Äktoöer 154. Keft. (Sette 3720 vis 3756.) 1916. Schule und Unterland Zeitschrift für bodenständige Jugenderziehung und Volksbildung in Osterrtlch-Vngarn. Schriftleiter: Jr. Rudolf Rrerz. Feldpost 11. Inhalt: a) Schüfe und Vaterland. 1. Österreichs Lehrerhelden .... 3729 2. Der Lehrer als Offizier .... 3730 3. Betrachtungen beim Schulbeginn 3733 4. Helden im Hinterland 3734 5. Stimmen zur Staatsvolksschule 3736 6. Randbemerkung zu ,Einc staatliche Zwangskur"................. 3737 7. Wechselredc über die „Erneuerung des österr. Erziehungs- und Schul- C. wesens"............................ 3737 8. Ich hatt' einen Kameraden . . . 3739 9. Kleine Mitteilungen............... 3741 -e c« Zagcn ins Sfammvulk. Mit verbohrtem, bald schon kindischem Eigensinn sind gewisse Kreise andauernd bemüht, den Frieden dadurch zu erzwingen, daß sie ihre Friedenswünsche mit lauten und immer 1 Der Vers. dieser stimmungsvollen Erzählung ist Maurer seines Zeichens, einer, her durch eine gewöhnliche Landschule unseres Vaterlands hindurchgegangen. D. Sch. 3742 lauteren Stößen in die gierig sich die Hände reibende feindliche Welt hinausstöhnen. Wahrlich, die passende Begleitstimine zu dem Geschützdonner der großen Offensive, und die rechte moralische Rückenstärkung derer, die in diesem Höllenkonzert für unseren Frieden kämpfen und bluten! Als ob es nicht Wünsche gäbe, deren Erfüllung man um so teurer bezahlen muß, um so weiter hinausschiebt, je brünstiger man sie zu erkennen gibt! Wenn schon das Bedürfnis nach irgendeinem „Nationalausschuß" zur Anbahnung eines „ehrenvollen" Friedens nicht zu zähmen war, — konnte mit dieser Gründung nicht wenigstens bis zum Ausgange der Offensive gewartet werden? Hat man sich denn gar nicht überlegt, wie ein solches öffentliches Hervortreten in einem solchen Augenblicke nur gedeutet werden kann? Und heißt es nicht, offene Türen einrennen, wenn man uns das „Verständnis" für einen möglichen Frieden erst beibringen und zur Bewältigung dieser „Aufgabe" 75 Redner (andere versichern, es seinen „nur" 50) in 75 Städten auf das deutsche Volk loslassen will! Dazu wird diese Gründung noch als eine Schöpfung der deutschen Reichsregierung ausgegeben, — was ich denn doch bis auf weiteres noch bezweifeln möchte. Rach alledem werden wir uns nicht wundern dürfen, wenn man unseren Siegeswillen (den hinter der Front) bald überhaupt nicht mehr ernst nimmt. Man muß sich schon nach dem verbündeten Ungarn wenden, um sich auf die ernste Wirklichkeit zu besinnen. Im „Magyar Hirlap“ führt uns Graf Julius Andrassy handgreiflich zu Gemüte, wie für unsere Feinde das Wort Friede in dem Augenblick nicht mehr hörbar ist, wo sie auch nur den kleinsten Erfolg aufzuweisen haben; wie anderseits die Vorbedingungen des Friedens aber gegeben sind, sobald unsere Gegner erkennen, daß sie uns nicht niederringen können: „Als die Lage für uns an allen Punkten eine günstige war, ließ sowohl der deutsche Kanzler als auch unsere Regierung den entschiedensten Friedenston vernehmen, während unsere Gegner, sobald sie die kleinste Aussicht haben, die Oberhand zu gewinnen, von wildester Kampfesstimmung ergriffen werden. Es zeigt sich klar, daß sie nicht früher die Waffen strecken wollen, als bis sie uns zerschmettert haben. Bei dem kleinsten Mißerfolg dürfen wir uns nur das eine vor Augen halten: Diesen Mißerfolg gutzumachen; denn unsere Feinde bleiben nicht auf halbem Wege stehen. In dem Augenblick, wo wir schwächer blieben, würden sie uns vollständig zugrunde richten ..." Blast nur weiter eure Friedensschalmeien, wenn ihr den Krieg ins Aschgraue verlängern, neue und immer wieder neue Hekatomben dem Moloch in den Rachen schleudern wollt, — nur um der Theorie, dem Friedensdogma genuggelan, euer Gemüt pharisäerhaft erleichtert zu haben. Das Echo schenkt euch der „Temps" im voraus: „Je mehr wir den Sirenengesang hören, desto sicherer werden wir wissen, welche Pflichten unserer Energie obliegen." Aus dem „Türmer". 9.) „Iireie Wahn dem Hakent!" Der Staat muß mehr im Volke wurzeln. Des Volkes Rot, der Ruf nach Führern, der, nachdem so viele gefallen, doppelt laut und stark erklingen muß, fordert gebieterisch zur völkischen Höherführung, freie Bahn dem Talent. Es sind dies nicht bloß demokratische Forderungen, eine Utopie der Lehrerschaft, sondern sie entspringen einer nationalen Notwendigkeit; wir brauchen im künftigen „friedlichen Kampfe" der Völker alle guten, ja die besten Kräfte, um etwas zu schaffen, was oben bleibt. Neue Bahnen. 10.) Ale neudeutfchc Schule. (Prof. Dr. Gaudig.) Das Verhältnis Schule—Gemeinde muß zum wirksamsten Lebensverhältnis werden. Die Gemeinden sollen helfe», daß das gesamte Leben und Wesen ihrer Schule bodenständig und heimatlich, scharf aus das Leben nach der Schulzeit bezogen ist. — Denkt man den Gedanken der Schule als Staatsschule folgerichtig durch, so würde er bedeuten, daß der Staat die Schule als seinen Zweck setzt und mit seinen Organen den Zweck verwirklicht. Die auf dem Schulgebiet notwendigen Funktionen käme» dem Staate zu; die Erzieher wären staatliche Beamte. Für unsere Gesamtanschauung ist die Idee der Staatsschule ausgeschlossen. Der Staat wirkt nur als Kraft (freilich als die stärkste) neben anderen Kräften: Familie, Gemeinde, Kunst uff. Doch sei der Staat der Herrscher, gebe aber freie Gesetze für Lehrplan, Schulgestalt durch die Gemeinde, Zusammensetzung der Aufsichtsbehörden. (Beachte: Staat — Bundesstaat.) Das Reich muß die Schule in den Kreis seiner Kultur-arbeit aufnehmen. Durch alle landestümlichen Schulgestaltungen muß die Kraft des Mcichs-gedanliens wirken! Zeitschr. f. Päd. Psych. 11.) Aber Begabung, Arbeitsleistung, Berufswahl. (W. R. Ruttmann.) Bestimmend ist geistige Vererbung. Rassenabstammung hat hohen Einfluß aus die Arbeitswahl und das damit zusammenhängende Schicksal des Einzelwesens. Das Alter ist die Staffel der Leistungskraft. Unterschied der Geschlechter. Wichtig ist der Ernährungszustand (auch besonders das Stillen der Kinder). Geographische Beeinflussung (Klima, Landschaft, Jahreszeit. . .) Einwirkung der Gesellschaft (ist mehr hemmend). Begabung (Charakter). Soll jede Arbeit gleich gewertet werden? Einrichtung von Berufsberatungsstellen. Experimentelle Prüfung (psychol.) von Elementarleistungen. Die Berufsprüfung aber beruht noch heule auf den Erfolgen der Eingewöhnung und Anpassung. Es ergibt sich: Die jugendliche Berufswahl (nicht Kinderarbeit!). Berufswechsel im Alter (abnorm, nur durch ein schweres Erleben bedingt). Den Zusammenhang zwischen Begabung, Arbeitsleistung, Berufswahl festzustellen, ist Aufgabe der pädagogischen Psychologie. Zeitschr. s. Päd. Psych. 1916 (Hlttoöer). \ (X t t ^ (13. Aa-r.) Jokge 154. für den flbieiliingsuimmcbi Monatschrist zur Förderung des österr. Landschul»ese»s. v-,ug»gebüdr einschl. von „Schule und Vaterland" 6K Schriftleiter: ««schlislllche» au»schllet«ch («». 7F.> jährlich, «n,ei- an die „Verwaltung der Nummer 60 h (60 Vf. 70 ct). 7)r Knhrtlf Mepri Blätter siir den ildteliung«- Pastspari. Vr. 68.218. Hl. »m u v i s y t t i >. unterricht In Laidach". Handschriften und Biicher an den Schristlelter, Feldpost 11 oder: Mies in Böhme». — Die „Blätter für den Abtellungiunterricht" können-gesondert nicht bezogen werden. Ztlldtlehrer — Landlehrer? 3m Deutschen Reiche draußen und auch bei uns wird zurzeit der Gedanke aufgeworfen, ob man die Bildung der Lehrer nicht nach dem Gefichtsbilde ihres Wirkungsgebietes, also nach Stadt und Land, einrichten solle. Dagegen muß rechtzeitig Stellung genommen werden. Die Scheidung drückte unseren Stand merklich herab. ZITan urteilt nämlich so: „Für den Lehrer der Landschule braucht es keine langjährigen Studien; da genügt ein bißchen Wissen über das i u-e und das Ginmaleins hinaus." Wer lacht nicht? <£s ist indes nicht zum Lachen. Gin gar hoher £)err meinte es im Grnst. Abgesehen davon, daß er in voller Verkennung des Gegenstandes sprach, reihte er den Großteil der Lehrerschaft (drei Vierteile) in jenes Bildungsfach ein, aus dem wir erst geschlüpft sind. Allerdings, als ich ihm die Kunst des Abteilungsunterrichtes und die weitausgreifende Außen-schularbeit des Lehrers im Dorfe erklärt hatte, da nahm er seine Forderung zurück und ließ alles beim alten. bsiemit wäre für uns die Angelegenheit abgetan. Da aber in jedem Schlagworte ein guter Gedanke zu suchen ist, so wühlen wir weiter. Was mag die, die es ausgeben, hiezu bestimmt haben? Neben der raschen Beschaffung und Billigkeit von Lehrkräften sicherlich der Mangel der Besonderheit in der Bildung; man merkte die Unbeholfenheit derer, die schnurstracks aus der Anstalt in die Dorfschule kamen. Gs mangelten ihnen das berufliche Geschick und die rasche Ginfühlung in die Verhältnisse. Soweit nun diese Umstände außerhalb der ausgesprochenen Begabung liegen, sind sie kein Grund, die kjeran-bildung zu scheiden. Der junge Lehrer soll eben derart erzogen werden, daß er hier wie dort seinen Mann zu stellen vermag; ganz fix wird man ihn niemals „anfertigen" können. Aber im Grundzuge soll er fertig sein und in seiner Anpassung biegsam. Das wird nur möglich, wenn sein Wissen klar und sein Geist stark ist. An einer durchdringenden Kenntnis fehlt es also. Der Reifeprüfling steht starr wie ein Stockin einem Trümmerhaufen von Wissenslücken und weiß nicht, wie er sich herausarbeiten und dabei das mitnehmen soll, was das ihn umgebende Leben braucht. Wieso das kommt, weiß jeder, der durch unsere Lehrerbildung gereist ist. Sie ist eine Galoppfahrt in einem kleinen Wägelchen. Ja, ich bin für eine Sonderrüstung des Lehrers, der als Volkserzieher und Volksberater ins ferne Dorf wallt, aber nicht für eine unter das Mittel, sondern über dasselbe hinaus, u. zw. in dem Sinne, daß im Genossen durch einen Kurs das eigenartige Wesen des Abteilungsunterrichtes aufgefrischt, ein Stück Gesetzeskenntnis gegründet, der politische Blick geschärft und die hohe Aufgabe, den Staatsgedanken zu führen, gefestigt werde. In der Stadt verteilen sich die Belange auf die hiezu berufenen Amtswalter; auf dem flachen Lande laufen sie jedoch zumeist samt und sonders ins Schulhaus zusammen. Allein ob dieser über das allgemeine Blaß hinausgreifenden Tätigkeit des Lehrers in der Landschule an dem Grundstöcke rühren zu wollen, halte ich für überaus bedenklich, sowie ich es derzeit läppisch finde, wenn der Amtsgenosse in der Stadt sich der Gesellschaft mit dem Standesvermerk „städtischer Lehrer" vorstellt. Was gibt ihm ein Recht dazu? (Etwa der Umstand, daß sein zu einer bestimmten Partei gehörender fjerr Gnkel ihn durch ein schmutziges Nebenbächlein hinein gelotst hat? — Für die Landschule gehört gleichwie für die des ungeteilten Unterrichtes als grundlegende Aildnng die Mittelschule und hernach eine hochschulmäßige, durchaus wissenschaftliche, mit einer klaren und keineswegs stundenbildartigen, handwerksmäßigen Praxis verbundenes Fachstudium, das uns das Wesen im innersten Kern zeigt und darum eine leichte Anpassung an die Sonderverhältnisse möglich macht. Nichts Grklaubtes und Erhorchtes, sondern Festes, Festgefügtes und doch Leichtauslösbares, je nachdem die augenblickliche Lage es heischt! Nur so will ich den Landlehrer des neuen Tages vor mir sehen. Z'eerz. Der neue Lehrplan für Weibliche Handarbeiten. Von M. Brzorad, k. k. Lehrerin. Mit welcher Freude wurde der im Jahre 1911 vom k. k. Landesschulrate für Böhmen herausgegebene neue Lehrplan von den meisten Handarbeitslehrerinnen und Lehrerinnen, welche Handarbeiten unterrichten, begrüßt! Zeigte er doch auch auf dem Gebiete des Handarbeitsunterrichtes Neuerungen, welche schon eine Notwendigkeit geworden waren. Mit neuer Spannung sah ich der 2. Auflage dieses Lehrplanes entgegen, welche vom Landesschulrate herausgegeben wurde. Als ich den IX. Abschnitt, Weibliche Handarbeiten, gelesen hatte, bemächtigte sich meiner eine große Enttäuschung. Zunächst ist in der 2. Auflage der Lehrplan wohl detaillierter angegeben. Das mag nun für solche Lehrerinnen, welche nicht gern selbst denken, angenehmer sein. Man hat aber das Gefühl, daß einem dadurch das freie Schaffen vollständig genommen ist! Warum ist z. B. beim Zeichenlehrplan der freien Arbeit des Lehrers kein Hemmnis gesetzt? Da heißt es nicht: Zeichnen eines Weidenblattes, eines Heftes usw., sondern: Darstellung einfacher, flächenhaft wirkender Gegenstände und Naturobjekte nach der Anschauung. Sonst aber ist es dem Lehrer überlassen, welche Naturformen er darstellen lassen, von welchen Naturformen er die geometrischen Grundformen ableiten will. Im Lehrplan für Weibliche Handarbeiten ist einem aber direkt gesagt, du mußt die Elemente des Häkelns an einem Topflappen und Lätzchen, die des Strickens an einem Waschfleck und Schal lehren. Wenn man nun aber aus der Erfahrung weiß, daß der Topflappen viel brauchbarer ist, wenn er gestrickt ist, und der Schal (darunter ist doch hoffentlich nur eine Art Halstuch gemeint; denn einen breiten Schal brächten wohl die Kinder des dritten Schuljahres nicht fertig), wenn er gehäkelt ist. Und zwar aus folgendem Grunde: Es heißt, die ersten Arbeiten sind mit grobem Material auszuführen. Das ist von dem Guten, das der neue Lehrplan bringt, vielleicht das Beste! Mit wie viel weniger Angst kann die Lehrerin nun dem Kinde die lläkel- bezw. die Stricknadel in die Hand geben. Für das Häkeln wird man Berliner Wolle und für das Stricken etwa zwölffädig gedrehte Wolle verwenden. Ein Topflappen aus Berliner Wolle ist nun etwas unpraktisch. Die Hausfrau braucht mit demselben der heißen Platte nur etwas zu nahe kommen, so ist der Lappen auch schon angebrannt. Man müßte also für den Topflappen nicht Berliner Wolle, sondern die zwölf fädig gedrehte Baumwolle, die weniger leicht entzündlich ist, nehmen. Diese Baumwolle kann man aber zum Häkeln nicht verwenden, da sie zu wenig gedreht ist und so das Arbeiten ein mühsames wäre. Ein gestrickter Topflappen wäre also meiner Ansicht nach praktischer. Den Schal (Halstuch) kann ich mir wieder besser gehäkelt vorstellen; denn auch dieser muß eigentlich noch mit grobem Material gearbeitet werden. Wollte man ihn nun aus Baumwolle stricken, so würde er nicht schön, sondern grob wirken. Man müßte ihn höchstens aus feinerer Baumwolle hersteilen lassen; dann erfüllt er aber seinen Zweck nicht. Die Kinder arbeiten ihn doch für sich zum Schulze gegen die Kälte im Winter. Mit Berliner Wolle kann man nun die Kinder des dritten Schuljahres nicht stricken lassen, da dies für diese Stufe viel zu schwer wäre. Warum läßt der neue Lehrplan in der Wahl der Gegenstände, die gearbeitet werden sollen, der Handarbeitslehrerin nicht freie Hand? Schätzt man die Handarbeitslehrerin so wenig ein, daß man ihr nicht zutraut, daß sie selbst entsprechende nützliche Arbeiten lindet, an denen die Elemente der einzelnen Fertigkeiten geübt werden ? Sehr zu begrüßen ist in den „Allgemeinen Bestimmungen11 folgender Satz: Die Arbeiten haben vor allem praktischen Bedürfnissen zu dienen. Der Handarbeitsunterricht soll aber auch Arbeitsfreudigkeit, Schönheitssinn und Geschmack wecken und fördern. Ich glaube, wenn wir praktische Sachen mit unseren Schülerinnen arbeiten, nämlich solche Sachen, die sie auch wirklich brauchen können, so kommt die Arbeitsfreudigkeit von selbst! Das war es ja, was früher dem Handarbeitsunterricht bei Eltern und Kindern so viel Feinde gemacht hat, daß man Arbeiten verfertigte, wie Musterbänder und Mustertücher, die gar keine Verwendung finden konnten! Mit Befriedigung las ich so die Allgemeinen Bestimmungen. Wie ich dann zur Stoffverteilung im fünften Schuljahre kam, da starrte mir das Wort „Merk tu cli“ entgegen und unwillkürlich fiel mir ein, wie die Mutter einer meiner Schülerinnen einstens zu mir sagte: „Drei Merktücher und drei kleine Herrenhemden habe ich schon zu Hause, die niemand brauchen kanp. Sagen sie mir, muß meine vierte Tochter auch noch ein Merktuch und ein kleines Herrenhemd arbeiten?11 — Merktuch! Das ist ein Wort, das nicht nur den Eltern, sondern auch der Lehrerin Entsetzen einflößt. Sollte damit wirklich jenes Merktuch gemeint sein, wie wir es früher arbeiteten, auf welchem zwei verschiedene Alphabete und die Ziffern in völlig wertloser Weise gemerkt wurden? Das hieße ja, die Arbeitsfreudigkeit in dem Kinde ertöten, aber nicht wecken! In l'rag wenigstens, das weiß ich aus sicherer Quelle, ist gerade dieses M e r k t u c h für die meisten Schulen vorgeschrieben. Wenn ich etwas Zweckloses arbeite, so habe ich an der Arbeit keine Freude. Und so ein Merktuch hat keinen Zweck. Man könnte mir entgegnen, daß die Kinder ja später einmal davon die Buchstaben abmachen können. Ich möchte fragen, wie viele von den Mädchen, die Merktücher zu Hause haben, diese herausnehmen, wenn sie die Wäsche mit Buchstaben zeichnen wollen. Ich glaube, wohl selten eines. Braucht man einfache Buchstaben, so kann man sich dieselben selbst zusammenstellen. So weit müssen die Kinder in der Schule gebracht werden. Verzierte Buchstaben kann man sich ja leicht in Vorlagen verschaffen. Es ist weiter auch nicht notwendig, daß das ganze Alphabet gemerkt werde ; das Kind braucht nur einige Buchstaben zu merken, um jeden anderen Buchstaben auch ausführen zu können. Vor allem braucht es ja die Anfangsbuchstaben seines Namens. Diese wenigen Buchstaben kann es an Kastenstreifen oder Wandsprüchen lernen. Das Merktuch ist also dazu hier, daß die Kinder daran die Elemente des Merkens erlernen. Zu den Elementen gehört aber nicht das gemerkte Alphabet! Warum ist also das Merktuch in den neuen Lehrplan mitgenommen worden? Warum wird verlangt, daß man dasselbe so wie in früherer Weise ausführen läßt? Vielleicht deswegen, weil es in den in den Schulen einge-führten Wandtafeln vorkommt und damit die eine oder andere Wandtafel wertlos werden könnte? Das darf doch nicht der Grund sein, daß wir das, was wir als schlecht erkannt haben, wieder aufnehmen! Ich arbeite auch Merktücher, aber andere, als wie man sie bisher gewöhnt war. Ich verfolge dabei zunächst den Zweck, daß es dazu diene, die Elemente des Merkens daran zu lernen, weiter aber, um einer Hauptforderung des neuen Lehrplanes gerecht zu werden, daß es praktisch sei. Ich werde mir erlauben, später einmal zu zeigen, wie ich mir das moderne Merktuch vorstelle. Außer dem ist für das Merken zu wenig Zeit gelassen. Es kommt neben dem Stricken, Stopfen und Nähen im fünften Schuljahre vor. Wie wenig Zeit kann man da auf das Merken verwenden und wie wichtig ist diese Art der weiblichen Handarbeit! Vergleichen wir das Stricken mit dem Merken, so müssen wir uns ganz offen eingesteheu, daß heute die wenigsten Leute sich mit Handstricken beschäftigen. Bekommen wir die Strickarbeit doch viel schöner aus der Strickmaschine geliefert. Abgesehen davon, daß gerade das Handstricken von allen 3746 Handarbeiten am meisten geeignet ist, die Gesundheit des Kindes zu schädigen. Wie viel Menschen können'keine zehn Minuten stricken, ohne heftige Schmerzen in den Armen und Händen zu bekommen. Nervöse Kinder sollte man überhaupt nicht stricken lassen. Dem Stricken sind nun mehr als zwei halbe Jahre gewidmet. Auf das Merken kommen höchstens vier Monate. Wie oft braucht die Frau im Leben das Merken. Wir können uns ein Deckchen durch keine Maschine merken lassen, das müssen wir in der Hand arbeiten. Das Merken ist überhaupt eine Fertigkeit, die so häufig angewendet wird, und zwar nicht nur bei arm oder reich, nicht nur in der Stadt oder nur auf dem Lande. Überall findet man diese Fertigkeit verwertet. Wie wird darauf gedrungen, man solle einwirken, daß in den einzelnen Landgebieten die der Gegend eigentümliche Trachten erhalten bleiben und gerade in Handarbeiten kann man da viel tun. Dazu hilft uns aber nicht das Stricken, sondern im Gegenteil, das Merken brauchen wir da notwendig! In wie viel Gegenden ist das weiße Hemd, das aus dem Mieder eines Bauernmädchens herausschaut, durch eine bunte Kante im Merkstiche geziert. Da wäre Gelegenheit, in der Schule auf die Schönheit dieser Volkstracht aufmerksam zu machen; wenn wir aber ein Merktuch arbeiten sollen, wie dies früher geschah, da vergehen die vier Monate und wir haben nichts gemerkt als eben nur das Merktuch. In demselben Schuljahre sollen auch die verschiedenen Stopfarten durchgenommen werden. Das Stopfen ist jedenfalls sehr wichtig; wenn es auch nicht fähig ist, in den Kindern wirkliche Freude zu wecken, da es eine rein nützliche Arbeit ist, so muß doch in der Schule großes Gewicht auf das Stopfen gelegt werden, weil wir ja den Nutzen dieser Fertigkeit vollkommen zu würdigen wissen. Warum aber sollen wir die Kleinen mit den verschiedenen Stopfarten quälen? Ich glaube, jede Lehrerin weiß, welche Schwierigkeit das Stopfen den kleinen Fingern bringt! Genügt cs nicht, daß sie den Gitter stopf und eventuell das Übermaschen treffen? Wer stopft denn Strümpfe im Maschenstopf? Wollen wir nur ehrlich sein! Erfüllt der Gitterstopf nicht denselben Zweck wie der kunstvolle Maschenstopf? Warum also die Kleinen damit quälen, wenn wir es doch selbst vorziehen, den Gitterstopf zu verwenden, da derselbe sich viel rascher ausführen läßt. In das sechste und siebente Schuljahr fällt je ein Frauenhemd. Der Ausdruck ist wohl nicht ganz richtig gewählt, Mädchenhemd wäre besser. Oder sollen die Mädchen ein Hemd nach einer beliebigen Größe ausführen, das sie vi el lei cht später einmal brauchen können? Da würden sie ja nicht lernen, für sich etwas zuzuschneiden und zu nähen. Es wird also die Arbeit des sechsten Schuljahres im siebenten wiederholt. Gewiß, Hemden kann ja jedes Mädchen brauchen. Nun kommen aber im siebenten Schuljahre noch mehrere andere Arbeiten dazu, so das Beinkleid, der Unterrock, das Maschinennähen, die Anfertigung von Schnitten, das Schlingtuch, das Ausbessern der Wäsche. Wie sollen die Schülerinnen alle diese Arbeiten in einem Schuljahre bewältigen? Ausgenommen man läßt sie einen großen Teil deV Arbeiten zu Hause ausführen. Wäre das gut? Soll man dem Kinde mit diesen Hausarbeiten die wenige freie Zeit, die es im Schuljahre hat und die es zur Erholung notwendig braucht, einschränken? Es wäre doch wohl besser, das Mädchenhemd in dieses Schuljahr nur bedingungsweise aufzunehmen. Auch das Üben desNachbessernsan schadhafter Wäsche ist eine heikle Sache. Wie viel Mühe kostet es schon, die Eltern zu bewegen, schadhafte Strümpfe in die Schule zu schicken. Und nun gar schadhafte Wäsche! Teils wollen es die Mütter nicht tun, weil sie sich schämen, die schadhafte Wäsche in die Schule zu geben, da sie so ihre Wäsche der Kritik den Schülerinnen aussetzten, teils wieder ist ihnen ihre Wäsche zu wertvoll, als daß sie dieselbe ihrem Kinde als Versuchsgegenstand in die Schule mitgeben. Das achte Schuljahr bringt nun auch wieder etwas Veraltetes neu: das Herrenhemd! Die Arbeiten haben doch vor allem praktischen Bedürfnissen zu dienen. Ja gewiß, das Herrenhemd ist auch etwas Praktisches, weil es entweder der Vater oder der Bruder tragen kann, aber bloß kann, ob er das in der Hand genähte Hemd auch wirklich trägt? Zudem kann dies nie so genau nach Maß gearbeitet werden, weil man die Person, für die es bestimmt ist, nicht zur Verfügung hat. Weshalb also muß das Herrenhemd wieder gearbeitet werden? Das, was man daran lernt, lernt man ebenso gut am Nachthemd oder an der Nachtjacke. Wirklich neu ist den Kindern dabei das Zuschneiden und Nähen der Ärmel, das Einnähen derselben und das Nähen des Sattels. Das alles können sie doch am Nachthemd oder an der Nachtjacke lernen. Daher könnte es doch beim Nähen eines Nachthemdes oder einer Nachtjacke allein bleiben! In diesem Schuljahre kommt ohnehin als ganz neuer Stoff das 3747 Weißsticken hinzu; dem muß doch entsprechende Zeit gewidmet werden, also mindestens ein halbes Jahr! Ich holle, durch diese meine Zeilen ein wenig die Aufmerksamkeit auf den eigentlich oft recht gering bewerteten Handarbeitsunterricht gelenkt zu haben. Vielleicht findet sich manche, die im geheimen das gedacht hat, was ich hier offen ausgesprochen habe. So wünschen wir nur, daß der Lehrplan für den Handarbeitsunterricht noch eine Auflage, aber eine wirklich verbesserte, die den modernen Anforderungen entspricht, erlebt. Ein Guch für den jungen Äintsgeiiojfen. Unter dem Titel „Des Lehrers Takt und Schliff" ist im Verlage der „Blatter für den Abteilungsunterricht in. Laibach" ein 296 Seiten starkes Bändchen erschienen. Preis 4 K. Die Aorvemertiuug lautet: „Da ist nun das vielbegehrte Büchlein, das dem jungen Lehrer ein Führer durch die Gesetze der geltenden Sitte, aber auch durch die Fährlichkeiten des Lebens sein soll. Der Rahmen des „Guten Tones", eines „Mentors in der Gesellschaft" war mir von allem Anfänge an zu eng; ich ersah gleich Goethe hinter der Gepflogenheit mehr denn ein gesellschaftlich« s Übereinkommen mit Bezug auf eine bestimmte Äußerlichkeit. Und vor allem auf unseren eigenartigen Stand eingestellt, gab sich vieles, was sonst in den gangbaren Büchern dieser Art als Gemeingut zu finden ist, ganz anders, hauptsächlich aber das, was für unseren Berus als Sonderheit erscheint. Eine Anstandslehre von gewöhnlichen! Schnitt kann einem Lehrer nicht genügen; das wird der Leser allsogleich merken. Anderseits ist das vorliegende Schriftchen, allgemein genommen, nicht umfassend, weil es sich an das einschlägige Schrifttum auschließt, also eine Ergänzung, eine Umprägung aus unser Gesichtsbild, einen „ Standes - Wegweiser" dar stellt. Was als Gesetz gilt, findet in den Ausführungen seine psychologische Begründung. Dadurch unter-scheidet sich die Anleitung von allen, die mir aus dem Haus des SoudersLristtums unter die Augen kamen. Der Lehrer soll eben für alles die Grundlegung kennen, um aus dem Inneren heraus die gute Sitte zu fördern. Ohne Überlegung kein Unterricht, kein Erziehen! Das sei Losung! Und das Büchlein rst eben nicht allein für den Amtsbruder, sondern im Hinblick ans dessen Tätigkeit auch mit dem Nebenzweck geschrieben, durch den Lehrer hindurch auf die breite Masse des Volkes zu wirken. Hiezu braucht es einer breiten Grundlage. So stellt denn die Anleitung eine Erziehungslehre dar, und zwar eine für den Stand und für die Jugend. In diesem Ausblick will sie gewertet werden. Das Schriftchen hat seine Geschichte. Als ich in der Erkenntnis, wie notwendig im Umgange mit Menschen ein gewisses Maß von Förmlichkeiten für jeden, der nicht anstoße» ober gar Schiffbruch leiden will, ist, vor Jahren schüchtern den Versuch unternahm, das, was die Bilduugsaustalt nicht besorgte und noch immer nicht besorgt, nachzuholen, und dementsprechend in meine „Blätter für den Abteilungsunterricht" (Abkürzung: Bl.) gelegentlich einen Abschnitt unter dem Vermerke „Des Lehrers Takt und Schliss in der Gesellschaft" einstellte, da gab es sofort zwei Meinungen. Der eine Teil der Leser begrüßte die Bereicherung, der andere brummte auf und warf mir vor, ich stellte den Stand vor der Welt bloß. Wohl hatte ich geltend gemacht, daß es eitel Selbstbetrug sei, wenn wir glauben, daß das, was uns abgeht, nicht bemerkt werde, sofern wir es verhüllen. Allein der Groll verstummte trotz allem nicht; es gibt eben gerade in unseren Reihen Vertreter, die keinen Vorwurf, keinen Tadel, keine Belehrung vertragen. (Die Gründe hiesür finden sich im Abschnitt „Welche Untugenden aus unserer Arbeit sprießen".) So verfloß denn geraume Zeit, der Abschnitt kehrte nicht wieder. Da begannen sich die Einsichtsvollen zu regen und verlangten feine Erneuerung; schließlich genügte ihnen auch die Artikelreihe nicht mehr, sie begehrten den Gegenstand in einem geschlossenen Bändchen. Nun ist es da, nun mag es ins Reich hinaus wandern und manchem, der stolperte, den Weg ebnen, manchem, der anrennen würde, das Hindernis im voraus beseitigen. Es ist bereits gesagt worden, daß der Stoff nicht ausgeschöpft werde» konnte, weil sich einerseits vieles, waS man in Anleitungen dieser Art (ich möchte vor allem aus Mohaupts Austandslehre [große Ausgabe] verweisen) findet, wiederholt, anderseits ein Band ergeben hätte, dessen Ankaufspreis der, dem die Schrift in erster Linie zugedacht ist, der Ansäuger im Lehramte nämlich, nicht klaglos hätte erschwingen können. Was sonst noch fehlt, sich etwa durch die Zeitverhältnisse als neuer Stoff ergeben wird, findet fortlaufend in meinen „Bl." Raum. Dort werden auch Anfragen in allen auf das Büchlein bezughabenden Angelegenheiten beantwortet werden. Vieles, was als Ausbau der Beigabe „Aus dem Leben" — die Vertatsächlichung des Gedankens — gelten kau», findet sich in den Bändchen a) Talaufwärts von Schule zu Schule, b) Kreuz und quer von Schule zu Schule, das, was unsere Amtsschwestern angeht, in dem „Trostbüchleiu für die junge Lehrerin". — Jngleicheu wurde der ständige Abschnitt der „Bl." „Aus dem Lehreralbum" zur Veranschaulichung eiubezogeu. (Weitere Bilder in den Bl) Wir leben in einem Zeitalter großer Umwälzungen. Sie werden nicht allein das wirtschaftliche Leben stark beeinflussen, sondern sich auch gesellschaftlich mächtig äußern und nicht zuletzt die Umgangsformen berühre». Es kann der behandelte Stoff auch von dieser Warte ans nicht als dauernd und vor aßt in nicht als völlig ausreichend gelten. Aber er mußte einmal gesammelt und verkittet werde», aus daß ihn der junge Genoß als Ganzes vor sich habe. Was noch fehlt, soll dem Amtsbruder aus der Zeitschrift, die uns ver-bindet, von Fall zu Fall gereicht werde». — Peerz. Der Anhalt gliedert sich in folgende Abschnitte: Einleitung. 1. Die Kleidung. 2. Gang, Haltung, Gebärde. 3. Die Vorstellung. 4. Die Anrede im Gespräch. 5. Vom Grüßen. 6. Der Besuch. 7. Beim Tee. 8. Die Table d' hole. 9. Zur Christbeschernng. 10. In Terpsichorens Diensten. 11. Auf Amors Gefilden. 12. In der Gesellschaft der Obern-Zehntausend. 13. Beim Dämmerschoppen. 14. Beim Spiele. 15. Wintersport, 16. Besondere Anlässe. 17. Welche gesellschaftlichen Untugenden aus unserer Arbeit sprießen. 18. Der Lehrer in Vereinen. 19. In der Jnstruktionsstunde. 20. Im Eisenbahnabteil. 21. Auf der Ferienreise. 22. In der Sommerfrische. 23. Der Brief. 24. Die Beglückwünschung. 25. Die erste Stelle. 26. Die neuen Kollegen. 27. Kollegen unter Kollegen. 28. Kollege und Kollegin. 29. In der Lehrerversammlnng. 30. Die Lehrer des Lehrers. 31. Neid, Scheelsucht, Undankbarkeit. 32. Der Vorgesetzte. 33. Die Inspektion. 34. Der Prüsnngskandidat. 35. Der Lehrer als Dichter. 36. Das Familienleben des Lehrers. 37. Der Krieg. 38. Der Lehrer als Soldat. 39. Schule und Hans. 40. Lehrer und Schüler. Schlußwort. Bilder ans dem Lehreralbum. _ Für die Österr. Landschule. „Staatsvolksschule — Landschule: das sind die zwei Säulen, auf denen die Zukunft des Staates ruht.“ Dr. Peerz, Schule und Vaterland. Daß ein Lehrer aus der Großstadt dazu das Wort ergreift, mag manchen verwundern. Indes, es weist mich meine Jugendbildung, Stellung zu dieser Frage zu nehmen. Ist der Unterschied zwischen Land- und Stadtschule derart, daß wir zu solcher Zweiteilung berechtigt sind, zumal in einer Zeit, die alles Einende hervorhebt und jede Teilung am besten vermeidet ? Was niemand leugnet, ist der Unterschied zwischen den Schulkindern des Landes und denen der Stadt. Das Stadtkind ist meist lebendig, rege, mitteilsam, sprechlustig und versteht es, mit seinem (vermeintlichen) Wissen zu prunken. Das Kind auf dem Lande ist scheu, schwerfällig, wortkarg und — verschwiegen. Woher das kommt? Betrachten wir nur die Umgebung: Die Stadt mit ihrem lauten Leben, den ständig wechselnden Bildern, mit ihrer Verflachung der Standesunterschiede und dem dann wieder jäh hervorbrechenden Klassenkampf, das Land mit seiner gemessenen Ruhe, dem gleichförmigen Arbeitskreislauf, mit seiner Autorität und dem herkömmlich geregelten Verhältnis zwischen Herrn und Knecht. Welche Folgen ergeben sich daraus für die Schule? Das Wissen der Stadtkinder ist reich, aber seicht, sie verfügen über eine Menge Wörter, zu denen ihnen jedoch oft die Begriffe fehlen; das Wort- und Wissensvermögen der Landkinder ist im Vergleiche arm, zeichnet sich aber durch den Gang in die Tiefe aus. Müssen sich daher nach dem Gesagten- nicht einschneidende Unterschiede in der Methodik ergeben? In der Stadt heißt es, der Zerstreuungssucht der Schüler mit Ernst begegnen, ihre gewohnte Oberflächlichkeit durch Gründlichkeit ersetzen, das stark entwickelte Selbstbewußtsein auf das rechte Maß herabschrauben. Das Landkind will durch Einfachheit gewonnen sein, damit man seinen Gesichtskreis erweitern und sein Selbstvertrauen stärken könne. Und geht dieser Unterschied nicht — natürlich in bestimmter Art — bis auf die Person des Lehrers. Stadtleh'rer — Landlehrer? Hört man nicht so oft: „Ja, ihr in der Stadt habt es leicht?“ Warum haben wir es leicht? Sichten wir die Gründe, laßt auch den Städter zu Wort kommen und lernen wir uns zum Frommen des Ganzen wechselseitig kennen und ergänzen! Leider mußte ich erst jüngst erfahren, wie Stadtlehrer vom Abteilungsunterrichte als einer Lächerlichkeit sprachen und nicht ahnten, wie lächerlich sie sich selbst machten. Der Krieg wälzt alles um und will Neues auf bauen. Die Stunde ist der Arbeit günstig. Allenthalben keimt es in den Städten auf: Die neue Zeit braucht eine neue Schule. Soll es nur in den Städten so sein ? Wird nicht auch auf dem Lande die Erwerbsfähigkeit des Volkes aufs höchste gesteigert werden müssen, um der Not des Friedens steuern zu können? Verfolgen wir nicht draußen und drinnen dasselbe Ziel: Vaterland und Schule, das heißt achtunggebietende Stellung des Reiches durch Volksertüchtigung? 3749 Nicht Gleichartigkeit der Hausteine macht ein Gebäude schön, sondern ihre abgestinimte Einordnung ins Ganze. Das Streben moderner Städte geht dahin, „Großstadt“ zu werden, d. h. unter allmählicher Preisgabe der Eigenart dem Weltstadtgepräge sich anzugleichen. Auch aus diesem Grunde brauchen wir ständige Fühlung mit dem Lande. Erst dadurch erreichen wir segenbringende Neuerungen. Darum ans Ruder, Landlehrer! Des Reiches Ruf schallt in die fernsten Gaue. Das Staatsschift werden wir nur dann durch Not und Fährde lenken, wenn jeder Mann auf seinem Roste» steht. Lehrer Meixner in Wien. Auf Urlaub. (Eine Bergidylle von Hermann J. Spiehs in Priesen.) (Schluß.) >' weiß es no wie gestern. Grad um die Zeit dürft’s g’wesen sein, mitten im Sommer, ums Kornschneiden. Alles war in vollster Blüh’ und Reife; haufenweis’ die Arbeit. Und da seid’s ihr Mannderleut, ’s ganze junge G’bluet1 auf und davon. Drunt’ am Dorfplatz seid’s g’standen, vorm Widdum.8 Mit der ganzen Musi3 — wir’s Weibsvolk hinterdrein — seid’s dann dem Bahnhof zu marschiert. Ein’ Hitz’ war zum Verbrennen. ’s Lehrer Dokterle hat eine Ansprach g’halten, hat enk die „Stützen der Heimat“ geheißen. Habt’s alle g’lacht da dazu. Dann ein Pfüat Gott sagen, ein Händedrucken — ein toller Jubel. Der Zug schwankte. Und fort ward’s. „Zum Türkenausmach’n4 sein mir z’ruckl“ ruft es von allen Seiten. „Wer’s glaubt“, denk i' für mi’ selber. Lang’ schauten wir in der fahrenden Richtung zu; sehen Gartenbluest, Fahnen, Köpf und Haxen ineinanderwurlen. Jede von uns hat’s g’würgt und druckt5 wie nit g’scheit. Jeder ist ’s Wasser in die Augen g’standen. War kein Wunder!“ „Du,“ stoßt der waxe Bua seinem Gegenüber in die Hüfte, „wer kommt denn da zuweg, durch s Zwölfergassi her. Ein Militärischer — ich kenn’s an der blauen Kluft.“ „Ich kenn ihn nit,“ ruckt die Ahndl kleinverzagt zur Seite. „Heiliger tapp’ nach,“6 johlt einen Hahnensprung später der Franzi. Stellt sich dabei kerzengerade in die Höhe. „Alle vierzehn Nothelfer — er ist’s!“ „Was, wer denn? Muß völlig ’s Glasl7 holen.“ „Hocken8 bleibstI Er kommt schon.“ Im nächsten Augenblick biegt ein schmucker Bursche in Leutnantsuniform um die Ecke, schnurgerade dem ungleichen Paar auf der Hausbank zueilend. „Leutnant Seppll DokterleI“ rufen die beiden aus einem Munde. „Wohl, wohl!“ schallt es, von einem prüfenden Seitenblick geleitet, zurück. „No Franzi?“ Stramm steht der Angeredete, Hände an der Hosennaht, keine Wimper zuckt. Das gehört zum Militär. Mit beiden Händen faßt ihn der Offizier und drückt ihn leicht gen das Bankbrett hin. „Herr Leutnant“, korrigiert er käs’weiß, „verzeiht’sl Aber die Freud’!" „Die Freud’!“ wiederholen alle dreie. Und spiegeln sich selbander in den Augen. Natürlich, die Ahndl in der Mitte. „Der von den Toten auferstanden ist,“ betet sie noch nicht ganz gläubig. „Dös ist er aber a!“ meint responsiv der Bua. „Wieder ein Totengerücht“, sagt als dritter nachdrucksvoll der Leutnant. Er ist das ewige Meinen und Zweifeln und Hörensagen gewöhnt. Er kennt seine Pappenheimer ... „Mit Verlaub, Herr Leutnant — aber bei aller Ungläubigkeit — wie ist dös zuagangn? Sein besten Freund und Vorgesetzten fallen sehen, ist leider möglich; aber den gleichen Goldmenschen wieder lebendig vor sich zu haben voll und ganz und dazu mit der „Goldenen“ an der Brust! — Das ist weniger leicht möglich.“ 1 Volk. — 8 Tiroler Pfarrhof. — 8 Musik. — 4 Maisernte. — 5 gedrückt. — 0 Redewendung. — 7 Augenglas. — 8 sitzen. 3750 „Greif’ nur“, scherzt ’s Dokterle, „Haut, Fleisch und Knochen! Seid nicht ungläubig, sondern gläubig! Franzi, ich versteh’, wo du hinaus willst! Du denkst an damals, als wir, von Feinden umringt, großtcilig ein Opfer des Todes geworden. An Flucht war ja nicht mehr zu denken. Ein letztes mußte man wagen — eine List. Ich stürzte mich, mutmaßlich getroffen, blindlings zur Erde. Entsetzlicher Dinge gewärtig. Meine Mütze — diese da — verblieb mir zufällig am Kopfe, vorne ruhte sie in den Armen. Das Gewehr irgendwo zur Seite, den Kopf auf der Erde; so dachte ich mir den Tod, oberflächlich betrachtet. Jedoch vermochte ich alle weiteren Vorgänge genau zu verfolgen. Ich sah Russen heranstürzen, links und rechts. Einen beobachtete ich, wie er mitleidigen Blickes mir nahte, hörte in seiner Muttersprache etwas wie Gnadenschuß murmeln, fühlte den Gewehrlauf nach meiner Schläfe gerichtet. Sah das Losdrücken. Einen Moment schwanden mir darob die Sinne, dann aber hörte ich — noch immer liegend — das Hurra der Unserigen. Einer unerklärlichen Eingebung zufolge sprang ich auf, griff den zu fußens liegenden Stutzen und jagte planlos nach rückwärts . . . Mit durchschossener Mütze und versengtem Kopfhaar, sonst aber heil und gesund, langte ich zum Jubel der Meinen ein.“ „Sie hat’s derbetet1“, tut gewichtig ’s Muetterl. „Wer denn?“ fragt der dumme Bua. „Ja, ja! Ist halt a G’st’dierter,2 der Leutnant Seppl, ein anderer war wohl liegen blieben — bis zum jüngsten Tag“ . . . Auch der Franzi muß noch einmal seine Abenteuer, seine Erlebnisse haarklein erzählen. Also beginnt es gemach zum Einnachten. Schon kreisten die ersten Schwerfuhrwerke die Dorfstraße einher, meist mit Getreidegarben beladen; offenbar flüchtig vor dem nahenden Gewitter. Dahinterdrein wandeln Ehhalten,3 Mägde und hie und da ein alter Loter.4 Wenn die Buam fehlen, müssen die Diendlen ans Ruder. Das steht fest. Neben dem Bachschneider Fuhrwerk her kommt ein blutjunger Wachtmeister, ebenfalls dekoriert — einer von denen, die Ernteurlaub erhielten. Ihm zur Seite schäkernd ein Diendlpaar. „Rosl!“ fahrt es von den Lippen des Franzi. „Franzi!“ haucht es willenserschreckt zurück. Lange schauen sich die zwei in die Augen und von den Augen hinein bis ins Tiefinnerste des Herzens. Alle finden dieses selbstverständlich. Keusche Zucht und Sitte hält die beiden weit davon entfernt, durch äußere Liebkosungen die Innenharmonie zu stören. „Solchene Lieb ist tief und grundvoll wie der Bergbrunn, daran man nicht trüben noch rühren soll!“ „Gelt ja“, sagt Leutnant Seppl und drückt auch dem wackern Mitsoldaten, seinem ehemaligen Mitschüler Willi, die Hand. „Soll’s also losgehen mit ’n Welschen“, knirscht derselbe in verhaltenem Ingrimm. „Da muß i’ mit und wenn’s mein zweites Ohr a no kosten sollt’. Werst mi wohl dechterst behalten, Herzl du, guets und feins?“ Das hat einer wildfremden Dirn gegolten, die voller Neugierde vom im Trab fahrenden Heufuder herunter äugt. „Ist ein wüetiger Spaßvogel, der Willi“, knuttern einige andere. Franz! und Rosl schrauben unterdes’ die Finger ineinander. Was kümmert sie das bissel Uzerei. „Hat der Feder noch nit g'schricben, Mariandl?“ Das Bachschneider Diendl errötet und stottert: „Schon, gestern ’s letztemal, Herr Leutnant.“ „Seppl heiß' ml', wie voreh!“ herrscht der das Madl an, das g’rad auffahrt vor Schrecken. „Ist guet g’meint“, tröstet die Stiedlergredl. „Und ob!“ „Ja, wenn i därf?“ Das Mariandl schlagt die Augen nieder. Ein paar lose Blätter zieht’s aus dem Miederleibchen und reicht sie dem Leutnant hin: „Aber nit lachen!“ „Lass’ gut sein, Herzl! Die Blätter sein mit n Herzen geschrieben, müssen also mit dem Herzen gelesen werden.“ „Geht das?“ fragt eine Zwergengestalt, die sich unvermerkt herangedrängt, in die horchende Gruppe hinein. Es ist das Baderburgele — ein weiblicher Gagg.6 Kaum vier Zoll6 messend, wiegt sich der Rumpf auf niedlichen Füßchen, die schwere Holzpantoffel bekleiden. Der aufgetriebene, vom Wunder geplagte Wasserkopf7 ist häufig nach vorne gestreckt — wie bei einem Wasserkalb. Bedächtig schaut die Burgel auf ihre Frage hin eine Zeitlang drein, alsdann aus Leibeskräften schimpfend: 1 durch Gebet erzwungen. — 2 Studierter. — a Dienstboten. — 4 Mann. — 6 Schwachsinniger. — 6 rund 120 cm. — 7 unnatürlich großer Kopf. 3751 „Das geht nit. Mit dem Herzen lesen . . hi, hi, hi .. . Daß i' nit lach’! >' sag’s und da dabei bleibfs. A Kreuz ist’s, mit enk junge Leut! Zuerst übermütig bis obenzu, dann wieder „rotzen und rear’n1" — und schließlich laufens davon, den Welschen zu — zweg’n nix und wieder nix. Unser ein’s soll’s dann wieder ausrauf’n mit der Mnetter Gottes von Steig.2" „Bist ja thärisch! Brefelexnerin du! Wer sagt dir denn da davon?" „Lass’ gut sein,“ sagt’s Dokterle zum Mesmerwilli, der in voller Hitz ist. Wegen dem Gagg, dem dummen ... „Hast schon recht, Burgl! A Kreuz ist’s!“ Der Leutnant schüttet gern Wasser aufs Feuer. Nicht umsonst lobt die alte Stiedlerin: „Ist sovl a feiner Mensch, man kann reden da damit wie mit unser eim.“ Aber bei der Burgl ist Chrisam und Tauf’ verloren. Wozu die Buam, die Mannderleut alle hinaus sein, auf die Schanz, das will ihr einfach nicht ein. „Müßt’ i’ do’ auch was g’sehen haben von feindlichen Soldaten, wo man fast bei jeder Stund’ um die Weg ist...“ Woher soll’s die Gaggin aber auch wissen? Jahr und Tag trippelt sie mutterseelenallein ins Steig, in die Kapelle zur Gottesmutter. Strickt und flickt dort, was s’ nur von die Händ bringt. Und nur die Himnielmutter schaut geduldig zu. Für wen sich aber das Burgele schindet, das weiß es nicht. „Für die Soldaten“, sagen die Leut. Sie aber sieht weit und breit keine, trotz der weiten Aussicht. ’s ist doch ein Elend, so was ... Weit heroben in der Bergeinsamkeit ringt tiefbrünstig das Zwergcnweiblein, ringt mit der Himmelmutter, verlangt stantepede die Buam zurück — „und das auf der Stell’!“ Die hinwiederum stehen weit rückwärts hinter den bleichen Bergen und vergessen angesichts des Todes ganz und gar auf die Burgl. ’s ist doch ein Elend, so was ... „Hart, hart ist’s das Alleinsein — sovl hart.“ Die Menschen rennen an eim vorbei, niemand nimmt sich Zeit. . .“ „So kommt es“, schließt Leutnant Seppl, „daß die Vereinsamte mehr und mehr leutscheu wird.“ „Diendl, du zwiders.3 Geh’ her da zua mir — Du Leut!,4 du nieder’s6 — Und i’ heirat mit dir!“ „Aber Franzi!“ mahnt der Offizier. „Seil ja!“ kreistet ’s Burgele, „du Krautschwanz, du malefi. . i. .“ Von fernher schwirrt stoßweise des Weibleins Lachen .. . Das ist, ganz entgegen dem sonstigen Gekrächze, zum Erbauen niedlich. Ist wie der Hall eines Silberglöckleins, das den Sommerabend in Schlummer läutet... Alle horchen ihm die längste Weile nach. Die Turmuhr schlägt die neunte Stunde. „Den Brief auf morgen — und g’sund schlafen I“ Flink ist’s Dokterle um die Ecke. Ihm wird weh ums Herze, es will, es muß heim; in die Arme der Seinen. Innerlich vereinsamt, rennt Leutnant Seppl die lange Gasse entlang, dem Vaterhause entgegen. Unablässig folgt ein Meer von Gedanken: „Ob er die Muttersorge wachend am Herde und Geschwisterliebe schlafend in den Dunen findet?“ Beinahe beneiden möchte man ihn, den liebereichen Stiedlerfranzl. „Ob nicht etwa das Unglück an der heimatlichen Schwelle Rast gehalten, ob alles gesund und wohl? .. .“ Andächtig schreitet der Späte fürbaß, an den Häuserreihen vorüber: Hier der Einzige gefallen, dort Vater und Sohn in Gefangenschaft. Nicht genug danken kann er ihm, dem obersten Schlachtenlenker. Gerne schaut er hinauf zu den Sternen, denn totenähnlich dünkt ihm die ungewohnte Ruh’, wie sie so mit dem bunten Allerlei aufdringlich an einem herantritt; insbesondere zur Nachtzeit. — „Ob seiner wohl Liebe, treue Liebe gedenkt?“ — ist’s immer und immer wieder in ihm — ein blondes, blauäugiges Mädel, die Lottl — wie s’ die alte Stiedlerin genannt hat... 1 schneuzen und weinen. — 2 Bildstöckl, Bergkapelle. — 8 schlimmes. — 4 Menschlein. — 6 kleines. Leichtes Klingen, gleich Harfentönen. In nächster Nähe von daheim. Keine zehn Schritte mehr entfernt. Ganz deutlich vernehmbar die Harmonien eines Klavieres. Dartiberhin, schwebend, in hellem Jubel, unter Lachen und Weinen, voll Regen und Sonnenschein, glockenrein, eine Mädchenstimme Der Leutnant steht angewurzelt im Rausch des Empfindens. Nur seine Augen haschen hinüber, verlangen nach dem Licht, das zum offenen Fenster herausströmt. Auf der gegenüberstehenden Tapete des Zimmers projektieren sich haarscharf längst bekannte Silhouetten: am Klavier Hanni, das Jung-schwesterl, daneben, Sinnig an eine Stuhllehne gestützt — Lottl. Leutnant Seppl steht, schaut und sinnt. Weich und mild, mit einer Liebfrauenhand greift dem Soldaten nach Leid, Kummer, Entbehrung und Enttäuschung die schwer vermißte Heimat ans Herze. Weich und mild. Wie Lieder der Heimchen tönen die Stimmen der beiden Jungmädchen. Dazu traulich der Eltern kluges Gerede. — O Muttersprache, MutterlautI.. . „Hannerl, ich bitt noch — Seppls Lieblingslied — aus Holländer.“ „Gern, Lottl I Just das Wetter dazu . . .“ Die Rädchen beginnen zu schnurren, man hört das Lachen, sieht es gleichsam hervorsprudeln aus den Kehlen der Spinnerinnen, silbern und klar wie das Steingeriesel im Bergquell, ein Flirten, eine Tandaradei hebt an, schwingt hoch und höher und immer höher, bis hinauf in reineren Himmelsäther, ganz hinauf — bis in jenes Reich, wo nur mehr Licht, Minnesinn und Schönheit walten. Da erst läutet das Mädchen, engelrein wie es ist, lebenswarm hinein in das Lichtgewebe der Töne: „Gutes Rädchen, brumm' und summ'! Mein Schatz ist in der Weite draus, Es denkt nach Haus Ans fromme Kind; — Mein gutes Rädchen, braus’ und saus’! Achl Gäb’st du Wind, Er käm geschwind .. Der Leutnant Seppl kann sich nimmer halten. Ein Juhschrei fährt ins Dunkle, fährt unstet ein paarmal hin und wider, springt hernach minniglich in die Weise über: „Mein Mädel, bin dir nah!. . Mein Mädel, ich bin dal HurraI“ Mit einem Satz steht der Sänger, Leutnant Seppl, inmitten der Seinen, an der Seite des bis zum Tode erschrockenen Blonddirndels. Alles ringsum verfällt sprachlos in Schweigen. Und nur der Donner diaußen rollt sein kräftiges: „Amen!!!“ Unser Leutnant. Eine Begebenheit. (Erstdruck.) Die in Reserve lagen, gruben ihn ein bei eines Märztags Frührotschein.------ Unser Leutnant! — So rank und rischI Wie das junge Leben maimorgenfrisch! — Die in Reserve lagen, gruben ihn ein. — Wir ändern mußten Frontwächter sein. Stumm starrten wir ins Gelände hin und hatten den toten Leutnant im Sinn. Und die Nacht kam und war mondlichtblau. Wir schritten in unsern Reserveverhau. Dort traten wir wie auf Kommando an — (wie doch das Herz kommandieren kann) und schritten traurig und schritten sacht in der glanzweiten Märzennacht. Da hob sich ein Hügel ins stille Licht und auf dem Hügel ein Kreuzlein schlicht. — Stumm nahmen wir alle die Helme ab und knieten an unseres Leutnants Grab ... Reinhold Braun (Berlin). Österreich-Ungarns Helden. (Lesestücke aus der Front.) 2. Zuerst in den Kampf, dann ins Lazarett! Der Tiroler Kaiserjäger Peter G am per war nicht einer von denen, die gleich zum Doktor laufen, wenn sich am Finger ein Tropfen Blut zeigt, sondern sagte immer: „Mag’s bluten, wie es will; zuerst in den Kampf, dann ins Lazarett!“ — Da hatte ihn denn auf einmal eine feindliche Kugel an der einen Seite scharf gestreift. Gleich darauf kam eine zweite und riß auf der ändern Seite eine Wunde. Das schreckte Gamper nicht; er stürmte weiter. „Ftir’s Verbinden ist ja später auch noch Zeit, aber nicht für’s Kämpfen!“ So sprach er und hielt wacker Schritt mit seinen Kameraden. Wer wehleidig ist und ob jeder unscheinbaren Verwundung oder einer leichten Erkrankung wegen gleich der Schule fernbleiben will, denke an Gamper, den wackeren Kaiserjäger! — F. 3. Vier tapfere Gesellen. Das waren die Tiroler Kaiserjäger Emil Baller, Kamillo Tomanini, Alois Lobis und Andreas Brenner. — Die Nacht war hereingebrochen und alles legte sich nach dem mühsamen Marsch zur Ituhe. Da, auf einmal, kracht es im Gebüsch. Die Russen haben sich herangeschlichen. Doch man sieht sie nicht, man hört nur die Kugeln pfeifen. Die meisten der Überfallenen flüchten schlaftrunken und es droht eine arge Verwirrung in die überraschte Truppe zu geraten. Das erkennen die vier Genannten. Sie denken nicht an das Davonlaufen, sondern vielmehr an das Erkunden des Feindes. Da die Geschosse hereinschlagen, gehen sie der Richtung nach und ermitteln schließlich das Versteck der Russen. Nun krachen ein paar tüchtige Tirolerschüsse und aus ist’s mit dein feindlichen Feuer. Das Lager kommt wieder in Ordnung, die Truppe ist gerettet. P. Briefkasten. Schulleiter 38. ti>. in <&.: Sie schreiben über den Anschauungsunterricht: „Natürlichkeit gibt Leben" und daher ist es auch mein Bestreben, durch neuerlichen Hinweis auf die Natürlichkeit des Anschauungsunterrichtes Leben zu geben den Kindern in der Schule, den Untertanen im Reiche. Wir werden nicht aufhören zu sein, wenn wir nicht aushören werden, leben zu wollen, d. h. die Natur in uns ausznnehmen, die nach den weisen Gesetzen der Schöpfung ihr Dasein alljährlich zum Heile und ewigen. Gedeihen ihrer Geschöpfe erneuert. Es laßt sich nicht bezweifeln, daß die Natur in sich alle Kräfte birgt, die ihre Geschöpfe zu ihrem Dasein benötigen, und deshalb auch der Mensch auf sie angewiesen ist, da er von ihr lebt und in ihr wiedergeboren wird. Die Aufnahme der Natürlichkeit durch den Anschauungsunterricht ist somit ein unumgängliches Be-dürfnis der Menschheit zu ihrer Wiedergeburt, zu ihrer Kräftigung und ihrer Erlösung." — Den Gruß der schlesischen Lehrerschaft erwidere ich herzlichst. Ich habe gelegentlich meiner Kriegsreisen wiederholt Gelegenheit gehabt, in den Reihen der wackern Schlesier zu weilen. Sind kernige, tapfere Leute. — #6f. A. W- tu H : Talente herauszuholen aus der großen Masse und emporzusühren zu den wichtigen Stellen, das wird wohl eine der hehrsten Aufgaben bilden müssen, sollen nicht die Lehren des gegenwärtigen Krieges hinter der Front verfliegen und uns einmal trotz des Sieges mit den Waffen verfehlte Maßnahmen dem Untergange zuführen. Die Vetternwirtschaft muß ein Ende haben; der schwache Geist wirke sich in physischer Kraft aus, das Talent in psychischer Spannung I — Krl. W. A. ln K. schreibt: „Herr Dr. waren, es ist nun gerade ein Jahr her, so liebenswürdig, sich für mich zu bemühen. Ich suchte damals ein Kriegerwaisenkind. Es drängte mich nun schon immer, über den Erfolg der Bemühungen Mitteilung zu machen. Doch wollte ich einen Aufsatz über Fortbildungsschulen und dann noch meine ganz speziellen Ansichten über Unterbringung von Waisenkindern beilegen. Es schien mir immer die Zeit nicht passend. Ich erlaube mir deshalb nur so ein paar kurze Worte. Nach wiederholten Anfragen erhielt ich durch die Witwen- und Waisenfürsorge ein Mädchen aus N.-Ö., dessen Mutter noch lebt. Das Kind aber kam trotzdem recht, recht verwahrlost an; gerade zum 2. Dezember 1915. Es gewöhnte sich sofort ein und ist jetzt stramm und gesund. Ich wünschte, ein Kinderheim nach meinen Ansichten selbst einrichten zu können und zu leiten. Doch wird dieses heimlichste Verlangen ewig Wunsch bleiben." — Sem Schäfer S. Im Aefd: Gelt, damals, als ich die Geographie des Ostens eindringlich betrieb, weil ich das große Werden ahnte, murrten Sie. Und nun? — Hverf. K. A. in St.: Glauben Sie, ich fühle mich in der Umgebung glücklich? Die Sache fordert so manches, das uns sonst nicht behagt. — Anschrift: Da ich bis auf weiteres zu einer Kriegssürsorgetätigkeit ins Hinterland kommandiert bin, wird es am besten sein, Zuschriften nach Mies in Böhmen zu senden. — Kvnngsschnllehrer I. K. in M.: Sicherlich fehlt es an der Methode für die, die Lehrer werden sollen, noch vielfach. Ein Landesschulinspektor meinte einmal: „Wenn die Lehrerbildner durchwegs auf ein entsprechendes Verfahren achteten, könnten wir uns den Ballast von Stundenbildern und Probelektionen ersparen, denn dann säße den jungen Leuten die rechte Kunst in den Knochen." — Mach Mefen: Köstlich I In den eroberten Gebieten baut man an einer festgefügten Landschulmethodik und daheim, im Kernland, soll alles fein beim alten bleiben? — Mach Mumänien: Dieses Blatt wird Sie jetzt zwar nicht erreichen, wenn aber später, so mögen Sie zur Kenntnis nehmen: Die Weltgeschichte hat viel Schurkereien aufzuweisen; aber die größte blieb Ihren Landsleuten Vorbehalten. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Hoffentlich wird sie es an dem Volk der Räuber bald erweisen. — Direktor Sch. in H.: Das Bild Deiner Schülerschaft führe ich bei meinen Vorträgen unter dem Titel „Eine deutsche Schule im Kanonendonner" vor. — L. K. und ändern: Nur Geduld, ich komme durch alle Gauel Überaus ernüchternd wirkt es, wenn so mancher Genoß beim Tarock sitzt, indes ich über Invaliden- und Kriegerwaisenfürsorge spreche. — An die Lehrerinnenrunde in A.: Ihr Eifer wird mit schönen Bildern aus der Front belohnt werden. Sobald die Abzüge fertig sind, kommen die ersehnten Erinnerungsblätter. — Lir 9: Haltet Euch des Volks und der ehernen Zeit würdig. Entweder in Ehren kämpfen oder mit Scham der Zukunft entgegengehen! — S. L.: Nein! Zu Markschreierdiensten kann sich die Zeitschrift nicht hergeben. — Momentes: Wieder ein „tapferer" Strauchritter, der mit seiner Karte aus dem Wiener Prater den Stoß führt, es aber nicht wagt, das Visier zu öffnen. Erbärmliche Feigheit! — Schllt. M. H. in M.: Das, was sich an Verrat und Scheelsucht und Nerd jetzt auf der Weltbühne blutig abspielt, war im kleinen immer und überall zu finden. Ich werde bald Gelegenheit finden, hiefür ein neues Beispiel zu bieten. — Kleine Mitteilungen. 644.) Aus meinen Gesangsstunden. Meister Mohaupt läßt sich wieder einmal vernehmen. Das macht den, der den Braven kennt, neugierig. Der Titel verrät viel, doch nicht alles. Wer es wissen will, lasse sich das Büchlein kommen. (Verlag Sollors Nachf. in Reichenberg, B.) Preis? Etwa 1 K. Da ich in der Schrift zitiert bin, kann ich zu ihr nicht Stellung nehmen; es wird somit dem Leser kein Urteil vorweg geboten. Bilde er sich selber eines! P. 645.) Kat sich das Lefcßuch überlebt ! Zurzeit stellt das Lesebuch eine „Mustersammlung" dar, wodurch der Zerstreutheit des Schülers Vorschub geleistet wird. Leitstern sei Herbarts Satz: „Die große sittliche Energie ist der Effekt großer Szenen und großer, unzerstückter Gedankenmassen." Dieser Forderung kommt die Unter- und Mittelstufe durch Märchen- und Sagenstoff entgegen. Das Mosaik der Oberstufe werde daher ersetzt durch gute Sammlungen (in weiser Auswahl): Voigtländer Quellenbücher; Schaffsteins grüne und blaue Bändchen. Die Vorteile dieser Art von Lektüre liegen in der geistigen Konzentration des Schülers, im Vertrautwerden selbst mit der jüngsten Zeit, in der Möglichkeit, durch Anlage einer kleinen Bücherei dem Zögling die rechten Bahnen für gute Literatur zu weisen und den Schundroman zu beseitigen. In der Wahl der Lektüre spiegelt sich dann das Interesse der Klaffe, das in einer steten Spannung erhalten werden kann- Rektor Erhört in den „Neuen Bahnen". 646.) Zur Arage nach den Idealen des Kindes. (Reymert.) Die Hälfte der Knabenideale aus Dichtung und Sage entstammen „Dedektivroman", Schundliteratur. Ältere Kinder entnehmen ihre Vorbilder am liebsten einer längeren Erzählung oder einem Buch. — In Sachsen lesen die Oberklassen „Hermann und Dorothea" oder „Wilhelm Tell". Warum nützen wir die Jugendliteratur, die wir wirklich haben, nicht besser aus? — Leben und Werdegang des Arbeiter- und Mittelstandkindes werde tief und wahrhaft künstlerisch, aber ohne merkliche moralische Tendenz in einem Buch gestaltet. Zeit. s. Päd. Psych. 647.) Hine Stimme über die Landschule. Das flache Land spiegelt der Grund der deutschen Seele. Es birgt Ärbeitwillen und bewußte Ausdauer. Die Armut des Landes verschmäht den Bettel und sucht Arbeit. Das Dorf (die Kleinstadt) ist sehr vernachlässigt worden. (Äuch in Deutschland! D. Sch.) „Uns fehlt noch die echte deutsche Dorfschule, die mit allen Fasern am ländlichen Leben hängt und mit ihm verwebt ist." Die Schule ist aus dem Leben zu entwickeln, nicht umgekehrt. Es müssen Seminare für Landschullehrer errichtet werden. (Bedenklich! Vgl. den Leitaufsatz! D. Sch.) Der Lehrer erhalte gute Besoldung! Das Wesen aller Arbeit für die Dorfschule sei die Natur. Wie sagt Diesterweg? „Der Lehrer, zuoberst der Landlehrer, soll die Natur um ihn her erforschen." Aus der „Sonde". 648.) Im neuen Schuljahre wird allen Herren Schuldirektoren und Oberlehrern dringendst empfohlen, im eigenen Interesse einen Versuch mit Schüller's Tintenextrakten zu machen. Dieselben sind von anerkannt seiner Qualität und haben sich durch volle 10 Jahre hindurch für Schul- und Kanzleizwccke sehr gut bewährt. Die Firma hat auch eine neue billige Extraktsorte „Efesin" in den Handel gebracht, welche sich auch für weniger geleimte Papiere sehr gut eignet, da diese Tinte nicht zerfließt. Falls die Tinte durch ortsansässige Händler bezogen wird, verlange man ausdrücklich Schüller's Tintenextrakte. (Inserat im Blatte.) Talaufwärts durch den Krieg. 11. Aagd auf Jenseits bet Brücke ging das vorsichtige Wandern in ein Gleiten an den Wänden hinüber; wir mußten uns in die Lehne drücken, um als freier Gegenstand auf der blendenden Straße, für die es nun keine Deckung mehr gab, nicht bemerkt zu werden. „Wenn uns der Beobachter dort droben wahrnimmt," so erklärte mein Begleiter, „so teilt er es durch den Fernsprecher der Batterie mit und sie feuert." „„Wie kann er den Grt so genau angeben?"" „Sehen Sie, wie er hier vermerkt ist? Auf seiner Karte sind gleicherweise Merkpunkte (Quoten). Sieht er uns hier bei 963 vorüberkommen, so schließt er, daß wir in den nächsten 3 — H Minuten bei 970 sein werden. Der Kanonier stellt sein Geschütz darnach ein und, wenn der Beobachter sich nicht verrechnet hat, so empfängt uns eine Schrapnelldüte." „„Und dagegen gibt es keine Vorkehrungen?"" „->-1 MM-.WM-jWw7 -t1