krieger zuflogen, ihre Bewunderung nicht versagen konnten. 22 o- Doch der rauhe Dienst der Waffen unterbrach keineswegs den Unterricht in allen Zweigen der. Wissenschaft und Kunst. In den Ernst kriegerischer Beschäftigung schlangen sie ihre holden Blüten. Unter den Künsten war es besonders die bildende Kunst, die den jungen Erzherzog anzog und für die er, wie auch sein jüngerer Bruder, Erzherzog Karl Ludwig, ausgesprochene Vorliebe und Begabung zeigte. Unter der Leitung des bekannten Künstlers Johann Nepomuk Geiger wurde der Erzherzog bald ein vortrefflicher Zeichner, der Personen und Gegenstände nicht bloß mit charakteristischer Trene, sondern auch mit feinem, liebenswürdigem Humor durch den Griffel wiederzugeben wußte. Noch manche Zeichnungen aus der Jugendzeit unseres Kaisers sind erhalten, die von dem Talent und der Begabung ihres Urhebers Zeugnis geben - eine Osteria *) mit zechenden Bauern, Taschenspieler, die eine Menge erstaunter Zuschauer an sich locken, das Verdeck eines Schiffes mit Matrosen, die sich lustig umhertummeln, und manche andere hübsche und launige Szenen, die der Stift des jungen Künstlers flott und frisch fest¬ gehalten hat. Zeit seines Lebens behielt unser Kaiser diese Vorliebe für die Malerei und bildende Kunst und er versäumt es nie, die verschiedenen Kunstausstellungen in Wien zu besuchen oder, wenn er auf Reisen ist, Museen und Sammlungen von Kunstwerken eingehend zu besichtigen. Er überrascht hiebei durch sein feines und richtiges Urteil die erfahrensten Kunstkenner. Je älter der Erzherzog wurde, desto umfangreicher ward auch der Kreis der Wissenschaften, in die der erlauchte Zögling eingeführt werden sollte. Die beste der Mütter, Erzherzogin Sophie, selbst eine Frau von ungewöhnlichem Reichtum der Kenntnisse und vornehmster Geistes- und Herzensbildung, war in der Wahl der Lehrer für ihre Söhne ebenso gewissenhaft als glücklich. So erhielt denn der Erzherzog Franz Joses Unterricht in der Geschichte, Naturgeschichte, Chemie, Sternenkünde, Geographie und in anderen Zweigen des menschlichen Wissens durch die berufensten Ver¬ treter dieser Fächer. Besonders die Geschichte und Naturlehre übte auf den lernbegierigen Zögling den stärksten Reiz aus. Sich in die Vorzeit zu versenken, die Italienische Schenke. 23 gewaltigen Taten verstorbener Helden zu bewundern, die großen Männer des Vaterlandes, seine edlen Fürsten, ruhmvollen Heerführer, Künstler nnd Gelehrten kennen zu lerneu und mit Liebe in sein Herz einzuschließen, bereitete ihm das größte Vergnügen. Das erste Buch, iu das sich Erzherzog Franz Josef mit wachsender Lust vertiefte, war Homers unsterbliche Dichtung, die Iliade. Wie rötete sich seine Wange, wenn er las, wie der schnellfüßige Achilles den tapfer» Hektor um die Mauern Trojas jagte, während Andromache im Palaste ihr und des kleinen Astpanar Los beweinte! Wie füllte sich das Herz des jungen Lesers mit Mitleid für den greisen König Priamus, der als Bittender ins Lager der Griechen kommt, um das Herz des starren Achill zu erweichen! Eine wohlausgewählte Lektüre ist unendlich wichtig. Gnte Bücher sind eine Quelle reicher Lust. Sie beleben unseren Geist mit anmutigen und schönen Bildern und bewirken, daß wir stets besser und für alles Schöne empfänglicher werden. Immer ernster und schwieriger wurden die Unterrichtsgegenstände des jungen Erzherzogs; Philosophie und Rechtswissenschaften wurden gründlich vorgenommen. Hofrat. Lichtenfels war Lehrer des bürgerlichen und Strafrechtes, Domherr Columbus unterwies den erlauchten Schüler im Kirchenrechte und Otmar von Rauscher, der spätere Kardinal-Fürst¬ erzbischof von Wien, trug Philosophie vor. Alle Sonntage verfügte sich der junge Erzherzog in die Staats¬ kanzlei, wo Fürst Metternich, Österreichs berühmter Minister und Staats¬ lenker, den Prinzen in die Grundsätze der Regierungskunst einfuhrte. Denn immer nachdrücklicher wurde eine etwaige Thronbesteigung des Erzherzogs Franz Josef in Aussicht genommen; von Tag zu Tag trat in schärferen Umrissen die Möglichkeit hervor, daß dieser Prinz, der älteste Sohn des Brnders Kaiser Ferdinands, berufen sein werde, das Zepter zu ergreifen und die Freude der Jugend mit den schweren Pflichten des Herrschers zu vertauschen. Die Ereignisse drängten immer entschiedener zu diesem Schritte. Werfen wir daher einen Blick auf die Lage unseres Vaterlandes zur Zeit der Regierung des Kaisers Ferdinand. Zweites Kapitel. Vie lUironbesteigung. Kongreß zu Wien, diese großartige Versanunlnng von Fürsten und Staatsmännern ans allen Ländern Europas, hatte die durch Napoleon gestörte Ordnung der Verhältnisse wieder hergesteltt. Fortan war, wie dies unsere Erzählung bereits berührte, Kaiser Franz, der, seitdem er die Würde eines Deutschen Kaisers niedergelegt hatte, sich Franz I., Kaiser von Österreich, nannte, vor allem darauf bedacht, seinen schwergeprüften Ländern den Frieden zu bewahren und alles fernzuhalten, was die Geister der Völker beunruhigen oder auf¬ regen konnte. Aber dieser Zustand der Ruhe sollte nicht allzulange dauern. Denn sowenig der aus schwerer Krankheit Genesene stets im ver¬ schlossenen Zimmer bleiben soll, vielmehr Bewegung im Freien und frischer Luft bedarf, um seine neuerstarkten Glieder vollends zu kräftigen, so bedürfen auch ganze Staaten und Völker der Betätigung ihrer auf¬ blühenden Kraft. Wieder war es Frankreich, von dein die Beunruhigung der europäischen Staaten ausging. Dort war nach der Vertreibung Napoleons das Haus Bourbon wieder auf den uralten Königsthron gesetzt morden, aber schon der zweite König dieses Fürstengeschlechtes, Karl X., wurde durch die Revolution, die im Juli 1830 in Paris ausbrach, vom Throne gestoßen und Prinz Ludwig Philipp von Orleans aus einer Nebenlinie des königlichen Hauses auf diesen erhoben. Aber auch mit der Regierung dieses Königs war ein großer Teil der Franzosen unzufrieden und durch- die Bewegung, die inan die Pariser Februarrevolution nennt, wurde auch er des Thrones verlustig. Nun wollten die Franzosen ohne König bleiben. Sie riefen die Republik aus. Alle diese Erschütterungen verpflanzten sich, einem Erdbeben gleich, auch in die anderen europäischen Länder. Besonders die Februarrevolution erregte in den meisten europäischen Hauptstädten ähnliche Bewegungen. Die Völker, die bisher von der Gesetzgebung und Regierung ausgeschlossen waren, erhoben sich und verlangten Anteilnahme an der Verwaltung des Staates. Dies war auch in unserem Vaterlande der Fall, wo auf Kaiser Franz I. sein ältester Sohn Ferdinand I. gefolgt war, der wohl von seinem Vater die menschenfreundliche Güte geerbt hatte, aber meist kränklich war und dessen Schultern die Bürde der Regierung immer drückender und beschwerlicher wurde. Sein ältester Bruder, Erzherzog Franz Karl, auf den die Krone hätte übergehen müssen, verzichtete gleichfalls darauf, iu so schwerer und unruhiger Zeit die Last der Herrschaft zu übernehmen. So wurde denn in den Kreisen des Hofes immer bestimmter jener Prinz als Thronfolger in Aussicht genommen, dessen frischem Wagemut nnd ritterlicher Kühnheit man Schweres zumnten konnte. Dies war der älteste Neffe des Kaisers, Erzherzog Franz Josef. Zum ersten Male trat der Erzherzog in der Öffentlichkeit hervor, als er in Stellvertretung des Kaisers am 16. Oktober 1847 den ungarischen Reichstag zu Preßburg eröffnete, auf dem Erzherzog Stephan, der Sohn des Palatins Erzherzog Josef, zum Obergespan des Pester Komitats erwählt wurde. Schon die äußere Erscheinung des jungen Erzherzogs erweckte die lebhaftesten Sympathien der Versammlung. In der kleidsamen Uniform 26 der Kaiserhusaren trat seine schlanke, elegante Gestalt, die der ganze Zauber der Jugend umstoß, auf das vorteilhafteste zu Tage. Und als er nun mit klangvoller, weithin vernehmlicher Stimme seine Anrede begann und in tadellosem Ungarisch seine lebhafte Freude ausdrückte, daß er seine erste Amtshandlung im geliebten Ungarlande vornehmen könne, da folgte den Worten des ritterlichen Prinzen brausender Jubel. Die Versammlung sprang von den Plätzen auf und feurige Eljen- rufe durchschallten den Saal. Bisher hatte noch nie ein Vertreter des Thrones zu den Ungarn in ihrer Sprache gesprochen. Kaiser Franz sprach immer lateinisch. Mail kann sich daher die Freude denken, die man in Ungarn über die warme und herzliche Ansprache des jungen Erzherzogs empfand. Es bestand der Plan, den Erzherzog noch genauer mit der Ver¬ waltung des Staates vertraut zu machen. Er sollte Statthalter von Böhmen werden. Da traten jene Ereignisse ein, die, eine Folge der französischen Februarrevolution, unsere ganze Monarchie aufs tiefste erschütterten. Die Eröffnung der niederösterreichischen Stände im Landhause zu zu Wien am 13. März 1848 war das Zeichen zu gewaltsamen politischen Bewegungen, die von Wien aus sich in fast alle Teile des Reiches verpflanzten. Es blieb nicht bei ruhigen, ernsten Forderungen der Bürger. Immer stürmischer wurde die Bewegung, immer gewalttätiger das Auftreten der leidenschaftlich erhitzten Volksmafsen. Als sich am Abend des 15. Mai ein bewaffneter Volkshaufe gegen die Kaiserburg in Wien heranwälzte, beschloß Kaiser Ferdinand, mit seinem Hofstaate Wien zu verlassen und sich nach Innsbruck zu begeben. Der junge Erzherzog war schon kurze Zeit vorher nach Italien entsendet worden, wo sich große Ereignisse vorbereiteten und der greise Feldmarschall Rad etzkp seinen bewährten Degen nut neuen, unverwelklichen Lorbeeren schmücken sollte. Erzherzog Franz Josef sollte dem Getriebe der Parteien ganz ent¬ zogen werden und inmitten der tapferen Armee für Österreichs Ruhm und Ehre einstehen. Deshalb seine Reise nach Italien. Am 29. April 1848 traf er im Hauptquartier Radetzkys, in Verona, ein. 27 Damals gehörte die Lombardei und Venetien unter dem Namen des lombardisch-venetianischen Königreichs zu Österreich. Aber die von Paris ausgehende Revolution hatte sich auch nach Oberitalien verbreitet. Es gab eine mächtige Partei, welche die Vereinigung der Lombardei und Venetiens mit dein Königreiche Sardinien anstrebte. Am 18. März begann in Mailand, der Hauptstadt der Lombardei, ein furchtbarer Aufstand; fünf Tage währten die blutigen Straßenkämpfe. Feldmarschall Radetzky, Generalkommandant der Armee in Ober¬ italien, faßte den Entschluß, sich aus Mailand zurückzuziehen und in Verona Verstärkungen zu erwarten. So zog denn die österreichische Besatzung in der Nacht vom 22. auf den 23. März aus Mailand hinaus. Es war eine unheimliche Nacht; eine grauenhafte Finsternis herrschte ringsum und ein kalter Wind blies über die Ebene. Sein Heulen vermischte sich mit dem unheimlichen Geläute der Glocken, das mm schon durch fünf Tage von allen Türmen der Stadt ertönte. Dazu wirbelten die Trommeln und warfen die Flammen der in Brand gesteckten Häuser grausige Lichter auf die marschierenden Soldaten, die, obwohl ermüdet vom mehrtägigen, tückischen Straßenkampfe, dennoch in geschlossenen Reihen aus dem Tore der Stadt in die rabenschwarze, sturmdurchtobte Nacht hinauszogen. Aber in dieser Nacht leuchtete ein Stern, ein Stern der Hoffnung und des Ruhmes — Radetzky! Und dieser Stern erglänzte gar bald in den Siegen von Santa Lucia, Curtatoue, Goito, Cnstozza und endlich in der blutigen Schlacht von Novara, am 23. März 1849, durch die der ganze Feldzug gegen das Königreich Sardinien entschieden und die Lombardei vom Feinde befreit wurde. Das Erscheinen des Erzherzogs Franz Josef, den schon viele als Thronfolger betrachteten, im Feldlager, versetzte den greisen Feldmarschall Radetzky anfänglich in keine geringe Unruhe. Er sprach dies auch dein Erzherzoge gegenüber rückhaltslos aus: „Kaiserliche Hoheit!" sagte er, „Ihre Gegenwart bereitet mir nur Schwierigkeiten. Trifft Sie ein Unglück, welche Verantwortlichkeit für mich! Werden Sie gefangen, so können alle Vorteile, die meine Armee erringt, verloren gehen!" Auf diese besorgten Worte Radetzkys entgegnete der junge kaiserliche Prinz im Tone ruhiger Entschlossenheit: „Herr Feldmarschall! Es mag 28 cine Unvorsichtigkeit gewesen sein, mich hieher zu senden; da ich nun aber einmal hier bin, verbietet es nur meine Ehre, unverrichteter Dinge zurück¬ zukehren." ""In der Schlacht bei Santa Lucia, am 6. Mai 1848, empfing der junge Erzherzog seine Feuertaufe^/An seiner Seite war Erzherzog Albrecht, der Sohn des Siegers von Aspern, beide in der Blüte der Jugend stehend. Besonders heiß war der Kampf um den festummauerten Kirchhof des Dorfes. Hier verrichteten die braven Zehnerjäger des Obersten Kopal wahre Wunder der Tapferkeit. Der Feldmarschall wich keinen Augenblick vom Kampfplatz, ebensowenig seine Begleiter, die Erzherzoge Franz Josef und Albrecht. Der Erzherzog schien, wie ein Augenzeuge erzählt, mit der Gefahr förmlich zu scherzen, und als eine Kugel nicht weit von ihm in den Boden schlug und Erde und Sand nach allen Seiten aufflog, achtete er dessen so wenig wie ein Knabe, an dem im Spiele der Ball vorüberfliegt. Sorglos, wie die harmlose Jugend zu sein pflegt, spornte er sein Roß, um aus dem blutigen Getümmel von Santa Lucia nach Crocebianca hinüberzureiten, wo der kühne D'Aspre in einen nicht minder heißen Kanipf gegen die feindliche Übermacht verstrickt war. I Über die Haltung des Erzherzogs Franz Josef berichtete Feldmarschall Radetzky an den Kriegsminister: „Ich selbst war Augenzeuge, wie eine Kanonenkugel auf kurze Entfernung vor dem Erzherzog einschlug, ohne daß er die geringste Bewegung dabei verriet.^/" Für seines Vaterlandes Freiheit und Ruhm sich Gefahren auszusetzen, soll beherzten Knaben und mutigen Jünglingen stets als das lockendste Ziel Vorschweben. Es gibt keinen größeren Ruhm als den, den das dank¬ bare Vaterland seinen tapferen Söhnen bereitet, die für seine Größe und Ehre kämpfen. Am 8. Juni des Jahres 1848 traf Erzherzog Franz Josef in Innsbruck ein, wo damals der kaiserliche Hof weilte. Nur ungern hatte er sich von dein Kriegsschauplatz und den Kameraden getrennt, die sich um den greisen Helden Radetzky scharten, der sie von Sieg zu Sieg führte. Niemand erglühte mehr für die Heldentaten Radetzkys und seiner Soldaten, als die Mutter des jungen Erzherzogs, Erzherzogin Sophie. Die Feuertaufe Les Erzherzogs Fran; Josef bei Zanta Lucia. 30 Für sie verkörperte sich in dem greisen Heerführer der Ruhm ihres neuen, großen Vaterlandes und ihres ältesten Sohnes glänzende Zukunft. Der Mutter stolzes Herz schlug auch in der Brust Franz Josefs für die tapfere und siegreiche kaiserliche Armee. Aber sein Leben war allzu kostbar; es durfte nicht länger dem Wechselspiele des Krieges ausgesetzt bleiben. Der junge Erzherzog, der von den Schlachtfeldern Italiens, wo Österreichs Ehre und Macht verteidigt wurden, in Innsbruck eingetroffen war, erschien nun ernster, mannhafter; die Sonne des Südens hatte sein Gesicht gebräunt; der Ernst des Krieges sein Selbstgefühl gehoben. Er wäre nun gern gleich nach Wien gereist, doch verbot dies der Ernst der Lage und der Wille seiner Eltern. So blieb er denn noch einige Zeit in Innsbruck und griff im Lande der Schützen auch zum Stutzen, um in jugendlicher Wagelust dem Jagd¬ vergnügen zu huldigen. Unter den treuen Tirolern fühlte sich Erzherzog Franz Josef glücklich, soweit dies die düsteren Verhältnisse, in denen unser Staat damals schwebte, zuließen. Die Schönheit der Alpenwelt entzückte ihn nnd die frische Jagdlust, ein Erbteil seiner Ahnen, regte sich mächtig in seinem jugendlichen Herzen. Auf der Martinswand, unweit von Innsbruck, hatte sich einst, als er der scheuen Gemse nachjagte, Kaiser Max, der ritterliche Volkskaiser, den die Deutschen so tief ins Herz geschloffen hatten, verirrt und fand nur durch ein Wunder des Himmels den Abstieg ins Tal. Auch der Vater der großen Maria Theresia, der letzte männliche Habsburger, Kaiser Karl VI., war ein leidenschaftlicher Jäger. Unser Kaiser blieb es durchs ganze Leben und man kann wohl sagen, daß nichts mehr beigetragen hat, seine Gesundheit zu festigen, als die Jagd im Hochgebirge, der Aufenthalt im würzig duftenden Tannenwald, auf luftiger Felsenhvhe, wo die Brust frei und leicht atmet und das Auge sich schärft, wenn es die scheue Gemse aufs Korn nimmt. O, wie herrlich ist es in dem Hochgebirge unseres schönen Vater¬ landes! Gottes Segen ruht auf der Erhabenheit und Lieblichkeit feiner Wälder und Matten; das Brausen der Stürme, das Rieseln der Quellen, das Rauschen uralter Tannen verkünden seine Allmacht. 31 Man sah den jungen Erzherzog häufig in der Tiroler Joppe, den Kniehosen und Wadenstrümpfen, auf dem Kopfe den grünen Jägerhut mit der Spielhahnfeder, die Büchse über die Achsel geworfen, in der Umgebung Innsbrucks umherstreifen. Zuweilen besuchte er die Schießstätte auf dem Berge Jsel, von dem Andreas Hofer, wie es im Liede heißt, in jenem denkwürdigen Jahre Neun „den Tod so manchesmal herabgeschickt ins Tal". Jubelnd drängten sich die jungen und die alten Schützen um den Erzherzog, wenn er mit sicherem Äug' und fester Hand ins Schwarze traf und sein Schuß nicht bloß das Echo der Berge weckte, sondern auch das Echo der Herzen, die dem habsburgischen Sprossen in alter Tiroler Treue entgegenschlugen. Reich an Abenteuern aufregender und heiterer Art waren auch die Gemsenjagden im Achentaler Revier des Grafen Enzenberg, an denen Erzherzog Franz Josef nut kühnem Wagemut und froher Weidmannslust teilnahm. Doch der freien Betätigung der Jugendkraft fehlte keineswegs der Ernst. Der Unterricht nahm auch in Innsbruck seinen Fortgang. Besonderes Interesse brachte der junge Erzherzog der Landesgeschichte Tirols entgegen, in der Professor Albert Jäger fein Lehrer war. Der Gang der Ereignisse in Wien erheischte bald die Rückkehr des kaiserlichen Hofes, der im Schlosse Schönbrunn seinen Ausenthalt nahm. Am 12. August war Erzherzog Franz Josef wieder in Wien. Doch immer wilder und zügellofer wurde die Bewegung in der Hauptstadt, so daß der Kaiser sich neuerdings entschloß, die Hauptstadt zu verlassen. Diesmal wurde O lmütz in Mähren als zeitweilige Residenz des kaiserlichen Hofes in Aussicht genommen. Und hier vollzog sich die Abdankung des Kaisers Ferdinand I. und die Thronbesteigung des Erzherzogs Franz Josef. Noch bis zum letzten Augenblick wurden die Studien des Erzherzogs fortgesetzt. Am Abende des 1. Dezember hielt noch Dr. Columbus seinen gewohnten Vortrag über das Kirchenrecht. X Schon am frühen Morgen des 2. Dezember, des Tages, an dem sich das hochwichtige Ereignis des Thronwechsels vollzog, hatte Erzherzogin Sophie eine heilige Messe angeordnet. Als sich die hohe Fran zum Kirch¬ gänge anschickte, trat ihr Erzherzog Franz Josef entgegen. Sie umarmte 32 ihren Sohn und fragte ihn, wo er gewesen sei. „Mutter," erwiderte dieser, tief ergriffen, „ich komme bereits aus der Kirche." Während seiner ganzen langen Regierung hegte unser Kaiser stets dieselbe währe und aufrichtige Frömmigkeit des Herzens; nie vergißt er vor schweren Entschließungen sich die Gnade des Allerhöchsten zu erbitten; nie, wenn ihm ein Glück zuteil wurde, dem Spender alles Guten zu danken. — Sein erster Schritt, wenn er aus seinen zahllosen Reisen einen neuen Ort betritt, ist ins Gotteshaus gerichtet und der Einweihung neuer Kirchen bleibt er, wenn auch die Fülle drängender Staatsgeschäfte ihn noch so sehr in Anspruch nimmt, niemals fern. /Er handelt eben immer nach dem alten, schönen Spruch: An Gottes Segen Ist alles gelegen.^, Es war gegen halb acht Uhr morgens am 2. Dezember, als sich in der fürsterzbischöflichen Residenz in Olmütz, wo damals der kaiserliche Hof sich aufhielt, eine große Anzahl hochgestellter Personen versammelte. In den eigentlichen Thronsaal wurden nur wenige Ankömmlinge eingelassen: die Erzherzoge und Erzherzoginnen, dann die Minister, die Feldherren Fürst Windischgrätz und Jellaeic, Banus von Kroatien, General¬ adjutant Graf Grünne und Legationsrat Baron Hübner, der bei der feierlichen Staatshandlung das Amt des Schriftführers auszuüben hatte. Bald nach acht Uhr öffnete sich die Flügeltür, die in die kaiserlichen Gemächer führte, und Kaiser und Kaiserin traten in den Saal. Ihnen folgten die Eltern des Erzherzogs Franz Josef und dieser selbst. Nachdem die Majestäten die für sie bestimmten Plätze eingenommen hatten, verlas Kaiser Ferdinand die Erklärung, daß er die Krone zu Gunsten seines geliebten Neffen, des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Franz Josef, den er gleichzeitig für großjährig erkläre, niederlege. Hierauf wurden alle anderen auf diesen feierlichen Akt sich beziehenden Staatsschriften vorgelesen und unterfertigt. Nunmehr trat der neue Kaiser, dessen jugendlichen Scheitel jetzt eine der ältesten Kronen Europas zierte, an seinen Oheim, der sich eben dieser Krone entäußert hatte, heran, um ihm zu danken, doch in der Erregung des Augenblicks fand er keine Worte; er ließ sich nur aufs Knie nieder und beugte sein Haupt. Der alte Kaiser schloß ihn in die Arme und Fran? Josef l. im Kaiferornat nach Ler Thronbesteigung. Sinove, Unser Kaiser. !i 34 flüsterte ihm die Worte zu: „Gott segne Dich, sei nur brav! Gott wird Dich schützen; es ist gerne geschehen." In den Augen aller Anwesenden perlten Tränen und die anwesenden Frauen schluchzten heftig. Kaiserin Maria Anna drückte den jungen Herrscher an ihre Brust und seine Mutter, voll Stolz auf ihren jungen, ritterlich schönen Sohn, den die Vorsehung nunmehr auf den Thron berufen hatte, schloß ihn mit Inbrunst in die Arme. Das Herz einer Mutter kennt kein höheres Glück als das Gedeihen der Kinder, in deren Seelen sie mit hingebender Liebe die Keime des Guten und Schönen gesenkt hat. Die beiden hohen Frauen, die Kaiserin Maria Anna und die Erz¬ herzogin Sophie, von denen die eine im Begriffe stand, an der Seite ihres Gemahls vorn Thron herabzusteigen, die andere, mit dem ihrigen für immer darauf zu verzichten, umschlang das gleiche schöne Band der Liebe zu dem Jünglinge, der sich soeben seiner „Väter Krone" aufs Haupt gedrückt hatte. Die Feder, mit der die anwesenden hohen Herrschaften den denk¬ würdigen Staatsakt der Thronbesteigung des jungen Kaisers unterzeichnet hatten, nahm dessen ältester Bruder Erzherzog Ferdinand Max an sich, um sie als wertvolles Andenken aufzubewahren. Sie bildete eine der kost¬ barsten Reliquien jener herrlichen Sammlungen, die er auf dein Feenschlosfe Miramar an der blauen Adria angelegt hatte. Noch am Nachmittage verließen Kaiser Ferdinand und seine Gemahlin Olmütz und fuhren nach Prag, wo sie fortan ihre Residenz aufschlugen. Die alte Zeit war vorüber; die Morgenröte einer neuen leuchtete auf. Jetzt erst nahm der Kaiser den Namen Franz Josef an; früher wurde er allgemein nur Franz geheißen. Franz und Josef! Es waren die Namen der beiden Herrscher, deren Andenken den Völkern unseres Vaterlandes am teuersten ist. Franz I. hatte in den Zeiten Napoleons für die Ehre Österreichs gekämpft und seinem Reiche endlich den hei߬ ersehnten Frieden geschenkt, deu die Güte seines Herzens verschönerte; Josef II. lebt als edelster Förderer des Rechtes und der Aufklärung, als wahrer Volkskaiser, unauslöschlich in der Erinnerung der Menschen, deren „Schätzer" er sich selbst nannte, fort. Franz Josef — Namen von guter Vorbedeutung und Hoffnung auf Glück und Ruhm! 35 Auch , der Wahlspruch, den der junge Kaiser annahm: Viril, ns nniüis (Mit vereinten Kräften!) war von schöner Bedeutung. Alle Völker seines weiten Reiches sollten mit ihm an dem Aufbau und der Neueinrichtung des von inneren Stürmen zerrütteten, von äußeren Feinden bedrohten Staates arbeiten und nach Kräften das Ihrige zum Glücke aller beitragen. — Niemand, der guten Willens war, sollte aus¬ geschlossen sein. / Mit diesen Grundsätzen trat der neue Herrscher die Regierung an. Mit vereinten Kräften gelangen ihm und seinen treuen Völkern schwere und große Werke. 3* Drittes Kapitel. Vie ersten Kegierungsjakre. ^^unächst wendete sich der junge Kaiser an die Armee. In seinem Manifeste an die Truppen hieß es: „Ich zähle aus die An¬ hänglichkeit und Treue Meiner Armee. Sie hat in allen Zeiten und insbesondere in den jetzigen Stürmen das in sie gesetzte Vertrauen gerechtfertigt; auf sie , gestützt werde Ich jedem äußeren Feind von Österreichs Macht und Größe zu begegnen, Gesetz und Ordnung im Innern zu schützen wissen." Das Vertrauen des jungen Herrschers auf seine tapferen Soldaten war wohlbegründet. Der greise Held Radetzky war nach dem Siege von Custozza am 25. Juli 1848 wieder in Mailand eingezogeu. Jubelnd sang der Dichter: Viktoria! Auf Mailands Dow Der Adler Österreichs wieder! Wie blitzt er gen Turin und Row Gewitterfroh hernieder! Wie horstet er so hoch und fest Auf seinen: weißen Marmornest Im Sommersonnenstrahle! Gott grüß' dich, kaiserliches Tier, In Kronenschmnck und Siegeszier, Gott grüß' dich tausendmale! (Dingelstedt.) 37 Bald aber wurde der Waffenstillstand, um den der König von Sardinien hatte nachsuchen müssen, gekündigt. War das eine Freude, als die Nachricht hievon in der Villa reale in Mailand, wo Radetzky sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, eintraf! Offiziere und Soldaten brannten darnach, in die Hauptstadt des Feindes, Turin, einzumarschieren. Soldaten und Offiziere umarmten und küßten einander. Man war dessen sicher, unter Vater Radetzkys Führung könne es nur zum Siege gehn. Mit klingendem Spiel überschritten die Truppen den Tessin und und schon am 23. März 1849 kam es zur entscheidenden Schlacht bei Novara, die zugleich der glorreichste Sieg Radetzkys war. Der Feldherr ritt auf eine kleine Anhöhe vor Novara, vor der er das ganze Schlachtfeld übersah. Ruhig und ernst stand er neben seinem Pferde und lenkte sicheren Blickes die Schlacht. Zum erstenmale nach einer Reihe glänzender Frühlingstage hatte sich der Himmel mit trüben Wolken bedeckt und Regenschauer sprühten zur Erde nieder. Unaufhörlich dröhnten die Geschütze, knatterten die Gewehre, flogen die Kugeln über die Ebene und stieg Pulverdampf in die regenschwere Luft. Gegen sechs Uhr abends tauchten die weißen Mäntel der kaiserlichen Kürassiere aus dem Hügellande auf, die heißersehnte Verstärkung des durch Stunden im Kampfe stehenden Heeres. Trommel¬ wirbel und Hurrageschrei erfüllte die Luft. Die feindliche Armee wandte sich in wilder Flucht gegen das Städtchen Novara. Ein sanfter, gleichmäßiger Regen fiel nieder und netzte mitleidig das blasse Antlitz der Toten, als wollte er die Tränen all der Lieben überbringen, die fern vom Felde der Ehre den Gefallenen geweiht wurden. Der sardinische König Karl Albert legte die Krone nieder zu Gunsten seines Sohnes Viktor Emanuel, mit dem Radetzky im Namen des Kaisers einen ehrenvollen Frieden schloß. Nicht so schnell wie der Krieg in Italien sollte der Aufstand in Ungarn bewältigt werden. Die Bewegung des Jahres 1848 hatte auch in dieses Land hinübergcgriffen und die Gemüter heftig erregt. Eine mächtige Partei wollte den in Olmütz geschehenen Thronwechsel nicht anerkennen und griff zu den Waffen, um Ungarn vom Kaiserhause völlig loszureißen und selbständig zu machen. Der Kaiser, der als oberster Befehlshaber an die Spitze seiner Armee getreten war, wollte dem Kriegsschauplätze in Ungarn näher sein. 38 Daher entschloß er sich zur Rückkehr nach Wien, wo man sich schon lange danach gesehnt hatte, den jungen Herrscher in der Mitte seiner treuen Bürger zu sehen. Am 6. Mai verbreitete sich in der Kaiserstadt plötzlich die Kunde, der Kaiser sei am frühen Morgen im Lustschlosse zu Schönbrunn ein¬ getroffen, und alles strömte an dem wunderschönen Frühlingstage hinaus, um den Kaiser zu sehen und zu begrüßen. Am nächsten Tage hielt der junge Herrscher auf dem Glacis eine Revue über die gesamte Garnison der Kaiserstadt ab, wobei seine ritter¬ liche Erscheinung die freudigste Begeisterung wachrief. Schon am 18. Mai reiste der Kaiser nach Ungarn und hatte bald darauf eine Zusammenkunft mit dem russischen Zar Nikolaus I., der seine Hilfe anbot, um den Aufstand in Ungarn zu dämpfen. Am 20. Juni beteiligte sich der Kaiser an der Belagerung Raabs und drang in die Stadt ein, ehe noch die zerstörte Brücke wieder hergestellt war. In seiner Begleitung befanden sich nur die beiden Adjutanten, der Kriegsminister Graf Gyulay und der Ministerpräsident Fürst Felix Schwarzenberg. Noch waren die kaiserlichen Truppen nicht in der Stadt, als der Kaiser den Hauptplatz betrat, aber bald darauf drangen die österreichischen Soldaten von der entgegengesetzten Seite ein und der brausende Ruf „Es lebe der Kaiser!" begrüßte den obersten Kriegsherrn, der sich einer schweren Gefahr ausgesetzt hatte. Durch die Waffenstreckung Görgeys bei Vilagos war auch der ungarische Aufstand zu Ende und so im Süden und Osten die schwer bedrohte Ruhe des Kaiserstaates wiederhergestellt. Des Kaisers Dank an seine tapferen Soldaten kam in einem schwung¬ vollen Tagesbefehle zum Ausdruck. „Söhne aller Stämme des Reiches," so ließ sich der junge Herrscher vernehmen, „haben den Bruderbund, der sie umschlingt, in den Reihen Meines glorreichen Heeres mit ihrem Blute neu besiegelt und im edlen Wetteifer Österreichs alten Kriegsruhm, äußeren und inneren Feinden gegenüber, glänzend bewährt. Soldaten! Euer Kaiser dankt Euch im Namen des Vaterlandes; Ihr werdet Euch stets gleich bleiben, der Stolz und die Zierde Österreichs, die unerschütterliche Stütze des Thrones und der gesellschaftlichen Ordnung." 39 Dem Lorbeer des Krieges gesellte der junge Herrscher alsbald die Palmen des Friedens. Er wollte ein verjüngtes, im Innern geeinigtes und starkes, durch die Wohlfahrt seiner Völker glückliches Vaterland schaffen. Was die Bewegung des Jahres 1848 Gutes hervorgebracht hatte, sollte erhalten bleiben und fortgebildet werden. Vor diesem Jahre lastete auf der bäuerlichen Bevölkerung die Robot, das heißt die Verpflichtung der Bauern zur zwangsweisen Arbeit für die Grundherren, von deren Willkür Leben und Gedeihen der länd¬ lichen Bevölkerung einzig und allein abhingen. Dies wurde anders; auch die Bauern wurden dem Gefüge des Staates eingeordnet; sie sollten frei sein und nicht mehr der Gnade ihres Gutsherrn allein alles ver¬ danken. Doch war es billig, daß auch die Herren für das, was ihnen an Rechten und Vorteilen entging, entschädigt werden sollten. Daher wurde durch die sogenannte Grundablösung ein teilweiser Ersatz für die zwangs¬ weise Bauernarbeit, die Robot, geschaffen. Wenn die Kinder an schönen Sommertagen über Land gehen, so freuen sie sich des blauen Himmels und der im Schmucke goldener Ähren prangenden Felder; sie denken aber wohl selten daran, daß diese Ähren uns das tägliche Brot geben, um das wir den lieben Gott bitten, und daß der Bauer es ist, der im Schweiße seines Angesichtes das Feld bestellt, damit es, wenn Gott seinen Segen dazu gibt, reiche Früchte trage. Wie ganz anders war jetzt dem Bauer zu Mute, wenn er beim ersten Morgenstrahl aufs Feld hiuausschritt, nm sein schweres Tagewerk zu beginnen. Er schmachtete nicht mehr unter dem Drucke seines oft harten Grundherrn; er war frei und die Arbeit, die er schaffte, und ihr Lohn waren sein. Wenn er sich verging, mußte er sich vor den Gerichten des Staates verantworten; er war nicht mehr der Willkür seines Grund¬ herrn preisgegeben. Ans der Arbeit, die der freie Wille nnd ein Hoher Sinn verrichten, ruht ein ganz anderer Segen, als ans jener, die mir unter lästigem Zwange erfolgt. Das neue Gemeiudegesetz, das der junge Kaiser erließ, enthielt die schöne Stelle: „Die Gruudfeste des freien Staates ist die freie Gemeinde." Damit war der erste Schritt zur freiheitlichen Ausgestaltung des Staatswesens getan. 40 In England hatten schon im Mittelalter die Edelleute und Bürger es durchgesetzt, daß ihnen der König Anteilnahme an der Gesetzgebung einräumte. Steuern und Abgaben sollten beispielsweise nicht ohne Zustimmung der Vertreter des Volkes dem Lande auferlegt werden. Man nannte die Versammlung dieser Abgeordneten des Volkes das Par¬ lament. Im Jahre 1848 war fast in allen Staaten des europäischen Fest¬ landes der Ruf nach ähnlichen Einrichtungen erfolgt. Auch in unserem Vaterlande erstrebten die Völker Anteilnahme an der Gesetzgebung und das Recht der Bewilligung der Auslagen für Staatszwecke. Die absolute Monarchie, d. h. jene, in der der Herrscher allein mit seinen Räten und Beamten das Ruder des Staates führt und nur an die Beobachtung der zu Recht bestehenden Gesetze gebunden ist, sollte sich in eine konstitutionelle Monarchie, das ist in eine solche ver¬ wandeln, in der kraft einer zu erlassenden Konstitution (Verfassung) auch das Volk an der Regierung teilnimmt. Aber der Reichstag, der zuerst in Wien zusammentrat und dann nach Kremsier in Mähren verlegt wurde, leistete wenig Ersprießliches und so wurde er denn am 7. März 1849 vom Kaiser aufgelöst. Der junge Kaiser hatte bei seiner Thronbesteigung eine Botschaft (Manifest) an seine Völker gerichtet, in der es hieß: „Auf den Grundlagen der wahren Freiheit, auf den Grundlagen der Gleichberechtigung aller Völker des Reiches und der Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze sowie der Teilnahme der Volksvertreter an der Gesetzgebung wird das Vaterland erstehen, in alter Größe, aber mit herjüngter Kraft, ein unerschütterlicher Bau in den Stürmen der Zeit, ün geräumiges Wohnhaus für die Stämme verschiedener Zunge, die unter dem Zepter der Väter ein brüderliches Band für Jahrhunderte umschlossen hält." Aber es mußte erst eine Zeit der Ruhe und Sammlung vorübergehen, ehe der Kaiser sein hochherziges Versprechen einhalten konnte, ehe er die Macht, die seine Ahnen auf dem stolzen Throne des habsburgischen Reiches bis nun allein und unumschränkt ausgeübt hatten, mit seinen Völkern teilte und allen Staatsbürgern ohne Unterschied des Glaubens und der Sprache ein vollgerüttelt Maß von Rechten und Freiheiten ein¬ räumte. 41 Mit allem Eifer widmete sich der junge Herrscher den Pflichten seines Berufes und in einem Alter, das sanft nur nach den Freuden des Lebens hascht und den Kelch der Lust nicht gern van den rosigen Lippen absetzt, kannte er kein größeres Vergnügen als die pünktliche Erledigung seiner schweren und verantwortungsvollen Herrscherpflichten. So wie einst ein Lehrer des kleinen Erzherzogs Franz Josef gesagt hatte: >^Jch habe nie wieder einen Schüler von gleich lebendigem Pflicht¬ gefühl gehabt," so äußerte sich jetzt der erste Ministerpräsident des jungen j Kaisers, Fürst Felix Schwarzenberg, über diesen: „Für Geschäfte kann i ich ihn immer haben, zu jeder Stunde, für jeden Anlaß; die Pflicht- ' treue, die strebsame Gewissenhaftigkeit, womit er seinem Berufe gerecht zu werden sucht, flößt täglich neues Staunen ein.""/ Alle sogenannten Freuden des Lebens wiegen die Lust nicht auf, die uns nach redlich vollbrachtem Tagewerke durchströmt. Wie süß ist die Erholung, wie erquickend der Schlaf, wenn wir uns sagen dürfen: du hast deine Pflicht erfüllt und die dir vorgeschriebene Arbeit ehrlich und redlich geleistet! Tüchtige Arbeit macht nicht nur froh; sie erhält auch gesund und erspart den Arzt, den müßiges Wohlleben immer wieder nötig hat. Eben aus diesem regen Pflichtgefühl und dieser unverdrossenen Arbeitsfreude schöpft unser Kaiser jene Heiterkeit des Herzens, die ihm auch die schwersten Schicksalsfügungen nicht völlig rauben konnten, und jene unverwüstliche Gesundheit, die ihm selbst im hohen Greisenalter bis aus rasch vorübergehende Störungen treu geblieben ist. Und schwer, sehr schwer lastete oft die Hand der prüfenden Vorsehung auf unserem lieben Kaiser. Bereits wenige Jahre nach seiner Thronbesteigung wäre er bald dem Mordversuche eines Wahnwitzigen zum Opfer gefallen. Es war am 18. Februar 1853. Die Sonne schien hell und freundlich und der Kaiser machte, wie er dies häufig zu tun pflegte, einen Spazier¬ gang auf der Kärntnertor-Bastei./^ Damals war, wie wir wissen, die innere Stadt Wien noch durch Mauern und Basteien eingeschnürt, an deren Fuß sich der tiefe Wallgraben hinzog. Zwischen der Stadt und den noch wenig umfangreichen Vorstädten dehnten sich weite, zum Teil mit Bäumen bepflanzte und von Alleen durchschnittene 42 Glacisanlagen aus. Der Blick von den Basteien, wo sich auch hübsche Kaffeewirtschaften, wie z. B. das beliebte „Paradeisgärtchen", befanden, in den frisch begrünten Stadtgraben hinab oder über die freundlichen Vorstädte hinüber bis zu den in der Ferne verblauenden Kämmen des Wienerwaldes war äußerst lieblich und anmutig. Der junge Kaiser liebte diesen Ausblick und um die Mittagszeit sah man ihn daher häufig auf der Bastei lustwandeln. Auch an dem genannten Tage erging er sich in Begleitung des Grafen O'Donnel auf der Bastei nahe dem alten Kärntnertor. 'Er sah gerade in den Stadtgraben hinab, als ein junger Mensch auf ihn zusprang und ihm ein dolchartiges Messer in den Nacken stieß. An der Schnalle der Offizierskrawatte prallte glücklicherweise das Messer ab, doch war die Wunde immerhin nicht unbedenklich; ,zu einem zweiten Stoße fand der feige Meuchelmörder — ein verkommener Geselle aus Stuhlweißenburg — keine Zeit mehr, denn ein gerade anwesender Wiener Bürger, namens Ettenreich, war dem Wahnwitzigen in den Arm gefallen und LLDonnel veranlaßte seine Verhaftung. Mit Erlaubnis des Kaisers sog O'Donnel sogleich das Blut aus der Wunde, da man nicht wissen konnte, ob die Waffe nicht vergiftet gewesen sei. Obgleich durch den Blutverlust sehr entkräftet, blieb der Kaiser so lange auf dem Schauplatze der unseligen Tat, bis die Menge, die herbei¬ geströmt war, über seinen Zustand beruhigt wurde. 'Die ersten Worte, die er nach seiner Verwundung sprach, waren: „Sagen Sie nur meiner Mutter nichts von der Sache; erschrecken Sie sie nicht!" — Das Kind, das zuerst an seine Mutter denkt und ihr jedes Leid ersparen will, verdient unsere Liebe, mag es in einem glänzenden Palaste oder in einer niederen Hütte geboren sein. Schöner als der Glanz der Krone umleuchtete der Schimmer der Kindesliebe das Haupt des jungen Monarchen. Es verging immerhin fast ein Monat, ehe der Kaiser das Zimmer verlassen durfte. Die Ärzte empfahlen Ruhe, doch der Kaiser entgegnete voll Ungeduld: „Nur jetzt nicht ruhen, wo es so viel zu tun gibt!" und konnte nur mit Mühe bewogen werden, für einige Zeit der angestrengten Arbeit zu entsagen. Am 12. März fuhr er zum erstenmal wieder aus. Sein erster Weg war in den Stephansdom, um Gott für seine Errettung aus der schweren 43 Gefahr zu danken. Wiener Bürger bildeten von der Burg bis zur Stephanskirche Spalier und nicht bloß in Wien, sondern in allen Teilen des Reiches war die Freude über die glückliche Lebensrettung des Kaisers allgemein und innig und kam in tausend herzlichen Zügen zum Ausdruck. Das alte Mrntnertor in Wien. Bei der Fahrt nach dem St. Stephansdome saß der Kaiser neben seinem Vater, der über die Beweise treuer Liebe, die man seinem Sohne darbrachte, zu Tränen gerührt war. Der Kaiser selbst sah wohl noch etwas leidend aus, aber er war glücklich über die freudigen Zurufe seiner Wiener, die aus treuen Herzen kamen, und dankte mit freundlichem Lächeln nach allen Seiten. Vierhundertzweiundachtzig milde Stiftungen wurden zum Andenken an des Kaisers Rettung begründet. Aber das schönste Zeichen der Erinnerung stiftete gewiß des Kaisers ältester Bruder, Erzherzog Maximilian. Er regte den Bau eines neuen, prächtigen Gotteshauses in Wien an, der Heilands- oder Notivkirche, deren feierliche Grundsteinlegung am 24. April 44 1856 erfolgte und die mit der silbernen Hochzeit unseres Kaisers, am 24. April 1879, eingeweiht wurde. Ist der Stephansdom das Wahrzeichen des alten Wien, um dessen Riesentnrm sich liebe, traute Sagen ranken, so ist die Votivkirche, die wie ein leuchtender Schmuckstem das herrliche Band der Ringstraße abschließt, gewissermaßen das Symbol des neuen, großen, schönen Wien, das die Huld unseres Kaisers geschaffen und mit großartigen Bauwerken und Denkmälern geziert hat. Wenn man vom Kahlenberge oder einer anderen waldigen Kuppe des Wienerwaldes Ausschau hält auf die Weltstadt, die bis in blühende Fluren und grünende Wiesen ihre Glieder ausstreckt, so haftet der Blick nicht mehr bloß auf dem altehrwürdigen „Steffel", sondern auch auf den zwei schönen Türmen der Votivkirche, die ins sonnige Blau des Himmels ragen, — ein Zeichen der Liebe und Treue der Wiener zu ihrem verehrten Kaiser Franz Josef I. Viertes Kapitel. Ver Kaiser in äer famiiie. Untat eines Wahnwitzigen hatte des Kaisers Herz nicht der- härtet. Er setzte sogar der armen Mutter des Verbrechers, die durch den Frevel ihres Sohnes um ihr Brot gekommen war, einen kleinen Gnadengehalt aus. Aber Gott verhängt über seine Kinder auf Erden nicht bloß Schweres und Schmerzliches; er beschert ihnen auch Frohes und Beglückendes. Nicht bloß der Blitz zuckt aus der Wolke; auch das freundliche nnd befruchtende Sonnenlicht strömt seinen Segen auf die Erde aus. In demselben Jahre, in dem des Kaisers teures Leben in Gefahr schwebte, ward ihm das holde Glück zuteil, seine Braut, die liebliche Prinzessin Elisabeth von Bayern, kennen zu lernen. Des Kaisers Eltern verbrachten den Sommer meist in dem schönen Ischl, wo inmitten von Wäldern und Auen wie in grüner Muschelschale die Perle der Kaiservilla ruht. Auch im Sommer des Jahres 1853 waren die Eltern des Kaisers im lieblichen Ischl, wo auch der Kaiser zur Feier seines 23. Geburts¬ festes eintraf. 46 Hier lernte er seine Cousine, Prinzessin Elisabeth, kennen, deren Mutter, die Herzogin Lud o vika, eine Schwester seiner eigenen Mutter Erzherzogin Sophie war, und Verlobte sich an seinem dreiundzwanzigsten Geburtstage mit ihr. Als die hohen Herrschaften am nächsten Tage die kleine Kirche in Ischl betraten, ließ die Mutter des Kaisers der jungen Prinzessin den Vortritt, war sie ja doch schon die erklärte Braut des Kaisers. Nach dem Meßopfer nahm der junge Kaiser seine Cousine bei der Hand, führte sie an die Stufen des Altars und sprach zu dem Priester, der eben vom Altar wegtreten wollte: „Herr Pfarrer! Das ist meine zukünftige Gemahlin; geben Sie uns Ihren Segen." Als der Kaiser aus dem kleinen Gotteshause heraustrat, umarmte er den Grafen O'Donnel und sagte zu ihm mit vor Freude gerötetem Antlitz: „Heute danke ich Ihnen wahrhaft dafür, daß Sie mir das Leben retteten." Der Kaiser war glücklich und sonnig waren die Tage seines Lebens, die von der Verlobung bis zur feierlichen Vermählung am 24. April 1854 verflossen. Prinzessin Elisabeth war am Weihnachtsabende, am 24. Dezember 1837, geboren als die zweitälteste Tochter des Herzogs Max von Bayern und seiner Gemahlin der Herzogin Ludovika Wilhelmine. Schon ihre Geburt war mit einem Akt der Wohltätigkeit verknüpft. Als die Glocken von München das schönste Fest der Christenheit, das Fest der Geburt unseres Heilands, einlauteten, begegnete Herzog Max in der Nähe des Schlosses Possenhofen am Starnbergersee, wo die Eltern der Prinzessin Elisabeth am liebsten weilten, einem alten Mütterchen, das sich mit einer schweren Bürde Holz mühsam fortschleppte. Er sprach das Weiblein mit dem schönen Gruße „Gelobt sei Jesus Christus!" an. — „In Ewigkeit Amen!" kam es von den Lippen der Alten zurück, die unter ihrer Last ächzte und stöhnte. „Warum tragt Ihr denn am heiligen Weihnachtsabend so schwer aus Eurem Rücken?" fragte leutselig der Herzog, den weit und breit in der Runde jedes Kind kannte. „Ja, wissen S', herzogliche Gnaden," sagte treuherzig das Mütterlein und schnaufte ein wenig aus, „wissen S', wir sind arme Leute, und wenn schon das Christkindl bei uns nicht einkehrt, so sollen halt unsere Kinder wenigstens ein warmes Zimmer am heiligen Abend haben." Lugendbildms der Kaiserin Elisabeth. 48 Denn es war bitter kalt. Auf den Bäumen und Sträuchern glitzerten die Eiszacken gleich tausend Diamanten und den Boden bedeckte ein weicher, dicker Schneeteppich. Freundlich lächelnd erwiderte der Herzog, der aus einem kurzen Bauern¬ pfeifchen schmauchte: „Da habt Ihr ganz recht, gute Frau. Zu mir ist das Christkindl heut schon eingekehrt; meine Fran hat mich mit einem prächtigen Töchterchen beschenkt; es soll Liesl heißen. Und weil ich darüber so vom Herzen glücklich bin, so sollt Ihr auch eine fröhliche Weihnacht haben." Er notierte sich Namen und Wohnort des alten Weibleins, und als es schon ganz dunkel geworden war und die ersten Sternlein vom Himmel nieder leuchteten, wie einst in jener Nacht, da im Stalle zu Bethlehem der Erlöser geboren worden war, lugten sie auch ins Fensterchen der Hütte, in der die Alte mit ihren Kindern und Enkeln wohnte, und sahen nur- frohe, lachende Gesichter; denn herzogliche Diener hatten zwei mächtige Körbe gebracht, die mit Eßwaren und Weinflaschen und allerlei Spiel¬ sachen angefullt waren. Und daneben lag ein mächtig großes Schreiben mit vielen Siegeln und in diesem Briefe waren mehrere große Banknoten nebst vielen guten Wünschen des Herzogs eingeschlossen. War das eine Freude in der armen Hütte! Mit seiner zitternden Hand erhob das Weiblein das Glas, voll des köstlichen Weines, den der Herzog geschickt hatte, und ließ die eben geborene Liesl Hoch! und Hoch! und Hoch! lebeu. Die Liesl wurde unseres Kaisers Braut und Gattin und nichts war ihr Zeit ihres Lebens lieber, als den Armen zu helfen und den Bedrückten wohlzutun. Ja, das kam wohl davon her, daß ihr Vater ihr Geburts- sest so hübsch gefeiert hatte. In dem waldumrauschten Possenhofen am blauen Starnbergersee verlebte Prinzessin Elisabeth ihre Kindheit und nichts ging ihr über die Lust, mit ihrem Vater, der ein passionierter Jäger und Zitherspieler war, umherzustreifen und in die Hütten der Armen einzukehren, um Gaben zu verteilen wie ein guter Engel aus dem Himmelreiche. Einmal hat sie aber ausnahmsweise nicht Gaben verteilt, sondern selber eingestrichen. Das ging nämlich so zu. Eines schönen Tages kam der Vater mit seinem Töchterchen in einen recht abgelegenen Gebirgsweiler. Die Leute kannten den Herzog 49 imd die Prinzessin nicht und forderten beide zum Zitherspielen auf. Bald drehten sich die Paare nach den lustigen Weisen, die Vater und Tochter aufspielten, und die Tänzer warfen dem schmucken, feinen Mädchen eine Menge Silbermünzen als Lohn in den Schoß. Mit Stolz zeigte das Prinzeßchen das selbstverdiente Geld im Schlosse herum und noch als Kaiserin erzählte sie gern dies kleine Erlebnis. Die kleine Prinzessin ritt auch gern auf ihrem Pony „Punch" in der reizenden Umgebung Possenhofens umher. Sie wurde eine kühne und ausdauernde Reiterin, die voll Anmut und Sicherheit im Sattel saß und auch vor beschwerlichen Alpensteigen nicht zurückschreckte. In dieser Hinsicht glich sie vollständig unserem Kaiser, der ein ausgezeichneter Reiter ist. Über die endlosen Puszten Ungarns, an deren Horizont die gaukelnden Spiegelbilder der Fata Morgana den Wanderer täuschen und über denen der Himmel wie eine ungeheure, blaue Glocke ruht, dahinzujagen, das ivar für die Kaiserin, die Ungarns Land und Leute überaus liebte, stets eine hohe Lust. Am meisten glich der Prinzessin Elisabeth unter ihren Geschwistern an Edelsinn und hilfsbereiter Liebe für die Armen ihr Bruder Herzog Theodor, der ein berühmter Augenarzt wurde und mit seiner Kunst Tausenden und Tausenden geholfen hat. So verlief wie ein Maieutag voll heiteren Glanzes die Jugend der Prinzessin Elisabeth, die am 20. April 1854 mit ihren Eltern und Geschwistern die Reise von München nach Wien antrat, wo sie fortan an der Seite des Kaisers, „ihm verwandt au Stamm und Sinn" als Herrscherin über ein großes Reich walten sollte. In Passau begrüßten zuerst Vertreter des Landes Oberösterreich die holde Kaiserbraut, und als am Vormittag des 22. April der Danipfer „Franz Josef" in Nußdorf landete, kannte der Jubel der Wiener kaum eine Grenze. Am 24. April um sieben Uhr abends fand in der Augustiner Hof¬ pfarrkirche, mit allem Glanze kaiserlicher Pracht umgeben, die feierliche Trauung des Kaiserpaares statt. Wie es der Kardinal Fürsterzbischof Rauscher, der alte Lehrer unseres Kaisers, in seiner Ansprache an die Braut ausgesprochen hatte: „Möge alles Reine, alles Schöne und Edle Schutz und Pflege bei Ihrer Smolle, Unser Kaiser. 4 80 Majestät finden, ein Vorbild finden in der Kaiserin Elisabeth!" so ging es auch in Erfüllung. Die Gemahlin des Kaisers glänzte nicht nur unter allen Frauen hervor durch die Krone, die ihre Stirne schmückte, sondern durch alle Tugenden, die einem hohen Geiste, einem edlen Herzen entblühen. Sie war der gute Engel des Kaisers und ihren Kindern eine zärt¬ liche, aufopferungsvolle Mutter. Das erste Kind des Kaiserpaares war ein Mädchen, Erzherzogin Sophie, nach der Mutter des Kaisers so genannt. Sie wurde am 5. März 1855 geboren, starb jedoch schon im zartesten Alter, nicht viel über zwei Jahre alt, an einer Kinderkrankheit. Kaiser und Kaiserin weilten gerade aus einer Reise im Innern Ungarns. Sogleich kehrten sie in die ungarische Hauptstadt zurück, wo die kleine Erzherzogin gestorben war. Dies war der erste tiefe Schmerz, der die kaiserlichen Eltern traf. Das zweite Kind, Erzherzogin Gisela, erblickte am 12. Juli 1856 im Schlosse zu Laxenburg das Licht der Welt. Es blühte in Gesundheit und Lebensfrische heran zur Freude der Eltern. Erzherzogin Gisela vermählte sich am 20. April 1873 mit dem Prinzen Leopold von Bayern. Vier Kinder, die Prinzen Georg und Konrad und die Prinzessinnen Elisabeth und Augusta, entsproßten diesem Bunde der Liebe und erfreuten das Herz des kaiserlichen Großvaters. Wie groß war die Freude des jungen Kaiserpaares, als am 21. August 1858 die Geburt eines Sohnes, eines Thronerben, erfolgte. Er erhielt den Namen nach dem erlauchten Stifter und Ahnherrn des Kaiserhauses, dem schlichten Grafen aus dem Schweizerlande, Rudolf von Habsburg. Als der Wiener Gemeinderat die Glückwünsche der Bevölkerung an den Stufen des Thrones niederlegte, antwortete der Kaiser in freudiger Bewegung: „Der Himmel hat mir ein Kind geschenkt, das einst ein neues, größeres und eleganteres Wien finden wird; allein, wenn auch die Stadt sich verändert, so wird der Prinz doch die alten Wiener finden, die, wenn es notwendig sein sollte, auch für ihn unter allen Verhältnissen eine erprobte Opferwilligkeit beweisen werden." Bei der Taufe des Kronprinzen, die am 23. August ini Laxenburger Schlöffe erfolgte, wo der Kaiser so viele frohe Kindertage erlebt hatte, 51 sagte Kardinal Rauscher, der die heilige Handlung vornahm: „Rudolf der Erste wird auf dem Throne seiner Ahnen nur zu wahren und zu erhalten haben, was der rnhmgekrönte Vater ihm festgegründet übergab." Kaiser und Kaiserin ans einem Spazierritt. Der nnerforschliche Wille der Vorsehung hatte es anders beschlossen. In der Blüte des Daseins, in der Vollkraft seines Strebens wurde Kronprinz Rudolf plötzlich dahingerafft. Am 30. Jänner 1889 war er im Jagdschlößchen zu Mayerling bei Baden gestorben. 4* 82 Nichts auf Erden geht über Mutterliebe und Muttersorge, nichts ist schöner als ein Kind, dessen Herz des Dankes nie vergißt, den es seinen Eltern und vor allem seiner guten Mutter, deren liebender Blick seine zarteste Kindheit behütete, zeitlebens schuldet. Die Kaiserin Elisabeth hing an ihrem Söhnchen mit innigster Liebe und Rudolf erwiderte diese mit schwärmerischer Zärtlichkeit. Manchmal freilich hatte sie auch Anlaß, mit ihm unzufrieden zu sein und sie sagte einmal zu dem Kleinen, der liebe Gott werde ihn nicht liebhaben, wenn er so unartig sei. Treuherzig entgegnete das kleine Büblein: „Aber der liebe Gott hat mich doch geschaffen, nicht wahr, Mama? Da muß er doch auch nut mir zufrieden sein, wie ich bin. Aber sag' einmal, Mama, warum macht denn der liebe Gott auch häßliche Menschen und nicht lauter so schöne, wie du bist?" Die Kaiserin sang gern Lieder von Schubert mit einer weichen, schönen Stimme. Ns sie wieder einmal ein solches Lied gesungen hatte, bemerkte sie in den Augen des kleinen Rudolf Tränen. „Warum weinst du denn, mein Kind?" fragte die Kaiserin. „Wenn du singst, liebe Mama," entgegnete der Kleine kindlich, „da werde ich immer gut." Da trat gerade der Kaiser in das Zimmer. „Papa," meinte nun der kleine Erzherzog, „weißt du, so wie Mama müssen die lieben Engel aussehen." Der kleine Rudolf war ein reizendes, lebhaftes Kind und alle hatten ihn gern, wenn er auch manchmal ein wenig zu munter und ungestüm war. Daß er aber auch an der Erweiterung Wiens, an der Demolierung der sogenannten Löwelbastei, mitgearbeitet hat, das werden wohl die wenigsten meiner kleinen Leser wissen. Das kam nämlich so. Der Kaiser hatte sein Wort gehalten, das er bei der Geburt des Kronprinzen den Wienern gegeben, und durch Handschreiben an den damaligen Minister Freiherrn von Bach die Beseitigung der Wälle und Befestigungen sowie die Verbauung der Glacis angeordnet. Mit der Demolierung der Löwelbastei und des „Paradeisgartels" wurde begonnen. — Es war ein schöner Sommertag und viele Leute sahen den Arbeiten zu. Da näherten sich auch ein älterer Herr und ein Offizier, zwischen denen ein munteres Bübchen einherschritt, den Arbeitern. Plötzlich riß sich der Knabe von seinen Begleitern los nnd drängte sich durchs Publikum, Erzherzogin Gisela. 54 ergriff eine Schaufel, die beinahe größer war als er selbst, und begann einen bereit stehenden Schubkarren mit Erde anzufüllen. Sein hübsches Gesichtchen mit den lebhaften Kinderaugen wurde ganz rot vor Eifer, er dachte gewiß, daß ohne ihn die Sache gar nicht gehen würde. Die Umstehenden lächelten über den herzigen Kleinen, der sich in immer größeren Eifer hinein arbeitete. Endlich fragte ein Herr aus der Gruppe der Zuschauer den Knaben, wie er heiße. Ohne sich 'stören zu lassen, erwiderte der Kleine resolut: „Papa heißt mich Rudi, die Mama nennt mich Bubi, die andern sagen zu mir kaiserliche Hoheit." Das Inkognito des kleinen Demolierers war gelüstet. Schon waren aber auch seine beiden Begleiter zur Stelle und führten ihn wieder durch das Spalier der ehrerbietig grüßenden Zuschauer zur Burg zurück. So kam es, daß Kronprinz Rudolf an der Demolierung des alten Wien mitgearbeitet hat. Es ist wohl begreiflich, daß die kaiserlichen Eltern mit innigster Freude den Fortschritten in der geistigen und körperlichen Entwicklung des Kronprinzen folgten. Er wurde ein warmer Freund der Wissenschaften und gab ein großes Werk heraus, in dem die besten Schriftsteller und Künstler die Schönheiten unseres Vaterlandes darstellten. Es ist dies das in vielen Bänden erschienene Buch: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Kronprinz Rudolf erlebte die Vollendung dieses Werkes nicht mehr. Sein jäher Tod riß ihn von der Seite seiner Gemahlin Stephanie, einer geborenen Prinzessin von Belgien, nut der er sich am 10. Mai 1881 vermählt hatte, und seines Töchterchens, der Erzherzogin Elisabeth, an der er mit rührender Zärtlichkeit hing und die bei dem Tode des Vaters erst im sechsten Lebensjahre stand; sie war am 2. September 1883 geboren. Der Schmerz der Eltern über das Hinscheiden des Sohnes, auf dem die Hoffnung des Reiches und die Liebe der Völker ruhte, läßt sich kaum ermessen. Man getraute sich gar nicht, dem Kaiser die Nachricht von dem Tode des Kronprinzen zu überbringen; man meldete das furchtbare Ereignis zuerst der Kaiserin. Sie benahm sich gottergeben wie eine Heilige und gefaßt wie eine Heldin. Kronprinz Rudolf. 56 Ihr Trost richtete den Kaiser wieder aus. Dies hat er auch selbst ausgesprochen in den schönen Worten, die er damals an die Vertreter des österreichischen Abgeordnetenhauses gerichtet hat: „Wie viel ich in diesen schweren Tagen meiner innigstgeliebten Frau, der Kaiserin, zu danken habe, welche große Stütze sie mir gewesen ist, kann ich nicht beschreiben, nicht warm genug aussprechen. Ich kann dem Himmel nicht genug danken, daß er mir solch eine Lebensgefährtin gegeben hat." Noch ein Kind schenkte der Himmel dem Kaiserpaare. Es war wieder ein Mädchen, Erzherzogin Marie Valerie. Ans dem Königsschlosse in Budapest kam sie am 22. April 1868 zur Welt. Sie war anfangs ein zartes, schwächliches Kindchen, das aber unter der liebevollen Pflege der Mutter geistig uud körperlich gedieh. Erzherzogin Marie Valerie wurde der Liebling der Eltern. Als der berühmte ungarische Dichter Maurus Jökai im Jähre 1869 bei der Kaiserin in der ungarischen Hofburg Audienz nahm, um ihr eines seiner Werke zu überreichen, sagte sie nach längerem Gespräche plötzlich: „Warten Sie einen Augenblick! Ich will Ihnen meine Tochter zeigen." Sie öffnete eine Seitentür und winkte der Kinderwärteriu, hereiuzn- treten. Nun nahm die Kaiserin die Kleine, die ihr lächelnd die Ärmchen entgegenstreckte, in ihre Arme uud drückte das Köpfchen an ihr Gesicht. Dem Bischof Hyazinth Rönay, dem der Kaiser die Erziehung der kleinen Prinzessin übertrug, schärfte die Mutter ein: „Lehren Sie sie, religiös zu werden; denn des Trostes der Religion bedürfen wir in diesem Leben ja alle." Wie ihre Mutter liebte auch die Erzherzogin Valerie die Blumen und war glücklich, wenn sie die Gemächer ihrer Eltern mit selbstgezogeueu Rosen schmücken durste. Als ihr die Kaiserin einmal erlaubte, den Weihnachtsbaum für arme Kinder selbst zu schmücken, war die kleine Erzherzogin selig. Der Baum stand im sogenannten Rittersaal der Wiener Hofburg, einem weiten, hohen Raume, der mit kostbaren flämischen Tapeten und bunten Wappenschildern geschmückt ist. Zur Weihnachtsfeier wurde der ganze Saal mit Epheugirlanden geziert, aus deren dunklem Grün Christrosen hervorsahen. Das Feuer, das in dem mächtigen Kamin entzündet war, mischte seinen Glanz mit den: Schein zahlloser Kerzen, die vom Christbaum herniederstrahlten. Erzherzogin Marie Valerie. 58 Um vier Uhr nachmittags öffneten die Diener die Saaltüre und hereinströmten je fünfzig Knaben und fünfzig Mädchen aus armen Familien Wiens. Herzig war es nun zu sehen, wie die Erzherzogin zu jedem der Kinder ging und ihm das Päckchen mit den Geschenken in die Händchen drückte. Nach der Bescherung forderte die Erzherzogin die Kleinen auf, die Kaiserhymne zu singen. Wie frisch klangen da die Hellen Sümmchen zusammen und vielleicht ist niemals das schöne Kaiserlied Haydns inniger gesungen worden, als an diesem Weihnachtsabend in der Hofburg. Dann wurden die Kleinen in einem Nebensaale reichlich bewirtet, wobei die Erzherzogin die aufmerksame Hausfrau spielte und ihre kleinen Gäste aufforderte, nur ja tapfer zuzugreifen. Sie ging zu jedem Kinde und sagte immer: „So nimm doch! So iß doch!" Treuherzig erwiderte eine Kleine: „Aber ich kann wirklich nicht mehr." „Nun, so steck dir die Taschen voll," meinte lächelnd die Erzherzogin. „Da geht auch nichts mehr hinein," sagte die Kleine, die schon reichlich au die Eltern und Geschwister zu Hause gedacht hatte. Es war nicht bloß das Weihnachtsfest, das die Erzherzogin Marie Valerie am 24. Dezember so glücklich machte; dieser Tag war ja auch der Geburtstag ihrer Muller, die sie über alles in der Welt liebte. Nur ein Wesen gab es noch, das sie mit gleicher Liebe ins Herz geschlossen hatte: das war ihr kaiserlicher Vater, für dessen Wohl ihr Gebet zum Himmel stieg und aus dessen Lebenswege sie, soweit es in ihren Kräften stand, alles Herbe und Widerwärtige Hinwegzuräumen bemüht war. In der kaiserlichen Jagdhütte am Langbathsee in Oberösterreich hängt ein Bild, das die Erzherzogin Valerie gezeichnet hat; es stellt den See mit dein hübschen Jagdhäuschen dar; und darunter stehen folgende Verse der Erzherzogin: Von Bergen umgeben, von Wäldern umranscht, Liegt ein See tief unten im Tal; Ein Häuschen steht einfach am Ufer dort, Gott segne es tausendmal. Denn, fliehend das wilde Getümmel der Stadt, Eilt in heilige Ruhe hieher Mein Vater, wenn manchmal auf seinem Haupt Die Krone drückt zu sehr. 59 Hier vergißt er der Sorgen, vergißt der Müh'n, Weiht dem edlen Weidwerk sich nur Und schöpft sich neuerdings Jugendkraft Aus Gottes freier Natur. Und darum segn' ich dich viel tausendmal Du liebes, einsam stilles Tal. Wie glücklich waren die kaiserlichen Eltern, als ihre Tochter, Erz¬ herzogin Marie Valerie, sich am Weihnachtsabende des Jahres 1889 mit dem Erzherzog Franz Salvator, dem Neffen des Großherzogs von Toskana, verlobte. Tiefbewegt sagte der Kaiser zum Brautpaar: „Ich habe es ja schon lange gewußt. Werdet so glücklich, wie Menschen es werden können." Zur Mutter, die ihre Tochter in die Arme schloß und innig küßte, sagte die Erzherzogin: „Wie glücklich bin ich darüber, daß ich nicht sortzureiseu brauche, wenn ich mich verheirate, sondern immer bei dir bleiben kann." fünftes Kapitel. Keilen unct feste. gleich nach seiner Verniählung unternahm der Kaiser mit N seiner hohen Gemahlin Reisen in die einzelnen Länder seines weiten Reiches. Er war glücklich, ihr die Reize der altehrwürdigen Kaiserstadt an der Donan und die mannigfaltigen Schönheiten, an denen unser Vaterland so reich ist, zeigen zu können. Unser Bild zeigt uns das junge Kaiserpaar auf der Gloriette von Schönbrunn, den entzückenden Rundblick über Wien und seine Umgebung genießend. Zuerst besuchte das Kaiserpaar Mähren und Böhmen. Die stolze Pracht der Hauptstadt Böhmens mit ihren vielen herrlichen Palästen, denen das Alter und die Geschichte einen besonderen Reiz verleihen, übte auf das Gemüt der jungen Herrscherin einen tiefen Eindruck, doch ihr Herz zog sie vor allem in die Kirchen und Hospitäler. Wie ein Engel der Barmherzigkeit schwebte ihre Lichtgestalt durch die Stätten der Armut und des Elends, Trost und Hilfe spendend, wo sie nur konnte. Die Majestät der Alpenwelt lernte die Kaiserin auf der Reise kennen, die sie mit ihrem Gemahl nach Kärnten unternahm. Das Kaiftr;>aar in Schönbrunn. 62 Am 7. September 1856 wurde der Großglockner bestiegen. Es war ein wundervoller Frühherbstmorgen, als die Majestäten von dem lieblichen Dörfchen Heiligenblut aufbrachen. Auf der einen Seite des Steiges stürzt der silberschäumende Leiterbach von der Felswand, während auf der andern Seite, mutwillig wie ein frohes Kind, die jugendfrische Möll den Eisfeldern der Pasterze entsprudelt. Die Kaiserin stieg bis zur sogenannten Wallnerhütte auf, die seitdem den Namen Elisabeth ruhe erhielt. Kaiser Franz Josef klomm noch höher empor, er erstieg den sogenannten Glocknersattel, der von nun an Franz Josef-Höhe getauft wurde. Herrlich ist von hier der Ausblick über das majestätische Gebirgs¬ panorama, das den Glöckner umkränzt. Beim Aufstieg erblickte der Kaiser an einem steilen Felsenhange die weißen Sternchen des Edelweiß, der holdesten Blume unserer Alpen; er kletterte beherzt zur Stelle und pflückte einige Blümchen, um sie der Kaiserin zu überreichen. „Dies sind die ersten Edelweiß, die ich in meinem Leben gepflückt habe," sagte er ihr beim Überreichen des Sträußchens. Beim Abstieg hielt ein kleiner Hüterbub, aus dessen sonnengebräuntem Gesicht zwei taufrische Augen wie Kirschen hervorblitzten, der Kaiserin einen ganzen Buschen von Edelweiß und Rauten entgegen und sagte dabei treuherzig: „Euer Majestät, da haben S' Edelweiß und Rauten, wann Sie a Liebhaber davon sein." Die Kaiserin nahm lächelnd den Strauß an, aber ihr könnt euch wohl denken, welches von den beiden Sträußchen ihr lieber war. Bald daraus besuchten die Majestäten auch die Lombardei und Venetien, die damals noch zu unserem Vaterlande gehörten. Die alte Dogenstadt Venedig prangte im Lichterglanze, der sich zauberisch im Wasser der Kanäle spiegelte und von den altersgrauen Palästen zurückstrahlte. Hier begrüßte den jugendlichen Herrscher und seine liebliche Gemahlin der alte Feldmarschall Rad etzky, der sein Schwert auf so vielen Schlacht¬ feldern zum Ruhme unseres Vaterlandes geschwungen hatte. Die Mutter unseres Kaisers hatte einst, als ihr Sohn noch Erzherzog war und nach Italien abreiste, um inmitten der tapferen Soldaten sich die ersten Sporen auf dem Schlachtfelds zu verdienen, an Radetzky folgenden Brief geschrieben: 63 „Verehrter Herr Feldmarschall! Mein Teuerstes, mein Herzblut gebe ich Ihren treuen Händen! Leiten Sie mein Kind aus Ihrer Bahn, so geht es gut und mit Ehren. — Seien Sie ihm ein guter Vater — er ist dessen wert, denn er ist ein braver, ehrlicher Junge und seit seiner Kindheit mit Leidenschaft dem Soldatenstande ergeben." Jetzt durfte Radetzky den Kaiser und die Kaiserin in Venedig begrüßen. Das Kaiserpaar erwiderte die Begrüßung des greisen Helden, dessen lorbeergeschmücktes Schwert schon seit Jahren müßig in der Scheide ruhte, durch eiuen Besuch der Villa reale in Mailand, dem Wohnorte Radetzkys. Am 6. März 1867 nahm Feldmarschall Radetzky in Verona von den Majestäten, die Italien verließen, Abschied. Eine Träne perlte in den Augen des greisen Kriegers. Ahnte er, daß er seinen Kaiser zum letztenmale sehen sollte? Schon am 5. Jänner des folgenden Jahres verschied der Held in seiner Villa zu Mailand, nachdem er mehr als siebzig Jahre der öster¬ reichischen Armee als unübertroffenes Vorbild der Tapferkeit und Trene vorangcleuchtet hatte. Noch nm Todestage des Feldmarschalls erließ der Kaiser einen Armeebefehl, der mit den Worten schloß: „Nm dem tiefen Schmerze Meines mit Mir trauernden Heeres Ausdruck zu verleihen, befehle Ich, daß in jeder Militärstation ein feier¬ licher Trauergottesdienst gehalten und von Meiner ganzen Armee und Flotte die Trauer vierzehn Tage hindurch angelegt werde; alle Fahnen und Standarten haben auf diese Zeit den Flor zn tragen." Und an den Sohn des verblichenen Helden, den Generalmajor Grafen Theodor Radetzky, schrieb der Kaiser: „Es wird Meine Sorge sein, das Andenken des großen Mannes in würdiger Weise zu ehren und die Erinnerung an seine Verdienste um Mich, Mein Haus und das Vaterland durch ein bleibendes Denkmal zu überliefern." Der Kaiser hat Wort gehalten. Am 24. April 1892 fand die feierliche Enthüllung des auf dem Platze „Am Hof" in Wien aufgestellten Radetzky- Denkmals statt. Es ist eine Schöpfung des Meisters Kaspar von Zumbusch und stellt den Helden zu Pferde, mit ausgestreckter Hand aufs Schlachtfeld weisend, dar. 64 So stand er einst auf dem Hügel bei Novara und lenkte die blutige Schlacht. Auf dem Denkmal prangt der Vers unseres großen Dichters Grill¬ parzer: „In deinem Lager ist Österreich!" Ja, im Kriegslager Radetzkys war alles vereinst was unser Vaterland an treuen, ehrlichen Freunden, an kühnen, opfermutigen Kriegern aufzuweisen hatte. Dort war die Größe, die Ehre, der Ruhm und das Glück unseres geliebten Vaterlandes. Wenn die feurigen Klänge des Radetzkymarsches erschallen, da zuckt auch jetzt noch jede Fiber des Österreichers, der sein Vaterland treu und aufrichtig liebt. Nicht wahr, da leuchtet auch dein Auge, mein braver Junge, und du nimmst dir vor, wenn du groß geworden bisst für des Vaterlandes Ehre und Größe deine beste Kraft einzusetzen, und wenn es notwendig sein sollte, mit frohem Mute in den Krieg, in die Schlacht zu ziehen! Gibt es denn ein edleres Gefühl, ein solches, welches das Herz höher schlagen, das Auge Heller flammen läßt, als die Liebe zum Vaterlande, dem wir alles zu danken haben, dem wir auch alles zu opfern bereit sind?! Der Kaiser führte seine Gemahlin auch nach Ungarn, wo die stürmische Bewegung der Jahre 1848 und 1849 in ruhigere Bahnen geleitet worden war. Kaiserin Elisabeth liebte dieses Land mit seinen lebhaften, gastfreien Bewohnern, seinen endlos weiten, schwermütig traurigen Heiden, in deren einsamen Gehöften die Fiedel des Zigeuners zum feurigen Nationaltanze, dem Csardas, erklingt. Sie erlernte die ungarische Sprache so vollkommen, daß sie ohne jeden fremden Akzent, wie eine im Lande geborene Ungarin sprach. Der Friede, den unser Kaiser mit seinem ungarischen Volke geschlossen hatte, erhielt seinen bekräftigenden Abschluß durch jenen Ausgleich vom Jahre 1867, durch den der österreichische Kaiserstaat sich in die Doppel¬ monarchie Österreich- U n g a r n verwandelte. Die Krönung unseres Kaisers und seiner erlauchten Gemahlin zum Könige und zur Königin von Ungarn fand am 8. Juni 1867 statt, und zwar nach einem alten Brauche in der schlichten Ofener Hauptpfarrkirche. Unser Kaiser ist einfach, jeder falsche Prunk ist ihm verhaßt. Er liebt das Schlichte, Ungezwungene, Natürliche. Aber als Herrscher eines Krönung Franz Josefs I. zum König von Ungarn. 66 so großen und ruhmvollen Staates muß er natürlich auch häufig Glanz und Pracht entfalten und kommt in die Lage, das Herrlichste und Sehenswürdigste, was nur der Mensch ersinnen mag, zu erleben. Zu jenen Ereignissen seines reichen Lebens, auf denen der bezaubernde Schimmer fürstlichen Glanzes ruhte, gehörte vor allem auch die Königs¬ krönung in Budapest. Die altehrwürdigen Bräuche, verschönt von dem Stolze und der Liebe eines dankbaren Volkes, kamen hiebei zur Geltung. Schon in früher Morgenstunde setzte sich der märchenhaft schöne Zug in Bewegung. Der Kaiser ritt auf einem herrlichen Rosse, einem milchweißen Schimmel, in Marschallsuniform, den federgeschmückten Kalpak auf dem Haupte; unmittelbar vor ihm ritt ein Bischof mit einem Kreuze, dem Abzeichen des Apostolischen Königs, und ein hoher Würden¬ träger mit dem entblößten Schwerte, dem Spmbol der Macht. Hinter dem Kaiser fuhr seine hohe Gemahlin in dem von acht Pferden gezogenen Kröuungswagen; sie trug ein Kleid aus weißem Seidenbrokat, darüber den Krönungsmantel aus schwarzem Samt, auf dem Haupte die mit Diamanten und Perlen gezierte habsburgische Hauskrone. Hinter dem Wagen der Kaiserin, zu dessen Seiten weißgekleidete Mädchen Blumen streuten, ritten zweihundert junge Edelleute in ihren reichen, mit Gold und Edelsteinen gezierten Trachten; über der linken Schulter hatten sie Tigerfelle umgeworfen und ihre feurigen Rosse lenkten sie an vergoldeten, mit kostbaren Steinen gezierten Zügeln. Der erste Bischof des Landes, der Fürstprimas von Gran, erwartete die Majestäten an der Kirchenpforle. Nach der Salbung wurde der Kaiser mit dem alten Schwerte des Königs Stephan umgürtet und ihm dann die heilige Krone aufs Haupt gedrückt, worauf er unter den Thronhimmel geleitet wurde und das Schiff der Kirche der Ruf durchbrauste: „Es lebe der König!" Der Donner der Geschütze vermengte sich mit den feierlichen Klängen des Tedeums, die vom Chor der Kirche herab erschollen. Nach Beendigung des Hochamtes ritt der neugekrönte König im vollen Schmucke auf den Krönungshügel, zu dessen Errichtung jedes ungarische Komitat ein Häuflein Erde nach Budapest geschickt hatte. Der König zog das Schwert und schwang es nach den vier Richtungen des 67 Himmels, um so anzudeuten, daß er Ungarn gegen jeden Feind schützen werde, möge er von Westen, Osten, Süden oder Norden das Land bedrohen. Während der Krönungstasel wurden nach altem Brauche Gold- und Silbermünzen unter das Volk verteilt und aus den Brunnen auf der sogenannten Generalswiese stoß roter und weißer Wein, den das Volk auf das Wohl seines Königs trinken durfte. Die Denkmünze, die geprägt wurde, trug das Bild des Königs auf der einen, das der Königin auf der anderen Seite mit der schönen Umschrift: „Der Stern des Glückes leuchte über ihr!" Wie viel schöne Tage, wie viele Feste, in denem die dankbare Liebe des Volkes zum Ausdrucke kommt, erlebt ein Herrscher, der es mit den Bürgern seines Staates, ob arm, ob reich, ob hoch oder niedrig wirklich gut meint! Und welcher Lenker eines Staates hat es wohl während seiner ganzen langen Regierung' ehrlicher und aufrichtiger mit seinen Völkern gemeint als unser Kaiser, dessen Herrscherwalten stets von den edelsten und lautersten Absichten beseelt war. Dafür erwarb er sich auch die dankbare Liebe aller seiner Völker. Wollte ich euch, meine lieben jungen Leser, von all den freudigen Festen erzählen, dis Österreichs Völker ihrem Kaiser bereiteten, da müßte ich ein dickes, dickes Buch schreiben, und ihr könntet am Ende glauben, des Kaisers Leben sei nichts als eitel Glanz und Fröhlichkeit gewesen. Und vielleicht hat niemand so viel Leid erlebt, wie gerade er. Ihr werdet noch später davon lesen, liebe Kinder. Aber zweier herrlich schönen Feste will ich doch noch Erwähnung tun und sie euch schildern, Festzüge der Großen und der Kleinen. Ich meine zunächst die silberne Hochzeit des Kaiserpaares. Gewissermaßen zur Vorfeier lud des Kaisers Bruder, Erzherzog Karl Ludwig, die Majestäten zu einem ebenso sinnigen als prächtigen Feste in sein Palais in Wien ein. In sechs lebenden Bildern wurden Szenen aus der Geschichte des habsburgisch-lothringischen Hauses dargestellt. Das erste Bild versinnbild¬ lichte die Belehnung der Söhne Rudolfs von Habsburg, Albrecht und Rudolf, mit den österreichischen Landen. Den Kaiser Rudolf, den schlichten Ahnherrn seines Hauses, gab der Kronprinz, in Tracht und Haltung so 68 getreu, daß man glauben konnte, der alte Habsburger sei aus seiner Gruft zu Speier auferstanden. Das letzte Bild stellte dar, wie Maria Theresia die Braut ihres Sohnes Josef, die anmutige Infantin Isabella, am Wiener Hofe empfing. Die Kaiserin Maria Theresia wurde von der Erzherzogin Elisabeth, die liebreizende Isabella von Parma von Erzherzogin Maria Theresia, Kaiser Franz, der Gemahl der Maria Theresia, von Erzherzog Leopold von Toskana dargestellt. Es war ein bezaubernd schönes, farbenreiches Bild. Und als nun, zuerst leise, dann immer voller und voller, die Klänge der Volkshpmne ertönten und alle die Teilnehmer an den Bildern in ihren prächtigen historischen Kostümen vor das Kaiserpaar traten und ihre Glückwünsche zur silbernen Hochzeit darbrachten, da blieb weder des Kaisers noch der Kaiserin Auge tränenleer. Am Hochzeitstage fand die kirchliche Feier in der Votivkirche statt, die damit eingeweiht wurde. Der Kaiser verharrte während des Gottes¬ dienstes kniend vor dem Hochaltar. In seinen ernsten Zügen malte sich tiefe Rührung. Die Kaiserin preßte wiederholt das Taschentuch vor die Augen, um die herabrollenden Tränen zu trocknen. Als das Kaiserpaar die Kirche verließ, erwarteten es zehn Wiener Bürgermädchen und überreichten der Kaiserin im Namen der Stadt Wien einen herrlichen Blumenstrauß. Die Kaiserin dankte herzlich für die reizende Gabe. Aber die Krone der ganzen Feier war der überwältigend schöne F eftzu g, der sich am 27. April 1879 über die Wiener Ringstraße bewegte. Fast zwei Stunden währte das Vorüberziehen der einzelnen Gruppen vor dem Kaiser und der Kaiserin, die in einem prächtigen Zelte vor dem Burgtor verweilten. Ein Herold eröffnete den Zug, dann kamen Handwerker, Schützen, Künstler in den reichen, malerischen Trachten des Mittelalters. Mächtige, mit Blumen und Fahnen geschmückte Wagen, auf denen ganze Gruppen von Winzern, Landleuten, Jägern und Zünften in froher Luft fangen und jauchzten, rollten im Zuge einher und vor der letzten Gruppe ritt auf prächtig geschirrtem Rosfe der Veranstalter des schönen Festes, der berühmte Wiener Maler Hans Makart, von all den Tausenden, die die Straßen füllten, jubelnd begrüßt. 69 Als die Gesangvereine nach dem Abschlüsse des Zuges vor dem Kaiserzelte sich aufstellten und die Volkshymne saugen und die Schlußverse: Heil Franz Josef, Heil Elisen, Segen Habsburgs ganzem Haus! weithin über den Platz hallten, da war der Kaiser tief gerührt und dankte mit Tränen in den Augen dem Wiener Bürgermeister für die einzig schöne Huldigung. „Ich bin stolz und glücklich zugleich," äußerte sich der Kaiser in dem Handschreiben, das er erließ, „Volker, wie sie dieses Reich umfaßt, als Meine große Familie betrachten zu können." Keine geringere Freude bereitete dem Kaiser der Festzug, der zur Feier seines fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläums von den Wiener- Schulen dem Herrscher am 24. Juni 1898 dargebracht wurde. Die Kleinen huldigten dem ehrwürdigen Greise, die Kinder dem Vater; denn der Kaiser ist ja der Landesvater für alle Bewohner seines weiten Reiches, große und kleine. Tausende von rotbäckigen, blond- und braunlockigen, blau- und schwarz¬ äugigen Kindern, Buben und Mädchen, von den ganz Kleinen, die erst zu buchstabieren anfangen, bis zu den Großen, die schon recht viel wissen von ihrem Vaterlande und ihrem lieben Kaiser, trippelten und marschierten damals an den Kaiser vorüber, die kleinen Mädchen mit zierlichen Schrittchen, die großen Knaben stramm und militärisch, künftige Soldaten. Und das alles schwenkte die Fähnchen, lüftete Mützen und Hüte und grüßte mit Hellen, lauten Hochrufen den Kaiser, der immer wieder lächelnd dankte und freundlich mit der Hand winkte. Diese festliche Kundgebung hat dem Herzen des Kaisers wohlgetan und die Kinder werden gewiß dessen nie vergessen, was sie damals, als der Blick des Herrschers so freundlich auf ihren vor Eifer und Lust glühenden Gesichtern ruhte, sich im Stillen gelobten: den Kaiser nie zu betrüben und ihr Vaterland, ihr schönes Österreich, immer zu lieben. Der Kaiser drückte voll Freude dem Bürgermeister Dr. Lueger die Hand und sagte: „Der Zug war herrlich schön und wird mir immer in Erinnerung bleiben." Gibt es wohl auch etwas Lieblicheres als die Dankbarkeit der Kinder, etwas Rührenderes als die Treue, die aus unschuldigen Augen hervorglänzt? - 5eckstes Kapitel. 7m 6eräuscke cier Vvakfen. d^'vii echtem Golde, rein imd klar, Ist Österreichs Kaiserkreme; Es ist ein echter Kaiseraar, Der Aar an seinem Throne. Ja, das uralte Kaiserschwert Hält er in einem Fange, Daß in dem andern unversehrt Des Friedens Ölzweig prange. So singt der vaterländische Dichter, der Tiroler Sänger Adolf Pichler. Es ist ein gutes, alterprobtes Schwert, das Österreichs Adler in seiner Kralle hält, aber niemals haben es die Fürsten unseres Vaterlandes ans blosser Ländergier und Eroberungssucht gezogen. Auch unser Kaiser nicht. Seinen Völkern die Segnungen des Friedens zu erhalten, war sein heißester Wunsch. Als er, noch ein Jüngling, den Thron bestieg, hatte Mdms Les Kaisers aus Lem Lahre 1857. 72 er sich fest vorgenommen, das Gebäude des Staates, das die Stürme der Revolution erschüttert hatten, auf neuen, festen Grundlagen auf¬ zurichten und es so auszugestalten, daß alle Völker seines Reiches, so verschieden in Sitten und Sprache sie auch sein mochten, darin gerne wohnen und glücklich sein sollten. Aber welcher Baumeister kann bauen, wenn die Elemente toben oder schadenfrohe Nachbarn das begonnene Werk immer wieder stören? So mußte auch unser Kaiser einigemale die Friedensarbeit unterbrechen und zum Schwerte greifen, um die Ehre und die Ruhe seines Reiches zu verteidigen. Zehn Jahre waren erst verstrichen seit dem Tage, als Erz¬ herzog Franz Josef den Blumenkranz jugendlicher Lebensfreude mit dem drückenden Goldreife der Herrschaft vertauscht hatte, und schon war ein schwerer Krieg mit dem Könige von Sardinien, Viktor Emanuel, der diesmal mit dem französischen Kaiser Napoleon III. verbündet war, unvermeidlich. Es kam zu den blutigen Schlachten von Magenta am 4. Juni und bei Solferino am 24. Juni des Jahres 1859. In dieser Schlacht stand der Kaiser mit seinem Stabe auf der Anhöhe von Cavriana, von der man das ganze Schlachtfeld übersehen konnte. Er ritt vor die Fronte eines zum Angriffe vorrückenden Bataillons und feuerte es mit den Worten an: „Vorwärts, meine Braven! Auch ich habe Weib und Kind zu verlieren." Vor der feindlichen Übermacht konnte alle Tapferkeit der österreichischen Armee nicht standhalten. Der Kaiser entschloß sich zur Waffenruhe, der am 10. November 1859 der Friede von Zürich folgte. Die Lombardei mußte abgetreten werden. „Wir haben die Tapferkeit und Entschlossenheit der Armee Eurer Majestät kennen gelernt," schrieb damals der französische Herrscher an unseren Kaiser und dieser selbst belobte in seinem Armeebefehl die helden¬ mütige Tapferkeit seiner Soldaten. Als wenige Jahre später der dänische König Christian IX. Miene machte, die Rechte der Herzogtümer Schleswig-Holstein zu mißachten und deutsches Land zu knebeln, da säumte unser Kaiser, dessen Ahnen so lange Zeit die Kaiserkrone des Heiligen römisch-deutschen Reiches getragen hatten, keinen Augenblick, für Deutschlands Ehre das Schwert zu ziehen und an 73 der Seite des Königs von Preußen die Selbständigkeit der beiden Herzog¬ tümer zu verteidigen. Mit dem Säbel in der Faust trieb die österreichische Reiterei bei Översee (6. Februar 1864) die Dänen vor sich her und jagte sie bis nach Flensburg zurück und Fetdmarschalleutuant Gab le uz schlug den Feind bei Veile (8. März) entscheidend aufs Haupt. Auch die junge österreichische Flotte stand ehrenvoll dem altbewährten dänischen Kriegsgeschwader gegenüber. Damals pflückte der junge Seeheld Wilhelm von Tegetthoff das erste frische Blatt zu dem Lorbeer¬ kranze, den ihm fein dankbares Vaterland reichte. Die beiden Herzogtümer Schleswig-Holstein waren frei, aber Preußen wollte sie seinem eigenen Reiche einfügen. Es wollte ein großes Deutschland unter seiner Vorherrschaft und mit Ausschluß Österreichs gründen. Einst hatte unseres Kaisers Stammutter Maria Theresia sieben Jahre mit dem preußischen Könige um Schlesiens Besitz gerungen. Sollte unser Kaiser Preußen ruhig gewähren lassen und die deutschen Fürsten, die sich so lange um Habsburg geschart hatten, preisgeben? Er konnte es nicht. Aber im Jahre 1866 hatte es unser Vaterland nicht bloß mit dem Feinde zu tun, der den Norden der Monarchie bedrohte, sondern auch mit Italien, mit dem sich Preußen verbündet hatte. Im Norden war unser an Zahl schwächeres Heer der Wucht des Feindes nicht gewachsen. Die blutige Schlacht auf dem Felde von Königgrätz am 3. Juli 1866 entschied das Schicksal zu Ungunfleu Österreichs. Seine Vorherrschaft in Deutschland ging auf Preußen über. Dies vermochten auch die zwei herrlichen Siege nicht abzuwenden, die unsere Waffen auf dem südlichen Kriegsschauplätze errangen: die Siege von Custozza und Lissa. Wo vor Jahren schon Radetzkys Heldenschwert siegreich gewesen, im Gelände von Custozz a, dessen weißschimmernde Häuschen von Zitronen- und Olivenhainen umkränzt werden, siegte am 24. Juni 1866 des Kaisers Oheim, Erzherzog Albrecht, der Sohn des Siegers von Aspern, über die italienische Armee. Der damals siebenjährige Kronprinz Rudolf schrieb gleich nach dem Siege ein herziges Brieflein au den ruhmgekrönten Feldmarschall Erzherzog Albrecht. Achlacht dri CMona. 75 Es lautete: Lieber Onkel! Wie freue ich mich, daß Du gesiegt hast. Die Mama und auch die Gisela gratulieren Dir von ganzem Herzen. Ich habe den lieben Gott gebeten, daß wir siegen und daß Er Dich auch ferner beschütze. Ich denke sehr viel an unsere brave Armee, an die armen verwundeten Soldaten. Wie viele Brigaden waren im Feuer? War mein Regiment auch schon im Feuer? Ich lese alle Telegramme, die von: Süden und Norden kommen. Viele Grüße an Onkel Rainer. Behalte mich lieb, ich habe Dich auch sehr lieb. Ischl, den 25. Juni 1866. Dein Rudolf. Jeder brave Knabe, der sein Vaterland liebt, freut sich über dessen Ruhm. Und aus solch wackeren Knaben werden dann ernste, tüchtige Männer, die dem Vaterlande zu dienen und ihm ihr Leben zu weihen als ihre schönste nnd heiligste Pflicht erachten. Nicht bloß zu Lande, auch zur See schimmerte damals der Ruhm unseres Vaterlandes in hellstem Glanze. Auf den Sieg von Custozza folgte jener bei Lissa, einer kleinen, rebenreichen Insel im schönen Adriatischen Meere. Dort erwartete Admiral Wilhelm von Tegetthoff die stattliche italienische Flotte, nm sie anzngreifen. Er hatte nur sieben Panzerschiffe mit 173 Geschützen; das feindliche Kriegsgeschwader zählte zwölf nnd hatte 248 Kanonen. Aber in Tegetthosss Brust und in den Herzen seiner Matrosen wohnte der alte österreichische Mut und so kommandierte er denn, sobald er des Feindes ansichtig wurde, „Klar zum Gefecht!" und bald war das größte feindliche Schiff, der stolze „Re d'Jtalia", von dem österreichischen Admiralschiff „Erzherzog Ferdinand Max" in den Grund gebohrt. Schneller als man es erzählen kann, sank das feindliche Schlachtschiff unter und die Wogen des Meeres schlugen über ihm zusammen. Das italienische Schiff „Palestro" flog in die Luft; unser „Ferdinand Max" hatte es in Brand gesteckt. Anderthalb Stunden hatte das schauerlich schöne Ringen auf dem Meere gedauert; dann war es zu Ende. Der Feind zog sich in den Hafen von Ancona zurück. 76 Der dankbare Kaiser beförderte Tegetthoff zum Vizeadmiral und schmückte seine Brust mit dem Komturkreuz des Franz Josef-Ordens. Des Kaisers Bruder, Maximilian, der sich im Jahre 1863 die Kaiserkrone von Mexiko aufs Hanpt gesetzt hatte, die für ihn zur Dornen¬ krone wurde, schrieb auf die Nachricht von dem Siege bei Lissa an Tegetthoff : „Der ruhmvolle Sieg, welchen Sie gegen eine überlegene und tapfere Flotte erfochten haben, hat mein Herz mit der reinsten Freude erfüllt." Nicht ganz ein Jahr verstrich und des Kaisers Bruder, Kaiser Maximilian, wurde in Queretaro in Mexiko auf Befehl seines Gegners Benito Juarez erschossen. Er hätte fliehen können, aber er sprach das stolze Wort aus: „Ein Habsburger verläßt im Augenblicke der Gefahr seinen Posten nicht." Und darnach handelte er. Es war ein wunderschöner Morgen, jener 19. Juni 1867. Die Gipfel der mexikanischen Berge erglänzten im Silber ihres Schnees, die Ebene prangte im Duft und Glanz der Blumen, als Kaiser Max von Mexiko zur Richtstätte geführt wurde, um deu Tod eines tapferen Soldaten zu erleiden. „Kinder, zielt geradeaus hieher!" rief er den Soldaten zu und legte die Hand aufs Herz. Kaiser Franz Josef und seine Eltern waren aufs tiefste erschüttert. So mischten sich im Leben unseres Kaisers Leid und Freud und selten ward ihm der Trank der Lust beschieden ohne den bitteren Bodensatz des Schmerzes. Oft sind Kriege das einzige Mittel, um Kultur und Bildung zu fördern und in ein verwahrlostes Land, dessen Bewohner von wilden und rohen Sitten sind, das Licht einer edleren Kultur zu tragen. Die alten Römer, von deren großen Kriegen ihr gewiß schon viel gehört habt, führten in der einen Hand das Schwert, in der anderen den Pflug. Hatten sie ein Land erobert, so begann die Arbeit guter Bewirtschaftung und gesetzlicher Ordnung. Auch die Fürsten, die in früheren Zeiten in unfern Ländern herrschten, folgten dem Beispiele dieses alten Kriegsvolkes. Als Karl der Große die wilden Avaren, die in unseren Gegenden hausten, niedergeworfen und fast vernichtet hatte, schickte er fleißige Ansiedler in die entvölkerten und verwüsteten Länder und aus den: einst von den Avaren bewohnten Gebiete erblühte die Ostmark, aus der nach und nach das große Österreich hervorwuchs. Seeschlacht bei Lissa. 78 Österreichs Herrscher haben die Türken, die dem ganzen Abendlande so furchtbar waren, znrückgetrieben und den von ihnen schwer heimgesuchten Landschaften die Segnungen des Friedens geschenkt. Es fehlte nicht viel und Prinz Engenius, der edle Ritter, hätte ihnen auch das herrliche Konstantinopel entrissen und sie für immer aus unserem Weltteile hinweg¬ gedrängt. Auch unser Kaiser setzte diese Kulturarbeit seiner Vorfahren fort und griff zum Schwerte, um die armen Bewohner zweier von den Türken verwahrlosten Länder mit höherer Bildung und Gesittung ver¬ traut zu machen und sie in den Stand zu setzen, die Schätze ihrer Heimat zu heben und zu verwerten. Als nämlich im Jahre 1878 der Krieg zwischen Rußland und der Türkei ausbrach und die Türkei den Frieden zu Sau Stefauo (3. März) schloß, übertrug ein Kongreß der europäischen Großmächte, der in Berlin zusanunentrat, Österreich die Aufgabe, die beiden türkischen Provinzen B o s n i e n und die Herzegowina, welche unter der türkischen Mißwirtschaft furchtbar zu leiden hatten, zu besetzen und in diesen verwahrlosten Ländern Ordnung zu schaffen. Die Aufgabe war ehrenvoll, aber nicht leicht, denn die Mohammedaner leisteten unseren tapferen Truppen den langwierigsten und zähesten Widerstand. Es war am Tage des Gebnrtsfestes unseres Kaiser, am 18. Augnst 1878, als endlich der Oberbefehlshaber unserer Armee, Feldzengmeister Josef Freiherr von Philippovic, aus den Anhöhen vor Sarajevo, der Hauptstadt Bosniens, stand. Der Rundblick von diesen Höhen ist herrlich. In das dichte Grün von Gärten und Wäldchen eingebettet, liegen die weißen Häuser von Sarajevo im Tale, das die Miljacka fröhlich durchranscht. Glänzend heben sich von dem dunklen Grün die vielen schlanken, hellschimmernden Minarets — die Türme der mohammedanischen Gotteshäuser — ab und in der Ferne umkränzt die blaue Kette der Berge das freundliche Bild. Auf diesen Höhen stand der österreichische Feldherr am Geburtstag des Kaisers und bereitete den Angriff vor, durch den am nächsten Tage die Stadt in die Gewalt unserer tapferen Soldaten kam. Freilich war damit der Widerstand der betörten Bevölkerung noch lange nicht ganz gebrochen, aber endlich kehrte doch in diese so schwer 79 heimgesuchten Länder Ruhe und Ordnung ein und es begann die Arbeit des Pfluges und des Dampfes. Jetzt durchziehen breite Straßen nnd Eisenbahnen die beiden von Österreich besetzten Länder; die Schätze der Metalle werden dem Innern der Berge entwunden; Hammer und Meißel erklingen; die Dampfpfeife schrillt und goldene Ähren wogen, wo einst die Wildnis starrte; die Menschen aber beugen ihre Nacken nicht mehr unter der Willkür roher Herren, sondern sie fügen sich dein sanften Zwange der Gesetze. Unser Kaiser war für diese Länder ein wahrer Kultur bring er. Siebentes Kapitel. frieäenspalmen. as des Bürgers Fleiß geschaffen. Schütze treu des Kriegers Kraft; Mit des Geistes heitern Waffen Siege Kunst und Wissenschaft! Diese Worte unseres herrlichen Kaiserliedes passen wunderbar auf die Regierungszeit unseres Kaisers. Wenn er auch zuweilen zum Schwerte gegriffen Hatz so tat er es nie aus bloßer Begierde nach den: blutigen Lorbeer der Schlachten; viel würdiger dünkte es ihn, um die Palme des Friedens zu ringen, Handel und Wandel zu fördern und den Künsten und Wissenschaften die Sonne seiner Huld zu schenken. Außerordentlich ist der Aufschwung, den Gewerbe und Handwerk, Handel und Industrie in unserem Vaterlande unter seiner Regierung genommen haben. Wie lang ist es her, daß ein kleiner Knabe, James Watt, den Teekessel, in dem der wallende Dampf den Deckel hob, beguckte, um die Wirkungen des Dampfes zu studieren — und heute fährt man fast bis 81 ans Ende der Welt auf Schienenstraßen, auf denen der Dampf lange Wagenzüge fortbewegt. Österreich hat den Ruhm, die erste Gebirgsbahn erbaut zu haben. Wie leicht kommt man jetzt aus dem Staube und dem Gewirre der Großstadt in die reine, würzige Luft des Hochgebirges und genießt entzückten Blickes die Majestät der Alpenwelt! Am 14. Mai 1854 wurde unter der Regierung unseres Kaisers die Eisenbahn über den Semmering vollendet, mit deren Bau im Jahre 1849 begonnen worden war. Jur Mittelalter fuhr der Karren des Kaufmanns mühsam durch Gestrüpp und Wald über den schlechten Gebirgsweg. Erst Kaiser Karl VI. ließ eine schöne, breite Straße über den Semmering anlegen, auf der schwer beladene Wagen verkehren konnten. Aber wie langsam ging's trotz alledem vorwärts, wie kostspielig war der Transport der Waren, wie lange dauerte es, bis der Reisende von Wien über Gloggnitz nach Mürzzuschlag in die schöne grüne Steiermark gelangte. Heute saust der Eisenbahnzug in wenig Stunden über lachende Bergtriften, an steilen Felswänden und rauschenden Gebirgswässern vorüber, durch finstere Tunnels und auf schlanken, zierlichen Viadukten dahin und führt den Reisenden mitten ins Herz der herrlichen Alpen. Nicht bloß großartig ist diese Bahn, die unser Kaiser bauen ließ, sie erfreut auch durch die anmutige Leichtigkeit, mit der alle Hindernisse überwunden sind, den staunenden Blick des Reisenden. Alles erscheint so fest und sicher, wie für die Ewigkeit bestimmt, und doch so zierlich und künstlerisch, als wäre es nur zum erfreuenden Spiele der Phantasie geschaffen. Der Erbauer dieser Alpenbahn, Heinrich Ritter von Ghega, verdient das schöne Denkmal, das vor der Station Semmering seinen Ruhm verkündet. Außer der Semmeringbahn wurden unter der Regierung unseres Kaisers auch andere österreichische Alpeubahnen erbaut, so die Arlbergbahn, die an den schönen Bodensee führt und unser Vaterland mit dem Westen Europas verbindet, die Brennerbahn, die den Reisenden wie im Fluge aus der Gletscherpracht des Tiroler Hochgebirges in den sonnigen Süden Italiens entführt, und in neuester Zeit die Tauernbahn. Wie mühsam war einst der Verkehr zwischen dem deutschen Norden und Italien. Denkt an die Zeiten, als die deutschen Könige mit ihren Smolle, Unser Kaiser. 6 82 schwergepanzerten Rittern, von Sehnsucht getrieben, nach dem ewigen Rom zogen, um dort die Kaiserkrone zu empfangen! Wie beschwerlich war der Aufstieg über die Alpen. Wie mühselig für die Warenzüge des Kaufmanns! Nach dem Beispiele Österreichs sind mm auch die schweizerischen, französischen und italienischen Alpen von Schienenwegen überquert und durch Schluchten und Pässe braust die Lokomotive und führt uns in herrliche, lachende Landschaften. In die Regierungszeit unseres edlen Kaisers fällt die großartige Entwicklung der Eisenbahnen. Österreich-Ungarn bedeckte sich mit einem dichtmaschigen Netze. Insbesondere sind mit diesen neuen Verkehrsstraßen Niederösterreich, Böhmen, Mähren und Schlesien bedacht. Und auf diesen Linien laufen die Räder der Wagen, die Menschen und Waren in alle Weltgegenden bringen. Der Handel hat einen ungeheuren Aufschwung genommen und nnt ihm die Industrie, die alle Produkte der Erde verwertet und den Bedürfnissen der Menschen dienstbar macht, von der feinsten Nadel und dem Streich¬ hölzchen an bis zu den ungeheuren Maschinen, deren Größe an vorsint¬ flutliche Geschöpfe erinnert. Von der Blüte des Gewerbesteißes und des Handels in unserem Staate liefern die vielen Ausstellungen ein lebendiges Bild. Die großartigste war wohl die Weltausstellung, die im Jahre 1873, zur Feier des 25jährigen Regierungsjubiläums unseres Kaisers, in den Auen des Wiener Praters stattfand und an die noch die Riesenkuppel der Rotuude erinnert. Am ersten Mai des genannten Jahres wurde die Weltausstellung durch den Kaiser eröffnet. Sie glich einein Wunder aus Tausend und einer Nacht. Abend- und Morgenland hatten hier ihre gleißenden Schätze auf¬ gehäuft, prunkende Stoffe, glitzernde Juwelen, herrliche Gegenstände der Kunst; alles Schöne, was nur des Menschen wunschbegieriges Herz sich ersehnen mag, war hier zu finden. Aus allen Teilen der Erde waren die Menschen hier zusammen¬ geströmt; man konnte saft alle Sprachen der Welt hören. Die gurgelnden Töne des Arabers mischten sich mit den seltsamen Lauten des Chinesen und Japaners; das stolze Spanisch mit den weichen Klängen der italienischen und französischen Sprache. 83 So verschieden wie die Sprachen, waren auch die Trachten, die man zu sehen bekam. In seinen reichen Seidengewändern lustwandelte der vornehme Mandarine aus dem Reiche der Mitte neben dem persischen Würdenträger im schwarzen Rock und der edelsteingeschmückten Mütze aus Lammfell. Die ungeheuren Fortschritte auf dem Gebiete des Maschinenwesens und der Mechanik konnte man nirgends besser als in der Maschinenhalle wahrnehmen, die sich mit dem Rücken an die regulierte große Donau anlehnte. Da war ein Dröhnen, Summen, Hämmern, Pochen, Surren und Schnurren, Pusten und Pfeifen der zahllosen Schlote, Räder, Kurbeln, Schrauben und Riemen, daß einem fast Hören und Sehen verging. — Wenn man durch diese hohe und weite Halle wandelte, da erkannte man erst, welche Riesenfortschritte der menschliche Geist im Laufe der Zeit gemacht hatte. An diesen Fortschritten hatte sich Österreich-Ungarn unter Kaiser Franz Joses I. hervorragend beteiligt. Im Jahre 1850 betrug der Wert unserer Jndustrieerzeugnisse nur 299 Millionen Gulden, im Jahre 1870 aber 1637 Millionen Gulden oder 3274 Millionen Kronen. Die Menge des gewonnenen Eisens in unserem Vaterlande betrug im Jahre 1848 nur 3'9 Millionen Zentner; im Jahre 1871 aber schon 8'6 Millionen. Die Ausbeute an Kohle stieg in diesem Zeiträume gar von 18'8 auf 198'2 Millionen Zentner. Ziffern sind gar trockene Dinge, aber wenn sie auch stumm sind, können sie doch sehr beredt sein. Denkt einmal nach und ihr werdet über die Bedeutung der Zahlen, die ihr soeben gelesen habt, noch mehr staunen. So war also der Besuch der Maschinenhalle gewiß sehr lehrreich. Ebenso belehrend, nur noch viel unterhaltender war die Besichtigung der kleineren und größeren Gebäude, die rings um die Rotunde aus dem Grün der Wiesen und Banmgruppen des Praters hervorblickten. Da gab es Alpenhütten aus Tirol, schwedische, norwegische und russische Bauernhäuser, zierliche japanische Häuschen aus Papier und Holz, Zelte der Beduinen, Lehmhütten arabischer Fellachen u. s. w. u. s. w. Der ganze Prater hatte sein Aussehen verändert, nicht bloß um die Rotunde herum; auch die anderen Partien dieses großen Naturparks, den der frohgemute Wiener so liebt, hatten sich gründlich umgewandelt. 6* 84 Laßt euch von eurem Vater oder vom Großmütterlein erzählen, wie es im Prater im Anfänge der Regierung unseres Kaisers noch aussäh. Hinter dem ersten Rondeau begann schon die Wildnis und die Hirsche, die der Wiener „Hanseln" nannte, kamen fast bis zu den Kaffeehäusern, die damals noch ganz schmucklose Holzhütten waren. Wie einfach waren die Ringelspiele mit den rohgeschnitsteu, bemalten Rvßtein und die Schaukeln, auf denen die Kleinen bis zum Himmel fliegen wollen. Heut hat selbst das Kasperltheater, vor dem ihr gewiß schon oft gestanden und euch an den Spässen des Hanswursts erfreut habt, ein elegantes, feines Kleid angezogen; und ihr würdet die alten einfachen Schaubuden von damals gar nicht mehr hübsch finden, da ihr durch die Karussells und sonstigen Sehenswürdigkeiten, die im Glanze der elektrischen Beleuchtung erstrahlen, schon ganz verwohnt seid. Und wie der Prater, so hat sich auch die ganze Wienerstadt unter unserem Kaiser gänzlich verändert. Im Jahre 1846 zählte sie 410.000 Ein¬ wohner und zerfiel eigentlich in 34 kleine Städte, die alle für sich lebten und sich, wie die Küchlein um die Henne, um die innere Stadt lagerten, die durch Wall und Graben eingeengt und durch die weiten Glacis von den Vorstädten abgetrennt war. Aus diesem kleinen Wien hat unser Kaiser eine herrliche Weltstadt geschaffen. Ihr Kinder wißt es nicht mehr, aber die alten Leute erinnern sich noch lebhaft daran, wie es im alten Wien aussah und wie die Leute damals lebten, als unser junger Kaiser die wunderschöne Prinzessin aus dem Baperlande zu seiner Gemahlin erhob. Damals war z. B. die Gasbeleuchtung in den Straßen Wiens noch nicht gar lange eingeführt und die alten Leute staunten die funkelnagelneuen Gaskandelaber noch immer mißtrauisch an und ein recht altes Weibleiu murmelte wohl: „Das geht net mit rechten Dingen zu; wer hat denn dös je erlebt, daß a Luft brennt? Werd's scho seg'n, werd's scho seg'n, dös kann ka guts End' nehmen." Es war ja auch schön aus den Glacis, besonders auf dem sogenannten Wasferglacis zwischen dem alten Karolinentor und Stubentor; da gab's eine eigene Abteilung für die kleinen Kinder nut Miniaturbänkchen und Tischchen und den Kleinen bereitete es immer ein großes Vergnügen, wenn sie zuseheu konnten, wie die Geiß, die an einem Baum ange- Dre Dominikanerbastri im alten Wien. 86 bunden war, gemolken wurde, weil ein Gast ganz frische Geißmilch ver¬ langt hatte. Im Paradeisgartl auf der Löwelbastei spielten der alte Strauß und Lanner ihre lustigen Tanzweisen und am Josefstädter- und Alserglacis wurden Soldaten einexerziert und fanden militärische Paraden statt. Aber Luft und Licht fehlte doch der inneren Stadt. Sie konnte ihre Glieder nicht ausstrecken, wie ein armes Kindlein, das zu fest eingewickelt und eingeschnürt ist. Das wurde alles, alles anders, als auf das Machtgebot des Kaisers die Wälle und Basteien fielen und die Vorstädte und Vororte der inneren Stadt als gleichwertige Bezirke angegliedert wurden. Wien wurde aber durch die Huld unseres Kaisers nicht bloß eine viel schönere, sondern auch eine viel gesündere Stadt. Am 24. Oktober 1873 fand die Eröffnung der neuen Hoch quell en- wasserleitung statt und die goldene Medaille, die der Bügermeister damals dem Kaiser überreichte, trug die wahre, wenn auch einfache Inschrift: „Imporukoni Arkcka Vindobona", „Dem Kaiser das dankbare Wien." Durch dieses herrliche Wasser, das aus Gebirgsquellen nach Wien geleitet wird und auf den Gängen der Häuser und in den Wohnungen hervorsprudelt, ist Wien eine der gesündesten Großstädte geworden. Du wirst den Trunk mehr achten, wenn du dir erzählen läßt, wie mühsam man früher in Wien sich Wasser verschaffen mußte, und es war nicht halb so gut und gesund als heutzutage. Damals stand wohl der kleine Pepi oder die Rest ein halbes Stündlein und zuweilen auch darüber vor dem Röhrbrunnen, der „Bassena", wie man auf wienerisch sagte, und wartete mit dem Krüglein oder dem Schaffe bis sie an die Reihe kamen. Da gab's dann wohl wegen des Zuspätkommens Schelte oder gar Schläge zu Hause und doch konnten die kleinen Wasserträger nichts dafür, denn es war zu Zeiten, besonders am Abend, wenn das Aveglöcklein läutete, ein gar arges Gedränge und Gequetsche vor diesen Röhrbrunnen, wo das Zünglein der plaudernden Mägde nie stille stand. Jetzt gehst du mit dem Glas zur Wasserleitung im Vorzimmer oder auf dem Gange und labst dich an dem köstlich frischen Trunk. Und wie würdest du dich erst wundern über die Verkehrsverhältnisse im alten Wien in den ersten Regierungsjahren des Kaisers! Da gab's 87 keine Pferdetramwap, an die du dich doch gewiß noch erinnern kannst, keine elektrische Straßenbahn, keinen Omnibusverkehr, von den Automobilen, die heute durch die Straßeu sauseu, gauz zu schweigeu. Freilich brauchte man auch damals nicht so lange, um ins Grüne zn kommen und die liebliche Umgebung Wiens zu genießen. Das Land fing gleich hinter der Linie an; denn auch die Vorstädte waren mit einem Wall, dem sogenannten Linienwall, umringt, der erst im Jahre 1890 fiel und der Gürtelbahn weichen mußte. Vor der Währingerlinie z. B. wogten in der alten Zeit, von der wir erzählen, Ährenfelder; Wiesen und Äcker breiteten sich gleich hinter den letzten Häusern der Vorstadt aus. Heute mußt du ziemlich lange mit der „Elektrischen" fahren, um hinaus in den Wald zu kommen und dich an Wiesengrün und Blumen¬ duft zu erquicke«. Damals gab's keine Straßenbahn und keine Stadtbahn; nur ein seltsames Gefährte, der sogenannte „Zeiserlwagen" oder auch „Linienschiff" genannt, führte hinaus nach Hietzing oder Schönbrunn oder zum „Agnesbrnnnl" nach Sievering. Wie wurden da die Leute zusammengerüttelt und geschüttelt, denn der Wagen war federlos und die Sitze ungepolstert. Eine primitive Decke auf Stangen bildete das Wagendach und ein oder zwei dürre Klepper zogen dies luftige Fuhrwerk, in dem oft zehn, zwölf Personen zusammengepfercht saßen, aber doch lustig und guter Dinge waren. Ja, von dem alten Wien machst du dir keine Vorstellung, mein lieber junger Leser. Es war ganz anders als die neue herrliche Stadt, in der du jetzt lebst und deren Schönheiten du gar nicht beachtest, weil du daran gewöhnt bist, so wie man ein neues Kleid nicht mehr beschaut, wenn man es schon längere Zeit trägt. Wie groß, wie schön ist Wien unter unserem Kaiser geworden! Im Jahre 1846 betrug die Bevölkerungsziffer der Kaiserstadt an der Donau nicht viel über 400.000, im Jahre 1890 stieg sie auf 1,342.000 und jetzt ist die zweite Million schon voll. Das vergrößerte Gemeindegebiet umfaßt eine Grundfläche von über 17.800 Hektaren. Geh doch einmal über die Ringstraße, mit deren Pracht sich kaum eine andere Weltstadt messen kann, und du wirst, wenn du dir die schönen Gebäude und Denkmäler aufmerksam beschaust, erkennen, was alles unter unserem Kaiser für Wien geschehen ist. 88 Wir wollen von der Aspernbrücke ausgehen, über die zuerst unsere tapferen Soldaten marschierten, als sie siegreich aus dem dänischen Feld¬ zuge heimkehrten. Da siehst du alsbald rechter Hand das schöne Gebäude der niederösterreichischen Handelskammer, dahinter steht der große Palast des k. k. Postsparkassenamtes; links füllt dein Blick auf das Gebäude des Kunstgewerbemuseums, das Heinrich von Ferstel erbaut hat; ein wenig seitab von der Straße erhebt sich in schönem gotischen Stil das Akademische Gymnasium mit der Statue Beethovens im Vordergründe. Auf dem Schwarzenbergplatze, wo das Reiterstandbild des Fürsten Karl von Schwarzenberg steht, der in der Völkerschlacht von Leipzig die vereinigten Heere gegen Napoleon zum Siege führte, steht das Palais des Erzherzogs Ludwig Viktor, des jüngsten Bruders des Kaisers, und im Hintergründe des schönen Platzes verstreut an schönen Frühlings- und Sommerabenden der leuchtende Springbrunnen (^ontaino Iruainouso) seine in allen Farben blitzenden Diamantentropfen. Wenn wir weiter gehen, stoßen wir rechts auf den prächtigen Bau des Hofoperntheaters, das van der Nilll und Siccardsburg errichtet und dessen Inneres Schwind mit wunderbaren Fresken ausgeschmückt hat. In der Nähe ist der Albrechtsbrunnen, den Meixner geschaffen, und das zierliche Mozart-Denkmal Tilgners. Links fesselt die Akademie der bildenden Künste, die Hansen erbaut hat, unfern Blick mit der Statue Schillers, die vor dem Gebäude steht. Gegenüber ist das Denkmal Goethes, wie er im reiferen Alter ausgesehen hat. Dann links die Hofmuseen, von Has en au er, nach Planen Sempers erbaut, die an die Pracht der Renaissance in Italien erinnern. Zwischen ihnen das große Denkmal der Stammutter des habsburgisch-lothringischen Hauses, der edlen Kaiserin Maria Theresia mit ihren berühmten Staats¬ männern und Feldherren. Nicht weit davon der Justizpalast, den Wielemanns erbaut hat, dann das Reichsratsgebäude von Theophil Hansen, das an die Blüte griechischer Kunst erinnert, und die Universität im Renaissancestil, die Ferstel errichtet hat. Zwischen diesen beiden Bauten erhebt sich der Stolz Wiens, das schönste Denkmal tüchtigen Bürgersinns, das prächtige Rathaus mit seinem einzig schönen Festsaal, der größer ist als alle Prunkräume in den Rathäusern Deutschlands. Auf dem hohen Turm steht der eiserne Mann, Ausfahrt des Kaiserpaares. 90 das Wahrzeichen des neuen Wien, der Wache hält über die neue schöne Kaiserstadt, auf die er herabsieht. Gegenüber dem Rathause steht das neue Hofburgtheater. Wir gelangen nun zum Volksgarten, in dem im Frühling der Flieder das Grün der Sträucher fast verdeckt, und wo in einem schönen, stillen Haine das Denkmal der unvergeßlichen Kaiserin Elisabeth sich erhebt. Im Halbkreise dem großen äußeren Burgplatze zugewendet, befindet sich die neue Hofburg. Die Votivkirche beschließt das Straßenbild wie eine Kamee die kostbare Perlenschnur. Gehst du noch weiter, so kommst du auf dem Schottenring an dem Sühnhaus vorüber, das unser Kaiser zur Erinnerung an die Todes¬ opfer errichten ließ, die der furchtbare Ringtheaterbrand am 8. Dezember 1881 dahingerafft hatte. Rechts ist das Herz des Geldmarktes, die Börse, die Hansen erbaut hat. Gegenüber erbebt sich das Deutschmeister-Denkmal mit der prächtigen Soldatenfigur, die den Säbel in der Rechten hält und die zerrissene Fahne mit der Linken schwingt. Der FranzJosefs-Kai, der zuerst aus dem Schutte der Basteien und Wälle erstand und deshalb nach dem Kaiser genannt wurde, führt dich wieder zur Aspernbrücke zurück. Nicht wahr, du bist schon ein wenig müde, mein kleiner Wanderer, und doch hast du kaum den zehnten Teil von all den Herrlichkeiten gesehen, die unter unserem Kaiser im neuen Wien entstanden sind. Wie viele prächtige Kirchen (z. B. in Fünfhaus, in der Brigittenau, auf der Landstraße, im Bezirk Favoriten u. s. w.), wie viele schöne Denkmäler berühmter Feldherren (Erzherzog Karl, Prinz Eugen, Erzherzog Albrecht, Radetzky, Tegetthoff), Dichter (Grillparzer, Anzengruber, Raimund u. s. w.) und Tonkünstler (Haydn, Mozart, Beethoven, Strauß und Lanner), wie viele der Kunst, dem Handel, der Industrie und der Krankenpflege gewidmete Gebäude sind außerdem noch unter unserem Kaiser in Wien entstanden. Geh nur recht fleißig in den Straßen und Gassen Wiens herum, aber nicht gedankenlos, sondern sinnend und aufmerksam, und du wirst das schöne, große Wien und den Kaiser Franz Josef I., dem es vor allem seine Schönheit verdankt, noch mehr lieben lernen. Und wie Wien, so haben fast alle größeren Städte unserer Monarchie unter der Regierung unseres Kaisers und durch seine Huld einen Ungeheuern Aufschwung genommen. 91 Besonders gilt dies von den beiden Städten 6?fen und Pest, die zu einer großen, prächtigen Stadt, Budapest, der Hauptstadt des neuen, mächtig heranblühenden Ungarns, zusammengewachsen sind. Welch innigen Anteil der Kaiser an der Blüte der Künste und Wissenschaften nimmt, die das Leben verschönern und den Menschen ver¬ edeln, beweist der Umstand, daß er trotz der vielen Pflichten, die auf ihm ruhen, jeden Anlaß gern ergreift, um persönlich die Leistungen der Künstler zu prüfen und sie durch Lob und Ankauf ihrer Werke zu fördern und zu ermutigen. Wenn der Kaiser durch die Säle geht, in denen Kunstwerke aus¬ gestellt sind, und seinen scharfen, prüfenden Blick über Gemälde oder andere Gegenstände der Kunst gleiten läßt, so setzt er durch sein treffendes und sicheres Urteil selbst die feinsten Kenner in Erstaunen. Ja, unter unserem Kaiser errangen in unserem schönen Vaterlande mit ihren „heitern Waffen" Kunst und Wissenschaft glänzende Siege. Kckites Kapitel. Lebensweise unči Lagesarbeit. Kaiser wohnt und lebt ungemein einfach sowohl in der Hofburg zu Wien als auch in seinem Lustschlosfe S nun, wo er seit einer Reihe von Jahren mit Vorliebe weilt. Die Hofburg zu Wien hat herrliche Prunkräume, aber das Arbeits¬ zimmer und das Schlafzimmer des Kaisers sind sehr einfach ein¬ gerichtet, kaum reicher als die eines Privatmannes. Der schönste Schmuck dieser Räume sind die Familienerinuerungen: die Porträts der Kaiserin, der Kinder und Enkel, die an den Wänden hängen oder auf Tischchen und Konsolen ausgestellt sind. lind wie viele Erinnerungen gibt es da an frohe Familienfeste, zu denen die Patschhändchen der Kinder und Enkelchen allerlei Sächelchen verfertigt hatten. Da liegt ein Deckchen, mit einfachen Kreuzstichen gestickt, ans der Kommode oder ein Kissen, auf dem die verblaßte Stickerei kaum mehr zu erkennen ist, auf einem Sofa. Vergilbte Kränze aus Rosen oder Alpenblumeu sind um ein Bild geschlungen, ein Fußkissen, das einmal dein lieben Großpapa überreicht wurde, und hundert .Kleinigkeiten, denen nur die Erinnerung Wert verleiht. Kaiserin Elisabeth in ihren letzten Lebensjahren. 94 Wie einfach ist das Bett mit der rauhen, dünnen Decke und dem kleinen, bescheidenen Vorleger davor. Üppigkeit war dem Kaiser stets fremd, er blieb immer den Gewohnheiten eines Soldaten treu, der die Weichlichkeit des Lebens nicht kennen darf. Zu Hänpten des Bettes steht ein kunstloser Betschemel mit einem Madonnenbilde und einem Rosenkranz aus Silberperlen. Ebenso schmucklos sind auch die Wohnräume des Kaisers im Schön¬ brunner Schlöffe eingerichtet. — Der Kaiser bewohnt dort den westlich gegen Hietzing gelegenen Flügel. Die Wände der Zimmer find aus mattem Nußholz mit Goldleisten belegt und auch hier sind die Familienbilder fast der einzige Schmuck der Wände. Der Kaiser will immer von seinen Lieben umgeben sein. So einfach wie der Kaiser wohnt, ist auch seine ganze Lebensweise. Er steht gewöhnlich um fünf Uhr auf, im Sommer auch wohl zeitlicher. In aller Frühe macht er dann einen Spaziergang im sogenannten Tiroler Garten, einem reservierten Teil des Schönbrunner Parks. Im einfachen Uniformrock mit der Kappe, ohne Säbel, den Spazierstock in der Hand, besichtigt er die verschiedenen Gewächse und unterhält sich oft leutselig mit den Gärtnern, bei denen er sich um den Fortgang ihrer Arbeiten erkundigt. Das erste Frühstück besteht meist nur ans Tee und Brot, das mit einer dünnen Fleischschichte belegt ist, und wird auf den Schreibtisch gestellt. Auch das zweite Frühstück (das bürgerliche Mittagessen) ist nicht allzureichlich; es werden nur zwei warme Speisen aufgetragen; dazu ißt der Kaiser gern ein resches Wiener Salzstange! und trinkt aus einem kleinen Stein¬ krug ein paar Schluck Bier. Zwischen fünf und sechs Uhr abends ist dann das eigentliche Diner, bei dein der Kaiser häufig erlauchte Gäste um sich versammelt. So sehr er darauf bedacht ist, daß seine Gäste mit den auserlesensten Tafel¬ genüssen bedacht werden, so mäßig ist er auch bei solchen Anlässen in seinen eigenen Bedürfnissen. Wenn fürstliche Gäste bei der Hoftafel find, wird der ganze Glanz des habsburgerischen Hausschatzes entfaltet. Da biegt sich die Tafel förmlich unter dem schweren Golde der Teller, Schüsseln und Bestecke und das hell schimmernde Weiß der wunderbar feingeschliffenen Karaffen und Pokale hebt sich herrlich von dein Grün und den blendenden Farben der riesigen Blumeubuketts ab, die den schönsten Tischschmuck bilden. Arbeitszimmer Les Kaisers in der Hofburg. 96 Die Tafel gleicht fast einem lebenden Garten; aber bezaubernder als all diefe herrlichen Schätze der Kunst und Natur ist die Liebenswürdigkeit, die der Kaiser seinen erlauchten Gästen entgegenbringt. Nirgends fühlen fie sich so heimisch, so zu Hause, wie am Hofe unseres Kaisers. Als er jünger war, besuchte der Kaiser sehr gern das Theater, besonders das Hofburgtheater, und auch jetzt führt er seine Enkelkinder gern zu Schaustellungen, wo es für die Kleinen viel zu sehen und zu lachen gibt. Wie herzlich freut sich da der kaiserliche Großvater über die Lust seiner Enkelkinder und lacht selbst von ganzem Herzen mit, wenn sich die Kleinen z. B. an den drolligen Spässen des Clowns im Zirkus höchlich vergnügen. Gewöhnlich geht der Kaiser schon um neun Uhr zu Bette und der erste Strahl der Morgensonne findet ihn schon auf und — bei der Arbeit. Auch auf Reisen wird die strenge Tagesordnung nur so weit ab¬ geändert, als es die Umstände unbedingt erheischen. Der Kaiser arbeitet in seinem Salonwagen gewöhnlich schon zwischen vier und fünf Uhr des Morgens; um sechs Uhr nimmt er ein kleines Frühstück, um ein Uhr ist Diner, am Abend werden leichte Erfrischungen gereicht und um neun Uhr begibt sich der Kaiser wie gewöhnlich zu Bette. Die Zähl der Reisen unseres Kaisers im In- und Auslande ist außerordentlich groß; in Niederösterreich gibt es kaum irgend ein Städtchen oder selbst einen kleineren Ort, den der Kaiser nicht eines besonderen festlichen Ereignisses wegen besucht hätte. Aber fast keine dieser Reisen unternahm der Kaiser zu seinem eigenen Vergnügen oder zu seiner Erholung; auf allen erfüllte er nur Pflichten seines Herrscheramtes, das ihn nötigt, auf jede persönliche Bequemlichkeit zu verzichten. Nur die Reise an die französische Riviera zum Besuche der Kaiserin, die damals in Kap Martin weilte, unternahm der Kaiser zu seiner Erholung; er sagte damals selbst, daß dies seine erste Erholungsreise gewesen sei. Die Kaiserin sagte zu dem französischen Beamten in Mentone: „Ver¬ wenden Sie alle Ihre Aufmerksamkeit auf meinen Mann, denn sein Leben ist dem Wohle seiner Untertanen gewidmet; ich dagegen bin wie eine Fremde, die unbemerkt ihren Weg geht." Die Kaiserin freute sich außerordentlich über den Besuch ihres hohen Gemahls und band selbst schöne Buketts aus tief dunkeln russischen oder Sm olle. Unser Kaiser. AchrriÜWMier des Kaisers in Achöndrunn. 98 blaßblauen Parmaveilchen, um sie dem Kaiser bei seiner Ankunft zu über¬ reichen und seinen Arbeitstisch damit zu schmücken. Unter den zahllosen Reisen des Kaisers verdienen besonders zwei hervorgehoben zu werden: die Reise nach Dalmatien im Jahre 1875 wegen der wahrhaftig nicht geringen Anstrengungen und Beschwerden, mit denen sie verbunden war und die der Kaiser mit bewunderungs¬ würdiger Ausdauer ertrug, und die Reise nach Ägypten und Palästina, die der Kaiser im Jahre 1869 unternahm. Letztere galt zunächst der Eröffnung des Suezkanals, zu der der Vizekönig von Ägypten, Ismael Pascha, unseren Kaiser persönlich eingeladeu hatte. Wunderbar und märchenhaft waren die Festlichkeiten, die in der türkischen Hauptstadt zu Ehreu des Kaisers stattfnnden, und unbeschreiblich die Eindrücke, die der viertägige Aufenthalt in Jerusalem auf das fromme Gemüt unseres Herrschers ausübte. Wie so viele Kaiser des Mittelalters betrat auch Frauz Joses mit scheuer Ehrfurcht den Boden, wo einst Jesus Christus, der Erlöser der Menschheit, gelebt und gelitten hatte. Auf der Rückreise wohnte dann der Kaiser der feierlichen Eröffnung des Suezkanals, dieses großartigen Werkes menschlicher Tatkraft, bei. Von Kairo aus besuchte der Kaiser auch die Pyramiden und bestieg die höchste, die des Cheops. Als er etwa den dritten Teil der Pyramide erstiegen hatte, wurde ihm geraten, umzukehren, aber lächelnd sagte er: „Was würde mau wohl in Europa dazu sagen?" und klomm bis zur Höhe hinauf, von wo aus er die Kuppeln und Minarets von Kairo und die im Sonnenlichte glitzernde endlose Wüste vor sich erblickte. Auch noch in viel vorgerückterem Alter unternahm der Kaiser aus¬ gedehnte und beschwerliche Reisen, wenn die Staatspflicht es erforderte, und niemals ruht die Arbeit, mag er auch noch so weit weg sein von seinem lieben Wien, von seinem Arbeitstische in der Kaiserburg oder im Schlosse von Schönbrunn. Neuntes Kapitel. Ver Kaiser a>5 Jäger. M HW^rbeit ist ein Balsam für den menschlichen Körper; ein Quell ^b^reiuer und wahrer Freuden; aber der Geist bedarf auch der Abspannung, der Körper der Erholung. Anch der Kaiser hätte niemals ein so frohes und rüstiges Alter erreicht, wenn er nicht ernste und schwere Arbeit mit erquickender Erholung hätte abwechseln lassen. Seine Umgebung muß freilich zuweilen zu Mitteln der List und Überredung greifen, um den Kaiser vom Arbeitstische wegzulocken; denn über alles geht ihm die Erfüllung seiner Pflichten, und daß diese oft schwer und anstrengend sind, das haben euch die Blätter dieses Buches wohl schon deutlich gemacht. Des Kaisers liebste Erholung ist die Jagd. Schon von Kindheit auf an Abhärtung und Stählung der Körperkraft gewohnt, kennt er kein größeres Vergnügen, als im Hochgebirge der scheuen Gemse anfzulauern und nut wohlgezieltem Schuß den stolzen Hirsch des Waldes nieder¬ zustrecken. Selbst auf den Meister Petz hat der Kaiser, als er noch jünger war, gern Jagd gemacht. 7* wo Der Aufenthalt in der freien Bergluft tut dem Kaiser ungemein wohl. Wenn er am einsamen Anstand sitzt, um dem Wilde aufzulauern, da schärft sich Äug' und Ohr; alle Muskeln spannen sich an und — ist die Jagd vorüber, schmeckt selbst der einfachste Imbiß besser als die leckersten Gerichte st' munden können. Die Jagdlust hat nnser Kaiser von seinen Ahnen ererbt. Wir haben davon schon erzählt. Kaiser Max, der letzte Ritter, schrieb einmal in der treuherzigen Weise, in der man sich damals ausdrückte, folgendes nieder: „Du Kunig von Ostereich, mit dein Erblanden zu dem Haus Österreich gehorundt solst dich wirklich freyenn des großen lust der waidmanschaft, so du für all kunig und fürsten hast zu dein gesundt und ergetzlichait." Ihr könnt wohl diese altertümlichen Worte lesen und verstehen. Der gute Kaiser Maximilian meinte, daß kein Herrscher mehr Ursache habe, sich des Weidwerks zu seiner Gesundheit und Ergötzlichkeit zu freuen, als der Beherrscher der österreichischen Lande. Wo gibt es so viele wald- und wildreiche Gegenden als im schonen Tirol, in der grünen Steiermark, überhaupt in unsern herrlichen Alpen- ländern? Der Kaiser jagt besonders gern in seinem Reviere in Obersteier bei Eisenerz und in Oberösterreich in der Umgebung von Ischl und Ebensee. Nahe der Mürzquetle liegt in wilder Schlucht Mürz st eg mit dem villenartigen kaiserlichen Jagdschloß. Wie oft sind da Fürstlichkeiten des Kaisers liebe Jagdgäste, für die er gewöhnlich selbst den Standort auswählt, um ihnen ja recht viel Vergnügen zu machen, denn niemand freut sich mehr über einen Meister¬ schuß, der seinen Gästen gelungen ist, als der Kaiser selbst. Auf der Jagd, unter den biedern Leuten aus dem Volke, die als Jäger und Treiber dienen, ist der Kaiser meist außerordentlich gut gelaunt und verzeiht manches nicht eben hoffähige Wort. Als einmal der König von Sachsen des Kaisers Jagdgast im Steirischen war, wandte sich unser Kaiser an einen der Jäger, den er seines gemütlichen Phlegmas wegen ganz gern hatte, mit der Frage: „Wen werden wir denn Seiner Majestät milgeben, damit sie einen guten Stand erhält und einen zuverlässigen Mann bei sich hat?" „No, der," erwiderte der Angeredete gelassen, „der geht halt mit mir." Das kaiserliche Jagdschloß in MürMg. 102 Lachend stimmte der Kaiser bei mid der König von Sachsen hatte sich über seinen Stand nicht zu beklagen. Ein anderesmal hatte der damalige Kriegsminister von Degenfeld einen prächtigen Rehbock zur Strecke gebracht. Der Kaiser sah ihn vor¬ übertragen und fragte den Treiber, wer den Kapitalbock geschossen habe. Die kurze Antwort lautete: „Der Kriegskommisfarius oder wia ma'u halt haßt." — „Wer?" fragte noch einmal der Kaiser. „No, da Kriegs- kommissarius, dort hinten kimmt er ja." Lachend ging der Kaiser auf den Kriegsminister zu und sagte: „Gratuliere, Herr Minister, Sie sind soeben avanciert!" Natürlich machte der Kriegsminister ein sehr verwundertes Gesicht und fragte ganz erstaunt: „Wieso, Eure Majestät?" — „Nun, der Mann da, der Ihren prächtigen Rehbock trägt, hat Sie soeben zum Kriegs- kommissarius ernannt." Ganz lustig ist auch folgendes Geschichtchen: Einst begab sich der Kaiser mit mehreren Gästen auf die Auerhahn- balze. Es war sehr früh am Morgen, die Schatten der Nacht lagerten noch im Talgrund und nur die Spitzen der Berge erglänzten im Frühlicht. Der Kaiser bezog mit seinen Gästen den Anstand. Da kamen zufällig zwei Holzfäller daher, die natürlich in der herrschenden Dämmerung die vornehmen Herrschaften nicht erkannten. „Jaga, habt's ka Fui'r (Feuer)?" fragte der eine und stellte sich gerade vor den Kaiser hin. Der Kaiser zündete feinen Buchenschwamm an und reichte ihn dem Holzfäller, der gemächlich sein Pfeifchen in Brand setzte, dann schob er es in den Mundwinkel und fragte weiter: „Jaga, geht's aufn Hohn?" — „Ja, warum?" entgegnete der Kaiser. — „No," kam's jetzt ganz gemütlich aus dem Mund des Älplers, „weil, wann 's so laut dischlürierts, der Hohn eng was pfeifen wird!" Nun stieß einer aus der Gesellschaft dem biedern Holzknecht etwas unsanft in die Seite und flüsterte ihm ins -Ohr, wer der fei, der soeben mit ihn: gesprochen. Aber der war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Er sagte nur treuherzig: „Nix für unguat, Herr Koasa, is guat gmoant," rückte an seinem alten Filzhut und ging, ein paar Wolken aus seinem Pfeifen¬ stummel paffend, mit seinem Begleiter davon. Der Kaiser als Zager. 104 Herzlich lachte der Kaiser, als die beiden hinter den Bäumen ver¬ schwunden waren. Wenn der Kaiser in seinen lieben Bergen weilt und sich in seinem Jagdkostüm, der grünen Joppe, den kurzen Hosen und den mit Feder und Gemsbart geschmückten Hute blicken läßt, eilen die Erwachsenen und die Kinder von allen Seiten herbei, um den hohen Jagdherrn zu begrüßen, der selbst in vorgerücktem Alter noch so stramm einherschreitet und den Stutzen leicht und sicher handhabt. Der Kaiser war nicht nur Zeit seines Lebens ein Jäger voll Lust und Schneid', er war auch immer ein vortrefflicher Schütze, der mit scharfem Aug und fester Hand ins Schwarze trifft und auf so mancher Scheibe einen Kern- und Meisterschuß getan hat. Daher ist es begreiflich, daß überall, wo Weidmänner und Schützen in unserem Vaterlande zu wackerem Tun und froher Geselligkeit Zusammen¬ kommen, sie immer zuerst des Kaisers gedenken, der den Schützenspruch: Üb' Aug und Hand Für's Vaterland! allzeit zu Ehren gebracht hat. Dies zeigte sich so recht deutlich bei den vielen Schützenfesten, die der Kaiser durch seine Anwesenheit verherrlichte. In keinem Lande unseres Staates wird die edle Schützenkünst mehr gepflegt als in Tirol. Mit ihren nie fehlenden Stutzen haben die Tiroler im glorreichen Jahre Neun den Feind aus ihren Bergen hinausgejagt. Die Taten des tapfern Andreas Hofer, des Sandwirtes von Passeyer, des tollkühnen Speckbacher und seines braven Söhnleins, des feurigen Kapuzinerpaters Joachim Haspinger, des treuen Wirtes Peter Mayer an der Mahr und so vieler anderer Helden aus den Tiroler Bergen werden immer fortleben und bewundert werden. Wem gingen nicht die Augen über, wenn er von so viel Treue und frommem Heldenmuts erzählen hörte? Deshalb weilt unser Kaiser auch so gern im schönen Tirol, bei den wackern Schützen dieses Landes und der Trinkspruch kam ihm sicher ans dem Herzen, den er anläßlich des Schützenfestes in Meran im Jahre 1871 ausgebracht hatte: „Ein Hoch dem Land der Treue, meinem lieben Tirol, ein Hoch den wackern Tiroler Schützen! Hoch!" 105 Und wo die Schützen aus Tirol bei festlichen Anlässen sich zeigen, dort werden sie sicher mit freudigem Jubel begrüßt. So im Jahre 1880 bei der Feier des ersten österreichischen Bundes¬ schießens in Wien, wo die Tiroler mit ihren alten, halbzerfetzten Fahnen, die den roten Tiroler Adler als Sinnbild trugen, in ihren malerischen Trachten aufmarschierten; die Etschtaler in ihren gelben Röcken, den schwarzen, ledernen Kniehosen, den weißen Strümpfen und den breiten aufgestülpten, mit einer Pfauenfeder gezierten Hüten; die Pustertaler in ihren Lodenjoppen mit den grünen, golddurchwirkten Brustlätzen und den gelben, über und über mit Alpenblumen besteckten Hüten; die Schützen aus Mitten in roten, weiß beschnürten Spensern und nut niederen, breit- krämpigen, mit Goldquasten behängten Hüten u. s. w. Auf dem Festwagen stand leibhaftig Andreas Hofer, in der Faust die berühmte Fahne von Spinges. Ein Innsbrucker Bürger, der an Gestalt und Aussehen dem Tiroler Helden glich, stellte ihn dar. Da gab's einen Jubel und ein Beifallsrufen in der dichtgedrängten Menschenmenge, die die Straßen Wiens füllte, daß einem das Herz im Leibe lachte, und manchem Wiener Kind schlich wohl auch ein Tränlein ans den: Auge vor Rührung und Freude. Kaum hat den Kaiser eine andere Huldigung mehr erfreut als die, welche die österreichischen Weidmänner ihm zu seinem fünfzigjährigen Regierungsjubiläum im Jahre 1898 im Schlosse von Schönbrunn dar- brachteu. Mehr als viertausend österreichische Weidmänner aus allen Gegenden unseres Vaterlandes versammelten sich am 25. Juni vormittags in: Park vor dem kaiserlichen Lustschlosse, alle mit Eichen-, Latschen- oder Fichten- brücheu am Hut, als Zeichen ihres Jägerglücks. Da erschien der Kaiser, auch im Jägerkleid, den Gemsbart und den grünen Eichenbruch am grauen Hut, und nun trat sein Reffe, der Thron¬ folger, Erzherzog Franz Ferdinand, vor, hielt an den Kaiser eine herzliche Ansprache und überreichte ihm als Ehrengabe aller Weidmänner Österreichs einen aus drei goldenen Eichenblättern verfertigten Bruch. Als die Klänge der Jagdfanfaren verrauscht waren, sagte der Kaiser mit warmer Betonung zu dem Erzherzog: „Mit besonderer Freude empfange ich aus Deiner, des vielbewährten Weidmanns Hand, den mir im Namen der Jäger Österreichs überreichten 106 Ehrenbruch. Die sinnige Gabe wird treu bewahrt bleiben, nicht allein als Erinnerung an diese festliche Veranstaltung, sondern auch an die Stunden, in denen ich seit einem halben Jahrhundert nach den Sorgen des Tage¬ werks so ost unter Gottes freiem Himmel Frieden, Erholung, Stärkung und Freude empfunden habe." Mit weithin hallender Stimme rief der Kaiser allen Versammelten Weidmannsheil! und Weidmannsdank! zu. Frieden, Freude und Erholung hat die Natur für alle leidbedrückten Menschenkinder bereit. Aus dieser reinen Quelle schöpfte auch der Kaiser so gern und ihr verjüngender Segen blieb ihm nie versagt. Zehntes Kapitel. 7n äer Kaiservilla ru Isciil. Mie liebste Erholung des Kaisers ist daher auch der Soinmer- aufenthalt in dem schönen Ischl, der Perle unseres herrlichen Salzkammergutes. Dort verbringt der Kaiser seine Ferien. Ferien! Welch goldenes Wort für all die kleinen und großen Schuler und Schülerinnen, wenn ihnen zwei Monate lang die Freiheit lacht und sie in Wald und Wiese herunitollen und die frische Luft in vollen Zügen einatmen können. Und selbst das Kind armer Eltern, das in der Großstadt zurück bleiben muß, ergibt sich mit Herzenslust dem Spiele in einem der vielen Anlagen und öffentlichen Gärten, mit denen das stolze, große Wien so reich bedacht ist. Aber solche Ferien, in denen der Zwang der täglichen Arbeit ganz aufhört, kennt eigentlich unser Kaiser, nicht. Überallhin verfolgen ihn die Geschäfte und Sorgen der Regierung; nur viel freier, ungezwungener, nicht so bedrückt von den Borschriften der strengen Hofetikette, fließt sein Leben dahin, wenn er, sobald die heiße Sommerzeit sich einstellt, seinen Aufenthalt in Ischl nimmt, 108 Deshalb geht er auch so gern dorthin und fühlt sich glücklich im Kreise seiner Enkelkinder, an der Seite seiner Tochter, der Erzherzogin Marie Valerie und ihres Gemahls, die gewöhnlich mit dem Kaiser den Aufenthalt in der Jschler Sommervilla teilen. Ischl liegt in einem prächtigen Rahmen von Bergriesen, zwischen zwei Anhöhen, dem Jainzen und dem Siriuskogel. Vom „Sophien-Doppelblick" oder von der Franz-Joses-Warte genießt man einen wunderbaren Rundblick. Zu Füßen liegt das anmutige Tal, um das die Traun, die Ischl und der Redtenbach ihre grünschimmernden Bänder schlingen. So still und friedlich ist es ringsumher, kaum daß Tannenrauschen oder Vogelgesang die wohltuende Ruhe unterbrechen; wie wenn der Wall von Bergen alles Störende der Welt von diesem lieblichen Tale fernhielte. Ist Ischl die Perle des Salzkammergutes, so verleiht ihr die Kaiser¬ villa den schönsten Glanz. Aus lichtschimmernder Höhe, in Rasensamt eingebettet, wie auf grünen Kissen, liegt das Haus des Kaisers da. Es ist nicht prunkvoll, aber doch viel stattlicher und schöner als das bescheidene Gebäude, das die Mutter des Kaisers, Erzherzogin Sophie, durch Kauf an sich gebracht hatte. Die Eltern des Kaisers hatten Ischl in ihr Herz geschlossen. Überall begegnet man ihren Spuren und ihr Andenken wird in der ganzen Umgebung gesegnet. Bis zu seinem Tode brachte der Vater des Kaisers, Erzherzog Franz Karl, den Sommer in Ischl zu. Alles kannte den guten alten Herrn, der auch mit dem Niedrigsten freundlich und leutselig verkehrte. Einst gingen die kaiserlichen Eltern, wie so häufig, längst der Traun spazieren. Da begegnete ihnen ein Bäuerlein, das ein kleines Kind recht ungeschickt in den Armen hielt. Die Erzherzogin hatte Mitleid mit dem armen Würmchen, das im Sonnenbrände sich wohl sehr unbehaglich fühlen mochte. Sie stellte daher den Bauer zur Rede, daß er das kleine Wesen der Sonne aussetzte. Da kam es heraus, daß der Bauer sich keinen Rat wußte, denn das Würmchen sollte in der Pfarrkirche getauft werden und der „Göd", der Salzschreiber, hatte plötzlich nach Salzburg reisen müssen. Die KaisermUa in Ischl. 110 „Nun, wenn's weiter nichts ist," meinte die Erzherzogin, „da wird sich wohl Rat schaffen taffen; mein Mann und ich wollen gerne die Patenstelle an dem armen Kleinen übernehmen." Wer war glücklicher als das ratlose Bäuerlein, das die hohen Herrschaften nicht erkannte, aber wohl sah, daß es gar vornehme Leute fein müßten. „Der Herrgott wird's Euch an Euren Kindern vergelten," rief er aus, als die Erzherzogin drängte, sogleich in die Pfarrkirche zn gehen, um die heilige Handlung vornehmen zu lassen. Und der liebe Herrgott Halls vergolten. Unser Kaiser hat in Ischl schöne Tage verlebt, den schönsten, wie er selbst sagte, als er sich mit Prinzessin Elisabeth von Bayern verlobte, und einen fast ebenso schönen, als seine geliebte Tochter, Erzherzogin Marie Valerie, in Ischl zum Traualtar schritt. Die Kaiservilla, die an der Stelle des einfachen Landhauses steht, das sich die Mutter des Kaisers zum Sommeraufenthalte ausgewählt hatte, enthält nahe au fünfzig Gemächer, aber nirgends herrscht leerer Prunk; alle Räume sind einfach und vornehm eingerichtet. Den schönsten Schmuck der Wände bilden die Jagdtrophäen, die der Kaiser selbst heimgebracht: seltene Geweihe, Gemseuköpfe u. s. w., alle mit Täfelchen versehen, die Herkunft und Datum anzeigen, wann und wo die kostbare Beute erlegt worden ist; dazwischen hängen in einfachen Rahmen Bilder, Landschaften aus dem Hochgebirge oder Jagdszenen darstellend. Die Hauptsache ans dem Lande bleibt doch Licht und Luft; und so sind denn die Räume alle groß und luftig mit herrlichen Ausblicken in die wundervolle Umgebung; von allen Fenstern sieht man in den wohl gepflegten Park und den daran sich anschließenden Wald hinaus. Entzückend ist die Fernsicht, die man vom Balkon des Empfangssalons aus genießt. Sie umspannt das ganze Jschler Gebirge und reicht bis zu den in der Ferne verblauenden steirischen Bergen. Zu Füßen dehnt sich ein reizender Blumenteppich aus, in dem der schöne, von Tilgner modellierte Brunnen seine Wasserkünste spielen läßt. Tiefer hinein im Park schimmern zwischen Lärchen, Edelfichten, Ahorn- und Buchenbäumen die weißen Häuschen des sogenannten, „Cottage" hervor und ganz versteckt im Grün des Waldes liegt das für die Enkel¬ kinder des Kaisers erbaute Blockhäuschen, in dessen Heimlichkeit die Kleinen gern ihre Spiele verlegen und wo auch der Kaiser mit Vorliebe verweilt. 111 wenn ihm die Geschäfte Zeit lassen, um mit den Kindern fröhlich zu sein und mit der Jugend wieder jung zu werden. Gegen Jaizen zu geht der Park, iu dein zur Frühlingszeit die herrlichsten Rosen duften, in den Naturwald über, durch den lange, viel¬ verschlungene und mit goldigem Kies bestreute Wege führen. Auf diesen Wegen fahren die Enkelchen des Kaisers oft auf ihren von Ponys gezogenen Wägelchen lustig kreuz und quer dahin und es nimmt sich fast wie ein Stück aus einem Märchen aus, wenn ein solch feines Prinzeßchen in seinen: Hellen Kleide zwischen den im Sonnenlichte rötlich schimmernden Kiefern- und Tannenstämmen hindurchkutschiert. Welche Freude hat der Kaiser au seinen Enkelkindern, mit welch rührender Liebe hängen aber auch diese an dem Großpapa! Besonders an seinen: Geburtstage, den der Kaiser ja meistens in Ischl verbringt, beeifern sich die Kleinen, ihm ihre Liebe und Dankbarkeit zu erweisen. Einmal präsentierten sich die Kinder der Erzherzogin Marie Valerie den: Großvater an seinen: Geburtstage in den verschiedenen Trachten unseres Vaterlandes. Da kau: Erzherzog Hubert Salvator als Ungar angestiefelt; die Erzherzogin Hedwig erschien ii: der schmucken Tracht der Jglauer Landmädchen; Erzherzog Franz Karl Salvator als frischer Tiroler Bub und die kleine Erzherzogin Elis ab eth Franziska stellte sich in den: reichen Kostüm einer Dalmatinerin vor. Alle sagten hübsche Versehen auf und brachten den: lieben Großpapa sinnige Blumenspenden. Überhaupt ist des Kaisers Geburtstag der Glanzpunkt des Jschler Sommers. Da prangt schon an: Vorabende der Markt iu: Lichterschmuck, die Ufer der Traun sind herrlich beleuchtet, auf den umliegenden Hohen flammen Freudenfeuer auf, mächtige, harzgetränkte Scheiterhaufen, die sich von: dnnklen Sommerhimmel prächtig abheben. Am grauenden Morgen des Festtages knattern von allen Höhen Pöllerschüsse ins Tal; überall Musik und flatternder Fahnenschmuck und aufrichtige Festfreude auf den Gesichtern der Landleute, die von allen Seiten zum Markte eilen, um dem Gottesdienste ii: der Pfarrkirche beizuwöhnen, der um zehn Uhr vormittags stattfindet. Besonders schön war die Feier am siebzigsten Geburtstag des Kaisers, den dieser in: stillen Ischl, fern von den rauschenden Festen der Residenz, 112 nur umgeben von seinen Töchtern, Schwiegersöhnen und Enkelkindern feiern wollte. Um zehn Uhr wohnte der Kaiser mit den Mitgliedern seiner Familie einer stillen Miesse in der Kapelle der Kaiservilla bei und mittags empfing er eine überaus sinnige Abordnung der sechs Gemeinden des Salzkammergutes. Es waren nämlich aus jeder Gemeinde fünf Altersstufen vertreten: Urgroßeltern, Großeltern, Eltern, Jüngling und Jungfrau, Knabe und Mädchen, alle in den alten, echten Trachten der betreffenden Gegend. Die Mädchen überreichten Sträuße aus Alpenblumen, und zwar Gosau Edelweiß, Hallstatt Zyklamen, St. Wolfgang Alpenrosen, Goisern Genzianen, Ebensee Alpenvergißmeinnicht und Ischl Kohlröschen. Als der Kaiser aus dem Vestibül der Villa heraustrat, empfingen ihn brausende Hochrufe und wohl noch nie mochte ein Becher Weins mit innigeren Wünschen für das Wohl des Spenders geleert worden fein, als der Trunk, den der Kaiser in silbernen Bechern allen Teilnehmern der Huldigung reichen ließ. Die Schulkinder aber freuten sich über die Silbermünzei: und das Säckchen mit Bonbons, das jedes erhielt, gewiß nicht mehr, als über das frische Aussehen des siebzigjährigen Herrschers und die freundlichen Blicke und Worte, die er für jeden, ob hoch oder niedrig, groß oder klein, bereit hatte. Echt war die Freude des Kaisers über diese Kundgebung, ebenso echt und herzlich wie die Gesinnung, der sie entsprungen war. So verlebte der Kaiser viel Schönes in seinem lieben Ischl, nicht bloß damals, als er noch ein Jüngling war, sondern auch, als schor: das Greisenalter ihn: Haar und Bart schneeweiß gebleicht hatte. Freilich „Ferien" in eurem Sinne, meine lieben Kinder, hat der Kaiser auch in Ischl nicht, wie ich euch schon gesagt habe. Oft bricht er schon um ein Uhr morgens zur Jagd auf, um sich zu erholen, und kehrt bereits um acht Uhr wieder in die Kaiservilla zurück; denn um diese Stunde kommt gewöhnlich der Kurier aus Wien nut wichtigen Aktenstücken und dann schließt sich der Kaiser stundenlang in sein Kabinett ein, um sich den Staatsgeschäfteu zu widmen. Liftes Kapitel. Züge äer Menscüenfeeunälicükeit. AH ?er Kaiser ist überaus pflichteifrig und wie alle Menschen, denen die Pflicht als Stern des Lebens leuchtet, streng und gerecht, aber niemals auf Kosten des Herzens. Sehr häufig sucht er die unbeugsame Härte des Gesetzes zu lindern und den beseligenden Schein der Gnade in die Seelen jener zu gießen, die Schuld und Unrecht bedrücken. Als sich die Jugendschriftstellerin Thekla von Gnmpert von Seiner Majestät ein Autogramm (eigenhändige Niederschrift) erbat, wurde ihr dies gnädigst gewährt und der Kaiser schrieb folgenden edlen Sinn- sprnch nieder: „F o r d e r e v v n d ir n n d von andern d i e E rfül < u n g der Pflichten mit Ernst; aber sei milde im Urteil über die Fehler des ^Nächsten! Würden alle Menschen nach diesem schönen Grundsätze unseres Kaisers handeln, um wie viel Leid gebe es weniger, nm wie viel Glück und Freude dagegen mehr auf dieser Welt! Als unser Kaiser noch nicht lange regierte, wurde ihm einmal ein Todesurteil zur Unterschrift vorgelegt. Er las aufmerksam die Akten, die von schwerer Schuld, aber auch von namenlosem Unglück dessen, der sie Sm olle. Unser K aiser. 8 114 begangen hatte, berichteten. Endlich griff er zur Feder, um seinen Namens¬ zug aufs Papier zu bringen. Aber kaum hatte er den ersten Federstrich getan, fiel eine Träne aufs Blatt und verwischte die Schrift. Da faltete der Kaiser das Papier zusammen und legte es in die Hände des Adjutanten mit den Worten: „Tränen löschen jede Schuld aus; ich kann das Urteil nicht unterschreiben. Da sehen Sie, mein Name ist verwischt, die Schrift hat keine Kraft. Ich schenke dem Verurteilten das Leben." Das Mitleid ist die köstlichste Gabe, die der Himmel in die Seelen edler Menschen gesenkt hat; es ruht darin, wie die schimmernde Perle in der Muschelschale, wie der blitzende Tautropfen im Kelche der Blume! Wie viele Tränen anderer hat der Kaiser getrocknet, wie viel Kummer gelindert, wie viel Unrecht gutgemacht! Dies geschieht besonders in den Audienzen, die der Kaiser, wenn es irgend möglich ist, zweimal in der Woche in seiner Hofburg in Wien erteilt. Es gibt keinen Herrscher, der die Bürger seines Staates, ohne Unterschied des Ranges und Standes, so häufig vor seinen Thron gelangen läßt, wie dies unser Kaiser zu tun pflegt. Es bedarf nur einer Meldung bei der betreffenden Hofstelle unter Angabe des Grundes, weshalb die Audienz erbeten wird, und niemand, der einen gerechten Anlaß hiezu hat, wird der Zutritt zu seinem Kaiser verwehrt. Alle, ob reich oder arm, vornehm oder gering, hört der Kaiser mit gleich freundlicher Aufmerksamkeit und Teilnahme an und niemals verläßt ein Bittsteller, der scheu und furchtsam über die Schwelle des kaiserlichen Gemaches getreten, dieses, ohne den Ausdruck froher Zuversicht in seinen kurz vorher so ängstlichen oder gramverstorten Zügen zu tragen. Wenn der Kaiser auch nicht immer wirklich helfen kann, ein Wort des Trostes und der Ermutigung hat er stets bereit. Gibt es einen besseren Balsam für Seelenwunden, als den tröstenden Zuspruch eines gütigen Menschen, aus dessen Blick und Miene der Hilfs¬ bedürftige die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung deutlich ersieht? Und nun gar, wenn dieser Tröster der Herrscher, der Landesvater selbst ist! Deshalb drängen sich auch in den Audienzstnnden im Vorsaale, der zum Kabinett des Kaisers führt, Menschen aller Berufszweige, aller Stünde und Altersklassen zusammen. Im AudienMal der Wiemr Hosüurg. --> 116 L>- Da steht ein vornehmer Edelmann, ein hoher Kirchenfürst, ein ordensgeschmückter General neben dem Mann im schlichten Bürgerrock oder dem bescheidenen Gelehrten; ein einfach gekleidetes Mädchen aus den: Volke, ein altes Mütterchen vorn Lande nahen sich mit dem gleichen Vertrauen dem Kaiser, wie die reichgeputzte Dame aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Der Kaiser empfängt alle mit demselben liebenswürdigen Entgegen¬ kommen, er läßt alle ruhig ihr Anliegen Vorbringen, wenn dies auch manchmal in ziemlich ungeschickter und weitschweifiger Art geschieht, und hat für jeden das pafsendste Wort wohlwollender Anteilnahme bereit. Einst — es war im Jahre 1870 — war ein altes Mütterchen aus Knittelfeld in Steiermark nach Wien gekommen, um sich mit einem Anliegen an den Kaiser zu wenden. Die alte Frau, die auf den Füßen schon recht schwach war, stand eben im Begriffe, die Treppe zum Audienzsaal in der kaiserlichen Burg zu ersteigen, als der Kaiser, von Schönbrunn eintreffend, bei der Stiege im Amalienhof vorfuhr. Sogleich bemerkte der Kaiser das alte Mütterchen, das mühsam forthumpelte und fast auf jedem Treppenabsatz Haltmachte, um Atem zu schöpfen. Er ermunterte das Weiblein, ihm sein Anliegen mitzuteilen, vielleicht könne er helfen. Die alte Bäuerin, die den Kaiser nicht erkannte, meinte seufzend: „Ja, da kann nur der Herr Kaiser helfen. Ich hab' nämlich einen Sohn, der in der Linie steht, und ich möcht' ihn gern losbitten vom Militär, denn ich kann mir in meinem Alter ohne ihn nicht mehr helfen; mein Alanu ist gestorben und meine alten Füße taugen halt gar nicht mehr zur Arbeit." Der Kaiser nahm freundlich lächelnd der Alten das Gesuch ab, das sie, in ein Tuch eingeschlagen, in ihren zitternden Händen hielt, und sagte ihr, sie möge nur ruhig nach Hanse gehen; es werde schon altes gut ausgehen. Und wirklich nach wenig mehr als einer Stunde trat schon ein schmucker, junger Soldat in das Stüblein der alten Fran nnd rief frohgemut aus: „So, Blutter, da bin ich schon, und wenn's dir recht ist, können wir gleich wieder heimfahren ins grüne Steirerland. Der Kaiser hat mich freigegeben und hat mich gleich selber zu dir geschickt, damit du die Botschaft sicher bekommst." A.udrenMmmer im Schönürunner Schlosse. 118 Am 17. April 1886 kam ein armer blinder Passagier mit der Südbahn in Wien an. Er war von Spalato in die Hauptstadt gereist, um dem Kaiser die Bitte vorznlegen, seine kleine Pension im Gnadenwege zu erhöhen. Es war der Postkondukteur Giuseppe Jadric, der während des Jnsurgentenaufstandes in Dalmatien eine ziemlich namhafte ärarische Geldsendung nach Spalato zu geleiten hatte. Der Transport wnrde von Aufständischen überfallen, Jadric rettete jedoch den Geldbeutel, indem er, es war in später Nachtstunde, in einen nahen Bach sprang und sich hinter einem dicken Gestrüpp verborgen hielt. Die Folge war eine schmerzhafte Gicht und der Verlust des Augenlichtes. Als der Arme in Wien eintraf, mußte er zu seinem Schmerze erfahren, daß der letzte Andienztag vor den Osterfeiertagen bereits vorbei sei, doch den Bemühungen einiger wackerer Männer gelang es, den bedauernswerten Mann dennoch eine Audienz beim Kaiser zu erwirken. Kaum hatte Jadric, auf den Arm eines Landsmannes gestützt, das Andienzzimmer des Kaisers betreten, so wollte er sich dem Monarchen zn Füßen stürzen, doch dieser fing ihn in seinen Armen auf, geleitete ihu zu einem Lehnsessel und nötigte ihn, sich niederzusetzen. Voll warmer Anteilnahme hörte der Kaiser die traurige Lebens¬ geschichte des Unglücklichen an und sicherte ihm sogleich eine bedeutende Erhöhung seines kargen Ruhegehaltes zu. Das Buch vou unseren: Kaiser, das ich für euch, liebe Kinder, nieder¬ geschrieben habe, würde viel, viel zu umfaugreich ausfalleu, wollte ich alle die Züge der Menschenfreundlichkeit und Herzensgüte des Kaisers aufzählen, die in den Lebensgeschichten unseres Monarchen über ihn erzählt werden. Daß es bei solchen Audienzen und Vorstellungen auch an manchen heitern Vorkommnissen nicht fehlt, ist wohl begreiflich. Eine gewisse Beklemmung und Verlegenheit führt zuweilen zu mancher lustigen Szene. Der Kaiser kann dabei recht froh gelaunt werden, ohne aber je durch eine scharfe Bemerkung zu verletzen. Bei einer Ausstellung in Budapest hatte auch ein Obmann einer Abteilung die Ehre, einzelne Aussteller Seiner Majestät vorzustellen. Er tat dies in recht ungeschickter Weise, indem er bei jedem Herrn sagte: „Herr X" — „Seine Majestät" — „Herr A" — „Seine Majestät" — 119 „Herr Z" — „Seine Majestät." Als die Reihe an den vierten kommen sollte, sagte der Kaiser freundlich lächelnd: „Nun, ich glaube, die übrigen Herren dürsten mich jetzt schon kennen." Überhaupt verübelt der Kaiser selten eine Äußerung, niag sie noch so wenig der Form entsprechen, wenn sie nur aus dem Herzen stammt und ehrlich gemeint ist. Einmal kam ein kunstfertiger Schmiedmeister, der für seine aus¬ gestellten Maschinen eine kaiserliche Auszeichnung erhalten hatte, zur Audienz, um sich hiefür zu bedanken. Nachdem er dies getan, zog er eine Photographie des Kaisers aus der Rocktasche und sagte: „Majestät, ich hätte noch eine große Bitte. Wollen nämlich Majestät auf dieses Bild Euer Majestät werten Namen schreiben." Lächelnd sagte der Kaiser zu, bemerkte aber, daß er keinen Bleistift zur Hand habe; sogleich reichte ihm der ehrsame Meister einen wohlgespitzten Bleistift; der Kaiser schrieb nun seinen Namen aufs Bild und nickte dann freundlich zur Verabschiedung. Aber unser Schmied blieb stehen und hüstelte verlegen. — „Ja, wünschen Sie denn noch etwas?" fragte der Kaiser erstaunt. „Majestät, verzeihen, meinen Bleistift." Der Kaiser lachte und gab den Bleistift, den er in der Hand behalten hatte, zurück. „Er gehört für die Schule meines Heimatsdorfes," sagte der hartnäckige Meister frohbewegt, „und bei der Prüfung sollen die zehn besten Schüler damit ihren Namen auf die Probekarte schreiben." Jede Äußerung echter Volksliebe nimmt der Kaiser freundlich auf. Einst führ sein Wagen, von Schönbrunn kommend, durch die Wienzeile am Obstmarkt, dem sogenannten Naschmarkt, vorüber. Da stellte sich eine Obstlerin gerade an den Rand der Straße, machte einen schönen Knir und rief mit lauter Stimme: „Guten Morgen, Herr Kaiser!" Der Kaiser nickte der guten Fran lächelnd zu und drehte sich noch im Wagen herum, um lebhaft mit der Hand zu grüßen. Als man bei Gelegenheit eines Praterfestes, bei dem der Kaiser sein Erscheinen zugesagt hatte, behufs besserer Ausrechthaltnng der Ordnung die Hauptallee absperren wollte, sagte der Kaiser: „Der Prater darf nicht abgesperrt werden; ich will unter meinen Wienern sein!" Die Wohlfahrt seines Volkes liegt dein Kaiser vor allem am Herzen. Er möchte so gern alle, die unter seinem Zepter leben, glücklich und zufrieden sehen. 120 Als er im September 1867 nach Ischl fuhr und sich am Wiener Westbahnhof von den Direktoren der Bahn, die sich zu seiner Begrüßung eingefunden, verabschiedet hatte, benützte er nicht den Weg, der durch den Hofsalon zum Eisenbahnzuge führte, sondern ging aus dem auch dem anderen Publikum zugänglichen Wege zur Halle. Auf dieser ganzen Strecke waren schwere Getreidesäcke aufgestapelt und der Kaiser mußte sogar mehrmals über ein solches Hindernis steigen, um den Ausgang zu gewinnen. Voll Besorgnis wegen dieser Störung der Passage, brachte der den Kaiser begleitende Beamte eine Entschuldigung vor, doch der Monarch nahm mit sichtlichem Wohlgefallen die vollgefüllten Getreidesäcke in Augenschein und bemerkte mit freundlichem Lächeln: „Ich bin ganz und gar nicht erzürnt, sondern im Gegenteil hoch erfreut, denn diese vollen Säcke, die den Segen des Himmels einschließen, sind ja der schönste Empfang, den ein Land seinem Fürsten bereiten kann." Vor Gottes Majestät und Allmacht beugt sich unser Kaiser, tief durchdrungen von dem Gefühle der Unzulänglichkeit menschlicher Kraft gegenüber der Größe Gottes. Es war im Jahre 1852, als ein Priester durch die Hauptallee des Praters schritt, um einem Sterbenden die letzte Wegzehrung zu bringen. Auf der Fahrstraße fuhr ein junger Offizier in einem offenen Hofmagen. Als er des Priesters ansichtig wurde, ließ er sogleich halten, stieg aus und beugte sein Knie vor dem heiligen Sakrament. Es war unser junger Kaiser. Wer erinnerte sich nicht bei diesem Vorfälle an den schlichten Grafen aus dein Schweizer Lande, den Ahnherrn unseres Kaisers, und an Schillers schönes Gedicht „Der Graf von Habsburg" ? Wenn der Kaiser in Wien ist, versäumt er es nie, der feierlichen Fronleichnamsprozession, die in der Residenzstadt mit besonderem Gepränge abgehalten wird, beizuwohnen. Als der Kaiser auf einer seiner Reisen die berühmte Adels¬ berger Grotte in Kram besuchte, wurde er von der Pracht des Geschauten so überwältigt, daß er ausrief: „Wie schwach und klein sind wir doch gegen die Allmacht der Natur!" Verwirrt sagte der Begleiter: „Aber nicht Euer Majestät!" worauf der Kaiser lebhaft erwiderte: „O ja, auch ich, auch ich, so gut wie Sie." 121 Der Kaiser beugt sich vor Gott und ist mildtätig gegen seine Nebenmenschen. Der Kaiser hilft, wo er nur Helsen kann, er hilft gern und rasch. „Es freut mich, daß ich etwas für Sie tun konnte," ist des Kaisers Lieblingswort, wenn irgend ein Bittsteller vor ihm erscheint, dessen Ansuchen er gewähren, dessen Wunsch er erfüllen konnte. Und dieses Wort ist in dem Munde des Kaisers keine bloße Redensart; man sieht es dem freundlichen Blicke, man merkt es dem lebhaften Tone der Rede an, daß der Kaiser wirkliche Freude, rechte Herzensfreude darüber empfindet, wenn er etwas Gutes stiften, einen Leidenden trösten, einen Bekümmerten aufrichten kann. Wie viele Wohltaten übt der Kaiser im Stillen, von denen die Öffentlichkeit gar nichts erfährt; welch große Geldsummen spendet er aus seiner Privatschatnlle zu gemeinnützigen Zwecken! Er handelt eben immer nach den beiden schönen Sprüchen, die auch ihr, meine lieben Kinder, stets beherzigen sollt: „Wohltun trägt Zinsen!" und „Die linke Hand soll nie wissen, was die rechte tut." Ein schmuckes Dorfkirchlein hebt seine hellschimmernde, neue Turm¬ spitze aus dem Grün der Bäume hervor; der alte verfallene, morsche Turm mußte abgetragen werden, — es ist des Kaisers milde Hand, die dem Dorfe den neuen Kirchenturm gespendet hat. Durch prächtig bemalte Fenster fällt der wunderbar gebrochene Sonnenstrahl ins Innere einer neuen Kirche und beleuchtet das schöne Altarbild, das des Künstlers Hand geschaffen, — die herrlichen Fenster, das fromme Bild: der Kaiser hat sie gestiftet. Krankenhäuser und Hospitäler, stattliche Gebäude zum Zwecke des Unterrichtes oder der Fürsorge für die Armen erheben sich in allen größeren und kleineren Orten unseres Vaterlandes, — ihre Errichtung ist meist nur durch die Großmut des Kaisers und seine freigebige Hand möglich gewesen. Wo immer eine Ortschaft von einem schweren Unglück heimgesucht wird, da eilt der Kaiser, wenn es irgend möglich ist, selbst hin, um in eigener Person Hilfe zu bringe» und Trost zu spenden. Gegen die Wut der fessellosen Elemente ist der schwache Mensch oft wehrlos. Feuer und Wasser zerstören in wenigen Augenblicken, was 122 er mühsam durch Jahre geschaffen, und berauben ihn der Habe, die seine Freude, sein Stolz und die Hoffnung seiner Zukunft war. Da hilft der Kaiser, hilft mit ganzer Kraft, schenkt mit vollen Händen! Als im März des Jahres 1879 die hochgeschwollenen Fluten der Theiß den Damm bei Szegedin durchbrachen und diese blühende Stadt in wenigen Stunden einer furchtbaren Nacht fast ganz zerstörten und der Jammerruf erscholl: „Szegedin ist nicht mehr!", da eilte der Kaiser sogleich an die Stätte des Unglücks, durchfuhr auf schwankem Kähne die Straßen, durch die der empörte Fluß seine gelben Wogen wälzte, und tröstete die klagenden und verzweifelten Bewohner. Eine Träne schlich sich in sein Auge, als er die grauenhafte Ver¬ wüstung und das Elend ringsum überblickte, doch er sprach die verheißungs¬ vollen Worte, die wie himmlischer Tau des Trostes in die Herzen der armen Menschen fielen: „Szegedin wird wieder sein und schöner als zuvor!" Und so geschah es; des Kaisers freigebige Gnade bewirkte es. Als das liebliche Ischl im Jahre 1897 von furchtbarer Wassersnot heimgesucht wurde, da ließ der Kaiser den Park seiner Villa dem Publikum öffnen und darin ein Konzert veranstalten, dessen Erträgnis den durch die Überschwemmung heimgesuchten Bewohnern des Marktes zugewendet werden sollte. Eines seiner Enkelchen an der Hand, erschien der Kaiser damals mitten unter den Besuchern und begrüßte alle, die gekommen waren, um durch ihren Beitrag seinem lieben Ischl zu helfen. Der Kaiser setzt sein eigenes Leben hintan, wenn er andern helfen und Gutes erweisen kann. Als bald nach seiner Thronbesteigung in Wien die Cholera ausbrach, wollte er selbst ein Spital besuchen, um die armen KrankeistHi^trösten. Vor dem Eingänge zum.Krankenhause suchte er seinen Begleiter, der Vater mehrerer Kinder war, davon abzuhalten, ins Haus einzutreteu. Als dieser dem Kaiser vorhielt, daß er, als Herrscher über Millionen, sich doch noch viel mehr in acht nehmen müßte, entgegnete unser Kaiser die schönen Worte: „Ich bin Landesvater für Gesunde und Kranke; es zieht mich deshalb auch zu meineu kranken Kindern hin. Der Kaiser bei der Fronieichnamsproxesswn in Wien. 124 Wenn Ihre Kinder im Spital wären, würde ich Sie auch nicht hindern, sie zu besuchen." Der Kaiser hat eben eine Familie, die viel, viel größer ist, als alle die Kinder, die in einer noch so stark besuchten Schule unter der wachsamen Fürsorge ihrer Lehrer und Lehrerinnen heranwachsen, und er wendet seine Liebe in gleichem Maße allen Gliedern dieser großen Familie zu. Sie sind alle seine Schutzbefohlenen und ihr Glück und Wohlergehen liegt dem Kaiser am Herzen. Zwöltte5 Kapitel. ver Kaiser unä äie Kinäer. Ä8?ieses Buch von unserem Kaiser gehört den Kindern, kleinen und großen, armen und reichen, und deshalb sollen sie auch in einem eigenen Kapitel von einigen hübschen Zügen ans dem Leben des Kaisers lesen, die sein Verhältnis zu der Jugend und seine Liebe zu den Kleinen beleuchten. Als Vater und Großvater haben wir unseren Kaiser schon kennen gelernt. Es gibt ein reizendes Bild, eine photographische Aufnahme, die den Kaiser sitzend mit den drei ältesten Kindern seiner Tochter Erzherzogin Marie Valerie darstellt; er hält das jüngste, Erzherzog Hubert, damals noch ein Wickelkindchen, in den Armen, indes die beiden anderen, Prinzessin Elisabeth und Erzherzog Franz Karl Salvator, sich stehend an ihn an¬ schmiegen. Die rosigen Kleinen und der Großpapa mit dem schneeweißen Bart und Haar und dem frohen, glücklichen Ausdruck auf dem freundlichen Gesichte — es ist ein herziges, liebes Bild! 126 Aber der Kaiser hat auch fremde Kinder lieb, und wo er etwas tun kann für einen wackeren Knaben oder ein braves Mädchen, da geschieht es gewiß vom Herzen gern. Als er einmal auf einer Reise durch Mähren begriffen war und der Hofzug auch einige Augenblicke in dem Städtchen Wisch an hielt, hörte man aus der dichtgedrängten Menge von Zuschauern plötzlich eine Helle Kinderstimme: „Der Kaiser! der Kaiser! Ich will den Kaiser sehen!" Eine Frau aus dem Volke hielt ein putziges Kerlchen am Arme, das sich vergebens anstrengte, über die Köpfe der Spalier bildenden Erwachsenen hinüber zu blicken. Der Kaiser war ausgestiegen und schritt lächelnd auf den Platz zu, von wo die laute Kinderstinnne ertönte. Er stellte sich vor die Fran hin, die äußerst verlegen war und den Kleinen vergebens zu beruhigen ver¬ suchte, und sagte: „Nun, sieh dir den Kaiser an!" Ein andermal wieder war große Jagd in Eisenerz. Vor dem Jagdschlößchen waren die erlegten Tiere zur Besichtigung ausgelegt. Da gab es ein Kommen und Gehen der vornehmen Herrschaften, die des Kaisers Gäste waren. Zwischen diesen hohen Herren trieb sich ganz keck ein herziger kleiner Bub, der Sohn eines Gewerkschaftsarbeiters, umher und lief den vornehmen Gästen fast zwischen die Beine. Der Kaiser sah mit Wohlgefallen auf den rotbäckigen, muntern Knaben, der stolz sein Steirergewand zur Schau trug. Als aber die Situation des Kleinen immer gefährlicher wurde, rief er den Zunächststehendeu zu: „Tretet nur nur meinen kleinen Steirer nicht zusammen!" Er hob das Knirpschen lachend in die Höhe und stellte es abseits vom Gedränge auf den Boden. Als im Jahre 1876 in Wien ein Kinderbasar veranstaltet wurde, war der Kaiser unablässig bemüht, den Lockungen der Kleinen zu folgen und recht viel Einkäufe zu machen. Von einem Verkaufstisch zum andern ließ sich der Kaiser von den herzigen Kleinen fuhren und diese wußten so innig und manierlich zu bitten, daß der Kaiser für Kleinigkeiten ganz bedeutende Summen auslegte, so daß der wohltätige Zweck des Basars außerordentlich gefördert wurde. Und das taten die frischen, bittenden Augen und die Schmeichelworte der Kleinen, denen der Kaiser nicht widerstehen konnte. Alle die lieben Kinder, die in unserem Vaterlande leben, können Gott nicht genug danken für die Ausbildung und Erziehung, die sie in (l-'ce. ('k. Leolitc ^un., vorm. Hok-?kotoZrapd IL. Xr^ivvanek, Wien.) Ver Kaiser mit seinen Cicketn. -o 128 schönen, luftigen, lichten Schulräumen genießen. Das war nicht immer so. Jetzt hat selbst das kleinste Dörflein, das versteckt in den Bergen liegt, seine Schule, wenn sie auch nicht so viele Zimmer und Klassen hat, wie das stattliche Gebäude in der Residenz. Oft hat eine solche arme Gebirgsschule nur ein einziges Zimmer aufzuweisen, vor dessen niedrigen Fenstern ein paar Blumenstöcke stehen, und in diesem einzigen Zimmer werden Kinder verschiedenen Alters unterrichtet. Da hat der Lehrer freilich viel Mühe; aber der Lehrplan ist so gut eingerichtet und die Bücher sind so trefflich abgefaßt, daß auch die Kinder, die oft aus großer Entfernung an bitterkalten Winter¬ tagen oder in heißer Sommerszeit in die kleine Schule wandern müssen, recht viel lernen können. Diese guten Schuleinrichtungen sind größtenteils unter unserem Kaiser entstanden, der dem Gedeihen und Blühen des Volksschülunterrichtes die größte Fürsorge zuwendet. Als der Kaiser bei einem seiner Besuche in Prag auch die deutsche Lehrerbildungsanstalt besuchte, sagte er zu den Zöglingen: „Der Besuch, den ich dieser Anstalt mache, möge Sie überzeugen, welch großes Gewicht ich auf die Ausbildung der Erzieher der Jugend lege." Brave, fleißige Kinder finden an dem Kaiser stets einen wohlwollenden Beschützer und Förderer. Vor mehreren Jahren machte der Kaiser einmal eine Reise über den Predil, wo im Jahre 1809 der tapfere Hauptmann Hermann von Hermannstal bei der Verteidigung des Passes gegen die Franzosen seinen Heldentod gefunden hat. Ein schönes Denkmal erinnert daran. Nicht weit davon stehen ein paar armselige Blockhütten, in denen die armen Grubenarbeiter wohnen. Der Kaiser war ausgestiegen, um das Monument zu besichtigen. Von allen Seiten strömten die Landleute zusammen, um ihren Kaiser zu sehen. Unter der Menge fiel dem Kaiser besonders ein hübscher Bub mit Hellen Augen und blondem Kraushaar auf, der aus seinen frischen Kinder¬ augen ganz beherzt zu ihm emporsah. „Wie heißt du?" fragte der Kaiser den Kleinen. „Josef Bogovič" antwortete der Bub ganz resolut nut seiner lauten, Hellen Kinderstimme. Lmvlle, Unser Kaiser. Rückkehr Les Kaisers vom Manöver. 130 „Wer ist dein Vater?" „Bitte, Herr Kaiser, der ist Grubenarbeiter in Raibl und kommt erst Samstag nachts nach Haus; am Montag muß er dann schon in aller Früh wieder in die Arbeit." „Willst du auch Grubenarbeiter werden?" „Nein, Herr Kaiser, ich möchte am liebsten einmal ein Soldat sein und so berühmt werden, wie die Soldaten, die nuten am Berg das schöne Denkmal haben." Diese Antwort des aufgeweckten, hübschen Knaben gefiel dem Kaiser überaus und er ließ sich vom Lehrer des Ortes den Namen des Bnben und die näheren Familienverhältnisse aufschreiben. Weihnachten kam und das arme, kleine Dörflein am Predil lag ganz im Schnee versteckt. Da stapfte der Postbote durch den Schnee zum Häuschen, in dem der kleine Bogovič wohnte und setzte dort eine mächtige Schachtel ab, die an den Knaben adressiert war. Wie leuchteten die Augen des Buben vor Freude, als das Mütterchen die Schachtel öffnete und nun Spielzeug und Bücher die Menge zum Vorschein kamen! Das war ein Jubel! Der Kaiser hatte sich des kleinen Josef, dessen kluge Antworten ihm so sehr gefallen hatten, erinnert und ihm die glänzende Christbescherung zuschicken lassen. Aber auch das Büblein vergaß seines lieben Kaisers und seines Versprechens nicht. Joses Bogovič wurde ein wackerer Soldat, der den Helden, die einst bei der Verteidigung seiner Heimat gefallen waren, alle Ehre machte. Der Kaiser besucht auch gerne Schulen, um sich von den Fortschritten der Kinder, ihrem Fleiß und ihrer Aufführung selbst zu überzeugen; mit besonderer Vorliebe besucht er die militärischen Lehranstalten; er ist ja Soldat mit Leib und Seele und nimmt stets an den beschwerlichsten Manöverübungen teil. — Häufig pflegte er in die Militärakademie zu Wiener-Neustadt zu kommen und den Vorträgen in allen Klassen und Unterrichtsgegenständen beizuwohnen. Es war ein schöner Frühlingstag. Im Garten der Akademie, deren Stifterin die große Kaiserin Maria Theresia ist, blühten die Bäume und ließen ihren Dust in den Lehrsaal einströmen, dessen Fenster zum Teil offen waren. 131 Der Glanz der Frühlingssonne lockte ins Freie. Begreiflich genug, daß die Zöglinge ihre Blicke sehnsüchtig in den Garten schweifen ließen, während der beliebte Hauptmann Ebersberg einen interessanten Vortrag aus der vaterländischen Geschichte hielt. Da öffnete sich plötzlich die Tür des Klassenzimmers und herein schritt mit seinem gewohnten raschen Gange der Kaiser, gefolgt von seinem Flügeladjutanteu und einem Juspektivnsoffizier der Anstalt. Er ging bis zum Katheder und sagte zu dem Vortragenden Professor: „Lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht stören, Herr Hauptmann; ich bitte nur fortzusetzen." Der Kaiser stellte hierauf seinen Generalshut auf die vorderste Bank, und indem er sich mit dem Rücken leicht anlehnte, hörte er aufmerksam dem Vortragenden zu. Der Adjutant und der Jnspektionsoffizier standen stramm und ohne sich zu rühren an der Mauer und blickten unverwandt auf den Vortragenden. Diesen günstigen Augenblick benützte ein junger Zögling in der ersten Bank, ein braver Schüler, nur ein bißchen keck und waghalsig. Er hätte gar zu gern ein Andenken an den Kaiser gehabt; rasch griff er daher nach dem Generalshut und riß mit einem kühnen Griff eine Feder aus dem grünen Busch. Es war das Werk eines Augenblicks. Nun wurde er aber durch Blicke und leise geflüsterte Worte der Kameraden ermutigt, sein Wagnis zu wiederholen, denn auch die andern Zöglinge hätten gern ein Erinnerungs¬ zeichen von des Kaisers Generalshut besessen. Da, als er schon zum so und so vielten Male das Schelmenstückchen wiederholt hatte, traf er ans einmal ziemlich unsanft des Kaisers Arm, der sich rasch umdrehte und den Übeltäter in üuZrurcki ertappte; denn in der Rechten hielt dieser noch eine Feder, die er soeben dem Hute ent¬ rissen hatte. „Ja, was wollen Sie denn mit dieser Feder?" fragte der Kaiser den Knaben, der ganz blaß und zusammengeknickt in der Bank stand. „Ein Andenken, Majestät!" stammelte der kleine Verbrecher. „Und genügte Ihnen die eine Feder?" fragte der Kaiser lächelnd. „Nein, Majestät, die Kameraden wollten auch jeder eine Feder." Der Kaiser war über die Antwort und die Verlegenheit des Zöglings recht belustigt. „Nun," sagte er, „da bleibt mir nichts übrig, als Ihnen den ganzen Federbusch zu lassen." lind er löste mit eigener Hand die () -k- 132 Federn vom Hute und reichte sie dem verwegenen Zögling, dem die Güte des Kaisers wieder Mut eingeflößt und Farbe ins Gesicht getrieben hatte. Mittlerweile war die Stunde zu Ende und der Kaiser wendete sich sreundlich an den Professor: „Herr Hauptmann, Sie müssen aber die Güte haben, mir unterdessen Ihre Kappe zu leihen." Er ergriff die Kappe und wendete sich, nach allen Seiten freundlich nickend, dem Ausgange zu, während die ganze Klasse in begeisterte Hoch¬ rufe ausbrach. Als der Kaiser einmal in Begleitung der Erzherzogin Marie Valerie von Ischl aus einen Ausflug in die Gosaumühle machte, begegnete er einem Trupp lustiger Knaben, die ein Erwachsener geleitete. Es waren Studenten aus dem nahen Ferienhort, die, froh der Freiheit und der herrlichen Natur, muntere Lieder singend, einherzogen. Sogleich ließ der Kaiser den Wagen halten, stieg aus und erkundigte sich bei dem Präfekten um die Verhältnisse des Ferienhortes, die Zahl der armen Schüler, die dort untergebracht waren, ihre Gesundheit, Aus¬ führung u. s. w. und wünschte allen gutes Gedeihen. Die Jungen umstanden in ehrerbietiger Entfernung den Kaiser, und als er wieder den Wagen bestieg, brachen sie in laute, begeisterte Hoch¬ rufe aus. Als der Kaiser im Jahre 1883 nach Szegedin reiste, ließ erden Zug in einer kleinen Station halten und stieg aus dem Hofwagen. Von allen Seiten war die Bevölkerung zusammengeströmt und eine ganze Schar von Kindern streckte dem Kaiser ihre Händchen entgegen, wobei sie mit ihren Hellen Stimmen ununterbrochen „Elfen!" riefen. Der Kaiser fragte den ungarischen Ministerpräsidenten: „Was wollen denn diese vielen Kinder hier?" „Sie wollen Eurer Majestät die Hände küssen," erwiderte der Minister. „Nsssök!" (Bitte!) sagte der Kaiser herzlich lachend und streckte den Kleinen beide Hände entgegen. Ja, der Kaiser hat die Kinder gern und die Kinder wieder lieben ihren Kaiser, wie nur Kinder lieben können, mit aller Innigkeit und Wärme ihrer kleinen unverdorbenen Herzen, in denen noch viel Liebe Platz hat, weil noch nicht die Welt mit ihrem häßlichen Streit und Kampf davon Besitz ergriffen hat. Denkmal der Kaiserin Elisabeth in Wien. 134 Wo sich der Kaiser zeigt, da eilen auch von allen Seiten die Kinder herbei, um ihu zu begrüßen und ihm zuzujubeln. Zwar draußen auf dein Lande, im abgelegenen Gebirgsdorfe oder in einem stillen Weiler auf der Heide, da gibt es viele Kinder, die den guten Kaiser noch niemals gesehen, wenn sie auch schon viel Schönes von ihm gehört haben. Aber die Wiener Kinder sehen ihren Kaiser oft und zeigen ihm auch immer, daß sie ihn recht, recht gern haben. Dies kam auch so schön zum Ausdruck, als das Denkmal der Kaiserin Elisabeth im Wiener Volksgarten am 4. Juni 1907 enthüllt wurde. Es war ein ergreifend schönes Fest und voll tiefer Wehmut stand der Kaiser vor den: Denkmal seiner erlauchten Gemahlin, die oft sein trostbedürftiges Herz gestärkt und ermutigt hatte. Er dachte vergangener Tage und ernste Rührung beschattete sein Antlitz. Als er aber aus dem Volksgarten heraustrat und auf den Helden¬ platz, wo die Reiterstandbilder des Erzherzogs Karl und des Prinzen Eugenius stehen, kau: und die vielen Kinder sah, die da aufgestellt waren, Knaben und Mädchen aus allen Wiener Volksschulen und die Scharen der nengebildeten Knabenbataillone mit ihren Musikkapellen, und als er die Hochrufe aus diesen Tausenden junger Kehlen hörte: da wich die Wolke der Trauer von seiner Stirne und freundlich lächelnd grüßte er die Kleinen. Aus der Liebe der Kinder hatte der Kaiser neue Hoffnung geschöpft. Auf den Kindern ruht die Zukunft der Familie, des Staates; und Kinder, die ihren Kaiser so lieben und ihm dies so gern zeigen, die lieben gewiß auch ihr Vaterland und werden ihre Vaterlandsliebe, wenn sie älter geworden sind, durch Wort und Tat erweisen. Ein gutes Kind liebt seine Eltern, aber es trägt diese Liebe nicht bloß im Herzen, es beeifert sich auch, ihnen diese Liebe bei allen Anlässen zu zeigen, dadurch, daß es ihren Geboten gehorcht, ihnen durch Fleiß und gute Aufführung Freude macht, ihnen dient, ihnen beisteht, soweit es eben mit seinen schwachen Kräften dies vermag. Ebenso liebt ein gutes Kind auch seinen Kaiser; aber wie kann es diesen: seine Liebe beweisen? Dadurch, daß es dankbar ist für all die Wohltaten, die ihm die Schule und das Vaterland in so reicher Menge darreichen, dadurch, daß es sich fest vornimmt, wenn es herangewachseu ' ch s v '7 Kindrrhuidigung in Schönbrunn (Knabengruppe). 136 ist, seine Bürgerpflichten treu zu erfüllen, und wenn das Vaterland in Gefahr schwebt, es zu schirmen und zu schützen, wie es die Vorfahren getan haben, die Helden und Heldinnen, von denen uns die Geschichte erzählt. Das erhofft der Kaiser von den Kindern und deshalb leuchtet auch sein Auge so freundlich, wenn er die herzliche Huldigung der Kleinen wahrnimmt, und deshalb wich auch die Trauer aus seinen Zügen, als er die Freude der vielen Kinder bemerkte. Dies offenbarte sich auch in so rührender Weise bei der festlichen Huldigung, die Wiens Kinder am 21. Mai 1908 ihrem geliebten Kaiser zur Feier seines sechzigsten Herrscherjubiläums darbrachten. Sie vollzog sich vor dem Kaiserschlosse von Schönbrunn, in dem unser Kaiser das Licht der Welt erblickt hatte und wo er so gern verweilt. Der ganze ungeheure Raum vor dem Schlosse bis hinauf zur Gloriette war nut mehr als 80000 Kindern aus den Volksschulen Wiens besetzt, die sich wie ein lebender Frühling vom grünen Lenzschmuck der Natur reizend abhoben. Der Kaiser wohnte, umgeben von allen in Wien anwesenden Erz¬ herzogen und Erzherzoginnen, von der Schloßterraffe aus der festlichen Veranstaltung bei und es war rührend anzusehen, wie er, als für¬ sorglicher Großpapa, den Kleinen und Kleinsten seiner Familie die Plätze anwies und sie auf besonders hübsche Züge der Feier aufmerksam machte. Diese selbst wurde durch schmetternde Fanfarenklänge eröffnet. Hierauf trug ein kleines Mädchen in der Tracht, wie sie die Kinder vor dem März 1848 trugen, das Gedichtchen: „Des Kindes Herzensgüte" vor, das die Geschichte von dem kleinen Erzherzog Franz Josef und der Schildwache in Larenburg erzählt; ein kleiner Deutschmeister in weißem Waffenrock und blauer Hose, mit einem mächtigen Tschako auf dem Lockenköpfchen folgte nut dem Vortrage eines Gedichtes, das von des Kaisers Feuertaufe bei St. Lucia handelt. Unter den Klängen des Radetzky¬ marsches stapften dann achtzig putzige, kleine Deutschmeister militärisch stramm vor dem Kaiser vorüber. Der lieblichste Teil des Festspiels war wohl der, als eine Schar größerer Mädchen in rosenroten Kleidern und mit Rosengirlanden in den Händen voll entzückender Anmut einen Reigen aufführten und »litten Smolle, Unser Kaiser. Gnbeichnwigung in Schönbrunn (Mäüchengruppr). 138 unter ihnen die „Vindobona", nut einer goldenen Mauerkrone auf dem Haupte, den Kaiser huldigend begrüßte. Noch nie war wohl die Volkshpmne, die dasergreifend schöne Fest¬ spiel beschloß, von so vielen Kindern und mit solcher Innigkeit und Begeisterung gesungen worden. Es dauerte lauge, bis der letzte Hall auf der Gloriette, leise verschwebend, verklang. Der Kaiser war bis zu Tränen gerührt und der Dank, den er dem Bürgermeister Dr. Lueger gegenüber aussprach, kam aus der Tiefe seines Herzens; er fügte die schönen Worte hinzu, die in dem Andenken der Kinder unvergessen fortleben werden: „Die Kinder sind für mich das Schönste und Liebste. Je älter ich werde, desto mehr liebe ich die Kinder." Sechzig Jahre werden bald verfloffen sein, seit dem Tage, als der Kaiser den Thron seiner Väter bestieg und die schwere Bürde der Herrschaft auf seine jugendlichen Schultern lud. Damals flüsterten seine Lippen: „Lebe wohl, meine Jugend!" Jetzt hat er das siebzigste Lebens¬ jahr längst überschritten, er schreitet dem achtzigsten entgegen. Wie weit, wie weit zurück liegt die goldene Kindheit, die Zeit, da er noch sorgenlos und glücklich dahinlebte! Aber der Kaiser erlebt gewissermaßen noch eine zweite Jugend in der Liebe der Kinder, die in seinem Herzen die schönsten Hoffnungen auf¬ blühen läßt. Ihr wollt gewiß, meine lieben kleinen und großen Kinder, in deren Hände ich dieses Kaiserbuch lege, dem Kaiser zum Feste des sechzigsten Gedenktages seiner Thronbesteigung etwas extra Feines und Liebes wünschen, nicht wahr? Denkt an die Kaiserhpmne! Es gibt keinen lieberen und schöneren Wunsch als diesen: Gott erhalte, Gott beschütze Unfern Kaiser, ust s e^r Land! 139 Seite 10* SSSSSS1S9SS Druck von Karl Gonschek. Wien V. MF